Nr. V. SllniMg den 18. Ncmiiiker 1865. 9. Iahrgnnz. Ilätter aus Hrain. (Beilage zur „kaibachcr Zeitung.") Die „Blätter aus Krain" erscheinen jeden Samstag, und ist der Pränumeratiouspreis ganzjährig 2 fl. österr. Währ. Sonett. Wie sehr ich auch das Her; beruhigt glaube ! Und still die heiße, wilde Leidenschaft, Oft schäumt sie auf iu ihrer altcu Kraft j Und meine Ruh fällt wieder ihr zum Raube. ! Daß sich der Baum der Hoffnung neu belaube, Deu ich schon hielt fiir cincn dürren Schaft, ! Ich hab eö nicht erwartet. Immer rafft ^ Die Scelc auf sich aus dem niedern Stanbe, Und strebt dem Ziele zu, dem Ideale, Das wie ciu Stern die finstre Nacht erhellet, Mich ganz erfüllt mit seinem Himmelöstrahle, Und mir mit süßer Lust die Seele schwellet. — ! Ob ichs erreiche? Nimmer, glaub ich, nimmer! ! Der Stern ist hoch — für mich ist nur sein Schinnner. ! Der Zauberstock. ! Märlcin von Ludwig B o w i t s ch. j Da, wo dic Elbe dem Vergcsschoße entspringt, waltete vor Zeiten ein armer Holzhauer, dcr es bei allen Sorgen und Mühen nicht fürder zu bringen vermochte. Darob grollte derselbe oft in bitterster Weise dem Walten des Schicksals. Einst, als er in derlei trübe Gedanken versuuken, durch denTannen.-forst hinschritt, traf er auf einen Wandersmann in Klausner- j tracht, der, eine heitere Weise vor sich hintrillernd, den geböte- ! nen Gruß mit freundlichstem Lächeln erwiderte. „Woher des Weges, mein Freund, und warum so finster zur Erde gebückt?" „Wie sollt' ich nicht, steht doch ein Unstern über meinem ! Leben!" ^ „Mcint wohl jeden Grund zur Klage zu haben, während ^ die Vorsehung huldreich für ihn sorgt und ihm das gibt, was z frommt, und vorenthält, was zum Nachtheil gereichen würde." „Die Noth, lieber Herr, läßt sich doch wahrlich nicht als Segen betrachten." „Warum denn nicht? Kann doch das Glück auch ins ! Verderben führen." ! Und sie zogen fürbaß im Düster des Waldes. Plötzlich flog ein Vogel mit prächtigem Gesieder auf. „Der soll mein eigen werden," rief der Fremde, flüsterte einige Worte, zeichnete mit seinem Stäbe einige Kreise in die , Luft, hielt die Spitze sonach senkrecht empor, und wie ein Blitz stürzte der Vogel herab. * „Ein Prachtstück, die Verletzung durch dcn Anprall an das Eisenbeschläge unbedeutend. Kannst ein hübsches Stück Geld verdienen, wenn Du ihn zu Marlte trägst, lieber Freund. ! Beliebt es Dir, ich trete ihn ab." ! Starr vor Staunen stand der Holzfäller. „Ist das ein wunderbarer Stock!" „Nun, willst Tu den Vogel?" „Lieber, guter, sonderbarer Mann, danie Dir für den Vogel, aber mach' noch solch' ein Kunststück." Und der Fremde lächelte, und an ein Wasser tretend sprach er wieder dumpfe, selsame Worte, tauchte dcn Stab mit seiner Spitze ins Wasser, rief: „Forcllchen, hopp, hopp," und das Fischlcin zappelte widcrstandsunfähig am Stock. „Ist ein hübsches Fischlcin! Kannst es gleichfalls mitnehmen, wenn es Dir bcliebt. „Lieber, guter, räthsclhaftcr Mann!" stotterte Hcinz. „Ja, wem solch ein Talismann zu eigen, der kann leicht Andere trösten. ' Du hast gewiß der Zauberkleinodc mehr. Klausner, lieber Klausner, gib mir den Stock und lehre mich sein Geheimniß." „Und wenn ich Dir auch den Stock geben und scin Geheimniß offenbaren würde, bleibt es doch zweifelhaft, ob durch diese Spende Dcin Glück —" „Wie sollte ich nicht