März. Lenzfolge. (Das neue Österreich-Ungarn.) Dreizehnter Jahrgang. 1916. Folge 147. (Seite 3565 bis 3588.) > Blätter für den Abteilungsunterricht. monatschrift I zur Förderung des österr. Schulwesens. o o o (Schriftleiter: Dr. Rudolf Peerz.) Inhalt: Seite 1. Anton Preu................................................. 3565 2. Feinde des Fortschritts — Feinde des Vaterlands 3566 3. Das Zuviel im naturgeschichtlichen Unterrichte 3568 4. Aphorismen über Hortfragen................................. 3570 5. Über den Wert der Freiübungen.............................. 3571 6. Wider den pädagogischen Anarchismus . . . 3573 7. An den Kaiser.............................................. 5375 8. Die Andreas-Hofer-Nummer der „Tiroler Soldatenzeitung“ ......................................... 3576 9. Lehren aus der Front....................................... 3576 10. Ein Buch über Conrad Frh. v. Hötzendorf . . 3577 11. Zeitsprüche................................................ 3577 12. Von einer Lehrbefähigungsprüfung unter dem Donner der Kanonen.................................. 3578 13. Österreichs Zukunft........................................ 3579 14. Randbemerkungen............................................ 3581 15. Fortbildungskurse unserem Volke............................ 3582 16. Was für alle Zeiten festgehalten werden soll . 3586 17. Talaufwärts durch den Krieg................................ 3587 18. Sprachunrichtigkeiten...................................... 3588 19. Polack-Ecke................................................ 3588 Verleg der Blätter für den Abteilungeunterricht in Leibach. — Druck von J. Pavlicek in Gottechee. Jährlicher Bezugspreis 6 K (6 Mk, 7 Frk.). tilung Plättwäschc, Waschfrau überflüssig, da nur noch kalt abwaschbare Original-Dauer-Leinenwäsche aus echtem Zephirleinen von M. Langhammer Saaz (Böhmen) getragen wird. Die Wäsche der Zukunft! Die neue Original-Dauer-Leinenwäsche WF* ist unerreicht! "MG Bester Ersatz für Plättwäsche. 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Geschäftliche* uu#it| Heilte* an die „Verwaltung der Blätter für den «btetlung». unterricht in Laibach". Handschriften und Bücher an die Schrtstleitung der Blätter für den Abteilungsunterricht in MieS (Böhmen). Österreichs Lehrerhelden in dem Großen Kriege 1914-16. Anton preu, Kadett im k. k. L. I. R. Nr.. ., fiel am 12. September 1915 um 2 Uhr nachmittags aus dem Südwestlichen Kriegsschauplätze am Vrzic bei Flitsch durch einen Kopjschuh und wurde am Fuße des Berges begraben. Lebensgang: Lehrer Anton Preu wurde am 9. Mürz 1892 zu Neumark im Böhmerwalde geboren. Nach Besuch der Bürgerschule in Bischofteinitz absolvierte er die k. k. Lehrerbildungsanstalt in Budweis und erwarb sich im Jahre 1911 ein Zeugnis der Reife mit Auszeichnung. Im Frühjahre 1914 legte er in Krems die Lehrbefähigungsprüfung gleichfalls mit Auszeichnung ab. Er wirkte zunächst an mehreren Volksschulen in Böhmen, sodann in Finsternau und hierauf bis zu seiner Einberufung am 25. August 1914 in Schwarzbach. Würdigung: Preu war ein äußerst strebsamer und tüchtiger Lehrer. Er war in jeder Hinsicht das Muster eines ideal angelegten und pflichtbewußten Jugendbildners. Streng gegen sich, gewissenhaft in der Erfüllung seiner Berusspflichte», milde und gerecht gegen seine ihm zugetanen Kinder, erwarb er sich in kürzester Zeit die vollste Wertschätzung des Lehrkörpers und die Achtung und Würdigung der Bevölkerung. Wie er als Lehrer von strengster Pflichterfüllung durchdrungen war, so zeichnet« er sich auch als Soldat durch anerkannten Diensteifer und durch hervorragende Tapferkeit aus. Darum ivurde ihm am 7. Scp-tember 1915 eine schwierige und gefährliche Aufgabe zugcwiesen, deren erfolgreiche Bewältigung er schon am 12. September mit seinem Leben bezahlen mußte. Mrerverein „Kasner" in Kmünd, A.-H. Feinde des Fortschritts — Feinde des Vaterlands. Das, was bisnun als Aushängeschild einer Partei galt, die sich bestrebte, Bildung und Denken im Schritt der Zeit zu halten, hat durch die großen Ereignisse, vor allem dann, wenn man aus ihnen die treibenden Kräfte löst, eine wesentlich erweiterte Deutung erhalten. Es ist nämlich unleugbar klar geworden, daß durch das Gewirr von Erfolg-komponenten eine als scharfausgezogene Linie läuft: die Intelligenz. Man mag sich mühen, diesen oder jenen Faktor an erster Stelle in die Rechnung zu setzen — vergebens; was durchschlagend wirkte, was den Erfolg besiegelte, was ihn für alle Zeiten sichert, das ist die Bildung in der Heeresmasse. Nun die Praxis den Effekt so deutlich verriet, ist es kein Kunststück, ihn theoretisch zu begründen. Bor allem wird es selbst dem Laien einlcuchten, daß der Soldat, der lesen und schreiben kann, ungleich leichter zu informieren, in den Meldedienst zu stellen und indirekt zu lenken ist als der Analphabet. Wie umständlich wird sich im Reiche des Zaren beispielsweise die Mobilisierung gestaltet haben, da der Befehl zum großen Teile von Mund zu Mund getragen werden mußte I Und wie schwerfällig wird sodann die Verständigung int $elbe gewesen sein I Das ist indes bloß der gröbste und greifbare Mangel. Er ist nicht der schlimmste. Biel nachteiliger war die Wirkung bezüglich der Erfassung der jeweiligen Lage, der Einfügung in die gegebenen Berhältnisse, der Vorkehrung augenblicklicher Maßnahmen und des zielsicheren Schreitens in die großen Geschehnisse. Den Haus Moskowiter preßte ein ^eucr im Rücken oder aufgepeitschte Wildheit oder blinde Begierde nach vorgegaukelten Gütern in die Schlacht; unsere und die deutschen Heere zog der hohe Gedanke an das Vaterland und seine Not in die Feuerlinie. DerGeist, der in den Schüler, in den werdenden Jüngling und durch unser Schrifttum in den ZUattn gelegt worden war, wurde lebendig und zeugte das Gewaltigste, das die Welt je gesehen. Da gibt es kein Deuteln und -kein Drehen, als ob angeborener Heldenmut allein die Sache zum besten gewendet habe; er ist nur ein Teil im ganzen Gefüge. Ein so gigantisches Werk, wie es der Weltkrieg ist, erfordert mehr denn alte Tapferkeit und alte Treue; es heischt vor allem volles inneres Erfassen und wohlerwogenes Tun. Beides kann aber nur dann walten, wenn das Denken geschult und das Herz erschlossen ist. Lebten wir in eine Zukunft der Phrasen hinein, so könnte man sich mit der eben angedeuteten abfinden; so aber tut sich uns eine Welt von Wirklichkeiten auf, eine Welt der Not, eine Welt der klugen Voraussicht, denn mehr als je heißt es, in kommenden Tagen gegen erneute Überfälle gerüstet sein. Bei so ernstem Zlusblick wäre es Sünde, wollten die, die das Vaterland im Sinne tragen, ohne genaue Analyse dem Schlagworte vollen ZDert beimessen. — So ist es also Pflicht, heiligste Pflicht jedes Real-Patrioten, ihr mit Einsicht zu folgen und alles, was bisher ihm als Oberstes galt, zu prüfen, ob es den ihm beschiedenen Rang auch in der Tat verdient. Freilich, wer über sich und die ihm eingeimpften Ideen nicht Herr ist, wird der objektiven Wägung nichts als ein ungestümes poltern und womöglich noch ein Stück Verdächtigung entgegenbringen; man muß ihn toben lassen und sich selbst vor Grimm bewahren. Eine vernünftige Untersuchung kann aber nur mit vernünftigen, vorurteilslosen Menschen geführt werden; wer sie ablehnt, erweist unfern Grundsatz, daß ohne geistige Bildung nichts zu erreichen ist. Wir schreiten also in unserer Erkundung nach den Wertmomenten des Sieges weiter! — Als drittes ergibt sich der Krzießungsfaktor. Wo war ausgesprochene Pünktlichkeit, eiserne Zucht, flinkes Gebaren, Reinlichkeit, Ordnung, Nüchternheit, Hygiene, Pflicht, Verantwortung, Entsagen und Ertragen, Selbständigkeit, Gehorsam u. a. vor allem zu finden ? Bei der gebildeten Mannschaft. Dort, wo eine gute Schule, die nicht bloß den Drill betreibt, sondern Seelen formt, den Glanz ins Elternhaus wirft und hinaus in dieIünglingsjahre strahlen läßt: da wachsen die Tugenden des echten Soldaten, Mas nützt der rohe Mut, was nützen tüchtige Lauste, scharfe Augen, wohlgezielte Schüsse, was nutzt ungezügelte Abenteurerlust, was der Furor und Terror, wenn sich der Einzelne nicht willig ins Ganze fügt, wenn angeborene Reinlichkeit nicht die Seuche bannt, wenn die innere Stimme nicht die Augen offenhält, wenn im Armeekörper sich nicht jedes Molekül sofort nach dem einen Punkte wendet! Der Kampf von heute ist nicht der „Zahn um Zahn", sondern ein unendlich feines Merk, in den: ein großerGeist die kleinen Geister in Schwingung bringt. Nur wer noch nicht den Unterschied zwischen dem gegenwärtigen Ringen und dem in alter Zeit erkannt hat, wird an äußeren, herkömmlichen Momenten kleben wie das Kind an der Farbe und am Schimmer. Für den Denkenden jedoch ist es klar, daß der Erfolg in den drei angeführten Hauptmomentcn liegt. — Mer hat sie uns bereitgestellt? Der Fortschritt. Märe es nach dem Sinn derer gegangen, die ihn aufzuhalten sich bemühten, die der Bildung Tor und Tür verriegelten, die in jedem Sonnenstrahl der Erkenntnis Dürre der Tugend ersahen lind darum das Doll in der Finsternis hielten — es wäre schlimm um unser Vaterland gestanden. Sicherlich ist der Offizier der Führende, der Denkende, der Berechnende im Heere; allein trägt der Mann nicht ein Stück von seinem Geiste in sich, so bleiben die Kommandoworte leerer Schall. Das hat man bei den Massen gesehen, die dem Troß des Geistes trotz ihrer Übermacht nicht standzuhalten vermochten. — Mer unbeeinflußt von Parteiinteressen und persönlichen Vorurteilen die Dinge recht erwägt, muß beipflichten, daß das Mort „Fortschritt" nunmehr aus dem politischen Lexikon ausgeschaltet und mit „Vaterlandstreue" gleichgestellt werden muß. So ist also jeder, der in Hinkunft sich gegen die Erkenntnis der Dinge und die Bildung der Masse stemmt, ein Feind des Vaterlandes, weil er es seiner kräftigsten Mehr beraubt. Die Verräter, die an den Grenzen des Reiches lauern, können wir uns leicht vom Leibe halten; aber die im Innern des Landes umhergehen und mit frommer Maske Gift säen, indem sie gegen die Schule wüten, das sind die gefährlichsten Verräter, weil man sie nicht immer kennt und darum nicht fassen kann. Auf sie muß der Staat achthaben, will er seinen Bestand sichern und die Masse blank erhalten, die ihm diesmal Rettung und Ruhm beschied. Zum Schlüsse eine wahre Geschichte: In einer der Stellungen, die ich bereiste, wurde mir ein Putzmann beigegeben, der aus einem Bildungszentrum stammte. „Josef", so sprach ich, „heute komme ich von der Tour ins Gehänge spät heim; wecken Sie mich daher morgen statt um 7 Uhr erst um 8 Uhr." Josef begriff’s und führte den Befehl prompt aus. — Der Maun ging in Urlaub und ich erhielt einen, namens Andreas, aus dem Gebiete des Analphabetismus. Eines Tages sprach ich zu ihm genau wie zu Josef. Mas geschah? Er weckte mich trotzdem um 7 Uhr. — Mo lag die Schuld? Entweder begriff er nicht den Befehl (Mangel an geschulter Auffassung) oder er vergaß ihn (ungeübtes Gedächtnis) oder er nahm die Sache nicht genau (kein Pflichtbewußtsein) oder er war ein Automat (Erstarrung des Denkens). Mar nun der Fall auch nicht von Tragweite, gleichgültig, er zeigt, woran es fehlt. Im Frieden erscheint so manches gering, was im Kriege von Bedeutung ist. Josef und Andreas, die beiden geben zu denken. — pr. J>cerz. Das Zuviel im naturgeschichtlichen Unterrichte. Vom Btirgerschul-Direktor F. Zoder in Wien. In einem gedankenreichen Fouilleton einer durchaus nicht rückschrittlichen Zeitung erzählte unlängst ein Vater, der mit seinem Sohne, einem Maturanten, eine der Klassiker-Vorstellungen besucht hatte, die der studierenden Jugend zu sehr ermäßigten Preisen geboten werden. Er war nicht wenig erstaunt, dort beinahe lauter — Kinder anzutreffen. Nun ja, die Bürgerschul-Jugend ist wie die der Untermittelschulen größtenteils noch nicht mündig, also noch im Kindesalter und eben in diesen Schulen werden die meisten Karten abgesetzt. Er berichtet ferner, mit welcher Begeisterung, mit welchem Gewinn an Geist und Gesinnung er als Student die Klassiker-Vorstellungen besuchte, behauptet weiters, daß Kinder dazu noch nicht reif sind, daß die Klassiker-Dramen bestimmt nicht für Kinder geschrieben wurden, und fragt, was man dann dem Jüngling und der Jungfrau bieten wolle? Der Mann hat nicht unrecht. Sie werden dann sagen: „Das haben wir schon gesehen, wie wir noch in der Schule waren“, und, wiederum zu früh, die modernen Dramen oder gar die seichten, schlüpfrigen Possen u. dergl. aufsuchen. Das soll den „Deutschmeistern“ zu denken geben; wir aber wenden uns der Naturgeschichte zu, wo ähnliches