15 i n g e b o r g h a r e r G r a z , Ö s t e r r e i c h „NUR DORT WO ICH NICHT BIN, DORT IST DAS GLÜCK“: MARIE PACHLER (1794–1855) IM DIALOG MIT IHREN VERWANDTEN AUS DER UNTERSTEIERMARK UND KRAIN Iz v l eček: Spodnja Štajerska in Kranjska v današnji Sloveniji nista le deželi izvora graške pianistke Marie Pachler, rojene Ko- schak, temveč tudi osrednji stičišči njenega življenja. Ta članek je prvi, ki je posvečen tej perspektivi. Novi viri kažejo, da je Marie Pachler vse življenje ostala iskalka in je svoje misli izražala v pismih sorodnicam iz teh krajev. Korespondenca razkriva specifične podrobnosti vprašanja spola in druge druž- beno-kulturne vidike, značilne za njen čas. K ljučne besede: Marie Pachler, družina Koschak, družina Ruard, družina Perše, grad Šenek (Polzela) A bst r act: Lower Styria and Carniola, in today’s Slovenia, define the origins of the Graz pianist Marie Pachler née Koschak and, at the same time, also appear as reference points throughout her life. For this reason, attention will be drawn to this aspect for the first time. New sources show that Pachler remained a searcher throughout her life and expressed her thoughts in letters addressed to her female relatives from these regions. The correspondence reveals numerous gen- der-specific aspects as well as socio-cultural details typical of the time. K ey wor ds: Marie Pachler, Koschak fam- ily, Ruard family, Persche family, Schönegg Castle (Polzela) CC BY-SA 4.0, DOI: 10.3986/dmd21.1.01 16 de musica disserenda xxi/ ¡ Marie Pachler zählt und zählte in der Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts nicht zu den vergessenen Frauen. Im Gegenteil: Sie erlebte sogar Zeit ihres Lebens Anerken- nung und doch wurde in der biographischen Schreibung ihr Leben nur mit bestimmten, der Nachwelt wichtigen Eckpunkten erzählt.1 Betont wurden stets ihre Verbindungen zu Ludwig van Beethoven und Franz Schubert, Aspekte ihres Privatlebens blieben dabei stets ausgespart. Marie Pachler entsprach nicht dem weiblichen „Standard-Role-Model“ ihrer Zeit. Sie hob sich schon als Kind von der Mehrheit ihrer Altersgenossinnen ab und erst recht später als verheiratete Frau und Mutter.2 FA MILIÄR E STARTBEDINGUNGEN Die als Tochter von Aldobrand und Theresia Koschak geborene Maria Leopoldina (2. Februar 1794)3 wuchs in ihrer Geburtsstadt Graz gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Johanna (geboren am 12. Februar 1792)4 auf. Der Vater war umfassend ge- bildet und besonders der Musik zugeneigt, sodass für die Töchter das entsprechende Umfeld für eine „ideale“ Mädchenerziehung bestand. Marie lernte nicht nur Singen, Klavierspielen und Zeichnen, sondern auch Fremdsprachen, vor allem besaß sie eine für Frauen außergewöhnlich hohe Allgemeinbildung. Ihre ersten Auftritte als Pianistin erfolgten schon als Kind im Elternhaus, einem der musikalisch-kulturellen Zentren der Stadt, wo sie auch eigene Kompositionen vorspielen konnte.5 Einer der bedeutendsten und häufigsten Besucher im Hause Koschak war der Historiker Julius Schneller, der sich ab 1806 als Professor am Lyceum in Graz aufhielt und großen Einfluss auf das Kulturleben hatte.6 Bald erkannte er die vielfältigen Begabungen der jungen Marie, die er schließlich von 1807 bis 1809 förderte beziehungsweise unterrichtete.7 Sowohl Ma- ries Jugendliebe Anton Prokesch-Osten als auch ihr späterer Ehemann Carl Pachler 1 Zur Biographik siehe Unseld, „Der blinde Fleck“. Auf die traditionelle Ausklammerung des privaten Lebens aus den Biographien im Fachgebiet Musikwissenschaft wurde mehrfach hinge- wiesen. Vgl. zum Beispiel Etzemüller, „Wer konstruiert“, 31–32. 2 Der vorliegende Beitrag basiert vorwiegend auf der Auswertung von Quellen aus dem Pachler-Nachlass im Steiermärkischen Landesarchiv Graz. Dabei standen nicht immer die Originaldokumente zur Verfügung, sondern auch beispielsweise transkribierte Briefe in zwei verschiedenen Typoskripten, zusammengestellt von Hans Lohberger in den 1970er Jahren. Nur teilweise sind diese Transkriptionen in Lohbergers publizierten Aufsätzen zu finden, die zum Teil auch schon in meinen früheren Aufsätzen verwendet wurden. Vgl. u. a. Harer, „Marie Pachler“; Harer, „,Schönheit‘“; Harer, „Über Spielpraxis“. Marko Motnik danke ich für die fach- lichen Gespräche und Hilfe beim Auffinden verschiedener Lebensdaten. 3 Graz, Mariä Himmelfahrt, Taufbuch 1, 1783–1794, fol. 307–308. 4 Ibid., fol. 43–44. 5 Pachler, Beethoven und Marie Pachler-Koschak, 6–8. 6 Koller, Julius Franz Schneller, 12. 7 In welcher Form dies geschah, ist nicht feststellbar. Münch, Julius Schneller’s Lebensumriss, 10–11. Vgl. auch Pachler, Beethoven und Marie Pachler-Koschak, 9–10. 17 zählten zu Schnellers Schüler- und Anhängerkreis. Nicht nur Maries Bildung, sondern auch ihr persönlicher Kontakt zu Beethoven und die Vertrautheit mit dessen Klavier- werken waren Julius Schnellers Verdienst. Durch diese akademische Umgebung er- langte Marie bereits einen wesentlich höheren Bildungsgrad, als er normalerweise in einer gutbürgerlichen Mädchenerziehung üblich und möglich war. WURZELN IM SÜDEN – DIE FA MILIEN KOSCHAK UND RUAR D Marie Pachlers Mutter Theresia Koschak, geb. Ruard, verstarb am 26. Juli 1821 in Graz im Alter von 56 Jahren.8 Sie wurde am 16. September 1765 in Wien als Theresia Jose- pha Vincentia und Tochter von Valentin und Joanna Ruard geboren.9 Valentin Ruard war Großhändler in Wien, der am 24. August 1761 in Penzing (heute Wien) Joanna Pacassi heiratete.10 Diese war die Tochter des Steinmetzes Johann Stephan Pacassi und dessen Frau Maria Barbara. Joanna wurde als deren vierzehntes Kind am 23. Mai 1738 in der Stiftspfarre Klosterneuburg getauft.11 Joannas ältester Bruder, erstes Kind der Familie, war der spätere Hofarchitekt Nikolaus Pacassi, der in Wiener Neustadt 1716 geboren wurde12 und auf den zahlreiche bekannte Gebäude in Wien zurückge- hen, wie zum Beispiel das Schloss Schönbrunn, das Theresianum und viele andere. Die Großmutter Marie Pachlers, Joanna Ruard (geb. Pacassi), war somit die Schwester des berühmten Architekten – ein Faktum, das bisher in der Familiengenealogie nicht bekannt war. Joanna und Valentin Ruard lebten nach ihrer Heirat 1761 vorerst in Wien, wo noch am 14. November 1766 Leopold Ruard geboren wurde.13 Im Jahr 1768 erfolgte die Übersiedlung der Familie Ruard nach Sava bei Jesenice (Aßling) in Krain, wo sich Valentin Ruard und in weiterer Folge seine Nachkommen (Sohn Leopold und dessen Sohn Viktor) sehr erfolgreich dem Bergbau und der Eisenerzeugung widmen sollten.14 Valentin Ruards Tochter, also Marie Pachlers Mutter, Theresia Ruard, heiratete am 26. Februar 1791 in Sava Aldobrand Koschak.15 Dieser wurde am 15. Juli 1759 in Cilli (Celje) geboren.16 Bald nach ihrer Hochzeit dürfte das Ehepaar Koschak nach Graz übersiedelt sein. Dr. Aldobrand Koschak war als Hof- und Gerichtsadvokat tätig und 8 Graz, Hl. Blut, Sterbebuch xx, 1808–1829, fol. 353. 