m derHeM lscholischeMzzimsMtschnst Herausgegeben von der Kongregation: Missionäre Söhne des heiligsten Herzens (Jesu. preis ganzjährig: Österreich 2'50 8, Deutschland 2 Mark. Italien 8 Lire, Ungarn 2‘50 pengö, Tschechoslowakei 12 eK, Jugoslawien 25 Dinar, Schweiz 2'50 Franken, übriges Ausland 2 Soldmark. Unser Heiliger Vater piusXI. hat wie schon früher papst pius X. der Redaktion, den Abonnenten und Wohltätern den Apostolischen Segen erteilt. Für Wohltäter werden wöchentlich zwei heilige Messen gelesen. Mit Empfehlung der hochwür-digsten Oberhirten von Srixen, Grünn, ©raz, Ueitmeritz, Linz, Olmütz, Mgrburg, Orient, Driest und Wien. Rest 12. Dezember 1929. XXXII. Jahrgang. f I I M- s WeihnachtS grüß! Sn diesem Jahre bringt das Dezemberheft als Weihnachtsgrutz eine Bildbeilage, das liebe Gotteskind. Es liegt nur ans ein wenig Stroh, in einer harten Futterkrippe, ist es ja ganz armer Leute Kind! tind doch sind seine Ärmchen selig ausgebreitet, verlangend nach Menschenliebe. Schau einmal, lieber Leser, in dies holde, liebe Kindergesicht, aber schau hinein mit liebendem Blick. Es ist ganz Liebe, ganz Güte, ist ganz Erbarmen, Friede und Freude, und stilles Glück strahlt aus den Kinderaugen/ aber Trauer und Schmerz, stilles Entsetzen, davon sieht man nichts. Nicht wahr, man sieht es diesen friedlichen Augen nicht an, daß das arme Kind schon weiß um sein hartes Leben, um den Dornenpfad, den es wandeln soll. Und doch weiß es darum. Wie ein Schatten ragt drohend das dunkle Kreuz über der Krippe. Aber mehr als ein Schatten, klar, zum Greifen deutlich stehen vor dem allsehenöen Blick Geißeln und Dornen, Nägel und blutiges Kreuz, steht vor seinen Augen immerfort der lange Dornenweg, den es als Opferlamm für die Sünder gehen soll bis zur Höhe von Golgatha, bind nun denk daran, lieber Leser, welch gewaltige Liebesglut in der kleinen Kindesbrust brennen nmß, wenn ihm das schmerzlichste Leben, das härteste Kreuz, der blutigste Opfertod Gegenstand der Freude, des Sehnens ist, wenn ihm das sichere Wissen von seinem blutigen Lebenslauf und blutigen Lebensende nur ein glückliches Lächeln der Liebe ins holde Antlitz zu zaubern vermag! Er liebt dich, der holde Gottesknabe, tin6 weil er dich so sehr liebt, daß man's mit Worten nicht sagen kann, deshalb liebt er das Kreuz, durch das er dich erlösen soll. Am Kreuze will er dir die ganze Größe seiner Liebe zeigen: Du kannst setzt nicht anders, du mußt an diese Liebe glauben. tind, lieber Leser, daß du immer noch mehr von dieser Liebe deines Heilandes, wie sie schon im Herzen des kleinen Christkindes gebrannt hat, überzeugt werdest, daß du immer fester an sie glauben mögest, das ist mein Weihnachtösegenöwunsch. Ich bete, daß dieser Wunsch sich bei all unseren lieben Lesern und Leserinnen erfüllen möge. Wenn wir von dieser Liebe unseres Erlösers felsenfest überzeugt innren, Bann hätten wir den Frieden gefunden, dann könnte uns kein Leid, keine Krankheit, keine Versuchung, überhaupt keine Trübsal, keine Prüfung das Vertrauen auf die Güte und Allmacht unseres Gottes, die demütige und freudige Hingabe an seinen heiligsten Willen, die unerschütterliche tiberzcugnng rauben, daß alles Kreuz und Leid, alle Prüfung uns nur aus seinem liebenden Daterherzen zukommt, daß wirklich, wie der hl. Paulus sagt, denen, die Gott lieben, alle Dinge zum besten gereichen. Weihnachtsgrutz und Weihnachtssegen! Die Schriftleitung. šl- 1 O V I (r— Brief des Rod)rvürdigften Apostolischen —< prdfekten von Lydenburg an den ±— Rod)rvürdigften pater General. —-v (Im Oktoberheft haben tuir unseren Lesern von dein Auto-Unfall unseres Apostolischen Präfekten berichtet. Mit innigem Dank gegen Gott können wir heute schon einen Brief wiedergeben, den der Hochwürdigste Herr selbst an den General-Superior unserer Kongregation geschrieben hach denn er ist ja der beste Beweis, daß Msgr. Mohn wieder hergestellt ist und sein schweres Amt wieder versehen kann.) „Lydenburg (Farm Maria-Trost), am 30. September 1929. Lieber Pater General! Gottlob bin ich wieder so weit, daß ich wenigstens so halb und halb mit dem rechten Arm die Schreibmaschine wieder bearbeiten kann. Zwei Monate sind es morgen, daß wir das furchtbare Unglück hatten. Mein linker Arm ist noch im Gipsverband, am 5. oder 6. Oktober hoffe ich, ihn freizubekommen. Gebe Gott, daß ich dann nicht enttäuscht werde und ihn nicht etwa nochmals muß brechen lassen. Ich fühle soweit keine Schmerzen, habe überhaupt nur wenig Schmerzen gehabt. Doch spüre ich erst jetzt so recht die ganze Zerschlagenheit meiner Glieder; doch mit der Zeit wird auch das vergehen. Drei Wochen war ich im Spital zu Johannesburg, wo mein Arm eingesetzt wurde, seit fünf Wochen bin ich wieder hier auf der Farm und genieße liebevollste Pflege. Vor allem nun meinen innigsten Dank für den Dankgottesdienst, den Sie angeordnet haben. Der Herrgott lohne es Ihnen und allen Mitbrüdern reichlich. Meine Rettung war wahrhaft wunderbar, nach menschlichem Ermessen hätte ich zermalmt werden müssen. Ich saß am Steuerrad, das ich krampfhaft festhielt, als wir plötzlich in die Tiefe sausten. Wir sind buchstäblich geflogen, an manchen Stellen kam der Wagen gar nicht auf den Boden, wie die Radspuren nachher deutlich anzeigten. Halb Lydenburg hat sich die Unglücksstelle angeschaut und kann nicht begreifen, wie wir mit dem Leben davongekommen sind: Der Abhang 90 Meter tief und in einem Winkel von 60—70 Grad geneigt. Selbst Protestanten schüttelten verwundert den Kopf, als sie die Stelle sahen, und ein Bure meinte, das müßten .godsmens' sein, daß sie so wunderbar gerettet wurden. Ein ungläubiger Arzt, Dr. Mennig, äußerte sich, jetzt müsse man noch an Wunder glauben. Wie das alles gekommen ist? Von der,Pence mine' kam ein Schwarzer (schon zum zweitenmal) und wollte einen Priester haben. Er stellte sich das ganz einfach vor: .Einen schwarzen Priester wollen sie nicht, also mußt du mitgehen und bei uns bleiben!' 