der heimischen Arbeit. Von V. G. Supan, Prasident der Handels- und Gewerbekamrner fiir Krain, Direktor des Handlungs-Kranken-Institutes, Ehrenmitglied des gewerbliehen Aushilfs-Kasse-Vereines &c. zu Laibach. Motto: Die Kraft, die aualandiscke Waare zu kaufen, geht mit der Kraft die eigene zu verkaufen, zu Grunde. Carey. Laibacli 1869. Druck von Josef Blasnik. Im Selbstverlage des Verfassers. 50180 Vorrede. Nach den ungliicklichen Kriegsjahren 1859 und 1866 musste in jedem wahren osterreichischen Pa- trioten die Frage rege werden, auf welche Art nnd Weise und durch welche Mittel sollen die schweren Wunden, die durch jene hochst traurigen Katastro- phen dem Staatshaushalte, den okonomischen Ver- haltnissen der einzelnen Kronlander sowie einzelnen Staatsbiirgem geschlagen wurden, geheilt werden. Dieldee des Freihandels wurde vielseitig als die Zauberformel ausgesprochen, angeriihmt, und in der Tkat, es sind auf freisinniger Basis Handelsvertrage in Ausftihrung gebracht worden, um die materiellen und iiberhaupt volkswirthschaftlichen Zustande Oester- reichs auf die gewimschte befriedigende Stufe zu bringen. — Nach der Ansicht der Freihandler ware das System des Freihandels geeignet, Oesterreich demnachst im Welthandel allgemein konkurrenzfahig zu machen, ausgiebigen auswartigen Kapitalien den Kanal nach Oesterreich zu offnen, den Fortschritt der heimischen Industrie durch den VVeltkampf, zu welchem die freie Konkurrenz auffordert, in allen Zweigen anzu- bahnen und lebendig zu halten. I Die bisherigen Erfahrungen lassen jedoch die Segnungen des freisinnigen Iiandelssystems bis jetzt leider nicht in einem beruhigenden Masse erkennen. Wer wird etwa den Thatsachen Ang und Ohr ver- schliessen ? Der allgemeine Geist der Unzufriedenlieit nnd des Misstrauens, die notorisch allgemeine Ver- armung des Volkes, besonders am fiachen Lande, die wachsende Staatsschuld, die stets zunehmenden nnd bald nicht mehr zu erschwingenden ofifentlichen Lasten und Steuern, das Abhandenkommen der edlen Metalle, die Entwerthung der Valuta, die Werthlosigkeit des Grund und Bodens, mit einem Worte die allgemein anerkannte Nothwendigkeit eines verbesserten Staats- haushaltes fur den Kaiserstaat haben den Verfasser dieses zu dem Entschlusse gefuhrt, den Ruf erschallen zu lassen: „Schutz der heimischen Arbeit 46 , das ist der Arbeit des gesammten Kaiserreiches. Es ist ein national-okonomisches Axiom, dass die Arbeitskraft eines Volkes dessen vortheilhaftes Kapital ist. Ein System, welches die eigene Arbeitskraft nicht bis zur aussersten Leistungsfahigkeit benutzt, oder solche sogar nach vielen Richtungen lahm legt, ist mi t, dem vorhergesagten Grundsatze im grellsten Widerspruche und kann sohin das wahre heilbrin- gende nicht sein*). Die moglichst ausgedehnte Aus- *) Wenn auch bereits Handelsvertriige abgeschlossen worden sind, so kommt gewiss wieder eiue Zeit, vielleicht gar friiher als man denkt, welche die abgeschlossenen Handelsvertriige durch Umstiinde und Zeit rechtlos machen wird. — Vortrefflich hat gerade ein Abgeordneter der krainischen Handels- und Gevverbekammer im hohen Keiclisratbe am 14. Mai vorigen Jahres, als es sich wegen des deutschen Zoll- und Handelsvertrages handelte, ausgerufen: „Ja meine Herren , was ist denn diese Stabilitat. Der Vertrag von 1865 brach unter dem Kanonendonner bei Koniggratz im Jahre 1866 zusammen“. ntitzung der heimischen Arbeitskrafte und der zweck- entsprechende Schutz der heimischen Arbeit erscheint somit als unabweisbares Postulat des osterreichischen national-okonomischen Programms*). Die Arbeit erscheint, sagt Ernst Becher in seiner volkswirthschaftlichen Studie, als der Hauptfaktor des ganzen wirthschaftlichen Lebens, weil die Arbeit dem Entstehen des Kapitals vorausgehen musste. Die Fahig- keit der Arbeit war von Anbeginn an in dem Men- schen, das Kapital bat sich erst entwickelt. Die ganze Masse der in vorangegangenen Zeiten vollbrachten Arbeit erhalt sich fort und fort und ist die Ursache