9 Wien, St. Stephan, Taufbuch, 1765–1767, fol. 96. 10 Wien, St. Stephan, Trauungsbuch, 1761–1762, fol. 124. 11 Klosterneuburg, Stiftspfarre, Taufbuch, 1738–1771, fol. 4. 12 Am 5. März 1716. Wiener Neustadt, Hauptpfarre, Taufbuch, 1699–1723, fol. 86. 13 Wien, St. Stephan, Taufbuch, 1765–1767, fol. 256. Gestorben in Sava in Krain am 11. Februar 1834. Valenčič, „Ruard, Leopold“. 14 Valenčič, „Ruard, Leopold“; Hartnigg, „Der Spateisenstein-Bergbau“, 10. 15 Jesenice, sv. Lenart, Trauungsbuch, 1785–1802, fol. 22. 16 Celje, sv. Danijel, Taufbuch, 1752–1772, fol. 136. ingeborg harer | marie pachler (1794–1855) im dialog mit ihren verwandten 18 verfasste auch mehrere juridische Abhandlungen, die in Graz im Druck erschienen.17 Welche Kontakte die Koschaks von Graz aus mit dem Land ihrer Kindheit und Jugend pflegten, lässt sich nicht mehr feststellen.18 Nachweislich hielt sich jedoch Theresia Ko- schak nach dem Tod ihres Mannes Aldobrand (gestorben am 16. Februar 1814)19 mit ihren beiden Töchtern länger in Krain auf. Theresia Koschaks Bruder Leopold Ruard führte zu diesem Zeitpunkt bereits sehr erfolgreich die väterlichen Berg- und Hütten- werke in Sava. Aus der Zeit zwischen 1814 und 1816 sind mehrere Briefe von Marie Koschak er- halten, die ein wenig Einblick in den Aufenthalt in Krain geben. Bedauerlicherweise wird darin nichts Musikbezogenes berichtet, obwohl sich Marie als Pianistin in den einschlägigen Gesellschaftskreisen vorgestellt haben muss. Immerhin verlieh ihr die Laibacher Philharmonische Gesellschaft die Ehrenmitgliedschaft, allerdings nicht vor Ort, sondern durch eine Nachsendung des Diploms, als Marie wieder in Graz lebte.20 Aus dieser Zeit erhalten ist ein schriftlicher Bericht von Marie, die von ihrem Aufenthalt in Krain erzählt und die heutige Leserschaft mit einer Aussage überra- scht. Sie urteilte nämlich wenig schmeichelhaft über die Männer und Frauen in Lai- bach (Ljubljana). Datiert mit „Sava 8. Dezember 1814“ schrieb sie an Anna Morack, eine Verwandte ihrer Mutter in Wien: Von unserer Reise nach Laibach kann ich Ihnen nur wenig Interessantes mittheilen. Ich habe mich zwar dort ziemlich gut, und um vieles besser als ich hoffte, unter- halten, bin aber demohngeachtet mit keiner günstigeren Meinung von den Krainern nach Hause gekehrt. Ihnen darf ich es wohl gestehen, meine Freundin! Daß mir diese Nation, im Allgemeinen betrachtet, vollends unerträglich ist. Die Männer der- selben scheinen mir gerade soviel Verstand zu haben, um einander zu überlisten, und gerade soviel Gefühl, um sich darüber innig zu freuen. Ihre scheinbare Bildung ist nur äußere Politur, und ihre Artigkeiten, ihr schmeichelndes Benehmen überhaupt sind nur mißlungene Nachäffungen ihrer ehemaligen Gebieter. Mit den Weibern ist’s noch schlimmer. Diese sind entweder bloße Küchenmägde, oder gänzliche Mo- depuppen. Sie scheinen es eigens darauf anlegen zu wollen, die Schwächen unseres Geschlechtes recht auffallend zu machen; wahrscheinlich, um an denselben ihren eigenen Unwerth zu rächen, und dem Ganzen um des Einzelnen willen zu schaden.21 17 Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, s.v. „Koschak, Aldobrand“. 18 Eine Reise erfolgte offenbar 1812 nach Laibach (Ljubljana). Vgl. Pachler, Beethoven und Marie Pachler-Koschak, 1 1–12. 19 Graz, Hl. Blut, Sterbebuch xx, 1808–1829, fol. 163. 20 Vgl. Pachler, Beethoven und Marie Pachler-Koschak, 14–15. 21 Marie Koschak an Anna Morack, 8. Dezember 1814. Zit. nach Lohberger, „Marie Pachler- Koschak in ihren Briefen“, 105. de musica disserenda xxi/ ¡ 19 Bemerkenswert an dieser Aussage ist der von der zwanzigjährigen Marie sub- jektiv wahrgenommene und schriftlich festgehaltene Eindruck vom gesellschaftli- chen Umgang. Schriftstücke zur geschlechterspezifischen Differenzierung inclusive Kritik, wie sie hier vorliegen, sind aus der damaligen Zeit selten zu finden. Maries Verheiratung mit Carl Pachler stand damals schon fest, aber die Vorfreude auf das gemeinsame Leben fehlte anscheinend, denn in einem Brief aus „Sava am 9. May 1815“ wandte sie sich an Anna Morack, weil ich auch in meiner gegenwärtigen Lage mehr als jemahls einer freundschaftlichen Leitung, eines wohlmeinenden, vernünftigen Rathes [bedarf ]; und wo finde ich außer Ihnen, meine Theure, Vernunft und Herzensgüte, Erfahrung mit Sinneszartheit und ruhiger Besonnenheit mit Innigkeit des Gefühls vereinigt. […] Karln, dessen fes- terer, entschlossener Sinn mir zur Stütze werden, an dessen männlicher Kraft sich mein Muth wieder aufrichten könnte, darf ich noch weniger mit meinen wahren Verhältnissen bekannt machen, weil er dadurch zu einer früheren Realisierung seiner Ideen – die, so achtungs- und liebenswürdig mir Karl auch immer erscheint, mich doch stets mit geheimem Grauen erfüllen – vielleicht bestimmt werden würde. Ich stehe also allein – ganz verlassen. Nirgend schlägt mir ein Herz, an das ich mich schließen, nirgends lebt mir ein Wesen, dem ich liebend vertrauen könnte! Nur der Busen der mütterlichen, nun wieder erwachenden Natur – dieser letzte und einzige Zufluchtsort der Leidenden – steht mir noch offen […].22 Der Bräutigam von Marie Koschak hingegen beklagte die Abwesenheit sei- ner Verlobten, die er schneller heiraten wollte, als es offensichtlich möglich war. Er schrieb aus „Gratz am 3. April 1816“ an Anna Morack in Wien: Unsere Marie ist noch immer in Laybach, ohngeachtet die Mutter sie schon bis Ende d. v. J. herauszuführen, und mit mir zu vermählen versprach. Sie kennen deren Leichtigkeit in Auffindung von Hindernissen, zu denen sich im verflossenen Jahr eine Unpäßlichkeit Mariens gesellte, und bedürfen daher keiner Schilderung der Leiden meines heftigen Gemüthes, welche durch diese freywilligen und unfreywil- ligen Zögerungen veranlaßt wurden.23 22 Marie Koschak an Anna Morack, 9. Mai 1815. Zit. nach Lohberger, „Marie Koschak-Pachler: eine Biographie“, 14. 