70 Meilen von hier! Ich war allein, denn P. Berger war in Johannesburg zu einer Operation. So versprach ich dem Schwarzen, ich käme nächste Woche. ,Kou!' sagte er, ,ich gehe ohne Priester nicht nach Hause. Die Leute halten mich für einen Lügner, wenn ich ohne Priester komme.' Was tun? Um diese braven Leute aus dem Nyaffalande nicht zu entmutigen, die trotz des verkommenen Minenlebens noch katholisch fühlen und denken und leben, soweit es eben möglich ist, sagte ich ihm meinen Besuch für Donnerstag zu. Sie hätten die Freude des Burschen sehen sollen! Am Donnerstag konnte ich dann auch P. Riegler mitnehmen. Die Leutchen waren froh, jetzt gleich zwei Priester bei sich zu sehen und sogar noch ihren .bisopo'. Froh, den armen Schwarzen geholfen zu haben, fuhren wir vergnügt nach Hause zurück. Ich wollte abends 5 Uhr zum Beichthören in Lydenburg sein, deshalb beeilten wir uns. Nur noch 15 Meilen von Lydenburg entfernt. Da trifft uns das Unglück, wir stiegen den steilen Abhang an einer scharfen Kurve hinab. Ich saß da wie gebannt, dachte gar nicht, einen Versuch zu machen, Heft 12 Stern der Neger 179 Msgr. P. Alois Mohn, F. S. C., Apostolischer Präfekt von Lydenünrg (Transvaal). Wie den Lesern des „Sieru" bekannt, ist Msgr. Mohn in fast wunderbarer Weise bei einem Antounfall mit dem Leben davongekommen. Die schweren Verletzungen, die der Hochu ürdigste Herr dabei erlitten, sind geheilt, und so kann Msgr Mohn am hochheiligen Weihnachtstage sein 25 jährig es Pri sterjubiläum bei frischer Gesundheit — so hoffen wir — im trauten Kreise seiner Mitbrüder feiern. Die Schrü'tleitung und gewiß auch alle Lefer des „Stern" wünschen dem Hochwürdigsteu Apostolischen Prä'ekten ein frohes Jubelfest, Glück und Segen und, soweit es Gott dem Herrn gefallt, ein vieljahrelanges, erfolgreiches Wirken in seelischer und leiblicher Rüstigkeit zu Goties Ehi e, zum Segen für die armeu Schwarzen und zu seiner eigenen Freude. (P. Mohn wurde am 28. Dezember 1904 zum Priester geweiht.) 1* mich zu retten, hielt krampfhaft das Steuerrad, bis ich, nicht mehr als 10 Meter vor der todbringenden Stelle, hinausgeworfen wurde; daun erst schlug der Wagen auf und war buchstäblich zertrümmert. P. Riegler war schon früher hinausgeflogen. Ich sage, nur unser heiliger Schutzengel hat uns aus dem Wagen geworfen, denn sonst wäre keine Rettung möglich gewesen. Es freut mich am meisten, daß P. Riegler so glücklich davongekommen ist. Er trug wohl eine tüchtige Wunde am linken Schienbein davon, hatte auch bedeutend mehr Schmerzen als ich, aber er hat nichts gebrochen. Ich habe den linken Arm gebrochen, das rechte Bein stark gequetscht (jetzt kann ich aber schon wieder sehr gut herummarschieren), eine Rippe eingedrückt und endlich eine Wunde auf der Stirn, die aber schon sehr schön geheilt ist. Die Narbe ist freilich geblieben, aber man merkt sie nicht sehr, da ich sowieso stets Falten auf der Stirn habe. Wenn ich auch jetzt noch sehr schwach bin — die Erschütterung „Auf welche Station kommen Sie?" — „Nach Mariazell, um dort Sesuto zu lernen." — „O, das ist eine schöne Station mit einer großen, prachtvollen Kirche. Es wird Ihnen dort sicher gefallen. Aber können Sie auch schon reiten?" Des öftern wurde diese Frage in Mariannhill während meines kurzen Aufenthaltes dortselbst an mich gestellt. Warum immer wieder die Reitkunst erwähnt und so großes Gewicht darauf gelegt wurde, wollte mir gar nicht klar werden. Kaum war ich an meinem Ziel in Mariazell angelangt, da schon wieder dieselbe Frage: „Können Sie schon reiten?" — „Nein." — „Das müssen Sie bald lernen, denn die Außenstationen werden wegen ihrer weiten Entfernung zu Pferde besucht." Eines Tages entdeckte ich in meiner Bude unter einigen verstaubten Büchern ist eben zu stark gewesen —, so zweifle ich doch nicht, daß alles wieder gut werden wird. Pater Riegler ist schon wieder im Dienst. Wenn Sie den Brief erhalten, werde auch ich sicher wieder ganz wohl beisammen sein. Also, machen Sie sich keine Sorgen. Hier wird feierlicher Dankgottesdienst gehalten, wenn ich soweit bin, daß ich selbst zelebrieren kann. Mit nochmaligem innigem Danke für Ihre und der lieben Mitbrüder Teilnahme, besonders aber für die Gebete Ihr ergebenster P. Mohn." Soweit der Brief des Hochwürdigsten Msgr. Mohn. Die letzte Nachricht aus Afrika lautet, daß Msgr. Mohn in der ersten Hälfte des Oktober wiederum im Spital von Johannesburg weilte, wo ihm der Gipsverband abgenommen wurde. Der Arm ist glatt verheilt und Msgr. Mohn kann nun wieder heilige Messe lesen. eine kleine Broschüre, gedruckt in Mariannhill, approbiert vom Abt Franz Pfänner, das eine Reihe von Vorschriften über das Reiten enthält. Die Geschichte schien also doch nicht so einfach zu sein. Eines Tages kam der Missionsobere zu mir herein: „Herr Kaplan, also morgen können Sie mit mir nach Maschlaza reiten, etwa 20 km von hier, unsere entfernteste Außenstation. Da werden Sie eine Gelegenheit haben, mit dem Reiten nähere Bekanntschaft zu machen." Schön, dachte ich, das dürfte wohl nicht uninteressant werden, wenn es auch kein großes Vergnügen absetzen wird. Ter Morgen brach an. Die Sonne strahlte heiter vom azurblauen Himmel hernieder. Ich steckte mich in meinen Neitanzug, und die klerikale Gestalt war auf einmal fast ganz verschwunden. Die Pferde standen schon gesattelt sys ?Dem erster HMffionsritb Von Hochw. P. Adolf Stadtmüller, F. 8. C. &3 und warteten auf den Herrn. Der Reitunterricht begann mit der Angabe, wie man es anzustellen habe, wenn man ohne romantisches Abenteuer in den Sattel kommen will. Also ergriff ich oorschriftsmäßig die Zügel und faßte zugleich das Pferd an der Mähne, ein Ruck und droben saß ich. Das wäre also geglückt. Nun konnte es losgehen. Dann bekam ich einige Instruktionen über das Verhalten bei den verschiedenen Gangarten des Pferdes, beim Schrittgehen, beim Traben und beim Galoppieren. Mein hochwürdiger Chef gab mir die Weisung, daß für den Reiter der Unterschied zwischen Trab und Galopp darin bestehe, daß er beim Traben regelmäßig absetzen, beim Galoppieren aber ruhig und fest im Sattel sitzenbleiben müsse. „Gut", sagte ich mir, „will das Absetzen nicht gehen, dann reitest du einfach immer Galopp." Zuerst ging es noch gemütlich im Schritt auf dem Weg dahin, hier Straße genannt, nach deutschen Begriffen aber ein miserabler Feldweg, wo es nicht viel Geschicklichkeit und Kunst fordert, das Bein nicht bloß einmal, sondern auch gelegentlich zweimal zu brechen. Dann aber ließ der Missionsobere sein Pferd in Trab übergehen: „Herr Kaplan, sehen Sie mal her, jetzt reite ich im Trab, schauen Sie genau zu, wie ich absetze, und machen Sie es auch so." Mein Pferd fing auch zu traben an, um nicht zurückzubleiben ; ich probierte abzusetzen, doch cs ging mir nicht viel besser als dem Studenten, dem der gestrenge Turnlehrer genau die Schwimmbewegungen zeigt, der aber, sobald er ins Wasser kommt, trotz aller Schwimmübungen auf dem Turnplatz wie ein plumper, schwerer Steinklotz im nassen Element untersinkt. Ich saß wie ein Mehlsack im Sattel und wurde, da das Absetzen zur rechten Zeit trotz aller Anstrengung nicht gelingen wollte, ganz kräf-tiglich gebeutelt. Mein armer Magen wurde manchmal so unsanft gerüttelt und geschüttelt, daß ich aus Pietät und Humanität ihn sehr gerne in die Hand genommen hätte, um ihn vor dem grausamen Auf- und Abschaukeln zu verschonen. Das Pferd schwitzte zwar noch nicht, wohl aber rann mir in kleinen Bächlein der Schweiß von der Stirne. Mein Herr Pfarrer zeigte kein sonderliches Mitleid mit mir, sondern lächelte vergnügt vor sich hin: „Aber, Herr Kaplan, Sie reiten ja mit dem Oberkörper statt mit dem Unterkörper! Nur die Füße sollten arbeiten, der Oberkörper dagegen möglichst ruhig bleiben." Mein Pferd meiste schließlich auch, daß der neue Reitersmann vom Absetzen beim Trab soviel wie nichts verstehe, und suchte nun im Galopp dem andern