des heutigen Standpunktes der Wirth- schaft des Menschengeschlechtes. Der Zusammen- hang zwischen der Arbeit und den Menschen, welche sie vollbringen, ist ein so untrennbarer, dass jede Ar¬ beit auf die Menschen zuriickwirkt. Die Arbeit eines Volkes auf wirthschaftlichem Felde lasst sich sohin von dessen geistigen und sittlichen Sein nimmer trennen. Beide sind im Grande nur Eins. Und so ist in der Gegenwart das ganze Arbeitsresultat der Vergangenheit enthalten. Nachdem seit Anfang des 19. Jahrhundertes die Grundzlige der Smithschen: „Wealth of nations“ und dessen freiliandlerischen Ideen auch am Kontinente in der Wissenschaft durchgedrungen waren, ist es den rastlosen Bemiihungen der englischen Tndustriellen gelungen, auch bei den kontinentalen Staatsmannern freihandlerische Ideen zu verbreiten; und die Art und *) Kaiser Josef II., obwohl von der phisiokratischen Schule ganz durch- drungen, hielt doeh an der Ansicht fest, dass die Einfuhr fremder Waaren ein wirthschaftlieher Nacbtlieil sei; er legte das bedeutendste Gewiebt nicht auf das Geld und dessen Anhiiufung, sondem darauf, die Beschaftigung im Lande zu vermehren, Gevrerbe und Industrie rasch empor zu bringen. Dr. Neumann, Seite 6. I* Weise der vielen in den letzten Jaliren abgescldo s se¬ nen Handelsvertrage beweisen hinreichend, dass sich seither mehrere Staaten Furopas auch in der Praxis von der Lehre einer Handelsbillanz loszusagen nnd die Hoffnung auf die allgemeine Handelsfreiheit zu richten gedenken. Selbst in den intelligentesten und gebildetsten Kreisen hielt man schon Jahrzehende lang mit Bezug auf den Kosmopolitismus den Freihandel fur den allein seligmacbenden, und betracbtete diese Frage als einen bereits schon langst uberwundenen Stand- punkt, da die Theorie ohne weiteres mit dem so schon klingenden Worte Freiheit auf Freihandel hin- weist. — Wahrend aber seit Jahren in Europa einige Staaten die Richtung zur Verwirklichung der freihandlerischen Ideen eingeschlagen hab en, scheint sich gerade in der Volkswirthschaft und Sozialwissenschaft von einer grossen Autoritat eine andere Richtung geltend zu machen, indem der Name des hochst schutzzollnerisch gesinnten Amerikaners Carey weit iiber die engen gelehrten Kreise hinausgedrungen und einen vertrauens- vollen und ehrfurchtgebietenden Klang erhalten hat; und da Carey bei so manchen Gelehrten viel Aner- kennung und Bewunderung mit seinem volkswirth- schaft- und sozialwissenschaftlichen Werke erregt hat, so ist es mit Bestimmtheit anzunehmen, dass der alte Kampf noch immer nicht als abgeschlossen betrachtet werden konne. Carey, welcher als Vertreter ganz neuer Grund- gedanken bezeichnet wird, halt eine ungiinstige Han¬ delsbillanz entschieden fiir das grosste Missgeschick eines Staates. Diese Lehre, welche gewisse Staaten fast schon ganz vergessen haben, hat er in schlagender Form reproduzirt, so zwar, dass selbst seine bittersten Gegner sich veranlasst sehen, mit ihm sich ausfuhr- lich zu beschaftigen, indem ihnen ganz wohl bekannt ist, dass der ebenso scharfsinnige als praktische Carey nicht nnr in Amerika, sondern bereits auch in Deutschland und Frankreich nnbedingte Anhanger zahlt. — Der Siegeslauf der Lebre und des Ideenkreises des bezeichneten Amerikaners, welcher so eigentlich die recbte Hand in den sclrvvierigsten Momenten des Prasidenten Lincoln gewesen ist, wird gewiss ein voll- standiger und unaufhaltsamer sein. Dr. Karl Adler fuhrt in seiner mit Zusatzen er- ganzten deutschen Ausgabe, Seite 7, wortlich an: „Dass auch in Deutschland fur Carey sich ein solches Hauf- lein von Neidern und Gegnern gefunden hat, soli namlich nicht gelaugnet werden, kann aber auch nicht auffallig erscheinen. Bei den Einen ist es die noch entschuldbare Besorgniss, die sich an Carey’s han- delspolitische Position kniipft, bei den Andern die meist begrundete Furcht, neben dem Grossen klein zu erscheinen, den eigenen Autoritatsglanz verblassen oder das muhevoll Angeeignete durch das Neue tiber- holt