In Memoriam UDC: 1 Figal G. Damir Barbaric Die Nähe zu den Dingen Zum philosophischen Werk Günter Figals Vorbemerkung Am 17. Januar 2024 ist in Ulm im Alter von 74 Jahren Günter Figal verstorben. Durch sein akademisches Leben verband er glücklich drei alte und äußerst angesehene, traditionsreiche deutsche Universitäten. Philosophie und Germanistik hat er in Heidelberg studiert, wo er mir einer Arbeit über Adornos Ästhetik promovierte. Habilitiert hat er sich mit einer umfangreichen Arbeit über die Phänomenologie der Freiheit bei frühem Heidegger, die, als Buch veröffentlicht, auf die bis heute anhaltende Anerkennung gestoßen ist. Ab 1989 bekleidete Figal eine Professur in Tübingen. Im Jahr 2001 folgte er dem Ruf an die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, wo er den ehemaligen Lehrstuhl von Husserl und Heidegger einnahm und dort bis zu seiner Emeritierung 2017 tätig war. Ab 2003 bis 2015 war er Vorsitzender der Martin-Heidegger-Gesellschaft. Er war auch langjähriger (Mit-)Herausgeber der einflussreichen Buchreihen Heidegger Forum im Verlag Vittorio Kostermann und Philosophische Untersuchungen im Verlag Mohr Siebeck, sowie bei demselben Verlag Phainomena 33 | 128-129 | 2024 Herausgeber des Internationalen Jahrbuchs für Hermeneutik, zweifelsohne einer der weltweit besten Zeitschriften auf diesem philosophischen Gebiet. Die Breite von Denkern und Themen, mit denen sich Figal in seinem Unterricht beschäftigt hat, ist immens und beinahe verblüffend, insbesondere angesichts der heute im Bereich der geschichtsphilosophischen und philosophischen Forschung ständig wachsenden Tendenz zur Spezialisierung. In seiner akademischen Tätigkeit sowie in zahlreichen kleineren Abhandlungen und Büchern führte Figal ein unaufhörliches Gespräch mit den bedeutendsten Denkern der gesamten philosophischen Tradition, vor allen anderen aber mit Platon, Nietzsche und Heidegger. Damit gelang es ihm, die oft übersehenen Schlüsselaspekte ihres Denkens durch gründliche und sachkundige Interpretationen ans Licht zu bringen und so Unterstützung und Ermutigung für seine eigenen philosophischen Überlegungen zu gewinnen. Neben der regelmäßigen akademischen Tätigkeit an Freiburger Universität nahm er Einladungen zu Gastprofessuren im Ausland an, insbesondere nach seiner Emeritierung; er lehrte unter anderem in den USA, Italien, Dänemark, Belgien 360 und in den letzten Jahren zunehmend auch in Japan. Dies trug, zusammen mit der Vielzahl von Übersetzungen seiner Werke in mehr als 15 Sprachen, zu einer bedeutenden internationalen Rezeption seiner Werke bei. Einen gehalt- und eindrucksvollen Vortrag hielt Figal an einer Heidegger-Tagung im Juni 2006 in Zagreb,1 wo bereits 1997 sein Buch Der Sinn des Verstehens auf Kroatisch erschienen ist. Es sei bei dieser Gelegenheit eine persönliche Bemerkung erlaubt. Die intensive und vielfältige Zusammenarbeit mit Günter Figal, die im Laufe von dreißig Jahren unter anderem in Tübingen, Dubrovnik und Freiburg, sowie bei manchen gemeinsam herausgegebenen Publikationen, immer wieder stattfand, war mir ein wertvolles Zeugnis dafür, dass selbst in der akademischen Welt, deren Horizonte so oft von dichten Wolken aus gnadenlosem Wettbewerb, rücksichtsloser Selbstbehauptung und nicht zuletzt auch banalstem Neid verdunkelt werden, ein rein freundschaftliches Verhältnis des vollen gegenseitigen Respekts und taktvoller Ermutigung möglich ist. So mögen die 1 Vgl. Günter Figal, „Heidegger und die Phänomenologie". In: Damir Barbaric (Hrsg.), Das Spätwerk Heideggers. Ereignis - Sage - Geviert, Würzburg 2007, S. 9-18. In Memoriam folgenden Überlegungen - die größtenteils auf meine, bisher unveröffentlichte, an der Freiburger Universität am 17. Juli 2009 gehaltene Festrede anlässlich seines 60. Geburtstag zurückgreifen - als eine Art von Bürgschaft dauernder Erinnerung und als Zeichen der Dankbarkeit gegenüber einem treuen Gesprächspartner und Freund verstanden werden. * * * Günter Figal war Philosophieprofessor, und zwar ein weltweit bekannter und anerkannter. Viel wichtiger ist aber die keineswegs selbstverständliche Tatsache, dass er ein echter Denker war, sogar einer von den „DenkendEmpfindenden", um Nietzsches tiefsinnige Bezeichnung aus einem Aphorismus seiner Fröhlichen Wissenschaft zu verwenden, der für Figal früh zum Anstoß und weiterhin zum ständigen Bezugspunkt wurde.2 Damit sei der Grundcharakter der folgenden