Original scientific paper Izvirni znanstveni članek DOI: 10.32022/PHI33.2024.130-131.14 UDC: 111:32 Heidegger Technik, Gestell und Nihilismus Jesús Adrián Escudero Universidad Autónoma de Barcelona, Departamento de Filosofía, Edifici B, 08193 Bellaterra (Cerdanyola del Vallès), España Jesus.Adrian@uab.cat Heidegger. Technology, Enframing, and Nihilism Abstract Martin Heidegger's reflections on technology and nihilism analyze the challenges of the modern world. In his later writings, he describes technology as more than just tools; it is a mode of revealing that reduces the world to a mere stock of resources. This leads to the alienation of human beings who lose their intrinsic value and are Phainomena 33 | 130-131 | 2024 perceived only as objects of calculation. Heidegger considers this perspective to be nihilistic, as it neglects meaning in Western metaphysics in favor of use and control. To escape this nihilistic tendency, he advocates for a shift towards an open relationship with being. The contribution is divided into three parts: the conception of technology, the meaning and genealogy of positionality, and the nihilistic implications and possible alternatives through a relational ontology. Keywords: enframing, fourfold, machination, relationality, technology. Heidegger. Tehnika, postavje in nihilizem Povzetek Martin Heidegger v svojih razmišljanjih o tehnologiji in nihilizmu obravnava izzive sodobnega sveta. V svojih poznejših spisih poudari, kako je tehnologija več kot le orodje; gre za način razkrivanja, ki svet reducira na golo zalogo virov. To vodi v odtujitev ljudi, ki izgubijo svojo notranjo vrednost in so dojeti samo kot predmeti 308 preračunavanja. Heidegger meni, da je ta perspektiva nihilistična, saj zanemarja smisel v zahodni metafiziki v korist uporabe in nadzora. Da bi se izognil tej nihilistični težnji, se zavzema za premik k odprtemu odnosu z bitjo. Prispevek je razdeljen na tri dele: pojmovanje tehnologije, pomen in genealogija postavja ter nihilistični nasledki in možne alternative na podlagi relacijske ontologije. Ključne besede: postavje, četverje, mahinacija, relacijskost, tehnika. Jesús Adrián Escudero Martin Heideggers Überlegungen zur Technik und zum Nihilismus bieten tiefgreifende Einblicke in die Herausforderungen der modernen Welt. In seinen späten Schriften, insbesondere in den Werken Bremer Vorträge (1949), Die Frage nach der Technik (1953), Gelassenheit (1955) und seinen Auseinandersetzungen mit dem Nihilismus und der Metaphysik, untersucht Heidegger die Verbindungen zwischen der technologischen Entwicklung und der metaphysischen Geschichte, die als Ursprung vieler zeitgenössischer Krisen angesehen wird. Heidegger beginnt seine Analyse mit der Feststellung, dass die Technik mehr ist als nur eine Ansammlung von Werkzeugen und Maschinen; sie ist eine Art des Entbergens, eine Weise, wie die Wahrheit ans Licht kommt. In der modernen Welt jedoch sieht Heidegger die Technik als das vorherrschende Entbergungswesen, das alles Vorhandene als Bestand zur Nutzung und Kontrolle darstellt. Diese Sichtweise, die Heidegger als „Gestell" bezeichnet, reduziert die Welt zu einem bloßen Vorrat von Ressourcen. Menschen und Natur werden so zu Objekten der Berechnung und Ausbeutung, die ihren intrinsischen Wert verlieren. 309 Dieser technologische Zugang zur Welt birgt laut Heidegger eine nihilistische Tendenz. Der Nihilismus, verstanden als das Fehlen von Sinn und Bedeutung, wurzelt in der abendländischen Metaphysik, die seit Platon die Frage nach dem Sein zugunsten eines Fokus auf das Seiende selbst vernachlässigt hat. Diese Entwicklung kulminiert in der modernen technischen Weltanschauung, in der alles in messbare und verwertbare Einheiten zerlegt wird. Die Frage ist, wie ein solch tief verwurzelter Nihilismus überwunden werden kann. Heidegger schlägt vor, dass wir einen Wechsel von diesem rein funktionalen Denken hin zu einer eigentlichen Beziehung zur Welt und zum Sein selbst vollziehen müssen. Indem wir uns für das „Anderssein des Seins" öffnen - eine Form des Denkens, die nicht auf Beherrschung abzielt -, können wir andere Möglichkeiten der Existenz und der Weltbegegnung erforschen. Diese Veränderung erfordert ein Loslassen der vorherrschenden technischen Weltanschauung zugunsten einer Haltung des Zuhörens und Staunens über das Dasein, aber vor allem einer Haltung der Gelassenheit. Aus diesem Ansatz gliedert sich der vorliegende Beitrag in drei Teile. Zunächst wird die Heidegger'sche Konzeption der Technik dargelegt, Phainomena 33 | 130-131 | 2024 wobei der Schwerpunkt auf der Idee liegt, dass die Technik eine Art ist, die Realität zu gestalten, eine epochale Form, die Natur zu eröffnen und zu enthüllen. Zweitens wird auf die Bedeutung des Wesens der Technik, des Gestells, eingegangen. Nachdem die Genealogie dieses grundlegenden Konzepts in Heideggers Überlegungen zur Technik dargestellt wurde, wird die Zentralität der Begriffe „Bestellbarkeit" und „Ersetzbarkeit" in seinem Verständnis des Gestells aufgezeigt. Und drittens wird auf die nihilistischen Implikationen hingewiesen, die sich aus der Kritik der gegenwärtigen technologischen Gesellschaft ergeben. Ausgehend von einer relationalen Ontologie werden die Möglichkeiten erkundet, die das Geviert und die Gelassenheit als aktive Modifikationen der technischen Bestimmung unseres Lebens bieten. 