p ^Iresirenklänge von Edward Eainhaber. Laibach. ^880. ul'ZäZ 26 upi-avljanjs imovkns upomikov Frau Antonie Sedlaczek, geb. Ernst, in dankbarster Gesinnung zugeeignct. An j)resiren. (?) stimme Deine goldnen Klänge, Ich lausche Dir so tiefbewegt, Da mir aus jedem der Gesänge Dein volles Herz entgegenschlägt l Ls weh'n um Dich der Kindheit Träume, wenn aus dem dunklen Grün der Bäume Das Haus des Vaters zu Dir blinkt Und von des Triglavs Silbcrkrone Die purpurrothe Abendsonne Den letzten Scheidegruß Dir winkt. In Deinem Auge perlen Thränen Dem Lebenspfad, den Du erkorst; In Deinen Liedern welch' ein Sehnen Nach jenem Glück, das Du verlorst I Und doch, wir müßten tief cs klagen, Wenn Du, von Heimatweh getragen, Den Blick nach außen nicht gewandt Und jener Freund vom fernen Norden Dir in der Fremde nicht geworden, Der Dich zuerst uud ganz erkannt. Des Zweiten muß ich auch gedenken, Der damals noch ein Jüngling war; Nach Hellas' Strande ihn zu lenken, Lr bot sich Deiner Führung dar. 2 G glücklich, wenn ein Gott cs bindet, Daß sich der Freund zum Freunde findet, Mie Lphcu an den Stamm sich rankt; Ls ist die segenvollste Stunde, Man weiß nicht, was so edlem Bunde An Blatt und Blüte mau verdankt. Ls singt und klingt im deutschen Malde, Aus allen Zweigen ist es wach; And Du, so recht ein Kind der Salde, Mit frischer Stimme sangst Du nach. And aus der Seimat Töne lauschend Lrklang es, wie der Mildbach rauschend, Mas Dir in tiefster Seele schwoll; Dann wiederum wie Maldhorus Töne Ls in die Nacht, die mondenschöne, So weich und wundersam erscholl. Und so verzeihe den» Genossen, Menn er die schönsten Blumen bricht And Deines Serzens zarte Sprossen Zu einem bunten Kranze flicht! Ich fühle ja, was Du gelitten, Da Du den alten Kampf gestritten, Den Lrde mit dem lsinimel kämpft; Sie hätten gerne jenes Feuer, Das Liebe schlug aus Dciuer Leier, Im ersteu Aumuth Dir gedämpft. Zertheilt ist nun die ernste Molke, Der blauste Simmel sieht herab. And ringsum strömt von Deinem Volke Des Dankes Jubel an Dein Grab. Du bist nicht todt, Du lebst in Liedern, Dir können Berg und Thal erwidern, Im Dorfe singt Dich jedes Kind; Der Bauer, der die Pflugschar leitet, Der Krieger, der in kvaffen schreitet, Und der am Pulte sitzt und sinnt: Der Denker über grauen Schriften, Der Doktor unter Actenstaub; Der Hirte auf des Berges Triften, Der Jäger in dem grünen Laub; Der Studio voll Ferienwonnen, Die Dirne schäkernd an dem Bronnen, Der Bursch vor ihrem Fensterlein; Des Hauses Mütterchen, das alte, Ja selbst der Ziffermensch, der kalte, Dor einem guten Gläschen Mein: Sie preisen Dich an allen Grten, Du bist des Volkes bvunderhorn! Und als mir nur ein Trunk geworden Aus diesem liederreichen Born: Der Frühling kam in mich gezogen, Die kleinen tvaldessänger flogen Und zwitscherten mir um das Haupt; Um mich nur Rosen und nur Reben, Und so voll Licht und Luft und Leben Hab' ich zuerst an Dich geglaubt! Es ist cine Wallfahrt, zu der ich den Leser ein- lade, zwar nicht nut fliegenden Fahnen und heiligen Liedern nach irgend einem begnadeten Wunderorte oder einer heilkräftigen Legensquelle: es ist ein stilles, einsames Gehöft, von grünen Bäumen umrauscht; fernhin ragen die trotzigen Häupter des Triglav, mit ewigem Schnee gekrönt, nm sie hundert gewal¬ tiger Felsenrecken, aus deren geheimnisvoller Urne die silberne Saviza strömt, jetzt an düsteren Stein- wänden vorbei durch nächtige Tannenwaldung, dann in tiefgeschnittenen Thälern durch lachende Fluren und goldene Saaten; und immer weiter wird es und freundlicher; von allen Seiten grüßt es aus Wald und Wiese, von Berg und Thal, und das schimmert und flimmert von Aapellen und Airchen und tönt von Glocken und Glöcklein in die lichtumflossene sommerblaue Luft. Ja, es ist ein prächtiges Stück Land, das sich unseren: Blicke entrollt, und so Wancher, der sein Auge an den alpinen Schönheiten gesättigt hat, die 6 ihm Schweiz und TFrol, Salzburg und Oberösterreich bieten, jauchzte auf und bäte dem oft verkannten und wenig genannten flovenischen Alpenlande ab, auf dessen schaurigen Höhen die weißen Göttinnen, die Rojenice, Hausen, durch dessen Schluchten der rauh¬ haarige Aobold streift, und nähme dankend jenen Schleier aus Duft und Glanz entgegen, den Sage und Dichtung mn dieses einsame krainische Oberland gewoben haben. Und stünde er gar am blauenden Veldesersee, aus dessen fluten das grünende Giland schaut, sähe er mn sich die grimmigen Felsen und lauschigen Forste, die springenden Brunnen und blumigen Gärten, und wäre es ihm vergönnt, jenes Seil zu schwingen und das Glöcklein zu läuten, bei dessen Alange die irdischen Wünsche erwachen, gewiß: es träte kein anderer Wunsch auf seine Lippen, als hier zu weilen für immer und immer, wo »sich sein Herz in Wonnen berauscht und den Geist fesselnder Zauber bannt«. Wie traulich glänzt das Eiland aus den Wogen! Marien ist's, der himmlischen, geweiht. Nach rückwärts steh'n in schaurig wildem Bogen Die starren Felsen winterlich beschneit; von heitern Fluren ist cs vorn umzogen. Zur Linken ragt Schloß Veldes, weit und breit Flieh'n Berg und Thal im grünenden Gewände: Lin Paradies ist es in unserm Lande. So überwältigt von der hehren Natur des Hei¬ matlandes, singt ein Mann, zu dessen schlichtem 7 väterlichen Hause wir wandern wollen, so singt Vresiren, der Erste unter den Sängern seines Volkes. Als der dritte Dezember des Zahres s800 sein erstes Licht über das kleine oberkrainische Dörflein Verba wars, ahnte wohl niemand, am wenigsten die glücklichen Eltern selbst, daß die drei weißen Frauen in ihre Hütte zogen und ungesehen ein neugebornes Bnäblein auf den Armen hielten, indessen am nächt¬ lichen Firmaments ein Stern aussunkelte, so schön und leuchtend, wie man vorher keinen gesehen hatte. Es war der Stern jB-esirens, dem die Rojeniee das herrlichste Geschenk in die Wiege gaben, zwar nicht den Zauber, um den Hort im Berge Bogatin zu heben; aber das Rind, das zur Wonne der Blutter im schneeigen Linnen lag, trug ja selbst den zauber¬ vollsten Schatz in sich, den Schatz einer Fülle von Liedern, die einst dessen Blunde entströmen und ihn selbst unsterblich machen sollten, zu einem leuchtenden Sterne dem spätesten Enkel. Es war eine ansehnliche Binderschaar, der sich der alte j?resiren erfreuen konnte, fast zu groß für die bescheidenen Bäume des Bauernhauses; aber wem Gott Binder gibt, dem gibt er auch das Brod, um sie zu ernähren, und zudem stand ja die Birche des heiligen Blareus in der Nähe, der seine schir¬ mende Hand über Dach und Felder hielt. Der kleine Dichter mit dem dunklen wolligen Brauskopf und den lebhaft blitzenden Augen, in die niemand schauen durfte, dem das Gewissen schlug, hatte es schon frühe seiner Blutter angethan und sie es ihm. War aber 8 auch eine kluge und für ihren Stand nicht unge¬ bildete Frau, die nicht nur aus slovenischein Büchlein betete und heimischer predigt lauschte, sondern auch in der Sprache zu lesen und schreiben verstand, in der ein Schiller zu seinem Bolke gesprochen hatte. Die erste Zeit der goldenen Ainderjahre in idyllischer Bergheimat war die schönste Presirens, und noch in späten Mannesjahren denkt er mit tiefbewegtem Herzen an sie zurück und beklagt, daß er nicht in ihr geblieben und das geworden sei, was bis in unbe¬ kannte Geschlechter hinaus seine Ahnen und Urahnen gewesen sind. Verba. 2) theures Verba! Unter grünen Baumen Wie traulich dort das Laus des Vaters ruht! D hätte nie des Wissens falsche Glut Mich sortgetrieben aus den engen Räumen! Ich ahnte nicht, daß all mein süßes Träumen In Gift sich wandelt wie von Natternbrut, Ich glaubte an mich selbst noch fromm und gut. Und in der Brust möcht' es so wild nicht schäumen. Was selbst die reichste bserrin nicht besitzt, Lin treues Lerz und eine fleißige tsand, Das hätte mir ein braves Weib gebracht; Ich säße still und ruhig in dem Land, Und Laus und Weizen, wann es wogt und blitzt, Das hättest du, Lanct Marcus, mir bewacht! 9 Allerdings, ruhig wäre sein Lebensschifflein da¬ hingezogen, aber der Drang nach dein Lichte der Erkenntnis trieb schon den siebenjährigen Anaben aus den Armen der A lütter und Schwestern, und von dem Segen des Vaters begleitet kam er nach dem unterkrainischen Orte Reifniz, um die ersten Leiden auf hölzerner Schulbank kennen zu lernen. Die Reifnizer sind ein eigenes Völklein, haben kernigen Witz und eine kräftige Sprache, und nicht wenig von ihrer beißenden Ader mag in H>resiren Überflossen sein, der in den späteren Epigrammen wie mit wuchtigen Hieben auf seine Gegner schlug. Alan zählte l.8sZ, dasselbe Jahr, in welchem ein Sturm der Begeisterung durch Europa zog und Alt und Jung und Arm und Reich sich zu dem heiligen Areuzzug rüstete, den der gewaltige Aaiser auf französischem Throne heraufbeschworen hatte. Um diese Zeit zog ein bescheidenes Bauernbürschchen im Alter von so Zähren dem alten Aemona zu, in seinem Aopf das nur dürftige Rüstzeug damaliger Volksschulbildung, aber ausgestattet mit dem besten Erbtheil, dessen der künftige Studiosus bedürftig war, mit einem leichtempfänglichen, lebhaften Geiste, warmen Herzen und reinen Gemüth. Roch giengen die vaterländischen Lieder der deutschen Sanges¬ genossen an dem künftigen Freiheitssänger des slove- nischen Volkes unbemerkt vorüber; er hatte ja noch die Schulbücher unter dem Arme und mußte lernen und Brod verdienen. Das Schicksal, das Hunderte solcher Studentlein, aus welchen hohe Diener des IO Staates und der Airche geworden sind, durchinachen wußten, blieb auch H>resiren nicht erspart. Er mußte in die harte Nuß beißen und Leetionen geben, doch schüttelte er das alles von sich, wie den Staub von den Füßen. Den reichlichsten Ersatz boten ihm Schule und Lehrer. Letztere, Namen von gutem Alange, haben es wohl verstanden, den jugendlichen Geist zu fesseln und anzuregen. Aucb für ihn wurde Homer ein Jungbrunnen, aus den: inan immer und immer wieder schöpft bis in den Spätherbst des Lebens. So an den Alten und ihren rein menschlichen Werken sich schulend, hatte er auch die Gegenwart nicht ver¬ gessen und sich den: Studium der deutschen, vor allen: aber der Muttersprache und ihrer Verwandten liebend geweiht. Der arine Junge muß wenig Muße¬ stunden sür sich erobert haben, aber hatte er sie, so gehörten dieselben der reizenden Gegend von Laibach an, aus deren Wiesen und Waldhöhen noch heute an sonnigen Ferialtagen die lateinischen Jünger nmherstreisen, aln aino deelinirend oder buntfarbige Falter haschend, mitunter auch in: lauschigen Wald¬ versteck verbotene Wolken ringelnd und von künftigen Thaten träumend. Dazu das erste Ideal einer Jugend- sreundschaft, die den: Dichter mit den: um wenige Jahre älteren Ehop, wer kennt nicht den Sprach¬ gewaltigen des Landes, ersprossen war. War das ein Jubel, wein: die Schule geschlossen wurde und es nun mit den: Zeugnisse Nr. 2 in die Heimat gieng! Mochten nicht wenig stolz aus den Jungen sein, der da hinter den: Airchlein des heil. Mareus 11 MI Grase lag, in ein lateinisches Büchlein vertieft oder ini Anblick der nahen Helsen verloren, und wenn dann Ghop in das verlassene Dörslein kam, was gab es da nicht zu erzählen am grünen Saume der Saviza oder im dämmernden Alaldgrund oder aus lustiger Berghöh' stunden- und stundenlang! Auch die Zeit verrauschte. Das Gymnasium lag hinter ihm, die Hochschule öffnete die Hfforte. PH (D glücklich, wenn ein Gott es bindet. Daß sich der Freund zum Freunde findet' Gs war eine neue, ungeahnte Welt, die sich den: jungen Juristen in Wien erschloß, eine Welt mit all' ihrem bestrickenden Zauber, der auf Jahre und Jahre hinaus tief in das praktische Leben hinein leuchtende Strahlen wirft. Lin guter Genius führte ihn daselbst in das Alinkowströmische Institut, um Lectionen zu geben, und — sonderbar — es war der junge Graf Anton Auersperg, der ihm als Schüler zugewiesen wurde, der deutsche Aristokrat dem slovenischen Bauernkinde, der Landesgsnosse dem Landesgenossen, der jdoet dem jDoeten. Bald schlang sich um Beide ein rührendes Band geistiger Freundschaft. Wie sehr Anastasius Grün seinen ein¬ stigen Lehrer, der ihm die Geheimnisse altclassischer Bildung erschloß, liebte und achtete, bezeugen Briefe und der poetische Nachruf: — IZ — An j)resiren. „Er war mein Lehrer einst! ruft er darin aus, Aus dumpfen Hallen Entführt' er mich zu Tiburs Mnsenfcste, Zum Wundcrstrand, wo Maro's Helden wallen, Zur Laube, wo der Tcjer Trauben preßte, Zum Lap Sigcums, dran die Mögen prallen Wie Waffentosen, bis zu Primus Veste; Sein Geisterschiff trug keine Flagg' am Ständer, Nicht blanrothweiß', nicht schwarzrothgoldne Bänder. Wir sah'n der Griechen Freiheit Todcsbctte, Wir sah'n im Blachfeld Rom und Hellas ringen, Den Sieger dann, sich schmückend mit der Rette, Nm des Besiegten Haupt den Lorber schlingen. Den Rriegspfeil sinkend vor des