glücklich scin? Klausner, lieber Klausner!" „Freund, Freund, mcine Bedenken sind gegrüudct." „O, gib den Bedenken nicht Folge und gründe das Glück eines armen, bis nun vom Geschicke mißhandelten Menschen." „Noch einmal warne ich Dick, nicht zu wünschen." „O Klausucr, lieber Klausner, ich will Dich ewig, ewig preisen!" „Wohlan, ich l Grund ans neu erbauten Hause. Er sehnte siäi nach einer ! Lebensgefährtin. Aber nicht Herzensrcinhcit nnd Seelengute, die er vor Zeiten als den wcrthvollsteu Schmuck eines Weibes ! gepriesen hatte, würdigte er bei Vornahme der Wahl, son- ! dern einzig nur Schönheit und Gold. So sehr waren seine ! Anschauungen im Tumulte des Glückes getrübt worden. ^ Bei leichtsinniger Wirthschaft war die Mitgift bald vrr- ^ praßt nnd nur dem Zauberstocke blieb es vorbehalten, das ! Hauswesen uor Elend zu bewahren. ! Sorgsam hatte bis nun Heinz sein Geheimnis; behütet ^ und den Stab mit Argusaugeu bewacht. Tcm lauernden Weibe ! fiel jedoch endlich die räthsclhafte Sorge ihres Ehehcrrn für den ! seiner Erscheinung nach werthlosen und unschönen Stock auf. „Ick bin T?in Weib," rief es eines Tages, „nnd will wissen, welches Bewandniß es mit dem plumpen Holz da habe, ich —" „Es ist mir werlh/' „Sprich, es waltet irgend ein Geheimniß —" „Wäre cincs im Spirle, so fordere nicht sürwitzig —" „Mir soll etwas zu wissen verweint sein? mir, der Hausfrau?" „Gib Tick zufrieden." ! „Sonderbar erscheint mir oft Dein Treiben, ich muf; es , wissen, muß —" „Wahnsinnige, Tu rufst Dein Verderben heran." „So soll —" rief von Leidenschaft verblendet das Weib, riß mit aller Kraft der Vnth den Stock ans der Hand ihres i Gatten und warf ihn in die Gluth, die auf dem Herde prasselte. ^ Ein Tonnerschlag erfolgte und das Gehöft stand in Flammen. , Der Stock und sein Zauber waren dahin. Heiiiz und sein Gcmal vermochten nur das nackte Leben zu retten. Nun aber, wo die grenzenloseste Noth über den Häuptern ' der Obdachlosen schwebte, würdigte Heinz' die tiefe Bedeutung ^ der Lehren, die ihm dereinst vom Geist dcs Gebirges ertheilt ^ worden waren. Nun fand er sich ärmcr, als er jemals gewcscn, b^saß aber «och überdcm ein böses, herzloses Weib, das ihm den mit Mühsal erworbenen Bissen Brot durch ihren Geifer verhcrbte. Seufzend rief er oft, wenn er, von Schcllwortcn begleitet, aus dem Hause trat: „Rübezahl, Rübezahl, o hätte ich nie von Tir den Zauberstock empfangen, Deine Spende ist mir zum gräßlichsten Fluche geworden! Das Gebirgsthal. (Fortsetzung und Schluß.) Ick setzte mick auf einen Stein und schaute in das grünliche Gewässer. Ter beutigc Tag, die wunderbaren Begeben- heiten, das Bild des lieben Mädchens, ihre schlanke Gestalt, ihr anmuthvolles Benehmen, die seltsame Melancholie, das plötzliche, fast krankhafte Aufflackern ausgelassener Lustigkeit: alles dieses erfüllte mich mit Neugier, Wonne und Freudigkeit. Blickte ich auf, lachte mir aus jeder Blume der Purpur von Ieanet-teus Mund entgegen, fpiegelte sich der Himmel im Bache zu meinen Füßen, so glänzte daraus ihr freundliches Auge. Ich merkte, daß es gefährlich zu werden drohe, ich wollte mich der Träumerei gewaltsam entreißen. Umsonst! In mir glühte und fieberte es. Ich zog mein Skizzenbuch, der Stift flog über das Papier, da legte sich leicht eiuc Hand auf meine Sckultcr und eine Stimme rief