1. Technik Heidegger bietet eine aufschlussreiche ontologische Interpretation der Technik. Er ist weder an technologischer Innovation, der Produktion von Waren, Geräten und Maschinen interessiert, noch an der gewöhnlichen Auffassung von Technik als einer instrumentellen und menschlichen Tätigkeit (GA 7, 7-8). Selbst die allgemein akzeptierte Vorstellung, dass die Technik ein mächtiges Instrument in den Händen des Menschen ist, das fähig ist, die Natur zu transformieren und die Kontrolle über sie zu erhöhen, stellt eher ein moralisches als ein philosophisches Problem dar. Heidegger konzentriert seine Bemühungen darauf, das Bild, die Form, den Stempel zu analysieren, den die Technik einer Epoche auferlegt, ihre Art, die gesamte Wirklichkeit zu gestalten: „Die Technik ist eine Weise des Entbergens." (GA 7, 139.) Wie gibt sich das Sein? Wie offenbart es sich? Mit Heideggers Worten: In der Gegenwart verbirgt sich das Sein, indem es sich als Gestell entbirgt. Hier finden wir eine der zentralen Ideen der Heidegger'schen Ontologie: Das Sein manifestiert sich historisch in verschiedenen Formen im Rahmen einer Dynamik von Verbergung und Entbergung, Verborgenheit und Unverborgenheit. Grafisch können wir die verschiedenen Erscheinungsformen mit Hilfe der folgenden Tabelle zusammenfassen: Jesús Adrián Escudero Historische Formen der Seinsoffenbarung Griechische Epoche Mittelalterliche Epoche Moderne Epoche Zeitgenössische Epoche Physis Ens creatum Vorstellung Gestell Aus sich selbst entstehen Letzter Grund/Ursache Weltbild Technisches Gestell Natur als immanente Kraft Natur als göttliche Schöpfung Natur als Mechanismus Natur als Bestand Dynamik von Verborgenheit und Unverborgenheit In der griechischen Epoche entbirgt sich die Physis als eine Kraft, die aus sich selbst herauskommt, aber gleichzeitig verbirgt sie andere mögliche Arten der Manifestation. Im Fall der modernen Epoche zeigt sich die Realität in den verschiedenen subjektiven Vorstellungsformen, das heißt, sie wird auf das Weltbild reduziert, doch sie verbirgt gleichzeitig andere mögliche Arten der Offenbarung. In der gegenwärtigen Epoche entbirgt sich das Sein als technisches Gestell, während es andere Modalitäten verbirgt. Im gegenwärtigen Zeitalter der Technik wird die Natur zum Bestand, während in dem griechischen, mittelalterlichen und modernen Zeitalter die Natur jeweils als immanente Kraft, göttliche Schöpfung und Mechanismus erfasst wurde.1 Die Technik wird somit als epigonale Form der Geschichte der Metaphysik angesehen, als vollendete Metaphysik, in der alles den Bedingungen der Erhaltung und des Wachstums unterworfen ist, die durch den Willen zur Macht gefordert werden. Die absolute Nivellierung 1 Für eine detaillierte Untersuchung der verschiedenen Erscheinungsformen der Natur in der abendländischen Philosophie verweisen wir auf das Buch von Hadot (2004). In Die Frage nach der Technik unterscheidet Heidegger zwischen der antiken und der modernen Technik: die eine wird als Poiesis verstanden und die andere zeichnet sich durch die Gewalt und Herrschaft aus, die sie über die Natur ausübt (GA 7, 16). Dieser Unterschied wird durch das Bild einer alten Holzbrücke veranschaulicht, die dem Fluss erlaubt, seinem natürlichen Lauf zu folgen, und dem eines Wasserkraftwerks, das den Fluss in eine Energiequelle verwandelt. Während die antike Technik in Harmonie mit der Umwelt lebt, scheint die moderne Technik diese Umgebung zu verletzen und künstlich zu verändern. Darüber hinaus übt die moderne Technik nicht nur Herrschaft aus, sondern drückt der Struktur der Realität die Form des Gestells auf, die Form eines Apparates, der eine ausschließlich instrumentale und technologische Beziehung zur Realität erzwingt. Für unseres Verständnis des Gestells siehe den folgenden Abschnitt. Phainomena 33 | 130-131 | 2024 der Realität, die im Zeitalter der Technik herrscht, ist die vollumfängliche Verwirklichung der Metaphysik.2 Aus der Perspektive der Technik offenbaren sich die Seienden als Bestand, als eine Quelle von Ressourcen, die uns zur Verfügung steht. Die Technik auferlegt daher den Dingen eine Seinsweise: Das Kraftwerk wird nicht im Fluss gebaut, um Energie bereitzustellen. Vielmehr ist der Strom in das Kraftwerk verbaut (GA 7, 16). Geschichtlich gesehen wurden die Dinge immer im Bereich der Arbeit als verfügbare Ressourcen genutzt. Jede Technik erfordert, dass die Dinge als verfügbare Ressourcen erscheinen. Andernfalls wären keine Tempel, Alleen, Kathedralen, Automobile, Computer usw. gebaut worden, wenn die Dinge und die