Geschichte der c h l i st ! i ch e n K i r ch e von Or. M. Robitsch, Professor der Theologie an der k. k. Uniocrsttiit zu Graß. ° G e schi ch 1 der christlichen Kirche. In populärer Darstellung zur X B e l e h r n n g und E r!i n u u ll g. * Bon Vr. M. Rvbitseh, Professor der Theologie an der k. k. Universität zu G r a tz. Zweite verbesserte Auslage. Mit einem Nachtrage für die Zeit von 1852 bis 1862. SckaMnuLLn F r. H n r t e r ' s ch e B u ch h a n d l u n g. 1 8 6 3. 57364 1 i'i.'!t "s". .. Druck von C. Krebs- Sch mitt in Franlfurt L. M. 1462. Approbation. Dieses Geschichtswcrk, betitelt: „Geschichte der christlichen Kirche — in populärer Darstellung zur Belehrung und Erbauung vom Professor Or. Mathias Nobitsch" — ist im ächt katholischen Geiste, mit edler Einfachheit und solcher Klarheit geschrieben, das; es zur richtigen Orienti- rung im Studium der Kirchengeschichte sehr nützlich erachtet und als beleh¬ rende und erbauende Lectüre besonders Studirenden empfohlen zu werden verdient. Vom fürstbischöflichen Seckauer Consistvrium in Gratz am 13. Juli 1853. Joseph Kramer mp., Dvmprobst. I. Wein Han dl wp. T-ccreiör. n Lel ,L Vorwort. E-mkenntniß oder irrige Auffassung des Wesens der katho¬ lischen Kirche,— und überdieß noch Entstellung und Verleum¬ dung derselben sind die Hauptursachen, daß es auf der einen Seite so viele laue Katholiken, auf der andern so viele er¬ bitterte Gegner gibt. — In den wissenschaftlichen Kreisen ist zwar zur Aufhellung des christlichen Alterthums und zur Berichtigung althergebrachter Vorurtheile in der neueren Zeit Vieles und Treffliches geleistet worden, und ausgezeichnete Gelehrten sind in Folge dessen zur Kirche zurückgekehrt, oder doch günstiger gestimmt worden. — Aber in der unteren Schichte der Literatur, — wie sie in Leihbibliotheken lagert, in Theatern hervortritt, und in Tagblattern, Flugschriften u. dgl. (bloß aus deni Jahre 1848 noch eine wahre Fluth) als Geistesnahrung für die Massen herumgeboten wird, und bierdurch auch in der alltäglichen Cvnversation — behauptet: noch häufig vornehmes Jgnoriren der geschichtlichen Thatsachen, oder deren Zerrbilder, wie sie der blinde Parteihaß geschaffen, die Herrschaft. Die vorliegende Darstellung der, Kirchengeschichte mochte nun etwas dazu beitragen, daß auch in jenen Kreisen, denen die größeren Geschichtswerke nicht leicht zugänglich sind, insbesondere auch bei der studirenden Jugend — rich¬ tige Begriffe über das göttliche Wesen und Leben der Kirche - — VIII — Christi verbreitet werden, — zur Verwahrung gegen die von kirchenfeindlicher Seite beliebte flache oder gehässige Gcschicktsmachcrei, und zur Kräftigung des Hochgefühles: jene^ Kirche anzugehören, die schon in ihrer Geschichte die unwiderleglichsten Beweise darbietct, daß sie Eolles Werk ist, und unter Seinem Schutze steht. Es will demnach dieses Buch alle wichtigeren Erschei¬ nungen aus dem Leben der h. Kirche, — ihre Wirksam¬ keit sowohl, als die Bestrebungen ihrer Gegner, — in bündiger Kürze bei möglichster Vollständigkeit, und in ge¬ meinfaßlicher Darstellung wahr und getreu dem vorurtheils- freien Leser vorführen, um ihn mit der Idee des Reiches Oolles ans Erden vertraut zu machen, und ihn in den Stand zu setzen, seine heilige Mutter, die Kirche, in ihren Kämpfen zu bewundern, in ihren Siegen sich mit ihr zu freuen, an ihren Hoffnungen fick zu stärken, und in treuer Anhänglichkeit an sie verharrend, sich und Andern von seiner kirchlichen Gesinnung Rechenschaft geben zu können,— in der festen Ucberzeugung, daß in Ihr, — und N!ir in Ihr das Heil zu finden sen. Der Verfasser. Vorwort zur zweiten Auflage. Ä^a dieses Werk in den letzten Jahren in mehreren öffent¬ lichen und Privat-Unterrichtsanstalten eingeführt wurde, so erscheint die nöthig gewordene zweite Auflage mit unver¬ ändertem aber sorgfältig revidirtem Texte; und jene Para- graphc oder Theile davon, die, als minder wichtig, beim Unterrichte beliebig übergangen werden können, sind mit bezeichnet. Der Anhang, der einen Ueberblick über die kirchlichen Ereignisse für die Zeit von 1852 bis einschlie߬ lich 1862 enthält, wird dem Buche in dieser neuen Auflage hoffentlich auch zu neuer Empfehlung gereichen. Gratz, am Neujahrsfeste 1863. Der Verfasser. / Inhalt Einleitung. S-u- 1. Christus und die Geschichte der Menschheit.1 2. Die Kirche.3 3> Die Kirchcngeschichte.5 4. Das Studium der Kirchcngeschichte ...... 6 5. Einteilung der Kirchcngeschichte nach Zeit und Stoff ... 8 Zustand der Welt zur Zeit der Gründung der christlichen Kirche. 6. Die Heiden.10 7. Die Juden. 12 8. Die Vollendung der alten Zeit.l3 Erste Periode. Von der Gründung der christlichen Kirche dis Constantin. Vom Iahrc 33 bis 306. I. Aenßcre Schicksale der Kirche. '9. Gründung der christlichen Kirche.15 10. Wachsthum der Gemeinde zu Jerusalem und ihre Lebensweise . 16 11. Blutige Verfolgung und freudige Weiterverbreitung der Kirche . 17 1L. Paulus.18 13- Beginn der Bekehrung der Heiden.19 14. Die apostolischen Stammkirchen.20 45. Apostolische Reisen des h. Paulus.22 16. Schicksale und Wirksamkeit der übrigen Apostel .... 28 17. Jerusalems Zerstörung.25 18. Das Heidenthum dem Christentum gegenüber. Die Verfolgungen 27 Das Ghristenthnm unter den römischen Kaisern. 19. Nero's und Domitians Verfolgung.28 20. Trajan ..29 21. Hadrian.30 22. Antoninus Pius und Marcus Aurelius.31 23. Commodus, — Septimius Severns.33 24. Caracalla, — Philippus. . 33 — XU — Seite 25. De eins 35 26. Gallus, — bis Diocletian 36 Ä7. 38 28. Schriften heidnischer Philosophen gegen das Christenthum . . 39 II. Geschichte der kirchliche» Lehre. 29. Das Concilium zu Jerusalem .... Die Kirchenväter und kirchlichen Schriftsteller. 30. Vorbemerkung Die apostolischen Later. 31. Barnabas, Hermas, Clemens von Rom 32. Ignatius 33. Polykarpus Die h. Väter der uachapostolischcn Zeit. 34. Justinus 35. Irenäus 36. Gregorins Thaumaturgus . . . . . 37. Cyprian Kirchen - Schriftsteller. 38. Clemens der Alexandriner. Die Katechetcnschule . . - - 39. Origenes . 40. Tertulian , Kirchliche Streitigkeiten. 41. Vorbemerkung ' 42. Streit über ein tausendjähriges Reich Christi . . - - 43. Streit über die Ostcrseier ' 44. Streit über die Kctzertause 15. Kirchenspaltungen zu Carthago und Rom Ketzereien dieser Zeit. 46. Irrlehren durch Vermischung heidnisch-jüdischer Lehren mit den christlichen. — Simon der Zauberer . . . - 47. Ccrinth . 48. Die jndaisirenden Sectcn. — Nazaräer und Ebionitcn . 49. Dualistische Seelen. — Gnostiker 50. Manichäer 51. Die schwärmerische Secte der Montanisten . 52. Die rationalistischen Serien der Antitrinitarier in. Emrichtmig der christliche» Kirche. 59 59 61 64 65 53. Versassnng der Kirche. Primat . 54. Diakonen, Priester, Bischöfe — XIll — Seite 5!). Die mindern Kirchenämtcr -.^0 56. Gottesdienst. - ' 57. Ort und Zeit des Gottesdienstes.72 Ausspcnbung der heiligen Saeramcnte. 58. Taufe.. . - - - '4 59. Das Sacrament der Buße . . . . - - - - 60. Die übrigen heiligen Sacramente . . . . . .76 61. Anbei e heilige Gebräuche ..... - ^7 62. Die christliche Aseese und der Cölibat der Geistlichen ... 79 Zweite Periode. Von Constantin bis Konifacius, Len Apostel der Dentschrn. Vom Jahre 306 bis pun Anfänge des 8. Jahrhunderts. I. Aeußcre Schicksale der Kirche. 63. Die Regierung der sechs Kaiser.81 64. Eonstantin's Bekehrung.82 65. Maximinus Daja und LieiniuS.84 66. Constantin's Verfügungen in Betreff der Kirche .... 84 67. Julian der Abtrünnige.85 68. Julian's Anstalten zur Belebung des Heiden- und Unterdrückung des Christenthums.87 69. Allmäligcr Untergang des Hcidenthums.89 70. Fall des abendländischen römischen Reiches.90 71. Ausbreitung des Christenthnms in Asien und Afrika . .92 72. Ausbreitung des Christenthums in Europa.93 73. Das Christenthum in Noricnm und Pannonien .... 96 sU. Muhamed.98 75. Der Islam und seine Verbreitung . . . . . AI 99 II Geschichte der kirchlichen 2chrc. 76. Heilige Väter ..101 77. Athanasius. 102 78. Hilarins .102 79. Basilius ..... 103 80. Gregor von Nazianz. 104 81. Joannes Chrhsostomus . . . . . 105 82. Ambrosius. ... 106 83. Hieronymus. .107 84. Augustinus ..... .109 '85. Leo der Große.111 86. Gregor der Große. .111 87. 'Kirchenschriftsteller.112 — XIV — Seite Spaltungen »nd Irrlehre». 88. Die Donalisten - - 89. Die arianische Irrlehre 90. Concilium von Nicäa 91. Die weiteren Umtriebe der Arianer 92. Die Macedonianer und das zweite allgemeine Concilium 93. Der Apolinarismus 94. Nestorius. Concil zu Ephesus 95. Euthches. Concil zu Chalcedon 96. Der Dreicapitelstreit. Fünfte allgemeine Synode 97. Die Monotheleten 98. Weiterer Verlaus des Monothelctismus. Sechste allgemeine Synode 99. Der Manichäismus. — Priscillian 100. Der Pelagianismus 101. Jovinian und Vigilantius 102. Streit über Origenes 112 114 115 116 118 119 119 121 122 123 124 126 127 129 129 III. Einrichtung der Kirche. 103. Vorbemerkungen 104. Die Hierarchie 105. Wahl der Kirchenobern - - - - ' 106. Der Unterhalt des Clerus . - - - 107. Gottesdienst Das Mönchthum. 108. Asceten und Einsiedler - - - 109. Mönchvereine . 110. Weitere Ausbreitung des Mönchthums 111. Simeon Stylites . 112. Der heilige Benedict . - - 113. Der Cölibat 130 131 133 134 l35 136 137 140 14l 142 143 Dritte Periode. Uan Donifacius bi» Papst Gregor VII. Uom Anfänge des 8. Mhe hunderts bis 1073. I. Reichere Schicksale der Kirche. 114. Bonifaeius, der Apostel Deutschlands - ' ' ' 115. Carl der Große und seine Wirksamkeit für die Kirche . 116. Belehrung der Sachsen .... 117. Bekehrungen im Norden Europa's 118. Wirksamkeit der Salzburger Kirchenvorsteher 119. Das Christenthum unter slavischen Völkern . 120. Die Slavenapostel Cyrillus und Methodius . . 148 . 149 . 150 . 151 XV Seite 121. Das Christentbum in Polen, Rußland und Ungarn . . . 153 122. Die Normannen.^54 II. Geschichte der kirchlichen Lehre. 123. Kirchenschriststeller. 155 Lehrstrritigkeiterr und Ketzereien. 124. Adoptianismus.150 125. Paulieianer. - 157 126. Der Bildersturm.153 127. Wiederherstellung der Bilder. Zweites Coneil zu Nicäa . - 16«) Die griechische Spaltung. 128. Das „Miogus" im Symbolmn. . 161 129. Photius.162 130. Fortsetzung. Das achte allgemeine Coucilium . . . . 163 131. Ausbruch der Trennung.. 165 Abendmahls - Streitigkeiten. 132. Paschasius Radbertus.166 133. Berengarius. . . .167 III. Einrichtung der Kirche. 134. Die päpstliche Macht. .169 135. Entstehung des Kirchenstaates.170 136. Wiederherstellung des abendländischen Kaiserthums und dessen Ver¬ hältnis zum Papstthume.172 137. Der päpstliche Stuhl in den Zeiten des dnuklen 10. Jahrhunderts 173 138. Neue Bestimmung über die Papstwahl. Cardinäle . . . 175 139. Die Metropoliten und die Bischöfe.175 140. Einführung des gemeinsamen Lebens der Geistlichen . . . 176 141. Archidiaconen.177 142. Gottesdienst. Festtage. Heiligsprechung.178 143. Bußdisciplin, Exeommunication und Jntcrdiet .... 179 144. Sendgerichte. Gottessriede.180 145. Ordalien. 181 146. Klosterwesen.182 147. Cölibat.183 Vierte Periode. Vom Papll Gregor VII. bi» zur sogenannten Reformation 1073-1517. l. Aeußerc Schicksale der Kirche. 148. Vorbemerkung.185 149. Kreuzzüge.185 XVI 150. Fortsetzung.187 151. Die Ritterorden. 190 152. Folgen der Kreuzzüge ..191 153. Ausbreitung des Christcnthnms ...... 192 II- Geschichte der kirchlichen Lehre. 154. Heilige Väter.. . 193 155. Scholastik und Mystik . ..194 1.56. Kirchenschriftsteller ......... 195 157. Universitäten .. 197 Irrlehren i» der griechischen Kirche. 158. Bogomilen..198 159. Schwärmer in den Klöstern auf Athos.199 Ketzereien im Abcndlande. 160. Vorbemerkung ..199 161. Fanatische Männer in Frankreich und den angrenzenden Ländern 200 162. Katharer, oder neue Manichäer ..201 163. Waldenser.202 164. Albigenser-Krieg.203 165. Das vierte lateranensische Concil ...... 204 166. Inquisition.205 167. Fortsetzung. Die Inquisition als stehendes Glaubensgericht . 207 168. Die spanische Staats-Inquisition ...... 209 169. Kleinere Secten ......... 210 170. Wiclef.211 171. Hus.213 172. Hus auf dem Constanzer Concil.214 178. Hussiten ........... 216 III. Eiurichtnng der Kirche. Hierarchie. -174. Vorbemerkung . 218 175. Gregor VII. .......... 218 1-76. Heinrich IV. . , ..220 177. Jnvestiturstreit.223 178. Die Hohenstaufen und die Päpste.224 179. Friedrich II. und das erste Concil zu Lyon. — Ende der Hohenstaufen 225 180. Königreiche als päpstliche Lehen.227 181. Papst Bonifacius VIII. und Philipp IV. von Frankreich . . 228 ,482- Verlegung des päpstlichen Sitzes nach Avignon . . . .229 183. Concil von Vienne. Aufhebung de« Tcmplerordens . . . 230 184. Ludwig der Bayer, und die Päpste.231 185. Die abendländische Kirchenspaltung.232 XVII Seite 186. Folgen der Spaltung, nnd Bemühungen, dieselbe zu heben . . 233 187. Coneilinm zu Pisa. 4LL-Concilium zu Constauz. 189. Concilium zu Basel.237 190. Folgen des Basler Concils. Pragmatische Sanction und die deut¬ schen Coucordats.2--8 Die griechische Kirche. 191. Vereinizungsversuche. Zweites Concil zu Lyon .... 239 192. Concil zu Ferrara und Florenz. Untergang des griechischen Kaiser- thnins.240 193. Die unirte griechische Kirche. Bischöfe i» pnrtikus . . - 241 194. Die letzten Päpste dieser Periode. Das fünfte latsranensische Concil 243 195. Cardinale, Bischöfe, Doincapitcl, Archidiaconen .... 244 Gottesdienst. 196. Die Kunst ün Dienste der Kirche. . 245 197. Cnltus. Festtage.246 198. Bußdisciplin.248 199. Neue Orden.250 200. Cölibat. 255 Fünfte Periode. Vom Anfänge de« Protestantismus bis zur Aushebung des Jesuiten-Drdens 1.517 bis 1773. I. Aeußcrc Schicksale der Kirche. 201. Vorbemerkung.257 Ausbreitung des Gbristenthums. 202. Franziscus Laverius . . . . . . . . ' . 258 208. Weitere Schicksale des Chriftenthnms in Japan .... 259 204. Zn Indien.260 305. Das Christrnthum in China.261 206. In Amerika. Paraguay ........ 262 207. Das Institut der Propaganda in Nom ..... 263 II. Geschichte der kirchlichen Lehre. 208. Vorbemerkung.. ^ 263 209. Luther .. 265 210. Der Ablaststrcik.266 211. Luther's Gegner.267 212. Vorkehrungen von Seite Roms.268 213. Die Leipziger Disputation ........ 269 214. Luther's förmlicher Abfall von der Kirche ..... 270 XV m 215. Der Reichstag zu Worms 216. Luther aus der Wartburg; — Stürme in Wittenberg . 217. Die, Reichstage zu Nürnberg 1522 und 1524 218. Einsührung der neuen Kirchenordnung . . - - 219. Der Bauernkrieg . 220. Zwiespalt unter den Glaübensnenerern - - - - 221. Die Reichstage zu Speicr 1526 und 1529. „Protestanten . 222. Der Reichstag zu Augsburg 1580. Schmalkaldischer Bund. 228. Zwingli, der Reformator in der Schweiz . . . . 224. Calvin .... . . . - - Seite . 271 . 278 . 274 . 274 . 275 . 276 . 277 . 278 . 280 . 282 Zug der ncuc» sichre durch Europa. 225. Protestantismus in Schweden, Dänemark und Norwegen . - 288 226. In den Niederlanden Wo 227. In Ungarn und Siebenbürgen 286 228. Protestantisinus in Frankreich 286 229. Fortsetzung. Bartholomäusnacht ..... 289 230. Fortsetzung. Edict von Nantes - 290 Protestantismus in England. 231. Heinrich VIII ' 292 282. Königin Maria 29s 233. Erneuerter Abfall. — Elisabeth 2! 4 234. Puritaner - 296 235. Schottland 296 236. Irland 297 237. Weitere Schicksale der Katholiken in Großbrittanien und Irland . 298 238. Protestantismus in den österreichischen Staaten .... 301 239. Die Gegenreformation in Jnnerösterreich .... 303 240. Der neue und der alte Glaube ...... 305 241. Ursachen der schnellen Verbreitung des Protestantismus . . 307 Writcrr Ereignisse in Deutschland feit der Entstehung des schmal- kaldischcn Bundes. 242. Die schmalkaldischen Artikel ' ' nw 243. Wiedertäufer in Münster 244. Die Doppelehe Philipp's von Hessen . - < - ' ' 245. Nene Gewaltthätigkeitcn der Protestanten .... - ' 246. Schmalkaldischer Krieg. Das Interim 247. Augsburger Religionssriede 248. Streitigkeiten unter den Reformatoren 249. Secten unter den Protestanten. Wiedertäufer, Mennomten, Schwenkfeldianer 250. Antitriuitarier. Socinianer^ 251. Quäker . . ' - - » ' 252. Methodisten 321 253. Die Herrnhuter ' 'E XIX Leite 254. Swedenborgianer . . . ... . . . 323 255. Die Kirchenversammlung von Trient.323 258. Deutsche Zustände nach dem Augsburger Frieden . . . 325 257. Der dreißigjährige Krieg ..327 258. Fortsetzung. Der westphAische Friede.330 259. Vereinigungs-Versuche der Protestanten mit der griechischen Kirche 331 260. Vereinigungs-Versuche zwischen Katholiken und Protestanten . . 333 Theologische Streitigkeiten in der katholischen Kirche. 261. Bajus . . . ' . . . . . . - - 334 262. Molina.335 263. Jansenius .. . 335 264. Die Bulle Unigcnitus . . . . . . . . 337 265. Schisma zu Utrecht ......... 339 266. Pietistische Streitigkeiten in der katholischen Kirche . . . 340 267. Die sogenannten Freiheiten der gallikanischen Kirche . . . 341 III. Einrichtung der Kirche. 268. Wahre Reformation der Kirche.342 269. Das religiöse Leben. Große Kirchenmänner .... 343 270. Die Nachtmahlsbulle .345 Neue L-rdcn. 271. Jesuiten. 346 272. Die übrigen Orden . . . . . ' . . . . 348 Sechste Periode. Zeit der Aushebung des Jesuiten -Drdrns 1773 bis auf untere Zeit. 278. Vorbemerkung. 353 274. Die „starken Geister".353 275. Aufhebung des Jesuiten-Ordens. 355 276. Unglaube in Deutschland. . 359 277. Kirchlich-politische Bewegungen im katholischen Deutschland. Fsbronius. Emsercongreß. Josephinismus .... 362 278. Josephinismus in Toscana ....... 364 279. Französische Revolution.364 280. Folgen der Revolution für den Kirchenstaat. Pius VI. und Pins VII. 368 281. Folgen der französischen Revolution für die Kirche Deutschlands . 377 282. Die deutschen Concordate.375 283. Ordenswesen.376 284. Die neuesten Irrlehren.378 285. Der Protestantismus.381 286. Bibelgesellschaften.. 385 287. Die griechische Kirche.886 XX - Die neueste» Verhältnisse der katholischen Kirche in den verschiedenen 288. Portugal. <'>88 289. Spanien.388 290. Frankreich ..390 291. Die Schweiz ..392 292. Belgien . . . ..395 293. Die katholische Kirche in Großbrittanien und Irland . . . 396 294. Die katholische Kirche in Rußland ..399 295. Die katholische Kirche in Preußen ...... 400 296. Das katholische Oesterreich. . 403 297. Missionen der katholischen Kirche.405 298. Rongeanismus. 406 299. Das Jahr 1848 und die Bersaniiulungen der Bischöfe zu Würzburg und Wien . . ... . . . . . . 409 300. Schluß. 413 Nachtrag. Die Zeit von 1852—1862 415 Reihesolge der Papste.429 Nanien- und Sachregister ..432 Einleitun g. 1. Christus und die Geschichte der Menschheit. Christus ist der Mittelpunkt der ganzen Welt- und M e n s ch e n - G e s chichte. Nachdem sein Herabkommen vom Himmel auf diese Erde durch den Süudenfall der ersten Menschen nothwendig geworden war, konnten die Menschen, die vor Ihm starben, nur in der vertrauungsvolleu Hoffnung auf den Verheißenen: — und die nach seinem Versöhnungstode bis zu seiner einstigen Wiederkunft Lebenden können nur im gläubigen und innigen Anschlüßen an Ihn, Gnade vor Gott und somit ihr Heil finden. „Denn es ist kein an¬ derer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, wodurch wir selig werden sollen." Apostelg. 4, 12. Diese große Wahrheit ergibt sich aus Folgendem: Die h. Schrift zeigt klar und die Vernunft begreift es leicht, daß der Zweck der Schöpfung kein anderer seh, als die Verherrlichung und der Ruhm Gottes; daher auch die Kirche am Schlüsse ihrer Psalmen und Lieder immerfort wiederholt: „Ehre seh dem Vater und dem Sohne und dem h. Geiste." Die seligen Geister im Himmel drücken das aus durch die ewighin tönende Hymne: heilig, heilig, heilig, Jes. 6, 3, und „Lob und Herrlichkeit und Weisheit und Dank, Ehre und Macht und Kraft seh uuserm Gott, in alle Ewigkeit." Offenb. 7, 12. Die Krone der irdischen Schöpfung, der Mensch, soll denn auch die Herrlichkeit und Majestät Gottes verkünden in seinem ganzen Wesen: im Denken, Fühlen, Wollen und Wirken die Macht, Weisheit, Hei¬ ligkeit und Güte Gottes preisen, und hierdurch würdig werden, in die Gemeinschaft jener seligen Geister im Himmel zu gelangen. — Was könnte er auch Würdigeres, Höheres Und Edleres erreichen? — -Die eine Hälfte der Schöpfung verherrlicht Gott unmittelbar dadurch, daß sie ist und wie sie ist; denn die bewußtlose Schöpfung 1 cs bringt uns in Allem das — wenn auch jetzt nach dem Falle viel¬ fach verhüllte — Bild der göttlichen Majestät entgegen. Aber die andere Hälfte der Schöpfung, die freie und bewußte, foll, was der übrige Theil mit stummer Nothwendigkeit vollzieht, mit freier Selbstbestimmung thun. Doch der Mensch bedurfte zur Botlführung dieser seiner großen herrlichen Aufgabe der Leitung — der Erziehung; — und so be¬ ginnt seine Geschichte im Paradiese mit dem, daß Gott ihm zur Uebung seiner edelsten Geisteskraft, — der sittlichen Freiheit, em Gebot gab, — ein leichtes, wie es zu seinem Staude der Unschuld paßte. Aber der Mensch fiel und zwar dadurch, daß er, anstatt Gott zu verherrlichen, sich selbst verherrlichen und Gott gleich sehn wollte! Er wollte werden wie Gott, und ist darum in den Widerspruch mit seinem ganzen Wesen gerathcn. In seinem Innern ist die Erkenntniß des Guten nun getrübt und geschwächt, seine Kraft ist gelähmt, — er ist elend und zur Erreichung seiner Bestimmung unfähig. „Ich unglücklicher Mensch, wer wird mich erretten aus diesem Todeszustaude?" ruft Paulus im Namen der Menschheit aus, und antwortet darauf: „Die Gnade Gottes durch Iesuin Christum unfern Herrn." Röm. 7, 24. 25. Gottes Sohn, — die Schuld des Menschen, nämlich den Mißbrauch seiner Freiheit, von Ewigkeit voranssehend, hat sich auch von Ewigkeit her dargeboten, Mensch und Versöhnungsopfer für die Menschen zu werden, den Menschen Selbst zu erlösen, um ihm dadurch die Erreichung seines Zweckes auf dieser Erde wieder möglich zu machen, — die jedoch jetzt nicht mehr ein Ort der Glückseligkeit und Wonne, sondern nur ein Kampfplatz für ihn sehn kann. So wie also von nun an das Menschengeschlecht seinen Fortbestand der herablassenden Gnade des Sohnes Gottes verdankt, so bezieht sich auch jedes Schicksal desselben, die ganze Geschichte der Menschheit auf Ihn. Alles ward daher vor seiner Ankunft, nach dem nun nöthig gewordenen Erziehungsplane Gottes so geleitet, daß die Menschheit auf seinen Empfang vorbereitet und zu seiner Aufnahme empfänglich gemacht wurde. Sobald er aber persönlich in Mitte der Geschichte aufge¬ treten und als Mensch erschienen ist, kann die Bedeutung der ganzen Geschichte wieder nichts Anderes sehn, als den Reichthum der Gnade und Weisheit, die der Sohn Gottes gebracht, im Laufe der Jahr- Hunderte zur Entfaltung zu bringen. Somit ist die Erlösnngsthat des Sohnes Gottes der große Wendcpunct der Zeiten, und Christus der Mittelpunct der ganzen Wett- nnd Menschengeschichte. Hieraus wird auch klar, was mit den in der h. Schrift ost verkommenden Worten: „Nenes Testament oder neuer Bund" und, Offenb. Ioan. 21, 5: „Siehe, ich mache Alles neu," gesagt werden will. Wie in der zu Christus bekehrten Menschheit, so auch im ein¬ zelnen Menschen sind zwei Lebensperioden zn unterscheiden: die alte Zeit vor Christus, nnd die. neue nach nnd mit Christus. Diese beiden Perioden unterscheiden sich wie Nacht und Tag, und werden auch in der h. Schrift mit diesem Bilde bezeichnet. Röm. 13, 12. Beweis dafür ist die ganze Geschichte der alten Welt. Laut spricht noch jetzt dafür der Zustand der Völker in Asien und Afrika, die außer dem Bereiche des Christenthums geblieben, oder davon längst wieder abgcfallen sind; es dauert dort die alte Zeit — die Nacht — noch fort. Und wo in Mitte des Christenthnms ein¬ zelne Menschen oder ganze Bolksmassen den Sohn Gottes noch nicht zum Mittelpunct ihres Strebens erkoren, oder, weil sie die Finster¬ niß mehr lieben, als das Licht, — von ihm sich wieder, abgewendet haben, auch da dauert die alte trübe Zeit fort, oder ist wieder- gekehrt mit ihrem heidnischen Jrrwahne, Selbstsucht, Unfrieden und dem dämonischen Drange nach Umsturz aller menschlichen Verhält¬ nisse. Wo aber Christas wahrhaft erkannt nnd ausgenommen wor¬ den, da ist die neue Zeit aufgegangcn, und die Menschheit wandelt wie am Tage, Röm. 13, 13, ihrer Vollendung entgegen; — „denn wisse, daß das katholische Christenthum die Blüthe der sittlichen Mensch¬ heit und ihre Krone, und die cnnäilio sina gnu mm aller mensch¬ lichen Bildung und Vollendung ist, ohne welches die Philosophie ein Traum, die Geschichte eine Lüge wäre." (Z. Werner's Bries an Maher.) 2. Die Kirche. Christus ist von dieser Erde wieder zurückgekehrt in seine Herr¬ lichkeit, in den Himmel, nachdem er die Erde mit dem Himmel aus¬ gesöhnt, — die Menschheit erlöst hatte. Aber wie sollen nun die Segensfrüchte seiner Erlösung auf Erden bewahrt nnd für alle kom¬ menden Geschlechter gesichert werden? Dazu stiftete Er eine, Anstalt, — er nennt sie selbst seine Kirche, Matth. 16, 18, und 18, 17; 1* 4 in derselben soll sein Wirken fortgesetzt werden, bis er als Richter dereinst wiederkömmt. Er, der Gottmensch, hatte Gött¬ liches und Menschliches gewirkt; — auch in seiner Kirche soll Göttliches und Menschliches sich vereinen zur Fortführung des Reiches Gottes unter den Mensche n. Zu diesem Zwecke wählte Er sich zwölf vertraute Schüler, die Er A p o stel, und darunter Einen, den Er Petrus, den Fels en mann, nannte — auf welchen Er seine Kirche bauen wolle. Diesen ertheilte Er die feierliche Sen¬ dung, in seinem Geiste und an seiner Statt fortzuwirken, Joan. 20, 21. und allen Völkern seine Lehre zu verkündigen, Marc. 16, 15. Zugleich verordnete er, daß die an ihn glauben würden, als Brüder eines Bundes getauft, 1. Cor. 12, 13. und hierdurch vereinigt wer¬ den sollen zu Einem Leibe, dessen Haupt Er selbst sehn wollte. Und diesen Verein seiner Gläubigen nannte Er seine Kirche, — Gottes Reich auf Erden, Apostelg. 1, 3; zu dessen Leitung Er seine Apostel als Lehrer und Ausspcnder der von Ihm eingesetzten göttlichen Geheimnisse und Guadeumittel ermächtiget, sie mit der Ge¬ walt zu binden und zu lösen, d. i. seine Kirche zu regieren betraut, Matth. 18, 18. und ihnen zu diesem Ende den h. Geist und seinen immerwährenden Beistand verheißen hat. Matth. 28, 20. Die Apostel trugen nun die vom Herrn überkommene Gewalt und Gnade nach seiner Anordnung, durch das h. Sacrameut der Weihe auf Andere (Bischöfe) über, mit der Weisung, auf die näm¬ liche Art weitere Nachfolger zu berufen; und so ist der Epi sc opak mit dem Primate die ununterbrochene Fortsetzung des von Christo geordneten Apostolates, zur Regierung seiner Kirche, bis an's Ende der Welt. Somit ist diese Kirche menschlich und übermenschlich zugleich; der h. Geist wirkt der Menschen Heil in und durch den Menschen. Es ist also die Kirche, die von Christo gestiftete sicht¬ bare Gemeinschaft seiner Gläubigen, in welcher sein Erlösungswerk durch den von Ihm geordneten und in Petrus zur Einheit verbundenen Apostolat, (Episeo- p a t m i t d e m Primate), unter der Leitung s e i n e s G ei- stes, bis an's Ende der Welt fortgesetzt wird. Hieraus ist zugleich klar, daß es nur Eine Kirche geben könne, nämlich jene, die der Eine Herr, Christus gestiftet, — die den Einen Glauben, den er vom Himmel gebracht, bewahrt, die in der - 3 - Einheit ist mit dem Nachfolger des von Christus selbst bestellten Hauptes Petrus, und in dieser Einheit regiert wird von dem Epis- copate, welcher durch die Ordination in ununterbrochener Reihe her¬ stammt vom Apostolate. „Denn einen andern Grund kann Niemand legen, als den, der gelegt ist, welcher ist Christus Jesus." I. Cor. 3, 11. Wenn daher von einer protestantischen, anglicanischen oder gar heidnischen „Kirche" die Rede ist, so ist das zwar, besonders in den ersten beiden Ausdrücken, ein sehr gewöhnlicher, jedoch in der Sache nicht begründeter Sprachgebrauch. Es sind das eigentlich nur Glaubensgeuosseuschaften, die entweder aus der Kirche hinausgeschie¬ den, oder in dieselbe noch nicht ausgenommen sind. Wohl aber sind die Ausdrücke: „die österreichische, — die französische, —griechisch unirte Kirche" zulässig, wie auch die h. Schrift von einer Kirche zu Corinth — zu Rom spricht; denn es sind das Theile, die den Na¬ men des Ganzen führen, weil sie nur in Bezug auf dieses Ganze begriffen werden sollen. Anmerkung. Das Wort „Kirche" ist entstanden aus dem griechi¬ schen so. tL'ior oder sc. Otxt« (das dem Herrn Gehörige). Auch die deutschen und slavischen Dialccte weisen diese Abstammung nach. Schwedisch lr^rli«, dänisch kxrko, englisch ebureli; altslavisch erbov (verkov), böhmisch oiiksv, russisch eorlrove, illhrisch ourkva. Das lateinische veclosm (kxxlxn««) ist von exxcrlxca, be¬ rufen, versammeln. Das Wort wird übrigens eben so für die Gemeinde, Versammlung, als auch für das dazu bestimmte Gebäude gebraucht. 3. Die Kirchengeschichte. Diese Anstalt, die der Sohn Gottes zum Heile der Menschheit gestiftet hat, und die wir Kirche nennen, steht nun seit mehr als 18hundert Jahren in der Welt da. Wie ist es ihr nun im Laufe der Jahrhunderte in der Welt ergangen, und wie hat sie ihrerseits auf die Welt eingewirkt? Diese Frage beantwortet zwar theilwcise schon die Weltgeschichte, eine möglichst vollständige Lösung aber er¬ hält diese wichtige Frage in der Kirchengeschichte. Die Kirchengeschichte ist nämlich der Inbegriff der Begeben¬ heiten und Veränderungen, die in der Kirche, und durch die Kirche in der Welt, seit ihrem Ursprünge her sich ergeben haben. Es wird also die Aufgabe der Kirchengeschichte seyn, zu zeigen, wie diese Kirche in die Welt eingeführt worden, und wie sie sich in derselben entfaltet und ausgebreitet hat;wie sie durch die Macht ihrer Lehre, durch den friedlichen Geist und die herrlichen Tugenden ihrer Bekenner, und durch den Muth ihrer Märtyrer sich siegreich die Bahn gebrochen hat in die glaubens- und sittenlosen Völker; — is)wie sie, durch blutige Verfolgung oder hinterlistiges Treiben ihrer Gegner, in einem Orte oder Lande beengt oder ganz unterdrückt, — hinwiederum in andern Orten und Ländern durch neue Gründung und freudige Ausbreitung reichlichen Ersatz gefunden; --A-wie sie immer und überall das ihr anvertraute Kleinod der göttlichen Wahr¬ heiten gegen die Angriffe des Unverstandes und der Bosheit geschützt und bewahrt, und die h. Sacramente dem Willen des göttlichen Stif¬ ters gemäß verwaltet, und wie sie in diesen und allen wesentlichen Dingen keine Veränderung geduldet hat; — wie sie dagegen von Außen her manchen Wechsel erfahren, und selbst manche Umände¬ rung in minder wichtigen Dingen angeordnet hat, in^weiser Umsicht die Sitten der Nationen und den Geist der Zeiten beachtend, um Allen Alles zu werden, und alle irdischen Verhältnisse zu läutern und zu veredeln. Das Alles zeigt die Kirchengeschichte. 4. Das Studium der Kirchcugeschichte. Wenn wir nach dem Zwecke des Studiums der Kirchengcschichte fragen, und nach dem Nutzen, den es gewährt, so liegt die Antwort in Folgendem: 1. Die Geschichte der christlichen Kirche muß uns schon ein¬ fach deßhalb interessant seyn, weil wir Christen sind. Wenn schon Jeder die Geschichte der Menschheit überhaupt, und die Schicksale seines Volkes aus früheren Zeiten so gerne hört: wie soll denn der Christ sich nicht sehnen, von den Schicksalen seiner h. Kirche, in der er geboren und erzogen worden, — in welcher und durch welche er seine ewige Bestimmung erreichen soll, — zu hören, und sie mit der innigsten Theilnahme zu betrachten? Freilich aber muß man da auch einen christlichen und kirchlichen Sinn und Geist mitbringnn, ohne welche die kirchlichen Begebenheiten kaum richtig verstanden und mit warmer Theilnahme aufgefaßt werden können. 2. Die Kirchengeschichte ist ein schätzbares Bildungsmittel für Geist und Herz. 5 Üi8tmm 68t malten vitsz, sagt Cicero. Die Begebenheiten der verflossenen Zeiten geben uns einen Leitfaden durch das Leben der Gegenwart, und der Christ lernt aus den Tugenden und Verirrungen des Menschen ans allen Zeiten und Ränincn, was er zn suchen, was er zn fliehen habe. Die Geschichte der Kirche zeigt uns auf der einen Seite die chri s tlich en Helden als Wunder mensch¬ licher Tugend, die in einer Welt dastehen, die ihrer nicht würdig ist, und der sie^gar nicht anzugehören scheinen; und weiset aus der an¬ dern Seite beklagenswerthe Beispiele, die darthun, daß der Wider- spruch.,und die Feindseligkeit gegen die Kirche, mögen sie sich wie immer beschönigen, doch jederzeit ans irgend einer trüben Quelle fließen. 3. Wer sich in der Kirchengeschichte hinreichend nmgesehen hat, wird sich leicht vor jenen Täuschungen bewahren, denen beson¬ ders hent zn Tage nicht Wenige verfallen. Unter dem verführerischen Scheine von neuen Ansichten und Ergebnissen neuester Forschungen, werden Einwürfe und Beschuldigungen gegen die katholische Religion und Kirche vorgebracht, die den Unkundigen und Schwachen leicht überraschen und wankend machen. Aber wir werden in den folgen¬ den Erzähl un gen finden, daß der katholischen Religion und Kirche seit ihrem Bestehen schon so viele und so verschiedenartige Ein- und Norwürsc gemacht, und von ihr längst aufs gründlichste widerlegt worden sind, daß es dem Vernunftstolze und der Schinähsucht kaum möglich seyu dürfte, hierin' etwas wahrhaft Neues aufzubringen. 4. Ferner war cs von jeher und ist hent zu Tage noch ein eiLcuithümlicher Kunstgriff der Feinde der katholischen Kirche, die Geschichte dieser Kirche durch Entstellung der Begebenheiten oder ganz erdichtete Erzählungen zu v c rfä l s chen. Solche entstellte oder erdichtete Thatsachen werden dann besonders in kirchenfeindlicheu Tag¬ blättern und Flugschriften so gerne benützt, um die h. Kirche im falschen Lichte darznstellen und diese göttliche Anstalt verhaßt zu machen. So werden Unwissende und Leichtgläubige gar leicht bethört; — darum ist eine richtige Kenntuiß der geschichtlichen Wahrheit ein dringendes Bedürfniß jedes gebildeten Christen. 5- „Der Mensch denkt und Gott lenkt" — dieses vielsagende Sprichwort findet der Leser der Kirchcngeschichte überall bewährt, in¬ dem jede bedeutendere Thatsache ihn hinweiset auf Gottes,Vorsehung, — seine Güte und Weisheit. Obwohl die Wege der Vorsehung mit 8 einem Schleier umhüllt sind, welchen erst jener große Tag des Ge¬ richtes gänzlich heben wird, so ist es doch vorzugsweise der Geschichte der Kirche Gottes Vorbehalten, in dem Gewirre menschlicher Bestre¬ bungen und scheinbar zufälliger Ereignisse die allwalteude Vaterhand durchblicken zu lassen. 6. Die herrlichste Frucht endlich, die uns aus dem gründlichen Studium der Kirchengeschichte entgegenreift, ist die Ueberzeuguug von der alleinigen Wahrheit und Göttlichkeit der ka¬ tholischen Kirche. Wenn wir da auf jedem Blatte inne werden, wie augenscheinlich der göttliche Stifter fort und fort seiner Kirche seinen besonderen Schutz zuwendct, wie sein Wort: „Die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen", sich so wunderbar bewährt hat, so können wir nicht umhin zu erkennen, daß die katholische Kirche seine Kirche seh. Sie hat im Laufe der Jahrhunderte schwere Zei¬ ten durchgemacht; durch Feinde von außen bedrängt und durch in¬ neren Zwiespalt beunruhigt, — selbst durch eigene unwürdige Die¬ ner gedemüthigt, sah sie sich zu Zeiten in eine Lage versetzt, die nach menschlichen Ansichten hoffnungslos scheinen mochte; —- aber aus jedem Gedränge, ans jeglicher Trübsal ist sie nur herrlicher wieder hervorgegangen. So manches Reich — so manches Volk ist neben ihr in Trümmer gegangen, — Hunderte von Secten, die ans ihr geschieden, sind dahin geschwunden, oder siechen noch hin in sichtbarer Auflösung; sie steht da — unverändert, und das Großartigste, was die Welt je gesehen. Vertrauen, treue Anhänglichkeit an die katholische Kirche, und das Hochgefühl, ihr anzugehören, sind die edlen Früchte, die die aufrichtigen Forscher aller Zeiten auf dem Ge¬ biete der Kirchengeschichte gefunden haben. 5. Eintheilung der Kirchengcschichte nach Zeit und Stoff. Jeder Gegenstand, der wissenschaftlich behandelt werden will, muß in ein bestimmtes Stzstem gebracht, und in folgerichtiger Ord¬ nung dargestellt werden. Es fordern dieß schon die Denkgesetze, und das leichtere Auffassen und Behalten des wissenschaftlichen Gegen¬ standes hängt sehr davon ab. Da nun der lange Zeitraum von acht¬ zehn und einem halben Jahrhunderte, seitdem die Kirche gewirkt hat, und die Menge und Mannigfaltigkeit der Begebenheiten in derselben, schwer mit Einem Blicke zu übersehen oder in einem ununterbrochenen s 4. . Zuge zu durchgehen sind, so wird es nothwendig, die Zeit in Ab¬ schnitte zu theilen, und die Ereignisse uach ihrer Gleichartigkeit zu ordnen. Die Zeiteintheilung muß nach gewissen Wendepuncten im Leben und Wirken der Kirche bemessen werden, wenn nämlich die Kirche irgend in wesentlich andere äußere Verhältnisse und Umgebungen ein¬ getreten ist, wodurch zwar keineswegs ihr Wesen, wohl aber die Art oder der Umfang ihrer Wirksamkeit sich geändert, und die gegenseitige Beziehung zwischen Welt und Kirche einen bedeutenden Umschwung erfahren hat. Wir theilen demnach die Kirchengeschichte in drei Zeiträume, die wir auch füglich mit den Benennungen: alte, mittlere und neue Kirchengeschichte unterscheiden können. , , I. Zeitraum. Von der Stiftung der Kirche bis zu den Zeiten des h. Bonifacius des Apostels der Deutschen, im Anfänge des 8. Jahrhunderts/'— Die Kirche unter Völkern alt-classischer, grie¬ chisch-römischer Bildung, welche allmälig untergeht und in ihren edlern Theilen durch die Kirche verklärt, an die jungen europäischen Na¬ tionen übertragen wird. — Alte Kirchengeschichte. II. Die Kirche unter germanischen und slavischeu Nationen wir¬ kend, erziehend und ordnend, indem sie auch ans die Entwicklung der Staaten einen namhaften Einfluß übt; vom 8. bis zum 16. Jahr¬ hunderte. — Mittlere Kircheugeschichte. < . III. Die Kirche ans ihrer engen Verbindung mit den Staaten gelöst, und durch die gewaltsame Glaubensspaltung der sogenannten Reformation scheinbar erschüttert, erhebt sich durch heilsame Refor¬ men, — einein neuen Zeitgeiste im steten Kampfe gegenüber, — zu neuem Leben. — Neue Kirchengeschichte. Jeden dieser Zeiträume theilen wir dann wieder in zwei Pe¬ rioden, die sich folgendermaßen Herausstellen: I. Zeitraum: S s 1. Periode. Von der Gründung der Kirche bis Constantin, 306. Zv^/z-2. Periode. Von Constantin bis Bonifacius, dem Apostel der Deutschen, Anfangs des 8. Jahrhunderts. Il- Zeitraum: ? Periode. Von Bonifacius bis Papst Gregor Vll., 1073. Periode. Vom Papst Gregor Vll. bis zur sogenannten Refor¬ mation, 1517. < — — lil. Zeitraum: -n-5. Periode. Von der Reformation bis zur Aufhebung des Je- suiten-OrdenS, 1773. 6. Periode. Von der Aufhebung des Jesuiten-Ordens bis auf unsere Zeiten, 1863. Die zweckmäßige Eintheilnng des in jeder Periode vorkommen¬ den Stoffes hat einige Schwierigkeiten, und es können die kirchlichen Erscheinungen nur beiläufig in folgende Abschnitte geordnet werden: I. Die Geschichte der Ausbreitung der Kirche und ihrer Wirk¬ samkeit im Allgemeinen. — Aeußere Schicksale der Kirche. kl. Die Geschichte der anftauchenden Irrlehren und ihrer Be¬ kämpfung von Seite der Kirche. III. Die Geschichte der inneren Gestaltung und Einrichtung der Kirche in Betreff ihrer Regierung, ihres Gottesdienstes nnd anderer h. Hebungen und Anstalten, — zur Erhaltung oder Besserung kirch¬ licher Zucht und Sitte. Zustand der, Welt zur Zeit der Gründung der christlichen Kirche. 6. Die Heiden. Als der Erlöser erschien, waren seit seiner ersten Verheißung nach dem Falle Adams, beiläufig 4000 Jahre verflossen. In der Geschichte der Menschheit während dieser Zeit haben wir einerseits die weisen Veranstaltungen Gottes zur Vorbereitung auf die Ankunft des Verheißenen bei dem Volke Israel zu bewundern, — und an¬ dererseits den tiefen Verfall zu beklagen, in welchen die übrige Menschheit in ihrer Abkehr von Gott gekommen war. Die biblische Geschichte und die Geschichte der alten Welt gibt dafür die Belege; und wir geben hier nur einige Züge über den Zustand der Mensch¬ heit zur Zeit der Erscheinung des Ehristenthnms, nm das Wirken desselben gehörig würdigen zu können. Ucber den größten Theil der damals bekannten Welt herrschten die Römer. Ans den blutigen Bürgerkriegen, wo die Römer um die Freiheit fochten, deren sie sich durch Verweichlichung und Sitten¬ losigkeit längst unwürdig gemacht hatten, ging Octa via uns Au¬ gustus als Alleinherrscher hervor. Ungefähr im 27. Jahre seiner II — Alleinherrschaft wurde der Heiland geboren. Octavian brachte dem Römerreiche auf längere Zeit Frieden; Künste und Wissenschaften blühten; durch die herrlichsten Kunststraßen war die Verbindung, — durch die überall gebrauchte lateinische und griechische Sprache das Berständniß zwischen den so mannigfaltigen Völkern erleichtert. Alles dieß war der Verbreitung des Christenthums sehr günstig. Doch waren dieß nur äußerliche Behelfe wie der Glanz, der die römische Menschheit damals noch umgab, nur eine Hülle war, der die innere Verderbniß theilweise verdeckte. In den irdischen und menschlichen Dingen, — in der Ueppigkeit und Genußsucht findet man alles bis zum Uebermaße raffinirt; dagegen war die Menschheit in ihren höchsten Angelegenheiten, in Religion und Sitte, bis zur Trostlosig¬ keit verkommen. Schon die Vielgötterei au sich, als Unsinn und Widerspruch, ist für den vernunftbegabten Menschen entehrend und verderblich; bei weitem verderblicher aber war die Ansicht, daß diese Götter und Göttinen nur an Macht den Menschen übertreffen, die Sinnlichkeit aber und die häßlichsten Leidenschaften mit dem Menschen gemein haben. In den Verirrungen seiner Gottheiten suchte uud fand der Mensch die Beschönigung seiner angebornen Sündhaftigkeit, und die entsetzliche Folge davon war,, daß man die Sünde als solche nicht mehr erkannte, daher ohne Scheu übte; uud die Götter nur als rach- und eifersüchtige Wesen fürchtete. Es hatte die Ausartung einen Grad erreicht, daß sich der Christ schämen muß, davon zu reden, und daß Seneca («Io iru II, 8.) ge¬ steht: „Alles ist voll Laster und Schlechtigkeit, -—und nicht geheim ist das Laster, — es wandelt vor Aller Augen; und die Unschuld ist nicht selten, sondern gar nicht mehr zu finden." Es haben allerdings einzelne Weise, nach dem Vorgänge eines Sokrates und Plato, bessere Begriffe über das göttliche Wesen auf¬ gestellt, und aus reinere Sittlichkeit, als auf eiu strebcnswerthes Ziel hmgewiesen; aber das waren nur vereinzelte, nur von Wenigen be¬ achtete Lichtsunken in der großen Finsterniß des Irrwahns. Und dazu fehlte für ihre noch so schönen Behauptungen der Beweis der Gewißheit, welchen, wie Sokrates selbst wehmüthig gesteht, nur Einer bringen könnte, der vom Himmel käme. 12 7. Die Juden. Bei den Juden war es freilich um einen guten Theil besser. Bei der strengen Erziehung, die Gott in Ausführung seines Erlö¬ sungs-Planes ihnen hat angedeihen lassen, hatte sich der Glaube an den Einen wahren Gott bei ihnen erhalten, nnd dieser Glaube war auch die Stütze einer — wiewohl sehr unvollkommenen Sittlichkeit. Die unmittelbar von Gott stammende Glaubens- und Sittenlehre erscheint jedoch in der letzten Zeit durch unwürdige und abergläubische Meinungen sehr entstellt. Die Beschaffenheit des jüdischen Volkes zeigt sich am deutlichsten an dem Character der verschiedenen Secten, die zur Zeit Christi bestanden, denn fast das ganze Volk war, als Anhang an diese Secten, in sich getheilt. Diese sind: r») Die Pharisäer, d. i. die Abgesonderten, weil sie sich in auffallender Weise von Andern zu unterscheiden suchten, waren strenge Eiferer für das Gesetz, wobei sie aber nur auf das Aeußere, — ans die Handlung, nicht aber auf die Gesinnung Rücksicht nahmen. Sie glaubten allein das Gesetz Gottes zu verstehen nnd deuten zu können; mischten ober demselben, unter dem Vorwande einer mündlichen Ueberliefernng, alberne Dinge und ein geistloses Cere- monienwcsen bei. Ihren Hochmuth als Söhne Abrahams, ihre Herrschsucht, ihre Heuchelei und ihren Aberglauben hat der Heiland oft und strenge getadelt. Ehrwürdig ist bei ihnen nur ihr Glaube an eine Vergeltung im künftigen Leben; und daß auch ehrenwerthe Männer zu ihnen gehörten, sehen wir an den Pharisäern Gamaliel und Nicodemus. b) Die Sadducäer waren die Freidenker unter den Juden, und längneten — um nach Art aller sogenannten großen Geister, bequemer ein Genußleben führen zu können, — die Fortdauer des Menschen nach dem Tode. Daß besonders die Reichen und Vor¬ nehmen sich ihnen anschlossen, ist leicht begreiflich. e) Die Essäer oder Essener bildeten die fromme Partei, und führten eine ganz eigenthümliche abgeschlossene Lebensweise. Sie wohnten an der Westseite des todteu Meeres in Dörfern ehelos, und in Gütergemeinschaft, betrieben den Landban und sonstige Handar¬ beiten, die ihnen unschuldig schienen. So lobenswerth manche ihrer Ansichten sehn mochten, so zeigen doch ihr Kleinigkeitsgeist, — ihre sinnlosen Satzungen und ihre Härte gegen die von ihrer Partei Ab¬ gefallenen, eine schiefe Richtung ihrer Frömmelei. I» 6) Die Samariter oder Samaritaner, ein Mischrolk, das wahrscheinlich znr Zeit der Abführung der zehn Stämme nach As¬ syrien, ans einigen in der Gegend von Samaria zurückgebliebenen Inden und dahin verschlagenen Fremden entstanden war. Sie ver¬ ehrten zwar den wahren Gott auf Garizim, — dienten aber nebstbei auch den Götzen. Obwohl sie nur die fünf Bücher Moses annahmen, - so erwarteten sie doch mit allen übrigen Juden den Messias. Von den Juden wurde diese Secte in hohem Grade verabscheut. Neben diesen Secten gab es noch andere von minderer Bedeu¬ tung, z. B. Zeloten oder Galiläer, Herodianer rc., die jedoch mehr eine politische Richtung hatten. 8. Die Vollendung der alten Zeit. Eine aufmerksame Betrachtung der Weltgeschichte zeigt, wie in jenen Tagen, da der Heiland in die Welt kommen sollte, ein großer Zciten-Abschuitt gleichsam zum Abschluß gekommen war, nnd man allgemein einen großen Umschwung erwartete. Jenes kräftige Leben der alten Völker, womit ein jedes sich zu einem eigenen Character entwickelt hatte, und welches wir in den Schilderungen der Classiker noch bewundern, hat sich selbst abgelausen; — Thatlosigkcit, Selbst¬ sucht, niedrige Ueppigkeit, kamen an seine Stelle; jene ahnungsvolle Scheu vor den Göttern, die auch im Heidenthume früher doch noch eine Schranke gegen zu arge Unsittlichkeit war, ist verschwunden; — hohle Glaubenslosigkeit überall; auch die wenigen wahren Sätze der ältern Philosophie konnten sich gegen die bequemere Zweifelsucht nicht mehr halten. Mit Schmerz blickten die edlern Gemächer auf diesen trostlosen Zustand, sie erkannten die Nichtigkeit des bisherigen reli¬ giösen Glaubens, wußten aber nichts Besseres an dessen Stelle zu setzen, beweinten die zügellose Sitte, — fanden aber kein Mittel dagegen; und mannigfach spricht sich in den Schriften jener Zeiten die Sehnsucht nach einer Besserung der menschlichen' Zustände aus, — wie eine unbewußte Ahnung der Erlösung. Nach den Begriffen der alten Welt, war solche Erwartung an irgend einen Helden, — einen mächtigen Herrscher geknüpft, nnd der Blick nach dem Morgen gewendet. Hierher gehören die Stellen des Tacitus (liist. I. V. n. 6 ): „Viele waren davon überzeugt, in den alten Büchern der Priester stehe geschrieben, daß zu eben dieser Zeit das Morgenland mächtig — IÄ — werden, und Herrscher aus Judäa kommen sollten." Und des Sue- tonius (in Vesp. e. 4.); „Im ganzen Morgenlande hatte sich eine alte, fortdauernde Meinung verbreitet, von dem Schicksale seh be¬ stimmt, daß nm diese Zeit Herrscher von Judäa ausgehen sollten." Diese Kunde war von den Juden ausgegangen; denn bei ihnen waren die Erwartungen des Messias, — freilich als eines irdischen Befreiers, auf das höchste gespannt, und sie hatten auch gute Gründe dafür; — denn die Zeit der 70 Jahreswochen Daniels war heran¬ gerückt, die Regenten aus dem Stamme Inda hatten aufgehört; —- ein Fremdling, Herodes, beherrschte das einst so glückliche und an¬ gesehene Bolk Gottes; seit langem batte man kein Prophetenwort mehr vernommen; — es entstand eine ahnungsvolle Pause; — es war eine ausgemachte Sache: jetzt oder nie muß der Messias er¬ scheinen. Und er erschien; aber nicht mit irdischem Prunke, — daher Er, obschon von Bielen geahnt, doch von Wenigen klar erkannt wurde. Aber Er sagte: Joan. 12, 32: „Wenn ich erhöht sehn werde von der Erde, werde ich Alles an mich ziehen." Wie dieß geschehen, wird die folgende Geschichte darthun. — 13 — Erste Periode. Von der Gründung der christlichen Kirche bis Constantin. Vom Jahre 33 bis 3M». S. Acußerc Schicksale der Kirche. 9. Gründung der christlichen Kirche. Der Heiland hatte die Erlösung der Menschheit durch seinen Opfertod vollendet und durch die Wahl, Unterweisung und Bevoll¬ mächtigung seiner zwölf Apostel die Anstalt getroffen, daß sein Ver- söhunngstod allen Menschen zu allen Zeiten zu Guten kommen könne. Die Apostel hatten hierin eine Ausgabe, die jegliche Bien¬ schenkraft übersteigt; daher Christus ihnen wie früher schon, so noch unmittelbar vor seiner Himmelfahrt, die uöthige Kraft von Oben, — den h. Geist verhieß, und auch befahl, daß sie von Jerusalem nicht hinweggeheu, bis der h. Geist über sie käme. Am zehnten Tage nach Christi Himmelfahrt ging die große Verheißung in Erfüllung. Und wie hatten die Apostel diese zehn Tage der Erwartung zugebracht? — Wir dürfen nicht unbemerkt lassen die Worte der Apostelgeschichte, wo es von dieser Zeit heißt: (1, 14) „Sie beharrten cinmüthig im Gebete." So erkannten und erfüllten die Apostel die Grundbedingung des christlichen Lebens, das Gebet, um sich auf den großen Augenblick vorznbereiten und sich dafür em¬ pfänglich zu machen. So kam der zehnte Tag nach Christi Himmelfahrt; es war das große Fest Pentekoste der Juden (Erntefest, zugleich zur Erin¬ nerung der Gesetzgebung ans Sinai). Die Apostel, mit der Mutter des Heilandes in der Mitte, waren in jenem Saale, wo der Hei¬ land das h. Abendmahl gehalten hatte, in frommer Andacht ver¬ sammelt. (Apostclg. 2, 2.) „Da entstand plötzlich vom Himmel ein Brausen, gleich den: eines daherfahrenden gewaltigen Windes, und erfüllte das ganze Hans, wo sie saßen. Und es erschienen ihnen getheilte Zungen, wie Feuer, und es ließ sich ans einen Jeden von — Iv - ihnen nieder. Und Alle wurden mit dem h. Geiste erfüllet, und fingen an, in verschiedenen Sprachen zu reden. — Es waren aber zu Jerusalem Juden wohnhaft, gottesfürchtige Männer, aus allerlei Völkern, die unter dem Himmel sind. Als nun diese Stimme er¬ scholl, kam die Menge zusammen und entsetzte sich; denn cs hörte ein jeder sie reden in seiner Sprache. — Es erstaunten aber Alle, verwunderten sich und sprachen zu einander: „Was kann das wohl sehn?" Da erhob Petrus, — wie es sich dem Haupte der Apostel geziemte, — das Wort, und verkündete mit erhabenen festen Wor¬ ten Christum den Auferstandenen. Und feine Worte drangen den Zuhörern iu's Herz, und Viele sprachen, von Gottes Gnade berührt: „Was sollen wir thun?" Woranf Petrus antwortete: „Thut Buße und lasset euch taufen im Namen Jesu, zur Vergebung eurer Sün¬ den." Und bei 3000, worunter ohne Zweifel Viele waren, die Jc- sum schon bei seinen Lebzeiten gehört hatten, ließen sich taufen. Das war die erste Gemeinde im Geiste Christi. Von diesem Tage an beginnt seine h. Kirche ihr Leben, um nie mehr auszuhören bis zum Ende alles Irdischen. Anmerkung. Glaubenslose Kritiker haben versucht, diese wunder¬ volle Begebenheit des Pfingstfestes auf künstliche Weise aus natür¬ lichen Ursachen zu erklären. Allein nebstdem, daß keinerlei solche Erklärungen den vernünftigen Leser der Apostelgeschichte befriedigen kann, darf nicht übersehen werden, daß hier eine zweifacke göttliche That zu bewundern ist, die eine in den äußern Erscheinungen, — die andere und größere, in der wunderbaren Umwandlung im In¬ nern der Apostel: denn sie erschienen von diesem Augenblicke an, als ganz andere Menschen, und der Beweis dieser ihrer Umwandlung, — die h. Kirche, die sie geschaffen, — steht noch .da. Wenn nun dieses größere Wunder nicht verkannt werden kann, warum gibt man sich Mühe, das geringere zu läugnen? 10. Wachsthum der Gemeinde zu Jerusalem und ihre Lebensweise. Nach einem so herrlichen Anfänge, gedieh das Wachsthum der Kirche fortan durch die wunderbare Kraft der Apostel in Wort und That. Als die Apostel Petrus und Joannes bald darauf zur Bet¬ stunde in den Tempel gingen, sprach sie ein Lahmgeborner, der am 17 sogenannten schönen Thore lag und bettelte, um ein Almosen an. Petrus sprach zu ihm: „Gold und Silber habe ich nicht, aber was ich habe, gebe ich dir; im Namen Jesu Christi des Nazareners stehe aus und wandele." Und er stand mit festen Füßen und Knöcheln auf, ging mit ihnen in den Tempel und sprang und lobte Gott. Das Volk kannte ihn und staunte; Petrus nahm das Wort, und erklärte, daß dieß durch die Wunderkraft des Gekreuzigten geschehen sei, an den sie glauben sollen. Die Apostel hatten zwar schlechten Lohn für diese schöne That; den sie wurden von den Priestern und Sadducäern gefangen genommen; aber sie fühlten sich reichlich ent¬ schädigt dadurch, daß noch an diesem Tage die Zahl der Männer ans 5000 stieg. Apostelg. 4, 4. Werfen wir aber nun einen Blick auf das Leben in dieser ersten christlichen Kirche. Die Apostelgeschichte sagt davon 2, 42.: „Sie beharrten in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft des Brodbrechens (h. Messe) und in Gebeten." „Sie waren ein Herz und eine Seele, keiner unter ihnen war dürftig, denn alle legten ihre Habe zu den Füßen der Apostel, und jeglichem ward zugetheilt, . so viel er bedurfte." (4, 35.) „In Einfalt des Herzens priesen sie Gott, und fanden Gunst bei dem ganzen Volke." Die ganze Weltgeschichte kennt keine Erscheinung wie diese, und es zeigte sich klar, daß das Wort vom Kreuze göttliche Kraft sei und göttliche Weisheit. 11. Blutige Verfolgung und freudige Wcitcrderbreitung der Kirche. Was der Herr deu Seinigen vorausgesagt hatte, daß sie werden gehaßt und verfolgt werden, blieb nicht lange ans. Zn wiederholten Malen wurden die Apostel vor Gericht gestellt, eingekerkert, gegeißelt; — aber sie freuten sich darob, daß sie waren gewürdigt worden, Schmach zu leiden um des Namens Jesu willen. Immer höher stieg der Ingrimm der ungläubigen Juden, als selbst viele ihrer Priester zu der Brüdergemeinde übergetreten waren. Endlich brach der Sturm los, als der h. Stephanus, einer der kurz vorher ge¬ wählten sieben Diakonen, in glühendem Eifer, vor dem hohen Rathe selbst, wohin er geschleppt worden, gegen ihre Halsstärrigkeit eine begeisterte Rede hielt. Da sie mit Worten ihn nicht widerlege n 2 18 konnten, so griffen sie zu Steinen und tödteten ihn. Er ist der erste Märtyrer (Blutzeuge). Nachdem die Feinde des Gekreuzigten Blut stießen gesehen hatten, warfen sie nun alle Scheu weg, und wütheten in ganz Jerusalem gegen die Gläubigen. Doch wir werden im Verlauf dieser Geschichte oft Gelegenheit haben zu bemerken, wie gerade das, was die Feinde der Kirche zu ihrer Zerstörung ersinnen und ansführeu, unter Gottes Schutz, der Kirche nur zur größerer Förderung dient. So auch hier. Denn mit Ausnahme der Apostel, die zu Jerusalem auöharrten, wichen viele der Gläubigen der Verfolgung aus, zerstreuten sich in alle Gegen¬ den des Jndenlandes, und streuten überall den Samen des göttlichen Wortes ans, wodurch neue Gemeinden über ganz Palästina und Sa¬ mari«, ja selbst bis nach Phönizien, EhpruS und Syrien entstanden, welche, nachdem die Verfolgung nachgelassen hatte, vom Apostelfürsten Petrus besucht, befestiget, und als Tochterkirchen, mit der Mntter- kirche zu Jerusalem in Verbindung gesetzt wurden. / , - Um diese Zeit wurde durch eiu Wunder der göttlichen Erbarmung der eifrigste Verfolger — Saulus, in den thätigsten Prediger des Evangeliums umgewandelt. Er war ein Jude ans Tarsus, Phari¬ säer, ausgezeichnet durch Geistesfähigkeit und Festigkeit des Charak¬ ters ; dabei glühend vom Hasse gegen das Christenthum, welches kennen zu lernen er sich nicht die Mühe geben wollte. Bei der Steinigung des h. Stephanus hat er, als Mann von Stande, nicht mit Hand angelegt, sondern mir die Oberkleider der Mörder gehüthet. Aber darauf wüthete er in Jerusalem gegen die Christen, daß er sich schmeicheln mochte, sie dort gänzlich auögcrottet zu haben. Doch überall soll die verhaßte Secte vernichtet werden, und dazu erhielt er vom hohen Rathe Briefe an die Synagogen zu Damaskus, womit er sich bereits in leidenschaftlicher Eile dieser Stadt näherte. Da umstrahlt ihn plötzlich ein überirdisches Picht, und indem er zu Boden stürzt, vernimmt er den Ruf: „Saulus, SaulnS, warum verfolgst du mich?" In dumpfem Staunen erwidert er: „Wer bist du, Herr?" und empfing die Antwort: „Ich bin Jesus, den du 1« verfolgst." Bis ins Innerste erschüttert, fragt mm Saulus weiter, was er thuu soll, und erhält den Bescheid, nach Damaskus zu gehen, dort werde ihm angezeigt werden, was er zu thun habe. Als er sich erhoben und die Augen geöffnet hatte, sah er nichts und mußte an der Hand nach Damaskus geführt werden. Dort verharrte er drei Tage lang, — ohne Speise und Trank, — in seiner Blindheit; aber in seinem Innern ward es Licht, denn „siehe, er betet." Apo- stelg. 9, 11. Mittlerweile erhielt der fromme Anamas zu Damas¬ kus vom Heilaude in einer Erscheinung den Befehl, den Saulus auf¬ zusuchen. Er that es, legte dem Saulus die Hände auf, dieser ward sehend, wurde getauft, und sofort verkündigte er, zum Staunen der Juden, in den Synagogen Iesum, den Sohn Gottes. Es geschah hier mit dem neuen Apostel, — obwohl unter an¬ dern Erscheinungen, Aehuliches, was an den übrigen Aposteln am Pfingstfeste geschehen war. Die Hauptsache dabei ist wieder die durch Gottes Kraft in einem Momente bewirkte Umwandlung des Cha- racters, und der Uebergang ist hier wie dort vermittelt durch — Gebet. Was Saulus die nächsten drei Jahre, — die er großentheils in Ara¬ bien zubrachte, — gethan, darüber haben wir keine bestimmten Nach¬ richten. Wohl mag er die Einsamkeit gesucht haben, um in der Wahr¬ heit, die er nun erkannte, sich zu stärken und auf sein Apostelamt vorzubereiten. — Bemerkenswerth aber ist, daß er dieses Amt nicht eher antrat, als bis er sich dem Apostelfürsten Petrus zu Jerusalem vorgestellt hatte. Gal. 5, 18. Jetzt hatte die Kirche auf einige Zeit Ruhe; und Petrus benützte die Friedenszeit, um als Oberhirt die Gemeinden von Stadt zu Stadt zu besuchen. Apostelg. 9, 31, 32. 13. Beginn der Bekehrung der Heiden. Saulus, der später seinen Namen in „Paulus" umänderte, wird vorzugsweise der Welt- oder Heiden-Apostel genannt; denn es hatte der Herr von ihm zu Anamas gesagt: „Dieser ist mir ein aus- erkorues Werkzeug, zu bringen meinen Namen vor Heiden und Könige." Apostelg. 9, 15. Bisher waren aber nur die Kinder Israels in die Kirche auf¬ genommen worden; denn im Volke Israel ward das Erlösungswerk vorbereitet, dort der Erlöser geboren. Auch mußten Anfangs noch 2« die Ansichten der Juden geschont werden, denen ja ihr Gesetz ver¬ bot, sich durch den Umgang mit Heiden zu verunreinigen. Dagegen war den Aposteln klar, daß alle Menschen zum Reiche Gottes zu berufen sehen, aber, wann es Zeit sehn werde, das Wort auch an die Heiden zu richten, dafür erwarteten sie, — wie in allen wichtigem Dingen, eine höhere Weisung vom Herrn. Diese wurde auch, und zwar wieder dem Petrus, dem ersten der Apostel zu Theil. Als er zu Joppe verweilte, hatte er eine geheim- nißvolle Erscheinung, Apostelg. 10, 10. Er wußte Anfangs diese nicht zu deuten, aber bald war ihm alles klar. Es kamen Abge¬ sandte vom römischen Hauptmanne Cornelius, die den Petrus baten, zu demselben nach Cäsarea zu kommen. Dieser war ein Centurio in der römischen Cohcrte, zwar ein geborner Heide, aber fromm und gottesfürchtig, gab viel Almosen und betete immerdar zu Gott. Da¬ her ließ Gott ihn durch einen Engel anweisen, daß er Petrus zu sich - rufe, der ihm sagen werde, was er thun solle. Petrus kam, predigte ihm und den dort versammelten Heiden, Christum den Gekreuzigten, — und während Petrus noch redete, kam der h. Geist mit seinen Wundergaben über sie. In freudigem Staunen sprach nun Petrus, wer kann diesen (obwohl sie Heiden sind) die Taufe versagen, da sie Gott selbst seiner wunderbaren Gnaden in so auffallender Weise gewürdiget hat? Und er befahl sie zu taufen, und so waren die Erstlinge der Heiden in die h. Kirche eingeführt, um das Jahr 36 nach Christi Geburt. 14. Die apostolischen Stammkirchen. 1. Die Kirche zu Jerusalem. — Ihre wunderbare Ent¬ stehung haben wir bereits gesehen, und von ihr aus wurden nicht nur im Judenlande, sondern auch über Samaria, Phönizien und Syrien neue Gemeinden aus bekehrten Inden gebildet. Als erster / Bischof zu Jerusalem war von den Aposteln bestellt der Apostel Ja¬ cobus, Sohn des Alphäus, welcher durch Heiligkeit des Lebens so hervorlenchtete, daß er bei Christen und Juden den Beinamen des Gerechten erhielt. Sein Nachfolger war sein Bruder Simeon. Anmerk. Dieser Jakobus wird an einigen Stellen der h. Schrift auch der Bruder des Herrn genannt, woher Einige Anlaß nahmen, die immerwährende Jungfräulichkeit der Mutter Gottes 21 zu läugnen. Allein es ist klar nachgewiesen, daß unter „Bruder", nach orientalischer Sprachweise nur ein Verwandter zu ver¬ stehen seh. Er war nämlich ein Sohn des Alphäus, der nach der Ueberlieferung ein Bruder Josephs, des Nährvaters Christi war. 2. Antiochia. Nachdem die heidnische Familie des Cornelius in die Kirche ausgenommen worden war, trug man kein Bedenken mehr, die Heiden zum Reiche Gottes eiuzuladeu. Das geschah vor¬ züglich zu Antiochia, der ersten Stadt des römischen Orients. Als die Apostel davon hörten, schickten sie den Barnabas dahin, und dieser, eine reichliche Ernte hier voraussehend, führte den Paulus hierher. Unter ihrer Pflege wurde diese bald die ansehnlichste Kirche des Orients, und die Mitglieder nannten sich hier zuerst „Christen." Später übe'mahm Petrus selbst ihre Leitung, und war eine Zeit¬ lang hier Bischof, wozu er, als er nach Rom ging, den Evodius be¬ stimmte, auf welchen dann als Bischof der h. Ignatius folgte. 3. R o m. In der damaligen Hauptstadt der Welt hat nach Gottes weiser Leitung das Haupt des irdischen Gottesreiches, Pe¬ trus, die Kirche gegründet. Obwohl ohne Zweifel Petrus dort be¬ reits Christen vorfand, so hat doch er sie erst gesammelt und zu jener h. Gemeinde verbunden, die dadurch, daß Petrus hier sei¬ nen Bischossitz aufschlug, und hier seine Lehre mit dem Mär- thrertode besiegelte, die erste Kirche der Christenheit war, ist und sehn wird, bis an das Ende der Zeiten; gleichsam eine Sonne, um welche alle übrigen Kirchengemeinden sich bewegen. Die Nach¬ folger des Petrus auf dem Hauptsitze zu Rom waren noch im 1. Jahr¬ hundert: Linus, Cletus, Clemens. Anmerk. Bis in die Zeiten des 16. Jahrhunderts war es Nie¬ manden eingefallen, zn bezweifeln, daß Petrus zu Nom Bischof gewesen sey, und somit jeder Bischof von Rom, als dessen Nach¬ folger in unausgesetzter Reihe, das Oberhaupt der ganzen Kirche sey. Auch die Orientalen, die sich im 11. Jahrhundert von Rom trennten, haben doch die obige Thatsache nicht geläugnet. — Erst als die Protestanten der von Christus gesetzten Gewalt des römi¬ schen Papstes sich /entzogen, suchte man auch die Anwesenheit des Petrus, als die Grundlage jener Gewalt, aus der Geschichte zu verdrängen. Doch die Zeugnisse dafür sind so klar und vielfältig, daß bereits längst auch die ausgezeichnetsten protestantischen Ge¬ schichtsforscher dieß als eine ausgemachte Thatsache anerkennen. 22 4. Alexandrien. Diese Stammkirche aller Gemeinden in Egypten nnd Lydien, wurde gestiftet durch den Evangelisten Marcus, der den Petrus nach Nom begleitet hatte, und auf dessen Befehl nach Egypten ging, um dort die Botschaft des Heils zu verkünden. In Alexandrien, der Hauptstadt Egyptens, wo besonders das wissen- schafliche Leben seit langem blühte, sammelte sich bald eine ahnsehn- liche Gemeinde, welcher Marcus selbst bis zu seinem Märtyrer-Tode als Bischof vorstand, worauf ihm Anianus, einer seiner Schüler, folgte. — 15. Apostolische Reisen des h. Paulus. Eine großartige Wirksamkeit entfaltete der h. Paulus — der Weltapostel; nnd die Apostelgeschichte, die seine Thaten erzählt, gibt ein hehres Bild dieses wunderbaren Mannes. Schon in seinen na¬ türlichen Anlagen, in seinem Feuereifer, seiner Menschenkenntniß, Beredsamkeit und seiner wissenschaftlichen Bildung, steht er groß da, aber viel größer noch in seiner demüthigen Opferbereitwilligkeit für Christus, der ihn berufen. Dafür waren aber seine Bemühungen dermaßen gekrönt, daß selbst seinen Gürteln und Tüchern die Wnu- dcrkraft der Krankenheilung mwohnte. Apostelg. 19, 12. Zu An¬ tiochia beginnt seine apostolische Laufbahn; dort erhielt er in feier¬ licher Weise, durch Händeauflegcn der dortigen Kirchenvorsteher, seine Sendung. Es geschah auf Anordnung des h. Geistes. Apg. 13, 2. Von dort aus machte er seine drei großen Reisen in den Län¬ dern Asiens nnd Europas, durch mehrere Gehilfen: — Barnabas, Silas, Timotheus, Lucas, abwechselnd unterstützt. Ueberall stiftete er christliche Gemeinden, die unter göttlichem Segen schnell und kräftig erblühten, und mit welchen er durch zahlreiche Briefe sich in Ver¬ bindung erhielt. Die vorzüglichsten davon sind: Philippi, Thessa- lonica, Corinth, Athen, Ephesus. Zahllose Drangsale, Leiden an Seel' nnd Leibe waren die täglichen Gefährten des Apostels. Aber er vermochte Alles durch den Herrn, der ihn stärkte, und ihn in den Zeiten seiner ersten Arbeiten durch eine Vision in das Paradies führte und gehcimnißvolle Worte vernehmen ließ. II. Cor. 12, 2. Von seiner dritten Reise kam er nicht mehr nach Antiochia, sondern zog nach Jerusalem, obschon er wußte, daß dort neue Leiden seiner harren. Dort kam er auch in nahe Todesgefahr, und nur schnelle Gefangen- uehmnng durch die römischen Kriegsleute entriß ihn derselben. Er 23 wurde dem Landpfleger Felix, dann dessen Nachfolger, Festus über¬ geben, vor dessen Richtcrfluhle er, nm den Schlingen der Inden zu entgehen, als römischer Bürger, an den Kaiser appellirte, und daher nach Rom gesendet wurde, wohin ihn längst schon seine Sehnsucht gezogen hatte. So leitete die Hand der Vorsehung ihren Boten nach der Weltstadt, die er durch seine Lehre erbauen, durch seinen Mar¬ tertod schmücken sollte. Zwei Jahre dauerte seine Gefangenschaft zu Nom, die jedoch so gelinde war, daß er, an einen Soldaten gefesselt, frei wohnen durfte. Es läßt sich leicht denken, wie der große Mann diese Zeit benützte. Nach zwei Jahren, (63 nach Christi Geburt) durfte er, für schuldlos erklärt, weiter ziehen. Doch wissen wir leider über seine weiteren Arbeiten und Reisen, außer einigen Andeutungen in seinen Briefen, fast nichts. Gewiß ist nur, daß er nach Creta kam, wo er den Titus, — und nach Ephesus, wo er den Timotheus als Bi¬ schöfe einsetzte. Endlich erreichte er mit Petrus im Jahre 67 zu Rom das Ziel seiner Sehnsucht: bei Christo zu sehn. Er wurde am nämlichen Tage enthauptet, an welchem Petrus, mit dem Haupte abwärts, gekreuzigct wurde. 15. Schicksale und Wirksamkeit der übrigen Apostel. Unter den Aposteln war Jacobus der ältere, Bruder des Joannes, der erste, welcher der blutigen Marthrerlrone gcwürdiget wurde. Er wurde hiugerichtet ans Befehl des Königs Herodes Agrippa, eiues Enkels des großen Herodes, welcher um das Jahr 44, durch die römischen Kaiser Caligula und Claudius begünstigt, über die Juden herrschte. Agrippa hatte zu diesem Blutbcfehle keinen andern Grund, als den Wunsch, sich dem hohen Rathe zu Jerusalem gefällig zu erwei¬ sen. Eben darum mußten auch andere Opfer unter den Christen fallen, und auch dem Apostel Petrus war ein gleiches Schicksal, aus dem nämlichen Grunde bereitet, er wurde bereits im Kerker sicher bewacht, uud der Tag seiner Hinrichtung bestimmt. Aber ein Engel befreite ihn. Das zweite Opfer unter dpn Aposteln wgr der andere Jaco¬ bus, — der jüngere, Bischof zu Jerusalem. Der Hohe Rath benützte die Zwischenzeit, als der römische Landpfleger Fp.jtus eben gestorben, — 2L — und der neuernannte Albinns noch auf der Reise war. Auf An¬ stiften des Hohenpriesters Ananus wurde Jacobus mit einigen an¬ dern Christen vorgeladen, als Verächter des Gesetzes verurtheilt, vom Volke gesteiniget, nnd mit einer Walkcrkenle erschlagen. Von den Schicksalen und dem Ende der übrigen Apostel haben wir, (Joannes ausgenommen), wenig sichere Nachrichten. Sie, die nicht ihre Ehre suchten, entschwinden unserm Blick; aber die durch sie erleuchtete Welt sehen wir in der Geschichte, und auch jetzt noch vor uns. Einer alten Tradition zufolge sollen sie, in Auftrag ihres Meisters, zwölf Jahre in Jerusalem geblieben sehn, nnd darauf in die ganze Welt sich vertheilt haben. Auch wird von Einigen ange¬ geben, daß sie vor ihrer Trennung jenes Glaubensbekeuntniß, wel¬ ches wir noch das apostolische nennen, verfaßt haben. Nur Petrus, Paulus und zum Theil Andreas finden wir als Prediger in Europa, die übrigen in Asien und Afrika. Nämlich: Andreas in Schthien und Griechenland; — Philip¬ pus in Phrygien; Bartholomäus in Arabien; Thomas in Indien; Mathäus und Mathias in Aethiopien; Simon in Persien, — oder in Manritanien; Judas Thaddäus in Mesopotamien. Joannes, der Jünger, „den der Herr lieb hatte" — war in Kleinasien mit der Predigt des Heiles beschäftiget, und wurde in der Verfolgung unter Kaiser Domitian (I. 95) auf die Insel Pathmos verwiesen. Nach dem Tode des Tyrannen, (I. 97), kam er wieder nach Ephe¬ sus, wo er znm Troste und zur Stärkung der Kirche von Kleinasien wirkte, bis er, mehr als 90 Jahre alt, eines natürlichen Todes starb. (101) Alle übrigen Apostel, — vielleicht Philippus ausgenom¬ men, — starben nach ehrwürdigen Sagen, den Martertod. Auch von der Mutter des Herrn wissen wir nicht, wann und wo sie ihren irdischen Wandel vollendet habe. Sie soll bei dem eben auch jungfräuliche» Joannes, dem sie ihr sterbender Sohn übergeben hatte, noch ungefähr zwölf Jahre gelebt haben. Die Kirche feiert das Fest ihrer Himmelfahrt, wozu der h. Joannes Damasc. bemerkt: „Wie könnte die Verwesung den Leib berühren, in welchem das Leben empfangen ward." Von jeher wurde ihr eine, vor der Verehrung aller andern Heiligen ausgezeichnete Verehrung (O^poi- pli»ouit schritui «uneto vt nobiri.u Die Kirchenväter und kirchlichen Schriftsteller. 30. Borbtinerkung. Kirchenväter (heilige Väter, — saneti l'sties, ?. ocelesise) sind jene Lehrer der christlichen Kirche, die in den ersten Zeiten (bis in's 13. Jahrh.) gelebt, sich durch Frömmigkeit und Wissenschaft ausgezeichnet haben, und uns den Glauben der ältesten Kirche in ihren hinterlassenen Schriften bezeugen. Es kömmt übrigens der Kirche zu, diesen ehrenvollen Titel zu verleihen; die meisten von ihnen haben ihn jedoch durch allgemeine Anerkennung, einige durch ausdrückliche Erklärung erhalten. Die h. Väter sind von großer Bedeutung in der Kirche; denn sie haben nicht nur bei ihren Lebzeiten durch Wort und That für das Reich Gottes gewirkt, sondern sie sind anch für uns unschätz¬ bare Zeugen für die Reinheit der christlichen Lehre und für ihre Gleichförmigkeit, an allen Orten und zu allen Zeiten. Einige der h. Väter wurden noch mit einem besonder» Vorzüge ausgezeichnet. Welche sich nämlich durch ein höheres Maaß von Ge¬ lehrsamkeit und Thätigkeit in der Kirche Verdienste erworben haben, werden h. Kirchenlehrer (voolorns eeolasiw) genannt. Dagegen gibt es solche kirchliche Männer, deren Schriften zwar immerhin von großem Werthe, jedoch nicht ganz irrthumslos sind, oder es war ihr Wandel nicht so entschieden als heilig anerkannt. Sie heißen Kirchen-Schriftsteller' (Zeriptcnos ncelesinstiei). Alle diese werden nach der Sprache, in welcher sie Schriften 43 verfaßt haben, in die griechischen (Kirchenväter rc.) nnd in die la¬ teinischen eingetheilt; dazu kömmt noch der shrische Ephrem. Noch werden von den übrigen besonders unterschieden: die apostolischen Bäter (patres apostolioi), welche noch das Glück hatten, mit den Aposteln umzngehen und aus ihrem Munde die Heilslehre zu ver¬ nehmen, wovon sie uns daher eine ganz sichere Kunde geben können. Die Schriften dieser großen Männer sind nach Inhalt und Schreibweise von der verschiedensten Art. Einige enthalten in rüh¬ render Einfachheit und Innigkeit, Ermahnungen und Sittenlehrcn, Andere waren bestimmt, die Christen und ihren Glauben vor den Heiden zu vertheidigen: — - Schutzschristen (4polop4w). Wieder andere bekämpfen die Irrlehrer, und erweisen gründlich die christ¬ lichen Wahrheiten. Dazu kommen noch Briefe nnd geschichtliche Werke. — In der Schreibweise sind manche von ihnen so hervor¬ ragend, daß sie den besten Classikern an die Seite gesetzt zu werden verdienen, wie z. B. Lactantius der christliche Cicero genannt wird. Möchten nur auch die Christen unserer Zeit sich diese herrlichen Schriften so zn Nutzen machen, wie es früher geschah, wo dieselben häufig in der Kirche nebst der h. Schrift öffentlich gelesen wurden. Wir wollen nun die vorzüglichsten derselben aus dieser ersten Periode kennen lernen. / I 'Z Die apostolischen Väter. 31. Barnabas, Hermas, Clemens von Rom. 1. Der h. Barnabas kommt in der Apostelgeschichte, — ins¬ besondere als Gefährte des h. Paulus,, vor. Unter seinem Namen ist ein Brief vorhanden, von dem zwar Einige bezweifeln, daß er von ihm seh; sicher aber ist der Brief aus der apostolischen Zeit, Er enthält Beweise für den christlichen Glauben besonders aus dem a. T., und dann Sittcnlehren. 2. Hermas, welcher von Paulus Nöm. 16, 14. gegrüßt wird, hinterließ uns ein Buch unter dem Namen: Hirte (pastor), weil dem Hermas ein Engel in der Gestalt eines Hirten Belehrungen gibt, wie das Leben eines Christen eiuznrichten seh. 3. Clemens von Rom, ein Schüler der Apostel Petrus und Paulus, und der dritte Nachfolger des h. Petrus auf dem päpst- — 44 — lichen Stuhle zu Rom (Petrus, Linus, Cletus, Clemens). Ueber sein Leben und seinen Tod ist nns wenig sicheres bekannt, so viel ist gewiß, daß er ein ungemein verehrter Kirchenvorsteher war, nnd nm das Jahr 100 als Märtyrer gestorben ist. Es kommen unter seinem Namen mehrere Schriften vor, deren Echtheit bestritten wird; eine Schrift aber, die sicher ihn zum Verfasser hat, ist uns von besonderer Wichtigkeit, weil dieselbe klar nachweist, daß man damals schon den Bischof von Rom als Oberhaupt der ganzen Kirche an¬ erkannte. Es ist dieß ein Brief an die Kirche zu Corinth. Diese hatte sich nämlich an Clemens, als an den Papst, gewendet, mit der Bitte, daß er eine bei ihnen ausgebrochene Streitigkeit beilege, was denn in diesem Briefe auch geschieht. Der Beweis, den uns dieser Brief für Las Ansehen des römischen Papstes gibt, ist um so klarer, da damals noch der Apostel Joannes zu Ephesus am Leben war, an den die Corinther sich hätten wenden können, wenn sie nicht überzeugt gewesen wären, daß nunmehr und für immer der Bischof zu Rom, als Nachfolger des Apostelfürsten Petrus, derjenige seh, der als Christi Stellvertreter die ganze Kirche regiert. 32. Ignatius. Ignatius, genannt der Gottesträger (IRvopüorus), war Bi¬ schof der berühmten Hauptstadt Syriens — Antiochia. Schon wäh¬ rend der Verfolgung Domitians hat er die ihm anvertraute Heerde durch fortwährendes Gebet, Fasten und Belehrung unter den heftig¬ sten Stürmen aufrecht erhalten. Unter Trajan ward ihm die lange sehnlichst erwünschte Märtyrerkrone zu Theil. K. Trajan war auf einem Kriegszuge nach Antiochia gekommen; er ließ den Bischof der Stadt vor sich führen, und fuhr ihn an mit den Worten: „Wer bist du, böser Dämon, daß du es wagst, meinen Befehlen zu trotzen, und auch Andere in gleiches Verderben führst?" Ignatius erwie- derte: „Wie kann man den einen bösen Dämon nennen, der seinen Gott im Herzen trägt (auf seinen Beinamen Theophoros anspielcnd), die Dämonen fliehen vielmehr vor den Dienern Gottes." Trajan: „Meinst du nicht, daß auch wir unsere Götter in unserm Herzen tragen, die uns zum Siege verhelfen?" Ignatius: „Du irrst, Kaiser, die Götter der Heiden sind Dämonen u. s. w." Der Kaiser brach das Gespräch bald ab, mit dem Urtheilssprnch: „Ignatius soll ge- 4» fesselt nach Rom geführt, und dort den wilden Thiercn vorgeworfen werden." Der christliche Held hörte dieses Urtheil mit Dank nnd Freude; er empfahl seine Kirche Gott, empfing die Fesseln und trat seine Todesreise an. Das Schiff, das ihn führte, landete zu Smhrua, dann zu Troas, und an diesen Orten, und sonst überall, wo sein Weg ihn durchführte, begrüßten ihn die christlichen Gemeinden, und erhielten von den: dem Tode Geweihten freundlichen Trost nnd Be¬ lehrung. An diese und an andere Kirchen, und an den Bischof Poly¬ karp, schrieb er auf dieser Reise Briefe, sieben an der Zahl, die voll Salbung und echt christlicher Frömmigkeit sind. Als er schon Rom sich näherte, hörte er, man wolle für ihn eine Fürbitte einlegen; allein er bat, keinen Schritt für seine Frei¬ lassung zu thnn, denn er wisse wohl, was ihm fromme; und so wurde er bald in's Amphitheater (Colosseum zu Rom, dessen Ruinen noch stehen), geführt, wo er schnell von Löwen zerrissen wurde, so daß nur die stärkern Gebeine liegen blieben. Diese wurden wie unschätzbare Kleinodien in ein Kistchen gelegt, nnd nach Antiochia überbracht, sammt einem Briefe, in welchem Augenzeugen sein Martyrium beschreiben und beisetzen: „Wir haben Cuch den Tag angezeigt, damit wir denselben für die Zukunft feiern können." Welch' ein schönes Zeugniß für die Verehrung der Märtyrer und der Reliquien schon in jener Zeit; — es war im Jahre 107. 33. Polykarpus. Ein Zeitgenosse nnd Freund des h. Ignatius war der h. Po¬ lykarp, Bischof zu Smyrna in Kleinasien. Auch er war noch mit solchen umgegangen, die den Herrn gesehen hatten, und vom Apostel Joannes zum Bischöfe eingesetzt worden. Eine lange Reihe von Jahren stand Polykarp seinem heiligen Amte vor, und hatte ein Alter von etwa 100 Jahren erreicht, als er unter dem Kaiser M. Aurelius glorreich endete (nm 164). Der heidnische Pöbel erlustigte sich eben bei seinen Festspielen mit dem Anschauen, wie die Christen von wilden Thiercn zerfleischt wurden. Hierdurch schon aufgeregt, nud durch die von den Christen bewiesene Standhaftigkeit in Wuth versetzt, fingen die Unmenschen an zu rufe«: „Polykarpus zu den Löwen!" Er wurde herbeigeschleppt, nnd als man ihm zumuthete. 4« den Götzen zu opfern und Christum zu lästern, sprach er: „Sechs und achtzig Jahre diene ich ihm, wie könnte ich ihn, meinen Herrn — meinen Erlöser, lästern?" Da die Zeit der Spiele vorbei war, und man den verlangten Löwen nicht mehr loslassen durfte, so ward er zum Feuertode verurtheilt. Das Volk eilte in die nahen Bäder, um Hol; herbeiznholen, wobei sich die Juden besonders geschäftig erwiesen. Freudig bestieg er den Scheiterhaufen und erwartete laut betend den Flammentod. Aber die Flamme schonte seiner, und Po¬ lykarp stand unversehrt da, mit heilig glänzendem Antlitze, während die Flammen ihn wie schwellende Segel umgaben. Da wurde be¬ fohlen, ihn durch einen Stoß in die Brust zu tödten. Das geschah, und es entströmte der Wunde eine solche Menge Blntes, daß der Brand schnell erlosch. Den entseelten Leichnam wollten noch die Inden den Christen streitig machen, indem sie boshaft bemerkten, die Christen würden etwa nun Christum verlassen und Polykarp anbeten. Wogegen die Christen erwiederten: „Die Thoren, die nicht wissen, daß wir den Sohn Gottes allein anbeten, die Märtyrer aber eben als seine muthigen Schüler innigst lieben." Um den Streit abzuthuu, ließ der römische Hauptmann den Leichnam eiligst verbrennen. Die Christen aber sammelten die Ueberreste, — „kost¬ bar wie Gold und Edelsteine", begruben sie und feierten alljährlich an seinem Grabe den Tag seines Martertodes, unter dem schönen Namen seines „Geburtstages". Dieser apostolische Vater hatte nicht nur in seiner Gemeinde, sondern auch für die entfernten, durch Sendschreiben gewirkt, wo¬ von uns jedoch nur eines — der Bries an die Philipper, übrig geblieben ist. Lr ist in apostolischer Einfachheit voll Würde und Salbung geschrieben. A n m e r k. 1. Pvlykarpus war Anfangs der Verfolgung ausgewichen und hatte sich auf Leu: Lande verborgen gehalten. Anch andere h. Män¬ ner haben sich hier und da den Verfolgungen durch die Flucht ent¬ zogen. Das darf uns jedoch nicht beirren, denn daß es nicht Furcht und Feigheit war, das erprobten sie im rechten Augenblicke, wie wir bei Polykarp gesehen haben. Aber sie erkannten in christlicher Weis¬ heit, wann es Zeit sey, sich zum Nutzen der Kirche noch zu erhalten, und wann die Stunde des Opfers da sey. 2- Es kann auffallcn, daß das Feuer den h. Pvlykarpus 47 wunderbar verschonte, während ihn das Schwert sogleich tödt- lich traf. So unerforschlich Gottes Rathschlüsse sind, können wir doch einsehen, daß Gott die Wunder nicht überflüssig wirkt. Wer da sehen und erkennen wollte, hatte an dem einen Wunder genug. Nebstbei können wir bei derlei Ereignissen auch Gottes Allmacht neben seiner heiligen Gerechtigkeit bewundern, welcher den Ele- menten gebietet, seiner Heiligen zu schonen, die freie Thätigkeit des Menschen dagegen nicht hemmt, sie aber dereinst richten wird. Die l). Väter der nachapostolischen Zeit. 34. Justiims. Iustinus, im Anfänge des 2. Jahrhundertes in Samaria von griechischen Aelteru geboren, fühlte schon in früher Jugend ein leb¬ haftes Verlangen nach der Erkenntniß der göttlichen Dinge nnd trieb eifrig das Stndinm der Philosophie, wovon er Befriedigung dieses Verlangens hoffte. Er ging bei verschiedenen Philosophen in die Lehre, ohne Befriedigung zu finden, bis er endlich in der platoni¬ schen Weisheit diese gefunden zu haben vermeinte. Allein, als er einst seinen tiefen Betrachtungen in einsamer Gegend nachhing, be¬ gegnete ihm ein Greis von mildem nnd ehrwürdigen Ansehen, der ihm in kurzem Gespräche klar nachwies, er habe das Wahre now bei weiten: nicht gefunden. Auf die trostlose Acnßernng Iustinus, wo denn diese zu finden seh, verwies ihn der Greis auf die Propheten, auf Christus und seine Schüler. So wurde er Christ, nnd sein Bestreben ging fortan dahin, vorzüglich die gelehrten Heiden Christo zuzuführen, darum trug er auch noch immer seinen Philosophen¬ mantel, — denn jetzt hatte er ja die wahre Philosophie sich eigen gemacht. Er kain später nach Rom, nnd hielt dort eine Schule. Dort starb er auch, — von einem heidnischen Philosophen aus Haß als Christ angegeben, in der Verfolgung unter M. Anrelins (l67). Er heißt darum der Philosoph und Märtyrer. Seine vorzüglichsten Werke sind zwei Vertheidigungs- oder Schntzschviften, deren erste er den K. Antoninus Pins, die andere dem M. Anrelins übergab, beide sind herrliche Denkmale der Lehre und des Lebens der Christen jener Zeit. Dann haben wir von ihm nocb eine wichtige Schrift: „Dialog 48 mit dem Juden Tryphon", worin die Einwürfe der Juden gegen das Christenthnm widerlegt werden. 35. Irenäus. Irenäus, von Geburt ein Grieche (geb. um 140), erzählt uns selbst, daß er in früher Jugend dm Unterricht von Männern ge¬ nossen habe, die mit den Aposteln umgegangen waren, darunter auch des h. Polhkarpus. Er war aber auch ein würdiger Schüler solcher Meister, in dem sich tiefe Innigkeit des Geinüthes, mit der hohen Kraft des lebendigen Glaubens vereinigte. Die Liebe für das Christenthum drängte ihn, dasselbe den noch uubekehrten Völkern zu predigen, und in diesem h. Berufe finden wir ihn zu Lyon in Gallien, wo er bald Priester, dann Bischof dieser Gemeinde wurde, und (nm 202) unter Sept. Serverus den Märthrertod erlitt. Von seinen vielen Schriften ist uns doch die vorzüglichste erhalten worden, jedoch nicht in der griechischen Ursprache, sondern in einer lateini¬ schen Uebersetzung, deren Titel: 5 libri »tlvorsu« limreses, auch den Inhalt anzeigt. Gregorius Thaumaturgus. Gregorius, mit dem Beinamen der Wunderthäter (Umumn- tiii-Au«), ist eine der merkwürdigsten Erscheinungen in der katholi¬ schen Kirche. In ihm finden sich Wissenschaft, Frömmigkeit und Wundergabe in außergewöhnlicher Weise vereinigt, daher sein Ruhm und seine Thaten in allen Kirchen, in Aller Munde gefeiert wurden. Er war zu Neucäsarea in Pontus, im Heidenthume geboren (Ans. des 3. Jahrh.). Er sollte zu Rom sich den Wissenschaften widmen, kam aber auf einer Reise nach Cäsarea in Palästina, wo Origenes einer Schule Vorstand. Unter der Leitung dieses großen Lehrers blieb er fünf Jahre, worauf er in seine Heimat zurückkehrte und dort in der Einsamkeit seine Studien fortsetzte. Dann wurde er, nach langem Weigern, zum Bischöfe seiner Vaterstadt, die damals erst 17 Christen zählte, geweiht. Von da an war sein Leben fast eine ununterbrochene Kette von Wundern, deren Frucht die Bekehrung seines ganzen bischöflichen Sprengels war. Die Größe seines Geistes leuchtet auch aus seinen Schriften hervor, worunter wir nur seine herrliche Lobrede auf seinen Lehrer Origenes nennen. Thascins Cäcilius Chprianus, eine der edelsten Zierden der Kirche, als Bischof und Schriftsteller, gehörte durch Geburt einer sehr reichen und angesehenen Senators-Familie zu Carthago an. Vielseitig ausgebildet, aber noch ein Heide, übernahm er eine Pro¬ fessur der Rhetorik, womit damals die angesehensten Männer sich abgaben, und lehrte einige Zeit mit Glanz und Rnhm in seiner Vaterstadt. Hierdurch vergrößerte er noch sein ohnehin bedeutendes Vermögen, gab sich dem Wohlleben hin, und zwar, wie er selbst sagt, nicht ohne manche Fehltritte. Aber inmitten dieser Laufbahn holte ihn die göttliche Erbarmung ein. In seinem Hause wohnte ein ehrwürdiger Priester, Cäcilius, der seine Zuneigung gewann und ihn in der christlichen Lehre unterrichtete. Schwer, ja fast unmög¬ lich schien dem Cyprian die Erfüllung der Forderungen, die das Christenthum an seine Bekenner macht. Doch ließ er sich taufen, und sieh' da! so schreibt er selbst: „als durch das Wasser der Neu¬ geburt (Taufe), die Makel des früher« Lebens abgewascheu war, da strömte von Oben her ein heiteres und reines Licht in die entsün- digte Brust." Er erhielt bald die Priesterweihe und wurde kurz darauf zum Bischöfe von Charthago begehrt. Seine Demuth hieß ihn fliehen, aber er wurde ausgesucht und so lange gebeten, bis er sich fügte. Seine Frömmigkeit, seine Demuth und Milde, seine Kraft und Strenge in Handhabung der Sitte und Kirchenzucht, machte ihn zum Ideale eines Bischofes. Eine solche Heiligkeit und Gnaden¬ fülle leuchtete aus seinem Antlitz, daß es die, welche ihn anschauten, in Verwirrung setzte. Kaum stand er ein Jahr in seiner Würde, als es in der decianischen Verfolgung (250) hieß: „Cyprian vor die Löwen!" Doch er erkannte die Nothwendigkeit, dießmal sich noch zu erhalten. Er zog sich an einen fernen Ort zurück, leitete aber, von dort aus, unausgesetzt seine Kirche. Im folgendem Jahre kam er zurück, und sorgte unter sehr betrübenden Umständen, — Pest und Verfolgung des Gallus, — für die Seinen. Zehn Jahre hatte Cyprian in der Kirche geleuchtet, als seine ruhmvolle Laufbahn sich zu einem noch ruhmvolleren Ende neigte. In der Verfolgung Va- lerians (257) wurde er erst verbannt, dann bald zurückberufen und nach herrlichem Bekenntnisse, in Gegenwart einer zahllosen Volks¬ menge, die ihn tief betrauerte, hingerichtet. Ueber den Werth seiner Schriften fetzen wir nur die Worte des Dichters Prudentius her 4 — 3» — (Vs ooremi«, -ixmm 13.): „So lange Christus das Menschenge¬ schlecht — so lange er die Welt bestehen läßt, wird Jeder, der Christum liebt, Dich, Cyprian lesen und lernen von Dir!" Seine Schriften bestehen in 13 verschiedenen Abhandlungen und 81 Briefen, die uns ein sehr vollständiges Bild von dem Geiste und Leben, der Disciplin nud Verwaltung der Kirche jener Zeit geben. Kirchpn-Schriftsteller. 