in der Schule selbst verbrochen wird. Da wird drauf los doziert, daß es einem bange wird um die liebe Jugend. Schon der Lehrplan verleitet dazu, indem er die „Erste Hilfe“, die doch auf der Kenntnis des menschlichen Körpers fußt und daraus gefolgert werden sollte, in die 2. Bürgerschulklasse versetzt. Man ließ sich hiebei jedenfalls von der Erwägung leiten, daß es viele Kinder nicht bis zur 3. Klasse bringen. Das sind aber die Schwächeren, die später in einem Ernstfälle schwerlich mehr das Nötige im Gedächtnis haben werden, notabene von der vorgetragenen „Ersten Hilfe“. Sie sollte in der 3. Klasse erst „gewonnen“ werden und Schreiber dieses hat sie in seinem Lehrbuche1 durch einen Anhang: „Lebensrettung“ ergänzt für jene Fälle, in denen das Objekt erst (aus dem Wasser usw.) gerettet, herbeigeschafft werden muß. Was nützt die künstliche Atmung, wenn der Ertrinkende vorher rettungslos erstickt u. s. f. Dann die Lehrbücher, die neuen Lehrbücher! Sie treiben Biologie um jeden Preis, immer und überall, sie erklären und begründen jedes Härchen und jedes Faserchen. Eine Folge davon ist, daß wegen der weitgehenden Ausführlichkeit aller Artikel zu wenig Tiere und Pflanzen in den Kreis der Bekanntschaft gezogen werden können.2 Man wird darangehen müssen, hier eine weite Einschränkung platzgreifen zu lassen. Man wird beispielsweise an einem Raubtiere die Raubtiernatur kennenlernen und anderes kürzer fassen, hauptsächlich das Unterscheidende in Betracht ziehen müssen. „Vergleichen und Unterscheiden“, diese wichtige Denk- und Sprechübung darf aus dem Unterrichte nicht verschwinden. Und so muß es mit den Pflanzenfressern und anderen Gruppen gehalten werden. Nicht alle Organe, Apparate und Fähigkeiten sollen an jedem Tiere eingehend vorgenommen werden, sondern bei dem einen dieses, beim anderen jenes. Was nicht besonders betrachtet und hervorgehoben wird, wird stillschweigend als vorhanden vorausgesetzt und besonders von Tieren, die unter ähnlichen Lebensumständen verkommen. Man lernt ja auch nicht alle Menschen gleich genau kennen. (Ein zutreffendes Analogon I D. Sch.) Das gleiche gilt vom Pflanzenreich. Es brauchen nicht alle physiologischen Vorgänge, alle Vorkehrungen gegen schädliche Einflüsse oder zur Verbreitung der Samen usw. bei jeder Pflanze dranzukommen. Es ist eine Aufstellung darüber zu machen, wonach in jedem Jahre das für diese Stufe Geeignete erörtert wird; bei der einen Pflanze die Schutzmittel gegen Austrocknung, bei der anderen die Festigkeit des Stengels oder Halmes, bei weiteren die Richtung der Blätter nach dem Lichte, die Abhaltung ungebetener Gäste, Schmarotzer usw., wobei die allgemeinen Kenntnisse, der Bildungsgrad der Jugend nicht unberücksichtigt bleiben dürfen. Bei ähnlichen Vorkommnissen, z. B. Behaarung, entsteht von selbst der Gedanke auf den gleichen „Zweck“ oder die gleiche Wirkung. 1 Schmeil-Zoder, Naturgeschichte für Bürgerschulen. 2 ,Schr richtig! Vor lauter Biologie kennt der neuzeitliche Junge nicht mehr die allergewöhnlichsten Naturobjekte. Die fanatisch biolog. Schule erzieht Schwätzer. D. Sch. Es ist z. B. sehr die Frage, ob die Blütenbiologie samt Befruchtung schon in der ersten Bürgerschulklasse am Platze ist. Es gibt mehr als genug anderes daran zu lernen. Es ist der Sachverhalt in den verschiedenen Blüten festzustellen, Knospenlage, Blütenstand usw. und der Fruchtknoten stellt sich als die Fruchtanlage, der Anfang der Frucht dar. Die Blüten sind schön, sie geben den Bienen Honig und Blütenstaub; vom letzteren brauchen die Kinder vorderhand nicht mehr zu wissen, genug für dieses Jahr! In der 2. Klasse ist dann die Zeit, seine Notwendigkeit für die Entwicklung der Frucht und den Gegendienst der blütenbesuchenden Insekten zu „entdecken“ — wenn der Blütenstaub der Kirschenblüten durch den Regen abgewaschen wird, gibt es keine Kirschen — Windblütler, Insektenblütler, und erst im 3. Jahre ist dann die Befruchtung in ihrer Wesenheit vorzubringen. Wenn diesen Kindern die Befruchtung zu denken gibt, wenn sie dabei an das, was sie ohne Hinzutun der Schule vom Tierreiche wissen oder vermuten, erinnert werden, so ist das gar nicht zu beklagen, — im Gegenteil: Durch die Verallgemeinerung auf alles Lebende, selbst auf die harmlosen Pflanzen, wird dem Sexualismus oder Geschlechtsbegriff das Obszöne genommen, er wird gemildert, veredelt, und jetzt kann allenfalls die Frage nach dem Sinn oder „Zweck“ der Zweigeschlechtigkeit auftauchen und - - immer ist vom Pflanzenreich die Rede — im Sinne Weismann’s beantwortet werden. (Sie ist notwendig für die Variabilität der Nachkommen.) Auf diese Art wird die erwünschte Abwechslung und Steigerung von Jahr zu Jahr, entsprechend der geistigen Entwickelung der Jugend, erzielt werden, woran es im anderen Falle gänzlich mangelt. Daß indes auch in dem vorher erwähnten Lehrbuche nicht vollends darnach vorgegangen ist, rührt daher, daß aür das Tier- und Pflanzenreich die Schmeil’schen Artikel (aus dem Kl. Schmeil) unbänderlich gegeben waren. Bezüglich des Mineralreiches ist es frei von der Ver-r ühungssünde. Nun das Mineralreich. Da wird erst recht gesündigt, da dozieren die Lehrbücher ganz „wissenschaftlich“ und besonders eines macht den Eindruck, als ob dem Verfasser ein Lehrbuch für Oberrealschulen „Vorgelegen“ wäre. Schreiber dieses schickt einem schon vor drei Jahren in einem Wiener Fachblatte veröffentlichten Notschrei nur die Erinnerung voraus, daß der neue Lehrplan die Entstehung und Veränderung der Mineralien neu einführt, aber ausdrücklich für die 3. Stufe vorschreibt. Der Notschrei lautete: „Die Übung des Nachforschens und Ergründens, das Aufsuchen der Ursachen der sichtbaren Erscheinungen ist ja eine besonders wertvolle Übung für die Aneignung nützlicher Denkgewohnheiten. Es wäre aber ein schwerer methodischer Mißgriff, schon in der 1. Klasse mit der Entstehung der Mineralien zu kommen, ja sogar die einzelnen Artikel damit zu beginnen, diesen Kindern, die weder die erforderlichen Kenntnisse noch die geistige Reife dafür besitzen, von der Entstehung der Mineralien, Entstehung des Bodens vorzuschwätzen und solche „Worte ohne Sachkunde“ nachplappern zu lassen, Dinge, die sie später unter entsprechender Anleitung mit freudiger Genugtuung selbst finden könnten.1 Das hieße die unumstößlichen Grundsätze „vom Nahen zum Entfernten, vom Konkreten zum Abstrakten“ geradezu auf den Kopf stellen und dies im 20. Jahrhundert und in einem Wissenszweige, der sich der induktiven Methode rühmt. Und doch gibt es Lehrer, die das auf ihr Gewissen laden wollen. Man schreibt mir (nach Erhalt meines Lehrbuches, 1. und 2. Teil) unter anderem: „Da unterrichten wir ganz anders MineralogieI“ Oder: „Wollen Sie uns vielleicht im 3. Teil mit einer versteinerten ägyptischen Finsternis aufwarten ?“ Die Absender dieser und ähnlicher Zuschriften dürften wohl nicht ganz unbeeinflußt gehandelt haben. Wie sehr sie aber dem Verfasser unrecht taten, erhellt daraus, daß gerade er schon vor 25 Jahren an der Übungsschule des Wr. Pädagogiums, begünstigt durch den ideal geeigneten Wiener Boden, die Geologie eingeführt und Jahr für Jahr darüber „Musterlektionen“ gehalten hat. „Das Wissen muß bekanntlich in den einzelnen Köpfen denselben Weg nehmen, wie es sich in der gesamten Menschheit entwickelte. Glauben denn diese Kollegen 1 Zwei Momente sind es, die zur „Gelehrtheit" verleiten: a) die Meinung, Kinder hotten für alles dieselbe Auffassung und dasselbe Interesse wie wir, b) die Sucht, sein ganzes Wissen lvsznwerden. D. Sch. 3570 wirklich, daß die Steinzeitmenschen, unsere Urahnen, mit knurrenden Mägen zuerst eine Beratung über die Entstehung des Feuersteines einberiefen und abhandelten, bevor sie Pfeilspitzen und Messer daraus herstellten? Immer kommt zuerst der Augenschein, das sinnlich Wahrnehmbare, und so lange nicht schon durch gewisse Vorkommnisse, die es nahelegen (Braunkohle, Steinsalz, Gips), die Aufmerksamkeit darauf gelenkt wurde, fragt selbst der Schüler der 3. Klasse nicht nach der Entstehung. Zuerst betrachtet und prüft er den Stein, dann denkt er, wozu er zu gebrauchen wäre und woher er stammt, nämlich woher man sich ihn verschafft. Zuerst müssen die Kinder doch die Mineralien kennen lernen, wobei sie ihre naturwissenschaftlichen Kenntnisse anwenden, dann das Vorkommen und den Gebrauch und ganz zuletzt kann bei entsprechenden Kenntnissen aus Physik, Chemie usw. die Frage nach der Entstehung auftauchen, besonders wenn vorhandene Einschlüsse darauf hinleiten und weiter, wenn auch keine Einschlüsse existieren, wie bei den Erzen u. a. m. Aber die erste Bedingung zur Lösung der Frage ist die genaue Kenntnis des betreffenden Körpers.“ Wenn schließlich ein junger Lehrer meinte, die Geologie könne gar nicht zu früh auftreten, da ihm die Buben schon in der 3. Volksschulklasse Versteinerungen (etwa aus den Ziegelgruben in den äußeren Bezirken Wiens) bringen, da müßte er ja, wenn er einen schmutzigen Jungen zum Waschen verhält, einen Vortrag über die Seife, die Chemie der Fette und Alkalien, und so fort bei jedem Gegenstände über das, was die Wissenschaft darüber weiß, halten; er müßte schon mit den ABC-Schützen anfangen, das Konversationslexikon durchzuarbeiten. Als ob man da nicht sagen könnte: „Das ist ein versteinerter Bärenzahn, ein versteinertes Schneckenhaus usw. und auf weitere Fragen: „Das wirst du später einmal erfahren, bis du mehr gelernt hast und mehr verstehst.“ Aphorismen über Hortfragen. Von Karl Cornelius Rothe. Eine traurige Jugend ist manchem Kinde beschieden. Vater und Mutter sind tagsüber in Arbeit, fern dem Hause und wenn zu Hause, dann oft in Unfrieden. Verlassen wächst das Kind auf. Verlassen und von allen Seiten gestoßen. Den Eltern eine Last, den Hausleuten eine Qual, den Gefahren der Straße und des unbewachten Umganges mit älteren Schicksalsgenossen ausgeliefert, kommt es endlich in die Zucht der Schule. Hier hört und liest es Worte und Sprüche über Kinder dank für Elternliebe, es sieht wohl, daß andere Eltern haben, es fühlt wohl, daß es etwas Geheimnisvolles entbehren muß und gern schlösse sich sein suchendes Gemüt einem ihm in Liebe begegnenden Menschen auf. Ist der Lehrer dieser? Noch mehr als in der Schule fände im Horte das verlassene Kind im Lehrer den liebenden Menschen, nach dem sein Herz lechzt. Aber als Stacheldraht steht da zwischen Kind und llort-lehrer die Autorität, die stramme Disziplin usw. Selten nur gibt es Augenblicke, wo wirklich das Kind durch die sich jetzt öffnenden Drahthindernisse hindurch zum Menschen im Lehrer gelangen könnte, Augenblicke, die nicht durch Phrasen, lügenhafte Phrasen, leeres Wortgeklingel u. dgl. entweiht werden! Aber auch im Horte kann das Kind bittere Enttäuschungen erleben. Es gibt Lehrer, die es verstehen, mit den Mienen des Guten, des Liebenden sich dem Kinde zu nahen, denn sie wissen genau, daß sie dabei größere Macht gewinnen über die Seele des Kleinen. Nicht um dem Kinde zu helfen, sind sie mild und gerecht, lächeln viel, aber um die Mundwinkeln zuckt ein eigenartiger Spott, nicht um dem Kinde zu helfen, sind sie auch hilfreich, sondern um das Kind besser zu beherrschen. Glauben sie erst einmal ihre Herrschaft gesichert, o, dann quälen sie das Kind mit Verboten und Geboten und besonders mit dem Scheine getäuschter Liebe. Immer wieder ist der Lehrer der Leidende, der Gekränkte — so gibt er sich —, dem des Kindes Übermut fortwährend Sorge und Schmerz bereitet. Und damit hat der Lehrer eine neue Zuchtrute gewonnen und der von ihm nur vorgetäuschte Schmerz bereitet dem Kinde wirklichen Schmerz — bis ihm eines Tages die Augen aufgehen und es erkennt die traurige Wahrheit: Er sprach von der Liebe, aber er hatte sie nicht. * 3571 Beobachte den Lehrer genau, da kannst du viel lernen. Die Fehler der ändern sicht man rascher und genauer als die eigenen Fehler. Und beobachte ihn besonders genau, wenn es gilt, schwerere Disziplinarfehler zu — rächen. Denn noch immer glauben wir, durch die Strafe sühnen zu müssen, und vergessen, daß wir bessern sollten. * Der Hortlehrer muß selbst spielen können. Wie soll er sonst die Spiele der Kinder leiten und anregen? Das Puppentheater, die Bleisoldaten geben Stoß' zu hunderterlei von Spielen. Heute spielen wir eine gelesene Geschichte, z. B. den Robinson. Aus Leinwandresten und Holzstäben bauen wir das Zelt für den Zinn-Robinson. Ein paar Baukastenwürfel sind die geretteten Kisten, die Pulverkisten werden extra aufgestellt. Bindfadenreste liefern Taue, die schön gerollt werden, usw. Die Phantasie dichtet weiter und auf einmal wissen