natürlichen Materialien nicht als verfügbare Ressourcen für die Produktion und Herstellung von Werkzeugen, Einrichtungen und Ausstattungen genutzt worden wären. Was unterscheidet also die moderne Technik von jeder anderen Art von Technik? Nämlich, dass die Dinge ausschließlich als Bestand erscheinen. In der modernen Epoche gibt es keine andere mögliche Manifestationsweise als die des Bestands, während dies in der antiken Epoche nur eine Möglichkeit 312 unter anderen war. Das Problem der modernen Technik ist, betonen wir, nicht, dass sie die Dinge als Ressourcen betrachtet: den Baum als Holz, den Fluss als Energiequelle, den Menschen als Produktionseinheit. Das ist etwas Eigenes in jeder Kultur und Epoche. Das wahre Problem ist, dass es nichts mehr als das ist. Es gibt kein anderes Maß und keinen anderen Wert als die Technik. Die größte Gefahr der Technik besteht darin, dass sie nicht nur die Natur unterwirft, beherrscht und ausbeutet, sondern auch den Menschen. 2 Wie Heidegger mehrmals in Einleitung in die Metaphysik und Überwindung der Metaphysik betont, ist die Geschichte der Philosophie von Anfang an metaphysisch geprägt. Die Philosophie beginnt mit einer metaphysischen Sünde, nämlich mit dem Glauben, dem Suchen und dem Streben nach einem ersten Grund und Prinzip - sei das das Werden (Heraklit), das Sein (Parmenides), die Idee (Plato), das cogito (Descartes), der Geist (Hegel) oder der Wille zur Macht (Nietzsche). Es gibt aber keinen Anfang, wo es eine ideale Startsituation für die Frage nach dem Sinn von Sein gegeben sein könnte. Die Frage kann erst auf der Basis eines Seins und Wissens von einem Sein gesellt werden. Was ist dann Sein? Sein hat keine bestimmbaren Eigenschaften, d. h. Sein ist kein Seiendes (ontologische Differenz). Sein ist differenzloser und unbestimmter Bedeutungshorizont, unhintergehbare Bedingung der Möglichkeit. Die Frage nach dem Sinn von Sein kann also nicht positiv beantworten werden, denn jede Frage ist schon eine ontische Bestimmung. Jesús Adrián Escudero Letztendlich ist die Technik nichts Technisches, sondern eine Weise der Offenbarung des Seins, die fordert, dass alles sich produktiv entblößt und präsentiert. Die Natur und der Mensch selbst werden zu Reserven und Ressourcen der Technik, die bereit sind, transformiert, gelagert und verteilt zu werden. Die Art und Weise, wie das technische Gestell die Wirklichkeit organisiert und anordnet, erweckt den Anschein, dass alles vom Menschen produziert wird und dass alles zu seinen Diensten steht. Es ist wahr, dass das Gestell ein Produkt des Menschen ist, aber wir haben die Freiheit gegenüber ihm verloren. Tatsächlich sprechen wir ganz selbstverständlich von menschlichem Material, von menschlichem Faktor, von menschlichen Ressourcen. Das Gestell ist nicht nur zu unserem Schicksal geworden, sondern droht auch einseitig zu werden und das Gedächtnis an eine andere Art des Umgangs mit der Welt zu tilgen. Die Herrschaft, die die Technik ausübt, verhindert, dass der Mensch sich selbst als verwurzelt in der Öffnung des Seins erfährt. 2. Gestell 313 Der Begriff des Gestells spielt eine zentrale Rolle in der Heidegger'schen Reflexion über die Technik. Die Ausbildung dieses Begriffs lässt sich zuerst auf die Thematisierung der Machenschaft zurückführen, die wir in den Werken Beiträge zur Philosophie (1936-38) und Die Zeit des Weltbildes (1938) finden. Im Kontext des Zweiten Weltkriegs assoziiert sich der Begriff des Gestells mit der Idee von Konsumgütern und Versorgungsketten. Und schließlich wird im Rahmen der Werke Bremer Vorträge (1949) und Die Frage nach der Technik (1953) das Gestell endgültig als das Wesen der Technik begriffen.3 In diesen beiden Schriften trennt Heidegger die Technik von jeder modernen und machenschaftlichen Vorstellung. Die Technik ist eine neue Form der historischen Manifestation des Schicksals des Seins, die Art und Weise, wie sich in der heutigen Zeit das Sein als Gestell offenbart. Aus der Perspektive des Gestells verwandelt sich alles, was existiert, in einen verfügbaren Bestand. 3 Für eine detaillierte Darstellung dieser drei Phasen der Ausbildung des Begriffs „Gestell" siehe die interessante Arbeit von Mitchell (2015, 3-63). Und für eine Genealogie des Heidegger'schen Denkens über die Technik verweisen wir auf Luckner (2015, 19-24). Phainomena 33 | 130-131 | 2024 2.1. Machenschaft und das Primat der Vorstellung Heidegger nennt Machenschaft die Weise, wie wir die Seinsverlassenheit erfahren (GA 65, 107). Was bedeutet das? Die Dinge sind einfach der Welt überlassen, ohne irgendeine Beziehung zu etwas anderem zu wahren, das heißt, es gibt keinen Urheber der Verlassenheit. In diesem Verlassensein „erscheint das Seiende als Gegenstand und Vorhandenes" (GA 65, 115). Anders ausgedrückt, die Machenschaft benennt die Konstellation von Kräften, die die Seienden in bloße gegenwärtige Objekte verwandelt. Die Machenschaft benennt also „eine Art der Wesung des Seins" (GA 65, 