3y33V Erdbeben in Portugal im Jahre 1903. O O O Aus dem Kranzosischen nach Paul Cbioffat von MARIE LUCKMANN. O O O Mit einer Kartenskizze. o o o Sonderabdruck aus der Monatsschrift „Die Erdbebenwarte“, 1904/5, Nr. 1 bis 4, IV. Jahrgang. Laibach 1905. Buchdruckerei Ig. v. Kleinmayr & Fed. Bamberg. Sonderabdruck aus der Monatsschrift «Die Erdbebenwarte», Nr. i bis 4, IV. Jahrg., 1904/5. Erdbeben in Portugal im Jahre 1903. Aus dem Franzosischen nach Paul Choffat von Marie Luckmann. (Mit einer Kartenskizze.) Portugal, insbesondere Lissabon, schwebt noch in der Furcht vor Wiederholung eines Erdbebens, ahnlich demjenigen vom Jahre 1755 und so ist das Studium der diesbeziiglichen Beobachtungen immer noch daran, einen Oberblick der Verteilung und Bedeutung der ErdstoGe im Innern des Landes zu gewinnen. Ich weiG nicht, ob die Aufzeichnungen darilber zahlreich genug sind, um aus ihnen die Beziehungen zwischen der Verteilung der Beben und der Tektonik des Landes zu erkennen, indes glaube ich, daG man durch die Beobachtung der StoGe mittlerer Starke dahin gelangen werde. Diese letzteren sind eben weniger geeignet dazu, die Beziehungen zwischen der Wirkung der Beben und der lithologischen Beschaffenheit des Erdbodens zu erkennen, da die Isoseismen bei schwacheren Beben viel zu eng begrenzt sind. Die Kenntnis dessen mag ihre praktische Nutzanwendung haben, wenn man bei Wahl der Baugrunde, hinsichtlich der Lage der Gebaude und ihrer Konstruktion damit rechnet. Die schwachen Beben sind in Portugal haufig; einige Beobachter er- wahnen derselben, doch ist kein eigentlicher Beobachtungsdienst organisiert und die Einfuhrung registrierender Apparate in meteorologischen Anstalten liegt noch im Plane. Am 9. August 1903 fand ein Beben von auGergewohnlicher Heftig- keit statt, das die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog. Seit Menschen- gedenken erinnert man sich nur an drei ErdstoGe ahnlicher Starke: am 13. August 1899, 22. Dezember 1883 und 11. November 1858, der letzte vveitaus der heftigste. Die verbreitetsten Landesblatter, wie »Diario de Noticias* und *Le Seculo», enthielten die Berichte verschiedener Ortschaften. Obschon der Eifer der Berichterstatter alles Lob verdient, ist es doch unzweifelhaft, daG die Berichte weit groGere Bedeutung hatten, waren sie nach bestimmten Regeln abgefaGt, und wenn man auch Auskunft aus den Ortlichkeiten erhalten hatte, wo das .Beben schwach oder gar nicht verspilrt wurde. Gleichviel, da man Berichte tiber die Beben hat, ist es interessant, sie zu sammeln und SchluGfolgerungen daraus zu ziehen, sovveit es moglich ist. Sehr geringe Beben fuhlte Portugal ferner im September und Oktober, die Berichte darilber lauteten sehr unsicher. Ich selbst befand mich zur Zeit nicht in Portugal, doch hatte mein Kollege Mr. I. C. Birkeley Cotter die Freundlichkeit, mir diesbeziigliche Zeitungsberichte aus Lissabon zu senden, ferner in den Provinzen naclizu- forschen. Anderseits trachtete ich, erganzende Berichte aus solchen Gegenden zu erhalten, welche das Beben zu wenig gefiihlt, um den Blattern Mitteilung davon zu machen. In Spanien \var mir Herr Salvador Calderon und in Portugal mehrere Personen behilflich, deren Namen man bei Aufzeichnung der Beobachtungen finden wird. Zu besonderem Danke fuhle ich mich verpflic.htet dem Herrn Generaldirektor Severiano Monteiro fiir seine amt- lichen Berichte aus den Provinzen Traz-os-Montes und Alemtijo, ferner dem Herrn Joao Tierno, Landvvirt in Lissabon, und Herrn Dr. Lopo de Cavallo in Guardia. Erdbeben vom g. August 1903 .