zu sehen, und bei wieder Andern ist es geradezu der Versuch, uber die eigene Zwerghaftigkeit dadurch zu tauschen, dass mankeck einen Stein nach dem Riesen wirft, was dazu anreizt, dem aufblitzenden Lichte mit erkiinstelter Geringschatzung oder positiven Verklei- nerungsversuchen gegeniiber zu treten“. Als der Verfasser dieses in einer ordentlichen Kammersitzung kurz nach der Bataille von Konig- gratz im gemassigt schutzzollnerischen Sinne eine ziemlich lange Rede hielt, welche in mehreren Exem- plaren in Druck erschien, da hat ein osterreichisches Journal in streng freihandlerischer Richtung eine Kri- tik daruber geflihrt, worin sogar zwischen der Pro- hibitation und Schutzzoll gar kein Unterschied aner- kannt wurde, und mit dem Schlusssatze endete, dass derselbe die gleichen handelspolitischen Ansichten zu verfechten scheine, wie der Amerikaner Carey. Niemand, welcher objektiv fur eine Sache ein- steht, wird eine ernste, belehrende und vuirdevoll gehaltene Kritik unliebsam aufnehmen, weil gerade dadurch sich die Begriffe klaren. Allein eine Kritik mit oberflachlichen leeren Floskeln und Frasen er- reicht dagegen hochstens den Zweck, dass das Miss- trauen, welches man sich in das Mass seiner eigenen Kraft gewohnlich selbst schon einzuflossen sucht, dadurch vermindert wird. Der Verfasser dieses suchte viele Jahre lang zur Verstarkung seines eigenen Urtheils oder zu dessen Rektificirung mit redlichem und vorurtheilsfreiem Sinne Belehrung in der Geschichte und in mancherlei ihm zu Gehote stehenden Werken, und zu seiner Befrie- digung fand er, dass die anerkanntesten Autoritaten die gleiche Ansicht derart vertreten und untersttitzen, dass dieselbe in ihm zur festen Ueberzeugung heran- gewachsen ist. — Beseelt von dem aufrichtigsten Wunsche, in dieser fur unser theures Vaterland vitalen Frage mein ganz bescheidenes Scharflein beitragen zu durfen, iibergebe ich die gegenwartige Broschiire dem fach- kundigen Publikum, meinen nahezu 20jahrigen Ge- schaftsfreunden mit der ebenso freundlichen als hoflichen Bitte, diese kleine Arbeit, insbesondere bezuglich deren Formen mit grosster Nachsicht beurtheilen und nur als den Beleg meiner innigsten Theilnahme an dem Ge- deihen Oesterreichs und seiner Arbeit betrachten zu wollen. — Die vorliegende Brochure ist nicht in einem Zuge geschrieben worden, denn meine vielseitigen Berufs- pflichten und sonst auch andere Verhaltnisse sind Ursache, dass ich nur mit mehreren Unterbrechun- gen daran arbeiten komite ? und so erklart sich aus einer solcben Entstehungsart des Biichleins, dass das- selbe mangelhaft sei und sohin einen gerechten An- spruch auf Nachsicht bat. D as allfallige Urtheil wird sich freilich je nach den Parteien verschieden gestalten. Ja, nicht meine Auffassung des Gegenstandes, sondern der Gegenstand selbst ist es, auf welchen ich um so mehr die Auf- merksamkeit zu lenken \vunsche , als auch andere Staaten eben auch, besonders aber Frankreich*) eine bedeutungsvolle Wendung in der Handelspolitik an- streben. — Laibach, im Monate Juli 1869. Der Verfasser, *) „Die Klagen richten sich hauptsachlich gegen den Handelsvertrag mit England. Nie hat die Normandie, welche wegen ihrer Vorsicht bekannt ist, so viele Zahlungseinstellungen erleht, alsjetzt, da die franzosische Industrie der englischen Konkurrenz in mehreren ihrer wesentlichen Branchen nicht mehr Stand zu halten vermag. Die Petitionen gipfeln sammtlich in dem Ver- langen nach einer Modifikation des englischen Handelsvertrages, bei dessen Aufreehthaltung die franzosische Industrie zu Grunde gehen miisse; den Manufakturisten in der Normandie haben sich die elsassischen Pabrikanten angeschlossen, die nur darin eine Nuance abweichen, dass sie in ihrem Ver- langen nach Schutz noch weiter gehen“. — Seite 11 5 aus der so eben in Reiehenberg erschienenen handelspolitischen Brosehiire mit dem Motto: Sein oder Nichtsein — das ist die Frage. 