mmmm SSšill ?.*.,v*^r>Rv Cu»,, .'-:n5* -;. '.vij-;• iSA* «Ct * <*v i' ^ *x J>*H-•• -;ZCŠ. !y*W ’»* .-> * rrS£fs. 4 ' »v*., . ^ .. ' *'’*\' 'i' ^ § - . ^ g *ff|B H v **&-**■£. h?. y~Hf~ 4 ':-Vr'SVs5Kp?š?' 'ur x-£- zi&feH&m* K I Sfg ‘ i '. **»§ lipi '-«/> ..JlSiapiiiglsa sm^v-fffS^šSSSMsmMsiSt M - ; . i ■ j Die Litteraturen des Ostens in Einzeldarstellungen. Bearbeitet VOD Dr. G. Alexici, Budapest; Prof. D. A. Bertholet, Basel; Prof. Dr. C. Brockel- mann, Konigsberg; Prof. Dr. A. Brtickner, Berlin; Prof. D. K. Budde, Marburg; Dr. K. Dieterich, Leipzig; Privatdozent Dr. F. N. Finck, Berlin; Prof. Dr. K. Florenz, Tokyo; Prof. Dr. W. Grube, Berlin; Prof. Dr. P. Hom, Strafiburg; Privatdozent Dr. J. Jakubec, Prag; Dr. I. Kont, Pariš; Privat¬ dozent Dr. Johs. Leipoldt, Halle; Prof. Dr. Enno Littmann, Strafiburg i. E.; Prof. Dr. M. Murko, Graz; Privatdozent Dr. A. Novdk, Prag; Prof. Dr. M. Winternitz, Prag. Funfter Band: Zweite Abteilung: Geschichte der alteren siidslawischen Litteraturen. Von Dr. M. Murko, o. Professor an der Universitat Graz. Leipzig, C. F. Amelangs Verlag. 1908 . Geschiehte der alteren sudslawischen Litteraturen. Dr. M. Murko, o. Professor an der Universitat Oraz. Leipzig, C. F. Amelangs Verlag. 1908 , 54300 Alle Rechte vorbehalten. Oho 0013'*% 54300 Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel & Co. in Altenburg. Vorwort. Fur meine Gesamtdarstellung der sudslawischen Litteraturen war zuerst die Bezeichnung Geschichte der sudslawischen Litteratur in Aussicht genommen, unter welchem Titel bereits Paul Jos. ŠafaHks bis 1830 reichende Litteraturgeschichte der Slowenen, Kroaten und Serben aus dessen Nachlals von Josef Jireček (Prag 1864) herausgegeben worden ist. Ich entschlols mich jedoch zu einer entsprechenden Anderung, um die faktischen Verhaltnisse besser zum Ausdruck zu bringen, da wir heute Slovrenen, Kroaten, Serben und Bulgaren als. ausgesprochene nationale Individualitaten im slawischen Stiden vorfinden. Der Charakter dieses aus verschiedenen Griinden besonders schwierigen Werkes blieb jedoch derselbe; ich unternahm es in dieser von den bisherigen Darstellungen ganz abweichenden Form nicht etwa deshalb, weil es der Verleger fur zvveckmafsig hielt, diese noch wenig ins Gewicht fallenden Litteraturen in einem Halb- band zusammenzufassen, oder gewissen Theorien zuliebe, die gerade in jiingster Zeit wieder aufleben. Vielmehr ist es meine feste Uberzeugung, dafs die Litteratur der siidslawischen Volker wirklich im Zusammenhang, nicht etwa in Paralleldarstellungen, behandelt werden kan n und soli. Die Wirksamkeit der Slawenapostel Cyrill und Method be- rtihrte in der Tat alle Siidslawen, und die von ihnen begriindete Litteratur erfuhr auf siidslawischem Boden ihre hohe Ausbildung, um dann zu den Russen und sogar zu den Rumanen ubertragen zu werden. Es ist aber ganz falsch, wenn z. B. serbische Litteraturhistoriker nach einem kurzen Uberblick der Wirksam- keit Cyrills und Methods plotzlich einen Sprung vom Ende des 9. Jahrhunderts zu dem des 12. machen, als mit der Konsolidierung des serbischen Staates die kirchenslawische Litteratur einen neuen IV Mittelpunkt erhielt und allmahlich sogar die litterarische Ftihrung^ auf die Serben iiberging. Doch hatte bis dahin geradezu die Mehrzahl der Serben unter bulgarischer und byzantinischer Herr- schaft Anteil an der kirchenslawischen Litteratur, die zu be- sonderer Blute bei den Bulgaren gelangt war, so dals bei deti Serben einfach auf ubernommener Grundlage weiter gearbeitet wurde. Diese Wechselbeziehungen kamen noch besonders leb- haft zum Ausdruck vor dem Untergang des letzten mittelalter- lichen bulgarischen Reiches und in den Triimmern des serbischen Staates, wo die bedeutendsten Vertreter der Litteratur beiden Volkern gemeinsam sind. Diese kirchenslaivische Sprache und Litteratur wurde aber schon in Methods Zeiten auch zum Eigen- tum eines grofsen Teiles der Kroaten in Dalmatien, im Kiisten- lande und auch weiter im Innern von Kroatien, auf dem Fest- lande von Istrien und auf den Inseln des Quarnero, woher noch am Ausgange des Mittelalters eine Bearbeitung der Trojasage zu den Bulgaren und von diesen zu den Russen gelangte. Es gibt daher nichts Verkehrteres, als wenn der jiingste Verfasser einer serbischen Litteraturgeschichte fiir Mittelschulen (Grčic) gerade die glagolitische Litteratur der Kroaten von seinem Werke ausschliefst. Wir sehen da bei den kleinen siidslawisc.hen Volkern das merkwurdige Schauspiel, dafs sie sich sogar noch kleiner machen, um grdfser zu erscheinen. Speziell das nicht blofs Fern- stehenden, sondern sogar Einheimischen unverstandliche Ver- haltnis zwischen Serben und Kroaten (s. S. 1—10) erfordert eine gemeinsame Behandlung ihrer Litteratur, aber nicht in der Art, dafs man sie blofs in demseiben Buch in zwei ungleichen Halften unterbringt (Šurmin). Das \viderspricht nicht blofs der gegen- wartigen Einheit der Litteratursprache der Serben und Kroaten, sondern auch ihrer historischen Entwicklung, die grofsen Teilen beider Volker oft und lange gemeinsam war. Uberhaupt sind die Begriffe bulgarisch, serbisch, kroatisch und slowenisch in ihrer heutigen Bedeutung erst ein Produkt des 19. Jahrhunderts, friiher aber hatten sie in verschiedenen Zeiten einen verschiedenen Umfang, der sogar in unseren Tagen an mehreren Punkten noch sehr strittig ist. Eine von kleinlichen Riicksichten freie und das Wesen der Litteratur ins Auge fassende Betrachtung und Darstellung der- selben wird sich daher moglichst an die chronologische Reihen- v folge und an die Entwicklungsgeschichte der grofsen, die Mensch heit bewegenden Ideen halten und dabei die Rolle, welche die einzelnen Landschaften bei der Ubernahme und Ausbildung derselben spielten, zu bestimmen suchen. So ist die altere Litteratur ein Werk des Christentums unter iiberwiegend byzantinischem Einflufs, dem sie auch eine vollstandige Verknocherung und mumienhafte Existenz im Siidosten bis ins 18. Jahrhundert zu verdanken hatte, wahrend dem Nordwesten der Humanismus und die Renaissance, die Reformation und Gegenreformation neues Leben braehten, das Zeitalter der Aufklarung, der franzosischen Revolution und der Romantik aber wieder allen stidslawischen Volkern voranleuchtete und sie allmahlich ganz dem europaischen Kulturleben des 19. Jahrhunderts zuflihrte. Die Darstellung der alteren Periode, in der es in der Tat eine gemeinsame sudslawische Litteratur unter iiberwiegend byzantinischem Einflufs gab, bildet ftir sich ein abgeschlossenes Ganzes. Von dem Charakter dieser ganzen Sammlung und namentlich von A. Briickners glanzender Geschichte der russischen Litteratur unterscheidet sich dieser Halbband stark, denn hier wird, wenn auch in noch so knapper Fassung, auf die altere Litteraturperiode besonderes Gewicht gelegt, weil diese eine welt- historische Bedeutung hat, mag sie auch ihrem Inhalt nach nicht besonders interessant erscheinen. Ich glaube, dafs namentlich Byzantinisten und tiberhaupt Theologen, Philologen und Historiker aller Arten der Verlagsbuchhandlung Dank wissen werden, dafs sie auf meine Intentionen, ihnen einen kleinen Fiihrer zum Ver- standnis des alteren sudslawischen Kulturlebens zu liefern, bereit- willig einging. Ebenso diirfte derselbe als eine Art Einleitung zur Geschichte der russischen und rumanischen Litteratur in dieser Sammlung willkommen sein. Dafs ich dabei immer auch die Interessen weiterer slawistischer Kreise im Auge hatte, be- darf wohl keiner Begrtindung. Nattirlich war es unter solchen Umstanden nicht moglich, allen Bediirfnissen und Wunschen innerhalb eines so engen Rahmens ganz gerecht zu werden. Leider mufste ich sogar von den wichtigsten Litteraturangaben, die ich im Anhang bringen \vollte, Abstand nehmen; sie hatten namentlich deshalb Bedeutung, weil selbst solchen Forschern, die schon bestrebt sind, mit russischen Publikationen vertraut zu werden, die siidslawischen mehr oder weniger unbekannt bleiben. VI Die -vvichtigsten bibliographischen Hilfsmittel werden jedoch am Schlufs genannt. Die in den Anhang verwiesenen Anmerkungen \varen grofstenteils als Fufsnoten gedacht. Einen verhaltnismafsig breiten Raum nimmt in meiner Dar- stellung der historische Hintergrund ein, denn die Litteratur ist keine Glaspflanze. Dals ich dabei nicht ofters irre ging, ver- danke ich der ausgiebigen Hilfe des besten Kenners der Balkan- geschichte, Professor Konstantin Jireček in Wien. Er war immer zu ausfiihrlichen Aufklarungen und Mitteilungen bereit und las die Korrektur jedes Bogens zweimal, mancher sogar ofters. Wenn daher namentlich die Chronologie haufig von den tiblichen Angaben und selbst von den neuesten Resultaten der einheimischen Forscher abweicht, so ist das in den meisten Fallen auf seine Mitteilungen zuriickzufuhren. Ich fiihle mich jedoch verpflichtet, hervorzuheben, dals die Daten iiber Grigorij Camblak (S. 161—162) auf Jacimirskijs Monographie beruhen. Aufser K. Jireček schulde ich herzlichen Dank noch meinem hiesigen Kollegen K. Štrekelj ftir die Durchsicht des Manuskriptes, fiir einzelne Mitteilungen aber den Kollegen J. Cvijic, P. Popovič und J. Radonic in Belgrad, B. Conev in Sofia, L. Niederle in Prag und K. Radčenko in Nfižin; endlich Herrn Generalmajor V. Krajnc fiir die Mitarbeit beim Sachregister. Wie ich mir die Darstellung der neueren Litteraturen nach denselben Grundsatzen denke, zeigt meine Ubersicht der »Siid- slawischen Litteraturen« in der »Kultur der Gegenwart« I, 9, S. 194—245 (Leipzig, B. G. Teubner). Graz, Ende Mai 1908. M. Murko. Schreibung und Aussprache Die alte und neue cyrillische und die glagolitische Schrift \verden nach der in der Wissenschaft iiblichen Weise und nach der heutigen Graphik der lateinisch schreibenden Stidslawen umgeschrieben. Vokale, a = nasaliertes o, franz. on inlong; e = nasaliertes e T franz. in in fin; e (cyrillisch i) ist ein ursprtlnglich geschlossenes e, das noch heute auf weiten stidslawischen Gebieten so gesprochen wird; doch der Umstand, dafs es im glagolitischen Alphabet zugleich ja be- zeichnet, lehrt, dafs die Aussprache des e teilweise auch diesem Laut nahe stand wie noch heute in ostbulgarischen Dialekten (die Um- schreibung mit e empfiehlt sich nicht, weil sie zur čechischen Aus¬ sprache verleitet); y bezeichnet wie im Russischen einen am harten Gaumen gebildeten u-Laut mit i-Artikulation der Lippen, der in den sildslawischen Sprachen bald in i iiberging (daher z. B. Ryla und Rila); ■l ein entrundeter o-Laut, wie er etwa im engl. bird vorliegt; t ein zwischen einem kurzen e und i in der Mitte liegender Laut (die Um- schreibung dieser beiden »Halbvokale« mit u, i ist irreftlhrend); im Russischen ist e heute blofs Erweichungszeichen, i aber zwecklos r weswegen es in der Transskription weggelassen wird). Konsonanten. h = ch; č = tsch, š = sch (tonlos, >scharf«), ž — franz. j (sch tonend, »weich«); c = ts (deutsch z, tz), s = tonloses (scharfes) s (ss, fs), z = franz. z, tonendes s im deutschen Rose; č = er- weichtes č, eigentlich t (daher auf Karten noch die alte Schreibung tj r z. B. Nikšitj = Nikšič; das polnische c ist verschieden); Ij, nach DaniCič im Worterbuch der Agramer Akademie J = erweichtes 1, ital. gl; nj, nach DaniCič h wie im Polnischen oder n im Bohmischen = erweichtes n t franz.-ital. gn; gj (z. B. Gjorgje), haufig noch dj geschrieben (z. B. im Namen Djakovo, aber nicht empfehlenswert, weil wirkliches dj im Serbo- kroatischen daneben vorkommt), nach Daničic d == erweichtes d; v = w (im Auslaut natilrlich f, daher Umschreibungen von bulgarischen Namen wie Iwanoff). r und 1 in scheinbar unaussprechlichen Gruppen sind- vokalisch. Die Namen erscheinen in der urspriinglichen griechischen oder in ihrer slawischen Form; nur solche Latinisierungen, die sich voll- standig eingelebt haben, wie z. B. Cyrill fur Kyrill, wurden beibehalten. Die slawischen Namen werden in der Regel in ihrer alten Form wieder- gegeben. I n h a 11, Seite I. Zum Verstandnis der heutigen ethnographischen und kul- turellen Verhaltnisse. — Kroaten und Serben. — Ab- hangigkeit der Litteratursprachen yon historischen und politischen Momenten. — Statistische Angaben. 1 II. Historische Notizen iiber die Einwanderung der Sildslawen, ihre Staatengriindungen, Christianisierung und urspriing- liche Kultur. 19 III. Die Slawenapostel Cyrill und Method. 36 Die Anfange der kirchenslawischen Litteratur in Mahren und Pannonien. 36 IV. Die altesten litterarischen Denkmaler der Slowenen... 54 V. Die altkirchenslawische Litteratur in Bulgarien. 57 1. Ubersicht. Die theologische Litteratur. 57 2. Chroniken. Physiologus. Mangel \vissenschaftlicher Litteratur. 76 3. Die apokryphe Litteratur. Die Bogomilen .... 82 4. Prosadichtungen. 95 VI. Die slawische Kirchensprache bei den Kroaten an der adriatischen Ktlste. Die altesten Chroniken der Kroaten und Serben.100 VII. Schlulsbetrachtungen ilber das altkirchenslawische Schrift- tum. 108 VIII. Die Litteratur des zweiten bulgarischen Reiches (Mittel- bulgarische Periode).112 IX. Serbien als Mittelpunkt der kirchenslawischen Litteratur am Ausgange des Mittelalters.133 1. Geschichtliche Bemerkungen und allgemeine Cha- rakteristik.133 2. Die liturgische und theologische Ubersetzungs- litteratur.144 3. Ubersetzungen auf dem Gebiete der weltlichen Litteratur. 147 4. Originalleistungen auf dem Gebiete der geistlichen und weltlichen Litteratur.155 X. Bosnien.169 X XI. Die kirchenslawische Litteratur der Kroaten an der Adria 174 XII. Mittelalterliche romantische Stoffe bei den Kroaten und Serben..^ . . . . 181 XIII. Die Tiirkenherrschaft und ihre Folgen. Das epische Zeit- alter der Siidslawen.185 Anmerkungen. 207 Die wichtigsten bibliographischen Hilfsmittel .... 220 Zusatze und Verbesserungen.226 Personen- und Sachregister.227 L Zum Verstandnis der heutigen ethnograpbischen und kulturellen Verhaitnisse. — Kroaten und Serben. — Abhangigkeit der Litteratursprachen von historischen und politiscben Momenten. — Statistiscbe Angaben. Vom Gailtal im siidwestlichen Karaten bis zum Schwarzen Meere und vor die Tore von Konstantinopel, von der Drau in Ungarn bis zur Bojana und in Makedonien bis nach Saloniki wohnen gegen 16 Millionen slawischer Bevolkerung, deren Sprache h e ut e eine ununterbrochene Kette von allmahlich ineinander tibergehenden Dialekten bildet. Aus diesen sind im Laufe der Zeit drei Schriftsprachen hervorgegangen, die slowenische, die kroatische oder serbische, daher auch kroatoserbische oder serbo- kroatische genannt, und die bulgarische. Friiher war die Zahl dieser Namen viel grofser, da im Westen des Sprachgebietes der allgemeine slawische Name (slovinski, slovenski = lat. lingua sclava, sclavica, sclavonica, sclavonesca, ital. schiava) oder infolge einer falschen gelehrten Kombination der illyrische (ilirski), aufser- dem aber noch verschiedene Provinzialnamen wie krainerisch (sogar steirisch und karntisch!), dalmatinisch, ragusaisch, bos- nisch, slawonisch gebraucht wurden. Als Trager dieser heute ziemlich stark ausgepragten Schriftsprachen finden wir aber vi er historische und nationalpolitische Individualitaten, die Slowenen, Kroaten, Serben und Bulgaren. In diesem Sinne gibt es im slawischen Siiden auch drei, beziehungsweise vier Litteraturen. Einer besonderen Aufklarung bedarf das Verhaltnis zwischen den Kroaten und Serben, das eines der interessantesten sprach- lichen, ethnographischen und politischen Probleme genannt werden kann. Von allen Merkmalen eines Volkstumes gilt heute als das sicherste die Sprache, aber gerade diese lafst uns hier voll- standig im Stich, denn alle Versuche. nach gewissen dialektischen Murko, Geschichte der siidslawischen Litteraturen. 1 2 Merkmalen eine serbische und eine kroatische Sprache zu kon- struieren oder gewisse Dialekte mit einem der beiden Volks- stamme zu identifizieren, sind klaglich gescheitert und die Sprach- wissenschaft hat unter dem Einflufs der auch sonst unhaltbaren Stammbaumtheorie, die auch hier ihre Aste haben wollte, nur Verwirrung in diese Frage gebracht (hauptsachlich durch Mik- losich und die ihm folgenden deutschen Linguisten). Auf dem ganzen Sprachgebiete finden wir im Grunde genommen dieselbe Volkspoesie, die allerdings nicht tiberall in gleicher Weise fort- lebt, aber auch hierin beriihren sich die dem \vesteuropaischen Kulturleben naherstehenden Kroaten mit den Serben in Syrmien und im sudlichen Ungarn. Trotz der religiosen Spaltung in Katholiken, Orthodoxe und Mohammedaner stimmen auch die nationalen Rechtsinstitutionen (vgl. vor allem die Zadruga oder Hauskommunion), die Sitten und Gebrauche iiberein, soweit sie nicht unmittelbar mit der Religion zusammenhangen; doch sind selbst diese z. B. anlafslich der hohen Feiertage bei den Christen an vielen Orten geradezu identisch, so dafs hier bei weitem nicht solche Unterschiede konstatiert werden konnen, wie selbst zwischen katholischen und protestantischen Siiddeutschen, ganz abgesehen davon, dals sich die romisch-katholische und griechisch-orientalische (orthodoxe) Kirche viel naher stehen als die katholische und protestantische. Trotz aller Gegensatze illustriert das Verhaltnis der Religionen am besten das allgemein verbreitete Sprichwort: brat je mio, koje vjere bio (der Bruder ist lieb, mag er welchem Glauben immer angehoren). In den zahlreichen gemischten Gegenden herrschen zwischen den Katholiken und Orthodoxen Beziehungen, von denen z. B. Russen und Polen keine Vor- stellung haben, weshalb sie dieselben von ihre m Standpunkte aus nie richtig beurteilen konnen. Auch die mohammedanisierten Grundherren von Bosnien und Herzegowina, welche die nicht zahlreich eingewanderten Osmanen nie leiden konnten und sie auch vollstandig slawisiert haben (tiirkische Inschriften auf Strafsentafeln in manchen bosnisch - herzegowinischen Stadten diirfen nicht irrefiihren), ftihlen sich mit ihren Bauern als ein ethnisches Ganzes und der tibliche Ausdruck »unser Volk« (naš narod) hat da einen viel tieferen Sinn als anderswo. Uberhaupt spielt das Wort »unser« eine grolse Rolle in der Terminologie, so dafs in verschiedenen Gegenden auch die Sprache einfach 3 die »unsere« (sogar mit dem adverbiellen naš ki 1 ) genannt wird, nicht etwa blofs von Leuten, die iiber den Parteien stehen oder dem einen oder anderen Namen ausweichen wollen. Anthro- pologische Merkmale mtissen nach Landschaften 2 ) bestimmt werden, denn ein dalmatinischer Serbe steht dem dortigen Kroa- ten entschieden naher als seinem Namensbruder in Siidungarn oder Serbien; daher wirken Schadehnessungen nach Kroaten und Serben einfach lacherlich. Beziiglich der Rasse, die ebenso- wenig rein geblieben ist wie anderswo in Europa, mufs man sich vor Augen halten, dals in Kroaten und Serben zahlreiche Ro- manen der adriatischen Kiistengebiete und rumanische Wander- hirten, aber auch Osmanen, Albanesen und Griechen aufgegangen sind. Fiir alle sprachlichen und ethnographischen Fragen ist auch der Umstand vrichtig, dals infolge der Tiirkennot grofse Wanderungen nach Norden und Westen stattgefunden haben, was starke Mischungen und Ausgleichungen vorhandener Unter- schiede zur Folge hatte. So wird es begreiflich, dafs niemand iiber die Grenzen der Kroaten und Serben eine halbvvegs befriedigende Auskunft geben kann, da es objektive Merkmale dafiir nicht gibt. Man verweist oft auf die Schrift, doch kommt man selbst in der Gegenwart damit nicht aus; lateinisch schreiben ja nicht blols die Kroaten, sondern auch solche Katholiken im siidlichen Dalmatien, die sich als Serben bekennen, ebenso die nach Sudungarn eingewanderten katholischen Bunjevci und Šokci, die sich iiber ihre nationale Zugehorigkeit noch nicht klar sind (die ungarische Statistik, die im Gegensatze zur osterreichischen Serben und Kroaten getrennt zahlt, lafst diese Hunderttausende einfach in den »anderen Nationalitaten« aufgehen), und die Mohammedaner von Bosnien und Herzegowina, die man aber deshalb noch nicht fiir Kroaten erklaren kann. Die Sache wird noch mehr verwickelt, wenn man in die Vergangenheit blickt. Die lateinische Schrift kam fiir die Volkssprache iiberhaupt erst in der zweiten Halfte des 15. Jahrhunderts in Gebrauch; die glagolitische Schrift, die heute in der Kirche bei einem Teile der Kroaten fortlebt, war ur- spriinglich beiden Vblkern gemeinsam und vrarde durch die cyrillische nicht blofs bei den Serben abgelost, sondern auch bei ausgesprochenen Kroaten in Dalmatien (eine Inschrift von 1185 auf der Insel Brazza, Kopie einer dortigen gleichzeitigen Urkunde 1 * 4 aus Lesina vom Jahre 1230, das Statut von Poljioa. das sich ausdriicklich kroatisch nennt), und in Kroatien selbst brauchten sie die hervorragendsten Geschlechter in ihren Urkunden bis ins 16. Jahrhundert. Dabei sehe ich von der bosnischen Abart der cvrillischen Schrift (bosančica), welche hauptsachlich in den katholischen Klostern, deren Angehorige sich heute durchwegs als Kroaten fiihlen, bis zum 18. Jahrhundert und beim mohamme- danischen Adel sogar bis auf unsere Tage iiblich war, ganz ab. Auch das religiose Kriterium ist nicht ganz ausschlaggebend. Nach den im nahen Orient herrschenden Begriffen und dank der kirchlichen Organisation bekennen sich heute wohl die meisten mehr oder weniger gebildeten Orthodoxen des serbokroatischen Sprachgebietes als Serben 8 ), doch gab es noch vor kurzem unter den kroatischen Grenzern und unter den schon seit dem dreifsig- jahrigen Krieg bekannten kroatischen Heerscharen auch viele Orthodoxe, die sich heute Serben nennen wiirden. Ein aus- gesprochen serbisches Gefiihl zeigen andererseits die allerdings nicht besonders zahlreichen Katholiken in Ragusa, wo die Majoritat kroatisch ist, und in den Bocche di Cattaro. Der dalmatinisch- ragusanischen Litteratur, die ein Ruhmesblatt in der sudslawischen Litteraturgeschichte bildet, wollen auch diejenigen Serben nicht entsagen, die theoretisch vom Abendlande, dem Lateinertum und dem Jesuitismus nichts wissen wollen, obgleich dieser im nieder- gehenden Ragusa, das noch am Ende des 18. Jahrhunderts Katharina II. von Rulsland eine orthodoxe Kirche in seinen Mauern nicht gestatten wollte, in hoher Bliite stand (Russen wie Lipovskij, N. Petrovskij u. a. bleiben sich da allerdings kon- sequent). Ganz hinfallig wird indes die Scheidung nach dem Glaubensbekenntnis dadurch, dafs Kroaten und Serben in gleicher Weise trachten mtissen, die zahlreichen Mohammedaner zuerst in Bosnien und Herzegowina fiir ihre nationale Idee zu gewinnen, denn diese konnen nicht durch Ausrottung wie in Montenegro an der Scheide des 17. und 18. Jahrhunderts oder durch Aus- \vanderung wie in Serbien beseitigt werden. Sogar die Zugehorigkeit zu staatlichen Gebilden entscheidet die Frage nicht. Serbien und Montenegro sind allerdings aus- schliefslich serbische Staaten, doch auf Kroatien (mit Slawonien) liefs sich die ungarische (iibrigens auch von modernen Geographen vertretene) Theorie von der politischen Nation nicht iibertragen, 5 so dafs es daselbst eine starke und einflufsreiche serbische Minorita t (25,5 °/o der Bevolkerung des Landes) gibt, wie um- gekehrt eine kroatische in Bosnien and Herzegowina, da sich hier auch unter den Katholiken ein modernes Nationalgefiihl aus- gebildet hat (nicht erst nach der Okkupation!). Ubrigens tiber- lebte der Name Turkisch-Kroatien ftir das nordwestliche Bosnien (Sandschak Banjaluka) auf alteren Karten und in geographisch- historischen Schriften auch die Ttirkenherrschaft. Der Versuch mit der »bosnischen Sprache«, womit der serbischen und kroa- tischen Propaganda die Spitze hatte abgebrochen werden sollen, war am Ende des 19. Jahrhunderts von vornherein aussichtslos, tibte die erwartete Wirkung nicht einmal auf die Mohammedaner aus und wurde auch offiziell wieder fallen gelassen (1907). Das merkwiirdige Verhaltnis zwischen Kroaten und Serben ist nur durch die geschichtliche Entwicklung zu erklaren: wie sie im grofsen und ganzen heute sprachlich und ethnisch ein Volk sind, so waren sie es seit ihrer Einvranderung in ihre heutigen Wohnsitze, fielen aber hier der grofsen kirchlichen und politischen Spaltung zwischen dem Morgen- und Abendlande zum Opfer, jedoch nicht sogleich und nicht ganz. Zuerst griindeten in den nordwestlichen Sprachgebieten die Kroaten einen Staat, dessen Fiirst Torpiskv sich bereits um 925, die Konigskrone, die alteste der habsburgischen Monarchie, aufs Haupt setzte. Die kroatischen Konige, die das frankische Hofzeremoniell mit seinen zahlreichen Wurdentragern nachahmten, schlossen sich endgiiltig der romischen Kirche und abendlandischen Kultur mit ihrem Latein an, obgleich auch die Kroaten kurze Zeit zwischen Rom und Byzanz, das noch die adriatischen Kiistenstadte beherrschte, hin und her pendelten und die slawi sche Liturgie nach griechischem Ritus, der erst allmahlich durch den romischen ersetzt wurde, zum Teil bis auf den heutigen Tag bewahrt haben. Die siid- \vestlichen Sprachgebiete, mit Dioklea (Montenegro und Ober- albanien) als Mittelpunkt, schwankten aber unter sich befehdenden Fursten noch durch ganze drei Jahrhunderte zwischen West- und Ostrom, bis Stefan.Jemanja, der in der Nahe von Podgorica (in Montenegro) katholisch getauft worden war (angeblich 1122 oder 1123), weiter im Osten, im heutigen Novi pazar und Alt- serbien, den s erbis chen . Staat als Grolsžupan von Ras (ungefahr seit 1171) konsoli d iert e und aus politischen Grunden die Orthodoxie 6 zur Staatsreligion erhob, da er zuerst Schutz bei Byzanz suchte und dann sein Reich auf Kosten desselben erweitern wollte. Sein Sohn Stefan der Erstgekronte neigte wieder zum Abendlande "und holte sich die Konigskrone aus Rom (1217), so dafs erst sein jiingster Bruder Sava, der vom Athos liber Nikaa als auto- kephaler Erzbischof zuriickkehrte (1219) und dem Lande seine Hierarchie gab, den bjzantinischen Einflufs auf allen Gebieten dauernd zur Geltung brachte. Die Grenzen der beiden Staaten wechselten oft und stark; zeitweise erstreckte sich z. B. die Oberhoheit der kroatischen Konige bis zum Drin in Albanien 3a ). Dazu traten noch neue Staatengebilde in Bosnien und Herzegowina, in denen bis zu ihrem Untergange romische und schwachere byzantinische Ein- fliisse im Kampfe lagen, meist aber die beiden Kirchen feind- liche Sekte der Bogomilen herrschte. Es war daher absurd, wenn im 19. Jahrhundert nach den Nachrichten des Konstantin Porphyrogeneta aus dem 10. Jahrhundert — nebenbei bemerkt aus einer Periode des Tiefstandes des kroatischen Staates — nicht blofs Politiker, sondern auch Linguisten und Philologen die nationalen und sogar sprachlichen Grenzen bestimmen wollten. Dem oberflachlichen kaiserlichen Geschichtschreiber wurden dia- lektische und ethnographische Kenntnisse zugemutet, die er un- moglich haben konnte, und man iibersah dabei ganz, dafs sich andere byzantinische Chronisten des 11. bis 12. Jahrhunderts in derselben Lage befanden wie wir heutzutage; denn Johannes Skylitzes spricht vom »Volk der Serben, die auch Kroaten ge- nannt vverden«, Zonaras aber umgekehrt vom »Volk der Kroaten, das einige auch Serben nennen«. Die beiden Namen waren eben durch den in seinem Um- fange wechselnden kroatischen und serbischen Staat 4 ) zur Geltung gekommen und dabei blieb es auch in den folgenden Jahr- hunderten. Die Kroaten traten zwar nach dem Aussterben ihrer nationalen Dynastie in staatliche Gemeinschaft mit Ungarn (1102), verstanden es aber unter allen siidslawischen Volkern allein, durch alle Jahrhunderte die Kontinuitat ihrer staatlichen Individualitat zu bewahren und in historisch wichtigen Momenten mit Nach- druck zum Ausdruck zu bringen, so z. B. nach dem Aussterben der Arpaden (1301), bei der Wahl des Kaisers Ferdinand I. zu ihrem Konig (1527) und bei der Annahme der Pragmatischen 7 Sanktion (schon 1712, in Ungarn 1723); staatsrechtlich bilden bekanntlich auch heute das in der inneren Verwaltung, in der Justiz, im Kultus und Unterricht autonome Kroatien und Slawonien innerhalb der Lander der ungarischen Krone und Dalmatien als nach dem Ausgleichsgesetze vom Jahre 1867 in osterreichischer Verwaltung belassenes Kronland ein Ganzes, was in offiziellen Titeln, wie in dem des Banus und des kroatischen Landtages, zum Ausdruck kommt. Die Erinnerungen an diesen historischen Zusammenhang des »dreieinigen Konigreiches« spielten zu allen Zeiten eine wichtige Rolle und trugen namentlich im 19. Jahr- hundert zur Entstehung einer gemeinsamen Schriftsprache aller Kroaten und naturgemafs auch der Serben bei. Noch mehr beforderte die Verbreitung eines zweiten Namens der serbische Staat; er wurde zwar durcb die Tilrken (1389, die Reste 1459) vernichtet, doch sein Andenken lebte in der nationalen Kirche und in herrlichen epischen Liedern fort, bis er im Anfange des 19. Jahrhunderts wieder erstand. Als dann unter dem Einflusse der modernen Ideen auch im slawischen Siiden die nationalen Einheitsbestrebungen in den Vordergrund traten, siegten nicht blols bei den Serben, sondern nach einigen Versuchen mit allgemeinen Bezeichnungen (illyrisch, siidslawisch) auch bei den Kroaten die geschichtlichen Namen. Infolge der grolsen Veranderungen, die im Laufe der Zeiten auf der Balkan- halbinsel vor sich gegangen sind, ringen beide gleichberechtigte Namen allerdings heute teilweise auf ganz anderen Gebieten um Geltung als ehemals. An manchen Orten, z. B. in Ragusa, waren friiher beide Namen wenig bekannt, was bei ihrer Natur ganz begreiflich ist. Die Geschichte wirkte aber nicht blofs trennend, sondern auch vereinigend auf Kroaten und Serben. Der alte kroatische und serbische Staat hatten bei langerer Dauer und voller Selb- standigkeit wahrscheinlich zwei scharfer geschiedene Kulturtypen hervorgebracht, doch die Tiirkenherrschaft, unter die auch die Mehrzahl der Kroaten geriet, wirkte nivellierend und hatte eine starke Rekreation der nationalen Elemente des Volkslebens zur Folge, um das sich die Tiirken bekanntlich wenig kummerten. Daher erklart sich auch die grofse ethnographische Frische beider Volker. Die osterreichischen Tiirkenkriege, die Einwanderung der Serben in osterreicbische und venezianische Gebiete zur 8 Starkung der kroatischen Vormauer des Christentums, die Be- freiung Serbiens, die staatliche Ausgestaltung Montenegros und endlich die osterreichisch-ungarische Okkupation von Bosnien und der Herzegowina brachten dann ebenfalls ausgleichende mittel- europaische Einflusse, die tibrigens schon im Mittelalter auch siidlich der Save starker waren, als man gewohnlich meint. An der ganzen adriatischen Kuste waren aber immer alte romanische und spater italienische Einflusse sehr machtig und erstreekten sich weit ins Innere, nicht etwa blofs in das Tal der Narenta und der iibrigen, dem Adriatischen Meere zustromenden Fliisse, sondern auch in die Gebirgsgegenden der Herzegowina und Montenegros. Um fiir diese Behauptungen ein besonders charakte- ristisches Beispiel der materiellen Kultur herauszugreifen, er- wahne ich,. dals das v olkstiimliche Haus der Kroaten und Serben in den dalmatinischen Kiistengebieten und in der grofseren west- lichen Halfte von Montenegro und der Herzegovvina das ein- feuri ge Kaminha us der romanischen Lander reprasentiert, \vahrend in alle iibrigen Gebiete der Kroaten und Serben, bis in die slid- ostliche Spitze von Montenegro, das »oberdeutsche« zweifeurige Ktichenstubenhaus der Alpenlander vorgedrungen ist 5 ). Alle diese Erwagungen, die im Laufe der Darstellung ver- starkt \verden sollen, miissen daher zur Vorsicht mahnen, damit man infolge des erfreulichen Aufschwungs der byzantinischen Studien die Serben nicht allzusehr fiir Byzanz reklamiert, andrer- seits aber die Kroaten ganz dem Abendlande zuspricht. Viel- mehr bilden beide Volker schon nach ihrer Lagerung auch den entsprechenden kulturellen Ubergang von den Slowenen, die friihzeitig ganz dem romanisch - germanischen Kulturkreis ver- fallen sind, zu den Bulgaren, bei denen byzantinische und iiber- haupt orientalische Einflusse am starksten die Herrschaft erlangt haben. Damit stimmen mit gevvissen Vorbehalten auch die Be- obachtungen des Erforschers der anthropogeographischen Pro¬ bleme der Balkanhalbinsel, J. Cvijic 6 ), welcher einem byzan- tinisch-aromunischen (-zinzarischen) Kulturkreis Thrakien, Ostrumelien, Makedonien, Griechenland mit Epirus und das siidlichste Albanien zuweist, einem patriarchalischen hingegen Bosnien, Herzegowina, Montenegro, Nord- und Mittelalbanien, die Gebirgsgegenden Sudalbaniens (bis auf die Kustengebiete), Serbien mit Altserbien und Nord- 9 b u 1 g a r i e n mit Ausschlufs der ostlichen Kuste. Diese Grenzen entsprechen der geographischen Gliederung und dem Gebiete des mediterranen und mitteleuropaischen Klimas; ebenso decken sie sich so ziemlich mit den Grenzen der Herrschaft der griechischen und lateinischen Sprache im romischen Reich 7 ). Auf kleine Ge¬ biete, hauptsachlich auf die dalmatinischen Stadte, beschrankt Cvijic den italienischen Kulturkreis und auf noch kleinere im Norden von Serbien den mitteleuropaischen, der iibrigens auch in den Stadten des Inneren mit dem friiheren byzantinisch- zinzarischen Eindringling (durch die Kirche, die Kaufleute, Ge- werbetreibenden und Wirte) im Kampfe liege. Dafs die beiden letzten Kulturkreise immerhin auf die Kroaten und Serben wirk- samer waren, wurde schon angedeutet. Diesen historischen und natiirlichen Verhaltnissen e;ntsprechend beruhte daher die altere Litteratur der Serben und Kroaten, in- soweit sie bei den letzteren uberhaupt slawisch war, auf derselben Grundlage und hatte immer einzelne Beriihrungspunkte. Seit dem Ubenviegen der abendlandischen Einfliisse machte sich dann ofters ein Gefiihl der Zusammengehorigkeit bemerkbar. So wollten die slowenischen Protestanten mit ihren glagolitischen und cyrillischen Drucken die Kroaten und Serben, ja sogar die Bulgaren und die sl awis chen »Turken« fur die neue Lehre ge- winnen. Ihrem Beispiele folgte die pagstliche Gegenreformation, die von Dalmatien und Ragusa aus die Hebel zur Wieder- gewinnung des Balkans ansetzte. Die universellen Bestrebungen des Humanismus und der katholischen Kirche legten daher die Grundlage zur allmahlichen Entstehung einer gemeinsamen Schrift- sprache der Kroaten und Serben; speziell die Jesuiten blieben auch im slawischen Stiden ihrem Grundsatze treu, dafs in die Litteratur der am meisten verbreitete Dialekt einzufiihren sei. Als dann im 19. Jahrhundert auch die Serben die reine Volkssprache zu schreiben anfingen, konnte bald direkt derGrund- satz der Identitat der Schriftsprache beider Stamme proklamiert werden. Am verniinftigsten benahm sich aber das Volk selbst: Volkslieder, namentlich die epischen iiber die Kampfe mit den Turken, wanderten von Altserbien und der Donau nach Westen und umgekehrt von der Adria nach Osten. Das Volkslied einigt sogar die Bekenner der drei Religionen, denn es zeigt dieselbe Sprache und Form, sogar den gleichen Gehalt, allerdings in ver- 10 schiedener Beleuchtung; aber selbst hier stehen sich diejChristen ohne Unte rschie d und die »Tiirken« als vornehme Gegner gegen- iiber, wie es sich fiir »gute (edle, tiichtige) Helden« geziemt. Trotz aller dieser giinstigen Umstande ist jedoch in der Litteratur selbst noch immer nicht die gleiche Einigkeit vor- handen. Abgesehen von den verschiedenartigen Idealen, die darin ihren Ausdruck finden, bildet noch immer die Schrift eine allzu starke Scheidewand. Auch sind die Verhaltnisse zwischen Kroaten und Serben nicht immer idyllisch, namentlich wenn religiose, soziale und politische Instinkte von der Presse und den Parteien geweckt werden; denn bekanntlich kann es keinen argeren Hafs geben als zwischen feindlichen Briidern. Die moderne Kultur, welche in der Annaherung der siid- slawischen Stamme im 19. Jahrhundert Grolsartiges geleistet hat, wird jedoch die bestehenden Gegensatze immer mehr und mehr ausgleichen. So wird z. B. der Unterschied in der Schrift auf den zvvischen der lateinischen und deutschen »Schrift« bei den Deutschen herabsinken. Wie die Dinge schon heute liegen, ist die Frage, ob Serbe oder Kroate, oft nur eine Sache des Ge- fiihles, der grofseren Assimilationskraft der Gesellschaft s ), der Wiederbelebung oft sehr alter, historischer Erinnerungen, iiber- haupt einer geschickten Propaganda; denn im Grunde genommen sind die letzten Ziele nur ein grofseres Kroatien innerhalb der habsburgischen Monarchie (daher die den Kroaten gemachten Vorwiirfe des Austriazismus) oder ein grofseres Serbien, in dem die fuhrende Rolle noch nicht verteilt ist. Da aber die Re- alisierung solcher Wiinsche noch in der Ferne schwebt und selbst nach Erfiillung der kiihnsten Traume gerade in den umstrittenen Gebieten die Anhanger beider Parteien nebeneinander zu leben gezwungen waren und in noch hoherem Grade die gleichen geistigen und materiellen Interessen hatten, so wird an ihre ein- sichtsvollen Manner immer von neuem die Aufgabe herantreten, % den Sieg der Vernunft zu wirken. Bemerkenswerte Verhaltnisse finden wir auch an den Grenzen der drei Litteratursprachen, fiir die ebenfalls historische und politische Momente mehr mafsgebend waren als sprachliche Merk- male. Nach unseren heutigen linguistischen Kenntnissen wird auch niemand feste Grenzen zrvischen nahe verwandten Sprachen oder gar Dialekten erwarten. In den drei nordwestlichen Komi- 11 taten von Kroatien (im ehemaligen Provinzialkroatien) finden wir einen Dialekt, der nach der Mehrzahl der charakteristischen Merkmale mit dem Slowenischen, speziell mit seinen nordost- lichen Dialekten iibereinstimmt. Alle hervorragenden Sprach- forscher, von Kopitar und SafaHk angefangen, und auch Ethno- graphen wie Czoernig haben daher diese Kroaten sprachlich zu den Slowenen geschlagen, und ihr interessanter Dialekt, der ver- haltnismafsig keine geringe Litteratur entwickelt hat und bis 1835 als Schriftsprache tiblich war, fand leider nicht einmal Aufnahme in das grolse Worterbuch der kroatischen oder serbischen Sprache, das die siidslawische Akademie der Wissenschaften in Agram herausgibt. Als jedoch 1830 die Frage einer gemeinsamen Schrift¬ sprache aufgeworfen \vurde , antwortete J. Derkos, ein junger Jurist, in seiner lateinischen Broschiire »Genius patriae« (Agram 1832) den Philologen ganz ruhig: Wir wollen eine gemeinsame Schriftsprache aus den Dialekten dieser drei Konigreiche (d. h. Kroatien, Dalmatien und Slawonien); seit den Zeiten des Konigs von Kroatien und Dalmatien, Peter Kresimir, verbindet uns »das festeste Band, eine brtiderliche und eine gewisse mystische Liebe« (mysticus aliquis . . . amor), die alle Herzen umschlingt; mit Krain und Steiermark haben wir dagegen nichts gemeinsam. Das war die allgemeine Ansicht, die seit 1835 auch in die Praxis umgesetzt wurde, so dafs wir in Agram das interessante Beispiel einer Hauptstadt und eines geistigen Zentrums haben, das seinem ausgebildeten Dialekte entsagte, um eine hohere Kultureinheit schaffen zu konnen. Die geschichtlichen Bande waren in Kroatien so machtig, dafs es den Slowenen nicht einfiel, die dortigen Dialektgenossen ftlr sich reklamieren zu wollen. Anders gestalten sich die Ver- haltnisse zwischen Serben und Bulgaren. Aus den Bewohnern der siidostlichen Gebiete Serbiens hatten ebensogut Bulgaren gemacht werden konnen, wie aus den angrenzenden bulgarischen Šopen bis Sofia Serben. In der Tat war im tiirkischen Ferman uber die Errichtung des bulgarischen Exarchats (1870) die Grtindung eines Bistums sogar in Niš, also in der heutigen zweiten Hauptstadt Serbiens, in Aussicht genommen. In beiden Gebieten mussen jetzt die staatlichen Grenzen erst ihre Wirkung auf die Verkehrssprache ausuben und verburgen auch eine fried- liche Entwicklung. Anders ist es im Gebiete von Skopje (Ueskub), 12 wo es den Serben erst nach langwierigen Bemiihungen und heftigen Kampfen gelungen ist, einen Bischof zu erringen (Bischof Firmilijan wurde 1899 gewahlt, aber erst im Friihjahr 1902 konsekriert), und iiberhaupt im nordwestlichen Makedonien 9 ), durch welches sie den Weg zum Agaischen Meere bei Saloniki finden mochten. Hier wird der Kampf mit der Kirche und Schule, mit Priestern und Lehrern, aber auch mit terroristischen Mitteln gefiihrt. Sprachliche Momente und selbst historische ver- fangen hier wenig. Das alte bulgarische Reich und ebenso das alte Serbien haben Makedonien beherrscht und Spuren ihrer Kultur zurtickgelassen, die Serben speziell auf dem Gebiete der Architektur und Litteratur mehr, weil sie erst am Ausgang des Mittelalters dort waren. Einzelne und nicht geringfugige »Serbismen« gehen in der Tat sehr weit, wenn auch die Mehrzahl der dialektischen Merkmale fiir die Bulgaren spricht. Doch das wtirde den Bulgaren wenig helfen, wenn sie nicht viel friiher als die Serben eine wirksame Propaganda begonnen und sich nicht vor allem im Exarchat die kraftigste Stittze ihrer Nationalitat errungen hatten, so dals sie in einem autonomen Makedonien gewifs die Oberhand behalten wiirden, wie z. B. seinerzeit in Ostrumelien, das die Erwartungen der Diplomaten so griindlich getauscht hat; kame es aber zu einer Teilung, so werden die Grenzen nicht Philologen, denen man das zumutet, oder die sich das einbilden, sondern Diplomaten und Strategen abstecken und sich dabei um dialektische Merkmale wahrscheinlich ebensowenig kiimmern wie um wirtschaftliche Bedurfnisse, denen ihre Linien oft genug geradezu Hohn sprechen. Nach den bisherigen Ausfiihrungen wird man es begreiflich finden, dals sich die Angehorigen der drei siidslawischen Litteratur- sprachen, die im Vergleich zu den nordwestslawischen Sprachen und zum Russischen viele gemeinsame Ziige haben, ohne grolse Schwierigkeiten verstandigen konnen. Namentlich fallt ins Ge- wicht die grolse Ubereinstimmung in der Lautlehre und im Wort- schatz, welchen nur die allzu vielen Fremdworter (deutsche, italienische, ttirkische, griechische u. a.) in der Volkssprache und die allzu stark festgehaltenen tiirkischen in der Litteratur sowie ungleichartige Neologismen zersetzen. Besonders nahe stehen die Slowenen den Kroaten und Serben, so dals bei gtinstigeren Verhaltnissen auch sie ihrer Schriftsprache hatten beitreten konnen, 13 wahrend sich die Bulgaren durch den Verlust der Deklination und des Infinitivs und durch den Zuwachs eines nachgesetzten Artikels (einzelne dieser Merkmale haben sie mit den Rumanen, Albanesen und Neugriechen gemeinsam) von den anderen mehr entfernt haben. Trotzdem verstandigt man sich auch in Bulgarien leichter mit dem Serbokroatischen als mit dem Russischen, ob- gleich dieses auf die Ausbildung der modernen bulgarischen Schriftsprache hauptsachlich in der Terminologie grofsen Einfluls ausgetibt hat, in der Schule gelehrt wird und durch die ostlichen bulgarischen Dialekte zu den ubrigen Siidslawen hinuberfiihrt. Die Frage, ob eine grolsere kulturelle Gemeinsamkeit zwischen den Siidslawen in der Zukunft moglich ware, mufs daher ent- schieden bejaht werden. Der von Schlotzer zuerst gebrauchte Name Stidslawen ist ein rein geographischer Begriff, dem nicht immer der gleiche Inhalt beigelegt wird. Die Russen verstanden und verstehen noch unter Stidslawen meist nur die Bulgaren und Serben, denen sie ihr alteres Schrifttum zu verdanken haben, wahrend man in Bohmen damit meist die Slowenen, Kroaten und Serben be- zeichnet. In diesem Sinne ist das Wort eigentlich auch bei den Kroaten aufzufassen, die am meisten fur eine stidslawische Idee tatig waren. Manchmal denkt man sogar nur an die Kroaten und Serben, um den beiden Namen auszuweichen. Jedenfalls empfiehlt es sich, an dem zutreffenden geographischen Begriff fur alle Siidslawen festzuhalten. Um die litterarischen Leistungen der Siidslawen richtig zu wiirdigen, mufs man ein wenig auch die Verhaltnisse und die Starke- der die Litteratur produzierenden und konsumierenden Volker 10 ) kennen. Die Slowenen bewohnen die Hochgebirgslandschaften der Julischen Alpen, der Karawanken und der Sanntaler Alpen, das Hochplateau des Karstes, grolsere Talgebiete der Drau, Save und des Jsonzo und einen kurzen Streifen der adriatischen Meereskiiste. Ihr Mittelpunkt ist Krain (nach der Volkszahlung von 1900 bekannten sich 94,2 °/o der Bevolkerung zur slowenischen »Umgangssprache«) mit Laibach als Kulturzentrum. Diesen Kern umgibt die slowenische Bevolkerung der siidlichen Steiermark (31,2 °/o), KMrntens (25,l°/o, hauptsachlich im Sudosten), von Gorz (Gradiška ist iiberwiegend friaulisch-italienisch), des Gebietes 14 von Triest (auch die Stadt zahlt keine geringe Minoritat) und des nordlichen Istrien. Mit den Bruchteilen im sudwestlichen Ungarn, in Italien (Prafektur Udine) und im Auslande (iiber 100000 in Nordamerika, wo auch slowenische Tagesblatter er- scheinen) kann man die Zahl der Slowenen auf P /2 Millionen beziffern, doch kommt fur die Litteratur hauptsachlich die in Osterreich konzentrierte Bevolkerung (ungefahr 1 300 000) in Be- tracht. Bis auf einige Hundert Protestanten in Karnten und einige kalvinische Pfarren in Ungarn sind die Slowenen durch- wegs romisch-katholisch. Dagegen brachten sie es bis in die neueste Zeit zu keiner grofseren kulturellen Einheit wegen der grofsen territorialen Zersplitterung, durch die sie auch heute im Fortschritt behindert werden, da ihnen z. B. fur Kunst und Wissenschaft aufserst geringe oder gar keine Landes- und Staats- subventionen zur Verfugung stehen. Einen Adel haben die Slowenen nicht, ein Mittelstand ist namentlich aufserhalb Krains erst in Bildung begriffen; dagegen stehen ihre Volksmassen, entsprechend dem allgemeinen Gang der modernen Kultur von Westen nach Osten, am hochsten unter den Siidslawen. Eine grofse Mannigfaltigkeit bezuglich der horizontalen und vertikalen Gliederung, des Klimas, der religiosen, kulturellen und politischen Verhaltnisse zeigen die von Kroaten und Serben be- Tvohnten Lander, deren stark entwickelter Partikularismus in der Vergangenheit und in der Gegenwart daher zum Teil eine natiir- liche Erklarung findet. In Osterreich bevolkern die Kroaten und Serben den grofseren Teil des mittleren und stidlichen Istrien (42,6 °/o der Gesamt- bevolkerung im Jahre 1900) und ganz Dalmatien (96,65 °/o); unter der St. Stefanskrone das autonome Kroatien und Slawonien (2101580 bei einer Gesamtbevolkerung von 2416 304), aufserdem stidliche Striche Ungarns, namentlich im Banat und in der Backa (639169 ohne die in den »anderen Nationalitaten« verborgenen katholischen Bunjevci und Sokci); ganz Bosnien und Herzegowina (1895: 1568092); Serbien (1905: 2,717444, wovon liber 160000 Ru- manen im Nordosten abzuziehen sind) und Montenegro (Florinskij erschliefst flir 1906 235 650); in der Tiirkei Alt-Serbien, doch bilden in diesem Wiegenlande des alten serbischen Staates ortho- doxe Serben nur noch ein Viertel der Bevolkerung (die ubrigen sind meist Albanesen, zum Teil slawische Mohammedaner), so- 15 dann strittige Gebiete im nordtvestlichen Makedonien (Florinskij erschlielst fur 1906 in Alt-Serbien und Makedonien 424000) und das Vilajet Skutari (liber 100000). Mit Einschlufs der Bruch- teile in anderen Landern, wobei, wie bei den Slowenen, n^ment- lich die haufig fluktuierenden Auswanderer in Amerika in Be- tracbt kommen, bezifferte Florinskij auf Grund approximativer Berechnungen die Gesamtzahl der Kroaten und Serben fur 1906 auf mehr als 9 Millionen Seelen. In bezug auf die Religion haben die Orthodoxen das Ubergewicht (nach Florinskij 55%), dann folgen die romischen Katholiken (mit 36°/o, dazu kommen aber nicht blofs 2000 Unierte in Kroatien, sondern schon 1900 in Kroatifen allein 12871) und die Mohammedaner (ungefahr 9°/o). Katholisch sind-Istrien, der grofsen Majoritat nach Dalmatien (nur 16,2 % Orthodoxer), Kroatien und Slawonien (25,5 °/o Orthodoxer). Hochst gering ist dagegen die Zahl der Katholiken im Banat, in der Bačka, in Serbien und Montenegro. Das bunteste Bild bieten Bosnien und Flerzegowina mit 43 0 o Orthodoxer, 35 °/o Mohamme¬ daner und 22 °/ o Katholiken. Aufser dieser durch ihre soziale Stellung und ihre Zahl (Florinskij erschlielst fur 1906 ungefahr 668 000) machtigen islamitischen Bevolkerung von Bosnien und Herzegowina gibt es noch gegen 100000 serbisch sprechende Mohammedaner in Alt-Serbien, die aber mit ihren albanesischen Glaubensgenossen gleiche religiose, kulturelle und politische Ideale besitzen. Von der grolsten Wichtigkeit ist die Tatsache, dafs ungefahr 64% der Kroaten und Serben im Rahmen der Osterreichisch- ungarischen Monarchie leben und daher ihrem machtigen Kultur- einfluls auf allen Gebieten ausgesetzt sind. In der Tiirkei gibt es (nach Florinskij) dagegen nur noch ungefahr 5 % aller Serben und Kroaten. Trotz des teilweise stark ausgepragten National- bewufstseins ist jedoch die Zahl der Bekenner der kroatischen oder serbischen Nationalitat unbestimmbar, um so mehr als die Mehrzahl der Mohammedaner noch in ihrer religiosen Exklusivitat verharrt, obgleich sich in Bosnien auch sie nicht blofs publizistisch, sondern auch litterarisch schon stark betatigen (meist in lateinischer Schrift). Das Kulturzentrum der Kroaten bildet Agram, wohin aber auch die Serben in Kroatien und Slawonien, fur die der Patriarchensitz Karlowitz und die Kldster der Fruška Gora (der serbische Athos-Berg) geistige Mittelpunkte sind, immer mehr 16 ihre Organisation verlegen. Eine wichtige Rolle spielten im neuesten geistigen Leben ihres ganzen Volkes die Serben in der siidungarischen Donauecke mit Neusatz (serb. Novi Sad) als Mittelpunkt. Erst seit 1870 bildete sich Belgrad zum litterarischen Zentrum der Serben aus. Dalmatien hat sich trotz seiner ruhm- vollen litterarischen und kiinstlerischen Vergangenheit noch zu keiner besonders bemerkenswerten Pflegestatte der Litteratur auf- geschwungen, obgleich es Kroaten und Serben bedeutende Talente lieferte. Montenegro hat zwar im 19. Jahrhundert zwei hervor- ragende Dichter aus dem fiirstlichen Hause aufzuweisen, doch im allgemeinen sind die Verhaltnisse einer Kunstlitteratur bis auf den heutigen Tag ungiinstig. Eine verhaltnismafsig starke Pflege fanden dagegen Litteratur und Wissenschaft in Bosnien und Herze- gowina, wo sich neben Sarajevo auch Mostar zu einem littera¬ rischen Zentrum ausbildet. Trotzdem das Land, welches fiir die Entwicklung der gemeinsamen Schriftsprache der Kroaten und Serben schon seit Jahrhunderten von grolser Bedeutung war, erst 1878 der europaischen Živil isation zugefiihrt worden ist, spielte es bereits in den neunziger Jahren des vorigen Jahr- hunderts eine wichtige Rolle, indem es den endgiiltigen Sieg der phonetischen Orthographie, der momentan denkbar besten in allen Litteratursprachen, auf dem ganzen Sprachgebiet entschied. In dem von der Regierung herausgegebenen Organ (Glasnik) des Landesmuseums und in ihrer Zeitschrift ftir das Schuhvesen (Skolski Vjesnik) wird die Gleichberechtigung der lateinischen und cyrillischen Schrift auf das peinlichste gewahrt, so dafs Ar¬ tikel und selbst Notizen in beiden Alphabeten abwechseln. Dieses Verhaltnis kann als vorbildlich ftir den weiteren Entwicklungs- gang der Kultur bei den Kroaten und Serben genannt werden. Wenn die allgemeine Bildung grofsere Verbreitung finden und die fortschreitende, die Gegensatze verwischende Kultur die littera¬ rischen Erzeugnisse immer mehr zum Gemeingut aller Teile machen wird, so werden die geistig hochbegabten Kroaten und Serben, bei denen mit den kiinstlerischen Fahigkeiten allerdings auch die Fehler der Kiinstler einhergehen, eine bedeutende und gewifs die starkste litterarische Einheit im slawischen Siiden re- prasentieren. Die Bulgaren, die Kernbevolkerung der ostlichen Balkan- halbinsel, weisen ebenfalls keinen einheitlichen ethnischen Typus 17 auf, obgleich sie religios und kulturell viel weniger gespalten sind als die Serben und Kroaten und in ihrer Gesamtheit durch fiinf Jahrhunderte unter der tiirkischen Herrschaft vereinigt waren. Die historische Vergangenheit und die geographische Beschaffen- heit der dem alten Moesien, Thrakien und Makedonien ent- sprechenden Landschaften von Bulgarien und der Vilajete Adria- nopel, Saloniki und Bitolj (Monastir) machen auch da mannig- fache Unterschiede begreiflich. Die Zahl der Bulgaren, die in der alteren Periode der siidslawischen Litteratur die bedeutendste Rolle spielten, war wegen der turkischen Verhaltnisse lange ein wissenschaftliches Ratsel. Wahrend Šafaflk sie im Jahre 1826 auf 600 000 bezifferte, sprach man einige Jahrzehnte spater sogar von 7 oder 7 1 k Millionen (letztere Zahl gaben die Bulgaren selbst in einer Petition an den Sultan 1856 an). Dafs diese Zahl sehr stark iibertrieben war, lehrten die ersten Volkszahlungen in dem seit 1878 befreiten und seit 1885 vereinigten Bulgarien und Ost-Rumelien. Im Jahre 1900 gab- es im ganzen Fiirstentum Bulgarien 2864735 Bulgaren bei einer Gesamtbevolkerung von 3 718 438 10a ) (darunter iiber eine halbe Million echter Tiirken meist im Osten, namentlich im Nordosten, dann Griechen an der Kuste des Schwarzen Meeres), d. h. 77 °/o, was allerdings schon einen bedeutenden Fortschritt gegeniiber den 73% des Jahres 1888 bildet. Im Jahre 1905 wurden im Furstentum bereits 3205004 Bulgaren bei einer Gesamtbevolkerung von 4 035 623 10 b ), also be¬ reits 79,4 %, gezahlt. Bulgarien konnen jedoch kaum drei Funftel aller Bulgaren als ihr Vaterland bezeichnen, denn gegen zwei Millionen wohnen ihrer noch in der Tiirkei, in Rumanien (haupt- sachlich in der Dobrudscha), in Rulsland (iiber 200 000 meist im siidlichen Bessarabien und auch in der Krim) und sogar im ungarischen Banat (iiber 30 000). Doch kommt ftir die bulgarische Nationalitat und Litteratur in Wirklichkeit nur die iibergrolse Mehrzahl der slawischen Bevolkerung der Tiirkei in Betracht, die im bulgarischen Exarchat in Konstantinopel einen festen Stiitz- punkt hat, weil Bulgarien kliiger handelte als Griechenland und sein religioses Zentrum daselbst beliefs. Die Zahl der turkischen Bulgaren ist jedoch unergrtindlich. Im Gefolge Niederles erschlofs Florinskij ftir 1906 in (Tiirkisch-) Rumelien, Konstantinopel und in den anliegenden Teilen der europaischen Tiirkei 661 200 Seelen, in Makedonien aber 1 132000, Murko. Geschichte der sudslawischen Litteraturen. 2 18 wobei er die nordwestlichen Gebiete deti Serben zusprach. Die Zahlung Hilmi Paschas im Jahre 1905 ergab jedoch blofs 557 734 Bulgaren, obgleich die Anzahl der Anhanger des bulgarischen Exarchats allein gewils grofser ist, nur 167 001 Serben bei einer Gesamtbevolkerung von 3171690. Auf diese Weise wurden die makedonischen Slawen nicht einmal ein Drittel der Bevolkerung bilden, wahrend sie in Wirklichkeit in der Majoritat sind und den Norden und die Mitte des Landes trotz der an Zahl starken, aber kulturell schwachen tiirkischen Minoritat und der im Nord- westen sich ausbreitenden Albanesen sprachlich beherr- schen 11 ). Das gleiche gilt fiir die Griechen beztiglich der Agaischen Kriste, die aber auch die Bulgaren an zwei Punkten erreichen, und der an Griechenland anliegenden Gebiete; ihre Zahl wird aber von Ttirken und Griechen durch die dem griechischen Patriarchat noch angehorigen Bulgaren (»bulgarophone Hellenen« nennen sie griechische Propagandisten, wie Nikolaides, Make- donien, Berlin 1899), Aromunen (Walachen) und christlichen Albanesen vergrofsert (1905 nach Hilmi Pascha: 647 962). Die im ganzen Lande zerstreuten Mohammedaner (1720007 ?) sind sprachlich nicht einheitlich. Fiir uns ist wichtig die Tatsache, dafs es an den Abhangen des Rodopegebirges in Makedonien und teilweise im Vilajet Adrianopel iiber 350000 bulgarisch sprechender Mohammedaner(»Pomaken«) gibt, die zwar reli gos und politisch fanatische Tiirken sind, von den Osmanen jedoch gering geschatzt vrerden (man nennt sie in Makedonien bezeichnender- weise »Zungenlose«) und sich dem modernen bulgarischen Kultur- einfluls, dem ein kleiner Bruchteil in Bulgarien (1900: 20644) schon heute unterliegt, auf die Dauer nicht vrerden entziehen konnen. Dafs aber auch unter den christlichen Slawen Makedoniens die endgiiltige Option der bulgarischen oder serbischen Nationalitat in weiten Gebieten eine Frage der kiinftigen politischen Entwicklung des Landes ist, wurde schon angedeutet. Die sogar von einzelnen Bulgaren unter der Patronanz gevvisser russischer Kreise ge- machten Versuche der Bildung einer eigenen Nationalitat und einer neuen Litteratursprache unter den makedonischen Slawen blieben erfolglos, und eine Wiederholung derselben vrtirde auch in der Zukunft unbedingt ohne Resultat bleiben. Die Zahl aller Bulgaren hat immerhin schon 5 Millionen tiberschritten (Florinskij erschliefst fiir 1906 ungefahr 5440000). 19 Mit Ausschlufs der bereits erwahnten Mohammedaner sind die Bulgaren fast durchwegs orthodox; nur in Bulgarien zahlte man 1900 27000 Katholiken, die meist um Philippopel und Nikopol gelagert sind. Katholisch sind auch die ungarischen Bulgaren. In jtingster Zeit haben die katholische und protestantische Pro¬ paganda nur geringe Resultate erzielt (nach Florinskij gibt es in Makedonien 4000 Unierte und 2000 Protestanten). Fur die Litteratur kommt heute eigentlich doch nur Bulgarien in Betracht, denn selbst in Makedonien sind die Verhaltnisse fur sie noch wenig giinstig. Mehr als in Serbien scheinen sich in Bulgarien aufser der Hauptstadt Sophia auch Philippopel und andere Provinzstadte zu geistigen Zentren auszubilden; in Make¬ donien spielt die Rolle eines solchen Saloniki. Die bisherigen Erfolge der Litteratur und Wissenschaft in Bulgarien zeigen, dafs seine ttichtige, arbeitsame und sparsame, wenn auch kiinstlerisch weniger veranlagte Bevolkerung einer schonen Zukunft auch in der Litteratur entgegensehen kann. II. Historiscbe Notizen iilier die EinwaMerung der Siidslawen, ihre Staatengriindimgen, Christianisierung und ursprflngliche Kultur. Im Widerspruch mit einer alten siidslawischen Tradition, die schon in die alteste russische und in andere slawische Chroniken des Mittelalters Eingang gefunden hat, konnen wir die Wiege der Slawen in historischer Zeit nicht an der Donau, sondern jenseits der Karpathen, im heutigen Russisch-Polen, Galizien und in der Bukowina mit den anliegenden Gebieten suchen. Vom Gesamtverband sich loslosend setzten sich nach dem Verfall des hunnischen Reiches, anderen Volkern folgend und von den nach- sturmenden gedrangt, auch slawische Massen nach de'm Stiden in Bewegung, so dals wir sie am Anfang des sechsten Jahr- hunderts bereits im ostlichen Siebenbiirgen und in Rumanien finden; auch vereinzelte Ubergange iiber die Donau seit dem zweiten Jahrhundert sind heute wahrscheinlich gemacht; slawische Ssldner in ostromischen Heeren waren nicht selten. Die erste Invasion in das ostromische Reich wird beim Regierungsantritt 2 * 20 des Kaisers Justinian (527) verzeichnet, doch kamen die Slawen auf den Balkan schon am Anfang des 6. Jahrhunderts, wenn nicht am Ende des fiinften. Ihre pliindernden Scharen schwarmten iiber die ganze Halbinsel bis nach dem Peloponnes (Saloniki be- lagerten sie bereits 609, Konstantinopel 626), gelangten 548 an die adriatische Kiiste bis in die Nahe von Dyrrhachium (Durazzo) und bereiteten am Anfang des 7. Jahrhunderts unter dem Kaiser Phokas Salonae, deren Bevolkerung sich in den Palast Diokletians fliich- tete und auf diese Weise Spalato griindete, sowie anderen Stadten Dalmatiens den Untergang. So besiedelten die Slawen auch die von den Romern als deliciae mundi gefeierten fruchtbaren Kiisten- strecken in der Zone der Olivengarten und Lorbeerwalder und umgaben durch Jahrhunderte die alten und neuen Seestadte, die durch Herkunft und Sprache von ihnen getrennt waren. Um die Mitte des siebenten Jahrhunderts war die slawische Kolonisation der Balkanhalbinsel vollendet. Noch fruher be- volkertcn Siidslawen das Gebiet der Theifs und nach dem Ab- zug der Langobarden (568) Pannonien, Noricum, Istrien und einen Teil von Venetien; bereits 595 kampften sie mit dem Bayernherzog Thassilo am Toblacherfeld in Tirol. Haufig treffen wir sie im Gefolge und unter der Herrschaft tiirkischer Reiter- volker, speziell der Awaren seit der Mitte des sechsten Jahr¬ hunderts, und der Bulgaren (diese uberschritten die Donau 679), die gering an Zahl, aber vortreffliche Herrscher und Organisa- toren waren. Ihnen dienten die Slawen als Fufstruppen, im Frieden aber als Ackerbauer. Diese slawischen Volksmassen fiihren durchwegs den schon aus ihrer Heimat fiir die siidwestliche Gruppe bekannten Namen Slovrenen, lateinisch Sclaveni, Sclavini, Sclavi, griechisch N/.Za/J/irot', Ix.lavr]voi, 2/J.Uihvoi', Ivluftoi u. a., was einem slawischen Slo vene, der jetzigen Gesamtbezeichnung ftir alle Slawen, entspricht. Dieser einheimische, allerdings noch nicht befriedigend erklarte Name jener Stamme, welche zuerst den byzantinischen und abendlandischen Schriftstellern bekannt geworden sind, wurde also auch hier verallgemeinert, ebenso wie die erste fiir die Slawen auftauchende wahrscheinlich germanische Bezeichnung Venedi, Venethi, Winidi, welche auch noch in der deutschen Bezeichnung der slawischen Bewohner der Lausitz (Wenden) und der heutigen Slowenen (Winden, Windisch) fortlebt. Der Name 21 Slowenen war im slawischen Siiden allgemein, speziell auch far die bulgarischen und byzantinischen Slawen gebrauchlich und wurde erst allmahlich durch die staatlichen Namen der Bulgaren, Serben und Kroaten 12 ) verdrangt , blieb aber im Westen noch lange bekannt, namentlich in Dalmatien und Kroatien (entstellt ist er in Slavonien erhalten) und lebt noch heute bei den Slowenen fort (allerdings in der abgeleiteten Form Slovenci 13 )). Die bei Historikern noch stark verbreitete, auf Philologen (hauptsachlich Miklosich) zuriickgehende Gegeniiberstellung der karantanischen, pannonischen, dakischen und moesischen Slowenen einerseits und der Kroaten und Serben andererseits, welche sich nach Konstantin Porphyrogennetos erst im siebenten Jahrhundert wie ein Keil zwischen jene eingeschoben haben sollen, ist unhaltb.ar: die Byzantiner »mit ihrem System von Geschenken, Titeln und Be- soldungen« hatten sich nach drei Jahrhunderten die politische Theorie zurechtgelegt, dafs die beiden Volker, die sie — fiigen wir hinzu — gern gegen ihre machtigen Gegner, die Bulgaren, ausspielten, ihre Wohnsitze als ein Geschenk des Kaisers Heraklius erhalten hatten u ). Ein solcher Dualismus im slawischen Siiden ist weder durch die Geschichte noch durch die Sprache zu recht- fertigen. Dabei mufs allerdings hervorgehoben werden, dafs die heute ununterbrochene Kette der ineinander tibergehenden siid- slawischen Dialekte erst ein Werk der Jahrhunderte ist, da friiher zahlreiche fremde Elemente erst slawisiert werden mufsten. Die Siidslawen nahmen namlich Besitz von einem alten historischen Boden, det immer einen Kampfplatz verschiedener Rassen, Volker und Kulturen bildete. Sie kamen in die Gebiete der Thraker, Illyrier und Kelten, die von den Griechen und Romern noch nicht ganz verdrangt oder entnationalisiert worden waren; verschiedene germanische Vclkerschaften, die den Slawen voran- gegangen waren, liefsen ebenfalls ihre Spuren zuriick. Mit mehreren tiirkischen Stammen waren ihre Schicksale innig ver- kniipft. Trotz aller Wandlungen erhielten sich aber in diesen Landern Ost- und West-Roms noch immer starke Reste der friiher bliihenden geistigen und materiellen romischen und griechischen Kultur, deren Ausstrahlungspunkte durch Staat und Kirche weiter wirksam waren. Am meisten haben die von den Slowenen besetzten Lander durch die nach Italien ziehenden Volker ge- litten, doch auf dem Balkan blieb keine geringe Kultur bestehen, 22 und selbst das Christentum erhielt sich latent, was uns die ruhige und meist ganz im stillen vor sich gegangene Bekehrung der dortigen Slawen begreiflich macht. Trotzdem teilten die Siid- slawen nicht die Schicksale der Germanen in Italien, Frankreich und Spanien. Nur diejenigen Stamme, die in geringer Zahl zu weit und zusammenhanglos im Westen in die Alpenlander und im Siiden nach Griechenland schwarmten, gingen nach Zuriick- lassung zahlreicher slawischer Ortsnamen zum grolsten Teil in verhaltnismafsig kurzer Zeit in Deutschen und Griechen, deren naturlicher Starke noch der Staat und die Kirche mit ihrer hoheren Kultur zustatten kamen, teilweise auch in den Albanesen auf; die iibrigen hingegen behielten ihre Nationalitat und sogen sogar zahlreiche eingesprengte Elemente auf, insbesondere die romanischen, welche von den italienischen Kolonisten oder von den romanisierten Volkerschaften abstammten. Die von den S!awen in die Gebirge zuriickgedrangten Rumanen (Walachen, Maurowlachen, Morlakken, Zinzaren, Aromunen) waren als Wanderhirten im spaten Mittelalter noch in vielen Balkan- gegenden stark verbreitet und gelangten selbst bis unter die Slowenen. Sogar die Lateiner (Latini) der ganz romanischen Stadte von Dalmatien und Libumien 15 ), die lange ihre Stiitze an Byzanz und seiner Flotte, dann an Venedig und Ungarn hatten, waren schon zu Anfang der Neuzeit im hauslichen Leben ganz slawisch, so dafs wir hier das einzige Beispiel des Vor- dringens der Slawen nach Westen in so spater Zeit besitzen. Aufserordentlich interessant ist auch die Tatsache, dafs die Grenze der Slowenen in Friaul seit den Zeiten der Langobarden un- gefahr dieselbe geblieben ist 1311 ). Diese Resultate haben die Siidslawen nicht blofs ihrer Zahl, die in solchen Fallen allerdings stark ins Gewicht fallt, sondern auch der Tiichtigkeit ihrer Rasse und der grofsen Anpassungs- fahigkeit an ihre hoher stehende Umgebung zu verdanken. Romische Kultur hatte sie schon in ihren Sitzen jenseits der Karpathen teilweise durch ostgermanische Volker erreicht; ins¬ besondere von den Gothen, die einige Zeit ihre Herren waren, eigneten sie sich schon dort vor allem eine hohere kriegerische Organisation und Bewaffnung an. Im Siiden lernten sie manches direkt von den Romanen, was verschiedene romanische Fremd- worter beweisen, deren Vorhandensein man bisher zu wenig be- 23 achtet oder direkt geleugnet hat (z. B. Klaic), anderes wieder durch germanische Vermittlung, hauptsachlich in den frankischen Marken. Starke griechische Einflusse sind namentlich im Siid- osten und seit der Christianisierung von Konstantinopel aus selbstverstandlich. Dafs sie aucb keine geringe Kultur in die neue Heimat mitbrachten, beweisen zahlreiche gemeinslawische Kulturworter auf allen Gebieten 16 ). Sie lielsen sich bald als vor- wiegend Ackerbau treibendes Volk dauernd nieder, und dies machte auch ihre Starke aus. Selbst in der Darstellung eines modernen Geschichtschreibers 17 ), der sich noch immer in der deutschen und italienischen Volksetymologie Slaven — Sklaven gefallt, spielen auch die Slowenen vor tausend Jahren neben ihren deutschen Herren in den ostliehen Alpenlandern, die »lieber der Jagd, dieser mehr kriegerischen Betatigung oblagen, sich auf die Barenhaut legten und andere die Knechtarbeiten ver- richten liefsen«, vom Kulturstandpunkte keine so schlechte Rolle als Salzbereiter, Bergknappen, Gartner, Hopfenbauer und Bienen- wirte 18 ), als Holzknechte, Flofser und Alpenhirten. Man wird unwillkiirlich an Herders idyllische Schilderung der alten Slavven und an seine Verurteilung der deutschen Machthaber erinnert. Fiir die verhaltnismafsig hohe Kulturstufe der alten Siidslawen zeugen auch die zahlreichen Fremdworter der Magyaren, welche diese hauptsachlich in der Theifsgegend und in Pannonien ent- lehnten; denn nach Miklosichs 19 ) noch wenig modifizierten For- schungen gibt es in der Tat »keine namhaftere Seite des sozia- len, kirchlichen und staatlichen Lebens, in dessen vielfacher Beziehung und Verastelung sich die Slawen nicht als Lehrer der Magyaren erwiesen hatten«. Nicht minder zahlreich sind die slawischen Elemente im Rumanischen, dagegen naturgemafs gering im Neugriechischen. Beachtenswert ist auch der slawische Einflufs auf die byzantinische Agrargesetzgebung. Gertihmt wird an den alten Slawen die grofse Lust an Gesang, Musik und Tanz (ihr Wort ftir Tanzen — aksl. plesati — haben sie jedoch den Gothen entlehnt), ihr argloser und offener Sinn, ebenso eine tibertriebene Gastfreundschaft, die ja ein Merkmal aller patri- archalischen Volker ist. Die Reinheit und Treue ihrer Frauen, die haufig ihren Mannern im Tode nachfolgten, wird bezeugt. Die Vorstellung von dem absolut friedlichen und sanften Charakter speziell der »grofsen, schlanken und durchvvegs kraf- 24 tigen« (Prokopios) Stidslawen \vird jedoch durch die Schilderung ihrer Pliinderungszuge, ihrer Kriegslisten, ihrer geschickten Be- lagerung der grofsten befestigten Stadte und der von ihnen ver- iibten Grausamkeiten auf dem Balkan und in den Alpenlandern griindlich widerlegt, ebenso durch die slawische Piratenherrscbaft im siidlichen Dalmatien und im agaischen Meer. Auch die bald gegriindeten siidslawischen Staaten fuhrten nicht wenig Kriege mit ihren Nachbarn und untereinander. Dieser kriegerische Geist lebte speziell bei den Serben und Kroaten fort und konnte durch die Verhaltnisse noch verstarkt werden. Allerdings dtirfen wir dabei nicht des Lobes vergessen, das Kaiser Maurikios der humanen Behandlung der Kriegsgefangenen durch die Slawen spendet: sie behielten dieselben nicht j in ewiger Knechtschaft wie andere Volker, sondern nur bis zu einer gewissen Zeit, in der sie ihnen dann anheimstellten, entweder sich loszukaufen und zu den Ihrigen zuriickzukehren, oder aber bei ihnen als Freie und Freunde zu verbleiben«. In armlichen und weit voneinander gelegenen, meist an un- zuganglichen Orten (an Fliissen, Siimpfen) gebauten Hiitten wohnten die Slawen mit ihren geringen Bediirfnissen. Die Frei- heit liebten sie iiber alles, vertrugen keine Herrscher und unter- zogen alle Angelegenheiten »in behaglichen und unbehaglichen Lagen« einer gemeinsamen Beratung, lebten in Uneinigkeit und verbanden sich nur in Zeiten der Gefahr zu gemeinsamer Ab- ‘wehr oder zu einem Angriffszuge. Den etwas bestechenden Ver- gleich dieser altslawischen Demokratie mit Anarchie darf man jedoch nur mit Vorbehalt hinnehmen, denn die Stidslawen grundeten bald unter schwierigen Verhaltnissen nicht gering zu schatzende Staaten. Wenn wir von dem wie ein Meteor auftauchenden west- slawischen Staate des ratselhaften Samo (623—658), der aber seinen Mittelpunkt in Bohmen hatte, absehen, miissen wir aller¬ dings hervorheben, dafs den ersten und machtigsten sudslawischen Staat ein sudturkischer — nicht finnischer — Volksstamm 20 ), die Bulgaren, gegriindet hat. Die Geschichte Rulslands hat also ein Gegenstiick im slawischen Siiden, nur spielte hier die Rolle der germanischen Warager eine zahlreichere Adelskaste eines tiirkischen Volkes, das, von der mittleren Wolga — davon soli auch der Name Bulgaren (Wolgabewohner) herriihren — 25 kommend, langere Zeit am Schwarzen Meere und an der Donau hauste, bis eine Horde, von Byzanz provoziert, in die Dobrudscha einfiel (679), dem ostromischen Reiche nach hartnackigen Kampfen das Land zwischen der Donau und dem Haemus samt dem grofsten Teil des heutigen Serbien und Altserbien entrifs, dann auch nach Thrakien und Makedonien, wo sich die Griechen nur noch am Meere hielten, endlich nach Albanien bis zur adria- tischen Kiiste vordrang, ebenso die Slawen in Siebenbtirgen und in der Theifsebene unterwarf und sogar die Franken diesseits der Donau zuriickdrangte (827), dauernd allerdings nur aus Syrmien, dessen Gebirge Fruška Gora (= Frankenberg) noch heute an die Herrschaft Karls des Grofsen erinnern diirfte. Das aus zwei Volksklassen bestehende Herrschervolk ging im Laufe von mehr als zwei Jahrhunderten in den slawischen Volksmassen vollstandig auf, ohne irgendwie (namentlich in der Sprache) nennenswerte Spuren zu hinterlassen; die Mitglieder der regierenden Familie fiihren schon in der zweiten Halfte des 9. Jahrhunderts slawische Namen, und Symeon (893—927), unter dem die sudslawische Litteratur ihre erste Bltite erlebte, war schon ein vollstandiger Slawe; allerdings sind Anzeichen vor- handen, dafs die turkischen Bulgaren auch nach der Taufe im 9. und sogar noch im 10. Jahrhundert ein besonderes Volk blieben. Infolge der Christianisierung (864) kam Bulgarien ganz in die Kultursphare von Byzanz und Symeon, der auch die bulgarische Grolsmacht zur hochsten Entfaltung brachte, vrollte sogar das ost- romische Reich beerben, denn nach der furchtbaren Niederlage der Griechen bei AchelousX917) legte er sich den stolzen Titel »Zar 21 j der Bulgaren« und 924 auch den eines »Autokrators der Rhomaer« (Griechen) bei. Dafiir war aber wahrend des Hohepunktes ost- romischer Machtfiille unter der armenischen Dynastie die Zeit noch nicht gekommen. Uberhaupt jagten die beiden grofsten siidslawischen Herrscher, Symeon und spater der Serbenzar Dušan, diesem Phantom zu ihrem und der Stidslawen Unheil nach, ahn- lich wie die deutschen Kaiser der Fiktion des heiligen romischen Reiches deutscher Nation die grofsten Opfer brachten. Statt die Slawen der Balkanhalbinsel und die Pannoniens wenigstens zwischen der Drau und Sawe moglichst zu einigen, gab Symeon Byzanz sogar den Anlafs, aufser den Magyaren und Petschenegen auch das grofsmahrische Reich, die von Bulgarien noch un- 26 abhangigen Serben, die er allerdings vernichtete (924), und die Kroaten, die hinwiederum ihn aufs Haupt schlugen (925), gegen sich in Bewegung zu setzen, so dafs er selbst den mit seinem Tode beginnenden Niedergang des bulgarischen Reiches einleitete. Verhangnisvoll war flir die Stidslawen der schon seit der Spaltung des romischen Reiches 22 ) bestehende Gegensatz zwischen West- und Ost-Rom, der namentlich seit der Kaiserkronung Karls des Grofsen zum Ausdruck kam, auf politischem Gebiete. Im Nordwesten hatte sich namlich ein zweiter, zeitweise gleichfalls machtiger Staat, der sich nach einigem Schwanken an Rom an- schlols und sich seine westlichen Gegner, die Franken, zum Muster nahm, gebildet. Der erste Versuch, in Unter-Pannonien zwischen Drau und Save einen kroatischen Staat mit Sisek, dem Knotenpunkt des romischen Strafsennetzes, als Zentrum zu grtinden, wurde trotz der Siege Ljudevits (818—823), dem sich auch viele Slowenen anschlossen, von den Franken mit Hilfe der dalma- tinischen Kroaten vereitelt; dagegen wurde um dieselbe Zeit am Adriatischen Meer, wo der romische Staatsbegriff infolge der friiheren Christianisierung mehr Verbreitung gefunden hatte, zwischen Spalato und Zengg von dem Bundesgenossen der Franken, _Borna, und unter frankischer Oberhoheit (788 mulsten die Byzantiner den Franken ganz Istrien, Liburnien und Dalmatien mit Ausnahme der Stadte abtreten) der Grund zu einem kroatischen Staate gelegt, dessen Herrscher in Klis (Clissa) bei Spalato, Bihac bei Trau, Nin (Nona) oder in Belgrad am Meere (Žara vecchia) residierten. In diesem Kroatien, das also auf dem Boden des alten Dalmatien entstand, bekampften sich byzantinische, friinkische und romische Einfliisse bis in die zweite Halfte des 9. Jahrhunderts. Sedeslav (878—879) \var der letzte Furst, der noch ganz zu Byzanz hielt, um endgtiltig mit dem frankischen Reiche zu brechen. Mit dem Regierungsantritt Branimirs (879—890) vollzog sich aber e * n g^nzlicher Umschwung des \vachsenden und bereits ganz unab- hangigen Reiches zugunsten Roms und des Abendlandes. Tomislav (um 910—930), der die Magyaren nicht blofs von Dalmatien fern- hielt, sondern auch tiber die Drau zurucktrieb, vereinigte das heutige Kroatien und Slawonien (ohne Syrmien) mit einem breiten adria- tischen Kiistengebiet von der Arsia (slawisch Rasa) in Istrien bis Antivari (vgl. Anm. 3 a ). Die Byzantiner veranlafsten sogar ihre Stadte Spalato, Žara, Trau, Ossero, Arbe und Veglia, sich unter den 27 Schutz ihres Bundesgenossen zu begeben (914), der die dalma- tinischen Bischofe wieder mit dem Papste aussohnte. So konnte sich Tomislav um 925 nach dem Beispiel des von ihm ge- schlagenen Bulgarenzaren Symeon auch die Konigskrone 23 ) auf das Haupt setzen; doch scheint eine solche aus Rom erst Zvonimir (1076—1088) erhalten zu haben, der auch das Banner von Gregor VIL in Empfang nahm, d. h. sich als Vasallen des romi- schen Stuhles bekannte und ihn auch gegen Kaiser Heinrich IV. tatkraftigst unterstiitzte. Die siidvrestlichen Gebiete (im heutigen siidlichen Dalmatien, in der Herzegowina und Montenegro) sagten sich jedoch von der Oberhoheit der kroatischen Konige los, und diese konnten uberhaupt nie die Herrschaft tiber die ganze romische Provinz Dalmatien, die bis in das westliche Serbien und bis zur Šar-Planina gereicht hatte, behaupten, was natur- gemafs gewesen ware; denn in Bosnien scheint ihre Macht vor- iibergehend zwar bis zur Drina, dauernd aber nicht tiber den Bosnaflufs vorgedrungen zu sein. Die Lage des kroatischen Staates war zugleich eine sehr schwierige. Das erstarkte ost- romische Reich hinderte seine Entwicklung zu Wasser und zu Lande, die Venetianer , die sich als treue Diener (dov).cu) der Byzantiner auf ihre Erbschaft an der Adria vorbereiteten, taten das gleiche, die