* Das Erdbeben ist in ganz Portugal gespurt worden. Das Beben ist in Spanien nur in einzelnen Provinzen ziemlich stark aufgetreten. Nach Mit- teilungen der Zeitungen ist das Beben auch auf den Kap Verdischen lnseln und auf einem Paketboot in der Nahe der portugiesischen Kiiste verspiirt vvorden. Als Zeit des Bebens wird vom meteorologischen und astronomischen Observatorium lOh lOm lOs angegeben, das Barometer zeigte 776—778mm und das Thermometer erhielt sich auf 18° C. Zu Lissabon dauerte die erste Erschiitterung (horizontal) 3 Sekunden, nach einer Pause von 2 Sekunden trat eine starkere Bewegung auf, in der Dauer von ungefahr 10 Sekunden (zuerst vertikal, dann horizontal). Beide Beben ivurden von unterirdischem Getose begleitet. Das Getose war bei der ersten Erschiitterung starker. Beziiglich der Richtung sind die Angaben sehr verschieden und wider- sprechend. Nach verlaGlichen Beobachtungen wurde am Observatorium von Tapada d’Ajuda die Richtung von Osten nach Westen ermittelt. Die Hauptschutterzone mit der Starke VII—VIII (nach Rossi-Forelscher Starkeskala) breitete sich gegen Norden langs der Kiiste aus bis gegen Lourinha, bis zur Einmundung des Flusses Mira, gegen Stiden ist die Grenze nicht genau festzustellen. Diese Schutterzone umfafit in der Richtung von N. nach S. ein Gebiet von 180 km Lange und von E. nach W. etwa 25 bis 30 km. Die sekundare Schutterzone mit der Starke VI verlauft ungefahr parallel mit der ersteren, und zwar von Valbom bei Porto gegen SE. bis Alpedrinha, gegen SSE. bis El vas und von dort gegen SW. bis zum Flusse der Serra de Mochique. Allerdings bildet die Grenzlinie der Schutterzone einige Abweichungen, und zwar: 1.) eine Kurve gegen Westen entsprechend der Serra d’Estrella und dem Tale von Mondego; * Die Beben vom Jahre 1903 werden hier nur auszugsweise wiedergegeben. 2. ) ein schmaler Streifen Landes im Siiden des ostlichen Spornes von Alpedrinha, der sich bis zum Meere erstreckt, bildet eine Ausnahme, denn die Erschiitterung ist dort sehr schwach verspiirt worden; 3. ) dieser schmale Landstreifen umfafit das Tertiarbecken des Tajo; hingegen ist in der Umgebung von Castello de Vide das Beben viel starker aufgetreten als sonstwo in der sekundaren Schiitterzone. Erdbeben vom 14. September 1903. Am 14. September gegen 1 h 30 m nachmittags machte sich ein Erd¬ beben von geringerer Ausdehnung, aber nahezu gleicher Intensitat wie jenes vom 9. August d. J. bemerkbar. Alle Beobachter stimmen darin uberein, dafi die Richtung des Bebens von Ost nach West war, auch fehlten bei diesem Beben stofiartige, vertikale Zitterbevvegungen. Die Ausdehnung der Hauptschtitterzone mit der Starke VII umfafite ein Gebiet von etwa 100 km Lange von N. nach S. und 20 km Breite von E. nach W. Die sekundare Schiitterzone hingegen dehnt sich iiber 190 km SN.-Lange und 140 km EW.-Breite aus. Schwachere Beben sind aufgetreten am 28. September um 8 h friih zu Huelva, am 14. Oktober in Cadaval. Am l.Dezember 6h 40m morgens traten in Huelva starkere Erschtitterungen auf als am 28. September. Den Erschiitterungen gingen GetOse voraus. Dieses Beben, \velches den V. Starke- grad erreicht hat, ist in Portugal nicht bemerkt vvorden. Uber Erdbeben friiherer Jahre. Die Berichte iiber Erdbeben in friiheren Jahren finden sich in den Zei- tungen der Hauptstadt sparlicher und sind nur aus solchen Orten gemeldet, wo die Beben sehr heftig auftraten; somit ist es nicht mdglich, ihre Aus¬ dehnung zu bestimmen. Obgleich mangelhaft, sollen einige Berichte folgen: 1 . November 1755 . Es wurde viel