38. Clemens der Alexandriner. Die Katcchetenschule. In Alexandrien bestand seit der Mitte des 2. Jahrhunderts die sagenannte katechetische Schule, die dazu bestimmt war, den ge¬ lehrten Heiden, auf dem Wege der Philosophie, das Christenthum beiznbringen, d. i. nachznweisen, daß das Christenthum nicht nur den Forderungen der Vernunft vollkommen entspricht, sondern auch die Bedürfnisse des menschlichen Geistes auf das Vollendetste befriedigt. Hier finden wir (um 190) den berühmten Lehrer Clemens (^io- xunciiinus). Er war nach heidnischen Grundsätzen in der Jugend gebildet worden, und erst im Mannesalter hatte das Licht der christ¬ lichen Lehre ihn erleuchtet. Auf seinen wissenschaftlichen Reisen batte er viele große Meister gehört, doch Alles, was ihm die Philosophie varzubieten hatte, befriedigte sein Gemüth nicht, bis endlich das Christenthum seinen heißen Durst nach Erkcnntniß stillte. Er brachte die Schule, der er vorstand, zu seltener Berühmtheit, und viele ge¬ bildete und angesehene Heiden wurden seine gelehrigen Schüler. -ül-vricl/to aol Die Methode, die er bei solchem Unterrichte befolgte, ist in seinen drei Werken ausgeprägt: 1. „Die Ermahnungsschrift an die Heiden", worin er diese zur Annahme des Christenthums zu be- wegen sucht. 2. „Pädagogns" — der Erzieher und Führer auf dem Wege des Heiles, für solche, die bereits gläubig geworden, und nun zu einem christlichen Leben practisch geleitet werden sollen. (- 3. Stromata (Teppiche), eine Schrift sehr mannigfachen In Halles, — welche schon hinreichend Unterrichtete zur höchsten Stufe führen soll. Leider hat er in diesem letzten Werke die Philosophie und Theologie nicht gehörig von einander unterschieden, was zu Mißverständnissen führen konnte, daher steht er auch — ungeachtet seiner großen Verdienste — nicht unter den heiligen Vätern. — M — 39. Origenes. . - , Der berühmteste Schüler und dann Lehrer der alex. Ka¬ techetenschule ist Origenes mit dem Beinamen Adamantins (der Diamantene), geboren 185. Zu der hohen Ausbildung, die wir au diesem merkwürdigen Manne anstauuen, hat sein christlicher Vater Leonides, durch eine treffliche Erziehung, von der frühesten Kindheit an, den Grund gelegt. Er ließ keinen Tag vergehen, ohne daß der Knabe etwas in der h. Schrift gelesen und überdacht hätte. Leoni¬ des wurde in der Verfolgung des Sept. Severus (202) ergriffen und in's Gefängniß geworfen, und der siebenzehnjährige Origenes konnte nur mit Mühe von der Mutter abgehalten werden, freiwillig die Märtyrerpalme sich zu verschaffen. Doch er schrieb wenigstens dem Vater einen Ermunterungs-Brief, worin er ihn bittet, der Familie wegen nicht wankend zu werden. Der Vater starb auch als Märtyrer, sein Vermögen wurde eingezogen, und die Wittwe mit sieben Kindern war der äußersten Dürftigkeit preisgegeben. Dock das beugte den Muth und die Kraft des Origenes nicht; die Familie fand Unterstützung, und er, erst 18 Jahre alt, erhielt vom Bischöfe die Lehrstelle in der Katechetenschule. Es ist fast unglaublich, was Origenes in dieser Stellung geleistet/ Sein glänzendes Talent, sein geistvoller Vortrag, worin Kraft und Anmuth sich vereinigten, fes¬ selten Alle nut Bewunderung an ihn. Dabei war sein Wandei ungemein erbaulich, — und so sanft und nachsichtig er gegen Andere war, so strenge war er gegen sich selbst. Er hatte seine schöne Bib¬ liothek von Classikern verkauft, dafür erhielt er täglich 4 Oboleu (17 Kr.); das war ihm lebenslang zum täglichen Unterhalte hin¬ reichend, und er war nie zu bewegen, von seinen Zuhörern das Geringste anzunehmen. Er hatte eine einzige Tunika, und versagte sich lange den Gebrauch der Schuhe. Der ganze Tag war zum Unterrichte, Studium und schriftlichen Arbeiten bestimmt; Gebet und Meditation nahmen dest größten Theil der Nacht weg, und die kurze Zeit, die er sich zur Ruhe gönnte, schlief er auf bloßer Erde. Eine Lieblingssache war es für ihn auch, die Märtyrer zur Richtstätte zu begleiten, und ihnen bis zum letzten Hauche ermun¬ ternd und liebkosend beizustehen; und es ist nur wunderbare Fügung Gvtttes, daß er nicht selbst auch frühe schon zum Märtyrer wurde. Erst unter Decius (250) ward er — schon ein Greis, ergriffen, grausam gefoltert, jedoch wieder befreit; starb aber wahrscheinlich 1* 32 an den Folgen dieser Marter im Jahre 254. Er war der größte Mann seiner Zeit, sein Ruf als Lehrer, zuerst zu Alexandrien, später zu Cäsarea in Palästina, in der ganzen Kirche verbreitet. Auch die Mutter des Kaisers Alex. Serverus und ein arabischer Fürst genossen seinen Unterricht. Viele Irrende hat er der Kirche wieder zugeführt; wo ein Streit entstanden war, eilte er, gerufen oder von eigenem Eifer getrieben hin, und seine Einsicht und liebe¬ volles Zusprechen stellten meist den Frieden wieder her. Wo er die Zeit hernahm auch noch so viele treffliche Schriften zu verfassen, ist ganz unbegreiflich. Hieronymus sagt: er schrieb mehr, als ein Anderer in seinem Leben zu lesen im Stande ist; und nach Epiphanius hatte man seine sämmtlichen Schriften auf 6000 berechnet, worunter wohl die Bücher (Theile) größerer Werke, und seine Briefe einzeln mit gerechnet sind. Dagegen reicht zur Verfassung des einen Werkes, — seiner biblischen Hexapla, — ein gewöhnliches Menschenleben kaum hin. Es wurde ihm schon bald nach seinem Tode zur Schuld gelegt, daß eines seiner bedeutendsten Werke, betitelt: Periarchon (von den Grundsätzen) von Jrrthümern gegen den reinen christlichen Glauben nicht ganz frei seh, und das ist der Grund, daß dieser große Mann die Ehre eines Kirchenvaters nicht erlangt hat. Es ist aber auch erklärlich, daß er, der so Vieles geschrieben, — das Einzelne nicht so genau in bestimmte Worte gefaßt hat. Ferner war ein Jrrthum oder ein Mißverständniß leicht möglich, da er Alles, was die alten Philosophien irgend Brauchbares hatten, im Christenthume anwen¬ dete, um die heidnischen Gelehrten zur Ueberzeuguug zu führen. Nebst¬ dem aber beklagt sich schon Origenes selbst, daß dis Ketzer so häufig seine Schriften verfälscht hätten. 40. Tertulian. Tertulian war zu Carthago um 160 geboren. Seine Aeltern waren Heiden, und er blieb es auch in seiner ersteren Lebenszeit, wo ihm das Christenthum eine lächerliche Thorheit dünkte. Aber im reifer« Altern von 30 bis etwa 36 Jahren trat er zum Chri¬ stenthume über, und entsagte zugleich seinem frühem wüsten Leben. Als Grund dieser Aenderung gibt er an, die Standhaftigkeit, die er bei den Märtyrern bewunderte, und die Macht, die er von Chri- r Ä- ' 5 - /^ 5?' »rr " / sten bei Austreibung der Dämonen üben sah. Er besaß namhafte Kenntnisse, besonders auch im römischen Rechte, und es floß aus seiner Feder eine Reihe von Schriften, worin er Juden, Heiden nnd Irr¬ lehren mit Erfolg bekämpfte. Aber er war von Natur aus etwas bitter, und düsteren eigensinnigen Gemüthes, was ihn zuletzt zur Secte der Montanisten führte. In der Irrlehre derselben befangen, schrieb er mehrere Bücher nun gegen die katholische Wahrheit. Es ist darum bei seinen Schriften wohl zu unterscheiden, ob er sie vor, oder nach seinem Abfalle von der Kirche geschrieben hat; sie sind übrigens in einem harten mitunter dunklen Style geschrieben. Kirchliche Streitigkeiten. 41. Vorbemerkung. Es konnte nicht ansbleiben, daß in der Kirche auch Streit¬ fragen über die Glaubenslehre oder auch über andere Kirchen-Ange¬ legenheiten angeregt wurden. Je nach dem Gegenstände und auch nach den Folgen des Streites, haben wir hierin drei Stufen zu un¬ terscheiden. 1. Wo die widersprechenden Meinungen und Ansichten in christ¬ licher Liebe und mit redlichem Streben nach Wahrheit, vorgebracht und erörtert wurden, und daher auch Alle, der, durch das kirch¬ liche Ansehen oder durch einzelne Lehrer, klar dargelegten Wahrheit sich fügten: — das nennt die Geschichte einfach eine kirchliche Streitigkeit. 2. Wenn die Führer einer solchen streitenden Partei, aus Recht¬ haberei und Eigensinn, ihren rechtmäßigen kirchlichen Obern den Ge¬ horsam versagen, sich von ihnen trennen, und denselben gegenüber eine eigene Partei bilden, ohne daß sie übrigens eine Glaubens¬ lehre läugnen, so entsteht eine Kirchenspaltung (Schisma). Die Hauptsache dabei ist, daß eine solche Partei durch ihre Tren¬ nung von ihrem unmittelbaren Obern, auch vom Mittelpunkte der Kirche, — von Rom getrennt ist, daher es ganz natürlich zugeht, wenn bei solchen von der Kirche getrennten Parteien sich allmälig auch Irrlehren entwickeln. Z. Wenn aber Jemand eine oder mehrere Glaubenslehren der katholischen Kirche beharrlich läugnet, oder eine von der Kirche ver- 34 worfene Lehre hartnäckig festhält, der verfällt in die Ketzerei (bw- rvtä«). Wer endlich vom Christenthume, welches er bereits bekannt hatte, gänzlich abfällt, heißt ein Abtrünniger (.^postala). ' - 42. Streit über ein tausendjähriges Reich Christi. ? . s.. Bei vielen Christen der ersten Zeiten war die Meinung ver¬ breitet, daß Christus bald auf diese Erde zurückkommen, die Gerech¬ ten anferwecken, niit ihnen von Jerusalem aus tausend Jahre hin¬ durch herrschen, ihnen Glück und Freude genießen lassen werde. Diese miter dem Namen Chiliasmus vorkommende Meinung ging von den Judenchristeu aus, die darin einigermaßen einen Ersatz für die getäuschten Erwartungen eines ganz irdischen Messiasrciches fanden. Man glaubte auch in der h. Schrift, besonders in der Offen¬ barung Joannis (20, 6.), Beweise dafür zu finden. Selbst ehr¬ würdige Lehrer der Kirche, wie Justinus und Irenäus bekannten sich zu dieser irrigen Meinung, nur mit dem Unterschiede, daß sie nicht irdische Genüsse, sondern reine geistige Frenden erwarteten. Nachdem auch Bücher für und wider diese Ansicht geschrieben wor¬ den waren, wobei besonders Origenes das Irrige derselben darthgt, berief der Bischof von Alexandrien Dionysius, die Anhänger des Chi- liaSmus (Millenarier), der damals besonders in Egypten herrschend war, zu einer Besprechung zusammen, wo cs ihm gelang, die Mei¬ sten von diesem eitlen Wahne abznbringen. Doch kommen im 10. Jahrhunderte wieder Spuren einer ähnlichen Ansicht vor. n 43.» Streit über die Osterfeier. Das Osterfest, dem Andenken an Christi Auferstehung geweiht, ist von den Aposteln selbst angeordnet worden, und kommt daher schon bei den ersten Christen als das größte und freudigste Fest vor. Der Tag aber, an welchem es gefeiert wurde, scheint schon von An¬ fang an, bei den abendländischen und morgenländischen Christen ver¬ schieden gewesen zu sehn. Die Morgenländer hielten sich an den alten Gebrauch der Juden, dem zu Folge sie das Auferstehuugsfest am 14. des jüdischen Monates Nisan begingen, welcher Tag somit an jeden Wochentag fallen konnte. Da aber der Heiland an einem Sonntage auferstaudcn ist, so glaubten die abendländischen Christen — — diesen Tag für immer festhalten zu müssen, und feierten Ostern stets au jenem Sonntage, der auf den 14. des Monates Nisan (Früh¬ lingsmonat, März) folgte. Man berief sich auf beiden Seiten auf eine apostolische Tradition: in Nom auf Petrus und Paulus, in Asien auf Joannes; wahrscheinlich auch mit Recht. Denn diese Verschiedenheit betrifft nicht den Glauben, sondern einen Kirchenge¬ brauch, worin Einheit zwar sehr erwünschlich, aber nicht absolut nöthig ist; und man hatte dabei vielleicht im Morgenlande auf die vielen Iudenchristen Rücksicht genommen, was bei den Heidenchristen im Occidente nicht nöthig war. Man machte jedoch bald Versuche auch hierin Einheit herzustellen, und. schon Polykarp war deßwegen nach Rom zum Papste Anicet gereift. Sie schieden in Liebe und Eintracht, obwohl sie sich in diesem Puncte nicht vereinigen konnten. Gegen das Ende des 2. Jahrhunderts wurde aber die Frage über diesen Gegenstand ernstlich wieder angeregt. Mehrere Kirchenver¬ sammlungen wurden gehalten, und entschieden sich für den Sonntag. Aber die Asiaten, an ihrer Spitze Polykrates, Bischof von Ephesus, wollten von ihrer Gewohnheit nicht weichen. Papst Victor glaubte sogar mit der Ausschließung ans der Kirche drohen zu müssen, und erst das allgemeine Concilium zu Nicaa (.425) hat angeordnet: »daß Ostern stets am Sonntage nach dem ersten Vollmonde im Frühlinge gefeiert: wenn jedoch dieser Vollmond selbst an einen Sonntag fällt, auf dem darauf folgenden Sonntage angesetzt werden solle." Zugleich wurde angenommen, daß unter dem ersten Vollmonde im Frühlinge, derjenige verstanden werden soll, welcher entweder auf den 21. März, oder zunächst nach demselben eintritt. Dabei blieb es, und so wird heut zu Tage noch der Ostersonntag nach dieser Berechnung bestimmt. ) 44. Streit über die Ketzcrtaufe. * Uebcr die Frage, ob die Taufe, die von Irrlehrern ertheilt worden ist, gültig sch oder nicht, entstand um die Mitte des dritten Jahrhunderts ein Streit, welcher großes Aergerniß gab, da sonst große und heilige Männer sich mit Leidenschaftlichkeit daran bethei- iigten. Schon zu Anfang des zweiten Jahrhunderts hatte eine Ver¬ sammlung der Bischöfe zu Carthago bestimmt, daß solche, die von Ketzern getauft Wurden, wenn sie zur katholischen Kirche zurückkehrten. 36 aufs Neue getauft werden sollen. Ohne Zweifel hatte man bei diesem Beschlüsse solche Ketzer im Auge, welche die katholische Lehre von der Dreieinigkeit läugncten, wie die Gnostiker; die daher gewiß nicht gültig taufen können. Aber bald machte sich hie und da die Ansicht geltend, daß Jrrlehrer überhaupt dieß Sacrament nicht gültig zu ertheilen vermögen; weil man übersah, daß die h. Sacramente nicht durch das Verdienst des Ausspenders, sondern durch Gottes Kraft uud Gnade wirken. Auch Cyprian der Bischof zu Carthago, war in diesem Wahne befangen, welchem sogar in zwei Concilien zu Carthago beigestimmt wurde. Cyprian schickte, den Kirchengesetzen' gemäß, die Beschlüsse dieser Concilien nach Rom zur Bestätigung. Allein der damalige Papst Stephanus verwarf dieselben, und erklärte, daß es bei der, in der römischen und vielen andern Kirchen über¬ lieferten Gewohnheit ;n verbleiben habe, und solchen keine neue Taufe ertheilt, sondern ihnen nur die Hände aufgelegt werden, zur Buße. Cyprian blieb jedoch bei seiner Meinung, und eine neue Synode zu Carthago bestätigte die vorigen Beschlüsse. Auch kameü Abgeordnete von Cyprian nach Rom, die jedoch der Papst Stephan — in der Strenge zu weit gehend, gar nicht vor sich ließ. Der Bischof von Alexandrien, Dionysius, suchte den Frieden zu vermitteln; — da wurde Papst Stephan aber in der valerianischen Verfolgung ent¬ hauptet und im folgenden Jahre traf den Bischof Cyprian das nämliche Loos. So hörte zwar der Streit auf, aber der Jrrthum blieb in Afrika noch eine Zeit, bis das Concilium von Nicäa ent¬ schied, daß jedermann — auch ein Ketzer — die Taufe gültig er- theile, wenn es nur in der von der Kirche vorgeschricbenen Art geschieht. Anmerk. Man hat aus dieser Begebenheit entnehmen wollen, daß Cyprian den römischen Papst nicht als Oberhaupt der Kirche an¬ erkannt habe. Allein, wenn Jemand, wie hier Cyprian, mit der Ansicht seines Vorgesetzten nicht einverstanden ist, so folgt daraus noch nicht, daß er ihn überhaupt nicht als Obern anerkenne. Cy¬ prian bezeugte aber seine Unterwürfigkeit vielfach in seinen Schrif¬ ten, und auch in diesem Streite schon dadurch, daß er die Be- schlüsse seiner Concilien dem Papste zur Bestätigung vorlegte. 37 45. Kirchenspaltungen zu Carthago und Rom. * In der Verfolgung des Decius war die Zahl der Gefallenen besonders groß gewesen. Da war die Frage: ob, und nnter welchen Bedingungen dieselben wieder in die Kirche ausgenommen werden sollen, von großer Wichtigkeit. Die katholische Kirche hielt den Grund¬ satz fest, daß jede Sünde Vergebung erlangen könne, daß jedoch eine Bußübung, je nach der Größe der Sünde, voransgehen müsse. Da¬ gegen wollten sich andere Ansichten geltend machen, die Einen wollten milder, die Andern strenger verfahren, als die Kirche; so ent¬ standen die obengenannten zwei Spaltungen. Zu Carthago hatte sich in Betreff der Fürbitte Ker Märtyrer eine laxe Gepflogenheit ein¬ geschlichen. (Siehe Z. 25 Anm.) Ein unruhiger Priester, N o va¬ tu s, in Verbindung mit dem reichen Diacon, Felicissimus, stellte sich dort an die Spitze der Unzufriedenen, die eine eigene kirch¬ liche Partei bildeten, und die Gefallenen ohne Umstände bei sich auf¬ nahmen. So entstand dort eine Spaltung, die nach Felicissi¬ mus benannt wird, da Novatus bald nach Rom ging, um auch dort für seine Ansicht zu wirken. In -Rom hatte sich aber nm die nämliche Zeit eine der kirch¬ lichen Praxis feindliche Partei, —- jedoch von entgegengesetzter Mei¬ nung gebildet, behauptend, man dürfe die Gefallenen g.ar nicht mehr aufnehmen. Als wahrer Parteigänger trat hier Novatns nun auf diese Seite. Der Führer derselben zu Rom war Novatian, welcher aus Aerger, daß man ihn nicht zum Papste gewählt hatte, ein Schismatiker wurde. Es war nämlich Cornelius in rechtmäßiger Wahl auf den päpstlichen Stuhl gesetzt worden. Novatian ließ sich betrügerischer Weise von drei Landbischöfen ordiniren, erhielt einigen Anhang, und war somit der erste Gegenpapst (^nlipgpa). Diese Partei fügte dem Schisma anch bald die Irrlehre bei, daß in der wahren Kirche gar keine schweren Sünden vorkommen, daher nicht die katholische Kirche, sondern die ihrige die wahre seh. Sie hießen darum auch Oatbarl d. l. die Reinen. Die laxe Partei zu Car-' thago wurde bald unterdrückt, aber die rigorose in Rom erhielt sich fast ein Jahrhundert hindurch. — Z8 — Ketzereien dieser Zeit. 46. Irrlehren durch Vermischung heidnisch-jüdischer Lehre mit den christlichen. — Simon der Zauberer. Zur Zeit, als die erste Kunde des Evangeliums durch den Diacon Philippus nach Samaria kam, lebte dort Simon mit dem Beina¬ men: der Zanberer (Uupnm); weil er Samaria's Einwohner durch > seine trügerischen Künste äffte. Nebstbei theilte er ihnen auch eine neue Religion mit, in der er sich selbst an die Spitze stellte: er nämlich seh „die große Kraft Gottes" (Apgesch. 8). Doch nahm er, wohl nur zum Scheine, das Christenthum an, und wurde getauft. Als bald darauf die Apostel Petrus und Joannes kamen, um den /^.i - Getauften die Hände aufzulcgen (Firmung), da staunte Simon ob der Wunder, die da geschahen^ und bot dem Petrus Geld an, wenn er ihm die Kunst lehrte, durch Händeanflcgung solche Wunder zu bewirken. Petrus erkannte seinen verkehrten Sinn und verwies ihm denselben scharf. Simon schien zwar Reue zu zeigen, aber in der Folge ging er wieder, und führte auch andere den Weg des Ver¬ derbens, indem er der christlichen Religion seine eigenen träumeri¬ schen Lehren beimischte. Von ihm hat auch ein kirchliches Verbrechen feinen traurigen Namen. Wenn nämlich geistige oder kirchliche Dinge für irdischen Preis gegeben und angenommen werden, so heißt das Simonie. Anmerk. Simon soll auch die Römer so bethört haben, daß sie ihm, als einem Gott, eine Säule setzten; und eine, jedoch unver¬ bürgte Sage fügt noch bei, er habe in Rom sogar vor einer Menge Volkes fliegend sich in die Luft erhoben, seh aber auf das Gebet des Apostels Petrus herabgestürzt, und umgekommen. 47. Cerinth. Ein anderer, der auch schon zu den Zeiten der Apostel der gött¬ lichen Lehre seine eigenen Phantasiebilder beimengte, war Cerinth. Er war wahrscheinlich ein geborner Jude, und behauptete, daß Engel ihm Offenbarungen bringen, die er dann mittheile. Sein Lehrshstem ist ein Gemisch von Christenthum, Iudenthnm und orientalischen Fabeln. Er unterschied Christum (auch Verbum, von Jesus, der nur ein Mensch gewesen setz. Christus habe nur bei der Taufe Joannis sich mit Jesus vereiniget, ihn aber vor der Kreuzigung wieder verlassen. Doch werde Christus wieder kommen, und in tau¬ sendjähriger Regierung seinen Anhängern alle sinnlichen Lüste ge¬ nießen lassen. Cerinth trieb besonders in Ephesus sein Unwesen, und es war wohl Fügung der Vorsehung, daß der h. Apostel Joannes so lange lebte, um diesem gefährlichen Feinde der jungen Kirche ent¬ gegen zu treten. Joannes schrieb sein Evangelium gegen diesen Jrr- lehrcr, welches mit der erhabenen Lehre beginnt, daß das Wort (ver- bum, nämlich der Eingeborne des Vaters) von Ewigkeit her — Gott ist. So konnte Cerinth dem Chrifteuthume nur geringen Schaden zufügen. 48. Die judaisircuden Seelen. — Nazaräer und Ebionitcn. Der Streit, ob die Christen verflichtet sehen, das mosaische Ge¬ setz zu beobachten oder nicht, wurde in der Kirchenversammlung zu Jerusalem entschieden (tz. 29). Die nun auch nach dieser Entschei¬ dung noch hartnäckig erklärten, das jüdische Gesetz seh znm Heile nothwendig, bildeten bald der Kirche gegenüber eigene Sccten. Dar¬ unter eine mildere nnd eine strengere. Die mildere d. i. dem Christen- thume näher stehend, waren die Nazaräer, (der ursprüngliche Name aller Christen). Sie forderten bloß von den Judenchristcn die Beob¬ achtung des Gesetzes, und unterschieden sich fast nur dadurch, »und durch ihr besonderes aramäisches Evangelium (nach Matth.), von den Uebrigen, da sie an die Gottheit Christi glaubten. Die, Ehioniten erklärten Christum für einen bloßen Menschen, und suchten ihr Heil bei weitem mehr im mosaischen Gesetze, welches denn auch die Heidenchristen beobachten müßten. Auch das tausend¬ jährige Reich Christi, mit ganz irdischen Erwartungen, gehört zu ihren Lehren. Ihr hebräisches Evangelium hatte zwar auch den Namen des Matth-, war aber vom echten und jenen: der Nazaräer verschieden. Einzelne Reste dieser Secten dauerten bis ins dritte oder vierte Jahrhundert. 49. Dualistische Seelen. — Gnostiker. Eine auffallende Erscheinung, gleich in den ersten Zeiten des Christeuthums, ist der Gnosticismus: —eine vielgestaltige Irr- — «v — lehre, die weit ausgebreitet, der Kirche lange und heftige Kämpfe bereitete. Der Name kommt her von /rmsr;- - eine tiefere Einsicht in geheime, — besonders göttliche Dinge. Dunkel und verworren, wie die Lehre der Gnostiker, sind auch die Nachrichten über den Urheber und Ursprung derselben. Irenäus weiset in seinem Werke uckv. I,Droses, auf Simon den Zauberer, als den Urheber hin. Doch lassen sich die so verschiedenartige Systeme der langen Reihe der Gnostiker kaum auf Eine Quelle zurückführen, und es hatten — die jüdische Speculation (Philo der Alex.), die platonische Phi¬ losophie, und die orientalischen Religions-Ansichten theilweise die Ele¬ mente dazu geliefert. Diese Doctrinen wurden nach der Phantasie der einzelnen Gno¬ stiker zu den seltsamsten Lehrgebäuden znsammenzestellt. Das Ge¬ meinsame bei Allen war ungefähr Folgendes: Ein allgemeines Weh liegt schwer über dem Menschengeschlechte. So vielfältige Natnrübel, — die traurige Schwäche, ja mitunter unbegreifliche Schlechtigkeit der Menschen, lassen sich mit einer gött¬ lichen Regierung dieser Welt nicht znsammenreimen: — nein, fin¬ stere dämonische Mächte müssen da ihr Unwesen treiben. In solch düsterer Ahnung befangen, grübelten nun die Gnostiker über jene Frage, die die Weisen und Thoren aller Zeiten beschäftigte, näm¬ lich: „Woher ist das Uebel in der Welt?" Die christliche Religion gibt darauf die einfache Antwort: „Vom Mißbrauche der Freiheit." Aber dem stolzen und sinnlichen Menschen genügt diese Antwort nicht; nicht er selbst, — etwas außer ihm muß die Schuld tragen. So auch die Gnostiker. Die grobe, in der Gewalt böser Geister befindliche Materie ward als der Urstoff alles Uebels angesehen. Aber weder der böse Stoff noch die bösen Geister können unmittel¬ bar vom guten Gott stammen: daher wurde die Materie, als von Ewigkeit bestehend, neben Gott gedacht (Dualismus); und die bösen Geister sind durch endlose Fortpflanzungen, aus ur¬ sprünglich guten Wesen entstanden. Zu diesem Ende verfaßten sie förmliche Geschlechtsregister (Genealogien) der Geisterwelt, nämlich: der gute Gott schuf, oder strahlte aus sich, Kräfte (ckiauch Aeonen), die aber in der Fortpflanzung — je weiter vom Ursprünge entfernt, desto schlechter wurden. Von diesen letzter» Einer (De- miurgus) oder Mehrere haben aus der ewig todten Materie diese Welt geformt, und auch de« Menschen hervorgebracht, für den die til Welt ein Gefängniß, und jene Geister gleichsam die Kerkermeister sind. Den Menschen nun aus diesem Elende zu befreien, habe Gott einen großen Geist (Erlöser) gesendet, der die Menschen lehren soll, sich von der Macht des Bösen los zu machen. Vorzüglich bei dieser Lehre von der Erlösung, knüpften die Gnostiker ihre Phantasien an das Christenthum an, dessen Grund¬ lehren sie jedoch gänzlich umdeuteten. So war ihnen die christliche Lehre von der Dreieinigkeit fremd; daher Christus ihnen nur für einen großen Geist, Aeon, galt, der auch keinen wirklichen, sondern einen Scheinkörper hatte, (Dokcten); denn er konnte sich mit der bösen Materie ja nicht bekleiden. Das alte Testament mußten sie ganz verwerfen, da der Gott der Juden und Schöpfer der Welt, nach ihrer Lehre, nur ein Aeon der niedern Art war. Von ihrer Sittenlehre wird im folgenden Paragraphen die Rede sehn. An merk. 1. Die zahlreichen Zweige der gnostischen Secten erhiel¬ ten ihre Namen entweder von einem unterscheidenden Merkmale ihrer Meinungen, z. B. Ophiten (von der paradifischen Schlange), Adflmiten, Sethiten, Kainiten; — oder von ihren Häuptlingen; — dergleichen waren; Karpocrates, Basilides, Valentin, Saturnin, Bardesanes, Tatian, Marcion rc. 2. Daß derlei Irrlehrer schon zu den Zeiten der Apostel die Kirche beunruhigten, bezeugen mehrere Stellen der h. Schrift, wie l. Tim. 4, 3. 6, 20. >l. Tim, 2, 17. Offeub. 2, 2. 20. 50. Manichäer. Eine der gnostischen sehr verwandte Lehre war der in Persien entstandene Manichäismus, der daher auch die persische Gnosis genannt wird. Hier ist der Dualismus (zwei Urwesen) noch schärfer ausgeprägt. Der Gnosticismus setzt neben dem guten Gott, die ungöttliche aber ewige Materie; der Manichäismus aber, von Ewigkeit her einen guten und einen bösen Gott. Der Ur¬ heber dieser Secte ist Mani (Manes oder Manichäus) ein Perser, der in der Mitte des dritten Jahrhunderts lebte. Seine Lehre, — ein Gemisch der gnostischen und persischen Religion (Zoroasters), ist: Von Urbeginn an bestehen zwei Reiche: das des Lichtes und jenes der Finsterniß. In jedem derselben herrscht ein ewiges Wesen: der gute Gott erfüllt alles mit Licht und Wonne, und ist umgeben von «2 seligen Aeonen und Lichtgeuien. Der böse Geist (Satan) herrscht in der Region der Finsterniß über die Dämonen. Beide Reiche waren durch einen öden Zwischenraum geschieden, und in keinem ahnete man das Dasehn des andern. Die Dämonen leben in steter Zwie¬ tracht und im Kriege unter einander. Bei Gelegenheit eines be¬ sonders heftigen Kampfes wurde ein Thcil der Dämonen auf die Grenzgebirge ihres finstern Landes gedrängt, und sie sahen von wei¬ tem den wunderbaren Glanz des Lichtreiches. Erstaunt, und nach dieser bisher unbekannten Herrlichkeit lüstern, machten sie unter sich Frieden, und fielen vereint ins Lichtreich ein. (Es spricht sich hierin allerdings eine auf Erden sehr gewöhnliche Erfahrung aus, daß die Bösen stets mit einander im Kampfe sind, aber dennoch gegen das Gute gemeinschaftliche Sache machen.) Wirklich gelang es den Dä¬ monen eine Menge von Lichttheilen zu rauben, die sie in ihr finste¬ res Reich mitschleppten. Um Schlimmeres zu verhüten, brachte der gute Gott ans sich selbst den lebendigen Geist hervor, und schickte ihn zu Hilfe. Diesem befahl Gott auch ein neues Zwischenreich, die sichtbare Welt, aus der bereits mit Licht vermengten Ma terie zu schaffen, die daher theils gut, theils böse ist. Dahin wurde auch Adam gesetzt, welcher aus drei Theilen: — dem Leibe nach ganz aus dem bösen finstern Stoffe; seinem geistigen Wesen nacb aber aus der vom bösen Geiste herrühreudeu Seele (Psyche), — und dem eigentlichen Geiste, der das geraubte Licht ist, besteht. Adam erzeugte durch Verlockung des bösen Geistes Kinder, und so wird durch weitere Fortpflanzung des Menschengeschlechtes jenes ge¬ raubte Licht ins unendliche versplittert, und die Rückkehr erschwert. Den Menschen den Weg zur Rückkehr zu lehren, sandte der gute Gott Christum. Er hatte nur einen Scheiukörper und thront in der Sonne (Sonnengott). Er verhieß auch einen Tröster, und dieser ist Manes, der Vollender seiner Religion. Hiernach ist die Haupt¬ aufgabe des Menschen, sich von der Materie so srei als möglich zu machen. Das soll durch Enthaltsamkeit von den gewöhnlichen menschlichen Genüssen geschehen. Verboten war Wein (ans der Galle des Teufels entsprossen), Fleisch, Milch :c. Eben so die Ehe, als eine Anstalt des bösen Geistes. Auch kein Thier soll getödtet, keine Pflanze ausgerissen werden. Da so die Manichäer gar nicht hätten loben können, so machte mau deu Unterschied zwischen Vvll- wnuneneu und Hörern (nnäiloi-n-i); die letzten könnten heiraten, aber unter besondern Bedingungen, auch durften sie Ackerbau treiben, um die Bollkommenen, die im Müßiggänge lebten, zu ernähren. Bei den Manichäern und den ihnen verwandten Gnostikern sind zwei auffallende Erscheinungen besonders bemerkenswerth. Er¬ stens, daß bei ihrer so strengen Moral, unter ihnen doch eine so grobe Unsittlichkeit und schändliche Ausschweifungen, sogar bei ihren religiösen Versammlungen, vorkommen. Zweitens ist zu verwun¬ den«, wie es kömmt, daß solche Hirngespinnste von so vielen Men¬ schen, zur Zeit ihres Entstehens sowohl als auch iu den spatern Jahrhunderten, als bare Wahrheit angenommen werden konnten? Denn wir werden diese wahnsinnigen Doctrinen — nur etwas um¬ wandelt, und unter andern Namen, noch öfters in der Geschichte anftanchen sehen. Was nun den ersten Puuct betrifft, so ging daS ganz natür¬ lich zu. Wird eine Schwärmerei auf die Spitze getrieben, so schlägt sic leickll iu das Gegcntheil um. So ging auch hier die maßlose Strenge gegen die Forderungen der Natur, in zügellose Hingabe an die Triebe über. Es wurde eben diese Hingabe auch ans dem Systeme leicht erklärt. Beide Secten lehrten, daß der Körper ans der bösen Materie, und unter der Bothmäßigkeit des Demiurgins, oder der Dämonen ist. Der Körper — das Fleisch muß darum verachtet, geschwächt und eutnerft werden; und das geschah durch Ausschweifungen eben so, — nur bequemer, als durch Casteinng. Besonders günstig dieser zügellosen Richtung war die Ansicht der Manichäer von den drei Bestandtheilen des Menschen. Der Körper und die sensitive Seele des Menschen können sündigen, — das be¬ rührt aber den Geist — das Bessere des Menschen nicht; es ist höchstens ein Nachgeben, eine Schwäche, die leicht verziehen wirr. Dieser bequeme Grundsatz war es ja, der selbst den großen Augu stinus zu dieser Secte verlockte, und eine Zeit festhielt. Der zweite Punct findet schon in dem eben Gesagten zum Theile feine Lösung; dazu kam aber noch die prahlerische Verheißung der Erhebung aus den irdischen Banden, und der Lösung aller Geheim¬ nisse, denn darauf pflegen die Menschen besonders erpicht zu sehn. Es ist eine Eigenheit des Menschen, daß, wenn die einfache schlichte Wahrheit ihre überzeugende Kraft an ihm verliert, er von den wi¬ dersinnigsten Phantasien leicht eingenommen wird, und dann aus den sublimsten Speculationeii in den tiefsten Koth hcrabsinkt. So — «L — ist das Resultat erklärlich, zu dem einige Gnostiker der alten und manche ihrer Geistesverwandten der neuesten Zeit gekommen sind; daß nämlich der Mensch wirklich weiter nichts als ein Thier, und die Geistigkeit, womit er sich brüstet, eine bloße Grille seh. Ebenso erklärlich ist es auch, daß nicht nur die Kirche, sondern vor¬ zugsweise der Staat die Gnostiker und noch mehr die Manichäer, als der menschlichen Gesellschaft höchst gefährliche Feinde, jederzeit mit der größten Strenge zu unterdrücken sich veranlaßt sah, wie schon Diocletian die schärfsten Gesetze gegen sie erließ, „weil sie schänd¬ liche Dinge einführen und Unruhen erregen". 51. Die schwärmerische Seele der Montanisten. Die Irrlehren, die wir bisher gesehen haben, waren von außen, aus dem Juden- oder Heidenthume in die Kirche hinein¬ getragen worden; nun aber erhob sich in der Kirche selbst ein Irr- thum, welcher auch die Frommen verführen konnte; weil keine Glau¬ benslehre geradezu angegriffen, sondern nur viel strengere Sittenvor¬ schriften aufgestellt wurden, als die Kirche sie gibt. Mont anus ein Phrygier, gegen die Mitte des zweiten Jahr¬ hunderts, ein stolzer Mann, von düsterem, schwärmerischen Gemüthe, behauptete, daß die Kirche gegen die Sünder viel zu milde und auch in andern Dingen nicht strenge genug seh. Bisher, meinte er, mag das hingegangen sehn; denn Christus und die Apostel haben in Man¬ chem der menschlichen Schwäche nachgegeben; aber jetzt fordere der von Christus versprochene Tröster durch Montanus, eine voll¬ kommene Frömmigkeit. -/ Der Forderungen waren hauptsächlich vier: — 1. Strengeres Fasten als bisher. 2. Der Verfolgung darf man sich nie durch die Flucht entziehen. 3. Die zweite Ehe ist ver¬ boten. 4. Wer gewisse schwere Sünden begangen hat, kann nie mehr in die Kirche ausgenommen werden. Dabei gab sich der angebliche h. Geist in Montanus und seinen Begleitern, durch prophetische Aussagen und schwärmerisch aufgeregte Gemüthszustäude kund. Ge¬ rade diese Strenge aber und das scheinbar Außerordentliche, übte auf manche Gemüther einen besonder» Reiz und erwarb der Seele viele Anhänger, die stolz auf ihre eingebildete Heiligkeit, die Kirche, in ihrer von Christus ererbten Milde und Liebe, verachteten. Die meiste Berühmtheit hat diese Secte durch den Uebertritt des — — angesehenen Kirchenschriftstellers Tertulian erhalten; nnd sie dauerte bis ins sechste Jahrhundert. 52. Die rationalistischen Seelen der Antitrinitarier. Die christliche Ähre befriediget vollkommen jegliches Geistes¬ vermögen des Menschen, — Verstand, Gefühl und Phantasie, wo sie harmonisch nnd in rechter Weise dieselbe in sich aufnehmcn. Wo aber eines dieser Vermögen vorherrschend und regellos das Christenthum zu denten versucht, kann Einseitigkeit und Irrthum nicht ausbteiben. Die Gnostiker und Manichäer haben sich in lockern Phan¬ tasie-Bildern gefallen, nnd die Montanisten ihr düsteres Ge- müth zu befriedigen gesucht: nun kamen Andere, die mit ihrem Verstände an dem Ehristenthume irre wurden. Die Ähre von der Dreieinigkeit Gottes, in Verbindung mit dem Dogma der Mensch¬ werdung des Sohnes Gottes, ist die Grundlage des Ehristenthums. Allein diese Ähre ist ein Gehcimniß, nnd über (nicht gegen) den menschlichen Verstand, der sich hier, seine Unzulänglichkeit erkennend, in Demuth unterwerfen muß. Es gab aber Solche, und gibt deren noch, die diese Lehre nach ihren Verstandesbegriffen zurecht zu stelle» sich amnaßten. So entstand die Secte der Antitriuitarier (Gegner der Lehre von der Dreieinigkeit). Man kann sic in drei Classen abtheilen. 1. Die Einen blieben bei der flachen Auffassung der Ebio- niten, daß Ehristns ein bloßer Mensch gewesen. Dazu gehört Theo- dotus, im zweiten Jahrhunderte, der, weil er Christum in der Ver¬ folgung verlängnet hatte, sich mit dem entschuldigte, er habe ja nur einen Menschen, nicht Gott verlängnet. 2. Da an so vielen Stellen der h. Schrift, mit klaren Wor¬ ten von drei göttlichen Personen die Rede ist, so mußten die Gegner neue Erklärungen dieser Stellen ersinnen. Da sagten nun Einige: Es kommen zwar drei Namen vor, Vater, Sohn und h. Geist; aber alle diese Namen beziehen sich unr auf Eine Persen. Die nämliche Eine göttliche Person hat unter dem Beinamen Vater, die Welt erschaffen, unter der Benennung Sohn sie erlöst u. s. f. Sie heißen daher auch Patripassianer (Gott Vater hat gelitten); und solche waren Praxeas nnd NoätnS (nm LOO). o — ktt» — 3. Eine größere Bedeutung erhielt diese Irrlehre durch eine neue Partei nach der Mitte des dritten Jahrhunderts, welche jene Stellen der h. Schrift dahin deutete, daß in und durch Christus, die Kraft oder Weisheit (virtns-sapianlin l>m) oder der Geist Gottes (Logos), wirkte. Oder man suchte durch Gleichnisse das Ge¬ heimnis zu erklären, z. B. Vater, Sohn und h. Geist, sind wie Körper, Seele und Geist des Menschen, die verschieden an sich, doch nur Eine Person ansmachcn u. dgl. Dieser Art waren Sabellius, ein Priester, und Paulus von Samosata, Bi¬ schof von Antiocha. Von ihnen erhielten die Secten der Sabel- lianer und Pan lian isten ihren Namen. Au merk. In der Geschichte dieser beiden Irrlehrer finden wir auck die sprechendsten Beweise, daß man auch zur selben Zeit, das ober- hirtliche Amt des Bischvfes zu Rom (Papstes) -über die ganze Kirche, anerkannt hat. Dionysius, Bischof von Alexandria, schrieb gegen Sabellius, machte sich aber selbst, — wie Einige meinten, — dabei eines Irrthnms schuldig, nnd wurde beim Papste, auch Dionysius mit 'Namen, angeklagt, wo er sich auch rechtfertigte, indem er zeigte, daß man ihn mißverstanden habe. — Paul von Samosata wurde seiner Ketzerei wegen von mehreren versammelten Bischöfen abge setzt, er wollte aber, — geschützt durch die Königin von Palmyra, Zenobia, — nicht weichen. Als Zenobia vom Kaiser Aurelian be siegt worden war, wendeten sich die Bischöfe au diesen Kaiser nm Hilse gegen den Widerspenstigen. Der Kaiser, obwohl Heide, schützte die rechtliche Ordnung der Kircke, indem er den Paulus vertreiben, und nach Belieben vcr Bischöfe den beschöflichen Stuhl besetzen ließ, doch müsse es ein solcher seyn, der mit dem Bi schofe zu Rom in kirchlicher Gemeinschaft steht. NI. Einrichtung -er christlichen Kirche. .'>3. Verfassung der Kirche. Primul. Die Kirche hatte vom Anfänge au die Bestimmung, das ganze Menschengeschlecht in sich aufzunehmeu, nnd dasselbe, durch die Gna¬ denfülle des in der Kirche uicdergelegten ErlösnngSwerkes Christi, seinem himmlischen Ziele entgegen zn führen. Diese wunderbar «7 großartige Anstatt bedurfte eines festen Grundes, und diesen Grund legte Christus selbst. Als Erlöser steht der Sohn Gottes in einer dreifachen Beziehung zur erlösten Menschheit. Man nennt diese dreifache Beziehung, die Aemter Christi: sein Lehramt, Priester¬ amt und Königsamt smunu« jmopkmlmmn, ssoarilotnlc ei re- »ium). Als Lehrer enthüllte er ewige Wahrheiten; — als Priester brachte er das Opfer am Kreuze, und als fortwährende unblutige Erneurung desselben, setzte er die h. Messe ein; — als König ist ihm alle Gewalt gegeben. Zur Fortführung dieses seines drei¬ fachen Amtes beordnetc er die zwölf Apostel; — als Lehrer,: indem er ihnen bei verschiedenen Gelegenheiten den Auftrag gab, was sie von ibm gehört, weiter zu lehren; — alö Priester: da er beim letzten Abendmahle befahl: das thnt zu meinem Andenken; — als Regierer und Leiter seiner Kirche: da er sprach: Wie mich der Bater gesandt Hal, sende ich euch. Und in dem großen Augenblicke, da er, am Ziele seines irdischen Wirkens, zum letzten Male sie gesegnet hatte, sprach er, gleichsam Alles zusammenfasscnd: „Mir ist ge¬ geben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Demnach gebet hin, lehret alle Völker, taufet sie im Namen des Paters, des Sohnes und des h. Geistes, und lehret sie Alles halten, was icb euch be¬ sohlen habe: und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ente der Welt." (Matth. 28, 18.) Jede Gesellschaft aber, soll sie -nicht bald zerfallen, muß eine feste und sichere Verbindung zu einer Einheit, — einem Mittel- pnnete haben. Aneb dafür Hai der Heiland gesorgt, indem er seinen Apostel Simon als den Felsen bezeichnete, auf den er seine Kirche bauen wolle, -- ihm darum deu Namen Petrus gab. Ihm über¬ gab er „die Schlüssel des Himmelreiches", ihm befahl er, „zu wei den seine Lämmer — seine Schafe"; zu ihm sprach er: „Du — befestige deine Brüder." Lnec. 22, .22. Sv ist Christus der Gründer, Petrus der Grundstein, die Apostel die Säulen der h. Kirche. Wie nun Petrus - wie die Apostel das ihnen übertragene Amt übten, ist in der Apostelgeschichte und in ihren Briesen zu lesen. Sie lehrten, lausten, ertheilteu durch Händeanfleguug die Gaben des h. Geistes s'Firmnng), „brachen das Brot" sh. Messe), straften die Schlechten durch Ausstoßung aus der Kirche, wie Paulus rem blutschänderischen Corinther lhat (l Cor. i>); sogar mit dem Tode, wie an Anamas und seinem Weibe, (Apostg. r>); sie gäbe« 5>* allgemein bindende Gebothe, — wie auf der Versammlung zu Je¬ rusalem (Apostg. 15,); sorgten sogar für de» irdischen Unterhalt der Gläubigen, indem Alle ihre Habe zn den Füßen der Apostel nieder¬ legten, die davon jeglichem zutheilten, was er bedurfte (Apost. 4, 35). — Dabei steht Petrus durchaus mit besonderer Auszeichnung da. Er veranstaltet, daß statt Judas ein neuer Apostel gewählt werde (Apostg. 1, 15); er visitirt die Kirchen (9, 32); er führt das Wort vor dem hohen Rathe (4, 9) und leitete die Versammlung zu Je¬ rusalem; er nimmt, durch eine Vision belehrt, die ersten Heiden in die Kirche auf. Ans allem ist klar: Die Apostel — und sie allein, waren — unter der Oberleitung des Petrus — die Machthaber in der Kirche. Da aber, bei dem schnellen Wachsthnm der Kirche, sie allein bald nicht ansreichten, und für die Zeit nach ihrem Tode Fürsorge getroffen werden mußte, so wählten sie sich Ge hülfen (Priester und Diakonen) und Stell¬ vertreter (Bischöfe). 54. Diakonen, Priester, Bischöfe. 1. Die Apostelgeschichte C. 6 erzählt uns, daß, da der Jün¬ ger schon viele geworden waren, die Apostel bei der Vertheilung der Liebesgaben für die irdischen Bedürfnisse der Gemeinde nicht mehr ausreichten, und darüber bereits Unzufriedenheit entstanden war. Da erklärten die Apostel: Es geziemt sich nicht, daß wir ablassen vom Worte Gottes, und den Tisch (den täglichen Unterhalt der Dürftigen) besorgen; es sollen demnach sieben Männer, die voll h. Geistes und Weisheit sind, ausgewählt werden zn diesem Geschäfte. So wurden denn sieben solche auSgewählt und den Aposteln vorgc- stellt, die ihnen unter Gebet die Hände auflegten, und sie so zu dem heiligen Dienste weihten. Sie wurden Diakonen (Diener, mi¬ nistri) genannt, und obwohl zunächst zur Armenpflege bestimmt, dienten sie der Kirche auch durch die Verkündigung des göttlichen Wortes, wie von Stephanus und Philippus ausführlich berichtet wird, und standen auch den Aposteln, bei dem heiligen Opfer und beim Gottesdienste überhaupt, dienend zur Seile. Aber sie waren nicht befähigt, das Opfer selbst darznbriugen, wie sie auch zwar taufen, aber nicht den h. Geist ertheilen (firmen) konnten. 2. Doch in immer weitern Kreisei' breitete sich die Kirche aus, und mehr Arbeiter waren nöchig geworden. So wählten denn die Apostel Männer aus, die sie durch Händeauflegnng unter Gebet und Fasten weihten, (Apostg. 14, 22), welche unter der Aufsicht und Leitung der Apostel den einzelnen Kirchengemeinden vorstanden und insbesondere auch das h. Meßopfer (Brotbrechung) verrichteten. Sie wurden Weiteste (.°mnioim8, woher das Wort Priester) genannt, welche Benennung sich nicht so sehr auf das Alter, als vielmehr auf das Amt bezieht. 3. Bei weitem das Wichtigste aber war, Fürsorge zu treffen, daß die den Aposteln von Christus verliehene Vollmacht der Vermittlung des Göttlichen mit dem Menschlichen, in der Kirche für alle künftigen Zeiten erhalten werde. Hierzu wur¬ den Einzelne unter den Aeltesteu bordnet, indem sic auch bei Leb¬ zeiten ter Apostel als deren Stellvertreter, und weiterhin als eigentliche Nachfolger derselben bestimmt und geweiht wurden. Das sind die Bischöfe (episcopi. Aufseher). So hat Paulus den Timotheus ;n Epbesus und den Titus in Creta zu Bischöfen bestellt. Auf sie übertrugen die Apostel die nämliche Beacht, die sie vom Herrn empfangen hatten. — So erscheinen die Bischöfe als Reprä¬ sentanten des Herrn in feiner dreifachen Beziehung zn den Menschen, als die Erben und Trager seines Lehramtes, seines Hohenpriester- tbumS und seiner kirchlichen Herrschaft. Auf ihnen ruht das Wort des Herrn: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch;" sie sind die Grnndvesten der Kirche, gebaut auf dem Felsen, dem je¬ weiligen Bischöfe zu Rom, als dem Nachfolger des Petrus. In ihnen wohnt die Fülle der Kirchengewalt und sie allein können die, ihnen von den Aposteln her, in ununterbrochener Folge, ertheilte Gnade und Gewalt im Ganzen: — wieder auf Bischöfe, oder zum Theile: — auf Priester, Diakonen n. s. f. übertragen. Somit ist der Episkopat die Fortsetzung des Apostolates, nur mit dem Unterschiede, daß die Gewalt jedes einzelnen Bischofs auf Eine große Kirchengemcinde (Diöcese) beschränkt ist. An merk. Aus einigen Stellen der h. Schrift, wo die nämlichen Personen einmal Priester, das anderemal Bischöfe genannt werden, wollen manche Gegner der katholischen Kirche den Schluß ziehen, daß in der ersten Zeit zwischen Priestern und Bischöfen kein Unterschied des Ranges stattgesundeu habe. Allein diesen envas — 7« — dunklen Stellen, steht nebst andern das klare Wort des Apostels Paulus gegenüber, wo er dem Timotheus schreibt: I Tim. 5, 19. „Gegen einen Priester nimm keine Klage an, es sey denn aus Zweier rioder Dreier Zengniß." Nebstdem haben wir für dwfe katholische Lehre die deutlichsten Aussprüche der ältesten Kirchenväter, Clemens ron,. und Ignatius, welche beide von den Aposteln selbst unterrichtet worden waren. 5ö>. Die mindern Kirchcniimter. Zn diesen in der apostolischen Zeit bestehenden Kirchenämtcrn — dem Episkopat, Presbyterat und Diakonat, sind in der Folge, — wohl schon im zweiten Jahrhunderte, zur Besorgung des Kirchendien- stes noch andere von mindern! Range hinzngckommen, und zwar: Die Subdiakonen, welche, wie schon der Name andentet, zunächst den Diakonen, deren Siebenzahl man in den einzelnen Kirchen nicht überschreiten wollte, znr Hilfe beigegeben waren. In der Folge wurde das Snbdiakonat zu den höheren Weihen gerechnet. Lectores (Vorleser), welche in den Versammlungen Abschnitte aus der h. Schrift vorznlesen hatten. Die Exor eisten (Beschwörer) waren zunächst bestimmt, über die Catechumenen vor der Taufe, und überhaupt über die von un¬ reinen Geistern Gequälten, Beschwörungen zu sprechen. Die Ost tarier l Thürhüter) hatten die .uirchenschlüssel in Ver¬ wahrung, und mußten an den Eingängen der Kirche Wache halten, daß nicht Unberufene cintreten. Die Akoluthen dienten beim Altäre, namentlich hatten sie die Gefäße zu reinigen und die Lichter beim Gottesdienste zu tragen. Man kann sich von der Menge der Geistlichkeit bei einzelnen Kirchen einen Begriff machen, wenn uns berichtet wird, daß bei der Kirche zu Rom znr Zeit des Papstes Cornelius im Jahre 252, bereits 44 Priester, 7 Diakonen, 7 Subdiakcnen, 42 Akoluthen, 52 Exorusten u. s. f. bestanden haben. Auch weibliche Personen, Diakonissinnen, wurden in der alten Kirche zum Kirchendienste verwendet. Sie mußten den Frauen beim Empfange der Taufe beistehcn, Katechumenen und Kranke weiblichen Geschlechtes unterrichten und pflegen u. dgl. 71 A»merk. So sehen wir schon in der ersten Zeit, die Kirchengewalt — den Bischof mit seinen Gehilfen, genau ausgeschiedcn von den übrigen Gläubigen, und zwar durch des göttlichen Stifters eigene Anordnung: Clerus (von Antheil, Erbe, nämlich Gottes) und Laien (von Volk). Doch standen damals, wo der Geist der Liebe alle Glieder erfüllte, der Bischof, sein Clerus und die Laien im engsten Verbände, und der Bischof handelte in allen wich¬ tigen Angelegenheiten im Einverständnisse mit den Clerikern und Laien; 'ohne daß deßhalb die Auctorität des Bischofs irgend von der Gemeinde abhängig gewesen wäre, — seine Sendung ist von oben. Später, als der Geist der Liebe in den Gemeinden zu er¬ kalten anfing, mußte auch in Bezug auf jenes innige Verhältniß manches anders werden. 56. Gottesdienst. Das, was Christus in dem letzten heiligen Momente — bevor er hinging, sich zu opfern, vor seinen Aposteln gethan, wo er Brot und Wei» gesegnet und ihnen gegeben mit den Worten:, das ist mein Leib — mein Blut, und das thut zu meinem Andenken, — das h. Abendmahl (h. Messe), hielten die Gläubigen stets für die Krone und den Mittelpuuet ihres Gottesdienstes. Wie in der ersten Zeit das h. Meßopfer gefeiert worden, wird von Iustinus in seiner Schutzschrift in folgenden Worten beschrieben: (^poloss65.) „An den Sonntagen kommen alle, so in der Stabt und auf dem Lande wohnen, zu einer Versammlung zusammen; dort werden die Schrif¬ ten der Apostel oder der Propheten vorgelesen, so lange die Zeit es gestattet. Wenn der Vorleser geendigt, hält der Vorsteher eine Rede, worin er diese erhabenen Lehren zur Beherzigung vorhält und zur Nachahmung ermuntert. Dann stehen wir alle zusammen auf, und ergießen nufere Gebete; darauf wird, wie bereits bemerkt worden, (siehe nnten), Brot gebracht und Wein, nnd der Vorsteher richtet nun ans aller seiner Kraft Gebete nnd Danksagung zn Gott, und das Volk stimmt ein, sprechend: Amen. Jedem Gegenwärtigen wird von dem Gesegneten mitgetheilt, und den Abwesenden wird davon gesendet durch die Diakonen." Die obigen Worte: „wie bereits be¬ merkt worden," beziehen sich auf folgende wichtige Stelle der näm¬ lichen Schntzschrift. „Diese Nahrung heißt bei uns Eucharistie. Daran 72 Theil zu nehmen, ist keinem erlaubt, außer dem, der das für wahr annimmt, was von uns gelehrt wird, und der zur Nachlassung der Sünden und zur Ncugeburt das Taufbad empfangen hat, und nach Christi Vorschrift lebt. Denn nicht als gemeines Brot und gemeinen Trank empfangen wir dieses; sondern, so wie durch das Wort Gottes unser Heiland Jesus Christus Mensch geworden, sowohl Fleisch als auch Blut zu nnserm Heile gehabt hat: so sind wir auch belehrt, daß die, kraft des mit Seinem Worte gesprochenen Gebetes, c o ri¬ se er irte Nahrung, sowohl das Fleisch als auch das Blut dieses Fleisch gewordenen Jesus seh, wodurch unser Blut nud Fleisch, gemäß der Umwandlung genährt wird (zürn ewigen Leben)." Wenn wir diesen kostbaren Nachrichten noch beifügen, was Pli¬ nius an Trajan schrieb, daß die Christen aussagen: Sie Pflegen vor Tagesanbruch zusammeuzukommen und Christo als ihrem Gott einen Hymnus zu singen u. s. f.; so ersehen wir leicht, daß im Wesent¬ lichen der Gottesdienst der damaligen Christen beschaffen war, wie der unsere: — Unterricht im göttlichen Worte, Gebete und Gesäuge, und vor allem die Hauptsache, die Feier und das Opfer der Eucha¬ ristie, die wir die b. Messe nennen; nur mit dem Unterschiede, daß in jenen schönen Zeiten alle Anwesenden ihre Opfer brachten, und ebenso alle an der Eucharistie Theil nahmen. Eine Beigabe des Gottesdienstes waren in jenen Zeiten noch die Liebesmahle (ä§apm), wozu der, zur Eucharistie nicht verbrauchte Theil des von den Gläubigen geopferten Brotes und Weines ver¬ wendet wurde, und die vorzüglich zur Erquickung der Armen be¬ stimmt waren. 57. Ort und Zeit des Gottesdienstes. 1. Lauge Zeit hindurch war es den Christen nicht vergönnt, für ihre gottesdienstlichen Zusammenkünfte eigene, — des erhabenen Zweckes würdige Gebäude (Kirchen) zu errichten. In den Zeiten der Verfolgung konnten sie höchstens in gewöhnlichen Wohnhäusern oder nach Umständen, in abgelegenen Orten, in Höhlen und unter¬ irdischen Gewölben (Katakomben) znsammenkommen. In solchen Katakomben, wie sie jetzt an vielen Orten, besonders in Rom in großer Ausdehnung sich vorfinden, pflegten die Christen auch die Ueberreste der Märtyrer zu begraben, nud es diente zu besonderer Erbauung der Gläubigen, ihre heiligen Geheimnisse auf den Grä¬ bern der Märtvrer zu feiern. Erst gegen Ende des zweiten Jahrhunderts geschieht einige Er wähnung der Kirchen, ausdrücklich aber ist um 222 die Rede von einer christlichen Kirche zu Rom, deren Bau die dortigen Schenk- wirthe den Christen streitig machen wollten. Der edle Kaiser Alexan¬ der Severus entschied den Streit jedoch zu Gunsten der Christen. Zur Zeit Diocletiaus aber baute man solche schon häufig, und die morgenländifche Hauptstadt, Nicomedia, hatte eine ungemein gro߬ artige und prachtvolle christliche Kirche. 2. Um welche Stunde und an welchen Tagen die Christen zum Gottesdienste zusammen kamen, hing ebenfalls Anfangs von den Umständen ab. Wo möglich, sanden sie sich täglich, wenigstens zu gemeinschaftlichem Gebete ein (Oonst. upost.). Von Anfang an aber war schon der erste Tag der Woche, der Sonntag, der dem Gottesdienste geweihte Tag; denn an einem Sonn¬ tage war der Herr auserstanden, und ebenfalls am Sonntage war der h. Geist über die Jünger gekommen. DaS Andenken dieser beiden großen Thatsachcn des Erlösungs- Werkes wurde alljährlich durch das Oster- oder Auferstehungssest (I'^okm) und das Pfingstfest (konlecosto) feierlich begangen. Nebstdem wurden noch die Todestage der Märtyrer schon in den ersten Zeiten gefeiert, wie aus den Martyrer-Acten des h. Ig¬ natius und Polycarpus klar ersichtlich ist. Mau gab ihnen den freund¬ lichen Namen Geburtstag (iwtuliliu) in der Uebcrzenguug, daß ihr Tod ein Uebcrgaug (Geburt) ins ewige Leben war. Die Feierlich¬ keit wurde, wo es thuulich war, auf den Grabstätten der Märtyrer, und zwar durch Darbringung des h. Meßopfers gehalten (Cypr. op. 34). An merk. Daß auch das Fest der Geburt Christi schon in ältester Zeit — jedoch unter dem Namen blpstMunm (Erscheinung des Herrn) stattgefunden hat, ist sicher; genauere Nachrichten hierüber kommen jedock erst in der nächste» Periode vor. 74 Ausspendun^ der heiligen Sacramente. 58. Taufe. Da einige von der katholischen Kirche getrennte Religionspar- teien mehrere Sacramente verworfen haben, so ist es wichtig, we¬ nigstens in Kurzem nachznweisen, daß alle sieben h. Sacramente bereits in den ersten Zeiten in der Kirche vorhanden waren. Die Taufe geschah durch dreimalige Untertauchuug, und cs waren dazu eigene Nebengebäude an den Kirchen (Baptisterien) mit großen Wasserbecken, bestimmt. Den Kranken jedoch und den schwäch¬ lichen Kindern wurde nur Wasser über das Haupt gegossen. Daß auch Kinder getauft wurden, bezeugen klar Origenes, Chpriau und auch Andere. Im zweiten Jahrhunderte waren bereits alle jene bedeutungsvollen Ceremouieu, womit dieses Sacrament jetzt ausge- speudet wird, auch die Taufpathen — eingeführt. Als gewöhnliche Tanftage waren die Samstage vor Ostern und Pfingsten, daher an diesen Tagen noch jetzt das Wasser des Taufsteines geweiht wird; und der erste Sonntag nach Ostern heißt noch der weiße Sonntag; weil die Nengetanftcn das weiße Kleid, das sie bei der Taufe er¬ hielten, noch an diesem Sonntage trugen. Erwachsene wurden erst lange sorgfältig unterrichtet und ge¬ prüft, ehe sie zur Taufe zugelasseu wurden. Wer sich beim Bischöfe zur Aufnahme ineldete, wurde vorerst über seine bisherige Lebens¬ weise geprüft, und dann, wenn man ihn für würdig fand, mit dem Zeichen des h. Kreuzes bezeichnet und den Katechumenen (des geistlichen Unterrichtes Theilhaftigen) beigesellt. Zn ihrem Unter¬ richte waren eigene Priester, Katecheten, bestellt. Je nach ihrem Fortschritte in Auffassung der christlichen Wahrheiten wurden sie in drei Classen getheilt; in die Zuhörer (suckwntvs), die Knicendcn (AknulloowntM V. substiati) und die Ans erwählt en (olvoti V. omimottmtos). In der 1. Classe durften sie nur jenem Theile des Gottesdienstes beiwohnen, wo die h. Schrift gelesen und Gottes Wort vorgetragen wurde, daher jener Theil des Gottesdienstes NN888 Lutooüumonoiuin genannt wurde. In der 2. Classe konnten sie nach der Predigt noch knicend dem stillen Gebete beiwohnen, wobei sie den bischöflichen Segen empfingen. In die 3. Classe kamen sie wenige Tage vor der Taufe, und erhielten das Glanbens- bekenutniß und das Vater unser, letzteres durften sie erst nach der 73 Taufe beten. Eben so wurde ihnen die Lehre vom h. Sacramente des Altars bis nach der Taufe vorenthaltcn, wie überhaupt die höheren Geheimnisse des Glaubens uud des Cultus den Katechume¬ nen verdeckt blieben, so daß sie selbst in das Baptisterium nicht früher als erst zur Taufe hineingelassen wurden. Diese Einrichtung nannte man Oisciplnm arenni (Geh ei IN lehre), und sie wurde sowohl zur Hindauhaltung eines möglichen Mißbrauches, als auch darum eiugeführt, um die Sehnsucht nach diesen hochheiligen Dingen rege zu erhalten. 59. Das Saccameiü der Buße. Die von Christus überkommene Macht zu binden und zu losen, — die Sünden zu vergeben oder vorzubchalten, wurde in der ersten Kirche mit weit größerer Strenge ausgeübt, als es jetzt der Fall ist. Bei groben und insbesondere öffentlichen Vergehen war näm¬ lich zur Erlangung der Lossprechung, die geheime Beicht und Abbüßung noch nicht genügend, vielmehr waren zur Tilgung der gegebenen Aergernisse, auch öffentliche Neue uud Bußübuugcn, uud ein öffentliches reumüthiges Bekenntniß erforderlich. Diese Bußübungen waren je nach der Art des Vergehens sehr strenge, und zuweilen über das ganze Leben ausgedehnt. Die Einrichtung war folgende: Erstens mußte der Sünder, — der seiner Sünde wegen von der Kirche ausgeschlossen (exkommunizirt) war, sich an den Bischof, oder an den bestellten Bnßpriester mit der Bitte um Wiederaufnahme wenden, der ihm die nothweudige Belehrung und Anweisung gab. Zweitens waren die Büßenden in vier Classen getheilt, in die tlontos, auüivntvs, substrati und eonsistontus, und drittens wurde die Buß zeit nach Verschiedenheit der Sünder für jede Elaste bestimmt; doch geschah dieß erst während der Bußübung selbst, und es konnte dann der Bischof nach Umständen sie ab¬ kürzen (Ablaß, üululKLntia). In der 1. Elaste war eigentlich erst eine Vorprobe zu bestehen, denn den Sündern wurde erlaubt, in den Vorhöfen und au den Thüren der Kirche zu stehen, um die Eintretenden flehentlich zu bitten, ein gutes Wort für sie eiuzulegeu, daß sie zur Buße zugelassen würden. Die Büßer 2. Classe hatten bereits die Erlanbniß, an einem für sic bestimmten Orte in der Kirche, der missn Ca>< cbumcnoruin beizuwohnen. Die 3. Classe — 7« — durfte mit der der Catechumenen nach der Predigt noch knieend in der Kirche bleiben, nm unter Gebeten den Segen des Bischofs ;u empfangen. Darauf wurde ihnen in der 4. Classe feierlich die Lossprechung ertheilt und sie in die Gemeinschaft der Kirche wieder ausgenommen. Während der ganzen Zeit ihrer Buße waren ihnen noch andere Hebungen, Fasten, Todtenbegraben, n. dgl. vorgeschrieben. Hatte ein Büßer sich durch besonder» Bußeifer bemerkbar ge¬ macht, oder war eine Fürsprache von Seite der Märtyrer für jemanden eingelegt worden: so Pflegte der Bischof einem Solchen entweder die Zeit der Buße abzukürzen, oder die Art derselben zu erleichtern. Das ist die erste Anwendung des Ablasses (imlul- ^entis), welcher in unserer Zeit, bei anderer Einrichtung des Bu߬ wesens, auch eine andere Form erhielt. 60. Tic übrigen h. Sacramente. 1. Unser h. Sacrament der Firmung (conlioinutio) kommt in der ersten Zeit unter der nämlichen Form vor, wie es jetzt noch geschieht, nämlich: Mittheilung der Gaben des h. Geistes unter Handcauflegung der Apostel (wie jetzt des Bischofs), und Gebet. Am deutlichsten ist das ausgesprochen Apostelg. 8, wo erzählt wird, wie die Apostel Petrus und Joannes nach Samaria sich verfügten, nm den vom Diakon Philippus Getauften den h. Geist mitzutheilen. Denn Philippus als bloßer Diakon hatte wohl die Gewalt zu taufen, nicht aber zu firmen, was auch die einfachen Priester nicht ver¬ mochten. Diese Firmung wurde da, wo ein Apostel oder Bischof bei der Taufe anwesend war, gleich nach der Taufe, sonst aber ge¬ legentlich später ertheilt. Die Gegner der katholischen Kirche stoßen sich zwar daran, daß jene Händeanfleanng wunderbare Erscheinung zur Folge hatte, was bei unserer Firmung nicht der Fall ist ; aber sie vergessen, daß damals Wunder überhaupt bei der jungen Kirche in der Tagesordnung waren, was jetzt, da die Kirche längst in der Welt dasteht, nicht so nöthig ist. Tie inneren Gnadengaben des h. Geistes — Stärkung, Erleuchtung u. f. w. blieben aber die nämlichen. 2. Das allerheiligste Sacrament des Altars wurde regel¬ mäßig bei dem Meßopfer ausgespendet, und zwar unter beiden Ge¬ stalten; aber außer der Messe wurde cs häufig nur in einer Ge¬ stalt genommen, denn es wurde niemals bezweifelt, daß auch unter 77 einer Gestalt Christus ganz gegenwärtig seh. So nahmen die Einsiedler für ihre Brüder in der Wüste nur die Gestalt des Brotes mist in dieser wurde es den Märtyrern und Kranken gesendet, die Kinder dagegen erhielten es unter der Gestalt des Weines. 3. Ueber die Art, wie das Sacrameut der letzten Oelung ertheilt wurde, haben wir zwar auö den ersten Zeiten keine bestimm¬ ten Nachrichten, aber daß es bestanden hat, dafür zeugen die klaren Worte des Apostels Jacob 5, 14, und anch Origenes, welcher die¬ selbe unter den Mitteln zur Sünden-Vergebnng anfführt. (Hornist in luv. 2, 4.) 4. Das Sacrameut der Priesterweihe, wofür die h. Schrift schon hinlängliche Belege liefert, wurde nur von den Aposteln und ihren Nachfolgern, den Bischöfen, mit Händcanflegnng unter Gebet nnd Fasten, ertheilt. Es war anerkannt, daß durch dieses Sacra- ment den Geweihten ein unauslöschliches Merkmal eingedrückt werde (Bischöfen, Priestern, Diakonen), durch welches sie auf Lebenszeit von den Laien abgesondert bleiben. st>. Die Ehe wurde von Christus zu einein Sacrameute er¬ hoben, und schon in den ältesten Zeiten vor dem Bischöfe geschlossen, mit dem Segen der Kirche bekräftigest und so von Gott genehmigt. Sie galt für unauflöslich. Eine zweite Ehe nach dein Tode des einen Ehegatten wurde zwar von der Kirche nicht verworfen, aber auch nicht besonders gebiliiget. 61. Andere h. Gebräuche. Nebst mehreren Sacramenten haben die Protestanten auch manche katholische Gebräuche „als sinnloses Formenwesen" fallen lassen; der unterrichtete Katholik aber weiß, daß die h. Gebräuche, die er von Jugend auf zu üben gelernt hat, so alt sind als seine h. Kirche selbst. 1. Dahin gehört das h. Kreuzzeicheu. Je mehr die Heiden dasselbe verachteten nnd verhöhnten, desto mehr ehrten es die Chri¬ sten, nnd bezeichneten ihre Stirne damit sowohl beim Gebete als bei sonst bedeutenden Verrichtungen. So sagt Tertnlian in seinem Buche '!o cocorm: „Wenn wir ausgeheu, wenn wir in ein Haus treten, wenn wir in unser Haus zurückkehreu, wenn wir uns au- 78 kleiden, oder zum Speisen setzen, bezeichnen wir die Stirne mit dem Zeichen des Kreuzes (krvnim» «i^naeulo lerümm)." 2. Die Verehrung der Heiligen und ihrer Reliquien ist nicht nur tief gegründet in der menschlichen Natur, sondern fließt auch von selbst aus der christlichen Lehre von der Gemeinschaft der Heiligen. Wir haben diesen Gebrauch schon oben in der Leidens¬ geschichte des h. Ignatius und Polhkarpus bemerkt. In den Mär¬ tyreracten des Letzter» wird zugleich der echte Begriff dieser Ver¬ ehrung schön ausgesprochen: „Wir kommen, wenn es möglich ist, an dem Orte, wo seine Gebeine und die Gebeine der Märtyrer, die uns thenrer sind, als die kostbarsten Edelsteine, sich befinden, zusammen, um den Tag ihres Märtyrerthnms zu feiern, sowohl zum Andenken derer, die in rühmlichem Kampfe gesiegt haben, als auch nm die Nachkommen durch ein solches Beispiel zu unterrichte« und zu befestigen." 3. Das feierliche k i r chl i ch e B e g rä b n iß findet sich gleich falls vor. Die entseelte Hülle wurde nicht, wie im Heidenthume verbrannt, sondern mit einer kirchlichen Feier gab man den Leich nam, als einen seitherigen Tempel des h. Geistes, der Erde zurück, in der festesten Hoffnung, daß ihn Christus einst, zu neuem Daseyn verklärt, ans dem Grabe erwecken werde. Auch brachte mau für die Hingeschiedenen Gott Opfer und Gebete dar, in der lieber zeugung, daß das Liebesband durch den Tod nicht zerrissen werde, und daß die noch Lebenden für die leidenden Brüder jenseits sich noch hilfreich erweisen können. „Für die Verstorbenen bringen wir am Jahrestage unsere Opfer dar" — bezeugt Tertnlian (An varana). 4. Das Fasten. Wenn wir für dieses christliche Tugend-mittel kein schriftliches Gesetz in der ersten Zeit vorfinden, so folgt daraus einerseits nicht, daß ein solches nicht vielleicht doch vorhanden war, andererseits aber war damals ein solches Gebot auch nicht so nothwendig, da die Christen das Fasten ans freiem Antriebe und aus Liebe zur Enthaltsamkeit ohnehin übten, und hierin das Bei¬ spiel des Herrn und der Apostel vor sich hatten. — Daß die Faste vor Ostern schon in der frühesten Zeit gesetzlich bestanden hat, ist aus Irenäus erweislich. Sie hieß Quadrage sima, weil sie durch ungefähr 4o Tage, wenn auch nicht durchaus gleichförmig, beob¬ achtet wurde. Origenes berichtet auch (!><»». in i<-vil): „Wir haben N» den vierten und sechsten Wochentag, an welchen wir feierlich fasten." In Rom nahm man bald statt des Mittwochs, den Samstag als Fasttag an. 62. Die christliche Ascese und der Cölibat der Geistlichen. 1. Ascese von Nebung, bezeichnete bei den Heiden die enthaltsame Lebensart derer, die sich zu den öffentlichen Kampf- spielen vorbereiteten, um den Körper gelenkig und kräftig zu er halten, und leichter den Kampfpreis zu erringen. Ans diese hin weisend, mahnt Paulus 1. Cor. 9, 25, die Gläubigen zur Ent¬ haltsamkeit, damit sie in ihrem geistigen Tngendkampfe die unvergängliche Krone erringen. In der apostolischen Zeit, wo das christliche Leben in seiner Blüthe stand, waren die Gläubigen Alle mehr oder weniger von ihrem hohen Berufe zum Himmlischen be¬ geistert, und übten Entbehrungen aller Art, nm die sinnlichen Triebe überall der Vernunft, und die Vernunft dem Christenthume dienstbar zu erhalten. Doch ragten bald Mehrere durch eigenthümliche Bestrebungen und durch angestrengtere Thätigkeit hervor. Sie brachten ihr Leben in freiwilliger Armnth, Ehelosigkeit, anhaltendem Gebete und Fasten hin. Sie waren unter dem Namen der Entsagenden eontnwntes) der Gegen stand besonderer Hochachtung, und wurden als die Blüthen und schönsten Früchte des christlichen Geistes, von den christlichen Schrift¬ stellern (besonders Cyprian) bezeichnet. „Unter uns," sagt Athena¬ goras in seiner Apologie, „sind viele beiderlei Geschlechtes zu finden, welche in (freiwilligem) ehelosem Stande alt werden, voll der Hoff¬ nung, daß sie so mit Gott enger verbunden seyn würden." Wie die christliche Ascese sich bald zu weitern Stufen, zum Einsiedler- und Mönchsleben ansbildete, wird in der folgenden Periode die Rede seyn. 2. Daß zu dieser Hoyern Lebensrichtung die Geistlichen vor zugsweise berufen waren, ist von selbst klar, und die Geschichte be¬ stätigt es. Diejenigen, welche höhere Weihen empfangen hatten, durften keine Ehe eiugehen, ohne Zweifel nach einer apostolischen Anordnung. Wenn Verheiratete zu den höheren Weihen zugelasieu wnroen, behielten sie zwar ihre Gattinnen nicht selten bei sich aber eben so gewöhnlich war es, daß sie mir ihnen wie mit Schwestern — 8-S — lebten. Ein allgemeines Gesetz hierüber findet sich zwar in der ersten Zeit nicht vor, aber der die ganze Kirche nnd znmal den Elerus belebende Geist, erzeugte die freiwillige Uebernahme des Eölibates, der eine der erhabensten und heiligsten Erscheinungen der Kirche ist. Als aber jener christliche Geist hier und da zu schwinden begann, mußten Gebote zur Äufrechthaltung nnd Aus¬ bildung dieser apostolischen Einrichtung nachhelfeu, und solche finden wir bereits anch in dieser Periode; mehrere und bestimmtere aber in der folgenden. 8ll Zweite Periode. Bon Constantin bis Bonifaeius, den Apostel der Deutschen. Vom Jahr 3V6 bis zum Anfänge des 8. Jahrhunderts. l. Aeußere Schicksale der Kirche. 63. Die Regierung der sechs Kaiser. Gleich zu Anfang dieser Periode hatte es der alternde rö¬ mische Staat zu sechs gleichzeitigen Kaisern gebracht. Durch die Resignation des Diocletiaichund Herkuleus, waren nnn Galerius und Constantins, Augusti. Zu Cäsarn wurden, auf des Galerius Be¬ treibung, Maximinns Dafa (Daza) Und Severus, beide ohne alle Verdienste um den Staat, und von gemeinsten Sitten, gewählt. Den Römern mißfiel der für sie bestimmte Cäsar Severns bald, sie wählten gegen ihn den Maxentius, dem fein Vater, der abge¬ dankte Herkuleus, als Mitregent beitrat. Severus verlor Krone und Leben, und sein Gönner Galerius, der gegen die beiden neuen Herrscher nichts ausrichten konnte, besetzte doch den durch den Tod des Severus erledigten Platz, mit einem Masfengefährten — dem Licinius. Mittlerweile war auch in Gallien ein Regierungswechsel vor sich gegangen. Constantins Chlorus hatte einen hoffnungsvollen Sohn, Constantin, welcher früher an dem Hofe Diocletians zu Nicomedia, als Geisel für die Treue seines Vaters, sich aufhiclt. Nach Diocletians Abdankung, forderte der jetzt zum Augustus er¬ hobene Constantius seinen Sohn von Galerius zurück. Dieser ver¬ zögerte lange, was er nicht geradezu abschlagen konnte. Denn Con¬ stantin war ein herrlicher junger Mann, seines hohen Muthes und offenen, redlichen Sinnes wegen bei Allen beliebt. Aber desto ver¬ haßter war er dem Galerius, der in ihm einen Nebenbuhler fürch¬ tete, und darum bereits Versuche gemacht hatte, ihn aus dem 6 82 Wege zu räumen. Constantin mußte endlich eine trist gebrauchen, um zu entkommen. Er gelangte glücklich zu seinem Vater nach Gallien, und wurde, nachdem dieser bald darauf gestorben war, vom Heere als Augustus begrüßt. Galerius mußte ihn, obschon mit Widerwillen, anerkennen. So stand nun das römische Reich unter sechs Herrschern, deren jeder sich Augustus nannte, und welche zusammen zwei große Parteien bildeten, Constantin, Herkuleus und Maxentius aus einer, — Galerius, Lincinins und Maximums ans der andern Seite. klüter diesen Umständen hörte die Christenverfolgung im Abend¬ lande fast gänzlich und für immer ans; aber im Morgenlande, unter den grausamen Herrschern Galerius und Maximin Daja, wurde sie mit der früheren Unmenschlichkeit fortgesetzt. Besondere litt Palästina um diese Zeit, und da manchmal die Zahl zu groß war, um sie alle zu würgen, so begnadigte man Biele rahin, baß ihnen nur ein Knie mit Feuer gelähmt unv ein Auge auögestochen wurde, bann bürsten sie sich in den Bergwerken zu Tode arbeiten. Im Jahre 311 verfiel Galerius in eine ekelhafte und äußerst schmerzhafte Krantheii, worin er bei lebendigem Leibe von Würmern fast verzehrt wurde. In dieser elenden Lage mochte er der Tau¬ sende gedenken, die er hatte peinigen lassen, unb verorbncte, daß der Verfolgung Enthalt gethau werde, und die Christen für ihn beten sollen. Bald darauf starb er. «i4. Constantins Bekehrung. Ein Jahr früher, als Galerius, war schon HertüleuS vom Schauplatze abgerreten. Entzweit mit seinem Sohne, war er nach Gallien geflohen unb von Constantin freundlich ausgenommen worden Zum Danke bafür stellte er ihm nach dem Leben " ward aber ent¬ deckt, und nur die Wahl des Todes ihm sreigelasseu, worauf er sich erhängte (310). Maxentius führte in Rom ein so zügelloses Leben, daß es selbst die entarteten Römer empörte; und mit Sehnsucht blickten sie auf den edlen Constantin und seine milde Negierung hinüber. Maxeu uns aber erklärte ihm den Krieg, um sich seine Länder anzueigneu. Das war nun für Constantin eine bedeukliche Sache, denn er tonnte nicht eine halb so starke Kriegsmacht jener des Maxentius entgegen- 83 stellen. Doch Gott hatte den Constantin zn seinem Werkzeuge auserkoren, so mußte er siegen, und er siegte — durch ein Wunder. Constantin hatte längst die Thorheit des Götzendienstes einge sehen, jedoch den einen wahren Gott — zwar geahnt, aber noch nicht erkannt. Doch flehte er betend um Erleuchtung, daß er den wahren Gott erkenne, und zugleich rief er ihn um Hilfe an, zu seiner gefahrvollen Unternehmung gegen Maxentins. Er wurde er¬ hört. Als er an einem Nachmittage vor seinen Legionen einherzog, sah er ein leuchtendes Kreuz liber der Sonne, mit der Ueberschrift: Durch dieses siege r/xtt). Staunen ergriff ihn und seine Ge¬ fährten, — aber noch verstand er nicht des Gesichtes Bedeutung. Indem er, hierüber sinnend, am Abende cingeschlafcn war, erschien ihm Christus im Traume, ein Krenzbild, wie er es am Himmel gesehen, haltend, und befahl ihm, dasselbe nachmachen zn lassen, und sich dessen als Panier zu bedienen ,: dieß Zeichen würde sein sicherer Schutz sehn. Bei Tagesanbruch ließ Constantin Künstler kommen und das gesehene Zeichen nachmachen: nämlich einen mit Gold überzogenen Lanzenschaft mit einer Querstange in Krenzesform. Daran wurde ein purpurnes Tuch (nach Art unserer Kirchenfahnen) befestiget, und die Spitze schmückte das Monogramm des Namens Christus; nämlich dessen erste zwei Buchstaben in einander verschlun¬ gen , so, daß sic zugleich ans den Namen Christus und auf das Kreuz hindenten. Das war von nun an die Hauptfahue seines Äriegsheeres und hieß Labarum. Wo die Gefahr des Kampfes am größten war, da ließ es Constantin hiutragen, und es fehlte nie der Sieg; auch war der Träger desselben nie verwundet worden. Den entscheidendsten Sieg errang Constantin liber Mapentius an der milvischen Brücke (jetzt ponla mollo) vor Rom. Maxentius selbst ertrank in der Tiber. Constantin zog als Sieger unter lantem Jubel der Bewohner in Rom ein, und benützte seinen Sieg ans die edelste, bisher un¬ gewohnte Weise, indem er nicht heidnische Rache, sondern christliche Gerechtigkeit mit Milde übte. Noch steht heut zu Tage der Triumph¬ bogen in Rom, den ihm der Senat setzen ließ, mit der Inschrift: „Dein Befreier der Stadt und dem Friedensstifter" (lüdm-Mori m bi«, lanäMon ^uwtM). 6* — 84 — 65. Maximinus Daja und Minins. Freiheit und Frieden waren die Früchte dieses Sieges für die Kirche im Abendlande. Damit auch im Morgentande die Leiden der Kirche abgekürzt würden, mußten noch zwei ihrer gewaltigen Feinde fallen, Maximinus, einer ihrer wüthendsten Verfolger, und Licinius, der nur durch Constantins Ansehen genöthiget, sich den Christen Anfangs günstig erwies, — es aber nicht redlich meinte. Beide eilten selbst ihrem Untergange entgegen. Während Licinius mit Constantin, nach der Schlacht an der milvischen Brücke, zu Mailand zusammen kam, überfiel Maximinus des Licinius Länder mit einer großen Heeresmacht. Licinius zog ihm mit schnell zu¬ sammen gezogenen, wenn auch viel geringeren Streitkräften entgegen, 'wodurch Maximin bald so in's Gedränge kam, daß er in Verzweif¬ lung Gift nahm, welches ihm jedoch nur langsam und unter ent¬ setzlichen Schmerzen den Tod brachte, da er vorher, um die Lust des Fraßes zum letzten Male noch zu genießen, sich den Magen überladen und so die Wirkung des Giftes geschwächt hatte. Das war das Ende des letzten Christen-Verfolgers. Seine Länder unter¬ warf sich Licinius, der nicht viel besser als der Ueberwundene war. Er fing an ein schnödes Leben zu führen, und machte seinem Haß gegen die Christen bald durch neue Verfolgungen Luft, und würde ihnen in seinen Ländern eine traurige Zukunft bereitet haben, wenn ihm Constantin nicht zuvor gekommen wäre. Constantin, von Licinius mannigfach beleidigt und gereizt, war endlich genöthigt, gegen ihn zu ziehen. Mehrmal besiegt, mußte nun Licinius alle seine Länder abtreten, und Constantin als Allein¬ herrscher konnte von nun an ungehindert für die, der Kirche von Rechts- und Gotteswegen gebührende Freiheit im Staate wirken. 66. Coustautins Verfügungen in Betreff der Kirche. Daß Constantin, — mit dem wohlverdienten Beinamen der Große (bei den Römern .Vlaxinms), — den Geist des Christenthums richtig aufgefaßt hatte, zeigte er auch dadurch, daß er es nirgends darauf anlegte, das Heideuthum mit Gewalt zu verdrängen, oder dessen Bekenner zu verfolgen. Es mußte der trugvolle Bau des Götzendienstes, dem freien Christenthume gegenüber, von selbst ;n- sammensinken, sobald des Staates Macht ihn nicht mehr stützte. 8S Constantin erließ im Einverständnisse mit Acinius zu Mailand 313 eine Verfügung, wodurch den Christen sowie allen Uebri- gen die Freiheit der Religionsübung zugesprochen, und angeordnet wurde, daß die den Christen geraubten Kirchen und Gemeingüter wieder herausgegeben werden sollen. Bald wurden solche Staats¬ gesetze, welche den Christen und zumal den Priestern lästig fallen konnten, aufgehoben; auch die Strafe der Kreuzigung für immer abgeschafft. Ohne die Heiden zurückznsetzen, hatte Constantin doch seine Freude, wenn ganze Ortschaften und Städte das Christenthum annahmen, und er bezeugte dieselbe durch Ertheilung von Privile¬ gien. Die Stadt aber, die er sich zu seiner Residenz auserkoren, sollte eine ganz christliche sehn. Es war Byzanz, von ihm Con- stantinopel genannt, und diese so herrlich gelegene Stadt wurde mit allen Zeichen des christlichen Cultus, besonders mit prachtvollen Kirchen geschmückt. Heidnische Tempel, die überflüssig geworden waren, wurden zu christlichen Kirchen eingeweiht. Hie und da wur¬ den wohl auch Götzenstatuen von den Tempelaltären genommen und dem bethörteu Heidenvolke zur Anschauung gegeben, wo denn häufig der bisher gespielte Betrug der heidnischen Priester, mittelst ausge¬ höhlter Götzenbilder, zu Tage kam. Alles, was übrigens Constan¬ tin zu Gunsten der Kirche verfügte, that er auf Anfragen und auf den Rath der Bischöfe, die er besonders hochachtete und überall um sich hatte. Anmerk. Daß Constantin sich erst am Ende seines Lebens taufen ließ, wollen manche zn seinem Nachtheile auslegen. Doch deutet dieß vielmehr auf einen frommen Zug seines Gemüthes, indem er wünschte, im Wasser des Jordans, welches durch die Taufe Christi geheiliget worden, seine Sünden abzuwaschen, woran er jedoch fort¬ während durch dringende Staatsgeschäfte verhindert worden war. Auch die ungeheuchelte Frömmigkeit, mit der er die Taufe em¬ pfangen und sich auf seinen Tod vorbereitet hat, zeugt von seiner christlichen Gesinnung. / tt7. Jnlian, der Abtrünnige. Constantin starb 337, nnd ihm folgten seine Söhue: Con- stantius, Constans und Constantin, durch Tbeilung des — 8« — Reiches, in der Regierung. Nach dein Tode der beiden letzter« herrschte Constantins über das Ganze, nnd sein Nachfolger war 361 Julian, Constantins Bruderssohn. Dieser Julian, der sich auf den Titel eines Philosophen unge¬ mein viel einbildete, fiel vom Christenthume, in welchem er geboren und erzogen worden, in seinem zwanzigsten Lebensjahre wieder ab, daher er den Beinamen der Abtrünnige sapostalu) erhielt. Da cs schwer zu erklären ist, wie ein Mensch von gesundem Verstände, den christlichen Glauben mit dem thörichten Heideuthume zu ver¬ tauschen vermag; — da überdies; Julian in seiner Regierung mit¬ unter sich als Manu von nicht geringen Geistesfähigkeiten erwies, so verlohnt es sich der Mühe, nach den Ursachen seines schmählichen Abfalles zu forschen. Die Hauptnrsache liegt ohne Zweifel in seiner verkehrten Er¬ ziehung. Als er etwa sieben Jahre alt war, wurde gleich nach Constantins Tode, sein Vater und sein älterer Bruder nebst meh¬ reren Verwandten, von Soldaten erschlagen. Sein junges Gemüth wurde dadurch mit Schrecken und zugleich mit Widerwillen gegen seinen Vetter, Kaiser Constantins erfüllt, der die Gräuelthat nicht strafte. Dann wurde er lange Zeit, aus des Kaisers Anordnung, in strenger Absonderung von der Welt gehalten, wo er im Christei: thnin unterrichtet, und sogar zum geistlichen Stande herangebildct werden sollte. Allein es wurde ihm ein Christenthum beigebracht, das nichts weiter war, als die Wortklauberei der arianischen Irr¬ lehre, und es ist nicht zu wundern, daß er es nicht lieb gewann. Dagegen war ein alter Diener seiner Familie bei ihm verblieben, der ihn für die Götter-Jdeale Homers zu begeistern wußte. Völlig entscheidend für die Richtung seines Geistes war seine geheime, von Constantins streng untersagte Verbindung mit den damaligen heid¬ nischen Philosophen, die ihn in ihre vielversprechenden Geheimnisse der Theurgie (Verbindung mit der Geisterwelt) einweihten, nnd den eitlen Philosophen mit der Weisagung berückten, er seh von den Göttern, als ihr Liebling, zum Wiederhersteller des Heidenthums berufen. Ans Furcht vor Constautius, mußte er jedoch seiue Ge¬ sinnung verbergen, und dieser Zwang mochte ihnj gegen das Christen¬ thum noch bitterer stimmen, so daß er nicht mehr fähig war, das¬ selbe ernstl.ch zn prüfen. Als er im Jahre 360 nach Gallien als Statthalter beordnet nnd dort bald von den Legionen znm Augustus 87 ansgerufen wurde, trat er unter Einem als Feind des Constantins und des Christenthnms auf. Seines kaiserlichen Widersachers, des Constantins, war er bald los, denn dieser starb ans dem Kriegszuge gegen ihn 361; aber das Christenthum war freilich nicht zu besiegen, so klug und fein er auch seine Vernichtungspläne angelegt hatte, 68. Julians Anstalten zur Belebung des Heiden- und Unterdrückung des Christenthnms. Julian hatte zwar den philosophischen Grundsatz ausgesprochen, es dürfe Niemand zu einer religiösen Ueberzeugnng gezwungen wer¬ den, doch war er nicht Philosoph genug, demselben immer treu zu bleiben. Seine überschwängliche Neigung zu seinen Göttern, bezeuget der Heide Ammiauus mit der spöttischen Bemerkung: „Er schlachtete unzählige Opfer, dergestalt, daß, wenn er länger gelebt hätte, es vielleicht an Rindern würde gefehlt haben." Ucbrigens gibt er in allen seinen Anordnungen, womit er dem gefallenen Heidenthnme wieder anfhelfen wollte, gegen seinen Willen, der katholischen Kirche das schönste Zeugniß. Was diese Treffliches in ihren Einrichtungen hatte: Bolksuuterricht, Armenpflege, Kirchenzucht, selbst Klöster, — alles wollte er ans den heidnischen Boden Hinüberpftanzen, ohne ein- zuschen, daß derselbe zu solcher Pflanzung ganz ungeeignet war. Dabei ärgerte er sich in seinen Schriften, daß die „gottlose" Reli¬ gion der Christen so unerreichte Beispiele von Tugend, von Liebe und Wohlthätigkeit hervorbringe, — die in der heidnischen nirgends vorkommen Die Christen, die er immer spottweise „Galiläer" nennt, suchte er auf alle Weise zu demüthigen. Selbst scheinbare Gnadenbezen- gnngen hatten nur diesen Zweck. So ließ er alle unter dein Vor¬ gänger verbannten katholischen Bischöfe ans ihre Sitze zurückkehren, jedoch in der Absicht, die Verwirrung unter den Christen i zwischen Arianern und Katholiken) zu vergrößern, und in der Hoffnung, sie würden sich gegenseitig anfreiben. Was die früheren Kaiser zu Gun¬ sten der Kirche und Geistlichkeit angeordnet hatte, schaffte er wieder ab, verlangte sogar Ersatz für alles früher Verbrauchte, so daß einzelne Kirchen ganz verarmten. Um die Christen der Nnwissen- 88 heit und Bedeutungslosigkeit preis zu geben, schloß er sie von allen Schulen und Staatsämtern aus. Höchst genrein war der Bescheid, den er gewöhnlich den Christen gab, wenn sie über erlittene Ungerechtigkeit und Bedrückung bei ihm Klage führten: „Es steht ja, Pflegte er zu erwiedern, in euren b. Schriften: Seelig sind die Armen — und die, welche Verfolgung leiden." Besonders bemerkenswcrth ist der Versuch Julians, die Weis¬ sagung Christi in Betreff des Tempels zu Jerusalem zu Schanden zu machen. Er rief die Juden der ganzen Welt auf, ihr Heilig- thnm wieder herzustellen, und unterstützte sie mit Geld und That. In Jubel darüber schickten sich die Juden, unter Beibringung großer Schätze, zum Wiederaufbau an. Aber durch wiederholte Wunder wurde das Unternehmen schon beim Beginne vereitelt. Den bei Tage gegrabenen Grund fand man über Nacht zerstört: und später wurde der schon augefangene Ban durch ein Erdbeben sammt den nächsten Gebäuden zertrümmert; zuletzt kam Feuer aus der Erde und vertrieb die Arbeiter. Daß diese wunderbare That- sache gewiß auch wahr seh, beweist die Nachricht des heidnischen Ammiamis Marcellinns, welcher als Augenzeuge sagt: „Bei wiederholtem Versuche brachen an dem Orte der Grundlegung fürch¬ terliche Feuerklumpen (motimmii »lobi llnmmm-um) heraus, so daß sich Niemand mehr dahin wagte, nachdem bereits Mehrere ver¬ brannt worden waren, und da der hartnäckige Widerstand des Feuers nicht nachließ, hörte die Unternehmung auf, und der Ort wurde unzugänglich." (Ammian XXIII., I). So hatte der wahnwitzige Philosoph durch sein Beginnen nicht nur die Weissagung nicht ver¬ eitelt, sondern vielmehr erst ganz buchstäblich erfüllt, indem jetzt auch in den Liefern Grundmauern des vorigen Tempels, durch das Aus¬ graben derselben, „kein Stein ans dem andern" gelassen wurde. (Matth. 