Einfalle der Sarazenen brachten den Kroaten Ungluck auch dann, wenn sie zu ihrer Besiegung wesentlich bei- getragen hatten; im Nordosten entwickelte sich aber der von den Magyaren innerhalb natiirlicher Grenzen gegriindete ungarische Staat bald zu einem machtigen Faktor, der die Schicksale Kroa- tiens ebenso beeinflufste wie spater die Serbiens und Bosniens. Auch der bfters sich bemerkbar machende Dualismus zwischen den Gebieten diesseits und jenseits des Velebitgebirges und der Save war dem Reiche nicht forderlich. Dazu kamen fortw&hrende innere Wirren, die durch den Kampf der lateinischen Bischofe in den romanischen Stadten und der kroatischen Nationalkirche mit ihrem urspriinglich griechisch-slawischen Ritus besonders stark genahrt wurden, was gleichfalls dem Siege des Staatsgedankens tiber machtige Personlichkeiten und ganze Stamme wenig forder¬ lich war. Aufsere und innere Schwierigkeiten trugen also dazu bei, dafs nach dem Aussterben der nationalen Dynastie der ungarische Konig Koloman, der zuerst seinen auf Ehebiindnisse gegriindeten Rechten mit Gewalt, aber ohne Erfolg, Geltung 28 verschaffen wollte, auf Grund eines Ubereinkommens mit zwolf edlen Geschlechtern zum Konig von Kroatien und Dalmatien in Belgrad am Meere (Žara vecchia) gekront wurde (1102). Die staatliche Gemeinsamkeit zwischen Ungarn und Kroatien hatte verschiedene Formen (lange bildete Kroatien eine Secundogenitur der Arpadendynastie), aber immer hielten die Kroaten an dem Grundsatze fest, dafs sie sich der ungarischen Krone freirvillig angeschlossen (regna socia) haben. Der Name Kroatien verblieb auch weiter in erster Linie den Kiistengebieten, vvahrend das Land zwischen Save und Drau Slavonia (Slovenska zemlja) hiefs, und wurde erst infolge der Ttirkenherrschaft auf die Reste Kroatiens mit Agram als Mittelpunkt iibertragen. Zwischen Bulgarien und Kroatien finden wir Gebilde, aus denen der serbische Staat hervorgegangen ist. Der Stamm der Serben safs im Flufsgebiet der Tara, des Lim und Ibar (Alt- serbien und Novi pazar). Ihre Fiirsten ubernahmen in der ersten Halfte des 10. Jahrhunderts die Fiihrung iiber die Dynasten in Zachlumien (Herzegowina), Travunien (bei Trebinje) und Dioklitia (spater Zeta, Montenegro), die selbstandig oder voriibergehend mehr oder weniger von Byzanz, Bulgarien oder Kroatien ab- hangig waren. Im 9. und 10. Jahrhundert vrarden die Serben in Byzanz gegen Bulgarien ausgespielt, aber bereits im 11. traten sie defensiv und offensiv gegen das ostromische Reich auf. Der Schwerpunkt dieses serbischen Staates lag in Dioklitien, welches das sudliche Dalmatien, Montenegro und die Umgebung von Skutari, also die romische Provinz Praevalis umfasste; die Fursten Michael und sein Sohn Bodin, die bereits den Konigs- titel fuhrten, residierten in Scodra (Skutari). Die Stadte dieser Kiistengebiete hatten gleichfalls romanische Bevolkerung, und der Einflufs der romischen Kultur und Kirche war auch weit im Innern machtig; die katholischen Erzbischofe von Antivari (slav. Bar) fiihren infolgedessen noch heute den Titel eines Primas von Serbien. Im 12. Jahrhundert brachten jedoch die Komnenen diese Gebiete wieder unter byzantinische Botmafsigkeit, und so traten die Grofszupane der Serben des Binnenlandes in den Vordergrund. Nur die Slowenen brachten es zu keiner bemerkenswerten staatlichen Organisation. Allerdings lebten sie im 7. und 8. Jahr¬ hundert selbstandig unter einheimischen Fursten und fuhrten erfolg- reiche Kriege, namentlich gegen die Langobarden in Friaul, zum 29 Teil auch gegen die Bavern, doch riefen sie diese um die Mitte des 8. Jahrhunderts gegen die Awaren zu Hilfe, wechselten aber so nur die Herren und kamen mit ihnen unter die frankische Ober- hoheit (788). Gegen Ende des 8. Jahrhunderts befinden sich schon alle Gebiete der Slowenen unter frankischer Herrschaft, allerdings noch immer mit einheimischen Fiirsten, und teilen weiterhin die Schicksale der deutschen Alpenlander. Auch bei den pannonischen Slowenen entstand ein Furstentum, dem es beschieden war, keine geringe Rolle in der Begriindung der slawischen Liturgie und Litteratur zu spielen. Ein grofs- mahrischer Fliichtling Pribina 2i ) (aus der Gegend von Neutra in Ungarn) erhielt nach Annahme des Christentums vom Konig Ludwig ein Lehen in Unterpannonien (847) und herrschte in einem grolsen Teile des heutigen siidwestlichen Ungarn und in Steiermark bis Pettau, so dafs das Gebiet zwischen der Mur und Drau noch grofstenteils zu diesem Furstentum gehorte, dessen Mittelpunkt Mosaburg (heute Szalavar?) am Plattensee lag. In diesen steirischen Slowenen, in deren eigenartigem Dialekt nament- lich Ortsnamen aus schonen, altslawischen Personennamen 25 ) auf- fallen, und in den Slowenen und Kroaten im siidwestlichen Ungarn sind noch die Reste jener pannonischen Slowenen er- halten, bei denen die bedeutendsten alteren Slawisten die Heimat der altkirchenslawischen Sprache suchten. Die iibrigen sind an der Scheide des 9. und 10. Jahrhunderts von den Magyaren, die vvie ein Keil die Nord- und Siidslawen trennten, verdrangt oder im Laufe der Zeit aufgesogen worden, ebenso -vvie ihre dakischen Stammesbriider jenseits der Donau bis nach Siebenbiirgen. Der altslawischen Demokratie machten die neuen staatlichen Verhaltnisse bald ein Ende. Dafs die Slowenen allmahlich ganz dem mittelalterlichen Feudalismus verfielen, ist begreiflich; die neuen Feudalherren waren Deutsche, die einheimischen germa- nisierten sich im Laufe der Zeit. Auch bei den Kroaten fanden die frankischen Institutionen Eingang: die Župane, die alten Stammeshauptlinge, werden Grafen ahnlich und bekleiden vor allem verschiedene Hofamter; neben dem hoheren Adel finden wir auch einen niedrigeren, neben Freien auch Unfreie, ja sogar Sklaven. In Bulgarien, das ohnehin einen bereits slawisierten Adel hatte, wirkte das Beispiel der byzantinischen Autokratie und der grolsen Latifundien verderblich. Kein Wunder, dafs bei 30 den Bulgaren die erste christliche Sekte der Slawen bereits im 10. Jahrhundert einen stark kommunistischen Einschlag erhielt. Byzantinische Autokratie und abendlandischer Feudalismus fanden spater auch in Serbien und Bosnien keine gluckliche Nachahmung. Sogar die Zadruga (Hauskommunion, d. i. die Familiengiiter- gemeinschaft unter einem Oberhaupte), die als ein Rest der patriarchalischen Zustande viel gepriesen wurde, wird von neuen Wirtschaftshistorikern 26 ) auf die byzantinische Rauchsteuer zuriick- gefiihrt, welche Serbien und die Tiirkei iibernahmen und so mehrere Familien dazu verleitet haben sol len, nur einen Herd zu besitzen. In Kroatien und Serbien wurde die Zadruga in der Tat noch im 18. und 19. Jahrhundert aus feudalen und mili- tarischen Grtlnden (in der Militargrenze selbst von den Franzosen!) als »nationale« Institution gefordert und ausgebildet. Dank ihrer Beriihrung mit der griechisch - romischen Welt gingen die Siidslawen ihren zahlreicheren Briidern im Norden auch in der Annahme des Christentums voran. Die romische Staatskirche lebte an der adriatischen Ktiste kraftig fort, aber auch im Innern der Balkanhalbinsel war sie nicht ganz erstorben, wenn sie auch ohne regelrechte Hierarchie blieb. Selbst in den Alpenlandern hielt sich das Christentum lange, denn das Bistum Tiburnia in Karaten fiel erst im Anfang des 7. Jahrhunderts. Unter solchen Umstanden konnten seine Heilslehre und seine hohere Kultur ihre Wirksamkeit auch auf die Slawen ausiiben, und die Christianisierung ging auf dem Balkan mit geringen Ausnahmen ganz friedlich vor sich. Verhangnisvoll gestaltete sie sich nur ftir die Slowenen, gegen welche die Bayernfursten Religionskriege fiihrten; hier bedeutete der Sieg des Christen¬ tums auch die endgultige Herrschaft der Bayern und Franken. Die Herzoge Gorazd (kam um 750 zur Herrschaft) und Hotimir (um 753) hatten als Geiseln in Bayern die Taufe empfangen und wirkten als eifrige Christen unter ihren Lands- leuten. Dem Bistum Salzburg gebiihrt das grofste Verdienst der Bekehrung der Slowenen; Bischof Virgilius schickte um 755 den Regionarbischof Modestus mit mehreren Priestern ins Land. Schon in einigen Jahrzehnten fand das Christentum allgemeine Verbreitung, und eine heidnische Reaktion wurde 772 endgiiltig unterdriickt. Nach Besiegung der Awaren durch die frankischen Heere, mit denen auch die Slowenen und die Kroaten des Sawe- 31 gebietes kampften, sandte Salzburg, das wegen seiner wachsenden Bedeutung zum Erzbistum erhoben wurde (798), seine Missionare auch nach Unter-Pannonien, so dafs sein Gebiet infolge einer Verfugung Karls des Grofsen bis zur Donau reichte, wahrscheinlich mit Einschluls des Gebietes zwischen der Drau und der Sawe. In Mosaburg am Plattensee wurde die erste Kirche 850 geweiht. Auch die Bistiimer Passau und Freisingen waren unter den Slowenen tatig. Von Siiden aber wirkte das Erzbistum Aquileia, allerdings mit keinem besonderen Erfolg, woran das Schisma in der dortigen Kirche und die hiiufigen Kriege gegen die Slowenen die Hauptschuld trugen. In Istrien gab es noch im Anfang des 9. Jahrhunderts Heiden, obwohl in den benachbarten Stadten Bischofe residierten 27 ). Als Grenze zwischen den Erzbistiimern Salzburg und Aquileia wurde 811 die Drau bestimmt. Die ubliche Behauptung, dals unter den Slawen zuerst die Kroaten das Christentum angenommen haben, ist nicht so sicher, wie man glauben konnte. Dals die Regierung des Kaisers Heraklius, also die erste Halfte des 7. Jahrhunderts, wie Konstantin Porphyrogennetos berichtet, dafiir nicht in Betracht kommt, gilt als ausgemacht; sehr fraglich bleibt aber auch die zweite Halfte desselben Jahrhunderts und sogar die erste des achten. Richtig ist namlich in dem Bericht, dafs die Kroaten auf Wunsch Kon¬ stantinopel von romischen Priestern getauft wurden, auch eine Hierarchie erhielten (wenn auch keinen eigenen Erzbischof, wie der Kaiser erzahlt) und bei der Annahme des Christentums sich schriftlich verpflichteten und dem heiligen Petrus den Eid schwuren, fremde Lander mit Waffengewalt nicht zu tiberfallen, wofiir sie wieder vom Papste gegen andere Volker unter den Schutz Gottes und des heiligen Petrus gestellt wurden. Auf dieses Protektorat des heiligen Petrus berufen sich spater auch die Papste. Der geschichtliche Kern des ganzen Berichtes kann nur der sein, dals ein Kaiser von Konstantinopel die ostromischen Besitzungen in Dalmatien vor den benachbarten Kroaten sichern wollte und sich dazu des Papstes und des Christentums bediente. Politische Motive spielten also auch bei der Taufe der Kroaten mit. Die naheren Umstande, namentlich der schriftliche Vertrag, setzen aber bereits eine hohere staatliche Organisation bei den Kroaten voraus, die doch erst fiir das Ende des 8. Jahrhunderts beglaubigt ist. Lehrreich ist auch das erwiihnte lange Fortleben 32 des Heidentums in Istrien. Als fromme christliche Fiirsten, die Kirchen beschenkten, werden uns erst aus der Zeit der frankischen Oberhoheit Mojslav um 839 und Trpimir 852 genannt. Der »Bischof von Kroatien« hatte urspriinglich wohl keinen festen Sitz, sondern zog mit seinen Fiirsten und Konigen. deren Kanzler er war, umher; gegen Ende des 9. Jahrhunderts finden wir in dieser Eigenschaft den Bischof von Nin (Nona), um die Mitte des 11. Jahrhunderts den Bischof von Knin. Die Mehrzahl der Bischofe befand sich aber immer in den romanischen Kiisten- stadten, und die erzbischofliche Gewalt iiber ganz Dalmatien und Kroatien (»bis zum Ufer der Donau«) beanspruchte schon um 852 die Kirche von Spalato, die um die Mitte des 7. Jahrhunderts als Erbin von Salonae in dem ehemaligen Jupitertempel ihren Mittelpunkt gefunden hatte. Aus diesem Verhaltnis werden die heftigen Kampfe um die slawische Liturgie im 10. und ll.Jahr- hundert begreiflich. Der Niedergang der kroatischen Macht und das Erstarken serbischer Fiirsten im Siiden hatten im 11. Jahrhundert (um 1045) die Errichtung eines neuen Erzbistums Antivari zur Folge. Da- durch wurde aber die Eifersucht Ragusas geweckt, das am Ende des 11. Jahrhunderts ebenfalls einen Erzbischof erhielt (wobei jedoch wegen des Streites zwischen beiden Erzbistiimern der Bischof von Cattaro dem Erzbischof von Bari in Apulien unter- geordnet wurde!). Ein viertes Erzbistum errichtete Venedig in Žara 1154. Der italienische Regionalismus bllihte also in Dal¬ matien friihzeitig auch auf kirchlichem Gebiete auf. Dazu ver- loren Antivari und Ragusa bald ihr Binnenland, teilweise sogar die Kiiste, da im 12. Jahrhundert die Herrschaft des ostromischen Reiches vdederhergestellt wurde und der serbische Staat infolge- dessen seinen Schwerpunkt immer mehr nach Osten verlegte, wo er sich aus politischen Griinden dem geistlichen und kulturellen Einflufs von Byzanz unterordnete. Auf jeden Fali wurde auch ein grofser Teil der heutigen orthodoxen Serben von Rom aus bekehrt und langere Zeit beherrscht, was flir die Frage von der Bildung der serbischen Nationalitat sehr wichtig ist. Die ostromischen und bulgarischen Serben, also die Mehrzahl, erhielten allerdings das Christentum und seine Kultur gleich von Kon¬ stantinopel; sogar in der Nahe der Kiiste wurden die see- rauberischen Narentaner erst unter Basilios I. nach 878 von 33 griechischen Priestern getauft. In die Gebiete von Zachlumien, Travunien und weiter nach dem Siiden kann aber derselbe Kaiser nur griechische Priester zu urspriinglich romischen Christen gesendet haben. Zuletzt nahmen das Christentum die bereits machtigen Bulgaren an, im Jahre 864 oder Anfang 865, also zu einer Zeit, als die Slawenapostel Cyrill und Method bereits in Mahren -vvirkten. Dals der Bulgarenfiirst Boris von Method selbst oder von seiner Schwester, die als Gefangene in Konstantinopel den christlichen Glauben angenommen hatte, bekehrt worden sei, gehort in das Reich der Fabel. Zwischen den beiden christlichen Kaisermachten und dem ebenfalls bereits christlichen grolsmahrischen Reich konnten die Bulgaren nicht mehr lange Heiden bleiben, und Boris beniltzte den Friedensschlufs nach einem kaum glucklich begonnenen Kriege mit Byzanz als geeigneten Moment zur Taufe, bei der er den Namen seines kaiserlichen Pathen Michael annahm und von ihm ein kleines Gebiet am Fufs des Balkans als Tauf- geschenk erhielt. Seinen Eintritt in die europaische Kultur- gemeinschaft meldete er auch sogleich durch Boten nach Kon¬ stantinopel, Rom und Regensburg. Uberhaupt verstand er es, diesen Schritt, der selbst dem Patriarchen Photios unerwartet kam, gehorig zu verwerten. Als ihm die Griechen nicht gleich eine eigene Hierarchie zugestehen vvollten, trat er mit dem Papst Nikolaus I. in Verhandlung (866); dieser schob bei der Beantwortung der an ihn gestellten 106 Fragen die ilber das Recht, einen Patriarchen zu erhalten, bei Seite, sandte aber gleich zwei Bischofe ins Land, die nattirlich auch den romischen Ritus mitbrachten. Boris ver- trieb die griechischen Priester und verlangte die Beforderung des zu ihm geschickten Bischofes Formosus zum Patriarchen. Dem Papste war jedoch der spatere langjahrige Kandidat auf die Tiara, uber den Stephan VI. das schmachvolle Totengericht ab- hielt, nicht genehm. Ebenso wurde von Hadrian II. der Diakon Marinus abgelehnt (869). Boris schickte seinerseits den ihm ge- sandten Erzbischof Silvester sogleich zurtick. Als daraufhin sein Gesandter aus Rom unverrichteter Dinge zuriickgekehrt war, mufste er sofort nach Konstantinopel reisen, wo einem Konzil die Frage vorgelegt vrarde, ob die Bulgaren unter den Papst oder unter den Patriarchen von Konstantinopel gehoren. Die Antwort der orientalischen Vater konnte nicht zweifelhaft sein, Murko, Gescbichte der siidslawischen Litteraturen. 3 34 und so schlols sich Bulgarien zu Anfang des Jahres 870 definitiv Byzanz an, woher es nun mehrere Bischofe und einen Erzbischof erhielt, dem bei allen Feierlichkeiten der erste Platz nach dem Patriarchen eingeraumt wurde. So verlor Rom in einem ohnehin kritischen Moment Bulgarien und dadurch auch die Serben (in weiterer Folge noch die Russen) durch Starrsinn in Personal- fragen; es verstand weder den nattirlichen Gegensatz zwischen Byzanz und dem aufsteigenden Bulgarien gerade im Interesse seiner Anspriiche auch auf das ostliche Illyricum 28 ), noch den giinstigen Umschwung nach der Absetzung des Patriarchen Photios fiir die Einheit der christlichen Kirche auszuniitzen. Alle Versuche, den Balkan wieder zu gewinnen, blieben damals und in der Folgezeit vergeblich. Symeon wollte sich als Zar mit einem Erzbischof nicht mehr begniigen und erhob den Metropoliten von Preslav zum Patriarchen. Sein frommer, aber schwacher Sohn und Nach- folger Peter (927—968) — er gleicht Ludwig dem Frommen nach Karl dem Grolsen — erhielt ftir einen baldigen Friedens- schlufs nicht blofs eine byzantinische Prinzessin zur Frau, sondern auch die feierliche Anerkennung des bulgarischen Patriarchats. Dank diesem »politischen Meisterzug des ostromischen Kabinetts« (Gelzer) blieb die bulgarische Nationalkirche endgiiltig in der orthodoxen Gemeinschaft, die ihr in der Folgezeit nicht immer Gltick brachte. Die friihe Christianisierung der Siidslawen trug dazu bei, dafs wir iiber ihre Mythologie noch weniger wissen als liber die einzelner nordslawischer Stamme. Selbst jene Forscher, die im Aufbau eines slawischen 01ymps nicht miifsig waren, geben zu, dafs die Siidslawen einen eigenen Priesterstand und eigentliche Heiligtiimer nicht hatten. Die einzige einschlagige Nachricht, die sich in erster Linie auf die Siidslawen bezieht, lautet bei Prokopios (De bello gothico, III, c. 14): »Einen Gott, den Urheber des Blitzes, erkennen sie als alleinigen Herrn aller Dinge an und opfern ihm Ochsen und allerlei Opfertiere. Ein Schicksal (e \fxaq^evrjv) kennen sie gar nicht und schreiben ihm auch keine Macht liber die Menschen zu. Aber wenn ihnen, sei es in einer Krankheit oder beim Auszug in den Krieg, der Tod bevorsteht, versprechen sie dem Gotte, wenn sie entkommen, ftir die Errettung sogleich ein Opfer zu bringen. Gerettet opfern sie dem Versprechen gemafs, indem sie meinen, dafs sie ihre 35 Errettung durch dieses Opfer erlangt haben. Sie verehren auch Fliisse und Nymphen und andere gottliche Wesen (datuovia), denen allen sie Opfer darbringen, wobei sie auch Weissagungen vornehmen.« Dafs die Stidslawen kein Schicksal gekannt hatten, entspricht allerdings nicht dem heutigen allgemeinen Glauben an weibliche Wesen, die den Kindern das Schicksal in die Wiege legen, und den Personifikationen des Gluckes, Ungliickes und Schicksals. Prokopios kann also nur betont haben, dafs die Slawen keine blinden Fatalisten waren. Es ist aber auch ganz gut moglich, dafs die bis heute nicht versiegende glauben- und mythenzeugende Kraft diese Wesen erst spater und nicht ohne Einflufs der griechisch - romischen Vorstellungen geschaffen hat. Als Donnergott, den der heilige Elias beerbt hat, ist Penin trotz aller Zweifel in jiingster Zeit auch ftir die Sildslawen wahr- scheinlich gemacht worden 29 ). In den Nymphen erkennen wir leicht die schonen, ewig jungen und weifsgekleideten, den Menschen meist freundlichen Vilen (auch Samovilen, Samodivi, Judi der Bulgaren), welche die siidslawischen Quellen, Fliisse, Seen, das Meer, Walder, Gebirge und auch dieWolken bevolkern. Bei dem heutigen Stande der Wissenschaft mtissen wir es uns versagen, liber die religiosen Anschauungen, Sitten und Gebrauche der alten Slawen aus Volksliedern, Sagen, Marchen, Sprichwortern, aberglaubischen Gebrauchen, Zaubersprtichen und Ratseln weitgehende Schliisse zu ziehen. Es wurde zwar mit Recht bemerkt, dafs der Stidslawe, namentlich der Bulgare und auch der Serbe, bei der Ausiibung seiner religiosen Brauche mehr einen Heiden als einen Christen verrate 30 ), aber es ist auch eine Tatsache, dafs alle diese Gebrauche und Anschauungen auf das innigste mit dem Christentum, besonders mit seinem Fest- kalender zusammenh^ngen. Wenn wir nur bedenken, wie das Christentum, die grofste Revolution in dem geistigen Leben aller europaischen Volker, das ganze Fiihlen und Denken auch der Siidslawen griindlich verandert, wie es auch ihm fremde Elemente namentlich durch die apokryphe Litteratur vermittelt hat; wie orientalische Stoffe und Motive direkt und durch Vermittlung des Westens zu allen Sudslawen vorgedrungen sind, wie die abend- landische Kultur langs der ganzen dalmatinischen Kiiste immer ein grofses Einfallstor gehabt hat, und wie mitteleuropaische Ein- fliisse auch vom Norden aus friihzeitig Eingang auf den Balkan 3 * 36 gefunden haben, so werden wir Bedenken tragen, in der traditionellen Litteratur grolsere Reste der alten Mythologie, uberhaupt den Ab- glanz alter Zeiten und den Ausdruck des reinen Nationalgeistes zu suchen. Deshalb werden wir auch die Volkspoesie, die bei der Mehrzahl der Siidslawen noch kraftig fortlebt und selbst sehr alte Stoffe in offenkundig neueren Bearbeitungen bietet, nicht an die Spitze der Litteraturgeschichte stellen, wie das noch so haufig geschieht. III. Die SIawenaposteI Gyrili und Metbod. Die Anfange der kirchenslawischen Litteratur in Mahren und Pannonien. Auch bei den Slawen gehort das Schrifttum zu den Segnungen des Christentums. Die heidnischen Siidslawen, auf die sich der Bericht des Monches Hrabr aus dem Anfang des 10. Jahrhunderts bezieht, »zahlten und wahrsagten nach Strichen und Einschnitten«; nach Annahme der Taufe fiihlten sie aber das Bediirfnis, ihre Sprache »mit romischen und griechischen Buchstaben« zu schreiben. Griechische Inschriften besitzen wir in der Tat sogar aus der heidnischen Zeit der Bulgaren. Doch niemandem fiel es ein, die lateinische oder griechische Schrift den slawischen Lauten auzupassen, die Bibel zu iibersetzen oder gar einen slarvischen Dialekt zur Sprache der Kirche zu erheben, wodurch die beginnende Litteratur ihre starkste Stiitze erhielte. Trotzdem der Orient verschiedene liturgische Sprachen kannte, wollte man beziiglich der Slawen in Konstantinopel davon ebenso- wenig wissen wie in Rom. Merkwiirdigerweise wurde diese Konzession zuerst Rom abgerungen. das aber daraus keinen dauernden Nutzen zu ziehen verstand. Das grofse Werk der Begriindung einer slawischen Kirchen- und Litteratursprache ist ein Verdienst »der Slawenapostel« Cyrill und Met hod, die aber die Stidslawen und Mahrer nicht mehr zu bekehren brauchten, sondern nur ihr Christentum vertieften und befestigten: in den altesten slawischen Quellen werden sie daher ganz richtig »Lehrer der Slawen« genannt. Obwohl sie die kirchen- 37 slawische Litteratur in einem siidslawischen Dialekt begrUndetcn, wirkten sie personlich nur teilweise auf stidslawischem, meist aber auf nordslawischem Boden, so dafs sie gerade zu Beginn der Kirchen- spaltung noch um alle slawischen Volker ein gemeinsames Band schlangen, mit welchem ihre Jiinger und Nachfolger allerdings meist nur die siid- und nordostlichen Slawen festhalten konnten. Immerhin spielte die kirchenslawische Sprache die Rolle des mittelalterlichen Lateins bei allen orthodoxen slawischen Volkern (also der grofsen Mehrzahl) im ganzen geistigen Leben bis ins 19. Jahrhundert und lebt im Gottesdienste bei den orthodoxen Serben, Bulgaren und Russen, bei den mit Rom unierten Ruthenen, auch bei den kleinen Bruchteilen der unierten Bulgaren, Kroaten und sogar Magyaren, iiberdies bei einem Teil romisch-katholischer Kroaten am Adriatischen Meere noch heute fort, so dafs sie nach der lateinischen die am meisten verbreitete liturgische Sprache in der christlichen Welt ist. Eine grofse Rolle spielte die kirchen- slawische Sprache auch im staatlichen und geistlichen Leben der Rumanen, eine weniger bedeutende bei Albanesen und Li- tauern. Der Grund zu diesen wichtigen Ereignissen und Folgen wurde im grofsmahrischen Reiche gelegt, das auch die mit den nordwestslawischen Mahrern eine ethnische Einheit bildenden Slowaken im nordwestlichen Ungarn und zum Teil auch die pannonischen Slowenen, also Siidslawen, am rechten Donauufer umfafste. Fiirst Rastislav, der bereits Christ war und seine Thronbesteigung (846) Ludwig dem Deutschen zu verdanken hatte, ertrug schwer seine Abhangigkeit vom frankischen Reich und suchte sich auf jegliche Weise selbstandig zu machen. Zu diesem Zwecke wtinschte er sich auch eine von Salzburg und Passau unabhangige kirchliche Organisation, die ihm der Papst bei seinem Verhaltnis zum frankischen Reich nicht gewahren konnte. Deshalb wandte sich Rastislav nach Konstantinopel, wo er auch Schutz gegen seine Gegner Ludwig den Deutschen und Boris von Bulgarien, die bald darauf (864) ein formliches Biindnis miteinander schlossen, envarten durfte. Die slawischen Legenden der beideu Heiligen, deren von Dummler und anderen Historikern hochgeschatzter Wert durch neuere Urkundenfunde nur gewonnen hat, motivieren die Sendung damit, dafs Rastislav den ver- schiedenen Lehren der Priester aus Italien, Griechenland und 38 Deutschland, die den Sinn seiner einfachen Slawen verwirrten, durch Lehrer in ihrer Sprache ein Ende machen wollte, ver- raten aber auch, dafs er einen Bischof verlangte. Kaiser Michael III., der Trunkenbold, beziehungsweise sein Oheim und Regent Bardas und der Patriarch Photios, gaben aber eine solche Konzession nicht ohne weiteres aus den Handen und schickten zuerst nur eine in Byzanz haufig beliebte religios-politische Mission nach Mahren (863 oder 864), fiir die sie allerdings die besten Krafte auswahlten: den frommen Priester Konstantin, der wegen seiner , grofsen Gelehrsamkeit der Philosoph genannt wurde, und seinen Bruder, den diplomatischen Laienmonch Method. Konstantin, geboren 826/827, und sein alterer Bruder Method waren Sohne des zweithochsten militarischen Wiirdentragers (Drungar) aus der zweiten ostromischen Hauptstadt Thessalonike (Saloniki), wahrscheinlich Griechen oder hochstens grazisierte Slawen, die sich aber ihre vortrefflichen Kenntnisse der slawischen Sprache in ihrer Vaterstadt, deren Bewohner nach der Legende alle rein slawisch sprachen 81 ), oder sonstwo im byzantinischen Reich angeeignet haben; speziell Method verwaltete spater langere Zeit ein nicht naher bekanntes slawisches »Fiirstentum« (Thema?). Konstantin war mit dem 14. Lebensjahre an den Hof nach Kon¬ stantinopel gekommen, wo er im Hause des Logotheten die beste Erziehung genofs und die beriihmtesten Lehrer, darunter Photios, horte. Allen weltlichen Freuden war er abhold, und von den Wtirden, die ihm offen standen, befriedigte ihn nur die eines Lehrers der Philosophie 82 ) auf der neu errichteten Hochschule. Dem Hofe erwies er bald Dienste im Kampfe gegen die Bilder- feinde und nahm an einer Mission an den Khalifen in Bagdad teil. Beachtenswert ist es, dals er seinen Lehrer und Freund Photios tadelte, als dieser die Zweiseelenlehre vortrug, um die theologische Gelehrsamkeit des Patriarchen Ignatios auf eine Probe zu stellen, denn das Volk dtirfe nicht auf solche Weise verwirrt werden. Einige Zeit hielt er sich auf dem kleinasiatischen Monchs- berg 01ymp, dem Zentrum des damaligen asketischen Lebens, auf. Ebendahin war Method, nachdem er dem Militar- und Ver- waltungsdienst entsagt hatte, schon friiher gekommen und wurde ohne Priesterweihe Hegumenos (Abt) des Klosters Polychronion. Um 860 gingen beide Bruder in einer Mission zu den Chazaren am Schwarzen Meere, wo sie judische und mohammedanische 39 Glaubensapostel aus dem Felde schlagen und fiir Byzanz politische Freunde gewinnen sollten. Konstantin hatte dabei Gelegenheit, seine Sprachkenntnisse zu bewahren und zu erweitern, sonst aber doch nur durch seine theologische Gelehrsamkeit und Beredsam- keit zu glanzen. Wichtig war fiir ihren spateren Empfang in Rom die Auffindung der Reliquien des heiligen Klemens, der als Papst nach dem Chersones verbannt worden war (im Jahre 77) und dort den M;irtyrertod gefunden hatte. Die beiden Briider waren also fiir ihre Mission nach Mahren in jeder Hinsicht gut vorbereitet. Konstantin »stellte« auch gleich eine slawische Schrift szusammen« und begann das Aprakos- Evangelium (Evangelistar = Sonntagsevangelien) zu iibersetzen. Es ist nicht ausgeschlossen, dafs er sich schon friiher mit solchen Planen fiir die bereits bekehrten byzantinischen Slawen trug, aber die Zumutung, dafs er die mahrische Mission selbst arrangiert habe, um dieselben aufserhalb Byzanz verwirklichen zu konnen, entspricht nicht seinem Charakter und den Verhaltnissen, welche diese Sendung Rastislavs als eine spontane und ganz nattirliche begreiflich machen. Die Brtider kamen also, abgesehen von den reichen Ge- schenken des byzantinischen Hofes fiir Rastislav, nicht mit leeren Handen nach Mahren, und das Volk konnte die Verkiindigung des Wortes Gottes in der slawischen Sprache in der Tat mit grofser Freude aufnehmen; denn die in Betracht kommenden sprachlichen Verschiedenheiten waren im 9. Jahrhundert noch gering (die Mehrzahl der mahrischen und die slowakischen Dialekte sind noch heute den Siidslawen leicht verstandlich). Cyrill und Method begniigten sich aber nicht blofs mit slawischen Predigten, ohne die ja die lateinisch-deutsche Geistlichkeit auch nicht auskommen konnte, sondern iibersetzten bald das ganze Evangelium, die Apostelgeschichte, die Psalmen und andere fiir den Gottesdienst notwendige Biicher, speziell die Messe. Diese Neuerung, fiir welche auch einheimische Priester gewonnen werden konnten, stiefs auf den grofsten Widerstand der lateinisch-deutschen Geistlichkeit. Disputationen mit den »Dreiziinglern« und Pilatus- jiingern, vvelche nur die auf dem Kreuze Christi vertretene lateinische, griechische und hebraische Sprache im Gottesdienst als zulassig erklarten, halfen da wenig, denn hinter ihnen stand die frankische Grofsmacht. Uberdies konnten die Bruder ihre 40 Jiinger nicht zu Priestern weihen. Zur Kronung ihres Werkes brauchten sie also eine Hierarchie und konnten sie nur in Kon¬ stantinopel oder Rom suchen. Mit der Macht der Tatsachen rechnend, konnten sie sich in Mahren nur fur Rom entscheiden, vvohin sie iiberdies eine Berufung von Nikolaus I. erhielten. Auf dem Wege nach Rom machten die Briider bei dem pannonisch-slowenischen Fiirsten Kocel halt, der sich fur ihre slawischen Biicher begeisterte und darin 50 Jiinger unterrichten liefs. In Venedig 33 ) hatte Konstantin eine grofse Disputation mit Bischofen, Priestern und Monchen wegen der »dreiziingigen Haresie«. Er berief sich auf das Beispiel einer grofsen Reihe orientalischer Volker und auf verschiedene Stellen der Heiligen Schrift, welche den Gebrauch der slawischen Sprache im Gottes- dienst rechtfertigen sollten. In Rom empfing die Briider bereits Hadrian II. (bestieg den papstlichen Thron am 14. Dezember 867) mit grofsen Ehren, die allerdings in erster Linie den mitgebrachten Reliquien des heiligen Klemens galten. Dieser Papst weihte Method und drei Jiinger zu Priestern, zwei zu Lektoren und billigte offenkundig die grofsen Neuerungen der Briider; denn er legte das »slawische Evangelium« auf den Altar des heiligen Petrus und liefs in ver- schiedenen Kirchen Roms in Anwesenheit der Kenner des orien- talischen Ritus slawischen Gottesdienst abhalten. Die Namen der Kirchen und Personen stimmen so genau zu den historischen Tatsachen, dafs die Approbation der slawischen Liturgie keinem Zweifel unterliegt, selbst wenn das nur in der slawischen Method- legende erhaltene, in das Jahr 869 zu verlegende Handschreiben an die Fiirsten Rastislav, Svatopluk und Kocel nicht ganz echt sein solite. Dafs es den Brtidern gelang, dem romischen Stuhle begreiflich zu machen, welche Wichtigkeit ihre Neuerung fiir die Gervinnung und Festhaltung der sla\vischen Volker habe, beweist vor allem die Errichtung eines pannonischen Erzbistums, die zu einem Konflikt mit den bayrischen Bischofen und dem frankischen Reich fiihren mufste. Das Werk der beiden Briider erlitt jedoch einen grofsen Stofs durch den allzufriihen Tod Konstantins (14. Februar 869 i m Lebensjahre), der kurz zuvor in ein Kloster eingetreten war und den Namen Cyrill angenommen hatte. Fiir das grofse Ansehen, das er in Rom genofs, spricht aufser dem Zeugnis 41 seines Zeitgenossen Anastasius Bibliothecarius die Tatsache, dals ihm beim Begrabnis in der Kirche des heiligen Klemens — die Peterskirche lehnte Method ab — papstlich e Ehren erwiesen wurden. Er war die Hauptperson: Method, dem vor allem die hohe Bildung des Bruders abging, konnte trotz seiner diplo- matischen und organisatorischen Fahigkeiten namentlich den Gegnern nicht so imponieren. Immerhin setzte auch Method das begonnene Werk, das ihm Cyrill am Totenbette warm ans Herz gelegt hatte, mit Erfolg fort. Auf kurze Zeit kehrte er zum Fiirsten Kocel am Platten- see zuriick, der sich ihn als Erzbischof erbeten hatte. Die Idee, fiir Pannonien und Mahren das alte Bistum, das in Syrmium (heute Mitroviča) bis zur Zerstorung der Stadt durch die Awaren (582) als Sitz des Exarchen fiir Illyricum bestanden hatte, wieder- herzustellen, ist natiirlich nicht dem Kopfe des bescheidenen slowenischen Fiirsten und frankischen Vasallen entsprungen, sondern »der Stuhl des heiligen Andronikus« solite einerseits den Rechtsgrund fiir diese neue kirchliche Organisation auf einem Boden bilden, der durch die Missionstatigkeit der bayrischen Bischofe wiedergewonnen und, soweit Pannonien in Betracht kommt, von Karl dem Grofsen ausdriicklich dem Erzbistum Salz¬ burg zugewiesen worden war; andererseits wollte Rom die Wiirde des Exarchen und apostolischen Vikars fiir Illyricum erneuern, um alle Donauslawen gegen die Anspriiche von Konstantinopel zu behaupten. Schwerwiegende Griinde und grofse Plane waren also die Ursache, dafs Method von seiner kurzen, zweiten Romreise als Erzbischof von Pannonien und apostolischer Legat zuruckkehrte. Wegen der Wirren in Mahren, wo Rastislav von seinem Neffen Svatopluk an die Deutschen ausgeliefert und auf dem Reichstage zu Regensburg zum Tode verurteilt, von Konig Ludwig aber zur Blendung begnadigt vrorden war, blieb Method am Platten- see, wo er nach dem ausdriicklichen Zeugnis seiner Gegner (Li- bellus de conversione Bagoar. et Carantanorum aus dem Jahre 870, nicht 873) den Gottesdienst (missas et evangelia ecclesiasti- cumque officium) in slawischer Sprache (noviter inventis sclavinis litteris) abhielt. Wenn wir auch das fragliche Send- schreiben Hadrians II. an die Fiirsten Kocel., Rastislav und Svatopluk nicht hatten, so geniigten die hohen Auszeichnungen 42 Methods und dieses Zeugnis, um zu beweisen, dafs er in der Tat aus Rom »allen jenen slawischen Landern« als »Lehrer« mit einer im 9. Jahrhundert auch im Abendlande noch zulassigen, aber in der spateren romischen Praxis unerhorten Konzession, die nur an die Bedingung gekniipft war, dafs bei der Messe das Evangelium zuerst lateinisch und dann slawisch gelesen werde, gesendet worden ist. Offenbar erblickte der romische Stuhl auch in der Billigung der slawischen Liturgie das richtige Mittel zur Verwirklichung seiner Anspruche auf ganz Illyricum, welche Frage nach der Zerreifsung der kirchlichen Gemeinschaft zwischen West- und Ostrom durch den Patriarchen Photios (867) trotz des momentanen Ruckschlages (869) besonders brennend geworden war und durch die Abschwenkung der Bulgaren (im Fruhjahr 870) nach Konstantinopel erhohte Bedeutung erlangt hatte. Methods Wirksamkeit in Pannonien dauerte jedoch auch diesmal nicht lange, denn bald wurde er von den benachbarten deutschen Bischofen »in das Land der Suaben verschickt und dritthalb Jahre gefangen gehalten«. Diese unglaublich scheinende Nachricht seiner Legende fand eine glanzende Bestatigung durch neu aufgefundene Papstbriefe, welche diesen Kampf um den Besitzstand, um Zehente und andere Benefizien, in einem noch argeren Lichte darstellen. Der Erzbischof und Apostolische Legat, uber den nur der Papst zu Gericht sitzen konnte, wurde vom Erzbischof von Salzburg und den Bischofen von Passau und Freisingen (die Legende spricht noch von einem vierten) auf einer Synode abgeurteilt, geohrfeigt, mit einer Reitpeitsche bedroht, eingekerkert und von Rom abgeschnitten. Als Johannes VIII. (872—882) endlich davon Kenntnis erhalten hatte, sandte er den Legaten Paulus von Ancona nach Deutschland. welcher die papstliche Autoritat gegenuber den bayrischen Bischofen und ihrem Konig mit allem Nachdruck zur Geltung brachte, die Rechte des Apostolischen Stuhles auf Pannonien — bezuglich Mahrens konnte uberhaupt kein Zweifel bestehen — als nicht verjahrt erklarte und Method wieder in sein Amt einsetzte (873). Wenigstens seit dem Jahre 874 hielt sich Method hauptsachlich in Mahren auf, wo sich Fiirst Svatopluk, einer der bedeutendsten westslawischen Herrscher, selbstandig gemacht hatte, aber immer- hin mit den Franken rechnete und einen gewissen Hang zum deutschen Wesen und zur abendlandischen Kirche zeigte. Method 43 stand auch nicht auf gutem Fufse mit ihm und seiner Umgebung, wobei seine sittliche Strenge keine geringe Rolle spielte. Da Method bei seiner Befreiung uberdies irgendeine Einschrankung der slawischen Liturgie zur Pflicht gemacht worden zu sein scheint, so hatte er keine leichte Stellung und wurde 879 in Rom sogar der Haresie angeklagt. Johannes VIII., der grolse Diplomat,, der gerade mit dem konstantinopolitanischen Konzil vom Jahre879 unzufrieden war und von Byzanz die Ubergabe der bulgarischen Kirche zu verlangen begann, konnte ihn leicht davon freisprechen, da die Lehre, dals der heilige Geist vom Vater und dem Sohne (filioque) ausgehe, in Rom selbst noch kein Dogma bildete. In unzweideutiger Weise wurde auch die Frage der slawischen Liturgie gelost • denn das denkwiirdige papstliche Schreiben an Svatopluk (880) belobte (iure laudamus) das Ubersetzungswerk Konstantin des Philosophen und erlaubte ausdrucklich auch die slawische Messe (missas in eadem sclavinica lingua canere) aber- mals mit der Bedingung, dals das Evangelium zuerst lateinisch gelesen werde. Demgegentiber erhielten auch die Gegner be- denkliche Konzessionen. Ihr Fiihrer Wiching, dem auch die deutschen Zeitgenossen kein giinstiges Zeugnis ausstellten, wurde Methods Suffragan in Neitra, Svatopluk und seine »Richter« er¬ hielten aber das Privilegium, sich die Messe nach Wunsch auch lateinisch zelebrieren zu lassen. Intrigen, wie die Verbreitung eines gegen Method gerichteten gefalschten Papstbriefes, Klagen und dogmatische Streitigkeiten, die Svatopluk mit Recht aus der Fassung bringen konnten, blieben auf der Tagesordnung. Trotz aller Widerwartigkeiten fand Method Mulse und Lust zur Fortsetzung des Werkes seines Bruders. Mit Hilfe zweier »schnellschreibender« Priester ubersetzte er grolsere Teile des Alten Testamentes (s. u.), einen Nomokanon (jenen in 50Titeln, bestehend aus den kanonischen Regeln des Johannes Scholastikos und einem Anhang »Zakon sudnyj«, einem Auszug aus den Ge- setzen justinians in 87 Kapiteln), und ein Paterikon von bisher unbestimmten Umfang (nach Sobolevskij das romische), also die fiir das kirchliche Leben notwendigsten noch fehlenden Schriften. Seine Missionstatigkeit erstreckte sich auch auf Bohmen, obwohl die Taufe des Flerzogs Botivoj durch ihn zweifelhaft ist, und auf polnisches Gebiet, da er »einen Ftirsten an der Weichsel» zu bekehren suchte (mit der Begrundung, er mOge sich freivvillig. 44 nicht als Gefangener auf fremdem Boden taufen lassen!). Be- merkensvvert ist seine Reise nach Konstantinopel, die in seine letzten Lebensjahre fallt 3+ ). Kaiser Basilios I., der auf die Starkung der Macbt und des Ansehens des ostromischen Reiches in jeder Hin- sicht bedacht war, wollte offenbar etwas iiber die in Vergessenheit geratene mahrische Mission erfahren, lud Method zu sich, nahrn mit Wohlgefallen die slawischen Biicher entgegen und behielt von seinen Jiingern einen Priester und einen Diakon zuriick. Wahrscheinlich hatte auch er Verstandnis filr den politischen Wert der slawischen Ubersetzungen, die speziell in den byzan- tinischen Grenzgebieten gute Dienste leisten konnten. Am 6. April 885 verschied Method und wurde in seiner Kathedrale, vrahrscheinlich in Velehrad, dessen Lage aber auch nicht sicher ist (vielleicht bei Ungarisch-Hradisch), bestattet. Es ist bezeichnend fur die Verhaltnisse in Mahren, dafs der Trauer- gottesdienst fur ihn in lateinischer, griechischer und slawischer Sprache abgehalten wurde. Als seinen Nachfolger bestimmte er (naturlich konnte das nur ein Wunsch sein) den Mahrer Gorazd, dem er auch die Kenntnis der lateinischen Sprache nachriihmt. Doch war filr seine Jiinger, deren Zahl mit 200 angegeben wird, kein Platz mehr in Mahren. Wiching eilte sofort nach Rom, um die Ernennung Gorazds zu hintertreiben. Es gelang ihm aber noch mehr. Stephan V. (VI.) verbot zweifellos filr Mahren — das mufs betont werden — die slawische Liturgie 86 ) (im Herbst 885 oder 886), und Svatopluk jagte die Methodianer aus dem Lande. Nach der unlangst aufgefundenen slawischen Legende des heiligen Naum wurden einige Jiinger Methods sogar gemartert, andere an Juden als Sklaven verkauft und nach Venedig ge- schleppt; hier befreite sie der Gesandte Basilios I. und brachte sie nach Konstantinopel, wo ihnen die Priesterwiirde wieder- gegeben wurde (also vor Ende August 886). Auffallig ist die Inkonsequenz Roms in dem kurzen Zeit- raum von fiinf Jahren. Man mufs jedoch bedenken, dafs Stephan V. (885—891) nach Johannes VIII. (gestorben 882) bereits der dritte Papst war; bei so haufigem Regierungswechsel sind auch Pro- grammanderungen begreiflich, wie Stephan V. in der Tat auch darin von Johannes VIII. abwich, dals er das Filioque in das Symbolum aufnahm. Bei den leidenschaftlichen Kampfen um die Tiara nahm man aber auch zu den unerlaubtesten Mitteln Zu- 45 flucht. So ermoglichten es die Wirren am papstlichen Hof, dals die Anhanger des aus der bulgarischen Mission bekannten For- mosus den zweiten Teil des Registers Johannes’ VIII. an sich rissen und die Dokumente der neunten Indiktion sogar vernichteten. Um so mehr waren daher auch Mystifikationen gegeniiber StephanV. moglich, worin ja Wiching ein grolser Meister war. Die Hauptschuld diirfte aber auch fiir die Vorgange in Rom Svatopluk treffen, der Wiching grolsgezogen hatte und ihm jetzt die Ziigel ganz frei gab, wahrend er Method bei seinen Leb- zeiten nur zur. Not respektierte, nach seinem Tode aber alle Riicksichten gegen seine Jiinger beiseite schob und sein Werk vernichtete. Man findet es begreiflich, dals er zu den nationalen und politischen Spaltungen in Mahren noch keine religiosen haben woIlte und mit der frankischen Grolsmacht rechnen mulste; aber allem Anscheine nach fielen doch seine personlichen Neigungen und seine offenkundige Antipathie gegen Method mehr ins Gewicht. Da er seinen Oheim als Verrater beerbt hatte, fand er auch kein Gefallen an einer seiner bedeutendsten Taten, wahrend Method gerade den Urheber seiner Mission in dankbarem An- denken behalten mulste. Offenbar mangelte ihm auch das Ver- standnis daftir, welch ein Bollwerk eine slawische Natiorialkirche gegen das von ihm bekampfte frankisch - deutsche Reich werden konnte. Und man denke sich die weiteren Folgen, wenn sich ihr Organ als gemeinsame Schriftsprache aus Pannonien und Mahren nach allen Seiten organisch weiter verbreitet hatte f Hier in Mitteleuropa wurden die slawischen Volker auch nie den Zu- sammenhang mit der Kultur des Abendlandes verloren haben, und die slawische Kirchensprache ware nie zur Schutzmauer des Stillstandes und Rtickschrittes geworden, wie dies spater in der Gemeinschaft mit der orthodoxen Kirche in der Tat der Fali war; jedoch bei weitem nicht im 9. und 10. Jahrhundert, denn gerade damals konnte die griechische Bildung trotz ihres Absterbens den Slawen mehr bieten als die frankische. Das mahrische Reich erfullte vor seinem Untergange durch die Magyaren (906) eine welthistorische Mission; aber dieselbe ware noch viel grolser aus- gefallen, wenn der Gedanke Rastislavs eine konsequente Durch- fiihrung erfahren hatte. So aber hatten die Slawen von seinem Fallenlassen grolsen politischen und kulturellen Schaden, den grolsten aber Rom; denn die slawische Liturgie, die es auf seinem 46 Gebiete aufkommen liels und fbrderte, wurde zum starksten und ausgiebigsten Kampfmittel gegen seinen Einflufs im ganzen weiten slawischen Osten. Konstantin dem Philosophen wird bereits von den Zeitgenossen (Conversio 870, Schreiben Jobannes VIII. 880) die »Erfindung« einer slawischen Schrift zugeschrieben. Besonders beachtenswert ist das Zeugnis des Monches Hrabr (aus dem Anfang des 10. Jahrhunderts), der die slawische Schrift gegentiber den Griechen auch in der Weise verteidigte, dafs er ihnen vorhielt, sie hatten lange Zeit mit phonizischen Buchstaben geschrieben und ihr Alphabet erst allmahlich von vielen Mannern erhalten, wahrend Konstantin allein den Slawen sofort 38 Buchstaben nach dem Muster der griechischen geschaffen habe. Der Wirklichkeit steht nahe auch der Bericht der Legende, dals Konstantin vor der Abreise nach Mahren die slawische Schrift »zusammengestellt« habe. Nun sind uns aber in ungefahr gleich alten Quellen zwei slawische Alphabete tiberliefert: das cyrillische, welches mit der griechischen Unzialschrift geradezu identisch ist, so dafs griechische und slawische Handschriften des 11. Jahrhunderts auf den ersten Blick voneinander nicht unterschieden werden konnen,' und das glagolitische (der Name kann bis. ins 14. Jahrhundert hinauf verfolgt werden), das an Schriften des nahen Orients (Armenisch, Georgisch, Hebraisch) erinnert, sich aber bei naherer Betrachtung als eine konsequente Stilisierung der grie¬ chischen Minuskel- und Kursivschrift, die eben bei den Slawen schon vor Cyrill im taglichen Gebrauch stand, herausstellt. Ftir die zahlreichen, speziell slawischen Laute wurden Zeichen durch Veranderung und Kombinierung der griechischen hergestellt oder neue erfunden oder aus einem, vielleicht sogar aus mehreren orientalischen Alphabeten entlehnt, was bei dem hochgebildeten Konstantin nicht so umvahrscheinlich ist, wie man manchmal meint. Auf jeden Fali trug seine vollkommen phonetische Schrift 86 ) den feinsten lautlichen Nuancen des von den Briidern beherrschten Dialektes Rechnung. Von den “beiden Alphabeten kann jedoch nur eines von ihnen herrtihren. Heute darf es als vollkommen ausgemacht gelten, dafs das glagolitische das altere und von Cyrill zurechtgelegte ist, nicht aber dasjenige, welches im Laufe der Jahrhunderte mit seinem Namen verkniipft und als ein heiliges Vermachtnis der Slawenapostel betrachtet wurde. Man 47 i kann sich vorstellen, mit welchen Schwierigkeiten sich diese Wahrheit, die zu den glanzendsten Resultaten der slawischen Philologie gehort, Bahn brechen mufste. Palaographische, sprachliche und historische Griinde sprechen dafiir. Manche glagolitische Buchstaben smd urspriinglicher als die cyrillischen, einige stehen noch nach der linken Hand offen, nur der Zahlenwert der glagolitischen ist fortlaufend, der der cyrillischen dagegen durch Einschaltung griechischer Zahlzeichen unterbrochen; eine nicht unbetrachtliche Anzahl cyrillischer Hand- schriften ist aus glagolitischen abgeschrieben, was die Beibehaltung einzelner glagolitischer Buchstaben, Worter und ganzer Stellen mit glagolitischer Schrift oder nur aus ihr erklarbare Schreib- fehler beweisen, wahrend wir fiir den umgekehrten Fali keinen Beleg haben; ebenso sind nur Palimpseste bekannt geworden, in denen die glagolitische Schrift mit cyrillischer bedeckt ist. Auch die Kunstgeschichte lieferte in der jungsten Zeit Bevveise, dafs manche cyrillische Initialen ihren Ursprung glagolitischen Mustern zu verdanken haben (typische Beispiele in dem altesten cyrillischen Denkmal, Sava’s Evangelistar, und in den Blattern Undoljskijs). In den meist erst in der zweiten Halfte des 19. Jahr- hunderts ans Licht geforderten alteren glagolitischen Hand- schriften finden wir altertiimliche grammatikalische Formen und Worter, speziell die sogenannten Pannonismen, welche in den cyrillischen Denkmalern mehr oder weniger beseitigt wurden. Wir besitzen weiter das Zeugnis des Klerikers Nikolaus von Arbe (aus dem Jahre 1222) fiir die Existenz eines glagolitischen Psalters in Salona (Spalato) aus dem Zeitalter des Methodius; selbst in Rulsland, wo gleichfalls glagolitische Handschriften abgeschrieben wurden, haben wir fiir das 11. Jahrhundert ein Zeugnis (1047 aus Novgorod), welches nur so verniinftig gedeutet werden kann, dals die glagolitische Schrift damals als »cyrillisch« (kurilovica) angesehen wurde; in der Kathedrale von Novgorod wurden erst jiingst schon geschriebene glagolitische Graffitinschriften auf Freskogemalden entdeckt. Von keiner geringen Bedeutung ist auch die Erwagung, dafs wohl die Verdrdngung der wirklich schwer zu begreifenden und schwer zu erlernenden glagolitischen Schrift durch die viel leichter falsliche und bequemere cyrillische erklart werden kann, nimmer- mehr aber die Entstehung der glagolitischen nach der cyrillischen, 48 namentlich nicht in Bulgarien und Makedonien in der Beruhrungs- sphare mit Byzanz, wo sich dieser Wechsel tatsachlich vollzogen hat. An dem wirklichen Erbe Konstantins hielten nur die dem byzantinischen Einfluls entriickten Kroaten an der adriatischen Kiiste fest. Die Gegner der slawischen Liturgie auf der Svnode von Spalato 1059/60 wulsten noch, dals ein gewilser Methodius, ein Haretiker, die »gotische« Schrift erfunden habe; man kann dabei unmoglich an die cyrillische denken, denn eine solche Un- wissenheit darf man den dalmatinischen Pralaten nicht zumuten, dals sie die offenkundige Ahnlichkeit derselben mit der griechischen nicht erkannt hatten, um so mehr, als sie gerade die Zuldssigkeit der griechischen Sprache, die sie in den Stadten und in den siid- lichen Gegenden kennen zu lernen Gelegenheit hatten, neben der lateinischen in der Liturgie betonten. Nattirlich kann von einem wesentlichen Unterschied zwischen der runden »bulgarischen« und der eckigen »kroatischen« Glagolica keine Rede sein; denn diese hat im Zeitalter der Gotik nur die Entwicklung der neben ihr gebrauchten lateinischen Schrift durchgemacht, wie spater auch die cyrillische dieselbe eckige, ungefallige Gestalt an- genommen hat. Ubrigens ist der allmahliche Ubergang vom runden zum eckigen Typus und auch der geographische Zu- sammenhang mit Makedonien durch neuere Funde (Mihanovicsche Blatter, Grškovics Apostolus, Wiener Fragmente von Jagic) und durch die altesten glagolitischen Inschriften auf kroatischem Boden sichergestellt worden. Auch gewisse Eigentiimlichkeiten der alten Denkmaler aus Serbien und Bosnien und der bosnischen cyrillischen Schrift beruhen auf glagolitischer Tradition. Zu den schwierigsten und ungemein viel erorterten Fragen gehort auch die nach der Heimat der Sprache, in welcher Cyrill und Method das slawische Schrifttum begrundet haben. Die Antwort darauf hat nicht blofs historisches Interesse, sondern auch eine grofse Bedeutung mr die slawische und vergleichende Sprachwissenschaft, da die Kirchensprache in ihrer urspriinglichen Gestalt den Ausgangspunkt jedes Studiums der slawischen Sprachen bildet. Wegen ihres verhaltnismafsig hohen Alters und wegen der Ehrfurcht, die sie als Sprache des Gottesdienstes um- gab, wurde sie einige Zeit sogar als die Mutter der slawischen Sprachen angesehen. Wir wissen heute bestimmt, dafs die Slawen apostel, trotzdem sie hauptsachlich in Mahren wirkten, eine ent- 49 schieden siidslawische Sprache schrieben, die vor den anderen Slavvinen nur denVorzug hat, dafs sie einige Jahrhunderte friiher aufgezeichnet worden ist und ziemlich zahl- und umfangreiche Denkmale hinterlassen hat. Doch wo wurde diese reich ent- wickelte und festgefugte Sprache, beziehungsweise dieser Dialekt denn von einem solchen ist wie bei der Grundlage einer jed en Litteratursprache auszugehen, gesprochen? Man dachte zuerst an die Heimat der Slawenapostel; doch im 19. Jahrhundert wurde durch bedeutende Forscher, wie Kopitar, ŠafaHk in seiner letzten Periode und Miklosich, die »pannonische Hypothese« zu grofsem Ansehen 37 ) gebracht, der zufolge die altesten slawischen Denkmaler die Sprache der pannonischen SIowenen wiedergeben, die dann Miklosich und Historiker wie E. Diimmler auch auf das linke Ufer der Donau (hauptsachlich in das Gebiet der Slovvaken) 88 ) verlegen mufsten. Die slawische Bevolkerung von Bohmen, Mahren und Nordwestungarn war jedoch gewifs schon im 9. Jahr¬ hundert eine sprachliche und ethnische Einheit, und auch die fiir Pannonien vorgebrachten und glanzend verteidigten historischen und sprachlichen Grunde sind nicht stichhaltig. Die Slavven- apostel, namentlich der Begriinder des Schrifttums, Konstantin, hielten sich nur voriibergehend in Pannonien auf und brauchten dort von ihrem mitgebrachten Dialekt ebensovvenig abzuvveichen, wie in Mahren, wenn sie es uberhaupt in der Laut- und Formen- lehre so konsequent vermocht hatten, wie man nach ihrem ein- heitlichen Ubersetzungsvverk annehmen millste. Die auf Grund der slawischen Fremdvvorter im Magyarischen nach Pannonien verlegten sprachlichen Eigentiimlichkeiten haben durch die Er- vvagung, dafs die Magyaren die meisten slawischen Elemente zum mindesten schon in der Theifsebene aufgenommen haben, und durch das Studium der heutigen bulgarischen Dialekte ihre Bevveiskraft verloren; die lateinisch-deutschen Fremdvvorter, die den vvichtigsten Bestandteil der »Pannonismen« der alten slavvischen Kirchensprache bilden, lehren aber nur, dafs Cyrill und Method so verniinftig vvaren, dafs sie die im Lande bereits eingebtirgerte christliche Terminologie annahmen. Mahren und Pannonien sind also die Heimat der slavvischen Liturgie, aber nicht ihrer Sprache; diese brachten vielmehr die Briider aus Konstantinopel mit und iibersetzten die vvichtigsten Kirchenbiicher schon vor ihrer Rom- Murko, Geschichte der siidslawischen Litteraturen. 50 reise, also innerhalb dreier Jahre. Oblak 39 ) glaubte in der Tat »alie charakteristischen phonetischen Ziige des Altslowenischen gerade in dem Dialekte der ostlichen Umgebung von Saloniki«, dessen Sprache die Briider nach der Legende gesprochen haben sollen, gefunden zu haben; man denkt aber auch an andere makedonische und ostbulgarische oder gar an einen Donaudiaiekt. Auf jeden Fali hatten sich die Slawenapostel im byzantinischen Reiche irgendeinen Dialekt angeeignet, der auf dem Gebiete der heutigen bulgarischen Dialektengruppe gesprochen wurde. Ihre Kirchensprache heifst in den Quellen immer »slowenisch« (jezykb sloveni,sk'i, lingua sclavina, sclavinisca, Sclavorum), da- her der Ausdruck »altslovreniseh«, der aber insofern Anstofs er- regen kann, als friiher die pannonische Hypothese und der Gedanke, dals sie der heutigen slowenischen Sprache am nachsten stehe (vgl. die Reihenfolge in Miklosichs grammatischen und lexikalischen Werken), damit in Zusammenhang gebracht wurde. Unhistorisch und noch mehr bedenklich ist der Ausdruck »alt- bulgarisch«, denn dieses war eine ttirkische Sprache. Am besten eignet sich daher die den tatsachlichen Verhaltnissen Rechnung tragende Bezeichnung »altkirchenslawische «Sprache, um so mehr als sie die Grenzen des heutigen Bulgarischen weit uberschritten und verschiedene Elemente namentlich in ihren Wortschatz auf- genommen hat. Die von den Legenden den Slawenaposteln zugeschriebenen Ubersetzungen der notwendigsten Biicher fiir das kirchliche Leben sind auf ihren Umfang hin durch philologische Unter- suchungen noch nicht geniigend sichergestellt. Man kann nicht behaupten, dafs das ganze Evangelium und der ganze Apostolus von ihnen herriihren. Bezuglich der Evangelien steht es namlich fest, dafs die Bruchstiicke aus dem Lectionarium (die altesten erhaltenen Handschriften: glagolitisch Cod. Assemanianus, cyrillisch Savina Kniga und Ostromir) in die vollstandige Ubersetzung (glag. Cod. Zographensis und Marianus), die immerhin schon in Makedonien entstanden sein kann, eingeschaltet worden sind. Man verlegt jedoch selbst bezuglich des Psalters zwei Be- arbeitungen schon nach Mahren und Pannonien. Auf Grund sprachlicher Merkmale wird auch die Apokalypse, die nur in Handschriften des 13. und 14. Jahrhunderts erhalten ist, der pannonischen Periode zugewiesen. Method wird die Ubersetzung 51 einer griechischen Polemik seines Bruders gegen die Juden zu- geschrieben (Original und Ubersetzung unbekannt). Unrichtig ist aber auf jeden Fali die Nachricht der Legende, Method habe mit Hilfe zweier schnellschreibender Priester das ganze Alte Testament mit Ausnahme der Biicher der Makkabaer in sechs Monaten ubersetzt. Abgesehen von der physischen Un- moglichkeit einer solchen Arbeit ist es iiberhaupt mehr als zweifelhaft, ob alle Biicher des Alten Testamentes selbst in den nachsten Jahrhunderten ubersetzt worden sind; denn der Erz- bischof Gennadij von Novgorod mufste bei der Zusammenstellung einer vollstandigen Bibel (1499) nach vergeblichem Herumsuchen mehrere Biicher aus der lateinischen Vulgata tibertragen lassen (Paralipomenon I. II., Esdrae I. II., Tobias, Judith, Esther c. 10 bis 16, Liber sapientiae, Makkabaer). Uberdies ist auch die Sprache der alten Ubersetzungen nicht einheitlich und gleich alt. Method kann daher nur Lektionen des Alten Testamentes aus verschiedenen Biichern, das sogenannte Paroemienbuch (slaw. parimejnik), ubersetzt haben oder auch Hauptteile des Alten Testamentes, z. B. den Pentateuch oder die Propheten, fiir welche man (vor allem Evseev) sich auf den Umstand beruft, dals die Ubersetzung dem offiziellen antiochianisch-konstantinopolitanischen Lukianischen Text folgt. Es ist in der Tat richtig, dafs alles von Cyrill und Method Ubersetzte die Lukianische Redaktion 40 ) reprasentiert; aber der umgekehrte Schlufs, dafs alles Lukianische in der altkirchenslawischen Litteratur auf die Slawenapostel zuriickgehe, geht offenbar zu weit. Ubrigens bietet die urspriing- liche Ubersetzung des Markuš - Evangeliums auch griechische Lesungen alter aus Alexandria und dem Westen stammender Handschriften 41 ). Abgesehen von nur geringen Freiheiten gaben die Briider das Original genau wieder, wurden aber dem Geiste der slawischen Sprache, namentlich in der Syntax, gerecht, wo- durch sie sich ungemein vorteilhaft von spateren Ubersetzern unterscheiden, die sich so sklavisch an das griechische Original hielten, dafs sie z. B. auch den substantivierten Infinitiv iiber- setzten, wobei den fehlenden Artikel das sachliche Relativpronomen ersetzen mufste. Bemerkenswert ist die Reinheit des Ausdruckes fiir christliche Begriffe, mit welchen im Gegensatz zu anderen alten Ubersetzern (z. B. Ulfilas) keine heidnischen Reminiszenzen verknupft sind. Zu diesem Zwecke behielten die Briider aller- 4* 52 dings griechische Worter mehr als billig bei und nahmen auch mehrere in Pannonien und Mahren bereits nationalisierte lateinisch- deutsche Ausdriicke auf. Diese Andeutungen bestatigen zur Geniige die selbstverstand- liche Nachricht der Legende, dafs die Slawenapostel aus dem Griechischen tibersetzt haben. Man mufs das betonen, weil sich noch immer selbst gelehrte Manner finden, welche die Existenz innerer und aufserer Beweise fiir diese Behauptung leugnen 42 ). Andererseits blieben die Slawenapostel und ihre Schiller auf mahrisch-pannonischem Boden vom abendlandischen Wesen nicht unberiihrt. Method empfahl auf dem Totenbette den Mahrer Gorazd zu seinem Nachfolger, weil er in den lateinischen Biichern wohl bewandert war. Der Ubersetzer der Psalmen hat wahr- scheinlich manchmal auch den lateinischen Text eingesehen 43 ); in den Nomokanon ist eine Ubersetzung der Merseburger lateinischen Bufsordnung, in das Euchologium Sinaiticum, wo wir den altesten slawischen Text derselben finden, sogar ein althochdeutsches (St. Emmeramer) Gebet 44 ) geraten. Diese Tatsachen bieten eine wichtige Erganzung zu den lateinisch-deutschen Fremdwortern, die man fiir die pannonische Herkunft der kirchenslawischen Sprache zu viel ins Treffen gefiihrt hat. Ebenso kann die Ent- deckung des russischen Kanonisten Pavlov 45 ) nicht iiberraschen, dafs wir in zwei Scholien zum 28. Kanon des Konzils von Chal- kedon auch einen litterarischen Beweis fiir die Anerkennung des romischen Primates von seiten Methods finden. Fraglich bleibt es, ob auf die Slawenapostel, speziell auf Method, bereits die Einfiihrung des romischen Ritus zuriickgeht. Aus Konstantinopel brachten die Briider offenbar auch den orien- talischen Ritus mit, der damals an und fiir sich speziell in Rom, an das sie sich ausschliefslich hielten (nicht etwa an das Patriarchat von Aquileja), keinen Anstofs erregen konnte. Die Bewilligung des slawischen Gottesdienstes wurde von Hadrian II. und Jo- hannes VIII. nur an die Bedingung gekniipft, dafs das Evange- lium zuerst lateinisch gelesen werde. In Mahren und Pannonien, wo man die lateinische Messe bereits gut kannte, waren jedoch weitere Konzessionen auch auf diesem besonders wichtigen Ge- biete angebracht. Es ist charakteristisch, dafs in der Method- legende fiir die Messe der lateinisch - deutsche Ausdruck mrša, der noch heute bei Bohmen, Lausitzer Serben, Polen, Slowenen und 53 teilweise Kroaten fortlebt, gebraucht wird und auch in den žiltesten Bruchstiicken eines romischen Missals vorkommt. Von diesen werden die glagolitischen Kiewer Fragmente jetzt (von Vondrak 4li )) bereits in die Mitte des 10. Jahrhunderts (Jagic mochte hochstens bis in den Anfang des 11. Jahrhunderts hinaufgehen) verlegt und stammen wegen ihrer ausgesprochenen Moravismen auf reiner altkirchenslawischer Grundlage entweder aus Mahren oder, wie Vondrak nachzuvveisen sucht, von einem Grofsmahrer, der, wie auch andere Jiinger Methods, auf kroatischen Boden verschlagen worden sei. Unbedingt kroatischer Herkunft sind die Wiener Fragmente, die Jagic dem 12. Jahrhundert zuweist. Auf jeden Fali besitzen wir also sehr alte Zeugnisse fiir die Existenz des romischen Ritus auf westslawischem Boden, und es ist sehr wahrscheinlich, dafs diese den Verhaltnissen Rechnung tragende Neuerung schon in Methods Zeiten im Bereiche Grofs- mahrens und Pannoniens zustande gekommen ist. Aufser den Kiewer Fragmenten gibt es noch drei aus dem Lateinischen uber- setzte Denkmalpr (Reden des Papstes Gregor des Grofsen, Leben des heiligen Benedikt, Pseudoevangelium des Nicodemus), die der russische Forscher Sobolevskij 47 ) nach Mahren verlegt, ebenso wie mehrere nach griechischen Originalen angefertigte Ubersetzungen (I. und II. Buch der Konige, eine kurze Erklarung der Apo- kalypse des Andreas von Kasarea, Leben des heiligen Johannes des Mitleidigen, Erklarung der Liturgie, das bereits beim Nomo- kanon erwahnte Strafgesetzbuch [zakoni sudnyj], eine Bufsordnung, einige Gebete) und originelle Schriften, wie z. B. die Legende Konstantins, Officien zu Ehren der heiligen Cyrill und Method usw. Doch konnen einige dieser Arbeiten von Schiilern Methods oder ihren Nachfolgern erst am Adriatischen Meere oder in Makedonien angefertigt worden sein. Die verheifsungsvollen Anfange der slawischen Litteratur in Mahren fanden durch Methods Tod ein jahes Ende, da seine Jiinger den argsten Verfolgungen ausgesetzt und die hervor- ragendsten unter ihnen in roher Weise aus dem Lande gejagt wurden. Die slawische Liturgie fristete nur noch an einzelnen Orten, hauptsachlich in Ungarn und in Klostern, ihr Dasein fort. Dementsprechend konnte selbst in Bohmen die heilige Ludmila ihren Enkel, den heiligen Wenzel, in »slawischen Buchern« unter- richten lassen, und Bohmens Patron bekam bald nach seinem 54 Tode, also wahrscheinlich noch in der ersten Halfte des 10. Jahr- hunderts, eine kirchenslawische Legende in glagolitischer Schrift, die dann ihren Weg nach Kroatien und Rufsland fand. Im 11. Jahrhundert hatte die slawische Liturgie noch bei den Bene- diktinern des Sazavaklosters eine Zufluchtsstatte, aber Monchs- streitigkeiten bereiteten ihr auch hier ein Ende (1097). Beachtens- wert ist der Umstand, dafs bei den Verhandlungen mit Rom um ein mahrisches Erzbistum (898—900), die trotz der Vorstellungen des bayerischen Episkopates von Erfolg begleitet waren, des slawischen Ritus keine Erwahnung geschah, wahrend er in der Stiftungsurkunde des Prager Bistums (ungefahr 972) noch aus- driicklich verboten wurde. Im Jahre 1080 wurde das Ansuchen des bohmischen Herzogs Vratislav II. um die slawische Liturgie von Gregor VII. rundweg abgelehnt; sie erfreute sich also immer- hin noch 200 Jahre nach ihrer feierlichen Bewilligung keines ge- ringen Ansehens auf mahrisch-bohmischem Boden. Ob die slawische Liturgie durch Fliichtlinge aus Mahren und Ungarn auch auf das kleinpolnische Gebiet von Krakau gebracht wurde, ist nicht ausgemacht, aber sehr wahrscheinlich. IV. Die altesten Iitterarischen Denkmaler der Slowenen. Im Zusammenhang mit dem grofsen Ubersetzungswerk der Slawenapostel und ihrer Schiller in Pannonien und Mahren miissen auch die Anfange eines Schrifttums mit sehr unbeholfener An- wendung des lateinischen Alphabetes bei den Slowenen im be- nachbarten Karantanien betrachtet werden. In den Freisinger Denkmalern (sie kamen 1803 aus dem Kloster Freising in die Miinchner Bibliothek) sind uns eine Beichtformel, eine Ho- milie uber die Beichte und ein Beichtgebet erhalten, die von den Palaographen in das 10. oder 11. Jahrhundert verlegt iverden. Diese Abschriften stehen also den altesten erhaltenen glago- litischen und cyrillischen Denkmalern an Alter durchaus nicht nach und reprasentieren die erste bekannte Aufzeichnung irgend- einer slawischen Sprache in lateinischer Schrift-, ebenso sind sie die altesten Denkmaler einer lebenden slawischen Sprache, da 55 sie unbedingt auf slowenischem Boden geschrieben worden sind und verschiedene offenkundige Merkmale der heutigen slowenischen Sprache (namentlich j fur altkirchenslawisch žd, urslawisch dj) zeigen. Inhaltlich erinnern sie an ahnliche althochdeutsche Denk¬ maler; fur Teile des dritten ist im St. Emmeramer Gebete be- reits die Quelle nachgewiesen worden. Deutschen Einflufs verrat auch die aufserst mangelhafte Graphik — im Vergleich damit lernt man das Werk Konstantins besonders hoch schatzen — und Rechtschreibung; das zweite und dritte Denkmal sind in der vorliegenden Gestalt auch von einem Deutschen niedergeschrieben worden. Da Freising mit den damaligen Slawenlandern sudlich der Donau, namentlich auch mit Karaten und Krain, mancherlei wenigstens administrative Verbindungen hatte, so gab es fur Freisinger Geistliche Veranlassung genug, sich gelegentlich auch ftir das Seelenheil ihrer, wenn auch in fremder Diozese lebenden Untergebenen zu bekummern. Wir haben da ein interessantes Beispiel, wie deutsche Geistliche auch in slawischen Landern den Bestimmungen Karls des Grofsen iiber die Pflege der Volks- sprache im Sinne der Beschliisse der Mainzer Synode (813) nach Moglichkeit Rechnung zu tragen suchten. Die Freisinger Denkmaler stehen allerdings bei den Slowenen und den librigen westslawischen Volkern in alter Zeit so ver- einzelt da, dafs man auch darin eine Bestatigung ftir die Be- hauptung, sie seien ohne das Werk der Slawenapostel undenkbar, suchen konnte; denn in ihrer Sprache, die wirklich nicht einheit- lich ist, glaubte man ohnehin altere Spuren kirchenslawischer Beeinflussung gefunden zu haben. Doch abgesehen davon, dafs dies mit guten Griinden bestritten wird, miissen wir auch den Umstand in Betracht ziehen, dafs die drei Denkmaler nicht blofs von verschiedenen Ubersetzera, sondern auch aus verschiedenen Gebieten herriihren konnen, sogar aus solchen, die langst germani- siert worden sind (die Kloster Innichen und Kremsmunster wurden zum Zwecke der Bekehrung der SIowenen in den Jahren 769 und 777 gegrundet!). In der Tat finden wir darin verschiedene sprachliche Eigenttimlichkeiten, die ziemlich vereint heute nur im aufsersten nordwestlichen Sprachgebiet des Slowenischen, im Gailtale in Karaten, erhalten sind. So erklaren sich auch jene dialektischen Merkmale, die nach Bohmen und Mahren hinuber- fuhren, wahrend aus dem grofsroahrischen Reiche hineingetragene 56 Slovrazismen andererseits oder Kroatismen in Wirklichkeit nicht nachzuweisen sind. Wichtig ist aber die Tatsache, dafs das zweite Denkmal zum Teil in einer altkirchenslawischen Homilie (am Tage eines Apostels oder Martyrers iiberhaupt) des heiligen Kliment (Klemens) von Bulgarien, eines Schiilers Methods, der seine Tatigkeit in Make- donien fortsetzte (s. u.), erhalten ist. Man konnte zugeben, dals diese Homilie Kliments aus Pannonien oder sogar aus Makedonien durch Vermittelung Kroatiens ihren Weg nach Karantanien ge- funden habe, aber eine kritische Untersuchung der uberein- stimmenden Bestandteile zeigt, dafs eine unbekannte Vorlage als Quelle beider angenommen werden mufs. In ahnlicher Weise wurden in die Bufsordnung des Euchologium sinaiticum, die eben- falls Kliment nach griechischen Quellen zusammengestellt haben soli (Vondrak 48 )), das althochdeutsche St. Emmeramer Gebet, das zum Teil auch im dritten Freisinger Denkmal vorkommt, und eine Ubersetzung des lateinischen Merseburger Ponitenzials hinein- gearbeitet. So gelangten in die liturgische Litteratur der slawischen orthodoxen Kirchen Bruchstiicke von Beichtformeln und Bufs- ordnungen, die unbedingt der abendlandischen, speziell der deutschen Kirche angehoren. Method oder wenigstens seine Jtinger mufsten eben mit der in Pannonien und Mahren bereits vorgefundenen Beicbtordnung rechnen; die Merseburger Bufsordnung ist wohl in ihrem Kreis ubersetzt worden. die fiir das Volk bestimmten Beichtformeln und Gebete waren aber offenbar als ein Werk der lateinisch-deutschen Geistlichkeit schon im Umlauf. Gegenseitige Beeinflussung, ja sogar eine Konkurrenz der lateinisch-deutschen Geistlichkeit mit der slawischen sind dabei nicht nur nicht aus- geschlossen, sondern sogar wahrscheinlich. Am nachhaltigsten war der deutsche Einflufs in Pannonien: in die ohnehin auch im heutigen Sinne slowenischen Gebiete um den Plattensee konnten die Vorlagen der Freisinger Denkmaler aus Karantanien ge- kommen und wieder in ihre Heimat zuriickgekehrt sein. Auf jeden Fali gab es Denkmaler, wie sie uns Freising bevvahrt hat, bereits in Methods Zeiten. 57 V. Die altkirchenslawische Litteraiur in Bulgarien. i. Ubersicht. Die theologische Litteratur. Im Kampfe mit der lateinisch - deutschen Geistlichkeit in Pannonien und Mahren war die slawische Liturgie und mit ihr das slawische Schrifttum, dessen grofse, allerdings einseitig- kirchliche Entfaltung in einer sehr kurzen Zeit Bewunderung hervorruft, unterlegen, fand aber im Siiden der Sawe und Donau eine dauernde Zufluchtsstatte, wo ihm in dem kurz zuvor christianisierten, seinem Hohepunkt zueilenden bulgarischen Reich ein machtiger Aufschwung beschieden war. Hieher flohen auf verschiedenen Wegen die meisten Junger Methods, unter ihnen auch solche, deren Herkunft aus Pannonien erwahnt wird. Der bekannteste und auch bedeutendste von ihnen, Kliment (Klemens), gelangte mit einigen seiner Begleiter jedenfalls bald nach dem Tode Methods nach Belgrad, dessen Festungskomman- dant ihn an den Fiirsten Michael-Boris (entsagte 888 der Re- gierung) schickte. Am Hofe von Preslav (an Stelle des romischen Marcianopolis), am nordlichen Abhange des Balkans sudlich von Kumen (Schumla), wurden die Fltichtlinge sehr freundlich auf- genommen; aber ftir schwerwiegende kirchliche Neuerungen war dort, wo kurz zuvor eine heidnische Reaktion zum Teil noch tiirkisch - bulgarisch sprechender Adeliger aufserst blutig niedergeschlagen worden war und die junge griechische Hier- archie eifersiichtig ihre Rechte wahrte, noch kein gunstiger Boden. Darin iiegt wohl der Grund, dafs den Fluchtlingen der aufserste Siidwesten des bulgarischen Reiches als Versuchsfeld angewiesen wurde. Es ist auch nicht unwahrscheinlich, dafs es Kliment, der Method von Jugend auf begleitete und selbst ein makedonischer Slawe gewesen sein diirfte, in die Nahe der Heimat der Slawenapostel und der einstigen Statthalterschaft Methods zog. Der Wirkungskreis Kliments erstreckte sich nicht einmal so sehr auf das westliche Makedonien, mit Ochrida als Mittel- punkt, als vielmehr auf das sudliche Albanien (im Gebiete von Avlona, Argyrokastro und Berat), wo es noch verschiedene »Slavinien« gab, die aber bereits im 11. und 12. Jahrhundert fifr die slawisehe Nationalitat verloren gegangen sind. Auch das Bistum von Drembica (Debi.rca ? westlich von Kičevo und nordlich von Ochrida) oder Velika, in dem Gebiete von Kutmičivica in der Nahe des Ochridasees, das Kliment als erster »slowenischer« Bischof vom Žaren Symeon (893) erhielt, wird mit grofserer Wahrscheinlichkeit in den makedonisch-albanischen Grenzgebieten als an der Strumica gesucht. Nach einem aufserst erfolgreichen Wirken fand Kliment seine Ruhestatte ( gest. 910) in Ochrida, das sich dann zum geistlichen Zentrum Makedoniens ausbildete. Sein Nachfolger wurde sein mahrischer Leidensgenosse Naum, der aber iiber Venedig und Konstantinopel nach Makedonien gelangt war. In den Gebieten um die Seen von Ochrida und Prespa wurde das Werk der Slawenapostel von ihren unmittelbaren Jiingern auch auf litterarischem Gebiete fortgesetzt; hier wurden ihre Traditionen bezuglich der Schrift und Sprache und eines gewissen Zusammenhanges mit dem Abendlande am besten bewahrt: Makedonien zeichnet sich in der Folgezeit durch einen Konser- vatismus gegeniiber Ostbulgarien aus. An diese Gegenden kniipften sich auch die meisten Erinnerungen an die von der bulgarischen Kirche hoch verehrten »siebenzahligen Heiligen« (sl. sedmočislenici, sedmopogetni, oi ayioi inzagid-j-iOL, d. s. Cyrill und Method, Kliment, Naum, Angelar, Gorazd der Mahrer, den sich Method als Nachfolger gewiinscht hat, und Sava), und ihr Kultus lebt auch bei den orthodoxen Albanesen fort. Eine wahre »Bliitezeit« erlebte aber die kirchenslawische Litteratur speziell in Ostbulgarien im »goldenen Zeitalter« des Žaren Symeon (893—927). Dieser in Konstantinopel gebildete »Halbgrieche« (so nannten ihn nach dem Zeugnisse Liutprands, des Gesandten Otto I., die Griechen selbst), der von Kindheit an auch die Werke des Demosthenes und Aristoteles kennen gelernt hatte, wollte mit Byzanz auch auf dem religios-geistigen Gebiet konkurrieren. Zu diesem Zwecke sla\visierte er nicht blofs die bulgarische Kirche, der er einen unabhangigen Patri- archen gab, sondern organisierte eine lebhafte iibersetzerische und kompilatorische Tatigkeit, griff selbst zur Feder und schmuckte seine prachtvollen Palaste und Kirchen am Hofe in Preslav auch mit Buchersammlungen, weshalb er von einem zeitgenossischen bulgarischen Panegyristen ein »neuer Ptolemaus« genannt wird. Die wohltatigen Folgen dieser Glanzperiode erstreckten sich auf 59 das ganze bulgarische Reich vom Schwarzen bis zum Adria- tischen Meere, so dafs auch die Serben daran teilnahmen. Die festen Grundlagen dieser Zeit konnten durch die schwache Regierung seines Nachfolgers Peter, durch die Einverleibung Ostbulgariens in das byzantinische Reich (971) und durch die ganzliche Vernichtung des makedonisch-bulgarischen Reiches, das sich nach dem Tode Peters (968) vom Ostreich losgerissen hatte, durch Basilios II. den Bulgarentoter (1018), nicht erschiittert werden. Der grausame Sieger schenkte der bulgarischen Kirche mit dem Sitze in Ochrida ihre Autonomie und stellte im Westen sogar ihren territorialen Umlang aus dem 10. Jahrhundert wieder her (1020). Nach einer seiner Goldbullen zahlten dazu Epiros und Albanien bis iiber Janina hinaus, ganz Makedonien, Nord- thessalien, die Rhodope. Sophia, B%dyn (Widin) an der Donau, das Moravatal, Belgrad an der Sawemundung, Prizren, Ras und Lipljan am Amselfelde. Getrennt davon blieb die Metropolie von Durazzo unter der Oberhoheit des Patriarchen von Konstantinopel, ebenso wie Donaubulgarien (aulser B r j,dyn—Widin), wo dem Metropoliten von Drster (Silistria) fiinf Bischofe untergeordnet waren. Das Oberhaupt dieser »bulgarischen« Kirche hiels aller- dings nicht mehr Patriarch, sondern nur Erzbischof, der tiber- dies bald aus den Griechen genommen wurde, weshalb die Kirche von Ochrida seit dem 12. Jahrhundert als ein Bollwerk des Hellenismus erscheint. So kam die slawische Kirchensprache, soweit sie iiberhaupt in Geltung war und blieb, in eine unter- geordnete Stellung. Auf diese Weise wurde allmahlich die Ent- wicklung des geistigen Lebens in slawischer Sprache bei den Bulgaren unterbunden, und mit dem 12. Jahrhundert endet auch die sprachliche Vollkommenheit jener Glanzzeit der altkirchen- slawischen (altslowenischen, altbulgarischen) Litteratur aus Mahren, Pannonien und Bulgarien, an deren Werken die slawischen Glieder der orthodoxen Kirche noch heute zehren. Von den Veranderungen, die am Werk der Slawenapostel vorgenommen wurden, ist am wichtigsten die Vertauschung der glagolitischenSchrift mit der cyrillischen, d. h. mit dem griechischen Uncialalphabet, das durch glagolitische Zeichen flir die spezifischen slawischen Laute bereichert wurde. Das uberrascht nicht, denn wir finden in Bulgarien griechische Inschriften aus der Zeit der 60 heidnischen Fursten und noch eine grofse Grenzinschrift von 903 bis 904, also aus der Zeit Symeons; ebenso waren die griechischen Schriftzeichen den Boljaren (Adeligen), Kaufleuten und anderen Bulgaren allgemein bekannt. Wenn man noch bedenkt, dals Symeon und seine Zeitgenossen auch ebenso herrliche Missale und andere Bilcher haben wollten wie die Byzantiner, so wird man die allmahliche Ersetzung der fremdartigen glagolitischen Schnorkelschrift durch die allgemein bekannte monumentale griechische Uncialschrift naturgemafs finden 49 ). In Ostbulgarien muls diese Reform schon im 10. Jahrhundert ganz die Ober- herschaft erlangt haben, da sonst der ausschlielsliche Cyrillismus in Rufsland nicht begreifich ware; doch in Makedonien ein- schliefslich des Athos blieb die glagolitische Schrift bis zum Ende des 12. Jahrhunderts in Gebrauch. Aus diesen Gegenden stammen die fiir die slawische Sprachwissenschaft wichtigsten glago¬ litischen 50 ) Codices des 10. und 11. Jahrhunderts, die meist auf dem Athos (Zographensis, Marianus), auf dem Sinai (Psalter, Euchologium) und in Jerusalem (Assemanianus) gefunden worden sind und den Beweis fiir einen friihzeitigen Verkehr auch der slawischen Athosmonche mit Syrien liefern. Allerdings war neben der glagolitischen auch die cyrillische Schrift ublich, denn am Ostufer des Prespasees wurde eine solche Inschrift des Žaren Samuel aus dem Jahre 993 gefunden. Fiir epigraphische Zwecke war jedenfalls das Uncialalphabet brauchbarer als die eigenartig stilisierte Kursive, die aber langere Zeit als Biicherschrift ge- herrscht haben mag. Einen ahnlichen Dualismus zwischen Ostbulgarien und Makedonien beobachtet man auch in der Sprache der daselbst abgeschriebenen und neu iibersetzten Denkmaler. Trotzdem die slawischen Abschreiber iiberall, selbst in Rufsland noch in spaten Jahrhunderten, ungemein konservativ vorgingen, spricht man doch auf Grund genauer grammatischer und lexikalischer Unter- suchungen mit Recht von zwei Redaktionen der altkirchen- slawischen Sprachdenkmaler, einer pannonisch-mahrischen und einer bulgarischen; dabei mufs man aber hauptsachlich an Ost¬ bulgarien denken, wo namentlich viele griechische Worter iiber- setzt und verschiedene Pannonismen beseitigt wurden, wahrend Makedonien altere Laute und Formen sowie den urspriing- licheren Wortschatz besser bewahrte. 