Preis ganzjährig: Öiferreidr 2 S, Deutschland 2 Soldmark, Stallen 8 hire, Cschechoisowakel 10 ČK, Zugestanden 24 Dinar, Ungarn 3 Pengü, Sdiweiz 2 Franken, Amerika 2 Soldmark, Der Belüge Vater Pius XI. hat der Redaktion, den Abonnenten und Wohltätern den Apostolischen Segen erteilt. Für Wohltäter werden wöchentlich zwei heilige Meisen gelesen. Mit Empfehlung der hochwürdiglten Oberhirten von Brixen, Brünn, Sraz, heitmerltz, Mnz, Olmütz, Marburg, Orient, Ortest und Wien. Best 4 April 1928._____ XXXV3 ahrgang. iDeine ersten afrikanischen weisen. s Von Hochw. P. Johann Riegler, F. S. C. 1 Als ich nach meiner Primizfeier wieder zurückkam ins Missionshaus Milland (August 1926), wartete chaselbst bereits die Nachricht, daß ich schon bald das Glück haben sollte, mit mehreren anderen Mitbrüdern in die Mission abzureisen. „Glück und Glas, wie leicht bricht das!" Die Mitbrüder fuhren zwar ab, ich aber blieb in Europa sitzen. Und doch befand ich mich schon in meiner Heimat und nahm allenthalben Abschied mit der festen Überzeugung, in einigen Wochen auf hoher See zu sein. Unvorhergesehene Ereignisse ließen es für gut erscheinen, daß ich noch längere Zeit in Europa bliebe, wurde mir gesagt. So wanderte ich im Jänner 1927 wieder zurück nach Milland mit der Hoffnung im Herzen, ein andermal mehr Glück zu haben. In der Tat kam am 21. Juni, dem Fest des hl.Aloisius, zu dem ich schon so oft gebetet: „Führ' mich dem Beruf entgegen, der mir sichert Gottes Segen, wahres Glück und Himmelslohn", die Freudenbotschaft, daß ich höchstwahrscheinlich j am 9. August 1927 werde abreisen können. Beinahe wäre auch diesmal im letzten Augenblick noch alle Hoffnung vereitelt worden, doch war mir eine gütige Vorsehung gnädig. Und so bin ich denn endlich von Europa losgekommen. Was ich seither gesehen und erlebt, das möchte ich im folgenden den Lesern des „Stern" in Kürze mitteilen. I. Zweiunddreißig Tage auf dem Wasser. Zugleich mit mir reifte Bruder Heinrich, ein alter Missionsveteran, der bereits 20 Jahre lang im heißen Klima Sudans an der Ausbreitung des Evangeliums mitgearbeitet hat und der, vbschvn er mehr denn 60 Jahre zählt, auch den Rest seines Lebens diesem erhabenen Werke widmen will. Nachdem in Hamburg die letzten Paßschwierigkeiten beseitigt waren, fuhren wir am 8. August um 5 Uhr nachmittags hinaus auf den Petersenkai zur Einschiffung. Freudig pochte das Herz in der Brust, als wir auf einmal vor der „Toledo" standen. Um halb 7 Uhr dursten wir an Bord. War das ein allseitiges geschäftiges Laufen und Drängen, Tragen und Packen! Mehr denn 500 Personen waren bestrebt, es sich auf dem Schiff so bequem 1 als möglich einzurichten. Um Mitternacht war alles erledigt und feierlich ertönte das Zeichen der Abfahrt. Wie das Schiff sich langsam in Bewegung setzte und allmählich vom Lande sich entfernte, da erscholl aus mehr denn hundert Kehlen wie auf ein verabredetes Zeichen das schöne Lied: „Die Vöglein im Walde, die sangen so wunder-, wunderschön, in der Heimat, in der Heimat, da gibt's ein Wiederseh'n." Manch stille Abschiedsträne mag da geflossen sein. Auch ich dachte nochmals an alle, die mir lieb und teuer sind, und sagte ihnen still ein letztes Lebewohl! Als wir am nächsten Morgen erwachten, waren wir weit draußen auf See. Rings um uns nichts mehr zu sehen als Wasser und wieder Wasser. Ruhig gleitet unser Schiff über diese weite Wasserfläche dahin, so ruhig, daß man in den Jnnenräumen gar nicht merkt, daß wir uns bewegen. In den ersten Tagen galt es, sich bekannt zu machen mit den übrigen Passagieren, die aus allen Weltteilen zusammengekommen waren und ein wahres Babel an Nationalitäten und Sprachen, Sitten und Gebräuchen, Religionen und Sekten bildeten. Man verträgt sich aber gegenseitig während dieser Zeit des Zusammenseins so gut es eben geht. Ein wenig unangenehm bemerkbar machten sich nur die zahlreich vertretenen Juden aus Polen und Litauen, die hinabführen ins Gelobte Land Südafrika, das ja von Gold und Diamanten fließt und das sie anscheinend als das Land der Verheißung betrachten. Mich fragte einer aus dieser Gesellschaft, wie ich nur so einen Beruf wählen könne, „wo es doch nix gibt zu machen Geschäfte". Als ich ihm erwiderte, man könne in diesem Berufe Geschäfte machen für das andere Leben, meinte er: „Wach, davon weiß mer nix Sicheres." Am 10. August kamen wir in Antwerpen an, wo wir volle zwei Tage liegenblieben. Während dieser Zeit wurden mittels dreier Kräne Tag und Nacht Waren, hauptsächlich Eisenbahnschienen, in das Schiff gestopft. Nur wer es mitgemacht, weiß, welchen Höllenspektakel das Summen und Surren der Maschinen, das klirrende Auffallen der schweren Eisenschienen sowie das laute Schreien der Arbeiter verursachen. Untertags flüchteten wir aufs Land; während der Nacht aber mußten wir geduldig herhalten, ob wir wollten oder nicht. Ein Matrose fragte mich, ob ich bei diesem Lärm wohl schlafen könne. Als ich ihm seine Frage bejahte, meinte er, ich müßte wohl lange Zeit im Schützengraben gewesen sein. In Southampton, unserer zweiten Station, empfing uns echt englisches Wetter, dichter Nebel. und Regen. Dieses Wetter sollte uns sogleich nicht verlassen. War bisher unsere Fahrt ruhig und angenehm, so sollte es jetzt anders werden. Wir näherten uns ja dem Golf von Biskaya, einem gar unruhigen Gesellen, von allen Seereisenden mit Recht gefürchtet. Schon am Abend des 13. war mir so eigenartig zumute und früher denn je verkroch ich mich in mein Lager. Zwei volle Tage ließ ich mich in der Öffentlichkeit nicht blicken; während dieser Zeit hielt ich auch Totalabstinenz (volles Fasten); aus Abtötungsgeist geschah es aber nicht. Wie mir Bruder Heinrich, der sich sehr tapfer hielt, erzählte, waren in dieser Zeit oft kaum mehr als ein Dutzend Personen bei Tisch. Alle übrigen waren gleich mir Opfer der Seekrankheit. Erst als der Golf hinter uns lag, begann es sich allenthalben zu regen und zu bewegen. Das schönste Wetter hatten wir wohl um Madeira. Man weiß nicht, was man hier mehr bewundern soll, die reizend schöne Landschaft, gekleidet in echt südländisches Frühlingskleid oder das geschäftige Treiben ihrer Bewohner, die sich zu Dutzenden auf jedes ankommende Schiff stürzen, um die Produkte der Natur sowie ihre eigenen Erzeugnisse (feine weibliche Handarbeiten und Flechtereien) um sündteures Geld an den Mann zu bringen. Einige Tage nach Madeira schlug das Wetter wieder um. Am Äquator war es so kühl, daß man einen Mantel ganz gut vertragen konnte. Dafür meldeten uns Radiotelegrainme große Hitzwellen ans Nordrußland. Die Welt wird tatsächlich immer verkehrter! Am Abend, da wir den Äquator passierten, gab es eine eigenartige Speisekarte: Suppe nach Meerjungfrauenart, Haifisch nach Neptunsart mit Gemüse aus Poseidons Garten, Albatrosbratcn und Äquatoreis. Nach diesem Essen war Äquatortaufe. Es soll dabei der alte Adam der nördlichen Halbkugel ausgezogen und der neue Adam der südlichen Halbkugel angezogen werden. Während bei früheren Fahrten meist alle kam und leer ging. Da prellte dann das ganze Schiff jedesmal, als ob alles aus den Fugen gehen wollte. Während dieser Zeit, die so ziemlich eine ganze Woche ausfüllte und wohl allen gut in Erinnerung bleiben wird, hat sich so manches „Bleichgesicht" wieder zurückgezogen ins stille Kämmerlein. Ich kam diesmal so ziemlich mit dem bloßen Schrecken davon. Am wenigsten hatten die Kinder unter der Seekrankheit zu leiden; die sind eben das Geschaukeltwerden gewohnt. Wenn sie aber das Jammern und Stöhnen ihrer kranken Eltern Farmhaus auf „Maria-Trost". (Phot, von Hochw. P. Lehr, F. 8. 