Klavdija Hrenko Podergajs Visoka poslovna šola Doba Maribor klavdija.hrenko-podergajs@vpsm.si ERKENNTNISTHEORETISCHE MODELLE UND REALISMUSDEFINITIONEN NACH 1950 In der Postmoderne1 gewinnen das Partikulare und der Pluralismus die Oberhand, wobei die Metaerzählungen bzw. die Ideologien, in denen der Begriff des Originals und damit des Individuums zerfällt, nicht mehr gelten. Den Postmodernisten zeigen sich die Wahrheit und Wirklichkeit nicht mehr im genau festgelegten Rahmen der Metaphysik, der genau definiert, was richtig ist und was falsch. Gleichzeitig verneinen sie aber auch die modernistische Auffassung der Wahrheit, sogar die Wirklichkeit der unmittelbaren Erfahrung und ihre Präsenz stellen sie in Frage. Sie zweifeln an der Wirklichkeit des Ichs, des Subjekts, sogar der Sprache, denn das alles sind Konstruktionen. Peter V. Zima schreibt ganz am Anfang seines Buches Moderne/Postmoderne (2001): 1 Der Begriff ,Postmoderne' sowie seine Anwendung sind umstritten, werden aber in dieser Arbeit als relevant angenommen. Ausgehend von Zima ist die Postmoderne eine Konstruktion, die eine Vielzahl von Problemkonstellationen (wie z. B. die neue Dominanz von Strukturalismus, Semiotik und Poststrukturalismus, das Problem der Geschichtlichkeit von Subjektivität, das Aufkommen eines Neokonservativismus, die Rolle der so genannten neuen sozialen Bewegungen usw.) impliziert, wie auch einen Prozess der gesellschaftlichen Veränderungen (postindustrielle Gesellschaft, Konsumgesellschaft, Reproduktions- und Simulationsgesellschaft usw.) und den Niedergang der rationalistischen, faschistischen und marxistischen Großideologien (Metaerzählungen). Der Begriff wird immer auch im Zusammenhang mit einer Kritik und/oder Weiterfuhrung der Moderne angesehen. Es handelt sich aber auch um eine Suche nach neuen Formen des Erzählens und der Frage nach den Möglichkeiten einer oppositionellen und kritischen Kunst und Literatur (vgl. Zima 2001). 159 Man muß nicht Anhänger des Radikalen Konstruktivismus sein, um zu erkennen, daß wir die Wirklichkeit nur als konstruierte wahrnehmen: Wo der Ökologe ein wertvolles Biotop sieht, sieht der Bauer lediglich unbrauchbares Land oder gar ein Hindernis auf dem Weg zur optimalen landwirtschaftlichen Nutzung; [...] wo sich der Liebhaber der Klassik schaudernd vom Chaos abwendet, lobt der Modernist oder Postmodernist innovative oder zeitgemäße Kunst. (ebd. 21) Die Postmoderne wird also als Verfassung radikaler Pluralität verstanden, ihre Grunderfahrung ist die „des unüberschreitbaren Rechts hochgradig differenter Wissensformen, Lebensentwürfe, Handlungsmuster" (Welsch 1997, 77f). Ein und derselbe Sachverhalt kann sich in einer anderen Sichtweise völlig anders darstellen, und das bedeutet, dass er nicht weniger wichtig oder wahr oder richtig ist als der erste. So stellt es sich heraus, dass in der Postmoderne Begriffe wie Wahrheit, Wirklichkeit, Realität im Plural stehen. Dass die (einheitlichen) Definitionen solcher Begriffe in unserer (postmodernen) Zeit problematisch werden, zeigt sich auch schon bei den englischen und deutschen Filmemachern (denn der Bildschirm und die Kinoleinwand sind Ikonen dieser Zeit). Im Film Matrix der Brüder Wachowski entdeckt der Hacker Neo, dass die gesamte sichtbare Realität nichts anderes ist als eine virtuelle Simulation, damit der Mensch nicht erkennt, dass er nichts anderes mehr ist als Biomasse innerhalb einer Welt von Müll und regiert von technischer Intelligenz. Er lässt sich auf eine andere Realitätsebene, die der kleinen Anarchistengruppe um Morpheus, transferieren. Der Held Neo möchte diese Welten der Computersimulationen nicht zerstören, sondern sie in seinem Sinne und dem der Menschheit weiterführen. Es wird also eine Welt der reinen Computersimulationen gezeigt und die Wirklichkeit wird zu unterschiedlichen Ebenen der Simulation. Als zweites Beispiel dient der deutsche Film Lola rennt. Eine junge Frau mit knallroten Haaren rennt durch die Stadt und versucht in 20 Minuten eine große Geldsumme aufzutreiben, um ihrem Freund das Leben zu retten. Gezeigt werden dabei drei unterschiedliche Versionen ihres Handelns und ihrer Entscheidungen, drei unterschiedliche Schlüsse, drei Wirklichkeiten und es gibt noch mehr, so viele, wie es Zuschauer gibt. 160 Und wie ist es in der Truman Show, in der der Gott-Regisseur für das Fernsehen bzw. das Publikum ein ,wahres' Leben inszeniert in einem überdimensionalen Welt-Studio mit 5000 versteckten Kameras - in einer perfekten Welt, die, wie sich herausstellt, nur ein Simulakrum ist? Kann man in einer solchen Welt noch von Realität und Realismus sprechen, stimmen die ganzen Erklärungen und Definitionen solcher Begriffe dennoch? Eine Art Antwort liefert der Gott-Regisseur: Wir akzeptieren die Welt, die uns dargeboten wird. Um die Diskussion über den Realismus und/oder die realistische Darstellungsweise in die Gegenwart zu führen, muss geprüft werden, ob die realistischen Grundtheoreme in dieser (post)modernen Diskussion noch Geltung haben, ob sie neu definiert werden müssen oder ob sie nicht mehr relevant sind. Ausgehend vom realistischen Grundtheorem der Wirklichkeitsdarstellung werden die Wirklichkeitsauffassungen im erkenntnistheoretischen Diskurs der postmodernen Zeit dargestellt. Die postmoderne Gesellschaft und ihre erkenntnistheoretischen Modelle Die postmodernen Sozialwissenschaftler stellen fest, dass eine postmoderne Gesellschaft eine auf Disziplinierung und Naturbeherrschung gegründete Industriegesellschaft ablöst. Diese postmoderne Gesellschaft wird als eine Welt des radikalen Pluralismus und der multikulturellen Polyphonie definiert. Es ist eine Gesellschaft, die einen extremen Individualismus, eine starke Entfremdung, ein Streben nach Selbstverwirklichung vertritt. Problematisch erscheint für die postmoderne Gesellschaft die Vermarktung aller Lebensbereiche, die Kommerzialisierung der Informations- und Kommunikationsmedien. Die Legitimationskraft der Wissenschaft ist in der Postmoderne verschwunden - es gibt keine universalistische Wahrheit. Dieser Pluralismus zeigt, dass sich die Wahrheit auf die immer definierte praktische und faktische Richtigkeit einzelner Aussagen bezieht (vgl. Zima 2001, 80). 161 Baudrillard meint, dass „die soziale Wirklichkeit (als Sphäre des Gebrauchswerts und der Produktion und als Grundlage der Kritik) nicht mehr wahrgenommen wird: Ihr Sein löst sich im Schein des Tauschwerts auf, (ebd. 109). Er glaubt nicht mehr an die Möglichkeit, dass man die Wirklichkeit, die Wesensart, hinter den Erscheinungen finden kann (im Gegensatz zu Lukacs ist also Baudrillard kein Objektivist). Mit der Wirklichkeit verschwinden der Sinn, die Wahrheit, das Soziale, die Geschichte und das Individuum. Er geht von der These aus, dass in der Gesellschaft des Spätkapitalismus die Vermittlung durch den Tauschwert alle Bereiche des Lebens beeinflusst. Deswegen meint er, dass das Subjekt in der Marktwirtschaft (im Warentausch) verschwindet, es wird zu einem einfachen Zeichen für den Tauschwert. Die Folge ist, dass dieser materielle Schein alles bedeckt und jedes Suchen nach einem Jenseits des Scheins, nach der Wirklichkeit hemmt. Die Autoren der Tel-Quel-Gruppe, zu denen Baudrillard, Barthes und Derrida zählen, kamen zu der Erkenntnis, dass der Schein die Begrifflichkeit, den Sinn, die Realität und Wahrheit unmöglich macht, denn dem „Schein des Tauschwerts entspricht auf linguistischer und semiotischer Ebene der Signifikant, dessen unhinterfragbare Materialität und Vieldeutigkeit die Frage nach dem Signifikat als Sinn oder Wahrheit [...] gegenstandslos erscheinen lässt" (ebd. 112). Baudrillards Erkenntnis, dass wir „in einer Welt [leben], in der die ureigenste Funktion des Zeichens darin besteht, die Wirklichkeit verschwinden zu lassen und zugleich dieses Verschwinden zu tarnen" (ebd.), bespricht er in der Kritik der Medien. Er erklärt, dass im System der Medien die Sinneinheiten selbstreferentiell werden, so wie die Signifikanten bzw. der Tauschwert. So produzieren die Medien Simulakren, die keinen Ursprung, aber auch keine Wirklichkeit zulassen. Deswegen bezieht sich das Medium auf sich selbst und es entsteht eine Hyperrealität. Ohne diese analysierte Indifferenz als Austauschbarkeit der Wertsetzungen und Positionen ist die Postmoderne nicht zu verstehen. Erkenntnistheoretisch werden alle Vernunft- und Wahrheitsbegriffe von außen betrachtet, was dazu führt, dass der Anspruch auf Autorität und Geltung auf einen begrenzten geschichtlichen und kulturellen Kontext bezogen wird. Die Folgen solch einer Betrachtung sind Pluralisierungs- und Partikularisierungs- 162 prozesse. Auch die menschlichen Subjekte zeigen sich in diesem Kontext als nicht-autonome Instanzen, als von Machtapparaten konstruierte Subjekte, die diese Wahrheit durch die Gesellschaft erkennen; diese