4f|J?ie Nothwendigkeit eines verbesserten Staatshaushaltes fiir den Kaiserstaat erkennen ebenso die Schutzzollner als auch unsere Gegner, die Freihandler. Wenn aber zwei Geg- ner beide in bester Absicht jedoch auf verschiedenem Wege zu einem und demselben Ziele gelangen wollen, so ist es unserer Ansicht nach vor allem nothwendig nach Moglicbkeit den Weg zu priifen, und so schwierig er auch sei, zu erfor- schen, an welchem man zur Erreichung des gemeinschaftlichen Zieles gelangen konnte. Die Freiheit ist instinktmassig fiir alle lebenden Wesen gewiss ein liochschatzbares Gut, allein sehr oft haben u n - z e i t i g e F r e i h e i t e n s t a 11G1 iick V e r derben gebracht Die Freihandler, welche haufig denFreihandel ganz irrthiimlich mit der politischen Freiheit identifiziren, nennen sich liberal, und halten j eden, der nicht fiir alles und jedes durch die Freiheitsposaune hineinschreit, gleicli fiir illiberal, fiir einen Reaktionar, Mittelalterlichen und Gott weiss fiir was, wahrend die freiestenRepublikaner derErde in Amerika nach wiederholt theuer bezahltenErfahrungen, wie es allgemein bekannt ist, wieder Schutz- zollner sind. In einer sehr zu beachtenden Brochure: „Oesterreich und der Freihandel“, welche im Jahre 1865 erschien, heisst es Seite 27 wortlich: ,,Niemand kann fester als wir iiber- zeugt sein, dass Oesterreich zum Wohle der Menschheit einen grossen Beruf zu erfullen hat. Wir wiinschen Oester¬ reich stark und machtig und bliihend zu sehen , und weil wir den Freihandel als eines der grossten Mittel betrachten, zu diesem Ziele zu gelangen, empfehlen wir denselben.“ — l 2 Auch wir wiinschen dasselbe, namlich Oesterreicll Stark, machtig und bliihend Zli selien, allein den da darin bezeich- neten Weg halten wir vorlaufig flir einen entschiedenen Irrweg, so sehr wir sonst jede Anscliauung mit vollstem Respekte bebandeln. Um allfallige Missverstandnisse von vorn- herein ferne zu halten, miissen wir einfach die Erklarung abgeben, dass man sich gewiss sehr tauschen wiirde, wenn man annehmen wollte, dass wir im Prinzipe gegen irgend welche Freiheit sind. Wir sind entschieden fiir alle Frei- heiten, vorausgesetzt jedoch, dass die nothigen Faktoren vorhanden sind, die bedingt harmonisch — verbunden wir- kend zur Volkswohlfahrt fiihren. Wir glauben, dass wir durch diese Erklarung „im Prinzipe fiir alle Preiheiten“ unsern Standpunkt klar und pražiš bezeichnet, haben. Wir glauben, dass, wenn wir sagen: „Gebet den Kindern nicht ein scharfgeschliffenes Messer in die Hand“, man uns verstehen wird, ohne noch etwa ausdriicklich die Yer- sicherung beifiigen zu miissen, wir sind librigens entschieden nicht fiir die Abschaffung der scharfgeschliffenen Messer. DieFreihiindler sagen: „DieVolks- undVolkerwirth- schaft in zweifacher Form, die Handels- und Gewerbefreiheit soli sich selbst liberlassen wer- d e n“; ja wenn man einmal fiir die Konkurrenzfahigkeit kampl- fahig grossgezogen wurde, sonst aber ist das sogenannte „Laissez fafre oder laissez passer“ System, welches die prak- tischen Amerikaner vollstandig verworfen haben, ein entschie- dener Missgriff, das so, wie jede unzeitige Frucht oder unzeitige Freiheit, nach den Gesetzen der Natur, die keine Spriinge zulasst, bose Wirkungen hervorbringt. Wir fragen einfach, kann man einem Knaben von 10 Jahren dieselbe Freiheit geben und von ihm dieselbe Lei- stungsfahigkeit fordem, wie von einem Manne von 25 Jahren? Analog diesem gewiss ganz einfachen Beispiele denke man sich, wie Dr. Lekisch Seite 32 in seinem auch spater an- gefiihrten ausgezeichneten national-okonomischen Werke sagt, 3 zwei Staaten, und das ist die allein praktische Seite der Frage, von welcher die Wissenschaft, wenn sie nicht einwesenlosesLuftgebilde schaf- fen will, auszugehen und welche sie festzuhalten hat, denke man sich also zwei Staaten im freien Handelsverkehre, den einen mit einer reicheren Naturkraft als den andern begabt, etc. etc. Wir aber sagen, denke man sich der an- gefiihrten Ansicht vollstandig angeschlossen zwei Staaten im freisinnigen Handelsverkehre. Der