0.) Passagiere daran glauben mußten, kamen diesmal nur Freiwillige zum Handkuß. Ich allerdings, ohne mich gemeldet zu haben. Als nämlich alles schon vorüber war und ich mir die Abfahrt Neptuns (ein schwimmendes Licht auf dem Wasser) ansah, kam plötzlich von oben herunter ein voller Wasserkübel direkt auf mich losgesteuert. Da bin ich aber davongeschoben — freilich war es zu spät. Je mehr wir uns dem Ziele näherten, um so ärger wurde der Sturm, der uns von Süden entgegenkam. Matrosen, die schon jahrelang auf dieser Strecke fuhren, sagten uns, sie hätten solches Wetter hier noch nie erlebt. Der Golf von Biskaya war ein Kinderspiel dagegen. Das Schiff schaukelte so heftig, daß die Schiffsschraube alle 5 bis 10 Minuten über Wasser hörten, dann stimmten gewöhnlich auch sie mit ein und schrien und weinten, daß es einem ordentlich auf die Nerven gehen konnte. Im übrigen war diese ganze Schaukelei durchaus nicht gefährlich. Dazu braucht es schon mehr, für uns Passagiere aber war es immerhin genug. Nach mehr denn eintägiger Verspätung infolge des Sturmes langten wir endlich am 2. September in Kapstadt an. Wie atmete alles erleichert aus, da wir nun wieder festen Boden unter den Füßen hatten. Hier setzte ich meinen Fuß zum ersten Male auf afrikanischen Boden. Hier sah ich auch schon ein wenig afrikanisches Leben und Treiben. Wohl sieht die Stadt selber mit ihren schönen Häusern und Straßen, Museen, Denkmälern und Parkanlagen ganz europäisch aus, aber l* es wimmelt von Negern der verschiedensten Abstufungen, die aus allen Teilen Südafrikas hieher kommen, um Verdienst zu finden. Den besten Eindruck machen diese zerlumpten, verwahrlosten und oft genug auch rohen Gestalten freilich nicht. Sie werden eben von den Weißen als billige Arbeitstiere — eine höhere Einschätzung hat man wohl selten von ihnen — ausgenützt. Um deren Bildung oder gar um deren unsterbliche Seele kümmert man sich nicht im geringsten. Da gäbe es noch Petrus-Claver-Arbeit zu verrichten, eine Arbeit, die allerdings heroische, opferbereite Seelen erfordert. Auf Wunsch unseres hochwürdigsten Präfekten besuchten wir den hochwürdigsten Herrn Bischof von Kapstadt, Dr. O'Riley (sprich: Oreily), der uns überaus freundlich aufnahm. Er fragte uns auch gleich scherzhaft, ob wir nicht Lust hätten, in seiner Diözese zu bleiben, denn er brauche so notwendig Leute. Wie ihm, so geht es hier wohl allen kirchlichen Oberen. „Die Ernte ist eben groß, der Arbeiter sind so wenige." O Herr, sende Arbeiter in deinen Weinberg! Lege doch in recht viele jugendliche Herzen hinein den schönen Missionsberuf und begeistere sie zur tatenfrohen Apostelarbeit, auf daß sie dein Evangelium hinaustragen in die ganze Welt! Am nächsten Tag, einem Sonntag, las ich die heilige Messe in der Kathedralkirche. Da sah ich zu meiner großen Verwunderung, daß fast alle Gläubigen, die dem Gottesdienste beiwohnten, zu den heiligen Sakramenten gingen; und zwar nicht etwa bloß alte Weiblein und fromme Jungfrauen^ sondern auch auffallend viele Männer, jung und alt. Mau scheint hier den großen Wert der Gnadenmittel unser heiligen Kirche besser einzuschätzen als anderswo. Nachmittags versuchte ich den Tafelberg zu besteigen, angelockt durch die reizvolle Beschrei- bung desselben im Reisebericht des Hochw. Pater Dr. Raffeiner. Ist es mir infolge mangels an Zeit und Verfehlung des besten Weges auch nicht gelungen, die Höhe desselben zu erreichen, so kam ich doch so hoch hinauf, daß ich den wundervoll schönen Ausblick auf beide Seiten des Berges, besonders den auf das Meer, genießen konnte. Obwohl noch Winter, blühten doch allenthalben die Blumen in verschiedenster, prachtvoller Farbenschönheit. Um 10 Uhr abends fuhren wir von Kapstadt ab. Kaum waren wir um das Kap der Guten Hoffnung herum, als auch der Sturm schon wieder einsetzte und die Seekrankheit von neuem ihr unheimliches Wesen zu treiben begann. Nur an zwei Häfen hielten wir noch, in Port Elisabeth und in East London. Hier hatten wir wieder Gelegenheit, aufs Land zu gehen, um die Stadt zu besichtigen. Vor allem fällt einem auf, daß alle Häuser ausnahmslos mit Blech gedeckt sind. Die Stadt, die zirka 10.000 Einwohner zählt, ist eigentlich erst im Entstehen, denn an allen Ecken und Enden wird gebaut. Auf unserer Suche nach katholischen Kirchen kamen wir in ein wahres Kirchenviertel. Etwa 10 Kirchen standen nebeneinander. Neben der katholischen Kirche steht ausgerechnet die Freimaurerloge. Die übrigen gehören verschiedenen protestantischen Sekten, die sich hier in Südafrika überall recht unangenehm bemerkbar macheü. Ein wenig ärgerlich ist, daß fast alle Religionsdiener ebenso gekleidet sind wie die katholischen Priester. Ein sicheres Unterscheidungsmerkmal jedoch ist die bessere Ehehälfte, die meist neben den erstgenannten einherzappelt. Statt am 7. kamen wir am 9. September in Durban, unserer Endstation, an. Ich glaube, es war wohl niemand ungehalten, als die zweiunddreißigtägige Seefahrt, die uns so böse mitgespielt hatte, zu Ende war. (Forts, folgt.) Heft 4 Stern der Neger 53 sr~ v\ Weif)nad)t im Süden. Von Hochw. P. Jakob Lehr, P. S. C. ^ X Weihnachten! Dieses Wort hat in der Tat einen lieblichen Klang. Aber „Weihnacht im Hochsommer" trifft unsere nordischen Ohren wie ein leiser Mißklang. Wohl ist ein armes Kerzlein nichts gegen den südlichen Sonnenbach dennoch ist mir ein Christbaum im Lichterglanz lieber als ein kerzenloser, umflattert von den goldenen Bändern sommerlicher Sonnenstrahlen. Zwar bleibt Weihnachten trotzdem das Hochfest der Christen, wenn auch anstatt der Winter-kälte eine Luft von über 30 Grad Celsius unsere Wangen umspielt, allein für uns Kinder. Mitteleuropas hat die afrikanische Dezemberhitze doch ein gut Stück Poesie hinweggeschmolzeu. Wir können uns die Christuacht ja doch nicht denken, ohne daß die holden Weihnachtsklänge unserer Kinderjahre im glaubensvollen Herzen wieder erwachen. Wie leer klingt da jenes innige Lied, das uns einst zu Zähren bewegte: O du süßes Jesukind in der Kripp' im Stalle! Wehte gar so kalter Wind, littest für uns alle; Aber jetzt sollst warm du liegen, Jetzt soll unser Herz dich wiegen. Komm in unsre Herzen, Komm in unsre Herzen! Es war mir daher ganz angenehm, als Msgr. Mohn mich einlud, eine Aushilfe für Weihnachten zu übernehmen. Ich sollte nach Dullstroom fahren, das zirka 100 Kilometer von Lydenburg entfernt ist. Dort würde ich schon abgeholt, und alles übrige würde sich von selbst ergeben, wie es auch geschah. Da Dullstroom etwa 2000 Fuß höher liegt als Lydenburg, so keuchte mein Züglein in vier Stunden die Anhöhe hinauf, wobei es sich an allen Stationen, Statiönchen und Haltestellen ausgiebig lange Zeit ließ zum Ausschnaufen, denn es hatte eine Unmenge Weihnachtsgäste und noch mehr Weihnachtspakete zu befördern. Nach 9 Uhr abends kam ich in Dullstroom an. Stockfinstere Nacht! Eine armselige Petroleum- lampe spendete halbverschlasen ihr spärliches Licht; sie hatte anscheinend nur den Zweck, die Aussteigenden davor zu bewahren, ihr Genick zu brechen. Mit Ach und Krach kam ich dann auch mit meinem Tragaltar durch das Gedränge im engen Gange des Zuges ins Freie. Es stiegen verhältnismäßig viele Leute hier aus, die aber nach allen Richtungen der Windrose auseinander gingen, nicht aber, ohne herzlichen Abschied voneinander zu nehmen und fröhliche Weihnachten zu wünschen. Es waren wohl alle Buren. Der Bure küßt gern und viel; war das ein Herzen und Schmatzen, bis der Zug sich wieder in Bewegung setzte ! Inzwischen kümmerte sich kein Mensch um mich, und ich kannte niemand hier. Ich stellte mich also unmittelbar unter die Laterne, damit ich wenigstens gesehen werden konnte. Nach einigen Minuten kam dann ein junger Mensch von 18 Jahren und fragte mich: „Is ü die predikant vir Mister O’G-rädy?