Sagenbuch aus Österreich 8Z U ZZ und Angarn ZZ ZZ ZZ :: Sagen lmd Volksulärchen :: aus den einzelnen Kronländern und aus den Ländern der Ungarischen Krone Der Jugend erzählt von Leo Smolle Mit sechs bunten Vollbildern und zahlreichen :: Tcxtillustrationen von Will). Roeggc :: Wien — Budapest — Stuttgart Verlag von Levy de Müller in Stuttgart Nachdruck verboten. Alle Rechte, insbesondere das Übersehungsrecht, Vorbehalten. Druck: Lhr. Verlagshaus, Stuttgart. Ihrer Hoheit depw-' durchlauchtigsten Fr-su-Herzogin in tiefster Ergebenheit ehrerbietigst zugeeignet. Sagenbuch aus Österreich und Angarn Inhalt Seite Vorwort .. Erster Abschnitt. Sagen aus Wien und Niederösterreich. Der Turm von St. Stephan (Wien). I Die Spinnerin am Kreuz (Wien) . Der Klagbaum (Wien). Der Stock im Eisen (Wien) . Der Teufel und die Bognerin (Wien). Der Lungelbrunnen (Wien). 24 Küß den Pfennig (Wien). Der Basilisk (Wien). Das Donauweibchen (Donausage). 40 Kruzimugeli (Niederösterreich). 42 Das tapfere Schneiderlein (Niederösterreich).. Zweiter Abschnitt. Sagen aus dem Alpengebiete. Der Mondsee (Oberösterreich).. Das arme Geigerlein (Oberösterreich). 5? Der Springerwirt von Eferding (Oberösterreich). 50 Frau Litt (Tirol).-.0(> Der Rosengarten (Tirol). 02 Der schlaue Zillertaler (Tirol). 04 Das Wildfräulein-Kraut (Tirol). 08 Das wunderbare Wägelchen (Tirol) .?i Der Almputz und die Kinder (Tirol). 74 Das Venediger Männlein (Tirol). 2/ Der dumme Lansl und die Königstochter (Tirol).00 Die drei Schwestern von Frastanz (Vorarlberg). 8Z Die Glücksblume (Salzburg). Oo Das Lüterbüblein im Antersberg (Salzburg) 08 Der erste Lichtenstein (Steiermark). Der Wassermann vom Lepoldsteinersee (Steiermark) ... 06 Die bestrafte Neugierde (Steiermark). 98 Das Kind und der böse Geist (Steiermark). loo Das Natterkrandl (Steiermark). ItN Die drei Müller (Steiermark). ,0g Der Ahornbaum (Kärnten). II0 Eine Triglavsage (Krain). 118 Vlil Inhalt Dritter Abschnitt. Sagen aus den Sudeten- und Karpathenländern. Seite Di: drei Spinnerinnen (Böhmen) Die Perlenschnur (Böhmen) ^2 Die Zwergenhöhle im Borschen (Böhmen) Der Rosenplatz (Böhmen).^6 Die Seerose (Böhmen) . Die Hausgeister (Böhmen) ^0 Der Wassermann (Böhmen) Das Wunschfläschchen (Böhmen) Die Mazocha (Mähren) Der Zwergkönig Apella (Mähren) Zwei Burgsagen aus Mähren: 1. Burg Eichhorn 2. Schloß Pernstein Das goldene Osterei (Schlesien) ^0 Der Salzbergfelsen (Schlesien) Der schwarze Berg (Galizien) '00 Der Tränenkrug (Galizien) Vierter Abschnitt. Sagen aus Angarn. Der goldene Kirchturmknopf von Körösfö (Ungarn) lb^ Marsi (Angarn) '08 Die Zauberrosse (Ungarn) Aschenbrödel (Ungarn) Das Hirsekorn (Siebenbürgen) Der Erbsenfinder (Siebenbürgen) Fünfter Abschnitt. Sagen aus den südslawischen Ländern. Die Mutter und ihr dummer Sohn (Kroatien) l94 Die Brücke (Kroatien) ' Die Vila und der Jüngling (Kroatien) E Die böse Schwiegertochter (Kroatien) Die Land im Grabe (Kroatien) Zlatumbeg (Bosnien) "0? Der Schatzsucher (Dalmatien) Zwei Tiersagen (Bosnien und Herzegowina): 1. Der kranke Löwe . . . 2. Der Fuchs und der Kater Vorwort. hört nicht gern Sagen und Märchen erzählen? Besonders die Jugend, die Welt der Kleinen, deren Phantasie so empfänglich und die so lüstern nach Neuem und Seltsamem ist, hascht mit Lust nach dem goldenen Schlüssel, der ihr das Wunderreich der Sage aufschließt. Da erstehen die alten Städte wieder mit ihren hochgiebligen, erkerreichen Läufern und den engen Gassen, in denen seltsame Menschen in altertümlichen Trachten wandelten und so krause Dinge sich zutrugen. Da erheben sich die Burgen in ihrem alten Glanze; es klirren die Waffen der Gewappneten im Lose; es er¬ tönt des Spielmanns Lied in der Lalle und durch die finstern Gänge schleicht um die Stunde der Mitternacht die Ahnfrau des Laufes. Da schlingen die Elfen im Silber des Mondes ihren zarten Neigen auf der Waldwiese. Da hämmern putzige Zwerge mit roten Kapuzen und langen Bärten im Schoße der Berge und weisen manchem glücklichen Sonntagskinde die gleißenden Schätze, die in ihrem Reiche aufgestapelt sind. Da fliegen Zauberrosse über die Leide und tragen die Leiden zu Glück und Ruhm. Da funkelt und schimmert cs von Herrlichkeiten aller Art. Da ist der X Vorwort Limmel offen und die Tore der Felsen springen auf, wenn man das Zauberwort kennt. Das ist das Reich, in dem die Kinder sich wohl fühlen. Süßer Schauer durchrieselt sie und himmlische Wonne erfüllt ihr Lerz, je nachdem Frau Sage ihr Saitenspiel zu ernsten Tönen oder zu heitern Weisen stimmt. Aber auch der Erwachsene, ja selbst der Gelehrte lauscht gern den Sagen und Märchen des Volkes. Spricht doch in ihnen sich am besten das Wesen und der Charakter, das Sinnen und Fühlen des Volksstammes aus, dem sie entsprungen sind und in dessen Äeimat sie ihre Wunderblüten entfaltet haben. Kein Reich ist so ausgezeichnet durch die Verschiedenartigkeit seiner Bewohner, durch die Mannigfaltigkeit seiner Sitten und Ge¬ bräuche wie die österreichisch-ungarische Monarchie. Es hat daher einen ganz besonderen Reiz, den Sagen und Märchen zu lauschen, wie sie in den einzelnen Ländern dieses Staates im Munde des Volkes leben. Wie verschiedenartig ist das Empfinden und Denken seiner Volksstämme! Welche Fülle eigenartiger Sagen schuf der Volks¬ geist in dem großen Ländergebiete, das sich von den Waldkuppen des Riesengebirges bis zum sonndurchglühten Felsgewirr des Karstes, von den Gestaden des schwäbischen Meeres bis zu den Buchen¬ wäldern des Ostens ausbreitet! Wenn ich es unternommen habe, aus dieser berauschenden und berückenden Fülle lieblicher und ernster Volkssagen einige auszuwählen und sie in ein Gewand zu kleiden, das vor allem die Jugend ansprechen soll, so glaube ich nicht nur des Dankes der jungen Leser versichert zu sein; ich glaube auch eine ernste Pflicht gegen mein Vaterland erfüllt zu haben, das man um so wärmer Vorwort XI lieben muß, je mehr man das reiche und so vielgestaltige Gemüts- leben kennen lernt, wie es sich in den Sagen seiner Bewohner widerspiegelt. Der Kreis unserer Sammlung beginnt mit dem Turm zu St. Stephan, dem alten, hochverehrten Wahrzeichen der Kaiser¬ stadt, das jeder Wiener in sein Lerz geschlossen hat. An diese alte Münstersage schließen sich andere Sagen Wiens, die Zeugnis ablegen, mit welcher Liebe und Treue der Wiener an den alten Denkzeichen und Straßennamen festhält und mit welchem Schiminer der Poesie das Stadtleben Wiens verklärt ist. Leiters Volkssagen aus Niederösterreich reihen sich diesen Stadtsagen an. Lierauf breitet die Majestät der Alpenwelt ihren Zauber vor uns aus und erzählt uns von den „Saligen Fräulein", den freundlichen Beschützerinnen einsamer Lirten und Bergbewohner. Das Wunderreich der Sage erblüht iin Kranze der himmelauf¬ ragenden Gletscher in ganz besonderer Pracht. Arm und dürftig lebt der Bewohner der Sndetenländer da¬ hin und seinem Fleiße entsprießt oft nur kärglicher Gewinn. So träumt denn das Volk mit besonderer Vorliebe von herrlichen Schätzen, die gütige Zwerge im Innern der Berge behüten und zu¬ weilen den Menschenkindern erschließen, wenn die Not am größten und die Sorge am bittersten ist. Über Ungarns Pußten saust der kühne Reiter dahin und in seinen fruchtschweren Ebenen ist oft Übermut und Üppigkeit zu Lause. Dies spiegelt sich auch in seinen Sagen wider. Der ernste Sachse des Siebenbürgerlandes liebt nichtsdestoweniger heitere Laus- und Wandermärchen. Und die Bewohner der südslawischen Landschaften erfreuen sich an Sagen von Leiden und Räubern und an derbkomischen Übertreibungen menschlicher Gebrechen. XII Vorwort Mit ihnen schließt der Ring unserer Sagen, der zuweilen in überirdischem Glanze funkelt, zuweilen im stillen Feuer echten Goldes leuchtet. So sei denn diese Sammlung österreichisch-ungarischer Volks¬ sagen, die von der Verlagshandlung in ein reizendes Gewand ge¬ kleidet wurde, vor allem der Jugend dargeboten. Möge sie daran dieselbe Freude haben, die dein Verfasser die Erzählung all dieser oft tieftraurigen, oft heiteren und lieblichen Geschichten bereitet hat. Wien. vr. Leo Smolle. Erster Abschnitt. Sagen aus Wien und Niederösterreich. Der Turm von St. Stephan. (Wiener Sage.) ^IV^^eit ragt er in die Lande hinaus, der altehrwürdige Turm des herrlichen St. Stephansdomes in Wien, der liebe alte „Steffel", wie ihn der Wiener zärtlich benennt. Fast von allen Seiten ist seine schlanke Spitze sichtbar, wenn man sich der Kaiserstadt an der Donau nähert. Er ist wohl das schönste und liebste Wahrzeichen Wiens und wird von jedem Wiener, der längere Zeit in der Fremde lebte und wieder in seine Vaterstadt zurückkehrt, mit inniger Freude begrüßt. Er ist sozusagen die Seele der Wienerstadt, und alt und jung, groß und klein hat ihn ins Kerz geschloffen. Ursprünglich sollte er nicht allein stehen; doch sein Nachbar an der Nordseite des Münsters blieb nur ein Turmstumpf mit einem plumpen Dach, das man ihm später aufgesetzt hatte. Wieso dies kam, darüber erzählt die Sage folgendes: Kans von Prachatitz, der Baumeister zu Sankt Stephan, hatte einen Gesellen, Kans Puchsbaum; er war ein munterer, fleißiger Arbeiter, unter dessen geschickten Länden der Bau des zweiten Turmes rasche Fortschritte machte. Ebendeshalb aber haßte ihn der Meister, ein finsterer, strenger Mann, wohl aus S m o lle, Sagenbuch. I 2 Sagen aus Wien und Niederösterreich. Furcht, daß der Ruhm seines Wirkens durch den Gehilfen in Schatten gestellt werden könnte. Dieser war arglosen Gemütes und sein junges Herz hatte eine zarte Neigung zu dem holdseligen Töchterlein seines Meisters, Marie, gefaßt. Auch das Mädchen sah den schmucken Gesellen mit den offenen, treuherzigen Augen und den dunkelbraunen Ringel-- locken, die über den Nacken sielen, gern. So trat denn Hans Puchsbaum eines Tages vor den Meister hin und bat ihn um die Land seiner Tochter. Dieser aber sagte in höhnendem Tone zu ihm: „Du bist ein geschickter Arbeiter, Hans. Wenn du den zweiten Turm des Münsters in kürzester Zeit vollendest, so sei Marie die deine; bis dorthin aber schlage dir das Mädchen aus dem Sinne; ich will dafür sorgen, daß du sie nicht zu Gesicht bekommst." Wer war trauriger als Hans? Alle Munterkeit war von ihm gewichen; denn die Vollendung des Turmes war wohl das Werk mehr als eines Menschenalters und Marie also für ihn auf immer verloren. Wie er nun so, in düsteres Sinnen versunken, auf dem Ge¬ rüste saß, sah er plötzlich ein schwarzgekleidetes Männlein vor sich, das ihn mit blitzenden, messerscharfen Blicken maß. „Wenn du meine Hilfe nicht verschmähst," sagte das Männ¬ lein, das niemand anders als der böse Geist selbst war, „so magst du wohl den Turm in kürzester Zeit bis zur Spitze aufbauen; nur mußt du deine Seele mir verschreiben und darfst den Namen Gottes, der Jungfrau Maria oder eines Heiligen niemals nennen. Sonst ist alle Arbeit umsonst und der Turm wird in alle Ewigkeit unvollendet bleiben." Der betörte und verblendete Geselle versprach alles und das Werk schritt wunderbar vorwärts. Schon näherte sich der Bau der Spitze und voll stolzer Freude sah Hans eines Tages, als sich schon die Schatten des Abends auf den Platz vor dem Dome zu breiten begannen, von der Höhe seines Gerüstes auf den ein¬ samen, menschenleeren Platz. Da war es ihm, als ob eine weiße Gestalt aus dem Schatten träte und der Kirche zuschritte. Er meinte in dieser weißen Gestalt Die Spinnerin am Kreuz. 3 Marie, seines Meisters Tochter, die er nun schon seit Monden nicht gesehen hatte, zu erkennen, und übermannt von seiner Liebe, rief er laut ihren Namen Marie hinunter. Da wankte plötzlich das Gerüst; eine eiserne Faust umklammerte den Lals des unglücklichen Gesellen und sausend stürzte er in die Tiefe; hinter ihm brach der Bau mit furchtbarem Getöse zu¬ sammen. Nur ein Stumpf blieb noch von dem schlanken, stolzen Turm übrig. Niemals wagte man es seither, den Bau wieder in Angriff zu nehmen. So kam es, daß heute nur der eine Turm in seiner maje¬ stätischen und doch so zierlichen Schönheit über das Läusergewirr der Stadt emporragt, staunend bewundert und freundlich begrüßt von allen, die Wien lieben. Und wer liebte sie nicht, die schöne, große Kaiserstadt an der Donau, die im Ruhme einer uralten Geschichte erstrahlt und mit den Blumenkränzen holder Sagen geschmückt ist. -W> Die Spinnerin am Kreuz. (Wiener Sage.) ^^er sogenannte „Salzgrieß", das Donauufer im alten Wien, wo die Salzschiffe landeten, die von Oberösterreich kamen, wimmelte heute von Menschen. Ein stattliches Schiff lag vor Anker mit bunten Wimpeln, die mit dem Zeichen des Kreuzes geschmückt waren. Ritter in glänzenden Rüstungen, mit flatternden Lelmbüschen und wehenden Mänteln, aus denen ein Kreuz aus rotem Tuch genäht war, ritten über die Landungsbrücke aufs Schiff, Geistliche und Mönche folgten und viel Knappen und Troßbuben; denn die Abfahrt des Schiffes stand bevor. Einer der Ritter zögerte aber noch immer; er stand mitten in der schaulustigen Menge, die dichtgedrängt der Abfahrt des Schiffes entgegenharrte und jedem Ritter mit lautem Leilgruß zujubelte. 4 Sagen aus Wien und Niederösterreich. An der Brust des Ritters lag eine junge Frau, deren Tränen reichlich stossen und von der sich unser Edelmann, wie es schien, nicht zu trennen vermochte. Über dem Kettenpanzer hing auch ihm der weiße mit dem Kreuz gezierte Mantel und aus dem schweren Topfhelm quoll ihm blondes Gelock in Ringeln auf die Schulter. Jetzt teilten Troßknechte die Menge, die ehrfurchtsvoll zur Seite wich und einem hochgewachsenen Manne Platz machte, auf dessen eng anliegendem Wamse das Wappen der Babenberger in der Frühsonne leuchtete und der mit Hand und Blick die Menge begrüßte. „Heil unserm Herzog!" erscholl es jetzt tausendstimmig aus der Menge, „Heil Herzog Leopold! Und kehrt reich an Ruhm und Ehren aus dem Morgenlande heim!" Es war Herzog Leopold der Glorreiche, den die Menge so freudig begrüßte, der Liebling der Wiener, Österreichs hochgeehrter, wackerer Fürst. Er hatte schon bei dem Besuche des Kaisers Friedrich Barbarossa in Wien im Jahre 1189 die Kreuzfahrt gelobt, war aber damals durch die Angelegenheiten seines eigenen Landes in Österreich zurückgehalten worden und wollte nun sein Gelübde erfüllen und dem greisen Kaiser ins Heilige Land folgen. Ihm nach drängte der Troß der Ritter, die noch am Strande zurückgeblieben waren. Auch für unfern blondgelockten Reisigen gab es nun kein Säumen mehr. Er riß sich mit Gewalt von seinem jungen Weibe los. „Bleib mir treu, Gertrudis," flüsterten seine zuckenden Lippen, „und mögen auch Jahre verstreichen, bis ich wiederkehre." „Oswald," erwiderte mit tränenerstickter Stimme die junge Frau, „ich werde deiner Rückkunft mit heißer Sehnsucht entgegen¬ harren, und wenn auch das Gold deiner Locken sich ins Silber des Alters gewandelt haben sollte, eh' du wieder in die Wiener Stadt zurückkehren wirst. Gott wird mich stärken und nicht zu¬ lassen, daß du im fernen Morgenlande verderbest. Mir sagt's mein Herz, du kehrst zurück in die Arme deiner Frau, die dir Treue und Liebe bewahren wird bis ans Ende ihrer Tage." Als einer der letzten bestieg Herr Oswald von Hindberg das 5 Die Spinnerin am Kreuz. Schiff, das sich alsbald unter dem brausenden Jubel der Menge in Bewegung setzte, während ein frischer Wind vom Kahlenberg her die Segel blähte und all die bunten Wimpel und Fähnlein im Golde der Junisonne, die vom blauen Himmel niederstrahlte, lustig glänzten und flatterten. Die Menge hatte sich langsam verzogen, aber noch lange wehte ein weißes Seidentüchlein dem abziehenden Schiffe entgegen, das nur noch wie ein dunkles Pünktchen in der Ferne verschwebte. Das Tüchlein aber schwenkte Frau Gertrudis, die noch imnier wie festgewurzelt auf dem Platze am Gestade stand und in die Ferne starrte. Auf der flachen Höhe des Wienerberges, von der man Wien zu Füßen liegen sieht, stand damals ein schlichtes Holzkreuz, das auf die Wiesen und Felder, die sich zu jener Zeit noch rings um Wien ausbreiteten, und auf das kleine, engumwallte Städtchen herabblickte und an dem manch müder Wandersmann, der zu den Toren Wiens hinabstieg, seine Andacht verrichtete. Manch Jährlein war schon verstrichen, seit das stolze Schiff des Herzogs Leopold Wien verlassen hatte, um donauabwärts dem Heiligen Lande entgegenzufahren. Aber Tag für Tag saß am Fuße dieses Kreuzes eine Frau, auf deren Gesicht noch anfangs ein Abglanz freudiger Erwartung lag, deren Züge aber im Laufe der Zeit immer bleicher und kummervoller wurden und in deren braunes, weiches Haar sich immer reichlicher die Silberfäden der Sorge und des Alters zu verweben begannen. Sie hatte stets den Spinnrocken im Arme und unausgesetzt drehten ihre feinen, abgemagerten Finger den Faden zu kunstvollem Gespinste. Sie hatte gelobt, an der Stelle des alten Holzkreuzes ein schönes steineres Denkmal errichten zu lassen, wenn ihr hei߬ geliebter Ehegemahl, der mit den Kreuzfahrern ins Heilige Land gezogen war, lebend wieder zurückkehre. Doch sollte das Denkmal aus keinem andern Gelds zustande kommen als aus dem, das der Fleiß ihrer spinnenden Hände und die milden Gaben vorüber¬ ziehender Wanderer ihr zusließen ließen. Deshalb hatte die Frau auch ihr kleines Schlößchen verlassen 6 Sagen aus Wien und Niederösterreich. und war in eine Lütte auf dem Wienerberg gezogen. Tagsüber aber saß sie vom ersten Strahl der Morgensonne an, der am Limmel emporleuchtete, bis zum verglimmenden Purpur des Abends, der die Lohen des Wienerwaldes umsäumte, am Fuße des Lolz- kreuzes, und selbst wenn der Regen niederprasselte oder der Wind ums morsche Kreuz sauste und die Glut der Blitze es in Feuer¬ schein hüllte, saß die „Spinnerin am Kreuze", wie sie bald von alt und jung genannt wurde, am Fuße des Kreuzes und spann und dachte des Fernen, der nicht wiederkehren wollte, obwohl schon so viele, die damals das Kreuz genommen hatten, heil und gesund in die Wienerstadt zurückgekehrt waren. So verstrichen die Jahre. Sie bleichten die Laare der „Spinnerin am Kreuz"; sie gruben tiefe Falten in ihre einst so sanften und schönen Züge, aber sie brachten ihr den geliebten Gatten noch immer nicht. So stand sie wieder eines Abends am Kreuze, Rocken und Spindel in den Länden, und sah in die Rosen des verglühenden Lerbsttages; ein lauer Wind bewegte das wilde Weinlaub, das sich am Lolzkreuze emporrankte, und die Turmkreuze der Stadt Wien blinkten im Scheine der Abendsonne. Die Frau hielt die Land über die Augen und spähte die Straße, die über die Löhe führte, auf und ab. Kein Wanderer zeigte sich. Endlich sah sie, noch ziemlich weit entfernt, einen Wandersmann, der recht müde und matt sein mußte, denn unsicher und langsam war sein Gang. Jetzt bemerkte die Frau, daß er einen Muschelhut und eine Pilgertasche trug; es mußte wohl ein frommer Waller sein, der aus dem Leiligen Lande zurückkehrte. Nun kam er näher. Die Frau blickte in ein bleiches Antlitz, um das graue Locken im Winde flatterten. Nur einen Augenblick starrte sie voll Befremden in das sorgendurchfurchte Gesicht des Pilgers. Dann löste sich ein Schrei von ihrer Brust. „Oswald!" rief sie, „Oswald, endlich bist du zurückgekehrt! Ich habe deiner in Treuen geharrt Jahr um Jahr, und es hat sich wirklich erfüllt, was ich vorausgeahnt; statt der goldenen Locken, die dich einst schmückten, weht das Silber des Alters um deine Stirn, doch du Die Spinnerin am Kreuz. 7 bist mir um nichts weniger lieb als damals, da ich dich in bitteren Schmerzen von hinnen ziehen ließ." Jetzt erkannte auch Lerr Oswald von Lindberg sein treues Ehegespons; die Freude ließ ihn ganz der Müdigkeit vergessen, die ihn gebeugt hatte, und rüstig stieg er an der Seite seiner wiedergefundenen Gattin zur Stadt hinab, wo sich bald die Kunde von dem wunderbaren Begebnis verbreitete. Oswald erzählte seiner Gemahlin von den harten Leiden der Gefangenschaft, in der er so lange in Syrien hatte schmachten müssen und der er nur wie durch ein Wunder hatte entrinnen können; Gertrudis aber berichtete von dem Gelübde, das sie getan, und wie sie nun schon so viel Geld beisammen habe, um es ausführen zu können. Und wirklich erhob sich alsbald an Stelle des alten Lolz- kreuzes auf der Löhe des Wienerberges ein schönes Denkmal aus Stein, das im Munde des Volkes allgemein die „Spinnerin am 8 Sagen aus Wien und Niederösterreich. Kreuz" hieß; denn man knüpfte daran die Erzählung von jener treuen Frau, die Jahr um Jahr in heißer Sehnsucht ihres Gatten geharrt und ihn an dieser Stelle wiedergefunden hatte. Die schöne Denksäule aber wurde im Jahre 1446 von den Scharen Lunyadis zerstört und das zierliche und schöne Kunstwerk, das sich heute an ihrer Stelle erhebt, ist ein Werk des Meisters Lans Puchsbaum, des Erbauers des Stephansturmes. Noch immer weist es hinab auf die glanzvolle Wienerstadt, vom Flügel¬ schlage der Sage umrauscht, ein Erinnerungszeichen an die Liebe und Treue einer Frau, der „Spinnerin am Kreuz". Der Klagbaum. (Wiener Sage.) X I ralt ist die Straße, die vom einstigen Kärntnertor durch die H Vorstadt Wiens über den Wienerberg und dann noch weiter auf den Semmering und hinunter ins Steirische führt. Schon die Römer kannten sie und vor ihnen die Kelten; später zog der deutsche Kaufmann und der in Eisen klirrende Ritter über diese Straße in das Land alter Kunst und junger deutscher Sehnsucht, nach Italien. Zur Zeit, in der unsere Geschichte spielt, waren dort, wo heute ein Gewirr von Läufern und Palästen sich erhebt, noch Gärten und grünendes Weingelände; und dort, wo die Straße ein wenig anstieg, noch weit hinter der heutigen Paulanerkirche, stand ein Läuschen, das allen Fuhrleuten, die mühsam mit ihren schwer beladenen Wagen die Straße hinauffuhren, hochwill¬ kommen war. Voll Behagen schlürften die Pferde das klare Wasser des Ziehbrunnens, indes unter den Baumkronen vor dem Läuschen die freundliche Wirtin den Knechten einen guten Tropfen verzapfte und der Wirt im grünen Samtkäppchen von Landet und Wandel, von den Kriegen der Kreuzritter im fernen Osten und den Raub¬ zügen der Türken gar klug zu fragen und zu erzählen wußte. Der Klagbaum. Aber am meisten freuten sich die Gäste, wenn zuweilen, am Zipfel der Schürze sich festhallend, das blonde Lieschen, die kleine Tochter der Wirtsleute, die Mutter begleitete. Sie war aber auch ein gar zu liebes Kind. Blonde Ningellocken fielen wie flüssiges Gold auf die Schultern nieder; die Bäckchen waren wie ein Paar rosige Äpfel und die Augen wie Kornblumen im Ährenfelde. Alle hatten die Kleine gern; der Fuhrmann im groben Leinen¬ kittel strich mit der linkischen Land, so zart er konnte, über das Goldköpfchen und der Kriegsknecht im Eisenwams machte sein freundlichstes Gesicht, um das Lieschen nur ja nicht zu erschrecken; kam aber einmal ein Spielmann des Weges mit der Larse oder der Fiedel am Rücken, so spielte er gewiß die süßesten Weisen und das kleine Lieschen setzte sich ein Kränzlein von Feldblumen auf die Goldlocken, raffte das Kleidchen in die Löhe und tanzte anmutig hin und her, wie es oft von den Großen gesehen hatte. Aber am liebsten saß die kleine Goldliese mit ihrer Mutter hinter dem Lause auf dem Anger, wo ein breiter Lindenbaum stand, den man schon von weitem erblickte und zu dessen Füßen sich eine blumige Wiese ausbreitete. Diese war so recht das Reich, in dem Lieschen herrschte. Sie kannte all die bunten Blumen und die glänzenden Käferchen, die über die Gräser huschten, und die leuchtenden Falter, die an den Blütenkelchen nippten. Aber am schönsten war's doch immer unter dem Lindenbaum, wenn an linden Sommerabenden Frau Anna ihr Töchterchen auf den Schoß nahm und der Kleinen allerlei Märlein von Schlo߬ geistern und Wassernixen erzählte und dabei der Mond so lieblich durch das Geäste der breiten Linde lugte und wie liebkosend in den Locken des Mädchens spielte, das mit roten Bäckchen und glänzenden Augen der Mutter zuhorchte. Und wenn im Sommer die Linde ihre berauschenden Düfte aushauchte und Kleinlieschen sich ein Kränzchen aus den schönsten Wiesenblumen flocht und damit zum Vater eilte, der die Kannen schäumenden Bieres oder linden Rebensaftes den Gästen zutrug, da klatschte die Kleine voller Jubel in ihre Ländchen und die durstigen Zecher hätschelten und streichelten sie und meinten, es 10 Sagen aus Wien und Niederösterreich. gebe weitum in der Runde kein feineres und hübscheres Mädchen als Prinzeßchen Goldliese. Aber es kam ein Frühling, wo Lieschen nicht mehr mit der Mutter unter dem Lindenbaum saß und den wunderhübschen Märchen lauschte, sondern in der Stube im Bettchen lag mit fieberglühenden Augen und heißen Wangen, indes Mutter Anna Tag und Nacht an dem kleinen Lager saß und unaufhörlich betete, der liebe Gott möge doch das Lieschen noch nicht zu sich nehmen; er habe doch der Englein genug droben im Limmel, sie aber habe hier auf Erden nur ihr einziges liebes, liebes Lieschen. Der Wirt aber schlich traurig durch die Reihen der Tische und stellte seine Kannen stumm vor die Gäste, und wenn einer von ihnen nach dem blonden Lieschen fragte, zerdrückte er eine Träne im Auge und sagte: „Lieschen ist krank, sehr krank; es steht schlimm mit meinem Goldprinzeßchen." Und so war es auch. An einem wunderschönen Frühlings¬ morgen, als die Sonne sich freundlich ins Krankenstübchen stahl und mit ihrem leisen goldenen Finger über die weiße Decke strich, unter der Lieschen sich in Fieberschauern schüttelte, sagte die Kleine plötzlich: „Nicht wahr, Muttchen, morgen gehen wir wieder zur Linde und horchen dem Gesang der Vögel zu, und ich will mir wieder ein Kränzlein fiechten und du wirst mir schöne Märchen erzählen?" Und sie schlang ihre mageren Ärmchen um den Lals der Mutter, die ihre Tränen nicht zurückhalten konnte. Des andern Morgens aber spielte Lieschen schon auf der Limmelswiese; denn in der Nacht war sie still und sanft in den Armen der Mutter Anna entschlafen. Die Mutter aber hatte keine Tränen mehr; sie hatte schon alle während der Krankheit ihres Lieblings vergossen. Stumm und mit glanzlosen Augen ging sie im Lause umher und Abend für Abend wandelte sie zur Linde hinter dem Lause und klagte und jammerte, daß man sie weitum hörte und alles stehen blieb und die arme Frau von Lerzen bedauerte. Eines Abends, es war schon Lerbst mW die Blätter der Reben färbten sich bereits rostbraun und purpurn, sand man Frau Der Stock im Eisen. 1l Anna auf dem Bänkchen unter der Linde mit zurückgeneigtem Kopfe starr und leblos. Ein seliges Lächeln lag auf ihrem bleichen, abgehärmten Gesichte; sie hatte in ihrem letztem Traum ihr Lieschen gesehen und an ihr Lerz gedrückt; darum war sie auch so glücklich ins Jenseits hinübergeschlummert. Die Linde aber nannten die Leute fortan den Klagbaum, weil sie in letzterer Zeit so häufig das Klagen und Jammern der armen Mutter unter dem breitästigen Baume gehört hatten. Der schöne Lindenbanm ist längst verschwunden, mit ihm auch die trauliche Schenke an der Straße. Nur noch der Name einer kleinen Gasse, der „Klagbaumgasse" im vierten Bezirke der Millionenstadt, erinnert an den Ort, wo einst ein Baum gestanden, unter dessen schattigen Ästen viel Mutterglück und Mutterleid sich abgespielt hatte. Der Stock im Eisen. (Wiener Sage.) Stock im Eisen ist ein altes Wahrzeichen der Kaiserstadt an der Donau, fast so alt wie der Turm zu St. Stephan. Er ist ein seltsamer Baumstrunk, der ganz mit Nägeln be¬ spickt ist, von oben bis unten, so daß kein Plätzchen mehr für einen neuen Nagel frei ist. Der Kopf eines Nagels trägt ein Kupferplättchen mit der Jahreszahl 1832; dies wird wohl der letzte Nagel sein, den ein wandernder Geselle in diesen wunder¬ lichen Baumstumpf getrieben hat. Der Stock im Eisen steht gegenwärtig in einer Nische des Prachtbaus, der sich an der Ecke der Kärntnerstraße und des Grabens erhebt, und ist mit einem Eisenbande und einem Schlosse an die Wandnische gekettet. Einstens hieß dieser Platz der Noßmarkt und es wurden dort die Pferdemärkte abgehalten. Deshalb stand auch manche Schmiede und Wagenwerkstätte an diesem Platze und es ist sehr wahr¬ scheinlich, daß der Strunk nichts anderes als ein sogenannter 12 Sagen aus Wien und Niederösterreich. Nädelbaum war, ein geschnitzter Baumstamm, wie ihn die Schmiede und Wagner noch heute auf dem Lande vor ihren Werkstätten auszupflanzen pflegen. Wann und wieso der Brauch aufkam, daß jeder Schlosser¬ geselle, der nach Wien zugewandert war, einen Nagel in den Baum schlagen mußte, läßt sich nicht mehr ermitteln; jedenfalls aber bestand dieser Brauch, und davon wurde der Baumstumpf allmählich so mit Eisen beschlagen, als stecke er in einem Panzer. Man schlug dann ein Band von Eisen um den Baum und kettete ihn so an das alte Laus, das einst an der Stelle des heutigen Palastes stand. Manche wollen gar wissen, der Baum rühre noch aus der Zeit her, wo der Wienerwald bis hierher gereicht habe, und er sei ein heiliger Baum der Leiden gewesen, den dann christliche Priester durch Einschlagen geweihter Nägel geheiligt hätten. Denn das Einschlagen von Nägeln bei besonderen feierlichen Anlässen ist ein uralter Brauch bei den verschiedensten Völkern und auch heut noch hegt man die abergläubische Vorstellung, ein Unheil „festnageln" zu können, wenn man an einer bestimmten Stelle des Laufes einen Nagel einschlägt. Jeder Fremde, der nach Wien kommt, beschaut sich den selt¬ samen Eisenstrunk hinter Band und Schloß und jeder fragt, wieso er entstanden. Lören wir, was die Sage uns hierüber kündet. Um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts lebte in Wien ein ehrsamer Schlossermeister namens Erhard Marbacher, dessen Werkstätte zum „roten Turm" in der heutigen Seitenstätten¬ gasse stand. Meister Erhard hatte einen Lehrling, Martin Mux; der war ein artiger und anstelliger Bursch, mit einem Gesicht wie Milch und Blut, das heißt, wenn es nicht gerade vom Ruß geschwärzt war. Das war es aber an Werktagen fast immer, denn Martin war immer hinter der Arbeit her, fleißig wie eine Biene und lustig wie ein Lerchlein am Frühlingsmorgen. Deshalb mochte ihn auch jedermann gut leiden; nur der Altgeselle Kurt war ihm gram, denn er neidete ihm nicht bloß seine Beliebtheit bei dem Meister, sondern auch seine Geschick- 13 Der Stock im Eisen. lichkeit und Kunstfertigkeit, in der ihm der Junge beinahe schon überlegen war. Der hämische Geselle sann Tag und Nacht darauf, den Jungen ins Verderben zu stürzen. Bald sollte sich ihm hiezu die Gelegenheit bieten. Ein Lehr¬ ling, der schon länger im Geschäfte war, sollte freigesprochen werden und nach dem Gildenbrauche der damaligen Zeit lud der Altgeselle Gesellen und Lehrlinge zu einem fröhlichen Abendtrunk ein. Damals war im sogenannten „Untern Werd" (der heutigen Leopoldstadt) eine Schenke, die ob ihres guten Tropfens weit und breit berühmt war. Dorthin führte der Altgeselle an einem lieb¬ lichen Frühlingsnachmittage, an dem das junge Grün in den Donauauen im zartesten Schimmer glänzte, seine Gäste. Meister Erhard aber hatte Martin noch extra auf die Seele gebunden, ja nicht dem Weine zu sehr zuzusprechen, denn er sei dessen ganz ungewohnt, und hatte ihm überdies ein Säckchen voll blanker Groschenstücke eingehändigt, die er dem Wirte als Abzahlung einer alten Schuld übergeben solle. Bald herrschte die fröhlichste Stimmung in der Schenke, durch deren Fenster der linde Abendschein freundlich hereingrüßte. Martin nippte anfänglich nur wenig von dem starken Weine, bald aber reizte ihn der Altgeselle, der eine Gesundheit nach der andern ausbrachte, dem schmackhaften Tropfen stärker zuzusprechen, und es dauerte nicht lange, so klapperten auch schon die Würfel¬ becher auf dem Tische und Martin sah, frohgemut und vom Weine erhitzt, dem Spiele zu. Bald ließ er sich verleiten, auch ein paar Würfe zu tun, die ihm Glück brachten. Dabei aber griff er immer an das Leder¬ beutelchen, das er im Gürtel trug und das er dem Wirte noch nicht übergeben hattö. Auf eininal trat ein seltsamer Gast ins Zimmer, dem man aber in der Kitze des Spiels trotz seines sonderbaren Auszuges wenig Beachtung schenkte. Er trug ein giftgrünes Wams und darüber einen kurzen schwarzen Seidenmantel mit scharlachroter Einfassung; seine feuerfarbenen enganliegenden Beinkleider steckten in schwefelgelben Kalbstiefeln und in das Gesicht, das stechende Augen und eine Kakennase unheimlich machten, nickte von dem 14 Sagen aus Wien und Niederösterreich. schief aufgesetzten schwarzen Hütchen eine riesig lange rote Hahnen¬ feder herab. Der seltsame Fremde stellte sich knapp hinter den Stuhl Martins und reizte ihn unaufhörlich mit spöttischen Reden, das Spiel fortzusehen. Ganz verwirrt vom Weingenuß und der wachsenden Leiden¬ schaft des Spiels, verlor der Junge rasch seine wenigen Spar¬ pfennige und griff dann zum Lederbeutelchen, das der Meister ihm anvertraut hatte, und schüttete den Inhalt vor sich aus. Nascher, als man fich's denken konnte, waren auch all diese blinkenden Groschenstücke verspielt. Jetzt erst kam der arme Junge zur Erkenntnis dessen, was er verübt hatte; die Verzweiflung er¬ nüchterte ihn und unter dem dröhnenden Gelächter des Altgesellen Kurt und seiner Kameraden, die schon alle des Weins mehr als genug hatten, stürzte er zur Tür und lief aus der Schenke hinaus. Die kühle Nachtluft brachte ihn vollends zur Besinnung. Der Der Stock im Eisen. 15 Frühlingshimmel stand voller Sterne, aber sein Äerz wurde von namenloser Angst zusammengepreßt und planlos irrte er in den Auen umher, bis er auf einmal vor dem Brückentore stand, das in die Stadt führte. Doch er konnte den Torwärter nicht bezahlen, denn er hatte kein Äellerlein mehr in der Tasche. Alles Geld war verspielt und verjubelt. Ganz verzweifelt preßte er den heißen Kopf an die Mauer und fing an zu weinen. Da stand plötzlich der seltsame Gast aus der Schenke vor ihm und legte ihm die Land auf die Schulter. „Ich will dir helfen," sagte er mit hohler Stimme, „doch nach deinem Tode mußt du mir gehören." Wie ein Blitz durchzuckte es Martins Seele. „Du bist der Böse," entgegnete er, „ich weiß es; doch will ich deine Lilfe annehmen und du sollst Gewalt über mich haben, aber nur unter einer Bedingung: nur dann, wenn ich je in meinem Leben den Besuch der heiligen Messe am Sonntage versäuine, bin ich dir verfallen; sonst sollst du keine Macht über mich haben." „Gut, ich bin es zufrieden," erwiderte der Fremde, der wirklich der Höllenfürst selbst war; „hier hast du das Beutelchen mit dem Gelde des Meisters, bald sollst du mehr von mir hören." Am nächsten Morgen erzählte der Altgeselle dem Meister, daß Martin das ganze Geld verspielt habe, doch dieser reichte dem Meister das volle Beutelchen und sagte, daß er nur vergessen hätte, es dem Wirte zu übergeben. Da kündigte Marbacher dem verleumderischen Altgesellen die Arbeit, und gerade als dieser mit heftigen Worten sich zur Wehr setzte, öffnete sich die Tür der Werkstätte und der fremde Junker von der Schenke trat ein. Er war ebenso gekleidet wie am Abend vorher und verlangte von Meister Marbacher ein schweres Stück Arbeit. „Ihr sollt mir," sagte er, „um den Baumstamm, der auf dem Roßmarkt steht, ein mächtiges Eisenband legen, das ihn an das Laus, vor dem er steht, für immer sestmachen soll. Das Schloß aber soll niemand öffnen können außer mir allein. Getraut Ihr Euch, ein solches Werk auszuführen.?" Meister Marbacher schüttelte den Kopf und auch von seinen Gesellen war niemand gewillt, eine solche Arbeit zu übernehmen. 16 Sagen aus Wien und Niederösterreich. Da trat der Lehrling Martin hervor und erklärte sich bereit, die bestellte Sache auszuführen, und zwar noch an demselben Tage, wie es der Junker ausdrücklich gefordert hatte. Wirklich war noch vor dem Abend das eiserne Band und das Schloß, das nur der Fremde, der den Schlüssel mit sich nahm, öffnen konnte, fertig. Durch dieses Kunststück wurde unser Martin Geselle und mußte nun nach damaligem Brauche auf die Wanderschaft. Wohin er kam, verbreitete sich der Nus seiner absonderlichen Geschicklich¬ keit und mancher grau gewordene Meister schüttelte den Kops und meinte, es ginge nicht mit rechten Dingen zu, wenn schon ein so junges Bürschlein so über die Maßen klug und geschickt sei. Martin Mux kam auf seiner Wanderschaft auch nach Nürn¬ berg und arbeitete mehrere Monate in der Werkstätte eines der ersten Meister seiner Zunft, wo er durch seine Geschicklichkeit alle in Staunen versetzte. Nichts ging ihm fehl, er mochte angreifen, was er wollte, und wenn es auch noch so schwer war, daß Meister und Gesellen daran verzweifelten. Als einst sein Meister scherzend bemerkte, Martin sei wohl imstande, selbst den Amboß in der Geschwindigkeit in ein Kunst¬ werk umzuwandeln, warf der Geselle wirklich den schweren Amboß ins Feuer und machte daraus ein zierliches Gitter, das man noch heutigen Tages zeigt. Doch seine Wanderschaft neigte sich dem Ende zu und bald war unser Martin wieder in Wien und arbeitete wie vordem in der Werkstatt des ehrsamen Erhard Marbacher. Er sollte nun selbst Meister werden und bald fand sich hiezu Gelegenheit. Der Stadtrat war nämlich schon lange darüber un¬ willig, daß niemand das Schloß öffnen konnte, mit dem der Baum auf dem Roßmarkt an die Mauer geschmiedet worden war und dessen Schlüssel der geheimnisvolle Fremde vor Jahr und Tag mit sich genommen hatte. Nutz versprach der Rat der Stadt Wien demjenigen das Meisterrecht, der einen Schlüssel verfertigen könne, mit dem man das Schloß aufzusperren vermöchte. Martin erbot sich hiezu und machte sich noch am selben Tage an die Arbeit. Aber so ost Der Stock im Eisen. 17 er den Schlüssel aus dem Feuer nahm, war der Bart daran verdreht. Da dachte sich Martin, der wohl ahnte, daß der Böse dahinter stecke: „Drehst du meinen Schlüssel um, so will ich dir eine Nase drehen," und setzte den Bart verkehrt an. Als er den Schlüssel aus dem Feuer zog, war der Bart wirklich umgedreht, aber nun stand er so, wie es sich gehörte. ' Und nun steckte Martin in Gegenwart des Bürgermeisters, des Stadtrichters und aller Räte und Schöffen der Stadt den Schlüssel rasch ins Schloß und — im Landumdrehen war es offen. Voller Jubel warf er den Schlüssel in die Löhe, aber er fiel nicht mehr zur Erde, er blieb verschwunden. Zum ewigen Angedenken schlug Martin Mux den ersten Nagel in den Baum; der Stadtrat aber verlieh ihm, wie er es versprochen hatte, das Meisterrecht, und Marbacher gab ihm sein braves und anmutiges Töchterlein zur Frau. Der junge Schlossermeister übertraf bald alle seine Land¬ werksgenossen durch seine Emsigkeit und Geschicklichkeit und seine Vaterstadt Wien bewahrt noch manches Kunstwerk, das aus seiner Land hervorgegangen. So soll das prächtige Gittertor vor dem Lochaltar des St. Stephansdoms von ihm herstammen und die Sage erzählt, daß es ursprünglich nicht breit genug ausgefallen sei, daß er aber so lange daran gezogen habe, bis es die nötige Breite hatte. Dabei war Martin mäßig und mied die Schenken und das Spiel, besuchte jeden Sonntag die Kirche und versäumte niemals, die heilige Messe zu hören. An einem Sonntag aber hatte er sich doch verleiten lassen, mit einigen Kameraden 'im Wirtshaus zum „Steinernen Kleeblatt" unter den Tuchlauben zu zechen. Der Wein erhitzte seinen Kopf und er griff wieder zum Würfelbecher. Als es elf Uhr schlug, wollte er fort, um die Messe nicht zu versäumen, doch die trunkenen Kumpane hielten ihn zurück. Dröhnend verkündete die Glocke das Mittagszeichen und nun ließ Martin Becher und Würfel stehen und lief wie rasend zur Tür hinaus. Linker ihm wie ein feuerroter Schatten der Böse. Sm olle, Sagenbuch. 2 18 Sagen aus Wien und Niederösterreich. Als Martin zur Kirche kam, verkündete der Priester soeben mit den Worten: „Its, missa ost!" (Geht, die Messe ist zu Ende!) das Ende des Meßopfers. Wie vom Blitze getroffen sank Martin am Eingänge der Kirche zu Boden. Am Nachmittage fand man seinen in Stücke zerrissenen Leichnam auf dem Friedhof von St. Stephan. Und zur Sühnung des unglücklichen Meisters, der ob seiner Kunstfertigkeit weit und breit berühmt war, hörte fortan jeder in Wien einwandernde Schlossergeselle eine Messe und schlug einen Nagel in den Baum, um den Meister Martin das eiserne Band mit dem kunstreichen Schloß geschmiedet hatte. So lautet die Sage von Meister Martin und dem merk¬ würdigen Wahrzeichen des „Stock im Eisen" in der altehrwürdigen, herrlichen Kaiserstadl Wien. -W- Der Teufel und die Bognerin. (Wiener Sage.) ^v^och jetzt ist die Bognergasse in Wien ein ziemlich schmales v- Sträßlein, obwohl genug Verkehr an Wagen und Menschen in ihr herrscht; verbindet sie doch den Platz „Am Los" mit der Straße Unter den Tuchlauben und dem Graben. In alter Zeit lief die Mauer der Stadt längs der Nagler¬ gasse über die Tuchlauben zum Graben, und wo die Lauben der Tuchhändler und der Graben zusammenstießen, stand ein massiger Torturm, das sogenannte Peilertor, dessen Bewachung die Zunft der Bogner oder Pfeilschnitzer zu besorgen hatte. Waren doch ihre Geschäfte in der Nähe, eben in der Straße, die nach ihnen noch heute den Namen führt. Breiter war das Gäßlein vor so viel hundert Jahren gewiß nicht, aber darum nicht viel weniger belebt. Wimmelte es doch darin von. Knappen und Rittern, die eine alte Armbrust zu reparieren oder einen neuen Bogen zu kaufen hatten. Da probierte der eine den Stahlbogen, der andere die Sehne, der dritte wieder den Bogen, und so gab es ein ewiges Schwirren und Knarren in Der Teufel und die Bognerin. 19 den Gewölben, in denen überdies Meister und Gesellen hämmerten und feilten, daß einem oft Hören und Sehen verging. Aber der Gewinn war ziemlich reichlich und die Bogner waren wohlhabende Leute; besonders stattlich war das Haus des Armbrusters Kaspar Bergauer mit seinem gezierten spitzen Giebel und seinen blumengeschmückten Erkern. Und in der Auslage blitzten die blanken Bogenstücke und die aus Silber getriebenen Behält¬ nisse sür die Pfeile, die mit Perlmutter ausgelegten Armbrustteile und was sonst noch an Schießbedarf in damaliger Zeit bräuchlich und gesucht war. Wahrhaftig, Meister Kaspar mit dem blonden, wallenden Bart und dem breiten Lederschurz, der Brust und Beine bedeckte, hätte zufrieden und glücklich sein können, denn sein emsiges Schaffen trug reichlich Früchte, wenn — es nicht eben ein „Aber" gegeben hätte, und dieses Aber war keine geringere als die stattliche Meisterin selber, die zwar ebenso fleißig war wie ihr Mann, die aber ein scharfes Zünglein führte und von unverträglicher, zänkischer Ge¬ mütsart war, so daß des Zankes und Laders in dem schmucken Bognerhause kein Ende war. Gerade heute gab's schon am frühen Morgen Streit und Lärm. Lans, der Lehrjunge, war verspätet zum Morgensüpplein eingetroffen; er hatte sich bei seinem kranken Mütterlein allzu lange aufgehalten; aber die Meisterin hörte gar nicht auf seine bescheidene Entschuldigung, sie trieb ihn mit Schelten und Schlägen in die Werkstatt und keifte unablässig über die Faulheit und die Unzu¬ verlässigkeit der Dienstleute. Sie glaubte dazu um so mehr Berechtigung zu haben, weil auch die Küchenmagd, die Hildegard, die Frühstücksmilch hatte überkochen lassen und den Dienst gekündigt hatte, weil die Meisterin sie mit einer Flut von Schmähworten überhäuft hatte. Das wäre beinahe genug gewesen, um die Zanksucht der Frau Kordula bis zum Äußersten zu entflammen. Aber es trat alsbald noch ein Ereignis hinzu, das die wohlgefüllte Schale ihres Zornes mehr als gewöhnlich überschäumen ließ. Schrill ertönte nämlich die Schelle, die an der Gewölbetüre angebracht war, und da der Meister gerade an einem besonderen Prunkstück arbeitete, lief Frau 20 Sagen aus Wien und Niederösterreich. Kordula, so schnell sie nur konnte, die Haustreppe hinab und kam ganz erhitzt in den Laden, gerade als ein einfach, aber vornehm gekleideter Edelmann eingetreten war, der mit freundlichen Worten das Begehren stellte, Frau Kordula möge ihm einige besonders hübsche Bogen und Pfeile für die Jagd zur Auswahl vorlegen. Nun hatte die Meisterin trotz ihres heftigen und zänkischen Gemütes ihren Mann sehr lieb und hielt große Stücke auf seine Kunstfertigkeit. Sie rühmte daher mit vielen beredten Worten die ausgelegte Ware und pries jedes einzelne Stück mit großer Zungengeläufigkeit an. Aber der vornehme Herr fand an jedem was auszusetzen; bald saß der Stahlbogen nicht recht in der Mitte, bald war die Sehne zu schlaff oder die Rinne für den Bolzen nicht tief genug, — kurz nichts schien ihn ganz zufriedenzustellen und das Gesicht der Meisterin verdüsterte sich zusehends und in ihrem Innern schwoll der Ärger so an, daß es nur eines Tröpfleins bedurfte, um ihren Zorn zum Überfließen zu bringen. Als nun der vornehme Herr gar die Echtheit des Silbers an einem Pfeilschafte zu bezweifeln sich untersing, da war nicht nur das Tröpflein, sondern ein gar gewaltiger Tropfen in das Innere der Frau Kordula gefallen und der lange zurückgehaltene Groll ergoß sich in furchtbarer Nedeflut über den armen Käufer, der ganz blaß wurde und sich scheu zur Tür zurückzog. Der Lärm hatte den Meister herbeigelockt und mit namen¬ losem Schreck erkannte er in dem vornehmen Herrn, der sich eben bei der Tür hinausdrückte, den Herzog Leopold, der in eigener Person sein Geschäft beehrt hatte und den seine Frau so ungnädig zur Türe hinauskomplimentiert hatte. „Aber Kordula," schrie er ganz entsetzt, „was hast du getan? Das war der Herr Herzog selbst, den du so übel behandelt hast. Deine Zanksucht wird noch mein ganzes blühendes Geschäft ruinieren und mich an den Bettelstab bringen." Nun wendete sich der ganze Zorn Kordulas gegen ihren Mann. Denn obwohl sie im Herzen ihr Unrecht einsah, mochte sie es doch nicht eingestehen; und so warf sie ihm denn vor, daß er an allem schuld sei, weil er immer in der Werkstatt stecke und an unnützen 21 Der Teufel und die Bognerin. Dingen herumbastle, anstatt die Kunden zu bedienen; sie habe in der Hauswirtschaft genug zu tun und käme gar nicht aus dem Haus, so daß sie den Herzog noch gar nie gesehen habe. Wie hätte sie ihn also erkennen können? Übrigens habe er gemäkelt und getadelt, wie es keinem Edelmann anstehe, geschweige denn dem Herrn Herzog. Als ihre Schmähreden und Schimpfworte immer ärger wurden, warf Meister Kaspar das Schurzfell beiseite, riß das Wams und das Samtbarett vom Pflocke und stürmte zur Tür hinaus. Es stand aber damals vor dem Peilertor, ganz in der Nähe der Stadtmauer, unter Bäumen versteckt ein Iagdhäuschen, das ganz unbewohnt war. Dorthin flüchtete Meister Kaspar und saß nun im Stübchen zu ebener Erde, den Kopf in die Hand gestützt, und dachte über sein trauriges Schicksal nach. „Nein," dies war das Ende seiner Gedankenreihe, „lieber verschrieb' ich mich dem Teufel, und saß' in der Hölle, als noch länger dies Los zu ertragen. Mag der leibhaftige Gottseibeiuns mein Eheweib ändern und ihren zänkischen Sinn brechen, ich kann es wahrhaftig nicht." Auf einnial stand ein zierliches Herrchen vor ihm und sagte: „Ist's Euch damit wirklich ernst, Meister Kaspar, so will ich's ver¬ suchen, nur müßt Ihr mir dafür dies Pergament unterschreiben. Dafür aber werdet Ihr zeitlebens Ruhe und Frieden im Hause haben." Meister Kaspar war so erbost über die Zanksucht seiner Frau, daß er sich nicht lange bedachte und das vorgehaltene Pergament mit seinem Blute unterzeichnete, obwohl er sich schon dachte, daß das zierliche Herrchen der Teufel selber sein könnte und daß er diesem seine eigene unsterbliche Seele verschrieben habe. So war der Abend herbeigekommen, Frau Kordula wartete vergebens aus die Rückkehr ihres Herrn. Schon fing ihr Starrsinn an zu schmelzen und heiße Tränen der Reue rannen ihr aus den Augen. Wie sie so in der Stube saß und den Spinnrocken bereits zur Seite gelegt hatte, denn es war mittlerweile ganz finster ge¬ worden, stand auf einmal ihr Mann vor ihr. Aber er sah sie mit so seltsamen, feurigen Augen an, daß ihr ganz angst und bange wurde; und als er gar mit heftigen und polternden Worten 22 Sagen aus Wien und Niederösterreich. in sie einredete und sie sogar schlagen wollte, da kam es plötzlich über sie, das könne unmöglich ihr Mann, das muffe der Teufel selber sein, und siedendheiß überlief es sie bei dem Gedanken, ihr Mann hätte am Ende seine Seele dem Teufel verschrieben. Nein, das durfte nicht sein, dazu hatte sie ihren Kaspar viel zu lieb. Sie beschloß daher, dem Gottseibeiuns auf den Leib zu rücken und ihn zur verausgabe des Pergaments zu zwingen. Sie griff also rasch nach dem dicken Knotenstocke, der in der Ecke des Zimmers stand, und da sie von kräftigem Körperbau war, waren die Schläge nicht schlecht, die nun auf den armen Teufel niederhagelten. Endlich mußte der Teufel, der nicht aus und ein wußte und schon ganz grün und blau war, ihr das Pergament herausgeben, das ihr Mann mit seinem Blute unterschrieben hatte, und furcht¬ bar zerbleut und heulend vor Schmerz entwich er durch den Nauch- fang aus dem Lause. Der Teufel und die Bognerin. 23 Darüber war es Morgen geworden und finster und verstört betrat jetzt Meister Kaspar sein Laus; denn es war ihm doch schwer auf die Seele gefallen, daß nun seine Seele dem Teufel verfallen sein solle. Wie erstaunte er aber, als Frau Kordula ihm zärtlich um den Hals fiel, und seine Freude kannte keine Grenzen, als sie ihm von den Vorgängen der Nacht erzählte und ihm auch das Pergament vorwies, das sie dem Teufel entrissen hatte. Kordula schwur hoch und teuer, sie werde in ihrem Leben niemals wieder das Leben ihres Mannes durch ihre Zanksucht ver¬ bittern, und sie hat ihren Schwur auch getreulich gehalten. Meister Kaspar war fortan der glücklichste Mann in der Wienerstadt und auch Herzog Leopold wurde versöhnt und verzieh der Meisterin die schlimme Aufnahme, die sie ihm einst bereitet hatte. Frau Kordula hatte ihren schönsten Sonntagsstaat angelegt und war selbst in die Burg gegangen, um den Äerzog wegen ihrer unwirschen Grobheit kniefällig um Vergebung zu bitten. Nur verlangte Herzog Leopold, daß Meister Kaspar zur Buße an seinem Hause ein Bild malen lasse, wie sein Weib mit dem Teufel ringe, und darunter sollte die Inschrift angebracht werden: „Pestilenz und Not ein Äbel ist, Krieg ein arger Zeitvertreib, Schlimmer als des Teufels Tück' und List, Gott behüt' uns, ist ein böses Weib." So geschah es auch. Und noch viele Jahre stand das Bogner- Haus mit dem seltsamen Bilde und der Inschrift unter den Nach¬ barhäusern da, zänkischen und unverträglichen Frauen zur Lehr' und Witzigung, bis es, wie so vieles Gute und Alte, vom Erdboden verschwand. 