Wahlspruch: Was wir begehren von der Zukunst fernenr Daß Brot und Arbeit uns gerüstet stehen. Daß unsere Kinder in der Schule lernen Und unsere Greise nicht mehr betteln »ehen. G. Herwegh. mmn 9t 55.340,51487, 58.M. Set kcherttovto 38.415. Menbahner ZenLralorgan des Oösterreichischen Eisenbahn-Personales. Redaktion: Wien VA, Drauhausgaffe 84. Redaitton»schl«ß: Zwei Taae vor btm Erscheinen de» Blatte». Sprechstunden fistb leben Tag mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage von 10 Uhr vormittags bis 7*4 Uhr nachmittags. Insertionspreis: Die einspaltige Millimeter,eile oder deren Raum 11 Heller, Sei Iahreraustrag Rabatt. Abonnements-Bedingungen: Halbjährlich............................. Kr. 2*88 Ganzjährlich.............................. 5-76 Für das Deutsche Reich ganzjährlich Mk. 6'—. Für das übrige Ausland ganzjährlich 9 Franken. Erscheint jeden 1», 10. und 20. im Monat. 91t. 36 Men. den 20. Dezember 1914. 22. 3o6tg. Soziale Lehren des Weltkrieges. einige sozialpolitische Reminiszenzen. Neben den Greueln aller Art, die als unvermeidliche Begleiterscheinungen des Krieges Tag für Tag un'er Kulturgewissen beunruhigen, ist es eine der unangenehmsten Schattenseiten dieses kriegerischen Ringens, daß jetzt die Schwachköpse und Querulanten in wahrer Reinkultur gedeihen. Und so ist es auch kein Wunder, daß jetzt der Arbeiter! asse gute, hoch-weise und wohlmeinende Ratgeber in sich täglich mehrender Zahl erstanden sind, die da glauben, neue blendende Wahrheiten entdeckt zu haben, wenn sie aus den verstaubten Rumpelkammern antiquierter Spießer-weisheiten längst abgetane Schlagworte hervorholen, und alte Phrasen zu neuem Leben erwecken. Frohlockend verkünden sie, daß die Erfahrungen dieses Krieges manche Theorie gründlich widerlegt haben, und daß die sozialdemokratisch organisierte Arbeiterschaft in der Zukunft werde ganz gründlich u m-l er neu müssen, was natürlich immer so viel heißt, daß, wenn erst einmal wieder das Leben seinen normalen Gang nehmen werde, die Arbeiterklasse zum Anhängsel und zum Schwanz der bürgerlichen Parteien werde umgewandclt werden können. Wir begreifen ganz gut, daß hier der Wunsch als Pater des Gedankens eine Sehnsucht lebendig werden läßt, die leider bisher allen Bemühungen in Friedenszeiten zum Trotz ungestillt bleiben mutzte. Aber es fragt sich freilich, ob das, was nach diesem Krieg sein wird, und ob die Erfahrungen, die man während dieser schrecklichen Zeit sammelt und im normalen Zeitenverlauf wird verwerten müssen, gerade danach sein werden, daß unsere guten Ratgeber und erleuchteten Weltweisen von heute darüber sonderlich erfreut sein werden? Nur zu gerne geschieht es nämlich jetzt, daß man die Ursachen mit den Wirkungen verwechselt und Erscheinungen für funkelnagelneue Erkenntnistatsachen ausgibt, die in Wahrheit eben nur das soziale und' politische Leben widerspiegeln, wie es im Krieg und unter der Kriegszensur verläuft. Denn darüber dürfte sich jedermann, der nicht ein armseliger Kindskopf ist, im klaren sein, daß Kriegszeiten watzrlich für prinzipielle Auseinandersetzungen und politische und soziale Kritik am allerungeeignetsten sind, und daß insbesondere die oppositionelle Presse, die nicht den legendenhaften Brei auftischt, im Krieg niemals die wahre und richtige Volksstimmung zum Ausdruck bringen kann. Man sollte sich daher wenigstens nicht in der Richtung der prinzipiellen und programmatischen Auffassung, der bisher die Arbeiterklasse huldigte, voreilig die Köpfe zerbrechen, ob irgendwie ein Anlaß vorliegt, die bisherige Denk- und Auffaffungsweise zu revidieren, und ob gerade wir es sind, die nach diesem Krieg werden um lernen müssen. Freilich, geleugnet soll keineswegs werden, daß das U m l e r n e n nach einer anderen Richtung nötig sein wird und im gewissen Sinne auch heute schon begonnen hat. Die Ansichten, die man nämlich über die Wirkungen der Sozialreform vielfach hatte, mit der sich die Arbeiterklasse so redlich geplagt und abgemüht hat, haben sich nämlich gerade in bürgerlichen Kreisen unter den Erscheinungen, die der Krieg zeitigte, bis jetzt schon sehr bedeutend und sehr wesentlich geändert, und falls das U m l e r n e n, das auf diesem Gebiet so schön begonnen hat, noch weiter folgerichtig weiterschreitet, dann wird wenigstens auch in dieser Richtung der Krieg eine gute und vorteilhafte Wirkung ausgelöst haben. Gleichsam über Stacht hat nämlich der große Krieg auch in bürgerlichen Kreisen Ansichten und Lehrmetnungen über den Haufen geworfen, die vordem als unanfechtbare Postulate wissenschaftlicher Sozialpolitik gegolten haben, und die von den Kapazitäten der Sozial-Wissenschaft zusammcngetragen und in den verschiedenen Unternehmerzeitschristen nutzbringend ver- wendet wurden. In der A r b c i t e r f ü r s o r g e, wie sie in den letzten Jahren zum Teil durchgeführt und zum Teil zu den Gegenwartsforderungen der gewerkschaftlich organisierten Arbeiterklasse erhoben worden war, sah man nämlich vielfach die auf die Dauer unerträgliche Belastung für die Industrie und die gesamte Volkswirtschaft, die bei den angeschlagenen sozialpolitischen Wegen einfach nicht gedeihen können und die den fortschreitenden Arbeiterschutz mit einem eben so raschen Niedergang bezahlen müssen. Männer der bürgerlichen Wissenschaft, wie der Breslauer Nationalökonom Professor Dr. Ludwig Pohle, wiesen mit „schlagender Begründung" nach, daß die nationalökonomische Wissenschaft, seit sie die alten bewährten Bahnen verlassen habe und dem Kathedersozialismus verfallen sei, mehr und mehr den Charakter der eigentlichen Wissenschaft verloren habe. In seinem gerade heute lesenswerten Buche: „Die gegenwärtige Krisis in der deutschen Volkswirtschaftslehre" vertritt Pohle kurzweg den Grundsatz, daß es heute vorwiegend politisches Interesse sei, das zum Studium der Nationalökonomie dränge, die eine Mode Wissenschaft geworden sei. Und gegen den bekannten Nationalökonomen Brentano, der immer am linken bürgerlichen Flügel stand, wenn es galt, die A r b e i t e r f ü r s o r g e gegen den Widerstand der Unternehmer zu verteidigen, erhebt er den Vorwurf, „er steige auf das Niveau der politischen Diskussion herab". Und Leute von bürgerlichem Gelehrtenruf wie Schmolle r, S o m b a r t und Max Weber sind gegen die deutsche Sozialreform und gegen ihre immer weitergreifenden Forderungen wiederholt mit den schwersten Vorwürfen aufgetreten, die sie als entwicklungsfeindlich und zur Verweichlichung führend beschuldigten. Daß man in Oe st erreich diese offenkundige Reaktion, die in einem großen Teil wissenschaftlicher Vertreter der Sozialpolitik und Nationalökonomie immer deutlicher gegen die eingeschlagenen Bestrebungen staatlicher Arbeiterfürsorge sichtbar wurde, mit wohlmeinendem Verständlich begrüßte, ist an dem Verlauf der parlamentarischen Arbeiten der letzten Jahre wohl deutlich zu erkennen. Von besonderem Interesse ist es aber wohl, daran zu erinnern, daß noch knapp zwei Monate vor dem Kriegsausbruch die „Ostdeutsche R u n d-s ch a u" in einem angeblich „von einem reichsdeutschen Abgeordneten stammenden Artikel ausführte, „daß die deutsche Reichsregierung mit der Ueber-treibung ihrer bisher den Forderungen des Kathedersozialrsmus folgenden Sozialpolitik in den schärfsten Gegensatz mit der Mehrheit des deutschen Bürgertums g e-r a t e". Wörtlich führt dann das führende deutschnationale Blatt am 2 8. Mai 1914 in diesem Artikel aus: „Vor der fortschreitenden Sozialisierung des öffentlichen Lebens in Deutschland kann nicht genug gewarnt werden. Sie steht im schroffsten Gegensatz zu der Entwicklung der meisten anderen Länder, und sie fördert wider den Willen der in ihr das Heil erblickenden Politiker gerade das, was sie verhindern soll, das Wachstum der Sozialdemokratie. Die sozialistische Fürsorge in Ehren; viel, sehr viel ist auf diesem Gebiet geleistet worden; aber alles das hat nicht vermocht, die Sozialdemokratie auf den Boden der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung zurückzuführen, hat dagegen sozialistische Anschauungen in die weitesten bürgerlichen Kreise ge- tragen. Zum großen Schaden des Reiches hat man an den maßgebenden Stellen die Warnung vor dem Paktieren mit den Bestrebungen sozialistisch beeinflußter Arbeiter, welche Fürst Bismarck so eindringlich in der Kronratssitzung vom 24. Jänner 1890 ausgesprochen hat, in den Wind geschlagen, und leider hat man bis in die jüngste Zeit an diesen Stellen nicht eingesehen, daß eine u n g e-sund fortschreitende Sozialisierung unseres Staatswese ns verwirrend wirken und notwendig ins Verderben führen muß. Berge b-l i ch wurden seit vielen Jahren Bedenken gegen die vom R e i ch s a m t des Innern geführte Sozialpolitik erhoben, die unter dem demagogischen Einfluß des Zentrums jene Spitze gegen die Arbeitgeber erhalten hat, deren Wirkungen fortgesetzt beklagt werden. Nicht Sozialpolitik an sich, nicht sozialitäre Fürsorge wird getadelt, sondern Ueberstürzung sozialpolitischer Maßnahmen und ihre U e b e r-t r e i b u n g zum Zwecke der Gewinnung der Ar-beitersozialpolitik im Automobiltempo." Man muß diese Auslassungen, die