Interview = Intervju Interview mit Dr. med. Hans Groth Verwaltungsratspräsident des World Demographic & Ageing Forum (WDA Forum), St. Gallen/Schweiz geführt von Herausgeber Prof. Dr. Rasto Ovin* * Prof. Dr. Rasto Ovin, DOBA Business School Maribor, Editor MIP =JIBM 10.32015/JIBM/2022.14.1.6 . © Copyrights are protected by = Avtorske pravice so zaščitene s Creative Commons Attribution- Noncommercial 4.0 International License (CC BY-NC 4.0) / Creative Commons priznanje avtorstva- nekomercialno 4.0 mednarodno licenco (CC BY-NC 4.0) Mednarodno inovativno poslovanje = Journal of Innovative Business and Management ISSN 1855-6175 2 Mednarodno inovativno poslovanje = Journal of Innovative Business and Management F: Bitte stellen Sie sich unseren Lesern vor! Antwort: Nach meinem Medizinstudium an den Universitäten Marburg, Heidelberg und Zürich durchlief ich die Ausbildung zum Arzt für Medizin. Nach Abschluss dieser 6-jährigen klinischen Ausbildung und einem Nachdiplomstudium in Unternehmensführung wechselte ich 1989 zu dem globalen Pharmakonzern Pfizer. Für dieses Unternehmen war ich 25 Jahre tätig. Zu meinen Verantwortlichkeiten und Aufgaben gehörten die klinische Forschung, Arzneimittelzulassungen, Marketing & Vertrieb sowie Gesundheitspolitik und Interaktionen mit Regierungsbehörden, zum Beispiel für die Preispolitik patentfreier und patentgeschützter Medikamente. Im Rahmen dieser Funktion war ich weltweit an verschiedenen Standorten tätig, u.a. habe ich einige Jahre in New York in der Pfizer Zentrale gearbeitet sowie am Pfizer Forschungszentrum in Ann Arbor/Michigan. F: Wie sind Sie als Schweizer nach Amerika gekommen? A: In internationalen Konzernen gehören Auslandseinsätze zur Karriereplanung und sind ein fester Bestandteil einer erfolgreichen Management-Karriere. So durfte ich in USA viele spannende Erfahrungen sammeln; insbesondere auch im Umgang mit Team-Kolleg*innen aus verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und beruflichen Werdegängen. Für meine Vorgesetzten war es wichtig, dass sich auch meine Familie in der neuen Umgebung wohl fühlt und meine beiden Kinder in anderen Schulsystemen ihre bisherigen Lernerfolge beibehalten konnten. All diese Massnahmen haben uns allen geholfen, uns jeweils rasch am neuen Ort zu integrieren. F: War Pfizer Ihre erste Wahl? A: „Ja“ - in meiner gesamten beruflichen Laufbahn kam es nie zu einem ernsthaften Bewerbungsgespräch bei einer anderen Firma. Der Grund lag wohl darin, dass mir immer wieder interessante neue Aufgaben übertragen wurden, die mir gefielen und es mir dabei auch nie langweilig wurde. F: Welche waren die größten Herausforderungen, die Sie meistern mussten? A: Die Erschließung der osteuropäischen und zentralasiatischen Märkte ca. 1995 - 2000 sowie die globale Markteinführung des Cholesterinsenkers Lipitor, ein Medikament welches in den Spitzenzeiten einen Jahresumsatz um USD 12 Milliarden erzielte. F: Wie unterscheiden sich die Herausforderungen eines Pharma Unternehmen in Ihrer Zeit und jetzt in Zeiten der Pandemie? Es ist die Geschwindigkeit, der Druck in noch kürzerer Zeit ein neues erfolgreiches Medikament zu entwickeln, es weltweit zuzulassen und auch in den erforderlichen Mengen herstellen zu können. Und natürlich die Potenziale der Digitalisierung standen uns überhaupt nicht zur Verfügung. Erinnern Sie sich noch an Vorträge und Präsentationen 1992 – also vor 30 Jahren? Es gab „handgestrickte Folien“ mit Abbildungen aber noch keine benutzerfreundliche Software wie zum Beispiel Power Point. F: Wie beurteilen Sie die Rolle von Pfizer bei Entstehung der COVID 19 Vakzine? A: Pfizer hatte schon seit einigen Jahren eine Kooperation mit BioNTech – einem Start-Up Unternehmen in Deutschland, welches sich mit der mRNA Technologie beschäftigte und nach Anwendungen in der Medizin suchte. Im Januar 2020 beschlossen beide, diese Technologie zur Entwicklung eines COVID 19 Impfstoffes zu testen. BioNTech hatte die Technologie, Pfizer stellte Kapital sowie seine Produktions- und Managementkapazitäten – vor allem in der Planung von