nachzukommen. So ritten wir also auf dem afrikanischen Boden dahin. Die Gegend bot trotz der reichgesormten Berge und Täler keinen großen Naturgenuß. Überall herrschte herbstliche Stimmung, doch infolge der Öde und Leere fehlte die bunte Farbenpracht des Herbstes in den schönen heimatlichen Gefilden. Nur ganz selten erblickte das suchende Auge gleich einer Oase eine Gruppe grünbelaubter Bäume oder einzelne Sträucher. Die kahlen Hügel und Berge erinnerten mich lebhaft an die Rauhe Alb in der schwäbischen Heimat. Die Täler weisen jedoch große Fruchtbarkeit auf. Lauge ritten wir an Mais- und Kaffernkornfeldern vorbei. Doch schon ein flüchtiger Blick zeigt, daß die Eingebornen kaum den zehnten Teil des zähen Fleißes der deutschen Landwirte aufwenden, um möglichst viel aus dem Boden herauszuziehen. Deutsche, arbeitsgewohnte Kolonisten könnten aus dieser Gegend ein äußerst ergiebiges und schönes Fleckchen Erde machen. Nach nicht ganz drei Reitstunden kamen wir ohne merkliche Verspätung an unserem Ziele an. Wir standen vor einer viereckigen Hütte, der bescheidenen Missionskapelle. Vor ihr saßen einige Frauen auf dem Boden mit unterschlagenen Beinen. „Lumelang“ (sprich Dumelnng), „Seid gegrüßt", grüßte der Missionsobere. — „Eh!“ (Ja) schallte die kurze Antwort zurück. Natürlich waren die neugierigen Blicke der Evastöchter auf den neuen „Moruti" gerichtet. Mein hochwürdiger Chef stellte mich ihnen kurz vor und sagte, ich sei der Nachfolger des Vater Josefa (P. Josef Brandmeier). Nachdem wir die Pferde abgesattelt hatten, betraten wir die mit einem Grasdach bedeckte kleine Missionskapelle. Große Kunstgemälde waren da nicht zu finden. Durch ein einziges kleines Fensterlein flutete etwas Licht und Sonnenschein herein. Ein einfacher Altar, ein pulanten gibt es unter den Schwarzen wenige. Männer waren keine zu sehen. Es scheint, daß auch in Afrika das fromme Geschlecht das gleiche ist wie in Europa. Hier in der Umgebung dieses vorgeschobenen Postens ist das Heidentum noch stark eingewurzelt, und die Männer vor allem stecken noch fest in ihren altheidnischen Schuhen. schlichtes Kruzifix, zwei Bilder, ein Sessel, ein Betstuhl (Beichtstuhl) und zwei Matten auf dem Lehmboden bildeten so ziemlich die ganze Einrichtung. Die Kerzen kann man nicht einmal auf die beiden Holzleuchter stellen, da Gefahr vorhanden ist, daß infolge der Nähe das Grasdach Feuer fangen könnte. Nachdem wir den Altar zum heiligen Meßopfer hergerichtet hatten, konnten die kirchlichen Funktionen beginnen. Ich räumte das Feld, denn eine um die andere kam jetzt herein, um ihr Päckchen abzuladen, offen, kurz, bündig, Skru- Während das fromme Geschlecht also beichtete, sah ich mir etwas näher die Umgegend an. Neben der Kapelle steht eine Gruppe südafrikanischer Bäume, die das ganze Jahr über ihr dunkles Grün nicht verlieren. Die kleinen schmalen Blätter bilden ein Mittelding zwischen spitzen Nadeln und breiten Laubblättern. In dieser kleinen Baumgruppe sprang vergnüglich grunzend ein Borstentier herum, so schwarz wie sein Besitzer auch. Im Schatten liegen einige kleine, schmucke Kraale (Hütten), vor denen sich mehrere kleine Negerbübchen herum- tummeln. In der Frühe brauchen sie wohl keine halbe Stunde znm Ankleiden, denn ihre ganze Kleidung besteht aus einer Perlenschnur um die Lenden. Nach etwa einer halben Stunde war der Missionsobere mit dem Beichthören fertig und so konnte nun mit der heiligen Messe begonnen werden. Mit einer größeren Handglocke gab ich das Zeichen zum Beginn des Gottesdienstes. Da kamen sie nun der Reihe nach hereingetrippelt. Der Lärm, den sie verursachten, war nicht groß, da die meisten nur „angewachsene" Schuhe hatten. Florstrümpfchen waren auch keine zu sehen. Ihre bunte Kleidung entsprach durchwegs den sittlichen Anforderungen. Um den Kopf hatten sie irgendein buntes Tuch turbanartig geschlungen. Die Kirche war bald gesteckt voll und doch waren rund nur zwei Dutzend darinnen. Während der heiligen Messe verrichteten sie einige Gebete als Vorbereitung und Danksagung auf die heilige Kommunion. Dazwischen sangen sie von Zeit zu Zeit immer wieder ein zweistimmiges Lied, das auch int Ohr des Europäers recht wohlklang. Der Kirchengesang ist etwas, das als Ersatz für manche Enttäuschungen jeden Neuankömmling angenehm überraschen wird. Ein langweiliges, einstimmiges Lied wird sein Ohr nicht belästigen. Im Gesang können die Schwarzen den Weißen ebenbürtig an die Seite treten, im zweistimmigen Gesang sind sie ihnen sogar überlegen, nur im vierstimmigen Gesang erreichen sie mohl noch nicht ganz deren Leistungen. Nach der heiligen Messe setzte sich der Missionsobere auf den Stuhl und gab einen kurzen Katechismusunterricht. Ich ließ mich zu seiner Rechten auf der Altarstufe nieder. Als ich so dasaß wie ein kleiner Bub und die Schwarzen dann und wann einen neugierigen Blick auf den neuen Moruti warfen, kam mir die ganze Sache zuerst recht drollig und komisch vor. Doch die Schwarzen ließen sich nicht viel stören und lauschten mit solch heilsbegierigem Herzen auf die Worte des Priesters, daß ich schließlich von der mir damals noch ganz unverständlichen Unterweisung mehr ergriffen war als von mancher deutschen Predigt. Im Geiste war ich auf einmal auf den Höhen Palästinas und lauschte der herrlichen, einzigartigen Bergpredigt unseres göttlichen Erlösers. So wie hier der Priester hatte auch er von einem erhöhten Platze aus die herumsitzenden heilsbegierigen Zuhörer unterrichtet und ihnen den Weg des Friedens und der Liebe gezeigt. Es war bereits 12 Uhr, als der Gottesdienst zu Ende war. Der Altar wurde wieder abgeräumt, und nachdem alles fertig war, brachte uns die „Mofumahali" (Frau des Häuptlings) Kaffee. Den Zucker, sagte sie, hätte sie vergessen. Diese Kleinigkeit raubte uns den guten Appetit jedoch nicht. Der eine setzte sich auf den Stuhl und der andere suchte sich auf einem Koffer ein Sitzplätzchen, während die Mofumahali und ihre Begleiterin auf dem Boden ihren Thron aufschlugen. Wir unterhielten uns, so gut es eben ging. Der hochwürdige Pfarrer und Dekan machte den Dolmetscher. Den beiden Frauen bereitete es ein sichtliches Vergnügen, mir einige Sesuto-Brocken beizubringen. In große Heiterkeit versetzte mich ihr Schnupfen. Ein ganzes Löffelchen wurde mit diesem gewürzigen Element gefüllt und mit Hochvergnügen in die Nasentunnels hineingestopft. Daß ich mich amüsierte, gefiel ihnen. Das Schnupflöffelchen tragen sie anscheinend immer bei sich. Denn es dient gelegentlich auch noch zu einem andern Zweck. Trotzdem der Schwarze in der Regel wie ein Kind sorglos in den Tag hineinlebt, so braucht er dann und wann doch eine genauere Zeitbestimmung, so z. B. wenn er in den Gottesdienst geht. Den Luxus einer Taschenuhr kennt er in der Regel nicht. Seine Uhr ist die große Sonnenuhr, die er gut versteht. Macht die Sonne einmal ein trübes Gesicht und verdeckt sie es mit einem dichten Wolkenschleier, so