k a i b a ch e r W o ch e n b l a t t z ll m Nußen und Vergnügen. ^ro. 42. Freitag den 17. Oktober »8l/. Abenteuer des Chevalier bon Pagcville. ^!)er Sohn von einem Jugend-Freunde meines Vaters, war mein Kmdheits und Gtndien-Gefährte. Der Chevalier von Pageville, so hieß er, war der Iüngst-geborne einer gulen Familie aus der Normandie, welche um den Aeltesten standesmäßig auszustatten , diesem nur die Wahl zwischen einer Pfründe und dem Malteserkreuze ließ. Er wählte mcht lange. Von früher Jugend an konnte man in seinem Charakter etwas Abenteuerliches und eine Liebe zur Unabhängigkeit wahrnehmen, die sich nicht zum geistlichen Stande paßten. Wie seine Gtlldien vollendet waren, ging er nach Brest, um sich als Sce-Ofsizier aufnehmen zu lassm. Unsere Trennung verursachte uns unendlichen Kummer;'und ich wäre untröstlich gswessn, ihn im blauen Rock, den Anker auf den Knöpfen, mit dem TrcsscmHut, Weste, Strümpfe und , Beinkleider roth, fmtzichn zu sehn , wenn ich mcht die Hoffnung gehabt hatte, bald selbst die Uniform zu tragen. Der Chevalier schiffte sich auf dem Majestüeux ein, einem Linienschiff von Herrn von Forbin befehligt. Drei Jahre spater fanden wir uns auf der Insel Minorka wieder. Er, der im Kollegium nur die Abenteuer von Robinson Crusoe, von Chevalier DeMines, von Kapitain Viot las, der nur von Schiffbrüchen und wüsten Inseln träumte, war bestimmt eines der ersten Opfer von Nousscaus Sophismen zu werden, und ich wunderte mich nicht über die Begeisterung , mit der er von der berühmten anti -- socialen Rede sprach, welche so cben den Preis von der Akademie von Dijon erhallen hatte. Wir kamen zusammen nach Paris zurück, während der drei Monate, die er dort zubrachte, faßte er die übertriebenste Leidenschaft für die kleine Nanine, eine Tänzerinn vom Markte St. Germain, aber auch er bezauberte sie dergestalt, daß sie einwilligte, ihm als Schisssjunge nach Rochsfort zu solgen, wo er auf dem Schiffe, der Apollo, welches mit zu der nach Indien bestimmten Eskadre gehörte eine neus Seereise begann« Sechs Jahren waren verflossen, obm daß ich etwas von ihm gehört hätts, als ich ebenfalls mit meinem Regimen/naH Pontichsn) absegelte. Einer unsers Oft fiziere, der mit Pagevills auf dem Apolls gedient hatte, erzählte mir, daß bei einer Landung an der Küste von Malaöar der Chevalier mit seinem Schiffsjungen aus-gestiegen wäre , und sich nicht mchr hätte sehsn lassen. Der mir diess Nachricht mittheilte und ich selbst zweifelten nicht, daß der Tod feiner abenteuerlichen Lausbahn , au^er welcher er nur Vorurtheil und Langeweile erblickte, ein Ende gemacht hätte. Die Folge der Kriegs--Ereignisse, in die wir damals verwickelt waren, führte mich an die Küsts von Orixa, wo die Abtheilung der Seepoys, dis ich befehligte, bei Iano durch einen Haufen Marotten angegriffen wurde; das Gefecht entschied sich zu unserm Vortheil; der feindliche Fuhrer, dessen Pftrd unter ihm fiel, wurde gefangen in mein Zelt gebrackt; ich richtete einige Worte in der Talinga-Gprache an ihn, die ich eben erst zu lernen anfing; mein Erstaunen war grenzenlos, wie er statt aller Antwort mir um den Hals fiel. — Es war der Chevalier von Pagevills l — Noch-gedrungen, die Begebenheiten eines halben Jahrhunderts mit wenigen Worts« auszusprechen, unterdrucke ick alle Details und wiederhole nur die ersten flüchtigen Worts meines Freundes, „Sie wußten, daß Nanins mir an Bord des Apollo gefolgt war. Ihr Geschlecht konnte nicht lang? ein Geheimniß bleiben; Herr v. St. Hila'rs, unser Kapitain, machte mir darüber Vorwürfe, die ich eben nicht sehr gut aufnahm, nnd trieb seine Strmge so weit, mick zn zwingen, dieß junge zarte G'schöpf, die mit so vieler Großmuth ihr Schicksal an das meinige gebunden hatte, u::d die ich so herzlich liebte, auf der nächsten französischen Besitzung, die wir erreichen würden, ans Land