61 Auffallig ist es, dafs man in Bulgarien nicht an deni offi- ziellen konstantinopolitanischen Bibeltext festhielt; denn beziiglich der Ubersetzung der kommentierten Propheten ist nachgewiesen, dafs sie der alexandrinischen Redaktion (des Hesychios) folgt, wahrend man in Mahren der Ubersetzung des Paroemienbuches die lukianische Redaktion zugrunde legte. Der Grund dieser Abweichung ist nicht aufgeklart. Es ist nicht umvahrscheinlich, dafs man darin nur einen Ausdruck der Emanzipationsbestre- bungen von Konstantinopel auch auf kirchlichem Gebiete sehen kann. Unter den namentlich bekannten Schriftstellern Makedoniens nimmt K1 i m e n t nicht blofs zeitlich, sondern auch seiner Bedeutung nach die erste Stelle ein. Aus den Beziehungen einiger seiner Schriften zu den Freisinger Denkmalern und zur Merseburger Bufsordnung wissen wir schon, dafs er nicht aus- schliefslich an griechischen Mustern hing. Seine zahlreichen Predigten auf verschiedene Festtage bilden sogar eine Seltenheit in der altkirchenslawischen Litteratur, denn sie sind keine Uber- setzungen, sondern mehr oder weniger selbstandige Arbeiten, die daher auch durch ihre dem Leben entnommene Sprache hervor- ragen. Seine volkstumlichen Belehrungen bewegen sich im Ge- dankenkreis des Evangeliums und entsprechen den Bediirfnissen seiner jungen Herde: ihm verdanken wir auch den altesten slaivischen Ausfall gegen »teuflische Lieder, Tanze und Zaubereien«; in den panegyrischen Reden halt er sich aber an die Praxis der byzantinischen Prediger, deren Rhetorik, verstarkt durch lyrische Elemente, ihn nicht sehr verstandlich macht. Kliment schreibt man immer mehr auch die beiden panno- nischen Legenden zu. Die Lebensbeschreibungen Cyrills und Methods sind ihrer Bedeutung wiirdige Leistungen, deren historische Glaubwiirdigkeit im Laufe der Jahre nur gewonnen hat. Eine ursprunglich griechische Abfassung derselben ist wenig wahrscheinlich, ebenso die Abhangigkeit des Lebens Cyrills von romischen Quellen, obgleich sein Kultus von Rom ausging. Beide Legenden bewahren ein schones Gleichgewicht zwischen Kon¬ stantinopel und Rom, das der Herkunft und der Wirksamkeit der Slavvenapostel entspricht. Besonders die darin bewiesene An- hanglichkeit an den apostolischen Stuhl spricht dafur, dafs ihre Lebensbeschreibungen bald nach dem Tode der Apostel aus einem Kreise hervorgegangen sind, in dem ihre Traditionen noch wiik- 62 sam waren. Der Form nach sind jedoch beide Legenden so verschieden, dals sie meines Erachtens unmoglich von demselben Verfasser stammen konnen. Die ausfiihrliche Vita Constantini folgt offenkundig den Mustern byzantinischer Hagiographie und enthalt ganze theologische Traktate (Disputationen mit Sarazenen, Chazaren, Juden und mit der lateinischen Geistlichkeit in Venedig), wahrend die Vita Methodii, die kaum ein Drittel der vorigen erreicht, einfach einen chronologischen Bericht mit einiger legendarischer Ausschmiickung ohne theologische Gelehrsamkeit bietet. Gegen diese Tatsachen fallen meist an und flir sich wenig beweisende Parallelstellen in wirklichen und angeblichen Schriften Kliments nicht ins Gewicht. Viel Wahrscheinlichkeit hat die Behauptung, dafs das Leben Konstantins Method selbst ver- falst habe, weshalb darin auch so wenig von ihm die Rede ist. Methods Legende, die sich an die vorige unverkennbar an- lehnt, kann dann allerdings mit grolser, aber noch nicht zur Gewifsheit erhobener Wahrscheinlichkeit Kliment zugesprochen werden, zum mindesten aber einem wohl in Makedonien wirkenden unmittelbaren Jtinger Methods. Das gleiche gilt von einer Lob- rede auf Cyrill und Method, die den beiden Legenden folgt (ent¬ halt auch Bruchstiicke aus dem fraglichen Schreiben des Papstes Hadrian II.) und einer besonderen auf Cyrill, in der aber noch mehr als in der ersten die Rhetorik die Geschichte tiber\viegt, was allerdings fur Kliment spricht. Von einem Zeitgenossen der unmittelbaren Schiller Kliments, einem Geistlichen der Diozese Dgvol im westlichen Makedonien, stammt eine kurze Biographie Naums, die in vrichtigen Punkten von der jiingeren und griechisch geschriebenen ausfuhrlichen Vita Clementis abweicht. Zum Kreise von Ochrida hatte Beziehungen, lebte aber weiter im Siiden, wo sich die Slawen in abhangiger Stellung befanden, vielleicht in Saloniki, Konstantin Presbyter, spater Bischof im Reiche Symeons, wahrscheinlich in BrSgalnica (unweit Stru- mica). Auf Bitten Naums, des Gefahrten Kliments, und den »Lehrern« (d. i. den Slawenaposteln; in einer Notiz wird er ein Schiller Methods genannt) folgend, schrieb er als Priester in einer Zeit, als die »Slowenen« noch zum Christentum »eilten«, untei dem Titel »Belehrendes Evangelium« Sonntagspredigten, die einzige derartige systematische Sammlung in altkirchen- slawischer Sprache. Man pries ihn lange als selbstandigen und 63 verstandnisvollen Kompilator: doch stellten sich seine Predigten. von Anfangen und Schltissen abgesehen, als wortliche Uber- setzungen fertiger, abgekurzter griechischer Reden des Johannes Chrysostomos (37), des Isidoros von Pelusion (5) und anderer Kirchenvater heraus, so dafs auch er keine Ausnahme von der Regel bildet; nur eine Homilie ist ganz sein Eigentum. Ein dem Werk vorangehendes Gebet in zwolfsilbigen rhvthmischen, durch ein Akrostichon verbundenen Versen zeigt uns einen der ersten Versuche einer slawischen Kunstpoesie an der Scheide des 9. und 10. Jahrhunderts. Da dieser Konstantin ofters mit Konstantin dem Philosophen, d. h. mit dem heiligen Cyrill und einem bulgarisch - serbischen Schriftsteller aus der ersten Halfte des 15. Jahrhunderts, verwechselt wird, so dtirften noch einige andere Schriften, namentlich eine Vorrede zum Evangelium, ihm ge- horen. Es ist beachtenswert, dals auch diesen beiden in Makedonien wirkenden Mannern Aufgaben vom Žaren Symeon gestellt wurden: auf dessen Wunsch ubersetzte Kliment noch vor seinem Tode den von Ostern bis Pfingsten reichenden Teil des Triodions (slavv. Triodr als Fem., der Fastenteil war — wie man meint — von einem nicht genannten Ubersetzer vorhanden). Dieses liturgische Buch war allerdings ein Bediirfnis; die Ubersetzung der polemischen Reden des heiligen Athanasios von Alexandrien gegen die Arianer durch den Bischof Konstantin (906) entspricht aber schon der Sucht Symeons, auch die byzantinische theologische Gelehrsam- keit in der Sprache seines Volkes zu besitzen. Im ostbulgarischen Kreise Symeons ist die hervorragendste Personlichkeit Joann Exarch (Stellvertreter des Patriarchen oder Metropoliten) von Bulgarien, der sich durch die Sprache und den Inhalt seiner Werke deutlich von Kliment und noch mehr von den anderen »pannonischen« Denkmalern unterscheidet. Er vermittelte den bulgarischen Slawen gleich das Hauptwerk des Johannes von Damaskos, des grofstenDogmatikers der griechischen Kirche. Seine Ubersetzung des Slovo o p ra vej vere (== 'Ezdoaig azgiftijs rrg og&očošov TiioTSCog) bietet allerdings nur den dritten, aber umfang- reichsten Teil der Ilrjjrj yv(uOEU>g, und selbst von dessen 100 Kapiteln nur 48, die ihm eben zur Aufklarung des bulgarischen Volkes besonders wichtig erschienen. Allzufeine theologische Details, darunter auch eine Widerlegung der haretischen Nestorianer und 64 Eutychianer, liefs er fallen, fiigte aber andererseits kurze Er- ganzungen aus anderen griechischen Schriftstellern und seine eigenen hinzu. Seinen Hauptruhm bildet aber ein grofses Original- werk, richtiger eine Kompilation, der Šestodnev (Hexaemeron), der Versuch einer theologisch - philosophischen Erklarung der Schopfungsgeschichte. Er beniitzte dafiir die einschlagigen Werke Basilios des Grofsen und des Severianos von Gabalas, zum Teil auch Theodoretos, Gregorios Theologos und Gregorios von Nyssa, aus denen manches einfach iibersetzt, vieles aber kompiliert wurde. Am Anfange der sechsten »Rede« (slovo) finden wir eine be- geisterte Schilderung des glanzenden bulgarischen Hofes in Preslav, seines Fiirsten und des Gefolges, seiner Kirchen und Palaste. In der vierten Rede schmaht er die Manichaer, die im bulgarischen Geistesleben bald eine so grofse Rolle spielen sollten, und nebst anderen Unglaubigen auch noch heidnische »Slo- wenen« des Landes. Auch verschiedene Homilien werden ihm zugeschrieben, von denen zwei (auf die Himmelfahrt und Ver- klarung Christi) bisher als sein sicheres Eigentum erwiesen sind. Man riihmte die Werke des Exarchen wegen ihres grolsen Sprachreichtums und wegen seiner Ubersetzungskunst. Genauere Untersuchungen (A. Leskiens 51 )) haben jedoch gezeigt, dafs er nur sehr mafsig Griechisch konnte und die Gedanken der Griechen oft in ungeheuerlicher Weise mifsverstand, so dafs die 'Ev.doaig schon zur Zeit ihrer Entstehung nicht verstanden werden konnte. Nichts- destoweniger war dieser Ubersetzer ein grofser Wortkiinstler; nur blieb er nicht konsequent in der Anwendung der einmal ge- wahlten Ausdrticke. Das beobachtet man jedoch auch in seinen Evangelienzitaten, in denen er sich nicht an den uberlieferten Text halt, was aber mit Recht als Beweis dafiir angesehen wird (von Jagic), dafs der slawische Gottesdienst in Bulgarien noch keine festen Wurzeln gefafst hatte. Man mufs jedoch auch die grofsen Schwierigkeiten wiirdigen, mit denen eine iiberdies allzu wortliche Ubersetzung derartiger Werke der Byzantiner ver- bunden war. Joann selbst spricht sich dartiber in einer Vor- rede aus, die auch als selbstandiger Artikel im Umlauf war und zu den altesten Betrachtungen iiber das Verhaltnis der slawischen Sprache zur griechischen gehort. Es ist kostlich, dafs ihm dabei sogar die Ubersetzung der Lehre des Dionysios (Pseudo-)Areo- pagites, man solle mehr Gewicht auf den Sinn als auf die wirk- 65 liche Ubereinstimmung legen, nicht gelungen ist. Man mufs je- doch mehr Fehler und Mifsverstandnisse als man meint auf ver- standnislose Abschreiber und Herausgeber zuriickfiihren. Grigorij Presbyter gehort zu jener Gruppe der Mit- arbeiter Symeons, die mit der Vervollstandigung der Bibel betraut wurden. Auf Befehl seines »bucherliebenden« Herrn tibersetzte er ins »Slowenische« jene Biicher des Alten Testamentes, welche Bilder (obrazy) des Neuen Testamentes darstellen. Nach vielen mifs- gliickten Versuchen wurde diese Notiz in einem grofsen Sammel- werk richtig auf die vorangehenden funt' Biicher Moses und jene Biicher des Alten Testamentes, welche fiir die christliche Typo- logie besondere Bedeutung haben (Jesus Sirach, Richter, Ruth), bezogen 62 ). Derartige Oktateuche (vostmiknižije) gibt es in griechi- schen und slawischen Handschriften mehrere. Symeon selbst trug dazu bei, dafs der heilige Johannes Chrysostomos (slaw. Joanm, Zlatousta.) mit seinen Predigten auch bei den Slawen eine dominierende Stellung gewann. Der »recht- glaubige Zar« bewunderte von allen Kirchenvatern diesen am meisten und hatte die Gewohnheit, bei der Lektiire aller seiner Werke Exzerpte zu machen, die er im Zlatostruj (Goldbach) ver- einigte, wobei er sich aber grofse Beschriinkung auferlegte, damit der Mensch »durch lange Lektiire nicht ermiidet und faul werde«. Ob die Ubersetzung von einem Hofling oder gar von ihm selbst, wenigstens teilweise, herriihrt, ist nicht ausgemacht. Ubrigens brauchte er sich auch bei der Zusammenstellung seiner Kom- pilation keiner besonderen Miihe zu unterziehen, da ja ahnliche griechische Ausziige bereits vorhanden waren. In der kirch- lichen Litteratur der orthodoxen slawischen Volker erfreute sich das Werk eines grofsen Ansehens und bildete namentlich bei den Russen das Muster fiir viele ahnliche Sammlungen aus ver- schiedenen Kirchenvatern. Den griechischen Katenen entspricht ganz der Izbornik (Codex mit Auswahl) Svjatoslavs aus dem Jahre 1073 (die zweitalteste datierte slawische Handschrift), geschrieben fiir den erwahnten russischen Fiirsten von Kiew° 3 ) nach einer Vorlage, die auf Befehl des Žaren Symeon von einem oder mehreren un- bekannten Ubersetzern um 900 oder bald darauf angefertigt worden ist. Eine Charakteristik derselben finden wir in der Lberschrift »Sammlung aus vielen \ atern: Erklarungen un- MurkOj Geschichte der siidslawischen Litteraturen. 66 verstandlicher Stellen des Evangeliums, Apostolos und anderer Biicher; kurz zusammengestellt zum Gedachtnis und fiir fertige Antwort«. Im Mittelpunkt dieser theologischen Kompilation stehen die »Fragen und Antworten« des Anastasios Sinaites; dazu kommen zahlreiche Ausziige aus den Kirchenvatern des Morgen- und Abendlandes von den altesten Zeiten bis zu den Theologen des 8. Jahrhunderts 54 ), aus den apostolischen Konstitutionen und Konzilienbeschliissen, aus der Chronik des Eusebios und sogar aus den Grammatikern Michael Synkellos von Jerusalem und Georgios Choiroboskos, zum Schluls noch ein Verzeichnis der romischen und byzantinischen Herrscher und Herrscherinnen (in * der vorliegenden Fassung reicht dieser »kurze Chronograph« bis Konstantin und Zoe, das ist 913 bis 920). Unter den Kirchen¬ vatern sind Dogmatiker ebensogut vertreten wie Exegeten, so dafs der Charakter dieser Katene nicht einheitlich ist. Auch diese Kompilation brauchte Symeon nicht wie »eine arbeitsame Biene von allen Bliiten« (laut poetischer Vorrede) zusammen- zutragen, wobl aber wahlte er ein fiir seine Zeit modernes griechisches Original, das zum mindesten nicht iiber die erste Halfte des 9. Jahrhunderts zuriickging (nach dem Bruchstuck aus Michael Synkellos zu urteilen). Ein ganz entsprechendes ist bisher allerdings nicht gefunden worden. Auf Grund innerer, hauptsachlich sprachlicher Merkmale vrerden dem Ubersetzerkreise Symeons noch andere bedeutende Leistungen zugeschrieben, wobei allerdings hervorgehoben werden muls, dafs man zu weit geht, wenn man ihre Entstehungszeit auf die Regierungszeit Symeons beschrankt und nicht auch fiir die folgenden Jahrzehnte einigen Spielraum freilafst. Im Vordergrunde stehen die Bestrebungen nach Erklarung und Vervollstandigung der Bibel. Das hervorragendste Buch des Alten Testamentes, der Psalter, erhielt sogar zwei Kommentare. Die »glagolitische, sudwestliche Schule« begniigte sich mit einem ganz diirftigen, gegen die Juden polemisierenden, der meist auch von der slawischen Uberlieferung (Bologner Psalter, dem bul- garischen von 1337, in Rufsland spdter allgemein) dem heiligen Athanasios von Alexandria, in griechischen Handschriften, die der slawischen Ubersetzung sehr nahe stehen, aber Hesychios von Jerusalem 55 ) zugeschrieben wird, und liefs den urspriinglichen cyrillo-methodeischen Text ganz unverandert; in Ostbulgarien 67 griff man jedoch zu dem schon mehr grammatisch - historischen Kommentar des Theodoretos aus der antiochenischen Schule, wo- bei der Text unter dem Einflusse des Kommentars so verandert wurde, dafs die urspriingliche Redaktion unter diesen Berichti- gungen nur durchschimmert. weshalb man auch von einer Neu- iibersetzung des Psalters spricht. Eine vollstandige und ganz neue Ubersetzung sogar unter Zugrundelegung einer anderen, der alexandrinischen Redaktion (des Hesychios), wurde allen Propheten mit ihren Kommentaren zuteil. Fiir das Buch Daniel ist nachgewiesen, dafs zu dieser neuen Ubersetzung auch der Kommentar des Hippolytos von Rom hinzukam, dessen gelesenstes exegetisches Werk, das noch gegen Anfang des 2. Jahrhunderts angesetzt wird, ganz nur in dieser altslawischen Ubersetzung erhalten ist. Es ist wohl kein Zufall, dafs vom Neuen Testament aufser den fiinf ersten Paulus- briefen (Kommentar des angeblichen Oekumenios von Trikka) auch die Apokalypse einen Kommentar (des Andreas von Kasarea) erhielt. Im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Danielkommentar steht auch die Ubersetzung der Schrift iiber den Antichrist von demselben Hippolytos und vveiter die schon der altesten russischen Chronik (»Nestor«) bekannte Ubersetzung der Revelation des Methodios »von Patara«, der sibyllinischen Bitcher von Byzanz. Man sieht, wie der von den Visionen Daniels ausgehende Gedanke eines der Vollendung des Reiches Gottes vorangehenden Kampfes und eines Gegenbildes des Messias auch die bulgarischen Slawen besonders interessierte, obgleich mit diesen Orakelbtichern speziell die Schicksale des byzantinischen Reiches und die ostromische Kaisersage in Verbindung gebracht wurden. Das war namentlich bei den apokryphen Visionen Daniels der Fali, die trotz ihres volkstiimlichen Charakters bei den Sudslawen weniger beliebt gewesen zu sein scheinen, als die fiir Monchszellen berechnete Revelation des Methodios, weil jene nur einen politischen, diese aber einen politischen und religiosen Charakter trug. Da die byzantinische Kaisersage ihren Weg auch nach Deutschland ge- funden hat, so kreuzten sich spater bei den Slawen die urspriing- liche und die abgeleitete Fassung. Ganz im Geiste der Byzantiner wurden auch in Bulgarien die Kirchenvater des 4. bis 5. Jahrhunderts bevorzugt. \ on den 5* 68 asketischen Schriften des heiligen Basilios wurde die Epistel tiber die Jungfrauschaft iibersetzt (erhalten in einer russischen Hand- schrift des 16. Jahrhunderts!). Von den 45 Reden des Gregorios von Nazianz (im Slawischen fuhrt er gewohnlich den Bei- namen Bogoslov = Theologos) erhielt die kirchenslawische Litteratur 13 sehr friih, vielleicht noch in Mahren (die russische Handschrift des 11. Jahrhunderts zeigt noch glagolitische Spuren). Johannes Chrysostomos ist sogar durch die Auswahl einer ganzen Gruppe seiner Gelegenheitsreden vertreten und zwar der hervor- ragendsten, der 21 Homilien de statuis, die von einem der »sozialsten« Prediger der christlichen Kirche an das reizbare Volk der Antiochener gehalten wurden (387), als sie sich wegen neuer Steuern an den Standbildern des Kaisers und seiner Familie vergriffen. Fiir die jungen slawischen Christen bildete einen besonderen Gewinn die Ubersetzung der katechetischen Be- lehrungen des Kyrillos von Jerusalem, welcher die Hauptfragen des christlichen Glaubens und Lebens in popularen Unterweisungen behandelte, die als schone, verstandliche und warme Herzens- ergiisse eines Seelsorgers geruhmt werden. Einzelne Homilien aus der altesten Zeit finden wir in ver- schiedenen Sammelhandschriften, vor allem auch in so alten, wie es der Glagolita Clozianus und der wichtige cyrillische Codex von Suprasl (aus dem 11. Jahrhundert) sind; dieser enthalt Homilien von Basilios dem Grolsen, Johannes Chrysostomos (20), Epiphanios aus Cypern (1) und auch schon eine des Patriarchen Photios. Bedeutungsvolier ist aber der Umstand, dals dieses Denkmal, welches man aus dem Symeonischen Kreise hervor- gehen lafst, Menaen (slav. mineja als Femininum singul.) ftir den Monat Marž (vom 14. bis 31.) bewahrt hat. Die Originale dieser Heiligenleben sind noch nicht alle aufgefunden worden, weshalb dieses Werk auch ftir die griechische Hagiographie von Bedeutung ist. Uberdies diirfte es darnach keinem Zweifel unter- liegen, dafs die junge slawische Kirche fiir ihre Bedtirfnisse auch beziiglich der tibrigen Monate Sorge getragen hat. Der Periode Symeons oder seines Nachfolgers Peter gehort Kyrill der Philosoph an (wegen seines Beinamens oft mit Konstantin-Cyrill verwechselt), dessen Šestodnev (Hexaemeron) Predigten auf die sechs Wochentage (mit Ausnahme desSonntags) enthalt (erhalten in einer russischen Handschrift des 15. Tahr- 69 hunderts). Das Werk, das bisher wenigstens als Original gelten mufe, bietet auch Anspielungen auf zeitgemafse Zustande und tadelt die Vielweiberei, haufige Ehescheidungen und Heiraten mit entlassenen Frauen (»wie es hier immer zu sein pflegt«, am Mittwoch); seinem Charakter nach steht Kyrill naher Joann dem Exarchen als Kliment. In dieselbe Ubergangsperiode, aber nach Makedonien ist mit grofster Wahrscheinlichkeit der gegen die Griechen gerichtete Traktat des Monches Hrabr iiber die slawische Schrift (o pismeneha,) zu verlegen. Mit dem Riistzeug der damaligen byzantinischen Gelehrsamkeit bekampft der Verfasser in sehr geschickter Weise die Ausfalle der Griechen gegen das slawische Alphabet und die slawischen Kirchenbiicher. Da die »slowenische Sprache« mit griechischen Buchstaben nicht gut geschrieben werden konne, so schickte Gott in seiner Barmherzigkeit dem »Geschlecht der Slowenen« den heiligen Konstantin, den Philo- sophen, genannt Kyrill, welcher ihnen 38 Buchstaben teils nach griechischem Muster, teils der slawischen Sprache entsprephend schuf. Nach einer Parallele zwischen dem griechischen und slawischen Alphabet wird die gegnerische Behauptung, dafs nur die jiidische, romische und hellenische Schrift von Gott seien, nicht mit Stellen aus der Heiligen Schrift, wie in der Vita Constantini und in den Schreiben Hadrians II. und Johannes VIII., sondern mit der Behauptung widerlegt, dafs im Paradies und iiber die Sintflut hinaus syrisch gesprochen wurde, bis nach dem babylo- lonischen Turmbau die Sprachenverwirrung eintrat. Wie Sitten, Gebrauche und Gesetze, so verteilte Gott auch die Fahigkeiten an einzelne Volker. Den Agyptern schenkte er die Geometrie, den Persern, Chaldaern und Assyriern die Astrologie, Magie, Medizin, Zauberkunde und jegliche menschlische Kunst, den Juden die heiligen Biicher, den Griechen Grammatik, Rhetorik und Philosophie. Zuvor hatten aber die Griechen keine Schrift, sondern schrieben mit phonizischen Buchstaben und erhielten ihr ganzes Alphabet allmahlich von verschiedenen M annern. Ebenso ubersetzten ihnen erst spat 70 Manner die Heilige Schrift aus dem Hebraischen; den Slawen aber gab e i n Mann die Schrift und iibersetzte ihnen »die Biicher« in vvenigen Jahren. Die slawische Schrift ist auch deshalb »heiliger und ehrwiirdiger«, weil sie ein heiliger Mann geschaffen hat, wahrend die griechische von Heiden stammt. 70 Wenn eingewendet wird, die Ubersetzung sei nicht gut geraten, weil sie noch verbessert werde, so geschah ahnliches auch bei den Griechen. Nach diesem interessanten Zeugnis fiir die philo- logisch ergriindete Tatsache, dafs die Kirchenbiicher in Bulgarien relormiert wurden, spielt der bulgarische Monch noch denTrumpf aus, dafs die Griechen nicht wissen, wer ihnen die Schrift ge- schaffen und die Biicher iibersetzt h at; bei den Slawen ist es aber allbekannt, dafs Konstantin und Method dieses Werk voll- bracht haben, denn es leben noch Leute, die sie gesehen haben. Die Zeit wird richtig mit der Regierung des Kaisers Michael, des Fiirsten Boris von Bulgarien, des Fiirsten Rastic (Rastislav) von Mahren und des Fiirsten Kocel am Plattensee bestimmt, doch die Jahreszahl ist strittig (855 oder 863) 66 ). Der Zusatz iiber lebende Zeitgenossen der Slawenapostel — er steht allerdings nur in der altesten Handschrift von 1348, doch ist seine Ausmerzung in den iibrigen begreiflich — zeigt, dafs wir den Traktat nur noch in die ersten Jahrzehnte des 10. Jahrhunderts verlegen konnen. Die Bewahrung der cyrillo- methodischen Traditionen und der Umstand, dafs das Original unbedingt glagolitisch geschrieben war, sprechen fiir Makedonien und zwar fiir solche siidliche Gebiete, die lebhafte Beriihrungen mit den Griechen hatten, und wahrscheinlich gar nicht unter bulgarischer Herrschaft standen; es mu (s jedoch zugegeben vi er den, dafs sich die griechische Gegnerschaft gegen die slawische Schrift und ihre Kirchenbiicher auch unter dem Klerus am bulgarischen Hof in den ersten Regierungsjahren Symeons oder aber unter seinem Nachfolger Peter geltend machen konnte, als mit der ersten byzantinischen Prinzessin auf dem bulgarischen Thron der griechische Einflufs in der Residenz besonders machtig wurde und die Griechen mit dem Patriarchen Damian, der auch ein Grieche war, an der Spitze die slawische Schrift und Liturgie fiir haretisch zu erklaren anfingen. Wegen der Erinnerungen an Mahren und Pannonien und namentlich wegen der Koseform des Namens des mahrischen Fiirsten Rastislav vermutete man im Ver- fasser einen Westslawen, doch konnte ein solcher nicht iiber die entsprechende griechische Gelehrsamkeit verfiigen, die in Frage stehende Namensform ist aber ohnehin nicht beweisend. Merk- wiirdig ist es, dafs man aus dem ganzen Traktat nicht ersehen kann, ob er die glagolitische oder cyrillische Schrift zum Gegen- 71 stande hat; jedenfalls ist der Gedanke verkehrt, dafs darin die glagolitische Schrift gegen die Anhanger der jiingeren cyrillischen verteidigt wurde. Wie sehr die kirchliche Litteratur nach dem Tode Symeons in Verfall geriet, ersieht man schon daraus, dafs wir in ei ;em Zeitraum von mehr als 150 Jahren nur drei Schrift- steller dem Namen nach kennen. In die Zeit des frommen, aber schvv achen Peter (927—968) fallt die Entstehung der volkstiim- lichen, gegen den immer mehr byzantinisch werdenden Feudal- staat und gegen die pomphafte und prunkstichtige Kirche sich a Alehnenden Sekte der Bogomilen (s. u.), die doch nicht ohne litterarischen Widerspruch blieb. Von dem Presbyter Kozma sind uns 13 »Reden gegen die neu aufgetauchte Haresie der Bogomilen« iiberliefert. Abgesehen von den wertvollen Angaben iiber das eigentliche Thema bekommen wir auch interessante Zeugnisse iiber die Zustande unter der zeitgenossichen Geistlichkeit und iiber das Verhaltnis der Kirche zum nationalen Leben. Der feurige Redner klagt nicht blofs iiber die Laster dieser Welt, sondern halt speziell den Bischofen und Priestern keinen schmeichel- haften Spiegel vor die Augen. Sie leben nicht nach der Heiligen Schrift, suchen sich durch ziigellose Sitten hervorzutun, kleiden sich reich, fiihren Pferdegespanne mit sich, halten Gastmahler ab, richten falsch, berauben und verfolgen die Schutzlosen. Sie sollten sich an den Kirchenvatern ein Beispiel nehmen, namentlich an Gregorios, Basilios und Joann Exarch. Die Envahnung des Hauptvertreters des Zeitalters Symeons lafst uns besonders den grofsen Unterschied auf litterarischem Gebiete fiihlen. Kozma ermahnt seine Zeitgenossen gar nicht, Biicher zu schreiben, sondern verlangt nur das Lesen der vorhandenen, die aber ver- sperrt liegen, »dem Schimmel zum Frafs und den Wiirmern zur Nahrung«. »Und viele Menschen eilen lieber zu Spielen statt in die Kirche und ziehen Fabeln und Possen den Biichern vor. Was sind das fiir Christen, die unter Saitenklang und Klatschen und zu teuflischen Liedern Wein trinken und an Glucksgottinnen (sresta) und Traume und an jegliche Lehre des Satans glauben!« Besondere Beachtung verdient die Tatsache, dafs der erste autokephale Erzbischof von Ochrida, Joann (seit 1020), der noch ein Bulgare war, fiir litterarische Arbeiten Verstandnis hatte, 72 denn er trug (man hat die betreffende Notiz haufig falsch auf Joann Exarch bezogen) einem Presbyter Joann auf, das Leben Antonius des Grofsen von Athanasios von Alexandria und das Leben des Mar- tyrers Pankratij Tavromenijskyj (von Tauromenium = Taormina) zu Iibersetzen. Man glaubt, dafs auf Anregung desselben Erz- bischofs noch andere litterarische Arbeiten zustandegekommen sind. Aus der Mitte des 12. Jahrhunderts kennen wir dem Namen nach Ilarion, Bischof von Meglen (gest. 1164), der nach einem Bericht des Patriarchen Evthymij von Trnovo (s. u.) Predigten gegen die in seinem Bistum angesiedelten Manichaer und Ar- menier hielt; wegen der Lehren einzelner Sekten stand er auch in Korrespondenz mit dem Kaiser Manuel I. Komnenos. Von einer grofseren Anzahl anonymer Ubersetzun gen, die noch unbedingt der altkirchenslawischen Periode angehoren, feblen nahere Bestimmungen iiber ihre Entstehungszeit. Ephram der Syrer (sla\v. Efrem Syrin), der bedeutendste Kirchenvater seines Landes, ist bei den Slarven durch eine Paranesis vertreten, die 106 Reden enthalt. Von besonderer Wichtigkeit sind die Ubersetzungen der Schriften des Methodios, Bischofs von 01ympos (in Lykien), da einige (liber den freien Willen, liber die Auf- erstehung, an Sistelios, vom Aussatz) ganz, andere (uber das Leben und die verniinftige Handlung, liber die Unterscheidung der Speisen, von dem Blutegel) iiberhaupt nur in der altkirchen- slawischen Fassung bekannt sind. Die erhaltenen griechischen Bruchstiicke zeigen jedoch, dafs die slawischen Ubersetzer sich zwar sklavisch an den Wortlaut hielten, dabei aber dennoch, wie so haufig, ihre Vorlagen klirzten; dafs dabei nicht immer die Schwierigkeiten des Textes mafsgebend waren, zeigt die Uber- setzung der Schrift »Uber die Auferstehung«, bei der gegen das iinde ein immer mehr verkiirzendes Verfahren beobachtet wird. Eine Ubersetzung des Psalmenkommentars des Niketas (slaw. Nikita) von Pleraklea (Thrakien) wird noch in das Jahrhundert (11.) seiner Entstehung verlegt. Asketik und Mystik, das Lieblingsgebiet der monchischen Litteraten von Byzanz, auf dem sie mehr erfreuliche Leistungen als anderswo aufzuweisen haben, wurden den orthodoxen Slid- slawen durch Ubersetzungen bedeutender Werke vermittelt. Des sinaitischen Anachoreten Johannes Klimax (slaw. Joann Lest- vičnik) einfach und volkstiimlich geschriebenes asketisches Werk 73 Lestvica (Klimax mit Bezug auf die Jakobsleiter in 30 Ab- schnitten, entsprechend den 30 Jahren des verborgenen Lebens des Herrn), des Antiochos von Jerusalem (d. h. Antiochos, Monch des Sabbasklosters bei Jerusalem) Pandekten der Heiligen Schrift, eigentlich nur ein Abrifs der Sittenlehren, welche die Monchs- welt interessieren konnten, und des Theodoros Studites (Todor Studit), des Regenerators des byzantinischen Monchswesens im 9. Jahrhundert, »Malyj (kleiner) Katechizis«, von dessen 134 An- sprachen an die Monche aber nur 124 in der slawischen Uber- setzung bekannt sind, verbreiteten die byzantinischen Monchs- ideale bei den Slawen. Das Typikon des Studionklosters in Konstantinopel, das auf Theodoros Studites zuriickgeht, fand da- durch, dafs es zum Gemeingut der Athoskloster wurde, auch seinen Weg in die slawischen Klostergriindungen auf dem Athos und im bulgarischen Reiche. Der grofsen Vorliebe ftir die Monchswelt und ihre Askese entspricht auch die wohl noch in diese Periode zu stellende Uber- setzung des Paterikons von Sinai oder Limonan, (= vhuuaivdgiov, der urspriingliche Titel lautete yltiiw'n : ) des Johannes Moschos, der an der Scheide des 6. und 7. Jahrhunderts die Kloster des Orients bereiste und in seinem Werke in bunter Mischung Er- lebnisse, Charakterziige und Aussprtiche zahlreicher Monche mitteilte. Die hagiographische Litteratur der Griechen ging zu den Slawen in die kurzen Auszlige der Prologe oder Synaxarien 57 ) und in die umfangreicheren Menologien tiber. Griechische Originale der fur die Lekture bestimmten Menaen (russ. Čet rji mineji), welche im 9. oder 10. Jahrhundert iibersetzt wurden, sollen aus der Zeit v or Metaphrastes stammen; die leeren Tage wurden bereits auf siidslawischem Boden unter dem Einflufs der Typika mit griechischen Eleiligenleben ausgefiillt und das ganze Werk mit Artikeln historischen Inhaltes bereichert. Auch Ubersetzungen der liturgischen Menaen wurden schon zu Ende des 10. oder in der ersten Halfte des 11. Jahrhunderts in Bulgarien oder auf dem Athos angefertigt, wobei ebenfalls die Redaktion des Klosters Studion in Konstantinopel zur Vor- lage diente. In einer Ubersetzung dieser Menaen fur die Monate September, Oktober und November (erhalten in einer Moskauer Handschrift vom Jahre 1095—1097, herausgegeben von Jagic) 74 sind hauptshchlich die Hymnendichter Theophanes und Joseph (nach Jagic der Hymnograph, nicht etwa der Bruder des Theo- doros Studites) vertreten (die slawischen Ubersetzer liefsen ubrigens die Namen der Dichter unbeachtet). Jedenfalls kam zu den Slawen nur die griechische Kirchendichtung aus der Zeit der Nachbliite und des Verfalls, als die alten Hymnen schon durch die Kanones verdrangt wurden. Doch selbst von dieser Poesie haben die orthodoxen slawischen Volker nur wenig er- halten, denn die Ubersetzer, die sich keine Vorstellung von der Schwierigkeit ihres Werkes machten, hielten sich an das Original buchstabengetreu, ohne sich um den Sinn, den Rhythmus (ubrigens blieb dieser auch modernen Philologen lange verborgen) und den poetischen Schmuck, wie es die Akrosticha waren, zu kummern. Diese Arbeit, die ohne das griechische Original haufig unverstand- lich ist, bildet ein besonders klagliches Beispiel fiir den Stumpf- sinn mancher altslawischer Ubersetzer, der aber nicht blofs durch ihre Unfahigkeit, sondern auch durch die blinde Buchstaben- verehrung im Geiste des byzantinischen Traditionalismus zu er- klaren ist. Eine grofse Menge griechischer Kirchenpoesie ist noch durch andere liturgische Biicher von den Slawen iibernommen worden. Man hat auf die Qualitat dieser Ubersetzungen noch zu wenig ge- achtet, aber jedenfalls stehen sie nicht alle auf einer so tiefen Stufe. Dafs es unter den Slawen des 9. und 10. Jahrhunderts Manner gab, die auch flir die Feinheiten der griechischen Hymnen Verstandnis hatten, zeigen Nachahmungen derselben, von denen aber nur drei in alteren Aufzeichnungen (vor dem 14. Jahrhundert), liber 20 aber in spateren russischen und teilweise serbischen Ab- schriften (aus dem 14. bis 17. Jahrhundert) auf uns gekommen und durch viele sprachliche Veranderungen, die in ortlichen und zeitlichen Unterschieden ihre Begriindung haben, sehr entstellt worden sind. Immerhin kann man sich aus einer Rekonstruktion (durch Sobolevskij 5S )) der drei ersten eine Vorstellung von der altesten slawischen Kirchenpoesie machen. Als Verfasser ist nur Konstantin Presbyter (s. S. 62) bekannt, der in einem Gebete vor seinem »Belehrenden Evangelium« Gott anfleht, er moge ihm den Heiligen Geist senden, damit er ihn bei der Erklarung der Worte des Evangeliums erleuchte; aus demselben Grunde wird weiter die heilige Dreifaltigkeit angerufen, mit deren Preis das 75 Gedicht schlielst. In einem anonymen »alphabetischen Gebete«, das an Innigkeit und Schwung das vorige iibertrifft, bittet ein Sunder Christus um Gnade und Beistand im Kampfe gegen die ihn umgebenden Gefahren und fallt gegen Ende ebenfalls der heiligen Dreifaltigkeit zu Fufsen. Beide Gebete sind in rhyth- mischen (akzentuierenden), zwolfsilbigen, mit einer Casur nach der fiinften Silbe 59 ) versehenen Versen ohne Reim und Refrain abgefalst, was doch ein Beweis dafiir ist, dals der politische Vers bei den Byzantinern schon im 9. und 10. Jahrhundert sehr be- kannt war 60 ). Im ersten Gedicht (es enthalt in der vorliegenden Fassung 40 Zeilen) ist jeder Vers, im anderen (72 Verse) jeder zweite im Anlaut durch die Buchstaben des Alphabetes gebunden; gegen das Ende ist die Reihenfolge allerdings gestort, aber die ersten 25 Buchstaben zeigen deutlich, dals das zweite Gebet in glagolitischer Schrilt — ein neuer Beweis ftir ihr hoheres Alter — abgefalst war, weil deren alphabetische Reihenfolge genau ein- gehalten ist; Konstantin hatte aber fiir sein Gebet zum mindesten ein glagolitisches Muster, da die Reihenfolge gerade dort ge¬ stort ist, wo man das Zeichen ftir erweichtes g, das dem cyrillischen Alphabet fehlt, erwartet. Derartige alphabetische Gedichte ver- schiedenen Inhalts gibt es noch gegen zwanzig. Das Lobgedicht auf den Žaren Symeon im Izbornik Svjatoslavs von 1073 unter- scheidet sich von den beiden genannten durch einen mehr welt- lichen Inhalt und durch den Mangel des Akrostichons. Das byzantinische Monchswesen fand bald Eingang in Bul- garien. Schon sein erster christlicher Herrscher Boris-Michael zog sich ins Klosterleben zuriick, sein Bruder Duks scheint das Beispiel befolgt zu haben, dessen Sohn Todor Duksov lebte (907) in dem von Symeon »an der Miindung des Flusses Tiča« ge- griindeten Kloster und kopierte Bticher. Des machtigen Reichs- griinders Symeon Nachfolger, Zar Peter, errang sich einen Platz bereits unter Heiligen und Einsiedlern. Wahrend seiner Re- gierungszeit tauchten auch schon aus dem Volke Eremiten auf, die in der Weltflucht und Askese hinter ihren orientalischen Mustern durchaus nicht zuriickblieben. Der bedeutendste von ihnen, Joann Rylskyj (starb 946 im Alter von 70 Jahren), spater der Schutzpatron Bulgariens, bekam im 12. Jahrhundert, als seine Gebeine noch in Sofia ruhten, eine naiv-volkstumliche Legende, die im Laufe der Jahre drei slawische und zwei griechische Um- 76 arbeitungen erfuhr. Joann stammte aus dem Dorfe Skrino bei Sofia (siidostlich von Kiistendil) und verlebte seine Jugend als armer Hirte. Als er sich nach dem Tode seiner Eltern in ein Kloster 61 ) begab, nahm er von dem Ochsengespann, das er mit seinem Bruder besafs, einen Ochsen mit, der ihm aber vom nach- eilenden Bruder entrissen wurde. Doch entsagte er bald der Welt so sehr, dafs er das Kloster mit der Einsamkeit auf den Hohen der Ryla-Planina vertauschte. Unter anderem lebte er hier dritthalb Jahre in einer Felsenhohle und zuletzt sieben Jahre und vier Monate, dem Sturm und Wind, der Kalte und Hitze ausgesetzt, auf einer JJLKlafter hohen F'elswand, »die oben breit war wie ein Schild«, so dafs ihn Zar Peter, der ihn besuchen wollte, nur von weitem sehen konnte. Im folgten drei ebenso beriihmte Eremiten, die in den heutigen bulgarisch - serbischen Grenzgebieten, im nordlichen Makedonien, lebten: Prochor am Pšinja-Flusse (bei Skopje), Gavril auf Lesnovo (bei Kratovo) und Joakim am Sararidopor. Erhalten ist nur eine Legende des letzteren in einer Fassung des 14. oder 15. Jahrhunderts, doch haben sich auch die darin bezeugten idyllisch - patri- archalischen Ziige aus dem Leben der Balkanslawen innerhalb dieses Zeitabstandes wenig geandert. Fiir den heiligen Prochor bezeugt ein Offizium, dafs er auch zur Zeit des Joann Rylskyi oder bald nach ihm lebte und wirkte; die beiden letzten ge- horen dem 11. bis 12. Jahrhundert an. 2. Chroniken. Physiologus. Mangel wissenschaftlicher Litteratur. Verhaltnismafsig grofs ist die Zahl der altkirchenslawischen Ubersetzungen der altchristlichen und bjzantinischen theologischen Litteratur, vom weltlichen Wissen der Byzantiner gelangte jedoch sehr wenig in die Anfange und Grundlagen des slawischen Schrifttums. Fiir den Geist, der die Trager der jungen slawischen Kultur beseelte, ist nichts so sehr bezeichnend, wie die Auswahl der iibersetzten Geschichtswerke. Von den zahlreichen und be- deutenden Geschichtsschreibern, welche die gleichzeitigen Chro- nisten des ganzen Abendlandes weit iibercagen, ist kein einziger von den Slawen iibersetzt worden, weder in dieser Periode noch spater, als bei Bulgaren und Serben das Interesse fiir Geschichte 77 wieder erwachte. Auch solche Historiker, welche direkt die Slawen behandelten, wie Konstantinos Porphyrogennetos 62 ) und Leon Diakonos, oder wenigstens von ihren Kampfen mit den Byzan- tinern berichteten, werden keiner Beachtung gewurdigt. Die besten Leistungen der byzantinischen Litteratur blieben den Slawen unbekannt! Dagegen fanden starken Anklang wie bei den orientalischen Volkern die kompilatorischen Arbeiten der Chronisten, die erst in der byzantinischen Epoche zu einer grofsen litterarischen Bedeutung gelangten und ihre Bliitezeit im 9. Jahrhundert hatten. Weltchroniken, welche die Ereignisse von der Schopfung bis auf ihre Zeit vom Standpunkte der kirchlichen Interessen und einer spiefsburgerlichen Neugierde der Monche und Volksmassen be- trachteten, vermittelten neben der Bibel historische Kenntnisse auch den Slawen. Die zQovoyQciq>ia (von der sagenhaften Geschichte der Agypter bis 563, vielleicht 565 oder 573) des Johannes Malalas aus Antiochia in Syrien, »der erbarmliche Typus der byzan- tinischen Monchschronik« (Krumbacher), steht auch hier an der Spitze, denn ihre Ubersetzung fallt unbedingt in das Zeitalter Symeons, aber fraglich bleibt es, ob sie dem Grigorij Presbyter (s. S. 65.), mit dessen Oktateuch sie in einem Sammelwerk vereinigt vorkommt, zuzuschreiben ist. Bei den Bulgaren und Sudslawen iiberhaupt ging das Werk wie so manches andere spurlos ver- loren, aber erhalten blieb es bei den Russen, denen es mindestens schon am Anfang des 12. Jahrhunderts (in der Ipatius-Chronik ein Auszug aus dem Jahre 1114) bekannt war, aber auch nur in zwei Kompilationen, die es wohl noch im Verein mit anderen und mit der Chronik des Georgios Hamartolos ganz verdrangten, wie auch das griechische Original durch spatere Kompilationen beiseite geschoben wurde. Der slawische Malalas besals einige Zeit grolse Bedeutung auch fiir das Original, bis dessen erstes Buch ans Licht gefordert wurde, verlor sie aber auch seither nicht ganz. Zum grofsten Ansehen brachte es bei den Slawen die Welt- chronik des Georgios Hamartolos Monachos (dieser Beiname steht in slawischen Handschriften an zweiter Stelle), die ihnen von den bedeutenderen Werken dieser Art zeitlich am nachsten stand (von Adam bis auf den Tod des Kaisers Theophilos 842, Fort- setzungen gehen bis 928 und noch weiter) und Belehrung uber allerlei Fragen bot, die auch ihre Gebildeten interessieren mufsten, 78 so die iiber die Einfuhrung der Gotzenbilder, die Mythologie der Griechen, das Monchswesen, die Entstehung und Verbreitung der bilderfeindlichen Ketzerei, den Glauben der Sarazenen usw. Das theologische Beiwerk und die besondere Hervorhebung des frommen Sinnes und der Freigiebigkeit der Kaiser mtissen auch das Entziicken der slawischen Monche hervorgerufen haben. Die slawische Ubersetzung ist in alteren kirchenslawischen Hand- schriften bulgarischer (unter dem Titel Vremenniki) und in jiingeren serbischer Redaktion (Titel: Letovnikt) erhalten. Da aber bereits die alteste russische Chronik (»Nestor«) das Werk unstreitig be- niitzt hat, so mtisste die Ubersetzung mindestens in das 11. Jahr- hundert verlegt werden. Man kann aber mit der grolsten Wahr- scheinlichkeit noch hoher hinaufgehen, da dieselbe in russischen Kompilatienen vorkommt, die neben Malalas auch andere Werke der Ubesetzungslitteratur enthalten. Man wollte allerdings die altere Ubersetzung auch nach Rulsland verlegen, was zwar moglich, aber nach allen sonstigen Erfahrungen wenig wahr- scheinlich ware. Der Streit kann erst gelost werden, wenn eine kritische Ausgabe vorliegen wird, denn sprachliche Merkmale werden geniigende Anhaltspunkte bieten. Die unglaubliche Ver- nachlassigung dieses Werkes 63 ), das den Anstofs zur russischen Annalistik gegeben hat und auch liber das griechische Original manche Aufklarung (die slawische Ubersetzung gehort der ersten kurzen griechischen Redaktion an, von der nur zwei oder drei Handschriften vorhanden sind) bringen kann, ist sehr zu bedauern. Schon im Izbornik Svjatoslavs vom Jahre 1073, der auf Symeon zuriickgeht, finden wir einen Letopisi,ci, (Chronograph), der die romischen Kaiser von Augustus bis Konstantin und Zoe (920) aufzahlte. Man konnte dlese Kleinigkeit als die alteste uns bekannte Ubersetzung eines chronologischen Kompendiums an- sehen, doch der Historiker Rački setzt sie spater als die des Malalas an, zu der sie vielleicht als Fortsetzung gedacht war. Dieses Bruchstiick wird auf das XQovoyqacf>r/.dv avvtouov des Nikephoros (slav. Nikifor) Patriarches zurtickgefiihrt. In einer russischen Handschrift des 13. Jahrhunderts hat sich mit Angabe des Namens Nikephoros eine kurze chronologische Ubersicht von Adam bis Kaiser Michael III. (f 867) und dariiber hinaus erhalten, nur dafs in dem weiteren Verlaufe auch Ereignisse der russischen Geschichte eingeflochten sind. 79 Eine nicht naher bekannte Weltchronik unter dem Titel Istorikii steht auch amSchluls des »BelehrendenEvangeliums« des symeonischen Ubersetzers Konstantin. Von alten bulgarischen Chroniken ist bisher nichts ans Licht gefordert worden, aber es unterliegt keinem Zweifel, dafs sie vorhanden waren. Zar Kalojan berief sich beim Papste in den Jahren 1202 und 1204 auf alte einheimische Schriften und Biicber, um zu beweisen, dals seine Vorganger Sjuneon, Peter und Samuel die Krone aus Rom erhalten haben; im Jahre 1203 wurden solche Beweise aus dem Bulgarischen ins Griechische und daraus ins Lateinische iibertragen. Einen Rest solcher chronologischer Aufzeichnungen kann man in der aus Rufsland be- kannten Kompilation »Ellinskij Lfitopisect« alterer Redaktion finden, wo die Namen der altbulgarischen Ftirsten und Reste ihrer Sprache erhalten sind. Die ebengenannte, in vier Redaktionen bekannte Kom¬ pilation, deren voller Titel iibersetzt lautet: »Hellenischer und romischer Chronograph«, wurde von Rački ebenfalls nach Bul- garien verlegt und in jungster Zeit von Sachmatov als Bestand- teil einer symeonischen ausfuhrlichen Enzyklopadie erklart, welche die Chroniken des Georgios und Malalas, biblische Biicher historischen (im Zusammenhang damit auch ganze Bruchstticke des Josephus Flavius) und poetischen Inhaltes, Apokryphen und Prosadichtungen, wie den Alexanderroman enthielt. Den Be- strebungen Symeons und dem enzyklopadischen 10. Jahrhundert der Byzantiner wiirde es in der Tat vollkommen entsprechen, wenn man die ganze Ubersetzungslitteratur in einer Enzyklopadie von drei bis vier Banden zu vereinigen gesucht hatte. Die wenig verbreitete Bibel und die Chronisten konnten aber die Wifsbegierde der frommen Gemtiter nicht ganz befriedigen. Entsprechend der abendlandischen Biblia pauperum brachte es daher im slawischen Mittelalter die historische P alej a (aus r t [nicht xa\ nctlcud, sc. dia&tjnr]) zu grofser Bedeutung, wahrend sie bei den Byzantinem, die auch hier das Original lieferten, wenig verbreitet gewesen zu sein scheint (bekannt ist nur eine Hand- schrift des 15. Jahrhunderts). Diese Pa leja stellt eine gekiirzte biblische Geschichte vor, die mit apokryphen Erzahlungen und mit allerlei Erklarungen, filr die namentlich Texte aus kirchlichen Liedern herangezogen wurden, bereichert worden ist. Auch 80 dieses Denkmal ist im slawischen Siiden entstanden, nicht spater als im 12. Jahrhundert. Ob auch die kommentierte (russisch Tolkovaja) Paleja mit ihrer antijudischen Tendenz aus Bulgarien und aus einer griechischen Vorlage stammt, oder erst dasWerk eines russischen Kompilators genannt werden mu is, ist nicht ausgemacht. Von der Art der historischen Kenntnisse waren auch die naturwissenschaftlichen, die den Slawen bereits um diese Zeit in ihrer Sprache vermittelt wurden. In Bulgarien oder Makedonien wurde aus dem Griechischen der Physiologus iibersetzt, »das naturwissenschaftliche Haus- und Handbuch des Mittelalters, die Quelle ali der wundersamen Geschichten von dem sich selbst aufopfernden Vogel Pelikan, von dem aus der Asche wieder- erstehenden Phonix, von dem merkwurdigen Tiere Einhorn und anderen seltsamen Wesen», kurz, »cine Beschreibung von wirk- lichen und fabelhaften Tieren, Pflanzen und Steinen, die nach ihren wahren oder angeblichen Eigenschaften religios-symbolisch gedeutet, d. h. als Typen fiir Christus, den Teufel, die Kirche oder den Menschen aufgestellt werden« (Krumbacher). Der letzte Teil, die Hermeneia, stempelte auch dieses Werk zu einem religiosen Belehrungs- und Erbauungsbuch, das aber nicht blofs die theologische Litteratur und die Kunst des Mittelalters be- fruchtete, sondern auch die Schule und die Wissenschaft beherrschte. Im Vergleich zum Abendlande war diese erste (spater kam eine in Serbien dazu) Ubersetzung des Werkes (in der ersten griechi¬ schen Redaktion) allerdings bei den Siidslawen und bei den Russen wenig verbreitet. Von wissenschaftlicher Litteratur finden wir sonst nichts in Bulgarien, was nicht in den bisher genannten Ubersetzungen und Kompilationen, in den wenigen selbstandigen Schriften und Vorreden Platz gefunden hat. Was von Medizin und Astronomie, richtiger Astrologie, noch in diese Zeit fallt, gehort eigentlich zur apokryphen (s. u.) Kleinlitteratur des Aberglaubens. Be- ziiglich der Rechtswissenschaft ware hervorzuheben, dals die Ubersetzung des Nomokanons in 14 Titeln samt dem dazu ge- horigen Syntagma, und zwar in der ersten (vorphotianischen s Ausgabe, vom Kanonisten Pavlov nach Rufsland ins 11. Jahr¬ hundert verlegt wird, was aber aus sprachlichen Grtinden immer - hin zweifelhaft ist. Auf dem Gebiete der Geographie finden wir 81 nicht einmal die Beschreibung einer Pilgerfahrt ins heilige Land, so dafs die jiingere russische Litteratur hier sowie in ihrer be- deutenden Annalistik der siidslawischen uberlegen ist. Besonders zu bedauern ist die Tatsache, dals vom klassischen Altertum So gut wie gar nichts in den dauernden Besitz der Slawen ubergegangen ist, wenn man von den zweifelhaften Nach- richten der Chronisten absieht. Einzelne Personlichkeiten, wie der Zar Symeon und der Monch Hrabr, standen allerdings auf der Hohe der damaligen griechischen Bildung, die sich ihre Basis bewahrte, obgleich auch in Byzanz die Kirchenvater, Martyrien und Heiligenlegenden eine dominierende Stellung einnahmen. Die Philosophie diente nur kirchlichen Interessen, und Aristoteles wurde auch bei den orthodoxen Slawen der Philosoph der Kirche, dessen Lehre durch die Ubersetzung der Werke des Johannes von Damaskos und anderer Kirchenschriftsteller Verbreitung fand. Man darf jedoch das Bildungsniveau der Balkanslawen nicht blols nach ihrer alten Litteratur beurteilen. Mit Byzanz gab es immer lebhafte Beziehungen freundlicher und feindlicher Natur; byzan- tinische Prinzessinnen brachten nattirlich ihren Hofstaat mit, griechischer Klerus stand nach der Einfiihrung des Christentums und spater nach dem Untergang des bulgarischen Reiches an der Spitze der bulgarischen Kirche, auf dem Athos lebten die slawischen Monche ganz im griechischen Milieu. Den auto- kephalen »bulgarischen« erzbischoflichen Stuhl von Ochrida hatte unter anderen griechischen Šchriftstellern auch Theophvlaktos von Bulgarien inne, einer der bedeutendsten Theologen des 11. Jahrhunderts und Schiller des Psellos, der gegen Aristoteles Plato zur Geltung brachte, sowie Leo von Achrida, der zur Zeit der definitiven Kirchenspaltung den litterarischen Kampf mit einem Schreiben an alle »frankischen Bischofe« erdffnete, und der Kanonist Demetrios Chomatianos; slawische Herden hiiteten auch Manner wie Michael Italikos, Bischof von Philippopel, Niketas von Serra (in Makedonien) u. a., die von dem Vorhandensein griechischer Bildungszentren auf slawischem Boden Zeugnis ab- legen. Es sind sogarBriefe erhalten, die solche Wechselbeziehungen bestatigen. Unter den Adressaten desPatriarchenNikolaosMystikos finden wir auch den Žaren Symeon und erfahren, dafs die Griechen die Bulgaren als ihre Patenkinder betrachteten und deshalb von ihnen auch kindliche Unterwiirfigkeit, nicht aber die Verfolgung Murko, Geschichte der siidslawischen Litteraturen. 6 82 weitgehender politischer Plane erwarteten. Dafs im 12. Jahr- hundert Ilarion, Bischof von Meglen (Makedonien), mit dem Kaiser Manuel I. Komnenos in Korrespondenz stand, wurde schon erwahnt. 3. Die apokryphe Litteratur. Die Bogomilen. Die Litteratur, welche den jungen slawischen Christen der Balkanhalbinsel von dem absterbenden Byzanz vermittelt wurde, trug einen ausschliefslich religiosen Charakter. Die zahlreichen theologischen Schriften, voli von Spekulation und theologischen Spitzfindigkeiten, konnten aber ebensowenig wie anderswo die fromme Neugierde und das Gemiit eines Volkes befriedigen, das seinem nationalen Ftihlen und Denken entsagen und eine ganz neue Welt von Vorstellungen in sich aufnehmen mulste. Die Biicher des Neuen und Alten Testamentes boten auf Schritt und Tritt Anlals zu Fragen tiber friihere oder spatere Schicksale der Urvater, Patriarchen und Propheten, des Erlosers, der Mutter- gottes, der Apostel, Jiinger und ersten Martyrer; ebenso weckten biblische und andere kirchliche Bticher die Wifsbegierde betreffs der Erschaffung und des Unterganges der Welt, betreffs des Paradieses und der Holle, der Widersacher Christi und des Lebens im Jenseits. Als eine geradezu notwendige Erganzung finden wir daher auch bei den Slawen ein bis in das 19. Jahrhundert bliihendes religioses Epos in Prosaform, das tiberdies die Aufgabe hatte, die »teuflischen« Lieder des Volkes zu verdrangen. Ebenso mufste der friihere Glaube mit seinen Gebeten und Wahrsagungen, mit seinen Zauber- und Beschworungsformeln einen Ersatz oder wenigstens eine christliche Form erhalten. Trotz aller Indizes und Verbote der »liigenhaften« (den Originalen entsprechend er- scheinen haufig auch die Ausdrucke »geheime« und »ver wor fene«) Biicher kommt auch bei den Slawen eine ungemein reichhaltige und stark verbreitete apokryphe Litteratur vor, die ihnen vom Orient und Okzident vermittelt wurde und auf ihren gesamten Vorstellungskreis, auf ihre Lieder, Legenden, Sagen, Marchen und Sprichworter, auf ihre Sitten und Gebrauche den grofsten Einflufs ausiibte. Verzeichnisse kanonischer und verbotener Bticher finden wir bereits an der Wiege der altkirchenslawischen Litteratur. Der Symeonsche Izbornik Svjatovslavs enthalt ein allgemeines Verbot 83 liigenhafter heidnischer Bucher und einen Johannes dem Evange- listen zugeschriebenen Index, der 13 Apokryphen des Alten und elf des Neuen Testamentes aufzahlt. Von besonderer Wichtig- keit war ftir die slawischen Indizes das Taktikon (im griechischen Original noch unbekannt, in slawischen Handschriften haufig) des Monches Nikon 64 ) Černogorec (vom Schwarzen Bcrge), das die Quelle fur besonders zahlreiche, in Rulsland geschriebene Verzeichnisse verbotener Bucher zu sein scheint und mit grofster Wahrscheinlichkeit ebenfalls dem slawischen Stiden zugeschrieben wird. Zum mindesten war es bei den Russen schon im 12. und 13. Jahrhundert bekannt. Im 14. Jahrhundert finden wir bei ihnen in einem Nomokanon (Pogodins) als 60. (nicht authentischen) Artikel des Konzils von Laodikea ein Verzeichnis mit zweifellos bulgarischen Zusatzen, unter denen die scharfe Polemik gegen einen haretischen bulgarischen Popen Jeremija als den Verfasser einiger Apokryphen hervorragt. Zur grofsen und friihzeitigen Verbreitung der Apokryphen in kirchenslawischer Sprache trug in der Tat die Sekte der Bogo- milen bei, die unter dem Žaren Peter, also gegen die Mitte des 10. Jahrhunderts, in Bulgarien auftauchte, durch fiinf Jahrhunderte die Geschichte der Balkanstaaten machtig beeinflulste und auch im Abendlande bis zu den Pyrenaen und dem Niederrhein und selbst in England zahlreiche Anhanger fand (Manichaer, Pobli- kaner [aus Paulikianer], Patarener, Katharer, woraus das deutsche Ketzer, Albigenser usw.; sie selbst nannten sich Christen, gute Christen, bons hommes). Lange vor Hus wurde also aus dem Siidosten zum ersten Male eine slawische religiose Bewegung nach Westeuropa iibertragen; allerdings handelt es sich auch hier hauptsachlich um die Vermittelung und Ausbildung fremder Lehren. Bulgarien war als nachster Nachbar von Byzanz unter den Balkanslawen am meisten dem Einflufs des asiatischen Orients ausgesetzt. Dazu wurden unter Konstantin Kopronymos (752) und Johannes Tzimiskes (970) als byzantinische Grenzwachter ar- menische und syrische Kolonisten in Thrakien angesiedelt, die inren Mittelpunkt auf slawischem Boden um Philippopel hatten. So kamen wahrscheinlich schon mit dem Christenttim Paulikianer, Euchiten und Messalianer nach Bulgarien, in dem es zur Zeit seiner Christianisierung von allerlei Glaubensaposteln wimmelte. Die tiefsten Spuren hinterlielsen die kleinasiatischen Paulikianer 84 (nicht Junger des Apostels Paulus, wie sie spater selbst vor- gaben, sondern nach Paulus vem Samosata benannt 65 )), die den Manichaismus, die uppigste Entfaltung des Gnostizismus, ins Land brachten. Durch verschiedene Zwischenglieder wurden also den Bulgaren im Verein mit christlichen Lehren auch persischer Dualismus, syrisch-phonizische Kosmologie, chaldaisch-babylonische Astrologie und Magie vermittelt. Nach einheimischen Berichten (Kozma s. S. 71., Synodik des Žaren Boril) begann unter dem Žaren Peter der Pope Bogumil (das ist Gottlieb, Kozma fiigt hinzu: j in Wirklichkeit Bogu ne mil«, das ist Gott nicht lieb) die »manichaische Haresie« zu lehren. Inwieweit er selbst die nach ihm benannte Sekte der Bogomilen (sie selbst nannten sich Christen) organisierte, kann nicht aus- gemacht werden, da sich ihre Lehre im fortwahrenden Fluls be- fand und uns zum Teil nur aus byzantinischen und aus spateren lateinischen Quellen (iiber Bosnien, Dalmatien, Slawonien) bekannt ist 66 ). Auch die Beziehungen zum byzantinischen Sektenwesen sind noch nicht genugend aufgeklart, denn die Bogomilen hatten selbst in Konstantinopel zahlreiche Anhanger (bekannt seit 1111; aber ihr Haupt Basilios verbreitete die Lehre schon viele Jahre vor- her). Wichtig sind die Nachrichten des einheimischen Presbyters Kozma aus dem Ende des 10. Jahrhunderts. Danach fuhrten die Haretiker ein sehr strenges und ernstes Leben; sie waren sanft und schweigsam, blals vom Fasten (die Paulikianer ver warfen das Fasten!), sprachen nichts Uberfliissiges, lachten nicht laut. Im Genufs waren sie mafsig, da der von Gott abtriinnige Teufel oder Mammon, der Urheber alles Ubels auf dieser Welt,. den Menschen befohlen habe zu heiraten (bei den Paulikianern war die Ehe gestattet), Fleisch zu essen und Wein zu trinken (vgl. die gnostische Lehre der Enkratiten). Gott mit Beten und Wachen dienend, fuhrten sie kein Faulenzerleben wie andere Menschen; ihre Andacht verrichteten sie in Hausern, wo sie sich durch vier Tage und Nachte einschlossen. Dabei beteten sie das Vaterunser, machten aber kein Kreuz, das Gott als Zeichen des Holzes, auf welches Christus von den Juden geschlagen wurde, verhafst sein mtfsse. Den ublichen Gottesdienst und die Hierarchie verwarfen sie ganz. Priester und Bischofe schmahten sie als Pharisaer und beschuldigten sie des Mtifsigganges, der Unkeusch- heit und Trunksucht. Sie hatten keine Priester, sondern lasen 85 fiir sich die Worte des Herrn und der Apostel, »Biicher in den Handen tragend wie Schweine Goldringe in den Riisseln und schlugen sich damit auf die Brust«. Das Alte Testament ver- warfen sie ganz. Sie wollten nicht David und die Propheten horen, sondern das Evangelium, nicht nach dem Gesetze Moses, sondern nach dem der Apostel leben. Auch behaupteten sie, die himmlischen Dinge zu kennen und die Zukunft vorauszusehen, da sie die Geheimnisse und Tiefen der Bucher verstiinden; und da sie alle kirchlichen Vorschriften verschmahten, so bildeten sie sich neue Lehren und verbreiteten verschiedene Fabeln. Man findet es begreiflich, dafs viele von diesen Grundsatzen beim Volke besonderen Anklang finden mulsten, namentlich wenn ihre Bekenner noch mit dem Schein des Martyriums umgeben wurden. Besonders charakteristisch sind aber folgende von Kozma berichteten Ztige: »Sie lehren Ungehorsam gegen die Obrigkeit, verdammen die Reichen, verhohnen die Altesten, verunglimpfen die Bojaren, erklaren jene, welche dem Žaren und seinen Be- amten dienen, fiir schnode vor Gott und wehren den Sklaven, fiir ihre Herren zu arbeiten.« Hier sehen wir deutliche Anklange an die alte slawische Demokratie, einen Protest gegen den unter dem Žaren Peter ganz byzantinisierten bulgarischen Feudalstaat. Diese Abneigung gegen die weltliche und geistliche Obrigkeit mufste aber die Lehre der Bogomilen besonders im Laufe der Zeit popular machen, als der bulgarische Staat von Byzanz unter- vrorfen und die bulgarische Kirche hellenisiert wurde. Es hatte seine guten Griinde, dafs der Schwerpunkt des Bogomilismus auf dem Balkan in Makedonien lag, wo tiberdies der Kern der slawischen Bevolkerung Bulgariens lebte. Interessant ist auch die Tatsache, dafs sich die Sekte schon am Ende des zehnten Jahrhunderts in zwei Kirchen spaltete: die bulgarische naherte sich mehr dem christlichen Standpunkte und lehrte die Existenz nur eines Wesens, des Guten, das ist Gottes, wahrend sie im Satan kein vom Urbeginn bestehendes Wesen, sondern nur einen gefallenen Engel erblickte; die Dragovičer Kirche, die sich strenger an die paulikianische Lehre hielt und Gott und den Teufel als urspriinglich gleichwertige Wesen betrachtete, hatte ihren Haupt- sitz wohl zwischen dem Vardar und dem Ochridasee, so dafs Makedonien auch auf diesem Gebiete eine konservative Richtung vertritt. 86 Schon an der Scheide des 10. und 11. Jahrhunderts war die Lehre der Bogomilen liber die serbischen Gebiete bis an die adriatische Kliste von Albanien bis Cattaro vorgedrungen. In Serbien wurde sie jedoch unter dem Grofsžupan Stefan Ne¬ manja (ungefahr 1171 bis 1195) ausgerottet, fand aber dafiir be- sondere Zuflucht in der Herzegowina und namentlich in Bosnien, wo sie den Schutz der Bane und des Adels genofs und zeitweise geradezu die herrschende Religion mit besonders ausgepragter Organisation bildete. Es ist merkvviirdig, dafs die in ihren An- fangen so demokratische Lehre gerade die Machthaber fiir ihre Zwecke ausntitzten, wie dies in Oberitalien und in gleicher Weise aus Antogonismus gegen das Papsttum geschah. Bei den lebhaften Beziehungen zvvischen dem nordwestlichen Balkan und dem Norden Italiens ist iibrigens auch eine Riickwirkung nicht ausgeschlossen, woftir schon der Name Patareni spricht. Im 13. Jahrhundert gelangte die Sekte nach Slawonien und Syrmien und selbst in Kroatien machte sie den Papsten viel zu schaffen. Ob und wie weit sie nach Rufsland kam, steht nicht fest. Beziiglich der mehr oder weniger identischen abendlandischen Sekten mufs hervorgehoben werden, dals speziell die lombardischen und siidfranzosischen einen regen Verkehr mit ihren Glaubens- genossen im byzantinischen Reich, in Bulgarien und Bosnien unter- hielten und dafs auch ihren Gegnern die Herkunft der Haresie aus Bulgarien sehr gut bekannt war (vgl. Bulgarorum haeresis, Bulgari, Bugri, das franzosische Schmahvvort bougre). Obgleich der Bogomilismus im geistigen Leben der Slid- slavven eine bedeutungsvolle Erscheinung bildet und namentlich durch seine Fernvvirkung hervorragt, so mufs doch sein Einflufs auf die slawischen Balkanstaaten als sehr verhangnisvoll bezeichnet werden, denn er wirkte auf sie zersetzend, und die Anhanger einer ursprtinglich nationalen Sekte wurden beim Vordringen der Ttirken zu Volksverratern: sie begriifsten namentlich in Bulgarien, wo sie vor einem orthodoxen Žaren, und in Bosnien, wo sie von einem katholischen Konig verfolgt vvurden, die Eroberer als Be- freier und nahmen dann grofstenteils ihren Glauben an. Nament¬ lich der Adel von Bosnien und Herzegovvina hat meist bogo- milische Vorfahren. Die Reste der bulgarischen Bogomilen vvurden im 17. Jahrhundert von katholischen Missionaren be- kehrt. Die katholischen »Paulikianer« sind heute um Svištov 87 und Nikopol im nordlichen, um* Philippopel im siidlichen Bul- garien gruppiert 67 ). Dafs die Bogomilen die Litteratur stark forderten, unterliegt keinem Zweifel. Ihr Gegner Kozma stellt ihnen ja das Zeugnis aus, dafs sie Biicher besonders verehrten und auf ihre Biicher- weisheit aufserordentlich stolz waren. Aus Bosnien und Serbien bekannt gewordene Handschriften neutestamentlicher Biicher bogomilischer Herkunft aus dem 14. oder 15. Jahrhundert zeigen, dafs man an altertiimlichen Texten festhielt und auf ihre genaue Abschrift grofse Sorgfalt verwendete. Wichtiger ist jedoch die litterarische Produktion der Bogomilen. Schon Kozma schreibt dem Griinder der Sekte die Erdichtung von Fabeln zu. Ein russischer Nomokanon (aus Novgorod) aus dem Jahre 1283 nennt als Verfasser von »liigenhaften Fabeln« einen Popen Jeremija, der im Pogodinschen Nomokanon aus dem 14. Jahrhundert direkt »bulgarischer Pope« heifst; spatere russisch-serbische Indizes nennen eine Sammlung alt- und neutestamentlicher Apokryphen, die »der bulgarische Pope Jeremija erlogen hat«. Von iihnlichen »bulgarischen Buchern« ist in einem russischen Prolog des 12. Jahr- hunderts die Rede, und noch der Fiirst Kurbskij, der Gegner Iwans des Schrecklichen, spricht von »bulgarischen oder richtiger Weiber- fabeln«, vvobei er deutlich apokryphe Schriften im Auge hat. Fiir den Ruf Bulgariens sind bezeichnend die Worte eines serbischen Homileten (nach einer Handschrift des 14. Jahrhunderts), der in seinem Eifer gegen den Aberglauben bemerkt: »Viele Liinder habe ich durchvvandert, aber nirgends sah ich so viele Hexen, Samovilen und Zauberinnen wie in Bulgarien.« Demselben Popen Jeremija werden in der Tat auch »liigenhafte Gebete gegen Fieber« (gedacht als personifizierte Wesen) und »Nežit-e« (irgendwelche Krankheiten) 68 ) zugeschrieben. Man sieht, dafs der Boden Bul¬ gariens auch der Entstehung und Ubernahme in dieses Gebiet einschlagiger Apokryphen besonders giinstig vran Ubrigens haben kompetente Forscher auch in den Legenden, Liedern und Sprich- vvortern der Bulgaren und Serben, der Grofs- und Kleinrussen deutliche Niederschlage der manichaisch-bogomilischen Lehre nach- gevviesen. Die Bogomilen erinnern also vvegen ihrer besonderen Ver- dienste fiir die Entstehung und Verbreitung der kirchenslavvi- schen Apokryphen an die reiche und mannigfaltige schriftstellerische Tatigkeit ihrer Stamoivater, -der Gnostiker, aus deren Kreise die meisten Apokryphen im 2. und 3. Jahrhunderte nach Christus hervorgegangen sind. Uber die slawischen Ubersetzer, Kompila- toren und eventuell auch Verfasser ist jedoch nichts Naheres be- kannt. ja, wir konnen von den bekannten apokryphen Schriften fast gar keine direkt auf die Bogomilen zurlickflihren. Eine ratselhafte Personlichkeit ist selbst der Pope Jeremija. Man hielt ihn lange Zeit fiir identisch mit dem Popen Bogumil, indem man seit Safaflk meinte, er habe nach der Sitte seiner Zeit und namentlich nach dem Brauch der Patarener einen doppelten Namen, einen einheimischen und einen kirchlichen geflihrt. Diese Ansicht ist entschieden falsch. Dafiir kennen wir heute aus Handschriften, die von Kroaten (glagolitisch), Serben, Bulgaren und Russen stammen, genau eine ihm zugeschriebene Sammlung von Apokryphen, welche die Geschichte des Baumes, aus dem das Kreuz Christi gezimmert wurde, von Moses an behandelt und dabei auch Kapitel liber Christus bringt: wie er als zehnjahriger Knabe das Haupt Adams fand und auf demWege nach Bethlehem mit dem Pfluge ackerte, wie ihn Probus, der Sohn des Kaisers Seleucus (?), des Nachfolgers des Augustus, als Gehilfen beim Steuereintreiben mitnahm, mit ihm badete und ihn Bruder nannte, wie Kaiser Abgar durch den Evangelisten Lukas ein Schreiben an ihn sandte und sein in ein Tuch abgedrlicktes Bild erhielt, wie er im Tempel von Jerusalem zum Priester bestellt wurde. Die Geburt Christi erwahnt der Verfasser ganz kurz, da er dartiber und liber die Kindheit Jesu anderswo sprechen wollte. "VVir haben es mit einer offenkundigen Kompilation und Be- arbeitung von Apokryphen des Alten (liber Moses, David, Salomon) und Neuen Testaments zu tun, die 1283 schon im nordrussischen Novgorod bekannt waren. Dafs Pop Jeremija eine ahnliche griechische Sammlung wenigstens zum Teil iibersetzt habe, ware nicht ausgeschlossen, aber entschieden zu weit geht die Annahme, er konnte sogar ein griechischer Schriftsteller gewesen sein; denn dann ware es unbegreiflich, warum russische Indizes seine »Lligen« konsequent einem bulgarischem Popen zuschreiben, da man liber die faktischen Verhaltnisse in Rufsland geniigend unterrichtet sein konnte. Richtig ist jedoch, dafs die Kompilation nichts spezifisch Bogomilisches enthalt, eher das Gegenteil, da die Bogomilen Feinde des Kreuzes, der Priesterschaft und der 89 weltlichen Obrigkeit waren. Man kann aber deshalb der bul- garischen Sekte die Verbreitung dieser Kompilation oder gar der Apokryphen tiberhaupt nicht absprechen. Die sagenhafte Geschichte des Kreuzes Christi konnte die Bogomilen recht gut interessieren (sie brauchten es deshalb nicht zu verehren); Priester in ihrer Art besafsen auch sie und konnten auch ihre Freude daran haben, dafe der Sohn eines »rechtglaubigen« Kaisers den jungen Christus Bruder nannte. Uberdies wird dabei hervor- gehoben, wie gut es sei, sich zu verbrtidem, was direkt an die noch heute bestehende Sitte der Wahlbruderschaft (pobratimstvo) erinnert, und der demokratischen Gesinnung der Bogomilen ent- sprach es geradezu, dafs Christus den Stand des Ackermannes ehrte. Es gibt auch andere Beispiele, welche zeigen, dafs die Bogomilen apokryphe Litteraturerzeugnisse fiir ihre Zwecke aus- niitzten, aber an ihnen gar keine oder nur geringe Anderungen vornahmen 69 ). Auch darauf mufs man hinweisen, dafe wir, wie bei jeder Sekte, aus leicht begreiflichen Griinden auch bei den Bogo¬ milen verschiedene Widerspruche finden. Abgesehen von dem prinzipiellen Unterschied der beiden bogomilischen Kirchen, wissen wir z. B. von den bosnischen Bogomilen, dafe sie eine geregelte Hierarchie hatten, ihren Altesten (ded oder did) als den Statt- halter und Nachfolger Petri betrachteten und zugaben, dafe der romische Papst friiher ihr Oberhaupt war, bis Papst Silvester vom Kaiser Konstantin weltliche Giiter annahm und dadurch vom vvahren Glauben abfiel; auch hatten sie kirchenartige Bethauser, allerdings ohne Glocken, die sie fiir Teufelstrompeten hielten, und zierten ihre Handschriften (vgl. unten) mit vielen Illustrationen, Avelche Christus auf dem Kreuze, die Muttergottes, die Apostel, die Evangelisten usw. darstellen. Ein Beweis, dafs sich dem Ein- flufs der abendlandischen Kunst im 14. bis 15. Jahrhundert auch die Bogomilen der Balkanhalbinsel nicht entziehen konnten. Von anderen Apokrvphen kann man noch die Erzahlung von den Bestandteilen Adams, die Vision des Esaias, den Wett- kampf Salomons, der nach Veselovskij als Prototyp der Er¬ zahlung von Salomon und Kitovras (aus griech. navravgog) diente, die Apokalypse des heiligen Paulus, den Streit Christi mit dem Teufel, die Offenbarung der Muttergottes ttber die Leiden in der Holle, die kosmogonischen Partien der »Disputation der drei Heiligen« (Basilios des Grofeen, Johannes Chrysostomos, Gregorios 90 Theologos) hauptsachlich wegen ihres Inhaltes in besondere Be- ziehung zu den Bogomilen bringen. Ungemein grofs ist das handschriftliche und auch schon viel- fach gedruckte 70 ) Material der kirchenslawischen Apokryphen und der auf ihnen beruhenden mehr oder weniger volkstiimlichen stidslawischen, grofs- und kleinrussischen Fassungen und Be- arbeitungen 71 ). Was den Begriff der slawischen Apokryphen an- belangt, so stellte sich die Moskauer Schule Tichonravovs auf den rein formellen Standpunkt, indem sie die slawischen Indizes mit ihren Angaben iiber »liigenhafte« Biicher des Alten und Neuen Testamentes, iiber nicht kanonische Heiligenlegenden und falsche Gebete zum Ausgangspunkt nahm. Allerdings werden in denselben Verzeichnissen auch entschieden apokryphe Schriften, wie die Revelation des Methodios von » Patara«, Golubinaja Kniga und die Paleja mit ihren zahlreichen Apokryphen, zum Lesen empfohlen. Am meisten fallt aber die Tatsache ins Gewicht, dafs die slawischen Indizes urspriinglich ebenfalls aus dem Griechi- schen iibersetzt wurden und daher manche »Werke aufzahlen, welche es in altslawischen Ubersetzungen wahrscheinlich nie gab (z. B. Eldad und Modad, Moses Himmelfahrt, Psalmen Salomons, Vision des Elias u. a.), andererseits aber offenkundige kirchen- slawische Apokryphen verschweigen (Nikodemus-Evangelium, die meisten Apostelakten). Den wirklichen Verhaltnissen kommen daher diejenigen (Porfirjev, Franko u. a.) naher, fiir welche nicht das Denkmal im Vordergrunde steht, sondern die Erzahlung oder das Motiv, das apokryph ist, d. h. in den kanonischen Schriften nicht vorkommt und durch die kirchliche Praxis nicht zugelassen wird. Hierzu werden nicht blofs Chroniken, Chronographen und namentlich die Paleja, sondern auch Menaen, Synaxare, Prologe und selbst Akathiste als Quellen herangezogen. Nattirlich sind dabei Zweifel und mancherlei Willkilr nicht ausgeschlossen, um so mehr, als die kirchliche Praxis nicht gleichmafsig war. Die russischen Indizes klagen speziell liber unwissende Geistliche, die nicht kanonische Schriften, Euchologien und Noniokanone fiihren; einer erwahnt solche Biicher, die man mit Vorsicht lesen miisse. Nach einer kleinrussischen handschriftlichen Notiz des 16. Jahr- hunderts wurde das Nikodemus-Evangelium am Charsamstag auch in der Kirche gelesen. Diese Methode hat aber auch den Nach- teil, dafs einzelne Denkmaler, die entschieden ein Ganzes bilden, 91 zerstiickelt werden, worunter namentlich die litterarhistorische und sprachliche Erforschung derselben leidet. Doch gehen alle slawischen Herausgeber und Forscher iiber den iiblichen Kreis alt- und neutestamentlicher Apokryphen weit hinaus, so dafs sie auch Heiligenlegenden, Katechismen, Herrenbriefe, Naturphilo- sophie, Exorzismen, Gebete, allerlei Wahrsagungsbiicher 72 ), Amulette u. a. in Betracht ziehen 78 ). Von besonderer Wichtigkeit ist die Frage nach dem Alter und der Herkunft der kirchenslawischen Apokryphen, die wohl eine der wichtigsten Aufgaben der nachsten Zukunft auf diesem Gebiete werden solite. Es unterliegt keinem Zweifel, dafs zu den altesten Erzeugnissen altkirchenslawischer Litteratur auch Apo- kryphen gehoren. Auf Grund verschiedener Erwagungen und namentlich des Alters der Handschriften diirfen wir in diese Periode verlegen: die Erzahlung von Salomon und Kitovras, Bruchstticke der apostolischen Konstitutionen (Pseudoklementinen, gleichzeitig mit der Einfiihrung des Christentums bei den Slawen), das Nikodemus-Evangelium (fallt vielleicht noch in die pannonisch- mahrische Periode, behandelt die Leiden, die Auferstehung und Eldllenfahrt Christi), das Protoevangelium Jakobs (Geburt und Jugend Maria, die Geburt Christi, Flucht nach Agypten), das Thomas-Evangelium (noch aus dem 11. Jahrhundert, iiber die Jugend Christi), die Erzahlung des Persers Aphroditian 74 ) (Prophezeiungen iiber Jesus), die Akten iiber Paulus und Thekla (11. Jahrhundert), die Akten des Johannes (Pseudo-Prochorus), die Apokalypse der Muttergottes (russ. Choždenije Bogorodicy po mukam). Mit der Chronik des Malalas fanden Eingang apo- kryphe Erzahlungen iiber Abraham und Melchisedek, die Testa¬ mente der zw6lf Patriarchen. In der Chronik des Georgios Hamartolos gab es aufser einer Menge kleiner Erzahlungen ziemlich umfangreiche iiber eine Disputation Abrahams mit agyptischen Weisen, iiber die Beerdigung Adams in Jerusalem, Melchisedek, Moses Tod, Salomon und die Konigin (Zarin) von »Jug«. Auch in Prologe und Menaen gerieten schon vor dem 12. Jahrhundert die Vision des Esaias, die Leiter Jakobs, die Paralipomena des Jeremias, die Revelation des Method von »Patara«, die Testa¬ mente der zwolf Patriarchen, die Erzahlung des Agapios iiber das Paradies usw. Am meisten trugen aber zur Bewahrung und Popularisierung der Apokryphen die historische und kommentierte Paleja bei, von denen aber die letztere wahrscheinlich nur teil- weise heranzuziehen ist (vgl. S. 80). Weiter deuten verschiedene Anzeichen darauf hin, dafs die apokryphe Litteratur in Serbien und Bulg&rien auch im 13. bis 15. Jahrhundert mannigfache Be- reicherung erhielt und mit der alteren ihren Weg nach Rulsland fand. Umgekehrt ist es aber auch sehr gut moglich, dafs apo- kryphe Schriften auch in Rufsland schon in der vormongolischen Periode von griechischen Geistlichen, spSter aber von russisehen Monchen auf dem Athos und in Konstantinopel iibersetzt und dann zu den Siidslawen verpflanzt wurden. Doch im allgemeinen steht es fest, dafs eine »riesige Majoritat« der russisehen Apo- kryphen auf siidslawische Vorlagen zuriickgeht (Pypin 76 )). Die apokryphe Litteratur bildete lange Zeit einen Stolz der slawischen Herausgeber und Litterarhistoriker, die darin ein altes nationales Gut erblickten. Heute steht es fest, dafs die kirchenslawischen Apokrvphcn aus alter Zeit und auch aus spateren Jahrhunderten einfache Ubersetzungen sind, nattirlich zum grofsten Teil aus dem Griechischen. Auch hier ersetzen die slawischen Texte manchmal das Original, das gar nicht (Apo- kalypse Abrahams, Henochbuch als ein selbstandiges Seitensttick der athiopischen Fassung, eine Erzahlung iiber die drei Jlinglinge im Feuerofen, eine Erzahlung des Aphroditian, eine Erzahlung iiber die Taufe Christi) oder nur teilweise (Petrusakten) bekannt ist, bringen neue Redaktionen (Apokalypse des Paulus, der Streit Christi mit dem Teufel) oder zum mindesten neue Details (z. B. zu den Pseudoklementinen) und sind iiberhaupt wichtig fiir die Rekonstruktion der Vorlagen (so z. B. hat sie Lipsius fiir die Pseudoevangelien zu wenig ausgeniitzt). Wie aber der slawische Orient vom slawischen Okzident nie ganz getrennt werden konnte, lehrt auch die apokryphe Litteratur. Das Nikodemus-Evangelium ist in seiner vollstandigen Fassung entschieden aus dem Lateinischen iibersetzt worden (nur eine spate kurze Redaktion geht auf ein griechisches Original zuriick), mag das nun bereits in Mahren (nach Sobolevskij) oder erst im Laufe des 10. oder 11. Jahrhunderts (im 12. gelangte es iiber Bulgarien bereits nach Rufsland) in einer Gegend geschehen sein, wo die glagolitische Litteratur herrschte, also wahrscheinlich bei den Kroaten, obgleich auch weitere siidwestliche Gebiete nicht ausgeschlossen waren. Auch ein altes Gebet an den Teufel von 93 • westslawischer Herkunft ist nachgewiesen worden. Umgekehrt ist aber eine Reihe von Apokryphen (iiber die Bestandteile Adams, Apokalypse Abrahams, Geschichte des Kreuzbaumes, Apokalypse der Muttergottes, die Disputation der drei Heiligen, tiber die zwolf Freitage) auch in einer kroatisch - glagolitischen Handschrift aus dem Jahre 1468 bekannt geworden, ja, die viel umstrittene Kompilation des bulgarischen Popen Jeremija wurde von Jagic zuerst daraus ans Licht gezogen. Besondere Beachtung verdient auch eine cyrillische Handschrift von Apokrvphcn aus Ragusa vom Jahre 1520; iiberhaupt findet man in spateren serbischen und bulgarischen Handschriften haufig dialektische Merkmale, die auf Ragusa und seine Nachbarschaft hinweisen. So wird es begreiflich, dafs eine Fassung der Apokalypse des Paulus 76 ) und einige noch nicht veroffentlichte Apokryphen der genannten Handschrift von Ragusa sogar auf italienischer Vor- lage beruhen. Ein russischer Index (aus dem Jahre 1397) wirft vielleicht nicht umsonst den »Romern« (Rimljany) vor, dafs sie die Menschen »mit geheimen haretischen Biichern als angeblich alten verlocken«, und ein Moskauer Index des 16. Jahrhunderts stellt mit dem bulgarischen Popen Jeremija einen »Franken Isidor« (Sidor Frjazin«) in eine Reihe. Zu den orthodoxen Siidslawen gelangten seit dem 16. Jahr- hundert durch mehrere in der Volkssprache auch cyrillisch ge- druckte Werke der bosnischen Franziskaner verschiedene apo- kryphe Motive aus dem Abendlande, die dann ihren Weg auch in die Volkspoesie gefunden haben. Besonders grofs war aber der Einflufs abendlandischer Apokryphen lateinischer und deutscher Herkunft in polnischer Ubersetzung oder Bearbeitung auf die Klein- oder Weifsrussen Polens, der sich dann auch in das Mos¬ kauer Reich fortpflanzte. Der byzantinischen Tradition zum Trotz fanden namentlich Passionsgeschichten und Dramen starke Ver- breitung, und auch alle Umarbeitungen alter Apokryphen zeigen den gemeinsamen Zug, dafs sie Christus als Ideal mannlicher Schonheit darstellen. Diese kurzen Ausfuhrungen mogen gentigen, um aufmerksam zu machen, wie mannigfaltig auch die kirchenslawischen Apo- kryphen sind, was bei der Erforschung ihrer Geschichte und ihres Einflusses auf die slawischen Volkslitteraturen immer in Betracht gezogen werden mufs. Wie wenig die Apokryphen auch an eine 94 Zeitgrenze gebunden sind, lehrt die Tatsache, dals wir auch siid- slawische Handschriften derselben noch aus dem 18. und dem Anfang des 19. Jahrhunderts haben, aus Montenegro noch eine aus dem Jahre 1836. Grols- und Kleinrussen erbauten sich noch im 17. bis 18. Jahrhundert allgemein an den Apokryphen, als dieselben im Abendlande bereits den Gegenstand historischer Kritik bildeten. In der Ukraine fiihrte diese Litteratur noch im 18. Jahrhundert ein kraftiges Dasein, in Galizien bis in die dreilsiger Jahre des 19. Jahrhunderts, und bei den ungarischen Ruthenen wird sie bis auf den heutigen Tag aus Handschriften gelesen (ein Beispiel fiir die Wirkungen entnationalisierender »Kulturpolitik«!). Der Umstand, dals die apokryphe Litteratur auch bei den Serben und Bulgaren bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts hand- schriftlich verbreitet wurde und ihr hohes Ansehen bewahrte, macht ihren grofsen Einflufs auf die gesamte miindliche Litteratur begreiflich. Viele Sagen und Lieder, namentlich die Legenden haben ihre Quelle in diesen alten, christlichen Erzeugnissen, so mancher unkirchliche Zug und Aberglaube, in dem man friiher Reste einer nationalen Mythologie suchte, wurzelt in gnostischen und sonstigen haretischen Vorstellungen, die aus dem heidnischen Orient stammen. Von diesem Gesichtspunkte ist die Volkslitteratur der Siidslawen noch zu wenig untersucht worden, namentlich von einheimischen Forschern. Viele schone Volkslieder werden da- durch nichts verlieren, im Gegenteil, sie werden um so mehr von den kunstlerischen Fahigkeiten ihrer Schopfer aus dem Volke Zeugnis ablegen. Wahrend im Abendlande das der gesamten christlichen Welt gemeinsame apokryphe Material friihzeitig eine kunstlerische Bearbeitung im Epos und Drama (lateinisch und in den Nationalsprachen, auch in der bohmischen und polnischen) fand und unter anderem auch dem Meisterwerke Dantes als Grundlage diente, blieb der slawische Orient unter dem Einflufs von Byzanz auch hier zuruck, bis sich endlich der kunstlerische Geist im Volke selbst die Bahn brach und z. B. Marienlegenden schuf, die den besten Erzeugnissen bekannter Dichter wiirdig zur Seite stehen. Da aber auch hier der katholische Teil der Siidslawen dieselben Apokryphen hatte, wenn auch meist in fremdsprachigem Ge- wande und in vollendeterer Form, so konnte es um so mehr, als sie wegen der Herrschaft der lateinischen Sprache erst spat die 95 nationale Dichtung zu beeinflussen anfingen, auch auf diesem Gebiete zu keinem wesentlichen Unterschied kommen, ganz ab- gesehen von der innigen Beriihrung der Serben und Kroaten. Dafs die apokryphe Litteratur auch die Malerei und Bildhauerei bei den Sudslavren stark beeinflufste, unterliegt keinem Zweifel (man vergleiche z. B. die Darstellungen der Holle und des Paradieses in Kirchen und Klostern), doch hat man diesem Gegen- stand noch zu wenig Beachtung geschenkt. 