iiber das heftige Erdbeben in Lissabon geschrieben; Hans Woerle verfolgte dessen Wirkung iiber den gesamten Erdkreis. Er zog diesbeziiglich deutsche, englische und franzosische Schriften zu Rate, jedoch keine spanische oder portugiesische. Ich will ihm damit keinen Vorwurf machen, da seine Aufgabe ihn bestimmt, iiber die Aus- breitung des Bebens, nicht aber dessen Wirkung auf der Pyrenaischen Halbinsel zu erforschen. Seine Veroffentlichungen sind auch besser ander- warts bekannt als auf der Halbinsel. Es fehlt ein Spezialwerk, das ohne tibertriebene Schilderung der aufieren Ereignisse die positiven Beob- achtungen kund gabe. Zeitweise sind die neueren Berichterstatter vorzuziehen, da sie mit mehr Kaltbliitigkeit die Tatsachen aufnehmen und mehr Erfahrungen sammeln konnten als die Zeitgenossen, so z. B. »Corografia etc. do Algarve de Joao Bapt. Silva Lopes. Lisboa 1841». 4 Meine Beschaftigungen gestatten mir nicht, darauf naher einzugehen, ich beschranke mich, Allgemeines zwei portugiesischen Autoren zu ent- nehmen (v. J. 1758) und mittelst Mr. Woerles Aufzeichnungen zu erganzen, da mir keine spanische Gedenkschrift bekannt ist, die beides vereinigte, obvrohl sie gewifi bestehen wird. Zur Bestimmung bedienen wir uns der Starkeskala Rossi-Forel, und zwar sind in diesem Falle die Stufen VIII und VII mit grofierer Intensitat anzunehmen, als bei den vorangefiihrten Erdbeben vom Jahre 1903. Die Berichte erlauben es, drei Iibereinstimmende Zonen zu unterscheiden: 1. ) Die Provinz Estramadura hat am meisten gelitten, und wir be- merken, dafi Setubal das Beben ebenso gespiirt wie Lissabon. Ebenso vielleicht S. Thiago-de-Cacem, \vo die Kirche der Barmherzigkeit von Grund aufwieder hergericlitet werden muBte. Lagos, Silves und Faro wurden voll- standig zerstort, wahrend Tavira weniger gelitten. Wir konnen somit eine Kurve groBter Intensitat zwischen Lissabon und Alcobaga annehmen, Alcacer-do-Sal inbegriffen, mit Weglassung von Beja und Tavira. 2. ) AuBerhalb des Bereiches dieser Kurve wurden die Schaden mit IX. und VIII. Grad ubereinstimmen, mit Ausnahme einiger UnregelmaBigkeiten der lokalen Zustande; z. B. hat.Beja weniger gelitten als Moura, obwohl es ostlicher liegt. Von Alcoba^a werden keine argen Schaden gemeldet; indes versiegte die starke Quelle in Chequeda fiir funf Tage. Coimbra erlitt genug Schaden, um dem StoBe den IX. Grad beizulegen. Porto entspricht dem VII. Grad, wahrend Villa-Nova-de-Gaya viel mehr heimgesucht worden sein dtirfte. Moreira de Mendonca beschreibt die allgemeine Wirkung im Norden, daB die Bewohner von Traz-os-Montes nur mit der bloBen Furcht davon- gekommen seien. Es ist Grund vorhanden, eine zweite Zone zu unterscheiden, namlich eine Kurve gegen Coimbra, Alemtejo umfassend, mit einer Abzweigung nach Andalusien, einschlieBlich Cordova, Alcala und Granada. Die Tat- sache, daB Malaga und Tdtouan weniger geliiten, wiirde die Kurve plotzlich gegen SE. abbiegen lassen, indes sind die Berichte iiber Algerien widersprechend; auch hat ein Teil von Marokko groBen Schaden erlitten. Unsere Aufgabe beschrankt sich schlieBlich auf Portugal und das an- grenzende Spanien. Wir werden bemerken, dafi der in die Kurve inbegriffene Teil Andalusiens nicht dem Epizentrum des groBen Bebens vom 25. De- zember 1885 entspricht, denn dieses wandte sich gegen das Meer und traf meLt Granada, also das Gegenteil vom Jahre 1755. 