lachend: „Gefangen, gefangen! Icht geschwind, beichte» Sie, was haben sie geschrieben?" — Ich hatte das Buch geschlossen, allein Jeanette drückte mir's auf. „Gefchwind, bei mir finden Sie keine Gnade." — Ich ergab mich, meine Pulse flogen, ich zitterte vor Aufregung, während ich las : „Hast mich, Mädchen, lieb nnd hold! Ach l'l'zaubcrt gan,; Mil der ducken WM'uqold. Mit der Augen Glan,; Ach, ja, ja, Dein lieber Blick Hat mirs an^tthai!, Tasi ich niimm'r Dich, mrin Glück, Nimmcr lassm taun. Drnm ja, ja. ach sci Du nu'in! Druck Dich au dic Brust-------" Sie machte eine Vewegnng. ich sah auf. Da faß sie, lohe Gluth auf den Wangen, während die Augen thcilnahms- los ins Weile starrten. Ihr Busen hob sich conuulsivisch, ein leichter Seufzer entschlüpfte ihrem Mund, daun bcdeckte fie das Gesicht mit den Händen und flüsterte schmerzlich: „Was haben Sie gethan?" Plötzlich aber sprang sie auf, riß mir lachend das Blatt aus der Hand und rief: .,Wem gilt das? Haben Sie noch mehrere so hübsche Sachen? Da: „Leicht im Tanz", ! „Der Einzigen" — bravo, Herr Dichter! Ach, sieh' da, was ^ ist das? „Skizzen". Das müssen Sie uns zum Besten geben! ^ Kommen Sie, Papa wartet, kommen Sie geschwinde!" ! „Aber Mädchen!" rief dieser, als er Jeanette mich her- ! beiziehcu sah, „Märchen, was fällt Tir cin?" „Sieh nur, Papa, Herr Julius ist Dichter und der böse Mann sagt uns kein Sterbenswörtchen davon, nun aber soll er daran!" Und sie erzählte ihm Alles. Der Alle sah mich ! forschend an, ich wurde feuerrot!), er lächelte tummervoll ! und sagte, daß es ihn frenen solle, etwas von mir zu hören. ! Jeanette ließ nicht ab, bis ich begann. ! Vor zwci Jahren, während meiner Studienzeit zu .... ! wohnte ich gegenüber einem alterthümlichcn, großen, finstern Hause. Oft betrachtete ich, von meinen Büchern auffchcnd, die Arabesken und Schnörkel, so den Giebel zierten, die verzerrten Gesichter und behelmten Häupter über den Fensterbögen und die Drachenköpfe an den Dachrinnen, ans deren bezahu-tcm Echlundc bei Regengüssen das Wasser aufs Pflaster nieder- ! schoß, nnd niemals ohuc geheimes Grauen. Auch den andern ^ Leuten mochte es so vorkommen, denn man munkelte hin und her, es sci iin alten Hause nicht recht geheuer, es gehe darin j um, und hieß das Gebäude nicht anders, als den „öden Hof". Niemals hatte dort Jemand Einen aus- oder eingehen gesehen und die grünseidenen Vorhänge blieben stets verschlossen. Freilich war einmal früh des Morgens, als ich am Fenster stand, Niemand bei mir, sonst hätte er wohl sehen können, wie sich die schweren Vorhänge Koben und eine alte Magd den Staub von den Möbeln strich. Staunend verschlangen meine Blicke olle die Herrlichkeit. Die hohen Spiegel, die kostbaren türti-, scheu Teppiche, die glänzenden Tische von Mahagouyholz, die weichgepolsterten Divans, und ich seufzte: „Schade nur, daß alles dieses verlassen steht, wer doch der Glückliche sein und darin wohnen könnte!" Eine Nacht wälzte ich mich schlaflos auf meinem Lager. Draußen wars hell und der Mond beleuchtete mit grellem Lichte den „öden Hof". Die Zierathen und Schnörkel an den Fenstern und am Giebel flirrten im Sterncnschein, schienen sich zu regen, zu drehen — da, ein Ncbstock riß sich ab, zerrte an seinen Blättern, dchnte, krümmte sich, und in rotircnder Bewegung, die Spitze