die bisher unbeholfenen Kinder, daß sie auch mit lauter Überbleibseln noch stundenlange fesselnde und den Geist anregende Spiele ausführen können. — Freilich 60 Kinder dürfen dabei nicht in einem Spielzimmer sein. * Ein Kistclien mit lauter Spielzeugresten ist selbst ein wundervolles neues Spielzeug. Ein Materialkasten zur Erzeugung neuer Spielzeuge. Wirf zerbrochenes Spielzeug nicht ganz weg, sondern „montiere es ab“. Da ist ein noch brauchbares Rad, eine gute Feder, dort ist das zerbrochene Haus noch als Ruine verwendbar, hier das brettllose Pferd kann als totes Pferd noch das Schlachtfeld zieren, dieses Messingstückchen ist ein Goldbarren für den Kaufladen usw. Über den Wert der Freiübungen. Ratschläge für den Turnbetrieb an Landschulen. Von Lehrer E. Kirpal, staatl. gepr. Turnlehrer in Dauba. In der richtigen Erkenntnis, daß das Turnen, wie es Guts-Muths und Jahn gelehrt, für den Schulbetrieb nicht geeignet sei, hat Spieß dasselbe reformiert. Er griff darin auf Pestalozzi zurück. Dieser batte als Grundlage der körperlichen Erziehung ein besonderes System von Übungen ausgebaut, das von der Bewegungsmöglichkeit des Körpers in seinen Gelenken ausging und die er „Gelenksübungen“ nannte. Spieß erweiterte und vertiefte dieses System und machte seine „Freiübungen“ zu einem wesentlichen Bestandteile des Turnens. Seit ihm wird es als Klassenturnen betrieben und wurde vom Turnplätze auch in gedeckte Übungsräume verlegt. Hiemit wurde Spieß der Begründer des Hallenturnens. Im Jahre 1840 gab er seine „Lehre von der Turnkunst“ heraus, worin er seine bahnbrechenden Gedanken niedergelegt bat. Einen großen Raum widmet er hier seiner Darlegung über das Wesen der Freiübungen. Unter Freiübungen versteht er „Übungen, die frei von Geräten, in Zuständen, die die freieste Tätigkeit zulassen, den Leib des Turners freimachen sollen“. Darin ist aber ihr Wert für uns, für die Landschule gelegen. Denn „frei von Geräten sollen sie den Leib des Turners frei machen“. Gerade die Landschule ist es wohl, die sich mit ihnen am meisten befassen soll und muß. Die Verhältnisse sind auch hier bestimmend. Dann sind die Geräte? Ja, nicht einmal Holzstäbe sind an vielen Schulen vorhanden. Und der Turnplatz, wie schaut der aus! Er ist wohl oft ein recht idyllisches Weideplätzchen für das Federvieh des Dorfes, aber als Pflegstätte der körperlichen Übungen macht er in vielen Fällen einen recht kläglichen Eindruck. Sind Geräte am Platze, so fehlt ihnen oftmals die notwendige Verläßlichkeit. Damit Ausgaben und Mühen sich nicht wiederholen, hat man Barren und Reckpfosten fest eingerammt. So stehen sie da, jahrein, jahraus, bis sie das Wetter doch mürbe gemacht bat und ein Teil nach dem ändern zusammenstürzt. Der Ortsschulrat hat in den meisten Fällen kein Verständnis dafür. „Die Kinder springen .so genug herum!“ Für solche unnütze Sachen gibt es kein Geld und selbst die schönsten Begründungen von der Wichtigkeit des Gegenstandes werden nicht überzeugen. Der Lehrer aber kennt den Wert des Turnens. Trotz solcher Verhältnisse soll sein Streben und seine Lust nicht erlahmen, zur Kräftigung und Ausbildung der Gewandtheit seinen Teil beizutragen, wenn er auch wenig Entgegenkommen seiner Bemühungen findet. Und sind ihm Geräte, ja selbst Stäbe und ein geeigneter Turnplatz versagt, dann bat er doch noch etwas, was sich 3572 jederzeit und überall ausführen läßt: die Freiübungen und das Spiel. Darob sind sie gerade für die Landschule am höchsten zu werten. Es hat lange gedauert, bevor sich die Freiübungen allgemeine Geltung errungen, die ihnen ob ihres innewohnenden Wertes gebührt. Die frühere Abneigung wurde nur nach und nach verdrängt, eine umfangreiche einschlägige Literatur verhalf ihnen zur allgemeinen Beachtung. In der neuesten Zeit ist ihr Ansehen sehr gestiegen. Die breite Öffentlichkeit wurde auf den Wert dieser Übungen besonders aufmerksam gemacht, als vor mehreren Jahren die „Müllerei“ bei uns Eingang fand, Proschek sein System bekanntgab, Sandow und andere Namen genannt wurden. Sie alle verschrieben ein „wunderwirkendes“ Rezept für eine gedeihliche Exterikultur. Noch jetzt werden oft sehr teure Bücher mit vielverheißendem Inhalt und großer Reklame an den Mann gebracht, der nur zu bald von dem Dargebotenen enttäuscht ist. Was fand er darin? Ausgewählte Freiübungsgruppen mit oder ohne Belastung, geübt mit mehr oder weniger teuren, patentierten Apparaten. Denselben Zweck erreicht man, wenn regelmäßig unsere dem deutschen Turnen entnommenen Freiübungen geturnt werden. Wie hoch diese Übungen jetzt in Turnkreisen fachmännisch gewertet werden, lehrt die Tatsache, daß gegenwärtig jeder eintretende Wettturner erst seine Ptiichtfreiübung turnen muß, bevor er daran gehen kann, seine Gipfelübungen zu zeigen. Freilich stellen richtig geleitete Freiübungen an den Vorturner hohe Anforderungen. Vor allem gehört Geschick und Verständnis dazu. Will er Mustergültiges von seinen Schülern sehen, so muß er selbst das Gleiche vorzeigen. Daß es dabei auf beiden Seiten Anstrengung kostet, liegt in der Sache selbst. Wiederum muß es der Lehrer verstehen, eine notwendige Ausgleichung der angestrengten Körperteile zu erzielen, was er durch Abwechslung erreichen kann und die Turnlust nur erhöht. Tritt der Fall ein, daß ein oder der andere die Übung nicht gleich erfaßt, dann ein wenig Geduld, vielleicht liegt der Grund gar im Lehrer selbst. Man schreite auch im Turnen vom Leichten zum Schweren, vom Einfachen zum Zusammengesetzten und lasse aus der Reihenfolge der Übungen eine Entwicklung erkennen. Nicht zuletzt soll auch auf die Ausbildung des ästhetischen Gefühles eingewirkt werden, wozu das Turnen viel beitragen kann. Welch guten Eindruck hinterläßt eine gutgeleitete Freiübungsgruppe bei Zuschauer und Turner! Die Schönheit der Übung aber liegt in zwei Dingen: in der Leichtigkeit der Bewegung und in der Bestimmtheit der Ausführung. Verbinden sich beide, dann bietet sich den Augen — bei entsprechender Auswahl der Übungen — ein herzerfreuendes Bild. Daß ein schneidiger Befehl die Exaktheit noch klarer hervortreten läßt, ist leicht einzusehen. So zeitigen die Freiübungen, überwacht von dem prüfenden Auge des Lehrers, das rechte Ergebnis: den Leib des Turners frei zu machen, frei in all seiner Bewegung. Wie jedoch nützen die Übungen dem Körper, wie wirken sie auf den Turnenden ein? Für ein besseres Verständnis und eine richtige Auswahl der zu übenden Gruppen müssen wir freilich einige Kenntnis der Anatomie unseres Körpers voraussetzen. Jede Bewegung des Körpers bedingt die Tätigkeit der Muskeln. Jede Tätigkeit, bis zu einer gewissen Grenze geführt, kräftigt die dabei in Mitleidenschaft gezogenen Muskelgruppen. Jede einzelne Stellung besprechen, würde zu weit führen, deshalb seien nur einige wichtige Übungen angeführt. Schon die Grundstellung als Ausgangsstellung übt gewisse Muskeln, wie den Waden-muskcl, den Obersclienkclstrecker, den großen Gesäßmuskel, die langen Strecker der Wirbelsäule. Sobald Schrittstellungen und Ausfälle Verwendung dabei finden, treten wieder andere Muskelgruppen in Tätigkeit und die Innervation wird gehoben. Manche Schüler haben die Gewohnheit, bei ruhigem Stehen stets dasselbe Bein als Standbein zu benützen oder stets eine einseitige schiefe Sitzstellung einzunehmen, mit unterschlagenen Beinen zu sitzen usw. Eine Folge davon ist oft ein schiefes Becken, Rückgratsverkrümmung (Skoliose). Diesem Übelstande können nur starkentwickelte Rückenmuskeln, hauptsächlich durch ltumpfbeug-übungen gestählt, abhelfen. Bei Übungen im Stehen auf einem Beine z. B. mit Spreizen, Heben ist wieder eine kräftige Muskelanstrengung nötig, teils um das Standbein gestreckt zu halten, teils um für Becken und Rumpf das nötige Gleichgewicht zu gewinnen. Beim Stehen auf der Fußspitze sind sämtliche Strecker, welche das ganze Körpergewicht tragen, in stärkster Spannung; noch schwieriger und wirkender ist die Stellung mit gekreuzten Beinen. Eine sehr umfangreiche Muskeltätigkeit wird bei der tiefen Hockstellung, dem Knien, überhaupt bei allen Gleichgewichtsübungen erzielt. Der langsame Schritt (Straffschritt) kräftigt die Gesamtmuskulatur und gibt Anregung zum Stoffwechsel. All diese Übungsformen können 3573 durch Lauf, Sprung und Armbewegungen noch mehr zur Mitarbeit für Herz und Lunge herbeigezogen werden. Gegen die schlechten Haltungsformen, wie flachen Rücken, hohlen Rücken, runden Rücken, ist vor allem der „langsame Schritt“, später mit Belastung geeignet. Bei Skoliose sind diese Übungen mit geeigneten Rumpfbewegungen zu turnen, wie Rumpfkreisen, Rumpfbeugen vor- und rückwärts. Diese Tätigkeiten sind besonders auch beim Mädchenturnen zur Stärkung der Unterleibsmuskulatur zu üben. Die Folge einer intensiven Muskelarbeit äußert sich in einer stärkeren Sauerstoffaufnahme ins Blut. Der Stoffwechsel wird reger. Wegen der engen Zusammengehörigkeit der Muskulatur mit dem Nervensystem wird auch dieses nur wohltätig beeinflußt. Nicht minder wird die Hauttätigkeit dadurch angeregt. Hypochondrie und Hämaturie werden bei geregelter Leibesübung unbekannt bleiben. Ein schönes Buch, das über Körperübungen verschiedener Art eine sehr reiche Auswahl und Anregung bietet, ist das „Turn- und Spielbuch“ von Martin Hennig. (Im Selbstverläge, K 3'50, Prag.) So werden die Freiübungen der Jungbrunnen eines rüstigen und tatkräftigen Körpers. Nicht zuletzt sei es die Landschule, welche dem zustrebe, da gerade unter der Landbevölkerung oft kein Verständnis und große Gleichgültigkeit der körperlichen Erziehung dev Jugend gegenübersteht. Der Lehrer aber sorge, ein kräftig Geschlecht heranzubilden, an dem sich des Dichters Worte bewahrheiten: Frisch wie der sausende Wind, Fromm wie ein betendes Kind, Froh wie der lachende Morgen, Frei vom Trosse der Sorgen. Wider den pädagogischen Anarchismus. Morvemerkungr Der nachfolgende, dem „Elsäßischen Schuldlaffe" entnommene Artikel ergänzt in packender Weise unsere immer wiederkehrenden Warnungsrufe. Wir empfehlen die Lektüre dringend. D. Sch. Unter diesem Titel erschien von dem Kreisschulinspektor Wendling in Weißenburg bei Bull in Straßhurg eine Schrift, die hervorragend geeignet erscheint, in dem pädagogischen Reformstreit unserer Tage klärend und richtungweisend zu wirken. Wir leben in einer pädagogisch außerordentlich bewegten Zeit. Die Rufe nach Schulreform dringen bis ins abgelegenste Lehrerhaus. Neben maßvollen Reformern ist eine große Zahl von Heißspornen, von Stürmern und Drängern auf den Plan getreten, und wir erleben da das bekannte Schauspiel, wie es sich bei allen Reformbewegungen bietet, nämlich, daß sie weit übers Ziel schießen. So offenbaren unsere Rufer im Streit teilweise eine Maßlosigkeit in ihren Forderungen sowie im Zertrümmern alles bisher Dagewesenen, die zu schweren Bedenken herausfordert! Alles wankt; die bisherige Schule soll die Quelle alles Verderbens sein, während die Zukunftsschule einen Paradieszustand schaffen werde. Das Bestehende gilt als verwerflich und überlebt, aus dem einfachen Grunde, weil es bisher bestanden hat. Es wird nach Gansbergs bekanntem Buche viel von der modernen „demokratischen Pädagogik“ gesprochen; aber vielfach ist es schon eine anarchistische Pädagogik geworden. Unser Buch will diese Verirrungen kritisch beleuchten und in diesem Saus und Braus den Blick wieder schärfen für das richtige Maß. Alle wichtigeren Reformschritten der letzten Jahre sind in den Kreis der Betrachtungen hereingezogen: die Scharrelmann und Gansberg und Gurlitt und Bonus und Ellen Key, und wie sie alle heißen. Diese neue pädagogische Bewegung steht im Zeichen des ungeschichtlichen Denkens. Jede Reform muß sich aufbauen auf dem Gewordenen. Es geht nicht an, daß man die Errungenschaften vieler Jahrhunderte einfach verneint und etwas absolut Neues setzen will. (In Wirklichkeit sind es vielfach gar keine neuen Gedanken, sondern bewußte oder unbewußte Ilervorholungen von Ideen, die zum Teil schon im 18. Jahrhundert aufgestellt wurden.) Es sind neben bedeutenden Köpfen unter den Reformern doch auch viele, die den Mund gewaltig voll nehmen und ihre oft geringfügigen Gedanken in einer tiefsinnig sein sollenden Weise verkünden, als hätten sie das pädagogische Ei des Kolumbus gefunden. Wir erinnern uns alle, wie wir vor Jahren hingerissen wurden durch die ersten Schriften von Scharrelmann und Gansberg; das ging wie Feuerglut durch die Adern, und manche, die des (vermeintlich) trockenen Tones der Pädagogik schon längst satt waren, griffen zu diesen neuen Büchern. Wendling überschreibt ein Kapitel: „Die