23 Carl Pachler an Anna Morack, 3. April 1816. Zit. nach Lohberger, „Marie Pachler-Koschak in ihren Briefen“, 202. ingeborg harer | marie pachler (1794–1855) im dialog mit ihren verwandten 20 Allerdings muss zu diesem Zeitpunkt bereits die Abreise in Richtung Graz ge- plant oder erfolgt gewesen sein, wie dies ein Reisepass, ausgestellt auf Theresia Ko- schak und „ihre Töchter Johanna und Maria“, belegt.24 Obwohl weder Carl Pachlers noch Maries Mutter die Heirat der beiden guthießen, war es auf jeden Fall Maries Mutter, die ihre Tochter grundsätzlich zur Heirat drängte. Dieses zeittypische Ansin- nen geht aus einem Brief hervor (undatiert, aber vor 1816 verfasst): ein Mädel muß auf die Versorgung denken […] du hättest andere gute Parthien, aber du tust dein Glück mit Füßen treten, ist es wahr, dass du Anträge hast, und mit einem glücklich und zufrieden leben kannst, so denke auf unsere Lage, wie ruhig ich lebe, wenn ich dich vergnügt versorgt weiß. […] wo du jetzt nur wählen kannst, such nicht so lang herum, wie ich es machte. […] findet man einen edlen Mann von rechtschaffenen Karakter, so soll ein Mädel sich nicht viel weigern ihn zu nehmen, und man lebt mit ihm gewiß vergnügt und zufrieden.25 Auch Maries Vater Aldobrand Koschak hatte bereits in seinem Testament von 1808 festgehalten, dass er von seinen Töchtern Sparsamkeit, Fleiß, Gehorsam er- warte, diese sich auch die „Tugend“ der guten Haushaltsführung und „Hausmutter“ aneignen sollten, aber immerhin frei wären, sich „einen ordlichen [sic] Mann, der sie zu unterhalten im Stande ist, [zu] wählen.“26 Die Heirat mit Carl Pachler fand schließlich am 12. Mai 1816 in der Grazer Leechkirche statt und erfolgte ohne Wissen und Beisein von Verwandten.27 UNER FÜLLTE TR ÄUME EINER PIANISTIN „Meine Tochter Marie soll sich der Musik besonders widmen, weil sie hirzu Talent be- sitzt, und vielleicht einstens dadurch glücklich werden kann;“ schrieb Aldobrand Ko- schak in seinem Testament bereits sechs Jahre vor seinem Tod.28 Außerdem bestimmte er den Vormund seiner Töchter dazu, Erziehungsaufgaben in die Hand zu nehmen: „letztern aber bitt ich auf meine Tochter Marie zu sorgen vorzüglich in Ausbildung der Musik, dessen Freund er ist.“29 Obwohl Marie als junge Pianistin einzelne Erfolge feierte und alles auf eine entsprechende Förderung hindeutete, nahm das öffentliche 24 Ausgestellt vom Magistrat Laibach am 3. April 1816. Koschak, Reisepass. 25 Zit. nach Lohberger, „Marie Pachler-Koschak in ihren Briefen“, 10. 26 Testament von Aldobrand Koschak, erstellt am 10. Oktober 1808 in Graz. Koschak, Testament, 3. Vgl. auch Ebengreuth, „Einiges vom Rosenberg“, 15. 27 Graz, Hl. Blut, Trauungsbuch xix, 1813–1828, fol. 91. 28 Koschak, Testament, 3. 29 Ibid. de musica disserenda xxi/ ¡ 21 Auftreten Maries mit ihrer Verheiratung offensichtlich ein jähes Ende. Die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Laibacher Philharmonischen Gesellschaft am 15. Oktober 1817 erscheint in diesem Zusammenhang wie ein Schlusspunkt. Umso mehr engagierte sich Marie offensichtlich im Bereich des privaten Musizierens. Inzwischen war auch Carl Pachler als „Hof- und Gerichtsadvokat“ in die musikalischen Kreise von Graz aufgenommen – am 4. Juni 1818 wurde ihm per Diplom die Ehrenmitgliedschaft des Steiermärkischen Musikvereins verliehen.30 Das gesellschaftliche Leben, das Marie aus ihrem Elternhaus kannte, setzte sich im Haus der Familie Pachler in der Grazer Herrengasse fort. In diese Zeit der literar- isch-musikalischen Zusammenkünfte, an denen unter anderem bedeutende Persön- lichkeiten wie Julius Schneller, Anton Prokesch-Osten, das Schauspielerehepaar Rettich teilnahmen, fiel auch der direkte Kontakt zu Franz Schubert, der Pachlers Einladung nachkam und Graz im Herbst 1827 besuchte. Der Besuch trug auch musikalische Früchte.31 Diese musikalisch ergiebige Zeit – so würde man meinen – könnte in der hier ausgewerteten Briefliteratur Niederschlag gefunden haben. Dem ist jedoch nicht so. Die Briefe, die in dieser Zeit ausgetauscht wurden, erzählen an- dere Geschichten. Der Briefwechsel eröffnet Einblicke in die weibliche Alltagswelt der Zeit, oft geprägt von erstaunlich offenen Aussprachen über emotionale Befind- lichkeiten, die durch gesellschaftliche Bedingungen und Umstände hervorgerufen wurden. Zwei Personen nahmen im Leben von Marie Pachler als Korrespondentin- nen eine Sonderstellung ein. Einmal ist es die rund 20 Jahre ältere, schon genannte Anna Morack in Wien, aber aus Laibach (Ljubljana) stammend, und weiterhin die um einige Jahre jüngere Cousine Amalie Persche aus Heilenstein (Polzela) in der Untersteiermark. ANNA MORACK – LAIBACH (LJUBLJANA) Anna Maria (Nina) wurde am 7. März 1772 als Tochter von Franz Tantini und dessen Ehefrau Massimiliana (geb. Modesti) in Laibach geboren.32 Die Hochzeit von Anna Maria mit dem aus Idria (Idrija) stammenden Hofrat und Doktor der Rechte Johann Morack erfolgte am 2. Mai 1791 in Laibach.33 Das Ehepaar Morack wohnte von 1811 bis 1814 in Graz, dann in Klagenfurt und schließlich ab 1815 dauerhaft in Wien.34 Für 30 Pachler, Ehrenmitgliedschaft. 31 Siehe dazu die einschlägige Schubert- und Pachler-Literatur neuerer Zeit sowie Deutsch, „Schuberts Aufenthalt in Graz 1827“; und Locher, „Der Salon Marie Pachlers“. 32 Ljubljana, sv. Nikolaj, Taufindex, 1771–1791, fol. 17. 33 Ljubljana, sv. Jakob, Trauungsbuch, 1785–1816, fol. 24. Dort wird Idria (slow. Idrija) als Geburtsort von Johann Morack angeführt. 