ver cier Umrnclkulatcl-RrSnungsfejer in Iüin2 am 1. N)ai I9OS. Gehalten von Or. fNichael Napotnik Fürstbischof von Marburg. L-mr 1905. Sc. Exzellenz Fürstbischof Dr. Michael Napotnik von Marburg. Die Jubel- Md Mmtzchier im Mm HiiPsmguis^sme z» Liilz. Gelegenheitsrede grhalkrn anläßlich der Krönung der Immalmlala-Skakne in der Voiivkaprlle des Mariä Empfängnis-Domes zu Linz am 1. Mai 1905 von Dv. Michael Napotnik Fürstbischof von Marburg. Iloe autsin pro eerto Irabet oinnis, gui Fs eolit, guoä vita eins, 8i io probations tnsrit, eoronabitnr: si antsin in tribula- tions kusrit, libsrabitur. Das aber hält jeder für gewiß, der Aich ehrt, daß sein Leben, wenn es in der Prüfung gewesen, gekrönt wird; und wenn es in Trübsal gewesen, daß er erlöst wird: (lob. 3, 21). Lin; 1905. Drnck und Verlag des kakh. Prrtzvercines Lin;. 2504.08 Anmerkung. Infolge der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit mußte vorliegende Fcstprcdigt beim Vortrage etwas gekürzt werden. 106771 „Und es erschien ein großes Zeichen im Himmel: ein Weib mit der Sonne bekleidet, den Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupte eine Krone von zwölf Sternen." (^poe. 12, 1.) heilige Hallen, seid ehrfürchtig gegrüßt; in euch vollzieht sich heute eine denkwürdige Feier! Eure Eminenz, Hochwürdigste Herren Bischöfe, Äbte, Prälaten und Domkapitulare: seien Sie ehrfurchtsvollst begrüßt, die Sie von allen Himmelsgegenden gekommen sind, um die Mutter des ewigen Hohenpriesters zu verehren! — Wohl¬ ehrwürdige Priester des Welt und Ordensstandes: seien Sie herzlichst gegrüßt, die Sie aus allen Dekanaten der gottgesegneten Diözese herbeigeeilt sind, um der Priesterkönigin und Mutter die kindliche Ehrfurcht und Liebe zu bezeigen! Unseren ehrerbietigsten Willkommsgruß Seiner kaiser lichcn Hoheit, dem durchlauchtigsten Herrn Erzherzoge, Höchst welcher in Vertretung Seiner kaiserl. und kvnigl. Apostolischen Majestät, unseres geliebten Jubelkaisers, erschienen ist, um die glorreiche Gebieterin und "Bcschirmerin Österreichs zu ver¬ herrlichen ! — Hochansehnlichc Würdenträger, sehr geehrte Ver¬ treter der hohen Zivil und Militärbehörden, seien Sie uns willkommen, die Sie sich in vollem Staate heute hierorts ein- gcfunden haben, um der erhabenen Mutter des Königs der Könige zu huldigen! O du glaubensstarkes, tieffrvmmcs und biederes, christliches Volk, dessen Ruhm die innigste Marienverchrung ist: sei viel 6 tausendmal gegrüßt, das du aus allen Gauen des ruhmreichen Erzherzogtums in freudig-festlicher Stimmung herbeigeströmt bist, um der lieben Himmelsmutter den Tribut dankbarer Liebe und treuer Anhänglichkeit zu zollen! Zu einer so seltenen wie mächtig erhebenden Festfeier haben wir uns, Geliebte im Herrn, in diesem majestätischen Dome versammelt. Am 1. Mai des Jahres 1855 ließ der damalige gottbegeisterte Bischof Franz Josef Rudigier den am 8. Dezember 1854 zu Ron: feierlich verkündeten Glaubens¬ satz von der unbefleckten Empfängnis der jungfräulichen Gottes¬ mutter Maria in der ganzen Diözese Linz festlich verlautbaren, so daß die Angehörigen dieses Bistumes gerade heute das marianische Jubelfest begehen, das am 8. Dezember des ver- wichenen Jahres die ganze katholische Welt in Bewegung ge¬ setzt und sie mit unbeschreiblicher Freude erfüllt hat. Zur immerwährenden Erinnerung an dieses folgenreiche Geschehnis, das ja auch den Bau dieses monumentalen Domes, eines der schönsten Kunstwerke in unserem an Kirchenkunst¬ werken reichen Vatcrlande, veranlaßt hat, wird heute die kunst- vollendete, dort oben auf dem Jmmakulata-Altare in der am 29. September 1869 eingeweihten Votivkapelle aufgestellte Marienstatue feierlich gekrönt werden. Demnach begehen wir, Vielgeliebte im Herrn, in diesem wundervollen Tempel ein ganz einziges Fest: heute am Beginne des sonnigen, wonnigen Maimvndes wollen wir der unbefleckt empfangenen Maikönigin die größte Ehre erweisen; wir wollen ihre Statue mit der Ehrcnkrone schmücken. Diese Krönung ist der äußere Ausdruck der Ehrung, die wir der Herrin der Welt erweisen. Das marianische Jubelfest wird sonach zum Krönungs- fefte, und das ist die Krone der heutigen glanzvollen, allen Teilnehmern gewiß unvergeßlich bleibenden Festlichkeit. Schon bei den alten Griechen und Römern war der Kranz die höchste Auszeichnung für den Sieger im öffentlichen Wettkampfe. Gewunden war er aus Ölzweigen, Myrtenreisig oder Lorbeerblättern. Da zu Königen nur die Tugendhaftesten v und Tatkräftigsten gewählt wurden, war die Krvne allgemein das Sinnbild der königlichen Tatkraft, Würde und Machtfülle. Auch den Juden war die Krone das Kennzeichen des höchsten Ehrenpreises: Die Gerechten, heißt es im Buche der Weisheit, werden eine Krone der Schönheit ans der Hand des Herrn empfangen. (8np. 5, 17.) Der unüberwindliche Soldat Christi, der auserlesene Weltapostel Paulus, hat den Kranz, den sich der Streiter im leiblichen Kampfe errang, auf den Kranz, den sich der Christ¬ gläubige im geistigen Wettkampfe erwirbt, angcwendct. Der heidnische Athlet mühte sich ab um den verweltlichen Kranz; der christlichen Kämpfer wartet aber die unvergängliche Krone. Wie der Sieger in: öffentlichen Kampfe aus der Hand des Schiedsrichters den Ehrenkranz erhielt, ähnlich wird der gute Krieger Christi vom ewigen Richter die Krone der himmlischen Herrlichkeit empfangen. (I. 6or. 9, 24. 