Marmors Glätte, Vom Hauch der mildern Sitte morsch die Klingen! Im Glanz zerbrochner Römerschwerter gleiten Mir Spiegelbilder spät'rer Kampfeszeiten. Auf dieses Todten Herz, das nie gewittert. Geleuchtet nur, leg' ich die Hände gerne; Die Wcltenseele quillt, vom Markt zersplittert, Ins Dichterhcrz zu ruhigem, klarem Kerne, Das Licht, das rings verirrt in Funken zittert, Im Dichterherzcn sammelt sich's zum Sterne; Wenn Haß das Volk hinaus zum Streit getrieben, vergräbt'«, wie Gold, ins Dichterherz sein Lieben." Zu dem Bunde mit Anastasius Grün, dessen gegenseitiger Anregung die Literatur der beiden Völker so manches Goldkörnlein verdanken mag, -4 trat das Verhältnis zu einem der ersten czschischen Literaten, Franz Ladislav Lelakovsky. Dieser war es, der, Liner der Ersten, erkannte, daß der junge Slovene von den Musen begnadet war, und der ihm auch jene Richtung gab, welcher presiren, ein Rind seiner Zeit, glühenden Ausdruck verlieh. Der Dichter liebte ja mit ganzer Seele sein slavischcs Heimatland, und es war nicht schwer, in diesem Gemüthe den Funken slovenischer heimatsliebe zur lodernden Flamme panslavistischer Ideen zu ent¬ fachen. Ls klingt oft ein namenloses Weh aus seinen Saiten, wenn er von den drückender: Retten spricht, unter welchen die Söhne Slavas seufzen, die durch spaltende Zwietracht das Joch Pipins auf sich geladen haben. Mit erhobenen: Haupte schreitet der deutsche Fremdling einher und gebietet durch Recht, Sitte und Sprache. „Deutsch sprechen in der Regel hier zu Lunde Die Herrinnen und Herren, die befehlen, Slovenisch die, so von dem Dienerstande" singt er in einer seiner deutschen Sonette, und an¬ derswo klagt er, daß kann: ein Grab erschließt sich dem Llovenen In seinem theuren, heimatlichen Lande. Nicht als ob presiren den Deutschen gehaßt hätte! Dazu war er viel zu dankbar; er erkennt, daß Germania seine Pflegemutter gewesen ist, und bringt ihr als Pflegesohn einen Aranz von deutschen -5 Gedichten als sinniges Weihegeschenk. Nur Lines that ihm weh, daß die wahre Mutter beschämt im Winkel stand und kaum ihr Antlitz zur fremden Pflegemutter erheben durfte. Dies jagt ihm Zornes- röthe auf die Wangen und preßt Thränen aus sei¬ nem Auge. An Germania. „Ihr. die entsprossen ans der Slaven Stamme, Die ihr der eignen Acuttcr lang entzogen, Die Bildung nicht an ihrer Brust gesogen, Die man, wie mich, vertrant der deutschen Amme: Nicht glaubet, daß ich euch deshalb verdamme, Daß dankbar der Germania ihr gewogen, Nur daß sie wird der Mutter vorgezogcn, Das ist's, was in mir weckt des Zornes Flamme. Der wahren Mutter soll und muß sie weichen, Doch mein' ich, daß es ziemt dein pflegcsohne, Der Pflegerin ein Dankgeschenk zu reichen. vom edlen Lrz, nicht vom gemeinen Thone Sei doch das, was er bringt, zu überreichen, Die aus Armseligkeiten blickt mit löohne!" Doch wie ein frischer Maienhauch zieht auch die Hoffnung durch die trauernde Dichterseele, und im Geiste Lelakovskchs sieht er, lvie jener kräftigste der Samen, Den er in seine Brust gelegt, tvenn auch in späten, späten Tagen, Da man uns längst hinausgctragcn, Die Früchte der verhcißnng trägt. Aus tiefstem Herzen strömt ihm die Bitte an den Himmel, daß er seinem Volke einen Orpheus sende, der durch heimische Alänge an die Herzen desselben schlage und es für die hohe und heilige Sache des Vaterlandes entzünde. Orpheus. Und Drpheus schlug die zaubervollen Saiten, Und aus dem Walde kam der Tannenbaum, Ts stieg der Fels vom boben Wolkensaum, Der Adler ließ die dunklen Schwingen gleiten. von Rhodope und lsämus sah man schreiten Die wilden Völker, man erkennt sie kaum: Ls ist so ein unnennbar süßer Traum, In den die Töne sie hiniiberleiten. Ich aber hebe bittend meine ksände, Daß uns der lsimmel einen Vrxheus sende, Der dieses Tandes ewigen Sturm bezwinge; Und daß mein Volk bei seinem heiligen Alange Begeistert werde von dem höchsten Drange Und nur für Einheit und für Freiheit ringel Bevor wir aber mit unserem Dichter, der mitt¬ lerweile die juridischen Studien vollendet und den Doctorhut errungen hatte, die österreichische Residenz verlassen, sei noch erwähnt, und mir lacht das Herz im Leibe, daß es wieder diese singende und klingende Hhäakenstadt sein muß, die schon Hunderten von 17 Musensöhnen seit Walther von der Vogelweide die ersten Töne dichterischer Begeisterung entlockte und es auch jetzt wieder ist, der jpresiren das erste und reizende Lied An das Mädchen anvertraut hat. Manna fiel vom Himmel nieder, Weiß wie Silber war das Tand; Doch zum Himmel floh es wieder, So man's nicht zur Stunde fand. Wie der Than in Morgenwonne Funkelt diamantenrein! Doch es steigt die Mittagssonne, Und die Perlen trocknen ein. Arme Blumen, arme Blätter, Nur im Frühling jung und schön! Unter Sommersturm und Wetter, Raum erblüht, müßt ihr vergehn. Und wie Manna, Thau und Rosen Ist auch deine Jugendzeit; Nicht zu scherzen und zu kosen Ist sic, Mädchen, dir geweiht. Du bist schön! V laß das pochen. Hebe nicht zu stolz das Haupt! Röslein ist so früh gebrochen Und der Mai so schnell geraubt: Daß nicht Tage dir erscheinen, Wo der Winter bricht herein Und im Alter du mußt weinen, Weil du einsam stehst — allein. 2 i8 Mit dem Jahre s82fl wurde Presiren provi¬ sorischer und bald daraus wirklicher unbesoldeter k. k. prakticant bei der Aammerprocuratur in Lai¬ bach, und es begann für ihn jene glänzende Lauf¬ bahn eines damaligen österreichischen Beamtenlebens mit all seinen Freuden und Leiden, von denen inan erstere nach Tropfen, letztere nach Timern zu zählen pflegte. Professor Levec hat diese rosige Zeit des presirischen Beamtenthums in deni Detail geschildert, daß mir jede weitere Beleuchtung erspart sein möge; aber denken kann ich es mir, wie einem Pegasus zu Muthe sein muß, dessen Flügel man mit Acten beschwert, auf denen jahrelanger Staub und silbernes Spinnengewebe sich angesetzt haben. Im Jahre s85s schied Presiren aus den: k. k. Amte, nach wie vor ein armer Schlucker, doch mit dem Bewußtsein ge¬ krönt, daß er dem Staate treu und gewissenhaft gedient habe, und von gleichem Pflichtgefühl getragen trat er nach bestandener Advocatursprüfung als Ton- cipient in die Aanzlei des Dr. Throbat in Laibach ein und blieb ein treuer Diener im Weinberge seines perrn durch volle vierzehn Jahre. Es ist die Zeit des Laibacher Beamten- und Toncipiententhums, in die jdresiren's fruchtbarste poetische Thätigkeit fällt. Sie fällt zugleich mit dem jungen Frühling zusammen, der damals auf litera¬ rischem und sprachlichem Gebiete des Slovenenthums ersprosseN" war. Männer, wie presiren's beste Freunde Top und Smole, dann Kopitar, Metelko und andere begannen mit liebender Sorgfalt die heimischen Schätze zu pflegen und insbesondere die bisher in den Winkel gestellte Dienstbotensprache an's Licht zu ziehen und ihr in immer weiteren und weiteren Kreisen Ausnahme zu verschaffen. Das Bolk mußte erst zum Bewußtsein gebracht werden, daß es eine Sprache habe, in deren Tönen seine schönste Blüte, das Bolkslied, erwachsen ist nnd die in sich die Kraft trüge, auch Sprossen höherer Kunst- 20 Poesie zu treiben. Zu dem Zwecke gründeten Lop, Kastelic und Dr. Lupan im Jahre s830 die soge¬ nannte »Krainische Biene«, die in gewisser Hinsicht dem Volke das werden sollte, was einst Horen und Musenalmanach dem deutschen Volke geworden sind. Vor dieser krainischen Biene scheint man insbesondere in den höheren und frommen Kreisen einen gelinden borror gehabt zu haben, namentlich aber entsetzte man sich vor den glühenden Liebessonetten eines j)resiren als unsittlichen, thörichtverliebten Lachen. Ls wehte vormärzlicher Wind, und der streifte über seine armen Musenkinder in einer Weise hin, daß er, wie H>enn so treffend bemerkt, aus den mannhaften, kräf¬ tigen Liedern Kastratentriller schuf. Und doch waren dieselben nichts anderes, als der poetische Aufschrei einer in ihrem Tiefsten erschütterten Dichterseele, die zwischen Furcht und Hoffnung schwankend Beides verloren hatte und nun in des Daseins höchstem Llende, aber zu spät, Hoffnung und Furcht zurück- crsehnte. Ls war Lharsamstag des Jahres s833. Man wanderte von Kirche zu Kirche, um den Erlöser zu schauen, der in: heiligen Grabe lag. Der Klang der Osterglocken mag auch in dem Dichter jene wunder¬ same Empfindung hervorgerusen haben, und wie in des Kindes schönster Zeit rief es ihn zum Grabe des Herrn. Lr trat in die helldunkle Kirchs — da schlug ihn: aus zwei Mädchenaugen ein Feuer ent¬ gegen, und begraben war die Ruhe seines Herzens. 21 Am heiligen Grabe. Der Jahre achtzehnhundertdreiunddreißig sind Dahingerauscht, seit aus der Engel Munde Frohlockend klang zu Bethlehem die Runde: M betet an das neugebor'ne Rind! Lharsamstag war's, an dem man frommgesinnt Von einem Grab zum andern macht die Runde, Da rief es mich — es war die zehnte Stunde — Jn's Haus des Herrn; es klang so weich, so lind. Und ich trat ein. V unseliger Dom! Ich sah die hundert Flammen nicht am Grabe, Ich sah nur in der Menschen dunklen Strom; Und plötzlich fiel ein Feuer aus zwei Sternen. B fraget nicht, was ich gelitten habe Und leiden werde bis in späte Fernen! Und so wurde es. Aber mag auch der Dichter einen goldenen Traun: um den andern in den 5arg gelegt haben, wir verdanken dieser idealsten (Fesühls- schwärmerei eine Reihe von Sonetten, die zu dem Besten gehören, was presiren's Muse geschaffen hat. Tin goldgelockter Aops mit blauen Aeuglein und zarten Mangen, der aus zierlichen: Nacken saß, hatte es ihn: angethan. Noch ein Anösplein, kaum jo^ahre alt, war sie dem jungen Nlanne wie ein Wesen aus anderer Welt erschienen, und von ihren: Aauberschein umgossen fragte er nicht, daß es eines der reichsten Mädchen in Laibach war, von einer frommen und stolzen Mutter gehütet, bald ernst und schweigsam, wenn sie die Flur des lhauses durchschritt, dann 22 wieder toll und ausgelassen, ein rechtes Aoboldchcn im Areise junger Fanten. Dann konnte sie lachen und singen, daß es Einem warn: um das Herz wurde, und das Zünglein wußte so geistvoll zu witzeln, und Alles lachte und scherzte mit und ahnte nicht, daß im fernen, einsamen Aämmerlein ein Dichter saß, der in heiligster Leidenschaft für jene rang, die er gesehen und nie gesprochen hatte. Ihr Haus war ihm wie das Innere eines Heiligthums, das kein Laie betreten durfte, und sie selbst eine Göttin, aus deren Altäre, seinem Herzen, die weihevollsten Lieder¬ gaben gespendet wurden. Wie Moses nur das eine und höchste Ziel kannte, Israel nach Aanaan zu führen, so weiß auch er nur Eines, das erhabenste Ziel, sein Ideal zu besingen. Moses. Jehovah sxrach's, und Moses griff zum Stabe; Sie zogeu nach dem auserwählteu Land, Und ob mau mild, ob murrend ihn umstand. Dies höchste Ziel war seine einzige Labe. Doch als sein Auge iu so reicher Gabe Nach Sturm der Wüste und der Sonne Brand Nur Milch und ksonig in den Thälern fand: G Gott, rief er, ich wandle gern zum Grabe. So tönt auch dir, der Schönsten auf der Lrde, Der gold'ncn Saiten weihevoller Alang, Bis man mich fortträgt von dem stillen fterde; — 2Z — Und wenn mein Auge sich an deinem sonnt. Für all' die Nächte kummervoll und bang Wie herrlich bin ich, Einsamer, belohnt! Aber aus diesen Augen traf ihn kein erwär¬ mender Strahl. Sie läßt ihre Blicke nach Anderen gleiten und überhört die Bitte des Sängers. O, ruft er aus, mir geht es wie der duftenden Rose, die das Aöpflein senkt; dem munteren Vöglein, dessen Sang verstummt; dem tanzenden Fischlein, das im Wasser krankt, und der summenden Biene, die kein Blatt umschwärmt, wenn die Sonne ihr goldenes ksaupt verbirgt. Wehr als Rosen blüh'n und Vög¬ lein singen, mehr als Bienen zieh'n und Fischlein springen, träumen liebende Gedanken in mir; doch, wie sollten sie zum ksimmel schweben, wenn das Licht ihrer Augen schweigt? O, kündet ihr, rüst er den Saiten zu, Wie die Wangen mir erblassen Und das Ange bitter weint; Möchte liebend sie umfassen, Die mich, ach, zu fliehen scheint. Es sind so unendlich traurige Weisen, die seine Lyra tönt, doch sie bleibt kalt und stumm. Mein Lied. Was die berühmten Väter einst vollbracht, Von denen man erzählt aus grauen Tagen, Wie einst die Römer vor Metullum lagen. Was Laibach litt durch fremde Uebermacht; 24 Wie unser Land das heilige Areuz bewacht Und dessen Löhne ohne Furcht und Zagen Den Halbmond an der Aulpa einst geschlagen. Wird von Homer, dem zweiten, euch erdacht. Zu solchen Liedern bin ich nicht geboren; Den schönen Frauen in dem schönen Arain Gilt mein Gesang. Ich singe deinen Ruhm, D harte Jungfrau, und der Liebe Pein, Und wie der elend ist, so ihn durchbohren Die Pfeile deiner Augen kalt und stumm. Möchte sie doch bedenken, daß sein Lied es ist, das ihren Namen unter die slavischen Brüder trägt von Sonnenaufgang bis Untergang, und wenn Tha- ron uns längst über die nächtigen Fluten geleitet