34 Locher, „Der Salon Marie Pachlers“, 46. Zu den Moracks siehe auch Motnik, Glasbena pot Sophie Linhart, 67–68 und 251. ingeborg harer | marie pachler (1794–1855) im dialog mit ihren verwandten 22 Marie Pachler war Anna Morack jene Vertraute, die von ihrer (geheim gehaltenen) Beziehung zu ihrer Jugendliebe Anton Prokesch-Osten wusste und sie diesbezüglich beriet.35 Marie wiederum sparte nicht mit Worten, um ihre Emotionen zu beschreiben. Sie klagte über ihr verlorenes Liebesglück und beschrieb ihre Einsamkeit, ihre latent vorhandene Melancholie. Sie hatte sich von Carl Pachler im Grunde nie verstanden gefühlt, wovon der schon zitierte Brief vor ihrer Verheiratung zeugt. Prokesch-Osten hingegen verkörperte für sie die unerfüllte Sehnsucht nach ihrem eigentlichen Leb- ensmenschen und diese Gefühle beruhten auf Gegenseitigkeit. In anderen Briefen berichtete Marie auch von persönlichen Rückschlägen und ihrer Trauer aufgrund von mehreren Fehlgeburten, die sie als „Unfälle“ (Brief vom 20. Juli 1818) bezeichnete. Der Druck, nicht den Erwartungen der Familie zu entsprechen, muss unerträglich ge- wesen sein. Erst im Brief vom 17. September 1819 konnte Marie Pachler ihre Erleichte- rung zum Ausdruck bringen, da die Geburt des Sohnes Faust bevorstand (geboren am 18. Dezember 1819 in Graz) und sie nun auch von den Familienmitgliedern, allen voran der Schwiegermutter, besser behandelt wurde.36 Die Korrespondenz mit Anna Morack erstreckte sich auf die Zeit von etwa 1814 bis 1831. Marie wohnte im Herbst 1817, als sie zum ersten Mal Ludwig van Beetho- ven begegnete, beim Ehepaar Morack.37 Gegenseitige Besuche waren üblich. Marie Pachler formulierte eine Einladung einmal so: „ich kann auch alles, was ich Ihnen zu sagen habe, in drey einfache Worte fassen: Kommen Sie hierher!  – Ja meine Beste! Kommen Sie  – und verweilen Sie wenigstens die kurze Zeit die die Natur uns zur Freude bestimmte, in unserer Mitte!“ Sie erzählte weiter, dass sie am 5. März 1818 bei „[ Julius] Schneller zu einer musikalischen Abendunterhaltung geladen“ war und dort dessen gesamte Familie (es war ja gleichzeitig die Familie von Anton Prokesch-Osten) kennenlernte.38 Aufenthalte in der Natur wurden für Pachler zunehmend wichtig. Wie schon aus einem Brief an Julius Schneller aus dem Jahre 1823 hervorgeht, verdrängten diese auch musikalische Aktivitäten.39 Im Jahr 1827, im Alter von 33 Jahren, berichtete sie 35 In der Steiermärkischen Landesbibliothek in Graz, Handschriftensammlung, Nachlass Pachler, Ms. 356, befinden sich 78 Briefe von Anna Morack an Marie und Carl Pachler. Diese Korrespondenz wurde für die vorliegende Arbeit nicht herangezogen. Vgl. Locher, „Der Salon Marie Pachlers“, 46–47. 36 Marie Pachler an Anna Morack, 20. Juli 1818. Zit. nach Lohberger, „Marie Pachler-Koschak in ihren Briefen“, 199–120; Marie Pachler an Anna Morack, 17. September 1819. Zit. nach Lohberger, „Marie Koschak-Pachler: eine Biographie“, 17. 37 Marie Pachler an Anna Morack, 19. November 1817. Zit. nach Lohberger, „Marie Pachler- Koschak in ihren Briefen“, 112; Marie Pachler bedankt sich für „die Güte und Freundschaft“, die sie im Hause Morack erfahren hat. 38 Marie Pachler an Anna Morack, 16. März 1818. Zit. nach Lohberger, „Marie Pachler-Koschak in ihren Briefen“, 116. 39 Münch, Julius Schneller’s Lebensumriss, 286–287. Siehe auch Lohberger, „Julius Schnellers Briefe“. de musica disserenda xxi/ ¡ 23 Anna Morack darüber und machte ihre Rolle als Hausfrau und Mutter dafür verant- wortlich. Sie schrieb am 9. April 1827, dass die „häuslichen Geschäfte“ andere Tätig- keiten wie Klavierspielen, Lesen, Zeichnen und Handarbeiten verhinderten.40 Und formulierte schließlich folgende Worte: Selbst die Genüsse der Kunst die ich ehedem über alle anderen stellte, fangen nun, im Vergleiche mit denen der Natur, allmälig an, in meinen Augen zu verlieren; sie regen die Phantasie zusehr auf, zerstreuen daher wohl auf kurze Zeit, geben aber unserer Seele nicht die Ruhe und Heiterkeit, unserem Körper nicht die Stärkung wie jene.41 Wenige Monate später kam es allerdings zum legendären Besuch Franz Schu- berts in Graz. Die persönliche Betroffenheit, die für Marie Pachler von Schuberts Musik ausging, wird in folgenden Zeilen des oben zitierten Briefes greifbar. Von unserem P[rokesch] habe ich seit Anfang Jänner keinen Brief mehr. Fünfzehn Jahre sind es nun daß ich ihn zum ersten Mahle gesehen – u. fünf Mahl sahen wir uns nur in der ganzen langen Zeit […]. [Ich] könnte wohl mit jenem Wanderer ausrufen: Nur dort wo ich nicht bin, dort ist das Glück.42 Im August desselben Jahres 1827 schrieb Pachler an Morack, dass „der berühmte Lieder-Compositeur“ samt Begleitung im September in Graz eintreffen würde und: Da sie bei uns wohnen werden, so wird das einige Abwechslung in mein sonst so einförmiges Leben bringen. Ach, ich weiß nicht was das ist, meine Freundin! Aber jener Hang zur Melancholie der sich schon in meiner zartesten Jugend zuweilen kund gab, bemächtigt sich meiner nun immer mehr und mehr.43 Anna Morack erhielt von Marie Pachler offensichtlich keinen schriftlichen Be- richt vom Aufenthalt Schuberts in der Steiermark. Der Briefwechsel mit Anna 40 Siehe dazu auch Pachler, Beethoven und Marie Pachler-Koschak, 16, Anm. 25. 41 Marie Pachler an Anna Morack, 9. April 1827. Zit. nach Lohberger, „Marie Koschak-Pachler: eine Biographie“, 20. 42 Ibid. Gemeint ist damit die letzte Zeile in der 5. Strophe des Liedes Der Wanderer, D 389 (früher D 493), von Franz Schubert 1816 komponiert und 1821 veröffentlicht. Statt „du“ schrieb Pachler jedoch „ich“: „Ich wandle still, bin wenig froh, / Und immer fragt der Seufzer: wo? / Im Geisterhauch tönt’s mir zurück: / ,Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück!‘“ 43 Marie Pachler an Anna Morack, 26. August 1827. Zit. nach Lohberger, „Marie Pachler-Koschak in ihren Briefen“, 161–162. ingeborg harer | marie pachler (1794–1855) im dialog mit ihren verwandten 24 Morack endete im Sommer 1831. Die Sehnsucht nach anderen Orten und Menschen sowie zahlreiche unerfüllte Hoffnungen begleiteten Marie lebenslang und diese rast- lose Suche nach einer Veränderung zum Positiven wird in allen ihren Briefen spür- bar. Anna Morack starb am 27. November 1834 in Wien,44 ihr Mann am 20. Oktober 1837.45 In dieser Zeit, um 1830, verschlechterte sich die eheliche Beziehung zwischen Marie und Carl Pachler deutlich und die familiäre Situation erhöhte Maries Leidens- druck. Carl Pachlers Desinteresse für seine Familie und Uneinigkeiten die Erziehung des Sohnes betreffend führten zu einer ernsthaften Krise, aus der Marie einen Aus- weg suchte, als sie sich zu einem längeren Aufenthalt in der Untersteiermark auf- machte und auf diese Weise eine örtliche Trennung von ihrem Ehemann vollzog. Auf Schloss Schönegg (grad Šenek) nahe Heilenstein (Polzela), bei ihrer Cousine Amalie Persche, suchte sie Klarheit in ihre Partnerschaft zu bringen, in der damaligen Zeit gewiss ein mutiger Schritt. A MALIE PERSCHE – SCHLOSS SCHÖNEGG (GRAD ŠENEK) BEI HEILENSTEIN (POLZELA) Die enge Verbindung zwischen den Cousinen Marie Koschak und Amalie Persche geht aus einem zwanzig Jahre währenden Briefwechsel hervor. Überliefert sind jedoch nur die rund vierzig Briefe von Amalie an Marie. Zunächst fällt der kommunikative Aspekt dieses Austausches auf. In den Briefen werden hauptsächlich praktische Ratschläge und scheinbar banale Anliegen des Alltags ausgetauscht. Dazu gehören Modeange- legenheiten wie die Beschaffung von Kleidern, Stoffen oder Näharbeiten, die in Graz in Auftrag gegeben wurden. Ausführlich wurde jeweils über das Wohlbefinden oder Krankheiten geschrieben. Gegenseitige Einladungen nach Schönegg und nach Graz fehlten nicht. Die Mutter von Amalie Persche war Marie Pachlers Tante, Josepha Persche (geb. Koschak), eine Schwester von Marie Pachlers Vater Aldobrand.46 Amalia Maria Per- sche wurde am 10. Juni 1801 in der Untersteiermark bei Cilli (Celje) geboren und ver- starb im Alter von 84 Jahren am 23. Juli 1885 im Haus am Kaiser-Josephsplatz 5 (vor 1879 Holzplatz 65) in Graz.47 Sie wuchs in der Untersteiermark auf und lebte in ihr- er Jugend mit ihrer Mutter Josepha auf Schloss Schönegg. Im Laufe der Geschichte und des oftmaligen Besitzerwechsels der Herrschaft Schönegg scheint in den Jahren 44 Wien, St. Stephan, Sterbebuch, 1831–1837, fol. 231. 45 „Verstorbene zu Wien“, Wiener Zeitung, 24. Oktober 1837, 1372. 46 Josepha Persche, geb. Helena Josepha Koschak, wurde am 4. Mai 1768 geboren. Celje, sv. Danijel, Taufbuch, 1752–1772, fol. 277. Sie verstarb am 29. Juli 1865 in Graz. Graz, Hl. Blut, Sterbebuch xxii, 1862–1878, fol. 149. 47 Celje, sv. Danijel, Taufbuch, 1801–1817, fol. 9–10; Graz, Hl. Blut, Sterbebuch xxiii, 1879–1898, fol. 275. de musica disserenda xxi/ ¡ 25 1819–1844 der Name Josepha Persche auf.48 Am 21. Dezember 1844 heiratete Amalie – sie war bereits 42 Jahre alt – den langjährigen Verwalter des Schlosses, Franz Xaver Schabatz.49 Spätestens ab 1828 war Schabatz der Verwalter der Herrschaft und somit auch für verschiedene Belange des täglichen Lebens der Bewohner und Bewohner- innen zuständig.50 Das Schloss Schönegg (siehe Abbildung 1) muss wohl für Marie Pachler ein Anziehungspunkt gewesen sein, der den Vorstellungen des idealen Land- lebens entsprach und auch von anderen als ein magischer Ort beschrieben wurde: Überschreite ich bei dem Dorfe Heilenstein die Strasse, locket mich bald das, auf sanfter, sonniger Höhe gelegene, Schloß „Schönegg“ zu gastlichem Besuche. Und nicht mit Unrecht trägt es seinen Namen; wie ein blühender Rahmen schlingen sich duftende Gärten um das nicht große aber wohnliche Schloß und die Zimmer seines zweiten Stockwerkes eröffnen einen Ueberblick der Reize des Thales, daß alle Pulse der Empfindung aufstürmen in Lust und Entzücken.51 In den von Amalie Persche verfassten Briefen an Marie Pachler ist immer wieder von den Vorzügen der Gegend und der Natur die Rede. Im ersten erhaltenen Brief vom 2. Mai 1825 heißt es bereits: „Die Luft in Schönegg ist gut so wie du dich selbst überzeugt,“ und in der Hoffnung auf ein Zusammensein im Sommer fügt Amalie hinzu „Ich […] freue mich recht sehr mit dir so manches zu reden was sich so schwer aufs Papier bringen läßt.“52 Auch Amalie Persche wurde nach Graz eingeladen, wie aus dem Antwortbrief an Marie hervorgeht, den Amalie im Dezember 1826 schrieb: Du vorderst mich auf in deinem letzten Brief, dich zu besuchen, und glaubst daß ich Tagreisen zu meinem Vergnügen mache, daß der Weg mich nie zu euch hienauf führt; du kanst mir sicher glauben Marie! Wenn ich eine Reise von 2 Tagen un- ternehmen werde so wirst du es seyn, die ich zuerst umarmen werde. Ich unterhielt mich zwar in Laibach trotz der schlechten Witterung sehr gut; war wöchentlich ein- mahl im Diletanten-Theater (den dermahl ist keine andere Trup da) eben so oft bei 48 Schmutz, Historisch-Topographisches Lexicon, 507–508. 49 Polzela, sv. Marjeta Antiohijska, Trauungsbuch, 1840–1875, fol. 23. Franz Schabatz verstarb im Alter von 83 Jahren am 10. April 1863 in Graz, Holzplatz 65. Graz, Hl. Blut, Sterbebuch xxii, 1862–1878, fol. 59. 50 Schematismus des Herzogthumes Steyermark, 204. 51 J. O., „Beiträge zur Landeskunde: das Santhal im Cillier Kreise in der Steiermark“, Österreichisches Morgenblatt, 28. November 1836, 335. 52 Amalie Persche an Marie Pachler, 2. Mai 1825, 2 (Persche, Briefe von Amalie Persche an Marie Pachler). ingeborg harer | marie pachler (1794–1855) im dialog mit ihren verwandten 26 Akademien; doch würde ich gerne, um 3 Tage bei dir seyn zu können, die 4 Wochen vertauscht haben.53 Dass Amalie immer wieder die Gäste, wörtlich „Hausfreunde“, der Familie Pachler in ihren Briefen grüßen ließ, beweist ihre wiederholte Anwesenheit in Graz. Eher selten berichtete sie von kulturellen oder musikalischen Veranstaltungen wie im soeben zitierten Brief. Ein Hinweis, dass Amalie vielleicht Klavier spielen konnte, geht aus einem Briefanhang hervor. Dann aber bitte ich dich auch mir zwey oder drey Stücke von vorzüglichen Meistern auf Guitar oder eins davon auf Czakan zu schicken u. mir auch den Preis zu erin- nern. Wundere dich nicht über mein Verlangen; ich habe von einem jungen Herrn aus Laibach einige Klavier=Stücke bekommen, u. weil derselbe Guitar, u. Czakan spielt, so kann ich das Geschenk am leichtesten auf diese Art erwiedern [sic]. Viel- leicht [sic] wird es dir bei deinen sovielen Bekannten nicht nöthig seyn dich selbst damit plagen zu müssen; um so gewißer weil Stücke auf diese In=strumente so wie bei jeden, ein solcher wählen muß der sie selbst spielt. Dich küssend deine Amalie. Am 24. März [1]830.54 Im nächsten Brief am 17. Mai 1830 wird der Erhalt der Musikalien dankend bestätigt.55 Für den Sommer 1830, in dem Marie Pachler beschloss, eine Lösung für die schon erwähnte unerträglich gewordene familiäre Situation zu finden, sprach Amalie sehr eindringlich ihre Einladung nach Schönegg aus: Sage mir, meine liebe Marie, ist es dir heuer wieder unmöglich, uns mit deiner Gegenwar [sic] auf einen Sommer oder Herbst-Besuch mit Faust zu erfreuen? Spre- che mir die Möglichkeit nicht ab, dann werde ich mit neuen Eifer durch meine zudringlichen Bitten dich solange bestürmen, bis du dich endlich mir ergiebst. Ich habe schon erfahren daß du diesen Sommer weder eine Reise vor hast, noch ins Baad 53 Amalie Persche an Marie Pachler, 30. Dezember 1826, 1–2 (Persche, Briefe von Amalie Persche an Marie Pachler). Amalie Persche war offensichtlich im Dezember 1826 Gast der Familie Uranitsch (Uranič) in Laibach (Ljubljana). Sie ist jedoch nicht identisch mit Amalie, der späteren Ehefrau von Franz Fabriotti, obwohl Fabriotti offensichtlich um Amalie Persche warb. Siehe Budna Kodrič, Korespondenca Jožefine in Fidelija Terpinc, 27, 34, 72 und 77. 