“ Ich bejahte sein Burisch auf Englisch, und nun erklärte er mir in fließendem Englisch, daß draußen vor der Station ein Automobil meiner harre, um mich 5 Kilometer ins nächste katholische Haus zu Mister O'Grady zu bringen. Indes, von dem Automobil war nichts zu sehen; offenbar hatte es sein Licht völlig ausgeschaltet. Wie erstaunte ich, als nach einigen Schritten mein Begleiter eine elektrische Taschenlampe hervorzog und das Auto beleuchtete! Drinnen saß am Rade ein Vierzigjähriger mit wohlgerundeten Formen. Er lud mich ein auf den Führersitz und begann im Schein der elektrischen Taschenlaterne mit einer hübschen Erzählung: Er habe nämlich ein sehr schönes Auto gehabt, allein er habe es dieser Tage verkauft und es sei erst heute nachmittag abgeholt worden; unglücklicherweise habe er in seiner Garage nur noch ein altes Exemplar stehen gehabt, aber er wolle versuchen, mich die 5 Kilometer zu den O'Grädys zu bringen. Das versprach gewiß romantisch zu werden! Wer die halsbrecherischen Burenwege hierzulande kennt, weiß, was es bedeutet, mit einem Auto, das keine Akkumulatoren hat, dahinzurasen. Das Auto hatte jedoch gar nicht die Absicht zu rasen. — Der Mann mit der Taschenlampe drehte eine Zeitlang mächtig den Anlasser herum und der Mann am Rade setzte tatsächlich alle Hebel in Bewegung, aber das Auto stand bockbeinig fest. Zwei-, dreimal das gleiche Manöver — plötzlich ein Ruck nach irgendeiner Richtung, nur nicht nach vorne; wir rollten langsam rückwärts. Auf einmal war der tote Punkt überwunden; nun hatte das Auto auch begriffen, wohin wir steuerten — es ging voran! Der Mann mit der Taschenlampe sprang aufs Trittbrett und leuchtete den Weg ab. Allmählich erschien vor dem Auto selbst ein blaßroter Schein wie eine Morgendämmerung: der elektrische Motor arbeitete! Wir fuhren nun schon mit einer Geschwindigkeit von 10 Kilometer die Stunde. Wir konnten also in einer halben Stunde am Ziele sein. Leider begann der Weg zu steigen. Wir fuhren gegen einen großen Stein am Wege, was den Motor wieder außer Fassung brachte. Der Mann mit der Taschenlampe drehte wieder und der Mann am Rade setzte wieder alle Hebel und Hebelchen in Bewegung und langsam, langsam rollte das Auto ■— rückwärts I — die kleine Anhöhe hinunter, die es bereis erklommen hatte.. Ich konnte nur die Geduld der beiden Männer bewundern, mit der sie den alten Kasten immer wieder in Bewegung versetzten. Aber endlich ging es doch! Vorsichtig, langsam fuhren wir durch die Nacht im Scheine der Taschenlampe. Auf einmal ging es rascher, die Lichter des Autos blitzten auf; es ging eine Anhöhe hinunter, unten durch einen Bach. Das Wasser spritzte plätschernd auf. Nun mit aller Kraft das jenseitige Ufer wieder hinauf! Da, ein Knall, ein Rattern und Knattern, und — „rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo!" rollten wir wieder dem Bache zu. Es war aber auch höchste Zeit: Der Boden wurde einem im Auto unter den Füßen heiß. Der Mann mit der Lampe öffnete das Ventil des Kühlers. Pfeifend schoß der Dampf in die Höhe und verbrannte dem armen Teufel die Finger, die er rasch in den Bach steckte. Mau füllte den Kühler mit Wasser und wollte die alte Liebesmühe dem Auto angedeihen lassen. Ich schlug aber vor, den letzten Kilometer zu Fuß zurückzulegen. Der dicke Chauffeur erbot sich bereitwilligst, den Tragaltar zu schleppen, während der Mann mit der Lampe beim Auto am Bache Wache hielt. Wir hatten ziemlich Verspätung, aber schließlich waren alle froh, daß das nächtliche Abenteuer einen so harmlosen Verlauf genommen hatte. Freilich konnte ich erst am nächsten Morgen sehen, wo ich mich befand. Es war eine Farm, die nur aus Weideland und einem Garten bestand. Viel Steine gab's und wenig Brot! Der Besitzer hält einige Tausend Schafe, ungefähr 150 Kühe und Ochsen und ein Rudel Pferde, um die er sich nicht weiter kümmert. Nur die nötigen Reit- und Zugpferde werden betreut, die übrigen können wild herumtollen, wie sie wollen. Die Familie ist irischer Abstammung, die Hausfrau eine Burin, Eltern wie Kinder tief gläubig. Frühmorgens 6 Uhr gingen alle zur heiligen Beichte, darauf zelebrierte ich und alle gingen zur heiligen Kommunion. Es ist schade, daß diese braven Leute nur alle ein bis zwei Monate eine heilige Messe haben können. Die kleinste Tochter von 9 Jahren ist leider unheilbar krank. Ihre ältere Schwester unterrichtet sie in den Schulfächern. Ich prüfte sie im Katechismus, und da sie gut bewandert war, versprach ich, ihr morgen bei der Rückkehr die erste heilige Beichte abzunehmen und ihr auch die erste heilige Kommunion zu geben. Das Kind war hocherfreut. Nach dem Frühstück wurde ich auf einem zweirädrigen Wagen ins „nächste Haus" gebracht. Es war der Tag vor Weihnachten, und am Weihnachtstage sollte im Stammhaus der O'Grüdys heilige Messe sein. Es war ungefähr 15 Kilometer entfernt. Über Stock und Stein, Berg und Tal ging es dahin; ich war froh, daß ich noch die Seele im Leib hatte, als ich von dem Wagen sprang. Die Aufnahme war überaus herzlich. Das ganze Tal ist von vier Brüdern bewohnt. Der alte 91jährige Vater O'Grädy war nicht da; er weilte auf einer andern Farm, wo er täglich noch große Ritte zu Pferde unternimmt — echt irisch! Gesund an Leib und Seele. Das Haus läßt vermuten, daß hier wohlhabende Bauern wohnen. Gleich der große Empfangssaal, acht Meter lang und vier Meter breit, daran anschließend ein ebenso großes Eßzimmer. Auf dem Boden überall grüne Linoleums und grüngepolsterte Sessel. Beim Mittagessen am Weihnachtstage erschien auf der Tafel Geschirr, das guten Häusern in Europa Ehre gemacht hätte. Dabei eine Ungezwungenheit und Selbstverständlichkeit, eine Herzlichkeit und Aufmerksamkeit mit all dem Zauber eines patriarchalischen Lebens/ Am Weihnachtsmorgen um 5 Uhr früh kamen die Familienmitglieder schon zur heiligen Beichte — groß und klein, ohne Ausnahme! Ich zelebrierte zunächst zwei heilige Messen und teilte die heilige Kommunion aus. Um 7 Uhr kamen die Familienglieder der Brüder, die etwas weiter hinweg wohnen, mit dem Auto an. Auch sie gingen alle zur heiligen Beichte. Daran schloß sich