hat, ihr Name wird fortertönen, noch würdiger, als der einer Julia, Laura und T^nthia. — Ich liebe sie, singt er in einem folgenden Ghasel, das weiß die Nacht, die meinen Klagen lauscht, das weiß der Morgen, der über die Berge steigt, das weiß der Abend, der in die Thalflur sinkt. Ich liebe sie! Das wissen die Wände im einsamen Kämmerlein, das wissen die Mauern und Thürme in rauschender Stadt. Das Blümlein am Wege weiß es, auf dem sie wandelt, und das singende Vöglein, das ihr Haupt umfliegt. Das weiß die Schwalbe des Hauses und der schwankende Grashalm, nur sie allein, die herr¬ liche Jungfrau, glaubt es nicht. Dennoch hat nur sie zu befehlen, was er singen soll. 25 Befiehl! Iver immer liest, liest anders meine Lieder. Der Line rühmt sie und ein Andrer wieder: pfui, ruft er aus, du mußt Sonette singen. — Sonette? Nein! Balladen! — Ivas, ihr Brüder? Balladen? Fort! Ich liebe Pindar's Oden! — Ghaselen ich. Das duftet süß wie Flieder! — Das fade Zeug! Da muß ich Vodnik loben. — Ivie unschuldvoll I ein Ivüstling spricht, und bieder! — Betschwester schlägt ein Kreuz bei meinem Namen. — Gib mir den Kopf, mir Hals, mir Brust, mir Glieder! (!) Liebchen, sprich! Nur du hast zu befehlen, lind niemals steig' zn Anderen ich nieder. Einem Jüngling gleich, der in ersten Gefühlen schwelgt, macht er Fensterpromenaden, durchirrt die Lternallee auf und ab bis zum LNusentempel, eilt den schattigen Waldpfad hinan, auf dem sie wandelt, singt ihr Lieder, von Thränen der Liebe befeuchtet. Aber diese Liebe ist wie eine verdorrte Blume, da ihr ja Eines mangelt, die belebende Lonne der Gegenliebe. v Ich suche sie. Zn einem Garten ist mein Herz geworden, Und Liebe ist der Gärtner, der ihn pflegt. Doch all' die feuchten Rosen, die er trägt, Sind Klagen nur der Liebe, der verdorrten. Ich suche sie, die Sonne, aller Vrten, Gb sie ihr Haupt an's off'ne Fenster legt, Ein Stelldichein im grünen Ivalde hegt. Ob jetzt durchwandelt des Theaters Pforten. 2* — 2Ü — Ich eile in die buntbewegten Gassen: Wo leuchtest du, ersehntes Angesicht? Warum, o Sonne, hast du mich verlassen? Wie kann die Saite wonnevoll erklingen, Wenn um mich schwebt die Nacht mit ihren Schwingen Und eine Thräne aus dem Auge bricht? Wenn er sie vorüberschweben sieht, ergeht es dem Dichter wie einem Gefangenen, der sich aus dunklem Aerker nach sonniger Freiheit sehnt. Tritt er aber von der Schwelle desselben in den blauen Himmelsdom ein, so getraut er sich, von der un¬ gewohnten Helle geblendet, kein Auge zu öffnen. Dder wieder gleicht er einem Gestrandeten. Das breite Meeresgrab hat ihm Alles genommen und Nichts gelassen, als das nackte Leben. Dann er¬ klimmt er die Höhe eines einsamen Eilandes und späht ringsum nach einem Schiff. Welch ein Jubel, wenn er von weitem die Flagge eines Fahrzeuges sieht I So freut sich der vereinsamte Dichter, dem das Leben ohne sie ein wüstes Eiland ist, „Wenn ich erspäht, nachdem mit Angst und Beben Mein Blick die Gegend ringsherum durchflogen, Die Bänder nur, die deinen lsut umgeben!" In einem anderen deutschen Sonetts, das jeden: unserer Sänger zur Ehre gereichen könnte, klagt er dem 27 Frühling sein sturmbewegtes Innere. „Der Frühling kommt; aus Auen, Bergen, Flüssen, Allüberall tönt ihm der Gruß entgegen, Nie ist ein Dichter um sein Lob verlegen. Er preist ihn in den wonnigsten Ergüssen. Dein Lied allein mag nicht den Lenz begrüßen, Singt nicht den Sommer, nicht des herbstes Segen; Den Schmerz nur, den du leidest ihretwegen, Klagst du, den herbsten, tiefsten, dennoch süßen. Wohl spiegelt sich in ruhig klaren Seeen Mit Sternen, Sonn' und Mond der Himmclsbogcn Und mit den Bäumen, die am Ufer stehen; Doch kommt der düst'rc Sturm herangezogen, So müssen diese Bilder untergehen, Der See zeigt nur das Fluten seiner wogen." Heute ist ihr Namenstag. Im Ureise von Freunden und Freundinnen und an der Seite des Glücklichen, den ihr Herz und der Wille der Mutter erkoren haben, lauscht sie den Alängen der Musik und schwebt durch die Reihen der Tanzenden; aber er seiert ihn einsam mit nassen Augen und fromme Wünsche steigen für sie zum Himmel auf. /Ihr Namenstag. Habt ihr gehört von jenem einzigen Tage, Den mit den Christen feiert der Bramme, Der Buddhagläubige und Moslemine, Habt ihr gehört von jenem einzigen Tage? 28 Daß Alles jauchze, an die Lymbel schlage, Die pfeife schwirre zu dem Tamburine, Und nur der Christ mit trauervoller Mene In nächtigem Dunkel ein Gefangner klage? Es war ihr Tag. Die vollen Saiten klangen, Und ihre Freundinnen und Freunde alle, Sie kamen und sie jauchzten und sie sprangen. Nur ich war ferne von des Festes Schwalle; Die Hände mußt' ich zum Gebete falten: G möge dich der liebe Gott erhalten! So sind Sommer um Sommer verblüht. In einem Aranz von Sonetten, deren Anfangsbuchstaben in sinniger Meise den Namen der Geliebten geben, hat er sie verherrlicht und in rührender Meise ge¬ beten, nicht zu zürnen, wenn er ihr, bevor Blumen aus seinem Grabe sprossen, sein , Ave Maria weihe. Ein Edelmann, der lernte unverdrossen, Doch blieb ihm kein Gebetlein auf dem Mund; Und nur der Gruß des Engels war ihm kund Und kam aus tiefster Seele ihm geflossen. Da rief der Tod den sterbenden Genossen. Lin Blümchen wuchs aus seines Herzens Grund Zum Grab empor, auf dessen Blätterrund Ave Maria war in Gold ergossen. Mir aber sproßt der bliitenreiche Kranz, Der deinen Namen trägt in goldnen Lettern, Bevor das Licht des Lebens mir verglomm; 2Y Verzeihe, wenn voll Blumen und voll Blättern Dir sproßt das Lied vom ersten Sonnenglanz Bis wann die Sterne ziehen durch den Dom. Ruhelos, wie ein von: Sturm Gepeitschter, irrt so der Dichter durchs Leben und weiß nicht wohin. Ich stürme dahin ohne Rast und Ruh — „Wohin, o Freund?" Was fragest du! V frage die Wolke hoch über dem Land, V frage die Welle am Ateeresstrand, Wann ihr mächtiger König, der Sturmgott, rast Nnd sie vorwärts schleudert in fliegender lsast! Und wie Welle nnd Wolke nicht wissen wohin, So schlendert auch mich der verzweifelnde Sinn. Ich fühle nur Lines so bitter und scharf: Daß ich vor ihr himmlisches Auge nicht darf Und daß auf der Erde kein Plätzchen ersprießt, Wo man so unendliches Wehe vergißt. Wie athmen wir endlich auf, als der Dichter von diesen: traurigsteil aller Träume Abschied nimmt und durch das Gedicht Der verlorene Glaube wie von einer schweren Arankheit sich befreit. So wie einstens glänzt noch immer Deiner Augen blauer Schimmer. Wie der Ulorgenröthe Glühen Deine Wangen noch erblühen. Zv wenn du lächelst, welche süßen Morte deinem Mund entfließen! Nicht verdunkelt, wie ich seh', Ist des Busens weißer Schnee. Und noch immer schön und jung Bist du trotz der Jahre Schwung. Lines nur der gold'nen Stunden, Ach, der Glaube ist entschwunden Und mit ihm der Glorienschein, Den er gab so hehr und rein! Jener Blick hat ihn genommen Und er wird nicht wieder kommen. Seele war mir ein Altar, Doch die Göttin einstens war — Weh, verloren ist die Spur Und ein schönes Weib blieb nur. Schon zieht manch silbernes Fädchen wie eine leise Mahnung durch's dunkle Haar. Amor und Venus haben ihn stets zum Narren gehalten; er fühlt, daß er in anderer Weise Weihrauch streuen, anders lieben und leben müsse. Vorsatz. Amor und Venus, ich bin nicht gesonnen, Noch langer an dem Narrenseil zu springen. Nicht wie Petrarca will ich euch besingen, Bis unbelohnt das Leben mir zerronnen. — ZI — Wem graues Haar die Parce schon gesponnen, Der sorge, daß des Liedes leichte Schwingen Ihm endlich auch der Liebe Gold erringen; Streu' andern Weihrauch! So wird nichts gewonnen. Die kurzen Jahre, die mir noch erblühen, Was soll ich mich in ihrem Dienst beschweren Für all die eitlen Possen, die sie treiben? Dukaten will ich aus Processen schreiben Und abends, daß die Wolkeri mir entfliehen, Mit guten Freunden volle Becher leeren. Anders lieben und leben! Gewiß. Presiren war es allerdings nicht vergönnt, einen Hamilienherd zu schaffen, wie ihn sein reiches Geinüth verdient hätte. Aber ohne lieben und geliebt zu werden verließ er die Lrde nicht. Lin schlichtes und eigenartig hübsches Mädchen, so ganz anders als sie mit den kalten und stummen Augen, hatte ihn dauernd erwärmt und mit jenem Glücke belohnt, das er so oft in einsamen Nächten ersehnt hatte. Aber es war zu spät. Nur wie ein spätherbstliches Abendroth leuch¬ teten diese stunden, die er dem harrenden Mädchen schenkte, in sein düsteres, verlorenes Leben hinein. Alir kommt es vor, ich wandelte immer tiefer und tiefer in den Wald hinein, und immer einsamer wird es um mich und trauriger. Noch ungelichtet in dichten Ständen erheben sich graubärtige Tannen¬ recken und werfen nachtdunklsn Schatten auf Moos und Stein. Fernab singt der Waldstrom, ober¬ es sind Lieder voll unbändiger Sehnsucht nach den Bergen und ihrer Freiheit. Zuweilen hämmert der Specht oder kreischt ein Geier, dann wieder das alte melancholische Träumen wie vorher. So öder und melancholischer wird es, je mehr wir im Leben des Sängers vorwärts schreiten. Ls ist so unsäglich einsam um ihn; nur hie und da singt er gewaltige Sehnsucht nach Leben, Liebe und Freiheit, gleich zornigen Alängen des Waldbachs; aber die Nacht breitet schon immer dunkleren und dunkleren Schatten über sein armes, zerrissenes Innere. In de; Bettelnden Gewände Gieng Homer, der Sängcrgrcis; An des Pontus fernem Strande Sang Dvid von Sturm und Eis; Dem die Lonsiad' erklungen, Der den Don Vuirot' uns gab, Der die Hölle einst gesungen, Allo künden aus dem Grab, tvarnung späten Nuscnsöhnen: Blind ist, wer da lebt in Tönen. Auch presiren hätte die warnende Stimme gehört, aber wen Apollo mit seinem Götterstabe berührt hat, der ist wie von unsichtbaren Händen getragen und gehört nicht mehr sich selbst. Gr gleicht dem Vogel aus grünem Aste; das Lied, das in ihm schläft, es muß heraus und ringt sich zum blauen Aether empor. Doch man stellt dem armen Sänger auch lockende Netze, verfolgt ihn, kerkert ihn ein. Nun, sie haben Presiren, den gefährlichen Freigeist, zwar nicht zwischen feuchtenden Mauern eingesperrt, aber verfolgt haben sie ihn und dem Organe, das seine verliebten Sachen unter die Menschen trug, der „krainischen Biene", höhnende Fratzen geschnitten. Ei, so tönt's aus vieler tlkuude, tvas bekümmert uns das Lied, Das in aufgeregter Stunde Einen Tasso bat durchglnht? z 34 Mas Petrarca's Glutsonette Und ein Merk, das wunderbar Singt die blutgetränkte Stätte Don der Ahnen Heldenschaar? Mas die Biene? Mer sie sand, Fratzen schneidet ihm mein Tand. 5o leuchtet ein, daß letzteres kein Boden für Poesie war, um sich aus ihrem Ertrage freundliche Billen auf grüner Waldhöhe zu bauen. Das überläßt man dem, der handelt. Der Poet ist eben zu spät ge¬ kommen, als Zeus die Erde vertheilte. Er mag die fernsten Länder durchziehen bis nach Ehina hinein und darüber hinaus, man zeigt ihm immer weiter den Weg, nirgends blüht ihm das Glück, selbst nicht im Perzen des Mädchens, dem er feurige Lieder singt. Mer noch im verrauschten Jahre Schachteln trug und Leinwand maß, Kaufte mit so alter Maare Sich ein Schlößlein sonder Sxaß. Doch der Dichter, er mag irren lieber Berg und Thal und Flut, Mag mit Tinte sich beschmieren, Merben mit der reinsten Glut Um die Liebe seiner Schönen: Stets wird ihn das Glück verhöhnen. Aber Eines hat ihm Zeus verliehen, das mehr Werth hat, als alle Güter der Erde, das den Poeten hinwegsetzt über paus und pof und Geld und Gut, ja selbst den goldenen Thronstuhl der Aönige: er kann bei Zeus einkehrcn, wann und wie er will, ZZ und mit dm Göttern schwelgt er im Genüsse der leuchtenden Grde. Wie verschwindet vor dem un¬ endlichen blauen Lichtraum, dem goldenen Lommer- morgen, dem silberbethauten Grashalme die todte klingende Minze! Aalt und schwer drückt sie den Mann, in Angst verbringt er die Nächte. Glück¬ licher Länger! Lo arm und doch so reich! Bettler und Aönig zugleich, wandelt er im Besitze eines Gutes, wie keines so leicht und sicher, zum Rande der Grust. Doch er hört nicht auf zu singen; Rauft euch immer Schloß an Schloß, Lasset Gold und Silber klingen. Schwelget in des Glückes Schooß! — Golden ist die Morgensoune, Silbern ist des Grases Tbau, Und mein Haus, o Götterwonno! Ist der ksimmel weit und blau. Und so irre durch das Land Bettelnd bis zu Grabes Rand! Und die Ducaten, die er aus Processen prägen will? Lie müssen Flügel gehabt haben und dein Dichter davongeflogen sein. Freilich kamen auch Stunden, in denen Presiren von: Olympos unter die Menschen stieg und fühlte, wie bitter es sei, ein Habenichts zu sein. Ich bohre nicht gern in dieses Wespennest. Aber Dr. presiren, der dem nichtigsten und dürrsten Processe ein gewisses Leben einzuhauchen verstand, Presiren, der gewandte und scharfsinnige Jurist, muß noch immer im Bureau eines Anderen schwitzen, so sehr er um Freiheit und selbständige — zv — Stellung rang. Sie hatten damals zwölf Advoca- tursstellen in Arain errichtet. Der Dichter gab ein-, zwei-, drei-, viermal ein und wurde viermal gnädigst abgcwiesen. „Mein Aopf wird grau", rief er aus, „uud ich bin noch immer nicht Advocat und werde es nie." So um das kümmerliche Brod für sich und die Seinen ringend, ringend gegen die religiöse, nationale und politische Bevormundung seiner Zeit, ringend endlich um den wohlverdienten, angestrittenen Dichterruhm, fieng er allmählich an, dieses kurze Stück Leben mit immer schwärzeren Warben zu be¬ trachten. Als endlich der Tod in den Areis seiner Freunde schritt und den liebsten Zugendgenossen Top nach den Mellen der Save lockte, immer tiefer und tiefer hinein, bis ihn schmeichelnde Nixen für immer hinunterzogen nach dem freundlichen Wassergrund, da traf ihn die tiefste und brennendste Wunde, in die nur die Muse einigen Balsam goß, als sie zwei weihevolle Tlegien in seine Saiten tönte, für ihn und den Freund ein gleich ehrendes, unvergängliches Denkmal. „Jung stirbt der, den die bsimmelsmächte lieben", singt er in einer herrlichen deutschen Tlegie an Top, „Der Spruch, mein Freund, hat sich an dir bewähret, Stand in den bleichen Zügen dir geschrieben; Denn heiter war dein Antlitz, wie verkläret. Dein Mund, der lächelte, als wollt' er sagen: Aus ist der Aainpf, der lang genug gewähret. 