4. Prosadichtungen. Die Leidenschaft der Byzantiner, Verse zu machen, eigneten sich die Slawen nicht an und iibernahmen in dieser Zeit gar nichts, spater aber nur wenig von der klaglichen Profanpoesie ihrer Lehrer. Von Ubersetzungen und einigen hiibschen Nachahmungen der Kirchendichtung (s. S. 74—75) abgesehen, gab es daher in der alt- kirchenslawischen Litteratur keine Erzeugnisse in poetischer Form. Dafiir fanden aber von den allen Volkern des Mittelalters ge- meinsamen Prosadichtungen, die bei den Byzantinern meist in der VulgMrsprache verbreitet waren, einige ihren Weg auch zu den Slawen. Von den antiken Stoffen erhielten die Siidslawen in dieser Periode die Sage vom trojanischen Kriege, allerdings nur in der Fassung der Chronik des Malalas. Dagegen wurden ihnen die Taten Alexanders des Grofsen, des grofsten Welt- eroberers des Altertums, auch durch den Roman des Pseudo- Kallisthenes verktindet; die Ubersetzung desselben nach der rein griechischen Redaktion (B’), in der die Spuren seiner alexandrinisch-agyptischen, aber immerhin hellenistischen Herkunft getilgt waren und der sagenhafte Alexander der Geschichte naher gebracht wurde, gehort zu den altesten Denkmalern geschicht- lichen Inhaltes in Bulgarien, mit denen sie wahrscheinlich in einer Enzyklopadie vereinigt war. Daraus erklart sich auch der Um- stand, dafs diese Ubersetzung immer in Verbindung mit historischen Werken vorkommt und uns hauptsachlich durch die russischen Chronographen erhalten ist, in denen sie auch Erweiterungen meist auf Grund schriftlicher Quellen ,7 ) erfahren hat. AIs spater die Ubersetzung einer neuen Redaktion, die sogenannte serbische Alesandrija, in welcher Alexander als Ideal eines christlichen 96 Helden und romantischen Ritters erscheint, nach Rulsland kam, wurde s i e als Roman betrachtet und in selbstandigen Abschriften stark verbreitet, wahrend die alte Ubersetzung geradezu die Rolle eines geschichtlichen Denkmals in den genannten Kompilationen spielte. Das konnte um so leichter geschehen, als unser Gber- setzer keine der iiblichen Nationalisierungen des Werkes vor- genommen hatte. Er folgte wortlich dem Original 7S ), erkannte seine Fehler nicht und machte auch neue, indem er z. B. unverstand- liche griechische Worter als Eigennamen auffalste. Sonderbar nimmt es sich aus, dafs er sogar den Namen Bukephalos »Rois Ochsenkopf« (Kom, voluja glava) ubersetzte, wahrend er sonst manches griechische Wort iibernahm; als Ganzes ist jedoch seine Leistung achtungswert. Fur Byzanz und die Slawen ist es charakteristisch, dals alle iibrigen iibersetzten Erzahlungen orientalischer Her- kunft sind. Im Vordergrunde steht Barlaam und Joasaph, »der berilhmteste und beste geistliche Roman des Mittelalters« (Krumbacher), der die Bekehrung eines indischen Prinzen Joasaph (Josaphat) durch den strengen Asketen und Einsiedler Barlaam zum christlichen Glauben und zum Einsiedlerleben schildert, im Grunde genommen aber nur eine mit dogmatischen Lehren ver- mehrte Umarbeitung der Lebensgeschichte des Buddha im christ¬ lichen Sinne bietet. Diese feurige Apologie der christlichen Askese und des Einsiedlerlebens palste recht gut zum monchischen Charakter der altkirchenslawischen Litteratur 79 ). Ihre Uber¬ setzung mufs aus philologischen Griinden sehr alt genannt werden, was auch russische Handschriften bezeugen, die sie »aus bul- garischen Buchern« schopften. Ein alter Text, der auch liber viele Streitfragen des griechischen Originals Licht verbreiten konnte, ist zwar noch nicht herausgegeben, aber dals es auch von diesem Denkmal zwei Ubersetzungen gegeben habe, glaubt man schon zu wisscn. Von den orientalischen Rahmenerzahlungen (so nennt man eine Kette von Geschichten, die ineinander gearbeitet sind) kam zu den Slawen in alter Zeit 80 ) nur der in die Hiille von Tier- fabeln verarbeitete, aus Indien stammende Fiirstenspiegel Stephanites und Ichnilates (slaw. Stefanit i Ihnilat, ur- sprunglich die Namen zweier Schakale, in der arabischen Be- arbeitung Kalilah und Dimnah). Dieses Buch, das wir in den 97 Litteraturen aller Volker finden (verarbeitet im Pančatantra, Fabeln des Philosophen Bidpai, Directorium humanae vitae des Johannes von Capua usw.) vermittelte den Sudslawen die auf der arabischen Fassung beruhende griechische Bearbeitung des Michael Seth, die im Jahre 1080 entstanden war. Schon daraus ersieht man, dafs die slawische Ubersetzung hochstens dem 12. Jahrhundert an- gehoren kann; vielleicht stammt sie aber erst aus dem 13. Jahr¬ hundert, in dem sie schon handschriftlich nachgewiesen ist, und gehort dann in die serbische Litteraturperiode Makedoniens, was sehr gut zu anderen ahnlichen Ubersetzungen und zu der Be- obachtung passen wiirde, dafs die bulgarisch-russische Gruppe der Handschriften jiinger sei als die serbische. Alle slawischen Texte 81 ) weisen starke Kiirzungen auf, die aber nicht gleich sind, so dafs erst der urspriingliche Umfang der slawischen Ubersetzung her- gestellt werden miifste, bevor man ein definitives Urteil iiber das griechische Original, dessen zersplitterte Uberlieferung ebenfalls beklagt wird, abgeben kann. Schon der erste slawische Heraus- geber Danici c hat richtig bemerkt, dafs viele volkstiimliche Er- zahlungen der Serben und Kroaten an diese ursprtinglich indischen Geschichten erinnern; da es aber daneben noch andere Mhnlicher Herkunft gibt, so miifsten solche auch auf miindlichem Wege zu ihnen gekommen sein. Dafs bei den Slawen orientalische Erzahlungen sogar be- liebter waren als bei den Griechen, zeigt die merkwiirdige Tat- sache, dafs die bei den Slawen stark verbreitete Geschichte vom »weisen Akyrios« (slawisch Akirij, spater Akir) bisher in einer selbstandigen griechischen Fassung nicht ans Licht ge- fordert, wohl aber als ein Teil der dem Planudes zugeschriebenen Biographie Aesops (Kap. 23—32) erkannt vrorden ist. Weiter stellte sich diese Geschichte als eine alte jiidische Sage vom Helden Achikar (arabisch Haikar in 1001 Nacht) heraus, die schon im Buche Tobit, das wahrscheinlich im zweiten oder dritten Jahr¬ hundert v. Chr. geschrieben worden ist, vorkommt und auch in einer syrischen und arabischen Ubersetzung bekannt ist. Diese Achikargeschichte wurde von einem Griechen auf Asop iiber- tragen, doch kennen wir nicht die Mittelglieder, die zur Asop- biographie des sogenannten Planudes fiihren. Daher verdient die slawische Fassung 82 ) noch immer besondere Beachtung und soli auch als Beispiel einer orientalischen Erzahlung dienen. Der Inhalt Murko, Geschichte der siidslawischen Litteraturen. 98 derselben ist kurz folgender: Akyrios (er erzahlt selbst seine Ge- schichte), der in grofser Gunst stehende Ratgeber des Konigs Sinagrip (Sanherib ?) von Assyrien, ist ungliicklich, weil er keine Kinder h at, die ihn beweinen wtirden. Bei einem Feueropfer hort er die Stimme des Herrn, er' solle seinen Neffen Anadan an Sohnes Statt annehmen. Mit der grofsten Liebe und Sorgfalt erzieht er seinen Nachfolger, wozu ihn der Konig im voraus bestimmt hat, und gibt ihm viele Lehren, wie er sich als Hofling (oberstes Gebot: liber alles, was er beim Konig oder in seinem Hause sieht, zu schweigen) und im Verkehr mit Menschen be- nehmen, wie er den Umgang mit Weisen pflegen, den Geist aus Btichern bereichern, die bosen Frauen fliehen und natiirlich auch Gottesfurcht zeigen, Werke der christlichen Nachstenliebe liben und alles Vergangliche gering schatzen soli. Mit vrelchem orientalischen Bilderreichtum dabei einzelne Spriiche vorgetragen werden, moge ein zum Vergleich naheliegendes Beizpiel zeigen: »Besser ist ein Fufs vom Schaf in deiner eigenen, als die ganze Schulter in fremder Hand, besser ist ein Schaflein in der Niihe, als ein Ochs in der Ferne; besser ist ein Sperling in der Hand festgehalten, als tausend Vogel, die in der Luft herumfliegen; besser ist einGewand aus Hanfleinwand, das man hat, als einPurpur- gewand, das man nicht hat.« Bezeichnend flir die orientalische Hoflichkeit ist der Ratschlag: »Ruft dich jemand zum Gastmahl, so erscheine nicht auf den ersten Ruf; wenn er dich zum zweiten- mal ruft, dann siehst du, dafs er dich hochschatzt, und du wirst mit Ehren bei ihm eintreten.« Ahnlich ist die Mahnung, auf einer Hochzeit nicht zu lange zu verweilen, damit man nicht vor dem Ende zur Tur hinausgewiesen werde. Von orientalischer Unaufrichtigkeit und Schlauheit zeigt der Spruch: »Wenn dein Nachbar sich dir feindselig zeigt, hore nicht auf, ihm mit Liebe zu begegnen, damit er nicht ohne dein Wissen einen Anschlag gegen dich ausfiihrt.« Nach zahlreichen derartigen und anderen ethisch hoher stehen- den Untenveisungen tritt Anadan in den Dienst des Konigs. Ohne irgendeine psychologische Begriindung grabt er sofort seinem Ziehvater eine Grube durch hochverraterische Briefe an den Konig von Agypten. Akyrios \vird zum Tode verurteilt und bittet sich voli Devotion nur die Gnade aus, dafs er in seinem Hause hin- gerichtet werde, wo aber ein alter Mann, der wirklich den Tod verdient hatte, an seine Stelle tritt, wahrend Akyrios von einem 99 Freunde in einem unterirdischen Gefangnis verborgen gehalten und mit Brot und Wasser gelabt wird. Als der agyptische Konig Pharao vom Tode des vreisen Akyrios hort, bedroht er den Konig Sinagrip, wenn er ihm nicht ein Schlofs »weder im Himmel noch auf der Erde« erbaut und einige Ratselfragen beantwortet. In der Not wird Akyrios hervorgeholt, der zwei Adler mit einem angebundenen Kafig auffliegen lafst, aus dem ein Kind herunter- schreit: Bringet Kalk und Steine, die Arbeiter sind bereit! Pharao und seine Edelleute, die Akyrios noch schlagt, sind beschamt. Akyrios lOst noch alle Ratselfragen (die vom Jahr, den zwolf Mo- naten und dreifsig Tagen und Nachten, war allerdings nicht schwer) und dreht auch einen »Strick aus Sand«, indem er ein Loch gegen die Sonne in die Wand bohrt und Sand hineinstreut. Der besiegte Pharao zahlt Tribut, Akyrios wird mit grofsen Ehren behandelt und halt dann seinem Adoptivsohn lange, jammervolle Strafreden. Die Geschichte vom weisen Akyrios wurde im 11. oder 12. jahrhundert in Makedonien oder siidlichen Bulgarien ubersetzt und zwar »nicht direkt aus dem Griechischen, sondern unter Ver- mittlung des armenischen Textes« (A. Grigorjev 88 )). Die zuerst glagolitisch niedergeschriebene Ubersetzung verbreitete sich zu allen Balkanslavren, denn wir finden sie auch in einer kroatisch- glagolitischen Handschrift (1468) und in einer cvrillischen im katholischen Ragusa (1520); einer besonderen Popularitat erfreute sich aber die an Sentenzen und Belehrungen reiche Erzahlung in Rufsland, wo sie im Volkstone umgearbeitet noch im 17. bis 18. Jahrhundert fleifsig abgeschrieben wurde. Unbekannt ist bisher auch das griechische Original einiger Sagen, deren siidslawische Fassung, die mit der grofsten Wahr- scheinlichkeit vorausgesetzt wird, ebenfalls noch nicht ans Licht gekommen ist, was aber, nach anderen Beispielen zu urteilen, wenig zu bedeuten hat. Aus dem salomonischen Sagenkreise gehoren hierher die Erzahlungen von Salomon und K i t o v r a s, deren schon bei den Apokryphen gedacht wurde. In einigen russischen Texten ist Kitovras ein machtiger Damon, den Salo- mons bester Bojar einfangt, indem er ihn durch List berauscht und einschlafert; gefesselt erklart er Salomon nicht blols Ratsel, sondern ist ihm auch beim Tempelbau bis zu dessen Vollendung behilflich. Zuletzt wird er von Salomon, der iiber seine Kraft Aufklarung wiinscht. befreit und verschluckt den ihm gereichten 7* 100 Handring Salomons, worauf er seine Fliigel ausbreitet, Salomon damit schlagt und bis ans Ende der Welt schleudert. Salomon, von Weisen aufgefunden, furchtete immer Kitovras, vor dem er sich durch eine starke Leibwache in der Nacht schutzte. In spateren Umgestaltungen der Sage ist Kitovras Konig in der Stadt Lukonja, wo er bei Tage iiber Menschen herrscht, in der Nacht sich aber in einen Kitovras (= Kentauros) verwandelt und Herr liber Tiere ist. Als er von der Schonheit der Frau Salomons hort, lafst er sie durch einen Magier entfiihren. Salomon geht als armer Greis verkleidet in das Reich des Kitovras, wird erkannt und ergriffen, rettet sich aber vor dem Tode, indem er dreimal in sein Horn stolst, worauf sein verborgenes Heer herbei- eilt. Kitovras, die ungetreue Frau und ihre Helfershelfer werden gehangt, das Reich wird vernichtet. Der Raub der Frau wird auch in anderen Varianten erzahlt. Nach Veselovskijs Unter- suchungen, der auch das mittelalterliche deutsche Gedicht von Salomon und Morolf zum Vergleich heranzog, gab es urspriing- lich eine slawische Erzahlung, in der nach der Gefangennahme des Kitovras und nach seinem Wettstreit mit Salomon der Raub der Frau Salomons folgte. Ebenso vermittelten die Siidslawen den Russen die Sage vom babylonischen Reich, dessen Krone und Insignien nach Byzanz und von da nach Rulsland gelangt sein sollen. In allgemeinen Ziigen ist die Sage schon im 12. Jahrhundert in Rulsland nachgewiesen. Dats auch die byzantinische Kaisersage durch die Ubersetzung der Revelation des Methodios »von Patara« zu den Siidslawen kam, wurde schon erwahnt. VI. Die slawische Kirchensprache bei den Kroaten an der adria- tischen Kuste. Die altesten Ghroniken der Kroaten und Serben. Die slawische Liturgie hat offenbar schon zu Methods Zeiten auch am Adriatischen Meere festen Fuls gelalst, wo sie trotz der widerwartigsten Schicksale bis auf den heutigen Tag als ein in der romischen Kirche einzig dastehendes Privilegium ein aller- dings kummerliches Dasein fristet. Im heutigen Kroatien zwischen Drau und Sawe hinterliels Methods Tatigkeit keine Spuren, denn sie blieb, da er den 101 Stuhl des heiligen Andronikus in Syrmien, das damals bulgarisch war, nur dem Titel nach inne hatte, auf das obere Pannonien und hauptsachlich auf das grofsmahrische Reich beschrankt. Uber- dies war gerade in diesem Gebiete zur Zeit der Slawenapostel frankischer Einflufs machtig, so dafs auch die Fllichtlinge aus Mahren hier keine Zuflucht suchen konnten. Anders stand es im Wiegenlande des kroatischen Staates, im alten Dalmatien. Infolge besonderer Umstande war auch hier die slawische Liturgie voriibergehend eine Bundesgenossin Roms. In den dalmatinisch-liburnischen Klistengebieten, speziell in den bedeutenderen Stadten, die noch durchwegs eine romanische Be- volkerung hatten, konnte das ostromische Reich durch die Flotte seine Herrschaft oder wenigstens seinen Einflufs am langsten aufrechterhalten, weshalb die dalmatinischen Bischofe bei Be- ginn des Schismas zu Byzanz und zum Patriarchen Photios hielten. Bei den im Hinterlande wohnenden und herrschenden Kroaten trug jedoch nach dem letzten Riickfall unter Sedeslav (s. S. 26) gerade die Politik des Papstes Johannes VIII. einen glanzenden Sieg davon, da der kroatische Ftirst Branimir 879 eine vollstandige Schwenkung zu Rom vollzog. VVahrend der Papst die dalmatinischen Bischofe unter Androhung der Ex- kommunikation zur Riickkehr in den Schofs der romischen Kirche aufforderte, zeichnete er den kroatischen Bischof von Nin (Nona) mit der Einladung aus, zur Konsekration nach Rom zu kommen. Dieser begab sich 880 dahin und erneuerte die Unterwurfigkeits- erklarung Branimirs. Unter den Griinden, die Johannes VIII. in demselben Jahre zu seiner feierlichen Anerkennung der slawischen Liturgie bestimmten, spielte gewifs auch die Riick- sicht auf die Slawen Kroatiens eine grofse Rolle. Method selbst kann damals mit dem Bischof in Rom in Beriihrung getreten sein. Die Hin- und Riickreise machte er gewifs nicht liber das frankische Gebiet seiner Feinde, sondern liber die Adria, so dafs auch hier Dalmatien, speziell aber Istrien, in Betracht kommt, ebenso bei seiner Reise nach Konstantinopel (ungefahr 882—884). Eine personliche Einflufsnahme Methods auf die Ausbreitung der slawischen Kirchensprache an der Adria ist daher sehr wahr- scheinlich; nicht umsonst donnerten bald darauf die dalmatinischen Bischofe gegen den »Haretiker« Method. In den stidlichen Grenz- gebieten breitete sich das Werk der Slawenapostel vom bul- 102 garischen Reich aus und erfreute sich seit dem Kaiser Basilios wohl auch schon der Forderung von Byzanz, wahrend nach Istrien und Liburnien tatsachlich auch Fliichtlinge aus Pannonien gekommen sein konnen. Eine noch nicht geniigend aufgeklarte Rolle spielt beziiglich der slawischen Liturgie auch das Patriarchat Aquileja, das mit Hilfe von Byzanz namentlieh. unter den Sla\ven an Bedeutung zu gewinnen suchte. Speziell auf den Patriarchen Walpert (875 — 901) stutzte sich Photios, um die siidlichen West- slawen zu gewinnen. Auch in der Folgezeit erfreute sich die slawische Liturgie von seiten des Patriarchats Aquileja zu min- destens einer besonderen Duldung, denn es ist kein Zufall, dafs sie sich in der katholischen Kirche nur auf dem Boden seines Primates erhalten hat. Von der grofsen Ausbreitung der slawischen Liturgie an der adriatischen Ktiste zeigt der im 10. und 11. Jahrhundert gegen sie geftihrte heftige Kampf. Rom und Byzanz hatten sich bald wieder ausgesohnt und der Metropolit von Spalato wurde mit seinen Bischofen abermals ein Sohn der romischen Kirche. Unter solchen Umstanden konnte die Nebenbuhlerschaft des Bischofs von Kroatien, des natilrlichen Beschiitzers der slawischen Liturgie, und des Metropoliten von Dalmatien nicht weiter be- stehen, und die dalmatinischen Bischofe, die nicht blofs auf ihre Stadte beschrankt sein rvollten, erklarten der kroatischen National- kirche den Krieg, wobei ihnen die slarvische Liturgie als Kampf- objekt sehr zustatten kam. Johannes X. stellte sich auf die Seite der Bischofe und hatte — vielleicht ohne seine Schuld — schon so wenig Kenntnis von den Anschauungen und Taten seines Vorgangers, Johannes VIII., dafs er in einem Schreiben an den Erzbischof von Spalato (925) liber eine »andere Lehre« Methods, den er unter den heiligen Schriftstellern nicht finde, Klage fiihrt und dem kroatischen Konig Tomislav in dem an ihn und den Fiirsten Michael von Chulm (Herzegoivina) gerichteten Schreiben (echt ? vgl. 3 a) Vorwiirfe macht, weil er am Gottesdienst in »barbarischer oder slawischer Sprache« Gefallen finde. Die ivichtigsten Beschliisse der Synode von Spalato, \velche der Kronung Tomislavs folgte (925), diirfen daher nicht iiberraschen: der Bischof von Nona wurde dem Metropoliten von Spalato untergeordnet und es \vurde bestimmt, dafs kein Bischof einen Priester mit slawischer Sprache ordinieren diirfe; eine Ausnahme wurde nur fiir Kleriker und 103 Monche gemacht und ebenso das Lesen slawischer Messen im Falle des Priestermangels, aber auch nur mit ausdrticklicher Zu- stimmung des Papstes gestattet. Dieser Kanon (X) wurde unter grofsem Widerspruch der Minoritat angenommen, deren Protest der Bischof von Nona in Rom personlich Nachdruck verlieh. Johannes X. bestatigte in der Tat den Artikel nicht, doch wurde unter seinem Nachfolger Leo VI., infolge einer neuen Synode von Spalato (928), das Bistum Nona geopfert. So verlor die slawische Liturgie zwar ihre starkste Stiitze, wurde aber immer- hin stillschweigend geduldet. Die scheinbar schivachliche Haltung Tomislavs und seiner Nachfolger ist nicht blofs durch die Will- fahrigkeit gegeniiber Rom, dem verschiedene Belohnungen zu Gebote standen, sondern auch durch Opportunitatsrticksichten gegeniiber den dalmatinischen Bischofen zu erklaren, denn die Konige mufsten die Herrschaft iiber ganz Dalmatien anstreben, was sie auch erreichten. Vom heutigen nationalen Standpunkt \var ihr oft verurteiltes Mafshalten kein so grofses Ungliick, vielmehr wurde dadurch, dafs keine allzu starke Mauer zwischen der slawischen und romanischen Bevolkerung aufgefuhrt wurde, die allmahliche Slawisierung der dalmatinischen Stiidte sehr ge- fordert, so dafs Dalmatien das einzige Beispie l eines Vordringens des slawischen Elementes im spateren Mittelalter nach Westen bildet. Die Gegnerschaft gegen die slawische Liturgie blieb natur- gemafs bestehen und ihre Diener mufsten sich manche Zuriick- setzung gefallen lassen. Die kritischeste Zeit kam jedoch ftir sie wahrend der grofsen Kirchenreformen unter Gregor VII., der schon die Politik Nikolaus II. und Alexanders II. leitete. Unter Nikolaus II. folgte der Kronung des machtigsten kroatischen Konigs, Peter Kresimir, abermals eine feierliche Synode der Prti- laten von Dalmatien und Kroatien in Spalato (1059/60), welche nach dem Berichte des Thomas Archidiakonus die vollstandige Ausrottung der slawischen Liturgie beschlossen haben soli. Zur Begriindung wurde angefiihrt, dals die »gotische Schrift« ein ge- wisser Methodius, ein Haretiker, erfunden und in slawischer Sprache viele Liigen gegen den katholischen Glauben nieder- geschrieben habe, weshalb er von der gottlichen Vorsehung mit einem plotzlichen Tod bestraft worden sei! Mag auch der leiden- schaftliche Parteiganger der lateinischen Bischofe manches iiber- treiben, doch die von ihm gemeldeten Beschliisse sind wahrschein- 104 lich, denn sie entsprechen vollstandig den Einheitsbestrebungen Roms, denen gleichzeitig die lateinische Liturgie des heiligen Ambrosius in der Kirche von Mailand und die ebenfalls lateinische mosarabische Liturgie in Spanien zum Opfer gefallen sind. Dazu kommt die Tatsache, dals Gregor VII. dem bohmischen Fursten Vratislav, in dessen Reich die slawische Liturgie noch im Sazava- kloster fortvegetierte, die Bitte um allgemeine Bewilligung der- selben rundweg als vana temeritas abschlug (1080). Und dennoch wurde fiir die Kroaten auch um diese Zeit eine Aus- nahme gemacht! Eine grofse Garung im Volke und Unruhen (speziell auf Veglia) bestimmten offenbar Alexander II., dals er die Beschlusse der erwahnten Synode milderte (1061 oder 1062), denn er verbot aulser Priesterehen und der Bart- und Haarpflege nur die Ordination solcher Slawen, die nicht lateinisch lesen und schreiben gelernt haben (nisi latinas litteras didicerint) 84 ), was den Dienern der slawischen Liturgie bei ihrer Isolierung nur niitzlich sein konnte, fUr jene Zeit aber immerhin eine harte Mafs- regel bedeutete. Auch Gregor VII. wagte also an den Grenzen des byzantinischen Einflusses keine gefahrlichen Experimente, viel- mehr wurde unter seiner Regierung auf der Synode von Spalato (1075) sogar das Bistum Nona, das allerdings jetzt keine be- sondere Wichtigkeit hatte, feierlich wieder hergestellt. Trotz gegenteiliger Behauptungen ist daher der Gebrauch der slawischen Liturgie am Adriatischen Meere nach den vor- liegenden Quellen nie verboten, aber bis zum 13. Jahrhundert auch nicht anerkannt worden, bildete daher nur ein Gewohnheits- recht 86 ). Das beweist auch die erste ausdriickliche Anerkennung aus dem Jahre 1248 durch Innocenz IV. Der damalige Bischof von Zengg, Philipp, kam als Lateiner in einem Bistum, in welchem der slawische Gottesdienst allgemein ublich war, in grolse Verlegenheit und wandte sich an den Papst mit der Bitte, die ser Sitte in slawischen Landen (in Slavonia) folgen zu dtirfen. Der grofse Kanonist erteilte ihm diese Bewilligung ohne Be- denken mit der Bestimmung »in illis dumtaxat partibus ubi de consuetudine observantur praemissa«. Innocenz IV., der wegen seiner Unionsbestrebungen mit den damaligen slawischen Herr- schern Beziehungen anknupfte, hatte gerade im Interesse seiner Sache auch eine vveitergehende Verfiigung treffen konnen; aber er hielt sie offenbar nicht fiir notwendig. Charakteristisch ist 105 auch die Behandlung eines ahnlichen Gesuches der Benediktiner von Castelmuschio (slaw. Omišalj), das er einfach dem zustandigen Bischof von Veglia zur Erledigung abtrat (1252) 86 ). Aus der ervvahnten Korrespondenz erfahrt man weiter, dafs die Anhanger der slawischen Liturgie bis zum 13. Jahrhundert bereits alles getan hatten, um sie in den Augen ihrer Gegner und Roms unbedenklich zu machen. Die genannten Benediktiner petitionieren um die Bewilligung des Gottesdienstes »in slawischer Schrift nach dem Ritus der romischen Kirche, wie ihn sie und ihre Vorghnger zu beobachten pflegten«. Der griechische Ritus, welcher mit dem Werk der Slawenapostel auch zu den Kroaten gekommen war, konnte in Dalmatien urspriinglich zwar keinen Anstols erregen, da er daselbst lange liblich war und noch die Synode von 1059 die griechische Sprache neben der lateinischen fiir zulassig erklart hatte, doch im Laufe der Zeit war eine Anpassung der slawischen Liturgie an den romischen Ritus geboten. Ubrigens waren derartige Bestrebungen sehr alt, da sie Avahrscheinlich bis auf Methods Zeiten zuriickgehen (S. 52—53). Dementsprechend wurden allmahlich auch Anderungen an dem Texte der Kirchenbticher nach der Vulgata vorgenommen. Philo- logische Untersuchungen zeigen in der Tat, dafs die uns be- kannte Redaktion der kroatisch-glagolitischen Kirchenbiicher im 13. Jahrhundert bereits vorhanden war; auch die dialektischen Merkmale der serbokroatischen Sprache hatten schon bis zu dieser Zeit Eingang gefunden. Nichtsdestoweniger bewahrten auch diese Kirchenbiicher das echte literarische Erbe der Slawen- apostel. Ihre Bedeutung fiir textkritische und sprachgeschicht- liche Untersuchungen ist allerdings noch nicht geniigend ge- ■vviirdigt vrorden. Die Gegner der slawischen glagolitischen Schrift, welche ihren Erfinder Method (!) als Ketzer erklarten, wurden sogar iibertrumpft mit der Entdeckung der slawischen Priester, dieselbe stamme vom heiligen Hieronymus, dem grofsen, aus Dalmatien gebiirtigen Kirchenvater, worauf schon Innocenz IV. mit einiger Skepsis Bezug nimmt. Dafs auch bei den Kroaten urspriinglich die runde Glagolica iiblich war und erst allmahlich einen eckigen Charakter annahm, ist schon ervvithnt worden (S. 48). Die In- schrift der Kirche der heiligen Lucia bei Baška auf der Insel Veglia, die in das Jahr 1100 verlegt \vird und das alteste Denk- 106 tnal der serbokroatischen Sprache reprasentiert, weist noch ent- schieden runde Buchstaben auf, doch macht sich der Einflufs der lateinischen Schrift, deren Stilentwicklung dann auch die »eckige kroatische« Glagolica folgte, schon durch die Herilbernahme zweier lateinischer M (mit eckigem Charakter) neben dem glago- litischen Zeichen bemerkbar. Von den altesten Denkmalern der altkirchenslawischen Sprache wird die Abschrift eines Evangeliums (Codex Marianus) aus dem 10. Jahrhundert und der Homilien des Glagolita Clozianus (aus dem 11. Jahrhundert) auf kroatischen Boden verlegt. Das letztere, wahrscheinlich auf der Insel Veglia geschriebene Denk- mal ist jedoch in Bulgarien iibersetzt worden (vgl. S. 68); dafs Beziehungen mit dem slawischen Sliden liber Makedonien und Bosnien vorhanden waren, beweisen verschiedene, einen Uber- gangstypus reprasentierende Denkmaler (vgl. S. 48). Selbstandige Ubersetzungen sind uns erst aus der folgenden Periode bekannt. Aus dem Zeitalter der altesten bohmischen, polnischen und russischen Chroniken stammt auch die alteste erhaltene siid- slawische deš Presbyters von Dioklea (pop dukljanski, Presbyteri Diocleatis Regnum Slavorum), der sie um die Mitte des 12. Jahr- hunderts flir seine Mitbriider des nach Antivari iibertragenen Erzbistums Dioklea lateinisch schrieb. In dieser Chronik ist noch die Erinnerung an die kroatische Herrschaft im alten Dalmatien von Istrien bis Durazzo (Croatia alba, Weifskroatien auf dem Gebiete der Kirche von Salona, Croatia rubea, Rotkroatien, auf dem von Antivari) lebendig, wo sie im Sliden auf iiberwiegend serbischen Gebiet mit der bulgarischen zusammenstiefs. Der erste allgemeine Teil (bis Kap. 19) iiber die Schicksale Dalmatiens seit dem Ende des 5. Jahrhunderts, voli von Gothomanie (libellus Gothorum quod latine Sclavorum dicitur regnum) und geschichtlich fast wertos, ist aus dem Skrvvischen (ex sclavonica littera) iiber¬ setzt, so dafs wir auch aus dem Westen der Balkanhalbinsel den Beweis flir die Existenz slawischer Chroniken besitzen. Die Fort- setzung des Presbyters von Dioklea, welche nur das siidliche Dalmatien und Rascien (d. i. das alte Serbien) zum Gegenstande hat, bringt auch viel Sagenhaftes, besitzt aber Wert flir die Ge- schichte und Geographie dieser Gebiete im 11. und 12. Jahr¬ hundert. Der Verfasser stlitzt sich hier auf t>wahrhafte Berichte« der Vater (patres) und Altesten (antiqui seniores), schildert in 107 der Tat demokratische slawische Zustande und beniitzt fiir die Geschichte des vom bulgarischen Žaren Vladislav treulos er- mordeten heiligen Vladimir, der liber Montenegro und das nordliche Albanien herrschte, auch eine geschriebene Quelle (liber gestorum), die man ebenfalls fiir slawisch halt, was aber nicht so sicher ist. In ahnlicher Weise wurde das urspriingliche »Gothenbiichlein« fiir das mittlere und nordliche Dalmatien im 13. oder vielleicht zu Anfang des 14. Jahrhunderts erganzt. Diese Chronik wurde in einer aus der Krajina bei Spalato stammenden kroatischen Fassung, deren Originalitat aber fraglich ist, von dem beriihmten Humanisten und kroatischen Dichter Marko Marulic frei ins Lateinische iibersetzt (1510) und 1546 angeblich wortgetreu aus einem »alten« Exemplare in »kroatischer Schrift« abgeschrieben (von J. Kaletic in Omiš). Es ist jedoch sehr fraglich, ob dabei an ein glagolitisches Original zu denken ist, denn unter kroatischer Schrift verstand man gerade in der betreffenden Gegend auch die cyrillische, wie das Statut von Poljica beweist; auf jeden Fali ist diese kroatische Chronik nicht altertiimlich, vielmehr stimmt ihre Sprache zur Zeit ihrer Abschrift. Be- achtenswert ist aber darin der patriotische Schmerz iiber den Untergang des kroatischen Staates und die Anschauung, dafs der heilige Konstanz, d. i. Konstantin - Cyrill, das kroatische Schrifttum begriindet und die Kirchenbiicher kroatisch iibersetzt habe (im lateinischen Text: lingua sclavonica). Dieses Zeugnis beweist, dafs den Kroaten bis zum 16. Jahrhundert das Bewufstsein fiir die Herkunft ihrer Kirchensprache nicht verloren gegangen ist. Einen grofseren Wert als fiir die Geschichte haben beide Chroniken fiir die Litteraturgeschichte, denn sie bieten uns die altesten miindlichen Traditionen der Kroaten und Serben, so dafs man stellenweise epische Volkslieder vor sich zu haben meint; poetisch ausgeschmiickt ist auch die schone Episode von der Tochter des bulgarischen Žaren Samuel, Košara, die sich in den von ihrem Vater eingekerkerten, bereits erwahnten Vladimir verliebt, dessen Freilassung erwirkt und seine Schicksale als Gattin teilt. Ebenso haben beide Chroniken ihre Sagengeschichte den dalmatinisch-ragusanischen Dichtern und Schriftstellern und einzelne Stoffe sogar neueren Poeten vermittelt. Wie sehr die allgemeine Litteratursprache des Abendlandes auch bei den dalmatinischen Slawen friihzeitig zur Geltung kam. 108 zeigt die Tatsache, dafs alle erhaltenen Urkunden der kroatischen Fursten und Konige auch aus der Zeit der nationalen Dynastie in lateinischer Sprache geschrieben sind. VII. SchluDbetrachtungen iiber das altkirchenslawische Schrifttum. Erst siidlich der Sawe und Donau hatte also die von Cyrill und Method in Mahren und Pannonien ausgestreute Saat reiche Friichte getragen, denn der von ihnen zur Kirchen- und Schrift- sprache erhobene siidslawische Dialekt fand im Laufe des 10. und 11. Jahrhunderts dauernde Ausbreitung fast bei allenBalkan- slawen; nur die romanischen Stadte des alten Dalmatien und teilweise auch ihre slawischen Gebiete, namentlich die des Erz- bistums Ragusa, dem auch die Anhanger der romischen Kirche in Bosnien (samt der spateren Herzegowina) untertan waren, entzogen sich diesem Einflufse; uberdies machte die romische Kirche mit ihrem Latein erst im Laufe der Zeit auch Riick- eroberungen. Noch wichtiger aber ist die Tatsache, dals die slawische Liturgiesprache mit ihrer Litteratur mehr als 100 Jahre nach ihrer Begriindung liber Byzanz auch nach Rufsland gebracht wurde; noch lange bezogen die Russen die litterarischen Er- zeugnisse der Bulgaren und Serben, umgekehrt sind aber russische seit dem 13. Jahrhundert auch im Sliden, speziell in Serbien, nachweisbar; besonders durch die grofse Monchsrepublik auf dem Athos, die eine Zentralbibliothek der orthodoxen Welt bildete, und durch die Kloster von Konstaninopel wurde ein- solcher "VVechselverkehr gefordert. So hatten urspriinglich Bulgaren, Serben, Russen und auch ein starker Teil der Kroaten dieselbe Schriftsprache, die aber bei ihrer grolsen Ausbreitung natur- gemafs lokale Eigentumlichkeiten in den Lauten (hauptsachlich kommt die Vertretung der Nasale und der Halbvokale in Be- tracht), Formen und im Wortschatz annehmen mulste, so dafs wir schon seit dem 11. Jahrhundert kirchenslawische Hand- schriften bulgarischer, russischer, serbischer und kroatischer (hier bildet den Unterschied nur die Schrift) Redaktion und im Laufe 109 der Zeit noch verschiedene Schreiberschulen innerhalb derselben unterscheiden konnen. Diese litterarische Einheit erhielt jedoch einen grolsen Rifs schon im 11. Jahrhundert, als die Kirchenspaltung zwischen Rom und Byzanz zur vollendeten Tatsache wurde. Aufserlich machte er sich schon dadurch bemerkbar, dals nur die Kroaten an der urspriinglich slawischen, d. i. glagolitischen Schrift, deren Spuren wir noch lange auch in Serbien und Bosnien verfolgen konnen, festhielten (speziell in der Kirche) und nur teilweise den Uber- gang zur cyrillischen mitmachten. Abgesehen von diesem Fort- schritt wurde aber das Ubergewicht von Byzanz auf allen iibrigen Gebieten des kirchlichen, staatlichen und kulturellen Lebens ge- radezu verhangnisvoll, denn infolgedessen wurden auch die Siid- slawen und sogar die Kroaten und Serben durch zwei Kultur- welten gespalten und in den leidenschaftlichen Kampf zwischen Rom und Byzanz hineingezerrt. Von der Stellungnahme zu diesen Folgeerscheinungen wird auch die Wiirdigung der Bedeutung des altkirchenslawischen Schrifttums vielfach beeinflufst. Es unterliegt keinem Zweifel, dafs durch die slawische Kirchensprache die Ausbreitung und Starkung der christlichen Zivilisation ungemein gefordert wurde. Durch sie erhielten die Siidslawen einen bedeutenden Vorsprung vor den iibrigen Balkanvblkern, den Albanesen, den Aromunen und Rumanen; an ihr fand ihre staatliche Unabhangigkeit eine kraftige Stiitze. Den Bemiihungen der Slawenapostel und ihrer Jiinger haben wir die verhaltnismafsig friihzeitige und ungemein umfangreiche Aufzeichnung einer slawischen Sprache zu ver- danken, die den Ausgangspunkt jedes Studiums aller slawischen Sprachen bildet; die ersten kirchenslawisch - čechischen Glossen fallen in das 12. Jahrhundert, eigentliche Litteraturdenkmaler in den Nationalsprachen finden wir aber in Bohmen und Polen, also in Landern, die so innig mit dem westeuropaischen Kulturleben zusammenhingen, erst im 13. Jahrhundert, d. h. drei bis vier Jahrhunderte spater. Neben der lateinischen und griechischen Sprache ist vor der Reformation in ganz Europa nur die slawische auch in der Liturgie zur Geltung gekommen; an Alter und Be¬ deutung ihrer litterarischen Denkmaler steht sie zwar hinter den liturgischen Sprachen des Orients (wie syrisch, koptisch, armenisch, georgisch) zuriick, doch keine derselben kann sich mit ihrer un- 110 gemein starken Verbreitung und mit dem grofsen Umfang ihrer Litteratur messen, namentlich der ubersetzten, die nicht blols fur textkritische Studien der griechischen Originale von Bedeutung ist, sondern uns manche sogar allein erhalten hat. Dieser Uber- setzungslitteratur kann man auch trotz aller ihrer Schwachen die Bewunderung nicht versagen, wenn man bedenkt, wie lange die lateinische Kirche brauchte, um reden zu lernen, und wie hoch man z. B. Tertullian das Verdienst anrechnet, dals er eine lateinische theologische Sprache geschaffen hat; fur die theologisch- philosophischen Silbenstechereien, das weitsch\veifige Pathos und den leeren, geschnorkelten Wortschwall der Byzantiner war es in der Tat nicht leicht den entsprechenden slawischen Ausdruck zu finden. Dagegen ist es verkehrt, von einem besonderen slawischen Kulturtypus neben dem griechischen und lateinischen des Mittel alters zu sprechen, dessen Schwache man iibrigens selbst zugeben mufs 87 ), wahrend es andere beklagen, dafs sogar die Kultur des Zeitalters Symeons keinen nationalen Charakter trug und deshalb dem Volke fremd blieb; die Slawen haben in Wirklichkeit ein- fach die durch fortwahrende Orientalisierung entstellte griechische Kultur von Byzanz iibernommen und in dieses Erbe nur \venig Neues nnd Beachtenswertes hineingetragen. Was aber den Byzantinismus anbelangt, so berufen wir uns auf einen solchen Kenner und Liebhaber der byzantinischen Bildung wie K. Krum- bacher 88 ), der sogar von ihrer Bliitezeit im 12. Jahrhundert sagt, dafs sie an einem unheilbaren Ubel krankte: »ihr fehlt die Frische des Lebens, die erhaltende, umgestaltende und stets Neues er- zeugende Kraft der Natur; sie gleicht mehr einer sorgfaltig her- gerichteten Mumie als einem lebendigen Organismus«. Und selbst von dieser Mumie holten sich die jugendlichen Slawen nur Stiicke einer ausschliefslich kirchlichen, speziell monchischen Bildung. Das Ungliick wurde aber noch dadurch vermehrt, dafs die grofse Mehrzahl selbst der gebildeten Siidslavren, von den Russen gar nicht zu reden, den Zusammenhang sogar mit dieser Quelle ver- lor, weil die Kenntnis des Griechischen wenig verbreitet \var; die geistigen Errungenschaften des Okzidentes blieben aber dem slawischen Orient ohnehin fremd, da die Byzantiner ihre Ab- neigung gegen die »Lateiner« auch ihm mitgeteilt haben. Wie ganz andeps gestalteten sich die Verhaltnisse im Abend- 111 lande! Hier verlor man infolge der allgemeinen Verbreitung der lateinischen Sprache nie den Zusammenhang mit dem klassischen Altertum, sie ermoglichte eine Renaissance desselben schon im Mittelalter, brach gerade die kirchliche Exldusivitat und legte im Zeitalter des Humanismus die Grundlagen zur gesamten mo- dernen Kultur. Trotz der Alleinherrschaft des Lateins in der Kirche, im offentlichen Leben und in der Wissenschaft erhielten die Sachsen schon vor, die Franken aber zur Zeit Cyrills religiose Epen (Heliand, Otfrids Evangelienbuch) mit nationalen Zugen und im ganzen Abendlande erbluhte die Lyrik und das romantische Epos des Rittertums. Der grofsten Dichtung des Mittelalters, Dantes Divina Comedia, konnen wir nur Ubersetzungen ihrer Elemente, der Apokryphen, entgegenhalten und uns als Philo- logen damit trosten, dals die orientalischen Fassungen der Apo- kryphen und der Prosaerzahlungen den urspriinglichen Charakter besser bewahrt haben. Noch anschaulicher wirken Beispiele aus der Kunstgeschichte: man vergleiche nur eine Madonna Rafaels mit einer byzantinischen Ikone, wofiir Motive, Behandlung und Technik durch Malbiicher (russisch: podlinniki) geradezu kanonisch festgesetzt waren. Was die orthodoxen Slawen versaumten und was sie hatten leisten konnen, zeigt gerade auf einem kleinen siidslawischen Gebiete, das in fortwahrender Beriihrung mit Italien stand, die bedeutende dalmatinisch-ragusanische Litteratur der Renaissance. Wer nicht durch religiose und nationale Vorurteile befangen oder durch allzugrofse, philologische Liebhaberei, die auf den Inhalt keine Riicksicht nimmt, geblendet ist, mufs ge- stehen, dafs die kirchenslawische Sprache allmahlich aus einem Segen zum Fluch der orthodoxen Slawen wurde, denn im Laufe der Jahrhunderte war sie immer mehr ein Organ des Stillstandes und Riickganges, und jeder Fortschritt der Nationalsprachen und einer wirklichen slawischen Kultur auf Grundlage der allgemein europaischen wurde nur durch den Kampf gegen sie und durch ihre endgiiltige Zuriickdrangung in die Kirche, durch die Eman- zipation vom Orient und durch die Annaherung an den Okzident erreicht. Die Aufdeckung und Schilderung dieses Umwandlungs- prozesses, der schon im mittelalterlichen Serbien besonders auf dem Gebiete der materiellen Kultur beginnt, spielt daher eine tvichtige Rolle auch in der sudslawischen Litteraturgeschichte. 112 VIII. Die Litteratur des zweiten bulgarischen Reiches (Mittelbulgarische Periode). Am Ausgang des 12. Jahrhunderts erhielt die kirchenslawische Litteratur eine neue Stiitze in den slavischen Balkanstaaten, denn Manuel I. Komnenos (1143—1180) war der letzte Kaiser von Bvzanz, urelcher den Versuch unternahm, die Balkanlander zu Provinzen seines Reiches zu machen und 1167 sogar Syrmien, Bosnien und Dalmatien bis auf Žara und die Inseln noch einmal dem ost- romischen Reiche unterordnete; nach seinem Tode wurde jedoch die Mehrzahl der Balkanslawen fiir immer vom politischen Joch der Byzantiner befreit. Es ist begreiflich, dals sich die Schwache des seinem Untergange entgegengehenden byzantinischen Reiches anfangs am meisten jenes Volk zu nutze machte, das auf eine ruhmvolle staatliche und kulturelle Vergangenheit zuriickblicken konnte. Abermals entstand (1186) ein bulgarisches Reich zwischen der Donau und dem Haemus, das seinen Mittelpunkt in Trnovo (Tirnowa), der Wiege der alten Sišmaniden, hatte. Aus dieser, an der Jantra herrlich gelegenen Stadt, stammten die Briider Peter und Joann Asen, Nachkommen der alten Bulgarenzaren, die sich an die Spitze der durch die finanzielle Ausbeutungspolitik zur Emporung getriebenen Bulgaren und Wlachen (Rumanen) stellten. Peter wurde zum Žaren der Bulgaren und Griechen gekront, so dals also schon im Titel die alten Er- oberungsplane wieder auflebten. Natiirlich wurde in Trnovo auch ein neuer von Konstantinopel ganz unabhangiger Erzbischof ein- gesetzt. Um beide Wiirden zu internationaler Anerkennung zu bringen, wollte man nach dem Beispiel der alten Žaren bald mit Rom in Verbindung treten, aber erst dem tiichtigen Feldherrn und Staatsmann Kalojan gelang es alle Hindernisse zu iiberwinden, so dals er 1204 von einem papstlichen Legaten gekront und sein Erzbischof Vasil zum Primas von Bulgarien geweiht wurde. Der Innocenz III. dafiir bezahlte Preis einer Union mit Rom war nicht grofs, denn abgesehen davon, dafs Ritus und Dogmen davon unberuhrt blieben, wurden die feierlichen Gelobnisse bald ver- gessen und ein Btindnis der Bulgaren mit Kaiser Vatatzes von Nikaa gegen die Lateiner von Konstantinopel hatte zur Folge, 113 dafs 1235 der byzantinische Patriarch Germanos mit Zustimmung der Patriarchen von Jerusalem, Antiochia und Alexandria die feierliche Erhebung des Erzbischofs von Trnovo zum Patriarchen anerkannte. Die Diozese des neuen bulgarischen Patriarchen war nicht gering, denn nach friiheren Eroberungen im Siidwesten von Moesien wurden vom Žaren Joann Asen II. (1218—1241), unter dem das zweite bulgarische Reich die grolste Bliite erreichte und alle drei Meere beriihrte, ganz Thrakien und Makedonien (nach der Schlacht von Klokotnica 1230) abermals bulgarisch. Auch Braničevo, Belgrad, Niš, Priština und Skopje gehorten einige Zeit wieder zur bulgarischen Kirche; nur die autokephale Kirche von Ochrida, die ihre Rechte vor Konstantinopel dadurch behauptete, dals sie vorgab, eine Griindung des Kaisers Justinian (Justiniana Prima) zu sein, wurde auch von den Bulgaren nicht an- getastet, als sie zu Anfang des 13. Jahrhunderts zweimal unter ihre Herrschaft kam. Bulgarien erreichte, allerdings nur voriibergehend, fast einen Umlang, wie es ihn unter Symeon hatte; die Nach- folger Asfins II. konnten jedoch die thrakischen und makedonischen Eroberungen gegen Byzanz und namentlich gegen das aufsteigende Serbien nicht mehr halten. Neben aulseren Feinden schwachten Dynastiewechsel (1257, 1323), byzantische Intriguen in der Haupt- stadt, Btirgerkriege, tatarische Fremdherrschaft, religiose Wirren, schwache Herrscher und zuletzt eine Teilung das ohnehin ein- geschrumpfte Reich. Als die Ttirken 1365 ihre Residenz aus Asien nach Adrianopel verlegten, gab es in Bulgarien drei un- einige christliche Herren. Der letzte Zar von Trnovo Joann Šišman III. wurde schon ein tiirkischer Vasall (seit 1375), da er von allen Seiten verlassen war, und mit der Ersturmung seiner Hauptstadt im Jahre 1393 ging der erste christliche Balkanstaat vollstandig im Reiche der Osmanen auf. Nach der Schlacht von Nikopolis (1396), in welcher das Heer des ungarischen Konigs Sigismund vernichtet wurde, verschwand auch der Rest Bulgariens, das Reich von Bidyn (Widdin), dessen letzter Zar Sracimir so- fort 89 ) (nicht 1398) weggefiihrt wurde. Die bulgarische Kirche lieferten die Ttirken dem Patriarchen von Konstantinopel aus; fur das Reich von Bo.djn war ihnen darin Joann Sracimir, der von seinem. Bruder in Trnovo auch kirchlich unabhangig sein wollte, schon vorausgegangen (1381)! Murko, Geschichte der sudslawischen Litteraturen. 8 114 Fur das geistige Leben der Bulgaren und orthodoxen Slawen iiberhaupt war der zweihundertjahrige Bestand des zweiten bul- garischen Reiches von keiner geringen Bedeutung. Durch die nationale Hierarchie stieg vor allem das Ansehen und die Ver- breitung der kirchenslawischen Sprache, die natiirlich auch im staatlichen Leben wieder zur Herrschaft gelangte. Ihr festes Gefiige hatte jedoch durch die Unterbrechung des litterarischen and hoheren sozialen Gebrauches gelitten, denn die Volkssprache, deren Entwicklung ja nicht stillstand, machte nun ihren Einfluls geltend; namentlich ging der regelrechte Gebrauch zweier Nasale, der die Denkmaler der altbulgarischen Periode auszeichnet, ver- loren; dieses und andere Merkmale sind charakteristisch ftir die smittelbulgarische« Periode, deren Litteratur sich inhaltlich zuerst ganz in dem alten Geleise fortbewegte. Ein zweiter Symeon war ihr jedoch nicht beschieden, denn nicht einmal der ihm am meisten ahnliche Asen II. liefs kenntlichere Spuren zuriick; erst in dem letzten unabhangigen und noch das ganze Reich beherrschenden Žaren Joann Alexander (1331 — 1365 oder 1371), den der monchische Schreiber des Psalters aus dem Jahre 1337 als Krieger mit Alexander dem Grolsen und als Glaubensbeschiitzer mit Konstantin vergleicht, erhielt sie einen machtigen Forderer. Den starksten geistigen Aufschwung erlebte das zweite bulgarische Reich iiberhaupt, als es schon seinem Ende entgegenging und bereits Vasall der Tiirken war, und lieferte in dem letzten Patriarchen von Trnovo, Euthymij, auch den bedeutendsten Schrift- steller der ganzen mittelbulgarischen Periode. Die beachtens- werten Stromungen der letzten Jahrzehnte waren jedoch eine Folge des innigsten Anschlusses an die zeitgenossischen Griechen, was ftir die nationale Kultur kein besonderes Gliick war, unter den obwaltenden Umstanden aber immerhin einen Fortschritt be- deutete. Die Bulgaren zeigen unter allen Balkanslawen auch rvahrend dieser ganzen Periode die starkste kulturelle Abhangigkeit von Byzanz. Dies aulsert sich schon in der starkeren Autokratie und in einer weitgehenden Zentralisation. Die Hauptstadt Trnovo war nicht blols der Sitz des Žaren, Patriarchen und der Boljaren, sondern auch das einzige Kulturzentrum, denn in seiner Umgebung befanden sich auch die zahlreichen Kloster und das bulgarische Zographukloster auf dem Athos spielte im geistigen Leben 115 der Bulgaren durchaus nicht jene dominierende Rolle wie das Chilandarkloster bei den Serben. Auch die nationalen Heiligtiimer waren in Trnovo zentralisiert, denn schon der Wiederhersteller des Reiches, Ase n I., liels die Reliquien des heiligen Joann von Ryla aus Sofia dahin bringen, »der grofseren Ehre und Be- festigung des Zarenreiches wegen«. wie Euthymij in seiner Be- arbeitung der Legende des Heiligen ganz richtig hervorgehoben hat; Kalojan erbeutete solche Palladien in thrakischen und make- donischen Stadten und Asen II. holte sich die Reliquien der heiligen Paraskeva (slawisch Petka) mit Erlaubnis der Franken aus dem Kiistenort Epivatas in der Nahe von Konstantinopel. Diese Ereignisse waren fu r die Litteratur bedeutungsvoll, weil sie den Anlafs zu den wenigen originellen Leistungen der einheimischen Schriftsteller boten. Noch dem letzten bulgarischen Teilfiirsten Joann Sracimir von B , i.dyn verdanken wir drei solche Arbeiten, da er sich nach dem Falle von Trnovo von den Tiirken sofort die dortigen Reliquien der heiligen Philothea und Theophano erbat. Besonders charakteristisch ist in dieser Hinsicht das Schicksal der Reliquien der heiligen Paraskeva (Petka), die aus Trnovo auf kurze Zeit noch nach Widdin, dann zu den Serben nach Belgrad, wo die heilige Petka geradezu eine serbische Heilige wurde, 1521 nach Konstantinopel und 1641 nach Jassy wanderten, so dafs es eine weitverzweigte Paraskevalitteratur bei Griechen, Slawen und Rumanen gibt. Mit dem Niedergang Bulgariens stieg im Lande der Byzan- tinismus so wie in Serbien. Die Žaren wurden nach aufsen immer machtloser, die Zahl ihrer Epitheta aber immer grofser und ihre Urkunden — es sind ihrer sehr wenig erhalten, in Bulgarien selbst nur eine einzige — bringen nach langen Ein- leitungen immer mehr hochtrabende Phrasen wie die der byzan- tinischen Kaiser. Am starksten zeigt sich aber die Abhangigkeit auf religios-geistigem Gebiet. Zwischen Byzanz und Bulgarien gab es ja immer einen regen Wechselverkehr in bezug auf reli- giose Stromungen, was unter anderem auch die Geschichte des Bogomilismus lehrt. Dieser Zusammenhang rvurde trotz aller politischen Feindschaften durch die Herrschaft der Lateiner in Konstantinopel, durch die unpopularen Unionsbestrebungen der Papste und byzantinischen Kaiser und durch die Tiirkengefahr in den Kreisen der Geistlichkeit, in der Monchswelt und in den 8 * 116 Volksmassen, deren Bildung besonders darniederlag, immer mehr befestigt. Bezeichnend ist die durchaus glaubwiirdige Nachricht des Kaisers und Geschichtsschreibers Johannes Kantakuzenos, dafs bei der Ankunft seiner Gesandten im Jahre 1351 die Burger von Trnovo in einstimmige Rufe ausbrachen, dals man alles nach seinem Wunsche tun und mit ihm in jeder Hinsicht friedliche Beziehungen unterhalten miisse, denn sonst wiirde ihr Zar Alexander von den Tiirken vernichtet werden. Andererseits hatte man in Byzanz wahrend der Siegeslaufbahn des serbischen Žaren Dušan allen Grund, um die Freundschaft der Bulgaren zu werben. Besonders wichtig war aber der Umstand, dafs die lebhaften religiosen Kampfe des 14. Jahrhunderts im byzantinischen Reich mit dem vollstandigen Siege des mystischen Hesychastentums endeten, fiir das auch in Bulgarien der Boden ungemein giinstig war. In der Geschichte des Bogomilismus wurde schon erwahnt, wie stark diese Sekte im bulgarischen Volk verbreitet war und durch die griechische Herrschaft nur neue Nahrung erhielt. Im zweiten bulgarischen Reich liefs zwar Zar Boril auf einer Synode 1211 die hartnackigen Bogomilen verbannen und iiber ihre Lehre das Anathema aussprechen, sonst herrschte aber im Lande eine grofse religioseToleranz, namentlich unter dem machtigen Asen II. Als jedoch schwere Zeiten iiber Bulgarien hereinbrachen, geniigte der Bogomilismus ebensowenig wie der geistliche Formalismus und die Konzentrierung der Aufmerksamkeit auf den aufserlichen Ritualismus der offiziellen Kirche; popular wurde der vom Athos ausgehende und aus dem Orient stammende Mystizismus, dessen Urheber und bedeutende Vertreter vorlibergehend personlich unter den Bulgaren wirkten. Der aus Kleinasien gebiirtige Be- griinder des Hesychastentums auf dem Athos, der auf dem Sinai Monch geworden war, Gregorios Sinaites, suchte gegen Ende seines Lebens Schutz vor Tiirken und Raubern bei dem Žaren Joann Alexander, der ein grofser Gonner der Monche auf dem Berge Paroria (an der Grenze des byzantinischen und bulgarischen Reiches in der siidlichen Umgebung von Jambol) war und sich seiner besonders annahm; aufser einem grofsen Turm baute er ihm eine ganze Klosterniederlassung, die er reich beschenkte, so dafs Gregorios infolge der Ungunst der Verhaltnisse von seinem Ideal des Einsiedlerlebens, das er auf dem Sinai und auf Kreta 117 gefiihrt hatte, abkam. Fiir sich errichtete er in der Nahe aller- dings eine besondere Zelle, um der abgeschiedenen Beschaulichkeit (Hesychia) und inbrunstigem Gebet zu leben. Bei weiterer Aus- bildung seiner Lehre erschauten Athosmonche in den gesteigerten Zustanden der Verziickung, den Blick unbeweglich auf die Eferz- grube gerichtet, die Strahlen der Glorie, welche Christus auf dem Berge Tabor umleuchtet hatte. Dieses ungeschaffene Licht, das eine gottliche Wirkung sei, bildete mehr die dufsere Formel fiir den Kampf zwischen dem Hauptwortfiihrer der Hesychasten Gregorios Palamas, der gleichfalls aus Kleinasien stammte, und ihrem Gegner Barlaam, einem gelehrten Monche aus Kalabrien. Von den tieferen Griinden hat den richtigsten A. Ehrhard 90 ) her- vorgehoben, dafs der Hesychastenstreit in letzter Linie den Kampf der abendlandischen rationellen und niichternen Scholastik mit der morgenlandischen extravaganten, theosophischen Mystik darstellt. Es fallt jedoch auf, dafs es in dieser byzantinischen Mystik viele Analogien mit der abendlandischen des 13. und 14. Jahr- hunderts gibt, wobei Wechselbeziehungen nicht ausgeschlossen waren. Gregorios Sinaites lernte ja die hbhere Beschaulichkeit ($ewQ[a) von Arsenios, einem Bewohner von Kreta, das damals den Venezianern gehorte, und sein friihester und nachster Schiiler Gerasimos, der seine Lehre den Lateinern predigte und ihre Sprache vollstandig beherrschte, war aus dem ebenfalls venezia- nischen Euboa gebiirtig. Nicht umsonst beschuldigte aber Barlaam die Ffesychasten des Bogomilismus, denn zwischen diesem und den byzantinischen Mystikern bestanden viel engere Beziehungen, als man bisher glaubte. Trotzdem errangen die Hesychasten einen vollstandigen Sieg, weil Johannes Kantakuzenos ihren Ein- flufs und ihre Bedeutung fiir die Befestigung seiner Herrschaft ausniitzte und weil ihr Gegner Barlaam als Vertreter der okzi- dentalen Richtung und Parteiganger einer Annaherung an den Papst den nationalistischen Kreisen verdachtig war. Es mufs jedoch betont werden, dafs er gerade seine Mission nach Avignon (bei dieser Gelegenheit unterrichtete er Petrarca in den Anfangs- grunden der griechischen Sprache) als echter griechischer Patriot ausgefiihrt hat (1339). Ein vollstandiges Ubergewicht erlangte das Hesychastentum auch in Bulgarien, allerdings nicht ohne Widerstand. Der be- deutendste Schiller, den Gregorios Sinaites unter den Bulgaren 118 und Sorbeti in de n Bergen von Paroria hatte, war der Monch Theodosij, gebiirtig aus Trnovo. Er fiihrte ein unstetes Leben in verschiedenen bulgarischen Klostern, wie sein Lehrer, bis er bei diesem fand, was er suchte. Gregorios hatte auch an ihm Gefallen und schickte ihn zum Žaren Joann Alexander, als er sich dessen Schutz erbat. Nach dem Tode des Gregorios nahm er die Wahl zum Oberhaupte seiner Gemeinde nicht an, zog sich nach Sliven zuriick, wanderte nach Thessalonike, auf den Athos und nach Konstantinopel, verweilte in Mesembria und liels sich zuletzt auf dem Berge von Emona (jetzt Kap Emine) hoch tiber den Fluten des Pontus nieder. Von Seeraubern vertrieben, fand er mit Zustimmung des Žaren Joann Alexander eine sichere Zu- fluchtsstatte auf dem Berge von Kilifarovo unweit Trnovo, wo er bald viele Schiller, nicht blofs aus Bulgarien, sondern auch aus Serbien, Ugrien und Wlachien versammelte. Gegen Ende des Jahres 1356 begab er sich gegen den Willen seines Patriar- chen nach Konstantinopel, um sich »den Segen des Patriarchen Kallistos zu holen«; wahrscheinlich zog ihn aber sein Freund aus den Schtilerjahren bei Gregorios Sinaites auf Paroria selbst dahin, um ihn als Werkzeug gegen die Selbstandigkeit des bul¬ garischen Patriarchats zu beniitzen. Als namlich die kirchlichen Fragen des 14. Jahrhunderts in Konstantinopel geregelt waren, warf der unnachgibige, herrschsiichtige Patriarch Kallistos die alte Frage des Verhaltnisses des Patriarchats von Trnovo zu dem von Konstantinopel auf, mufste aber vorsichtig zu Werke gehen, um in der Zeit des Kampfes mit Serbien nicht den Žaren Joann Alexander zu verletzen und um eine Loslosung des bul¬ garischen Patriarchats von der orthodoxen Kirchengemeinschaft zu verhiiten, wie eine solehe der Serben gerade unter ihm stattgefunden hat. Auch Erinnerungen an den Schutz, den der Zar der Monchsgemeinde auf Paroria gewahrt hatte, mufsten eine mafsigende Wirkung ausiiben. Dafs der Monch Theo¬ dosij, ein Antagonist des damaligen Trnovoer Patriarchen (Theo¬ dosij II.), der richtige Mann dafiir war, zeigt seine nur in einer slawischen Ubersetzung 91 ) bekannte Biographie, die ihm Kallistos gewidmet hat. Theodosij wird darin im Gegensatz zu dem an- geblich unwissenden, aber auf der Hohe seiner Aufgabe stehenden nationalen Patriarchen als der einzige Bekampfer der Haresien in Bulgarien hingestellt und als Anhanger der Suprematie- 119 bestrebungen des Patriachen von Konstantinopel verherrlicht. Am •vvichtigsten ist aber die Tatsache, dals Theodosijs Haupt- schtiler, Euthymij, nicht blofs die Leitung seiner Gemeinde iiber- nahm, sondern auch den Patriarchenstuhl bestieg (um 1375?). Und so wurde in der vom letzten bulgarischen Patriarcheu iibersetzten Anleitung zur richtigen Verrichtung der Liturgie des Johannes Chrysostomos tatsachlich der Patriarch von Konstantinopel, dessen einige Zeit gar nicht gedacht wurde, an erster Stelle genannt und sogar die ubrigen orientalischen Patriarcben gingen dem von Trnovo voran. Mit dem Siege des Hesychastentums erreichte also auch der griechische Einfluls in Bulgarien den Hohepunkt 92 ), was speziell in der litterarischen Wirksamkeit Euthymijs und der ganzen Schule von Trnovo sehr stark hervortritt. Der mit der Mystik verquickte Glaube an Visionen und Prophezeiungen forderte auch die Entwicklung der Damonologie und des Zauberwesens, wofur in Bulgarien ohnehin der Boden besonders glinstig war. In der Ubersetzungslitteratur finden wir haufig Artikel damonologischen Charakters, aber auch in den einheimischen Legenden nimmt der obligate Kampf der Heiligen mit dem Teufel einen besonders breiten Raum ein. Der Zauberei und Weissagerei wird auch ein gewisser Theodorit beschuldigt, der die vom Monch Theodosij viel bekampften Lehren des Barlaam und Akyndinos aus Konstantinopel nach Trnovo brachte. Ob gerade er auch die heidnische Philosophie, namentlich den Neu- platonismus, verbreitet habe, ist fraglich, aber verschiedene Spuren des Interesses fur das klassische Altertum sind bemerkbar. Natiirlich suchten auch die einheimischen Bogomilen im triiben zu fischen, wurden aber durch ebenfalls byzantinische Sendlinge eines entarteten Bogomilismus iibertrumpft. Vom Athos kamen Lazar und Kyrill Bosota nach Trnovo. Lazar ging in Adams- tracht herum und predigte die Kastrierung der Kinder, Kyrill verhohnte die Heiligenbilder und das Kreuz und bekampfte die Ehe. Als einen von den beiden verschiedenen Haretiker erwahnt Kallistos einen unwissenden Menschen Theodosij, der sich Monchs- kleider anlegte und fastend herumvagierte. Durch seine Predigten liber die Nutzlosigkeit der Ehe scharte er eine grolse Menge Frauen und Jiinglinge und wenige Manner um sich; er kleidete sie alle in Monchskutten, zog mit ihnen herum, entkleidete sich ganz und hiels auch andere dasselbe tun. Am Abend versammelten 120 sie sich in einem Hauschen und feierten Orgien. Mit diesen Sekten, die wie der Mystizismus offenkundige Analogien in West- europa (Adamiten!) haben, beschaftigte sich ein Konzil in Trnovo unter dem Vorsitz des Žaren und des Patriarchen um 1350, und ein zweites 1359/60, das auch die Rechte der Juden einschrankte, die im Vertrauen auf ihre schone Stammesgenossin, der zuliebe der Zar Joann Alexander seine erste Frau ins Kloster gesteckt hatte, allzukiihn das Haupt erhoben. Daneben gab es noch eine judaisierende Sekte, die vielleicht noch mit einer solchen in Thessalonike in den dreilsiger Jahren des 14. Jahrhunderts im Zusammenhange steht. Die beiden Konzile brachen jedoch durch- aus nicht die Macht der Sekt£n, namentlich die der Bogomilen nicht, mit denen Euthymij neue Glaubenskampfe zu bestehen hatte. Das einseitige Interesse an religiosen Fragen endete also in Bulgarien mit einem wahren Chaos. Byzanz hatte daran seinen redlichen Anteil, bot aber in seiner Mystik auch ein Mittel, um dasselbe in geordnetere Bahnen zu leiten. Selbst das geistige Leben Bulgariens zeigt, dals im 14. Jahrhundert den Orient die- selben Fragen bewegten wie den Okzident. Man kann also nicht von einem absoluten Stillstand in Byzanz um diese Zeit sprechen, muls sich aber allerdings hiiten, namentlich im bulgarischen Mystizismus einen Fortschritt in der Richtung des Individualismus, der in Westeuropa zur Renaissance und Reformation fiihrte, zu erblicken, denn im Mystizismus gab es an und fiir sich auch riick- schrittliche Elemente und die slawische Riickstandigkeit brachte es noch mit sich, dafs selbst den fiihrenden bulgarischen Geistern solche Aufserungen des in Byzanz sich offenbarenden Individualis¬ mus, wie der Kultus des personlichen Ruhmes, der Freundschaft und der Liebe zur Natur, unbekannt blieben und dafs ihr Mystizis- mus eine einseitig asketische Richtung annahm. Bulgarien konnte aber selbst diese Frtichte seines engeren geistigen Anschlusses an Byzanz nicht einmal zur Reife bringen und noch weniger ge- niefsen. Mehr Vorteil hatten davon Serbien, die Walachei mit Siebenbtirgen, Moldau und namentlich Rufeland, wohin unmittel- bare Schiller des Gregorios Sinaites und der Bulgaren Theodosij und Euthymij die neuen religios-geistigen Stromungen verpflanzten. So beendete der heilige Romil 93 ), nach Theodosij der bedeutendste bulgarische Schiller des Gregorios Sinaites, ein Mystiker von echt slawischer Weichheit, sein Leben im Kloster Ravanica in Serbien 94 ). 121 Obgleich die Entwicklung der kirchenslawischen Litteratur zuerst in Bulgarien unterbunden wurde und die bei den Bulgaren am langsten dauernde Ara der Tiirken- und Griechenherrschaft der Erhaltung des bulgarischen Schrifttums besonders ungiinstig war, so besitzen wir doch aus der mittelbulgarischen Periode keine geringe Anzahl von Denkmalern, die mehr oder weniger treue Abschriften der alten Litteraturerzeugnisse, Modernisierungen der- selben. zahlreiche neue Ubersetzungen (aus dem Griechischen) und wenige Originalarbeiten fast durchwegs kirchlichen Charakters enthalten. Man kann bei deren Betrachtung die nicht blols fiir Philologen interessante Beobachtung machen, dals die grofse Mehrzahl in den sudwestlichen Gebieten, also in Makedonien, geschrieben worden ist und dafs ihre sprachlichen und Schreiber- eigentumlichkeiten bis nach dem Zographukloster auf dem Athos und nach Donaubulgarien iibertragen wurden. Das erklart sich dadurch, dafs das erste bulgarische Reich am langsten in West- bulgarien dauerte, dafs die autokephale bulgarische Kirche in Ochrida trotz der baldigen Grazisierung ihrer hoheren Hierarchie der slawischen Kirchensprache nicht entbehren konnte, dafs Make¬ donien die kompaktesten slawischen Volksmassen aufwies und seit den Anfangen seines slawischen Schrifttums mehr konservativ, anderseits aber mehr national blieb. Wichtig sind auch andere Tatsachenr die Schreiberschule von Ochrida fiihrt allmahlich zur serbischen Redaktion der kirchenslawischen Schriftdenkmaler hiniiber und die von Zletovo oder Kratovo ist im philologischen Sinne eigentlich schon serbisch; eine Wechselwirkung zwischen dem bulgarischen und serbischen Element beginnt seit der zweiten Halfte des 13. Jahrhunderts vor den serbischen Eroberungen in Makedonien; mit der serbischen Herrschaft erlangt auch in der Litteratur das serbische Element das Ubergewicht und be- wahrt es am langsten. So erklart sich das merkwiirdige Mifs- verhaltnis zwischen Denkmalern bulgarischer und serbischer Re¬ daktion in den bulgarischen Bibliotheken (am schreiendsten ist es in der Synodalbibliothek in Sofia, die 107 Handschriften serbischer, 28 bulgarischer und 19 russischer Redaktion enthalt) und lehrt zugleich, wie schwer und geradezu unmoglich es ist, nicht blofs Abschriften, sondern auch neue Ubersetzungen dieser Periode den Bulgaren oder Serben zuzuweisen, wenn dabei noch die bulgarisch-serbischen Grenz- und Streitgebiete in Betracht 122 kommen. Fiir die alten Zeiten hat aber diese Einteilung nach der ganzen Sachlage iiberhaupt rvenig Sinn, um so mehr als fast alle litterarischen Erzeugnisse zum Gemeingut beider Volker wurden. In Ostbulgarien kniipfte man in der Schreibweise mehr an die altbulgarische Periode an, aber am starksten pragte das Reich von Trnovo seinen Charakter der mittelbulgarischen Litteratur erst im 14. Jahrhundert auf, besonders unter Joann Alexander und seinem Nachfolger Joann Šišman, die Schriftsteller und Schreiber protegierten, Ubersetzungen bestellten und auch fiir eine kilnst- lerische Ausstattung der Handschriften sorgten. Vorstellungen von der bulgarischen Kunst macht man sich hauptsachlich nach Werken, die fiir Joann Alexander geschrieben wurden: ein Psalter von 1337 enthalt bunte Ornamente, die vatikanische Hand- schrift einer Ubersetzung der Chronik des Manasses (nach 1345 geschrieben) und ein Tetrevangelium in London (1356) bieten aber zahlreiche Miniaturen, darunter besonders viele zur bul¬ garischen Geschichte. Am Hofe dieses Fiirsten findet man auch die letzten Nachklange des okzidentalen teratologischen Stiles, der im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts tiber Serbien nach Trnovo gelangte und in der zweiten Halfte teihveise die nationale Teratologie in Makedonien verdrangte 95 ), das demnach von Ost¬ bulgarien friiher in der Kunst beeinflufst wurde als in seinem Schrifttum. Besonderes Gewicht legte man schon unter Joann Alexander auf die sprachliche Richtigkeit der Texte. In der Orthographie ging man moglichst weit im Archaisieren, aber ohne tieferes Verstandnis fiir die Feinheiten der »alten guten« Vorlagen, sonst klammerte man sich aber ganz an die griechischen Originale, so dafs es sogar zu Neuiibersetzungen (eine neue »Uber¬ setzung« des Evangeliums wird schon unter Joann Alexander er- wahnt), richtiger zu einer Revision der Kirchenbiicher kam; dabei war man nicht blofs auf die Ubereinstimmung des Sinnes bedacht, sondern musterte auch die slawische Sprache nach der griechischen, in der man eine »Mutter« sah, sogar beziiglich der Grammatik, von der sklavischen Nachahmung der iiberschwenglichen Rhetorik gar nicht zu reden. Natiirlich zeigt sich auch in den Original- leistungen die grofste Abhangigkeit von den Byzantinern. Den Hohepunkt erreichte die ganze Richtung in Euthymij, dem letzten Patriarchen von Trnovo, und in der nach seinem Sitz benannten Schule. 