24, 2). Auch Schriften voll der Bitterkeit verfaßte er gegen die verhaßte christliche Religion. Doch befreite Gott seine Kirche bald von diesem heimtückischen Gegner. Nach einem rast¬ losen vergeblichen Leben, fiel er im dritten Jahre seiner Regierung im Kampfe gegen die Perser, und soll noch sterbend seinen In¬ grimm geäußert, Blut ans seiner Wunde zum Himmel geschleudert und gerufen haben: „Du bast gesiegt, Galiläer!" — 8» 69. Mmiiliger Untergang des HeidcnthumS. Wie ein Licht, das keine Nahrung mehr hat, noch einmal hell aufflackert, dann erlischt, und nnr noch eine Zeit lang fortglimmt, so war es mit dem Heidenthume. Unter Julian hatte es die letzten Anstrengungen gemacht, doch war er der letzte heidnische Kaiser, und vermochte dem fallenden Götterhimmel, mit all seiner Gewalt und Klugheit so wenig mehr aufzuhelfen, daß nach etwa 20 Jahren, nur an einzelnen entlegenen Ortschaften noch Heiden zu finden waren, daher der Götzendienst von dort an Paganismus fi» l>»oi8, Dorf- oder Bauernreligiou) hieß. * Nach Julians Tode wurde der Kriegsoberste Jovian zum Kaiser ausgerufeu. Ein wackerer Mann, der sich unter Julian un¬ erschrocken als Christ behauptet hatte, doch war seii^RegieAng vou«^, kurzer Dauer. Nach ihm kamen BalcntinianZirnd^ Va'len^dic das Reich, zum Behufe einer besseren Vertheidigung gegen die von^^^" allen Seiten drohenden Barbaren,unter sich checkten. Eben so die folgenden, Gratia /"und T h c o d o 's i n s. ' " " " Unter diesem^ lptztern war nach Besiegung chech Thror»räubers Maximus ', und nach Ableben Valentinian Ick, 'dN^ganze römische Reich zum letzten Male unter einem Haupte vereinigt, (394). Theodosius war ein trefflicher Regent; Ordnung und Ruhe in Staat und Kirche lag ihm am Herzen. Schon 880 gab er das berühmte Gesetz gegen Heiden und Jrrlehrer: „daß alle seine Völker der Religion zugethan sehn sollen, welche der Apostel Petrus den Römern hinterlassen hat, und zu welcher sich des Petrus Nachfolger, Damasus, bekennt. Nur die Glaubensgenossen dieser Lehre dürfen sich Katholiken nennen, und die Andern sollen in Erwartung göttlicher Strafen, auch noch bürgerliche Strafen zu fürchten haben." Theodosius hielt mit starker Hand den wankenden Staat noch aufrecht, und checkte vor seinem Ende, 395, das Reich unter seine beiden Söhne: Arkadius für den Orient, und Hono.rins für den Oecident. Von jetzt au blieben diese beiden Gebiete getrennt, und während sich der Orient noch über ein Jahrtausend behaup¬ tete, ging das abendländische römische Reich rasch seinem Ende entgegen. H'/ - — «« — 76. Fall des abendländischen römischen Reiches. Unter Honorius und seinen Nachfolgern bietet die Geschichte des abendländischen römischen Reiches eine nnunterbrochene Reihe von Zwistigkeiten nnd Empörungen im Innern, und feindlichen Angriffen von Außen. Diese feindlichen Angriffe kommen von den allseitig heranstürmenden Völkern (Völkerwanderung), welchen die Römer stvar den verächtlichen Namen Barbaren beilegten, denen sie jedoch bald überall weichen mußten, und die von der göttlichen Vorsehung dazu bestimmt waren, eine neue, bessere Ordnung der Dinge in Europa herbeiznfuhren. Schon Marens Aurelius mußte seine ganze Macht aufbieten, nm die Nordgräuze au der Donau zu bewahren. Um die Mitte * des dritten Jahrhunderts wurde der Andrang stärker, und Decius fiel 251 bereits gegen die Gothen. Seit den Zeiten des Honorius aber wurde eine Provinz nach der andern eine Beute verschiedener Völker, und selbst Rom wurde 410 von den Westgothen unter Alarich genommen nnd geplündert. Bald darauf waren Spanien, Gallien, Helvetien, Britannien und Afrika in den Händen der Alanen, Franken, Burgunder, Picteu, .Vandalen und anderer Völker. Rom jedoch, die alte Weltstadt, nach welcher die siegenden Barbaren lüstern ihre Blicke richteten, wurde gerettet, und zwar — durch die Päpste. Wir lassen hier den berühmten protestanti¬ schen Geschichtsforscher Johannes von Müller sprechen, welcher in seinen „Reisen der Päpste" also schreibt: „Attila, König der Hunnen, glaubte sich geboren, alle Staaten zu erschüttern; er¬ nannte sich die Geisel Gottes, den römischen Kaiser nannte er seinen Sklaven. Er zog einher an der Spitze von siebenmal hundert tausend Mann; jedes Volk war unter der Anführung seines Königs; die Menge der Könige beobachtete, wie gemeine Soldaten, den Wink des Attila, alles, was er anzeigte, that jeder mit Furcht, ohne einigen Widerstand. Er zog einher voll Rachbegirde wegen einer verlorenen Schlacht; er zog nach Italien. Als die Stadt Aquileja ihren Widerstand mit schrecklichem Untergang büßte, als von Vi¬ cenza, von Pavia, von Mailand nichts übrig war, als die rauchen¬ den Trümmer, bereitete der barbarische Held in seinem Lager am Flusse Menzo, der Stadt Rom seine Rache, Kein Kaiser, keine — -»k — Legion, kem Senat unternahm die Errettung des Vaterlandes der alten Beherrscher der Welt." „Aber der Papst Leo nahm den Bischofsstab in seine Hand, nnd wagte sich in das hunnische Lager. Er brachte rührende Vor¬ stellungen für den König, nnd Geschenke für seinen Rath. Es wurde gesagt und geglaubt, Rom, von Gott beschirmt, könne nicht unge¬ straft eingenommen werden; Alarich habe dieses weiland erfahren, sls er die Eroberung wenige Tage überlebt; Athanlf seh in der Blüthe seiner Waffen gefallen. Also wurde Rom durch Leo gerettet." (Attila zog sich zurück 452.) „Eben dieser Papst beschirmte Rom wider die Flammen Gen- serichs, Königs der Vandalen, dessen Wuth Earthago empfunden. Der ganze Adel und ein großer Theil des Volkes nahm die Flucht in das Gebirge, in die Felsenhöhlen nnd Wälder. Ganz Campanien, die Paläste, die berühmten Gärten nnd schönen Landhäuser der Scipiouen, Lnenlli, M. Tnllii und beider Plinier brannten: Eapna, die die Seele des größten Carthaginensers erweicht hatte, wurde durch diese neuen Afrikaner von Grund ans umgekehrt; verbrannt wurde Nota, die Geburtsstadt Augnsti." „Als nun Sckwert und Feuer keine Sache noch Person schon¬ ten, erhielt Leo durch Flehen und Geschenke, baß Rom nicht in einen Steinhausen verwandelt würde." (455.) „Die Kaiser, umringt von Weibern nnd Eunuchen, stritten indeß über beide Naturen und beide Willen in Christo, sie, die keinen Willen hatten. Wenn die natürliche Billigkeit ent¬ scheiden kann, so ist wahrlich der Papst mit Recht Herr von Rom, denn ohne ihn wäre Rom nicht mehr vorhanden." Noch zwanzig Jahre nach diesem letztern Ereignis; dauerte das Scheinleben des römischen Reiches, das von Romulus gegründet und von Augustus zum höchsten Flore gebracht worden war; — es fiel endlich unter Romulus Augustutus. Odoacer, Heer¬ führer der Truppen, die in römischen; Solde standen, meist Heruler und Rugier, rief das Ende des römischen Reiches aus, nnd nannte sich König von Italien, 475. — N2 — 71. Ausbreitung des Christenthums in Asien und Afrika. * Wenden wir nun unfern Blick den entfernteren Völkern zu, und wir werden auch da Gottes wunderbare Wege erkennen, wie er dort das Licht des Evangeliums den Völkern hin send et, da wieder andere Völker zum Lichte heran komm en läßt. 1. In Persien war das Christenthum seit den Zeiten der Apostel bekannt, zur Zeit Constantins aber machte es dort die er¬ freulichsten Fortschritte, denn Constantin empfahl in einem Schreiben an König Sapor (Schapur), die Christen dem königlichen Schutze. Doch nach Constantins Tode hatte auch die persische Kirche Gelegen¬ heit, ihren Antheil an heiligen Bekenner» und Blutzeugen dem Himmel zu liefern: es entstand eine blutige Verfolgung, in welcher Tausende geopfert wurden. Auch hier hatten die Juden ihre Hände im Spiele und erhielten dafür den herrlichen Tempel der Christen zu Seleucia zur Synagoge, 341. Es erhielt sich zwar das Christen¬ thum unter mannigfachen Schicksalen noch weiter, aber es ward feit dem fünften Jahrhunderte durch die nestorianische Irrlehre ganz entstellt. 2. In Armenien erhielt das Christenthum um diese Zeit eine feste Begründung besonders durch Gregorius Illuminator, welcher selbst den König Tiridates und einen großen Theil des Volkes taufte. 3. Nach Jbericn (Georgien) brachte eine christliche Jung¬ frau, die als Sklavin dort dienen mußte, das Licht des Christen¬ thums; denn Gott hatte dieser seiner frommen Dienerin auch die Gnade wunderbarer Heilung verliehen. Geistliche, die Kaiser Con¬ stantin dahin schickte, vollendeten das durch eine arme Magd be¬ gonnene Werk. 4. Abvssluien wurde eben so durch zwei fromme christliche Jünglinge, Frumentius und Aedesius, die in die Gefangenschaft geratheu waren, mit dem Christenthume beglückt. Nach erhaltener Freiheit kehrte Frumentius, zum Bischöfe geweiht, nach Abyssinien zurück, und wirkte mit so glücklichem Erfolge, daß sich dort das Christenthum noch bis auf unsere Tage, wenn auch nicht in seiner ursprünglichen Reinheit, erhalten hat. L»rr 72. Ausbreitung des Christmthums in Europa. Was der Prophet Isaias C. 60, von einer großen Be¬ wegung der Völker zu dem Lichte hin, — geweissagt hatte, geht um diese Zeit in großartige Erfüllung. In der Völkerwande¬ rung drängen die Bewohner des Nordens und Ostens sich gleichsam dem neu ausgehenden Lichte des Christenthums entgegen, und es ist dabei eine bemerkcnswerthe Erscheinung, wie — nach den Worten desselben Propheten 60, 12, „das Volk und das Reich, das dir nicht dient/ wird untergehen", — Völker, die das sanfte Joch Christi von sich abweisen, bald vom Schauplatze der Geschichte verschwinden, so viel Lärm sie auch gemacht hatten, — wie die Hunnen; wäh¬ rend andere — wie z. B. die Franken, durch christliche Ein¬ richtungen sich eine lange und blühende Dauer sicherten. 1. Die Gothen sind die ersten unter den wandernden Bölker- stämmen, die die christliche Bildung aufnahmen. Sie zogen im zwei¬ ten Jahrhunderte von Skandinavien herab, südöstlich in die Ge¬ genden der Donau bis hin zum schwarzen Meere, als Ost- und Westgothen. Durch Gefangene erhielten sie zuerst um die Mitte des dritten Jahrhunderts Kunde vom Christenthume, und auf dem Conzil von Nicäa 325 erschien schon ein Bischof der Gothen. Leider wurde ihnen bald durch Kaiser Valens die arianische Irrlehre auf¬ gedrungen, der ihnen unter dieser Bedingung Wohnsitze in seinen Staaten bewilligte. Berühmt ist ihr Bischof Ulfilas, um 370, besonders dadurch geworden, daß er die gothische Buchstabenschrift schuf, und die Bibel ins Gothische übersetzte. Die Westgothen zogen dann über Italien nach Spanien, wo sie gegen Ende des sechsten Jahrhunderts zur katholischen Kirche zurückgekehrt sind; dagegen das Reich der Ostgothcn, die am Arianismus festhielten, bald durch die berühmten Feldherr« Belisar und Narses vernichtet wurde. 2. Die Vandalen hatten mit dem Christenthume auch den arianischen Irrthum ausgenommen, blieben aber bis zu ihrem Unter¬ gänge ein wildes Volk, und „Vandalismus" ist von ihrer Vernich- tungöwuth hergenommen. Aus Spanien, wo sie von den Westgothen bedrängt wurden, setzten sie, vom rebellischen römischen Comes Bo- nifacius gerufen, nach Afrika hinüber (428), wo sie den Katholiken die grausamsten Verfolgungen bereiteten. Eine wunderbare Begebenheit, womit Gott seine Kirche in — — dieser Verfolgung verherrlichte, ist hier hervorzuheben. Auf des Vandalen-Königs Hunerich's Befehl, wurden 300 Katholiken zu Tipasus die Zungen aus dem Halse geschnitten, im Jahre 484. Die so nnmenschlich Verstümmelten konnten jedoch vernehmlich und gut sprechen, wie vorhin. Die zuverlässige Wahrheit dieses Wunders verbürgen Angenzengen; und mehrere Schriftsteller jener Zeit spre¬ chen mit Staunen davon. Kaiser Iustinian's Feldherr Belisar machte dem arianischen Baudalenreiche in Afrika ein Ende, 533. 3. Die Longo bar den rückten unter Alboin 568 in Italien ein, nm welche Zeit sic bereits Arianer waren. Auch von ihnen hatte die katholische Kirche Manches zu erdulden, bis sie selbst durch die Bemühungen Gregor's des Großen, des römischen Papstes, in dieselbe znrückgesührt wurden, um 600. 4. Irland. — Eine besondere Theilnahme erweckte diese „grüne Insel" in dem geschichtskundigen Katholiken. Ursprünglich von einem Volke bewohnt, dessen Rohheit und Wildheit Hieronymus (npi.^l. 83 ml Oennn) als außerordentlich schildert, — heißt dieses Land später bald „die Insel der Heiligen" und entsendet seine Glanbensbotcn über das Meer, zur Vertilgung der letzten Reste des Heideuthums auf dem festen Lande. — Und welche Leiden hat die dortige katholische Kirche im Laufe der letzten drei Jahrhunderte unter dem Drucke des protestantischen England durchgemacht, ohne sie bis jetzt noch beendet zu sehen! Und dennoch steht und wächst dort kräftig und herrlich die h. Kirche, wie kaum irgendwo anders! Patricius ist der Glaubensapostel dieses merkwürdigen Lan¬ des, und er wurde von der Vorsehung eigens hiezu vorbereitet. Wahrscheinlich in der Pikardie geboren, kam er etwa sechzehn Jahre alt, von Seeräubern gefangen, nach Irland; wo er das Vieh eines Fürsten dieser Insel hüten mußte, um 400. In Einsamkeit, Elend und Noch lernte er den Werth und die Kraft des Gebetes kennen, welches auch fortan seine liebste Beschäftigung blieb. Aus dieser, und dann auch aus einer zweiten Gefangenschaft erlöst, zog es ihn unaufhaltsam hin zu den unglücklichen Bewohnern des schönen Landes, um sie für Christus zu gewinnen. Dazu hatte er sich in Galliens Klöstern in der Wissenschaft und Ascese gebildet, und des Papstes Cölestin Segen und Sendung erhalten. Zum Bischöfe ge¬ weiht, fing er sein großes Werk an, und da Sprache und Sitte — S3 — ocs Volkes ihm ioohlbekannt waren, da sein heiliger Wandel und ungemein strenge Lebensweise auch dem rohen Volke ehrwürdig er¬ schienen, da ihm überdieß auch die Gabe der Wunder verliehen war, und er eine lange Reihe von Jahren wirkte, so konnte sein Wirken nicht ohne Erfolg bleiben. Diesen Erfolg anch für die Zu¬ kunft zu sichern, sorgte er für Schulen und Kirchen, nnd stiftete insbesondere mehrere Kloster, als feste Sitze der Wissenschaft und Frömmigkeit. Da die Stürme der Völkerwanderung Irland verschont hatten, so strömte ans den von Patricius gegründeten Schulen nnd Klö stern, Jahrhunderte hindurch, das Licht des Christenthums nach fast allen Ländern des Abendlandes aus, und die bis auf die neuesten Zeiten herab bewährte feste Glaubenstrcue der Irländer, verkündet noch heut.zu Tage den Ruhm des großen Patricius. 5. Die Franken, in Gallien und den deutschen Grenzlän- dern, sind für die abendländische katholische Ziirche, dnrch ihren liebertritt zum Christenthume, das bedeutsamste Volk geworden. Chlodwig war um 500 ihr Heerführer, und seine katholische Gemahlin Chl o tilde, eine burgundische Prinzessin, hatte schon lange sich vergebens bemüht, ihn zu bekehren. Da erkannte er end¬ lich Christum als den Retter in der Roth. Als er in der Schlacht gegen die Ällemannen bei Zülpich 496 ins Gedränge kam, und seine Schlachtordnung zu wanken begann, da nahm er seinen Helm vom Hanptc, kniete nieder, und erhob seine Hände zu dem Gott, den seine Chlotilde anbetete, mit dem Versprechen, sich zu ihm zu bekehren, wenn er ihn: den Sieg verleihen würde. Er hatte nicht vergebens gefleht. Er gewann einen glänzenden Sieg, nnd Älle- manniens Selbstständigkeit ging an diesem Tage verloren. Chlod¬ wig, seinem Versprechen getreu, ließ sich unterrichten nnd munterte auch seine Krieger auf, dem Gott sich zuzuwenden, der ihnen den Sieg verliehen. Er wurde am nächsten Weihnachtsfeste vom Bischöfe Remigius, mit mehr als 3000 Edlen getauft, und seinem Bei¬ spiele folgte bald das ganze Volk. Seit jener Zeit bis zur franzö¬ sischen Revolution war es üblich, daß die Könige von Frankreich zu Rheims nach christlichem Gebrauche sich krönen und salben ließen, wobei man sich jenes Oelfläschchens (ampuli, lilmmoumH bediente, welches bei Chlodwigs Taufe eine Taube gebracht haben — N« — soll. Es wurde zur Revolutionszeit 1794 in vandalischer Weise zertrümmert. 6. Die Angelsachsen beharrten noch im Heidenthume, als schon fast alle Völker um sie herum die christliche Lehre angenom¬ men hatten. Die Britten in dem heutigen England hatten das Christeuthum schon unter den Römern ausgenommen. Jetzt, wo die Römer sich von der Insel zurückzogen, hatten die Britten gegen die Einsälle der Picten und Scoten, — die vereinigten Angeln und Sachsen zur Hilfe beigerufen. Aber die Angelsachsen wurden aus Vertheidigern — Unterdrücker, nahmen Britannien für sich, und vertilgten das dortige Christeuthum bis auf einige Gegenden in den Gebirgen von Malis, wohin sich die Britten flüchteten. Papst Gregor der Große erbarmte sich dieses Volkes. Er hatte einst auf dem Sklavenmarkte zu Rom sehr wohlgebildete angel¬ sächsische Jünglinge zum Verkaufe ausgestellt gesehen. Es schmerzte ihn, daß ein Volk von so edlen Körperformen noch dem häßlichen Heidenthume diente, und er entsandte den Abt Augustin mit vier¬ zig Mönchen dahin, um demselben das Evangelium zu bringen, um 600. Die Glaubensboten landeten in dem Gebiete des Königs Ethel- bert, dessen Gemalin Bertha, eine fränkische Prinzessin, schon Christin war. Wohlwollend nahm sie der König ans und erlaubte ihnen, die frohe Botschaft überall zu verkünden. Der Eifer der Missionäre und ihr heiliger Wandel gewann ihnen zahlreiche An¬ hänger und der König selbst ließ nach kurzem Zögern sich taufen. Allmälig folgten auch die übrigen Könige der sogenannten Heptar- chie mit ihren Unterthanen diesem Beispiele, und in etwa 80 Jah¬ ren war das schöne Werk vollendet, — Angelsachsen war ein christ¬ liches Land, und Canterbury der oberste bischöfliche Sitz. 73. Das Christcnthum in Noricum und Pannonien. In die südlichen Provinzen der heutigen österreichischen Mo¬ narchie, nach Noricum und Pannonien, drang das Christeuthum frühzeitig, — bald nach dem Beginne der römischen Herrschaft in diesen Gegenden, vor. Von Aq ui le ja, der großen und blühenden Römercolonie am adriatischen Meere, aus, wo schon der h. Evan¬ gelist Marcus das Evangelium gepredigt haben soll, kam das »7 Christenthum wahrscheinlich schon zu Ende des 1. Jahrhunderts dahin, und um die Mitte des 3. Jahrhunderts waren Celeja, Peto- vium und noch früher Laureacum (Lorch an der Enns) bischöf¬ liche Sitze. Auch hier düngte das Blut der Märtyrer den christ¬ lichen Boden: zu Celeja wurde der h. Maximilian 284 ent¬ hauptet; in Petovium litt der feiner Zeit berühmte Schriftsteller, der Bischof Bictorinus 303; und zu Laureacum fand der h. Flo¬ rian 303 in den Fluthen der Enns den christlichen Heldentod. In der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts hatten diese Län¬ der dnrch Raubzüge der Barbaren viel zu leiden, und das 5. Jahr¬ hundert brachte eine Reihe von Verwüstungen und angstvoller Ver¬ wirrung, bei der schon allgemeinen Völkerwanderung. Aber inmitten der unheilvollen Wirren tritt jetzt in jenen Ge¬ genden eine ungemein liebliche und freundliche Erscheinung auf — der h. Severin. Er kam in der Mitte des 5. Jahrhunderts in das nördliche Noricum an der Donau. Niemand erfuhr, wer er war, und woher er seh. Dem Aenßern nach ein Mönch; aber in Heiligkeit des Lebens, Lehreifer, Liebe und Wunderkraft ein Apo¬ stel, — wirkte er, in jenen Gegenden umherziehend, durch fast 30 Jahre zum irdischen und ewigen Wohle der Menschheit, indem cr die Reste des Christenthums erhielt, und besseren Zeiten zum neuen Wachsthume überlieferte. Am liebsten weilte er bei Fabiana ^(Wien) und starb 482. Gegen Ende des 6. (nach andern des 7.) Jahrhunderts er¬ scheint in den Gegenden der Donau bis Niederpannonien hinab ein neuer Apostel — der h. Rupert (Rudbert). Er war aus dem fränkischen Königsstamme entsprossen und Bischof von WormS. Eben an seinem Bischofssitze Verfolgung leidend, nahm er gerne die Ein¬ ladung des Herzogs von Bayern, Theodo II. an, und kam nach Regensburg, wo er den Herzog sammt seinem Sohne und vielen Adclichen taufte. Mit des Herzogs Bewilligung zog cr die Donau hinab, bekehrte Heiden, und stärkte jene, die bereits Christen waren. Auf der Rückkehr baute er am Wallersee eine Kirche (Seekircheu) und gedachte da ein Bisthum zu gründen. Aber da cr hörte, daß nicht weit davon die Trümmer der alten herrlichen Stadt Juva- via sich befinden, machte er sich dahin auf und baute dort die .Arche und das Kloster St. Peter. Der Ort schien ihm zu einem Bisthume geeignet, der Herzog gab Güter und Salzsiedereien zum 7 — Ä8 — Unterhalte, — so entstand das berühmte BiSthum, später Erzbis- thum Salzburg. 74. Muhamed. Während so das Reich Gottes im Abendlande sich mehr und mehr entfaltete, und die Bildung der jungen Völker im Achte des Evan¬ geliums die erfreulichsten Fortschritte machte, formt sich im Oriente ein neues Reich der Finsterniß, und bereitet der dortigen Cultnr einen traurigen Verfall. — Wohl mag ° es den Christen wehmüthig stimmen, wenn ihm die Geschichte zeigt, wie jene schönen Länder, die einst die Wiege des Christenthums waren, dem blinden Fana¬ tismus eines neuen Irrglaubens verfallen, und bis auf den heu¬ tigen Tag der christlichen Bildung und Gesittung entzogen worden sind. Doch war hinwiederum das Christenthnm in jenen Gegenden theilweise durch mannigfache Ketzereien bereits so entartet, daß die Vertilgung desselben eben als kein größeres Unglück erscheint, als wenn cs in seiner Verdorbenheit sich weiter verpflanzt hätte. Muhamed war der Urheber solcher Umwandlung. Er war zu Mecca 569 geboren, ans dem Stamme der Koreischiten, welche Fürsten und Priester des Heiligthums der Araber, — der Eaaba, waren. Diese Araber waren die Nachkommen Ismaels des Sohnes Abrahams mit der Magd Hagar, welche in die Wüste verstoßen wurde; und die Eaaba war ein viereckiges Gebäude mit einem großen schwarzen Steine in der Mitte, wo Abraham schon gebetet haben soll. Das Gebäude war mit 665 Götzenbildern um¬ geben, da die verschiedenen arabischen Stämme bereits verschiedene Religions-Vorstellungen hatten. Muhamed war ein Mann von hoher körperlicher Schönheit und hinreißender Beredsamkeit, kühn und unternehmend, dabei sonst einfach und mäßig, jedoch ein gemeiner Sklave der Wollust. Auf seinen Handelsreisen hatte er Christen, Juden und aller¬ lei Götzendiener rennen gelernt; da fetzte sich in seinem schwärme¬ rischen Gemüthe nach und nach die Einbildung fest, er sei berufen, diese Alle zn dem Glauben an Einen Gott zu bringen. Bei seiner oberflächlichen Kcnntniß des Ehristenthums war er nämlich der un¬ sinnigen Meinung, die Christen beten drei Gottheiten, (Dreieinig¬ keit) an. Da er zu Zeiten von einer Art Starrsucht (Epilepsie) — iw - befallen wlwde, gab er vor, daß bei dieser Gelegenheit der Engel Gabriel zu ihm rede, ja, daß er von ihm in den Himmel geführt werde. Durch seine neuen Lehren, seit 609, schien er seinen Stamm¬ genossen bald so gefährlich, daß sie ihm nach dem Leben trachteten, und er genöthigt war, nach Iathreb zu entfliehen. Das geschah 622 ; und diese Stadt, die ihn freundlich aufnahm, erhielt bis auf den heutigen Tag den Namen: Stadt des Propheten (Nmiüm — nubi oder bloß Medina); und das Jahr 622 (Hedjra d. i. die Flucht) ist der Anfang der noch gebräuchlichen mnhamedanischen Zeitrechnung. In Medina als Prophet und Fürst anerkannt, eroberte er in verwegenen Raubzügen in kurzer Zeit einen großen Theil Arabiens, und bald fiel das ganze Land sammt der h. Stadt Mecca ihm zu, da man, seines Waffeuglückcs wegen, an seiner göttlichen Sendling nicht mehr zweifelte, und überdieß der Glaube, den er predigte, den ' Gewohnheiten und Neigungen der Orientalen und ihrer sinnlichen Natur so sehr zusagte. 75. Der Islam und seine Verbreitung. Die Lehre Muhameds heißt Islam d. i. gänzliche Hingebung — gläubiges Vertrauen, und deren Bekenner daher Moslem (Mu¬ selmann), so viel als Gläubige. Blinder Glaube und unbedingte Hingebung an Allah und Mn Hamed seinen Propheten, ist die Hanpttngend des Moslem. Die übrigen Glaubenslehren sind nur willkürliche Entstellungen des Christen- und Jndenthums, wo¬ rin Muhamed sich bald lächerlich macht, bald auch in hohem dich¬ terischen Schwünge erscheint. Auch Abraham, Moses und besonders Christus läßt Muhamed als Propheten gelten, und die h. Schriften der Juden und Christen enthalten göttliche Offenbarungen, die je¬ doch verfälscht worden sehen; besonders sehen jene Stellen weg¬ gelassen worden, die sich auf Muhamed beziehen. Wie flach er übrigens die Christuöiehre anffaßte, zeigt unter anderm der Vorwurf, den er den Christen macht, daß sie sich Gott wie einen Mann denken, der mit seinem Weibe (Maria) einen Sohn erzeugt habe. Zwei cigenthümliche Glaubenssätze haben vorzüglich zur An¬ nahme und Verbreitung des MohamedanismuS beigetragen. Das 7* 10« mohamedanische Paradies, welches der Phantasie der Orientalier die üppigsten Sinncngenüssen vorführt. „ Sic werden in wonne¬ vollen Gärten — ruhen ans Kissen mit Gold und Edelsteinen ge¬ schmückt rc.." (56. Sure.) Daun die Hingebung in das unaus¬ weichliche Schicksal, welches von Allah für jeden Sterblichen so un¬ abänderlich bestimmt ist, daß er deinselben nicht entgehen kann, er möge thun oder lassen, was er wolle. Das war etwas für die Krieger Muhameds: „Wäret ihr auch in euern Hänsdrn geblieben, so hätten doch die, denen der Tod bestimmt war, hinaus auf den Kampfplatz gehen, und dort sterben müssen." (3. Sure.) Die Sittenlehre enthält als Hauptvorschriften: Gebet fünf¬ mal des Tages, mit dem Gesichte gegen Mecca gewendet (Kebla); Fasten, besonders im Monate Ramadan; Almosenspcnde; Kampf für den Glauben und wo möglich, die Reise nach Mecca, die man auch durch Andere verrichten lassen kann. ' Der verderblichste Punct der Sittenlehre aber ist die gestattete Vielweiberei bis auf vier Gemahlinen, dabei Sklavinen nach Ver¬ mögen und Belieben. Der Prophet selbst jedoch, dessen Ausschwei¬ fung keine Grenzen kannte, diöpensirte sich in unverschämter Weise von seinem eigenen Gesetze. Das sind die Hauptzüge der Religion Muhameds, wobei nicht übersehen werden darf, daß selbst der von ihm gepredigte und von Bielen belobte Glaube au Einen Gott, ebenfalls ein irriger ist, da der muhamedauische Begriff von Allah ein ganz verschiede¬ ner ist von dem, welchen Christus uns gelehrt (Trinität). Mnha- meds Lehren sind im Koran (d. i. Lesung) verzeichnet, ein Buch, welches den oben bezeichneten verwerflichen Inhalt bunt durchein¬ ander, aber in einer bezaubernd schönen Sprache darstellt; daher die Moslem auch jeden Vers desselben ein Wunder (Ajaton) nennen. Muhamed wußte seine Gläubigen durch den oben angcdeuteten Wahn des unabänderlichen Fatums, und durch die Aussicht auf die paradiesischen Genüsse zu wilder Kriegslast zu entflammen, welche auch nach dem Tode des Propheten, 632, nicht erlosch. Mit an Wahnsinn grenzendem Muthe stürzten sie sich in die Schlacht, nnd ihr Kriegszeichen war und ist noch der Halbmond, welcher nach einer albernen aber fest geglaubten Sage, einst vom Himmel herab¬ kam, und durch den Hemdärmel des Propheten ging. Man darf sich übrigens durchaus nicht wundern über die so reißend schnelle — 101 — Verbreitung der Lehre des Koran, — sie wurde gepredigt mit dem überall siegenden Schwerte der Mnhamedaner, und schon der erste C h a life, d. i. Nachfolger und Stellvertreter des Propheten, Abu Bekr, führte sie über Arabien hinaus nach Palästina. Der zweite, Omar, zog 638 in Jerusalem ein, war bald Herr von ganz Sy¬ rien und Phönicien, und nahm Alexandrien 640, wo er die be¬ rühmte Bibliothek verbrannt, und als Grund dafür angegeben haben soll: „Entweder enthalten diese Bücher das, was im Koran steht, — dann sind sie überflüssig, oder sie enthalten etwas Anderes, dann sind sie schädlich." Bei seinem Tode 644, war auch beinahe ganz Persien in der Gewalt dieser Weltstürmer. Nach wenigen Jahren dehnte sich ihre Herrschaft über die ganze nördliche Küste von Afrika bis zum atlantischen Meere aus, und ganz Kleinasien war von ihnen besetzt. Jetzt galt es nur noch Europa. Es schien, daß diese furchtbare Macht nach zwei entgegengesetzten Richtungen, wie mit zwei Armen, auch Europa umschlingen und an sich reißen würde. Denn, 711 gingen sie über die Meerenge von Gibraltar nach Spanien, und überzogen bereits einen Theil von Frankreich, während sie im Osten den Hafen von Constantinopel stürmten. Aber an beiden Stellen wurde ihrem Laufe ein Ziel gesetzt. Der fränkische Feldherr Carl Märtel (der Hammer) schlug sie bei Tours anf's Haupt, und jagte sie über die Pyrenäen zurück 732- und von Constantinopel aus wurde ihre Flotte zerstört durch das sogenannte griechische Feuer (ein Geheimniß der griechischen Kaiser). Bon dieser Zeit an besänftigte sich der Fanatismus dieser Nation. II. Geschichte der kirchlichen Lehre. 76. Heilige Väter. Eine eigenthümliche Erscheinung dieser Zeit sind die vielen großen und erhabenen Charactere, die durch wissenschaftliche Bildung sowohl, als durch ihren heiligen Wandel glänzende Zierden ihrer Zeit waren, und es ewig bleiben werden. Wir sehen hierin wie¬ der' einen Beweis der Fürsorge des göttlichen Stifters für seine h. Kirche. Denn es war besonders die erste Hälfte dieser Periode eine durch kirchliche Streitigkeiten sehr aufgeregte Zeit. Es handelte M2 sich um den Glauben an die Gottheit des Stifters unserer Kirche, und um das Geheimniß seiner Menschwerdung. Mit großer Kühn¬ heit und Gewandtheit wurden Irrlehren verbreitet, mit List und Gewalt, auch von Seite einiger Kaiser unterstützt. Selbst Gutge¬ sinnte kamen in Verwirrung, und wurden getäuscht oder eingeschüchtert. Desto nöthiger waren da Männer, die mit Hellem Geiste das Ge¬ webe der Schlauheit durchschauten, und mit hohem christlichen Muthe für die Wahrheit kämpften, nicht achtend die Ungnade der Mäch¬ tigen — die Lästerungen, — Verfolgungen und selbst Todesgefahr. Wir können hier von diesen großen Männern nur die beson¬ ders Hervorragenden, und auch sie nur in kurzen Umrissen schildern. 77. Athanasius. Von diesem h. Manne, der den wohlverdienten Beinamen, der Große, erhalten hat, wird bei der arianischen Irrlehre mehrfach die Rede sehn. Er war Patriarch von Alexandrien; denn dort war jene Irrlehre entstanden, und dorthin setzte die Vorsehung diese feste Säule der Wahrheit. Von seinen Feinden, den Arianern gehaßt, gefürchtet und verlästert, von den Kaisern bald verfolgt, bald mit hoher Achtung behandelt, vom eghptischen Volke geliebt wie ein Volksfreund, und verehrt wie ein Heiliger, hat er die 46 Jahre seines bischöflichen Hirtenamtes, -- darunter 20 Jahre auf der Flucht und in der Verbannnng, — oft wunderbar vom Tode ge¬ rettet, — als ein wahrer Mann Gottes, gekämpft für die göttliche Würde Christi. Von ihm lernen wir insbesondere, wie der, der seinen Beruf liebt, ihn überall findet : in seinem Leben ist kein leerer Augenblick. In seinem bischöflichen Glanze und in dem Schmutze einer trockenen Zisterne, wo er einige Monate znbriugen mußte; — in Alexandrien und in weiter Ferne zu Trier in der Verbannung; — unter seinen Gläubigen oder unter den Einsiedlern in der Wüste, — überall wirkte und schaffte er zum Segen der Christenheit, (fi 373.)' 78. Hilarius. Was Athanasius in den arianischen Wirren für das Morgen- land, das war der h. Hilarius, Bischof von Poitiers (piotuvwnsw) — iwr — für das Abendland. Entsprossen ans einer edlen altgallischen Fa¬ milie, und im Heidenthnme erzogen, hatte er in seiner Jugend der Wissenschaft gelebt und bereits hohen Ruhm erworben; aber seines Herzens Drang nach unzweifelhafter Wahrheit fand sich in allem heidnischen Wissen nicht befriedigt. Die richtige Keuutniß Gottes, — des Urhebers aller Dinge, war es vor Allem, wornach er sich sehnte. In den h. Schriften endlich, die ihm von ungefähr zur Hand kamen, fand er die geistige Befriedigung, ward Christ und bald Bischof. Als die Arianer, unter dem Schutze des Kaisers Constantins, ihre Ketzerei auch in Gallien auSbreiteu wollten, war ihnen Hilarius so sehr im Wege, daß sie vom Kaiser dessen Ver¬ bannung bis nach Kleinasien erwirkten. Hilarius benützte diese Zeit der Muße dazu, nm seine herrliche Schrift cio trinitnto gegen die Arianer zu verfassen; auch bereitete er an seinem Verbannungs¬ orte der katholischen Wahrheit den Sieg durch Bekehrung vieler Arianer. Da beeilten sich seine Feinde ihm vom Kaiser die Rück¬ kehr an seinen Sitz zu erbitten, wo er so glücklich war, den Frieden der Kirche durch Befestigung der katholischen Lehre noch vor seinem Tove, 368, sicherzustellen. In der neuesten Zeit wurde ihm vom Papst Pius IX. die Würde eines h. Kirchenlehrers (Dnetor oeoi.) zuerkannt. 79. Basilius. Basilius der Große war von der Vorsehung dazu bestimmt, den h. Athanasius nach dessen Tode zu ersetzen, und dem Arianis¬ mus, der unter dem Schutze des Kaisers Valens im Oriente noch¬ mals sein Haupt erhoben hatte, mit der Kraft Gottes ausgerüstet, entgegen zu treten. Er war Bischof von Cäsarca in Cappado- cicu, und den hohen Sinn dieses christlichen Helden möge, statt aller Schilderung, folgendes Gespräch zeigen. Auf Befehl des Kai¬ sers Valens, sollte der Präfcct Modestus den Basilius auf alle Weise dahin bringen, daß er mit den Arianern in kirchliche Ge¬ meinschaft trete. Der Prüftet redete ihm nun zu, sich zu fügen, — dann hätte er große Vortheile zu erwarten, im Gegcntheite aber alle schlimmsten Nebel zu fürchten. — „Und welche?" sprach Ba¬ silius ruhig, „laß sic mich doch wissen." — Der Prüftet wurde entrüstet, sprang vom Stuhle ans und rief: „Einziehung der Güter, — 1V4 — Verbannung, Qual und Tod!" — Basilius: „O du mußt mir mit ganz andern Dingen drohen, das Alles schreckt mich nicht. Wer nichts besitzt, fürchtet keine Einziehung der Güter; oder du möchtest diese abgetragenen Kleider nnd einige Rollen Bücher einziehen wollen. Verbannung? — ich wüßte nicht, wohin du mich verbannen könntest, wo ich nicht zu Hause seh« würde; überall betrachte ich mich als Fremdling auf Erden. Züchtigungen? — wo möchtest du sie an¬ bringen? mein welker Leib wird wenig mehr lebend ertragen. Den Tod endlich werde ich als Begünstigung annehmen, und als eine Wohlthat, die mich zu Gott bringt, für den ich lebe und wirke." Da sagte der Prüftet erstaunt: „So frei hat noch Keiner mit mir gesprochen." „Vielleicht", entgegnete Basilius, „bist du noch nie mit einem katholischen Bischöfe zusammen gekommen, denn ein solcher hätte keine andere Sprache führen können. Wir schätzen und ehren die Gunst des Kaisers, wi- aber von Gott und Gottes An¬ gelegenheit die Rede ist, sehen wir ans ihn allein." Als das dem Kaiser hinterbracht wurde, konnte er sich nicht erwehren, die Festig¬ keit und den Muth des Bischofes zu bewundern, und ließ von ihm ab. Unter andern vielen Schriften, verfaßte Basilius auch Regeln für die Mönche, und diese heißen bei den Griechen noch jetzt Basi- lianer. (si 379.) F, ö, ^7 / 80. Gregor von Nazianz. ,7, * Der Jugendfreund des eben Genannten, und sein Mitschüler auf der berühmten Hochschule zu Athen, später dessen Gefährte in der Einsamkeit, zur Uebung des beschaulichen Lebens. Ueber die Seligkeit eines solchen Lebens schrieb Gregor, als er schon Bischof zu Nazianz war, noch an Basilius: „Wer wird mir die glücklichen Tage wieder geben, da ich beschäftigt mit dir, in gemeinschaftlicher Arbeit meine Wonne fand? Wer gibt mir jene Psalmodieu, jene Nachtwachen und Gebete, die uns versetzten weg von dieser Erde, und hinauf erhoben zum Himmel nnd zu jenem Leben, welches mit der Körperwelt nichts gemein hat." Bei dieser Vorliebe für das stille Men brachte er doch das Opfer, daß er die Leitung der zer¬ rütteten Kirche von Coustantinopet provisorisch übernahm, wo er segenvoll wirkte. Doch hatte er wenig Dank dafür, und da er sah, daß seine Erwählung zum Bischöfe dieser Stadt Einigen mißfiel. I»3 und seinetwegen Reibungen entstanden waren, legte er die Würde sogleich nieder, und lebte fortan in stiller Zurückgezogenheit den Wissenschaften. Wegen seiner eifrigen Vertheidigung der Gottheit Christi, wird er auch der Theolog genannt. Er ist einer der größten Redner der griechischen Kirche. (7 390.) 81. Joannes Chrysostomns. Der h. Joannes wegen seiner ausgezeichneten Beredsamkeit Chrhsostomns (der Goldumud) genannt, lebte mehrere Jahre glück¬ lich und geliebt von der Gemeinde, als Prediger zu Antiochia. Da ward er auf einen schweren Kampfplatz — nach Constantinopel als Patriarch, gegen seinen Willen versetzt. Ungemein wichtig für das Heil der Kirche war seine Amtsführung, aber auch ein unaus¬ gesetzter Kampf gegen die Verkehrtheit einer sittenlosen Hauptstadt, wobei auch der kaiserliche Hof, und sogar ein Theil der Priester¬ schaft keine Ausnahme machte. Einfach in seinen Sitten, und arm für sich selbst, war er reich für die Armen, denen sein großes Ein¬ kommen zufloß. Sanft und milde im Geiste Christi, trat er doch wieder mit Feuereifer auf, wo es galt die unterdrückte Unschuld zu schützen, und das böse Beispiel der Vornehmen zu bestrafen. Kein Wunder, daß ihm bald mächtige Feinde erwuchsen, darunter selbst die üppige Kaiserin Eudoxia. Auf ihren Befehl wurde er in die Verbannung geschickt, doch sogleich wieder zurückberufen, als ein Erdbeben das Gewissen der Kaiserin erschütterte, und das Volk in lauter Wehklage und Drohung nach ihm rief. Aber der Triumph, den das Volk in seiner Freude dem Rückkehrenden bereitete, erbit¬ terte seine Feinde noch mehr, und abermals mußte er fort, wobei er noch das Volk, das ihn mit Gewalt retten wollte, durch sanftes Zureden beschwichtigte. Ein entferntes Städtchen in Kleinarmenien war ihm zum Aufenthalte angewiesen; aber als man erfuhr, daß die Liebe der Einwohner ihm fein hartes Loos zu erleichtern suchte, sollte er von dort weg, bis hinter das schwarze Meer hingeschleppt werden. Sein durch so viele Leiden geschwächter Körper erlag aber bald den Beschwerden der Reise, 407. Sein h. Leichnam wurde 438 im Triumphzuge nach Constantinopel zurückgebracht. Wie er in seinem eigenen Leben das Ideal des Priesterthums darstellte, so hat er es mit Begeisterung in seinem trefflichen Buche üe 8u nnd Cöl e st i n s, zwei Mönche aus Brittanien, verbreiteten im Anfänge des 5. Jahrhunderts zuerst zu Rom, dann zu Carthago und Palästina Irrlehren, die den obigen katholischen Glaubenssätzen in verschiedener Beziehung entgegen waren. Der 128 Hauptsatz dieser Irrlehren ist: die Gnade Gottes ist dem Menschen zur Hebung des Guten nicht durchaus nothwendig. Dieser ergab sich ans den irrigen Behauptungen: 1) Adam würde gestorben sehn, wenn er auch nicht gcsündiget hätte. 2) Seine Sünde hat nur ihm, nicht seinen Nachkommen geschadet. 3) Die nengeborneu Kinder sind in dem nämlichen Zustande, in welchem Adam vor der Sünde ge¬ wesen. 4) Es besteht also keine erbliche Verdorbenheit des Men¬ schen (Erbsünde), und er kann mit seinen natürlichen Kräften (ohne die Gnade) Gutes wirken und selig werden. Diese Lehren wurden zuerst in einer Synode zu Carthago 412, dann in andern Particularsynoden, und 416 nochmals zu Carthago als ketzerisch verworfen. Die Shnodalacten wurden nach Rom ge¬ sendet, Papst Jnnocentins I. bestätigte sie, wobei Augustinus äußerte: „Rom hat gesprochen und die Sache ist beendet." Dennoch wollten sich die beiden Irrlehrcr nicht fügen; sondern suchten sich bei dem neuen Papste Zosimus zu rechtfertigen. Cöle¬ stins stellte sich persönlich zn Rom, und PelagiuS schickte ein Glau- bensbekenntniß. Zosimus ließ sich bei seiner milden Gesinnung, durch die Winkelzüge dieser verschlagenen Männer, und besonders durch die heuchlerische Zusicherung des Cölestins, daß er Alles glaube, was die Kirche glaubt, täuschen, und erklärte sie für rechtgläubig. Die Carthager hielten jedoch eine dritte Synode nnd machten den Papst auf den eigentlichen Sachverhalt aufmerksam. Dieser berief die beiden zn einer neuen Prüfung; aber sie fanden für gut, zu ent¬ fliehen, worauf Zosimus die Entscheidungen jener Synoden bestätigte. Von den beiden Irrlehrern schweigt die weitere Geschichte und die Schriften des h. Augustinus trugen zur Befestigung der katholischen Lehre gegen Pelagins das Meiste bei; denn er — das Wunder der Gnade — war am besten geeignet, über die Gnade zu sprechen. Einige Lehren des Pelagins fanden noch weiterhin bei manchen Kirchcnschriftstellern Eingang, und so entstand der Semipelagia- nismuS, dessen Hauptsatz ungefähr heißt: Der Anfang des Glau¬ bens ist Sache des freien Willens; aber das Vollbringen unterstützt die göttliche Gnade. Die Anhänger dieser unkatholischen Ansicht hießen auch Massilienser, da die Mönche von Massilia (Marseille) dieselben vornämlich vertheidigtcn. — 12?) — 101. JovilülM und Bigilantius. Diese beiden Männer versuchten der Kirche einige neue An¬ sichten aufzudringcn, wurden jedoch durch die großen Kirchenlehrer jener Zeit schnell zurechtgewiesen, ohne Secten stiften zw können. Iovinian war um 370 Mönch zu Nom, ward aber dieses Standes bald überdrüssig nnd kehrte in die Welt zurück. Um seinen Schritt zu beschönigen, suchte er durch ein herausgegebenes Buch zu erweisen, daß ein frommer Mönch kein größeres Verdienst habe, als ein from¬ mer Laie; — der jungfräuliche Stand vor dem Ehestande nichts voraus habe; und wer faste, nicht besser thue, als wer sich nach Belieben sättige; —kurz er länguetc die Verdienstlichkeit der soge¬ nannten evangelischen Räthe (eonsilia evan^elien). Der h. Hiero¬ nymus fertigte ihn in einer Gegenschrift in etwas derber Weise ab, der h. Augustinus widerlegte ihn mit der ihm eigenen Gründ¬ lichkeit und Klarheit, und Papst Siricius stieß ihn aus der Kirchen¬ gemeinschaft. Dasselbe that der h. Ambrosius, als Iovinian nach Mailand kam. Geistesverwandt mit ihm war Bigilantius in Gallien, zu Anfang des 5. Jahrhunderts. Dieser scheint von dem bekannten Grundsätze: wilalur ubusus, «eck «ervelur usus nichts gewußt zu haben. Da bereits in manchen kirchlichen Dingen, wie es unter den Menschen nicht anders zu erwarten ist, Mißbräuche vorkamen, so meinte er, es seh die Sache selbst zu verwerfen. Er eiferte gegen die Verehrung der Heiligen und Reliquien; weil auch manche Wunder erdichtet, und viele Reliquien nicht echt sehen; — gegen die Vigi¬ lien (Nachtwachen in der Kirche vor den Festtagen), weil schlechte Leute dabei ihr Unwesen treiben können; selbst gegen den Cölibat, weil er manchmal die Ursache geheimer Unsittlichkcit seh. Seine seichten Behauptungen wurden von Hieronymus scharf widerlegt, und er war bald vergessen. 102. Streit über Origenes. * Origenes hatte sich durch seine Schriften große Verdienste um die Kirche erworben, und sie wurden von den gelehrten Kirchen¬ männern der spätem Zeit fleißig benützt. Dabei aber waren diese Schriften auch von Jrrthümern nicht frei, und mußten daher mit Vorsicht gelesen werden. 9 13« Dieser Umstand veranlaßte mehrere, mitunter ärgerliche Strei¬ tigkeiten; selbst zwischen den berühmtesten Männern des 4. Jahr¬ hunderts. Vor allen war der h. Epiphanius ein heftiger Gegner des Origeues und Aller, die denselben vertheidigten; weil er in des Origenes Schriften die Quelle des Arianismus entdeckt zu haben glaubte. Zwischen ihm und dem Bischose Joannes von Jerusalem, einem Vertheidiger des Origenes, hatte der Zwist angefangen. Bald wurden der h. Hieronymus und Rufinus, — beide damals Mönche zu Jerusalem, in denselben hiueingezogen. Hieronymus erklärte sich gegeu, Rufinus aber für Origeues. Zwischen diesen beiden ent¬ brannte der Streit besonders heftig, wnrde zwar ans eine Zeit — da Rufinus nach Rom sich entfernte, beigelegt; aber später auf Veranlassung dieses Letzteren erneuert. Den betrübtesten Ausgang nahm dieser Streit für den h. Chry- sostomus. Er hatte einige Mönche bei sich ausgenommen, welche vom Patriarchen zu Alexandria, Theophilns, als Anhänger des Ori¬ genes vertrieben worden waren. Dadurch zog er sich den Haß deö Theophilus zu. Dieser kam nach Constantin opel, verband sich mit den dortigen Feinden des Chrysostomus, hielt die After-Synode zur Eiche, und trug am meisten dazu bei, daß Chrysostomus endlich in's Elend wandern mußte, wo er nach argen Mißhandlungen starb (8- 81)., III. Einrichtung der Kirche. 103. Vorbemerkungen. 1. Die Kirche war durch die Bekehrung Constantins in ein neues Stadium getreten. Das innere Wesen der Kirche, als einer- göttlichen Anstalt, bleibt ewig dasselbe; aber die Art ihrer Wirksamkeit zum Heile der Menschheit, und manche äußere For¬ men, müssen sich nach Maßgabe der Umstände und Verhältnisse auch mannigfach gestalten. 2. Die römischen Kaiser sind aus Verfolgern nun Bekenner, und mit Rücksicht auf ihre Stellung, Beschützer der Kirche ge¬ worden. Dagegen unterstützte die Kirche den weltlichen Staat, durch ihre Lehre: daß Gehorsam gegen die von Gott gesetzte Obrigkeit Gewissenspflicht ist. So entwickelte sich auf sehr natür- 131 liche Weise ein inniges Verhältniß zwischen Kirche und Staat. Kaiser, die, — als wahrhaft kirchlich gesinnt, — von der Kirche gleichsam als ihre erstgeborenen Söhne betrachtet wurden, übten mit Zustim¬ mung der Kirche, manche Rechte in kirchlichen Dingen, die nicht strenge in ihrem Wirkungskreise lagen, beriefen z. B. Concilien, ernannten Bischöfe und dergleichen. Aber immer von Unheil be¬ gleitet war die willkürliche Einmischung der Regenten in eigentliche Glanbenssachen, wie aus der Geschichte der Irrlehren genugsam zu ersehen ist. Die griechische Kirche ist besonders hierdurch immer- mehr in Verfall geratheik, und selbst das morgenländische römische Reich dadurch seinem Untergange zugeführt worden. 3. Die Kirche hatte durch drei Jahrhunderte unter Druck und Verfolgung ihr Heilsgeschäft meist im Verborgenen üben müssen. Sie hatte durch Demnth und Geduld die Welt gewonnen, nun trat sie offen in derselben auf, und zwar in Glanz und Schmuck, wie es der Braut des Sohnes Gottes geziemte. Die Kaiser selbst umgaben die Diener der Kirche mit weltlichem Ansehen und äußerem Glanze, und schmückten die Kirche mehr als ihre eigenen Paläste; die Kirche entfaltete die innere Größe und Herrlichkeit ihrer An¬ stalten auch in äußerlicher Pracht und Anmuth. 104. Die Hierarchie. Auf Einheit und Einigkeit beruht das Gedeihen jeder Gesellschaft, daher auch der göttliche Stifter der Kirche, in seiner Abschiedsrede, zum himmlischen Vater für die Seinen betete: „daß sie Alle Eins sehen, wie du, Vater, in mir bist, und ich in dir bin." Joannes: 17, 21. Je mehr nun der Umfang der Kirche sich erweiterte, desto mehr mußte der von Christus in Petrus ge¬ setzte Einheitspnnct — das Oberhaupt der Kirche — in ein Helles Licht treten; und neue Mittelstufen in der Kirchen-Regierung wurden nöthig, um die innige Verbindung der einzelnen Kreise, zu einem großen Ganzen, in fester Ordnung zu erhalten. Hierüber schreibt Chprian: „Wie alle Strahlen von Einer Sonne ausgehen und alle Zweige eines Baumes von einer Wurzel, so sind alle in der Welt zerstreuten Gemeinden zu Einer Kirche verbunden." 1. Daß der Papst zu Rom, als das höchste sichtbare Ober¬ haupt der Kirche, in dieser Periode durchaus anerkannt wurde, 132 dafür spricht die Geschichte klar genug. Jeder irgend bedrängte Bischof wandte sich um Schutz an den Papst, im Zweifel suchte man bei ihm Lösung, bei Streitigkeiten Entscheidung, und selbst die Irrlehrer, wie Nestorius und Pelagius, zeigten durch ihr Bemüheu, seine Zu¬ stimmung zu gewinnen, thatsächlich, daß sie dessen höchste kirchliche Würde anerkannten. Der h. Augustin spricht die Ansicht der ganzen Kirche jener Zeit in den Worten aus: „Roms Urtheil ist das Ur- theil der gesummten Kirche; es kann keiner Prüfung mehr unter¬ liegen; wer von Rom verurtheilt ist, ist vom ganzen Erdkreise ver- nrtheilt; Rom hat gesprochen, die Sache ist abgethan (Koma loeuta, oausa lmita ost). 2. Unter den Bischöfen erhielten bald einige einen höheren Rang, wodurch sich nach und nach zwei Mittelstufen zwischen dem Primas und den einfachen Bischöfen bildeten, die Metropoliten und Patriarchen. Die Entstehung der ersteren erklärt sich zu¬ meist aus der allmäligen Verbreitung des Christenthums von den Hauptstädten der Provinzen aus, in die kleineren Städte und Dörfer. Diese Letztem kamen so in ein Abhängigkeitsverhältniß zu dem Bi¬ schöfe der Hauptstadt (molropolis), und erhielten von dort ihre Kirchenvorsteher. Dieses Verhältnis wurde dann durch Kirchenge¬ setze geordnet, und Metropoliten (Bischöfe der Hauptstädte), über¬ kamen bestimmte Rechte über die Bischöfe ihrer Provinz. 3. Unter den Metropolen des römischen Reiches hatten längst Rom, Alexandrien und Antiochien ein hervorragendes Ansehen; eben so waren die dortigen Kirchen schon von ihrer Gründung an von ausgezeichnetem Range, welchen das Concil von Nicäa noch beson¬ ders bestätigte. Die Vorsteher derselben — und auch einiger anderen Kirchen, z. B. Ephesus in Asien, Heraklea in Thrazien, hießen Erarchen, (wie die politischen Vorsteher alldort), oder Erzbi¬ schöfe; wofür aber bald für Rom, Alexandrien und Antiochien, das ausgezeichnete Prädicat: Patriarch in Uebung kam. Nach¬ dem Constantinopel' die Hauptstadt des Reiches geworden, gab man auch dem dortigen Bischöfe den Titel eines Patriarchen. Endlich wurde derselbe auch dem Bischöfe von Jerusalem — „als der Mutter aller Kirchen" — zu Theil. Diese fünf Patriarchen übten ungefähr die nämlichen Rechte über die Metropoliten ihres Sprengels, wie diese über ihre Provinzial-Bischöfe, wobei es sich von selbst versteht, daß die Patriarchen-Würde von Rom, mit jener des Ober- — 133 — Hauptes über die ganze Kirche verbunden war, und in derselben fast aufging. 4. Jede einzelne Diöcese wurde von ihrem Bischöfe regiert, und das innige Verhältniß des Bischofes zu derselben, wurde einem unauflöslichen Ehebande gleich geachtet, daher die Uebersetzung eines Bischofes in eine andere Diöcese —- mit seltenen Ausnahmen — von den Concilien verboten war. Um den geistlichen Bedürfnissen der ihnen anvertrauten Gläubigen zu genügen, sahen sich die Bi¬ schöfe häufig genöthigt, sich Gehilfen zu wählen, welchen sie, unter dem Namen von Landbischöfen (Lünrapiseopi), einen Theil der Diöcese anvertrauten. Sie waren gewöhnlich nur einfache Priester, und nur ausnahmsweise auch mit bischöflicher Weihe ausgerüstet; aber jedenfalls ganz dem Diöcesanbischofe untergeordnet. Bald fand man auch die Eintheilung der Diöcesen in einzelne kleinere Kirchen- Gemeinden mit einem eigenen, natürlich ganz von dem Bischöfe ab¬ hängigen Priester, für uöthig; so entstanden die Pfarren, zuerst auf den: Laude (acelosiri; plvbanse), dann auch in den Städten (pai-oelnw), mit den Pfarrern. 105. Wahl der Kirchenobern. 1. Die ersten Bischöfe wurden bekanntlich von den Aposteln selbst ernannt. Längere Zeit darauf findet sich keine bestimmte Vor¬ schrift über die Wahl der Bischöfe, nur so viel zeigt sich überall, daß dieselbe der hohen Stellung gemäß, mit besonderer Sorgfalt von den Bischöfen und dem Clerus vorgenommen wurde. Auch das Volk hatte daran einen gerechten Antheil, in so lange, als ein tiefer christlicher Sinn im Volke durchaus vorherrschte; doch be¬ schränkte sich dieser Antheil größtentheils nur auf das Zeugniß der Würdigkeit des zu Wählenden. Keineswegs aber wurde die Auctorität des so gewählten Bischofes hierdurch irgend von der Ge¬ meinde abhängig, so daß sie ihn etwa auch hätte absetzen können, vielmehr wurde seine Sendung, als von Christus herrührend, betrachtet. 2. Als später der religiöse Geist bei dem christlichen Volke in Abnahme kam, und bei den Bischofswahlen Parteiungen und Leiden¬ schaften sich zu äußern begangen, mußte den Gemeinden der Einfluß entzogen werden, und Concilien, wie z. B. jenes von Laodicäa (372) bestimmten, daß die Bischöfe nur vom Clerus, den Bischöfen der 13L Provinz und dem Metropoliten gewählt und ein geführt werden sollen; und dieß blieb fortan als Regel. Doch verletzten nicht selten will¬ kürlich herrschende Kaiser das Kirchengesetz, und ernannten eigen¬ mächtig Bischöfe. Andererseits aber haben auch fromme Regenten, tnmnltuarischen Bewegungen, durch Ernennung eines würdigen Vi- schofes, vorzubengen gewußt, wobei die kirchlich zur Wahl Berech¬ tigten mit Dank ihre Zustimmung gaben. 3. Zu allen Kirchenämtern innerhalb einer Diöcese wählte der Bischof ganz nach eigenem Ermessen die Vorsteher, wovon im Laufe dieser Periode viele Neue nöthig wurden. Dahin gehören nebst den oben erwähnten Landbischöfen und Pfarrern noch die Erz- pri ester (urdnprosbMri), für die geistlichen Functionen, wenn der Bischof selbst verhindert war; — die Archidiacouen, für die Verwaltung des Oekonomischen; ferner die geistlichen Notare, die Defensoren w. Zu jedem erledigten Amte wählte der Bischof den Geeigneten aus, und ertheilte dem Gewählten die uöthige Ordina¬ tion, eben für diesen Platz und für die bestimmte Kirche. 106. Der Unterhalt des Clerus. 1. Das Wort des h. Paulus: „Also hat es der Herr ver¬ ordnet, daß die, welche das Evangelium predigen, vom Evangelium leben sollen," l. Cor. 9, l.4, war maßgebend in Betreff des Unter¬ haltes des Clerus. Nebstdem hatte man das Vorbild im alten Bunde, wo die Leviten und Priester ihren Antheil an dem Tempel¬ opfer und andere Gaben bezogen. So war der Clerus an die Liebe und Wohlthätigkeit der Gläubigen angewiesen, und diese spendeten dann auch nach Vermögen ihre Opfergaben, die theils bei den gottes¬ dienstlichen Versammlungen auf den Altar gelegt, theils in die Wohnung des Bischofes gebracht wurden, und die nach Kirchenge- setzen in drei Theile zu vertheilen waren: für den Clerus, — für die Erhaltung der Kirchengebäude und Geräthschaften (pro tübriou oeolosise), und für die Armen; denn auch für diese Letzter« trug die Kirche von jeher die zarteste Sorgfalt. 2. Auch die Abgabe der Zehnten leitete man aus dem alten Bunde ab, und sie wurden schon im 3. Jahrhunderte für eine Pflicht der Gläubigen erklärt. 3. Im Verlaufe der Zeit, besonders als schon christliche Fürsten irr» auf den Thronen saßen, vermehrten sich die Einkünfte der Kirche ansehnlich, durch Schenkungen und Vermächtnisse in mannigfacher Art. 4. Alle derlei Gaben wurden nach der Meinung der Geber, als Gott dargebacht betrachtet, daher auch das Vermögen der ein¬ zelnen Kirchen nicht als ihr Eigenthum, sondern als allge¬ meines Kirchengnt angesehen wurde, wovon diese Kirchen nur die Nutznießung hatten, und welches sie, als anvertrautes Gut, unver¬ sehrt den Nachfolgern überliefern mußten. 107. Gottesdienst. 1. In dieser Periode haben wir bereits bestimmte Nachwei¬ sungen, daß das h. Meßopfer im Wesentlichen ganz so gefeiert wurde, wie es noch jetzt bei einem solennen bischöflichen Amte der Fall ist. Es hatten zwar die Hanptkirchen z. B. Jerusalem, Alex¬ andria u. a. ihre eigenen Liturgien, die jedoch unter sich wie mit der jetzigen, in der Hauptsache ganz übereinstimmen. Dabei blieb die Abtheilnng in — miss» Oweüumeroium, bis zum Offerto¬ rium, und die darauf folgende mi88u liünlimn, woran nur die be¬ reits getauften Gläubigen Theil nehmen durften. Es wurde jedoch nur Ein heiliges Opfer, vom Bischöfe selbst oder seinem Stell¬ vertreter dargebracht. Der übrige Clerns assistirte und erhielt die Communion — gleichwie alle Gegenwärtigen, in beiden Gestalten. Doch war der Gebrauch, das h. Abendmahl nur in einer Gestalt zu empfangen, auch schon weit verbreitet. Dasselbe nüchtern zu empfangen, was früher schon gewöhnlich war, wurde jetzt als Gesetz ausgesprochen. 2. Da die Christen auf die Feier ihrer heiligsten Geheimnisse einen so hohen Werth legten, so wurde auch die möglichste Pracht auf die Festgewänder und heiligen Gefäße verwendet. Besonders war die bischöfliche Kleidung glanzvoll ausgezeichnet. Goldene und silberne Geräthschaften waren nichts seltenes. Auch Bilder wurden jetzt zum Schmucke der Kirchen und zur Versinnlichung des Reli¬ giösen angewendet. 3. Die Tempel waren nun viel zahlreicher und prächtiger, Constantin und seine Mutter Helena gingen, durch Erbauung herr¬ licher Gotteshäuser, mit schönem Beispiele voran. Auch heidnische Tempel und andere geräumige öffentliche Gebäude wurden in christ- 13« liche Kirchen umgeschaffen. Diese letzteren erhielten den Namen Basiliken; von , König; weil sie von Kaisern geschenkt, und dem König der Könige geweiht wurden. Die nenerbauten Kir¬ chen erhielten die Form des Schiffes oder Kreuzes. Der Altar stand gegen Osten im Heiligthume; im Westen war die Vorhalle, für die Catechumenen und Büßenden bestimmt; in der Mitte das Schiff, bei Basiliken meist durch Säulenreihen abgetheilt. — Die Heiligkeit der Kirchen wurde auch dadurch anerkannt, daß nach kaiserlichen Ge¬ setzen, Niemanden, der dort seine Zuflucht suchte, Gewalt angethan werden durfte, — Asyl. 4. Der Festkreis des Kirchenjahres erweiterte sich mehr und mehr, durch neu eiugeführte Feste des Herrn und seiner jungfräu¬ lichen Mutter. Auch dem heiligen Kreuze wurden zwei Erinuerungs- feste geweiht: das der Erfindung, durch die h. Helena, und jenes der Erhöhung, zum Andenken an das vom Kaiser Heraklius wieder eroberte Kreuz, welches die Perser bei ihrer Besetzung von Jeru¬ salem, geraubt hatten. Das Mönchthum. 108. Aöceteu und Einsiedler. Es ist kaum irgend eine Anstalt so vielfach verkannt und irrig beurtheilt worden, als die Klöster und Mönche; es thut daher Noth, diese christliche Lebensentwickluug näher zu betrachten, und wir wollen hierin den tiefsinnigen Ideen des gefeierten Möhler folgen. 1. Bei allen gebildeten Völkern zeigt uns die Geschichte, unter mannigfachen Gestalten, Aehnliches mit dem, was wir Mönche nennen. Allenthalben werden wir auf Männer aufmerksam gemacht, welche sich ausscheiden von der großen Masse und dem Gewühle der Menschen, und durch einen geheimnißvollen Zug in die Ein¬ samkeit, in Wälder und Wüsten geführt werden, wo sic die Schätze und Freuden der Welt gerne entbehrend, oder eigentlich gar nicht vermissend, das inhaltvollste Leben suchen, und wo ihnen auch die höchsten Freuden und Leiden, welche die menschliche Brust bewegen können, zu Theil werden. Solche sind in ihrer Abgeschiedenheit, oder später daraus hervortretend, oft die größten Wohlthäter ihrer Mitmenschen geworden. 137 2. Unter den ersten Christen fehlte deßhalb das Mönchthnm auch nicht; ja ganz neue und eigenthümliche Gründe für dasselbe stossen unmittelbar ans dem Christenthume. — Aus seinem tiefsten und innersten Wesen entwicktelte sich erst die wahre Bedeutung dieser absonderlichen Lebensweise. Es kann im wahren Sinne gesagt werden, daß die Christen in den ersten drei Jahrhunderten allzu¬ mal Mönche gewesen sehen. Von der Welt nicht verstanden und von ihr ansgeworfen, lebte der Christ mitten in ihr als Einsiedler, getrennt von ihr durch seine Sitten, wie durch seinen Glauben. Er war todt für die Welt, und wie Panlus sagt, begraben mit Christo, er hielt seine Sinne nur für eine höhere Welt offen und thätig, war ein Fremdling hier unten, ein Bürger dort oben. 3. Unter den Christen, zumal des Morgenlandes, ragten jedoch selbst wieder Mehrere durch eigenthümliche Bestrebungen, durch hö¬ heren Sinn nnd angestrengtere Thätigkeit hervor. Ohne sich örtlich von ihren Glaubensgenossen zu sondern, vielmehr in Mitte derselben lebend, verwendeten sie all' ihr Eigenthum in milden Gaben für wohlthätige Zwecke, blieben ehelos, und bestritten die wenigen Be¬ dürfnisse ihres entsagöndeu Lebens, durch den Ertrag irgend eines Gewerbes, wo es ihnen sogar noch möglich wurde, abermal Man¬ ches zum Besten der Nothleidenden zu erübrigen. Von solchen Ent¬ sagenden (ssvutw, continvntes) war schon in der früheren Periode die Rede. 4. In dieser Entsagung gingen bald Einige um einen Schritt weiter, sie entsagten auch der menschlichen Gesellschaft, wurden Einsiedler oder Eremiten, entweder aus freiem Entschlüsse, oder sie hatten in einer Verfolgung sich in die Einöden geflüchtet, gewannen aber die Einsamkeit lieb, die ihnen gestattete, sich ganz einer höheren Welt hinzugeben, nnd die sie vielfältigen Versuchungen und Gefahren entriß. Aus der großen Zahl solcher Wüstenbewohner hat uns die Geschichte jener Zeit, nur den Namen des h. Paulus bewahrt, der daher als erster Einsiedler gilt. 109. Mönchvereille. Dieses Einsiedler-Leben wurde einer neuen Entwicklung zuge¬ führt, indem mehrere in einer Gegend lebende Eremiten in einen gewissen Verband mit einander traten. 138 1. Es wurden nämlich manche von ihnen gar bald gewahr, daß auch das sorgfältig bewachte einsame Leben, lange fortgesetzt, seine eigenthümlichen Gefahren habe, und es mußte der Gedanke entstehen, ob nicht etwa Einsamkeit und Verkehr mit Andern, be¬ sonders mit Gleichgesinnten, in der Art verbunden werden könnte, daß das Wohlthätige des einsamen und gemeinsamen Lebens mög¬ lichst vereinigt, ihnen zu Theil werde. Und siehe da! Gottes Vor¬ sehung hatte bereits den Mann in der Einsamkeit erzogen, welcher der christlichen Ascese diese neue segensreiche Richtung zu geben be¬ stimmt war. 2. Dieser Mann war Antonius mit dem Beinamen der Große. In einem oberäghptischeu Dorfe von begüterten Eltern 251 geboren, hatten sich seine herrlichen Anlagen in häuslicher Stille entfaltet; aber jedes Wort der heiligen Schrift, das er in der Kirche vernommen, prägte sich tief seinem Geiste ein, und frühe reifte in ihm der Entschluß, Ascet zu werden. Nach dem Tode seiner Eltern verfügte er demnach über sein beträchtliches Vermögen zum Besten der Armen, und lebte in einiger Entfernung von seinem Geburts¬ orte der stillew Betrachtung der göttlichen Dinge, äußerlich mit Handarbeit beschäftiget. Ein greiser vielgeübter Ascet der Nachbarschaft, theilte ihm seine Erfahrungen im höheren Geistesleben mit, und nach genügender Vorübung zog sich Antonius in die innerste Wüste zurück, die seine Bestrebungen, seine Kämpfe, seine Gebete und Betrachtungen ver¬ bergen sollte. Doch ward er bald ausgeforscht, und erhielt Besuche von leidenden, irgendwie gequälten und bekümmerten Seelen, die er getröstet und erquickt entließ; auch Krankheiten des Leibes heilte Gott durch seine Fürbitte. Bald sammelten sich auch Asceteu um diesen Meister. In einfachen, aber wundersam weisen und eindringlichen Worten, gab er ihnen Lehren und Mahnungen mit in ihre einsamen Zellen, und förderte so ringsum das geistige Leben. Da wurde von vielen Seiten der Wunsch laur, den großen Geistesmann fortwährend in der Nähe, als Führer und Lehrer zu haben, und so sammelte sich ein Verein von Einsiedlern, die Anto¬ nius in die Wüste gegen das rothe Meer hinführte, wo sie in Pis- piri, auf zwei von einander entfernten Hügeln, in einzelnen Woh¬ nungen lebten, fasteten, beteten und arbeiteten, um Almosen spenden zu können. Man nannte sie Anachoreten d. i. Abgesonderte, auch 13S Mönche (monscbi) und ihre Anzahl stieg später auf Tausende. Antonius besuchte sie von Zeit zu Zeit; im hohen Alter zog er sich jedoch wieder ganz zurück, starb 105 Jahre alt, und ließ als Muster jeglicher Tugend, einen ungemein wohlthätigen Eindruck auf seine Zeitgenossen und auf spätere Jahrhunderte zurück. 3. Was Antonius geschaffen, brachte Pachomius zu weiterer Vervollkommnung; er führte das Mönchs- oder Klosterleben nach jetziger Weise ein. Pachomius war auch aus Egypten, der Sohn heidnischer Eltern. Er wurde Soldat und erhielt gleich in den ersten Tagen sein Quartier bei einer Familie, die ihn so liebevoll auf¬ nahm, daß er verwundert fragte, was denn das für Leute sehen. Er erfuhr, sie sehen Christen, die aus Liebe zum Sohne Gottes, gegen Jedermann sich wohlthätig erweisen. Das machte auf den unverdorbenen Jüngling einen unaustilgbaren Eindruck, und sobald er vom Kriegsdienste entlassen war, bat er um die Aufnahme in die christliche Kirche. Höheres anstrebend, begab er sich zu P a le¬ mo n, einem in jener Gegend besonders verehrten Einsiedler, an den er sich wie an einen Vater anschloß, und mit dem er längere Zeit in gottseligen Uebungen verlebte. Endlich aber erklärte er dem¬ selben, er seh durch höheren Beruf aufgefordert, in einem nahen verlassenen Dorfe, Namens Tab en ne, fromme Einsiedler zu ver¬ sammeln. Dem Palemon war es zwar schwer, sich von dem ge¬ liebten Gefährten zu trennen, doch half er ihm zu Tabcnne eine größere Wohnung für Mönche bauen, und zog sich dann in seine Zelle zurück. Es sand sich bei Pachomius bald eine so große An¬ zahl von Schülern ein, daß sie in mehrere Vereine abgetheilt wer¬ den mußten. Dieß geschah um die Zeit des Concils von Nicäa 325. Diese Vereine waren von jenen, die Antonius gestiftet hatte, darin unterschieden, daß sie gemeinsam in Klöstern (ouanobium, daher Cönobiten) wohnten, und nach einer gemeinsamen Regel lebten; ohne jedoch, wie es jetzt gewöhnlich ist, Priester zu sehn. Gebet, Betrachtungen und andere religiöse Uebungen wechselten bei ihnen mit Arbeiten der mannigfachsten Art ab. Die Erträgnisse ihrer Ar¬ beit kamen den Dürftigen zu Guten, da sie selbst für Nahrung und Kleidung so ungemein wenig bedurften. Es waren Colonien der Gottseligkeit und eines heiligen Friedens. 14« 110. Weitere Ausbreitung dem Mönchthums. * 1. Zu gleicher Zeit, als sich diese Mönchvereine in Egypten bildeten, sammelten sich auch Ascetinen daselbst zu einem gemein¬ samen Leben. Die Schwester des Antonius und jene des Pachomius waren die ersten Leiterinen, und Pachomius gab ihnen passende Lebensregelu. Sie wurden in der Sprache des Landes Nonnen, d. i. ehrwürdige Frauen genannt. 2. Bei der verdienten Verehrung und Bewunderung, die dem Mönchthum in Egypten gezollt wurde, konnte es nicht fehlen, daß es bald in weitern Kreisen seine Verbreitung fand. Nach Palästina und Syrien wurde cs verpflanzt vom h. Hilarion. Dieser war von seinen heidnischen Eltern aus Palästina nach Alexandrien ge¬ schickt, nm sich dort den schönen Wissenschaften zu widmen. Dort wurde er nicht nur Christ, sondern das Beispiel des Antonius, welchen er besucht hatte, wirkte so begeisternd ans ihn, daß sofort der Entschluß in ihm feststand, in seiner Heimat nach diesem Vor¬ bilde zu leben. Nach Hause zurückgekehrt, thcilte er sein Erbtheil, da die Eltern bereits gestorben waren, unter die Armen und lebte nun noch 50 Jahre in der strengsten Abtödtung. Die Zahl derer, die sich nach und nach seiner Leitung unterwarfen, belief sich bald auf Tausende, welche einzelne Genossenschaften an mehreren Orten von Palästina und Syrien bildeten. Hilarion starb um 370. 3. Von Palästina ans schritt das Mönchthum weiter gegen Osten vor, und zwar mit solcher Schnelligkeit, daß der h. Basi¬ lius (siehe tz. 79), im Jahre 357, also nur ein Jahr nach dem Tode des Vaters Antonius, schon in Coelesyrien und Meso¬ potamien wohl eingerichtete und blühende Klöster vorfand. Er selbst aber stiftete die ersten Klöster in Pontus und Kappadocieu, und er hat das neue und große Verdienst um das Mönchthum, daß er in demselben nebst dem fromm-beschaulichen Leben und der Hand¬ arbeit, auch eine wissenschaftliche Thätigkeit anregte. Von den Zeiten des h. Basilius an gab es in der orientalischen Kirche kaum eine Provinz ohne Mönchvereine. 4. Nicht so rasch entwickelte sich das Mönchthum im Abend¬ lande: dafür wurde es hier später bedeutungsvoller, als in seiner ersten Heimat. Die erste bestimmte Kunde von dieser besonderen Lebensweise brachte der h. Athanasius nach Rom, als er im Jahre — Ml — 340 von den Arianern verfolgt, bei dem Papste Julius Schutz suchte. Er erzählte vom Leben des h. Antonius und von den Ein¬ richtungen in Tabenne. Die zwei Mönche, die er als Begleiter bei sich hatte, stellten jene erhabenen und wunderbaren Beschreibungen durch anmuthige Einfalt und ihr liebenswürdiges Wesen gleichsam in lebendigen Bildern dar. Allmälig erwachte auch hier die Be¬ geisterung für diese Lebensweise, wo man bald viele, selbst von den vornehmsten Familien, sich ihr widmen sah, und wofür später besonders der h. Hieronymus, bei seiner Anwesenheit in Rom viel beitrug, so daß die Villen der alten Senatoren sich in Klöster ver¬ wandelten. 5. In Gallien war der h. Martin, der berühmte Bischof von Tours, der Beförderer des Mönchthums. Als Sohn eines heid¬ nischen Militär-Tribuns zu Sabaria (Stein am Anger), war er genöthigt, Kriegsdienste zu nehmen, was mit seinem inneren Drange zum Mönchslebcn wenig übereinstimmte. Doch wußte er die Tugen¬ den eines Christen mit seinem Soldatenstande zu verbinden, und bekannt ist von ihm jene herrliche Thal, daß er einen entblößten Armen, mit der Hälfte seines Mantels beschenkte. Nach erhaltenem Abschiede konnte er seiner Neigung folgen und sich in die ascetische Stille zurückziehen, woraus er, als einer der ausgezeichnetsten und liebenswürdigsten Bischöfe hervorging, gleich verehrt von den Großen und Mächtigen, wie von dem Volke. Bei seiner Todesfeier waren schon zweitausend Mönche, aus den von ihm gestifteten Klostern zugegen, um das Jahr 400. 6. In Oberitalien finden wir den h. Ambrosius, in Africa den h. Augustinus, als Gründer und Beschützer des Mönchthums, und aus Africa ging eS bald nach Spanien über. Auch in Brit- tanien ist schon am Ende des 4. Jahrhunderts von Klöstern die Rede. 111. Simcou Stylites. Bei einzelnen Mönchen finden wir Uebungen und Entbehrungen, die weit über die gewöhnlichen Menschenkräfte hinausgehen, die da¬ her zwar kein Gegenstand der Nachahmung sehn können, wohl aber der verweichlichten Menschheit zur Beschämung dienen, die da lernen kann, wie viel der menschliche Wille in der höheren Weihe, für Gott 1Ä2 und durch Gott vermöge. Das außerordentlichste dieser Art unter¬ nahm Simeon Stylites (der Säulensteher). Nachdem er sich in Klöstern und in der Einsamkeit durch staunenswerthe ascetische Uebungen abgehärtet hatte, setzte er sich bei Antiochia 420 eine Säule, welche er, um dem Drängen der vielen Besucher sich zu entrücken, bestieg, und zu seinem immerwahrenden Aufenthalte machte. Die Säule wurde später allmälig erhöht, und so stand er, als ein Mittler zwischen Himmel und Erde, 30 Jahre lang da, predigte Buße dem von allen Weltgegeuden herströmenden Volke, — stiftete Frieden zwischen den Parteien, die ihm häufig ihre Streitigkeiten zur Entscheidung vorlegten, und gab selbst den Kaisern Theodosius dem Jungem und Leo, die ihn um seine Meinung befragten, die weisesten und heilsamsten Rathschläge. Er wurde darum nicht ohne Grund genannt „ein Stern, welcher der ganzen Erde leuchtete, und ein Wunder des Universums?' 112. Der h. Benedict. Als über die katholische Kirche und über die Menschheit über¬ haupt, durch die wiederholten Heereszüge kriegerischer Horden, eine schwere Zeit eingebrochen war, erzeugte die Kirche aus der ihr in- wohnenden göttlichen Kraft den Benedictiner-Orden, welcher der Kirche für eine weite Zukunft hin, zu unermeßlichem Segen ge¬ reichte. Bei den Stürmen der Völkerwanderung war das noch junge Mönchleben im Abendlande mit Verfall bedroht; da gab ihm Be¬ nedict eine erneuerte feste und dauernde Gestaltung. Benedict von Nursia, geboren 480, sollte in Rom sich den Wissenschaften widmen. Von der Sittenlosigkeit der Stadt sich weg¬ wendend, floh er in eine Felsenschlucht bei Subjaco, wo er bald ein Gegenstand der Verehrung, aber auch mannigfacher Anfechtung wurde. Mit einigen Auserwählten zog er sich 529 nach Monte Cassino, im heutigen Neapolitanischen zurück, wo, er ein Kloster gründete, das wohl das berühmteste der Welt genannt werden kann. Hier vollendete er auch seine Regel, die mit großer Kenntniß der menschlichen Natur verfaßt, strengen Ernst mit Milde und Nachsicht vereint. Die Gefahren des einförmigen Mönchslebens Wohl erwä¬ gend, sorgte Benedict für fortwährende aber mannigfaltige Beschäf¬ tigung, durch Haud- und Feldarbeit, Lesen, Abschreiber, von Büchern, 143 Unterricht der Jugend außer den kanonischen Gebetstunden, welche nach Psalm 119 „Siebenmal des Tages spreche ich dein Lob" fest¬ gesetzt waren. Dabei fand er für nöthig, die in den morgenländi- scheu Klöstern gebräuchliche Strenge in Betreff der Nahrung, mit Rücksicht auf das abendländische rauhere Klima, bedeutend zu mil¬ dern; steuerte aber dafür dem großen Unfuge der Wanderung aus einem Kloster ins andere, durch seine Vorschrift des beständigen Aufenthaltes in Einem Kloster (slubilüss loci). Unzählige Klöster dieses Ordens entstanden bald in ganz Europa, und die Verdienste desselben nm die Wissenschaften, nm die Urbarmachung von Wild¬ nissen, um die Cultnr der europäischen Völker überhaupt, sind un¬ berechenbar. 113. Der Cölibat. 1. Aus der h. Schrift ist klar, daß Christus, und mit ihm die Apostel, die Jungfräulichkeit als eine der schönsten Blüthen, als eine der reinsten und höchsten Entwicklungen der evangelischen Kraft im Leben, hinstellten. Dieser Schmuck sollte vor allen den von den Aposteln eingesetzten Priestern nicht fehlen, in welchen sich noch dazu von selbst jene religiöse Kraftfülle und himmlische Sehnsucht regte, ansschließend Christo und seiner Braut, der Kirche an¬ zugehören, — ehelos zu bleiben. Es zeigk auch die Geschichte un- widersprechlich, daß die Sitte, als Priester nicht mehr zu heiraten, im höchsten christlichen Alterthume, in den apostoli¬ schen Zeiten selbst, ihren Ursprung nahm, und die Synode von Neucäsarea (314) beschloß schon die Absetzung dessen, der als Prie¬ ster heirate. 5. Wir finden jedoch, daß bis in die Zeiten des ConcilinmS von Nicäa, auch verheiratete Männer in den höheren Clerus ausge¬ nommen wurden, wenn nämlich ihre übrigen hervorragenden Eigen¬ schaften es räthlich machten. Dabei entdecken wir jedoch zwei Eigen¬ heiten; die eine: daß auch solche aus innerem Drange meistens des Umganges mit der Fran sich enthielten; die andere: daß die Zahl solch verheirateter Priester immer geringer wurde. Hierher gehört eine Verhandlung des ConcilinmS von Nicäa. Man war schon daran, das Gesetz zu erlassen, daß alle, die, als sie ordinirt wurden, bereits verheiratet waren, sich nun als Priester von ihren 144 Frauen enthalten müßten. Da stand ein ehrwürdiger Bischof aus Egypten, Paphnutius ans, welcher bemerkte, daß ein solcher Zwang für jetzt noch zu gewagt sehn dürfte, und er setzte hinzu: man solle es bei dem belassen, daß der, welcher unverhei- tet in den Clerus trete, auch für die Zukunft nicht heirate; und er nennt diese Sitte: eine alte Ueberliese- rung. Dabei ließ es das Concilium bewenden. Zu bemerken ist noch, daß die Bischöfe von jeher den Cölibat im strengsten Sinne beobachteten. 3. So standen die Dinge, als eine immer mehr sich ent¬ wickelnde Verwilderung des römischen Reiches sich bemächtigte, und eine gewisse Rohheit allenthalben hin sich verbreitete. Es war nun nicht anders zu erwarten, als daß auch ein beträchtlicher Theil des Clerns nicht mehr geistig genug war, nach dem Ideale eines wah¬ ren Priesters zu leben, daher von jetzt an, vielfältige Kirchengesetze das erzwingen mußten, was früher freudig und freiwillig geleistet wurde. Alle großen Kirchenlehrer eiferten für diese alte Disci¬ plin, die Päpste wiederholten und verschärften die kirchlichen Anord¬ nungen, ja sogar die weltlichen Gesetze Justinians drangen auf Beobachtung derselben. , 4. In den Bestrebungen, diese apostolische Disciplin aufrecht zu erhalte», nahm aber seit Ende des 7. Jahrhunderts, die morgen¬ ländische Kirche einen von der abendländischen abweichenden Gang. Während man im Occidente mit Conscquenz verfuhr, und die apo¬ stolische Einrichtung, wiewohl langsam und schwer (erst im 11. Jahr¬ hunderte), wieder zur voller Geltung brachte, beging das Morgen¬ land die Schwäche, in der Synode zn Trullos 692, wieder ein Zugeständniß zn machen, daß nämlich den zum geistlichen Stande Aspirirenden die Erlaubniß gegeben wurde, vor der Ordination sich zu verehelichen, und das ist bei den Griechen gesetzliche Gewohnheit geworden, und gilt noch bis jetzt. — L46 — Dritte Periode. Von Bonifacius bis Papst Gregor VH. Vom Anfänge des 8. Jahrhunderts bis 1073. I. Fcußcrc Schicksale der Kirche. 114. Bonifacins, der Apostel Deutschlands. Aus der Insel der Heiligen (Irland) kamen im Laufe des 7. Jahrhunderts zahlreiche Glaubeusboten, um unter den verschie¬ denen Stammen der Deutschen das Glaubenslicht zu verbreiten. Darunter war besonders thätig Colu m b a n, f 615, mit seinen zwölf Gefährten, unter diesen auch Gallus, der Stifter des Klo¬ sters von St. Gallen, -f 646. Dann Kilian in der Gegend von Würzburg, Emmerau nm Regensburg und Willibrod 695, mit feinen Schülern, bei den Friesen. Diese hatten zwar viel Gutes gewirkt; aber immer noch lebten zahlreiche Völkerschaften Deutsch¬ lands in den dunklen Wäldern und in den Finsternissen des Hei- denthums. Auch dort, wo das Christenthum bereits gepflanzt worden, hatte es aus Mangel einer geregelten Kirchenorduung, keinen festen Halt, und wurde selbst von zu wenig gebildeten Priestern wieder mit dem Heidenthnme vermengt. Da war eine umfassende und kräftige Hilfe nöthig, und diese sandte Gott durch den Engländer Winfried (Bonifacins). Winfried, geboren 680 und in den Benedictiner- Klöstern von Angelsachsen gebildet, kam um 715 nach Deutschland nnd zwar zuerst zu den Friesen, wo eben König Radbod christliche Kirchen zerstörte. Er scheint hier wenig Erfolg gefunden zu haben und zog sich wieder in sein Kloster zurück. Nach drei Jahren unter¬ nahm er eine zweite Missionsreise. Aber diesmal ging er, mit Em¬ pfehlungsschreiben seines Bischofs versehen, vorerst nach Rom, nm sich vom Oberhanpte der Kirche, Gregor U. die Sendung nnd den Segen zu seinem apostolischen Werke zu erbitten. Nun zog er zuerst 10 — 14« — nach Thüringen, dann als er Radbod's Tod erfuhr, zu den Frie¬ sen, endlich zu den Hessen. Der Erfolg war überall ungemein er¬ freulich, und Winfried erstattete dein Papste darüber Bericht. Dieser lud ihn ein, nach Rom zu kommen und weihte ihn 723 zum Bi¬ schöfe für Deutschland. Zugleich gab er ihm den neuen Namen Bonifacins; und wie bedeutungsvoll ist dieser Name für Deutsch¬ land geworden! Dabei legte Bonifacins den Eid der Treue in die Hände des Papstes, worüber er sammt dem Papste von kirchen¬ feindlichen Schriftstellern getadelt wird, daß nämlich dadurch Deutsch¬ land vom Papste abhängig gemacht worden seh. Allein diese kirch¬ liche Abhängigkeit versteht sich nach dem Geiste des Christenthums von selbst, und war Deutschlands Glück. Auch nur in dieser innigen Verbindung mit dem Obcrhaupte der Kirche, konnte Bonifacins so Großes wirken. Denn der Papst gab ihm Empfehlungsschreiben an die Mächtigen in Deutschland und Franken mit, und der hierdurch erwirkte Schutz förderte die Glaubenspredigt ungemein. Bouifacius ging nun rüstig ans Werk, baute Kirchen und Klöster, und berief Gehilfen aus England. Der Nachfolger Gregor's !!., Papst Gre¬ gor III., sandte ihm das erzbischöfliche Pallium mit dem Auf¬ trage, überall, wo es Noth thue, Bischöfe zu ordiniren und an zustellen. Dreizehn BiSthümer nebst mehreren Klöstern wurden nun er¬ richtet, und Bouifacius nahm zu Mainz seinen Metropolitansitz. Noch im späten Alter unternahm er eine neue Bekehrungsreise zu den Friesen, schon mit der Ahnung seines nahen Todes. Auch dies¬ mal hatte er schon Tausende getauft; aber als er 755 eben eine Anzahl von ihnen zur Firmung erwartete, wurde er sammt allen Begleitern von einer Schaar Heiden erschlagen. So wurde zu den Verdiensten dieses großen Wohlthäters Deutschlands, auch noch die Siegespalme des Märthrerthnmö beigefügt, und schnell und üppig wuchs das Christenthum fort auf dem Boden Deutschlands, der nun gedüngt war mit dem Blute seines Apostels. 115. Carl der Große und seine Wirksamkeit für die Kirche. Die Herrscherfamilie des großen Frankenreiches (die Merovinger) war so herabgekommeu, daß es nöthig schien, statt des unthätigen Childerich I!l. (mit dem Beinamen der Dumme) den thatkräf- — IL7 — tigen mggor äomus, Pip in (der Kurze, 0XIAUU8, genannt), zum Könige auszurufen. Das geschah auf dem Landtage zu Soissons nm das Jahr 750. Sein Nachfolger war Carl der Große (regierte von 768—814), — einer der mächtigsten Herrscher der Welt, — dabei ein treuer Schn der Kirche. Der Gedanke seines Lebens war, die ihm von der Vorsehung anvertrauten Völker der Civilisation cntgegenzuführen. Er erkannte aber -— was so viele Politiker nicht beachten, — daß wahre Bildung ohne Christenthum nicht möglich seh, und so war die Verbreitung und Befestigung desselben, auch über die Gränzen seines Ungeheuern Reiches hinaus, der Haupt¬ zweck seiner Regierung. Für diese Idee führte er einen dreißig¬ jährigen Krieg gegen die christenfeindlichen Sachsen. Aber die Ver¬ breitung des Christenthums, wie es hier geschehen müßte, durch Ge¬ waltmittel, konnte wenig nützen; darum war Carl auf das eifrigste bemüht, wahrhaft christlichen Sinn und christliche Bildung überall zu pflanzen. Daher errichtete er Bisthümer und Klöster, die er freigebig mit Gütern ausstattete, rind zu Pflanzstätten der Bildung und Wissenschaft machte. Auf seine Einladung traten die Bischöfe häufig in Synoden zusammen, und die gefaßten weisen Beschlüsse wurden mit aller Kraft durchgeführt. Ans England und Italien rief er Gelehrte heran, darunter den Alenin, einen englischen Mönch, den gelehr¬ testen Mann seiner Zeit. Dieser richtete am königlichen Hoflager eine Schule ein, wo Carl selbst, seine Prinzen und Priuzessinen nebst den Hofleuten, lernbegierig nnter den Zuhörern saßen. Nach solch schönem Beispiele wurden in allen Diözesen für alle Stände Schulen errichtet. In allen diesen Bestrebungen handelte er in Uebereinstimmung mit den Bischöfen, und vor Allem im Einver¬ nehmen mit den Päpsten. Sein Ansehen erhielt noch einen mächtigen Zuwachs dadurch, daß Papst Leo III. ihm am Weihnachtsfeste im Jahre 800, mit Zustimmung der Geistlichkeit und des Volkes, zu Rom in der Kirche die Kaiserkrone aussetzte. So wurde, nach einer Unterbrechung von 324 Jahren, die Würde des abendländischen römischen Kaiserthnms, in neuer Form, wieder hergestellt; und Carl zum obersten weltlichen Machthaber und zum Schirmherrn der Kirche (ackvoemus eoelosirv) erhoben. Die Zeit Carl's gab den schönen Beweis, welch' mächtigen Aufschwung die Menschheit nehmen kann, wenn die oberste weltliche und geistliche Macht (kmeonkuimn 10* IL8 sl Imperium) in aufrichtiger Harmonie und gegenseitiger Unter¬ stützung, zu gemeinsamem Wohle wirken. IW, Bekehrung der Sachsen. Man tadelt an Carl dem Großen, daß er die Sachsen mit dem Schwerte zu Christen machte. Allein er handelte hierin als christlicher Regent, der seine christlichen Unterthanen an den sächsi¬ schen Grenzen, schützen und sicher stellen wollte. So lauge aber die Sachsen Heiden blieben, war an ihre volle Unterwerfung, und so¬ mit an die Ruhe der anliegenden christlichen Länder nicht zu denken. Die Missionäre, die öfters dahin sich wagten, richteten nichts ans. Carl hatte die Sachsen zweimal schon besiegt, nnd durch friedliche Mittel ihre Sitten zn mildern und sie dem Christenthnme zugäng¬ lich zu machen gesucht; aber sobald er abgezogen war, brachen sie die,, beschworue Treue, plünderten die Kirchen nnd Klöster nnd mor¬ deten die Priester, und es war kein dauerhafter Friede zn hoffen, so lauge sie Heiden blieben. Nachdem er sie neuerdings in furcht¬ baren Schlachten gänzlich überwunden, forderte er, nebst sonst sehr milden Bedingungen, die Annahme des Christenthums, nnd die Ab¬ gabe des Zehnten an die Geistlichkeit; und setzte das mit Strenge durch. Gewann so auch das Christenthum durch diese gezwungenen Bekenner wenig, so war doch für die nächste Generation nnd für alle Zukunft dasselbe gesichert. 117. Bekehrungen im Norden Europas. * Schon Carl der Große hatte die Absicht gehabt, zn Hama- burg (Hamburg) einen Metropolitausitz für die nordischen Völker zu errichten; aber erst sein Sohn, Ludwig der Fromme konnte dieß ausführcn. Harald, ein nordischer Fürst, hatte sich au seinen Hof geflüchtet, und bat um Unterstützung zur Wiedererlangung sei¬ nes Thrones. Bei dieser Gelegenheit erhielt Harald die heilige Taufe, und nahm einen jungen Mönch Ansgar oder An sch ar in seine Länder mit. Da wurde mit des Papstes Bewilligung zn Hamburg ein Erzbisthum gegründet, von wo aus Ansgar nach Jüt¬ land, Schleswig, Dänemark und Schweden seine apostolischen Rei¬ sen unternahm. Unter beständigen strengen Uebungen, fast nur von Brot nnd Wasser, nach einem bestimmten Gewichte, sich nährend, — IL9 — und Netze flechtend, lebte er nach der Regel Benedicts, wahrhaft evangelisch arm; baute dagegen Hospitäler für Kranke, Arme und Fremde, wußte Geschenke für die Fürsten anfzubringen, kaufte Ge¬ fangene los, und trug Sorge für die Witwen und Waisen. Einem solchen Manne konnte des Himmels Segen nicht fehlen, und was er gesäet, wuchs, — manches zwar erst unter seinen Nachfolgern, in jenen Ländern zu reicher Ernte heran. //<- 118. Wirksamkeit der Salzburger Kirchenvorsteher. Um die Zeit, als Bonifacius in Deutschland wirkte, war Virgilius Bischof zu Salzburg von 754 bis 784. Er wurde vom Herzoge der Karantaner, Ketumar, gebeten, nach Karantauien (K;ärn- then) zu kommen, um das Volk im Christenthume zu unterrichten. -Virgilius konnte selbst nicht kommen; aber er sandte den von ihm geweihten Bischof Modestus, mit einigen Priestern dahin, mit der Vollmacht, Kirchen und Geistliche zu weihen. Unter den vielen von ihm errichteten Kirchen, ist Maria Saal die berühmteste. Des Virgilius Nachfolger (nach kurzer Verwaltung des h. Ber- tricus) war Arno, ein vertrauter Freund Alcuin's. Da er auch das Vertrauen des Bahernfürsten Tassilo, des Kaisers Earl des Großen, und des Papstes Leo III. in hohem Grade besaß, so war er in der Lage, desto mehr zu wirken. Durch seine Anordnungen wurden die Bekehrungen in Karantauien fortgesetzt und au der Bc kehrung der Avaren nahm er persönlich Antheil. Die Avaren, welche über einen Theil von Oesterreich und Un¬ garn hin wohnten, wurden von Carl dem Großen bis zum Jahre 797 völlig überwunden, und Arno ging im folgenden Jahre auf Cärl's Aufforderung selbst nach Niederpannonicn, verkündete das Christenthum, weihte Kirchen und stellte Priester an. Hierdurch er¬ hielt er zugleich Gelegenheit, seine Diöcese namhaft zu erweitern, nämlich nm das Gebiet zwischen der Donau, der Raab und der Drau. Um die nämliche Zeit wurde Salzburg vom Papste Leo III. zum Erzbisthnme erhoben. Ein Streit, der wegen der Grenze zwi scheu dem Patriarchate von Aquileja und deni Salzburger Erzbis thume entstanden tüar, wurde durch Vermittlung Carl des Großen dahin beigelegt, daß die Dran die Grenze zwischen diesen beiden Sprengelu bilden soll (810). 