24 Sagen aus Wien und Niederösterreich. Der Hungelbrunnen. (Wiener Sage.) L^^echt im Lerzen des heutigen vierten Bezirkes der Millionen- stadt an der Donau lag einst ein Weiler, der den merk¬ würdigen Namen Lungelbrunn führte. Wie er zu dieser seltsamen Bezeichnung kam, erzählt uns eine anmutige Sage. Aus Gärten und Baumkronen lugten damals die Vorstadt¬ häuschen hervor und überall auf den Längen der Lügel zogen sich Nebenpflanzungen hinan mit schwellenden Trauben, aus denen im Lerbste der köstliche goldige Tropfen gepreßt wurde, der Sinn und Mut der Wiener leicht und fröhlich machte. Es war ein anmutiges Bild, das sich den Blicken des Be¬ schauers darbot, wenn er von den Wällen und Basteien der eng eingeschnürten Stadt über die grünenden Fluren und Gärten und die Nebenhügel ringsum ausspähte und wohl schon in blühender Frühlingspracht im Vorgeschmäcke des zu erwartenden süßen „Leurigen" mit der Zunge schnalzte. So war's auch in der ersten Lälfte des 15. Jahrhunderts. Damals pilgerten besonders feine Kenner des süßen Rebensaftes mit Vorliebe hinaus zum schmucken Läuschen, das der Seilermeister Niklas Laiben bewohnte und wo man auch einen auserlesenen Tropfen zu kosten bekam. Tagsüber oblag unser Meister mit unverdrossenem Eifer seinem Gewerbe und schon am frühen Morgen, kaum daß der erste Sonnen¬ strahl am Limmel aufblitzte, bis der Abend die Wölklein rosig färbte, schritt er, ohne zu ermüden, auf dem schmalen Wege hinter seinem rebenumsponnenen Läuschen rücklings und spann seine Seile und drehte die Schnüre. Während die Finger das Werg aus der Schürze zupften, sang er lustige Lieder mit den Vögeln um die Wette, die iw den Bäumen des Gartens zwitscherten und tirilierten. Gab's irgend einmal und irgendwo im Deutschen Reiche einen lustigen Seifensieder, so gab's damals ganz gewiß in dem Läuschen vor Wien einen lustigen Seilermeister. Der Lungelbrunnen. 25 Deshalb war unserm Meister Niklas auch alle Welt von Lerzen zugetan; am herzinnigsten aber liebte ihn sein rühriges und anmutiges Weibchen, die Rosel, die nur eines an ihrem Mann zu tadeln hatte, daß er zuweilen ein Gläschen seines selbstverzapften Weines über den Durst trank und dann gern zu den Würfeln griff, die ihn schon manchen guten Batzen gekostet hatten. So war's auch heut', an einem wunderschönen Maitage des Jahres 14l1. Meister Niklas hatte eben sein Schurzfell abgelegt; er hatte das letzte Nestchen Lauf versponnen und gedachte Feier¬ abend zu machen und sich an einem Gläschen seines im Vorjahre besonders wohlgeratenen Weines zu stärken. Schon waren einige Wiener Bürger im Stübchen des Laufes versammelt, in dem Niklas seine Weinlein auszuschänken pflegte; unter ihnen auch Meister Lorenz, ein ob seiner Spiel- und Zank¬ sucht in keinem guten Leumund stehender Geselle. Als Niklas im Begriffe stand, die Schwelle des Stübleins zu überschreiten, zupfte ihn Frau Röschen am Ärmel und flüsterte ihm zu: „Ach, Niklas, laß dich nur heut' nicht zum Spiel ver¬ leiten, und schon gar nicht mit diesem bösen, tückischen Lorenz; ich hatte heut' Nacht einen so schweren Traum und ich glaube, es gibt Unglück, wenn du heute deine Land nicht von den Würfeln läßt." Aber der Meister lachte über die Schwarzseherei seiner Frau und betrat, ein frisches Lieblein pfeifend, die Stube, wo ihn die Gäste mit Jubel begrüßten. Bald aber geschah es, wie Frau Röschen es vorausgeahnt hatte. Der junge Wein erhitzte die Köpfe; bald klapperten die Würfel im Becher und im Nu hatte unser munterer Seilermeister das ganze Geld, das er bei sich trug, und bald auch in blinder Leidenschaft sein Läuschen und sein ganzes Anwesen an den Schlossermeister Lorenz verloren. Lärmend verließen die Gäste das Stübchen; bleich und fassungs¬ los blieb Meister Niklas im Lause, das gar nicht mehr ihm ge¬ hörte, zurück. Da ging er hinaus in den Los, wo ein alter, mit einem moosigen Stein bedeckter Brunnen stand, dessen niemand mehr achtete. Der Mond warf sein Helles Silber über den alten 26 Sagen aus Wien und Niederösterreich. Brunnen, an dessen Rand sich unser Meister setzte und, das Ge¬ sicht in die Lände vergraben, über sein Unglück nachdachte. Da glaubte er auf einmal eine Stimme seinen Namen rufen zu hören. Seine Frau konnte es nicht sein; die schlief schon lange im oberen Gelasse des Wohnhauses; abermals hörte er dasselbe feine, leise Sümmchen; er horchte auf; zum dritten Male rief es: „Niklas, Niklas!" Jetzt war es ihm klar, daß die Stimme aus dem Innern des alten Brunnens hervorkam. Und deutlich konnte er jetzt die Worte vernehmen: „Lebt doch den Stein ein wenig von der Stelle, Meister Niklas, ich habe Euch etwas Wichtiges zu verkünden." Mit dem Aufgebot seiner ganzen Kraft rückte nun Niklas an dem Stein; aber es dauerte lange, bevor er ihn ein wenig weiter¬ schieben konnte. Alsbald tauchte ein liebliches Mädchen aus der Tiefe des Brunnens empor; in ihr feuchtes Goldhaar wob der Mond seine Silberrosen und ihre Augen leuchteten wie der tiefdunkle Sternen¬ himmel. In ihrer Rechten hielt sie einen Becher aus weißem, schimmerndem Kristall. Der Meister erschrak, aber er konnte seine Augen nicht von dem entzückenden Bilde abwenden. „Fürchtet Euch nicht," sagte jetzt das liebliche Mädchen; „ich bin die Nixe des Brunnens und will Euch helfen; denn ich kenne Euer gutes Lerz und Eure muntern Lieder haben mich oft in der Tiefe meines kristallenen Laufes erfreut. Lört also auf das, was ich Euch künde. Bald wird ein schlimmer Gast die Wienerstadt betreten, die Pest, die grausige, entsetzliche Pest, die schon vor elf Jahren so grausam ge¬ wütet hat, und Tausende werden ihr wieder zum Opfer fallen. Aber das Wasser meines Brunnens soll jedem Leilung spenden, dem Ihr es aus diesem Becher, den ich in Länden halte, reicht. Nur eine Bedingung knüpfe ich daran: Ihr dürft das Wasser an niemand verschenken; nur verkaufen sollt Ihr es und schweres Geld daran verdienen. Sobald Ihr es jemand nur um Gottes Lohn reicht, ohne Geld dafür zu empfangen, so ist all der Reichtum im Nu verschwunden, den Ihr aus dem Brunnen gewinnen sollt. Werdet glücklich, Meister Niklas, wenn Reichtum wirklich glücklich Der Lungelbrunnen. 27 machen kann. Da habt Ihr den Becher, aus dem allein Ihr das Wasser schöpfen dürft." Meister Niklas atmete auf; jetzt konnte er die Schuld an Lorenz zahlen; jetzt gehörte sein liebes Lauschen wieder ihm; er konnte wohlhabend werden und mußte nicht zum Bettelstäbe greifen. Wie die Brunnennixe es vorausgesagt hatte, so traf es ein. Auf leisen, unhörbaren Sohlen war die Pest vom Morgenlande über Ungarns Triften geschwebt und durch die Tore der Kaiser¬ stadt hineingeschlüpft. Und nun hauste sie, ein furchtbarer Würg¬ engel, unter den Bürgern der damals wohl noch kleinen, aber dicht¬ bevölkerten Stadt. Nichts widerstand ihr; kein Laus blieb von ihr verschont, keine Salbe und kein Tränklein mochte ihr etwas anhaben. Nur das Wasser des Brunnens im Lose unseres Meisters Niklas spendete Lilfe und Leitung. Aber man mußte reich sein, um sich einen Becher davon zu verschaffen; denn nicht einmal ein Tröpflein gab der Besitzer des Loses her, ohne daß man dafür ein gutes Geldstück in seine Land legte. So wurde er reich und immer reicher und das Gold klang in seinem Kasten und funkelte sinn- und herzbetörend; aber seiner Kehle entrang sich kein Ton mehr und sein sonst so frohleuchtendes Auge hatte seinen Glanz eingebüßt. Er war nicht zufrieden. Dies machte nicht bloß die schwere Not der Zeit, dies machte die Gier nach Geld, die ihm keinen ruhigen Augenblick gönnte, so daß er unauf¬ hörlich berechnete, wieviel Tröpflein der Brunnen wohl noch spenden könne und wie viel Goldfüchse dafür in seine Tasche wandern würden. Der lustige und gutherzige Meister Niklas wurde hart und wies jeden Armen ab, der an seine Türe pochte und ihn bat, ihm doch um Gottes willen.zu helfen und einen Labetrunk aus dem Brunnen zu spenden. „Last du Geld?" fragte Meister Niklas sogleich; wenn der arme Kranke die Frage voll Verzweiflung ver¬ neinte, jagte er ihn von der Schwelle seines Laufes fort ins Elend, in den Tod. Selbst seine Schwägerin, ein armes Weiblein, die um alle ihre Labe gekommen und von der Pest ergriffen worden war, trieb er aus dem Lause, als sie ihn um ein Schlückchen des gebenedeiten Wassers anflehte, und sie mußte elend zugrunde gehen. 28 Sagen aus Wien und Niederösterreich. Da wurde auch seine Frau, die er innig liebte, von der Krank¬ heit ergriffen. Als sie ihr letztes Stündlein herankommen sühlte, rief sie ihren Mann ans Sterbelager, um von ihm Abschied zu nehmen. Nun kämpfte Meister Niklas einen furchtbar harten Kampf mit sich. Er wußte, daß seine Frau gesunden würde, wenn er ihre trockenen Lippen mit einem Tröpslein Wasser aus seinem Brunnen befeuchtete, aber er wußte auch, daß es dann für immer mit seinem Reichtum zu Ende sein werde, wenn die Sterbende nichts sür den Trunk bezahle. Aber der Seelenkampf des Meisters dauerte nicht lange. Die eisige Kruste, die sein früher so weiches Lerz umklammert hatte, zerschmolz im Feuer seiner Liebe. Mit einem Sprunge war er unten im Kose und schöpfte einen Becher des Wunderwassers voll; dann eilte er in wahnsinniger Last zurück und kam noch zurecht, um die in den letzten Zügen Liegende zu laben. Dankbar schlug sie die Augen auf — sie war gerettet. Meister Niklas aber war arm, so arm, wie er gewesen, bevor er in jener Maiennacht den Stein von seinem Brunnen gerückt hatte. In ruhigen Zügen ging der Atem seiner Frau, indes der Meister in den Los hinabstieg, um den Becher, den ihm einst die Nixe geschenkt hatte, in die Flut zurückzuschleudern. Wieder goß der Mond sein Silber auf die Wasserfläche aus, wieder schwebte das Mägdlein aus dem Brunnen empor und mit seiner holden Stimme flüsterte es: „Ihr habt die Prüfung be¬ standen, die ich Euch auferlegt habe, guter Meister; seid wieder so glücklich wie vordem, ehe der Klang des Goldes Euer Äerz berückt hatte. Lebt wohl, Ihr werdet mich nie mehr Wiedersehen und das Wasser dieses Brunnens soll für immer versiegen." Meister Niklas spann von nun an wieder so fröhlich wie einst an seinen Seilen und Schnüren und sang um die Wette niit den Vögeln seines Gartens, besonders als bald darauf die grausige Pest zu erlöschen anfing. Den Erben des Verführers, des bösen Lorenz, der der Krankheit zum Opfer gefallen war, hatte er schon längst die Schuld aus dem Ertrage seiner fleißigen Äände abgetragen und die Würfel blieben unberührt, wenn der lustige Meister im Kreise froher Zecher dem Weine zusprach. Küß den Pfennig. 29 Das Volk aber nannte den Brunnen im Äofe des Niklas Kunden den Äungerbrunnen oder volkstümlich „Kungelbrunn", um damit das merkwürdige Auftauchen und Verschwinden des Wassers zu bezeichnen und an die harte Zeit zu erinnern, in der er plötzlich wieder zu rauschen begonnen hatte und ebenso schnell versiegt war. Küß den Pfennig. (Wiener Sage.) F^in stattliches Äaus mit einem schönen, weit ausgebauchten Erker stand im sechzehnten Jahrhundert in der Nähe des wohlbesestigten Notenturmtors in Wien. Ein mächtiger, dunkler Torbogen führte ins Innere und durch ein eisenbeschlagenes Pfört- lein gelangte man in eine zierlich getäfelte Stube, wo hinter dem großen Schanktisch die zinnernen Krüglein und Becher im Sonnen¬ lichte schimmerten und blinkten, daß es nur so eine Art hatte. Ämter dem Schanktische aber waltete Lenchen, das holde Töchterlein des Wirtes zum „Schwarzen Adler", nach dessen viel¬ besuchter Gastwirtschaft das ganze dunkle und gewundene Gäßlein den Namen führte. Meister Baldrian, der Adlerwirt, schenkte aber auch den besten Tropfen, den man im weingesegneten Wien schlürfen mochte, und sein Sohn, der schmucke Peter mit dem keck aufgezwirbelten Schnurr- bärtlein und dem blonden Krauskopf schleppte unermüdlich die schweren, vollen Zinnkrüge aus dem tiefen Keller hervor zum 30 Sagen aus Wien und Niederösterreich. Schanktisch, nicht ohne dabei jedesmal freundliche Blicke mit dem munteren Lenchen auszutauschen, auf deren Goldzöpfen die Sonne noch lieblicher spielte, als auf den blank gescheuerten Krüglein und Bechern. Das, nämlich das Augenspiel seines Peters und der flinken Schenkmagd, war aber auch der einzige Kummer Meister Baldrians, der sonst mit seiner purpurn schimmernden Nase, die das beste Zeugnis für die Güte des von ihm verzapften Rebensaftes abgab, und mit dem rundlichen Bäuchlein das Bild behaglicher Zufrieden¬ heit darstellte. Meister Baldrian war gar nicht geneigt, sein Peterlein an das muntere und flinke Lenchen zu verheiraten, denn so sehr er das fleißige und schalkhafte Schenkmädchen schätzte, weil sie der Liebling aller Gäste war, so hatte er doch mit seinem Sohne weit höhere Pläne. Magdalena war die Tochter einer armen Witwe, die in einem niedrigen Läuschen am Ende der Wollzeile wohnte, Peter aber sollte Katharina, die Tochter des angesehenen Gast¬ hofbesitzers zur „Grünen Weinrebe" in der Lerrengasse, heiraten, die zwar steinreich, aber auch an Jahren ziemlich vorgerückt und mit einem kleinen Löcker ausgestattet war. Eines Tages, als das Öllämpchen über dem breiten Eichentisch nur noch trübe flackerte und Meister Baldrian eben daranging, Feierabend zu machen, polterte noch ein Gast in die Stube, der seltsam genug aussah. Klein von Gestalt, mit einem Löckerchen am Rücken, hatte er ein faltiges, schwarzes Gewand an, und an dem Ledergurt hing ein plumpes Schwert mit einem gewaltigen Glasknauf, der im trüben Lampenschein eigentümlich funkelte. Auf dem großen Kopf mit dem dünnen, spärlichen Laar saß eine spitzige Samtmütze, von der ein Tuch zum Nacken herabfiel und an der eine zerzauste und geknickte Feder steckte. Ein mageres Ränzlein hing über der Schulter des wunderlichen Gastes, der augenscheinlich sehr ermüdet war und dessen noch junges, doch recht runzliges Gesicht ziemlich unwirsch dreinsah. Jetzt schlug das Männlein mit seinem Schwerte auf den blanken Eichentisch und rief ungestüm nach dem Wirte. Küß den Pfennig. 31 „Äeda!" schrie er mit einem dünnen, quiekenden Sümmchen, „gebt mir Atzung und Trank, denn ich komme von weicher und bedarf der Nahrung und Erquickung. Schließt mir auch Euer bestes Stüblein im ersten Stockwerke auf; ich gedenke mich mehrere Tage in der berühmten Kaiserstadt aufzuhalten und mit den gelehrten Äerren der hiesigen Universität zu disputieren; denn wißt, ich bin niemand geringerer als der berühmte Arzt und Chemiker Theophrastus Bombastus Parazelsus von Äohenheim und komme aus Salzburg, wo ich viele wundersame Kuren ausgeübt habe." Doch Lerrn Baldrian schienen diese Worte gar wenig zu imponieren. Verächtlich blickte er auf das verwachsene Männlein und sein mageres Nänzchen und unwirsch sagte er: „Für solche Wegelagerer und Abenteurer ist der „Schwarze Adler" keine geeignete Äerberge. Trollt Euch nur schleunigst von dannen und sucht Euch anderswo ein Obdach; für solche Gäste, wie Ihr einer seid, gibt's bei mir keinen Unterschlupf." Da brauste das Männchen auf und rief überlaut aus: „Ich kann Euch nur sagen, daß meine schlechte Studentenkappe mehr wert ist als alle Doktorhüte der ganzen Welt und daß in meinem Barte mehr Wissen steckt als in den Köpfen sämtlicher Gelehrten auf allen Akademien Deutschlands, Frankreichs und Italiens zu¬ sammengenommen. Ich bin der König der Ärzte und bin auf dem Wege, den Stein der Weisen zu finden, der alles unedle Metall in funkelndes Gold verwandelt." Meister Baldrian wurde auf diese Worte seines Gastes hin doch ein wenig nachdenklicher, aber der Blick, der das dünne, schäbige Ränzlein streifte, war noch immer mißtrauisch genug, wenn auch der Ton seiner Stimme etwas milder klang, mit dem er nun die Frage tat: „Könnt Ihr mir aber auch die Zeche für Behausung und Bewirtung bezahlen, wenn ich Euch im „Schwarzen Adler" beherberge?" Da öffnete der Studiosus sein Nänzchen und zog zwei Fläschchen hervor, von denen eines mit einer weißen, das andere mit einer hellgelben Tinktur gefüllt war. „Das ist vorläufig tnein ganzer Reichtum, filziger Meister," entgegnete stolz der seltsame Gast, „aber in wenigen Tagen 32 Sagen aus Wien und Niederösterreich. werde ich Gold in Hülle und Fülle haben und Euch Atzung und Kämmerlein doppelt und dreifach bezahlen." Meister Baldrian war über diese Eröffnung des fremden Wundermannes nichts weniger als erbaut und wollte schon Miene machen, das Männchen recht unsanft zur Tür hinauszudrängen; nur den Fürbitten des munteren Schenkmädchens, das mit dem kuriosen Studio Mitleid hatte, und seines Sohnes Peter, der immer auf der Seite Leuchens war, gelang es endlich, den Wirt umzu- stimmen, so daß Theophrastus Bombastus Parazelsus von.Hohen¬ heim ein Stübchen im „Schwarzen Adler" bezog, nachdem er seinen Hunger und Durst, die nach so langer, harter Wanderung nicht gering waren, weidlich gestillt hatte. Bald merkte der neue Gast des „Schwarzen Adlers", wie es um Peter und Magdalena stand, und er beschloß, den beiden, die sich seiner am ersten Abend so warm angenommen hatten, zu helfen. Vorsätzlich lenkte er eines Tages das Gespräch auf die Zu- Küß den Pfennig. 33 kunft Peters, den der Wirt in die Fremde schicken wollte, um ihn aus der Nähe Lenchens fortzubringen. Der hochberühmte Theophrastus Parazelsus, dessen magerer Leib sich bei der guten Kost im „Schwarzen Adler" schon ein wenig zu runden anfing, meinte, es wäre doch schade, wenn der fleißige Peter auf die Wanderschaft ginge, und nichts sei besser und verspreche ein dauernderes Glück in der Ehe, als wenn die Lerzen recht zusammenstimmen, und Lenchen sei auch so brav und fleißig, daß er, Lerr Baldrian, keine bessere Wirtin für den „Schwarzen Adler" finden könnte, da doch seine eigene Frau vor Jahren schon verstorben sei. Da brauste Lerr Baldrian in Hellem Zorn auf. „Behaltet Eure guten Ratschläge für Euch selber," schrie er mit hochrotem Gesicht. „Ihr könnt sie wahrhaftig besser brauchen; denn Ihr seid trotz Eurem langen Titel ein windiger, armer Schlucker. Vor¬ läufig bezahlt mir aber, was ich Euch angekreidet habe; es ist nicht wenig, denn Ihr habt an gutem Trunk und auserlesener Speise wahrhaftig nicht gespart. Und daß Jhr's nur wüßt, die Lene muß aus dem Lause und der Peter geht auf die Wanderschaft, und wenn er wiederkommt, gibt's Lochzeit mit der steinreichen Kathrine. So ist's und dabei bleibt's. Also heraus mit den Moneten, mein sauberer Lerr Labenichts aus Nirgendheim, oder wo Ihr sonst her seid." Da griff der hochberühmte Studiosus in die Tasche seines abgetragenen Wämsleins und brachte einen schlechten Pfennig aus Messing hervor, den er dem Wirte reichte, wobei er noch hinzu- sügte: „Und Ihr werdet doch nachgeben und Peter und Lene werden doch noch ein Paar. Das sagt Euch Theophrastus Bom- bastus Parazelsus von Lohenheim, aller ärztlichen Künste Meister und König." Kaum aber hatte der Wirt die Messingmünze erblickt, da kannte seine Wut keine Grenzen. „Bei Gott," schrie er, „so wenig dieser Pfennig je zu Gold wird, so wenig wird je das geschehen, was Ihr gesagt habt. Und nun hinaus mit dir, elender Quacksalber und Pillendreher!" Da schritt Parazelsus gravitätisch auf Magdalene zu, die ihr Smolle, Sagenbuch. 3 34 Sagen aus Wien und Niederösterreich. Gesicht hinter der Schürze verborgen hatte und bitterlich weinte. „Küß den Pfennig!" sagte der gelehrte Wundermann gebieterisch. Das Mädchen tat, wie ihm befohlen, und gab hierauf die wertlose Münze dem seltsamen Männchen zurück. Doch sieh da, im selben Augenblicke funkelte in der Land des hochberühmten Doktors ein schweres Goldstück und das Messingmünzlein war verschwunden. Was weiter geschah? Ihr könnt es euch wohl denken. Lenchen und Peter wurden ein Paar. Die Nachricht von der wunder¬ baren Begebenheit hatte sich bald in der ganzen Stadt verbreitet und der „Schwarze Adler" hieß fortan das Laus zum „Küß den Pfennig". Der Wirt aber grübelte Zeit seines Lebens über das Wunder nach und ihr könnt dasselbe tun, liebe Leser, wenn's euch nicht zu langweilig wird. Der Basilisk. (Wiener Sage.) ^^luf dem Lugeck, unweit des Lohen Marktes in Wien, be- sand sich vor dem sogenannten Regensburger Lose, wo die Kaufleute aus dieser deutschen Reichsstadt ihre Waren auslegten und feilboten, in alter Zeit ein Ziehbrunnen mit einem zierlich ge¬ arbeiteten Gitter aus Schmiedeeisen. Unaufhörlich rasselte die Kette; denn von weit und breit holten Mägde und Knechte das Wasser aus diesem Brunnen, das als besonders frisch und zuträglich galt. Aber an einem Iunimorgen des Jahres 1212 war alles rings um den Brunnen in Heller Aufregung und Bestürzung. Ein Knecht hatte seinen Pferden Wasser geschöpft, und kaum daß sie davon getrunken, hatten sie sich wild aufgebäumt und waren bald darauf kläglich verendet. Die Magd des Bäckermeisters Garhibel, der „Unterm Tempelhof", der heutigen Schönlaterngasse, sein Laus hatte, wollte Wasser schöpfen, aber ein abscheulicher Geruch, der aus dem Brunnen drang, ließ sie ohnmächtig niedersinken und bald scheuchten die greulichen Dämpfe, die in weißlichen Schwaden aus der Tiefe des Brunnens quollen, jung und alt aus der Nähe des verseuchten Brunnens. Der Basilisk. 35 Was war geschehen? In allen Gäßchen und auf allen Plätzen in der Nähe des Brunnens sammelten sich Leute und besprachen mit angsterfüllten Mienen das unerklärliche Ereignis. Der Sommer dieses Jahres war besonders heiß und drückende Schwüle lagerte beklemmend in den Straßen und Gassen, die sonst meist ein frischer Lufthauch durchstrich. Wochenlang war kein Tropfen pom stahlblauen, wolkenlosen Himmel niedergefallen und man fürchtete, wenn nun auch die Brunnen vergiftet wären, den Ausbruch einer jener Seuchen, wie sie im Mittelalter bei dem tiefen Stande der ärztlichen Wissenschaft und der ungenügenden Säuberung der Straßen so häufig ausbrachen und Tausende von Menschen dahinrafften. Die Aufregung der Menge war deshalb wohl begreiflich. Nun kam hoch zu Noß der Stadtrichter selbst mit der goldenen Kette, die auf seiner Samtschaube prangte, und der wehenden Feder am Barett auf den Schauplatz geritten und befahl sogleich den Rumorknechten, die Zugänge zu dein Unglücksbrunnen, aus dem unaufhörlich betäubende Dämpfe hervordrangen, abzusperren, damit nicht noch weiteres Unglück geschehe. Auch der allbekannte und geschätzte Doktor der Heilkunde, Herr Heinrich Pollitzer, hatte sich eingefunden. Sogleich beschied ihn der Stadtrichter, Jakob von der Hülben, zu sich und das kleine Männchen mit dem spitzigen, schwarzen Hut auf dem wirren Grau- köpf und der mächtigen Hornbrille über der Hakennase nahte sich unter tiefen Bücklingen dem Stadtgewaltigen. „Was ist Eure Meinung ob dieses ,erschrecklichen^ Mißgeschicks, das Gott über unsere Stadt verhängt hat, gelahrter Herr Doktor aller Wissenschaften?" fragte mit strengem Tone das Stadtoberhaupt. Herr Doktor Pollitzer brachte mit wichtiger Miene den silber- beschlagenen Knopf seines Stockes an die spitze Nase und ant¬ wortete nach einigem Nachdenken: „Nichts anderes kann es sein, Gnaden Herr Stadtrichter, als daß ein greuliches Ungeheuer in der Tiefe des Brunnens haust und mit seinem stinkenden Atem alles vergiftet, was ihm in die Nähe kommt." „Was soll das wohl für ein Ungeheuer sein?" fragte voll Besorgnis der Stadtrichter. 36 Sagen aus Wien und Niederösterreich. „Der große Plinius, ein berühmter römischer Gelehrter," be¬ richtete nun das gelehrte Männlein mit dem ganzen Stolze seiner ärztlichen Wissenschaft, „erzählt uns von einem Ungetüm, das aus einem Ei stamme, das ein siebenjähriger Lahn aus einen Dünger¬ haufen gelegt und das eine Kröte ausgebrütet und dessen giftiger Lauch alles töte, was ihm in die Nähe komme, ja dessen Blick allein schon genüge, jedes Wesen zu versteinern. Es hat die Gestalt eines großen Lahnes mit plumpen, warzigen Füßen und einem häßlichen Schuppenschweif. Auf dem Kopfe aber, aus dem ein Paar glühende Augen hervorglotzen, trägt es ein feuriges Krönlein. Es sieht aus, als wäre es aus einem Lahn und einer Schlange oder Kröte zusammengesetzt. Wer ihm naht, ist des Todes; wen Der Basilisk. 37 es mit seinen Feueraugen ansieht, wird zu Stein. Die Alten nannten dieses gräßliche Ungeheuer den Basiliskum. Und es wird sich wohl nicht anders verhalten, als daß auch in unserem Brunnen ein solcher Basilisk haust." Ein Gemurmel des Entsetzens lief durch die umstehende Menge, als sie diese Worte hörte, und mit Spannung lauschte man auf die Antwort des hochgelahrten Doktors, als nun der Ortsrichter weiter fragte: „Und gibt es denn kein Mittel, dieses Ungeheuer zu über¬ winden?" „Wohl gäb' es ein solches," erwiderte langsam und feierlich das Männchen mit dem Spitzhute, „aber wer wird sich wohl finden, es anzuwenden? Wenn sich ein reines, tugendhaftes Mägd¬ lein freiwillig dem schrecklichen Drachen hinopfert, dann verfällt dieser in einen hundertjährigen Schlaf und die Gefahr ist für diese Zeit vorüber. Sonst steigt das Ungeheuer alsbald aus seiner Tiefe empor und verheert ringsum Stadt und Land mit seinem Gifthauch." Da drängte sich Johanna, das liebliche Töchterlein des Bäcker¬ meisters Garhibl, aus der Menge hervor und trat mit nieder¬ geschlagenen Augen vor den Stadtrichter. Mit leiser Stimme sprach sie, indem sie die blauen, klaren Augen zu dem gestrengen Oberhaupte der Stadt aufschlug: „Ich bin bereit, mich zu opfern und meine Vaterstadt, mein liebes Wien, aus der furchtbaren Ge¬ fahr zu erretten." „Da sei Gott vor," erwiderte ernst Lerr Jakob von der Lülben, „daß die Stadt das Opfer Eures zarten, unschuldigen Lebens annehme. Nur wenn es gar kein anderes Mittel geben sollte, des Ungeheuers Lerr zu werden, mag Euer liebliches, jugend- frisches Dasein dem greulichen Drachen zum Opfer fallen." „Gibt es denn wirklich kein anderes Mittel, das Ungetüm zu bezwingen?" wendete sich der Stadtrichter jetzt wieder an das graue Männchen, das noch immer in demütiger Haltung vor ihm stand. „Wohl gibt es noch ein solches," entgegnete Herr Doktor Pollitzer, „aber wer wollte sich dessen unterwinden? Gegen Hieb 38 Sagen aus Wien und Niederösterreich. und Stich ist das Ungeheuer gefeit; niemand kann es erlegen. Nur eines vermag es zu töten. Wenn es sein eigenes Bild in einem Spiegel erschaut, zerspringt es aus Schreck vor seiner eigenen Häßlichkeit und geht elend zugrunde." Diese Worte des Arztes hatte niemand begieriger in sich ausgenommen als der Bäckergeselle Konrad, der in Diensten Gar- hibls stand. Er war ein munterer, lebensfrischer Bursche, der schon am frühen Morgen sein Liedlein sang, wenn er am Backtrog stand und den Teig zu den mürben Striheln und Wecken knetete, die schon damals eine schmackhafte Zukost zu der Frühstückssuppe der reichen Patrizier bildeten. Nur ein Schmerz bedrückte sein junges Herz: die aussichtslose Neigung zum Töchterlein seines Meisters. Daß Johanna ihr blühendes Leben zum Opfer bringen wollte für die Stadt, das er¬ höhte noch die Liebe zu ihr, aber das sollte nie und nimmer geschehen. Dafür wollte er schon Sorge tragen, mochte auch sein eigenes Leben, das eines armen Waisenkindes, an dem ja so wenig lag, darüber zugrunde gehen. Ernst und nachdenklich verrichtete Konrad sein Tagewerk, sein liederreicher Mund war an diesem Tage verstummt. Aber als die Nacht sich über die angstbeklommene Stadt gesenkt hatte, schlich sich der Geselle in den Keller; er hatte heimlich den Stahlspiegel aus der Herrenstube zu sich genommen und stieg nun in den Raum hinab, wo die Holzvorräte des Bäckers aufgestapelt lagen. Schon früher hatte er einmal, als er die Holzscheite ab¬ räumte, ein Loch in der Mauer wahrgenommen. Von hier, so schloß er, mußte ein Gang zum Brunnenhause führen. Und wirklich, kaum hatte er das Holz zur Seite geschoben, drang ihm schon ein unerträglicher Geruch entgegen, der ihm schier die Sinne zu benehmen trachtete. Doch er hatte sich ein feuchtes Tuch vor Nase und Mund gebunden und es gelang ihm wirklich mit Aufbietung seiner ganzen Willenskraft in den Stollen einzu¬ dringen, indem, er den Spiegel vor sich hielt. Endlich stellte er ihn mit Hilfe einiger Holzscheite dort auf, wo einiges Licht aus den Kellerfenstern auf die blinkende Fläche des Stahlspiegels auf- fiel und das Ungeheuer im Brunnengehäuse ihn bemerken mußte. Der Basilisk. 39 Als er wieder in den Backraum zurückgekehrt war, war er fast halbtot, doch erholte er sich rasch aus der Betäubung und erreichte glücklich und unbemerkt sein Schlafkämmerlein unter dem Dachboden. Am andern Morgen aber fand man das Untier mit zerrissener Kehle vor dem Spiegel und rein und frisch war wieder das Wasser, das man aus dem Brunnen schöpfte. Doch wurde dieser später verschüttet, damit nicht etwa wieder ein ähnliches Ungeheuer sich einstelle. Treue Liebe und heldenmütiger Opfermut aber fanden ihren verdienten Lohn. Johanna und Konrad wurden ein glückliches Paar und ganz Wien, der Ortsrichter und die Natsherren an der Spitze, kamen zu ihrem Ehrentage herbei und überhäuften die beiden mit herzlichen Glückwünschen und sinnigen Geschenken. An dem Äause des Bäckermeisters Garhibl, das fortan im Munde des Volkes den Beinamen „Zum Basilisken" führte, wurde zum ewigen Gedächtnisse das Bild des Basilisken in Stein ein- gemeißelt und darunter eine Inschrift angebracht, die in Kürze die Begebenheit erzählte. Äans Spannring, der damalige Besitzer des Äauses, ließ beides im Jahre 1577 erneuern. Die Inschrift lautete: I.NNO Domini NOOXII Wardt erweldt Kayser Friedrich der II. Undter seynem Regiment ist von aynem Äann entsprungen ain Basilisk, welcher obstehender Figur glaich, und ist der Brunn voll angeschütt worden mit Erden, darinnen fälliges Thier gefunden ist: ohn Zweiffel, weil ob seyner gifftigen Aygenschafft vill Menschen gestorben und verdorben seyndt. Renoviert 1577 durch den Äauß-Kerrn Lannß Spannring, Buchhändler. Die darüberstehende Figur ist freilich ein bißchen mißglückt. Nur schwer erkennt man in dem Sandsteinklumpen den furchtbaren Basilisk, an den sich eine so rührende Sage von Treue und Liebe knüpft. 40 Sagen aus Wien und Niederösterreich. Das Donauweibchen. (Donausage.) E^s^auh und streng war der Winter und festgefroren lag der Spiegel des Donaustromes, der damals, vor so viel hun¬ dert Jahren, viel näher bei Wien vorbeifloß als heutzutage, wo die große Donau weit von der Stadt entfernt ihre nur selten blauen Fluten hinabwälzt in die gesegneten Ebenen Ungarns. Damals schmiegten sich noch an die Mauer der kleinen Stadt, deren Ursprung in die Zeiten der Kelten und Römer zurückweist, armselige Fischerhütten und Netze und Reusen trockneten in der Sonne am grasigen Strande des alten Danubius. In einer solchen Lütte wohnte der alte Fischer Barthel mit seinem Sohne, einem schmucken Jüngling voll sehniger Iugendkraft und mit blitzenden, Hellen Augen, die jedes Fischlein am Grunde des Wassers zu erspähen vermochten. An einen so langen und strengen Winter, wie es der heurige war, konnten sich die beiden schon seit vielen Jahren nicht erinnern. Schon seit Wochen fuhren schwerbeladene Lastwagen über den hartgefrorenen Strom und noch immer kündete kein Wölkchen am stahlblauen Limmel, kein laues Lüftchen, das von südlicheren Fluren kam, eine Änderung des Wetters an. Alles Leben war erstorben unter der eisigen Decke, die über Strom und Auen lag. So saßen denn die beiden, der alte Fischer und sein Sohn, in der dürftigen Stube ihres Läuschens, in der ein ungefüger Kachel¬ ofen wohltuende Wärme verbreitete, indes die niederen Fensterchen mit starken Lolzbalken verschlossen waren, um nur ja der eisigen Kälte jeden Zutritt zu verwehren. Beim unruhig flackernden Scheine des Kienspans erzählte der Alte Geschichten, die sich alle auf den Strom bezogen, an dem sie lebten und der ihnen Arbeit und Nahrung gab. „Ja, Michel," Hub jetzt der Alte an, „ob du mir's glaubst oder nicht, am tiefen Grunde der Donau ist's gar prächtig und herrlich. Da lebt der Donaufürst in seinem kristallnen Palaste mit seinen Söhnen und Töchtern, den lieblichen Nixen, und einem Troß von Dienern, die seinen Befehlen gehorchen. Manchmal Das Donauweibchen. 41 aber in mondhellen Nächten kommt er auch hervor aus seinem Palaste und wandelt dann, gewöhnlich als Jäger verkleidet, in grünem Gewände am Ufer auf und ab. Wehe aber dem einsamen Wanderer, der ihn anspricht. Sogleich wird er vom Alten des Stromes ergriffen und in die Tiefe hinabgezogen. Auch die Töchter des Donaufürsten tauchen zuweilen in stiller Nacht aus dem Wasser empor und locken mit ihrem Saitenspiel und Gesang junge Menschenkinder zu sich hinab; sie sind gar lieblich anzusehen und ihrer Schönheit kann kein Erdgeborener widerstehen. Ja, Michel," schloß der alte Fischer seine Rede, „der alte Donaustrom birgt Geheimnisse in seinem Schoße, von denen sich die Menschlein, die aus der Erde herumkrabbeln, nichts träumen lassen." Doch der junge Fischer lächelte ungläubig. „Wie könnt Ihr doch, Vater, an solche Fabeleien glauben? Im Wasser wohnen doch nur die Fische, denen es Heuer freilich gar schlecht ergeht, denn weitum flußauf und -nieder ist der Strom gefroren und die eisige Decke hält alles Leben in ihrem starren Bann." Kaum hatte der junge Fischer diese Worte gesprochen, da verbreitete sich auf einmal eine wunderbare Lelle in der niederen Stube. Wie Limmelslicht floß es durch den düstern, engen Raum und ein Mägdlein stand plötzlich vor den zu Tode erschrockenen Fischern. Es war von überirdischer Schönheit; ein weißes, glän¬ zendes Gewand floß um die schlanke Gestalt und schimmernde Wasserrosen flochten sich in das schwarze Laar, das in feuchten Ringeln über Nacken und Schultern herabwallte. „Fürchtet euch nicht," sprach jetzt eine sanfte Stimme zu den beiden, die vor Schreck in die Knie gesunken waren, „ich bin die Tochter des Donaufürsten und komme in guter Absicht zu euch. Flieht, wenn euch euer Leben" lieb ist, aus dieser Lütte, denn in wenig Tagen wird Tauwetter eintreten und der Strom wird alles weit und breit überschwemmen und in seine Wirbel hinabreißen, so daß keine Rettung mehr möglich sein wird." Im nächsten Augenblick verlosch der Glanz, der die Lütte erfüllt hatte, und die liebliche Erscheinung war entflohen. Die beiden Fischer aber befolgten die Warnung der Donaunire und teilten das Erlebte auch den Nachbarn mit, so daß auch 42 Sagen aus Wien und Niederösterreich. diese Zeit hatten, ihre Lütten abzureißen und ihr Leben in Sicher¬ heit zu bringen. Wie es die holde Nixe vorausgesagt hatte, so geschah es. Bald brauste der Tauwind über die Eisfläche des Stromes und die empörten Fluten verschlangen alles, dessen sie habhaft werden konnten. Als der Frühling wieder ins Land gezogen kam und die be¬ sänftigten Wellen mit den Blumen am Strande spielten, waren auch die Fischerhütten wieder aufgebaut. Michel aber hatte seit jener Nacht, als die Nixe in der Lütte seines Vaters erschienen war, keine Ruhe mehr gefunden. Seine Wangen wurden bleich; er fand keine Freude mehr an der Arbeit des Vaters. Er saß fast immer nur im Kahn und ließ sich von den Wellen des Flusses hin und her schaukeln. Besonders in mondhellen Nächten fuhr er stundenlang im schwankenden Nachen auf den vielverzweigten Ar¬ men des Donaustroms umher, mit der Loffnung im Lerzen, er werde noch einmal der holden Nixe begegnen. Eines Morgens fand man seinen Nachen, der führerlos auf dem Wasserspiegel umhertrieb. Von dem jungen Fischer aber war keine Spur zu entdecken. Er ruht wohl am Grunde des Stromes im Kristallpalaste des Donaufürsten, dessen Töchter fortan nicht mehr die Sterblichen heimsuchten. Kruzinrugeli. (Volkssage aus Niederösterreich.) Niederösterreicher, die Bewohner der alten Ostmark, sind kreuzbrave, rechtschaffene Leute, zu Scherz und Spaß auf¬ gelegt, und die Sagen und Märchen, die bei ihnen heimisch sind, haben meist einen heiteren, mutwilligen Anstrich. Folgende schalkhafte Sage stammt aus der Gegend von Reichenau am Fuße des Schneebergs. Ein König, den es nicht mehr freute, ohne Frau zu sein, beschloß, sich zu vermählen. Nur wollte er kein anderes Mädchen Kruzimugeli. 43 zur Gemahlin als nur ein solches mit pechschwarzen Laaren und Augen von ebensolcher Farbe. Viele Mädchen aus dem ganzen Lande meldeten sich, was wohl nicht verwunderlich ist, denn ein König ist gewiß kein alltäglicher Bräutigam. Aber keine der Töchter des Landes gefiel dem König, denn keine hatte solche Augen und solche Äaare, wie er sich's einbildete. Anna, das muntere Töchterchen eines armen Köhlers, dessen Äütte einsam im Walde stand, sah den Aufzug der vielen stolzen Fräulein und dachte sich, sie könnte es wohl auch probieren, sich dem Könige vorzustellen; denn sie hatte ein paar Augen, die waren schwärzer als die schönsten Kirschen, und Laare, die waren weich wie Seide und schwarz wie die Nacht. Als nun die arme Köhlertochter sich auf den Weg zur Königsburg machte, begegnete ihr ein verhuzeltes Männlein, das ihr zurief: „Was gibst mir, Dirnlein, wenn du Königin wirst?" Drauf sagte das Mädchen: „Geben kann ich dir nichts, denn 44 Sagen aus Wien und Niederösterreich. ich bin arm wie eine Kirchenmaus, aber schön wär's schon, wenn ich Königin werden tat." Darauf das Männlein: „Ich will dir dazu helfen. Du wirst Königin. Aber wenn du nach drei Jahren meinen Namen nimmer weißt, dann gehörst du mir, und ich hol' dich aus dem Königspalaste." Das muntere Dirnlein dachte sich: „Das wird wohl keine Kunst sein, sich einen Namen drei Jahre zu merken, gar so viel Buchstaben wird er doch nicht enthalten." Laut sagte sie also: „Das wär' mir schon recht, wenn du mir Helsen wolltest. Sage mir nur rasch deinen Namen, denn ich hab' Eile, sonst besinnt sich der Äerr König noch eines Bessern und nimmt eine andere." Da sagte das Wichtlein lachend: „Ich heiße Kruzimugeli und in drei Jahren sehen wir uns wieder," und schon war es ver¬ schwunden, wie wenn es die Erde verschluckt hätte. Das Mädchen mußte aber auch lachen über den komischen Namen, den sie sich immer vorsagte, bis sie in die Königsburg kam. Sie hätte sich aber den spaßigen Namen doch gern ausgeschrieben; aber erstens hatte sie nicht ein Stückchen Papier und zweitens konnte sie auch gar nicht schreiben; denn sie war ja nur ein blutarmes Köhlermädchen und damals gab's weit und breit noch keine Schule. Als Ännchen vor den König kam, fand er richtig so großes Wohlgefallen an dem schwarzäugigen Dirnlein mit dem seiden¬ weichen Nabenhaar, daß er sie vom Fleck weg heiratete. So wurde also das Köhlermädchen von Reichenau eine Königin und lebte in Lustbarkeit und Freude, so daß sie auch ihr früheres Leben ganz vergaß, nur den Namen „Kruzimugeli" hatte sie noch in guter Erinnerung. Das kam aber davon, weil sie sich Tag für Tag früh und abends das spaßhafte Wörtlein vorsagte. Aber eines Morgens, als sie sich gerade den Schlaf aus den Augen rieb, denn sie war noch sehr schläfrig, weil sie erst sehr spät von einem glänzenden Ball heimgekehrt war, da konnte sie sich auf den Namen nicht besinnen, sie mochte tun, was sie wollte, und auch die folgenden Tage fiel er ihr nicht ein, obwohl sie sich den Kopf zerbrach und sich abhärmte, so daß sie schon ganz blaß wurde und der König, der seine junge Frau sehr gerne hatte, sie ganz bekümmert fragte, was ihr denn fehle. Kruzimugeli. 45 Und zudem waren die drei Jahre, die das Männlein als Frist gesetzt hatte, bald herum und jetzt fehlte nur noch ein Tag. Voll Trauer saß Anna vor dem Schloßtor; da kam eben der Lofjäger von der Jagd zurück und lachte, als er die Königin sah. Das war wohl respektwidrig und paßte auch gar nicht zu dem leidenden Aussehen der Königin. Diese war aber sehr neugierig und fragte den Jäger, warum er denn so lache. „Nein, Frau Königin," erwiderte dieser und lachte noch mehr, „es ist doch zu spaßig. Da sah ich gerade im Walde ein Männ¬ lein an einem Feuerchen sitzen, das immerfort vor sich herbrummte: Wie gut ist's, daß die Königin nicht weiß. Daß ich Kruzimugeli heiß'!" Als die junge Königin dies hörte, wäre sie dem Manne vor Freude fast um den Lals gefallen, wenn sich dies für eine Königin geschickt hätte, und als am nächsten Tage pünktlich das Männlein erschien und sie um seinen Namen fragte, sagte sie zuerst: „Mir scheint, du heißt Steffel." Das Männlein sprang vor Freude in die Löh' und sagte: „Nicht getroffen!" „Nun, so heißt du Veitl." - Da war das Männchen noch froher und tat noch einen größeren Juftsprung. „Jetzt gehörst du mir," sagte es. Da er¬ widerte die Königin ganz gelassen: „Nun, so heißt du halt Kruzi¬ mugeli!" Nun mußte das Männlein mit Schänd' und Spott abziehen. Es sprang durch ein Loch in der Mauer, das man noch heute im Schlosse sehen könnte, wenn jemand es auszufinden wüßte. Ännchen aber blieb Königin und lebt vielleicht noch heute. 46 Sagen aus Wien und Niederösterreich. Das tapfere Schneiderlein. (Sage aus Niederösterreich.) ein anderes, munteres Geschichtchen aus dem reichen Sagenschatze Niederösterreichs. Lebte da zu Viehofen bei St. Pölten vor langer, langer Zeit ein armer Taglöhner, der viele Kinder, aber gar wenig Geld hatte. Als die Buben herangewachsen waren, mußten sie daher alle aus dem Lause, um sich, so gut sie's konnten, durchs Leben zu schlagen. Nur der jüngste war so schwach und klein, daß der Vater nicht wußte, was er mit diesem zwirnsdünnen Bürschlein anfangen sollte. Da kam eines schönen Tages ein altes Weiblein zu Besuch in die Taglöhnerhütte, das in dem Rufe einer Zauberin stand. Der Taglöhner klagte der Alten sein Leid, daß er nicht wisse, was er mit seinem Jüngsten anfangen solle, und zu Lause könnte er ihn doch auch nicht immer behalten; wenn er auch nicht viel esse, liege er ihm doch in der Schüssel, in der immer nur ein paar Bröcklein wären, die kaum für einen ausreichten. „Ei," sagte die zahnlose Alte, „laßt ihn Schneider werden; zu diesem Landwerke braucht er nicht viel Kraft und der Lans hat ja eine geschickte Land. Da habt Ihr übrigens noch einen ganz kleinen Fingerhut für ihn; das soll der Anfang für seine Geschäfts¬ ausstattung sein." In diesem Augenblicke kam der kleine Lans vom Gänse- hüten heim. Er bedankte sich sehr bei dem alten Weiblein; und weil er sich gar so fein und schön bedankte, zog die Alte noch eine Schere aus ihrem Beutel und gab sie Länschen in die Land. „Aber daß du mir ja nie mit einem andern Fingerhut nähst und mit einer andern Schere zuschneidest!" sagte sie noch während des Forthumpelns. Lans beteuerte es und es war sein Glück, denn der Fingerhut hatte die Eigenschaft, daß alles wohl gelang, was man damit nähte, und die Schere schnitt alles fein säuberlich zu, ohne einen Fehler zu machen. Jedes Kleidungsstück hatte einen tadellosen Schnitt, wenn es mit dieser Schere zugeschnitten wurde. Das tapfere Schneiderlein. 47 So wurde denn unser Lans rasch der Liebling der Meisterin, zu der er in die Stadt kam, denn mit seinem Fingerhut und seiner Schere ging alles flink und tadellos von statten. Trotz seiner Kleinheit und Jugend wurde er bald Vorschneider und Altgeselle; aber eben deshalb haßten ihn die andern Gesellen und sie beschlossen, ihn zu verderben. Aber Lans hatte ihre heimlichen Zwiegespräche belauscht und hielt es daher für das klügste, zu entfliehen. Zwei Tagereisen war er schon auf dem Wege, da kam er in eine Stadt, in der die Bewohner nur in schwarze und rote Mehl- säcke gekleidet waren. Ein solcher Mann in einem roten Sack und mit einem mächtigen Spieß stand beim Stadttor und fragte unser Schneiderlein mit einer mürrischen und wilden Miene, woher es denn komme und wer es sei. Als Lans ganz verzagt antwortete, er sei ein Schneider und suche Arbeit, wurde der Mann im roten Sack noch wilder und schrie unser Schneiderlein an: „Weißt du denn nicht, daß in unserer Stadt niemand anders gekleidet sein darf als in einem Sack, und wer das Gebot übertritt, der bekommt hundert Stock¬ streiche und muß überdies mit einem Riesen um den Beflh der Königstochter kämpfen? Marsch vorwärts zum Prosojen! Unserm kleinen Schneider zitterten die Knie, als er von dieser seltsamen Verordnung Kenntnis erhielt; aber es blieb ihm nicht viel Zeit zur Überlegung, denn der Rotsack packte ihn sofort am Arm und schleppte ihn in den Kerker. Der Kerkermeister hatte Mitleid mit dem t^chneiderlein, das auch wirklich ganz erbarmungswürdig aussah, und petzte es bei der hohen Obrigkeit durch, daß ihm die Schläge geschenkt wurden; aber der Kampf mit dem Niesen konnte ihm nicht erlassen werden. Von dem Kerkermeister erfuhr unser Äans auch, was für eine Bewandtnis es eigentlich mit dem Rieten und der Königs¬ tochter habe, und warum alle Menschen in der Stadt in Säcken steckten. Der König hatte nämlich eine Frau; die war so puhsüchtig, daß sie alles Geld nur auf prächtige Kleider ausgab uud immer in Gold und Seide einherrauschte. Der erzürnte König verbannte 48 Sagen aus Wien und Niederösterreich. sie deshalb aus seinem Reiche. Aber sein Töchterlein trieb es noch viel ärger; die tat gar nichts anderes, als den ganzen Tag vor dem Spiegel stehen und neue Kleider probieren und alle Stunden erschien sie in einer andern herrlichen und kostbaren Toilette. Da wurde der König wild, sperrte die Prinzessin in einen Turm und ließ sie von einem Niesen bewachen. Alle Bürger aber sollten fortan statt der Kleider nur Säcke tragen und kein Schneider durfte die Stadt betreten; wenn er es aber doch tat, so mußte er mit dem Niesen um die Königstochter kämpfen; da war ihm ein gräßlicher Tod sicher. So führten denn am nächsten Morgen zwei Gendarmen unfern Kans in den nahen Wald, wo der furchtbare Niese hauste. Als sie aber von weitem sein Schnauben hörten, liefen sie eiligst davon und ließen unser Schneiderlein allein. - Wie es unserm Kans zumute war, könnt ihr euch wohl denken. Als er so im finstern Walde stand und an allen Gliedern zitterte, war auf einmal das alte Weiblein in seiner Nähe, das ihm den Fingerhut und die Schere geschenkt hatte. Die Alte gab ihm schnell einen Igel und einen Vogel und sagte: „Gib fein acht auf diese zwei Gaben, du wirst sie beide gut gebrauchen können." Und schon war sie verschwunden; da stand aber auch schon der Riese vor ihm und sah voll Verachtung auf unser Schneiderlein herab. „Was, du willst dich mit mir messen, armes Wichtlein? Versuch's, ob du mich besiegen kannst. Wenn du eine Kugel weiter wirfst als ich und einen Stein höher schleuderst und endlich höher springst als ich, dann bin ich überwunden, und du sollst die Königstochter haben." Indem nahm er eine Kugel aus dem Sack und schob sie weit weg. Kans aber ließ den Igel laufen; der kam noch weiter als die Kugel. „Nicht übel," brummte der Niese, der den Igel für eine Kugel gehalten hatte, in seinen Bart, hob einen Stein auf und traf ein Fenster des zwölften Stockwerkes seines Zauberschlosses. Äans aber ließ schnell den Vogel fliegen; der flog gar übers Dach und noch höher. Das tapfere Schneiderlein. (Seite 48.) Das tapfere Schneiderlein. 49 „Du gefällst mir, Bürschlein," meinte der Riese, „aber paß auf, jetzt kommt das Schwerste." Und er sprang mit einem wuchtigen Schwünge über eine hohe Eiche hinüber. „Mach mir's nach, du Zwerglein," lachte er höhnisch. Aber unser Pünschen war schlauer als der plumpe Riese. „Bieg mir doch diese Pappel herunter," sagte er ganz arglos zum Riesen, „damit ich sie messen kann, ob sie höher ist als deine Eiche." Pans ergriff rasch den Wipfel der Pappel und hielt sich daran fest. „Kannst schon auslaffen," sagte er zum Niesen. Dieser ließ los und Pans flog höher als die Eiche, über die der Riese gesprungen war. Nun hatte Pans gewonnen und der Niese hob ihn zum Fenster des Schlosses empor, hinter dem die Königstochter stand. Unser Schneiderlein spazierte gleich durchs Fenster in das Zimmer hinein. Und da die Prinzessin unserm Pans sehr gefiel und auch die Königstochter das niedliche Schneiderlein lieb gewann, so wurden sie ein glückliches Paar und das alte Weiblein, das mit seinen Geschenken unserm Pans so wunderbar in allen seinen Nöten geholfen hatte, war auch bei der Pochzeit. Da aber der neue König jetzt selbst schneidern konnte, so kamen die Kleider der Königin nicht mehr so teuer und der alte König schlug nicht mehr die Pände über die Schneiderrechnung zusammen. Die Bürger durften nun auch wieder Röcke und Kleider tragen und mußten nicht mehr in Säcken herumspazieren, worüber sie herzlich froh waren, besonders die Frauen, denen die Säcke ein Greuel waren. Sin olle, Sagenbuch. 4 Zweiter Abschnitt. Sagen aus dem Alpengebiete. Der Mondsee. (Sage aus Oberösterreich.) ^)u den schönsten Seen des herrlichen Salzkammergutes Ober- österreichs gehört unstreitig der Mondsee, sowohl wegen des lieblichen und malerischen Reizes seiner Uferlandschasten als auch wegen der heiteren Ruhe, die er atmet, und der reinen Bläue seines Spiegels. Wie ein Riesentürkis, eingefaßt vom Grün der Auen und Wälder, schimmert er bei ruhigem Wetter im Glanze der Sonne und majestätisch erhebt der an seiner Südseite ausragende in ein Doppelhorn auslaufende Schafberg seinen Gipfel in die Wolken. Man nennt ihn den österreichischen Rigi, weil man von seiner .Höhe eine ähnliche entzückende Fernsicht genießt wie von der des Schweizer Berges. Gleich Schilden von Diamant blitzen und funkeln zu seinen Füßen die Seen des Salzkammergutes und schnee¬ bedeckte Riesenhäupter grüßen uns aus der Ferne entgegen. An einer Stelle des Mondsees ragt eine Stange aus den Fluten. Sie soll die Stelle bezeichnen, wo einst vor grauen Jahren ein Hügel sich erhob, auf dessen Kuppe eine Burg stand, während rings gesegnete Ackersluren und Triften sich ausbreiteten. Der Mondsee. 51 Der erste Burgherr war fromm und mildtätig und bald siedelten sich rings um den Burghügel viele Bewohner an und auch ein Kirchlein erhob sich, das der Verehrung Mariens ge¬ weiht war. Aber nicht lange blieb es so. Der letzte Burgherr war grausam und habgierig, drückte die Bauern und beraubte und plünderte die benachbarten Burgen. Er häufte Frevel auf Frevel, bis sich Gottes Strafgericht an ihm vollziehen sollte. Einst erschien dem Priester des Kirchleins die heilige Gottes¬ mutter im Traume und hieß ihn alle Bewohner des Ortes auf¬ fordern, das Dorf am Fuße der Burg schleunigst zu verlassen, denn Gottes Langmut habe ein Ende und bald werde die Stätte der Frevel vom Erdboden vertilgt werden. Der Priester forderte nun die Gemeinde auf, das Dorf zu verlassen und sich an einer andern, vom Seeufer entfernten Stelle niederzulassen. Dies geschah auch und so entstand das heutige Mondsee. Der Schloßherr aber sah von den Zinnen seiner Burg auf die Fortziehenden, die all ihr fahrendes Gut mit sich nahmen. Löhnisch' verspottete er ihren Aberglauben und beschloß, ihren Abzug durch ein schwelgerisches Fest zu feiern. Vergebens mahnte ihn der Priester und kündigte ihm den baldigen Untergang der Burg an. Er lachte über solche Weis¬ sagungen, und obwohl sich schon finsteres Gewölk am Limmel zu¬ sammenballte und die Blitze brennrot niederzuckten, saß er doch mit seinen Spießgesellen beim üppigen Mahle und verlachte mit höhnischen Worten die Leichtgläubigkeit der Menge. Plötzlich fuhr ein grellroter Blitz, dem ein betäubender Donnerschlag folgte, in den Turm der Burg und augenblicklich stand sie in Hellen Flammen. Zugleich bebte die Erde und die in ihren Grundfesten erschütterte Burg begann zu wanken. — Das Tal, einst so blühend und fruchtbar, füllte sich mit Wasser, das aus tausend Spalten hervorquoll, und der böse Burgherr und seine Genossen wurden von den Fluten verschlungen. Kein Läuschen des Dorfes blieb erhalten; auch die Kirche verschwand in den hochaufschäumenden Wasserwogen. 