muß das Schnupflöffelchen herhalten. Der Schwarze spuckt hinein und hält es gegen die Richtung der Sonne. Im Speichel nimmt er, dessen Sinne sehr scharf sind, das Sonnenlicht (Lichtreflex) irgendwie wahr und ist so imstande, die Zeit annähernd herauszufinden. Der Missionsobere hatte einige Äpfel mitgebracht. Das war natürlich ein Leckerbissen für sie. Die Mofumahali war nicht gerade dumm, sie biß das Beste weg und gab dann großmütig das übrige, nicht viel mehr als das Gehäuse, ihrer Begleiterin, die dann vollends reinen Tisch machte. Es wurde hier so ziemlich die Er habe vor der Glut der heißen Sonnenstrahlen ' zu schützen. Das war nichts Neues. Er diene noch einem besonderen Zweck beim Reiten. Da wurde ich neugierig. Der Dekan illustrierte das näher durch eilt eigenes Erlebnis. „Eines Tages", hub er an, „als ich an nichts Weiteres dachte, scheute ganz unvermutet mein Pferd und in hohem Bogen flog ich herunter und machte einen prächtigen, vorbildlichen Kopfstand. Die Beine zappelten in der Luft, nach einem festen Postament suchend. Negerkinder beim „Stein-Spiel". (Unter Gesang wird der Stein in bestimmter Weise weitergegeben.) Q D gleiche Sitte beobachtet wie bei den Schilluk. Sitzen nämlich der König und seine Minister, die Häuptlinge, um einen gebratenen Ochsen herum, so ergreift jeder eine Keule, beißt hinein, daß das Fett am Munde herunterläuft, und wirft dann die halbabgenagte Keule zur Hütte hinaus, wo schon mehrere hungrige Mäuler mit Schmerzen darauf warten, um sie vollends abzunagen. Nach dem Frühstück machten wir uns auf den Heimweg. Das Reiten ging im allgemeinen so gut und so schlecht wie beim Herweg. Dabei bekam ich noch eine Instruktion über die Bedeutung und den Zweck des Tropenhelms. Der Kopf war im ,Helm des Heiles' wohl geborgen, ohne diesen hätte er wohl vor dem harten Felsen weichen müssen." Wir machten dann noch einen kurzen Besuch bei einer Aussätzigen. Sie zeigte kein geringes Staunen, als der Missionsobere ihr berichtete, der neue Moruti müsse noch das Reiten lernen. Kein Wunder, denn das erste, was der neue Weltbürger bei den Basuto lernt, ist das Reiten. Das Reitpferd ist die Mutter. Mit einem Tuch auf den Rücken gebunden, macht der kleine Schlingel seine ersten Reitübungen. Wo die Mutter ist, da ist auch immer der kleine Liebling. Auch wenn die Mutter zum Tische des Herrn hinzutritt, fehlt der kleine Bengel nicht und läßt neugierig seine Äuglein herumschweifen. Selbst in den Beichtstuhl gerät er manchesmal hinein. Fängt der kleine Schlingel auf seine Art zu beichten ein, so hat man alle Mühe, die Mutter zu verstehen. Ist der Kleine oder die Kleine aus den Kinderschuhen herausgewachsen, so sitzt er auf das Pferd und reitet wie ein alter Husar. Auf den ersten Blick erkannte P. Klinkenberg, daß er sich in der Wohnung eines Christen befand. Das kleine Holzkceuz aus gespaltenem Bambus, das an der Rückwand angebracht war, sowie die beiden kleinen, verblichenen Bildchen vom hl. Johannes und vom hl. Josef deuteten auf einen Christen, auf einen katholischen Christen. Auf dem Boden vor dem Kreuz lag ein kleines, abgenutztes, matten» artiges Gewebe, auf dem deutlich sichtbar Kniespuren sich abhoben. Da mußte der Mann gebetet haben. Ein Stoß trockenen Holzes lag an der einen Seite aufgeschichtet, während an der andern Seitenwaud eine praktische Bank mit Rücklehne angebracht war. Von dieser Stelle war der größte Teil des Sees und der prachtvolle Wasserfall zu sehen. Da hatte der Mann gewiß oft gesessen, die Naturherrlichkeit angeschaut und dabei geträumt. Wahrhaftig, eine Einsiedelei, wie sie nicht schöner und reizvoller ausgedacht werden konnte. Und doch war das, was der Pater bisher gesehen hatte, nur der Vorraum. Neben der Bank war eine kleine Türöffnung, die in den eigentlichen Wohn- und Schlafraum des Einsiedlers führte. Katur hatte ihn bereits untersucht, kam soeben herausgeschlüpft und schlug sich vor lauter Erstaunen auf die Lippen, wie es bei den Schwarzen üblich ist. Sein Verhalten deutete an, daß sich dort etwas Besonderes vorfinden mußte. Also hinein in den inneren Höhlenraum, der einzig und allein durch die kleine Öffnung einiges Licht erhielt, so daß man nur schwer die Einrichtung erkennen konnte. In wenigen Minuten brannte ein lustiges Feuerchen und erhellte den ganzen Raum. Da stand an Gegen drei Uhr ritten wir wieder in der Missionsstation ein. Wir hatten noch alle geraden Glieder, vor einem unangenehmen Reitabenteuer waren wir verschont geblieben. Ich war froh, aus dem Sattel wieder herauszukommen. Übrigens spürte ich noch drei Tage, daß ich darin gesessen hatte. Aller Anfang ist schwer, jetzt habe ich das Sitzen im Sattel schon ziemlich liebgewonnen. der Rückwand eine Bank aus knorrigen Ästen und Lianen. Davor gewahrte man einen schönen Bambustisch, dem zwei Matten aufgelegt waren, um den aufgestellten Gegenständen eine einigermaßen gerade Unterfläche zu geben. Auf der einen Seite sah man ein einfaches Bettgestell, das eben-salls mit Matten und überdies mit Fellen belegt war. Kürbisflascheu und sonstige Gefäße aus Holz und Ton, denen man die ungeübte Hand des Verfertigers ansah, standen und lagen geordnet umher. An einer Stelle war ein kleines Häuflein Brennholz und etwas trockenes Gras aufgeschichtet, das gewiß zum Anzünden des Feuers diente. Überall peinlichste Ordnung und Sauberkeit! Die Wände wie auch die Decke waren vom Rauch geschwärzt. An einem praktisch zusammengefügten Holzgestell hingen ganze Bündel reifer Maiskolben, die als Vorrat für die Trockenzeit aufgespeichert waren. Sonst war nicht viel mehr zu sehen als einige Hacken und Werkzeuge, Lanzen, zwei Buschmesser, kleinere Messer, ein Angelstock mit Angeluadel und eine Pfeife. Katur fand noch ein Bündel mit verschlissenen Soldatenkleidern, ein Paar aufgebrauchte Schuhe und — ein kleines abgerissenes und stark gebrauchtes Buch. Wer beschreibt das Erstaunen des Missionärs, als er aufschlug und fand, daß er den kleinen Jaundekatechismus in der Hand hielt. Kaum leserlich und mit ungeübter Hand hatte jemand aus die erste Innenseite geschrieben: Johanni Dschembana aus Bandari. Vor Rührung traten dem Pater die Tränen in die Augen. Nun war kein Zweifel mehr möglich. In der Geisterhöhle wohnte jener Soldat, der ganz gewiß in Jaunde getauft worden war und nach jener verhängnisvollen Oer RäuptImgssof)n von 13andarL Der Roman eines Schwarzen von P. Johannes Emonts, S. C. J. (Fortsetzung.) Tat drunten im Gebirge als Flüchtling im Geisterreich eine Zuflucht gefunden hatte und nun ein Einsiedlerleben führte. Wie wunderbar sind doch manchmal Gottes Wege! Eine überstürzte, verhängnisvolle Handlung, ein — sicher nur ungewollter — Totschlag hatte einen Schwarzen zu einem Einsiedler und Büßer gemacht. Darauf deutete alles hin, was in seiner Felsenwohnung zu sehen war: Der Mann arbeitete, betete, befleißigte sich trotz der Einsamkeit und Weltabgeschiedenheit peinlichster Ord-nung und soldatischer Genauigkeit und schien ein geregeltes Leben zu führen. Sinnend war P. Klinkenberg in den Vorraum zurückgetreten. War's denn Traum, war's Wirklichkeit, was er hier um sich sah!