130 119. Das Christenthum unter slavischen Völkern. 1. Neben den Germanen finden sich die Slaven als der zweite noch umfassendere Hauptstamm in Europa, und sie erstreckten sich nm diese Zeit von der Saale bis zum Ural, und vom adria¬ tischeu bis zum baltischen Meere unter verschiedenen Völker- namen. 2. Die Krowaten zwischen dem adriatischen Meere und der Drau waren, — so viel bekannt, — die ersten, welche die christ¬ liche Religion, und zwar freiwillig annahmen. Ihr Fürst Porga hatte sich deßhalb an Kaiser Constantin Pogonatus gewendet, wurde aber an den Papst verwiesen, und die von diesem gesandten Glau¬ bensboten tauften den Fürsten (760) und einen Theil des Volkes. Sie mußten als Christen den Räubereien und Angriffskriegen ent¬ sagen; damit aber ihr Land von fremden Angriffen sicher seh, nahm der Papst dasselbe, als Eigenthum der römischen Kirche, in seinen apostolischen Schutz. 3. Die im heutigen Kram, Steiermark und Kärnthen ansäs¬ sigen Slaven empfingen ohne Zweifel frühzeitig von Aqnileja Her¬ das Licht des Evangeliums. Noch mehr aber bewirkte die Nähe des schon christlichen Bayern und die spätere Abhängigkeit von fränki¬ scher Herrschaft, und (tz. 118) das Bisthnm Salzburg. Wenigstens ließ der Karantanerfürst Borut, seinen Sohn Ka- rost ((.'neatius) und Neffen Ketumar, in Bayern christlich er¬ ziehen, und als diese znr Negierung gelangten (nm 760) wurden von Salzburg aus eifrige Missionen unternommen. Bis zum Plat¬ tensee im heutigen Ungarn, wo der Slavenfürst Priwina seine Mosburg und mehre Kirchen baute (850), dehnte sich die Wirksam¬ keit dieser Missionen aus. Auch die Bischöfe von Passau und Regensburg bemühten sich, den an ihre Sprengel grenzenden slavischen Völkern in Böhmen nnd Mähren unter Vermittlung Carl des Großen das Christenthum bei- znbringen. Aber die Verbindung mit Deutschland war unter den Slaven zu verhaßt, deutsche und lateinische Sprache zu fremd, um das Christenthum mit Erfolg verbreiten und befestigen zu können. Erst den zwei griechischen Mönchen, den Brüdern Cirillus (Con¬ stantin) und Methodius gelang dieß, weil sie den Slaven Pre¬ digt, Gottesdienst und die h. Schrift in der slavischen Sprache dar¬ zubieten vermochten. 151 120. Dic Slavcnapostcl Cirillus und Methodius. 1. Den Cirillus finden wir zuerst unter den Chaz ar en auf der Halbinsel Krimm, welche ihn vom Kaiser Michael IH. als Glaubensprcdiger erbeten hatten. Er predigte dort, taufte, versah sie mit Lehrern, und kehrte wieder nach Constantinopel zurück (um 850). 2. Unterdessen war sein Bruder Methodius bei den Bul¬ garen thätig, welche seit 680 im Süden der Donau gegen das schwarze Meer hin anfaßig waren. Sie hatten schon durch Gefan¬ gene den christlichen Glauben kennen gelernt, und eine Schwester ihres Königs Bogoris (Boris), war während ihrer Gefangen¬ schaft in Constantinopel christlich geworden. Als sie ihrem Bruder wieder gegeben war, suchte sie ihn zur Annahme des Christenthums zu bewegen. Aber ihre Vorstellungen waren vergeblich, bis eine schwere Hungersnoth ihn antrieb, den mächtigen Gott der Christen anzurufen. Obschon sein Gebet erhört worden war, so mußte doch Methodius, der mit seinem Bruder dahiugekommen war, das starre Gemüth des rohen Heiden noch durch die Verfertigung eines Gemäldes vom jüngsten Gerichte erschüttern, — worauf Bogoris nm das Jahr 863 sich taufen ließ. Aber Bogoris begehrte bald darauf vom Papste neue Prediger, die ihm zwar gesandt, aber nach einigen Jahren vom Könige wieder vertrieben und mit griechischen Priestern vertauscht wurden. 3. Von den Bulgaren zogen die beiden Brüder zu den Mo¬ ra vern (863), deren Reich damals sehr bedeutend war. Sie wur¬ den vom Fürsten Rastislaw selbst gerufen, der sich nebst seinem Neffen Swatopluk (Svetopolk) taufen ließ. Als Papst Nikolaus von dem glücklichen Erfolge des Christen¬ thums in Mähren hörte, beschied er den Cirill und Method nach Rom, wo beide zu Bischöfen geweiht wurden. Cirill starb in Rom, und nur Method kehrte als Erzbischof nach Mähren zurück. Im Jahre 872 finden wir ihn auch bei Cocel, dem Sohne Priwiuas in Pannonien. Aber der slavischc Ritus schien den deutschen Prie¬ stern verdächtig, Methodius wurde in Rom angeklagt, und er mußte dahin, um sich zu vertheidigen. Er that das auch siegreich, und er¬ hielt vom Papste Johannes VIII. die Bestätigung seiner slavischen Liturgie. Dennoch fand er bei seiner Zurückkunft nach Mähren nicht mehr die verdiente Aufnahme, ging daher 881 wieder nach IZ2 Rom, und dann verschwindet er ans der Geschichte. Bald darauf 908, wurde das mährische Reich von den Böhmen nnd Ungarn mit dem Schwerte getheilt, und nur im böhmischen Antheile wurde zu Olmütz ein Bisthnm errichtet. Der slavische Ritus erhielt sich weiterhin nur in einzelnen Kirchen. 4. Nach Böhmen war seit 845 das Christenthum durch einige Häuptlinge, die sich in Deutschland tanfen ließen, gekommen; der eigentliche Stifter aber ist auch hier Methodius, welcher den böhmischen Fürsten Boriwoi, als dieser am mährischen Hofe gegen die Deutschen Hilfe suchte, getauft und von Priestern in sein Land begleitet wurde. Später kam Methodius selbst nach Böh¬ men, zwischen 870 nnd 880, und taufte auch Boriwoi's Gemalin Ludmilla — die erste Heilige Böhmens, und den Prinzen Wra- tislaw nebst vielen Andern. Doch mnßte auch hier erst Märthrer- blut fließen, bevor das Christenthum recht gedeihen konnte. Lud¬ milla wurde durch ihre Schwiegertochter Drahomira, — und Wenzeslaus, Ludmilla's Enkel, durch seinen Brnder Boleslaw ermordet, 938. Nun sollte das Heideuthum wieder hergestellt wer¬ den; aber der deutsche Kaiser Otto I., welchem Boleslaw den Tribut verweigert hatte, kam, überwand und zwang ihn znr Wieder¬ herstellung des Christenthnms. In Prag wnrde 973 ein Bisthnm gestiftet, welches Papst Johannes Xlll., unter der Bedingnug be¬ stätigte, daß der lateinische Ritus eingeführt werde. 5. Die Wenden zwischen der Saale und Oder, unter meh¬ rere Volksstämme verthcilt, erwehrten sich mühsam der Deutschen. Otto I. wollte die mit dein Schwerte erworbene Herrschaft durch die Taufe sichern, und cs wurden mehrere BiSthümer angelegt. Diese bischöflichen Sitze waren aber zum Theil auch Burgen einer drückenden deutschen Zwinghcrrschaft, darum waren sie, und mit ihnen das Christenthum verhaßt. Es folgten furchtbare Empörungen, nnd erst, als das wendische Reich (um 1130) wieder zerfallen war, wurden die einzelnen Stämme, insbesondere durch die sächsi¬ schen Fürsten, bezwungen und bekehrt. Deutsche Colonien zogen in das verödete Land, alles wurde deutsch und christlich, bis auf kümmerliche Ileberreste wendischer Sitte nnd Sprache. 133 121. Das Christenthum in Pole», Rußland und Ungarn. 1. Nach Polen brachten Flüchtlinge bei dem Sturze des mäh¬ rischen Reiches das Evangelium. Aber erst durch die Vermählung des Herzogs Miecislaw (Miesko) mit der christlichen Prinzessin aus Böhmen Dombrowka wurde das Christenthum Staatsreligion 966. Doch war bei dem Volke die Erinnerung an die alten Götzen, die man in's Wasser werfen mußte, schwer zu vertilgen. Der h. Adalbert, der vertriebene Bischof von Prag, hatte einen großen Theil an der Bekehrung dieses Volkes, nicht nur bei seinen Leb¬ zeiten, sondern fast noch mehr nach seinem Tode, nachdem er in einer Mission von den heidnische Preußen erschlagen 997, und sein Leichnam nach Polen znrückgebracht worden war. Unter den an¬ dächtigen Pilgerschaaren, die des h. Adalbert Grab besuchten, war im Jahre 1000 auch Otto III., und durch seine Vermittlung wurden in Polen fünf Bisthümer, und in Posen das Erzbisthnm errichtet. 2. Die Russen hatten das Christenthum schon seit dem 9. Jahrhunderte auf Schlachtfeldern und Handelswegcn von Con- stantinopel aus kennen gelernt; doch konnte noch nach hundert Jah¬ ren die Großfürstin Olga, Witwe Igors, die 955 in Constanti- nopel getauft wurde, nur wenig wirken. Erst ihr Enkel Wladi¬ mir 980, führte klug und fest das ganze Volk dem Christeuthume zu, nachdem ihm bei seiner Vermählung mit der griechischen Prin¬ zessin Anna, dieß zur Bedingung gemacht worden war. Die Bo¬ jaren des Reiches, wie das Volk, fanden sich willig, wozu die sla- vische Bibelübersetzung und slavische Kirchensprache das Ihrige bei¬ trugen. Kiew war die Metropole. 3. Die Magyaren (Ungarn) waren in der Mitte des 9. Jahrhunderts in Pannonien eingewandert und durch hundert Jahre eine Geißel für Europa, wobei an ihre Bekehrung nicht ge¬ dacht werden kann. Erst nach ihrer vollen Niederlage auf dem Lech¬ felde 9.55, kamen sie zur Ruhe, die eine Vorbedingung des fried¬ lichen Christenthums ist. Um diese Zeit Hache zwar der Häuptling Gyula in Constantinopel das Christenthum angenommen, und seine Tochter Saiolta (spr. Scharolta), hatte ihren Gcmal Geisa nebst vielen anderen zur Taufe vermocht. Geisa baute zwar Kirchen, opferte aber zugleich den Götzen, und erst seinem Sohne Stephan IM um das Jahr 1000, war es Vorbehalte«, Ungarn in den Staaten- vcrband civilisirter Völker, und in Ungarn das Christentum ein¬ zuführen. Die Bischöfe Piligrin von Passau und Adalbert von Prag, hatten durch Missionäre, nnd der Letztere noch persönlich, be reits viele Ungarn bekehrt; und der tapfere, gerechte, großmüthige, und bis zum Heiligen verklärte König Stephan vollendete das schöne Werk, indem er dem Lande eine politische und feste kirchliche Verfassung gab. Er stiftete vier Benedictiuer-Abteien und das Erz- bisthum Gran mit mehreren Bisthümern. Papst Sylvester ll., hierüber erfeeut, zeichnete ihn mit dem Titel: „rex nposlolicus" aus, und soll ihm auch eine goldene Krone nnd ein goldenes Kreuz übersandt haben. 122. Die Normannen. Die Normannen waren seit Ludwigs des Frommen Zeit eine Plage für das nördliche Frankreich und Deutschland. Auf leichten und zahlreichen Schiffen, brachen sie aus der Nord- und Ostsee ans der Seine und dem Rheine ein, und beraubten die Küsten¬ länder. Unter einem ihrer berühmtesten Seekönige Rollo, setzten sie sich sogar zu Rouen fest, und der damalige König von Frank¬ reich, Carl der Kahle faßte den Entschluß durch Aufopferung einer Provinz sie zu friedlichen Nachbarn zn machen. Er bot den: Rollo unter der Bedingung, daß er mit seinem Volke die christliche Religion bekenne, jene Provinz, die nachher die Normandie ge¬ nannt wurde, und seine Tochter Gisela zur Ehe an, 912. Rollo und seine Normannen ließen sich die Bedingung gefallen, nnd die dieser Nation eigenthümliche Willenskraft nahm von dieser Zeit au eine christliche Richtung. Im 11. Jahrhunderte siedelten sie sich im südlichen Italien an, wohin sie von den Einwohnern zur Vertrei¬ bung der Saracenen eingeladcn worden waren. Sic vertrieben die¬ selben zwar, nahmen aber Apulien nnd Calabrien nnd später auch Sicilien selbst in Besitz, und gründeten unter dem Herzoge Ro¬ bert Gnischard eine Monarchie, jedoch unter der Lehenshoheit des Papstes. — ISS — kl Geschichte der kirchlichen Lehre. 123. Kircheiischriftsteller. 1. Die Zahl der Kirchenschriftsteller ist in dieser Periode gering. Die griechische Kirche bietet in wissenschaftlicher Beziehung über¬ haupt wenig Erfreuliches. Die Patriarchate von Alexandria, An¬ tiochia und Jerusalem, standen schon vor Anfang dieser Periode unter dem Drucke muhamedanischer Herrschaft; jenes von Consian- tinopel erfreute sich zwar christlicher Fürsten, aber sie drangen der Kirche, wie wir schon gesehen haben und noch sehen werden, häufig ihren Glauben auf. So konnte nirgends die christliche Literatur gedeihen. Nur der h. Joannes Damascenus, von seiner Geburtsstadt so genannt, macht eine erfreuliche Ausnahme. Er stand als Rath im Dienste eines mnhamedanischen Fürsten, zog sich aber später in ein Kloster zn Jerusalem zurück. Er war ein ge¬ lehrter und scharfsinniger Theologe, schrieb mehrere Werke philoso¬ phischen und theologischen Inhalts, und starb um das Jahr 755. 2. Etwas besser stand es in der lateinischen Kirche. Da aber auch hier die fortwährenden Unruhen einen Aufschwung der Wissen¬ schaften nicht gestatteten, so suchte man wenigstens zn erhalten und zu retten, was die früheren Zeiten geschaffen hatten. Die Klöster blieben die Zuflucht, wie der frommen Sitte, so auch der Wissen¬ schaft, und die Mönche waren in ihren einsamen Zellen eifrig be¬ schäftiget, die umfangreichen Werke geistlichen nnd weltlichen In¬ halts auf das Zierlichste abzuschreiben. Die Bischöfe empfahlen bei jeder Gelegenheit ihrem Clerus die Pflege der Wissenschaft nnd die Anlegung von Schulen, kurz, die Kirche war es nebst Carl dem Großen allein, welche in dem allgemeinen Verfalle der Bildung das heilige Feuer bewahrte, welches die späteren Zeiten erleuchten sollte. Die bedeutendsten unter den Schriftstellern sind: Beda der Ehrwürdige (vvmwabilis) der größte Gelehrte seiner Zeit. Er war geboren in England 674, nnd kam, sieben Jahre alt, in ein Kloster, wo er über 50 Jahre betend, lernend und lehrend verlebte. Seine wichtigste Schrift ist eine Kirchen¬ geschichte. Alkuin, ebenfalls ein englischer Mönch, wurde von Carl dem Gr. 793 an den Hof berufen, wo er Mathematik, Philosophie und Theologie lehrte, und hierüber Schriften hinterließ. Rabanus Maurus, Schüler des Vorhergehenden, geboren zu Mainz 776, und später Erzbischof alldort, gehört ebenfalls zu den Begründern der Gelehrsamkeit iu Deutschland. Auch Roswitha, Aebtissin zu Gandersheim iu Sachsen, mag hier genannt werden, welche gegen das Ende des lO. Jahr¬ hunderts lebte, geläufig latein und griechisch sprach, und Lebensge¬ schichten der Heiligen und einige andere Schriften hinterließ. Der h. Petrus Dam ia u i aus Ravenna, geb. 1006, h 1072, Benedictiner-Abt, dann Cardinal; ein strenger Sittenprediger für Geistliche und Laien, und ein unermüdeter Eiferer gegen die Mi߬ bräuche, welche sich in der Kirche ein geschlichen hatten. Er wurde von Papst Leo XII. zum Ooolor veolor>i!v erklärt. Lanfrank, geboren zu Pavia um 1005, Mönch in Kloster Bec in der Normandie und berühmter Lehrer daselbst, später Erz¬ bischof zu Kanterburh in England. Er hat das Stndinm der Phi¬ losophie unter den Lateinern neu erweckt und ihren Gebranch in der Theologie eingeführt, daher er für den Urheber der Scholastik, welche in der nächsten Periode ihre Rolle spielt, gehalten wird. Lehrstreitigkeiten der Ketzereien. 124. Adoptianismns. *Den katholischen Glaubenssatz, daß Christus zwei Naturen in einer Person vereinigt, suchten zwei Bischöfe der spanischen und fränkischen Kirche mit dem Verstände zu ergründen, indem sie lehrten: Christus sch seiner göttlichen Natur nach wahrer und wirklicher Sohn Gottes, seiner menschlichen Natur nach aber seh er nur an¬ genommener (adoptirter, mlopiivus) Sohn Gottes. Dabei wurde übersehen, daß hierdurch zwei Personen in Christus angenommen werden müßten, und diese neue Lehre nichts weiter, als der alte Nestorianismus seh. Dieser, unter dem Namen des Adoptianis- mus verkommende Irrthum wurde zwar schon früher auf einem Concil zu Toledo 675 verworfen, aber die Bischöfe Elipandus von Toledo und Felix von Urgel vertheidigten denselben von neuem (um 780) mit Hartnäckigkeit, und stützten sich dabei ans angebliche — k »7 — Stellen in den mozarabischen liturgischen Büchern. Ihre Partei, zu welcher bald viele Bischöfe sich schlugen, ersuchte Carl den Großen und die Bischöfe von Gallien, nm den Rechtssprnch in dieser An¬ gelegenheit. Carl sprach feierlich seine katholische Ueberzengung ans, und die Bischöfe widerlegten nud verwarfen den Adoptianismus in einer zahlreichen Versammlung. Aber der Gang aller Ketzerei bleibt sich gleich; man verlangt Entscheidungen von den Fürsten und von der Kirche, ohne die aufrichtige Absicht, sich zu unterwerfen. Weder Mipandus noch Felix nahmen diese Entscheidungen an, auch eine gründliche Gegenschrift Alcuins blieb ohne Erfolg. Bei den verführten Priestern und Laien hatten jedoch eigens dahin beordnete Missionen einen glücklichen Erfolg, und die Ketzerei erstarb mit ihren Urhebern. An merk. Mit ähnlicher Hartnäckigkeit hat etwas später, um 850, der Mönch Gottschalk absonderliche Ansichten über die Gnade und Prädestination aufgestellt, und sich dadurch herbe Schicksale bereitet. Das Verständniß seiner Irrlehren fordert jedoch ein tiefes Eingehen in die katholische Dogmatik, was hier nicht thunlich ist. 125. Paulicianer. * In der Geschichte des Manichäismus wurde schon bemerkt, daß diese verderbliche Sectc, wenn sie auch einmal vertilgt schien, doch immer wieder, unter verschiedenen Namen vnd mannigfach ummodelten Lehren, zum Vorschein kam. So taucht sie in der Mitte des 7. Jahrhunderts auf der Grenze des griechischen und arabischen Reiches unter dem Namen der Paulicianer wieder ans. Die Stifter sind zwei Brüder, Paulus und Joannes, welche den alten manichäischen Unsinn in neuen Formeln answärm- ten, und im Gegensätze zur katholischen Kirche, angeblich nach der Weise dcö h. Apostel Paulus, Gemeinden stifteten. Da der Wandel dieser Leute als besonders verworfen geschildert wurde, so wurden von den griechischen Kaisern strenge Maßregeln gegen sie angewcndet, und besonders Kaiserin Theodora ließ viele hinrichten, 845. Ein großer Thcil flüchtete sich ans das Gebiet der Araber, legte Städte an, und machte mit dem grausamsten Fanatismus, häufig Einfälle in das griechische Reich. Sie wurden später überwältigt; und nm sich ihrer ans gute Art zu entledigen, wies ihnen Kaiser Joannes — 1Z8 — Zimiskes Sitze um Philippopolis in Thracien an, 970. Im Laufe der Zeit wurden zwar mehrere bekehrt, aber viele zogen allmälig westwärts, wo wir sie in der nächsten Periode unter veränderten Namen wieder finden werden. 120. Der Bildersturm. 1. Bei den ersten Christen waren Bilder nicht gewöhnlich, da sowohl für die Juden- als Heidenchristeu die Gefahr eines neuen Götzendienstes nahe lag. Als diese Gefahr sich nach und nach ver¬ minderte, konnte man es nicht für Unrecht ersehen, wenn die na¬ türliche Vorliebe des Menschen für bildliche Darstellungen auch in der Religion sich kund gab, und sowohl häusliche als kirchliche Geräthc, und die Wäude mit Bildern geziert wurden, die vorzugs¬ weise aus der biblischen Geschichte entlehnt waren. Man betrachtete die Bilder als Bücher der Unmündigen, deren Anblick ihnen zu lieblicher Belehrung diente. 2. Bald fing man auch an, den Bildern in mannigfacher Form eine Verehrung (eultus) zu erweisen, was auf die natürlichste Weise zuging. Wie nämlich ein guter Sohn das Bildniß seines verstorbenen Vaters in Ehren hält, gerne sinnend vor demselben ver¬ weilt, es wohl auch bekränzt u. dgt.; — eben so fühlten sich die Christen zu den Bildern ihres Erlösers, seiner h. Mutter oder an¬ derer selig vollendeten Mitbrüder hingezogcu, und erwiesen denselben äußerlich jene Verehrung und Liebe, die sie im Herzen zu jenen trugen, die hier bildlich dargestellt waren. Eben so natürlich ist cs aber auch, daß in dieser Bilderverehrung (Bilderdienst), Mißbrauch und Uebertreibnug stattfindcn konnte. Es ist aber eine Eigenheit schwacher und eingebildeter Menschen, den allfälligen Mißbrauch einer Sache recht hoch anzuschlagen, um so den guten und richtigen Ge¬ brauch derselben z« verunglimpfen. So erging es auch der Bilder¬ verehrung. 3. Kaiser Leo der Isanrier bildete sich ein, die damals schon allgemeine Verehrung der Bilder seh purer Götzendienst; und gewohnt, wie seine Vorgänger, über die Kirche und de» Glauben seiner Uuterthanen unbedingt zu gebieten, gab er im Jahre 726 ein Edict gegen den Bilderdienst heraus, und ließ alle Bilder in den Kirchen höher stellen, nm sie der Verehrung des Volkes zu ent- — 138 — rücken. Als sich von allen Seiten ein großer Widerstand knnd gab, ward ein förmlicher Sturm gegen die Bilder (Jkonoklastie) anbe¬ sohlen und ausgeführt. Der Anfang wurde gemacht mit einem in der Hauptstadt allgemein verehrten Bilde des Gekreuzigten, welches, der Sage nach, seit Constantin's des Großen Zeiten über dem Hauptthore des kaiserl. Palastes ausgestellt war. Der Hauptmann der Leibwache, der im Auftrage des Kaisers selbes zu zertrümmern begann, wurde sammt seiner Begleitung vom empörten Volke um¬ gebracht. Das steigerte noch die Wuth des Kaisers und die Bilder wurden schonungslos vertilgt. Auf öffentlichem Markte mußten die Bürger Scheiterhaufen aus Bildern errichten, und wer nicht Folge leistete, dem wurde der Kopf oder wenigstens eine Hand abgehaucn. Der Patriarch von Constantinopel suchte vergebens dem unsinnigen Reformeifer des Kaisers Einhalt zu thun, —- er wurde seines Amtes entsetzt. Auch der gelehrte Joannes Damascenus schrieb zu Gunsten der Bilder, und der Papst Gregor III. protestirte feierlich gegen den Vorwurf: daß die Kirche seit Jahrhunderten den Götzendienst geduldet oder begünstigt habe. Als der Befehl, die Bilder zu zer¬ stören nach Rom kam, erfüllte man denselben nur in so weit, daß alle kaiserlichen Standbilder niedergerissen und zertrümmert wurden; und nur mit Mühe konnte der Papst verhindern, daß man nicht einen andern Kaiser wählte. Kaiser Leo rächte sich damit, daß er die Besitzungen der römischen Kirche, die sie seit längerer Zeit in Unteritalieu sich erworben hatte, einzog. 4. Sein Sohn und Nachfolger Constantin, mit dem Spott¬ namen Kopronhmus, betrieb die unselige Angelegenheit mit glei¬ chem Eifer, aber noch größerer Grausamkeit. Um jedoch den Schein eines rechtlichen Vorganges zu erborgen, trieb er über 300 Bischöfe zu einem angeblichen Concilinm zusammen 754, welche dem kaiser¬ lichen Willen gemäß, die Bilder insgesammt, unter Anführung lächerlicher und sinnloser Argumente, verdammen mußten. Nicht nur der Papst, sondern auch die drei Patriarchen des Orients, ver¬ warfen die Bestimmungen dieser kaiserlichen Shnode. Doch sollten alle Unterthanen schwören, die Bilder nie wieder zu verehren, und da man dennoch Widerstand fand, so wurde mit der raffinirtesten Grausamkeit gegen die Vertheidiger der Bilder, und insbesondere gegen die Mönche gewüthet, und Constantin hatte die Freude, die Bilder, so weit seine Macht reichte, vertilgt zu haben. Ivu 128. Wiederherstellung der Bilder. Zweites Coucil zu Niciia 1. Der folgende Kaiser Leo IV. (775—780) war zwar auch ein Feind der Bilder, übte jedoch keine weitere Verfolgung, da er die Sache für abgethan hielt, bis er durch die Entdeckung, seine eigene Gemalin Irene verehre heimlich die Bilder, seine Täu¬ schung gewahrte. Eine harte Untersuchung begann, endigte jedoch bald mit seinem Tode; da Irene, statt ihres unmündigen Sohnes Constantin IV. die Regierung übernahm. Aus Klugheit ließ sic An¬ fangs die Angelegenheit der Bilder ruhen. Aber im vierten Jahre ihrer Regierung gab ein Ercigniß ihr eine erwünschte Veranlassung, diese Sache wieder aufzunehmen. 2. Der damalige Patriarch von Coustantinopcl, Paulus, legte unversehends seine Würde nieder, und begab sich in ein Kloster. Man war erstaunt über einen solchen Entschluß, und auf dringen¬ des Befragen von Seite der Kaiserin, erklärte er, er habe schwer gesündiget, daß er aus Menschenfurcht in Betreff der Bilder die Wahrheit verschwiegen, und sich gegen dieselben erklärt habe; nun bleibe ihm nichts übrig, als die kurze Zeit seines Lebens, die ihm noch übrig bleibt, dafür Buße zu thun. Dieß öffnete vielen Ver¬ blendeten die Augen, und die nun folgenden Anordnungen der Kai¬ serin fanden eine willige Aufnahme. Es wurde ein neuer Patriarch gewählt: aber der Gewählte, Taras ins erklärte, die Wahl nur dann annehmen zu wollen, wenn ein allgemeines Concilium zur Herstellung der kirchlichen Ordnung gehalten würde. Demnach ,^^-wurde Papst Hadrian I. gebeten, ein solches anzuorduen, und es «wurde auch im Jahre 787 zu Nicäa versammelt. Nachdem die Bischöfe, die bisher gegen die Bilder waren, widerrufen hatten und in die Kirchengemeinschaft wieder ausgenommen wurden, zeigte man aus Stellen der heil. Schrift und der Väter, daß die Verfertigung und die Verehrung religiöser Bilder erlaubt und nützlich seh, und die verkehrten Aussprüche der Synode des Kopronymus wurden widerlegt. Der Papst bestätigte die Beschlüsse des Conciliums, wel¬ ches das siebente allgemeine und zweite zu Nicäa ist. 3. Ungeachtet der Beschlüsse dieser Synode kamen noch drei bilderstürmende Kaiser: Leo der Armenier 813, Michael der Stammler 821 nnd Theophilus 829—842. Es wiederhol¬ ten sich vielfach die früheren Grüuelscenen, doch zeigten dießmal wenigstens die Bischöfe mehr Standhaftigkeit als vorhin, und die — klil — bestimmten und klaren Grundsätze, die das Concil von Niciäa auf¬ gestellt hatte, hielten auch im Nolke die kirchliche Lehre aufrecht, so daß endlich durch die Bemühung der Wittwe des Theophilus, der Kaiserin Theodora, es gelang, den traurigen 120jährigen Kampf für immer zu beendigen, indem sie in einer kirchlichen Versamm¬ lung die Beschlüsse von Nicäa neuerdings einprägen, und zu immer¬ währendem Gedächtnisse ein eigenes Fest, das Fest der Orthodoxie einführen ließ. * Anmerk. Die Verwirrung der Begriffe über den Gebrauch der Bilder bei den Griechen, veranlaßte auch einige Mißverständnisse in der fränkischen Kirche. Die Conciliarbeschlüsse von Nicäa kamen nämlich in einer sehr fehlerhaften Uebersetzung den fränkischen Bi¬ schöfen zu, so, daß diese sich veranlaßt fanden, sie zu widerlegen, und das Concil zu verwerfen, was mittelst der vier svgenannten karolingischen Bücher, und 794 auch aus der Frankfurter Synode geschah. So sehr sich aber auch diese Bischöfe gegen das Concil, dessen Beschüsse sie mißverstanden hatten, ereiferten, so stimmen doch ihre Beschlüsse mit denen des Concils in der Wesenheit voll¬ kommen überein. Die griechische Spaltung. 128. Das ,sl!iiostu6" im Symbolnm. Der Abfall der griechischen Kirche von der römischen Einheit, welcher im 11. Jahrhunderte erfolgte, hat sich lauge vorher durch verschiedene Anlässe vorbereitet. Ein solcher Anlaß war die Bei¬ fügung des Wörtchens „lilioque" im Symbolum des ersten Concils von Constantinopel. Das Shmbolum des Concils von Nicäa schloß mit den Worten:' „Wir glauben an den heiligen Geist". Das Concil von 6p., das sich eigens mit der Glaubenslehre über die dritte göttliche Person, den h. Geist, befaßte, fetzte unter andern bei: „Welcher vom Vater ausgeht" lvie die folgende Periode zeige» wird. / Abendmahls - Streitigkeiten. 132. Paschasius Radbertus. In den Schriften der Akatholiken, besonders in ihren Com- munionpredigten, findet sich nicht selten die Behauptung, die jetzige Glaubenslehre der katholischen Kirche über das allerheiligste Sacra- ment des Altars, sei erst im 9. Jahrhunderte durch einen Mönch aufgekommen und allgemein angenommen worden. Wer aber nur einigermaßen in der Geschichte unserer Kirche sich umgesehen hat, dem wird das Thörichte einer solchen Behauptung einleuchten. Denn immer und überall, wo irgend eine Neuerung in GlaubenSsachcn versucht wurde, finden wir gleich, wie die erleuchteten Kirchenmänner, insbesondere die eigentlichen Glaubenswächter, die Bischöfe, in Schrif¬ ten und auf Shnoden den Gegenstand reiflich untersuchen, und der katholischen Wahrheit Zeugniß geben. Und in der Lehre vom aller¬ heiligsten Sacramente, welches den Mittelpunct des katholischen Lebens bildet, sollte sich eine Neuerung unangefochten eiugeschlichen haben! — Wir werden aber gleich sehen, was an der Sache ist. Paschasius Radbertus, Mönch, und später Abt des Klosters Corbie, schrieb im Jahre 831 eine Abhandlung vom Leibe und Blute Christi, zum Unterricht der neubekehrten Sachsen. In dieser Abhandlung stellt Paschasius über das hoch¬ heilige Geheimniß ganz jene Lehre ans, wie sie von Anbeginn in der Kirche — nach den Zeugnissen der Väter und der Liturgien — vorhanden war, nur drückte er sich im Einzelnen in scharfer und - .167 - bisher ungewohnter Weise ans, z. B. baß wir mit dem Fleische Christi genährt und mit seinem Mute getränkt werden; daß dieß Fleisch und Blut Christi wahrhaft geschaffen, hervorgcbracht und geopfert werde auf eine geheimnißvolle Weise; und daß es eben das Fleisch sei, was von der Jungfrau Maria geboren ist, am Kreuze gelitten hat, und auferstanden ist. Ob¬ schon nun auch diese Aeußerungen nicht unkatholisch waren, so nah¬ men doch Blanche Anstoß daran, weil sie von Unverständigen zu sinnlich aufgcfaßt werden könnten, daher der Klosterbruder Fre- dcgard entgegnete, cs wurde schauderhaft sein, wenn wir das Fleisch unseres Heilandes mit den Zähnen kauen sollten, wie ge¬ meines Fleisch. Dieß war auch die Ursache, daß mehrere Gelehrte jener Zeit gegen Paschasius schrieben; sie waren jedoch, was ihre Schriften klar zeigen, über das Wesen des Sacramentcs, d. i. über die wirkliche und wahre Gegenwart unseres Heilandes, mit Paschasius vollkommen einverstanden; und nur um die Vor stellungsweise, um das Wie, war es ihnen zu thun: wie nämlich Christus unter den Gestalten des Brotes und Weines gedacht wer¬ den müsse: ob in derselben Gestalt und Weise, wie er hier auf Crdeu im menschlichen Fleische gewandelt war, oder ans einer an¬ dern Weise. Nur einer der Gegner des Paschasius, Joannes Crigena, war, wie es scheint, auch im Wesentlichen einer anderen, d. h. einer irrigen Meinung. Paschasius hatte also im Wesentlichen durchaus nichts Neues vorgebracht; denn gegen eine neue Lehre pflegte die Kirche ganz anders aufzutreten, wie wir einen solchen Fall in Betreff des nämlichen Glaubenssatzes gleich sehen werden. 133. Bcrengarius. Berengar, Canonikus zu Tours, kam durch seine übrigens sehr oberflächlich^ Spekulation auf irrige Ansichten über die Eucha¬ ristie, setzte dieselben eigensinnig gleichsam der ganzen Welt ent¬ gegen, nnd brachte dadurch eine große Bewegung in der Kirche her¬ vor. Man weiß zwar nicht genau, worin seine Irrlehre bestand, was wohl auch darin seinen Grund hat, weil er unfähig war, seine Behauptung in klaren Begriffen darzulegen, und weil er in den ge¬ gen ihn unternommenen Verhandlungen sich so zweideutig und wankel- müthig benommen hat. Doch ersieht man aus einzelnen Schriften, !-! si //'si « -si si > ' - L«8. - daß er die substantielle Verwandlung leugnete und nur einen geistigen Genuß annahm,( und man meint, daß er seine Jrrthümer aus dem Werke des obengenannten Joannes Erigena geschöpft habe. Die Sache kam zuerst ans einer Synode zu Rom 1050 zur Sprache, und die Veranlassung gab ein Brief, welchen Berengar an Lanfrank, Prior des Klosters Bec, in dieser An¬ gelegenheit geschrieben, und wodurch Lanfrank selbst in den Verdacht der Ketzerei gekommen war. Dieser reinigte sich jedoch hiervon, und wurde freigesprochen, Berengar aber excommunicirt. Wenn man ihn hier auch ungehört aus seiner Schrift verurtheilte, so gab man ihm doch Gelegenheit zur Rechtfertigung, indem ihn der Papst Leo IX. auf eine nach Vercelli berufene Synode vorlud. Mitt¬ lerweile aber suchte Berengar auch weltliche Herrscher — den Her¬ zog Wilhelm von der Normandie und König Heinrich I. für sich zu gewinnen, aber dieser Letztere ließ ihn als einen gefährlichen Irrlehrer verhaften. So konnte er zu Vercelli nicht erscheinen, aber seine Lehre wurde dort wieder verdammt. Im Jahre 1054 finde« wir ihn wieder in Tours, wo der päpstliche Legat Hildebrand (später Papst Gregor VII.) ihn vor eine Synode berief, wo Beren¬ gar zwar die katholische Lehre beschwor; aber es war ihm nicht Ernst, denn im Jahre 1059 begab er sich nach Rom, und nachdem er sich vergebens bemüht hatte, seine Lehre zu vertheidigcn, mußte er vor einer Synode ein im strengsten Sinne abgesaßtes Glaubens- bekenntniß unterschreiben, und seine Schriften ins Feller werfen. Doch kaum war er über die Alpen, als er erklärte, daß nur die Furcht ihm jenes Glaubensbekenntniß abgenöthiget habe. Aber nicht nur Schriftsteller, sondern auch Synoden wie zu Angers 1062 und zu Poitiers 1076 erklärten sich wiederholt gegen ihn. Endlich nahm sich Papst Gregor VH. nochmals seiner an, berief ihn 1078 nach Rom, brachte ihn zur Ablegung eines katholischen Bekenntnisses und entließ ihn mit väterlichen Ermahnungen. Aber¬ mals wurde er rückfällig und mußte auf der Synode zu Bordeaux 1080 Rechenschaft ablegen. Von dieser Zeit an verhielt er sich bis zu seinem Tode 1088 wenigstens ruhig, doch ist es ungewiß, ob er seinen Sinn vollkommen geändert babe. lliiS» LH. Einrichtung -er Kirche. 134. Die Päpstliche Macht. Bald nach Anfang dieser Periode sehen wir die Päpste nach allen Seiten hin, auch in weltlichen Angelegenheiten, einen Einfluß üben, und eine Macht entfalten, wie es bis dahin nicht der Fall gewesen war. Die Feinde der Kirche sind auch beflissen, über jene weltgebietende Macht der Päpste bei jeder Gelegenheit zu schmähen, und deren segensvolle Wirksamkeit zu entstellen. Der aufmerksame und redliche Geschichtsforscher aber wird hierin Gottes besondere Fügung und Leitung verehren, daß in den so bewegten Wellen jener unruhigen Zeit der Felsen Petri unerschütterlich, als Leuchte und Schutz, für die irrende nnd bedrängte Menschheit dastaud. Je wilder die Zeiten, je roher die Begierden und die Leidenschaften sind, desto nöthiger wird es, daß die Zügel der Herrschaft eine kräftige Hand erfasse. So wurden die Päpste von der Vorsehung an die Spitze der Menschheit gestellt, nm die zügellosen Fürsten mit Vorstellungen und Bitte», oder wo die nichts fruchteten, mit den geistigen Waffen der Excommunicationn an ihre Herrscherpflich¬ ten, nnd eben so die Untergebenen an die ihrigen zn mahnen; zwi¬ schen den siegenden nnd besiegten Völker die Vermittler des Frie¬ dens zu sehn, den Sieger zn zügeln und den Besiegten zu versöh¬ nen ; auch den Mächtigen nnd Großen Zucht und Sitte zu lehren; — überhaupt für Hohe nnd Niedere die Ausleger nnd Wächter des göttlichen Gesetzes zu sehn. Dabei kam den Päpsten, wie dem Cle- rns, überhaupt der Umstand zu Statten, daß die jungen, nament¬ lich germanischen Völker eine große Hochachtung nnd unbedingten Gehorsam gegen die Geistlichen, als die Organe der Gottheit, schon aus dem Heidenthnm in das Christenthum mitbrachten, und desto lieber sich unterwarfen, da der christliche Clerns, nnd vor Allen die Päpste in der geistigen Bildung so hoch über jenen Völkern standen. Auch haben sich die Päpste keineswegs den Völkern als Lenker und Richter aufgedrnngen, nein, die Völker unterwarfen sich nicht nur willig der Leitung des Statthalters Christi, sondern baten bei wich¬ tigen Gelegenheiten nm seinen Schutz oder Urtheilssprnch. Ein auf¬ fallendes Beispiel hiervon gaben die Franken, als sie für nöthig erachteten, die Regierung vom schwachen nnd fast blödsinnigen König 170 Childerich III. auf den thatkräftigen Major Domus (obersten Haus¬ hofmeister) Pip in zu übertragen. Sic ließen nämlich vorher bei Papst Zacharias anfragen: „ob es nicht recht fei, daß derjenige, welcher die königliche Macht habe, auch den Titel König führe", und der Papst entschied für Pipin, in Berücksichtigung des dem Adel znstehenden Wahlrechtes, und ließ ihn durch den heiligen Bo- nifacius zum Könige krönen. Anch die feierliche Kaiserkröuung, welche seit Carl den Großen von den Päpsten vorgenommen, und nach den damaligen Begriffen, häufig als ein Uebertraguugsact der Staatsgewalt betrachtet wurde, trug zu dem hohen Ansehen der Päpste viel bei. * Anmerk. Um die Mitte des 9. Jahrhunderts erschien im Franken¬ reiche ein Buch, betitelt: voerotule« lsiäoi-i Illoreatorm, welches eine Sammlung von Rechtsgrundsätzen der Kirche aus verschiedenen Quellen enthält. Insbesondere kommen darin auch gegen hundert Decretalbriefe von Päpsten aus den ersten Jahrhunderten vor, welche ganz oder theilweise unecht sind. Wir erwähnen dieses Werkes nur darum, weil neuere Schriftsteller behauptet haben, durch selbes seyen neue kirchliche Rechte eingeführt, namentlich aber die päpstliche Macht vergrößert worden. Allein es ist von anderen Seiten zur Genüge nachgewiesen worden, daß diese Decretalen nur die damals bereits bestandene Praxis mit Beweisen aus frü¬ heren Jahrhunderten zu begründen und zu klarem Bewußtscyn zu bringen suchten. Das päpstliche Ansehen ist hierdurch keineswegs vermehrt worden, vielmehr ist es einleuchtend, daß die Päpste be¬ reits damals ein hohes Ansehen gehabt haben mußten, weil man auf ihre (wenn auch erdichteten) Briefe ein so großes Gewicht legte. 13st. Entstehung des Kirchenstaates. b. Durch die göttliche Vorsehung haben die Päpste ein welt¬ liches Reich erhalten, dem jeder Papst als Fürst vorsteht, welches ihnen durch den mannigfachsten Wechsel der politischen Verhältnisse /bis auf den heutigen Tag bewahrt worden ist. Seit den Zeiten der Völkerwanderung, wo nacheinander verschiedene Völker mit den orientalischen Kaisern nm den Besitz Italiens stritten, waren die Päpste, ohne weltliche Macht, dennoch durch ihren moralischen Ein- L7Z fluß die Beschützer der Schwachen und die Friedensvermittler. Mehr als einmal haben sie, wie z. B. Leo der Große — Rom gerettet. (8. 70.) 2. Da die italienischen Völker mehr und mehr erfahren mußten, wie wenig sie die orientalischen Kaiser zu schützen ver¬ mochten, und wie ein großer Theil von Italien fast herrenlos ge¬ worden war, verbanden sich nach und nach mehrere Städte, und stellten sich freiwillig unter des Papstes Schutz; und die Päpste waren damals schon, nicht dem Worte nach, aber in der Thal die Beherrscher des größten Theiles von Italien. Die griechischen Kaiser behaupteten nur mit Mühe einen Landstrich um Ravenna, und hatten dort einen Statthalter mit dem Titel eines Exarchen. 3. Besonders gefahrdrohend wurde Italiens Zustand, als die Longobardeu in Oberitalien festen Sitz genommen hatten. Der er¬ oberungssüchtige König Aistulph machte ernstliche Anstalten, ganz Italien unter seine Herrschaft zu bringen; er hatte Ravenna er¬ obert, und bedrohte Rom. Vergebens wurde Kaiser Kopronhmus um Hilfe angerufen, er hatte mit der Vertilgung der Bilder vollauf zu thnn. In dieser äußersten Noth wandte sich Papst Stephan III. an Pipin, König der Franken. Dieser nahm in zwei Feldzügen den Longobarden die gemachten Eroberungen ab, 756, und gab der römischen Kirche nicht nur die ihr entrissenen Güter zurück, sondern schenkte derselben auch das eroberte Exarchat und die sogenannte Peutapolis. Daß Pipin das Recht hatte, über seine Eroberungen zu verfügen, kann Wohl nicht bestritten werden, denn die griechischen Kaiser hatten ihr Gebiet tatsächlich preisgegeben und Pipin er¬ klärte: die Franken hätten ihr Blut nicht für die Griechen, sondern für den h. Petrus zum Heile ihrer Seelen vergossen. 4. Als der folgende longobardische König Desiderius (Diet¬ rich) in die Länder der Kirche eingefallen und bis Rom vorgerückt war, rief Hadrian l. seinen Freund Carl den Großen zu Hilfe, der dem lombardischen Reiche ein Ende machte 774, und die Schen¬ kung seines Vaters nicht nur bestätigte, sondern auch noch vermehrte. Später kamen noch andere Schenkungen hinzu, und so bildete sich der Kirchenstaat, dessen große Wichtigkeit für die Wirksamkeit des Kirchenoberhauptes einleuchtend ist. Es ist nämlich dadurch dem Papste eine von dem Einflüsse der weltlichen Fürsten unabhängige, freie, allen Völkern gegenüber unparteiische Stellung gesichert. Zu 172 diesem Zwecke ist auch der Kirchenstaat gerade groß genug, während er wieder zu klein ist, um den Papst in die großen Welthändel zn Perwickeln. 136. Wiederherstellung des abendländischen Kaiserthnms und dessen Verhältnisse zum Papstthumc. Als Carl, der sich jetzt König der Franken und Lombar¬ den nannte, auf Einladung Papst Leo III. im Jahre 800 nach Rom kam, setzte ihm dieser am Weihnachtsfeste in der Kirche die Kaiserkrone auf, unter dem lauten Zurufe des Volkes: „Heil dem von Gott gekrönten Kaiser Carolus Augustus." Es war dieser feierliche Act eine Wiederherstellung des abend¬ ländischen Kaiserthnms in einer neuen für die Zeiten des Mittelalters bedeutungsvollen Form. Dieses neue Kaiserthum war nämlich auf christlicher Grund¬ lage erbaut, und die Kirche wollte durch dasselbe einen großen Bruderbund der Völker stiften, und wies dem Kaiser durch diese kirchliche Krönung die hohe Bestimmung zu, der Mittler und Frie¬ densbewahrer der Christenheit und der Beschützer der Kirche zn sehn. Es sollte zwar diese Erhebung dem Kaiser nicht eine neue Terri¬ torialherrschaft, sondern nur eine Oberhoheit über die anderen welt¬ lichen Fürsten (nach der späteren Ausbildung in Deutschland und Italien) verleihen. In so fern nun der Papst der weltliche Sou¬ verän der Kirchenstaates war, mußte er gleich den übrigen Fürsten die kaiserliche Macht über Rom anerkennen; dagegen huldigte der Kaiser dem Papste in Betreff seiner geistigen Stellung, als dem Ob er Haupte der allgemeinen Kirche. So verwirklichte sich die schöne und richtige Idee des christlichen Doppelreiches (sseerckotium et Imperium) auf Erden, zum allseitigen Wohle der Völker; daher fand man es auch natürlich, daß jeder neugewählte Kaiser vom Papst bestätigt und gekrönt, wie hinwiederum jeder neugewählte Papste vom Kaiser anerkannt werden sollte. Leider wurde dieses schöne Verhältniß bald verrückt, zum Schaden der Kirche und der Staaten. 173 137. Ter päpstliche Stuhl in den Zeiten des dunklen 10. Jahrhunderts. Unter dein „dunklen 10.. Jahrhundert" versteht man jene trost¬ lose Zeit, die mit der Absetzung des letzten Carolingers Carl's des Dicken, im Jahre 888 begann, wo eine lange andauernde Anarchie, und ein unausgesetzter Kampf nm die Herrschaft über Italien und nm die römische Kaiserwürde, einen Zustand herbei¬ führte, der einer dunklen Nacht vergleichbar, einen tiefen Verfall der Wissenschaft und der Sitten zur Folge hatte, und woraus end¬ lich das neue zum Theil bis jetzt bestehende europäische Staateu- System hervorging. Die traurigen Wirren hatten damit angefangen, daß die Söhne Ludwigs des Frommen (Carls des Großen Sohn und Nachfolger) zuerst gegen den Vater und dann untereinander verderbliche Kriege führten. Dazu kamen die Verwüstungen der Normannen in West¬ sranken, so wie der Sarazenen in Italien, — endlich der Ungarn in Deutschland. Die furchtbaren Spuren davon waren, wie die Bischöfe auf dem Concil zu Troslh 909 klagen: „verwüstete Städte, zerstörte und verbrannte Klöster, in Wüsteneien verwandelte Aecker, — womit zugleich alle Geisteskraft in den Menschen verschwunden zu sehn scheint." Die Päpste hatten bis zum Ende des 9. Jahrhunderts mit mehr oder weniger Geschick und Erfolg das Uebel zu heben, oder wenigstens aufzuhalten sich bestrebt, aber im 10. Jahrhundert blieb der Stuhl Petri selbst nicht verschont, und mit Vorliebe weisen die Feinde der Kirche auf die Reihe der sittenlosen Männer hin, die in jener Zeit den päpstlichen Stuhl entehrten. Aber man soll dabei nicht übersehen, daß alle diese tadelnswerthen Männer nicht durch die kirchliche Wahl vom Clerns, sondern durch die Willkühr von Macht¬ habern, die in Rom herrschten, sogar durch zügellose vornehme Weiber, der Kirche mit G ew a lt a n s g e d r n n g e n wurden. Insbesondere war es der Hof von Toscana unter dem Markgrafen Adalbert, und die daselbst einflußreichen Weiber: Theodora und ihre Töchter- Theodora und Marozia, welche ein heilloses Spiel mit der Besetzung des päpstlichen Stuhles durch ihre Günstlinge trieben. Die Päpste, die aus solche Weise auf den römischen Stuhl erhoben, und häufig wieder herabgestürzt wurden, sind: Sergius !II., 904, Johann X., 914, Johann XI., 931 und Johann XII. Doch muß zur Ehre I7Ä der römischen Kirche bemerkt werden, daß in dieser traurigen Zeit, wenn inzwischen die Umstände eine frei kirchliche Wahl znließen, allemal wieder würdige Päpste gewählt wurden. Auch darf uicht außer Acht gelassen werden, daß, wenn auch jene Päpste durch ihren schlechten Lebenswandel Aergerniß gaben, sie doch nie in Gegen¬ ständen des christlichen Glaubens irgend einem Jrrthume bei¬ stimmten. Nachdem mittlerweile das in sich zerrissene Deutschland durch den trefflichen Heinrich l. wieder zum Gefühle seiner Kraft gekom¬ men war, konnten die folgenden Könige, namentlich die Ottonen auf Italien einen größeren und für die Kirche erfreulichen Einfluß üben. Otto I. wurde vom Papst Johann XII. nach Rom zu Hilfe gerufen, und zum römischen Kaiser gekrönt; welche Würde von nun an den deutschen Herrschern verblieb. Zwar konnte die römische Kirche sich nur langsam und unter wiederholten Kämpfen von der weltlichen Tyrannei, die in Italien noch einige Male auftanchte, erholen, und erst mit dem Pontificatc LeoS IX., 1048—1054 fängt eine neue bessere Zeit an. Dieser große Manu wurde zwar vom Kaiser Heinrich III. auf dem Reichstage zu Worms zum Papste ernannt, aber in Rom freiwillig angenommen. Er begann kräftig den Kampf gegen die — in den Wirren der Zeit bereits weit gediehenen Grundschäden: Simonie und Sittenlosigkeit des Clerus. Er hielt in Rom, Frankreich und Deutschland Synoden, gab scharfe Gesetze und verfuhr gegen die Uebertretcr strenge, zum Besten der Kirche und der Sittlichkeit, und verdient unter der Zahl der Heiligen zu stehen. An merk. Aus dieser trüben Zeit der römischen Kirche erzählt man auch das bekannte Mährchen, daß dazumal eine Päpstin mit Na¬ men Johanna aus dem römischen Stuhle gesessen sey. Das Ganze ist aber auch unter den der Kirche feindlich gesinnten Ge¬ schichtsforschern längst als Lüge anerkannt. Diese erweist sich unter andern aus dem Widerspruche der Nachrichten, die erst 200 Jahre später auftauchen, und aus dem erwiesenen Umstande, daß Papst Benedict Ul. unmittelbar auf Leo IV. im Jahre 855 folgte, also für Johanna, die zwischen diesen Beiden regiert Haden soll, keine Zeit übrig bleibt. 17 5 138. Nene Bkstimmlmg über die Papstwahl. Cardinale. Die traurigen Erfahrungen, die man ein Jahrhundert hindurch gemacht hatte, wo unter Kampf und Ränken Päpste ein- und ab¬ gesetzt wurden, verlangten dringend eine Umstaltnng der Papstwahl, und ihre Znrückführnng auf das rein kirchliche Gebiet. Daher wurde unter Papst Nicolaus II. auf einer Synode zu Rom 1059 verordnet: „Beim Absterben eines Papstes sollen zuerst die (sieben) Cardinalbischöfe zur Wahl zusammentreten. Wenn diese, ihrer Pflicht gemäß, mit aller Sorgfalt über die Person des zu Wählen¬ den sich besprochen haben, ziehen sie die übrigen Cardinäle (earcli- nalvs elerieo«) auch zur Theilnahmc an der Wahl heran; dann erst mögen die übrigen Geistlichen und das Volk (nicht eingeutlich zur Wahl, sondern), um ihre Bestimmung zu geben, beitreten." Unter den Cardinalbischöfen verstand man aber von früherer Zeit her die Bischöfe der in der Nähe Roms liegenden Diöcesen, die regelmäßig zum feierlichen Gottesdienste in Rom erschienen. Eben so hießen Cardinalpriester die Vorsteher der vielen Pfarr¬ kirchen (tituli) in Rom. Durch obige Verordnung erhielten also diese bisher schon unter dem Namen der Cardinäle hervorragen¬ den Cleriker ein neues ausgezeichnetes Amt, indem sie, und sie allein zur Papstwahl berufen waren. Das ist der Ursprung des noch jetzt bestehenden Cardinal-Collegiums. 139. Tie Metropoliten und die Bischöfe. 1. Die althergebrachte Metropolitanverfassung, zufolge welcher die Bischöfe einer Provinz mit ihrem Metropoliten in kirchlich ge¬ setzlichem Verbände standen, erlitt in dieser Zeit manche Abände¬ rung, und hörte hie und da fast ganz auf, theils weil in den politischen Kämpfen solche Kirchenprovinzen getheilt und verschiedenen Fürsten nntcrthänig wurden, theils auch, weil einzelne herrschsüchtige, oder unter dem Einflüsse weltlicher Herrscher stehende Metropoliten ihre Macht nicht immer zum Besten der Kirche übten. Daher mußten die Päpste durch ihre Legaten hier häufig einschreitcn, und manche Rechte und Obliegenheiten, die bisher den Metropoliten zukamen, an sich ziehen. Eine den Metropoliten (Erzbischöfen) cigenthümlichc Auszeichnung war und ist noch das Pallium, ein weißwollenes Band, mit eingcwebten schwarzen Kreuzen, welches sie vcm Papste als Zeichen der Kirchengemeinschaft erhalten. l7226, wurde als fünfjähriger Knabe den Mönchen von Monte cgssüio übergeben, trat aber, nach Ueberwindung vielfacher Hindernisse von Seite seiner Familie, in den Prediger-Orden. Er war einer der größten christlichen Denker, dabei von engelreinem Gemüthc, daher vooloi- mi^olmuL., der Engel der Schule ge¬ nannt. Zu Köln, Paris, Rom und in anderen Städten Italiens lehrte er mit ungeheurem Beifalle, und starb, nachdem er noch eine große Zahl der herrlichsten Schriften verfaßt hatte, auf der Reise zum-Lhoner Concil, 1274. Sein Hauptwerk 8umma lbeolo^mo, erhielt sich lange Zeit in den Schulen, und ist von großem Werthe. 4. Bonaventura, ein Florentiner, geboren 1221, trat in den Franciscanerorden und wurde schon in seinem 34. Lebensjahre Ordensgeneral, dann Cardinal. Sein Beiname Vovlnr «oraiRious deutet auf die seraphische Glnth seines gottliebenden Gemüthes, wovon auch seine meist der Erbauung gewidmeten Schriften beseelt sind. Au seinem Sarge trauerten die Repräsentanten des ganzen Abendlandes, denn er starb auf dem Concil zu Lyon 1274. 155. Scholastik und Mystik. 1. Mit dem Aufschwünge des kirchlichen Lebens erwachte anch gleich ein regeres wissenschaftliches Streben. In den stillen Kloster¬ mauern erhielten sich bei dem allgemeinen Verfalle noch die Keime der Wissenschaft. Sie wurden nun bei günstiger Zeit eifrig gepflegt, und so eine Wissenschaftlichkeit geschaffen, die man mit dem Namen Scholastik bezeichnet, wie schon früher in den Klostern derjenige, der den Ordensbrüdern die heilige Wissenschaft vortrug, Lelmlasli- ev8 genannt wurde. Das Eigenthümliche der Scholastik besteht vor Allem darin, daß sie zum Unterrichte in der Theologie auch die Philosophie zu Hilfe nahm, und sich bemühte, das Christen- thum als der Vernunft gemäß darzustellen, und dabei die Vernunft christlich anszubilden. Bisher hatte man sich für das Christenthum mit positiven, aus der heil. Schrift und Tradition genommenen — m; — Beweisen begnügt, nnd die Männer dieser Lehrweise hießen, den Scholastikern gegenüber, die p ositiven Theologen. Eine weitere Eigenthümlichkeit der Scholastik liegt in der Form dieser Lehrart. Es wnrde nämlich irgend ein theologischer Glaubenssatz ausgestellt, dann die Untersuchung über das Wie? oder über dessen Vor¬ stellbarkeit eingeleitet: durch Definitionen, Divisionen, Distinc- tionen; endlich die Widersacher dieser Wahrheit bekämpft durch den Beweis (clomonstrotio), für welche der Stpllogysmus als Waffe diente. Als Folge davon kamen öffentliche Disputationen in Schwung, die eine Nachahmung der Turniere auf wissenschaftlichem Boden waren. Die Scholastik war daher geeignet, große Denker zu bilden, und Licht in die theologischen Wissenschaften zu bringen, so lange sie in den gehörigen Schranken sich bewegte, und nicht in leeren Spitzfindigkeiten sich überstürzte,- und so lange insbesondere der Grundsatz des Anselmus in Anwendung blieb: „Man muß erst glauben, und dann das Verstäudniß dessen, was man glaubt, er¬ streben." 2. Neben der Scholastik, oft auch gegen sie, brach sich eine andere Geistesrichtung Bahn, die Mystik, d. i. das Streben nach Einigung mit Gott, eben so in tiefem Gefühle wie in hoher Thatkraft des Lebens. Wie die Scholastik nach klarem Erkennen, so strebte die Mystik nach inniger Liebe - des Schöpfers. 'Wo aber beides, Erkeuntniß und Liebe, Wissen nnd Leben harmonisch zusammenwirkte, da gingen jene herrlichen Erscheinungen hervor, die dem Mittelalter ein so gro߬ artiges Gepräge ausdrückten. 156. Kitchenschriftstcller. * Die Schriftsteller dieser Periode waren demnach theils Scho¬ lastiker, theils Mystiker. Viele jedoch verbanden beides: die Innig¬ keit des Gemüthes mit der Klarheit und Schärfe des Gedankens, und dahin gehören vor allen die oben angeführten heiligen Kir¬ chenlehrer. Von den Schriftstellern nennen wir noch: 1. Die beiden Mönche von St. Victor in Paris: Hugo und sein Schüler Richard (o. 8. Victore) im 12. Jahrhundert. In 13* — INV — ihren Schriften ist Scholastik und Mystik, wie Licht und Wärme zur Belehrung und Erbauung verbunden. 2. Abälard ist mehr durch seine tragischen Schicksale, wo¬ ran er aber großeutheils selbst Schuld war, als durch gediegene Wissenschaft berühmt geworden. Er war zu Nantes 1079 von adeligem Geschlechte geboren. Seine herrlichen Geistesanlagen: leichte Auffassung, Heller und scharfer Verstand, wurden aber verdunkelt durch ungemessenen Ehrgeiz und keckes Selbstvertrauen, wodurch er zwar die Jugend gewann, aber die tüchtigsten Männer gegen sich reizte. Er lehrte an verschiedenen Orten mit ungeheurem Beifalle und Zudrange von Schülern; aber seine Bekanntschaft mit Heloise, die durch ihn zwar wissenschaftlich hochgebildet, aber zugleich mora¬ lisch mißleitet wurde, zog ihm manche Verdrießlichkeiten zu, wo zu¬ letzt Heloisen's Verwandte an ihm die gemeine Rache der Ver¬ stümmlung übten. Vor Scham und Trauer wurde Abälard im Kloster zu St. Denys Mönch, und auch Heloise nahm den Schleier. Nochmals bestieg er den Lehrstuhl, aber jetzt wurde er auch der Ketzerei beschuldigt; und allerdings war schon sein ganzes Lehrshstem: daß man vom Zweifel ausgeheu, und vom Wissen erst zum Glauben gelangen soll, äußerst verfänglich. Er vertheidigte sich nach Möglichkeit, und starb in der Abgeschiedenheit im Rufe der Mechtgläubigkeit mmo 1142. 3. Petrus Lombardus, matter sententiurum, Lehrer der theologischen Schule zu Paris, dann seit 1159 Bischof alldort, schrieb die berühmten vier Bücher Sentenzen, worin er die Dogmatik systematisch, dabei mit Einfachheit und Verständlich¬ keit behandelte, welche über 100 Jahre in den Schulen als Hand¬ buch herrschten, und worüber unzählige Commeutare versaßt wurden. 4. Alexander von Hales (lioator irrekruAubilis), ein Engländer, Franciscanermönch, zu Oxford dann zu Paris gebildet, endlich Lehrer an der Universität zu Paris, ff 1245. !5. Albertus Magnus, von Geburt ein Graf von Döll¬ städt) Lehrer der Theologie zu Paris und Cöln, dann nothgedrungen Bischof zu Regensburg; gegen Ende seines Lebens aber in wissen¬ schaftlicher Zurückgezogenheit in Cöln, ff 1280. Er war der um¬ fassendste Gelehrte seiner Zeit, und besaß neben seinem theologischen und philosophischen Wissen auch ausgebreitete Naturkenntuisse. 6. Duns Scotns (vootor sublilis), Franciscaner aus 187 England, Lehrer zu Oxford, Paris und Cöln. Er war der spitz¬ findigste unter den Scholastikern, und trieb mit den kühnsten Fragen gleichsam nur ein Spiel. Hierdurch, und bei der Eigenthümlichkeit seiner Schreibweise, ist das Verständniß seiner Schriften sehr er¬ schwert, st 1308. Eine eigene Schule bildete sich nach ihm, die der Sco tiste», welche lange Zeit hindurch mit den Thomisten (von Thomas Aquin), im wissenschaftlichen Streite lag. 7. Joannes Tauler, (genannt vootor sublimis et il!n- minatus) ein zart- und tiefsinniger Mystiker, Dominikaner zu Cöln und Straßburg, erschütterte durch seine Predigten die Herzen der Zuhörer, und erbaut durch seine Schriften, darunter vorzüglich: Nachfolge des armen Lebens Jesu Christi, noch jetzt gottsuchende Seelen, st nm 1360. 8. Thomas Hämmerken von Kempen, die Krone der Mystiker, Augustiner auf dem Berge der h. Agnes, unweit Zwoll in den Niederlanden. In seinen Schriften voll lieblicher Bilder, ladet er zur Herzensreinheit und Gottcsliebe ein. Sein bekanntes Werk , 1. Bor allem muß man die kirchliche Inquisition von der Staatsinquisition, wie sie sich später in Spanien gebildet hat, wohl unterscheiden. Was nun die rein kirchliche Inquisition betrifft, so hat sie ihrem Wesen nach immer bestanden, und besteht noch: sie ist ein¬ fach die p flichtmäßi g e Wachsamkeit der Kirche über die Rein¬ erhaltung der Glaubenslehren, - daun, wo es nöthig wird, die Untersuchung (Inquwjtio) über etwaige Jrrthümer, und das hierauf gegründete Verfahren gegen die Irrlehrer. Das ist ganz im Wesen und im Zwecke der Kirche gegründet. Solche, die vom gemeinsamen Glauben der Kirche abweichen, konnten und können nie in der Kirche geduldet werden. Die Irrgläubigen, zumal die Verbreiter von Irrlehren, wurden ermahnt, gewarnt, und wo das nichts half, bestraft, freilich nur geistiger Weise, durch die Entzie¬ hung der kirchlichen Gnadenmittel und zuletzt mit der Excommuui- catiou, — der Ausstoßung aus der kirchlichen Gemeinschaft. Von äußerlichen bürgerlichen Strafen konnte in den ersten Jahrhunder¬ ten natürlich nicht die Rede sehn, weil die Kirche selbst keine phy¬ sische Zwangsgewalt besitzt. 2. Anders gestaltete sich die Sache, als der römische Staat christlich geworden. Zu allen Zeiten und bei allen Völkern hat man die Religion mit Recht auch für politisch wichtig gehalten. Daher traten schon die Kaiser von Constantin an, auch mit welt¬ lichen Gesetzen und Strafen gegen diejenigen auf, welche gegen die Religion und Kirche sich vergangen hatten. Das thaten sie auch jin Jute resse des Staates, welcher durch Irrlehrer und Spaltungen in der Kirche, und die daraus hcrvorgehenden Unruhen, große Nachtheile erleiden kann. 3. Im Mittelalter waren Kirche und Staat noch enger mitsamen verbunden und es erschien ein Angriff gegen Religion und Kirche auch als Hochverrat!) gegen den Staat, und wer aus der Kirche gestoßen wurde, war auch vom Staate als geäch¬ tet, als rechtlos erklärt. Da geschah es, daß der Staat viel strenger gegen die Ketzer verfuhr, als die Kirche. Doch war bis ins 12. Jahrhundert die Todesstrafe nicht in Uebnng; sondern die Strafen bestanden in Verlust der Güter und Rechte, Verbannung oder Verwahrung in einem Kloster. 4. Mit dem 12. und 13. Jahrhundert trat ein strengeres Verfahren gegen die Ketzer ein, was aber in dem Character der damaligen Häresien seine volle Erklärung findet, und man darf sicher annehmen, daß auch zu unseren Zeiten solche Secten, wie sie damals anftraten, nicht gelinder behandelt werden könnten. Denn die verschiedenen Secten, die damals unter dem allgemeinen Namen der Albigenser besonders im südlichen Frankreich, ihr Unwesen trieben, läugncten nicht etwa, wie frühere Ketzer, einen oder den anderen Glaubenssatz, sondern sie verbreiteten Grundsätze, die das ganze gesellschaftliche Leben zu erschüttern, und alle Sittlichkeit und das Schamgefühl zu vernichten drohten. Daher hat sich das dritte La- teran-Concil gcnöthigt gefunden, die Obrigkeiten anfzusordcrn, daß sie mit aller Strenge einschreiten gegen die Ketzer, — „da sie öffentlich ihre Irrthümer verbreiten, grausam gegen die Katho¬ liken sind, nicht Kirchen, — nicht Witwen und Waisen verschonen." Innocenz Ul. hatte nebst mehreren anderen den Peter von Ca¬ stet na n nach Südfrankreich beordnet, um gegen die Ketzer zu pre¬ digen und andere nvthige Vorkehrungen zu treffen; —'der wurde von den Ketzern ermordet, und es kam zu einem Kreuzzuge gegen die Ketzer (tz. 164). Nach Beendigung desselben (des Albigenser¬ krieges) entstand erst die Inquisition als ein stehendes Glaubensgericht. 167. Fortsetzung. Die Inquisition als stehendes Glaubensgericht. 1. Durch die mit Waffengewalt bewirkte Unterdrückung der Ketzer und ihrer mächtigen Beschützer war zwar die nächste Gefahr für Kirche und Staat beseitiget, aber es mußte Fürsorge getroffen werden, gegen die noch im Verborgenen schleichenden Ucberreste der Häresie, nm für die Zukunft gesichert zu sehn. Daher wurde aus der Synode von Toulouse 1229 Folgendes verordnet: 1) Jeder Bischof soll in seinen einzelnen Pfarren einen Priester und zwei oder drei rechtschaffene Laien bestellen, und sic eidlich verpflichten, den Ketzern und ihren Beschützern nachzuforschen, und sie der geist¬ lichen und weltlichen Behörde auzeigen; 2) die einen Ketzer ver¬ bergen, sollen ihr Besitzthum verlieren; 3) jedes Haus, in welchem ein Ketzer verborgen gefunden wird, soll niedergerissen werden; 4) doch soll Niemand als Ketzer bestraft werden, bevor der Bischof ihn nicht für einen solchen erklärt hat, u. s. w. Wer nun als nn- 2N8 verbesserlicher Ketzer befunden worden, wurde dem weltlichen Arme zux Bestrafung überliefert, wobei aber immer um Schonung seines Lebens gebeten wurde. Das war die bischöfliche Inquisition. 2. Da diese nicht überall zu genügen schien, bestimmte Papst Gregor IX., 1232, die Dominikaner zu Inquisitoren, welche nun überall, wo es nöthig war, ihre Tribunale aufrichteteu. Wenn es einerseits richtig ist, daß die Inquisitoren mitunter in mensch¬ licher Leidenschaft die Strenge übertrieben, so muß man anderer- . seits nicht übersehen, daß sie von den Ketzern mannigfach gereizt, viele von ihnen auch erschlagen wurden. Den Päpsten aber muß das Zeugniß gegeben werden, daß sie, wie Junocenz IV., Bonifa- cius VIII. und Clemens V., jede nnnöthige Grausamkeit durch Ver¬ ordnungen zu hindern suchten. 3. Daß man damals die Inquisition für nützlich, ja für nothwendig erachtete, bewiesen auch weltliche Fürsten durch ihre Bemühungen, die Inquisition in ihren Staaten einzuführen, und zu unterstützen. Der von weltlichen und kirchlichen Schriftstellern mit Recht hochgeachtete König Ludwig IX. von Frankreich, bat den Papst Alexander Ml 1255, nm die Einführung der Inquisition in seinen Staaten. Besonders aber müssen wir den von Profangeschicht- schreibern hochgerühmten Kaiser Friedrich II. nennen. Ihm war sicher an der Reinbewahrung des Glaubens nicht viel gelegen, und doch empfahl er zu Padua 1234 die Dominikaner als Inquisitoren, und verhängte weit schärfere Strafen gegen die Ketzer, als es die kirchlichen waren. Im Königreiche Arragonien wurde die Inqui¬ sition gleichfalls schon 1234 mit Bestätigung des Königs Jacob, in Venedig erst 1289 eingeführt. Hier war sie jedoch Anfangs ein halbpolitisches Institut und wurde im 16. Jahrhunderte zu einem durchaus politischen. In Deutschland ist ein gewisser Conrad von Marburg als Ketzerrichter um 1233 sehr berüchtiget geworden, und er wurde aus Rache ermordet. Neuere Untersuchungen haben jedoch über ihn ein günstigeres Licht verbreitet. Uebrigens wird Niemand alle Handlungen der Inquisition rechtfertigen wollen; nur haben die Protestanten kein Recht, die katholische Kirche darob zu schmähen, da auf ihrer Seite grausame Verfolgungen Andersdenkender nichts Ungewöhnliches waren, wobei man nur an Calvin, an die Henkerseenen im protestantischen Eng¬ land und daran erinnern darf, daß in der einzigen protestantischen 2ttS Stadt Nürnberg von 1577 —1617, über 350 der Ketzerei und Zauberei Verdächtige hingerichtet wurden. 168. Die spanische Staats-Inquisition. Einen von der kirchlichen ganz verschiedenen Character hatte die spanische Inquisition; sie war durchweg eine politische An¬ stalt. Als nämlich durch die Vermählung Ferdinand's des Ka¬ tholischen mit Isabella, die Königreiche Arragouien und Castilien vereinigt wurden, 1479, gelang es endlich, der Herrschaft der Mu- hamedaner (Mauren) in Spanien (nach 800jährigem Kampfe) ein Ende zu machen. Da war es allerdings nöthig, ans die gewaltsam bekehrten Mauren, die heimliche Einverständnisse mit ihren Brüdern im nahen Afrika unterhielten, ein wachsames Auge zu haben; und in so fern möchte eine kirchliche Inquisition nicht überflüssig ge¬ wesen sehn. Aber dem Könige lag noch weit mehr daran, die reichen Juden, nnd die übermächtigen Granden auf kräf¬ tige Weise niederzuhalteu. Zu diesem Zwecke diente ihm die Inqui¬ sition, die er einführte, und die zugleich eine reiche Quelle des Staatseinkommens durch Gütereinziehung wurde. Diese spanische Inquisition nun ist es, deren Grausamkeit nicht ganz mit Unrecht bitter getadelt wird. Allein sie fällt am allerwenigsten der Kirche zur Last. Waren die Inquisitoren auch zum Theile Geistliche, wie der berüchtigte Torquemada, so waren sie doch ganz allein vom Könige angestellt, ihm verantwortlich, und von seinem Winke ab¬ hängig. Ganz irrig sind auch die Vorstellungen, die man sich heut zu Tage von den sogenannten uto du b 6 (sotus üdei, — Glau¬ bensact) macht, wobei man sogleich an brennende Scheiterhaufen mit ihren unglücklichen Opfern denkt. Allein es hat gar viele ^ulo meist Abenteurer. Ihre Laster und Grausamkeiten machten einen widrigen Eindruck auf jene Naturmenschen. Alles Unheil und Elend kam den In¬ dianern durch die Europäer; natürlich konnten sie auch die Religion dieser ihrer Tyrannen nicht lieben lernen. Die Missionäre thaten, was sie vermochten, doch konnten sie nicht verhindern, daß auf die Bekehrung der Indianer gewöhnlich ihre Unterjochung unter graü- same und sittenlose Herren folgte. Die Jesuiten, erfinderisch durch die christliche Liebe zu diesen Bedrängten, schlugen einen ganz neuen Weg ein. Sie stellten dem Könige von Spanien vor, daß die Grau¬ samkeit der Europäer und ihr böses Beispiel das größte Hinderniß der Bekehrung der Eingeborenen seh, und erhielten die Erlaubniß, unter den noch freien Indianern christliche Colonien zu gründen, die kein Europäer ohne ihren Willen betreten durfte. So entstand Paraguay 1610, eine von den Jesuiten unter spanischer Hoheit patriarchalisch regierte Republik, die so viel als möglich nach dem 2«3 Vorbilde der ersten Kirche zu Jerusalem eingerichtet wurde. Mit großer Mühe wurden die Wilden zu festen Ansiedlungen (Reduc- tionen) vermocht, unv in den nothwendigsten Künsten des Lebens unterrichtet, und so erst zu Menschen herangcbildet, um dann wahre Christen aus ihnen zu machen. Diese auf Religion gegründete bür¬ gerliche Verfassung gedieh in den dreißig Reductionen mit fast 300,000 Seelen zu herrlicher Blüthe. Zufriedenheit und alle christlichen Tugenden entfalteten sich bei den unverdorbenen Naturkindern, denen die Jesuiten Väter, Seelsorger und politische Vorgesetzte waren. 207. Das Institut der Propaganda in Nom. Das Gebot, das der Herr den Aposteln gab, allen Völkern das Evangelium zu verkündigen, hat die Kirche immer als eine hei¬ lige Pflicht betrachtet, und wir haben eben gesehen, auf welch' glän¬ zende Weise sie dieselbe zu dieser Zeit erfüllt hat. Zur Pflege und Ueberwachung dieses großen Werkes wurde 1622 zu Rom vom Papste Gregor XV. eine eigene Congregation errichtet und später auch ein Collegium beigegeben, worin eine Anzahl junger Männer aus den verschiedensten Nationen ausgenommen und zu dem aposto¬ lischen Berufe herangebildet werden, — die Propaganda (Oongrv- Autio et enilkAimn cle propaganda ücle). Durch Schenkungen ist dieses Institut ein ungemein großartiges geworden, und das Fest, das alldort jährlich am h. Dreikönigstage gefeiert wird, ist einzig in seiner Art, wo die Kirche, wie einst am Pfingstfeste zu Jerusa¬ lem in vielerlei Zungen das Lob des Herrn verkündet. Auch in Frankreich wurde 1663 ein Seminar der auswärti¬ gen Missionen errichtet, und eben so gab es in denz übrigen katho¬ lischen Reichen Europas viele diesem Zwecke gewidmete Anstalten. ^c>/— - II. Geschichte -er kirchlichen Lehre. 208. Vorbemerkung. Das Wort „Reformation" ist eine geschichtliche Unwahr¬ heit; denn durch die Unternehmungen der sogenannten Reformatoren ist die christliche Religion und Kirche keineswegs reformirt d. i. ver¬ bessert, sondern vielmehr an einzelnen Orten deformirt d. i. entstellt 2«Ä Worden. Es ist aber die Aufgabe der christlichen Kirche die Mensch¬ heit im wahren Sinne des Wortes zu reformiren, zum Bessern umzubilden; denn immer hat sie's mit Menschen zu thun, die in Sünden geboren und mit Gebrechen aller Art behaftet sind. In der Lösung dieser großen Aufgabe war nun die Kirche zu verschie¬ denen Zeiten mehr oder weniger glücklich, je nachdem die wider¬ strebenden Elemente in der Menschheit stärker oder geringer waren. Ja selbst in die kirchlichen Anstalten nnd Einrichtungen zur Bildung und Veredlung der Menschheit sind zu Zeiten Män¬ gel nnd Gebrechen eingedrungen, die dem großen Zwecke wenig förderlich waren. Gegen die Zeiten der sogenannten Reformation sind nun diese beiden Hindernisse der kirchlichen Wirksamkeit: widerstrebende Ele¬ mente in der Menschheit nnd Mängel nnd Gebrechen in den kirch¬ lichen Einrichtungen, stärker als jemals früher hervorgetreten. Ein Geist der Unruhe und Unzufriedenheit mit dem Bestehenden hatte sich weithin, besonders in Deutschland, der Hohen und Niederen bemächtiget, und eine geringe Veranlassung war hinreichend, die gährenden Leidenschaften zu einem wilden Ausbruche zu bringen. Ans der anderen Seite kann nicht geläugnet werden, daß in der Kirche, die im Laufe vou fünfzehn Jahrhunderten schwere Zeiten durchgemacht hat, sich manches Fremdartige, Störende und Mangel¬ hafte angehäuft hatte. Es hat aber auch die Kirche ihre eigenen Gebrechen nie mißkannt; — Beweis dafür ist das in den letzten Zeiten so oft und von großen Männern wiederholte Verlangen nach Verbesserung. Dabei muß aber wohl beachtet werden, daß nie von einer Verbesserung der Religion, — des Glaubens die Rede sein kann; sondern nur von einer Vervollkommnung der menschlichen Anstalten in der Kirche, und von Abschaffung von Mißbräuchen, die sich gegen den Willen der heiligen Kirche eiugeschlichen hatten. Alle großen Männer, denen das Heil der Menschheit am Her¬ zen lag, sind aber bei dem Streben nach Verbesserung immer von dem Grundsätze ausgegangen, daß Jeder erst mit seiner eigenen Besserung begingen müsse, — dann nur könnte es im Ganzen bald nnd leicht besser werden. Das Alles hatten jedoch jene, die sich nm diese Zeit zu Reformatoren auswarsen, nicht im Auge, so mußte die angetragene Reformation vielmehr zu einer kirchlichen Revolu¬ tion ausschlagen, „nnd cs ist", sagt der Protestant l)r. Hinrichs in 2«3 seinem Werke: „Könige" 1852, „die Reformation das größte Un¬ glück gewesen, das Deutschland je getroffen hat." 209. Luther. Der einflußreichste unter den sogenannten Reformatoren war Martin Luther, Sohn eines Bergmannes, geboren zu Eisleben 1483. Er studirte an der Universität zu Erfurt, war 1505 Magister ge¬ worden und sollte sich der Rechtswissenschaft widmen. Aber er wandte sich gegen den Willen seines Vaters dem Klosterleben zu, und ward Augustinermönch zu Erfurt. Bald darauf erhielt er eine Professors-Stelle auf der neuerrichteten Universität zu Wittenberg und 1512 das Doctorat der Theologie. Neben eifrigem Studium beschäftigte er sich auch mit Predigten und Beichthören. — Das sind die Umrisse der äußeren Lebensverhältnisse des Mannes, der vom Jahre 1517 an der Mittelpnnct gewaltsamer Bewegungen auf kirchlichem und politischem Gebiete wurde, und einer neuen Reli- giouspartci den Ursprung und Namen gab. Es ist aber eine in der Kircheugeschichte bewährte Thatsache, daß die mannigfachen Irrlehren, eben als bloß subjective An¬ sichten, sich großentheils aus dem Character und den Lebensverhält- uissen ihrer Stifter erklären lassen. Das ist nun bei Luther recht augenscheinlich, wenn wir seine Verhältnisse und seinen Character etwas näher betrachten. Daß er als Knabe schon eigensinnig und unbeugsam gewesen seh, bekennt er selbst. Als Student hatte er oft Nahrungssorgen, was zu einer gewissen Verdüsterung seines Ge- müthes viel beitrug. Entscheidend für sein ganzes Leben aber war sein Schritt ins Kloster, wofür er durchaus nicht geeignet war. Er bekannte auch später offen, daß er nicht frei nach Ueberzeugung diesen Stand gewählt, sondern eine plötzliche Angst um sein See¬ lenheil ihn dazu vermocht habe. Also ein unzufriedener Mönch! Schon aus diesem einzigen Umstande erklärt sich so Manches. Wie aber leidenschaftliche und unbedachtsame Menschen sich in Extremen gefallen, so fing er an in überstrengen Hebungen, Fasten, Gebet und Casteiung sein inneres Zerwnrfniß zu beschwichtigen; — alles konnte nichts helfen, weil ihm Demuth und Geduld fehlte. Hieraus erklärt sich Luthers spätere Lehre, daß die guten Werke nichts nützen. Daß er in solch peinlichem Gemüthszustande, wobei er heftige Bersnchun- 2ti6 gen zu leiden hatte, auch die Bibel — die er nun fleißig zu lesen anfing, — leicht mißverstehen konnte, ist nicht zu wundern. Wirk¬ lich glaubte er, besonders in den paulinischen Briefen nun die Ent¬ deckung gemacht zu haben, der Mensch seh durch und durch böse, und es seh vergebliche Mühe, anders werden zu wollen. Dazu kam noch die Mahnung eines Klosterbruders: er möge nur fest und un¬ erschütterlich sich dem Glauben hingeben, es werde ihn beruhigen. Das half, und gab dem schwermüthigen Geiste Luther's ein ganz neue Richtung, — der Glaube war und blieb ihm nun Alles. Diese Andeutungen mögen hier genügen, und die folgende Geschichte wird lehren, wie Luther auf diese Weise von einem Irr- thume zum anderen vorgeschritten ist. Uebrigens ist nicht zu läug- neu, daß er auch manche gute Eigenschaft besaß. Er war ungemein thätig und arbeitsam, uneigennützig und voll hohen Muthes. Da¬ bei besaß er namhafte Kenntnisse, eine hinreißende Beredsamkeit und treffenden Witz. Aber diese guten Eigenschaften wurden verdunkelt und zum Bösen verkehrt durch Hochmuth, unbeugsamen Starrsinn, Herrschsucht, unversöhnlichen Haß und Verfolgung jener, von denen er glaubte beleidigt worden zn sehn, oder die ihm in irgend einem Puncte widersprachen. Der Hauptfehler seines Characters war der gänzliche Mangel de/ christlichen Demuth und Liebe. ' 210. Der Ablaßstrcit. Es ist eine sehr gewöhnliche Behauptung, daß der Ablaß die Ursache der Reformation gewesen seh. Das hat aber nur in so fern seine Richtigkeit, daß derselbe allerdings die erste Veranlassung zu jener Reihe von traurigen Ereignissen war, aus welchen endlich die Kirchenspaltung hervorging. Dabei aber ging mau vom Ablasse bald zu ganz anderen viel wichtigeren kirchlichen Lehren hinüber. Papst Leo X. hatte einen Ablaß ausgeschrieben, mit der Be¬ dingung, daß das dabei eingehende Almosen zum Ausbaue der von Julins II. begonnenen, ungemein prachtvollen Peterskirche zu Rom verwendet werden sollte. Es war das an sich gewiß nichts Tadelns- werthes; denn warum sollten die Gläubigen nicht aufgefordert wer¬ den zum Baue eines Gotteshauses beiznsteuern, welches das erste und herrlichste der Christenheit werden sollte. Die Verkündigung des Ablasses wurde nach damaliger Sitte eigenen Ablaßpredigern 267 anvertraut, und für Deutschland dafür der Dominikaner Tetzel bestimmt, der als ausgezeichneter Prediger schon lange berühmt war. Dieser Mann wird beschuldigt, daß er durch seine maßlose Anprei¬ sung des Ablasses Luther's Auftreten hervorgerufen habe. Gründ¬ liche Forschungen haben aber nachgewiesen, daß diese Beschuldigung ungerecht, oder doch grell übertrieben ist. Bei der Gemüthsver- fassung Luther's bedurfte es keiner Mißbräuche mit dem Ablaß, um sein inneres Feuer znm Ausbruche zu bringen. Auch war ihm Tetzel, — der zugleich Großinquisitor war — aus einem anderen Grunde verhaßt. Luther hatte nämlich schon früher irrige Lehren über den freien Willen und die guten Werke behauptet, wogegen Tetzel in seinen Predigten die Gläubigen warnte. Luther griff dar¬ um die Gelegenheit auf, um mit Tetzel und den Dominikanern an¬ zubinden. Er hielt eine heftige Predigt wider den angeblichen Ab¬ laßhandel Tetzel's, und durch den erhaltenen Beifall aufgemuntert, verfaßte er fünfundneunzig Sätze über den Ablaß, und ließ sie am Vorabende des Allerheiligenfestes 1517 an der Schloßkirche zu Wit¬ tenberg öffentlich anschlagen. Diese Thesen sind so diplomatisch abgefaßt, daß darin eben so viel für als gegen den Ablaß gesagt, und das letztere in zweideutige Worte gehüllt wird, z. B. die 71. Th.: „Wer wider die Wahrheit des päpstlichen Ablasses redet, der seh im Fluch und vermaledeit," und 72. „gesegnet aber wer gegen den Muthwillen der Ablaßprediger zu Felde zieht." Dann 49: „Des Papstes Ablaß ist gut, so fern man sein Vertrauen nicht darauf setzt." — Auch verstoßen einige Sätze etwas gegen die ka¬ tholische Lehre von der Rechtfertigung. Wenn man aber das spä¬ tere Geständniß Luther's: „So war mich mein Herr Jesus erlöst hat, wußte ich nicht was eigentlich der Ablaß seh," diesen Sätzen gegenüberstellt, so ist es nicht schwer zu erkennen, welcher Geist be¬ reits damals den Reformator beherrschte. / 211. Luther's Gegner. Zwei Umstände trugen nach der Bekanntmachung der fünfund¬ neunzig Sätze viel dazu bei, daß Luther schnell eine unverdiente Wichtigkeit erlangte. Die Theses fanden vielen Beifall auch bei hochgestellten Männern, weil sie zeitgemäß schienen, und so sehr der allgemeinen Mißstimmung entsprachen. Den ohnehin sehr selbstge- 268 fälligen Luther riß der Beifall zu unbesonnenem Uebermuthe hin, und trieb ihn bald zu anderweitigen Behauptungen gegen die Kir¬ chenlehre. Dann fand seine Anmaßung auch eine behagliche Nah¬ rung in dem Streite mit feinen ersten Gegnern. Diese nämlich haben durch die ungeschickte Art, mit der sie auch die einzelnen richtigen Behauptungen Lnther's zu widerlegen suchten, nicht nur dessen Sieg erleichtert, sondern auch hiedurch sich und die gute Sache dem Spotte preisgegeben. Diese ersten Gegner waren Tetzel selbst, dann die beiden Dominikaner Shlvester Prierias und Hoogstraten. Sie bezeichneten Luthern ohne weiters als Ketzer, und griffen in ihrem Eifer zugleich die sogenannten Humanisten (die das Studium der Classiker betrieben) an, und schrieben ihnen alle Schuld zu. Das machte, daß viele gelehrte Männer, die sich zu den Humani¬ sten zählten, auf Lnther's Seite traten, welcher nun in seinen Ant¬ worten seinem derben Witze freien Lauf ließ. Selbst der treffliche und gelehrte Dr. Eck, Professor zu Ingolstadt, hielt in seinen Schriften gegen Luther nicht den richtigen Tact ein. Indem Luther diese Gegner in deutschen Schriften absertigte, suchte er zugleich auf das Volk einzuwirken, und stellte darin schon den Grundsatz auf, der für seinen späteren Lehrbegriff so wichtig wurde, daß der Glaube allein Vergebung der Sünden gewähre. Luther war so ein berühmter Name geworden, und seine Theses und andere Schriften verbreiteten sich ungemein schnell in den Gauen Deutschlands. 212. Vorkehrungen von Seite Roms. Einige Monate hindurch führte Luther noch die Sprache de- müthiger Unterwerfung unter die kirchlichen Obern, und sandte selbst an Papst Leo X. ein Schreiben, worin er erklärt, daß er im Aus¬ spruche des Papstes die Stimme Christi erkennen wolle, und be¬ reit seh, sein Leben hinzugeben, wenn der Papst es so wolle. — Der Papst forderte nun Luthern auf, innerhalb sechszig Tagen nach Rom zu kommen, und sich dort zn verantworten. Bevor jedoch noch diese Frist verstrich, gestattete der Papst ans Verwendung des Churfürsten von Sachsen, der es mit Luther hielt, daß die Sache in Deutschland durch den päpstlichen Gesandten, Cardinal Caje- tanus abgethan werden sollte. Auf dem Reichstage zu Augsburg 26» 1518 suchte dieser Luthern zum Widerrufe zu bewegen. Nach eini¬ gem Schwanken entwich Luther heimlich, und ließ eine Schrift zurück, worin er an den Papst appellirte. Dieser erließ eine Bulle, die gegen Luther's Lehre vom Ablaß gerichtet war; — nun appellirte dieser an ein allgemeines Concilium. Da der damals mächtigste Fürst in Deutschland, Friedrich von Sachsen, Luthern offen seinen Schutz angedeihen ließ, so wurde es immer schwieriger gegen Luthern nach den Kirchen- und Reichs¬ gesetzen vorzugehen, und der Papst beorderte den geschmeidigen Kam¬ merherrn Miltiz, um auf gütlichem Wege die Sache mit dem Chur¬ fürsten und Luthern beizulegen. Die Sendung hatte einen schein¬ bar guten Erfolg: Luther versprach zu schweigen, wenn auch alle seine Gegner schweigen würden, ja er richtete sogar ein Schreiben an den Papst, worin er versicherte, er habe nie die Autorität des römischen Stuhles antasten wollen, und versprach das Volk schriftlich und mündlich zur Ehrfurcht gegen die Kirche aufzu¬ fordern. Das war jedoch keineswegs ernstlich gemeint; denn wenige Tage darauf schrieb er an seinen Freund Spalatin: „Ich weiß nicht, ob der Papst der Antichrist in Person ist, oder sein Apostel." Zu dieser Zeit, — März 1519, hatte Luther, wie ans seinen späteren Schriften erhellet, einen schweren Kampf mit sich selbst zu bestehen, der sich jedoch bald zu seinem und Deutschlands Verderben entschied. Er sagt nämlich: Er habe damals gleichsam verwirrt im Geiste und beinahe sinnlos, „den Geist", erwartet, daß er kaum gewußt, ob er wache oder schlafe. Sein Gewissen habe ihm vor¬ gehalten, daß er die Kirche hören müsse, und nur mit großem Kampfe habe er endlich diesen Gedanken überwunden, — „durch die Gnade Christi," setzte er frevelnd hinzu. Aeußere Anlässe, wie wir gleich sehen werden, beschleunigten diese traurige Wendung und führten ihn immer weiter in die Irre. 213. Die Leipziger Disputation. Luther hatte bald einen Vorwand gefunden das Angclobniß, schweigen zu wolle», zu brecheu. Der oben genannte Ur. Eck und Andreas Bodenstein, genannt Carlstadt, Luther's Freuud und Collega zu Wittenberg, kündigten eine öffentliche Disputation an, die zu Leipzig im Juli 1519 gehalten wurde. Unter den von Eck 27« ausgestellten Sätzen waren einige gegen Luther gerichtet, und dieser erschien darum auch in Leipzig. Zwischen Eck und Carlstadt be¬ wegte sich der Streit meist um die Lehre vom freien Willen, welchen Carlstadt im Sinne Luther's fast gänzlich läugnete. Luther aber suchte gegen Eck den Primat des Papstes und die Nothw en¬ dig leit der guten Werke zu bestreiten. Hier zeigte es sich schon klar, daß Luther für die Wahrheit nimmer zugänglich war. Er hatte sich früher auf den Ausspruch des Papstes berufen. Da dieser gegen ihn ausfiel, appellirte er an ein Concilium. Als Eck Conciliar-Beschlüsse gegen Luther's Behauptungen anführte, verwarf er auch diese Autorität und wollte aus der h. Schrift überwiesen sehn. Eck zeigte in der Disputation über Luther's „alleinseelig- machenden Glauben," diesem die klare Stelle im Briefe Jacobi „der Glaube ohne die Werke ist todt," — und Luther verwarf ohne Bedenken die Epistel des h. Jacobus als eine unbedeutende „stro¬ herne" Epistel, weil sie mit seiner Ansicht nicht übereinstimmte. Eine solche Gemüthsverfassnng machte jede Ueberweisung unmög¬ lich, und an die Stelle der vernünftigen Ueberzeugung tritt die Will¬ kür und der Widerspruchsgeist. Dieser trieb auch Luthern von jetzt an von einer gewagten Lehre zur andern und zum gänzlichen Ab¬ falle von der Kirche. Die Disputation hatte übrigens den gewöhnlichen Erfolg von derlei Wortkämpfen; jede Partei schrieb sich den Sieg zn. Der Herzog Georg von Sachsen und viele gelehrte Männer, die der Dis¬ putation beigewohut hatten, spendeten lauten Beifall dem Eck. Aucb die Universitäten von Erfurt und Paris erkläten später diesen für den Sieger. Luther wußte jedoch durch feine Schriften die öffent¬ liche Meinung zu seinen Gunsten zu bestechen. 