52 Sagen aus dem Alpengebiete. Wo früher Felder und Wiesen lagen, dehnte sich nun der Seespiegel aus. Noch jetzt soll man, wenn das Wasser niedrig steht, die Spitze des Kirchturms sehen, der einst an dieser Stelle aus dem Talgrunde sich erhob, und mancher alte Fährmann, der seinen Nachen über den See ruderte, will ihn deutlich wahrgenommen haben. Friedlich lacht in ungetrübter Bläue an ruhigen Sommertagen der Spiegel des Sees, der seinen Namen der doppelten Mond¬ sichel verdankt, mit der er Ähnlichkeit hat, dem Beschauer entgegen und hält in der Tiefe seines Schoßes das Geheimnis verborgen, dem er sein Entstehen verdanken soll. -PH Das arme Geigerlein. (Sage aus Oberösterreich.) »Eferding ist ein freundliches Landstädtchen in Oberösterreich, an der Donau gelegen. Auf einem Steinbänklein vor einer Mühle am Ende des Städtchens saß einst ein müder Wanderer, ein Geigerlein, der wohl schon weitum gewandert sein mußte, denn seine Schuhe waren arg staubig und schienen vom weiten Wege hart mitgenommen. Wenig stimmte seine sonstige Gewandung zu dem rauhen Kerbstwind, der durch die Straßen strich, und zu den trüben Wolken, die am Lümmel hingen und baldigen Schnee ankündigten. Sein Wams war arg zerschlissen und löchrig und die engen Beinkleider, die in den schadhaften, riemenlosen Lederschuhen steckten, mochten schon auf mancher Bank umhergerutscht sein, so faden¬ scheinig und dünn sahen sie aus. Das Käpplein bedeckte ein wirres Äaargestrüpp, dessen Schwarz wie mit Asche bestaubt erschien, nicht allein vom Staube des Weges, sondern wohl noch.mehr von der Last des Kummers und der Jahre, die sich auch in den eingefallenen Zügen und der fahlen Farbe des Gesichtes ausprägte. Er hatte die Geige auf die Knie gelegt und starrte vor sich Das arme Geigerlein. 53 hin, ohne der Vorübergehenden zu achten; sein Blick war ins Innere gekehrt und er dachte vergangener Zeiten, wo er noch jung und lebensfroh war und seiner Fiedel die lustigsten Weisen ent¬ lockt hatte. Weitum im Landl ob der Enns fehlte er bei keinem Taus¬ schmaus, keiner Kirchweih und Äochzeit; überall war er dabei, wo's hoch herging und junge Füße sich im Reigen drehten. Aber jetzt? Man mochte ihn nicht mehr leiden, seitdem sein Saitenspiel immer so traurig und wehmütig klang und seine Beine alt und stets geworden waren. Kärglich flössen ihm die Gaben zu und schon lange hatte er den Gurt, der seinen leeren Magen ein¬ schnürte, nicht lockern müssen, denn die Bissen waren immer schmal und blieben zuweilen ganz aus. Wie er so auf dem Steinbänklein saß und sann, klopfte ihm auf einmal jemand auf die Achsel, und als er ausblickte, sah er zwei ganz schwarz gekleidete Männer vor sich, von denen der eine 54 Sagen aus dem Alpengebiete. eine feurigrote Hahnenfeder auf seinem spitzigen Hute trug, der andere zum Erschrecken bleich und düster dreinblickte. „Heda, guter Freund," sagte der mit der Hahnenfeder, „warum so trübsinnig? Bläst nicht der Wind genug scharf? Müßt Ihr auch noch Trübsal dazu blasen? Kommt doch lieber in die Schenke; drin ist's wärmer, und ein kräftiger Imbiß könnt' Euch wohl auch nicht schaden, denn Ihr seht mir nicht danach aus, als ob Ihr an Verdauungsbeschwerden littet." „Laßt mich in Ruh'," entgegnete mürrisch das Geigerlein, dem die beiden Schwarzen gar nicht gefielen. „In die Schenke mag ein anderer gehen, dessen Beutel nicht so leer ist wie der meinige." „Ist's an dem?" lachte der mit der roten Feder. „Dem kann leicht abgeholfen werden. Ich weiß hier über der Mauer drüben einen Platz, wo ein großer Schatz vergraben ist. Wenn Ihr den hebt, hat Eure Not für immer ein Ende und Ihr werdet zeit¬ lebens ein steinreicher Mann sein." Da leuchteten die Augen des armen Geigers in begehrlichem Glanze auf. Reich sein, fürs ganze Leben reich sein, ja, das wollte er, aber wer weiß, was der Versucher dafür verlangt. Am End' ist's der Böse und ich soll ihm meine Seele verschreiben. „Was stellt Ihr für eine Bedingung, wenn Ihr mir den Schatz weist?" fragte er laut. „Bedingung? Gar keine; das heißt, nur eine solche, die Ihr leicht erfüllen könnt. Mein Freund, der neben mir steht, soll Euch durchs ganze Leben begleiten und nicht von Eurer Seite weichen. Ihr seid ja ohnedies allein auf der Welt, so könnt Ihr Euch den Gefährten wohl gefallen lassen, wenn er auch ein wenig gallig und mürrisch dareinsieht. Schlagt also ein und Ihr sollt im Nu Besitzer großer Reichtümer werden." Da bedachte sich unser Spielmann nicht länger und schlug in die dargebotene Land ein. Mittlerweile war die Nacht herein¬ gebrochen. Alles schlief im Hause des Müllers, vor dem der Spielmann gesessen war. Heimlich stiegen die drei über die Mauer und bald kam der mit der roten Feder aus dem Hause und händigte unserm Geigerlein einen Haufen Goldes ein. „So, da habt Ihr das Versprochene; aber jetzt muß ich mich Das arme Geigerlei». 55 verabschieden. Ich lasse meinen Freund zurück, der wird nie von Eurer Seite weichen." So geschah es auch. Fortan war der bleiche Geselle der un¬ zertrennliche Begleiter unseres Geigerleins. Im Anfang ließ sich der reichgewordene Spielmann dies ruhig gefallen, wenn ihm auch das leichenfahle Gesicht mit den forschenden und bohrenden Augen wenig behagte. Er lebte in Saus und Braus und kümmerte sich nicht viel um den Genossen, der sich wie der Schatten an seine Sohlen heftete. Aber mit der Zeit wurde ihm diese Gesellschaft immer furcht¬ barer. Wenn er im Kreise froher Zecher seinen Becher zum Munde führte, beugte sich sein Gefährte zu ihm nieder und flüsterte ihm zu: „Ich bin da, wenn mich auch sonst niemand sieht als du." Wenn er auf Reisen war und sich an der Schönheit der Land¬ schaft erfreuen oder die herrlichen Kunstwerke fremder Städte be¬ wundern wollte, sogleich grinste ihm das bleiche Gesicht des Ge¬ fährten entgegen und er hörte ihn sprechen: „Vergiß nicht, daß ich auch bei dir bin!" Kurz, er konnte den blassen Gesellen mit dem unheimlichen Augenpaar nicht von sich abschütteln, mochte er sich in die Einsamkeit des Waldes flüchten oder in den Wirbel der Gesellschaft stürzen. Der Blasse stand neben ihm und flüsterte ihm zu: „Ich bin da." Da warf er das ganze Geld fort, das er noch besaß; er wollte wieder ein armes Geigerlein werden und Lunger leiden wie damals, ehe die beiden Versucher ihm genaht waren. Er hatte wieder sein fadenscheiniges Nöcklein an und wanderte aus der Landstraße fürbaß. Auf einmal blickte er zur Seite; wer stand neben ihm und lächelte ihn boshaft an? Der blasse Mann mit den bösen, forschenden Augen, der ihn keinen Augenblick ver¬ lassen hatte. „Wer bist du denn eigentlich?" schrie jetzt der Geiger in wilder Verzweiflung aus. „Willst du mich denn keine Minute allein lassen? Ich hab' es satt, immer und immer in dein kreide¬ weißes Gesicht zu blicken und immer deine krächzende Stimme zu hören: ,Ich bin da/ Wer bist du? Sag es mir endlich und ver¬ laß mich, ich beschwöre dich darum." 56 Sagen aus dem Alpengebiete. „Wer ich bin, willst du wissen?" entgegnete dumpf der un¬ zertrennliche Begleiter. „Ich bin das schlechte Gewissen und erst mit dem Tode wirst du von mir befreit." Da rannte unser Geigerlein so rasch er konnte übers Feld und stürzte sich in den Strom, der seine Fluten vorüberwälzte. Am andern Morgen fand man in der Nähe des Müller- Hauses, aus dem einst die drei den Schah geholt hatten, den Leich¬ nam des armen Geigers, den man schon lange in der Gegend nicht mehr gesehen hatte und der spurlos verschwunden schien. -M- Der Springerwirt von Eferding. (Sage aus Obervsterreich.) ^H^un noch ein heiteres Geschichtchen vom Strande der schönen blauen Donau, und zwar aus demselben Städtchen des schönen oberösterreichischen Landes, aus dem auch die voran¬ gehende so ernste Sage stammt. Bei Eferding steht ein Einkehrwirtshaus; das trägt ein selt¬ sames Schild, nämlich einen Mann in buntem Schellengewand, der in den Lüften zu schweben scheint, und führt auch eine absonder¬ liche Bezeichnung, nämlich „Zum Springerwirt". Wie aber diese stattliche Schenke zu diesen: Namen und zu dem Schilde gekommen, das verhielt sich so. Vor vielen Jahren ging da ein Wanderbursche auf der stau¬ bigen Straße; der war recht müde und hungrig, nichtsdestoweniger pfiff er ein lustiges Lied, als er sich über den Zaun bog und mit begehrlichen Augen in die geräumige Wirtsstube hineinguckte, in der ein paar Bauern schläfrig vor ihren Weinkrügen saßen und der Wirt recht mürrisch Hinterm Schenktisch hockte. Denn obwohl es draußen rechtschaffen heiß war, wollte doch kein rechter Durst aufkommen und es ließen sich nicht eben allzu viele Gäste bei Meister Florian sehen. So war dieser denn verdrießlich genug aufgelegt und empfing den neuen Gast, eben unfern Wanderer, der zuvor übern Zaun geguckt hatte, nicht gerade allzu freundlich. Der Springerwirt von Eferding. 57 Er war aber auch ein Geselle, gegen den man wohl ein wenig mißtrauisch sein konnte. Ein fadenscheiniges Mäntelchen bedeckte ein Nöcklein, das aus bunten Lappen zusammengesetzt war, und enge, abgewetzte Beinkleider von feuerroter Farbe; die zerlöcherten Strümpfe steckten in staubigen Schuhen, die der Litze wegen viele Luftlöcher hatten, und auf dem Krauskopf saß eine Mütze, die einmal von Samt gewesen sein mochte und an der eine Feder steckte, die der Wind schon ein paarmal geknickt hatte. So war also das Äußere des Fremdlings nicht sehr vertrauen- erweckend, desto kecker und selbstbewußter war sein Auftreten. Auf den roten Lippen des frischen Gesichtes saß ein schwarzes Schnurr¬ bärtchen und die dunklen Augensterne blitzten recht vergnüglich in die Welt. Nun begrüßte er die paar Bäuerlein und den Wirt, der ver¬ drießlich und schwerfällig hinter dem Schanktisch aufgestanden war, mit einem Schwall lateinisch oder welsch klingender Worte, warf seinen mageren Schnerfer (Rucksack) auf die Bank und sagte dann: „Lerr Wirt, schnell eine Flasche Wein, aber vom besten, denn draußen ist's heiß, und ich komme von weither, war in Italien auf der weltberühmten Universität Padua und in Deutschland, wo ich das Grab des Doktor Faustus aufsuchte, und dann zog ich donauabwärts, bis ich in diese miserable Schenke geriet, wo es, wie es mir scheint, nur einen elenden Krätzer und Säuerling gibt, der für meine geschmeidige Kehle kaum der richtige Trank sein dürfte." Da brauste der Wirt auf und sagte voll Ärger: „Wie kommt Ihr dazu, mein weit und breit bekanntes Wirtshaus zu verschimpfieren? Wer seid Ihr denn eigentlich, Lerr Luftikus und Meister aller brot¬ losen Künste?" Auf diese Worte hin warf sich der Fremde gewaltig in die Brust und rief mit dem Tone gekränkten Stolzes aus: „Wer ich bin? Ich bin der NaZistor OMNIUM artinm libornlium et inASnunrum und heiße Martinus Jakobus Rothard und habe mich mit meinen Kunststücken schon vor Kaisern und Königen produziert und hoch und niedrig, arm und reich, klein und groß in Erstaunen gesetzt." Der Wirt wurde nun doch ein wenig stutzig und meinte ziem- 58 Sagen aus dem Alpengebiete. lich kleinlaut und demütig: „Da möchte ich nun doch mich einmal ein solches Kunststück von Euch sehen, Lerr Magister der liberalen Arznei oder wie Ihr Euch sonst zu nennen beliebt." „Nichts leichter als dies, König aller Weinverderber und Meister aller verbotenen Kellerkünste. Es gilt eine Wette, seid Ihr damit einverstanden?" „Topp, es sei!" sagte der Wirt und die Bauern rückten näher auf der Bank zusammen und machten große Augen. „Labt Ihr unter Euern Fäßlein eins, in das noch kein Tropfen Wasser gekommen und das den Saft der besten Donaureben ent¬ hält, so sei dieses der Preis der Wette. Jst's Euch recht?" „Ich bin's zufrieden," sagte der Wirt, immer neugieriger ge¬ worden, „nun aber zeigt, was Ihr könnt." „Also paßt auf!" erwiderte der seltsame Gast und der Schalk blitzte ihm aus den Augen, „ich springe höher als Euer Laus!" Da lachte der Wirt aus vollem Lalse und schrie: „Ihr seid ein rechter Schalksnarr und Possenreißer! Ihr wollt höher springen als mein stattliches Laus mit den zwei Stockwerken? Schaut, daß Ihr fortkommt, alberner Prahlhans!" „Loho!" rief der Fremde, „Ihr seid die Wette eingegangen, jetzt gibt's kein Zurückweichen." Die Bauern gaben ihm recht. „Eine ehrliche Wette muß gehalten werden," sagte der eine und die andern stimmten ihm bei und reckten sich schon die Lälse aus, um nur ja alles gut zu sehen, was da kommen werde. „Also, Lerr Wirt, es gilt: Das Fäßlein von Eurem Besten!" rief der fahrende Geselle. „Kommt hinaus vor die Tür und seht zu, ob ich nicht die Wette gewinne." Und schon war er bei der Tür draußen, der Wirt und die Bauern drängten ihm nach. Vor dem Lause warf der seltsame Gast sein Mäntelchen ab, schürzte die Ärmel seines Wamses in die Löh', streckte die Arme aus und schickte sich zum Sprunge an. Nun schwang er sich empor, aber er kam nur ein paar Zoll über den Boden. Ganz rot im Gesichte stellte er sich vor den Wirt hin und sagte lachend: „Die Wette ist gewonnen, Meister Florian, nun her mit dem Besten, den Ihr im Keller habt!" Der Springerwirt von Eferding. 59 „Was?" schrie der Wirt und wurde ganz blau vor Zorn, „das nennt Ihr hoher gesprungen als mein Laus? Ich will Euch der Obrigkeit anzeigen, die wird Euch solche Späße schon vertreiben." „Gemach, Lerr Wirt!" entgegnete unser lustiger Bruder. „Spart Euern Zorn; die Wette ist ehrlich gewonnen. Jetzt laßt Euer Laus springen, und wenn es höher springt als ich, dann könnt Ihr Euer Fäßlein behalten und ich will in Frieden von dannen ziehen." Da lachten die Bauern; nur der Wirt machte ein saures Gesicht und murmelte etwas von Gericht und schändlichem Betrug. Bald aber sah er ein, daß er einem lustigen Gesellen aufgesessen und wahrscheinlich auch vor Gericht den kürzeren ziehen würde. 60 Sagen aus dem Alpengebiete. So wurde denn das Fäßlein aus dem Keller heraufgeholt und bald saßen alle bei dem köstlichen Trunke und ließen das Gold der „Donauperle" in den Gläsern blinken. Martinus Jakobus Rothard aber unterhielt alle mit seinen Schnurren und Schwänken, die er zum besten gab, und erzählte von seinen Fahrten und Reisen in Italien und Deutschland, so daß schon der Mond zum Fenster hereinlugte, als die Gesellschaft noch immer beisammensaß, denn das Fäßlein war noch immer nicht zur Neige und der edle Rebensaft rann so süß und ge¬ schmeidig durch die durstigen Kehlen, daß man schier nicht aufhören mochte, zu schlürfen und zu trinken. Der Wirt aber hatte sich im Laufe der Unterhaltung über¬ zeugt, daß der fahrende Geselle nicht bloß ein flinkes Mundwerk sein eigen nannte, sondern auch das Äerz aus dem rechten Fleck hatte. So räumte er ihm denn ein Stübchen in seinem Gasthause ein, damit er dort übernachte; schließlich ließ er ihn gar nicht mehr sort, als er sah, wie die munteren Reden und artigen Kunst¬ stücke seines Gastes seiner Schänke immer neue Gäste zubrachten, so daß das Wirtsgeschäft einen gewaltigen Aufschwung nahm; ja er machte ihn sogar zu seinem Schwiegersohn, denn auch sein holdes Töchterchen, das Röschen, hatte an dem hübschen und anstelligen Gesellen ein herzliches Wohlgefallen gefunden. Fortan hieß das Wirtshaus am Donaustrande nur zum „Springerwirt", und das bunte Schild mit dem in der Luft schwebenden, bunt gekleideten Männlein wurde sein Wahrzeichen und ist es noch heute. -G- Frau Hitt. (Sage aus Tirol.) ^^^chroff und wenig wirtlich starren die Kämme der Kalkalpen im Norden Innsbrucks empor und mannigfach geformt sind ihre Kuppen und Zinken. Wie drohend erheben sich ihre Ääupter. Keines davon ist dem Einheimischen und Fremden vertrauter als ein Felsgebilde, das einer reitenden Frau nicht unähnlich sieht. Wer kennt sie nicht. Frau Latt. 61 die Frau Litt, die in die stolze, schöne Maria-Theresienstraße Innsbrucks wie mit eisig kaltem Lächeln niedergrüßt? Einst soll dieses Gebirge freundlicher gewesen sein und Wald und Wiese sollen seinen Gipfel umkleidet haben. Der Lochmut einer stolzen Frau hat alle diese Pracht vernichtet und das öde Gestein des grünen Schmuckes entblößt. Frau Litt, die Lerrin dieser Berge, hatte ein Lerz, das an Lärte den Felsen ihres Landes glich. Unermeßlich war ihr Reich¬ tum, doch ebenso grenzenlos war ihre Gier nach Gold. Einst hatte sie ihrem Söhnlein ein neues Gewand machen lassen aus eitel Seide und Samt. Doch achtlos, wie die Jugend schon ist, streifte der Knabe durch den Wald und wollte eine junge Tanne knicken, um sich daraus ein Steckenpferd zu machen. Sie wuchs am Rande eines Sumpfes; da glitt der Fuß des Knaben aus und das schmutzige Wasser bespritzte sein kostbares Kleid. Sogleich befahl Frau Litt ihrem Diener, die Schmutzflecke mit dem feinsten Weizenbrot wegzuwischen, und so ward die edle Gottesgabe den hungernden Armen entzogen und zu schnödem Dienste vergeudet. Einst ritt die stolze Lerrin von ihrer Burg hinab ins Tal. Da trat ihr auf schmalem Felsenpfade ein armes Bettelweib ent¬ gegen, das ein blasses, hungerndes Knäblein im Arme hielt. „Gebt mir ein Stücklein Brot für das Kindlein!" jammerte das Weib und verstellte der Gebieterin den Weg. Da lachte Frau Litt, deren Geschmeide im Svnnenglaste funkelte, höhnisch auf und brach einen Stein vom Felsen. „Brot hab' ich keines für solches Bettelvolk, wie ihr seid; doch nehmt den Stein, vielleicht verwandelt er sich in Brot, wenn Ihr Gott darum bittet." Und schon schwang sie die Gerte, um das arme Weib aus dem Wege zu treiben. Da hob dieses in namenloser Verzweiflung sein Kindlein in die Löhe und schrie: „So mögt Ihr selber zu Stein erstarren wie Euer steinernes Lerz, das kein Erbarmen und kein Mitleid kennt!" Sogleich verfinsterte sich der Limmel. Grelle Blitze fuhren aus dem nächtlichen Gewölk zur Erde und der Donner rollte mit furchtbarem Dröhnen über Berg und Tal. 62 Sagen aus dem Alpengebiete. Als sich das Gewölk verzogen hatte und die Sonne wieder vom klaren Himmel herniederstrahlte, waren Wald und Wiese, Feld und Flur verschwunden und nacktes Gestein starrte rings in der Runde zum Himmel. Inmitten der Felsen aber stand, selbst zu Stein geworden, Frau Hitt, ein ewiges Denkmal der vergeltenden Strafe des Himmels. Der Rosengarten. (Sage aus Tirol.) Feiner der schönsten Gebirgszüge in den an prächtigen Reizen der Natur so überreichen Alpen ist die Kette der Dolomiten im Süden Tirols. Das Gestein, aus dem diese Kette besteht, ist leicht verwit- terungsfähig; daher die seltsamen, an Türmen, Zacken und Zinken so reichen Formen dieses Gebirgszuges, der dem Auge des Be¬ schauers die wundersamsten und abenteuerlichsten Gebilde darbietet. Bald prangen diese im tiefsten, sattesten Gold, bald starren sie im blenden Weiß des Hermelins, dann wieder flammen sie im Purpur dunkler Rosen auf oder scheinen wie von einem Mantel aus schwarzem Samt bedeckt. Am Fuße dieser wilden Karrewände aber breiten sich grüne Bergmatten, düstere Nadelwälder und Helle, blumige Wiesen aus. Was wunder, daß in diesem Paradiese Gottes Frau Sage mit Vorliebe waltet und in ihrem mit Sternen geschmückten Schlepp- gewande und der strahlenden Krone auf den Locken durch die stillen Nächte schreitet und diese Welt der Wunder segnend grüßt. Eine der schönsten Gruppen dieses Gebirges ist der Rosen¬ garten, den man vom Kalvarienberge Bozens deutlich vor sich sieht. Wenn der Purpur der scheidenden Sonne auf ihm ruht, so macht das Gebirge wirklich den Eindruck, als ob auf seinem Kamme lauter Rosenbüsche erglühen würden. Wie ein Band zarter und dunkler Rosen hebt sich's vom Hellen Blau des Himmels ab, und das Auge wird nicht satt, diesen einzig schönen Zauber in sich zu trinken. Der Rosengarten! Stand nicht wirklich einst in uralten Zeiten Der Rosengarten. 63 in Tirol ein Rosengarten, dessen Blumen so wundersam dufteten, daß Kranke von dem Wohlgeruch genasen und Betrübte getröstet wurden, wenn sie in die Nähe kamen und ein leiser Wind ihnen den Duft aus dem unsichtbaren Garten zutrug? Die deutsche Heldensage erzählt uns von jenem Zwergkönig Laurin, den sie zum Hüter dieses Gartens machte und von dessen Kampf mit Dietrich von Bern uns die alten Lieder melden. Vier goldene Pforten führten in den Garten, den keine Mauer und kein Gitter umschloß. Nur ein seidener Faden umgab den Rosenslor, in dem unaufhörlich die Nachtigallen flöteten. Aber wehe demjenigen, der diesen Faden zu zerreißen oder eine der duftigen Rosen anzutasten wagte! Der Zwerg, dem ein wunder¬ barer Gürtel die Stärke von zwölf Männern verlieh, schleppte ihn in eine kristallene Burg im Innern des Berges und schnitt ihm die rechte Hand und den linken Fuß ab. Einst hatte Laurin eine wunderliebliche Jungfrau, Similde, die Tochter des Herzogs Biterolf von Steiermark, aus ihrer Burg zu Steier entführt und hielt sie in seinem hohlen Berge gefangen. Da machte sich ihr Bruder Dietlieb auf, um bei König Dietrich von Bern Schuh und Hilfe zu suchen. Keinen Augenblick zaudert der starke Held, und nur von Wittich, dem Sohne Wielands, des kunstreichen Schmiedes, begleitet, rüstet er sich sogleich zur Fahrt, um das Abenteuer zu bestehen. Dietlieb und Wolfart folgen ihm nach mit andern Helden. Sieben Meilen sind sie schon durch den dichten Wald geritten, da verrät auf einmal süßer Rosenduft die Nähe des berühmten Gartens. Der Berner hält sein Roß an, um sich an dem ent¬ zückenden Duft zu laben, der seine Sinne umschmeichelt, indes Wittich die goldenen Pforten zertrümmert und die glänzenden Blumen mit Füßen tritt. Zornig kommt der Zwergkönig herangeritten und fordert zur Buße von jedem Helden die rechte Hand und den linken Fuß. Golden ist seine Brünne und der Zügel des Pferdes. Herrlich glänzt ihm der Gürtel und die funkelnde Krone am Haupte. Selbst den Berner wirft er in den Klee und es gelingt Dietrich erst, des tückischen Zwerges Herr zu werden, nachdem er ihm auf Hilde- 64 Sagen aus dem Alpengebiete. brands Rat seinen Zaubergürtel entwunden hatte. Auf die Für¬ bitte Dietliebs schenkt der zornige Dietrich dem Zwerge das Leben und dieser führt nun alle Leiden in seinen unterirdischen Palast, wo die köstlichen Steine des Berges Tageshelle verbreiten. Doch der böse Zwerg übt Verrat; er kredenzt den Leiden einen Zaubertrank, der sie in tiefen Schlaf versenkt. Nun ist es ihm leicht, sie zu fesseln; aber Dietrich verbrennt die Bande mit der Glut seines Feueratems und besiegt die Zwerge, die Laurin durch einen Stoß in sein Lorn herbeigerufen. Dietlieb führt seine Schwester, die schöne Similde, in die Leimat. Laurin selbst wird von Dietrich mit Stricken gefesselt und nach Bern geführt, wo er als Spielmann und Gaukler sein Brot verdienen muß. Der herrliche Rosengarten, Lamins Reich, aber ward ver¬ nichtet. Das Lied der Nachtigallen verklang und die Blumen dufteten nicht mehr. Nur die Felsen des Gebirges blühen und glühen noch wie im Lauch und Glanz der Nofen. Der schlaue Zillertaler. (Sage aus Tirol.) ^^illertal, du bist mei' Freud'!" So lautet der Anfang eines bekannten Tiroler Volksliedes. Und das Lied hat recht. Eine wahre Lerzensfreude ist's, durch dieses an Naturschön¬ heiten so überreiche Tal zu wandern, das schäumende Silber der Ziller zur Seite und rings Wiesen und Gärten und Wälder bis hoch hinauf zu den Bergesriesen, die ihre schneebedeckten Läupter in die Wolken erheben: ein erhabener Abschluß des mit lieblicher Anmut beginnenden und sich fortsehenden Tales. Leute reichen die schmucken Landhäuser und zierlichen Villen von Mairhofen bis nahe an die düsteren Länge der Ziller¬ taler Lochalpen. Aber auch in früherer Zeit, als das Dorf noch keinen so vornehmen Anstrich hatte, klebten die hübschen Bauern¬ häuser auf allen Lalden und Längen der Berge, und selbst das Der schlaue Zillertaler. 65 ärmste Lauschen hatte seine zierliche Lolzveranda, von der leuchtende Blumen niedergrüßten: feuerrote Nelken, weiße und lila Pelar¬ gonien und allerlei Windlinge, die sich tief hinabrankten. Die Bewohner dieses schönen Tales sind in ganz Tirol be¬ rühmt wegen ihres urwüchsigen Frohsinns und ihrer leichtlebigen Heiterkeit, die schneidigen Burschen sowohl wie die frischen Dirndln, denen der spitzige Filzhut mit der goldenen Schnur und Quaste Prächtig zu Gesicht steht. So ist's heute, so war's schon vor alten Zeiten. Lustig und übermütig waren die Zillertaler immer. Aber der Sepp vom Brandberg hinter Mairhofen trieb's vielleicht doch ein wenig zu arg. Der war fast nie daheim, desto häufiger konnte man ihn in den Brennhütten auf den Almen der Umgebung treffen, wo er dem Enzian und Wacholder alle Ehre antat. Läufig wanderte er auch hinab ins Tal zum Wirt, wo dann ein Schöpplein Noter aufs andere und ein Gläschen „Enzian" nach dem andern durch seine stets durstige Kehle rann. War es da zu verwundern, daß es mit der Wirtschaft des Sepp immer mehr bergab ging und daß er schließlich nicht einmal so viel Saatkorn hatte, um sein Feld zu bestellen? Da mußte er sich doch wohl Trost holen, und den fand er beim Talwirt, und in seiner Verzweiflung stürzte er schließlich so viel Gläschen Enzian hinunter, daß er einen richtigen Dusel davon¬ trug, obwohl er nicht wenig vertragen konnte. In diesem Zustand schwoll ihm der Mut; er schlug mit der Faust auf den Tisch und schrie: „Danken tät' ich jedem, der mir helfen wollte, und wenn's der Teufel selber wär'." Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, da öffnete sich die Tür der Gaststube und herein trat ein seltsamer Gast, dessen linker Fuß nicht ganz regelmäßig gebaut sein mußte, denn er sah klumpig wie ein Pferdefuß aus, und auf dem Kopf trug der Fremde ein Samtbarett mit einer roten Lahnenfeder, das ihm wohl auf seinem schwarzen Laarschüppel angewachsen sein mußte, denn er tat es keinen Augenblick vom Kopfe. Doch daran nahmen die Bauern keinen Anstand, denn sie behalten meist auch ihre Lüte oder Mützen auf dem Kopf, wenn sie in der Schenke beisammensitzen. Smolle, Sagenbuch. 5 66 Sagen aus dem Alpengebiete. Der fremde Mann setzte sich nun ohne Umschweife zu unserm Sepp und bald waren die beiden miteinander so vertraut, als ob sie alte Schulkameraden gewesen wären. Der Bauer war, wie gesagt, schon recht duselig, sonst hätte er in dem Fremden unschwer den Teufel erkannt, obwohl er die Lörner unter dem Lute versteckte; so aber trieb er mit ihm aller¬ lei Späße und war schließlich herzlich froh, als ihm der unbekannte Mann Geld versprach, so viel als er zum Einkauf des Saatkorns brauche; dafür wollte der Fremde nichts als die Lälfte der nächsten Ernte. Der Bauer schlug ein; sie tranken zusammen den Leihkauf und der Teufel, der sich vorgenommen hatte, unserem Sepp zur rechten Zeit eine Schlinge zu drehen, zahlte das Geld und ver¬ schwand bald darauf ebenso geheimnisvoll, wie er gekommen war. Nun torkelte der Bauer heimwärts und war wieder lustig und guter Dinge, denn er hatte nun Geld, soviel er brauchte. Er bestellte seine Felder und des Fremden wegen war ihm weiter nicht bang. Ein richtiger Zillertaler fürchtet auch den Teufel nicht. Denn daß der fremde Gast der Gottseibeiuns in eigener Person war, schien dem Sepp immer glaublicher. Als die Zeit der Ernte kam, befahl er seinen Knechten, das Getreide nur bis zu halber Löhe zu schneiden und die Lalme bis zur Lälfte stehen zu lassen. Kaum war das Feld abgemäht, kam richtig der Teufel und verlangte seinen Anteil. Unser Zillertaler führte ihn sehr zuvor¬ kommend zum Acker und sagte: „Da ist deine Lälfte, aber laß die Lalme nicht lange stehen, sonst kommen die Spatzen (Sperlinge) und picken dir alles weg." So hatte der Böse zum Schaden auch noch den Spott; aber er ließ sich den Ärger nicht anmerken und sagte nur: „Unser Ver¬ trag gilt auch fürs nächste Jahr; aber da nehme ich die obere Lälfte und du nimmst dir die untere." „Wie Euer Gnaden befehlen," meinte das Bäuerlein und schmunzelte ganz vergnügt. Im nächsten Jahre aber baute der Sepp aus seinem Felde nicht mehr Korn an, sondern Rüben und Kartoffeln, und im Der schlaue Zillertaler. 67 Lerbste nahm er davon die untere Lälfte und ließ dem Teufel das Kraut und die Blätter. So war der Teufel zum zweitenmal geprellt und wollte nun nichts mehr mit dem schlauen Bäuerlein zu tun haben, auf dessen Seele er es anfangs abgesehen hatte. Seither heißt man die Leute, die sich überlisten lassen, dumme Teufel; im benachbarten Alpachtal aber entstand ein Sprüchlein, das in Tiroler Mundart folgendermaßen lautet: „Derwei die Alp- böcker (Alpacher) 'n Tuifl oanmal anschmian, derwei Hot 'n a Zillar- schtola schon zwoamol betrogen." Ja, die Zillertaler sind gar lustige und gewitzte Leute. Wenn du's nicht glaubst, geh selbst hinein ins Tal; es wird dich nicht gereuen, denn kaum findest du irgendwo anders einen reizenderen Fleck Erde als den Zillergrund, wo das Jauchzen und Jodeln schier nie aufhört und das Lied entstanden ist: „Zillertal, du bist mei' Freud'!" 68 Sagen aus dem Alpengebiete. Das Wildfräulein-Kraut. (Sage aus Tirol.) lebte in einem abgeschiedenen Alpentale Tirols ein Lirten- büblein, das lustig und munter war wie die andern Buben in den Bergen, aber sich doch wieder von seinen Altersgenossen unterschied, denn es war viel sanfter und barmherziger als die andern wilden Rangen alle und hatte Mitleid auch mit dem kleinsten Tierlein. Im Winter, wenn der Sturm um die kleine Lütte toste, in der der Sepp mit seinem Mütterlein wohnte, und auch im Lerbste, wenn die grauen Nebel über den Tälern wallten und selbst die nahen Tannen in Schleier eingehüllt waren, da war unser Büblein wohl oft recht traurig gestimmt, saß mißmutig in der Stube und blinzelte nach den riesigen Klötzen, die im Kachelofen verglühten. Aber im Frühling, da wurde seine Stimmung gleich ganz anders. Und kam dann der Mai und blühten die Bäume und sproßte das erste weiche Gras auf den Alpenmatten hervor, da begann seine fröhlichste Zeit. Da wurde das Vieh auf die Alm getrieben und Sepp zog als Lirtenbub hinter den scheckigen Kühen einher, die mit ihren „Läfenglocken" ein melodisches Geläute anhoben. Sepp hatte sein grünes Lütl mit Blumen geschmückt und mit den gestickten „Losenkraxen" (Trägern) über dem weißen Lemde, den ledernen Beinkleidern und den grünen Wadenstutzen sah er gar schmuck und fein aus. Noch schöner standen ihm die braunen Kraushaare und die gesunden, roten Backen und die blauen Augen, in denen nichts Arges und Falsches zu lesen war. Niemals, wenn ihn sein Mütterlein vor dem Auftrieb zur Alm segnete, vergaß es die Warnung hinzuzufügen: Und, Sepp, erzürne mir die „Saligen Fräulein"*) nicht. Ach, unser Sepp war so glücklich droben auf der Alm, daß er niemand böse sein konnte und jedes Tier beschützte, wenn's auf *) Auch „Wildfräulein" genannt, Waldelfen, die den Guten hold, den Bösen abhold sind und in den Bergen Hausen, wo sie ihre Zauberreigen schlingen. Das Wildfräulein-Kraut. 69 ihn ankam, und die „Saligen Fräulein", denen wollte er nun schon gar nichts Übels zufügen. Einst hatte ein Wildschütz ein Gemslein geschossen, aber so übel getroffen, daß es noch, zu Tode gehetzt, bis zur Lütte Sepps lausen konnte. Der Lirtenbub verbarg das arme, arg verletzte Tier in Streu und Laub, und als es wieder heil wurde, ließ er es srei und es klomm wieder munter auf den Felsengrat, wo die andern Gemslein seiner schon geharrt hatten. Aber eines schönen Tages, als gerade die Sonne in leuchtender Pracht hinter den beeisten Zacken der Lochkämme verschwunden war, kehrte Sepp müd und matt in die Lütte heim; er war einem verirrten Geißlein nachgesprungen und hatte darauf einen jähen Trunk aus dem eisigen Bergquell getan, so daß ihn ein Schauer befiel und er nur mit Mühe bis zur Lütte gelangte, wo er als¬ bald in einen unruhigen, von schweren Träumen unterbrochenen Schlaf versank. Es befiel ihn ein hitziges Fieber, das auch am nächsten und dem folgenden Tage nicht weichen wollte. So lag denn unser Lirtenbüblein sterbenselend in der Kammer, während der Sennbub Fes Nachbars seiner Lerde wartete, die Sepp so liebte, als wären es nicht vernunftlose Tiere, sondern verständige und beseelte Wesen. Als nun unser Sepp in der dritten Nacht so krank und matt auf seinem harten Strohlager lag und sich im Fieber hin und her warf und voll Schmerz an sein Mütterlein dachte und an die ver¬ lassene Lerde, an seine Lieblingskuh, die „Lisei", und das gerettete, muntere Zicklein, da wurde es auf einmal in der dunklen, rauch¬ geschwärzten Stube hell; eine feine Musik ertönte und vor ihm stand plötzlich eine schöne Frau in einem glänzenden, goldgestickten Gewände. Mit einer sanften, glockenhellen Stimme sprach sie zu unserem Sepp, der die fieberglühenden Augen weit aufriß: „Ich bin Lulda, die Königin der ,Saligen Feen', die ihr die Waldsräulein nennt; mir ist jedes Kräutleins Zauber in euern Bergen bekannt und ich will dich heilen, weil dn so brav und mit¬ leidig bist gegen die Tiere der Wälder und Schluchten, in denen wir ,Saligen Fräulein' herrschen und im Mondlichte unfern 70 Sagen aus dem Alpengebiete. Neigen schlingen. Nimm von diesem Kräutlein, das ich dir hier zurücklasse, und bald werden die Rosen der Gesundheit auf deinen bleichen Wangen von neuem erblühen." Mit diesen Worten legte sie ein duftiges Waldkraut auf das Bett des Kranken; leise verhallte die liebliche Musik, langsam ver¬ glomm der überirdische Lichtschein, der das Zimmer erfüllt hatte, und Sepp war wieder allein im Dunkeln. Nur ein duftiges Kräutlein lag neben ihm auf der rauhen Bettdecke. Sepp griff danach und führte es zum Mund, um es zu zerkauen. Bald danach sank er in einen erquickenden Schlummer, und als er erwachte, stand die Sonne schon hoch am Limmel und er fühlte sich wundersam gestärkt, so daß er aufzustehen und sich vor der Lütte im warmen Sonnenschein zu ergehen imstande war. In der darauffolgenden Nacht hörte Sepp wieder die seine Musik, die Stube füllte sich aufs neue mit Glanz und wieder stand die Königin der „Saligen Fräulein" vor seinem Bette und sagte jetzt: „Du bist nun wieder gesund, Sepp, steh auf und komm mit mir; ich will dir die Stelle zeigen, wo das Kräutlein wächst, dem du die Gesundheit zu danken hast, damit du auch andern Menschen helfen magst, wenn sie krank und bresthaft sind; denn unsere Alpen bergen gar viele geheimnisvolle Kräfte in ihrem Innern, die euch armen Menschenkindern Linderung eurer Leiden und Gebrechen schaffen." Nasch sprang Sepp aus seinem Bettlein auf und folgte seiner Führerin über moosige Löhen und durch Buchen- und Tannen¬ gehölz, durch das schon der rote Schein der Frühsonne brach. Sie stiegen in die Region der Krummsöhren und Felsengrate, wo sich scheu der weiße Stern des Edelweiß versteckt und der Almenrausch blüht, und kamen an den Rand des ewigen Schnees. Lier fanden sie ein Pflänzlein, dessen filzige Stengel wie mit Silbersamt umsponnnen waren, während aus den feingeschnitzten Blättchen die Blüten wie Goldköpfchen hervorlugten. „Dies ist die Pflanze," sagte nun die Feenkönigin, „von der eine so wundersame Wirkung ausgeht. Merke dir ihr Aussehen und die Stelle, zu der ich dich geführt habe." Als Sepp emporblickte und seiner Führerin danken wollte, Das wunderbare Wägelchen. 71 war sie verschwunden. In leuchtendem Glanze der Morgensonne aber strahlte ringsum die Bergwelt und zu den Füßen des Äirten- buben duftete die Pflanze, die man die Edelraute heißt, die aber die Bewohner der Alpen noch immer das „Wildfräulein-Kraut" nennen; denn die Königin der „Saligen Fräulein" hatte sie zuerst dem Kürtenbüblein gewiesen, als der Segen des Kräutleins ihm aus schwerer Krankheit geholfen hatte. -Ai- Das wunderbare Wägelchen. (Sage aus Tirol.) ^L n Wildschönau, nicht gar weit von Wörgl im Unterinntal, lebte einmal ein Geschwisterpaar, ein Brüderlein und ein Schwesterchen, die einander sehr lieb hatten. Der Vater war schon lange gestorben und die Mutter lebte mit den beiden Kindern schlecht und recht in einem armseligen Ääuschen nahe am Walde und die Not guckte zu allen Ritzen und Spalten der Lütte herein, ohne aber die frohe Kinderlust der Kleinen ganz vernichten zu können, wie sie es wohl gern getan hätte. Oft gingen die beiden tief in den Wald, um Beeren zu suchen, die sie dann in der Stadt um einige Leller verkauften. So gab's dann wieder für kurze Zeit Brot und das macht be¬ kanntlich die Wangen rot, wenn man's mit Zufriedenheit genießt. So gingen das Peterlein und die Marie auch an einem schwülen Sommertage in den Wald, und da es recht viele Beeren gab, rote und schwarze, die aus Busch und Moos hervorlugten und sie anlachten, so kamen sie immer tiefer ins Gehölz, bis endlich die Nacht sie überraschte und sie nicht mehr aus und ein wußten und keinen Weg und Steg mehr fanden, der sie aus der Wirrnis herausgeführt hätte. Da sagte das Peterlein zu seiner weinenden Schwester: „Wart, ich will auf diesen Baum hinaufklettern; vielleicht erspähe ich einen Weg, der uns aus dem Walde herausführen könnte." Es war aber rabenschwarze Finsternis ringsum und kein Stern¬ lein blitzte vom Limmel herab, den schwere Wolken bedeckten. 72 Sagen aus dem Alpengebiete. Endlich rief Peter vom Baume herab: „Ich sehe in der Ferne ein Fünklein brennen; das muß von einem Lause kommen, das dort liegt. Wir wollen dorthin gehen; vielleicht weisen uns dann gute Leute auf den Weg, der uns zu unserem armen Mütterchen zurückführt." So faßten denn die Kinder neuen Mut und schlugen durch Geäst und Gestrüpp die Richtung ein, die sie dem verheißungs¬ vollen Lichte näher brachte. Wirklich dauerte es nicht allzu lange und sie kamen zu einer verfallenen Lütte, aus deren kleinem Fenster ein Licht hervorschimmerte. Da kehrte Freude und Loffnung in die Lerzen der Kinder ein, die aber nicht lange anhielten, als auf das Pochen des kleinen Peter ein Weib seinen Kopf aus dem Fenster steckte und mit rauher Stimme ihnen zurief: „Geht nur wieder fort, Kinder, ich kann euch nicht bei mir behalten, denn in dem Lause wohnt ein Menschenfresser, der euch verschlingt, wenn er euer gewahr wird." Aber die Kinder fürchteten sich viel mehr vor der Nacht im dicken Walde und vor den wilden Tieren als vor dem Menschen¬ fresser, an den sie nicht recht glaubten, denn sie hatten noch keinen gesehen. So hörten sie denn nicht auf zu bitten und zu betteln, die Frau möchte sie doch um Gotteswillen einlassen, denn in dem schaurigen Walde müßten sie ja elend zugrunde gehen. So ließ sie denn das Weib in die Stube ein; aber kaum waren sie drinn und hatten sich nur eben erst ängstlich umgesehen, da pochte es wieder an die Tür wie mit Donnerschlägen und das Weib flüsterte den Kindern zu: „Der Menschenfresser ist da. Nur schnell in den Ofen mit euch und seid fein still und rührt euch nicht; vielleicht merkt er nicht, daß ihr da seid, und ich kann euch dann am Morgen wieder herauslassen." Damit schob sie die Kinder, die wie Espenlaub zitterten, in den breiten Kachelofen und schloß die Türe hinter ihnen zu. Indem trat der Riese in die Stube und warf seinen Ruck¬ sack auf die Ofenbank, daß alles zitterte und die Kinder in ihrem Versteck vor Schreck fast gestorben wären. Der wilde Mann schnupperte sogleich im Zimmer herum und sagte: „Weib, ich glaube, heut gibt's einen feinen Braten ab, ich Das wunderbare Wägelchen. 73 wittere Menschenfleisch." Vergeblich wollte ihn das Weib von seiner Meinung abbringen und beteuerte, daß kein Fäserchen solchen Fleisches in der Lütte verborgen sei. Der Riese schnüffelte unaufhörlich in allen Ecken und Winkeln der Stube herum; endlich riß er die Ofentüre auf und zog unter rohem Gelächter die beiden kläglich weinenden Kinder hervor. „Da haben wir ja den köstlichen Braten," gröhlte der Wilde. „Doch wie seht ihr aus? Ihr seid ja spindeldürr und mager. Nichts als Laut und Knöchlein. Weib, sperre mir die beiden ins Obergeschoß und füttere sie mir gut auf. Das wird dann einen köstlichen Schmaus abgeben, wenn die Zappelpüppchen recht dick und fett geworden sind." Mit diesen Worten warf sich der Riese aufs mächtige Stroh¬ gestell, das Weib aber tat, wie ihm befohlen, und führte die Kinder ins obere Stüblein, das sie hinter ihnen verriegelte und verschloß. Da lagen nun die Kinder im duftigen Leu, das in der Ecke der Kammer aufgestreut war, und beteten unausgesetzt, der liebe Gott möge sie doch erretten und sie zum lieben Mütterlein zurück- sühren. Auf einmal bemerkte Peter einen schwachen Schimmer, der durch eine Nitze der Wand ins Innere der Kammer drang. Es war der grauende Morgen, der hereinlugte. Sogleich versuchte der Knabe die Nitze zu erweitern und wirk¬ lich, es gelang ihm so gut, daß er zuerst sein Schwesterlein durch die Öffnung hindurchschob und sich dann selber hinauszwängte. Weil sie aber so dünn und mager waren, brauchte die Klumse nicht gar zu breit zu sein. Nun waren sie beide in dem Lolzschuppen neben dem Lauschen und dankten Gott, daß es ihnen so weit gelungen war. Doch die Zeit war kostbar. Solange der Riese schlief, konnten sie vielleicht beide aus dem verwünschten Lause herauskommen. Doch wie dies anstellen? Da sah auf einmal Marie, im Leu versteckt, ein zierliches Wägelchen; das hatte goldene Räder und war ringsum mit Gold und schönen Steinen ausgelegt. Da klatschten sie vor Freude in die Lände und setzten sich in das Wägelchen und Peter rief: 74 Sagen aus dem Alpengebiete. „Wäglein, Wäglein, hübsch und fein. Trag uns zum lieben Mütterlein!" Und kaum hatte der Knabe diese Worte gesprochen, da tat sich das Tor der Scheuer von selbst aus und die beiden Kinder fuhren hinein in den schönen, taufrischen Morgen über lachende Wiesen und durch den Wald, der heute so licht und freundlich war, und als der Riese aus dem Schlafe erwacht war und brummend und fluchend nach den Kindern suchte, waren die beiden schon längst wieder daheim beim Mütterchen, das sich um sie be¬ reits zu Tode geängstigt hatte, jetzt aber froh und glücklich war und mit Lerzen und Küssen kaum ein Ende finden konnte. Das Wägelchen aber hatte die Eigenschaft, daß, wenn man es blank und sauber hielt und in Ehren benützte, nimmer Wohl¬ stand und Glück aus dem Lause wichen, in dem man es als kost¬ baren Schah verwahrte. So wurden Peter und Marie wohlhabende Leute und ließen es ihrem alten Mütterchen an nichts fehlen, solange es lebte. Sie fuhren auf ihrem goldenen Wägelchen in der Welt herum, wohin es sie gerade gelüstete, und brauchten nie fürs Fahrgeld zu sorgen, mochte die Reise auch noch so weit gehen. Der Almputz und die Kinder. (Sage aus Tirol.) ^^berhalb Lötting auf der sogenannten Almbuckler Alpe hauste ein Almpnh. Das sind kleine, zerzauste Männlein, meeralt und aschgrau, die im allgemeinen harmlos sind und den Menschen¬ kindern kein Leid zufügen, wenn man sie in Ruh' läßt. Wenn man sie aber reizt, können sie recht boshaft sein und bösen Unfug verüben. An einem Herbsttag schickte eine arme Frau, die in der Löttingerau wohnte, ihre beiden Kinder in den Wald, um Klaub¬ holz zu sammeln. Schon hatten die Kinder ein hübsches Bündel- chen beisammen und schickten sich eben an, heimwärts zu gehen, da fiel ans einmal, trotzdem es noch früh im Jahre war, dichter Schnee 75 Der Almputz und die Kinder. vom Äimmel und verwehte Weg und Steg und versperrte die Aussicht, so daß die Kinder in der Irre herumliefen und endlich auf eine einsame Alm kamen, wo sie in der Lolzhütte übernachten wollten, denn an eine Leimkehr war doch bei diesem Wetter nicht mehr zu denken. Die Äütte war offen, und als die Kinder eintraten, fanden sie darin ein steinaltes, hutzliges Männchen mit einem eisgrauen Bart, aber klugen, freundlichen Äuglein, die unter den dicken Brauen schelmisch hervorblinzelten. Die Kinder erschraken furchtbar, als sie den Almpuh vor sich sahen, von dem ihnen schon die Mutter gar viel erzählt hatte. Aber das graue Männlein sprach den Kleinen Mut zu und machte rasch ein Feuer, woran sich die Kinder erwärmten, und kochte ihnen ein Nahmsüpplein, das ihnen herrlich mundete. Jetzt wurden die Kleinen zutraulich und erzählten dem Männ-- 76 Sagen aus dem Alpengebiete. chen allerlei Geschichten von daheim, und wie's zu Lause so knapp herging und wie sie das Lolz noch heut Heimbringen müßten, wenn's nur draußen nicht so furchtbar schneien und winden würde. „Ja," sagte der Alte, „nach Lause könnt ihr heut nimmer; es liegt allzuviel Schnee auf Wegen und Stegen, da müßt ihr fchon hier bleiben. Ich will euch ein weiches Lager neben dem Lerde bereiten, da werdet ihr köstlich schlafen, und wenn am nächsten Morgen das Schneetreiben vorüber ist, könnt ihr nach Lause gehen; ich werde euch gerne ein Stück Weges begleiten." Damit waren die Kinder zufrieden, und nachdem sie ihr Abend¬ gebet verrichtet hatten, legten sie sich aufs weiche Streulager und schliefen gut und lange, bis die Sonne hoch am wolkenlosen Limmel stand. Nun bereitete ihnen der freundliche Almputz wieder ein gutes Morgensüpplein und gab ihnen noch einen großen Laib Weißbrot mit aus den Weg, als sie mit vielem Dank und herzlichem Ver-- gelksgott aus der Lütte heraustraten. Der Almputz begleitete sie noch bis zum nächsten Kreuzweg und wies ihnen den Pfad, der sie sicher nach Lause führen würde. Die Kinder wunderten sich nicht wenig, als sie ringsum kein Fleckchen Schnee mehr sahen und auch keinen rauhen, kalten Wind mehr verspürten, sondern nur ein laues Lüftchen, das wohlig um ihre Wangen strich. Doch achteten sie nicht weiter darauf, sondern liefen nur, so schnell sie konnten, gradaus, bis sie das Läuschen der Mutter sahen und jubelnd in die ärmliche Stube stürzten, in der die Mutter wie eine Bildsäule erstarrte, als sie die Kinder heil und lebend vor sich sah. Denn nicht bloß eine Nacht hatten sie droben in der Lütte des Almpuh verbracht, sondern sie hatten den ganzen Winter verschlafen, und was sie auf dem Leimwege als laues Lüftchen verspürten, das war der Lauch des Früh¬ lings, der wieder ins Land gezogen war und über die junggrünen Felder strich. So war's der Mutter nicht zu verargen, daß sie lange nicht glauben wollte, es seien wirklich ihre Kinder, die sie in die Arme schloß und mit Küssen bedeckte. Das Brot aber, das der Alte den Kindern mitgegeben hatte. Das Venediger Männlein. 77 nahm kein Ende, so ost und so viel man auch davon wegschneiden mochte, und so hatten die Kinder Tag um Tag genug zu essen. Nur als die Schwester einmal fragte: „Wird denn der Laib nie kleiner?" da wurde er gar und der Almputz war auch nicht mehr in der Hütte, der ihnen ein neues Laiblein geschenkt hätte. Das Venediger Männlein. (Sage aus Tirol.) (-Ln alten Zeiten war Venedig eine gar stolze und reiche Stadt und die venetianischen Kaufleute zogen auf und ab über die Alpen und suchten und schürften nach Schätzen, mit denen sie die Saumtiere beluden, die auf schmalen Alpenstegen in die gesegneten Fluren Oberitaliens hinabklommen. Das Volk der Alpen weiß daher viel von den nach Schätzen suchenden Venediger Männlein zu erzählen. Im Enneberger Tal in Tirol, eine kleine halbe Stunde oberhalb St. Vigil, stand einst ein stattlicher Bauernhof, dessen Bäuerin im Rufe stand, die besten „Rusper" zu backen, wie man die läng¬ lichen, mit Luft gefüllten Krapfen im Pustertal nennt. In diesen Bauernhof kam Jahr für Jahr am Sonnwend¬ abend im Sommer, wo die schmackhaften Rusper in den Bauern¬ häusern gebacken werden, ein spaßiges Bettelmännlein, dem die Bäuerin immer eine Schüssel voll knusperiger Krapfen vorsetzte und dazu auch einen Napf süßer Milch, so daß das Männlein nach Herzenslust schmatzte und schwelgte. Was es nicht essen konnte, steckte es dann noch in sein Ränzlein und dann durfte das Bettelmännlein noch im weichen, duftigen Heu schlafen. Bevor es am nächsten Morgen Abschied nahm, füllte das Männlein immer noch alle seine Taschen mit dem Sande aus dem Hofbrunnen und verschwand dann still und bescheiden, wie es ge¬ kommen. So ging's viele Jahre her; aber auf einmal kam ein Sonn¬ wendabend, an dem das Bettelmännchen sich nicht mehr im Bauern¬ höfe einstellte. Es ging den Bauersleuten förmlich ab; doch der 78 Sagen aus dem Alpengebiete. Sommer verstrich und Ererbst und Winter auch; und als der Föhn iiber die Berge brauste und der Lenz die Matten mit neuem Grün schmückte, mußte sich unser Enneberger Bauer selber aufmachen und über die Alpen nach Venedig reisen, denn er hatte dort Ge¬ schäfte zu besorgen. So stand er nun in der steinernen Stadt und beguckte die Merkwürdigkeiten und riß die Augen auf über die Pracht der Kirchen und Paläste, die in Gold und Marmor schimmerten. Als er so auf der Rialtobrücke gerade vor einem Laden stand, in dem es von edlen Steinen funkelte, daß einem schier die Augen übergingen, hörte er über sich eine wohlbekannte Stimme, die ihn beim Namen rief. Erstaunt blickte er auf und sah am Fenster eines Palastes ein Gesicht, das ihm bekannt schien, das er sich aber doch nicht gleich zu deuten vermochte. Der Mann oben winkte unserin Enneberger lebhaft, er solle nur zu ihm hinaufkommen. Unser Bäuerlein stieg also die breite Marmortreppe des Palastes hinauf und oben nahmen ihn sogleich einige goldbetreßte Diener in Empfang und führten ihn zu ihrem Ererrn in einen hohen, weiten Saal, von dessen Decke goldene Ampeln niederhingen und an dessen Wänden die schönsten Gemälde prangten. Der Bauer war vor lauter Schauen und Staunen ganz sprach¬ los und hätte beinahe das Männlein übersehen, das ihm nun ent¬ gegenkam und ihm treuherzig die Äände zum Gruß entgegenstreckte. „Kannst du dich denn nicht mehr meiner erinnern?" fragte der kleine Mann nnsern Bauern. „Ich bin doch so manchen Sommer auf deinem Erose gewesen und habe mir die Rusper und den süßen Nahm wohlschmecken lassen, den mir die Bäuerin ver¬ setzte. Im Sande deines Erofbrunnens aber, mit dem ich mir die Taschen vollsteckte, hab' ich immer viel Goldkörner gefunden. So wurde ich reich uud konnte mir diesen Palast erbauen und ihn mit den auserlesensten Schätzen anfüllen." Der Bauer rieb sich die Augen und wußte nicht, wie ihm geschah. Es war ihm aber auch gar nicht zu verargen, daß er in dem vornehmen Ererrlein, das in Seide und Samt gekleidet vor ihm stand, nicht sofort das Bettelmännlein erkannte, das sich an so Das Venediger Männlein. 79 manchem Sonnwendabend im dürftigen Röcklein und mit magerem Ränzchen in seinem Hofe eingestellt hatte. Endlich dämmerte ihm doch das Nichtige auf und bald war jede Befangenheit von ihm gewichen. Unser Bauer mußte bei dem reichen Venediger Männlein übernachten und schlief zum erstenmal in seinem Leben in seidenem, daunenweichem Bette und aß aus goldenem Teller und Gabel und Messer waren auch von purem Golde. Als es ans Abschiednehmen ging, führte das Männlein unfern Enneberger zu einem Schranke, in dem herrliche Halsketten und Perlenschnüre lagen, und sagte zum Bäuerlein, es sollte sich da- von nehmen, was ihm gefiele, für sein Weib daheim als Gegen¬ geschenk für die köstlichen Rusper und die frische, süße Milch, die dem Venediger Männchen an heißen Sommerabenden so wohl gemundet hatten. So steckte denn der Bauer die Taschen voll mit den blitzenden Kostbarkeiten und zu allerletzt tat das Männchen noch die goldenen Löffel, Gabeln und Messer hinzu, mit denen sein Gast die Abschieds¬ mahlzeit gegessen hatte. Als der Bauer nach Hause zurückkehrte, grub er sogleich auch im Sande des Hausbrunnens nach Gold, aber er fand keines; ein Glück, daß ihm das Venediger Männchen so viele Kostbarkeiten in die Taschen gesteckt hatte. Noch manches Bäuerlein in den Alpen machte mit den Vene¬ diger Männchen Bekanntschaft, aber nicht allen ging's so gut aus wie unserm biederen Enneberger. 