zu setzen " „Ha'tts ich anch weniger sie geliebt/ wie konnt'ich sie verlassen?" „Ich entschloß mich ohne Bedenken, mit ihr ans Land zu gehsn. Nächsten Tag rüstete ich, ohne Jemand davon zu unterrichten, ein kleines Fahrzeug aus, und schiffte damit nach Surats, eine der o «genehmsten Städte. Wir führten, so lange mein Vorrath von einigen tausend Piastern dauerte, ein fröhliches Leben; doch endlich wurde er erschöpft und unser Zustand sing an mich zu bekümmern: nicht meinetwegen, aber wegen meiner jungen Gefährtinn , deren Liede noch nicht vom Mangel erprobt war. Nanine war eine zweite Manon L?scant / treuer viela leicht nn Uederfiuß; aber im Unglück eben so bereit zu einem kecken Entschluß. Gie war in Smate durch ihre Talente und ihre Schönheit nicht nur allen Europäern, sondern auch den Großen des Landes be« kannt; einer dieser Litern, der sie hatttz tanzen sehn und sie darum für eins Sclavinn hielt, hatte mir eine beträcht, liche Summe für sie geboten, und mir hatten oft über diese sonderbaren Vorschläge gelacht. An einem Abend, wie ich von " " zurückkam , wo ich wegsn unserer Ueberfahrt nach Isle de France auf einem Schiffe, was so eben absegeln soll, te, unterhandelt hatte, fand ich Nanine nicht zu Hause; eine ihrer Dienjlfrauen übergab mir einen Brief, der von ihren Thränen noch gan; feucht war; ohna mich ihr Vorhaben ahnen zu lassen, ermähnte sie mich darin , die Trennung, die sie für mein und ihr Glück für nöthig gehalten hätte, mit Muth zu ertragen. Msm Erstaunen war so groß, wie meine Verzweiflung Während acht Tagen, dis ich noch in Gu'-ate blieb, bemühte ich mich vergebens, auf ihre Spur zu kommen. Bis auf den Punkt gebracht, meine Nekerfahrl auf dem Echisse, welches ich besteigen wollte, nicht bezahlen zu können , nahm ich, um meine Reifs unenigeldlich zu machen , die Führung einer Abtheilung Laskarsn an, indem alle Fahrzeuge be-bewaffnet seyn müssen, um sich gegen die Piraten, von denen diese Gegend ilberschw mmt ist, znvertheidigen. ,,Im Augenblick, wo wir die Anker lichtsten, näherte sich ein Kahn unserm Fahrzeug, einige Indianer, welche ihn fährten, gäbe» eine Kiste unter meiner Adresse an unserm Bord ab, und entfernten sich dann wieder, ohne auf eine unserer Frogen zu antworten. Wie ich die Kiste öffnete, fand ich, unter Mnnd-vorrächen aller Art, eins Börse mit ungefähr 5000 Francs. Nichts deutete wir an, wem ich für einen solchen Dienst verpflichtet wäre; doch das Geheimniß selbst, unter dem sich mern Wohlthäler verbarg, ließ mich nicht die untreue Nanine verkennen. Aber wis hatte sie sich Hülfsmittel verschafft, die sie mich nun nöthigte zu theilen? Welches war ihr Schicksal? Was sollte aus ihr werden ? Ich begriff dieses nicht, und ich hatte darüber nur Vermuthungen, die jetzt nicht mehr zu meiner Erzählung gehören. Den Morgen nach unserer Abreise von Sllrate wurden wn von einign zwanzig marattischen Schaluppen angegriffen, jede war mit zwci Kanonen bewaffnet, wir hatten deren schon sechs oder sieben versenkt , und wären leicht den anyern entgangen , w:nn nicht alle Piraten von der Küste, von der wir uns der Winds we-gcn nicht hatten entfernen können, uns nachgesetzt hatten. Nach oincm fünf- bis sechsstündigen Gefecht wurde unser Fahrzeug genommen, ich verlor al!ks was ich besaß, wurde zum Sclaven gemacht und ins Imns dös Landes gefuhrt. Schon seit drei Monaton winde ich von meinem Herrn angehalten, Stcme zu schleppen »nd Pfosten für seine Zelts zu schnitzen; dieses Zustandes müde entschloß ich mich , ihm, was es auch kosten möge, em Ende zu machen Der Nabob von Visapour unterhandelte damals mit dem Pescha, Haupt der marattischen Nepubli?, über Werbungen mehrerer Schwadronen, die er in Sold nehmen wollte; mein Herr willigte em, mich unter diesen kleinen Hamen aufzunehmen, den er als sem Kontingent stellen sollte. Nach den ersten zwei