pädagogischen Rattenfänger“. Jener Zauberer lockte mit verführerischen Tönen die Jugend der Stadt ins Verderben. Auch die Reformschriften sind manchem jungen Lehrer, der noch keinen festen pädagogischen Boden unter den Füßen hatte, nicht eigentlich zum Segen geworden. Was rechte Jugend ist, das ist immer etwas auf Sturm und Drang gestellt und stürzt gern das Bestehende. Manche der Reformschriften kommen nun dieser innern Richtung in entzückender Weise entgegen. Da sinkt alle Erdenschwere von einem ab; das klingt alles so selbstverständlich, daß man nicht begreift, warum man nicht selbst schon darauf gekommen ist. Aber gerade da liegt für kritiklose Geister die Gefahr: es entstehen böse Selbsttäuschungen; man glaubt die höchsten Ziele spielend erreichen, sich Uber jede Regel und Ordnung hinwegsetzen zu können. Die Reformer kennen zu wenig die Mühen und Schwierigkeiten unseres Amtes; sie haben eine geniale Art, sich über solche Dinge hinwegzusetzen. — Unser Buch zeigt auch, wie durch die Reformliteratur das Studium der unvergänglichen literarischen Werke der Pädagogik bedenklich nachzulassen beginnt; jenes andere Studium ist eben viel einfacher, leichter, reizvoller. Und wenn ein junger Brausekopf nun noch liest, daß es in der Zukunftsschule keinen Lehrplan, keinen Stundenplan, keine Methode, keine Kontrolle mehr geben soll, so muß er solchen Rattenfängerweisen erliegen. Die Reformpädagogik hat etwas Reklamehaftes, Marktschreierisches; sie folgt dem Zuge der Zeit, die zum Amerikanismus neigt. Das Schlagwort, das im modernen Leben eine so große Rolle spielt, hat sich auch der Pädagogik bemächtigt: Kunsterziehung, staatsbürgerliche Erziehung, Arbeitsschule, Jugendpflege. Diese Schlagwörterpädagogik verführt zu Einseitigkeiten: denn der Blick geht dann nur noch nach dieser einen Richtung, während er für alles andere den richtigen Maßstab verliert. Aber diese Schlagwörter haben eine starke Werbekraft: wenn dieselbe Reklame mir immer und immer wieder entgegentritt, so erliege ich schließlich und kaufe. Die vorliegende Schrift weiß allerdings auch die positive Bedeutung des pädagogischen Schlagwortes wohl zu würdigen. Wer in der Reformliteratur Bescheid weiß, hat sicher den Eindruck gewonnen, wie ungerecht die heutige Schule und der heutige Lehrerstand beurteilt werden. Unsere Schulen sollen samt und sonders Orte der Qual und der Verdummung, unsere Lehrer aber nichtsnutzige Dummköpfe, blöde Troddel, eingebildete Tyrannen sein! Man sollte sie abschlachten wie Elias die Baalspfaffen, und das ganze jetzige Schulwesen sollte man zertrümmern. Diese Art ist billig: man malt grau in grau, dichtet der Schule alle Fehler an, die einmal irgendwo in irgend einem Zeitalter vorgekommen sind, um dann auf diesem «lüstern Hintergrund das Paradies der Zukunftsschule um so glänzender erstrahlen zu lassen. Das Wendlingsche Buch enthält im 3. Kapitel eine niedliche Blütenlese von Urteilen über die gegenwärtige Schule. Die wichtigsten Kapitel befassen sich mit den einzelnen Fragen der Erziehung und des Unterrichts, wie sic durch die Reformer in Fluß gekommen sind. Es wird auf psychologischer und ethischer Grundlage versucht, das Wesenhafte herauszustellen und das Falsche oder Utopistische als solches aufzuzeigen. „Vom Recht des Kindes in der Erziehung“ nennt sich ein Kapitel. Darüber ist in unserem subjektivistisch gerichteten Zeitalter besonders viel geredet und geschrieben worden. Ellen Key ist da mit ihrem „Jahrhundert des Kindes“ als Chorführerin auf den Plan getreten. Das Kind soll sich ausleben dürfen, soll sich selbst als Maßstab dienen. Diesen modernen Erziehern gelten alle positiven Erziehungsmaßnahmen sowie die Satzung eines Erziehungszieles als plumpe Eingriffe in den Werdegang von Persönlichkeiten. Das muß zur Anarchie in der Erziehung führen; der Erzieher wird so gut wie ausgeschaltet; „es bleibt für ihn nichts anderes übrig, als ehrerbietig aus der Ferne diesem Wunder (der Selbstentfaltung des Kindes) zuzuschauen.“ Es ist klar, wohin eine solche „Erziehung“ führen muß. Es finden sich in den Reformschriften viele feine Gedanken über Erziehung, die uns alle zu erneutem Nachdenken über dieses Gebiet zwingen; aber der Irrtum und das Maßlose liegen oft ganz hart neben der Wahrheit. In unserm Buch ist eingehend dargelegt, warum die Satzung eines ethisch oder ethisch-religiös bedingten Erziehungszieles unerläßlich ist, und in welcher Weise die kindliche Persönlichkeit und die Rechte des Erziehers in Einklang zu bringen sind. Jedoch „der Erzieherwille muß unter allen Umständen der herrschende sein“. Wie in der Erziehung, so erstrebt man auch im Unterricht eine Freiheitspädagogik. Und es muß gesagt werden, daß da in der Tat noch viel zu viel Gebundenheit herrscht. 3575 Aber unsere pädagogischen Himmelssttlrmer wollen das Wort Schillers nicht gelten lassen, daß auch der Freieste nicht frei ist, d. h. nicht frei vom Sittengesetz, hier von bestimmten Normen, ohne die eine gedeihliche Unterrichtsarbeit eben undenkbar ist. Man fragt sich oft, ob diese Leute denn schon einmal in der Praxis des Unterrichts gestanden haben. Natürlich soll der Lehrer im Unterricht seine Persönlichkeit zur Geltung bringen — es geschieht dies noch viel zu wenig —; aber wenn man nun im Lehrplan, Stundenplan, Unterrichtsziel, Methode nichts anderes sieht als schädliche Knebelungen, so kann dabei doch nichts anderes herauskommen als ein wüstes Chaos. Unser Buch bemerkt ganz richtig, daß auf diesem Wege nur ganz genial veranlagte Lehrer etwas erreichen würden, doch seien im Lehrerstand die Genies ebenso selten wie in anderen Berufsständen. Hs soll in der Zukunftsschule nur getrieben werden, wozu die Schüler gerade das augenblickliche Interesse treibt; nur keine Anstrengung, keine Konzentration, kein logisches Vorwärtsschreiten. Wir sehen: dieselbe Verschwommenheit, Zerfahrenheit und Verweichlichung, wie auf dem Gebiete der Erziehung. Wir Lehrer wären ja die unglücklichsten Menschen, wenn wir nach diesem neuen Rezept arbeiten müßten, nach Stimmungen und augenblicklichen Zufälligkeiten. Warum man nur so aller wirklichen Arbeit, aller Anstrengung, aller Übung aus dem Wege geht? So wird nicht das Geschlecht erzogen, das unsere Zeit braucht. Der „künstlichen Produktion in der Schule“ ist ein besonderes Kapitel gewidmet. Die Reformer sehen nun einmal im Kinde ein höheres Wesen, und da ist jedes Gestammel und Gekritzel die Äußerung einer Künstlerpersönlichkeit. Das alte Problem der Kunsterziehung ist erweitert worden dahin, daß nun die gesamte Tätigkeit von Lehrer und Schülern künstlerische Produktion sein soll. Diese Forderung wird in unserm Buch im wesentlichen zurückgewiesen. Das Kind der Volksschule sei im allgemeinen kein produktiver Künstler, sondern in der Hauptsache reproduzierend. Im besondern wird gesprochen über den Aufsatz, wo das Produktive namentlich in die Erscheinung treten kann. Bel den Reformern linden wir zu viel hochfliegende Gedanken, aber zu wenig Verständnis für die notwendige Kleinarbeit, für die gründliche Legung der Fundamente, für die beharrliche Übung. Wenn man ihre Schriften liest, so könnte man glauben, das mache sich alles so von selbst. Am rechten Rechenunterricht, am Schreiblesen und an der Orthographie wird dies näher ausgeführt. Das Schlußkapitel ist der Arbeitsschule gewidmet. Wir haben hier ein Schulbeispiel, wie ein Schlagwort zur Veräußerlichung führen kann. Da galt bei vielen schließlich nur noch die manuelle Tätigkeit als Arbeit, und nun sollten die Schulen umgewandelt werden in Werkstätten zur Erlernung handwerkstechnischer Fertigkeiten. Nach Wendling ist jedoch die wahre Arbeitsschule da verwirklicht, „wo der Unterricht beim Schüler einen Zustand innerer Aktivität schallt, so daß er die Bildungsstoffe von innen heraus selbständig ergreift“. Die Schule, die nicht in dieser Weise arbeitet, mag als Lern-schule bezeichnet werden, obschon dieser Name ganz unglücklich gewählt ist. Es ist nicht möglich, auf alle die Probleme einzugehen, die in dem Buche angeschnitten werden. Es ist überall das Bestreben wahrzunehmen, an den Reformbestrebungen das Wertvolle und Lebensfähige aufzuzeigen, und immer wieder klingt die Mahnung durch, sich angesichts dieser neuen Gedanken einer ernsten Selbstprüfung zu unterwerfen bezüglich des eigenen, bisher gegangenen Weges. Im Streit der Meinungen, in der Verwirrung und Ziellosigkeit, wie sie vielfach herrschen, darf gesagt werden: das Buch kam zur rechten Zeit. Es ist ein prächtiges Buch! Nimm und lies 1 Es wird dich nicht gereuen. An den Kaiser. Fester woll’n auf Gott vertrauen Wir in dieser schweren Zeit, Daß er jetzt auch wieder helfe Wie bisher in Ewigkeit. Woll’n für Dich, o Kaiser, beten Und fürs teure Vaterland; Und ich weiß, Gott wird uns helfen, Heil Franz Josef, Heil dem Land! Von einer Lehramtskandidatin. 3576 Die Ändreas-Hofer-Uummer der „Tiroler Soldatenzeitung". Wem Gelegenheit gehoten ist, die während des Krieges entstandenen Soldatenzeitungen kcnnenzn-lernen, muß bekennen, daß unsere Monarchie hierin einen löblichen Gleichschritt mit dem Deutschen Reiche gehalten hat, ja, es in der einschlägigen Literatur vielfach überholt hat. Dies gilt vor allem von der im Bereiche des k. und k. Landesverteidigungskommandos in Tirol verbreiteten „Tiroler Soldatenzeitung". Sie verfügt nicht allein über einen Stab von Mitarbeitern, denen im Schrifttums bereits ein ehrender Platz gesichert ist, sondern auch über hervorragende Zeichner, so daß sich Wort und Bild würdig ergänzen. Die Anordnung des Stoffes, der vor allem das Heldentum aus de» kampfumtobteu Bergen feslhält, aber auch die abrollenden politischen Ereignisse in frischer Darstellung bietet, ist überaus glücklich und macht dem Leiter des Blattes alle Ehre. Geradezu ein Dokument für die große Zeit bedeutet die jüngst ausgegebene Andreas-Hofer-Nninmer. Bekanntlich jährte sich am 20. Feber der Tag von Hofers Heldentode. Das Gedenken an dieses Ereignis feiert nun besagte Folge in ganz ausgezeichneter Weise. Schon das Titelbild, eine Kopie von einem bisher sür die Allgemeinheit unbekannten Gemälde, entzückt durch die Präzision der Ausführung. Aus der ersten Blattseite des textlichen Teiles läßt sich der Landesverteidigungskommandant G. d. K. Exz. Viktor Dankl vernehmen, wie folgt: Hedenliworte zum Hodestag Andreas Kofers. „Am 20. Aevruar 1810 fick Andreas Käfer aks Spfer feiner Vaterlandsliebe! Mach 106 Jahren begehen wir feinen Hadestag in einer Zeit, wo wir fein geliebtes Keimatland Hirol neuerdings gegen den wclfchen Keind verteidigen müssen, der uns in der Stunde der Mot verriet. AVer wie damals, von Kasers unerfchütterlichem Hottvertrauen geführt, ssch das Molll von Hirol in feiner Mesenttrafl erhob, um feine Bedränger lawinengleich über den Kang der Alpenhöhen yeravznfchleudern, fo feid auch Ahr, Hiroler Landesverteidigcr, alt und jung, voll Begeisterung zu den Waffen geeilt, um den verräterischen Keind nieder-zutiämpscn. Aer Heist Andreas Kofers ist neu erstanden! Würdige Machsahren der Keldcn vom Jahre 1809, habt Ihr in diesem gewaltige» Mingen neue, unvergängliche Muhmes-vlätter der glorreichen Hcfchichtc von Tirol und Vorarlberg eingefügt. Schon neigt sich fast ein Jahr des Krieges mit dem wclfchen Erbfeinde zu Ende, aber unerschütterlich und treu wie zu Beginn steht die Wacht aus den Hirolcr Bergen. An tzurem Keldenmulc werden auch fürderhin alle Angriffe des Keindcs zerschellen. In diesem Zeichen begehen wir in Hhr» furcht Andreas Kofers Hedcntitag, des Kelden der tziroler Landesverteidigung vom Jahre 180!)