80 Sagen aus dem Alpengebiete. Der dumme Hansl und die Königstochter. (Sage aus Tirol.) (^(or so und so viel Jahren lebte einmal im schönen Unter- inntal oder in einem romantischen Seitentälchen dieses breiten und gesegneten Talgaus — man weiß es nicht mehr so genau — ein Bauer. Der hatte drei Söhne, zwei gescheite und einen, den man nur den dummen Hansl nannte. Als nun der alte Bauer sich zum Sterben niedergelegt und die Augen für immer geschlossen hatte, sagten die beiden gescheiten Söhne zu dem dummen Bruder: „Hansl, du bist der Niemand in der Wirtschaft. Wir können dich auf unserm Anwesen nicht brauchen; schau zu, daß dir anderswo dein Weizen blüht." Und sie jagten ihn aus dem Hause; aber unser Hans machte sich nicht allzu viel daraus. Er ging singend in die Welt hinaus, durch Wiesen und Wälder und hatte an seinem Ränzlein nicht schwer zu tragen. Und als es Abend wurde und er gerade zu einer prächtigen, frisch gemähten Wiese gekommen war, da legte er sich, ohne viel zu grübeln, in ein weiches, duftiges Heubündel und bald fielen ihm vor Müdigkeit die Augen zu. Aber er mochte noch nicht lange geschlafen haben, da weckten ihn Lärm und Feuerschein auf. Er sah einen Wagen daherrollen; vor den waren sechs Rappen gespannt, die alle aus ihren Nüstern Feuer bliesen, und neben dem Wagen ging ein furchtbarer Niese einher, der eine große silberne Heugabel auf der Schulter trug. Sogleich machte sich der Riese daran, das Heu auf der Wiese mit seiner Gabel aufzufassen und auf den Wagen zu laden. Als¬ bald kam er auch zu dem Schober, in dem unser Hansl lag, der sich tief ins Heu hineinduckte, damit ihn der Riese nicht bemerke. Schwubs hatte der Riese den ganzen Schober mitsamt dem Hansl mit einem Griff auf die Gabel geladen und aus den Wagen geworfen. Dann preßte er die Ladung recht fest zusammen und unser Hansl hätte vor Schmerz gern laut aufgeschrieen, denn auch er wurde arg zusammengepreßk, um so mehr, da sein rechtes Bein unter dem Wiesbaum lag, den der Riese fest zusammenzog. Der dumme Kan sl und die Königstochter. 81 Aber Lansl gab keinen Laut von sich, denn er fing an, sich gewaltig zu fürchten, obwohl er sonst das Lerz aus dem rechten Fleck hatte und keine Angst kannte. Nun setzten sich die schwarzen Rößlein in einen gewaltigen Trab und fuhren bald in ein mächtiges, unterirdisches Schloß ein, wo der Niese das Fuder Leu ablud und sich dann auf eine Bank streckte und in kurzer Frist gewaltig zu schnarchen anhob. Als Lansl dies Schnarchen hörte, kroch er vorsichtig und langsam aus dem Leu heraus. Er hatte aber schon früher ein wenig seinen Kopf hervorgesteckt und bemerkt, wie der Riese, bevor er schlafen ging, zwei goldene Schlüssel aus seinem Leibgurt hervor¬ gezogen und unter sein Kopfkissen gesteckt, nachdem er sein breites Schwert abgeschnallt nnd neben sich gelegt hatte. Nun kroch Lansl aus dem Leu, griff kurz entschlossen nach dem Schwerte und hieb dem Niesen den struppigen Kopf ab. Dann nahm er die goldenen Schlüssel an sich und öffnete mit dem einen die Tür, die aus der Lalle des Schlosses ins Innere führte. Wie staunte Lansl, als er in ein Gemach trat, das von Gold nnd Silber funkelte; sein Blick fiel zuerst aus eine große Trommel, die mitten im Zimmer lag. Nicht faul, ergriff er sofort die Schlegel und schlug einen mächtigen Wirbel auf dem Fell. Sogleich erschien ein winziger Mohr im roten Röcklein und mit einer grünen Mühe vor unserm Lansl, verneigte sich gar artig und fragte nach seinen Befehlen. Dann sagte er: „Ich bin der König der Zwerge, denen dieser Berg früher gehört hatte. Der Riese hat uns alle bezwungen. Weil du aber den Riesen getötet hast, so wollen wir jetzt dir untertan sein. Willst du, daß ich die Zwerge dir vorführe?" Der Lansl machte ein sehr gebieterisches Gesicht und sagte, er wolle allerdings seine neuen Untertanen sehen. Sogleich be¬ völkerte sich der Saal mit einer ganzen Schar putziger Zwerge, die alle um Lansl herumsprangen und sich unaufhörlich bückten und verneigten, was wirklich komisch anzusehen war. Nun wählte unser Lansl den kleinsten unter den Zwergen aus, der durch alle Ritzen und Löcher schlupfen konnte, damit er ihm an jedem Abend berichte, was draußen in der Welt vor sich gehe. Smol le, Sagenbuch. 6 82 Sagen aus dem Alpengebiete. So lebte unser Hansl herrlich und in Freuden; er wußte gar nicht, wieviel Zeit schon verflossen war. Da kam eines Abends sein Zwerglein hereingeschlüpft und erzählte ihm, daß nicht weit von der Niesenburg auf einem gläsernen Berge ein Schlößlein stehe, das auch ganz aus Glas sei; darin halte ein König sein wunderschönes Töchterlein gefangen, und wer die Jungfrau ge¬ winnen wolle, der müsse den gläsernen Berg hinaufreiten; aber jeder Ritter, der dies noch versucht habe, sei dabei elend umge¬ kommen und viele Freier seien schon mit ihren Rößlein in den grausigen Abgrund gestürzt, der rings um den gläsernen Berg herumlief. Seitdem Hans von der wunderschönen Königstochter gehört hatte, gefiel's ihm unter den Zwergen immer weniger und weniger. Er gähnte vor Langerweile, und als ihm eines Abends sein Mohr¬ lein wieder von dem Glasberg zu erzählen anfing, fragte er, ob es denn kein Mittel gebe, zu dem holden Mägdlein zu gelangen, das der Vater gefangen halte. „Es gibt schon eins," meinte das Zwerglein, „aber das ist nicht so einfach. Wer zur Jungfrau in dem gläsernen Schloß gelangen und sie gewinnen will, der muß einen goldenen Harnisch haben und ein Roß besteigen, dessen Hufeisen mit diamantenen Nägeln beschlagen sind. Dann muß er beim Hinaufreiten auf den Glasberg Goldstücke unter die Armen werfen, die tief unten stehen und hinaufgaffen. Und wenn er oben am Gipfel angelangt ist und das Mägdlein schon seine Arme nach ihm ausstreckt, muß er erst dreimal um das Schloß Herumreiten; dann erst ist der Widerstand des Königs gebrochen und die holde Prinzessin wird die Braut des kühnen Ritters." Das war nun freilich eine schwere Sache; aber unser Hansl dachte sich: Wer wagt, gewinnt; und er ließ sich von seinen Zwergen den goldenen Harnisch und die diamantenen Hufeisen verfertigen und ritt eines schönen Morgens voll guter Hoffnung aus seiner unterirdischen Burg heraus. Zunächst kam er durch einen dichten, finstern Wald; dann sah er schon den Glasberg im Sonnenlichte funkeln und bald erblickte er auch das gläserne Schlößchen darauf und darin die lieblichste Die drei Schwestern von Frastanz. 83 aller Jungfrauen. Er konnte sogar sehen, wie sie ihm entgegen¬ lächelte; denn durch die Glaswände konnte man schon von weitem alles genau wahrnehmen. Die Schönheit des Mägdleins gab ihm frischen Mut. So sprengte er denn gar kühn den Berg hinan und streute im Reiten Goldstücke aus. Als er aber beim gläsernen Schlößlein angekommen war und das Mägdlein ihm die Arme entgegenstreckte, tat Äansl, als ob er nichts bemerke; er nickte nicht und winkte nicht, sondern spornte sein milchweißes Nößlein aufs neue, daß es mächtig aus¬ griff und die Glassplitter unter den diamantenen Lufnägeln vom Berge nur so wegflogen. So ritt unser Lansl noch dreimal um den Berg; erst dann sprang er vom Rößlein ab und trat in das Schloß und verneigte sich zierlich vor der Königstochter, die ihn voll Freude umarmte. So hatte Äansl den Bann gebrochen, in dem das arme Mägd¬ lein durch den harten Vater bisher gehalten worden war, und es wurde bald eine prächtige Äochzeit gefeiert. Als der alte König starb, wurde der dumme Äansl gar auch noch König. Ob er noch lebt, wird wohl schwer zu erfragen sein. Denn, wie gesagt, den Namen des Ortes in Tirol, wo all dies sich zugetragen, haben die Leute, die diese Geschichte erzählen, ver¬ gessen, aber sie versichern, daß sie einst sich wirklich begeben und daß alles haarklein sich so ereignet hat, wie ich es euch soeben er¬ zählt habe. Die drei Schwestern von Frastanz. (Sage aus Vorarlberg.) ^^L vn einem Venediger Männlein hab' ich euch schon erzählt; ich will euch nun von einem andern berichten. Von diesen geheimnisvollen kleinen Goldsuchern sind in den Alpen Österreichs unzählige Geschichten im Umlauf. Es waren dies meist kleine Wichte, aber mit altklugen, ernsten Gesichtszügen, gewöhnlich in dunklen Samt gekleidet. Sie kamen durch die Luft geflogen und warfen selbst im hellsten Sonnenlicht 84 Sagen aus dem Alpengebiete. nicht den leisesten Schatten hinter sich. Mit funkelnden Kannen schöpften sie flüssiges Gold aus den Bergquellen, und wer sie bei der Arbeit belauschte, dem waren sie gram, und wenn er nicht alsbald entwich, so konnte er überhaupt nicht mehr von der Stelle, denn er wurde zu Stein und blieb festgewurzelt unter den Felsen stehen. Manchen Menschen aber waren die Männlein aus Venedig wohlgesinnt und schütteten ihnen Wasser oder Kohlen in die Stuben. Gossen es die Leute weg oder warfen sie die Kohlen fort, so hatten sie das Nachsehen; schöpften sie aber das Wasser in ein Gesäß und sammelten sie die Kohlenstückchen, so verwandelte sich beides bald in gleißendes Gold und die Beschenkten wurden reich. Nur mußten sie fein säuberlich den Mund halten und durften nichts ausplaudern, sonst zerrann ihnen das Gold bald unter den Fingern und sie blieben arm wie zuvor, oder es kam auch wohl ein Erdsturz oder eine Lawine ins Tal herabgerollt und vernichtete Labe und Lerde der Talbewohner. Ein solches Männchen hauste auch einst vor vielen, vielen Jahren beim Dorfe Frastanz im Vorarlberger Ländchen, wo es ans Fürstentum Liechtenstein anstößt und der Gipfel des Garsella in die Lüfte starrt. Eines Morgens — es war Festtag und die Kirchenglocken riefen zum Gottesdienst — stiegen drei Mädchen in die Berg- wildnis hinan. Sie kamen immer höher und standen endlich aus einer Waldblöße, wo nur niederes Beerengestrüpp den Boden bedeckte. Auf einmal stand, wie aus dem Boden gewachsen, ein Männ¬ lein vor ihnen, das sie mit strengen Blicken maß und ihnen zurief: „Was wollt ihr hier in meiner Bergwildnis? Wißt ihr nicht, daß heute Feiertag ist, und habt ihr die Glocken nicht läuten ge¬ hört, die zur Kirche riefen?" Die Mädchen waren anfangs starr vor Schreck, bald aber trat die Älteste unter ihnen vor und fragte ganz keck und kühn: „Was kümmert dich unser Tun, du häßlicher Wicht? Doch wenn du's grad' wissen willst, warum wir hier heraufgestiegen sind: wir suchen Beeren, die wollen wir dann in Feldkirch verkaufen und Die drei Schwestern von Frastanz. 85 den Erlös vertanzen, denn die Fiedel in der Schenke hören wir lieber als den Gesang in der Kirche." Die Miene des Männleins wurde immer finsterer und drohen¬ der. „So heiligt ihr also den Festtag," sagte es, „und treibt euch in den Bergen herum, statt zur Kirche zu gehen?" Da meinte die Jüngste, ein vorwitziges, schnippisches Ding: „Gib uns von dem Golde, das du aus der Quelle des Garsella schöpfst, dann haben wir nicht mehr nötig, nach Beeren zu suchen." „So glaubt ihr also nichts? fürchtet ihr nichts?" donnerte der Zwerg die Dirnlein an. „Nein, wir glauben nichts und fürchten nichts," riefen die kecken Dirnlein wie aus einem Munde. „Ihr seid noch so jung," entgegnete ernst das Männlein, „und ich habe Mitleid mit euch. So srage ich euch denn noch einmal, zum letztenmal: Glaubt ihr nichts? Fürchtet ihr nichts?" 86 Sagen aus dem Alpengebiete. Nun zerdrückte die Älteste die Heidelbeeren, die sie schon ge¬ sammelt hatte, und warf sie dem Männlein ins Gesicht und alle drei riefen lachend: „Nein und noch einmal nein, wir glauben nichts und fürchten nichts." Kaum waren diese Worte gesprochen, da zerfloß das Männ¬ lein in eine Wolke, die schwarz und drohend zum Himmel auf¬ stieg, und eine Stimme ließ sich von oben herab vernehmen: „Nun, wenn ihr nichts glaubt und fürchtet und eure Herzen wie Stein sind, so sollt ihr auch zu Stein werden und keines Menschen Auge soll die reichen Golderze unter dem toten Stein jemals erschauen!" Sogleich erstarrten die Mädchen zn Steingebilden rind drei kahle Felsspihen ragen jetzt beim Dorfe Frastanz in den Himmel empor. Das Venediger Männlein aber war für immer verschwunden und kam nie mehr in diese Gegend zurück. Im Volksmunde aber heißen die öden Felsspihen, die so kahl und traurig ins Tal hinabschauen, noch jetzt Die drei Schwestern von Frastanz. Die Glücksblume. (Sage aus Salzburg.) ^)l ch, wer doch die Glücksblume fände und in ihrem Besitz sein ganzes Leben froh und glücklich sein könnte! Ja, gibt es denn eine solche Wunderblume, und wie sieht sie wohl aus? Ein solches Blümlein gibt es allerdings, wie uns die Sage meldet. Sie ist eine kleine Pflanze mit vier grünen Blättern am Grunde und einer vierblättrigen, schneeweißen Krone am Ende des kurzen Stengels und sie blüht nur manchmal im Frühling auf der Spitze des hohen Göll unweit von Golling im berg- und sagen¬ reichen Ländchen Salzburg. Aber du kannst sie leicht übersehen, selbst wenn du auf die Spitze des hohen Berges geklettert bist, was auch nicht gar so leicht ist. Wer sie aber sucht, muß noch ganz besondere Künste aufwenden, sonst nützt ihm selbst sein scharfes Auge nichts. Das Lütersbüblein im Antersberg. 91 streckte sich dann in seinem goldenen Sessel aus und fing wieder zu essen an; dann gähnte er ein bißchen und bald wurde es ihm lang¬ weilig in der Pracht und Herrlichkeit rings um ihn. Dann griff er wieder zu einem Stückchen Zuckerbrot und plötz¬ lich kam es ihm vor, daß das trockene Haferbrot, das er auf der Alm tagaus und -ein essen mußte, eigentlich auch ganz gut schmecke, und er hatte auf einmal heiße Sehnsucht nach Vater und Mutter und dem blonden Schwesterchen und dem kleinen Brttderlein, das die Schwester noch Herumtragen mußte, und nach der scheckigen Lies und dem braunen Hans und nach seiner Alm, auf der die Kräuter so süß dufteten und über der sich der blaue Himmel wölbte und die sternengestickte Decke der Nacht. Und er rieb sich die schläfrigen Augen und sprang von seinem Thronseffel auf. Da stand auch schon wieder das Männlein mit dem eisgrauen Bart vor ihm, das ihn hierhergeführt hatte, und sagte zu ihm: „Deine Zeit ist um. Willst du wieder in die Außenwelt zurück und gelüstet es dich nicht länger nach den Schätzen, die wir dir bieten können, so komm und folge mir!" Schwerfällig stieg Friedel von seinem goldenen Throne herab. Es kam ihm vor, als sei er viel müder und sei alle Jugend von ihm gewichen. Bedächtigen Schrittes folgte er dem Zwerge. Wieder gelangten sie zur eisernen Pforte; wieder schlug das Männlein mit ffiner Gerte an das Tor; augenblicks sprang es auf und Friedel stand wieder draußen auf der Alm des Untersbergs; er sah die kahle Kuppe des Hochthrons, er sah die Almhütte und die weidenden Kühe. Aber es war alles so fremd, so ganz anders als vordem. Er sand die Lies und den Hans nicht wieder; die Tiere sahen ihn fremd und verwundert an; der Nachbarsenn ging achtlos an ihm vorüber, und als er ins Tal hinabstieg und zu dem Hüttlein seiner Eltern kam, da saß ein steinalter Mann vor der Tür und schmauchte sein Pfeiflein. „Wo ist der Vater," ries der Friedel „und die Mutter und das Schwesterlein mit dem kleinen Bruder? .Ich bin doch der Friedel und hier in der Hütte wohnen meine Eltern und Geschwister." Da schüttelte der Alte vor der Tür den Kopf und murmelte: 92 Sagen aus dem Alpenatbiete. „Du willst der Friedel sein, mein ältester Bub? Der ist ja schon lange tot; er hat sich vor vielen, vielen Jahren im Untersberg ver¬ stiegen und ist nicht mehr heimgekommen. Nein, nein, du kannst nicht unser Friedel sein." Da blickte unser Friedel — denn er war es doch — über den Zaun des Gärtchens, in dem ein altes Mütterchen gerade ein Rosenstvcklein begost. Im selben Augenblick aber sah das uralte Weiblein auf und dem Friedel in die Augen. Es währte kaum eine Minute, da schrie die Alte auf: „Friedel, lieber Friedel! End¬ lich kommst du wieder zu uns. Wir haben dich alle schon für tot gehalten." Das Mutterauge hatte den Sohn erkannt, obwohl schon fünfzig Jahre darüber verstrichen waren, seit der Lirtenbub ins Reich der Zwerge entführt worden war, denn so lange war er im Berge, und was ihm damals nur wie die Spanne eines Tages vorgekommen, war in Wirklichkeit länger als ein Menschenalter gewesen. Keines Zaubers Macht aber ist stärker und kein Schatz kost¬ barer als einer Mutter Liebe zu ihren Kindern. Der erste Lichtenstein. (Sage aus Steiermark.) noch die Awaren ihre wilden und trüben Völkerwogen über H die blühenden Alpenländer Österreichs Hinstuten ließen, lebte in einem Steinhause des steierischen Lochlandes, nahe der Mur, Oda, die Witwe eines tapferen Dienstmannen, der im Kampfe mit den Awaren seinen Tod gefunden hatte. Ihre ganze Liebe und Sorge gehörten ihrem Söhnchen Gerold, dem die Kühnheit des Vaters aus den Augen glänzte und der die Liebe seiner Mutter mit hingebender Zärtlichkeit erwiderte. Nichts war ihm lieber, als im eisernen Schilde des Vaters sich zu schaukeln, indes die Mutter von Streit und Kampf und den Heldentaten seines Vaters erzählte. So verstrichen die Jahre und Gerold wuchs zu einem schönen, kraftvollen Jüngling heran, der ganz das Ebenbild seines Vaters Dev erste Lichtenstein. 93 Aribo war und ihm auch an ritterlichem Mute gleichzukommen verhieß. Die Siege der Frankenheere unter dem großen Karl und seinem Sohne Pipin hatten zur Folge, daß viele fränkische An¬ siedler ins steierische Land kamen und fränkische Grafen auf den Burgen saßen und Recht sprachen. Eine solche Burg erhob sich auch auf dem Lügel, an dessen Fuße die heutige Stadt Judenburg liegt und auf dem seit Römer¬ zeiten ein uralter Turm stand. Seit der Ankunft des fränkischen Grafen war jung Gerolds Wesen wie verwandelt. Träumerischer Ernst bedeckte seine sonst so heitere Stirn; scheu und einsam irrte er durch Felder und Wiesen und selbst seiner Mutter wagte er nicht das Geheimnis seines Innern zu offenbaren. Oft hatte er Gertrud, die holde Tochter des Grafen von Eppenstein, erblickt, wenn sie aus der Burg zu Tal stieg, um die Lütten der Dienstleute zu besuchen, und sein junges Lerz war in Liebe zu der schönen Grafentochter entstammt. Doch wie konnte er, der Sohn des armen Kriegers, je an eine Verbindung mit der Tochter des reichen und mächtigen Grafen denken? So flogen die Träume und Wünsche des Jünglings in die Lüfte und Schwermut bemächtigte sich seiner tatendurstigen Seele. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Eines Tages überfiel ein Schwarm Awaren, die sich noch in den Wäldern verborgen gehalten hatten, das Laus der Witwe; mit Mühe entfloh sie mit ihrem Sohne Gerold; das Laus wurde ausgeraubt und eingeäschert. Nur eine Lütte im Walde blieb der Witwe und ein Stück¬ chen Feld, das Gerold nun mit eigener Land bebauen und pflügen mußte; denn Oda hatte keine Knechte und Eigenholde. Die Sehn¬ sucht nach Waffenspiel und Minnedienst, die Gerolds Lerz schon lange erfüllt hatte, blieb für immer ungestillt. Von schwerer Arbeit müde, dachte Gerold eines Abends an die Leimkehr; nur ein kleines Stückchen des Feldes war noch ungepflügt. Der Jüngling trieb die Tiere an, doch der Pflug wollte über eine mächtige Scholle nicht hinüber. Erst ein starker Ruck der kräftigen friere brachte ihn über den Erdklumpen hin- 94 Sagen aus dem Alpengebiete. weg. Gerold bückte sich, um nach dem Hindernisse zu sehen; doch wie erstaunte er, als ein großer Stein von wunderbarem Glanze sich seinem Auge darbot. Freudig eilte Gerold zu seiner Mutter und beide bewunderten den lichten Schein des Gesteins, das in dem Stübchen zauberhell schimmerte. „Morgen will ich zu einem Handelsmann nach Juden¬ burg gehen," sagte der Jüngling, „und ihn nach dem Wert des Steines fragen; sicher wird er mir einen hohen Preis bieten und wir brauchen nicht weiter zu darben." Doch Gerold ging zuerst zu einem frommen Waldbruder, der im Rufe der Heiligkeit stand. Dieser sagte ihm, der Stein sei wohl mehr als tausend Goldgulden wert. „Doch," meinte der Einsiedler, „verkaufe ihn nicht, trage ihn lieber nach Aachen an den Hof des großen Karl und biete ihn dem mächtigen Kaiser als Geschenk an; es wird dir sicher nicht zum Schaden gereichen." So umgürtete sich denn Gerold mit dein Schwerte seines 95 Der erste Lichtenstein. Vaters, legte dessen Rüstung an und bedeckte sein Lockenhaupt mit der Eisenhaube; dann nahm er Abschied, gesegnet von dem Einsiedler und seiner Mutter, die ihn kaum aus ihren Armen ent¬ lassen wollte. Als Gerold gen Aachen kam, hörte er, daß Karl mit den Sachsen im Kriege lag. Dies war dem Jüngling willkommen; denn sein Lerz dürstete nach Waffenlärm und Schlachtenruhm. Er beschloß daher, dem Kaiser seine Dienste anzubieten, ohne noch vorher von dem Steine etwas zu sagen. Der Kaiser fand Gefallen an dem stolzen, schonen Jüngling und ließ ihn gern in die Reihen seiner Krieger eintreten. Wie ein Sturmwind sauste Gerold gegen die Feinde und kämpfte, allen voran, bis zum sinkenden Tage. Als die Nacht ihre dunklen Fittiche aufs Schlachtfeld senkte, ohne daß die Feinde gewichen wären, band Gerold seinen lichten Stein an den Lelm, so daß er weithin übers Feld leuchtete und die Feinde in grausigem Schreck entflohen, hinter ihnen Gerold und die Seinen; ihre breiten Schwerter sausten auf die Schädel der Sachsen nieder, so daß fast keiner von ihnen entrann. Am nächsten Morgen beschied der Kaiser den tapferen Jüng¬ ling vor seinen Thron und schlug ihn vor allen seinen Edlen zum Ritter. Als ihm Gerold den Stein zum Geschenke darbot, sagte der große Karl: „Ich nehme gern deine Gabe an und reihe dich den Edelsten meines Reiches an. Dein Laus aber soll fortan den Namen Lichtenstein führen, und der Ruhm deines Geschlechts sei licht und glänzend wie dieser Stein." Froh kehrte der junge Ritter nach Lause zurück und gern legte jetzt der fränkische Graf die Land seiner Tochter in die des edlen Jünglings, der sich die Feste Lichtenstein bei Judenburg er¬ baute und eines mächtigen und stolzen Geschlechtes Ahnherr wurde. Und wie jung Gerolds sehnendes Lerz nicht bloß nach rauhem Kampfziel, sondern auch nach süßer Minne Verlangen getragen hatte, so entsproßte seinem Stamme auch jener Ulrich von Lichten¬ stein, der unter den Minnesängern hohen Ruhm gewann. 96 Sagen aus dem Alpengebiete. Der Wassermann vom Leopoldsteinersee. (Sage aus Steiermark.) E^(or vielen, vielen Jahren, zur Zeit, als König David in Jeru- salem regierte, war es noch wüst und unwirtlich an den malerischen Ufern des Leopoldsteinersees, der in der Nähe des heutigen Marktes Eisenerz seinen dunklen, von uralten Tannen umwachsenen Spiegel ausbreitet. Zwei Männer, in rauhe Felle gekleidet, brachen sich Bahn durchs Dickicht des Ufers; da bemerkten sie plötzlich ein Männ¬ chen, das auf einem Felsen saß und sich mit einem goldenen Kamme seine triefend nassen, grünen Äaare kämmte. Das Männlein trug ein graues Wämslein mit einem handbreiten nassen Saume, große Wasserstiefel und die grünen Äaare, auf denen ein grünes Äüt- lein saß, reichten bis zum Boden, so daß der Kleine beim Gehen darauf trat, wenn er nicht acht gab. „Das ist ein Wassermann," flüsterte einer der in Felle ge¬ kleideten Wanderer, die lange Äolzspieße in der Faust trugen, dem andern zu; „den müssen wir fangen, dann können wir leicht zu Schätzen und Reichtümern gelangen und brauchten uns nicht zu mühen und zu Plagen, um ein Stück Wild zu erjagen." „Wenn's ein Wassermann ist," sagte der zweite, „so ist er nur mit einem Seidelbast zu sangen und zu fesseln, in den man drei Knoten machen muß." . , Und schon war er ins Dickicht der Bäume gesprungen und holte einen sogenannten Seidelbast herab, machte drei Knoten hinein und drehte das eine Ende zu einer Schlinge. Auf den Zehen schlich er sich an das seltsame Männlein heran und schwubs! hatte dieses den Strick um den Äals und konnte trotz allen Windens und Drehens nicht loskommen. Zuerst polterte und fluchte der Wassermann; als er aber sah, daß ihm dies gar nichts half, legte er sich aufs Bitten und Ver¬ sprechen und sagte schließlich zu den beiden Männern: „Wenn ihr mir versprecht, daß ihr mich freilaßt, so will ich euch steinreich machen und ihr sollt zeitlebens glücklich sein." Die beiden Jägersleute ließen das Waffermännlein vorangehen. Der Wassermann vom Leopoldfteinersee. 97 Dieses griff nach einer Rute, die am Uferrande lag, und schlug damit dreimal auf die Oberfläche des Sees. Sogleich teilten sich die Fluten und eine marmorne Treppe wurde sichtbar, auf der die drei hinabstiegen, bis sie in einen wunderschönen Saal kamen, dessen Wände durchsichtig waren und den Blick auf herr¬ liche Gärten freiließen, in denen leuchtende Blumen wuchsen und lieblich dufteten. Auf einem Tische inmitten des Saales lagen, zu Bergen ge¬ häuft, Barren von Gold und Silber und Edelsteine, die in allen Farben des Regenbogens schimmerten. Nun bat der Wasserkobold wieder die Männer, sie möchten ihn doch freilassen. Angesichts der Schätze, die sie ringsum auf¬ gehäuft sahen, willfahrten sie jetzt seiner Bitte und das von den Fesseln befreite Männchen setzte sich auf eine der kristallenen Bänke, die längs der Wände umherstanden. Dann sagte es mit trauriger Stimme: „Wir Wassermännlein stammen von jenen Engeln her, die aus dem Kimmel verstoßen wurden in den tiefsten Abgrund. Einige von ihnen sprangen in die Gewässer der Erde und von diesen leiten wir unsere Kerkunst her. Wir sind meist bösartig, denn Satan ist unser Gebieter. Doch ihr habt mich freigelassen und so will ich euch auch mein Versprechen halten." Das Männchen trat zum Tische und nahm drei Stangen Metall, die es den zwes Männern hinreichte. „Wählt," sagte es, „aber wählt klug und mit Bedacht. Wollt ihr Goldminen auf ein Jahr oder Silberminen auf zwanzig Jahre oder Eisen auf ewig?" Die Männer zögerten nicht lange und riefen sogleich: „Gib uns das Ei,en, das uns auf immer dienen soll." Nun legte der Kobold das Gold und Silber beiseite und reichte den beiden die Erzltufe. Freundlich lächelnd sagte er: „Ihr habt gut gewählt und euch und euern Kindern und Kindeskiudern wird Segen aus eurer Wahl erblühen." sodann geleitete das Männlein die beiden über die Marmvr- treppe hinauf und auf einmal standen sie wieder am Ufer und blickten auf den ruhigen Spiegel des Sees, der im Sonnenlichte glänzte. S^iolle, Sagenbuch. 7 98 Sagen aus dem Alpengebiete. Sie wanderten nun weiter talwärts und kamen zu dem Berge, der sich massig vor ihnen auftürmte. Lier bauten sie sich eine Lütte und fingen an, die rotglänzenden Erze zu schürfen. Bald wurden sie reich, denn Eisen braucht man überall, wo Menschen wohnen. Und immer noch graben die Menschen in dem gesegneten Berge nach Eisen, obwohl schon mehr als zweitausend Jahre ver¬ flossen sind, seit das Männlein den beiden Wanderern erschienen ist und seit diese klug gewählt haben. Der Erzberg ist des steirischen Landes kostbarstes Kleinod geblieben. Die bestrafte Neugierde. (Sage aus Steiermark.) Perchtl, welche die alten Deutschen als die glänzende Früblingsgöttin Berchta liebten und verehrten, ist den Leuten in den steirischen Bergen wohlbekannt. Eine Bäuerin in Kalwang im steirischen Oberlande hielt sorgsam darauf, daß man der Frau Perchtl oder der Perchtl- globa, wie man sie in dortiger Gegend nennt, alle Ehrerbietung zuteil werden ließe, die ihr gebührt. Ist sie doch die Beschützerin all der armen Kinderseelen, die ohne Taufe gestorben sind und nun ruhelos umherirren und erst erlöst werden, wenn sie einen Namen erhalten. In der Perchtlnacht, wie man die Nacht vor dem heiligen Dreikönigstage nennt, stellte unsere Bäuerin stets auf den mit blühend weißen, frischen Linnen überzogenen Tisch eine Schüssel mit süßer Milch und legte viele kleine Löffel rings herum, indem sie dazu die Worte murmelte: „Gesegn's Euch Gott, Frau Perchtl, und euch armen Seelen!" In der Nacht, wenn alles schlief und draußen am Winter¬ himmel die Sterne glänzten und der gefrorene Schnee an den Asten und Zweiglein der Bäume glitzerte, da öffnete sich leise die Stubentür und die Perchtl trat herein und hinter ihr schlüpften Die bestrafte Neugierde. 99 viele, viele Kinder ins Zimmer und jedes tauchte sein Löffelchen in den Milchtopf und schlürfte ein paar Tropfen Milch; denn mehr brauchten sie nicht, diese zarten Geschöpfchen, zu ihrer Wande¬ rung auf Erden. Die Bäuerin wußte ganz genau, daß alles sich so verhalte. Gesehen hatte sie es freilich noch nicht; denn die Perchtl duldete es nicht, daß irgend ein Menschenauge sie beobachte; wenn sie mit ihren Schutzbefohlenen in einem Bauernhause Einkehr hielt. Ließ man sie unbeachtet, so brachte sie Glück und Frieden mit und das Laus blieb das ganze Jahr gesegnet. Aber Lans, der Knecht der Bäuerin, ein recht wüster und roher Geselle, glaubte nicht an das, was ihm die Bäuerin über die gute Perchtl erzählte. Er lachte und sagte, es sei alles Lug und Trug und er wolle beweisen, daß die Perchtlgloba nicht ein Tröpfchen von der Milch genieße, die ihr die Bäuerin vorsetze. Und richtig, in der Perchtlnacht, als draußen in der Welt und drinnen im Lause alles in tiefem Schlafe lag, schlüpfte Lans in den großen Ofen und bohrte sich ein Loch in die Ofentür, um ja alles genau beobachten zu können. Jetzt schlug es Mitternacht auf der nahen Kirchturmuhr und im selben Augenblick öffnete sich leise die Stubentür und herein trat ein altes Mütterchen mit schneeweißem Laar und vielen, vielen Runzeln im Gesicht und hinter ihr kamen unzählige Kinderchen, jo daß es Lans dünkte, die könnten doch unmöglich alle Platz in der Stube finden. Und das uralte Mütterchen gab jedem der winzigen Geschöpfe mit dem Löffelchen ein Tröpflein Milch. Als aber die Perchtl — denn sie war es, und Lans fing schon an, seinen Unglauben bitter zu bereuen — in die Nähe des Ofens kam, da sagte sie auf einmal zu einem Kinde: „Deck die Luke zu!" Und un selben Augenblicke wurde es dem Knechte, der die Worte ganz deutlich gehört hatte, ganz finster vor den Augen, er sah auf eiuiual den Hellen Schein nimmer, den die Perchtl im Zimmer verbreitet hatte. Er kroch aus dem Ofen und konnte sich nur mit Mühe aus dem Zimmer tasten; aber auch draußen sah er nichts, obwohl es um die Vollmondzeit war und der Schnee in blendender Weiße Feld und Wald bedeckte. 100 Sagen aus dem Alpengebiete. Lans war blind geworden und das hatte die Perchtl getan, um ihn für seine Neugierde und seinen Übermut zu bestrafen. Er ging in sich und wurde brav und fleißig und die Bäuerin, die großes Vertrauen zur Perchtl hatte, riet ihm, in der nächsten Dreikönigsnacht wieder in den Ofen zu schlüpfen, vielleicht werde ihn die Perchtlgloba wieder sehend machen. Die Bäuerin stellte abermals das Licht auf den weißgedeckten Tisch, setzte den Topf voll süßer Milch darauf und legte die Lösfel- chen herum, und als es Mitternacht schlug, da hörte Lans wieder ein Schlürfen und Trippeln wie von unzähligen winzigen Füßchen, aber er sah nichts. Dann hörte er ganz deutlich eine Stimme und vernahm die Worte: „Deck die Luke wieder auf!" Es war ihm, als wenn ein weiches Ländchen seine Augen berührt hätte, und als er sein Gesicht an die Ofenspalte legte, sah er das Licht und die Rahmschüssel mit den Löffelchen. Die gute Perchtl hatte ihn wieder sehend gemacht. Aber nach Kalwang soll sie seitdem nicht mehr gekommen sein. Das Kind und der böse Geist. (Sage aus Steiermark.) E^Lei Oberwölz in Steiermark lebte ein reicher Bauer; er hatte ein stattliches Anwesen, aber er war geizig und hart¬ herzig gegen Arme und Bedürftige. Deshalb wichen ihm auch die Leute scheu aus; denn er stand überdies im Rufe, init der Geister¬ welt in Verbindung zu stehen. Im wohlverwahrten Schranke hatte er Totenköpfe, Weihrauch¬ körner und allerlei geheimnisvolle Bücher aufbewahrt, in denen er gern zu lesen Pflegte, vor allem ein Büchlein, das lateinisch ge¬ schrieben war, und in dem er oft in der Nacht zu blättern pflegte und das er immer sorgsam einschloß, wenn er das Laus verließ. Aber eines Abends mußte er plötzlich aufs Feld, und er ver¬ gaß ganz darauf, das Büchlein, in dem er wie gewöhnlich geblättert hatte, einzuschließen. Die Bäuerin und das Gesinde waren auch aus dem Lause; nur die kleine Marie, das blondlockige Töchterchen des Bauern, war in der Stube zurückgeblieben. Das Kind und der böse Geist. 101 Der Bauer hatte hinter sich die Tür zugesperrt und die Kleine getröstet, sie würden bald alle vom Felde zurückkehren. Marie fürchtete sich nicht; sie trat ans Fenster und sah lange Zeit den Immen und Faltern zu, die im Abendschein um die Blumen des Gartens schwirrten, und sah auf die Äpfel und Birnen, die schon rote Bäckchen bekamen und eine gute Schnabelweide verhießen. Bald aber wurde der Kleinen das Äinaussehen langweilig und ihr Blick siel auf das Buch, das der Vater auf der Ofen¬ bank gelassen hatte und von dem sie wußte, daß er es sonst ängst¬ lich zu verschließen pflegte. „Ich kann ja doch in meiner Fibel schon ganz gut lesen," dachte sich Mariechen, „ich will mal versuchen, ob ich's auch aus diesem Buche treffe." Gedacht, getan. Sie setzte sich auf die Ofenbank und nahm das Buch in die Land und begann zu lesen. Weil es aber^ lateinisch geschrieben war, so begnügte sie sich zunächst damit, die jeltsamen Kupfer anzugucken, mit denen das Buch geziert war. Dann sing sie doch die fremden Laute zu buchstabieren an; es ging 102 Sagen aus dem Alpengebiete. zwar langsam, aber schließlich brachte sie es doch zustande und las einige lateinische Sähe mit lauter Stimme vor sich hin. Auf einmal pochte es an der Stubentür, einmal, zweimal, dreimal. Doch Manschen ließ sich nicht stören und las weiter; sie wußte, daß die Tür versperrt war und daß sie niemand ein¬ lassen durfte. Plötzlich blickte sie auf und erschrak nicht wenig; denn neben ihr auf der Ofenbank saß ein junger Jägersmann in grüner Kleidung mit einer schwarzen .Hahnenfeder auf dem .Hütlein. Er hatte so sonderbar funkelnde Augen und das Mädchen fing an, sich gewaltig zu fürchten. Wie war dieser junge Jäger in die Stube gelangt? Die Türe war doch verschlossen. Und in ihrer.Herzensangst wußte sie sich nicht anders zu helfen, als daß sie zum alten, vergilbten Gebetbüchlein der Ahndl (Großmutter) griff und laut zu lesen anfing. Als die Kleine wieder aussah, war der Jäger neben ihr ver¬ schwunden; nur ein Päckchen war zurückgeblieben, das auf der Ofenbank lag. Unmittelbar Aärauf knarrte der Schlüssel in der Tür und der Vater trat ei^.' Manschen flog ihm entgegen und erzählte ihm mit fliegendem Atem, was ihr geschehen war. Der Vater sah in dem seltsamen Zauberbuche nach und fand, daß Marie in ihrer Unschuld eine Beschwörungsformel gelesen, durch die der böse Geist aus der Unterwelt gerufen wurde. Der grüne Jäger war niemand anders als Beelzebub in eigener Person. Aber der reinen Unschuld des Mägdleins, das sogleich nach dem Gebetbuche gegriffen hatte, durfte er nichts anhaben, er mußte von dannen weichen. Das Päckchen enthielt viel Gold, mit dem er die Seele des Bauern kaufen wollte. Manschens Vater spendete all dieses Gold den Armen und verbrannte das Buch und die seltsamen Dinge, die er in seinem Kasten verwahrt hatte. Weit und breit rühmte man von nun an seine Wohltätigkeit und bald wichen ihm die Leute nicht mehr scheu aus, sondern grüßten freundlich, wo sie ihm begegneten. Manschen aber wurde der Engel von Oberwölz genannt, denn sie war noch frömmer und gutherziger als der Vater und ihr Andenken ist noch jetzt in der ganzen Gemeinde gesegnet. Das Natterkrandl. 103 Das Natterkrandl. (Sage aus Steiermark.) steirischen Lochlande, wo die Gemse auf die Felszacken klimmt, wo die Büchse des „Jagers" knallt und frohe Juchzer durch die Täler schallen, da ist auch ein Dichter daheim, der einst ein armer Bauernbub gewesen, den die Muse aber zu Gold und Ehren geleitet hat und dem die Liebe des ganzen deutschen Volkes zuteil geworden ist: Peter Rosegger. Doch ich will euch von einem andern Bauernjungen erzählen, der auch Peter geheißen hat, wie der warmherzige Dichter der steirischen Alpen, und dem es gleichfalls gar merkwürdig ergangen ist. Auch er war im steirischen Oberland daheim, wenn wir der Sage glauben dürfen; 's ist freilich schon lange her seitdem. In jener alten, längst verflossenen Zeit lebte also im Gebirge ein Büblein; das war so arm, daß es kein ganzes Nöcklein hatte, und sein Lederhöslein war schon so dünn, daß der Regen prächtig hindurchkonnte und die Sonne durchschien, wenn es zum Trocknen aufgehängt wurde. Seine beiden Eltern waren schon lange gestorben und der geizige Ziehvater jagte unsern Peter eines schönen Tages aus dem Laus, er solle sich sein Brot suchen, wo er wolle; daheim gebe es für ihn kein Stückchen und Krümchen mehr. So lief denn der Knabe auf die Straße hinaus und ins dunkle Leben hinein. Als er nun mittags im Grase gegenüber einer Felswand lag und sich die Sonne in den offenen Mund scheinen ließ, weil er eben gar nichts anderes hatte, ihn zu stopfen, da sah er auf einmal auf der Felswand eine wunderschöne Frau stehen mit einem Blumenreif in dem- goldenen Locken und einer glänzenden Perlenkette um den Lals. Als unser Peterlein sie genug angestarrt hatte, sagte sie plötz¬ lich zu ihm: „Aufgepaßt, ich will dir etwas zuwerfen." Er hielt die Lände zum Auffangen bereit und im nächsten Augenblick lag in seiner Rechten ein „Natterkrandl" (Natterkrönlein), wie solches die Nattern alle hundert Jahre auf dem Kopfe tragen. Peterlein verzog ein wenig sein Gesicht, denn er hatte eine 104 Sagen aus dem Alpengebiete. andere Gabe erwartet; aber schließlich dachte er: „Auch gut!" und wollte sich schön bedanken, aber die Frau war schon ver¬ schwunden. So steckte denn der arme Junge das Natterkrandl in die Tasche seiner zerschlissenen und siebähnlichen Lederhose und wanderte auf der Landstraße fürbaß. Unterwegs gesellte sich ein anderes Bttblein zu ihm, das auch so bettelarm war wie Peter; und als es Abend geworden war und die beiden bereits so hungrig und durstig waren, daß die Zungen am Gaumen klebten und ein er¬ schrecktes Feldhäslein eiligst davonlief, weil es das Krachen der hungrigen Mägen für Gewehrknattern hielt, da beschlossen die beiden ins nächstbeste Bauernhaus zu gehen und um ein Tröpflein Milch und eine Nachtherberge zu bitten. So taten sie denn auch und die mildtätige Bäuerin gab den Knaben ein tüchtiges Stück Brot und eine große Schüssel voll Milch. Die Knaben löffelten und löffelten, aber die Schüssel wurde nicht leer, so daß die Bäuerin schon böse wurde, weil sie glaubte, die Burschen verschmähten ihre gern mitgeteilte Gabe. Nach dem Essen streckten sich Peter und sein Kamerad aufs Strohlager aus, und als die Morgensonne durch die Dachluke schien, erwachten sie munter und neugestärkt. Sie bedankten sich vielmals bei der Bäuerin und der Bauer gab unserm Peterlein noch einen Kreuzer auf die Wanderschaft mit. Diesen steckte der Knabe zu dem Natterkrandl, das er schon ganz vergessen hatte, aber Georg, sein Begleiter, sagte: „Tu doch den Kreuzer in die Mütze, sonst verlierst du ihn noch aus dem zerrissenen Löslein." Peter befolgte den Rat, aber als er nach einiger Zeit wieder in die Tasche griff, war der Kreuzer wieder darin, er tat ihn wieder in die Mütze, aber auch dort war der Kreuzer, den er schon hinein¬ gesteckt hatte; und immer, wenn er den Kreuzer aus der Tasche nahm, um ihn in die Mühe zu tun, lag ein neuer Kreuzer darin. Die beiden Knaben erstaunten nicht wenig über dieses Wunder; endlich sagte Georg, der ältere und nachdenklichere der beiden: „Das kommt von dem Natterkrandl der Waldfrau; wo ein solches ist, wird ein Ding nie weniger, sondern immer mehr und immer größer." Und so war es auch; und die beiden wurden auf diese Weise Das Natterkrandl. 105 gar bald reich und konnten sich in der Gegend ankaufen und waren wegen ihres Fleißes und ihrer Wohltätigkeit allgemein beliebt. Niemand mißgönnte ihnen ihren Wohlstand; nur der Guts¬ herr war ihnen darob neidig, und da er von dem Natterkrandl gehört hatte, beschloß er, es dem Peter zu entwenden, denn er wollte selbst noch viel reicher werden, als er ohnedies war. So verkleidete er sich also eines Tages als Bettler, schwärzte sich sein Gesicht, damit ihn niemand erkenne, und während Peter auf dem Felde bei seinen Knechten war, schlich er ins Dorf und kroch durch den Dachboden in Peters Laus. In der Schlafstube öffnete er alle Kasten und Laden und richtig fand er in einer Schublade fein in Papier eingewickelt das Natterkrönlein. Unbemerkt kam er wieder aus dem Lause heraus; da hörte er ein Geräusch und in der Furcht, ertappt und seines kostbaren Schatzes beraubt zu werden, verschluckte er rasch das Natterkrandl und lief in den nahen Wald, wo er sich der Bettlerkleidung ent¬ ledigen wollte, denn darunter trug er seinen gewöhnlichen feinen Anzug. Aber o weh, so oft er auch Rock und Lose ablegte, immer wieder saß ihm beides am Leibe, so daß er bald so viel Lumpen an sich hatte, daß er sich kaum mehr bewegen konnte. Wohl oder übel ging er in dieser Verfassung zu seinem Schlosse und verlangte Einlaß; aber der Diener hielt ihn für einen Landstreicher und holte einen Stock, um ihn weidlich durchzuprügeln. Und der Diener konnte mit dem Prügeln ebensowenig auf¬ hören wie der Graf früher mit dem Ausziehen der Bettlerkleider. Daran war immer das Natterkrönlein schuld, das der Graf im Leibe trug. So prügelte denn der Diener seinen Lerrn die ganze Nacht hindurch, und erst als der Graf, von Schmerzen ge¬ peinigt, das Natterkrönlein von sich gab, hörte der Diener mit den Schlägen auf. Der vornehme Gutsherr aber trug das Natterkrandl, das ihm so bös mitgespielt hatte, sogleich zu Peter zurück und sagte, er hätte das Ding irgendwo gefunden und bringe es zurück, weil er gehört habe, daß es Peter gehöre. 106 Sagen aus dem Alpengebiete. So blieb denn unser Peter zeitlebens in dem Besitze des wunderbaren Krönleins, das heißt, als er einmal an seinem Namens¬ tage bis zum frühen Morgen in der Schenke saß und spielte und trank, fand er am nächsten Morgen sein Natterkrandl nicht mehr, so sehr er auch suchte und suchte und das ganze Laus von unterst zu oberst umkehrte, — es blieb verloren. Peter aber merkte die Lehre, die ihm die gütige Waldfrau geben wollte. Er mied fortan die Schenke und war mäßig und fleißig wie zuvor und fo vermehrte sich sein Wohlstand und sein Glück auch ohne Natterkrönlein, das seit dieser Zeit niemand mehr findet. Die drei Müller. (Sage aus Steiermark.) (^Lm steirischen Oberlande gibt es viele Waldmühlen an der rauschenden Mürz und ihren Zuflüssen. Man geht über Matten und zerklüftetes Geröll den Waldsteig hinan, umrauscht von den Wipfeln der Tannen und Föhren und umbraust von den klaren Wässerlein, die von allen Seiten ins schmale Felstal hinab¬ stürzen, und hört plötzlich das Geklapper eines Mühlrades, über das der Bergbach sein schäumendes Silber schüttet, das in Millionen diamantner Tropfen zerstiebt, wenn die Sonne durchs Tannen¬ geäste hindurchblitzt oder der Mond Bäume, Gras und Wasser in seinen Zauberschleier hüllt. In einer solchen Waldmühle lebte einst — wann dies war, kann ich beim besten Willen nicht sagen, denn die Mühle ist längst verfallen und Gras und Moos sind darüber gewachsen — ein reicher Müller, der drei Söhne hatte, die sämtlich das Landwerk des Vaters gelernt hatten und nun in die Fremde ziehen wollten, um auch anderswo den Müllerbrauch kennen zu lernen. Sie nahmen also Abschied von Vater und Mutter und wan¬ derten in die Welt hinaus, denn das Wandern war schon da¬ mals des Müllers Lust und ist's nicht erst seit heute. Nachdem sie so schon ein gut Stück Welt kennen gelernt und in mancher Mühle vorgesprochen hatten, kamen sie einst — sie waren Die drei Müller. 107 von der heimatlichen Waldmühle schon sehr weit entfernt — in einen großen, dichten Wald; den durchwanderten sie bis zum sinken¬ den Abend, ohne daß sie ein Ende davon abgesehen hätten. Schon waren sie entschlossen, im Walde zu übernachten, denn sie waren alle drei beherzte junge Leute und verloren nicht so rasch den Mut, da bemerkte der Jüngste ein Lichtlein, das aus weiter Ferne herüberschimmerte. Dort mußte wohl, so dachten sie, eine Lütte liegen, die ihnen ein Obdach gewähren könnte. Wie erstaunten sie aber, als sie näher kamen und keine Lütte vor sich sahen, wohl aber ein prächtiges Laus mit einem mächtigen Tor, an das Lans, der Jüngste und Keckste von ihnen, sogleich pochte; denn er dachte sich: „Um so besser; in einem so schönen Schlosse haben wir schon lange nicht übernachtet." Das Tor sprang von selbst auf und die drei Müllerssöhne stiegen über eine schöne Steintreppe hinauf und kamen in einen Saal, in dem alles gar herrlich und fein eingerichtet war. Bei ihrem Eintritte waren gerade eine Menge niedlicher Zwerge damit beschäftigt, eine lange Tafel zu decken und allerlei Schüsseln und Teller aufzutragen und neben jeden Teller goldene Messer und Gabeln zu legen und schön geschliffene Flaschen und Gläser dazu zu sehen. Als die Zwerge die drei Müller gewahr wurden, machten sie vor jedem eine artige Verbeugung und forderten sie durch Gebärden auf, sich an den Tisch zu sehen. Die drei Wandergesellen rissen ihre Augen auf, soweit sie konnten; denn etwas Ähnliches war ihnen auf ihrer ganzen Wanderschaft nicht passiert. Weil sie aber von dem langen Umherirren im Walde sehr hungrig und durstig waren, setzten sie sich ohne viel Umschweife zu Tisch und ließen sich die köstlichen Speisen, die ihnen die artigen Zwerglein servierten, trefflich munden. Als sie gegessen und getrunken hatten, fragte der Jüngste die Zwerge, ob sie nicht hier auch übernachten könnten, denn sie seien sterbensmüde und könnten kaum ein paar Schritte mehr gehen. Sogleich nickten die Zwerge freundlich und führten die drei in ein nebenstehendes Gemach, wo drei prächtige Betten bereit standen, unsere müden drei Müller aufzunehmen, die zum erstenmal in ihrem 108 Sagen aus dem Alpengebiete. Leben ihre müden Glieder auf weiche Daunen und unter seidene Decken ausstrecken dursten. Wer mochte unter solchen Umständen ans Aufstehen denken? So stand denn die Sonne schon hoch am .Himmel, als die drei aufwachten und sich voll Verwunderung die Augen rieben, denn sie hatten im Schlafe schon ganz vergessen, was mit ihnen geschehen war und wo sie sich befanden. Als sie nun so voll Staunen im Zimmer herumblickten, ent¬ deckte Lans über der Türe des Saales eine Tafel, auf der ge¬ schrieben stand, daß jeder der drei binnen Jahr und Tag ein Rätsel lösen müßte, und zwar der Älteste, was er esse, der zweite, was er trinke, der dritte, worauf er liege. Wenn sie das Rätsel binnen Jahresfrist nicht lösen könnten, so seien sie alle mit Laut und Laar dem Lerrn des Laufes verfallen und ihr Leben sei in seiner Land. Da lachten sie alle drei, denn das Rätsel dünkte sie kinder¬ leicht, und sie beschlossen, so lange, bis das Jahr um sei, in dem Schlosse zu bleiben; denn besser konnten sie's nirgends haben und das Müllerhandwerk würden sie sicher nicht vergessen, auch wenn sie ein ganzes Jahr lang statt des Geklappers der Mühlräder nur das Klappern von Messern und Gabeln hören würden. So blieben sie also in dem schönen Lause und ließen sich von den freundlichen Zwergen bedienen, die ihnen viel Spaß machten, wenn sie auch auf alle Fragen nur mit Zeichen und Gebärden antworteten. Das Jahr lief herum, die drei wußten gar nicht wie, und kein Stündlein bereuten sie ihr lustiges Leben unter den stummen Zwergen. Als aber der Abend des letzten Jahrestages herannahte, wurden sie freilich etwas kleinmütiger, und den Jüngsten packte gar die Angst, so daß er aus dem Lause lief und wieder in den Wald zurückkehrte. Bald aber wurde er müde und legte sich unter einen Baum. Da raschelte es über ihm in den Zweigen; er hörte ein merkwürdiges Zischen, und als er emporblickte, sah er eine große Schlange, aus der sich eine zweite und dann noch eine dritte hervor¬ ringelte. Vor Entsetzen wagte er es nicht, sich zu rühren; da hörte er, wie die erste die Worte: „Mein Fleisch", die zweite: „Mein Blut" und die dritte: „Auf meinen Beinen" hervorzischte. Die drei Müller. 109 Wie der Blitz durchzuckte ihn da der Gedanke: „Dies ist des Rätsels Lösung," und er lief, so schnell er nur konnte, ins Schloß zurück. Atemlos kam er in dem Saal an. Da hörte er, wie gerade ein furchtbarer Riese seinem ältesten Bruder die Frage vor¬ legte! „Was ißt du?" und wie dieser antwortete: „Ich esse Rind¬ fleisch und allerlei Braten." Sogleich berührte ihn der Niese mit einem elfenbeinernen Stäbchen, und der große und starke Alois wurde zu einem Zwerglein, wie alle die kleinen Männchen, die sie bedient hatten, und die im Saale umherstanden. Dasselbe geschah auch mit Anion, dem zweitältesten Bruder. Auch dieser hatte die Antwort nicht getroffen. Als ihn der Riese fragte: „Was trinkst du?" erwiderte er beherzt: „Wasser und Wein." Das Elfenbeinstäbchen verwandelte ihn gleichfalls in einen Zwerg. Nun kam der Niese mit drohenden Mienen auf Lans zu. „Worauf liegst du?" fragte er ihn mit Donnerstimme. Aber unser Länschen war mit der Antwort nicht faul: „Auf meinen Beinen!" kam's sogleich aus seinem Munde. Da ließ der Riese das Stäbchen fallen und rief: „Du hast das Rätsel aufgelöst und damit auch alle meine Diener, diese Zwerge hier, erlöst." Mit diesen Worten verschwand er unter großem Gepolter. Die Zwerge aber wurden alle wieder zu Menschen, auch Alois und Anton, und sie bedankten sich mit vielen schönen Wor¬ ten bei Äans, daß er sie aus der Gewalt des Riesen befreit hatte. Dann gingen sie alle ihres Weges, auch unsere drei Müller¬ burschen; sie hatten zwar auf ihrer Wanderschaft nicht viel zu- gelernt, aber dafür konnten sie daheim in der Waldmühle im Mürz¬ tal Dinge erzählen, wie sie sonst wohl noch keinem steierischen Müllergesellen zugestoßen sein mochten. 