vor, kam er auf mich zu, so immerzu — ich wandte mich, um ihm zu entgehen, aber der Spuck folgte — allmäh-lig entpuppte es sich: ein Gesicht teuflischen Hohnes verzog den Mund zu grinsendem Lächeln — so kams los — schon wars ganz nahe, jetzt streckt es zwei Krallen nach mir, um mich zu zermalmen, während die andern Fratzenbildcr an der Wand tückisch den Nachen verzerren, da, ach! mit einem Schrei schlug ich, die Faust geballt, nach der Wand. In Angstschweiß gebadet erwachte ich. Hufschlag ertönte auf dem harten Pflaster. Ich eilte zum Fenster, die Vorhänge drüben waren aufgezogen, ich sah gerade in den Saal hinein. Eine Wachskerze in krystallenem Leuchter brannte auf dem Tische. Daneben stand cm ältlicher Herr, Adel in Gestalt und Antlitz, und entfaltete einen Vricf. Kaum hatte er einen Blick hinein geworfen, als er zornig das Haupt emporwarf. Entrüstung drückte sich iu dem von Acrgcr gerötheten Gesichte aus, während seine Nechte grimmig den Brief zerknitterte. Dann las er nochmals, las wieder, als könne cr sich nicht überzeugen von dem Fürchterlichen, was darinnen flehen mochte. Todesblcich warf er sich aufs Sopha und begrub sein Angesicht in die reichen Kissen. Starr und unbeweglich lag cr da, plötzlich sprang er auf, seine Augen warcn gcröthct vom Weincn. Inmitten dieser Herrlichkeiten weinen! „Sie sind nicht immer glücklich, die Großen dieser Wclt," dachte ich und sah zum Himmel auf. Eben barg sich der Mond lmitcr cine Wolke, mich überlief ein Frösteln, ^ ich ging zu Bett. Spät des Morgens erwachte ich nach un- j ruhigem Schlummer. ! Einige Tage darauf, in einer Musiestunde, eilte ich ins ! Grüne. Ich wcilc in freien Stunden nirgend so gerne als in ! der fchönen Natur. Da spricht jedes Blümchen zu mir, da ^ flüsterts mir ans jedem Zweige der rauschenden Bäume so heimisch zu, so traut, als wcnns wüßte um mcinc Freuden und Bekümmernisse, nnd mir ists, als sängen alle Vöglrin ^ nur zu meiner Lust, und jedes schaut mich so schelmisch an, ^ als sagte es: „Wir kennen uns, du kleiner, loser Vogel." Wie ich so in Träumereien versunken umherirre, stand ich mit Einem vor einem gar großen, schönen Garten. Spiegelnde Bassins, in denen Goldsischlein hin und wieder schössen, schimmernde Kastaden, springende Brunnen, üppige Wohlgerüche der seltensten Blumen umgaben und umdufteten einen geräumigen Pavillon, umrankt von Epheu und Immergrün. Stimmen schollen daraus, ich blickte durch das Geflechte. Ein Herr stand darin, abgewandt von mir und der jungen Dame, die vor ihm auf den Knieen lag und stehend zu ihm die Hände emporhob.' „Vater, zürne ihm nicht, um Gott, zürne ihm nicht! Mach ihn nicht so elend, wie Tu mich verstoßen!" z Jener wendete sich rasch. Es war der Herr, den ick in jener Nacht von meinem Fenster beobachtet hatte. Auf seinem kum- ! mervollen Gesichte lag der Ausdruck der Wuth und des Schmer- > zes. „Unglückliche!" rief cr „woran mahnst Du mich? Tu hast es selbst gewollt! — Aber cr, ein bürgerliches Mädchen! Ha, nie verzeihe ich ihm dies verhaßte: „Sie ist vor Gott mein Weib!" Nimmermehr!" ! „Vater, Du weißt nicht, waö Liebe ist. Du hast das nie ! erfahren!" ! „Umsonst, er ist nicht mebr mein Sohn —" i „Gerechter Himmel! Vater, er ist hier, er fiebt um Deine ! Verzeihung." „Sag ihm, daß ich---------" ! Ein gellender Aufschrei tönte