! Annftl, H. d. K." Und nun folgen Gedichte und Aufsätze und prächtige Bilder in reicher Zahl. Unter den Beiträgern finden wir auch zwei Lehrer: den Religionsprofessor Br. Willram, einen hochbegabten Dichter, und den Schuldirektor Menghin, dem bekannten Vertreter volkstümlicher Tiroler Geschichte. — Eine wertvolle Beigabe ist u. a. ein Laufzettel A. Hofers in Urschrift. Die in jeder Hinsicht geradezu klassisch ausgestattete Gedenknuminer wird zum unglaublich billigen Preise von 1 K abgegeben (Bestellungen beim k. u. k. Landesvertcidigungskommando in Tirol, Feldpost 93); sie sollte in jeder Schule des Reiches einen Teil dokumentären Bestandes ausmachen. Wer sich das seltene Stück beschaffen will, spute sich; der Vorrat ist beschränkt. F>. Lehren aus der Front. Kein Krlcgslatein und kein Hefchwätz! — Ein Urlauber! Das Dorf umlagert ihn. Was wird er bringen? Er kommt von der Front, er wird wohl alles wissen! Und er weiß eigentlich sehr wenig; denn an seiner Stellung rauschte ja so wenig von den großen Ereignissen vorüber. Aber nun ist er einmal im Mittelpunkte der Neugierigen, nun muß er auspacken. Also erzählt er Erlaubtes und Unerlaubtes, Wahres und Erdichtetes. Wenn der Jäger über die Schnur der Tatsachen geht, nennen wir es Jägerlatein: da der Krieger aus dem Rahmen fährt, heißt es Kciegslatein. Es steht dem, der auf der Kante zwischen Leben und Tod war, schlecht an; der wird es auch nicht reden. Wohl aber einer, der nie eine Kugel pfeifen hörte. Der schneidet tüchtig aus, um als Held zu erscheinen. Aber die Lüge hat allemal kurze Beine. Plötzlich kommt ein Kamerad heim; der war dabei und kann es bezeugen, daß viel von den Schauerdingen nicht zutrifft. Beschämt geht der Lateiner von dannen. Zum Kciegslatein gehört auch all das läppische Schwatzen am Biertisch, wornach dies besser so, jenes besser anders Hütte geführt werden müssen. Die Armen I Hätten sic nur ein einzigesmal hinter den 51577 Vorhang sehen können, sie würden über die Zache ganz anders denken. Und nun gar die Hiobsbotschaften! Kein ernstdenkender Mann, am wenigsten der Lehrer, wird sie ohnewciters anfnehmen oder gar weitergeben, ehe sie nicht der amtliche Bericht bestätigt. — Die Mitteilsamkeit über Kciegsangelegenheit und die Redseligkeit können den Gang der Strategie zuweilen behindern. Wer wirklich etwas weiß oder ahnt, muß aus Patriotismus schweigen, infolange die Dinge nicht von selbst sprechen. Der Feind lauert auf jedes Wort, auf jedes Zeichen, auf jede Regung. Also Vorsicht! Eine unbedachte Mitteilung kann zuweilen einen großen Plan zerstören oder Hunderten von Menschen das Leben rauben. Am Besten ist es, man hält das Zünglein in Wacht, auf daß ihm nichts entschlüpfe. Solange nicht die Zeitungen reden, sollen wir schweigen. — Kollegen, habt acht auf Kciegslatein und Geschwätz! Sammelt die Gemeinde allwöchentlich um Euch und erzählt ihr in Würde und Sachlichkeit von dem großen Geschehen, damit die Schwätzer nicht erst zu-wortekommenl — H'eerz. Ein Luch über Conrad Id). v. Hötzendorf. Ich hatte gerade einen Artikel unter der Feder, in dem ich darlegte, daß wir unsere Helden aus dem Grau des Alltags heben und mit den großen Ereignissen der Zeit umgeben sollen, als ein Buch, das unserem Generalstabschef gilt, in die Stube kam. Selbstverständlich griff ich mit Hast nach der Gabe, doch, daß ich es nur gleich sage, auch mit einiger Voreingenommenheit, weil eben in der Flut von Lebensbildern gefeierter Führer halt gar so viel leeres Lobesgefasel zu finden ist. Freilich hätte der Name des Verfassers, den ich von der Hochschule her kenne und, abgesehen von seiner bestimmten Richtung, als Historiker hoch, schätze, für die Gediegenheit bürgen sollen. Allein da stieg die zweifelnde Frage auf: „Vielleicht ist der Autor ein nahestehender Verehrer des Gefeierten, vielleicht führt eine eingewurzelte Stimmung die Feder!" — Nichts von allem! Das Buch über Hötzendorf ist reine Sachlichkeit, em Monument, um das greifbare Taten kreisen. Es mutet uns so eigens an, wenn das, was vor wenig Monden noch Drahtbericht war, heute in den Rahmen objektiver Geschichtsschreibung eingeordnet erscheint. Noch leben wir mitten im gewaltigen Ringen, und schon ritzt der Historiker unser Erleben ins Erz. Lebendige Geschichte! Der Mann, dem es gelingt, aus der Fülle von Daten feste Linien zu ziehen und an sie in strenger Ordnung das bunte Geschehen zu heften, muß einen seltenen Scharfblick besitzen, damit er das Unwesentliche vom Wesentlichen scheide. Das alles ist dem Herrn Hofrate Pastor trefflich gelungen, wie er es auch verstanden hat, die Gestalt seines Helden mitten in das große Gemälde als die leitende, als die alles überschauende zu stellen. Trotz der Größe des Ruhmes, der da aus einem ehernen Handeln spricht, ist die Darstellung einfach, so recht dem Wesen des Heerführers angepaßt. Rauchendes Lob hätte Frh. v. Conrad nicht vertragen. Für uns Lehrer ist das Buch eine willkommene Handhabe, weil wir nicht eine Stunde säumen dürfen, der Jugend unsere Großen vorzusühren. Der niedrige Preis (1 K 60 h) ermöglicht auch in den teuern Zeiten für jede Schule die Anschaffung. Und wo sollte unser getreuer Eckart, der Generaloberst Conrad, als Retter des Vaterlandes nicht gekannt und gefeiert werden? Aeerz. Ieit-Sprüche. 6. Zu einem Kriegsheer mehr gehört, Als daß ein Haufen Leute schwört; Erst wenn ein Geist in allen lebt, Das Heer dem Sieg entgegenstrebt. 7. „Wer ins Land des Feindes bricht, Ei, der hat leicht kriegen; Wer mit goldnen Lanzen ficht, Ei, der hat leicht siegen." — Und doch bleibt die Wahrheit jung: Sieger ist — Begeisterung. Ornff Kreimut. 3578 Von einer Lehrbefähigungsprüfung unter dem Donner der Kanonen. Wieder einmal donnerten zwischen Pruth und Dnjester die Kanonen und wir zweifelten schon, daß „sie“ sein wird. Da brachte ein Stilck Papier des Bezirksschulrates die Gewißheit. Schon die Bahnfahrt mit ihrer strengen Kontrolle stand im Zeichen des Krieges und in Czernowitz mahnte der in jeder Gasse stehende Posten an seine Nähe. — Am ersten Morgen der Ruf: der russische Flieger. Richtig, hoch oben zog er seine Kreise. So erschien er alle Tage pünktlich morgens um Vs 7, abends um 6 Uhr. Am ersten Tage war nur hin und wieder ein Schuß zu hören. — Nächsten Tag war die Schriftliche. Mitten im besten Arbeiten ging das Donnern an, fort und fort. Die Damen begannen zu jammern, wenn nur jetzt nicht die Russen kämen; sie wurden aber vom Herrn Professor beruhigt: die Russen kommen ganz bestimmt nicht. Während des Tages waren überhaupt keine besonderen Ereignisse. Der größte Lärm begann erst abends. Da konnte man auch manchmal die „dicke Berta“ hören. So lärmten die Russen eines nachts ganz schrecklich. Da, ein Schuß von ihr und stille war’s. Unsere Berta schien da ihre grauenhafte Arbeit wieder recht gründlich besorgt zu haben. Und die Russen selbst sagen, sie fürchten nur dreierlei: die Germanen, die roten Hosen und die dicke Berta. Den auf die Schriftliche folgenden Sonntag benützten wir zu einem Spaziergang durch die Stadt. Überwiegend waren die holde Weiblichkeit und das Militär vertreten, das gab dem Ganzen ein recht charakteristisches Gepräge. Eben flog auch der russische Flieger über den Ringplatz. Da entglitt der Maschine ein flacher Gegenstand und fiel aufs Pflaster. Die Leute stoben auseinander: eine Bombe. Doch nichts geschah. Es war ein Stück Blech, darüber gestreifte Leinwand gewickelt, darauf stand: „Empfanget Bürger und schöne Bürgerinnen von Czernowitz.“ Und gerade um diese Zeit begannen die Kanonen wieder ihr schauerliches Lied zu singen, der Tod tanzte einen Reigen. Die Habsburgshöhe zeigte uns den Kampfplatz in greifbarer Nähe. Mit etwas zagen Gefühlen konnten wir da feststellen, daß die Russen in der vergangenen Nacht einen Graben schon recht nahe dem Pruthufer angelegt hatten. An diesem zogen sich die von den Unsern angelegten Drahthindernisse dahin. Auch die Stellungen einer österreichischen und russischen Batterie ließen sich recht gut beobachten. — Im übrigen war das Feld leer. Hin und wieder erschien ein weißes Wölkchen, dem ein leichter Knall folgte: ein Schrapnell. Hin und wieder zeigte sich bei den Geschützen eine schwarze Rauchwolke von einer braunen Staubwolke begleitet: eine Granate war eingeschlagen. — Auf einmal begann ein Rattern und Knattern: die Maschinengewehre arbeiteten. Auf den Ackern entstanden winzige braune Wölkchen von den einschlagenden Geschossen. So dauerte der Lärm eine lange Weile, wurde dann nach und nach schwächer, die Schüsse fielen mehr vereinzelt und schwiegen endlich ganz. — Da unten also liegen sich die Menschen gegenüber, die einander nicht kennen, die sich hassen und morden, weil der eine den blauen, der andere den braunen Rock trägt. Wann wird die Zeit kommen, da der Mensch wieder zum Menschen werden wird? — Auf dem Heimwege trafen wir eine eben gefangene russische Patrouille, frisch aus dem Schützengraben und daher auch von entsprechendem Aussehen. — Ein Nachtgefecht zu beobachten, war nicht möglich, da nach 8 Uhr abends niemand auf der Gasse verweilen durfte. Natürlich interessierten wir uns auch für die nun verflossene Russenherrschaft in Czernowitz. Da zeigte sich, daß es so schrecklich nicht gewesen war. Wie ja, trotz aller gegenteiligen Zeitungsnachrichten, die Russen in der Bukowina nicht so schlimm gehaust haben, wie es gemeiniglich dargestellt wird. Nur wo gekämpft wurde, ist Schaden angerichtet worden, und wo man so töricht war, sich ihnen zu widersetzen. Die Offiziere hielten stramme Disziplin und nur Kosaken erlaubten sich hin und wieder Ausschreitungen. Kosak und Infanterist wollten auch nichts miteinander zu tun haben. — Als sie im Oktober 1914 die Stadt zum ersten Male ränmten, hatten sie sich durch das Gerücht täuschen lassen: eine große Übermacht der Österreicher rückt heran. Beim zweiten Abzug im Feber 1915 ging dieselbe Erzählung um. Da meinten sie, diesmal wollen wir uns die Übermacht erst ansehen. Da hieß es: Germanen kommen, da gab's kein Bleiben mehr. Ein Andenken aus dieser Zeit geht jetzt noch in Czernowitz von Hand zu Hand: das Papiergeld des Magistrats, der dadurch in jener Zeit der Kleingeldnot und Arbeitslosigkeit abhalf. — Das Leben und Treiben in der Stadt ist natürlich nicht so lebhaft wie sonst, da ja ein großer Teil der Einwohner noch als Flüchtlinge im Westen weilt, war aber nicht so bedrückt, besonders nicht in jener Zeit, da die Kunde von der Einnahme Przemysls eintraf. In der Stadt und besonders auf dem Rathause flatterten die Fahnen der drei Kaiserreiche. 3579 Die Lebensverhältnisse in Czernowitz sind natürlich nicht so teuer wie im Westen, aber bei weitem nicht so billig mehr wie früher und wie es in einzelnen Zeitungen dargestellt wird. Wir hätten noch gern in der schönen Stadt geweilt, aber die Musterung war für den nächsten Tag an gesetzt. Und gerade der 10. Juni brachte einen der lebhaftesten Kampftage, die Czernowitz je gesehen hatte: den letzten Sturm der Russen. Der nächste Tag brachte das Telegramm, daß „gestern die Russen einen Sturm versuchten, sich aber von diesem Punkte, dem einzigen, wo sie noch am Pruth standen, weit ins Hinterland zurückgezogen hätten.“ Czernowitz atmete freier. — Auf der Rückfahrt sahen wir noch das so unendlich traurige und nun schon so oft gesehene Bild eines Verwundetenzuges. Wann wird der letzte vorbeirollen ? . . . Alfred Herrmann, Schulleiter. Österreichs Zukunft. 5. Körper- und Geistesbildung. (Zur Erwägung für künftige Erziehungsziele.) Leider gibt es bei uns fast immer nur „Richtungen, Strömungen, Parteien“. Zuviel Richtungen und zu wenig Richtung. Zuviel durcheinander wirbelnde Strömungen statt eines einheitlichen, gleichmäßigen Stromes. Die Vertreter der verschiedenen, wechselnd-modernen Richtungen und Parteiungen halten gerade ihre Richtung für die alleinig richtige und glauben sich berechtigt und verpflichtet, alle ändern — oft nicht mit besten Mitteln — niedertreten zu müssen. Meist fehlt ihnen auch eine gründliche Kenntnis der Geschichte ihres eigenen Werdens und besonders auch der Geschichte des Ganzen, in unserem Falle also: der Geschichte des Erziehungs- und Unterrichtswesens. Man kann ruhig sagen, daß das Maß historischer Kritik ein Maß der Güte ist. Denn alles Gute reift langsam und wurzelt tief im Vorhergegangenen, also in der Geschichte. Diese aber zu erfassen, die vielgestaltigen Wurzeln aufzuspüren, ist unbequem, ist unmodern. Das Gesagte können wir vor allem bei jenen feststellen, die, gestützt auf einige Forderungen des Krieges, auf einige Erfahrungen in den Angelegenheiten der körperlichen Erziehung, glauben, die ganze Erziehung und den ganzen Unterricht unter die körperliche Erziehung unterordnen zu dürfen. Daß die Schule in erster Linie die Geistesbildung übernahm und die körperliche Erziehung vernachlässigen konnte und durfte, war eine Folge ihrer Entwicklung und ist tief-begründet im ganzen sozialen Leben der damaligen Zeit. Die Körperbildung war eben ehemals Angelegenheit der Familie gewesen. Im Mittelalter und in der neueren Zeit gab es außerdem noch so viele Gelegenheiten zu körperlicher Übung, so daß die Schule gar keine Notwendigkeit hatte, hier einzugreifen. Später entschied in immer steigendem Grade die geistige Bildung den Lebenskampf und lange noch sorgte das Milieu dafür, daß die Körperbildung nicht gänzlich versagte. Solange die Jugend noch über Wald, Wiese und Feld als Tummelplätze verfügen konnte, solange noch der Handwerker als fahrender Geselle weite Fußreisen unternahm, solange auch der Kleinbürger ein Stück Garten und Feld bei seinem Hause besaß, insolange gab es immer noch genug körperlich fördernde Arbeit und Betätigung. Heute liegen die Verhältnisse allerdings anders. Immerhin ist es aber verfehlt, die Großstadt zum einzigen Maßstab der Körpererziehung zu machen. Die sozialen Verhältnisse erzeugen überall mehr oder weniger intensiv wirkende eigenartige Schäden durch die sie begleitenden unhygienischen Verhältnisse. Und nun kommen die Vertreter einer exklusiven Körperkultur mit ihrer „Umwertung der Werte“. Der „vergeistigten Schule“ laden sie alle Schuld auf. Traurig, wenn dies auch seitens der Lehrer geschieht, die denn doch die Entwicklung des Schulwesens kennen sollten, die Hüter der Geistesbildung — auch als Sportfreunde — bleiben sollten. Mit Recht betont Herbart, daß die Vielseitigkeit des Interesses ein Maß der Intelligenz und Bildung sei. Dem Herbart-Worte stellen sie ein Goethe-Wort entgegen, vergessen dabei aber ganz, daß Goethe noch anderes leistete als — die Einführung des Schlittschuhlaufens. Daß Goethes universelle Bedeutung in der Universalität seines Interesses beruht und sein Wort: „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister“ nie einseitig aut die Pflege des Schlittschuhlaufens oder Armbrustschießens gemünzt war, wird nicht beachtet. — Wirkliche Vielseitigkeit des Interesses ist durchaus verschieden von Oberflächlichkeit. 