Wahrheit ist aber keinesfalls ihre eigene, individuelle, sondern die der machtausübenden Instanzen. Indem man die Vernunft und die Wahrheit als plural und partikular ansieht und alles in Frage stellt, definiert man die Partikularität und Pluralität aller Erkenntnisformen. Dabei verliert auch die philosophische Erkenntnis ihren Universalanspruch - sie wird deswegen von einigen Philosophen (Deleuze, Derrida, Rorty) der Literatur angenähert, bzw. dem kreativen Schreiben (ebd. 162). Aus dieser Perspektive erscheint die postmoderne Problematik in einer sprachlichen Situation. Schon Nietzsche zeigte, dass menschliches Denken nicht aus der spontanen Versenkung autonomer Subjekte ableitbar ist, sondern aufgrund von bestimmten historischen Macht- und Diskurskonstellationen zustande kommt. Deswegen gelten Wahrheit und Vernunft nicht mehr universell oder transkulturell in einem historischen Kontinuum, sondern sind kontextgebunden, partikulär (ebd. 164). Deleuze (in Différance et répétition und Logique du sens) und Derrida (différance-Begriff) beschäftigen sich mit der ,sprachlichen Wende' in der postmodernen Erkenntnistheorie. Derrida führt mit der allgemeinen Strategie der Dekonstruktion eine systematische Subversion der europäischen Metaphysik, vor allem aber auch des Wahrheitsbegriffs als Sinnpräsenz, durch (Zersetzung des semantischen Strukturbegriffs durch eine Überpräzisierung bzw. Partikularisierung).2 Deleuze versucht zu zeigen, dass das Ereignis begrifflich nicht zu fassen ist, weil es sich endlos zwischen Vergangenheit und Zukunft spaltet. Ergänzend dazu schreibt er, dass Wiederholung niemals Wiederholung des Selben sein kann, weil die wiederholten Elemente von keinem ihnen allen gemeinsamen Begriff als Ursprung oder Sinnpräsenz eingefasst werden. Er unterscheidet zwei Arten der Wiederholung: Die eine gründet auf der 2 Er behauptet auch, dass die Wiederholung eines Textelements die Textkohärenz nicht stärkt, sondern zersetzt. Damit dekonstruiert er das Grundprinzip der strukturalen Semiotik und der Sprechakttheorie (die Wiederholung eines Zeichens konstituiert den Sinn und wirkt kohärenzbildend). Im Gegensatz dazu setzt Demetz die Repetition als ausschlaggebend für das Alltägliche. 163 Idee des Selben oder des unveränderlichen Originals (Platon), die andere geht von der reinen Differenz aus (Nietzsche). Indem er zeigt, dass schon im Platonismus Nietzsches Differenz vorhanden ist, zeigt er den Zusammenfall des Gegensatzes von Urbild oder Original und Abbild oder Simulakrum. So erkennt er, dass die Welt des Scheins mit der Wirklichkeit zusammenfällt (ebd. 182f). Auch Lyotard verweist darauf, dass die Heterogenität der Sprache, ihrer Diskurse und SatzRegelsysteme die Auflösung der Subjektivität und des Subjektbegriffs bewirkt (ebd. 198). Richard Rorty stellt die realistische Auffassung der Wahrheit, dass der wahre Gedanke dem Wesen der Wirklichkeit am nächsten ist und daher als objektiv bezeichnet werden kann, in Frage, in dem er sich in diesem Kontext auf Nietzsche beruft, denn zwischen Denken und Wirklichkeit gibt es keine Übereinstimmung und die Wirklichkeit erscheint ihm nur „als ein Zufallsprodukt sprachlicher Traditionen und rhetorischer Konventionen, die nicht mehr als solche wahrgenommen werden" (ebd. 136, Hervorhebung K. H. P.). Versprachlichung als Lokalisierung und Partikularisierung des Wahrheitsbegriffs: Wenn Wahrheit rein konventionellen Charakter hat, d. h. an Ort und Zeit gebunden ist, kann sie auch keine universelle Geltung beanspruchen, weil sie Ausdruck von besonderen Konstellationen und Machtverhältnissen ist. (ebd. 137) Pluralität und Partikularität statt Totalität und Ganzheit In der postmodernen Philosophie zeigen Autoren wie Foucault, Lyotard oder Deleuze, dass die Subjektivität keine individuelle Freiheit ist. In ihren Mittelpunkt treten damit Begriffe wie Geschichte, Subjekt, Wesen, Wahrheit, Wissenschaft usw. Diesen gegenüber stellen sie Gegenbegriffe, die stark mit dem Partikularismus durchdrungen sind: Ewige Wiederkehr (Verwindung),3 Körper, Sprache (Figur), Macht, Spiel usw. (vgl. Zima 2001, 139). 3 Der Theoretiker Vattimo führte den Ausdruck ,Verwindung' (ursprünglich von Heidegger) in seine Theorie ein. Er verwarf die Vorstellung von der Überwindung und 164 Lyotard erklärt die postmoderne Situation damit, dass die Einheit (die von den großen Meta-erzählungen ermöglicht wurde) ihre Geltung verliert: Totalität wird obsolet, ersetzt wird sie durch die Pluralität. Das realistische Theorem der Ganzheit bzw. der Totalität findet keine Anwendung mehr. Die Pluralität, diese Auflösung des Ganzen wird als etwas Positives, als Chance aufgegriffen. Zu dieser Erkenntnis gelang Lyotard nicht nur aus dem Rückblick auf die wissenschaftlichen und wissenschaftstheoretischen Innovationen des 20. Jahrhunderts, sondern er bezog sich auch auf die Kunst (z. B. die Avantgarde des 20. Jh.). Worauf es seiner Meinung nach ankam, war die Erzeugung spezifischer und somit pluraler Möglichkeiten und die Einsicht, daß es in keinem Sektor einen allgemeinverbindlichen und alleinseligmachenden Aktionstypus gibt, sondern daß es eine Vielheit möglicher Wahrheiten zu entdecken und zu entwickeln gilt, die sich dem Prokrustesbett von Einheit und Gleichmaß nicht fügen. (Welsch 1997, 34f, Hervorhebung K. H. P.) Durch die Partikularisierung der Wirklichkeit verliert diese aber den Anspruch, als Kriterium des realistischen Schreibens zu fungieren. Es war schon problematisch, Kriterien für eine realistische Schreibweise zu finden, als man noch eine Wirklichkeit voraussetzte - aus postmoderner Sicht erscheint das unmöglich. Schon bei Nietzsche zeigt sich ein radikaler Zweifel an den Begriffen Wesen und Wahrheit, denn er glaubte nicht mehr, dass sich irgendein Wesen hinter den Erscheinungen verbirgt. In seinem zweiten Werk Menschliches, Allzumenschliches aus dem Jahre 1874 analysierte er die höchsten Werte. Diese Analyse führte ihn zur Auflösung der Wahrheit und somit auch zur Auflösung der Moderne. Man konnte nicht mehr im Namen der Wahrheit neue Projekte in die Welt setzen, ging zu einem anderen Verhältnis über. Seine These besagt also, dass die zahlreichen revolutionären Utopieentwürfe des Rationalismus, Marxismus, der Avantgarden und zuletzt auch der 68er Bewegung nicht realisiert (also auch nicht überwunden), sondern in der PseudoVerwirklichung der Massenkultur aufgelöst wurden. 165 sondern musste mit der Wiederkehr des Gleichen4 rechnen, die postmoderne Haltung „versteift sich nicht weiter auf die Rituale der Wahrheit, sondern rechnet mit Irrtumseinschlüssen in allen Vorzügen" (ebd. 137). Die differenzierte Wirklichkeit Bereits im Strukturalismus erklärte man die Suche nach den Bedeutungen für illusorisch und es folgte im Poststrukturalismus die Beschäftigung mit dem Problem der Differenz, wie z. B. bei Michel Foucault und Gilles Deleuze. Deleuze versuchte die Differenz anders zu denken - jenseits der klassischen Kategorien von Identität, Ähnlichkeit, Analogie und Gegensatz. So führte er die „freie Welt der Simulakren"5 ein, wobei es sich um Differenzen handelt, „die sich nicht mehr -metaphysisch - auf ein Identisches, sondern nur noch auf andere Differenzen beziehen" (Welsch 1997, 142). Diesen Gedanken entwickelt er weiter in der Metaphorik des ,Rhizoms': Das Wurzel-Stängelwerk, bei dem man die Wurzel und den Stängel nicht mehr unterscheiden kann und dass diese beiden im ständigen Austausch mit der Umgebung sind - das ist, was in der heutigen Wirklichkeit als paradigmatisch angesehen wird. Bei Deleuze zerfällt also auch die Wirklichkeit in unzählige lokale Wirklichkeiten, die je nach Kontext und Interesse variieren können.6 Eine eigenwillige Ansicht von der Differenz liefert Jean Baudrillard, der zu zeigen versucht, dass wir uns jenseits des Endes und aller Endmöglichkeiten befinden. Seiner Meinung nach ist die Differenzbildung dialektisch und, wenn sie freigegeben ist, kontraproduktiv. Denn die Bildung der Vielfalt führt ab einem gewissen Punkt zur Vergleichgültigung. So kommt es zur Neutralisation der 4 Und genau diese Wiederkehr des Gleichen ist nach Demetz ein Charakteristikum der realistischen Schreibweise. 5 Das Simulakrum wurde schon von Platon erwähnt und definiert als die identische Kopie von etwas, dessen Original nie existiert hat. 6 Das ist wieder ein Argument dafür, dass es keine allgemeingültigen Kriterien geben kann - auch nicht für eine realistische Schreibweise - sondern nur zeit-, ort- und sogar könnte man sagen subjektbedingte realistische Schreibweisen. 