123 Da Euthymij einer der vielseitigsten bulgarischen Schrift- steller ist und die mittelbulgarische Periode verkorpert, so empfiehlt es sich, seine Personlichkeit und sein Wirken im Zu- sammenhang zu betrachten und an die Spitze der speziellen Dar- stellung dieses litterarischen Zeitabschnittes zu stellen. Euthymij war ein Schiller des Theodosij, der ihm die Leitung der von ihm gegrundeten neuen Klostergemeinschaft in der Nahe von Trnovo iibergab und ihn auch nach Konstantinopel mitnahm, so dafs er Gelegenheit hatte, zur dortigen kirchlichen Hierarchie in Beziehungen zu treten. Nach dem Tode des Theodosij (zwischen 1367—1368) ging er nach dem Athos, um in der Athanasioslaura, in der sich fast alle bedeutenderen Hesychasten (Gregorios Sinaites, Gregorios Palamas, der Patriarch Philotheos) aufhielten, dann in einem dem Kloster Zographu gehorigen Turm Selina (gr. Selt/vov) frommen Ubungen und gelehrten Studien zu leben. Von hier wurde er von dem 1370 aus Avignon zuriickkehrenden Kaiser Johannes Palaiologos, angeblich weil er ihm als ein Monch mit ver- borgenen Schatzen denunziert worden sei, nach Lemnos verbannt. Begnadigt kam er noch einmal nach Konstantinopel, liefs sich aber durch verschiedene Anerbietungen nicht zuriickhalten, sondern ging nach Trnovo, in dessen nordlicher TJmgebung er sich j>fern vom stadtischen und jeglichen anderen Gewiihle« eine Hohle zum Aufenthalt wahlte. Infolge Zuzugs zahlreicher Monche entstand hier ein angesehenes Dreifaltigkeitskloster, in dem sich Euthymij vor allem der Verbesserung der slawischen Kirchen- biicher widmete und die auf den Inhalt und die Form gerichteten Reformbestrebungen seinen Schiilern mitteilte. Seinem grofsen Ruf hatte er die Wahl zum Patriarchen zu verdanken, die nicht friiher als im Jahre 1375 und nicht spater als im Jahre 1378 stattfand. In dieser hohen Stellung setzte er die Verbesserung der Kirchenbticher fort und fiihrte sie, vom Žaren unterstiitzt, zum mindesten im Trnovoer Reich mit Erfolg durch (unvvissenden Monchen in Trnovo und auf dem Athos wurde das Abschreiben der Bucher verboten), hob die kirchliche Disziplin und bekampfte die noch immer machtigen und ruhrigen Bogomilen und die Irr- lehren des Nestorios, Akindynos und Barlaam, sowie den Ikono- klasmus, den ein gewisser Piron aus Konstantinopel brachte und unter Mitwirkung eines Trnovoer Pseudomonches, Theodosij Fudul, verbreitete. Von allen Seiten stromten ihm Schtiler zu, die dann 124 seine Schriften und Lehren auch in die Nachbarlander trugen. Nach der tiirkischen Eroberung von Trnovo, an dessen Ver- teidigung er in Abwesenheit des Žaren in hervorragender Weise Anteil nahm, wurde er zum Tode verurteilt, dann aber nach Makedonien verbannt. Herzzerreifsend war sein Abschied jen- seits des Balkans von den nach Kleinasien weggefiihrten vor- nehmen Mannern und Frauen. Trost spendend und Glaubens- treue predigend starb der letzte bulgarische Patriarch unbekannt wann und wo. Uber Euthymijs Revision der Kirchenbiicher besitzen \vir nur allgemeine Nachrichten. Jedenfalls besorgte er sofort die des Neuen Testamentes und des Psalters, wahrscheinlich aber auch die des Triodions, Oktoechos und Typikons. Seinem Lobredner Camblak zufolge wollte er Texte herstellen, welche den griechischen in sachlicher und stilistischer Beziehung besser entsprachen, denn nach der Meinung desselben Lobredners lieferten die ersten (!) Ubersetzer teils infolge mangelhafter Vertrautheit mit der griechischen Sprache und Wissenschaft, teils infolge der Un- zulanglichkeit der eigenen Sprache Biicher, die in bezug auf Bedeutung und Sinn der Worte mit den griechischen nicht iiber- einstimmten und auch nicht die envunschte Glatte und stilistische Vollendung besafsen, iiberdies wegen der in ihnen zahlreich ent- haltenen Irrtumer und Widerspriiche mit christlichen Dogmen Anlafs zu Haresien boten. Euthymijs in mancher Hinsicht ge- wifs berechtigte Biicherrevision ist noch nicht philologisch unter- sucht worden, aber jedenfalls kann er sich in bezug auf die Sprache mit den altesten Ubersetzern in keiner Weise messen, denn er ahmte die griechische Sprache sklavisch nach und nahm ebenso aus der griechischen Schrift unnotige Zeichen in seine Orthographie auf. Noch in einer bulgarischen Handschrift von 1277 finden wir zwei Troparien, die zeigen, dafs diese Lieder ursprunglich viel besser waren als die spateren sklavischen Nach- bildungen. Wir konnen nicht sagen, dafs uns alle Werke des Euthymij bekannt waren, ja einige Originalarbeiten sind gewifs verloren gegangen. Unzweifelhaft sind sein Eigentum die Ubersetzungen der vom Patriarchen von Konstantinopel Philoteos verfafsten Anleitung zur richtigen Verrichtung der Liturgie des Johannes Chrysostomos, der Liturgie des Apostels Jakob und einer An- 125 zahl von Gebeten, deren grofster Teil auch den hesychastischen Patriarchen Philoteos zum Verfasser hat. Fraglich ist es, ob ihm die Ubersetzungen der Liturgien des Johannes Chrysostomos, Basilios des Grolsen und der Vorgeweihten gehoren. Die Zeitgenossen bewunderten hauptsachlich die beiden Arten der bisher erwahnten Arbeiten Euthymijs auf liturgischem Ge- biete, fiir uns begriinden aber seinen Ruf die von ihm selbstandig verfafsten Schriften: je vier Lebensbeschreibungen, Lobreden und Episteln und eine Akoluthie zu Ehren der heiligen Teophano, Gemahlin des Kaisers Leo VI. Die Leben des Joann von Ryla, Ilarions, des Bischofs von Meglen, der heiligen Paraskeva-Petka und der heiligen Philothea, sowie die ihnen sehr ahnlichen Lob¬ reden auf Konstantin und Helene, Kyriake (slaw. Nedelja), Michael von Potuka und Johannes, Bischof von Polybotum, haben alle das Gemeinsame, dafs sie nur Bearbeitungen alterer slawischer und griechischer Werke nach dem Geschmacke der Zeitgenossen, wenigstens teilweise des Žaren selbst sind, denn einige gehen auf seinen ausdriicklichen Wunsch zurilck. Alle Legenden, die beiden oben zuletzt genannten Lobreden und die einzige iiber- lieferte Akoluthie sind iiberdies Heiligen gewidmet, deren Re- liquien die Žaren nach Trnovo gebracht hatten. Im Vergleich zu den einfachen, meist leicht verstandlichen und volksttimliehen Legenden der Prologe, aus denen Euthymij schopfte, zeichnen sich seine durch rhetorische Amplifikationen und »Wortflechtereien« aus, denn mehr als Metaphrastes nahm er sich die zeitgenossischen griechischen Hagiographen, namentlich den Patriarchen Kalbstos, zum Muster. Gewisse Vorziige, wie psychologische Schilderungen und den Sinn fur Naturbeschreibungen, eignete er sich von ihnen leider nicht an, doch finden wir auch bei ihm neue Ziige: seinen Quellen gegenilber bekundet er einen gewissen Kritizismus, nur geht er mit ihnen gar zu frei um, indem er Kanonisches ohne Bedenken durch Apokrvphes vervollstandigt, die Tatsachen bald ubergeht, bald erganzt, bald modifiziert, nicht selten deshalb, um einen effektvolleren Ausgang zu erreichen und um auch auf die Gefuhle der Leser starker einzmvirken; die Erlebnisse seiner Helden pafst er dem allgemeinen Schema der hagiographischen Litteratur an, so dafs viele individuelle Ziige und charakteristLche Einzelheiten verloren gehen; das Hesychastentum, namentlich damonologische Elemente, tragt er stets stark hinein und offen- 126 bart gewisse Tendenzen in bezug auf das staatliche und das religiose Leben Bulgariens, wobei es auffallt, dafs er eine be- dingungslose Unterwerfung des Žaren unter die Gebote der Kirche fordert. Euthymij war ein wiirdiger Schiller der Griechen; seine hagiographischen Arbeiten stehen hoch liber den serbischen Lebensbeschreibungen des 14. Jahrhunderts, denn er verstand es, sein Material aus der Heiligen Schrift, namentlich die zahlreichen Zitate, richtig zu verwenden, wahrend es die Serben ohne Zu- sammenhang aufeinander hauften. Seine Gelehrsamkeit verrat allerdings wenig Selbstandigkeit, denn die polemischen Reden, die er Ilarion von Meglen gegen die Bogomilen in den Mund legt, sind einfach der Panoplia des Euthymios Zigabenos ent- lehnt. Mit den Kunstgriffen der byzantinischen Rhetorik war Euthymij wohl vertraut. Seine Lebensbeschreibungen haben historischen und noch viel mehr litterarischen Wert, denn sie waren eine Neuigkeit nicht blols fiir Bulgarien, sondern auch fiir Serbien und Rulsland. Die gebildeten Zeitgenossen des Euthymij begniigten sich nicht mehr mit der einfachen Erzahlung eines Heiligenlebens, sondern verlangten eine kiinstlerische, von volks- tiimlichen Ausdriicken freie und rhetorische Darstellung, denn unter dem Einflusse des Studiums der griechischen Litteratur wollten auch sie sich an schon klingenden Worten und Phrasen berauschen. Die Episteln Euthymijs behandeln Fragen des kirchlichen Lebens. So bekampft er im Sendschreiben an den ugrowlachischen Metropoliten Anthim die dritte Ehe. Besonders interessant sind die Episteln an den spateren Erzbischof von Rulsland, Kiprian, der noch als Monch auf dem Athos weilte. Unter anderem er- fahren wir daraus, welchen Wert Euthymij auf die Bewahrung der kirchlichen Satzungen und Traditionen legte, was uns seine orthographische Reform und Verbesserung der Kirchenbiicher erklart, und finden da eine vollstandige Unterweisung eines Monches im Hesychastent um, aus der man ersieht, dafs sich der byzantinische Mystizismus des 14. Jahrhunderts immer mehr dem Asketismus naherte. Die Episteln sind auch dadurch beachtens- wert, dafs sie die starkste Abhangigkeit von den griechischen Sprachmustern aufweisen. Schlimmer als ihr schwerfalliger, von ungeschickt gebildeten Neologismen strotzender Stil ist die so sklavische Nachahmung der griechischen Syntax, dafs man in 127 Euthymijs selbstandigen Episteln geradezu Interlinearversionen aus dem Griecbischen vor sich zu haben meint. Ein Nachahmer des Euthymij war J o asa f, Metropolit von Bxdyn, dessen um 1395 verfasste Lobrede auf die heilige Philothea eine Kompilation aus dem Leben derselben Heiligen und dem der heiligen Paraskeve des Trnovoer Patriarchen ist, hinter dem er in der Kunst der Darstellung bedeutend zurucksteht; wert- voll ist seine Schilderung der Einnahme von Trnovo durch die Tiirken, obgleich das schicksalschwere Ereignis in ihm keine besonders tiefen Geftihle wachrief. Ein ganz anderer Mann ist in dieser Hinsicht Euthymijs bedeutendster Schiller Gr i gori j Camblak, ein Trnovoer, der in der Lobrede auf seinen Meister vor Schmerz und Bitterkeit formlich aufschreit und auch sonst patriotische Tone in der Art des folgenden anschlagt: »Denn was kann schlimmer als die Verbannung und schmerzhafter als die Trennung von den Verwandten sein, die uns durch die Er- innerung an das Vaterland und die Unsrigen das Herz stets mit einem Stachel durchbohrt«. Weniger Lob konnen wir Camblak wegen der Darstellung des Lebens Euthymijs spenden. Sie ist oft matt, zu allgemein und auch ungenau, denn wegen des grofsen Altersunterschiedes hatte er spater in der Fremde, in der Moldau oder wahrscheinlich erst in Kiew, zu wenig lebendige Erinnerungen an seinen Verwandten und war dadurch behindert, dafs er sich zu stark an des Kallistos Biographie des Theodosij hielt und haufig einen Parallelismus zwischen dem Leben des Lehrers und Schiilers konstruierte. Die Ubersetzung dieser Biographie riihrt jedoch nicht von ihm her, sondern von einem anderen Schiller des Euthymij. Ebenso gehort das Leben des heiligen Romil, des bedeutenden bulgarischen Schiilers des Gregorios Sinaites, einem anderen G r i g o r i j 90 ) an, nicht unserem Camblak, dessen fruchtbare litterarische Wirksamkeit eigentlich nach Serbien, Rumanien und Rufsland (kam 1406 nach Kiew, 1415-19 Metropolit daselbst) fallt. Seinen Schriften wird nach- geriihmt, dafs er mehr Interesse f ur die Natur hatte, als sein Lehrer Euthymij. Ein Freund des letzteren war auch der Kiewer, spater Moskauer Metropolit Kiprian (gest. 1406), der die neuen geistigen StrOmungen aus dem slawischen Siiden zuerst nach Rufsland verpflanzte. Nach Serbien gelangte als der bedeutendste Vertreter der Trnovoer Schule der Biograph und Grammatiker 128 Konstantin von Kostenec (s. u.). Ihre Orthographie kam am starksten in dem slawischen Schrifttum Rumaniens zur Geltung. Die iibrige Litteratur der mittelbulgarischen Periode besteht mit geringen Ausnahmen aus Ubersetzungen, die wiederum fast ausschlielslich theologischen Schriften gewidmet sind, denn wenn schon in Byzanz um diese Zeit die theologischen Interessen im Vordergrunde standen, so war das in Bulgarien noch mehr der Fali. Ubrigens ist es in vielen Fallen sehr schwer zu bestimmen, was in Bulgarien und um diese Zeit wirklich iibersetzt worden ist; schon unter Joann Alexander bearbeiteten und ver- besserten namlich viele Schreiber altere Vorlagen, Euthymij und seiner Schule gingen aber in der Modernisierung noch weiter, da sie nicht einmal mit dem unter dem genannten Mazen ge- schriebenen Werken zufrieden waren und in den neuen Abschriften wenigstens ihre orthographischen und sprachlichen Reformen an- gebracht wissen wollten. Solche Modernisierungen werden aber ofters als neue Ubersetzungen ausgegeben 97 ), bei denen wohl in den meisten Fallen das griechische Original nicht von neuem eingesehen wurde, wie das fiir einige bezeugt ist, z. B. fiir Johannes Klimax vom Monche Daniel im 14. Jahrhundert; aufser- dem soli die Chronik des Hamartolos eine Verbesserung er- fahren haben, die Fragen und Antworten des Athanasios und die »geistliche Wiese« (= Leimonarion) des Moschos sollen aber neu iibersetzt worden sein. Mit Sicherheit kann man behaupten, dafs die Mehrzahl der Ubersetzungen und auch der Abschriften bedeutender Werke ins 14. Jahrhundert fallt. Fiir den Geschmack und die Bediirfnisse der Zeit sind besonders charakteristisch die fiir Joann Alexander 1345 vom Popen Filip und 1348 vom Popen Lavrentij geschrie- benen Sammelhandschriften mitArtikeln und Werken (15 und 10) theologischen, historischen und belehrenden Inhaltes. Besonders stark sind darin dogmatische und exegetische Artikel und Er- zahlungen iiber die sieben ersten Konzilien enthalten, aus denen man sich iiber die Haresien, die Bulgarien beunruhigten (auch die Lateiner gehen nicht leer aus), unterrichten konnte. Einem grofseren Wissensdurst entsprechen kosmogonische und escha- tologische Aufsatze. Dafs der Zar und seine Umgebung auch historische Interessen hatten, zeigt eine Abschrift des Traktates 129 des Monches Hrabr iiber die slawische Schrift (im Kodex vom Jahre 1348) und eine sehr gewandte Ubersetzung der Chronik des Konstantin Manasses (im Kodex von 1345). Diese versifizierte Chronik, die wie andere poetische Erzeugnisse von den Slawen in Prosa wiedergegeben wurde, ist das einzige historische Werk, das sicher unter Joann Alexander ubersetzt worden ist. Besonderes Lob verdient der Ubersetzer, weil er die Lticken der bulgarischen Geschichte mit Notizen zu den entsprechenden Jahren von der Einwanderung der Bulgaren bis zum Untergang des ersten bulgarischen Reiches auszufiillen suchte. In diese mittelbulgarische Periode gehort auch die Ubersetzung der Weltchronik Symeons »des Metaphrasten und Logotheten« (wahrscheinlich identisch mit Symeon Metaphrastes, dem Bearbeiter der Hagiographien) in jener Fassung, die bereits eine Fortsetzung (von 948—967) durch Ausziige aus Zonaras erfahren hat. Was die theologische Ubersetzungslitteratur im allgemeinen betrifft, so bemerken wir eine grolse Verbreitung von Erzahlungen aus den Paterika, von Traktaten und kleineren Artikeln asketischen und mystischen Charakters. Besonderer Vorliebe er- freuten sich solche Asketen und Mystiker wie Johannes Klimax, Isaak der Syrer, Symeon Neos Theologos und natiirlich Gregorios Sinaites; auch mit Dionysios Areopagites, der altesten Autoritat der Mystik, war Euthymij sehr gut vertraut. Diese Litteratur hangt natiirlich mit der Ausbreitung des Mystizismus in Bulgarien im 14. Jahrhundert zusammen, dem wir auch Erzahlungen damono- logischen Charakters, Visionen und Weissagungen zu ver^nken haben. Von Ubersetzern ist nur noch bekannt der Hieromonach Dionysij, der mit Euthymij bei Theodosij weilte, ein ausgezeich- neter Kenner des Griechischen und Slawischen war und die Heilige Schrift griechisch und slawisch fast auswendig wufste. Er iibersetzte den »Reden« (darunter sechs gegen die Juden) des Johannes Chrysostomos enthaltenden »Margarit«. Von anderen Ubersetzungen sind zu nennen: das Hexaemeron des Severianos von Gabala (slaw. Gevalskyj) 9S ), die Panoplia, das dogmatische Hauptwerk des Euthymios Zigabenos"), die Schriften solcher Mystiker wie Symeon Neos Theologos, Niketas Stethatos, Gregorios Sinaites, Philotheos Sinaites usw. Murko, Geschichte der siidslawischen Litteraturen. 130 In der hagiographischen Litteratur, die sich einer besonderen Vorliebe im 14. Jahrhunderte erfreute, wurden solche Legenden bevorzugt, die von Daemonologie durchdrungen sind oder dem Zeitgeschmack durch Einleitungen, Schlusse, Zitate aus der Heiligen Schrift, Reden der Heiligen und durch ihre Rhetorik uberhaupt entsprachen (z. B. Leben des Symeon Demens, der Theodora, Juliana, Theodosios des Grolsen). Eine einheimische »Erzahlung« erhielten die von dep Lateinern auf dem Athos verbrannten Zographos-Monche (10. Oktober 1276). Unter den iibersetzten Legenden befinden sich auch apokryphe, wie ein Leben der Muttergottes und des heiligen Barbaros. Auffallig viel apokryphes Material enthalt die fiir Anna, die Gemahlin des Žaren Joann Sracimir von Ba>dyn, 1360 geschriebene Sammel- handschrift. die nur auf Frauen beztigliche Legenden und Lob- reden bringt. Apokrvph sind eigentlich auch die neuen ein- heimischen Legenden dieser Periode iiber den Tod Cyrills, iiber die Erfindung des bulgarischen Alphabets (Legende von Thessa- lonike), und iiber das Lehramt Kliments (Ochridaer Legende). Wenn der Pop Jeremija, der Kompilator verschiedener Apo- kryphen, ins 13. Jahrhundert verlegt wird, so ist das nur eine Vermutung; ebenso werden die Ubersetzungen gewisser Apo- kryphen, wie die Fragen des Johannes des Theologen, die Pro- phetie des Jeremias oder die Erzahlung von Lot, auf Grund der handschriftlichen Uberlieferung fiir diese Periode angesetzt. In einer Vision des Propheten Esaias finden wir ein Gemisch von Ereignissen aus der bulgarischen und byzantinischen, teil- \veise auch romischen Geschichte-, das griechische Original der- selben hat offenbar auch Zusatze aus bulgarischen, nationalen Traditionen erfahren. Auffallig schwach sind neue Ubersetzungen aus der welt- lichen Litteratur vertreten, denn aufser den bereits erwahnten Chroniken Symeon des Logotheten und des Manasses ist uber¬ haupt nichts Nennenswertes zu erwiihnen. Der »Pseudo-Zonaras« genannte Nomokanon gehort nicht hierher. Bulgarien spielte nur die Vermittlerrolle beim Ubergang der Sammlung des heiligen Sava von Serbien nach Rulsland. Dagegen sind zwei Originalleistungen auf historischem Gebiete erhalten. Das gegen die Haresien gerichtete Synodikon des Žaren Boril, das 1211 aus dem Griechischen tibersetzt wurde, erhielt zur Zeit der 131 Synoden Joann Alexanders und im 15. Jahrhundert starke Zu- satze, in denen Namen bulgarischer Žaren, Zarinnen, Patriarchen, Bischofe und Bojaren, die sich fiir den orthodoxen Glauben ver- dient gemacht haben, dem ewigen Gedachtnis iiberliefert werden. Das ganze Denkmal ist fiir die Litteraturgeschichte wichtig, denn die erste datierte Ubersetzung des Trnover Reiches ist mit Riick- sicht auf die Kompliziertheit des griechischen Originals sehr geschickt, und die spateren annalistischen Notizen und.Kom- pilationen weisen auf einen hohen Stand der bulgarischen Litteratur hin. Beachtenswert ist im originalen Teil die grofse Zuriick- haltung gegeniiber den einheimischen Haretikern, den Bogomilen, denn nur die dogmatischen, nicht aber die ethischen Unterscbiede von denselben werden angemerkt. Eine hervorragende Arbeit ist das Bruchstiick einer Chronik, die mit dem Auftreten der Osmanen in Asien im Jahre 1296 beginnt und spater bis auf Mohammed I. (1413) fortgeftihrt wurde, wobei namentlich die fiir die Siidslawen verhangnisvolle Zeit von 1371—1409 eine gelungene Darstellung erfahren hat. Der Verfasser, wahrscheinlich eine hoehstehende Personlichkeit der bulgarischen Hierarchie, erzahlt einfach, ohne rhetorischen Ballast und vor allem objektiv ; in dieser Hinsicht kann er den zeitgenossischen byzantinischen Chronisten an die Seite gestellt werden. In der poetischen Prosalitteratur ist eine merkwtirdige Er- scheinung die in der vatikanischen Handschrift der Ubersetzung des Manasses iiberlieferte romantische Trojasage, die aus einer abendlandischen Quelle ohne Zweifel bei den Kroaten an der Adria iibersetzt worden und bereits unter Joann Alexander auf bisher unbekanntem Wege, aber wahrscheinlich iiber Serbien nach Bulgarien gelangt ist. Einheimische Ubersetzungen poetischer Schriften sind fiir diese ganze Periode in Ostbulgarien nicht nachweisbar; dagegen gehoren mehrere nach Makedonien, die von Bulgaren herriihren konnen, aber am besten mit den ilbrigen aus der serbischen Periode Makedoniens im Zusammenhang be- sprochen werden sollen. Vereinzelt steht der Versuch einer sudslawischen Erzahlung von der Ei n n ah m e Trojas da, in die eine chaotische Ver- mengung verschiedener Motive eingeschaltet ist. Der Verfasser derselben beniitzte byzantinische Quellen: den Trojaroman, den Digenis Akritas, die Erzahlung von der Gilo oder Giluda und 7 g* 132 den Kreis der Salomonsagen, doch in einer Weise, dafs man in ihm unmoglich einen schriftgelehrten Griechen erblicken kann. Da in der serbisch iiberlieferten Redaktion offenbare Spuren einiger Bulgarismen bemerkt werden, so schlielst man daraus, dafs der Autor dieser Kompilation rvahrscheinlich ein Bulgare war. Hierher gehort vielleicht noch ein Leben Asops (slaw. Josop), der von einem »Ksathio« als Sklave gekauft wird, im Dienste seines Herrn allerlei Streiche vollfiihrt, den »Žaren« Digin und seine Frau sehr gering einschatzt, dafiir aber von diesem zu seinem Haus- und Hofmeister bestellt und zuletzt durch zwei Neffen, die er glanzend versorgt hatte, in den Tod geschleppt wird, wobei er ihnen eine Strafrede halt. Die aufserordentliche Kurze dieser letzten Episode (in nicht einmal sechs Zeilen), die doch einen Niederschlag der ganzen Geschichte vom weisen Akyrios bildet, und die Kontamination mit dem Helden des byzantinischen Nationalepos, Basilios Digenis Akritas (s. Serbien), der willkurlich zu einem »Žaren« erhoht wird 10 °), zeigen, dafs wir es wohl mit einer bulgarischen Nacherzahlung und Bearbeitung von Geschichten zu tun haben, die sich an Asops Namen kniipften und Maximos Planudes das Material zu seiner Lebensgeschichte des auf diese Weise auch bei den Siidslawen popular gewordenen Fabeldichters lieferten. Diese bulgarische Fassung kann jedoch schon aus einer Zeit stammen, als die Litteratur nicht mehr in den Handen von Schriftgelehrten lag; immerhin war sie schon im 16. Jahrhundert in Rumanien bekannt. Dasselbe Alter weist auch die Ubersetzung einer byzantinischen Umarbeitung der Oedipossage im christlichen Geiste .auf. Von den byzantinischen Florilegien wurden die dem Johannes von Damaskos zugeschriebenen Sacra Parallela, d. h. aus der Heiligen Schrift und aus Kirchenvatern gesammelte Sentenzen, nicht friiher als im 13. und nicht spater als im 14. Jahrhundert in Bulgarien iibersetzt, wobei ein verkiirzter und spaterer griechischer * Text als Quelle diente. In die Epoche des Euthymij fallt eine wortliche, geradezu sklavische Ubersetzung einer der wichtigsten byzantinischen Sammlungen der Spruchweisheit 7 der Melissa des Monches Antonios; doch erfreute sich diese Ubersetzung im Ver- gleich zur russischen keines besonderen Ansehens im slarvischen Siiden (s. unter Serbien). 133 IX. Serbien als Mittelpunkt der kirchenslawischen Litteratur am Ausgange des Mittelalters. i. Geschichtliche Bemerkungen und allgetneine Charakteristik. Am Ende des 12. Jahrhunderts erhielt die kirchenslawische Litteratur einen neuen Mittelpunkt in Serbien, das am Ausgange des Mittelalters auch die politische Vormacht der Balkanhalbinsel bildete, denn das gleichzeitig erneuerte und noch in der ersten Halfte des 13. Jahrhunderts vorherrschende bulgarische Reich wurde durch die Schlacht bei Velbužd (Kiistendil 1330) von dem viel stabileren, durch eine konsequente und energische dynastische Politik gefiihrten Serbien in seine Grenzen zurtick- gewiesen. Uberdies wurde Bulgarien schon 1393 (die Reste 1396) von den Turken vollstandig vernichtet, wahrend Serbien selbst nach der verhangnisvollen Schlacht auf dem Kosovo polje (Amsel- feld 1389) als tlirkischer und dann auch als ungarischer Vasallen- staat (seit 1403) der Litteratur und Kunst noch eine hervor- ragende Zufluchtsstatte bot. Diese Umstande erklaren die Tat- sache, dals vom 13. bis 15. Jahrhundert auch die litterarische Fiihrung auf Serbien tiberging. Als die Komnenen im 12. Jahrhundert auf kurze Zeit die Herrschaft von Byzanz in den slawisch-albanischen Grenzgebieten am Adriatischen Meere wieder hergestellt hatten, waren die kleinen serbischen Dynasten gezwungen, den Schwerpunkt ihrer Bestrebungen in das Innere der Balkanhalbinsel zu verlegen, wo sie in den hohen Gebirgsziigen der byzantinischen Macht mehr entrtickt waren und, den alten Strafsenztigen siidlich und nordlich vom heutigen Montenegro folgend, ihre Blicke auf den Osten richteten, ohne den 'VVesten' aus dem Auge zu verlieren. Den fortwahrenden Kampfen der Teilfiirsten um die Oberherrschaft machte ein Nachkomme der Grofsžupanendynastie von Ras, Stefan Nemanja (Župan als kleiner leilfiirst seit 1159, Grofs- župan ungefahr 1171—1195, starb als Monch Symeon auf dem Athos 1200) ein Ende; der Stammvater der Dynastie der Ne- manjici ist auch der eigentliche Begriinder des serbischen Staates, der in Ras (daher Rascien, heute Novipazar), wo sich 134 die die Adria und Bosnien mit den ostlichen und siidlichen Balkan- gebieten verbindenden Stralsenziige kreuzten, seinen Mittelpunkt hatte und sich naturgemafs liber Altserbien nach dem Siidosten ausdehnte. Doch machte schon Nemanja auch der griechischen Herrschaft in Dioklitien ein Ende und besetzte an der Kiiste Cattaro, Antivari, Dulcigno und Skutari, denen er eine grolse Autonomie beliels. In den erstgenannten einst bulgarischen und spater grofsten- teils wieder byzantinischen Gebieten, die allerdings nur einen orthodoxen Bischof in Ras hatten, sich aber in steter Verbindung mit Saloniki und den Athosklostern befanden, mulste der in seinem Geburtsorte Ribnica (bei Podgorica in Montengro) katholisch getaufte Nemanja orthodox werden (liels sich angeblich im 30. Lebensjahre noch einmal taufen) und die Orthodoxie zur Staatsreligion erheben, um so mehr, als er als byzantinischer Vasall auf den Thron gekommen war (ganz unabhangig wurde er erst nach dem Tode des Kaiser Manuel I. 1180) und seinem Reiche Ziele vorzeichnete, die nur auf Kosten des dahinsiechenden Ost-Rom und des ebenfalls orthodoxen Bulgarien erreicht werden konnten, fiir ein katholisches Serbien neben Kroatien, Ungarn und Venedig aber ohnehin kein rechter Platz vorhanden war. Nemanja verstand es sogar, eine Niederlage, die ihm die Byzantiner bald nach seiner freundlichen Begriifsung der Kreuzfahrer unter Friedrich Barbarossa beibrachten, 1190 durch eine Heirat seines Sohnes und Nachfolgers Stefan (1196 bis 1228) mit einer Tochter des Alexios Komnenos zur Befestigung seines Werkes und des byzantinischen Einflusses auszuniitzen. Seinem Nachfolger kam die Eroberung von Konstantinopel durch die Lateiner (1204) besonders zustatten. Die Orthodoxie stand jedoch noch nicht ganz fest im Lande, denn sein Bruder Vukan, der ihm anfang- lich die westlichen Gebiete streitig machte, befand sich ganz auf der Seite des Okzidents, und Stefan selbst machte eine Schwenkung zu Rom, als er eine Nichte des Dogen Enrico Dandolo heiratete und sich die Konigskrone vom Papste Honorius III. erbat (der erste Versuch scheiterte 1202 an dem Protest Ungarns), mit der er von einem papstlichen Legaten 1217 gekront 101 ) wurde (daher der Erstgekronte; denn die serbischen Herrscher von Dioklitien ftihrten nur vortibergehend den Konigstitel); spatere Nachrichten und Kombinationen liber eine nochmalige Kronung 135 durch Sava sind wenig vrahrscheinlich, namentlich kann aber vofi einer aus Nikaa gesandten Krone keine Rede sein. Dieser Riickfall war jedoch von kurzer Dauer, wenn er iiberhaupt ernst gemeint vran Stefans jiingster Bruder Sava, der sich auf dem Athos ganz den Geist der dortigen Monche angeeignet und selbst seinen Vater Stefan Nemanja, der bereits in dem von ihm gebauten Kloster Studenica (1191 bis 1192) Monch geworden war (1195), dahin gezogen hatte (1197), holte namlich mit Um- gehung des autokephalen Erzbischofs von Ochrida, des bekannten Kanonisten Demetrios Chomatianos, der dagegen im Mai 1220 scharf protestierte, fiir sich selbst die Wiirde eines autokephalen Erzbischofs von Serbien (»aller serbischen und maritimen Lander«) aus Nikaa. Hier fiigten sich der befreundete Kaiser Theodoros Laskaris, mit dem Stefan der Erstgekronte schon friiher Ver- handlungen augekniipft hatte, und der Patriarch (es kann nicht Germanos, sondern Manuel I. gewesen sein) in das unvermeidliche Schicksal schon wegen ihrer Konkurrenten in Epiros und er- wiesen dadurch der Orthodoxie in der Tat einen grofsen Dienst. Schon friiher (1197—1198) hatten Nemanja und Sava auf dem Athos (slaw. Sveta Gora) das von Seeraubern zerstorte Kloster Chilandar wiederhergestellt, eines der malerischesten des Heiligen Berges, das bis in die Tiirkenzeit den geistigen Mittelpunkt des serbischen Volkes bildete. Im Lande selbst vollendete nun Sava Nemanjas Werk als tiichtiger Organisator auf kirchlichem Ge- biete und driickte erst dadurch dem serbischen Reich, seiner Kultur und speziell auch der Litteratur den eigentlichen Charakter auf, obgleich starke abendlandische Einfliisse auf allen Gebieten immer machtig blieben. Auch Stefan der Erstgekronte liefs sich noch auf dem Totenbette zum Monche scheren. Dieser Zug zum Monch- tum fand in der Dynastie der Nemanjici noch ofters Nachahmung. Das Leben Nemanjas und seiner Sohne ist uberhaupt vor- bildlich fiir den Gang der serbischen Geschichte und fiir die Ent- vvicklung der serbischen Kultur. Die orientalische Kirche und die byzantinische Kultur brachten sie zur Herrschaft; sie bauten eifrig Kirchen und Kloster, vernichteten den Bogomilismus mit Feuer und Schvvert und drangten den Katholizismus auch in ihren westlichen Gebieten zuriick, abgesehen von den autonomen Stadten des Adriatischen Meeres 102 ), verstanden es aber trotzdem, ihrem jungen Staate durch freundschaftliche Beziehungen auch 136 im Abendlande Ansehen zu verschaffen und sogar die Papste durch leere Versprechungen in den Dienst ihrer Politik zu stellen, worin sie in ihren Nachfolgern gelehrige Schiiler fanden, nament- lich in Dušan, Serbiens grolstem Herrscher. Charakteristisch ist auch die Tatsache, dafs Nemanja und sein Sohn als Monche die Namen der beiden syrischen Haupt- heiligen Symeon und Sabbas annahmen, also ihre Blicke iiber Byzanz hinaus nach der Wiege des Christentums richteten und West-Rom nicht einfach mit Ost-Rom vertauschen wollten. Darin folgten sie iibrigens alten makedonischen Traditionen (wichtige glagolitische Denkmaler wurden uns nicht zufallig durch das Sinaikloster und durch Jerusalem tiberliefert). Sava baute (nach den Worten seines Nachfolgers Nikodim aus dem Jahre 1319) auch seine Kathedrale (in Žica) nach »dem Muster der Kirche des ruhmvollen Sion und des heiligen Sabbas von Jerusalem« und leitete durch seine Pilgerfahrten nach dem Heiligen Lande die lebhaften Beziehungen der Serben zu Jerusalem, wo Konig Milutin ein serbisches Kloster der Erzengel Michael und Gabriel griindete (1315), und zum Sinaikloster ein. Seinem Beispiele folgend, filhrte 1319 Erzbischof Nikodim das gottesdienstliche Typikon von Jerusalem ein, das dann seinen Weg auch nach Rufsland fand. Auf drese Weise konnte die altertiimliche Kultur und Kunst des Orients durch Vermittelung der Kloster un- mittelbar, ohne Beriihrung von Byzanz, noch spat zu den Siid- slawen vordringen (vgl. das syrische Vorbild der von J. Strzy- gowski veroffentlichten Miniaturen des serbischen Psalters der Mtinchener Bibliothek aus dem 15. Jahrhundert). Im Zusammen- hange damit steht auch die Tatsache, dals in den serbischen Handschriften bis ins 16. Jahrhundert und sogar in den ersten Drucken neben der byzantinischen Weltara haufig die alexandri- nische (versetzt die Inkarnation Christi in das Jahr 5501) vor- kommt, die aulserhalb Afrikas eine grolse Rolle in der historischen Litteratur der Syrer spielte. Als sich Stefan zum Konige kronen liefs, besafs Serbien bereits Lipljan, Prizren und sogar Polog im Siiden der Šar- Planina, also in Makedonien, wohin hauptsachlich die Blicke der spateren serbischen Herrscher gerichtet waren. In dieser Richtung lagen im heutigen Altserbien und in den benachbarten serbischen und albanesischen Gebieten auch die vom heiligen Sava ge- 137 griindeten ersten acht Bistiimer. An der Adria bekamen sie Prevlaka bei Cattaro fur die Zeta (wurde am Ausgang des Mittel- alters nach Cetinje tibertragen) und fur Zachlumien Ston (ital. Stagno) auf der Halbinsel Sabioncello, das dann ins Innere iiber- tragen wurde (die Halbinsel wurde von Dušan und dem Ban von Bosnien 1333 an Ragusa verkauft) und im 18. Jahrhundert seinen Sitz in Mostar erhielt. Dagegen ist es falsch, die Bis- tiimer von Belgrad und von Braničevo im nordostlichen Serbien auf Sava zuriickzufuhren, denn sie stammen schon aus der bul- garischen Periode (s. S. 59, 113), und spater bildeten die Gebiete an der Save (Mačva) und an der Donau lange ein Streitobjekt zwischen Ungarn 103 ) und Serbien. Fiir die Wiege der serbischen Kultur ist bezeichnend auch die Lage der altesten serbischen Kloster (abgesehen vom Chilandar): des heiligen Nikolaus im Tale der Toplica (miindet siidlich von Niš in die Morava); Gjurgjevi Stupovi bei Novipazar, eine Grundung Nemanjas ebenso wie Studenica, nordlich davon am Ibar; Žica . Sitz der ersten Erz- bischofe 104 ), eine Grundung Stefans des Erstgekronten in der Nahe der Miindung des Ibar in die westliche Morava (im siidwestlichen Serbien); Mileševa (gegriindet von Vladislav, der 1234 Konig geworden war und 1237 bereits den Leichnam des heiligen Sava dahin bringen liefs) in der Nahe des heutigen Prijepolje; Dečani, erbaut von Stefan Dečanski 1327—1335, in Altserbien zwischen Ipek und Djakova. Zum Unterschied von den bulgarischen Herrschern hatten die serbischen Konige und Žaren gleich vielen Okzidentalen keine feste Residenz, sondern lebten abwechselnd in den Lustschlossern des Amselfeldes oder in den Stadten Skutari, Ras, Prizren, Priština, und nach der Eroberung von Makedonien in Skopje (Uskiib) und Prilep. Serbien hatte also keine solchen Kulturzentren, wie es Byzanz oder Preši a v und Trnovo waren. Zum Unterschied von Bulgarien war seine geistige und kiinst- lerische Tatigkeit auf dem Athos konzentriert, was seiner Kultur einen spezifisch monchischen Charakter verlieh, der mit den sonstigen Verhaltnissen des Landes nicht im Einklang stand. Das eigentliche Wachstum des serbischen Reiches begann erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts, entwickelte sich aber nicht der geographischen Lage entsprechend nach dem Norden und Nordwesten, denn hier waren die politischen Verhaltnisse nicht giinstig, wohl aber in den fruchtbaren Ebenen Makedoniens. * 138 Schon wahrend der Regierungszeit Stefan Uroš II., genannt Milutin (1282—1321), gewann Serbien den entscheidenden Ein- flufs auf die Schicksale der Balkanhalbinsel; unter Stefan Uroš III. (1321—1331) gewann es bulgarische Gebiete (1330 fiihrte die Grenze bereits zwischen Kustendil und Radomir), im Siiden be- herrschte es das nordliche Makedonien; endlich eroberte Stefan Dušan (mit dem Beinamen Silni = der Starke, 1331—1355) ganz Makedonien bis auf Saloniki, Albanien, Thessalien, Epirus und Akarnanien, liefs sich 1346 in Skopje (Uskttb) zum Žaren (Kaiser) der Rhomaer (Griechen) und Serben kronen (auch die Bulgaren und Albanesen fiihrte er im Titel), erhob den Erzbischof von Pec (Ipek) zum Patriarchen ebenfalls der Serben und Griechen (nur das Erzbistum Ochrida behielt seine Rechte bei), weshalb er vom Patri¬ archen von Konstantinopel mit dem Bann belegt wurde, und starb wahrend der Vorbereitungen zu einem Zuge nach Konstantinopel, dessen Erbe das Ziel aller seiner Bestrebungen bildete. In diesem halbgriechischen Reich, in dem die Serben immerhin die Haupt- macht bildeten, ahmte Dušan, der sich mit Konstantin dem Grofsen verglich, ganz die byzantinischen Einrichtungen nach, was sich namentlich auch in der Verteilung byzantinischer Titel aufserte. Diese Primaten wollten aber auch die Macht, und so verfiel Dušans Reich, dem er keine feste innere Organisation gegeben hatte, gleich nach seinem Tode der Anarchie. Sein neunzehnjahriger Sohn Uroš wurde von den Statthaltern verdrangt und starb 1371 105 ). Mit ihm endete die Dynastie der Nemanjici, ebenso die Konigs- beziehungsweise Zaremviirde, die nach der Auffassung der gelehrten Kreise des 14. Jahrhunderts mit Gottes und des heiligen Sava Segen an sie gekniipft war. So verlor Serbien seine feste Stiitze, als es dieselbe am meisten benotigte; denn zur Zeit der grofsten inneren Wirren trat der tatkraftige Murat auf, der den Plan fafste, das byzantinische Reich durch das ttirkische zu ersetzen. Zrvischen der griechischen und serbischen Kirche erfolgte 1375 eine Aussohnung, wobei im serbischen Patriarchen- titel die Griechen ausgelassen wurden. Die slawischen Gebiete von Dušans Reich zerfielen in drei Gruppen. Die erste bildeten die makedonischen Furstentiimer, die schon in der Schlacht von Černomen an der Marica (1371) ■von den Turken vernichtet wurden; die neuen Herren duldeten aber noch immer drei Vasallen auf einige Zeit, darunter den im 139 Volksliede und in der Sage viel gefeierten siidslawischen National- helden Kraljevič (= Konigssohn, historisch ftihrte er den Titel Konig) Marko, dessen Feste Prilep im nordwestlichen Makedonien lag, bis zu seinem Tode in der Schlacht von Rovine (1394), wo er auf seiten der Tiirken gegen die Rumanen der Walachei kampfte. Ebenso wurden die Tiirken schon friih oberste Herren und schlechte Nachbarn der Gebiete der Zeta (Skutari wurde » 1393—1395 ttirkisch, voriibergehend 1396—1479 venetianisch). Das serbische Reich erhielt sich aber in seinen nattirlichen Grenzen von den Hohen der Šar-Planina und der Črna Gora bei Uskiib bis zur Save und Donau. Die Residenz des vom Volks¬ liede meist als Zar gefeierten Fiirsten Lazar war Kruševac, und von seinen Bauten ragt das Kloster Ravanica (1381) hervor. Der Hauptstofs wurde den Serben durch die Schlacht von Kosovo polje (Amselfeld 1389) versetzt, in der Fiirst Lazar fiel. Seine Nachkommen und die des Vuk Brankovič, der im Volkslied un- richtig die Rolle des Verraters spielt, stritten um reiche und nicht geringe Gebiete herum, bis 1412 eine Wiedervereinigung der- selben stattfand, und verstanden es, die inneren Wirren der Tiirkei immerhin so weit auszuniitzen, dafs sie Serbien in seinen Grenzen vor der Kosovoschlacht wiederherstellten. Sogar die Zeta mit den Stadten Antivari und Budua wurde wiedergewonnen (1423), wahrend die Venezianer Cattaro, Paštrovici, Dulcigno und Skutari behielten. Dieses Reich, das sich im Vasallenverhaltnis zur Tiirkei und die letzten vierzig Jahre auch zu Ungarn befand, hatte in Stefan Lazarevič und in Georg Brankovič noch zwei Herrscher aufzuweisen, die sich unter schwierigen V erhaltnissen bedeutende Verdienste um die Litteratur erwarben. Namentlich ragt der von den Zeitgenossen sogar mit Ptolemaus verglichene Stefan Lazarevič (1389—1427) hervor, der sich den Titel eines Despoten aus Konstantinopel holte (1402), eifrig Handschriften sammelte, sich Schreiber und Illustratoren vom Athos kommen liefs, neue Ubersetzungen veranlafste und in den von ihm ge- bauten Klostern Manasija (1407—1418) an der Resava und in Kalenic beachtenswerte Denkmaler der Architektur und Malerei der Nachwelt iiberlieferte. Die Handschriften der Resavaschule erfreuten sich noch im 17. Jahrhundert eines besonderen Rules. Stefan verlegte die Residenz nach Belgrad (um 1405), Georg baute sich als solche Smederevo (Belgrad wurde ungarischer 140 Besitz und blieb es bis 1521), so dals der Mittelpunkt Serbiens endlich an die Donau gelangte. Nach der Schlacht von Varna (1444) und nach der Einnahme von Konstantinopel (1453) wurde auch s Serbien eine ttirkische Provinz (1459). Ein halbes Jahr- hundert lang (bis 1503) dauerte der Despotentitel noch in Ungarn fort, wohin sich zu wiederholten Malen zahlreiche Serben fliichteten. Nach der Schlacht von Mohacs (1526) gelangten sie auch hier unter die tiirkische Herrschaft; die meisten Erzeugnisse der serbischen Litteratur fanden in den Klostern (manche sind direkte Kopien der in Serbien, z. B. Ravanica) der Fruška Gora in Syrmien (im ostlichen Slawonien), wo im Laufe der Zeit ein serbischer Athos entstand, ihre Unterkunft. Der byzantinische Einfluls machte sich in Serbien, dessen Geschichte hauptsachlich die politischen Beziehungen zu Byzanz ausmachen, sehr stark geltend. Die staatliche, kirchliche, mili- tarische und administrative Organisation, den Glauben, die Litteratur, die Bildung und eine Menge Elemente der materiellen Kultur nahm das serbische Volk aus Byzanz entweder ganz heriiber oder propfte sie seinen nationalen Institutionen und Eigentumlichkeiten auf. Natiirlich blieben auch die Schattenseiten des Byzantinismus nicht aus. Speziell auf den Ftirstenhofen, »wo alle Finessen der byzantinischen Hofintrige und des Verrats, versteckt unter der Maske der Frommigkeit, eingedrungen waren; es fanden Eingang die Eigenschaften des byzantinischen Des- potismus, des grofsen sowohl, der darnach strebte, ein grofses Reich zu schaffen und hierzu jedes Mittel ftir erlaubt hielt, als auch des kleinen, dessen Ideal die feudale Unabhangigkeit in der Provinz war« (Pypin 106 ). Der Einflufs von Byzanz war jedoch nicht ausschliefslich, namentlich auf dem Gebiete der materiellen Kultur nicht. Serbien besafs seit Nemanja eine grofseres Kiistengebiet am Adriatischen Meer von der Miindung des Drin bis etwas nordlich von der Narenta (natiirlich mit Ausschlufs von Ragusa und seines Terri- toriums), namentlich die Hafenstadt Cattaro (eigentlich eine Republik unter serbischer Oberhoheit, ungefahr 1186—1371) und vrurde erst im 14. Jahrhundert durch die Bosnier aus Chulm vertrieben; lebhafte Beziehungen unterhielt es zu Dalmatien, namentlich aber zu Ragusa, das seine Konsuln und Priester (in der Lieblingsresidenz Dušans Prizren gab es zwei katholische 141 Kirchen), Kaufleute (solche gab es auch sonst aus Dalmatien und Italien), Zoll- und Bergwerkspachter, iiberhaupt starke Kolonien im Lande hatte und ihm selbst Finanzminister lieferte 107 ); leb- haft waren auch die Beziehungen zu Venedig und Italien uber¬ haupt, ebenso zu Ungarn; das Land selbst beherbergte auch zahlreiche »sachsische Bergleute«, allerlei fremde Soldner und sogar abendlandische Prinzessinnen. Alle diese Umstande machen es begreiflich, dals okzidentale Einfliisse in Serbien immer machtig waren. Am auffalligsten aufsern sie sich in der Kunst. So fielen namentlich den russischen Forschern die aus dem Ende des 12. Jahrhunderts stammenden Illustrationen des Evangelistars Miroslavs, des Fursten von Chulm (anstofsend an Dalmatien), als »etwas Aufsergevrohnliches« im Schofse der orthodoxen Slawen- welt auf; die byzantinische Komposition ist da, aber es fehlt der damit verbundene byzantinische Stil, die byzantinische Manier 108 ). Im Vergleiche zur Pracht seiner romanischen Ornamentik, die ubrigens auch nationale Elemente enthalten soli 109 ), unterscheidet sich die bulgarische durch Roheit und technische Ungeschick- lichkeit, sucht aber auf rein byzantinischer Grundlage etwas Neues zu schaffen. Noch augenscheinlicher ist die Vereinigung byzantinischer und romanischer Elemente auf dem Gebiete der kirchlichen Architektur, was dadurch begreiflich wird, dafs die Baumeister meistens Dalmatiner waren, unter denen wir selbst einen Franziskaner Vid aus Cattaro finden, der das Kloster Dečani baute. In der Periode der Nemanjici iiberwiegt der romanische Stil (vgl. die Kirchen von Studenica, Arilje, Gradac, Dečani,, auch Žica; andere sind mehr oder weniger verfallen, wie Mileševa), wahrend in dem auf das Donaustromgebiet ein- geschrankten Serbien seit der Mitte des 14. Jahrhunderts die Ruckkehr zum reinen Byzantinismus erfolgt, wobei aber noch immer die au^sere Dekoration den romanischen Stil verni t. Kirchen dieser Art (in Kruševac, Smederevo, Kalenic, Ravanica, Ljubostinja, Rudenica) gleichen einander so sehr, dafs sie ein einziger Meister nach demselben Schema gebaut haben konnte 110 ). Auf dem Gebiete der Kunst wurde also erst das unselbstandige und absterbende Serbien ganz byzantinisch beziehungsweise orientalisch 111 ). Auch in der Litteratur bemerken wir um diese Zeit einen 142 noch engeren Anschluls an den byzantinischen Geist der Er- starrung, der sich sogar auf sprachlichem und orthographischem Gebiete offenbart, denn die von Bulgarien aus angeregten Reformen der Resavaschule waren nur eine schlecht angebrachte unserbische Altertumelei. Besonders auffallig ist aber die Nachahmung der gleichzeitigen potenzierten byzantinischen Rhetorik mit ihrer reich verschnorkelten und ebenso inhaltsleeren Phrasendrechslerei (der dafiir iibliche russische Ausdruck slovopletenie, »"VVortflech- terei«, ist sehr bezeichnend). Das von seinen westlichen Gebieten losgeloste, zwischen Tiirken und Ungarn eingekeilte Serbien klammerte sich begreiflichenveise an seine Eigenart, die es, wie schon zuvor Bulgarien, auf eine engere geistigreligiose Ver- bindung mit Byzanz himvies, wo unter den Palaiologen ohnehin theologische Neigungen im Vordergrunde standen. Ubrigens begann dieser Prozefs einer verstarkten Byzantinisierung Serbiens schon mit den Eroberungen Dušans, der uberdies das serbische Element auch auf dem Athos starker zur Geltung brachte, so dafs die kirchenslawische Litteratur daselbst schon im 14. Jahrhundert fast ausschliefslich einen serbischen Charakter hatte; infolge der inneren serbischen Wirren und der Tiirkennot suchten noch mehr Serben Zuflucht in den Athosklostern, so dafs das russische Pantelejmonkloster, das schon Dušan unter seinen Schutz genommen hatte, und die griechischen des heiligen Paulus, Dochiariu und Grigoriu (nach manchen auch Philoteu), all- mahlich serbisiert wurden. Diese engeren Beziehungen zum Athos, wo das gegen die sLateiner« polemisierende Hesychastentum bltite, mufsten ihre Wirkungen auch auf Serbien austiben. Man sieht schon daraus, wie verkehrt es ist zu glauben, dafs die kiinstlerischen und litterarischen Bestrebungen der letzten Despoten eine »Renaissance« im europaischen Sinne zur Folge gehabt hatten, wenn der serbische Staat nicht von den Tiirken -ver- nichtet worden ware 112 ); wer aber die Reaktion zum Byzan- tinismus als »Renaissance« hinstellen will, treibt zum mindesten einen Mifsbrauch mit dem Worte. Ob okzidentale Elemente in ahnlicher Weise auch in der schriftlichen und mundlichen Litteratur vorhanden sind, bat man bisher wenig beachtet. In den Volksliedern, Sagen und kleinen Erzahlungen sind sie jedoch offenkundig. Ebenso wurden abend- landische Bearbeitungen bekannter Sagenstoffe (Alexander, Tro- 143 janerkrieg) und sogar Ritterromane in den westlichen Gebieten der Serben und Kroaten ubersetzt (s. u.). Die altere Ubersetzungs- litteratur kommt in dieser Frage wenig in Betracht, denn sie wurde einfach aus Makedonien und Bulgarien fertig ubernommen und ibre Sprache den serbiscben dialektischen Merkmalen ent- sprechend (die wichtigsten sind u und e fiir die nasalen Vokale a und e, h als Zeichen fiir e i n e n Halbvokal) verhaltnismafsig nur wenig modifiziert. Die serbische Redaktion altkirchenslawischer Denkmdler (die Evangelistare Miroslavs, ungefahr 1179 ge- schrieben, und Vukans zwischen 1202 bis 1203) weisen noch Reste der Nasale auf, und noch spater erinnern graphische Eigen- tiimlichkeiten (speziell 6 fiir ja) an die Schreiberschule von Ochrida (auch sie gebrauchte t allein) und an ihren glagolitischen Ursprung. Ganz verkehrt ist es, die Anfange der »serbischen Redaktion« auf bekannte Litteraten, etwa auf den heiligen Sava, den Begriinder des serbischen kirchlichen und geistigen Lebens, zuruckzufiihren. Des Unterschiedes zwischen der »serbischen« und »bul- garischen« Redaktion der Litteraturdenkmaler war man sich indes bewufst, denn ofters finden wir Notizen iiber »Ubersetzungen aus der bulgarischen Sprache« oder aus »bulgarischen Exemplaren«, doch war die Miihe der Schreiber dabei nicht besonders grofs, mogen sie noch so sehr iiber die Schwierigkeiten ihrer Arbeit klagen 113 ). Manche Schreiber hielten sich aber selbst im 14. Jahr- hundert noch treu an ihre Vorlage. So schrieb 1330 im Kloster Lesnovo Stanislav ein Synaxarion iiberwiegend bulgarischer (die ersten 68 Blatter serbischer!), zwei Jahre darauf aber ein Menaum serbischer Redaktion (im Auftrag des Wojewoden Oliver) an demselben Orte ab. Durch die serbischen Eroberungen \vurde auch die serbische Biichersprache nach Makedonien getragen, so dafs dieses Land nach seiner bulgarischen Periode auch eine serbische hatte; aller- dings ist dieser Typus nicht immer streng durchgefiihrt, weshalb man auch von einem »makedonischen Mischtypus 114 )« spricht, der aber schon in dem Chilandarer Typikon des heiligen Sava (s. u.) zu finden ist. Wie auch der serbische Name Verbreitung fand, zeigt z. B. die Tatsache, dafs der Metropolit Jakob von Seres (von Dušan 1345 erobert), also im sudostlichen Makedonien, im Jahre 1360 mehrere Biicher nach dem Sinaikloster an »alle 144 Bruci er, die Serben samt den Griechen«, mit der Bitte sandte, sie mogen dieselben in Ewigkeit aufbewahren U5 ). Sogar fiir den »bulgarischen« Erzbischof von Ochrida wurde 1466 in Kratovo ein Nomokanon in »serbischer Sprache« (pisaniemi, srbtskago ezyka) geschrieben 116 ), da die Hauptkirche nur ein griechisches Exemplar hatte, und noch im 16. und 17. Jahrhundert wurde Ochrida meist in das »serbische Land» verlegt, was auch dadurch zu erklaren ist, dals zu Anfang der Tiirkenherrschaft die serbische Kirche der von Ochrida unterworfen war (nach 1459 bis 1557). Die Hauptmasse der serbischen Litteratur bilden Uber- setzungen, aber selbst unter diesen sind Originalarbeiten nicht besonders zahlreich. Selbstandige Leistungen hat Serbien nur auf dem Gebiete der Hagiographie, in den Lebensbeschreibungen seiner Herrscher und Erzbischofe, die aber ihrem Charakter nach eigentlich auch zur Hagiographie gehoren, in der Annalistik, Grammatik und Gesetzgebung aufzuweisen. Die Prosa ist fast Alleinherrscherin, denn selbst poetische Leistungen der Byzantiner werden ihres kiinstlerischen Gevvandes entkleidet. 2. Die liturgische und theologische Ubersetzungslitteratur. Von den Abschriften der Biicher der Heiligen Schrift haben einige wegen ihrer altertiimlichen Merkmale philologische Be- deutung. So geht noch ein im Jahre 1346 fiir Branko Mlade¬ novič, den Vater des Vuk Brankovič, in Borač geschriebener Psalter (samt Zugehor) mittelbar auf eine glagolitische Quelle zuriick. Sehr auffallig ist die grofse Seltenheit alttestamentlicher Biicher m ). Um so beachtenswerter ist daher die Tatsache, dafs das Buch Salomon von einem Monche Gavriil in Chilandar (1412) und die vier Biicher der Konige fiir den Despoten Stefan Lazarevič aus dem Griechischen in der Redaktion Lukians iiber- setzt (1416) und bald darauf von einem Dosithej bei Ljubostinja abgeschrieben (1418) worden sind. Auf liturgischem Gebiete iibersetzte (1319) der Erzbischof Nikodim das Typikon des heiligen Sabbas von Jerusalem aus dem Griechischen (s. S. 135). Nach diesem Typikon wurden dann auch die Synaxarien (kurze Legendenmenaen) und Prologe ein- gerichtet. Dabei ist wichtig die Tatsache, dafs den Serben schon 145 seit dem 13. Jahrhundert russische Heilige bekannt waren, wobei die Bulgaren und die Athoskloster 118 ) die Vermittler spielten. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts wurden auch die Menaen neu iibersetzt und bildeten in dieser besseren Ubersetzung die Grund- lage der ersten Drucke in Rufsland. Eine umfangreiche theologische Litteratur haben die Serben zum grolsten Teil aus der altkirchenslawischen und auch schon aus der mittelbulgarischen Periode iibernommen; orthographische, formelle, lexikalische und stilistische Anderungen und Ver- besserungen wurden dabei den alten Ubersetzungen zuteil, namentlich ausgiebig von seiten der Resavaschule. Manchmal werden von den Schreibern mehrere Texte und sogar das grie- chische Original 119 ) verglichen, aber im allgemeinen bewahrten auch die von den Schreibern geriihmten sneuen« Exemplare ziemlich treu das alte Erbgut. Ganz besonders mufs man aber die Schreibernotizen iiber »Ubersetzungen« kritisch priifen. So sind unter den Ubersetzern manchmal die griechischen aus einer anderen Sprache 120 ) zu verstehen, haufig sind aber nur Ver- besserungen gemeint. So will der Pope Gavriil in Chilandar den Kommentar des 01ympiodoros zum Buche Job iibersetzt haben (1412), aber er vervollstandigte nur die fruhere gekiirzte >un- verstandliche« Ubersetzung aus einem griechischen Exemplar. Besondere Sorgfalt und leider nicht richtig angebrachte Muhe verwendete der Despot Georg Brankovič auf die Lestvica des Johannes Klimax, von der er sich aus Konstantinopel und vom Athos »verschiedene griechische und serbischeExemplare« kommen liefs, und dazu noch »hundertjahrige« schriftkundige Monche vom Athos berief, die unter dem Vorsitz des Metropoliten Sabatij von Braničevo die gewiinschte vollkommene Redaktion herzustellen hatten. In einer Sichtung, Wiirdigung und Verwertung des reichen altserbischen handschriftlichen Materials, namentlich der Sammel- kodizes, aus denen speziell fiir die theologische Litteratur viel zu holen ware, ist man noch nicht iiber die Anfange hinausgekommen. Deshalb ist es besonders schwer, die Frage zu beantworten, in- wieweit die kirchenslawische Litteratur durch Ubersetzungen in Serbien bereichert vrorden ist. Naturgemafs ist die dogmatische und polemische Litteratur der Hesychasten (vertreten sind Gre- gorios Sinaites, Gregorios Palamas, Neilos Kabasilas, Metropolit Murko, Gesckichte der sudslawischen Litteraturen. 146 von Thessalonike, mehrere Artikel gegen Barlaam) hinzugekommen und haufig mit al teren asketisch-mystischen Schriften vereinigt worden. Wir sind zwar iiber die religiosen Stromungen in Serbien wenig unterrichtet, aber immerhin sind einige charakteristische Tat- sachen bekannt. Schiller des Gregorios Sinaites waren auf dem Athos und Paroria auch serbische Monche 121 ); der Hauptvrortfiihrer der Hesychasten, Gregorios Palamas, den natiirlich auch die serbischen Athosmonche unterstiitzten, stand in Beziehungen zu Dušan und wurde von »Serben und Dalmatinern« aus tiirkischer Gefangen- schaft befreit. Doch mufs beziiglich der serbischen Texte der Hesychastenschriften betont werden, dafs Serben auch Schiller der Bulgaren Theodosij und Euthymij waren, dafs ihre bul- garischen Schiller auch nach Serbien kamen (der heilige Romil nach Ravanica), und dafs daher auch hier wenigstens teilweise bulgarische Ubersetzungen zugrunde liegen konnen. Das gleiche gilt auch von der in alteren serbischen Handschriften nicht haufig vertretenen Litteratur gegen die Lateiner, die ja im 13. Jahrhundert von den Byzantinern besonders gepflegt wurde und im 14. Jahrhundert anlafslich der Unionsbestrebungen, die auch in Serbien sehr unpopular waren, ihren Hohepunkt erreichte. Im allgemeinen kann iiber die altserbische theologische Litteratur gesagt w e rde n, dafs sie ihrer Herkunft gemafs einen ganz monchischen, namentlich asketischen Charakter tragt. Man findet zwar bedeutende Werke der Dogmatik und Exegese ver- treten (z. B. des Antiochos Pandekten, eine Abschrift des »belehrenden Evangeliums« des Bulgaren Konstantin aus dem Jahre 1286, der Paraenesis Ephram des Syrers 1337 in Dečani, der Theologie des Johannes von Damaskos zwischen 1354 bis 1375), aber den Lowenanteil tragen in allen handschriftlichen Sammlungen die Asketik und Mystik 132 ), die Hagiographie und die geistliche Beredtsamkeit davon. Auf den ersten drei Gebieten ist eine starke Bevorzugung der Monche von Syrien 123 ), speziell des Sabbasklosters, des Berges Sinai 124 ) und des Athos augen- scheinlich. Unter den Homileten sind zahlreiche altere und jiingere (bis auf Gennadios, den ersten Patriarchen von Konstantinopel in der Tiirkenzeit) Namen sehr haufig vertreten, doch eine alle weit iiberragende Stellung nimmt auch in der altserbischen Litteratur Johannes Chrysostomos ein: seine Reden sind in mehreren grofseren Handschriften (darunter datierte aus den 147 Jahren 1286, 1344 125 ) und in zahlreichen Sammelkodizes vor- handen. Die Fastenreden wurden 1451 auf dem Athos »aus der Sprache von Hellas in unsere slowenische abgeschrieben«, aber es ist fraglich, ob damit eine neue Ubersetzung gemeint ist. Von den griechischen Ausziigen des Chrysostomos werden ausdriicklich »Apanfismata« des Symeon Metaphrastes 126 ) genannt. Die Ho- milien iiber die Genesis, die ja einen vollstandigen Kommentar der- selben bilden, wurden als Sestodnevnik (Hexaemeron) unter Stefan Lazarevič auf dem Athos (im Pauluskloster) iibersetzt m ) (1426) und fanden grofse Verbreitung in der orthodoxen Slawenwelt. Dadurch wurde der Sestodnev des Joann Exarch von Bulgarien beiseite geschoben; derselbe wurde zwar auch bei den Serben abgeschrieben (auf Athos 1263 von Theodor Gramatik fiir den Biographen Domentijan), war aber fiir sie wie fiir die Russen offenbar zu hoch. Unter demselben Namen Sestodnevnik waren auch Reden Basilios des Grofsen (6) und Basilios des Jiingeren, des Erzbischofs von Kaesarea (9 Reden), im Umlauf. 3. Ubersetzungen auf dem Gebiete der vveitlichen Litteratur. Von der weltlichen Litteratur der Byzantiner haben auch die Serben wenig iibernommen, obgleich bei ihnen ein geringer Fortschritt zu verzeichnen ist. Am starksten war auch bei ihnen das Interesse fiir die Chroniken, was namentlich seit dem 14. Jahr- hundert begreiflich wird, als das serbische Reich grofse Er- oberungen in byzantinischen Gebieten machte. Die bei den Slawen am meisten verbreitete Monchschronik des Georgios Hamartolos wurde bei den Serben noch einmal iibersetzt (immer- hin verraten die Handschriften noch nicht aufgeklarte »mittel- bulgarische Spuren«), und diese unter dem Titel Letovnik ein- hergehende Ubersetzung beruht nach der Behauptung russischer Forscher auf einem ganz verschiedenen griechischen Original. Unter solchen Umstanden haben wir den interessanten Fali vor uns, dafs die alte bulgarische und neue serbische Ubersetzung bei den Serben gleichzeitig verbreitet waren; denn im Jahre 1386 wurde im Chilandarkloster ein alter Letopisec und 1387 in seiner Nahe am Athos, im Pauluskloster, ein Letovnik abge¬ schrieben. Fiir die Wirkungen der Chronik des Georgios Hamar¬ tolos ist es bezeichnend, dafs bei den Serben die altesten ein- 10 * 148 heimischen Annalen an sie angeschlossen wurden. Jedenfalls im 14. Jahrhundert (nur die Jahreszahl 1334 ist sehr zweifelhaft) wurde die Chronik des Johannes Z o nar a s tibersetzt, die in bezug auf den reichlichen Stoff und die selbstandige Bearbeitung der Quellen zu den besseren Leistungen dieses Zweiges der byzantinischen Litteratur gehort. Interessant ist es, dals der Uber- setzer (oder wenigstens einige Abschreiber) die alten Daker mit den Serben identifizierte, Decebalus als »serbischen Herrn« bezeichnete und Licinius zu einem »Serben der Herkunft nach« stempelte, dagegegen unter den nach Morea vorgedrungenen Skl a vi ni (= 2-z.I.a^rjvoi) den alten einheimischen Namen der Slawen nicht erkannte. Ftir den Stand der serbischen Bildung zu Anfang des 15. Jahrhunderts sind beachtenswert die Klagen eines Athosmonches Grigorij (aus dem Jahre 1408), der vom Despoten Stefan Lazarevič eine Ubersetzung des Zonaras zum Abschreiben erhielt, aber bemerkte, ihr Text sei infolge »vieler Abschriften«, oder weil sie von »rohen Bauern« abgeschrieben wurde, ganz verdorben; er wollte ihn daher verbessern, fand aber weder Herodot noch Xenophon, weder Arrian noch Dio noch die Werke des Eusebios Pamphilos, Theodoretos und Niketas vor, um aus ihnen als Quellen des Zonaras das Richtige zu schopfen. Er mufste sich daher auf Georgios Hamartolos beschrdnken und mit Zuhilfenahme seines Textes, welcher mit dem des Zonaras ohnehin sehr nahe verwandt ware, die Uber¬ setzung des Zonaras korrigieren. Die starken Kiirzungen, be- ziehungsweise Auslassungen, die gewifs erst in Serbien vor- genommen worden sind, scheinen jedoch nicht auf diesen Grigorij zuriickzugehen. Uber Geographie und Astronomie wurden den Serben sogar bessere Kenntnisse vermittelt, als sie im allgemeinen in Byzanz tiblich waren, denn eine aus dem Ende des 15. Jahrhunderts mit Bildern uberlieferte Schrift 128 ) bringt Wissenswertes liber die Erde und die Himmelskorper ohne kirchliche Ausdeutungen und Polemik gegen die alten Systeme (die Kugelgestalt der Erde wird ausdriicklich verteidigt). Etwas alter und von den spateren russischen Hausarzneibiichern abweichend ist eine medizinische Schrift 129 ), die deutlich ihre griechische Herkunft verrat und viele Anklange an Hippokrates bietet. Horoskope und ahnliche Produkte des Aberglaubens sind stark vertreten. Naturwissen- 149 schaftliche Kenntnisse vermittelte ein neu iibersetzter P h y s i o - 1 o g u s, neben dem die alte bulgarische Ubersetzung auch bei den Serben erhalten blieb. In der Ubernahme byzantinischer Rechtsbiicher spielt Serbien eine wichtige Rolle unter den orthodoxen Slawen. Der heilige Sava begnugte sich nicht mit dem aus den Zeiten Methods stammenden Nomokanon, sondern fiihrte in Serbien eine Synopsis der Kanones mit den Erklarungen des Aristenos und Zonaras nnd das Gesetzbuch des Kaisers Bašilios I. vom Jahre 879, das Prochiron (Gradskyj zakon = o ngo^eigog vouog ), ein. Diesen Nomokanon, der eine weitere Verschmelzung des kirchlichen und \veltlichen Rechtes bedeutete, konnte Sava in Thessalonike in einer Ubersetzung vom Ende des 12. oder vom Anfange des 13. Jahrhunderts bereits vorgefunden haben, wahrscheinlich ist es jedoch, dafs er selbst die Ubersetzung anfertigen liefs, denn die Bulgarismen beziehungsweise Makedonismen einiger Hand- schriften sprechen durchaus nicht dagegen, da sie ali en Anfangen der serbischen Litteratur eigen sind. Im 14. Jahrhundert wurde irgendwo in Serbien auch eine neue Ubersetzung wenigstens einiger Kanones der apostolischen Vater und der Konzilien nach dem vollstandigen Text, teilweise mit dem Kommentar des Zo¬ naras, iibersetzt. Savas Nomokanon kam bald nach Bulgarien (1262 wurde daselbst eine Abschrift fur Kiew angefertigt) und nach Rufsland (Kormčaja von Rjazant 1284), wo er noch heute als 48. Stiick der kirchlichen Gesetzessammlung gedruckt \vird. Unter dem Žaren Dušan wurde ein alphabetisch geordnetes Hand- buch des Kirchenrechtes, das Syntagma des Monches Matthaios Blastares aus Thessalonike bald nach 1335 iibersetzt (vor- handen in einer vollstandigen und einer abgekiirzten Redaktion). Auf Dušans Initiative wird auch eine kiirzere Redaktion des Ge- setzes des Kaisers Justinian zuriickgefiihrt. Aufserdem gehen mit seinem Gesetzbuch (s. u.) mehr als zehn Bestimmungen aus dem »Agrargesetz« einher. Uberdies gibt es eine in das 14. Jahr¬ hundert fallende Kompilation, die mittelbar aus der Ekloga, aus dem Prochiron und dem Handbuch (inavciycoyrj) Basilios’ I. ge- schopft ist und einheimische Einschiibe aufweist. Beziiglich der aus Byzanz geholten poetischen Erzeugnisse ist es in einigen Fallen schwer zu bestimmen, ob sie gerade hierher gehoren; aber es unterliegt keinem Zweifel, dafs die 150 meisten seit dem 14. Jahrhundert und hauptsachlich in den makedonisch - serbischen Grenzgebieten iibersetzt worden sind. Fiir diese Lokalisierung sprechen sprachliche, in spateren Ab- schriften haufig nur durchschimmernde Merkmale und der Um- stand, dals in diese Periode eine starkere Bertihrung mit dem griechischen Element fallt, ohne welche besonders die am meisten vertretenen Ubersetzungen aus der vulgar-griechischen Litteratur unverstandlich waren. Gemeinsam ist ihnen auch das Merkmal, dafs die Versdichtungen in freien Prosabearbeitungen wieder- gegeben wurden; zum mindesten gilt das fiir diejenigen Falle, in denen man bisher darauf geachtet hat. Von der alteren hellenisierenden Profanpoesie ist nur das umfangreichste Werk des GeorgiosPisides, das Hexaemeron, ein philosophisch-theologisches Lehrgedicht iiber die Erschaffung der Welt mit zahllosen Beziehungen auf die Zeitgeschichte (erste Halfte des 7. Jahrhunderts), bekannt. Von den jiingeren fand Beachtung die an die Scheide des 11. und 12. Jahrhunderts fallende Dioptra (slaw. Zrtcalo = Spiegel), ein den Streit zwischen Seele und Leib behandelndes Erbauungsgedicht (in fiinf Biichern, also samt den »Klagen«) des Monches Philippos Soli- tarius. Etwas Unbekanntes ist eine dogmatische Panoplia, »Verse des Georgios Pamphilos« (Chilandar Nr. 216). Mehr Anklang fanden die vulgar-griechischen Vers- und Prosadichtungen. Das trockene, fiir byzantinische Zustande je- doch sehr bezeichnende Lehrgedicht Spaneas, in welchem Alexios, der Sohn des Kaisers Johannes Komnenos, seinen Neffen unterweist (vor 1142), ist in einer schlecht iiberlieferten kirchen- slawischen, auf Makedonien hinweisenden Ubersetzung und in einer freien serbischen Bearbeitung erhalten, in der die poetische Farbung ganz vernichtet ist, so dafs sie den Eindruck eines ganz schmucklosen prosaischen Auszuges macht, der aber schon in einem griechischen Original vorhanden gewesen sein kann. Vielleicht schon in die altbulgarische, wahrscheinlich aber erst in diese Periode 130 ) ist eine Ubersetzung des byzantinischen Nationalepos Basilios Digenis Akritas zu verlegen, iiber die sichere Angaben unmoglich sind, weil sie nur in einer spaten russischen Bearbeitung (Taten des schonen De v g eni j) erhalten ist. Es bleibt daher auch fraglich, imviefern das vorauszusetzende siidslawische Original von den bisher bekannten griechischen 151 Fassungen abwich. Im Vergleich zur byzantinischen Epopoe, vrelche die Kampfe des Akriten (Grenzwachter) Digenis mit den Sarazenen und Apelaten (Raubrittern) zum Gegenstande hat, sind in der slawischen Fassung die historischen und genealogischen Tatsachen stark verwischt, dafiir aber viele marchenhafte Ziige eingefiihrt; das erotische Element tritt so sehr zuriick, dafs nichts ti brig bleibt. was tiber die Grenzen der ehelichen Liebe hinaus- geht; dafiir wurde aber das christliche Element in den nicht zwischen Sarazenen und Griechen, sondern zwischen Muselmanen und Christen stattfindenden Kampfen sehr verstarkt. Mit den slawischen Lenorensagen hat der Akritenkreis nichts zu tun. Auch der Porikologos (das ist Obstbuch), eine kleine Prosaerzahlung, in der vor einer Versammlung von Baumfriichten der Traube Prozels gemacht wird, liegt in einer geschickt nationalisierten Ubersetzung vor, deren Titel »Martyrium des seligen Grozdij« (Grozd = Traube ist im Slawischen mannlichen Geschlechtes) sehr ernst klingt, im Texte aber um so gemiitlicher aussieht, als die Parodie des verwickelten byzantinischen Amter- apparates etwas eingeschrankt worden ist. Hauptsachlich nach Makedonien fiihren uns im Vergleich zu friiheren Zeiten besonders zahl- und umfangreiche Sammlungen von Sentenzen, die nicht blofs aus der Bibel und den Kirchen- vatern, sondern auch aus der antiken Litteratur geschopft waren, so dafs wir darin einigen Ersatz fiir den ganzlichen Mangel an philosophischen Werken finden. Vor allem sind zu nennen die Sentenzen des griechischen Komodiendichters Menander, deren Ubersetzung einer griechischen Vorlage entstammt, die alpha- betisch nach den Anfangsbuchstaben der Verse geordnet war. Dafs ein derartiges Werk in verschiedenen Redaktionen vorkam, zeigt auch hier die ins 13., vielleicht schon in das Ende des 12. Jahrhunderts fallende slawische Ubersetzung, die ungefahr hundert im Griechischen bisher nicht aufgefundene Verse ent- halt. Von Menander selbst war allerdings schon im Original wenig iibrig geblieben; noch mehr wurde aber die ganze heriiber- genommene antike Weisheit durch den Cbersetzer verwischt, welcher der Wiedergabe feinerer philosophischer Begriffe oder poetischer Redewendungen nicht gewachsen war; namentlich fehlten ihm Worte fiir abstrakte Begriffe, so dafs er oft einen einzigen Ausdruck fiir drei oder vier griechische anwendet. 152 Unter dem Titel »Filosofija« sind in einer aus Makedonien stammenden Handschrift eines Popen Dragolj und auch sonst pro- saische F1 o r i 1 e g i e n iiberliefert, deren Herkunft und Zusammen- setzung ein schwieriges Kapitel der Litteraturgeschichte des orthodoxen Slawentums bildet. Auf jeden Fali lehrt die Kom- pilation des Popen Dragolj, dals schon im slawischen Suden zum Teil sehr alte Ubersetzungen verschiedener Florilegien das Material zu neuen derartigen Werken lieferten. Auch Sammlungen von Spriichen Sirachs (die alteste in dem sogenannten Sbornik Svjatoslavs von 1076) und Salomos zeigen, dals die slawische Litteratur nicht blofs durch Ubersetzungen, sondern auch durch NeuschSpfungen, allerdings nach dem'Muster der byzantinischen Florilegien, bereichert wurde. Stark verbreitet war im slawischen Suden auch eines der bedeutendsten byzantinischen Florilegien, die aus dem 11. Jahrhundert stammende Melissa (slaw. Peela) des Monches Antonios; doch ist ihre Ubersetzung im siidlichen Rufsland in vormongolischer Zeit angefertigt worden und kam nicht spater als im 14. Jahrhundert, wahrscheinlich durch bul- garische Medien, zu den Serben. Auffallig ist die Ubersetzung des Florilegiums eines der heidnischen Philosophie so nahe- stehenden Schriftstellers wie Euagrios, der gar nicht heilig oder hochehnviirdig, sondern direkt der Philosoph genannt wird. Speranskij 1S1 ) sieht darin einen Reflex des Interesses fiir die alte Philosophie, das fiir die religiosen Stromungen Bulgariens im 14. Jahrhundert charakteristisch ist. Da das Werk jedoch in einer einzigen und rein serbischen Handschrift erhalten ist, so kann es sehr gut in die serbische Periode Makedoniens fallen, wohin die byzantinische Fruhrenaissance auch ihre Wellen schlug. Allerdings fiel die durch dieses und andere Florilegien aus- gestreute Saat des klassischen Altertums weder bei den Siid' slawen noch bei den Russen auf fruchtbaren Boden, denn hier bildeten die Florilegien keine Schulbiicher wie in Byzanz, sondern standen in einer Reihe mit der iiblichen Lekture der Legenden, Apokryphen und orientalischen Erzahlungen. Die Erinnerung an das klassische Altertum ist in der slawischen Uberlieferung der Sentenzen auch dadurch verwischt worden, dafs die Namen ihrer Urheber durch allgemeine Aus- drticke, wie »ein Philosoph« oder »jemand sagte«, ersetzt oder ganzlich fallen gelassen vrarden. So ging der charakteristische 153 Unterschied zwischen gelehrten Zitaten und den Sprichwortern iiberhaupt allmahlich verloren. Dazu kamen ausgesprochene Sprichworter der mittelalterlichen Griechen durch homiletische Werke, in denen sie ja zu allegorischen theologischen Deutungen allzu stark herangezogen wurden, dureh Sammlungen wie die des Maximos Planudes und natiirlich auch auf miindlichem Wege zu den Slawen. Fur die Russen wurde das schon an sicheren, wenn auch nicht besonders zahlreichen Beispielen nachgewiesen 182 ), ftir die Siidslawen ist es bei den innigen Beziehungen zu Byzanz selbstverstandlich. Nur darf man beim Vergleichen der mittel- und neugriechischen Sprichworter mit der Volksweisheit der Slid- slawen die Ahnlichkeit in der Form nicht iiberschatzen. Krum- bachers 1SS ) Einteilung der Sprichworter in zwei verschiedene Gruppen. eine griechisch-orientalische, in welcher die anekdotische, auf den einzelnen Fali zugeschnittene Form vorherrscht, und eine abendlandische, welche die betreffende Wahrheit in Form eines allgemeinen Satzes enthalt, hat sich iiberhaupt nicht bewahrt, da die anekdotische, auf den einzelnen Fali bezogene Ausdrucks- weise bei allen Volkern die urspriingliche gewesen und erst all¬ mahlich der allgemeinen Sentenz gewichen ist 1S4 ). Dieser Weg war schon dem klassischen Sammler der traditionellen Litteratur der Serben, Vuk St. Karadžic, klar, der in der Vorrede zu seinen »Serbischen Volkssprichwortern« 135 ) den Unterschied zwischen »echten Sprichwortern« und »vielen kleinen Erzahlungen« genau beobachtet und darauf hingewiesen hat, dafs die Sprichworter aus solchen Erzahlungen entstanden sind. Unbekannt sind die griechischen Originale einiger in serbischer Redaktion vorkommender Erzahlungen. Durch ihre Schonheit ragt hervor die von der Wirtin Theophano, die eine historische Grundlage besitzt, und die Verschworung des Johannes Tzimiskes und anderer Unzufriedener gegen den Kaiser Nikephoros II. Phokas (963—969) schildert, aber ganz im Tone des Volksmarchens und alles Ungluck Theophano, der Frau des Phokas, zuschreibend. Auf- fallig stark sind auch hier orientalische Stoffe vertreten, nament- lich jiidische, deren wir in einer noch Bulgarismen verratenden Handschrift, die ebenfalls aus Makedonien stammen konnen, gleich drei finden. Nach einer aus einer »Chronik« geschopften »Geschichte vom treuen Dienst« diente »einem Manne Nevrod (Nimrod?) im Lande Evus* ein Mann durch fiinfzig Jahre 154 ohne den versprochenen Lohn. Da ging er zu einem Magier in einer Wustenhohle, um ftir sich, eine sitzengebliebene Jung- frau, sieben Manner und eine grofse Eiche am Wege, die ahn- liche Schmerzen hatten, Rat zu holen. Weil sie alle ihre Fehler aufrichtig beichteten, so brachte ihnen dies Gliick. Einen ahn- lichen moralisierenden Inhalt hat »die Frage eines Konigs Jus (das ist Joas 136 )), der in Israel und Samaria herrschte, an einen Philosophen Josip« (Josef). Der genannte Nachfolger Ahabs meinte, dafs von allen Verbrechen nur der Mord oder die Ver- treibung eines Konigs — in der Geschichte Israels gab es dafiir genug Beispiele — ohne Begrlindung sei. Josef widerlegt ihn mit dem Hinweis auf Saul und Ahab und erzahlt ihm zur Be- kraftigung eine Fabel, wie sich der Bar, Wolf und Eber im Land teilten und den Kater, Fuchs und Igel ih Dienst nahmen, dann aber, trotzdem sie die starkeren Tiere waren, durch die Schlau- heit des Fuchses umkamen, weil auch sie sich vom Neid, dem Ursprung alles Ubels, leiten liefsen. Die Fabel, die an das serbische Volksmarchen vom Baren, Schwein und Fuchs sehr stark erinnert, ist ein interessanter Beitrag zur Geschichte von der Herkunft des Zyklus vom Reineke Fuchs. Die »Erzahlung aus alten Buchern von Asa, Konig in Juda, dem fiinften nach David«, bringt eine vollstandige Genealogie dieses Weiberfeindes, der drei die Frauen verherrlichende Verse aus dem Gottesdienst entfernen liels und dafiir hart biifsen mufste. Diese Erzahlung, die eine offenkundig altere und viel schonere Redaktion — solcher Falle gibt es mehrere — der abendlandischen Sage vom Kaiser Jovinianus in den Gesta Romanorum reprasentiert, gehort eigent- lich zu der bei den Serben sehr stark verbreiteten apokryphen Litteratur, da sie an einer Person des Alten Testamentes haftet und sich direkt als >vom Konig selbst geschrieben« hinstellt. Auch fiir die lange nur aus der russischen Litteratur bekannten »Z wolf Traume des Konigs (von Jericho) Sakyš« (auch Šahinšah, Sahaiša, Tankiš), die ihm der Weise Mamer deutet, wurde die (von A. N. Veselovskij vermutete) Vorlage in zwei altserbischen Handschriften gefunden, von denen eine auf eine bulgarische zuriickgeht. Alle diese Geschichten zeigen, dafs der »weise Akyrios« nicht vereinzelt in der kirchenslawischen Litteratur da- steht; auch braucht rvenigstens fiir alle nicht eine griechische Quelle vorausgesetzt zu werden, denn auch auf diesem Gebiete 155 konnten sich die Athosmonche ihre Vorlagen direkt aus Palastina oder vom Sinai holen 7 ja einzelne Ubersetzungen konnen make- donische und serbische Monche sogar aus anderen Sprachen an- gefertigt haben. Noch naher liegt aber die Moglichkeit einer Vermittelung durch die am Balkan angesiedelten Juden. 