Betrachtung vorgezeichnet. Denn einen Denker würdigt man am besten damit, dass man sich der Forderung dessen aussetzt, was er dachte. Im Folgenden soll zunächst in groben Zügen Figals 361 philosophiegeschichtlicher Ort bestimmt werden, um vor diesem Hintergrund das, was sich mir als seine eigentümlichste philosophische Sache zeigt, genauer zu besprechen. Es besteht kein Zweifel, dass Figals Denken von der gegenwärtigen hermeneutischen Philosophie ausgeht. Er hat nie gezögert, Hans-Georg Gadamer als den wichtigsten unter seinen unmittelbaren philosophischen Lehrern zu nennen. Es ist nicht zu übersehen, dass er auch Martin Heidegger, seinen ständigen philosophischen Gesprächspartner, vor allem in seinen früheren Jahren in mancher Hinsicht vom Gadamers hermeneutischen Ansatz her gelesen und verstanden hat. Diesem Ansatz nach ist „die philosophische Hermeneutik [...] eine Philosophie der bedingten Vernunft", wobei diese Bedingtheit sich als Offenheit erweist, in der der Vernunft etwas, worauf sie sich beziehen kann, erst gegeben werden kann.3 2 Friedrich Nietzsche, Die Fröhliche Wissenschaft, KSA 3, S. 540 (Aph. 301). 3 Vgl. Günter Figal, Verstehensfragen. Studien zur phänomenologisch-hermeneutischen Phainomena 33 | 128-129 | 2024 Nun gibt sich Figal nicht zufrieden mit den Wegen der philosophischen Hermeneutik, auf denen sie sich heute, um ihre Aktualität nicht preisgeben zu müssen, dazu veranlasst fühlt, entweder sich immer weiter zu spezialisieren und allmählich zum im Wesentlichen wirkungslosen reflexiven Nachtrag zu Anthropologie, Ethnologie, Sozialethik, Kulturhistorie, Linguistik usw. zu werden oder unter dem Zauber des sogenannten postmodernen Denkens zur spitzfindigen, einfallsreichen und herausfordernden, aber begrifflich unverbindlichen Rhetorik zu entgleisen. Figal weigert sich, „mit den begrifflichen Bordmitteln der Gegenwart Übungen im nachmetaphysischen Denken zu veranstalten"4 und sich damit an der durch „das immer weiter treibende und weiter reichende Kaleidoskop sprachlicher Zeichen und Gesten" ausgelösten Umdeutung der Philosophie zum „fröhliche[n] oder resignierende[n] Skeptizismus" zu beteiligen.5 Stattdessen plädiert er für die Bereitschaft zum lernenden Sich-einlassen auf die Tradition, um durch die Erfahrung der ihr eigentümlichen inneren Zweideutigkeit die Möglichkeit eines neuen Entdeckens dieser Tradition vorzubereiten. Die wahrhaft 362 hermeneutische Philosophie wäre demnach eine solche, die es nicht scheut, ihre Tradition radikal fragwürdig werden zu lassen, damit sie neu anfangen kann. Die alten Texte müssen ihre Selbstverständlichkeit verlieren, wenn man neu anfangen will, sie zu lesen; Fragen und Probleme, Fragestellungen und Begriffe müssen ihren kanonischen Charakter verlieren, damit sie neu entdeckt werden können.6 Philosophie, Tübingen 2009, S. 126. Im Folgenden wird das Buch unter der Sigle V und der Seitenzahl in Klammern im Grundtext angegeben. 4 Günter Figal, „Der metaphysische Charakter der Moderne. Ernst Jüngers Schrift Über die Linie (1950) und Martin Heideggers Kritik Über ,Die Linie' (1955)". In: H.H. Müller und H. Segeberg (Hrsg.), Ernst Jünger im 20. Jahrhundert, München 2000, S. 181-197, hier 196 f. (Nachgedruckt in: Günter Figal, Zu Heidegger. Antworten und Fragen (Heidegger Forum 1), Frankfurt am Main 2009, S. 205-221, hier 221.) 5 Günter Figal, Für eine Philosophie von Freiheit und Streit. Politik - Ästhetik -Metaphysik, Stuttgart/Weimar 1994, S. 3. 6 Günter Figal, „Nochmals über die Linie". In: G. Figal und H. Schwilk (Hrsg.), Magie In Memoriam Den „philosophische [n] Avantgardismus, dem immer nur das Neueste einleuchten will", entblößt Figal in seiner wahren Bodenlosigkeit: „[S]ein Tempo ist das Furioso des Verschwindens". Figals Anspruch ist eher bescheiden, zugleich aber nüchtern und von der gebührenden Ehrfurcht gegenüber der Tradition getragen: „Was man sich denkt, ist woanders meist schon gedacht worden - und oft differenzierter, als man es selbst ausdenken könnte."7 Bei der heute vorherrschenden Unverbindlichkeit der philosophischen Redeweise wirkt sein Vertrauen auf die klassische Begrifflichkeit als eine willkommene Ermunterung: „Die klassischen Begriffe tragen noch, besser als viele der modernen, wenn man sie nur unbefangen und in Bezug auf die Sache zu gebrauchen versteht."8 Freilich beruhen diese methodischen Leitlinien wie immer auf den philosophischen