25.) In diesem Sinne preist St. Jakobus der Jüngere, dessen Fest wir heute be gehen, den M a n n s e li g , d e r d i e A n f e cht n n g b e st e ht: denn wenn er bewährt erfunden ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, (llne. 1, 12.) In Anbetracht dieses von den Aposteln gewählten Bildes: was Wunder, daß die Christen frühzeitig anfingen, sich der Kränze und Kronen als Kennzeichen des Sieges und Triumphes zu bedienen, und auf den Gräbern von Blutzeugen und Be¬ kennen: Kränze von Efeu, Lorbeer, Palmen, Blumen und edlen Metallen als Symbole des Sieges und der Himmels- krvne anznbringen? Heute nun ward eine goldene, mit Diamanten und anderen Edelsteinen und mit zwölf funkelnden Sternen geschmückte Krone geweiht und der allzeit makellosen Jungfrau Maria gewidmet. Doch wie? Gebührt der Magd des Herrn dieses Z eichen der königlichen Geburt, der Siegesehre, der Würde, der Machtvollkommen¬ heit? Diese bedeutungsvolle Frage will ich unter steter praktischer Anwendung auf unser christliches Leben, ans unser ewiges Seelenheil bündig beantworten. Norad bitte ich demütigst die von Sonnenstrahlen um¬ flossene, auf dem Monde stehende und mit zwölf Sternen gekrönte Himmelskönigin nm ihre allvermögcnde Mrsprache, wie auch das heilige Apvstelpaar Philippus und Jakobus und den großen Märtyrerbischof von Cilli, St. Maximilian, den Patron der Linzer Diözese, um ihre Fürbitte, auf daß ich unter dem Beistände des heiligen Geistes allein mir zur Glorie Gottes, zur Lobpreisung der unbefleckten Blutter und zu unserer Seelen Seligkeit predige! ko Zinn oooli, lastare! ^Iloluia! Freue dich, o Himmelskönigin! Alleluja! Geliebkeste Marienverehror! Dem königlichen Sprossen die Krone. Wenn dem so ist, dann gebührt die Krone auch Maria, der schönsten Krone der Schöpfung. 1. Die hehre Jungfrau von Nazareth war königlicher Abstammung. St. Matthäus, der wie ein zweiter Moses die Bücher des neuen Bundes einleitet, und St. Lukas, der Marien maler, wenn nicht ihrem Äußeren, so doch ihrem Inneren, dem Herzen nach: diese beiden Evangelisten überlieferten uns den Adelsbrief Mariä, das ist die lange Reihe ihrer Ahnherren und Ahnfrauen aus den vornehmsten Stämmen Israels. Dort oben das große Mosaik-Blendfenster zur Evangelienscite der Votivkapelle enthält diese bildliche Darstellung. Maria war die letzte, aber auch schönste Blüte des Davidschen Kvnigsstammes. Zum treuen Hüter und Beschützer hatte sic auch einen könig¬ lichen Sprossen, den gerechten und lilienreinen St. Josef. Und nach ihrem Kinde suchten und fragten die heiligen Dreikönigc aus dem Morgenlandc als nach d c m geborenen König e. Glattk. 2, 2.) Demnach gebührt Mariä die Königskrone. Vielgeliebte im Herrn! Wir alle sind vom hohen und höchsten Adel, dessen Stammbaum zurückgeht bis auf Gott 9 den Herrin Der Schlußsatz des Geschlechtsregisters Christi nach St. Lukas gilt von jedem aus uns: Hs ui kuit Läam, gui kuit I)si. Und dieser ist ein Kind Adams, und dieser ist Gottes. (Uno. 3, 38.) Ja, unser Stammbuch reicht hinauf bis zum himmlischen Vater, dessen Kinder bis zum Sohne Gottes, dessen erlöste Brüder, und bis zum heil. Geiste, dessen Gesalbte wir sind. Von dieser unseren hohen Abkunft schreibt der heil. Apostelfürst Petrus: Ihr seid ein a n s e rwä h l t e s G e s chl e ch t, e i n kö n i g l i ch e s P r i e ster- tum, ein heiliges Volk, ein Volk des Eigentums, — durch Christi Blut erworben — aufdaßihrdieTugen- d e n d e s s e n v e r kü n d e t, der e n ch a u s d e r F i n st e r n i s zu seinem wunderbaren Lichte berufen hat. (I. Uotr. 2, 9.) Bewahren wir uns rein und unversehrt den übernatür¬ lichen Adel unserer Seele, löschen wir das Ebenbild Gottes in derselben nicht aus, verwirken wir durch die Todsünde unsere Kindschaft Gottes nicht, dann wird unser Ehrenlohn sein die ewig schöne Himmelskrone. 2. Dem Sieger die Krone. Und Maria ist die die Männin, ist die dem schuldbeladenen Menschcn- paare im Paradiese vorhcrverheißene Fran, die der Höllen¬ schlange den Kopf zertreten (6on. 3,15), die des Satans und seines Anhanges Macht vernichtet hat. Dies geschah gleich im ersten Augenblicke ihres Daseins, da sie durch eine besondere Gnade Gottes im Hinblicke auf die Ver¬ dienste Jesu Christi, d.xs Erlösers der Menschheit, von jeglicher Makel der Erbsünde frei bewahrt wurde, welche geheimnisvolle, immer geglaubte Wahrheit seit dem 8. Dezember 1854 streng verbindliche Glaubenslehre ist, die ivir unter dem sonstigen Verluste der kirchlichen Gemeinschaft und somit der ewigen Seligkeit als von Gott geoffenbart fest und standhaft in Wort und Werk anerkennen und bekennen müssen. 10 Fürwahr, da die allerheiligste Dreifaltigkeit in ihrer un¬ endlichen Barmherzigkeit den mit der Erbsünde behafteten Menschen zn erlösen beschloß und zu diesem Zwecke die zweite göttliche Persou die menschliche Natur annehmen wollte, so ist es hellklar, daß jene, die sich der Sohn Gottes zu seiner Mutter erkoren, nicht um eine Gedankenlänge im Zustande der Erbschuld, unter der Gewalt des Sündenvaters gewesen sein durfte. Jederzeit mußte in vollem Umfange von Maria das Schriftwort gelten: Ganz schön bist du und eine Makel ist nicht au dir. (Laut. 4, 7.) Kein Wunder, daß Mariä die zuvorkommende Erlösungsgnade von dem Bewahrtbleiben von der Erbsünde auch der himmlische Erzbote Gabriel in seinen ewig denkwürdigen Begrüßungsworten zuerkannt: Sei gegrüßt, du voll der Gnade, der Herr ist mit dir, du bist g e b e n e d eit unter d e n