166 Möglichkeiten, zur Indifferenz. „Es ist die Dialektik der Differenzierung, dass sie in ihrer Potenzierung in Indifferenz umschlägt" (ebd. 149). Im Werk Agonie des Realen (Baudrillard 1978) erläuterte er den Prozess der Indifferenzierung am Verhältnis der Realität zu ihren Gegeninstanzen. Dort vertritt er die Meinung, dass es das Reale nicht mehr gibt, „weil es von seinen klassischen Kontrasten wie Beschreibung, Deutung, Abbildung nicht mehr unterschieden werden kann" (Welsch 1997, 149). In unserer Informationsgesellschaft wird die Wirklichkeit durch Informationen erzeugt und es ist geradezu unmöglich geworden, Wirklichkeit und Simulakrum zu unterscheiden. „Die beiden affizieren und durchdringen einander und konstellieren eine Situation universeller Simulation"7 (ebd. 150). Jacques Derrida schloss sich der Postmoderne-Debatte ebenso mit einer Schrift über die Differenz an. Er kam zur Erkenntnis, dass man die Differenz nur in der Pluralität definieren kann. Pluralität erklärt er als „Pluralität von Bahnen, in die jedes Sinnelement auseinander tritt" (ebd. 144). Der Sinn ist also nie präsent, sondern immer verschoben und in verschiedene Bahnen verstreut. Derrida sieht also das Grundprinzip der Postmoderne in der Vielfalt, die aber keine Verwirrung verursacht, sondern „das Elixier von Sprachlichkeit selbst" (ebd. 146) ist. Eine Kleinigkeit immerhin ist zu vermerken. Daß es nämlich ,die Wahrheit' nicht gibt und nicht geben kann. Daß die Wahrheit nie massiv präsent zu sein vermag, sondern immer schon eine Streuung darstellen muß. [...] Es gibt kein Jüngstes Gericht, es gibt keine Wahrheit. (ebd., 147) 7 Baudrillard stützt seine Überlegungen auf ein Beispiel: Der Fall der Tasady (vgl. Baudrillard, J.: Agonie des Realen. Merve-Verlag. 1978 Berlin). Die Tasaday sind ein philippinischer Eingeborenenstamm. 1971 beschloss man diesen Stamm vor dem Zugriff der Ethnologen zu schützen. Doch indem man der Wissenschaft diesen Stamm vorenthalten hat, machte man aus ihnen ein ethnologisches Simulationsmodell. Die Ethnologen dehnten ihre Thesen auf Phasen aus, von denen sie nichts wissen konnten. Es ging so weit, dass man heute von den Tasadays als einer unberührten Eingeborenenkultur nicht mehr sprechen kann und, „daß sie die eigentlichen Simulateure waren, indem sie auf höhere Weisung und möglicherweise zwecks Attraktivität für ethnologische und andere Touristen wohlkalkuliert ein Steinzeitdasein bloß vorspielten" (Welsch 1997, 150). Die Simulation dreht sich wie eine Schraube und vor uns liegt nicht mehr die Realität, sondern wieder die Simulation. 167 Die postmodernen Überlegungen über die Wirklichkeit führen noch stärker dazu, dass es unmöglich wird, die Wirklichkeit (in all ihren Bedeutungen) als konstitutives Kriterium der realistischen Schreibweise zu definieren. Was bleibt: Die Annahme, es gibt keine realistische Schreibweise, oder es gibt nur realistische Lektüren? Was bedeuten die erkenntnistheoretischen Überlegungen für die realistische Darstellungsweise? Ist die Frage nach dem Realismus noch relevant, oder schreibt man realistisch, wenn man den Schein der Warenwelt aufdeckt? Ist die Literatur (wenn das Buch als Medium bezeichnet wird) auch ein Simulakrum, das dem Tauschwert untergeordnet wird (je realistischer ein Buch bzw. je realistischer die Simulationen im Buch, desto höher der Preis)? Grundzüge der konstruktivistischen Erkenntnistheorie Das Forschungsprogramm des Radikalen8 Konstruktivismus, das ein neues Paradigma im interdisziplinären Diskurs einführt, muss unbedingt im Hinblick auf die Realismusdebatte besprochen werden. Es handelt sich nämlich um eine ,andere' Erkenntnistheorie, die sich mit der Binnenkonstitution menschlicher Erkenntnis beschäftigt, also mit der Frage nach dem Wie, nach der Modalität der Erkenntnis und nicht nach dem Was. Im Gegensatz zu der Annahme, dass die menschliche Erkenntnis eine unabhängig vom menschlichen Bewusstsein existierende Realität möglichst angemessen wiedergibt, geht der Konstruktivismus davon aus, dass man zu dieser unabhängig vom Bewusstsein bestehenden Realität keinen Zugang hat. Das heißt, dass die Konstruktivisten an dieser unabhängig vom Bewusstsein bestehenden Realität nicht 8 Vom Adjektiv radikal hat sich S. J. Schmidt (auf den in dieser Arbeit Bezug genommen wird) bereits distanziert mit dem Argument, dass die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse, die als Belege für die Richtigkeit dieser Theorie genutzt wurden, ebenso Konstruktionen sind (2003, 7f). So wird im Folgenden nur mit dem Wort Konstruktivismus bzw. konstruktivistisch operiert. 168 zweifeln, sie zweifeln nur an der objektiven Erkenntnis dieser bzw. an einer objektiven Wirklichkeit. Wahrnehmung ist Bedeutungszuweisung, ist Konstruktion9 und Interpretation. Das Gehirn ist ein funktional geschlossenes System, das mit internen Ordnungszuständen und Unterscheidungen operiert -diese sind Teil des Gehirns und nicht Teil der Umwelt. Die Umwelt „«ist» ja nichts anderes als der systemische Zusammenhang unserer Umweltkontakte, (Schmidt 2003, 52). Wenn wir (Aktanten) (kommunikativ) handeln (wir sagen A und nicht B oder C... - dies erfolgt im Prozess der Selektion), machen wir eine Setzung (eine Auswahl aus Möglichkeiten). Eine Setzung ist immer eine Entscheidung und konstituiert Kontingenz - wir entscheiden uns für eine Möglichkeit und diese unterscheidet sich durch die Differenz ihrer semantischen Valenz von den anderen Möglichkeiten. Jeder Setzung gehen Setzungen voraus (Voraussetzung) und auf diesen Zusammenhang der Setzungen können wir uns in Form von Erinnerungen und Erzählungen beziehen. Dabei handeln wir kognitiv autonom (unser Gehirn bezieht sich immer wieder auf seine eigenen Operationen). Doch müssen unsere Erkenntnisse irgendwie vermittelbar sein, um die Sozialität unseres Handelns zu ermöglichen. Schmidt nennt dieses Problem als das Grundproblem menschlichen Handelns: „Ausgleich der Unvermeidbarkeit von kognitiver Autonomie und der Notwendigkeit sozialer Orientierung" (ebd. 46). Dieser Ausgleich erfolgt durch den Mechanismus der Reflexivität: Eine Setzung vergleichen wir (nehmen Bezug) nicht mit der Realität, sondern mit dem kollektiven Wissen (Wirklichkeitsmodellen einer Gesellschaft bzw. Kulturprogrammen), bzw. mit den Erinnerungen und Erzählungen. Dabei setzt jeder Aktant voraus, dass andere Aktanten über das gleiche (zumindest ähnliche) kollektive Wissen verfügen - wir können es ja auch nicht überprüfen - Schmidt spricht dabei von operativen Fiktionen (vgl. ebd.). 9 Konstruktion der Wirklichkeit wird als die Wirklichkeit der Konstruktion konzipiert, d. h. man muss sich bewusst werden, dass man fortwährend Wirklichkeitsmodelle konstruiert. Herauszufinden, wie wir das machen, das ist die Aufgabe des Konstruktivismus. 169 „[Das] aus Handeln hervorgegangene und durch Handlungserfahrungen systematisierte und bestätigte kollektive Wissen" einer Gesellschaft nennt Schmidt Wirklichkeitsmodell (ebd. 34). Das Wirklichkeitsmodell wird aus Kategorien und semantischen Differenzierungen gebildet - zusammen nennt er sie Sinnorientierungsoptionen. Kategorien bilden ein Netz von gesellschaftlich relevanten Sinndimensionen (z. B. Alter, Geschlecht, Macht usw.), die erst durch die Differenz10 zu anderen Kategorien Sinn bekommen. Dieser Bezug zwischen Kategorien wird in semantischen Differenzierungen konkretisiert (z. B. alt/jung, eiskalt/lau/warm/heiß usw.). Im Prozess, in dem wir eine Kategorie mit einer Kategorie (oder mit mehreren) vergleichen, wird das semantische Potenzial (also die Bedeutung) einer Kategorie in einem konkreten Kommunikations- oder Erkenntnisprozess operationalisiert (vgl. ebd. 32). Kategorien und semantische Differenzierungen müssen zeitübergreifend und aktantenunabhängig sein, sonst hätten sie für Aktanten keine Verbindlichkeit und Aktanten könnten sie nicht als gesellschaftliche Orientierungen benutzen. Ohne die Annahme, dass alle Aktanten einer Gesellschaft voraussetzen, die anderen beziehen sich auf (wenn nicht gerade identische sondern zumindest) vergleichbare Bedeutungen, kann man Sinn, Handlung oder Kommunikation nicht definieren. Das Wirklichkeitsmodell selbst konzipiert Schmidt jedoch nicht als eine Entität, sondern als „Prozess-Resultat von Reflexivität" (ebd. 34). Das heißt, dass Wirklichkeitsmodelle keine unveränderbaren Einheiten sind, sondern verändert und durch jede erfolgreiche Setzung bzw. Handlung bestätigt werden, und zwar durch sprachliche Bezugnahme. Erst wenn Modelle für Wirklichkeiten konkretisiert werden, d. h. wenn ein Programm mögliche Formen von Bezugnahmen auf Wirklichkeitsmodelle heraussucht bzw. in einer gesellschaftlich verbindlichen Weise Unterscheidungen setzt, werden diese handlungsfähig. Schmidt nennt diese Konkretisierungen Kulturprogramme (vgl. ebd. 38). Im Kulturprogramm sind Selektionsund Kombinationsregeln sowie Kompatibilitätsregeln wirksam, um die unendliche Mannigfaltigkeit von Beziehungen und Relationen in einem 10 Die Differenz definiert er als eine Einheit, die das Netz der Kategorien ordnet. 