37 So fand ich dich, als ich, von Schinerz getragen, Zu dir geeilet auf die Schreckeuskunde, Daß aufgehört des Freundes Herz zu schlagen. Und wie sie brennt — und brennen wird die Wunde — Gelinder werden ihre gliih'nden Tualen, Wenn ich erwäge deine letzte Stunde. Der milden Abendsonne kühl're Strahlen Vergoldeten den grünen Schmuck der Aue, Im Hintergründe schautest du die kahlen Giganten Gberkrains mit kühnem Baue, Rings um dich rauschten sanft der Save Wellen, Die dir zu sprechen schienen: uns vertraue! Gb deinem Haupte segelten die schnellen Weißslockigen Wolken hin; der Freud' erschlossen Fieng an die Brust von hehrer Lust zu schwellen — Nicht ahntest du, daß deine Bahn beschlossen; Der Weltgeist sandte aus der lichten Halle, Dich abzurufen zu des Lichts Genossen, Den Genins ab wie ein solcher auch Lop gewesen ist. Was er, der der deutschen, romanischen und slavischen, ferner der ungarischen und hebräischen, im ganzen neun¬ zehn Sprachen ein Aundiger war, für die einheit¬ liche Entwicklung der slovenischen Muttersprache ge¬ schaffen, wie er als Halinurus der Zweite im Vereine mit Presiren-Lelius, dein slavischen Liebesgotte, das literarische Schifflein der Slovenen flott gemacht und kühn vorwärts gesteuert habe, darüber möge man die treffliche Arbeit des Professors Levee im „Zvon" zu Rathe ziehen, der seiner krainischen Heimat die größten Männer auf poetischem und wissenschaftlichem Gebiete daselbst vorführt und des Dankes feiner Landesgenossen und darüber hinaus versichert sein Z8 darf; wir erfahren es auch aus presiren's zweiter flovenischer Elegie An Lop. Goldener Frühling, du streust ringsum an Blumen und Blüten, Komm, o srcundlicher Gott, streue auch Blätter sür uns Und bezwinge den Sturm, der, ach, die heimischen Fluren Mit des Winters Gewalt bis in das tiefste durchtobt! Frisch den Nachen gebaut! Bald flattern die> Segel im Winde, Ueber Felsen und Sturm siege der werdende Mast! Noch in Wolken gehüllt erscheinen die leitenden Sterne, Die zerschellen das Schiff oder es führen zum Strand. Lelius lenkte zuerst, der liebende Gott, unser Steuer, Und dem Gotte beherzt folgte geschwind palinur. Jauchzt ihm ewigen Dank! Er hat den Nachen gerettet Und mit kräftiger Hand Segel und Steuer geführt. Für ihn glühten am Himmel der Musen die leuchtenden Sterne, Und die Sprachen der Welt waren ihm heimischer Laut. Was wir mächtigem Rom und weiserem Kellas verdanken, Was Italiens und Spaniens Sonne gereift, was an heiterer Sein' und ernsterer Themse ersprosscn Und der schattende Kain kräftigem Thnisco gebar; Was auf grünendem Baum der weithin herrschenden Slava Und auf heimischer Flur Hohes und Herrliches wuchs: Sein umfassender Geist hat alle Früchte gebrochen, Und der forschende Geist drang in die Tiefen der Kunst. So ein Trösus, o Top, an geistigen Gaben der Zweite, Hieltest du deunoch den Hort kargend daheim nicht versteckt; Nehmt, so tönte dein Mund, in wachsender Fülle die Perlen! Und in feuriger Glut haschte die Jugend sie ein. Doch kaum hatte die Hand die emsige Feder ergriffen, Die zu bitterem Schmerz für uns so lange geruht, Als dich neidend verschlang die silberne Woge der Save Und den herrlichsten Geist grausam die Trde verschloß. - 3Y — Mutter Slava, sie weint nun heilige Thränen am Grabe Und mit feuchtendem Äug' treten die Freunde heran. Doch dein Same wird einst zu goldener Frucht sich entfalten, Und der Enkel erst wird reichlichster Ernte sich freu'n. So denn schlummere, kseld! wir schwören mitmännlichem Lide: Als ein schimmernder Stern wird uns dein Name erglüh'n; Und so lange ein Äug' — und selbst des letzten Slovenen — Schaut das blauende Licht, schaut er die Sonne in dir. Wieder waren einige Jahre verrauscht; man zählte das Jahr s8H0. Nach den Beschwerden des Tages wollte Presiren, daß ihm die Sorgen fliehen, Mit guten Freunden volle Becher leeren. Aber auch das blinkende Aelchglas erheiterte ihn nicht. Immer mehr, selbst bei den Freuden des Weines, fühlte er, daß derjenige nicht unglück¬ lich sei, der im Grabe ruhe. 5o hebt er heute mit Thränen im Auge das perlende Weinglas und trinkt zur Minne desjenigen, den sie soeben hinausgetragen haben. Ts ist 5mole, nach Top sein wackerster Freund, der von weiter Reise in sein theures Heimat¬ land zurückgekehrt war, um hier das zu finden, was ihm weder das südländische Meer noch die silbernen Alpen, die Gefilde Galliens noch die teutonischen Wälder zu geben vermocht haben: den ersehnten Frieden im kühlen Grabe. 4« An winsle. Golden lacht der Wein im Becher, Klinget an und trinkt auf ihn, Auf den stillsten aller Zecher Unter Kreuz und Immergrün! Auf so manche, manche Stunden Fließe ihin der Rebe Glut, Freund, du hast es überwunden. Glücklich, der im Grabe ruht! Du warst schön. Die Frauen sahen Gern nach dir voll Geist und 6erz; Wer dir immer mochte nahen, Dem auch heiltest du den Schmerz. Doch die guten, guten Sterne Glühten dir in kurzer Pracht; Blitze leuchteten von ferne Und es wurde plötzlich Nacht. Sic, ach, küßte einen Andern, Sturm an Sturm brach nun herein, Und dn mußtest, Acrmstcr, wandern Aus dem heißgeliebten Kram. Gottes wunderwcite Erde That sich auf vor deinem Blick, Aber fern vom vatcrherde warst du einsam, ohne Glück. Tausende hast du gesehen, Die dem Golds Weihrauch streu'n — Sprich, wo die Altäre stehen, wo der Liebe sie sich wcih'u? 4- Und du kamst so weltverbittert, Gleichend der Sibylle da, Die vor Freude noch gezittert, Als sie Heimaterde sah. Deine wünsche, deine frommen, Lind erfüllt. (!) schönstes Loos! Heimat hat dich ausgenommen Und du schläfst in ihrem Schooß. Schläfst im Lande der Slovenen, Das uns hohe Ahnen gab. Doch für uns — o fließet Thränenl Raum erübriget ein Grab. V, sie ist nicht schwer zu tragen, Deines Hügels braune Last; Nach so ruhelosen Tagen Fandest du willkomm'ne Rast. Und so hebt den gold'nen Becher, Klinget an und trinkt auf ihn, Auf den stillsten aller Zecher Unter Kreuz und Immergrün! trug man Linen um den Anderen hinaus und j)resiren fühlte sich fremd und fremder. Ls war ihm, als gehörte er nimmer herein in dieses alte Lrdenhaus, U)o die Blumen welk geworden Und ein scharfer Wind von Norden Gift'gen Nebel mit sich trägt; U)o des Eises harte Rinde Ueber Bach und Wiesengrllnde wie ein Todtcntnch sich legt. <§s ist Nacht. Ein LVanderer zieht durch die Wüste. Wie sehnt sich der Einsame nach dem Gruß des Mondes, daß er aus Wolken trete und sein blasses Licht auf sandigen Aiesel werfe! Da zerreißt das Gewölks und die Völle des Mondes schwebt hervor. Ein magisches Licht durchzittert die Wüste. Schon will der Wanderer zum Himmel jauchzen, als er hart am Steine, wo sein Haupt gelegen, giftige Schlangen sieht; weiterhin sprühen zwei Löwen¬ augen; in benachbarter Höhle ruht ein Tiger bei seinen Jungen. O, wäre es Nacht um ihn geblieben! Grausamer Mond, der ihm die Schrecken der Wüste erschloß! Der Wanderer ist Presiren, die Wüste sein Leben. Eine ernste Mahnung an die Jugend, die nur zu rasch den Schleier heben möchte, der die Zukunst des Mannes verbirgt, tönt sein — 4Z — Wüstenwandsrer. Ein Wand'rer irrte durch der Wüste Brand. Der Tag verglomm, die Nacht hält ihn umschlungen, Doch eine Wolke hat den Mond bezwungen: „G träufle Licht hernieder auf den Sand!" Und Luna wandelt aus der Molke Rand. Hell wird die Rluft des Tigers mit den Jungen, Ein Löwe ist dort zürnend aufgesprungen, Hier nisten Schlangen an der Felsenwand. So fesselt auch den Jüngling das Verlangen, Hineinzuschauen in den Strom der Welt. Lin Nebel ist darüber noch gegossen; Doch wenn die grauen Schleier rings zerflossen, Sieht er sein Glück im tiefsten Grund zerschellt Und um ihn sind nur Löwen, Tiger, Schlangen. Die Schlangen, ja. Wie das arbeitet und ver¬ borgen die Hände rührt! Man schreitet ahnungslos über Blumen und weiß nicht, woher dis Bisse kommen. Ls ist ein trostloses Bild, das uns der Dichter entrollt, und beleuchtet die vom Weltschmerz zerrissene Seele. Die Sehnsucht j)resiren's nach un¬ abhängigem Brode steigerte sich indeß von Tag zu Tag. Lndlich winkte die Erlösung. Der Dichter wurde Advocat in Arainburg. Drei Jahre vor sei¬ nen! Tode war es, daß er aus Laibach schied und sich aus den Armen der Freunde, des Weibes und der Ainder riß. Sie hatten viel an ihm verloren, und jetzt, da er nicht mehr in ihrer Mitte weilte und kein kerniges Sprüchlein oder ein schlagendes Flugwort von seinen Lippen floß, wurde die allgemeine Alage 44 laut: Gr war denn doch ein ganzer Mann. Das fühlte auch Arainburg, jenes reizende Städtchen am Ufer der Save. Als ich es zum erstenmale sah, wie es im Glanz der Mittagssonne vom Berghange schimmerte, dachte ich wohl, hier müsse gut wohnen sein, ohne zu ahnen, daß der Geist eines Sängers über ihm webte und waltete. — Der Mann, der dort hastigen Schrittes vom Platze kommt; jetzt nimmt er den Gylinder von: Aopfe und grüßt und grüßt, und Uinder umschwärmen ihn: Halt! Da eine Weigel dort! dort! und ein Lächeln sitzt aus der zarten Oberlippe: ja, dieser Mann ist der beste von Arainburg, die gute Stunde selbst, das ist presiren, der Dichter des Weltschmerzes. Wer hätte den inneren Sturm hinter dieser hohen und freundlichen Stirne gesucht! Freilich, wenn das graublitzende Auge sich zu schatten begann und so düster und matt vor sich hinsah, wußte man sofort, der Mann ist krank und des Lebens müde. Sie alle sind so glücklich um ihn und wissen nicht, daß ihm das Dasein ein Aerker ist, aus den: er sich nach Frieden und Freiheit hinübersehnte. Todessehnsucht. Lin grauenvoller Kerker ist das Leben, Der unbarmherzige tsenker ist die Zeit; Ihm ist als Brant das immer junge Leid, Als Wächter ihm die Reue beigegeben. D lichter Tod! wann wirst du dich erheben? Ich bin so müde von dem ewigen Streit. Was säumest du? Ich bin ja gern bereit, In jenes Reich der Ahnungen zu schweben. 