110 Sagen aus dem Alpengebiete. Der Ahornbaum. (Sage aus Kärnten.) E^^ei Millstadt in Kärnten am lieblichen See gleichen Namens steht noch jetzt ein Ahornbaum, an den sich folgende sinnige Sage knüpft. Ein Mädchen, dessen Vater gestorben war, liebte einen armen Soldaten, der nichts zu verschenken hatte als sein treues und braves Äerz. Die Mutter war eine reiche Bäuerin und grollte der Tochter wegen ihrer Neigung; sie wollte, daß sie sich init einem vermögenden Bauernsohne vermähle, der aber nicht im besten Rufe stand. Einst verstieg sich die Bäuerin in ihrem blinden Zorn zu dem Fluche, den sie dem Mädchen entgegenschleuderte: „So wollte ich, du würdest zu einem Ahornbaum und verdorrtest wie das Grün seiner Blätter!" Und sieh, im Augenblick erstarrten die blühenden Glieder des Mädchens und wurden zäh wie der Stamm des Ahorns; die Arme wurden zu Ästen und das wallende Äaar verwandelte sich in dürres Laub. Die Mutter war entsetzt, daß die Verwünschung, die sie in leidenschaftlicher Aufwallung ausgestoßen, so schrecklich in Erfüllung gegangen war, und fortan war ihr Leben den Tränen und Klagen um die Tochter geweiht. Da kam eines Tages ein fahrender Spielmann in die Gegend am See. Der setzte sich unter den Ahornbaum und spielte süße und leidvolle Weisen so kräftig, daß ihm sein Fiedelbogen ent-- zweibrach. Nun nahm der Fiedler das Messer, um sich einen Zweig zum Bogen zu schnitzen. Wie er aber in den Baum schnitt, fielen Blutstropfen daraus zur Erde. Erschreckt ließ er das Messer fallen, doch eine leise Stimme ließ sich aus den Zweigen des Baumes vernehmen: „Fürchte nichts, guter Spielmann; nun bin ich versöhnt. Schneide dir nur einen Bogen aus meinem Äolze und spiele damit ein Grablied; dann geh ins Dorf zum Bleicher- Haus, wo meine Mutter wohnt, und spiele ihr eine schöne Weise vor und sage ihr, daß der Bogen von ihrem Kinde ist und daß ich sie grüßen lasse und meine Seele den Frieden gefunden hat." Der Ahornbaunr 111 Der Geiger tat, wie ihn die Stimme aus dem Baume ge¬ heißen hat. Er ging vors Bleicherhaus, wo gerade die Mutter des Mädchens vor dem Tore stand. Bleich war ihr Antlitz und sehnend blickte sie hinüber zum Seeufer zu jener Stelle, wo der Ahornbaum stand und seine Zweige im linden Äerbstwinde sich bewegten. Nun spielte der Fiedler. Welcher Zauber mochte wohl in dem neuen Bogen liegen? Noch nie hatte der fahrende Geselle seiner Geige Töne von solcher Innigkeit und Süße zu entlocken vermocht wie diesmal. Sein Spiel klang wie Sphärenmusik, so lieblich und bestrickend, so herzbewegend und zugleich so hoffnungsreich. Wie ein Gruß 112 Sagen aus dem Alpengebiete. aus dem Jenseits, wie linder, weicher Abschiedsschmerz und Hoff¬ nung auf frohes Wiedersehen klang's aus seinem Spiele heraus. Von allen Seiten liefen die Leute zusammen, um den er¬ greifenden Weisen des fremden Spielmanns zu lauschen. Die Mutter aber stand anfänglich wie versteinert da; dann aber griffen ihr die Töne ans Herz; sie glaubte die Stimme ihrer Tochter zu hören und ein Strom von Tränen stürzte ihr aus den Augen, doch nicht quälend und bitter, wie sie leidenschaftlicher Schmerz erpreßt, sondern weich und erlösend, wie nur das Glück sie zu weinen imstande ist. Nun war des Spielmanns Lied zu Ende. Er nahm die Mühe vom Kopfe und verneigte sich vor der Frau. „Der Bogen, liebe Frau," sagte er, „mit dem ich spielte, war aus dem Holze deiner Tochter geschnitzt; darum gelang mir auch mein Lied so gut. Sie läßt dich grüßen, sie ist ausgesöhnt und ihre Seele hat den Frieden gefunden." Mit diesen Worten verschwand er in der Menge. Die Mutter aber trat ins Kans zurück; ein glückliches Lächeln schwebte auf ihren bleichen Lippen und in ihren Augen leuchtete ein Strahl der Hoffnung, der Hoffnung auf ein Wiedersehen ihrer Tochter. So fand man sie am nächsten Morgen tot in ihrem Bette, noch immer stand das Lächeln des Glückes auf ihren Lippen. Der Ahornbaum aber, aus dessen Holze sich einst der Spiel¬ mann jenen wunderbaren Bogen geschnitzt, steht noch immer am Ufer des Sees, dürr und vertrocknet und in zwei eiserne Ringe ge¬ faßt, um ihn zu erhalten. Wenn aber die Wogen des Sees an diese Stelle des Ufers anschlagen, rauschen sie sich noch immer die Sage von jenem fremden Fiedler zu, dessen Lied einst Mutter und Tochter ver¬ söhnt hatte. Eine Triglav-Sage. HZ Eine Triglav-Sage. (Sage aus Krain.) Dir, mächtiger Triglav, gilt mein Lied, mein Grüßen! Drei Läupter hebst du trotzig in die Löh' Wie jener Gott, nach dem sie einst dich hießen, And jedes trägt ein Diadem von Schnee. /^»,0 beginnt Baumbachs Sang von dem goldgehörnten Zla- torog, der mit seinen weißen Gemsen in den Zaubergärten weidet, deren .Hüterinnen die weisen und holden Rojanicen sind, die Schicksalsgöttinnen, die zuweilen zu Tal steigen, um den Men¬ schen hilfreich beizustehen. Aus dem Schweiße des Zlatorog erblühte die rote Triglav- rose, die jedem, der sie pflückte, den Tod brachte. Verschwunden sind die Zaubergärten mit den herrlich duften¬ den Blumen und Gräsern; mit Gestein und Geröll hat der erboste Zlatorog sie überschüttet, als einst eines verwegenen Jägers Rohr ihn tödlich getroffen; verschwunden sind die schneeweißen Gemsen, verschwunden auch die Rojanicen, die drei Schwestern, die den Zaubergarten behütet hatten. Auf den kahlen Steinhalden blüht keine Blume, sproßt kein Grashalm, die rote Triglavrose findet kein Wanderer mehr. In ihren blauen Mantel hat die Sage den dreizackigen Berg gehüllt und vielen brachte es schon Verderben, die diesen Mantel dem Berge vom steinernen Antlitz zu reißen versuchten. Doch auch im Tal, am Fuße des Berges, huscht die Sage hin und her und weiß garAmanches von heimlichem Zauber und verborgenen Schätzen zu erzählen. Armselige Lütten lehnen sich an den Lang des Berges, in denen Lirten wohnen, die im Sommer ihre Lerden auf die benach¬ barten Alpen treiben. .An eine solche Lütte klopfte einst ein müder, alter Mann und bat um Nahrung und Lerberge. Der alte Lirt und seine gleichfalls schon bejahrte Frau räumten dem fremden Gast einen Platz am Lerde ein, damit er sich wärme, und gaben ihm von dem wenigen, das sie hatten, denn sie waren selbst blutarm und vom Glücke nie verwöhnt worden. Als sich der Alte gesättigt und am Feuer erwärmt hatte, Smolle, Sagenbuch. 8 Sagen aus dem Alpengebiete. 1l4 sagte er zum Lirten und seiner Frau: „Ich danke euch für eure Mildtätigkeit und will euch dafür mein Geheimnis verraten. Einst war ich der Lerr der Burg, deren Trümmer ihr noch auf einem Felsen des Berges im Mondscheine blinken seht. Ich war ein harter und grausamer Mann und beraubte die Kaufleute, die durchs Savetal nach Italien zogen, und drückte Witwen und Waisen, wo ich nur konnte. Da wurde meine Burg überfallen und zerstört, ich selbst fiel mit allen meinen Knappen im Kampfe. Doch meine Seele fand keine Ruhe und Gott verhängte über mich das Strafgericht, auf Erden zu wandeln, bis sich barmherzige Menschen meiner annähmen. Nun ist meine Zeit abgelaufen, aber bevor ich zur Grube zurückkehre, will ich euch belohnen; ihr sollt nicht mehr in Dürftig¬ keit dahinleben, sondern Besitzer großer Reichtümer werden. Im Keller der Burg, die jetzt in Schutt und Trümmern liegt, ist ein großer Schatz aufbewahrt. Ihr könnt ihn heben, wenn ihr euch in Besitz eines Mistelzweiges seht, dem Zauberkraft innewohnt. Geht nachts um die zwölfte Stunde in den Wald; dort werdet ihr eine Eiche finden, in deren Zweigen ein Christusbild verborgen ist. Auf dieser Eiche wächst die Mistel, die euch den Schah er¬ schließen soll. Lebt nun wohl und seid glücklich; ihr verdient es, denn ihr wäret barmherzig." Mit diesen Worten verschwand der Fremde aus der Lütte. In der nächsten Nacht machten sich die beiden alten Leute auf, um nach der Mistel zu suchen. Sie waren schon lange durch den Wald gegangen; da kamen sie zu einer kleinen Lütte, an deren Tür der alte Lirte pochte. Ein altes Weiblein öffnete ihnen; es sah recht unwirsch und böse aus. Schüchtern fragte der Lirt, wo denn wohl der Weg zu der Wunder¬ mistel sei, mit deren Lilfe man unterirdische Schätze heben könne. Mit scheelen Augen musterte die Waldfrau die beiden Alten, dann sagte sie: „Ihr seht mir nicht danach aus, als ob ihr den An¬ strengungen gewachsen wäret, die mit einem solchen Werke verbunden sind. Doch gehet immerhin gegen Sonnenaufgang zu, dann werdet ihr zu der Eiche kommen, auf der die Mistel wächst, die ihr sucht." So wanderten die beiden durch den finstern Wald; auf ein- Eine Triglav-Sage. 115 mal flog ein ganzer Schwarm von Leuchtkäfern vor ihnen auf und in ihren: Scheine sahen sie die Eiche vor sich, an deren Zweigen ein Christusbild hing. Sie fanden auch die Mistel auf dem alten, knorrigen Baume. Nun leitete sie die Zauberkraft der Mistel, so daß sie rasch den Berg erstiegen und un'ter den Trümmern der alten Burg ein Pförtlein sanden; das sprang auf, sobald es der Alte mit der Mistel berührte, und nun sahen sie in einem Kellergewölbe eine eiserne Truhe stehen, die aber so schwer war, daß sie sie nicht von der Stelle rücken konnten. Der Alte ging ins Dorf, um Leute zu holen, und mit ihrer Lilfe wurde die schwere Eisentruhe den Berg hinabgeschleppt und ins Lauschen der armen Lirtenleute getragen. Wie staunten diese, als sie den Deckel aufbrachen und ihnen Gold- und Silbermünzen in schwerer Menge entgegenglänzten. Mit reichen Länden gaben die beiden den Armen Geschenke und erbauten auch eine Kapelle, deren Türmchen und Kreuz man noch jetzt durch das Waldesdickicht schimmern sieht. Die Alten errichteten mit dem Gelde, das ihnen die Zauber¬ kraft der Mistel erschlossen hatte, eine Lerberge an der Talstraße, die von Wanderern und Fremden viel besucht wurde, so daß das Vermögen der Wirtsleute immer größer wurde. Man spricht noch heut im Triglavgebiete von dem Reichtum der ersten Besitzer des Wirtsgehöftes, sowie man auch nicht anf- hört, von dem goldgehörnten Zlatorog zu erzählen und den Zauber¬ gärten, die vox Zeiten auf den kahlen Felshalden des Triglav erblühten. Die Nebelschleier der Sage umhüllen sein dreifach gegipfeltes Laupt. Doch wenn die Sonne hervorbricht, weichen die Gespenster: In fliicht'ge Flocken sich zerteilt Der wallende Nebelschleier, !lnd wie ein Taubenschwarm enteilt. Gescheucht von einem Geier, So flieh'n sie vor dem Taggestirn, ünd goldig rot erglänzt der Firn Auf König Triglavs Scheitel. (R. Baumbach: Zlatorog.) Dritter Abschnitt. Sagen aus den Sudeten- n. Karpathenländern. Die drei Spinnerinnen. (Sage aus Böhmen.) den Gebirgen des nördlichen Böhmens sind gar viele fleißige Lände tätig, die mit Spinnen und Weben ein kärgliches Stücklein Geld erwerben müssen, denn auf den Löhen und in den Tälern dieser Berge ist die Armut ein treuer Lausgenosse, der selten von der Schwelle der Lütte weicht, in der er sich einmal eingenistet hat. Die rauhen Lände der Männer vermögen dem steinigen Boden nur eine kümmerliche Ernte von Gerste und Laser abzutrotzen und auch die Schätze, die einst im Schoße der Berge ruhten, ver¬ schwanden nach und nach. So müssen denn die seinen und schlanken Finger der Frauen und Mädchen nachhelfen, und was der Spaten des Landmanns und die Laue des Bergknappen nicht mehr herbeischaffen können, müssen Nadel und Spinnrocken ins Laus bringen — das liebe Brot. So war es auch schon in alten Zeiten, lange bevor Barbara Uttmann, die Erfinderin' des Spitzenklöppelns, durch diese seine Kunst die Wohltäterin dieser armen, ungesegneten Gegenden ge¬ worden ist. Die drei Spinnerinnen. 117 In diesen Zeiten lebte in einem Dörfchen des Gebirges eine arme Witwe mit ihrer einzigen Tochter Liese. Und da sie auch nicht das armseligste Stückchen Feld und nicht einmal eine Ziege ihr eigen nannten, so mußten die beiden fleißig spinnen, um ihr trauriges Leben zu fristen. Aber dem Töchterchen war nichts verhaßter als das Spinnen, und so oft sie sich ans Spinnrad sehen sollte, fing sie immer zu weinen an und legte lieber die Lande in den Schoß und sah in den Wald hinaus, als daß sie Faden und Rädchen gedreht hätte, so notwendig auch die arme Mutter die Lilfe der Tochter gehabt hätte. Darüber wurde nun die Witwe immer recht zornig, und als Liese wieder einmal mit den Länden im Schoße am Spinnrad saß und in den Wald hinaussah, an dem die Tautropfen des Morgens wie Diamanten in der Sonne leuchteten, konnte sich die arme Frau vor Zorn nicht mehr zurückhalten und schlug ihren Rockenstock dem faulen Töchterchen um den Kopf. Da begann Lieschen zu weinen und zu heulen, daß man es schier meilenweit hören konnte. Es hätte es aber doch niemand gehört, wenn nicht zufälligerweise die Königin durch den Wald geritten wäre. Das Weinen des Mädchens schnitt ihr durchs Lerz; sie band ihr Nößlein an einen Baum und ging ans Fensterlein und fragte teilnehmend, was denn dem Mädchen geschehen sei, daß es so fürchterlich jammere. Liese sagte, das Mütterlein habe sie geschlagen und deshalb müsse sie so weinen. Die Königin schalt nun die arme Witwe, daß sie ihr Töchterlein so hart behandle. Die Frau aber wollte die wahre Ursache nicht eingestehen, warum sie Liese gestraft habe, denn sie schämte sich für ihre faule Tochter, und so sagte sie denn das gerade Gegenteil. „Wißt, Frau Königin," sagte sie, „ich kann meine Tochter zu gar nichts anderem in der Wirtschaft gebrauchen als nur zum Spinnen. Tag und Nacht will sie nur am Spinnrad sitzen und ist gar nicht davon fortzubringen, und was ich auch tue und an¬ stelle, sie geht vom Rädchen nicht fort und vernachlässigt das ganze Lauswesen." 118 Sagen aus den Sudeten- und Karpathenländern. Liese getraute sich der Königin gegenüber nicht, der Mutter zu widersprechen, und die Königin, der das Mädchen mit den dicken Zöpfen, die selbst wie gesponnener Flachs glänzten, und den blauen Augen, in denen noch die Tränlein schimmerten, gar wohl gefiel, sagte auf die Rede der Mutter: „Ei, das ist . mir lieb, daß das Mädchen eine so fleißige Spinnerin ist. Ich habe zu Lause in meinem Schlosse viele Kammern voll des feinsten, zartesten Flachses. Wenn das Mädchen allen aufspinnt, soll es euch nicht zum Schaden gereichen. Ihr werdet beide glücklich und zufrieden sein." So nahm denn die Königin unsere Liese mit sich auf ihr Schloß und führte sie sogleich in drei Gemächer, die bis zur Decke mit dem feinsten und schönsten Flachs angefüllt waren, der wie Silber und Gold glänzte und weich wie ungesponnene Seide war. Dann zeigte sie dem Mädchen ein Spinnrad aus Gold und Elfen¬ bein und Spulen aus gelbem, duftigem Rohre und sagte: „Ich laß dich nun allein, Liese, und wenn du allen Flachs aufgesponnen hast, so will ich dir meinen Sohn zum Gemahl geben und du sollst Königin werden." Nun saß unsere Liese vor dem Spinnrad, aber anstatt zu ' spinnen, weinte sie bitterlich und sah zum Fenster hinaus. Dieses ging aber nicht auf den finstern Wald, sondern auf einen herr¬ lichen Garten, aus dem wunderbare Blumen die köstlichsten Düfte ins Zimmer strömen ließen. So saß sie bis zum Abend, und als die Königin kam, um nach der Arbeit zu sehen, sagte Liese, sie habe heute nicht spinnen können, denn sie habe vor Leimweh immer weinen müssen, worauf die Königin sie freundlich tröstete und ihr gute Nachtruhe wünschte. Aber am nächsten Tage hatte Liese wieder nicht ein einziges Fädchen gesponnen, und als am Abend die Königin kam und den Flachs unberührt sah, redete sich das Mädchen aus, sie habe von dem gestrigen Weinen so starkes Kopfweh gehabt, daß sie durch¬ aus nicht habe arbeiten können. Wieder tröstete sie die Königin, aber diesmal war sie schon etwas weniger freundlich mit Liese, und als diese auch am dritten Abend noch kein Strähnchen sertiggesponnen hatte, kündigte ihr Die drei Spinnerinnen. 119 die Königin an, wenn sie am nächsten Tage noch immer nichts fertig¬ gesponnen hätte, so werde sie sie in einen finstern Kerker sperren und Lunger leiden lasten. So saß denn Liese am nächsten Morgen voll Verzweiflung am Spinnrad und hatte auch schon ein Büschelchen des feinen Flachses auf den Nocken gebunden, aber bald lagen ihre Lände wieder im Schoße und sie sah weinend zum Fenster hinaus, denn schon neigte sich die Sonne dem Untergange zu, und die Königin mußte gleich im Zimmer erscheinen. Da klopfte es auf einmal ans Fenster; Liese fuhr vom Spinnrad auf und sah drei Weiber im Garten stehen, die so hä߬ lich waren, daß das Mädchen voll Entsetzen zurückfuhr. Sie waren klein und alt, und die eine hatte an der rechten Land einen so breiten Daumen, daß. er die ganze Landfläche bedeckte, die andere 120 Sagen aus den Sudeten- und Karpathenländern. hatte einen rechten Fuß, der war so breit getreten wie die Platte eines kleinen Tisches, und die dritte hatte eine Unterlippe, die so dick und groß war, daß sie ihr über das Kinn herabhing. Liese fürchtete sich nicht wenig vor diesen häßlichen Weiblein, aber diese pochten unaufhörlich ans Fenster und riefen: „Laß unS ein, laß uns ein. Wir spinnen dir den Flachs so sein!" Da gewann das Mädchen Mut, öffnete das Fenster und die drei Weiblein stiegen ins Zimmer. Sie machten sich sogleich an die Arbeit und bald war ein großer Vorrat des schimmernden Flachses aufgesponnen. Als die Königin kam und das Gespinst sah, lobte sie Liese über alle Maßen und streichelte ihr die blon¬ den Zöpfe. Die Alten aber hatten sich hinter einem Flachsberge versteckt und kamen erst hervor, als die Königin fort war. „Geh nur schlafen," sagte die eine, „mein Goldkind; wir wollen die ganze Nacht hier bleiben und weiterspinnen und wir wollen auch den nächsten Abend kommen und den Flachs wegspinnen, während du schläfst, und wir werden so oft kommen, bis der ganze Flachs in allen drei Zimmern versponnen ist. Nur eine Bedingung knüpfen wir daran: wenn du den Königssohn heiratest, mußt du uns alle drei zur Lochzeit laden und mußt uns an deiner Seite sitzen lassen. Wenn du dich aber unser schämst, wird alles Ge¬ spinst wieder zu Flachs werden und du mußt in den Kerker wandern." Liese war überglücklich und versprach hoch und teuer, daß sie die häßlichen Weiblein zum Lochzeitsfeste laden und sie gar freundlich aufnehmen werde. Kaum war die dritte Nacht vorüber, so war wirklich aller Flachs aufgesponnen und statt dessen waren Berge des feinsten Gespinstes aufgetürmt. Die Königin war mit Liese höchlich zufrieden und ließ sogleich alle Vorbereitungen zu dem prächtigen Lochzeitsfeste treffen. Als nun alle Gäste bei dem köstlichen Mahle beisammen saßen, öffnete sich auf einmal die Tür des Saales und die drei seltsamen Weiblein humpelten über die Schwelle. Liese hatte nicht vergessen, sie einzuladen, und begrüßte sie so- Die drei Spinnerinnen. 1 gleich mit herzlichen Worten: „Willkommen, meine lieben Mühm- chen, seht euch nur sogleich an meine Seite und laßt euch alles wohl schmecken." Die Gäste hätten gern laut aufgelacht beim Anblick der drei Weiblein mit dem schrecklichen Daumen, dem breiten Fuß und der tief herabhängenden Unterlippe. Da sie aber von der jungen Königin so freundlich ausgenommen worden waren, getrauten sie sich nicht zu lachen; freilich war Lieses Gesicht rot wie eine Pfingstrose geworden, denn sie schämte sich doch der absonderlichen Gäste, die sie eingeladen hatte. Der junge König aber sagte nichts, denn er hatte Liese sehr lieb ge¬ wonnen und wollte sie nicht kränken. Erst nach dem Mahle fragte er das Weiblein mit dem breiten Fuß: „Liebes Mütterchen, woher habt Ihr denn einen so unförm¬ lichen Fuß?" „Vom Spinnradtreten, Äerr," antwortete die Alte. Und er fragte die nächste mit dem großen Daumen: „Mütter¬ chen, woher habt Ihr denn einen so riesigen Daumen?" „Vom Fadenziehen, Lerr," erwiderte diese. Und die dritte entgegnete auf die Frage des jungen Königs nach der Ursache ihrer großen Unterlippe: „Vom Anfeuchten des Fadens, Äerr." „Ja," sagte darauf Liese, „meine Muhmen haben Tag und Nacht ihr ganzes Leben gesponnen und davon haben sie den breiten Fuß, den großen Daumen und die hängende Lippe." Sogleich verbot der König seiner jungen Gemahlin, sie dürfe sich in ihrem ganzen Leben nie mehr ans Spinnrad setzen, sonst könnte es ihr am Ende auch so ergehen wie ihren armen Muhmen. Wer war glücklicher als Liese, die nun Königin war und noch dazu nie mehr spinnen durfte? Wie manche arme Spinnerin im Erz- oder Riesengebirge wünschte sich wohl ein ähnliches Los, wie es Liese zuteil ge¬ worden. Aber heute reitet keine Königin mehr durch den Wald und die alten, häßlichen Weiblein sind auch verschwunden. Wo sie nur hingekommen sein mögen? . Sudeten- und Karpathenländern. Die Perlenschnur. (Sage aus Böhmen.) m lächelnden Sonnenglanze spiegeln die Bergseen der Alpen die Bläue des Himmels, das Grün der Wälder und das Silber der Gletscher wider, und selbst wenn drohende Wolken über den .Himmel hinjagen und feurige Blitze ihrem Schoße entfahren, sind diese Seen, die in dem Kranze der Alpen eingebettet sind, zwar von majestätischer Pracht, aber niemals von düsterer, herz¬ beklemmender Eintönigkeit. Ganz anders die Seen des Böhmerwaldes: sie sind umflossen von einem unnennbaren Zauber der Melancholie. Sie sind so ein¬ sam, so weltvergessen, so leblos und tieftraurig, daß man weinen könnte, wenn man, am Fuße einer langbärtigen Fichte sitzend, auf ihren dunklen, reglosen Spiegel starrt, über den selten die Schwinge eines muntern Vogels dahinstreicht und den das Lied der heiteren Waldsänger niemals umklingt. Niemand hat diese Seen schöner beschrieben und ihren er¬ greifenden Zauber inniger nachempfunden als Adalbert Stifter, der selbst ein Kind des Böhmerwaldes war. Traurig wie diese dunklen, einsamen Bergseen sind auch die Sagen, die sie umschwirren. .Hören wir eine solche, wie sie das arme, schlichte Volk der Waldberge erzählt. Einst saß am Ufer des Plöckensteiner Sees ein blasses, schlankes Mädchen und weinte bitterlich. Der Vater war beim Holzfällen niedergebrochen und lag nun schwer krank daheim und Mütterchens vom Nähen zerstochene Finger konnten nicht genug Brot herbeischaffen, geschweige denn die teuren .Heilmittel, die Vater bedurft hätte, sollte er wieder gesunden und im Walde der gewohnten schweren Arbeit nachgehen. Und wie nun das Mädchen so saß und ihre Tränen ins Gras hinabrollten, da wurden diese zu leuchtenden Tropfen, die an den Halmen hängen blieben und wie Perlen glänzten. Jetzt blickte das Mädchen auf die düstere, söhrenumrauschte Flut des Sees und auf einmal teilte " -.Wiegel, der schwarz Die Perlenschnur. 12Z und bewegungslos schien, und eine Wafserjungfrau schwebte ans Ufer, ganz in ein weißes, duftiges Gewand gehüllt; in den Locken, die wie flüssiges Gold die zarte Gestalt einhüllten, trug sie einen Kranz weißer Seerosen. Nun war sie zur Uferstelle hingeglitten, wo das blasse, weinende Mädchen saß, und mit sanfter, lieblicher Stimme fragte sie: „Wes¬ halb weinst du so, arme Kleine?" Das Mädchen faßte Mut, denn der Ton der Stimme war so weich und einschmeichelnd, und ohne zu zögern, antwortete es: „Weil wir gar so arm sind und Vater krank daheim in der Hütte liegt und das liebe Mütterlein nichts mehr verdienen kann, weil sie auch schon von der Arbeit so müde und schwach ist." Auf diese Worte hin zog die Wasserjungfrau aus ihrem wallenden Kleide eine Muschel hervor und sammelte darin alle die Tränen des Kindes, die gleich Perlen an den Halmen des Ufer¬ grases hängen geblieben waren, und sagte: „Ihr Menschenkinder glaubt, daß Perlen Tränen bedeuten; aber diese Tränen, die ein braves Kind über das Unglück seiner guten Eltern geweint hat, sollen zu Perlen werden, die dir und den Deinen Glück bringen werden." Damit reihte sie die Tränentröpflein an eine Schnur, und siehe da, sie waren zu großen, wunderbar schönen und leuchtenden Perlen geworden. Sie legte die kostbare Schnur um den Hals des Mädchens, das nicht wußte, wie ihm geschah, und all seinen Kummer vergessen hatte. „Verkaufe diese Perlen, liebes Kind," sagte sie mit ihrer milden, so süßen Stimme, „und der Erlös, den du nur aus einer einzigen gewinnst, wird schon hinreichen, eure Armut zu lindern und das verlorene Glück in eure Hütte zurückzurufen." Mittlerweile war ein Paar blendend weißer Schwäne, die einen goldenen Muschelwagen zogen, ans Ufer herangeschwommen. Die Seekönigin bestieg den Muschelwagen und lenkte die stolzen Schwäne mit einem Stabe aus grünem Schilf. Traumverloren blickte das Mädchen am Ufer dem seltsamen Wagen nach, der bald in der Dämmerung des Abends verschwebte. Die Perlen aber, das Geschenk der freundlichen Seejungfrau, 124 Sagen aus den Sudeten- und Karpathenländern. machten die Eltern des Mädchens reich, so daß der Vater bald gesund wurde und nicht mehr die schwere, das Leben gefährdende Arbeit eines Holzfällers zu verrichten brauchte, die Mutter aber in neuer, frischer Lebenskraft heranblühte zur Freude des Töchter¬ leins, dessen Tränen die Königin des schwarzen Sees in köstliche Perlen verwandelt hatte. Die Zwergenhöhle im Dorschen. (Sage aus Böhmen.) E^m böhmischen Mittelgebirge, das sich zwischen Elbe und Eger erhebt, ragt ein Felsen hervor, der fast einem ruhenden Löwen gleicht, der sogenannte Dorschen. Er ist reich an Klüften und Schluchten, die einst, wie die Sage geht, an gewissen Tagen offen standen, so daß man ins Innere des Berges gelangen konnte, wo wunderbare Schätze funkelten. An einem wunderschönen Pfingsttage gingen einst Hans, Ännchen und Fritz, die Kinder braver, aber armer Taglöhner, in den Wald und freuten sich über die Schönheit des Frühlings¬ tages. Sie waren an diesem Morgen zum erstenmal am Tische des Herrn gewesen und so war denn ihre Seele rein und heiter gestimmt. Kaum waren sie ein wenig in den Wald vorgedrungen, so begegnete ihnen ein liebliches Knäblein, das ihnen freundlich zu¬ winkte und sie aufforderte, mit ihm zu gehen. Zögernd folgten die drei Kinder und kamen zu einem Tor im Felsen, das sofort auf¬ sprang, als es der Knabe mit seinem Silberstäbchen berührte. Welche Wunder aber boten sich den Blicken der Kleinen dar, als sie nun ins Innere des Berges traten! Geschäftig eilten putzige Zwerge mit langen Bärten und roten Kapuzen hin und her und trugen Körbe mit Gold und Silber und Edelsteinen auf ihren Rücken, die sie anfüllten und an andern Stellen des weiten Raumes wieder ausleerten. Der freundliche Knabe winkte den Kindern, noch weiter- zugehen, und plötzlich standen sie in einem Saale, dessen Boden Die Zwergenhöhle im Borschen. 125 wie grünes Gras glänzte, in das von den Wänden silberne Brünn¬ lein niederrieselten, und alles in so lieblichem Schimmer erstrahlte, daß die Schönheit des Frühlingsmorgens die Kinder matt dagegen dünkte. Auf goldenen Thronsesselchen saßen die drei Zwergkönige Karbo, Albin und Amaranth; sie riefen die Kinder zu sich und gaben jedem ein Geschenk. Der König Karbo gab dem ältesten Knaben eine kleine Büchse, in der ein Stückchen Kohle lag, und dabei ein Zettelchen, auf dem der Spruch stand: „Kohlen, Kohlen, schwarze Kohlen Laß mich aus der Tiefe holen." Sein Schwesterchen, die kleine Anna, erhielt vom König Albin ein Kristallfläschchen, in dem eine Helle Flüssigkeit war; auch lehrte sie der König einen Zauberspruch, den sie sich ja gut merken sollte. Zu Fritz, dem Jüngsten, aber sagte König Amaranth: „Geh auf den Donnersberg und schneide dort in die höchste Eiche ein Kreuz-- lein und sprich dazu das Verslein: „Leimathöh', aus der wir weilen. Sei berühmt auf tausend Meilen!" Dann wurden die Kleinen entlassen und das Knäblein, das sie hereingeführt, brachte sie auch wieder zum Ausgange. So rasch sie konnten, liefen nun die Kinder ins Elternhaus und erzählten, was ihnen begegnet sei. Über die Bedeutung der Gaben und Ratschläge, die sie von den Zwergkönigen erhalten hatten, waren sie sich noch nicht klar. Bald aber fanden alle drei die Deutung. Ännchen ging nämlich eines Tages in den Wald, am Biela- fluß entlang und betrachtete, wie so oft, ihr Fläschchen, das im Sonnenlichte funkelte. Da sah sie, wie die Flüssigkeit darin immer höher und höher stieg und immer mehr Perlen aufwarf. Rasch murmelte sie den Zauberspruch, den sie vom König Albin gehört und treu im Gedächtnisse behalten hatte: „Sprudle, Quell, durch diese Tannen; Leute und für alle Zeiten Sollst du manche Mühsal bannen Und den Kranken Leil bereiten." 126 Sagen aus den Sudeten- und Karpathenländern. Sogleich hob sich der Verschluß des Fläschchens und der In¬ halt ergoß sich ins Moos des Waldes und wurde zu einem spru¬ delnden Quell, dessen Wasser von salzigem, angenehmem Ge¬ schmack war. Der Quell sprudelt noch immer. Wer kennt nicht den köst¬ lichen, heilbringenden Biliner Sauerbrunnen? Er wurde zum Segen des Landes. Pans aber erschloß mit der Kohle, die er von dem König Karbo erhalten hatte, das Innere des Berges und entdeckte so ' die reichen Kohlenlager in der Gegend des Bielaslusses. Und Fritz ging auf den Donnersberg, und wo die höchste Eiche stand, in deren Rinde er ein Kreuzchen schnitt, dort erbaute er eine Perberge zur Erquickung für die müden Wanderer, von der aus man die herrlichste Aussicht über die Talsluren und Waldhöhen des schönen Böhmerlandes genießt. So wurde der Spruch zur Wahrheit: „Leimathö'h', auf der wir weilen. Sei berühmt auf tausend Meilen!" Die Kinder aber waren durch die Gaben der Zwerge reich geworden und hatten durch die gute Anwendung der Geschenke tausendfachen Segen über ihre Peimat gebracht. Jedoch der Eingang in das Reich der Zwerge im Borschen- felsen hat sich seither keinem Sterblichen mehr geöffnet. Der Nosenplah. (Sage aus Böhmen.) s^Ln der Nähe des Dorfes Moraschitz bei Leitomischel ist mitten auf einem Felde ein kreisrunder Platz, auf dem nichts anderes wächst als weiße Pagerosen, die ihren lieblichen Duft in die warme Sommerluft verstreuen. Nicht früher soll auf diesem Platze wieder Korn wachsen, als bis vier Könige dort ihre Mittagstafel gehalten und sich die Pände zum Frieden gereicht haben. Und dies soll geschehen nach einem großen Kriege, in dem das Blut in den Flußbetten gleich Wasser strömen wird. Die Seerose. 127 So lautet eine uralte Überlieferung des Volkes in dieser Gegend. Vor mehreren Jahren wollte einmal der Besitzer des Ackers diesen Platz, auf dem nur die wilden Rosen wuchern, urbar machen; doch es trafen ihn dabei so viele Unglücksfälle, daß er davon wieder abstand. Erst brach ihm der Pflug, dann fiel ein Pferd, nachdem es den Pflug kaum zwei Schritte weit gezogen hatte, und brach ein Bein. Da berief der Bauer die Nachbarn und bat sie, ihm zu helfen. Sie bearbeiteten nun das Feld mit dem Spaten und säten Weizen darauf. Das Werk gedieh unter unsäglicher Mühe und vielem Fleiße und bald schoß der Weizen prächtig in die Ähren. So schöne Frucht hatte noch kein Landmann erlebt. So ließ denn der Besitzer dieses Feldstückes die schönen Ähren in besondere Garben binden und an einem eigenen Platz in der Scheune niederlegen. Dieses geschah unter Gesang und Jubel der Schnitter. Aber in derselben Nacht brach gerade in diesem Teile der Scheune aus unbekannter Ursache Feuer aus und zerstörte alle Weizengarben, so daß keine Spur von ihnen übrig blieb. Da ließ der Bauer diese Stelle seines Feldes wieder unge¬ ackert und im Frühling war sie aufs neue mit Lagerosen bedeckt, die den Wanderer, der vorüberging und das seltsame Schauspiel der blühenden Waldrosen inmitten der grünen Lalme des Ackers verwundert betrachtete, mit ihrem zarten Dufte erfreuten. Und so ist es noch heute. Die Mädchen des Dorfes aber sagen, daß hier einst vor Zeiten eine reine Jungfrau unschuldig den Tod erlitten habe und nun von ihren Schwestern, den Rosen des Waldes, behütet werde. Die Seerose. (Sage aus Böhmen.) Riesengebirge liegt inmitten dunkler Tannen ein Berg- kessel und in diesem ist ein Lügel von Steinen aufgeschichtet. So öde und traurig ist dieses Bild, daß der Wanderer unwill¬ kürlich seine Schritte hemmt und sinnend aus das Läuflein Steine starrt, die wie absichtlich hierher gelegt scheinen. 128 Sagen aus den Sudeten- und Karpathenländern. Nirgends Leben. Kein Lied eines Vögleins läßt sich hören. Nur durch die Tannen geht ab und zu ein Rauschen wie ein angstbeklommenes Atmen des Waldes. Wenn du aber gespannter lauschst, so verstehst du vielleicht dies geheimnisvolle Rauschen und kannst vernehmen, was dir die Sage von dieser weltentrückten, ernsten Waldstätte erzählt. Vor uralter Zeit slutete auf dem Boden dieses Bergkessels ein See, in dessen Bläue sich die Sonne spiegelte. Ihr Früh¬ glanz überhauchte ihn mit dem Purpur des Morgens und in stillen Nächten weilte auf ihm „des Mondes holder Glanz, Flechtend seine bleichen Rosen In des Schilfes grünen Kranz." Auf diesem See ruderte gern ein Jüngling, schön von Gestalt, und seine blauen Augen sahen voll Entzücken die Rosen, die ihre weißen Blätter auf den Fluten schaukeln ließen. Eine Rose aber, schimmernd in schneeiger Pracht, gefiel ihm Die Seerose. 129 ganz besonders und er konnte sich von ihr nicht trennen. Immer sah er sie an und trieb seinen Nachen in ihre Nähe, um sie zu pflücken. Aber so ost er nach ihr greifen wollte, entglitt sie seinen Fingern und schwamm weiter und weiter in die Flut hinaus. Eines Nachts, als der Mond die Fläche des Sees in Silber verwandelt hatte, stand der Kahn, in dem der Jüngling saß, still und nichts vermochte ihn weiter zu bewegen. Aus der Rose aber tauchte eine Jungfrau empor, in weiße Nebelschleier gehüllt, die mit süßer Stimme den Jüngling lockte, zu ihr ins Schloß von Perlen und Kristallen zu kommen, das tief auf dem Grunde des Sees liege. Doch der Jüngling liebte den rosigen Tag und das Leben auf der Erde; er wollte den Lockungen nicht folgen. Aber sein Schiff¬ lein rührte sich nicht von der Stelle. So verstrich der nächste Tag und die nächste Nacht. Endlich erlag der Jüngling der Versuchung; er glitt in die klare Flut hinab und die Seejungfrau führte ihn in ihr Schloß. Wie lange er da gelebt haben mochte, verschweigt die Sage. Doch die Sehnsucht nach dem Sonnenlichte und der grünen Erde wuchs immer mehr und mehr in der Brust des im Seeschlosse lebenden Menschenkindes. Er bat die Seekönigin, ihm einen Turm zu erbauen, der ein wenig über den Spiegel des Wassers empor¬ rage, damit er bisweilen den grünen Schimmer des Waldes und das Blau des Kimmels betrachten könne. Die Seekönigin erfüllte seinen Wunsch; bald aber war er damit noch nicht zufrieden; er bat sie, aus dem See ein Schloß mit schwimmenden Feldern und Gärten hervorzuzaubern. Auch dies geschah, denn die Seejungfrau liebte ihren Gefangenen innig. Als dieser aber einmal in dem schwimmenden Garten saß, der sich bis nahe ans Ufer erstreckte, sprang er auf den Strand und versteckte sich im Walde. Die Seejungfrau konnte ihm nicht folgen, denn ihr Reich ist nur das flüssige Element; auf Erden vergeht und verweht sie in Schaum und Nichts. So lief denn der Befreite durch den Wald und kam in seine Keimat, wo er das Töchterlein des Gutsherrn heiratete. Aber er blieb immer merkwürdig ernst und verschlossen und alle Liebe seiner jungen Frau vermochte seine Schwermut nicht zu bannen. S Molle, Sagenbuch. 9 IZO Sagen aus den Sudeten- und Karpathenländern. Als er noch nicht lange verheiratet war, stürzte er plötzlich auf einer Jagd in einen Brunnen; niemand fand den Leichnam. Im Brunnen soll, so weiß die Sage zu künden, ein Ver¬ wandter der Seekönigin gehaust haben, der ihn zu sich zog und tötete. Mittels eines unterirdischen Ganges, der vom Brunnen¬ schacht zum Seegrunde führte, soll die Leiche in den See ge¬ schwemmt worden sein. Dort häufte die Seejungfrau die Steine auf den Toten. Von dieser Stunde an aber verschwand sie aus der Gegend; der See trocknete aus, und nur das Häuflein Steine blieb mitten in dem öden Bergkessel zurück. Ringsum aber erheben die Tannen des Niesengebirges ihre düsteren Häupter, und wer ihr Rauschen versteht, kann die Sage vernehmen von der blauen Flut des Sees, auf der einst die schönste aller Wasserrosen im Mondlichte ihre zarten Blätter ge¬ schaukelt hatte. Die Hausgeister. (Sage aus Böhmen.) Nächte vor Weihnachten bis zum heiligen Dreikönigstage werden in Böhmen die „Unternächte" genannt. In dieser Zeit machen sich die Hausgeister besonders bemerk¬ bar und treiben ihr geheimnisvolles, emsiges Wesen. In der Zeit der Unternächte werden auch in den Familien gewöhnlich die Dienst¬ leute gewechselt und neue aufgedungen. Dies tat auch einst eine Bürgersfrau von Saaz, die mehr als andere sich über die Unreinlichkeit und Fahrlässigkeit der Mägde bitter beklagte. Als nun das neue Mädchen in aller Frühe aufstand, um Haus und Küche zu reinigen, fand sie schon alles auf das beste bestellt. Die Gänge waren bereits rein gefegt und der Fußboden blendendweiß gescheuert. Das Küchengeschirr in der Küche blitzte nur so in der Morgensonne. Die kupfernen Kessel und die Zinn¬ teller glänzten wie eitel Gold und Silber, so daß Agnes, das eben angeworbene Mädchen, vor Erstaunen die Hände über dem 131 Die Lausgeister. Kopf zusammenschlug. Doch traute sie sich nichts zu sagen, denn sie dachte nicht anders, als daß die Frau schon alle Geschäfte vor ihr besorgt hatte. Des Abends aber traf die Äausfrau unter dem Äaustor mit ihrer Nachbarin zusammen und konnte die Nettigkeit der neuen Magd nicht genug loben. So sauber, sagte sie, hätte es noch keine gemacht, und sie habe in der letzten Zeit doch oft wechseln müssen. Kein Stäubchen und kein Fleckchen sei zu finden gewesen und alles hätte blitzblank ausgesehen, gerade als wenn es erst neu vom Kauf¬ mann geholt worden wäre. Des andern Morgens stand Agnes noch früher auf; aber wie sie in die Küche trat, war wieder alles so rein und sauber, als hätte sie schon stundenlang geputzt und gescheuert. Erst nach längerer Zeit kam die Kausfrau, die länger als gewöhnlich geschlafen hatte, in die Küche und lobte ihre neue Magd über den grünen Klee. Da konnte sich Agnes nicht länger zurückhalten und meinte, es müsse ein Wunder geschehen sein, denn sie hätte noch keine §>and gerührt, obwohl sie schon gut eine Stunde und wohl auch darüber auf sei. Da schnitt die Frau freilich ein böses Gesicht, aber sie war doch neugierig, wie dies zuginge; jedenfalls müßte irgendwer in der Nacht das Geschäft besorgen. So kamen die beiden über¬ ein, in den nächsten Nächten abwechselnd zu wachen, um hinter diesen sonderbaren Spuk zu kommen. So geschah es auch; in der nächsten Nacht wachten Frau und Magd gemeinsam, und kaum schlug es vom nahen Kirchturm zwölf Uhr, da trippelten zwei niedliche Zwerglein in die Küche, ein Knabe und ein Mädchen, und fingen an aufzuräumen und zu putzen, daß es nur eine Art war, und in wenigen Augenblicken waren alle Teller und Schüsseln, die Bänke und Gestelle so fein gesäubert, daß sie im Mondlichte funkelten. Lautlos, wie sie gekommen, schlichen die Zwerglein wieder davon, und in der nächsten Nacht, wo Frau und Magd wieder aufgeblieben waren, machten sie's ebenso; auch in der dritten Nacht geschah dasselbe. Die Frau und das Mädchen kamen aus dem Staunen nicht heraus; besonders aber wunderten sie sich darüber, daß trotz der 132 Sagen aus den Sudeten- und Karpathenländern. bittern Kälte, die draußen herrschte, und trotz der dicken Eisblumen an den Fenstern die beiden daumenlangen Geschöpslein nur ganz dürftig bekleidet waren. Agnes aber, die ein sehr mitleidiges Herz hatte und der es wohl gefiel, daß die Zwerglein ihr fast die ganze Arbeit im Hause abnahmen, beredete ihre Hausfrau, sie möge den kleinen Wesen, die so fleißig schafften und arbeiteten, doch warme Kleider schenken, denn sie müßten ja allzusehr srieren, wenn sie bei dieser bitterbösen Kälte ins Freie hinaushuschten. Das ließ sich die Frau nicht zweimal sagen und so wurden denn rasch Röckchen und Mützchen verfertigt; auch warme Schüh¬ chen für die kleinen Füße und Pelzhandschuhe für die winzigen Händchen wurden schnell zurecht gemacht und in der nächsten Nacht alles auf die Bank neben dem Herde hingelegt, damit es die kleinen Hausgeister sogleich finden könnten. Doch als die putzigen Kleinen mit dem Glockenschlage Zwölf wiederkamen und die Bescherung sahen, fingen sie bitterlich an zu weinen und das Mädchen sagte zu seinem Brüderchen: „Nun will man auch hier unsere guten Dienste nicht mehr umsonst und treibt uns hinaus. Wo werden wir wieder ein gesittetes Haus finden, wo man uns ohne Lohn arbeiten läßt?" Denn die Hausgeister dürfen nur ohne Lohn ihre Arbeit ver¬ richten, und wo man sie beschenken will, dort ist ihres Bleibens nicht mehr. < . Klagend und jammernd rafften die winzigen Geschöpschen die ihnen zugedachten Gaben zusammen und waren im Nu verschwunden, ohne ein Fingerchen gerührt zu haben. Auch sind sie niemals wieder im Hause erschienen. Auch Agnes blieb nicht lange im Hause, denn es ward ihr bald der Arbeit zu viel, und die Frau klagte nach wie vor über die Trägheit und Fahrlässigkeit der Dienstboten und mit ihr klagen wohl auch noch heute viele Hausfrauen über dasselbe Elend. Ja, wenn es noch so fleißige Zwerglein gäbe, die ihre Arbeit umsonst verrichteten I Aber niemand weiß, wo diese für immer sich versteckt halten. -W- Der Wassermann. 133 Der Wassermann. (Sage aus Böhmen.) das war wirkliches, bitteres Elend, das in der Lütte der armen Taglöhnerin in Moldautein herrschte. Sieben Kinder und manchen Tag kein Stückchen Brot! Der Vater lebte irgendwo draußen in der Welt; er hatte schon lange nichts von sich hören lassen und das Kleinste lag noch in der Wiege, blaß und mager, und schrie nicht einmal. Was hätte ihm auch sein Schreien ge¬ holfen? Es gab ja doch nichts zu kauen und zu knuspern in der armseligen Stube mit dem wackligen Tisch, dem blinden, zer¬ brochenen Spiegel und den paar dreibeinigen Sesseln. Und draußen lachte die goldene Sommersonne und rauschte der Wald und lockte hinaus in seine grüne Pracht. Dieser Lockung konnte Marie, die älteste Tochter der armen Taglöhnerin, nicht widerstehen. Was sollte sie auch daheim? Gab's doch nichts zu scheuern und nichts zu kochen. Nur die Not grinste sie aus allen Ecken der Stube an, die kannte sie ja zur Genüge und Frau Sorge kannte sie auch, die dürre Alte, die immer hinter dem Ofen hockte und die sie deutlich sah, obwohl sie eigentlich unsichtbar war. So eilte denn Marie in den Wald; da hörte sie das Rauschen des Flusses. Es war die Moldau; das Mädchen wußte dies ganz genau. Leut war der Fluß besonders klar und die Bläue des Limmels spiegelte sich in seinen ruhigen Wellen. Auf und ab schritt Marie längs des Flusses; er zog sie heut ganz merkwürdig an. Bei einem Weidengebüsch blieb sie endlich stehen und sah unverwandt hinab ins spielende, gurgelnde Wasser. Da unten hat alle Not ein Ende, dachte sie; wer. da in der Tiefe schlummert, den drückt kein Schmerz mehr; der Lunger kann ihn nicht mehr peinigen und Frau Sorge mit ihren starren, erloschenen Augen, die sie immer anglohten, kommt gewiß auch nicht da hinunter. Und wie sie so denkt rind mit sich selbst spricht, läßt sie sich langsam in die kühle Flut hinabgleiten. Der Wassermann aber tief unten auf dem Grund hatte alles 134 Sagen aus den Sudeten- und Karpathenländern. gehört, was Marie zu sich gesprochen; denn es war gerade Freitag und an diesem Tage stehen die Wohnungen der Wassergeister offen. So stand also der Wassermann vor seinem Palaste und fing das in die Fluten gleitende Mädchen in seinen Armen auf. So¬ gleich führte er es in sein herrliches Schloß und bewirtete es auf das köstlichste. Das war freilich ein anderes Leben als daheim in der dumpfen Stube, wo die Geschwister nach Brot schrieen und die Mutter stets zankte und jammerte. Als daher der Wassermann an Marie die Frage stellte, ob sie bei ihm als Magd bleiben wollte, es sollte ihr an nichts fehlen, da willigte sie gern ein und der Wassermann sagte ihr nun, sie müsse alle Zimmer des Schlosses anfräumen und in Ordnung halten; dafür dürfe sie aber den Kehricht an sich nehmen, der freilich kein gewöhnlicher Staub, sondern eitel Gold war. Besonders ein Zimmer sollte sie immer sauber fegen und rein halten. In diesem stand ein großer Ofen mit vielen Eckchen und Vorsprüngen und auf all den Rändern und Ecken standen winzige Töpfe, die alle mit zierlichen Deckelchen versehen waren. „Laß dir nur ja nicht einfallen," sagte der Wassermann zu dem Mädchen, „je eines dieser Deckelchen aufzuheben, sonst ist's mit der Herrlichkeit aus und du wirst augenblicklich aus dem Dienste gejagt." Das Mädchen versprach es hoch und teuer und hielt auch ihr Versprechen lange Zeit. Aber einmal, als sie wieder damit be¬ schäftigt war, den Kehricht aus dem Zimmer zu schaffen, glaubte sie aus einem der Töpfchen ein leises Wimmern und Winseln zu vernehmen. Erschreckt horchte sie auf und wieder hörte sie ein feines, klagendes Sümmchen. Nun konnte sie nicht länger der Versuchung widerstehen; sie hob das Deckelchen des Topfes auf und — heraus fiog ein weißes Seelchen; es war die Seele ihres Brüderleins, das schon vor langer Zeit beim Spielen am Ufer ins Wasser gefallen war. In den Töpfen aber hielt der Wassermann überhaupt die Seelen aller derer verschlossen, die ertrunken waren. Der Wassermann, der die Töpfchen immer untersuchte, ent- Der Wassermann. 135 deckte sogleich die Öffnung des einen und stellte Marie zur Rede. Dies einemal, sagte er, wolle er ihr noch verzeihen, aber wenn sie noch ein einzigs Seelchen freizulassen versuchen würde, dann sei es um ihr Leben und das der Ihrigen geschehen. Von nun an aber freute es Marie nicht mehr in dem schönen Palaste mit seiner kalten Pracht; es graute ihr vor dem Wasser¬ mann und sie hatte innigstes Mitleid mit den vielen armen Seelen, die der böse Kobold in so grausamer Last hielt. Fortan sann sie nur auf Flucht und Rettung und lieber wollte sie immer in das runzelige Gesicht, der Frau Sorge blicken als die Dienerin dieses tückischen Wassergeistes bleiben. Als daher an einem Freitag der Wassermann gerade schlief, nahm sie rasch den Kehricht in ihre Schürze und öffnete ein Töpf¬ chen nach dem andern. Aus jedem schwirrte ein Seelchen heraus, das ihr mit einem leisen „Vergelt's Gott!" für die Befreiung dankte. Dann aber lief sie, so rasch sie nur konnte, über Treppen und Gänge zum Tor, das heute, am Freitag, offen stand. Ämter sich hörte sie das Schnauben des Wassermanns, der erwacht war und sie fangen wollte. Doch schon sah sie die Öffnung, die ins Freie führte, schon grüßte sie das goldene Sonnenlicht; noch ein Sprung und sie stand am Ufer auf derselben Stelle, von der sie einst in die Flut hinab- geglitten war. Sie war gerettet, denn auf der Erde hörte die Macht des Wassermanns auf. Der Kehricht, den sie in der Schürze trug, war lauter Goldstaub und so hatte das Elend, das bisher in dem armseligen Keim der Taglöhnersehefrau geherrscht hatte, auch ein Ende. Das arme Mütterchen war freilich schon gestorben, aber die Geschwister lebten noch lange in Frieden und Wohlstand zusammen. Frau Sorge aber mußte, wenn auch ungern, den Platz hinter dem Ofen verlassen; sie sitzt schon längst anderswo, wo sie freilich auch so unwillkommen ist, wie sie es in der Taglöhnerhütte zu Moldautein war. 136 Sagen aus den Sudeten- und Karpathenländern. Das Wunschfläschchen. (Sage aus Böhmen.) T^n jener Zeit, als noch nicht eiserne Schienenstränge die Länder durchzogen, auf denen dampfend und pustend die Lokomotiven ganze Reihen von vollbeladenen Wagen nachschleppen, besorgten den ganzen Handelsverkehr die Fuhrleute auf der Landstraße. Turmhoch waren oft die Wagen beladen, neben denen der Fuhrmann, lustig mit der Peitsche knallend, einherschritt in seinen hohen Stiefeln und der blauen Hemdbluse, auf dem Kopfe die Zipfelmütze oder den breiten Strohhut. Das heißt, gar so lustig knallte die Peitsche nicht immer, nur an schönen Frühlings- oder Sommertagen, wenn die Obst¬ bäume an der Straße blühten oder die rotbackigen Äpfel und Birnen an den Zweigen hingen und das schwere Fuhrwerk auf der Straße glatt und eben dahinrollte. Wenn aber der Sturm tobte und der Regen in endlosen Güssen niederprasselte oder feurige Blitze aus den schwarzen Wolken Das Wunschfläschchen. 137 zuckten und der Donner grollte, dann hatte das lustige Geknall der Peitsche ein Ende und verdrossen stapfte der Fuhrknecht neben seinem Gefährte einher, das mehr als einmal in dem grundlosen Morast der aufgeweichten Straße stecken zu bleiben drohte. So geschah es auch einmal einem Fuhrmann aus Neischen- dorf in Böhmen, der mit seinem schwerbeladenen Wagen nach Nürnberg fahren sollte. Es war schon finstere Nacht und weit und breit kein Einkehrwirtshaus zu sehen. Es goß in Strömen und der Wind heulte gespenstisch über die Felder. „Wie soll das wohl enden?" dachte unser Lans. Da gab's plötzlich einen furcht¬ baren Krach und der Wagen lag im Straßengraben und der Fuhr¬ mann daneben im dicksten Kot. Er war vor Schreck ganz betäubt; als er wieder auftaumelte, klopfte ihm plötzlich jemand auf die Schulter. Lans sah sich um, doch in der Finsternis sah er nur einen langen, schwarzen Mann vor sich, der ihn fragte, weshalb er denn so fluche und jammere, denn das tat unser Lans rechtschaffen, kaum daß er wieder auf den Beinen stand. Nicht ohne Grund ärgerte sich der Fuhrmann über die Frage, weil doch die Ursache seines Unmuts unschwer zu erraten war. Er gab daher dem Schwarzen eine sehr unwirsche Antwort. Da zog der Fremde ein Fläschchen aus der Tasche und sagte: „Wenn Ihr mir zwei Taler dafür gebt, will ich Euch dies Fläsch¬ chen verkaufen. Wenn Ihr daran rüttelt, so geht Euch flugs jeder Wunsch in Erfüllung, den Ihr gerade habt. Nur dürft Ihr das Fläschchen nicht billiger verkaufen, als Jhr's eingehandelt habt. Greift zu, der Lande! soll Euch nicht gereuen." Unser Lans dachte nicht lange nach, zog seinen Lederbeutel aus der Tasche und gab dem Fremden die zwei Taler. Der war sogleich in der Nacht verschwunden, wie wenn ihn die Erde ver¬ schlungen hätte. Der Fuhrmann aber hielt das Fläschchen vor die Augen, so nahe er nur konnte, sah aber nichts Besonderes daran. Dann schüttelte er es und wünschte sich in Nürnberg zu sein, und daß ihm dort das schönste Laus gehöre, das es in der Stadt gebe. Sogleich ging sein Wunsch in Erfüllung, und am nächsten Morgen erwachte er in Nürnberg als Besitzer des stattlichsten 138 Sagen aus den Sudeten- und Karpathenländern. Laufes dieser schönen, altertümlichen Stadt. Wenn's so ist, dachte sich Lans, so wünsch' ich mir gleich recht viel Geld noch dazu, und er schüttelte das Fläschchen und in allen Taschen, soviel er deren hatte, klimperte das Gold. So lebte er herrlich und in Freuden und hatte bald nichts mehr zu wünschen, als daß es nur recht lange so dauern möchte. Eines Abends saß er im Sternwirtshaus und warf mit dem Geld nur so herum, denn er hatte es ja und konnte es tun. Da trat auf einmal ein fremder Lerr in die Gaststube, ganz schwarz gekleidet und mit seltsamen Augen, die er immer auf unfern Lans richtete. Das wurde unserm Fuhrmann bald zu dumm. Er trat daher trotzig auf den Fremden zu und fragte ihn, ob er etwas von ihm wünsche. „Ich will nur wissen," antwortete dieser, „woher Ihr das viele Geld habt." „Das geht Euch gar nichts an," sagte spitzig unser neuge¬ backener Nürnberger Lausherr, „aber wenn Jhr's wissen wollt, will ich's Euch sagen. Ich habe hier ein Fläschchen, wenn ich das schüttle und mir etwas dabei wünsche, so geht alles in Er¬ füllung." „Ei," sagte der fremde Lerr freundlich, „wollt Ihr mir nicht das Fläschchen verkaufen?" Und dabei sah er den Fuhrmann so merkwürdig an, daß dieser ganz verwirrt wurde und, ohne zu über¬ legen, antwortete: „Wohlan, es sei! Ich will's Euch verkaufen; ich hab's zwar um zwei Taler erhandelt, aber Ihr sollt es bekommen, wenn Ihr mir einen Taler dafür gebt." Kaum aber hatte er diese Worte gesprochen, so sprang das Fläschchen in tausend Stücke und ein betäubender Geruch drang daraus hervor, daß der Fuhrmann und alle Gäste der Wirtsstube in Ohnmacht fielen. Als Lans wieder aus seiner tiefen Betäubung erwachte, fand er sich neben seinem umgestürzten Wagen im Graben der Land¬ straße. Dem Wagen wär nicht mehr zu helfen und den Pferden auch nicht. So ging er denn zu Fuß nach Nürnberg, und als er zum Lause kam, das doch ihm gehörte, sah er im Erker einen Die Mazocha. 