54 Amalie Persche an Marie Pachler, 22, 4. März 1830 und Beilage vom 24. März 1830 (Persche, Briefe von Amalie Persche an Marie Pachler). 55 Amalie Persche an Marie Pachler, 17. Mai 1830, 1 (Persche, Briefe von Amalie Persche an Marie Pachler). de musica disserenda xxi/ ¡ 27 gehest, folglich wärst du von nichts andern als vom Stadtsitzen dadurch abgehalten, von welchen du ja immer profitirest, u. noch profitieren werdest.56 Abbildung 1 | Lithographie des Schlosses Schönegg (Josef Franz Kaiser, Lithographirte Ansichten der steyermärkischen Staedte, Maerkte und Schloesser (Graz: J. F. Kaiser, 1830), Nr. 271, Privatsammlung) Als die Zusage kam, schrieb Persche noch einen Zusatz: „Noch etwas Wichtiges liebe Marie: sehr lieb wäre es auch wenn du Lisel mit brächtest, ich zweifle nicht daß sich selbe noch in eurem Hause befindet, du u. Faust wärest also mit der Bedienung versorgt […].“57 Wie auch aus anderen Briefstellen hervorgeht, waren Bedienstete im Haus – egal ob in Schönegg oder Graz – eine Selbstverständlichkeit, wodurch es erst möglich wurde, offene Häuser zu führen und Gäste zu beherbergen. Zu den Be- suchern in Schönegg zählten 1830 auch Marie Pachlers Verwandte mütterlicherseits, 56 Amalie Persche an Marie Pachler, 4. Juli 1830, 2 (Persche, Briefe von Amalie Persche an Marie Pachler). 57 Amalie Persche an Marie Pachler, 29. August 1830, 2 (Persche, Briefe von Amalie Persche an Marie Pachler). ingeborg harer | marie pachler (1794–1855) im dialog mit ihren verwandten 28 die Mitglieder der Familie Ruard, wie Amalie Marie mitteilte.58 Auch „Freunde- und Freundinnen“ (so wortwörtlich!) werden im selben Brief angesprochen. Im Herbst 1831 war der in Wien ansässige Maler Joseph Teltscher Gast in Schönegg.59 Er war aus Graz angereist, wo er sich für einen längeren Zeitraum bei der Familie Pachler einquartiert hatte. In der Untersteiermark porträtierte er ver- schiedene Persönlichkeiten, wie andeutungsweise aus den Briefen hervorgeht.60 SEHNSUCHTSORTE Die Briefe Carl Pachlers an Marie Koschak enthalten in der Zeit vor der Hochzeit (12. Mai 1816) Gedichte und Verse sowie Kommentare zur damals aktuellen Litera- tur, die offensichtlich Carls Bemühen zeigen, sich seiner zukünftigen Braut als belese- ner und gebildeter Mann zu präsentieren.61 Jahre später ist davon im Verhalten des Ehemanns nichts mehr zu bemerken. Dass Carls Einstellung zur Ehe und zum Fami- lienleben nicht mit der seiner Ehefrau Marie übereinstimmte, geht am deutlichsten aus dem Briefwechsel der Zeit um 1830 hervor. Einmal mehr wandte sich Marie Pachler am 25. Oktober 1830 an Anna Morack: Verehrte, theure Freundin! […] Ich schreibe diese Zeilen in Schönegg, einem Gute in der Untersteier das meiner Tante Persche gehört, zu der, oder eigentlich zu deren Tochter, einer Jugendfreundin von mir, ich mit Faust vor 6 Wochen auf Besuch kam. Dieser Ausflug sollte uns zum Theile für die Entbehrung des Landaufenthalts in diesem Sommer schadlos halten. Allein anfangs verdarb die üble Witterung uns alles, u. später mußte Faust wegen Beginn der Schulen zurück nach Gratz.62 Wie Marie noch im selben Brief bemerkte, wurde der Aufenthalt in Schönegg länger als geplant, denn zudem wünsch’ ich schon lange, einmal einen Winter auf dem Lande zubringen zu können, um eine Menge, theils ganz rückständiger, theils bereits angefangener Arbei- ten vor zu nehmen, wozu mir in der Stadt die nöthige Zeit u. Ruhe fehlt. Manches 58 Dies war der oben schon genannte Onkel von Marie Pachler, Leopold Ruard. Amalie Persche an Marie Pachler, 3. September 1831, 1 (Persche, Briefe von Amalie Persche an Marie Pachler). 59 Amalie Persche an Marie Pachler, 17. November 1831, 1 (Persche, Briefe von Amalie Persche an Marie Pachler). 60 Ibid., 2. 61 Briefe von Carl Pachler ab 1812 in Lohberger, „Marie Koschak-Pachler: eine Biographie“, 37. 62 Marie Pachler an Anna Morack, 25. Oktober 1830. Zit. nach Lohberger, „Marie Pachler-Koschak in ihren Briefen“, 168. de musica disserenda xxi/ ¡ 29 andere das noch für mein Hierbleiben spricht, wäre zu weitläufig, u. überhaupt zur schriftlichen Mittheilung nicht geeignet.63 Der Grund, der hier nicht angeführt wurde, war der radikale Entschluss Ma- ries ihren Ehemann zu verlassen und in Schönegg zu bleiben, falls sich die eheliche Situation nicht verbessern würde. Marie hatte bereits zehn Tage davor ihren Mann entsprechend davon in Kenntnis gesetzt und die Probleme aufgelistet, die es zu lösen galt. Bereits im September 1830 gehen aus dem Briefwechsel Uneinigkeiten zwischen dem Ehepaar Pachler hervor. Als es um das von Carl favorisierte, jedoch von Marie abgelehnte Engagieren eines Privatlehrers für Faust ging, fügte Marie sich dem Wil- len ihres Ehemannes und schrieb: Daher gebe ich dem Wunsche meiner guten Tante u. Cousine noch länger hier zu bleiben, nach ---. Du hast also ganz freien Spielraum – handle in allem nach Dei- nem Gutdünken. Ich kann mich hier so lange aufhalten als es mir gefällt u. die gute Sache es erfordert. Erst wenn Dein Gebäude ganz aufgestellt und so befestigt ist, daß meine Nähe ihm nicht mehr schaden kann, will ich zurückkehren, und auch dann nur wenn Du es wünschest.64 Am 11. Oktober 1830 verfasste Marie Pachler einen fünfseitigen Brief an ihren Ehemann, dessen Inhalt einer langjährig aufgeschobenen Abrechnung mit dem ge- meinsamen Leben gleichkommt. Nein! So wenig ich zu jenen Hausfrauen oder Gattinnen gehöre, die bloß um den Preis lebenslänglicher Versorgung sich als erste Magd behandeln lassen, so wenig gehöre ich zu den Müttern, die bloß der Lust wegen ihr Kind immer an der Hand zu führen, es mit in den Abgrund ziehen. Ich bin nun wahrscheinlicher Weise schon über die Hälfte meines Lebens hinaus, u. auf jeden Fall, über die schönere; es kann mir also nicht viel gelten, wie sich dieser Rest jetzt gestalte, vorausgesetzt, daß es zum Wohl meines Kindes sey.