-----------Er glaubte sich in ein kleines Heiligtum versetzt, und in heiligem Schauer fiel er nieder vor dem schlichten Holzkreuz, Gottes gnädiges Walten zu preisen, das ihn berführte nach Biamba und ihm am Morgen den Gedanken in die Seele legte, einen Ausflug ins Gebirge zu machen. Und neben ihm kniete Katur, in kindlich frommer Weise Gebete murmelnd. Währenddessen ruderte ein schwarzer Mann in einem kleinen Boot der Geisterhöhle zu. Der Oberkörper war nackt wie bei den anderen Schwarzen der Gegend. Um die Hüften hatte er ein breites, bis zu den Knien herabhängendes Lendentuch geschlungen, das allerdings nicht aus Tuch, sondern aus gegerbter und stoffartig bearbeiteter Baumrinde bestand. Von der rechten Schulter zur linken Hüfte hing an handbreitem Riemen ein Buschmesser in breiter Scheide. Das Boot legte nun etwas seitlich von der Höhle an dem kleinen Pfade an. Der Mann sprang aus dem Boot heraus, schlang den Baststrick des Bootes um einen dicken Stein, griff nach der Lanze, die im Boot lag, nahm den schweren, mit Makabowurzeln gefüllten Korb und schritt der Höhle zu. Wer beschreibt sein Erstaunen und seinen Schrecken, als er dort die beiden Gestalten sah. P. Klinkenberg und Katur hatten sich erhoben, als der Mann, den sie herbeigewünscht, so plötzlich vor sie getreten war. Zwar sah er nicht wie der Einsiedler aus, von dem sie sich bereits im Geiste ein Bild entworfen hatten. Desungeachtet streckte P. Klinkenberg ihm die Hand entgegen, die jener warm und innig drückte und vor lauter Freude nicht loslassen wollte. Er fühlte die Hand eines Freundes, die Hand des „weißen Vaters". Der Mann war wie außer sich vor Freude, machte das Kreuzzeichen, faltete die Hände, schlug an seine Brust und versuchte auf alle mögliche Weise dem Pater begreiflich zu machen, daß er ein Christ sei. Er zeigte seinen Rosenkranz, deutete mit der Hand auf das Holzkreuz und gab durch einen Blick nach oben zu verstehen, daß er Gott danke für das große Glück, endlich einem Missionär zu begegnen und ihn zu Gast zu haben. Der Einsiedler hatte den Missionär erkannt — der Priester wußte, daß der Mann, der in seinem Äußeren wie einer der heidnischen Biambaleute aussah, ein Christ, ein Schäslein seiner Herde sei. Die Freude beider war groß. Der Mann warf sich daun vor dem Priester auf den Boden und umklammerte dessen Füße, als wollte er ihn bitten, ihm doch seinen Segen zu geben. Als das geschehen war, hob der Pater ihn auf und stellte ihm Katur vor, der bisher schweigsam und still in der Nähe gestanden hatte. Sie gaben sich die Hand und drückten sie warm wie zwei alte Freunde. Der Einsiedler führte nun die beiden an den See, zeigte ihnen den Wasserfall, die schöne Umgebung, führte sie darauf ins Innere der Höhle und hatte nichts Eiligeres zu tun, als seinen Katechismus hervorzuholen und durch zahlreiche Gesten zu bekunden, daß dieser in der Zeit seines Einsiedlerlebens sein Freund und Trost gewesen. Er hatte den beiden so viel zu zeigen und zu erzählen, und wenn man auch bei dem Donner der Wassermassen nichts verstand, so wußte doch der Pater, was er sagen wollte. Dann führte der Einsiedler seine Gäste hinaus zu der Stelle, an der sein kleines Boot lag, und bat sie, einzusteigen, damit er sie ans andere Ufer hinüberfahre. Sie stiegen ein, Dschembana löste den Strick, ergriff das kleine herzförmig auslaufende Ruder, schlug taktmäßig einmal rechts und dann links ins Wasser und fuhr die Gäste über den See. Das kleine Boot schoß unter den kräftigen Stößen des Ruderers pfeilschnell dahin. Keiner sprach ein Wort, aber sowohl der Pater wie Katur waren hingerissen von der reizvollen Fahrt. Der Wasserfall rauschte und brauste hinter ihnen von der Felswand herunter. Vor ihnen und zur Seite lag der herrliche Gebirgswald, der sich mit des Himmels Blau im klaren Wasser des Sees spiegelte, und bei ihnen im Boot saß der glückliche Einsiedler, der gewiß noch nie so seelenvergnügt die Fahrt zurückgelegt hatte wie zur Stunde, da er so ganz unerwartet den Missionär ans andere Ufer fahren konnte. Der Einsiedler beschrieb einen kleinen Bogen und lenkte dann fein kleines Schiff zur äußersten Ecke des Sees, wo er ans Land fuhr, den beiden beim Aussteigen half und dann das Boot befestigte. Nun erst fand die eigentliche Begrüßung mit Worten statt. Jetzt konnten sie sich verstehen, da sie dem Zauber des Wasserfalles entgangen waren. Ans dem kleinen Pfad, der um den See herumführte und den sie nun betraten, führte Dschembana sie zu einer Farm- seinen Webstuhl, das ganze Besitztum. Dann begann er int Schatten zu erzählen. Es war eine lange und eigenartige Geschichte. Zuerst schilderte er kurz seine jugendlichen Abenteuer in Bandari, sprach dann von seiner Zaubermedizin, von Mbämbä, seinem Vater, betn großen Häuptling, und von betn schweren Unglück, das seinen Stamm betroffen und ihn aus seiner Heimat vertrieben hatte. Gerührt und mit Wehmut sprach er von seinem Freund Afrikanischer „Krampus". (Eine Schreckfigur für schwarze Kinder.) Hütte, vor welcher sechs riesige Bäume erquik-kenden Schatten boten. Davor dehnte sich ein Prächtiges Maisfeld aus, das aber zum größten Teil abgeerntet war. Dabei lagen ein Bataten-und Manjokfeld, ein kleines Bananengebüsch, mehrere Dutzend Baumwollsträucher und roter Pfeffer. Sie standen auf einem allerliebsten Fleckchen Erde, das der Einsiedler mit vielem Fleiß und unendlicher Mühe dem Urwald abgezwungen und zu einer fruchtbaren Farm umgewandelt hatte. Mit sichtlichem Stolz zeigte er den Gästen die kleine Hütte die Schmiede, Debu und von seinem Schicksal als Sklave der Haussah. über sein Soldatenleben und die Missionäre in Jaunde hatte er ebenfalls viel zu erzählen. Dann kam er auf den Kriegszug und das große Unglück zu sprechen, das ihn in Biamba ereilt hatte. Er fuhr fort: „Wir wurden hier in Biamba zur Jagd ausgeschickt. Man hatte im Dorf davon gesprochen, daß es int Gebirge einen wunderbaren See gebe, den man den Geistersee nenne, und daß niemals ein Biambamann es wagen würde, zur Geisterhöhle und zum Geistersee, ja auch nur bis in die Nähe zu gehen. Da dachte ich bei mir, daß es dort viel Wild geben müsse. Weder von den heidnischen Soldaten noch von den Bianiba-burschen wollte einer mit mir gehen. So machte ich mich allein auf den Weg, war aber noch nicht weit in den Wald hineingedrungen, als ich die lauten Angstschreie einer Frau hörte. So schnell mich meine Beine tragen konnten, eilte ich zu der Stelle und sah, wie einer von den Soldaten in roher und gemeiner Weise sich an einer wehrlosen Frau vergriff. Ich habe es nie ansehen können, wenn Menschen Unrecht taten, aber was ich an jenem Tage drüben im Walde sah, brachte mich in Zorn. Ich fühlte Mitleid mit der armen Frau, die