die dritte heilige Messe mit Predigt und Kommunionausteilung. Es wurde früh zu Mittag gegessen, so daß beinahe die ganze Verwandtschaft dabei war. Und nun verstand ich, warum der Speisesaal so groß war! Nach dem Mittagessen wurde ich zum ersten Haus gebracht, und zwar diesmal im Auto. Ich fühlte: ein Stück meines Herzens blieb zurück im grünen, einsamen Tälchen der O'Grädys. Zwar ist der offizielle Name des Platzes nicht gerade geschmackvoll —- er heißt nämlich Houten-beck — ein früherer Besitzer hatte nämlich die Gewohnheit, dieses Wort zu sagen, das auf gut deutsch verdolmetscht wird: „Halt' deinen Schnabel!" Die Poststation dazu ist Toondel-doos, das Zündeldose, Zündholzschachtel bedeutet, weil der Besitzer in jener Gegend die erste Zündholzschachtel hatte. Ich war also über Weihnachten in „Halt den Schnabel", Postamt „Zündholzschachtel". Da der Zug in Dullstroom bereits um 7 Uhr nach Lydenburg abfährt, so mußte ich am zweiten Weihnachtstage früh aufstehen. Bereits um fünf Uhr war die heilige Messe mit der ersten Kommunion der kleinen Irene, wobei wieder alle Familienglieder zur heiligen Kommunion gingen. Gleich daran schloß sich das Frühstück, und um 6 Uhr sitze ich wieder auf dem hohen, zweirädrigen Burenwagen. Ein Sohn des Hauses kutschierte, zwei Töchter des Hauses, die den gleichen Zug benützten, fuhren mit. Da nur ein Sitzbrett, das freilich ziemlich breit war, vorhanden war, saßen wir Mannsleute nach vorn und die Damen nach rückwärts schauend. Wenn ein Rad über einen großen Stein rumpelte oder das andere in ein Loch lief, gab es auf dem Sitzbrett einen Zusammenstoß wie von Billardkugeln. Nach einem Aufschrei des Weibervolkes war alles wieder gut. Nun aber mußten wir an einer engen Stelle an einem unbeholfenen, vierrädrigen Burenwagen vorbei, der mit 18 Ochsen bespannt war. Der Ochsenführer war ein kleiner, schwarzer Bursche, der Reißaus nahm, als unsere Pferde in die Nähe kamen. Das brachte die Ochsen außer Rand und Band, unsere Pferde scheuten, die beiden Wagen verfingen sich. Unserer war der leichtere und bekam deshalb den stärkeren Stoß. Die Pferde stiegen kerzengerade in die Höhe, eines fiel auf die Deichsel, welche brach, die Zugscheite gaben nach, und so war der Wagen frei vom Gespann: im selben Augenblick kippte er auch schon nach rückwärts um. Die beiden Damen wurden etwas unsanft ausgeladen, ich hatte mich noch an einer Handhabe gehalten und hing nun nach einem Purzelbaum, allerdings mit ver- drehtem Arme, zwischen Himmel und Erde. Der Bure lief herbei, und so landete ich regelrecht auf dem Boden. Die innere Handfläche hatte ziemlich gelitten,, der Arm protestierte auch, daß er kein Strick sei, den man beliebig drehen könne, aber sonst war nichts geschehen. Jetzt hieß es aber ansgreifen, damit der Zug nicht vor der Nase fortführe, denn hier geht nur viermal in der Woche ein Zug. Der Bure gab mir einen schwarzen Knecht, der den Tragaltar zur Station schaffte, und so löste sich alles zur Zufriedenheit auf. Ende gut, alles gut! Diese Weihnachten werde ich sobald nicht vergessen. Welch ein Beispiel für unsere Katholiken in der Heimat, die es so leicht haben, ihre Christenpflichten zu erfüllen, und die trotzdem oft so säumig sind! In der Wüste, in der Einsamkeit, in der Weltabgeschiedenheit blüht immer noch der unbeugsame Bekennermut eines Johannes. Missionskirchlein in „Maria-Trost". (Phot, von Hochrv. P. Lehr, F. S. 0.) I XMe Waldkapelle, Sei mir gegrüßt, du traute Waldkapelle Im stillen Hain der Maria-Troster Farm. Wie zieht es mich nach deiner heil'gen Schwelle! Nicht lockt dein Prunk, denn du bist bettelarm. Doch wenn du leuchtest in der Morgenhelle Und ehrfurchtsvoll der schwarzen Kinder Schwarm Sich sammelt an der reinen Opferstelle, Wird mir das Herz so wonnewohlig warm. I Hier fließt der Neger reichste Gnadenquelle, Hier steht ihr Hort gen Hölle, Hohn und Harm, Und ob auch dräuend noch der Schlachtruf gelle, Hier findet Kraft des kühnen Kämpen Arm. Und zagt das Herz, hier ist die Zufluchtzelle, Die Rettung beut bei aller Fahr Alarm. Drum sei gegrüßt, du traute Waldkapelle Im stillen Hain der Maria-Troster Farm. P. I. Lehr. i i 0 0 Umschau. Die deutschen Missionsfelder in Südafrika, die zum größten Teil erst nach dem Kriege deutschen Glaubensboten zugewiesen wurden, zeigen eine zwar langsame, aber stetige Aufwärtsentwicklung. Nach der letzten Zusammenstellung weisen sie folgende Katholikenziffern auf: das Vikariat Windhoek 5541, das Vikariat Kimberley 5864, die Präfektur Groß- namaland 3700, die Präfektur Zentralkapland mit Kaffraria 983, das Vikariat Mariannhill 57.180, die Präfektur Lydeuburg 1500, das Vikariat Eschowe 2631, die Präfektur Kroon-stad 1736, die Präfektur Garriep 1104, somit insgesamt 80.000 Katholiken unter einer Be- gelehrten Jesuiten Ricci in China im Jahre 1582. Während das Reich der Mitte 1586 nur 40 Katholiken zählte, waren es 1608 bereits 2000; 1616 steigt ihre Zahl auf 13.000; für 1650 verzeichnet man 150.000, für 1670 rund 200.000 und für 1700 schon 300.000 Katholiken. Im Basutomädchen im Alltagskleid. Magd bei O'Grädy. Siehe Bericht S. 53. (Phot, von Hochiv. P. Lehr, F. S. 0.) völkerung von 3,750.000. Wieviel bleibt da noch zu tun übrig! (ZMR., 1/1928.) China. Der „Osservatore Romano“ veröffentlichte kürzlich eine Zusammenstellung über die Entwicklung der katholischen Mission in China, angefangen von den ersten Missionen der Franziskaner im Mittelalter bis zur Gegenwart. Allerdings fehlen die Unterlagen für die zwei Jahrhunderte, in denen die Mingkaiser regierten. Genauere Zahlenangaben und Aufzeichnungen beginnen erst mit der Ankunft des Jahre 1706 begann dann die grausame Verfolgung. Schätzungsweise waren aber am Ende des 18. Jahrhunderts noch 200.000 Chinesen katholisch. Unter Papst Gregor XVI. (1831 bis 1846) kam neues Leben in das katholische Missionswesen Chinas. Infolgedessen bekannten sich 1850 etwa 330.000 und 1886 insgesamt 567.000 Chinesen zum katholischen Glauben. Bedeutende Fortschritte zeigte die Mission jedoch erst in unserem Jahrhundert. Für 1900 ergeben die statistischen Erhebungen 741.000 Katholiken. Im Jahre 1910 wuchs die Katholikenzahl auf 1,292.000, im Jahre 1920 auf 1,994.000 und 1926 auf 2,395.000. Die Kriege und Unruhen der letzten Jahre, namentlich das blutige Jahr 1927, haben der katholischen Mission schweren Schaden zugefügt. Nicht bloß verloren mehrere Priester und viele Christen das Leben, sondern es wurden auch Hunderte von Missionsstationen teils ausgeplündert, teils zerstört. Der Sachschaden geht sicher in die Millionen. China besitzt 30.000 katholische Missionsposten mit 12.000 Kirchen oder Kapellen in den vom Kriege heimgesuchten Provinzen. Besonders empfindlich sind die Feldschäden, zumal viele Bischöfe das Kir-chenvermögen in Grund und Boden angelegt hatten. Es wird noch lange Zeit brauchen, bis der Gesamtschaden errechnet werden kann, und bis die zerstörten Stationen wieder aufgebaut sein werden. Einen ungleich schwereren Schlag als die katholische Mission, erlitt jedoch die protestantische. Über den Protestantismus in China ist eine wahre Katastrophe.hereingebrochen. Von den 8200 protestantischen