45 Mo die Gewalt, die eherne, entschwindet, Mohin der Arm des Feindes nimmer reicht Und keine Fessel meine Seele bindet. Erst in der braunen Erde wird mir leicht; Und wie auch Stürme um den Hügel tosen, Man schläft so ruhig unter weißen Rosen. Auch das Ltündlein kam. Das Jahr s8^8 war vorüber. Es schien, als ob eine neue, bessere Zeit über dis Völker Oesterreichs herausdämmern möchte. Wie sreute sich Presiren, da er die geliebten Klänge seiner Muttersprache vernahm, in welcher er das heimische Lied gedichtet, das „mir nicht zum Frommen Nur Mißgunst mir bereitet, blindes Hassen, vergebt, daß ich, ihm folgend, unternommen, In Worte meinen innern Gram zu fassen, Die ich von meiner Mutter nicht vernommen." Die slovenische Sprache feierte ihr langersehntes Osterfest und presiren's Lieder klangen, wie Jubel- Hymnen einer schöneren Zeit zum Himmel steigend, aus den Lippen des Volkes. Ein gnädiger Gott verhütete, daß der Länger die Tage der Reaction nicht mehr erlebte. Körperliche Leiden traten zu den Leiden der Leele. „Du armes Weib", sprach er zu ihr, als sie weinend an seinem Halse Hieng, „du bist glücklicher als ich. Hast zwei liebe Kinder, und ich —", Es war der letzte Besuch, mit welchem er sein Liebchen in Laibach erfreute. Presiren kehrte nach Krainburg zurück, um es nimmer zu verlassen. Lchwester Katra pflegte den Kranken den bangen 46 Winter auf lchd- Ls wurde schlimmer und schlimmer. Das Wasser drang immer wieder vor, er konnte nicht sitzen und liegen; doch der Humor trat oft, ein tröstender Schalk, an sein Lager. Auch der Geselle blieb aus. „Erlöse mich, o Herr, aus dem Thals der Thräneu!" rief Presiren, und noch ein Tag, eine lange, bange Nacht. „Auf, auf! Ich er¬ sticke!" Da brach der Morgen in das Gemach und beleuchtete ein bleiches, sterbendes Antlitz. Presiren war todt. Man zählte den 8. Februar des Jahres s8d, acht Uhr früh. Schon um zehn Uhr er¬ klangen die Sterbeglocken in Laibach, und hinaus gieng die Runde von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt. In die kleinste Hütte des einsamen Hochgebirges, wie in das vornehme Haus städtischer Patrizier zog Trauer ein. Freilich war der Tod als ein erlösender Genius an ihn herangetreten und kam dem nicht unerwartet, der sich bereits mit dem so düsteren Memento mori reisefertig gemacht hatte. Rasch wie der Mai, der goldene, verblüht Das Leben auch. Stets osten ist das Grab, So manche Freunde senkten wir hinab, Doch sagt kein Buch, wann uns'rc Seele flieht. Und ob wie Rosen auch die Wange glüht, Gb Gold an Gold ein giit'gcr Gott uns gab, Nichts hält den Tod, den strengen, von nns ab, Nicht Tanz und Jubel, noch des Sängers Lied. 47 Drum wer vom Flitter dieser Welt nicht läßt Und wie ein Falter nur nach Blumen streift, Bedenke, daß die Todesernte reift. Wer Morgens sang, der schläft bei Abendroth Im stillen Sarge, und der Engel bläst vom schwarzen Bahrtuch: Denke an den Tod! Samstag, den sO. Februar, trugen sie ihn hinaus. „von Männern ward ein Leichnam hergetragen, Sie lehnten an den Stamm sein ksaupt gelinde, Lin Dichterhaupt! Dem Volke starb sein Seher; Erschüttert trat ich von der Eiche näher." Ja, sie fühlten, daß ihnen ihr Seher gestorben war, und kanten von allen Luden des Landes herbei, jslresiren wurde ein großartiges Leichenfest zutheil. Aopf an Aopf drängte die Menge. Der Dichter war Nationalgardist. Lin Sturmhut wehte vom Sarge. Ihm zur Seite schritten die Studenten der akademischen Laibacher Legion. Die Arainburger Nationalgarde erwies ihm militärische Lhren. Immer tiefer und tiefer sank die Lahre, noch Blumen hinein, von Thränen des Lölkes befeuchtet, und er schläft wohl. Seitdem sind dreißig Jahre hinübergegangen. Lin rother, vierkantiger Marmorstein erhebt sich auf seinem Grabe. Unter goldener Lyra leuchten die Morte: Dir wurde das ersehnte Loos: Du schläfst im heimatlichen Schooß. 48 Die Rückseite schmückt ein goldener Aranz, darunter: Dem im Sange Unsterblichen Seine Verehrer und Freunde. ^8S2. Den, Ruhelosen ist Ruhe geworden. Beschneite Felsen schauen auf ihn, Blumen nicken ihr Haupt, trillernde Lerchen steigen zum Himmel. Rtan weiß es, hier ruht ein Sänger, und mich umflüstern die Worte, die er Dein länger gesungen hat. Wer hebt Die Wolke, die den Geist umschwebt? Ls wacht vom Abend zum Morgen, vom Morgen zur Nacht Der Geier im Herzen, wer bricht seine Macht? Wer streut Den hüllenden Schleier verrauschter Zeit? Wer entrückt uns der Zukunft unnennbares Leid Und der Gegenwart tödtende Einsamkeit? Du wagst Zu dichten, der immer du klagst Und vor Himmel und Hölle im Busen verzagst? Bist du Lin Sänger, so leide ohne Rast, ohne Ruh'I (?)hne Bewegtheit nach außen, voll tiefster innerer Erregung ist so das Leben des Langers an uns vorübergezogen. Hunderte und Hunderte von Menschen, die den ewigen Eoncipienten mit Acten unter dem Arme nach der Aanzlei seines Doctors eilen sahen, giengen mit gleichgiltiger Mene an ihm vorüber. Ein Heller Aopf und ein liederreicher Mund waren ja Alles, was er besaß; bei Gott, viel zu wenig, um etwas zu sein und in der Melt zu be¬ deuten. Aber die Zeiten kamen anders. Der Mensch Aresiren, der um Brod und Liebe rang, ist der Nachwelt entschwunden, der Dichter lebt in ihr fort. Mit trunkenem Auge blicken heutzutage seine Landes¬ genossen zu ihn: empor und sind stolz auf ihn, wie eine Mutter auf ihr liebstes und einziges Aind. Er hat ja für Alle und Jeden geschrieben, den Un- 4 5o gebildeten und Gebildeten, den Dörfler und Städtler, den Priester und Laien. Presiren's Lieder tönen in dumpfer Werkstätte wie auf grünendem Waldkamm, am schnurrenden Spinnrad wie im ständischen Saale. Studenten ziehen aus staubiger Landstraße; was singen sie? presiren. Soldaten marschiren; was singen sie? Presiren. Presiren klingt am fröhlichen Aechertisch, presiren vom hochschwankenden Aehren- wagen, ja selbst der Professor, der, den Latalog in der Tasche, hochwichtig zur Schule wandert — ein blauer Pimmel leuchtet von oben, in den Bänmen dustet's und blüht's — die Miene erheitert sich, halb summend singt er: Presiren. So ist der Sänger das geworden, was von jeher große Dichter gewesen sind: ein Bolkssänger in des Wortes edelster Bedeutung. »Imma sije« mit seiner reizenden Melodie singt dir jeder Slovene, die Aapellen spielen es, ja, schon pfeifen es die Spatzen auf dein Dache. Als ich cs zum erstenmale hörte, war mir wie damals, da ich „Anter der Linde" las, und sofort schrieb ich Unter dein Fenster. Freilich, der Slovene wird bedenklich das Paupt schütteln, wenn er es liest, aber ein Schelm, der mehr gibt, als er hat. Ls ist Nacht. Der Dichter steht unter dem Fenster des Liebchens, durch das der Mond bricht, und singt: 5- Luna leuchtet in die Kammer Und der Kammer Schlägt die Stunde spät und miid; Hcrzcnswuuden, Nie empfunden, Glühen und der Schlaf entflieht. Deine Augen, deine feuchten. Sah ich leuchten Und du hast mir's angetha»; Deine Kälte, G Erwählte, Macht, daß ich nicht schlummern kann, wie es auch dagegen streitet, Ls begleitet Mich dein Antlitz wunderhold; Heißes Sehnen, Herbe Thränen Sind, ach, meiner Liebe Sold. willst du nicht zum Fenster kommen? Nur die frommen Sterne sind es, die uns seh'n: Gb du hassest, Mich umfassest, Soll mir deine Lippe weh'n. Daß mein Hoffen nicht entsinke, Mädchen, winke, wenn zu reden es dir bangt! — Horch! es hämmert, Schweigt und dämmert; — Herz, dn hast zu viel verlangt. Leuchtet, Sterne, auf sie nieder Und dann wieder Sagt mir, ob sie schläft und träumt; 52 Gb sie lausche, Scherze tausche — Gder fremde Lieb' ihr keimt. Hüt' dich Gott! bist du in Schlummer. Süßer Kummer, War dein Lauschen nur ein Scherz! Aur das dritte Gott verhüte, Denn dies bräche mir das Herz! Zwei Jahre vor seinem Tode hatte Presiren seine Gedichte gesammelt und in dein denkwürdigen Jahre s8H8 veröffentlicht. Mir liegen sie in der Ausgabe von Iurcic und Stritar, Laibach, Wagner, s866,vor. Das Titelblatt bringt.Presiren's Bildnis — eine aus den ersten Blick einnehmende, geist- und gemüthvolle Physiognomie — und hierauf folgt eine im warmen Tone der Begeisterung geschriebene ästhetische Würdigung der Gedichte. Die letzteren zerfallen in Lieder, Balladen und Romanzen, ver¬ mischte Gedichte, Ghaselen, Sonette und das Epos: Die Taufe an der Savica. Dies Alles macht uns stutzen. Wir wissen doch, daß Presiren die poetische Sprache erst schaffen mußte, ein Verdienst, das nur der zu würdigen versteht, der sie spricht. s)ch weiß nicht, wie sie vor ihm beschaffen war und welches Rohmaterial er zu bearbeiten hatte, aber man hat mich versichert, daß Presiren geradezu der Sprach¬ gründer seines Volkes geworden sei, der aus den noch rohen und ungefügen Lauten eins Sprache voll feuriger Araft und melodischer Weiche gebildet habe. 53 Die Zunge, läßt ihn Anastasius Grün zu seinem Volke sagen, löst' ich dir mit meinem Liede Zu voltcrn Klängen gleich kristall'ucn Bächen; Ich war ein Schmied, der dir die Pflugschaar schmiede, Der Sprache langverödet Feld zu brechen. Aber mehr als das. Ganz im Geiste der Roman¬ tiker warf sich s^resiren zum Theil mit Hilfe Lop's auf das Studium ausländischer Literatur, versenkte sich in die immer frischen Quellen des elassischen Alterthums, las deutsche und englische, französische, italienische und slavische Dichterwerke und wußte das Alles in sich aufzunchmen und in selbständiger Weise zu verwerthen. Dem: originell ist H>resiren, wo immer er anpackt. Zunächst in den Sonetten. Sie bezeichnen den Höhepunkt seiner Dichtung. In ihnen gibt sich der Dichter selbst. Wie eine Art Beichte zieht sein ganzes Leben an uns vorüber, zuerst „sein literarisches Wirken, dann seine unglück¬ liche Liebe, sein Schmerz, der Spott über den slove- nischen ABT-Arieg, weiters das Zerfallen mit seinem Inneren, dunklere und immer dunklere Bilder und schließlich das düstere Acemento mori". Was in ihnen sofort packt, ist, daß sie einheitlich sind und ist den zwei ersten Quartetten mit einem allgemeinen Bilde anheben, in den Terzetten mit besonderem Gegenbilde harmonisch austönen. Die Bilder selbst sind so eigenartig, man sieht sich in eine neue, selt¬ same Welt versetzt, dabei sind sie von seltener Alar- 54 heit rind Anschaulichkeit, bis in das Einzelnste treffend. Auch die Ghaselen athnien j?resiren's Liebe und preisen sie durch eine Reihe lieblicher Bilder in zierlicher Form. Ohne sich an ein bestimmtes Versmaß zu binden, singt er bald in kürzeren, bald in längeren, jetzt in zehr: oder zwölf, dann wieder in vierzehn oder sechszehn Zeilen, bald mit reichem identischen oder nicht identischen Endreim, allein oder verbunden mit kunstvollem Mittelreim, wozu im zweiten Ghasel noch der reiche identische Ansangs¬ reim in den Zeilen 3, H, 5, ß, sO, ff und f3 tritt, während der liebliche Schluß in Vers f und den folgenden geraden Zeilen bis f2 nut dem identischen Reime »6a jo ljubim« sich in „Musik aus den Lippen des Declamators verwandelt", presiren hat eben gezeigt, daß seine Muttersprache in sich die Araft berge, in Formen zu dichten, deren sich sonst nur die ältesten Eultursprachen ersreuen. Er zieht die Glosse aus bescheidenem Winkel, bändigt den Hexa¬ meter, handhabt das elegische Distichon, bemeistert Octave und Terzine, schüttelt das Sonett aus dem Aermel, schmeichelt in Ghaselen, durchsticht serbische Weise mit spanischem Stimmreim, beschwört das Versmaß der Nibelungen und trifft wieder jenes einfache volksthümliche Liedchen, das sich von selber singt. Dabei gleicht er durchaus der Nachtigall, die nur singt, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, Nichts ist eingelernt und eingeleiert. 55 Musicus. Müssens war aus den wogen Dieser Welt, um Gott zu preisen Mit der Lyra frommen weisen, In den grünen Wald gezogen. Und er spielte und es sangen All die Vöglein in dem Haine von dem frühsten Morgenscheine, Bis die Sternlein aufgegaugen. Doch das Lied der Nachtigallen Und der hundert Waldessänger will dem Musicus, je länger Er ihm lauschet, nicht gefallen. Mit des nächsten Lenzes Sprossen Singt er seine cig'neu Lieder, Und er singt sie oft und wieder Den jnngschnäbligen Genossen. Und der Stieglitz muß sich zwingen Und der Gimpel, Gott zu loben, Und die Amsel läßt er proben, Um den „Augustin" zu singen. Nur die Nachtigall, die süße, wann die weißen Rosen blühen, Singt der Liebe Melodien, wie man kose, wie man küsse. Eremit an Gott sich wendet: „Amsel, Stieglitz, Gimpel haben Ihre Lieder all begraben, Nur die Nachtigall entsendet Immer noch die alten Töne." Laß siel spricht der therr; die weise, Die ihr Gott gab nächtlich leise. Ist die einzig echte, schöne. wer die Seele hat zu singen, 6at auch Töne vielgestaltig, Die ihm strömen vollgewaltig, Bis sie sterbend ihm verklingen. And wie wohlthuend wirkt es ferner, wenn man weiß, der Dichter heuchelt nicht. Hier ist Alles unmittel¬ bare Empfindung, jedes Gedicht eine Art Selbst¬ bekenntnis, im Goethe'schen Sinne ein Gelegenheits¬ gedicht. Das entschädigt für den elegischen Grund¬ ton, der das Ganze durchweht. H>resiren ist eben der slovenische Lenau, und wenn er auch an Liebe leidet und dem Vaterlands zuruft: wie Glut sind meine Thronen, Sie strömen dir, geliebtes Vaterlandl so bilden Liebe und Vaterland doch nur das Gefäß, in dem er den tiefsten Schmerz ausschüttet, die Disso¬ nanz eines erträumten Ideals nut der ihm umge¬ benden Wirklichkeit, so daß er, auch hierin dem Dichter der Haideschenke gleichend, sich mehr und mehr aus diesem irdischen Iammerthale in das Reich ewigen Friedens hinübersehnte. H>resiren hat auch ein Drama geschrieben. Leider wurde der literarische Nachlaß des Dichters von dessen Schwester Aatra auf Wunsch des Beichtvaters 57 Dagarin oder vielleicht Presirsn's selbst dem Feuer überantwortet. Wie es auch sei, sein Ruhm wäre nicht hoher gewachsen, als er es bereits durch seine Lieder, Ghaselen, Sonette und Balladen war. Letztere reihen sich würdig an. Man mag den „Wasser¬ mann", oder „die Nonne und der Aanarienvogel", „Rosamunde", oder „die Wiederbestattung", „Wei¬ bertreue", oder „die Jüdin", man mag was immer für eine aufschlagen, ich habe sämmtliche, die Um¬ bildung der Bürgerischen „Lenore" ausgenommen, durchgelesen und mich an ihnen mehr oder minder ergötzt. Meine Lieblinge sind „die verlassene Mutter" und „des Sängers Herz"; erstere Ballade wegen ihrer ergreifenden Lebenswahrheit, letztere durch die Ligenart der Idee. Die verlassene Mutter. Auch du noch! B, mein Rindlein, sprich: Dein Rommen, war es gut fiir mich, Die, noch so sung, schon Mutter war, Doch ohne Myrte und Altar? Lin Fluch nur war des Vaters tvort, Die Mutter weinte sort und fort, Der Bruder gieng, weun er mich sah, Mit Fingern zeigten sie sogar. Und den ich liebe bis zum Grab, Und der dich, armes Rind, mir gab, Zog in die tvelt und schämte sich Des eig'nen Rindes und fiir mich. 58 O du mein herzig Rindlcin, sprich' Dein Kommen, war cs gut für mich? M laß dich drücken an meine Brust! V unter Thränen, welche Lust! Es öffnet sich der Himmel blau, Menn ich in deine Aeuglein schau', Und wenn du lächelst, was ich litt, Ls ist vorbei, ich lache mit. Und der des Maldes vögelein Ernährt, wird auch dein Vater sein; Und fehltest du, spricht er gelind, So war es ja um solch ein Rind! Des Gängers Herz. Sie kamen mit der Bahre, erschlossen ist das Grab' Mas blicket ihr, o Männer, so todteubleich hinab? Ls ist, als ob die Stimme von ihrer Lippe schwand; Neugierig trat die Menge bis an des Grabes Rand. „Meh uns! Liu todter Jüngling mit blassem Angesicht! von seiner hohen Stirne, wie glänzte es so licht! Doch eine düst'rc Wolke, sie schattet d'rüber hin, Und wie im Zorn die Lippen sich noch zusammenzieh'n. Mer ward zuletzt begraben? Mar es ein heil'ger Manu? An unverwestem Herzen zeigt es die Gottheit an." versteckt in Moos und Blumen sie fanden einen Stein, D'rauf grub man einst die Morte, nun längst zertreten, ein! Ist Dobroslav, der Sänger, der mit so süßem Laut Die Munden seines Herzens dem Volke einst vertraut. Der iu so gold'ucu Liedern von jenem Mädchen sang. Ans dessen stolzen Augen kein Strahl der Liebe drang. 