eine Staat hat tlichtige gewerbliche Facli- und iiberhaupt viele und gute Schulen, hat fiir Industrie, Handel, Gewerbe und Landwirthschaft als harmonisch verbundene Faktoren billige Kapitalien ohne Wechselreiterei, hat geregelte Valutenverhtiltnisse , folglich edle Metalle, schnelle Justiz etc. etc. und der andere Staat, der ebenfalls den Kampf der Konkurrenz aufnahm, hat ge- rade das Gegentheil. Ja, wer einen Kampf aufnimmt, der musssowolil diemateriellenalsdie geis tig en Waff en des Gegners genau priifen und genau konnen, denn sonst erlebt man, wie uns gerade in neuester Zeit die Gescliichte belelirt, sehr traurige Folgen. Wir haben gesagt „im Prinzipe fiir alle Freiheiten,“ allein wo die erforderlichen Bedingungen dazu tehlen, ist uns aber die blosse Frase „Freiheit“ soviel als niclits. — Adolf Held, Dr. der Staatswissenschaft Mirt in seinemWerke „Eine literaturgeschiclitliche Parallele“ , Seite 151 wbrtlich an:„Carrey verficht die Interessen des wahrhaft freisinnigen Nordens gegen die Sklaverei und den Raubbau desStidens, mit dessen Systeme eine aufbliihende Industrie bisher unvereinbar war und der daher die F ortdauer derindu- striellenAbhangigketvonEnglandbegiinstigte. In Amerika waren also gerade die Sklavenstaaten freiliaild- lerisch. — Der klarste Beweis, wie sehr man sich hiiten rnuss, die politische und die Handelsfreiheit in jedem Falle zu intendiflziren. Die nordlichen Staaten dagegen, die ganz aus freien arbeitsamen Mannern zusammengesetzt i* 4 sind, strebten nac h Industrie und z u derenHebung nach Sdmtzzollen , die zugleich dem allgemeinen nationalen Misstrauen der Amerikaner gegen England entsprachen.“ Unsere Gegner, die Freihandler mogen doch diesen klar- sprechenden Thatsachen zufolge endlich einsehen, dass man sehr politisch frei und dabei doch auch nach gegebenen Verhaltnissen Schutzzollner sein kann. Es ist ja formlich Mode geworden fiir den Freihandel zu schwarmen und ganz ins Blaue voli Eigendiinkel Floskeln zu machen liber schutz- zollnerischen veralteten Kram von alten Marothen, Treib- hauspflanzen etc. etc. Unsere Gegner, die Freihandler brauchen sehr haufig das irrige Motto: „Es gleicht sich alles aus“; aber wenn ein Staat verarmt, und der andere reich und machtig wird, so gleicht sich dass so Avenig aus, als wenn ein Individuum gewinnt und das andere verliert. Wo soli nun der Verkiirzte die Entschadigung suchen. Nlll' mit dem Tode gleicht sich alles aus. — Wir haben die amerikanischen Republikaner als Schutz- zollner angefiihrt, daher wollen wir von Amerika, von diesem jetzt so machtigen Staate, auch zuerst sprechen. Friedrich List, welcher mit vollem Redite als „Luther“ der national-okonomischen Wissenschaft genannt wurde, hat in seinen gesammelten Schriften im IX. Kapitel, Seite 109 ebenfalls angelillirt: „Die Handels- und Industriegeschichte von Nordamerika ist lehrreich fUi' unsern ZAveck (bekanntlich war List gemassigter Schutzzollner) Avie keine andere, weil hier die EntAvicklung schnell vor sich geht, die Perioden des freien und beschrankten Verkehrs schnell aufeinander folgen, ihreFolgen klar und entschieden in die Erscheinung treten und das ganze RaderAverk der Nationalindustrie und der Staatsadministration offen vor den Augen des Beschauers sich bewegt.“ Wir bitten unsere verehrten Leser ganz offen, ehrlich und aufrichtig, uns nicht fiir iibel zu nehmen, Avenn Avir geAvissermassen im Lapidarstyle schreiben, denn uns erlaubt 5 die physische Zeit nicht, uus in lange Erlauterungen einzu- lassen. — Nacli dem Pari ser Frieden, also nach dem Jahre 1815, haben die Englander mit ilirer Kunst und List in Ansehung der Handelspolitik ihre gefahrlichen Leimrutlien an die vereinigten Staaten von Amerika gerichtet, nachdem sie friiher, wie wir geschichtlich nachweisen werden, so viele andere Staaten zu Grunde gerichtet haben. — In Washington, dessen Kabinet damals kein richtiges handelspolitisches Sy- stem befolgte, herrschte auch der Wahn, namlich der von Adam Smith zum