170 Wirklichkeitsmodell zu vermeiden. Das Kulturprogramm muss als lernunwillig konzipiert werden, sonst hätte es für Aktanten keine verbindliche Orientierung. Langfristig jedoch ist es aber lernfähig, d. h. es wird mit Hilfe des Mechanismus der Reflexivität verändert. [Kultur verläuft in/durch kognitive Systeme] unreflektiert als endloser Prozess ordnungsbildender Bezugnahmen, also des Verknüpfens und Bewertens semantischer Kategorien und Differenzierungen im Rahmen von Unterscheidungsoperationen, die im Aktanten in seinen Geschichten und Diskursen [...] das entstehen lassen, was als Sinn erlebt wird. (ebd. 39) Neue Realitätskonzepte im literaturwissenschaftlichen Diskurs Es gibt also den Realismus und die realistische Daseinsvorstellung nach der Definition: Darstellung der ,objektiven' tatsächlichen Wirklichkeit in der Literatur, normativer Anspruch, Glaube an die Ganzheit und eine Ordnung der Wirklichkeit, nicht mehr bzw. diese Definition gilt als unzureichend. Das heißt aber nicht, es gäbe keine realistische Darstellungsweise; zu ermitteln sind andere Kriterien, unter denen man ein Werk als realistisch bezeichnen kann. Im Folgenden werden Ansätze und Konzeptionen des Realismusparadigmas im literaturtheoretischen Bereich am Ende des 20. Jahrhunderts (also in der Postmoderne) dargestellt. Ein Grundcharakteristikum ,moderner' Abhandlungen, die sich die Frage nach dem Realismus stellen, ist fortwährend, wie schon erwähnt, der Ausgangspunkt, der sich mit der grundlegenden Frage über die Realität beschäftigt. Obwohl Brinkmann schon 1957 die Frage nach der Wirklichkeit als Grundlage der Bestimmung des Realismus als Fehler diagnostizierte, beginnt und endet jede ,moderne' Realismuskonzeption mit dem Versuch, die "Wirklichkeit' näher zu definieren und damit auch das Verhältnis der Literatur zur außersprachlichen Realität. „Alle hier vorgebrachten Ansichten setzen voraus, daß wir wissen, was Wirklichkeit ist. Ich muß von mir sagen, dass ich es nicht weiß, (1956, 313), erklärte Günter Eich beim Treffen 171 deutscher und französischer Schriftsteller 1956. Ulf Eisele schreibt auch noch 1982, dass die realistische Literatur als Folge der problematisch gewordenen Realität und des Verhältnisses zu ihr entstand (vgl. 1982, 39f). Die Erkenntnis, dass die menschlichen Sinne fragwürdig sind -ebenso unser Gehirn -, hat einen neuen Blick auf die Wirklichkeitsbeschreibung geworfen. „Das Unbehagen an der Wirklichkeit" (1956, 314) - wie Eich das Verhältnis und Gefühl gegenüber der Wirklichkeit nennt - versucht er ins Positive zu wenden, indem er sagt, dass man sie ungesehen akzeptiert und dass die Literatur ein Weg ist, sich in dieser Wirklichkeit zu orientieren. Der Weg führt also nicht von der Wirklichkeit in die Literatur, sondern umgekehrt von der Literatur zur Wirklichkeit: „Erst durch das Schreiben erlangen für mich die Dinge Wirklichkeit" (ebd.). Ein wichtiger Aspekt, den Eich hier anführt und der im Weiteren noch näher dargestellt wird, ist der Aspekt der Sprache: Die Welt als Sprache sehen. Subjektivierung des Realitätskonzeptes Brinkmann unterscheidet zwischen der Wirklichkeit ,draußen' und der "Wirklichkeit des einzelnen Menschen', ebenso ,die immanente Wirklichkeit eines literarischen Werkes' - demnach glaubt auch er an die vom Subjekt unabhängige Realität, auch er ist in diesem Sinne Objektivist. Der Unterschied bei ihm ist, dass er an der Objektivität der Literatur zweifelt, das heißt, dass die Wirklichkeit ,draußen' (die Realität) existiert, sie aber nie in einem literarischen Werk vollkommen -also objektiv - dargestellt werden kann. Problematisch in seinen Auslegungen ist die Unklarheit, welche Wirklichkeit in welchem Zusammenhang gemeint ist. Klar aber ist, dass er in der Definition des Realismus die Wirklichkeit als Wirklichkeit des einzelnen Menschen definiert: „[D]ie Wirklichkeit, die der Einzelne ,hat' im existenziellen Sinne" (Brinkmann 1957, 318). Im ,neuen' Realismus wird die Wirklichkeit subjektiviert - sie wird als subjektive Illusion entlarvt - das heißt analysiert und gestaltet wird die „vielschichtige und 172 geheimnisreiche innere Wirklichkeit des Subjekts" (ebd. 329). Das Subjekt wird zum Objekt der dichterischen Analyse. Brinkmann bemerkt eine wichtige Tatsache, dass zwar alle Gegenständlichkeit in die Literatur eingeschlossen werden kann (es gibt keine Grenzen; das Theorem der Totalität), sie dient aber nur als Stoff -die Grenzen setzen ästhetische Baugesetze (vgl. ebd. 317). Nach Brinkmann ist die Fülle der reichen und differenzierten Gegenständlichkeit kein wesentliches, konstitutives Kriterium für den Realismus. Damit öffnet Brinkmann dem Realismus seine in der Vergangenheit festgelegten Grenzen der Form. Ähnlich konstatiert Johannes Kleinstück, wenn er meint, dass das ,Was' wertindifferent wird und das ,Wie' ausschlaggebend - nicht die Wirklichkeit als Material, sondern der Stil; das Gestalten, nicht das Gestaltete (vgl. Kleinstück 1980, 13). Auch Ernst Fischer war 1968 „[a]uf Suche nach der Wirklichkeit" (1968, 29), die seiner Überzeugung nach in der Romantik begann, als die Wirklichkeit fragwürdig, als entfremdet empfunden und anfechtbar wurde. Ausgehend von Robbe-Grillets Aussage, „Ganz einfach: sie ist" (1956, 317), erklärt Fischer, die „Wirklichkeit wird [...] durch uns" (1968, 31, Hervorhebung K. H. P.), wir - also die Menschen - erkennen sie und können sie auch verändern. Foucault dagegen spricht nur einige Jahre später davon, dass die Welt (auch die Wirklichkeit) durch die Sprache konstruiert ist, wobei das Subjekt unfrei, in Diskursen verflochten ist. Fischer dagegen argumentiert, dass der Mensch die Wirklichkeit verändert und gibt folgendes Beispiel: Der Glaube, die Sonne drehe sich um die Erde, war für die Menschen Wirklichkeit, bis sie Galilei mit der gegensätzlichen Erkenntnis veränderte; die neue Wirklichkeit ist, dass die Erde nur ein kleiner Planet ist und nicht das Zentrum des Kosmos. Dieses Beispiel illustriert die Veränderbarkeit der Wirklichkeit - und zwar das, was der Mensch als Wirklichkeit annimmt. Fischer verweist implizit auf die Konstruiertheit der Wirklichkeit. Die Chiffren, die Zeichen, die Signale bedecken und bedeuten, was man gemeinhin die Wirklichkeit nennt, bilden viele Schichten, dienen vielen Zwecken, ergeben viele Bezugsysteme; vieldeutig also ist sie, diese Wirklichkeit, vieldimensional, nicht ein 173 unabänderliches An-Sich, sondern ein fluktuierendes, ein flimmerndes Für-Uns. (Fischer 1968, 39f) Trotz aller Begriffsproblematik hat man die Wirklichkeit im Sinne der Tatsächlichkeit in der Literatur als "künstlerisches Prinzip' der realistischen Literatur anerkannt. Noch immer bleibt jedoch die Frage offen, mit welchen Mitteln ,diese' Wirklichkeit in der Literatur dargestellt wird, um von einer realistischen Schreibweise sprechen zu können. Man kann diese Problematik als das fundamentalste realistische Theorem bezeichnen. Die Problematik des Objektivitätstheorems Eine terminologische Problematik weist der Begriff Objektivität auf.11 Die objektive Darstellung, die in den Realismusdefinitionen vorkommt, entlarvt Brinkmann als Schein mit der Feststellung, es seien immer nur subjektive Bestimmungen, die die Dinge zu beschreiben versuchen. Das Gegenständliche in der Literatur kann nur „mit den Mitteln der subjektiven Phantasie, mit subjektiven Assoziationen und Manipulationen und auf dem Boden der Illusion" dargestellt werden (Brinkmann 1957, 311f). Die Objektivität, an der Brinkmann zweifelt, betrachtet er unter dem Gesichtspunkt des Verhältnisses zwischen Subjekt und Wirklichkeit, die das einzelne Subjekt erfassen kann (und nicht der objektiven Wirklichkeit, also der Realität!). Über die Objektivität als Tarnung schrieb schon R. Barthes ein Jahr zuvor, indem er erklärte, die Darstellung der Wirklichkeit sei keineswegs objektiv, sondern sie werde als Wirklichkeit definiert (vgl. 1956, 304). In der gleichen Zeitschrift schreibt A. Robbe-Grillet über die Wirklichkeit als Konstrukt, dass die Existenz der Dinge das einzig Reale ist, dagegen sind aber die Bedeutungen, die vom Menschen gegeben sind, wandelbar (1956, 317). 11 Der Begriff der Objektivität in der Realismusdebatte wird mit Spielhagens Objektivitätstheorie (vgl. Kapitel 3.1) hervorgehoben und wird von geradezu allen späteren Wissenschaftlern als Realismustheorem besprochen und problematisiert (dazu vgl. auch Kapitel 3.2). 