126). Die Machenschaf ist „das Sicheinrichten auf die Machsamkeit von Allem" (GA 66, 16); sie drückt die Tendenz der modernen Epoche aus, die Dinge als machbar zu begreifen und in den Dienst der Macht der Technik zu stellen (GA 66, 16). Alle Dinge, einschließlich des menschlichen Seins, werden als machbar und formbar im Rahmen von Planung und Berechnung gedacht, sodass alles auf Nutzung und Konsum ausgerichtet ist. Das Auftreten der Machenschaft kennzeichnet den 314 Übergang von der modernen Perspektive auf die Sache als Gegenstand hin zur Auffassung der Sache als eines Produktes des Willens zur Macht. In diesem Sinne stellt die Machenschaft den Höhepunkt der Geschichte der Metaphysik dar (GA 69, 71). Im Rahmen der Beiträge zur Philosophie (1936-38) ist die Machenschaft ein Begriff, der die existierenden Kräfte in der Gesellschaft bezeichnet, die zur Objektivierung und Vorstellung der Dinge beitragen. Die Machenschaft ist daher ein modernes Phänomen, das eine von der Vorstellung geprägte Epoche beschreibt. Wie Heidegger in Die Zeit des Weltbildes (1938) feststellt, ist das Wesen der Moderne durch Wissenschaft und Vorstellung bestimmt. Die Sachen werden so zu Objekten der vorstellenden Tätigkeit des Subjekts: „Das Seiende im Ganzen wird jetzt so genommen, dass es erst und nur seiend ist, sofern es durch den vorstellend-herstellenden Menschen gestellt ist." (ZWB, 87.) Der Mensch findet nur das, was ihm als vorgestellt gegeben ist.4 Die Dinge 4 Metaphysisch bedeutet dies folgendes: Das Sein wird durch das Subjekt verdrängt, und wird daher gänzlich vergessen. Es geht nicht mehr darum, die Frage nach dem Sinn von Sein zu stellen, sondern das Subjekt als Erkenntnisprinzip festzulegen. Was dann noch als Seiendes erkannt wird, kann nur erkannt werden, wenn es in das Jesús Adrián Escudero werden zu ihrem vorgestellten Doppelgänger. Dies bedeutet die Nähe zu den Dingen zu verlieren, das heißt, das direkte Erleben der Sache verschwindet zugunsten der abstrakten Vorstellung der Sache. Damit wird, wie Heidegger bemerkt, die Verwandlung der Welt in Bild vollendet: „Der Grundvorgang der Neuzeit ist die Eroberung der Welt als Bild." (ZWB, 92.) 2.2. Krieg: Konsum und Lieferkette Der Wandel des Begriffs "Machenschaft" von Mitte der dreißiger Jahre zu den reifen Reflexionen über die Technik in den fünfziger Jahren fällt mit dem Ausbruch und den Folgen des Zweiten Weltkriegs zusammen.5 Nach Auffassung von Heidegger ist der Zweite Weltkrieg eine Art Krieg, die sich von allen vorhergehenden Kriegen unterscheidet: Einerseits hat der Krieg nicht mehr das Ziel, den Frieden wiederherzustellen (GA 69, 180), und andererseits antwortet „das Schwinden des Unterschieds von Krieg und Frieden" (GA 69, 181) auf ein viel bedeutenderes, aber oft unbeachtetes Phänomen, nämlich den technologisch erleichterten Konsum des Seins. Mit anderen Worten, der Zustand des Friedens wird ununterscheidbar vom Zustand des Krieges. So können wir in Überwindung der Metaphysik (1936-1946) lesen: Jenseits von Krieg und Frieden ist die bloße Irrnis der Vernutzung des Seienden in die Selbstsicherung des Ordnens aus der Leere der Seinsverlassenheit. „Krieg" und „Frieden" sind, zu ihrem Unwesen abgeändert, in die Irrnis aufgenommen und, weil unkenntlich geworden hinsichtlich eines Unterschieds, in den bloßen Ablauf des sich steigernden Machens von Machbarkeiten verschwunden. (GA 7, 91.) In Krieg und Frieden wird die Erfahrung der Dinge auf den bloßen Konsum reduziert. Jeder Konsum, sowohl der während des Krieges als auch der in Friedenszeiten, benötigt eine Lieferkette von Rohstoffen und menschlichen Ressourcen, die in der Lage ist, die konstante Nachfrage nach Vorräten und Konsumgütern aufrechtzuerhalten. Hier, wie Mitchell (2015, 34) anmerkt, Schema einer Subjekt-Objekt-Struktur gepresst ist. Diese Struktur, meint Heidegger, erreicht seinen Gipfel in der modernen Technik. 5 Wir fassen hier die von Mitchell (2015, 33-36) angebotene Erklärung zusammen. Phainomena 33 | 130-131 | 2024 beginnt sich die Auffassung von Ersetzbarkeit herauszubilden, die eine herausragende Rolle in den Bremer Vorträgen und in Die Frage nach der Technik spielen wird. Die Idee des Ersatzes während der Kriegszeit wird dann in Begriffen der Ersetzbarkeit thematisiert: „Der ,Ersatz' und die Massenherstellung der Ersatzdinge [sind] kein vorübergehender Notbefehl, sondern die einzig mögliche Form, in der sich der Wille zum Willen, die ,restlose' Sicherung der Ordnung des Ordnens, in Gang hält." (GA 7, 94.) Dieser Wille zum Willen will nur mehr vom Gleichen, kann nur durch die Proliferation von Ersätzen und durch die Herstellung und den Konsum von mehr Gütern befriedigt werden. Die Realität wird also auf Konsum und die permanente Notwendigkeit von Konsumgütern, einschließlich des menschlichen Seins, reduziert. Der Mensch selbst wird zu einer Ware des Austauschs, des Konsums, der Ausbeutung und der Herrschaft. In Überwindung der Metaphysik wird betont, dass „der Mensch in diesen Prozess der Vernutzung einbezogen ist; tatsächlich ist ,der Mensch der wichtigste Rohstoff'" (GA 7, 91), da er den Produktions- und Konsumprozess leitet. Wenn der Mensch nun als Rohstoff betrachtet wird, gibt 316 es keinen realen Unterschied mehr zwischen dem Menschen und der Welt, die ihm zur Verfügung steht. Alles, einschließlich des Menschen, wird jetzt zu etwas Verfügbarem und damit zu etwas Ersetzbarem. 