3680 In den extremen Körperhelden bäumt sich die eigene geistige Unbildung auf gegen alles Geistige. Und darin liegt die Gefahr für unser Erzieliungswesen. Diese Gefahr muß rechtzeitig erkannt werden, damit sie gebannt werde! Wie weit diese Auflehnung gegen Wissen und Wissenschaft geht, ist in der Abneigung gegen die Hygiene am deutlichsten zu sehen. Genau so wie vergessen wird, daß Politiker, wie Jahn, daß Dichter, wie Goethe, daß Schriftsteller, wie Seume bei aller Freude am Turnen, Sport und Wandern, bei aller ihrer Liebe zur Natur stets einen harmonisch gebildeten Menschen als Ideal erkannten, genau so wie das hellenische, insbesondere attische Erziehungsideal einseitig umkonstruiert wird, genau so lehnen sich diese extremen Vertreter der Körperpflege auf gegen die Ärzte als Berater in der Körpererziehung, trotzdem es gerade die Ärzte waren, die in dem letzten halben Jahrhundert (von Vorläufern abgesehen) mit immer gesteigerter Betonung die Schäden der Vernachlässigung in der Körperpflege aufdeckten. Sage einem der „Körperhelden“, daß der Arzt diese oder jene sportliche Betätigung, diese oder jene turnerische Übung oder irgend sonst was aus dem Vorräte der Maßnahmen zur Körperbildung für schädlich erachtet, und du bekommst sogleich in gehässig überlegenem Tone eine Entgegnung zu hören, die den Boden ernster Überlegung und ruhiger Kritik gar nicht erst betritt, also auch nicht zu verlassen braucht. Der extreme Sportfreund bäumt sich eben sofort gegen das Wissen des Arztes auf und da ihm Erfahrung und Wissen fehlen, kämpft er mit Spott, Hohn und — Grobheit, empfindet er ja nur die Einschränkung seiner persönlichen Freiheit. Hier offenbart sich zugleich das trotz aller sozialen Mäntelchen unsoziale, egoistische Wollen und Denken der extremen Sportfreunde. Ich erwähnte schon die — man muß wohl, ob man will oder nicht will, sagen — bewußte Verdrehung des attischen Erziehungsideales. Nicht nur den Wettläufer krönte das griechische Volk mit dem Siegeskranze, auch den Sänger, den Dichter. Nicht nur Gere werfen, den Diskus schleudern lernte der junge Grieche, er lernte sogar seinen Homer auswendig. Und dasselbe Volk, das den Sieger im Körperspiele bejubelte, es jubelte auch dem Tragöden, dem Lustspieldichter zu, es begeisterte sich an den bestgeformten Reden seiner Führer, es lauschte den Lehren seiner Weisen. Und in seinen homerischen Gesängen sind doch die geistesgewandten Götter: Athene und Apollo die beliebtesten. Gerade Ares, der die rohe Kriegsgewalt darstellt, er — der Kriegsgott, der Mann — wird von Athene — der Göttin der Weisheit, dem Weibe — besiegt. Sogar ein Sterblicher, Diomedes, zwingt ihn mit Athenes Hilfe das Schlachtfeld sperwund zu fliehen! Und wo auch Apollo auftritt, erscheint er keineswegs als verkrüppelter, schwächlicher Sangesbruder oder als „Backhändelsoldat“. Er paart Anmut mit Kraft, Schönheit des Körpers mit edelstem Charakter. Bescheiden lehnt er den Zweikampf mit Poseidon ab, dem Bruder des Götterkönigs. Und die so bekannte und oft reproduzierte Apollostatue stellt ihn nicht mit der Leier dar, sondern als schirmenden Gott der Kultur, der die Ägis dem Feinde entgegenhält. — Wahrlich, das Griechentum ist denn doch anders, als uns die Fußballspieler vortäuschen wollen. Wir verkennen durchaus nicht die großen Vorteile einer edel geregelten, hygienisch orientierten Körperpflege. Auch nicht in ihrem Wesen als Faktor der Geistesbildung. Wir wissen genau, daß gute körperliche Arbeit auch den Geist fordert; aber daß der Sport als solcher und in jeder Form das beste Mittel der Charakterbildung sei, das werden wir desto weniger glauben, je maßloser, je bildungsfeindlicher, je taktloser diese angebliche alleinige Wahrheit betont wird. Der Sportfex als Erzieher verhöhnt und verlacht jeden, der nach Bildung strebt. Ihm ist Wissen die Kenntnis der Spielregeln. Bildung sieht er im Zusehen eines „Matsch“. Ein Buch lesen? Unsinn! Einen Vortrag eines Forschers anhören? Zeitvergeudung! Mag auch ein Schuljahr dem Kinde verloren gehen, es muß möglichst oft hinaus auf den Sportplatz und allsonntäglich zusehen, wie einige Muskelmenschen auf staubigem Platze einen Lederball mit Füßen stoßen. Wie oft klagen heute Eltern und Lehrer, daß gut befähigte Kinder mit der plötzlich entfachten Leidenschaft für den Lederball in ihren Schul-leistungen auffallend zurückgehen, daß ihr Charakter, ihr Benehmen verroht. Harmonische Bildung des Körpers und des Geistes, das ist es, was einzig not tut. 3581 Die Jungmannschaft der Volkslehrer hat da eine prächtige Aufgabe vor sich. Die Elastizität ihres noch jugendfrischen Körpers befähigt sie, die Körperpflege des Kindes besonders zu leiten. Die Elastizität des Geistes aber ermöglicht ihr noch, sich jenes vielseitige Interesse zu wahren und nicht nur in der Körperpflege hygienisch korrekt, charakterbildend, vielseitig und fern der Fexerei die Jugendbildung zu fördern, sondern auch Wissenschaft und Kunst treu zu bleiben. Wahre Bildung ist stets harmonisch. Ein wirklich gesunder Geist in einem wirklich gesunden Körper sei das Ziel, aber nicht ein verkrüppelter Geist in einem vertierten Körper. Athene und Apollo, sie kämpfen jetzt mit dem Volke der „Denker und Dichter“ und halten ihre schimmernde Wehr über unsere Kultur gegen die vom rohen Mars geführten Feinde. Mds. Randbemerkungen. Zu 60 der „Sprachunrichtigkeiten“ (Folge 134) erlaube ich mir zu bemerken: Das „am“ statt „auf dem“ entspringt meines Erachtens nicht einem unrichtigen Sprachgefühle, sondern lieiiit in der Volkssprache richtig „au’m“, häufig verschliffen (bei den in der Schriftsprache Redenden) zu „am“. Die Faulheit im Aussprechen zieht das „auf dem“ zusammen in „au’m“ und ist nicht zu verwechseln mit dem reinen „am“. Ein krasserer Fall wäre: „Er hat viel gehabt“, im südl. niederöst. Dialekt: „er hot viel g’hot“. Das klingt ebenso wie: „r hat viel Kot“. — Hier weiß jedermann, worum es sich handelt. Oben ist die Verwechslung möglich, weil „am“ und „au’m“ Ortsbezeichnungen sind. A. Fuchs, Notariatskandidat in Tulln. Zur 59. Sprachunrichtigkeit. (Folge 131, 8. 3101.) Vor vier Jahren unterrichtete ich in der 5. Klasse und sagte meinen Schülern: „Der Beistrich zwischen der Orts- und Zeitangabe kann weggelassen werden; er ist überflüssig.“ Als ein Berufsgenosse das Fehlen dieses Satzzeichens im Datum als Fehler anrechnete, erörterte ich diese Frage in einer Monatsberatung. Es kam aber zu keiner Einigung und die Freunde dieses Beistriches begründeten ihre Ansicht damit, daß die Trennung der Orts- und Zeitangabe üblich sei und darum das Herkommen weiterbestehen solle.1 Als Gegengründe führte ich damals an: Ich habe die große Ausgabe der Regeln für die deutsche Rechtschreibung zur Hand und finde unter den 11 Fällen, in denen der Beistrich gesetzt wird, keinen, der anzuwenden wäre. Nach Absatz 4 trennt der Beistrich die nachgestcllte Beifügung; er muß also gesetzt werden, wenn eine Zeitbestimmung durch das nachfolgende Datum näher bestimmt wird, z. 15. Samstag, den 6. Dezember, findet eine Monatsberatung statt. Im 8. Absätze wird gefordert, daß er zwischen gleichartige Satzteile gesetzt werde. Orts- und Zeitbestimmung sind aber weder gleichartig noch gleichwertig. Im § 23, Absatz 4 ist das Beispiel: Wien, am 23. Mai 1901 für die Setzung des Punktes angeführt und nicht für den Gebrauch des Beistriches maßgebend. Ein überzeugender Grund für diesen Gebrauch ist nicht zu finden. Fassen wir die Orts- und Zeitangabe als Satzkürze auf, dann ist der Beistrich auch nicht nötig, weil das Fehlende inbezug auf die Satzform durch den Beistrich nicht ersetzt werden kann und auch zum Verständnis nichts beiträgt. Wer ihn für ein phonetisches Zeichen hält, das eine Satzpause anzeigen soll, dem ist zu erwidern, daß im Deutschen der Beistrich nicht nach phonetischen, sondern nach rein grammatischen Gesichtspunkten gesetzt wird. Die Rechtschreibgesetze verlangen ihn nicht ausdrücklich und hat ihn der Drucker in launenhafter Weise an jene Stelle eingeschmuggelt. Wer diesen Beistrich setzt, weiß nicht, warum er es tut, und handelt nur aus Rücksicht für sein ehrwürdiges Alter und im strengen Glauben an die Unantastbarkeit der Sprachbuchinacher, die ihn immer wieder als Ballast aufnehmen und mitschleppen. Heinrich Kathrein in Langenzersdorf. 1 So meinte ein Lehrer, dem ich vorhielt, daß er bei der Satzzergliedernng durchaus falsch schließe: „Je nu, lassen Sie mich die Bestimmung noch die fünf Jahre, die ich zu dienen habe, nach meiner bisherigen Art angebenI" — Was sagen Sie dazu? P. 3582 Fortbildungskurse unserem Volke!1 Von Andreas Lothaller, Lehrer in Pram, Oberösterreieh. Der Zweck der tätigen Menschengilde ist die Urbarmachung der Welt, ob du pflügest des Geist's Gefilde oder bestellest das Ackerfeld. Fortbildung ist in unserer Zeit das Sclilagwort der Massen geworden und es dürfte sich gegenwärtig wohl kein Stand ohne Fortbildung vollwertig behaupten können. Das Volk lernt nach und nach verstehen, daß Bildung Macht ist, es wird sich bewußt, daß derjenige, der heute nicht selbsttätig an der Kulturarbeit mitwirkt, nicht mehr in das Milieu der Zeit paßt. Volksbildner erkenne und verstehe dies Klärungsstreben und Ringen im Geiste der Deinen! Rüste dein Volk mit den Mitteln, die es stählen für den Kampf ums Dasein, die es wappnen mit zeitständigen Waffen! Greife ein mit festen Händen in die Speichen des Zeitrades und dringe mit deiner erzieherischen und unterrichtlichen Tätigkeit auch Uber die Grenzpfähle der Volksschule hinaus vor durch Errichtung von Fortbildungskursen! Es wird sich dir zwar ein neues Arbeitsfeld eröffnen, aber bedenke, du arbeitest für ideale Güter, für Volk, Gemeinde und Vaterland! —Amtsbruder, Begeisterung leuchtet aus deinen Augen, du willst ein Kämpfer werden um erhabene Siegeszeichen der Schulentwachsenen. Der Dank der Schüler und deren Eltern liegt dir gewiß auf keinem Gebiete deines Wirkens so nahe als auf dfen Gefilden der Fortbildungsschule. Direktor Wamprechtsamer hat recht, wenn er sagt: „Mehr Ehre und Freude aber als klingende Münze muß es dem Lehrer sein, grauhaarige Männer das Haupt vor sich entblößen zu sehen, aus dessen feuchtglänzenden Augen der Dank des Vaters strahlt für die Bildung seines Sohnes in der Fortbildungsschule.