W e ib e r n! (Ime. l, 28.) Maria, als die Gnadenvolle im Auftrage des Allerhöchsten begrüßt, mußte die Fülle der Gnaden besitzen, demnach auch von der Erbsünde stets unbefleckt geblieben sein, weil ihr ansonsten ein vorzügliches Gnadengeschenk fehlete und sie somit nicht die Gnadenvolle wäre. Maria ist gleichwie nicht nach dem Sündenfalle, sondern vor demselben in paradiesischer Reinheit, Heiligkeit nnd Ge rechtigkeit geboren. Die umwillen der Erlösungsverdienste ihres göttlichen Sohnes unbefleckt empfangene Jungfrau Maria war nie eine Sklavin des Fürsten der Finsternis, sondern sie war stetsfort seine Ü b erw i n d e r i n , B e s i e g e r i n und Herrin. Darum gebührt ihr die Sieges krone, und gilt von ihr das im Buche der Weisheit von der Keuschheit gesagte Wort: Inp6ip8kuuweoroug.t3.triumpkut. Ewigtrium phiert sie mit der Siegeskrone. (8ap. 4, 2.) Dieser ganze großartige Dom ist eine wundervolle Illu¬ stration oder Beleuchtung der feierlichen Verkündigung des von Gott geoffenbarten Glaubenssatzes von der unbefleckten Emp fängnis. Dort oben das wunderschöne linke Glasfenster der Votivkapelle versinnlicht uns die dogmatische Definierung dieses 11 geheimnisvollen Glanbensnrtikels: Die segnende Hand des hi m m tischen Vate r s ruht darüber. Am vorderen Giebelfelde des Hochaltar-Baldachines sehen wir St. Joachim nnd St. Anna, wie sie um ein Kind beten und dieses so gnadenvvlle Kind erhalten. Noch anschaulicher stellt diesen unseren Glaubenssatz dar die Marienstatue dort oben am Giebel des Hochaltar-Baldachines, indem das Christkind vom Arme Mariens aus mit einem oben bekreuzten Speere den Kopf der zu Füßen der Mutter Gottes sich windenden Schlange durchsticht. Teuerste im Herrn! Uns ist die außerordentliche Gnade des beständigen Freiseins von der Sündcnschnld Adams nicht zuteil geworden. Wir alle unterlagen dem Gesetze der Erbsünde, das vor beinahe dreitausend Jahren ein Hirt und König in die Worte des ergreifenden Miserere-Psalmes kleidete: Siehe denn, ich bin in Ungerechtigkeit empfangen; und in Sünden hat mich meine Mutter empfangen! i?8. 50, 7.) Allein der allgütige Gott hat es so geordnet, daß wir von dieser Sündenmakel durch das heilige Taufsakramcnt gereinigt worden sind. O sorgen wir für die Unversehrtheit der heiligen Taufunschnld! Hüten wir uns vor der Sünde, die der allheilige Gott so verabscheut, daß er seinen Sohn nur aus einer vollkommen unversehrten, makellosen und sünden¬ freien Jungfrau wollte geboren werden lassen. Ans dem un¬ versöhnlichen und unansgleichbaren Gegensätze zwischen Gott und der Sünde folgt für uns die unabweisliche Pflicht, dem Sündcnübcl, als dem größten der Welt, sorgfältigst aus dem Wege zu gehen; hingegen aber auf dem königlichen Pfade der Tugend immer weiter nnd weiter zu schreiten. Ist ein Unglücklicher unter uns, dessen Seele von der Todsünde bemakelt ist, o er schwinge sich wie der Adler zur Höhe empor, und hange nicht an der Erde wie die Schlange und fresse nicht Staub; er benütze die Heilszeit der heiligen Mission, die in diesem der Zuflucht der Sünder ge¬ weihten Tempel abgehalten werden wird! Er reinige durch den 12 reumütigen Empfang des heiligen Bußsakramcntes seine un¬ sterbliche, durch das kostbare Blut Christi erlöste Seele von der Sündenmakel, wodurch er auch noch des vollkommenen Missivusablasses teilhaftig wird. O, daß wir doch alle, wie Maria ohne Sünde in die Welt trat, wenigstens ohne Sünde aus der Welt scheiden! Ewiglich werden wir dann triumphieren mit der Siegeskrone. (8ap. 4, 2.) 3. DerTugenddieKrone. Maria erhielt eine Fülle von Gnaden, die sie in voller Kraft wirken ließ und selbst mit ihnen mitwirkte, wodurch ihr Leben ein Wunder der Heiligkeit wurde, da es alle Augenblicke durch ein Tugendwcrk ausgezeichnet war. Und da Maria mehr Gnaden empfing als die anderen vernünftigen Geschöpfe, und da keine Gnade in ihr unfruchtbar und unbenützt blieb, so kann man nicht zweifeln, lehrt St. Johannes der Goldmund, der König der christlichen Beredsamkeit, daß diese unvergleichliche Jungfrau alle Heiligen an Tugend weit übertraf. Sic vereinigte in denkbar höchstem Grade in sich die Frömmigkeit Annas, der Mutter Samuels, die Keuschheit der Susanna, die Kraft Judiths, die Klugheit Abigails (I. UkM. 1, 25 sgg.), die Sorgfalt der Esther, den Glauben der Patriarchen, die Hoffnung der Propheten, die Liebe der Apostel, die Standhaftigkeit der Märtyrer, die Treue der Bekenner, die Unschuld der Jungfrauen. Ja, wahrhaftig, das Leben Mariä gleicht einem Para¬ diesesgarten, in dem die schönsten Blumen blühen und alles mit ihrem Wohldufte erfüllen. Greifen wir aufs Geratewohl hinein in diesen Rosenhag, und sehen zu, ob wir im Leben Mariä jene Tugend im schönsten Flore finden, die da der Anfang des menschlichen Heiles, der Grund und die Wurzel aller Rechtfertigung ist, ohne welche es unmöglich ist, Gott zu gefallen und zur Ge¬ meinschaft seiner Kinder zu gelangen. (Ooiw. ll'rill soss. VI. eup. 8. cko iu8titicmtion6.) In der heutigen, so glaubens schwachen, ich will nicht sagen, glaubenslosen Zeit sollte diese 13 Grundtugend im Leben Mariä öfters aufgezcigt und besser beherzigt werden. Maria übte sich zeitlebens heldenmütig in der göttlichen Tugend des Glaubens. Oder etwa nicht? Wie lebendig mußte der Glaube in Maria gewesen sein, daß sie in dem Kinde, welches sie gebar, in Windeln hüllte und in die Krippe legte, jenen erkannte und