139 Menschen, der ganz so aussah wie er selbst und der ihm freund¬ lich zunickte. Er ging ins Laus, aber alles war ihm fremd und unbekannt und fein Ebenbild zeigte sich auch nicht mehr. Was blieb ihm übrig, als wieder nach Reischendorf zurückzu¬ wandern, wo er noch lange Zeit lebte so arm, wie er gewesen war. Er erzählte allen, was ihm geschehen war, und die Neischen- dorfer kennen noch heute die Geschichte von dem Fuhrmann mit dem Wunschfläschchen und jeder wünscht sich auch ein solches Fläschchen und meint, er würde wohl klüger sein, als der gute Sans gewesen ist. Wer kann's wissen? Die Mazocha. (Eine Sage aus Mähren.) T^n der Nähe der mährischen Landeshauptstadt Brünn zwischen den Dörfern Wilimowitz und Neuhof befindet sich ein Erdfall, der reich an romantischen Naturschönheiten ist. Wahr¬ scheinlich ist er durch den Zusammensturz von übereinander liegenden Äöhlen entstanden und seine Tiefe übertrifft die Äöhe des Wiener Stephansturmes noch um ein bedeutendes. Wenn man von dem zierlichen Aussichtshäuschen, das kühn an den Rand des Abgrundes hingebaut ist, in seine Tiefe hinabblickt, so nimmt man zunächst eine senkrecht abstürzende Felswand wahr, die in eine sanftere Absenkung übergeht. Ver¬ kümmerte Fichten und wirres Gestrüpp klammern sich, wo der Boden es irgend gestattet, an den Felsen an und am Grunde der grausigen Schlucht blitzt, wenn ein Sonnenstrahl bis hinunter gleitet, der Spiegel eines geheimnisvollen Wassers auf, das ein Flüßchen speist, das auf der einen Seite in den Felsen hineinfließt und auf der andern als Heller, munterer Bach wieder hervorschießt. Wenn man von dem Läuschen am obersten Rande des Ab¬ grundes einen Stein in die Tiefe wirft, so dauert es einige Sekunden, bis er tief unten am Grunde auffällt. 140 Sagen aus den Sudeten- und Karpathenländern. Düsterer Wald und zerklüftetes Gestein geleiten den Wanderer an den Rand dieses rätselhaften, schaurigen Erdsturzes. Der Volks¬ mund nennt ihn Mazocha, d. i. „Stiefmutter", und die Sage weist über den Ursprung dieses Namens folgendes zu erzählen. Vor Zeiten lebte im nahen Dorfe Wilimowitz eine junge Witwe, die einen Sohn hatte und sich in zweiter Ehe mit einem reichen Landmann vermählte, der gleichfalls Witwer war und auch ein Söhnchen in die neue Ehe mitbrachte. Aber während das Söhnchen der Witwe schwach und kränk¬ lich war, war ihr Stiefsohn ein rüstiges Büblein mit frischen, roten Wangen und Hellen, munteren Augen, aus denen Gesundheit und Frohsinn hervorleuchteten. Freilich blieb es nicht lange so. Die roten Bäcklein wurden bald blast und eingefallen und die Augen wurden trübe von vielem Weinen. Denn die Stiefmutter fing bald an, den Sohn ihres Mannes zu hassen, weil er viel stärker und gesünder war als ihr eigenes Kind, und da sie selbst arm war, hätte sie gar gerne das Ver¬ mögen des Bauers ihrem eigenen Kinde gesichert. Diesem Plane stand aber Franz, der Stiefsohn, entgegen, den der Bauer zärtlich liebte. Aber die Arbeit hielt den Vater oft tagelang vom Lause entfernt und während dieser Zeit quälte und mißhandelte die böse Stiefmutter den Knaben, so daß er oft den Tod herbeisehnte, so gut es ihm auch früher im Lause des Vaters ergangen war. So wurden seine Wangen bleich und seine Augen trübe von den vielen Tränen, die er des Nachts auf seinem harten Lager vergoß. Der Vater bemerkte wohl das veränderte Aussehen seines Lieblings, doch dieser gab auf alle Fragen des Vaters nur aus¬ weichende Antworten, denn er fürchtete die grausame Strenge der Stiefmutter, wenn er den wahren Sachverhalt verraten hätte. An einem schönen Sommertage, als der Vater wieder außer Laus war, nahm auf einmal die Stiefmutter den Knaben an der Land und strich ihm das wirre, ungepflegte blonde Kraushaar aus dem Gesichtchen und redete so zärtlich zu ihm, wie sie es bisher niemals getan hatte. Die Mazocha. 141 Der Knabe mußte an seine eigene frühverstorbene Mutter denken, die ihm auch immer die Locken von der Stirn gestrichen hatte, wenn er, vom Spiele erhitzt, in die Stube gestürmt war, und er glaubte nicht anders, als daß die Stiefmutter ihren bösen Sinn für immer geändert hätte und daß nun wieder freundliche Tage für ihn anbrechen würden. So folgte er denn gern und willig, als die Stiefmutter ihn durch den Wald zum nahen Erdfall führte und zu ihm sagte: „Komm, wir wollen heute Schwämme suchen und ich will dir ein Süpplein daraus bereiten, das du ja so gerne ißt. Ich weiß ein Plätzchen nicht weit vom Nande des Abgrunds, da wachsen köst¬ liche Pilze, die wollen wir uns holen; das wird dann einen feinen Schmaus abgeben." So waren sie zum Rande des Abgrunds gelangt und die Stiefmutter sagte mit heuchlerischer Freundlichkeit: „Da sieh doch, Franz, den herrlichen Schwamm; bück dich nur ein wenig über den Felsrand und du kannst ihn erhaschen." Arglos folgte der Knabe der Aufforderung, aber kaum hatte er sich über den Rand gebeugt, als die Stiefmutter ihn ergriff und mit einem derben Stoß in die Tiefe hinabschleuderte. Lohnlachend verließ das böse Weib den Schauplatz seiner grausigen Tat und sagte dem Vater, der mittlerweile zurückgekehrt war, Franz sei fortgelaufen und sie wisse nicht, wo er sei; viel¬ leicht habe er sich im Walde verirrt oder sei in die Tiefe der Schlucht gestürzt, denn er sei immer ein verstockter, waghalsiger Bursch gewesen, dem sie schon lang ein solches Ende prophezeit hätte. Voll Verzweiflung stürzte der Vater aus dem Lause und eilte in den Wald, den er kreuz und quer durchstreifte, dann lief er zum Rande des Erdsturzes. Da kam ihm aber auch schon ein Jäger entgegen, der den kleinen Franz an der Land führte. Man kann sich die Freude des Vaters vorstellen. Den Knaben hatte sein Schutzengel beschirmt. Als er in die Tiefe hinabsauste, blieb er mit dem Röcklein an einer Laselstaude hängen, die aus einer Felsspalte hervorwuchs. Er klammerte sich mit beiden Länden an die zähe Staude und hing so zwischen Limmel und Erde, bis sein Schreien den Jäger herbeilockte, der 142 Sagen aus den Sudeten- und Karpathenländern. gerade vorüberging. Er holte Leute mit Stricken herbei und so wurde der Knabe gerettet. Er erzählte nun, wie die Stiefmutter ihn hinabstürzen wollte, und die erbitterten Bauern, die den braven Knaben sehr lieb hatten, zerrten hierauf das Weib, das, von Gewissensbissen gefoltert, in den Wald geflohen war, an den Rand der grausigen Schlucht und stürzten es hinab, wo es mit zerschmetterten Gliedern liegen blieb. Fortan hieß der Erdsturz, in dessen Tiefe selten ein Strahl der Sonne dringt, Mazocha oder Stiefmutter. Viele Gelehrte haben ihn schon durchforscht; aber der Land¬ mann geht noch immer mit scheuem Grausen daran vorüber und treibt sein Vieh bei einem heranziehenden Gewitter vom Rande des Abgrunds fort, weil der durch die Höhlung streichende Luft¬ zug den Blitz herbeilockt. Der Zwergkönig Apella. 143 Der Zwergkönig Apella. (Sage aus Mähren.) n Gaisdorf bei Bodenstadt im mährischen Gesenke lebte einst eine arme Witwe mit ihrem Kindchen, das ein rosiges, frisches Mädchen war und wie die Mutter Anna hieß. Aber die Rosen wichen gar bald von den Wangen der Kleinen; denn was die Mutter auch tun und anfangen wollte, um Geld für Brot zu schaffen, es glückte ihr nichts — und bald war das letzte Krümlein und Bröselchen ausgezehrt und der Lunger sah grinsend zum Fensterlein der kleinen Lütte hinein. Eines Tages ging Mutter Anna mit ihrer Tochter in den nahen Wald; sie hatten beide ihre Morgensuppe versäumt, aber nicht vor Eile, sondern weil die Mutter kein Tröpflein Milch und kein Bröcklein Brot mehr auftreiben konnte. So saß denn die Frau mit dem weinenden Kindchen auf dem Schoße auf einer moosigen Baumwurzel und sann und sann, wie sie wohl dem Elend abhelfen könnte. Ringsum war's feierlich still. Die jungen Blätter der Sträucher und die zarten Grashalme rührten sich nicht und nur ab und zu ging's wie ein schweres Seufzen durch den Wald. Es war, als ob heute ein ganz besonderer Tag wäre und als ob auch die Natur dem Ausdruck geben wollte. Und so war es auch. Es war Karfreitag, des Leilands Sterbetag. Fast hätte die arme Witwe darauf vergessen. Jetzt erinnerte sie sich daran, daß an diesem heiligen Tage alle Löhlen und unterirdischen Paläste der Erde geöffnet seien. So nahm sie denn die kleine Anna auf den Arm und ging tief in den Wald hinein zu der Stelle, wo, wie sie wußte, ein ungeheurer Felsblock den Eingang zum Berge verschloß. Mit lauter Stimme rief sie nach dem König der Zwerge und bat ihn, ihr zu öffnen; sogleich hörte sie ein Brausen und Dröhnen im Schoße der Erde und plötzlich sprang die Felsenpforte aus und zitternd stand Frau Anna mit ihrem Töchterchen in einem Saale, dessen Wände von zauberhaftem Lichte gleißten. Funkelnde Ge¬ steine und Klumpen Goldes lagen überall umher und geblendet 144 Sagen aus den Sudeten- und Karpathenländern. schlug die Frau ihre vom Weinen schwachen Augen nieder, indes das Kind vor Freude in die Lände klatschte. Da hörte die Mutter auf einmal eine milde Stimme: „Komm her zu mir und nimm dir von den Schätzen, was dir gefällt!" Ermutigt schlug die Frau die Augen auf und sah nun vor sich auf einem Thronsessel den Zwergkönig Apella, dessen hohe Mütze ein Diadem leuchtender Edelsteine schmückte. Er winkte ihr freund¬ lich mit der Land, die Goldstücke zu nehmen, die aus den Stufen des Thrones lagen. Nun setzte die Frau ihr Kindchen auf den Boden und raffte schnell einige Goldklümpchen in die Schürze. Dann wandte sie sich eiligst dem Ausgange zu; denn sie fürchtete, es sei alles nur ein Traumbild und sie könne nicht schnell genug mit ihren Schätzen enteilen. Mit angstbeflügelten Schritten lief sie hinaus und donnernd fiel das Felsentor hinter ihr zu. Jetzt erst bemerkte sie, daß sie ihr kleines Ännchen in der Löhle zurückgelassen; doch vergeblich pochte sie an das Gestein, vergeblich schrie sie den Namen des Zwergkönigs in die Luft, vergeblich kratzte sie an den Nissen und Ritzen des Felsens, daß ihr die Finger bluteten, — das Tor blieb verschlossen. Was lag ihr jetzt an den Goldstücken? Sie streute sie in den vorüberrauschenden Bach; doch gedachte sie noch bis zum nächsten Karfreitag zu warten; denn nur ein einziges Mal im Jahre öffneten sich an dem heiligen Tage die Grotten und Löhlen der Erde. Die Leute hatten Mitleid mit der armen Frau, die ihr einziges Kind im Walde verloren hatte. So bekam sie Arbeit und die drückendste Sorge war von ihr genommen. Ihre Gedanken waren nur bei dem Kinde, und als ein Jahr dahingeschwunden war und Christi Todestag sich erneuerte, lies unsere Witwe, eh' noch der Morgenstern am Limmel erglänzte, in den Wald und pochte an die Felsenpsorte und rief den Namen Apella. Doch umsonst. Diesmal fand ihr Ruf kein Gehör. Voll Verzweiflung ging Frau Anna wieder nach Lause. Wieder blieb ihr Kind der einzige Gedanke, der sie beschäftigte, und als aber¬ mals ein Jahr um war, da ging sie, fast schon hoffnungslos, neuer- Zwei Burgsagen aus Mähren. 145 dings in den Wald zur Felsenpforte des Palastes des Zwerg¬ königs. Doch diesmal war ihr Ruf nicht umsonst, das Tor sprang dröhnend auf und sie sah ihr Kind spielend an derselben Stelle, wo sie es einst hingeseht hatte. Apellas milde Stimme aber ließ sich vernehmen: „Sei mir nicht böse, wenn ich dich auf die Probe gestellt habe, um zu er¬ kunden, ob Goldgier oder die Mutterliebe bei dir stärker sei. Du hast die Probe bestanden. Nimm dein Kind aus meinen Länden wieder hin und zum Lohne schenke ich dir diesen Apfel aus purem Golde; er wird euch beiden Glück bringen." Schluchzend vor Freude hob die Witwe das Kind, das ihr seine Ärmchen entgegenstreckte, vom Boden auf und drückte es in leidenschaftlicher Liebe an die Brust. Das Geschenk des Königs Apella aber bewährte sich. Der Apfel, den er der armen Witwe dargereicht hatte, war das Symbol stiller Zufriedenheit, die in emsiger Arbeit und Genügsamkeit beruht. Zwei Burgsagen aus Mähren. 1. Burg Eichhorn. F^^leich dem grünenden Efeu rankt auch die Sage ihr Gewinde mit Vorliebe um das zerbröckelnde Gemäuer altersgrauer Burgen und Schlösser und verhüllt das der Zerstörung geweihte Mauerwerk mit ihren teils lieblichen und zarten, teils schwermütig ernsten Blüten. Möge uns zunächst eine anmutige Burgsage aus Mähren erfreuen. Smolle, Sagenbuch. 10 146 Sagen aus den Sudeten- und Karpathenländern. Nicht weit von der Landeshauptstadt entfernt erhebt sich auf schroff aufragendem, weithin sichtbarem Felsgestelle, dessen Fuß ein wilder Gebirgsbach umtost, Burg Eichhorn. Eigentlich sind es zwei Felsengipfel, die durch einen kühn gewölbten Brückenbogen miteinander verbunden sind und deren einer die eigentliche Burg trägt, während ein in den Felsen ge¬ sprengter Weg von dem Tale des schäumenden Flüßchens zur so¬ genannten Vorburg hinaufführt; sie ist mit mächtigen Ringmauern umgeben und drei uralte Warttürme geben ihr ein seltsam aben¬ teuerliches Aussehen. Enge Zwinger und spitzbogige Tore ver¬ mitteln über die Felsbrücke den Zugang zur eigentlichen Laupt- burg, die halbmondförmig einen weiten Lofraum umschließt. Ver¬ fallene Türme und zerbröckelnde Ringmauern säumen den Felsen ein, der jäh zum rauschenden Waldbach abfällt. Lier im Frieden des würzigen Waldes jagte einst Herzog Konrad von Mähren und hatte einen seltsamen Traum, nach dem die Burg den Namen erhielt. Tief ins Dickicht des Waldes lockte die Iagdlust den kühnen Weidmann und bald fand er sich, von seinem Gefolge getrennt, auf öder, von allen Seiten unzugänglicher Waldhöhe; tief unten rauschte und brauste das Gebirgswasser und über ihm zogen die weißen Sommerwolken über den tiefblauen Himmel. Vergeblich spähte sein scharfes Auge nach allen Seiten, ver¬ geblich streifte er mit gespanntem Bogen kreuz und quer durch den Wald; kein Tier schreckte auf, kein Weg wollte sich zeigen. Müde sank er ins Moos des Waldes und verzehrte die Reste des Imbisses, die die Jagdtasche noch barg. Schon säumte die Glut der Abendsonne die Häupter der Riesentannen, schon blinkten die Sterne durch die Nacht des Waldes und noch immer erschien keine Hilfe, winkte keine Rettung. Erschöpft vom Harren und Spähen sank der junge Herzog endlich in Schlummer und ein liebliches Traumbild umgaukelte seine Sinne. Er sah sich im Saale einer prächtigen Burg; in Eisen gekleidete Ritter saßen an langer Tafel und holde Frauen kränzten sie mit Blumen, indes ein Sänger zarte Minnelieder auf der Harfe begleitete. In zierlichen Pokalen funkelte der Purpur- Zwei Burgsagen aus Mähren. 147 saft der Reben und schön bemaltes Gehänge verdeckte die hohen Wände der Lalle. In dieser Burg, die sich an der Stelle erhob, wo er im Traume lag, wollte er bleiben. Da, horch! Auf einmal erklangen in seinen Traum hinein die schmetternden Töne des Lifthorns und das Gebell einer Meute. Glücklich hatte das Gefolge des Lerzogs auf einem versteckten Felfenpfade die Stelle erreicht, wo der junge Lerzog traumbefangen im Schlafe lag. Lerzog Konrad rieb sich den Schlaf aus den Augen, da lachte ihm die Morgensonne entgegen und ein Schwarm von Eich¬ hörnchen hüpfte über ihm lustig in den Ästen der Bäume umher, indes das Gefolge lärmend aus dem Dickicht hervorbrach. Lachend rief der junge Fürst aus: „So bin ich also in keiner 148 Sagen aus den Sudeten- und Karpathenländern. prächtigen Burg beim Saitenspiel und Becherklang; aber ich will, daß sich künftighin hier an dieser Stätte, wo mich ein so freund¬ licher Traum umgaukelte, eine stattliche Ritterburg erheben soll, und weil mich die Eichhörnchen zuerst nach meinem Erwachen be¬ grüßten, soll der neue Bau Burg Eichhorn heißen." Es geschah nach des Herzogs Wunsche und auch der Wald¬ bach, der tief unten den Fuß des Felsens umbrandet, erhielt im Volksmunde den Namen „Wewerka", was im Slawischen so viel wie Eichhörnchen bedeutet. 2. Schloß Pernstein. L^Lm nördlichen Teile des Schwarzawatales erhebt sich auf einem hohen Felsenhügel das mächtige Schloß Pernstein, dessen Ursprung in graues Altertum zurückreicht. Als noch die Könige Großmährens in Welehrad Hof hielten, lebte im tiefen Walde, der die Höhe bedeckte, ein armer Köhler, namens Wenawa, in einer niederen, strohgedeckten Hütte, die un¬ fern von dem Meiler lag, aus dem Tag und Nacht schwarzer, mißduftiger Rauch emporwirbelte. - Damals wurde das Land weit und breit von einem Büffel verheert, der schon viele Herden angefallen und auch Menschen getötet hatte. Niemand getraute sich, den Kampf mit diesem wilden Tiere aufzunehmen, und so brach es denn oft aus dem Walde hervor und setzte die Leute auf den Feldern und in den Dörfern in Schrecken. Deshalb hatte der König einen hohen Preis ausgeschrieben, der demjenigen zuteil werden sollte, der des Tieres Meister würde. Einst rannte das durch die Sommerbremsen scheu gewordene Tier auch gegen die Waldhütte des Köhlers und stieß die Türe ein; doch Wenawa, dem Riesenkräfte eigen waren, packte den Büffel bei den Hörnern und zwang ihn nieder; dann ergriff er eine Weidenrute und zog sie dem Untier durch die Nase; hierauf führte er es an den Hof des Königs und hieb ihm vor den Augen des Fürsten und seines ganzes Hofstaates mit einem Schwerthieb den Kopf von seinem zottigen Rumpfe ab. Voll Bewunderung über die Kühnheit und Stärke dieses schlichten Mannes und voll Freude, daß das Land durch ihn von der Zwei Burgsagen aus Mähren. 149 schweren Plage befreit worden war, forderte der König den Köhler auf, eine Bitte zu stellen; er wolle sie ihm erfüllen, was es auch wäre. Doch Wenawa erbat sich nichts, als daß er auch weiter im Frieden in seiner Lütte Hausen und sein Köhlergewerbe ausüben dürfe. Der dankbare Fürst schenkte ihm hierauf alles Land, das sich am Berge rings um seine Lütte ausbreitete. Er schlug ihn auch zum Ritter und verlieh ihm ein Wappen mit einem Büffel- kopf, durch dessen Nase ein Ning gezogen war. Nun erbaute sich Wenawa an derselben Stelle, auf der einst seine armselige Lütte gestanden hatte, eine kleine Feste, die bald vom Volke der Zuber- stein genannt wurde?) Wenawas ältester Sohn Prsten aber erbaute in der Nähe eine größere Burg, die nach ihm den Namen Pernstein erhielt. Sie wurde der Sih eines glänzenden Rittergeschlechtes, dessen letzter Sprosse fern von dem Schlosse seiner Väter in der Schlacht bei Tangermünde gegen die Schweden fiel (1631). Noch steht das Schloß in stattlicher Größe, wenn auch manch neuer Zubau zum uralten Grundstock hinzugekommen ist. Noch zeigt man im alten Turm das Gemach, in dem einst die Schöffen der heiligen Vehme Gericht gehalten hatten und die Schuldigen durch eine im Fußboden angebrachte Falltüre in das schauerliche Verlies gestürzt wurden. In einem andern Zimmer der Burg wird noch der schwarze Spiegel gezeigt, vor dem einst eine eitle Kammerzofe gesessen und selbst das Glöcklein der Burgkapelle, das Sonntags zur Messe läutete, überhört hatte, wenn sie sich vor dem Spiegel Putzte; auf einmal öffnete sich unter Donnerschall der Steinboden unter ihr und verschlang sie, als sie wieder vor dem Spiegel saß. So weiß die Sage Ernstes und Anmutiges von den Burgen und Schlössern zu erzählen und sie umrauscht mit ahnungsschweren Grüßen den Wanderer, der im düsteren Walde oder auf lichter Löhe die Ruinen einstiger Ritterburgen betrachtet, wo vor Zeiten das Lied der Kraft und Lebenslust erscholl und jetzt das Käuzchen sich vor dem Lichte verbirgt und der Efeu sein grünes Gewinde über Totes und Vergangenes breitet. *) Zubr heißt im Böhmischen Auerochs. 150 Sagen aus den Sudeten- und Karpathenländern. Das goldene Osterei. (Sage aus Schlesien.) ^In einem rauhen, stürmischen Wintertage senkte man in dem kleinen Orte Thomasdorf am Fuße des Altvaters die Leiche eines Mannes in das geweihte Erdreich, dem gar wenige Leidtragende gefolgt waren. War er doch in seinem mühseligen Leben mit Glücksgütern gar nicht gesegnet gewesen und deshalb hatte er auch nicht allzu viele Freunde, wie dies ja nun einmal in der Welt vorzukommen pflegt. Dafür war die Trauer der Wenigen, die dem Sarge folgten, wirklich herzlich und aufrichtig, vor allem die der bleichen, kummer¬ gebeugten Frau, an deren Seite ein blasses Knäblein schritt, dessen blaue, treuherzige Augen sich immer aufs neue mit Tränen füllten. Der, den sie heute an diesem stürmischen Wintertage zu Grabe trugen, war der Schulmeister des Ortes gewesen, der in jungen Jahren sich als Soldat in der Welt Herumgetrieben hatte, bis er dann mit einem Stelzfüße in das Leimatörtchen zurückgekehrt war und man ihm, weil er so vielerlei wußte und eine schöne Land¬ schrift schrieb, den Posten eines Schulmeisters übertrug, der sauer und entbehrungsreich genug war. So konnte er denn der Frau, die alle Sorgen und Leiden des Lebens getreulich mit ihm geteilt hatte, und dem fleißigen und braven Söhnchen, an dem sein ganzes Lerz gehangen, nicht eben viel Schätze hinterlassen. Fast das einzige, was er zurückließ, war eine hübsche Flöte aus schwarzem Ebenholz mit silbernen Klappen. Auf dieser hatte er so gerne gespielt, wenn er nach des Tages Arbeit vor dem Schulhäuschen saß und die kühle Abendluft über die Sträucher und Blumen des Gärtchens strich. Von dieser Flöte konnte sich auch der Knabe Georg nicht trennen, obwohl die Not zu Lause immer höher stieg und sich schon manch ein Käufer für das schöne Stück gefunden hätte. Georg, der vom Vater die Kunst des Flötenspiels erlernt hatte, verdiente sich damit manch Stücklein Geld, indem er von Das goldene Osterei. 151 Ort zu Ort zog, und wo man seiner Kunst bei Lochzeiten oder Kirchweihfesten gerade bedurfte, seine feinen Weisen zum besten gab. Doch waren die so gewonnenen Einnahmen nicht eben reichlich, und auch was Mütterlein für ihre Gespinste einheimste, war herz¬ lich wenig. So saß denn Frau Sorge immer als dritte in der Stube bei den zweien, und Georgs Wangen wurden nicht röter und seine blauen Augen nicht Heller als damals beim Tode des lieben Vaters. So war wieder die Frühlingszeit herangekommen. Vom blauen Limmel leuchtete die Sonne in ihrem vollsten Glanze und die Osterglocken läuteten von allen Türmen der im Tale ringsum zerstreuten Weiler in besonders Hellen und zukunftsfrohen Tönen. Der kleine Georg saß droben am Gabelberg auf einem moosigen Baumstamm, den der Sturm entwurzelt hatte, und blies auf seiner Flöte das Osterlied: „Der Leiland ist erstanden!" Da, horch, w^s war das? Auf einmal antwortete auf sein Flötenspiel vom nahen Berge her eine leise Musik, die immer mächtiger anschwoll und immer voller und schöner erklang, so daß unser Georg seine Flöte bei¬ seite legte und entzückt den geheimnisvollen, überirdischen Tönen lauschte. Und wie er so horchte und sinnend in die Ferne blickte, da sah er plötzlich einen seltsamen Zug herankommen. Es waren lauter kleine Männchen in Bergmannstracht mit Grubenlichtern auf der Brust und kleinen Lacken und Lämmerchen in den kleinen Fäusten. Kaum hatte Georg Zeit, sich zu sammeln, so sprach ihn schon das erste der Männchen an: „Wir sind die Geister des Berges und nur einmal im Jahre, zur Zeit des heiligen Osterfestes, ist es uns gestattet, auf die Erde zu kommen und durch die Wälder zu ziehen und mit Sang und Spiel den Schöpfer alles Guten zu preisen. Komm, schließ dich unserem Zuge an; wir wollen dich in unser Reich führen, das sich im Innern des Berges auftut. Es soll dein Schade nicht sein. Du bist ein frommes und braves Kind und solchen sind die Berg¬ männlein gewogen." Sagen aus den Sudeten- und Karpathenländern. 152 Und schon hatte der freundliche Gnom den Knaben bei der Land gefaßt und führte ihn zu einer hohen Felswand, auf die er mit einem goldenen Stäbchen schlug. Dröhnend sprang der Felsen auseinander und der ganze Zug war bald im Innern des Berges verschwunden. Wiederum tat sich ein Pförtlein auf und Georg befand sich mit den Zwergen in einem weiten, hohen Saal, dessen Decke und Wände ein zauber¬ haftes Licht ausstrahlten. Der Knabe mußte die Augen schließen; als er sie wieder öffnete, sah er vor sich auf einem goldenen, mit Juwelen geschmückten Throne eine mächtige, Ehrfurcht gebietende Gestalt sitzen. Es war Altvater, der König der Berggeister. Er trug ein eng anliegen¬ des Bergmannskleid aus Gold und darüber einen weiten Mantel aus durchsichtigem Silbergewebe. Ein schneeweißer Bart floß ihm auf die breite Brust herab und seine flammenden Augen verrieten zugleich hoheitsvolle Strenge und ernste Milde und Güte. Das goldene Osterei. 15Z Nun sprach der König der Gnomen mit tiefer Stimme, die wie fernes Donnerrollen klang: „Labt ihr euern Osterzug voll¬ endet, ihr Geister meines Berges? Blühen da oben die Blumen, grünen die Bäume? Und wohnt der Friede unter den Menschen?" „Mächtiger König der Berge," erwiderte das Männchen, das unfern Georg hierher geführt hatte, „noch blühen die Blumen oben auf der Erde und noch grünen die Bäume, aber der Friede wohnt nicht immer unter den Menschen und manches unschuldige Kind muß darben und leiden." Da fiel der Blick Altvaters auf den kleinen Georg, der zitternd vor dem Throne stand. „Ich kenne dein Schicksal," sprach der König des Berges weich und milde. „Aber weil du so gut und fleißig bist und dein Mütterlein so liebst, will ich dir eine Gabe schenken, die euch froh und glücklich machen soll, solange dein Lerz rein bleibt und du auf dem Wege der Tugend wandelst." Und Altvater nahm ein goldenes Osterei und legte es in die Land des Knaben. Zum erstenmal nach so langer Zeit leuchteten die blauen Augen Georgs in Heller Freude aus, als er die Gabe des Alten vom Berge mit vielen heißen Dankesworten entgegennahm. Lierauf führte ihn der dienstfertige Zwerg wieder aus dem Innern des Berges ins Freie hinaus und zeigte ihm den Weg zum Kreuz auf dem Gabelberge, wo Georg vor kurzem den Oster- morgen mit seinem Flötenspiel begrüßt hatte. Fröhlich sprang der Knabe ins Dorf und stand bald mit ge¬ röteten Wangen in der Stube vor seinem Mütterchen, dem er mit fliegendem Atem erzählte, was ihm begegnet war. Die Mutter staunte nicht wenigs als sie das zierliche goldene Ci in Länden hielt. Sie verwahrte es sorgsam; aber noch größer war ihre und Georgs Freude, als am nächsten Morgen ein glän¬ zender Goldgulden aus dem Ei herausfiel. Nun hatte alle Not in dem ärmlichen Läuschen ein Ende, denn Tag für Tag fiel die goldene Münze aus dem Ei, wenn man leise daran schüttelte. Georg konnte später die Lochschule besuchen und wurde ein 154 Sagen aus den Sudeten- und Karpathenländern. großer Gelehrter, der sich mit der Erforschung der Gesteine be¬ schäftigte und seiner Heimat zum Segen gereichte, indem er manche Erzader und manche Heilquelle entdeckte. Als er aber selbst zu Reichtümern gelangt war, versagte die Wunderkraft des goldenen Eis und niemand konnte es nach dem Tode Georgs finden, so viele auch danach suchten; denn das Ge¬ rücht von dem Geschenk des Königs der Berggeister hatte sich bald unter den Leuten verbreitet und noch heut kannst du davon er¬ zählen hören, wenn du nach Thomasdorf kommst und auf die Halde des Altvaters steigst. Der L alzbergfelsen. (Sage aus Schlesien.) /^r war immer frohen Sinnes und guten Mutes, der arme Lorenz, trotz seiner Dürftigkeit und der Mühsale und Kümmer¬ nisse, die sein ganzes Leben ausgefüllt hatten/ Wenn er sich auch im Frühling und Sommer fast immer im Grünen aufhielt, er selbst kam nie auf einen grünen Zweig, der Waldhirt Lorenz von Einsiedel im Oppatal. Er war Gemeindehirt und mußte die Schafe und Kühe des Ortes auf die Wiesenplähe treiben, die in den Wäldern dort und da verstreut lagen. Zur schönen Sommerszeit zog er schon am frühen Morgen aus mit seiner Herde, von der er jedes Stück kannte und liebte, und erst wenn der letzte Strahl der Sonne am Abendhimmel verglühte, kehrte er mit seinen vierfüßigen Schützlingen zurück, die sich in die einzelnen Gehöfte des Ortes verteilten. Da gab's nun den ganzen langen Tag nichts anderes als ein Stück trockenes Brot mit etwas Käse und einem Trunk frischen Wassers aus den Waldquellen, die aus dem Moose munter her¬ vorsprudelten. Dennoch war Lorenz immer frohgemut und teilte sein hartes Schicksal gern mit seinem Mütterlein, das in dem Hause des Dorfschulzen Michel Streit ein elendes, finstres Kämmerlein be¬ wohnte. Der Salzbergselsen. 155 Und wenn die Sonne durchs Laubgeäst brach und ihre Lichter auf der Waldwiese tanzen ließ, auf der die fleckigen Kühe und weißen Schäflein weideten, und wenn dann die Vöglein ihr Gratis- konzert anstimmten ohne Noten und Kapellmeister, da konnte wohl auch unser Lorenz mit voller Brust in das Gezwitscher und Ge¬ singe einstimmen und ein Lied singen, wie er es als Knabe vom Mütterlein gelernt hatte, und zwar obgleich sich schon Silberfäden in seine braunen Locken einschlichen; denn er war nicht mehr jung, der Gemeindehirt Lorenz, und hatte schon viele, viele Jahre seines mühseligen und wenig einträglichen Amtes gewaltet. Aber heute war er nicht lustig, der gute Lorenz; er horchte nicht auf den Gesang der Vögel, er sah nicht den lieben Sonnen¬ schein auf der Wiese spielen und hatte kaum einen Blick für seine Schützlinge, denen heut auch das Hutter nicht so recht schmecken wollte, gleichsam als fühlten sie den Schmerz mit, der die Brust ihres Lirten bedrückte. Er hatte aber auch alle Ursache, recht, recht traurig zu sein, der arme Lorenz. Denn sein altes Mütterchen war gestern ge¬ storben und lag nun tot in dem elenden Kämmerlein, das sie beide bisher bewohnt hatten. So stand er denn allein in der Welt und wußte nicht, was die Zukunft ihm bringen würde. Es war schon gegen Abend und die Zeit rückte heran, wo er seine Lerde wieder heimführen mußte. Als er so sinnend und voll Trauer auf einem moosigen Baumstamme saß und, den Kopf auf die Land gestützt, zu Boden starrte, nahte sich ihm auf einmal ein putziges Männlein mit einem breiten Lederschurz und einem spitzigen Lut auf dem Köpflein, aus dessen struppigem Laar und Bart ein Paar gutmütige Augen hervorblitzten. „Folge mir!" sagte das Männchen mit einem zarten Sümmchen zu Lorenz, der verwundert und erschrocken ausblickte. „Folge mir und fürchte dicht nicht!" Lorenz hatte plötzlich alle Furcht abgestreift und erhob sich von seinem moosigen Sitze, um dem Männlein zu folgen, das ihn über die Waldblöße zu einer nahen Felsengrotte führte, die Lorenz wohl kannte, denn er hatte schon oft in der Nähe die Lerde geweidet. 156 Sagen aus den Sudeten- und Karpathenländern. Immer war der Felsen verschlossen, aber heute öffnete sich plötzlich eine Pforte im Innern der Grotte und Lorenz schritt mit dem Zwerge durch einen langen, finstern Gang, bis sie in ein matt erhelltes Gemach kamen, das eigentlich nur durch den Glanz der Goldstücke und Edelsteine erleuchtet wurde, die rings umher lagen. „Nur wenn du schweigen kannst," fing jetzt der Gnom des Berges zu reden an, „darfst du dir von diesen Schätzen nehmen; dann kannst du auch übers Jahr am Palmsonntag, wenn alle Grotten und Löhlen unserer Berge geöffnet sind, wiederkommen und wir werden dich mit neuen Gaben beschenken; aber sei ver¬ schwiegen wie das Grab, sonst ist alles Gold und Glück, das wir dir zugedacht haben, verschwunden und du bleibst arm und elend, wie du gewesen bist." Lorenz gelobte, gegen jedermann unverbrüchliches, tiefes Schweigen zu beobachten, und raffte nur schnell einige Kostbarkeiten zusammen, die er in seiner Lirtentasche verbarg. Daraufhin führte ihn der Zwerg an den Eingang der Grotte zurück und bald sah Lorenz wieder seine im Lichte der Abendsonne weidende Lerde vor sich. Als er aber in sein Dörslein kam, vergaß er ganz auf den freundlichen Zwerg und auf die Lirtentasche, die diesmal einen ganz andern Inhalt barg als Brotkrümchen und Käserinden, die er sonst nach Lause zu bringen Pflegte, lind je näher er dem Gehöfte des Dorfschulzen kam, desto triiber wurde seine Stimmung, denn der Gedanke an das tote Mütterchen erfüllte ganz seine Seele. In seinem Stübchen angelangt, warf er sich vor das Bett, auf dem sein armes totes Mütterlein lag, in die Knie und schluchzte lange, ganz aufgelöst in Leid und Betriibnis. Da wurden auf einmal polternde Schritte hörbar, die Tür wurde aufgeriffen und die rauhe Stimme des Dorfschulzen Streit ließ sich vernehmen: „Ich will die Tote nicht über die Nacht in meinem Lause haben! Schaff' sie noch jetzt ins Totenhäuschen auf dem Friedhof und du magst auch hingehen, wohin es dir beliebt; ich habe einen jüngeren Gemeindehirten ausgenommen; du bist schon zu alt und für dieses Amt nicht mehr recht tauglich. Mach also, daß du fortkommst! Meinetwegen magst du dich gleich zu der Alten Der Salzbergfelsen. 157 da auf den Friedhof legen. Ich will euch beide nicht länger mehr im Lause dulden." Leftig wurde die Tür zugefchlagen und Lorenz stand betäubt und erstarrt im Zimmerchen. Also sortgejagt! Ohne Leim und Obdach in die Fremde hinausgestoßen! Da erinnerte er sich der Schätze in seiner Lirtentasche. Neuer Mut durchströmte seine müden Glieder; er schlug die Tote schnell in weißes Linnen und trug sie in das Läuschen des Totengräbers. Dann kehrte er in das elende, nun ganz verlassene Stübchen zurück, um seine geringen Labseligkeiten an sich zu nehmen. Da öffnete sich wieder die niedere Lolztüre, aber diesmal ganz leise und sacht, und herein trat Anna, die Schwester des hartherzigen Schulzen, die bei diesem als Magd diente und gleichfalls unter seiner Leblosigkeit viel zu leiden hatte. „Ich komme, um Euch Lebewohl zu sagen, lieber Lorenz; ich habe meines Bruders heftige Worte gehört und fühle tiefes Mitleid mit Eurem Unglück," sagte das Mädchen und reichte Lorenz die Land. Jungfer Anna war nicht mehr ganz jung, aber doch voll An¬ mut und von jenem Liebreiz der Seele, der sie allen Menschen lieb und angenehm machte. Sie war gerade das Gegenteil ihres herrischen und grausamen Bruders und hatte sich des Waldhirten und seiner armen Mutter oft freundlich angenommen. Deshalb blickte auch Lorenz zu ihr immer wie zu seinem guten Engel empor und sagte ihr auch jetzt innigsten Dank für ihre liebe¬ volle Teilnahme. So blieben denn die beiden noch lange beisammen in dem Stübchen und tauschten Erinnerungen aus an die Zeit, wo die alte Mutter noch gelebt und mit unverdrossenem Fleiße die kleine Wirtschaft bestellt hatte. Da wurde die Tür neuerdings aufgerissen und der Dorfschulze polterte herein mit vor Zorn gerötetem Gesicht. „Bist du noch immer hier, du Taugenichts?" schrie er, „und ich habe dir doch befohlen, augenblicklich mein Laus zu verlassen." Da fielen seine Blicke auf Anna, die sich hinter dem Waldhirten zu verbergen trachtete. „Du bist auch hier bei dem Landstreicher, anstatt im Lause zu arbeiten? Nun, da könnt ihr ja beide zusammen euer 158 Sagen ans den Sudeten- und Karpathenländern. Glück versuchen. In meinem Lause ist kein Platz mehr für euch zwei; nimm sie nur mit, mein Schwesterlein, bist wenigstens nicht allein, wird dir schon helfen, die Anna, in dem neuen Lauswesen, - zu dem ich dir recht viel Glück wünsche. Jetzt aber schaut, daß ihr sortkommt, ich dulde euch beide keinen Augenblick unter meinem Dache." So verließen denn Lorenz und Anna den Los des rauhen Dorfschulzen und wanderten hinaus in die stürmische Nacht bis zur Lütte eines nahen Anverwandten der Anna, die am Ende des Dorfes lag und wo sie nach vielen Bitten Lerberge fanden. Wie erstaunt aber waren der Schulze und auch alle übrigen Leute des Dorfes, als sich kurze Zeit daraus auf einer sanften An¬ höhe in der Nähe des Waldes, auf dessen Wiesen Lorenz seine Lerden geweidet hatte, ein schmuckes Anwesen erhob und als sie erfuhren, daß der frühere Waldhirte und die Schwester des Schulzen als Eheleute in ihrem neuen Besitztum hausten. Wie war der arme Lorenz zu diesem Wohlstände gelangt? Man sprach viel von einer unvermuteten Erbschaft; manche aber munkelten von einem Schatze, den er ausgegraben, und andere er¬ zählten gar von einem feurigen Drachen, den sie ost in das neue Laus ein- und ausfliegen gesehen haben wollten und der dem Lorenz das viele Geld bringe. Nur der Schulze, der durch seine Zank- und Prozeßsucht immer mehr heruntergekommen war und ein Stück seiner Labe nach dem andern eingebüßt hatte, blieb mißtrauisch und beschloß, Lorenz unaufhörlich zu beobachten, um der Lerkunft seines Reich¬ tums nachzuspüren. So war der Palmsonntag des nächsten Jahres herangekommen, ein leuchtender, sonniger Frühlingstag. Lorenz wanderte wieder zum bekannten Felsen und fand die Pforte geöffnet. Als er in das unterirdische Gemach getreten war, fand er dieses herrlich beleuchtet und inmitten seiner Diener, der Bergmännlein, stand der König der Berge, der greise Altvater, der Lorenz sogleich mit freundlichem Gruße empfing. „Du hast von unfern Gaben einen weisen Gebrauch gemacht und das Schweigen, das wir dir auferlegt haben, treu beobachtet. Geschwätzigkeit schafft Neider und Feinde; nur dem schweigsamen Der Salzbergfelsen. l59 Ernst erblüht das Glück. Nimm dir also noch einmal von unfern Schätzen, soviel dir gefällt, und bleibe verschwiegen und gut wie bisher." Lorenz tat, wie ihm der freundliche Berggeist geheißen, und füllte die Tasche mit den gleißenden Kleinodien, die in dem Raume aufgespeichert lagen. Als er den Ausgang gewonnen hatte, schlüpfte eine Gestalt rasch an ihm vorüber und drang in das Innere der Löhle. Es war der Dorfschulze Streit. Der Altvater und die Gnomen waren verschwunden, rings herrschte Finsternis im Löhlenraume; nur rote und grüne Irrlichter huschten umher und warfen einen gespenstischen Schein auf das umherliegende Gestein. Rasch raffte der Schulze von den funkelnden Schätzen zusammen, soviel er nur tragen konnte, und eilte dem Ausgange zu. Als er wieder im Freien war, besah er sich seine Kleinodien; doch wie erschrak er: er hatte nichts als einige Stücke grauen, wert¬ losen Steinsalzes in den Länden. In einiger Entfernung sah er Lorenz vor sich langsam durch den Wald schreiten. In namenloser Wut eilte er ihm nach und hob seinen eisenbeschlagenen Stock, um ihn auf den Kopf des einstigen Waldhirten niedersausen zu lassen. Zornig schrie er ihn an: „Du hast die Schätze aus dem Berge geholt. Mich hat der Berggeist schnöde betrogen. Gib mir, was du bei dir trägst, sonst bist du des Todes." — Aber schon stand das Zwergmänn¬ lein, das einst dem armen Lirten erschienen war, vor dem Wüten¬ den und mit den Worten: „Komm! Folge mir! Du sollst haben, was du verdienst," lockte es ihn aufs neue ins Innere des Berges. Doch der Alte kam nicht wieder zurück; ein betäubender Donner¬ schlag machte die Felsen erbeben; ein ungeheurer Steinblock kollerte vor den Eingang zur Grotte und diese blieb für immer verschlossen. Seither aber sieht man an jedem Palmsonntag um Mitter¬ nacht einen Mann um den Felsen schleichen, der einen Sack voll Salz auf dem Rücken trägt. Die seltsam gestaltete Felsengruppe im Tale der wildschäumenden Oppa aber heißt seither im Munde des Volkes „Der Salzbergfelsen". 160 Sagen aus den Sudeten- und Karpathenländern. Der schwarze Berg. (Sage aus Galizien.) ^^ie Czarnahora (der „schwarze Berg") ist die Königin der ostgalizischen Karpathen. In ihrem Schoße birgt sie die Quellen des Pruth-- und Czeremoszfluffes. Auf ihren Längen hat sie zahlreiche Alpenweiden und die braunen Lauschen der Luzulen, wie die ruthenischen Berg¬ bewohner heißen, kleben gleich Schwalbennestern an den Felsen- Wänden, die zwischen Buchen- und Tannenwäldern hervorragen. Im Talgrunde gedeiht der Mais, der Walnußbaum und selbst die Tabakpflanze, so daß die Anwohner des Pruth ihre Gegend das „Land, wo Milch und Lonig fließt" nennen. Doch je höher man hinanklimmt, desto ärmer werden Land und Leute und der huzulische Lirte führt trotz seiner Bedürfnis¬ losigkeit kein beneidenswertes Dasein. Daher war auch das Los des Lirten, von dem unsere Sage erzählt, wenig freundlich. In seiner Lütte aus Tannenreisig, in der es trotz des mächtigen Feuerherdes kalt genug war, wenn der eisige Wind durch die Fugen und Ritzen des luftigen Baues strich, gab's oft sehr kleine Portionen von dem landesüblichen Maisbrei (Polenta) und dem braunen Schafkäse und die vielen Kinder konnten sich selten satt essen. Die Lammfellmühe, die unser Lirte trug, wies schon bedenk¬ lich viele Löcher auf, ebenso der Überwurf aus grobem rotem Tuch, den eine Schnur am Lalse zusammenhielt, und von den schönen goldenen Borten und Quasten, mit denen der reiche Bauer zu prunken liebt, war an den Kleidern des Lirten nichts zu sehen. Die Ledertasche, die er umhing, wenn er die Schafe auf die Weide trieb, enthielt meist nur sehr kärglichen Mundvorrat und wir können uns wohl denken, daß die ohnedies melancholischen Weisen, die er seiner Trombite (Schalmei) entlockte, noch weh¬ mütiger klangen als gewöhnlich. So verfloß das Leben des armen huzulischen Lirten einförmig und armselig und war nur von einem Wunsche durchleuchtet, Der schwarze Berg. 161 auch einmal vom Glücke bei der Land erfaßt und in die sonnigen Gefilde der Freude geführt zu werden. Da ereignete sich eines Morgens etwas Wunderbares. Noch lag violette Finsternis in den Schluchten der Czarnahora, nur die Gipfel leuchteten schon im purpurnen Lichte des Morgens; da sah der Lirte einen Wanderer mit Lirtenstab und Muschelhut durch den Wald schreiten. Leise schlich der Lirt auf dem moosigen Boden ihm nach und sah, wie der fremde Mann das Krautwerk vor einem Felsen zur Seite bog, und mit Überraschung erblickte er ein eisernes Pfört- lein in der Felswand. „Türlein, spring auf!" sagte der fremde Pilger und sogleich öffnete sich die Pforte. Der Fremde verschwand im Innern des Sm olle, Sagenbuch. 11 162 Sagen aus den Sudeten- und Karpathenländern. Berges und der Lirt hörte noch, wie auf sein Gebot: „Türlein, spring zu!" die eiserne Pforte zufiel. „Da müssen wohl die Schätze darin sein," sagte unser Lirt zu sich selbst, „von denen meine Großmutter mir so oft erzählt hat." Und fortan hatte er keine Ruhe; gleich am nächsten Morgen, noch war alles in fahle Dämmerung gehüllt, ging er wieder zu dem Platz, den er sich gut ins Gedächtnis geprägt hatte. Er bog das Gesträuch auseinander, und siehe da, das eiserne Pförtlein war vor ihm. Er sagte nur: „Türlein, spring auf!" und er war drinnen im Berge und sah ringsum Kisten und Kasten, mit Gold- und Silbermünzen gefüllt. Er nahm davon, soviel er in die Lirten- tasche stecken konnte. Dann lief er erschrocken zum Ausgang zurück. „Türlein, spring zu!" sagte er, als er draußen war, und das noch offene Pförtlein fiel zu. O wie tat dem Lirten der Reichtum so wohl, in dem er nun saß! Er spendete auch den Armen und der Kirche; aber sein Nach¬ bar, ein reicher Geizhals, gönnte ihm das Glück nicht. „Ich werde dich anzeigen," sagte er zu ihm, „und du wirst als Räuber auf dem Galgen enden, wenn du mich nicht an deinen Schätzen teil¬ nehmen läßt." So führte denn unser Lirt, der sich nicht mehr getraut hatte, zu dem Felsen zu gehen, den geizigen Nachbar zu dem Strauche, hinter dem das eiserne Türlein sichtbar war, und sagte ihm, wie er sich verhalten müsse. Der Geizhalz aber hatte sich mit einem Berg von Leinwand¬ säcken beladen, die er alle voll füllen wollte. „Türlein, spring auf!" murmelte er, und schon war er im Innern der Felsenhöhle; er warf seine Säcke auf den Boden und machte sich daran, mit vor Gier zitternden Länden die Truhen und Kisten auszuleeren; doch plötzlich sprang aus der Tiefe der Löhle ein riesiger schwarzer Lund mit feurigen Augen hervor und legte sich knurrend auf die Säcke. In heilloser Angst rannte der Geizhals dem Ausgange zu und sagte immerfort: „Türlein, spring zu!", „Türlein, spring zu!" So sprang die Tür zu und er blieb drinnen in der Löhle und wurde von dem gräßlichen Lunde zerrissen. Der Tränenkrug. 163 Der Äirt aber war der letzte, der das Pförtlein hinter dem Gestrüpp gefunden hatte. Es blieb fortan für jeden unsichtbar; und so mancher arme huzulische Berghirte kennt heute kein anderes Glück als die Freude, wenn er daran denkt, wie gut es einst, vor so und so viel Jahren, ein Schicksalsgenosse hatte, von dem die Enrten der Czarnahora nicht müde werden zu erzählen. Der Tränenkrug. (Sage aus Galizien.) Toten — dies ist der Glaube des polnischen Volkes — soll man nicht allzu lange betrauern, denn das beschwert ihre Seele im ewigen Leben. Am Allerseelentage, wenn um Mitter¬ nacht die Seelen der Verstorbenen zum Gebete in die Kirche wallen, kann man sehen, wie manche von diesen bleichen Schatten Krüge tragen, unter deren Last sie fast zusammenbrechen. In diesen Krügen sind die Tränen, die um die Toten geweint wurden. In einem Dörfchen Galiziens lebte eine Witwe mit ihrem Töchterchen Maria. Die beiden hingen mit großer Liebe aneinander, aber die Frau war kränklich und alle Pflege der Tochter war vergebens; sie starb in den Armen des Mädchens und mit einem Segensworte auf den Lippen. Marias Schmerz war unbeschreiblich; Tag und Nacht be¬ weinte sie ihr gutes Mütterchen; sie mochte nicht mehr arbeiten und aß kaum wenige Bissen, so daß sie selbst, die früher so blühend und gesund war, bleich und abgezehrt wurde und eher einer Toten als dem Bilde lebensfroher Jugend Hlich. Umsonst warnten sie die Leute des Dorfes und stellten ihr vor, daß sie damit der lieben Toten nur Schmerz bereite. Es half nichts, ohne Aufhören entstürzten ihren Augen bittere Tränen des Schmerzes. So kam Allerseelen, das Fest der Toten. Die Mitternachts¬ glocke des Dorfkirchleins erklang und die Leute aus dem Dorfe stiegen zum Emgel hinan, auf dem die kleine Kirche stand. Finster und stürmisch war die Nacht und schwere Wolken standen am 161 Sagen aus den Sudeten- und Karpathenländern. Limmel und verhüllten den Glanz der Sterne. Nur aus den Fenstern der Kirche blitzten wie kleine Funken die Lichter der Kerzen. Maria wankte die Stufen zum Kirchentor hinauf und stellte sich an den Eingang zum Gotteshause, um sogleich ihre Mutter zu sehen, wenn sie vom Friedhof im Zuge der Verstorbenen die Kirche betrete. Es kamen viele weiße, schattenhafte Gestalten, nicht alle trugen Krüge in den Länden und die meisten der Krüglein schienen federleicht. Da sah Maria auf einmal eine Gestalt, die nur mühsam ein- herging, denn der Krug, den sie mit beiden Länden trug, war viel zu schwer für sie. Maria sah die Erscheinung genauer an und blickte in das liebe Gesicht ihrer Mutter. Aber dieses war mit dem Ausdrucke vorwurfsvollen Schmerzes auf sie gerichtet und mit tonloser Stimme sagte die Gestalt: „Lore auf, mein Kind, um mich zu weinen; ich kann den Krug nicht mehr tragen, der die Tränen enthält, die deinen Augen entströmen." Der letzte Klang der Mitternachtsglocke war verhallt; alle die weißen Gestalten, die sich in die Kirche gedrängt hatten, ver- schwebten in Nichts. Bald erloschen auch die Lichter im Gottes¬ hause und die Schleier der Nacht senkten sich auf die Stätte, wo die Toten ruhten. Maria aber ging still nach Lause; auch in ihr Lerz hatte sich der Friede gesenkt. In emsiger Arbeit fand sie Trost und sie hütete sich davor, das Tränenkrüglein ihrer lieben Mutter noch schwerer zu machen. Vierter Abschnitt. Sagen aus Angarn. Der goldene Kirchturmknopf von Körösfö. (Sage aus Ungarn.) Säroser Komitate liegt ein armseliges Dörflein namens Körösfö. Nicht weit davon dehnt sich die Leide aus, mit spärlichem Graswuchs bedeckt. Das war das Reich des Schafhirten (Juhasz), der da, auf seinen langen Stab gelehnt, seine kleine Lerde behütete. Er trug Speck und Brot in der Tasche, und wenn er nicht aß, dachte er nach. Und er hatte viel zu denken, der Mischka. Vor allem über das Schicksal seines Dörfleins, von dem ihm schon der Großvater viel erzählt hatte. Am Karfreitag war der Mischka schon als Bub auf die Leide gegangen und hatte sich platt auf den Boden gelegt und sein Ohr fest an das Gras gepreßt." Und wirklich, einmal hatte er ganz deutlich ein leises Glockensummen und ein Wimmern wie von vielen, vielen Menschenstimmen gehört und war voll Angst und Schrecken nach Lause gelaufen. Da halte ihm nun sein Großvater folgendes erzählt: Vor vielen Jahren war Körösfö ein großer Ort mit vielen stattlichen Läufern und die Bewohner trieben Bergbau und waren sehr reich, aber auch sehr üppig und übermütig. 166 Sagen aus Angarn. Die Männer trugen nur silberne Knöpfe an ihren Röcken und goldene Sporen an den Stiefeln. Wenn aber eine Äochzeit im Orte war, fo hatte der Bräutigam ein Kemd aus feinstem weißen Battist an und seine weiten Gatjen waren mit seidenen Fransen beseht; die Braut aber trug ein goldenes, mit Perlen geschmücktes Diadem auf dem Kopfe. Und die Guba (der Schaf¬ pelz) des Gulyäs (Ninderhirten) war mit goldenen Blumen durch¬ wirkt und die Axt an seinem Stock (Bunkos) war aus Gold; der Roßhirt aber hatte einen Peitschenstiel aus Silber, mit dem er lustig durch die Straßen knallte. Die Leute aßen ihren Speck nur von goldenen Tellern und tranken ihren Pflaumenbranntwein nur aus Bechern von Silber. Dabei aber vergaßen die Bewohner von Körösfö doch nicht auf den lieben Kerrgott, und als der Pfarrer ihnen sagte, das Kirchlein des Dorfes sei für einen so reichen Ort viel zu klein und zu ärmlich, da ließen sie flugs aus der Lauptstadt einen Bau¬ meister kommen. Der mußte ihnen eine Kirche erbauen, die noch größer und prächtiger werden sollte als der Dom zu Gran. Und als das Gotteshaus mitsamt dem hohen Turm fertig¬ gebaut war, da ließen die Bewohner von Körösfö einen goldenen Turmknauf darauf setzen, der war so groß, daß fünf Eimer Wein darin Platz hatten, und das goldene Kreuz auf dem Knopf maß ganze fünf Schuh und leuchtete so weit ins Land hinein, daß man es schon auf zehn Stunden Entfernung glänzen sah und alle Menschen weit herum in der Runde sich sagten: „Seht, dort liegt Körösfö, das reichste Dorf im Ungarlande!" Waren die alten Leute in Körösfö nur übermütig und hof¬ färtig, so wurden ihre Kinder und Enkelkinder böse und ruchlos. Auch verschmähten sie die Arbeit in den Erzgruben, die eine Quelle des Reichtums ihrer Vorfahren geworden war. Sie wurden in Speise und Trank immer leckerer und wählerischer, und hatten die Alten noch gern ihren Speck und Paprika gegessen, so wollten die Jungen nur noch Torten und Marzipan speisen und kleiden mochten sie sich auch nicht anders als die Magnaten und Edelfrauen. Den alten Schullehrer jagten sie davon und verschrieben sich einen großen Gelehrten von weither, der mit einer goldenen Brille Der goldene Kirchturmknops von Körösfö. 