Vorentscheidungen. Sehr früh hat Figal das Fehlen des Theoretischen als einen Mangel erkannt, der die philosophische Hermeneutik des frühen Heidegger nicht weniger als jene Gadamers kennzeichnet. Beide haben die Hermeneutik grundsätzlich nach dem Vorbild der praktischen Philosophie konzipiert (G 21), was folgerichtig zur verwirrenden „Belastung 363 der praktischen Philosophie mit den Aufgaben der theoretischen" (G 24) geführt hat. Diese Vernachlässigung des Theoretischen brachte Schwierigkeiten systematischer Art mit sich. Bei Gadamer ist es vor allem die grundsätzliche Zurückhaltung oder sogar Ablehnung der Anschauung, deren Vorherrschaft er zur Ursache für die in der Philosophiegeschichte immer mehr sich durchsetzende Sprachvergessenheit der Vernunft erklärt. Demgegenüber weist Figal darauf, dass diese wohl nicht zu bestreitende Sprachvergessenheit nicht die Folge der Bevorzugung der Anschauung und damit auch der bleibenden und bestehenden Gestalt als deren Gegenstand ist, sondern eher der verhängnisvollen „Verselbstständigung des Anschauens", die zwar der Heiterkeit. Ernst Jünger zum Hundertsten, Stuttgart 21995, S. 25-40, hier 36. 7 Günter Figal, Für eine Philosophie von Freiheit und Streit. Politik - Ästhetik -Metaphysik, S. 131. 8 Günter Figal, Gegenständlichkeit. Das Hermeneutische und die Philosophie, Tübingen 2006, S. 4. Im Folgenden unter der Sigle G und der Seitenzahl in Klammern im Grundtext angegeben. Phainomena 33 | 128-129 | 2024 364 geschichtlich nachweisbar, aber nicht ihrer Notwendigkeit nach beweisbar ist (V" 108). Durch diese Einsicht wird für Figal die Möglichkeit eröffnet, das Theoretische im Sinne des Anschaulichen, Beständigen und Gegenständlichen in das Zentrum der hermeneutischen Philosophie einzubringen und damit ihren Forschungsbereich in Richtung auf die traditionell zur Phänomenologie gehörenden Sachbereichen zu erweitern. Die radikale Abschneidung des Theoretischen hat sich dem Heidegger laut Figal dadurch gerächt, dass in seiner durchaus geschichtlichen Philosophie kein Platz mehr übrig blieb für das Seiende im Sinne des Dauernden und Beständigen. Jede Beständigkeit sei bei ihm dem Verdacht der Verdinglichung im negativen Sinne der fälschenden Verdeckung ausgeliefert: Und weil Heidegger auch die Überzeugung nicht aufgibt, immer wieder stelle sich die Verdeckung, die Vergegenständlichung ein, bleibt für ihn die Wahrheit diskontinuierlich; sie ist das Plötzliche, Augenblickliche, ein Blitz, der die Nacht mit einem Schlag erhellt und dann wieder ins Dunkel fallen lässt. Das macht die expressionistische, nicht weniger die eschatologische Tönung des Heideggerschen Denkens aus.9 Dessen verhängnisvolle Folge sei die, dass Heidegger sich der Möglichkeit beraubt hat, über das menschliche Leben „im Bereich des alltäglichen Scheins" sinnvoll zu reden. In Anlehnung an das berühmte platonische Gleichnis wagt Figal die Behauptung (V 15), dass Heidegger in Folge seiner philosophischen Vorentscheidungen nur den Weg aus der Höhle zu zeigen, zu beschreiben und entsprechend darzustellen imstande ist, nicht aber die philosophische Erfahrung im Freien: „Für das Dasein, wie Heidegger es bestimmt und beschreibt, gibt es weder Dinge noch Gegenstände." (G 161.) Dieser Grundstellung, die nicht nur für Heidegger, sondern für das ganze, die moderne Philosophie beherrschende, „großangelegte[] Entgegenständlichungsunternehmen" (G 126) kennzeichnend ist, widersetzt sich Figal mit dem Hinweis darauf, dass das Leben im Freien, d. h. in der 9 Günter Figal, Der Sinn des Verstehens. Beiträge zur hermeneutischen Philosophie, Stuttgart 1996, S. 39. In Memoriam äußerlichen, räumlichen Welt inmitten der ihn umgebenden und ihm entgegenstehenden Dinge, für den Menschen das echte und höchste Ziel aller philosophischen Bestrebung ist. Das ist wohl kein Grundsatz, zu dem Figal erst nach dem langen denkenden Ringen in seinen Jahren der Reife gekommen sei, sondern seine von Anfang an zutiefst eigentümliche, ganz ursprüngliche Grundüberzeugung. Dafür zeugt schon der schöne, aus dem Innersten ausgesprochene Satz seiner verhältnismäßig frühen Interpretation von Platons berühmtem Höhlengleichnis: „Wer die Höhle einmal verlassen hat, wird darum auch immer wieder ins Freie wollen."10 Kein Wunder, dass Figal vor diesem Hintergrund die wichtigste Aufgabe der gegenwärtigen Philosophie darin gesehen hat, den „phänomenologische [n] Charakter der