grossten Vortheile Englands ausgesprochene Grundsatz: „Kaufe billig und verkaufe theuer“ *) und so schloss die Republik im Jahre 1818 mit England einen Handelsvertrag. Dass die amerikanischen Fabrikanten den brittischen nicht gewachsen waren, lieferte den Beweis der Umstand, dass kurz nach Abschliessung des Vertrages die meisten amerikanischen Fabrikanten die Arbeiten einstellen mussten. Der Vertrag dauerte wenige Jahre, doch litt die Republik entsetzlich; zahlreiche Fallimente tauchten auf, die Einfuhr iiberstieg die Ausfuhr um 200 Millionen Dollars und der Bodenwerth ist um die Halfte des Preises gefallen. Die Legislaturen vieler amerikanischer Staaten waren ge- nothiget, die Eintreibung der Schulden zu suspendiren, der *) Kaufe billig und verkaufe theuer. Dieser Satz ist an und fiir sich richtig, allein gehen wir weiter und tauchen wir in die tiefste Tiefe dieses Satzes hinein, so finden wir, dass der Schwerpunkt dieses triigeriscben Satzes nur auf die auslšindische Konkurrenz gemiinzt ist, d. h. kaufe du, England, am Kontinent die Eohstoffe billig, fiihre sie ein, verarbeite sie, und verkaufe die aus diesen Rohstoffen erzeugten Fabrikate am Kontinent theuer. Ja! Das hat fiir England alles, und fiir uns in Oesterreich? — Kaufen wir nun im Ausland die Waare billig und verkaufen mr nun diese im Ausland billig gekaufte Waare — theuer. An wen? An unsere Arbeiter und unsere Land- wirthe , die ihre Arbeit nicht verkaufen konnen? Wir appelliren an einen jeden gesunden Menschenverstand, ob nicht das ein Dilemma ist. Nur der- jenige kann die Arbeit eines andern kaufen, der im Stande ist, seine eigene zu verkaufen. Ja, an wen, fragen wir nochmals, werden wir theuer verkaufen, indem die Verarmung des Volkes notorisch zunimmt? 6 allgemenine Geist des Misstrauens und der Unzufriedenheit štieg immer mehi* und die Bundesregierung war tast dem Bankerott nahe; kurz die Lage war eine verziveifelte. Und nun stand im National-Kongresse Jefferson auf und da Hess er sein Ldwengebriille durch ganz Amerika wiederhallen: „Seliutz der National arbcit, sonst siiid wir alle yerloren“. Die Amerikaner halben das grosse Losungswort Jeffersons aufgenommen und liaben sich ein Jahr darauf schon iiber- zeugt, dass Jefferson und sein Wort das redite war. Die erhoheten Eingangszolle besserten die Verhaltnisse auffallend. Amerika bat ubrigens, wie wir bereits erwahnt haben, mehr- mal die Handelspolitik geandert und bat sich schliesslich iiberzeugt, dass jedesmal, wenn die Schutzzolle herabgesetzt oder abgeschafft, der Staatsschatz leer, und derselbe jedesmal gefullt wurde, wenn die Schutzzolle erhohet worden sin d; und jedesmal ist beim Freihandel ein allgemeiner Geist des Misstrauens und der Unzufriedenheit hervorgetreten. Alle Thatsaclien, \velche die Gescliichte der vereinigten Staaten darbietet, konnen als Beweis fiir die Behauptung angefuhrt werden, dass die Ausftihr der edlen Metalle stets mit dem Freihandel stattfand, und dass die Benutzung dieser Metalle zu Werthmessern aufgegeben werden musste. Bevor wir ubrigens nocli weiter etwas sagen, wollen wir anfuhren, was der beriilimte amerikanisclie Nationalokonom H. C. Carrey in seinem volkswirthsehaftlichen und socialwissenschaftlichen Werke, Kapitel XXIX. § 8, Seite 459, wortlich von Amerika sagt: „Der Schutzzoll horte im Jahre 1818 auf, und hinter- liess dem Freihandel einen Verkehr, der eine uberschiissige Einfuhl* anBaargeld bewirkte, ferner ein Volk, bei dem der grosste Wohlstand herrschte, ein betrachtliches Staatsein- kommen und eine rasch abnehmende Staatschuld. Der Freihandel horte im Jahre 1824 aut und hinterliess dem Protektivsysteni einen Verkehr, der eine uberschiissige Ausftihr von Baargeld bewirkte, ferner ein verarmtes Volk, ein abnehmendes Staatseinkommen und eine wachsende Staatsschuld. 