die Stellung, wie sie immer prononzierter in den maßgebenden wissenschaftlichen und bürgerlichen Kreisen überhaupt Oberwasser bekam, heute mit um so mehr Nachdruck hervorheben, weil sie zur Beurteilung zu dem Kapitel vom „Umlernen" geradezu unerläßlich sind. Wovon noch zwei Monate vor dem Kriege „nicht genug gewarnt werden konnte", und was als „ungesund und zum Schaden des großen Deutschen Reiches" hingestellt wurde, das ist bereits heute als ungeheuer wichtig und vorteilhaft nicht nur für die Arbeiterklasse allein, sondern für die gesamte Volkswirtschaft als eine wichtige Voraussetzung zum Kriegfahren erkannt und gepriesen worden. Von der Heeresleitung bis zu allen staatlichen Nmtsstellen ist heute die Erkenntnis gedrungen, daß nur eine gesunde Sozialpolitik Kraft und Festigkeit zu geben vermag, deren ein Land auch zur Verteidigung seiner Grenzen bedarf. Damit ist jedenfalls ein Problem gegeben, mit dem sich die Arbeiterschaft wird überall beschäftigen müssen. Der enge Zusammenhang, der zwischen einer durchgreifenden sozialen Fürsorgetätigkeit auf allen gesamtstaatlichen Gebieten und zwischen innerer Volks-rraft besteht, ist eine Sache, die keinem vernünftigen und weitblickenden Sozialpolitiker fremd ist. Es kann sich daher auch durchaus nicht um die Entdeckung von neuen wissenschaftlichen Tatsachen handeln, um Erkenntnisgrundsätze, die vielleicht weniger praktisch erprobt und mit dem Gerüche bloßer Stubengelehrsamkeit umgeben sind, wenn heute mit so viel Nachdruck daraus verwiesen wird, wie sich die deutsche Sozialpolitik, wie sie in den letzten Jahren betrieben wurde, glanzvoll in einer Weise bewährte, daß gleichsam dadurch dem Staatsganzen neues Blut und neue Lebenskräfte eingeflößt worden sind. Aber die bloße Feststellung alter Binsenwahrheiten ist deshalb nicht weniger wertvoll, und der Hinweis darauf muß vielleicht gerade deshalb mit so starker Betonung geführt werden, weil das U m l e r n e n, das heute bereits begonnen hat, vielleicht nur der Anfang zu einer neuen Aera sein soll, mit der allenfalls, wenn einmal dieser schreckliche Krieg vorüber sein wird, die neue Zeit eingeleitet werden kann. Was nach diesem Krieg sein wird, und wie sich die Volkswirtschaft im allgemeinen entwickeln wird, darüber läßt sich gewiß heute schwer prophezeien. Es mag heute Leute geben, die unter dem suggestiven Einfluß der großen Weltereignisse meinen, daß die E i n h e i t der Nationen, die unter dem Kriegsgewitter zusammengeschweißt wurde, auch fernerhin werde aufrecht erhalten werden können und daß soziale Gegensätze durch ein gemeinsames Volksempfinden überbrückt werden können. Wir teilen diese Auffassung natürlich nicht, die sich, wo immer sie heute vorhanden ist, bald genug wieder wird als etne schöne Illusion erweisen, als eine Täuschung, die ebenso wie alle früheren sozialen Utopien unter der realen Macht ökonomischer Tat- sachen zusammenbrechen wird. So wenig nämlich ein Krieg an Naturgesetze heran fann, so wenig vermag er bie ökonomischen Grundgesetze des Kapitalismus zu ändern, dessen gesamtes inneres Wesen aus gegensätzlichen Interessen und aus einander strickte entgegengesetzten NetbungöslSchen zusammengesetzt ist. Beruht der Kapitalismus aber daraus, daß er eine Gesellschaft aus Klassen und Ständen zu Voraussetzung braucht, deren Bedürfnisse und Wünsche nicht einheitlich sein können, weil solches die ökonomische Verschiedenheit und wirtschaftliche Ungleichheit auefchliefet, dann ist schlechterdings auch der wirtschaftliche Kamps so unvermeidlich, wie jede physikalische Wirkung im Natur-ganzen als firäslerefultat nicht ausgeschaltet werden kann. Die Frage, ob dieser sogenannte Burgfriede als ein bleibender Zustand anznfehen sei, ist daher erledigt. Anders aber steht die Frage schon, ob der soziale Fortschritt der Zukunft freie Bahn vorfinden wird, oder ob das Bett seiner Entwicklung auch weiterhin r.ach den Wünschen einzeln r I, ter-efsengruppen durch die Gesetzgebung und staatliche Verwaltung eingeengt werden soll. Wie sehr gerade dieser Kurs in den letzten Jahren im Deutschen Reiche Schule gemacht hatte, beweisen nicht etwa die zahlreichen sozialen Konflikte, die schließlich an Heftigkeit und Schärfe eher zu- als abgenommen hatten, an sich allein, und auch nicht die wiederholten Versuche der UnternehmerCorpocationen, auf parlamentarischem Wege das Ko alitionsrecht einzuengen, sind dafür der einzige Beweis. Viel besser und anschaulicher wird dieses Bestreben illustriert, wenn die Anzeichen dafür aus wissenschaftlichen Kreisen kamen, aus Gruppen, denen man Sachlichkeit und parteilose Unvoreingenommenheit nicht absprechen konnte. Wie sah es nun damit aus? Auf dem letzten evangelisch-sozialen Kongreß int Jahre 1912, der sich bekanntlich viel mit Arbeiterfragen und mit Fragen der Sozialpolitik beschäftigte, geschah es ganz allein früheren Verlauf entgegengesetzt, das; eine ganze Reihe von Stimmen laut winde, die sich in nicht mihzuverstehen-der Weise gegen das „allzurasche Tempo der Sozialreform" wandten. Es klang damals wie eine ernste Mahnung zur Umkehr, als Professor Dr. o. Wiese wörtlich auf dem Kongreß erklärte: »Das; die alte formale Freiheit beschränkt worden ist, fann man nur billigen, denn es war eine Scheinfreiheit. Auch das System der Sozialpolitik ist solange nicht vom Uebet, wie es die pv-litifche und sittliche Freiheit nicht b e-schränkt. Die Beschränkung der Untcrnelinmtötiateit hinsichtlich der Arbeiter mochte eine Notwendigkeit sein, aber man unterschätzt vielfach die Bedeutung der Leistungen des Unternehmertums. Die wagende Initiative wirb geschwächt, wenn die sozialpolitische Kritik rücksichtslos geübt und die Tendenz zum Staatssozialismus mit solcher kritiklosen Vorliebe begrübt wird, wie es heute vielfach besonders auch in den deutschen Parlamenten geschieht. Gewiß fehlt es nicht an Hcrzcnshärtiakeit und Machtgier unter den Unternehmern, aber man oarf doch nicht vergessen, daß die rastlose Tätigkeit der Unternehmer auch den Arbeitern und allen anderen zugute gekommen ist. Mit bet Organisation der sozialpolitischen Selbsthilfe, mit den Berufsorganisationen verschiebt sich bloß das Maß bet Unfreiheit. Jede Gewerkschaft, jeder Standes» verein verfällt übet kurz ober lang der Zünftelei. Die Tendenz zur Maximalbemeffung der individuellen Arbeitsleistung, die Forderung des Durchschnitts auf Kosten der Ueberbutchfchmttlichen wird Norm, und der einzelne Mensch in einer solchen organisierten Gruppe fühlt sich bald mit Ketten an seine Klasse gebunden. Zugleich v?r* Weihnacht. 0 Helles Fest der Liebe, Ach, unterm grünen Baume, O tannendustige Zeit, Ist mancher Platz s» leer, Du strahlenreiche Weihnacht, Und niemand kann uns sagen Wie dunkel bist du heut. Bon eurer Wiederkehr. ES ist ein Sturmwind kommen Und niemand kann und sagen, Wohl Über Land und Haus. Du liebster Vater mein, Der bkSst gar viele Lichter, Ob nicht auch deine Kinder Löscht viele Liebe aus. Einst Waisen werden sein. Kann doch die Lieb' nicht lösche«, O, daß der Haß doch stürbe, Die uns so heiß beseelt: Der so viel Leben bricht, Zu euch im blut'gen Felde, Und wieder Weihnacht werde, Tie ihr der Weihnacht fehlt. Boll Liebe und voll Licht. Du dunkles Fest der Liebe, Geh' über das blutige Feld, Aus daß er Frieden werde In aller, aller Welt! Feuilleton. 3u Anzengrubers Gedächtnis. Geboren 29. November 1880. — Gestorben 10. Dezember 1889. Ein Fünfundsiehzigjähriger wäre Ludwig Anzengruber heute, ein Mitlebender »och könnte er sein, aber feinem Kämpferleben wur früh ein Ende gesetzt: ein Vierteljahrhundert schon ist dieser prächtige Mensch und Dichter tot. Von ihm darf eä heißen: er starb jung. Er starb eigentlich vor der Zeit, die fein Schaffen recht erkannte und lohnen mochte. Er hatte wohl manchen Jubel eingeh'eimst im Theater, aber der Beifall vertauschte schnell und die Menge lieh den Dichter darben. Er war noch angewiesen auf die Generation, sagen wir besser: er war ausgeliefert der Generation, gegen deren gebietende. bedrückende Kulturlofigkeit sich in den Achtzigerjahren der Sturm und Drang der jungen, neuen Generation erhob. Was Anzengruber als Volksdramatiker bedeutet hat und noch bedeutet, soll heute — im Lärm des Krieges — nicht erörtert werden. Sein Werk ist zum Teil Volkseigentum geworden. Seine Dramen, die im allerbesten Sinn Tendenzwerke und Besreiungömittek sind, halben heute — nicht zum wenigsten schlechter! sich die Stellung der Außenseiter, der bei Streiks Arbeitswilligen und der nicht ober anders Organisierten. Sicherlich sind das nicht die einzigen, vielleicht nicht einmal bie wichtigsten (1) Gesichtspunkte für bie Beurteilung ber Berufsorganisation. Aber von unseren (1) Gesichtspunkten aus gehört der Hinweis hierher, daß sich mit der Berufsorganisation das Maß bet Freiheit und Unfreiheit nur verschiebt. WaS der einzelne vielleicht dem Arbeitgeber gegenüber gewinnt, verliert er an Selbständigkeit gegenüber den Berufsgenossen. Je mehr daher bie gewerkschaftliche Organisation die höheren Stände erfaßt, desto schwerer wiegen ihre N a ch t e i l e.