174 Folgende Überlegungen zeigen, dass der Diskussionspunkt über die Objektivitätsproblematik innerhalb der Realismusdefinition, d. h. die objektive Darstellung der Wirklichkeit, relevant ist. Nach dem Duden Fremdwörterbuch (1997, 561) impliziert der Objektivismus die Annahme, dass es subjektunabhängige objektive Wahrheiten und Werte gibt, bzw. es ist eine erkenntnistheoretische Position, nach der die Erfahrungsinhalte objektiv Gegebenes sind. Objektivität ist strenge Sachlichkeit; objektive Darstellung unter größtmöglicher Ausschaltung des Subjektiven. Unter Einbeziehung der oben angegebenen Definitionen entstehen einige Begriffszweifel. Erstens nimmt man an, dass es eine objektunabhängige Wirklichkeit gibt, woher weiß man, dass sie ein Subjekt auch so, wie sie ist, erfahren kann? Zweitens was ist empirische Wirklichkeit? Ist sie die Wirklichkeit, die man aus der Erfahrung, Beobachtung erkennt (wobei die einzige Erkenntnisquelle die Sinneserfahrung, die Beobachtung ist)? Dann kann man beim Realismusbegriff nicht mehr vom Objektivismus sprechen (nach der obigen Definition, dass es subjektunabhängige Wahrheiten gibt), denn diese empirische Wirklichkeit kann man nicht subjektunabhängig erfahren, wenn die einzige Erkenntnisquelle die Sinneserfahrung ist. Nicht nur, dass Brinkmann daran zweifelt, dass die Aufnahme der empirischen Wirklichkeit in die Literatur mit dem Begriff der Objektivität richtig benannt sei, er erkennt die Objektivität der realistischen Literatur als "eigentümliche Paradoxie': Die in der realistischen Literatur dargestellte Fülle von Tatsachen zeigt nicht die ,objektive Wirklichkeit', sondern das Subjekt und seine spezifische Wirklichkeit, also die Subjektivität der besonderen Wirklichkeit des Einzelnen. Brinkmann definiert andererseits die Objektivität als Kennzeichen des Stils: Die Dichtung hat ihre eigene Glaubwürdigkeit und autonome "Objektivität'. Diese Glaubwürdigkeit und "Objektivität' beruht auf der Einheit, der inneren Geschlossenheit, der ,Stimmigkeit' ihrer Struktur. Die Dichtung bedarf nicht der Legitimation durch die empirische Wirklichkeit, sondern ihre Glaubwürdigkeit legitimiert 175 die Wirklichkeit, die sie gibt und die sie selbst ist. (1957, 321, Hervorhebung K. H. P.) Wenn Objektivität als ein Merkmal des Realismus angeführt wird, muss sie dementsprechend genau definiert werden. Dass das unbedingt nötig ist, zeigen folgende Beispiele: Hegel und Goethe sprechen über die objektive Welt und meinen eine vom Menschen geschaffene und veränderbare Welt, bei Fontane und Raabe ist die objektive Welt stumm, sie wird durch die Empirie des Menschen erkannt und durch die Sprache (deswegen begrenzt) dargestellt (charakteristische Weltfremdheit). Die nächste Entwicklungsstufe des Objektivitätsbegriffs findet man in der ,modernen' Erzählweise, wo nicht nur die Welt fremd ist, sondern auch das Subjekt Entfremdung erlebt (z. B. bei Kafka) (vgl. Kaiser 1969). Unterschieden wird ebenso die poetische Objektivität von der naturwissenschaftlich-empirischen. Gerhard Kaiser z. B. definiert, „daß Epik, gleichgültig, ob der Erzähler hinter dem Erzählten verschwindet oder nicht, immer dann objektiv ist, wenn im epischen Weltbild eine Vermittlung zwischen Objekt und Subjekt intendiert ist" (ebd. 154). Lukacs z. B. glaubt an die Objektivität des ökonomischgesellschaftlichen Aufbaus, der unabhängig vom Subjekt existiert (z. B. der Wert einer Ware). Durch diese Beispiele wird ersichtlich, dass es unbedingt erforderlich ist, die Objektivität als Begriff zu definieren, wenn sie als ein Merkmal des Realismus angeführt werden soll - andernfalls erscheint die Objektivität als ein Axiom. Das Theorem des Alltäglichen und der Totalität Wenn davon ausgegangen wird, dass die ,Realität' ein Kriterium für die realistische Literatur ist, dann müssen in der ,Realität' selbst Prinzipien gefunden werden, die das auswählen, was literaturfähig ist. Diese Position vertritt Eisele und erklärt zwei grundlegende Kriterien: Das Postulat des Positiven und das Postulat des Ganzen. Beim Postulat des Positiven geht es um das Oppositionspaar des Abweichenden und des Normalen bezogen auf die außerliterarische 176 Realität: Das Abweichende wird als das Unwahre bezeichnet. Postuliert wird die generelle Ablehnung des Besonderen, was zur Stellungnahme für die Durchschnittlichkeit führt. Es geht eigentlich um das Merkmal des Alltäglichen. Eisele zeigt in seiner Auslegung, dass trotz der theoretischen Aussprache für das Postulat des Normalen, oft gerade in realistischen Werken die Ausnahmen, das Absonderliche, Krankhafte dargestellt wird (z. B. Hebbel, der sich selbst gegen das Besondere aussprach, es jedoch oft darstellte). Weitere negative Folgen dieses Postulats wären erstens eine pedantische Sucht, literarische Realität auf dem Prüfstand der Alltagserfahrung zu begutachten, zweitens der Glaube an die Identität von außerliterarischer Realität und Literatur -was schon als falsche Illusion entlarvt wurde - und drittens der Ausschluss von Tabus aus der Literatur. Das zweite Postulat enthält das Oppositionspaar des Ganzen und des Partikularen.12 Eigentlich geht es hier um das schon oben erwähnte Merkmal der Totalität, ausgedrückt in der Formel: Zusammenhang der Dinge. In diesem Postulat versteckt sich der Erkenntnisanspruch der Literatur, der bereits näher erklärt wurde. Verlangt wurde nicht die Ganzheit schlechthin, sondern eine Ganzheit, die jedem Teil innewohnt (pars totales - ein repräsentatives Einzelnes - also ein Typus). Dieses Postulat zeigte sich ebenfalls als problematisch auch in dieser Hinsicht: Indem man die Totalität verlangt, die Darstellung der ganzen Realität, verfällt die Literatur der Nachahmung bzw. Reproduzierung der Realität. So entstanden Abweichungen des Postulats. Einerseits sei die Aufgabe der Kunst die Herstellung des Ganzen dadurch, dass sie die vorhandene Wirklichkeit ergänzt, so steht das Ganze der Kunst gegen die Zerrissenheit der Wirklichkeit.13 Andererseits soll die Literatur als eine Gegen-Realität fungieren, soll sich von der Realität abheben - die Totalität erhält einen neuen Inhalt: Keine expressive Totalität, sondern 12 Schon Brinkmann hebt das Partikulare hervor, indem er über die Wirklichkeit des Einzelnen spricht (1957, 318). Auch Kleinstück erklärt, „dass Wirklichkeit immer nur für ein Bewusstsein da ist" (1980, 25). Demnach ist die Wirklichkeit relativ und man kann sie nicht definieren, so kann sie auch nicht ein Kriterium für die realistische Schreibweise sein. Besonders gewinnt das Partikulare in der Postmoderne an Bedeutung. 13 Daraus folgt die Forderung nach einem Schluss oder einer Lösung, was dem heutigen Stand der Literaturtheorie vollkommen widerspricht (offenes Ende). 177 eine ,eigene Totalität' des Kunstwerks. Dadurch verliert aber die Literatur ihren Realitätsbezug und Erkenntnisanspruch - so entzieht sich die realistische Literaturtheorie selbst den Boden. In diesen Abweichungen zeigt sich das Paradoxale der realistischen Literaturkonzeption: Die geforderte totale Identifizierung mit der Realität (die Gebundenheit an die außenliterarische Realität und demnach Simplifizierung als Kopie) impliziert zuletzt immer die Autonomiebestrebungen der Literatur.14 Kommunikationstheoretische Aspekte des realistischen Diskurses Als ein neuer Aspekt in der Realismusforschung gilt der Ansatz, das Realismusproblem auf kommunikationswissenschaftlicher Ebene zu untersuchen. Schon Roman Jakobson arbeitete die produktions- und rezeptionsästhetischen Inhaltskomponenten des Realismusbegriffs heraus (vgl. Jakobson 1921). Er beschreibt die Zweideutigkeit des Realismusbegriffs wie folgt: 1. Es handelt sich um ein Streben, eine Tendenz, d.h. unter einem realistischen Werk wird ein Werk verstanden, das von einem bestimmten Autor als wahrscheinlich konzipiert worden ist (Bedeutung A). 2. Realistisch wird ein Werk genannt, das ich kraft meines Urteilvermögens als wahrscheinlich rezipiere (Bedeutung B). (ebd. 75) Die Realismusdiskussion impliziert eine grundsätzliche Problematik der Paradigmenwahl. Einerseits versucht man die Literatur mit der Realität (wie auch immer sie erkannt wird) zu verbinden. Das Einbringen der Realität in ein Kunstwerk sei ein konstitutives Merkmal. In diesem Fall wird die Literatur nur als eine Kopie (Abbild) simplifiziert und ihre Selbständigkeit als System in Frage gestellt. Deswegen versucht man andererseits die Differenz zwischen der Literatur und der außerliterarischen Realität zu unterstreichen, indem man die Autoreferenzialität der Literatur hervorhebt. Postuliert man aber die immanente Wirklichkeit, dann läuft man Gefahr, die Literatur als ,l'art pour l'art' abzustempeln. 