– Dieß ist meine Absicht, mein Gefühl.65 Marie warf ihrem Ehemann Lieblosigkeiten vor, die sich im Laufe der Jahre noch gesteigert hatten, besonders nach dem Tod der Schwiegermutter: 63 Ibid. 64 Marie Pachler an Carl Pachler, 29. September 1830. Zit. nach Lohberger, „Marie Koschak- Pachler: eine Biographie“, 41. 65 Marie Pachler an Carl Pachler, 11. Oktober 1830, 4 (Koschak-Pachler, Briefe von Marie Pachler an Carl Pachler). ingeborg harer | marie pachler (1794–1855) im dialog mit ihren verwandten 30 Kurz Du warst ein Anderer; ich konnte Dir nichts mehr recht machen, nicht als Hausfrau, nicht als Mutter, – als Gattin behandeltest Du mich ohnehin nie, denn nie theiltest, oder besprachst Du nur mit mir Deine innigeren In[te]ressen und fragtest nach den Meinigen. Das Heiligste im Menschen, u. darum das zarteste u. festeste Band zwischen Menschen, verknüpfte uns beide nicht. Es häuften sich da- her Uneinigkeiten u. Mißverständnisse, und wollt’ ich zuweilen ein erklärend oder fragendes Wort an Dich richten, so drängtest Du mich kalt oder räthselhaft zurück, oder entliefst mir gar. So war es, so ist es noch. Ich fühle mich im tiefsten meiner Seele gemißhandelt, ich sehe mich an einem Platz gestellt – nicht etwa im Hause, sondern in deinem Gemüthe – wo meine besten Kräfte verderben, u. gleichsam als Dünger den niedern Futterkräutern dienen müssen. Dennoch würd’ ich all das ertra- gen – wie man sein Schicksal trägt; die achtende Anerkennung meiner Freunde, die Liebe zu meinem Kinde, das Bewußseyn, zu dieser Lage der Dinge nicht Veranlas- sung gegeben zu haben, würden mich aufrecht halten.66 Es folgen weitere Briefe an Carl, die in Schönegg verfasst (am 18. und 30. Oktober, 10. November) den Entschluss Maries zusätzlich dokumentieren, das belastende Leben in Graz aufzugeben. Letzten Endes sollte dies auch zu Gunsten des Sohnes geschehen, dem sie den familiären Unfrieden weiter ersparen wollte. Die briefliche Aussprache war offensichtlich erfolgreich, denn am 10. und 12. November schrieb Marie: Glauben, hoffen will ich dann daß ein schöneres Zusammenseyn uns erblühe u. segnen will ich die mannigfachen Leiden dieses Jahres, wenn sie mich dahin führten, Dich glücklicher zu machen, u. selbst zufriedener zu seyn. Lebe wohl; schreibe so- bald als möglich, u. laß Deine Seele in den Zeilen seyn. M. 12. November gegen Mittag.  […] Dir aber, lieber Karl, reicht in froher Ahnung Deiner nächsten Zeilen, die Hand zum neuen, schöneren Bunde. Dein Weib M.67 Die Briefe von Marie an Carl Pachler im darauffolgenden Jahr 1831 bleiben neutral.68 Sie berichten von alltäglichen Ereignissen, Besuchen zum Frühstück und zum Mittagessen, Spaziergängen und einmal heißt es: „Diesen Abend ist Harmo- nie-Musik im Garten.“69 66 Ibid., 2–3. Vgl. auch Lohberger, „Marie Koschak-Pachler und die Untersteiermark“, 183–186. 67 Marie Pachler an Carl Pachler, 10. und 12. November 1830. Zit. nach Lohberger, „Marie Koschak-Pachler: eine Biographie“, 43. 68 Siehe z. B. Marie Pachler an Carl Pachler, 3. Mai 1831, 3 (Koschak-Pachler, Briefe von Marie Pachler an Carl Pachler). 69 Ibid., 5. de musica disserenda xxi/ ¡ 31 Die erfreulichste Veränderung, die 1832 im Leben Marie Pachlers folgte, war der Erwerb eines konkreten Sehnsuchtsortes am Lande. Es handelte sich dabei um den sogenannten „Panoramahof “, ein Gebäude am Rosenberg (heute im Stadtge- biet von Graz), als dessen offizieller Besitzer der damals dreizehnjährige Sohn Faust Pachler eingetragen war. Dem Anwesen gehörten Herrenhaus, Wirtschaftsgebäude, „Acker, Weingarten, Obst- und Küchengarten“ an.70 Vermutlich Ende 1844 oder An- fang 1845 muss sich Amalie Persche, seit Dezember 1844 verheiratete Schabatz, ge- meinsam mit ihrer Mutter und ihrem Ehemann nach Graz aufgemacht haben, mit dem Ziel, das heimatliche Schönegg in der Untersteiermark für immer zu verlassen und die Stadt Graz fortan zum Lebensmittelpunkt zu bestimmen. Franz Schabatz übernahm in Graz ähnliche Aufgaben wie in Schönegg, nämlich die Verwaltung des „Panoramahofs“. Er war offensichtlich ein Experte in allen Belangen, die den Anbau von Obst und Gemüse betrafen sowie er sich auch für die Bienenzucht engagierte.71 Für all diese Bereiche interessierte sich auch Marie Pachler. Da das Ehepaar Pachler 1835 auch den Sohn des befreundeten Ehepaars Franz und Friederike Kaltenegger, Friedrich Kalteneger (21. Oktober 1820, Triest – 28. Oktober 1892, Wien) als Zieh- sohn aufgenommen hatte, wuchs Faust nicht nur in der Natur auf, sondern wurde von seiner Mutter auch gemeinsam mit einem Gleichaltrigen erzogen.72 Fritz Kalte- negger, der ähnlich wie Faust Pachler eine Laufbahn als Jurist einschlug, sollte nach verschiedenen beruflichen Zwischenstationen im Laibacher Verwaltungsbereich schließlich Landeshauptmann von Krain werden. Dieses Amt übte er von 1872 bis 1881 aus, bevor er nach Wien übersiedelte, wo er 1892 starb. Seine Ehefrau Paulina Maria (geb. von Pongratz) stammte aus der Untersteiermark.73 Marie Pachler blieb mit ihrem Ziehsohn bis zu ihrem Tod am 10. April 185574 in Graz eng verbunden. BR IEFESCHR EIBEN ALS PER FOR MATIVE KUNST Der Briefwechsel zwischen Marie Pachler und ihren Verwandten Anna Morack und Amalie Persche dokumentiert wenig Musikalisches, spiegelt jedoch Alltagsleben und 70 Ebengreuth, „Einiges vom Rosenberg“, 12. 71 Als Mitglied des „Central- Ausschusses der Landwirthschafts-Gesellschaft für Steiermark“ schien Schabatz in der Folge im Bereich Weinbau am Rosenberg auf: Hlubek, Ein treues Bild, 177. In späteren Jahren (1854–1863) war Schabatz auch „Curator der steierm. Sparcasse“. Siehe Potpeschnigg, Fünfzig Jahre der steiermärkischen Sparkasse, 174. 72 Friedrich Kalteneggers Mutter Friederike starb am 25. Juni 1835. Ausführlich dazu Lohberger, „Die Beziehungen der Familien“, 349–357; und Lohberger, „Marie Koschak-Pachler und die Untersteiermark“. 73 Geboren am 10. August 1829. Slovenska Bistrica, sv. Jernej, Taufbuch, 1824–1833, fol. 59; gestor- ben am 29. Jänner 1916 in Ljubljana. Rugalé und Preinfalk, Blagoslovljeni in prekleti, 167 und 174. 