* Das waren im wesentlichen die Gründe, die Professor v. W i e s e zu dem zusammenfassenden Schluß führten, „daß man aus dem Lager der Sozialreform wieder Wachtposten a b-kommandieren muss e", weil der „Kultur-indwidualismiis" nicht völlig durch die staatssozialistischen Bestrebungen unterbunden werden dürfe. Die gelehrten Schlagworte, die also auf solche Weise gegen die eingeschlagenen Wege der Sozialpolitik geprägt wurden, sind nun freilich durch die Tatsachen aus den letzten Wochen und Monaten genügsam widerlegt worden, und nicht bloß Aenßerungen wie des Präsidenten des Deutlchen Reichsversicherungs-amtcs über die vorteilhaften Wirkungen der Sozialreform auf das gesamte Staats- und Wirtschaftsleben, sondern mehr noch die immer wiederkehrenden Aufforderungen der deutschen Militärbehörden an die einzelnen Unternehmer zur Einhaltung bestehender Tarifvereinbarungen, bilden den strikten Beweis, wie sehr sich die Auffassung über die Bedeutung einer vernünftigen Sozialpolitik an den maßgebenden Stellen in den letzten Wochen gewandelt hat. Aber auch wenn man, von all dem abgesehen, die kriegerischen Ereignisse selbst besieht, wie sie sich auf den Schlachtfeldern abspielen, wird man manches, was man vordem gegen unsere Kultur- und Sozialpolitik vorzubringen gewagt hat, durch die sprechenden Tatsachen wüderlegt finden. Nicht das deutsche Volk, daS durch lautet soziale Fürsorge und durch eine verfeinerte Kultur angeblich verweichlicht wurde, erweist sich als der schwächere Teil, seine Tüchtigkeit selbst im Krieg darf wohl heute schon als die bezeichnet werden, die dem so gefürchteten Rußland mit feiner Unkultur und feiner sozialen und politischen Rückständigkeit weit überlegen ist. Wo wäre beute das von so vielen Feinden bedrohte deutsche Bolk ohne seine kulturelle Tüchtigkeit und ohne alle jene Vorteile, die die politische und soziale Reform gebracht haben, und die es in oen Stand setzen, allen diesen mächtigen Feinden so wehrhaft zu trotzen? Wer alle diese Tatsachen zusammenfassend richtig bewertet, für den wird es immer klarer werden, daß nach diesem Krieg die Sozialpolitik vor neuen Ausgaben steht, vor Aufgaben, die eine kräftige Weiterentwicklung der aiigefangencit Arbeit beinhalten. Nicht Stillstand und nicht stagnierendes Beharrungsvermögen nützt dem Staat und fördert seine wirtschaftliche Kraft, sondern im ansteigenden sozialen Fortschritt und m der Kultur, die in die Massen dringt, haben Staat und soziale Gemeinschaft die Bürgschaften ihres Bestandes und ihrer Sicherheit zu suchen. Das sind die zielangebenden vorläufigen Erkenntnistatsachen, mit oeitcn das „U mletnen* nach dem Krieg wird begonnen werden müssen! Fr. L. dank der Volksbühnenarbeir — längst den Weg zum Volke ge» funden. Und sic werden aufs neue wirken, wenn die Menschheit wieder den Weg zu ihrer Kulturarbeit gefunden hat. Aber wenn im Schlachtengetümmel die Musen zum Schweigen verurteilt sind, so soll doch in diesen Tagen an die sozialen Gedanken AnzengmbcrS erinnert werden. Anzengruber stand den Gegensätzen in der bürgerlichen Gesellschaft wach Auge in Auge gegenüber, aber erfand kein Mittel, die Widersprüche zu erklären, sah keinen Weg, sie zu lösen. Und doch, et blieb gläubig. Et sah das Jahrhundert in rastlos schaffender Bewegung, und was er sah, daS nährte seinen Glauben, datz auch die Kultur der Menschlichkeit zuletzt ihren Ertrag firtoen werde. Unter den literarischen Plänen, die der Tod nicht zu Ende kommen liefe, war der einer Veröffentlichung von „Briefen eines Unberufenen über Vielberufenes". Anton Bettelheim, der de» Dichters Biographie geschrieben hat (Berlin, Ernst Hofmann u. Komp. 1908), sagt vom Inhalt dieser Briefe, die sich auch mit dem Spiritsmus auseinander-setzten: Bei feine.it großen Interesse für naturwissenschaftliche Probleme lag es ihm fern, vorschnell Über so dunkel und geheimnisvoll auftauchende Erscheinungen abzusprechen. Zu guter Letzt lehnte er jedoch alle diese sinnlich übersinnlichen Erscheinungen entschieden ab als Gaukeleien der von ihm sogenannten „hirnlosen Geister". Desto herzlicher vertraute tt den Fortschritten des Erfindergeistes als des Berufenen kommenden Retters aus der Unnmur der heutigen wirtschaftlichen Schäden. Ein Elektroskop, den Fernblicker, prophezeite er seit Iahten. Er hielt es nur für eine Frage der Zeit, das; man Bildet werde telegraphieren können. Das Problem ber Luftschiffahrt erklärte er nur in solange für unlösbar, als man mit Ballon und Korb arbeite, denn zwei Stücke laffen sich nicht gleichzeitig steuern; die rechte Hilfe versprach et sich also von der Rückkehr zur Konstruktion von Flügeln. Eine Alchemie, als die Möglichkeit zur Erzeugung von Metallen erschien ihm stets glaubwürdig. Er zweifelte nicht an der Zukunft der Farbenphotographie. Et plante eine neuartige Setzmaschine. Et horchte auf bei jeder neuen Botschaft aus den Laboratorien von Pasteur und Koch. Er erwartete dauernde Verbesserung bei Loses der Massen durch die Segnungen neuer technischer und physikalischer Funde. Und nun schaue man auf die ernsthafte schicht von ber SK a sch in", die wieder der SteinklopferhanS erzählt, ber einmal solch ein Ding zusammengehauen hat, da8 ihm nun nachts in einem Hohlweg erscheint: .Ich schau, da kommen f daher in ein' langen Zug, llait», dar Land «ne'MMmMer Ausbeutung der Arbeiterschaft. Die Liebe zur Heimat ist eine große Sache, die gar oft sogar krasse soziale Gegensätze im Augenblick der Gefahr zu verwischen vermag. Daß dem fast überall so ist, hat unS der gegenwärtige Weltkrieg fast in allen Landen gezeigt. So begreifen wir denn auch, daß die belgischen Proletarier ihr Vaterland mit allen Kräften zu verteidigen fnchen, das Land, daS stets für sie ein Stiefvaterland war. Das Herz hat bei den belgischen Proletariern den Verstand in ber gegenwärtigen Zeit besiegt, ihn zum Schweigen verurteilt. Vor bem Krieg haben die Schwarzkünstler, der belgische Klerus, das belgische Land als ihre ausschließliche Domäne betrachtet und rücksichtslos tyrannisiert. Wer die belgische Parlamentsgefchichte auch nur oberflächlich studiert, weiß, daß sie ein ununterbrochener Kampf gegen bie klerikale Herrschaft ist. Für die Pfaffen und die Kapitalisten war das Land ein Paradies, für die Arbeiterschaft eine Hölle. Den herrschenden Klaffen war es dort viel mehr noch als in anderen Ländern, ausgenommen noch etwa Rußland, darum zu tun, die arbeitenden Massen in der Unwissenheit und damit gründlich niederzuhalten. Wie es mit ber Volksbildung bisher im schönen Belgierland bestellt war. darüber berichtete P. Bonn mit kürzlich in der „Vossifchen Zeitung" folgendes nach offiziellen Quellen: „Nächst Rußland gibt es in Europa kein Land, in dem so viel Analphabeten wohnen wie in iMgien. Bei der Aushebung von Rekruten im Jahre 1905 wurde sestgestellt, daß in Belgien von 1000 Rekruten 101 weder lesen noch schreiben konnten. Vergleicht man damit die anderen Staaten, so findet man in Frankreich auf 1000 Rekruten 46, in England und Irland 37, in den Niederlanden ^3. in der Schweiz 20, in Dänemark 2. in Schweden 0-8 und in Deutschland 0 7, die des Lesens und Schreibens unkundig sind. Man muß sich natürlich fragen, wie es möglich ist, daß ein kleines, aber reiches Land von etioaö mehr als sieben Millionen Einwohnern, das mitten zwischen Kulturländern gelegen ist, so über die Maßen ungebildet ist. und daun kommt man selbstverständlich zu der Frage des Schulunterrichtes. Wie ist nun dieser beschaffen? Bis 1885 existierten in Belgien 1933 StaatSschnlen, in denen ein ausreichender Unterricht erteilt wurde. Mit diesem Jahr aber begann eine Agitation, die dahin drängte, die Schulen dem StaatSeinfluß zu entziehen. Schon Ende des Jahres 1.885 waren 877 Staatsschulen beseitigt und dafür 1465 neue Schulen eröffnet, die, weil sie von der Beaufsichtigung des Staates unabhängig waren, den Namen „freie' Schulen erhielten. Im Jahre 1907 wurde beschlossen, daß der Staat zwar die Schulen bezahlen dürfe, der Errichtung und Beeinflussung sonst aber zu entsagen habe. Diese „freien' Schulen haben seitdem bie Staatsschulen vollständig ersetzt. Die Folgen davon war. baß im Jahre 1910 in den industriellen Hauptstädten Belgiens ein starkes Drittel bet Arbeiter über«. Haupt gar keinen Unterricht mehr genossen hatte. Nur 20 Prozent ber schulfähigen Kinder haben eine Schule sechs Jahre lang besucht. Die übrigen besuchen die Schule nur drei Jahre lang, aber in sebem Iaht nur sechs Monate. Offenbar ist bie Aufsicht über die Schulen keine seht strenge, sonst wäre es nicht möglich, daß ein Drittel des Volkes Analphabeten geworden lind. Diese Angaben beziehen sich aber nur auf bie männliche Bevölkerung. Uebet die weibliche existieren, foiveit bekannt ist, solche Statistiken nicht. Wer aber den Unterricht der weiblichen Bevölterung in Belgien einigermaßen kennt, weiß, daß es mit dem Unterricht der Frauen dort noch viel schlechter bestellt ist, als mit der Schulbildung der Männer. Uebrt-gens erstreckt sich die Unbildung vielfach bis in die höchsten Kreise.