2.3. Gestell: Zirkulation, Bestellbarkeit und Ersetzbarkeit Im Laufe des Zweiten Weltkriegs wurde Heidegger das Entstehen der Ware bewusst, die er Bestand nannte. Der Krieg bedeutete nicht nur das Ende des Objekts, sondern auch das Ende seines Gegenteils: des Subjekts. Im Zeitalter der Technik wird alles, von den Rohstoffen bis hin zum Menschen selbst, in den Kreis des Konsums eingeschrieben, wie die Erfahrung des Krieges auf grausame Weise offengelegt hat. So wird, wie in den Bremer Vorträgen angekündigt, die technologische Epoche des Gestells bzw. der Bestellbarkeit und der Ersetzbarkeit eröffnet: „Im Ge-stell wird das Anwesen alles Anwesenden zum Bestand. Das Ge-stell zieht das Bestellbare ständig in den Kreisgang des Bestellens herein, stellt es darin fest und stellt es als das so Beständige in den Bestand ab." (GA 79, 32.) Der Bestand ist kein Objekt. Heidegger warnt uns davor, den Bestand in Begriffen von Bestand, Existenzen Jesús Adrián Escudero oder Reserven zu denken: „Das Wort ,Bestand' rückt jetzt in den Rang eines Titels. Er kennzeichnet nicht Geringeres als die Weise, wie alles anwesend ist, was vom herausfordernden Entbergen betroffen wird." (GA 7, 17.) Der Bestand impliziert einen tiefgreifenden ontologischen Wandel in der Natur der Sache selbst: Die Sache selbst manifestiert sich als Bestand. Das Reich der Bestellbarkeit und des Bestands ist wesentlich anders als das Reich der Gegenständlichkeit und der Vorstellung der modernen Wissenschaft. Der Bestand markiert somit einen epochalen Bruch mit der Objektivität, die die moderne Metaphysik definiert.6 Was versteht man nun unter Gestell? Die Machenschaft verschärft die Epoche der Vorstellung; aber dieses Vorstellen ist nur eine Form des Stellens. Ende der vierziger Jahre definiert Heidegger das Stellen als die Wurzel der technologischen Aktivität als solchen. So weicht die alleinige Dominanz des Vorstellens, die die moderne Epoche kennzeichnet, einer Vielzahl von Formen des Stellens: Bestellen, Zustellen, Nachstellen, Herstellen, Hinstellen, Abstellen, Erstellen, Darstellen, Feststellen, Bereitstellen oder Verstellen. Gestell heißt also „die Versammlung jenes Stellens, das den Menschen stellt, 317 d. h. herausfordert, das Wirkliche in der Weise des Bestellens als Bestand zu entbergen" (GA 7, 21); es benennt „das aus sich gesammelte universale Bestellen der vollständigen Bestellbarkeit des Anwesenden im Ganzen" (GA 79, 32). Für Heidegger hat Gestell nicht die übliche Bedeutung von Büchergestell, Gerät, Montage, Gerippe, Gestänge, sondern es drückt das Wesen der Technik aus (GA 79, 32 und 65; GA 7, 20). Wir dürfen also das Gestell nicht als eine Art Struktur, Inventar, Rahmen oder Zusammenbau von Teilen denken, wir können es nicht als Ansammlung von Vorrichtungen oder als Satz von Ausstattungen begreifen. Das Gestell benennt die Art und Weise, wie sich die Dinge manifestieren und geben. 6 Das Subjekt-Objekt-Schema, mit dem die Technik arbeitet, bringt mit sich eine Zweiteilung, insbesondere in allen Formen der Vorstellung: die Welt teilt sich in das Vorstellende (Subjekt) und das Vorgestellte (Objekt). Heidegger will gerade diese Herrschaft der Subjektivität brechen, weil sie das Sein vergegenständlicht. In diesem Sinn ist seine Spätphilosophie als ein Versuch jenseits der Philosophie der Subjektivität zu denken. Im letzten Abschnitt zeigen wir, wie Heidegger diese Ontologie der Subjektivität zugunsten einer Ontologie der Relationalität überwindet. Phainomena 33 | 130-131 | 2024 Wie erscheinen die Dinge aus dem Blickwinkel des Gestells? Das Gestell ermöglicht die Zirkulation des Bestands. Wie in den Bremer Vorträgen gesagt wird: Das Ge-stell ist in sich die raffend treibende Zirkulation des Bestellens des Bestellbaren in das Bestellen. Das Ge-stell stellt alles auf dieses Gleiche des Bestellbaren, dass es in der gleichen Form sich ständig wieder stellt und zwar um das Gleiche der Bestellbarkeit. (GA 79, 33-34.) Zu sagen, dass das Gestell zirkuliert, bedeutet, dass es kein Ziel hat, dass es nichts außerhalb der Zirkulation von Ressourcen, Rohstoffen und Konsumgütern gibt. Dieser Kreisgang führt nirgendwohin. Das bedeutet, dass alle Bestandselemente im Kreisgang des Gestells rotieren: von den Energieressourcen (Wasser, Öl, Elektrizität usw.) und mechanischen Ressourcen (Auto, Flugzeug, Zug usw.) bis hin zum bürokratischen Gefüge (Beamte, Gerichte, Schulen usw.) und den menschlichen Ressourcen (Beamte, Lehrer, Polizisten, Ärzte usw.). Gleichzeitig verbreitet die Zirkulation