Feldzügen machte ev mich zu dessen Oberbefehlshaber. Ich war in die vier Lirkars eingedrungen, um mich dem Herrn von Büssy zu nähern, dem ich mich als Vermittler eines Bündnisses mit den Maratten , das ich für das Interesse Frankreichs für nützlich hielt, anbieten wollte. Wir griffen auch an , wie es die Sitte der Menschen, dis ich anführte, erfordert, ohne zu fragen wer der Feind ist; daß wir uns die Stärkern glaubten, war genug den Angriffzu entscheiden — das Uebrige ist Ihnen bekannt." Nachdem ich mehrere Tage mit diesem lieben Abenteurer in den Ergkßungell unserer Herzen zugebracht hatte, gab ich ihm einen Brief an den französischen General , den er auszusuchen gedachte; zwei Monate später meldete er mir schriftlich, daß ihm ein Plon, an dessen Erfüllung die Uebermncht der Franzosen augenscheinlich geknüpft wäre, nicht gelungen sei, und er sich deshalb nun mit einem Landsmann zu einer Lebensart verbunden hätte, die sick-. am besten mit seiner Neigung zum ungebundenen Umherirren vertrüge Hienüt wollte er mir, wie ich indessen erfahren habe, zu verstchn geben, daß ihnen ein HÄnbe?smiNM mit dem Gerippe eines tietnen Fahrzeugs 2in Geschenk gemacht habe, mit welchem sie sich vornahmen, indische Vogelnester aufzusuchen, dle im ganzen Orient sehr viel verbraucht, aber besonders von den Chinesen um den höchsten Preis bezahlt werden. Von dieser Zeit schreibt sich unser regelmäßiger Briefwechsel her. Nach einer Menge von Abenteuern, wie sie eine solche Lebensart mit sich bringen mußte, während denen der Chevalier längs der Sechellen-Inseln die Salangas aus ihren Nestern vertrieb, und den Ueber-ftttß in seinen Geldbeutel brachte, ließ er sich ais Pächter der Perlenst'cbsrei des Königs Von Travancor in Tutukorin nieder, und lebte auch daselbst zchn Jahrs lang recht zufrieden. Die ersten Funken der französischen Revolution, (welche er fo wie viele Andere sür die Morgenröthe eines neuen Tages hüll) , riefen ihn in sein Vaterland zuvück; das Unglück, was ihm widerfuhr, die Gefahr, der er in diesem schrecklichen Sturme ausgesetzt war, gehören weniger seiner eigenen Geschichte an, als der dieses schrecklichen Zeitpunkts überhaupt. In der l.tzten Krijis dieses politischen Fiebers wurde er zur Deportation nach Guiana verurtheilt, ein Mißbrauch der U-oerrn^ckt, gegen den ihn sein bisheriges Leben jedoch weniger empfindlich machte, als manchen Andern. Mit mehrern seiner Unglücksgefährtcn m das Fort Smamary eingesperrt, suchte und fand er auch bald die Mittel zu entkommen ; aber anstatt sich dem Meeres-nfer zu nähern, drang er tiefer in diese unermeßliche Einöde, und siedelte sich mit einigen Negern, die er in Cavenne gekauft hatte, an den Ufern des Ooapoc an, m geringer Entfernung eines SlaN- mes,von Wilden, vow dstlen er als Areun-d empfangen ward unv die ihn jetzt als ihren Wohlthäter lieben. Schon manches-Jahr gleitete in dieser freiwilligen Verbannung über seinem Haupts hin; er glaubt seine Heimath gefunden zu haben; aber die Sehnsucht seiner unter den ergrauten Wimpern noch funkelnden Blicke, wenn er vom Abendroth, das auf den fernen Gebirgen ruhet, zum dunkelnden Osten sich hinwendet, verräth , daß Frankreich sein Vaterland blieb, und er gern dort sein Grab fand, von wo ihn im Leben seine Unruhe himveg trieb. Charade. Ein Tropfen gibt den Stoff zu einem Pruwk- q^bilde, Das eines Odems Hauch sein flüchtig Daseyn dankl. Im Doppelspiegel maklt cs Wälder und Gefilde, Wenn es in lichter Form am dünnen Halme schwankt. Kein Mahler mahlte je der Farben Mischung schöuer, Als hier im zarten Schmelz entzuckt das A„g' erblickt. Doch sind meist Kinder nur des Schwiudelbil« des Gönner, Weil seine dünne Wand d,e kleinste Mück'zerknickt. Dasselbe Element,das i5m die vo m gegeben, Zerstört viel schneller noch des Spiegelbildes Schweden. 3- K. Auflösung der Charade in Nro. 41. E d b e.