“ Arbeitsleut' aller Art, alle verkrüppelt, bresthaft oder vorzeitig alt und auSgernergelt, durch '« strengen Erwerb, durch ^ die ungesunde Hantierung, durch Trübsal um ihre alten Täg' — und wie ich so in der Rund schau’, seh' ich die anderen, die noch geschaffen hoben, sich herrunterrackern wie bie Viecher mit verschwüren Arbeit, sich's Blut vergiften mit Staub und so Färb’, und andere Patzerei'n und wieder völlig z'samm'schrumpfen auf ein' Fleck, von dem 's die Sorg' um8 Brot nit weglabt, nit a wengerl in die frei' Luft, kaum im Jahr atnal'. Wie ich so das Elend da vor meiner sieh, schlag' ich die Händ' z'samm' und sag': Himmlischer Vater! Du triffst doch allmal die rechte Mischung zwischen Herzload und Herzensfrcud' . . . wie magst denn a so viel Mühsal auf ein Fleck z'sammtrag'n?!" Und er schaut, toic’6 einmal sein wird: „Js bie ganze Welt wie verändert g'wesen; alles, was man denken und sinnen kann, das nur möglich ist, es rührt ber Mensch nit selber nit seine Händ' dran, daS haben Maschinen geschaffen, und an den Maschinen sind sie g'standen die ncuchen Leut', unverlrüppelt, u,-verkümmert, schön, grotz, stark, und hot ihnen die Gesundheit und die G'fcheitheit aus dö Augen g'leuchf, ist jeder wie ein König an der Maschin' gestanden, die er gemeistert hat bis aufs letzte Stadl. Und über die Welt war ein großer Arbeitstag mit lauter faub’re luftige ArbeitS* leuf!" Wer Anzengruber, diesen ernsten sozialen Kritiker und frohfchauenden Propheten am AuSgang der Achtzigerjahre las, ber nahm ihn. wenn der politische Kampf ihn auf die Seite der mächtig wachsenden Sozialdemokratie trieb, wie einen Bundes-genossen. Der Kampf um Menschlichkeit wird ihn immer so empfinden. DaS ist auch heute noch so. Mögen ihn auch mit bem Sozialismus nicht Parteibanbe verbinden, feine Dichtung ist Volksdichtung im edelsten Sinne, Dichtung der Arbeiterklasse geradezu, die Bühnenwerke sowohl als die vielen kleineren Erzählungen und vor allem die beiden groben Romane ..Der Schandfleck" und „Der Sternsteinhof". Manches wird heute durch bie wohlfeilen Volksbüchereien in immer neue Kreise getragen, aber auch bie umfangreichsten Werke, die im Eottafcheii Verlag in Stuttgart erschienen sind, sind nicht eigentlich kostspielig. In fünf Jahren werden sie für den Abdruck frei fein, gleichzeitig mit den Werken Gottfried Kellers, und damit wird für den Kampf um die Verbreitung guten Lesestoffs in de» Massen des Volkes eine wichtige und goldene Zeit aubrcchciu Ziehen wir weiter in Betracht, daß der größte Teil der sogenannten freien Schulen katholische Klosterschulen sind, so können wir ermessen, wie gut der belgische Proletarier in seiner Jugend mit den Waffen des Wissens für den harten Kampf ums Dasein ausgestattet wird. Freiheit herrscht auch bezüglich des Besuches der Schulen; jede Familie kann ihre Kinder zur Schule schicken oder auch nicht, wer es nicht tut. der wird keinesfalls bestraft, auf gewissenlose Eltern wird keinerlei Zwang ausgeübt. Und wer von den belgischen Rangen die Schule schwänzen will, darf es. ohne dafür die geringste Bestrafung seitens des Lehrers oder der Behörden befürchten zu müssen. Es herrscht also im Lande ideale Freiheit für jene Kinder, die in ihrem Unverstand am liebsten täglich statt in. hinter die Schule gehen. Diese ,Freiheit* erschwert dann den Erwachsenen den Kampf ums Dasein und verrammelt der sozialistischen Aufklärung in denkbar wirksamster Weise den Weg. Die Folgen dieser Erziehung zeigten sich bisher in einer für die Arbeiterschaft erschrecklichen Weise. Belgien kennt oen Begriff .Sozialpolitik" nur dem Namen nach, und zwar aus der Äuslaudspresse. Es gibt da kein e gesetzlich geregelte Krankenversicherung, keine Invaliden- und auch keine U n s a l l v e r st ch c-r u n g, keine gesetzliche B e s ch r ä n k u n g der Arbeitszeit, kerne gesetzliche S o n n t a g s-r u h e, überhaupt nur ganz minimalen gesetzlichen Arbeiter-schütz, der noch niemals in die Praxis umgesetzt worden ist, sondern nur schwarz auf weiß das Papier verschönert. Die allgemeine Wehrpflicht ist zwar in Belgien gesetzlich eingesührt, nur hat das Gesetz zugleich den besitzenden Drückebergern weite Türen offen gelassen. Jedermann, der in der Lage ist, sich für 2000 bis 8000 Frcs. oder mehr einen Stellvertreter aus dem Proletariat zu kaufen, ist von der Militärpflicht befreit. Das überwiegend große Kontingent zum belgischen Heer dürfen also ausschließlich die arbeitenden Klassen stellen. Es ist ihr ausschließliches Privilegium, Blut, Gesundheit und Leben dem Vaterland zum Opfer zu bringen, während die besitzenden Bourgeois warm und sicher in ihren Salons sitzen und sich ihres genußreichen Lebens freuen dürfen. So sieht die belgische Freiheit aus; dem Arbeiter alle Lasten und alle Pflichten, der herrschenden Klasse alle Freuden, alle Bequemlichkeit und allen Genuß. Der sozialdemokratische Parteivor-st a n d Belgiens hat vor kürzerer Zeit eine Broschüre herausgegeben. die den Titel trägt: ,75 Jahre Bourgeoisherrschast von 1830 bis 1905" und das Motto von Karl Man;: .Belgien ist das Paradies der Kapitalisten und die Hölle der Arbeiter." Eine wuchtigere Anklageschrift gegen ein Land als diese Schrift ist kaum je geschrieben worden. Zunächst stellt Camille Huysmans, der bekannte Sekretär der sozialistischen Internationale, dar, wie das selbständige Belgien durch die Revolution von 1830 entstand. Gegen die Verbindung mit Holland hatten sich damals die Klerikalen erhoben, die von dstn protestantischen Staat und seiner vollständigen Gleichberechtigung der Konfessionen loskommen wollten. Im neuen Belgien haben sie unter formaler Anerkennung der Gewissensfreiheit dann eine ivüste Schreckensherrschaft religiöser Unduldsamkeit entfaltet. Weiter erhoben sich gegen die Gemeinschaft mit Holland einige liberale Kapitalisten, die den sofortigen Anschluß an Frankreich verlangten. Die Tendenz, Belgien in Frankreich aufgehen zu lassen, ist in den 84 Jahren seit jenen Tagen immer stärker geworden. Den Freiheitskampf Belgiens fochten 1830 die Arbeiter aus. um nach dem Sieg auss schmählichste betrogen und unterdrückt zu werden. Ihre Forderung nach politischer Gleichberechtigung wurde mit der Erwiderung beantwortet, man könne nicht Wahlbier und Wahlschnaps zu Herren Belgiens machen, man könne nicht das Land der Herrschaft der Karrenschieber und Stalljungen ausliefern. Bon dieser Gesinnung gegenüber den Arbeitern war der belgische Staat während seines ganzen Bestehens erfüllt. Schon Karl Marx hat sein Wesen so scharf wie möglich erkannt, indem er iin Namen des Generalrates der ersten Internationale 1869 ein Manifest erließ, in dem es hieß: „Es gibt in der zivilisicrten Welt nur ein einziges Land, wo man gierig und freu« big die Streiks als Vormand nimmt, um die Arbeiter zu morden. Dieses einzige Land ist Belgien, das Wt u ft c r l a n d des festländischen Verfassungslebens, das irdischeParadieS der .Herren auf Erden, der Kapitalisten und Psaf-fen. Nicht sicherer dreht sich alljährlich die Erde um die Sonne, als die belgische Regierung alljährlich die Arbeiter morden läßt... Für den belgischen Kapitalisten ist der Streik eine Art Gotteslästerung, ein Sklaven-ausstand, ein Vorbote der sozialen Revolution. Legt in die Hände dcS zittrigen Kapitale st en, der aus Feigheit grausam ist, die ungeteilte und unumschränkte unkontrollierte Herrschaft über die öffentlichen Gewalten, und ihr werdet euch nicht mehr wundern. daß in diesem Lande — wie cs in Belgien der Fall ist — Säbel, Flinte und Bajonett fast gesetzmäßig arbeiten und wie Maschinen wirken, um die Löhne zu senken und die Profite zu erhöhen." Stork Marx ist sicher kein Unwissender gewesen. Er hatte die belgischen Zustände im Lande selbst jahrelang mit eigenen Augen gesehen und durch eigene Erfahrung konstatieren können. An ihrer Regierung haben also die belgischen Arbeiter nichts verloren. Angesichts dieser Tatsachen ist die Liebe der belgischen Arbeiterschaft zu ihrem Vaterland eine Bewundernswerte zu nennen. Mit rührend kindlicher Treue schlugen die Proletarier sich für jene in die Schanzen, die im Proletarier nur das Objekt der Ausbeulung, nie den gleichberechtigten, aber schwachen, schutzbedürftigen Menschen sahen. Daß diese Haltung der belgischen Arbeiter vom Standpunkt des Patriotismus aus edel und anerkennenswert ist, daß in Belgien die Arbeiter Ausbeutung und Bedrückung geradezu mit Liebe und Hingebung vergolten haben, das wird anscheinend auch von den deutschen Behörden eingesehen, die jetzt Belgien verwalten. Man weiß sehr wohl in Deutschland, daß die bösen FrankNreurtaten nicht dem belgischen Sozialismus in die Schuhe zu schieben, sondern daß sie vielmehr die Frucht einer von der ehemaligen Regierung betriebenen Hetze sind. Deshalb versuchen die deutschen Behörden jetzt auch, an den belgischen Arbeitern eine Vergeltung zu üben, die eines Kulturvolkes würdig und angemessen ist. Das Wolffsche Telegraphenbüro verbreitete am 25. Oktober 1914 folgende amtliche Mitteilung: .Bei der deutschen Zivilverwaltung in Belgien wird erwogen, ob und wie weit während der Dauer der Besetzung zugunsten der Arbeiterschaft dieses Industriestaates die deutschen sozialpolitischen Gesetze insbesondere auf dem Gebiet des Arbeiterschutzes eingesührt werden sollen und können. Ein nach