durch die Luft. Erstaunt ! sah ich auf von meinem Buche, sah den alten Herrn, das Gesicht in die Hände gedrückt, in dcu Stuhl zurückgesunken, wie ihm ! die hellen Thränen durch die Finger perlten, hörte, wie cr mit > erstickter Stimme schluchzte: „O Mathilde!" Dann aufspringend ! rief er mit fürchterlichem Tone: „Sag ihm, daß ich ihm fluche!" ! — Ich kehrte mich zu Jeanetten. Diese saß, das Antlitz ab- ! wendet, die Arme wie abwehrend gegen mich gestreckt. Ich ^ wußte nicht, was es gcbc, was das zu zu bedeuten habe. Sie ^ ergriff meinen Arm und lispelte: „Genug, Julius, genug! ^ Sie wollen erzählen, wie dann der junge Mann, an der Thür ! des Pavillons erschien, n?k er niederstürzte und stehend seines ! Vaters Knie umschlang, wie der i^.i von sich gestoßen, jener ! hinauswankte — ein Schuß — mit zerschmettertem Schädel ^ — o, es war Graf Hermann, mein Bruder!" Unmöglich kann ich die Gcfühle beschreiben, die bei diesem ^ unerwarteten Auftritt mein Herz bestürmten. Tort der alte ! Graf, bittere Thränen vergießend über den Sohn, den er selbst gctödtct, hicr Jeanette, in Schmerz aufgelöst über ihren armen Bruder, ich, der durch seine Unvorsichtigkeit den Sturm heraufbeschworen, die fremden Leute, welche neugierig und unwissend die Gruppe umstanden. Endlich kehrte sich Icanettc zu mir: „Vci uns kann unter solche,: Umständen von einem Weiterreisen keine Rede mehr sein. Mein Vater bedarf der Erholuug, der Schlag hat ihn zu sehr erschüttert. Sie, Herr Julius, werden ohne Zweifel ihre Wanderung fortsetzen. Gott sci mit Ihnen, reisen Sie glücklich!" Ich wußte mich nicht zu fassen. Tie Trennung von Jeanetten schien mir unmöglich. Ob der Verstand gleich die tiefe Kluft erkannte, welche durch diese Erklärung zwischen der Comtesse und dem Studenten herbeigeführt ward, su konnte das Hcrz ihm doch unmöglich Recht geben. Ich machte mir Vorwürfe über meine Unbesonnenheit, die ich doch nicht verdient. Ich mußte um jeden Preis bleiben, ich bot Jeanetten mcine Hilfe an, deren sie so sehr ihres Vaters wegen bedürfte; sie blieb standhaft. „Ich habe Ihnen rinige schöne Stunden zu danken, Julius! allein Sie werden begreifen, wie schmerzlich Ihr An-blick meinen Vater berühren würde." „Jeanette, ich soll gehen ^ O, was mir erst im Herzen ahnungsvoll geschlummert, wurde gräßlich aufgescheucht beim Worte „Trennung". Nie fchöncn Augenblicke dieses Tages haben mich eingelullt in süße Träume vom Erdcnglück und Seligkeit, willst Tu sie zerstreuen? Was ich noch nicht klar gefühlt, das ist mir lebendig geworden, als es hieß: Scheiden. Jeanette, Du kannst mich nicht gehen lassen, ohne Trost, ohne Hoffnung." Turch Thränen lächelnd reichte sie mir die Hand: „Gehen Sie, leben Sie wohl!" Ich ging, ich wandte mich um: „Ieauctte!" Sie stand halb weggekehrt, anf den Wangen fieberhafte Gluth, wogenden Sturm in ihrer Brust. Sie stürzte mir entgegen: ! „Iulins, Julius!" Sie umschlaug meinen Nacken mit bei- ^ den Händen und küßte mich auf den Mund. Ich drückte ^ sie feurig au mich, fie trat zurück und deutete mit abgc- ^ wandtem Antlitz in die Ferne. Ich schied, voll wilder Hast ! und innern Grimmes erklomm ich die nächsten Felsen. Ich , blickte hinunter ins Thal, dem Schauplatz meiner kurzen Freu- ! den, erblickte Jeanetten zum letzten Male. Ich habe sie nie wie- ! der gesehen. Viele Jahre sind vergangen, viel erfuhr ich ^ auf meinen Qucrzügcn durch die Welt — sie konnte ich nicht ucrgcssen, sie blieb der Pharus auf wildbewcgtem Lebens- ^ meere, der freundliche Stern in der dunkeln Nacht meines Daseins. ^1. 