214, Luther's förmlicher Abfall bau der Kirche. Eck war nach der Disputation nach Rom gegangen, um den Papst von dem wahren Zustande in Deutschland Bericht zu er¬ statten. Luther mochte nun wohl das Gefährliche seiner Lage er¬ kennen, daher bewarb er sich angelegentlich um die Gunst und den Schutz der Mächtigen und Großen. Der entsetzlich sittenlose Ulrich von Hutten und der räuberische Franz von Sickingcn hatten sich bereits für Luther erklärt. Er wagte sich nun auch an den Kaiser Carl V., welcher nach Maxi- 271 inilian 1. im Jahre 1519 gewählt wurde. Luther gab 1520 ein Buch heraus, mit dem Titel: „An kaiserliche Majestät und den christlichen Adel deutscher Nation, von des christlichen Standes Besse¬ rung." Darin führt er gegen die Kirche und ihre Anstalten eine ungemein verwegene Sprache, die aber klug darauf berechnet war, jedem Stande der menschlichen Gesellschaft irgend eine Lockspeise hinzuwerfen, um alle zu gewinnen. Den Kaiser selbst lockte er mit der Mahnung/ den ganzen Kirchenstaat einzuziehen; dem Adel nnd den Städten soll das deutsche Kirchengnt znfallen; der großen Zahl schlechter Priester nnd unzufriedener Mönche machte er Hoffnung auf Abschaffung des Cölibates und der Klostergelübde; das Bolk endlich soll befreit werden von allen Kirchengeboten und braucht anck nicht mehr zu fasten, zu beichten rc. Der zuversichtliche Ton, wo¬ mit Luther dieß Alles zu erweisen schien., gab den Schlechten Muth und betrog die weniger Unterrichteten; — und so ist nicht zu wundern, daß die Sache ungeheure Fortschritte machte. Es war diese Schrift so eigentlich ein aufregender Aufruf des Volkes zur Selbsthilfe, und so war die revolutionäre Entwicklung der Reformation entschieden. In einer folgenden Schrift von der „babylonischen Gefangenschaft" verwirft Luther ohne weiteres vier heilige Sacramente. Mittlerweile kam 1520 die päpstliche Bulle, worin 41 Sätze Luther's als ketzerisch verworfen wurden, und ihm die Excommnni cation angedroht ward, wenn er binnen sechzig Tagen nicht wider¬ rufe. Jetzt durchbrach Luther's Leidenschaftlichkeit alle Schranken. Seine Schrift: „Wider die Bulle des Antichrist" überbot an Frech¬ heit Alles, was man bisher in der Christenheit gehört; und am 10. December 1520 warf er, umgeben von ausgelassenen Studen¬ ten, vor dem Thore zu Wittenberg die päpstliche Bulle sammt dem canonischen Rechtsbuche in's Feuer, unter den hochmüthigen Worten: „Weil du den Heiligen des Herrn - (Luthern) betrübet hast, so be¬ trübe und verzehre dich das ewige Feuer." Der Reformator wird offener Rebell. — 215. Der Reichstag zu Worms. Bei der immer großer werdenden Verwirrung schrieb Kaiser Carl V. seinen ersten Reichstag nach Worms 1521 aus. Nach den Reichsgesetzen hätte Luther, da er nun förmlich excommunicirt war. 272 von der weltlichen Macht bestraft oder wenigstens unschädlich ge¬ macht werden sollen. Allein auf Verwendung vieler Fürsten und besonders Friedrichs von Sachsen, wurde ihm erlaubt auf dem Reichstage zu erscheinen und sich zu verantworten; der Kaiser sagte ihm sicheres Geleite zu. Im Bewußtseyn persönlicher Sicherheit und auf die bereits erlangte Popularität hochmüthig pochend, zog er wie im Triumphe nach Worms, und betrug sich dort mit solch' kecker Zuversicht, daß es bei dem Volke noch mehr den Anschein gewinnen mußte, er verfechte eine gerechte Sache. Nach langem Hin- und Herreden erklärte er in der Versammlung, daß er nicht wiederrufen könne, es seh denn, daß er mit klaren Worten der Schrift wider¬ legt werde. Dagegen bemerkte ihm der Official don Trier, daß dieß eine unsinnige Forderung seh, da Luther die h. Schrift nur nach eigener beliebiger Weise auslegt, und Stellen und Bücher, wenn sie gegen ihn lauten, sogleich als unecht oder unbedeutend ver¬ wirft. Da er bei der Weigerung des Widerrufes verharrte, wurde vom Kaiser und Reiche das Edict gegeben: „daß er sich entferne unter dem versprochenen Geleite (noch zwanzig Tage dauernd), mit der Bedingung, daß er auf der Rückreise nicht predige und keine Unruhen veranlasse." Nach seiner Abreise wurde die Reichsacht über Luther verhängt, und Jedem untersagt, ihm heimlich oder öffentlich Beistand oder Vorschub zu leisten. Churfürst Friedrich hatte aber schon dafür gesorgt, daß sein Schützling gesichert werde; er ließ Luthern, nach vorheriger Verabredung, auf seiner Rückreise von Worms aufheben und in Geheim aus die Wartburg bei Eisenach bringen. Auch andere Umstände traten jetzt ein, die das Wormser Edict ganz wirkungslos machten. Der Kaiser verließ Deutschland gleich nach dem Reichstage, kam acht Jahre nicht mehr dahin zurück, und konnte, in einen schweren Krieg mit Frankreich verwickelt, den Ver¬ wirrungen in Deutschland wenig Aufmerksamkeit schenken. Dazu kamen im Osten die gefährlichen Anfälle von Seiten der Türken. So war die öffentliche Aufmerksamkeit nach Außen gelenkt, indessen konnte die Kirchenspaltung in Deutschland unaufhaltsame Fortschritte machen und sich vollkommen befestigen. 273 216. Luther auf der Wartburg; — Stürme i» Wittenberg. Die Verborgenheit und Stille auf der Wartburg sagte dem unruhigen Geiste Luther's wenig zu. Seine düstre Phantasie führte ihm die wildesten Bilder vor, und er weiß viel zu erzählen, wie der Teufel ihm häufig erschienen, — ihn geplagt, und sogar — na¬ mentlich über die Verwerflichkeit des Meßopfers — gründlich belehrt habe. Die Briefe und Schriften aus dieser Zeit athmen einen be¬ sonders heftigen Widerspruchsgeist. Auch fing er hier an die heilige Schrift in's Deutsche zu übersetzen, und rühmt sich, er habe dieselbe „unter der Bank hervorgezogen" und zuerst übersetzt; da ihm doch die bereits vorhandenen deutschen Ausgaben nicht unbekannt sehn konnten. Nur so viel ist richtig, daß die Bibel durch Luther zum Volksküche wurde, aus welchem Jedermann nach Belieben sich sei¬ nen eigenen Glauben formte. Auch war die Uebersetznng nach Luther's System gemodelt. Inzwischen gingen zu Wittenberg Dinge vor, daß Luther zu fürchten begann, es werde die von ihm hervorgerufene Bewegung ihm selber über den Kopf wachsen und ihn bei Seite schieben. -Carl- stadt, Lnther's Freund und erster Anhänger, fing an, die neuen Lehren mit stürmischer Eile überall in die Praxis einzuführen. Er drang mit den Gleichgesinnten in die Kirchen, zerstörte die Altäre, warf die Heiligenbilder hinaus, und in den so gereinigten Kirchen wurde eine neue Art Gottesdienstes gehalten. Noch weiter gingen die Kirchenverbesferer in dem benachbarten Zwickau. Sie rühmten sich neuer Offenbarungen, — weissagten, und bewiesen nebenbei aus der Schrift, daß die Kindertaufe uugiltig seh, und Jeder nochmals getauft werden müsse (Wiedertäufer). Das Loos aller Secten: Spal¬ tungen und Widersprüche unter sich, hatte sich hier schnell erfüllt. Da kam Lnther unverhofft von der Wartburg und stellte, vom Chnrfürsten unterstützt, für diesmal die Ruhe wieder her. Man hat ihn darüber belobt, allein es war wohl meist gekränkter Ehrgeiz, der ihn trieb, keinen Reformator über sich aufkommen zu lassen. Beweis dessen ist seine erste Rede zu Wittenberg, wo es heißt: „Ihr sollt wissen, daß ich allein es bin, den ihr zu hören habt", — und sein Haß, womit er von jetzt an seinen alten Freund und einstmaligen Lehrer Carlstadt verfolgte. Dieser mußte Wittenberg verlassen, und es wurde ihm das Predigen und sogar der Druck seiner Schriften verboten. 18 -- - 274 - 217. Die Reichstage z» Nürnberg 1522 und 1524. Man hat behauptet, daß, wenn man den Lutheranern in bil¬ ligen Dingen nachgegeben und zur Abschaffung der Mißbräuche sich bereit gezeigt hätte, alles noch ausgeglichen worden wäre. Daß diese Ansicht irrig ist, zeigte der Reichstag zu Nürnberg 1522. Kaiser Carl V. hatte ihn wegen großer Bedrängniß von Seite der Türken berufen. Papst Hadrian VI., Nachfolger Leo X., ein Deutscher, voll religiösen Sinnes und redlichen Willens der Menschheit zu hel¬ fen, ließ durch seinen Gesandten auf dem Reichstage erklären, daß er die selbst am päpstlichen Hofe obwaltenden Mißstände Wohl kenne und bereit seh sowohl da, als sonst überall ihnen abzuhelfen; be¬ gehrte aber dabei, daß die Deutschen indessen kräftige Maßregeln gegen Luther ergreifen sollen, sonst werde die jetzige kirchliche Empörung bald in eine politische umschlagen. Was er¬ wirkte er aber? Man trinmphirte, als ob endlich der Papst selbst das Verderbniß der Kirche eingestehe, und setzte hundert Beschwer¬ den gegen den päpstlichen Stuhl auf. Von Maßregeln gegen die gewaltsamen Neuerungen wollte man nichts wissen. Die Betrübniß über solche Verblendung und das Mißlingen fast aller seiner so red¬ lichen Absichten raubte dem Papste bald das Leben (1523). Anch sein Nachfolger Clemens VII. (1523—1534) konnte auf dem nächsten Reichstage zu Nürnberg 1524 nicht erwirken, daß das Wormser Edict in Erfüllung gesetzt werde. Mit Recht bemerkte der Papst: daß die Reichsstände mit dem kaiserlichen Ansehen nur Spott zu treiben scheinen. Die redlich gesinnten deutschen Fürsten mußten nun wohl auf entschiedene Maßregeln denken, und es kam zu Re¬ gensburg ein Bündniß zum Schutze des katholischen Kirchenthums zu Staude, welchem Oesterreich, Bayern und zwölf süddeutsche Bi¬ schöfe beitraten. Dagegen verbanden sich zu Torgau 1526 zur Auf¬ rechthaltung des Lntherthums der neue Churfürst von Sachsen Jo¬ hann und Philipp von Hessen mit anderen Fürsten und Städten, So war der Grund zur Spaltung des katholischen und lutherischen Deutschlands gelegt. 218. Einführung der neuen Kirchenordnnng. Luther hatte nicht nur die bischöfliche Gewalt, sondern das ganze katholische Priesterthum verworfen und Anfangs gelehrt, daß 273 die Kirchenverfassung demokratisch seh, und die Gemeinde ihre Pre¬ diger ein- und abzusetzen habe. Doch die Fürsten wollten sich das nicht gefallen lassen, und Luther ließ es zu, daß diese sich die ganze Kirchengewalt aneigneten, und der Grundsatz zur Geltung kam: eusu8 iDKw, iliius et religio. So lange jedoch Luther lebte, betrach¬ tete er sich als das Kirchenoberhaupt und als Quelle aller Kirchen¬ gewalt, und weihte die neuen Prediger. Zuerst wurde in Sachsen 1525 die neue Ordnung der Dinge eingeführt. Eine Kirchenvisitation durchzog das Land, setzte die der katholischen Kirche treu gebliebenen Priester ab, und die abgefalle¬ nen, ja selbst gemeine Handwerker an ihre Stelle. Das Kirchengut wurde eingezogen und die Prediger als Staatsdiener besoldet. Diese aber, so wie die neuen Gemeinden mußten sich genau nach der in Wittenberg fabricirten Kirchenordnung bequemen und nur das pre¬ digen und glauben, was Luther in seinem großen und kleinen Kate¬ chismus zu glauben vorgestellt hat; von der „christlichen Freiheit", die Luther nur für sich in Anspruch nahm, durfte Niemand einen Gebrauch machen. Die nämliche gewaltsame Umstaltung wurde bald darauf im Gebiete des Landgrafen Philipp von Hessen dnrchgeführt. Zunächst darauf wurde Preußen dem Lutherthume zugeführt durch den dreifachen Verrath des dort im Namen seines Ordens regierenden Hoch- und Deutschmeisters Albrecht von Branden¬ burg. Auf Luthers Zureden brach er sein Ordensgelübde und hei¬ ratete, nahm das dem Orden gehörige Land, von lutherischen Für¬ sten unterstützt, für sich, und machte sich vom deutschen Reiche los. So entstand das protestantische Preußen. 219. Der Bauernkrieg. Das Wort des Papstes Hadrian VI., daß es von der kirch¬ lichen Empörung zur weltlichen kommen werde, ging nur zu bald in Erfüllung. Im Jahre 1525 begann in Schwaben eine furcht¬ bare Bewegung unter den Bauern, und verbreitete sich schnell über die Rheingegenden, —- über Franken bis nach Thüringen und Sach¬ sen hin. Städte wurden verheert, Burgen und Schlösser zerstört, Klöster niedergebrannt, ganz Deutschland war am Rande des Ver¬ derbens. Es war eine Frucht der Lehren und Thaten Luthers. Er 18* 27« hatte unabläßig von der „christlichen Freiheit" gesprochen, und ob¬ wohl er meistens die geistige meinte, so konnte er doch nicht über¬ sehen, daß das Volk es anders verstehen werde, nm so mehr, da er es auch aufforderte, das Joch der Tyrannen „die das Evange- linm verfolgen" abzuschütteln. Durch sein Betragen hatte er das Volk gewöhnt alles Ehrwürdige und Hohe gering zu achten und zu verspotten. Die Bauern beriefen sich auch in ihren zwölf Artikeln auf die h. Schrift und auf vr. Luther. Zwar erließ Luther gleich Anfangs eine Ermahnung zum Frie¬ den; aber er mußte hierdurch die Sache nur ärger machen, da er hierin die Bischöfe und katholischen Fürsten mit grellen Uebertrei- bungen anklagt und erklärt, sie hätten das Alles Wohl verdient; — die nachstehende Aufforderung an die Bauern, sich geduldig zu fügen, konnte demnach wenig wirken, und das Wüthen dauerte fort. Als Luthers Gegner auf diese Gräuel als sein Werk hinwiesen, schrieb er „wider die räuberischen und mörderischen Bauern" und befahl „sie todtzuschlagen, wie tolle Hunde". Es ist auch so ge¬ schehen : auf das Grausamste wurden die gewiß zum größeren Theile von Luther Irregeleiteten und mm Besiegten hingemordet. Eras¬ mus konnte jetzt mit Recht zu Luther sagen: „Wir ernten jetzt die Frucht deines Geistes"; und eine Folge von Luthers Betragen in dieser Sache war, daß er anshörte ein Mann des Volkes zu seyn; — er ward nun ein Mann der Fürsten. Ungemein auffallend war es auch, daß Luther mitten unter diesen Iammerscenen sich verheiratete mit einer dem Kloster ent¬ führten Nonne, Catharina von Bora. r /?. —-— 220. Zwiespalt unter den Glaubensneuerern. Luther hatte behauptet: „Es ist auf Erden kein klarer Buch geschrieben, denn die h. Schrift", aber schon der sogenannte Sacra- mentsstreit hätte ihn eines Bessern belehren können. Er hat, wie er selbst sagt „den Papisten zum Trotz" die katholische Lehre von der Wesensverwandlung (Traussubstantiation) verworfen, behielt aber doch die Gegenwart Christi in dem h. Abendmahle bei, behauptend, daß mit und in dem Brote Christus wirklich genossen werde. Carlstadt dagegen fand in den Worten der Schrift: „das ist mein Leib" nichts weiter, als eine bloße Erinnerung an den Tod Christi. 277 Luther gerieth über diese abweichende Meinung seines einstigen Freun¬ des in die heftigste Aufregung, und kam dabei in der Hitze des Streites zu der wunderlichen Behauptung, daß Christus auch leib¬ lich allgegenwärtig seh. Als später Zwingli sich auch für Carlstadt aussprach, jedoch die Worte: „das ist mein Leib" durch „das be¬ deutet meinen Leib" übersetzte und erklärte, das Brot sei nichts weiter als ein Zeichen des Leibes Christi; — da entspann sich ein Streit der bittersten Art. Luther schalt sie allgesammt Sacra- mentirer und Schwärmer, deren Lehre vom Teufel seh, verfluchte ihre Schriften und verlangte, daß sie von der weltlichen Macht zu Paaren getrieben werden sollen. Beide Parteien riefen: „Die Schrift ist ja deutlich", und doch war jedem von ihnen nur so viel deut¬ lich, daß die Auslegung der Anderen verkehrt und gottlos seh. Wohl ein klarer Beweis, wie nöthig ein von Christus selbst bestellter Aus¬ leger der h. Schrift seh, — und das ist seine h. Kirche. Luther selbst wußte sich in diesem Streite zuletzt nicht anders zu helfen, als daß er schrieb: „das Zeugniß der ganzen h. christ¬ lichen Kirche soll uns allein genug sehn bei diesem Artikel zu bleiben. — Kann Gott nicht lügen, also auch dis Kirche nicht irren." So schrieb hier der Mann, der sonst die Kirche so verhöhnt und ihre Aussprüche, wo sie gegen ihn waren, so verachtet hatte. Au merk. Die Unfehlbarkeit der Kirche hatte Luther mit Hohn ver¬ worfen; aber seine eigene unfehlbare Auctorität wollte er von Allen anerkannt wissen, und Jedermann, der es wagte, eine von der sei- nigen abweichende Ansicht zu vertheidigen, wurde von ihm auf bei¬ spiellos pöbelhafte Art behandelt. So erging es dem gelehrten und allgemein verehrten Erasmus, der zwar Anfangs dem Luther beistimmte; aber dann, als er sah, daß derselbe die Grenze des Rechten und Wahren zu überschreiten anfing, ihn mit eben so viel Anstand als Gründlichkeit zurechtwies. So wurde auch König Heinrich VIII. von England, der gegen Luther die sieben Sacra- mente in Schutz genommen hatte, von diesem mit den gemeinsten Schmähungen angefallen. 221. Die Reichstage zu Speier 1526 und 1529. „Protestanten." Der durch die Reformation angeregte Freiheitsschwindel war bei den Bauern blutig unterdrückt worden, desto mehr aber wurden 278 jetzt die höheren Elasten, die Fürsten und städtischen Obrigkeiten davon ergriffen, und so gelangte die Reformation bald zu einer hohen politischen Wichtigkeit. Besonders war der Landgraf Philipp von Hessen auf das Eifrigste bemüht, Bündnisse zu Gunsten des Lutherthum's zu Stande zu bringen. Daher konnten auf dem Reichstage zu Speier 1526 die lutherischen Fürsten, durch den Um¬ stand begünstigt, daß der Kaiser noch fortwährend in Kriege ver¬ wickelt war, unter der Maske ihres Religionseifers, ihrer Neigung zu politischer Unabhängigkeit freien Spielraum lassen; — sie setzten den Reichsbeschlnß durch: „daß in Betreff des Wormser-Edictes jeder Stand es so halten solle, wie er es gegen Gott und den Kaiser verantworten könnte." Noch weiter gingen sie auf dem anderen Reichstage zu Speier 1529. Hier wurde durch Stimmenmehrheit der gewiß billige Be¬ schluß gefaßt: „Daß diejenigen Stände, die bisher das Edict von Worms gehalten hätten, es auch ferner halten sollten, die anderen aber bei den Neuerungen, die sich nicht ohne Gefahr des Aufruhrs abstellen ließen, bis zu einem allgemeinen Eoucil ungehindert blei¬ ben möchten; doch solle nicht gegen das Altarssacrament öffentlich geprediget, die Messe nicht weiter abgeschafft werden, und wo das Letztere geschehen, doch Niemanden verwehrt sehn, Messe zu halten oder zu hören." Die Katholiken ließen sich also schon so weit herab, daß sie nur noch die Duldung ihrer heiligsten Angelegenheit ver¬ langten, — allein die lutherischen Fürsten protestirten feierlich gegen ein solches Zugeständniß, und wurden nun Protestanten genannt, welcher Name ihnen auch blieb und bleiben wird, als der passendste für eine Parthei, deren Glaube sich durch Protestiren und Verneinen gebildet, und in seiner negativen Natur folgerichtig bis zum gänzlichen Unglauben sich ausgebildet hat. 222. Der Reichstag zu Augsburg 1530. Schmalkaldischer Bund. Im Jahre 1529 konnte endlich der Kaiser mit Frankreich einen ehrenvollen Frieden schließen. Auch mit dem Papste, — der es mit Frankreich gehalten hatte, aber dafür schwer büssen mußte, indem Rom von deutschen Truppen geplündert wurde, hatte er sich aus¬ gesöhnt. Zudem waren auch die bis vor Wien's Maueru vorgcdrnn- genen Türken im nämlichen Jahre znrückgeworfen worden. Jetzt 27» konnte der Kaiser endlich nach acht Jahren wieder nach Deutschland kommen, und den Religionswirren seine ungetheilte Aufmerksamkeit znwenden. Doch es war zu spat, — das Uebel war unheilbar geworden. ' Der Kaiser erschien selbst am Reichstage ;u Augsburg 1530, und immer noch voll Hoffnung einer friedlichen Lösung ver¬ langte er, daß die protestirenden Fürsten sich schriftlich über ihre neuen Glaubensansichten aussprechen. Diese, denen es um ganz andere Dinge, als um den Glauben zu thun war, überließen dies Geschäft ihren Theologen, und so verfaßte Melanchthon, der gelehr¬ teste unter Luther's Anhängern, eine Bekenntnißschrift der Prote¬ stanten, welche vor dem Kaiser und den Fürsten abgelesen wurde. Diese Schrift, — das Augsburger Bekenntniß (oonlessio »u<;u8- tsnr») erhielt später das Ansehen eines symbolischen Buches, und die Lutheraner nennen sich daher auch Anhänger der Augsburger Coufession. Sie ist bei weitem nicht so abweichend von der katho¬ lischen Lehre, als die späteren Schriften dieser Parthei, und in vielen Stücken ist die katholische Lehre arg verleumdet und hand¬ greiflich verdreht, um nur die einmal geschehene Trennung zu be¬ schönigen und widersprechen zu können. Nach Vorlesung dieser Schrift ließ der Kaiser von den gegenwärtigen katholischen Theologen eine Widerlegung verfassen, welche gleichfalls vorgelesen wurde, worauf aber Melanchthon eine Vertheidigung (Apologie) seines Bekenntnis¬ ses zusammenstellte, die jedoch der Kaiser nicht aunahm, und erklärte, die Protestanten sehen hinreichend widerlegt, und sie sollen, aller Zwietracht entsagend, zur katholischen Kirche zurückkehrenz „ansonsten müßte er handeln, wie er als Schirmvogt der Kirche im Gewissen verpflichtet seh." Aber die Protestanten protestirten dagegen, und obschon noch einige Versuche zur Verständigung gemacht wurden, so scheiterte doch alles aus dem Grunde, den Melanchthon in einem Briefe an Lnther angibt: „Es streiten die Unsrigen nur für ihre Herrschaft, nicht für's Evangelium." Der Kaiser konnte jedoch seinen gerechten Entschluß auch dieß- mal nicht durchführen, denn er bedurfte in der neuerdings drohenden Türkengefahr der Hilfe des Reiches, somit auch der protestantischen Fürsten. Diese aber erklärten, nach Luthers Anleitung, den Türken weniger zu fürchten als den Papst, und wollten keine Hilfe leisten, wenn ihnen nicht ihre kirchliche Unabhängigkeit (als Deckmantel der politischen) zugestandcn würde. Auch schlossen sie unter sich ein Bünd- 28» niß zur bewaffneten Vertheidigung ihrer Sache — den sch mal¬ ta ldi sch en Bund. Der Kaiser sah sich genöthigt nachzugeben, und im Nürnberger Beschluß (1532) zu gestatten, daß bis zu einem Coucil vder neuen Reichstag, die Protestanten, bei ihren Mei¬ nungen in Frieden belassen werden sollen./ / Anmerk. Die schmalkaldischen Verbündeten bewarben sich zur Ver¬ fechtung ihrer Sache angelegentlich auch um den Schutz auswärtiger Mächte, besonders Frankreichs und Englands, und gaben so einen auffallenden Beweis ihrer politischen Gesinnung; was sich auch später überall wiederholte, indem die Protestanten gerade mit den Erbfeinden ihrer Nationen Bündnisse schloffen. So machten die französischen Neuerer mit den Engländern, die ungarischen sogar mit den Türken gemeinsame Sache. /'-" - 2^.-- -. - 223. Zwingli, der Reformator in der Schweiz/' Die um diese Zeit von der katholischen Kirche Abgesallenen theilten sich bald, nebst einer Unzahl von kleinen Glaubenssectcn, in zwei größere Zweige: die Lutheraner und Calviner. Diese Letz¬ teren haben ihren Namen von Calvin, welcher in der Schweiz die von Zwingli begonnene Reformation, freilich in sehr abweichender Weise, zur Ausbildung brachte. Ulrich Zwingli war der Sohn eines Landmannes zu Wild¬ hausen, geboren 1484. Er besaß viel Talent und eine große Red¬ nergabe, aber er war bloß Verstandesmann ohne Tiefe des Ge- müthes.' Seine erste Anstellung erhielt er in Glarus, wo ihm zur weiteren wissenschaftlichen Ausbildung, vom päpstlichen Nuntius jähr¬ lich 50 fl. zugesichert wurden, welche Wohlthat er noch längere Zeit genoß; aber zum Danke dafür bald gegen die Kirche anftrat. Er wurde dann Pfarrer zu Einsiedeln, wo er bereits heftig gegen die Mißbräuche beim Wallfahrten und bei der Heiligenverehrung zu predigen begann, aber wegen seines ausschweifenden Lebens diesen Ort verlassen mußte. Von da kam er nach Zürch, und hielt am Neujahrstage 1519 seine erste Reoe, worin er gegen Kirche und Papstthum, und gegen die schlechten Sitten loszog, ohne Kirche und Papstthum selbst richtig anfznfassen, und zu bedenken, wie er durch seine eigenen schlechten Sitten ein böses Beispiel gab. Der Rath 281 von Zürch, der in Zwingli ein Werkzeug erkannte, sich von der kirch¬ lichen Autorität loszusagen, und nebstbei die Einkünfte durch Kirchen¬ gut vermehren zu können, unterstützte ihn eifrig. Somit legte Zwingli gleich Hand an, es wurden die Kirchen geplündert, alles, was an den katholischen Gottesdienst erinnerte, selbst die Orgeln hinausge- worsen. Zugleich wurde verboten, daß Niemand etwas anderes pre¬ dige, als was sich aus der heil. Schrift erweisen lasse. Zum Un¬ glücke erschien auch hier ein Ablaßprediger, gegen den er in Luther's Geiste auftrat, der aber auch ans Anordnung des Bischofs nicht zu¬ gelassen wurde. Hierdurch in seinem Treiben ermuthigt, trat Zwingli mit dem Bittgesuche an den Bischof ans, daß er ihm und allen Priestern, die es begehren würden, die Ehe gestatte. Er wurde na¬ türlich abgewiesen, und trat nun entschieden als Gegner der Kirche in vielen wesentlichen Glaubenslehren auf. Auch hier wurde der Kunstgriff angewendet, daß durch öffentliche Disputationen die Wahr¬ heit zu Tage gefördert werden sollte. Sie mußten zu Gunsten der Reformatoren ausfallen, da sie unbedingt die h. Schrift als allei¬ nige Glanbeusquelle gelten ließen, somit sich von vornhinein auf falschen Standpunct stellten, nnd sich davon nicht abbriugen ließen. Indeß fanden die Zwinglianer in der h. Schrift wieder ganz andere Glaubenslehren, als die Lutheraner. Zwingli läugnete die Erbsünde, f verwarf die Sacramente, ließ das Abendmahl nur als Bild des/---— Leibes und Blutes Christi gelten, daher H^bisherWi Gottesdienst eine Art theologischer Vorlesung und Erklärung der h. Schrift, mit dem Genüße eines gemeinen Brotes nnd Weines ersetzen mußte. Ueberhaupt bestand die Reformation Zwingli's fast einzig nur im Zerstörer! der bisherigen kirchlichen Einrichtung. Auch darin un¬ terschied er sich von Luther, daß er das Kirchenregiment dem Volke zusprach; und nur im Hasse gegen die katholische Kirche, Verwer¬ fung ihres Ansehens, und in der Aufstellung der h. Schrift als alleinige Glaubeusnorm, war er mit Luther und allen Irrlehrern einig. Die Neuerungen wurden bald in den meisten Cantonen zwangs¬ weise durchgesührt; aber die drei Waldstädte Schwyz, Uri, Unter¬ walden, die einst die schweizerische Freiheit erkämpft hatten, dann Luzern, Zug und Freyburg verharrten standhaft bei dem altväter¬ lichen Glauben. Und diese waren gerade die in ihren Sitten ein¬ fachsten nnd unverdorbensten Cantone! Doch sie sollten gezwungen werden die Neuerungen anzunehmen, nnd die Zürcher sperrten ihnen 282 zu diesem Zwecke alle Zufuhr ab. Die Katholiken waren genöthigt mit den Waffen in der Hand ihre gerechte Sache zu vertheidigen: — es kam 1531 bei Kappel zur Schlacht, wo die Zürcher geschla¬ gen und Zwingli, der nut in die Schlacht gezogen war, getödtet wurde. Anmerk. Wie dem Luther Melanchthon, so stand dem Zwingli Oekolompadins (Hausschein), als getreuer Gehilfe zur Seite, welcher mit seinem Anhänge zu Basel die Reformation mittelst Aufruhrs durchsetzte. 224. Calvin. Die durch Zwingli reformirte Schweiz erhielt iu Calvin einen neuen Reformator, der wieder anders als Luther und Zwingli zu glauben befahl. Johann Calvin war 1509 zu Nohon in der Picardie geboren, und genoß als Knabe schon die Unterstützung der katholischen Kirche durch mehrere Beneficien. Nachdem er mit Lu- ther's Schriften bekannt geworden, förderte er zu Paris, Basel, Straßburg uud an mehreren Orten, wohin ihn sein wechselvolles Schicksal trieb, endlich bleibend in Genf, seine neue Lehre durch Wort und Schrift, und zugleich durch Starrsinn, Stolz und Herrsch¬ sucht. „Denn nicht nur unbeugsam und abstoßend war Calvin, son¬ dern selbst fanatisch, düster und grausam und auf empörende Weise unduldsam." (So schreibt Rotteck in seiner allgemeinen Geschichte.) Seine neuen Lehren sind auch ein deutlicher Abdruck des hier be¬ schriebenen Characters, eine — Temperaments-Theologie. Hatte Luther schon dem Menschen allen Freiheitsgebrauch genommen, und ihn zum „Steine und Stocke" gestempelt, so geht Calvin in seiner Prädestinations-Lehre noch viel weiter. Nach ihm hat Gott von Ewigkeit einen Theil seiner Geschöpfe verworfen und zu ewiger Strafe bestimmt, um au ihnen seine Gerechtigkeit zu offenbaren. Damit er Anlaß habe, sie zu hassen und zu strafen, habe er Adam zum Süudenfalle genöthigt, und nöthiget noch weiter Diejenigen zur Sünde, die er bereits von Ewigkeit verworfen hat; — er reizt sie zum Ungehorsam u. s. w. Mit dieser mehr als muhamedanischen Ansicht, und einer strengen äußerlichen Disciplin hat er seinem Anhänge ein Gepräge von Düsterheit gegeben, das sich jetzt noch überall bei dieser Neligionspartei künd gibt. Ueber - 283 - das Abendmahl spricht er sich schwankend aus; im Allgemeinen heißt ,, es: es bsieibeu Brot und Wein, aber es strömt im Augenblicke des Empfanges in die Seele des gläubigen Empfängers eine göttliche Kraft des im Himmel befindlichen Leibes Christi. Genf war der erste Schauplatz der Reformatio» Calvin's. Er führte dort seit 1541 eine wahre Schreckens-Regierung in kirchlichen und bürgerlichen Angelegenheiten ein. Sein düsteres Gemüth sah auch in unschuldigen Vergnügungen, in der Musik, um so mehr im Tanzen, sittliche Vergehen, die vom Consistorium, das er ein¬ setzte, bestraft wurden. Die seiner Lehre nicht unbedingt sich unter¬ warfen, mußten es hart büßen, denn er erklärte unumwunden, daß Ketzer mit dem Tode bestraft werden müssen. Dem zu Folge wurde Servede, weil er über die Dreieinigkeit dem Cal¬ vin nicht beistimmte, verbrannt, Grüet und Gentilis enthauptet, Andere verbannt. Calvin starb 1564, und sein Nachfolger im Re¬ formations-Geschäfte war der Franzose Theodor Beza. Die Calviner nahmen den Ehrennamen „Reformirte" bald allein in Anspruch, und ließen den Lutheranern den Namen: Prote¬ stanten. Zug der neuen Lehren durch Europa. 225. Protestantismus in Schweden, Dänemark und Norwegen. Viel rascher als einst das ursprüngliche Christenthum zogen die neuen Lehren von Land zu Land, und bald war ein großer Theil von Europa mehr oder weniger ihnen verfallen. Aber welch' ein Unter¬ schied zwischen der ersten Verbreitung der christlichen Kirche und die¬ ser angeblichen Verbesserung derselben! Jene hatte den Völkern Liebe, Versöhnung und Frieden — diese Haß und Zwietracht ge¬ bracht. „Die Reformation hat überall, wo sie eiudrang, Bürger¬ krieg hervorgcrufen", schreibt der Protestant vr. Hinrich's. Und in der That findet sich nicht E i n protestantisirtes Land, wo die Neue¬ rungen nicht entweder schon mit gewaltsamen Umstürze durchgesetzt wurden, oder doch Staats-Revolutionen im Gefolge hatten. * Schweden wurde durch Gustav Wasa 1521 vom Joche der Dänen befreit, und dieser dafür zum Könige ausgerufeu, 1523. Er hatte aber bereits Luther's Lehre kennen gelernt, und besonders 28L an dem Satze Gefallen gefunden, daß die Kirche keine irdischen Güter besitzen soll. Denn die Kirche hatte in Schweden sehr große Besitzthümer, und nach diesen verlangte der König)? Darum kamen ihm die Brüder Olaf und Lorenz Peterson, die zu Wittenberg studirt hatten, und die neuen Lehren dem schwedischen Volke pre¬ digten, sehr gelegen. Dem Volke gefiel zwar die neue Lehre keines¬ wegs, und die Beiden kamen ihres ungestümen Reformirens wegen in Lebensgefahr, aber der König schützte sie. Unter seinem Schutze wurde auch eine Disputation zu Upsala 1526 gehalten, wo der König den Sieg den Protestanten zusprach, weil sie ihre Sache aus der Schrift erwiesen hätten. Allmälich rückte Gustav mit seinem Plane heraus, und auf dem Reichstage zu Westeräs, 1527, gab er seine Absicht zur Einziehung der Kirchengüter kund, aber der An¬ trag wurde znrückgewiesen. Da stellte er sich, als wolle er die Re¬ gierung niederlegen. Das half. Es entstand eine allgemeine Gäh- rung, man fürchtete schlimme Folgen; die Neuerer hatten bereits einen namhaften Anhang gewonnen; mau mußte wenigstens einen Theil der Kirchengüter dem Könige überlassen, und die Gewalt ein¬ räumen, die Kirchen-Atzgelegenheiten zu ordnen, und Geistliche ab- und einzusetzen. Nun wurden die katholischen Bischöfe beseitigt, die zwei eifrigsten zum Tode verurtheilt, und die Reformation durch¬ geführt. Zwar erhielt sich der Katholicism'us noch au vielen Orten, aber von seinem Mittelpuucte gewaltsam abgeschnitten, starb er all¬ mälich ab; Der Protestantismus erhielt jedoch in Schweden in so ferne eine neue Form, als hier auch Bischöfe (verheiratete) ausge¬ stellt wurden, wovon Luther nichts wissen wollte. König Gustav erntete übrigens noch bei seinen Lebzeiten den Dank für seine neuen Einrichtungen. Die er am meisten begünstiget hatte, eben die Häup¬ ter der Reformation, schmiedeten eine Verschwörung gegen das Leben des Königs, die jedoch unterdrückt wurde, 1540. Dänemark wurde auf merkwürdige Weise mit dem Lichte der neuen Lehre beglückt.' Christian II. (Christiern) mußte seinen Versuch, das Lutherthum auf blutigem Wege einzuführen, noch mit dem Verluste des Reiches büßen. Seinem Oheime, Friedrich I. von Holstein, wurde die Krone unter der Bedingung augeboten, daß er die katholische Kirche aufrecht erhalte. Er beschwor die Be¬ dingung; — aber seine Regierung war eine Reihe von Uickerdrü- ckungen Alles dessen was katholisch war. Sein Nachfolger, 'Chri- stian IH., wandte ein ganz einfaches Mittel an, die Reformation . zu Ende zu fuhren. Er ließ am 20. August 1536 alle Bischöfe auf einmal gefangen nehmen, und bot ihnen die Freiheit nur unter der Bedingung an, wenn sie ihren Würden entsagen und versprechen, der Reformation nichts in den Weg zu legen^ Man kann übrigens eben keinen hohen Begriff von der Würdigkeit dieser Bischöfe haben, wenn man erfährt, daß nur ein einziger sich fand, der die Bedin¬ gung nicht einging, »nd im Kerker als Märthrer starb) Nun wurde eine neue Kirchenordnung Angeführt; und nach Beschluß des Reichs¬ tages von Copenhagen, 1546, theilten sich König und Adel in die Kirchengüter. Die Katholiken wurden aller Aemter und des Erb¬ rechtes verlustig erklärt, katholischen Geistlichen unter Todesstrafe der Aufenthalt verboten. Das war die Freiheit des Evangeliums! In Norwegen (mit Dänemark verbunden) ging die Neuerung etwas friedlicher vor sich, aber in Island empörte man sich gegen die Zumuthnng, lutherisch zu werden. Als aber einer der Bischöfe enthauptet ward, hörte der Widerstand allmälich auf)) 226. In den Niederlanden. * Hier traf die Reformation mit politischen Unruhen zusam¬ men, die die despotische Regierung Philipps Il.Ivon Spanien) her¬ vorgerufen hatte. Es sammelte sich eine Schaar von Mißvergnügten, an deren Spitze der Unterstatthalter Wilhelm von Oranien stand, der sich entschieden zum Protestantismus hineigte. Die zahl¬ reich aus Frankreich herbeigeeilten Calvinisten durften unter dem Schutze der Regiernngsfeinde selbst in großen Städten Kirchen und Klöster plündern und zerstören. Es kam endlich zu innerm Kampfe, worin der König Philipp siegte, aber die Unklugheit beging, den ranhen und harten Herzog Alba als Generalstatthalter dahin zu senden. Die Empörung brach von Neuem ans, 1568, in deren Folge die nördlichen Landschaften als Republik erklärt, und die Aus¬ übung der katholischen Religion darin untersagt wurde, 1609. Doch erhielt sich bei allem Zwange eine bedeutende Anzahl Katholiken in Holland und die südlichen Provinzen Belgiens blieben ganz katholisch. 28« 227. In Ungarn und Siebenbürgen. Nach Ungarn gelangte das Lutherthum durch junge Männer, welche von der Universität Wittenberg heimkehrten. Aus dem Un¬ glücke, welches das Land 1526 in der Türkeuschlacht bei Mohacs traf, wußte der Protestantismus seine Vortheile zu ziehen. Dort waren auch mehrere Bischöfe gefallen; Edelleute bemächtigten sich der Güter derselben, und bekannten sich nun zu jener Lehre, die die Bischöfe für überflüssig erklärte. Anch König Ludwig hatte in jener Schlacht den Tod gefunden, und der Bürgerkrieg, welchen der von einer Partei zum Könige ansgerufeue Johann von Zapo- lha gegen Ferdinand von Oesterreich anregte, gab dem Protestan¬ tismus weitere Gelegenheit sich zu verstärken. Endlich waren selbst die Einfälle der Türken, die den Protestanten nach Luther's Aus¬ spruch ohnehin lieber waren, als die Papisten, willkommen, denn sie waren instinctmäßig den Protestanten bei weitem nicht so feind, als den Katholiken. Mit der Verbreitung der neuen Lehren hielt aber auch der Zank um dieselben gleichen Schritt. Viele waren von Luther zu Zwingli übergegaugen, endlich aber wurde der Cal- viuiömus unter ihnen vorherrschend. In Siebenbürgen verbreiteten zuerst Kaufleute aus Herr- mannstadt, die in Leipzig gewesen waren, die neue Lehre 1521. Daß die in Siebenbürgen ansäßigen Sachsen die Lehren ihres Lands¬ manns Luther begierig erfaßten, ist erklärlich, wogegen die Magya¬ ren meist dem Calvin zusielen. Zur Verbreitung trugen die näm¬ lichen Verhältnisse bei wie in Ungarn, da beide Länder gleiche politische Schicksale hatten. 228. Protestantismus in Frankreich. In Frankreich fand der Protestantismus durch die früheren Seelen, und die durch die pragmatische Sanction gelockerte Ver¬ bindung mit Rom, einen günstigen Boden. Nur die unerbittliche Strenge, mit der König Franz I. die ersten Versuche niederschlug, hemmte Anfangs die Verbreitung. Als nämlich die Protestanten unter dem Schutze der Königin von Navarra, Schwester Franz li, sich erkühnten, Bilder des Erlösers und der heiligen Jungfrau zu verstümmeln, sogar eine Schmähschrift gegen das allerheiligste Al- tarssacramcnt zn verbreiten, und selbst an die Kammerthür des 287 Königs anzuschlagen, 1534, da wurden einige hingerichtet, andere zur Flucht genöthiget. Unter den Letzteren war auch Calvin, der aber später von Genf aus — Frankreich zu reformiren wußte. Der König handelte jedoch nicht ans religiöser Ueberzeugnng, sondern weil er das politische Unheil sah, welches die Protestanten in Deutsch¬ land bereiteten; daher er sie hier (in Deutschland) mit schlauer Politik unterstützte. Diese Politik befolgten auch seine Nachfolger, wobei Deutschland und Frankreich litt, und nur der Protestantis¬ mus gewann. Heinrich II., 1547, erließ strenge Verordnungen gegen die Neuerungen, dennoch bildeten sich in allen größeren Städten prote¬ stantische Gemeinden, die sich auf einer Generalshnode zu Paris 1559, zu einem calvinischen Glaubensbekenntnisse einigten, und da¬ bei sonderbarer Weise die Hinrichtung der Ketzer als Pflicht erklärten. Sie erhielten in Frankreich den Namen Hugenotten, dessen Ursprung zweifelhaft ist, — vielleicht von dem Worte Eid¬ genossen, weil die Lehre aus der Schweiz kam. Zum Unglücke für Frankreich kamen nun nacheinander zwei unmündige Könige, Franz II. und Carl IX. auf den Thron, für die ihre Mutter, die ränkevolle Katharina von Medici, die Regentschaft führte, während zwei einflußreiche Parteien am Hofe: die Prinzen von Bourbon (Verwandte des regierenden Hauses), und die Herzoge von Gnise um die Oberherrschaft rangen. Die Guisen waren am Hofe die Hanptfeinde der Hugenotten, — die Bourbonen waren diesen zngeneigt. Dieser Umstand, daß diese po¬ litisch sich gegenüberstehenden Parteien zugleich religiöse Gegner- Waren, darf in der nun folgenden trüben Geschichte Frankreichs nicht außer Acht gelassen werden; denn unter dem Deckmantel der Religion spielte die Herrschsucht und der politische Haß. Franz II., sechzehn Jahre alt, trat die Regierung 1559 an, starb aber schon 1560. In diesem Jahre bildeten die Hugenotten die Verschwörung von Amboise in der Absicht, die Guisen zu stürzen, den König und die Regentin gefangen zu nehmen, nm dem Prinzen Don Condv (Bourbon) die Verwaltung des Staates zu übergeben. Sie wurde noch rechtzeitig entdeckt, und Condo zum Tode verurtheilt. Aber der eingetretene Tod des Königs rettete ihn und er erhielt die Freiheit. Nun folgte der eilfjährige Carl IX. Die Regentin, Katharina 288 von Medici, suchte die beiden Parteien im Gleichgewichte zu erhal¬ ten, und verdarb es mit Beiden. Ein zu Poissy 1561 veranstal¬ tetes Religiosgespräch führte zu Nichts. Als die Regentin, den Guisen zum Trotze, den Hugenotten größere Duldung einräumte, wurden diese bald dreister, tödtetcn Priester und Mönche, zerstörten Kirchen, trieben die Leute mit Gewalt von der Straße zu ihren Predigten, und die Synode zu Nimes, 1562, aus siebenzig Predi¬ gern bestehend, befahl sogar alle katholischen Kirchen der Diöcese niederzureißen. Durch solche Uebergriffe mußten die Katholiken in ihrem Innersten sich verletzt fühlen. Es entzündete sich ein gegen¬ seitiger glühender Haß, der sich endlich zn verheerenden Bür¬ gerkriegen steigerte. Drei solche Kriege erlitt Frankreich kurz nacheinander. In dem ersten erzwangen die Hugenotten Freiheit des Cultus in ihren Städten, 1563. — Damit nicht zufrieden er¬ regten sie 1567 einen zweiten Krieg, den sie damit eröffneten, daß sie sich des Königs zu bemächtigen suchten an dem nämlichen Tage, an welchem eine Abtheilung der Hugenotten zu Nimes, die unter dem Namen der Michela de bekannte Gräuelthat verübten, wo achtzig der angesehensten Katholiken aus ihren Wohnungen gerissen, ermordet und in einen Brunnen gestürzt wurden. Mit Hilfe des Churfürsten von der Pfalz errangen sie wieder einen vortheilhaften Frieden, 1568. Aber noch im nämlichen Jahre begannen sie, jetzt durch die Königin Elisabeth von England unterstützt, den dritten Krieg, der an Grausamkeit die vorige» übertraf. Briquemaut, der Hauptanführer der Hugenotten, trug ein weites Halsband von Ohren ermordeter Priester. -/ Die Hugenotten wurden zwar geschlagen, dennoch bewilligte man ihnen einen ungemein günstigen Frieden, 1570. Es wurde ihnen freie Religionsübnng in ganz Frankreich, Paris ausgenommen, und der Zutritt zu allen Aemteru bewilligt, und vier Festungen, die sie allein besetzen durften, eingeräumt. Mit diesem Zugeständnisse schlug sich Frankreich eine unheilbare Wunde, denn es wurde eine der Regierung feindliche Partei zur Mitherr¬ schaft im Reiche erhoben, was nur zu neuen Kämpfen führen mußte. Das fühlten die Katholiken tief; und die Erinnerung an die Gräuelscenen der Hugenotten nährten in ihnen einen dumpfen Groll. Da trat jenes Ereigniß ein, welches, sohäufig mißdeutet, — eine be¬ sondere Beachtung verdient, die sogenannte Pariser Bluthochzeit oder die Bartholomäusnacht. 28» 229. Fortsetzung. Bartholomäusnacht. Um Frieden zu haben, suchte König Carl IX. den Admiral Colignh, das Haupt der Hugenotten, zu gewinnen, und zog ihn an seinen Hof. Das war für die katholische Partei schon an sich ein Anstoß, noch mehr aber wurden sie erbittert durch die Wahr¬ nehmung, daß Colignh seinen Einfluß auf den König zur Beseiti¬ gung der Königin Mutter benutzte, und ihn zu einem Kriege gegen Spanien reizte. Katharina wollte sich dieses Gegners um jeden Preis entledigen, aber bei dem veranstalteten Mordversuche wurde ihm nur eine geringe Wunde bcigebracht. Die Hugenotten waren hierdurch aufgeschreckt, und die heftigsten Drohungen ließen sich ver¬ nehmen. Katharina und ihre Vertrauten boteu nun alles auf, um den König zu bewegen, in die Ermordung des Colignh und seiner vorzüglichsten Anhänger einzuwilligen, weil sonst das Leben des Kö¬ nigs, und die Wohlfahrt des Reiches in Gefahr schwebe. Der König willigte ein, und so geschah der Schlag bei Gelegenheit der Vermählung des Hugenotten Heinrich von Navarra (später Heinrich IV.) mit Margaretha, der Schwester des Königs. In der Nacht vor dem Bartholomäfeste, den 24. August 15V«. drang zuerst der Herzog von Guise, als Rächer seines Vaters, der im ersten Bürgerkriege mit Einwilligung Colignh's ermordet worden war, in das Haus Colignh's ein, und tödtete ihn. Die Glocke des königlichen Palastes gab den Parisern, zu Folge früherer Aufreizung, das Zeichen zur Ermordung der anwesenden Hugenotten. In Be¬ treff der Zahl der Getödteten sind die protestantischen Angaben iu's Ungeheure übertrieben. Zufolge genauer Forschungen sind in Paris und in den Provinzen, wohin der blutige Befehl auch ergangen war, gewiß nicht über 4000 umgckommen, darunter auch viele Katho¬ liken; denn da die Leidenschaften einmal entfesselt waren, so ent¬ ledigte sich mancher eines verhaßten Feindes, ob er daun Calviner oder Katholik war. Das Verzeichniß aber, welches 1582 nach den Berichten der Pastoren jener Städte, wo Metzeleien vorfielen, ver¬ öffentlicht wurde, enthält nur 786 Namen von getödteten Huge¬ notten. Dabei bedenke man noch, daß die Calvinisteu seit 1560 nur von Priestern und Mönchen sicher nicht weniger als 4000 er¬ mordet hatten. Das ist die allerdings bedauernswerthe Thatsache, die aber mit Unrecht häufig der katholischen Kirche als ein Schandfleck an- 1S gehängt wird. Daß die katholische Kirche und die Religion damit nichts zu schaffen hatte, zeigt der beschriebene Hergang. Wenigstens war nicht der Umstand, daß Colignh und seine Parteigänger Cal- viner waren, der Hauptbeweggrund der blutigen That, sondern die Furcht vor ihrem politischen Uebergewichte. Daß aber aller¬ dings auch das katholische Bewußtsein gegen diese Partei bis zur Rachewuth empört war, läßt sich zwar keineswegs billigen, aber leicht erklären aus den gegen die heiligsten Anstalten der Kirche zahllos verübten Freveln der Calviner. Uebrigens war kein Bischof, kein Priester am Rathschlage betheiligt, viele Calviner wurden viel¬ mehr durch Geistliche gerettet, und der Bischof von Lisieur nahm sie gegen den königlichen Befehl in seinen eigenen Schutz, was die Folge hatte, daß fast alle zur katholischen Kirche zurückkehrten. Wenn endlich noch getadelt wird, daß Papst Gregor Xiil. ein D- veum in Rom über das Gelingen dieser That hielt, so muß be¬ merkt werden, daß ihm vom französischen Hofe berichtet wurde, es sev eine Verschwörung gegen das Leben des Königs und gegen das Reich entdeckt und mit Hinrichtung der Schuldigen vereitelt worden, — dieser Rettung galt jene Danksagung. 230. Fortsetzung. Edict von Nantes.' * Durch die Bartholomäusnacht wurde die calvinische Partei so wenig geschwächt, daß sie vielmehr mit erneuerter Wuth sich zum vierten Bürgerkriege rüstete, 1573, und ein neues Friedens- cdict errang. Im folgenden Jahre, 1574, starb Carl IX./ und hinterließ das in Parteien zerrissene Reich seinem Bruder Heinrich III., der seit kurzem König von Polen war. Kraftlos und schwankend in allen seinen Handlungen, mußte er den überlegenen Hugenotten einen günstigeren Frieden als alle früheren zugestehen, 1576. Da¬ rüber sprach sich der Unwille der Katholiken laut aus, und man suchte das Heil in Vereinigung aller Kräfte gegen die Heranwach¬ sende Macht der Religionsfeinde durch Gründung der heiligen L i g u e. Eine neue Verlegenheit bereitete sich für die Katholiken vor, als der jüngere Bruder und Thronfolger Heinrich's lil. starb, und nun ein calvinischer König Heinrich von Navarra (Bourbon) 2S1 in Aussicht stand. Die Ligue machte ernste Anstalten dagegen, und wollte den Cardinal Bourbon als nächsten katholischen Ver¬ wandten auf den Thron erheben, wodurch jedoch der Führer der Agne, Herzog vou Guise, nur sich selbst den Weg zum Throne ebnen wollte. Dagegen war auch Heinrich von Navarra ge- rüstet seine Thronansprüche zu verfechten, und es entspann sich ein abermaliger Krieg. Der König schwankte zwischen beiden Parteien hin und her, bis er zuletzt selbst der Partei Heinrich's von Na¬ varra, somit den Hugenotten sich anschloß, dafür aber von dem Fa¬ natiker Clement ermordet wurde, 1589. Jetzt betrug sich Hein¬ rich vou Navarra (Heinrich IV.) als König von Frankreich. Er sand jedoch ungeachtet seiner sonstigen trefflichen Eigenschaften als Calviner bei den Katholiken wenig Anerkennung, und fühlte bald, daß er als solcher über das katholische Frankreich nicht herrschen könne. Er ließ sich daher in der katholischen Religion unterrichten, und trat 1593 in die katholische Kirche zurück. Jetzt fand er freu¬ dige Unterwerfung, nur seine früheren Glaubensgenossen, die Hu¬ genotten, verharrten in ihrem Geiste der Unruhe, bis ihnen im Edicte von Nantes, 1598, alles Mögliche zugestanden wurde. Durch selbes wurde ihnen der ungestörte Aufenthalt im ganzen Reiche, freie Religionsübung mit Ausnahme vou Paris, Zutritt zu allen Aemtern, mehrere Sicherheitsplätze ans acht Jahre, und große Summen Geldes zur Förderung ihrer Zwecke bewilligt. Um solch hohen Preis erhielt endlich das tief erschütterte Frankreich einige Rnhe, während welcher Heinrich IV. durch die Hand des Mörders Ravaillac fiel, 1610. Die Hugenotten bildeten indeß ihre kirchliche und politische Verfassung immer mehr aus, und zeigten nicht undeutlich ihre Ab¬ sicht, sich auch vom Staate loszureißen, und sie nahmen cs bereits dem Könige Ludwig XIII. sehr übel, daß er eine Katholikin heira- thetc. Sie griffen 1621 sogar wieder zu den Waffen. Da ward für nöthig befunden La Rochelle, den Hauptsitz des Aufruhrs, ihnen zu nehmen. Hierdurch wurde ihre politische Macht endlich gebrochen, und sie wurden vernünftigen Belehrungen zugänglicher. Viele wur¬ den durch den trefflichen katholischen Clerus, der aus den Schulen eines Fran.z von Sales und Vincenz v o n P a n l hervorging, bekehrt. Bis zum Jahre 1685 hatten ganze Städte und Dörfer dem Calvinismus entsagt, und König Ludwig XIV. hob das Edict 2»2 von Nantes förmlich ans, 1685, wodurch eine große Zahl zur Aus¬ wanderung sich entschloß. Eine kurze Zeit wurden auch übertrieben strenge Maßregeln durch den Minister Louvois in Anwendung ge¬ bracht, die sogenannten Dragonaden. Doch blieben noch immer viele Calvinisten in Frankreich zurück, die der Regierung bis in die Zeiten der Revolution genug zu schaffen machten. Protestantismus in England. 231. Heinrich vm. ' Die Geschichte der Reformation Englands ist voll von schrei¬ enden Ungerechtigkeiten und schauderhaften Blutscenen, daß selbst Voltaire meint, sie könnte am besten von einem Scharfrichter dar¬ gestellt werden. Heinrich VIII. (seit 1509) hatte zwar gegen Luther ein Buch zur Vertheidigung der sieben Sacramente geschrie¬ ben, und dafür vom Papste den Titel: vokensor llllsi erhalten, welchen Titel sonderbarer Weise die Herrscher Englands jetzt noch führen; aber seine Weibersucht machte ihn bald zum blutdürstigen Feinde der römischen Kirche. Er hatte bereits seit achtzehn Jahren mit seiner tugendhaften Gemahlin Katharina von Arragouien gelebt, als er zu einer Hofdame derselben, Anna von Bolehn, eine verbrecherische Zuneigung faßte und nach ihrem Besitze zu stre¬ ben begann. Er suchte nach Mitteln, seine Gemahlin zu beseitigen, und weil er Katharina als Wittwe seines Bruders geehelicht hatte, so suchte er jetzt zu beweisen, diese Ehe sei ungültig, und verlangte vom Papste den Ausspruch der Ungültigkeit, welchen dieser nicht geben konnte. Gefällige Rathgeber, darunter der Protestant Kran- Mer, unterstützten den König in seinem Streben; einige Universi¬ täten gaben Gutachten im Sinne des Königs ab, — er heirathete die Bolehn im Geheim. Kranmer, der auch heimlich verehelicht war, .wurde zum Erzbischöfe von Cantebury ernannt, und als sol¬ cher erklärte er die frühere Ehe für ungültig und die neue als recht¬ mäßig und Gott gefällig. Der Papst vernichtete diese Erklärung und that Heinrich und Anna in den Bann, falls sie sich nicht trennen würden. Dafür aber trennte Heinrich die kirchliche Verbindung Englands mit dem Papste, und machte sich selbst zum Oberhaupte der Kirche. Von dieser Zeit an (1532) wurde Heinrich der ärgste Despot sei- 2»3 ner Unterthemen, seine Gemahlinen nicht ausgenommen. Er hatte deren sechs nacheinander, wovon Anna Bolehn und noch eine andere hiugerichtet wurden. Wer den König nicht als Haupt der Kirche anerkennen, und seine Ehescheidung nicht gntheißen wollte, wurde mit dem Tode bestraft. Die Klöster wurden aufgehoben, dabei die herrlichsten Denkmale der Kunst und Wissenschaft der Zerstörung Preis gegeben, und durch sinnlose Verschwendung des Kirchenver¬ mögens dem Pauperismus die Thore geöffnet. Dabei wollte der König als Katholik gelten nud sechs, besondere Artikel sollten die katholische Religion gegen Neuerungen wahren. Er starb 1547. In seinem Sohne Eduard Vl. erhielt Staat und Kirche ein neunjähriges Oberhaupt. Der Protector des Reiches, Herzog vou Sommcrset, war ein eifriger Anhänger der Reformation, und Kran- mer, der Erzbischof, der nuter Heinrich den Katholiken spielen mußte, konnte nun offen hervortrctcn. An die Stelle der sechs katholischen Artikel Heinrichs kamen nun zweiundvierzig protestantische, die Messe wurde abgeschafft, die Priesterehe erlaubt, ein neuer Gottesdienst in der Landessprache eingeführt, und damit die Prediger wußten, wie sie zn lehren haben, wurde ein Katechismus und ein Homilienbuch, woraus beim Gottesdienste vorgelesen werden mußte, verfaßt. Bischöfe, die sich widersetzten, wurden beseitigt, ihre Güter eingezogen. An merk. So wie der König von England, erhielten auch andere Fürsten von den Päpsten bei verschiedenen Anlässen Ehrentitel, die die Herrscher jener Länder jetzt noch führen. So die Könige von Ungarn seit Stephan d. H. (jetzt die Kaiser von Oesterreich) rox apostoüous; in Frankreich, seit Chlodwig, der damals der einzige katholische Fürst war: »ex oliristiiuüssiinus; in Portugal: rox üäo- Ü88ünu8; in Spanien: rox eutüolioii«. 232. Königin Maria. Die Nachfolgerin Eduards war Maria 1553, die Tochter Heinrichs VIII. aus der rechtmäßigen Ehe mit Katharina. Sic wird von protestantischen Schriftstellern häufig die „blutige Maria" genannt — mit Unrecht! denn wenn auch zu bedauern ist, daß unter ihr bei zweihundert Protestanten hingerichtet wurden, so war doch die Zahl der katholischen Schlachtopferuntereinzelnen 2»4 Regenten vor und nach ihr bei weitem größer) Bedachtsam und milde war der Anfang ihrer Regierung, sie that nur, was sie nach ihrer katholischen Ueberzeugung zu thun verpflichtet war. Die unter der vorigen Regierung unrechtmäßig abgesetzten katholischen Bischöfe erhielten ihre Stellen wieder; und die Neuerungen mußten den früheren katholischen Einrichtungen weichen. Um die Trennung von Rom zn beheben, kam der Cardinal Pole und gab im Parla¬ mente feierlich die Absolution. Dabei wurde die kluge Nachsicht geübt, daß die Besitzer der Kirchengüter nicht beunruhigt werden sollen, nur die von der Regierung in Besitz genommenen Kirchen¬ güter gab die Königin wieder heraus) Bald wurde Maria jedoch durch Verschwörungen, die die Protestanten gegen sie erhoben, und durch die heftigen Reden und Schriften derselben gereizt. Nebstdem wurde ihr Gemttth verstimmt durch ihre unglückliche und von der Nation mißbilligte Heirath mit Philipp von Spanien. So wur¬ den denn zu Anfang des Jahres 1555- die heftigsten Gegner der katholischen Kirche hingerichtet, wobei Maria aber nur die unter der vorigen Regierung gegebenen Gesetze in Betreff der Glaubensgegner buchstäblich befolgte. Unter den Hingerichteten war auch der nichts¬ würdige Kranmer. Er hatte eine heftige Schrift gegen den ka¬ tholischen Cultns erlassen, und war auch des Hochverraths ange¬ klagt. Um sich vom Tode zu retten, betheuerte der Heuchler seine Anhänglichkeit an die katholische Kirche; als er jedoch sah, daß ihm das nichts nützte, widerrief er, was er eben hoch betheuert hatte. Maria starb 1558. 233. Erneuerter Abfall. — Elisabeth. In England herrscht gegenwärtig die sogenannte anglika¬ nische Kirche, ein Gemenge von Lutherthum, Calvinismus und katholischen Einrichtungen. Wenn es sich um den Ursprung dieser neuen Kirche frägt, so weist die Geschichte auf Königin Elisa¬ beth als die eigentliche Stifterin hin. Sie war die Tochter der Anna Bolehn, war unter Eduard in den Grundsätzen des Kran- mer'schen Protestantismus erzogen worden, hatte unter Maria sich zur katholischen Religion bekannt, ließ sich noch nach katholischem Ritus krönen, und beschwor die Aufrechthaltung der katholischen Kirche, war aber von Anbeginn ihrer Regierung eine Verfolge- 2k)3 rin derselben. Das erste Parlament 1559 wurde noch mit einem katholischen Hochamte, und — c a l v i n i s cher Predigt eröffnet. Dasselbe trug aber sogleich den Supremat der Kirche auf die Kö¬ nigin über und brach alle Verbindung mit Rom ab. Ferner wurde verordnet: alle geistlichen und weltlichen Beamten müssen bei An- trit ihres Amtes einen Eid schwören, daß sie Königin für die höchste Beherrscherin in geistlichen und weltlichen Dingen anerkennen; das von Kranmer verfaßte, und jetzt verbesserte „allgemeine Ge¬ betbuch" darf allein nur, bei Gefängniß und selbst Todesstrafe, von allen gebraucht werden; wer die päpstliche Auctorität behauptet, soll als Hochverräther bestraft werden u. dgl. Die von Kranmer einst geschmiedeten zweiundvierzig Artikel wurden neuerdings durch- geseheu, auf neununddreißig zusammengezogen, vnd diese sind bis auf den heutigen Tag das Glaubensbekenntniß der anglikanischen Kirche. Lutherische und calvinischc Lehren stehen da bunt durch einander, und wo sie sich schroff widersprechen, wie in der Präde- stinations- nud Abendmahlslehre, werden allgemeine Ausdrücke an¬ gewendet. Das war innerhalb dreißig Jahren die vierte Religions- Veränderung in England. Die Bischöfe legten alle, bis auf einen, ihre Stellen nieder, und wurden durch reformirtc ersetzt, denn die bischöfliche Würde wollte man beibehalten. Dem Volke war die Religion nach so vielfältigem Wechsel gleichgültig geworden; — und das katholische Bekenntuiß war schon dadurch der Verachtung Preis gegeben, daß kein Katholik ein Amt übernehmen, -- weil er den obigen „Suprematseid" nicht leisten konnte. Bald aber war es auch eine höchst gefährliche Sache katholisch zu sehn. Die katholische Königin von Schottland Maria Stuart, kam nämlich, von ihren calvinischen Unterthaneu gedrängt, und von ihrer Verwandten, der Königin Elisabeth ein gela den, nach Eng¬ land, — sand aber da ein Gefängniß, wohl aus keinem anderen Grunde, als weil sie katholisch war.' - Einige katholische Edelleute, hierüber entrüstet, erhoben zu ihren Gunsten einen Aufstand, worin Elisabeth einen erwünschten Vorwand fand, ihrem angebornen Hasse gegen die Katholiken freien Lauf zu lassen; sie wurden zu Hunder¬ ten hingerichtct. Als nun Papst Pius V. sich veranlaßt sah gegen Elisabeth die Excommunication auszusprechen 1570, da wurde das Loos der Katholiken höchst traurig. Es wurde eine Commission nie¬ dergesetzt um Schuldige ausznsuchcn (eine wahre Inquisition — 2SK obwohl unter anderem Namen). Wer dem protestantischen Gottes¬ dienste nicht beiwohnte, wurde nach Umständen mit körperlicher Züch¬ tigung oder schwerem Gelds bestraft. Im Jahre 1584 wurde ver¬ ordnet, daß jeder katholische Priester', der nach vierzig Tagen noch im Lande gefunden, nnd jeder, der ihn anfnehmen würde, als Ver- räther hingerichtct werden soll. Die unglückliche Maria Stuart mußte nach zwanzigjährigem Gefängniß auf Befehl der Königin das Blutgerüst besteigen, nnd anch die letzte Gunst, der Beistand eines katholischen Priesters, wurde ihr verweigert. Bei all dem bliebe» die Katholiken treue Nnterthanen ihrer blutdürstigen Herrscherin, was sie insbesondere zeigten, als König Philipp II. England mit Krieg bedrohte. Gleichwohl wurde, nach wie vor, mit Aufhängen, Bauchaufschlitzen, Kerker nnd Folter gegen die Katholiken verfahren, so lauge Elisabeth regierte, f1603. So wurde die englische Hochkirche etablirt. 234. Puritaner. Die unter Maria aus England gewiesenen protestantischen Pre¬ diger zogen, da sie bei den Lutheranern in Deutschland keine günstige Aufnahme fanden, nach der Schweiz, und hatten da die nackten calvinischen Kirchenformen liebgcwonnen. Als sie nach England zu¬ rückkamen, fanden sie die von Elisabeth anbefohlenen kirchlichen Ein¬ richtungen, weil sie noch manches papistische enthielten, höchst anstößig, und wollten sich denselben nicht fügen, (Nonconformisten). Sie ver¬ langten einen ganz reinen (leeren) Gottesdienst (Puritaner). Endlich verwarfen sie entschieden die bischöfliche Würde (Presbyterianer). Ge¬ gen das Glaubensbekenntuiß der neunnnddreißig Artikel wendeten sic wenig ein, weil sie ihren calvinischen Ansichten nicht buchstäblich entgegen waren. Die Königin betrachtete zwar diese Secte mit Wi¬ derwillen und Mißtrauen, aber da ihr Hauptaugenmerk nnr ans die Katholiken gerichtet war, welche von dieser Secte eben so gehaßt wurden, so konnte diese^Presbyterial-Kirchc neben der könig¬ lichen Episcopal-Kirche groß wachsen und sich fest setzen. l>235. Schottland. * Einen auffallend heftigen Character nahm die Reformation in Schottland an, nnd der Clerus, durch Reichthümer erschlafft. — 297 — war wenig zum Widerstande geeignet; dazu waren die Bisthümer meist in den Händen der jüngeren Söhne mächtiger Familien. Pa¬ trik Hamilton, der zuerst Luthers Grundsätze dahinbrachte, wurde 1528 verlrannt. Doch solche gewaltsame Maßregeln mußten ihren Zweck verfehlen, und als der Primas des Reiches Cardinal Beatoun 1546 wieder einen Reformator hinrichten ließ, übte sein Anhang blutige Vergeltung; er ward ermordet, und sein Palast von den Empörern besetzt. Der furchtbare Johann Knox war der Führer der Empörung, nnd später, nachdem er sich einige Zeit flüchtig in der Schweiz herumgetricben, nnd dann den schottischen Boden wie¬ der betreten hatte, der Held der dortigen Reformation. Die Thron¬ erbin Maria Stuart war am französischen Hofe erzogen, und dem Prinzen Franz II. angetraut worden. Nach dessen Tode kam sie nach Schottland zurück, welches während der schwachen Regent¬ schaft ihrer Mutter, eigentlich nur von Knox regiert, und auch ganz reformirt worden war. Man erlaubte der Königin nicht ein¬ mal in ihrer Kammer eine Messe. Durch unglückliche Wahl bei ihrer neuen Verehelichung wurde sie den Empörern noch verhaßter; sie mußte endlich zu Gunsten ihres dreizehnmonatlicheu Sohnes ab- danken, wurde in Anklagestand versetzt, und floh in die mörderi¬ schen Hände ihrer Verwandten Elisabeth, die sie später enthaupten ließ, 1587. Ihr Sohn Jacob VI. wurde in calvinischen Grundsätzen er¬ zogen; während seiner Minderjährigkeit wurde fort reformirt; der Adel theilte sich in die Kirchengüter, und die Reformation im Sinne der Presbyterianer war vollendet, obwohl noch ein großer Theil des Reiches sich zur katholischen Kirche bekannte. 236. Irland. Erschütternd und erhebend zugleich sind die Schicksale, die das katholische Irland von Seite seiner protestantischen Tyrannen in England erfahren mußte. Unter Heinrich VIII. war erst ein Theil dieser Insel von den Engländern erobert worden, und das dort ans Fremdlingen gebildete Parlament erkannte den König als Ober Haupt der Kirche, womit die katholischen Einwohner durchaus nicht einverstanden waren. Unter Eduard VI. durchzogen englische Predi¬ ger das Land ohne allen Erfolg, wobei bemerkenswerth ist, daß man 288 den Irländern anch die neue Liturgie und zwar in englischer Sprache aufdringen wollte, welche das irische Volk eben so wenig verstand als die lateinische. Kurze Ruhe gewährte dem Lande die Regierung der Königin Maria; aber unter Elisabeth und den fol¬ genden Herrschern wurde ein Unterdrückungs- oder vielmehr Ver- tilgungs-System geübt, wie die Geschichte kaum etwas Aehnliches aufznweiseu hat. Als endlich das ganze Land 1603 erobert war, erhielt Elisabeth, nach dem Berichte eines Zeitgenossen, in dem un¬ glücklichen Laude kaum etwas Anderes, als „Leichen und Asche". So war den Irländern die politische Freiheit genommen; aber ihren katholischen Glauben ihnen zu nehmen, stand nicht in der Macht ihrer Henker. Zwar wurden überall die katholischen Bischöse und Priester vertrieben und zum Theil hingerichtet, und eine protestan¬ tische Geistlichkeit, — die keine Gläubigen hatten, — eingesetzt, nm sich vom katholischen Kirchengute zu mästen; aber der katholische Clerus blieb unter Gefahren und Entbehrungen aller Art die Stütze und der Trost des Volkes, — so daß bis zum Tode der Königin Elisabeth kaum sechzig Irländer sich zum Protestantismus verlei¬ ten ließen. 237. Wertere Schicksale der Katholiken in Großbrittanien und Irland. 1. Auf Elisabeth, h 1603, folgte der Sohn der gemordeten Maria Stuart, Jacobi., als König von England, Schottland und Irland. Die Katholiken hofften einige Erleichterung, und wohl mochte er dazu geneigt sehn; aber die Puritaner, in deren Glanben er erzogen war, verwehrten es. Vielmehr wurden durch den Einfluß dieser Fanatiker die Strafgesetze gegen die Hochveräther (Katholiken) geschärft. Hierdurch bis zur Verzweiflung getrieben, ließen sich drei¬ zehn katholische Edelleute in eine Verschwörung ein, 1605, welche den Zweck hatte, den König mit seinem Parlamente durch Pulver in die Luft zu sprengen (Pulververschwörung). Der Plan wurde noch recht¬ zeitig entdeckt, und die Theilnehmer hingerichtet. Den protestantischen Zeloten Ivar dich Ereigniß sehr willkommen, denn man konnte das Verbrechen, das Einige begangen hatten, den Katholiken sammt und sonders, und der katholischen Kirche selbst als Schuld aufbür- dcu, als ob sie dergleichen billigte. Ein alljährliches Fest zur Erin- 2»tt nerung dieses Tages (5. November) wurde eingeführt, damit die Prediger Gelegenheit hätten, pflichtmäßig gegen die „grausamen und blutdürstigen Feinde" ihren Haß auszuschütten, was getreulich bis ans den heutigen Tag geschieht. Auch den Puritanern war Jacob aus politischen Gründen abgeneigt, denn er pflegte zu sagen: „Wo kein Bischof ist, da wird sich auch ein König nicht halten können." Aber seine Anordnungen gegen die Presbyterial-Versas- sung rief einen Sturm hervor, der seinen Nachfolger aufs Blut¬ gerüste brachte. 2. Carl I., der jetzt, 1625, den Thron bestieg, war eines ed¬ leren Characters, als eine Reihe seiner Vorgänger, aber eben er, der Bessere, fiel als Opfer für die Sünden feiner Ahnen. Von Episcopalen uud Presbyterianern wurde ihm als Verbrechen ange¬ rechnet, daß seine Gemahlin, Henriette von Frankreich, katholisch war. Es entstand jetzt das Losungswort: IXo pnpor;- (kein Papis¬ mus), welches der Pöbel Englands bis auf den heutigen Tag noch gerne im Munde führt. Die Presbyterianer hatten ihre demokratischen Grundsätze vom kirchlichen Boden jetzt auch auf den politischen übertra¬ gen, und der Revolutionsschwindel wurde um so schrecklicher, da er den Schein frommen Eifers annahm; — sie ließen sich: „Heilige" nennen. Der König begünstigte grundsätzlich die Episcopalen und schonte der Ka¬ tholiken keineswegs, aber obschon er mehrere Priester hiurichten ließ, blieb er doch des Papismus verdächtig. Die schottischen Presbyte¬ rianer eröffneten ven Bürgerkrieg; zwei neue Secten unter ihnen: die Independenten, dann die Leveller (Gleichmacher) ver¬ mehrten die Wirren in Kirche und Staat, und die Verlegenheit des Königs. Auf den Schlachtfeldern besiegt, und von den Parlamenten verlassen, wurde er endlich vor Gericht gestellt. Unter Vorsitz des schrecklichen Cromwell, des Führers der Reformation nnd Revo¬ lution, wurde mit Berufung auf die Bibel das Blut des Königs gefordert. Sein Haupt fiel in London 1649 durch das Beil; — das erste Beispiel eines Königsmordes in Form Rechtens unter christlichen Nationen. Nun wurde die Republik ausgerusen, in wel¬ cher Cromwell als Protektor despotischer regierte, als jemals ein König. Während dieser ganzen Zeit war das Loos der Katholiken schrecklich. Unter Carl l. wurde sogar angetragen, daß ihnen die Kinder genommen und protestantisch erzogen werden sollen. Zwei :;ol> Drittheile vom Vermögen jedes Katholiken wurden eingezogen, und auf den Kopf jedes Priesters ein Preis gesetzt. In Irland wurde der größte Thcil der Ländereien den Katholiken genommen, nnd an Engländer und Schotten verschenkt oder verkauft. Cromwell gestat¬ tete endlich allen Secten Duldung mit Ausnahme der Papisten. 3. Nach Cromwell's Tode 1659 wurde das Köuigthum wieder hergestellt. Carl II., Sohn des Gemordeten, der sich nach Frank¬ reich gerettet hatte, bestieg den Thron. Auch die bischöfliche Würde wurde in England und Schottland wieder in's Leben gerufen, nur die Katholiken konnten keine Duldung erhalten. Es wurde gegen sie der sogenannte Testeid eingefnhrt, wodurch Jeder, der ein Amt annahm, verpflichtet wurde, den Suprcmateid zn leisten, und das Abendmahl nach englischem Ritus zn empfangen. 4. Ein Hoffnnngsstern erschien den Katholiken im Regiernngö- antritte Jacobs ll. 1685, Bruder des Vorigen, welcher selbst katholisch war. Er verkündete allgemeine Gewissensfreiheit und freie Religionsübnng. Wäre er dabei stehen geblieben, so hätte er den Katholiken viele Erleichterung verschafft; aber er wollte die katho¬ lische Kirche zur herrschenden machen; und das bereitete ihm bald den Sturz. Wilhelm von Oranieu, Schwiegersohn Carl's II., wurde herbeigcrufen 1688, und bestieg den Thron. Ein Toleranz- patent 1689 gewährte wieder allen Secten freie Religionsübung, nur den Sociniaucrn und Katholiken nicht. Die Irländer waren ihrem rechtmäßigen Könige Jacob II. getreu geblieben, und mußten es, bald besiegt, schwer büßen. Wieder wurden ihnen Ländereien abgenommcn, so daß sie Fremdlinge im eigenen Lande wur¬ den. Dazu kamen barbarische Gesetze, z. B. daß jeder Sohn, wenn er protestantisch wird, das Vermögen seines katholischen Vaters sich aneignen dürfe. In dieser Lage blieb die katholische Kirche in Groß- brittanien bis in die letzten Zeiten des 18. Jahrhunderts. Wie sie sich unter solchen Umständen, insbesondere in Irland durch drei Jahrhunderte hat erhalten, und in den neueren Zeiten so herrlich erheben können, ist eine wundersame Erscheinung, die an die ersten drei Jahrhunderte der Kirche Christi erinnert. —- ^ 4' o . — 3N1 — 238. Protestantismus in den österreichischen Staaten. 1. Auch in die österreichischen Erblande war Luthers Lehre frühzeitig eingedruugen, und daß sie auch Beifall fand, zeigte sich schon im Jahre 1520, als die drei weltlichen Facultäten der Wie¬ ner Universität die gegen Luthers Sätze vom Papste erlassene Ver¬ dammungsbulle nicht wollten pnblicireu lassen, und erst durch des Kaisers Carl V. Befehl dazu verhalten werden mußten. Ein aus Salzburg vertriebener abtrünniger Priester, bereits verheiratet, Pau¬ lus Speratus hielt 1522 die erste lutherische Predigt iu der Ste- phanskirche, mußte sich jedoch flüchten. Im nämlichen Jahre trat Ferdinand l., Bruder Carl's V., die Regierung der österreichischen Lande an, und richtete sein Augenmerk sogleich auf die ReligionS- neueruug. Die lutherischen Bücher wurden verboten, und ein hart¬ näckiger Verbreiter der Irrlehre, der Bürger Tauber, wurde enthauptet. Aber die neuen Lehren fanden immer mehr Anhänger, vorzüglich bei dem durch frühere Unruhen sehr wüste und sittenlos gewordenen Adel; dem es auch hier, wie überall, nach den reichen Kirchengütern gelüstete. Sie schickten häufig ihre Söhne nach Wit¬ tenberg, die dann nicht nur selbst ganz lutherisch zurückkehrten, son¬ dern auch derlei Studenten, Magister und Prädikanten mitbrachten. Diese wurden als Prediger, Schullehrer und Beamte iu ihren Schlössern angestellt. Da die Edelleute als Land stände einen großen Theil der Laudesverwaltung in Händen hatten, und Erzher¬ zog Ferdinand meist abwesend und in Deutschland beschäftiget war, so wurden auch zu den öffentlichen Aemtern meist lutherisch Ge¬ sinnte bestellt. 2. In Steiermark bezeichnete das Lutherthum seinen Einzug mit Blut. Der Bauernkrieg in Deutschland fand Nachahmung in Salzburg, wo 1525 eine Rotte sich wider den Landesherrn, den Erzbischof, anflehnte, und denselben iu seinem festen Schlosse bela¬ gerte. Der Aufruhr verbreitete sich nach Steiermark herüber, und die Bewohner des obern Ennsthales machten mit den Salzburgern gemeinsame Sache. Der Landeshauptmann von Steiermark, Diet¬ richstein, zog mit fünftausend Mann gegen sie, wurde aber ge¬ schlagen und gefangen. Die Empörung wurde zwar 1526 unter¬ drückt, aber der ausgestrcnte Same der Empörung und des Lnther- thums wuchs und trug bald Früchte. Seit den: Jahre 1530 finden ;;»2 sich in Gratz lutherische Schullehrer und Prediger. Eben so in Kärntheu und Krain. 3. Ferdinand erließ zwar strenge Verordnungen dagegen, allein sie konnten nicht durchgeführt werden, denn ein neues Ungemach kam über seine Länder, welches aber den kirchlichen Neuerungen mehr- fach vortheilhaft war, der Türken krieg. Die Türken kamen 1529 vor Wien, belagerten es zwar vergeblich, verwüsteten aber auf ihrem Rückzüge Oesterreich und Steiermark fürchterlich. Wie diese Türkennoth von den Protestanten in Deutschland benützt wurde, — daß sie dem Kaiser keine Hilfe leisten wollten, bis er ihnen ihren Willen erfüllte, haben wir oben gesehen. Aber auch auf an¬ dere Weise arbeiteten die Türken dem Protestanten in die Hände. Da viele Kirchen zerstört, und die Priester getödtet worden waren, blieb das Volk häufig ohne Hirten, wuchs roh und unwissend ans, und wurde leicht eine Beute der lutherischen Prediger, die sich auf verschiedenen Wegen eindräugteu. 4. Ferdinand I. theilte seine Länder unter seine Söhne, und gab ihnen noch vor seinem Tode die Vermahnung, die katholische Religion aufrecht zn erhalte«. Daher wies auch Maximilian II., welcher Böhmen, Ungarn und das Erzherzogthum Oesterreich erbte, und auch die deutsche Kaiserwürde erhielt, das Verlangen der öster¬ reichischen Stände nach freier Ncligionsübnng 1564 zurück. Aber 1568 benützten die Protestanten die Geld- und Kriegsverlegcnheiten des Kaisers, und ertrotzten die freie Religiousübung in ihren Schlös¬ sern und Häusern, die in den ihnen gehörigen Städten, Märkten und Dörfern lagen. Auf die nämliche Weise mußte Carl II., wel¬ cher Iunerösterreich erhielt, ans dem Landtage zu Bruck 1578 deu Protestanten auf ihren Schlössern, daun zu Gratz, Judenburg, Lai¬ bach uud Klagenfurt freie Religiousübung zugestehen. Ueberall aber wurde zur Bedingung gemacht, daß dieser Gottesdienst nur für die Ihrigen gelten, uud Niemand sonst zugelassen werden soll. Allein es ist eine in der Geschichte aller Jrrlehrcr immer und überall erprobte Thatsache, daß die Sectirer jedes Zugeständuiß zur Er¬ weiterung und Verstärkung ihrer Sache mißbrauchen. So geschah es jetzt in Oesterreich, so in Steiermark uud Krain, für welche Länder auch eine slovenische Bibel zu Wittenberg gedruckt wurde; — überall wurde mit Leidenschaft reformirt, katholische Kirchen wurden geplündert, Priester mißhandelt und Prediger eingeführt. rrvrr 5. In Böhmen erkannten die Utraquisten in den Prote¬ stanten sogleich ihre Geistesverwandten, und reichten unter Maximi¬ lian II. ein Glaubensbekenntnis; ein, dessen Uebnng dieser ihnen zu¬ gestand, wodurch sie dem Namen nach als Utraquisten, der Sache nach als Lutheraner, sich auszubreiten suchten. Nach Maximilians Tode wußten sie den zwischen Kaiser Rudolf und seinem Bruder Erzherzog Mathias ausgebrochenen Zwist trefflich zu benützen, um von Rudolf den berüchtigten Majestätsbrief zu erwirken 1609, worin den Herren, Rittern und königlichen Städten Religionsfrei¬ heit und der Bau eigener Kirchen bewilliget wurde. 239. Gegenreformation in Znncrösterreich. So war nun zu Ende des 16. Jahrhunderts der Zustand der österreichischen Erblande in hohem Grade bedenklich geworden, und zwar nicht nur in kirchlicher, sondern auch in politischer Beziehung. Die Türkengefahr von außen, und der offene Widerstand der Pro¬ testanten gegen die Anordnungen der Landesfürsten im Innern, der bereits so weit ging, daß die Protestanten in Jnnerösterreich, wie Erzherzog Ferdinand au den Kaiser Rudolf berichtet, schon von der Einführung einer Republik redeten. Da kam der kräftige und umsichtsvolle Ferdinand, Carl's Sohn, 1595 zur Regierung, und machte dem Protestantismus in Jnnerösterreich (Steiermark, Kärn- then, Kram) wunderbar schnell ein Ende. Die protestanti¬ schen Geschichtschreiber überschütten darum diesen edlen Fürsten mit ihrem giftigen Hasse'ünd unterlegen seinen Handlungen finstere Be¬ weggründe. Allein, wenn auch seine religiöse Ueberzeugung nicht so fest und klar gewesen wäre, so hatte er ja die Trübsale, welche die Protestanten seinem trefflichen Vater Carl ll. bereitet hatten, zum Theile selbst gesehen, und mußte auf Mittel denken, sich eine solche Partei vom Halse zu schaffen. Denn nicht nur hatte der Prote¬ stantismus dem Erzherzoge Carl II. die ganze Regierung verleidet, sondern ihn einmal auch in Lebensgefahr gebracht, und wenigstens mittelbar seinen frühen Tod herbeigeführt, 1590. Als Ferdinand seinen Entschluß zur Herstellung der katholischen Kirche kundgegeben hatte, und sich dabei auf den Augsbnrger-Reli- gionöfrieden (1555) berief, zufolge welchem es ihm eben so gut zu stehe, keine andere Religion, als die er wolle, zu dulden, wie z. B. 3V4 der Churfürst von Sachsen, und jener von der Pfalz, keine Katho¬ liken duldeten: — erfuhr er nicht nur allseitigen Widerspruch, son¬ dern man meinte, es sei dieß, bei der weit überwiegenden Anzahl seiner protestantischen Unterthanen, geradezu unmöglich. Doch er begann das Werk im unerschütterlichen Vertrauen auf Gott. Am 13. September 1598 erließ er ein Edict, worin er befahl, daß die Prädikanten binnen vierzehn Tagen aus Gratz und aus allen übrigen Städten seiner Länder sich zu entfernen haben. Man war zwar überrascht, aber Niemand glaubte an die Möglichkeit der Aus¬ führung. Die protestantischen Stände reichten ein langes Gesuch nm die Zurücknahme dieser Verordnung ein, und wiesen auf die Türkengefahr hin, gegen welche gerade sie am wenigsten etwas ge- than hatten. Unter dem 23. September antwortet ihnen Ferdinand, verweist ihnen ihre Widersetzlichkeit, und setzt neuerdings einen Termin von acht Tagen für die Entfernung der Prädikanten. Die Protestanten überreichten eine neue Gegenvorstellung mit Drohungen, hielten ge¬ heime Zusammenkünfte, und die Prädikanten liefen umher, schimpf¬ ten öffentlich gegen den Fürsten und gegen die Katholiken, machten aber nicht die geringste Anstalt zur Abreise. Da fand es Ferdinand für nöthig, dreihundert Mann verläßlicher Krieger in Gratz zu vcr- theilen, und ließ am 28. September Vormittag den Befehl an- fchlagen, daß die Prädikanten bei Todesstrafe noch vor Sonnen¬ untergang Gratz, und binnen acht Tagen das Land räumen sollen. Das gelang; sie zogen noch bei scheinender Sonne fort, und bald folgten ihnen die Prädikanten in den anderen Städten, Da einige Edelleute auf dem Lande noch Prädikanten bei sich behielten, so wurde diesen mit der Todesstrafe gedroht, wofern sie nicht das Land verließen. Obschon nun mehrere Widerspenstige ausgegriffcn wurden, so ist doch an keinem die Todesstrafe vollzogen worden, einen einzigen ausgenommen, welcher sich in Gratz eingeschlicheu, und nicht nur als Prediger, sondern auch als Prophet ausgetreten war. Nachdem nun das Land von den Verführern gesäubert war, kam es darauf an, die Verführten zurückzubringen. Zu diesem Ende wurden Kircheuvisitationen im ganzen Lande angeordnet, katholische Seelsorger eingesetzt, und die Leute durch Belehrung, Mahnung, und durch die bestimmte Erklärung, daß sie entweder zur katholischen Kirche zurückkehreu, oder auswandern müssen, zur Besimmng gebracht. »US Es gab zwar manche Tumulte, doch ging im Ganzen diese Gegen¬ reformation viel leichter von Statten, als man zu hoffen gewagt hatte. Ein großes Verdienst hatte dabei der Bischof von Seckan, Martin Prenner, der durch seine Predigten vielen Verirrten die Augen öffnete; — dann der Bischof von Lavant, Stobäus von Palmaburg, eine zeitlaug Statthalter von Gratz, welcher in einem Berichte an den Papst, den so unerwartet schnellen und vollständigen Sieg der katholischen Kirche, ein wahrhaft wunder¬ bares Ereigniß nennt. 240. Der neue und der alte Glaube. Nachdem wir nun gesehen, wie die neuen Lehren weithin ver¬ breitet wurden, wird cs nicht überflüssig sehn, dieselben in kurzer Uebersicht in's Auge zu fassen. Da fällt vor Allem gleich auf, daß hier das Meiste auf bloße Verneinung und Verwerfung ka¬ tholischer Lehren und Einrichtungen hinausläuft. Der Quellenpunct aber, woraus alle Irrlehren Lnther's hervorgingen, wurde schon oben in der ersten Schilderung dieses Reformators angedcutet, näm¬ lich die irrige Antwort auf die Frage, wie das Heil der Menschen begründet, — oder (wie die Dogmatik sich ausdrückt) wie der Mensch gerechtfertigt werde. Luther hatte nach seiner eigenen Aussage im Kloster sich bemüht, durch Werke strenger Abtödtung Gott ge¬ fällig zu werden, und die Seelenruhe zu finden. Dieses seh ihm nicht gelungen, bis er auf den Rath eines Klosterbruders sich ein¬ zig dem Glauben aus die Verdienste Christi in die Arme warf. Der Glaube, und zwar der Glaube allein war nun sein Alles. Hiernach bildete er seine Lehre von der Rechtfertigung, und die übri¬ gen, die innig damit Zusammenhängen, und zwar: 1. Das dem Menschen anerschaffene göttliche Ebenbild, d. i. seine höheren geistigen Kräfte, Vernunft und Freiheit, ist durch die Erbsünde im Menschen gänzlich ausgelöscht worden, dergestalt, daß er für alles Höhere und Bessere völlig erstorben, und nur wie ein willenloser Klotz oder Stein (liuneuns, lupis) durch Gottes Gnade weiter bewegt wird. Die katholische Kirche lehrt, daß die geistigen Kräfte des Men¬ schen, Vernunft und Freiheit, durch die Erbsünde zwar sehr ge¬ schwächt, aber doch nicht ganz vertilgt sind. 20 3M» Der Mensch wird gerechtfertigt durch den Glauben allein fauch ohne die Liebe, und ohne die Werke der Liebe) und die Rechtfertigung selbst besteht darin, daß Gott den Glaubenden, um der Verdienste Christi willen, bloß für gerecht erklärt, und seine Sünden deckt, ohne daß dieser in der That gerecht ist, oder die Sünden wirklich von ihm hinwezgenommen wären. Die katholische Lehre: Der von Gott gerechtfertigte Mensch wird zugleich auch im Innern gerecht und geheiligt; daher ist nicht der Glaube allein, sondern der von der Liebe bewegte Glaube zur Rechtfertigung erforderlich. 3. DaS ganze Werk der Rechtfertigung (Wiedergeburt) ist die alleinige That Gottes, wobei der Mensch gar nichts thut, sondern sich durchaus leidend verhält. Die katholische Kirche sagt: Es steht in der Macht des Men¬ schen, mit der göttlichen Gnade mitzuwirken, oder ihr zu wider¬ stehen. 4. Weil Gott allein die Rechtfertigung wirkt, so ist der Mensch, — wenn er nur fest au Gottes Barmherzigkeit glaubt, — vollkommen gewiß und sicher, daß er selig wird. Der katholische Christ vertraut zwar auf Gottes Barmherzig¬ keit unerschütterlich, hat aber Ursache, sich selbst zu mißtrauen, da¬ her er nach den Worten des Apostels: „m Furcht und Zittern" sein Heil wirkt. 5. Diese durch den Glauben allein gesicherte innere Ge¬ wißheit der Rechtfertigung macht dann die äußeren Heilsmittel, wie die S a c rain e n te, entbehrlich; ihre Siebenzahl wurde verworfen, und nur die Taufe und das Abendmahl, jedoch in anderer Vorstel¬ lung , beibehalteu. 6. Vom heiligen Abendmahle lehrt Luther, daß keine Verwand¬ lung vor sich gehe, sondern mit und unter dem Brote Christi Leib genossen werde. Das, meinte Luther, sei verständlicher, als die Verwandlungslehre (Transsubstantiation) der katholischen Kirche. Daher auch keine Anbetung der consecrirten Hostie, und kein Opfer der heiligen Messe. Indessen sind die jetzigen Lutheraner längst hinaus über den Glauben an den wirklichen Genuß des Leibes Christi. 7. Da Gott rechtfertiget, so rechtfertiget er ganz und ohne 307 Fürbitte anderer; daher kein Fegefeuer und keine Anrufung und Verehrung der Heiligen. 8. Da Luther vermöge seines Characters keine Autorität über sich duldete, so läugnete er die von Christus feiner Kirche über¬ gebene Gewalt und das Priesterthum. Nicht die Kirche soll man hören, wie Christus befiehlt, sondern in der heil. Schrift soll man lesen, diese ist die einzige Glaubensquelle, welche auch nach Lnther's Behauptung vollkommen klar und verständ¬ lich ist. Da aber die Erfahrung bald das Gegentheil lehrte, so fand man nöthig, den uenen Glauben in sogenannten symboli¬ schen Büchern zu siri reu, an die Jedermann in seinem Glau¬ ben gebunden sein sollte; — ein Widerspruch, der den Keim zur Auflösung des lutherischen Lehrbegriffcs schon gleich Anfangs in sich trug. Anmerk. Die wesentlichsten Abweichungen der Lehre Calvin's von der lutherischen wurden schon oben (H. 224) angegeben. 241. Ursachen der schnelle» Verbreitung des Protestantismus. Die Protestanten thnn sich ans die reißend schnelle Verbreitung ihrer Sache viel zu Guten, und meinen, daß sic schon darin als Gottes Sache sich bewährt habe. Allein die schnelle Verbreitung hat ihren Grund keineswegs in der Allmacht Gottes, sondern in der Schwachheit der Menschen, und erklärt sich leicht theils aus der Beschaffenheit der neuen Lehre, theils aus den Zeitumständen, und aus der Art und Weise, wie die Reformatoren zu Werke gingen. 1. Der Hauptbeweggrund, daß Tausende der neuen Lehre sich anschloßen, waren die lockenden Worte: „Ihr braucht dieß und je¬ nes nicht mehr zu glauben, und ihr könnt dabei eurer Seligkeit ganz gewiß sehn" Die von den Reformatoren ohne Unterlaß ans- gerusene „evangelische Freiheit" war der Köder, der Leute jeglichen Standes hcrbeizog. Das Volk soll befreit sein von den die Sinn¬ lichkeit belästigenden Anstalten: vom Beichten, Fasten und allem kirchlichen Gehorsam; Mönche und Priester vom Zwange der be- schwornen Gelübde und des Cölibates; Alle von der Nothwendigkeit, gute Werke zn üben. Auch die Anflöslichkeit der Ehe lockte Manche, die mit ihren Gatten unzufrieden waren. 20* »«8 2. Um dieses Wegwerfen der heiligsten Anstalten zu beschö¬ nigen, stellte man die Sache so dar, als handle es sich nur um die Abstellung von „Mißbräuchen und menschlichen Satzun¬ gen." Allerdings fehlte es nicht an Mißbräuchen; auch hat Luther- Anfangs großentheils gegen wirkliche Mißbräuche augekämpft, und so führte er manche irre, die es nicht merkten, daß bald nicht mehr Mißbräuche, sondern katholische G la üben sichren abgestcllt wur¬ den, und man kann sagen, Viele wurden so um ihren Glauben eigentlich betrogen. 3. Die Verbreitung der Bibel, und die Einführung des Got¬ tesdienstes in den Landessprachen, waren sehr geeignet, selbst Besser¬ gesinnte den Neuerungen zuzuführen; jedenfalls aber schmeichelte dieses der Eigenliebe des großen Hansens. Es war so bequem, sich seinen Glauben selbst aus der Bibel herauszulesen; daß das nicht genügen könne, wurde von Wenigen begriffen. Und die erhebenden Gebete und Lieder, die mau bei dem deutschen Gottesdienste ver¬ nahm, überraschten ungemein, daß aber die meisten und schönsten davon aus dem katholischen Meßbuche genommen waren, das ver¬ schwiegen die Reformatoren weislich. 4. Entstellung und Verl eumdung der katholischen Kirche und ihrer Lehren war ein so wirksames Mittel zur Verbreitung der sogenannten Reformation, daß man selbes heutzutage noch zur Erhaltung derselben anwendet, und es ist schwer zu entscheiden, ob das mehr dem dösen Willen, oder der Unwissenheit zuzuschreiben ist. 2. Viele Fürsten reformirten ihre Länder blos ans Eigennutz und Habsucht. Dadurch wurden sie Oberhäupter der Kirche, und Kirchen- und Klostergüter waren eine willkommene Beute. Luther selbst ärgerte sich zuletzt daran. In einer Predigt sagte er: „Viele sind noch gut evangelisch, weil es noch katholische Monstranzen und Klostergüter gibt," und in den Tischreden wünscht er den Fürsten und den Adeligen, welche die geraubten Kirchengütcr für sich be¬ halten, — den Teufel, weil er sehen mußte, daß dabei die Diener seines Evangeliums so arm waren, „daß sie möchten verschmachten sammt Weib und Kind." 6. Der Zeitgeist überhaupt war einem kühnen Absprechen über die heiligsten Gegenständen günstig. Die frühere Einfalt des Glaubens trat in den Hintergrund, und ein durch die neue Vuch- druckerkunst verbreitetes eitles und halbes Wissen gefiel sich im 3NS Zweifel, und im keckem und spöttischem Spiele mit dem Chri- stenthume. 7. Von großem Einflüsse war auch der damalige politische Zustand der europäischen Staaten, und Schiller selbst sagt: „Durch eine sonderbare Verkettung der Dinge, mußte es sich fügen, daß die Kirchentrennung mit politischen Umständen zusammentraf, ohne welche sie vermuthlich eine ganz andere Entwicklung würde ge¬ habt haben." Die Protestation gegen die vom Kaiser beschirmte Kirche war bei den deutschen Fürsten zugleich ein Widerstand gegen die kaiserliche Gewalt. „So streiten die Unsrigen nur für ihre Herrschaft, nicht sür's Evangelium," schreibt Me- lanchthon au Luther. — Das nämliche gilt von den protestantischen Ständen in den österreichischen Ländern, ihren Fürsten gegenüber. 