anbetete, der vor Beginn aller Zeiten war und in unzugängliches Licht gehüllt ist; daß sie in dem Kinde, welches sie auf ihren Armen trug und an ihren Brüsten säugte, jenen verehrte, der aus den Flügeln der Cherubim und Seraphim ruht uud allen Wesen Leben und Nahrung spendet! Wie stark und fest mußte der Glaube iu Maria gewesen sein, daß sie in dem Kinde, welches vor dem Könige Herodes flüchten mußte, jenen Allherrscher erkannte und ehrte, der Fürstentümer aufrecht hält oder stürzt, der die Schicksale der Völker lenkt und leitet! Und der Knabe Jesus nimmt die Mühen eines niedrigen Hand¬ werkers an, Maria aber erkennt und betet in diesem Zimmer¬ mannslehrlinge jene ewige Weisheit an, die den Plan zum Weltbau erdacht, die das Himmelsgewölbe wie ein Zelt aus¬ gespannt, die Tiefen des Meeres gegraben und die Kräfte er¬ sonnen hat, die das Weltall bewegen. Und nm alles andere ob Zeitmangels zu übergehen, Mariens Sohn schleppt das schwere Kreuz auf Golgvtha und hängt mitten unter zwei Verbrechern anf demselben; verlassen von den Menschen und was das Schrecklichste ist, verlassen auch von Gott. Rief doch Jesus: Mein Gott, mein Gott, w a r n m h a st d umich verlassen? (Nuttll. 27, 46.) Einer seiner Freunde hat ihn verraten und verkauft; ein zweiter ver¬ kannt und verleugnet, und"alle sind geflohen und haben ihn der giftigsten Feindeswut überliefert. Wo ist Petrus, der kurz vorher beteuerte, mit seinem Lehrmeister in den Tod gehen zu wollen? Er ist geflohen, läßt seinen Herrn allein am Kreuze und beweint in irgend einem Verstecke seinen schweren und tiefen Fall. Wo ist Jakobus, der mit seinem Bruder Johannes den Heiland versicherte, daß er mit ihm den Leidenskelch zu 14 trinken vermag. Er ist geflohen und läßt Jesum allein den Leidenskelch bis zur Neige leeren. Die zu Säulen der Kirche ausgewählt wurden, sie wankten und fielen; Maria aber stand wie eine eherne Säule unter dem Kreuze — stabat nmtsr iuxta erueam - unentwegt in ihrem Glauben. In Jesus, dem die Feinde unter Verwünschungen vorgeworfen, daß er sich zum Sohne Gottes gemacht (ckoan. 19, 7), erkannte Maria den Welterlöser, betete ihn an und dankte ihm für die Errettung des sündigen Menschengeschlechtes. O Wunder des Glaubens! Hier erhebe St. Elisabeth wieder ihre Stimme und preise Maria: Selig bist du, die d u g e g l a u b t h a st. (Ime. 1, 45.) O, daß doch uns, Schwach- und Kleingläubige, ein Strahl aus dem Morgensterne träfe, daß ein Funke des Glaubens Mariä in unserer Seele glühte, wie heilsbeflissen, wie eifrig wären wir in der Ausübung guter Werke! Vielfach meint man, daß Maria nur für die christlichen Frauen und Jungfrauen, nicht aber auch für die christkatholischen Männer ein verehrnngs- und nachahmungswürdiges Vorbild sei. Allein Maria ist heroisch, ist heldenmütig in ihrem ganzen Tun und Lassen. Im zarten Alter schon trennte sie sich von den lieben Eltern, weihte sich dem Dienste des Allerhöchsten, gehorchte ihm in der Standeswahl. In heiligem Gehorsam reiste sie von Nazareth über das Gebirge nach Hebron und wieder zurück; reiste nach Bethlehem, flüchtete nach Ägypten, kehrte zurück nach Nazareth, wo sie für ihr göttliches Kind sorgte und arbeitete, von wo sie mit ihm und seinem Pflege¬ vater die gebotenen Wallfahrten nach Jerusalem unternahm. Als Jesus von ihr Abschied nahm, um sein öffentliches Lehr¬ amt anzutreten, da brachte sie beherzt dieses schwere Opfer und verfolgte nur vou ferne die Spuren der öffentlichen Lauf¬ bahn ihres geliebten Kindes. Und als Männer aus Furcht vor der Welt sich verborgen hielten, sehen wir die zarte Jungfrau von Nazareth, wie sie sich offen und frei vor der Welt als Mutter des am Schandpfahle des Kreuzes verlästert Hängenden bekannte. Und als der Gekreuzigte starb, legte sie seinen ent- 15 seelten Leichnam ins Grab nnd glaubte unerschütterlich fest an seine Auferstehung. Nach der Auferstehung und Himmelfahrt des Herrn verharrte Maria inmitten der Apostel im Gebete zur Vorbereitung auf die Herabknuft des heiligen Geistes. Später war sie der Trost und die Stütze, der Rat und die Zuflucht der Apostel in der Ausbreitung der Glaubens- und Sittenlehre Jesu Christi. Sehet da ein erhabenes Vorbild für den christlichen Mann, der sich allüberall bewähren soll als Jünger Christi, in der Familie und Gemeinde, in der Kirche und im Staate. In seinem häuslichen und öffentlichen Leben soll er ohne Furcht vor Hohn und Spott eintreten für den heiligen Glauben nnd für das Leben nach demselben. Das ist der Sieg, der die Welt überwindet: der Glaube. Wer ist es, der die Welt überwindet, als nur wer glaubt, das; Jesus der Sohn Gottes ist. (I. -kann. 5, 4. 5.) Indes, christliche Zuhörer, wollet ihr an Maria ein Muster der heiligen Liebe haben? Ja, ihre Seele glühte vor Liebe zu Gott und zum Nächsten; in dieser flammenden Liebe empfand sie nur eine Freude, Gott anzubeten und die Menschen glücklich zu machen. Verehren wir die Mutter der schönen, weil göttlichen Liebe, und ahmen wir sie nach in der werktätigen Gottes- und Nächstenliebe. Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm. Lasset uns also Gott lieben, weil Gott uns zuerst geliebt hat! Und dieses Gebot haben wir von Gott, daß, wer Gott liebt, auch seinen Bruder lieben soll. (I. 4oun. 4,16. 19. 