klinischen Studien sowie der Impfstoff- Zulassung - zur Verfügung. Und dann lag das berühmte Quäntchen Glück auch auf ihrer Seite und es klappte auf Anhieb! Wir alle wissen, dass einige Unternehmen, aus welchen Gründen auch immer, dieses Glück nicht hatten. Denken Sie nur an Sanofi und CureVac. F: Erwarten Sie eine führende Rolle von Pfizer auch bei Entstehung eines Heilungsmittel gegen COVID und wieweit sind tatsächlich schon die Vorbereitungen? „Breakthroughs that change Patients‘ Lives“ ist ein Claim von Pfizer. Gibt dies nicht schon die Antwort? Ein erstes Pfizer Medikament gegen dieses Virus ist bereits in der EU und den USA zugelassen – so auch in Slowenien. Die bisher vorliegenden Forschungsdaten sind erfolgversprechend dieses Virus wirksam zu bekämpfen. Aber es wird weiterer Medikamente bedürfen. COVID 19 verändert sich ständig und Pfizer stellt sich dieser Herausforderung. 3 Mednarodno inovativno poslovanje = Journal of Innovative Business and Management F: Zugangsprobleme zum COVID – 19 Impfstoffen in Entwicklungsländern: Was ist Ihre Einschätzung? A: Arzneimittelzulassung und Verfügbarbarkeit von modernsten Medikamenten bzw. Impfstoffen erfordern ein gut entwickeltes Gesundheitssystem mit entsprechender Infrastruktur. Sind diese Voraussetzungen erfüllt? Ich denke, dass dies die Frage beantwortet. F: Können Sie bitte uns Ihren Weg zum WDA Forum Präsident schildern? Bereits bei meiner Tätigkeit bei Pfizer spielte demografische Wissen eine wichtige Rolle. Wenn man z.B. die Bevölkerungsstruktur eines Landes kennt, erhält man daraus ein ziemlich verlässliches Szenario über die möglichen Krankheiten und den zukünftigen Medikamentenbedarf. Demografische Kennzahlen sind daher angewandte Markforschung für ein Pharmaunternehmen. Daher beschäftigte ich mich ab 2000 gezielt mit demografischen Fragen und deren Relevanz für pharmazeutische Unternehmen. Seit dieser Zeit untersuche ich auch das Wechselspiel von „globalem demographischen Wandel, volkswirtschaftlicher Entwicklung, Wohlstandssicherung und gesellschaftlicher Stabilität“ und darüber habe ich zahlreiche Fachliteratur publiziert. Ab 2005 nahm Pfizer gezielt Kontakte zum World Demographic & Ageing Forum (WDA FORUM) auf und diese Kooperation besteht noch heute. Gemeinsam mit Pfizer hat das WDA Forum 2020 das WDA Global Longevity Council gegründet, ein Netzwerk führender Demografie Experten auf allen Kontinenten (s.a. www.wdaforum.org). Ziel dieses Council ist die Strategieberatung von Unternehmen, Politik und Wirtschaft mit einem Zeithorizont bis 2035. Bei dieser Beratung steht die Langlebigkeit der Bevölkerung – einem in der Tat globalem Phänomen – ganz im Zentrum. F: Wie sieht die globale Struktur des WDA Forums aus? Wir haben keine globale Struktur aber ein globales Netzwerk. Mit folgenden Partnern arbeiten wir in Forschungsprojekten zusammen: Institut für Versicherungswirtschaft an der Universität St. Gallen, Institut für Finanzmarkttheorie an der Universität Basel, Harvard T.H. Chan School of Public Health in Boston, Stanford University in California, American Enterprise Institute in Washington, D.C., Population and Ageing Centre at the University of New South Wales in Sydney, Fudan University in Shanghai, Kompetenzzentrum Demografik in Basel, sowie dem swissnex network of science and technology mit Vertretungen in Boston, San Francisco, Shanghai, Singapur und Tokio. F: Auf welche Bereiche konzentriert sich die Forschung des WDA Forums? A: Unsere 3 Schwerpunkte sind: • Langlebigkeit überall auf der Welt – und deren Auswirkungen auf Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. • Afrika – und wie kann seine demografische Dividende bestmöglich genutzt werden? • Demografie und Finanzmärkte – eine bisher kaum erforschte und verstandene Wechselbeziehung. F: Welche sind die größten Herausforderungen des WDA Forum - insbesondere in die Zeiten von COVID – 19? A: Unsere Tätigkeit besteht zum großen Teil in der Pflege unseres Netzwerks und den daraus entstehenden Kontakten – und zwar weltweit. Da Reisen und Tagungen derzeit nur schwierig