Reserven, Ressourcen, Rohstoffe und Konsumgüter durch den Kreislauf des Gestells. Nichts ist einfach an einem festen Ort, sondern es ist Teil desselben Kreislaufs (GA 79, 32). Der Bestand muss daher im Rahmen der Zirkulation und der Möglichkeit einer „ständigen Ersetzbarkeit des Gleichen durch Gleiches" (GA 79, 44) verstanden werden. So befindet sich zum Beispiel das Ersatzteil eines Autos nicht nur in der Werkstatt des Händlers, nicht nur im Lager, sondern es ist in einen Kreislauf von Teilen integriert, die immer bereit sind, durch andere Teile ersetzt zu werden, um von einem Ort zum anderen innerhalb derselben Lieferkette bewegt zu werden. Jedes Teil ist sofort bestellbar und kann jederzeit durch ein anderes ersetzt werden. So lesen wir in den Bremer Vorträgen: „Ein Bestand-Stück ist durch das andere ersetzbar. Das Stück ist als Stück schon auf die Ersetzbarkeit hin gestellt. Bestand-Stück sagt: das als Stück Abgesperrte ist auswechselbar in ein Bestellen eingesperrt." (GA 79, 36-37.) Jedes Teil und damit jede Ware wird permanent verbraucht und sogleich durch andere ersetzt. Doch diese einseitige Wendung zur Ware betrifft auch den Menschen. Wir beschränken uns nicht einfach darauf, Produkte und Waren zu konsumieren. Wir, als Konsumenten Jesús Adrián Escudero und Produzenten, werden zu einem weiteren Teil im Kreis des Gestells. Heidegger erkennt die Gefahr, dass wir zu einem Bestand-Stück, zu einem Teil im Dienst desselben Gestells werden. Die Betrachtung des Menschen und der Natur als reiner Bestände bedeutet nicht nur eine ontologische Verschiebung, sondern auch eine existentielle Bedrohung, die die Fundamente der menschlichen Existenz und ihren Sinn hinterfragt. Der technische Zugang zur Welt birgt laut Heidegger eine nihilistische Tendenz.7 3. Nihilismus und relationale Ontologie Die nihilistischen Implikationen der modernen Technik sind tiefgreifend und vielschichtig. Sie beziehen sich auf die Tendenz, die Welt und die Menschen auf reine Ressourcen und Objekte zu reduzieren, die nach Nützlichkeit und Effizienz bewertet werden. Die Technik fungiert als ein Herrschaftsinstrument, das sowohl die Natur als auch den Menschen kontrolliert und ausbeutet, wodurch ein Zustand der Nichtigkeit entsteht. Zudem wird alles messbar und quantifizierbar. Diese technologische Denkweise führt zur Ablehnung alternativer Lebensweisen und Perspektiven, wodurch das Dasein nur noch unter dem Aspekt der Funktionalität betrachtet wird. In diesem Kontext gewinnt die Gefährdung des menschlichen Seins durch eine unreflektierte Technik eine alarmierende Dimension. Wie kann man also dem objektivierenden Trend der technischen Welt widerstehen? Wie kann man der einheitlichen Kraft des Gestells und seiner Neigung, alles in Bestand zu verwandeln, entgegenwirken? In den ersten Zeilen von Die Frage nach der Technik (1953) und Gelassenheit (1955) wird genau diese Frage behandelt, nämlich wie man eine freie Beziehung zur Technik aufrechterhalten kann. In Gelassenheit wird beispielsweise der Unterschied zwischen dem berechnenden Denken des Gestells und dem meditativen Denken des Gevierts herausgestellt. Heidegger empfiehlt die „Gelassenheit zu den Dingen" (G, 27). Wie erreicht man das? So, dass man im Nächsten und Nahen wohnt und über das nachdenkt, was uns hier und jetzt betrifft.8 7 Eine detaillierte Analyse über Nihilismus und Technik in Heidegger ist zu finden in Volpi (2005, 85-106, besonders 145-153). 8 Hier können interessante Parallelen zwischen dem daoistischen Konzept des wuwei Phainomena 33 | 130-131 | 2024 Heidegger erkennt die Unvermeidlichkeit der Technik und ihre Vorteile an, warnt uns jedoch auch vor ihren Gefahren. Daher empfiehlt er, die Technik zu nutzen, sich jedoch nicht von ihr gefangen nehmen und mitreißen zu lassen. Mit anderen Worten, technologische Geräte zu verwenden, ohne an ihnen festzuhalten; das heißt, fähig zu sein, sich von diesen Geräten zu distanzieren, sie sein-lassen. Ebenso wird in Bauen Wohnen Denken (1951) erneut auf das Phänomen der Ausbeutung, Entfremdung und Entwurzelung hingewiesen, das durch die technische Herrschaft verursacht wird, und erneut wird die Frage aufgeworfen, ob es eine andere mögliche Weise gibt, die Welt zu bewohnen. Heidegger betont die Notwendigkeit, die Gewalt der Technik zu überwinden, oder, anders gesagt, lädt uns ein, die Welt aus der Perspektive des Gevierts zu pflegen. Heidegger stellt somit eine unüberwindbare Unvereinbarkeit zwischen dem Wohnen in der Modalität des Gevierts und dem Bewohnen einer von Gestell dominierten und organisierten Welt fest. Das objektivierende Denken der Wissenschaft und Technik führt zu einem Desinteresse an den Dingen selbst. Das Geviert 320 ist das Gegenteil des Gestells. Das Gestell macht die Welt unbewohnbar, weil es die Dinge und die Menschen dominiert und manipuliert; im Gegensatz dazu macht das Geviert die Welt bewohnbar, insofern es die Dinge pflegt und sich von ihnen pflegen lässt: „Der Grundzug