Sonderabdruck aus der Monatsschrift «Die Erdbeben\varte», Nr. I, 2, 3, 4, V. Jahrg., 1905/6. Pietro Tacchini. Kurz nach der Laibacher Erdbebenkatastrophe hatte ich das Glrick gehabt, mit einem selten vornehmen Manne der Wissenschaft in regen wissen- schaftlichen Verkehr zu treten, es war dies P. Tacchini, Direktor der Zen- trale fur Meteorologie und Geodynamik in Rom, der mir bei der Griindung der Laibacher Erdbebenwarte hilfsbereit mit seiner reichen Erfahrung zur Seite gestanden und einen ausfuhrlichen Bericht mit Vorschlagen uber die Wahl der Von da an hat Instrumente in " unsere Warte der entgegen- sich stets des kommendsten grofiten Inter- Weisezut'Ver- _ essesvonseiten breitet wurde. serer Erdbe- benwarte seiner Freude Ausdruck gegeben. Als ich dann im Jahre 1897 die Reise nach Italien angetreten, da zahle ich die Tage, die ich in Rom bei dem mir unvergefilichen Direktor Tacchini verbrachte, zu den schonsten und lehrreichsten meiner Studienreise. Tacchini hat sich mir ganz gewidmet und mit sichtlicher Freude hat er den Novizen in die Geheimnisse seiner Wissenschaft eingefuhrt. Ich konnte, wie ich es mir sehnlichst wiinschte, den ganzen Erdbebendienst an der Zentrale unter der Fuhrung des Direktors und seines Vorstandes der Abteilung fflr Seismologie, Dr. Agamennone, kennen lernen. Erdbebenmefi-Instrumente gab es in den Kellerraumlichkeiten und M i GVjOOi^ im Turme des Coilegio romano in reichlicher Menge zu sehen. Oben an- gekommen, ftihrte mich Tacchini noch auf die freie Plattform des Turmes, \vo die Windfahnen angebracht sind und von wo aus sich dem Bescbauer ein herrlicher Rundblick auf die ewige Stadt eroffnet. Von der Plattform aus zeigte er mir die Kuppel der Sternwarte, wo er seinen Lieblings- studien, den Sonnenforscliungen, nachgehe. Es war ein giinstiger Augen- blick, den ich da unbemerkt erhaschte, um mir ein Andenken fiirs Leben aus Rom mitzunehmen, ein Bildchen des von mir so hochverehrten Tac¬ chini, wie er eben in jovialer, herzgewinnender Weise, in einer ungezwun- genen Haltung an der Brilstung des Turmes lehnend, mit mir plaudert. — Auch den Abend widmete mir Tacchini. In den weiten Raumen seiner Amtswohnung, vielleicht in dem ehemaligen Refektorium des Jesuiten- klosters des Coilegio romano, empfing er mich, wo wir nach dem Abend- tische noch lange, lange beisammenblieben. Da konnte ich wohl alle Einzel- heiten erfahren, wie ein so grofies wissenschaftliches Institut, welches doch eigentlich eine Schopfung Tacchinis war, nach vielen harten Kampfen das geworden, was es heute ist — ein musterhaft eingerichtetes Zentralinstitut. Ich hatte mir dariiber gern Notizen gemacht, allein Tacchini vertrostete mich, er werde alles, soweit es interessieren kann, selbst niederschreiben und es mir vor der Abreise tibergeben. Tacchini hat sein Wort gehalten und so bin ich dann in den Besitz seines 10 Bogenseiten langen Manu- skriptes gelangt, welches den Werdegang des italienischen Zentralinstitutes 1 ausfiihrlich behandelt. Noch einmal hatte ich im Leben das Gltick, mit Direktor Tacchini fur einige Tage zusammenzutreffen, es war dies gelegentlicli des italienischen Erdbebenforscherkongresses in Brescia. Damals lud ich Tacchini, als die Seele der italienischen Erdbeben- forschervereinigung, ein, den nachsten KongreC in Laibach abzuhalten. Tacchini meinte, der Plan, so sehr er ihm sympathisch sei, sei in dieser Art nicht zu verwirklichen, da die Kongresse wohl nur in Italien abgehalten werden konnen, aber es liefie sich wohl ein Ausweg finden: der Kongrefi tagt in Italien und darauf konnte eine gemeinsame Studienreise nach Laibach unternommen werden. Tacchini war es leider nicht gegonnt, noch einmal die Erdbeben- forscher Italiens um sich zu vereinigen. Wie schon durch die Trauerbotschaft angezeigt wurde, schlofi Tacchini sein mtides Auge am 24. Marž in Spilam- berto, unweit seiner Geburtsstadt, wo er sich seit einigen Jahren zur dauernden Ruhe niedergelassen. Italien betrauert in ihm einen seiner besten, schaffensfreudigsten Manner und die Wissenschaft den eifrigsten, unermtidlichsten Junger. 1 Zum Teile wurde dieses Manuskript beniitzt bei der Abfassung des Artikels: Ein Erinnerungsblatt, gewidmet der Soc. Sism. It&liana. — Erdbebenwarte, Jahrgang IV. Seite 165 — 171. Pietro Tacchini. 