7 Dei’ Schutzzoll horte wieder im Jahre 1834—35 auf und hinterliess dem Freihandel einen Verkehr, der eine iiberschiissige Einfuhr von Baargeld bevvurkte, ferner ein Volk, das wolilhabender war, als irgend ein anderes je gewesen, ein so bedeutendes Staatseinkommen, dass man die Ein- gangszolle von Thee, Kaffee und vielen anderen Lebens- beditrfnissen hatte aufheben miissen , und endlich einen Staatsschatz, der gar keine Ausgaben fiir Staatsschulden zu bestreiten hatte. Der Freihandel horte abermals im Jahre 1842 auf und hinterliess dem Protektivsystem einen Verkehr, der eine iiberschiissige Ausfuhr an Baargeld erzeugte, ferner eill ZU Grunde gerichtetes Volk und eine Regierung, welche die Zahlung ihrer Schulden verweigerte, einen bankerotten Staats¬ schatz, der allenthalhen um Anlehen zu den hochsten Zinsen bettelte, ein Staatseinkommen, das in uneinlosbarem Papier- gelde erhoben und ausgegeben wurde, sowie eine sehr be- deutende auswartige Schuld. Der Schutzzoll horte abermals 1847 auf und hinterliess dem Freihandel einen Verkehr, der eine iiberschiissige Ein¬ fuhr von Baargeld erzeugte, ferner ein Volk im hochsten Wohlstande, Staatsregierungen, deren Kredit wieder herrge- stellt war, einen rasch steigenden Verkehr, ein betrachtliches Staatseinkommen und eine abnehmende auswartige Schuld“ u. s. w. Die Amerikaner sind gegenwartig wieder Schutzzollner. So hat Amerika mit den Einfuhrzollen vor dem Kriege fast das ganze grosse Staatsbudget gezahlt, und Georg Heinzel- mann, der sicli einen industriellen Veteranen und Invaliden nannte, sagt in seinem vortrefflichen Werke: ,,Altes und Neues aus der Handelsgeschichte, Seite 17“: Wie hatten die vereinigten Staaten ihre Baumwoll-Spmdel-Zahl auf 11 '/ a Millionen ohne Schutzzoll beim hohen Arbeitslohn bringen und den Krieg so lange fiihren und aushalten konnen? Die Nationalokonomen in Amerika haben die vereinigten Staaten z u d i e s e r g e g e n w a r t i g e n M a c h t u n d H o h e 8 gebracht, indem sie d as ganz richtige Prinzip aufstellten, dass dasjenige Land, welches eine Politik aufrecht erhalt, die die Ausfuhr der Rohmateri alien zu fordern strebt, eineHandels- bilanz gegen sich haben muss, welche die Aus¬ fuhr der edlen Metalle nothwendig macht. So Carrey, und der ganz schlichte Menschenverstand muss ihm zustimmen, wenn er anfiihrt: „Wozu soli unsere Baunrvvolle so viele Meilen am Meere schwimmen, um die kleine Spindel in England aufzusuchen ?“ Im Jahre 1703 machte Portugal mit England einen Handelsvertrag, durch welchen dieHollander und die Deu- tschen von dem wichtigen Handel mit den Portugiesen und ihren damaligen grossen Kolonien ganzlich verdrangt wurden. Portugal gerieth dadurch in vollstandige politische Abhan- gigkeit Englands und letzteres gewann aus diesem Handels- vertrage so unermassliche Kapitalien, dass es damit spater im Stande war, sein grosses ostindisches Reich zu stiften und die Portugiesen sammt den Hollandern von ihren Haupt- stationsplatzen zu verdrangen. Und diess war der be- riich tigte Methuen-Vertrag, der alle portugie- sischenFabrikenzumVortheileEnglandsruinirt und kurz Portugal so entsetzlich lahm gelegt hat, dass alle friiheren portugiesischen Kolo- nienundinsbesonderedasreiclieBrasilieneffek- tive englische Kolonien wurden; die edlen Me¬ talle verschwanden, Schifffahrt, Handel, Industrie, Gewerbe und Ackerbau sanken in Portugal in Folge dieses Vertrages immer tiefer und tiefer; vergebens strebte Pombal sie zu heben, die englische Konkurrenz machte alle seine Bemuhungen zu niclite. So wurde das portugiesische Land in einen blossen Agrikulturstaat verwandelt, die Erschopfung des Bodens trat als nothwendige Folge ein, und diesem folgte die anhaltende Abnahme der Bevolkerung. Im letzten Jahrhunderte belief sich die Abnahme auf 700,000 Seelen. Und in dem einst so reichen Portugal, in einem Staate 9 —- namlich, wo schon zu Casars Zeiteu gute Strassen waren, wird jetzt die Post reitend besorgt, die Lastgiiter werden mit Ochsen, und die leichten mit Mauleseln befordert. D as ist das Schicksal eines von der N atur so reicb ausgestattetenLandes,welcliesderPolitikjener Nation unterworfen war, welche das