planbar sind, waren wir gezwungen, unsere Aktivitäten auf digitale Kommunikationsmedien umzustellen. Das passierte beim Beginn der Pandemie mit dem Lockdown Ende März 2020 mit sofortiger Wirkung. Rückblickend kann ich sagen, dass uns diese Anpassung mit grossem Erfolg gelungen ist. Unsere Aktivitäten für 2022 präsentieren sich vielfältiger und agiler denn je. Mehr Informationen zu unserem Programm finden Sie unter www.wdaforum.org. F: Wie beurteilen Sie die Europas Lage bezüglich „Ageing“? A: Europa ist der Kontinent, wo alle Länder ohne Ausnahme altern, d.h. der Anteil der 65+ Altersgruppen wird in 15-20 Jahren 25% und mehr betragen. Gleichzeitig nehmen die potenziell arbeitsfähigen Altersgruppen ab. Die Herausforderung ist also: Wie können derartige Gesellschaften auch in Zukunft Wohlstand und Wohlfahrt generieren? Dadurch, dass so viele Volkswirtschaften auf der ganzen Welt gleichzeitig von dieser Problematik betroffen sind – neben Europa altern u.a. auch Nordamerika, Japan 4 Mednarodno inovativno poslovanje = Journal of Innovative Business and Management und, besonders schnell, China – werden auch auf den Finanzmärkten große Veränderungen stattfinden. Was passiert beispielsweise mit Aktienrenditen, wenn auf der ganzen Welt die Babyboomer gleichzeitig ihre Kapitalanlagen verkaufen, um ihre Rente zu finanzieren? Solchen Fragen gehen wir in unserem neusten Projekt „Financial Demography“ nach. F: Gibt es bei Rentenpolitik nachhaltige Lösungen? Welche? A: Man kann es drehen und wenden, wie man will: Ein längeres Leben muss auch finanzierbar sein! Letztlich gibt es nur eine Antwort: Ein längeres und wahrscheinlich auch anders gestaltetes Arbeitsleben! Nur wenn sich über 65-Jährige noch am Arbeitsmarkt beteiligen, kann einerseits die Produktivität unserer Volkswirtschaften erhalten und andererseits ein immer längeres Leben finanziert werden. Die große Herausforderung für uns alle ist: Wie kann man dies erreichen? Ich denke, dass hier alle gefordert sind – die Gesellschaft mit jedem einzelnen Individuum sowie Wirtschaft und Politik! Besonders die Politik muss erkennen, dass „Aussitzen“ keine Option ist! F: Wie beurteilen Sie die Politik der Verjüngung der Arbeitskräfte mit Arbeitern aus Immigration? A: Dies ist allenfalls ein Teil der Lösung, kann aber keinesfalls die Arbeitsmarkteffekte der demografischen Alterung voll kompensieren. Wie gesagt: Ohne neue Modelle des Arbeitslebens in einem immer längeren Leben in meist erstaunlich guter Gesundheit wird es nicht gehen. Und dann gibt es noch einen weiteren wichtigen Aspekt der Arbeitsmigration zu berücksichtigen: Die Effekte für das Entsendeland! Was passiert in diesen Ländern und wie entwickeln diese sich? F: Sie sind oft eingeladen zum Dozieren an verschiedenen Universitäten und auch in dieser Zeitschrift haben Sie schon einen wissenschaftlichen Artikel publiziert. Wie beurteilen Sie der Bereitschaft der Universitäten mit top Experten zu kooperieren? A: Neue Kontakte sowie die Pflege bestehender Kontakte zeichnen das WDA Forum aus und machen uns einzigartig. Die Kunst besteht darin, Institutionen und Personen zu finden, welche einen ähnlichen Ansatz verfolgen und in Kooperationen investieren wollen – genau wie wir dies tun. Ein aktuelles Beispiel ist unsere Zusammenarbeit mit der Andràssy Universität in Budapest, wo wir Vorlesungen zum Thema „Demografie und Diplomatie“ geben und Masterstudenten mit Mitigation und Adaptation als Lösungsansätze in der Politik vertraut machen. Und schließlich gebe ich auf Einladung Gastvorlesungen bei Firmen, Organisationen und Universitäten – so wie zum Beispiel im Mai an der Universität in Zagreb!! Diese Auftritte sind jedes Mal eine Bereicherung! F: Was möchten Sie unseren Leser noch mitteilen? A: Beschäftigen Sie sich mehr mit den verschiedenen Aspekten des demografischen Wandels weltweit und wenden Sie Ihre neu gewonnenen Erkenntnisse über die gesellschaftlichen Potenziale in Ihren privaten und beruflichen Entscheidungen an. Es lohnt sich! F: Danke für Ihre Bereitschaft mit unserer Zeitschrift zu sprechen!