21.) Suchst du, mein lieber Christ, in Maria ein Muster der Herzensreinheit? Maria hat als erste die Fahne der Jungfrauschaft erhoben. Trotz der in ihrer Heimat herrschenden Sitten nnd Vorurteile und der täglichen Beispiele gelobte sie immerwährende Keuschheit und hielt das Gelöbnis treu nnd genau, so daß sie mit Recht als die Lilie ohne Makel, als die Rose ohne Dornen, als die Königin der 16 Jungfrauen gerühmt und verehrt wird. — Um diese wunder¬ liebliche Tugend: um Reinheit in Gedanken, um Lauterkeit in Begierden, um Keuschheit iu Warten und Werken bitten wir die Jungfrau der Jungfrauen unablässig. Möge in die Familien die Tugend der Unschuld und Keuschheit Einlaß finden und Einzug halten; denn sie ist nach dein Ausdrucke des großen Märtyrerbischofes van Karthago, St. Cyprian: die Zierde der Sitten, der Friede der Gesellschaft, die Ehre und Wonne der Familien. Diese Tugend rettet vor dem Feuer, das Sodoma verzehrt, und erwirbt eine besondere Glvrienkrone. Selig sind, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott anschauen! (Uuttll. 5, 7.) O wie schön ist ein keusches Geschlecht im Tugendglanze; denn unsterblich ist sein Andenken und bei Gott und bei den Menschen ist es anerkannt. Ewig triumphiertes mit der Siegeskrone. (8ap. 4, 1. 2.) Willst du in Maria haben ein Vorbild der Demut? Maria war die demütigste Seele, die je auf Erden gewandelt. Für alles, was sie Großes an sich hatte, schloß sie die Augen und dachte nur an die Niedrigkeit ihres Standes. Die katho¬ lische Kirche wird nie müde werden, jenes hocherhabene Lied zu singen, das Maria beim Besuche ihrer Tante in der Stadt Hebron im Augenblicke ihrer höchsten Begeisterung und Glück¬ seligkeit angestimmt. Und was besingt Maria in diesem lyrischen Ergüsse ihres Herzens? Sie preist die Herrlichkeit Gottes, rühmt die Heiligkeit seines Namens, die Stärke seines Armes, die Weite seiner Erbarmungen, die Treue seiner Verheißungen; sie verkündet Erhöhung der Demütigen und Demütigung der Hohen, Armut der Reichen und Reichtum der Armen. Sie redet auch von sich, aber nur um ihrer Niedrigkeit und Un¬ würdigkeit zu gedenken. Sie weissagt, daß kommende Geschlechter sie selig preisen werden, jedoch nicht ob ihrer Tugenden und Verdienste, sondern weil der Allmächtige so wunderbare Dinge an der niedrigen, kaum beachtenswerten Magd getan. Ja, das Magnifikat, das der deutsche Dichter Herder das einfachste, 17 aber zugleich erhabenste Lied aller Zeiten und Nationen nennt, ist ein ewiges Denkmal der tiefsten Demut Mariens. Jedes Wort und jeder Bers atmet diese grundlegende Tugend. Lieben und üben wir die Tugend der Demut; ohne sic sind wir selbst im Himmel nicht sicher. Luzifer mit seinem Anhänge ist der Beweis hiefür. Gott widersteht den Hoffärtigen, den Demütigen aber gibt er Gnade. Demütiget euch vor dem Herrn, so wird er euch erhöhen! Hine. 4, 6. 10.) Auf alle, die sich Gott ganz und ungeteilt unterwerfen und hingeben, blickt er herab, wie er die Niedrigkeit seiner Magd angesehen und Großes an ihr getan hat. (Ime. 1, 48. 49.) Aus dem Vernommenen kann jedermann erschließen, daß Maria ein Spiegel der Gerechtigkeit, daß sie einWunder der Heiligkeit war. Ehre also, wem Ehre! Ehren aber werden ivir Maria am besten und sie krönen am schönsten, wenn wir ihre leuchtenden Beispiele befolgen, wenn wir ihre Sitten nach¬ ahmen. Mariens Sitten aber sind: Glaube, Liebe, Unschuld, Demut, unbedingter Gehorsam und unbegrenztes Gottvertrauen. 4. Der höchsten Würde die Krone. Maria ist durch die unbefleckte Empfängnis nnd durch ihre Tugendgröße wohl vorbereitet gewesen, um zur höchsten Würde, zu der ein ver¬ nünftiges Geschöpf erhoben werden kann, erhöht zu werden: zur Gottes-Muttcrwürdc. Nuria, äs guu uatus 68t ,k68U8, gui vovutur 0irri8tu8. Maria, von der geboren ward Jesus, der genannt wird Christus. (Nattb. 1, 16.) Und Jesus, ist er nicht der Sohn des lebendigen Gottes, Gott von Ewigkeit, wie sein himmlischer Vater? "Da nun Jesus, der in Gottes Gestalt war und es für keinen Raub hielt, Gott gleich zu sein, sich selbst entäußerte, Kuechtesgestalt annahm, den Menschen gleich und im Äußeren wie ein Mensch erfunden ward (Ubilipp. 2, 6. 7), da er aus Maria Fleisch angenommen und geboren ward, so muß Maria Gottesmutter oder Gottcsgebärerin heißen und sein. Wenn 18 unser Herr Jesus Christus Gott ist, ruft der große Patriarch von Alexandrien St. Cyrillus aus, wie sollte dann nicht die heilige Jungfrau, die den Sohn Gottes geboren, Gottesgebärerin sein? Diese unfaßliche Würde hat Maria auch der Erz¬ engel Gabriel zuerkannt, da er zu ihr sprach: Der Heilige Geist wird über dich herabkommen und die Kraft des Allerhöchsten dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das aus dir geboren werden soll, Sohn Gottes genannt werden. (Ime. 1, 35.) Nach diesen Worten ist der, den Maria vom Heiligen Geiste empfangen und geboren hat, Sohn Gottes; folglich muß auch sic Gottesmutter, Gottesgebärerin sein. Als einige Verwegene diese höchste Ehre Mariä streitig gemacht, nachdem sie zuvor geleugnet hatten, daß Jesus Christus wesensgleicher Sohn Gottes sei, erklärte das berühmte, in einer Marienkirche zu Ephesus im Jahre 43 l gefeierte ökumenische Konzil, daß Maria wahrhaft und wirklich Gottesmutter oder Gottesgebärerin sei, und schloß die kühnen Leugner als unwürdige Kinder aus der Gemeinschaft der Mutter Kirche. Mit unbeschreiblichem Jubel ward diese unfehlbare Ver¬ kündigung von den Gläubigen ausgenommen. Die Männer und Jünglinge von Ephesus geleiteten im Fackelzuge durch die Straßen und Gassen die