3. ) Die Schaden aufierhalb der zvveiten Kurve sind viel geringer. Wir sagten bereits, was den Norden Portugals betraf; die ubereinstimmenden Mitteilungen sind von einigen Stadten Spaniens bekannt, so: Corogna, Valladolid, Salamanca, Segovia, Toledo, Valencia, Alicante und Cartagena. Madrid durfte um ein geringes mehr gelitten haben, obwohl sich die Schaden auf Mauerrisse und Abfallen von Ornamenten beschranken. Wir sehen schlieGlich, dafi die Kurven des schrecklichen Erdbebens von 1755 sich gegen den Ozean wenden, wie dies auch bei den vorher untersuchten Beben der Fali ist, nur dafi sie weitere Landstrecken umfassen. Ani ii. November 1858 fand der heftigste, von unseren Zeitgenossen geftihlte ErdstoG statt; man sagt, er habe sich Uber die ganze Pyrenaische Halbinsel erstreckt. Sehr wiinschenswert ware es, die Kurven bestimmen zu konnen, indem man die Berichte aus den verschiedenen Teilen des Landes sammelte. Wegen Zeitmangel mufi ich mich darauf beschranken, die allgemeinen Er- gebnisse durch das »Journal doComercio* von Lissabon (12. bis 16. November) zu erfahren. Das Journal veroffentlicht Berichte aus den Distrikten und meldet von den Schaden an Bamverken. Aufierdem forschte ich nach Berichten uber Setubal, der meist geprilften Ortschaft, durch Herrn Kapitan Antonio Ignacio Marques da Costa, vvelcher das Journal *0 curioso de Setubal» und Vertrauenspersonen zu Rate zog. Man zahlte: 1.) schwacb.es Beben um 6 Uhr friih (Lissabon); 2.) die zwei HauptstoiSe um 7 h 30 m (Setubal), 7 h 15 m (Lissabon). Deren Dauer wird auf 8 Sekunden geschatzt; in Setubal auf 20 Sekunden, gleichfalls in den Provinzen; 3.) schwacher Stofi um 3h 30m (Setubal); 4.) ein bis zwei Stofie, schwach, 11 Uhr (Lissabon). Das Journal von Setubal fiigt hinzu, dafi die Bewegung vertikal war, was z. B. daraus ersichtlich, daB der Luster einer Kirche aus dem Haken herausgeschleudert worden ist. Von Coimbra werden zwei Schwankungen gemeldet, eine von W.-0., die zweite von N.-S. Von Madrid gleichfalls Bewegung von W.-0. gemeldet, wahrend in Lajos SSW. Hier einige Einzelheiten uber Setubal, aus dem vorgenannten Journal vom 13. November. In Setubal ist kein einziges Gebaude bei dem Erd- beben unverletzt davongekommen, eine grofie Anzahl wurde ganz zur Ruine, besonders im Stadtteile Troino. Viele Familien suchten ihre Zuflucht wegen Beschadigung der Dachstiihle in alten Klostern oder bauten sich Baracken. Die Zeitung berichtet von zerstorten und halbverfallenen Hausern, dafi die Leute nicht wagen, ihre Habseligkeiten daraus zu holen und von Beschadigung an Kirchen, besonders S. Antonio de Postigo, Mosteiro de Jesus und NL Sž= de Anunciada. Mr. Marques macht folgende Bemerkungen: »Setubal kann in drei einander in der Richtung von West nach Ost folgende Teile geschieden werden. Der erste und Ostliche Teil oder Palhaes ruht auf Pliocan, bestehend aus grobem Sand, der mit widerstandsfahigem Ton verbunden ist; der mittlere sowie der dritte Teil ,Troino* ruhen auf neueren Anschwemmungen. Die beiden letzteren wurden am meisten mitgenommen.» 6 Dafi nun der Ort Troino am meisten gelitten, erklart sich meiner Ansicht nach aus seiner Beziehung zur Dislokation ; seine Lage grenzt an den Gebirgszug des Viso gegen Westen oder vielmehr der Kreuzung der beiden Spalten N.-S. und NE.