178 Auch Horst Steinmetz wies 1972 auf die Bedeutung des Lesers bei der Bestimmung dessen, was Realismus ist, hin: Realität „ist etwas, das gleichsam zwischen Werk und Leser aus einem gegenseitigen Ergänzen, Weiterbilden, Interpretieren, Verändern, Reduzieren usw. erwächst" (1972, 122). Steinmetz konstatiert, dass es sich beim Realismusproblem nicht nur um das Problem der Konstruiertheit einer Wirklichkeit, die eine Kopie der historischen Wirklichkeit ist (also das Problem der Beziehung zwischen fiktiver Realität innerhalb und tatsächlicher Wirklichkeit außerhalb der Dichtung) handelt, sondern auch darum, wie der Rezipient dazu gebracht wird, Fiktion und Illusion zu ,vergessen' bzw. sie als real oder tatsächlich zu empfinden. Der Rezipient wird dabei aber nicht als passive Instanz verstanden, sondern er „tritt als mitschöpferische Kraft [...] auf" (ebd. 116) - diese Eigenschaft besitzt er aber nicht bei nichtliterarischen Texten. Steinmetz stützt seine Überlegungen auf Isers Leerstellen-Theorie und Ingardens Theorem der Unbestimmtheitsstellen. Auch Peter Demetz geht davon aus, dass alle Texte, auch literarische, Kommunikationen sind (1977, 558) - was auch vom heutigen Standpunkt der Konstruktivistischen Theorie vertreten wird. Er unterscheidet zwei Arten von Kommunikationen: ,Bericht' und "Fiktion'. Der ,Bericht' stellt Bedeutungen durch Denotationen dar und braucht eine exogene Bestätigung, die Denotationen des Berichts beziehen sich auf gemeinsame Erfahrungen. Der Begriff der exogenen Bestätigung impliziert wiederum die Verbindung des Textes der Kommunikation damit, was außerhalb dieses Textes steht - also die Wirklichkeit. ,Fiktionen' dagegen stellen Bedeutungen durch Implikationen dar, sie haben eine innere Kohäsion (sind also selbstreferentiell). Die ,Fiktionen' liefern also selbst Erfahrungen, die sich für den Leser allein im Leseprozess vollziehen. Was aber ist charakteristisch für ,realistische Fiktionen'? Demetz erklärt, diese "Fiktionen' versuchen „jene Erwartungen, welche die Leser gewöhnlich an "Berichte' stellen, wenigstens zum Teil zu erfüllen und ihn davon zu überzeugen, daß sie (die "Fiktion') wirksam in die Rolle des "Berichtes' zu schlüpfen vermag" (ebd. 561). Es bleibt dabei nur die Frage offen, wie die "Fiktion' das zustande bringt, d. h. durch welche Signale wird die Ähnlichkeit der Fiktion zum Bericht vermittelt. 179 Wenn sich der ,Bericht' auf gemeinsame Erfahrungen bezieht, bleibt als erstes diese Frage zu klären. Demetz erklärt die gemeinsamen Erfahrungen als das mögliche Wahrscheinliche - dieses Charakteristikum impliziert das realistische Postulat des Typischen (also das Alltägliche, Allgemeine). So kann das Darstellen des Alltäglichen als eines der Realismussignale angesehen werden. Demetz erklärt weiter: „In den ersten Voraussetzungen der gemeinsam alltäglichen Erfahrung, wie sie die realistische Fiktion zu erzählen liebt, verbirgt sich ein deutlicher Rhythmus der Repetition" (ebd. 564). Das Alltägliche wird in einem impliziten „Takt des Wieder-und-wieder-und-wieder" dargestellt (ebd.): Das Verhalten der Menschen in einer Welt, in der alles mehr als einmal geschieht (im Gegensatz zu den Romantikern, die das Einmalige postulieren). Einleuchtend ist diese Ansicht, wenn man die Arbeitsteilung und Spezialisierung der im 19. Jahrhundert entstehenden Gesellschaft, aber auch der heutigen postmodernen Mediengesellschaft, in der eine Szene im Fernsehen oft wiederholt wird (z. B. Nachrichten über Unfälle, mehrere Zeitungen berichten über die gleichen Dinge, immer wieder werden wir von den gleichen Reklamen bombardiert usw.). Demetz führt einige Beispiele aus dem Narrativen des Realismus an. Auch Gerard Genette versucht allgemeine Unterschiede zwischen fiktionalen und faktualen Erzählungen zu finden, bzw. was einen oralen oder geschriebenen Text zu einem Kunstwerk macht, und bemerkt Folgendes: „Das Spezifische der Fiktionsaussage besteht darin, daß sie, im Gegensatz zu den Wirklichkeitsaussagen, die darüber hinaus (!) einen objektiv-faktischen Zustand beschreiben, nichts anderes als einen mentalen Zustand beschreibt" (1992, 53), d. h. ein fiktiver Text ist weder wahr noch falsch, er ist geprägt durch die Referenzlosigkeit. Des Weiteren bemerkt Genette, dass es bei der Unterscheidung zwischen einer faktualen und einer fiktionalen Erzählung auch darauf ankommt, wie „der offizielle Status des Textes" ist (ebd. 67). Einleuchtend ist diese Bemerkung, wenn man bedenkt, dass der Rezipient bei der Lektüre die Referenz bzw. Referenzlosigkeit eines Textes feststellt und ihn dann als fiktional oder faktual definiert. Diese Eigenschaften sind für fiktionale -also literarische - Texte allgemein charakteristisch - nicht nur für realistische. Das bedeutet, dass realistische (literarische) Texte weitere 180 Eigenschaften haben müssen, die innerhalb des fiktionalen Diskurses zu finden sein müssen. Weiter versucht Genette Unterschiede zwischen fiktiven und faktualen Aussagen zu finden. Dabei bemerkt er, dass eine Aussage, die alle formalen Züge einer Assertion (einer realen Behauptung eines faktualen Textes) trägt, aber nicht ihre pragmatischen Bedingungen erfüllt, nur eine fingierte Assertion sein kann - und fingierte Assertionen können nur fiktive Assertionen sein (eine fiktive Aussage tut, als ob sie eine reale wäre, eine, die durch ihre Referenz zur Wirklichkeit geprägt ist). Genette unterscheidet zwischen unwahrscheinlichen oder phantastischen und wahrscheinlichen oder realistischen Fiktionen. Realistische Fiktionen entsprechen irgendeiner empirischen Realität [...] und deren Fiktionalität [ist] keineswegs eine logische oder semantische Evidenz [...], sondern [beruht] eher auf einer kulturellen Wahrscheinlichkeit [...], die durch eine gewisse Zahl konventioneller Daten textueller, kontextueller und paratextueller Art nahegelegt wird. (ebd. 57f) Genette bemerkt ebenso, dass sich einige Aussagen in fiktionalen Texten als Assertionen ,verkleiden', oder dass zahllose Aussagen historischen oder geographischen Typs oder Aussagen über reale Personen keineswegs ihren Wahrheitswert verlieren, wenn sie in einer fiktionalen Erzählung vorkommen. Nach Genette besteht der ,Fiktionsdiskurs' aus „einem fiktionalisierten Realen" bzw. aus „der Realität entnommenen Elementen" (ebd. 60). Realismus-Effekt Verbunden mit der kommunikationstheoretischen Ebene sind auch Überlegungen über den Realismus-Effekt - wobei die Problematik ebenso aus dem rezeptionstheoretischen wie produktionstheoretischen Blickpunkt darzustellen ist. 181 Der Begriff Realismus-Effekt (lat. effectum zu efficere = bewirken) wurde zum ersten Mal in der Verbindung mit dem Realitätsproblem und der Realismusdebatte von Balibar und Macherey im Aufsatz Thesen zum materialistischen Verfahren (1974) eingesetzt. Später wurde dieser Begriff von einigen anderen Wissenschaftlern aufgegriffen, z. B. von Ulf Eisele oder Jürgen Landwehr. Balibar und Macherey gingen davon aus, dass Literatur keine realistische objektive Wiedergabe ist, man kann sie nicht auf ein Abbild reduzieren, sie ist auch keine Erscheinung der Realität (also keine Fiktion), sondern sie ist viel komplexer, sie produziert eine bestimmte Realität und zugleich einen bestimmten gesellschaftlichen Effekt, „Literatur ist daher nicht Fiktion, vielmehr Produktion von Fiktionen, oder besser: Produktion von fiktionalen Effekten" (Balibar/Macherey 1974, 214).15 Realistische Texte produzieren also Realitätseffekte, die von den Lesern wahrgenommen werden (oder auch nicht) - die ganze Problematik wechselt auf die Rezeptionsebene, gestützt auf die Leerstellen-Theorie von Iser. Nach dem Duden Fremdwörterbuch bedeutet Effekt Wirkung oder Erfolg, auf Wirkung abzielendes Ausdrucks- und Gestaltungsmittel, Ergebnis bzw. sich aus etwas ergebender Nutzen (vgl. 1997, 213). Demnach wäre ein Realismus-Effekt eines literarischen Werkes die Wirkung, die zielende Ausdrucks- und Gestaltungsmittel auf den Leser haben, in dem diese die Wiedergabe des wirklich Wahren suggerieren. Anders formuliert heißt das, ein Autor benutzt bei der Konstruktion eines ,realistischen' Kunstwerks Erzählstrategien und Darstellungsweisen, die bei der Rezeption einen Effekt erzielen, dass der Leser das Dargestellte als ,wahr' anerkennt. Die Frage wäre dann, welche sind die Erzählstrategien und Darstellungsweisen, die erzielen, das Fiktivität nicht mehr von der Faktizität zu unterscheiden ist bzw. wie konstruiert ein Autor einen literarischen Text, damit die Rezipienten ihn als 15 Es muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass dieser Aufsatz im Kontext des dialektischen Materialismus entstand. Dementsprechend wird davon ausgegangen, dass die Sprache die materielle Basis der Literatur sei, dass die Objektivität der Literatur gegeben sei usw. Erwähnenswert ist jedoch dieser Beitrag wegen der Kritik der Widerspiegelung bzw. der Reduktion der Literatur auf ein Abbild und der Einführung des Effekt-Begriffs in die Realismusdebatte. 