Konzilsväter in ihre Wohnungen. Die Frauen und Jungfrauen aber zündeten wohlriechende Spezereien an, so daß die Stadt in einer Wolke von Weihrauch eiugehüllt war. Seit dieser Zeit beten die katholischen Christen: Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns! Ist nun Maria die Nuzxnu I)vi Autor, die große Gottesmutter, wie sie Papst Leo XIII. in seinen herrlichen Rosenkranz-Enzykliken gerne nennt, welch erhabene Würde kommt ihr deshalb zu! Als Mutter Gottes ist sie unvergleichlich mehr als alle Fürsten im Himmel und auf Erden. Die höchsten Engel und die größten Heiligen sind bei all ihrer Erhabenheit nur Diener Gottes und zu einem höheren Range können sie es in alle Ewigkeit nicht bringen. Maria aber ist jene Aus- 19 erkorene, die Den in ihrem allzeit keuschen Schoße getragen, den Himmel und Erde nicht umfassen, die Jenen in der Zeit geboren, der vom himmlischen Vater von Ewigkeit her stammt, die da allein zu Jesus Christus sagen kann: Du bist mein Sohn und ich bin deine Mutter. Maria hat ähnliche Rechte wie der himmlische Vater über den eingeborenen Sohn Gottes. .Kann es sür ein Geschöpf eine höhere Würde, einen größeren Vorzug geben? Hier kann man nur in Bewunderung aus¬ rufen: Selig der Leib, der dich getragen, und die Brüste, die du gesogen hast! (Uue. 11, 27.) — Ehre also, wem Ehre! (Uvm. 13, 7.) Recht, daß die Fenster des Hochschiffes die Mutterwürde Mariens behandeln. In, meine Lieben, ich glaube schon, daß wir jene verehren sollen und feiern dürfen, welcher der Sohn Gottes, unser Herr und Heiland Jesus Christus, untertan war. (Iwo 2, 15.) Ansonsten würden wir mit der Mutter auch das Kind verlieren. Mit Maria geht Christus selbst verloren. Daher die betrübende Erscheinung, daß jene, welche Maria die Gottesmutter nicht ehren, an der Gottheit Jesu Christi zu zweifeln beginnen. Ein Wort gibt es in jeder Sprache, welches da ist die lieblichste Harmonie für das Ohr, der leichteste Name für die Zunge, der liebste Gegenstand für den Geist, die süßeste Wonne für das Herz: es ist das Wort Mutter. Sprich das Wort Mutter aus und du denkst an Liebe, Sorgfalt, Aufopferung, an Milde, Verzeihung, Glück, Treue, Vertrauen, Zärtlichkeit, Güte, Nachsicht, Herzlichkeit kurz alles umfaßt dies wunder¬ bar klingende Wort, dessen Zauber man nicht widerstehen kann, alles umfaßt es, sage ich, was dem Menschen lieb und teuer, wert uud angenehm ist. Und diesen schönsten und lieblichsten und zartesten Namen, es trägt ihn auch die göttliche Jungfrau Maria. Als sie der Natur nach Mutter Gottes geworden, wurde sie der Gnade nach auch Mutter der erlösten Menschen, wurde sie auch uusere Mutter. Sohn, siehe deine Mutter (llcmn. 19, 27), sprach Christus vom Kreuze zu seinem Jünger Johannes und zeigte Maria als Mutter allen Gläubigen als 2N ihren Kindern. Zwischen Maria und uns obwaltet also das¬ selbe Verhältnis, wie es besteht zwischen dem Kinde und seiner Mutter. O süßes, o seliges Verhältnis! Wie liebt doch eine Mutter ihr Kind, wie sie für dasselbe sorgt und bangt, wie sie es nicht aus dem Auge läßt Tag und Nacht! Dasselbe gilt in noch viel höherem Maße und Grade von unserer Him melsmutter. Der feurige Marienverehrer St. Franziskus de Negis ward zu einem Sterbenskranken gerufen, der von einer Aus¬ söhnung mit Gott nichts wissen wollte und unbußfertig alle seine Angehörigen zurückwies. Dasselbe versuchte er auch mit dem heiligen Franziskus. Als alles Zureden und Bitten nichts half, zog der fromme Priester ein schönes Marienbild aus seinem Breviere und hielt es dem Kranken hin mit den Worten: Siehe, Maria liebt dich doch! Was, seufzte der Kranke auf, dann kennt sie mich nicht! Sie kennt dich und liebt dich. Dann weiß sie nicht, daß ich ihren Sohn lästerte. Sie weiß es und liebt dich. Dann weiß sie nicht, daß ich das Altarssakrament verunehrte. Sie weiß es und liebt dich. Dann weiß sie nicht, daß ich den Glauben verleugnete. Sie weiß es und liebt dich. Dann weiß sie nicht, daß an meiner Hand unschuldiges Blut klebt. Sie weiß es und liebt dich. — Sprichst du die Wahrheit, o Priester des Herrn? Ja, ich spreche die Wahrheit. Himmel und Erde werden früher vergehen, als das Wort des Herrn. Und der Herr sprach am Kreuze und spricht jetzt zu dir: Sohn, siehe deine Mutter! O Mutter, die mich liebt, o meine Mutter, meine Mutter! Und ein Strom heißer Tränen rollte dem Armen herab über die bleichen Wangen: es waren Tränen aufrichtiger Reue, in der er beichtete, das Liebcssakrament emp fing und an den Füßen gesalbt ward für die Reise in die Ewigkeit. Durch Mariens mütterliche Liebe mit Gott und der Welt versöhnt, starb er friedlich im Herrn. 5. Der königlichen Majestät und Macht die Krone. Sonach gebührt die Ehrenkrvne auch Mariä ob ihrer könig lichen Hoheit und Macht. 