8. Literatur. „A haöucrus in N o in." Eine Dichtung in sechs Gesängen. Von Robert H a m m c r l i u g. Hamburg und Leipzig bei I. P. F. Nichter. 1806. Der Dichter der „Venus im Eril," des „Schwaneulicd der Romantik," dcs „Geruiaucuzug," der liebenswürdige Lyriker, der als Mitarbeiter dieser Blätter den Lesern durch manches sinnige, schöne Gedicht bekannt ist, hat wieder eine neue, größere Dichtung erscheinen lassen, ein Werk, dem die Bedeutung nicht abgesprochen werden kami. In dieser Dichtung, betitelt „Ahaöuerus iü Nom," zeigt sich der Dichter von einer ganz ucnen Seite. Lebte er bisher nnr dem Cult dcs Schönen und Idealen, waren seine Dichtungen nnr Spiegelbilder seiner eigenen sinnigen Gemüthswclt, so tritt er in der neuen Dichtung als Schilderer einer in Egoismus versunkenen Welt, ciucr ruchlos argen Zeit, in welcher Sinnenlnst das höchste Ziel war, auf, um durch das Vorhalten dieses wüsten Bildes die Gegenwart zu besseru. Au Großartigkeit der Anlage, an Farbenpracht der Schilderungen, an Reichhaltigkeit philosophischer Ideen nnd Gedanken überragt diese neueste Dichtung Hammerliugs alle früherm, obschon wir gestehen, daß sie als GauzeS unö bei Weitem uicht so befriedigt, als das „Schwancnlied der Nomantik". Wn- werden später sagen, warum. Tcu Inhalt des Gedichtes gau,z kur; zu erzählen, ist schwer. Der Held desselben ist Nero; der ruhelose, Wanderer Ahasucr wandelt nur so nebenbei als sprechendes Schicksal. Nero, in Begleitung des Mohren Tigelliu, dcs stets bereiten Henkers, des Burrus', Tom-maudant seiner Leibwache, und Sencka'S, des Lcibphilosopheu, der immer von stoischen Sentenzen trieft, aber alle Schwelereien mitmacht, gehen als Vermummte aus und Nero sieht dcu seltsamen Greis Ahaöucr, dem sie neugierig folgen. Er führt sie in „die Schenke Lo-knsta's," wie der erste Gesang betitelt ist, wo Nero mit dem gemeinsten Gesinde! eine Orgie feiert und mit einem Kinde, ciuer schwarzäugigen Spanierin, eine Brautnacht feiert, worauf er das gauzc Gc-sindel auf die nächste Nacht ,;n einem Bacchanal in die Kaiserburg einladet. Die Schilderung dcs „Bacchanal" füllt den zweiten Gesang. Es ist ein Fest der wüstesten Sinnculnst, der unerhörtesten Verschwrndnng; Nero erklärt, die Zeit des Gcnnsses sei gekommen, und er als Nero-Dionysos sei ihr Gott. Da erscheint die Göttin Noma. Es ist Agrippiua, Nero's Mutter, der in unerlaubter Lust zu ihr entbrennt. Agripftina flicht in eine Grotte, wo ihr Geliebter, der Tänzer Paris, ihrer harrt. Nero belauscht sie bei ihren Liebes-frcudcn, und da er gehört, daß Agrippina gesagt, sie werde seineil Bruder Britaunicus zum Kaiser machen, so befiehlt er dem Mohren Tigclliu, dcu Britannicus zu ermorden, den Paris zu entmannen und seiuc Mutter zu ertränken. Noch voll Wuth kehrt er zum Fest zurück und befiehlt, angeregt vou Ahasver, dem Gesiudel aus Lokusta's Schenke, das als Bacchanten da war, Nom anzuzünden. Im dritten Gesänge beschreibt nun der Dichter den Tod Ngrippmias im Tyr-rhencrmccr; im vierten schildert er den Brand Roms; im fünften erzählt er, daß Nero in seinem „goldenen Hause" sich langweile und bereits an Lebensüberdruß kränkle; im sechsten endlich vollzieht sich sein Geschick, die Nömcr rnfcu Galba zum Kaiser ans, und Ncro, von Allen verlassen, flüchtet iu Begleitung eines ihm treu gebliebenen Germanen und kommt iu eine Höhle, wo Christen ihrem Gott einen Altar errichtet haben. Nachdem cr hier uoch die uene Lehre gehört, die er nicht versieht, stößt er sich dcs Germanen Schwert ins Hcrz. Die Schilderungen der ciuzclueu Vorfälle sind glühevoll prächtig; das Bacchanal, die Meerfahrt Agrippiueus, der Brand Roms, das sind Beschreibungen, die an Färbung und Anschaulichkeit geradezu meisterhaft zu uenncn sind. Dazn der lyrische Schwung, die blendende Rhetorik und dabei doch das Verbleiben im Kreise der Schönheit — das sind Vorzüge, die der Dichtung ebcu ihre Bedeutung verleihen. Weuu wir unn dies anerkennen, so dürfen wir auch uicht vcrschwcigeu, daß der Dichtung die eigentliche epische Handlung fehlt. Die Unthaten, welche Nero begeht, geschehen unr, weil Geschichte und Sage schon von ihnen berichten, eine ans den Umständen heruorge-gaugeuc Nolhwendigkeit wird nicht dargcthau. Zudem entbehren die handelnden Personen der nöthigen Plastik, sie sind nur Träger gewisser Idcm. So ist Nero -- er sagt cö selbst — der Träger „des hüchstcu Lcbeusdranges," Ahasvcr ist der Träger der tiefsten Toocs-sehnsncht, und so oft der höchste Lebensdraug in einer Grancnthat sich äußert, kommt die tiefste Todessehnsucht und hält eine Rede, dahin zielend, sie werde riust über ihn siegen. Alle Personen, von Nero an bis zniu Schuster Saccus von Benevent, dein spindelbeinigen Dickwanst mit der Fnntelnase denken, handeln nnd sprechen nicht, wie sie ihrer Zeit nnd Bildung nach hätten sollen, sondern ans ihnen spricht nur immer der Dichter. Mau kann daher nicht sagen, dcr „Ahasvcrus in Rom" sei ein Epos, sondern wir halten es für eiu allegorisch-philosophisches Gedicht in fünffüßigen reimlosen Iamben, dessen Personen wohl dem Alterthum cnlehiit, dessen Ideen aber modern sind. Es ist Mode geworden, die Ungeheuer des Cäsarcnthnms, ^ wie sie Tacitus nus überliefert hal, weiß ;n waschen, sie clg Opfer i dcr Umstände ihres Titaneuzeilaltrrs oder als Verkannte und Ver-> läumdcr hinzustellen. Adolf Stahr, ein sonst sehr geistreicher Manu, ! liat in dieser geschichtlichen Schönfärberei Erkleckliches geleistet. Aber i die von TacitnS nnd Inucnal überlieferten Charakteristiken sind uicht ^ ;n verwischen, sie sind uns ins Blnt übergegangen und wir kö'nucu nns weder für deu vom kindischen Blödsinn gereinigten Caligula noch für die „vcrläumdctc" Mcssaliua erwärmen, uud so kommt rs z auch, daß nns das Ungeheuer Nero iu dcrHammcrling'schcn Allegorie i als Repräsentant des höchsten Lcbcnödranges, dcr sich durch Vcrnich-! tnng dessen, was ihm iu die Nähe kommt, manifcstirt, vollständig ! kalt läßt. Was nns in der Dichtung behagt uud weswegen wir sie ! als bedeutungsvoll bezeichnen, das haben wir schon erwähnt; es sind das die Vorzüge Hammcrlings als lyrischer Dichter, die im „Ahasvcr" so glänzend hervortreten. Niemand wird das Buch aus der Hand legen, ohne zu gestehen, daß es das Werk eines großen Poctischm Geistes ist. I.. .1. Verantwortlicher Redacteur I. v. Kleinmayr. — Druck und Verlag von I. v. Kleinmayr H F. Bamberg iu Laibach.