-SW., welche an die genannte Gebirgskette angrenzen und sich eben am aufiersten Ende des westlichen Stadtteiles begegnen. Die Schaden waren ebenso grofi in Melides und St. Andrea de Melides, das sind Dorfer an der Kiiste, 50 bis 55 km SSW. von Setubal gelegen; Berichte erzahlen von vielen Zerstorungen an Kirchen und anderen Gebauden. Azlitao, Coimbra und Alcacer-do-Sal hatten etwas weniger gelitten; man konnte ihnen die Starke IX zuschreiben, wahrend die drei ersteren Ortschaften der Starke X angehoren; eine gleiche Zone vereint diese beiden Kennzeichen. Unmittelbar aufierhalb dieser Zone befinden sich Ortschaften, aus welchen man von Eiiistiirzen der Rauchfange und Mauerrissen an den Gebauden berichtet (Starke VIII), das sind: Sineš, S. Thiago-de-Cacem, Evora, Montemor-a-Novo, Almada, Lissabon, Cintra, Sacavem. Dasselbe ist von Leira, AIqueidao, St. Amaro, Thomar, Estremoz, Borba, endlich auch von Algarve a Lagos und Faro zu sagen, wahrend Tavira etwas verschont geblieben. Huelva hat wieder Starke VIII, Sevilla IX. Wir haben somit eine zweite Zone, die mit VIII ubereinstimmt; deren Grenze ginge zwischen Leira und Coimbra und nahme die Richtung nach SW., einschliefilich Sevilla. Es fehlen uns Berichte, die deren Lauf nach Spanien verfolgen wurden. Im Innern dieser Zone finden sich einige Ausnahmen: Sevilla mit IX und Tavira, Oliveas, Mafra, Cartaxo, Santarem, Abrantes mit VII. Wir sahen ahnliche Falle beim Beben vom 9. August 1903. Aufier der Kurve VIII haben wir Aufzeichnungen liber Carures und Madrid VI oder VII, Coimbra VII, Aveiro, Oliveira-de-Azemeis, Porto, Braga, Caminha und Valencia VI; im Innern Ville Real hatte weniger gebebt, die Stofie hatten blofi das Herabfallen von Glasern verursacht. (Mr. J. F. N. Delgado.) 22 . Dezember i88j wurde am Observatorium zu Lissabon 3 h 29 m morgens, in Coimbra um 3 h 35 m ein Beben signalisiert. Nach Abzug der Uhrendifferenz fand es in Lissabon 2 m 58 s friiher statt als in Coimbra. Man schatzt dessen Dauer auf 12 Sekunden (Lissabon), Richtung NE.-SW. in Lissabon und Villafranca, E.-W. in Ferreira-do-Zezere und N.-S. in Porto. In Lissabon hat das Beben einige Panik hervorgerufen, im ubrigen Risse in den Mauern; es war das starkste seit 1858, indes das vom 9. August 1903 war zvveifellos heftiger. Nicht so war es in Cascaes, vvoselbst ich mich befand; denn der Vergleich zvvischen den beiden Beben liefi mich aus den Berichten entnehmen, dafi hier das erstere Beben das heftigere gewesen. 7 Die Mitteilungen liber dieses Beben sind sparlich und aus Lissabon wenig bemerkenswert. Man sagt, es sei in Braga und in ganz Minho ver- spiirt worden, ohne andere Orte zu bezeichnen ; in Porto habe es 3 Sekunden gedauert, man fiihlte es arg, hatte jedoch keine Schaden zu verzeichnen. Aus Guarda wird es als schwach gemeldet. In Ferreira-do-Zezere spricht man von einer heftigen Detonation mit nachfolgendem heftigen Stofi von 2 Sekunden Dauer. In der Provinz Alemtijo fiihlte man das Beben schwach; in Alter-de-Ch&o beschrankt man sich darauf, von Larm und Stofien zu berichten. Aus diesen Berichten lassen sich keine positiven Schlusse ziehen. 22. Dezember 1884. Die Observatorien zu Lissabon und Coimbra ver¬ zeichnen schwaches Beben um 9 h 29 m morgens. In Lissabon wird das Beben als stark bezeichnet, und zwar in einem Berichte aus Andalusien ; die Observatorien bezeichnen es «abalo», nicht «tremor», woraus man auf ein schwaches, von der Bevolkerung wenig bemerktes Beben schliefien kann. 2j.Dezember 1885. Starkes Erdbeben in Andalusien, schwach registriert in den Observatorien von Lissabon und Coimbra. 14. August 1886. Ingenieur Ratier, der sich in Varzea-de-Trovoes (im N. von Ficalho) befand, hat um 5 Uhr nachmittags ferne, intensive Detonationen gehort, die von unterirdischem Donner gefolgt waren, ahnlich dem Gerausch, wenn ein Fuhrwerk uber schlecht gepflasterten Weg rollt. 21. Februar i8po. Ortliches Beben mit starkem Gerausch, viel Schaden an Gebauden und Kirchen in Batalha und Maceira. 