8. Daß endlich in den einzelnen Ländern noch verschiedene ganz eigenthümliche Beweggründe die Reformation förderten, ver¬ steht sich von selbst, wie z. B. Friedrich II. als den wahren Grund derselben in Deutschland: die Nanbsncht; in Frankreich die Nene- rungssucht; in England: die Weibersucht angibt. Anmerk. Sehr verbreitet ist die Ansicht, daß das Berderbniß der Kirche die einzige Ursache der Reformation (daher Kirchcnverbesse- rung) gewesen sep, und diese nothwendig habe erfolgen müssen. Daß in der Kirche im Laufe der Zeiten sich manches Unkirchliche angehäuft; — und daß man schon seit zwei Jahrhunderten den ernsten Mahnruf nach einer Reformation häufig vernommen hat, ist allerdings wahr. Allein, wer einen richtigen Begriff von der Kirche Christi hat, kann nie zugcben, daß je ihre Lehre einer Reformirung bedürfe, und daß man so von ihr abfallcn könne. Wäre das Berderbniß der Kirche der Grund des Abfalles gewe¬ sen, so war mit der wahren Reformation der Kirche auf dem Concilium zu Trient derselbe behoben, und der Wiedervereini¬ gung stand nichts im Wege. Aus dem Verderbnisse in der Kirche läßt sich der ungeheure Abfall allerdings einigermaßen erklären, die eigentlichen Beweggründe aber waren, wie wir gesehen haben, ganz anderer Art. LIN Weitere Ereignisse in Deutschland seit der Entste¬ hung des schmalkaldifchen Bundes. 242. Die schmalkaldischeu Artikel. Wenden wir den Blick wieder in das Innere von Deutschland. Der gegen den Kaiser geschlossene schmalkaldische Bund (tz. 222) bewährte sich als treffliches Mittel zur Förderung des Lutherthums. Unter seinem Schutze wurden neue Provinzen, darunter Wörtern - berg und das Herzogthum Sachsen protestantisirt. Natürlich wurde die neue Partei, je mächtiger sie anwuchs, auch desto anmassender gegen die katholische Kirche. Daher wiesen sie auch die Anträge des Papstes Paul III. zur Theilnahme an dem zu Mantua 1537 angekündigtem allgemeinen Concil von sich, obgleich sic oft an ein Concil appellirt hatten. Sie erwiederten, sie hätten ein frommes, freies und christliches Concil verlangt, worunter sie ein solches ver¬ standen, wo die lutherischen Prediger zu Gericht fitzen würden, um den Papst und die Bischöfe zu verdammen. Ucbrigens hatte ja Luther schon erklärt: „Sagt das Concil ja, so sagen wir nein, und sagt das Concil nein, so sagen wir ja." Doch hielten die Pro¬ testanten ans Anlaß der Einladung zum Concil eine Zusammen¬ kunft zu Schmalkalden 1537, wo die von Luther verfaßten soge¬ nannten schmalkaldifchen Artikel voll der schärfsten Gegen¬ sätze gegen die katholische Lehre, genehmiget wurden. Diese Schrift zeigt, wie sehr die Gesinnung der Protestanten seit dem Augsbur¬ ger Reichstage (1530) sich geändert hat, und ist ein auffallendes Gegenstück zu der Augsburger Confession. Sie gehört zu den sym¬ bolischen Büchern der Lutheraner. Luther verließ diese Versamm¬ lung mit dem Abschiedsgruße: „Gott erfülle euch mit dem Hasse des Papstes." 243. Wiedertäufer in Münster. Nicht Wenige brachte die Reformation zu schauderhaftem Irr¬ wahne, indem sie ihre Leidenschaften zu göttlichen Gesetzen stämpel- ten. Das zeigte sich insbesondere an der Secte der Wiedertäufer, die schon Luther aus Wittenberg mit Gewalt vertreiben mußte. Von solchen wurde 1533 zu Münster eine theokratische Pöbelherr¬ schaft errichtet, als Anfang des kommenden Reiches Christi auf — »M — Erden. Johann Bockhold aus Leyden, war unbeschränkter König der Welt, ein gewisser Matthiesen sein Prophet, und Knipperdoling sein immer beschäftigter Scharfrichter. Propheten wurden ausge¬ sandt, alles Gold und Silber mußte als Gemeingut ansgeliefert werden, und nachdem der König mehrere Frauen genommen, wurde die Vielweiberei unter ihnen allgemein, und jeder Gräuel als gött¬ liche Eingebung geübt; bis 1535 Münster von den benachbarten Fürsten erobert, dem Unwesen mit dem Schwerte ein Ende gemacht, und der katholische Gottesdienst wieder hergestellt wurde. Diese Ge¬ schichte hatte wenigstens den Nutzen, daß Münster nun nimmermehr zum Protestantismus sich verleiten ließ. 244. Dic Doppelehe Philipp's von Hessen. Dieser Wahnsinn der Wiedertäufer war freilich nur eine Aus¬ artung des Protestantismus; aber ein bedenkliches Exempel solcher Ausartung fand bald darauf die förmliche Gutheißung der prote¬ stantischen Theologen und Lmhers selbst. Der ausschweifende Land¬ graf Philipp von Hessen, der Vorkämpfer des Lntherthums, bereits sechszehn Jahre mit Christina, Prinzessin von Sachsen ver¬ heiratet, und Vater von acht lebenden Kindern, erklärte in einem Schreiben au Luther und Melanchthon, daß er mit Einer Frau sich nicht begnügen könne, er wolle Margaretha von Sahl als zweite Frau heiraten; — er wünsche aber, daß sie ihm dazu die Erlaub- niß geben, und schriftlich erklären, daß diese Doppelehe nicht gegen das göttliche Gebot seh. Die Reformatoren gerietheu darüber in Verlegenheit; als aber Philipp ihnen seine Gunst zu entziehen drohte, so gestatteten sie ihm sein Begehren schriftlich: „um so für das Heil sein Leibes und seiner Seele zu sorgen, und Gottes Ehre dadurch zu befördern." Die Ehe wurde 1540 in Gegenwart Melanchthon's geschlossen. Man hatte zwar ansbeduugen, daß die ärgerliche Sache geheim bleiben sollte; als sie jedoch bald bekannt wurde, machte das dem Melanchthon solchen Kummer, daß er erkrankte, Luther aber wollte, wie er sich ausdrückte, des Teufels und der Papisten wegen seinen Verdruß verbergen. »12 245. Neue Gewnltthätigkeiten der Protestanten. * So wie in der dem Landgrafen gestatteten Doppelehe der Sitt¬ lichkeit offen Hohn gesprochen wurde, so ward bald darauf durch mehrere Handlungen das Rechtsgefnhl eben so offen verletzt. Für düs BiSthum Naumburg wurde in gesetzlicher Wahl der ge¬ lehrte und milde Julius von Pflug gewählt; aber der Chur¬ sürst Johann Friedrich von Sachsen riß das Bisthum an sich, vertrieb den katholischen Bischof und setzte dafür den lutherischen Nicolaus von AmSdorf ein, 1542. Um das Maß höhnender Willkühr voll zu machen, wurde Anisdorf von Luther feierlich zum Bischöfe geweiht. Daß die Einwohner des Bisthumes nun auch lutherisch werden mußten, versteht sich von selbst. Dieser Gewaltthat folgte gleich eine zweite. Der katholische Herzog Heinrich von Braunschweig war mit der Stadt Braunschweig, die gegen seinen Willen sich dem schmalkaldischen Bunde angeschlossen hatte, in Streit geratheu. Als er sich rüstete, seine rebellischen Unterthanen zum Gehorsam zurückzuführen, über¬ fielen ihn plötzlich die Hänpter des schmalkaldischen Bundes, bemäch¬ tigten sich seines Landes, nvthigten ihn zur Flucht, und führten nun mit bewaffneter Hand die Reformation in dein geraubten Ge¬ biete ein, 1542. Beinahe wäre es ihnen auch gelungen, das herrliche Chur- fürsten- und Erzbisthum Cöln an sich zu reißen. Der unwissende und schwache Chnrfürst von Cöln, Hermann, ließ sich beifallen, von Mclanchthou und Bucer verlockt, seinem Lande den Protestan¬ tismus aufzudringen, um es dann als weltlicher (lutherischer) Lan¬ desfürst für sich und seine Erben in Besitz zu nehmen. Protestan¬ tische Prediger hatten das Werk bereits begonnen, 1542; doch die feste Haltung des Domcapitels und des Stadtrathes vereitelten den niederträchtigen Plan. Hermann wurde vom Kaiser seines Chur- fürstenthumes entsetzt, und vom Papste excommunicirt. Zum Glücke war der schmalkaldische Bund nicht in der Lage, den Meineidigen zu unterstützen, er starb 1552. 246. Schmalkaldischer Krieg. Das Interim. Solche Thaten waren schreiend genug, um den Kaiser zu über¬ zeugen, weß Geistes der Protestantismus seh, und doch glaubte er 3L3 noch immer, es werde sich Frieden und Eintracht Herstellen lassen. Von einem Concilinm hoffte er Alles, und übersah dabei, daß ein Concilium nur über kirchliche Dinge verhandeln könne, der Pro¬ testantismus aber längst im rein weltlichen Interesse feste Wurzeln geschlagen hatte. Das Concilium wurde wirklich nach Trient für das Jahr 1545 ausgeschrieben. Als es bereits be¬ gonnen hatte, lud der Kaiser die Protestanten auf einen Reichstag nach Worms, 1545, um über ihren Beitritt zu dem Concilinm zu berathen. Wie zu erwarten stand, lehnten die Protestanten jede Theilnahme ab, und um ihre Gesinnung recht offen darznlegen, vertheilten sie auf dem Reichstage unter die Katholiken die neueste Schrift Luthers: „das Papstthnm vom Teufel gestiftet," ein Mach¬ werk, worin Luther an Wuth und Wahnsinn sich selbst übertoffen hatte. Jetzt blieb dem Kaiser nur die Entscheidung durch die Waffen übrig. Er rüstete sich, und erklärte den protestantischen Fürsten, die ihn fragen ließen, ob er der Religion wegen Krieg beginnen wolle, im gerechten Unwillen: nicht der Religion wegen werde der Krieg unternommen, sondern gegen jene Friedensstörer, die unter deni Scheine 1>er Religion Deutschland zerrütten. Der Krieg war von kurzer Dauer. Die schmalkaldischen Verbündeten unter Leitung des Churfürsten Friedrich von Sachsen und Philipp von Hessen, waren zwar an Hecresmacht dem Kaiser weit überlegen, aber die protestantische Uneinigkeit verhalf dem Kaiser zum Siege. Viel hatte dazu auch Herzog Moritz von Sachsen beigetragen, der, ob¬ wohl Protestant, auf des Kaisers Seite getreten war. In der Schlacht von Mühlberg 1547 wurde der Churfürst besiegt und ge¬ fangen. Sein Churfürstenthum erhielt Moritz. Philipp stellte sich als Gefangener des Kaisers. So war der schmalkaldische Bund gelöst, und die protestantischen Fürsten zum Gehorsam zurückge¬ führt, und es fragt sich, was in Betreff der Religion geschehen soll. Da beging der Kaiser den Fehlgriff, daß er auch hierin An¬ ordnungen treffen wollte. Da das Coucil zu Trient während der Kriegsunruhen aufge- gelöst worden war, so wollte der Kaiser von katholischen und pro¬ testantischen Theologen durch eine Art von Vergleich bestimmen lassen, wie es unterdessen (interim), bis ein Coucil etwas anordnet, in kirchlicher Beziehung gehalten werden soll. In dem hierüber verfaßten Dokumente, das „Interim" genannt, wurde den Prote- 314 / f v " stanten der Kelch und ihren Geistlichen die Beibehaltung der Frauen gestattet, auch der weitere Besitz der geraubten Kirchengüter still¬ schweigend zugestanden. Die Glaubenslehren sind im katholischen, doch möglichst mildem Sinne dargestellt. Es war ein Meisterstück der Halbheit, verfehlte aber seinen Zweck gänzlich. Als eigen¬ mächtige Verfügung des Kaisers in Religionssachen, wurde es pon den Katholiken, und als zu sehr papistisch, von den Prote¬ stanten verworfen. Selbst der neue Churfürst von Sachsen, Moritz, nahm es nicht au, sondern ließ von Melanchthon, ein anderes, — das Leipziger Interim, — verfassen. In diesem wurde er¬ klärt, daß man in Betreff der Adiaphora, d. i. in minder wich¬ tigen Dingen, wie z. B. Gottesdienst, den Katholiken nachgeben könne; Anderes aber sich Vorbehalten müsse. Uebrigens ist dieses Leipziger Interim schon wieder sehr nachgiebig in Betreff der lu¬ therischen Lehre, und man merkt es ihm an, daß der stürmische Luther damit nichts zu thun hatte. Er war nämlich schon im Jahre 1546 gestorben, und hat in seinem frevelhaften Sinne bis zu Ende verharrend seinem Testamente noch die Unterschrift beigefügt: vr. M. Luther: „Notar Gottes, und Zeuge seines Evangeliums." An merk. Das Leipziger Interim gab zu heftigen Streitigkeiten unter den Protestanten Veranlassung, wovon später die Rede sehn wird. 237. Augsburger Religionsfricde. Durch den neugewählten Papst Julius Hl. wurde das Trien¬ ter Concil 1551 wieder eröffnet. Papst und Kaiser suchten die Protestanten dahin zu stimmen, daß sie an demselben Antheil nehmen. Wirklich erschienen bald Abgeordnete einiger protestantischen Fürsten. Auch Chnrfürst Moritz schickte nach einigem Zaudern seine Gesand¬ ten ab, und man mochte sich einiger Hoffnung zur Ausgleichung hingeben, als plötzlich die doppelte Verrätherei dieses Fürsten am Kaiser und am Vaterlande, der Sache eine ungeahnte Wen¬ dung gab. Moritz, der vom Kaiser so begünstigt worden war, und daher auch dessen ganzes Vertrauen besaß, täuschte dieß Vertrauen in schmählicher Weise. Der Kaiser hatte ihm noch die Bezwingung Magdeburgs, das sich des Ungehorsams schuldig gemacht hatte, auf¬ getragen. Das gab dem Treulosen Gelegenheit, sich ohne Aufsehen zu rüsten. Zugleich schloß er mit dem Erbfeinde Deutschlands, 313 mit König Heinrich II. von Frankreich, 1551, ein Bündniß, dem zufolge dieser in Deutschland cindringen, und die Bisthümer Metz, Toul und Verdun für sich nehmen sollte. Das war protestan¬ tischer Patriotismus! Nachdem Alles vorbereitet war, brach Moritz 1552 auf, und bemächtigte sich der Stadt Augsburg; die Franzosen aber nahmen obige Bisthümer in Besitz. Der Kaiser lag krank zu Jnsbrnck; Moritz zog dahin, und der Kaiser rettete sich kaum durch schnelle Flucht. Der Kaiser machte keinen Ver¬ such zur Gegenwehr, er mochte erkennen, daß es ihm nicht beschic¬ ken seh, das zerrissene Deutschland wieder herzustcllen, da er dreißig Jahre vergebens dafür sich angestrengt hatte. Er überließ es seinem Bruder Ferdinand, den Frieden zu vermitteln, welcher nach einem vorläufigen Vertrage zu Passau 1552, erst 1555 zu Augs¬ burg definitiv abgeschlossen werden konnte. In diesem Frieden wurde bedungen: 1) kein Reichsstand soll den andern zum Wechsel seiner Religion nöthigen; 2) die Jurisdiction des Papstes und der Bischöfe ist in den Staaten der Augsburger Confession suspendirt; 3) die Protestanten bleiben im Besitz der Kirchengüter, wie es im Jahre 1555 steht, inskünftige aber darf kein Theil dem anderen etwas nehmen; 4) jedem ist erlaubt, die katholische oder die Augs¬ burger Confession zu wählen, und wenn sein andersgläubiger Lan¬ desfürst ihn nicht duldet, frei auszuwandern; 5) alle anderen Reli- gionSsccten z. B. Wiedertäufer, Zwinglianer, sind von diesem Frieden ausgeschlossen; 6) wenn ein Bischof oder andere geistliche Personen zur Augsburgischen Confession übertreten, sollen sie ihre geistlichen Würden und die damit verbundenen Einkünfte verlieren. Dieser Artikel hieß der geistliche Vorbehalt, und sand von Seite der Protestanten den größten Widerspruch. So war zwar äußerlich der traurige Streit beigelegt, aber die inneren Gegensätze blieben, und Deutschland war zur Freude seiner Feinde grundsätzlich in sich gespalten. An merk. 1. Moritz genoß nicht lange die Früchte seines Berra- thes, er fiel schon 1553 im Kampfe gegen einen seiner früheren Bundesgenossen. 2. Kaiser Carl V. legte die Regierung nieder, und schiffte 1556 nach Spanien, wo er den Rest seiner Tage in Einsamkeit, neben dem Kloster San Justo verlebte, und 1558 in einem Alter von 59 Jahren starb. 1 — — 248. Streitigkeiten unter den Reformatoren. Die neue Lehre, von der durch Christus gesetzten unfehlbaren Autorität der heiligen Kirche losgetrennt, mußte dem Wechsel alles Menschlichen anheimfallen. So lange Luther mit mehr als päpst¬ licher Autorität den Glauben dictirte, wagten es nur Wenige sei¬ nem Glaubensbefehle: l)r. Uortinns sie clioo, sie Mbeo" offen zu widersprechen, und die es thaten, wie Carlstadt, mußten es schwer büßen. Aber nach seinem Tode fing der Zank um die wichtigsten Glaubenslehren au, und dauert bis auf unsere Tage fort, so daß Or. Harms mit Recht erklärte, er könne die Glaubens¬ lehren, über die die Protestanten unter sich einig sind, auf den Na¬ gel seines Daumens schreiben. Nur in der völligen Glaubens- losigkeit sind allerdings viele einig. Wir wollen die bedeutendsten dieser Streitigkeiten kurz berühren. "° 1. Der Abendmahlsstreit, wovon schon früher die Rede war (ß. 220). 2. Die adiaphoristischen Streitigkeiten, die das Leip¬ ziger Interim veranlaßte. Melanchthon hatte darin den Grundsatz angenommen, daß man in uclmjRnris (in minder wichtigen Dingen) den Katholiken nachgeben könne. Daraus entspann sich ein zwei¬ facher Streit. Die Einen erklärten, auch hierin dürfe man nicht nachgeben, die Anderen zeigten, daß Dinge, die Melanchthon min¬ der wichtig genannt, äußerst wichtig seien, z. B. daß der Papst der Antichrist ist. Z. Ueber die guten Werke. In dem nämlichen Interim wurde der Satz ausgenommen: „daß die guten Werke zur Seligkeit nothwendig wären." Dem setzte Amsdorf die Behauptung entgegen: „die guten Werke sind zur Seligkeit schädlich." Sein Gegner, der Superintendent Georg'Major, mußte sich flüchte^, nnd starb arm nnd verlassen. 4. Der synergistische Streit (über die Mitwirkung mit der Gnade). Luther hatte erklärt, daß Gott allein das Gute wirke. Melanchthon kam später zur Erkenntniß, daß der Mensch doch auch Mitwirken müsse. Die Theologen singen bald an leidenschaftlich, die einen dafür, die anderen dagegen zu eifern. Strigel, Profes¬ sor zu Jena, war für den Synergismus, er wurde dafür aus die Festung gesetzt. Sein Hauptgegner Flaeins verfiel aber hierbei - rri7 — in einen anderen Gegensatz, „daß die Erbsünde Substanz des Menschen sei", und mußte dafür flüchtig im Elende sterben, 1575. 5. Streit über die Rechtfertigung,, auch der Osran- drische genannt. Professor Osiander in Königsberg eröffnet den¬ selben, und die Folge davon war eine völlige Entzweiung der dor¬ tigen Professoren, und ein förmlicher Aufruhr gegen Osiander, von dem man ganz im Ernste behauptete: wenn er an der Tafel schwelge (was er gerne that), fitze unterdessen der Teufel an dessen Pulte, und schreibe für ihn. Er starb bald, und seine Anhänger wurden mit Gewalt unterdrückt. 6. Der Kryptoca Ivin ismus (geheimer Calvinismus). Phi¬ lipp Melanchthon war in Manchem mit seinem Meister Luther nicht einverstanden. Aber bei dessen Lebzeiten behielt er das weislich für sich. Später trat er offener hervor, und neigte sich insbesondere in der Abendmahlslehre zu Calvin hin. Viele stimmten seiner Ansicht bei, und so kam es zu heftigem Kampfe zwischen diesen Philip¬ pi st en und den strengen Lutheranern. Viele wurden in Kerker ge¬ worfen, und starben in denselben, und in Sachsen wurden öffent¬ liche Gebete zur Ausrottung der calvinischen „Ketzerei" angestellt. 7. Die Concordienformel. Zur Beilegung des krypto- calvinischcn Streites, oder vielmehr zur Sicherung der lutherischen Lehre wurde auf Anordnung des Churfnrsten August von Sachsen ein neues symbolisches Buch, die Concordienformel, verfaßt, worin die calvinische Lehre verworfen war. Allein die Calviuisteu fügten sich nicht, und so wurde die Eintrachtsformel zur Zwietrachts¬ formel, wobei zwar der Calvinismus auf kurze Zeit siegte, aber bald wieder der gränzenlosen Parteiwuth der Lutheraner Weichen mußte. Der Hauptführer der calvinischen Sache, Kanzler Crell, wurde über zehn Jahre im Kerker gefangen gehalten und dann hingerichtet. 8. Der synkretistische Streit (Religiousmengerei). Ca¬ li p tu s, Professor in Helmstädt, hatte behauptet, daß fromme Ka¬ tholiken doch auch selig werden könnten, und der Unterschied im Glauben zwischen den streitenden Parteien seh im Wesentlichen nicht so erheblich. An solchen milden Ansichten ärgerten sich die lutheri¬ schen Eiferer gewaltig, es entstand eine heftige Bewegung, und man war nahe daran, ein neues symbolisches Buch darüber anfzusctzeu. Calixtus wurde dem Streite durch den Tod entrückt. KIS 9. Pietistische Händel. Unter den angeführten Streitig¬ keiten war die Sittlichkeit und der kirchliche Sinn unter den Luthe¬ ranern sehr herabgekomwen. Jacob Spener, geboren 1635, Prediger zu Straßburg, dann zu Frankfurt, endlich Oberhofprediger zu Dresden, wollte hier nachhelsen, hielt andächtige Versammlungen in seinem Hause nud gab eine Schtift: „kiu closiüarig" (fromme Wünsche) heraus, worin er für innere Gottseligkeit und kirchlichen Sinn eiferte, und Mittel dafür in Vorschlag brachte, aber dabei in den Verdacht eines heimlichen Papisten verfiel. Die Universität zu Halle, gestiftet im Jahre 1694, wurde der Hauptsitz seiner An¬ hänger (Pietisten), gegen welche die Universitäten zu Leipzig und Wittenberg einen heftigen Kampf eröffneten. Besonders wurde auch darüber gestritten, ob die Beicht bei den Lutheranern wieder ein- geführt werden soll. Bei aller Schwärmerei, welcher Spener hul¬ digte, kann nicht geläugnet werden, daß sein immerhin lobenswerthes Streben dem Herz- und geistlosen Lutherthume auf einige Zeit eine bessere Richtung gab. 10. Die obigen Streitigkeiten betreffen zunächst die lutherische Partei; in der calvinischen ist der Streit über die Prädesti¬ nation der merkwürdigste, er gab auch einer neuen Secte den Ursprung. Jacob Armin ins, Professor in Leyden, verwarf die düstere Lehre Calvins, daß Gott den Menschen ohne sein Verschulden zur Verdammung vorherbestimme, und fand einen heftigen Gegner an seinem College« Gomarns. Beide wurden Parteihäupter; öffent¬ liche Disputationen hatten die gewöhnliche Folge; das Volk trennte sich in arminianische nnd gomaristische (calvinische) Gemeinden. Die Arminianer überreichten der Regierung eine Rechtfertigung ihres Glaubens, Remonstranz 1610, (daher Remonstranten). Die Gomaristeu gaben dafür eine Gegenvorstellung (daher Contraremon- strauten). Auch die Politik kam dabei in's Spiel, nud der Statt¬ halter und Feldherr der Republik — nach der absoluten Gewalt strebend, — ließ einige Gomaristeu, als eifrige Republikaner, dar¬ unter den berühmten Hugo Grootius, in den Kerker werfen. Endlich kani es zu einer allgemeinen Synode (!) zu Dortrecht 1618. Hier behandelte, in sonderbarem Widerspruch mit den neuen Principien, die vorherrschende calvinische Partei ihre Gegner ganz so, wie die katholische Kirche von jeher die Glaubensgegner zu be- rsiK handeln pflegt. -Die Arminianer forderten freie Meinungsäußerung auf Grundlage der heiligen Schrift, eö wurde ihnen abgeschlagen. Nach der unfehlbaren Autorität des bestehenden (calvinischen) Glaubens mußte entschieden werden. So wurde über die Arminia- ner das Verdammungsurtheil gesprochen; mehr als zweihundert ver¬ loren ihre Stellen, au achtzig wurden des Landes verwiesen. Sie erhielten doch als Secte in der calvinischen Secte später Duldung, und zerfielen ihrerseits weiter in Infralapsarier, Snpral či¬ psa rier und Collegia Uten. 249. Setten unter dm Protestanten. Wiedertäufer, Mcnnoniteu, Schwenkfeldianer. * Die von Luther zum Grundsatz erhobene freie Schriftaus¬ legung brachte folgerichtig nicht nur Streitigkeiten, sondern auch neue Secten zum Vorschein. 1. Schon zu Luthers Zeit entstanden die Wiedertäufer, welche aus den Worten der Schrift: „Wer glaubt und getauft ist, wird selig werden", bewiesen, daß nicht Kinder, da sie nicht glauben können, sondern Erwachsene getauft werden müssen. Lu¬ ther hatte sie von Wittenberg vertrieben, und auch in Münster wurde ihrem schrecklichen Unwesen ein Ende gemacht. Sie wurden jedoch nicht unterdrückt, sondern pflanzten sich in mehreren Zweigen fort, darunter die von Menno (st 1Ö61) gestifteten Mennonitcn. In Nordamerika bilden in der neueren Zeit mit den Wiedertäufern verwandte Secten, unter der allgemeinen Benennung Baptisten, die zahlreichste alter protestantischen Parteien. Unter verschiedenen Namen (Tanfgesinute, — General- und Particular-Baptisten, — Sabatharier, Christitcn, Dunker :c.) machen sie bei zehntausend Ge¬ meinden aus mit vier und einer halben Millionen Seelen. 2. Die Schwenkfeldianer, so genannt von Caspar Schweuk- feld aus Schlesien, der in der Lehre von der Rechtfertigung und vom Abendmahle von Luther abwich. Der Grundcharacter dieser Secte ist die Ausbildung des innern frommen Lebens, wobei das äußere Kirchenthnm als mehr gleichgültig betrachtet wird. 32« 250. Antitrinitarier. Socinianer. An ti tri nitarier (Gegner der Lehre von der Dreieinigkeit) standen von Zeit zu Zeit unter Protestanten und Calvinern auf, und wurden von diesen als Ketzer häufig mit dem Tode bestraft. So wurde Hetzer 1529 zu Constanz, und Gentilis 1566 zu Bern enthauptet. Den Ser vede ließ Calvin 1553 langsam braten. Campanuö starb zu Cleve im Kerker um 1578. Um solchem Schicksale zu entgehen, flohen mehrere nach Polen, und stifteten ganze Gemeinden von Unitarieru. Auch in Siebenbürgen erwarben sie sich öffentliche Anerkennung. Endlich gründete Faustus Socinus, aus Oberitalien, eine besondere Secte dieser Art in Polen, — die Socinianer um 1580. Nach ihrer Ansicht ist in der Gottheit nur Eine Person. Christus ist aus der Jungfrau Maria zwar durch die Kraft Gottes, aber doch als bloßer Mensch geboren. Vor dem Antritte seines Amtes ist er in den Himmel entrückt worden, und hat von Gott Vater selbst vernommen, wie er die Menschheit erlösen soll. Nach vollbrachtem Werke erhielt er im Himmel zum Lohne seines Lebens die Herrschaft über Alles, nud muß als vergöttlichter Mensch angebetet werden. — Aus Polen wurden sie wegen frevelhafter Zer¬ störung eines öffentlich ausgestellten Crucifixes 1658 vertrieben. Die Meisten zogen nach Holland und England. In Siebenbürgen war ihre Zahl im Jahre 1852 noch 46,000. 251. Quäker. Die Quäker haben ihren Ursprung in der anglikanischen Kirche. Georg Fox, st 1690, ein Schuhmacher, nahm Aergerniß an den geistlosen Formen des anglikanischen Cnltus, und an dem wilden Treiben der vielen dortigen Seelen, und beschloß daher eine neue Secte zu stiften,Jie gar keinen Cultus brauche. Das Glan- bensprincip seiner Anhänger ist: „das innere Licht", welches jeden Menschen erleuchtet, wenn er darauf achtet, und »den Tag der Heim¬ suchung", wo sich dieses Licht entzündet, gehörig benützt. Dieses Licht allein ist die Quelle des frommen Lebens, und macht selig, alles Aeußere ist unnütz, — auch das Lehr- und Predigtamt. Ihr ganzer Gottesdienst besteht in ruhigem Zusammensitzen und Harren, 321 ob irgend Einem dieses Licht aufflimmert, der dann eine Ermah¬ nung oder ein Gebet spricht. Kriegsdienst, Eid, jegliche Weltlust und die Rangordnung (dazu Hutabnehmen, Anreden mit „Sie" oder mit besonderem Titel) sind für sie verächtliche Dinge. William Penn trug am meisten zu ihrer Verbreitung bei durch den Ankauf eines Landgebietes (Pennsylvanien) in Amerika, das auf seine Einladung zur Hälfte von Quäkern besetzt wurde. Der Name Quäker bedeu¬ tet nach dem Englischen einen Zitternden. 252. Methodisten. Die Methodisten gingen gleichfalls aus der anglikanischen Kirche hervor, und haben ihren Namen von der abgemessen pedan¬ tischen Lebensmethode, welche Johann Wesley zuerst in einem frommen Studentenvereine in Oxford einführte, 1729. Der Hin¬ blick'auf den Unglauben und die religiöse Gleichgültigkeit, die in der englischen Hofkirche herrschte, brachte Wesley zu dem Gedanken einer Aufbesserung solch trostloser Zustände. Bon dem kirchlichen Glauben trennte er sich zwar nicht, aber in begeisterten Predigten war er und sein Geistesverwandter White sield bemüht, den reli¬ giösen Sinn zu wecken und durch schreckenhafte Schilderung des Ge¬ richtes, der Hölle u. dgl. die Gemüther zu erschüttern. Bei derlei Predigten kamen nicht selten unter auffallenden Scenen plötzliche Bekehrungen verhärteter Sünder vor, was sie den „Durchbruch der Gnade" nannten. Von der anglikanischen Hierarchie verfolgt, bilde¬ ten sie bald eigene Gemeinden mit strenger Kirchenzucht, ohne jedoch von der anglikanischen Glaubenslehre abzufallen. Wesley erhob sich selbst zum Bischöfe und weihte Prediger. Durch seine Bekanntschaft mit den Herrnhutern (siehe folg. H.) wurde sein Kirchensystem eini¬ germaßen modificirt, es wurden nach jenem Muster die Gemeinden in Classen und Banden eingetheilt. Auch Zwiste fanden sich bald ein, und selbst die beiden Hauptführer Wesley und Whitesield entzweiten sich über die Lehre von der Prädestination, und jeder er¬ hielt seine besondere Partei. Die Methodisteu, deren Zahl in Eng¬ land und Amerika eine Million betragen dürfte, haben sich in ihrer Art um die Besserung roher Volksclassen, um die Emancipation der Negersklaven u. dgl. manche Verdienste erworben. Leider sind sie aber auch in den Missionen zur Verbreitung des Christenthnms 21 322 noch heutzutage sehr thätig, und beeinträchtigen oder vereiteln dabei das edle Streben katholischer Missionäre. 253. Die Herrnhuter. Graf von Zinzendorf, geboren 1700 — st 1760, Prote¬ stant, war nach seinen Gemüthsanlagen und durch die Erziehung ein pietistischer Schwärmer. Auf seinem Gute Berthelsdorf in der Oberlausitz, wo er eigene Betstunden unter seiner Leitung einführte, sammelten sich die sogenannten mährischen Brüder,—Ueber- bleibsel der Hussiten, — dann auch fromme Lutheraner und Re- formirte. Von dem Platze ihrer Ansiedlung am Hntberge, Herrn¬ hut, erhielten sie den Namen: Herrnhuter; sie selbst nennen sich gerne: „Erweckte." Ihre Eigenthümlichkeit liegt, wie bei den Me¬ thodisten, nicht in neuen Glaubenslehren, sondern in einer einseitig frommen Lebensweise, die durch äußere kirchliche Einrichtung, durch Absonderung der Gemeindeglieder, strenge Zucht u. dgl. auf das Genaueste geregelt ist. Der Glaube an den Erlösungstod Christi, die „Blut- und Kreuztheologie" ist der Grundzug aller ihrer Vor¬ träge und Schriften, worin süßliche, phantastische nnd auch unan¬ ständige Redensarten sehr gebräuchlich sind. Da gleich Anfangs die Glaubcnsverschiedenheit der drei Parteien einen Streit veranlaßte, so beschwichtigte Zinzeudors die entstandene Aufregung mit dem An¬ träge, daß, da sie alle in den „fürnehmsten Artikeln" ohnehin iiber- einstimmen, — in den übrigen Artikeln jede Partei bei ihrem Glauben bleiben, und die Gemeinde sich in drei „Tropen" : mährisch, lutherisch nnd reformirt, theilen solle. Nur die äußerliche Gemeiudeverfassung, die strenge Unterwerfung jedes Einzelnen in allen seinen Lebensbe- ziehnngen unter die Gemeinde, so daß z. B. die Gemeinde dem Bräntigam auch die Braut wählt! — solle sie Alle vereinen. In der katholischen Kirche ist das gerade umgekehrt: In gläubiger An¬ nahme der Einen Wahrheit sind Alle vereiniget, im Uebrigen herrscht eine wüuschenswerthe Freiheit, in so weit die Sittenlehre nicht verletzt wird. Schon zu Lebzeiten Zinzendorf's wurden Herrn¬ huter-Gemeinden in Amerika, Holland und Preußen errichtet. — 323 — 254. Swedenborgianer. Eine der geheimnißvollsten Erscheinungen der Geschichte ist der Bergrath Emanuel Swedenborg, st 1772, Sohn eines schwe- dischen Bischofs, ausgezeichnet durch Scharfsinn und gründliche Kennt¬ nisse in der Chemie und Bergkunde, worüber er sehr brauchbare Schriften verfaßte. Plötzlich jedoch gab er um 1743 vor, daß er mit der Geisterwelt in persönlichem Umgänge stehe, von Gott und seinen Engeln belehrt werde, nnd bernfen seh, der christlichen Kirche die Vollendung zu geben, einen neuen Himmel und eine neue Erde: „das neue himmlische Jerusalem" auf Erden einzu¬ führen, welches mit dem 19. Juni 1770 als dem Tage, wo er seine dießfällige Schrift vollendet hat, beginne. In dieser und in anderen Schriften beschreibt er auf das Genaueste das Jenseits, — Himmel und Hölle, den dortigen Zustand der Engel und der verstorbenen Menschen. Sein Auftreten machte nm so mehr Auf¬ sehen, da er seinen Beruf als Gottgesandter durch mancherlei un¬ erklärliches Wissen, z. B. was im nämlichen Augenblicke in weiter Ferne geschah, zu erweisen schien. Mag man über diese sonder¬ bare Erscheinung wie immer urtheilen (gewöhnlich schreibt man sie dem sogenannten animalischen Magnetismus zu), so viel ist ge¬ wiß, daß in seinen phantastischen Erzählungen und den daraus ab¬ geleiteten Lehren keine Wahrheit ist, was schon daraus hervorgeht, daß er unleugbaren Thatsachen der Geschichte, — geschweige denn der heiligen Schrift, offen widerspricht. Seine Lehre ist insbeson- ders gegen die lutherische Rechtfertigungs- nnd die christliche Trini¬ tätslehre gerichtet, indem in letzterer Beziehung Christus die einzige Person in der Gottheit ist, gewöhnlich „der Herr" genannt. Doch erhielt dieser phantastische Seher Anhänger in Schweden, England nnd auch in Deutschland, was nicht zu verwundern ist. Denn wo die einfache Erhabenheit der christlichen Lehre nnd die geistige Be¬ stimmung des Menschen wenig Anklang finden, da werden eben groteske Fabeln, nnd eine Geisterwclt, die man mit Swedenborg sieht und hört, die krankhafte Phantasie desto leichter gewinnen. - - ..... - 255. Die Kirchcnvcrsnmmlimg von Trient. Den Neuerungen der sogenannten Reformation stellte die Kirche nach alter Sitte ein Concilinm entgegen, worin die alte Lehre 21* 324 der Kirche Christi in klares Licht gestellt, und eine wahre Reformation, die nur von der Kirche selbst ausgehen kann, eiugeleitet wurde. Daß un¬ geachtet der allgemeinen Sehnsucht nach einem Concilium dasselbe doch so lange verzögert wurde, daran waren die Zeitverhältnisse, insbe¬ sondere der Krieg zwischen Carl V. und Franz I. Schuld. Die Päpste wenigstens waren dazu bereit; Beweis dessen ist die Aus¬ schreibung eines Coucils nach Mantua 1537, dann nach Vicenza 1539, die aber nicht zur Ausführung kamen. Daun ward Trient zur Versammlung bestimmt, welche 1542 beginnen sollte, die aber durch einen neuen Krieg zwischen Carl und Franz vereitelt wurde. Kaum aber war der Friede zu Cresph geschlossen, als Papst Paul III. das Coucil zu Trient 1545 eröffnen ließ. Doch durch die Fügung der Vorsehung wurde diese Verzögerung zum Segen gewendet, denn es mußten erst jene großen Kirchenmänner heranreifen, die in dieser Versammlung so Herrliches leisteten; — es mußte auch die Leidenschaft und die Aufregung sich abkühlen, die der wilde Andrang der sogenannten Reformation hervorgerufen hatte. In den drei ersten Sitzungen wurde die Art und Weise der Verhandlungen besprochen. Der entstandene Streit, ob mau die Glaubenslehre oder die Verbesserung der Disciplin zuerst in Angriff nehmen soll, wurde einsichtsvoll dahin entschieden, die Verhand¬ lungen über beide mit einander zu verbinden, daher jede Sitzung ein doppeltes Decret, über die Lehre und über die Disciplin (cks rskormation«) enthält. In der vierten bis zur achten Sitzung wurden dann mehrere von den Neuerern angegriffenen Glaubenslehren in ihrer ursprüng¬ lichen Wahrheit auseinandergesetzt. Es wurde der Canon (das Verzeichniß der Bücher) der heiligen Schrift bestimmt; die unter dem Namen „Vulgata" bekannte lateinische Uebersetznng der Bibel für authentisch erklärt, dann die Lehre von der Erbsünde, von der Rechtfertigung, von den Sacramenten im Allgemeinen, und von der Taufe und Firmung insbesondere entwickelt. Leider wurde der weitere Fortgang durch den schmalkaldischen Krieg gestört 1547, und in der achten Sitzung die Uebertragung des Conciliums nach Bologna beschlossen. Doch konnte hier in der neunten und zehnten Sitzung wegen geringer Zahl der Anwe¬ senden nichts von Bedeutung vorgenommen werden; und Papst Paul starb darüber hinweg. 32S Sein Nachfolger Julius III. eröffnete die Fortsetzung des Con- cils zu Trient 1551. Die eilfte und zwölfte Sitzung wurden mit Erörterungen hingebracht, weil der König Heinrich II. von Frankreich das Concil nicht anerkennen, und seine Bischöfe nicht dahin ent¬ lassen wollte. In den folgenden bis zur fünfzehnten Sitzung wurde die Lehre von den Sacramenten: des Altars, der Buße und der letzten Oelung dargelegt, und in der sechzehnten das Concil über¬ mal suspendirt, — als Moritz von Sachsen die Verrätherei an dem Kaiser begangen und die Tiroler Engpässe besetzt hatte. Erst unter Papst Pius IV. 1561 konnte das Concilinm wieder ausgenommen werden. Es war erfreulich, daß die Anzahl der Väter, die sich dießmal einfand, sehr angewachsen war. Die Gegen¬ stände, die weiter zur Sprache kamen, waren: die Communion unter beiderlei Gestalt, das heilige Meßopfer, das Priesterthnm, die Ehe, das Fegefeuer, Verehrung der Heiligen, — endlich der Ablaß. Damit wurde das Concil 1563 geschlossen, und 255 anwe¬ sende Väter unterschrieben die herrlichen Beschlüsse, welche Pius IV. feierlich bestätigte. Nebst den angeführten Glaubenslehren, wurden die vortrefflich¬ sten Reformations-Decrete aufgestellt über die wichtigsten Gegen¬ stände der Kirchenregierung, der Disciplin, des CultuS und der Sitten; und würde Alles genau befolgt, die Kirche müßte sich eines blühenden Zustandes erfreuen. Aber obschon das Concil in Betreff der Dogmen in allen katholischen Staaten verkündet und angenom¬ men wurde, so fanden doch die Neformations-Decrete bei den Regierungen mannigfachen Anstand, wodurch die Ausführung mancher trefflichen Anordnung verhindert oder verzögert wurde. 2Ä». Deutsche Zustände nach dem Augsburger Frieden. *Der für die katholische Kirche so wichtige und so klar im natürlichen Rechte gegründete Punct des Angsburger Friedens, — der kirchliche Vorbehalt, vermög dessen ein zum Protestantis¬ mus übertretender Kirchenoberer, Bischof, Abt u. dgl. nicht das Recht haben soll, sein bisher im Namen der Kirche regiertes Land mit hinüber zu ziehen, und zu protestantisiren, wurde von den pro¬ testantischen Fürsten wenig beachtet. Ihid da es ein alter Erfah¬ rungssatz ist, daß die Partei der Uebelgesinnten immer mehr Muth 32« und Selbstvertrauen entwickelt, als die der Rechtlichen, so geschah es, daß die katholische Kirche da und dort angegriffen und geplün¬ dert wurde, ohne einen ernsten Widerstand zu wagen. Im Laufe von etwa vierzig Jahren wurden wieder vierzehn Bisthümer einge- zogen und reformirt. Das Mittel, dessen sich die protestantischen Fürsten dabei bedienten, war, daß sie vom Kapitel einen Prinzen ihres Hauses zum Administrator des Bisthums wählen ließen, oder auch aus eigener Macht solche Administratoren bestellten, und so unvermerkt die Verwaltung des Bisthums mit der eigenen Landes¬ regierung vereinigten. Auch das Erzbisthum Cöln wäre beinahe verloren gegangen. Der Erzbischof und Churfürst Gebhard hatte sich verheiratet, und glaubte dessenungeachtet sein Erzbisthum zu behalten, und vielleicht auch reformiren zu können. Seine Schlechtigkeit war jedoch mit der Unklugheit gepaart, daß er nicht den lutherischen, sondern den calvinischen Glauben annahm; daher er von den mächtigen luthe¬ rischen Fürsten keine Hilfe erhielt, während die Calviner noch zu schwach waren. Das Domkapitel und der Stadtrath von Cöln er¬ klärten sich gegen ihn, und er wurde 1583 entsetzt, und mit Ge¬ walt vertrieben. Eben so hatte sich Straßburg mit genauer Roth der Pro- testantisirung erwehrt, als die dortigen protestantischen Dom¬ herren (darunter auch der von Cöln vertriebene Gebhard) einen fünfzehnjährigen protestantischen Prinzen zum Bischöfe haben wollten. Im Angesichte solcher Scandale brachten aber die Protestanten in unverschämter Weise unaufhörlich noch Beschwerden vor, als sehen sie die Bedrängten; — eine klug berechnete Maßregel, deren sie sich noch heut zu Tage gern bedienen. Wo ein katholischer Landesfürst sein Reformationsrecht, zu Folge des Augsburger Friedensschlusses in Anspruch nahm, wie in Bayern und Oesterreich und in einigen Bis- thümern, da wurde sogleich über Verfolgung geklagt; während pro¬ testantische Fürsten dieses Recht ohne Schonung übten, wie z. B. die Churpfalz innerhalb sechzig Jahren viermal die Religion ändern mußte; obschon Friedrich III. 1563 den Heidelberger Kate¬ chismus als symbolisches Buch zur Befestigung des Calvinis- mus verfassen ließ. Ihren Haß gegen Alles, was von der katholischen Kirche kommt, seh es auch noch so gut, zeigten die Protestanten auch da- — Ä27 — durch, daß sie die von Papst Gregor XM. 1581 emgeführte Ver¬ besserung des Kalenders nicht annehmeu wollten, wodurch Streit und Verwirrung in der Zeitrechnung entstand. Ein ruhiges Zusammenleben nüt Katholiken ist gegen den Geist des Protestantismus; — er will herrschen, wenn irgend seine Kraft ausreicht. Hierin liegt die einfache Erklärung der Entstehung des nun folgenden Neligionskrieges. Der Vorfall zu Donauwörth regte nämlich neuerdings die Gemüther gewaltig auf. Diese Reichsstadt bekannte sich zur Zeit des Friedensschlusses zur katholischen Kirche. Bald schlich sich der Pro¬ testantismus ein, und erhielt allmälig die Oberhand, so daß zuletzt der katholische Cultus ganz unterdrückt werden sollte. Bei Gelegen¬ heit einer Procession 1595 fielen die Protestanten über die Katho¬ liken her und trieben sie in die Flucht. Da die kaiserlichen Mah¬ nungsschreiben zum Schuhe der Katholiken Jahre lang fruchtlos blieben, wurde 1606 die Reichsacht über die Stadt verhängt, und deren Vollstreckung dem Herzog Maximilian von Bayern anbe¬ fohlen. Dieser zwang die Stadt bald zur Uebcrgabe, und da sie die Execntionskosten nicht erstatten konnte, so blieb sie (nach altem Herkommen) in der Gewalt des Herzogs, der ganz nach dem Re¬ formationsrechte den protestantischen Gottesdienst abschaffte. Nun wurde ein gewaltiger Lärm erhoben über die Gefahr, die der protestantischen Sache drohe, und die alte Politik, die Turken- hilfe zu verweigern, kam am nächsten Reichstage wieder zum Vorschein. Man ging noch weiter- Die protestantischen Fürsten schlossen 1608 in Verbindung mit Frankreich die Union zur Vertheidigung (und Verbreitung) ihrer Sache. Die katholischen Fürsten sahen sich genöthigt, auch ein Bündniß, die Liga, zu schließen. Der Kampf schien unvermeidlich und groß war die Ge¬ fahr der Kirche und des deutschen Reiches der Union gegenüber, die durch Frankreichs Unterstützung furchtbar zu werden drohte. Da ward König Heinrich IV. von Frankreich 1610 ermordet, und die Union, dieser Stütze beraubt, konnte nicht wagen loszuschlagen. 257. Der dreißigjährige Krieg. 1. In Böhmen kam jener Krieg, durch protestantischen Ueber- muth zum Ausbruche, der dreißig Jahre lang Deutschland von 328 einem Ende zum anderen verwüstete. Der Majestätsbrief hatte zwar den Ständen und königlichen Städten die Erbauung prote¬ stantischer Kirchen gestattet, keineswegs aber den Unterthanen ka¬ tholischer Gutsherren. Doch bauten die Unterthanen des Prager Erzbischofes zu Klostergrab, und jene des Abtes zu Brannan solche Kirchen. Auf kaiserlichen Befehl wurde die eine niederge¬ rissen, die andere geschlossen. Wie gewöhnlich schrieen die Prote¬ stanten über Unterdrückung und Verletzung des Majestätsbriefes, und die erhitzte Menge fand schnell in dem Grafen Mathias von Thurn einen entschlossenen und ehrgeizigen Anführer. Als auf die protestantischen Beschwerden ein strenger Verweis vom Kaiser Mathias erfolgt war, zogen die Rebellen ans das Prager Schloß I6k8, und warfen dort zwei Räthe und den Secretär (nach altem hussitischen Brauche) durch's Fenster in den tiefen Schlo߬ graben hinab. Dann setzten sie eine Regierung von dreißig Direc¬ toren ein, hoben Truppen aus, und vertrieben mit Hilfe der pro¬ testantischen Union die Kaiserlichen aus ganz Böhmen. Darüber starb Kaiser Mathias, 1619. 2. Ferdinand II., der bis dahin Jnuerösterreich beherrscht, und dort den Protestantismus so glücklich beseitiget hatte, gelangte nun zur Regierung der sämmtlichen Erblande. Aber in welchem Zu¬ stande waren dieselben damals! — kaum war je die Lage eines Monarchen verzweiflungsvoller, als jene Ferdinand's, da er nach Wien kam. Die ungarischen Protestanten hatten sich mit Bethlen Ga¬ bor und dieser mit den Türken verbunden, er stand bereits vor Preßburg. Ferdinand's Truppen waren von den böhmischen Re¬ bellen geschlagen worden, und waren so gut wie eingeschlosseu. Graf Thurn stand vor den Thoren Wiens. Die Stände von Ober- und Niederösterreich versagten die Huldigung und schlossen sich an Thurn. Schon sprach man davon, den König Ferdinand in ein Kloster zu stecken, und seine Kinder protestantisch zu erziehen. Die Todesstunde für das Haus Oesterreich und für die katholische Kirche Deutschlands schien geschlagen zu haben. Doch verlor Ferdinand, auf sein gutes Recht und Gott vertrauend, den Muth nicht, selbst als es anf's Aeußerste kam. Am 11. Juni 1619 nämlich traten unversehens sechzehn protestantische Landstände in die öde, schon von protestantischen Kugeln durchlöcherte Burg und verlangten pol¬ ternd mit Hintansetzung jeglichen Anstandes von Ferdinand die An- 32» erkennung ihres Bundes mit den böhmischen Rebellen. Ferdinand zog sich einen Augenblick in sein Cabinet zurück, uud sank betend vor dem gekreuzigten Heilande nieder. Da vernahm man plötzlich Trompetenschall; eine Truppe Kürassiere des Dampierre'schen Re¬ gimentes unter Oberst St. Hilaire sprengte auf den Burg¬ platz. Von Schrecken gejagt, eilten die Majestätsbeleidiger davon uud flüchteten sich in's Thurn'sche Lager. Neuer Muth belebte die katholischen Einwohner Wiens; 600 Studirende griffen für ihren Fürsten zu den Waffen, und die Bürger folgten diesem Beispiele. Bald kam die neue frohe Nachricht, daß der königliche Heerführer Boncquoi in Böhmen gesiegt und sich der Hauptstadt Prag genähert habe. Eiligst hob nun Thurn sein Lager vor Wien auf, und zog sich nach Böhmen zurück. Nach solch' wunderbarer Rettung begab sich Ferdinand zur Kaiserwahl nach Frankfurt, uud erhielt die Kaiserkrone. 3. Die Lage des neuen Kaisers blieb dennoch sehr bedenklich. Denn während Ferdinand zu Frankfurt die Kaiserkrone erhielt, ver¬ lor er die böhmische Königskrone. Zn Prag wurde von den Rebel¬ len der zwanzigjährige Churfürst von der Pfalz, Friedrich V. zum Könige ausgerufen. Ans dieser neuen Gefahr rettete ihn sein Ju¬ gendfreund, Herzog Maximilian von Bayern, uud die Reli¬ gionseifersucht der Lutheraner gegen die Calviner. Friedrich V. war nämlich dem calvinischen Bekenntnisse zugethan, darum leisteten ihm die deutschen lutherischen Fürsten nur geringen Beistand. Auch bei den böhmischen Lutheranern erregte er vielen Unwillen, als er, kaum in Böhmen angekommen, aus den Kirchen allen Schmuck, selbst Crucifixe hinaus werfen, und die nackten calvinischen Formen bei dem Gottesdienste einführcn ließ. Unterdessen hatte sich Maximilian von Bayern gerüstet. Er zog zuerst uach Oesterreich, und führte die noch immer widerspän- stigen Stände zu ihrer Unterthanenpflicht zurück. Dann ging er ver¬ einigt mit den kaiserlichen Truppen unter Tilly nach Böhmen, uud stand bald vor Prag, wo in der berühmten Schlacht am weißen Berge, 8. Mai 1620 das kurze Königthum Friedrichs V. schmäh¬ lich zu Ende ging. Prag ergab sich uud die Stände von Böhmen huldigten neuerdings ihrem rechtmäßigen Könige. Der Majestäts- bricf, dessen Mißbrauch so großes Unheil angerichtet hatte, wurde vernichtet. rr;w 4. Der Krieg wäre zu Ende gewesen, wenn ihn nicht einige Abenteurer, wie Graf Mansfeld in Deutschland zu Gunsten des verjagten Friedrich V. eigentlich aber aus Raublust fortgesetzt hätten. Sie wurden von dem Feldherrn der Liga, Tilly und dem kaiser¬ lichen General Wallenstein in den Jahren 1622—1626 besiegt. Auch Dänemark trat auf den deutschen Kriegsschauplatz, mußte aber 1629 allen ferneren Einmischungen entsagen. So war endlich Kaiser Ferdinand II. überall Sieger geblieben. 25^. Fortsetzung. Der westphälischc Friede. 1. Der Zeitpunkt schien nun gekommen, wo der katholischen Kirche Gerechtigkeit widerfahren, und die ihr von den Protestanten geraubten Güter zurückgestellt werden sollen. Ferdinand II., von den Katholiken Deutschlands dringend dazu aufgefordert, erließ das Re- stitutions- oder Rückerstattnugsedict, dem zufolge alle seit dem Passauer Vertrage (1552) eingezogeneu katholischen Güter herauSgegeben werden sollen. Dieses Edict war mit dem damals als Grundsatz geltenden Augsburger Religionsfrieden (1555) in ge¬ nauer Uebereinstimmung. Mag man es also, — die traurigen Fol¬ gen erwägend, — politisch unklug neunen; ungerecht war es durch¬ aus nicht. Daß dieses Edict die protestantischen Fürsten schmerzte, ist natürlich. Diese irdischen Güter waren ja der Hauptbeweggrnnd ihres Abfalles von der Kirche gewesen. Und es war nicht wenig, was sic herausgeben sollten. Zwei Erzbisthümer, zwölf Bisthümer und eine unzählige Menge reicher Abteien, Klöster u. s. w. befanden sich darunter. Daher erhob sich ein allgemeines Geschrei gegen das Restitutionsedict, und die Anhänglichkeit au das geraubte Gut er- muthigte zum Widerstande. Dabei sah inan sich sogleich um aus¬ wärtigen Beistand um, und das gelang. Von Frankreich kam Geld und von Schweden beutelustige Schaaren, — die als Retter Deutsch¬ lands begrüßt wurden. Gustav Adolph, der längst schon ans Deutschland gelauert hatte, führte 1630 sein schwedisches Heer nach Deutschland; und obwohl er in der Schlacht von Lützen 1632 fiel, führten doch seine Feldherrn den Krieg fort. Bald nahm auch Frankreich offenen Antheil an Deutschlands tiefster Erniedrigung, durch Sendung von Truppen. Vergebens boten Kaiser Ferdinand II. und nach dessen Tode Ferdinand III. wiederholt ernstlich die Hand zum Frieden, wornach sich Fürsten und Völker sehnten. Aber der — .rrrr — Friede wurde durch die Franzosen und Schweden nud die in Deutsch¬ land einheimischen Landesverräther verhindert. Deutschland mußte erst völlig entvölkerst sein Wohlstand vernichtest seine schönsten Pro¬ vinzen verwüstet werden. 2. Endlich 1645 versammelte sich ein Friedenskongreß zu Münster und Osnabrück und 1648 kam der westphälifche Friede zu Stande; — der schmachvollste Friede der Weist in welchem Deutsch¬ land im Westen und Norden seine Greuzprovinzeu als offene Thore den Feinden einräumte. Zum Lohne, Deutschland verwüstet zu haben, erhielt Frankreich den Elsaß mit Straßburg, dem Schlüssel zu Deutschland; Schweden bekam Vorpommern, die Insel Rügen und Anderes, nebst einem Geschenke von fünf Millionen Thalern; und wo irgend ein Protestant auf Kriegsentschädigung Anspruch machte, wurde ihm ein Stück katholischen Landes von Bisthümern, Stiftern, Klöstern zugemessen durch — Säcularifation, ein Ausdruck, der hier zum erfreu Male vorkömmt. In Betreff der Religions¬ übung wurde der Augsburger Friede (4555) bestätiget, aber auch auf die Calviner unter dem Namen „Reformirtc" ausgedehnt. Dazu das Jahr 1624 als Normaljahr festgesetzt: — wo in diesem Jahre die Katholiken oder Protestanten freie ReligionSübuug hatten, soll sie ihnen bleiben, sonst blieb dem Landesherrn das Rechst An¬ dersgläubigen die Auswanderung zu gebieten. Für seine Erbländer jedoch wollte sich der Kaiser nichts vorschreiben lassen. Auch über den Besitz geistlicher Güter entschied das Normaljahr 1624: was davon eine Religionspartei am 1. Jänner dieses Jahres besaß, das soll ihr bleiben. In Religionssachen solle künftig nicht Stimmen¬ mehrheit entscheiden, sondern ein gütlicher Vergleich stattfinden u.s.w- Das war der westphälische -Friede. Durch ihn ist Deutschland in eine vertragsmäßige Zerrissenheit versetzt worden, worin es sich noch heut zu. Tage befindet. Papst Jnnocenz X. konnte unmöglich die kirchenräuberischen Beschlüsse bestätigen, er protestirte feierlich dagegen. 259. Veceiuignilgsversnche der Protestanten mit der griechischen Kirche. Es war und ist noch eine gewöhnliche Behauptung der Prote¬ stanten: die katholischen Glaubenslehren, die sie verworfen haben, z. B. die sieben Sacramente, Beicht, Meßopfer, Fegefeuer, sehen 332 erst von den Scholastikern nnd „von unwissenden lateinischen Mön¬ chen" erfunden, und von den Päpsten seit Gregor VH. Angeführt worden. Wäre dem so, dann könnte die griechische Kirche, die schon vor jener Zeit sich von der katholischen loögesagt hatte, von jenen angeblich neuen Glaubenslehren nichts wissen. Nun aber ist sie in allen Hauptdogmen, mit Ausnahme jenes vom Ausgange des heili¬ gen Geistes, mit der katholischen Kirche vollkommen einverstanden, und hat dieselben wie die katholische Kirche seit Anfang des Christen- thums bekannt. Diesen, für die Protestanten beschämenden Beweis haben sie sich noch dazu selbst geholt. Die Tübinger Theologen schickten 1574 die von Crusins ins Griechische übersetzte AngSburger Confession an den Patriarchen Jeremias von Constantinopel, und baten um sein Urtheil. Die¬ ses erhielten sie zwar, aber es enthielt einen scharfen Tadel der protestantischen Lehren. Die Protestanten suchten noch in weiteren Zuschriften den Patriarchen zn belehren, aber dieser verbat sich dieselben. Auch die Calviner machten einen solchen Bersnch. Ein gewisser Cyrillus Lucaris ans Candia hatte in Padua studirt und dann auf seinen Reisen in Genf und England mit Calviuern Verbindun¬ gen geschlossen. Nach seiner Rückkehr in die Türkei wurde er, wahr¬ scheinlich durch Bestechung, Patriarch zu Alexandria, nnd 1621 so gar zu Constantinopel. Da faßte er den unsinnigen Gedanken, die griechische Kirche zu calvinisiren; aber als er mit seinen Ansichten hervortrat, wurde er nach Rhodos verbannt. Durch große Geld¬ summen, nnd vom englischen Gesandten unterstützt, gelangte er zwar wieder zu der verlornen Würde. Aber noch nicht gewitzigt, veröf¬ fentlichte er ein ganz calvinisches Bekenntnis;, und gab sich den Schein, als ob dieß der Glaube der griechischen Kirche wäre. Da¬ für wurde er wieder abgesetzt, aber noch einmal erhielt er 1637 den patriarchalischen Stnhl. Da er auch jetzt von seinem thörichten Treiben nicht abließ, wurde er als Ketzer erklärt, und auf Befehl des Sultans erdrosselt. Die Synoden zu Alexandria und Jerusa¬ lem verdammten strenge die calvinische Ketzerei, und ihre Aussprüche sind in den wichtigsten Glaubenspuncten wörtlich gleichlautend mit den katholischen Dogmen. 333 260. VeremiginiiMcrsuchc zwischen Katholiken und Protestanten. * Die Betrachtung des Unheiles, welches für den Staat und die Familien aus der Religionsspaltung entstanden war, regte in edlen Gemächern zu wiederholten Malen den Wunsch an, daß Ver¬ suche zur Ausgleichung gemacht würden. Es ist bemerkenswerth, daß die Vorschläge dazu immer von katholischer Seite, und insbe¬ sondere von solchen ansgingen, welche aus dem Protestantismus zur katholischen Kirche zurückgekehrt waren. Schon Carl V. hatte sich viel darum bemüht. Eben so Ferdinand I. Nachdem Erasmus eine Schrift hierüber verfaßt hatte, forderte Kaiser Ferdinand den gelehr¬ ten und milden Cassander zn einem schriftlichen Gutachten auf. Diese Schrift war äußerst gemäßigt, und stellt die Wiederverei¬ nigung als eine heilige Pflicht dar. Aber Calvin widersetzte sich einer solchen Zumuthung mit großer Heftigkeit und vereitelte weitere Verhandlungen. Eben so wenig Erfolg hatten die trefflichen Frie¬ densschriften des Wi celi ns und Staphhlus, welche beide vom Protestantismus zur katholischen Kirche zurückgetreten waren. In Frankreich betrieb besonders Cardinal Richelieu die Vereinigung, doch nicht immer im wahren kirchlichen Geiste. In Polen suchte der treffliche König Wladiölaw IV. dafür zu wirken, und der Rücktritt mehrerer protestantischer Gelehrten belebte seine Hoffnun¬ gen. Der Erzbischof Lubienski von Gnesen verfaßte ein freund¬ liches Einladungsschreiben zu einem Religionsgespräche nach Thorn 1643. Es kamen auch einige Theologen dahin, aber die Sache zer¬ schlug sich vorzüglich durch den erbitterten Parteihaß zwischen den Lutheranern und Calviuern. Nach dem westphälischen Frieden wurden die Versuche mit er¬ neutem Eifer vorgenommen. Große Vorbereitungen dazu machte Christoph de Spinola, Bischof zu Neustadt, st 1695, durch seine Reisen zu diesem Behufe, als Bevollmächtigter Kaisers Leo¬ pold I. Der Hof von Hannover ging in die Vorschläge ein, und beauftragte den protestantischen Abt Molanus von Lockum und den berühmten Philosophen Leibnitz, sich mit Bossuet in Kor¬ respondenz zu setzen. Man verständigte sich in edlem versöhnlichem Geiste über Manches, aber, da eben dem haunoveranischen Fürstcn- hause die Aussicht auf Englands Thron sich öffnete, glaubte cs, je¬ den Schein von Gunst gegen die katholische Kirche meiden zu müssen, und MolannS bekam den Wink, sofort abzubrechen. — ;r;r4 — Den besten Erfolg hatte eine bei dieser Gelegenheit von Bos- suet verfaßte Abhandlung über die katholischen Glaubenslehren, wo¬ rin er die verkehrten Begriffe der Protestanten über den katholischen Glauben aufdeckte, und zeigte, daß sie meist aus Unkenntniß die ka¬ tholische Kirche verlassen hatten. Das ist auch überhaupt der Punct, auf den bei einer allfälligen Vereinigung alles ankömmt. Manche redliche Protestanten, wie wir an den Puseyten in England das neueste Beispiel haben, werden nur durch irrige Vorstellungen über die katholischen Lehren von der Rückkehr abgehalten; sie müssen daher diese recht kennen und achten lernen, um sie gläubig anzu¬ nehmen. Die katholische Kirche aber kann zu Gunsten einer solchen Vereinigung nicht den geringsten Glaubenssatz anfgeben, und höch¬ stens nur in Disciplinarsacheu, wie sie es den Griechen gethan, Zu¬ geständnisse machen. Ans diesem Wege der Erkenntnis? fanden auch fort und fort Bekehrungen mancher Fürsten Statt, darunter: der Landgraf Ernst von Hessen, 1652, — Johann Fried¬ rich von Braunschweig, 1651, Friedrich Augnst I-, Chur¬ fürst von Sachsen, 1697, — Christian August, Herzog von Holstein, 1705, — und An ton Ulrich von Braunschweig, 1710, beide mit ihren Familien; Carl Alexander von Würtemberg, 1712; Friedrich, Erbprinz von Hessen-Cassel, 1755, und Andere. Theologische Streitigkeiten in der katholischen Kirche. 261. Bajus. * Ueber die Erklärung der so schwierigen Glaubenslehre von der Gnade, dem freien Willen und der Prädestination ist seit den Zeiten des heiligen Augustinus selbst im Schooße der katholischen Kirche viel gestritten worden. Auch unter den Scholastikern war dieser Gegenstand ein Streitpunkt zwischen den Thomisten und Sco- tisten. So lange es sich hiebei nur um die Erklärungsweise handelt, läßt die Kirche die Wissenschaft walten, daher hat auch das Trienter Concil nur die Glaubenssätze festgesteklt, ohne sich in jene Streitig¬ keiten einzulassen. Nur wo das Dogma selbst angegriffen erscheint, muß die Kirche ihre Stimme erheben. Auch Michael Bajus, Professor zu Löwen seit 15)51, hat — ;rr;s — über obige Gegenstände im Sinne der Thomisten geschrieben, aber dabei manche irrige Sätze, angeblich als Lehre des heiligen Augu¬ stinus, vertheidigt. Diese wurden durch eine Bulle des Papstes Pius^ lind wiederholt vom Papste Gregor XHI. als irrig ver¬ worfen, welchem Urtheile sich Bajns 1580 unterwarf, nnd daher nicht weiter belästiget wnrde. 26Z. Molim. * Das System des Bajns hatte theilweise noch Vertheidiger gefunden, welche jetzt von den Jesuiten nach den Ansichten des Sco- tus bekämpft wurden. So entspann sich ein Streit zwischen den Dominicanern (Thomisten) nnd den Jesuiten (als Scotisten). Da erschien 1588 das Buch des spanischen Jesuiten Motina, „Aus¬ gleichung des freien Willens mit der Gnade u. s. w." dessen Ab¬ sicht war, die gegenseitigen Meinungen möglichst zu vereinigen und auszugleichen. Allein, statt Vereinigung, war größere Entzweiung die Folge. Die Dominicaner wollten in diesem Buche semipelagia- nische Irrthümer finden, nnd griffen selbes heftig an. Dagegen stritten gelehrte Jesuiten für Molina. Papst Clemens VIII. von gegenseitigen Anklagen der zwei berühmten Orden gedrängt, fetzte eine Congregation von Prälaten nieder, 1599, zur Beantwortung der Frage: Wie sich der Beistand der göttlichen Gnade zur Freiheit des Menschen verhalte («mpru-ziUio äe nuxilüs). Die Congregation setzte die Untersuchungen bis zum Jahre 1607 fort, wo sie von Papst Paul V. entlassen wurde, mit der Erklärung, daß die Ent scheidung später erfolgen werde. Unterdessen solle keine Partei die andere wegen dieser Angelegenheit in üblen Ruf bringen. Im Jahre 1611 fand es der Papst, da die Streitigkeiten heftiger zu entbrennen drohten, für nöthig, ein allgemeines Stillschweigen hierin ans,zulegen. 263. Jauscuius. 1. Die Streitigkeiten wurden neuerdings angeregt durch ein Buch des Cornelius Jansenins, seit 1630 Professor zu Lö¬ wen und später Bischof von Ipern. Er grübelte zwanzig Jahre hindurch über obige Glaubenslehre, nnd das Resultat davon war 336 ein Buch unter dem Titel: „Xu^cwtinus", wo jedoch in der Ein¬ leitung die Erklärung stand, daß der Verfasser des Buches den Inhalt desselben dem Urtheile des apostolischen Stuhles unterwerfe. Wäre dieß doch von seinen Anhängern beachtet worden! — Das Werk ist gegen die Moli nisten gerich¬ tet, und Jansenius ist in dem Wahne befangen, daß alle, die es nicht mit ihm (oder wie er meint, mit Augustinus) halten, ohne weiters Molinisten, folglich wenigstens Semipelagianer sehen. Das Buch wurde nach Jansenius Tode gedruckt, und verursachte einen heftigen Schriftenwechsel, daß Papst Urban VIII. für gnt fand, das Lesen des Buches zu untersagen. Das schien nicht zu genügen, denn die Jesuiten wiesen nach, daß sich darin Behauptungen vorfindcn, die schon in Bajus von den Päpsten verworfen worden waren, und daß der ganze Inhalt des Buches ein verhüllter CalviniSmus seh. Man legte fünf Sätze vor, worin das Irrige dieses Buches kurz zusammengefaßt war, und schickte sie an den Papst mit dem Er¬ suchen, über dieselben eine Erklärung zu erlassen. Der erste dieser Sätze war wörtlich im Buche enthalten, die anderen dem Sinne nach; sie bildeten, wie Bossuet sagte, die Seele desselben. Nach zweijähriger genauer Prüfung erfolgte von Papst Innocenz X. die Verdammungsbulle. 2. Die Anhänger des Jansenius konnten zwar nicht bestreiten, daß die vom Papste verworfenen fünf Sätze auch wirklich ketzerisch sind, aber sie erfanden die Ausflucht, daß diese Sätze im Buche des Jansenius nicht enthalten seyen. Das Erstere müsse man glauben, aber in Betreff des zweiten dürfe man zweifeln; denn die Kirche seh zwar unfehlbar, wo es sich nm ein Dogma handelt, nicht aber, wo von Thatsachen die Rede ist, z. B. ob ein Satz in einem Buche enthalten seh, oder nicht. Durch diese Distinction der Thatsache, und des Rechtes (Dogma), wurde der Gegenstand auf ein neues Feld versetzt, und der Streit, der darob, insbeson¬ dere zwischen den Jesuiten und Jansenisten geführt wurde, gehört zu den betrübendsten Ereignissen der katholischen Kirche. Nicht nur die Geistlichkeit, auch der Hof, das Parlament, die Universität, be¬ sonders die theologische Facultät (Sorbonne) nahmen Theil daran. Die heftigsten Jansenisten waren: Anton Arnauld, Nicole und Pascal, Männer, denen mau Gelehrsamkeit und Sittenstrenge nicht absprechcn kann. Der Hauptsitz der jansenistischen Umtriebe — 337 — aber wurde das Nonnenkloster Port-Royal, dessen Aebtissin Ar- nauld's Schwester war. 3. Um den Ausflüchten der Iansenisten zu begegnen, erließ 1656 Papst Alexander VII. eine Bulle, worin die frühere bestätiget und erklärt wurde, daß jene fünf Sätze im Buch des Jansenius in jenem Sinne, in welchem sie verdammt wurden, enthalten sehen. Auf Ansuchen der französischen Bischöfe schickte der Papst noch eine hierauf bezügliche Formel nach Frankreich, welche die Geistlichkeit, die Klosterfrauen, und die Vorsteher der Lehranstalten unterschreiben sollten. Aber selbst vier Bischöfe verweigerten die Unterschrift, im¬ mer obige Distinction vorschützend. Endlich wurde durch die Mah¬ nungen der großen Bischöfe, Bossuet und Fenelon die Sache dahin vermittelt, daß auch jene vier unter dem milden Papste Clemens IX. sich dahin verstanden, aufrichtig zu unterschreiben, ohne daß man strenge nach ihrer eigentlichen Gesinnung forschte, 1669. Man nannte das den Clementinischeu Frieden. * 4. Diesen Frieden, den man den Iansenisten gewähren wollte, störten sie 1702 selbst durch die Vorbringung eines Gewissensfalles, wo es sich fragte, ob ein Geistlicher absolvirt werden könne, welcher zwar die Formel unterschrieben hat, aber nicht glauben könne, daß der Papst in Ausmittlung einer Thatsache untrüglich seh, wobei er jedoch ein sogenanntes frommes Stillschweigen beobachtet habe. Es wurde neuerdings heftig für und wider gestritten, bis Papst Clemens XI., 1705, eine Bulle mit der Erklärung erließ, daß das sogenannte fromme Stillschweigen keineswegs genüge, son¬ dern ein aufrichtiger Glaube erforderlich seh. Gegen die «och im¬ mer Widerstrebenden wurde jetzt mit Strenge verfahren, und auch die Nonnen von Port-Royal mußten ihren Eigensinn schwer büßen; sie wurden in andere Klöster abgeführt, und Port-Rohal zerstört. 264. Die Bulle Unigenitus. * 1. Den Höhepunct erreichte der jansenistische Streit durch Paschasius Quesnel^einen vertriebenen Iansenisten,.Priester des Oratoriums. Er gab 1671//in Erbauungsbuch heraus: „Mo¬ ralische Reflexionen über das neue Testament", — welches mit viel Geist und Salbung geschrieben, aber besonders in den letzten Aus¬ gaben bis 1693, mit jansenistischen Grundsätzen durchflochten und 2 338 eben, weil zpr Erbauung bestimmt, desto gefährlicher war. Anfangs sprachen sich mehrere Bischöfe) vortheilhaft darüber aus, und Car¬ dinal Noailles, Erzbischof von Paris,, der im nun folgenden Streite die Hauptrolle spielte, empfahl das Buch in einem Hirten- fchreiben. Bei genauerer Erwägung aber erklärten sich bald mehrere Bischöfe dagegen, und Papst Clemens XI. fand sich bewogen, das Buch einer Prüfungskommission zu übergeben; worauf 1713 die berühmte Bulle erschien, die, wie gewöhnlich, von dem Anfangs¬ worte: „Cnitzwnitus" ihren Namen hat, und welche hundert und ein Sätze aus dem Buche verdammtes 2. Der Cardinal Noailles verbot nun zwar die Lesung des Buches, aber als auf einer vom Könige veranstalteten Versamm¬ lung der Bischöfe die Bulle zur Annahme vorgelegt wurde, ver¬ weigerte er die einfache Annahme, mit der Einwendung: einige dieser Sätze können auch einen guten Sinn haben, und man müsse erst eine weitere Erklärung vom Papste verlangen. Persönliche Auf¬ reitzungen, die Noailles im Betreff des von ihm früher empfohle¬ nen und jetzt verworfenen Buches erfahren hatte, scheinen der Be¬ weggrund seiner Handlungsweise gewesen zu sehn. Aber auch sieben andere Bischöfe standen auf seiner Seite. Auch in der Sorbonne gab es Streit hierüber. Um die auftanchenden Leidenschaften zu unterdrücken, beabsichtigte König Ludwig XIV. ein Nationalcon- cilium, aber sein Tod, 1715, verhinderte die Ausführung. 3. Unter der nun folgenden Regentschaft des sittenlosen Her-/^'^ zogs von Orleans, dem der Papst so gleichgültig war, wie Chri-lii^ stus, konnten die Iansenisteu ihre Häupter erheben. Vier Bischöfe appellirten gegen die Bulle an ein allgemeines Concilium, ihrem Beispiele folgte Noailles, die Sorbonne, Geistliche, Nonnen, und Laien; — es entstand die Partei der Appellanten, die bei dem Parlamente Unterstützung fanden. Der Papst erließ dagegen 1718 eine strenge Bulle, wornach jeder, der die Annahme der Bulle ver¬ weigert, aufhören soll, ein Glied der Kirche zu heißen. Die Appel¬ lanten fuhren zwar fort zu protestiren, doch Noailles schien allmälig zur Erkenntnis; zu kommen, welch' verderblichen Weg er gehe, und auch andere mit sich verleite; er böt die Hand zum Frieden, und nahm 1728 die Bulle unbedingt an, worauf die meisten Bischöfe seinem Beispiele folgten. 4. Die Partei der Appellanten blieb aber immer noch zahl- rrrrs reich, und nahm jetzt zu angeblichen Wundern ihre Zuflucht. Ueber dem Grabe eines jansenistischen Bolksheiligen, Franz von Pa¬ ris, sollen Krankenheilungeu unter wilden Verzuckungen und Exta- sen stattgefunden haben, womit die Jansenisten ans das Volk zu wirken suchten. Aber sie machten sich zuletzt nur lächerlich, um so mehr, da sie unter sich selbst in Parteien zerfielen. 5. Allmälig kehrte äußerlich der Friede zurück, aber besonders die nachtheilige Folge erhielt sich, — daß der Staat, der bei die¬ sen! Streite vielfach in die religiösen Angelegenheiten war gezogen worden, sich an dieses Einmengen gewöhnte. Das zeigte sich, als der Erzbischof Beaumont von Paris gegen die heimlichen Janse¬ nisten verordnete, jedem Sterbenden, der sich nicht mit einem Beicht- zengnisse seines Pfarrers ausweise, die Sacramente zu verweigern; denn die Appellanten hatten ihre eigenen Beichtväter. Das Parla¬ ment nahm sogleich die Appellanten in Schutz, und wollte den Erz¬ bischof zur Verantwortung ziehen, der jedoch dagegen protestirte. Es wäre wieder zu schlimmem Conflicten gekommen, wenn nicht Bene¬ dict XIV., 1756, den Frieden vermittelt hätte, durch die Erklärung, daß zwar die Anordnung des Erzbischofs in Kraft bleiben, aber nur auf notorisck bekannte Gegner der Bulle angcwendct werden solle. 2si5. Schisma zu Utrecht. * Ein- dauerndes Uebel hat der Jansenismus in den Nieder¬ landen angerichtet, es entstand ein förmliches Schisma. Dort waren bei der politisch-religiösen Umwälzung die Bisthümcr aufgehoben worden, obwohl sich Katholiken in bedeutender Anzahl erhalten hat¬ ten. Der Papst bestellte daher apostolische Vicare, worunter Peter Kodde mit den ans Frankreich vertriebenen Jansenisten sich offen in's Einverständniß setzte. Papst Clemens XI. snspendirte ihn deß- wegen, aber er behielt einen bedeutenden Anhang. Auch die hollän¬ dische Regierung begünstigte ihn und den JansenismusfiMach seinem Tode wählte das Utrechter Capitel (ans bloßen PfarrM bestehend) den Cornelius Steenoven zum Erzbischöfe, und es fand sich ein aus Frankreich vertriebener jansenistischer Bischof, Barl et, der ihn und noch drei seiner Nachfolger weihte, ohne sich an die Pro¬ testation Roms zu kehren. Der letzte von diesen war Meindarts, der zwei andere Bisthümer, Harlem und Deventer, wieder L , . ... r A -- A,- s-' 34« herstellte und besetzte, damit der schismatische Episcopat vor dem Erlöschen bewahrt bleibe. In dieser Weise besteht das Schisma noch bis heute.) Die Utrechter verweigern noch fortan die Annahme der Bulle Unigenitus, erkennen zwar den römischen Primat an, und jeder neu gewählte Bischof bezeugt dem Papste seine Verehrung, und sucht, jedoch immer vergebens, seine Bestätigung nach. Jedoch sind nicht alle dortigen Katholiken am Schisma betheiligt, und ihre Zahl in allen drei schismatischeu Bisthümern ist etwa fünftausend. Die katholische Kirche in den Niederlanden erhielt 1852 vom heili¬ gen Vater eine neue Hierarchie mit einem Erzbisthume zu Utrecht. Sie findet zwar, wie zu erwarten stand, Widerspruch, wird aber hoffentlich segensreich wirken, und auch das Schisma seinem Ende zuführen. X § 266. Pietistische Streitigkeiten m der katholischen Kirche. * 1. Auch Verirrungen des frommen Gefühles und falscher Mysticismus erregten einigen Streit. Michael Molinos, ein Spa¬ nier, lebte seit 1669 in Rom, wo sich, durch den Schein tiefster Frömmigkeit anzezogen, viele angesehene Personen seiner geistlichen Leitung anvertrauten. Aber ein von ihm herausgegebenes Buch: „Geistlicher Wegweiser", zeigte seine falsche Richtung, er mußte seinen Jrrthum abschwören, und starb im Gefängnisse. Seine Jrr- thümer nannte man Quietismus, weil er den höchsten Grad der Vollkommenheit darein setzte, daß die Seele in völliger Ver¬ nichtung ihrer selbst, — nichts denkend, und nichts begehrend, in das Wesen Gottes versunken ruhe, u. s. w. 2. Dieser Quietismus fand Anhänger. Darunter war auch die geistreiche, und durch ihren Wandel ausgezeichnete Frau Jo¬ hanna Gnhon, welche durch mehrere Schriften Grundsätze ver¬ breitete, die bei genauer Prüfung Besorgnisse erregen mußten. Nach ihrer Ansicht gibt es einen Zustand der reinen Liebe Gottes, wo der Mensch selbst gegen sein Seelenheil gleichgültig ist, und er aus Gottesliebe auch darein willigt, die ewige Verdammuiß zu ertragen, wenn Gott sie ihm bestimmt, u. s. w. Aus Veranlassung des fran¬ zösischen Hofes verfaßte Bossuet vierunddreißig Artikel, die Guhon zum Beweise ihrer Rechtgläubigkeit unterschrieb. Die Sache wäre vielleicht abgethan gewesen, wenn nicht der berühmte Bischof Fene- 341 lon sich ihrer angenommen, und in einige Opposition mit Bossuet gesetzt hätte. Es entspann sich zwischen diesen beiden großen Män¬ nern ein Schriftenwcchsel, und Fenelon verfaßte seine „Erklärung der Grundsätze der Heiligen", wo er die Lehre von der reinen un¬ eigennützigen Liebe in etwas auffallender Weise darstellte. Bossuet bekämpfte diese Schrift, und Fenelon legte sie endlich dem Papste zur Entscheidung vor. Nach genauer Prüfung durch mehrere Ge¬ lehrte, erschien 1699, das päpstliche Urtheil, womit drciundzwanzig Sätze aus jener Schrift verworfen (jedoch nicht für ketzerisch erklärt) wurden. Der Papst soll geäußert haben, Fenelon habe nur aus Uebermaß der Liebe Gottes gefehlt. Fenelon war eben im Begriffe, die Kanzel seiner Cathedrale zu besteigen, als er das Verdammungs- urtheil erhielt. Er verlas dasselbe sogleich, und bat die Gläubigen sich auch diesem Urtheile zu fugen, und sein Buch nicht mehr zu lesen. Damit war der Streit beendigt, zur Beschämung Vieler, besonders der Ianseuisten, die gehofft hatten, Fenelon werde sich auch jener Distinction bedienen, daß diese Sätze in seinem Buche nicht in dem vom Papste verworfenen Sinne enthalten sehen. 267. Die sogenannten Freiheiten der gallikanischcn Kirche. '' In Folge der Zwistigkeiten, die zwischen Papst Jnnocenz Xl. und dem Könige Ludwig XIV. entstanden waren, berief der König, 16tz2, eine Versammlung von Bischöfen und Baronen nach Paris, welche in einseitiger Auffassung des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat, folgende vier Artikel, die wahrscheinlich von Bossuet formulirt wurden, als angebliche Grundsätze für die gallikanische Kirche aufstellten: 1) Petrus und seine Nachfolger haben nur Macht im Geistlichen, nicht im Weltlichen. 2) Diese Macht ist beschränkt durch die Beschlüsse von Constanze (lÄ Papst untersteht den ökume- - nischen Concilien). 3) Eben so soll die apostolische Gewalt geregelt werden nach den Vorschriften, Gewohnheiten und Grundsätzen der Kirche in Frankreich. 4) Die Aussprüche des Papstes, wenn nicht das Ansehen der ganzen Kirche hiuzukömmt, sind nicht unverbesser¬ lich. Ein königliches Decret bestätigte diese Declaration, und befahl, daß sie in allen Schulen gelehrt werde. Der Papst Jnno¬ cenz XI. protestirte dagegen, und sein Nachfolger Alexander VIII. erklärte sie für nichtig. Aber erst dem Papste Jnnocenz XII. gelang 342 es den König zur Rücknahme jenes Decretes zu vermögen, nach¬ dem die an jener Versammlung betheiligten Bischöfe ihre Betrüb- niß darüber dem Papste erklärt hatten. Doch half diese Rücknahme wenig, die Artikel wurden in der Praxis häufig als Grundsatz gel¬ tend gemacht, unter dem Titel der Freiheiten der gallika Ni¬ schen Kirche. Die französischen Bischöfe erfuhren aber häufig, daß diese Freiheit in Hinsicht des Papstes mit einer knechtischen Abhängigkeit von der weltlichen Macht vertauscht wurde, und Fene- lon sagt mit Recht: „Gegenwärtig kommen die Anmaßungen und Eingriffe von der weltlichen Gewalt, nicht von Rom; der König ist in der Wirklichkeit mehr das Oberhaupt der französischen Kirche, als der Papst; und Laien beherrschen die Bischöfe." ----. 1LI. Einrichtung der Kirche. 268. Wahre Reformation der Kirche. Durch die Ereignisse der sogenannten Reformation ward die Kirche zwar in allen ihren Theilen tief erschüttert, aber durch die ihr inwohnende Gotteskraft hat sie nicht nur die ihr geschlagenen Wnnden bald zu heilen vermocht, sondern sie stand auch, wahrhaft reformirt, herrlicher als ehedem da. Auf dem Concil zu Trient feierte sie gleichsam ihre Wiedergeburt, wo neben der Feststellung der Lehre, durch die trefflichsten Verordnungen nicht nur dtp Mi߬ bräuche abgestellt, sondern nach allen Seiten hin die alte Ord¬ nung neu gegründet wurde. Wir geben hierüber nur einige An¬ deutungen: 1. Am Papstthume hatte natürlich das Concil nichts zu refor- miren. Die Stellung des Papstthums blieb trotz der Vernichtung, die ihr die Protestanten geschworen hatten, in ihrem Wesen die nämliche. Wenn übrigens einerseits die Päpste bei dem veränderten Zeitgeiste sich nicht berufen fühlten, mit jener Allgewalt wie im Mittelalter, in die weltlichen Verhältnisse Einfluß zu nehmen, so sind sie doch immer mit apostolischer Kraft aufgetreten, wenn, wie nun nicht selten geschah, selbst katholische Fürsten die geistliche Ge¬ walt der weltlichen unterordnen wollten. 2. In Betreff der bischöflichen Verwaltung hat das Concil die Exemtionen der Klöster und Corporationen, wodurch die Bi- »43 schüfe vielfach beschränkt waren, größtenthcils aufgehoben : und über die Verwaltung der Diöcesen heilsame Vorschriften gegeben. Zur Hebung des kirchlichen Lebens wurde die Abhaltung von Provinzial- nnd Diöcesan-Shnoden anbefohlen. 3. Zur Bildung des Clerus war die Anordnung von Semi- uarien von unberechenbarem Vortheile; nur hat die Ungunst der Zeit fast bis auf unsere Tage, wo endlich auch die Knabensemina- rien überall errichtet werden, die volle Ausführung gehemmt. Die Seelsorge will das Concil nur jenen anvertrant wissen, die in einer besonderen Prüfung sowohl über ihre Kenntnisse als über ihr sittliches Verhalten Beweise gegeben haben. 4. Ueber das ganze kirchliche Leben hat das Concil eine Reihe der heilsamsten Verordnungen für den christlichen Unterricht, den Gottesdienst, die Administration der Sacramente, insbesondere über die Ehe erlassen; leider, daß in dieser letzteren so wichtigen Ange¬ legenheit die weltlichen Regierungen vielfach ihre Stellung verkannten. 269. Das religiöse Leben. Große Kirchenmänner. --- Die von dem Trienter Concil angeordnete Kirchenreformation fand ihren Widerhall und kräftige Unterstützung in einer großen Anzahl herrlicher Persönlichkeiten unter Päpsten, Bischöfen und ein¬ fachen Priestern, die ganz in der Weise der früheren Kirchenväter in dieser Zeit gleich Sternen leuchteten. Der Katholik muß sich dessen um so mehr freuen, und seiner Kirche desto inniger anhän¬ gen, wenn er die sogenannten großen Männer der Refor¬ mation mit den seinigen vergleicht. Wir wollen hiervon nur einige nennen. 1. Carl Borromeo, aus hohem Adel am InKo mag-Kinrs 1532 geboren, ein wahrer Reformator der Kirche. Schon in seiner Jugend gab sich mannigfach das Wehen des heiligen Geistes in diesem seinem anserwählten Organe kund, und es konnte ihm schon in seinem zweiundzwanzigsten Lebensjahre das Erzbisthum Mailand anvertraut werden. Hier entfaltete sich sein reiches inneres Leben segensreich über die Diöcese, und durch seine innige Verbindung mit dem römischen Stuhle — dann durch seine Anwesenheit auf der Trienter Synode, wirkte er für die ganze Christenheit. In un¬ nennbarer Milde wie in weiser Strenge, hat er eben so Ketzer zu 3ÄÄ bekehren, wie seine Priester zu kirchlichem Ernste emporzuheben und Orden zu reformiren gewußt. Iu seiner Neigung zum Wohlthun entäußerte er sich oft der nothwendigsten Lebensbedürfnisse für seine eigene Person. Bei der Hungersnoth und während der Pest in Mailand 1576, rettete seine Aufopferung und schnelle Anordnung zweckmäßiger Hilfe, einen großen Theil der Bevölkerung. Aber frühe erlag sein Körper den mannigfachen Anstrengungen; und man konnte sagen, er gab sein Leben für die Seinigen 1584. Als Ideal eines Seelsorgers und Spiegel für jeden Geistlichen, wurde er 1610 heilig gesprochen. 2. Vincenz von Paul, in Frankreich am Fuße der Pyre¬ näen, von armen aber frommen Aeltern 1576 geboren. Er hütete in seiner Jugend die Heerde, und theilte da schon sein karges Brot freudig mit den Armen, weswegen sein Vater ihn eines edleren Be¬ rufes würdig hielt, und ihn zum Geistlichen bestimmte. Er wurde ein wahrer Priester Gottes, brachte es zwar sein Leben lang zu keiner glänzenden kirchlichen Stellung, aber sein Leben ist dabei so reich an Thaten, die größtentheils bis auf unsere Zeit herab von ungeheurem Erfolge sind, daß es kaum möglich scheint, wie ein Menschenleben zu deren Vollführung hinreichen kann. Ganz arm stand er in der Welt da, denn auch sein geringes Erbtheil ließ er seiner Mutter und den Geschwistern: — aber er gab Allmosen, die sich nach Millionen berechnen. Ein widriges Geschick brachte ihn in die Sclaverei nach Tunis: aber hochbeglückt führte er seinen Herrn zum Christenthume und nach Europa zurück. Die Hütten der Armuth, wohin er geistige und leibliche Hilfe brachte, waren sein liebster Aufenthalt: aber auch am königlichen Hofe war er geliebt und verehrt. Als Erzieher, Beichtvater, Pfarrer, endlich als Geistlicher der Galeeren - Sträflinge hatte er das allgemeine Weh kennen gelernt, und sann nach Anstalten, es zu lindern. Begüterte Freunde, und fromme Seelen gaben die Mittel dazu her, und so wurde eine große Zahl der verschiedenartigsten Institute gegründet, denen sein praktischer Geist die einfachen Regeln gab. Dahin gehö¬ ren vorzüglich das Institut der milde» Frauen oder grauen Schwe¬ stern (ülles ebenfalls reguläre Cleriker, haben ihren Namen von einer Kirche des h. Barnabas in Mailand, und wur¬ den gegründet von drei dortigen Edelleuten, die sich zu gemeinsamem Leben, ausschließlich für den Zweck des Unterrichtes, vorzüglich durch Missionen innerhalb der christlichen Länder, vereinigten 1530. 5. Die Congregation des Oratoriums stiftete der Florentiner Philippus Neri in Rom, welcher seine Lebensstun¬ den in Wohlthun und Gebet theilte, die Tage in Spitälern und unter Kindern, die Nächte zum größten Theile in Gebet und Be¬ trachtung zubrachte. Die mit ihm zu frommen Hebungen Verein¬ ten kamen im Oratorium einer Kirche zu geistlicher Lesung und gegenseitiger Erbauung zusammen, und dienten die übrige Zeit den Kranken und anderen Nothleideudcn. Auch ein großes Hospital 330 wurde durch milde Beiträge erbaut; und uu Betsaale desselben (Oratorium) fromme Lesung gehalten. Papst Gregor XIII. be¬ stätigte den Verein 1574, als Väter des Oratoriums ohne Ge¬ lübde. Große Gelehrte gingen ans diesem Vereine hervor. 6. Mauritier) Einige französische Benedictiner-Klöster ver¬ einigten sich 1618, die Regel ihres Stifters wieder herzustelleu. So entstand die Cougregation der Mauriner, genannt nach dem h. Maurus, einem Schüler des h. Benedict, die ihre Thätigkeit auf deu Jugendunterricht und auf gründliche Gelehrsamkeit wandte; und in letzter Beziehung sehr Bedeutendes geleistet hat, durch For¬ schungen sowohl, als durch die Herausgabe großartiger Werke, be¬ sonders von Kirchenvätern. 7. Pi ar iste n. Der Spanier Joseph Calasanza hatte in Rom bei einer grassircuden Krankheit der leidenden Menschheit geistliche nnd leibliche Hilfe gespendet, und sich insbesondere der ver¬ lassenen älternlosen Knaben liebreich angenommen. Mit Gleichge¬ sinnten stiftete er, um dieses Liebeswerk für die Zukunft zu sichern, eine Cougregation von Weltpriestern, zum Unterrichte der Knaben, unter Approbation Clemens VIII., 1600, welche bald den Rang eines Ordens (orelo patium piaiium scllolarum) erhielt. 8. Brüder der christlichen Liebe. Der Portugiese Jo¬ hannes von Gott war bis zum 45. Lebensjahre in einem man¬ nigfach bewegten Leben herumgeirrt, bis er seit 1545 zu Granada neben ernster Sorge um sein Seelenheil sich der liebreichen Pflege der Kranken zn widmen ansing. Seine Freunde verewigten sein Andenken durch Stiftung eines Ordens mit der Verpflichtung zur unentgeltlichen Krankenpflege, die auch auf Nichtkatholiken ausge¬ dehnt werden sott. Die Mitglieder waren alle Laien, nur einer soll in jedem Hospitale Priester sehn. In Spanien nannte man sie Brüder der Gastfreundlichkeit, in Frankreich: der christlichen Liebe, in Deutschland: barmherzige Brüder. 9. Die Priester der Missionen, von ihrem Hauptsitze, der Kirche des h. Lazarus in Paris, auch Lazaristen genannt, ge¬ stiftet 1626 vom h. Vincenz von Paul. : Den geistlichen Sinn bei dem Landvolke von Zeit zu Zeit neu zn beleben, durch besonders berechneten Unterricht, eindringliche Predigten nnd AndachtSübungen (Missionen) ist die Aufgabe dieses Vereins. Die Mitglieder sind Weltgeistliche, legen jedoch die Gelübde der Armuth, Keuschheit, des — 331 — Gehorsams und der Beharrlichkeit ab; widmen sich acht Monate im Jahre den Missionsgeschästen mit Genehmigung der Bischöfe; außerdem stehen sie auch Seminarien Lor, in welchen Geistliche ge¬ bildet werden. Papst Urban VIII. bestätigte den Orden 1632. 10. Trappisten, der strengste aller Orden. Bouthillier de Raneb, ein reicher und gelehrter Prälat, wurde inmitten seines glänzenden und leichtsinnigen Lebens von einem erschütternden Er- eigniß überrascht, das ihn veranlaßte, seine Habe den Armen zu Vertheilen, alle seine einträglichen Pfründen aufzugeben, und sich in das Cistercienser Kloster la Trappe, dessen Abt er schon als Knabe war, zurückzuzichen. Hier legte er sich und Denjenigen, die sich ihm anschlossen, eine furchtbare Enthaltsamkeit auf, in Harter- Arbeit, besonders Feldbau, beständigem Schweigen, das nur durch Psalmengesaug unterbrochen wird, und durch alle mögliche Entbehrung in Kleidung, Wohnung und Kost. Der Trappist stirbt gleichsam für diese Welt, und darf keine Verbindung mit seinen Anverwandten unterhalten; seine Schlafstätte ist ein Sarg; seine Sprache darf er nur gebrauchen zum Gebete, zum Gruße: „me- Ikwnlo mori", und zur Anklage über feine, wenn auch noch so ge¬ ringe Vergehen gegen die Regel. Dennoch erhielt der Orden viele Jünger und hat sich bei aller Frivolität der Zeit bis jetzt in all' seiner Strenge erhalten, wo er auch im französischen Afrika eine großartige Ansiedlung gründete. 11. Die Ursulinerinnen stiftete Angela von Bres¬ cia um 1537;. Sie war eine von jenen engelrcineu Seelen, die sich selbst vergessen, um das Unglück Anderer zu mildern. Sie widmete ihre Sorgfalt verwahrlosten Personen, und vereinigte sich daun mit mehreren Gleichgesinnten unter dem Schutze der h. Ursula. Die Genossinen, fromme Frauen und Jungfrauen, sollten inner¬ halb des Familienlebens Krankenpflege und die Erziehung jnirger Mädchen übernehmen. In der Folge nahm der bisher freie Verein eine Ordens-Verfassung an, welche Papst Paul III. 1544 bestätigte. 12. Der Orden der Heimsuchung unserer lieben Frau, als ein weiblicher Verein vorzüglich zu eigener Vervollkommnung im geistigen Leben nnd zur Pflege der Kranken 1Ä0 zu Anuech in Savohen, durch die vereinten Bemühungen des h. Franz» o n Sales und der Baronin von Chantal gestiftet. Der Verein wurde von Paul V. 1618 zu einem Orden erhoben, der sich zu- 332 gleich auch der Erziehung der Kinder annehmen sollte. Die Ge- nossinen dieses Ordens sind unter dem Namen Salesianerinen bekannt. 