21 In der Lauretanischcn Litanei rufen wir Marin an: Königin der Engel, der Patriarchen, der Propheten, der Apostel, der Märtyrer, der Bekenner, der Jungfrauen, aller Heiligen, ohne Makel der Erbsünde empfangen, des hochheiligen Rosen¬ kranzes/ Diese Anrufungen versinnlicht uns der Kapellenkranz, lind im glorreichen Rosenkränze beten wir nicht bloß Jesus, der dich, o Jungfrau, iu den Himmel ausgenommen, sondern auch, der dich, v Jungfrau, im Himmel gekrönt hat. Zur Wahrheit ward die Weissagung Davids, des königlichen Ahnherrn Mariä: Die Königin steht zu seiner Rechten im goldenen Kleide, im bunten Gewände. s?s. 44,10.) Ja, salva, rabina! Sei gegrüßt du, Königin! Als die von Christus gekrönte Königin besitzt Maria im Himmel eine außerordentliche Macht und Gewalt. Auch die Engel und die Heiligen erfreuen sich einiger Macht im Himmel, insoweit als Gott es zuläßt, daß sie nach der Kraft ihrer Für¬ bitte an der Weltregicrung teilnehmen. Unter den Engeln gibt es Herrschaften, Fürsten und Mächte. St. Michael gilt als der Fürst der himmlischen Heerscharen. Darum werden seine Statuen auch gerne gekrönt. Das altehrwürdige Standbild des heiligen Michael in der berühmten St. Michaels-Basilika in Monte Gargano, die ich im Jahre 1897 besuchte, trägt eine herrliche Krone. Und das vielbewunderte St. Michaels-Bild auf dem Berge Sainte Michele in der Normandie ward nm 4. Juli 1874 feierlich gekrönt. — Die heilige Schrift spricht auch von Thronen und Kronen der Seligen. Der göttliche Heiland sprach zu seinen Aposteln: Euch, die ihr mit mir in meinen Versuchungen ausharret, werde ich das Himmelreich bestimmen, wie es mir mein Vater bestimmt hat, daß ihr esset und trinket bei meinem Tische in meinem Königreiche und daß ihr sitzet auf Thronen. (Ime. 22. 28. 30.) Und der Apvkalyptiker St. Johannes sah in seiner Verzückung 24 Throne und auf denselben 24 Älteste, gekleidet in weiße Gewände und auf ihren Häuptern waren gol¬ dene Kronen, (tlpoo. 4, 4.) Wenn nun die Engel und die Heiligen im Himmel so mächtig sind, daß sie auf Thronen sitzen und Kronen tragen, wie ja allen die Gloriole gemeinsam ist, welche Macht und Majestät muß im Himmelreiche Jene besitzen, von der die Kirche am Feste ihrer Himmelaufnahme singt und sagt: Lxal- tata 68t saneta Ost Oonitrix supor eboros anA6- lorum all eoolostia rsAlla! Erhöht ist die heilige Gottesgebärerin über die Chöre der Engel in die himmlischen Reiche! Wahrhaftig, Maria, die Königin aller Heiligen, vermag alles zu erbitten, um was sie bittet. Denn, wie würde der himmlische Vater seiner ersten Tochter, der Sohn Gottes seiner Mutter und der Heilige Geist seiner allzeit unbefleckten Braut eine Bitte abschlagen? Maria ist, um so zu reden, die Allmacht auf den Knieen vor dem Throne der allerheiligstcn Dreifaltigkeit. Dieser so mächtigen, so hoheitsvollen, königlichen Jungfrau also die Kroue. Lr signuin inagnum apparuit in ooolo: Llulior amida solo 6t Inna sul> poclibus eins ot in eapito oius eorona stollarum cluollsoim Und es erschien ein großes Zeichen im Himmel: ein Weib bekleidet mit der Sonne, den Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupte eine Krone von zwölf Sternen, (äpcw. 12, 1.) Papst Pius X. bemerkt in seiner lieblichen Maricu-Enzyklika „Xcl ciiein illuin lastissiinnm« vom 2. Februar 1904 zu dieser Schriftstelle: „Jedermann weiß, daß dieses Weib, welches der heilige Johannes im Himmel erscheinen sah, niemand anderen bedeutet als Maria, die als unversehrte Jungfrau Christus, unser Haupt, geboren." Auf dem Fenster der Epistelseite im Chorschlusse ist der heilige Johannes dargcstellt, wie er obige Worte niederschreibt. Würdig, gerecht und heilsam ist cs also, daß wir uns heute in dieser Königsburg versammelt haben, um die unbefleckt empfangene Königin der Kirche znhöchst zu ehren und zu verherrlichen, indem wir ihre Statue seicrlichst krönen. Wohl altehrwürdig ist der Brauch, Marien-Bildnisse zu 23 krönen. Nach dein Berichte des Bibliothekars Anastasius ließ schon Papst Gregor III. (731--741) aus eine Statue der seligsten Jungfrau eiu Diadem aus Gold setzen. Insbesondere bürgerte sich dieser fromme Brauch ein, als der große Marien- verehrer Graf Alexander Sforza Piacentino ich 1638) in seinem Testamente vom 3. Juli 1636 eine Geldsumme bestimmte, die jährlich aus den Einkünften seiner Güter zu zahlen ist zu dem Zwecke, daß jährlich zwei goldene Kronen besorgt werden, mit welchen das hochwürdigstc Kapitel von St. Peter zwei der ältesten und am meisten verehrten Marienbilder in Rom oder außer¬ halb Roms krönen soll. Infolge dieser noch heute geltenden letztwilligen Verfügung erblickt der Rompilger gar viele und schone, oft mit kostbaren Perlen geschmückte Kronen, die das Haupt Mariä und des Jesukindes zieren?) So ward unter anderem das berühmte Bild der Madonna ) Nosts Virxo Karis, clo kerpewo Lueenrsu. Romso, 1897. Mit. sltors. I'sZ. 48—63. ß 3. 25 dem Haupte und mit dem Zepter in der Hand darstellend) Der Königin der Engel und der Menschen gebührt eben die Krone. Diesem Zuge des menschlichen Herzens folgend, hat auch der Hochwürdigste Oberhirt der hiesigen Diözese für die auf dem Jmmakulata-Altare der Votiv-Kapelle stehende Jmma kulata-Statue eine kostbare Herrscherkrone besorgt. Der große Verehrer der heiligen Rosenkranz-Königin Papst Leo XIII. selbst war es, der in seinem Jubeljahre 1903 das w e rt v o ll e D i a d e m (20.000 X) zum Geschenke machte, das ein österreichischer Meister der Goldschmiedekunst in streng frühgvtischen Formen kunstvoll anfertigte. Die Krone zerfällt in zwei Teile. Den unteren bildet ein goldener Reif, aus dein abwechselnd Rosen und Lilien, die Königinnen des Blumenreiches und Sinnbilder der Liebe und Reinheit Mariens, hervorwachsen. Ilm den Reif windet sich die vom Heiligen Vater selbst bestimmte Inschrift: liso XIII. I'ont. iVlux. äono äsäit — Geschenk Papstes Leo XIII. An der Vorderseite glänzt ein mit fünf Diamanten geschmücktes Kreuz, von dem aus ein Perlenkranz, das Sinnbild des vom erleuch¬ teten Leo XIII. so sehr empfohlenen Rosenkranzes, beginnt