“ Pestalozzi-Jünger, willst du nun eintreten in die Reihen der Fortbildungsschullehrer, so studiere vorerst noch Wamprechtsamers grundlegende Werke Uber das ländliche Fortbildungsschulwesen. Hier suchst du picht vergebens. Liebe, Begeisterung und tiefgründige Sachkenntnis leuchtet dir aus jeder Buchseite entgegen und mit Genugtuung gestehe ich, daß ich mich sowohl in meiner Arbeitsstube als Fortbildungsschullehrer als auch mit der vorliegenden Arbeit seiner geistigen Führung anvertraute. Zur Charakterisierung der folgenden Lehrstoffaufteilung für einen ländlichen Fortbildungskurs sei vorausgeschickt, daß sich dieselbe auf drei Winter-Halbjahre mit je fünf wöchentlichen Schul- und den nötigen Exkursionsstunden erstreckt und im Zeichen des Maximums gegeben ist. Nun so wandert hinaus ihr Gedanken zum Aufbau des Lehrplangebäudes einer bodenständigen Fortbildungsschule, dem angehenden Amtsgenossen vielleicht als ein kleiner Behelf, dem erfahrenen Schulmanne als ein Schulmeistergruß! — Fülle die Jugend mit würdigem Stoff, Statut. Und in froher Begeisterung lehre sie glühen 1 § 1. Der hierortige Fortbildungskurs hat den Zweck, die in der Volksschule erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten mit besonderer Rücksichtnahme auf den Beruf der Zöglinge auszubauen sowie die Schüler in sittlicher Hinsicht zu fördern. § 2. Der Unterrichtsstoff beschränkt sich auf Unterrichtssprache, Geschäftsaufsälze und Redeübungen; auf Rechnen in Verbindung mit der Formenkunde; auf die Einübung der für den Landbewohner notwendigen schriftlichen Arbeiten; auf die Beibringung der wichtigsten Kenntnisse aus der Landwirtschaftslehre, Gewerbe-, Bürger- und Lebenskunde. § 3. Eine Aufnahmsgebühr ist nicht zu entrichten, der Unterricht ist vollständig unentgeltlich. § 4. Die Teilnahme ist allen Jünglingen und Männern gestattet; Schulkinder haben keinen Zutritt. § 5. Der Unterricht wird im Lehrzimmer der zweiten Klasse erteilt, u. zw. an Sonntagen mittags von 12—2 Uhr und an Donnerstagen von 8 Uhr früh bis 11 Uhr mittags. § 6. Die Stundeneinteilung ist folgende: a) Sonntag: 12—1 Uhr: Rechnen und Formenkunde; 1—2 Uhr: Unterrichtssprache und Geschäftsaufsätze; b) Donnerstag: 8 — 9 Uhr: Landwirtschaftslehre und Gewerbekunde; 9—10 Uhr: Bürgerkunde und Lebenskunde; 10—11 Uhr: Redeübungen. Exkursionsstunden nach freier Wahl. 1 Vgl. zu diesem Ausrufe, der grundlegend sein sollte, den Leitbericht! D. Sch. 3583 Lehrplan Deutsch. Gebt eueren Schillern vor allem Sprache! Muttersprache,'Muttcrlaut, wie so wonnesam, so traut! Unterrichtssprache. Das Lesebuch für landwirtschaftliche Fortbildungsschulen von Direktor Wamprechtsamer und eine dem Gesamtunterricht eingegliederte Schülerbibliothek haben die Ausgangs- und Verwertungspunkte für unterrichtssprachliche Belehrungen (Stilübungen, deutsche und vaterländische Dichter, wichtige Regeln unserer Rechtschreibung u. dgl.) zu bieten. Weltbtihne bedeutet. Öffentliche Anzeige (Annonce), Bestellung, Rechnung, Quittung, Schuldschein, Bürgschaftsschein, Revers, Zeugnis, Verträge, Vollmacht, Testament, Eingaben an Behörden, Protokolle, Bewerbungen, Bericht für eine Zeitung. Ausfüllen von Schuldrucksorten für den Geschäftsverkehr. Viel Wunderkraft ist in dem Worte, das hell aus reinem Redeübungen. Herzen bricht! Entwicklung unserer Muttersprache (Mundart — Schriftsprache), Bedeutung der Redekunst, der Stoff einer Rede und seine Gliederung, Aneignung des Redestoffes, der Vortrag (Ausdruck, Haltung, Lampenfieber). An der Hand von Musterbeispielen werden die Schüler in die Gesetze einer volkstümlichen Redekunst ein geführt, wobei zu berücksichtigen ist, daß sich dieselben besonders rege an der Wechselrede, dem Stiel kinde unserer Versammlungen, zu beteiligen haben. Beispiele: Abschieds-, Begrüßungs-, Dankreden, Reden über Stoffgebiete aus einzelnen Berufskreisen, eine Gemeindesitzung, eine Feuerwehrversammlung, Wurzeln des Aberglaubens und vieler Volksbräuche, das Volkslied, unsere Volkstracht ; Schuster, bleib bei deinen Leisten (Landflucht); der Österreicher hat ein Vaterland und hat auch Ursach es zu lieben. Worauf gründet sich die Liebe zur Heimatscholle? u. a. Die vier Grundrechnungsarten mit ganzen Zahlen und Dezimalen als Schnellrechenkunst, wobei unter ändern auch das Rechnungsverfahren nach Dr. Ferrol Berücksichtigung findet. Warenrechnung (Prozentrechnung, Einkaufspreis -Verkaufspreis-Gewinn-Verlust, Brutto-Tara-Netto, Skonto-Rabatt-Provision), von der Sparkasse (Zinsrechnung, Zinseszinsrechnung), Versicherungsrechnungen (Promille, Prämie); landwirtschaftliche und gewerbliche Rechnungen. Die Buchführung des Landbewohners (Inventarbuch-Naturalienbueh-Kassabuch, System Peter). In der Formenkunde lasse man die Schüler alles selbst erfinden! Formenkunde. Flächen- und Körperberechnung — ein Moment-Praktikus — für unsere landwirtschaftlichen und gewerblichen Betriebe. FcIdmellUbungen: Abstecken von Winkeln, Messen von Strecken, Aufnahme von Grundstücken (natürlicher und verjüngter Maßstab). Verlegen und Geradlegen von Grenzen. Beim Hausbau: Grundriß-Aufriß-Kreuzriß, Lesen des Situationsund Bauplanes. Holzmeßübungen: Berechnen von Rundhölzern (Holzrechnungstabelle). Die Landwirtschaft, ein Bild seiner kulturgeschichtlichen Entwicklung. Vom Grundbesitz (Gemeindemappe, Parzellen, Parzellenprotokoll, Wert der Grundstücke-Grundklasse-Bonität, Grundbogen). Wichtige Anbau- und Viehzuchtsgebiete in unserem Vaterlande. Bodenkunde. Bodenuntersuchung, Bodenarten und Bodenverbesserung, Einfluß der Ernte auf den Boden, Düngung: Natürliche und Handelsdünger (Anwendung, Einkauf), Düngungsversuche, Arbeitskalender für die Bodenbearbeitung. Pflanzenkunde. Natur und Nahrung der Pflanzen (Bestandteile-Nährstoffe, Atmung-Assimilation); unsere Getreidearten und Wiesengräser; Fruchtfolge und Pflanzenwechsel; Wiesenverbesserung (Düngung, Wiesenegge); der Wald (Bedeutung und Bewirtschaftung). Obstbau: Vorarbeiten zur Anpflanzung von Öbstbäumen und Baumsatz; praktischer Baum- Wer das Leben kennt, weiß es, was die Form auf der Geschäftsaufsätze. Das kommt nur auf Gewohnheit an. So nimmt ein Kind der Mutter Brust nicht gleich und willig an, doch bald ernährt es sich mit Lust. Rechnen und Formenkunde. Der Schüler soll denkend rechnen und rechnend denken lernen! Rechnen. Das schönste Wappen auf der Welt, es ist der Pflug im Ackerfeld I Der beste Orden, den ich weiß, ist eine Hand voll Schwielen. Landwirtschaftslehre. 3584 schnitt und Ausputzen der Obstbäume; Veredeln der Obstbäume (in den gebräuchlichsten Arten), Verjüngung und Umpfropfen; Ernte und Aufbewahrung des Obstes; Beschränkung der Obstsorten, Sortenwahl, Einführung mehrwertiger Obstsorten mit Rücksicht auf Produkt und Handel. Bekämpfung der Obstschädlinge und der wichtigsten Schädlinge anderer landwirtschaftlicher Kulturen. Tierkunde. Körperbau des Pferdes, Rindes und Schweines; die wichtigsten Rindertypen der Alpenländer; Wichtigkeit des Tierschutzes für die Landwirtschaft. Kennzeichen kranker Haustiere und deren Wartung und Pflege. Unarten der Haustiere, ihre Verhütung und Beseitigung. Die Seuchen der Haustiere. Tierzuchtlehre: Rassenbegriff, Züchtungsmethoden, die wichtigsten Züchtungsgruiidsätze. Allgemeines über Bienenzucht. Landwirtschaftliche Geschäftskunde. Handelsnormen, Preise, Kauf und Verkauf, Abschlüsse, Bahn- und Posttarif. Betriebslehre. Landwirtschaftliche Maschinen, Branntweinerzeugung (Destillation), Obstverwertung (Mosten, Dörren, Handel), Milchverwertung (Zentrifugen, Molkereianlagen, Milchwagen), Wirtschaftsplan. Tausend fleiß’ge Hände regen, helfen sich im muntern Bund, und im feurigsten Bewegen werden alle Kräfte kund! Gewerbekunde. Die geschichtliche Entwicklung des Handwerks (das Handwerk in der deutschen Urzeit, Entstehung eines selbständigen Handwerkerstandes, die Zünfte, Gewerbefreiheit), der Gewerbebetrieb (stehender und umherziehender), der Gewerbetreibende (Rechte und Pflichten des Meisters, Gesellen und Lehrlings, Meister- und Gesellenprüfung, Arbeitsbuch-Lehrver-trag-Lehrzeugnis, Arbeitszeit-Lohnzahlung, Kündigung der Arbeit). Berufsverhältnisse des Gewerbetreibenden. Antritt eines selbständigen Gewerbes (Arten der Gewerbe, Bedingungen zum selbständigen Betriebe eines Gewerbes, Anmeldung eines Gewerbes, Besteuerung des Gewerbebetriebes), Berufsverhältnisse während des Geschäftsbetriebes (Arten der Ausübung und Umfang des Geschäftsbetriebes, Betriebsanlagen, gewerbliche Hilfsarbeiter, Arbeiterschutz und Unfallverhütung), die öffentliche Vertretung der Gewerbetreibenden (Handels- und Gewerbekammer, Gewerbegericht, Gewerbeinspektoren, genossenschaftliche Vereinigungen), Unterbrechung oder Einstellung des Betriebes, Gewerbezentren in Österreich-Ungarn. Gewerbe-kundlicher Maschinenschau: Kraft- und Lichtanlagen, Glasbereitung, Papierfabrikation, Buchdruckerkunst u. dgl. Eventuell Rond- und Nadelschrift und gewerbliches Fachzeichnen. Arbeit ist des Bürgers Zierde, Segen ist der Miihe Preis! Bürgerkunde. Der Bürgerstand, ein Bild seiner kulturgeschichtlichen Entwicklung. 1. Ö s t er r. V e r f a s s u n g. Grundzüge der österreichischen Verfassung, die administrative Einteilung Österreichs (Ministerien, Statthaltereien, Bezirkshauptmannschaften), die autonome Einteilung unseres Vaterlandes (Länder, Gemeinden), Reichsrat-Landtag-Gemeinde-vertretung, Instanzenzug, Rechte und Pflichten des Staatsbürgers. 2. Gesetzes- und Rechtskunde, a) Erbrecht, Strafrecht, Finanzrecht (Steuern), Wehrgesetz, Heimatgesetz, Vereinsgesetz, Dienstbotenordnung, Gemeindeordnung, agrarische und Gewerbegesetze; b) Form der Rechtsgeschäfte, Vertrag, Vertretung, Vollmacht, Termine-Fristen-Verjährung; c) Schuldenverhältnisse: Begriff der Schuldenverhältnisse, Art, Ort, Zeit der Leistung, Zinsen, Verzug, Vertragsstrafe, Quittung, Übertragung der Forderung, Schuldübernahme, Darlehen und Bürgschaft; d) Sachenrecht: Erwerb des Eigentums, Pfandrecht an beweglichen Sachen, Inhaberpapiere und Forderung, Ilypothek-Grundschuld-Rentenschuld, Testament und Vormundschaft. 3. Volkswirtschaft, a) Versicherungswesen: Arbeiter-, Feuer-, Lebens-, Kulturenversicherungen (Bedeutung und Beachtung der einzelnen Vorschriften) u. dgl. und die zu erwartende Sozialversicherung; die Arbeit [Arbeitsstätten (Handwerk, Gewerbe, Industrie), Beförderung der Rohprodukte und Erzeugnisse (Handel, Verkehrswege, Verkehrsmittel)]; Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften; das Kapital (Wesen und Arten des Kapitals; Geld, Münzen, Währung; Kredit und Kapitalsanlage); Erfinder-, Marken-, Musterschutz u. dgl. 3585 Leben heißt: mit vollen Händen Liebe spenden, Liebe geben und fUr seine Ideale kämpfend sterben, das heißt leben! Mit dem Hut in der Hand kommt man durch das ganze Landl Lebenskunde. 1. Der Mensch als Mitglied der Gesellschaft (Anstandslehre). Benehmen in öffentlichen, amtlichen und privaten Räumlichkeiten, bei öffentlichen Vorführungen, Vorgesetzten und Untergebenen gegenüber. Hochschätzung der Eltern (Der Eltern Segen baut den Kindern Häuser, des Vaters Fluch reißt sie nieder!), Verhalten gegen ältere Personen (Alle Griechen wissen, was schön und gut ist; aber die Spartaner tun es!), Schonung des fremden Eigentums (Was du nicht willst, das tu auch ändern nicht!), Weckung und Förderung des Mitgefühles mit der leidenden Menschheit (Betrunkene, nicht vollsinnige und krüppelhafte Menschen), Reinlichkeit und Ordnung (Außen hui, innen Pfui!), Vorsicht mit der Zunge (Schindl auf dem Dach!), Dankbarkeit (Undank ist der Welt Lohn! Ein Vater ernährt leichter 10 Kinder als 10 Kinder einen Vater!). Auf der Straße (vom Grüßen, in Begleitung, Fahren im Wagen, Radfahren), Vorstellung und Besuch (Nicht mit der Tür ins Haus fallen, Visitkarte); im Ballsaal, beim Hochzeitsfest, Todesfall, Begräbnis, vom Einkäufen und Schuldigbleiben, vom Briefschreiben, auf der Reise, Glückwunsch zum Namensfeste und zur Jahreswende (Glückwunsch-Enthebungskarten), Nachsicht mit den Fehlern der Mitmenschen (Nicht: „Wie du mir, so ich dir!“). Sei ein ganzer Mann; menschlich, gerecht, aufrichtig und offen in Wort und Tat! 2. Der Mensch als Erhalter seines Organismus: Erkenne dich selbst! in jedem Gesunden steckt frischer Mut und froher Sinn; Müdigkeit und Faulheit ist der Ausdruck einer Krankheit! a) Gesundheitslehre: Von den Nahrungsmitteln (Wert, Fälschungen); die Luft, eine Lebensnotwendigkeit (Atmung); von der Haut und ihrer Pflege (Reinlichkeit, Abhärtung); die Sinnesorgane; Ausscheidungsorgane (Lunge, Darm, Niere, Haut), Obst und Milch als Volksnahrungsmittel; der Alkohol, ein falscher Freund; Mittel und Wege zur Verlängerung des Lebens (Mäßigkeit in allen Dingen, regelmäßige Bewegung im Freien bei jeder Witterung. Gut gekaut ist halb verdaut. Gehe früh zu Bett und stehe früh auf! Sorge für regelmäßige Hauttätigkeit und Arbeit! Bekämpfe die Leidenschaften! Sei ruhiger und fröhlicher Gemütsart!); ansteckende Krankheiten, Krankenpflege und Krankenwartung; von der Wohnung (Licht, Luft, Sonne). Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! b) Samariterdienste: 1. Hilfeleistung. Wundenbehandlung (Wundarten,Wundkrankheiten. Antiseptik und Asepsis, Wundverband); Verletzungen infolge Einwirkung allzugroßer Hitze (Verbrennung) oder Kälte (Erfrieren); Mangel an Atemluft (Ertrinken, Erhängen, Ersticken, Atemnot, künstliche Atmung); Verletzung des Knochengerüstes (Knochenbruch, Verrenkung, Verstauchung, Schienenverband); Bewußtlosigkeit bei Blutleere des Gehirns (Ohnmacht), Schädelverletzungen (Gehirnerschütterung, Gehirndruck), Hirnerkrankungen (Hirnhautentzündung, Epilepsie, Hysterie), durch Gifte (Hirngifte, Harnvergiftung), strahlende Glut (Hitz-schlag, Sonnenstich); Blutungen aus Organen (Nasenbluten, Blutbrechen, Bluthusten); Transport Verunglückter (Cilo, tuto et jucunde!); allgemeines Verhalten bei Hilfeleistungen in Unglücksfällen. 