13. Die barmherzigen Schwestern (Töchter der christ¬ lichen Liebe, graue Schwestern; ülles clo okuritch soeurs ssrisos), ursprünglich als Verein frommer Frauen und Inngsrauen gegründet vom heiligen Vincenz von Paul, und in seinem Entstehen geleitet durch die Wittwe le Gras. -In die Hände dieser in allen Liebes¬ werken geübten Schwestern legt das französische Volk seine Kranken und Armen, und ihre großartigen Anstalten zur Milderung und Heilung jeglichen Elendes verbreiten sich zum Heile der Menschheit immer mehr und mehr. Neben diesen Vereinen bestanden und bestehen noch viele andere zu ähnlichen Zwecken der christlichen Liebe, darunter der bekannte Orden der Elisabethinerinen, ein Zweig des dritten Ordens des heiligen Franziscus. 14. Endlich müssen wir auch der Regeuerirnng des Carme- literordens erwähnen. Der strenge Ordensgeist war auch hier nach und nach erstorben; da erweckte die Vorsehung (die. heilige Theresia zur neuen Belebung desselben. Sie war die Tochter eines spanischen Granden, von frühester Jugend zur Gottseligkeit sich hinneigend, und begabt mit einem Herzen, das gleichsam vom Pfeile der göttlichen Liebe durchbohrt war. Durch mannigfache Prüfungen an innerer Lebenserfahrung bereichert, und in Geist und Gemüth verklärt, begann sie 1562 den weiblichen Zweig des Car- meliterordens zu reformiren, was ihr nach unsäglichen Schwierig¬ keiten vollkommen gelang. Im Einverständnisse mit ihr, führte auch unter den Mönchen dieses Ordens, der h. Johann vom Kreuze, die Reform durch; so entstanden chie unbeschuhten Carmeliter und Carmeliterinen. > 1 »S3 Sechste Periode. Seit der Aufhebung des Jesuiten-Drdens 1773 bis nuf unsere Zeit. 273. Vorbemerkung. Wir sind nun bis zu jenem Zeitpuncte gekommen, welchen man gewissermaßen als den Ansang der Jetztzeit nennen kann; d. h. in welchem jene Saat gesäet wurde, deren Früchte unsere Zeit erntet, — wo jener Giftstoff dem Mcnschengeschlechte eingeimpft worden, an dem es noch krank darniederliegt. Aber es mußte von früher her conseqnent so kommen; denn „das ist der Fluch der bösen That, daß sie fortzengend Böses muß gebären." Was warnende Stimmen schon zu Luthcr's Zeiten weis¬ sagten, ist im vollen Maße erfüllt worden. Die Glanbensneuerung mußte zum Glaubenözweifel, dann znr GlanbenSlosigkeit führen; die von Luther angerühmte evangelische Freiheit bildete sich durch manche Mittelstufen znr heidnischen Wildheit aus, — die frevelhafte Um- staltnng der Kirche Gottes führte zum Umstürze der menschlichen Gesellschaft; — die Reformation ward zur Revolution. Das ist der kurze Inhalt der nun folgenden Geschichte, deren wei¬ terer Ausbau in unseren Tagen und darüber hinaus in Gottes um- wölkter Hand liegt. Uebrigens ist diese Geschichte als die eines noch nicht geschlossenen Zeitalters nothwendig nur ein Fragment, daher wir auch von der Eintheilung in die früheren Perioden abgehen. 274. Die „starken Geister". 1. Wir müssen nm einige Jahre in die abgelaufene Periode zurückkehrcn, um die Erscheinungen in dieser nach Ursache und Wir¬ kung zu überblicken. Die Reformatoren hatten die göttliche Aucto- rikät in Sachen des Glaubens verworfen, und dafür die mensch¬ liche (oder vielmehr jeder seine eigene) Vernunft als Glanbens- norm eingesetzt. Hieraus wäre schon in den nächsten Tagen eine ' 23 — 334 — allgemeine Glaubensconfusion entstanden, wenn man den neuen Glauben nicht an gewisse symbolische Bücher gebunden hätte. Aber für die Dauer konnte das nicht auslangen. Man nahm das Recht des „Selbstdenkens" in Anspruch, und jeder glaubte das Recht zu haben (und nach dem protestantischen Grundsätze hatte er es auch) seine Religions- und Lebensgrundsätze sich nach seiner Vernunft zu formen. So entstand eine neue Art von Wissen¬ schaft, — ein oberflächliches Gerede, — das man Philosophie nannte, und welche sich am meisten über Alles, was bisher (bei Katholiken und Protestanten) für wahr und heilig gehalten wurde, hinwegsetzten, gaben sich selbst den Namen: „starke Geister, Freidenker, Rationalisten" n. dgl. 2. Solche finden sich zuerst in England, was sehr begreiflich ist, da die dortige Staatsreligion, von einem Weibe (Elisabeth) eta- blirt, keinen Denker befriedigen konnte, und der englische Hochmuth sich nicht herabließ, die Wahrheit der katholischen Lehre zu prüfen. Die Namen: Lord Cherbury, st 1648, Hobbes, Toland, Collins, Woolston, Tindal, Morgan, Hume, st 1776, gehören hierher. 3. Von diesen englischen Gegnern des Christenthum's ging die antichristliche Richtung nach Frankreich über, wo sie einen vorberei¬ teten fruchtbaren Boden fand. Dort hatte seit der Neichsverwesung unter dem sittenlosen Herzoge von Orleans, als Vormund Lud¬ wigs XV., das Laster offen triumphirt, und zum völligen Ruine der Gesellschaft traten nun noch offene Gegner des Christenthums, und Feinde jeglicher Religion auf. Der Hugenotte Bayle war mit seinem sinnlosen Skepticismus, und seiner Behauptung: daß die menschliche Gesellschaft auch ohne Religion gar wohl bestehen könne, vorangegangen. Andere folgten ihm, bis um 1750 sich eine eigene Partei bildete, die mit dem wüthendsten Hasse gegen das Christenthum und seinen göttlichen Urheber erfüllt, sich die Ver¬ nichtung dieser Religion zum Ziele ihrer vereinten Thätigkeit setzte. An ihre Spitze stellte sich der bekannte Voltaire, eben so geist¬ reich als boshaft. Das furchtbare Losungswort dieser Rotte war: öorasor I'inlamo (Vernichtet die infame, d. i. die christliche Kirche oder Christum selbst). Das ganze Leben Voltaire's verzehrte sich in diesem entsetzlichen Streben, bis er 1777 in Verzweiflung starb. Seine vornehmsten Mitverschworncn waren: d'Alembert, der es verstand, die Religion auf versteckte Weise zu untergraben; Di- 3SS derot, der sich des Atheismus offen rühmte, und D amila - ville, den Voltaire selbst nicht einen Gottesläugner, sondern einen „Hasser Gottes" nannte. In den verschiedenartigsten Schriften, wie im gesellschaftlichen Verkehr wurde das obige Thema behandelt, am weitläufigsten aber in dem von ihnen veranstalteten Hauptwerke: Enchklopädie, welche neben trefflichen Stücken, die aus katholi¬ schen Schriftstellern entlehnt waren, jene Denkweise (als Aufklä¬ rung) weithin verbreitete. Eine Menge leichtfertiger Schriftsteller schloß sich, wohlfeilen Ruhm zu erlangen, ihnen an. Da die Schrif¬ ten in elegantem Sthle, mit Witz und Sathre gewürzt, und einer schönen Oberflächlichkeit verfaßt waren, wurden sie besonders von den sogenannten gebildeten Ständen begierig gelesen, und so in vollen Zügen das Gift eingesogen, das Frankreich an den Rand eines furchtbaren Abgrundes führte, in welchen es bald darauf jäh¬ lings hinabstürzte. 4. Diesen leichtfertigen Spöttern gegenüber stand der tiefernste „Naturphilosoph" aus Genf, Rousseau, von Voltaire zwar ge¬ haßt, aber im Grunde doch mit ihm im Bunde. Er spottete nicht über das Christenthum, erklärte aber, die Evangelien enthielten vie¬ les, was ein vernünftiger Mensch nicht glauben könne. In man cher Beziehung wirkten seine verderblichen Grundsätze nachhaltiger als die der Enchklopädisten. In seinem Werke: „6ontrat sooial'- (Gesellschaftsvertrag), spricht er der noch heut zu Tage practicirten „Volkssouveränität", ja selbst dem „Communismus" das Wort. Zum Beweise dürfte ein Satz aus jenem Werke genügen: „Der Erste, der ein Stück Land einfaßte, und auf den Einfall kam zu sagen: das ist Mein; — der Erste der Leute traf, die einfältig genug waren, ihm diese Behauptung zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft." 275. Aufhebung des Jesuiten-Ordens. Es gereicht den Jesuiten zur Ehre, daß sie von den Feinden der Religion, als eine vorzügliche Stütze der katholischen Kirche angesehen wurden, und darum als das erste Opfer ihres Hasses fallen mußten. 1. In Portugal wurde der erste Schlag gegen sie geführt. Hier herrschte im Namen des schwachen Königs Joseph, Carvalho, 23* 33« Marquis von Pom bal, der von der Wuth des Reformirens, und vom Dünkel einer absoluten Selbstherrschaft ergriffen, des Ordens erbitterter Feind war, weil dieser durch seinen Einfluß auf das Volk und auf die Großen, seinen Planen entgegenstand. Den Anlaß, den Orden zu verderben, gab ihm ein zwischen Portugal und Spanien geschlossener Tanschvertrag, 1750, wornach Spanien an Portugal sieben Distrikte von Paraguay, jenem so musterhaft von den Je¬ suiten verwalteten Landes; dagegen Portugal au Spanien die Co- lonie San Sagramcnto abtrat. Die Bewohner von Paraguap, welche dieser Regierungsveränderung abgeneigt waren, erhoben die Waffen gegen die Portugiesen. Das legte man den Jesuiten zur Schuld, und man erdichtete überdieß das Märchen, die Jesuiten hätten dort weiter im Innern eine eigene Republik mit ungeheuren Reichthümern. Dazu kam bald ein anderer Vorfall. Der König wurde eines Abends durch einen meuchelmörderischen Anfall ver¬ wundet. Das Ereigniß ist noch bis ans den heutigen Tag nicht aufgeklärt, aber ohne weiteres wurden die Jesuiten als die Schul¬ digen angeklagt. Obgleich in der Untersuchung gar nichts derart erwiesen werden konnte, wurden sie doch aus Portugal weggeschafft, und nach der Küste des Kirchenstaates gebracht, 1759, nachdem schon ihre Güter cingezogen waren. Viele ließ man als Hochver¬ räter in tiefen Kerkern schmachten, bis sie nach dem Tode des Kö¬ nigs, 1777, die Freiheit erhielten. 2. In Frankreich waren die Jesnitcnfeinde zahlreicher und mächtiger als irgendwo. Jansenistcn, Encyklopädisten, die Parla¬ mente, die königliche Maitresse Pompadour und der Minister Choi- seul wirkten zusammen. Schon früher hätte man sie gerne in die Verbrechen des Chatel, der einen Mordversuch gewagt, und des Ravaillac, der den Mord an König Heinrich IV. vollbracht hatte, verwickelt, aber es war natürlich keine Spur von Thcilnahme von ihrer Seite aufzufinden. Jetzt fand sich eine andere günstige Ge¬ legenheit. Der Jesuit la Valette in Amerika hatte sich in große Handelsunternehmungen eingelassen, seine Schiffe wurden aber von den feindlichen Engländern, 1755, weggenommen, und er konnte demnach die großen Summen, die er zweien Handlungshäusern in Marseille schuldete, nicht ansbringen. Die Klage kam vor das Par¬ lament in Paris, welches entschied, daß der Orden die Entschädi¬ gung leisten müsse. Damit wäre die Sache abgethan gewesen; aber 3»7 die Jesuiteufeinde wußten diesen Anlaß auszubeuten. Bei Verhand¬ lung des Prozesses kamen auch die Constitutionen nnd Privilegien des Ordens znr Sprache. Obschon diese längst überall gedruckt zu lesen waren, so stellte man sich doch, als ob man ganz neue uner¬ hörte Dinge anfgefunden hätte, und das Parlament ordnete eine Untersuchung des Institutes au. Ein angeblicher Auszug der ver¬ derblichen Lehren aus den Büchern der Jesuiten wurde veranstaltet und verbreitet. Die Verteidigungsschriften dagegen wnrden öffent¬ lich verbrannt. Den Jesuiten wnrden die Schulen genommen und die Aufnahme von Novizen verboten. Der schwache König Ludwig XV. snspendirte zwar diese Anordnung, aber man kehrte sich nicht daran. Eben so wenig achtete man die einstimmige Erklärung des ganzen französischen Episcopates, daß die Entfernung der Jesuiten von den Schulen den größten Nachtheil haben würde. Das Parlament deere- tirte, 1762, der Jesuitenorden seh als staatsgefährlich in Frank¬ reich aufgehoben. Den Mitgliedern sicherte man eine Pension, und auch Aemter zu, wofern sie den Eid darauf leisteten, daß ihr In¬ stitut gottlos seh, »vozu sich nur wenige verstanden. Daher wurden die meisten verbannt, und Ludwig XV. dceretirte endlich 1764 gleich¬ falls die Aufhebung, gestattete aber den Mitgliedern unter Aufsicht der Bischöfe als Privatpersonen in Frankreich zn leben. Die drin¬ gendsten Vorstellungen des Papstes Clemens X!II. waren unbeachtet geblieben. 3. In Spanien erlitten die Jesuiten zwei Jahre später ein noch härteres Schicksal. Sie wurden 1767 plötzlich an allen Orten des Nachts überfallen, auf Wägen gesetzt, gewaltsam nach der Küste geschleppt, und auf Schiffen nach dem Kirchenstaate geschickt. Das Aufhebnngsdeerct Carl's III. erfolgte erst nachher, worin nur im Allgemeinen versichert wurde, die Aufhebung seh aus wichtigen Ursachen geschehen. Es ist gegründeter Verdacht vorhanden, daß der König durch einen Betrug seines Ministers Aranda zu diesem Schritte verleitet worden ist. Aranda soll nämlich erdichtete Briefe dem Könige in die Hand gespielt haben, worin angeblich Jesuiten über die eheliche Geburt des Königs Zweifel aufstellten, wodurch der Haß des Königs angeregt wurde. Seh dem jedoch wie immer, es war jedenfalls schmählich, den Jesuiten jedes Mittel der Ver¬ teidigung zu benehmen, was sonst jedem gemeinen Verbrecher un¬ benommen bleibt. 388 4. In Neapel, wo ein Sohn Carl's III. und in Parma„ wo sein Bruder regierte, hatten die Jesuiten 1767 und 1768 ganz das Schicksal ihrer Ordensbrüder in Spanien. In allen diesen Ländern wurden die Jesuiten ohne alle Rechtsform und ohne Ur- theil verdammt, und viele verdiente Männer einem hilflosen Alter preisgegeben. 5. Nach dem Tode Papst Clemens XIII. 1769 wurde Cle¬ mens XIV. gewählt, und von den bourbonischen Höfen sogleich mit der Zumuthung bestürmt, den Orden aufzuheben. Er suchte die Zu¬ dringlichen mit anderweitigen Zugeständnissen hinzuhalten, aber sie verlangten wiederholt den Orden zum Opfer, wenn sie wieder in freundschaftliche Verhältnisse mit dem römischen Stuhle treten sollten. Doch der Papst nahm die Sache erst in ernste Ueberlegung und erklärte: „Ich will nicht die Welt glauben machen, daß ich mich in der Iesuitenangelegeuheit durch irgend eine menschliche Rücksicht bestimmen lasse, oder aus Zwang oder aus Gefälligkeit gegen Höfe hierbei handle. Was ich thun werde, soll die Frucht meiner ernsten Ueberzeugung sehn: ich will frei, nach Gewissen, Billigkeit und Ge¬ rechtigkeit, aber auch zugleich mit der nöthigen Umsicht handeln." So erschien endlich am 21. Juli 1773 das Breve: Dominus -io keckemtor noster, worin es heißt: „in Anbetracht, daß die erwähnte Gesellschaft die reichen Früchte nicht mehr bringen und den Nutzen nicht mehr schaffen könne, wozu sie gestiftet wurde; ja daß es kaum oder gar nicht möglich seh, daß, so lange sie bestehe, der wahre und dauerhafte Friede der Kirche wieder hergestellt werden könne, — aus diesen wichtigen Beweggründen also, und aus anderen Ursachen, welche Uns die Klugheitsrcgeln und die gute Regierung der allge¬ meinen Kirche an die Hand geben, und die Wir in Uuserm Herzen verschlossen behalten, — heben Wir mit reifer Ueberlegung aus gewisser Kenntniß und aus der Fülle der apostolischen Macht die erwähnte Gesellschaft auf u. s. w." So hörte ein Institut aus zu sehn, das damals über 22,000 Mitglieder in allen Zweigen des kirchlichen Lebens, in allen Weltgegenden zählte; und das Missions¬ und Schulwesen aller katholischen Länder wurde durch diese Auf¬ hebung gewaltig erschüttert. 6. Nur ein protestantischer König und eine schismatische Für¬ stin wollten den Orden nicht fallen lassen; wobei es zweifelhaft bleibt, ob die Werthschätzung der Verdienste des Ordens, oder bloße S3S Opposition gegen den römischen Stuhl sie leiteten. Friedrich II. von Preußen erklärte, daß er die Väter in den Schulen Schlesiens nicht entbehren könne; doch gestattete er ihnen auf ihre Bitten, daß sie ans Gehorsam gegen den Papst sich als Corporation auflösten, und ihr Ordenskleid ablegten, doch auch ferner als Weltpriester den Schulinstituten vorstehen sollten. Aber Katharina von Rußland, welche in ihren Landantheilen zwei Jesuiten-Collegien (zu Mohilew und Plock) hatte, verbot trotz aller Vorstellungen der päpstlichen Legaten, die Verkündigung der Aufhebnngsbulle, übergab ihnen das ganze Schulwesen an jenen Orten, und befahl ihnen sogar einen General-Vicar des Ordens für Rußland zu wählen. Auch Kaiser Paul begünstigte sie und räumte ihnen in Petersburg eine Kirche ein, worauf Papst Pius VII. 1801 ihnen die Ansiedelung in Rußland gestattete. §76., Unglaube in Deutschland. 1. Die Deutschen sind von jeher gerne bei den Franzosen in die Schule gegangen, und wie die französische Sprache, französische Moden und Manieren in Deutschland zum guten Tone gehörten, so wurde auch die sogenannte französische Philosophie und jene seichte Aufklärerei zunächst von den Protestanten in Deutschland mit Freu¬ den begrüßt, und, was die Sache nur schlimmer machte, häufig mit deutschem Ernste behandelt. Auf Friedrich 11. von Preußen fällt dabei eine große Schuld. Viele leichtsinnige Religionsverächter aus Frankreich fanden in seiner Hauptstadt Aufnahme; die französische frivole Literatur wurde begünstigt, und verbreitete Verderben beson¬ ders unter den vornehmen Ständen. Das nannte man Auf¬ klärung. Sie wurde bald in großartiger Weise verbreitet durch die sogenannte deutsche Bibliothek, von Nicolai seit 1764 herausgegeben, worin die schlechtesten Schriften am meisten belobt und empfohlen wurden. So konnte Lessing, 1781, seine „Wol- fenbüttel'schen Fragmente" in die Welt schicken, worin das Unter¬ nehmen Christi als verunglückter Empörungsversuch, und seine Auf¬ erstehung als Lüge dargestellterscheint. So konnte sogar ein Bahrdt, 1792, auf beifällige Leser rechnen, der die ganze Geschichte der h. Schrift durch abenteuerliche Hypothesen zu zerstören suchte. 2. Derlei Bücher waren auf den Volksverstand berechnet, aber auch die theologische Wissenschaft ging keinen besseren Weg. Die 3«« bedeutendsten protestantischen Theologen faßten jetzt die heil. Schrift, ohne auf ihren göttlichen Ursprung Rücksicht zu nehmen, lediglich wie ein gewöhnliches profanes Buch auf. Der Schaden war unbe¬ rechenbar, denn auf diese Weise ging ihnen die einzige göttliche Auctoritat, die ihnen früher noch etwas gegolten hatte, verloren; und es blieb als Quelle des Glaubens und der Moral nur mehr die Vernunft übrig. (Rationalismus; — natürliche Reli¬ gion). Daß die protestantischen Theologen auch auf diesem Wege nicht lange zusammen gehen konnten, ist erklärlich, und so nehmen heut zu Tage einige noch etwas von einer Offenbarung (als bloße Nachhilfe der Vernunft) und die Wahrheit der Wunder in der Schrift an, andere erklären sie auf natürliche Weise; wieder andere halten die Erzählungen der heiligen Schrift für annehmbare Mythen oder Sagen, — oder endlich gar für Betrug. 3. Auch mehrere geheime Gesellschaften suchten planmäßig den Unglauben zu befördern, und zu befestigen, darunter die der alten Freimaurer, vor welchen noch Papst Pins VIII. warnt, „da ihre Tendenz von aller positiven Basis der Kirche ablenkt, und den Indifferentismus fördert und hegt". Noch gefährlicher aber wurde der Illuminatenorden, von Professor Weishanpt zu Ingolstadt 1776 gestiftet. Der Zweck des Ordens, der aber erst in den letzten Stufen der Weihe bekannt gegeben wurde, war die Auflösung der jetzigen Gesellschaft in ein patriarchalisches Leben, wo jeder Hausvater der einzige König und Priester seiner Familie sehn soll, denn „alle Religion ist Betrug und die Fürsten sind Usur¬ patoren, — jeder Hausvater aber souverän". Die Gesellschaft wurde entdeckt, und aus Bayern 1786 vertrieben, doch wirkte sie noch lange im Geheimen fort. 4. Kant, der Philosoph von Königsberg hat der rationalisti¬ schen Richtung der Theologie einen wissenschaftlichen Anhaltspunkt gegeben in seinen seit 1790 herausgegebeneu Schristen. Nach ihm gibt es keine Erkenntniß in den übersinnlichen (transcendentalen) Dingen, und auch Gottes Dasein lasse sich theoretisch nicht be¬ weisen. Aber die „prakt ische Vernunft" (das sittliche Bewußtseyn) fordere einen Gott, der das Gute belohne. Allein bei wenigen Menschen hat das sittliche Bewußtseyn allein (ohne Glauben) jene von diesem Philosophen geforderte Kraft, und dann ist diese Philo¬ sophie darin mit sich selbst im Widerspruche, daß sie auf einer Seite 3VI «ine Tugend verlangt, ohne Rücksicht auf Lohn, und auf der ande¬ ren Seite diesen Lohn für die Tugend — und somit das Dasehu Gottes sordert. 5. Seit Kant hat die Philosophie in verschiedener Weise ihre Fortschritte gemacht, und ist endlich mit Hegel, 7I8ZI, dort ange¬ kommen, wo das Christeuthum aufhört. Was einst Spinoza im 17. Jahrhunderte träumte, hat Hegel — oft in biblischen Aus¬ drücken, oft in schönen, oft auch in wenig verständlichen Phrasen zur Ausbildung und weitverbreiteten Anerkennung gebracht, — daß Gott das Eine und das All' im Allem und Jedem sch, — Pantheismus. Hiernach gibt es keinen andern (Persönlichen) Gott, als das All', oder einfachhin die Natur; und dieser bewußt- nnd gedankenlose Gott, kommt erst in der menschlichen Ver¬ nunft zum Bewußtsein". Es gibt also keine göttliche und keine menschliche Freiheit, und keine persönliche Fortdauer. Die ganze Natur ist gleichsam ein ewig wiederkäuendeS Ungeheuer, das fort und fort allerlei Dinge, darunter auch die menschliche Vernunft 'hervorbringt und seinerzeit wieder verschlingt. Das hier über den Unglauben Gesagte gilt zwar zumeist von den Protestanten, allein daß auch die Katholiken von obigen Ein¬ flüssen nicht ganz frei blieben, braucht kaum bemerkt zu werden. Anmerk. Die Extreme berühren sich, und der Unglaube gibt leicht dem Aberglauben die Hand. In dem glaubenslosen Berlin war es nichts Seltenes, daß selbst Hofdamen in allem Ernste im Kartenaufschlagen die Zukunft erforschten. Auch die durch Teufelsbeschwörung verrichteten Kraukenheilungcn des Pfar¬ rers Gaßuer seit 1774, welche damals so viel besprochen und beschrieben wurden, find gleichsam ein ironischer Gegensatz gegen den Unglauben der Zeit. Katholiken und Protestanten strömten anS ganz Deutschland zu ihm nach Ellwangen. Es geschah viel Wunderliches, aber es kamen doch die meisten beschämt und unge¬ heilt zurück, wenigstens waren die Heilungen von keiner Dauer. Endlich traten Kaiser und Papst den angeblichen Wundern entge¬ gen, und man hat diese Kuren seither durch den Manguetismus zu erklären versucht. 362 277. Kirchlich-Politische Bewegungen im katholischen Deutschland. Febronius. Emfercongreß. Josephinismus. 1. Der durch die französische Literatur verwirrte Zeitgeist konnte sich natürlich auch mit der päpstlichen Kirchengewalt nicht zurecht finden. Es erschien 1763 in Deutschland ein Werk von Hontheim, Weihbischof von Trier, unter dem Namen „Justinus Febronius", worin die demokratischen Grundsätze des Rousseau auf die Kirchen¬ regierung angeweudet werden. Rach demselben wäre der Primas zu Rom nicht von Christus, sondern von der Kirche bestellt, und er habe zwar gewisse Vorrechte in der allgemeinen Kirche, aber keine Jurisdiction. Dem zufolge werden viele wesentliche Rechte des Pap¬ stes entweder völlig widersprochen, oder als schwankend dargestellt. So unbeholfen und ganz ungeschichtlich auch die Darstellung in die¬ sem Werke ist, so ungeheures Aufsehen machte es; und obwohl der Verfasser später, 1778, sein Buch widerrief, so haben die darin aus¬ gestellten Grundsätze doch weithin einen verderblichen Einfluß geübt. 2. Durch die Verbreitung unkirchlicher Grundsätze wurden die päpstlichen Nuntiaturen bei einigen Bischöfen ein Gegenstand des Mißbehagens, weil durch die Nuntien die päpstlichen Reservatrechte den Bischöfen gegenüber geübt wurden. Es fehlte zwar auch nicht an Eingriffen in die bischöflichen Rechte, doch solche Eingriffe konn¬ ten in rechter Weise beseitiget werven. Die Erzbischöfe und Chnr- fürsten von Mainz, Cöln und Trier und der Erzbischof von Salzburg wollten aber die Nuntiaturen ganz abgeschafft wissen, und überhaupt den Papst in der Ausübung seiner Kirchengewalt in jene Gränzen zurückweisen, wie es in den ersten Jahrhunderten ge¬ wesen seh. Sie bedachten dabei nicht, daß ihre Existenz als Reichs¬ fürsten auch keineswegs aus den ersten Jahrhunderten stamme. Nach¬ dem sie sich der Beistimmung des Kaisers versichert hatten, hiel¬ ten sie 1786 den berüchtigten Congreß zu Ems, wo die Forde¬ rungen näher bestimmt wurden (Emserpunctation). Der Kaiser war mit den Vorschlägen ganz einverstanden, nur meinte er, daß auch die Beistimmung der Bischöfe erforderlich seh. Aber die Bischöfe waren mit den Erzbischöfen nicht gleicher Meinung, und erkannten, daß diese die päpstlichen Rechte nur darum angegriffen, um sich dieselben selbst anzueignen; — und der Bischof von Speyer erklärte offen, er seh der Meinung, daß der römische Stuhl un¬ möglich ans einem Besitzstände von mehr als tausend Jahren ge- 3VS waltsam herausgeworfen werden könne. Der damalige Nuntius zu Cöln, der geistreiche Pacca trug in fester Sprache das Seinige zur Aufklärung bei, und so traten die Churfürsten bald von ihren An¬ massungen zurück, worauf Papst Pius Vs. in einer ausführlichen Schrift den Gegenstand gründlich auseiuandersetzte. 3. Die Grundsätze des Febronius wurden mit der Thronbe¬ steigung Ioseph's II. auch in Oesterreich herrschend. Kaiser Jo¬ seph II. war gewiß von dem besten Willen beseelt, das Glück seiner Völker zu schaffen, daß er sich aber in den Mitteln dazu vielfach vergriffen, — darüber hat bereits die Geschichte ihr unparteiisches Urtheil gesprochen schon dadurch, daß das Wort: „Josephinismus" heut zu Tage in der ganzen Welt so viel heißt als unkirchlicher Sinn. Was er im Gebiete der Kirche mit offenbarer Verletzung ihrer Rechte unternommen, und mit unseliger Hast — als ob er eine Ahnung seiner kurzen Regierung gehabt hätte, — durchgeführt hat, erschütterte zum großen Nachtheile des Staates, die Kirche, verletzte das religiöse Gefühl seiner Uuterthanen, und war großen- theils Schuld, daß Belgien für Oesterreich verloren ging. Gesetz auf Gesetz wurde in kirchlichen Dingen erlassen, von der Vorschrift, wie die Bischöfe sich gegen den Papst zu benehmen haben, bis auf die Anordnung herab, wie viele Kerzen auf dem Altäre brennen dürfen. Der größte Theil der Klöster wurde aufgehoben, und Hun¬ derte von Millionen aus dem Verkaufe der Güter gelöst, die aber nach dem Sprichwörter Unrechtes Gut gedeiht nicht, spurlos ver¬ schwunden sind, und nur im dürftigen Religionsfonde ein kleines Andenken hinterlassen haben. Abgesehen von der religiösen Seite, war bei dieser Einziehung auch der Schaden für Kunst und Wissen¬ schaft unermeßlich. Mit wahrem Vandalismus wurden die kostbar¬ sten Manuskripte aus den Klosterbibliotheken weggeworfen, und nur mit tiefster Wehmuth kann man die herrlichen Bauten schauen, die seit jener Zeit mehr und mehr, viele schon zu nackten Rinnen ver¬ fallen sind. Was Joseph zerstört hat, blieb zerstört, — was er geschaffen, wollte nicht gedeihen. Selbst die Reise des um die öster¬ reichische Kirche bekümmerten Papstes Pius VI. nach Wien hatte nur geringen Erfolg. Daß übrigens die Reformationen des Kai¬ sers nicht noch nachtheiliger wurden, ist nur dem Umstande zu dan¬ ken, daß der größte Theil derselben in der Praxis nie zur Aus¬ führung kam. 31iÄ 278. Josephinismus in Toscana. Der Großherzog Leopold von Toscana, suchte das Bei¬ spiel seines Bruders Ioseph's II. nachzuahmen, und wollte ebenfalls der Kirche seines Landes eine Reform aufdringen. Doch ging er vorsichtiger zu Werke, und vermied wenigstens den Schein eigen¬ mächtigen Verfahrens; durch die Bischöfe selbst suchte er seine Re¬ formpläne durchzusctzen. An Scipio Ricci, Bischof von Pistoja, fand er auch einen bereitwilligen Bundesgenossen. Dieser versam¬ melte eine Diöcesanshuode, und legte ihr die vom Großherzoge an- getrageneu sieben und fünfzig Reformartikel vor, die großentheils aus den sogenannten gallikanischen Freiheiten und jansenistischen Grundsätzen zusammengestellt waren. Die zu Tage geförderten Be¬ schlüsse enthielten neben manchem Guten viel Unkirchliches; und als diese den in Florenz 1787 versammelten Landesbischöfen zu weiterer Verhandlung vcrgelegt wurden, widersetzten sich diese standhaft dem Ansinnen. Leopold sah bald die Gefährlichkeit seines Versuches ein, und mußte sogar sehen, daß das Volk den Pallast des ihm befreun¬ deten Bischofs zu Pistoja stürmte. Bald darauf, 1790, trat Leopold uach Ioseph's Tode die österreichische Negierung au, Ricci mußte seiu BiSthum aufgebeu, und das Neformiren hatte ein Ende. Die Beschlüsse von Pistoja wurden von Papst Pius VI. verworfen, und auch Ricci widerrief dieselben 1805. 279. Französische Revolution. 1. „Der schrecklichste der Schrecken ist der Mensch in seinem Wahn;" -— die Wahrheit dieses Satzes haben die Gräuel der französischen Revolution in furchtbarer Weise bestätiget. Um das Jahr 1787 hatte sich in Frankreich eine allgemeine Gährung und Unruhe verbreitet; die Aufklärung und Philosophie rückte an ihr Ziel, und dieses Ziel war kein anderes als — Beseitigung des „Fanatismus und der Tyrannei, d. i. der Religion und des Köuigthum's. In kluger Berechnung mußte jedoch zuerst die Kirche beraubt, untergraben, und sammt aller Religion vernichtet werden, dann gab sich das weitere von selbst. In diesem Streben fanden die Philosophen eine mächtige Unterstützung bei den Iansenisten und Protestanten. Jene Ideen von Freiheit und Gleichheit, wie sie die Reformation 383 wachgerufen, wie sie 1525 im Bauernkriege blutig verfochten worden sind, waren jetzt in Frankreich neben zügelloser Unsittlichkeit wieder Modcsache geworden. Der amerikanische Freiheitskampf, worin Frankreich mit Geld und Waffen theilgenommcn hatte, verbreitete jene Ideen noch mehr., 2. Die nächste Veranlassung znm Ausbruche der Gährung gab die Finanznoth des Staates, dessen Schulden schon seit der Regie¬ rung Ludwig's XIV. in's Ungeheure gestiegen waren. Um Abhilfe zu schaffen, wurde der treffliche König Ludwig XVI. veranlaßt, 1789 die Gencralstaaten (die drei Stände des Reiches, Geistlichkeit, Adel und Bürgcrstand) zu berufen. Der dritte Stand, dem man unkluger Weise doppelt so viel (600) Deputirte gestattete, als jedem der beiden anderen, zeigte gleich im Anfänge der Versammlung seinen revolutionären Geist. In einer stürmischen Sitzung be¬ schlossen diese Depntirtcn, daß sie die einzige gesetzliche Versamm¬ lung sehen, und legten sich den Namen: „ National-Versamin- lnng" bei. Leider traten dieser Versammlung bald auch mehrere Geistliche, darunter der Bischof von Autun, Tall ehr and, bei. Da befahl der König selbst dem Adel und der Geistlichkeit, sich mit dem dritten Stande zu vereinigen, und nun durchbrach der revolutionäre Hoch¬ muth der bürgerlichen Deputirten, mit dem verhetzten Pariser Pöbel im Bunde, alle Schranken. 3. Die Nation« l-Versammlnng gab nun eine Reihe von Decreten zur Beraubung der Kirche. Zuerst wurden die geist¬ lichen Zehenten aufgehoben, und damit der Clerns nm einen großen Theil seiner Einkünfte gebracht. Mit Würde fügte sich der Clerns und war auch zu weiteren Opfern bereit. Der edle Erzbischof von Paris, >— der Vater der Armen genannt — macht im Namen des Clerns den Antrag, alle nicht durchaus nothwcndigen kostbaren Kelche und Kirchcngefäße einzuschmelzen, und zur Unterstützung des Staates zu veräußern. Durch solchen Edelmnth wurden zwar die raubsnch- tigen Patrioten in einige Verlegenheit gebracht, aber bald ging doch der Antrag durch: „Daß alles Kirchcngnt für National- gut erklärt, znm Besten des Staates eingezogen, und verkauft werde." Vergebens sprach selbst der berüchtigte Rc- volutionsmann Siehes die strafende Worte: „Ihr wollt frei sehn, und wisset nicht gerecht zn sehn;" cs wurde be- 3«« schlossen, sogleich für 200 Millionen Kirchengüter zu verkaufen. Da¬ bei wurde versprochen für die Unkosten des Gottesdienstes, den Un¬ terhalt der Geistlichkeit, und für die Unterstützung der Armen Rath zu schaffen. 4. Da man mit Recht befürchtete, die nun zwar gänzlich verarmte Kirche werde doch noch bestehen, so lange sie die katho¬ lische bleibt, so mnß nach Mirabeau's Ausdruck, die katholische Kirche auch noch „dekatholisirt" werden. Demnach wurden die katholischen Institute, Orden und Congregationen aufgehoben, und die Gelübde für nichtig erklärt. Der Verband mit dem Papste wurde möglichst gelockert; die ganze Verfassung der französischen Kirche umgestoßen, die 135 Bisthümer auf 83, nach der Zahl der Departements reducirt. Die Bischöfe und Pfarrer sollen ans den gewöhnlichen Wahlversammlungen der Departements, wo auch Cal- vinisten und Juden mitstimmten, erwählt werden. Die Bischöfe wurden in der Ausübung ihrer Kirchengewalt an ihren Senat, näm¬ lich an die Pfarrer der nächsten Kirchen gebunden, u. s. w. Man nannte das die bürgerliche Constitution des Clerus, als ob es sich dabei bloß um bürgerliche Dinge handle. Um der Sache sicher zn sehn, sollten nun alle Geistliche den Eid auf diese bürger¬ liche Constitution leisten, oder ihre Stellen verlieren. Nur vier Bi¬ schöfe und einige wenige Geistliche ließen sich herbei, bei 50,000 in ganz Frankreich hatten den religiösen Muth die Eidesleistung zu verweigern. Ihre Stellen wurden mit anderen besetzt, und Tal- lehrand weihte die ersten constitntionellen Bischöfe. Papst Pius Vl. verwarf die Civil-Constitution, und verbot den Eid, dafür wurde das ihm gehörige Gebiet von Avignon Frankreich einverleibt. Auch das noch gläubige Volk verachtete die konstitutionellen Bischöfe und Pfarrer, und schloß sich an die Eidverweigernden an. So war die französische Kirche bis auf die untersten Schichten herab in zwei Theile gespalten. 5. Die Verordnungen der National-Versammlung waren nn- kirchlich und ungerecht, die Decrete der nun folgenden gesetz¬ gebenden Versammlung (1791) waren aber geradezu gott¬ los. Das Tragen geistlicher Kleidung wurde verboten, und die eidverweigernden Priester zur Deportation verurtheitt. Bevor jedoch das zur Ausführung kam, wurden in den blutigen Septembertagew von 1792 zu Paris allein gegen 300 Geistliche ermordet. Um die- 387 selbe Zeit wurde das Königthum abgeschafft, und am 21.Jän¬ ner 1793 mußte der fromme liebevolle Ludwig XVI. das Blutge¬ rüst besteigen. So waren die Lehren der französischen Philosophen zu gräßlichen Thaten geworden. Wer sich öffentlich als Christ zeigte, war der Guillotine verfallen. Alle Erinnerung an das Chri- stenthum ward vertilgt, sogar ein neuer Kalender eingeführt, wo statt des Sonntags jeder zehnte Tag (Decaden) ein Nationalfesttag sehn soll. Der katholische Cultus wurde gesetzlich abgeschasft, und der Götz e n d i e nst der Vernunft eingeführt, deren Priesterinen und Göttinen feile Dirnen waren. Ueber dem Gottesacker stand die Aufschrift: „Der Tod ist ein ewiger Schlaf." Das Dasehn Gottes wurde öffentlich verleugnet, nud seine Rache frech herausgefordert. 6. Von der Gottlosigkeit kam man zur Albernheit; — der Convent gab, auf Anregung des Dictators Robespierre, das De¬ kret, daß es ein höchstes Wesen gebe, und daß die Seele des Men¬ schen unsterblich seh. Diesem höchsten Wesen wurde ein abgeschmack¬ tes Nationalfest gefeiert, 1794. Unterdessen ereilte die entmenschten Nevolutionsmänner das göttliche Strafgericht durch die Revolution selbst, indem immer eine Partei durch die nächstfolgende auf die Guillotine geschickt wurde. Nachdem auch der schreckliche Robes¬ pierre gefallen war, zeigte sich allmälig ein Schimmer von Besin¬ nung und Verstand, und ein Decret von 1795 erlaubte das lange Zeit Unerhörte: die Uebung der katholischen Religion. Da dieß von dem besseren Theile der Bevölkerung so freudig begrüßt wurde, so verfiel, aus Aerger darüber, die antichristliche Parei in einen neuen Unsinn: — es entstand 1796 die Secte der Theophilan- thropen mit einem kurz gefaßten Glaubensbekenntnisse über Gott, Unsterblichkeit und einige Menschenpflichten, und mit einer lächer¬ lichen Liturgie. Sic erhielt sich, selbst von dem Spotte der öffent¬ lichen Meinung verfolgt, nur kurze Zeit. 7. Endlich trat der gewaltige Napoleon auf, der die Revo¬ lution brach, und Frankreich in eine andere, nicht minder heillose Bahn führte. Mit der höchsten Gewalt als erster Consul bekleidet, erkannte Napoleon, obwohl selbst ohne alle Religion, doch, daß man über ein Volk ohne Religion nicht herrschen könne. Er schloß daher mit dem Papste Pius VU. 1801 ein Concordat zur Wiederherstellung der katholischen Kirche in Frankreich. Zwar war dieses Concordat für die Kirche wenig vortheilhaft, aber es war 368 wenigstens eine Einleitung zu einer besseren Gestaltung der Dinge, Nur darum hatte der Papst alles zngcstanden, was nur immer möglich war, damit vor der Hand Schlimmeres verhütet, und Besseres angebahnt werde. Es zeigte sich dabei, wie tief die katho¬ lische Gesinnung in den Gemüthern immer noch hastete; aus dem Blutstromc, in welchem Schuldige und Unschuldige -untergegangcn waren, stieg wie ein Morgenrot!) die Erinnerung an die altväter¬ liche Kirche, und ein vom Papste bewilligter Jnbiläumsablaß schloss das Werk der Wiederherstellung auf würdige Weise. 280. Folgen der Revolution für den Kirchenstaat. Pins vi. und Pins vii. 1. Daß daS Papstthum den französischen Rcvolutionsmännerir ein Gegenstand des Hasses war, bedarf keiner Erinnerung. Der Haß wurde gesteigert durch die von Papst Pius VI. erlassenen Bullen gegen die bürgerliche Constitution des Clcrus. Als die französische Republik durch Napoleon in Oberitalien siegreich vorzc- drungen war, hatte der Papst die Grenzen seines Staates militä¬ risch zu decken gesucht, wofür er mit Verlust von Läudergebictcu und Bezahlung von einundzwanzig Millionen Franks einen Waffen¬ stillstand 1796 erkaufen mußte. Nuu verlangte Napoleon die Auf¬ hebung aller gegen Frankreich erlassenen Decretc, und als PiuS das verweigerte, wurde der Waffenstillstand für aufgehoben erklärt, und der Papst zu dem Frieden von Tolentino 1797 gezwungen, wor- nach die Provinzen von Bologna, Ferrara und Romagna abgetreten, wieder dreißig Millionen gezahlt, und eine Anzahl kostbarer Ma¬ nnscripte und Kunstwerke ausgelicfcrt werden mußte. Um den Kir¬ chenstaat planmäßig zu revolutionireu, kam Joseph Bonaparte als Gesandter dahin, und sein Palast wnrdc der Mittelpunct der Um¬ triebe gegen die päpstliche Regierung. Häufig gab cs Aufrnhr- sccnen und bei einer solchen wnrdc der französische General Duphot, der sie unterstützte, getödtct. Das gab die willkommene Veran¬ lassung, zur Besetzung des ganzen Kirchenstaates von General Ber¬ icht er, welcher Rom als Republik proclamirte 1798. Nun wiederholten sich hier die Scenen von Paris, der niedrigste Pöbel führte die Herrschaft. Der ehrwürdige 80jährige Greis Pins Vl., der weder die Flucht ergreifen, noch dem Kirchenstaate entsagen 3«S Wollte, wurde gefangen nach Oberitalien gebracht, und als er, zum Aerger seiner Kerkermeister, überall die rührendsten Beweise des Mitleides und der Theilnahme erhielt, bis nach Valence in Frank¬ reich fortgeschleppt, wo er als wahrer Märtyrer 1799 starb. 2. Nun hatte der Jubel der Kirchen- und Religionsfeinde seinen Gipfel erreicht, denn es schien klar, daß die letzte Stunde für die katholische Kirche geschlagen habe. Es gab keinen Kirchen¬ staat und keinen Papst mehr, und daß nicht ein neuer Papst gewählt werde, dafür war gesorgt, denn die Cardinale waren theils in alle Welt zerstreut, theils im Kerker. Selbst glaubenstreue Katholiken sahen mit trübem Blicke in die Zukunft. Aber der Herr hat seiner Kirche eine ewige Dauer verheißen, und die Wege der Vorsehung sind wunderbar. Durch sie aufgernfen, traten selbst Ungläubige, Schismatiker und Ketzer (die Türkei, Rußland und England) auf, um das Erbe der Kirche von den Gottlosen zu befreien; und unter dem Schutze des letzten römisch-deutschen Kaisers Franz II. ver¬ sammelten sich von verschiedenen Seiten füufunddreißig Cardinäle zu Venedig 1800, und wählten den Papst Pius VII. Bald konnte der Gewählte auch wieder in Rom einziehen, wo ihn die Bevölke¬ rung des sinnlosen und verderblichen Repnblikenspieles müde, mit Frohlocken empfing. 3. So hatte die Kirche den wunderbaren Beistand des Herrn erfahren; aber diese Erfahrung war ihr auch nöthig, um in den schweren Prüfungen, die noch ihrer warteten, muthig auszuharren. Pius VII. war sogleich darauf bedachte, die der Kirche durch die Re¬ volution geschlagenen Wunden zu heilen, durch Sparsamkeit den Haushalt des Kirchenstaates zu heben, und im Volke bessere Sitten und Ordnung einzuführen. Dann lenkte er seinen Blick auf das tiefgefunkene Frankreich. Er schloß mit Napoleon 1801 jenes Con- cordat, von dem schon oben die Rede war, und welches bei allen seinen Mängel doch als ein Sieg der Kirche betrachtet werden konnte. Auch die 1804 vom Papste unternommene Reise nach Paris wor¬ ein neuer Sieg der Kirche in Frankreich, so sehr auch Napoleon denselben zu schmälern suchte. Napoleon hatte sich nämlich zum Kaiser der Franzosen aufgeworfen und wünschte seinen Kaiserthron dadurch zu befestigen, daß der Papst ihn salbe und kröne. Unge¬ achtet vieler abratheuder Stimmen zog der Papst doch dahin, einzig in der Absicht, die Sache der heiligen Kirche dadurch zu befördern. 24 37« Mit Staunen und Aerger mußten da die Kirchenfeinde sehen, mit welcher Verehrung und Liebe der Vater der Christenheit überall ans seinem Wege empfangen wurde. Schaarenweise drängte man sich auch in Paris herbei, um seinen Segen zu empfangen, so daß Napoleon eifersüchtig wurde, und dem Papste nicht weiter gestattete, nach Belieben die Kirchen in Paris zu besuchen. Aber als dem Papste endlich erlaubt wurde, gleichsam zur Verherrlichung der kai¬ serlichen Reise nach Italien im Gefolge des Kaisers nach Rom zu¬ rückzukehren, hatte der Kaiser den neuen Verdruß, zu sehen, daß der Papst zu Lyon und Turin feierlicher empfangen wurde, als er selbst. 4. Es lag aber im Character Napoleons, keine Macht in der Welt neben sich zu dulden, die den Menschen mehr als die seinige galt. Nachdem er demnach sich des Papstes zu seiner eigenen Ver¬ herrlichung bedient hatte, suchte er nun Feindschaft mit dem Papste, um das Papstthnm sich zu unterwerfen, wie bereits die Könige seine Oberherrschaft anerkannten. Wie bei seinem Länder- ranbe überhaupt, so fand auch Napoleon leicht eine Veranlassung, den Kirchenstaat sich anzueignen. Der erste Schritt dazu war die plötzliche Einnahme des päpstlichen Hafens Ankona, unter dem Vor¬ wande, der Papst seh zu schwach ihn zu vertheidigen. Unter man¬ chen anderen ungerechten Forderungen erklärte der Kaiser 1806 in einem Schreiben: „Eure Heiligkeit sind Souverain von Rom, ich aber bin dessen Kaiser. Alle meine Feinde müssen auch die ihri¬ gen sein", und verlangte, der Papst solle alle Nnterthanen jener Staaten, mit denen Napoleon im Kriege war, aus seinem Lande vertreiben und seine Häfen denselben, namentlich den Engländern, verschließen. Der Papst wies diese Zumuthung von sich, da er als Vater der Kirche, die den Frieden predigt, an dem blutigen Kriegs¬ system Napoleons keinen Antheil nehmen könne. Als dieser immer drohender und gewaltthätiger auftrat, verkündete ihm der Papst die prophetischen Worte: „Wenn seine Majestät sich im Besitze der Macht fühlen, so erkennen wir dagegen, daß über alle Monarchen ein Gott ist, der die Gerechtigkeit nnd Unschuld rächt und dem jede menschliche Gewalt unterthan ist." Im Jahre 1808 befahl Na¬ poleon dem General Miollis Rom zu besetzen. Eine Reihe von Gewaltthaten nnd Kränkungen des Papstes folgten nun, ohne daß sie seinen apostolischen Muth beugen konnten. Endlich erschien jenes 371 — berüchtigte/von Wien datirte kaiserliche Decret (17. Mai 1809), wornach der Kirchenstaat mit dem französischen Reiche vereinigt, und Rom von nun eine kaiserliche und freie Stadt werden soll. Der Papst sollte eine Besoldung von zwei Millionen erhalten. Dieser unterzeichnete sogleich einen feierlichen Protest gegen solche unerhörte Verfügungen. Da der Papst eine solche Gewaltthat längst erwartet hatte, so war auch für diesen Fall das letzte Vertheidi- gungsmittel, eine Epcom munications-Bulle vorbereitet wor¬ den. Am 10. Juni 1809 des Morgens verkündeten die Kanonen der Engelsburg das Aufhören der päpstlichen Regierung, und am Abende desselben Tages war die Excommunications-Bulle gegen die Räuber des Erbgutes des heiligen Petrus an den drei Hauptkirchen angeheftet. Napoleon spottete über den Bann, und schrieb unter anderen an den Bicekönig von Italien: „Glaubt denn der Papst, daß wegen seiner Excommunication meinen Soldaten die Waffen aus den Händen fallen werden?" — aber schon drei Jahre später heißt es in einem Armeeberichte von den Schncefeldern Rußlands wört¬ lich: „Unseren Soldaten fallen die Waffen aus den Händen" (vor Kälte). 5. Es war ein Lieblingsgevanke Napoleons, den Papst als seinen ersten Beamten in Paris zu haben, und durch ihn desto leichter die ganze katholische Welt zu regieren. Daher wurde dem Papste auf alle Weiss zugesetzt, seiner weltlichen Regierung zu entsagen, in Paris seine Residenz zu nehmen und von dort aus seine geistlichen Rechte (natürlich so weit cs der Kaiser gestattet) zu üben. Da der Papst unerschütterlich seiner Pflicht getreu blieb, wurde er in der Morgendämmerung des 6. Juli 1809 gefangen nach Frankreich abgeführt, und da er dort zu viele Theilnahme er- > regte, zurück nach Savona, im italienischen Gebiete, geschleppt. Damals stand Napoleon auf dem Gipfel seines Glückes. Der ganze Continent beugte sich vor ihm, nur der Papst, obwohl in seinen Händen, hatte den Mnth, ihm entschieden Widerstand zu leisten. Napoleon ernannte neue Bischöfe, — der Papst erklärte diesen schriftlich, daß solche Institutionen nach kirchlichen Gesetzen ohne Rechtskraft sind. Dafür wurde dem Papste für die Zukunft sogar alles Schreibmateriale verweigert. Aber durch solches Ver¬ fahren gegen den Vater der Christenheit verwickelte sich der Kaiser in Verlegenheiten, die er nicht geahnt hatte, und die ihn um so 24* 372 mehr Aerger verursachten, da er gewohnt war, daß ihm Alles auf dem Wink gehorche. Das gläubige Volk bedurfte mannigfacher Dispensen, aber Niemand hatte die Vollmacht, sie zu ertheilen. Der Kaiser besetzte zwar mehrere bischöfliche Sitze, aber der Papst ver¬ weigerte die Bestätigung. Der Kaiser berief daher 1811 zuerst einige Bischöfe, dann ein seynsollendes National-Concilinm nach Paris, nm über obige zwei Puncte einen Ausweg zu treffen. Nach vielen Hin- und Herreden im Concilinm und Verhandlungen mit dem Papste sah der Kaiser zu seinem Verdrnße, daß man dem Ziele um keinen Schritt näher gekommen war. 6. Im folgenden Jahre .1812 unternahm Napoleon seinen verhängnisvollen Zug nach Rußland, und erließ von dort den Be¬ fehl, den Papst ganz incognito von Savona nach Fontainebleau bei Paris zu bringen. Die Reise war für den schwachen und kran¬ ken Greis eine schmerzenvolle, und da man schonungslos mit ihm forteilte, kam er zu Fontainebleau in einem Zustande an, daß man für sein Leben fürchtete. Cardinale und Bischöfe, die des Kaisers Gunst besaßen, umdrängten ihn nun, um Zugeständnisse von ihm zu erwirkeu. Bald kehrte auch der Kaiser, — zum ersten Male vom Kriegsglücke verlassen und gedemüthigt, aus Rußland zurück. Mehr als jemals lag ihm jetzt daran, sich mit dem Papste auszu¬ söhnen. Auch der Papst war von vielen Leiden gebeugt und über den Zustand der französischen Kirche in Traner versenkt und weich geworden; überdieß wurde Niemand bei ihm zugelassen, mit dem er in Vertrauen sich hätte berathen können. Als daher Napoleon im Jänner 1813 selbst nach Fontainebleau kam, und persönlich mit dem Papste verhandelte, brachte er jene unglücklichen eilf Artikel zu Staude, welche als Grundlage eines künftigen Con¬ cordates (nur in diesem Sinne hatte sie der Papst unterzeichnet) gelten sollen. In diesen Artikeln machte zwar der Kaiser manche Zugeständnisse, aber von der Wiederherstellung des Kirchen¬ staates ist darin keine Rede, und so hatte es den Anschein, als ob der Papst darauf verzichtet hätte. Obschon der Papst die Artikel nur als Grundlage künftiger Unterhandlungen betrachtet wissen wollte, unv sich vorbehielt, daß sie vor der Bekanntmachung erst in einer Cousistorial-Sitzung berathen werden sollen, so publi- cirte sie der Kaiser doch sogleich als wirkliches Concord at, und ließ diesen Sieg überall durch ein Io I)oum feiern. Darüber 373 versank der heilige Nater in tiefe Trauer, und als er mit den Car- dinälen, die jetzt erst sich ihm nähern dursten, die Sache reiflich überlegen konnte, fand sich kein anderes Auskunftsmittel, als daß der Papst in einem eigenhändigen Schreiben an den Kaiser jene Artikel für null und nichtig erklärte, was er mit Recht thun konnte, da ja vom Kaiser die Bedingung des einstweiligen Aufschubes ver¬ letzt worden war. Ohne Rücksicht daranf erklärte der Kaiser die Artikel als Reichsgesetz. Doch schon war seine Zeit nm. Der Herr der Welt, der sich dieses zweiten Attila als Geißel zur Züch¬ tigung der Menschheit bedient hatte, warf nun das Werkzeug hin¬ weg. Als die verbündeten Heere vor Frankreichs Grenzen standen, versuchte Napoleon einen neuen Vergleich mit dem Papste, und schlug ihm vor, nach Rom zurückzukehren; und er wolle vom Kir¬ chenstaate so viel zurückgeben, als das vorletzte kaiserliche Decret davon übrig gelassen hatte: Rom und Trasimene. Pius weigerte sich, das Erbgut des heiligen Petrus anderes als unverkürzt, wie es die Gerechtigkeit fordert, anznnehmen. Darauf erhielt er den Be¬ fehl, abzureisen. Es sollte zwar incognito geschehen, aber bald wurde der Papst erkannt, und unter den rührendsten Ehrenbezei¬ gungen der Einwohner zog er durch Frankreich, und wurde am 25. März 1814 von den Verbündeten in Oberitalien, und am 24. Mai in seiner Stadt Rom unter großen Feierlichkeiten und Jubel em¬ pfangen. Im folgenden Jahre 1815 wurde der Kirchenstaat durch den Wiener Congreß in seinen alten rechtmäßigen Grenzen wieder hergestellt; nur Avignon blieb bei Frankreich, und ein kleines Ge¬ biet dießseits des Po erhielt Oesterreich. 281. Folgen der französischen Revolution für Vie Kirche Deutschlands. Auf dem Congresse zu Ems 1786 hatten die deutschen Kir- chcnfürsten den vermessenen Versuch gemacht, den römischen Stuhl in seinen wohlerworbenen Rechten zu schmälern: — und jetzt nach kaum achtzehn Jahren wurden sie selbst ihrer Fürstensitze und ihrer weltlichen Besitzungen durch die Revolution beraubt, und aus ihren Diöcesen verdrängt, und sie machten die Erfahrung, wie die Auf¬ lehnung gegen den rechtmäßigen Obern sich zuletzt meist an dem Untergebenen rächt. Durch den Lüneviller Frieden 1801 kam das ganze linke Rheinufer von Deutschland an die französische Republik, — 374 und das dortige Kirchengnt wurde eingezogen. Die weltlichen Für¬ sten aber, die dadurch verloren, oder sonst in Paris Gunst gefun¬ den hatten, sollten mit Kirchenländern entschädigt werden. Die da¬ gegen erhobene Vorstellung, daß die Rechte der geistlichen Fürsten eben so heilig sehen, als die der weltlichen, und daher diese Ent¬ schädigung billiger Weise von allen Ständen getragen werden müsse, fand nicht nur kein Gehör, sondern man hat die Kirche so rein ausgeplündert, daß die weltlichen Fürsten nicht nur Ersatz für ihre Verluste, sondern reichlichen Gewinn dabei fanden. Dieß geschah durch den sogenannten Deputations-Hauptbcschluß 1803. Alle Bis- thümer und Stifter wurden säcularisirt, nur der Metropolit von Main; mit dem Sitze zu Regensburg in der Person des geschmeidigen Dalberg behielt ein weltliches Fürstenthum, das jedoch nicht von langer Dauer war. So mußte die katholische Kirche die Schuld des größtentheils protestantischen deutschen Reiches zah¬ len, nnd wurde überdieß von den protestantischen Fürsten, in deren Hände ihre Anstalten kamen, fast wie rechtlos behandelt. Denn bei der Säkularisation war die Bedingung gestellt worden, den zu erhaltenden Domcapiteln eine feste Einnahme und den Geistlichen und Mönchen jährliche Pensionen daraus zu geben. Aber man hatte das Kirchengnt nicht ausgeschieden, nnd es hing vom guten Willen der neuen Fürsten ab, etwas oder nichts zu zahlen. Als daher ans Mangel an Existenzmitteln mehrere Canoniker sich zer¬ streuten, andere starben, hatten die Bischöfe keine Capitel, und ent¬ behrten sonst des Nothwendigsten. Unter solchen Umständen resig- nirten mehrere Bischöfe, andere starben, so daß allmälig die meisten deutschen Kirchen ohne Bischöfe waren, und der Papst an deren Stelle apostolische Vica re aufstellen mußte, um der Noth eini¬ germaßen abzuhelfen. Da auch für theologische Seminare nicht ge¬ sorgt war, so trat auch bald großer Mangel an Priester ein, und die wenigen noch vorhandenen wurden mannigfach geneckt, denn die irreligösen Grundsätze von Frankreich waren auch in Deutschland eine Modesache geworden. So schien zur Freude der Protestanten die katholische Kirche in Deutschland ihrem Ende allmälig entgegen zu gehen, und während selbst in Frankreich die Kirche sich schon neu belebte, dichtete man in Deutschland Grablieder auf die katholische Kirche, und die ihr verbürgte freie Religionsübung stand nur gleich¬ sam zum Hohne in den Gesetzbüchern. 373 282. Die deutschen Comordate. * Der Wiener Congreß, 1815, sollte die durch die Revolution zerrütteten Verhältnisse wieder Herstellen, und die Kirche Deutsch¬ lands war zu neuen Hoffnungen berechtigt, da ja das linke Rhein¬ ufer, welches sie mit ihrem Hab und Gut hatte ersetzen müssen, sür Deutschland 1814 wieder gewonnen wurde. Doch wurde den ge¬ rechten Erwartungen auch hier nicht entsprochen; vielmehr noch der letzte Rest des kirchlichen Besitzthums in Deutschland, das Erzbis- thum Regensburg vertheilt. Der päpstliche Stuhl suchte nun durch Concordate mit den einzelnen Staaten die kirchliche Ordnung nach den obwaltenden Verhältnissen wieder herzustellen. Die Grund¬ lage dieser Concordate waren: Wiederherstellung der früheren oder Gründung neuer Bisthümer mit Domcapiteln und Priestersemina- rien; die Ermittlung der Dotation derselben, wo möglich in liegen¬ den Gründen oder sicheren Capitalien, auf daß die Existenzmittel der kirchlichen Anstalten nicht von der Willkür der Regierung ab¬ hängen; genaue Bestimmungen über die Wahl der Bischöfe und Domcapitnlaren; Sicherung des Einflusses der Bischöfe auf die Erziehung ihres Clerus; nach Umständen (wie in Bayern) auch die Wiederherstellung von Klöstern. Die meisten Schwierigkeiten zeig¬ ten sich überall bei den Bestimmungen über die Stellung der bi¬ schöflichen Amtswirksamkeit den Regierungen und ihren Behörden gegenüber, da der protestantische Grundsatz, daß der Landesfürst auch das Oberhaupt der Kirche seh, selbst katholischen Fürsten, dem Zeitgeiste gemäß, eingeredet wurde. Nach längeren Verhandlungen kam zuerst mit Bayern 1817 ein Concordat zu Stande. Dann folgte Preußen 1821 und Hannover 1824. Würtcmberg, Baden, Churhessen, Hessen-Darmstadt, Nassau und Frankfurt a. M. unter¬ handelten gemeinschaftlich mit Rom, und nach Ueberwindnng vieler Schwierigkeit wurde 1827 das Concordat sür die oberrheinische Kirchen-Provinz geschlossen. In diesen Concordaten ist die Freiheit der katholischen Kirche in vielen Stücken ans ein Minimum beschränkt; doch auch dieses wurde ihr seither häufig noch verküm¬ mert, und nur die der Kirche inwohnende Gotteskraft hat sie unter solchen Umständen in Deutschland erhalten, und in den neueren Zeiten noch hoch verherrlicht. 37V 283. Ordmswesm. 1. Diese Periode, die wir mit der Aufhebung des Jesuiten- Ordens begonnen haben, zeichnet sich ganz besonders aus durch die in Wort und That durchgeführte Stürmerei gegen die geistlichen ^. / Orden und Congrcgationen, was sich ans der Tendenz des Zeit¬ geistes: Vernichtung der kirchlichen und bürgerlichen Ordnung ganz natürlich erklärt. Eben so natürlich erklärt sich das Bemühen der Freunde der Ordnung, namentlich des Kirchen-Oberhauptes, diese Vesten der Religion und Kirche, nachdem jener Sturm sich einiger¬ maßen legte, wieder herzustellen. Das that Pius VII. gleich nach seiner Rückkehr nach Rom 1814 in Betreff des Jesuiten-Or- dens, nachdem er schon 1804 im Königreiche beider Sicilien auf den Wunsch des Königs dessen Einführung genehmigt hatte. Ein Augenzeuge, Cardinal Pacea, schildert uns den Eindruck, den d(ese Wiederherstellung auf das Volk machte: „Ich habe mich während der beiden Epochen, bei der Aufhebung des Ordens und bei der Wiederherstellung desselben in Rom befunden, und erinnere mich sehr wohl der Wirkungen, die beide hervorbrachten. Damals (1773) sah man auf den Gesichtern aller Einwohner Roms das Erstaunen und Mißvergnügen über die Aufhebung: — es ist aber unmöglich, den Freudcuruf und die Beifallsbezeugungen des guten römischen Volkes bei der Wiederherstellung (1814) zu schildern." — Dagegen wurden die Jesuiten 1815 aus Moskau und 1820 aus ganz Ru߬ land verbannt. Es wurde ihnen Proselytenmachern zur Schuld ge¬ legt, weil viele ihrer griechischen Zöglinge die katholische Kirche lieb¬ gewonnen hatten, und ihre Bitten um Aufnahme in dieselbe von den Jesuiten nicht zurückgewiesen wurden. 2. Der Orden der Red em tori st en wurde zwar schon in der vorigen Periode 1732 gestiftet, erhielt aber erst in dieser eine weitere Verbreitung. Der Stifter ist Alphons Maria Lignori, aus adeligem Geschlechte in Neapel 1690 geboren, welcher nach zurückgelegten Studien der Rechte, sich bereits als Anwalt ausge¬ zeichnet hatte, aber von innerem Berufe getrieben, sich daun der Theologie und dem Kirchendienste widmete. Die schmerzliche Er¬ fahrung, daß für die geistigen Bedürfnisse des Landvolkes nicht hin¬ reichend gesorgt seh, führte ihn auf den Gedanken, ein Institut zu gründen, welches sich insbesondere durch Missionen der religiösen Erziehung und Anregung des Volkes widmen sollte. Mit Bewilli- 377 gung des Papstes Clemens XII. errichtete er 1732 einen Verein von Weltgeistlichen als: „Congregation des allerheiligsten Erlösers" (Nedemtoristen, Liguorianer). Mit diesen wirkte er als Bischof von St. Agatha de Goti freudig und gottbegeistert durch Predigten und zahlreiche salbungsvolle Schriften bis in sein spätes Greisenalter für das Heil der Seelen. Er starb 1787 und wurde 1839 heilig gesprochen. Die Zeitvcrhältuisse waren der Ver¬ breitung dieser Congregation außer Italien nicht günstig, bis sie erst in diesem Jahrhunderte auch anderwärts in Europa und in Amerika Eingang fand. 3p Der Johanniterchv>sn>:s,von Rhodus durch die türki¬ sche Uebermacht verdrängt, erhielt 1'530 von Carl V. die Insel Malta, und nahm noch lange Zeit hindurch ruhmvollen Antheil an allen Kämpfen gegen die Türken. Zur Zeit der französischen Re¬ volution nahm 1798 Napoleon Malta, aber 1800 mußte sich die Insel an England ergeben. In den folgenden europäischen Kriegen verlor der Orden seine Güter überall, nur in Oesterreich und Sici- lien blieben ihm dieselben zum Theile. In der neuesten Zeit, seit 1839, wurde er in Oberitalien und Neapel wieder etwas gehoben. Der Vorsteher des Ordens (Bailli) residirt gegenwärtig in Rom, und leitet von dort aus das Großpriorat von Böhmen, und die Priorate von Venedig, Modena und beider Sicilien mit ihren Commenden. 4. Der deutsche Orden hatte durch den schmählichen Ueber- tritt seines Hochmeisters Albert von Brandenburg, 1525, seine preußi¬ schen Länder, und damit den größten Theil seiner Macht eingebüßt. Von 1527 an war das Fürstenthum Mergentheim der Sitz des Ordensobern, bis in der Revolutionszeit 1797 auch dieses großcn- theils verloren ging. Im Prcßburger Frieden wurde bestimmt, daß das Hochmeisterthum immer einem österreichischen Prinzen zukom¬ men sollte; aber in den folgenden Kriegen nahm Napoleon dem Orden alle Besitzungen. Nur in Oesterreich und in Italien be¬ hielt er seine Güter, und besteht gegenwärtig noch unter dem Deutschmeister Maximilian von Oesterreich-Este. 5. Passionisten. Diese Congregation wurde gestiftet von Paul vom Kreuze, einem Piemontesen, st 1775. Ihr Zweck ist Selbstheiligung durch ein strenges Bußleben, und Förderung des Seelenheiles des Nächsten durch Missionen, geistliche Hebungen u. dgl. 378 Sie legen nur einfache Gelübde ab, fügen aber zu den gewöhn¬ lichen drei noch ein viertes hinzu: den Gläubigen das Leiden Jesu Christi nach Kräften an's Herz zu legen. Der Stifter wurde am l. Mai 1853 selig gesprochen, und die Congregation hat be¬ reits in Italien, Belgien, Frankreich, England und Amerika ihre „Häuser der Zurückgezogenheit, ratiri, rolraits." 6. Eine weibliche Ordensgesellschaft, die erst wenige Jahre ihres Bestehens zählt, und schon in Europa und Amerika segens¬ reich wirkt, sind die Schwestern (Damen) vom heiligsten Herzen Jesu. Das Institut wurde ursprünglich gegründet von Nicolao Paccanari, einem frommen Trienter, und weiter ausgebildet in Frankreich unter dem Pontificate Leo XII. (1823 — 29). Ihre Be¬ stimmung ist, die weibliche Jugend der höheren Stände zur Erzie¬ hung zu übernehmen. An merk. 1. Die übrigen Orden aus früherer Zeit bestehen in ver¬ schiedener Ausdehnung und Wirksamkeit, und es ist ein erfreuliches Zeichen des christlichen Ernstes, daß für Oesterreich eine allgemeine Visitation der Klöster zu allfällig nöthiger Regulirung vom heiligen Vater 1852 angeordnet wurde. 2. Noch manche andere Congregationen und religiöse Vereine, die in den neueren Zeiten, vorzugsweise in Frankreich, entstanden sind, bilden eine fast unübersehbare Heerschaar, die dem wachsenden Elende und der sittlichen Verkommenheit aller Art in christlicher Aufopferung sich entgegenwirft; wie z. B. die verschiedenen Zweige der christlichen Schulbrüder und Schulschwestern, dann der Tochter der christlichen Liebe. Ein Beweis der Fülle des göttlichen Lebens in der Kirche zu einer sonst so sehr dem Materiellen zugekehrten Zeit. 284. Die neuesten Irrlehren. Es fehlte auch in den neueren Zeiten nicht an Männern ans der katholischen Kirche, welche alte und neue Jrrthümer zu verbrei¬ ten, und sich einen Anhang zu verschaffen suchten. Doch gelang es nicht, irgend eine neue ketzerische Secte von Bedeutung zu bilden. Aber dieser Umstand möchte den Katholiken nicht sehr znr Beruhi¬ gung gereichen, denn es dürfte der Grund davon nicht so sehr in der allgemeinen Festigkeit des Glaubens, als vielmehr in der Erschlaf- 37k) sung und Gleichgültigkeit zu suchen sehn; weswegen auch jene Seele, die allen Glauben wegwarf (Rongeaner), die weiteste Verbreitung fand. Von dieser wird später die Rede scyn, die Uebrigen werden hier kurz angegeben. * 1. Pöschel nnd Boos haben beide in Oberösterreich, jener zu Ampfelwaug km Hausruckkreise, dieser zu Gallneukirchen, ein¬ fältigen Leuten die Köpfe verwirrt. Die Pöschlianer waren Schwär¬ mer, welche Offenbarungen zu erhalten glaubten, das ncne Jeru¬ salem erwarteten, und zuletzt sogar zu Menschenopfern schritten. Strenge Maßregel und geistliche Belehrung machte dem Unwesen 1817 ein Ende, und Pöschel, an dem sich Spuren der Gcistcszer- rüttung zeigten, wurde nach Wien abgcführt, und bis zu seinem Tode in Haft gehalten. — Boos, ans Bayern entlassen, erhielt .1806 die Pfarre Gallneukirchen in der Linzer Diöcese, und verbrei¬ tete dort irrige Grundsätze über die Rechtfertigung nnd den felig- machenden Glauben, verbunden mit falschem Mysticismns. Nach seiner Entlassung gelang cs nnr schwer die Verführten wieder zur Besinnung zu bringen. Er starb in Coblenz 1826. 2. Aus der französischen Kirche tauchten drei Abnormitäten ans. De la Meunais, längere Zeit einer der einflußreichsteu Schrift¬ steller, glaubte sich berufen, die politische und religiöse Zukunft Frankreichs zu ordnen. In schroffer Nebetreibnng forderte er, daß der Clerns allem Gehalte, aber auch aller Einmischung des Staates entsage, und so wieder arm nnd frei werde. Diese Ansicht wurde vom Papst Gregor XVI. 1832 verworfen, nnd Lamenais widerrief dieselbe. Aber, daß es ihm nicht ernst war, zeigte er bald durch die Herausgabe jener berüchtigten Schrift: »karvlas 2 wurde. Da Ludwig Philipp jedoch durch ein kluges Friedenssystem in einer kritischen Zeit die Ordnung zu erhalten wußte, so forderte Papst Gregor XVI. selbst den Clerus auf, sich au die neue Dy¬ nastie anzuschließen, und leistete hierdurch Frankreich, ja ganz Europa einen wesentlichen Dienst. Auch der König erwies sich nicht un¬ dankbar, und mochte wohl auch den Vortheil begreifen, die Geist¬ lichkeit nicht gegen sich zu haben. Nur für die so wichtige Lebens¬ frage der Kirche, für die Freiheit des Untere ichtes entspann sich unter seiner Regierung ein schwerer Kampf, der erst in den neuesten Zeiten zum Besten der Kirche sich zu lösen scheint. Im Uebrigen hat der Clerus in Frankreich bei aller Ungunst der Ver¬ hältnisse schon Herrliches geleistet, was zu den schönsten Hoffnungen berechtiget. Hierzu trägt wohl der Umstand das Meiste bei, daß den Bischöfen Frankreichs bei den manigfachsten Beschränkungen doch dieWahl ihrer Pfarrer seit dem Concordate von 1801 immer ganz frei blieb. Auch im Jahre 1848, das den König Ludwig Philipp aus Frankreich trieb, und die Republik zurückrief, erfüllte der Clerus heroisch seinen Friedensberuf, in dessen Erfüllung der Erzbischof von Paris sogar sein Leben opferte. Auch das neue Kaiserthmn in Frankreich vom Jahre 1852 zeigt bisher gegen die Kirche eine würdige Haltung. 291. Die Schweiz. . Was die menschliche Gesellschaft vom Radicalismus der Neuzeit zu erwarten habe, liegt in der „freien" Schweiz aller Welt vor Augen, denn hier ist zu ernster Lehre und Warnung in engem Raume als Thal und Handlung zusammengedrängt, was an¬ derwärts aus seinen Aeußerungen erst als Gedanke und Ahnung er¬ scheint. Daß es auf die katholische Kirche zuerst und zn meist ab¬ gesehen ist, liegt in der Natur des Radicalismus. 1. Die französische Revolution hatte auch die schweizerischen Verhältnisse durcheinander geworfen. Um sie zu ordnen, wurde der Bundesvertrag 1815 errichtet, welcher in gerechter Würdigung der katholischen Sache im Artikel 12 festsetzt: Die Bundesge¬ walt mischt sich in die confessio nellen Verhältnisse nicht ein, sondern überläßt dieselbe den einzelnen Can tonen, mit Ausnahme der katholischen Stifter 3S3 und Klöster, welche auf Verlangen des Nuntius und der katholischen Cantoue, unter die ausdrückliche Ga¬ rantie der Eidgenossenschaft gestellt werden. Aber was sind beschworue Verträge einer Partei gegenüber, welche, wie die reformirten Genfer im Jahre 1817, als Losungswort gebraucht: „Nieder mit Christus, nieder mit der Religion!" 2. Schon bei der nöthig gewordenen neuen Regulirnng der Diöcesen trafen die Bemühungen des Papstes auf viele Schwierig¬ keiten, bis gegen das Jahr 1840 für die beiläufig 900,000 Katho¬ liken (neben beiläufig 1,300,000 Reformirten) folgende Bisthümer bestimmt wurden: Basel, Lausanne-Genf, Sion (Sitten) und Chur- St. Gallen; die italienischen Schweizer sind nach Como nnd Mai¬ land zugetheilt. In Luzern hatte der «postalische Nuntius seinen Sitz. 3. Bis in das Jahr 1830 ging Alles einen ziemlich geregelten Gang, aber die französische Juliusrevolution hat auf kein Land eine so große Rückwirkung ausgeübt, als auf die Schweiz. Radicale Elemente drängten sich überall ein und gelangten, besonders durch eine ruchlose Presse mit planmäßiger Irreführung des Volkes, zur Herrschaft. Das Land wurde ein Herd der Revolution, und für die Kirche begann eine Leidensperiode, aus der sie noch jetzt nicht befreit ist. Im Jahre 1831 war schon in fast allen Cantonen mitunter durch blutigen Entscheid die Verfassung geändert, an die Stelle der bisherigen Patrizierherrschaft kam die Repräsentativ-Demokratie, und man meinte die alte Republik hergestellt zu haben. Aber der alte Geist der Redlichkeit und des Glaubens fand sich bei den neuen Führern der Republik nicht, und ein sicherer Instinkt trieb sie zunächst gegen ihren Hauptfeind, gegen die katholische Kirche. In der revidirten Bundesverfassung von 1832 vermißt mak schon die in der früheren enthaltene Garantie für Klöster und geistliche Stiftungen. Die Regierung von St. Gallen erklärte 1833 das Bisthum Chur-St. Gallen für erloschen, zog die Dotation des¬ selben ein, und versperrte dem neugewählten Bischöfe den Zugang. Im Jahre darauf, 1834, traten die Contone der radicalen Partei zu Baden zusammen, und entwarfen, völlig unbekümmert um die bestehenden rechtlichen Verhältnisse und Garantien, die sogenannten Badner Conferenz-Artikel, worin die Kirche in einer Weise von politischer Fürsorge umstrickt erscheint, als wäre sie das staats- 3SL gefährlichste Institut. Das katholische Volk protestirte dagegen in einer Menge von Petitionen, der Clerus sprach sich in würdigen Schriften dagegen aus, aber das wurde als „Aufreizung zum Aufruhr" gestraft. Im Canton Glarus forderte 1835 die refor- mirte Regierung von den Geistlichen einen unbedingten Staatseid, in Folge dessen sie sogar verpflichtet gewesen waren, die im Beicht¬ stühle erfahrnen Verbrechen der Staatsgewalt anzuzeigen. Da diest alle verweigerten, wurden einige entsetzt, andere verbannt, oder sonst bestraft. 4. Doch der Hauptpreis, um welchen die Radicalen rangen, waren sieben Millionen Klostergutes, welche die „freisinnigste" aller Schweizer Regierungen, die von Aargau, für sich in Anspruch nahm. Dreihundert Jahre hatten die Klöster neben der reformirten Con- fession bestanden, ohne daß sie je Klagen über Unfriedenftiftung er¬ weckt hätten, vielmehr waren sie auch für die umliegenden protestan¬ tischen Bezirke nur wohlthätig gewesen. Jetzt sollten sie aufhören, weil ihre geistige Macht den Radicalen lästig, — ihre Besitzthümcr ihnen erwüscht waren. Im Jahre 1841 wurde die Aufhebung von acht Klöstern beschlossen, und wie wilde Horden sielen die Be¬ setzungstruppen über dieselben her. Vergeblich waren die Verwah¬ rungen des päpstlichen Stuhles und des österreichischen Gesandten. Die Tagsatzung zu Bern vom selben Jahre erklärte zwar diese Auf¬ hebung für unvereinbar mit dem Artikel 12 der Bundesacte, und Aargau stellte wie zum -Hohne die drei ärmsten Klöster wieder her, aber die Tagsatzung von 1842 erklärte sich mit dem, was geschehen, zufrieden, und die Sache war abgethan. 5. Nun kam die Iesuiten-Angelegenheit. Luzern berief 1844 sieben Jesuiten auf die theologische Lehranstalt und in das Priester- semiuar. Dieser Orden hatte in Freiburg seit 1818 segensreich gewirkt, und man betrachtete die Berufung als eine rein katholische Angelegenheit, worüber die reformirten Cantone nichts zu entscheiden haben. Wirklich ließ auch die Tagsatzung den Antrag, die Jesuiten aus der Schweiz auszuweisen, fallen. Aber durch diese Entscheidung war die Aufregung bei den Radicalen nur gesteigert, und was auf gesetzlichem Wege nicht gelang, sollte durch Gewalt erreicht werden. „ Frei schaaren" bildeten sich, und am 8. December 1844 fand der erste Freischaarenzug gegen die „Iesuitcnregiernng" in Luzern Statt, der mit leichter Mühe zurückgeschlagen wurde. 383 Im nächsten Jahre kam ein zweiter stärkerer Freischaarenzug, der nicht glücklicher als der erste war. Auch im offenen Kampfe be¬ siegt, schritt die finstere Partei zum Meuchelmorde: Leu, ein einfacher Landmann, aber von klarem Verstände, eine Stütze der Katholiken, wurde in der Nacht von: 19. Juli 1845 in seinem Bette ermordet. 6. Bei dieser besorglichen Lage der Dinge schlossen zur Noth- wehr die sieben katholischen Stände den Sonder bund, 1845, um ihre katholischen Interessen zu wahren. Dieser wurde nicht ge¬ duldet, und in der Tagfatzung von 1847 für aufgelöst erklärt. Die sieben katholischen Stände gaben dagegen eine Verwahrung ein, weil dieser Sonderbund nur ihre selbsteigenen Interessen betreffe. Das führte zum Sonderbundskriege, der für den katholischen Bund unglücklich ausfiel, und die confessionelle und finanzielle Lage der katholischen Cantone noch verschlimmerte, und eine Reihe von höchst ungerechten Anordnungen zur Folge hatte. Dahin gehört die Gefangennehmung und Verbannung des Bischofs von Lausanne- Genf, Ma rilleh, die ohne Verhör und ohne Eröffnung der An¬ schuldigung geschah. Nebstbei ist der Klosterraub noch fortan au der Tagesordnung, — sogar auf das in der ganzen civilisirten Welt bekannte und so wohlthätige Hospiz auf den eisigen Höhen des Bernard war es abgesehen, und daß sich Niemand über das Vorgehen der schweizerischen Regierung wundere, sprach der Bundes¬ präsident Druey in der Sitzung des Nationalrathes vom 3. Mai 1850 offen den Satz aus: „Die Politik braucht die Ge¬ setze der Moral und des Rechts nicht zu befolgen". 292. Belgien. Eine erfreuliche Erscheinung auf dem kirchlichen Gebiete der neueren Zeit ist das katholische Belgien. Unter österreichischer Herrschaft widerstand es eben so dem Josephinismus, als unter französischer (seit 1792) dem frivolen Gallicanismus. Im Wiener Congreß wurde Belgien mit Holland vereiniget, — eine Verbin¬ dung, die bei den entgegengesetzten Eigenthümlichkeiten der beiden Völker keinen Halt haben konnte. Einen Hauptgegensatz bildete allerdings die Verschiedenheit der Religion; und die gefährdete Frei¬ heit der katholischen Kirche hat zur Losreißung Belgiens von Hol- 39« land 1830 beigetragen; aber es muß ausdrücklich erwähnt werden, daß der katholische Clerus sich von den revolutionären Bestrebungen frei und ganz neutral gehalten hat. Das selbständig gewordene Belgien nahm zum Könige den Prinzen Leopold von Sachsen- Coburg. Er ist Protestant, aber bei seiner Landung 1831 sprach er zu den ihn begrüßenden Bischöfen: „Sie nehmen an allen Gü¬ tern der Verfassung Theil, stehen gleich mir unter ihrem Schutze, und sind dnrch sie vollkommen frei in Führung ihres Amtes und in ihren Verhältnissen zum römischen Stuhle. Ich selbst habe mit seiner Heiligkeit, dem Papste, von jeher freundschaft¬ liche Verhältnisse unterhalten, und erfreue mich seines Wohlwollens n. s. w." In solch verbürgter Freiheit entfaltete die Kirche in Belgien ein reiches Leben, wozu die im Jahre 1835 eröffnete, aus freiwilligen Beiträgen errichtete rein katholische Universität zu Lö¬ wen viel beiträgt. In keinem christlichen Staate ist gegenwärtig die Kirche freier als in Belgien, und es verdient hohe Beachtung, daß eben dieses Belgien von der allgemeinen Bewegung im Jahre 18-18 fast allein nnberührt geblieben ist. 293. Die katholische Kirche in Großbrittanicn und Irland. Der geistreiche Bossuet hatte sich schon über die anglikanische Kirche geäußert: „Eine so tüchtige, der gelehrten Forschung zuge¬ wandte Nation kann aus die Dauer in dieser etablirten Kirche nicht ausharren, — ihre Forschungen über das Alterthum werden sie zu der Lehre der ersten Jahrhunderte (somit zur katholischen Kirche) zurückführen." Diese Ahnung sehen wir in der neuesten Zeit we¬ nigstens theilweise in Erfüllung gehen. Gerade gelehrte Forscher sind bereits in großer Zahl zur heiligen Kirche zurückgekehrt, denen massenhafte Bekehrungen folgten; und die Zeitungsblätter bringen fast täglich die Kunde neuer Triumphe der katholischen Kirche in England. Seit dem die Fesseln, die sie dort durch drei Jahrhun¬ derte darniederhielten, nach und nach sich lösten, und ihr eine freiere Bewegung gestattet wurde, entfaltete sie in Großbrittanien ein Le¬ ben, das die Augen der ganzen christlichen Welt auf sich zieht. 1. Erst im Jahre 1778 erhielten die Katholiken in Irland wieder das Recht, ihren Cultus frei (in Capellen) auszuüben, Erb¬ schaften anzunehmeu, und Contracte einzugehen. In dem irischen 3S7 Parlamente von 1782 wurde ihnen das Besitzrecht wieder ein¬ geräumt, und viele herbe Strafgesetze wurden aufgehoben, wie z. B. die Strafen gegen Messe lesende Priester, das Verbot, Iugeud- lehrer oder Vormünder zu sein, Pferde von höherem Werth als fünf Pfund Strl, zu besitzen. Man kann hieraus ersehen, in wel¬ cher Sclaverei bis dahin die irischen Katholiken geschmachtet haben. 2. Die französische Revolution flößte der englischen Regierung Furcht ein, und bewog sie, den katholischen Unterthanen wieder einige Gerechtigkeit zukommen zu lassen. Der Rest der Pönalgesetze wurde abgeschafft, auch sollten sie zn den niederen Staatsämtern, welche den Testeid nicht erfordern, fähig sehn. Aber ein eigener Staatsstreich setzte sie mit einem Male wieder weit zurück. Das eigene irische Parlament wurde aufgehoben, und die berüchtigte Union (mit dem englischen Parlamente) 1801 vollzogen. 3. Der Nachtheil wäre indeß nicht so groß gewesen, wenn England, das bei dieser Gelegenheit gegebene Wort gehalten hätte, nämlich, Irland in jeder Beziehung auf gleichen Fuß mit England zu stellen. Allein, so oft auch oie Emanci- pation der Katholiken seit 1807 ins Parlament kam, immer wurde die Bill verworfen. Daniel O'Connell, der kühne Volksredner und begeisterte Patriot wurde der Führer in dem großen Kampfe nm Gerechtigkeit für seine bedrängten Landsleute und Glaubensgenossen. Das Ministerium Wellington ent¬ schied sich endlich 1829 für die Gewährung der Eman- cipation. Den Katholiken wurde das Recht zugestanden, in das Parlament zu treten, und zu den meisten Staatsämtern gewählt zu werden; und zu diesem Behufe wurde für sie ein mit dem ka¬ tholischen Glauben vereinbarer Staatsbürgereid aufgestellt. 4. Viel war hiermit erreicht, aber ein Hauptübel blieb in Irland bis auf den heutigen Tag: die englische Staatskirche, die wie ein Alp auf dem armen Lande lastet. Irland zählt bei einer Million Anglikaner, sieben Millionen Katholiken, und doch be¬ sitzt die anglikanische Geistlichkeit dort nicht nur die reichen Güter, die einst Katholiken für die katholische Kirche stifteten, sondern die Katholiken müssen ihr noch den Zehent von allen Erzeugnissen des Landes verabreichen, und zwar oft an Pfarrer, die außer ihrer eigenen Familie gar keine Pfarrkinder haben. Daneben lebt der katholische Clerus dürftig von dem Almosen seiner Gläubigen. So — 398 — lange dieser enorme Mißstand nicht gehoben ist, kann sich Irland nicht zufrieden stellen. 5. Die Mißachtung der Katholiken in Großbrittanien ist großen- theils den krassen Vorurtheilen und Nebelbildern zuzuschreiben, die bei dem Volke über die katholische Religion und Kirche verbreitet sind. Daher bedienen sich begabte Katholiken mit herrlichem Er¬ folge der Presse, um nur endlich einmal richtigere Begriffe über das Wesen der katholischen Kirche den Gegnern beizubringen. Die so sehr verfälschte Geschichte England's stellte Lingard zurecht. Sogar der protestantische William Cobbet ruft in seiner Geschichte den anglikanischen Bischöfen zu: „Wie lautet denn eigentlich Name und Titel Eurer Kirche? Protestantische Kirche von England, wie sie durch das Gesetz etablirt ist, nicht wie sie von Christus gestiftet wnrde. Dem Staate gefiel es, eine göttlich instituirte Kirche zu berauben nnd zu zerstören, und dann eine andere Kirche aufzurich- tcn, und mit dem Raube auszustatten, nnd diese neue Kirche wurde .mittelst der Blutgerichte, Galgen und Scheiterhaufen gegründet und gemästet". O'Connell, Thomas Moore und besonders Wise- mann, öffneten durch ihre geistreichen Schriften vielen die Augen. 6. Seit dem Jahre 1833 gibt sich in England eine eigene, für die katholische Sache besonders erfreuliche Erscheinung kund: der Pusehasmus. Mehrere durch Wissenschaft und Frömmig¬ keit gleich ausgezeichnete Mitglieder der Universität Oxford, des Musensitzes der Episcopalen, verbanden sich, nm auf eine Refor¬ mation der anglikanischen Kirche von Innen heraus hinzuarbeiten. An ihrer Spitze stand Pfarrer Newmann, aber den Namen gab Edw. Puseh, Professor des Hebräischen, dieser Partei. Anfangs sprachen sie zwar von der katholischen Kirche sehr verächtlich, aber da sie mit gründlicher Gelehrsamkeit auch einen unparteiischen Forschungsgeist verbanden, konnte es nicht fehlen, daß sie sich unbewußt derselben mehr und mehr näherten. So ist es gekommen, daß seit 1842 gegen vierzig Mitglieder der verschiedenen Collegien zu Oxford, und einige Mitglieder der Uni¬ versität Cambridge zur katholischen Kirche rückkehrten. Auch New¬ mann wurde 1845 in Rom Katholik, was von großer Wirkung war, nnd bei der persönlichen Achtung, welche er allenthalben genoß, massenhafte Uebertritte (über 6000) zur Folge hatte. Mit Rührung, konnte die katholische Welt in diesen Erfolgen die Früchte der Ge- 3»S bete erkennen, die sie seit längerer Zeit zur Bekehrung Englands znnr Himmel sandte. 7. Mit der Zahl der Katholiken vermehren sich in England von Tag zu Tag auch die kirchlichen Anstalten, Kirchen, Collegien und fromme Vereine, und in väterlicher Fürsorge theilte der Papst 1840 England in acht Districte, welche seither in förmliche Diöce- sen mit Bischofssitzen unter dem Erzbisthnme von West Münster (London) umgestaltet wurden. Der gelehrte und geistreiche Wise- m a n n wurde zum Erzbischöfe ernannt, nnd zum Cardinale erhoben. Daß die Sache von großer Bedeutung war, zeigte der Lärm, der darüber in England entstand, als gelte es den Umsturz der angli¬ kanischen Kirche. Auch die Regierung trat mit einem neuen Ver- solgungsacte entgegen, durch die Titelbill, der zufolge die katho¬ lischen Kirchenvorsteher die Titel von ihren Bischofssitzen in Eng¬ land sich nicht beilegen dürfen. Bald erschien auch das Gesetz, daß kein katholischer Geistlicher auf der Straße in seiner Amtstracht erscheinen, und keine Function des katholischen Gottesdienstes (Auf¬ züge, Prozessionen) außerhalb der Kirche stattfinden dürfe. Zu sol¬ chen Mitteln greift England, um der äußeren Entfaltung der ka¬ tholischen Kirche Schranken zu setzen, aber ihr Geist weht über England hin, und wird es in nicht gar ferner Zeit zu dem Glau¬ ben, den es vor dreihundert Jahren verlassen, znrückführen. 294. Die katholische Kirche in Rußland. Einen herben Verlust hat die katholische Kirche in der neueren Zeit in Rußland zu beklagen. Kaiser Nikolaus l. gab gleich beim Antritte seiner Regierung, durch verschiedene Edicte seine Absicht zu erkennen, die mit der römischen unirt griechische Kirche in seinen Staaten systematisch zu unterdrücken. Nach mehreren, diesem Zwecke entsprechenden Verordnungen wurden 1832 sogar alle hohen und niederen Schulen für die unirte Geistlichkeit der beiden Metropolien von Weißrußland und.Lithanen geschlossen, und die Candidaten der Theologie genöthigt, aust der schismatischen theologischen Schule zu Petersburg ihre Studien zu machen. Im nämlichen Jahre wurde die unirte Kirche unter die Regierung der schismatischen heiligen Synode gestellt, wodurch sie alle Selbstständigkeit verlor. Mittler¬ weile wurde unter allerlei Vorwänden eine Kirche um die andere 4«« den Unirten genommen, und den Schismatikern übergeben; Geist¬ liche, welche sich den schismatischen Anordnungen widersetzten, wur¬ den ohne Umstände nach Sibirien geschickt. Der ehrgeizige und ge¬ wissenlose Bischof Joseph Siemazko, ließ sich als Werkzeug hierbei gebrauchen. Er war es auch, der 1839 mit noch zwei an¬ deren Bischöfen und 1300 Geistlichen sich von der römisch-katholi¬ schen Kirche lossagte, und den Kaiser und die heilige Synode nm Ausnahme in die schismatische Kirche bat! — was natürlich gerne zugestanden wurde. So sind zwei und eine halbe Million Katho¬ liken durch eine schmähliche Politik ihrer Kirche entfremdet worden. Mit tiefem Schmerzgefühle verkündete Papst Gregor XVI. in einer, auch für die Öffentlichkeit bestimmten Allocution 1842, den beklagenswerthen Zustand der katholischen Kirche im russischen Reiche. Im Jahre l845 vernahm aber die Welt die überraschende Kunde, daß Kaiser Nikolaus dem schwer gekränkten Papste einen Besuch abstattete. Von der eben so offenen als würdigen Ansprache des heiligen Vaters ergriffen, willigte der Czar in die Eröffnung neuer Verhandlungen, die jedoch bisher noch zu keinem Resultate geführt haben. Aber der vorzüglichste Beförderer jenes unseligen Abfalles, der oben genannte Siemazko hat an seinem Todteubette 1852, seine aufrichtige Rene über jene Verirrung in einem Schreiben geäußert. 295. Tie katholische Kirche in Preußen. Preußen läßt sich gerne den „Schutz- und Schirmvogt des Protestantismus" nennen, und man mag ihm diese Ehre gerne gönnen, wenn nur auf der anderen Seite die katholische Kirche Preußens nicht schütz- und schirmlos der Willkür einer protestanti¬ schen Bureaukratie prcisgegeben wird. Das ist, Gott Lob! nnter der wohlwollenden Regierung des jetzigen Königs Friedrichs Wil¬ helm IV. (feit 1840) nicht mehr der Fall. 1. Das protestantische Preußen hatte 1740 durch Eroberung das katholische Schlesien, und durch den Wiener Congreß die herr¬ lichsten katholischen Provinzen in Westphalen und am Rheine er¬ worben. Die Wahrung der katholischen Interessen wurde dabei zwar feierlich zugesichert, und offenkundige Verletzungen wurden möglichst vermieden; aber der Geist des Protestantismus konnte — 4<)L — seine Tendenz, die katholische Kirche zu unterwühlen, nicht verläugnen. Selbst scheinbar ganz unparteiische Gesetze waren ans den allmäh- tigen Ruin derselben berechnet. Dahin gehört vor Allen die Vor¬ schrift (Cabinetsordre vom Jahre 1825, für Rheinland und West¬ phalen), daß in gemischten Ehen alle Kinder in der Religion des Vaters erzogen werden sollen. Scheinbar ist, wie gesagt, diese Vorschrift unverfänglich, da sie für Katholiken und Protestan¬ ten das Nämliche verfügt. Aber abgesehen vom katholischen Grund¬ sätze, wornach keine Ehe als erlaubt angesehen werden kann, wo nicht die katholische Erziehung aller Kinder gesichert ist, war dieses Gesetz für die katholischen Provinzen Preußens höchst verderblich, da man weislich dafür sorgte, daß dort fast ausschließlich nur pro¬ testantische Beamte und Offiziere augestellt wurden, die durch ihre Verbindungen mit den katholischen Töchtern des Landes die kommenden Generationen dem Protestantismus sichern sollten. Dieser Umstand führte auch das so denkwürdige Cölner Ereigniß her¬ bei, welches in seiner Anlage eine Wehethat für die katholische Kirche sehn sollte, aber in seinen Folgen für sie nur heilbringend wurde. 