Hermeneutik" (V" 290) nachzuweisen und die damit wesentlich erweiterte Hermeneutik möglichst systematisch auszuarbeiten. Seine wichtigsten und entscheidendsten Arbeiten stehen hauptsächlich im Dienst dieser Aufgabe. Der frühere Schwerpunkt auf die Zeit und das innere Vernehmen tritt daher auffällig zugunsten einer Rehabilitierung des Raums und der äußerlichen Anschauung zurück. Anstatt der nie ruhenden 365 Zeitlichkeit wird „die Erfahrung bildhafter Präsenz" (V 108) zum eigentlichen Zielpunkt seiner philosophischen Bemühung. Die Hermeneutik, die sich auf diese Weise auf die Phänomenologie erstreckt, wird letztlich zum „räumlichen Denken" (G 4). Das Sehen, genommen im wesentlichen Sinne, in dem dazu das Zuhören nicht weniger als Zuschauen zugehöre und dessen Wesen in der Bereitschaft und Fähigkeit bestehe, die räumliche Äußerlichkeit frei zu halten und sie als solche wahr- und aufzunehmen, erweist sich schließlich als ein solches Betrachten, in dessen „wesentliche[r] Ruhe" (V 52) die Welt der Dinge sich unverstellt, und d. h. von sich her, zeigt und schlechthin da steht (V 276). Damit sind wir zu dem Punkt angelangt, an dem die phänomenologisch erweiterte Hermeneutik, wie sie von Figal immer entschiedener und ausdrücklicher vertreten und entwickelt wird, zur eigenen bestimmenden Mitte gefunden hat und woher sie sich gleichsam systematisch weiter zu entfalten suchte. Um diesen Punkt möglichst eindeutig und klar zu bestimmen, 10 Günter Figal, Das Untier und die Liebe. Sieben platonische Essays, Stuttgart 1991, S. 127. Phainomena 33 | 128-129 | 2024 lehnte sich Figal an den alles darin Wesentliche versammelnden Namen des „Gegenständlichen" an. Versuchen wir Schritt für Schritt die Grundzüge des damit Gemeinten darzulegen. Erstens bezieht sich dieser Ausdruck, der im beträchtlichen Maße schon die ganze neuzeitliche Philosophie beherrscht und bestimmt hat, bei Figal auf das freie Beruhen der Dinge in sich, auf ihr selbstständiges Für-sich-sein. Gegenständlich ist demnach alles, was uns gegenüber und uns entgegensteht (V 297). Das Gegenständliche ist also das Äußere, das heißt etwas, was schlechterdings entfernt ist, und zwar nicht zunächst im Sinne der messbaren Distanz, sondern dadurch, dass es nicht zum Nahen gehört, wenn unter dem „Nahen" das uns Eigene oder Vertraute verstanden wird. Das heißt, das erste wesentliche Merkmal des Gegenständlichen sei seine Unabhängigkeit von unserem handelnden Zugreifen. Insofern könnte gesagt werden, es sei sogar in gewissem Sinne „unberührbar" (G 164). Das Gegenständliche ist zweitens immer das Gegenwärtige. Es ist einfach das, was da ist. Es ist beständig, es dauert in der Zeit und gehört nicht dem 366 Fluss des Geschehens an (G 337): „Das Gegenständliche steht entgegen, dauert, besteht, löst sich nicht in die Bewegung und das Geschehen auf." (G 135.) Trotz des ernst zu nehmenden Verdachts, dem die überlieferte Grundbestimmung des Seins im Sinne von Dauer und Beständigkeit in der Zeit seit langem anheimgefallen ist, zögert Figal nicht, eben diese Bestimmung zum Mittelpunkt seines Denkens zu machen: „Sein, im Kontrast zum Werden und Vergehen gefaßt, ist Dauer, Bestehen." (G 360.) Das Gegenständliche ist drittens nicht nur das Sichtbare und Körperliche. Hier geht es keineswegs um eine Wiedererweckung des oberflächlichen Materialismus oder naiven Realismus: „Indem etwas gegenständlich wird, mutiert es zwar nicht zu einem sichtbaren Ding, aber es wird doch in gewisser Weise dinglich; es wird etwas, eine Sache, die nicht mehr ins vollzogene Leben gehört, sondern für sich steht." (G 137.) Für den, der mit der metaphysischen Prinzipienlehre des Philebos von Platon vertraut ist, und bei Figal war das im besonders hohen Maße der Fall, leuchtet ohne weiteres ein, dass hier das Schwergewicht auf der Bestimmtheit bzw. Bestimmbarkeit liegt, durch die ein bestehendes Etwas dem unaufhörlichen Werden des Unbestimmten und Grenzenlosen entrissen und damit festgelegt sowie in die Grenzen der In Memoriam eigenen Gestalt eingelassen wird. Demzufolge wäre es nicht abwegig, unter dem hier zu denkenden Ding, abseits von gewöhnlicher Unterscheidung des Materiellen und Ideellen das zu verstehen, was als das bestimmte Etwas im weitesten Sinne des Wortes erscheint und sich zeigt. So verstanden, wäre zum Beispiel die Freundschaft das Ding ebenso als der Baum, das Fest nicht weniger als der Lichtstrahl, der Wunsch oder