gänzlich wehrlos dem Unmenschen preisgegeben war. Mein Kopf verlor die klugen Gedanken. Mein Zorn über die Unmenschlichkeit und Roheit des Wüstlings wurde derart stark, daß ich nicht mehr wußte, was ich tat. Ich riß mein Gewehr von der Schulter und schlug ihm den Kolben so unglücklich auf den Kopf, daß er wie tot hinfiel. So war das Unglück gekommen, ehe ich es nur ahnte. Es hatte mir fern gelegen, den Mann zu töten, aber nun war er tot, und ich war sein Mörder. Ratlos und wie verzweifelt beugte ich mich über ihn und tastete nach seinem Herzen, es schlug nicht mehr. Ein Strom roten Blutes ergoß sich aus Mund und Nase. Ich rüttelte und schüttelte ihn, rief ihm zu, daß er doch aufwache, er antwortete nicht mehr. Sein Mund war für immer stumm ... Da überkam mich eine Angst, die mir beinahe den Verstand geraubt hätte. Es war mir, als hörte ich rufen: Johanni Dschembana ist ein Mörder! Wer Blut vergießt, dessen Blut soll wieder vergossen werden! Ich, der ich dem weißen Vater in Jaunde versprochen hatte, gut zu bleiben, ich war nun so schlecht geworden, indem ich einem Menschen das Leben genommen hatte. Ich, der Christ, der ich das heilige Gotteswasser der Taufe erhalten hatte, war zum Mörder geworden und glaubte schuld daran zu sein, daß der Getötete nun ewig im Höllenfeuer brennen müsse. Solche und ähnliche Gedanken gingen mir durch den Kopf und verwirrten mich immer mehr, so daß ich in meiner Angst nicht mehr wußte, was ich tat. Ich lief davon, ohne recht zu wissen wohin. In den ersten Tagen verbarg ich mich im Gebirge, mitten im tiefsten Gehölz und fürchtete bei jedem Geräusch, irgendeinem Menschen zu begegnen. Im Schlafe wachte ich auf und hörte die Stimme, die mir zurief: Du bist ein Mörder! Die ersten Tage nach jener unglücklichen Tat waren dunkler und schwärzer als die dunkelsten Nächte. Ich war wie von Sinnen und nahe daran, zu verzweifeln. Ohne Ruh und Rast lief ich von Ort zu Ort, erschrak vor meinem eigenen Schatten, zitterte bei jedem Geräusch, fieberte wie ein Kranker, stöhnte wie ein Angstgequälter, sah vor mir das Bild Kains, der seinen Bruder Abel erschlug und dann unstet mit dem Fluch Gottes beladen umherzog, hörte sogar die Stimme Gottes oder glaubte die Worte zu hören: ,Weil du deinen Bruder erschlagen hast, darum sei verflucht.' Der Fluch dieses Mordes lastete schwer auf mir. Mein Vater! Ich kann dir mein damaliges Unglück und meine Angst nicht in Worten schildern. Ich floh von der Stelle des Mordes, und doch kam ich immer wieder dahin zurück, ohne daß ich es wollte. Es war mir, als hätte das Blut des Erschlagenen mich mit unwiderstehlicher Gewalt angezogen. Halbe Nächte saß ich an der Mordstelle, und obschon ich von dort fliehen wollte, vermochte ich es nicht. Ich vermeinte den Toten zu sehen, wie er mich mit vorwurfsvollen, feurigen Blicken anstierte, und doch konnte ich meinen Blick nicht von ihm abwenden. Wie lange dieser Zustand der Verzweiflung gedauert hat, weiß ich nicht. Ich wurde immer elender, schwächer, armseliger. Die schlechte Wurzelkost gab mir keine Kraft, und ich wäre gestorben, wenn mir nicht endlich in meiner größten Angst, als ich gerade wieder auf der Mordstelle saß, das Wort in den Sinn gekommen wäre, das der verlorene Sohn gesprochen hat: Mein Vater, ich habe gesündigt vor dem Himmel und vor dir." Dieses Wort, mein Vater, hat mich gerettet. Ich stammelte es leise vor mich hin, zehnmal, hundertmal, ja noch öfter. Und je öfter ich es sagte, desto ruhiger wurde ich. Ich besann mich auf meinen Vater im Himmel. Den hatte ich seit dem Unglück ganz vergessen. Ich erinnere mich des schönen Gebetes: ,Vater unser, der du bist in dem Himmel.' — Ich fühlte, daß ich auch eine Mutter hatte: .Heilige Maria, Mutter Gottes,' kam es mir in den Sinn, und dann fügte ich hinzu: .Bitte für mich armen Sünder jetzt in meinem großen Unglück und in der Stunde meines Todes. Amen.' — Ich konnte wieder beten, und mit dem Beten wurde ich ein anderer Mensch. Ich floh von der Stelle des Unglückes und kehrte nun nicht mehr dahin zurück. — Der Bann war gebrochen. Die schwere Last war von mir genommen, meine Ruhe, mein Verstand, meine Gedanken, meine Erinnerungen an die Mission in Jaunde und an den weißen Vater kehrten wieder zu mir zurück. Die dunkle Nacht der Verzweiflung erhellte sich immer mehr und mehr. — Da erinnerte ich mich eines Tages, daß ich in Biamba vom Geisterreich, vom Geistersee und von der Geisterhöhle gehört hatte und daß ich dahin hatte zur Jagd gehen wollen; ich erinnerte mich, daß man gesagt hatte, daß kein Biarnbamann es wagen würde, das Geisterreich zu betreten, ja ihm nur nahe zu kommen. So suchte ich den gefürchteten Ort auf, fand den Geistersee und die Geisterhöhle, und von da an hatte ich eine Wohnung, in der ich Schutz vor den Unbilden der Witterung und Sicherheit vor den wilden Tieren und vor den Menschen fand. Ich fürchtete die Menschen und war froh, einen sicheren Ort gefunden zu haben. — Das einsame Leben war anfangs recht schwer. Ich nährte mich von Wurzeln, Wald-früchten, Insekten und von dem Wild, das der Wald mir bot. Ich war mit mir und meinen Gedanken allein, beinahe noch einsamer als die Tiere des Waldes. — Mein Katechismus, den ich bei meiner Abreise aus Jaunde mitgenommen hatte und den ich fast überall in meiner Rocktasche bei mir trug, wurde mein Trost. So las und lernte ich, dachte über das Gelesene nach und rief mir alles wieder ins Gedächtnis zurück, was ich in Jaunde über Gott und den Himmel und die Seele gehört hatte, und verscheuchte so die Langeweile der vielen Regentage. Am Leben Jesu und der Mutter Maria fand ich viel Gefallen. Auch dachte ich viel und gern an den heiligen Einsiedler Johannes, dessen Namen ich trage und von dem mir der weiße Vater in Jaunde erzählt hatte. Nach seinem Vorbilde wollte mich ich in der Einsamkeit dieses Gebirges als ein Büßer leben. — Noch etwas gab mir Trost und Freude in meiner Einsamkeit. Beim Abschied hatte P. Woltring in Jaunde mir manche guten Worte mit auf den Weg gegeben und auch einen Rosenkranz, den ich jetzt erst recht beten und lieben lernte. Zwischendurch richtete ich nach und nach meine Höhle etwas wohnlicher ein, teilte sie in einen offenen Vorraum und einen für die kalten Regentage und die kühlen Nächte ver- schließbaren Wohnranm ab, zimmerte mir mit einem Gewehrmesser (Seitengewehr) ein Bett, einen Tisch und eine Bank, dann zerfaserte ich die frischen Blätter der Wasserpalme und begann mir einen Webstuhl zu verfertigen, wie man ihn in jedem Hause der Schwarzen antrifft. Diese Beschäftigungen machten mir Freude; die Zeit ging dahin wie im Fluge, während mir vorher die Tage ob des ewigen Grübelns unendlich lang geworden waren. Als meine Soldatenkleider immer schlechter wurden, machte ich mir Lendentücher aus Baumfasern, wie dies viele Negerstämme tun. In Biamba und auch an anderen Stellen hatte ich gesehen, wie man Lanzen, Messer, Hacken und sonstige