Sendlingen sind außer den 220 Deutschen kaum mehr als 300 auf ihren Posten verblieben. Ungefähr 4000 bis 5000 sind in die Heimat (Amerika) zurückgekehrt. Einige Tausend warten in den Hafenstädten und in den Nachbarländern aus das Ende der Unruhen, werden aber großenteils ihre früheren Stellen auch dann nicht zurückerhalten können, weil das von ihnen herangebildete einheimische Personal die Zügel nicht mehr aus der Hand gibt. Der Zusammenbruch der protestantischen Chinamission ist teils darauf zurückzuführen, daß viele dieser verheirateten protestantischen Missionäre um ihre Familien bangten, teils darauf, daß sie mehr Verbreiter amerikanischer Kultur als Boten des Evangeliums waren. Sie sind eben keine Apostel. ■ Da ist wieder das Heilandswort in Erfüllung gegangen: „Der gute Hirt gibt sein Leben für seine Schafe; aber der Mietling flieht vor dem Wolfe und verläßt die Schafe, eben weil er Mietling ist und ihm an den Schafen nichts liegt." Dagegen haben die katholischen Missionäre, Priester, Brüder und Schwestern, treu ausgeharrt, und wenn sie im Augenblick der höchsten Gefahr, auf Weisung der Oberen, manche Stationen räumen mußten, so haben sie doch das Land nicht verlassen und stehen jetzt wieder auf ihren Posten. Der Traum der Protestanten, China, das größte Heidenland der Erde, für den englisch-amerikanischen Protestantismus zu erobern, ist in nichts zerronnen. Afrika. Das Jahr 1928 ist ein Jubiläumsjahr für das Missionswerk der Weißen Väter. Im April werden es 50 Jahre, daß die erste Karawane opfermutiger Missionäre aus der Gesellschaft der Weißen Väter die Reise nach dem Innern Afrikas antrat, um dort die Missionen von Nyansa und Tanganika zu gründen. Dunkel war damals noch dieses Land und fast gänzlich unbekannt; kein Bote der Wahrheit war noch bis in jene Gegenden vorgedrungen. Aus den zwei Missionsstationen vom Jahre 1878 haben sich bis heute nicht weniger als zwölf blühende Missionsgebiete entwickelt, die mehr als 160 Hauptstationen und viele Hunderte von Nebenposten zählen. Bald eine halbe Million eifriger Christen dienen dem wahren Gott dort, wo vor 50 Jahren nur Götzendienst und Aberglaube herrschten. Manche Gegenden tragen schon ein ganz katholisches Gepräge. An der Seite der europäischen Missionäre arbeiten 63 einheimische Priester, zum Teil als selbständige Pfarrer einheimischer Gemeinden, und mehr als 300 eingeborene Schwestern unterstützen die Weißen Schwestern beim Unterricht der Kinder, bei der Erziehung der Mädchen und Frauen und bei der Krankenpflege. Wahrlich, das Blut der Negermärtyrer und die Mühen der Glaubensboten haben reiche Früchte gezeitigt. Heft 4 Stern der Neger 59 W £>er Geist des Schreckens. Eine Erzählung aus Mittelkamerun von P. Johannes Emonts, S. C. J. (Fortsetzung.) Ü 1 In der Hand trug er ein Donnerrohr mit zwei Löchern. Fünf Schwarze begleiteten ihn. Einer derselben, ein Knabe, entdeckte mich in der dunklen Ecke und wies den Weißen sofort auf mich hin. Dieser kam nun in die Hütte, betrachtete meine Wunden, schnitt meine Fesseln durch und ließ mich hinaustragen. Seine Stimme war sanft. Nein, ich brauchte ihn nicht zu fürchten! Meine Angst vor ihm schwand wie der Nebel vor der Sonne, und die Hoffnung kehrte in meine geängstigte Seele zurück. Wie liebevoll und gütig schaute er mich an, wie sorgsam untersuchte er meine Wunden! Ich kannte den Weißen noch nicht, aber ich lernte ihn nun kennen und lieben; denn es war der weiße Vater. Der Große Geist hat alles gelenkt. Hier auf seinem Gehöfte sind meine Wunden geheilt, ich bin wieder frei; ich lerne seine Lehre und kann schon beten, und bald wird man mir wohl das Gotteswasser (Taufe) geben. O wie glücklich bin ich geworden! Wohl sehne ich mich nach Tschoba, nach Vater und Mutter und Geschwistern, die mich tot glauben, aber du bist jetzt mein Vater, und ich bleibe bei dir, bis du nach Tschoba gehst. Dann werde ich dich begleiten und dich einführen, damit du als Freund des Stammes nichts zu leiden hast. Aber ich werde auch mit dir auf das Missionsgehöft zurückkehren und bei dir bleiben, um ein Gotteskind zu werden." So weit die Erzählung Kenfuis. Er war müde geworden, aber seine Augen leuchteten und die Dankbarkeit und das Glück strahlten aus seinen Zügen. Ich entließ ihn mit einigen Worten der Anerkennung. „Ein prächtiger Junge", meinte mein Missionsbruder. „Ja, ein treuer, braver Junge, den mir der liebe Gott gesandt hat, damit er mir ein getreuer Gehilfe werde. Er ist der Liebling aller, willig, fleißig, strebsam. Ich baue auf ihn, und hoffe viel von ihm für das schwierige Missionswerk unter den Negerstämmen der Umgebung." So sagte ich damals. Und jetzt muß ich dem lieben Gott danken, daß er mir diesen prachtvollen Kerl auf eine so merkwürdige Weise in die Hand gespielt hat. * * * Ein Jahr und etwa vier Monate waren dahingegangen. Eine kleine Karawane war wieder in der Nähe von Kantschi angelangt. Vier Träger schleppten die Kisten des P. Wildhof, der nachdenklich hinter den Leuten einherging. Kati, der flinke Boy, fehlte auch diesmal nicht. In seiner Gesellschaft marschierten auch Kenfui und Nongfu, der kaffeebraune Kantschiknabe, den der Missionär bei seinem ersten Besuche in Kantschi mit zur Mission genommen hatte. Die kamerunsche Sonne brannte heiß auf die müden Wanderer nieder und keiner sprach ein Wort. Auch P. Wildhof wischte sich von Zeit zu Zeit den Schweiß von der Stirne. In seinem Kopfe wälzten sich allerlei Pläne und Probleme, aus deren labyrinthischen Gängen er immer noch keinen Ausweg gefunden. „Eine dumme Sache!" brummte er in seinen Bart hinein. „Wird es mir diesmal gelingen? Die anderen Stämme meines Missionsgebietes haben sich beut Einfluß des Evangeliums geöffnet. Nur Kantschi und Tschoba trotzen mir noch. Die unselige Stammesrache bereitet mir ein Hindernis. Die muß verschwinden. Wenn nicht heute, so doch morgen. Das ist ein Herd heidnischen Aberglaubens für das ganze Gebiet. Ntir den Mut nicht verlieren. Ein bißchen Gottvertrauen! Es wird sich schon machen!" Dann malte seine Phantasie ihm aus, was wohl in Kantschi bei seiner Rückkehr geschehen würde. In Kantschi würde man sich der Wiederkunft Nongfus freuen und über das staunen, was er vom Missionsgehöft erzählen würde. Und erst in Tschoba! Da würde lauter Jubel sein beim Wiedersehen des totgeglaubten Kenfuis! Von einem Gedanken kam er auf den andern. Dann holte er einmal den Rosenkranz hervor und betete. An einzelnen schattigen Stellen machte die Karawane halt. Die Schwarzen nahmen dann ihr Pfeifchen zur Hand in der Erwartung, daß „der gute Weiße" den Tabak und das Feuer spende. Das war für diesen selbstverständlich, zumal er dabei sein Pfeifchen zu stopfen nicht vergaß. Auf den beschwerlichen Pfaden des Gebirgslandes ging es dann bald wieder weiter. Weit und breit kein Mensch, kein Dorf, kein Rauchwölkchen. In der Ein- tönigkeit der Landschaft wurden auch die Leute stiller und während sie sonst durch allerlei rhythmische Gesänge sich gegenseitig anfeuerten und den Marsch belebten, zogen sie heute im trägen Gänsemarsch voran. Nach einiger Zeit verließ Kenfui Nongsu und kam zu P. Wildhof, der ihn nach seinem Begehren fragte. „Pater," sagte