Zorn nicht weniger als der Stuhl vor dem Fenster. Es ist freilich nicht zu verschweigen, dass Figal nicht bereit war, die Bedeutungsreichweite dieses Wortes bzw. Begriffs so weit auszudehnen. Insbesondere in seinem Spätwerk, das wesentlich durch eine entschiedene Zuwendung zum Raum und zum räumlich Erscheinenden bestimmt ist, bringt er das Ding in den Zusammenhang mit dem aristotelischen töSe ti und legt es systematisch fest auf das bestimmte Einzelne, das immer so oder anders an einem Hier gegenständlich erscheint.11 Viertens ist hervorzuheben, dass Dauer und Bestehen von solchem Gegenständlichen nicht als ein faktisches, abgeschlossenes und lebloses Vorliegen zu fassen ist. Das Gegenständliche ist „etwas, was nicht einfach nur dort steht, sondern sich von gegenüber her zeigt" (V 297). Sein Sich-zeigen 367 ist gänzlich von inniger Bewegtheit des gespannten Entgegenkommens durchdrungen. Sein versammeltes Bleiben ist „wie ein Warten" (G 135), ein Warten darauf, dass „man ihm entspreche" (G 3). Das Entgegenstehende ist uns nie gleichgültig; es ist immer ein Anspruch und eine Frage, eine Herausforderung und eine Aufgabe. Dieser Grundcharakter der gegenständlichen Dinge leuchtet vor allem an den Kunstwerken auf, die als maßgebliche Erscheinungsart von Dingen anzusehen sind. Die als Kunstwerke erscheinende Dinge stellt Figal schön und überzeugend als „verortete Auslegungs- und Deutungsaufgaben" dar (V 297). Wollte man alle erwähnten Wesensmerkmale des Gegenständlichen auf einen gemeinsamen Nenner zurückführen, wäre dies der alles Verhalten zum Gegenständlichen ermöglichende Abstand samt der ihn wesentlich bestimmenden Ferne: „Das Gegenständliche ist gegenüber, das heißt: auf Abstand." (G 136.) Oder allgemeiner gesagt: Jedes Erscheinen, als ein bestimmtes, und d. h. für uns wahrnehmbares bzw. fassbares, ist möglich nur 11 Vgl. Günter Figal, Unscheinbarkeit, Tübingen 2015, S. 89-138. Phainomena 33 | 128-129 | 2024 aufgrund des Abstands, durch den ein erscheinendes Etwas von uns getrennt und entfernt ist, wohlgemerkt nur in der Weise, dass es zugleich auf uns bezogen und derart mit uns verbunden bleibt: Zum Erscheinen gehört wesentlich, daß es im Abstand geschieht. So muß man von etwas zurücktreten oder es vor sich, von sich weg halten, damit man es sieht. Im Abstand liegt eine Trennung, aber sie geschieht um des Bezugs willen. Die Trennung ist hier zugleich die Verbindung; etwas ist weg von mir, darin „entzogen" und nur deshalb für mich da. (G 151.) Es wäre irreführend, den hier gemeinten Abstand nach dem Modell der messbaren und berechenbaren räumlichen Distanz zu verstehen. Denn dieser Abstand ist ganz anderen Wesens. Wie es bereits in Hinsicht auf die Ferne gesagt wurde, dass ihr Maß nur von den Graden der Fremdheit und Seltsamkeit bzw. der Vertrautheit und Gewöhnlichkeit abhängt, so ist auch der hier gemeinte Abstand nur nach dem Grad der durch ihn innerhalb des jeweiligen 368 lebensweltlichen Horizontes eröffneten Bezugsmöglichkeiten zu ermessen. So hat dieser Abstand gar nichts mit der räumlichen Nähe oder Entfernung zu tun. Was ihn zum wesentlichen Abstand macht, ist nur die Erreichbarkeit und Zugänglichkeit, welche er zu gewähren vermag: Die Enge drückt einen auf sich selbst zurück. [...] In der Weite ebenso wie in der Tiefe des Abgrunds und der unheimlich gewordenen Höhe verliert man sich. Beide Male fehlt die Möglichkeit des Bezugs; für diesen bedarf es der Weite, und zugleich muß etwas erreichbar werden. (G 153.) Deshalb wäre es falsch, den Abstand oder die Ferne als die beständige und damit messbare Entfernung von zwei für sich bestehenden Punkten bzw. Orten in einem homogenen, alles umfassenden Raum zu fassen. Denn sie sind ganz und gar dynamisch, und d. h. innerlich gespannt. Sie wandeln sich ständig um; unaufhörlich werden sie größer oder kleiner. Das Wesen der Ferne besteht in der nie nachlassenden „Spannung von Verbindung und Trennung" (G 166 f.) Das irreführende Verstehen vom Abstand im Sinne der räumlichen Entfernung könnte schon durch genügende Beachtung der Tatsache vermieden In Memoriam werden, dass mindestens einer der beiden hier mitspielenden Bezugspunkte, nämlich der wahrnehmende, betrachtende und auffassende Mensch, nie etwas Ruhendes, mit sich stets Identisches und derart Bestehendes ist. Der dynamisch gespannte, immer sich wandelnde Abstand ist nur als der „gelebte Abstand" (G 159), d. h. als