4. Originalleistungen auf dem Gebiete der geistlichen und weltlichen Litteratur. Nicht umsonst schweigen die serbischen Quellen von der Vergangenheit Serbiens vor Stefan Nemanja, die ihnen als heid- nisch und haretisch erschien; erst der konsolidierte und ortho- doxe serbische Staat brachte dem Lande Herrscher und Heilige, die man nicht blofs in kirchlichen Lobreden und Gesangen, sondern auch in Biographien feierte, welche allerdings meist fiir Menaen und andere Kirchenbticher bestimmt waren. Auf diesem Gebiete finden wir daher originelle Leistungen, die sich natiir- lich auch an die byzantinischen Muster anschlossen, und sogar ausgepragte litterarische PersOnlichkeiten. Nemanjas beide Sohne, die sein Werk auf staatlichem und kirchiichem Gebiete vollendeten, sind auch die ersten serbischen Schriftsteller. Der Zeit und auch Bedeutung nach gebiihrt der Vorrang dem jiingsten Sprossen des Begriinders der Dynastie der Nemanjici, dem heiligen Sava (nach 1171—1236). Der schwarmerische Jiingling Rastko, der von einem Monche des russischen Pantelejmonklosters von dem Leben auf dem Athos gehort hatte, entfloh im 17. Lebensjahre in d as genannte Kloster, das er dann mit Watopadi vertauschte, wohin ihm nach fiinf Jahren auch sein Vater bereits als Monch mit einigen seiner Mitarbeiter folgte. Mit ihren eigenen Mitteln und der erbetenen Unterstiitzung Stefans des Erstgekronten stellten sie das zerfallene Kloster Chilandar als serbische Lawra (nahm dem Range nach die vierte Stelle unter den Athosklostern ein), fiir die Sava das kaiserliche Privilegium personlich in Konstantinopel 1198 erwirkte, wieder her; sie solite nicht blofs zur Aufklarung ihres Vater- landes, sondern auch zur Verbreitung des wahren Glaubens in seinem (iiberwiegend katholischen) »Westen« dienen, was einen Lieblingsgedanken Savas auf dem Athos bildete. Das asketische Leben daselbst konnte ihn jedoch nicht dauernd fesseln, um so 156 mehr, als die Athoskloster voriibergehend unter die Herrschaft des Papstes gerieten. Im Jahre 1207 folgte er dem Rufe seiner Briider, er moge ihre Thronstreitigkeiten schlichten, und brachte den »unversehrten Leichnam« seines Vaters nach Studenica, wo er als Igumen nicht blofs das Klosterleben hob, sondern auch seinem regierenden Bruder mit Rat und Tat zur Seite stand. Anlafslich der Heirat Stefans mit einer Venetianerin begab er sich wieder nach dem Athos, kehrte aber aus Nikaa als autokephaler Erzbischof Serbiens zurtick (um 1220) und widmete in seiner Residenz Žica alle seine Krafte der Hebung der Orthodoxie und der Organisation der serbischen Kirche. Im Jahre 1229 unter- nahm er eine Pilgerreise nach Palastina und besuchte nach Niederlegung seiner hohen Wiirde (1233), die ihm unter den streitenden Neffen zur Last wurde, wieder das Heilige Land, Alexandria und die agyptischen Wtisten, zog nach abermaligem Aufenthalt in Jerusalem iiber Babylon auf den Sinai, kehrte iiber Jerusalem, Antiochia, Armenien und Anatolien nach Europa zuriick und starb in der bulgarischen Residenz Trnovo (14. Januar 1236). Im folgenden Jahre wurden seine Reliquien nach Mileševa gebracht, doch wurde dieses Heiligtum der siidostlichen Herze- gowina am Ende des 16. Jahrhunderts von den Tiirken geraubt und vor Belgrad verbrannt. Savas Bedeutung fiir die serbische Kultur liegt in seiner kirchlichen Organisationstatigkeit, seine Verdienste als Schrift- steller wurden jedoch lange uberschatzt, seine Hauptleistungen allerdings auch unterschatzt. Zuerst (1199) schrieb Sava ein im Original erhaltenes Typikon fiir die zu Chilandar gehorige Ein- siedlerzelle des heiligen Sava von Jerusalem in »Kareje« (Karyas, serbische Ubersetzung: Orahovica), das wahrscheinlich eine Uber- setzung ist, wie die Typika der Kloster Chilandar und Studenica. Sava holte sich das Original fiir diese aus dem gut organisierten Kloster der Muttergottes derWohltaterin ( Geotovcov ztjgEvegpezidog) in Konstantinopel, in dem er abzusteigen pflegte, und liefs ab- sichtlich nur den zweiten, auf das Klosterleben beziiglichen Teil ubersetzen, da ein eigentliches Typikon mit der gottesdienstlichen Ordnung offenbar bereits in einer Ubersetzung vorhanden war. Der Ubersetzer war seiner Aufgabe nicht gevrachsen, er ver- wechselte gleichlautende Worte, kannte die altkirchenslavvische Sprache nicht gut und brachte volkstumliche Elemente hinein, 157 aber nicht rein serbische, sondern bulgarische oder makedonische. Ein grofserer Einschub (im I. Kap.) mit Zitaten aus dem Evan- gelium und dem Apostolos sowie die Korrekturen sind wahr- scheinlich Savas Werk und wiirden beweisen, dafs er mit dem Kirchenslawischen ziemlich gut vertraut war. Der spatere Text von Studenica soli dem griechischen Originale sogar naher stehen. Das bezieht sich aber nur auf die iibersetzten Bestandteile, denn das Typikon von Studenica erhielt im Vergleich zu seiner ur- spriinglichen Zusammensetzung eine wesentliche Bereicherung durch die Biographie seines Ktitors, des heiligen Symeon, der schon ein Jahr nach seinem Tode auf dem Athos kanonisiert worden war. Sava unterzog sich damals der Aufgabe, das nicht be- kannte Officium fiir seinen Gedenktag zu schreiben, und widmete ihm auch zwei kurze Kapitel (II., III.) in dem Typikon von Chilandar, die er in dem von Studenica erweiterte. Diese Bio¬ graphie wurde spater als selbstandige Lekture abgetrennt, doch sind die Spuren des urspriinglichen Zusammenhanges nicht ver- wischt. Wahrscheinlich bildete auch die Stiftungsurkunde von Studenica urspriinglich ein Kapitel seiner Klosterregel, wie das in den byzantinischen Stiftungstypiken der Fali war. Sava beschrieb (wahrscheinlich bald nach 1207 und vor 1215) sehr kurz das gottgefallige »Leben« des Monches Symeon, nicht des verdienstvollen Herrschers Stefan Nemanja, iiber den nur nebenbei einige Nachrichten abfallen; doch kamen darin auch seine kindlichen Gefiihle stark zur Geltung, wie iiberhaupt seine ganze Darstellung trotz biblischer Zitate und Vergleiche natiirlich, schlicht und gar nicht legendarisch ist; die vor anderen Biographien sie auszeichnenden genauen chronologischen Daten sind jedoch als spatere Zusatze wertlos 137 ). Auf Originalitat machte der erste serbische Schriftsteller keinen besonderen Anspruch, denn er nahm eine Stelle aus seinem Typikon von Kareje, zwei Drittel des Textes der Goldbulle von Chilandar (1198—1199) und mehrere Stellen und Phrasen aus dem Typikon von Chilandar und mittelbar aus seinem griechischen Originale heriiber. Die sonstige Rolle Savas in der serbischen Litteratur charak- terisiert die Nachricht, dafs er sich »viele Gesetzbiicher und solche iiber die Verbesserung des Glaubens« vor der Besitznahme seines Erzbistums in Thessalonike abschrieb. Bekannt ist sein »Nomokanon« mit der Ubersetzung des Prochiron (S. 149). Die nicht 158 besonders reichhaltige serbische Epistolographie leitete ebenfalls Sava mit einem Sendschreiben aus Jerusalem an den Igumen von Studenica Spiridon ein, dem er verschiedene Andenken aus dem Heiligen Lande iibersendete und seine Reise nach Alexandria und dem Sinai ankiindigte. Bald nach Sava schrieb (Ende 1214 oder Anfang 1215) Stefan der Erstgekronte das Leben 138 ) desselben Monches Symeon, aber auch »des frtiheren Unterweisers und Lehrers, des Herrn und Selbstherrschers seines ganzen serbischen Vaterlandes und des Kiistengebietes«. Dementsprechend bietet uns der alteste Sohn und Nachfolger auf dem Throne eine wirkliche und inhalts- reiche, allerdings ganz kirchlich gefarbte Biographie, die auch einfach und klar geschrieben ist, aber der weniger gelehrte Laie steht hinter seinem geistlichen Bruder weit zuriick, indem er seinem Vater schon zahlreiche »Wunder und Gnaden«, die ihm namentlich in den Kampfen gegen seine Feinde zustatten gekommen seien, zuschreibt und noch hinzufiigt, dieselben seien ebensowenig zu zahlen »wie die Sterne am Himmel und der Sand am Meere«, wahrend Sava noch kein einziges Wunder er- wahnt. Die ihm zugeschriebenen kanonischen und liturgischen Fragen an Demetrios Chomatianios, Erzbischof von Ochrida, riihren jedoch nicht von ihm, sondern sicher von seinem Sohne Radoslav her (K. Jireček). Dem Hieromonach des Chilandarklosters Domentijan, der von seinem Schiitzling Theodor Gramatik als grofser Bticher- liebhaber gefeiert wird, verdanken wir zwei ausfuhrliche Bio- graphien, die des heiligen Sava (1253 wahrscheinlicher als 1243) und des heiligen Symeon »friiher Nemanja des Ersten, des Er- neuerers des serbischen Vaterlandes« (1264). In beiden schrieb er Stefan den Erstgekronten griindlich aus, in der zweiten auch sich selbst. Bezeichnend ist fiir diesen Musterkompilator das Verfahren in der Biographie Nemanjas: imVerhaltnis zu Stefan bringt er gar nichts Neues, im Gegenteil, er drangt alles Tat- sachliche in den Hintergrund oder lafst es ganz fallen; dafiir hiiuft er aber noch mehr Wunder an, erhebt seinen irdischen Helden uberhaupt zu einem himmlischen Wesen und ervveitert seine Vorlage fast um das Dreifache durch biblische und theo- logische Zitate sowie durch einen besonderen Reichtum an kiinstlich gedrechselten und gewundenen Phrasen. Im Zusammen- 159 hang mit dem ganzen Entwicklungsgang der serbischen Geschichte steht auch die Tatsache, dafs Domentijan die Herkunft und die katholische Taufe Nemanjas verschweigt, an der noch Sava und Stefan keinen Anstofs genommen hatten. Die serbischen Bio- graphien ahmen also auch darin ihre griechischen Muster nach, dafs sie sich fortschreitend vom geschichtlichen Boden entfernen, dafiir aber als Hagiographen immer mehr legendarisch und rhe- torisch werden. Von diesem Gesichtspunkte ist auch das Verhaltnis Domen- tijans zu dem weiter unbekannten Monch Theodosij zu be- trachten, der lange ins 14. Jahrhundert verlegt wurde, obgleich er seine »Geschichte 189 )« oder sein »Leben 140 )« des heiligen Sava nach den Mitteilungen »seiner ehrwiirdigen Schiller, die mit ihm fasteten, pilgerten und wirkten«, schrieb. In seiner Wiirdigung wurde man ihm allmahlich gerecht, aber noch immer glaubt man, er habe Domentijan abgeschrieben, da beide in der Reihen- folge und dem Inhalt ihrer Erzahlung, von wenigen Stellen ab- gesehen, ubereinstimmen, ivahrend das Umgekehrte der Fali ist. Beide charakterisieren sich selbst am besten, denn nach Theodosij haben die Athosmonche Sava beauftragt, das »Leben«, nach Domentijan die »Wunder« (Čudotvorenija) des heiligen Symeon zu schreiben. Genaue Vergleiche zeigen, dafs Theodosij Sava naher steht, selbstandig und in der Tat viel mehr historisch (die Glaubwiirdigkeit a 11 er seiner Nachrichten ist eine andere Frage), sachlich und natiirlich ist, Domentijan dagegen le¬ gendarisch, hvperbolisch und rhetorisch, durch welche Eigen- schaften auch sein »Leben« Savas stark angeschwollen ist, dabei aber an Deutlichkeit und Prazision viel verloren hat. Lberdies fiihrt Theodosij eine ungemein poetische Sprache und verdient insofern in der Tat ein Romancier des 13. Jahrhunderts genannt zu werden. Die beiden Athosmonche waren Konkurrenten, und es ist wohl kein Zufall, dafs Domentijan nur die Biographie des heiligen Sava in seiner Einzelzelle Kareje schrieb, wo er nach ihrem Typikon immer hatte bleiben sollen, und ebenso charak- teristisch ist die Tatsache, dafs Domentijan seine beiden Werke an den Konig Stefan Uroš nach Serbien sandte. Domentijans Biographien waren fiir den serbischen Hof bestimmt, Savas Biographie des Theodosij behagte mehr den Monchen (vgl. Stefans und Savas Biographie Nemanjas). Es ist begreiflich und 160 macht den monchischen Abschreibern (Serben und Russen) sogar Ehre, dafs sie Theodosijs Biographie des hedigen Sava der des Domentijan vorzogen und letztere sogar in Vergessenheit geraten liefsen, allerdings haufig unter dem Namen Domentijans (noch in der Ausgabe von Da niči c, Belgrad 1860). Beide Werke haben wegen der Schilderungen der Pilgerfahrten Savas eine Bedeutung fiir die Palastinalitteratur, die sonst in dem alten Schrifttum der Siidslawen nicht vertreten ist. Unter solchen Umstanden ist es wenig wahrscheinlich, dafs Theodosij auch einen kurzen Auszug aus Domentijans Leben des heiligen Symeon verfalst habe. Solche Ausziige waren tiber- haupt keine Seltenheit. So gibt es auch ein Leben des heiligen Symeon und Sava nach Domentijan (nicht jiinger als 16. Jahr- hundert), das Savas zweite Orientreise als eine Fahrt nach Rom hinstellt, \vo er zum sechsten Patriarchen »von Serbien und der Nachbarlander Ungarn, der Lateiner und Bosniens« geweiht worden sei. Diese Fabel ist aufserordentlich charakteristisch fiir Serbiens Beziehungen zu Rom. Dagegen gehoren Theodosij ohne Zweifel andere ebenfalls populare, fiir die Physiognomie eines altserbischen Schriftstellers charakteristische Werke: ein Kanon fiir den heiligen Symeon (Nemanja), ein Kanon fiir den heiligen Sava, ein Hymnus und ein Panegyrikos fiir beide Heilige. Dagegen schrieb offenbar ein anderer Athosmonch, Theodosije, die Legende des heiligen Peter Koriški (von Koriša), dessen Einsiedlerleben auf den Bergen um Prizren in die Zeit Dušans fallen soli. Durch die vielen Visionen, insbesonders durch die sich in einem fort wiederholenden Teufels- erscheinungen erinnert diese Legende in der Tat an die hagio- graphische Litteratur der bulgarischen Hesychasten, doch hat Peter selbst zu ihnen gar keine Beziehungen gehabt. Theodosij unternahm vom Athos eine Wallfahrt zu den Reliquien des Heiligen, um sich Nachrichten tiber ihn zu holen, und widmete ihm auch einen Kanon und Hymnen. Das umfangreichste Werk der altserbischen Litteratur sind die »panegyrischen Lebensbeschreibungen der serbischen Konige und Erzbischofe« (die Titel Carostavnik — Kaiserchronik und Rodoslov = Genealogie rilhren von spateren Abschreibern her) des letzten Erzbischofs (sein Nachfolger wurde Patriarch von Serbien) Daniil (Danilo) II. (1323—1338), eines adeligen Sprofslings, 161 der sich zuerst als Igumen des Chilandarklosters, dann als Bischof und Ratgeber der Konige Milutin und Stefan Dečanski in hervorragender Weise betatigte. Auch dieser Staatsmann schrieb — wahrscheinlich auf dem Athos — nur kirchliche Lob- reden auf die angeblich nur der Frommigkeit lebenden, Kirchen und Kloster beschenkenden serbischen Herrscher seit Stefan Uroš I. (1243—1276), dessen Gemahlin Jelena, eine »frankische« Prinzessin, ausnahmsweise auch eine Biographie erhalten hat, obwohl sie eine eifrige Katholikin war. Er wollte an Sava und Stefan den Erstgekronten ankniipfen, aber dieser und seine Sohne gingen leer aus, da ihm tiber sie offenbar kein Material zur Verfiigung stand. Vollstandig ist dagegen die Reihe der auf Sava folgenden Erzbischofe, denen auch viel mehr Raum ge- widmet wird. Die ersten Regierungsjahre Dušans (bis 1337) und auch schon das Leben seines Vaters beschrieb ein Schiller Daniils, den er ofters als seinen »Herren« bezeichnet. Eigentliche Fort- setzer fand nur der geistliche Teil, der nicht blofs eine ausfiihr- liche Biographie Daniils selbst, sondern auch einige Notizen iiber die ersten drei Patriarchen (bis 1376) enthalt. Wie andere Werke hat auch dieses historischen Wert nur in Ermangelung besserer Quellen. Dafs es immerhin besser ist als sein Ruf, zeigt die Biographie des Konigs Stefan Dečanski von Grigorij Camblak (Samblak, Dzamblak), einem aus der Schule des Euthymij hervorgegangenen Bulgaren (geb. 1364?), der als Igumen des Klosters Dečani (heute auf albanesischem Gebiet) dessen Griinder mit echt byzantinischer Rhetorik pries (1407—1408), dabei aber auch eine recht hiibsche Beschreibung der Gegend von Dečani und eine aufserst interessante Schilderung des Baues der dortigen Kirche lieferte, sonst aber beztiglich der historischen Daten hinter Daniil beziehungsweise seinem Schiller zurticksteht. Seine Feind- seligkeit gegen den Žaren Stefan Dušan ist nicht auf »nationale. Tradition« zuriickzufiihren, sondern auf die Haltung der Athos- monche, die sich in der serbischen Patriarchatsfrage auf die Seite ihres Oberhauptes in Konstantinopel stellten. Auffallig konfus sind seine Nachrichten iiber die religiosen Streitigkeiten in Kon¬ stantinopel, um so mehr, als er schon 1389 auf dem Athos und in der zweiten Halfte der neunziger Jahre des 14. Jahrhunderts in der Hauptstadt selbst weilte, so dafs er sich bessere Vorstellungen von Barlaam holen und auch von seinem Hauptgegner Palamas, den er Murko, Geschichte der siidslawischen Litteraturen. 11 162 gar nicht erwahnt, etwas horen konnte. Camblak kam auf An- regung des Kiewer Metropoliten Kiprijan, eines durch langjahrigen Aufenthalt auf dem Athos serbisierten Bulgaren, iiber Moldau nach Siidrufsland, wo er eine aufserst lebhafte, viel gefeierte schrift- stellerische und rednerische Tatigkeit entwickelte und als Metro¬ polit von Kiew (1414—1418) von Konstantinopel heftig bekampft wurde. Diesen beiden Mannern gebiihrt hauptsachlich das viel ge- riihmte, aber zweifelhafte Verdienst, dafs sie die in Orthographie und Sprache archaisierenden und inhaltlich sich an die zeitgenossischen Produkte der Byzantiner eng anschliefsenden Leistungen der Siid- slawen nach Rulsland brachten und eine Reaktion gegen die sich daselbst entwickelnde volkstiimliche Richtung hervorriefen. Nach Daniil bemerken wir in der serbischen Geschicht- schreibung eine grolsere Liicke. Namentlich auffallig ist es, dafs eine so hervorragende und machtige Personlichkeit wie Stefan Dušan nicht einmal einen Lobredner fand; ein neuer Beweis, dafs die Monchswelt, namentlich die des Athos, seine eigenmachtige Griindung des serbischen Patriarchats nicht billigte. Dagegen wird nach der Aussohnung der serbischen Kirche mit der grie- chischen Fiirst Lazar, der in der Kosovoschlacht (1389) ein tragisches Ende fand, in Gedachtnis- und Lobreden als Martyrer derNation gefeiert, so dafs wenigstens dieser gewaltigen Kata- strophe, die im Volkslied so stark fortlebt, auch in der Litteratur Erwahnung geschieht. Die bedeutendste historische Leistung der Sudslawen steht am Ende der altserbischen Litteraturperiode und verherrlicht den Despoten Stefan Lazarevič (1389—-1427), der sich der Litteratur am meisten von allen serbischen Herrschem annahm und sie im Lande selbst pflegen liefs. Im Mittelpunkt der litterarischen Bewegung an seinem Hofe diirfte Konstantin von Kostenec (Kustendil in Westbulgarien? ein Dorf Kostenec noch jetzt bei den Maricaquellen), wegen seiner Gelehrsam- keit wie der gleichnamige erste Slawenapostel der Philosoph ge- nannt, gestanden haben 5 er war ein bulgarischer Fluchtling, der sich die slawische und griechische Biicherweisheit von einem ge- wissen Andronik aus der »Romanija«- (d. i. Thrakien um Philippopel und Stara Zagora), einem Schiller des Euthymij, und durch langeren Aufenthalt auf dem Athos, in Konstantinopel und sogar in Jerusalem angeeignet hatte. Sein Hauptwerk ist die Biographie 163 des Stefan Lazarevič, die er nach dem Tode seines nicht kano- nisierten Gonners im Auftrag des Patriarchen und einiger Mag- naten schrieb (1431 —1432). Hier haben wir eine wirklich historische Arbeit vor uns, in deren Einleitung wir sogar eine Geographie Serbiens und eine allerdings sehr bedenkliche Genea- logie seines Herrscherhauses, das auf den Kaiser Konstantin zuriickgefiihrt wird, antreffen. Im Vordergrunde seiner Schil- derung stehen die turkischen Verhaltnisse, wahrend Stefans Be- ziehungen zu den westlichen Nachbarlandern nur fliichtig dar- gestellt werden; doch gerade dadurch wird das Werk besonders wichtig, weil die Zeit von 1360 —1420 in der byzantinischen Geschichte am dunkelsten ist. Viele Einzelheiten, z. B. das be- geisterte Lob Belgrads, die haufigen chronologischen Angaben, die Zuverlassigkeit der Erzahlung, das Bestreben, iiberall die Wahrheit wiederzugeben, sind Vorziige, derentwegen Historiker (K. Jireček, St. Stanojevič) das Werk so hoch stellen. Leider macht es sein schwulstiger Stil geradezu ungenielsbar, denn Konstantin eignete sich nicht nur die Gelehrsamkeit (er zitiert Thukydides, Aristoteles, Plato usw.), sondern auch die besonders gekiinstelte Sprache des absterbenden Byzanz an, so dals er auch beziiglich der Unverstandlichkeit die hochste Stufe der serbischen Geschichtschreibung erreicht hat. Unter den serbischen Kirchenfiirsten fand den letzten Bio- graphen der Patriarch Jefrem (Patriarch 1375, starb 1399). Lobreden erhielten noch die letzten Despoten auf ungarischem Boden: Stefan Gjorgjevic und seine Frau Angjelina sowie ihre Sohne Erzbischof Maksim (f 1516) und Ioan Despot (f 1503). Bis zum Ende fanden also nur die Sprossen des Herrscher- geschlechtes Beachtung, die schweren Schicksalsschlage, die das ganze serbische Volk trafen, erweckten aber keinen Widerhall in der Litteratur. Dafs die panegyrische Litteratur der Serben mit geringen Ausnahmen nicht hoch steht, braucht keiner weiteren Erwagungen. Schlimmer als ihre monchische Exklusivitat, ihr Mangel an historischem Sinn und ihre Phrasenhaftigkeit, die iibrigens in der allzu grofsen Abhangigkeit von den zeitgenossischen Byzantinern ihre Erklarung findet, ist jedoch eine unglaubliche Heuchelei. So meint der russische Kirchenhistoriker Golubinskij, dafs man von den Serben eine im hochsten Grade ungiinstige Vorstellung 11 * 164 bekommen muf ste, wenn man den Charakter des ganzen Volkes nach dem Werke des Biographen der serbischen Herrscher Daniil beurteilte. Solche entsetzliche Rhetorik, ja noch mehr solche grenzenlose Schmeichelei und Liigenhaftigkeit findet man sogar bei keinem Byzantiner, die darin doch Meister waren. Nicht minder entsetzt ist iiber die serbischen Panegyristen der »slawophile« Russe HilfeiUing, der bei einem sogar folgende Aufserungen fand: »diesem gottesfiirchtigen Konig Uroš, der seinen geliebten Sohn geblendet hatte«, oder: »dieser fromme Konig Uroš III. begann Hals zu hegen gegen seinen geliebten Sohn« usw. Dieses Pharisaertum gehort in der Tat zu den schlimmsten Auswlichsen des Byzantinismus bei den Slawen. Meist anonym sind auch die zahlreichen Offizien fiir die serbischen Heiligen, denn »es gab fast keinen bedeutenden Menschen« in der serbischen Geschichte, »der nicht unter die Heiligen versetzt worden ware, nicht seinen Gedenktag in der Kirche erhalten und seine Stelle im Kalender gefunden hatte« (St. Novakovič). Diese liturgischen Stiicke wurden spater in besonderen Handschriften und Drucken, »Srbijak« genannt, ge- sammelt; durch sie blieb das Andenken an die serbischen Ftirsten in der Kirche und im Volke lebendig. Grofser Verbreitung erfreuten sich bei den Serben auch die Heiligenlegenden der Schule von Trnovo und der alteren bul- garischen Periode, deren Erzeugnisse mehrfach modernisiert wurden. Etwas spat finden wir bei den Serben auch einheimische Chroniken (lčtopisi, rodoslovi). Abschreiber oder Exzerptoren byzantinischer Chronisten fiihlten sich verpflichtet, an die Welt- chronik auch Nachrichten »liber das serbische Land« anzu- schliefsen, gingen aber nie liber Stefan Nemanja hinauf; denn fiir die Monche begann die serbische Geschichte erst mit dem Herrscher, dem sie vor allem nachriihmen, dafs er die Orthodoxie befestigt habe 141 ). In den nicht besonders umfangreichen serbischen Chroniken, deren liber dreifsig bekannt geworden sind, herrscht eine grofse Mannigfaltigkeit, denn schon ihr allgemeiner mit Adam beginnender Teil ist mehr oder minder gekiirzt oder fehlt auch ganz; ebenso ist der serbische Teil in ausfiihrlichen Fassun- gen vorhanden, in denen der fromme Sinn der Herrscher ge- 165 feiert und doch noch manches iiber ihre Regierung gesagtwird, oder in kiirzeren, die sich auf annalistische Notizen beschranken. Die altesten Chroniken reichen bis zu dem Jahre 1371 und 1391, sind also wohl noch im 14. Jahrhundert entstanden; die »jiingeren« aber, die gleich zu Beginn dadurch charakterisiert sind, dals sie eine Genealogie Nemanjas enthalten, die bis auf Konstantin den Grofsen zuriickgeht (er gab dem dalmatinischen »Serben Likinije« [Licinius] seine Schwester Konstantija zur Frau), miissen in ihren Anfangen auch schon in die erste Halfte oder in den Beginn des 15. Jahrhunderts verlegt werden (ein Embryo ist ftir 1416 nachgewiesen), was sehr gut zu den gelehrten Bestrebungen unter dem Despoten Stefan Lazarevič pafst. In seinem dynastischen Interesse waren ja auch die Genealogie und der Nachweis seiner Abstammung von Nemanja in weiblicher Linie gelegen. Beide Redaktionen erfuhren Umarbeitungen und Fortsetzungen, die in manchen Handschriften bis ins 18. Jahrhundert reichen. Als Quellen der serbischen Annalen gelten die panegyrischen Bio- graphien (namentlich die des Theodosij), Typika, in denen die Erinnerungstage ftir den Ktitor (Stifter des Klosters, der Kirche), ftir den Herrscher oder Erzbischof mit kurzen Notizen emgetragen waren, Totenbiicher, Schreibernotizen vieler Werke, offizielle Akten und auch miindliche Uberlieferungen. In grofseren Kom- pilationen fanden auch allerlei andere Artikel Aufnahme, und namentlich wurden »verschiedene Chroniken« ausgeschrieben. Auf jeden Fali gab es derartige Arbeiten schon im slawischen Siiden; doch ist es nicht wahrscheinlich, dals der russische Chronograph vom Jahre 1512, der eine Weltchronik bis zum Fali von Konstantinopel und Nachrichten aus der russischen, bulgarischen und serbischen Geschichte enthalt, auf eine direkte serbische Quelle zuriickgeht, vielmehr stammen seine spaten (aus dem 17. Jahrhundert) und gekiirzten (in 100, auch 121 Kapiteln statt 208) serbischen Fassungen aus Rufsland. Die serbischen Chroniken sind weder litterarisch noch historisch wertvoll und konnen namentlich keinen Vergleich mit den herrlichen russischen Annalen aushalten. Dafs sie iiber nebensachliche Dinge berichten, dagegen wichtige Ereignisse iibergehen, haben sie mit ihren byzantinischen Mustern gemein. Immerhin ist auch durch sie manche sonst unbekannte Nachricht auf uns gekommen. In der geschriebenen Litteratur erhielten sie 166 einiges historisches Interesse wach, so dafs wenigstens manche Kreise nicht allein auf die poetische Geschichte des Volksepos an- gewiesen waren, das iibrigens die jungsten Chronikenhandschriften (namentlich die von Tronoša) schon beeinflufst hat. Die erste kirchenslawische, wirklich grammatische Schrift, »die acht Redeteile«, die man falschlich als eine Ubersetzung des Joann Exarch dem Johannes von Damaskos zuschrieb, fiihrt ins 14. Jahrhundert und ist wohl in die makedonischen bulgarisch- serbischen Grenzgebiete oder auf den Athos zu verlegen. Auf jeden Fali gehort auch dieses seinem Titel nur teilweise ent- sprechende Werk, das sich dann in Rufsland einer besonderen Verbreitung erfreute (1586 wurde es in Wilna als »Grammatik der slawischen Sprache« gedruckt) und die Grundlage zu der noch heute teilweise iiblichen grammatischen Terminologie legte, den Siidslavven an. Wahrscheinlich ist es eine Kompilaton von Scholien, nicht die Ubersetzung eines bestimmten griechischen Werkes, aber die Nachahmung der Griechen ist eine sklavische, und gelegentliche Abweichungen 'sind ganz konfus. Auch die bedeutendste grammatische Leistung der Siidslawen verdanken wir Konstantin von Kostenec, dem Biographen des Stefan Lazarevič. Er schrieb seinen Traktat iiber die Schrift (Skazanie o pismeneh) am serbischen Hofe nicht vor 1423, als er noch viele Gegner hatte. Er wollte den Serben und Bulgaren eine »Grammatik« nach Art der »Erotemata« des Manuel Moschopulos liefern und im Interesse einer Verbesserung der Kirchenbiicher die Unterschiede zvvischen der bulgarischen und serbischen Graphik nivellieren, was er am besten dadurch zu erreichen hoffte, dafs er die bedingungslose Nachahmung der Griechen zum obersten Prinzip 142 ) erhob. Dazu berief er sich auf die »alten Biicher«, worunter er die Redaktion von Trnovo ver- stand, so dafs wir in seinem Traktat die Grundsatze der archai- sierenden Reformbestrebungen des Patriarchen Euthymij, auf denen auch die Wirksamkeit der vielgeruhmten Resavaschule beruhte, erhalten haben. Die richtige kirchenslawische (»slowe- nische«) Sprache suchte er aber nicht bei den Bulgaren oder Serben, sondern die Slawenapostel hatten »die feinste und schonste russische Sprache« gewahlt. Konstantin imponierte also die von einem grofsen Volke getragene russische (speziell stid- oder kleinrussische) Aussprache des Kirchenslavvischen, die er auf dem 167 Athos, in Konstantinopel und in Jerusalem kennen lernen konnte, ebenso wie drei Jahrhunderte spater den kroatischen Reformatoren der glagolitischen romisch - katholischen Kirchenbiicher. Neben den ausfiihrlichen und kleinlichen Erorterungen liber Buchstaben, Akzente und andere aus dem Griechischen entlehnte zwecklose Zeichen fin den wir auch Bemerkungen liber Schulzustande und Gebrauche in Serbien, wie z. B. liber das Blutessen und die »unchristliche Sitte« der Wahlbruderschaft (pobratimstvo). Un- glaublich ist es, wie schlecht Konstantin, der auf seine byzantinische Weisheit so stolz war, aus dem Griechischen iibersetzte; man mufs jedoch hervorheben, dafs ihm die Nachahmung des byzan- tinischen Purismus des 14. Jahrhunderts auch die Aufgabe er- schwerte, da er Vulgarismen vermied und fiir die schwierigsten Begriffe wo moglich slawische Termini schaffen wollte, die aller- dings wieder den griechischen sklavisch nachgebildet wurden. Sein Werk erfreute sich bei den Zeitgenossen und Epigonen eines grofsen Ansehens, um so mehr, als ein ahnlicher Gelehrter in den folgenden Jahrhunderten weder im slawischen Siiden noch in Rufsland auftreten konnte. Im Gefolge Konstantins schrieb 1469 VladislavGramatik im Kloster von Žegligovo bei Skopje eine Sammelhandschrift, deren Inhalt (unter den theologischen Artikeln Polemik gegen die Lateiner und die Lehren des Barlaam und Akindynos, Schriften des Gregorios Palamas, Werke des Euthymij, Artikel iiber die Slawenapostel) und Orthographie fiir die Schule des Trnover Patriarchen Euthymij charakteristisch sind. Man darf in Vladislav keinen gewohnlichen Abschreiber sehen, denn durch zahlreiche und verstandnisvolle Randnotizen verrat er, dafs er ein gelehrter, mit der griechischen und slawischen Litteratur wohl vertrauter Mann war. Mit der Ubernahme kirchlich-weltlicher Gesetze der Byzan- tiner konnte sich Serbien nicht auf die Dauer begnligen. Vom Žaren Stefan Dušan, dessen Regierung durch solche Uber- setzungen wie die des Syntagma des Blastares hervorragt, stammt auch ein auf den Reichstag von 1349 erlassenes (und wahr- scheinlich 1354 ebenso erganztes) Gesetzbuch, das die be- deutendste Leistung der Siidslawen auf diesem Gebiet reprasentiert. Die Notwendigkeit eines solchen Gesetzbuches stellte sich nament- lich nach den Eroberungen grofser byzantinischer Gebiete heraus, 168 denn zwischen dem Recht beider Reiche gab es grofse prinzipielle Gegensatze. Im christlichen Kaisertum von Konstantinopel kannte man keine schroffen Klassenunterschiede; Serbien war dagegen ein Adelsstaat mit fest gegliederten Standen. Die feudale Investitur desVlastelin durch Schlachtrols und Waffen vom Landesfursten, die Zusammensetzung von Richterkollegien nur aus Standes- genossen, Kompositionen in Geld fiir Verbrechen, Ordalien mit heifsem Wasser und gluhendem Eisen, die der byzantinischen Staatsverfassung ganz fremden Reichstage des Adels und Klerus und manche andere Einrichtungen bringen das altserbische Rechts- leben mehr den mittel- und nordeuropaischen Volksrechten naher. Es ist daher kein "VVunder, dafs bei der Abfassung des serbischen Gesetzbuches »nicht so sehr die systematisch angelegten Nomo- kanones samt dem darin enthaltenen weltlichen Recht der Byzantiner als die Statuten der Stadte des adriatischen Kiisten- landes« zum Muster dienten (K. Jireček). Dafs aber dieses Gesetz- buch andererseits als eine Erganzung der byzantinischen Rechts- biicher zu betrachten ist, beweist sein Inhalt. Das burgerliche Recht fehlt darin fast ganz, etwas besser vertreten ist das Sachen- recht mit Beriicksichtigung der eigentumlichen Verhaltnisse des serbischen Adelsstaates; dafiir aber dominiert das offentliche Recht 14S ), ferner eine Reihe von Satzen des Kirchenrechtes und schliefslich das Strafrecht. Manche Bestimmungen sind sehr alten Landesgesetzen, koniglichen Befehlen, Reichstagsbeschliissen und Rechtsgewohnheiten entnommen, andere stammen aus Mittel- europa. Dafs aus den griechischen Rechtsbiichern wenig geschopft wurde, zeigt auch die geringe Zahl griechischer juridischer Termini. Das Denkmal ist historisch und juridisch bedeutungsvoll, litterarisch steht es indes nicht hoch, denn sein Stil erinnert all- zusehr an griechische Muster. Der als Mazen und durch seine Biographie bekannte Despot Stefan Lazarevič, der viele griechische Schriften ubersetzt haben soli, ist auch als selbstandiger Schriftsteller aufgetreten. Nach dem Muster byzantinischer Orakelspruche schrieb er (1415) eine »Prophezeiung«, die aus verschiedenen historischen Allusionen zusammengestellt, aber so dunkel ist, dafs man un- moglich etwas Sicheres daraus gewinnen kann. Eine L obrede auf dieLiebe (Slovo ljubve), die er wahrscheinlich wahrend seiner Abwesenheit aus Serbien 1402 geschrieben hat, zeugt von 169 litterarischer Bildung und wiederholt den Titel in einer Akros- tichis (krajegranese). Ein einzig dastehendes Denkmal der alteren serbischen Litteratur ist eine regelrechte Todtenklage fiir den Des- poten Gjurgje (Georg) Brankovid (1427—1456); ein ihm nahestehender Geistlicher gibt seinem Schmerz und seiner Trauer vor dem noch unbegrabenen Leichnam in ungemein poetischer Weise innigen Ausdruck. Verse kann man in diesen wenigen poetischen Leistungen nicht nachweisen. Dafs den Serben der Zw6lfsilber ohne poetischen Schmuck (auch ohne Zasur nach der fiinften Silbe) bekannt war, zeigen die aus dem Jahre 1475stammenden »Stisi 144 )« desSchreibers eines liturgischen Buches, der es in einem Gebet Gott, im anderen der Muttergottes weiht, zuletzt iiber seine schlechte Vorlage Klage fiihrt und eine genaue Zeitangabe gibt. Strophengesange, aus Spriichen der Heiligen zusammengesetzt, die ŠafaMk 145 ) in einer von ihm zwischen 1390—1408 angesetzten Prager Museum- handschrift sah, sind noch nicht bekannt gevrorden. X. Bosnien. Ein besonderes politisches Leben unter Banen (bis 1377) und Konigen fiihrte zwischen Serbien, Kroatien und Ungarn Bosnien 146 ), das im Westen und Osten Eroberungsziigen seiner Nachbarn oft ausgesetzt war, aber immer nur mit teilweisem Erfolg, wahrend umgekehrt auch ihre Bestandteile bosnischen Besitz bildeten; so hat Stefan Tvrtko, Bosniens grofster Herrscher (1353—1391), sogar Dalmatien samt Inseln vortibergehend Bosnien angegliedert (1390). Die serbischen Quellen, die von dem Wirkungsgebiet des »Sammlers des serbischen Landes>, Stefan Nemanja, berichten, schweigen von Bosnien, Hum und Trebinje. Sava griindete zwar fiir »Zachlumien« ein Bistum, im eigentlichen Bosnien gab es aber nicht einmal einen orthodoxen Bischof, und selbst spiiter residierte er bis zum 15. Jahrhundert in Dabar (heute Banja) an der Miindung des unteren Lim in die Drina; erst unter den Tiirken wurde dieses Bistum nach Sarajevo iibertragen. Der romischen Kirche 14T ) machten jedoch die Herrschaft die zahl- 170 reichen Bogomilen streitig, die sich seit dem Ende des 12. Jahr- hunderts des Schutzes der Bane und Konige erfreuten oder sie selbst wie auch den Adel zu ihren Mitgliedern zahlten. Da jedoch Bosnien seit dem 12. Jahrhundert mehr oder weniger in der Machtsphare der ungarisch-kroatischen Konige lag, die als An- hanger der Papste moglichst viel vom byzantinischen Besitz und Einflufs auf dem Balkan an sich reilsen wollten, oder direkt in einem Vasallenverhaltnis zu ihnen stand, so mufsten seine Herrscher diesen Umstanden ofters Rechnung tragen. Ein Gegenstiick zu Stefan Nemanja bietet der Ban Stefan Kotromanic, der als Ortho- doxer geboren wurde, die Bogomilen beschtitzte und zuletzt den katholischen Glauben annahm 147a ) (1340). Kampfe gegen die »Schismatiker und Haretiker« ftillen daher stark die bosnische Ge- schichte aus, ja gegen die Patarener (Bogomilen) wurden von den ungarisch-kroatischen Konigen sogar Kreuzziige unternommen, die allerdings meist nur als Vorwand zur Einmischnng in die bos- nischen Angelegenheiten dienten und daher den von den Papsten gewiinschten Erfolg nicht haben konnten. Solange sich katho- lische Truppen im Lande befanden, bekannten sich die Bogomilen als Katholiken, um sofort wieder umzufallen, so dafs die pata- renische Sekte eigentlich bis zum 15. Jahrhundert die Staats- religion bildete, welche Rolle dem Katholizismus erst unter den letzten Konigen, die gegen die Turken den Schutz der abend- landischen Christenheit anriefen, beschieden war (seit 1446). Bosniens unruhmlicher Untergang (1463) wurde auch dadurch nicht aufgehalten. Die Herzegowina, die sich erst 1435 selb- standig gemacht hatte, wurde 1482 147V ) von den Turken erobert. Mathias Corvinus jagte die Turken noch einmal aus dem nord- westlichen Bosnien hinaus, dessen Festung Jajce dann zwei Jahre nach der Schlacht von Mohacs bereits unter dem Habsburger Ferdinand I. verloren ging (1528). Merkwiirdig ist es, wie auch die bosnischen Herrscher ihre Blicke nach dem Siidosten richteten. So liefs sich der Katholik Stefan Tvrtko, ein Nachkomme der Nemanjici in weiblicher Linie, zum Konig von Bosnien und Serbien in Mileševa, wo sich das Grab des heiligen Sava befand, mit der »doppelten« Krone seiner »Ahnen« kronen (1377), fiihrte die byzantinischen Hof- amter auch in Bosnien ein und anderte sogar den Charakter seiner Urkunden, indem er den bombastischen Stil der serbischen 171 Herrscher nachzuahmen begann 148 ). In ahnlicher Weise legte sich Stefan Kosača, ein eifriger Patarener, um sich popular zu machen, den Titel eines Herzogs (herceg) vom heiligen Sava bei (vor 17. Oktober 1448) U9 ), so dafs seit dieser Zeit Chulm und Siidbosnien Herzegowina genannt wird. Sovvie Bosnien politisch einen Pufferstaat zvrischen Orient und Okzident bildete, so kreuzten sich dort auch in kultureller Plin- sicht romische und byzantinische Einfliisse. Zum Unterschied von Serbien, wo man sich an die Weltschopfungsara der griechischen Kirche hielt, bediente man sich in Bosnien der Zeitrechnung der romischen Kirche, d. h. von Christi Geburt an gerechnet; da- gegen bewahrten selbst die Katholiken, unter denen schon seit dem 14. Jahrhundert die Franziskaner, die ihre Kloster meist in den Bergstadten hatten, eine eifrige Tatigkeit entfalteten, die cyrillische Schrift, welche auch das Grab Katharinas, der Stief- mutter des letzten bosnischen Konigs, in Rom geschmiickt haben soli 16 °). Auch in den Urkunden der Fiirsten und Adeligen macht sich, soweit sie nicht lateinisch waren, der Zusammenhang mit der griechisch-slawischen Welt bemerkbar, ja die alteste er- haltene cyrillische CJrkunde aus dem Jahre 1189, ein Privilegium fiir die Flandelsrepublik Ragusa (doppelsprachig, Original latei¬ nisch), haben v/ir dem bosnischen Ban Kulin zu verdanken. Doch zeigt schon sie Eigenttimlichkeiten, die vermuten lassen, dafs sich der Cyrillismus in Bosnien bis nach Makedonien hinab im engsten Anschlufs an den alteren Glagolitismus ausgebildet hat und von dem Cyrillismus in Serbien und Bulgarien in maneken charakteristischen Punkten verschieden vran Die Bewahrung einer altertiimlichen Orthographie und eigentiimliche Schriftziige, die sich ebenfalls auf alter Grundlage unter dem Einflusse der lateinischen Schrift (vgl. namentlich die Ligaturen) weiter aus- bildeten 151 ), charakterisieren die eigentiimliche Abart der »bos¬ nischen Cirilica«, die sogar in Dalmatien bis zum Ende des 18. Jahrhunderts bekannt und auch in den osterreichischen Grenz- gebieten, speziell bei den Uskoken (Fliichtlingen) iiblich vran Die serbisch - bulgarische kirchenslavvische Schrift trifft man in bosnischen Kloster- und Kircheninschriften erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts an. Eigene litterarische Denkmaler hat Bosnien nicht hinter- lassen, was vor allem durch die grofse kulturelle Abhangigkeit 172 vom Abendlande zu erklaren ist: die Katholiken zehrten an ■seiner lateinischen Litteratur, die Bogomilen begniigten sich aber ftir ihre Bedlirfnisse mit dem kirchenslawischen Erbe. Merkwiirdig konservativ sind die Handschriften der bos¬ nischen Bogomilen nicht blofs in der Graphik (in einigen gibt es auch noch keine Zeichen ilber den Vokalen), sondern auch im Text, dagegen fortschrittlich in ihrem kiinstlerischen Schmuck. So verrat offenknndige glagolitische Herkunft das Evangelium von Nikolja (am linken Moravaufer in Serbien), das von einem Patarener Hval herriihrt. Derselbe Hval, »der Christ«, schrieb 1404 ftir Hrvoje, den Herzog von Spalato und Wojwoden von Bosnien (einige Zeit auch Statthalter von Dalmatien und Kroatien), das ganze Neue Testament und vom Alten die Psalmen (auf- bewahrt in Bologna). Diese Zusammensetzung entspricht den geschichtlichen Nachrichten von der Stellung der bosnischen Patarener zur Heiligen Schrift. An die Psalmen reihen sich noch einige Lieder an, darunter ein apokrvphes uber Davids Kampf mit Goliath, und die zehn Gebote, welche den Lehren der Sekte nicht widersprachen. Man sieht daraus, dals sich die bosnischen Patarener schon auf dem Wege zur Anerkennung einiger Bucher des Alten Testamentes befanden, was bei ihren abendlandischen Glaubensgenossen in viel hoherem Malse der Fali war. Vor den Evangelien steht eine aus dem Griechischen angefertigte Uber- setzung einer apokryphen Einleitung des Dorotheus, Bischof von Tyrus, und eine zweite, dem heiligen Epiphanios, Bischof von Cypern, zugeschriebene, die eine apokryphe Apostelgeschichte enthalt. Zwei apokryphe Artikel leiten auch die Paulusbriefe ein. Diese Kleinigkeiten zeigen, dals die Bogomilen in der Tat zu den Verbreit.ern der apokryphen Litteratur gehorten. Auf- fallig sind in dem Kodex von Bologna zahlreiche nicht schlechte Abbildungen des Erlosers, der Muttergottes und der Heiligen, -vvelche den Beweis liefern, dafs Patarener wie Hrvoje und sein Schreiber unter leicht begreiflichem westeuropaischen Kultur- einfluls Verstandnis fiir kiinstlerische Darstellungen hatten, wobei sie der Bilderverehrung noch immer abgeneigt sein konnten. Eine Abschrift der in der kirchenslawischen Litteratur sehr seltenen Apokalypse wurde noch unter dem vorletzten bosnischen, bereits katholischen Konig Tomas von dem »Christen« Radoslav ftir den »Christen« Gojsak angefertigt. 173 Selbstandigkeit zeigt Bosnien in seinen slawischen Urkunden,, die zum Unterschied von Serbien wenig Abhangigkeit vom Kirchenslawischen zeigen, die Volkssprache sogar in den Lauten stark zum Arsdruck bringen und sich namentlich durch ihren schonen volkstiimlichen Stil auszeichnen. In dieser Hinsicht iiber- trifft Bosnien bis zu einem gewissen Grade sogar Ragusa, das mit den serbischen und bosnischen Herrschern auch in cyrillischer Schrift korrespondierte, denn dessen slawische Kanzler waren anfangs ihrem Amte nicht gewachsen und schrieben erst seit der Mitte des 14. Jahrhunderts korrekt eine volkstiimliche Sprache, die aber im Binnenlande erlernte Elemente, namentlich auch Reminiszenzen und Muster des orthodoxen Serbien aufweist. Geradezu eine Spezialitat Bosniens sind seine ungemein zahl- reichen, haufig mit Grabinschriften versehenen Denkmaler, deren man schon vor Jahren rund 22000 zahlte! Wie die alteste Ur- kunde, stammt auch die alteste Inschrift (in Visoko) vom Ban Kulin aus den Jahren 1203—1204 152 ). Die Bliitezeit der altbosnischen Denkmaler umfafst das 14. Jahrhundert und reicht im 15. bis zur Eroberung des Landes durch die Tiirken. Auch die In- schriften ragen durch ihre schone Volkssprache mit ausge- sprochenem Lokal kolorit hervor. Besonders bemerkenswert sind auch ihre kiinstlerisch zwar nicht hochstehenden, aber eigen- artigen Skulpturen; in der Tracht verraten sie deutlich west- europaischen Einflufs, der aus Italien liber Dalmatien und Ragusa nach Bosnien gelangte; aber kein einziges Grabdenkmal enthalt eine symbolische oder allegorische Andeutung, welche die reli- giosen Anschauungen iiber das Dasein nach dem Tode zum Aus- druck brachte. Hier wird nur das Leben in seinen lebhaftesten und frohlichsten Momenten — Jagden, Turnieren, Tanzen — dargestellt. Ebenso sind in den Inschriften nur Begebenheiten aus dem Leben, aber niemals Wehklagen iiber den Verstorbenen angebracht. Man komite glauben, dafs diese westeuropaischen Empfindungen und Begriffe so entgegengesetzten Anschauungen speziell der Sekte der Bogomilen angehoren, deren Bekennern ja der Tod besonders willkommen war, zumal das Kreuz auf diesen Denkmalern selten ist, aber Kenner versichern, dafs so- wohl Bogomilen als auch Katholiken und Orthodoxe daran gleichen Anteil haben. Man sieht, wie schwach das Christentum das Volksleben durchdrungen hat, und kann darin auch einen 174 Grund suchen, warum der Islam miter den Balkanslawen gerade in Bosnien die grofsten Eroberungen machte. Es muls erwahnt werden, dals solche Grabdenkmaler auch in den angrenzenden Gebieten, bis nach Albanien und Kosovopolje, sowie in Serbien am rechten Drinaufer vorkommen, aber noch nicht so erforscht sind, wie die entschieden viel zahlreicheren bosnischen; dagegen sind sie in Bosnien selbst in den einst zu Kroatien gehorigen nord- westlichen Gebieten, wo einige glagolitische Inschriften gefunden wurden, sehr selten. XI. Die kirchenslawisclie Litteratur der Kroaten an der Adria. In die Zeit vom 13. bis 15. Jahrhundert fallt auch die Bliite- zeit der kirchenslawischen Litteratur bei jenem Teil der Kroaten, die in dem adriatischen Kiistengebiete das Erbe der Slawen- apostel unter den ungiinstigsten Umstanden bewahrt und 1248 die ausdriickliche Anerkennung der slawischen Liturgie, aber bereits nach romischem Ritus erlangt haben. Den Mittelpunkt des kroatischen Glagolitismus haben wir auf den Quarnerischen Inseln, in Istrien und im kroatischen Ktistenland zu suchen- auch im nordlichen Dalmatien war er noch stark vertreten und seine Auslaufer fiihren bis in das Gebiet von Makarska und auf die Insel Curzola. In Kroatien bildete urspriinglich die Kulpa seine Grenze; dafiir umfafste er aber auch einige Gebiete im nordwest- lichen Bosnien. Erst spater, namentlich im 16. und 17. Jahr¬ hundert, kamen wohl hauptsachlich infolge der durch die Tiirken verursachten Wanderungen zahlreiche Vertreter des Glagolitismus weiter in das Innere von Kroatien und sogar in die slowenischen Gebiete von Triest und Gorz und nach Krain. Auch in der siidvrestlichen Spitze von Ungarn, in Štrigovo, das mit dalma- tinischen Orten um die Ehre stritt, die Heimat des heiligen Hieronymus zu sein, griindete Graf Friedrich von Cilli, der machtig in die Geschichte der sudslawischen Lander eingriff, ein Kloster zu Ehren des angeblichen Erfinders der glagolitischen Schrift. Besonders interessant ist die Tatsache, dafs dieser romisch- slawische Ritus, der in den meisten kroatischen Diozesen nur eine untergeordnete Rolle spielte, sogar nach Bohmen und Polen 175 verpflanzt ward. Die Luxemburger nahmen unter die Mittel zur Forderung ihrer Plane in Friaul auch den Schutz der slawischen Liturgie auf; Kaiser Karl IV., der ofters starke slawisc.he Neigungen hatte, erwirkte sich von seinem Lehrer Klemens VI. sogar die Erlaubnis, den slawischen Gottesdienst in Bohmen vor- laufig an einem Orte einftihren zu dtirfen (1346), und grilndete (1347) das Emauskloster in Prag, das er mit reichen Mitteln aus- stattete — 1356 bestimmte er eine besondere jahrliche Si rnim i* fur das Abschreiben glagolitischer Biicher — und zuerst mit kroatischen Benediktinern bevolkerte. Das Kloster ging jedoch schon in den Hussitenkriegen zugrunde. Von Prag holten sich (1390) diese Spezialitat, die den alten polnischen Historiker Dlugosz mit slawischem Stolz erfiillt, auch der Konig Ladislaus Jagiello und seine Gemahlin Hedwig, aber auch in Krakau hielten sich die Monche mit slawischer Liturgie nicht lange iiber 1470. Ganz verkehrt ist die Meinung kroatischer Litterarhistoriker (z. B. 1. Broz), dafs sich in Bohmen und Polen unter dem Ein- flusse der Kirchensprache hatte eine reiche Litteratur entwickeln konnen, denn mit der Volkssprache und der lateinischen Schrift konnte zu dieser Zeit die Kirchensprache in keine Konkurrenz mehr treten, am allerwenigsten in Bohmen, das schon eine stark geflegte volkstiimlicheLitteratursprachebesafs; moderne bohmische Litterarhistoriker (wie J. Vlček) ervvahnen daher diese Episode gar nicht. Es muls hervorgehoben werden, dals selbst bei dem in Rede stehenden Teil der Kroaten neben der herrschenden glagolitischen Schrift auch die cyrillische nicht unbekannt blieb. So gibt es glago- litische Sprachdenkmaler mit cyrillischen Notizen und cyrillische mit glagolitischen Randglossen. Fur den bereits bekannten Hrvoje, den Herzog von Spalato (s. S. 172), wurde auch ein reich illustriertes katholisches glagolitisches Mefsbuch abgeschrieben, so dals dieser bosnisch-dalmatinische Machthaber gegen das Ende seines Lebens sein patarenisches Glaubensbekenntnis abgeschworen haben mufs. Auf der Insel Brazza wurde in dem Benediktinci- kloster von Povlje eine ungefahr aus dem Jahre 118o stammende cyrillische Inschrift entdeckt, und eine derartige dortige Urkunde aus demselben Jahre (sie war also vier Jahre alter als die alteste erhaltene cyrillische) hinterliefs uns ein Kanonikus von Spalato in einer Abschrift aus dem Jahre 1250. Das Statut der sudlich 176 von Spalato gelegenen Poljica wurde ebenfalls cyrillisch ge- schrieben, in seinem Text wird aber ausdriicklich der lateinischen Sprache die kroatische entgegengestellt. Alle diese Beispiele machen es begreiflich, dafs ein Austausch litterarischer Denk- maler zwischen den Slidšlawen auch nach der definitiven Kirchen- spaltung des 11. Jahrhunderts nicht ganz aufgehort hat. Erst aus dem 14. Jahrhundert sind schon Spuren auch des Gebrauches der lateinischen Schrift nachzuweisen, die dann seit der zweiten Halfte des 15. Jahrhunderts stark an Ausdehnung ge\vinnt. Der slawische Ritus und mit ihm die Kirchensprache hatten einen besonderen Riickhalt an den Benediktinern, was deren Traditionen entspricht, und an den Franziskanern, namentlich an den Terziariern, die dem niederen Volke, das meist die Glago- litengemeinden bildete, auch im Osten der Adria besonders nahe standen. Zum Unterschied von der orthodoxen Slawenwelt finden wir jedoch unter den Schreibern glagolitischer Denkmaler sehr haufig weltliche Geistliche vertreten, ja sogar Laien (vgl. das in Wien aufbewahrte Missale des Knez Novak von Krbava, Palast- ritters des Konigs Ludwig von Ungarn, aus dem Jahre 1368). Von den kroatischen glagolitischen Denkmalern brachte es das Rheimser Evangelium zu grofsem Ruhm. Einige stidwest- russische cyrillische Evangelienlektionen aus dem 12. Jahrhundert, die dem heiligen Prokop gehort haben sollen, wurden 1395 in Prag durch einen grolseren glagolitischen Teil erganzt und kamen 1451 anlafslich der Verhandlungen liber einen Anschlufs der Bohmen an die orientalische Kirche nach Konstantinopel, wo sie 1574 der Kardinal von Lothringen kaufte und dann der Kirche von Rheims schenkte. Auf diesen mit Gold, Edelsteinen und Reliquien reich ausgestatteten geheimnisvollen »Texte du sacre« leisteten die franzosischen Konige den Kronungseid. Deshalb brachte es das philologisch unbedeutende Denkmal im 19. Jahr¬ hundert zu zwei kostbaren Ausgaben der Franzosen. Grolsen Wert besitzen dagegen die Handschriften und altesten Drucke der Missale (gedruckt zuerst in Venedig 1483, also acht Jahre nach dem ersten lateinischen) und Breviarien, denn diese nach dem Ritus der romischen Kirche zusammengestellten Biicher ent- halten grolse Teile des Neuen und Alten Testamentes und Lek- tionen aus Kirchenvatern in Ubersetzungen, die unbedingt auf das griechische Original 15S ) und auf die Zeiten Cyrills und Methods 177 zuriickgehen. Man kann solche altertumliche Bestandteile, die allmahlich und nur oberflachlich, iiberdies nicht durchwegs der Vulgata angepafst wurden, sehr leicht von denjenigen unter- scheiden, deren nicht besonders gelungene Ubersetzung aus dem Lateinischen angefertigt werden mufste. So ist z. B. der ganz erhaltene Psalter alter und urspriinglicher als der altkirchen- slawische Sinaipsalter. Besonders wichtig sind die Bruchstiicke aus dem alttestamentliche Lektionen enthaltenden Paromienbuch, denn hier haben die Kroaten die Ubersetzung der Slawenapostel besser bewahrt als die Serben, Bulgaren und Russen. Uberdies linden wir in Missalen und Breviarien Bruchstiicke, die in der bulgarischen Redaktion iiberhaupt nicht erhalten sind. Ebenso altertiimlich sind die in Breviarien iiberlieferten Legenden, unter denen die des heiligen Wenzel von Bohmen hervorragt. Die apokryphe Litteratur liefert schone Beweise, dals der Zusammenhang der Kroaten mit den orthodoxen Bulgaren und Serben infolge der reli gi osen Gegensatze nicht ganz unterbrochen worden ist. So bewahrt eine glagolitische Handschrift aus dem Jahre 1468 die ganze dem bulgarischen Popen Jeremija (s. S. 87—89) zugeschriebene Kompilation von Apokryphen, die angeblich auch ihm angehorigen Fragen iiber die Bestandteile Adams, sodann eine Erzahlung von Adams Tod und eine das griechische Original am besten wiedergebende Hollenfahrt der Muttergottes. Im Laibacher Breviar wurden am Tage der Geburt Christi zu lesende Bruchstiicke des Protoevangeliums Jacobi entdeckt, die gleichfalls der griechi- schen Vorlage naher stehen als andere siidslawische Fassungen. Die einheimische, meist aus Ubersetzungen aus dem La¬ teinischen oder Italienischen und aus Kompilationen bestehende geistliche Litteratur ist nicht besonders zahlreich, da sie nur fiir die »einfachen« Leute, welche die Schriften (natiirlich die lateinischen) nicht verstanden, bestimmt war. Vertreten sind Legenden, Visionen, Traktate, Moralisationen, ganz scholastische Predigten, Gebete, Erklarungen der Messe, Belehrungen iiber die geistlichen Funktionen und Sendschreiben, darunter auch zwei apokryphe Episteln iiber die Tugenden und Wunder des heiligen Hieronymus, der also auf allen Gebieten den Stolz der Glago- liten bildete. Eines besonderen Ansehens erfreute sich auch der heilige Gregor, dem »Fragen« zugeschrieben werden, welche an die aus dem Griechischen iibersetzte »Unterredung der drei Murko, Geschichte der sudslawischen Litteraturen. 12 178 Heiligen« oder an die abendlandischen Joca monachorum er- innern. Ubersetzungen der Ordensregeln des heiligen Benedikt fiir das Kloster Rogovo bei Žara vecchia (sehr alt!) und des heiligen Franziskus sowie Satzungen fiir Bruderschaften entsprachen den religiosen Verhaltnissen. Beachtenswert sind die schonen, in den Aufzeichnungen der Bruderschaften iiberlieferten nationalen Namen, die mit altserbischen des Siidostens identisch sind (z. B. Vlkašin). Die Sprache aller dieser Denkmaler zeigt kein einheitliches Ge- prage, bald ist sie mehr volkstumlich und dialektisch gefarbt, bald mehr kirchenslawisch, doch fiihrt sie uns auch in diesem Falle meist in die nordwestlichen Gebiete der quarnerischen Inseln und des gegeniiberliegenden Festlandes. Merkwiirdig nehmen sich neben sehr alten kirchenslawischen Ausdrlicken ganz moderne italienische Fremdvrorter aus. Der Zusammenhang mit Byzanz aufsert sich noch in ganz allgemein gebrauchten Wortern wie kolu d ar (-/.ahr/soog, Monch), daraus koludrica (Nonne), molstir (neben alterem monistir und monastir {uovaat^oiov]). Wenig oder gar nicht vom Kirchenslawischen beeinflufst ist die Sprache der Rechtsdenkmaler und Urkunden, in denen seit der Begriindung der Kirchensprache zum ersten Male wieder ein siidslawischer Volksdialekt (der »čakavische«) in der schriftlichen Aufzeichnung ganz zur Geltung kam. Fiir die Ge- schichte der serbokroatischen Sprache sind daher diese Denkmaler viel wichtiger als die gleichzeitigen serbischen. Nicht gering ist ihre Bedeutung auch fiir die Kulturgeschichte, denn sie bewegen sich nicht in' den Hohen des staatlichen Lebens, sondern in den Tiefen des Volkes. Schon in den lateinischen und italienischen Statuten der dalmatinischen Stadte, die sich die Rechtsblicher der italienischen zum Muster nahmen, gibt es viele volksttimliche Elemente und slawische Worte; besonders wichtig aber sind die slawisch geschriebenen Rechtsdenkmaler. Das alteste ist das Statut von Vinodol, das ein schones Beispiel bietet, wie das Volk selbst sein Gewohnheitsrecht kodifiziert. Im Jahre 1288 versammelten sich die Altesten von Vinodol und aus dem kroa- tischen Kiistenland von Rječina bis zur Grenze von Zengg (Senj), »um alle guten, alten, erprobten Gesetze in Vinodol, an die sie sich selbst erinnern konnten, oder die sie von ihren Vatern und Grofsvatern gehort hatten, schriftlich niederzulegen«. Ahnlich ist das Statut von Vrbnik und bis zu einem gewissen Grade 179 der ganzen Insel Veglia aus dem Jahre 1388, das spater ver- schiedene Erganzungen erfuhr, namentlich unter venetianischer Herrschaft. Auch fiir andere Orte derselben Insel, die dem in der kroatischen Geschichte beriihmten Geschlechte der Frankopane gehorte, sind solche glagolitische Gesetzbiicher nachgewiesen. Auf dem istrischen Festlande hatten sie auch Orte unter osterreichischer Herrschaft, wie Kasta v (it. Castua), Ve pri n a c (in der Nahe von Abbazia) und Trsat (bei Fiume). Am ausftihrlichsten ist das cjrillisch geschriebene Statut von Poljica, einer grofsen Gemeinde stidlich von Spalato, das durch seine schone und volks- tiimliche juridische Sprache und oft dramatische Darstellung der Rechtsfalle hervorragt; sein alterer Teil stammt aus dem Jahre 1440. Die Urkunden sind meist privatrechtlicher Natur, ge- wahren daher einen guten Einblick in das Volksleben und sind auch deshalb interessant, weil ihre Ausstellungsorte am besten das bereits genannte Geltungsgebiet des Glagolitismus begrenzen. Die starkste Sttitze hatte er an den Conti (slaw. Knezi) Frankopan, den Besitzern von Veglia, die schon seit 1193 auch im kroatischen Kiistenlande und in der Krbava festen Fufs gefafst hatten. Fiir die in Istrien herrschenden Verhaltnisse ist charakteristisch die Tatsache, dafs eine ausfiihrliche und fiir die Topographie wichtige Grenzbestimmung aus dem Jahre 1275 lateinisch, kroatisch und fiir die »Herren« deutsch niedergeschrieben vrurde. Ein noch ungeschriebenes Kapitel der kroatischen Litteratur- geschichte bildet die erste siidslawische Kunstpoesie nach abendlandischem Muster. In glagolitischen Hand- schriften des 14. und 15. Jahrhunderts sind namlich viele, aber bisher nur zum Teil bekannte geistliche Lieder meist in der reinen Volkssprache ilberfiefert, die in ganz Dalmatien Verbreitung fanden und schon im 15. Jahrhundert auch in lateinischer Schrift abgeschrieben wurden (so auf Curzola). Erzahlende Lieder wie eine Legende vom heiligen Georg sind selten, stark vertreten ist jedoch die religiose Lyrik durch Weihnachtslieder, Betrach- tungen iiber Christi Leiden, Marienklagen, mystische Ergusse sich nach inniger Verbindung mit Jesus sehnender Seelen und Hymnen auf Heilige, endlich Grabgesange, die besonders deutlich zeigen, dafs diese Poesie hauptsachlich den Bediirfnissen der Bruderschaften diente. Bezeichnend fiir die Herkunft dieser Lieder ist ein Gedicht iiber die Schlechtigkeit dieser Welt, das nament- 12 * 180 lich die hohe (von den Kardinalen angefangen) nnd niedere Geist- lichkeit zur Zielscheibe hat und meint: aViele von ihnen wiirden, wenn sie in der Welt stunden, Vieh weiden, in Weingarten arbeiten und ackern, jetzt haben sie aber einen allzu dicken Bauch um- gtirtet, dem sie, jung und alt, wie Gott dienen«. Man sieht auch, dafs die religiose Lyrik von Umbrien durch die Franziskaner in Dalmatien Eingang fand. Dem entspricht schon die regellose Form mancher Gesange; doch gewohnlich finden wir vollendete Achtsilber, seltener Zwolf- und Zehnsilber mit Reimpaaren und hier und da mit Strophengliederung. Zwolfsilber mit paarweisen Binnen- und Endreimen, die spater in der dalmatinisch - ragusa- nischen Kunstdichtung dominieren, finden wir in einer Katharinen- legende, die im 15. Jahrhundert bereits in lateinischer Schrift fiir die Nonnen des Marienklosters in Žara geschrieben wurde. Was die prosaische Ubersetzungslitteratur an- belangt, so sei daran erinnert, dafs auch die Kroaten die aus Makedonien oder Bulgarien stammende alte Ubertragung der Geschichte vom weisen Akyrios bewahrt haben. In derselben Handschrift vom Jahre 1468 wurden neben dieser orientalischen Weisheit auch die »Biicher des ure is en Kato« iiberliefert. Sie haben jedoch mit dessen »moralischen Disticha«, aus denen die mittelalterliche Jugend so viele Jahrhunderte die Anfangs- griinde der Grammatik, Poesie und Moral kennen lernte (sie wurden bald darauf von Marulic und dann von M. Burešic iiber- setzt; das Werk des letzteren wurde 1562 auch gedruckt), wenig gemeinsam, sondern reprasentieren ein Konglomerat verschiedener moralphilosophischer Sentenzen, die meist aus anderen Quellen, aus der Bibel, hauptsachlich aus den Spriichen Salomons und aus Kirchenvatern stammen. Unter anderen moralphilosophischen Werken ragte der grofse Lucidarius hervor. Diese Enzy- klopadie geistlichen und weltlichen Wissens wurde aus dem Bohmischen tibersetzt, bildet also eine Frucht der Berufung kroatischer Monche nach Prag. Der Gesichtskreis des Uber- setzers, dessen Sprache auf das mittlere Istrien hinweist, war nicht grofs, denn er identifiziert den 01ymp mit der Učka (= Monte Maggiore), die fiir einen Ktistenbewohner allerdings »sogar bis an die Wolken reicht«. Von den Vision en gehort hierher die des irischen Ritters Tundalus (slaw. »Dundal«), die iiber das Leben im Jenseits nach einer italienischen Vorlage berichtete. 181 XII. Mittelalterliche romantische Stoffe bei den Kroaten und Serben. Abendlandische romantische Bearbeitungen antiker Stoffe, Erzahlungen iiber die Wunder des Orients, welche die Phantasie der Kreuzfahrer und ihrer Heimatlander so lebhaft beschaftigten, und sogar Romane aus den franzosischen Chansons de geste und dem bretonischen Zyklus fanden ihren Weg zu den Sudslawen und weiter zu den Russen durch Vermittlung des Ostadriatischen Kiistengebietes. Hier war der Boden ftir die Aufnahme der Ideale des Rittertums besonders giinstig, denn der Feudalismus bltihte nicht blofs in Kroatien, sondern auch in dalmatinisch-bosnischen Gebieten; auch in die dalmatinischen Stadte und die siidwestlichen serbischen Besitzungen gelangte der italienische Abklatsch der hofischen Kultur. Das Verstandnis romanischer Vorlagen bereitete hier keine Schwierigkeiten. Aufserdem weisen gewisse Sprach- eigentiimlichkeiten (Wiedergabe der romanischen s und z durch š und ž, ph und f durch p, zahlreiche Romanismen und auch Germanismen) direkt darauf hin, dafs eine ganze Gruppe von Denkmalern an der Adria iibersetzt oder auch selbstandig be- arbeitet worden ist, denn diese Frage kann nicht genau beantwortet werden, weil man bisher bei keinem Denkmal die unmittelbare romanische Quelle angeben kann. Den Charakter des sildslawischen und russischen Trojaromans bezeichnet schon der Name rumanac troiski (d. i. Romanzo von Troja) in einer der urspriinglichsten kroatischen Handschriften. Wir haben eine entschieden abendlandische und hofische Prosa- bearbeitung des beriihmten Sagenstoffes vor uns; so erklart z. B. Pariš dem Priamus, er sei nicht gekommen, um ihm ftir Geld oder ein anderes Gut zu dienen, sondern um zu sehen, wie es mit der Ehre an seinem Hofe und mit der Courtoisie (dvoršcina) bestellt sei; die trojanischen und griechischen Frauen sind dem- entsprechend Damen im Sinne des Frauendienstes, und Helena findet sofort an dem ihr von Pariš gemachten Antrag nichts Anstčifsiges, denn es gezieme einem Ritter, der eine solche Schon- heit gesehen, so zu reden. Diese slawische Fassung geht so eigenartige Wege, dafs man darin eine selbstandige Bearbeitung nach Ovid und Pindarus Thebanus erblickte (Dunger); doch 182 wollen gerade slawische Forscher an eine derartige Kompilation nicht glauben, da sie in der alteren slawischen Litteratur etwas AuIsergewohnliches ware. Dieser weitgehende Skeptizismus ist bisher jedoch nur beziiglich der von den Byzantinern iibernommenen Werke berechtigt; am wahrscheinlichsten ist allerdings die Uber- setzung eines bisher unbekannten lateinischen oder italienischen Originals, dem eine Erzahlung iiber die Jugend des Pariš und die Heroiden und Metamorphosen Ovids als Quelle dienten. Be- zeichnend fiir das altslawische Schrifttum ist die Tatsache, da [s sogar der Meister der Slawistik, Miklosich, nur an eine griechische Vorlage dachte und deren Ubersetzung nach Bulgarien verlegte. Heute kann es jedoch keinem Zweifel mehr unterliegen, dafs die slawische Ubersetzung oder Bearbeitung bei den kroatischen Glagoliten am Quarnero, wahrscheinlich im kroatischen Kiisten- land, wo mehrere Magyarismen eindringen konnten, entstanden ist, und zwar zum mindesten in der ersten Halfte des 14. Jahr- hunderts, da sie 1345 bereits fiir den bulgarischen Žaren Joann Alesander im Anschluls an die Ubersetzung der Chronik des Manasses, von der sie sich inhaltlich und sprachlich so stark unterscheidet, abgeschrieben worden ist. Einer besonderen Vorliebe erfreute sich bis ins 18. Jahr- hundert (eine Handschrift aus Sarajevo vom Jahre 1782!) der neue Aleianderroman (die sserbische Aleksandrija« der Russen, s. S. 95), ein Werk von soleh kiinstlerischem Wert, dals es mit beriihmten okzidentalen Bearbeitungen wie der des Pfaffen Lambrecht und dem Libro de Alejandro kiihn in eine Reihe gestellt werden kann. Im Vordergrund steht als Ausgangspunkt der Taten Alexanders Jerusalem, wo der Prophet Jeremias nicht von ihm, sondern ih m selbst prophezeit. Das entspricht der ganzen Weltanschauung des Bearbeiters des Werkes des Pseudo- kallisthenes (nach der Redaktion C), denn Alexander erscheint auf seinen Eroberungsziigen als ein Verkiinder des biblischen Gottes, als ein christlicher Held und seine Ritter als Paladine im Zwielicht des Romantismus. Eine westeuropaische Fassung mit den charakteristischen Merkmalen der slawischen hat man bisher nicht gefunden, wohl aber eine wenig bekannte mittel- griechische und ein stellenweise noch mehr iibereinstimmendes neugriechisches Volksbuch, die natiirlich unter starkem abend- landischen Einflufs stehen. In der mittelgriechischen Fassung 183 erblickt man nun die Quelle einer slawischen Ubersetzung, die aber nach den sprachlichen Merkmalen unmoglich auf dem Athos oder im Innern von Serbien enstanden sein kann, sondern an der adriatischen Kiiste, deren Seefahrer und Kaufleute genug Be- ziehungen zu den griechischen Stadten und Inseln hatten. Da ein griechisches Wort »in serbischer Sprache« glossiert wird, so miifste man an die siidlichsten slawischen Gebiete der Adria denken, doch war das Werk schon 1389 in Žara in glagolitischer Schrift (nur so kann die Stelle eines Testamentes »liber Alexandri parvus in littera sclaua« aufgefafst werden) bekannt und weist in den meisten Handschriften zahlreiche Germanismen auf, die uns noch weiter nach Norden fiihren. Viel leichter ware die Heimat zu bestimmen, wenn einer der kompetentesten neuesten Forscher (Sobolevskij) Recht behalten solite, der in der slawiscben Fassung das Original und in der griechischen eine Ubersetzung sieht. Der Fali ware um so mehr beachtenswert, als wir es in der Tat mit einer bedeutenden Bearbeitung des Alexanderromanes in einer Version von der Art der Historia de preliis zu tun baben. Die Frage kann jedoch mit den bisherigen Beweismitteln, wobei man sich nur auf einzelne Worte beruft, nicht gelost werden. Hierher gehort auch die nur bei den Russen erhaltene »Er- zahlung vom indischen Reich«, das ist die Ubersetzung einer unbedingt lateinischen Fassung der Epistel des Presbyters Johannes, des sagenhaften Beschiitzers des Christentums im Orient, der der Phantasie der europaischen Gesellschaft in der Zeit der Kreuzziige als eine Mischung von Kaisertum und Papsttum erschien. Auch die franzosischen Ritterromane kamen auf ihrem Siegeszug nach dem slawischen Siiden nicht blofs in italienischen Fassungen, sondern auch in einheimischen Ubersetzungen. So ist fur Žara aus dem Jahre 1389 ein »Rimancius« von Tristan be- zeugt und ein anderer »Rimancius, der teils lateinisch, teils slawisch geschrieben war«. In slawischer Ubersetzung ist erhalten eine C Geschichte von Rittern aus serbischen Buchern, namentlich vom beriihmten Ritter Tryščan (Tristan), von Ancalot (Lanzelot), von Bovo (d. i. Buovo d’Antona, franzosisch Bueves d’Hanstone) und von anderen vielen edlen Rittern« in einer weilsrussischen, von Polonismen strotzenden Handschrift des 16. Jahrhunderts. Die wahrscheinlich italienische Quelle des Tristan, der den Gegen- 184 stand der beliebtesten und popularsten Dichtungen des Mittelalters bil dete, gehorte zur Gruppe der franzosischen Prosaromane; doch weicht das letzte Viertel des weifsrussischen Textes vollstandig davon ab; da dieser Schlufs der Erzahlung die Tendenz einer fliichtigen Kiirzung und nationale Farben aufweist, so kann der Tristanroman erst in Rufsland diese auffallige Gestalt angenommen haben. Dafiir spricht auch der Umstand, dafs der Roman von Bovo ein ihm sehr nahe stehendes venetianiscbes Gedicht (heraus- gegeben von P. Rajna), also das einzige bekannte Original dieser Gattung, ziemlich genau, haufig wortlich in Prosa wiedergibt. Die Arbeit war fur den siidslawischen Ubersetzer, den wir viel- leicht auf dem Gebiet von Ragusa 1B4 ) zu suchen haben, und noch mehr fiir den russischen Bearbeiter nicht leicht, denn die genau geschilderten Sitten, die Symbole und die Ideale des Rittertums waren ihnen fremd, und speziell der Frauendienst stand im grellsten Widerspruch mit den sonst in der sudslawischen und namentlich in der russischen Litteratur verbreiteten Anschauungen. Die Poesie der Liebe und Schonheit ging daher vielfach ver- loren, die Frauengestalten sind stark verblafst, und namentlich Isolte (sl. Ižota) kann man in dem Wirrwarr der Tourniere und Abenteuer der Ritter und Prinzessinnen kaum herausfinden. Der abweichende Schlufs des Tristan ist vrahrscheinlich auf das ge- ringe Verstandnis dieser Liebestragodie zuriickzufiihren. Besondere Schwierigkeiten bereiteten auch die vielen romanischen Worter und namentlich die Namen. Nichtsdestoweniger fand »Bova« unter allen mittelalterlichen romantischen Epen die grofste Ver- breitung in Rufsland, so dafs er zum beliebtesten Volksbuch wurde, an dem sich noch der junge Puškin ergotzte, in Volks- marchen und in volksttimlichen Bilderbogen weiterlebt und selbst in Bylinen Spuren hinterlassen hat. Kostlich ist es zu sehen, wie z. B. die Bezeichnung der ehebrecherischen Mutter des Bova als meltris (lat. meretrhc) in Rufsland zum Eigennamen Meretris und Militrisa wurde. Vom grofsten Interesse ist die Tatsache, dafs der russischen Litteratur auch die westeuropaischen Er- zahlungen zuerst durch die Siidslavren vermittelt wurden, bevor sich der breite Strom des polnischen Einflusses in das Moskauer Reich ergofs. 