und den Rand des Ringes umkreist. Die Rosen und Lilien tragen den zweiten Reif, über dem sich reich verschlungenes Blattwerk rankt, das nach oben in Sternblumen endigt, über denen sechs größere und sechs kleinere Sterne ruhen, durch zierliche Perlen¬ ketten miteinander verbunden, entsprechend den zwölf Sternen der Francnkrone in der Apokalypse. — Nun mit dieser so sinn¬ reichen Krone wird im Namen und im Auftrage Sr. Heiligkeit Papft Pius X. der Hochwürdigste Herr Kardinal Fürsterzbischof von Salzburg die Immakulata-Statue schmücken. Dieser weihe¬ volle Augenblick wird alsbald eintreten. Teuerste, es kommt mir vor, als sehe ich den Diener Gottes, den verewigten Bischof Franz Josef Rudigier, >) Die Krönung Mariens, dargestellt von Rintnrieekio (o. 1500), von Raffael (1503) und von Kinlin Romann (nach 1503). 26 aus seiner Grabesgruft da unten in der Krypta sich erheben und uns in Verklärung zuwinken zu dem heutigen marianischen Jubel- und Krönungsfeste. Die große Seele des großen Bischofcs freut sich im Himmel des heutigen Maitages, an dem die auf Erden gehabten Mühen so herrlich gekrönt werden. Am I. Mai 1862 ward das Fest der Grundsteinlegung zu diesem Gottes¬ hause begangen, und heute, dem l.Mai 1905, ist der Palast für die Maikönigin zum guten Teile anfgebaut. Vor uns steht das heilige Haus, würdig Mariä des goldenen Hanfes, erhebt sich der Dom, von dem man auch sagen kann: Vollkommen schön bist du, und eine Makel ist nicht an dir. Dieses Heiligtum ist ein marmornes '1'6 1l6nm Uuüawus, '16 iVlarism prasämamus, ist ein steinernes Magnifikat, ein Herz- und geistcrhebcnder Hymnus auf die unbefleckt empfangene Himmelskönigin. An seinem Schöpfer erfüllte sich bereits die Seligpreisung im Buche Tobias: Selig, d i e d ich erbanthab e n ! stl'ok. 13, 10.) An den Beförderern, Gönnern und Wohltätern mit ihren Liebesgaben, mit ihren Marienpfennigcn wird sie sich auch noch bewahrheiten. Am Schlüsse nehme ich aber alle die Fahnen und Flaggen, alle die Blumen, Sträuße und Kränze zusammen, flechte sie mit allen unseren heilsamen Entschlüssen und heiligen Vor¬ sätzen - ohne selbe darf ja heute niemand aus diesem Dome gehen - als Ehrenkranz ineinander und lege ihn hin zu den Füßen unserer unbefleckten Mutter, deren Haupt alsbald mit der Ehrenkrone geschmückt wird. Und wie einst die Floren tiner Maria zu ihrer Königin erwählten, ihr den weltberühmten Uuonio (lei kiori erbauten und ihr sodann begeistert hul¬ digten, ähnlich wollen auch wir vor dem Gnadenthrone der Mutter der streitenden, der Helferin der leiden¬ den und der Königin der triumphierenden Kirche erneuern das Gelöbnis hingcbender Liebe, unwandelbarer Treue und unentwegten Vertrauens bis zur Sterbestunde. Zum Zeichen dieses unseres unverbrüchlichen Schwu¬ res wollen wir unsere Königin in Hinkunft eifrigst mit der 27 dreifachen Äwne des hochheiligen Rosenkranzes krönen und uns selbst Tugendkrnnzc winden. Zugleich empfehlen wir der Hilfe der Christen unseren heiligen Vater Papst Pius X. und unseren Landes- Vater, Kaiser Franz Josef I., Allerhöchstwelcher schon zum wwderholtenmale diese Hosburg Mariens besichtigte, serner am Sonntag den 22. Juli 1855 und am Sonntag den 19. Juni 1994, mit glänzendem Hofstaate auf dem Platze „Am Hof" zu Wien bei der Jmmakulata-Votivsüule erschien, um der glorreichen Schutz- und Schirmsrau Österreichs zu huldigen. Wie einst der Engel Kaiser Maximilian von der Martins- wand in die ruhige Ebene führte, so geleite Maria unseren Jubelkaiser durch dieses Tränental in die lichten Höhen des Himmels. Der Mutter der Gnade empfehlen wir auch unser liebes Österreich. Wir bitten sie ferner um ihre mächtige Fürsprache, daß auch fürderhin auf diesen: erhabenen Werke Gottes Segen ruhe, damit es bald und glücklich voll¬ endet werde. Desgleichen möge uns die Königin aller Heiligen die baldige Seligsprechung des Heldenbischofes Franz Josef erflehen, damit in dieser Wohnstätte des Aller¬ höchsten auch ein Rudigier-Altar errichtet wird. Das Kind gehört zur Mutter. Darum Maria, du Liebe unserer Herzen und Seele unseres Lebens, erbitte uns Hirten und unseren Schäflein die Gnade der Gnaden, daß wir alle im Guten standhaft bleiben bis zum Tode, da nur solcher die Krone des Lebens wartet (Xxoe. 2, 10), daß wir mutig kämpfen, unseren Lauf vollenden, den Glauben bewahren; denn hicfür ist uns anfbcwahrt die Krone der Gerechtigkeit, die uns der Herr, der gerechte Richter, geben wird; doch nicht bloß uns, sondern allen, die da lieben seine Ankunft. (II. '1'im. 4, 7. 8.) Christus, wenn es gilt zu scheiden, Laß die Mutter uns umkleiden Mit des Sieges Palmenkranz! Amen. IN Novität! Im Verlage?rehvem'n tim ist erschienen: AMW W Miimgssek'r der ImMMo-SMe im NM Dome m ßiii! am 1. Mar 1W5. Illustriert mit 2 t Bildern, darunter höchst interessante Auf¬ nahmen verschiedener Gruppen des großartigen Festzuges. Preis 40 Heller, mit Pustzusendung 45 Heller. Ferners: 6ve Marig-Kkllencles (kiarer Vombgu-Kalencier) — VOS. — 1. Jahrgang. Redigiert vom Domprediger Jesendorfer, dem weit¬ bekannten Redakteur der Marienzeitschrist „Ave Maria". (Auflage 26.000 Exemplare.) Di- ersten katholische»» Schriftsteller Oesterreichs und Deutschlands haben höchst interessante Beiträge geliefert. Der mit »4 ZZil-eri» geschinirekts Lsalender enthält auch eine in s6 Farben lithographisch hergestellte Auustbeilage. Ureis 6V Heller, mit Usstzufend»»»g 7V Heller.