182 realistisch ansehen. Berücksichtigt werden muss demnach auch die Intention des Autors, einen Text so zu gestalten, dass er die Übereinstimmung der Textwirklichkeit mit der Wirklichkeit vortäuscht. Das Problem ist demnach auch auf der produktionstheoretischen Ebene zu untersuchen. Ein Beispiel einer Darstellungsweise, die einen Effekt des Realen hervorbringt, beschreibt Neva Slibar in ihrem Beitrag über die Struktur und Funktion der Biographien, und zwar über den Drang zum Detail (1991, 213). Slibar konstatiert (zwar für die Biographik), dass die „Detailanhäufung als Ablenkungsmanöver von Fragen, die die Oberfläche der Faktizität durchstoßen könnten, [...] ein bis in die Gegenwart praktiziertes Mittel" ist (ebd. 215), dass das Detail „zur Camouflage der Fiktionalität" dienen kann (ebd. 216). Der Effekt des Realen wird also auch durch Detailtreue produziert, denn es erhöht die Glaubwürdigkeit und Authentizität. Dies ist m. E. nicht nur für Biographien16 charakteristisch, sondern auch für die realistische Literatur. So kann die Detailtreue als ein Realismussignal angesehen werden. Das Wort Effekt wird oft auch im Bereich der Medienforschung verwendet, wobei es wieder um die Realitätsnähe und den Realitätsschein geht. Der Begriff wäre m. E. für die Realismustheorie ein besserer Ausgangspunkt als die Widerspiegelung, denn die Literatur als passives Abbild der Realität zu sehen (was die Widerspiegelungstheorie impliziert), simplifiziert die Literatur und entspricht keineswegs ihren Funktionen und Eigenschaften. Der Effekt als Wirkung ist jedoch eine aktive Funktion und entspricht eher den Eigenschaften der Literatur. Ulf Eisele stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, inwieweit die Literatur selbst Wirklichkeit vortäuscht, ob es sich dabei nicht um eine inhärente Eigenschaft der Literatur allgemein handelt (1976, 82). Wenn das so ist, dann ist das Vortäuschen einer Wirklichkeit nicht nur ein konstitutives Merkmal der realistischen Literatur, sondern der Literatur allgemein. Wichtig dabei ist es zu betonen, dass nicht die 16 Das zentrale Problem des biographischen Schrifttums ist, wie Slibar konstatiert, die Beziehung von Literatur und Wirklichkeitsdarstellung. Entpuppt sich diese Problematik als „essentielle, ontische Aporie der Literatur" (Slibar 1991, 10), so zeigt sie sich aber bei ,Grenzfällen' wie Biographie und Realismus besonders offenkundig und belangvoll. 183 Literatur selbst die Realitätseffekte erzeugt, sondern die Identifizierung der Literatur mit der Wirklichkeit durch den Leser). Es bleibt die grundlegende Verbindung der Literatur mit der außerliterarischen Wirklichkeit und erst dann wird die Wirklichkeit (die als Realität angenommen wird) zum Kriterium. Diametral dazu stehen Brinkmanns Überlegungen, man solle die ,werkimmanente' Wirklichkeit untersuchen und sie nicht mit der Realität außerhalb vergleichen - demnach kann die Realität außerhalb kein Kriterium17 für die realistische Literatur sein. Also muss es Kriterien geben, nach denen das poetische Verdienst - das Werk als Kunstprodukt - eingeschätzt werden kann. Joseph Peter Stern bezweifelt jedoch, dass es möglich ist, „ein Gedicht geschweige denn einen Roman oder ein Drama ,werkimmanent' zu betrachten, also nicht als eine littérature du vrai, sondern im Sinne einer enggefassten sprachlichen Analyse und ohne Bezug auf die Außenwelt" (1983, 48). Seiner Meinung nach hat jede Beschäftigung mit der Literatur zum Ziel, das Werk in Beziehung zu anderen Werken und zum Leben zu setzen. Der Begriff (Realismus)-Effekt kann mit dem Begriff Illusionismus verglichen werden. Beide enthalten die Problematik des Scheins. Es wurde schon erwähnt, dass der Realismus bzw. die realistische Darstellung nur eine Illusion sei, dass der Realist eine Geschichte erzählt, die den Anschein erweckt, als sei sie so passiert. Man spricht sogar von der Intention des Realisten, dass der Leser das Kunstwerk mit der Wirklichkeit verwechseln soll (vgl. Kleinstück 1980, 18). Wie kommt es aber, dass einige Texte ,realer' sind als andere, obwohl alle literarischen Texte Fiktion bzw. Illusion sind, fragt sich Horst Steinmetz (1972, 113). Und er fragt weiter, ob es sich bei so genannten realistischen Texten vielleicht um eine besondere Art von Fiktion und Illusion handelt. Er stellt in den Mittelpunkt seiner Realismus-Überlegungen die Frage nach Fiktion und Illusion und er konstatiert, dass es sich dabei um zwei Aspekte handelt. Erstens: Auch der realistische Inhalt ist Konstruktion. Ausschließlich damit beschäftigte sich die 17 Dergleichen Meinung ist Fischer, indem er sagt, dass das, was unabhängig vom menschlichen Bewusstsein existiert, nicht als Wirklichkeit bestimmt werden kann. Nur das, was sich der Mensch aneignet, begreift, ist Wirklichkeit. Und eine Form der Aneignung ist die Kunst (vgl. Fischer 1968, 64). 184 Realismusforschung bis vor kurzem, d. h. mit der Beziehung zwischen fiktiver Wirklichkeit innerhalb und tatsächlicher Realität außerhalb der Literatur - was schon oben dokumentiert und kommentiert wurde. Zweitens: Wie aktualisieren sich Fiktion und Illusion der Realität bzw. wie kann der Leser sie als Realität ,verwechseln'. So findet man den Begriff Effekt, wie schon oben erwähnt, auch bei rezeptionsästhetischen Überlegungen, und zwar als Lese-Effekt. Das Lesen ist ein „„interpretierendes' Handeln" (Landwehr 1991, 288), das aus Schriften erst Literatur macht - damit ist das Lesen literaturkonstitutiv. Die dargestellte Welt eines literarischen Textes ist nach Landwehr ein Lese-Effekt und eine „Handlungs-Wirkung des Lesens", denn eine ,Textwelt' ist „immer in der lesenden TextWiedererstellung vermittelt und vom jeweiligen Leser selbsterzeugt in und kraft seiner Imagination" (ebd. 289). Übertragen auf die Realismusdiskussion bedeutet das, dass literarische Texte als realistisch gelesen werden, bzw. das die Lektüren (der Lesenden) realistisch sind. Um die Problematik weiterzuführen, muss man sich nach der Art und Weise des Zustandekommens der literarischen Realitätsillusion fragen. Nach Horst Steinmetz entsteht die Illusion bei der Lektüre und zwar im Akt des Wiedererkennens des Bekannten bzw. des von ihm als Realität Akzeptierten (1972, 124). Dieses Wieder-Erkennen ist wiederum mit dem erkenntnistheoretischen Diskurs verbunden. Das Wahrheitstheorem im Diskurs der Empirischen Literaturwissenschaft Der Untersuchungsbereich der Empirischen Literaturwissenschaft (ETL) ist Literatur im Sinne von Handlungen, Sachverhalten, Objekten, die sich auf literarische Texte beziehen (Literarische Kommunikative Handlungen). Im Mittelpunkt der Diskussion stehen nicht mehr isolierte Texte, sondern ganze Literatursysteme. Das Literatursystem wird als ein autonomisiertes, selbstorganisierendes Sozialsystem definiert, das sich von anderen Systemen durch Konventionen abgrenzt. Diese Konventionen „lösen Handlungsmöglichkeiten im Literatursystem von der Verpflichtung auf 185 die gesellschaftlich akzeptierten Wirklichkeitsmodelle ab"18 (Schmidt 1989, 19). Damit ermöglicht es subjektives Handeln und Erleben, es ermöglicht eine Vielfalt von Wirklichkeitsmodellen in der Phantasie. Aus Sicht der ETL ist die These, dass der Autor kreativ eine autonome Wirklichkeit im Text erzeugt, problematisch. Der Textproduzent operiert - in Prozessen literarischer Kommunikation - im Rahmen des Voraussetzungssystems eines "bürgerlichen Subjekts'. „Noch die kühnsten Erfindungen, Spekulationen, Utopien usw. sind [...] rückbezogen auf das, was der Produzent in seinem Wirklichkeitsmodell als faktisch akzeptiert" (Schmidt 1980, 174). Das Voraussetzungssystem des Autors - seine Kenntnisse, Fähigkeiten, Einstellungen, Bewertungen bzw. Geschichten und Diskurse - dienen ihm als „disponible Masse" (ebd. 175), über die er im Produktionsprozess verfügt. Das Verfahren, wie er diese „disponible Masse" organisiert, wird im literaturtheoretischen Diskurs als Stil bezeichnet: „Der Autor muß Verfahren für die sprachliche Konstitution von ,Wirklichkeitsmodellen' selbst (er-)finden" (ebd. 176). Durch bestimmte Signale zeigt der Textproduzent, dass er literarische Kommunikationshandlungen durchführt. Diese Signale sind konventionalisiert und historisch unterschiedlich ausgeprägt: Explizite Signale der Textsortenbestimmung (z. B. Verwendung von Gattungsnamen, z. B. Roman), Eröffnungs- und Schlusssignale (z B. ,es war einmal.'), konventionelle Spezifika der Kommunikationssituation (z. B. Theater als Aufführungsort für Dramen), Rekurs auf Erwartungen beim Publikum (z. B. prominenter Autor, der bisher nur literarische Texte geschrieben hat), spezifische Textmerkmale (z. B. Reim) (vgl. ebd. 176f). Wenn ein Rezipient in einer literarischen Kommunikation einen Text als literarisch annimmt, geht er nicht davon aus, dass sich die Aussagen im Text auf den Autor als historische Person (als bürgerliches Subjekt) beziehen. Der Rezipient kann sich nicht darauf verlassen, dass ein Autor im literarischen Text behauptet, es sei so gewesen, wie es im Text steht. Anhand der Kenntnis der "Ästhetisch Literarischen 18 In dieser Aussage liegt das Merkmal der Fiktionalität impliziert - ein Text ist immer dann fiktiv, wenn er keinen Anspruch auf Referenzialisierbarkeit erhebt. 