2. In Folge der Verhandlungen, die über obige Cabinetsordre zwischen Preußen und Rom gepflogen wurde, erließ Papst Pius Vlll. 1830 das Breve: „Venernbilas krslres", worin der preußischen Regierung die möglichsten Zugeständnisse gemacht wurden. Solche gemischte Ehen, wo die katholische Erziehung der Kinder nicht ga- rantirt wird, werden zwar für unerlaubt, jedoch für giltig erklärt, und die katholischen Pfarrer mögen bei Schließung derselben die passive Assistenz leisten; von einer kirchlichen Einsegnung jedoch könne keine Rede sehn. Das preußische Cabinet war damit nicht zufrie¬ den, und verlangte vom folgenden Papst Gregor XVI. eine Abän¬ derung, die derselbe nicht gewähren konnte, ohne einen Grundsatz der katholischen Kirche anfzugeben. Die Sache blieb bis 1834 auf sich beruhend. Da kam der preußische Gesandte Bunsen aus Rom nach Berlin, und durch unredliche Politik von der einen, und nachgiebige Schwäche von der anderen Seite wurde zwischen Bunsen und dem Erzbischöfe von Cüln, Grasen von Spiegel, eine geheime Convention geschlossen, zufolge welcher die katholischen Pfarrer alle gemischten Ehen kirchlich einsegnen sollen, ohne die Brautleute über die Erziehung ihrer Kinder zu befragen. Doch hieß es, diese Con¬ vention seh dem Breve Pius Vill. von 1830 gemäß! 26 ÄV2 3. Am 1. December 1835 kam Clemens von Droste auf den erzbischöflichen Stuhl von Cöln. Er gerieth bald mit der Regierung in Conflict wegen der Hermesi sch en Lehre, die er verwarf, während die Regierung sie schützen wollte. Aber viel wich¬ tiger wurde die Angelegenheit der gemischten Ehen. Der Erzbischof erkannte jetzt bei näherer Einsicht, daß jene geheime Convention, die man dem Breve von 1830 gemäß nannte, vielmehr der Ca- binetsordre von 1825 gemäß war, und erklärte, daß er nach dem päpstlichen Breve zu handeln sich verpflichtet fühle. Er mußte auch um so nachdrücklicher darauf halten, da eben, 1836, der Bischof von Trier, Ho mm er, auf seinem Sterbebette noch sich von jener Convention losgesagt, und dem Papste schriftlich Abbitte geleistet hatte. Da geschah unversehens am 20. November 1837 Abends die gewaltsame Abführung des Erzbischofes von Cöln nach der Fe¬ stung Minden, wovon als Grund angegeben wurde, daß er das Breve Pius VIII. nicht im Sinne der Vereinbarung ausführen wolle, und weil er „mit zwei revolutionären Parteien in Verbindung gestanden habe." Ungeheuer und für die preußische Regierung ganz uner¬ wartet war der Eindruck, den dieser Act nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa, und bis nach Amerika hin machte; es zeigte sich in der katholischen Kirche ein Selbstbewußtsehn und eine Begeisterung, wie es ihre Feinde nimmer geahnt hatten. Mittlerweile hatte auch der Erzbischof von Gnesen und Posen, M a rti n v o n D u n in, ganz unabhängig von dem Cölner Ereig¬ nisse, schon seit Jänner 1837 ganz die gleichen Vorstellungen an das Ministerium gemacht, und von hier zurückgewieseu, einen ern¬ sten Hirtenbrief im Sinne des päpstlichen Breve von 1830 an seine Geistlichkeit erlassen. Er wurde am 6. October 1839 ans die Fe¬ stung Colberg gebracht. In seiner Diöcese trat hierüber eine all¬ gemeine Kirchentrauer ein, die Glocken schwiegen, Orgel und Musik verstummten. 5. Das Oberhaupt der katholischen Christenheit erhob sogleich auf die erhaltene Kunde des Cölner Ereignisses seine Stimme, und sprach im Geiste der Kirche Christi ernste Worte der Anklage, die in den Herzen aller katholischen Völker Wiederhall fanden (10. De¬ cember 1837). Auch die 1840 zu Baltimore versammelten zwölf amerikanischen Bischöfe erließen eine Adresse, worin sie den beiden muthigen Bischöfen ihre Anerkennung zollen. Die preußische Re- 403 giernng aber antwortete auf die päpstliche Beschwerde mit einer Staatsschrift, die von Rom aus ihre gründliche Widerlegung erhielt. 6. Die Vorsehung kam diesen Zerwürfnissen zu Hilfe durch die Abberufung des damaligen Königs Friedrich Wilhelm IH. ans diesem Leben, 1840. Sein Nachfolger Friedrich Wilhelm IV. trat mit der erhabenen Gesinnung seine Regierung am 7. Juni 1840 an, allen seinen Unterthanen ein aufrichtiges Wohlwollen, und der katholischen Kirche Gerechtigkeit zu Theil werden zu lassen. Schon im nächsten Monate durfte Dunin in die für ihn ohne Unterlaß betende Erzdiöcese zurückkehren. In Betreff des Erzbischofes' von Cöln erklärte der hochherzige König: „daß der Gedanke, er habe an politisch-revolutionären Umtrieben theilgenommen, von ihm nie ge- theilt worden seh." Zur Verwaltung der Erzdiöcese aber beord- nete der Papst aus Friedensliebe, und um der freundlichen Gesin¬ nung des Königs einigermaßen entgegen zu kommen, den bisherigen Bischof von Speyer, Johann von Geissel zum Cvadjntor des Erzbischofs Clemens, mit dem Rechte zur Nachfolge. So trat alles wieder in die Schranken der Ordnung und des Friedens zurück. Der König aber zeigte auch in anderen Beziehungen sein aufrich¬ tiges Streben, die katholische Kirche seiner Staaten in ihrer natur¬ gemäßen freien Entwicklung nicht hemmen zu wollen. Er gab den Verkehr mit Rom frei, errichtete eine besondere katholische Abtheilung in: Cultusininisterium für die Angelegenheiten der ka¬ tholischen Kirche, und gestattete freiere Bischofswahlen. 290. Das katholische Oesterreich. 1. An dem christlichen Heldenmuthe und der Glaubenstreue des österreichischen Erzherzogs Ferdinand II-, hat sich einst die Biacht des Protestantismus gebrochen; — seither war dem Hanse Oester¬ reich von der Vorsehung der Berns zugewiesen, der Hort der katho¬ lischen Kirche und der Katholiken in Deutschland zu sehn, und eben so wahr als schön spricht sich der Luxemburger Piusverein in seiner Dankadresse 1851 an den Kaiser Fran; Joseph hierüber aus: „Unsere Vorfahren waren es gewohnt, in den Herrschern ans dem Hanse Habsburg die treuesten und stärksten Beschützer der katho¬ lischen Sache zu erblicken, und das eben ist es, was dem Kaiser¬ hanse einen Ehrenrang in der Liebe der katholischen Völker znge- 20* sichert hat." Die Iosephinische Periode steht in dieser Hinsicht als eine Abschweifung auf dem Lebenswege Oesterreichs da, und eben darum trugen ihre Anstalten vorn Anfänge an den Keim der Ver¬ wesung in sich, und nur das nachhaltige Unheil der französischen Revolution hinderte eine frühere Umkehr, so daß leider auch noch auf dem Wiener Congresse 1815 der Beruf Oesterreichs, die katholi¬ schen Interessen Deutschlands zu schirmen, ein frommer Wunsch blieb. 2. Die Josephiuischen Bestrebungen waren übrigens nicht nur für die katholische Kirche in Oesterreich, sondern auch in anderen Staaten höchst betrübend. Das Beispiel des Kaisers, als des ersten und mächtigsten Monarchen der Welt, war zu lockend, als daß seine Maßregeln nicht von anderen katholischen Fürsten, und besonders von protestantischen, ihren katholischen Unterthauen gegenüber, nach¬ geahmt worden wären. Fast überall griff man nach jenem unglück¬ lichen System, und die Päpste mußten auf ihre Vorstellungen gegen solches Beginnen häufig die Bemerkung hinnehmen, in dem gut ka¬ tholischen Oesterreich seh es ja auch so. Dabei wurde freilich der für Oesterreich günstige Umstand nicht beachtet, daß Ioseph's Nach¬ folger aus Oesterreichs Throne den in den Gesetzbüchern stehenden unkirchlichen Vorschriften in der Praxis eine mildere Auslegung gaben, wenn sie dieselben nicht geradezu aufhoben. So war es schon unter Leopold II. und noch mehr unter Franz I., der sich in der schwierigen Lage des apostolischen Stuhles nach dem Tode Pius Vl. 1799, wahrhaft als Schirmvogt der heiligen Kirche erwies. Zu besonderem Ruhme gereicht es auch dem frommen Kaiser Franz, daß er bei der Wahl der Bischöfe nur darauf bedacht war, was der Kirche wahrhaft förderlich ist, uud zur Hebung des religiös sittlichen Lebens seine Staaten dem Jesuitenorden und den Redemtoristen öffnete, und überhaupt religiösen Vereinen seine Gunst zuwandte. Es lag ihm auch eine volle Ausgleichung mit dem päpstlichen Stuhle sehr am Herzen, und es wurden 1833 dießfalls Verhand¬ lungen angeknüpft, die jedoch zu keinem Resultate führten z aber an seinem Todtenbette noch gab er in einem rührenden Schreiben dem Fürsten Metternich den Auftrag, diese wichtigen Fragen im Sinne der kirchlichen Grundsätze ehestens mit dem römischen Stuhle anszugleichen. 3. Als 1835 Ferdinand i., der sich bei seinen Völkern in kurzer Zeit den Beinamen des Gütigen erwarb, zur Regierung kam, hatte sich in anderen Staaten bereits Alles zum Vortheil der katholischen Kirche gestaltet, insbesondere wurden durch das Cölner Ereigniß die Geister wachgerufen. Man mußte auch in Oesterreich mehr und mehr zur Einsicht gelangen, daß die Bevormundung der Kirche durch den Staat, weder dem Staate, noch der Kirche fromme, und daß etwas Durchgreifendes geschehen müsse. Vorläufig wurde die Angelegenheit der gemischten Ehen nach einer päpstlichen In¬ struction vom Jahre 1841 geordnet. Die Verhandlungen zur Schließung eines Concordates wurden wieder ausgenommen, aber durch die Bedachtsamkeit der Staatsmänner aus der alten Schule verzögert, bis der 13. März 1848 das politische und kirchliche Sy¬ stem mit einem Schlage zusammenwarf. — Das politische steht in überraschendem Aufschwungs bereits verjüngt da, — für die Kirche blühen schöne Hoffnungen. 297. Missionen der katholischen Kirche. Die Kirche Christi ist eine Mission, eine von Gott ausgehende Sendung an die Menschen, und das Streben, sich immer mehr und mehr in die Menschheit eiuzubauen, liegt in ihrer Natur. Die gro߬ artigen Fortschritte der Missionen, deren sich die Kirche seit den Zeiten des heiligen Franziskus Xaverius in Asien und Amerika gleichsam als Ersatz für den Abfall in Europa zu erfreuen hatte, wurden auf einige Zeit gehemmt durch die Aufhebung des Jesuiten¬ ordens, und noch mehr durch die französische Umwälzung, die selbst das herrliche Institut der Propaganda in Rom verschlang. Seit¬ dem aber dieser Centralpunct der Mission wieder hergestellt wurde, sendete die Kirche mit erneuertem Eifer ihre begeisterten Apostel so¬ wohl zu den Heiden in die entferntesten Welttheile als auch nah und fern zu den früher ihr entführten Brüdern, den Irrgläubigen. Die katholischen Völker betheiligen sich freudig durch Spendung von Almosen und durch Gebet an diesem Heilsgeschäste, und die Päpste beleben den frommen Sinn durch Ertheilung von Ablässen. Am mächtigsten haben sich die Missionsanstalten in Frankreich ent¬ wickelt, wo die Mission des heiligen Lazarus zu Paris seit 1784 für die Levante und China, nnd die Genossenschaft von Picpus seit 1830 für Ostoceanien sorgt. Eine großartige Er¬ scheinung ist der zu Lyon 1822 entstandene Verein zur Ver- bre itn n g des Glaubens, welcher so glücklich ist, seine jähr¬ lichen Einnahmen nach Millionen zu berechnen (im Jahre 1852 4,700,000 Francs), — jährlich fast Hundert von Glaubensboten entsendet, und seinen Einfluß zum wenigsten über ein halbes Tau¬ send von Kirchen des Erdkreises ausdehnt. In Bayern besteht der Ludwigsverein (im Jahre 1852 mit einer Einnahme von 129,000 st.) und in der Erzdiöcese Cöln seit 1842 der Xave- riuövereiu. In Oesterreich hat die Leopoldinenstiftung durch reichliche Beiträge für Amerika schon ungemein viel gewirkt, und in der neuesten Zeit hat das katholische Oesterreich durch die Missiousanstalt für Central-Afrika (Marien-Verein) ein großes Werk begonnen. Eigentümlicher Art ist der in der neueren Zeit fast über alle katholischen Länder verbreitete Verein der heiligen Kindheit Iesn, dessen Mitglieder Kinder sind, die mit ihrem kleinen Almosen jenen unglücklichen Neugeborenen in China Rettung bringen, die von ihren heidnischen Aeltern weggeworfen werden. Offenkundig ist Gottes Segen mit dieser apostolischen Tätig¬ keit der Kirche, sie feiert fort und fort neue Triumphe. Insbeson¬ dere ist es Amerika, wo nicht nur die wilden Indianer den Schwarz¬ rock freundlich aufnehmen, sondern anch die civilisirten Einwohner fühlen sich von der Würde und dem Ernste der katholischen Kirche angczogen, und verlassen mehr nnd mehr den in zahllose Seelen zersplitterten Protestantismus. Dabei kommt der katholischen Kirche in dem vereinigten Nordamerika die volle Freiheit und Unabhängig¬ keit gut zu statten, da sich bekanntlich die dortige republikanische Re¬ gierung um das Kirchliche gar nicht kümmert. Im Jahre 1852 hielten die Bischöfe der vereinigten Staaten am erzbischöflichen Sitze zu Baltimore ein National-Concilinm, nnd sagten in einem an den österreichischen Leopoldinen-Verein gerichteten Dankschreiben: „Wo noch vor nicht langer Zeit der Wilde seinen Kriegstanz feierte, und sich an der Todesqual seines besiegten Feindes weidete, da er¬ heben sich von Tag zu Tag neue Kirchen, ärmlich zwar nnd un¬ scheinbar, aber gleich dem Stalle in Bethlehem, doch die Wohnung des Herrn u. s. w." 298. Nongcaiiismus. In den Jahren von 1845 bis 1850 ging eine große Prüfung der Geister durch Deutschland, nnd an der Menge der Haltlosen 4S7 und Gefallenen in Kirche und Staat (1848) konnte man die Tiefe der moralischen Fäulniß ermessen. Johann Nonge, 1813 in preußisch Schlesien geboren, trat 1840 in den Priestcrstand, wohin ihn keineswegs Neigung und Be¬ ruf, sondern Nahrungssorgen nnd die Wünsche seiner Angehörigen geführt hatten. Er ward als Kaplan in Grottkau angestellt, aber schon 1842 in Folge eines veröffentlichten Schmäh-ArtikelS: „Rom und das Breslaner Domcapitel" seines Amtes entsetzt und sus- pendirt, worauf er eine Hauslehrerstelle zu Laurahütte in Ober- schlcsien annahm. Im Jahre 1844 entsprach der Bischof von Trier dem viel¬ fach geäußerten Wunsche der Gläubigen, nnd ließ die im dortigen Dome aufbewahrte kostbare Reliquie, das heilige Gewand Christi, zur Verehrung, mit Verleihung eines vollkommenen Ablasses, aus¬ stellen. Bei der ungeheueren Zahl der frommen Pilger, bei der Ordnung und Andacht, die dabei herrschte, konnte dieß Ereigniß als eine Siegesfeier des katholischen Bewußtseins betrachtet werden, das von der einen Seite mit lauter Freude begrüßt, von der anderen mit Ingrimm betrachtet wurde. Zu den letzteren gehörte auch Rouge. Es erschien ein Brief von ihm in den sächsischen Vaterlandsblättern an den Bischof Ar¬ noldi von Trier, worin er diesen mit beispielloser Anmaßung zur Rechenschaft forderte. Dieser Brief machte ein ungeheures Auf¬ sehen in Deutschland. „Ronge war in wenigen Wochen der ge¬ feierte Held aller seichten Köpfe und flachen Herzen, — es regnete Gedichte und Adressen auf den Helden, auf den Glaubensstifter, auf den Reformator Ronge herab, auf diesen zweiten Luther, der noch größer war, denn Luther selbst." (Florencourt.) Auch die Juden- schaft von Görlitz überreichte ihm fünfzig Thaler. Bald trafen mehrere Umstände zusammen, die Ronge. veran¬ laßten, als Stifter einer neuen Seele aufzutreten. Das Domca¬ pitel von Breslau beantwortete den Brief Rouge's durch ein Send¬ schreiben an den Bischof Arnoldi, worin cs demselben seine Teil¬ nahme an der durch Ronge erlittenen Kränkung bezeugt, und sprach die Excommunication über Rongc. Dafür jauchzten ihm die pro¬ testantischen Blätter ihren Beifall zu, nnd erweckten in ihm den Gedanken, er seh ein großer Mann. Nun vereinigte sich Ronge mit dem wegen Concnbinats abgesetzten Hilfspriester, Johann — 408 — Czerski in Schneidemühl, nnd es begann die „deutsch-katho- lische" Bewegung. Tie weltlichen Behörden waren leider Anfangs auf Seiten der neuen Partei, nnd der Magistrat von Breslau sagte ihr auf drei Jahre eine Unterstützung von Tausend Thalern zu; die Presse fand nicht Worte genug des Beifalls und der Ermunterung, nnd bald schlossen sich noch ein Paar verkommene Geistliche an. So bilde¬ ten sich fast in allen Städten Niederschlesiens „deutsch-katholische Gemeinden,"und erhielten häufig protestantische Predigtamtscandida¬ ten zu Seelsorgern. Anch in Sachsen sand Rouge Beifall und schon 1845 wurde zu Leipzig eine „allgemeine Kirchenversammlung" gehalten, an der die Deputirten von fünfzehn Gemeinden Theil nahmen, und wo einnndfünfzig Beschlüsse über Lehre, Cultus und Verfassung ausgestellt wurden. Es zeigte sich übrigens hier und in den vielen anderen von den Führern der Secte veröffentlichten Glau¬ bensbekenntnissen, daß die Uebereinstimmung im Unglauben ihr eigentlicher Einigungspunct war. Namentlich wurde die Gott¬ heit Christi durchweg geleugnet, und sein Erlösuugswerk mit sinn¬ losen Redensarten als ein menschlicher Weltverbesserungsversuch dar¬ gestellt. Daher erhielt die Secte unter den Protestanten, denen nach der Geistesrichtung der Zeit der christliche Glaube gänzlich ab¬ handen gekommen war, bei weitem mehr Anhänger als unter den Katholiken. Zur Vermehrung seines Anhanges und zu eigener Verherr¬ lichung unternahm Rouge einen Zug durch Deutschland, wo pro¬ testantische Städte, insbesondere Frankfurt, „den Luther des 19. Jahrhunderts" mit Jubel und festlichem Gepränge empfingen. Be¬ rauscht von Triumphen ließ sich damals Ronge in seinem „Zuruf" vernehmen: „Der große Wurf ist gelungen, der Fortschritt des Jahr¬ hunderts ist gerettet; der Genius Deutschlands greift schon nach dem Lorberkranz. — Und Rom muß fallen!" Aber seine Heldenzeit war bald um, selbst die blödesten Beobachter mußten er¬ kennen, wohin diese Geistesrichtuug führe, und sie konnte nicht besser bezeichnet werden, als durch jene Demonstration in Constanz, wo Rouge ans seinem Siegeszuge mit lustigen Narrenlicdern em¬ pfangen wurde. Auch die Regierungen, besonders Preußen und Würtemberg, die bisher diesem Treiben ruhig zusahen, oder es noch unterstützten. sahen ihren Mißgriff ein, da es sich bald herausstellte, daß die Secte bei weitem mehr politische als kirchliche Elemente enthielt. Mehrere abgefallene Priester traten reuevoll in die Kirche zurück, die Häupter der Kirche hatten sich schon früher entzweit, so verfiel dieses neue Heidenthum eben so schnell, als es emporgeschossen war. Nur im Jahre 1848, wo durch Aufwühlnug des faulen Sum¬ pfes allerlei Ungeziefer zu Tage kam, erschien auch diese Secte auf dem Schauplatz der Revolution, nnd nahm, ihrer Natur gemäß, daran den größten Antheil. Jetzt konnte Rouge selbst dem katholi¬ schen Oesterreich die Schmach anthun, und einige „freie Gemeinden", — zum größten Theile aus glaubenslosen Weibern nnd arbeit¬ scheuen Handwerksgesellen zusammen bringen. Bei der Wiederher¬ stellung der politischen Ordnung erkannten aber die Regierungen überall die Gefahr, welche nicht so sehr der Kirche als vielmehr dem Staate von Seite dieser Secte droht, und ergriffen die geeig¬ neten Maßregeln zu ihrer Unterdrückung. 299. Das Jahr 1848 und die Versammlungen der Bischöfe zu Würzburg und Wien. 1. Das denkwürdige Jahr 1848 hat den Fürsten und Völkern sine große Lehre gegeben; leider scheint noch nicht überall ihre volle Bedeutung anerkannt zn werden. Es ist die alte Wahrheit nach Psalm 126, 1: „Wenn der Herr das Haus nicht bauet, so ar¬ beiten die Bauleute umsonst; wenn der Herr die Stadt nicht be¬ hütet, so wachet der Hüter umsonst". Die moderne Staatsweisheit hat häufig (nach den Priucipien der französischen Philosophie) das Wohl der Völker auf anderen Grundlagen, als sie das Christen- thum setzt, bauen wollen: — hat das Christenthum bloß als her¬ kömmliches Erziehungsmittel der rohen Menge noch gebraucht, daher > die Kirche Christi als Magd im Staatshaushalte sich dienstbar ge¬ macht, und die materiellen Interessen: Wohlstand, und der hier¬ durch gesicherte Genuß, wurde das Ziel des allgemeinen Strebens. Aber bei Tausenden blieb der Wohlstand weit zurück hinter der maßlosen Geunßsncht, —-und diese trieb die Unzufriedenheit des Proletariates zuletzt hin zur (offenen oder verdeckten) Forde¬ rung der gleichen Vertheilung des Wohlstandes und Aufhebung des Eigenthnms: — Cvmmunismus. So LI« kam die weitverzweigte Revolution des Jahres 1848, — ein son¬ derbares Gemisch von Freveln und Thorheiten, die nicht nur Staa¬ ten und Throne, sondern die ganze sociale Ordnung, — weil viel¬ fach den christlichen Ideen entfremdet — aufs Spiel setzte. Die Regierungen hatten nichts Eiligeres zu thun, als, zur ver¬ meintlichen Abhilfe, den Völkern eine Fülle von politischen Frei¬ heiten zu crtheilen, wo dann auch die Kirche mehr oder weniger bedacht wurde. Die Revolution wurde jedoch überwältigt; durch Gottes Vor¬ sehung wurde die Menschheit einer drohenden neuen Barbarei ent¬ rissen, durch die Schaar der Getreuen, die sich Gott auserwählt hatte für die Tage schwerer Kämpfe; — und die abgedruugeuen Couccssionen an die Völker konnten wieder auf das ihnen wahrhaft frommende Maß zurückgeführt werden. 2. Bei der großen Frage um das Wohl der kommenden Ge¬ schlechter aberkannte die Kirche, zufolge der Lehren und Warnungen der neuesten Geschichte, erwarten, daß sie vor Allen werde gehört werde. Daher glaubte der deutsche Episcopat den wichtigen Zeit¬ punkt benützen zu müssen, um, gestützt auf das uralte, gute und verbriefte Recht der Kirche, ihre naturgemäße freie Bewegung im Staate zur vollen Wahrheit zu machen; auf daß die Kirche Christi ihren Beruf, Hüterin zu sehn des Glaubens und der Sitte in dein drohenden Kampfe der rohen Gewalt und Willkür, kräftig und un¬ gehemmt zu erfüllen vermöge. Im November 1848 hatte die alt¬ ehrwürdige Stadt Würzburg den erhebenden Anblick einer Ver¬ sammlung der deutschen Bischöfe, fünf und zwanzig an der Zahl, mit dem Cardinal und Fürsterzbischofe von Salzburg an der Spitze, welche über die Stellung, die die Kirche in der neueingebrochenen Zeit einzunehmen, und über die Rechte, die sie zu fordern habe, in apostolischer Weise klar und entschieden sich aussprachen. — Sie wünschen keine Trennung vom Staate, aber sie wollen die vollste Freiheit und Selbstständigkeit der Kirche Christi. Den Be¬ kennen! anderer Glaubenslehren gegenüber wollen sie jenes gleiche Vollmaß der Liebe und Gerechtigkeit beobachten, welches den bürger¬ lichen Frieden sichert, ohne den verderblichen Indisferentismus zu begünstigen. Unter den Rechten der Kirche stellen sie oben an das göttliche Recht der Lehre nnd Erziehung. Sie weisen dabei hin auf die Geschichte: „Mochte Besitzthnm und Glan; und Ehre, mochte 411 Alles der Kirche genommen werden: das Recht, das von Gott em¬ pfangene, — zu lehren, zu erziehen, zn sittigcn die Völker des Erd¬ kreises — hat die Kirche nie preisgegeben". Sie nehmen daher die Errichtung und Leitung eigener Erziehnngs- und Unterrichtsan¬ stalten, die Verwendung der für katholische Schulen bestimmten Einkünfte, die Besorgung des Religionsunterrichtes in niederen und höheren Schulen, die ausschließliche Leitung der Seminarien in Anspruch. Die Kirche will auch fernerhin die leibliche Wohl- thäterin der Völker sehn und auch hierin frei und selbstständig schalten. Die Bischöfe fordern das göttliche freie Recht, den Eul- tuö der Kirche ohne alle Dazwischenkunft der weltlichen Macht selbstständig zu ordnen und nehmen für geistliche Vereine das gleiche Maß der Freiheit der Association in Anspruch, welches die Verfas¬ sung des Staates allen Staatsbürgern gewährt. Sie rcklamircn das Recht der freien Verwaltung des Kirchenvermögens, und ver¬ wahren sich endlich gegen die böswillige Ansicht, als sei ihre Ver¬ bindung mit Rom der deutschen Sache gefährlich: denn zum inner¬ sten Wesen der Kirche gehört die Einheit; daher bethenern sie ihren innigsten Anschluß an das Oberhaupt der Kirche. Die Denkschrift, in der die versammelten Bischöfe diese Sätze aussprachcn, konnte nicht verfehlen, allenthalben auch unter den Protestanten einen günstigen Eindruck zu machen; aber die Klagen, zu denen in der neuesten Zeit (1853) die Bischöfe der oberrheini¬ schen Kirchenprovinz den Regierungen gegcnüben sich veranlaßt sahen, zeigen zur Genüge, daß die dortigen protestantischen Regierungen weder das Wesen der katholischen Kirche noch ihren eigenen Vortheil erkennen, und die Zeichen der Zeit noch immer nicht beachten. 3. In Oesterreich bestieg am 2. December 1848 den Thron Franz Joseph, dessen reicher Geist der großen Aufgabe ent¬ spricht, die ihm von der Vorsehung geworden. Mit klarem Blicke die Forderungen der Zeit überschauend, unternahm Er cs, die Frei¬ heit mit dem Rechte zu versöhnen, und er erkannte es als eine der dringendsten Angelegenheiten, die Beziehungen des Staates zur ka¬ tholischen Kirche zu ordnen. ES wurden demnach die Bischöfe jener Länder, für welche die Verfassung vom 4. März 184l) galt, zn einer Versammlung (dritten Sonntage nach Ostern 1849) nach Wien eingeladen, um ihre Wünsche und Vorschläge über die'künf¬ tige Stellung zum Staate zu vernehmen und darüber zu berathen. LI2 Dieser wohlwollenden Aufforderung leisteten die Bischöfe um so be¬ reitwilliger Folge, als sie ihren eigenen Wünschen entgegenlam. Während im Süden und Osten des österreichischen Staates und auch auswärts der heftigste Kampf wüthete, welcher das Schicksal der europäischen Menschheit entscheiden und die gesellige Ordnung vor dem drohenden Zerfalle retten mußte, widmeten die in Wien versammelten Bischöfe, neun und zwanzig in eigener Person, und sechs durch Abgeordnete vertreten, unter dem Vorsitze des Cardinals und Fürsterzbischofs von Salzburg, ihre angestrengte Thätigkeit einem Werke, welche znförderst unter Gottes segensreichem Beistände die Kraft des Glaubens und der Liebe in den Herzen der Katholiken verjüngen, aber eben dadurch auch die Lebensbcdingungen des Staa¬ tes erneuern soll. Die schriftlichen Aeßerungen, welche die Versammlung dem Mini¬ sterium vorlegte, haben zum Gegenstände: 1) Eine einleitende Erklä¬ rung; 2) die Negierung und Verwaltung der Kirche, die geistlichen Aemter und Pfründen, das Patronatsrecht, die Pfarrcoucursprüfung und den Gottesdienst; 3) die geistliche Gerichtsbarkeit; 4) den Un¬ terricht; 5) das Klosterwesen; 6) die Ehefrage; 7) den Religions-, Studien- und Schulfond; 8) das Pfründen- und Gotteshaus-Ver¬ mögen. Das Ministerium äußerte sich hierüber in dem Vortrage an Seine Majestät unter andern: „Schon aus dieser.Andeutung erhellet, wie reichhaltig der Inhalt ist, und wie viele und wichtige Verhältnisse derselbe berührt. Die bischöfliche Versammlung hat, während sie die Ansprüche der Kirche mit Eifer vertrat, in aner- kennenswerther Weise das Streben beurkundet, die Geltendmachung der kirchlichen Rechte mit den wesentlichen Interessen des Staates in Einklang zu setzen". Die kaiserlichen Verordnungen vom 18. und 23. April 1850, und einige nachträgliche Bestimmungen ge¬ währten bereits mehrere wichtige Puncte, darunter: die Aufhebung des Placetes, die freie Ausübung der kirchlichen Disciplinargewalt, die selbstständige Anordnung in Gegenständen des Cultnö, und die Wahrung des bischöflichen Einflusses auf den Religionsunterricht in den niederen nnd höheren Lehranstalten und auf die theologischen Seminarien. Hinsichtlich der übrigen von der Versammlung an¬ geregten Fragen aber werden die Verhandlungen mit dem am Schlüsse der Versammlung gewählten Comitv der Bischöfe fort¬ gesetzt, nnd die uöthigen Vorbereitungen für ein Concordat mit Ä13 dem päpstlichen Stuhle, in so weit ein solches erforderlich ist, getroffen. 300. Schlu ß. Gelobt seh Jesus Christus in seiner heiligen Kirche! so mag jeder ausrufen, der die Geschichte dieser Kirche mit sinni¬ gem Gemüthe und unbefangenem Geiste überblickt, und anerkennen muß, wie es ohne Gottes wunderbare Hilfe nimmer geschehen konnte, daß sie unter so schweren Kämpfen und mannigfachen Prü¬ fungen in einer widerstrebenden Welt sich nicht nur erhalten, son¬ dern als das Großartigste, das die Welt je gesehen, als die einzige erbende Macht so vieler gefallenen Größen, auf ihrem unverrück¬ baren Felsen dasteht. Und worin besteht ihre Stärke und Sieges¬ kraft? — Nebst dem Gebete, in der Liebe und Ausdauer, in Leiden und Geduld. Auch hierin aber ist sie nur ein Abbild ihres gött¬ lichen Stifters. Wie sie nämlich die Fortsetzung seines Erlösungs¬ werkes ist, eben so findet in ihr eine fortwährende Wiederholung seiner Leidensgeschichte statt. Seit achtzehnhnndert Jahren zieht die Kirche, wie es vom Heilande, Apstgsch. 10, 38, heißt, Wohlthaten spendend durch die Welt, aber jegliche Generation hat für sie irgend ein Kreuz in Bereitschaft. Immer auch gab es da und dort einen Judas in ihrer Mitte, die sie verrathen, und Schwachherzige, die sie, wenn die Häscher nahen, verlassen und verläugnen. Wie der Heiland, wird sie zu Pilatus und Herodes hin und her geschickt, wenn es sich um ihre Rechte handelt. Häretiker maßen sich an zu entscheiden, was ihres Glaubens seh; und glaubenslose Richter neh¬ men sie fortwährend in's Verhör, verurtheilen sie und waschen sich die Hände (neuestens in der Schweiz und in England). Ist sie endlich irgendwo an's Kreuz geschlagen (alle ihre Bewegung ge¬ hemmt), da werden ihre Kleider, ihr wohlerworbenes Besitzthnm, vertheilt, wie im Westphälischen- und Lüueviller Frieden großartig, und theilweise fast überall geschehen. Dabei fehlt es auch nie an Spott und Hohn. Und oft schon schien es einem gottlosen Zeit¬ geiste gelungen, die dreifache Krone sammt der dreieinigen Gottheit abzuthun, und die vielgeplagte und bereits erstorbene der Gra- besnacht zu völliger Verwesung zu übergeben. Aber immer wie¬ der werden die Grabeswüchter anfgeschreckt durch eine unerwartete — 414 — Lichterscheinuug. Die Frevler wiederholen zwar das Kunststück, die Welt zu bereden, der Leichnam sei gestohlen worden (durch ultramontane Umtriebe), aber bald wird die Welt inne, daß die Kirche wahrhaftig lebe, daß sie herrlich und verklärt aus ihrer Leidenswoche hervorgegangen ist. Das ist die fast in jeder Gene¬ ration sich wiederholende Geschichte der Kirche Christi; jedesmal wird die auf's neue sich regende Hoffnung ihrer Feinde zu Schan¬ den, und gerade nach ihrer tiefsten Erniedrigung wrrd sie erhöht, nach jeder Mißhandlung feiert sic stets ihre glänzendsten Triumphe, wie eben in unseren Tagen wieder. So erfüllt sie ihren Beruf als streitende Kirche; — ist aber auch die selig machen de, indem ihre Geschichte auch eine fortwährende Auferstehung und Himmelfahrt für Alle ist, die in ihr bewährt gefunden worden. Wie aber der Herr schließlich seine Apostel ausgesendet in die ganze Welt, so sendete auch seine Kirche fortwährend ihre Glaubens- Loten unter alle Volker, und auch der materielle Fortschritt des Jahrhunderts in Eisenbahnen und Dampfschiffen wird dazu dienen, daß das Reich Gottes schnell allenthalben verkündet und das end¬ liche Schicksal der Menschheit entschieden werde. Das Beste aber, was die Kirche vermag, und wozu sie ihre Gläubigen ohne Unterlaß aufrnft, ist das Gebet, daß Gott die Zeiten abkürze, wo, wie in den unsrigen, bei den Individuen wie in ganzen Staaten christliches Glauben und christliche Sitte sehr abhanden gekommen, und das Maß der Gottlosigkeit und des Unfriedens überfüllt ist; und daß die Drangsale und Züchtigungen, die die Verblendeten sich und der Menschheit bereiten, durch Umkehr und Buße geheiligt werden. „Es ist aber ein wahres und wahrhaftiges Wort", — so mahnen die in Würzburg versammelten Bischöfe, — „der Herr unser Gott wird seine strafende Hand nicht znrückziehen von diesem Geschlechte, bis daß es Ihn von Neuem erkennt, in Demuth nm das verachtete Kreuz sich sammelt und in der Kirche, die sich Christus mit seinem heiligen Blute erkauft hat, die Mutter wieder ehrt, welche allein die Menschen den Weg des Heiles führt". — Doch gibt es hin¬ wiederum der Erscheinungen viele, welche geeignet sind, den Blick des Katholiken zu erheitern über die Zukunft, „wie sie schon däm¬ mert und sichtbarlich sich entwindet der kreisenden Zeit; daß nach schwerem Jrrthume und Abfall die Völker beginnen sehnsüchtig ihre Blicke zn wenden auf die Siegestrophäe des Kreuzes, und daß sie 41s auch das Heil für die politische Entwicklung und die sociale Zerrüttung immermehr suchen und finden bei der alten Mutter, der Kirche Christi, die von jeher gestillt hat das Leiden und die Noth mit dem Balsam, der vom Kreuze floß, und mit der göttlichen Kraft des apostolischen Wortes". Nachtrag für die Zeit von 1832 bis 1862. In einer alten Aufzeichnung über die Schicksale der künftigen Päpste, die dem Erzbischöfe Malachias von Armagh in Irland aus dem 12. Jahrhundert zugeschrieben wird, und die als eine Art von Prophezeihung schon bei mehreren Päpsten in überraschen¬ der Weise eingetroffen ist, wird der gegenwärtige Papst Pius IX. als „Kreuz vom Kreuze" (ei-ux cle erneu) bezeichnet. — Nun aber hat das Königreich Sardinien ein Kreuz in seinem Wap¬ pen, und von dorther, (d. h. von der Regierung, nicht vom red¬ lichen katholischen Bolke), stammt hauptsächlich das Kreuz, das auf dem edlen Papste und der Kirche so schwer lastet. Die Macht¬ haber auf Erden bleiben dabei, — in einer Politik ohne Treue und Glauben befangen oder gehemmt — unthätig; andere, — dem Papsttyume und der Kirche vom Hause ans feindselig, — freuen sich dessen. Die Gläubigen, vom Vater der Christenheit aufgerufeu, senden ihre Gebete zum Himmel und ihre Almosen, als Peters- pfeuuige nach Rom, im Vertrauen, daß der Herr das, was die Launen und Leidenschaften der Menschen gegen die Kirche ersinnen und erstreben, zum Besten seiner Kirche wenden werde. Zwar hat die Kirche in der neuesten Zeit auch manche Triumphe gefeiert, aber ihre Feinde suchen auf alle Weise ihr dieselben wieder zu ver¬ kümmern, wo nicht ganz zu nehmen. — Das ist in Kurzem die Geschichte der Kirche in den jüngsten zehn Jahren, und wir wollen im Folgenden die wichtigsten Ereignisse dieser Zeit überblicken, wobei wir, des Zusammenhanges wegen, bis zum Regierungsantritte des gegenwärtigen Papstes zurückgehen. LI« Papst Pius IX. erließ beim Antritte seiner Regierung 1846 aus angeborner Milde eine ausgedehnte Amnestie nnd gab jene Reformen, die er für den Kirchenstaat für zuträglich erachtete; worüber man ihm als „dem Bringer goldener Zeiten, dem Engel der Freiheit" zujubelte. Aber die Partei des Umsturzes benutzte beides nur zu stürmischen Votksdemonstrationen in der Absicht, den edlen Papst zu ihren verderblichen Zwecken immer weiter zu drängen. So wurde bald von ihm verlangt, an Oesterreich den Krieg zu er¬ klären; wogegen er in einer Allocution sich aussprach, daß er als Nachfolger Petri alle Völker mit Liebe umfasse. Die fortwühlende Revolution wollte ihm endlich ein ganz demokratisches Ministerium aufdringen, nnd Kugeln flogen bei dieser Gelegenheit in seine Vor¬ zimmer. Er mußte 1848 nach Gaöta flüchten, — Rom war einer wüsten Anarchie verfallen, welcher die französische Regierung durch die Einnahme der Stadt ein Ende machte, und der Papst konnte im April 1850 unter dem Jubel der Bevölkerung wieder dahin znrückkehren. Der Papst war nach seiner Rückkehr redlich bemüht, die ge¬ störte Ordnung wieder herzustellen, und seine Regierung den An¬ sichten der neuen Zeit anzupassen; — es wäre auch uoch mehr und Besseres in dieser Richtung ungeordnet worden, wenn nicht Piemont und hinter ihm England ihn fortwährend offen vor der Welt gedrängt und gemeistert hätten. Dabei unterwühltcn rastlos die vielen geheimen Gesellschaften im Solde Piemont's den politischen Boden. Wenden wir nun unseren Blick nach den übrigen Ländern. In Deutschland hatten die dortigen Revolutionen von 1848 eine erfreuliche Belebung des religiösen Sinnes und die Vermehrung des kirchlichen Ansehens zur Folge. Denn, der Ernst der Zeit, die Gefahr, der Einblick in das tiefe Verderbniß der verführten Massen, weckte das schlummernde religiöse Gefühl, und die katho¬ lische Kirche suchte von der allgemeinen Freiheit, die überall aus¬ gerufen wurde, sich ihren Antheil im edlen Sinne des Wortes zn sichern. Es bildete sich in Deutschland 1848 der Pius-Verein „für Freiheit und Einheit der Kirche"; 1849 der Vincenzius- Verein „für innere Mission", und der Bonifacius-Verein „zur Unterstützung von Katholiken in protestantischen Ländern"; und nach diesen Vorbildern, Katholiken-Vereine in den einzelnen __ 417 — Provinzen, darunter auch die Gesellen-Vereine „zur sittlichen Hebung des Handwerkerstandes"; und segensreich wirken die seit 1848 alljährlich abgehaltenen Generalversammlungen aller Katholiken-Vereine Deutschlands zur Belebung und Stärkung des katholischen Bewußtseyns. Die Kirchenvorsteher legten, — nach dem Vorgänge der bischöf¬ lichen Versammlungen zu Würzburg und Wien (wovon tz. 299 die Rede war), — den Regierungen Denkschriften vor, worin sie die Gewährung der ihren Kirchen so lange vorenthaltenen Rechte ver¬ langten ; — so die Bischöfe der oberrheinischen Kirchenprovinz unter dem Vorsitze des Erzbischofs von Freiburg im Breisgau 1851, dann 1852 die Bischöfe von Bayern; — aber die ersteren erhielten keine Antwort, die anderen wurden ablehnend beschieden. In Oesterreich kam endlich im Jahre 1855 das Concordat mit Rom zu Stande, wo durch redliches Bemühen und Nachgiebig¬ keit von beiden Seiten der Grundsatz des Heilandes: „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist", zur Geltung kam. Diese für jeden Unbefangenen so billige und rechtmäßige Vereinbarung ist jedoch in seltsam ungerechter Weise entstellt und hartnäckig angefeindet worden, so daß, wie sich die jüdische und prote¬ stantische Presse vernehmen läßt, es fast kein Staatsübel in Oester¬ reich gibt, an welchem nicht das Concordat die Schuld tragen soll. Und während man jeder Gesellschaft und jedem Gewerbe die Grän¬ zen der freien Thätigkeit erweitert, soll allein die katholische Kirche eingeschränkt und bevormundet bleiben. Und doch sind im Concor¬ date, — besonders im Vergleiche mit der im kaiserlichen Patente vom 8. April 1861 den Protestanten zugestandenen vollen Freiheit, — die Grundrechte der Kirche nur in bescheidenem Maße berück¬ sichtigt; — aber freilich das Freimaurerthum will die Kirche als ganz rechtlos betrachtet und behandelt wissen. In Spanien erhob sich 1854 eine neue Revolution, wobei das Concordat von 1851 einseitig gebrochen wurde. Neue Ver¬ handlungen führten zur Convention von 1859 zwischen Pius IX. und Isabella II-, worin die spanische Regierung verspricht, jedwede Verletzung des Concordates von 1851 zu verhüten. Auch war es ein schönes Zeichen des katholischen Sinnes, daß zur Zeit der Be- drängniß des heiligen Stuhles Isabella es wagte, den heiligen Vater zu ermuthigen, daß er vertrauensvoll seine Blicke nach Spa- 27 L18 nien richte, und dort nöthigen Falles em Asyl suche. Es ist über¬ haupt eine bessere Stimmung in dem altkatholischen Spanien unverkennbar. Im Jahre 1860 konnte man es wagen, einen Ge¬ genstand der Versichrung des edlen frommen Volkes — schlechte Bücher — öffentlich zu verbrennen; und noch in der Eröffnungsrede der Cortes von 1862 äußert die Königin ihr Bedauern über die peinliche Lage des Papstes, der der Gegenstand ihrer tiefsten Ver¬ ehrung seh. In Frankreich übt die Kirche unter mannigfachen Wechsel¬ fällen ihre altbewährte Kraft zum Wohle des Landes. Dort hat sich Ludwig Napoleon, —- der 1848 als Deputirter in die Nationalversammlung gewählt, ganz bescheiden aus London erschie¬ nen, und von den öffentlichen Blättern als völlig unbedeutend dar- gestellt, ja verspottet worden war, — durch schlau angeordnete Volkswahlen zum Präsidenten der Republik, dann am 2. December 1852 zum Kaiser ausrufen lassen. Es ist anerkannt, daß die Kirche ihn hierbei mächtig unterstützte, mit der er sich gleich dadurch be¬ freundete, daß er sich für die Rückkehr des Papstes nach Rom durch eine Militär-Expedition verwendete, und das Pantheon dem katho¬ lischen Gottesdienste wieder zurückgab. Freilich aber zeigte die Folge, daß Ludwig ganz im Geiste des alten Napoleon mit seinen Ver¬ fügungen für oder gegen die Kirche (für oder gegen den Papst), nur- schlaue Politik zu eigenem Nutzen treibt. Doch ist auch wieder un¬ verkennbar, daß die feste kirchliche Haltung des französischen Epis- copates, welcher wieder in der Stimmung des katholischen Volkes seinen Rückhalt hat, auf den jetzigen Lenker der Geschicke Europa's, auch gegen seinen Willen, einen bedeutenden Einfluß übt. Das Vorgehen Napoleon's Ui. in Italien kommt weiter unten zur Sprache. In der freien Schweiz ringt die katholische Kirche in der neu¬ sten Zeit mit einigem Erfolge um ihre Freiheit, während jedoch die Radicalen sich in der obersten Leitung behaupten. Der ihnen (den Radicalen) unbequeme Bischof Marilley von Freiburg wurde des Landes verwiesen, und erst jüngst 1862 ist ihnen das alte Kloster- Rheinau zur Beute gefallen. Dagegen steht das tausendjährige Stift Einsiedelu noch als Bollwerk da. Vorzüglich aber ist es der Pius vere in, der seit fünf Jahren auch in der Schweiz eine feste geschlossene Thätigkeit entfaltet; und es konnte im Jahre 1859 in 41» Genf, — diesem calvinischen Rom, wo bis 1793 bei Todesstrafe verboten war Messe zu lassen, — die prächtige Liebfrauenkirche unter Assistenz von vier Bischöfen und 150 Priestern geweiht werden. In England baut sich die katholische Kirche immer mehr ein. Cardinal Wisemann, ein wahrer ApostelMr England, sagt in einem Vortrage im Jahre 1859, daß dort in den letzten zehn Jahren neunzehn Missionen gegründet, achtzehn ganz neue Kirchen gebaut, mehrere vergrößert wurden, und fünfzehn neue Klöster ent¬ standen sind, meistens zum Zwecke der werkthätigen Nächstenliebe; und im Jahre 1854 wurde eine katholische Universität in Dublin eröffnet, welche große Erfolge verspricht. — Auch der Schmerzens¬ schrei in der Jahresversammlung des Gustav-Adolph-Vereins zu Leipzig am 31. Juli 1862 gibt hiervon eine für die Kirche erfreu¬ liche Kunde. Es wird dort geklagt, daß in dem erzprotestantischen England vor dreißig Jahren nur 449 katholische Kapellen existirten, jetzt haben sich gegen Tausend prächtige Kirchen dort erhoben; eben so sehen seit dreißig Jahren 37 Klöster, zwölf Bildungsanstalten für katholische Geistliche und mehrere Hundert katholische Schulen entstanden, und alljährlich sehen 5—6000 Uebertritte zum Katho- liciSmus zu verzeichnen; — dagen seh eine beklagenswerthe Gleich¬ giltigkeit der Protestanten zu Tage getreten. Für die Niederlande, wo seit dreißig Jahren an siebenzig katholische Kirchen gebaut worden sind, wurde durch eine Breve Pius IX. 1853 die definitive Ordnung der katholischen Kirche mit vier Bischöfen und einem Erzbischöfe hergestellt, wogegen der Pro¬ testantismus wie gewöhnlich seine Unduldsamkeit, jedoch vergeblich, anstrengte. Schweden beharrt starrsinnig in seiner harten Intoleranz gegen die katholische Kirche. Im Jahre 1856 wurden sechs katho¬ lische Frauen der Religion wegen des Landes verwiesen. Der König selbst trug zwar 1857 auf Religionsfreiheit an, aber der Reichstag verwarf dieselbe; dagegen kommen seit 1851 Mormonen dort sehr zahlreich vor. Die orientalischen Christengemeinden, die von der katholischen Kirche noch getrennt sind, waren und sind noch ein vor¬ züglicher Gegenstand der Sorge und Liebe des Papstes Pius IX.; dafür aber auch in der neueren Zeit die Quelle manches Trostes. Schon im Jahre 1848 erließ er >au die Orientalen eine Breve 27* 42« mit freundlicher Einladung zur Einigung. Der schismatische Pa¬ triarch von Constantinopel suchte zwar durch ein hochmüthiges Rund¬ schreiben an seine Untergebenen die Bemühungen des Papstes zu vereiteln, aber Gottes Gnade war mit dem redlichen Streben des Papstes und die Gläubigen halfen mit ihrem Gebete mit. Durch den leider zu früh 1862 verstorbenen Bischof Anton Slomschek von Lavant wurde nämlich der Gebetverein des heiligen Ciril und Metod für Wiedervereinigung der schismatischen mit der katho¬ lischen Kirche gegründet, und vom Papste 1852 bestätiget. Auch in Frankreich entstand 1853 zu diesem Zwecke die „Morgenländische Gesellschaft", angeregt durch Jacob Pitzipios. Und seit einigen Jahren schon kommen von Zeit zu Zeit aus dem Morgenlande er¬ freuliche Nachrichten über die Rückkehr von Tausenden sammt ihren Bischöfen vom Schisma zur römischen Kirche; und es ist unver¬ kennbar, daß eine hoffnungsvolle Bewegung in der seit Jahrhunder¬ ten erstarrten griechischen Kirche vor sich geht. Vorzüglich ist es die rührige Nation der Bulgaren, von welcher schon zahlreiche Ge¬ meinden ihre Vereinigung erklärt haben, während andere dieselbe noch anstreben. Das nämliche gilt von einzelnen griechischen Secten. Noch in diesem Jahre 1862 führte der syrische Patriarch von An¬ tiochia gegen 2000 Jacobiten zur katholischen Einheit zurück. Die Erfolge wären noch viel bedeutender, wenn der Rückkehr nicht so viele Schwierigkeiten in den Weg gelegt würden. So müssen die Kirchengebäude kraft einer türkischen Verordnung, auch wenn die ganze Gemeinde katholisch wird, doch den Schismatikern verbleiben. Dann sind die Bekehrten von Seite der Schismatiker den größten Verfolgungen ausgesetzt, welche so weit gehen, daß z. B. der bul¬ garische Primas Sokolsky, der thätigste Beförderer der Vereinigung, durch List und Gewalt in Constantinopel gefangen genommen, nach Odessa und daun nach Kiew gebracht und dort in ein Kloster ge¬ sperrt wurde, da er sich weder durch Bitten noch durch Drohungen abwendig machen ließ; wobei man die Lüge verbreitete, er seh wieder zur griechischen Kirche zurückgetreten und bald darauf gestorben. Eine schreckliche Begebenheit aus dem Oriente ist hier noch zu verzeichnen: der blutige Kampf zwischen den katholischen Maroni- ten und den halb muhamedanischen halb heidnischen Drusen im Libanon und über ganz Syrien 1860. In wildem Fanatismus wurden die Christen dort Wochen lang hingemordet, die türkischen 42L Soldaten, anstatt Schutz zu gewähren, halfen selbst mit und man zählte über 15,000 Leichen. Und bei diesem so gräßlichen Drama, das bereits im Mai 1860 begonnen hatte, stritten die christlichen Mächte noch im August, ob und vom wem Hilfe geleistet werden sollte! — bis endlich eine französische Expedition einen zweifelhaften Frieden erzielte. Papst Pius IX. wendet sich in seinen Nöthen gerne zur mäch¬ tigen Fürbitte der jungfräulichen Mutter des Erlösers, zu der er eine innige Verehrung hegt. Schon aus seiner Verbannung in Gaeta erließ er 1849 eine Aufforderung an die Bischöfe, um ihre Gebete und um Erklärungen in Betreff der unbefleckten Empfäng- niß der Gottesmutter. Ueber 500 derselben erklärten sich zu Gun¬ sten dieses Glaubenssatzes. Da verkündigte der Papst am 8. De¬ cember 1854 inmitten einer glänzenden Versammlung von etwa 500 geistlichen Würdenträgern (darunter 192 Cardinäle und Bi¬ schöfe) das Dogma der unbefleckten Empsängniß Mariä, welches zwar in der Kirche von jeher vorhanden war, aber jetzt zu geeigneter Zeit, — einer Zeit der religiösen Erkaltung, — feier¬ lich ausgesprochen wurde. Während so die Kirche einen Sieg ihrer ewigen Glaubenseinheit feierte, hatte sie an ihren zeitlichen Interessen manichfache Unge¬ rechtigkeit zn erdulden. In Sardinien erschien unter Minister Cavour 1855 das Gesetz zur Aufhebung von 365 Klöstern. So¬ wohl der Papst als der Erzbischof Franzoni, der einen Monat lang im Kerker schmachten, dann nach Frankreich flüchten mußte, prote- stirten vergeblich dagegen. Nonnen wurden von GeuSdarmen mit Gewalt aus ihren Zellen herausgerissen auf Wägen gepackt und fortgeschafft. - Auf dem Pariser Congresse 1856 legte Cavour das Ansinnen vor: der Kirchenstaat solle säcularisirt, d. h. wenn auch (scheinbar) unter päpstlicher Oberhoheit, doch durch einen weltlichen Vicar (den König von Sardinien) regiert werden. Zur Unterstützung dieses Zweckes wurden nun durch die piemontesischen Zeitungen unausgesetzt die schmählichsten Lügen über die Verhältnisse und Verwaltung des Kirchenstaates in die Welt geschickt. Vergebens veröffentlichte dagegen der französische Ge¬ sandte zu Rom einen ausführlichen Beweis, daß der Papst schmäh- 422 lich verleumdet werde, und daß „seine Maßregeln den Stempel der der Vernunft, der Weisheit und des Fortschrittes an sich tragen". Im Sommer 1857 machte der Papst eine Rundreise durch seine Staaten über Loretto bis Bologna, und wurde überall mit ungeheuerem Volksjubel empfangen; denn das unbefangene Landvolk hing fest an der Kirche und die städtischen Wühler verbargen sich damals. Aber der Haß und Fanatismus der Gegner wurde durch solchen Triumph der päpstlichen Sache nur vermehrt und schritt systematisch zu seinen finsteren Thaten. Napoleon Hl. hatte im Jahre 1831, als junger Mensch, der damaligen revolutionären Partei in der Romagna einen fürchter¬ lichen Eid geleistet, für die Freiheit und Unabhängigkeit Italiens leben und sterben zu wollen. Jetzt hatte Cavour sich mit Napoleon zur „Freiheit und Einheit" Italiens ins Einvernehmen gesetzt, — die geheime Partei unter Führung Mazzini's erinnerte Napoleon an den Eid, — und Garibaldi, der bekannte Rebellenführer, erschien auf Caprera. Zuerst mußte aber der österreichische Schutz des Papstes beseitiget werden. § Frankreich und England waren darin einig, und Rußland wurde durch Frankreich gewonnen. Da Napoleon jedoch zögerte, so sah der geheime Bund von Italien ihn als ein Hiuderniß seiner Plane an, und Orsiui's Bomben sollten ihn am 14. Jänner 1858 aus dem Wege räumen. Das Bubenstück mißlang zwar, aber Napoleon wurde dadurch doch anfgeschreckt, daß er sich entschloß, im Sinne jener Meuchelmörder vorzuschreiten. Ein geringfügiger Vorfall 1858 wurde geschickt benützt, um das protestantische England und Deutschland und die Iudenschaft von ganz Europa gegen den Papst aufzustacheln. Zu Bologna hatte nämlich vor sechs Jahren die christliche Magd des Juden Mor¬ tara dessen todtkranken, damals einjährigen Knaben aus reinem Mitleid heimlich getauft, damit er selig werden könne. Der Knabe war aber wider Vermuthen genesen, und die Thatsache der Taufe blieb verschwiegen. Ais sie aber im Juli 1858 bekannt wurde, ließ die kirchliche Behörde den Knaben seinen jüdischen Eltern weg¬ nehmen, um ihn als Christ, — was er durch die Taufe geworden, — zu erziehen. Die Sache wurde nun, als ob es sich um ein welt¬ historisches Ereigniß handelte, ausgebeutet, um die römische Kirche der abscheulichsten Tyrannei anzuklagen; da es doch, nach dem christ- Ä23 lichen Begriffe von der Taufe, ein einfach cousequentes Vorgehen, dem Knaben selbst zum größten Vortheile, und auch seinen Eltern keineswegs so unangenehm war, als man vorgab. Am frechsten benahm sich Cavour, der dem Papste einen Protest zuschickte, als ob er schon Herr in ganz Italien wäre. Immer enger umzog die im Finstern schleichende Macht mit ihren Netzen den Papst und den Kirchenstaat. Im Laufe des Jahres 1859 besprachen zahlreiche Flugschriften, von Napoleon inspirirt, die Lage Italiens und Roms. Anfangs wurde auf einen Föderativstaat angetragen, worin der Papst den Vorsitz haben müsse; — bald aber wurde trocken die Säcularisirung des Kirchenstaates und die Be¬ schränkung der weltlichen Herrschaft des Papstes auf die Stadt Rom verlangt. „Je kleiner sein Gebiet, desto größer wird der Souverän sehn", war die widersinnige Phrase, mit der bewiesen werden sollte, der weltliche Besitz habe dem Ansehen des Papstes immer nur geschadet. Nach dem Frieden von Villafranca am 11. Juli 1859, wo¬ durch dem Papste der bewährte Schutz Oesterreichs verloren ging, hatte Sardinien, das längst schon die katholische Kirche auf alle Weise mißachtet hatte, endlich freie Hand, dem Papste ein Stück Landes nach dem anderen zu rauben (aunexiren). Zuvörderst ge¬ schah dieß mit dem Gebiete von Bologna, welches man jetzt mit dem heidnischen Namen Aemilia bezeichnete. Victor Ema¬ nuel verlangte geradezu die Abtretung dieser Provinzen vom Papste. Als dieser natürlich sie verweigern mußte, erklärte der König infolge einer angeblichen Volkswahl (Plebiscit) sich zum Herrn der Romagna. Infolge dessen verhängte der Papst am 26. März 1860 die Excom- munication über alle Urheber und Theilnehmer der Revolution im Kirchenstaate, ohne sie jedoch namentlich zu bezeichnen, (die milde Form der Excommunication). Daß sich auch Napoleon damit ge¬ troffen fühlte, zeigte das strenge Verbot gegen die Bekanntmachung päpstlicher Edicte ohne des Kaisers Einwilligung. Die Bischöfe der auuexirten Provinzen, da sie sich dem Raubsysteme nicht fügen woll¬ ten, wurden mannigfach verfolgt und bestraft. Im April 1860 erschien der berühmte französische General Lamoriciöre, ein eben so tapferer Krieger als frommer Ka¬ tholik, in Rom, und wurde päpstlicher Obergeneral. Wie immer in Zeiten der Bedrängniß der Kirche, zeigte sich auch jetzt die Opfer- Ä2Ä Willigkeit der Gläubigen. In ganz Europa wurden für den Papst theils Truppen geworben, theils ein Anlehen contrahirt, und der Peters Pfennig freudig dargeboten. Unter diesem letzteren ver¬ steht man freiwillige Liebesgaben, wo auch der Arme seine Opfer spendet zur Unterstützung des Vaters der Christenheit, wenn die Mächtigen der Erde ihn der nothwendigen Mittel berauben. Nebst reichlichen Spenden (bis zum Jahre 1862 über acht und zwanzig Millionen Francs), kamen auch Tausende muthiger Krieger, ins¬ besondere aus Irland, um für die heilige Sache der Kirche zu kämpfen. Doch bevor noch Lamoriciere hinreichende Anordnungen treffen konnte, fiel der Sardenkönig ohne Kriegserklärung Plötzlich in den noch übrigen Theil des päpstlichen Staates ein, und Lamo- ricwre unterlag am 18. September 1860 bei Castelfidardo der räuberischen Uebermacht. Napoleon nahm zwar die Miene an, als ob er diesen Raub mißbillige, — aber niemand glaubte ihm. So ist der Papst jetzt ans Rom und beiläufig den sechsten Theil des rechtmäßigen Kirchenstaates beschränkt, — früher mit 3,200000, jetzt mit 500000 Einwohnern. — Seitdem setzt der vielgeprüfte Pius IX. den vielfachen, bald schmeichelhaften, bald drohenden Aner¬ bietungen von Paris und Turin in Betreff der Entsagung seiner welt¬ lichen Regierung, in unerschütterlicher Geduld sein »non possunnm« entgegen, und setzt sein Vertrauen, wie er sich bei einer solchen Ge¬ legenheit ausdrückte, „allein auf den gekreuzigten Heiland, der ihn noch nie getäuscht habe". Fast alle Bischöfe von Europa aber haben schon im Februar 1860 mit apostolischer Freimüthigkeit laut ihre Stimme gegen solches Treiben erhoben, und die weltliche Herr¬ schaft des Papstes als eine Nothwendigkeiit für die ganze katholische Welt dargestellt; und auch die Gläubigen sandten treuherzige Er¬ gebenheitsadressen mit zahllosen Unterschriften an den Vater der Christenheit. Auf der anderen Seite ist aber der Hauptagent der Nanb- politik, Cavour, vom ewigen Richter bereits 1861 abberusen; — Garibaldi wurde auf seinem Zuge zur „Befreiung" Roms mit dem Freibeuterrufe: „Rom oder den Tod", durch eine Kugel seines königlichen Freundes lahm geschossen; — Victor Emanuel nennt sich „König von Italien", die Freimaurer aber regieren; — die vom Staate geraubten Klostergüter haben dort, wie überall, so wenig Segen gebracht, daß das neue „Königreich Italien" für das 425 einzige Jahr 1862 ein Deficit von mehr als 374 Millionen nach¬ weist; -— und Napoleon III. zeigt sich neuestens (Ende 1862) gegen Rom günstiger gestimmt, in welcher Absicht? — wird die Zukunft lehren. Den bedrängten Znstand des Papstthums in weltlicher Bezie¬ hung machte die gegnerische Partei sich zu Nutzen, um auch dessen geistige und kirchliche Anctorität zu untergraben. Die Wühlereien gegen das Concordat in Oesterreich fanden bald einen Widerhall in der oberrheinischen Kirchenprovinz. Der König von Württem¬ berg hatte 1857 eine billige Convention mit Rom zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Katholiken abgeschlossen. Die württem- bergische Kammer aber erklärte sich 1861 gegen diese Convention, und läugnete, daß ihr eine rechtliche Verbindlichkeit zukomme. Die Staatsregierung ließ darauf die Convention fallen, und legte am 17. December 1861 den Kammern einen Gesetzentwurf über das Verhältniß der Staatsgewalt zur katholischen Kirche vor, ob¬ schon Rom unterm 3. August eine Verwahrung eingelegt hatte, daß man nicht zugeben könne, daß von der weltlichen Gewalt Gesetze über kirchliche Angelegenheiten gegeben würden. Aehnliches geschah im Großherzogthume Baden; auch da wurde die Convention von 1857 in der Kammer durch Beschluß vom 30. März 1860 auf¬ gehoben; und in Nassau stellte die zweite Kammer 1860 an die Regierung die Forderung, von dem Abschlüsse eines Concordates abzustehen. Nach all diesem soll also die Kirche willenlos sich fügen, was man über ihre Angelegenheiten weltlicherseits anzuordnen für gut findet! — Daher protestirte der Papst durch Allocution vom 17. De¬ cember 1860 gegen diese beliebigen Aufhebungen zu Recht bestehen¬ der Verträge, und gegen solch einseitige Maßregelung der Kirche. Der Haß und Neid einer gewissen Partei, die sich gerne die „liberale" nennen läßt, gegen die katholische Kirche ging so weit, daß sie sogar den Organen derselben die Uebung der christlichen Liebeswerke zu verwehren suchte. — In Belgien wurde 1857 das sogenannte Wohlthätigkeitsg esetz vor die Kammern ge¬ bracht, welches die Verwaltung der milden Stiftungen betraf, und den Geistlichen ihren gebührenden Antheil an der Verwaltung neben den Laien sicherte. Die „liberale" Partei, unter dem Einflüsse der zahlreichen Freimaurer, erhob sich aber wüthend dagegen; 42« und als die Kammern das Gesetz dennoch annahmen, wurde ein Aufstand in Brüssel organisirt, wobei der Pöbel, angeführt von vielen wohlgekleideten Herren, eine katholische Druckerei, das Hotel des Iustizministers und die Klöster stürmte, und Mönche und Nonnen zur schleunigen Flucht zwang. Auch in anderen Städ¬ ten, insbesondere in Antwerpen warf man in allen Klöstern und Häusern der Conservativen die Fenster ein; überall waren die Tumultuanten aus den mittleren und höheren Ständen. In Ie- mappe wurden die „Brüder von der christlichen Lehre" mißhan¬ delt, man schleppte die Blutenden sogar zum Feuer, um sie zu ver¬ brennen, was durch Besonnene doch noch verhindert wurde. Und die Regierung überließ diesen gebildeten Cannibalen den Sieg, und zog das Wohlthätigkeitsgesetz zurück! — Auch in Frankreich hat die Regierung die wohlorganisirten Vereine vom heiligen Vincenz, die jährlich Millionen für die leidende Menschheit nach allen Richtungen verwenden, in ihrer Wirksamkeit dadurch zu beengen gesucht, daß die Centralleitung des Vereines 1861 unterdrückt wurde. Was den Protestantismus betrifft, so zeigt sich in neuerer Zeit in Deutschland ein reger Eifer, die sehr gesunkene Macht der protestantischen „Kirche" wieder zu stärken und zu Ehren zu bringen. Dafür sollte der sogenannte „Kirchentag", seit 1848 alljährlich in einer anderen Stadt abgehalten, wirken; aber Altlutheraner, Unio¬ nisten und Rationalisten geriethen bald mit einander in offene Op¬ position. Auch die „Conferenzen der Abgeordneten aller protestan¬ tischen Staaten", welche seit 1852 alljährlich in Eisenach tagten, hatten wenig Erfolg; eben so wie die in England gegründete „Lvan- Aölioal ^Iliunoe", die zuerst 1855 in Paris zusammentrat. Natür¬ lich, wo die Glaubensartikel so weit auseinandergehen, wird sich der einheitliche religiöse Verband nimmer finden. Nur im „Gustav Adolph- Verein", der dem Protestantismus in die katholische Kirche hinein die Bahn ebnen soll, einigen sich die sonst so vielfach Getrennten zu reichlicher Unterstützung. In Oesterreich aber war dem Protestantismus die neueste Zeit in Bezug auf seine äußeren Verhältnisse ungemein günstig. Durch das kaiserliche Patent vom 1. September 1859 wurde den Protestanten in Ungarn eine Verfassung gegeben, welche, wie selbst der ultraliberale Protestant, Professor Baur gesteht, „so liberal 427 war, daß sich, mit geringer Ausnahme, keine evangelische Landes¬ kirche in Europa einer solchen zu erfreuen hat". Doch die Prote¬ stanten in Ungarn waren damit nicht zufrieden; sie wollen keine Einmischung des Staates in ihre Angelegenheiten. Es entstanden in Folge dessen mannigfache Reibungen, und an den Wirren, woran Ungarn dem übrigen Oesterreich entfremdet, noch leidet, hat der dortige düstere Calvinismus keinen geringen Antheil. Durch das kaiserliche Patent vom 8. Aprl 1861 für die Pro¬ testanten der deutsch slavischen Länder sind endlich alle Wünsche derselben erfüllt, — wenigstens sollte man das meinen, denn das Ganze ist von der protestantischen Oberbehörde zu Wien selbst ent¬ worfen. Nebstdem hat die österreichische Staatsregierung der prote¬ stantischen „Kirche" eine jährliche Unterstützung aus dem Aerare gewährt, dessen Bemessung im Verhältnisse zur Seelenzahl der Pro¬ testanten ein unverkennbarere Ausdruck kaiserlichen Wohlwollens ist; — die theologische Lehranstalt in Wien wurde durch Berufung „tüchtiger Kräfte" nach Wunsch bestellt; — reichliche Stipendien für die Studirenden ausgeworfen, und anderes mehr; — und doch ist Unzufriedenheit vorhanden, und nimmt immer zu, zwar vor der Hand nicht gegen die Regierung, sondern gegen den obersten Kir¬ chenrath und gegen die Kirchenordnnng (A. A. Z. No. 320, 1862). — Man sieht, bei den günstigsten äußeren Verhältnissen fehlt die innere Einheit. Uebrigens muß bemerkt werden, daß der obligate Freudenruf der Protestanten, als ob sie jetzt erst in dem intoleranten Oester¬ reich emancipirt worden wären, insoferne nur erkünstelt ist, als sie bekanntlich schon seit vielen Jahren hier die vollkommenste Frei¬ heit genossen hatten, mit Ausnahme von Throl, wo es sich gegen¬ wärtig darum handelt, ob das für ein Land gewiß unschätzbare Gut der Glaubenseinheit, das Throl von seinen Altvordern ererbt, und mit eifersüchtiger Sorgfalt bisher bewahrt hat, ihm auch ferner er¬ halten und gesichert bleiben könne, oder ob es gleichwohl wie ander¬ wärts der Gefahr religiöser Spaltung und Zerrissenheit anheimfallen soll; da ja die Erfahrung genugsam lehrt, daß der Protestantismus die ihm einmal zugestandene Freiheit überall zu seinem Vortheile auszubeuten versteht, und nicht friedlich neben, sondern herrschend über der katholischen Kirche stehen will. Ein grelles Schlaglicht auf die innere Zerfahrenheit des Pro- 428 testantismus wirft der eben erst (1862) entstandene Katechis- mns streit in Hannover; wo die Regierung einen neuen lutheri¬ schen Katechismus mit positiven Dogmen vorgeschrieben hatte, aber vielfältig auf Widerstand stieß, weil das Fürwahrhalten mancher geoffenbarter Lehren, wie z. B. der Glaube an die Existenz eines persönlichen Teufels ein längst überwundener Standpunkt seh. Dagegen zeigt sich in der katholischen Kirche bei ihren in der ganzen Welt zerstreuten Organen ein Herz, ein Sinn, ein Glaube, — zeigt sich desto herrlicher, wenn die Kirche irgend in Bedräng- niß ist. Staunend hat die Welt eine solche Manifestation jüngst in Rom gesehen. Gegen 300 Bischöfe nebst mehr als 2000 Priestern aus allen Welttheilen fanden sich auf den Ruf des heiligen Vaters zu Pfingsten 1862 in Rom ein, um dem erhabenen Acte der Hei¬ ligsprechung der japanesischen Märtyrer beizuwohneu, und zugleich denen, die dem Falle Rom's und der Kirche von Jahr zu Jahr mit Ungeduld entgegensehen, durch ihr inniges Anschließen an den Vater der Christenheit, in Erinnerung zu bringen, daß die Kirche Christi noch jene geistige Macht seh, gegen welche auch die mächtigsten und listigsten Feinde aller Jahrhunderte vergeblich ankämpften. Mit hoher Kraft und Salbung sprach der Stellvertreter Christi in einem Consistorium zu den Versammelten über die Noth der Zeit, die im Unglauben ihre Quelle habe, und wie ihre vereinte Anstrengung nöthig seh, um die menschliche Gesellschaft vor dem drohenden Un¬ tergänge zu retten. — In demselben Consistorium wurde auch eine von sämmtlichen Bischöfen unterzeichnete Adresse dem heiligen Vater überreicht, worin ihm für seine unbesiegbare Standhaftigkeit die Dank¬ barkeit der Christenheit ausgedrückt, und die Unabhängigkeit des Kirchen- Oberhauptes, als eines weltlichen Souveräns, in den heutigen Welt¬ verhältnissen als nothwendig nachgewiesen wurde. Diese denkwür¬ dige Manifestation der der Kirche gegen Erwartung und Willen ihrer Feinde noch immer imvohuenden weltüberwindenden Kraft, hat auch ihren Eindruck auf Freunde und Feinde der Kirche Christi nicht verfehlt, — und es ist in den feindlichen Bestrebungen und Hetzereien gegen den Papst und die Kirche mit Schluß des Jahres 1862 eine bemerkbare Pause eingetreteu. 0. N. v. 6. 42N Reihenfolge -er Päpste. Der hl. Petrus 42—67. Hl. Linus 68—78. „ Cletus (Auacletus) 78—91. „ Clemens 91—100. „ Evaristus 101—109. „ Alexander 109—119. „ Xistus (Sixtus) 119—27. „ Telesphorus 127—39. „ Hyginus 139—42. „ Pius I. 142—57. „ Anicetus 157—68. „ Soter 168—77. „ Eleutherius 177—92. „ Victor 192—202. „ Zephyrinus 202—19. „ Calixtus 219—23. „ Urbanus 223—30. „ Pontianus 230—35. „ Anterus 235—36. „ Fabianns 236—50. „ Cornelius 251—52. „ Lucius 253. „ Stephanus l. 253—57. „ Xistus II. 258. „ Dionysius 259—69. „ Felix 269—74. „ Eutychianus 274—83. „ Casus 283—96. „ Marcelliuus 296—304. „ Marcellus 308—10. „ Eusebius 310. „ Melchiades 311-14. „ Sylvester 314—35. „ Marcus 336. „ Julius I. 336—52. Liberius 352—66 (Felix II. 355, als Verweser). Hl. Damasus 366—84. „ Siricius 385—98. „ Auastasius 398-402. „ Jnnocenz I. 402—17. „ Zosimus 417—18. „ Bonifacius I. 418—22. „ Cölestinus I. 423—32. „ Sixtus III. 432—40. „ Leo 1. d. Gr. 440- 61. Hl. Hilarius 461—68. ,, Simplicius 468—83. „ Felix III. 483—92. „ Gelasius 492—96. „ Anastasius II. 496—97. „ Symmachus 498—514. „ Hormisdas 514—23. „ Joannes I. 523—25. „ Felix I V. 526—30. „ Bonifacius II. 530—32. „ Joannes II. 533—35. „ Agapetus I. 535—36. „ Sylverins 536—40. Vigilius (537) 540—55. Pelagius I. 555—60. Joannes III. 560—73. Benedict I. 574—78. Pelagius II. 578—90. Hl. Gregorius I. d. Gr. 590—604. Sabinianus 604—605. Bonifacius III. 606. Hl. Bonifacius IV. 607—14. „ Deusdedit 615—18. Bonifacius V. 619—25. Honorius I. 625—38. Severinus bis 640. Joannes IV. 640—42. Thcodorus I. 642—49. Hl. Martinus 1. 649—55. Eugenius I. 655—57. Hl. Vitalianus 657—72. Adeodatus 672—76. Domnus (Donns) I. 676—78. Hl. Agatho 679—82. „ Leo II. 682—83. „ Benedictus II. bis 685. Joannes V. 686. Conon 687. Hl. Sergius I. 687—701. Joannes VI. 701—705. Joannes VII. 705—707. Sisinnius 708. Constantinus 708—15. Hl. Gregor II. 715-31. „ Gregor III. 731—41. „ Zacharias 741—52. 43« Stephanus II. 752. Stephanus III. 752—57. Hl. Paulus I. 757—57. Stephanus IV. 767—72. Hadrian 772—95. Hl. Leo III. 795—816. Stephan V. 816. Hl. Paschalis I. 817—24. Eugenius II. 824—27. Valentinus 827. Gregor IV. 827—44. Sergius II. 844—47. Hl. Leo IV. 847—55. Benedict III. 855—58. Hl. Nicolaus I. 858—67. „ Hadrian II. 867—72. Joannes VIII. 872—82. Marinus I. 882—84. Hadrian III. 885. Stephan VI. 885—91. Fvrmosus 891—96. Bonifacius VI. 896 (15 Tage). Stephanus VII. 896—97. Romanns 897. Theodorus II. 89. Joannes IX. 898—900. Benedict IV. 900—903. Leo V. 903. Christophorus 903. Sergius III. 904—11. Anastasius III. 911—13. Lande 913. Joannes X. 914—28. Leo VI. 928. Stephan VIII. 929—31. Joannes XI. 931—36. Leo VII. 936—39. Stephan IX. 939—42. Marinus II. 943—46. Agapetus II. 946—55. Joannes XII. 956—64 (Leo VIII. 963 Gegenpapst). Benedict X. 964. Joannes XIII. 965—72. Benedict VI. 972—73. Donus II. 973. Benedict VII. 975—83. Joannes XIV. 983—84. Joannes XV. 985. Joannes XVI. 985—95. Gregor V. 996—99. Sylvester II. 999 —1003 (Joannes XVII. 1003 Gegenpapst). Joannes XVIII. 1003. Joannes XIX. 1005—1009. Sergius IV. 1009—1011. Benedict VIII. 1012—1023. Joannes XX. 1024—33. Benedict IX. 1033—44. Gregor VI. 1044—46. Clemens II. 1046—47. Damasus II. 1048. Hl. Leo IX. 1049—54. Victor II. 1055—57. Stephan X. 1057—58. Nicolaus II. 1058—61. Alexander II. 1061—73. Hl. Gregor VII. 1073—85. Victor III. 1086—87. Urban II. 1088—99. Paschalis II. 1099—1118. Gelasius II. 1118. Calixtus II. 1119—24. Honorius II. 1124—30. Jnnocenz II. 1130—43. Cistestin II. 1143. Lucius II. 1144. Eugen III. 1145—53. Anastasius IV. 1154. Hadrian IV. 1154—59. Alexander III. 1159—81. Lucius III. 1181—85. Urban III. 1181—85. Gregor VIII. 1187. Clemens III. 1187—91. Cölestin III. 1191—98. Jnnocenz III. 1198—1216. Honorius III. 1216—27. Gregor IX. 1227—41. Cölestin IV. 1241 (17 Tage). Jnnocenz IV. 1243—54. Alexander IV. 1254—61. Urbau I V. 1261—64. Clemens IV. 1264—68. Gregor X. 1271—76. Jnnocenz V. 1276. Hadrian V. 1276. Joannes XXI. 1276—77. Nicolaus III. 1277—80. Martin IV. 1281—85. Honorius IV. 1285—87. Nicolaus I V. 1288—92. Hl. Cölestin V. 1294. Bonifacius VIII. 1294—1303. Benedict XI. 1303—4. Avignon'sche Päpste: Clemens V. 1305—14. Joannes XXII. 1316—34. Benedict XII. 1334—42. Clemens VI. 1342—52. Jnnocenz VI. 1352—62. Urban V. 1362—70. Gregor XI. 1370—78. 431 Römische und Avign on 's che Pä P ste: Urban VI. 1378—89. (Avign. Clemens VII. 1378—94). Bonifacins IX. 1389—1404. (Avign. Benedict XIII. s. 1394). Jnnocenz VII. 1404—1406. Gregor XII. 1406—15. Alexander V. 1409 zu Pisa ernannt. Joannes XXIII. 1410. Martin V. 1417—31. Eugen IX. 1431—47. Nicolaus V. 1447—55. Calixt III. 1455—58. Pius II. 1458—64. Paul II. 1464—71. Sixtus IV. 1471—84. Jnnocenz VIII. 1484—92. , Alexander VI. 1492—1503. Pius III. 1503. Julius II. 1503—13. Leo X. 1513—21. Hadrian VI. 1522—23. Clemens VII. 1523—34. Paul III. 1534—49. Julius III. 1550—55. Marcellus II. (21 Tage). Paul IV. 1555—59. ' Pius IV. 1559—65. Hl. Pius V. 1566—72. Gregor XIII. 1572—85. Sixtus V. 1585—90. Urban VII. (13 Tage). Gregor XIV. (10 Monate). Jnnocenz IX. 1591 (2 Monate). Clemens VIII. 1592—1605. Leo XI. (27 Tage). Paul V. 1605—21. Gregor XV. 1621—23. Urban VIII. 1623—44. Jnnocenz X. 1644—55. Alexander VII. 1655—671 Clemens IX. 1667—69. Clemens X. 1670—76. Jnnocenz XI. 1676—89. Alexander VIII. 1689—91. Jnnocenz XII. 1691—1700. Clemens XI. 1700—1721. Jnnocenz XIII. 1721—24. Benedict XIII. 1724—30. Clemens XII. 1730-40. Benedict XIV. 1740—58. Clemens XIII. 1758—69. Clemens XIV. 1769—74. Pius VI. 1775-99. Pius VII. 1800—23. Leo XII. 1823—29. Pius VIII. 1829-1830. Gregor XVI. 1831—46. Piü S IX. s. 1846. 432 Namen- und Sachregister. Abälard 196. Abendmahlsstr. 166, 976. Ablaß 36, 75, 179, 248, 266. Abyssinien 92. Adalbert 154. Adamiten 61. Adoptianer 156. Aeneas Piccolomini 243. Aeonen 60. Adiaphor. Str. 316. Agapen 72. Agatho P. 125. Agenden Str. 382. Aistulph 171. Akoluthen 70. Albertus M. 196. Albigenser 203. Alenin 147, 155. Alex. Severus 34. Alexander Hales 196. Allerheiligenfest 178. Allerseelen 178. Altgläubige 387. Altlutheräner 381. Amalerich v. Bena 210. Ambrosius 106. Amerika 262. Xmgulu libem. 95. Anachoreten 138. Angelsachsen 96. Anomöer 117. Anselm 193. Ansgar 148. Autitrinitarier 65, 320. Antoninus Pius 31. Antonius Eins. 138. Apolinarismus 119. Apostelbrüdet 211. Appellanten 338. Aquilea 96. Araber 105. Archidiakoneu 134, 177, 243. Arms 114. Armenien 92. Armenier 242. Arminiauer 318. Arno 349. Arnold v. Brescia 211. Ascese 79. Ascetcn 136. Asyl 136. Athanasius 102. Athos 199. Attila 90. Augsburger Reichst. 278. — Religionssr. 314. Augustinus 109. Augustiner 255. Aurelian 37. Xum-Mi-bX; 209. Avaren 149. Avignon 230. Badner Lons. 393. Bafsomct 231. Bahrdt 359. Bahrrecht 182. Bajus 334. Baptisten 319. Baptisterien 74. Barchochab 31. Barnäbiten 349. Bartholomäusnacht 289. Barmherzige Brüder 350. — Schwestern 352. Basler Concil 237. Basiliken 136. Basilius 103. Basilianer 104. Bauernkrieg 275. Bayle 354. Beda d. Ehrw. 155. Begharden 210. Begräbnis; 78. Benedict v. Nursia 142. — v. Auianc 182. — P. XI. 229, XII. 232, XIII. 233. Berengar 167. Beruo 183. Bernhard 193. Bertha 96. Bessariou 240. 433 Bethlen Gabor 328. Bettelorden 252. Beza 283. Bibelgesellsch. 385. Bild^rstr. 158. Bischöfe m uarl. 242. Blandina 32. Blnthochzeit 28,1. Bockhold 311. Böhm. Brüder 217. Bogomilen 198. Bogoris 151. Boleslaw 152. Bolehn Anna 292. Bonaventura 194. Bonifacins 145. — P. VIII. 228, IX. 232. — Verein 383. Boos 379. Boriwoi 152. Bornt 150. Brammen 260. Bulgaren 151, 420. Bunsen 401. Buße öffeutl. 75. Bußbücher 179. Caaba 98. Cärnlarins 165. Calixtiner 216. Calvin 282. Canisius 148. Canoniker 176. Capuciner 318. Caracalla 33. Cardinale 175. Carl Borr. 343. — II. Erzh. Steir. 303. — Gr. 172. — Märtel 101. — Kais. IV. 232. — Kön. IX. 289, X. 392. Carlstadt 269. Carmeliten 252, 352. Carthänser 251. Cavour 421. Celesa 97. Celsus 40. Cerinth 58. Chalcedon Concil 121. Chaldäer 386. Chalifen 101. Chatel 379. Chazareu 151. Chiliasmus 54. China 261. Chlodwig 94. Chlotilde 94. Chorherrn 177. Chrodegang 176. Chrysostomns 105. Lircnmcellioncn 113. Cisterzienser 250. Clara 253. Clemens Alex. 50. — Rom. 43. — P. III. 222, V. 230, VII. 233, XIII. u. XIV. 358. Clugni 183. Cocel 150. Cölibat 79, 143, 183, 255. ' Cönobiten 139. Columban 145. Commodns 33. Communion unter einer Gest. 76, 247. Communismus 411. Concordate 375. Coucordienformel 317. Conradin 227. Constantin Gr. 81. Constcmtinopel Concil I. 118, II. 122, III. 124, IV. 163. Constanzer Concil 235. Cornelius P. 36. Cromwel 299. Ciril Slav. ÄP. 151. Cyprian 49. D'Alembert 354. Damasus P. 108. Damilaville 355. Decaden 367. Decius 35. Demetrius Snimnr 227. Demiurg 60. Deutsches Lied 248. Deutsche Ritter 190, 377. Diakonen 68. Diaconissinen 70. Diderot 354. Dios irre 248. Dietrichstcin 301. Diokletian 38. Dioscorus 121. Doketen 61. Dombrowka 153. Domherrn 177. Dominikaner 254. Domitian 29. Donatisten 112. Drahomira 152. Dreikapitelstr. 122. 28 — L3L — DreißigjAhr. Kr. 327. Duchoborzi 387. Dunin 402. Dunker 319. Duns Scotus 196.. Ebioniten 59. Eck 268. Ehe 77. Einsiedler 136. Ekthesis 125. Elagäbal 34. Elipandus 156. Elisabeth v. Engl. 294. Elisabethineriueu 352. Empfängniß Mariä 247, 421. Emser Congreß 362. Ephesus Concil 119. Epiphanins 130. Episcopalen 296. Eremiten 137. / Erigena 16A. ' ' ' ' Erzbischöfe 1S2. s Erzpriester 134. Essäer 12. Espartero 389. Eudo 201. Eulogicn 178. Eusebius Cäs. 112, Nicom. 115. Eutyches 121. Exarchen 132. Excommunication 81, 179. Exvrcisten 70. Fasten 78. Febronius 362. Fclicissimus 57. Fenelon 341. Ferdinand Kath. 209. — Kais. 1. 301, II. 303. Ferrara Concil 240. Feuerprobe 182. kMogue 161. Firmung 76. FlaciuS 316. Flagellanten 249. Flavian 130. Florenz Concil 240. Florian 97. Fox 320. Franken 95. Franziskaner 252. Franz Sales 345. — Xav.'258. Frankfurter Concord. 239. Freiheiten der gall. K. 34l. Freimaurer 360. Friedrich Kais. 1. 224, II. 225. — Wilh. III. 403, IV. 403. Frohnleichnam 247. Frumentius 99. Fulda 182. Galerius 38, 82. Galienus 37. Gallus h. 145. — K. 36. Garibaldi 422. Gaßner 361. Geheimlehre 75. Geisa 153. Geisler 249. Genserich 91. Gnostiker 59. Gomaristen 318. Gothen 92. Gothische Baukunst 245. Gottesfriede 180. Gottesurtheile 181. Gottschalk 157. Gran 154. Le Gras 352. Gregoriau. Kalend. 327. Gregor Gr. 111, VII. 218, IX. 226, XII. 233, XVI. 400. — Jlluni. 92. — Naziauz, 104. — Thaum. 48. Guisen 287. Gustav Adolph 330. — — Verein 383. — Waasa 283. Guyon 340. Hadrian K. 30. — P. IV. 224, VI. 274. Hamburg Bisth. 148. Hedjra 99. Hegel 360. Heidelberger Kat. 326. Heilige Synode 387. Heiligsprechung 178. Heinrich Kais. 1.174, IV. 220, VI. 225. — Kön. VIII. 292. — Häret. 200. Helena 136. Heliogabal 34. Heloise 196. Heraklius 123. Hermas 43. Hermes 380. Herrnhuter 322. — Ä3S — Herz Jesu Damen 378. Hesichasten 199. Hierocles 40. Hieronymus 107. Hilarion 104. Hilarius 102. Hohenstaufen 224. Honorius P. 125. Hontheim 362. Horebiten 217. Hostie 178. Hugenotten 287. Hugo Viel. 195. Hurter 383. Hus 213. Hutten 270. Ibas 122. Jbericn 92. Ignatius B. 44. — Loyola 346. Jlluminaten 360. Jndepedeuten 299. Indien 260. Initialen 246. Jnnoccnz P. III. 225, 228. Inquisition 205. Intentionen 178. Jnterdict 179. Interim 312. Investitur 223. Irenäus 48. Irene 160. Irland 94, 297. Jrvingianer 383. Islam 99. Jacob I. (VI.) 298, II. 300. Jaconbek v. Mies 216. Jacobiten 122, 386. Jansenius 335. Japan 258. Jerusalem Concil 41. — Zerst. 25, 31. Jesuiten 346, Aufheb. 355. Joachiten 210. Johann Chrisost. 105. — Dainasc. 155. — v. Gott 350. — v. Kreuz 352. — v. Math« 252. — P. X. XI. XII. 173, XXII. 231, XXIII. 235. Johanna Päpstin 174. Johanniter 190, 377. Joseph Calas. 350. Josephinismus 362, 404. Jovian Kais. 89. Jovinian 129. Jubiläum 249. Julia Main. 34. Julian Apostat 85. Julins P. II. 243, III. 314. Justinus 47. Jnvavia 97. Kainiten 61. Kant 360. Karos; 150. Katakomben 72. Katharer 201. Katechetenschule 50. Katechumenen 74. Kebla 100. Kctumar 150. Ketzer Begriff 54. Kctzertaufe 55. Kindheit Jesu Verein 406. Kirchengut 135. Kirchenstaat 170. Kirchenväter 42. Kloster 140, 183. -Knox M E Kopten 386. Koran 100, Kreuzerfindung 136. Kreuzzeichcn 77. Kreuzzüge 185. Kranmer 292. Krowaten 150. Kryptocalvinismus 317. Labarum 83. Lactantius 112. Laien-Aebte 183. Lamenais 379. Lamoriciore 423. Landbischöfe 133, 177. Lanfrank 156. Lateransynode I.—IV. 205, V. 260 Laureacum 97. Lazaristen 350. Lectoren 70. Leibnitz 333. Leipziger Disp. 269. Leo P Gr. 91, 111, III. 147, IX. 165, 174, X. 243. Leopoldinenstiftung 406. Lessing 359. Levellers 299. lübellatici 36. Licinius 81, - L- 1/v ÄS« Liebesmahle 72. Liga 327. Liguvri 376. Lombardus 196 Longobarden 194, 171. Ludmilla 152. Ludwig d. Bayer 231. — Fromme 173, IV. 189. - Phil.' 392. Ludwigsvereiu 406 Lüneviller Friede 373. Luther 265. Lyon Concil I. 225, I!. 239. — Missionsverein 405. Majcstätsbrief 303, 328. Malerei 246 Macedouianer 118. Magyaren 153. Malabarische Gebr. 261. Malteser 190. La Menais 379. Manichäer 61, 126, neue 199. Mährische Bruder 217, 322. Marc Aurel 31. Maria h. Jungfrau 24. — Köu. v. Engl 293. — Stuart 295. — Saal 149. Marieuverein 406. Maroniten 126, .242, 420. Marozia 126 Martin P. I. 125, V. 237. - v. Tour 141. Massilicnser 128l Mauriner 350. Maxentius 81. Maxiinianus Herl. 38. — Daja 81. Maximilian h. 97. - Kais. I. 243, 302. Mazzini 422. Mechitaristen 242. Melanchthon 282. Meunoniten 319. Meßstipeudien 178. Methodisten 321. Methodins 151. Metropoliten 132. Miecislaw 153. Millenarier 54. Miltitz 369. Minoriten 252. Ilissa Ostll. — lld. 135. Modestus 149. Molina 335. Moliuos 340. Molochaui 387. Monte Cassino 142 . Mönche 136. Monika 109. Monophysiten 121. Monothcleteu 123 Montanisten 64. Moraver 151. Mormonen 383. Mortara 422. Mozarabische Liturgie 248. Muhamed 98, II. 241. Mystik 195. Nahelbeschauer 199. Nachtmahlsbulle 345. Nantes Edict 290. Napoleon 367, III. 421. Nazaräer 59. Nero 28. Nerva 29. Nestorius 119. Neuevtmgelischc 382 Newmann 398. Nicäa Concil I. 115, II. 160. Nicolaitcn 184. Nicolaus P. I. 151, II. 183, V. 232. — Kais. 400. Nobili 260. Roötus 65. Nonconformisten 296. Nonnen 149. I>'u popeov 299. Norbert 251. Noricum 96. Normaljahr 331. Normannen 154. Novation 57. Novatus 57. A'Connell 397. Odoaccr 91. Ockolampadius 282. Oelung lebte 77. Olga 153/ Olmiitz BiSth. 152. Dinar 108. OmflllalogsvolO 199 Opferbrot 178. Ophiteu 61. (Ordalien 181. vr 3e,> 1.50 TDratorianer 349. Origenes 51, Streit. 129. Orleans Herzog 338. Orphaniten 217. 437 Osterfeicr 54. Ostiarier 70. Otto Kais. I. 174. Paccanari 378. Pachomius 138. Paganismus 89. Pallium 175. Pannonien 96. Pantheismus 361. Paraguay 862. Parias 260. Paschasius Radb. 166. Passionisteu 377. Paterini 201. Patriarchen 132. Patricius 94. Patripassianer 65. Paulianistcu 66. Paulicianer 157. Paulus Eins. 1'47. — v. Samos. 66. i — v. Kren; 377. Pedro 387. Pelagiamsmus 127. Peter v. Amiens 186. — Gr. 387. Petcrskirche 246. Petovinm 97. Petrus Brnfins 200, — Damiani 156. — Louibardus 196. Pfarrer 133. Pharisäer 12. Philipp v. Hessen 311. — Neri 349. Philippistcn 317. Photius 162. Piaristcn 350. Picpus 305. Pietisten 318, 382. Pisa Coucil 234. Pius P. II. 243, VI 368, VI! 369, IX. 416. Plinius 29. I'uoumnwniaolu 118. Polen 153. Polykarp 45. Pombal 356 Portiunkula 249. Porphyrins 40 Poschel 379. Pragm. Sanctio» 238. Praxeas 65. Prämonstratenser 251. Preuner 305. Presbyterianer 296. Priesterweihe 77. Priscillian 126. Priwiua 150. Propaganda 263. Pulververschwörnug 298. Puritaner 296. Pnseyitcn 398. Juadragesima 78. Quäker 320. Quesuel 337. Quietismus 340. Rabanus 156. Nadbod 145. Ranco 351. Raskoluiki 387. Rastislaw 151. Rationalisten 360- Räuberfyuode 121. Redemtoristcu 376. Reformation 263. Reliquien 78. Remigius 95. Remonstranten 318. Restitutions - Edict 330. Revolution franz. 364. Ricci Matth. 261. — Scipio 364. Ritterorden 190. Robert Guischard 154 — v. Molesme 250. Romnald 183. Ronge 407. Rosenkranz 248. Roswitha 156. Rousseau 355. Nufinus 112. Rupert 97. Rußland 153 Dabellins 66. Sachsen 148. Säcularisatiou 331, 374 Sadducger 12. Salesianerineu 351. Salzburg 97, 149. Sanias 260. Sarolta 153. Saturnin 61. Savonarolla 211. Seldschuken 185. Sethiten 61. Schall 261. Schisma Begriff 52. Ä38 Schisma Abendl. 232 — Griech. 165. Scholastik 194. Schottland 296. Schmalkald. Artikel 310. — Bund 280. — Krieg 312. Schöffen 180. Schwenkfeld 319 Schwertbrüder 191. Schwestrioncn 210. Scotisten 197. Semiarianer 117. Semipelagianer 128. Sendgerichte 180. Sept. Severus 33 Sergius 132. Servede 320 Servitcn 255. Severin 97. Sickingen 270. Siemasko 200. Sigismund Kais. 235. St. Simonismus 380. Simeon Stylit 141. Simon Zaub. 58. Simonie 58. Sixtus P. IV 243. Slaven 150, Liturgie 248 Sloinschek 420. Socinianer 320. Somasker 349. Sophronius 124. Sonderbund 395. Spener 318. Speratus 301. Spinola 333. Linkst instsr 248. Stcdinger 210. Stephan Kön. h. 154. Stobäus PalmaLnrg 305. Stunden der And. 381. Swatopluk 151. Swedenborg 323. Synerg. Streit 316. Synkret. - 317. Taboriten 217. Talleyrand 365. Tanchelm 201. Taufe 74/ Tanler 197. 1« Oeiun 106. Templer 190. - Aufheb. 230. Tcrtullian 52. Terziarier 252. Testcid 300. Tetzel 267. Theodo II. 97. Theodosius Gr. 89, 107. Theatiner 349. Theresia 352. Theophilantropen 367. Thomas Aqnin. 194. — Kemp 197. Thomisten 197. Thurn Gr. 328. Tilly 329. Titelbil 399. Torqncmada 209. Irsciitorvs 39. Trajan. 29. Trappisten 351. 1'rourxs Osi 180. Trient Concil 323. Trinitarier 352. Trullos Syn. 144. Tschersky 407. Typus 125. Ulfilas 93. Ungarn 153. — Prot. 286. Unigenitus 337. Union 327, 382 Unirte Griechen 241, 386, 420 Uuitarier 320 Universitäten 197. Urban P. II. 185, !V. 239, VI 232. Urselinerinen 351. Utraquisten 216, 303 Utrecht 339. Valens 89, 118. Valentinian 89. Valerian 37. Valnmbrosa 183. Vandalen 93. Vertuest 261. Victorin 97. Vienne Concil 230. Vigilantius 129. Vigilius P. 123. Vincenz v. Paul 344. Virgilius B. 149. Völkerwandr. 90, 99. Volksgcsang 248. Voltaire 354. Waldenser 202. Wallfahrten 185. Wasserprobe 182. Wenzeslaus h. 152. Wenden 152. Wesley 321. Westphal. Fr. 330. Wicelius 333. Wicleff 211. Wiedertäufer 273, 310, 319. Wiener Congreß 375. Wisemann 399, 419. Withefield 321. Wladimir 153 Wormser Concord. 223 — Edict 272. Zacharias P. 170. Zapolya 286. Zehent 134. Zinzendorf 322. Ziska 217. ZosimuS 128. Zwingli -280, 1. ?ro .7 7 7-77 5' /7SS /-77/7 -/-,,//^-Z 7 , ^Z/Z/s/-Z/7 ^777 //7/77/Z77 s// -H/7--///7«^ ,z-,s/^n. - ^L«. /^^ac e/^o^a^ ,c//<^/. /^/«^1,' 6^6-^ ^7 Sx.^ 7,/ «.llt-o'L- <^-7 c^ L<7l7/°/ Z77/ 7^ -'-2L7tVZ 17 7/7717. nVv (7,^,^ .^,'^n^ e^ ?c^'z , «»e 60»^71^ , -' /^7-7,'-777-7 ^^ "SL^ , /ch--6 7772/7 ---/ , 7/ 7/Z r? ei< - 0^7.7/ . 66->s ^ 7-7 .' c^^-k» --Ik-r^s ^ä'q. /--L-Z-Ii /^ovr 7>l 771'^ 777^ ^->1-/ /777 c/77 ^7 /« ^ L^, a^,> , <^>E. Mö,L /ei^^riE /S-^ , - _ L/. .. . ,/ -T^ /. §. «/" 6 »-/>L, s,-«/« , ^r,7 ^rr-/^- Äx//-I^zkt- /)>1L, ^^/ 6^ /rern5--^ .' -/e /1 ,>'/, ^.<5 , L^.t^, (»a. tt!./-»^/ i7?./c^«V/sx76^/-r.>/ §4/ ^c) -^->^-l>r,'/^ /^"/^/^->/7/^F X^^Z/^T) t?/^/7^7^7./'-»/^//^r <^/// ?.' ,/^r/-^>L>r^/--rX/7^ ,/ -r-sr r^/ F /. , 7<-^Vü^ ^/->' / /77 7> X'^-< '/--L» 'i'-1 Ä p< >1^ C ^/s, C 0^^ ö' ^7-7 /^r/^,^7 c^ --^^/ -- V ?^/77/^^ L7^r, //^-/«»-re <777 7/^0 7^-/^// , 7^/. x> ' -^77f 57/7^ ^/7L <7//?^ >^r^>7-7 /? L^r,, 4 /- / /--,^/7 / ^>" ^7 7^- /^ - -^'/ ,: /7-^ ,^*7 /-///^>^ ^^c- ^z<>> ^7'Z^rcZ. -tt-,, s^/,„ ^//,/s^///^?^-'//.i. s/?>,E ^/Z c^Z 7^/7sX> -'s^l-?-'/-'^/^ /7/7Z/S>-> Z^ / <7 Z« 7Z-»Z^ /^.,', ZF- ,X»-,„^ ^-<- /^-^Z ^>« e/Z/. ,><°o /^/^,/»/,'^- ^-»-7 7SL/>^.- s^.-^/»-->. »-^-7, /,»,^ ^»».' ,Ä Z ^,,^ / .<>/ Z- , -tz^/-e<- ^"^ k/ v> e^rz^ c^/ V.L^ , //z/ .Zs-/zz^--r^ i// Z^Ts, K«-" -^>-K --7 //>-<-? / >// /--, e/ ,/-» ,Z Ksi/7«^ ^>''' /6 71°. - 6^-, /, 7"/^^ 7kl !^f /» l 7c "--^rs^e^ ' /»-/7-r,^^^ «.^ / ,7 ^.L' /'«^'L, 1 ,/'?.<'>/<. - <--^- -^, //'« ^' --«'ro — ^// > S-/ t /^k > -r-^k < /, o/ /^->/^ ^? /e e^. c^ z,' ( (i> -<^c /, ^//.<-^c.( ? ^-./ «<<.X «—. - <7 ^/>>e ^,>c-> ^/. Z 7s,'M c? c/ j" " / >--/ v»/, -"^ -^,x' ^-c. / -7 c^§/, ^.^,-^<7^!Ä,, ^S-^!/^ />>»^ .' /^- - M--- »7^ / /5^.«, ^-7'-/«//^ . ,.,r/5^^- r,/r ^7///^. -7. S--' O«' -/2^-2 /- F^L ^.7 /LL^„ //>--/,---^ ' --^ 6x^57 //^'- ^"> - ^-2 6 » /i/e^K,^/2^2' / — o-,' / > , -i^, -^7^ 177 7^7 ^<7^-6^' /2 0^/ » ^/-^7 L<- — <7^^- /^/ X. /r ^// /.. /^l«-^' l///, - n -t t/7^^/^ t^,, -( -^/«^v-7^ /'-e^k, ^ Ve /,. ^ : 6^-47 /-S^^ XE^) q/^ <>. /^ 7- ' /s./ c/ l>^« ^^r-r-^7-?^^ «7. ^/,11 -T-/^I^I ^-«/ t/ ,^«^- ^^7^ ^7 - v/VI ,//, -^, /- / : //v /^?X^<. vrvr/ „ /s-,'6^e^^ «- / 6-s. L^e/i ,2*/o /2^ ^-/'^ /' /6 L^X-e/i-O ^--/^ f> 62^7-7'c/ !^7 5/27 / /?' / --!7 7 "^2rv. 7 lX^ '. 2 ^'. H>e^) >7. v/L/. - ^7- ", '.7 -//^^//7^'k fr "/> /M 7 r>/x^» /«/-7 6^ /'^^v^^'/ST V ^77,^ ^-/f n? // a! - ^7^ / -Lo//^ l., s ß -/56^^ '^> -e^^. e/ . ^^"'< . ^-/i kv^L ü/^ -Zs^s^-^c? , ^-//^ ^//0 4 > ^?> /-./f', /2-., '^/<- LL§- ' " ^7^,/ X / /// - ,/ -> ' <^>7> ' - 'LL 7L»^,^ ^^7^7/. ./^7 V /v« - .-/s /,k, / ^kc, .E, (7^/ 5 . - F. ^7 7.^ ^-'7 ,, ^/>'^- 1 ^7"^ ->^'/1^ -)^»^/<^>-,--^ /»»,' i>»,^' /^/ L ^,.6 < - ^7?7 ) tz,>. °^^/ ^4 ^/s 7^^ - ?r»^>^->^ , '/»«-' »»»^ ^<---<7 V// s. Hr^>^ ) - » -^7 ^5K?L,7)^