167 auf der Nase in schwarzem Samttalar und einer Spitzenkrause einherging und die Kinder über Afrika und Indien unterrichtete, von dem lieben Heimatlande ihnen aber gar nichts erzählte, denn das war dem gelehrten Herrn viel zu geringfügig und gewöhnlich. Als der alte Pfarrer starb, bestellte die Gemeinde gar keinen Seelsorger mehr, denn die Dorfleute glaubten schon längst nicht mehr an den lieben Gott und brauchten daher auch keinen Ver¬ künder seines heiligen Wortes. Einst sollte eiir großes Tanzfest stattfinden. Es war aber kein Saal im Orte, der groß genug gewesen wäre. Da kam ein besonders übermütiger Geselle auf den Gedanken, die Kirche zu benützen; sie stünde ohnehin schon lange leer und darin hätten leicht hundert Paar Tänzer und auch mehr Platz. Allerdings mahnten einige ältere Leute ab, solchen Frevel zu begehen; aber sie wurden verlacht, und als der Tag des Festes herangekommen war, füllte sich die Kirche bald nut lachenden und jauchzenden Paaren und Fiedel und Zimbel erklangen zum Csardas, wo sonst nur die Orgel die Gesänge der Andächtigen begleitet hatte. Manche Dirne hatte wohl gezittert, als sie über die Stufen des Gotteshauses ins Innere getreten war, aber im wilden Taumel des Tanzes hatte sie bald des heiligen Ortes vergessen und die Nöte der Leidenschaft brannte aus ihren Wangen, die beim Ein¬ tritt in die Kirche blaß geworden waren. Alles war wie vom Taumel freudiger Raserei ergriffen und niemand achtete der Landschaft draußen, aus der jedes Sonnen- sünkchen verschwunden war und über der der fahle, schwefelgelbe Himmel wie ein Sargdeckel lag. Auf einmal, als der Taumel sündiger Lust in der zum Tanz¬ saal entweihten Kirche den Höhepunkt erreicht hatte und Zimbel und Fiedel in den schrillsten Tönen erklangen, fuhr ein furchtbarer Blitz vom Himmel, dem ein betäubender Donnerschlag folgte. Die Erde bebte in ihren Grundfesten; ein furchtbarer Abgrund klaffte auf und verschlang die Kirche mit allen Menschen, die darin waren, und alle Läufer des Dorfes, von dem keine Spur mehr am Erd¬ boden zurückblieb. Die Bewohner hatten in ihrem frevelhaften Übermute gar 168 Sagen aus Angarn. nicht darauf geachtet, daß sie der Entweihung ihres Gotteshauses noch den weiteren Frevel hinzugefügt hatten, ihr Tanzfest gerade an einem Karfreitag zu veranstalten. Deshalb hört man noch jetzt am Karfreitag auf der Leide draußen ein leises Summen von versunkenen Glocken und ein Wimmern und Klagen wie von sterbenden Menschen aus dem Innern der Erde hervordringen, wenn man in stiller, lautloser Nacht das Ohr an den Boden hält, und auch unser Mischka hatte als Bub dieses seltsame, unheimliche Gesumme und Gewimmer vernommen und es sich nicht zu deuten gewußt, bis ihm sein Großvater von der versunkenen Kirche mit dem ungeheuren gol¬ denen Turmknauf und dem Goldkreuze erzählt hatte, das einst viele Stunden weit geleuchtet und geglänzt hatte: der goldene Turm von Körösfö. Marsi. (Sage aus Angarn.) war Marsi? Nicht eben viel: ein armer Soldat, der es zu nichts bringen konnte, aber im Felde stets tapfer und im Kreise seiner Kameraden immer lustig und guter Dinge war. Als er den letzten Leller mit seinen Kriegsgenossen geteilt hatte, nahm er von ihnen Abschied und zog in die Leimat zu seinen Verwandten. Er kam gerade dazu, wie sie sich in das Erbe seines Vaters teilten. Das war nicht eben groß und auf ihn kam gerade ein Pfennig, ja, wahrhaftig, nicht mehr als ein Pfennig. Aber Marsi nahm ihn und wanderte frohgemut in die Fremde. Ein Liedlein singend schritt er durch Wiese und Feld und kam endlich an den Rand eines Waldes, wo ihm ein eisgrauer Bettler begegnete, der ihn nm eine Gabe anflehte. Unser Marsi bedachte sich nicht lange, griff in die Tasche und gab dem Alten den Pfennig. Mehr hatte er nicht. Wie erstaunte der frohgemute Wandersmann, als der greise Bettler ihm ganz feierlich sagte: „Deine Gabe soll dir reichlich vergolten werden. Glück und Segen begleiten dich auf allen deinen Lebenswegen. Sprich, was wünschest du dir auf Erden?" Marši. UD Marši überlegte nicht lange. Es fuhr ihm so durch den Sinn, daß er sagte: „Lieber Alter, entweder etwas Rechtes oder nichts. Ich wünsche mir, daß ich, wenn ich will, mich in einen Lasen, in einen Fisch oder in eine Taube verwandeln könnte. Mehr will ich nicht." Er hatte das so plötzlich vor sich hingesagt, aber der alte Bettler meinte: „Was du wünschest, soll dir gewährt sein. Zieh hin und gedenke meiner." Und schon war der Alte verschwunden; Marsi aber wanderte weiter und dachte gar nicht mehr recht an seine Wünsche und an den Bettler. So kam er gegen Abend über die Grenze ins Ungarland. Und auf einem freien Platz sah er viele Leute und hörte lustige Musik und Gesang, Trommelwirbel und Becherklang. Tiefgebräunt vom Sonnenbrände, Rolgeglüht von Weinesglut, Spielt da die Zigeunerbande And empört das Leldenblut. (Lenau.) Er war auf einen Werbeplatz geraten und es dauerte nicht lange, so klimperten blanke Silberstücke in seiner Tasche, saß ein Tschako auf seinem krausen Schwarzhaar und hing ein Säbel an seiner Seite. Er war wieder Soldat geworden und bald ging's dem Feinde entgegen, das Land des Königs zu verteidigen. Weil er aber das Soldatenhandwerk schon verstand und ein frischer, kräftiger Bursche war, reihte man ihn bald in die Leibkompagnie ein, die des Königs Person verteidigen mußte. Das machte ihm viele Feinde, denn er war doch aus der Fremde gekommen und hatte sich noch keine Verdienste erworben. Nun hatte aber der König von einem Zauberer einen Ning geerbt, der die Kraft hatte, ihn unüberwindlich zu machen. Doch das Unglück wollte, daß er gerade damals, als es ihm in der Schlacht wegen der Übermacht der Feinde sehr übel erging, den Ning mitzunehmen vergessen hatte. Das Schloß aber war vom Schlachtfelde so weit entfernt, daß selbst der schnellste Reiter sieben Tage gebraucht hätte, um- alle die Gewässer und Berge zu über¬ winden, die zwischen den: Schlachtfelde und dem Palast des Königs lagen. 170 Sagen aus Ungarin In seiner Verzweiflung rief der König: „Wer mir den Ring herbeischafft, ehe uns der Feind völlig überwältigt hat, der soll zum Lohne die Land meiner Tochter haben." Doch die Generale und Offiziere standen ratlos, das Wagnis schien allen unmöglich. Da erinnerte sich Marsi plötzlich der Worte des Bettlers. Er trat aus der Reihe vor und sagte: „Du sollst den Ring haben, o König, gedenke dann deines Versprechens!" Nun wünschte er sich, ein Lase zu sein; er rüttelte und schüttelte sich und sogleich flog er auch schon mit Windeseile als Lase übers Feld dahin, daß der Staub hinter ihm in Wolken aufwirbelte und alle vor Erstaunen den Mund aufsperrten, als sie dies Wunder sahen. So kam er an einen großen Fluß, die Theiß; da rüttelte und schüttelte er sich wieder und schwamm als silbernes Lechtlein pfeilschnell über den Strom. Nun waren aber noch Lügel und Berge zu überwinden. Abermals rüttelte und schüttelte er sich und flog als Taube mit Windeseile über Berg und Tal und gerade durchs Fenster ins Zimmer, wo die Königstochter saß und spann. Die Taube setzte sich ihr auf die Achsel und die Prinzessin hatte an dem zahmen Tierchen eine große Freude und liebkoste es zärtlich. Doch die Taube schüttelte ihr Gefieder und auf einmal stand ein Soldat vor der Prinzessin. Da er aber so schmuck und von einnehmender Gestalt war, erholte sich die Königstochter rasch von ihrem Schrecken und Marsi erzählte ihr, weshalb er gekommen, und bat sie, ihm nur schnell den Zauberring zu geben, denn der König, ihr Vater, schwebe in höchster Gefahr. Die Prinzessin holte rasch das Kleinod aus der Truhe und händigte es dem jungen Kriegsmann ein, warnte ihn aber, sich auf dem Leimwege vor der Linterlist seiner Kame¬ raden ja in Acht zu nehmen. Damit er aber, wenn ihm etwas Übles zustieße, ein Zeugnis vor dem König habe, bat er die Königstochter, von ihm drei Pfänder zu nehmen. Deshalb verwandelte er sich wieder in eine Taube und sprach: „Zieh jetzt zwei Federlein Aus meinen Flügelein!" Marši. 171 Die Königstochter tat, wie ihr geheißen. Danil rüttelte sich die Taube und wurde ein Lecht. Der konnte auch sprechen und sagte zur Prinzessin: „Nimm mit dem Fingerlein Acht von den Schuppen mein!" Auch dies tat die Königstochter. Dann stand auf einmal ein Lase vor ihr, der zu ihr sagte: „Schneid, Königstöchterlein, Mir ab mein Schwönzelein!" Die Prinzessin nahm eine goldene Schere und schnitt dem Lasen das Schwänzchen ab. Hierauf tat sie die Federn, die Schuppen und das Schwänzlein in ein Schächtelchen und verschloß es mit einem Schlüssel, den sie zu sich steckte. Mittlerweile aber hatte sich das Läslein wieder gerüttelt und geschüttelt und Marsi stand in seiner wahren Gestalt vor der Königstochter und nahm rührenden Abschied von ihr. 172 Sagen aus Angarn. Vor dem Palaste wurde Marsi wieder eine Taube, steckte den goldenen Ring in den Schnabel und flog über Berg und Tal. Aber von der schweren Last wurde er müde, und da auch der Wind ihm heftig entgegenblies, mußte er sich vorzeitig in einen Lasen verwandeln, der nun über Stock und Stein dem Platze zu¬ lief, wo das Leer des Königs lag, der schon im Begriffe war, dem Feinde zu erliegen, denn er hatte bisher vergeblich auf Marsi gewartet, der ihm den Ning überbringen sollte. Aber die Königstochter hatte unsern Leiden nicht umsonst gewarnt. Einer seiner Kriegskameraden, der von Neid entbrannt war, hatte sich hinter ein Zelt versteckt, um den Lasen zu erschießen, wenn er herangelaufen käme. Als nun der Lase in wildem Laufe herbeigesprungen kam, krachte ein Schuß und Marsi lag tot hin- gestreckt auf dem Felde. -V Sogleich sprang der Soldat hinzu, riß ihm den Ring aus dem Maule und überbrachte ihn dem König, der nun sogleich die Feinde schlug und seinem Netter, der ihm den Ning gebracht hatte, die Land seiner Tochter verhieß. Das feindliche Land wurde erobert und der König zog mit seinem siegreichen Leere triumphierend in die Residenz zurück. So¬ gleich führte er den Überbringer des Ringes in das Gemach seiner Tochter und sagte: „Lier ist derjenige, dem ich den Sieg verdanke und dem ich zum Lohne deine Land zugesagt habe. Schon morgen soll eure Lochzeit stattfinden." Aber die Königstochter wollte den falschen Marsi nicht heiraten; sie weinte und jammerte, als sie die Worte ihres Vaters hörte, schloß sich in ihr Zimmer ein und wurde krank, so daß man die Lochzeit verschieben mußte. Unterdessen lag der arme Lase tot auf dem Felde und war schon nahe daran, eine Beute der Naben zu werden. Da ging der alte Bettler, dem Marsi einst seinen einzigen Pfennig geschenkt hatte, vorüber und sagte zu dem toten Lasen: „Steh auf und lebe! Rüttle und schüttle dich und eile, so schnell du kannst, ins Königs¬ schloß. Ein anderer steht an deiner Stelle; wenn du nicht eilst, ist alles verloren!" Im Nu stand der Lase wieder lebendig auf. seinen vier Beinen, Marši. 173 lief wie der Wind übers Feld, schwamm als Hecht durch die Theiß und kam als Taube in die Königsburg geflogen. Doch der König wollte ihm nicht erkennen, als Marsi sich wieder in einen Menschen verwandelt hatte, denn der Betrüger hatte des Herrschers Ver¬ trauen gewonnen. Nun sagte der wahre Marsi: „Führe mich zu deiner Tochter, o König, sie soll entscheiden, welchem von uns sie den Ning ge- gegeben hat." Als die Prinzessin Marsi erblickte, rief sie aus: „Dies ist mein Bräutigam, ihm und keinem andern hab' ich den Ning gegeben." Dann sagte sie zu ihrem Vater: „Befiehl du doch einmal diesem Betrüger da, sich in einen Hasen, in einen Fisch und in eine 'Taube zu verwandeln, wie es mein lieber Marsi ge¬ tan hat." Der König befahl es, aber der falsche Bräutigam stand wie ein Stock so steif da und. rührte sich nicht. Marsi aber rüttelte . und schüttelte sich und saß im nächsten Augenblick dem Königs¬ töchterlein als Taube auf dem Schoß und sagte zu ihr: „Fasse die Federlein - Wieder mir ein!" Da holte die Prinzessin ihr Schächtelchen, nahm die Federn heraus und fügte sie wieder in die Flügel dort, wo sie fehlten. Dann wurde gus der Taube ein silberner Hecht und man hörte deutlich die Worte: „Nun, Königstöchterlein, Seh mir die Schuppen ein!" Die Prinzessin nahm die acht Silberschuppen aus dem Käst¬ chen und setzte sie genau an die Stelle, wo sie dem Fische fehlten. Flugs- war der Fisch verschwunden und ein Hase stand vor der Königstochter, der zu ihr sagte: „Nun setz mein Schwänzelein Mir wieder ein!" Die Prinzessin tat es, und alle hatten sich so überzeugt, daß Marsi wirklich den Zauberring aus dem Schlosse geholt hatte; der schändliche Betrüger wurde entlarvt und der König ließ ihn hinrichten. 174 Sagen aus Ungarn. Marsi aber heiratete das Königstöchterlein und der König gab ihni das dem Feinde abgenommene Land zur .Herrschaft. Dort lebte er noch lange und glücklich, wie die Sage uns erzählt und wie wir ihr wohl glauben dürfen. Die Zauberroffe. (Sage aus Ungarn.) Ungar liebt die weiten Ebenen seines schönen Vaterlandes, die sich im Frühling mit dem zarten Heidegras bedecken und über denen im Sommer die wolkenlose Bläue des Himmels sich spannt, der dann wie eine Riesenglocke über der Heide hängt, die im heißen Sonnenbrände flimmert und glitzert. Dann äffen den müden Wanderer die Zauberbilder der Fee Döli-Bäb (Fata Morgana) und täuschen ihm blühende Gärten und vieltürmige, blinkende Städte vor. Wenn er diesen Luft¬ spiegelungen nachjagt, kann es sein, daß er nach meilenweiter Wanderung zu einem melancholischen Ziehbrunnen in der Nähe einer einsamen Heideschenke gelangt, aus der die schwermütigen Klänge einer Zigeunerfledel hervortönen. Aber viel lustiger ist es noch, auf flinkem, feurigem Rosse über die endlose Puszta zu stürmen und den Hauch der Freiheit in vollen Zügen einzuatmen. Deshalb ist auch der Csikos, der mutige Pferdehirt, der schon als Knabe die wilden Hengste der Heide mit dem Lasso ein¬ fängt und, die Fäuste in die Mähne einkrampfend, sie ohne Sattel und Bügel über die Heide treibt, bis sie todmüde und schaum¬ bedeckt zusammensinken, eine Lieblingsgestalt des Volkes und wird in Liedern und Sagen gefeiert. Und gern erzählen die Sagen der Magyaren von edlen Rossen, die mit dem Winde an Schnelligkeit wetteiferten, und von mutigen Prinzen, die auf ihnen durch die Welt flogen und über¬ menschliche Wundertaten vollbrachten. Ein solches echt ungarisches Volksmärchen will ich euch jetzt erzählen. Die Zauberrosse. 175 In alter Zeit, als Lerzog Arpad im Lande herrschte, lebte auch im Innern Ungarns ein Fürst; der hatte drei Töchter und ein Söhnchen. Da er aber nicht sehr reich war und nicht allzu¬ viel Land sein eigen nannte, war der Knabe unglücklich, daß seine Schwestern so lange nicht heirateten, weil er fürchtete, das Erbe des Vaters mit ihnen teilen zu müssen. Als daher eines schönen Morgens jemand ans Fenster seines Vaterhauses pochte und sagte: „Öffne mir, ich will dein ältestes Schwesterchen heiraten!" da war er sogleich bereit und schob sein Schwesterchen zum Fenster hinaus. Es war aber niemand ge¬ ringerer als der Sonnenkönig, der angepocht hatte, und dieser führte die Schwester sogleich über eine goldene Brücke mitten in die Sonne hinein. Gegen Mittag klopfte es wieder ans Fenster und eine Stimme ließ sich vernehmen: „Mache auf, ich will deine zweite Schwester- Heiraten!" Wieder schob sie der Knabe hinaus und sie fiel in einen Wagen, den vier schnaubende Rosse zogen und dessen Räder wie Sturm rollten. Es war nämlich der König der Winde, der sie in sein luftiges Reich entführte. Nun war nur noch das jüngste Schwesterlein im Lause; aber am Abend pochte ein goldener Finger ans Fenster. Als der Knabe öffnete, stand der Mondkönig draußen und ein silbernes Wägelchen nahm die Schwester auf und verschwand mit ihr im Glanze des Mondes. Nun war der Knabe mit den Eltern allein im Lerrenhause und wuchs zu einem schönen und starken Jüngling heran. Da sagte der Vater zu ihm: „Du hast so mächtige Schwäger, nun mußt du dir auch eine reiche und schöne Prinzessin zur Frau nehmen; geh also in die Welt Hindus und such dir eine solche." Nun aber ging damals im ganzen Lande die Sage von der schönen, aber grausamen Zauberhelene herum. Diese und keine andere wollte der mutige Jüngling zur Frau. Darüber erschraken die Eltern sehr; weil er aber von seinem Vorhaben nicht abzu-- bringen war, ließ ihn der Vater endlich ziehen, nachdem er ihm beim Abschiede zwei Flaschen mitgegeben hatte. „Sieh, mein Sohn," sagte der Vater zu ihm, „in dieser einen 176 Sagen aus Lngarn. Flasche ist das Wasser des Lebens; wenn du damit einen Toten anspritzt, so wird er sogleich lebendig. Die andere Flasche enthält das Wasser des Todes. Wer damit angespriht wird, sinkt augen¬ blicklich leblos zu Boden. Nimm diese Flaschen, lieber Sohn, sie werden dir nützlich sein." So hing sich denn unser junger Leid die beiden Flaschen um, nahm seinen guten Säbel an sich und wanderte in die Welt hinaus, um die Zauberhelene zu suchen. Gegen Abend kam er auf ein Feld, auf dem viele Erschlagene lagen. Er spritzte einen der Toten mit seinem Wasser des Lebens an und sogleich erhob sich dieser vom Boden und stand lebend vor dem Jüngling. Dieser fragte ihn, was diese Menge von Toten zu bedeuten hätte. „Unser König," erwiderte dieser, „hat drei große Leere aus- geschickt, um die Zauberhelene zu besiegen; denn er wirbt um ihre Land, die sie nur demjenigen reichen will, der sie im Kampfe be¬ siegt. Aber sie hat uns alle überwunden und drei Leere liegen hier erschlagen auf dem Felde." „Wo ist das Schloß dieser Zauberin?" fragte nun unser Jüngling, dem der Mut aus den feurigen dunklen Augen leuchtete. „Dort drüben über jenem Berge liegt ihr Schloß," antwortete der Gefragte, „aber wehe jedem, der sich ihr zu.nähern versucht." „Ihr seid alle Feiglinge gewesen," sagte stolz unser Leld, „und auch du verdienst nicht am Leben zu bleiben." Er bespritzte ihn mit dem Wasser des Todes und der Krieger sank lautlos zu Boden. Argilus aber — so hieß der Jüngling — kam bald darauf ins Schloß der Zauberin, dessen Pforten alle offen waren. In einem Saale hing ein Säbel, dessen Klinge unaufhörlich aus der Scheide fuhr. „Ei," dachte der Jüngling, „du gefällst mir besser als mein Schwert, das immer wie tot in der Scheide ruht." Er nahm den Säbel und besiegte damit die Zauberin, die im nächsten Augenblick in strahlender Schönheit vor ihm stand. „Ich will deine Frau werden, schöner Jüngling," sagte sie zu ihm, „denn du bist stärker und mutiger als alle, die bisher um mich geworben haben. Nur für kurze Zeit muß ich dich verlassen. Bleibe unter- Die Zauberrolle. (Seite 177.) Die Zauberrosse. 177 dessen in meinem Schlosse, dessen Dienerschaft dir untertänig sein wird. Nur das letzte Zimmer des Schlosses betritt nicht; es könnte dir daraus Unheil erwachsen. In siebenmal sieben Tagen bin ich wieder zurück und dann wollen wir unsere Lochzeit feiern." So blieb denn Argilus allein im Schlosse zurück und durch¬ wanderte ruhelos die prächtigen Räume. Als er einmal an das Türlein des letzten Zimmers gelangte, trieb ihn die Neugierde, es zu öffnen. Da sah er einen alten Mann, dessen Leib mit drei Reifen von Stahl an die Mauer angeschmiedet war. Wie Feuer umwallte ihn ein mächtiger Bart, aus dem Funken hervorstoben. „Sei gegrüßt, edler Jüngling," sprach der Greis aus seinem Feuerbarte heraus; „mir ist so heiß, gib mir einen Becher Wein zu trinken." Argilus hatte Erbarmen und gab dem Alten den erbetenen Trunk. Kaum hatte dieser den Becher geleert, so sprang einer der Reifen, die seinen Leib umklammert hielten. „Labe Dank, mein Leld, reich' mir noch einen Becher," murmelte der Alte, „die Litze, die von meinem Barte ausströmt, ist zu groß." Als er den zweiten Becher geleert hatte, sprang auch der zweite Reif. „Nun bitte ich dich noch um einen Trunk Wasser, denn die Glut, die mein Inneres verzehrt, ist noch nicht gelöscht." Auch dies reichte ihm der junge Leld, aber im selben Augen¬ blicke sprang auch der dritte Reif entzwei und der Alte verschwand in einem Flammenmeere, das ihn umwallte. Argilus hatte nicht gewußt, daß er den Feuerkönig befreit hatte, dessen Leere die Zauberhelene besiegt und den sie selbst an¬ geschmiedet halte. Nun war sie wieder in seiner Gewalt und mußte im Glutbache das Küchengerät des Feuerkönigs als niedrige Dienerin reinigen, denn sie weigerte sich beharrlich, seine Gemahlin zu werden. So waren die siebenmal sieben Tage verstrichen und Zauber¬ helene kehrte nicht in ihr Schloß zurück. Da machte sich Argilus auf und besuchte seine Schwäger, ob er von ihnen nicht erfahren könnte, wo Lelene sich aufhalte. Doch weder der Sonnenkönig noch der Fürst des Mondes wußten etwas Sm olle, Sagenbuch. 12 178 Sagen aus Ungarn. auszusagen; nur der Windkönig verriet ihm, daß der Fürst des Feuers Lelene in einer unterirdischen Löhle gefangen halte und daß er selbst ihr häufig Kühlung zugefächelt habe, wenn sie am Glutbache stand und das Geschirr reinigen sollte. Sogleich sattelte Argilus sein schnellstes Pferd und ritt in die Löhle, wo er wirklich seine Braut fand, die vor Freude, ihn zu sehen, das Küchengerät in den feurigen Bach fallen ließ. Aber Taigaröt, das Wunderroß des Feuerkönigs, das neun Füße hatte und reden konnte, verriet seinem Lerrn, daß Argilus Lelene entführt habe. Der König schwang sich auf dieses Roß und im nächsten Augenblicke schon hatte er die Fliehenden ereilt. „Diesmal will ich dich noch verschonen," sagte er zu Argilus, „weil du mich befreit hast, aber Lelene soll noch .härteres erdulden als bisher, wenn sie sich weigert, meine Frau zu werden." Er riß sie zu sich auf den Rücken des Taigaröt und Argilus blieb voll Gram und Schmerz zurück, denn es gab keine Möglich¬ keit, Taigaröt zu verfolgen. Traurig ging Argilus wieder zu seinen Schwägern und er¬ zählte ihnen die Ursache seines Kummers; die Schwäger berat¬ schlagten miteinander und sagten schließlich zu dem jungen Lei¬ den: „Du brauchst ein Pferd, das schneller ist als Taigaröt, aber es gibt nur ein solches in ganz Ungarn: das ist Taigaröts jüngerer Bruder Tatos; er hat zwar nur vier Füße, aber mit diesen läuft er geschwinder als Wind oder Feuer." „Wo ist dieses Rößlein?" fragte Argilus. „Ich muß es haben, koste es, was es wolle." „Das Pferd gehört der Lere Eisennase," entgegneten die Schwäger; „die hält es tief unter der Erde; versuche, ob du es ihr zu entreißen vermagst." „Führt mich zu ihr," sagte Argilus, „wenn ihr es vermögt." „Wohl," entgegneten die Schwäger, „wir werden es tun. Zu¬ vor aber nimm noch dieses Geschenk von uns dreien an; es wird dir gute Dienste leisten." Und mit diesen Worten überreichten sie ihm ein Stäbchen; das war halb aus Gold, halb aus Silber und zitterte unaufhör¬ lich; es war aus Sonnenlicht, Mondschein und Wind gemacht. Die Zauberrosse. 179 „Sobald du unser bedarfst," sagten die Schwäger, „so stecke dieses Stäbchen in die Erde und wir werden zu deiner Äilfe bereit sein." Lierauf nahm der Sonnenkönig seinen Schwager auf einen Sonnenstrahl und trug ihn einen ganzen Tag über die Erde; dann nahm ihn der Mondkönig und trug ihn die Nacht hindurch und dann reiste er mit dem Windkönig einen ganzen Tag und eine ganze Nacht und endlich war er beim Palast der Lexe Eisennase. Dieser war ganz aus Totenköpfen aufgebaut; nur ein einziger fehlte noch, um das Gebäude zu vollenden. Als Lexe Eisennase unfern jungen Lelden sah, freute sie sich sehr. „Nun werde ich den letzten Schädel bekommen, auf den ich schon dreihundert Jahre warte." Sie stellte sich aber freundlich und fragte den Jüngling, was er wolle. „Ich will dein Pferd Tatos, das du unter der Erde hältst," erwiderte dieser, den das furchtbare Aussehen der Lexe nicht schreckte. „Es sei dein Lohn," sagte diese und verzog ihr häßliches Ge¬ sicht zu einem arglistigen Lächeln, „wenn du mir drei Tage dienst und alles ausführst, was ich dir auftrage. Du kannst gleich be¬ ginnen: am ersten Tage mußt du meine ehernen Rosse auf die Seidenweide treiben, und wenn du abends heimkehrst, darf kein Stück von der Lerde fehlen, sonst bist du des Todes." Nun bestieg Argilus eines der Rosse und trieb die andern auf die Seidenweide. Liber kaum waren sie dort angelangt, so warf das Pferd den Argilus in ein tiefes Moor, so daß er bis zur Brust darin versank, und die andern Rosse stoben auseinander. Da steckte der Jüngling das Stäbchen, das Geschenk seiner Schwäger, in die Erde und sogleich brannten die Strahlen der Sonne so glühend auf die Erde wieder, daß das Moor rasch trocknete und die ehernen Pferde zu schmelzen anfingen. Voll Angst liefen sie in den Stall zurück und die Äexe Eisennase war sehr erstaunt, als sie des Abends alle Pferde beisammen fand. „Morgen," sagte sie, „mußt du meine zwölf Rappen hüten; sieh zu, wie du dies fertig bringst, sonst bist du des Todes." Die zwölf Rappen aber waren die Töchter der Lexe und eines der Pferde sagte voll Mitleid zu Argilus: „Du mußt leider 180 Sagen aus Angarn. sterben, denn wir sind viel schwerer zu bändigen als das Erzgestüte." Und schon liefen sie auseinander in alle Richtungen des Windes. Aber Argilus steckte abermals sein Stäbchen in den Boden und sogleich erhob sich ein so heftiger Sturm, daß die zwölf Rappen nicht gegen ihn anzukämpfen vermochten und zitternd in ihre Lürde zurückliefen. Voll Ingrimm ergriff Lexe Eisennase eine eiserne Leugabel und schlug damit ihre Töchter; zu Argilus aber sagte sie: „Warte nur, jetzt steht dir noch das Schwerste bevor; du mußt sterben, wenn du die Arbeit nicht ausführst. Noch diese Nacht mußt du meine ehernen Pferde melken. Geh sogleich an die Arbeit!" Argilus begab sich in den Stall und steckte wieder sein Stäb¬ chen in die Erde. Sogleich meldete sich sein Schwager, der Mond¬ könig. „Sei getrost, lieber Schwager, wo ich in den Stall hinein¬ schaue, dort grabe drei Spannen tief und du wirst einen goldenen Zaum finden; wenn du den in der Land hältst, wird dir jedes Roß willig gehorchen." So war es auch der Fall und alle ehernen Stuten ließen sich gutwillig melken. Als die dampfende Milch bereit stand, sagte Lexe Eisennase zu Argilus: „Nun setze dich hinein und nimm ein Bad." Der Jüngling aber traute der Lexe nicht und sagte: „Führe zuerst das Pferd Tatos her, das du mir als Lohn verheißen hast." Die Lexe mußte gehorchen, aber Argilus war sehr erstaunt, als das Pferd vor ihm stand, denn es war klein und unansehnlich und voller Schmutz. Sogleich steckte das Pferd seinen Kopf in die dampfende Milch und sog alles Feuer aus ihr heraus. Nun stieg der junge Leld in die Wanne, und als er das Bad verließ, war er sieben¬ mal schöner als zuvor. Nun wollte auch die Lexe sich verjüngen und stieg in die mit Milch gefüllte Wanne. Aber das Pferdchen steckte wieder seinen Kopf hinein und blies alles Feuer aus den Nüstern, das es früher herausgezogen hatte, so daß die Lexe elend verbrannte. Nun schwang sich Argilus auf den Rücken des Rößleins. Als sie an einen Bach kamen, sagte dieses zu seinem Reiter: Die Zauberrosse. I8l und warf den Flammenkönig „Wasche mich in diesem Bache!" Argilus erfüllte den Wunsch des Rößleins und dieses wurde goldfarben und an jedem Laar seiner Mähne hing ein goldenes Glöcklein. Mit einem Sprunge trug es seinen Reiter über das Meer und im Nu stand es vor der Sohle des Feuerkönigs und wieherte. Argilus fand Selene wieder am Glutbache; er hob sie aufs Pferd und sauste mit ihr davon. Als aber Taigaröt, das neunfüßige Wunderpferd des Flammen¬ königs, das Wiehern gehört hatte, wurde es unruhig und sagte zu seinem Serrn: „Ich habe meinen jüngeren Bruder wiehern gehört. Niemand kommt ihm an Schnelligkeit gleich." Da stieß ihm der Flammenkönig die Feuersporen in die Flanken, daß Taigaröt im rasenden Laufe davonsprengte. Schon sahen sie in der Ferne das Rößlein, das Argilus und Selene auf seinem Rücken trug; immer geringer wurde die Entfernung zwischen ihnen, doch Taigaröt konnte seinen Bruder nicht einholen. Als er ihm auf Gehörweite nahe gekommen war, wendete sich Tatos um lind sagte: „Bruder, warum läßt du dir mit den feurigen Sporen deine Rippen verbrennen? Gib die Verfolgung auf, du wirst mich doch nie ereilen. Wirf deinen grausamen Reiter ab; es ist besser, wir beide dienen dem jungen Seiden, den ich auf dem Rücken trage." Taigaröt folgte diesem Rate ab, so daß er sich das Genick brach. Argilus aber feierte bald dar¬ auf Lochzeit mit Zauberhelene und pflegte die beiden treuen Rosse, die ihn gerettet hatten, bis ans Ende des Lebens. Ungarn ist noch jetzt die Sei- mat vieler edlen, feurigen Rosse, die über seine Puszten dahinstür¬ men; aber freilich einen Taigaröt und Tatos wird man nicht mehr unter den Serden finden. 182 Sagen aus Angarn. Aschenbrödel. (Sage aus Ungarn.) /^»in Bauer hatte drei Söhne; von denen wurde der jüngste Aschenbrödel genannt, denn er galt als einfältig und saß meistens im Aschenwinkel beim Lerde. Eines Tages schickte der Bauer seinen ältesten Sohn in den Weingarten, um die Trauben zu hüten, die in diesem Jahre eine besonders gute Lese zu geben versprachen. Als nun der Bauernsohn im Weingarten saß und in die Sonne blinzelte, sah er auf einmal eine wunderbar schillernde Kröte, die ihn um ein Stück Brot bat, das er in der Äand hielt und von dem er soeben einen großen Bissen verschluckt hatte. „Ja, das Aschenbrödel. 183 fiele mir ein," antwortete der Junge, „mit einem so ekelhaften Tier mein Frühstück zu teilen. Schau nur, daß du fortkommst, sonst erschlag' ich dich." Und die Kröte hüpfte davon, ohne ein Wört- lein zu entgegnen. Weil es aber sehr heiß war, schlief der Junge ein, und als er erwachte, war der halbe Weingarten zertreten und zerstampft und die Trauben zugrunde gerichtet. Da wurde der alte Bauer sehr böse und am nächsten Tage schickte er seinen jüngeren Sohn in den Weingarten und trug ihm auf, ihn ja besser zu behüten, als der Bruder es getan. Aber auch diesem erging es ähnlich wie dem Ältesten. Auch er verjagte die Kröte, als sie ihn um ein Stückchen seines Frühstücksbrotes bat; auch er schlief ein und fand den Weingarten nach seinem Erwachen greulich verwüstet. Nun sagte der Jüngste, der immer im Aschenwinkel neben dem Äerde hockte: „Vater, schicke mich hinaus in den Weingarten; ich will dir die Trauben gut behüten." Der Vater tat es, obwohl er wenig Loffnung hatte, daß dem einfältigen „Aschenbrödel" gelingen werde, was die beiden älteren und klügeren Söhne nicht zustande gebracht hatten. Auch dem Jüngsten kroch die bunte Kröte zu, als er seinen Aschenkuchen aus der Tasche genommen hatte, um ihn zu verzehren, und bat ihn um ein Stückchen. Der mitleidige Junge gab ihr gern ein großes Stück, und als sie es verzehrt hatte, schenkte sie ihm zum Danke dafür drei Gerten, eine kupferne, eine silberne und eine goldene. „Bald werden," sagte die Kröte zu ihm, „drei Pferde heranstürmen, eines rot wie Kupfer, das zweite wie Silber schim¬ mernd und das dritte starrend von Gold. Aber fürchte dich nicht, berühre sie nur mit den Gerten und sie werden dem Weingarten nichts anhaben, sondern dir gehorchen und dir zu Diensten sein, sobald du sie brauchst." Wirklich geschah alles, wie die Kröte es vorausgesagt hatte. Der zerstampfte Weingarten richtete sich wieder auf und die Trauben gaben eine reichliche Lese. Darüber freute sich der Vater, doch der Jüngste sagte weder ihm noch den Brüdern, wie er die Trauben behütet hatte. 184 Sagen aus Angarn. Am nächsten Sonntag ließ der König eine hohe Tanne, die höchste des Waldes, vor der Kirche aufrichten und auf den Wipfel des Stammes einen goldenen Rosmarin aufstecken. Auch versprach er dem die Land seiner Tochter, der vom Rücken seines Pferdes aus mit einem Sprunge den Rosmarin erreichen könnte. Da kamen viele Ritter und Edle, aber keinem einzigen gelang der Sprung. Endlich sprengte auch ein Gewappneter heran, dessen Rüstung war ganz aus Kupfer, ebenso auch der Lelm, dessen Visier er Herabgelaffen hatte; auch saß er auf einem Pferde, das wie rotes Kupfer glänzte. Mit leichtem Sprunge erreichte der ge¬ heimnisvolle Ritter den Rosmarinzweig und verschwand darauf, wie wenn ihn der Erdboden verschluckt hätte. Zu Lause erzählten die Brüder des Bauern ihrem jüngsten, den sie daheim im Aschenwinkel gelassen hatten, das Geschehene. „Ich habe es besser gesehen," meinte darauf der jüngste. — „Von wo denn?" fragten sie erstaunt. — „Vom Zaune," erwiderte er, und sogleich ließen sie den Zaun niederreißen, damit er ein ander¬ mal nichts mehr sehen könnte. Am folgenden Sonntag ließ der König auf die Spitze der Tanne einen goldenen Apfel aufstecken und verkünden, wer ihn im Reiten herunterhole, den wolle er zu seinem Schwiegersohn machen. Wiederum mühten sich Lunderte von Rittern vergeblich, den Apfel zu holen. Dies gelang erst einem, der zum Schluffe in einer Rüstung, die ganz aus Silber war, auf einem silberschim¬ mernden Pferde einhersprengte. Er nahm den Apfel, aber im nächsten Augenblick war er verschwunden. Dies erzählten die beiden älteren Söhne zu Lause; doch der jüngste sagte wieder: „Ich habe es besser gesehen als ihr." — „Von wo denn?" fragten sie darauf. — „Vom Stalle," wall die Antwort. Deshalb rissen sie den Stall nieder, damit er das nächstemal nichts mehr sehen könne. So kam der dritte Sonntag. Da ließ der König ein Tuch aus goldenem Gespinst auf einem Tannenbaum befestigen, der noch höher war als der frühere, und verkündete dasselbe wie die beiden ersten Male. Es fanden sich wieder viele Ritter, die begierig waren, den Aschenbrödel. l8S Preis zu erringen; doch es erschien unmöglich. Da sprengte auf goldfarbenem Rosse ein Ritter heran, dessen goldene Rüstung im Sonnenlichte wunderbar glänzte. Leicht holte er sich das Tüchlein von der Spitze des riesig großen Baumes, aber als der König ihn beglückwünschen wollte, waren der goldene Ritter und sein goldenes Roß verschwunden. Als die Brüder dem „Aschenbrödel" das Geschehene erzählten, meinte dieser wieder, er habe alles besser gesehen. „Von wo denn?" fragten sie neidisch. — „Vom Giebel aus", entgegnete der Jüngste. Nun ließen sie auch diesen abtragen aus lauter Neid, und das Laus hatte nun kein Dach, keinen Zaun und keinen Stall. Niemand aber wußte, wer den Rosmarin, den goldenen Apfel und das kostbare Tuch von der Tanne herabgeholt hatte. Da ließ der König verkündigen, der Ritter, der sich seine Tochter verdient hätte, möge sich doch melden und das Rosmarin- zweiglein, den Apfel und das Tuch von Goldgespinst mitbringen. Doch kein Ritter meldete sich. Der König entbot nun alle Männer an seinen Los, doch auch unter ihnen war der Sieger mit den drei Preisen nicht. Erst ganz zuletzt kam ein Ritter in goldstrahlender Rüstung auf einem wunderschönen, goldglänzenden Pferde an den Los geritten. Als er das goldene Visier aufgeschlagen hatte, waren alle er¬ staunt, denn der goldene Ritter war niemand anders als der jüngste Sohn des Bauern, den alle „Aschenbrödel" genannt hatten. Da er aber ein schmucker junger Mann war und noch dazu eine goldene Rüstung hatte und auf einem goldenen Pferde saß, so fand die Prinzessin einen großen Gefallen an ihm, als er ihr den Rosmarin, den Apfel und das Tuch überreichte. Nun wurde fröhliche Lochzeit gehalten und der brave Jüngste ließ seinen Brüdern das Laus wiederherstellen, den alten Vater aber nahm er zu sich aufs Schloß. Bald darauf starb der König und „Aschenbrödel" bestieg so¬ gar den Thron und wurde wegen seiner gerechten Negierung von allen seinen Untertanen geliebt und geehrt. 186 Sagen aus Angarn. Das Hirsekorn. (Sage aus Siebenbürgen.) n einem Gau des siebenbürgischen Sachsenlandes lebte einst ein armer, armer Junge. Dem waren Vater und Mutter gestorben und er hatte nichts geerbt als ein winziges Hirsekorn. Was sollte er im Heimatsdorfe machen, nachdem er seinem Mütterlein die Augen zugedrückt hatte? Er wollte sich die Welt besehen. So griff er also frisch zum Wanderstabe und steckte das Hirsekörnlein in die Tasche; denn von dem wollte er sich nicht trennen, war es doch das einzige Besitztum, das er sein eigen nannte. Als der Knabe an einem Hellen, freundlichen Sommermorgen so durch die taufrischen Wiesen wanderte, sah er auf einmal einen alten Mann vor sich stehen, der einen grauen Mantel trug und auf seine grauen Locken einen breiten Hut aufgesetzt hatte. Der Knabe grüßte den Alten freundlich. Ebenso freundlich erwiderte dieser den Morgengruß und fragte dann: „Wo geht es denn hm in aller Frühe?" — „Auf Reisen," sagte der Knabe treu¬ herzig, „aber ich habe mein ganzes Gut bei mir, das ist ein Hirse¬ korn; kann es mir nicht gestohlen werden?" „Sei unbesorgt, liebes Kind; du wirst es zwar verlieren, aber dabei gewinnen." So schritt denn der Knabe lustig fürbaß über Wiesen und Felder, durch Wald und Au, bis er gegen Abend zu einem Bauern¬ gehöft kam, wo er um Nachtherberge bat. Als er schlafen ging, legte er sein Hirsekorn aufs Fensterbrett und sprach zum Wirte: „Das ist alles, was ich besitze, kann es mir nicht gestohlen werden?" — Der Wirt aber entgegnete: „Sei nur ruhig, Bürschlein,"in meinem Hause wird dir kein Schaden zustoßen." So schlief denn der Knabe bis zum Morgen. Als die Sonne ins Zimmer leuchtete, sah er gerade, wie der Hofhahn aufs Fenster sprang und das Hirsekörnlein, das in der Sonne glänzte, aufpickte. Nun sing der Knabe zu weinen an, aber der Bauer tröstete ihn und schenkte ihm den Hahn, der das Körnlein verschluckt hatte. „Der Lahn ist dein, Lat er gefressen das Lirselein." Das Lirsekorn. 187 Frohgemut wanderte mm der Knabe weiter mit dein Lahn unter dem Arm, bis er des Abends wieder in ein Dorf kam und bei einem Bauern anklopfte. „Dieser Lahn ist mein ganzer Reichtum, wird er mir nicht gestohlen werden?" sagte der Knabe zum Bauern. „Sei nur ohne Sorge, Büblein, auf meinem Lose soll dir nichts Übles zustoßen," entgegnete der Bauer. Aber als sich der Knabe des Morgens den Schlaf aus den Augen rieb und in den Los hinausblickte, sah er plötzlich, wie ein feistes Schweinchen seinen Lahn beim Kragen packte und ihn zu Tode biß. Weinend lief der Knabe zum Bauern und jammerte: „O weh, Euer Schwein hat meinen schönen Lahn zu Tode gebissen." Aber das Bäuerlein tröstete ihn und sagte: „Nimm hin das Schwein, Es sei nun dein, Lat es den Lahn dir erbissen." So band nun der Knabe dem Schweinchen einen Strick um den Fuß und wanderte wieder weiter den schönen Sommertag hin¬ durch, bis er des Abends abermals zu einem Bauernhause kam und um Lerberge sür die Nacht bat. „Mein ganzes Lab und Gut ist dieses Schweinchen," sagte er zum Bauern, „es wird mir wohl nicht gestohlen werden?" „Sei unbekümmert, mein Söhnchen," erwiderte der Bauer, „auf meinem Los sollst du keinen Schaden erleiden." Als aber der Knabe spät am Morgen aufwachte, denn er hatte herrlich geschlafen, und vor das Laus hinaustrat, sah er sein Schweinchen tot vor sich liegen; die Kuh des Bauern hatte das fremde Tier mit den Lörnern zu Tode gestoßen. Der Knabe war tiefnnglücklichdoch der Bauer sagte freundlich: „Die Kuh ist dein, Lat sie das Schwein Dir erstoßen." Nun band der Knabe der munteren Kuh einen Strick um den Lals und trieb sie vor sich her mehrere Stunden lang, bis er ganz müde und matt zu einem stattlichen Edelsitz kam, vor dessen Tor gerade der reiche Gutsherr stand. 188 Sagen aus Angarn. Demütig lüpfte der Knabe sein Käpplein und bat den Edel¬ mann um Unterschlupf für diese Nacht, er sei so müde und könne nicht mehr weiter. „Diese Kuh," sagte er weiter, „ist mein ganzer Reichtum; wird sie mir nicht gestohlen werden?" Da lachte der Gutsherr und sagte: „Sei nur ohne Sorgen, mein armer Junge; auf diesem Edelhof ist noch keinem ehrlichen Wandersmann eine Unbill widerfahren, und schon gar nicht einem armen, braven Jungen, wie du einer zu sein scheinst." Noch nie hatte unser Vüblein so weich geruht wie in dem Prunkzimmer des Edelhofs; aber, o weh, auch seine Kuh fand er am nächsten Morgen tot. Als die Pferde des Edelhofs in der Frühe zur Tränke geführt wurden, hatte ein feuriger Äengst die fremde Kuh überrannt und sie kam so unglücklich zu Fall, daß sie verendete. Da sagte der Gutsherr zu dem weinenden Knaben: „Nimm das Roß für die Kuh And den Zaum noch dazu." Der Erbsenfinder. 189 Wer war nun glücklicher als unser Junge? Er schwang sich so¬ gleich auf das mutig wiehernde Nößlein und ritt nun in die weite Welt hinaus. Er ward ein großer Leid, der sich in manchen Kriegshändeln auszeichnete und schließlich sogar die Land einer schönen Königstochter gewann. Ja, wenn man Glück hat, kann man mit einem Lirsekorn im Vermögen sogar König werden, wie die Geschichte unseres Bauern¬ jungen lehrt. Freilich, nicht jeder hat solches Glück, aber es kommt nur aufs Probieren an. Versucht es einmal! Der Erbsenfinder. (Sage aus Siebenbürgen.) I nd nun will ich euch geschwind die Geschichte eines andern Jungen erzählen, der auch nicht dumm war uud dem das Glück gleichfalls zulächelte oder eigentlich schon mit dem ganzen Gesicht zulachte. Auch diese hübsche Geschichte trug sich im siebenbürgischen Sachsenlaude zu und wird dort vom Volke folgendermaßen erzählt: Ein Junge fand einmal eine Erbse. Das ist freilich nichts Besonderes; aber unser Junge glaubte doch, jetzt sei er weiß Gott wie reich und es könne ihm an nichts mehr fehlen. Denn wenn er jetzt die Erbse säe, könne er in einem Jahre eine Maß, über zwei Jahre einen Kübel, über drei Jahre hundert Kübel, über vier Jahre tausend Kübel und so immer mehr und mehr davon haben. Aber, fiel ihm ein, wohin sollte er daun seinen ganzen Reich¬ tum schütten? Da wollte er doch gleich zum Könige gehen und ihn bitten, ihm tausend Säcke zu leihen. Gedacht, getan. Der König hörte die Bitte des munteren Jungen freundlich an und fragte ihn ganz erstaunt, wozu er denn so viele Säcke brauche. „Für meine Erbsen," erwiderte der Junge keck und frohgemut. Da dachte der König, der Junge müsse doch gewaltig reick- fein, wenn er so viele Säcke brauche, und da er auch ein so frisches 190 Sagen aus Ungarn. und hübsches Gesicht hatte und von schöner, schlanker Gestalt war, hätte er ihn gar nicht ungern zum Schwiegersöhne gemacht, denn er hatte ein anmutiges Töchterlein, das schon in den richtigen Jahren stand, einen schmucken Bewerber zu erhören. Doch er wollte nichts übereilen. So wies denn der König unserm Bauernjungen zunächst ein Lager von Stroh an, damit er darauf der Ruhe Pflege. Er wollte ihn nämlich prüfen; denn er hatte gehört, wenn das Stroh unter einem Daraufliegenden immerfort raschle und rausche und der Schläfer im Stroh keine Ruhe finde, so sei dies ein sicheres Zeichen, daß der ins Stroh Gebettete nicht arm sei. Daher wies er einen Knecht an, bei der Türe zu lauschen, ob das Stroh, auf dem der Knabe lag, raschle. Das war aber der Fall, denn unser Junge hatte im Stroh seine Erbse verloren. Deshalb warf er es durcheinander, daß des Raschelns und Rauschens kein Ende war. Als dies dem König berichtet wurde, war er darüber herzlich froh; denn nun zweifelte er nicht mehr, daß der hübsche Junge sehr reich sein müsse. Deshalb sagte er am nächsten Tage zu ihm: „Wenn du nichts dagegen hast, so will ich dir meine Tochter zur Frau geben." Ihr könnt euch nun wohl denken, daß der gute Junge nichts dagegen hatte, sondern gleich herzhaft einschlug, als ihm der König seine Land entgegenstreckte. So wurde denn Lochzeit gefeiert und die nächsten Tage ver¬ flossen in eitel Jubel und Lust. Als aber der König, nachdem die Festlichkeiten verrauscht waren, unfern Lans zur Seite nahm und ihm sagte: „Nun will ich aber einspannen lassen, damit wir zu deinem Schlosse fahren und du uns alle deine Schätze zeigst," da wurde es unserm Lans doch ein wenig bang, obwohl er sich nichts davon merken ließ, sondern ein frohes Gesicht dazu machte. So wurde denn die goldene Königskarosse eingespannt. Der junge Prinz mußte sich zum alten König setzen und fort ging es im munteren Trabe der vier Rößlein hinaus vor die Stadt und in den Wald. Auf die Frage des Königs nach der Richtung, in der das Der Erbsenfinder. M Schloß seines Schwiegersohns gelegen sei, machte dieser eine mög¬ lichst unschuldige Miene und deutete ganz keck nach Norden; denn eigentlich war ihm ja alles eins, weil er weder im Norden noch im Süden oder Westen und Osten ein Schloß sein eigen nannte. Aber je länger man so dahinfuhr und je öfter der König fragte, wie weit es wohl noch nach dem Schlosse sei, desto un¬ ruhiger rückte Lans aus seinen: Sitze hin und her. Endlich hielt er's nicht länger aus; er sagte zum König, er müßte nur geschwind mit einem nahen Förster ein Wörtlein reden; er werde im Augen¬ blick zurück sein. Und er sprang aus dein Wagen und lief, so schnell er konnte, waldeinwärts, in steter Furcht, der Wagen des Königs werde ihm folgen. Auf einmal hielt ihn jemand beim Rockzipfel fest und fragte ihn, wohin er denn so laufe. Junker Lans entgegnete rasch, er müsse seinem Schwiegervater und seiner Frau, der jungen Königstochter, davonlaufen, denn er solle sie in sein Schloß führen und er habe doch keines und sei ein armer Bauernjunge. „Wenn's so ist," meinte der Fremde und lächelte ganz so höhnisch, wie der Teufel zu lächeln pflegt, „so brauchst du nicht davonzulaufen. Siehst du in der Ferne zwischen den Bäumen das Schloß? Das gehört dir und neun Schweine noch dazu. Nur eine Bedingung stelle ich: Wenn ich nach sieben Jahren wiederkomme und dir neun Fragen vorlege und du bleibst mir nur auf eine einzige die Antwort schuldig, so gehörst du mir mit Laut und Laaren, wie du bist. Jst's dir recht?" Unser Junker sagte nicht nein, denn er hatte Eile, und das Schloß in der Ferne nahm sich recht stattlich aus. Der Fremde verschwand und Lans lief eiligst zum Wagen zurück, wo der König und sein Töchterlein schon recht ungeduldig warteten und den Junker nicht eben freundlich empfingen. Aber ihre Laune wurde rasch wieder besser, als man nun in das Schloß einfuhr, dessen Zinnen im Abendlicht glänzten und dessen Gemächer alle gar prächtig eingerichtet waren. So lebte denn Lans mit seiner jungen Frau herrlich und in Freuden in dem schönen Schlosse. Je näher aber das Ende des siebenten Jahres heranrückte, desto übler wurde es Lansen zumute, 192 Sagen aus Angarn. und als er so an einein Winterabend recht traurig durch den Garten ging und seine üble Lage bedachte, stand plötzlich ein altes Männlein vor ihm und fragte ihn freundlich, warum er wohl so in Gedanken sei. Da faßte Lans Vertrauen und erzählte dem Alten ganz ge¬ nau, wie es um ihn stehe und was ihn erwarte. Da meinte der Graue: „Fasse nur Mut; ich will dir schon gute Gedanken ein¬ geben, daß du auf jede Frage die richtige Antwort findest." So war denn Lans getröstet, und als am letzten Jahrestage der Fremde aus dem Walde sich wirklich pünktlich einstellte, hatte Lans guten Mut und antwortete ganz keck und ohne Zaudern auf die Fragen des Teufels; denn der war es, dem er sich ver¬ schrieben hatte. Die erste Frage aber lautete: „Was ist eins und ist viel wert?" Prompt kam die Antwort: „Ein guter Brunnen auf dem Los ist dem Lauswirt viel wert." Mit dieser Antwort war der Teufel zufrieden und er fragte sogleich weiter: „Was ist zwei und läßt sich schwer entbehren?" Flugs antwortete Lans: „Wer zwei gesunde Augen hat, dem steht die Welt und der Limmel offen; wer sie verliert, dem sind beide verschlossen." Nun fragte der Teufel, der schon ärgerlich wurde, weiter: „Was ist drei und läßt sich gut brauchen?" Alsbald erfolgte die Antwort: „Wenn jemand eine gute drei¬ zackige Gabel hat, so kann er gut essen und Leu machen." Und so ging's fort, Frage um Frage und Antwort um Antwort. „Was ist vier und ist sehr nützlich?" „Wer vier starke Räder am Wagen hat und vier stinke Pferde davor, kommt rasch vorwärts." „Was ist fünf und ist ein nützlich Ding?" „Wer fünf Ochsen hat, kann eine große Last auf seinen Wagen aufladen; denn wenn der vierte fällt, kann er den fünften einspannen." „Was ist sechs und macht glücklich?" „Wer sechs Joch Acker besitzt, hat ein gutes Einkommen und braucht nicht betteln zu gehen." Der Erbsenfinder. 183 „Was ist sieben und ist was recht Gutes?" „Wer sieben tüchtige Söhne hat, kann alle Arbeit im Jahre bestellen und sich dessen freuen." „Was ist acht und macht was Rechtes ans?" „Acht Mädchen geben eine rechte Gesellschaft." Nun wurde der Teufel ganz wütend, denn er hatte sich nie¬ mals solcher klugen Antworten versehen. „Warte nur," sagte er, „nun kommt noch die neunte Frage, und wenn du darauf keine Antwort weißt, mußt du mit mir; es hilft dir kein Sträuben und Zappeln. Also, was ist neun und ist gleichfalls was Gutes?" Da lachte Sans und sagte: „Die neun Schweine im Stall, die du mir versprochen hast, sind was Gutes, nicht wahr? Und die sind nun mein und das Schloß auch dazu." Da mußte der Teufel wohl oder übel Fersengeld nehmen, und Äans hatte nun Ruhe vor ihm und lebte mit der Königstochter in Glück und Frieden und nach dem Tode seines Schwiegervaters wurde er sogar noch König. Und alles nur durch eine Erbse, die er einst auf der Straße gefunden hatte. Ja, man soll kein Ding gering achten, mag es auch uoch so klein und unscheinbar sein. Wer weiß, wozu es einst gut ist. Vielleicht^wird man gar König wie unser Lans. Smolle, Sagenbuch. 13 Fünfter Abschnitt. Sagen aus den südslawischen Ländern. Die Mutter und ihr dummer Sohn. (Sage aus Kroatien.) F^Lern sehen sich an langen Winterabenden die südslawischen Bauern um das offene Lerdfeuer, und wenn dann der süße Raki (Pflaumenbranntwein) die Runde macht, so lösen sich die Zungen und allerlei Geschichten von schlauen Räubern, die auch kühne Leiden waren, von schönen Vilen, die auf weißen Nossen durch die Berge reiten, werden erzählt; aber auch viel schnurrige Schwänke und lustige Geschichten, wie sie gerade in diesem oder jenem Dorfe im Umlauf sind. Lört auch einmal zu! Eine Mutter hatte einen Sohn, mit dem sie ihr wahres Kreuz hatte, denn er war wohl recht gutmütig, aber die Dummheit selbst. Einst ging sie zur Kirche und sagte zum Sohne: „Bleib du inzwischen zu Lause und gib acht, daß die Suppe nicht aus dem Topfe überläuft." Lans blieb zu. Lause; als aber die Suppe qualmte und brodelte und schon überzulaufen anfing, rannte unser Lans sporn¬ streichs zur Kirche und schrie aus Leibeskräften: „Mütterchen, komm nach Lause, die Suppe geht über!" Die Mutter schalt ihn aus Die Mutter und ihr dummer Sohin 195 und sagte: „Du bist ein rechter Einfaltspinsel; wenn du mir ein andermal etwas zu melden hast, so komm zu mir und flüstre mir's ins Ohr." Am nächsten Sonntag schärfte ihm die Mutter ein, er möge doch auf den Speck gut acht geben, damit ihn niemand stiehlt; denn der Winter wird dann ohnedies damit aufräumen. Da kam ein alter Mann und bettelte. Unser Laus, der diesen Mann für den Winter hielt, holte sogleich den Speck aus der Vorratskammer und gab ihn dem Alten, der sich flugs damit aus dem Staube machte. Ihr könnt euch denken, wie sich die Mutter über ihren Dummer¬ jan von Sohn ärgerte. Als die Mutter Sonntags wieder zur Kirche ging, sagte sie zu Lans: „Geh während meiner Abwesenheit in den Keller hinab und fülle zwei Flaschen mit Wein voll, damit wir zu Mittag uns daran gütlich tun; vergiß aber nicht, den Zapfen zuzudrehen." Wer aber aufs Zudrehen vergaß, das war unser einfältiger Lans. Nach einer halben Stunde erinnerte er sich daran; aber da war der Wein schon ausgeronnen und floß im Keller umher; vor der Keller-- tür stand ein Sack Mehl, den nahm unser Lans und schüttete ihn aus, um den Boden trocken zu machen. Als die Mutter nach Lause kam und die Bescherung sah, schlug sie die Lände über dem Kopf zusammen; diesmal aber be¬ gnügte sie sich nicht bloß mit dem Schelten, sondern sie bläute ihren einfältigen Sohn windelweich durch. Als sie zu Ostern wieder in der Kirche war, trug sie dem Sohne ganz besonders auf, das Laus ja gut zu behüten; doch ein Fünkchen war aus dem Schornstein aufs Strohdach gefallen und bald stand dieses lichterloh in Flammen. Nun lies Lans wieder zur Kirche, aber er rief nicht mehr laut, was geschehen war, sondern schlich sich ganz leise zur Mutter und flüsterte ihr ins Ohr: „Mütterchen, unser Laus brennt!" Als sie nach Lause kamen, war bereits das ganze Laus nieder- gebranut und die Mutter mußte mit dem Sohne zu fremden Leuten ziehen, und da sie ganz arm geworden war, schickte sie ihn aus, um milde Gaben zu erbitten. 