185 XIII. Die Tflrkenherrscliafi und ihre Folgen. Das epische Zeitalter der Sudslawen. Byzanz mit seiner die Siidslavren beherrschenden Kultur ging langsam seiner Auflosung entgegen, aber seine Erben wurden weder die orthodoxen Bulgaren oder Serben noch die katholischen »Lateiner«, sondern die mohammedanischen osmanischen Tiirken, die urspriinglich von Byzanz als Bundesgenossen aus Kleinasien nach Europa gelockt worden waren und sich nach voriiber- gehenden Streifziigen auf der Burg Tzympe (1352) und durch die Einnahme von Kallipolis (1354) daselbst dauernd festgesetzt hatten. Im Laule einiger Jahrzehnte stand ihnen schon die ganze Balkan- halbinsel offen, denn die Macht Serbiens, das im 14. Jahrhundert ihre Geschicke lenkte, wurde durch die Schlacht am Kosovo polje (1389) gebrochen, ein auserlesenes westeuropaisches christ- liches Heer aber bei Nikopolis aufs Haupt geschlagen (1396). Die Zertriimmerung des Osmanenreiches in der Riesenschlacht von Angora (1402) durch Timur, gegen den schon die Serben unter Stefan Lazarevič tapfer auf seiten der Tiirken mitkampften, und die nachfolgenden Familienstreitigkeiten verstanden weder Byzanz und die Balkanstaaten noch die iibrigen zunachst inter- essierten christlichen Machte auszuniitzen, um die eroberungs- siichtigen Bekenher des Islams aus dem Siidosten von Europa zu verdrangen, was damals ganz gut moglich gewesen ware. Auch fiir die Folgezeit darf man die Schuld ftir das siegreiche Vordringen der durch ihre militarische Organisation iiberlegenen Tiirken nicht blofs den Balkanstaaten zuschieben, die durch den Byzantinismus, Feudalismus und Partikularismus sowie durch die religiosen Wirren zerriittet und unter sich uneinig waren. Trotz aller Ermahnungen der Pii pst e wurde die europaische Christen- heit schon durch die leichtsinnig heraufbeschworene und un- geniigend vorbereitete Schlacht bei Warna (1444) fast bis zum Ende des 17. Jahrhunderts in eine blolse Defensivstellung gegen den die europaische Kultur bedrohenden Islam gedrangt und tat selbst in dieser Hinsicht nicht ihre Pflicht (vgl. beziiglich der Saumseligkeit der deutschen Fiirsten blols die Klagen Luthers), ganz abgesehen davon, dafs manche christlichen Machte die 186 Tiirken direkt forderten, wie z. B. die allerchristlichsten Konige von Frankreich aus Konkurrenz gegen die Habsburger. Unter solchen Umstanden ist es kein Wunder, dafs nach dem Falle von Konstantinopel (1453), in dem das tiirkisehe Reich seinen Mittelpunkt erhielt, auch Serbien (1459), Bosnien (1463), die Herzegowina (1482) und 1498 auch die Zeta, die schon 1482 die Unabhangigkeit verloren hatte, tiirkisehe Provinzen wurden; denn die Behauptung, dafs das montenegrinische Falkennest nie das tiirkisehe Joch getragen habe, gehort in das Gebiet der epischen Fabeln 1B5 ). Seit der schrecklichen Niederlage auf dem Krbava- feld bei Udbina (1493) stand auch Kroatien, das in diesen schweren Zeiten auf sich selbst angewiesen war, da es seine in verschiedene mitteleuropaische Angelegenheiten vervvickelten ungarischen Konige im Stiche liefsen, den unausgesetzten Tiirken- einfallen offen und begann beim Kaiser Maximilian und dem Papst Alexander VI. Schutz zu suchen, was aber grofsere Verluste zu- erst in Dalmatien nicht verhinderte (1522 Knin und Scardona). Auf dalmatinischem Boden wurde aber Kroatien ohnehin durch grofse Erwerbungen Venedigs geschwacht, dem Stadte und Inseln durch Kaufe, freiwillige Ubergabe, Eroberungen und Friedensschliisse zufielen (1409, 1413, 1420, 1433). Gegen die auch zum Adriatischen Meere vordringenden Tiirken verteidigten die Kroaten das dalmatinische Festland schon mit Unterstiitzung des Habsburgers Ferdinand. Durch die Schlacht von Mohacs (1526) wurde das durch Oligarchenherrschaft und Thronstreitig- keiten geschwachte Ungarn, das aufhorte, ein selbstandiges Reich zu sein, zum grofsen Teile selbst eine Beute der Tiirken, in deren Besitz auch Slawonien bis Esseg, das siidliche Kroatien bis zum Kapelagebirge und das nordwestliche Bosnien bis zur Una iibergingen; Jajce, nach dem Urteile der Zeitgenossen der starkste Verteidigungspunkt ganz Kroatiens und des siidlichen Ungarn, fiel erst 1528. Es waren in der Tat nur traurige Uber- reste Kroatiens (Reliquiae reliquiarum olim regni Croatiae nannten sie die Stande selbst), welche 1527 den Habsburger Ferdinand I. zu ihrem Konig erwahlten, dessen Nebenbuhler, Johann Zapolya, aber auch hier keinen geringen Anhang fand. Auf diese Weise rvaren bereits in der ersten Halfte des 16. Jahrhunderts nach den Bulgaren auch schon alle Serben und der grofsere Teil der Kroaten unter der Herrschaft des Halb- 187 — mondes vereinigt und blieben es liber anderthalbhundert Jahre. Die Reste Kroatiens glichen aber als »Vormauer des Christen- tums« einem bestandigen Heerlager, und fortwahrenden tlirkischen Einfallen waren auch Krain und hauptsachlich die slowenischen Gebiete Steiermarks und Karntens ausgesetzt. An der adria- tischen Kiiste beherrschte, wie einst das ostromische Kaisertum, die Republik Venedig mit ihrer Flotte, deren Mannschaft meist Siidslawen bildeten, die Inseln, befestigten Stadte und einen stellen- weise so engen Streifen des Festlandes, dals man in der Tat vom Meeresufer das Kriihen der Kahne auf tiirkischem Gebiete horen konnte, wie das Volk selbst zu sagen pflegte. Das einzige selb- standige christliche Staatswesen, allerdings unter tiirkischer Ober- hoheit, auf dem ganzen Balkan bildete die kluge Handelsrepublik Ragusa, deren unternehmende Kaufleute den Binnenverkehr der ganzen Halbinsel in die Hande bekamen und Kolonien bis zu den Donaumiindungen und dem Schwarzen Meere (Warna) besafsen. Die Tlirken beerbten Byzanz nicht blofs aufserlich, sondern iibernahmen auch die meisten Einrichtungen von ihm und anderten an den ethnographischen und sogar religiosen Verhaltnissen weniger, als man glauben konnte. Ihre Kolonisationskraft war bald erschopft, so dafs sie grofsere Gebiete nur im Siidosten der Balkanhalbinsel besiedelten, namentlich an strategisch wichtigen Punkten, was z. B. an der Vardarlinie auffallt, durch deren starke tiirkische Bevolkerung die makedonischen Slawen heute fast in zwei Teile gespalten sind. Im Nordwesten kamen osmanische Einwohner nur in Stadte und wichtige Burgen, wurden aber hier meist slawisiert, namentlich in den bosnisch - kroatischen Grenz- gebieten. Sonst vermehrten sich die »Tlirken« durch christliche Renegaten, unter denen auf slawischer Seite am starksten die Bogomilen, namentlich in Bosnien und Herzegowina, die Ortho- doxen und Katholiken aber ungefahr nach ihren Prozentverhalt- nissen in gleicher Weise vertreten waren. In das Gebiet der geschichtlichen Fabeln gehort die Behauptung, dafs speziell die Orthodoxie eine feste Mauer gegen den Islam gewesen sei, denn ein bosnischer Blicherschreiber des 16. Jahrhunderts klagt aus- driicklich, dafs »viele, von niemandem gequalt, sich von der Ortho- doxie abwendeten«, und ein anderer Blicherschreiber aus Sara¬ jevo gibt 1516 seinem Schmerz liber eine grolse Vermehrung der »Agarener« und eine grofse Verminderung der Orthodoxen 188 Ausdruck. Freiwillig nahmen den Islam Fiirstensohne und der Adel an, um ihren Besitz und ihre privilegierte Stellung,- deren sich n ur »Rechtglaubige« erfreuen konnten 158 ), zu retten; unter den slawischen Balkanlandern ragt auch hier Bosnien mit Herze- gowina hervor, das den starksten, geradezu mitteleuropaischen Feudaladel aufzuweisen hatte. Besonders zahlreich waren die Pseudotiirken, welche aus der BI lite der alle fiinf Jahre fur den Militardienst ausgehobenen christlichen Jugend (Janitscharen), aus Gefangenen (am Ende des 16. Jahrhunderts finden wir darunter sogar einen tapferen Agramer Kanonikus, den seine Mitbruder und Kaiser Maximilian allzulange nicht losgekauft hatten 157 )) und den in die Harems geschleppten oder auch entlaufenen Madchen und Frauen hervorgegangen sind. Die Starke des tiirkischen Reiches in seinen besten Zeiten bildete gerade der Umstand, dafs jedermann zu den hochsten Amtern und dadurch auch zu grolsem Grundbesitz und Reichtum gelangen konnte. Bezeichnend ist die Tatsache, dafs aus den bosnischen und anliegenden kroatischen Gebieten vom 15. bis zum 18. Jahrhundert nicht weniger als 18 Grolsveziere stammten 15S ), wahrend die Zahl von anderen hohen und bedeutenden slawischen Wurdentragern in die Hunderte geht. So wird es begreiflich, dafs selbst am Hofe des Sultans Sulejman (1520—1566), unter dem die tiirkische Macht den Gipfel- punkt erreichte, die slawische, speziell serbokroatische Sprache eine wichtige Rolle spielte (die Gesandtschaft Ferdinands I. konnte sich 1530 in Konstantinopel nur in dieser Sprache verstandigen), dafs wir aus der Kanzlei der Grofsherren und namentlich von den Wurdentragern der nordlichen und westlichen Grenzgebiete des tiirkischen Reiches zahlreiche serbokroatische, manchmal von Bulgarismen durchtrankte Urkunden (meist in cyriilischer, aber auch in lateinischer und glagolitischer Schrift) besitzen 1B9 ), und dafs selbst Johann Zapolya mit dem Tiirken Mechmedbeg serbisch korrespondierte. Ebenso war Slawisch die eigentliche Verkehrs- sprache im Janitscharenkorps. Diese Tatsachen waren den nordwestslawischen Zeitgenossen genau bekannt, bildeten sogar einen Stolz ihrer Grammatiker, Chronisten und Schriftsteller; so werden auch die Bemiihungen der slowenischen Protestanten und ihrer deutschen Protektoren begreiflich, welche mit Hilfe der cyrillischen und glagolitischen Drucke nicht blofs alle christlichen Siidslawen, sondern auch die 189 »Tiirken« bis Konstantinopel fur die neue Lehre gewinnen wollten. Unter solchen Umstanden ist es selbstverstandlich, dals die Tiirken in Europa mancherlei auch von den Slawen angenommen haben. Erwahnt sei, dals Bosnien auch Dichter in persischer und tiirkischer Sprache lieferte. Der Konservatismus der Tiirken aufserte sich besonders in der Regelung der kirchlichen Verhaltnisse. Das griechische Patriarchat lielsen sie unangetastet und statteten es noch mit grofser weltlicher Macht tiber seine Glaubigen aus. Dals die griechische Kirche dem Marasmus verfiel, daran waren die Tiirken nicht schuld, an der Kauflichkeit der Patriarchen-, Bischofs- und Priesterwiirden und an anderen Mifsstanden nur teihveise. Unter den guten Geschaften, die der Phanar mit der Hohen Pforte auf Kosten seiner christlichen Ausbeutungsobjekte machte, unter dem nationalen Hochmut und der Intoleranz der Griechen hatte zuerst nur die grolse Mehrzahl der Bulgaren zu leiden, \vahrend die ubrigen Siidslawen davon iiber zweihundert Jahre frei blieben. Das serbische Patriarchat wurde allerdings voriibergehend dem Erzbistum Ochrida untergeordnet. Die iibliche Behauptung, dafs dies gleich nach der Einverleibung Serbiens (1459) geschehen sei, ist nicht bewiesen 160 ); dafiir wird aber noch 1508 ein In- haber des Thrones des heiligen Sava, Erzbischof Jovan, ge- nannt 161 ). Jedenfalls wurde ein langerer Kampf um die Auto- kephalie von Pec gefiihrt; um 1530 versuchte sie ein gewisser Paul wiederherzustellen. Dauernd wurde das serbische Patriarchat 1557 unter sonderbaren Umstanden erneuert. »Der machtige Mehmed Sokolovic (Sokolli), spiiter Grolsvezier, in seiner Jugend Diakon des Klosters Mileševa, ein gebiirtiger Herzegowiner, setzte seinen Bruder, den Monch Makarij, wieder als eigenen serbischen Erzbischof ein. Die Erneuerer waren eine merkwtirdige Gesellschaft von Verwandten: die einen Mohammedaner und tiirkische Feldherren, Statthalter und Veziere, die anderen Monche, Bischofe und Erzbischofe, aber alle mit Gefiihl fiir die alten Rechte ihrer Nation« 163 ). Begreiflich ist es, dafs sich die Erz- bischdfe von Ochrida im 15. und 16. Jahrhundert Herren »aller Bulgaren, Serben und der ubrigen« nannten, aber auffallig ist es, dafs die.von Pec ebenfalls auf »alle Serben, Bulgaren und viele andere Lander« oder ebenso auf »die ubrigen« Anspruch erhoben. Die Machtsphare der beiden Kirchen erfuhr in der 190 Turkenzeit sogar eine Erweiterung, denn der von Ochrida war seit dem Ende des 14. bis zum 16. Jahrhundert, allerdings mit Unterbrechungen, auch Rumanien 16S ) untergeordnet. Pec aber, das ohnehin ein wenig auf Kosten des Erzbistums Ochrida im Siidosten erweitert wurde, konnte erst jetzt die kirchliche Organi- sation in Bosnien ausbauen und bekam nicht blofs die Orthodoxen in Ungarn, Slawonien, Kroatien und Dalmatien zugewiesen, sondern tiirkische Machthaber wollten seit dem 16. Jahrhundert sogar die dortigen Katholiken der Jurisdiktion des Patriarchen von Pec ausliefern. Man findet es vom Standpunkte der Ttirkei auch vollkommen begreiflich, dals ihr der Patriarch von Kon¬ stantinopel und der ebenfalls auf ihrem Territorium ansassige und von ihr abhangige Patriarch von Peč lieber waren als der Papst, der nicht miide wurde, die katholischen Machte gegen sie aufzustacheln. Ebenso verstandlich ist das Bestreben, die Katho¬ liken aus einem strategisch so wichtigen Gebiet, wie es das Sandschakat Lika an der kroatisch-dalmatinischen Grenze war, zu verdrangen. Die beiden genannten kirchlichen Wurden- trager forderten in der Tat zu wiederholten Malen unbarmherzig Abgaben auch von den Katholiken 164 ). Die beiden autokephalen Kirchen, welche dieselben Schwachen zeigten wie ihr Musterbild am Bosporus, waren jedoch, obgleich Ochrida eine Stiitze des Hellenismus bildete, den Patriarchen von Konstantinopel und dem Phanar aus finanziellen und national- politischen Grtinden ein Greuel. Immerhin gelang den Phana- rioten erst dann, als sie ganz die Oberhand erreicht hatten, die Vernichtung des autokephalen bulgarischen Erzbistums in Ochrida und des serbischen Patriarchats in Peč (1767). So lastete end- lich auf allen orthodoxen Slawen der Tiirkei das Joch der griechischen Kirche, das speziell in kultureller Hinsicht viel šchlimmer war als das tiirkische und derartige Gefiihle weckte ; dafs aus Hafs gegen den habgierigen griechischen Klerus Gber- tritte zum Islam vorkamen, z. B. in Alt-Serbien 165 ). Die slawische Liturgie erhielt sich bei den Bulgaren fast nur in den Dorfern, aber selbst in Serbien gab es zu Anfang des 19. Jahrhunderts griechische Bischofe, die nur schlecht slawisch kannten. An- gesichts der panhellenistischen Traume war es ein Gliick fiir die Balkanslawen, dafs die griechische Bildung auf eine sehr niedrige Stufe gesunken und nur dadurch zuganglich war, dafs man aulser 191 der griechischen Umgangssprache noch die kiinstlich konservierte litterarische lernen mulste, weshalb die Griechen wenig Assi- milationskraft besalsen und den slawischen Massen nicht gelahr- lich werden konnten. Die ganze Lage der orthodoxen Slawen unter der Herrschaft der Turken und Griechen macht es aber auch erklarlich, dals das religiose Leben der Bulgaren und Serben in einen tiefen Verfall geriet und heute vom innigen Glauben der Russen ganz verschieden ist. Die Turken selbst waren urspriinglich speziell gegen die slawischen orthodoxen Christeri nicht besonders intolerant. An- fangs gebiihrt ein Verdienst dafiir auch den bulgarischen und serbischen Fiirstinnen, die aus politischen Griinden den Harem der Sultane zieren mulsten: Thamar, einer Schwester Šišmans, Olivera, die von Konstantin von Kostenec als »serbische Esther« gefeiert wird, und Mara, aus dem Geschlecht der Brankoviči, deren Schutz sich namentlich die serbischen Athosmonche er- freuten. Auch den Monchen des Rylaklosters erwirkte sie die Bewilligung, dals sie sich den bulgarischen Nationalpatron Joann Rylskyj aus Sofia holen konnten (1469); die Schilderung dieses Ereignisses durch Vladislav den Grammatiker 166 ) zeugt von der ungewohnlichen Ruhe, die damals in Bulgarien herrschte. An einer gewaltsamen Bekehrung der slawischen Volksmassen hatten, abgesehen von strategisch wichtigen Punkten wie z. B. im Rhodopegebirge, die Turken kein besonderes Interesse, im Gegen- teil, den Grundherren mulste eine moglichst zahlreiche rechtlose Raja sehr willkommen sein. Diese selbst liihlte urspriinglich den Unterschied nicht so stark, weil sie im Grunde genommen nur die Herren gewechselt hatte. Erst allmahlich machten sich auch die schweren Folgen der ttirkischen Wirtschaft bemerkbar, und seit dem Niedergang der ttirkischen Macht gegen Ende des 16. Jahrhunderts beginnt auch die Unterdriickung der Christen, die sofort zu Aufstanden bereit waren, wenn die • Tiirkei nur irgendwo in einen grofseren Krieg verwickelt wurde. Dieser Kampflust bedienten sich auch gern die christlichen Machte, namentlich Osterreich und Venedig. Solche Versuche mulsten die ttirkischen Christen allerdings schwer blilsen, namentlich wenn sie mit einem Iremden Heere gemeinsame Sache gemacht hatten, das sich dann zuriickzog, wie die Osterreicher 1689 aus Alt- Serbien oder 1697 nach dem Streilzug des Prinzen Eugen nach Bos- 192 nien. Die fortwahrenden Wanderungen nach dem Norden und Westen nahmen in solchen Kriegszeiten besonders grolse Di- mensionen an. So kamen zahlreiche orthodoxe Serben nach Ungarn weit tiber ihre jetzigen Wohnsitze hinaus, wo sie trotz des Glaubensunterschiedes allmahlich in der iibrigen Bevolkerung aufgingen, und in die osterreichischen und ungarischen Grenz- gebiete, wahrend andererseits auch die Tiirkei orthodoxe Grenz- wachter (martolosi aus dem griechischen aQf.iccTioX6g X afiaoicolog) ansiedelten. Zahlreiche Katholiken kamen aus Bosnien und der Herzegowina wieder nach Slawonien und in die Donaugebiete Ungarns (Bunjevci, Sokci), wahrend andererseits kroatische Katho¬ liken sich in einem weiten Streifen im westlichen Ungarn bis nach Niederosterreich und Mahren zerstreuten. So wurden grolse Teile von ihren Stammeskorpern losgelost, nicht immer zum Vor- teil der slawischen Nationalitat; speziell die Serben gaben auf diese Weise allmahlich den grofsten Teil ihres Stammlandes preis, in dem der Prozefs des Zuruckweichens vor den aus den Bergen herabsteigenden Albanesen bis auf den heutigen Tag nicht ab- geschlossen ist. Auch die grofsen religiosen und dialektischen Mischungen in den osterreichisch-turkischen Grenzgebieten werden aus diesen Wanderungen erklarlich; in den nordwestlichen Ge- bieten von Bosnien und Herzegowina unterscheidet sich noch heute die bodenstdndige mohammedanische und katholische Be- volkerung von der eingewanderten orthodoxen durch den Dialekt (spricht % fiir e, die orthodoxe je, ije). Auch in Bulgarien ist in jiingster Zeit eine grolse dialektische Buntheit, die auf ahnliche Wanderungen, namentlich infolge der russisch-tiirkischen Kriege, zuruckzufiihren ist, aufgedeckt worden, von den bulgarischen Kolonien in Bessarabien und in der Krim gar nicht zu reden. Die geschilderten Ereignisse und Zustande \varen von der grofsten Bedeutung fiir das geistige Leben aller Siidslawen, mogen sie -auch teilweise das turkische Joch nur kiirzere Zeit oder gar nicht getragen haben. Durch den Untergang der Balkanstaaten verlor vor allem die Litteratur die Unterstiitzung der Fursten und des Adels, auf deren Schenkungen und fromme Stiftungen namentlich die Kloster, fast die einzigen Vertreter der schriftstellerischen und schreiberischen Tatigkeit, angewiesen waren. Die erste Folge der Turkenherrschaft war daher eine starke Auswanderung der hervorragendsten geistigen Krafte aus 193 Bulgarien und Serbien nach den Donaufiirstentumern Walachei und Moldau und nach Rufsland. Die beiden rumanischen Fursten- tiimer zeigen seit ihrem selbstandigen Auftreten im 14. Jahr- hundert bis zum 16., ja noch bis zum Anfang des 17., ein voll- standig slawisches Aussehen; die Alleinherrschaft der slawischen Kirchen- und Staatssprache ist nicht blofs auf das kulturelle Uber- gewicht des benachbarten Bulgarien zuriickzufiihren, sondern auch durch die historische Vergangenheit und die ethnographischen Verhaltnisse (noch im 15. Jahrhundert ist slawische Bevolkerung nachweisbar) der Gebiete zwischen der Donau und den Karpaten zu erklaren. Die mittelbulgarische Periode fand ihre eigentliche Fortsetzung in der Walachei und Moldau, ftir sie gelten haupt- sachlich die Worte des serbischen Historiographen Konstantin von Kostenec, dals durch die Trnovoer Schriften »auch heute, trotz des Verfalls des Zartums, die umgebenden Žaren und Lander aufgeklart werden«. Die Sprache und die Orthographie des slawischen Schrifttums Rumaniens verraten in der Tat einen iiberwiegend bulgarischen Einfluls (daher »walacho-bulgarische« Urkunden u. a.), doch baufig wurde im Lande selbst in slawischer und rumanischer Sprache, in neuester Zeit aber auch von ver- schiedenen Gelehrten dafiir der Ausdruck »serbisch« (serbische Chronik, serbische Handschriften, walacho-serbisch) 167 ) gebraucht, was sich dadurch erklart, dals die kirchenslawische Litteratur zuletzt in Serbien die starkste Pflege fand; von dort kamen nicht blofs zahlreiche Handschriften, sondern auch der erste Griinder rumanischer Kloster und der Schreiber der altesten von den bis jetzt datierbaren Handschriften rumanischer Herkunft (Evangelium vom Jahre 1405), der auf dem Athos gebildete Pope Nikodem, und noch zu Anfang des 16. Jahrhunderts der Monch Makarij und andere serbische Buchdrucker nach der Walachei. Das slawische Schrifttum Rumaniens ist sehr reichhaltig 168 ) und hat uns eine Menge sudslawischer Werke aller Arten gut tiberliefert; neue Ubersetzungen sind nicht dazu gekommen, wohl aber Original- arbeiten. Die slawische Litteraturperiode Rumaniens wird von den Einheimischen zu wenig beachtet und gewtirdigt, zum Teil noch aus falscher Scham, die ebenso unverniinftig ist, wie es die Vernachlassigung der lateinischen Litteraturperioden, Schrift- steller und Werke in Westeuropa ware. Murko, Geschichte der sudslawischen Litteraturen. 13 194 Von der grofsten Wichtigkeit waren die geistigen Stromungen und die erhohte litterarische Tatigkeit der Siidslawen ftir die russische Kultur des 14. bis 15. Jahrhunderts. Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts folgte den siidwestlichen Gebieten auch das nordostliche Rufsland in der Unterhaltung lebhafter Beziehungen zu Konstantinopel und dem Athos; besonders in der byzantinischen Hauptstadt, die sich als Mittelpunkt der Orthodoxie bei den Russen eines grolsen Ansehens erfreute, gab es zahlreiche russische Monche, die mit den Bulgaren und auch mit den Serben, nament- lich mit denen der Athoskloster, in einem regen Schriftenaustausch standen. Als das »zweite Rom« in die Hande der Unglaubigen gefallen war, kehrte die russische Kolonie in ihre Heimat zuriick und trug so besonders viel zur Verstarkung des sudslawischen Ein- flusses bei. Noch mehr fallt aber die Auswanderung vieler Siid- slawen nach Rulsland ins Gewicht, namentlich der Bulgaren Kiprian und Grigorij Camblak (S. 126—127, 161) sowie des Serben Pachomij Logothet, die es in Rulsland als Homileten und hagiographische Schriftsteller zu hohem Ansehen brachten und der russischen Litteratur neue Bahnen wiesen. Von den Siid- slawen iiberhaupt ubernahmen die Russen im 14. und 15. Jahr- hundert eine veranderte Schrift, das geometrische, seltener das Pflanzenornament an Stelle des teratologischen. die Orthographie und Sprache der Handschriften, wobei sie teilweise einen Riick- schritt machten, indem sie von ihrer vereinfachten Graphik und einer den nationalen Eigenttimlichkeiten schon stark Rechnung tragenden Sprache zugunsten der archaisierenden und byzantini sierenden mittelbulgarischen Reformen des Euthymij abwichen. Mehr Bedeutung hatte die Verbesserung der Texte, namentlich aber die Bereicherung durch neue Ubersetzungen und Original- werke, die so stark ausfiel, dafs das russische Schrifttum a m Ende des siidslawischen Einflusses geradezu verdoppelt wurde 169 ). Diese Vermehrung war aber nicht blofs aufserlich, sondern die neuen litterarischen Schatze zeichneten sich durch Mannigfaltig- keit aus, befriedigten alle moglichen Bediirfnisse und Geschmacks- richtungen und lieferten russischen Schriftstellern reichliches Material fur Leistungen, die Marksteine in der Geschichte des geistigen und staatlichen Lebens Rufslands bilden. So stellte wahrscheinlich Pachomij den russischen Chronographen zusammen (1442), dessen siidslawische Bestandteile und Merkmale gewifs 195 einem in Rulsland wirkenden Serben zu verdanken sind. Kiprian und Pachomij verpflanzten auch die byzantinischen staatsrecht- lichen Theorien nach Moskau und gaben den dortigen Grofs- fursten den Anstofs zur Annahme der Zaremvurde; Pachomij mochte man sogar jene »Erzahlung« zuschreiben, welche Moskau zum dritten Rom stempelte, dem ein viertes nicht folgen solite. So leisteten die Sudslawen vor und nach dem Untergange ihrer Staaten noch einmai die grolsten Dienste den Russen, deren frommen Sinn und Mildtatigkeit sie bald darauf selbst stark in Anspruch nehmen mulsten. Wie traurig es mit der Kultur im slawischen Siiden stand, lehrt am besten die Geschichte der Buchdruckerkunst in diesen Gebieten. Nachdem in Venedig schon 1483 ein glagolitisches Missale fiir einen Teil der katholischen Kroaten (vgl. S. 175) und ein Horologium (1493) erschienen war, liels der monte- negrinische Wojwode Georg (Gjuragj) Crnojevid daselbst auch eine cyrillische Buchdruckerei herstellen, die er nach Cetinje iiber- trug. Ob das erste serbische Buch, ein Octoechos, vom Monche Makarije schon in Cetinje gedruckt wurde (1494), wie gewohn- lich angenommen wird, ist nicht sicher, wohl aber ein Psalter im folgenden Jahre. Georg Crnojevic wollte dadurch dem grofsen Mangel an Kirchenbiichern abhelfen, da die »Agarener« (Tiirken) nicht nur viele Kirchen zerstort, sondern auch Biicher zerrissen oder verschleppt haben. Bezeichnend ist auch das Schicksal der Urheber der ersten serbischen Drucke. Georg Crnojevic wurde schon 1496 von seinem Bruder mit Hilfe der Tiirken aus Montenegro vertrieben, begab sich nach Venedig, woher seine Frau stammte, wurde dort interniert, entfloh und kehrte nach einigem Herumirren in Italien nach seiner Heimat zuriick, mufste sich aber den Tiirken ergeben und wurde nach Kleinasien verbannt; es wird behauptet und ist nicht unwahr scheinlich, dafs er, wie sein Bruder, den Islam angenommen habe. Der Monch Makarije bekam ebenfalls in Venedig die Gelegen- heit, sich in seiner Kunst zu vervollkommnen, die er dann in die Walachei brachte, wo er 1508 ein Liturgiarium, 1510 einen Oktoechos und 1512 ein Evangelium (in Trgovište) druckte. Die Identitat des montenegrinischen und walachischen Makarij ist zwar nicht ganz sicher gestellt, aber hochstwahrscheinlich; auf jeden Fali war aber der erste rumanische Drucker ein Serbe. 13* 196 •Dabei fallt es auf, dafs die ersten walachischen Drucke an Schon- heit die Cetinjer noch tiberragen, doch in der Ausschmiickung nicht mehr die italienische Kunstrichtung, sondern eine byzan- tinisch-orientalische verraten, ebenso wie im Texte die mittel- bulgarische Redaktion zur Grundlage diente, so dals dasjEvange- lium von Trgovište als das erste gedruckte bulgarische Buch betrachtet wird. In Venedig selbst druckten serbische Biicher Božidar Vukovič aus Podgorica in Montenegro und sein Soh n Vinzenz, welcher sich im fortwahrenden Verkehr mit den in der Lagunenstadt weilenden norddalmatinischen Kroaten ihren Dialekt aneignete oder sich die Vorreden von einem von ihnen schreiben liefs, sodann ein Jakob aus Kamena Reka bei Kiistendil, Jerolim Zagurovic, ein Nobile aus Cattaro, der einen Jakov aus Sofia beschaftigte, und noch zwei Venetianer. Die beiden genannten Manner, die nach unseren heutigen Begriffen aus bulgarischen Gebieten stammten, sind die einzigen Bulgaren, die iiberhaupt mit der Kunst Gutenbergs zu tun hatten, denn die Grenzen ihres Landes erreichte sie gar nicht. Sonst wurden einige Biicher noch in Gorazda (zum Teil noch in Venedig vor Ubertragung der Buchdruckerei) und Mileševa in der Herzegowina, im Kloster Rujan im Kreise Užice in Serbien, in Mrkšina Crkva, wahr- scheinlich ebenfalls in derselben Gegend, in Belgrad (hier von einem Ragusaner Trojan Gundulic), in Gračanica auf dem Kosovo polje und in Skutari (ein Teil eines einzigen Buches ebenfalls in Venedig) gedruckt. Im ganzen erblickten aber so das Licht der Welt nur 14 Werke, allerdings in mehreren Auflagen, fast durch- \vegs liturgischen Inhaltes; eine Ausnahme macht ein Sammel- werk (Zbornik) des Božidar Vukovič (zuerst 1520) mit dogma- tischen, liturgischen und kalendarischen Bestandteilen und einigen Apokryphen, iiberdies die erste serbische Fibel (1597). Beachtens- wert ist der Umstand, dafs das Evangelium immerhin dreimal gedruckt wurde (1537 in Rujan, 1552 in Belgrad, 1562 in Mrkšina Crkva), der Apostolus aber gar nicht. Doch selbst diese bescheidene Buchdruckertatigkeit, die in schweren Zeiten meist Monchen zu verdanken ist, unter denen manche nicht blofs Setzer, sondern auch Matrizenschneider und Schriftgiefser waren, nimmt 1566 ein Ende, dann fielen aber selbst die dem westeuropaischen Kulturleben so benachbarten Serben ganz in das Mittelalter zuriick und schrieben ihre alten 197 Werke bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ab, ja sogar liturgische Bucher, wenn sie solche nicht aus Rufsland erhielten, was aber aus Moskau auch erst nach dem Jahre 1563 moglich wurde. Noch 1750 wurde auf dem Athos ein Menaum fiir den Monat Februar sogar aus einem gedruckten Moskauer Exemplar des Jahres 1690 abgeschrieben! Auch geschriebene Bucher wurden jetzt aus Rufsland geschickt, so nach Chilandar im Jahre 1549 eine Paleja aus Litauen, 1566 die Propheten aus Moskau, 1563 ist aber daselbst eine Abschrift des Evangeliums nach einer »russischen Ubersetzung« bezeugt 17 °). Interessant ist die Tat- sache, dafs sich die Athoskloster schon 1669 durch Vermittelung des Moskauer Patriarchen »an unseren Žaren Alexej Michaj- lovič« wendeten 171 ). Trotz dieses ofters angerufenen Schutzes der russischen Žaren ging das slawische Element auf dem Athos zugunsten des griechischen zuriick, ja das zuletzt so starke serbische wurde fast vollstandig verdrangt, und im 18. Jahr- hundert kam sogar das Chilandarkloster in die Hande der Bul- garen, weil keine serbischen Monche vorhanden waren. Zum Teil erklart sich dies jedoch dadurch, dafs sich die Serben unter- dessen in giinstigeren Verhaltnissen einen neuen Athos in Syrmien geschaffen haben. Auffallig sind in den Schreibernotizen der ge- schriebenen und gedruckten Bucher die plastischen Schilderungen der tiirkischen Greueltaten, Klagen liber die vielen Leiden von seiten der Unglaubigen und haufige Ausfalle gegen die Sultane. Fiir die Bewahrung der historischen Erinnerungen und des Nationalbewufstseins sorgte die autokephale serbische Kirche auch dadurch, dafs sie die fast ausnahmslos kanonisierten Konige, Žaren und Fiirsten, kurz die »serbischen Herren«, im Gottes- dienste feierte; die Kanones der nationalen Heiligen wurden zu¬ letzt in einem besonderen Serbenbuch (Srbljak) vereinigt (die alteste bekannte Handschrift des Monches Maxim aus dem Jahre 1714, gedruckt zuerst in Rimnik in der Walachei 1761). Einige Bereicherung erfuhr das Schrifttum der orthodoxen Stidslawen jetzt hauptsachlich aus Rufsland. Ob bei den Serben in der Tiirkenzeit neue Ubersetzungen entstanden sind, wissen wir wenigstens vorlaufig nicht. Bekannt sind einige Original- arbeiten. Nach Art der alten Biographen schrieb der Patriarch Pajsij (1614—1646) eine Lebensbeschreibung des letzten Žaren Uroš und dazu eine Lobrede nach den vorhandenen mangelhaften 198 Quellen und sehr viel nach der Volksuberlieferung, der zufolge der schwache letzte Nemanjic durch den faktischen Regenten Konig Vukašin den Martyrertod erlitten habe, welche Fabel die kritische Geschichtsschreibung erst in der jiingsten Zeit schwer aus der Welt schaffen konnte. Aus der miindlichen Tradition schopften auch eine Erzahlung von der Kosovoschlacht und ein unbekannter Biograph des albanesischen und sudslawischen Nationalhelden Skanderbeg, der sonst von Barletius »De vita, moribus ac rebus . . . Georgii Castrioti« (Rom, zuerst wahrscheinlich 1506, dann 1524 usw.) abhangig ist. Begreifliches Interesse erregte auch das Leben Mohammeds. Besonderer Vorliebe erfreuten sich die Chroniken mit ihren serbischen Annalen, die meist in den \vestlichen Ge- bieten geschrieben und fortgesetzt wurden. Der letzte Verfasser einer derartigen Geschichte der Serben war der in den ungarischen Grafenstand erhobene Pseudodespot Georg Brankovič, der als Staatsgefangener in Wien und Eger (gestorben 1711) dazu die Mufse fand. Aus dem Jahre 1704 stammt endlich die Schilderung einer serbischen Pilgerfahrt nach Jerusalem von Jerotij Račanin. Bei den Bulgaren wurde die populare Predigtsammlung Orjoccvgog des Damaskin Studit, eines der bekanntesten griechischen Schriftsteller des 16. Jahrhunderts, iibersetzt und stark verbreitet, allerdings nur in Abschriften, nicht aber in Drucken, wie das Original. Von der Popularitat, der sich diese Predigtsammlung auch bei den Bulgaren erfreute, zeugt der Umstand, dals der Name ihres Verfassers zu einer Gattungsbezeichnung wurde und Damaskine auch allerlei andere Belehrungen, Heiligenlegenden und Apokryphen enthielten. Entstanden ist die urspriingliche Ubersetzung in Makedonien, und auch sonst zeigen die Hand- schriften die den Serben und westlichen Bulgaren im 16. und 17. Jahrhundert gemeinsame Kirchensprache mit serbischer Farbung, aber immer mehr dringen in ganze Gruppen dieser Handschriften die bulgarischen Volksdialekte ein, so dafs diese Denkmaler eine besondere Bedeutung fur die Sprachgeschichte haben. Aulser einer bulgarischen Redaktion einer serbischen Chronik finden wir auch poetisch ausgeschmiickte Erzahlungen vom Falle Konstantinopels und im Anschlufs daran vom Bau der Sophienkirche mit der Prophezeiung einer kiinftigen Be- freiung der byzantinischen Hauptstadt. Eine Hebung der sudslawischen Litteratur durch die Kultur 199 der Tiirken war ausgeschlossen. Diejenigen Balkanslawen, welche den Islam annahmen, eigneten sich allerdings auch seine gesamte Zivilisation an, die auch fiir die christliche Umgebung bedeutungs- voll wurde, aber ein grolser, direkter Einflufs auf die Volks- massen war wegen des religiosen Unterschiedes nicht moglich. Uberdies war die tiirkische Litteratur selbst nur ein Abklatsch der persischen, in ihre Sprache war fast der ganze persische und arabische Wortschatz eingedrungen, so dals auch das tiirkische Volk seine Dichter nicht verstand. Immerhin konnen wir in der mohammedanisch-slawischen Volkslyrik eine echt orientalische sinnliche Glut und Farbenpracht bemcrken, die natiirlich auch in der christlichen tiefe Spuren zuruckliefs. Von einem absicht- lichen Einwirken der Tiirken auf die slawischen Volksmassen oder von einem gewaltsamen EntnationaUsieren, um modem zu sprechen, kann jedoch keine Rede sein, im Gegenteil, selbst die tiirkische Verwaltung hatte das Prinzip, sich in das Leben der Raja nicht einzumengen. Deshalb konnten sich namentlich die abgelegenen Gebirgsgegenden freier entwickeln als in den mittel- alterlichen slawischen Staaten; es erfolgte eine Riickkehr zu jenen Sitten und Gewohnheiten, welche die mittelalterliche Gesetz- gebung und Staatsgewalt bekampften: Brautraub wurde haufiger, die Zadruga erstarkte, die Blutrache trat wieder in den Vorder- grund, man kehrte zu den primitiven Wirtschaftsformen oder solchen, die ihnen nahe sind, zuriick. Was der Anthropogeograph Cvijic 172 ) von den Serben sagt, dafs die Tiirkenzeit fiir sie eine Periode ethnographischer Rekreation und der Riickkehr zur ur- spriinglichen ethnographischen Frische bedeute, gilt ebenso fiir die Mehrzahl der Kroaten und selbstverstandlich auch fiir die Bulgaren. Man schliefst daraus, dafs die bauerliche christliche Bevolkerung nirgends vom tiirkischen Leben starker infiziert vrorden sei. Diese Ausfiihrungen sind jedoch nur in ihrem Kerne richtig, denn der tiirkische Einflufs war selbst in den patriarchalischesten Gebieten der Herzegowina und Montenegros nicht unbedeutend. Vor allem sind die bulgarische und serbokroatische Sprache von tiirkischen Elementen namentlich im Lexikon in unglaublicher Weise infiziert. Es ist auffallig, wie leicht sich die tiirkischen beziehungsweise persischen und arabischen Fremdworter auch in die Volkssprache der Sudslawen einfiigten, was z. B. von den It 200 deutschen in jiingster Zeit durchaus nicht gesagt werden kann, Viele, darunter ganz unnotige, sind auch in die Litteratur- spracben ubergegangen und werden zahe festgehalten. So sind die Slawonier schon im Jahre 1699 vom Tiirkenjoch befreit worden, lieben es aber noch bis auf den heutigen Tag, ihre Sprache mit turkischen Brocken zu zieren, und selbst in Agram werden in der Litteratur tiirkische Bezeichnungen, z. B. fur Kredit (veresija mit volksetymologischer Anlehnung an vera, vjera, Glauben), Uhr und Stunde (sahat, sat), den europaischen vorgezogen. Verschiedenen Kleiderverboten zum Trotz wurde die tiirkische Nationaltracht oder wenigstens einzelne Bestand- teile 'derselben allgemein ublich. Speziell im Fez erblickten die Romantiker des 19. Jahrhunderts geradezu ein Nationalheiligtum, so dals" ibn zum Beispiel der beriihmte Sammler der serbischen Volkslieder, Vuk St. Karadžic, auch in der Kirche nie herabnahm. Starke tiirkische Einfliisse sind weiter im Kriegswesen, nament- lich in der Ausriistung der Pferde, in der Vervvaltung, in den Gewerben (vgl. schon die Worte zanat [Handwerk] und esnaf [Zunft]) und in der Verfeinerung der Lebensweise durch orien- talische und selbst abendlandische Gegenstande, welche die Tiirken durch ihre Beriihrung mit Mitteleuropa oder mit den »Franken« in Konstantinopel und am Agaischen Meere kennen gelernt hatten, bemerkbar. Das alles beweisen zahlreiche Fremdworter auf dem Gebiete der materiellen Kultur, wofiir alte einheimische, oft ge- meinslawische Ausdriicke vorhanden waren und noch sind 173 ). Die Tiirkenherrschaft spielt aber in der siidslawischen Kultur- geschichte nicht blofs eine negative, sondern auch eine sehr wichtige positive Rolle. Die grofsen Katastrophen, die iiber die siidslawischen Staaten hereinbrachen, liefsen zwar in der Litteratur nur geringe Spuren zuriick, dafiir war aber ihr Einflufs auf die von Mund zu Mund gehende Sage und Dichtung um so grofser. Die Tiirkenzeit ist einfach das epische Zeitalter aller Siidslawen, dem sogar die Slowenen ihre schonsten Balladen zu verdanken haben. Ein Vergleich mit den Wirkungen der Kampfe gegen die Araber auf das spanische und altfranzosische Nationalepos liegt nahe, doch besteht ein bedeutender Unterschied darin, dafs die Volksepik der Siidslawen naturgemafs viel jiinger ist, dann aber eine fiinfhundertjahrige Geschichte hinter sich hat und in grofsen Gebieten bis auf den heutigen Tag fortlebt, so dafs wir 201 hier schone Parallelen zum Studium des Wesens und der Lebens- bedingungen der Volksepik der romanischen und germanischen Volker des Mittelalters finden konnen. Welchen gewaltigen und unausloschlichen Eindruck die Kampfe mit den fanatischen Bekennern des Islams, unter denen auch »der schwarze Araber« nicht fehlte, auf die Phantasie der siidslawischen Christen machten, beweist der Umstand, dafs wir in ihrer ungemein reichhaltigen Epik fast gar keine Erinnerungen an Personen und Ereignisse der vortiirkischen Zeit finden, wahrend sofort in Sage und Dichtung die makedonischen Teilfiirsten der zweiten Halfte des 14. Jahrhunderts, welche Dušans Reich dem Untergang weihten und die ersten verhangnisvollen Zusammen- stofse mit den Tiirken zu bestehen hatten, samt ihrem Gefolge vertreten sind. So finden wir unter ihnen Konig Vukašin, der zum Siindenbock des Verfalles des serbischen Reiches und zum Morder des Žaren Uroš gestempelt wurde, wahrend er in Wirk- lichkeit vor dem natiirlichen Tode des letzten Nemanjic in der Schlacht an der Marica gegen die Tiirken gefallen war, ferner Bogdan, seit 1372 tiirkischer Vasall, den Protesevastos Hreli a oder Relja »den Gefliigelten«, den Wojvoden Momčilo, der aber schon im Kampfe gegen den byzantinischen Kaiser Johannes Kantakuzenos gefallen war (1345), die Jugoviči u. a. Zu den makedonischen Teilfiirsten gehort auch Vukašins Sohn, Kraljevič Marko, der Lieblingsheld ali er Siidslawen, der es zu solchem Ruhm brachte, trotzdem er einer der ersten tiirkischen Vasallen war; er liefert gleich den Beweis, dafs auch die Volksepik der Siidslawen unhistorisch ist, denn an seine Personlichkeit kniipfen sich alle moglichen einheimischen und wandernden Motive der Volks- und Kunstdichtung anderer Volker (nur mit seinem Tode werden nicht weniger als neun verbunden), so dafs von einem einheitlichen Bilde dieses Helden keine Rede sein kann. Uber- haupt brachten es die Siidslawen zu keiner nationalen Epopoe, denn ohne Zwang und Einschiibe kann man einen Zyklus nicht einmal aus den schonsten epischen Liedern herstellen, welche die verhangnisvolle Schlacht auf dem Kosovopolje (1389) besingen. Das Volk konnte sich die schwere Niederlage nicht anders als durch Verrat erklaren, und so wurde von den beiden Schwieger- sohnen des Fiirsten Lazar, zwischen deren Frauen der in Volks- sagen ofters wiederkehrende Streit iiber die Vorziige ihrer Manner 202 ausgebrochen war, Vuk Brankovič zu einem fluchbeladenen Ver- rater gestempelt, obwohl er in der Schlacht in hervorragender Weise seine Pflicht erflillt und sich dann mit den Tiirken gar nicht ausgesohnt hat wie Lazars Sohn Stefan. Begreiflich ist es dagegen, dafs das Volk dem in der Schlacht gefallenen Fursten Lazar und dem anderen (historisch nicht sichergestellten!) Schwiegersohn, Miloš Obilic (ursprunglich Kobilic), der den Sultan Murad getotet hat, seine ganze Liebe zuwendete, wie die Nachricht von Murads Tode auch in Westeuropa einen viel grofseren Eindruck machte als die fiir die ganze Christenheit so bedeutungsvolle Niederlage des serbischen Reiches. Seit dem Anfang des 15. Jahrhunderts geht die Fiihrung in den Tiirkenkriegen auf Ungarn tiber, und so steht im Mittel- punkt der siidslawischen Volksepik allgemein »der Konig von Budim« (Ofen), seltenerder »Konig von Ungarn«, namentlich haufig der Konig Mathias Corvinus (1457—1490). Als Heerfiihrer ragen aber in diesem Zeitalter hervor: Johann Hunyadi (in den alteren Liedern Janko vojevoda, Ugrin Janko, in den jiingeren Sibinjanin Janko),’der eine zvrnite Schlacht auf dem Kosovopolje (1448) verlor, die in den Volksliedern vielfach mit der ersten ineinander- flofs, nach ihm sein Scnwestersohn Johann Szekely (banovic Sekula), Michael Szilagyi (Svilojevic), der fiir Mathias Corvinus zuerst regierende Oheim, und andere »ungarische Herren« (ugarska gospoda, ugričici), darunter auch der Corvinische Kommandant der Donauflotille, Peter Doczy (Dojčin Petar). Auf serbischer Seite spielen in diesem ungarisch-serbischen Liederkreis eine be- sondere Rolle noch der Despot Georg Brankovič, in Ungarn selbst aber namentlich der Despot (1471—1485) Vuk Grgurevič, im Volkslied Zmaj-ognjen Vuk (der feuerige Drache Vuk), auf den ganz marchenhafte Motive iibertragen werden, die Briider Jakšic (Motiv des Bruderzwistes) u. a. An der Scheide des 15. und 16. Jahrhunderts treten dann die kroatischen und dalmatinischen Grenzgebiete in den Vorder- grund, wo namentlich die von Osterreich und Venedig im Klein- krieg gern verwendeten, oft aber auch wenig willkommenen Uskoken (= Uberlaufer) dem Volksliede zahlreiche Lieblings- helden lieferten, wie Jankovič Stojan, Smiljanič Ilija, od Zadra (von Žara) Todor, Senjanin (von Zengg) Ivo, Senjanin Tadija. Den Inhalt solcher Lieder bilden keineswegs grofsere Kriegsziige, 203 sondern meist kleine Grenzkampfe, die aber haufig durch einen »heldenmiitigen Zweikampf« angesichts der beiden Parteien aus- getragen werden, Uberfalle auf Wachhauser, Streif- und Raub- ziige, deren besonders bevorzugte Beute Madchen und Frauen bilden, die haufig sehr gern den Glaubensfeinden auf beiden Seiten zulaufen; ofters wird die Braut auch einem friedlichen Hoch- zeitszuge weggenommen f weshalb man es begreiflich findet, dafs Valvasor sogar von seinen Krainern gegen Ende des 17. Jahr- hunderts berichtet, dafs sie sich zu einer Hochzeit wie zum Kriege rlisten. Es waren iiberhaupt schwere Zeiten, in denen man an der kroatischen Grenze tatsachlich nur mit den Waffen in der Hand den Acker bestellen konnte, und es ist kein Wunder, dafs die Bevolkerung infolge der fortwahrenden Ubung des Kriegshandwerkes verwilderte, so dafs das Heldentum haufig auf beiden Seiten in ein Rauberunwesen ausartete. Namentlich wimmelte es in den tiirkischen Landern, schon im 16. Jahrhundert selbst an der grofsen und strategisch so wichtigen Morava-Heer- strafse, von Hajduken (serbokroat. hajduk, bulg. hajdutin aus dem magyarischen hajdu, das urspriinglich einen Soldaten zu Fufs, Gerichtsdiener bezeichnete). Diese suchten die Freiheit vor den tiirkischen Bedriickern auf den Bergen und besorgten die ausgleichende Gerechtigkeit zugunsten ihrer Glaubensgenossen, so dafs sie das Volk, wie das griechische seine Klephten, mit einem Zauberschimmer umgab und ihre Taten am liebsten im Liede verherrlichte. Die grofse Mehrzahl der serbokroatischen und bulgarischen epischen Lieder vom 16. bis zum 18. Jahrhundert ist auf diese Weise entstanden, so dafs man geradezu von einer Hajdukenepik sprechen kann. Von den Christen beider Konfessionen eigneten sich auch die Mohammedaner namentlich in den bosnisch-kroatisch-dalma- tinischen Grenzgebieten die .Volksepik an. Schon 1574 riihmt der Conte von Sebenico nicht blofs den Heldenmut seiner Unter- tanen im Vergleich zur Feigheit der italienischen Soldner, sondern berichtet noch an den Senat von Venedig, dafs auch die Lfurkcn« von deren wunderbarer Tapferkeit in ihrem Lande singen. Natiir- lich feierten die Tiirken vor allem ihre eigenen Helden und haben viele und umfangreiche Lieder, die hauptsachlich aus der Zeit ihrer Herrschaft in der Lika in Kroatien stammen, bis auf den heutigen Tag bewahrt. Der Inhalt und die Art der Fortpflanzung 204 der konservativen Volksepik der bosnischen Mohammedaner, die erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts ans Licht gezogen wurde, erinnert ungemein an die mittelalterliche Epik des Rittertums, was auch zu den feudalen Zustanden Bosniens sehr gut palst und uns iiberhaupt darauf fiihrt, dals sich die sudslavvische Heldendichtung hauptsachlich in jenen Gebieten entwickelt und erhalten hat, die den Feudalismus kannten, weshalb sie unter den Bulgaren nur in Makedonien und in den westlichsten, von den Serben stark beeinflulsten Gebieten, in den mehr ostlichen aber gar nicht vorkommt. Nicht umsonst eifern schon alte siid- slawische Nomokanones auch gegen den aus dem Deutschen stammenden »špilman«, und Jongleure vvaren namentlich beim bosnischen Adel beliebt. Besonders beachtenswert ist ein Bericht des an der Kulpa geborenen Kroaten Jurij Križanič, der im 17. Jahrhundert den Russen zuerst den Panslawismus predigte und dafiir die Gelegenheit bekam, ihnen in Sibirien zu erzahlen, wie bei den Kroaten und Serben in seiner Jugend nocb die Nach- ahmung eines »romischen Brauches« fortlebte, dals bei einem Gastmabl hinter Adeligen und Kriegern Soldaten standen, welche die Taten der Vorfahren, den Ruhm des Marko Kraljevič, Novak Debeljak, Miloš Kobilic und einiger anderer Helden besangen. In ahnlicher Weise liefs sich noch im 19. Jahrhundert mancher Pascha oder Aga selbst von einem christlichen Sanger Helden- lieder vortragen. Nicht zufallig hat sich schon in den Papieren des im Jahre 1671 in Wiener Neustadt hingerichteten kroatischen Magnaten Peter Zrinski ein langzeiliges Heldengedicht (bugarš- tica) erhalten, das den iibrigen Aufzeichnungen derartiger Lieder um ein halbes Jahrhundert vorangeht. Seit den grolsen osterreichisch-venezianisch-turkischen Kriegen gegen Ende des 17. Jahrhunderts, die auch Montenegro die Frei- heit brachten, boten die Kampfe seiner Bewohner bis zu den jiingsten Kriegen und Streifziigen Stoff zu neuen Liedern, anderer- seits erbltihte aber die Heldendichtung auch in Serbien wieder, als zu Anfang des 19. Jahrhunderts Karagjorgje und Miloš Obrenovic mit ihren Genossen dem Lande die Freiheit erkampften. Sangern im Volkstone lieferte Stoffe noch die Okkupation von Bosnien und Herzegowina. So begleiten Sage — diese wird zu wenig beachtet — und Dichtung das Vordringen und Zuriickweichen der Tiirken durch 205 mehr als funt Jahrhunderte, und alte und neue Lieder oder zum mindesten Liederstoffe wanderten wahrend dieser Zeit, un- bekiimmert um dialektische und religiose Unterschiede, vom Sud- osten nach dem Nordwesten und umgekehrt. Von dem Haupt- helden der Kosovoschlacht, Khobilouitz, das ist Miloš Kobilovic, horte der steierische Slowene Kuripečic 174 ), der als Sekretar der kaiserlichen Gesandtschaft 1530 nach Konstantinopel reiste, »in Krabaten und der Ende (d. i. Grenze) viel Lieder« singen; 1547 begleitete in Spalato bereits das ganze Volk ein Marko- Lied, das ein blinder, von seiner Tochter gefiihrter Soldat sang. Reisende des 16. Jahrhunderts sahen in serbischen und bulgarischen Balkangegenden bereits Ruinen von Burgen, die Kraljevič Marko und Miloš Obilic bewohnt haben sollen. Beim ragusanischen Humanisten Cerva Tubero ist in den Commentaria seiner Zeit (1490—1522) schon von einer Verleumdung des Kosovohelden Miloš die Rede, der Ragusaner Benediktiner Mauro Orbini er- zahlt aber in seinem Werke «11 regno degli Slavi« (Pesaro 1601) von der Kosovoschlacht bereits ganz nach der Volkstradition. Besonders lehrreich ist auch das Zeugnis des Friauler Historikers Nicoletti, der um die Mitte des 16. Jahrhunderts von den Gorzer Slowenen um Tolmein berichtet, dafs sie »Mathias, den Konig von Ungarn, und andere Personen dieser Nation« in ihrer Sprache besingen. Kralj Matjaž ist bis auf den heutigen Tag ein Lieb- lingsheld der slowenischen Volkssage und Dichtung; neben anderen Motiven klammerte sich an ihn auch die Sage vom vviederkehrenden Kaiser. Die Volkspoesie war auch der dalmatinisch - ragusanischen Kunstdichtung seit dem Ende des 15. Jahrhunderts sehr gut bekannt und liels in ihr nicht wenig Spuren zurtick, ganz ab- gesehen von gelegentlichen Aufzeichnungen und zahlreichen Er- wahnungen von Helden der Volksepik. Das blieb auch der modernen Forschung nicht ganz verborgen. Dagegen liefs man in der romantischen Begeisterung fiir die Originalitat der Er- zeugnisse des Volksgeistes geradezu unbeachtet die Tatsache, dals die hohe Renaissancekultur der dalmatinischen Stadte und ihre bedeutende Kunstdichtung auch die Volkspoesie in der starksten Weise beeinflulst haben. Die im hochsten Grade kiinst- lerische Fassung, in der die serbokroatischen lyrischen und epischen Volkslieder zu Anfang des 19. Jahrhunderts der Welt 206 bekannt geworden sind, ist ein Produkt der Jahrhunderte und vor allem der innigen Beriihrung der westlichen Gebiete der Serben und Kroaten mit der romanischen Kulturwelt zu ver- danken. Wenn schon die neugriechische Volkspoesie auf eine Vermengung der griechischen volkstiimlichen Richtung mit den romanischen Kulturelementen zuriickgefiihrt 175 ) wird, so ist das in viel hoherem Grade bezuglich der serbokroatischen und teil- weise auch der bulgarischen der Fali. Aus diesen Andeutungen geht schon hervor, dals die weiteren Schicksale auch der durch die Tiirkennot geschaffenen sud- slawischen Volksepik 176 ) nur in der neueren Geschichte der siid- sla\vischen Litteraturen zur Sprache kommen konnen. Dort wird auch die geistige Entwicklung jener Gebiete, denen das Tiirken- und Griechenjoch nicht beschieden war, deutlich zeigen, was die grolse Mehrzahl der Siidslawen dadurch verloren und versaumt hat. Mit der Tiirkenherrschaft ging aber auch der tiberwiegende Einflufs der byzantinischen Kultur allmahlich ganz zu Ende, trotzdem die Pforte das griechische Patriarchat im hochsten Grade begunstigte und die Phanarioten zuletzt die Macht iiber die Balkanchristen ganz an sich rissen. Doch die siegreichen Ideen der westlichen Kultur machten davor nicht halt; unter ihrem Einfluls entwickelte sich weiter auch die Litteratur der Siid- slawen, aber nicht mehr in dem abgestorbenen Idiom der Kirche, sondern in den Nationalsprachen. Anmerkungen *) In Ragusa antwortete mir 1892 ein Barkenfiihrer, als ich ihn um eine Erklarung dieses Wortes bat: »Herr, wir sprechen, wie uns die Mutter gelehrt hat; ob diese Sprache kroatisch oder serbisch ist, dariiber mogen die Herren (gospoda) streiten.« Der Ausspruch sagt mehr als ein Buch tlber diese Frage. 2 ) Diesen Weg schlug in der Tat der Generalstabsarzt Dr. A. Weis- bach ein und kam in seinen Untersuchungen liber die einschlagigen korperlichen Merkmale zu dem Resultat, dafs die Kroaten und Serben auch in dieser Hinsicht »nur als ein Volk aulgefalst, werden konnen«. Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, 35. Bd., S. 99. 3 ) Immerhin war 1900 die Zahl der griechisch - orientalischen Glaubensbekenner (616 518) in Kroatien und Slawonien grofser als die Zahl der gezahlten Serben (614443). 3a ) Ich halte mich hier und im folgenden an die Darstellung der kroatischen Historiker Smifiiklas, Klaic, Šišio. K. Jirežek macht mich aufmerksam, dals s ich die Behauptung von der kroatischen Oberhoheit im siidlichen Dalmatien und nordlichen Albanien nur auf die Chronik des Presbyters von Dioclea (s. S. 106) griindet, und halt die Akten der Synode von Spalato um 925 2 denen zufolge an derselben Filrst Michael von Zachlumien (Herzegbwina) teilgenommen haben soli, mit Lucius fiir falsch. Eine stillschweigende Zustimmung zu dieser Ansicht finde ich in Račkis Abhandlung »Kroatien vor dem 12. Jahrhundert« im Rad der siidslawischen Akademie, Bd. LVI, S. 140. *) Falsch ist die Vorstellung von »dem Genus Serbe und der Spezies Chorwat«, wie sie seit Šafarfk (Geschichte der siidslaw. Litt. III, 10) oft vorkommt, namentlich in russischen Werken. 5 ) Vgl. des Verfassers Abhandlung »Zur Geschichte des volks- ttimlichen Hauses bei den Siidslawen« in den Mitteilungen der Anthro¬ pologischen Gesellschaft in Wien, Bd. XXXV und XXXVI. 6 ) Etnografski Zbornik srpske kr. akademije, Bd. IV. 7 ) Vgl. K. Jireček, Die Romanen in den Stildten Dalmatiens I, 9 ff. 8 ) In den gemischten Gebieten sind in der Anziehung fremder Elemente die Serben wegen ihrer religios-sozialen Exklusivitat im Nachteil, wie die Russen gegenuberttEBrPolen.’ 208 9 ) Aufser Skopje gehort audi Tetovo geographisch eigentlich zu Alt-Serbien, nicht zu Makedonien. In der Wissenschaft vertritt die serbischen Anspriiche am besten der Belgrader Geograph J. Cvijič. Weiteren Kreisen ist zuganglich seine Broschtire »Remarques sur l’ethnographie de la Macedoine«, Extrait des Annales de geographie, Tome XV, 1906 (N. 81 et 82). ,0 ) Richtige statistische Daten iiber die Sildslawen sind schwer zu erlangen, denn selbst in Osterreich-Ungarn gibt die Rubrik »Umgangs- sprache« zu mancherlei Mifsbrauch Anlafs. Aulserdem wurden die letzten Volkszahlungen in verschiedenen Jahren vorgenommen: in Osterreich-Ungarn 1900, in Bosnien und Herzegowina 1895, in Serbien und Bulgarien allerdings 1905, doch sind die genauen Resultate noch nicht veroffentlicht, so dals man noch immer auf die Angaben von 1900 angewiesen ist. Unter solchen Umstanden mufs man sich ftir ein gleiches Jahr mit appromaxitiven Berechnungen mittelst eines nicht immer verlafslichen Zuwachskoeffizienten helfen. Besonders unverlafs- lich sind alle Daten bezuglich der Tiirkei. Die letzte Statistik ftir das Jahr 1906 gab Prof. T. D. Florinskij in seinem Werke »Slavjanskoe plemja« (Kiew 1907), in dem auch die kartographische, ethnographische und statistische Litteratur verzeichnet ist. Die beigefiigte ethno¬ graphische Karte der Slawenwelt genilgt fiir die Siidslawen schon wegen der Grofsenverhaltnisse nur bescheidenen Anforderungen. Viel- fach fufst Florinskij auf den Berechnungen des Prager Professors L. Niederle ftir das Jahr 1900im»SlovanskyPfehled« V (1903), 160—163. 10a ) Diese Zahlen bringt L. Niederle im Narodopisni Vestnik českoslovanskv (1908, S. 30) auf Grund genauer Materialien der Volks- zahlung von 1900. Die Zahl der bulgarisch sprechenden Bewohner des Ftirstentums ist allerdings noch durch 20644 Mohammedaner (Pomaken) zu vermehren. Die abweichenden Angaben von T. Florinskij und M. Jurkevič (2887860:3 744282) beruhen nach brieflicher Mit- teilung Niederles offenbar auf den vorlaufigen Resultaten, die spater immer eine Korrektur erfahren. Wl ) Nach einer Mitteilung des Prof. B. Conev. Das verhaltnis- mafsig starke Amvachsen der Bulgaren erklart sich durch die grofse Auswanderung der Tilrken und Griechen, durch die Assimilationskraft des jungen Staatswesens und wohl auch durch Fehler der Statistik. ”) Unter der grofsen Anzahl mehr oder weniger tendenzičser Schriften iiber Makedonien ist das beste Werk Vasil Kančov’s »Makedonija, Etnografija i statistika« (Sofija 1900). Lehrreich sind die beigelegten ethnographischen Karten, welche zeigen, dafs der ehe- malige bulgarische Schulinspektor in Makedonien die dortigen nicht- slawischen Elemente viel zahlreicher und genauer eingezeichnet hat als alle seine westeuropaischen Vorganger. Das sowie seine genauen, daher kontrollierbaren statistischen Tabellen sprechen entschieden dafiir, dafs er der Wahrheit moglichst nahe gekommen ist; befangen ist er bauptsachlich den Serben gegeniiber, deren Existenz in Makedonien er geradezu leugnet. Seine Zahlung ergab ftir das Ende des 19. Jahr- 209 hunderts 1032533 christlicher und 148803 mohammedanischer Bul- garen, 400 (!) beziehungsweise 300 Serben, 214329 und 14373 Griechen, 77 267 und 3500 Walachen (der Spezialforscher G. Weigand, der die rumanische Propaganda in Makedonien als Geldverschwendung be- zeichnet, in seinem Werk »Die Aromunen« [Leipzig 1895] dagegen nur 62 405 Seelen) bei einer Gesamtbe volkerung von 2258 224, darunter 1370949 Christen, 819235 Mohammedaner. 12 ) Die ebenfalls unerklarten einheimischen Namen Serben (Srbi) und Kroaten (Hrvati) bezeichneten urspriinglich einzelne Stamme und kommen auch in nordslawischen Landern vor: Serben nennen sich die slawischen Bewohner der Lausitz, Kroaten gab es in Bohmen und Polen. 13 ) Auch dieser Name wiederholt sich bei den im Aussterben be- griffenen Slowinzen an der Ostsee (im Kreise Stolp der Provinz Pommern). 14 ) K. Jireček, Die Romanen in den Stadten Dalmatiens I, 31. 15 ) Ihr eigenartiger romanischer Dialekt, iiber den uns teilweise romanische Fremdworter im Serbokroatischen aufklaren, ist meist im Mittelalter, ganz aber erst im 19. Jahrhundert (mit dem Vegliotischen) zugrunde gegangen. Die italienische Sprache ist in die dalmatinischen Stadte durch die Venezianer importiert worden. Vgl. Bartoli, Das Dalmatische I, 174 f. (in Schriften der Balkankommission. Ling. Abt. IV). 16 a ) Fr. Kos, Gradivo za zgodovino Slovencev I, S. XLI. 16 ) Dieses Resultat bleibt bestehen, wenn wir auch aus der lingui- stischen Palaontologie nicht so weitgehende Schltisse ziehen wie ehemals. 17 ) J. Sepp, Ansiedelung kriegsgefangener Slaven oder Sklaven in Altbayern und ihre letzten Spuren. Mtinchen 1897. 18 ) Es ist interessant, folgende Tatsachen, die von einer tausend- jahrigen Tradition Zeugnis ablegen, nebeneinander zu stellen: den alten bayerischen Klostern wurden immer slawische Bienenztichter zu- gewiesen, und die Bestimmungen des osterreichischen bilrgerlichen Gesetzbuches iiber die Bienen (§§ 383, 384) gehen auf den Krainer Anton Janša zuriick, der unter Maria Theresia die Bienenzucht im Wiener Augarten lehrte. 19 ) Die slawischen Elemente im Magyarischen. 2. Auflage von Dr. L. Wagner. Wien und Teschen 1884. 20 ) Vgl. die kritische Darstellung der ganzen Frage von I. D. Šiš- manov im Sbornik des bulgarischen Ministeriums fur Volksaufklarung, Bd. XVI und XVII, S. 505-753. 21 ) Die altere Gestalt des Wortes čari, ist česan und identisch mit dem deutschen Kaiser, so dals beide von Časar abstammen, wie die gemeinslawische Bezeichnung fur Konig (in den siidsl»wischen Sprachen kralj) auf Karl den Grofsen zuriickgeht. 22 ) Dalmatien und Pannonien fielen Rom, der tibrige Balkan Kon¬ stantinopel zu. 2S ) Der Konigstitel wurde von Byzanz nicht anerkannt. Murko, Gescbichte der siidslawischen Litteraturen. 14 210 24 ) Falsch ist die auch von slawischen Historikern gebrauchte Form Priwina, die auf der ilblichen deutschen Verwechslung des slawischen 6 mit w beruht. Vgl. in alten Urkundenbiichern haufig vorkommende Namen wie Pribidrug, Pribigoj, Pribil, Pribimir, Pribislav (Rački, Docu- menta, S. 529), Priba (mulier, Smičiklas, Codex diplom, regni Croatiae, Dalmatiae et Slavoniae II, 300, 319), Priban, Pribe, Pribic, Pribinja (o. c. 157, 296), Pribiš u. a. 2B ) Vgl. Branoslavci, Bratislavci, Dragotinci (im 19. Jahrhundert wurde fiir KafTT^CaroIus wieder Dragotin gebildet!), Godomerci, Ivanjkovci, Radomerje, Radomerščak (Geburtsort Miklosichs), Rado- slavci u. a. 26 ) J. Peisker, Die serbische Zadruga, Zeitschrift fiir Sozial- und Wirtschaftsgeschichte VII; Slovo o zadruze (Prag 1899). Die Ansicht wurde von Rechtshistorikern, wie O. Balzer, K. Kadlec u. a., stark bekampft. 21 ) Fr. Kos o. c. XLIX. 25 ) Unter Kaiser Diokletian wurde aus Mosien, Dakien, Dardanien, Makedonien, Thessalien, Achaja, Epirus und Pravališ eine Provinz Illyricum gebildet, die bis zum Anfang des 7. Jahrhunderts vegetierte und in kirchlicher Bedeutung noch langer erhalten blieb. 29 ) Von J. Ivanov in den Izvestija otd. russk. jaz. VIII, 4, 140—174. 30 ) Ivanov, a. a. O. 161- 31 ) Dafs die nationalen Verhaltnisse den heutigen vor und in Sa- loniki entsprachen, ist auch sonst geschichtlich bezeugt. a2 ) Nach M. Bezobrazov war er mehr Aristoteliker als Platoniker (Izvestija otd. russk. jaz. III, 2, 1072—1079). 33 ) Man vermutete, dafs Cyrill und Method zuerst im benachbarten Siiden Anschlufs suchten, und dachte an das Patriarchat Venedig. Patriarchen von »Venedig« gab es um diese Zeit noch zwei, in Grado und Aquileja. In Betracht kame aber nur der letztere; in der Tat verteidigte Maxentius noch einige Jahrzehnte vor den Slawenaposteln seine Rechte auf ganz Pannonien und Norikum gegen das Salzburger Erzbistum, und Theodemar (850—871) neigte zu Konstantinopel, doch mufste fiir ihn gerade die slawische Liturgie einen Stein des Anstofses bilden, den also nur der Papst beseitigen konnte. Vgl. Gruden im Katol. Obzornik (Laibach) IX, 9—20. 34 ) Viele Historiker haben diese Reise sonderbar gefunden oder ganz verschwiegen. Bei den damaligen guten Beziehungen zwischen Rom und Byzanz war sie jedoch unbedenklich und scheint sogar mit Wissen des Papstes unternommen worden zu sein (cum, Deo duce, re- versus fueris schrieb Johannes VIII. an ihn 881, X. Kalend. Aprilis). Dafs Method seinem Vaterlande treu blieb, bewies er auch auf dem Totenbette, indem er zuerst »den Kaiser« segnete. 38 ) Das betreffende Schreiben an Svatopluk ist vvahrscheinlich un- echt, aber eine dem Inhalt nach identische Instruktion fiir eine Gesandt- schaft an die Slawen kann keine Falschung sein. 211 36 ) Sie ist daher lehrreich fiir die Aussprache des Griechischen um die Mitte des 9. Jahrhunderts. 31 ) Die letzte Fassung gab ihr Miklosich in der Einleitung zu seiner »Altslovenischen Formenlehre in Paradigmen«, Wien 1874. 3S ) Wattenbach rechnete sogar die Mahrer zu den Siidslawen. s9 ) Ljubljanski Zvon 1895, S. 309. Vgl. die Darstellung der ganzen Frage in des Verfassers Monographie »Vatroslav Oblak« (Wien 1902), S. 41-54. 40 ) Nach V oskresenskijs Untersuchungen (in den Moskauer Ctenija B. 176) stehen fiir die Evangelien nach Tischendorfs Ausgabe des Neuen Testaments (8. Aufl.) am nachsten die Cod. EFGHKMSUVUF. 41 ) Nach Tischendorf nBDLA. 42 ) Vgl. W. Szczešniak Mag. Theol., Obrzadek sfowianski w Polsce (Warschau 1904), S. 45. 4S ) Die Resultate der Untersuchungen von M. Valjavec hat Fr. Pastrnek stark in Frage gestellt im Archiv fiir slaw. Phil. XXV, 366 ff. 4i ) Aufgedeckt von V. Vondrak im Archiv f. slaw. Phil. XVI, 124—125. 45 ) Vizantijskij Vremennik IV, 145, 150 ff. 46 ) O puvodu Kijevskvch Listu (Prag 1904), 46. 47 ) Russkij Filol. Vestnik XLIII, 150 ff. 4S ) Studie z oboru clrkevneslovanskeho pfsemnictvi, 23 ff. 49 ) Zufolge unrichtiger Auffassung einer Stelle in der griechischen Vita Clementis wollte und will man noch die Erfindung einer »deut- licheren Schrift« Kliment zuschreiben, aber mit Unrecht. 50 ) Man gibt diese und auch spatere glagolitische Handschriften heute meist cyrillisch heraus, denn sonst wiirden sie selbst Philologen wenig lesen. 51 ) Archiv f. slaw. Phil. XXVI, 1-10. 5 J Von I. E. Evseev, Izvestija otd. russk. jaz. VIII 3, 356—366. 53 ) Demselben Svjatoslav wird noch ein »Sbornik« (Sammelband) vom Jahre 1076 zugeschrieben, der 48 kleinere, meist moralisch-be- lehrende Artikel enthalt; nach Golubinskij (Istorija russkoj cerkvi, Moskauer Ctenija, Bd. 199, S. 919) ist jedoch die Nachschrift einer dem 11.—12. Jahrhundert angehorigen Flandschrift gefalscht. Be- achtenswert ist darin ein dogmatisches Florilegium unter dem Titel Stoslovec eines gewissen Gennadios, der bald Erzbischof, bald Patriarch von Konstantinopel genannt wird. Speranskij (Ctenija, Bd. 213, S. 506, 514) denkt an den im Jahre 471 gestorbenen Erzbischof; doch kennen wir kem solches Werk desselben noch eines anderen Schrift- stellers. 54 ) Vgl. das Verzeichnis im Archiv fiir slaw. Philol. VIII, 357—358. 5 J Vgl. V. Jagic, Ein unedierter griechischer Psalmenkommentar, Denkschriften der Akademie der Wissenschaften, Wien, phil. hist. Ki., 52. Bd. 14 212 56 ) Es kommt darauf an, ob man nach der gewohnlichen byzan- tinischen Ara zahlt, welche 5508 Jahre von der Erschaffung der Welt rechnet, oder nach der mit 5500 Jahren, die hier wahrscheinlicher ist, da sie mit den Ereignissen besser im Einklang steht. 61 ) Wie die im Slawischen tibliche Bezeichnung Prolog fiir das griechische Synaxarion aufgekommen sei, ist dem russischen Kirchen- historiker Golubinskij (Čtenija, Bd. 199, S. 914) zufolge noch nicht auf- geklart. BS ) Sbornik des bulgarischen Ministeriums fiir Volksaufklarung, Bd. XVI und XVII, 314—325. 59 ) Die regelmafsige Betonung auf der vorletzten Silbe bleibt ftir mich allerdings fraglich: čgo, tebe, tebS sind nicht wahrscheinlich. 60 ) Vgl. K. Krumbacher, Gesch. der byz. Litt. 2 , 650, 792—793. 61 ) Man braucht die Nachricht nicht zu bezweifeln (Novakovič, Prvi osnovi slovenske književnosti, 103), da es Kloster in Bulgarien faktisch schon gab. G2 ) Beziiglich des wichtigsten in Betracht kommenden Werkes »iiber die Staatsverwaltung« ist ein Vorwurf allerdings nicht gerecht- fertigt, da dasselbe ein Geheimbuch des Kaiserpalastes war und auch von keinem Byzantiner zitiert wird. Vgl. Byz. Zeitschr. 17, 165 (von K. Jireček hervorgehoben). 65 ) Jagič ftihrte daruber Klage schon im Jahre 1877 (Archiv f. slaw. Phil. II, 9). 64 ) Gemeint ist Nikon des Klosters Raithu auf der sinaitischen Halbinsel, doch die slawischen Handschriften seiner »Pandekten« (ver- offentlicht im Sbornik der russischen Akademie, Bd. XII) und des »Taktikons ' verlegen ihn nach Palastina, denn sein Beiname entspricht (v rip opfi Mw'q(i) der Pariser Hs. 122 (Krumbacher, Gesch. d. byz. Lit. 2 , 155-156). 6B ) Vgl. Byz. Zeitschr. 9, 199. 66 ) Einen Auszug aus der grundlichen Abhandlung F. Rački’s tiber diesen Gegenstand (Rad der sildslawischen Akademie, Bd. X, in Bd. VII und VIII behandelt er die Geschichte der Bogomilen) bietet C. Jireček, Geschichte der Bulgaren, S. 177—184. 61 ) Vgl. die Abhandlung von L. Miletič im bulgarischen Sbornik za narodni umotvorenija, Bd. XIX, 1—369. 65 ) In Stagno in Dalmatien ist »nežitak« in der Bedeutung »Ver- sucher, Teufel, Qualgeist«, der in jemanden hineinfahrt, erhalten. Glasnik des Landesmuseums fiir Bosnien und Herzegowina, Bd. VIII, S. 539. 69 ) Vgl. auch zwei derartige abendlandische Bearbeitungen der Vision des Esaias in Dollingers Beitragen zur Sektengeschichte des Mittelalters II, 166 ff., 208 ff. 10 ) Vgl. D. Bonwetschs Zusammenstellung in Harnacks Geschichte der altchristlichen Litteratur I, 902—917. Hierbei mufs hervorgehoben werden, dafs Bonwetsch gerade stidslawische Kataloge und Publikationen unbekannt blieben. So sind z. B. nur durch den bulgarischen Sbornik 213 za narodni umotvorenija zahlreiche Apokryphen ans Licht gekommen, die man bis dahin in siidslawischer Fassung gar nicht kannte, nament- lich solche ilber Personen des Alten Testamentes (Melchisedek, Loth, Isaak, Ismael, Samuel, David, Salomon), so dals man nicht mehr in die Versuchung kommen kann, von einer Vernachlassigung alttestament- licher Apokryphen bei den Siidslawen zu sprechen, was mit Rilcksicht auf die Bogomilen moglich ware. Als Erganzung zu Bonwetsch ist noch immer zu beachten: E. Kozak, Bibliographische Ubersicht der biblisch-apokryphen Litteratur bei den Slawen, Jahrbticher f. protest. Theologie XVIII, I. 1892. Zu den Sammlungen slawischer Apokryphen von Pypin, Tichonravov und Porfirjev kam hinzu: I. Franko, Apo- krify i legendy z ukrainskych rukopysiv, herausgegeben von der Šev- Senko-Gesellschaft der Wissenschaften in Lemberg [u. a. T. Pamjatki . . . = Monumenta linguae necnon litterarum-ukraino-russicarum (rutheni- carum)], Bd. I (1896) Alttestamentliche Apokryphen, Bd. II (1899) Apokryphe Evangelien, Bd. III (1902) Apokryphe Apostelakten (die erste systematische slawische Sammlung), Bd. IV (1906) Eschatologische Apokryphen. Abgesehen von neuen, aus ruthenischen Handschriften (hauptsachlich aus Galizien und Ungarn) geschopften Materialien bringt das Werk wertvolle Einleitungen ilber die einschlagigen Fragen sowie Varianten und Anmerkungen zu den Testen. Bd. III bringt an der Spitze eine Inhaltsangabe der bisherigen Publikation in deutscher Sprache. 71 ) Bei Franko fallt namentlich der Reichtum neuer, popularer Bearbeitungen der alten Apčkryphen auf. 72 ) Die entsprechenden Benennungen und herausgegebenen Texte sind meist russisch: Koljadnik oder Koledarnik = griech. xaXuvTUQiov, Gromnik (Donnerbuch) = floovzo/.oyiov, Lunnik (Mondbuch) = atlrjvoihjo- uiov, Trepetnik (Zuckungsbuch) = aeia/j.ol6yiov , Lopatočnik (nach den Schulterknochen der Tiere) u. a. Auch der Psalter wurde haufig als Orakelbuch benutzt. 7S ) Von dem Umfange dieser Litteratur kann man sich eine Vor- stellung nach einer Angabe Frankos machen, dals er ftir dieselbe eben- falls drei Bande brauchen werde. 7< ) Die Grilnde, welche bisher fiir die russische Heimat dieser Ubersetzung vorgebracht wurden, haben wenig Beweiskraft. 75 ) Istorija russkoj literatury I, 434. 76 ) Veroffentlicht von Polivka in den Starine XXI, 218—221. 77 ) So wurde die Episode von Alexanders Einzug in Jerusalem wortlic.h aus der Ubersetzung der Chronik des Georgios Hamartolos genommen, nicht etwas aus der Redaktion C'. Ebenso bietet schon die alteste uns iiberlieferte Fassung den Artikel des Palladios flber Alexanders Aufenthalt bei den »Rachmanen«. 7S ) Nach Istrins Untersuchungen steht am nachsten der Cod. L in seinem z-weiten Teil; von anderen Handschriften der Pariser Codex Nr. 113 (C') in seiner urspriinglichen Zusammensetzung. 79 ) Josaphat ist als Heiliger auch in die russischen Menaen geraten. 214 80 ) Der Syntipas (im Abendlande: die Geschichte von den sieben Weisen) wurde erst zu Anfang des 19. Jahrhunderts bei den Bulgaren und Serben iibersetzt. Vgl. des Verfassers Abhandlung »Die Ge¬ schichte von den sieben Weisen bei den Slawen« in den Sitzungs- berichten der Wiener Akademie, phil.-hist. KI. CXXII. Bd. S1 ) Die erste Ausgabe veranstaltete nach serbischen Handschriften Gj. Daničič in den Starine der siidslawischen Akademie in Agratn, II (1870), 260—310. Die Ausgabe blieb wie so manche andere siid- slawische der abendlandischen Gelehrtenwelt ganz unbekannt. 82 ) In deutscher Ubersetzung veroffentlicht von Jagič, Byz. Ztschr. I, 107—126. 83 ) Archeolog. izvestija i zametki, 353—359. Vgl. Vizant. Vre- mennik VI, 237. S4 ) Starine XII, 232. Vgl. dazu RaCkis Bemerkungen iiber die Glaubwiirdigkeit des Thomas Archidiaconus, ibidem S. 210—211. 85 ) So hat Innocenz III. im Jahre 1198 unter dem im Erzbistum Žara »noch erhaltenen Ritus und der Sprache der Griechen« offen- kundig den slawischen im Sinne, als er einen von Laien zum Erz- bischof gewahlten »Barbaren« (non tam latinus quam barbarus sit intrusus) nicht anerkannte und dem Kapitel eine Neuwahl auftrug (Smičiklas, Codex diplomaticus regni Croatiae, Dalmatiae et Slavoniae II, 290). Dazu stimmt auch die Nachricht, dals Papst Alexander III. daselbst im Jahre 1177 in feierlicher Prozession unter Gesangen in slawischer Sprache (immensis laudibus et cantibus in eorum sclavica lingua) in die Kirche des heiligen Anastasius gefiihrt wurde. 86 ) Sehr lehrreich ist auch die Tatsache, dafs man im 15. Jahr- hundert Dekrete, welche die slawische Liturgie bewilligten, gar nicht kannte. Den Gegnern der Glagoliten, die sich darauf beriefen, ant- wortete Nikola Kotoranin, Bischof von Modruše (1461—1470), ein ge- lehrter Diplomat und Gesandter des Papstes und des Konigs von Ungarn, dafs eine Einrichtung, die von den heiligen Vatern belobt worden sei und seit so vielen Jahrhunderten fiir die Menschen bestehe, keiner Briefe, keiner Bullen und keiner neuen Bewilligung bedtirfe. I. Broz, Črtice iz hrvatske književnosti II, 83. 87 ) Vgl. V. Jagičs Einleitung zu »Razum i filosofija« im Spomenik der serbischen Akademie, XIII. Bd., S. I—II. 88 ) Gesch. der byz. Lit. 17. 89 ) Siehe die Abhandlung K. Jireeeks im Periodičesko Spisanie I (Sofia 1882), 50. 90 ) In Krumbachers Gesch. der byz. Litt. 2 , 101. 91 ) Zuletzt verčffentlicht von V. N. Zlatarski im Sbornik za narodni umotvorenija, XX. Bd. 92 ) Das Einvernehmen wurde allerdings bald wieder ganz getriibt, als Euthymij die Eparchie Bi.dvn an Konstantinopel verlor (1381); im Jahre 1392 spricht ein Schreiben des Patriarchen Antonios von einem vollstandigen Bruch mit der bulgarischen Kirche. So wird es begreif- lich, dafs in einem zeitgenossischen liturgischen Buch aus Trnovo oder 215 seiner Umgebung der Name des Konstantinopeler Patriarchen aus- radiert ist. 9S ) K. Jireček macht mich auf seinen klassischen Namen aufmerk- sam: 'Ptofj.vl.oe = Romulus. 94 J Ohne Grund wird auch der serbische Heilige Peter Koriški mit den bulgarischen Hesychasten in Zusammenhang gebracht. 95 ) V. N. Ščepkin, Bolonskaja psaltyri>, 44—47, 56—85. 96 ) Er nennt sich einen Schiller Romils und schrieb sein Werk als Einsiedler am Fufse des Athos, im Orte »Melana« (Lj. Stojanovič, Katalog narodne biblioteke, 103). 97 ) So soli einer Schreibernotiz zufolge ein Monch Joann in der Laura des heiligen Athanasios auf dem Athos mit Hilfe von vier anderen Monchen eine Reihe langst vorhandener Bilcher aus dem Griechischen ins Bulgarische tibersetzt haben, darunter das Evange- lium, den Praxapostolos, die Liturgie, den Psalter, die Theologie des Johannes von Damaskos, Johannes Klimax, Isaak den Syrer, des Anti- ochos Pandekten. Es ist nicht ausgemacht, ob sich diese Notiz auf die Zeit v or oder nach Euthymij bezieht, denn im ersten Falle hatten wir darin einen Beweis, dafs der Anstofs zu seiner Reform vom Athos kam. Dafiir spricht wohl die serbische Handschrift eines Triodions, das zwei Monche 1374 auf dem Sinai schrieben, denn als Vorlage diente ihnen »ein echtes Athos-Exemplar, ein neues Exemplar in bul- garischer Sprache« (Stojanovič, Stari srpski zapisi i natpisi I. 47). Jeden- falls spielten die Athoskloster in der Verbreitung der neuen bul¬ garischen Redaktion eine wichtige Rolle. 9S ) Hier scheinen zwei Ubersetzungen vorzuliegen: eine der Bruch- stiicke fiir Joann Alexander und eine des ganzen Werkes. ") Wahrscheinlich hierher gehorig, da sie im 15. Jahrhundert auf dem Athos von einem Bulgaren fiir den serbischen Despoten Stefan Lazarevič abgeschrieben worden ist. 10 °) Das braucht nicht auf eine Verwechselung des griechischen Baailitoe /1iytrrjg mit Batuleve zuriickzugehen. 101 ) Im Konigstitel wurden bis zum 14. Jahrhundert mit den graeci- sierten Namen »Dioklitija, Travunija, Zahlumje« usw. besonders aufgezahlt, spaterals zemlje pomorske (terrae maritimae)zusammen- gefafst. ,oa ) Obgleich das katholische Element unter der slawischen und albanesischen Bevolkerung des Landes nicht besonders zahlreich war, hatte Serbien am Ende des 12. Jahrhunderts doch zwolf und am Ende des 13. Jahrhunderts nicht weniger als 15 katholische Bistiimer (Golu- binskij, O&rk istorii pravoslavnych cerkvej, 525). 103 ) Die Konige von Ungarn legten sich schon seit 1202 den Titel rex Serviae oder Rassiae bei. 104 ) Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts in Peč (Ipek), da Ziča um 1254 zerstort wurde. ,06 ) Das Volkslied und die Tradition iiberhaupt lassen ihn durch Morderhand (Vukašin) sterben. 216 losa) Der letzte Despot Jovan starb 1503 und denTiteleines Despoten erhielt der kroatische Wiirdentrager Ivan Berislavič. Fr. Rački, Knji¬ ževnik II, 488. I06 ) Geschichte der slaw. Litteraturen I, 194. < 07 ) Die uberall wiederholte, auf Cerva zuriickgehende Nachricht, Dušan habe 1351 nach Ragusa 20 Jtinglinge zur Ausbildung ge- sendet, ist aus den Quellen nicht belegt und wird von K. Jireček tlber- haupt als unglaubwurdig erklart, weil damals in Ragusa noch nicht viel zu lernen war und die Ragusaner einen langeren Aufenthalt von Fremden auch ungern sahen. los) Vgl. Archiv f. slaw. Phil. XXI, 302 ff. 109 ) Bož. Nikolajevič, Delo (Belgrad) 1906, Nov. no ) Bož. Nikolajevič, O srpskoj crkvenoj arhitekturi u sre¬ dnjem veku. Beograd 1905. M. Valtrovič, Pogled na staru srpsku crkvenu arhitekturu. Glas der serb. Akademie, H. XVII. m ) So fallt das Kloster Kalenič direkt durch seine arabisch- mohammedanische Dekoration auf. Stefan Lazarevič kampfte ja als Bundesgenosse Bajasids in Kleinasien. ii2) Vgl. O. Mijatovič, Despot Gjuragj Brankovič I (1880), S. 119. Solchen Anschauungen huldigt sogar der kroatische Historiker Fr. Rački in einem iiberhaupt verzeichneten Bild der serbischen Litteratur zur Zeit der Kosovoschlacht im Rad der stidslawischen Akademie, Bd. XCVII, 66 ff. 1IS ) Auch die Klagen iiber die Unverstandlichkeit russischer Vor- lagen stellen den monchischen Schreibern kein gutes Zeugnis aus, sind aber immerhin begreiflicher. lu ) Interessant ist es, dafs bei der Zeitbestimmung eines solchen Kodex aus Lesnovo »im Lande Zletovo« im Jahre 1353 der Zar von Bulgarien, Joann Alexander, und der »heilige« Zar von Serbien, Stefan, zugleich genannt werden (Stojanovič, Stari srpski zapisi i natpisi I, 38). Die Stelle zeigt zugleich, wie der in den Formeln der Bvzantiner aus der heidnischen spatromischen Zeit stammende Kaiser- kultus auch bei den Serben noch fortlebte (nach K. Jireček). 115 ) Stojanovič, o. c. I, S. 42. 116 ) Ib. S. 98. ln ) Bis auf den Psalter hat die noch immer reichhaltige Bibliothek von Chilandar (472 Handschriften) kein einziges alttestamentliches Buch aufbewahrt; die Belgrader Akademie besitzt die Abschrift des Alten Testamentes von einem Russen erst aus dem Jahre 1717. Die ersten acht Biicher des Alten Testamentes und die Biicher der Konige aus dem 16. Jahrhundert besitzt immerhin das Paulus - Kloster auf dem Athos. 118 ) Bezeichnend fiir dieHerkunft wenigstens der meisten russischen Athosmonche ist der Umstand, dafs der Name Glob in stid- oder kleinrussischer Aussprache (sogar c h fiir g) und das weiche s als š (ruŠBskoju) in dem bulgarisch-serbischen Synaxarion von 1330 wieder- gegeben wird. 217 119 ) Interessant ist eine Klage aus dem Jahre 1370, dafs viele Bticher wegen Unkenntnis der griechischen Sprache verdorben worden seien. 12 °) Z. B. die Monche des Sabbasklosters Patrikios und Abramios, welche die Fastenreden des Syrers Isaak iibertragen haben (eine serbische Hs. aus dem Jahre 1355 in Chilandar). 121 ) Darunter wird ein spaterer »serbischer« Bischof Jakob angefiihrt, doch bezieht sich ZtgfUmv sehr wahrscheinlich auf die siidmakedonische Stadt tu Zčopia, tiirk. Selfidže (Drinov). 122 ) Die Werke des Dionysios Pseudoareopagites, der altesten Autoritat der Mystik, samt den Erklarungen des Maximos hat ein Monch, Isaija der Serbe, 1371 auf Anregung des Metropoliten Theo- dosij von Seres iibersetzt. 123 ) Z. B. Isaak der Syrer, Dorotheos, Archimandrit in Palastina, Antiochos, MOnch des Sabbasklosters, Petros von Damaskos u. a. 124 ) Z. B. Anastasios, Mdnch vom Berge Sinai, Johannes, Abt da- selbst, Johannes, Monch des Marienklosters daselbst, Johannes, Abt von Raithu, usw. 125 ) Chilandar Nr. 21, wird falsch dem heiligen Sava zugeschrieben. 12e ) Vgl. Krumbacher, Gesch. d. byz. Litt. 2 , 202. m ) Als Ubersetzer werden die Monche Benedikt und Jakov ge- nannt, aber nach einer Moskauer Synodalhandschrift (Nr. 61) wurde die Ubersetzung »aus der helladischen Sprache in unsere slowenische Sprache« fiir den Popen Benedikt vom Monche Jakov geschrieben, nach der anderen (Nr. 62) vom Popen Benedikt »aus der griechischen Sprache in die serbische«; andere Handschriften bieten gar keinen Namen (Karlowitz aus dem Jahre 1451, Chilandar Nr. 81 aus dem Jahre 1457—1458). 12S ) Starine (Agram), Bd. XVI, 41—57 (hg. von St. Novakovič). 129 ) Starine X, 81—126 (hg. von V. Jagič). 13 °) Der Mangel siidslawischer Handschriften spricht nicht dagegen, denn es sind sogar viel jiingere sudslawische Ubersetzungen nur durch die Russen iiberliefert. 131 ) Moskauer Čtenija, B. 213 (1905, 2.), 518-519. 132 ) Iv. Timošenko, Vizantijskijaposlovicy i slavjanskija paralleli k nim. Russkij filol. Vestnik, Jahrg. 1894 und 1895. 133 ) Mittelgriechische Sprichw<5rter. Sitzungsberich^e der bayer. Akademie der Wissenschaften, philosoph.-philol. KI., 1893. 134 ) liber D. C. Hesselings Nachweis s. Byzant. Zeitschr. XII, 646. 13E ) V. S. Karadžič, Srpske narodne poslovice, Biograd 1900, S. XI—XIII. Die in Rede stehenden Bemerkungen wurden von Ka¬ radžič schon im Jahre 1836 zum erstenmal gedruckt. 136 ) Ein »Traum des Konigs Joas« kommt in einer mittelbulgarischen und in russischen Handschriften vor (Radčenko, Otčet o zanjatijach, 77). 137 ) Schon von Pavlovič bemerkt. Glasnik der serb. gel. Gesell- schaft, Bd. 47, 286 ff. (K. JireiSek). 138 ) Im Original: žitije i žizm£, was offenbar dem griechischen (ttot xal 7i oUt ti a entspricht. 218 is 0 ) P o v e s t in der Handschrift von P. Srečkovič. 14 °) Im Original: Zitie i podvizi — Leben und Taten (im Monchs- stande). UI ) Die zweite Taufe Nemanjas erklart ein Schreiber des 17. Jahr- hunderts dahin, dals dieser »ein Orthodoxer, aber noch nicht getauft war«! (Spomenik XXXVIII, 124.) ’ 42 ) Die Byzantiner ahmte er auch darin nach, dals er aus den Anfangsbuchstaben der einzelnen Kapitel ein Akrostichon bildete, das die Widmung des Werkes an den Despoten Stefan zum Ausdruck bringt. U3 ) Auf Dušan scheint auch die Trennung von Administration und Justiz im alten Serbien zuriickzugehen. 144 ) Veroffentlicht von Lj. Stojanovič, Stari srpski zapisi i natpisi I, 108. 145 ) Geschichte der siidslawischen Litteratur III, 221—224. 146 ) Bosona als oberes Stromgebiet des Bosnaflusses wird im 10. Jahrhundert von Konstantin Porphyrogennetos erwahnt, in der ersten Halfte des 11. Jahrhunderts schon das Bistum ecclesiaBosoniensis. 147 ) Ihre Schwache lag auch darin, dafs um das bosnische Bistum die ErzbischOfe von Dioclea-Antivari, Ragusa und Spalato herum- stritten, bis es 1247 Kalocsa in Ungarn untergeordnet wurde! Das Bistum selbst wurde aus Brdo (heute Blažuj bei Sarajevo) nach Dja- kovo in Slawonien ubertragen (vor 1252). 147 a ) K. Jireček meint, dals er nur dem Namen nach katholisch \var, wie alle alteren Bane. 147 b ) Gewohnlich wird 1483 angegeben, aber Castelnuovo fiel schon Ende Januar 1482 (nach K. Jireček). 14S ) L. v. Thall6czy, Glasnik des bosnisch-herzegow. Museums, XVIII, 471. Vgl. namentlich die erste Urkunde, die er als Konig an die Ragusaner schrieb (Miklosich, Monumenta serbica, 186—190) mit den friiheren. I49 ) A. Ivic, Letopis Matice srpske, Kn. 230, S. 80. 1B0 ) Die oft veroffentlichte (s. Miklosich, Monumenta serbica, 519) und viel besprochene Inschrift wird von Hil. Ruvarac (Wissenschaft- liche Mitteilungen aus Bosnien und Herzegowina III, 379) fiir ein Falsifikat erklart. 151 ) Vgl. die cyrillische Schrift in den westrussischen Gebieten, welche die Reform Peters des Grofsen vorbereitete. 152) q Truhelka, Wiss. Mitteilungen aus Bosnien und Herze- go\vina VII, 215—220. 153 ) In Missalen gibt es noch Stellen, wo der Chor auf der einen Seite griechisch, auf der anderen slawisch singt. ,54 ) Hier wurde bereits in lateinischer Schrift auch eine Uber- setzung der Reali di Francia niedergeschrieben, so dafs also Buovo zweimal zu den Siidslawen gelangte. i65) Vgl. Ilarion Ruvarac, Montenegrina 2 , Zemun 1899; Jov. N. Tomič, Glas der serbischen Akademie, Bd. 58, 60, 62. 219 156 ) Es scheint, dafs in Serbien die Ttirken den alten Adel unter gewissen Bedingungen fortbestehen lielsen. Vgl. St. Novakovič, Glas der serbischen Akademie, Bd. 42, S. 41. I67 ) T. Smičiklas, Poviest hrvatska II, 95. i58) N a( j a (Sarajevo) I, 126 ff. I5S ) Teilweise veroffentlicht in den Starine der Agramer Akade¬ mie, Bd. X, XI, XII. 160 ) Es ist bezeichnend, dafs H Gelzer in seiner Schrift »Das Patri - archat von Achrida« (Leipzig 1902) die ganze Episode gar nicht erwahnt. 161 ) Glasnik des bosnisch-herzegowinischen LandesmuseumsXIII, 34, Lj. Stojanovič, Stari srpski zapisi i natpisi I, S. 124. 162 ) K. Jireček in der Rezension der genannten Schrift Gelzers, Byzant. Zeitschr. 13, S. 198 ff., 710. Vgl. auch die Rezension von J. Radonič, Archiv. f. sla\v. Philol. XXV, 468 ff. 163 ) N. Jorga (Geschichte des rumanischen Volkes I, 337, 398) gibt zu, dafs die Kirche der Walachei und Moldau nach der Union von Florenz (1439) Konstantinopel verlassen und sich Ochrida untergeordnet habe, obwohl einige Urkunden dariiber offenkundige Falschungen sind. ,64 ) Vgl. Stipan Zlatovič, Franovci države presvet. Odkupitelja (Zagreb 1888), 62—65, 69; Ilarion Ruvarac, O Pečkim patrijarsima (U Zadru 1888), 78-79. mb ) Jastrebov, Spomenik der serbischen Akademie, Bd. 36, S. 96. i«6) Vgl. C. Jireček, Geschichte der Bulgaren, 370—371. 167 ) A. J. Jacimirskij, Grigorij Camblak, S. 20—24. ies) Vgl. A. J. Jacimirskij, Slavjanskija i russkija rukopisi ru- mvnskich bibliotek, Sbornik der II. Abt. der russischen Akademie, Bd. 79. ,69 ) A. I. Sobolevskij, Perevodnaja literatura moskovskoj Rusi XIV—XVII vekov, Sbornik (wie oben), Bd. 74, Nr. 1, S. 14. 17 °) Belege fiir diese Angaben bei Lj. Stojanovič, Stari srpski zapisi i natpisi II, S. 163, I, 177, 185, 197. m ) Starine IV, 19—24. m ) Srpski etnografski zbornik, Bd. IV, S. XLV—XLVII, XXVI, XXXV-XXXVI. lin) Vgl. des Verfassers Ausfiihrungen tlber den Tisch bei den Siidslawen, Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, Bd. XXXVI, 113 ff. m ) Falsch ist die Namensform Kuripešič, da sie offenkundig auf die Zusammenriickung eines Imperativs und Nomens (Kuri + peč, also. Ofenheizer) zuriickgeht. 