außen erkennbarer erster Schritt ist dadurch geschehen, daß der Direktor im großherzoglich badischen Gewerbeaussichtsamt, GeheimerOberregierungS-rat Dr. Bittmann, und der Hilfsarbeiter im Reichsamt des Innern, Gewerbeassessor Poerschke, nach Brüssel berufen wurden, um durch Vorarbeiten dem vorschwebenden Ziele näherzukommen. Auch sonst ist bei mannigfachen Anlässen, die in das Gebiet von Arbeiterschutz undArbeiterwohl hinüberspielen,zwischen dem Verwaltungs chef und Sachverständigen beraten worden." Die belgischen Arbeiter werden nun trotz ihrer f>eimatliebe den deutschen „Barbaren" gewiß nicht allzu» öfe sein, wenn diese den belgischen Kapitalisten den Daumen scharf auf die Augen drücken und dafür Sorge tragen, daß den Proletariern dort wenigstens das Maß von gesetzlichem Arbeiterschutz zuteil wird, das die deutsche Arbeiterschaft in ihrem Lande genießt. Und wir wünschen den belgischen Arbeitsbrüdern vom ganzen Herzen, daß ihnen dieser Schutz auch für die fernere Zukunft erhalten bleibt. __________________ Mastdauer «nd Ruhezeit der Msrn-bahner in Preußen—«nd Sesterreich. Der Minister für öffentliche Arbeiten hat unter dem 25. September verfugt: „Soweit die zwingenden Grenzen der Dienstdauervorschriften, insbesondere die Bestimmungen über die Dauer der Dienstschichten sowie über die Zahl und Dauer der Ruhetage des Personals während des Krieges wegen des Fehlens von Ablösern nicht immer gewahrt werden können, muß dafür gesorgt werden, daß dem Personal jedenfalls ausreichende Ruhezeiten zur Verfügung und daß betriebsgefährliche Ueberau-st r e n g u n g e n vermieden werde u." Vorstehender Ministerialerlaß ist den Dienststellen mit folgendem Bemerken zur Kenntnis und Beachtung mitgeteilt worden: „Wenn während des Krieges infolge Personalmangels von den Diensteinteilungen abgewichen werden muß. so ist es in erster Linie Pflicht der Dienststellenvorsteher, darüber zu Machen, daß bei notwendiger Verlängerung der planmäßigen Dienstschichten Kürzung oder Verminderung der planmäßigen Ruhetage, U e b e r a n st r e n g u u g e n jedenfalls vermieden werden. Bei durchaus unzulänglichem Personal und bei Abweichungen von der festgesetzten Diensteinteilung auf längere Dauer ist dem zuständigen Amt zu berichten. Unsere Eisenbahner, die militärischen sowohl wie die des Friedensdienstes, haben Kriegsaufgaben zu bewältigen, von denen sich die Oeffentlichkeit meist keine klare Vorstellung machen kann. Und das glänzende Gelingen der Mobilmachung und des Aufmarsches sowie die rasche Wiederkehr des alten fahrplanmäßigen Betriebes im Heimatland zeigen, wie die Eisenbahner dieses llebermatz von Aufgaben gelöst haben. Um so wichtiger ist jetzt nach der Wiederherstellung normaler Verkehrsverhältnisse im Lande, die Eisenbahner durch eine überlegte D i e n st e i n t e i l u n g vor Aufreibung der vielfach erschöpften Kräfte zu bewahren." Bei uns in Oesterreich hat sich das k. k. Eisenbahn-Ministerium noch nicht bemüht, diese wichtigen Maßnahmen durchzuführen, die sowohl im Interesse des Betriebes als in jenem des Personals dringend nötig erscheinen. Es sind uns zwar Aeußerungen maßgebender Funktionäre im Eisenbahnministerium bekamst, dahinlautend, daß das Eisenbahnministerium nach wie vor auf der strikten Einhaltung der Vorschriften über Dienst- und Ruhezeiten beharrt. und zwar für das Personal in allen Gebieten, die nicht direkt vom Krieg berührt sind. Aber ein diesbezüglicher Auftrag an die untergeordneten Dienststellen ist unseres Wissens nicht hinausgegeben worden. Daher kommt es, daß in einer ganzen Anzahl von Dienststellen das exekutive Personal auch beute noch übermäßig Dienst leisten muß. Zur Zeit der Mobilisierung war das eine Selbstverständlichkeit. Da hatte jeder Eisenbahner die Pflicht, Dienste zu leisten, solange seine Kräfte reichten. Das haben sie auch alle ohne Klage getan. Und in den Gebieten, wo dies die .Kriegführung bedingt, ist es auch jetzt noch so und es kann mich gar nicht anders sein. Aber in den übrigen Gebieten ist die gleiche Notwendigkeit nicht vorhanden. Im Heizhaus Stadlau muß das Lokomotivpersonal ständig Diensttouren von 30 bis 40 Stunden leisten, die zumeist ununterbrochen andauern. Mittels Dienstbefehl wurde in diesem Heizhaus verfügt, daß die Ruhezeit in der Heimatstation nicht mehr als sechs Stunden betragen darf. Diese übermäßige Dienstleistung wird vom genannten Personal seit Kriegsbeginn gefordert. Aehnlich sind die Verhältnisse für das Zugbegleitungspersonal der k. k. Direktion für die Linien der Staatseisenbahngesell-schaft in der Strecke Wien-Bruck an der Leitha. Seit mehreren Wochen erleiden die meisten Güterzüge in dieser Strecke Verspätungen von 24, 28, 30 und mehr Stunden. Zur Illustration seien einige Züge herausgegriffen. Zug 81 fuhr am 27. November l. I. fahrplanmäßig um 11 Uhr vormittags von Wien ab. Am 28. November, also am folgenden Tag um 12 Uhr mittags kam er in der llmkehrstation Bruck an. Die fahrplanmäßige Fahrt« bauet beträgt 9 Stunden 28 Minuten; er hatte also eine Verspätung von 15 Stunden. Zug 89 fuhr am 29. November l. I. um 11 Uhr 20 Minuten von Wien ab. Nach 22 Stunden Fahrtdauer erreichte derselbe die Station Grammat-Neusiedl. Die Streckenlänge ist 19-5 Kilo- meter. Zug 91 fuhr am 29. November T. I. ab Wien um 3 Uhr 52 Minuten früh. Die Station Bruck erreichte er nach 37stündiger Fahrtdauer. Wenn man bedenkt, daß zum Beispiel die fahrplanmäßige Fahrtdauer des Zuges 81 bloß 9 Stunden 28 Minuten beträgt, welche Zeit sich der Zugsbegleiter mit den Gebühren für die Fahrt im Dienste verrechnen kann, der Mann aber faktisch 25 und mehr Stunden auf der Strecke im Dienste verbringt, wofür er für 16 und mehr Stunden nur die Gebühren für die Fahrt ohne Dienst erhält, so kann man ermessen, daß diese Verhältnisse geradezu eine Katastrophe für die Zugsbegleiter bedeuten. Der Mann muß auf der Strecke buchstäblich hungern, denn er kann mit dem Fahrgeld für 9 oder 10 Stunden nicht 25 oder mehr Stunden auskommen. Dies um so mehr, als bei der großen Teuerung von einem Auslangen ohnehin keine Rebe mehr sein kann Es braucht keine weitere Darlegung zum Beweis dafür, daß die Bediensteten ohne Schädigung ihrer Gesundheit längerhin nicht imstande sind, derart Dienst zu leisten. Aehnliche Verhältnisse sind in vielen anderen Heizhäusern und Dienststellen. Die Kräfte der Eisenbahner werden auf diese Weise zwecklos erschöpft. Zwecklos deshalb, weil trotz des Krieges die Militärbehörden den Eisenbahnverwaltiingen genügend Personal zur klaglosen Abwicklung des Verkehrs belassen haben. Die Eisenbahnbehörden aber, insbesondere die untergeordnetesten Dienststellen in unverständlicher Weise Personalveränderungen verfiigten, die allem anderen als sachlichen Diensteserwägungen entsprungen sein müssen, ^n Villach und in Görz beorderte man zum Beispiel eine Anzahl Lokomotivführer zur Dienstleistung m die Werkstätte, während das fahrende Personal infolge des Abganges übermäßige Leistungen vollbringen mußte. Anderwärts mußten Arbeiter aussetzen oder sie wurden m vereinzelten Fällen entlassen und ihre Posten wurden mit höher qualifizierten Bediensteten besetzt. Es ist mehr als genug Anlaß dazu vorhanden, daß das Eisenbahnministerium den untergeordneten Dienst-stellen zum Bewußtsein bringt, daß auch den österreichischen Eisenbahnern außer dem Dienst auch Ruhe und freie Zeit gebührt, um dadurch auch bet uns die vielfach erschöpften Kräfte vor Aufreibung zu bewahren. Vom zentmlanrschnh für die Bediensteten der österreichischen Staats« bahnen. lieber die am 5. und 6. Mai 1914 im k. f. Eisenbahn-minifterium stattgefundenen Beratungen liegt nunmehr da» Protokoll im Wortlaut vor: Der Vorsitzende eröffnet die Sitzung und stellt fest, daß die Zentralausschuhmitglieder, mit Ausnahme des gewählten Mitgliedes T o u S e k, an dessen Stelle der Ersatzmann Prochazka erschienen ist, und mit Ausnahme des ernannten Mitgliedes Moser, vollzählig anwesend si'id. Sodann erläutert der Vorsitzende die GesichlS-punkte, denen zufolge die Tagesordnung für die diesjährige Sitzung erstellt worden ist. und teilt mit. dahvon den 185 seitens der Zentralausschuhmitglieder emgebrachten JnMativ. auträgen 14 Anträge als nicht in den Wirkungskreis des Zentralausschusses gehörig auSgcschieden werden muhten, Im Einblick auf die sohin 121 Anträge umfassende Tagesordnung sckläat der Vorsitzende vor. die Behandlung des in zwer Haupt-teile zerfallenden Beratungsstoffes in der Weise vorzunehmen, daß die jeweilige Begründung der einzelnen Antrage tunlichst nur von einem Mitglied vorgenommen werde und dah bei jenen Anträgen, die bereits in den vorhergegangenen Sitzungen begutachtet und angenommen worden sind, lediglich der Hinweis darauf als hinreichend befunden werden konnte. Vor Eingang in die Beratung erteilt der Vorsitzende über Verlangen dem Mitglied Weiser das Mort; dieses Mitglied vermittelt zunächst die Ansichten, die sich auf Grund der bisherigen Ergebnisse über das Wirken des Zentralausschiisses und der Personalkommissionen gebildet hat und wendet sich sodann gegen die Art der Abfassung des Protokolls, das zwar in kurzen Umrissen den