Dinge ans Eisensteinen herstellt, ohne aber daran gedacht zu haben, das Schmieden zu lernen, um es später selber zu tun. Ich suchte die Gegend nach Eisensteinen ab und fand deren in großer Zahl. Zum Schmieden aber fehlten mir die Holzkohlen, die Werkzeuge und das Windholz (Blasebalg). Und doch mußte es gehen. Tag und Nacht beschäftigten sich meine Gedanken mit einer Schmiede. Ich versuchte dies und jenes, verlor den Mut und kehrte doch wieder von neuem zu meiner Beschäftigung zurück, und endlich gelang es mir, ein Buschmesser herzustellen, das zwar nicht gerade schön, aber doch brauchbar war. Ich schmiedete weiter und fertigte mir Lanzen, Pfeilspitzen, Angelnadeln, Hacken und sonstige Werkzeuge an. Nun war auch die Zeit gekommen zur Herrichtuug einer Farm. Es dauerte zwar lange, bis ich drüben in dem dichten Wald Gestrüpp und Lianen im weiten Umkreis abgehauen hatte. Als sie trocken waren, zündete ich sie nachts an, damit man meine Anwesenheit nicht merkte. Die einzelnen Bäume brachte ich nach und nach durch anhaltendes Feuer zum Fallen, und dann ging ich ans Bearbeiten des Bodens. Es kostete manchen Schweißtropfen, aber ich erreichte mein Ziel. Das Feld war bestellt, und so entschloß ich mich eines Tages, in der folgenden Nacht den Feldern der Biambaleute einen Besuch zu machen. Ich glaubte, ohne zu stehlen, mir die nötigen Sämereien und Pflanzen von dort holen zu dürfen und mein Feld mit Mais, Durra, Jams, Malabo und Pfeffer zu bepflanzen. Alles wuchs und gedieh vortrefflich in dem schwarzen, mit all der Asche gedüngten Waldboden. Mit jener Zeit hatte die Not meines Einsiedlerlebens ein Ende. Bis auf ben heutigen Tag hat mir nichts gefehlt. Im folgenden Jahr baute ich mir diese schöne Farmwohnung, in welcher ich mich beschäftigte, wenn der Regen mich bei der Feldarbeit überraschte. Da der Weg um den See herum mir beim Heimschaffen der Ernte zu weit und zu beschwerlich schien, machte ich mir einen Nachen, um darin über den See zur Höhle fahren zu können. Der erste war nicht gut, er hing stark zur Seite und war zu gefährlich. Ich höhlte deshalb einen andern Baumstamm aus und arbeitete langsamer, aber sorgfältiger, bis ich endlich die Überhand, da ich daran dachte, daß die Missionäre vorhatten, immer weiter ins Land der Schwarzen vorzudringen und überall die neue Gotteslehre zu verkünden. Vielleicht, so sagte ich mir, kommt auch eines Tages ein Missionär in diese Gegend und findet das Holzkreuz. Ich dachte bereits daran, welche Freude es für mich sein würde. Zwar sind mehrere Jahre seitdem vergangen, so daß ich kaum noch an die Erfüllung meines Wunsches zu denken wagte, doch heute ist er in Erfüllung gegangen. Der gute Vater im Himmel hat mich nicht vergessen, groß ist meine Freude, da ich wieder ganz glücklich ob des Gelingens die erste Fahrt zur Höhle unternehmen konnte. Ich hätte beinahe vergessen, zu erzählen, wie ich auf den Gedanken kam, das Holzkreuz oben hoch über dem Felsen zu errichten. Diesem Kreuz verdanke ich es ja, daß ihr mich gefunden habt und werde mich in Zukunft immer daran erinnern, wenn ich es anichaue. Ich hatte in Jaunde und Duala gesehen, daß die Missionäre ein Holzkreuz auf der höchsten Spitze des Gotteshauses aufgestellt hatten. Ich pflanzte nun auch ein Kreuz hoch oben auf dem Felsen auf, daß man es weithin sehe. Zuerst kamen mir Bedenken, wegen der Biambaleute, die vielleicht auf den Gedanken kommen könnten, daß es von einem Menschen aufgerichtet worden sei, aber schließlich gewann die frohe Zuversicht Menschen sehe, und daß ich vor allem das Glück habe, den weißen Vater bei mir zu haben. Nun kann ich wieder ganz glücklich und froh sein. Ich möchte beichten und die Lossprechung von meiner schweren Tat und von meinen sonstigen Fehlern und Sünden erhalten. So, mein Vater, meine Geschichte ist nun zu Ende." Unterdessen war es spät geworden. Wie im Fluge waren die Stunden enteilt und doch schienen den dreien noch Stunden notwendig, um alles zu erfragen und alles zu erzählen. Der Spätnachmittag drängte zum Aufbruch. Gern hätte der Pater den Einsiedler mit nach Biamba genommen, aber Dfchembana bat, in seiner Einsamkeit bleiben zu dürfen. Er wolle sich —• sagte er — gut vorbereiten auf die heilige Beichte und die heilige Kommunion, die er am folgenden Tage aus der Hand des „weißen Vaters" zu empfangen hoffe. Schüchtern und in geradezu kindlicher Art fragte er diesen, ob er nicht die nächste heilige Messe in seiner Einsamkeit feiern wolle, oder ob ihm der Weg zu weit sei. „Diesen Wunsch erfülle ich dir gern", antwortete gerührt der Missionär. „Ich werde kurz nach Sonnenaufgang von Biamba aufbrechen und hier vor deiner Farmhülte das heilige Opfer feiern und dir die heilige Kommunion reichen. Auch will ich versuchen, wenigstens den Häuptling zu bewegen, der heiligen Feier beizuwohnen." Zu Tränen gerührt dankte Dschembana und versicherte, daß er nie so glücklich gewesen sei wie in diesem Augenblick. Dann nahmen der Pater und Katur Abschied von ihm und eilten, vor Sonnenuntergang und Dunkelheit noch den begangenen Waldpfad am Saume des „Geisterreichs" zu erreichen. Der Einsiedler aber flüchtete sich in seine Felsenhöhle, warf sich zu Füßen des Krenzbildes und schickte innige Dankgebete gen Himmel. Dann bereitete er sich auf die heilige Beichte vor: Da fand er so viel an sich, was sündhaft war und worüber er sich anklagen wollte: Die lange Zeit seines Soldatenlebens; die schwere Mordtat; daß er sich Tage lang der Verzweiflung hingegeben und nicht sogleich in Reue und Demut zum guten Vater im Himmel gebetet hatte. Auch über die Zeit seines fünfjährigen Einsiedlerlebens hielt er strenge Rechenschaft mit sich selber. Soviel Mängel und Fehler, soviel Schwachheiten und Sünden, soviel Böses entdeckte er, daß er an kein Ende kam. Immer aufs neue schlug er dabei voll tiefer Reue an seine Brust und sagte: „Mein Vater, ich habe gesündigt vor dem Himmel und vor dir! Sei mir armen Sünder gnäb'g!" Tief in der Nacht erst erhob er sich und flüchtete vor der Kühle der Nacht in das Innere der Höhle. Schnell schürte er das Feuer, daß es den Raum erhellte und erwärmte. Betend und betrachtend brachte er die Nacht zu. Seine Freude war so groß, daß er gar nicht ans Schlafen dachte; sein Herz jubelte ob des unerwarteten Glückes, seine Seele strömte über vor lauter Dankbarkeit. Er konnte das Übermaß der Freude kaum fassen. P. Klinkenberg und Katur erreichten erst spät Biamba unv das Häuptlingsgehöft. Die Dunkelheit der Nacht hatte sie auf dem Wege überrascht. Der Weg durch den Wald war beschwerlich gewesen und nur langsam tastend und suchend war man endlich ans dem Wald herausgekommen. Der Häuptling und seine Leute hatten in größter Aufregung und Besorgnis auf die beiden gewartet; nun sie so lange ausblieben, war allen klar geworden, daß ein Unglück geschehen sei: „Der Weiße kommt nicht mehr lebend zurück! Die Geister haben ihn in den Geistersee