nun der Bursche, „wir sind auf dem Wege nach Kantschi. Den kleinen Nongfu willst du in seine Heimat zurückbringen und dann mit mir nach Tschoba ziehen. Seit einiger möglich wäre, die beiden feindlichen Stämme der Kantschi und Tschoba ebenso zu gemein«, samem Frieden zu bewegen. Ich denke mir, daß es sehr schön sein müßte." — „Mein lieber Kenfui! Es ist ein sehr guter Gedanke. Du hast mich heute so schweigsam gesehen. Dein Gedanke, ganz genau derselbe, ging mir durch den Kopf. Es freut mich sehr, daß du ebenfalls daraufgekommen bist. Es zeigt dein gutes Herz. Er sagt mir, daß du die Gotteslehre gut gelernt hast und verstehst. Eines nur Negerknaben bei der Arbeit. Aus der Mission der Missionäre von Mariannhill. (Phot, von Hochw. P. Fischer, F. S. C.) Zeit sind mir darüber seltsame Gedanken durch den Kops gegangen. Darf ich sie dir sagen?" — „Was denn, Kenfui?" — „Ich bin ein Tschobamann, Nongfu ist ein Kantschi. Wir haben beide aus deinem Gehöfte gelebt und beide deine Lehre vom Großen Geiste gelernt. Wir beteten in demselben Gebetshause. Wir waren beide glücklich und kannten keineStammes-feindschast, obgleich wir in unserer Heimat immer davon hörten und darin aufgewachsen sind. Bei dir habe ich die häßliche Gewohnheit unseres Volkes verabscheuen gelernt, obschon diese meine abgeschlagene Hand mich jeden Tag an die Kantschi erinnerte. Nongsu und ich haben ganz friedlich zusammen gewohnt, wir sind einander Freunde geworden, wir werden immer Freunde bleiben." — „Was du da sagst, freut mich sehr", sagte der Pater. „Weißt du auch, wie das möglich wurde?" — „Ich weiß es. Es war nicht anders möglich als durch dich und die gute Lehre des Großen Geistes. Nun ging mein Gedanke gerade dahin, ob es dir und dem Großen Geiste nicht ist mir nicht klar, und wie ich auch überlege, ich finde keine Lösung, wie ich diesen Plan ins Werk setzen kann und wie es möglich sein wird, die beiden Stämme zu bewegen, ihre Stammesrache auszugeben und friedlich nebeneinander zu leben." — „Gewiß, es wird schwer sein, sehr schwer, denn der Haß der Kantschi gegen die Tschoba ist groß, noch größer wie der Anjiniberg, der hoch gegen den Himmel emporragt. Der Haß der Tschoba ist gewiß nicht kleiner. Seit alten Zeiten haben sie sich immer bekriegt und ihre Rachegefühle sind heiß wie das Steppenseuer. Selbst die kleinen Kinder, die kaum sprechen können, werden mit diesem Stammeshaß erfüllt. Dennoch glaube ich, daß es dir und dem Großen Geiste möglich sein wird, was nach menschlichen Aussichten unmöglich sein würde." — „Hoffen wir das Beste. Ja, es ist möglich, und dein Wunsch wird sich gewiß einmal erfüllen, aber daß er sich auf dieser Reise erfüllt, das wage ich kaum zu hoffen", sagte der Pater. Lange Zeit wurde kein Wort mehr gesprochen. Die Wege waren schlecht. Das hohe Elefantechgras behinderte den freien Gang. Die vielen Berge und Hügel, die sich in unabsehbarer Folge aneinanderreihten, waren der schnellen Erreichung des Zieles nicht besonders günstig, aber immerhin näherte man sich endlich dem Dorfe Kantschi. In einer halben Stunde mußte man dort sein. P. Wildhof blieb nun zu einer letzten Pause stehen und wischte sich den Schweiß von der Stirne. Dann begann er nach einigem Verweilen: „Nun, kleiner Nongfu, wie denkst du, daß es uns in deinem Heimatdorf gehen und wie man uns dort aufnehmen wird?" — „Ich glaube, daß die Leute bei unserm Erscheinen fliehen werden, wie es dir auch bei deinem ersten Besuch vor einem Jahre erging. Ich habe aber einen guten Plan, der das Fortlaufen der Leute verhindern wird." — „Da wäre ich doch begierig, diesen Plan zu hören." — „Sieh, mein Vater. Ich kenne hier in der Heimat jeden Hügel, jeden Berg, jeden Baum, denn die Kinder der Schwarzen sind fast immer draußen in der Steppe oder im Busch. Ich weiß auch, wo die Leute wohnen. Siehst du dieses kleine Wäldchen dort? Darin liegt ein kleines Gehöft von nur wenigen Häusern verborgen. Wäre es nicht gut, daß ich schnell hinginge und dort verkündete, daß ich wohlbehalten mit dir nach Kantschi komme, um den Häuptling zu sehen, zu begrüßen und zu beschenken? Wenn ich das jemand sage, dann wird er schnell nach Kantschi eilen und den Häuptling und das Volk benachrichtigen. Das wird eine große Ausregung im Dorfe sein. Man wird überlegen, was man tun soll, und man wird endlich zu dem Entschluß kommen, nicht zu fliehen, sondern dich zu empfangen, eben weil ich bei dir bin und weil ich die Nachricht bringe." — „Oder man wird noch besser Zeit haben, in den Busch zu entfliehen, und wenn wir kommen, ist das Dorf leer wie im letzten Jahre." — „Man wird nicht fliehen. Ich werde in dem Gehöft von dir und deinen Geschenken für den Häuptling, von deinem guten Herzen, von deiner Liebe für die Schwarzen, von deinem kleinen Nongfu erzählen, der es fo gut bei dir hatte und der dich liebt wie einen Vater. Ich werde alles erzählen, was ich weiß, und man wird das alles Wort für Wort berichten, verlaß dich darauf. Ich kenne die Leute von Kantschi." — „Nun, dann gehe und tue, wie du meinst, daß es gut ist. Möchte deine Vermutung sich bewahrheiten." —■ „So bleibe denn hier, mein Vater, bis ich zurückkomme. Wenn ich jemand antreffe, dann ist alles gut; wenn niemand dort ist, müssen wir etwas anderes ausdenken." Nongfu ging hin und kehrte nach einiger Zeit zu den Wartenden zurück. Er hatte eine alte Frau und einige Kinder in seinem Alter in der einen Hütte gefunden. Die anderen Hütten waren leer gewesen. Der ältere Knabe war nun bereits auf dem Wege nach Kantschi. P. Wildhof dehnte seine Pause noch etwas aus und saß müde auf einer Reisekifte. Er unterhielt sich mit Nongfu über die Möglichkeiten des Empfanges und über das, was sie tun wollten. Schon mußte der Bote im Dorfe fein. Endlich brachen sie auf und erreichten bald die halbkreisförmige Rundung des Hügels, an dem der Missionär vor Jahresfrist vorbeigekommen war und von dem er schon damals sagte, daß er vulkanischen Ursprungs sei. Doch diesmal würdigte er ihn kaum eines Blickes, denn in seinem Kopfe waren heute ganz andere Gedanken. Nun standen sie am Rande des Abhanges, von dem man das kleine Tal überschauen und die sonnenbeschienenen Hütten des Dorfes betrachten konnte. Diesmal schlug das Herz des Paters noch lauter als im letzten Jahr, denn die Wirkung der Botschaft war ihm sofort klar: damals kein Mensch zu sehen und heute ein wirres Durcheinander von Menschen. „Siehst du, mein Vater, die Leute sind nicht fortgelaufen, wie du es annahmst. Sie schauen alle hierhin und besprechen das große Ereignis, daß du wieder kommst und mich mitbringst." Nun beginnt wieder der halsbrecherische Abstieg ins Tal. Immer näher kommen sie dem Dorfe. Immer deutlicher kann man sehen, was auf den Platzen und vor und zwischen den Hütten vor sich geht. Viele Leute, besonders Frauen und Kinder, scheinen wie damals in den Busch zu fliehen, um sich dort zu verbergen. Im großen Häuptlingsgehöft wimmelt es von schwarzen Gestalten. Gewiß ist man zu dem Entschluß gekommen, uns dort zu erwarten. Aber in welcher Gesinnung? Wird's einen friedlichen Empfang geben? Aber alle Männer haben Lanze und Kriegsschild. P. Wildhof ist trotzdem