5y Doch als sie de» Kranz der Myrte ihr flochten in das Haar Und sie mit fremdem Jüngling getreten znm Altar, Zersprangen die letzten Saiten, verrauschte das letzte Lied, Sein Auge schwamm in Thräncn, die Wange war verblüht. Er war mit Gott zerfallen, mit sich und mit der Welt, Sie hatte ihm das Leben vergiftet und vergällt; So starb er ohne Beichte und Buße ganz allein — „Dies Herz", so riefen Alle, „kann nicht des Sängers sein I" „Es ist's!" erhob da plötzlich ein greiser Mann das Wort, „Die goldenen Gesänge, sie leben ewig fort; Die in der Brust ihm schliefen so manches bange Jahr, Sie trotzen der Verwesung und blühen immerdar. Unter blauem Dach des Himmels soll es geöffnet sein. Bis dieser Tag entschlummert und Dämm'rung bricht herein; Und wann die gold'ne Sonne den frühen Morgen weckt, Dann laßt uns wieder kommen und lauschen, ob es schlägt! Thauxerle soll es feuchten, Nachtlüftchen cs umweh'» U»d Sonne, Mond und Sterne darauf hcrmederseh'n, Bis jene Liederträume, die sie ihm Angehaucht, Empor zu blauem Himmel, die ewigen, getaucht." Er sprach cs, und sie spalte» das Sängerherz entzwei. Ls lag unter blauem Himmel auf grüner Erde frei; Thaupcrle» sanken nieder, Nachtlüftchen es umweh'n Und Sonne, Mond und Sterne darauf herniederseh'n. Doch als die Morgensonne trat aus der Wolke Saum, Entschwebte» all die Lieder empor zu Aethers Raum, Und wie der Schnee, der bleiche, vor Lenzeshauch zergeht, war auch das Herz des Sängers verschwunden und verweht. In Terzinen nnd Stanzen hat endlich Presiren „die Taufe an der Saviza" geschrieben. Auch sie 6o ist eine Art Selbstbekenntnis und zeigt uns Presiren- Lrtomir, der nach schwerstem Rampfe die Hoffnung auf irdisches Glück begräbt und in dein Gedanken jenseitigen Friedens Ruhe findet. Presiren greift in die graue Vorzeit und schöpft aus Valvasor, an dem er sich schon mit seinem Schüler Anastasius Grün begeistert hatte, den dankbaren Impuls. Seine Phantasie versetzt ihn in jene Zeit, da die heidnischen Slovenen gegen den Gott des Areuzes kämpfen, als dessen siegreicher Vertreter Walhun, der Sohn des Retumar, erscheint. Als ihn: die Feinde die Burg der Ahnen brechen, flieht er von: stillen Wocheiner- see zur Insel der Göttin Ziva auf den: heutigen Veldesersee und findet die Priesterin Bogomila, deren reines Perz noch unberührt von: Strahl der Liebe war. Ziva, die Göttin der Liebe, zwingt ihre Perzen zu einander, und ein Jahr paradiesischen Glückes verrauscht. Da tönen Trompeten, Walhun rückt an, Trtomir entflieht. Schon will er sich, als er nut blutender Alinge an: Wocheinersee steht und in die Tiefen des Wassers schaut, in das Schwert stürzen; da erfaßt ihn die Erinnerung an Bogomila nut gewaltiger Sehnsucht. Noch einmal will er sie und den Ort sehen, der all sein Lieben umfaßt. Auf den: Schifflein, das den: Vogel gleich über die Wellen fliegt, führt ihn ein Schiffer über den See, wo die Saviza mündet und kein Blick des Feindes ihn er¬ reicht. An: Falle des Flusses will er aus treue Runde harren, die ihn: der Fischer von Bogomila bringen soll. Schon donnert der Sturz an sein Ohr, 6i Trtomir ist in tiefstes Linnen verloren, plötzlich erweckt ihn ein leises Gespräch; reich beladene Männer erscheinen, nut ihnen der Fischer und ein fremder Mann in Talar und Stola. Schon greift er zum Schwert, als Bogomila sichtbar wird. Freudejauchzend stürzt Trtomir an ihre Brust; doch die Jungfrau entwindet sich, wählt sich einen Felsstein zum Sitze und verkündet, daß das Bild der Göttin Ziva im Grunde des Sees zerschlagen liege und sie selbst und Vater Staroslav Thristen geworden seien. Sie hat irdischer Liebe entsagt und ist göttliche Braut geworden. So steht sie ein überirdisches Wesen da, indeß die Sonne aus Wolken tritt und der Bogen des Friedens sich über ihrem Haupte wölbt, und bewirkt durch die Gewalt ihrer Worte, daß der Jüngling dem Gotte seiner Väter entsagt und sich taufen läßt. „Stumm sind die Beiden aus dem Kreis getreten, Bis sie zum Falle der Saviza kamen. Der Priester tauft den Jüngling mit Gebeten In Vaters, Sohnes und des Geistes Namen. Und unter Allen, die zum Kimmel flehten. Vor Freude leuchtend spricht die Jungfrau' Amen, Die einst dem falschen Glauben sich ergeben, Der Göttin Ziva widmete ihr Leben." Trtomir aber wurde Priester. „In der Brust entschliefen Die Hoffnungen, die einst sein Herz beklommen; tvo fern ihn die Slovenenbriidcr riefen, b2 Ist ec, des Irrtlnuns Nacht erhellend, kämmen. Zum Vater heim gieng Bogomila segnend. Nie mehr auf Erden Lrtomir begegnend." presiren hat in seiner Taufe dem oberkrainischen Lande ein herrliches Denkmal gesetzt, indem er mit frischen und kräftigen Farben den Veldesersee nebst der schaurig düsteren Wochein und dem Saviza- wasserfalle schildert. Auch die Art und Weise, wie er den nächtlichen Aampf, ferner die erste Begegnung mit Bogomila, diese selbst und endlich die Taufe zur Darstellung bringt, zeigt den begabten Dichter, der insbesonders durch Bilder und Gleichnisse, die er seinen: Homer abgelauscht hat, zu fesseln versteht. j)enn tadelt, daß Trtomir so bald, trotz seines ehernen Tharakters, durch dis schönen Augen Bo- gomila's bekehrt und zum Priester gemacht wird. Vom ästhetischen Standpunkte aus hat er recht; aber wäre dann Trtomir ein Bild des sich fin¬ denden Sängers? Und daß er es sein soll, sagt es nicht so manche Stelle, in der s)resiren's eigenes Wehe zum Ausdruck kommt? Daß in den Wechsel¬ reden zwischen Bogomila, Trtomir und dem Priester zu viele Bibelstellen eingeflochten sind, schadet den: Tpos, begründet jedoch die religiöse Wandelung der Beiden. Alles in Allem, die Taufe verdiente es, daß sie der deutschen Lesewelt durch eine wort¬ getreue und dennoch fließende Übersetzung vor¬ geführt wurde. Ts gebührt dieses Verdienst dein Schriftsteller j)enn, und ich verweise auf dessen Bro- — 6z — schüre, die bei Magner in Laibach erschienen und um den Spottpreis von nur zehn Areuzern zu be¬ ziehen ist. s)ch habe aus diesem Grunde die Taufe bei Seite geschoben und nur als Quelle zu einer epischen Dichtung,,Trtomir" benützt, die ich dankend den Manen presiren's weihe und dem geneigten Leser als bescheidene Daraufgabe biete. (Lertomir. Die Wolken sind, die grauen, fortgezogcn. Und Christus wandelt auf dein Regenbogen. (?) lauscht dem Lied! Ls singt von jenen Tagen, Da sich Malhnn, der Sohn dos Actumar, Für Christus, den Gekreuzigten, geschlagen; Ls singt von dir, o heldenkühne Schaar, Die du, verachtend Ueberwinders Bande, Seit Drohus und Aurelius dich gewehrt — Und wie dein Blut im heimatlichen Lande Geflossen für den väterlichen lherd: Fast könnte aus den dunkclrothen Vucllcn Lin weiter See die Thalflur überschwellen. Nun grünt die Saat so lustig auf dem Felde, Doch ihre wurzeln reichen in den Staub Der Todten, die hier schlummern, und in Bälde Beschattet sie das sommcrgrllnc Laub. Nur Lertomir, der Jüngste noch von Allen, Greift an das Schwert: „Ls gilt das höchste Gut! Für dich, o Ziva, ströme unser Blut! Den Ahnen nach! Laßt die Trompeten schallen!" Ü8 Und immer tiefer flüchtet er hinein, Und immer wilder wird's nnd schauriger: Im Kreis der Felsen, einsam trauriger, Dort liegt das Land der Götter, liegt Wochcin. Von einem hohen, graugezackten Stcm Mit hohlen Augen wie ans dunklen: Grab Sieht die Ruine schauerlich herab: Die Mauern und die Thiirme sind zerfallen; Und wenn das Licht des Mondes darauf weilt Und graue Schatten aus und nieder wallen, Der Wandersmann bekreuzt sich und enteilt. Mit Grausen nennen sie's das kseidenschloß. Doch damals war's ein freundliches Gelaß Und barg, der von den Vätern es besaß, kscld Lcrtomir in seinen: sichern Schooß. Wie cs so trotzig in die Wolken ragte, Und wehe dem, der unbesonnen wagte, Sein Schwert an diesen: Felsenhaupt zu proben! Da bläst das ksorn, der Thurmwart sah von oben Tief in dem Thal Walhun mit seinen Schaarcn, Die ihnen neunfach überlegen waren. Schon stellt er Wachen in die weite Runde Und legt Sturmleitern an die Mauern an, Und in der einsam mitternächtigen Stunde Gräbt man verstohlen unterirdische Bahn. Auch Steine warfen sie, und mancher bohrte Sich donnernd durch die eisenharte Pforte. Gleich Schneegewässcrn, die vom Berge fließen, Wenn Frühling kommt mit seinem warmen ksauch, So auch die rothcn Wunden sich ergießen. Und von dem lscrde stieg der letzte Rauch Zur blauen Luft. G tapfere Genossen, Ruft Lcrtomir, ich darf cs nicht verschweigen, Ein Mond ist nach dein anderen verflossen, Die Sonne will zum Untergang sich neigen, So höret denn! Mer aus der Christen bfand Das Brod erfleht, ich kann es nicht verweigern, Der bfunger wird sich hoch und höher steigern, Dom Grabe winkt der schauerliche Rand. Doch wird ein Morgen dunkclroth ihm leuchten, Und seine Augen, seine thränenfeuchten. Sie sehen auf ein eisenfestes Band. Mir haben es zum Aeußerstcn gebracht. Mollt ihr der Knechtschaft ewig düst're Nacht Einsam vertrauern hinter Eiscngittcrn? Soll euch die Freiheit hell wie Sonnen tagen? Der Donner rollt. Laßt uns die Götter fragen! Sie rufen uns aus rauschenden Gewittern, Die Felsen beben und die Mauern zittern, Es flieht der Feind ins schützende Gezelt. Und wer wie ich, wie Eertomir, ein lhcld, Dcß Mange darf vor keinem Wagnis bleichen, Dort grünt der Wald, wir können ihn erreichen. Mir sind nicht da, zu fristen und zu fröhncn; Dio Welt gehört der Mutter Slava Söhnen, Und Recht und Glauben soll sie uns vererben. Doch wollt ihr ewigen Götter, daß wir sterben, Ich fürchte nicht ein friedlich Rnh'n und Rasten In Grabes Nacht; ich fürchte nur das Eine, Daß über uns die gold'ne Sonne scheine, Indeß die schwersten Ketten uns belasten. Und Alles schwieg, als Eertomir gesprochen; Ihr Auge strahlt in überirdischem Glanz. Mohlan! Ls geht zu waffcnblutigcm Tanz, Es ist kein lhcrz, das ihm die Treu' gebrochen. Die Pforte knarrt. „G väterliche bfallcn, Lebt wohl, lebt wohl! Nun vorwärts in die Nacht! 