186 Konvention' (,Ä-Konvention')19 setzt der Rezipient als Referenzrahmen das Kommunikat ein (ebd. 178f) - ihm bleibt nur die Möglichkeit, das Voraussetzungssystem im Kommunikat bzw. im literarischen Text zu ermitteln. Dabei bedient sich der Rezipient ebenfalls seines eigenen Voraussetzungssystems, um die jeweils dargestellten Handlungsweisen zu verstehen. Das Ziel dieser Bezugnahme ist es, dass der Rezipient die Vorgänge in der textimmanenten Wirklichkeit versteht. Es kommen oft in literarischen Texten „Realitätszitate"20 (ebd. 187) vor. Es geht um ,wahre' Aussagen in literarischen Texten über die Wirklichkeit bzw. Aussagen, die dem Wirklichkeitsmodell des Rezipienten und/oder Produzenten entsprechen. Erkennt ein Rezipient Aussagen als „Realitätszitate", wird er entweder vermuten, dass der Textrezipient diese als Material benutzt hat (er relativiert die Erwartung an die Tatsachenwahrheit) oder, dass sie zum Stil des Textes gehören. Das Wirklichkeitsmodell wird demnach im Rezeptionsprozess relativiert. So baut ein Autor literarische Texte auf, innerhalb derer für Figuren und Sachverhalte zwar Wahrheitsregeln gelten, wobei sie aber nicht identisch sein müssen mit den Regeln des Wirklichkeitsmodells des Autors. Fazit Es wurde schon hervorgehoben, dass das Wahrheitstheorem als konstitutives Kriterium des Realismusbegriffs konzipiert wird. Die Wirklichkeit wird jedoch chronologisch oder gegenwärtig unterschiedlich aufgefasst. Für Realisten ist sie objektiv, also unabhängig vom Bewusstsein, offensichtlich und unmittelbar gegeben; als das Absolute ist sie eine Konstante. Einige Literaturtheoretiker definieren sie als immanent, von dieser Welt und in dieser Welt und nur in Raum und Zeit vorfindbar, man müsse sie nur aufdecken. Für andere 19 Siegfried J. Schmidt entwickelte für seine Vorgaben eine besondere Terminologie und eine eigenartige Schreibweise. Wenn des Weiteren mit seinem terminologischen Apparat operiert wird, dann wird das mit halben Anführungszeichen gekennzeichnet. In dieser ,Ä- Konvention' liegt das Kriterium der Literarizität impliziert. 20 Im Begriff ,Realitätszitat' wird die Intertextualität impliziert. 187 Literaturtheoretiker ist sie unfassbar und demnach eine Illusion (Schein, Trugbild). Aus der postmodernen Sicht ist sie differenziert, partikulär, als Wirklichkeit des Einzelnen relativ und veränderbar. Aus den angeführten Aspekten können abschließend folgende Grundhaltungen des Wahrheitstheorems erkannt werden: • Der Glaube an die Existenz einer außerliterarischen und außersubjektiven Wirklichkeit und diese ,objektive Realität' ist ein Kriterium (Maßstab) für die realistische Literatur (z. B. die Widerspiegelungstheorie, in der die Literatur als objektive Kopie der außerliterarischen Wirklichkeit definiert wird). • Der Glaube an die Existenz einer außerliterarischen und außersubjektiven Wirklichkeit, diese ,objektive Realität' ist aber kein Kriterium (Maßstab) für die realistische Literatur (z. B. die Literatur ist autonom und hat ihre eigene immanente Wirklichkeit). • Der Ausgangspunkt, dass außerhalb des Bewusstseins, der Kommunikation, der Sprache zwar eine Realität existiert, doch haben wir keinen direkten Zugang zu ihr, deswegen ist die ,objektiv dargestellte oder wahrgenommene Realität' eine Fiktion (alles ist abhängig vom Diskurs, der Kommunikation, Sprache). Diese unterschiedlichen Positionen, oft diametral, haben zur Folge, dass man die Wirklichkeit nur als eine Konstruktion definieren kann. Sie wird von einem Denken konstruiert und nicht definiert (vgl. Kleinstück 1980, 36f). Wird etwas als real oder irreal bezeichnet, ist das ein Urteil eines Bewusstseins. Die Wirklichkeit ist demnach eine in der Geschichte entstandene Konzeption bzw. Konstruktion. Daraus kann man folgende Schlussfolgerungen ziehen: Kann man überhaupt noch das Wahrheitstheorem in der Realismus-Diskussion als konstitutives Element einsetzen? Wenn ja, wie? 188 Schließlich kann konstatiert werden, dass sich in den literaturwissenschaftlichen Aussagen deutlich das erkenntnistheoretische Potenzial spiegelt, wie z. B. die Geschlossenheit des Systems, die in der Aussage über die Autonomie der Sprache ausgedrückt wird oder die Abhängigkeit des Autors und/oder des Lesers von der Sprache, die im konstruktivistischen Diskurs damit erklärt wird, dass Aktanten immer schon in einem soziokulturell „" (Schmidt 1994, 47) operieren und das Wirklichkeitsmodelle immer erst durch sprachliche Bezugnahme bestätigt werden. Alle Theoreme, die als Theoreme des Realismus angesehen worden sind (Widerspiegelungstheorie, Wahrheitstheorem, Totalitätstheorem, das Typische, Objektivitätstheorem) wurden als unzureichend, als obsolet und in einer ,modernen' Realismusdefinition sogar als unbrauchbar konstatiert. Man kann aus heutiger Sicht kaum noch von Theoremen sprechen, im Sinne eines Lehrsatzes, der für wahr und allgemein gehalten werden muss. Es handelt sich eher um Signale, die in einem literarischen Werk unter besonderen (rezeptions- und produktionsästhetischen) Bedingungen Effekte hervorrufen - in unserem Fall Realismus-Effekte. Der Bezug des ,modernen' erkenntnistheoretischen Diskurses auf den literatur-wissenschaftlichen lässt erkennen, dass die Frage nach der dargestellten Realität im literarischen Werk unmöglich zu beantworten ist. In diesem Sinn kann nicht mehr von fingiertem' Realismus gesprochen werden, sondern von der dritten ,Entwicklungs-phase': Dem ,realen' Realismus, der nicht mehr vortäuscht, dass es die Realität sei, die dargestellt wird, sondern es wird offen zugestanden, dass es etwas Erdachtes sei, das jedoch den Effekt hervorrufen kann, wahr (real) zu sein. Um terminologischen Unklarheiten aus dem Weg zu gehen, wäre es m. E. besser von einer realistischen Schreibweise zu sprechen als von einem Realismus, da der Begriff zu sehr an den literaturhistorischen Kontext gebunden ist und viele Konnotationen enthält. Ausgehend von der These, dass in der Postmoderne realistische Schreibweisen auftreten, müsste man ein Modell konzipieren, das als Bezugsfeld dienen und dessen Hauptanliegen sein müsste, herauszufinden, wie eine Wirklichkeit in einem literarischen Text 189 konstruiert wird bzw. wie diese Textwirklichkeit den Anschein der Realität vorgibt und wie diese im Rezeptionsprozess erkannt wird, damit man das Werk als realistisch erkennt. Literaturverzeichnis BALIBAR/MACHEREY: Thesen zum materialistischen Verfahren. In: Alternative 98. Brenner H. (Hg.). Alternative Verlag GmbH. 17. Jg. Okt. 1974 Berlin. S. 193-221. BARTHES, R: Probleme des literarischen Realismus. In: Akzente. Zeitschrift für Dichtung. Höllerer W. und Bender H. (Hg.). Carl Hanser Verlag. 3. Jg. 1956 München. S. 303-307. 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Če povzamemo bistvo članka, je razvidno, da v vseh teorijah teorem o resničnosti v literarnih delih ostaja konstitutivni kriterij diskusije o realizmu. Pojavljajo se raznolike definicije resničnosti oziroma njenega dojemanja in zaznavanja, ki odslikavajo miselnost nekega časa ali obdobja in privedejo do tega, da v sodobnem času lahko govorimo o resničnosti le kot o konstrukciji. Izhodišče teh teorij so spoznavnoteoretična načela posameznih obdobij. Ključno je, da realizem, ki ga obravnava postmoderna diskusija, lahko opišemo kot tretjo razvojno stopnjo, kot t. i. realni realizem, kajti ta ne postulira objektivne zaznave resničnosti, niti je ne poskuša natančno definirati, ampak prizna, da je ta resničnost (v literarnem delu) konstruirana, čeprav je lahko zelo podobna resničnosti posameznega bralca. Da se izognemo terminološkim nedoslednosti, je potrebno govoriti o realističnem pisanju in ne o realizmu, ki dandanes vsebuje veliko konotacij. 193 ZUSAMMENFASSUNG Erkenntnistheoretische Modelle und Realismusdefinitionen nach 1950 Die Postmoderne wird als Verfassung radikaler Pluralität verstanden, die (einheitlichen) Definitionen der Begriffe Original, Individuum, Wahrheit und Wirklichkeit werden problematisch. Da alles ein Konstrukt ist, kann auch der Realismusbegriff nicht mehr einheitlich definiert werden. Der Beitrag zeigt, dass der Bezug des ,modernen' erkenntnistheoretischen Diskurses auf den literaturwissenschaftlichen dazu führt, dass die Frage nach der dargestellten Realität im literarischen Werk nicht mehr zu beantworten ist. In diesem Sinn kann von einer dritten ,Entwicklungs-phase' des Realismus gesprochen werden: Dem ,realen' Realismus, der nicht mehr vortäuscht, dass es die Realität sei, die dargestellt wird, sondern es wird offen zugestanden, dass es etwas Erdachtes sei, das jedoch den Effekt hervorrufen kann, wahr (real) zu sein. Um terminologischen Unklarheiten aus dem Weg zu gehen, wäre es m. E. besser von einer realistischen Schreibweise zu sprechen als von einem Realismus, da der Begriff zu sehr an den literaturhistorischen Kontext gebunden ist und viele Konnotationen enthält. 194