2. Hilfsmittel. Lysoform, Hofmannstropfen, Salmiakgeist, Borvaseline; Rollbinden aus Kaliko, dreieckige Tücher, Brumssche Watte, Xeroformgaze, Heftpflaster, Englischpflaster; Pinzette, Samariterschere. (In jeder Schule sei eine kleine Hausapotheke.) Bezüglich der methodischen Grundsätze für die Unterweisungen in der Fortbildungsschule ist auch hier wie in der Volksschule die Persönlichkeit des Lehrers der Hauptfaktor für dieselben. Wie die Blume sich nach dem Lichte kehrt und unter seiner Einwirkung den Kelch öffnet, so neigt sich das Menschenherz dem zu, der ihm Licht und Wärme entgegenzustrahlen vermag. Das Wort der Lehre sei, um mit Pestalozzi zu reden, „der Widerhall der inneren Muttersorge, aus welcher die Lehre herausfließt“. Es sind Jünglinge und Männer, die der Lehrer vor sich hat, bei welchen sich der Selbständigkeitstrieb mächtig geltend macht. Der Lehrer sei ein Volkslehrer im besten Sinne des Wortes, der enge Fühlung mit dem Volke hat und in den Gesellschaftskreisen, in denen das Volksleben pulsiert, 3586 der mit Lust und Liebe die Beschäftigungen der Bewohner studiert. Was den Unterricht anbetrifft, so muß derselbe praktisch, volkstümlich und interessant sein, er muß anschaulich, frisch und lebendig gehalten werden und seine Lern- und Nährstoffe dem Berufsleben entnehmen. Alle unterrichtlichen Bemühungen müssen daher als unverrückbares Ziel die berufliche Brauchbarkeit im Auge behalten und in praktischen Übungen und Verwertungen des Gelernten ihren Abschluß linden. Im Fortbildungskurs ist auch jener Zeitpunkt gegeben, wo manches Gute, Schöne und Wahre dem Schüler nahegebracht werden kann, wofür in der Volksschule die notwendige Reife nicht vorhanden ist. Der Mensch soll eben nicht bloß gebildet werden nach der Seite des Verstandes, damit dies seinem Berufe zugute komme, sondern auch nach der Seife des Gemütes, damit dies seinem Menschentume fromme. — Schon zeigt sich auf den Bahnen der Fortbildung des Landvolkes die aufsteigende Morgenröte einer neuen Zeit. Möge jene Zeit nicht allzuferne sein, in der die ersten segenspendenden Strahlen der hellen Sonne auf unsere Fluren sich senken, einer Sonne, die mitbegründen hilft ein Geschlecht, das weniger Jammer und Llend, dafür aber mehr Freude und Glück sein Eigen nennen kann. — Was für alle Zeiten festgehalten werden soll. 40. Ein Handschreiben des Kaisers vom 25. Oktober 1914 an den Grafen Stürgkh. (Für die Geschädigten in Galizien und der Bukowina.) Lieber Graf Stürgkh! Der Kriegszustand, welcher der gesamten Bevölkerung der Monarchie empfindliche Opfer auferlegt, lastet besonders schwer auf den durch die militärischen Operationen betroffenen Gebieten Galiziens und der Bukowina. Mit tiefem Kummer hat mich das über diese Gebiete hereingebrochene Ungemach erfüllt ; meine treuen Untertanen, welche in ihrer persönlichen Sicherheit, in dem ruhigen Besitze der ererbten Scholle, in Handel und Wandel gefährdet wurden, dürfen meiner väterlichen Teilnahme gewiß sein. Ich erwarte von ihrer patriotischen Standhaftigkeit, daß sie die ihnen auferlegte Prüfung mutig ertragen und in der festen Zuversicht auf eine bessere Zukunft mannhaft das Ihre beitragen werden, die Wunden des heimatlichen Wirtschaftslebens zu heilen. Ich beauftrage meine Regierung, den vom Kriege unmittelbar heimgesuchten Ländern ihre besondere Obsorge angedeihen zu lassen und zunächst zur Linderung drückenden Notstandes im Zusammenwirken mit den berufenen lokalen Faktoren geeignete Maßnahmen zu treffen. Ich hege das volle Vertrauen, daß die Bevölkerung, wenn sie mit dieser Hilfe die Bedrängnis des Augenblicks überwunden hat, meiner weiteren nachhaltigen Fürsorge, auf die sie getrost zählen darf, versichert, bald imstande sein wird, die Schädigung des allgemeinen Wohlstandes wettzumachen und wieder feste Grundlagen für die segensreiche Entfaltung ihres kulturellen Lebens zu gewinnen. 41. Ein Handschreiben des Kaisers vom 27. Oktober 1914 an den Grafen Tisza. Der Krieg, welcher von sämtlichen Völkern der Monarchie so große Anstrengungen fordert, hat auch das Gebiet der ungarischen Heiligen Krone nicht verschont. Einzelne Gegenden in Slawonien und im nordöstlichen Ungarn waren den Verheerungen des nunmehr siegreich zurückgeschlagenen feindlichen Einbruches ausgesetzt. Die über die Bewohnerschaft verhängten Leiden haben mein Herz mit Schmerz erfüllt. Meine väterliche Teilnahme wendet sich meinen treuen Untertanen zu, deren Person und Eigentum so vielen Gefahren ausgesetzt war und deren wirtschaftliche Existenz so viele Schäden erlitt. Mit Vertrauen erwarte ich von ihnen, daß sie mit opferbereiter Seelenstärke die über sie verhängte Prüfung tragen werden und daß sie, ohne ihr Vertrauen in die bessere und gewissere Zukunft zu verlieren, mit tatbereiter Männlichkeit an dem großen Werke des Wiederaufbaues teilnehmen werden. Ich beauftrage meine Regierung, daß sie das Los der vom Kriege unmittelbar betroffenen Gegenden zum Gegenstände besonderer Obsorge mache und daß sie vor allem die behufs Hintanhaltung des drohenden Notstandes erforderlichen Schritte unter Mitwirkung der berufenen lokalen Faktoren unternehme. Ich versichere die Bewohnerschaft jener Gegenden, daß sie auf meine weitere nachhaltige Fürsorge zählen kann, und ich hoffe zuversichtlich, daß sie die ihren Wohlstand getroffenen Schäden baldigst wettmachen und aufs neue die sicheren wirtschaftlichen Grundsteine ihres Gedeihens und ihres kulturellen Lebens niederlegen wird. 3587 Talaufwärts durch den Krieg. 6. Im Kriegsauto. Lin 'Kraftwagen erster Güte nahm uns auf: den Lenker, dann einen Hauptmann, einen Feldkuraten und mich, den Kriegsreisenden in Pädagogik. Wie rasch sich da im Angesicht des Krieges die Seelen fanden! Der Hauptmann mußte zu seinem Helden-gretelein und dem lieben Manschen zurück, die er beide auf der Felsenkante hoch droben stehen hatte. Um 5 Uhr müsse er bei ihnen sein, denn das sei die Stunde, da sie ihre Kußhändchen öffnen und dem Feinde Grüße senden. Grete und Marie waren bei Skoda in Pilsen geboren worden; ein treffliches paar, das dem Gegner schon manchen Schabernack gespielt. Lr suchte es zu erkunden — umsonst; der glückliche Besitzer wußte seine Schätzchen zu verbergen, so daß die Granate sie nicht fand. Wohl reckte sich ein Rohr weit abseits aus dem Rasen; das hatte der Wütige schon wiederholt aufs Korn genommen. Allein das Rohr war Holz, ein Truggcschütz. Hei, gab's da ein Jauchzen in dem Unterstand dort bei dem Schwesternpaar, wenn der Welsche seinen Groll an der Holzkanone ausließ I Dem Hauptmann aus der Militärgrenze ging das Lachen bis in den Magen hinab, da er von den Geschützen berichtete; er strich sich den Bart und zerfloß in Wonne, seine Äuglein glänzten, sein Gesicht strahlte vor Freude. Lin echter Soldat, dem nichts so wohl bekommt wie ein gelungener Streich. — 3a, aus dem Gebiete, das als Sicherung gegen Lmfälle unter militärische Verwaltung gestellt wurde, kamen tüchtige Kämpen ins Heer. Sie waren in guter soldatischer Luft gediehen und haben darum Frische und natürliche Begeisterung mitgebracht. (Db man nicht wieder daran wird denken müssen, solch eine Grenzwacht gegen (Einbrüche zu errichten ? — „Aber sagen Sie, Herr Hauptmann, wie haben Sie Ihre zwei Dulcineen den Hang hinan gebracht?" „„Sehr einfach! Vorerst wurden sie von acht Gchsen geschleppt, dann von 200 Mann gezogen, zum Schluß mit Winden und Stangen über die Felsen emporgehoben. Ja, da mag sich nun mancher Alpinist, der mit der Besteigung dieser Zinnen prahlte, in die Lrde verkriechen, nachdem es uns gelungen, sie samt der eisernen Belastung zu erklimmen. Blicken Sie nur einmal hinauf! Auf der höchsten Kante, da thront mein liebes paar. Von dort beherrsche ich die ganze Umgebung. Das ist mein Stolz."" Und wieder drang ein tiefes Lachen aus der Kehle; dabei rieb sich unser Begleiter voll Behagen die Hände, als hätte ihn süße Minne erfaßt. — Lr erzählte noch, wie er sich sein Heim für den Winter hergerichtet habe und daß ihm zur vollen Behaglichkeit nur noch der (Dfcn fehle. Der sei unterwegs. Kein König habe es so herrlich wie die Tapfern auf der Höh’. Ihr Palais sei in den Hang gedrückt, gegen Wind und Wetter und Granaten geschützt, mit allem Komfort ausgestattet, zierlich, manierlich, zwar klein, aber fein. . . Am Straßenrande graste ein Rößlein. Auf dieses schwang sich unser Kamerad und fort war er wie der Blitz. Ls war die Sehnsucht nach Grete und Marie, die dem galoppierenden Pferde Flügel lieh. — Line Weile sah ich der Staubwolke nach, die den Wackern verschlang; dann wandte ich mich zu meinem zweiten Wagengenossen, dem Kumten. Lr ward auf den Berg hinauf befohlen. — Der Krieg macht die Leute fromm. Wie auch nicht! Da cs ringsum braust und der Tod bald hier, bald dort ein Gpfer nieder» reißt, gibt es nur noch einen Hort, den Gott, den man als Kind so innig verehrt hat. Der Philister daheim mag darüber lächeln, wenn erzählt wird, daß Männer wieder beten lernen, daß so mancher, der im Frieden fromme 3588 Einfalt belachte, nun die Hände faltet und die Augen gegen den Himmel hebt. Den Spötter sollte man in den Feuerregen stellen; er würde gar bald verstummen, Wenn Menschenhilfe versagt und das Verderben wütet, da klammert sich die Seele an den, der alles schuf, der alle schützt. Man glaubt wieder an das Münder; denn hier fällt der, dort jener, mitten drin bleibt unversehrt der Dritte. Das mag der Deutler Zufall nennen; im Feld wird es anders geheißen. Mein Nachbar war einer von jenen edeln Priestern, die ihr hohes Amt in der Tiefe des Herzens tragen. Er meinte, für ihn sei es Hauptpflicht, die Zagen aufzurichten, die Verwundeten zu trösten und die, die hinüberschlummern, mit den Worten der Ergebung in den Willen des Höchsten zu begleiten. „Kamerad, du stirbst für das Vaterland, für deinen guten Kaiser, für dein Volk, für deine Religion!" Diese Worte hatten so manches Antlitz, über das sich die Todesschatten legten, noch erhellt und in ein seliges Lächeln gebracht. — Welch hehres Amt, die letzten Augenblicke des Helden zu verklären I — Wie ich so, in Träume versunken, dasaß, wandte sich der Wagenführer um und rief: „Meine Herren, sehen Sie nach links; da hat gestern eine Granate eingeschlagen!" — Und fürwahr, ein gewaltiger Trichter lag mitten im Feld. „Wollen Sie den Einschuß nicht betrachten?" „ „Ei, wozu? Lin Loch wie jedes andere!"" „Vielleicht doch nicht!" Und in der Tat! Das war nicht eine Grube, wie wir sie sonst gesehen, sondern ein schiefer Schneckengang in den Rasen hinein. „Za so, richtig, das Geschoß kam ja schief und in Drehung daher!" Zeh schnitt es wieder einmal in mein Gewissen, nichts unbesehen zu lassen, nichts als selbstverständlich hinzunehmen. Neben der Granatengrube mähte ein Bäuerlein und sog dabei behaglich an seiner pfeife. „Fürchten's Zhna nett, Herr Vetter, vor dem Ding, das das Löch'l da g'macht hat?" „ „(D du mei,"" wandte der biedere Landmann ein, „„so a Gcfackl werd mi nit ver-scheuch'n Wenn’s daher kimmt, bleibt ma scho stad steh'n, und die Gruab'n — no di mocht ma halt zua!"" (wird fortgesetzt.) Spracbunricbtiglteitcn. 63.) Noch einmal „Der Beistrich im Datumsvermerk“. Die Datumsbezeichnung „Schwaden am 9. November“ stellt eine zur Formel gewordene Wortgruppe, das Wo und Wann aus einem erweiterten Satze dar. Ein Teil der Gesamtvorstellung, der ja mitgedacht wird, ist der Kürze halber unterdrückt. Der Beistrich hat hier ebenso wenig Berechtigung wie in den Sätzen: Lüttich nach der Beschießung durch die ... Quittung Uber 200 K. Verhandlungsschrift Uber die Monatsberatung nach den Wörtern Lüttich, Quittung, Verhandlungsschrift trotz des anderen Satzgliederverhältnisses. Anders im Satze: Schwaden, den 9. November. Die durch den Beistrich getrennten Teile stehen im Verhältnisse der Über- bezw. Unterordnung. Sie sind Überbleibsel des Satzgefüges: Dieser Brief wurde in Schwaden verfaßt, als man den 9. November schrieb. Durch Heraushebung der wichtigsten Glieder aus jedem Satze entstand die skizzierte Form: Schwaden, den . . . Josef Grusser in Schwaden. Polack-Ccke. Der Mensch ist nie erfinderischer, als wenn er sich um die Dankespflicht drücken will. Brosamen H., S. 281. oetuii*tiJKtuUticc *uouW — 4uu