22. August i8pi. Zvvischen 4 bis 5 Uhr morgens ziemlich starkes Beben, verursachte Mauersprunge in Lissabon; gespiirt in Porto und Galice, besonders in Tuy und Pontevedra. jo. Oktober 1896. Um 8 h 50 m morgens starkes Beben in Algarve. ij. August i8pp. Um 9 Uhr abends Panik in Lissabon und Cintra; der StoG verursachte Gelaute der Glocken des Klosters Mafra. Die Berichte kommen von Norden her nur noch aus Coimbra und Figneira und von Westen bis aus Evora. 24. April ipoi. Um 3 h 45 m abends schvvache Beben, berichtet aus Lissabon und Algarve. 4. November ipo2. Man berichtet aus Guardia, daB das Dorf Valle-de- Amoreira, zwischen ersterer Stadt und Manteigao gelegen, von heftigem Erdbeben heimgesucht worden, das einige Hauser zerstort hat. Das Dorf befindet sich auf einem Inselchen aus Granit. SchluBfolgerungen. Trotz der Unvollstandigkeit der vorstehenden Berichte kann man doch einige allgemeine Schlusse aus den in Portugal seit einem halben Jahrhundert stattgehabten Erdbeben ziehen; man beginnt bei den Beben vom Jahre 1903, welche die bekanntesten sind, indem man von dem Gevvissen zu dem vveniger Gewissen ubergeht. 8 1. ) Klasse der Beben. Die Portugal betreffenden Beben lassen sich in drei Klassen teilen: a) Beben betrachtlicher Ausdehnung, voelche ihren Mittelpunkt in den Tiefen des Ozeans, gegeniiber der vuestlichen Kuste haben, im allgemeinen in der geographischen Breite der Gebirge von Arrabida oder Cintra. Das sind die hdufigsten oder zum mindesten die am meisten bemerkten Erdbeben. b) Beben, zvelche ihren Mittelpunkt in Andalusien haben und in Portugal mir schivach bemerkbar sind. c) Ortliche Beben, manchmal von grof er Heftigkeit. (Massif Estrella 1902; Region von Montejunto 14. X. 1903; die Gegend von Batalha, wenig hoch, aber geologisch sehr stark verworfen, 1890.) 2. ) Richtung der Kurven, welche die Schiitterzonen be- grenzen (Isoseismen). Die Beben vom 11. November 1858, 9. August und 14. September 1903 konnen durch mehr oder weniger iibereinstim- mende Kreisabschnitte dargestellt werden, die sich gegen die westlichen Ufer lehnen und von West nach Ost an Heftigkeit verlieren, was zweifel- los zeigt, daB sich der Hauptmittelpunkt der Beben in den Tiefen des Ozeans befindet. Die Sehne der Kurven dieser drei Beben grofiter Starke begreift den Teil zwischen Kap Corveiro (Peniche) und einige Kilometer siidlich des Kap de Sineš. In beiden ersteren Fallen scheint der Mittelpunkt in der Breite von Arrabida zu sein und im dritten ware er gegeniiber von Serra Cintra. Ahnlich kann man den Charakter der Beben vom 22. Dezember 1883, 22. August 1891 und 13. August 1899 bezeichnen, liber welche man indes wenig unterrichtet ist. Gegen Norden dehnt sich die Zone schvvachster Intensitat bis Galice im Jahre 1858, 1883 und 1891 aus, vvahrend sie bei den Beben vom Jahre 1903 die portugiesische Grenze nicht iiberschreitet, wiewohl sie sonst heftiger auftraten als die zwei vorhergehenden. Die Kurve mittlerer Starke vom Jahre 1858 und jene geringerer Starke vom 9. August 1903 bilden gegen SE. eine Spitze, die Andalusien erreicht. Das schreckliche Erdbeben vom Jahre 1755 unterscheidet sich von den vorhergehenden hauptsachlich darin, daB es sich gegen Siiden ausbreitet. Seine Kurve groCter Heftigkeit geht vom Norden Lissabons aus und endet im Westen von Faro gegen den Ozean zu, vvahrend die zvveite Kurve gegen SW. eine Spitze, Andalusien einschliefiend, bildet. Es mochte scheinen, dafi sich in den vergangeneu Jahrhunderten die Beben vorerst in Algarve fiihlbar