solcher, in dem wir jeweils so oder anders leben. Wir sind selbst nie ein bestehendes Etwas, von dem her und in Bezug auf es der angeblich bestehende Abstand messbar wäre. Der lebendige Abstand löst uns gleichsam als die angeblich stets Dieselben auf und zieht uns in sich hinein: „Wir sind dieser lebendige Abstand, wir leben ihn." (G 362.) Den auf diese Weise verstandenen Abstand und die ihm eigentümliche Ferne bezeichnet Figal als Äußerlichkeit. Durch alle diese Grundworte soll das Wesen des Raumes möglichst plastisch zum Ausdruck kommen. Es ist offensichtlich, dass der Raum dabei nicht, wie längst üblich, als die leere unendliche Ausdehnung verstanden ist, sondern als die Eröffnung bzw. Ermöglichung des lebendigen Bezugs. Auf dem Standpunkt der phänomenologisch erweiterten Hermeneutik wird der Raum grundsätzlich verstanden als „die Offenheit für jeden Bezug und jedes Verhalten, die Offenheit für jedes Gegenüber" 369 (G 141). Der Raum ist des Genaueren „die Offenheit, in der etwas gegeben oder entzogen, offenbar oder verdeckt ist, die Offenheit, in der Zugänge jetzt eröffnet oder versperrt sind" (V 263). Der Raum ist also weder unendlich noch allumfassend. Er ist nichts einfach Vorliegendes. Er ist nur in der Art und Weise des immer neuen und anderen Sich-gebens. Als die jeweilige Quelle dieses Sich-gebens des Raumes ist das anzusehen, was geläufig als Ort bezeichnet wird. In Anlehnung an diesbezügliche Ausführungen des späten Heidegger bestimmt Figal den Ort als „eine Raumstelle, die zugleich Raum gibt, das heißt, ein Hier oder Dort, das als Hier den Bezug auf das Dort eröffnet und umgekehrt. Ein Ort ist eine räumliche Festlegung, die das Wesen des Raumes, also die Ferne, erst erfahrbar macht." (G 397.) Es ist bezeichnend, dass Figals neue, philosophisch höchst herausfordernde Bestimmung des Wesens von Raum ihren treffendsten Ausdruck gerade in seiner Festrede zur Eröffnung des Heidegger-Museums in Meßkirch fand: Phainomena 33 | 128-129 | 2024 Also ist der Raum kein unvorstellbar großer Behälter, sondern die Offenheit, in der Dinge aufeinander verwiesen sind. Der Raum ist ein offenes Beziehungsgefüge; im Raum sind die Dinge auseinandergehalten und doch beieinander; sie haben gleichsam Luft und können erst so füreinander da sein.12 370 Die Ferne, verstanden als die innigste Spannung von Trennung und gleichzeitiger Verbindung, von Annäherung und gleichzeitiger Entfernung, erlangt ihre wesentliche Bestimmung nicht in erster Linie aus dem Horizont des Raumes. Von ihrem Wesen her gedacht, erweist sie sich als „der Grundzug der Offenheit des Raumes" (V 263). Die Ferne ist demnach das Wesen der ursprünglichen Offenheit von der Welt samt ihrer drei wesentlichen Dimensionen, als welche Figal Freiheit, Sprache und Zeit denkt. Jedes Tun der Freiheit kann nur aufgrund eines vorhergehenden reflexiven Bezugs auf sich selbst vollzogen werden. Ebenso kann etwas in Abstand von uns nur gebracht werden, indem es besprochen, zum sprachlichen Ausdruck geholt wird. Was schließlich die Zeit betrifft, so sind ihre drei Dimensionen überhaupt nicht ohne die gegenseitige Entfernung denkbar, in der ihre Trennung und Verbindung in Einem gesammelt bleibt (G 171). Erst vor diesem Hintergrund kann Figals für das uns beschäftigende Thema zentraler, auf den ersten Blick aber erstaunlicher Grundsatz, nach dem die Dinge das sind, was fremd ist (G 161), etwas von seiner Befremdlichkeit verlieren. Zunächst muss es wohl scheinen, dass wir mit dieser Feststellung auf den Standpunkt gebracht sind, der der im Titel dieser unserer Betrachtung beschworenen Nähe widerspricht. Denn was soll es bedeuten, nach der Nähe zu den Dingen zu suchen, wenn die Dinge uns ihrem Wesen nach fremd sind und auch bleiben sollen? Oder kommt diese Verlegenheit letztlich nur daher, dass wir die Ferne und die Nähe immer noch am Leitfaden räumlicher Distanz denken? Ebendas scheint der Fall zu sein. Weder Ferne noch Nähe sind zunächst räumlich zu verstehen. Bei der wesentlich verstandenen Nähe zum etwas geht 12 Günter Figal, „Rede zur Eröffnung des Martin-Heidegger-Museums im Schloß Meßkirch am 27. September 2002". In: Josua Reichert, Die Meßkircher Drucke, Meßkirch 2005. In Memoriam es in erster Linie um die Vertrautheit damit. Mag die räumliche Distanz größer oder kleiner sein, etwas ist uns wirklich nahe erst dann, wenn wir damit mit genügend Vertrauen umgehen, wenn es uns hinreichend