70 Den Fels hinab! Iver ruft? — Der Feind erwacht! Zum Schwert! Zum Schwert! Mir werden überfallen." — Und Blitz auf Blitz durchkreuzt die Donnerwolkc, Malhun rückt an mit seinem ganzen Volke: Sie wird der Schlaf, so dachte er, bezwingen, Lin Leichtes ist's, den Mall zu überspringen. Und immer enger zieht es sich zusammen. — So kämpst die Löwin um ihr letztes Rind! Die Nacht wird Tag. Die Schwerter sprühen Flammen, Und wie der Bach vom Felsen niederrinnt, Entquillt das Blut, und Blumen, weiß und golden, Sie senken ihre blntigrothen Dolden. Der Kampf verstummt. Nun liegen sie gebettet So blaß und still, der Frcnnd in Feindes Arm. Doch Tertomir? Lin Gott hat ihn gerettet — Sie alle starben aus der Heiden Schwarm, Und siegreich schimmert in der Ukorgensonnc Der Gott des Kreuzes und der Dornenkrone. (D bange Nacht! Mio grüßen wir den Morgen, Der wie ein Jüngling wandelt durch die Mclt! von Wäldern ist die Sonne noch verborgen, Die Nebel fließen und es dampft das Feld. Hervor! Hervor! Mir jauchzen dir entgegen! Der Triglav funkelt von dem ersten Strahl; Schon aber strömt ein gold'ner Sonnenregen Durch Kluft und Spalte in das tiefe Thal. Lin schwarzes Auge, groß und zaubcrxrächtig, Lrwacht der See aus seinem Uiorgcntraum Und sieht empor, wo Felsen vorzeitmächtig Sich rings erheben air des Ufers Saum. 7i Und ruhig ist es, wie im stillsten Grabe, Nur hie und da ein Geier einsam kreischt. — G nenne mir den Jüngling, der am Stabe Dort überlehnt! was ist es, das er heischt? Ist's eine Frage an die grünen Fluten, Rust er die feuchte Göttin aus dem Grund? Held Lertomir? — Er ist's — die Wunden bluten, Ls zittert ihm der todcsbleiche Ulund. „D See", ruft er, „du bist gleich einem Rinde, Das eine Bitte an die Ulutter will, — Ich bin wie du so ruhig und so still — Raum kräuselt sich die Welle in dem winde. Doch wie in deinen ungeschauten Tiefen, So stürmt und streitet es in meiner Brust, Und scheint es auch, daß sie uns längst entschliefen, So sind nur wir der Stürme uns bewußt. Ulan hat die Burg der Väter mir zertrümmert, Es ist das Aergste nicht, was mir gescheh'»; Doch daß der Bruder unter Retten wimmert Und Fremdlinge sich in dem Lande bläh'»: (!) heilige Götter, seid ihr taub geworden? Den Stein muß es erbarmen, wie wir fleh'»! Schon zieht der Sieger ein an allen Grten, Und wenn ihr schweigt, wir müssen untergeh'n." Der Jüngling sprach's. Da blitzt in hellstem Feuer Der Triglav auf; ein heiliger Sturmwind rauschte, Held Lertomir in tiefster Andacht lauschte, Und seine Seele wurde frei und freier. Von einer Linde bricht er weiße Blüten Und jauchzt, als hätte Liebchen sie beschert; Und wo sich Rosen und Blauveilchen bieten. Als duftig Rränzlein flicht er sie um's Schwert. 72 Ein Liedchen noch, ein liebendes, gesungen, Bald jnbclnd, bald von namenlosem weh' M lebe wohl, du dunkeläugiger Ece! bind mit dem Liede ist er sortgesxrungen. Du aber, Leser, mußt zum Stabe greifen bind mit mir wandern über Berg und Thal! was hältst du still? „B laß mein Ange schweife»! Lsier blumige wiesen und dort ernst und kahl Die alten Berge seit der Vorzeit Dämmern, löörst du den Specht, den immer lustigen, hämmern? ilnd Kukuk ruft uns wohl schon hundertmal," Ich höre ihn; doch laß uns vorwärts eilen! Das ist Saviza, die im Thale strömt. Ich glaube dir's, so Manchen überkömmt Gewaltige Sehnsucht, ewig hier zu weileu. Doch sichst du auf dem Felsenhauxt, dem steilen, Wie jenes Schlößlein in die Wolken ragt, lind an dem Fuß, blauschillernd wie Smaragd, Der See bespült das lachendste Gelände; Sichst du von ferne jene Felsenwände Des heiligen Triglav mit dem schneeigen bsaupt? Ich sage dir, so Mancher hat geglaubt, Daß mitten er im Paradiese stände. Doch nicht nach trotzigen Bergen sollst du schauen Und wie sich lhügel dort an lhüge! reiht, von Wäldern und von wiesen überstreut, bucht nach dem lsimmcl, nach dem dunkelblauen — Laß uns den Kahn nach jener Insel leiten! Dio Glocke ruft, die Silbcrtöne gleiten, Allmächtige Sehnsucht faßt den Wandersmann: Gegrüßt seist du, Maria! hebt er an. Es sind so harte Stürme, die ihn trafen; Mit wünschen kommt er, die im kserzen schlafen, Und will Mariens wunderglöcklein zieh'»; Ls wimmelt stets von wundergläubigem Volke. Doch sich, wie immer schwärzer jene Wolke — 7.l — Vom Triglav wandelt! Grane Schatten flieh'«; Die Sonne stirbt; das Masscr wird lebendig Und an den Mellen flattern schon behendig Angstvolle Ulöven nach dem ruhigen Nest. Sic fürchten ihn. Der alte Triglav läßt Den Donner los und wirft vom hohen Sitze, Dem mitternächtigen, die rothen Blitze, Und Mald und Fels im Feuerscheine lohen: Ls sind die alten Götter, welche drohen, verstumme, Glöcklein! Immer schwerer rollen Die Donner an, als ob mit dumpfem Grollen Der Zeit sie dächten, da ans Seees Fluten Sich jener lichte Tempel einst erhob Und Ulorgensonnc ihre ersten Gluten Der Göttin Ziva um die Stirne wob. Doch der so hell für Liebende geschimmert Ulit weißen Säulen aus dem dunklen Grün, Der ist nun längst zerfallen und zertrümmert, Ls wankt das Gras, das hohe, d'rüber hin. Doch hört man oft in Nächten, einsam düster, vom Strande her ein wundersam Geflüster von Jünglingen und Jungfrau'«, welche kamen Und ihr mit erstem wonnevollen Laut Das liebende Geheimnis anvertraut, Die Göttin rufend bei dem süßen Namen. Und gleich, als ob sie unsichtbar ihn triebe, So zieht es auch den kühnen Lertomir Der Insel zu; es ruft: Du findest hier Ein neues Leben in der — ersten Liebe. E^ast du schon oft in thränenvoller Stunde Emporgesehen in die dunkle Nacht? von jenen Sternen willst du frohe Kunde Und sehnest dich nach ihrer gold'uen Pracht. 74 Doch Wolken wandeln an dem grauen Bogen, Die Blumen zittern unter Sturm und Frost, Und was dein Auge so emporgezogen, vergebens sucht und findet es den Trost. Da spalten sich die Wolken und am Saume Ls sunkelt wie ein silberheller Kranz. Der Mond tritt vor mit seinem feuchten Glanz, Und du erwachest wie aus bösem Traume. So schwebte Bogumila aus dem Dunkel Des Tempels in den schattig grünen Hain. Es leuchtete so unschuldvoll und rein Aus ihrer Augen lieblichem Gesunkel. Vom Haupte floß ein silberweißer Schleier, Mit Rosen und mit Lilien bekränzt; Hoch in der Rechten hielt sie eine Leyer, Von deren gold'nen Saiten es erglänzt. Von Iungfran'n und von Jünglingen umgeben Sie schreitet vorwärts an des Seees Rand, Um über Alle ihre weiße Hand, Bevor sie heimwärts auf den Fluten schweben, Wie zum Gebete segnend zu erheben: „Lrhab'ne Göttin auf der Liebe Schwingen, Du neigest uns dein immer gnädig Bhr, In frommer Andacht blicken sie empor, Lin Mpfer dir, ein liebendes, zu bringen. Wer zu dir kam in der geweihten Stunde, Du heiltest ihm die schmerzlich süße Wunde — Nimm seinen Dank, er ist so still und stumm; Die Jungfrau, die dein Auge hat getroffen, Sie kam zu dir und kehrt mit neuem Hoffen Verklärten Blickes aus dem Heiligthum. In euren Herzen soll es blüh'n und sprossen I" Der Segen war den Lippen kaum entflossen, 75 Als wie aus einem Munde Alle rufen: Heil dir, o Ziva! Bogumila Heil! Dock einsam kehrt sie zu des Tempels stufen, Sich an die Säule lehnend: „G wie steil Und dornenvoll, o Göttin, ist mein Pfad. Dom Frühling gleich mit seinem Blütcnregon Hast du für sie so überreichen Segen Und lohnest jedem, der um Liebe bat. Sie weihen dir den reinsten aller Triebe; Nur die als fromme Priesterin dir dient, Muß sehen, wie cs herrlich um sie grünt, Und ist allein — verlassen — ohne Liebel Das Wort verklang, und eine Thräne zittert In Bogumila's Äug'. Ihr ist so weh, Und gleich dem Vogel, welcher eingegittert, Sie möchte fliegen über Thal und See. Der Abend kam. Die Sonne war hinunter, Um Berg und Hügel lag ein gold'nor Duft; Die Wollen lispeln und die Lerche ruft, Im Laub der Linde ist es noch so munter. Und tief und tiefer senken sich die Schatten Und immer leiser tönet der Gesang, Bis er verstummt: „Wie ist mir doch so bang! Schlaft wohl, ihr Berge, und ihr grünen Matten, Schlaft wohl! Schlaft wohl!" Und Bogumila wendet Sich nach dein Thurm. Ls war so still geworden, Die Sterne ziehen auf in stummer Pracht; Ls war so eine weihevolle Bacht, Geschlossen sind des Tempels heilige Pforten. 7» „Was ist es? Nein! Doch horch! vielleicht entsendet Mir eine ferne Welle ihren Gruß?" Die Priesterin enteilt mit flüchtigem Fuß Hin, wo der See in grüner Bnchtung endet. Die lauschigste ist sie von allen Stellen. Schon aber schwankt aus dunkelgrauen Wellen Ein Schifflein an und Lertomir, der kühne, Setzt an das Ufer mit gewaltigem Sprung. Als ob die Göttin Ziva ihm erschiene. Bebt er zurück. Sie ist so schön, so jung — Und von dem blauen Himmel gleitet golden Lin Sternlein nieder auf das Haupt der Holden. Lrst Bogumila bricht das tiefe Schweigen. Indem die Augen sich zur Lrdc neigen Und purpurn sich die Wangen überzieh'n, Heißt sie den fremden Wanderer willkommen. So sieht man oft die Maienrose blüh'», Die Fessel ist, die grüne, ihr genommen, Dem Licht der Sonne strebt sie freudig zu: G Lertomir, was horchst und staunest du? Ls schließen sich die tiefgcschlag'nen Wunden, In Bogumila hast du dich gefunden. Doch mir verzeihet, wenn ich vorwärts eile. Die Liebenden sind ja so gern allein, Wenn sie im heiligen, dichtbelaubten Hain Verträumen ihre unbelanschten Stunden. Mich ruft Walhun, der eine kurze Weile Vom User hält auf blumigem Gesild. Graubärtige Aricger, die mit Schwert und Schild Bewaffnet sind, und goldgelockte Jungen Umdrängen ihn; dazwischen ernste Greise Mit kahlem Haupt und wallendem Talar, Die in so fremder, feierlicher Weise le veuw singen vor dem Feldaltar. 77 Die Kerzen glüh'n, der Weihrauch wird geschwungen, Mitunter auch ein Kriegerlied gesungen, Trompete tönt, es rüstet sich die Schaar. — Indessen war das überselige paar Umschlungen in der sommergrünen Laube. Still war der See, es flüsterte kein wind, Als Bogumila brach das tiefe Schweigen: „G laß, begann sie, von des Tempels Stufen Uns, Lertomir, den lieben Vater rufen, Daß er uns segne zu dem ewigen Bunde!" Kaum war das Wort entflossen ihrem Munde, Als Staroslav schon in die Laube trat Und lächelnd sprach: „Mas deine Lippe bat, Ls sei gewährt! Ich falte meine Uände. Du bist mein liebstes und mein einziges Kind, Und ich bin alt und müde, ja ich glaube, Du wirst mich bald zur ewigen Ruhe legen. Du aber brauchest Schutz in diesen Tagen, Wo rings die Stürme an die Insel schlagen, Und da nun Lertomir, den du erwählt, Aus edlem Stamme und ein tapf'rer kseld. So nehmt, bevor ich sterbe, meinen Segen Und liebet euch, o Kinder, ohne Ende!" Der Segen war, des Vaters, kaum gesprochen, Da klinget schon der schauerliche Lhor Der fremden Priester; ferne Waffen klirren, Und gleich wie Vöglein vor Gewitters Sturm In banger Flucht von Ast zu Aste irren, Entflöchtet Bogumila nach dem Thurm, G rette dich! ruft sie in höchstem Bangen, lfeld Lertomir besteigt den flüchtigen Kahn, verworr'no Stimmen an die Insel drangen, Sie stürmen an den Tempel schon heran. Und Schlag auf Schlag. Die morschen Säulen wanken 5** 78 Und stürzen nut den dichtverschlung'nen Ranken, vom Feuer ist das Götterbild umweht; Man jauchzt und singt, denn auf des Tempels Trümmern Soll ja ein Airchlein für Maria schimmern, Wie es noch heute auf der Insel steht. Aas rauscht wie Donner! Muthig ausgeschritten! Die stolze Tanne hindert meinen Weg. Li was, Gesell! Man wird dich doch nicht bitten! Die braune Wurzel ringelt sich zum Steg. Den grünbemosten Felsen nun erklettert! G Himmelsauge, das hier niederblaut, Und dieses hohe, üppige Farrenkraut, Wie es sich schmeichelnd um die Aniee blättert! Ü) Waldesluft, die kräftige Harze würzen, Man könnte dich nur so hinunterstürzen — Ls ist ein Trunk, herzstärkend wie kein zweiter; Und jetzt empor auf steiler Felsenleiter, Ls wandelt immer näher schon der Schall; Durch dieses Thor von Birken noch und Lrlen, Das glitzert wie von silberweißeir perlen: Ich grüße dich, Savizawasserfall! Der Felsen wankt, die stärksten Tannen zittern, Und donnerd wie in Sommcrnachtgcwittcrn Hinunter braust der mächtige Wogenschwall; Gewaltige Geister singen in der Tiefe, Und wehe dem, der hoch vom Felsenriffe Hinabsxäht, nm die Götter zu erlauschen: Ls greifen ihn die leichterzürnten Wogen, Und wie ein Blitz wird er hinabgezogen, Wo uralt ewige Gewässer rauschen. Auf ihnen ruht beständig eine Wolke Aus weißem Schaum, und schon seit grauer Zeit Sind sie von dem so ahnungsreichen Volke Den Unsichtbargewaltigen geweiht. 7Y Doch welch' ein Zorn, mit dem die Fluten prallen, Und wie ein Wehklagens schäumt es empor, Da aus dem Wald ein feierlicher Chor Von Priestern kommt und heilige Fahnen wallen. Beim Sturze der Saviza wird gehalten; Kznie eleison tönt aus tausend Stimmen, Dann jubelt es von lfallclujahymnen, Und Alles schaut voll Ehrfurcht auf den alten, Graubärtigen Priester, dem die Priesterin Der Göttin Ziva an der Seite wandelt. Sie ist es, Bogu mila, eine Blume, So blaß und welk, seit an dem lfeiligthume Der Göttin, ach, mit frevelhaftem Sinn Die Priester und die Krieger so gehandelt. Mit Staroslav war sie zum heiligen Thnrine Emporgestüchtet, als im wilden Sturme Lin Pfeil getroffen ihres Vaters kfauxt. Der Litern und des Liebenden beraubt, War sie an Vaters Leiche hingesunken Und richtete ihr unschuldvolles ksaupt Zum Feinde, der vom Siegesjubel trunken. V heiliger Schmerz! Die rauhen Krieger weichen Von ihr zurück; nur jener greise Priester Naht liebevoll der Priesterin, der bleichen: „Warum so ernst, o Jungfrau, und so düster? Ich schwöre dir bei diesem Kreuzeszeichen: Die du uns siehst, wir alle sind Geschwister Und Kinder eines Vaters, und auch du — Zur gold'nen Blüte reift der gold'ne Samen — In Christus' und Marien's heiligstem Namen Wir jauchzen dir, der neuen Schwester, zu." Wie Balsam stossen seine milden Worte; Aus diesem Ange traf ein bsimmclsstrahl. Doch Bognmila, der mit einommal Die Blume ihrer Freuden, ach, verdorrte. 