machten, zvas gegemvdrtig nicht der Fali ist. 3. ) EinfluB der Beschaffenheit des Erdbodens. Die Zonen gleicher Intensitat umfassen die Landstrecken verschiedenster Boden- beschaffenheit: Granit, azoische Schiefer, palaozoische Gesteinschichten, 9 mesozoische Kalke und Sandsteine, wenig feste Konglomerate des Tertiars. Die Berichte sind im allgemeinen, die ftlr die Stadte ausgenommen, weder zahlreich noch genau genug, urn den Zusammenhang zwischen der VVirkung der Beben und der lithologischen Bodenbeschaffenheit des Erdbodens erkennen zu lassen. 4. ) EinfluG der Erdoberflache. Die Isoseismen vom 9. August 1903 zeigen anscheinend und fiir den Augenblick unerklarliche Unregelmafiig- keiten; jedoch hangen sie vielmehr von Gebirgsmassen als von der Be- schaffenheit des Erdbodens ab. Die erste Kurve besteht aus einer Art Bucht, welche die dritte Zone inmitten der zweiten bildet; sie schliefit in sich den oberen Teil des tertiaren Beckens des Tajo und bildet nach drei Seiten hin eine Gurteleinfassung aus Granit und palaozoischen Schichten. Im Norden verlangert sie sich in gerader Linie bis zutn Ozean. Dieses Vordringen der Zone 3 in die Zone 2 scheint eine Rtickwirkung im Tale von Arruda zu haben, wo die Zone 2 in die Zone 1 eintritt. Ein weniger bezeichnendes oder unwichtiges Vordringen von Zone 3 in 2 findet sich im Einschnitte des Fiusses Mondego. In diesem Falle scheint es, als ob das Massiv der Serra d’Estrella weniger gebebt hatte als das Land zu ihren Fiifien. (SW., NW., NE.) Das Beben am Gipfel des Berges war unmerklich. Ebenso konnte es sein in Serra-de-Cintra (Almogageme, Penar), \vahrend der Berg von Arramida das Beben am FuGe wie am Gipfel gefiihlt hat (St. Anna, Cezimbra). Das Gegenteil findet man im Juramassiv des Sico, wo in Pombalinho (Plohe 295 Meter) das Beben die Starke VI erreichte, wahrend Pombal am Fufie nur III aufweist. 5. ) EinfluG der Dislo kation en des Erdbodens. Esist zvveifel- los, daG eine bessere Kenntnis der Verteilung der Heftigkeit einen innigen Zusammenhang mit den Gebirgsspalten zeigen wtirde. Die Beben sind stets heftig in Lissabon ; nun aber zeigt das Nordufer des Tajo an dieser Stelle langliche Biegungen, anscheinend die Vorlaufer einer betrachtlichen Dis- lokation, welche das Hervordringen einer Reihe von thermalen Quellen be- wirken diirfte. Die Kette des Arrabida, ein anderes Gebiet der heftigen StoGe, ist durch asymmetrische Hohlungen gebildet, welche fast monoklinal infolge der stidlichen Senkung ins Meer reichen, und Setubal liegt, wie wir gesehen haben, an der Kreuzung der beiden Spalten, und die zunachst gelegene Vorstadt ist die am schwersten betroffene. Endlich erwahnen wif noch, dafi die frtiher angefuhrten drei ortlichen Beben sich gerade in den Gebieten der Verrverfung befinden. 6. ) Beziehungen zurTiefe des Ozean s. Die sudliche Spitze der Halbinsel von Setubal ist im Osten und Siiden von betrachtlichen Tiefen des Ozeans umgeben. IO Die Linie der mittleren Meerestiefe von 100 Metern befindet sich ostlich, etwa 4 bis 5 km von der Kilste und 1-5 km siidlich vom Kap Espichel. Dieselbe entfernt sich allmahlich und findet sich wieder 4 km siidlich von Cezimbra, wo sie sich plotzlichvon der Kiiste entfernt, aber man mufi dabei den Unterschied zwischen der Oberflache des Anschtittungskegels des Sado und der Tiefe des Urbodens beobachten. Ahnliche Tiefen finden sich nicht an den Ufern des Serra-de-Cintra, doch spielen hi er die Anschvvemmungen eine viel wichtigere Rolle als an der Miindung des Sado. Die Meertiefenlinie von 100 Metern umgibt das