Gang der Beratungen darstelle, jedoch die sachliche Ausführlichkeit, mit welcher dir einzelnen Mitglieder die wichtigsten Fragen begründet habe», vermissen läht. Ferner beklagt dieses Mitglied, daß aus der großen Menge der im Vorjahr gestellten Anträge nicht einmal jene Wünsche der Erfüllung zugeführt worden sind, welche mit keinen oder nur mit wenigen Kosten verbunden gewesen waren. In Betreff der den Mitgliedern des Zentralausschusses und der Personalkonimissionen zukommenden Stellung bemerkt Mitglied Weiser, dah die besagten Vertrauensmänner des Personals mit Schikanen und Maßregelungen verfolgt werden und denselben die Vorsprachen im Eisenbahnminister,mn und bei den Direktionen unter den verschiedensten Ausflüchten gänzlich versagt oder sehr erschwert werden, während hingegen andere Deputationen anstandslos empfangen werden; ferner empfindet es dieses Mitglied nickt nur als eine Zurücksetzung des Zentralausschusses und der Personalkommissioucn, sondern als eine Schädigung der Interessen der Bediensteten, dah die wichtigsten in letzter Zeit zur Durchführung gelangten Maß. nahmen und Reformen ohne vorherige Einholung eines Gutachtens seitens dieser Körperschaften vorgenommen worden sind. Die Folge dieses Vorganges sei, dah trotz der erfolgten bedeutenden Aufwände für die Eisenbahnbediensteten die endliche Zufriedenstellung derselben nicht einaetreten fei. Schließlich führt derselbe darüber Klage, dah in jüngster Zeit von der Verwaltung unter dem Schlagwort einer ökonomischen Gebarung Verschlechterungen zur Durchführung gelangt sind, die sowohl in erschwerten Dienstturnussen als auch in verschiedenen DiensteSabziehungen und in Ueberftellungen von höheren in niedrigere Verwendungskategorien zum Ausdruck kommen. Diese Darlegungen werden von dem Mitglied Sommerfeld unterstützt, indem er hiezu eine Reihe von konkreten Beispielen als Belege anführt; so seien Dienstesver-schlechterungen für das Verschubpersoual in der Station Bud-weis und etliche Verschlechterungen in der Strecke Wien—Am-stetten zu verzeichnen; desgleichen seien verschiedene Aendc-rungen von Dienstposten vorgenommen worden, die einer Verminderung der bestehenden Normierung gleichkommen. Dieses Mitglied stellt das Ersuchen, den ZentralauSschuhmitgliedern die Einsichtnahme in das Originalprotokoll jederzeit zu gewähren. Die Mitglieder Mühlberger und Kreuzer bezeichnen cs als weitere Verschlechterung gegenüber, den früheren Verhältnissen, daß nunmehr zur Ernennung von Kondukteuren zu Unterbeamten nebst den allgemeinen Voraussetzungen nicht nur eine zweijährige Verwendung als Güterzugsführer gefordert werde, sondern dah die betreffenden Kondukteure auch bereits durch zwei Jahre in der Gehaltstuse von 1200 Kr. stehen muffen; fie richten »>«—im »>, in ■-■■■Win Inland. Fahrbegünstigunge» für Verwandte verwundeter und kranker Soldaten. Die österreichischen Staatsbahnen und alle größeren Privatbahnen in Oesterreich (die S ü d b a h n auch für die ungarischen Linien), die bos-nisch-herzego w inisch en Landesbahnen, die Kaschau-Oderberger Bahn und die Militärbahn Banjaluka-Dobrlin haben den Angehörigen kranker und verwundeter Soldaten zu deren Besuch eine siOprozentige Fahrbegünstigung für die Hin- und Rückfahrt bewilligt. Diese Begünstigungen gelten für Eltern. Gattinnen, Rinder und Geschwister und sind mit Bestätigungen der politischen Behörden (Polizeibehörden, Gemeinde- und Seelsorgeämtern) bei den Personenkassen anzusprechen. Der Waggonmangel im böhmische» Braun-kohlenrevier. Der Geschäftsgang in der böhmischen Braunkohlenindustrie könnte ein sehr befriedigender sein, wenn Ich nicht gegenwärtig ein empfindlicher Waggonmangel ühlbar machen würde. Die Beistellungen dürsten im allgemeinen zwischen 50 und 60 Prozent der Anforderungen chwanken, sich aber eher zu 50 Prozent neigen. Hiebei ist jedoch zu berücksichtigen, daß in diesem Quantum die Waggons enthalten sind, welche für die Beförderung der Regiekohle der Staatsbahnen und der für die Gemeinde Wien bestimmten Kohle (täglich ungefähr 300 Waggons) erforderlich sind. Schaltet man die für die beiden letztgenannten Zwecke bestimmten Waggons aus, so bleibt für die reguläre Kundschaft eine Waggonanzahl übrig, die sich u n t e r 4 0 Prozent des Bedarfes halten dürfte. Tie Kohlennot in Wien. In der letzten Zeit erschien beinahe jede Woche eine Verlautbarung der Regierung oder der Gemeinde, worin behauptet wurde, daß m Wien eine Kohlennot nicht besteht, die Zufuhr nach Wien genügend groß sei: nur mangle es — so wird weiter erklärt — an Fuhrwerk, um die Kohlen an Kleinhändler abliefern zu können. Die Gemeinde Wien ließ durch die Rathauskorrespondenz mitteilen, daß die Fuhrwerke, die sonst der Straßenreinigung dienen, zur Kohlenzufuhr verwendet werden. Ob diese vernünftige Maßnahme eftoffen wurde, ist unbekannt. Sicher ist nur das eine, aß man bei den Kohlenhändlern noch immer keine Kohle bekommt, und wenn man glücklich einen Kohlenhändler, der Kvhle verkaufen kann, antrifft, so gibt er die Kohle zu 10 Kilogramm, höchstens 50 Kilogramm ab, was dann glücklich für einige Tage ausreicht. Daß der Kohlenmangel zu ganz ungerechtfertigten und unerhörten Preistreibereien benützt wird, versteht sich am Ende. Es wäre an der Zeit, wenn dem Jammer ein Ende bereitet würde. Statt unrichtige Berichte in die Welt zu senden, wäre es für die Bewohner dieser „bestverwalteten Stadt" weit nützlicher, wenn sich die berufenen Leute der Gemeinde damit befassen würden, wie die Kohlennot in Wien beseitigt wird. Die Pflanzreißerei genügt hieb nicht. Die Bewohner wollen endlich die vielen Versprechungen rn Bezug auf die Kohlenzufuhr in die Tat umgesetzt wissen. | Zur Landsturmmustcrung. Von kompetenter Stelle wird verlautbart: Ehemalige Mrlitärpersonen, welche eine staatliche Versorgung beziehen (Jnvalidenpensionen, Verwundungszulagen. Personalzulagen, Gnadengaben), haben bei der Landsturmmusterung nicht zu erscheinen. Sollten solche bei der Musterung doch erscheinen, so werden selbe von den Musterungskommissionen zurückgewiesen werden. ! i Ein Ruf »ach dem Parlament. I. W. D ob ernig, der Abgeordnete von Klagenfurt, Mitglied des deutschen Nationalverbandes und seinerzeit Präsident der Delegationen, ergreift in der Grazer „Tagespost" das Wort, ; um nachstehende Verwahrung zu sagen: „Mit tiefer Beschämung blickt der öfter-' reichische Volksvertreter in diesen Tagen1 über die Grenzen. Das ungarische Parlament und der Deutsche Reichstag haben Kriegstagungen abgehalten, ro i r aber sind zum Schweigen verurteilt, wir können von jener Stätte aus, wohin unsere Mandatare uns entsendet haben, dem Kaiser nicht huldigen, wie mir es so gerne möchten, mir dürfen die Helden im Felde nicht grüßen, wie es unsere Kollegen in Berlin und Budapest so feierlich getan; e$ ist uns auch verwehrt, an die Völker den Ruf erschallen zu lassen: Vertraut unserem Heere, unserer gerechten Sachet Die Schuldfrage über das Schicksal beS österreichischen Parlaments soll jetzt unerörtert bleiben. Der Tag der Abrechnung mit den Totengräbern beS Parlaments wird auch kommen. BiS dahin legen wir einen Beweis zum ändern, damit dereinst angezeigt ■ werden kann, in welch unverantwortlicher Art die wertvollen: Kräfte, die im Parlament ruhen, mißoraucht worden sind und 1 bas in einer Zeit in der andere Staaten ihre! konstitutionellen Vertretungen als kostbare Instrumente hüten und die Völker mit Stolz zu ihren gewählten Vertrauensmännern aus-blick e n. W i r schweigen a lso, wo wir aus warmem Herzen heraus reden müßten! Bei aller durch die Umstände gebotenen Zurückhaltung können aber auch wir nicht immer und in jedem Falle uns mit der R o l l e st u m m e r Zuhürerbegnügen." Wir fügen dieser Erklärung nichts hinzu, sondern begnügen uns damit, diesen aus dem nationalen Lager schallenden Ruf nach dem Parlamente festzuhalten. Sozialpolitische Pflichten im Krieg. Die Pflicht einer dringlichen sozialen Fürsorge liegt heute, wo der große Krieg an die Existenz so vieler greift, nicht bloß auf dem Gebiet staatlich dekretierter .Höchstpreise für wichtige Lebensmittel, die bekanntlich nun auch die österreichische Regierung angeordnet hat, sie erstreckt sich vielmehr auf alle Gebiete unseres sozialen Lebens. Gerade das D e n t s ch e R e i ch hat in dieser Richtung wirklich bisher schon Vorbildliches geleistet, nicht nur indem man sofort nach Kriegsausbruch ,A u s fuh rv e r-b o t e für im Inland während der Kriegszeiten wichtige Behelfe und Artikel anordnete, sondern auch indem die einzelnen Militärkommandos der verschiedenen Orte sich in anerkennenswerter Weise für die Einhaltung und Durchführung gewisser sozialer Fiirsorgeakte einsetztcn. Wiederholt ist beispielsweise im Deutschen Reich von militärischer Seite darauf hingewiesen worden, daß bei Lieferungen für die Armee die mit den Arbeitern und A n g e st e l l t e n schon vor dem Krieg b e-st a n d e n e n Ab in a ch u n g eit und Verei n« bar» n gen aufrecht bleiben m ü s s e n, daß also das Arbeitsverhältnis nicht verschlechtert werden dürfe. Das ist natürlich ein Standpunkt, der allseits, und bc- Nr. 36 Wien, Sonntag .»Der Mfenbahnr».