des Wohnens aber ist das Schonen." (GA 7, 152.) Eigentliches Wohnen ist eine Modifikation der Unbewohnbarkeit und Heimatlosigkeit, die charakteristisch für die Technik ist. Es kann nur aus dieser Konfrontation entstehen und manifestiert sich ex negativo, wie im Fall von Sein und Zeit, wo das eigentliche Dasein als eine Modifikation der Uneigentlichkeit des Alltagslebens thematisiert wird. So kann das Geviert als eine Modifikation des Gestells gedacht werden.9 und der heideggerianischen Gelassenheit gezogen werden. Siehe dazu Rentmeester (2016, 88-95). Wir können auch an Das Buch vom Tee von Kakuzo Okakura denken und an seine Einladung, den kleinen Dingen und den Ritualen des Alltags Aufmerksamkeit zu schenken, um unsere Grenzen anzunehmen und uns ihrer bewusst zu werden. 9 Sobald die Heimatlosigkeit als eine Seinsweise angenommen wird, ist es möglich, an einen Ort zu denken, an dem man wohnen kann. Es handelt sich um eine ständige Aufgabe. Wir können keinen authentischen Ort in der Welt schaffen, weil die Heimatlosigkeit ein konstitutives Element der menschlichen Existenz ist. Die Jesús Adrián Escudero Das Geviert verleiht den Dingen einen relationalen Charakter. Erde, Himmel, die Göttlichen und die Sterblichen kommen zusammen, um ein endliches Wesen zu konstituieren, das mit anderen Dingen verbunden ist. Diese vier Elemente werden nicht summativ hinzugefügt und sind keine individualisierten Aktivitäten. Diese Elemente interagieren miteinander und konstituieren sich gegenseitig. Wir müssen sie in ihrer Vierung verstehen, in ihrer ursprünglich einheitlichen Entfaltung. Heidegger denkt die Versammlung des Gevierts als ein Spiegel-Spiel (GA 79, 18-19). Jedes der vier Elemente spiegelt sich in den anderen in Form einer einfältigen Vereinigung: Erde und Himmel, die Göttlichen und die Sterblichen gehören einander gegenseitig und sie entfalten sich in einem dynamischen Spiel von Beziehungen und Verknüpfungen (GA 79, 18). So bin ich also nicht, wie es im Paradigma der modernen Philosophie der Fall ist, derjenige, der die Welt der Dinge erschafft, sondern ich fühle mich mit den Dingen und gemeinsam mit ihnen mit der Welt verbunden. Die Dinge sind Dinge in ihrer Nähe. Und nur in der Nähe der Dinge zeigt sich das Spiel der Welt. Die vier Elemente bestimmen sich gegenseitig in einem ständigen und 321 wechselnden Spiel von Interaktionen. Die Erde strahlt das phänomenale Licht der Dinge aus. Dafür benötigt sie ein Medium, den Himmel. Dieses durch Erde und Himmel vermittelte Erscheinen ist bedeutungsvoll und nimmt die Form meditativ-wachsame Haltung kann die Not der Heimatlosigkeit mildern, aber sie kann nicht überwunden werden. Was ist der Grund für diese Unmöglichkeit? Das Sein selbst. Ein Sein, das sich durch einen unversöhnlichen Kampf mit sich selbst entfaltet. Das erklärt den zerrissenen und tragischen Charakter der Existenz. Die Entwurzelung und die Verwurzelung des menschlichen Lebens sind ein einfacher Spiegel des doppelten Spiels von Abwesenheit und Anwesenheit, von Verborgenheit und Unverborgenheit, von Ereignis und Entzug, die dem Sein innewohnen. In Wirklichkeit wird das Wohnen, als konstitutives Merkmal des Menschen, nie voll und ganz realisiert, solange wir leben. Wir sind nie auf eine endgültige Weise zu Hause. Wir befinden uns lediglich auf dem Weg nach Hause. Die Stoiker erklären beispielsweise diesen umherziehenden Charakter des menschlichen Lebens mithilfe der Theorie der Oikesis: die Tendenz, die jedes Individuum zeigt, in seinem Zuhause (oikós) zu bleiben und, wenn es das nicht tut, dorthin zurückzukehren. Eigentliches Wohnen ist eine ständige, nie befriedigte Suche. Eigentlich zu Hause zu sein, enthält zugleich ein Nicht-Zuhause-Sein, genauso wie Licht Dunkelheit enthält und Anwesenheit Abwesenheit impliziert. Die Erfahrung der Heimatlosigkeit drängt uns dazu, den eigenen Ort zu suchen, an dem wir wohnen können. Siehe dazu Adrián (2016, 58-59). Phainomena 33 | 130-131 | 2024 einer Botschaft an, die von den Göttlichen an die Sterblichen gesendet wird. Jedes Element reflektiert und wird in den anderen reflektiert. Jedes Element wird an die anderen gesendet, wird auf sie reflektiert, jedoch nur insoweit, als es wieder auf sich selbst reflektiert wird. Dieses „Selbst" ist nichts weiter als dieser ursprüngliche Reflex. Anders ausgedrückt, keines dieser Elemente besitzt Eigenschaften, die vom Rest trennbar sind. Jedes Element ist untrennbar mit den anderen verbunden. Und jedes erhält seine besondere Identität durch die Beziehung selbst.10 Die vier Elemente als reflektierende Spiegel zu denken, bedeutet, sie als über ihre eigenen Grenzen hinausgehend zu betrachten. In dem Bild des Gevierts wohnt der Mensch nicht den Dingen gegenüber, als wäre er ein Subjekt, das die Objekte um sich herum dominiert, denn der Mensch selbst ist nur ein weiteres Element des Gevierts, das Sterbliche, von dem die anderen Elemente untrennbar sind. An dieser Stelle lässt sich ein neues