bekannt und zuverlässig ist. Fern ist hingegen das, was uns als das Unvertraute unheimlich und fürchterlich ist. In Angesicht der Ferne und dessen, was fern ist, wird der Mensch gleichsam instinktiv von einem unwiderstehlichen „Drang zum Ent-fernen, also zum Heranholen, Integrieren und Aneignen" überfallen. Der Hang, alles Fernstehende unbedingt und um jeden Preis „in die Nähe bringen zu wollen", gehört dem menschlichen Dasein wesentlich an (G 159 f.) Aus diesem Hang hat sich bei den Menschen die sie wesentlich kennzeichnende Haltung des haltlosen Zugreifens entwickelt: Wenn es ums Zugreifen geht, erfährt man die Bezogenheit auf Dinge und Sachverhalte nur als etwas, das zu überwinden ist. Man will den Abstand, der den Bezug ermöglicht, nicht halten; er soll als Abstand verschwinden. So ist jedes zugreifende Verhalten ein Streben nach Abstandslosigkeit [...]. (V 201.) 371 Die ent-fernende, den Abstand wegschaffende Haltung des Zugreifens ist wieder die Bedingung für den selbstsüchtigen, rücksichtslos gierigen Willen: „Gewollt werden kann nur, solange etwas aussteht, das als Ausstehendes vom Wollen her nur als Veränderbares in den Blick kommt oder als etwas, das es zu ergreifen, sich anzueignen gilt." (G 415.) Dem unbedingten, unermüdlich um sich greifenden und nach allem zugreifenden Wollen, das seinerseits der nie zu erfüllenden Leere des Bedürfnisses entspringt, wird insbesondere der moderne Mensch ausgeliefert und dadurch, meistens ohne dessen gewahr zu sein, hoffnungs- und ausweglos in die „Immanenz eines universalen Verhaltens zu sich" (G 416) eingesperrt. Entspringt auch die im Titel unserer Betrachtung genannte Nähe diesem instinktiven Hang, der sich zum Willen nach dem unbedingten Zugreifen steigert? Wäre es so, wie sollte es in Übereinstimmung mit Figals Grundsatz gebracht werden, nach dem die Dinge uns wesentlich fern sind und bleiben sollen? Vielleicht ist es nach allem Gesagten nicht besonders schwer, darauf zu erwidern. Denn die im Titel angesprochene Nähe ist eine solche, die nur dadurch entsteht und bewahrt wird, dass die Ferne nicht aufgehoben und Phainomena 33 | 128-129 | 2024 vernichtet, sondern im Gegenteil bestätigt wird. Das echte Näherbringen ist demnach kein unbedingtes Ent-fernen, das der Unheimlichkeit der befremdlichen Ferne und alles dessen, was fern ist, durch die Abschaffung jedes, auch des kleinsten Abstands zu entfliehen strebt. Das echte Näherbringen ist nur ein solches, in der das Ferne gerade als Ferne nähergebracht und damit bejaht und bewahrt wird (G 161). Um in die wahre Nähe zu den Dingen zu gelangen, gilt es zunächst vom anscheinend unüberwindlichen Drang zum Ent-fernen, Zugreifen, Heranholen, Aneignen und Integrieren Abschied zu nehmen. Die Unbedingtheit des Wollens, in dessen entfernender Haltung zu den Dingen nach Figal eine immer höher sich steigernde Immanenz eines universalen Verhaltens zu sich am Werk ist, soll sich allmählich zur „wesentlichen Ruhe" (V 52) der stillen Betrachtung wandeln. Nur im freien, den Abstand wahrenden und erhaltenden Sehen, Zuschauen und Zuhören, die sich alle im reinen Betrachten als der „Erfahrung bildhafter Präsenz" vollenden (V 108), kommen die Weltdingen rein und unverstellt zum Vorschein. Erst darin können sie eben 372 als solche erscheinen, d. h. sich so zeigen, wie sie eigentlich sind. Solche Betrachtung ist freilich eine ganz eigenartige und trotz ihrer Einfachheit unter den Menschen nur selten und schwer zu begegnende Weise des denkend-betrachtenden Existierens, für deren zwiespältige Natur Figal schon in seinen frühen Jahren die treffende Kennzeichnung der „schwebenden Mitte des distanzierten Dabeiseins"13 gefunden hat. Dass es in dieser schwebenden Mitte nichts von der drängenden und willentlichen Haltung des zugreifenden und aneignenden Angriffs und Überfalls auf die Dinge gibt, heißt allerdings nicht, dass es darin um das gleichgültige und innerlich unbeteiligte Verhältnis des bloßen Hinnehmens geht. Ganz im Gegenteil eignet der in der Betrachtung waltenden Ruhe die höchste Regsamkeit, eine solche aber, die vollständig im Dienst der Dinge steht und gar nichts für sich sucht. Diesen Grundcharakter des wahren Näherbringens der Dinge versucht Figal durch die in der überlieferten Hermeneutik heimischen Ausdrücke wie Darstellung und Deutung möglichst angemessen bezeichnen, vor allem aber durch den in diesem Zusammenhang sonst nicht so