175 ) K. Dieterich, Geschichte der byzantinischen und neugriechischen Litteratur (Bd. IV dieser Sammlung), 153 ff. 176 ) Die wichtigsten in Betracht kommenden Fragen sind beriihrt in des Verfassers Rezension »Die serbokroatische Volkspoesie in der deutschen Litteratur« im Archiv f. slaw. Philol. XXVIII, 351—385. Die wichtigsten bibliographischen Hilfsmittel i. Litteraturgeschichte. Die Litteraturgeschichte steht bei den Siidslawen nicht auf der Hohe der Zeit. Es gibt nicht einmal eine einheimische, modernen Anforderungen entsprechende Gesamtdarstellung irgendeiner siid- slawischen Litteratur, wie sie bei den Nordslawen mehrfach vorhanden ist. Auch gute Monographien tlber einzelne Perioden und Schrift- steller sind nicht geniigend vorhanden. Am meisten haben auf diesem Gebiete die Russen geleistet, die ja die litterarischen Erzeugnisse der Sudslawen besser aufbewahrt haben als sie selbst. Die erste Litteraturgeschichte der Slowenen (nach den Materialien von M. Cop), Kroaten und Serben schrieb nach der bio- und biblio¬ graphischen Methode der bohmische Slawist Paul Jo s. Safari k wahrend seines Aufenthaltes unter den Serben (bis 1833). Dieses griind- liche Werk ist leider erst nach seinem Tode erschienen unter dem Titel: Geschichte der sudslawischen Litteratur, 3 Bde., Prag 1864—1865. Auch ftir die altere Periode hat das Werk wegen seiner nach dem Inhalt geordneten Angaben liber die glagolitischen und cyrillischen Drucke und namentlich ilber die serbischen Handschriften seinen Wert nicht verloren. Die mahrisch-pannonischen undbulgarischen Grundlagen der »Litteraturgeschichte des kroatischen und serbischen Volkes« beriicksichtigt V. J a g i č, Histori ja književnosti naroda hrvatskoga i srbskoga, I. (und einziger) Bd., Agram 1867 (in russischer Ubersetzung von Petrovskij, Kazanr 1871). Fiir seine Zeit vor- treffliche Paralleldarstellungen der bulgarischen, serbokroatischen und slowenischen Litteratur gab der Russe A. N. Pypin in der im Verein mit dem Polen W. D. Spasowicz herausgegebenen »Geschichte der slawischen Litteraturen« (Istorija slavjanskich literatur), 2. Aufl., I. Bd. (Petersburg 1879), die deutsche Ubersetzung von Trau- gott Pech (Leipzig 1880). Die Vorfragen iiber das slawische Alter- tum und die slawische traditionelle Litteratur behandelte im Sinne der romantischen historischen Schule Gregor Krek, Einleitung in die slawische Litteraturgeschichte, 2. Aufl., Graz 1887 (wirkungsvoller war die erste Auflage, Graz 1874); von diesem Werke sind alle spateren siidslawischen Litteraturgeschichten abhangig. 221 Die beste bulgarische Litteraturgeschichte ist ein Schulbuch: A. Teodorov, Bolgarska literatura, Philippopel 1896, 2. ab- gekurzte und verbesserte Auflage, 1901; fflr wissenschaftliche Zwecke ist die erste wegen der Litteraturangaben mehr zu empfehlen. Die serbokroatische Litteratur erfuhr eine vortreffliche Dar- stellung in einem von seinem gelehrten Verfasser leider im Stich ge- lassenen Schulbuch: Stojan Novakovič, Istorija srpske knji¬ ževnosti, 2. umgearbeitete Auflage, Belgrad 1871. Einen grofsen Riickschritt bedeutet ein wegen seiner bibliographischen Angaben zu beachtendes Schulbuch: Jovan Grčič, Istorija srpske književnosti, Neu- satz 1903. Der bio- und bibliographischen Methode folgt noch stark Dr. Duro Šurmin in seiner illustrierten Povjest književnosti hrvatske i srpske, Agram 1898. Fur die in dieser Periode wenig in Betracht kommende slo- wenische Litteratur existiert eine ausfiihrliche, aber nicht immer verlafsliche Materialiensammlung von Dr. K. G laser, Zgodovina slovenskega slovstva, 4 Bde., Laibach 1894—1898. Ubersichtlicher ist ein Schulbuch fiir die beiden oberen Mittelschulklassen: Dr. Jakob Šket, Slovenska slovstvena čitanka, 2. Aufl., Wien 1906. Fur die mit der stidslawischen im innigsten Zusammenhang stehende russische Litteratur ist das beste, auch Litteraturangaben bietende Werk von A. N. Pypin, Istorija russkoj literatury, 4 Bde., Peters- bui*g 1898—1899, 2. noch vom Verf. besorgte Aufl. 1902—1903. Ein unentbehrliches Handbuch ist Karl Krumbachers Ge- schichte der byzantinischen Litteratur, 2. Auflage bearbeitet unter Mitwirkung von A. Ehrhard und H. Gelzer, Miinchen 1897. Dem Werke ware nur zu wtinschen, dafs die auch schon jetzt besonders verdienstlichen slawischen Litteraturangaben bei einer neuen Auflage eine Vervollstandigung aus den russischen und namentlich aus den sudslavrischen Publikationen erfahren mochten. Zur leichteren Orien- tierung dient die auch wegen ihrer Wertschatzung des Byzantinismus von Krumbacher abweichende Geschichte der byzantinischen und neugriechischen Litteratur von Dr. Karl Dieterich, Leipzig 1902 (IV. Bd. dieser Sammlung). 2. Kataloge der Handschriften und alten Drucke. Agram. Bibliothek der siidslawischen Akademie der Wissenschaften, nur teilweise beschrieben von N. Ružičic, Stari srpski rukopisi u knjižnici jugoslovenske akademije, Spomenik der serbischen Akade¬ mie, XXXVIII. Bd., 129 ff. Belgrad. Nationalbibliothek: Ljub. Stojanovič, Katalog narodne biblioteke, IV. Rukopisi i stare štampane knjige. Belgrad 1903. — Bibliothek der serbischen Akademie: Ljub. Stojanovič, Katalog rukopisa i starih štampanik knjiga. Zbirka srpske kraljevske akade¬ mije. Belgiad 1901. 222 Bosnien und Herzegowina. Bibliotheken der serbischen Kloster und Kirchen: M. M. Vukičevič, Iz starih Srbulja, Glasnik des Landesmuseums ftlr Bosnien und Herzegowina XIII (1901). Athos. Chilandar: Sava Chilandarec (d. i. Sava Mčnch von Chi- landar, ein geburtiger Behme), Rukopisy a starotisky Chilandarske, Prag 1896. Ftir das Paulus-Kloster bleibt in Kraft die Beschreibung der slavoserbischen Biicherschatze von Chilandar und des heiligen Paulus vom russischen Archimandriten Leonid in den Moskauer čtenija 1875, I, wieder abgfedruckt im Glasnik der serbischen ge- lehrten Gesellschaft, XLIV. Bd., Belgrad 1887. Bulgarien. Sofija. Nationalbibliothek: Svet. Vulovic, Opis slo¬ venskih rukopisa sofijske biblioteke, Spomenik der serbischen Akade- mie, XXXVII. Bd., 1—49. — Synodalbibliothek: E. Sprostranov, Opis na rakopisite pri sv. Sinod, Sofija 1900. Rila-Kloster: E. Sprostranov, Opis na rakopisite v bibliotekata pri Rilskija manastir, Sofija 1902 (in Periodičesko spisanie 64). Rumanien. Vgl. S. 193 und S. 219 Anmerkung 168. Rufsland. Die zahlreichen Kataloge und Beschreibungen aller Biblio¬ theken, da es wohl keine gibt, welche nicht siidslawische Werke, wenn schon nicht Handschriften besafse. Besonders kommen in Be- tracht die Synodalbibliothek, die des Rumjancovschen Museums und A. I. Chludovs in Moskau, der Troickaja Sergievskaja Lavra bei Moskau, der kaiserl. offentl. Bibliothek in Petersburg, der geist- lichen Akademie in Kiew und der Universitat in Odessa. Beschreibungen oder Notizen iiber slawische Handschriften be- sitzen wir noch von folgenden Bibliotheken: Oxford: P. A. Syrku, Bemerkungen in den Izvestija der Abteilung fiir russische Sprache und Litteratur der kaiserlichen Akademie in St. Petersburg, Bd. VII, 4, 325-345. Pariš. Nationalbibliothek: N. Du£ic, Starine der Agramer Akade¬ mie XVI, 116-127. Prag, Museum des Konigreiches Bohmen, die Handschriften Paul Jos. Šafariks, besch. von M. N. Speranskij, Moskauer Ctenija, 168. Bd. Rom, Vaticana, V. Jagič, Analecta Romana, Archiv f. slaw. Philol. XXV, 1-17. Die slawischen Handschriften von Berlin, Prag, Wien (besitzt einen handschriftlichen Katalog von Fr. Miklosich), Laibach, A g r a m und der beiden Bibliotheken von Belgrad von Gr. V o s k r e - senskij im Sbornik der Abteilung fiir russische Sprache und Litteratur der kaiserl. Akademie, XXXI. Bd., Petersburg 1882. Je ru šale m. N. Krasnosekcev, Slavjanskija rukopisi patriaršej biblio¬ teki v lerusalime. Kazanr 1889. Sehr zu bedauern ist der Mangel eines oder mehrerer Kataloge des Patriarchats von Karlowitz und der Kloster derFruška Gora in Syrmien (Slawonien), welche die meisten serbischen Hand- 223 schriften bewahrt haben. Es ware eine dieser Statten der serbischen Kultur wiirdige Aufgabe, wenn sie die wissenschaftliche Welt auf ihre Schatze aufmerksam machten. Ein wichtiges Hilfsmittel fiir die Ubersicht der serbischen Hand- schriften und alten Drucke ist die von Ljub. Stojanovič heraus- gegebene Sammlung der Schreibernotizen (und Inschriften): Stari srpski zapisi i natpisi, 3 Bde., Belgrad 1902—1905. 3. Bibliographie. Periodische Publikationen und Zeitschriften. Der alteren Litteratur kommen meist nur mittelbar zustatten folgende bibliographische Werke: Franc Simonič, Slovenska bibliografija. L del: Knjige (1550—1900). Laibach 1903—1905. Erganzungen im Zbornik Slovenske Matice in Laibach. Ivan Kukuljevič Sakcinski, Bibliografia hrvatska I. Agram 1860. — Dodatak (Nachtrag) 1863. Stojan Novakovič, Srpska bibliografija za noviju književnost (1761 bis 1867). Belgrad 1869. Erganzungen vom Jahre 1868—1884 (mit Unterbrechungen) im Glasnik der serbischen gelehrten Gesell- schaft, spater im Spomenik der Akademie. A. Teodorov, Blgarski knigopis I (1641—1877) im IX. Bande des Sbornik za narodni umotvorenija, Sofija 1893. Erganzungen im Periodičesko spisanie. Fiir die jiingsten und laufenden Erscheinungen gibt es keine regelmafsige und systematische Bibliographie, da eine solche weder die slawistischen Fachorgane (Archiv fiir slawische Philologie, Izvestija otdelenija russkago jazyka i slovesnosti der kaiserlichen Akademie in Petersburg, Russkij Filologičeskij Vestnik in Warschau) noch die stid- slawischen Zeitschriften pflegen. Auch kritische Anzeigen und Referate sind bei den Siidslawen allzu sehr zersplittert und haufig nur in belletristisch-belehrenden Zeitschriften zu finden, so dafs ein kritisches Zentralorgan, in dem die einzelnen Sprachen und die beiden Schriften gleichberechtigt sein konnten, ein dringendes Bediirfnis der Zukunft ist. Die slawische Philologie verfiigt auch iiber keine Jahresberichte. Die Enzyklopadie der slawischen Philologie, deren Ausgabe soeben die Akademie in Petersburg begonnen hat, wird zunachst den gram- matischen Disziplinen zugute kommen. Von bibliographischen Publikationen sind zu nennen: Fr. Pastrnek, Bibliographische Ijbersicht iiber die slawische Philo¬ logie 1876—1891. Supplementband zum Archiv f. slaw. Philologie, Bd. XIII. Berlin 1892. — Eine Ubersicht des philologischen Inhaltes der serbokroatischen Publikationen in den Jahren 1891, 1892, 1893, 1894 gibt M. Rešetar im Archiv f. slaw. Phil. XV, XVI, XVIII. 224 — Eme bibliographische Ubersicht der Litteratur der Slidslawen im Jahre 1895 von P. D. Draganov in den Izvestija otd. russkago jaz. i slov. 1, 2, 206—293; I, 4, 744—778. — Eine Charakteristik der wichtigsten stidslawischen Zeitschriften bis zum Jahre 1898 gibt V. Jagič, Bibliographische Ubersicht der slawischen Zeit¬ schriften philologischen, litteraturgeschichtlichen und ethnographi- schen Inhalts, Archiv f. slaw. Phil., XX. Bd., 625 ff. Fiir die Jahre 1900 und 1901 erschienen plotzlich zwei biblio¬ graphische Publikationen, gingen aber beide wieder ein: Slavjanovedenie I (beriicksichtigt nur die periodischen Publika¬ tionen), II (systematisches Verzeichnis der Arbeiten auf dem Gebiete der Sprachwissenschaft, Litteratur, Ethnographie und Geschichte), herausgegeben von der Redaktion der Izvestija der russ. Abt. der Akademie, Petersburg 1901, 1903. Vestnik slovanske filologie a starožitnostf, herausg. von L. Niederle, F. Pastrnek, J. Polivka, J. Zubaty, I, II. Prag 1901, 1902. Verdient vor den russischen Publikationen einen Vorzug namentlich wegen der kurzen Referate und kritischen Be- merkungen. Fiir die altere Litteratur fiillen den Mangel einer systematischen slawistischen Bibliographie zum grofsten Teil die beiden Fachorgane der Byzantinisten aus: Byzantinische Zeitschrift, herausgeg. von Karl Krumbacher, Leipzig 1892—1908 (17 Bde.). Vizantijskij Vremennik, herausgeg. von der kaiserl. Akademie der Wissenschaften unter der Redaktion von V. E. Regel, Peters¬ burg 1894-1907 (13 Bde.). Die alteste periodische Publikation der Serben und Sildslawen iiberhaupt, Letopis Matice Srpske (Jahrbuch der Matica Srpska, seit 1825 in Budapest, seit 1864 in Neusatz), bringt im Bd. 185 (Neu- satz 1896) eine Bibliographie der Bande 1—184. Seit jener Zeit bringt die reformierte Zeitschrift die besten kritischen Anzeigen, Referate und bibliographische Notizen iiber serbische Litteratur und Geschichte. Zum Glasnik srpskoga učenog društva (der serbischen gelehrten Ge- sellschaft) in Belgrad bringt ein Generalregister der letzte, 75. Band, Belgrad 1891. Von der an ihre Stelle getretenen serbischen konig- lichen Akademie (Srpska kraljevska akademija) kommen seit 1887 hauptsachlich Glas (Sitzungsberichte), Spomenik (Denkschriften), Zbornik za istoriju, jezik i književnost srpskog naroda (Sammelband fiir Geschichte, Sprache und Litteratur des serbischen Volkes) und Srpski etnografski Zbornik in Betracht; liber ihre Tatigkeit be- richtet Godišnjak (Jahrbuch). Von anderen periodischen Publika¬ tionen ist wichtig: Godišnjica Nikole čupiča in Belgrad, 1877 bis 1908 (27 Bde.). Fiir Referate kommt vor allem in Betracht Srpski Književni Glasnik in Belgrad. 225 Bei den Kroaten arbeiteten Ar ki v za povestnicu jugoslavensku (Archiv f. siidslaw. Geschichte), Agram, 12 Bde. (1852 ff.), und die Zeit- schrift Književnik, 3 Bde., Agram 1864—1866, der stidslawi- schen Akademie der Wissenschaften (Jugoslavenska akademija znanosti i umjetnosti) in Agram vor; von ihren periodischen Publika- tionen (seit 1867) gehOren hierher: Rad (Sitzungsberichte), Starine (Texte der alteren Litteratur der Sttdslawen), Monumenta historico- iuridica Slavorum meridionalium, Monumenta spectantia hi s to¬ ri a m Slavorum meriodionalium und Zbornik za narodni život i običaje južnih Slavena (ftir volkstumliches Leben und die Brauche der Siid- slawen); einen Tatigkeitsbericht bringt Ljetopis seit 1877. Die beste kroatische Zeitschrift Savremenik in Agram. Uber Bo sni en undHerzegowina bringt wertvolle Materialien und Abhandlungen das Organ des Landesmuseums: Glasnik ze- maljskog muzeja za Bosnu i Hercegovinu, Sarajevo, 1889—1908. Die wichtigeren Artikel daraus erscheinen in deutscher Sprache: W i s s e n - schaftliche Mitteilungen aus Bosnien und der Herze- gowina, Wien, Holder, bisher 10 Bde. Bei den Bulgaren wurde die erste iiberwiegend wissenschaft- liche Zeitschrift Periodičesko Spisanie 1870—1876 in Braila (Rumanien) herausgegeben und 1882 in Sofija als Organ der Bul- garischen litterarischen Gesellschaft erneuert. Eine Fiille von Materia¬ lien und Abhandlungen bringt Sbornik za narodni umotvorenija, nauka i knižnina (fur Volkserzeugnisse, Wissenschaft und Litteratur), in Sofija, von dem 18 Bande (bis 1901) als Organ des Ministeriums ftir Volksaufklarung (ein Generalregister im Band 16/17), seitdem drei gleichfalls als Organ der Litterarischen Gesellschaft. Von ihrer Tatig- keit berichtet Letopis na btlgarskoto kniževno družestvo v Sofija. Die Griindung einer Akademie steht demnachst bevor. Von den Zeit- schriften erfreut sich Blgarska Sbirka des langsten Daseins. Die wissenschaftliche Tatigkeit in slowenischer Sprache ist konzentriert im Letopis (von 1865), seit 1899 Zbornik der Slo¬ venska Matica in Laibach. Dazu kommen in Betracht Izvestja muzejskega društva za Kranjsko (neben dem gleichlautenden deutschen Organ »Mitteilungen des Musealvereins in Krain«, von 1908 an Carniola) in Laibach und Časopis za zgodovino in narodo¬ pisje (Zeitschrift fur Geschichte und Ethnographie) in Marburg. Die alteste (seit 1881) und ai ' ' " T - n ski Zvon in Laibach, aufserdem Murko, Geschichte der siidslawischen Litteraturen. 15 Zusatze imd Verfiesserungen. S. 13 Z. 14 anstatt Schlotzer 1. Schlozer. S. 14 Z. 2 v. u. Nach Cvijičs Mitteilungen gibt es im Vilajet Kosovo (na Kosovu) tiber ein Drittel Serben; wenn man nach Hausern zahlt, allerdings weniger, da die Serben zum Unterschiede von den Albanesen in Hauskommunionen (Zadruga) leben. Unter den Albanesen gibt es ein Drittel entnationalisierter Serben. S. 64 Z. 7 anstatt Gabalas 1. Gabala. S. 97 Z. 4 * Michael Seth 1. Symeon (vgl. Krumbacher, Gesch. der bvz. Lit. 2 615, 896). S. 127 Z. 7 v. u. anstatt 1415—1419 1. 1414-1418 (vgl. S. 162 und VI). S. 128 Z. 23 muls es heifsen: die dem Athanasios unterschobenen Fragen und Antworten. S. 132 Z. 12 v. u. anstatt Oedipossage 1. Oedipussage. S. 138 Z. 10 * » » Murat 1. Murad. S. 185 Z. 14 » » » ganz gut 1. vielleicht (K. Jirecek). S. 188 Z. 9 » » » Mechmed 1. Mehmed. S. 199 Z. 10 » » » infiziert 1. beeinflufst. S. 208 Anm. 9. Von Cvijics Arbeiten werden Osnove za geo- grafiju i geologiju Makedonije i Stare Srbije (2 Bde., Belgrad 1906 = Grundlagen fttr die Geographie und Geologie Makedoniens und Altserbiens) demnachst deutsch erscheinen. S. 211 Anm. 49 anstatt in der griechischen 1. in der kilrzeren griechischen. S. 216 Anm. 110 hinzuzuftigen: P. Pokryškin, Pravoslavnaja cerkov- naja architektura XII—XVIII. stol. v nynešnem Serbskom korolevstve. S. Petersburg 1906. Personen^ und Sachregisier. (Mit AusschluS von S. 220—225.) Die Anordnung ist auch innerhalb der Schlagworte mOglichst alphabetisch. Die Buch- stabenreihe beriicksichtigt die slawischen Zeichen, so dafs z. B. č, š, ž als Ganzes nachfolgen. Bei der Unterscheidung von I und J ergibt sich die Inkonsequenz, dafs griechische Namen wie Johannes nach der lateinischen und slawischen Aussprache ein- gereihtsind. Die Hauptstellen sind durch Fettdruck hervorgehoben; nur ausnahmsweise ist manchmal angemerkt, dafs ein Name auf derselben Seite ofter vorkommt. Abgarsage 88. Abraham 91 (2), 93. Abramios, Monch des Sabbas- klosters 217. Achikar 97; vgl. Akyrios. Achrida s. Ochrida. Achtsilber 180. Adamiten 120. Adams Beerdigung in Jerusalem 91; Bestandteile 93. Adrianopel 113. Agypter 69. Ara s. Zeitrechnung. Asop_97, 132. Agapios liber das Paradies 91. Agarener (Tiirken) 187, 195. Agram 11, 15, 28, 200. Akathiste 90. Akrostichis, -on 74, 75, 169, 218. Akindynos, Gegner der Hesy- chasten 119, 123, 167. Akritas s. Digenis. Akten des Johannes (Pseudo- Prochorus) 91; iiber Paulus und Thekla 91. Akyrios, Akir, der weise, 97 , 132, 154, 180. Albanesen 14, 18, 22, 37, 58, 109, 138, 192. Albanien 57, 107, 136, 174, 207. Albigenser 83. Alezander der Grolse 95, 114. Alezander 11., Papst 103, 104. Alexander 1IL, Papst 214. Alezander VI., Papst 186. Alezanderroman 79, 95, 97, 142, 182. Alexandrinische Redaktion der Propheten 61, 67. Alexej Michajlovič, Zar von Mos- kau 197. Alezios, Sohn des Kaisers Johannes Komnenos 150. Alphabet, slawisches 69; cyrilli- sches und glagolitisches 46—48; s. Schrift. Altbulgarisch 50,59; s. Altkirchen- slawisch. Altfranzosisches Nationalepos 200. Altertum, klassisches 81, 111, 119, 152. Altes Testament 43, 51, 85, 144, 172, 177, 213, 216; vgl. Paleja, Paroemienbuch. Altkirchenslawische Litteratur in Bulgarien 57 ff.; ihre Glanz- zeit 59; ihr monchischer Charak- ter 72, 77, 96; ohne poetische Erzeugnisse 95; Wiirdigung derselben 108—111; Uber- setzungen der theologischen Litteratur 76. Altkirchenslawische Sprache 29, (Heimat) 48 -50, 62, , 106, 114, 156, 157, 166. Alt-Serbien 5, 14, 15, 25, 28, 134, 136, 137, 191, 208. Altslowenisch 50, 59; s. Alt- kirchenslawisch. Ambrosius, der hi. 104. Amselfeld s. Kosovopolje. Anastasios Sinaites, Theologe 66. Anastasios, Monch vom Berge Sinai 217. Anastasius Bibliothecarius 41. Andreas von Kasarea, Ezeget 53, 67. Andronik aus der »Romanija«, Schiller des Euthymij 162. Andronikus, der hi., von Syr- mium 41, 101. 15 228 Angelar, Schiller Methods 58. Angjelina, serbische Despotin in tjngarn 163. Anna, Gemahlin des Žaren Joann Sracimir von Bxdyn 130. Annalen, serbische 165, 198. Anthim, ugrowlachischer Metro¬ polit 126. Antiochos, Monch des Sabbas- klosters bei Jerusalem 73, 196, 217. Antivari 28; Erzbistum 32, 106, 134, 139. Antonios, Monch, Verfasser der »Melissa« 152. Antonios IV., Patriarch von Kon¬ stantinopel 214. Apokalypse 50,172; Abrahams 92, 93; (Hdllenfahrt) der Mutter- gottes 91, 93 177; des hi. Paulus 84. Apokryphen 79, 82 ff., 88, 90 — 95 , 99, 111, 130, 152, 154, 172, 177,196,198, 213; alttestament- liche 88, 213; Begriff der slawischen 90; beeinflussen die Kunst der Siidslawen 95; apo- kryphe Apostelakten90; A postel- geschichte 172; Kleinlitteratur des Aberglaubens 80, 87, 148; Legenden 130; Ubersetzungen in Serbien, Bulgarien, Rulsland 92. Aphroditian, des Persers Er- zahlung 91, 92. Apostelgeschichte, Apostolus 39, 50, 196. Aquileja, Patriarchat 31, 52, 102, 210 ; Arabische Fremdw5rter der Siid- slawen 199. Architektur, kirchliche, in Serbien 1.41. _ Arilje in Serbien 141. Arianer 63. Aristenos, Kommentator des Nomo- kanons 149. Aristoteles 58, 81, 163, 210. Armenier 72. Arrian(os) 148. Aromunen (Walachen) 18, 22,109, 209. Asen, Peter und Joann, Begriin- der des zweiten bulgarischen Reiches 112. As6n I. 115. As6n II. 114, 115, 116. Asketik 72, 126, 129, 146. Assyrier 69. Astrologie 80, 84. Astronomie bei den Bulgaren 80; bei den Serben 148. Athanasios von Alexandria 63, 66, 72. Athos, Berg (slaw. Sveta Gora) 60, 108, 123, 133, 134, 135, 142, 145, 146, 147, 148, 155, 156, 157, 193, 194, 197, 215; Mittel- punkt der serbischen Kultur 137; Riickgang des slawischen Ele- mentes 197;. seine russischen Monche Kleinrussen 216; Ser- bisierung seiner Kloster 142; Verkehr _ seiner slawischen Monche mit Syrien 60; Zentral- bibliothek der orthodoxen Welt 108. Awaren 20, 29, 30. Babylonisches Reich, Sage vom 100 . Balkan-Halbinsel 20, 21, 138,155, 3 87; -staaten 185, 192. Barlaam und Joasaph 96. Barlaam, Gegner der Hesychasten 117, 119, 123, 146, 161, 167. Balzer O. 210. Bar s. Antivari. Bardas 38. Bari in Apulien 32. Barletius, Biograph des Skander- beg 198 Bartoli 209 Basilios I., Kaiser 44, 102, 149. Basilios II., Bulgaroktonos 59. — der Grofse 64, 68, 147. — der Jiingere 147. — Haupt der Bogomilen in Kon¬ stantinopel 84. Bayern 29, 209. Belgrad 16, 57,113, 139, 163,196, 216. Belgrad am Meere (Žara vecchia) 26. Bessarabien 17, 192. Benedikt, der hi. 53, 178. Benedikt und Takob, Athosmonche 217. Benediktiner, kroatische 175, 176. Berislavič, Ivan, kroatischer Wiir- dentrager als serbischer Despot 216. Bezobrazov, M. 210. Biblia pauperum 79. Bidpai, der Philosoph 97. ^ Bienenzuchter, slawische 209. 229 Bihar bei Trau 26. Bischof in Dabar 169; Ras 134; von Cattaro 32; Kroatien 101, 102; Nona 102; Veglia 105; Zengg 104. Bistum in Belgrad 137; Bosnien (katholisches) 218; Braničevo 137; Djakovo 218; Freisingen 31; Niš 11; Nona 104; Passau 31; Prevlaka (Cetinje) 137; Salz¬ burg 30; Sarajevo 169; Ston (Mostar) 137; Tiburnia 30; Zach- lumien 169; von Drembica, Velika 58. Bistilmer, die ersten serbischen 137; katholische in Serbien 215. Blastares, Matthaios 149. Blutessen 167. Blutrache 199. Bodin, Fiirst in Skutari 28. Bogdan, makedonischer Teilfiirst 201 . Bogomilen, Bogomilismus 6, 71, 83-87, 115, 116, 117, 119, 120, 123, 126, 131, 135, 170, 172, 173, 187, 213. Bogumil, Pope_84, 88. Bologna 66, 172. Bonwetsch, D. 212. Boril (Boris III.), Zar von Bul- garien 84, 116. Boris (Michael), Bulgarenfilrst 33, 37, 57, 70, 75. Borivoj, Herzog von Bohmen 43. Borna, kroatischer Fiirst 26. Bosnien 2, 4, 5, 6, 8, 16, 27, 31, 169—174, 186, 188, 218; patareni- sche, zuletzt katholische Staats- religion 86,170; romische Kirche in B. 108. Bosnische (cyrillische) Schrift 4, 171; Sprache 5; Franziskaner 93. bougre, franzosisches Schmahwort 88 . Bova, Bovo (= Buovo d’Antona) 183, 184, 218. Braničevo 113, 137, 145. Branimir, Fiirst von Kroatien 26, 101 . Brankovič, Georg, Pseudodespot 198; Vuk 139,144,202; Branko¬ viči 191; s. Georg. Brautraub 199. Bretonischer Zyklus 181. Breviarien, glagolitische 176, 177. Broz, I. 175. Bruderschaften bei den Kroaten 178, 179. Buchdruckerkunst bei den Siid- slawen 195—196; in der Walachei 195. Buddha 96. Budim (Ofen), Konig von (Ungarn) 202 . Budua 139. bugarštica, langzeiliges Helden- gedicht 204. Bulgaren 1, 13, 16—18, 208; die urspriinglichen 20, 21, siidtiir- kischer Herkunft 24; kulturell am starksten von Byzanz ab- hangig 114; Zar der B. 25, 112, 138. _ Bulgarien 17, 19, 70; Patriarch von 34, 58, (in Trnovo) 113, 118; Primas von 112. Bulgarische Chroniken 79, 131; Glagolica 48; Kunst 122, 141; Nationalkirche 34, 58, in Ochrida 59, 121, 135, von Trnovo 113; Volksdialekte 198; »bulgarische Bticher« fiir Apokryphen 87; s. Redaktion, Dialekte. Bulgarisches Exarchat 11, 17; Reich, erstes 24—26, 57, zweites 112ff., makedonisch-bulgarisches 59. Bulgarisch-serbische Grenzgebiete 76, 121; Streitfrage 11—12. Bulgarismen, Makedonismen der serbischen Litteratur 149, 153. Bunjevci 3, 14, 192. Burešič, M. 180. Bulsordnung 53; s. Merseburger. Byzanz 34, 110, .114, 120, 436, 137, 140, 178; Ubergewicht bei den Siidslawen 109, Zusammen- hang der Kroaten mit B. 185. Byzantinische Autokratie 29; Florilegien 132; Friihrenaissance 152; Hofamfer in Bosnien 170; Kaisersage 100; Rechtsbiicher 149, 168; Titel in Serbien 138. Byzantinischer Einfluls in Bul¬ garien 58, 60, 70, 81; in Serbien 140, 142; auf die Stidslawen 206; Mystizismus 126; Traditio- nalismus 74. Byzantinisches Monchswesen in Bulgarien 75. Byzantinismus 110, 149, 164, 185; sein starkster Einfluls im unter- gehenden Bulgarien und Serbien 230 114 ff„ 117 ff., 122, 124, 141 bis 142. Bxdyn (Widdin), Reich von 113; Eparchie 214. Camblak, Grigorij 124, 127, 161, 194. Carostavnik (Kaiserchronik) 160; s. Daniil. čari. (Zar) aus Caesar 209. Castriota, Georg 198; s. Skander- Cattaro 32, 134, 139. Castelmuschio (slaw. Omišalj) 105. Cerva Tubero 205, 216. cesari. s. carr. Cetinje, Buchdruckerei in 195, 196. Chaldaer 69. Chansons de geste 181. Chazaren 38. Chilandar, serbisches Athoskloster 115, 135, 137, 144, 147, 155, 197, 216, 217. Choiroboskos, Georgios 66. Christen = Bogomilen 84, 172. Christentum. schwach in Bosnien 173, Christianisierung der Sildslawen 30 ff. Christi Streit mit dem Teufel 89, 92. Chronik,altesterussische(»Nestor*) 67, 78; des Presbyters von Dio- klea (pop dukljanski) 106—107; mittelbulgarische 131. Chroniken 76 ff., 90,131,147—148, 164, 165, 166, 198. Chronisten des Abendlandes 76. Chronograph 66, 78, _ 90; der russische 194; hellenischer und romischer 79; s. Letopisrci. Chulm (Herzegowina) 102, 171. Cilli, Graf Friedrich von 174. Clemens I., der hi., Papst 39, 40, 41, 48. Clemens VI., Papst 175. Clemens, der hi., Erzbischof von Ochrida s. Kliment; Vita Cle- mentis 62, 211. Codex Assemanianus 50, 60; Ma- rianus 60, 106; von Bologna (Psalter) 66, 172; von Suprasl 68; Zographensis 50, 60. Conev, B. 208. Constantin s. Cyrill; Vita Con- stantini 62, 69. Courtoisie (dvorščina) 181. Crnojevic, Georg, montenegrini- scher Wojwode 195. Croatia alba, rubea 106. Cvijio, J. 8, 199, 208. Cyrill (Konstantin) 62, 68, 111, 130; Cyrill und Method, die Slawenapostel 33, 36 ff., 48, 49, 51, 53, 55, 58, 61, 62, 105, 108, 109, 167, 176, 210; ihre Uber- setzungen 39; Bewahrung der cyrillomethodischen Traditionen in Makedonien 58, 60, 66, 70. Cvrillismus in Rufsland 60; in Bosnien 171. Cyrillisches Alphabet (Schrift) 3, 46 ff., 59, 70, 109; in Bosnien 4, 48, 171; bei den Kroaten 3—4, 109, 175 ; in den west- russischen Gebieten 218; als Scheidewand 10. Czoernig 11. Cakavischer Dialekt 178. Dabar, orthodoxes Bistum von Bosnien 169. Damonologie 119, 125, 130. Daker mit den Serben identifiziert 148. Dakische Slowenen 21. Dalmatien 21, 26, 27, 101, 103, 106, 207; Metropolit von 102. Dalmatinisch-ragusanische Litte- ratur der Renaissance lil. Dalmatiner als Baumeister in Ser- bien 141. Damaskin Studit 198. Damaskine, bulgarische Sammel- werke 198. Damian, Patriarch von Bulgarien 70. Dandolo, Enrico 134. Daničič 97, 160, 214. Daniel, Monch 128. Daniels apokryphe Visionen 67. Daniil (Danilo) II., Erzbischof von Serbien 160, 162. Dante 94, 111. David 88. 213. Dečani, Kloster 137, 141, 161. džd, did, Altester der Bogomilen in Bosnien 89. Demetrios C homatianos, Erzbischof von Ochrida 81, 135, 158- Demokratie, slawische 24, 29, 107. Demosthenes 58. Derkos, I. 11. 231 Despot, Titel der letzten serbischen Herrscher 139, 140. Devgenij s. Digenis. Dialekt in Provinzialkroatien 11; —e, bulgarische 49, 50; serbisch- bulgarische 11—12; mahrische und slowakische 39; in Bosnien und Herzegowina, in Bulgarien 192. Dichter, bosnische, in persischer und tiirkischer Sprache 189. Dietrich, K. 219. Digenis Akritas 131, 132, 150 . Dio (Cassius) 148. Dioklea 5, 106. Diokletian 210; sein Palast 20. Dioklitien (Zeta, Montenegro) 28, 134, 215; vgl. Dioklea. Dionysij, Hieromonach 129. Dionysios Areopagites 64, 129. Dioptra (slaw. Zri.calo) 150. Disputation der drei Heiligen 89, 93, 177. Djakovo, Bistum 218. D6czy, Peter (DojCin Petar) 202. Domentijan, serbischer Biograph 147, 158 — 159 , 160; Ausztige aus 160. Dorotheos, Archimandrit in Palastina 217. Dorotheus, Bischof von Tyrus 172. Dragovičer Kirche der Bogomilen 85. Dragolj, Pope, serb. Kompilator 152. Dreiziingler 39; »dreiztingige Haresie« 40. Drembica (Debirca?), Bistum 58. Drster (Silistria), Metropolit von 59. Dualismus, siidslawischer, ge- schichtlich und sprachlich un- begriindet 21; zwischen Ost- bulgarien und Makedonien 59 ff., 66; persischer bei den Stidslawen 84. Duks, Bruder des Fursten Boris 75. Dulcigno 134, 139. Dundal s. Tundalus. Durazzo, Metropolit von 59, 106. Dušan, Stefan. Zar von Serbien 25, 136,137, 138, 140, 142, 146, 149, 161, 162, 167, 201, 216, 218. Dummler, E. 37, 49. Ehrhard, A. 117. Eldad und Modad 90. Elias, Vision des 90. Emauskloster in Prag 175. Emmeramer Gebet 52, 55, 56. Enkratiten 84. Eparchie B r i,dyn 214. Ephram der Syrer 72, 146. Epigraphische Denkmaler in Bos¬ nien 173. Epiphanias, Bischof von Cypern 68, 172. Epistolographie, serbische 158. Epopoe, keine, bei den Stidslawen 201 . Epos, nationales byzantinisches 150; religioses in Prosaform 82, 204; epische Volkslieder in der Chronik des Presbyters von Dioklea 107; episches Zeitalter der Stldslawen 200 ff. Eremiten in Bulgarien 75. Erzahlung tlber die drei J lin glin ge im Feuerofen 92; uber die Taufe Christi 92; vom indischen Reich 183; von Asa, Konig in Juda 154; von den Bestandteilen Adams 89; von der Einnahme Trojas 131; von der Gilo oder Giluda 131; von der Kosovo- schlacht 198; von der Wirtin Theophano 153; —en orienta- lischer Herkunft 96; vom Falle Konstantinopels 198. Erzbischof von Bari 32; auto- kephaler, von Ochrida 135, 144; von Serbien 156; von Peč (Ipek) 138, 189; von Trnovo 112. Erzbistum Antivari 32; Dioklea 106; grofsmahrisches 54; panno- nisches 40, 41; Ragusa 108; Salzburg 31, 210; Syrmium 41; autokephales »bulgarisches«, von Ochrida 113, 138, 189, 190; von Serbien 135. Esais, Vision des 89, 91. Euagrios 152. Euchiten 83. Eutychianer 64. Euchologium Sinaiticum 52, 56, 60 ;Euchologien,nichtkanonische 90. Eugen, Prinz von Savoyen 191. Eusebios, Chronik des 66. Eusebios Pamphilos 148. Euthymij, Patriach von Trnovo 72, 114,115,119, 120,122, 123 - 127 , 232 128, 129, 132, 146, 161, 162, 166, 167, 194, 214, 215. Euthymios Zigabenos 126, 129. Evangelium, slawisches 39, 41, 50, 196; von Nikolja 172. Evseev, I. E. 51, 211. Exarchat, bulgarisches 11, 16; fiir Illyricum 41. Fabel vorn Bar, Wolf und Eber 154. Ferdinand I., Kaiser 6, 170, 186, 188. Feudalismus in den slawischen Balkanstaaten 185; abendlan- discher bei den Slowenen 29; in Bosnien 181, 188, 204; in Kroatien und Dalmatien 181; in Serbien 168. Feudalstaat, bulgarischer byzan- tinisierter 85. Fez, nationale Kopfbedeckung 200. Filioque 43, 44. Filip, Pop 128. Firmilijan, Bischof von Usktib 12. Flavius, Josephus 79. Florilegien 151—153; Florilegium eines Gennadios 211. Florinskij, T. D. 14, 15, 17, 18, 19, 208. Formosus, Papst 33, 45. Frankisch-deutsches Reich 45. Frage eines Konigs Jus (Joas) 154; —n uber die Bestandteile Adams 177. Fragen und Antworten des »Atha- nasios« 128. Fragmente, Kiewer 53; Wiener 53. Franken 30; tiirkische Bezeich- nung der Europaer 200. Franko, I., 90, 213. Frankopan-e, Besitzer vonVeglia 179. Franziskaner als Stiitzen der slawischen Eiturgie an der Adria 176; bosnische 93, 171; dalma- tinische 180. Franziskus, der hi. 178. Frauendienst 181, 184. Freiheitskampfe der Montene- griner und Serben in der Volks- poesie 204. Freisingen, Bistum 31, 55. Freisinger Denkmaler 54 ff., 61. Fremdvrorter in den sildslawischen Sprachen 12; romanische, bei den Stidslawen 22; tiirkische (persische, arabische) 199—200; lateinisch-deutsche im Slawischen 49, 52; slawische im Magyari- schen23,49, imNeugriechischen, Rumanischen 23. Friaul 28, 205. Friedrich Barbarossa 134. Friedrich, Graf von Cilli 174. Fruška Gora 25; der serbische Athosberg 15, 140, 197. G, erweichtes, fehlt im cvrillischen Alphabet 75. Gavril, Eremit auf Lesnovo 76. Gavriil, Monch in Chilandar 144, 145. Gebet an den Teufel 92. Gelzer, H. 34, 219. Gennadij, Erzbischof von Nov¬ gorod 51. Gennadios, Erzbischof (Patriarch ?) von K.pel 211. Gennadios II., Patriarch von K.pel 146. Geographie bei den Serben 148. Georg Brankovič, Despot von Serbien 139, 145, 169, 202; vgl. Brankovič. Georgios Hamartolos 77, 79, 91, 128,. 147, 148, 213. Georgische Sprache 109. Gerasimos aus Euboa 117. Germanismen 181, 183. Germanos II., Patriarch von K.pel 113,135. Geschichte des Kreuzbaumes 88, 89, 93; vom treuen Dienst 153. Gesetzbuch des Žaren Dušan 167-168. Gesetzbticher, glagolitische, bei den Kroaten 179. Gesta Romanorum 154. Gjorgjevič, Stefan, Despot 163. Gjurgjevi Stupovi, Kloster bei Novipazar 137. Glagolica, bulgarische und kroa- tische 48; runde undeckige 105. Glagolita Clozianus 68. Glagoliten 214. Glagolitische Denkmaler 136; Ge- setzbiicher 179, Inschriften 174, romisch - katholische Kirchen- bticher 167, 177; Litteratur der Kroaten 92, Charakteristik der einheimischen 177; Schrift (Alphabet) 3, 46, 47, 54, 59, 60, 70, 75, 105, 109, 143, 175, 183; 233 Tradition in Serbien und Bos- nien 48. • Glagolitismus, kroatischer 171, 174, 179; in slowenischen Ge- bieten 174. Gleb, russischer Heiliger bei den Stldslawen 216. Glucksgottinnen 71; vgl. Mytho- logie. Gnostiker 88. Gnostizismus 84, 94. Gojsak, der »Christ« 17‘2. Golubinaja Kniga 90. Golubinskij, russ. Kirchenhistori- ker 133, 211, 212, 215. Gorazd, slowenischer Herzog 30; Schiller Methods 44, 58. Gorazda, Kloster 196. »Gotische« Schrift 48, 103. Gothomanie 106. Gottesdienst, slawischer 37, 39, 40, 44, 48, 52, 64, 102, 104, 175; s. Liturgie. Grammatik bei den Siidslawen 166. Gračanica 196. Gradac in Altserbien 141. Grado, Patriarch von 210. Gregor der Grofse, Papst 53, 177. Gregor VII., Papst 27, 54, 103, 104. Gregorios von Nazianz (Theologos) 64, 68; von Nyssa 64. Gregorios Sinaites, Asketiker 116, 117, 118, 120, 123, 129, 145, 146. Grenzer (Militar-) 4. Grenzwachter, orthodoxe, in der Tiirkei 192. Griechen 17, 18, 69, 70; auf dem autokephalen bulgarischen erz- bischoflichen Stuhl in Ochrida '81, 190; besafsen wenig .Assimi- lationskraft 191; im Titel der Žaren von Bulgarien 25, 112, des Žaren Dušan 138; Griechen- joch der tiirkischen Slawen 121, 189, 190. Griechisch, Grundlage der slawi- schen Obersetzungen 52; Aus- sprache des Griechischen im 9. Tahrh. 211; sklawische Nach- ahinung des 51, 124, 126; Un- kenntnis 217. Griechische Schrift in Bulgarien 46, 59-60, 69. Grigorij, Athosmonch 148. — bulgarischer Schriftsteller 127. Grigorij, Presbyter 65 , 77. Grigorjev, _A. 99. Grofsmahrisches Reich 25, 33, 37, 55, 57; seine Mission 45. Grolsveziere aus Bosnien und Kroatien 188. Grolsžupane der Serben 28, 133. Grgurovic Vuk, Despot 202. Grškovičs Apostolus 48. Gruden 210. Gundulič Trojan, Buchdrucker in Belgrad 196. Gutenberg 196. Hadrian II., Papst 33, 40, 52, 59. Hagiographie 43, 53, 54, 61—62, 68, 73, 75-76, 125-126, 127, 128, 130, 146, 157, 158 ff. Haikar 97; vgl. Akyrios. Hajduken, —epik 203. Halbvokale G, b) 108, 143. Harnack, Kirchenhistoriker 212. Haus, volksttimliches, der Kroaten und Serben 8. Hausarzneibiicher 148. Hauskommunion s. Zadruga. Haresien in Bulgarien 118, 119, 128, Hedwig, Konigin von Polen 175. Heidnisches bei Bulgaren und Serben 35. Heilige, die siebenzahligen 58, ser- bische 164. Heimat der altkirchenslawischen Sprache 48 ff. Heinrich IV., deutscher Kaiser 27. Heldendichtung, sildslawische 201 ff. Helena 181. Heliand 111. Henochbuch 92. Heraklius, Kaiser 21, 31. Herceg (Herzog) vom hi. Sava 171; da von Hercegovina s. Herzegowina. Herder 23. Herodot 148. Herzegovvina 14, 28, 170,171, 186; s. Bosnien. Hesseling, D. C. 217. Hesychasten, — tum in Bulgarien 116 - 119 , 123, 125, 126; in Ser¬ bien 142, 145, 146, 215. Hesychia 117. Hesychios von Alexandria 61, 67. — von Jerusalem 66. Hexaemeron s. Šestodnev. Hieronymus, der hi. 105, 174, 177. 234 Hilferding, russischer Historiker 164. Hilmi Pascha 18. Hippokrates 148. Hippolytos von Rom 67 (zweimal). Historia de preliis 183. Hofamter, byzantinische in Bos- nien 170. Hohe Pforte 189. Honorius III., Papst 134. Horoskope 148. Hotimir, slowenischer Herzog 30. Hollenfahrt (s. Apokalypse) der Mutter Gottes 177. Hrabr, Monch 36, 46, 69 — 71 , 81, 129. Hrelja oder Relja »der Gefliigelte«, Protosevastos 201. Hrvoje, Herzog von Spalato 172, 175. Hunyadi, Johann 202. Hus 83. Hval, »der Christ« 172. Hymnen, griechische in slawischen Nachahmungen 74. Ichnilates s. Stephanites. Ignatios, Patriarch v. K.pel 38. Ilarion, Bischof von Meglen 72, 82, 125, 126. Illyricum 34, 40, 210. Illyrier 21. illyrisch, ilirski 1, 7. Index der Apokryphen 82, 87, 88, 90, 93. Indisches Reich, Erzahlung vom 183. Innichen, Kloster 55. Innozenz III., Papst 112, 214. Innozenz IV., Papst 104, 105. Inschriften in Bosnien 173. loas, Konig s. Frage, Traum. Ipatius-Chronik 77. Ipek s. Peč. Isaak 213. - der Syrer 129, 217. Isaija der Serbe, Monch 217. Isidoros von Pelusion 63. Islam 174, 185, 187, 188, 190, 195, 199, 201. Ismael 213. Isolte (sl. Ižota) 184. Isonzo 13. Istorikii, eine Weltchronik 79. Istrien 20; Topographie von 179. Istrin, V. M. 213. Italikos, Michael, Bichof 81. Ivan, Despot 163. Ivanov, J. 210. Ivic, A. 281. Iwan der Schreckliche 87. Izbornik Svjatoslavs 65, 78, 152. Jacimirskii, A. J. 219. Jagič, V. 48, 53, 64, 73, 74, 93, 212, 214, 217. Jajce 186. Jakob aus Kamena Reka 196. — Bischof twv žsofi/mv 217. — des Apostels, Liturgie 124. — Metropolit von Seres 143. Jakobs-Leiter 91; -Protoevange- lium 91, 177. Jakov aus Sofia 196. Jakšič, Brtider (Motiv des Bruder- zwistes) 202. Janitscharen 188. Janitscharenkorps, hatte slawische Verkehrssprache 188. Tanko vojevoda (Tohann Hunyadi) 202 . Jankovič, Stojan 202. Jastrebov 219. Janša, Anton 209. Jefrem, serbischer Patriarch 163. Jelena, Gemahlin Uroš I. 161. Jeremija, Pop 83, 87, 88, 93, 130, 177. Jeremias, Prophet 182. — Prophetie des 130. Jerusalem 136 Jireček, K. 158, 163, 168, 207, 208, 212, 214, 215, 216, 217, 219. Joakim am Sarandopor, Eremit 76. Joan(n) Aleksander, Zar von Bul- garien 114, 116, 118, 120, 122, 128, 129, 131, 182, 215, 216. Toann Asen II., Zar von Bulgarien 113. Joann, Erzbischof von Ochrida 71. — Exarch von Bulgarien 63 — 65 , 69, 71, 72, 147, 166. — Monch der Athanasioslaura 215. — Presbyter 72. Joann Rylskyj (von Ryla), Schutz- patron Bulgariens 75, 76, 115, 125, 191. Joann Sracimir, Zar von Bxdyn 113, 115, 130. Toann Sišman III., Zar von Trnovo 113, 122. Joasaf, Metropolit vou B'i>dyn 127. 235 Joasaph (Josaphat) 96, 213; vgl. Barlaam. Joca monachorum 178. Johannes VIII.. Papst 42, 43, 44, 45, 46, 52, 69. 101. 102. Johannes X., Papst 102, 103. Johannes, Abt vom Berge Sinai 217. — Abt von Raithu 217. — Bischof von Polybotum 125. Johannes Chrysostomos 63, 65, 68, 119, 146, 147; seine Liturgie 124, 125, 129. — der Mitleidige 53. — der Theologe 130. — Evangelist 83. Johannes Kantakuzenos 116, 117, 201 . Johannes Klimax 72, 129. — s. Malalas, Moschos. Johannes Palaiologos, Kaiser 123. Johanrfes Presbyters Epistel 183, Johannes Scholastikos 43. Johannes Tzimiskes 83, 153. Johannes von Capua 97. — von Damaskos 63, 81, 132, 146, 166. — s. Zonaras. Johannes-Akten 91. Jongleure in Bosnien 204. Jorga, N. 219. Josephos, der Hymnograph 74. Jovan, Erzbischof von Peč 189. Jovianus, Kaiser 154. Juden 69. 120, 129, 155.; judai- sierende Sekte in Bulgarien 170. Jugoviči 201. JurkeviC, M. 208. Justinian, Kaiser 20, 43. 113, 149. Justiniana Prima, Erzbistum 113. Kadlec, K. 210. Kaiser, derselben Herkunft wie slaw. cesart 209. Kaisersage 67, 100 Kalenič, Kloster 139, 141, 216. Kalilah und Dimnah 96. Kallipolis 185. Kallistos I., Patriarch von K.pel 118, 119, 125, 127. Kalocsa, Erzbistum 218. Kalojan. Zar von Bulgarien 79, 112, 115. Kančov Vasil 208. Kanones der apostolischen Vater und Konzilien 149. Karadžič, Vuk Stef. 153, 200, 217. Karagjorgje, Befreier Serbiens 204.. Karantanische Slowenen 21. Karl der Gr. 26, 31, 41, 55. Karl IV., Kaiser 175. Kastav, Statut von 179. Katharer 83. Katharina von Bosnien 171. Katharinenlegenden 180. Katholiken 2; in Bulgarien 19; in Bosnien 170, 172; . unter der Jurisdiktion der Patriarchen von K.pel und Peč 190. Katholizismus in Serbien 135, 215; in Bosnien 169 ff. Katenen 65 ff. Kato, Biicher des weisen 180. Kelten 21. Kiewer Fragmente 53. Kilifarovo, Klosterberg bei Trnovo 118. Kiprian. russischer Metropolit 126, 127, 162, 194, 195. Kirche, der Walachei und Moldau 219; griechische 190; auto- kephale, von Ochrida 113 Kirchenbucher. slawische, in Bul¬ garien 70; Revision derselben 122, 123. 124, 126. Kirchendichtung, —poesie, grie¬ chische 74; altslawische 63, 74 bis 75 . Kirchenspaltung zwischen Rom und Byzanz 109, 176. Kirchen- und Litteratursprache, altslowenische, altbulgarische 50; ihre Ausbreitung 108-109; mit serbischer Farbung bei den Bul- garen 198. Kirchenslawische . Litteratur, zu- erst in Bulgarien unterbunden 121, der Kroaten 174 ff., in Mahren und Pannonien 36, in einem sitdslavvischen Dialekt 37, in Serhien 144 ff., in Bosnien 172; Sprache 108, 114, 166. Klaič, V. 23, 207. Kleinrussische Fassungen der Apokryphen 90. Klemens s. Clemens und Kliment, Klephten 203. Kliment, der hi., Bischof in Make- donien 56, 57, 58, 61 — 62 , 63, 69; s. Clemens. Klis (Clissa) 26. Klokotnica, Schlacht von 113. Knin, Bischof von 32. 236 Kobilic, Kobilovič (Obilic) Miloš 204, 205. Kocel, slowenischer Furst am Plattensee 40, 41, 70. Koloman, Konig von Ungarn 27. koludar, koludrica, kroatische Be- zeichnungen fiir Monch und Nonneausdem Griechischen 178. Komnenen 133. KOnig von Budim (Ofen) 202; —e von Ungarn 215. Konstantija, Schwester des Kaisers Konstantin 165. Konstantin der Gr. 89, 114, 138, 163,165; Konstantin und Helene 125. Konstantin Kopronymos 83. Konstantin Porphyrogennetos 6, 21, 31, 77, 218. Konstantin, der Philosoph (= hi. Cvrill) 38, 40, 46, 48, 49, 53, 55, 62 (Vita), 63, 68, 69, 70, 107; s. Cvrill und Method. Konstantin Presbyter, spater Bi- schof 62—63, 74, 146. Konstantin von Kostenec 128, 162 bis 163, 166-167, 193. Konstantinopel 20, 134, 138, 140, 186, 194; Erzahlungen vom Falle K.pels und vom Bau der Sophienkirche 198. Konzil von Laodikea 83; Trnovo 120 . Kopitar 11, 49. Koptische Sprache 109. Kormčaja (Nomokanon) von Rja- zanr 149. Kos, Fr. 209. Kosača, Stefan, Herzog von Chulm und Stidbosnien (Herzegowina) 171 . Košara, Tochter des Žaren Samuel 107. Kosmologie 84. Kosovo polje (Amselfeld), Schlacht auf dem (1389) 133, 139, 162, 185, 198, 201, 205; (1448) 202. Kotromanovič s. Stefan. Kozak, E. 213. Kozma, Presbyter 71, 84—85, 87. Krakau 54, 175 (slaw. Liturgie). Kralj (Konig) aus dem Namen Karl d. Gr. 209. Kralj Matjaž s. Mathias Corvinus. Kraljevič Marko s. Marko. Kratovo, Schreiberschule von 121; s. Zletov o. Krbava, kroatisches Komitat 176, 179, 186. Kremsmunster, Kloster 55. Kresimir s. Peter. Kreuzbaum, Geschichte des 93. Kreuzfahrer 181. Križanič, Jurij 204. Krim 192. Kroaten (Hrvati) 1, 6; staatlicher Name 21; ihre Taufe 31; ihr Bischof 32; ihre kirchenslawische Litteratur 105 ff., 174 ff .; ihr Name in Bohmen und Polen 209; Zusammenhang mit den Bul- garen 177, mit Bvzanz 178. Kroatien 4, 7, 11, 14, 26—28, 32, 100, 186, 187; Bischof von Kroatien 102; Grofskroatien 10. Kroatisch fiir Kirchenslawisch 107. Kroatische Glagolica 48; Konigs- krone 5; Nationalkirche 27; Benediktiner in Prag 175. Kroatischer Glagolitismus 100 ff., ^ 174 ff.; Staat 6, 10, 26, 107. Kroatisches Schrifttum 107. Kroatismen, angebliche, in den Freisinger Denkmalern 56. Kroatoserbisch 1. Kroatisch oder Serbisch 1, 207. Kroaten und Serben 1 ff., 14 ff., 24, 95, 97, 109. Krumbacher, K. 77, 80, 96, 110, 153, 212, 214. Kruševac 139, 141. Kulin, Ban von Bosnien 171, 173. Kultur, griechische, orientalisiert 110; byzantinische 185,209; vgl. Byzanz usw. — hofische, bei den Kroaten und Serben 181. Kulturkreise unter den Sudslawen 8-9. Kulturpolitik, entnationalisierende 94. Kulturtypus, slawischer 110. Kunst, bulgarische 122; in Serbien 141. Kunstdichtung, Kunstpoesie, erste Versuche einer slawischen 63, 74—75 ; Mangel einer \veltlichen nach byzantinischem Muster in Bulgarien 95, in Serbien 144, 150, 169; erste siidslawische nach abendlandischem Muster 179, 180, 205. Kurbskij, Fiirst 87. KuripefiiE, Balkanreisender 205, falsch KuripešiE 219. 237 Kyriake (sla\v. Nedelja) 125. Kvrill Bosota, bulgarischer Adamit 119. Kyrillos von Jerusalem 68. Ladislaus Jagiello, Konig von Polen 175. Laibach 13, 177. Lambrecht, der Pfaffe 182. Langobarden 20, 22, 28. Lanzelot 183. Lateiner (slaw. Latini) 22, 110, 112, 128, 142, 146, 167, 185. Lateinische Schrift 3, 54 (altestes slawisches Denkmal in), 109,171, 176, 179, 218. Lateinische Sprache im alten Kroatien 108. Lateinisch-deutsche Geistlichkeit in Mahren und Pannonien 39, 42, 55, 57. Lavrentij, Pop 128. Lazar, Fiirst von Serbien 139, 162, 201, 202. — bulgarischer Adamit 119. Lazarevič s. Stefan. Legende vom hi. Georg 179, hi. Wenzel 53. — von Ochrida, von Thessalonike 130. Legenden, pannonische 61; apo- kryphe_ 130; serbisch - make- doniscHe 152. Lenorensagen, slawische 151. Leo VI., Papst 103. Leo von Achrida 81. Leon Diakonos 77. Leskien, A., 64. Lesnovo, Kloster 143. Letopise« 78, 147, 194; s. Chro- nograph. Letovnik 147_. Libro de Alejandro 182. Lieder, teuflische 61, 71. Lika, Sandschak 190. Likinije(Licinius), »der Serbe« 165. Lipsius 92. Litauen 197. Litauer 37. Litteratur, dalmatinisch-ragusa- nische 111; gegen die Lateiner 146; einheimische glagolitische der Kroaten charakterisiert 177; iibernahmen die Serben von den Bulgaren 145. Litteratursprachen, sildslawische 1 ff., 10 ff. Liturgie, lateinische des Ambrosius 104; des Basilios des Grofsen, der Vorgeweihten 125; des Apostels Jakob. 124; des Jo- hannes Chrvsostomos 124, 125, 129; mosarabische 104; slawische 5, 29, 32, 41 ff., 49, 53,54, 190;. nach romischem Ritus 52, diese bei den Kroaten 101 ff., 105, 174, in Prag und Krakau 175, in slowenischen Gebieten 174. Ljubostinja 141, 144. Ljudevit, kroatischer Fiirst 26. Liutprand, Gesandter Otto I. 58. Loth 213. Lucidarius, der grofse 180. Lucius, dalmatinischer Historiker 207., Ludmila, die hi. 53. Ludwig der Deutsche 37. — der Fromme 34. Lukianische Redaktion des A. T. 51, 61, 144. Luther 185. Lyrik, religiose, altkroatische 179;. aus Umbrien 180. Mačva 137. Mahren 42, 49, 50. Mahrische Mission, religiospoliti- sche, aus Byzanz 38, 44. Mahrisches Erzbistum 54, Reich 25 ; s. Grofsmahrisch. Magie 84. Magyaren 25, 27, 29, 45; slawische Fremdworter derselben 23, 49. Magyarismen 182. Makarij, serbischer Erzbischof 189. Makarij(e), Monch, serbischer Buchdrucker 193, 195. Makedonien 15, 17, 18, 58, 60, 70, 76, 85, 113, 136, 137, 138, 151, 152, 187, 208; konservativ 85, 121, vgl. Cyrill und Method (Traditionen); serbische Periode 131, 143, 150, 151 ff. Makedonisch-bulgarisches Reich 59. Makedonisch - serbische Grenz- gebiete 150. Makedonische Teilftirsten 201; Traditionen 136. Makedonismen in der serbischen Litteratur 149. Maksim, serbischer Erzbischof 163. Malalas, Johannes, Chronist 77, 78, 79, 91. Malbticher 111. Manasija, Kloster in Serbien 139. Manasses, Konstantin, Chronist 122, 129, 130, 131, 182. 238 Manichaer 64, 72, 83, 84. Manuel I. Komnenos, Kaiser 72, 82, 112, 134. Manuel I., Patriarch von K.pel 135. Mara Brankovič 191. Margarit 129. Maria Theresia 209. Marianus s. Codex. Marienklagen 179. Marienlegenden 94. Marinus, Diakon 33. Marko Kraljevič 139, 201, 204, 205. Markus-Evangelium 51. Martolosi, orthodoxe Grenzwachter in der Tiirkei 192. Marulič, M. 107, 180. _ Mathias Corvinus, Konig von Ungarn 170, 202, 205. Matjaž Kralj = Mathias Corvinus 205. Maurikios, Kaiser 24. Maurowlachen 22; s. Morlakken. Maxentius, Patriarch von Aquileja 210 . Maxim, Mdnch 197. Maximilian, Kaiser 186, 188. Mehmedbeg 188. Medizin 80. Melchisedek 91, 213. Melissa (slaw. PCela) 132, 152; s. Antonios. Menander 151. .Menaen 68, 73, 90, 145, 197. Menologien 73. Meretris, russ. Name aus it. mere- trice 184; s. Militrisa. Merseburger Bulsordnung 52, 56, 61. Messalianer 83. Messe, slawische 39, 41, 42, 43, 52; s. mtša. Messias 67. Metaphrastes s. Symeon. Method(ius), der hi. 41—44, 45, 47, 48, 50, 51, 52, 53, 56, 62, 100, 101, 102, 105; Methodius, ein Haretiker 101, 103, 105; Vita Methodii 62; Methods Nomo- kanon 149. Methodios, Bischof von 01ympos 72. Methodios »von Patara« 67, 90, 91, 100. Michael III., Kaiser 38, 70. Michael, Fiirst in Skutari 28, 33. — Fiirst von Chulm (Zachlumien) 102, 207. Michael s. Italikos. Michael Synkellos 66. Michael von Potuka 125. Mihanovič, A. 48. Mijatovič, C. 216. Miklosich 2, 21, 23, 49, 50, 182, 210, 211, 218. Mileševa, Kloster bei Prijepolje 137, 141, 156, 170, 189, 196. Miletič, L., 212. Militargrenze 4, 30. Militrisa s. Meretris. Miloš s. Obilic. Milutin, Konig von Serbien 161. mineja(i) s. Menaen. Miroslaw, Fiirst von Chulm 14; sein Evangelistar 143. ___ Missale, glagolitisches 175, 176; s. Kiewer, _ Wiener Fragmente. Mittelbulgarische Periode 112 ff, 114, 193. Mladenovič Branko 144. Monchsvvesen, byzantinisches, in Bulgarien 75. Monchischer Charakter der alt- kirchenslawischen Litteratur 96, der altserbischen 146. Moesien 17, 113. Moesische Slowenen 21. Mohammed I., Sultan 131. Mohammedaner 2, 3, 5, 14, 15, 18, 203, 204. Mohammeds Leben 198. Mohammedanisch-slawische V olks- lyrik 199. Mojslav, kroatischer Fiirst 32. Moldau 120, 193; vgl. Walachei. molstir (monastir), byzantinische Bezeichnung des Klosters bei den Kroaten 178. MomCilo, Wojwode 201. Montenegro 8, 14, 28 (alter Name Zeta), 107, 186, 204. Moravismen 53. Morlakken 22. Mosaburg 29. Mosarabische Liturgie 104. Moschos, Tohannes, Hagiograph, 73, 128. Moschopulos, Manuel, Gramma- tiker 166. Moses 88, Flimmelfahrt 90, Tod 91. Moskau 195 (drittes Rom), 197. Mostar 16. Motive, orientalische 35; \van- dernde 201. Mrkšina crkva 196. Murad I., Sultan 138, 202. 239 Murko, M. 207, 214, 219. Mystik, Mystiker, Mystizismus 116, 117, 119, 120, 126, 129, 146. Mythologie der Siidslawen 34 ff, 94. mi.ša = Messe 52. Nasale (a e) 108, 114, 143. naški (= unser) als Bezeichnung fiir serbokroatisch 3. Nation, politische 4. Nationale Namen bei Kroaten und Serben 178. Nationalepos, spanisches und alt- franzosisches 200. Nationalkirche, slawische 45; kroatische 27. Nationalsprachen, slawische, in der ^Litteratur 109, 111, 206. Naum, der hi., Jiinger Methods 44, 58, 62. Nedelja (=Kyriake) 125. Neilos Kabasilas, Metropolit von Thessalonike 145. Nemanjiči, serbische Dynastie 133, 138, 141,155, 170, 201; s. Stefan Nemanja. Nestor, alteste russische Chronik t 67, 78. Nestorianer 63. Nestorios, Haretiker 123. Neugriechisch 23. Neugriechische Volkspoesie 206. Neuplatonismus 119. Neusatz (slaw. Novi Sad) 16. Neutra 29, 43. Nežit 87. nežitak 212. Nicoletti, Historiker 205. Niederle, L. 17, 208. Nikephoros II. Phokas, Kaiser 153. Nikephoros Patriarches 78. Niketas (unbestimmt, Quelle des Zonaras) 148. Niketas Stethatos 129. Niketas (slaw. Nikita) von Hera- klea 72. Niketas von Serra 81. Nikodem, Pope 193. Nikodemus-Evangelium 90 (2), 91, 92. Nikodim, Erzbischof von Serbien _136, 144. Nikola Kotoranin, Bischof 214. Nikolaides^ 18. Nikolajevič Bož. 216. Nikolaos Mystikos, Patriarch 81. Nikolaus I., Papst 33, 4Q. Nikolaus II., Papst 103. Nikolauskloster im Tale der Top¬ lica 137. Nikolaus von Arbe 47. Nikon Cernogorec, Monch des Klosters Raithu 83, 212. Nikopolis, Schlacht von 113. Nin s Nona. Niš 113. Nomokanon 43, 53, 80, 83, 87, 130; nichtkanonische 90. Nona (slaw. Nin), Bistum 26, 32, 101, 102, 103, 104. Noricum 20, 210. Novak Debeljak 204. Novak, Knez von Krbava 176. Novakovič, St. 164, 212, 217, 219. Novgorod 47, 88. Novipazar 5, 28, 133. Obilič, Miloš 202; s. Kobilic. Oblak, V. 50, 211. Obrenovič, Miloš 204. Ochrida, autokephales »bulgari- sches« Erzbistum 58, 59 , 71, 81, 113, 121, 135, 138, 144, 158, 189, 190, 219; Schreiberschule von 143. Ochridaer Legende 130. Oedipussage 132. Oekumenios von Trikka 67. Čsterreich 191 Offenbarung der Muttergottes iiber die Leiden in der Holle 89; s. Apokalypse. Oktateuch 65. Olivera, »serbische Esther« 191. 01ymp, kleinasiatischer 38. Olympiodoros, Exeget 145. Orakelbticher 67, 213. Orakelspruche 168. Orbini Mauro 205. Ordalien in Serbien 168. Ordensregeln des hi. Benedikt_l78. Orient und Okzident, der slawische 5 ff.. 9, 32, 35, 36 ff., 39 ff, 45, 52 ff, 55—56, 58, 86, 89, 92, 93,94-95, 101 ff, 105 ff., 109ff„ 120, 171; bei den Slawen 82. Orientalische Erzahlungen 96, 152; Stoffe 153. Orthodoxe 2, 4; und Katholiken 2, 187. Orthodoxie als Staatsreligion in Serbien 5 ff, 134, 164. Ortsnamen, slawische 22, 29. Osmanen 2, 18, 131, 185. 240 Ost-Bulgarien 59, 122. Ost-Rom 5, 21, 26, 42. Ostromir 50. Ost-Rumelien 12, 17. Otfrids Evangelienbuch 111. Otto I. 58. Ovid 181, 182. Pachomij Logothet 194, 195. Pajsij, serbischer Patriarch 197. Palaontologie, linguistische 209. Palastina 155. Palastinalitteratur 160, 198; s. Pilgerfahrten. Palamas, Gregorios, Hesychast 117, 123, 145, 146, 161, 167. Paleja, gekiirzte biblische Ge- schichte 79-80, 90, 91-92. Palladios 213. Pamphilos, Georgios 150. Pancatantra 97. Panegyrische Litteratur der Ser- ben 163. Panhellenische Traume 190. Pankratij von Tauromenium 72. Pannonien 20, 25, 31, 49, 50, 56, 57, 210. Pannonische Hypothese 49; Legen- den 61; Slowenen 21, 29, 37, 49. Pannonisches Erzbistum 40, 41. Pannonisch-mahrische Redaktion 60. Pannonismen 47, 49, 60. Panslawismus 204. Papst als Gegner der Tiirken 190. Paralipomena des Jeremias 91. Paraskeva, die hi. 115, 125, 127; s. Petka. Pariš im Trojaroman 181, 182. Paromienbuch (slaw. parimeinik) 51, 177. Paroria, Monchsberg 116, 146. Partikularismus der Balkanstaaten 185; der Kroaten und Serben 14. Passau, Bistum 31. Pastrnek, Fr. 211. Paštroviči 139. Patarener 83, 86, 170, 171, 172, 175. Paterikon, romisches 43; von Sinai 73. Patriarchat, bulgarisches, in Pres- lav 34, 58; in Trnovo 113, 118; griechisches in Konstantinopel 18, 33, 189, 190, 206; serbisches von Peč (Ipek) 138. 162, 189, 190; von Aquileja 31, 52, 102, 210 » Patrikios, Monch des Sabbas- klosters 217. Paul, versuchte eine Wiederher- stellung des Patriarchats von Peč 189. Paulikianer 83, 84, 86. Paulus, Apostel 84. Paulus-Apokalypse 92, 93. Paulus- und Thekla-Akten 91. Paulus von Ancona 42. Paulus von Samosata 84. Pavlov, Kanonist 52, 80. Pavlovič 217. Peč (Ipek) 215; s. Patriarchat. Peisker, J. 210. Pentateuch 51. Perser 69. Persische Fremdworter bei den Siidslawen 199. Perun 35. Peter, Zar von Bulgarien 34, 59, 71, 75, 76, 83, 84, 85. Peter der Grolse 218. Peter Koriški, serbischer Heiliger 160, 215. Peter Krgsimir, Konigvon Kroatien 11, 103. Petka, hi. 11, 125; vgl. Paraskeva. Petrarca 117. Petrus-Akten 92. Petschenegen 25. Pforte, hone 189. Phanar, —ioten, 189, 190, 206. Philipp, Bischof von Zengg 104. Philippopel 19. Philippos Solitarius 150. Philosophie 81. Philothea, die hi. 115, 125. Philotheos, Patriarch von K.pel 123, 124, 125. Philotheos Sinaites 129. Phokas, Kaiser 20. Phonetische Orthographie 16, 46. Photios, Patriarch 33, 38, 42, 68, 101 , 102 . Physiologus 80, 149. Pilgerfahrten nach dem heiligen Lande 81, 136, 198; vgl. Pala¬ stinalitteratur. Pindarus Thebanus 181. Piron aus K.pel 123. Pisides, Georgios 150. Planudes, Maximos 97, 132, 153. Plato 81, 163. Platoniker 210. Plattensee 29. 56. Poblikaner 83; s. Paulikianer. 241 pobratimstvo (Wahlbruderschaft) 89, 167. Pogodins, Nomokanon 83, 87. Polemik s. Lateiner. Politischer Vers 75. Polivka, J. 213. Poljica, Statut von 4, 107, 176, 179. Polnische Apokryphen 93; Histori- ker 175; polnischer Einfluls im Moskauer Reich 184. Polonismen 183. Pomaken 18, 208. Pop s. Bogumil, Jeremija. Porfirjev 90, 213. Porikologos 151. Prag, Bistum 54; Emauskloster 175, 180. Presbyter von Dioklea 106, 207. Preslav 57, 58, 64, 137. Prespa-See 60. Priamus 181. Pribina, unterpannonischer Filrst 29; falsch Priwina 210. Prilep 137, 139. Primas von Bulgarien 112; von Serbien 28. Priština 113, 137. Prizren 113, 137. Prochiron 149. Prochor am Pšinja-Flusse 76. Prokop, der hi. 176. Prokopios 34, 35. Prologe oder Synaxarien 73, 90, 212 . _ Prosadichtungen, altbulgarische 95 ff ; mittelbulgarische 131 ff.; serbische 150 ff.; romantische bei Kroaten und Serben 181 ff. Prosaerzahlungen, griechisch-sla- wische, urspriinglicher 111. Prosaische Ubersetzungslitteratur der Kroaten 180. Protestanten, slowenische 9, 14, 188; bulgarische 19. Protoevangelium Jacobi 91, 177. Provinzial-Kroatien 11. Psalter 39; zwei Bearbeitungen in M&hren und Pannonien 50; zwei Kommentare 66; von Bo¬ logna 66, 172; von Sinai 50, 60; altertumlich bei den Kroaten 177; lateinische Spuren in den Psal- men 52; als Orakelbuch 213. Pseudoevangelien 92. Pseudoevangelium des Nicodemus 53. Pseudo-Kallisthenes 95, 182. Pseudo-Klementinen 91, 92. Pseudottirken 188. Pseudo-Zonaras 130. Ptolemaus 58, 139. Puškin 184. Pypin 92, 140, 213. Quarnerische Inseln 174, 182. Račanin, Jero ti j 198. Rački, Fr. 78, 207, 212, 214, 216. Radon ič, J. 219. Radoslav, »der Christ« 172. Rafael 111. Ragusa 4, 32, 93, 99, 108, 140, 171, 187, 207, 216. Ragusanische Litteratur 4, 111. Rahmenerzahlungen, orientalische 96. Raja, ttirkische 191, 199. Rajna, P. 184. Rastislav, Ftirst von Mahren 37, 39, 40, 41, 45; Koseform Rastic 70 . Ras (heute Novipazar), Bistum 134; Sitz der serbischen Grofsžupane 5, 133; der Konige 137. Rascien, Rassia (= altes Serbien) 106, 133, 215. Ravanica, Kloster 120, 139, 140, 141, 146. Reali di Francia 218. Rechtsdenkmaler in Bulgarien 80; in Serbien 149, 167—168; bei den Kroaten 178 f f. Rechtsleben, altserbisches 168. Redaktion, der Bibel, alexandri- nische 6l, 67; Lukianische 51, 61, 144; der kirchenslawischen Denkmaler, pannonisch - mah- rische 60; altbulgarische 60, 78, 108; mittelbulgarische 114,121 ff., 143; von Trnovo 166; kroatische 105, 108; russische 108; ser¬ bische 78, 108, 121, 143. Redeteile, Schrift ilber die acht 166. Reform der Kirchenbucher in Bul¬ garien 70; s. Redaktion. Reformation 120.. Regionalismus, italienischer, in Dalmatien 32. Reichstage im alten Serbien 168. Reim 75, 180. Reineke Fuchs 154. Rekreation, ethnographische, der Siidslawen 7, 199. Religios, s. Lyrik, Epos. 16 Murko, Geschichte der siidslawischen Litteraturen. 242 Religiose Stromungen im zweiten bulgarischen Reich 115 ff.; in Serbien 146. Reliquien in Bulgarien, zentrali- siert 115. Relja s. Hrelja. Renaissance 111, 120, 142, 205. Renegaten, christliche, als Tiirken 187. Resavaschule 139, 142, 145, 166; s. Manasija. Revelation des Methodios »von Patara« 67, 90, 91, 100. Revision der Kirchenbiicher in Bulgarien 122, 124. Rheimser Kronungsevangelium 176. Rhomaer (Griechen) 138. Rhodope 18, 191. Rhythmus 74. Ritterromane 143, 183 ff. Rittertum 111, 181, 184, 204. Ritus, griechisch-slawischer 27,52, 54, 105; romisch-slawischer 52 bis 53, 105, 174, 214. RomischeStaatskirche30; —Kirche in Bosnien 169. Romischer Ritus s. Ritus. Romisciies Primat 52. Rodoslov = Genealogie 160; s. Daniil. Rogovo, Kloster bei Žara vecchia 178. Rom, zweites 194; drittes 195; vgl. Orient und Okzident. Romanija (= Thrakien und Stara Zagora) 162. Romanischer Stil in Serbien 141. Romanismen 181. Romanzo von Troja 181. Romantische Stoffe bei Kroaten und Serben 181 ff. Romantische Trojasage 131, 181. Romil (=Romulus)der hi., Schiller des Gregorios Sinaites 120, 127, 146, 215. Rotkroatien 106. Rudenica 141. Rujan, Kloster 196. Rumanen 22, 37, 109, 139. Rumanien 19, 128, 132, 190, 193, 195. Rumanisch 23. Ruthenen, ungarische 94. Russen 94, 191, 194, 216. Russische Annalistik 78; Chronik (Nestor) 78; Kultur 194; Sprache mit der kirchensla\vischen identi- fiziert 166. Russischer Chronograph 165. Rufsland 108, 120, 126, 149, 162, 194, 197. Ruvarac, I. 218, 219. Rylakloster 191. Sabatij, Metropolit von Braničevo 145. Sabbas, der hi. 136. Sabbaskloster bei Jerusalem 146. Sage vom babvlonischen Reich 100; vom iviederkehrenden Kaiser 205. Salomon 88, 213. Salomon und Kitovras 89, 91, 99; und die Konigin von »Jug* 91; — und Morolf 100. Salomonsagen 132. Salomons Psalmen 90; Spriiche 152. Salonae (a) 20, 32, 47; vgl. Spa- lato. Saloniki 12, 19, 20, 50, 210; s. Thessalonike. Salzburg 30, 31, 210. Samo, Begriinder eines west- slawischen Staates 24. Samuel 213. Samuel, Zar von Westbulgarien 60, 107. Sarajevo 16, 182, 187. Šaul und Ahab 154. Sava, der hi., Erzbischof von Ser¬ bien 6, 135 , 136, 137, 138, 143, 149, 155 - 158 , 169, 171, 189; sein Nomokanon 130, 149, 157, 159, 161. Sava, der hl„ Schiller Methods 58. Savas Evangelistar (Savina Kniga) •47, 50. Sazavakloster 104. Schlacht von Angora (1402) 185; černomen an der Marica (1371) 138, 201; Klokotnica (1230) 113; Kosovo polje (1389) 133, 139, 162, 185, 198, 201, 205, (1448) 202; Mohacs (1526) 140, 170, 186; Nikopolis (1394) 113, 185; Rovine (1394) 139; Varna(1444) 140, 185; Velbužd (Kiistendil 1330) 133; auf dem Krbavafeld (1493) 186. Schlozer 13. Scholastik 117. Schreiberschule von Ochrida, von Zletovo oder Kratovo 121. 243 Schrift, slawische 46, 109; Traktat des Monches Hrabr iiber die 69—70, T29; des Konstantin von Kostenec 166; »gotische* filr glagolitische 103; s. Cyrillische, Glagolitische, Lateinische. Schriftsprachen, drei, der Sud- _ slawen 1 ff. Schule (Euthvmiis) von Trnovo 119, 164, 167. Sclaveni, Sclavini, Sclavi = Slo- vene, Slawen 20—21. Scodra = Skutari 28. Sedeslav, Fiirst von Kroatien 26. Sektenwesen, byzantinisches 85; vgl. Bogomilen. Senjanin Ivo 202; vgl. Zengg. Senjanin Tadija 202. Sentenzen 151. Sepp, J. 209. Serben 1, 4, 6, 95, 133, 138, 144, 196, 197; staatlicher Name 21; in. der Lausitz 209; nehmen teil am geistigen Leben der Bul- garen 59; vgl. Kroaten. Serbenbuch (Srbijak) 164, 197. žfpfha rit (tiirk. Selfidže) 217. Serbien 14, 31, 118, 120, 126, 133 ff.; Charakteristik des mittel- alterlichen 168; tiirkische Pro- vinz 140, 186; Erzbistum, auto- kephales 135, 156; kulturelle Abhangkeit vom Athos 137; Beziehungen zu Syrien 136, 143, 146; okzidentale Einfliisse in 140 — 143; katholische Bis- tiimer 215; Katholizismus 155; im ungarischen Konigstitel 215. Serbische Kirche, autokephale 197. Serbisches Patriarchat von Peč (Ipek) 138, 161, 162, 189, 190. Serbischer Staat 6, 7, 28, 133 ff., 168. Serbisch in Rumanien 193. Serbische Aleksandrija 95; An- nalen 165; Biographen 157 ff.; Biichersprache in Makedonien 143; Heilige 164; Kloster, alteste 137; Litteratur 144 — 169 ; Originalarbeiten in der Tiirken- zeit 197; Periode Makedoniens 152; Redaktion altkirchenslawi- scher Denkmaler 108, 143; Sprache 144. Serbisierung der Athoskloster 142. Serbokroatisch 1, 106, 178; vgl. Kroaten und Serben. Serbokroatische Urkunden 188. Seth, Michael (? Symeon nach Krumbacher) 97. Severianos von Gabala 64, 129. Sibinjanin Janko = Johann Hu- nyadi 202. Sidor Frjazin = Isidor der Franke 93. Siebenbtlrgen 25, 120; s. Ugrien. Siebenzahlige Heilige (Slawen- apostel und ihre Jiinger) 58. Sigismund, Konig von Ungarn Silistria (slaw. Drster), Metropolit von 59. Silvester, Erzbischof 33. — Papst 89. Sinai 146, 155. Sinaikloster 136, 143. Sinaipsalter 50, 60. Sirachs Spriiche 152. Sisek 26. Skanderbeg 198. Sklavini 148; vgl. Slo\venen. Skop(l)je (Usktlb) 11, 113, 137, 138, 208. Skutari 134, 137, 139, 196; s. Scodra. Skylitzes, Johannes 6. Slawen, Gesamtbezeichnung aus Slo vene 20; Volksetymologie Sklaven 23. Slawenapostels. Cyrill und Method. Slawisch, allgemeiner Name und spezieller fiir Serbokroatisch 1; am Hofe Sulejmans, Verkehrs- sprache im Janitscharenkorps 188; s. Alphabet, Bienenztlchter, Gottesdienst, Kirchendichtung, Kirchen- und Litteratursprache, Kunstdichtung, Lenorensagen, Liturgie, Messe, Nationalkirche, Ortsnamen, Ritus, Schrift. Slawische Kirchen- und Staats- sprache in Rumanien 128, 193; Litteraturperiode Rumaniens 193; Termini, griechischen nach- gebildet 167; Urkunden in Bos- nien und Ragusa 173. Slavonia = slovenska zemlja 28; Slawonien 21; s. Kroatien. Slawonier, lieben tiirkische Fremd- worter 200. Slawonisch 1. Slowenen = Slovene, einheimi- scher Name der Slawen 20; speziell der bulgarischen 62, 64. 16 * 244 Slowenen (Slovenci) 1, 8, 11, 12, 13—14,23,28, 29.31; allgemeiner Name der Slawen 20, 21; ihre Balladen 200; Grenze in Friaul 22; vgl. Slowinzen. Slowenisch 1; vgl. Altslovvenisch, Altkirchensla\vische Sprache, Liturgie. Slowenische Protestanten 9, 14, 188. Slowinzen in Pommern 209. Slowaken 37, 49. Slowazismen 56. slovopletenie (russ.) _= Wortflech- terei fiir bj r zantinische Phrasen- drechslerei 142. Smederevo 139, 141. Smičiklas T. 207, 214, 219. Sobolevskij, A. I. 43, 53, 92, 183, 219. Sokolovič (Sokolli), Mehmed, Grof s- vezier 188. Sophia 19. Sophienkirche s. Konstantinopel. Spalato 26; Griindung 20; Kirche 32, 205; Metropolit 102; Synode 48, 103, 104, 207. Spaneas Lehrgedicht 150. Spanisches Nationalepos 200. Speranskij, M. N. 152. Spiridon, Igumen von Studenica 158. Sprichworter 153. Sracimir, Zar, s. Joann. Srbljak 164, 197. Srečkovič, P. 218. Stanislav von Lesnovo 143. Stanojevič, St. 163. Statut von Poljica 176', 179; Vino- dol, Vrbnik 178; der Insel Veglia 179. Statute der Stadte des adriatischen Kustenlandes 168; der dalma- tinischen Stadte 178. Stefan DeCanski, Konig von Ser- bien 137, 161, s. Stefan Uroš III. Stefan der Erstgekronte, Konig von Serbien 6, 134, 135, 137, 155, 156, 158, 159, 161. Stefan Dušan, Zar von Serbien, s. Dušan. Stefan Kotromanovic, Ban von Bosnien 170. . ; Stefan Lazarevič, Despot von Ser¬ bien 139,144,147,148, 162-163, 165, 166, 168-169, 185, 215, 216, 218. Stefan Nemanja, serbischer Grols- župan und Griinder der Dynastie 5, 86, 133 ff., 136, 137, 140, 141, 155, 159, 164, 165, 169, 201, 218. Stefan Tvrtko, Konig von Bosnien 169, 170. Stefan Uroš I, Konig von Serbien 159, 161. Stefan Uroš II. Milutin 138. Stefan Uroš III. 138, s. Stefan Dečanski. Stefan Uroš V., letzter Zar von Serbien 138, 197, 201. Stephan V. (VI.), Papst 44, 45. Stephan VI. 33. Stephanites und Ichnilates 96. Stil, bvzantinischer und romani- scher in Serbien 141; volkstilm- licher in den slawischen Ur- kunden von Bosnien 173. Stoffe, orientalische 35; jildische 153. Stojanovič, Lj. 215, 218, 219. Štrzygowski, J. 136. Studenica, Kloster 135, 137, 141, 156, 157, 158. Siidslawen 13, 29, 187; ihre Ein- wanderung 19 ff., 21 ff.; Name 13; ihr Einflufs auf die Russen 108, 162,194; vgl. Russen,Rufs- land. Sudslawisch 7; siidslawische Litte- ratur-, Schriftsprachen 1 ff., 12 ff.; Staaten 24 ff., Volksepik 201 ff.; , Volkslitteratur 94; s. Kunst- poesie. Sulejman, Sultan 188. Svatopluk, grofsmahrischer Fiirst 40, 41, 42, 43, 45, 210. Svjatoslav, Fiirst von Kiew, seine Izbornih v. J. 1073 65—66, 75, 82; Sbornik v. 1076 211. Sveta Gora s. Athos. Švmeon, der hi. 136, 157; s. Stefan Nemanja. Symeon Metaphrastes, Hagiograph 73, 125, 147. Symeon Methaphrastes und Logo- thet, Chronist 129, 130. Symeon Neos Theologos 129. Symeon, Zar von Bulgarien 25, 27, 34, 58, 60, 63, 65, 66, 75, 79, 110, 113, 114. Synaxarion 90; s. Prolog. Synode von Spalato 48, 103, 104; von 1211 in Bulgarien 116. Synodikon des Žaren Boril 130. Syntipas 214. 245 Syrien, Beziehungen Serbiens zu 136, 145,- syrische Sprache 109, Kunst 136; vgl. Athos, Jeru- salem, Palastina, Sinai. Syrmien 25; serb. Athos 140, 197. Syrmium (Mitroviča), Erzbistum 41. Szczešniak, W. 211. Szekely, Johann, banovic Sekula des Volksliedes 202.. Szilagyi, Michael, Svilojevič des Volksliedes 202. Šachmatov, A. A. 79. Šafarfk, P. J. 11, 17, 49, 88, 207. ŠSepkin, V. N. 215. Šestodnev (Heiaemeron) 64, 68, 147. Šišic 207. Šišmaniden 112. Šišmanov, I. D. 209. Šokci, katholische Serbokroaten in „ Ungarn 3, 14, 192. Sopen, serbisch-bulgarische Grenz- bevolkerung 11. špilman 204. Štrigovo, glagolitisches Kloster in Ungarn 174. Taktikon des Monches Nikon vom Schwarzen Berge 83. Tertulian 110. Testamente der zwolf Patriarchen 91. Tetovo 208. Texte du sacre s. Rheimser Evan- gelium. Thalloczy, L. 218. Thamar, bulgarische Prinzessin im Harem 191. Thassilo, Bayernherzog 20. Theodemar, Erzbischischof von Aquileja 210. Theodor Gramatik 147, 158. Theodoretos, Kirchenhistoriker 64, 67, 148. Theodorit, Anhanger des Barlaam und Akyndinos 119. Theodoros I. Laskaris, Kaiser 135. Theodoros Studites 73, 74. Theodosij, bulgarischer Adamit 119. Theodosij Fudul, bulgarischer Ikonoklast 123. Theodosij, Monch, serbischer Bio- graph 159 — 160 , 165. — Monch, serb. Hagiograph 160. Theodosij, Metropolit von Seres 217. Theodosij II., Patriarch von Trnovo H8. Theodosij von Trnovo, Hesychast 118, 120, 123, 127, 129, 146. Theophanes, Hymnendichter 74. Theophano, die hi , Gemahlin des Kaisers Leo VI., Tl5, 125. — Gemahlin des Kaisers Nike- phoros Phokas 153. Theophvlaktos !von Bulgarien 81. Thessalonike 38; s. Saloniki. Thomas Archidiakonus 103, 214. Thomas-Evangelium 91. Thraker 21. Thrakien 17, 113. Thukydides 163. Tiburnia, Bistum 30. Tichonravov 90, 213. Timošenko, Iv. 217. Timur 185. Tischendorf 211. Todor Duksov, bulgarischer Prinz als Monch 75. Todor od Zadra 202. Totenklao-e, altserbische 169. ^ Tomas, Konig von Bosnien J72. Tomislav, Konig von Kroatien 5, 26, 27, 102. Traum des Konigs Joas 217. Travunien (bei Trebinje) 28, 33, 215. Triodion 65. Tristan 183. Trnovo (Tirnowa), Hauptstadt des zweiten bulgarischen Reiches 112, 113, 114, 116, 123, 137, 156, 166, 193, 214; erobert 124, 164; Konzil von 120; Reich von 131; s. Erzbischof, Euthv- mij, Patriarchat, Redaktion, Schule, Theodosij Trojasage 95; Trojaroman, abend- landischer 131, 143, 181 ff. Tronoša, Kloster, Chronik des 166. Trpimir, Fttrst von Kroatien 32. Trsat, Statut 179. Truhelka, (3. 218. Trvščan s. Tristan. Tundalus, Vision des 180. Turniere 184; in Bosnien 173. Tiirken, osmanische 86, 113, 114, 115, 121, 142, 169, 174, 185, 191, 195, 199, 201, 203, 204; als Erben von Byzanz 187; aus slawischen Renegaten 187. 246 Tilrken, slavvische 9, 10, 14, 15, 203; s. Pomaken. Tiirkeneinfalle 186, 187, 192. Tiirkenherrschaft 185 ff.; ihre Fol- gen 199 ff. Ttirkenkriege, das epische Zeit- alter der Šiidslawen 200 ff. Tiirken- und Griechenjoch 121, 189, 190, 206. Tiirkische Litteratur 199. . Tiirkischer Einflufs auf die Siid- slawen, in der Volkslyrik, in der Riickkehr zur urspriinglichen ethnographischen Frische, im Wortschatz, in der National- tracht 199—200. Tilrkischer Konservatismus 189. Tiirkisches Reich 138, 188. Tiirkisch-Kroatien 5. Typika 73, 165; serbische, von »Kareje' (Orahovica), Chilandar und Studenica 156—157. Typikon des hi. Sabbas von Jeru- salem 136, 144; des Studion- klosters in K.pel 73; des Klosters der Mutter Gottes der Wohl- taterin 156. Udbina 186. Ubersetzungen, Cyrills und Me- thods 39, 50, 51; Methods 43, 51; sklavische 51, 74; aus dem Griechischen 52 u. o-; aus dem Bulgarischen ins Griechische 79; aus dem Lateinischen 53; ins La- teinische 107; Modernisierungen alter 122, 124, .128, 145;.Wiir- digung der altkirchenslawischen 110 . Ugrien f= Siebenbiirgen) 118. Ugrin, Janko—Hunyadi, Johann Ulfilas 51. Umgangssprache 13, 208; grie¬ chische 191. Undoljskijs Blatter 47. Ungarn, ungarischer Staat 27,137, 139, 141, 142, 169, 186, 202, 215. Ungarische Krone 28. Unier.te in Kroatien 15; in Make- donien 19. Union (mit Rom) 112; von Florenz 219. Unionsbestrebungen 104,115,146. Unter-Pannonien 31. Unterredung(Disputation) der drei Heiligen 89, 93, 177. Urkunden, cyrillische in Bosnien und Ragusa 171, 173; in Dal- matien 4, 179; der kroatischen Fiirsten und Konige, lateinisch 108; glagolitische der Kroaten 178, 179; mittelbulgarische 115; slawi'sche der Tiirken 188; walacho-bulgarische 193. Uskoken 171, 202. Uroš V. s. Stefan. Valjavec, M. 211. Valtrovic, M. 216. Valvasor 203. Varna (Warna) 140, 185.. Vasil, Primas von Bulgarien 112. Vatatzes, Kaiser von Nikaa 112. Vegliafslaw. Krk) 26,106; Bischof von 105; Statut von 179; In- schrift bei Baška 105; romani- scher Dialekt 209. Velehrad 44. Velika, Bistum 58. Venedi, Venethi 20. Venedig 141, 176, 186, 187, 191, 195, 196, 210. Venetien 20. Veprinac, Statut von 179. Verbesserung der Kirchenbiicher in Bulgarien 123, 126; s. Re- vision. Vers, politischer, der Byzantiner bei den Bulgaren 75; vgl. Zwolf- silber bei den Serben 169. Versdichtungen in Prosabearbei- tungen 150. Veselovskij, A. N. 81, 100, 154. Vilen 35; vgl. M ythologie. Vinodol, Statut von 178. Virgilius, Bischof von Salzburg 30. Vision des Propheten Esaias 130, 212; des Tundalus 180.. Vita Clementis, Constantini, Me- thodii 62. Vladimir, der hi., Herrscher iiber Montenegro und Nordalbanien 107. Vladislav Grammatik 167, 191. Vladislav, Konig von Serbien 147. Vlček, J. 175. Vlkašin, Name bei Kroaten und Serben 178; vgl. Vukašin. Volksbuch vom Bova, s. d. Volksdialekt, der čakavische 178; bulgarische Volksdialekte 198. Volksepik der bosnischen Moham- medaner 203, 204; der Siid- 247 slawen 200 ff.; der Slowenen 200, 205. Volksepos, beinflufst serbische Chroniken 166. Volksleben 7, 179. Volkslieder 35; der Kroaten und Serben 9, 142; der Sudslawen 94; epische, der Stldslawen 107, 139,1201 ff., teuflische 82 (s. Lie- der); kiinstlerische Fassung der serbokroatischen lvrischen und epischen 205. Volkslitteratur der Sildslawen 94; manichaisch-bogomilische Nie- derschlage in der slawischen 87. Volkslyrik, mohammedanische 199. Volkpoesie, der Kroaten und Ser¬ ben 2; der Siidslawen 36, 205, 206; beeinflufst die Kunstdich- tung und umgekehrt 205; neu- griechische 206. Volkssprache, beeinflufst das Mittelbulgarische 114; in Bos- nien 93, 173; bei den Kroaten 179; reine, bei den Serben 9; zersetzt durch Fremdworter 12, speziell tilrkische 199; Pflege derselben bei den Slowenen im Sinne der Mainzer Synode 55. Volkszahlungen der Stidslawen 208. Volkstiimliches Haus der Kroaten und Serben 8. Volksttimlicher Stil in bosnischen Urkunden 173. Vondrak, V. 53, 211. Vormauer des Christentums 8, 187. Voskresenskij 211. Vratislav II., Herzog von Bohmen 54, 104. Vrbnik, Statut von 178. Vukan, Bruder Stefan des Erst- gekronten 134; sein Evangelistar i43. Vuk s. Brankovič, Grgurovič, Karadžič. Vukašin, Konig von Serbien 198, 201, 215. Vukovič Božidar und Vinzenz, ser¬ bische Buchdrucker in Venedig 196. Vulgarismen 167. Vulgata 51, 105, 177. Vulgargriechische Litteratur 150. Wahlbruderschaft (pobratimstvo) 89, 167, Wahrsagungsbiicher91; s. Orakel- bticher. Walachei 120,193, 195; Wlachien 118. Walachen 22, 209. Walachische Drucke 196 Walacho-b ulgarisch, walacho-ser- bisch 193. Walpert, Patriarch von Aquileja 102 . Wandernde Motive 201; Lieder und Liederstoffe 205. Wanderungen der Serben und Kroaten 3, 7, 192. Wattenbach 211. Weisbach, A. 207. Weigand, G. 209. Weifs-Kroatien 106. Weltara, alexandrinische 136; by- zantinische 136, 212; vgl. Zeit- rechnung. Wenden 20. Wenzel, der hi., von Bohmen 53; seine slawische Legende 54, 177. Wiching, Bischof von Neitra 43, 44, 45. Widdin s. IL.dvn. Wiener Fragmente 48, 53. Winden (= Slowenen), windisch 20. Winidi 20. Wlachen 112; s. Walachen. Wiirdigung des altkirchenslawi- schen Schrifttums 109. Xenephon 148. Zachlumien (slaw. Hum, Zahlumje) = Herzegowina 28, 33, 169, 207, 215. Zadrugaf(Hauskommunion) 2, 30, 199, 210. Zagurovič, Jerolim 196. Zakon gradskyj (= Prochiron) 149; sudnyj 43, 53. Zapolva, Johann, 186, 188. Žara 26; Erzbistum 32. Žara vecchia 26, 28; s. Belgraa am Meere. Zarenwiirde, russische, Anstofs zur Annahme von den Siid- slawen 195._ Zaubervvesen in Bulgarien 119. Zehnsilber mit Reimen bei den Kroaten 180. Zeitrechnung, romische in Bos- nien 171. 248 Zemlje pomorske = terrae mari- timae von Serbien 215. Zengg (slaw. Senj), Bischof von 104; s. Senjanin. Zeta (Montenegro, Dioklitien) 28, 139, 186. Zinzaren 22 ; Zlatostruj 65. Zlato vic, Stipan 219. Zlatarski, V. N. 214. Zletovo, Schreiberschule von 121. Zmaj-ognjen Vuk 202. Zographos-Monche, verbrannt 130. Zographensis s. Codex. Zographukloster, bulgarisches, auf dem Athos 119, 121, 123. Zonaras, Tohannes 6, 129, 148, 149. Zrinski, Peter 204. Zri.calo (= Dioptra) 150. Zvonimir, K'onig von Kroatien 27. Zweikampf in der serbokroatischen Volkspoesie 203. Zweiseelenlehre 38. Zwolf Freitage 93. Zwolf Traume des Konigs Sakyš 154. Zwolfsilber, serbische, ohne Zasur 169; kroatische mit Reimen 180. Zegligovo, Kloster 167. Žiča, Sitz des Erzbischofs von Serbien 136, 137, 141, 156, 215. Župan 29, 133.