196 Sagen aus den südslawischen Ländern. Einst brachte er einen Brotfladen nach Lause; weil er ihn aber so trug, daß alle Leute es sahen, sagte die Mutter zu ihm: „Ein andermal steck doch das, was du bekommst, in die Tasche!" Bald darauf erhielt Lans von einem Nachbar eine Lalbe Wein; er schüttete ihn sogleich in die Tasche. Als er nach Lause kam, sagte er srohgelaunt: „Mütterchen, ich hab' heute eine Lalbe Wein bekommen." — „Ja, wo hast du ihn denn?" fragte die Mutter, denn sie sah, daß er keine Flasche in der Land hielt. — Ganz ver¬ gnügt antwortete Lans: „Ich habe ihn in die Tasche geschüttet." — „Du bist aber doch wirklich unglaublich einfältig. Wenn du wieder etwas bekommst, so gib's doch in die Flasche hinein!" Als nun Lans einen Kuchen erhielt, zerkrümelte er ihn in ganz kleine Bröselchen und stopfte ihn so lange in eine Flasche, bis diese zerbrach. „Mit dir ist's wirklich nicht mehr auszuhalten," sagte die Mutter, „tu doch ein andermal die Sachen in den Ranzen!" Das schrieb sich unser Lans hinters Ohr, und als er das nächste- mal ein Kälblein erhielt, riß er ihm die Füße und den Kopf ab, damit er es nun in den Ranzen stecken könne. Aber es ging doch nicht hinein; so warf er es weg. „Mein Gott," jammerte die Mutter, „hast du es nicht an eine Schnur binden und herführen können?" Das ließ sich der gute Lans nicht zweimal sagen; als er den nächsten Tag ein Stück Butter erhielt, band er es an einen Strick und zog es nach Lause; aber eh' er damit heimkam, war es in der Sonne zerschmolzen. „Last du denn die Butter nicht fein säuberlich in ein Stück Papier einwickeln können?" schalt die Mutter, die schon ganz ver¬ zweifelt war. Deshalb wickelte unser Lans die zwölf Eier, die er am nächsten Tage erhielt, in ein feines Papier und stopfte sie in den Ranzen, wo sie natürlich jämmerlich zerquetscht wurden. Unser Lans aber lag der Mutter immer in den Ohren, er sei schon groß und wolle gern heiraten. Als er nun endlich ein Körbchen mit Trauben nach Laus brachte, ohne daß daran etwas geschehen war, sagte die Mutter: „Nun bist du gescheit genug! Geh vors Tor und wirf deine Augen nach allen Seiten; vielleicht findest du eine, die dich heiraten will." Die Brücke. 197 Lans ging aus dem Lause und sah eine Zigeunerin; die hei¬ ratete er. Er zog aber mit ihr in die Welt und man hat nichts mehr von ihm erfahren. Die Brücke. (Sage aus Kroatien.) Kohlenbrenner-Dörflein im Drlisch-Walde bei Gaj in Kroatien bestand nur aus einigen recht armseligen Lütten und die Leute, die darin wohnten, waren nicht minder arm. Auch einer, der mit Waren hausieren ging, wohnte in einer solchen niederen, strohgedeckten Lütte. Mit seinem bunten, kleinen Kram ging er meist schon früh am Morgen aus dem Lause, und erst wenn schon der Abendschein verglommen war und das erste Sternlein am Limmel sich zeigte, kehrte er, müde und matt vom Feilschen und Wandern, in sein Lüttlein zurück. Seine Frau war kränklich und mußte meist zu Bett liegen. Kein Wunder daher, daß Evchen, das einzige Töchterchen, fast immer sich selbst überlassen war und wie die wilde Lümmel oder der flinke Falter des Waldes aufwuchs und nichts lieber tat als heimliche Zwiesprache zu pflegen mit den Tierlein des Waldes, den uralten Bäumen, die in ihrem langen, langen Erdendasein schon so viel erlebt hatten, und den Blumen auf der Waldwiese, die viel schöner und leuchtender aussahen, wenn sie der Sonnen¬ strahl berührte, als die Blumen des Feldes, die immer im Lichte 198 Sagen aus den südslawischen Ländern. stehen und ihr Farbenkleid nicht so gut schützen und erhalten können. Etwas aber hatte Evchen doch noch lieber als das Lerunu streifen im Walde, das Laschen der glänzenden Schmetterlinge und das Pflücken süßer Beeren: das war, den Märlein und Sagen zu lauschen, die der alte Kohlenbrenner Jakob zu erzählen wußte. Eine Geschichte besonders ging ihr nicht aus dem Kopfe. Die fing aber so an*): „Es war einmal ein alter Mann, der hatte einen erwachsenen Sohn. Einst sagte der Greis zu seinem Sohne: ,Mein liebes Kind, du bist jetzt schon groß und stark genug, du kannst dir schon aus eigene Faust dein Brot verdienen, zieh in die Welt und suche dir einen Dienst/ Und der Junge zog in die Welt und kam in ein großes Dors, wo er bei einem reichen Bauern als Schafhirte in Dienst trat. Er mußte in der Frühe zeitlich die Schafe auf die Weide treiben. Die Lerde war unendlich groß; das ganze Tal war voll Schafe. Nun befand sich der Weideplatz jenseits des Flusses. Unglücklicherweise aber hatte nachts ein großer Sturm die Brücke, die über den Fluß führte, zerstört und nur ein sehr schmales Brett war übrig geblieben. Das Brett war aber so schwach, daß es nur je ein Schaf betreten durfte. Dem Lirten blieb daher nichts übrig, als ein Schaf nach dem andern langsam über das Brett ans andere Ufer hinüberzutreiben..." Jedesmal, wenn der Kohlenbrenner so weit in seiner Erzäh¬ lung gekommen war, machte er Miene fortzugehen. Aber jedesmal hielt ihn Evchen beim Rockzipfel zurück und fragte ganz erregt: „Ja, und was ist dann weiter geschehen? Erzähl doch weiter!" Worauf der Kohlenbrenner immer antwortete: „So warte doch, bis der Lirte alle Schafe hinübergetrieben hat." „Wann wird denn das sein?" fragte Evchen, die immer un¬ geduldiger wurde. *) Sagen und Märchen der Südslawen. Von vr. Friedr. S. Krauß. I. S. 275. Die Vila und der Jüngling. 199 „Ja, bis kein Schaf mehr auf dem einen Ufer sich befinden wird." Evchen war aber mit dieser Antwort nie zufrieden. Ihr seid es gewiß auch nicht, meine kleinen Leser. Aber ich kann euch nicht helfen. Grade so hat dieses Märchen vr. Krauß, der uns viele schöne Sagen und Märchen der Südslawen erzählt hat, von seiner Mutter oft und oft erzählen gehört. Und diese Mutter war niemand anders als Evchen, die Blume aus dem Drlischer Walde, wie man die wilde Kleine gern nannte. -W- Die Vila und der Jüngling. (Sage aus Kroatien.) Vilen sind die Elfen der Südslawen. Sie wohnen im Wasser oder in Wolken, luftige, lichtumslossene Gestalten, die sich oft schöner Knaben und tapferer Jünglinge annehmen und sie zu unbezwinglichen Lelden machen. Zuweilen verfangen sie sich mit ihrem wallenden Goldhaar im Gestrüppe des Waldes und sind dann dem Manne dienstbar, der ihre Locken von den Dornen löst. Lebte da ein armer Bauer, der viele Kinder hatte und nicht wußte, wie er ihnen Brot geben konnte. So ging er einmal traurig aus dem Lause und dachte über sein bitteres Los nach. Wie er so in Gedanken durch den Wald schritt, begegnete ihm auf einem Kreuzwege ein Fremder, der ihn aber mit Namen anrief und um das Elend des Bäuer¬ leins genau Bescheid zu wissen schien, denn er rückte sogleich mit einen: bestimmten Vorschlag heraus. „Weißt du was?" sagte der Jüngling zum Bauern, „überlaß mir dein jüngstes Söhnlein, das vor kurzem zur Welt gekommen ist; ich will dir dafür Geld geben, soviel du nur in deinen Taschen mittragen kannst. Du kannst mir s gleich hierher bringen; ich will auf dich warten." Der Bauer überlegte nicht lange und willigte ein, lief rasch in seine Lütte zurück, legte dem Knäblein den Taufschein und ein Gebetbuch auf die Brust und kehrte auf den Platz zurück, wo er 200 Sagen aus den südslawischen Ländern. den Fremden getroffen hatte. Mit dem Gelde ging er dann eilends wieder nach Lause. Der Böse aber (denn der Fremde war ein Abgesandter der Lölle) hatte keine Gewalt über das Kindlein, da es getauft und geweiht war. Er schlich nur in weiten Kreisen um das kleine Ge-- schöpfchen, das im Rasen lag, herum und getraute sich nicht, es anzugreifen. Plötzlich stieß ein Adler aus der Luft herab, nahm den Knaben auf seine Schwingen und trug ihn auf einen hohen Berg in das Reich einer wunderschönen Vila, die den Knaben aufzog, so daß er zu einem stattlichen und heldenhaften Jüngling emporwuchs. Die Vila wollte sich mit ihm vermählen, doch den Jüngling zog es fort aus den Bergen in die nahe Stadt, wo gerade damals ein Fest stattfand und viele Mädchen, selbst Prinzessinnen und Grafentöchter, versammelt waren. Der Jüngling bat die Vila, sie möge ihn in die Stadt ziehen lassen. Die Fee des Berges wollte ihm die Bitte nicht ab schlagen. Die Vila und der Jüngling. 20 l doch knüpfte sie an die Gewährung die Bedingung, er dürfe ihrer in der Stadt auch nicht mit einer einzigen Silbe Erwähnung tun. Als er aber in der Stadt die Mädchen sah und man ihn fragte, wie sie ihm gefielen, konnte er sich nicht enthalten, aus¬ zurufen: „Pah, was sind diese alle im Vergleich zur Vila in den Bergen!" Darüber waren die Äerren der Stadt ungehalten und sie sagten ihm, jetzt müsse er seine Vila auch in die Stadt bringen, sonst koste es ihm das Leben. So stieg er denn wieder auf die Berge und holte die Vila ab, die in einer herrlichen Kutsche mit ihm in die Stadt fuhr. Nun sahen wohl alle, daß sie weit schöner war als alle Mädchen der Ebene. Ihr goldenes Gewand war mit Tautropfen bedeckt, die im Feuer von Diamanten glänzten, und die Flut ihrer Locken umwallte sie gleich einem goldenen Mantel. Wenn sie den Wagen verließ, breitete sich von selbst ein samtener Teppich zu ihren Füßen aus, den sie mit ihren seidenen Schuhen kaum be¬ rührte, so leicht und elfenhaft schwebte sie dahin. Als sie aber wieder den Wagen bestieg und der Jüngling an ihrer Seite Platz nehmen wollte, um mit ihr in die Berge zurück¬ zukehren, stieß sie ihn von sich, weil er sein Versprechen gebrochen hatte, und sagte: „Du sollst mich niemals Wiedersehen!" Im selben Augenblick verhüllte sie eine Nebelwolke. Niemand wußte, wohin sie entschwunden war. Traurig blieb der Jüngling zurück; doch er war fest ent¬ schlossen, seine Beschützerin aufzusuchen, koste es auch, was es wolle. So stieg er denn auf den Berg hinauf, höher, immer höher, bis er zu einem Feuer kam, vor dem vier Männer saßen, die ihn verwundert betrachteten. Er verbeugte sich zierlich vor ihnen und sie fragten ihn: „Was hat dich denn bis herauf zu uns geführt?" Da klagte er ihnen sein Leid und teilte ihnen mit, daß er die Vila suche; sie mögen ihm doch sagen, wo sie weile, und einer von ihnen möge ihn zu ihr führen. Es waren aber die vier Männer, die um das Feuer saßen, die vier Winde. Sie beratschlagten nun miteinander, wie sie dem Jüngling helfen könnten. Da sagte der rauhe Gebirgswind zu 202 Sagen aus den südslawischen Ländern. seinem Kameraden, dem Südwind: „Ich brause über ödes Gestein und nacktes Felsgeklüfte, und wenn ich den Jüngling mitnehme, kann er an den Felsplatten und nadelscharfen Spitzen leicht zer¬ schellen. Nimm du ihn mit, du fährst übers Meer und wellige Ebenen, da wird er keinen Schaden nehmen." „Ich will es wohl tun," entgegnete der Südwind; „zudem hat mir eben die Vila den Auftrag gegeben zu wehen; denn ich soll die Wäsche trocknen, die sie gewaschen hat." So nahm denn der Südwind den Jüngling auf seine Schwingen und im Nu trug er ihn zum Lause der Vila und wehte mit solchem Ungestüm, daß alle Wäsche, die im Lose hing, zu Boden fiel. Da kam die Vila aus ihrem Palaste heraus, und als sie den Jüngling sah, den der Südwind mitgebracht hatte, war sie sehr erfreut; denn es hatte sie schon ost gereut, daß sie ihren Schützling damals verlassen hatte. Unter dein Schutze der Vila aber verrichtete der Jüngling noch viele Heldentaten, bis sie ihn schließlich zu ihrem Gemahl und zum König der Berge erhob. Die böse Schwiegertochter. (Sage aus Kroatien.) F^»s war einmal ein Bauer; der hatte ein Söhnchen, das war sehr verwöhnt und eigenwillig und der Vater gab ihm in allen Stücken nach. Als der Sohn nun in die Jahre kam, sich zu verheiraten, wollte er nur ein Edelfräulein zu seiner Gemahlin. Aber dieses rümpfte die Nase, als es hörte, es solle sich mit einem Bauern¬ jungen vermählen; sie wollte nur einen Mann nehmen, der eben¬ falls adelig wäre. Der Bauernsohn aber bildete sich ein, nur diese sollte seine Frau werden und keine andere, und lag seinem Vater so lange in den Ohren, bis dieser wirklich für seinen Sohn einen Adelsbrief kaufte. Jetzt aber bestand der frischgebackene Edelmann auch darauf, daß sein Vater ihm seinen ganzen Besitz, das Laus mit den Die böse Schwiegertochter. 203 Wirtschaftshilfen, die Wiesen, Felder und Weingärten, kurz, alles, was sein eigen war, verschreibe. Auch dies tat der gute, aber kurzsichtige Vater, der seinen Sohn stets verzärtelt und verwöhnt hatte und seinem Eigenwillen nie entgegengetreten war. So wurde denn der junge Ivo Hausbesitzer und führte die Edel¬ dame als Lausfrau auf sein Gut. Der junge Ehemann aber war bald übel daran; denn die Frau war herrisch und zänkisch, und wenn er früher störrisch und eigensinnig gewesen war, so hatte er bald gar keinen eigenen Willen mehr und mußte tun, was die Frau wollte. Bald war dieser der alte Vater ein Dorn im Auge; sie mochte ihn nicht mehr im Lause und bei Tische leiden; er sei, so sagte sie, viel zu bäuerisch, sei eine rechte Schlafmühe, arbeite nichts, habe Triefaugen und sei beim Essen nicht reinlich genug. „Mag er in der Gesindestube essen," meinte die stolze, herrische Schwiegertochter, „und schlafen kann er ja in dem Kämmerlein neben dem Pferdestall." So geschah es auch und der Alte lebte nun ohne jede Pflege und Wartung; er schlief in dem finstern Kämmerchen neben dein Stall, wo es bitter kalt war, und beklagte unter vielen Tränen sein hartes Schicksal. Doch alle Bitten, die er an seinen Sohn richtete, sein trauriges Los zu verbessern, blieben vergeblich. Dieser hatte zwar anfänglich Mitleid mit seinem Vater, aber er getraute sich nicht, gegen den Willen seiner Frau zu handeln, denn diese be¬ herrschte ihn ganz. So verstrichen die" Jahre; zwei Knaben entsprossen der Ehe, von denen besonders der ältere der Liebling des Großvaters wurde. Er kam immer herbeigesprungen, wenn der Alte vor der Tür seines Kämmerleins saß und sich im Sonnenschein wärmte; da mußte Großvater ihm Märchen erzählen und mit ihm spielen und oft legte der alte Bauer seine Land segnend auf das Goldhaar des Kleinen und wünschte im stillen, er möge doch niemals so hart und böse werden wie sein eigener Sohn. Weil die Mutter sah, daß Großvater den Kleinen so lieb hatte, mochte sie diesen nicht leiden und bevorzugte in allem ihr jüngeres Söhnchen. 204 Sagen aus den südslawischen Ländern. Aber der Aufwand und die Putzsucht der an Reichtum ge¬ wöhnten Frau bewirkten bald, daß der Wohlstand des Loses sank und die Lausfrau selbst daran dachte, sich einzuschränken. Aber sie fing nicht bei sich an, sondern bei dem alten Schwiegervater, dem sie viel schlechteres Essen reichen ließ und sogar das Bett und die Decke in seinem Kämmerlein wegnahm, so daß der Alte auf Stroh lag und nichts hatte, um sich zu wärmen, wenn es draußen kalt war und der eisige Wind durch die Ritzen und Luken des Stalles pfiff. Vergebens beschwor der Mann seine hartherzige Frau, seinen Vater nicht so im Elend verkommen zu lassen; alle Worte prallten an ihrem harten Lerzen ab und er war zu schwach, ihren Trotz zu beugen. Eines Abends, als es draußen bitterkalt war und der Schnee durch die Luft wirbelte, ging der Gutsbesitzer noch zu einem Wirt¬ schaftsgebäude, um etwas anzuordnen. Er mußte bei dem Stall vorbei. Da hörte er aus dem Kämmerlein, in dem der Alte lag, die klagende Stimme seines Vaters: „O mein lieber Sohn, gib mir doch eine warme Decke! Ich halte es bei dieser Kälte nicht aus und meine Schwiegertochter hat mir alles entzogen." Da wurde der Sohn von Mitleid erfaßt. Die ganze Schwere seines Undanks stand ihm vor der Seele. Nasch rief er den ältern Knaben und befahl ihm, eine warme Decke für den Großvater zu holen. Der Knabe lief eilends in den Pferdestall und brachte eine neue, schöne Decke herbei; ehe er sie aber dem Vater gab, nahm er sein Taschenmesser lind schnitt die schöne, neue Decke in zwei Teile. Der Vater ärgerte sich nicht wenig darüber und fragte den Knaben: „Ja warum willst du denn dem Großvater nur eine Lälfte geben? Damit kann er sich doch gar nicht recht zudecken." Da sah der Knabe dem Vater treuherzig in die Augen und sagte: „Die andere Lälfte, Vater, will ich für dich zurücklegen, damit du auch etwas hast, womit du dich zudecken kannst, wenn du einmal so alt bist wie Großväterlein." Da stieg es dem Vater siedend heiß zu Lerzen und Tränen Die böse Schwiegertochter. (Seite 205.) Die Land im Grabe. 205 stürzten aus seinen Augen; er eilte in das Kämmerchen, fiel vor seinem Vater auf die Knie und bat ihn reuevoll um Verzeihung für die schnöde Behandlung, die er ihm habe angedeihen lassen. Die Worte des unschuldigen Kindes hatten sein Gewissen auf- gerüttelt und ihn die Größe seines Unrechts tief empfinden lassen. Sogleich hatte er mit seiner Frau eine ernste Unterredung und erklärte ihr, er wolle sie nicht länger im Lause dulden, wenn sie nicht in sich gehe und sich bessere. Die Frau aber nahm wirklich Vernunft an und war von dieser Stunde an wie verwandelt. Gottes Segen aber ruhte fortan auf dem Lauswesen und der Greis lebte noch lange glücklich, geliebt von seinem Sohne und seiner Schwiegertochter und den heranblühenden Enkelkindern. So geht es überall, wo der Jüngere den Älteren ehrt und seinen Rat hochachtet. Die Hand im Grabe. (Eine Sage aus Kroatien.) ß^in Bauer und eine Bäuerin lebten in Glück und Wohlstand schon manches Jahr, doch hatten sie kein Kind und das trübte ihren Frohsinn. Endlich schenkte ihnen Gott den heißersehnten Sprößling. Es war ein hübsches Knäblein; sie nannten es Mezimer und übertrugen alle ihre Zärtlichkeit auf diesen Knaben. Bald starb der Vater und die Mutter verwöhnte das Kind nur noch mehr; sie strafte es nie und sammelte nur Reichtümer, damit ihr Sohn es einst gut habe und nichts zu arbeiten brauche. So wurde der Knabe verzogen und eigenwillig und ertrug es nicht, wenn ihm die Befriedigung einer Laune einmal versagt wurde. Als er herangewachsen war, trieb er sich nur in schlechter Gesell¬ schaft herum und warf das Geld, das die Mutter erspart hatte, mit vollen Länden zum Fenster hinaus. Dabei wurde er gegen die Mutter, die an ihrem Sohne trotz seiner bösen Eigenschaften mit unverminderter Liebe hing, immer hartherziger und liebloser 206 Sagen aus den südslawischen Ländern. und schmähte sie sogar, wenn sie mit freundlichen Ratschlägen ihn auf den rechten Weg weisen wollte. > War es ein Wunder, daß es unter solchen Umständen mit der Wirtschaft immer mehr bergab ging und daß schließlich selbst das Laus verkauft werden mußte und die Mutter mit ihrem lieder¬ lichen Sohne in eine fremde Lütte ziehen mußte? Einst hatte der Sohn, wie so häufig, wieder die Nacht in böser Gesellschaft durchschwärmt und kam betrunken nach Lause. Er fing sogleich mit der Mutter Zank an und verlangte in drohen¬ dem Tone von ihr Geld. Doch die Arme hatte keinen Leller mehr; sie hatte alles für ihren Sohn hergegeben. Da hob der Rohe gegen seine eigene Mutter die Land auf, um sie zu schlagen. Tränen stürzten aus den Augen der unglücklichen Mutter und voll Entsetzen verfluchte sie die Land, die sich gegen sie erhoben hatte. Bald darauf starb der junge Mann; die Ausschweifungen hatten seine Gesundheit untergraben, so daß er früh ins Grab sinken mußte. Man bestattete ihn auf dem Friedhöfe des Dorfes. Als aber am nächsten Tage ein Bauer an dem Grabe vorüberging, sah er aus dem frischen Grabhügel eine Land herausragen. Voll Schrecken erzählte er dies im Dorfe und sogleich lief alles zusammen und eilte zum Friedhof. Alle Leute überzeugten sich, daß der Bauer- wahr gesprochen: aus dem Grabhügel des Jünglings streckte sich eine Land hervor. Nun kam auch der würdige Geistliche des Ortes herbei, sprach seinen Segen über die Land und ließ sie aufs neue einscharreu. Doch schon am dritten Tage war die Land wieder sichtbar. Da ging der Geistliche zur Mutter und sagte: „Gewiß hast du die Land verflucht, weil die Erde sie nicht behalten will." Die Mutter erzählte nun, wie der Sohn in sinnloser Wut seine Land gegen sie erhoben und wie sie dann voll Verzweiflung ihm geflucht habe. — „Willst du ihm verzeihen?" fragte der Priester milde. — „Ich will es gerne," sagte die Mutter. Nun ging sie mit' den Insassen des Dorfes zum Grabe, be¬ deckte die Land mit ihren Küssen und Tränen und nahm den Fluch zurück, den sie über den Sohn ausgesprochen hatte. In Zlatumbeg. 207 demselben Augenblicke verschwand die Land und kehrte von selbst wieder ins Grab zurück. Nach einiger Zeit aber wuchs aus dem Grabe eine Lasel- staude heraus. „Cine Laselstaude?" fragt mein kleiner Leser. Ja, eine Lasel- staude, so erzählt die Sage des Volkes. „Und weshalb denn ge¬ rade eine Laselstaude?" Um daraus Gerten zu schneiden für kleine Kinder, die böse sind und ihren Eltern nicht folgen wollen. Denn hätten die Eltern unseres Knaben diesem nicht alles durchgehen lasten, sondern ihn gestraft, solange er klein war, so wäre wohl etwas Rechtes und Tüchtiges aus ihm geworden. So erzählt das Märchen. Zlaturnbeg. (Sage aus Bosnien.) di'n einem Seitentälchen der Drina lebte einst ein armer Teufel, der nicht viel anderes sein eigen nannte als ein auf vier Pflöcken ruhendes, recht schadhaftes Lolzdach, unter dem er im Sommer und Winter wohnte. Daß er gegen Litze und Kälte abgehärtet war, könnt ihr euch wohl denken. Sein höchster Feiertag war es, wenn er einmal in Rogatica, der Stadt der Derwische, in einer Kaffeeschenke ein Schälchen Mokka schlürfen und ein paar Züge aus der Wasserpfeife schmauchen konnte. In seinem Bretterhäuschen hatte Zlatumbeg — so hieß der arme Narr — in einem Schlauche etwas Maismehl aufbewahrt, aus dem er sich selbst seinen Kuchen buk. Zu seinem Unglück hatte er fast täglich einen unwillkommenen Gast, der ihm von seinem Mehlvorrat wegnaschte. Es war dies ein Füchslein, dem Zlatumbeg schon lange vergeblich aufgelauert hatte. Endlich beschloß er, eine plumpe Lolzfalle aufzustellen, denn zu einer besseren aus Eisen halte er kein Geld. Und richtig, Meister Reineke war dumm genug, sich fangen zu lassen. Eines schönen Morgens, als Lerr Zlatumbeg aus seiner Lolzhütle trat, hörte er das Füchslein jammern und wehklagen. 208 Sagen aus den südslawischen Ländern. Schon wollte er einen tüchtigen Prügel nehmen, um den Dieb zu erschlagen, aber das Füchslein versprach ihm alles, wenn er es am Leben lasse. „Nun, was willst du mir denn geben," fragte Zlatumbeg, „wenn ich dir wirklich das Leben schenke?" „Ich will dich mit der Tochter des Kaisers von Stambul ver¬ heiraten," antwortete Reineke mit allem Nachdruck. Da lachte der Beg aus vollem Lalse, so daß die alte Pistole und der rostige Landschar, die er in seinem zerrissenen und aus- gefransten Gürtel trug, zitterten und er fast den Fez vom Kopfe verloren hätte. „Ich und die Tochter des Kaisers heiraten!" sagte Zlatumbeg und erstickte fast vor Lachen; „ja, wie willst du denn das anstellen?" „Laß das nur meine Sorge sein," entgegnete das Füchslein ernsthaft. „Ich laufe sogleich an den Los des Kaisers, um dich anzumelden und den Brautwerber fiir dich abzugeben. Warte so lange hier auf meine Rückkehr." Zlatumbeg konnte sich noch immer vor Lachen nicht fassen; aber Meister Reineke hatte sich schon auf die Strümpfe gemacht und war eiligst im Walde verschwunden. Er war wirklich bis zum Lose des Kaisers gelaufen und hatte dort, als er vorgelassen worden war, eine schöne Rede gehalten. „Wackerer Kaiser," hatte er gesagt, „wie ich höre, hast du eine gar holde Tochter, deren Schönheit inan in allen Landen weit und breit rühmt. Ich aber kenne einen Leiden, der nach dem ein¬ stimmigen Urteil der ganzen Welt — und ich kann nicht anders als der Wahrheit ihr Recht lassen — hundertundneunmal schöner ist als deine Tochter. Nun erlaube ich mir, an dich die Frage zu stellen: Bist du gewillt, deine Tochter mit meinem Leiden zu vermählen?" Der Kaiser sagte, er wäre nicht abgeneigt, dies zu tun, die Einwilligung seiner Tochter vorausgesetzt, und Reineke solle mit seinem Leiden in einem halben Jahre in der Kaiserburg sich ein¬ finden und sie sollten gleich die Lochzeitsgäste mitbringen; aber es dürften nicht weniger als fünfhundert sein; denn eine kaiserliche Lochzeit muß das Prächtigste sein, was es auf dieser Welt gibt. Mit diesem Bescheide lief das Füchslein wieder zu seinem Zlatumbeg. 209 Zlatumbeg zurück. Da aber der Weg Hill und zurück nicht kurz war, hatte der arme Beg lange umsonst gewartet und in seinem Lerzen schon mehrmals bereut, daß er damals dem falschen Reineke nicht das Lebenslicht ausgeblasen habe. Endlich erschien das Füchslein und war sehr guter Laune; es erzählte dem armen Zlatumbeg, was es ausgerichtet habe, und dieser begriff nicht, wie Reineke nach einem solchen Bescheide noch lustig und guter Dinge sein könne. „Laß das nur meine Sorge sein," erwiderte der Fuchs, „wir wollen noch ein wenig warten, und wenn die Zeit um ist, machen wir uns auf den Weg nach der Kaiserburg. Sei nicht bekümmert, es wird alles ein gutes Ende nehmen." Wirklich wanderten eines schönen Tages Zlatumbeg und fein Füchslein durch den Wald und es dauerte auch nicht allzu lange, als sie bereits in schwachen Ilmrissen das prachtvolle Kaiserschloß vor sich sahen. Zlatumbeg wurde es immer bänger ums Lerz. „In diesem Aufzuge können wir doch nicht vor dem Kaiser erscheinen, und wo sind denn die fünshundert Lochzeitsgäste, die wir mitbringen sollen?" sagte Zlatumbeg zu seinem Begleiter. „Laß das nur meine Sorge sein," erwiderte in zuversichtlichem Tone Meister Reineke und plumps lag er in einer großen Lache, die merkwürdigerweise unmittelbar vor dem Kaiserpalaste sich aus- breitete. Reineke wälzte sich im Moraste behaglich herum und forderte Zlatumbeg auf, ein gleiches zu tun. Dieser dachte sich wohl, er werde dann keineswegs schöner vor dem Kaiser erscheinen, als er ohnedies war, aber da er nicht wußte, wozu es gut sein könne, und ihm schließlich schon alles gleichgültig war, sprang er dem Fuchs nach und kam in einem schrecklichen Zustande wieder aus dem Moraste heraus. Reineke verlangte trotz der Verfassung, in der beide waren, sogleich vor den Kaiser geführt zu werden. Dort redete er sich aus, daß sie auf der Reise großes Unglück gehabt hätten, denn die Brücke über den Fluß sei eingestürzt und alle Lochzeitsgäste seien dabei ums Leben gekommen; nur der tapfere Leld, für den S ni v < le. Sagenbuch. 14 210 Sagen aus den südslawischen Ländern. er Brautwerber gewesen, und er selbst hätten sich gerettet, aber sie seien beide in dem trostlosesten Zustande. Nun ließ der Kaiser dem Zlatumbeg sogleich neue, prächtige Kleider reichen und seinen Laarkünstler kommen, der Zlatumbegs Bart und Laare ordnete und mit Wohlgerüchen salbte. Unser Leld machte jetzt eine gar stattliche Figur und gefiel sowohl dem Kaiser wie auch seiner Tochter ungemein. Nun ließ der Kaiser sämtliche Große seines Reiches zum Lochzeitsfeste laden und es gab das auserlesenste Mahl, das man sich nur denken kann, und Reineke durfte in der Lofküche die zartesten Lühnerknöchelchen benagen. Am nächsten Tage aber machte sich der ganze Los auf, um die Neuvermählten in das Schloß Zlatumbegs zu begleiten. Da stahl sich unser Leld heimlich aus der Gesellschaft, um Reineke aufzusuchen, denn es war ihm trotz aller Pracht nicht sonderlich wohl zumute; besaß er doch keinen Palast, nicht einmal ein Bauernhäuschen, sondern nur eine elende Lolzhütte. Doch Reineke tröstete den Leiden. „Laß nur mich sorgen; es wird schon alles glatt ausgehen. Ende gut, alles gut!" sagte das Füchslein zu dem verzweifelten Zlatumbeg. So rollte denn eine endlose Reihe von Wagen aus der Kaiser¬ burg; in dem ersten saß der Kaiser, sein Schwiegersohn und die junge Frau. Zlatumbeg war nicht sehr gesprächig, wie ihr euch wohl vorstellen könnt, denn er dachte nur immer daran, welchen Ausweg wohl Reineke finden würde. Plötzlich kam dieser an den Wagen und flüsterte Zlatumbeg zu, er solle nur immer geradeaus auf der Landstraße fahren, er selbst wolle einen kleinen Abstecher durch den Wald machen. „Wenn du aber meine Stimme vernimmst, so laß die Wagen die Richtung einschlagen, in der du mich hörst." Mit diesen Worten war Reineke im Walde verschwunden. Dort wußte er eine Lünenburg; zu dieser schlug er den Weg ein. Die vielen Wagen machten aber auf der Landstraße ein furcht¬ bares Geraffel. Deshalb fürchteten sich die Niesen in ihrer Burg und fragten den Fuchs, was es denn gebe. Meister Reineke aber sagte: „Ich bin in einem Atem hergerannt, um euch zu warnen. Der Schatzsucher. 21 l Kriecht nur schnell in ein sicheres Versteck, denn es rückt ein großes Leer heran, um euch zu vernichten." Da krochen die Lünen in einen Streuschober, den Reineke anzündete, so daß sie alle elend verbrannten. Nun ließ Reineke seine Stimme erschallen und Zlatumbeg ließ die Wagen sogleich nach dieser Richtung fahren; es dauerte nur kurze Zeit, so kam der ganze Zug vor der Lünenburg an, an deren Eingang Reineke die Gäste empfing, indem er allen sagte, daß dies das Schloß seines Lerrn, des mächtigen und glorreichen Lelden Zlatumbeg, sei. Die Gäste ließen es sich mehrere Tage in der herrlichen Burg wohl sein und Zlatumbeg war der aufmerksamste und liebens¬ würdigste Lausherr, den es auf der Welt nur geben konnte. Das Füchslein aber, dessen Schlauheit alles so wohl gefügt hatte, lebte bis ans Ende seiner Tage herrlich und in Freuden. Noch fröhlicher aber lebte unser Leld an der Seite seiner jungen, schönen Frau, der Kaisertochter von Stambul, und wenn er an seine armselige Lolzhütte im Drinatal dachte, lachte er immer höchst zufrieden in seinen wohlgepfiegten Bart hinein; denn daß es ihm einmal so gut ergehen werde, das hatte er in seinen kühnsten Träumen nie erhofft. Ja, wer einen schlauen Fuchs zum Ratgeber hat und selber ein kluger Kopf ist, dem ergeht es in dieser Welt oft wunderbar gut. -W- Der Schatzsucher. (Sage aus Dalmatien.) ^Aeich an malerischen Schönheiten sind die Einbuchtungen des Adriatischen Meeres, die man unter dem gemeinsamen Namen der Bocche di Cattaro zusammenfaßt. Auf den Löhen der Felsen thront, in glänzende Wolken ge¬ hüllt, die Sage und über das betaute Geröll wandeln schleierhaft die liebreizenden Vilen, die zuweilen aus den Felsklüften empor¬ tauchen, um tapferen Jünglingen ihren überirdischen Schuh zu verleihen. 2l2 Sagen aus den südslawischen Ländern. Am Eingänge der Bucht, wo der Südwind das Gestade an- haucht, reist noch die Orange, die ihre Goldfrucht zum blauen Spiegel des Meeres hinabsenkt, und die Purpurtraube von Teodo. Dann verengt sich die trichterförmige Bucht; die kahlen, grauen Löhlen der Krivoszije ragen auf und an ihren Fuß hingeschmiegt liegt Risano, eine uralte Niederlassung der Illyrier. In einem der alten Steinhäuschen dieses Ortes lebte einst — es wird wohl schon sehr lange her sein — ein Bauer, der einmal in mondheller Sommernacht vor seiner Lütte lag und einen selt¬ samen Traum hatte. Er glaubte nämlich ein Kind zu sehen, weiß wie Schnee, mit silbernen Flügeln an den Schultern. Dieses sagte zu ihm: „Steig auf das höchste Gebirge, dort wirst du eine einsame Föhre sehen, die in die blaue Luft emporragt; zu ihren Füßen ruht ein Fels¬ block mit drei Lörnern, aus dem die Wasserfäden gleich Tränen hervorquellen. Grabe nun unter dem Felsen so tief in den Boden, als der Felsblock hoch ist, und alsbald wirst du auf eine Urne stoßen, die mit einem goldenen Deckel verschlossen ist. Öffne den Deckel und nimm die Goldstücke, die in der Urne verborgen sind, heraus; den goldenen Deckel laß an Ort und Stelle liegen. Er¬ zähle jedoch niemand etwas von dem gefundenen Schatze, denn giftiger als der Biß der Natter ist der Neid." Am nächsten Morgen klomm der arme Bauer zum höchsten Felsen hinauf und fand wirklich die einsam ragende, riesige Föhre und den Fels mit den drei Lörnern, aus dem die Wafferperlen gleich Tränen hervorrieselten. Der Bauer wollte nun mit seiner Spitzhacke den Boden unter dem Felsen aufgraben; aber kaum hatte er damit begonnen, als er aus dem Innern der Erde eine furchtbare Stimme hörte: „Laß, wer du auch seist, heute ab von dieser Arbeit!" Schreckbetäubt siel der Schatzgräber zu Boden und war seiner Sinne nicht mächtig. So lag er eine Weile; plötzlich erschien ihm wieder das Kind mit dem schneeig weißen Kleide und den silbernen Flügeln und sagte zu ihm: „Ich habe dich beschützt, sonst wärst du des Todes gewesen; denn du bist am Morgen aufgestanden, ohne dich im Gebete Gott zu empfehlen, und bist an die Arbeit Der Schatzsucher. 2IZ gegangen, ohne das heilige Zeichen des Kreuzes zu machen. Wenn du also aufwachst und wieder an die Arbeit gehst, versäume nicht, dich vorher zu bekreuzigen!" Als der Mann die Augen ausschlug, fand er sich in einem blumenreichen Garten; mitten darin stand die Föhre und zu ihren Füßen war der seltsame Felsblock. Der Bauer schlug nun das Zeichen des Kreuzes und fing zu graben an. Bald glänzte ihm die Urne entgegen, deren Schimmer ihn blendete; doch wehe! darauf saß ein Drache, den der Schatz¬ gräber vergeblich beschwor, von der Stelle zu weichen. „Ich räume diesen Platz nicht früher," sagte der Drache, „bevor du nicht alle Quellen dieses Gebirges zusammenzählst und mir ihre Zahl mitteilst. Geh und versuche es, sonst gib jede Hoff¬ nung auf, dich des Schatzes zu bemächtigen." Nun fing der Bauer an, die zahllosen Quellen zu zählen, die von dem Felsen niederrieselten, doch immer wieder irrte er sich und mußte von neuem beginnen. Endlich gab er es auf und legte sich todmüde unter dem Wipfel eines Baumes nieder. Da hörte er über sich in den Wolken zwei Vilen streiten. Die eine schwur hoch und teuer, daß sie recht habe. „Bei den siebenundsiebzig Quellen dieses Gebirges," sagte sie, „beschwöre ich dich, mir mein Recht nicht zu verkümmern." Nun wußte der Bauer die Zahl und eilte zur Stelle hin, wo er den Schah gefunden hatte. Der Drache war bereits ver¬ schwunden und der Bauer konute leicht den Deckel der Urne ent¬ fernen und die Goldstücke an sich nehmen, die er in dem Behält¬ nisse fand. So wurde er der reichste Bauer in Risano und aus der ärm¬ lichen Hütte ward ein stattliches Steinhaus, das sich an den Felsen lehnte, auf dem die einsame Föhre in die blaue Luft emporragte. 214 Sagen aus den südslawischen Ländern. Zwei Tiersagen. (Sagen aus Bosnien und der Herzegowina.) 1. Der kranke Löwe. Südslawe, besonders auch der Bewohner des bosnisch- herzegowinischen Landes, über dessen sonnverbrannte Felsen die Bora braust und über dessen grüne Waldkuppen der Adler seine Kreise zieht, liebt die Tiere und beobachtet ihr Leben und Treiben mit scharfem Blick und kluger Anteilnahme. Besonders die Schliche und Tücken des schlauen Reineke sind Gegenstand zahlloser Erzählungen und Sagen, die im Munde des Volkes leben und denen alt und jung gern lauscht. Einst — so lautet eine dieser Sagen — lag der Löwe krank in seiner Löhle. Meister Petz hielt es daher für geboten, dem kranken König einen Besuch zu machen und ihm die Ehrerbietung zu bezeigen. Da fragte ihn der Löwe: „Löre einmal, lieber Braun, findest du nicht auch, daß es in meiner Löhle ganz entsetzlich übel riecht?" Der Bär empfand dies wirklich und glaubte auch nicht wider¬ sprechen zu dürfen. Daher antwortete er: „Ja, wahrhaftig, hier herrscht ein ganz unerträglicher Geruch." Darüber ergrimmte der Löwe und riß den Bären in Stücke. Lampe, der Lase, der schüchtern am Eingänge der Löhle stand und dies gehört und gesehen hatte, nahte sich nun furchtsam dem leidenden Löwen. Auch ihn fragte der König: „Lör mal, lieber Lampe, riecht es hier nicht sehr übel?" Der Lase wollte gescheit sein und antwortete artig: „O bewahre, wie soll es denn hier übel riechen? Im Gegenteil, ich finde, daß es hier sogar sehr angenehm duftet." Da wurde der Löwe zornig. „Wie kann man so lügen!" fuhr er den zitternden Lampe an, „hier ist doch ein unerträglicher Geruch." Und der arme Lase teilte das Schicksal des Bären. Da trat Isegrim, der Wolf, in die Löhle. Auch er hatte vor dem Eingang gewartet und alles gesehen und gehört. Als nun der Löwe zu ihm sagte: „Gestehe offen und ehrlich, Meister Isegrim, wie findest du den Geruch in meiner Löhle? Er ist doch Zwei Tierjagen. 215 ganz abscheulich!" Da entgegnete der Wolf voll Scheinheiligkeit: „Ich glaube, es riecht hier weder angenehm noch schlecht." „O du nichtsnutziger Lügner," fuhr jetzt der erzürnte Löwe auf, „wie kannst du so reden? Eins muß doch der Fall sein, ent¬ weder riecht es hier gut oder schlecht." Und er packte den Wolf und riß ihn in Stücke. Nun kam Meister Reineke hereingetänzelt; auch er hatte an der Türe gelauscht und alles mitangehört. Zunächst verbeugte er sich zierlich und artig vor dem kranken König, und als dieser auch an ihn die Frage stellte: „Sage mir doch aufrichtig, riecht es in dieser Löhle gut oder schlecht?" antwortete der Fuchs: „Ich kann bei Gott nicht entscheiden, ob es hier angenehm oder schlecht riecht; denn ich habe mir vor kurzem eine heftige Erkältung zugezogen und leide infolgedessen an einem so starken Schnupfen, daß ich gar keinen Geruch empfinde; lügen aber will ich nicht, denn das ist mir im Grund der Seele verhaßt." Da lobte ihn der König und entließ ihn gnädig, weil er ein gar so kluger Kopf war. 2. Der Fuchs und der Kater. leinst hatte ein Jäger eine Falle in seinem Weinberge auf- gestellt, um darin den Fuchs zu fangen, der dem Weingarten gern einen Besuch machte, um von den Trauben zu naschen. Wirklich kam auch der Fuchs und fing sich in der Falle. Als er nun sein Schicksal beklagte und jämmerlich winselte, kam von ungefähr ein Kater daher, den der Fuchs dauerte. „Weißt du was?" sagte er zum Fuchs, „stelle dich tot, viel¬ leicht kannst du dich so retten." Als nun der Jäger kam, wunderte er sich nicht wenig darüber, daß.der Fuchs schon tot sei; doch be¬ freite er ihn aus der Falle und warf ihn ins Gebüsch. Sogleich zog der Fuchs den Schweif ein und rannte davon, so schnell er nur konnte. Der Kater war ihm nachgelaufen und fragte, ob er ihn begleiten dürfe. So kamen sie ins Lochgebirge, wo ihnen alsbald ein Bär entgegentrottete. Voll Entsetzen verkroch sich der Kater ins dichte Gestrüpp; der Fuchs aber ging dem Bären ganz keck entgegen und 216 Sagen aus den südslawischen Ländern. beide begrüßten einander sehr freundlich. Da sagte der Bär zum Fuchse: „Lieber Vetter, komm doch morgen zu mir hinauf ins Hochgebirge, da gibt es. lustige Gesellschaft; es kommt auch der Wolf und der Eber und wir werden recht fröhlich sein." „Gibt's wohl auch etwas zum Schmausen?" fragte unser Füchslein. „Das will ich meinen," entgegnete der Bär. „Ich werde Honig mitbringen; der Wolf sorgt für das Fleisch und der Eber wird den Tisch mit Farnkräutern sauber decken. Wenn du auch nichts mitbringst, wirst du uns willkommen sein." Der Fuchs redete dem Kater zu, bis dieser sich wirklich ent¬ schloß, ihn ins Gebirge zu begleiten. Als aber die beiden in die Nähe des Stelldicheins gekommen waren, blieb der Kater zurück und verkroch sich. Der Fuchs aber ging weiter und wurde mit Freuden begrüßt. „Läßt du dich doch endlich auch einmal sehen?" riefen ihm alle zu, „das ist wirklich schön von dir." „Ja, ich bin wohl hier, aber ich habe einen Freund mit¬ gebracht, einen gar gewaltigen Helden; den wollte ich euch nicht sogleich vorstellen, um euch nicht zu sehr zu erschrecken. Ich glaube, es wäre wohl das gescheiteste, ihr zieht euch für kurze Zeit zurück; ich führe ihn dann hieher und lasse ihn sich satt essen. Dann be¬ gleite ich ihn wieder zurück und wir wollen dann unter uns lustig sein und uns unterhalten." Mit diesem Rat waren alle zufrieden. Der Bär kletterte auf einen Baum hinauf, damit ihn der gewaltige Held nicht sehe, der Wolf erklomm einen hohen Felsen und der Eber versteckte sich unter das Farnkraut und dachte sich: „Hier bin ich am sichersten." Nun holte der Fuchs den Kater ab. Dieser spielte sich auf den Helden hinaus. Die Barthaare aufgebürstet, den Rücken ge¬ krümmt, die Ohren gespitzt, den Schweif geringelt, so schritt er gravitätisch an der Seite des Fuchses einher. Da wollte der Eber ein wenig den Kopf hervorstecken, um sich den Helden zu betrachten. Wie aber der Kater das Rascheln im Farnkraut hörte, dachte er sich, es stecke ein Mäuslein darunter, und fuhr mit der Pfote ins Kraut hinein; er traf aber mit den Zwei Tiersagen. 217 scharfen Krallen den Rüssel des Ebers. Furchtbar grunzend sprang dieser auf und liess so schnell er konnte, davon. Der erschrockene Kater sprang voll Entsetzen auf den Baum, um sein Leben zu retten. Doch der Bär meinte nicht anders, als daß es nun ihm an den Kragen gehe, und sprang vom Baume herab, fiel aber so unglücklich, daß er sich das Genick brach. Darüber erschrak der Kater noch mehr, lief in den Bach und kletterte auf den Felsen, auf dem der Wolf stand. Dieser geriet in Todesangst, denn er hielt sein letztes Stündlein für gekommen. Er machte einen so gewaltigen Satz, daß er vom Felsen herabkollerte und in den Bach stürzte, wo er tot liegen blieb. Nun waren die beiden, der Fuchs und sein Gast, allein und setzten sich voll Behagen zur wohlbesehten Tafel uU schmausten alles auf, was der Bär und der Wolf an guter Atzung herbei-- geschleppt hatten. Jugeiiclsckrittenverlag von Levy L Müller in Stuttgart. Qullivors kreisen von Iolllltkmll Swift. 5m äie 3ugsvcl beorbeiie! von Lrick Vorvor. Mit 6 farbigen Vollbildern und anderem IZuchschmuck. Cleg. geb. IM. L.-. Tiefe prächtige Ausgabe der Wundermüren aus den Neichen der Zwerge und Niesen, die der englische Rei¬ sende Gulliver in den unermeßlichen Weiten des Großen Ozeans entdeckte, wird bei der Jugend eine sehr wohl¬ wollende Ausnahme finden, nicht nur wegen des grotesk- komischen Inhalts, sondern auch wegen der geschmack¬ vollen Ausstattung und des schönen Bilderschmucks hervorragender Künstler. Erich Werner hat das hoch¬ interessante Buch der Weltliteratur in ein geschmackvolles, modernes Deutsch übertragen und dadurch den Wert dieser anziehenden Jugendlektüre noch ganz wesentlich erhöht. Das Prachtwerk wird aus jedem Gabentische mit Freuden begrüßt werden. Sagen des klallücken Altertums von Lllltao Scllwllb. köerausgegoben von 3. Lllh. Mit ö farbigen Vollbiiclcrn u. raklrcichcn oexMIustrlttioncn von kenr. kieg. geb. Mk. 4.—. Es ist ohne Zweifel ein großes Verdienst des bekannten Pädagogen I. Baß, daß er die im engsten Anschluß an griechische und lateinische Quellen sehr geschickt bearbeiteten klassischen Sagen des schwäbischen Romantikers G. Schwab in einer geradezu musterhaften Ausgabe nicht nur der Jugend, sondern auch den großen Massen des deutschen Volkes vorsüyrt, in denen sich immer mehr das Bedürsnis nach Kenntnis des wundervollen und tiefsinnigen hellenischen Sagenschahes geltend macht, ans dem die griechischen Dramatiker den Stoff für ihre erschüttern¬ den Tragödien geschöpft haben. Die vom Herausgeber beigesügte Eötterlehre wird vielen eine hochwillkommene Zugabe für das Verständnis des Waltens der in die Schicksale der Menschen ost eingreifenden höheren Gewalten sein. Der stattliche Band ist von einem nuferer hervor¬ ragendsten Künstler mit einem überaus reichen und eigenartigen Bilderschmuck versehen, wie ihn bisher noch keine Ausgabe der Schwab'schen Sagen aufznweisen hatte. Jung und alt werden dieses Herz und Gemüt erquickende Buch immer wieder gern zur Hand nehmen. Vas goldene ttncrbenbuck. Unter Mitwirkung kervorrugender Autoren keruus- gegeben von Lcrh. Cm starker IZand in Croßoktav. Sehr reich illustriert. Cleg. geb. Mk. 5.—. Es ist eine Musterleistung, die der Herausgeber dieses neuen Unternehmens der männlichen Jugend bietet. Namen Ivie Ernst Zahn, Peter Rosegger, Adolph Fried¬ rich Herzog zu Mecklenburg, Pros. l>r. E. Fraas, Tonh Schumacher u. a. garantieren von vornherein für die Güte des in den: stattlichen Bande Gebotenen, in dem packende Erzählungen mit interessanten naturwissen¬ schaftlichen Plaudereien aus dem Tier- und Pflanzen¬ reiche nebst Aufsähen über die neuesten Errungenschaften der Technik (Luftschiffahrt) und einer Reihe ernster und heiterer Skizzen aus den verschiedensten Gebieten wir¬ kungsvoll miteinander abwechseln, so daß für jeden Ge¬ schmack Sorge getragen ist. Mit der Gediegenheit des Inhalts ist eine überaus elegante Ausstattung verbunden, die selbst verwöhnten Ansprüchen zu genügen vermag und den Band auch äußerlich zu eiuer wahren Festgabe stempelt. Tas Buch wird bald mit Fug und Recht eine bewahrte Lieblingslektüre unserer Jugend sein. Jugenüsckriflenverlag von Levy L Müller in Klultgarl. Vie Wartburg unll ikire Sänger. von kllexllnäer v. Sleickeii-Kuhwllrm. Keich illustriert von kugo L. krsune. Inhalt: Parzival — Lohengrin — Tannhäuser — Willehalin — Der Sängerkrieg aus der Wart¬ burg — Neuere Bearbeitungen. Lieg. geb. IM. 4.-. „In diesem glänzend geschriebenen Buche werden der reiferen Jugend die klassischen Werke der mittelalterlichen Dichter dorgeführt, die zu Anfang des !3. Jahrhunderts aus der Wartburg lebten. Die Darstellung ist derart, das; sich die Leser mit Begeisterung dem wunderbaren, romantischen Zauber hingebeu werden, der von diesem Buche ausgeht. Man kann es eine musterhafte Jugend¬ schrift nennen, die wir aufs wärmste empfehlen." (Der Volkserzieher.) Vie Siegfrieciicrge. Von Alexander v. Lleicken-kuhivurm. Keich illustriert von Srsnr Slsssen. Cieg. geb. Mir. 4.—. „Die Siegfriedgestalt der Edda, des Nibelungenliedes und des alten Volksbuches vom hürnen Siegfried gibt der Erzähler in so edler, reiner Sprache wieder, daß der Leser meinen möchte, Nachklänge der erhabenen Sprache Schillers in der Erzählungsweise seines Urenkels zu erlauschen. Als Einsührung in Richard Wagners Dichtung „Der Ring des Nibelungen" ist das Buch von unschätzbarem Werte." (Frankfurter Zeitung.) Vl6 Drei llakire aus klein Mrs. Von 0r. kllbert vlliber. Mit sechs Voilbiläern. Lieg. geb. Mic. Z.-. „In der Weise Jules Vernes erzählt der Verfasser, wie sieben Tübinger Professoren in dem sinnreich konstruierten Luftschiff „Der Weltensegler" eine Reise nach dem Mars unternehmen und diesen Planeten nach einer äußerst gefahrvollen und abentenerreichen Fahrt auch wirklich er- reichem Nach zwei Jahren verlassen von den sieben Schwaben sechs den Mars, während der siebente dort zurückbleibt, und erreichen aus ihren: Luftschiff nach einer mühseligen Fahrt wieder die Erde. Der fesselnde Inhalt des Buches muß auf jeden Leser großen Eindruck machen und in ihm das lebhafte Interesse für Natur- und Himmelskunde Wecken." (Nordd. Allg. Zeitung.) Vom Mors 2Uk brüe. Von vr. kllbert voiber. Mil sechs Vollbilclcrn. Lieg. geb. IM. Z-. „Eine spannende Erzählung mit gutem, praktischem Kern, die eine Menge Einzelheiten aus den Gebieten der Astronomie und Meteorologie, der Phhsik und der Technik bringt. Der Gelehrte, der, wie die „Welten¬ segler" erzählen, ans den: Mars zurückgeblieben war, beschließt nach Jahren ebenfalls die Heimreise. Wie er sie vorbereitete und ausfübrte, was er dabei erlebte, das wird hier ausführlich erzählt. Tie Fahrt durch den Weltenraum mit dem Durchschneiden eines Me- teoritenschwarmes, eine Station auf dem Monde und die schließliche Landung auf der Erde bilden Glanz¬ punkte in dem sehr interessanten Buche." (Schlesische Zeitung.) Jugenäsckrislenverlag von Levy L Müller in Stuttgart. ver fcrlkcfie ^olclemor. kack c!em glaickinamigev Koman von Mibalä Klaxis cler Zugsnä erxälili von 6. LllliMäclter. Mit rahircicheu Illustrationen. Lieg. geb. Mle.^.M. „Der falsche Waldemar" ist ahne Zweisel die an¬ ziehendste nnd grobartigste Schöpfung von Wilibald Alexis, dietem Meister des historischen Romans, Aus den zerrütteten Zuständen der Mark Brandenburg um die Mitte des 14, Jahrhunderts lässt der Dichter den Mann erstehen, der es wagte, das Erbe des großen As- kaniers Wvldemar an sich zu reißen. Ein geheimnis¬ voller Zauber umgibt den alten Mann, den „Falschen Woldemar", der doch seinem Volke der echte war. Ein Rätsel seinen Zeitgenossen, ist er eine Figur, die von ihrem ersten Auftreten bis zu ihrem stillen Scheiden fesselnd zu gestalten nur der Kunst eines solchen Meisters gelingen konnte. Die äußerst geschickte Bearbeitung Brand¬ städters wird viel dazu beitragen, die Erzählung in den weitesten Schichten des deutschen Volkes und der Jugend bekannt zu machen. (Schwäbischer Merkur.) Vie kolen cles kerrn von Lreclow, kacki llom berülimian gleichnamigen Koman von Mlibalä Mexis äek ZugencI erxalili von 6. NraiMäcker. Mit rshlreichen Illustrationen. Lieg. geb. IM.Z.SO. , Herrliche, gesunde Kost sür die Jugend ist der Roman des märkischen Walter Scott „Die Hosen des Herrn von Bredow". Er führt bekanntlich in jene schlimme Zeit des Kur¬ fürsten Joachim I, von Brandenburg, dem der Adel so viel zu schaffen machte. Vor rund sechzig Jahren ist das Buch in die Welt gegangen, und leider bekommt erst heute unsere Jugend eine Bearbeitung dieses prächtigen Rvmanes. die sür sie paßt, >n die Hand. Wir wünschen ihr unter unsern Knaben eine große Verbreitung, damit eine kommende Generation den alten Alexis wieder so zu Ehren ziehe, wie er es längst verdiente." (Basler Nachr.) kickorö köwenberr uncl lein plllackn. 5ine Lkxaliluvg aus kaläliinas Vekgangonlmli lmä Legemvakt von kickaiil kolb. Citi starker ksnä mit acht bunten unck einfarbigen Illustrationen. Lieg. geb. IM. 5.—. „Der Erzieher von Lord Rawlehs Sohn entdeckt Auf¬ zeichnungen über die Erlebnisse von dessen tapferem Vor¬ fahren als Begleiter von Richard Löwenherz. Um die Auf¬ zeichnungen womöglich durch Funde an Lrt und Stelle zu ergänzen, bewegt er den Lord mit Sohn und Reffen zur Reife nach den einstigen Kampsesstätten. Vortresslich ist dieser friedliche Zug ins heilige Land zu dessen Schilderung und einer wohlgegliederten Fülle historischer Reminiszen¬ zen genützt, aus denen die Gestalten des heldenmütigen Richard Löivenherz,seines treuen Paladins KennethRawleh und des romantischenSultansSaladin phantasieanregend bervortreten. Ein nickt warm genug zu empfehlendes Buch für die reifere Jugend," (Wiener Abendpost.)