geläufigen Namen 13 Günter Figal, Der Sinn des Verstehens, S. 66. In Memoriam des Zeigens: „Zeigen ist ein Tun auf Abstand. Es wird im Abstand vollzogen, und bei ihm wird der Abstand gewahrt. Das Gezeigte bleibt für sich; zeigend bezieht man sich auf etwas, indem man es für sich bestehen läßt." (V" 264.) Im Unterschied zum Handeln, wo man bestrebt ist, dasjenige, worauf man sich richtet, zu erreichen, ist das Zeigen ein solches Sich-Richten auf etwas, wo der Abstand von dem Gezeigten erhalten bleibt (G 234 f.). Erst die stille Wachsamkeit, in der kein wollender Eingriff, sondern nur das achtsam betrachtende und darstellende Zeigen waltet, bricht die abgeschlossene, ausweglos in sich kreisende Immanenz des unbedingten Verhaltens zu sich, so dass es den Menschen endlich gelingt, zur Welt der Dinge aufzubrechen und -um eine naheliegende Wendung Nietzsches zu gebrauchen - zu den „gute[n] Nachbarn der nächsten Dinge"14 zu werden: „Im Zeigen spielt nicht das eigene Verhalten die entscheidende Rolle, sondern das, was in der Aufmerksamkeit steht und stehen soll. In der Bezogenheit ist das zeigende Verhalten dem, was gezeigt werden soll, unterstellt." (V 201.) Wenn nicht alles täuscht, sind Figals reifen Gedanken von der Gegenständlichkeit und der nur im deren darstellenden Zeigen frei 373 erscheinenden „Fülle der Dinge" (G 416) das vollendende Echo von schon erwähntem Leitsatz seiner Frühzeit, dass jener, der die Höhle einmal verlassen hat, immer wieder ins Freie wollen wird. Wie auf seine Weise sein erster Lehrer Gadamer hat sich auch Figal geweigert, dem schwer nachzuvollziehenden, düster und eschatologisch anmutenden Grübeln Heideggers von Seinsgeschichte und Seinsgeschick, von erstem und anderem Anfang sowie der Not des untergehenden Übergangs in eine neue Geschichte zu folgen. Der Preis, den man dafür zahlen muss, schien ihm zu hoch zu sein: „Doch man muß sich auch klar darüber sein, welchen Preis es hat, wenn man Heidegger hier folgen will. Man muß die gesamte Geschichte als Verfall, als Untergang denken und sie als Übergang ohne Ziel verstehen wollen."15 Demgegenüber gilt Figals letztes Wort dem gesammelt-bescheidenen Aufenthalt im Freien, d. h. der achtsam-gelassenen „Ästhetik der Einfachheit", worin an „einfachen, 14 Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches II, „Der Wanderer und sein Schatten", KSA 2, S. 551 (Aph. 16). 15 Günter Figal, Heidegger zur Einführung, Hamburg 1992, S. 179. Phainomena 33 | 128-129 | 2024 ein-faltigen Dingen, die schlicht und bescheiden und so unscheinbar sind, [...] die Unscheinbarkeit zur Erscheinung" kommt und sich dem „Zusammenspiel von Begriffsklärung und Beschreibung" anvertraut.16 Auf Figals späte Philosophie, die sich nach seinem Hauptwerk Gegenständlichkeit in einem folgerichtigen, wenn auch vielfältig sich brechenden und verzweigenden Gedankengang entwickelt hat, um zuletzt in einer gleichsam spekulativ-poetischen Auslegung der Architektur zu münden, kann hier nicht eingegangen werden. Wie sein ganzes Werk, bleibt besonders diese seine letzte Phase weiterer Untersuchung und kritischer Aneignung bedürftig. Möchte man mit Günter Figal zusammen ins Freie wandeln und im Freien bleiben, wird es wohl unter anderem erforderlich, dies zu beachten, dass man im Freien stiller und schweigsamer wird und dass dort die Sprache oft genug an der fast übermäßigen Einfachheit der sich zeigenden Dinge scheitert. Von Figal hoch geschätzter Rainer Maria Rilke, dessen Dichtung nicht zuletzt als die unermüdliche Suche nach der Nähe zu den Dingen anzusehen ist, hat dafür das wegweisende Zeugnis hinterlassen: 374 Die Dinge sind alle nicht so faßbar und sagbar, als man uns meistens glauben machen möchte; die meisten Ereignisse sind unsagbar, vollziehen sich in einem Raume, den nie ein Wort betreten hat, und unsagbarer als alles sind die Kunst-Werke, geheimnisvolle Existenzen, deren Leben neben dem unseren, das vergeht, dauert.17 16 Günter Figal, Simplicity/Einfachheit, Freiburg. i. Br. 2014, S. 52, 48, 36. 17 Rainer Maria Rilke, „Briefe an einen jungen Dichter". In: ders., Von Kunst und Leben. Schriften, Frankfurt am Main und Leipzig 2001, S. 125. phainomena REVIJA ZA FENOMENOLOGIJO IN HERMENEVTIKO JOURNAL OF PHENOMENOLOGY AND HERMENEUTICS Phainomena 32 | 126-127 | November 2023 Demarcations | Razmejitve Damir Barbaric | Dragan Prole | Artur R. 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