zuversichtlich. Ähnliches hat er schon des öfteren erlebt. Die Hauptsache ist, daß die Leute nicht davonlaufen. Der halsbrecherische Abstieg war bald beendet und die kleine Karawane war in wenigen Minuten auf dem Hauptplatz angelangt, wo sich ein seltsames Schauspiel ihren Augen bot. Der Anblick war ein echt kriegerischer. Die Männer hatten sich in langen Reihen und in starken Gruppen aufgestellt, als gelte es die bewaffnete Abwehr eines anstürmenden Feindes. In der Mitte des Platzes standen der Häuptling und die Stammesältesten. Alle waren in voller Kriegsrüstung. Lanzen, Schilde, gerade und krumme Kriegsmesser, Bogen, Pfeile, gespickte Köcher und seltsame Zauberdinge, die ja bei keinem Kriegszug fehlen dürfen, waren zu sehen. Der Missionär blieb einen Augenblick stehen, betrachtete das Schauspiel und überlegte, was zu tun sei. P. Wildhof dachte: „Es wird schon werden." Sein geladenes Gewehr ließ er ruhig am Ledergurt an der Schulter hängen und gab sich den Anschein eines friedlichen Mannes. Kurz entschlossen wollte er einfach zum Häuptling hineilen und ihn begrüßen, aber schon nach den ersten Schritten sah er ein, daß das nicht angehe, denn die Krieger erhoben ihre Lanzen, andere spannten ihren Bogen, und ein lauter Kriegsruf erschallte auf der andern Seite. Er machte halt. Die Träger zitterten und bebten vor lauter Angst. Die Kriegsrufe schienen kein Ende nehmen zu wollen, die Leute schienen gewaltig aufgeregt und an-griffslnstig zu sein. Endlich ließ der Häuptling Ruhe gebieten. Dann trat er einige Schritte vor und rief mit lauter Stimme: „Wer wagt es, in mein Dorf zu kommen, in das Dorf des großen Häuptlings der Kantschi? Wer bist du?" — „Ich bin ein Weißer, wie du wohl siehst", antwortete P. Wildhof. — „Sag' mir, wer bei dir ist." — „An erster Stelle ist bei mir mein kleiner Boy Kati aus dem Stamme der Bamali. Dann bringe ich dir und seinem Vater den kleinen Nongfu, euer Stammeskind zurück, das ich vor einem Jahr mit mir genommen habe, als ihr in die Wälder geflohen wäret und euch dort verstecktet wie Mäuse, die sich in ihren Löchern verkriechen. Ich habe dir damals zum Abschied sagen lassen, daß ich übers Jahr wiederkommen und den Knaben zurückbringen würde. Hier ist er, er kann bei euch bleiben, wenn er es tun will. An dritter Stelle bringe ich zurück den von euch verstümmelten Tschobamann Kenfui, den ich in seine Heimat führen will. Und hier sind die vier Träger meiner Lasten. So, nun weiß der große Häuptling der Kantschi, wer zu ihm kommt." — „Was willst du denn hier in Kantschi?" rief nun der Häuptling herüber. — „Daß ich keinen Krieg will, mußt du als großer Häuptling schon erkannt haben, denn wie vermöchten wir wenige mit euch allen zu kämpfen? Ich komme, um dich und dein Dorf zu besuchen, dir Geschenke zu geben und deine Freundschaft zu erhalten. Ich bin ein Freund der Schwarzen und nicht ihr Feind. Ich bin der Mann des Großen Geistes, der den Schwarzen die Lehre des Großen Geistes bringen will. Der kleine Kantschiknabe soll dir alles sagen, was er bei mir gesehen und gehört hat. Er wird meine Worte bestätigen." — „Es ist wahr, du kommst nicht als Krieger zu uns, denn dafür bringst du nicht genug Menschen mit. Ich will gleich den Nongfu hören und sehen, was er von dir weiß. Aber weshalb hast du diesen Knaben und unseren Stammesfeind, den Tschobamann, vor einem Jahr wie ein Dieb und Räuber mit dir genommen, wenn du ein friedlicher Mensch bist, wie du uns glauben machen willst? Siehst du, daß es mit deiner friedlichen Absicht nicht so weit her ist, wie du sagst?" — „Den Knaben nahm ich mit, damit er mir helfe, bei meinem neuen Besuch in deinem Dorfe deine Flucht zu verhüten. Ich wollte dich sehen und sprechen. Den Tschobamann nahm ich mit, weil ihr ihn so sehr verstümmelt hattet und ihn noch öfter eure Stammesrache fühlen lassen wolltet. Ich hatte Mitleid mit ihm, und deshalb konnte ich ihn nicht hier lassen." — „Die Tschobaleute sind unsere Stammesfeinde und deshalb mußte dieser Tschobamann unsere Stammesrache fühlen. Gib ihn uns zurück, und ich will daran erkennen, daß du wirklich der Freund unseres Stammes sein willst." — „Ich will dein und deines Stammes Freund sein, aber den Tschobamann werde ich dir nicht überlassen, er geht mit mir nach Tschoba, wenn ich morgen diesen Stamm besuche. Ich will nicht allein der Freund eures Stammes, sondern ich will der Freund aller schwarzen Stämme sein, die in diesem Lande wohnen." — „Wenn du der Freund der Tschoba sein willst," sagte der Häuptling, „dann wirst du niemals unser Freund sein können. Wir . Haffen sie, und wir hassen jeden, der mit ihnen Freundschaft schließt. Wir werden also auch dich Haffen, und auch btt sollst unsere Stammesfeindschaft fühlen. So will es unser Stammesgesetz." Nun erschallten als Zustimmung zu den Worten des Häuptlings laute Kriegsrufe wie vorher. Die Krieger gebärdeten sich wild. Sie schwangen ihre Lanzen, sie schlugen an ihre Schilde, sie schrien, riefen und tobten in wilder Leidenschaft durcheinander. Es fiel dem Häuptling schwer, sie wieder zur Ruhe zu bringen. Endlich konnte er wieder zur andern Seite hinüberrufen und sich verständlich machen. „Du siehst, wie groß unser Mut und unsere Abneigung gegen die Tschoba ist. Ich hoffe, daß du uns den Tschobamann auslieferst, damit er unserer Rache preisgegeben wird. Gibst du ihn nicht freiwillig, so holen wir ihn." — „Höre, Häuptling, bevor wir weiter darüber sprechen, sende ich dir den kleinen Nongfu. Gebiete deinen Kriegern, die Lanzen und Pfeile zurückzunehmen, damit sie nicht etwa ihr eigenes Stammeskind töten. "Nongfu, der kleine Kantschiknabe ging nun, nachdem die Krieger ihre Lanzen auf den Boden gestellt hatten, hinüber. Es begann nun eine lange, sehr lange Verhandlung. Der Vater des Kindes und die Krieger eilten hinzu, und um den Häuptling und die Großen bildete sich ein Kreis. Es war ganz still auf dem großen Platze. Nongfu erzählte gewiß, was ihm aus dem Gehöft des Weißen begegnet war. Der Missionär saß unterdessen auf einer der Reisekisten und wartete auf den Ausgang der Angelegenheit. Daß er volles Vertrauen in den kleinen Kantschiknaben setzte, und daß er auch in dieser schwierigen Stunde seine Gemütsruhe nicht verlor, sah man daran, daß er endlich seinen Tabaksbeutel und die kleine Pfeife aus der Tasche nahm und bald in aller Sorglosigkeit dicke Rauchwolken aufsteigen ließ. Endlich mußte die Erzählung Nongfus wohl zu Ende sein. Es setzte allem Anschein nach eine lebhafte Auseinandersetzung ein, aus der man die Stimme des Häuptlings von Zeit zu Zeit deutlich heraushörte. P. Wildhof hatte sein erstes Pfeifchen bereits zu Ende geraucht, und da man noch keine Anstalten machte, weiter mit ihm zu verhandeln, öffnete er eine der Kisten und suchte nach etwas Eßbarem, denn er hatte Hunger. Er entdeckte noch etwas trockenes Maisbrot, und tat etwas wilden Honig darauf, den es in dieser Gegend reichlich gibt. Die Träger verloren beim Anblick des rauchenden und in aller Sorglosigkeit speisenden Paters ihre Bangigkeit, und so singen auch sie an, ihre kleine Armtasche nach Vorräten zu untersuchen. Es kamen einige Maiskolben zum Vorschein, deren Körner sie zu