Kap St. Vincent in einer viel grofieren Entfernung, als dies bei Kap Espichel der Fali ist. Sie findet sich bei 5 km vom Kap und ihre Entfernung von der Kiiste siidlich von Algarve vvechselt zwischen 8 bis 16 km. Was die groGen Tiefen betrifft, vverden wir uns erinnern, dafi die Bank von Gorringe, bei 200 km WSW. vom Kap St. Vincent entfernt, eine Scheidung zwischen zwei tiber 5000 Meter betragende Tiefen bildet. Die siidliche konnte einen gewissen Einflufi auf die Kiistenbildung von Algarve haben, wahrend die nordliche gegenuber der Kiiste von Alemtejo liegt und schief zu den Miindungen des Tajo und Sado. 7. ) H er d e zvveiter Ordnung. Das Beben vom 9. August 1903 lafit die Inselchen der Zonen 1 und 2 im Mittelpunkte der Zone 3, vollkommen getrennt von der Zone gleicher Intensitat (Atalaya und Castello-de-Vide), sehen. Es scheint, dafi diese Herde zvveiter Ordnung inneren Bevvegungen des Erdbodens folgen, ortlich hervorgerufen durch den allgemeinen Stofi. Dieser Fali scheint auch anwendbar auf das Beben von 1755, denn das sich von Granada bis Cordone ausdehnende Gebiet diirfte mehr gelitten haben als Sevilla, indes besitze ich nicht genug Bericlite, um auf Einzel- heiten einzugehen. 8. ) Hauptschiitterzonen. Um dariiber auf Grund der Beben von 1884, 1885, 1896, vom 28. September und 1. Dezember 1903 zu urteilen, so ergaben sich fiir die Erdbeben, vvelche Portugal heimsuchten, zwei haupt- sachliche Herde. Der bedeutendste ist der eben ervvahnte in der Breite der Miindungen des Tajo und Sado, indes sich der zweite in Andalusien befande. Im allgemeinen vvirken diese Herde voneinander unabhangig, der Stofi teilt sich natiirlichenveise dem Nachbarlande mit; ein andermal wechseln sie vvieder ab. Als Beben, vvelche aus der Region des Tajo kommen, lcann man jenes vom 9. August 1903, das in Andalusien nur schwach gefiihlt, und das vom 14. September 1903, das dort ganz unbemerkt voriiberging, bezeichnen. Dagegen war der am 1. Dezember 1903 in Huelva kraftig gefiihlte Stofi in Portugal unbemerkt geblieben. Diesem Herde sind vvahrscheinlich auch die in Algarve gefuhlten Beben zuzuschreiben. Zu den von beiden Herden abwechselnd ausgehenden Beben kann man die Stofie vom 28. September 1903 um 8 Uhr morgens in Huelva und zwischen 7 bis 8 Uhr abends in Portugal rechnen. Ein anderer Fali bietet sich uns durch das grofie Erdbeben, das am 25. Dezember 1884 Andalusien zerstorte; drei Tage vorher hatte ein Beben in Lissabon stattgefunden. Die vorgesagten Schlufifolgerungen verlangen im allgemeinen eine Bekraftigung durch neue Beobachtungen, die zahlreicher und sicherer sein sollten. Diese meine Schrift hat den Zweck gehabt, zu verhindern, dafi die Ereignisse vom Jahre 1903 in Vergessenheit geraten, und zu zeigen, wie bedauerlich es ist, dafi in einem Lande, das dem Erdbeben so sehr unter- worfen ist, bisher nicht eine methodische Beobacbtung der Erdbeben ein- gefiihrt worden ist. Man wird dahin gelangen, wenn man einen kleinen Kreis von Beobachtern aufstellt, die guten Willens dazu sind und deren Aufgabe ware, die Fragebogen in ihrem Gebiete zu verteilen und nach jedem Beben Bericht zu erstatten liber die hauptsachlichsten geognostischen Vorfalle. Das System, das in der Schweiz schon seit zwanzig Jahren eingefiihrt ist, hat ausgezeichnete Erfolge ergeben. Klolnmajrr &. Bamberg, Lalbach. Monatsschrift: Die Erdbebenwarte. Jahrgang IV. Nr. I, 2, 3, u. 4, Erdbeben in Portugal. Liffj JB/<3sniks Leibach. ® NUK Narodna in uniuerziteina knjižnica 1 !» lili .1111 lili lili lili lili II lili 00000445838 i