3 Tacchini war in erster Linie Astronom, seine erste Tatigkeit ent- faltete er auf der Stermvarte seiner Heimat in Modena, dann in Palermo und Rom. Insbesondere seine spektroskopischen Arbeiten waren mustergultig. Er grundete einen Verein »Societa degli spettroscopisti italiani*, der Jahr- bilcher herausgegeben hat. Der erste Band erschien im Jahre 1872. Die Jahrgange von 1872 — 1901 enthalten eine groBe Menge von Abhandlungen, die sich hauptsachlich mit den physikalischen Vorgangen der Sonne befassen. Tacchini hatte jedoch eine groBe Anzahl seiner astronomischen Beobach- tungen in den Denkschriften der romischen und franzosischen Akademie niedergelegt. Auch hat sich Tacchini an einer Reihe wissenschaftlicher Expeditionen nach den verschiedensten Weltteilen gelegentlich der Sonnen- finsternisse beteiligt. Schon in Palermo hat sich Tacchini vielfach mit meteorologischen Studien und Arbeiten befaBt, und eine groBe Anzahl klimatologischer Studien veroffentlichte er im Bollettino Meteorologico del R. Osservatorio di Palermo. Im Jahre 1879 organisierte, man kann sagen schuf Tacchini die meteorologische Zentralanstalt in Rom. Uber die Ent- wicklung dieses Zentralinstitutes nebst der Erdbebenzentrale in Rom ist in unserer Monatschrift schon wiederholt ausfiihrlich berichtet worden, so daB hier davon Umgang genommen vverden kann. Tacchinis Verdienst ist es, daB in Italien vor 10 Jahren die Societa Sismologica gegriindet und eine Reihe von Erdbebenwarten ins Leben gerufen wurden, sovvie es auch sein Verdienst war, daB knapp unter dem Aschenkegel des hochsten europaischen Vulkans, am Atna, eine Sternwarte errichtet wurde. Unter den wichtigsten vvissenschaftlichen Arbeiten, welche Tacchini in Italien eingeleitet hatte, waren noch die Vorarbeiten zur Ilerausgabe einer magnetischen Karte von Italien, sowie die Ausfuhrung einer genauen Karte und eines Kataloges des Sternhimmels in der Zone -|- 46° und -j- 55° mit Hilfe der Himmelsphoto- graphie hier anzufuhren. VerhaltnismaBig fruh, wie sein Nachfolger Direktor L. Palazzo in der Biographie des Verewigten berichtet, hat sich der noch arbeitsfreudige Gelehrte von seiner Amtswirksamkeit zuriickgezogen. Er hat das Alter von 60 Jahren kaum erreicht, als er im September 1899 das Amt als Direktor der Zentralanstalt niederlegte, jedoch die Stelle als Direktor des astrono¬ mischen Observatoriums noch bis zum Jahre 1902 ehrenhalber weiterfuhrte, um einige begonnene Arbeiten und Einrichtungen am Observatorium zu Ende zu fuhren. Tacchini fuhlte sich bewogen, seine Amter zuriickzulegen, miBmutig dariiber, dafi der Staat nicht mehr jene Mittel seinen Instituten zur Ver- filgung gestellt hatte, die notwendig gewesen waren, um die Institute auf jener Hohe zu erhalten, zu welcher sie durch Tacchini erhoben wurden. Unbeugsam, wie er war, zog er sich zuruck in der Iloffnung, daB es unter diesem Eindrucke seinem Nachfolger eher gelingen werde, die notwendigen Mittel zu erreichen. 4 Seiner jitngsten Schopfung, der Vereiuigung der italienischen Erdbeben- forschung, ist er noch bis zu seinem Tode als Prasident treu geblieben; es ist sicher, daG dem Lehrer und Meister unserer Wissenscliaft von seiten der in- und auslandischen Fachgenossen ein ehrendes Andenken fur alle Zeiten gewahrt werden wird. Aus der reichen Fulle seiner vvissenschaftlichen Abhandlungen fuhren wir hier einige geophysikalische Abhandlungen an, welche zum groGen Teil in den Rendiconti della R. Accademia dei Lincei in Rom veroffentlicht wurden und welche filr die Erdbebenforscher gewiG von groGem Interesse sein werden: Uber die Fortpflanzung der Luftwellen, hervorgerufen durch die groGe Eruption des Krakatao (1884). 1 Uber die Luftelektrizitatsmessungen an der Zentralanstalt in Rom (1884). Uber die Eruptionen des Vulkans und Stromboli (1889). Uber den EinfluG des Windes auf das Tromometer (1891). Ein Tromometer mit photographischer Registrierung (1890). Die Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Erdvvellen gelegentlich des ligurischen Erdbebens am 23. Februar 1887 (1887). Das Adriatische Beben am 8. Dezember 1889 (1890). Uber den EinfluG der Betvegung in der Stadt und des Windes auf die Erdbebenmesser (1890). Uber die Empfindlichkeit der Seismometrographen (1891). Uber die Aufzeichnungen der Barographen und Seismographen ge¬ legentlich der Explosion des Pulverturmes bei Rom (1891). Uber die Erdbebenaufzeichnung in Rom gelegentlich des Erdbebens von Kalabrien und Messina am 16. November 1894 (1894). Uber die Verschiedenheit der Starke des Erdbebens im Schiittergebiet selbst gelegentlich des Erdbebens von Rom am 1. November 1895 (1895). Uber die Beziehung der Maxima und Minima der Sonnenprotuberanzen und der Maxima und Minima der taglichen Sch\vankungen der magnetischen Dcklinationsnadel 2 (1885). Brfar. 1 Die emgeklammerten Zahlen bedeuten die Jahreszahl der Veroffentlichung. 2 Siehe Erdbebenwarte, Jahrgang III, Seite 76. NARODNA IN UNIUERZITETNA KNJT?Nrro iayr & Bamberg. La : baeh.