74 Graz, St. Leonhard, Sterbebuch VII, 1855–1882, fol. 7. ingeborg harer | marie pachler (1794–1855) im dialog mit ihren verwandten 32 emotionale Verfasstheit in weiblichen Lebenswelten. Die Briefe zeigen, von welchen Sorgen, Gedanken und Alltagsereignissen das Frauenleben der damaligen Zeit und in der dargestellten Gesellschaftsschicht geprägt war. Manches blieb jedoch im Schrei- ben unausgesprochen, angedeutet und kodiert. Vieles wurde wohl mündlich, bei ge- genseitigen Besuchen besprochen. Das Ergebnis der Suche nach historischen (und musikbezogenen) Fakten in den Briefen ist verschwindend klein. Das Briefeschreiben zeigt sich der heutigen Leser- schaft vielmehr als performative Kunst des Schreibens. Durch die heutige Lektüre scheint sich „das imaginative, nicht sichtbare und damit nicht textuelle Potenzial“ der Briefe wie von selbst zu erschließen und es stellt sich, bezogen auf den einzelnen Brief, die Frage: „sind es seine stummen, aber keineswegs bedeutungslosen Ener- gien“,75 die hier evident werden? Die Briefe, konkret das Briefeschreiben als aktiver Prozess, so zeigt es sich, wurde zum Katalysator für Alltagsprobleme und diente als Bewältigungsversuch von persönlichen Krisen. Die Länge und das chronologische Narrativ der Briefe, die oft einem Tagebuch über mehrere Tage gleichkommen, ver- anschaulichen diesen Prozess sehr deutlich. Marie Pachler, deren familiäre Wurzeln im heutigen Slowenien zu finden sind, blieb mit ihren Verwandten aus ihrem Herkunftsland ihr Leben lang in enger Verbindung. Die Ursachen für das allmähliche Verschwinden der Musik aus Marie Pachlers Leben, das sie selbst in ihren Briefen beschreibt, mögen vielfältig gewesen sein: ihre persönliche emotionale Konstitution (die man heute vielleicht als depres- sive Verstimmungen bezeichnen würde), die äußeren familiären Umstände (eine Heirat, die von vorneherein nicht ideal war, familiärer Druck wegen fehlgeschlagener Schwangerschaften), gesellschaftlich vorgegebene Barrieren, zunehmende Verpflich- tungen als Hausfrau und Mutter sowie Sehnsüchte und nicht erfüllte Hoffnungen jeder Art. Bereits 1827 war Beethoven gestorben, der die persönliche Einladung von Marie Pachler, nach Graz zu kommen, damit nicht mehr realisieren konnte; 1828 folg- te Schuberts Tod. Hinzu kam außerdem, dass Anton Prokesch-Osten, der Marie ebenso lebenslang in unerfüllter Liebe verbunden blieb,76 letztlich 1832 heiratete, was für Marie einem Freundschafts- und Treuebruch gleichkam und eine innere Leere auslöste. Ihr hochverehrter Lehrer Julius Schneller, mit dem sie in Briefkontakt ge- blieben war und mit dem sie auch eine Art Seelenverwandtschaft verband, selbst als letzterer 1823 nach Freiburg übersiedelte und dort lehrte, starb 1833. Das Bild, das bisher – in der weiter zurückliegenden Vergangenheit, aber auch in der Gegenwart – von Marie Pachler unter Berufung auf eine jeweils selektive Aus- wahl von Quellen in der Literatur konstruiert wurde, scheint sich durch die Einbezie- hung der performativen Aspekte von „neuen“ Quellen allmählich zu dekonstruieren. 75 Bamberg, „Schau-Objekte“, 266. Siehe auch Bunzel, „Nach Bohrer“, 154. 76 Vgl. dazu Lohberger, „Anton Prokesch“. de musica disserenda xxi/ ¡ 33 Dies ist in mancher Hinsicht durchaus enttäuschend, hätte man sich doch noch mehr musikalisch-künstlerisch Greifbares gewünscht und erwartet, um die biographische Erzählung der sich in der damaligen Gesellschaft behauptenden Musikerin/Kom- ponistin/Salonnière fortzuschreiben und um handfeste „Leistungen“ zu ergänzen. Aber kann in einer biographischen Erzählung auf die zweite Lebenshälfte – und das sind in Marie Pachlers Leben fast drei Jahrzehnte – einfach verzichtet werden, nur um die Wirkungsfelder einer Musikerin im grellen Licht zu bewahren, um sie am Ende erst recht in Relation zu den Leistungen ihrer männlichen Zeitgenossen zu belassen? ingeborg harer | marie pachler (1794–1855) im dialog mit ihren verwandten 34 BIBLIOGRAPHIE QUELLEN Koschak, Aldobrand. Testament. 10. Oktober 1808. Graz, Steiermärkisches Landesarchiv (StLA), Pachler, Familie, K. 12, H. 232. 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Vsem tem pristopom je skupna osredotočenost na delovanje glasbenice in njen položaj v glasbeni zgodovini. Vklju- čitev doslej neraziskanih virov, zlasti korespondence Marie Pachler s sorodnicami na Spodnjem Štajerskem in Kranjskem, vodi k drugačnemu pogledu na življenje in glas- beno kulturo tistega časa, zlasti če ne poudarjamo ideje o delovanju. Članek osvetljuje povezave Marie Pachler s prebivalci teh krajev. Med raziskovanjem je bilo mogoče zbrati nove informacije in dejstva o različnih osebah iz njenega družin- skega kroga, zlasti o prednikih in sorodnikih po materini in očetovi strani. S tega vidika je mogoče biografsko sliko precej dopolniti. Hkrati je treba dekonstruirati starejše bi- ografske narative in rekonstruirati biografsko sliko, ki se izriše ob analizi pisem. Iz ko- respondence med Marie Pachler in njenimi sorodnicami je razvidno, da je glasba pos- topoma izginila iz njenega življenja. Čeprav prvotnega cilja, da bi v pismih našli nove glasbeno in kulturno relevantne informacije, ni bilo mogoče doseči, pisma vendarle ne kažejo zgolj usihanja glasbene in kulturne dejavnosti nekdanje pianistke v celotni drugi polovici njenega življenja. Njena korespondenca osvetljuje tudi doslej povsem prezrto komponento, namreč navidezno manj pomembno zasebno življenje ženske, ki je bila prepuščena na milost in nemilost takratnim družbenim normam, vendar je te ovire poskušala tudi premagovati. Ob branju pisem je mogoče prepoznati tudi performativno vlogo pisanja pisem v prvi polovici 19. stoletja. Toda kako razumeti pisanje pisem kot performativno umetnost? 38 Iz uporabljenih virov postane jasno razvidno, da ni toliko pomembna niti vsebina pi- sem niti vključena zgodovinska dejstva, temveč sam proces in razlog pisanja. Posebna upočasnjenost v zvezi z epistolarno komunikacijo ter sporočanje številnih podrobno- sti iz vsakdanjega življenja in čustvenih občutljivosti sodobnemu bralcu omogočata podroben vpogled v vsakdanje in družbeno-kulturno življenje tistega časa, predvsem pa osebno zavezanost in predanost avtoric v procesu pisanja pisem.