hinabgezogen", sagten die Leute. „Weshalb hat er nicht auf mich gehört", warf Budangi dazwischen. „Gewiß hat er auch Katur mit ins Geisterreich genommen. Auch ihn werden wir nicht mehr wiedersehen. Mein armer Katur, hätte ich dich doch nicht mitgehen lassen!" Budangi war ganz traurig und niedergeschlagen, verwünschte sich, daß er so töricht gewesen war, den Weißen auf die Felskuppe zu begleiten, und tat den feierlichen Schwur, niemals mehr einem Fremden zu einem solchen Ausfluge behilflich zu sein. Ein Bigmann glaubte bemerken zu müssen, daß die Geister auch nicht vor einem Weißen zurückschreckten. Der Zauberer Gandem aber triumphierte: „Der Weiße wollte uns eine neue Lehre bringen und hier im Dorfe ein Gottesgehöft bauen. Er wollte mehr wissen als wir Zauberer. Gewiß hätte er unsere alten Gebräuche abgeschafft und an ihre Stelle diejenigen seines Landes gesetzt. Mir gefiel nicht das allzu große Lob, das Katur dem Weißen schenkte und das euch alle für ihn einnahm. Er hätte unserm Stamm Verderben und Unheil gebracht: der Häuptling hätte seine Macht verloren, statt seiner hätte der Weiße hier geherrscht. Wir alle wären seine Sklaven geworden; auch uns Zauberern hätte er den Krieg erklärt und uns zu vernichten gesucht. Daher wollen wir uns freuen, daß die Geister uns vor ihm beschützt und ihn in den See hinabgezogen haben." Aus seinen Worten sprach der Haß; der Zauberer hatte ganz richtig int Missionär seinen Hauptfeind erkannt und verkündete es offen. Die Leute redeten hin und her. Man sprach schon davon, die Geister durch Opfer zu versöhnen, da sie gewiß durch das Eindringen des Weißen 'in ihr Reich schwer erzürnt seien — als plötzlich die beiden Totgeglaubten unter sie traten. Ihre Kleider waren zwar über und über beschmutzt und selbst an Gesicht und Händen sah man die Spuren der hin und her schlagenden Zweige, aber sie lebten und kamen lebend aus dem Geisterreich zurück, Unbeschreiblich war die Wirkung dieses plötzlichen Erscheinens. Wenn ein Toter aus dem Totenreich zu den Lebenden zurückkäme, wenn ein längst Begrabener aus dem Grabe stiege, das Erstaunen könnte nicht größer sein, als es in diesem Augenblick war. „Der Weiße kommt zurück", flüsterten sie sich zu. — „Ja, wahrhaftig, er lebt noch", sagte haßerfüllten Blickes Gandem, der Zauberer. —- „Ja, der Weiße ist da und Katur auch", rief freudig erregt der Häuptling, als er sich von seinem ersten Schrecken erholt hatte. — „Weißer", sagte er dann, „wie froh bin ich, daß du zurückkommst. Hättest du auf meine Bitten gehört, dann wäre uns viel Sorge und dir ein vergeblicher Gang erspart geblieben. Nun aber wirst du wohl alle Lust verloren haben, noch einmal einen solchen Versuch zu machen. Schau, wie dein Kleid aussieht." „Was meinst du mit dem unnützen Versuch, Häuptling?" — „Nun, du wolltest doch diesen Morgen zur Geisterhöhle?" — „Ja, so sagte ich, und ich hab's ausgeführt. Wärst du mit mir gegangen, dann hättest du dich davon überzeugen können, daß es dort keine Geister gibt." — „Wie? Daß es dort keine Geister gibt? Deine Rückkehr zeigt mir doch an, daß du nicht dort warst, sonst sähen wir dich jetzt nicht lebend unter uns." ■— „Daß ich nicht dort war? Ha, ha! Wer sagt dir das? Ich war dort und komme soeben aus dem Geisterreich zurück." — „Weißer, du machst dich über uns lustig. Das kann doch nicht sein, das ist doch ganz unmöglich. Du wärest nicht mehr heimgekehrt." — „Und doch ist es so, wie ich sagte. Ich war dort und wie du siehst, kehre ich lebend zurück. Ich stand am Ufer des Geistersees, fuhr sogar im Nachen darüber, ohne daß die Geister mich hinabzogen." — „Ich weiß nicht, ob ich deinen Worten glauben soll, aber sage mir aufrichtig, ob du wirklich den Geistersee gesehen hast." — „Ja, es ist die volle Wahrheit: Ich sah den Geistersee und bin über ihn gefahren. Ich sah auch die Geisterhöhle und war in ihr. Ich sah aber weder Geister in greulichen noch in schönen Gestalten. Eure Ansichten vom Geisterreich sind falsch." — „Nun, es mag ja fein, wie du sagst. Du bist ein Weißer und gewiß haben die Geister vor dir und deinem weißen Gesicht Angst gehabt und sind erschreckt in die Tiefen des Sees hinnbgeflohen. Ein Schwarzer aber würde nicht lebend heimkehren." — „Wärst du mitgegangen, Häuptling, dann wäre auch dir nichts geschehen. Ich denke, daß du mich morgen früh dahin begleitest. Ich bitte dich darum." — „Soll ich freiwillig in den Tod gehen? Nein, ich gehe nicht mit; ich würde sterben vor Angst." — „Daß deine Angst unbegründet ist, wirst du sehen, wenn du dich einmal mit eigenen Augen überzeugt hast, daß im Geisterreich alles mit natürlichen Dingen zugeht. Wenn aber du mich morgen nicht begleiten willst, dann wird ein anderer mitgehen und mir die Last tragen, die ich dort notwendig gebrauchen muß." „Gut! Wenn jemand mitgehen will, dann mag er es tun, aber ich bin sicher, daß du niemand stndest. Frage nur die Leute hier!" — „Doch, mein Vater", sagte nun Katur, „ich werde mitgehen. Ich fürchte die Geister nicht. Es wird mir morgen ebensowenig Übles zustoßen wie heute, als ich mit dem Weißen im Geisterreich war, den See sah und in die Geisterhöhle eintrat." Nun staunten Budangi und seine Leute erst recht. Sie konnten es nicht glauben, bis dann endlich Katur von der Reise ins Geisterreich, vom Geisterste, von der Geisterhöhle und von dem Bewohner des Geisterreiches erzählte. Er schilderte alles so lebenswahr und anschaulich, daß die Zweifel der Zuhörer allmählich verschwanden. Als Katur geendet, wurden unzählige Fragen gestellt, aber erst nach langem Zuspruch gelang es, den Häuptling zu überreden, am morgigen Tag bei Sonnenaufgang mit ins Geisterreich aufzubrechen und den Einsiedler zu besuchen. Unterdessen war es wohl elf Uhr geworden. Katur bereitete schnell ein einfaches Abendessen, damit der Pater noch vor Mitternacht etwas essen könne. Zum Glück waren noch frische Eier von gestern übriggeblieben, die der Häuptling in einem schön geflochtenen Körbchen mit. Bananen, Hühnern, Maismehl und Palmwein herübergeschickt hatte. Sie hatten beide guten Hunger, und nachdem sie gegessen hatten, gingen sie kurz nach Mitternacht zur Ruhe. Der Missionär freute sich auf den morgigen Tag und die schöne Feier in der Einsamkeit des „Geisterreichs", von der er sich eine gute Wirkung auf den Häuptling und alle Begleiter versprach. Der so tief eingewurzelte Geisterglaube der Biambaleute sollte morgen einen gewaltigen Stoß erhalten und dem Christentum die Wege bereitet werden. Der rührige Missionär konnte lange Zeit nicht einschlafen, seine Freude war zu groß, und überdies dachte er darüber nach, welche Worte er bei der heiligen Handlung an die Leute richten wollte. (Fortsetzung folgt.) Eigentümer, Herausgeber und Verleger: Kongregation der Missionäre Söhne des heiligsten Herzens Jesu. Verantwortlicher Schriftleiter: P. Al. Wilfling, Missionshaus Graz, Paulustorgasse 10. — Universitäts-Buchdruckeret „Styria" in Graz.