« SO. Dezember 1914 Seite 5 sonders auch bei uns, die vollste Beachtung verdient, nicht nur weil ja aerobe in Kriegszeiten die soziale Lage aller jener durch die naturgemäß erhöhten Preise vieler Bedarfsartikel ungünstig beeinflußt wird, die auf festen Gelialt oder festes Lohneinkommen angewiesen sind, sondern weil — wie gerade in diesen Tagen von vielen Seiten anerkannt werden mußte — eine vernünftige Sozialpolitik überhaupt die Kräfte des staatlichen Organismus mehren und erhalten hilft. Dazu kommt aber auch noch weiters, daß der Krieg selbst manchen sozialen Ve-rufsgnippen, wie es zum Beispiel die Angestellten des Verkehrs und der Eisenbahnen sind, vermehrte und erhöhte Leistungen miferlegt und deren Pflichtenkreis weit über das normale, für die ??riedeuszeit angelegte Maß hinaus erweitert. Danach unterliegt es vor allem keinem Zweifel, daß den bisherigen Errungenschaften der Eisenbahner besondere Sorgfalt auch bei uns zugewendet werden sollte, und zwar schon deshalb, weil die Tendenz immer offenkundiger wird, daß einzelne Dienststellen sich redlich bemühen, Rechte und Benefizien mit Berufung auf den Krieg zu schmälern. Aber ge-r a d e i m K r i e g e sollte man den Angestellten und Arbeitern Zugeständnisse, die ihnen vor dieser Zeit gemacht wurden, nicht antasten oder schmälern wollen, ein Grundsatz, der mit Recht immer wieder von den deutschen Militärbehörden betont wird. Hoffentlich wird man sich auch bei unseren Staatsbahnvertvaltungen an diese vorbildliche Mahnung halten. Soziale Umschau. Gegen den Süddeutschen Eisenbahnerverband hat die bayerische Negierung seit einigen Jahren scharf Stellung genommen. Die Zugehörigkeit zu dieser Organisation wurde den Eisenbahnern verboten. Jeder in den Eisenbahndienst Eintretende mußte einen Revers unterschreiben, datz er jenem Verband fern bleiben werde. Alle Bemühungen, selbst der auSdrück-liche Verzicht auf da! Streil recht, haben die bayerische Regierung nicht von ihrem Standpunkt abzubringen vermocht. Jetzt haben die freien Gewerkschaften Bayerns eine Eingabe an das Ge-sanitministerimn gerichtet, in der um Aushebung jenes Ausnahmezustandes ersucht wird. Es wird darin darauf hingewiesen, daß Zehntausende von Mitgliedern der freien Gewerkschaften unter den Fahnen flehen und zahlreiche bereits bei der Verteidigung des Vaterlandes gefallen oder verwundet sind. Das Verkehrspcrsonal hat, wie der Verkehrsminister ausdrücklich anerkannt hat, seine schwere Pflicht in mustergültiger Weise erfüllt. Trotzdem wird der demütigende Revers beibehalten. In Preußen sind mit Ausbruch des Krieges alle Ausnahmebestimmungen beseitigt worden; deshalb wird erwartet, daß auch in Bayern jener Revers endlich fallen wird. Der Ministerpräsident, Graf Hertling, hat wiederholt erklärt, daS Koalitionsrecht der Arbeiter schützen zu wollen. Deshalb hoffen die Absender der Eingabe, daß er seinen Einfluß im Ministerrat einsetzen wird, daß der AeverS aus der Welt verschwindet. Krieg und Außenhandel. Das russische Zolldepartement veröffentlicht interessante Angaben über den Handel Rußlands mit seinen Gegnern und Verbündeten. Danach stellt sich die Ausfuhr im Durchschnitt der letzten fünf Jahre: nach Deutschland auf 436 Millionen Rubel, nach Oesterreich-Ungarn auf 63'4 Millionen Rubel. Die Einfuhr miß Deutschland bezifferte sich auf 497 Millionen Rubel und aus Oesterreich-Ungarn auf 83 Millionen Rubel im Jahre. Der gesamte Handelsverkehr Rußlands mit hen beiden Zentralmächten belief sich danach im Durchschnitt aus 1029 Millionen Rubel oder sast 2'.«M i l l i a r d e n M a r k im Jahre. Die Ausfuhr auS Rußland nach Großbritannien belief sich in derselben Zeit auf 207 Millionen Rubel und nach Frankreich auf 94 Millionen Rubel im Jahr, während die Einfuhr aus Großbritannien nach Rußland sich auf 150 Millionen Rubel und aus Frankreich auf 56 Millionen Rubel bezifferte. Der gesamte Handelsverkehr Rußlands mit den beiden verbündeten Mächten belief sich also aus 60 7 Millionen Rubel oder auf nur über die Hälfte deö Handelsverkehrs mit den jetzt in Rußland im Krieg liegenden Zentralmächten. Sin ähnliches Bild würde sich ergeben, wenn man den Handel Englands und Frankreichs mit den verbündeten und gegnerischen Staaten vergleichen würde. DaS bemerkenswerteste Kennzeichen des jetzigen Krieges besteht eben darin, daß gerade die Staaten, die wirtschaftlich am engsten miteinander verknüpft sind und deren WIrtschastSvcrfassung ein Zusammenarbeiten erfordert, gegenwärtig in feindlichen Lagern stehen und sich gegenseitig bekriegen. Natürlich sind es auch gegensätzliche wirtschaftliche Interessen: der Kamps um äußere Märkte, der Kamps um die Welthandelsstraße u. s. w., die dem Weltkrieg zugrunde liegen, aber wie klein sind diese M.lrkte, wie eng die in Betracht kommenden Jntereffenkreise in jedem Land, gemessen an dein gewaltigen Umfang der Märkte und der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen in den großen kapitalistischen Staaten, die jetzt erbittert gegeneinander ankämpsen. Notstandöarbeite« der preußisch-hessischen Staats. eijcnbahn. In wie großem Umfang der preußische Staat in dieser xriegSzeit als Arbeitgeber feiner Ausgabe gerecht wird, durch Vergebung außerordentlich r Arbeiten und Austräge das Seine zur Belämpsunq der Arbeitslosigkeit zu tun, geht, wie die .Norddeutsche Allgemeine Zeitung* hervorhebt, mit besonderer Klarheit aus den Maßnahmen der TtaatSeisenbahn-verwaltung hervor. Trotzdem sich der Bedarf für die Durchführung des Betriebes, die Erhaltung und Erneuerung ihrer Anlagen, die Vermehrung ihres Fuhrparks und die Erweiterung ihrer baulichen Einrichtung, der im letzten abgerechneten Jahre etwa 1100 bis 1200 Millionen Mark betrug, wesentlich vermindert bat, hat sich die preußische StaatSeisenbahnverwaltung entschlossen, von einer Einschränkung der Ausgaben abzusehen, insoweit dies wirtschaftlich sich noch irgendwie rechtfertigen läßt. Sie ging dabei von der Auffassung aus, daß eS richtiger sei, die letzt brachliegenden Kräfte des Wirtschaftslebens mit Arbeiten zu b,schattigen, die wahrscheinlich wenigstens dem Bedürfnis späterer Zukunft dienen, als die Arbeiter zur Erwerbslosigkeit zu verurteilen und sie auf den Weg der Unterstützung zu verweisen. Dementsprechend setzte sie aus die Gefahr hin, mit steigenden Vorräten rechnen zu müssen, auch die Beschaffung für den Betrieb, soweit irgendwie angängig, unverkürzt fort, nahm eine weitere Vermehrung des s tördertc die Bauausführungen zur Fuhrparks in Aussicht und Ausgestaltung der Bahnanlagen nach Kräften weiter." Man tarnt annehmen, daß rund 250 Millionen Mark Ausgaben, die sonst jortjallen würden, zur Förderung der ErwerbStätigkcit aufgewendet würden sind. Die Zahl derjenigen Personen, die durch diese Maßnahme der Eisenbnhnverwaltung Arbeit gesunden haben, läßt sich, wenn man den Lohn und Stoffwert in der Arbeitsleistung eines Arbeiters auf 10 Mk. täglich anschlägt, so dciß 250 Millionen Mark rund 25 Millionen ArbeitSschichten entsprächen, bei halbjähriger Arbeit auf über 150.000 schätzen. Die Arbeit verteilt sich aus die ver'chiedensten EriverbS'laffen. auf Grofitmletnehmer, Kleinunternehmer, Handwerker und Arbeiter. Es ist Vorsorge getroffen, daß die kleinen Unternehmer und die Handwerker besonders mit Aufträgen bedacht werden. NebrigenS ist für den gleichen Zweck durch die Bildung möglichst kleiner Lose bei der Vergebung von Arbeiten und Lieferungen Sorge getragen. Deutsche Kriegsgefangene einer englischen toefoerf« schaft. Ter englische Seemannsverband lmt lür die in England ftsigesehlen deutschen Seeleute mit Genehmigung der Regierung ein musterhaftes Gefangenenlager errichtet, in dem den Seeleuten nicht das minde e fehlt. Für Nahrung, Unterhaltung und geistige Anregung ist in weitestem Umfang gesorgt. Der britische SeemannSverband hat alles getan, was in seiner Macht steht, um den deutschen Seesoldaten daS Leben in England wäfirenh des Krieges möglichst erträglich zu machen. Wenn er auch sein Vorgehen damit begründet, daß c8 sich vielfach um Mitglieder der eigenen Organisa'ion handle, die seit unabsehbaren Zeiten mehr englisch als deutsch fühlten, so hat er doch in dieses SeemannSheitn alle organisierten Si'emannSlente ohne Unterschied ausgenommen und damit ein glänzendes Beispiel internationaler Zuverlässigkeit gegeben. Günstige Einnahmegeftaltnng der prenstischen Eisenbahnen. AIS glänzender Beweis für die Gesundheit und Widerstandskraft de« deutschen Wirtschaftsleben« ist der Umstand zu bezeichnen, daß die Einnahmen der preußischen Staatsbahnen aus dein Güterverkehr im Oktober dieses Jahres gegen den gleichen Monat hc8 Vorjahres trotz zahlreicher Tarif-errnäßigungen nur um SO Prozent zurückgeblieben sind. Aus dem Gerichtssaal. Neveranstrengun« der VahnwSchtee. Am 22. Juni d. I. gegen % 12 Uhr nachts wurde der Fuhrwerker Franz Rei-nagl, welcher mit einem Wagen bei der Uebersehung der Straße über die Bahn nächst dem Wächterbau« Nr. 70 in Kainreith fuhr, in dem Augenblick, als er das Geleise passierte, von einem von SigmundSherberg kommenden Zug erfaßt und starb kurz nachher an den Folgen der schweren Verletzungen, öte