Verständnis der Dinge spüren. Dinge haben eine relationale Natur, die keinen Kern oder ein organisierendes Zentrum voraussetzt. Sie benötigen auch kein solides Fundament des Sinns, 322 eine letzte Substanz oder ein reines Fundament. Es gibt keine Forderung nach einem ersten Prinzip und Ursprung aller Dinge - sei es Gott, das Subjekt, das Bewusstsein, der Geist oder der Wille zur Macht. Heidegger weist entschieden jede Ontologie der Substantialität zurück. Die Dinge existieren im Medium (Mitte), an der Kreuzung zwischen den vier Elementen. Die Versammlung der Vier findet außerhalb jedes einzelnen statt, das heißt, sie geschieht in dem Zwischenraum, in dem sie sich kreuzen. In Bauen Wohnen Denken wird darauf hingewiesen, dass die etymologische Bedeutung von Wohnen sowohl auf das Gefühl des Friedens und der Zufriedenheit (Friede) als auch auf das Verweilen im Freien und Offenen (Frye) verweist (GA 7, 151). Wohnen bedeutet, sich um diese ursprüngliche Öffnung zu kümmern und sie zu bewahren, in der wir uns 10 Denken wir zum Beispiel an die Beziehung zwischen Vater und Sohn. Die Beziehung des Vaters zu seinem Sohn wird nicht durch eine wesentliche Form des Vaterseins bestimmt, sondern definiert sich in jedem Fall und zu jedem Zeitpunkt durch die Beziehung, die er zu seinem Sohn herstellt; der Vater ist das, was er ist, als Ergebnis eben dieser Beziehung. Und ebenso wird der Sohn in jedem Fall und zu jedem Zeitpunkt durch die Beziehung zu seinem Vater konstituiert. Die Beziehung zwischen beiden findet im Raum der wechselseitigen Interaktion statt. Jesús Adrián Escudero immer schon befinden. Heidegger möchte genau diese konstitutive Öffnung, diesen offenen Raum der Schnittstelle, dieses Intervall, diese Oszillation, in der wir ständig leben, denken. Das Geviert repräsentiert eine andere Art, die Dinge zu denken, die nicht mehr Substanzen, sondern Beziehungen sind. Jetzt interpretieren wir die Dinge kontextuell, sie erscheinen an einem Ort und werden von ihrem Standort beeinflusst. Das Ding ist nicht mehr eine Realität, die in sich selbst eingeschlossen und verkapselt ist, es ist nichts, was dem Subjekt als Gegenstand gegenübersteht. Tatsächlich existieren wir inmitten und zwischen den Dingen, die sich in einem Feld von wechselseitigen Interaktionen entfalten. In einem Zwischen, das der späte Heidegger Geviert nennt. Das Ding ist keine vorhandene Entität, sondern der Schnittpunkt von Erde, Himmel, den Sterblichen und den Göttlichen. Eine Brücke, wie jene, die in Bauen Wohnen Denken beschrieben wird, ist ein Ding, das Ufer miteinander verbindet, um die sich menschliche Standorte versammeln, und das den Übergang von Personen und Waren von einem Ort zum anderen ermöglicht (GA 7, 155). In diesem Sinne sind alle Dinge Brücken, insofern sie Verbindungen zu anderen Dingen herstellen. 323 Das Ding ist auch eine Brücke zwischen unserer Umwelt und uns selbst. Die Dinge bilden somit, über ihre eigene materielle Realität und ihren räumlichen Standort hinaus, einen Teil unserer Beziehung zur Welt. Unsere Existenz bewegt sich ständig in einem unüberwindbaren und somit unversöhnlichen Zwischen. Das Bild der Brücke illustriert perfekt dieses schwingende Zwischen, in dem sich unsere Existenz entfaltet. Es geht nicht mehr um die Gleichzeitigkeit von Oppositionen, von denen jede für sich selbst kohärent ist. Es gibt keine versöhnten Oppositionen in einer übergreifenden Einheit, die außerhalb der Beziehungen, in denen wir leben, existiert. Daher gibt es keine Dialektik. Nur Relationalität. Die Bremer Vorträge und Bauen Wohnen Denken verdeutlichen dieses Zwischen, diesen Zwischenraum, in dem wir uns immer schon befinden und aus dem wir niemals herauskommen. Eine Relationalität, die entscheidend für das postmetaphysische Denken unserer Tage ist. So gelangen wir von einer Ontologie der Substanz zu einer Ontologie der Relationalität. Phainomena 33 | 130-131 | 2024 324 Bibliography j Bibliografija Adrián, Jesús. 2015. „Habitar el desarraigo." In M. Heidegger, Construir Habitar Pensar, 55-68. Madrid: La Oficina. Hadot, Pierre. 2004. Le Voile d'Isis: Essais sur l'histoire de l'idée de nature. Paris: Gallimard. Heidegger, Martin. 1959. Gelassenheit. Pfullingen: Neske. [Sigle: G.] ---. 1980. „Die Zeit des Weltbildes." In M. Heidegger, Holzwege, 73-109. Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann. [Sigle: ZWB.] —. 1994. Beiträge zur Philosophie. Vom Ereignis. Gesamtausgabe 65. Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann. [Sigle: GA 65.] —. 1997. Besinnung. Gesamtausgabe 66. Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann. [Sigle: GA 66] —. 1998. Die Geschichte des Seyns. Gesamtausgabe 69. Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann. [Sigle: GA 69.] —. 2000a. „Die Frage nach der Technik." In M. Heidegger, Vorträge und Aufsätze. Gesamtausgabe 7, 5-35. Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann. 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