knabbern anfingen. Der Pater ließ ihnen etwas wilden Honig aus der Flasche in die Hand fließen und gab ihnen dann etwas Tabak für ihre Pfeife, dann griff er selber auch wieder zum Tabakpfeifchen und qualmte lustig drauf los. „Was mögen sie nur noch verhandeln?" dachte er. Die Verhandlungen wurden immer lebhafter. Man hörte Reden und Gegenreden, es schien, als gäbe es zwei Parteien, die in einer wichtigen Angelegenheit zu keiner Einigung kommen könnten. Endlich löste sich der Kreis, und der kleine Nongfu kam auf die kleine Gruppe bei den Reisekisten zu. Sein Gesicht glänzte vor Freude. Er mußte gute Botschaft bringen. So war es. Ein sonderbarer Umstand hatte der Tschobaangelegenheit eine günstige Wendung gegeben. Die Tschoba-leute hatten vor einiger Zeit wieder vier Kantschileute in der Utembaebene gefangengenommen, und bald daraus war es den Kantschileuten gelungen, zwei Tschobaleute in ihre Gewalt zu bekommen. Beide Stämme hatten an ihren Gefangenen die Stammesrache ausgeübt, aber da dieselbe an ein und demselben Opfer nochmals wiederholt zu werden pflegt, lebten die beiden Tschobaleute noch und auch die vier Gefangenen bei dem andern Stamme würden wahrscheinlich noch leben. So hatte man sich denn nach langen Hin- und Herreden dahin geeinigt, daß der Missionär zu dem Tschoba-stamm reisen dürfe, wenn er verspreche, die vier Kantschileute zu befreien oder gegen die Tschobaleute auszutauschen. Der Missionär hörte den Plan. Er war erstaunt und erfreut zugleich über diesen ungeahnten Ausgang. Er wollte die Übermittluugsrolle übernehmen. Vielleicht, daß auf diese Weise die Versöhnung der beiden Stämme angebahnt und vollendet werden könnte. Nachdem Nongfu dem Weißen die Botschaft überbracht hatte, mußte er wieder zu seinem Häuptling und zu seinen Leuten zurückkehren. So war ihm befohlen worden. Auch allen Kantschi hatte der Häuptling jeden Verkehr mit dem Weißen i:>' oten. Er selbst auch weigerte sich, mit demselben in persönlichen Verkehr zu treten. Erst wenn der Pater mit den befreiten Kantschileuten aus Tschoba' zurückkehren werde, wollte er ihn empfangen und mit ihm sprechen. Durch einen Bigmann wurde P. Wildhof nun ein kleines, abseits gelegenes Gehöft angewiesen. Nahrungsmittel für ihn und die Träger lagen dort bereits, als er ankam. Einstweilen war der Weiße mit dem Verlaus der Dinge zufrieden und der Tag verlief ruhig ohne irgend etwas Auffälliges. Die Kantschileute mieden sogar die Pfade, die in der Nähe seines Gehöftes vorbeisührten. Die Nacht blieb ebenso ruhig, und dem zur Vorsicht ausgestellten Wachtposten fiel nichts Besonderes auf. Kaum war der helle Morgen angebrochen, verließ P. Wildhof mit seiner kleinen Karawane das ungastliche Dorf und trat den Weg durch die Utembaebene nach dem Stamme der Tfchoba an. Leider hatte er mit Nongfu nicht mehr sprechen können. Eine halbe Stunde weit waren sie bereits vom Dorf entfernt, als Plötzlich eine schwarze Gestalt am Wege auftauchte. Sie stutzten einen Augenblick, erkannten aber sofort zu ihrer Freude, daß es Nongfu war. Mit den Worten: „Vater, hier bin ich", kam er auf den Missionär zu. „Nun, Nongfu," fragte dieser, „weshalb erwartest du uns hier am Wege? Willst wohl mit uns nach Tschoba ziehen?" — „Nein, Vater, das geht nicht. Ich möchte schon, aber der Häuptling will nichts davon wissen." —- „Dann haft du mir wohl noch etwas zu melden?" — „Jawohl. Im Gespräch mit dem Häuptling und meinen Stammesleuten habe ich manches vernommen, was dir für die Verhandlungen mit den Tschoba nützlich sein könnte. Deshalb habe ich mich heimlich zu euch gestohlen." — „Hast du vielleicht mit den gefangenen Tschobaleuten gesprochen?" — „Gesehen habe ich sie, aber nicht mit ihnen gesprochen, das war mir unmöglich. Aber etwas anderes habe ich dir zu melden." — „Ich kann mir denken, was du mir sagen willst. Dem Häuptling wird es wohl mit dem Versprechen, die Tschobaleute auszutauschen, nicht ernst sein." — „Doch, es ist ihm Ernst damit. Viele Leute und darunter ganz angesehene find gegen die ewige Stammesfeindschaft, weil nichts dabei herauskomme, und sie drängen darauf, daß man endlich ein Ende damit mache." — „ Es werden aber ebensoviele gegen die Auslieferung und für das Beibehalten der Stammesrache sein." — „Es ist? wie du sagst. Aber günstig für die Sache ist der Umstand, daß Bajiba, der Sohn und Nachfolger des Häuptlings, der angesehenste Bigmaun des Stammes, mit' großem Anhang die Auslieferung der gefangenen Tschoba verlangt, damit die gefangenen Kantschi wieder heimkehren können. Bajiba hat durch die Stammesrache in letzter Zeit zwei seiner besten Söhne verloren. Er hofft, daß sein zuletzt gefangener Sohn Manjuba noch lebt. Und der ist ihm lieber als mehrere Tschobaleute. Er sagt, durch die Stammesrache verlören die Kantschi stets ihre' besten und kühnsten Jäger." — „Es freut mich, Nongfu, das zu vernehmen, allein ich fürchte, der Häuptling wird auf die Vorhaltungen einzelner nicht hören." — „Gewiß, Kimani, der Häuptling wird nicht viel um die Meinung einzelner geben, allein auch andere Bigleute denken wie Bajiba und sprechen es offen aus. Es find Männer von bedeutendem Ansehen, und wenn ihre Zahl auch gering ist, so ist ihre Stimme um so gewichtiger." — „Das sollte mich freuen, Nongfu." — „Ich kann dir noch Jakuma nennen, einen der ersten Bigleute, einen Bruder Bajibas. Auch der hat bei einem Streifzug in die Ebene kürzlich seinen Sohn Benadi verloren und spricht ganz offen gegen die Stammesrache." — „Gewiß, das sind günstige Momente." — „Ich verhehle mir nicht, Vater, daß das Aufgeben der Stammesrache eine schwierige Sache fein wird, denn sie ist ein uraltes Stammesgesetz, ein heiliges Vermächtnis der Vorfahren. Allein wenn es dir gelingt, die gefangenen Kantschi aus Tschoba zurückzubringen, wird große Freude bei uns fein und es wird uns eher gelingen, alle von der Schädlichkeit der Stammesrache zu überzeugen." P. Wildhof dankte Nongfu für feine Mitteilungen, ermahnte ihn zum treuen Festhalten an der Lehre des Großen Geistes, an dem Gebet und entließ ihn mit den ermunternden Wortey: „Nur Vertrauen! Ich werde alles versuchen. Es wird sich schon machen. Der Große Geist ist mit uns!" Mit einem kräftigen Händedruck verabschiedete sich der tapfere Knabe von P. Wildhof, von Kenfui und den übrigen Trägern und verschwand in der Richtung des Dorfes. Er hatte wichtige Nachrichten gebracht, über die der Pater sich auf dem Wege noch lange mit Kenfui unterhielt. Er war in froher Stimmung, und voll Gottvertrauen sah er der Lösung der schwierigen und für das Missionswerk so grundlegenden Aufgabe entgegen. Die kleine Karawane erreichte nach einem langen, beschwerlichen Abstiege die Utembaebene, welche sich in majestätischer Ruhe und in üppiger Pracht vor ihnen ausbreitete. Weit, weit in der blauen Ferne gewahrte man die Berge, auf denen Tfchoba, das Ziel ihrer Wanderung verborgen lag. ' (Fortsetzung folgt.) Oigentüiner, Herausgeber und Verleger: Missionsbaus der Söhne d"s heiligsten Herzens Jeiu in Graz, Paulustorgafse 10. — 'Veraniworlliazer Schriftleiter: P. Al. Wils ling, Missionshaus, Graz, Paulustorgasse 10. — Universttäts-Btüchdru-Lerl?- „Styria" in Graz.