8o Noch wandte sie in namenlosem Wehe Ihr Ange von des Priesters heiliger Nähe. Erst als der Vater in dem kühlen Grunde Der Erde lag und ihres Landes Feind, Der Priester, wie ein väterlicher Freund Den süßen Trost des Glaubens ihr erschlossen. Da sühlte sie ein neues Loben sprossen Und beugte sich dem fremden Ehristcnvolke. Und ob die Felsen auch aus hoher Molke Mie finster drohend auf sie niederschauen — Sie sah nur mehr den Kimmel ewig blauen Und in ihm Gott im Glanz der reinsten Sonne Und fühlte eine nie empfund'ne Monne. Dem Kinde gleich, wann es die bfände faltet Und Vater unser spricht in erster Stunde, Lauscht Bogumila auf, und es gestaltet Sich immer rein und reiner jene Kunde. Und endlich kam der ahnungsvolle Morgen, Da wie ein jubelnd überirdischer Klang Das Wort des greisen Priesters an sie drang, Sie lösend von der Erde bangen Sorgen: „G Bogumila, du bist rein und fromm! So folge denn, daß meine bfaud dich führe Zur heiligen (puelle und des Wassers Strom Die unschuldvolle Stirne dir berühre!" Der Priester sprach's. Das erste Glöcklein läutet Vom Thurm Mariens. Allo vögloin schweigen, Die lhäupter sich in tiefster Andacht neigen, Es lauscht der See, der Gruß des Engels gleitet Auf seiner Flut. Doch Bogumila spricht: „Nicht heute, Vater! Wenn der erste Strahl Der morgigen Sonne aus der Wolke bricht, Beströme mich der Tuell! Doch frage nicht, Daß ich dich bitte unter warmen Thränen, Ls zieht mich ein so ahnungssüßes Sehnen Zur Taufe an Saviza's Wasserfall. 8i Wie blaß und schön! In silbernem Gewände! Die braunen Locken ringeln sich herab Und eine Blume von des Vaters Grab Durchsticht das Haar. Sie tritt zu Wassers Rande, Hoch über ihr Saviza stäubt und wettert; Doch wo die Tanne ast- und zweigzerschmettert Hinübcrragt und auf und nieder schwankt — Wie um die Rinde sich der Lpheu rankt, So hat sich Lertomir, der ruhelose, Dort angcklammert an den luftigen Stamm Und lauscht und lauscht, da aus des Waldes Schooße Die süßeste der Stimmen zu ihm kam. Halt an dich, Herz! du hast so viel gelitten. In deines Lebens sternenlose Nacht Hat nur ein Licht, ein sanftes, dir gelacht; Doch hast du nicht den letzten Kampf gestritten. Wenn dieses stirbt — Die Psalmen sind verklungen, Ls weht der Athem Gottes durch den Hain: „G Lertomir, ich liebte dich allein, In stillen Nächten hab' ich oft gerungen. Da hat der Gott der Liebe mich bezwungen. Und Lhristus kam so himmlisch und so rein; V Lertomir, ich liebte dich allein! Auch dieser Traum, der gold'ne, ist verklungen. Du bist gewandelt durch des Tempels Pforten, Zum Segen hob der Vater seine Hand; Gebrochen ist der Liebesgöttin Band, Wie um uns jene Blumen auch verdorrten. Ich bin die Braut des Göttlichen geworden Und trete an des Wassers hohen Rand; G Priester, hebe segnend deine Hand, Daß sie es künden einst an allen Grten!" Und mit dem Strahl, dem ewigen und reinen, Beströmt der Priester, als die Jungfrau schweigt, s 82 Das blasse ksaupt, das sich zur Tuelle neigt: „Ich taufe dich im Namen des Dreieinen. Als Bogumila kamst du an die Welle Und als Maria kehrst du ans der Flut; Ich segne dich —" Da dringt von höchster Stelle Lin wilder Schrei und zweier Augen Glut Flammt wie ein Blitz auf Bogumila nieder: So schreit der Adler, dem man seine Brut vom lhorste nahm; er schüttelt sein Gefieder Und rast und tobt. Auch von des Triglav's Krone Zieht es herauf. Im zürnenden Gewitter Die Götter sprechen von dem alten Throne. „M schweigtI" ruft Lertomir im tiefsten bsohue, „Ihr habt mich nur belogen und betrogen Und Alles ist ein Flimmer nur und Flitter. Sie haben von dem väterlichen Lserde Als Flüchtling in die Wildnis mich gestellt, Ich war allein auf dieser weiten Welt, Allein mit meinem Schilde nur und Schwerte. Nur Lines war mir Aermsten noch geblieben: Ich durfte ja noch glauben und noch lieben! Doch nun bin ich in's Innerste getroffen An Glauben und an Lieben und an Hoffen. Ich fluche euch!" — Das Wort starb auf den Lippen, Lin Blitz nur war es und ein Donncrschlag. In Feuer stand er auf den Felsenklippen, Tief unten winkt das schauerliche Grab. Schon zischelten die Geister in den wogen Und riefen ihn so zauberisch hinab — Lin Sprung — ein Sturz! — Ls wurde wieder Tag — Die Wolken sind, die grauen, fortgezogen Und Lhristus wandelt auf dem Regenbogen. Jin meiner Heimat hoch oben an Berges Lehne liegt der stillste Garten. Auf tausenden buntfarbiger Blumenkelche wiegt sich der Schmetterling und summen die Bienen. Bon Nordosten winken die Doppel- thürme des Münsters und senden traulichen Abend¬ gruß, tief unten im Thals die üppige Hofwiese, von Bergen umsäumt, fernhin im Süden die silbernen Alpenkronen. Ts ist Herbstabend. Ich öffne das Gitter und schreite dis Stiege hinab, zwischen blühenden Gräbern den Aiesweg entlang der Aapelle zu. Nun rechts eingebogen, und ich stehe vor dem Heiligsten, was ich auf Trden habe, dem Grabe der Mutter. Vor einigen Monaten hatte man sie hinabgelassen und bald darauf die gute Schwester. „Der guten Mutter!" kündet der rothe Marmorstein, und Blumen und Blätter über- 84 neigen das Haupt des Engels, der die Hände faltet und kindlich rührend nach oben blickt. „Der guten Mutter!" Ja, ja. Das wäre ein hartes Scheiden gewesen, so weit in die Fremde, und du hättest ein über das andere mal das Haupt gewiegt, wie du immer thatest, wenn dir etwas quer durch den Willen fuhr. Nun schläfst du gut und meine Stimme reicht nicht hinab. Leb' wohl! Leb' wohl! — Mit frühestem Morgen gieng es fort. Es war neblig und kalt. Aber immer höher stiegen die Nebel empor und bei klarstein Sonnenscheine gieng es in die Berge durch die grünende Steiermark. Neber Aärnten lag die Dämmerung, Arain barg sich in tiefe Nacht. Ich war in Laibach. Ein Morgen kam ohne Nebel und Wolken. Ich stieg sofort auf den Schloßberg und war entzückt. Den waldgrünen Berg, der isoliert aus der Ebene steigt, fast auf allen Seiten umfangend und sich hart an seine Brust schmiegend liegt Lju¬ bljana, das liebliche Laibach. Von einem keuschen Mauergürtel umschlossen entzieht sie sich säst ganz dem lüsternen Auge des Reisenden, der vom Bahn¬ hof nach Süden fährt und nur einigermaßen an dem freundlichen Wissengrunde Entschädigung findet, der, von dichtbelaubten Aastanienalleen mit hoch sich verzweigendem gothischen Blätterdache durchkreuzt, vom Nordende der Stadt bis hart an den Siska- berg zieht, an dessen Fuß das lauschige Tivoli lagert. Vom Norden blicken die Alpen, vom Triglav an, der so selten aus wolkigem Mantel taucht, bis zum zuckerhutförmigen schneeigen Grintouz in den Herr- 85 lichen Steineralpen, cin pittoresker Felsengürtel, dem sich am Nordsauin dcr Gbene, isoliert aufragend, der doppelgipflige Kahlenberg vorgestellt hat, mit weithin schimmernder Kirche auf der rechten waldgrünen Kuppel. Und so weit du schaust, eine lachende Gbene! Und wer kann all die Kirchen und Thürme zählen, die wie Sternlein aus dunklen: Aether bald da, bald dort in wechselnden Farbentönen dem Auge entgegentreten! Nun wende den Blick nach Süden! Da träumt das Haibacher Bloor mit dem gelichteten Stadtwald, rings am Horizont malerisch gruppierte Hügel und Berge, streng nach Süden der verläßlichste Wettermann, der lohnende Krimberg. Gs liegt über dem Allen ein ganz eigener melancholischer hauch und man könnte auf der höhe des Schloßbergs, je nachdem man sich wendet, bald das Uhlandische „des Knaben Berglied" singen und in dis Weite jodeln, oder wieder ein Lenauisches Stimmungsbild declamieren, wenn nicht die grauehrwürdige Veste mit dein würfelförmigen hochwartthurme „das Lied des Gefangenen" auf deine Lippen bannte. Leider blieb es nicht so. Die Nebel kamen und durch Wochen und Monate war es feucht und grau. Die Sonne lernt man lieben,' wenn mail sie nicht hat. Das ist eine Gottesstunde, wenn sie eine Wolke be¬ zwingt und flüchtigen Gruß entsendet. 5o war es auch, als ich an einem späten Oktobertage gegen Rosenbach den Waldpfad hinanschritt. Was tönt an das Ohr? Fremde Laute in packender Melodie. Gin bildhübseber Slovenenjunge sprang aus dem 86 Buschwerk, und luna sise zitterte noch lange in wir fort. Im na sh e. Von wem? fragteichspäter. „Von Presiren, dem slovenischen Schiller." Ls klang wie Spott. Mir aber saß presiren im Aopfe und ich bekam ihn nicht wieder hinaus. Nur einmal ward er verdrängt, als ich nach Triest fuhr. Ich habe schon einmal meinen Landsleuten die Eindrücke ge¬ schildert, welche das alte Tergeste und die uralte Adria auf mich gemacht haben. Ich habe ihnen geschildert, wie ich hoch oben am Obelisken stand, vor mir das unendliche, vielersehnte und heißerträumte Meer. And als ich nach Miramare fuhr und die wogenumrauschte Zauberburg sah, da eben die Sonne blutend hinuntersank und der bleichwangige Voll¬ mond gestiegen kam, als daselbst Alles schwieg und nur der Meergott schwermüthige Weisen sang, da kehrte ich wie betäubt von all dem Schönen und Großartigen zurück, und trotz des Winters, der Schnee und Eis über die Erde warf, regte es sich in meiner Brust wie in erwachender Maienzeit, und mitten in den Liederfrühling hinein fiel auch Pre- siren. freilich verdanke ich dies zunächst der freund¬ lichen Güte des Tollegen Levee und der Fräulein Bohinec, Schusterschitz und Aobilca, welche mir ihren Dichter in deutscher Prosa Wiedergaben. Ich las und las, nahm' dessen Gedankenwelt in mich auf, ersann mir ein neues Aleid und so zu sagen einen neuen, deutschen Presiren. So geben sich meine presirenklänge durchaus nicht als Presirenübersetzungen, und es wäre weit 87 gefehlt, mit schulmeisterlicher Aengstlichkeit Original¬ text und Alänge gegenüberzustellen und immer und immer wieder auszurufen: Ja, das sagt nicht st>re- siren, oder: das hat er anders gesagt, oder: wo ist das, was er gesagt hat? Hier steht: „Allein Herz ist zu einem Garten und Acker geworden", und der erlaubt sich, den Acker wegzulassen, und spricht von einer verdorrten Liebe, von der jIresiren nicht spricht. jIresiren läßt sich eben nicht über¬ setzen, es sei denn, daß man den deutschen Sprach- genius an fremde Aetten schmiede. Dies fühlte ich auch bei der „Taufe an der Saviza". Mich noch im ersteren Theils meines „Tertomir" mehr oder minder an das Original haltend, bin ich all¬ mählich von ihm abgewichen und habe mir ein¬ zelne Aenderungen des mir höchst unsympathischen Stoßes erlaubt, im Uebrigen bestrebt, den sprung¬ haften Tharakter der Originaldichtung wo möglich beizubehalten. And so scheide ich denn, indem ich noch zum Schlüsse den genannten Förderern meiner Arbeit herzlich danke, das Ganze jedoch mit einigen schlichten Versen austönen lasse, die sich unwillkürlich auf die Lippe drängten und um freundliche Aufnahme baten. Im Sommer war's. Mit schmeichelnder Geberde Der Morgen zu dem Fenster sah herein, Der Lstmmel war so wolkenlos und rein, Im Schmuck der Blumen lächelte die Erde. 88 Schon wartete der reisige Gefährte, Und in die hohen Berge gieng's hinein; Doch zog es mich so einzig und allein Bach meines Sängers heimatlichem Herde. Wie traulich sah aus sommergriinen Bäumen Das schlichte Haus den fremden wand'rer an! Zum Markuskirchlein schritten wir hinan Und ruhten lange wie in tiefen Träumen. Mir aber war, als ob an dieser Stätte Der Geist des Sängers mich umfliistert hätte. Tin Fremdling war ich in dies Land gekommen Und fühlte mich so einsam und verwaist. Ls wurde Herd und Heimat mir genommen. Der Frühling meines Lebens war vereist; Und seit die liebsten Blumen mir verdorrten, wohin es gicng, cs mar mir gleich geworden. Da war es mir, ich hörte tief im Grunde Des fremden Waldes ein geheimes Rauschen; Ich mußte oft und immer wieder lauschen, Und »lurm sije« klang's aus fremdem Munde. Noch blutete die aufgerisf'ne Wunde, Doch mochte ich nut keinem König tauschen, Ich mußte oft und immer wieder lauschen: Ls war die erste weihevolle Stunde. - 8y - Ich horchte noch dem lieblichen Verklingen, Da plötzlich sprang ein Jüngling aus dem Wald, Ls war so eine blühende Gestalt, Daß staunend meine Angen an ihr hiengon. Ich hätte ihn so gern, noch eins zn singen. Gebeten, doch die Tritte sind verhallt, Hinunter war die Sonne schon gewallt, Ls kam die Nacht nut ihren feuchten Schwingen. Doch haben edle Freunde sich gefunden Und lehrten mich den Dichter Wort für Wort; Und was ich lauschend ihnen nachempfunden Und hciingebracht als einen gold'nen Hort, Das habe ich gesammelt und gesichtet Und für mein liebes Heimatland gedichtet. (!) Heimatland, ich kann dich nicht vergessen! Und wenn ich oft auf grüner Höhe steh' Und blicke nach den fernen Silberkronen, Lrfaßt mich ein so unsagbares Weh': Dort drüben ist's, wo meine Lieben wohnen, G Heimatland, ich kann dich nicht vergessen! 9« Lin Fremdling bin ich hier auf fremder Erde, Und nun auch du, mein Sänger, bist gesungen Und deine letzte Saite hat verklungen. Ich glaube kaum, daß ich noch heimisch werde, Und hoffe, daß mein liebender Gefährte, Der holde Ulai, kommt er in's Land gesprungen, Für manches Lied, das ich ihm aufgedrnngen, Mich mitnimmt nach dem heimatlichen lferde. S8S36S16131