er erlitten hatte, noch während des Transportes in die nächste Station Hötzelsdorf. Wegen dieses Vorfalles erhob die Staatsanwaltschaft des Preisgerichtes Krems gegen den Bahnwächter Alois M o-schinger die Anklage wegen Vergehens gegen die Sicherheit des Lebens nach höherem Strafsah, weil er laut bahnamtlicher und gerichtlicher Erhebungen nicht, tot* vorgeschriebe», schon fünf Minuten vor dem erwarteten Eintreffen des Zuges den Schranken geschloffen hatte, dieser vielmehr bei Ankunft des Zuges noch halb offen stand. Bei der am 27. November d. I. vor dem Kreisgericht Krems staitgehabten Bauptverhandlung verantwortete sich der von Dr. Leopold Kah aus Wien verteidigte Angeklagte Mo-schinger dahin, daß er damals in der achtzehnten Dren st stunde stand, da er feinen Dienst seit 6 Uhr früh ununterbrochen versehen habe. In der Sommerszeit seien die Schranken für einen Zugsvsrkehr von über 40 Zügen zu bedienen. Außerdem sei an jenem Tag ein Waldbrand gewesen, den er mit seiner Fvau zu ersticken hatte. Die« habe zwar nur zehn Minuten erfordert, doch habe er sich hiebei sehr aufgeregt. Uebrigens glaute et bestimmt, daß er schon fünf Minuten vor Ankunft des Zuges den Schranken schließen wollte. Da sei gerade daS Fuhrwerk gekommen und babe ihn daran gehindert. Infolge feiner Handlaterne scheuten die Pferde und seien auf da§ Bahngeleise gelangt. Der Kutscher habe unter einer Plache geschlafen und konnte weder durch Zurufe noch durch Rütteln geweckt werden. Das Hantieren mit den Pferden habe ihn nun so lange in Anspruch genommen, bis der Zug kam. Auf Be. fragen dcS Vorsitzenden, warum er denn dem herankommenden Zug kein Haltsignal mit der Laterne gegeben habe, erklärte er, daß er daran in feiner Aufregung nicht gedacht habe. Der hierauf vernommene Zeuge. Lokomotivfützrer P t f e k, gab an, daß ihm Moschinger sogleich nach dem Vorfall auf sein Befragen erklärt habe, er habe sich verspätet. Aehn-liches ging aus dem verlesenen Gendarmeriebericht hervor. Nach Schluß des Beweisvcrfahrens beantragte der Staatsanwalt Dr. Stclzl die Bestrafung des Angeklagten, weil feine Verantwortung, daß er schon fünf Minuten vor Einlangen des Zuges den Schranken schließen wollte, absolut nicht glaubwürdig sei. Der Verteidiger Dr. Kah führte demgegenüber aus, daß die Verantwortung des Angeklagten sehr plausibel sei. Aber selbst wenn der Angeklagte sich damals verschlafen hätte und daher zum Schranken zu spät gekommen wäre, so wäre dies gar kein Wunder gewesen. Die Anforderungen, welche nämlich von der österreichischen Bahnverwaltung an die Bahnwächter gestellt werden, sind so große, daß sie nicht mehr im Verhältnis zur Spannkraft eines Durchschnittsmenschen stehen. Bei einem Unfall, der sich in der 18. Dienststunde eines Bahn-Wächters ereigne, muß erwogen werde«, ob ein Mann, der den ganzen Tag über in frischer Luft gearbeitet hat, in der achtzehnten Stunde des Nachts noch jene Kraft besitze, um seiner Uebermüdung Herr zu werden. Wenn die Uebermüdimg stärker ist als feine Widerstandskraft, dann kann von ihm nicht Der-langt werden, daß er in einem solchen Zustand der vom Gesetz geforderten Aufmerksamkeit fähig sei. Der Verteidiger beantragte daher die Freisprechung. Nach kurzer Beratung verkündete der Vorsitzende, LandeS-gerichtsrat Wohlschläger. das Urteil, wonach der Angeklagte Moschinger freigesprochen wurde. Der Staatsanwalt behielt sich die Bedenkzeit vor. Streiflichter. Anton Weiguny. Eine schmerzliche Nachricht kommt aus Linz. Dort ist am Montag den 14. Dezember unser bewährter Genoffe Abgeordneter Anton Weiguny gestorben. Mit Genoffen Weiguny verliert die Sozialdemokratie in Oesterreich wieder einen ihrer Vorkämpfer, der an der Wiege der Partei stand und bis zum Tode treu zu ihr hielt. Weiguny war einer von der „alten Garde", der alle Verfolgungen in der Sturm- und Drangperiode der Partei mitmachen mußte und für feine Ueberzeugu-.g die größten Opfer brachte und stets zu bringen bereit war. Ganz besonder» verdient hat sich Genosse Weiguny um die Hebung der Parteibewegung in Oberüsterreich gemacht, wo er durch Jahre hindurch als erster politischer Vertrauensmann eine eifrige Wirksamkeit entfaltete. Unermüdlich wirkte er an der Aufrüttelung der oberösterreichischen Arbeiter, schuf dort eine Bewegung, die sich würdig jener der in anderen Ländern Oesterreichs bestehenden zur Seite stellen kann. Genosse Weiguny entstammte der Arbeiterklasse; feine Befähigung und sein Eifer, mit dem er die Sache des Proletariats verfocht, brachten ihn in die öffentliche Wirksamkeit. Die Linzer Arbeiter wählten ihn in den Linzer Gemeindenit, dem er seit Jahren angehSrte. Dort fand et in der Vertretung seiner Wühler stets das richtige Wort. Weiguny gehörte auch seit 1907 dem österreichischen Abgeordnetenhaus an. Mir allem, was unsere Partei in Oberösterreich schuf, ist der Nainc Weiguny verknüpft. Genoffe Weiguny war auch Herausgeber unsere- oberösterreichischen TagblatteS „Wahrheit". Er erreichte ein Alter von 63 Jahren. Genoffe Franz Stibor, ambulanter Wächter in Pension in Menhof, zwischen der Haltestelle ©tiefem und der Station Plank im Kamptal, ist am 12. d. M. gestorben. Am 4. Oktober wurde er 61 Jahre alt und feit 1. April 1912 ist er in Pension. Volle 34 Jahre hat er der Staatsbahn gedient und feit 1895 war er Mitglied der Eisenbahnerorgcmisaiion. Er war Gründer der seinerzeit vor der Auslv'ung des EisenbahnkrsachvcreineS im Jahre 1897 im Jahre 1895 gegründeten Ortsgruppe in HaderS-dorf am Kamp. Er war Obmann bis zur Auflösung der Ortsgruppe. Als dann die Zahlstelle in KremS an der Donau dcS Allgemeinen Rechtsschutz- und GewerlschnsiSvereineS errichtet wurde, war er schon in Altenhof. Da war er bis zu feiner im Jahre 1912 erfolgten Pensionierung Subkafsier und Vertrauensmann, als auch die Zahlstelle in KremS in eine Ortsgruppe umgewandelt wurde. Auch war er lange Zeit Mitglied der politischen Organisation und lange Zeit der einzige Aufklärer der bäuerlichen Bevölkerung im Kamptal. Der verstorbene BezirkSvertrauenSmann Neuwirt und auch sein Vorgänger Smital schützten den Genossen Stibor sehr, weil er es war, der es uns ermöglicht hatte, mit unseren Ideen in dar Kamptal von LangenlotS bis Hont einzudringen und bei jeder politischen Wahl auch jedesmal um einige Stimmen mehr zu erobern. Trotz [einer schlechten deutschen Aussprache war eS ihm möglich, die Leute über unsere Bestrebungen und Ziele au'zuklären. Genosse Stibor war auch in tschechischer Sprache Dichter. DaS „Pravo Lidu" und die .Rovnost' haben öfter von ihm Gedichte in tschechischer Mundart gebracht. Stibor machte in den Achtzigerjahren die Prager Persekution mit und wurde damals von der Franz JosesS-Bahn strafweise in eine rein deutsche Gegend nach EtSdorf bei Hadesdorf am Kamp versetzt, er, der damals kein einziges Wort Deutsch sprechen konnte. Internationaler Sozialdemokrat blieb Stibor bis zu seinem Tode. Noch bei den letzten Reichsratswahlen hatte er kräftig für unseren Kandidaten agitiert. Ein Mahnruf aus dem Felde wird in der Bcrbands-zeitung der Brauerei- und Mühlenarbeiter veröffentlicht. Er ist die Antwort auf die traurige Mitteilung, daß in den Geiverk-schaftSorgantfatiotlen immer wieder einzelne Mitglieder ihren Austritt erklären. „WaS veranlaßt", so fragt der Soldat, „die fahnenflüchtigen Kollegen, ihre Beiträge nicht mehr zu zahlen S Etwa daß ihnen nicht das .Glück" befchieden ist, tagein, tagaus auf der Landstraße zu liegen und auf dem Scheunenflur zu schlafen? O nein, da» ist wohl nicht recht anzunehmen. Denn solche „Helden", die ihre eigenen Kollegen in der bittersten Not im Stich lassen, haben auch nicht den Mut, ihr Leben fürs Vaterland auf« Spiel zu fetzen. Das Zahlen der Extrabeiträge der Organisationen, ja, das ist des Pudels Kern. Sind denn diese Kollegen gänzlich mit Blindheit geschlagen? Sehen sie nicht, daß wir, die wir im Felde stehen, viel tausendmal mehr opfern müssen? Unser Leben, das Glück unserer Familien, alles wird ausS Spiel gesetzt, und dazu kommen tagein, tagaus die quälenden Gedanken: Wie wird es den armen Kindern gehen? Und dann, abgesehen von uns: hat uns nicht dieser Krieg Lausende und Abertausende von Arbeitslosen beschert, die hochzuhalten doch auch Aufgabe der Organisation ist? Ja, Kollegen, wir rufen euch aus dem Felde zu: Haltet zur Organisation und baut sie BBBBBBBBBBBBBBBBBS B EISENBAHNERHEIM 8 E-Ä if xHslAUMliiilal 4M rr.un»i«iu j». t i«!. 10 Uu V, Margaretengllrtel 136, Haltestelle dor Linie is Sonntag den 20. Dezember 1914 Badet im groeeen Saal cm ELITE-KOIVZERT der bestens bekannten Damenkapelle Matys nebst Variete-Einlagen statt. Auftreten: Theo XVollner, Soloscban«pioler; Rudolf Pacher, Qesangekomikor Anfang e Uhr Entr*e nur BO Heller Ende 11 Uhr (Organisierte Eisenbahner zahlen für steh nnd ihre Kran blom dieTlXlfte. 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Sammlungen, welche von den Ortsgruppen im eigenen Wirkungskreis eingeleitet und auch zur Verteilun g gel^n^^-^ \________________ tz«rau»ael>er Jofek Tomfchik. - BerantwortliLer »uoatteut Krau, «ill. — «trlMSanstalt .Vorwärts" Swododa & , Wie». V„ Rechte Wienzeile 97,