ungliiek- seligste Sy s tem stetsimPlane bat, dieTrennung des Konsumenten von dem Produzenten, und von der wir zuletzt sprechen und beweisen wer- den, dass die Englander, wenn wohl in ihren Worten stets Kosmopoliten, in ihren Werken jedoch stets nur Monopolisten sin d. Die gegenwartig schwebende Frage in Bezug auf die Nachtrags - Konvention zum englischen Handelsvertrage, was bekanntlich ein Vermachtniss des Sisti- rungsministers Belkredi ist, anbelangend, wird wohl, so hoffen wir, der hohe Reichsrath zweifelsohne dieses Damoklesschwert fur unsere osterr. Industrie mit geistigen Waffen entwaffnen und verwerfen. Die Staatengeschichte der gluckliclisten Lander lehrt uns hinreichend, dass die handelspolitischen Massregeln immer mehr an grosserer Bedeutsamkeit gewinnen, als alle anderen Staatsfragen, und das und sonst nichts anderes ist das Motiv, warum wir unsere Feder in volkswirtliscliaftlicher Beziehung nacli unseren schwachen Kraften ergriffen haben und wir miissen demnach zugleich erklaren, dass uns unser Kaiserstaat Oesterreich am meisten am Herzen liegt. Gewiss, nur die allgemeinen osterreichischen Staatsinteressen haben wir im Auge und der Geist und das Programm unserer krainischen Handelskammer, gipfelt nebst dem speziell ange- wiesenen Wirkungskreise hauptsachlich darin: — Alles fttl’ Oesterreich. — Gehen wir also in unserer geschichtlicher Darstellung weiter. Allerdings stellt die Geschichte nur ein Bild der Vergangenheit dar, aber die Vergangenlieit muss konsequenter- massen richtig als der Schliissel fUr die Zukunft angenommen werden. 10 Al h Colbert unter Ludwig XIV. die Leitung der Finanzen Frankreichs tibernahm, sagt Dr. Anton Lekisch in seineni meisterliaften Werke: „Die staatsvvirthschaftliche Produktion und die internationale Handelspolitik,“ fand er daselbst die Staatsgviter veraussert, die Einkiinfte des Staates waren anf' Jahre voraus behoben, seine Kassen waren leer. Die Regierung befand sicli in Handen der Steuerpachter und konnte nur mit ihrer Hilfe fortvvirthschaf ten. Frankreich sehien dem unvermeidlichen Untergange ver- f a 11 e n. Dennoch erholte es sich in kurzer Zeit, und es bat das von Colbert eingefiihrte Schutzzollsystem dazu beigetra- gen, dass Frankreich seine Produktion, seinen Handel und seine Macht zu friiher nie vorhandener Bliithe erhob. Die Glanzperiode der franzosischen Industrie begann erst mit Colbert. Um die verschiedenen Industriezvveige wieder her- zustellen, die im vorhergehenden Jahrhunderte beinahe unter- gegangen waren, legte er schwere Zolle auf die fremden Manufaktur-Waaren, vvahrend er sich bemuhete, die Roh- stoffe der Manufakturen in Frankreich selbst zur Umvvand- lung in die Fabrikate zu bringen. Und seinen Massregeln hat Frankreich hauptsachlich zu danken, dass die Land- wirthschaft, die Manufakturen und der Verkehr den grossen Fortschrittgemachthaben. LudwigXIV., bemerkt „Thierry“ — konnte mit vollem Rechte sagen, dass Gott, indem er ihm Colbert gab, viel fiir das Gliick und den Ruhm seiner Regierung gethan habe; Frankreich konnte dazufligen, dass es seinen weisen Rathschlagen die staunensvverthe Entvvicklung seiner Industrie verdanke. — Dass bei dem Tode dieses Koniges der Zustand seines Volkes einen hohen Grad des Elendes erreichte, ist hauptsachlich zwei Umstanden zuzu- schreiben, namlich: das richtige handelspolitische System Colberts begann seine Wirksamkeit zu en tf alt en, leider aber begann auch vom Kbnige die Verfolgung der Protestanten *), *) So ruinirten die Intriguen einer bigotteu Maitresse in drei Jahren das geniale VVerk eines Mensehenalters. Siehe List. S. 88. 11 — die im Jahve 1685 mit dem Widevvufe des Ediktes von Nantes endete. Carrey sagt: „Zwei Millionen der intelligentesten, unterrichtesten und wesentlich gewerbetreibenden Einwohner von Frankreich wurden durch diese Akte Verfolgungen aller Art ausgesetzt, in deren Folge eine halbe Million Menschen umkam, wahrend eine gleiche Zahl nach England, Holland und Deutschland fluchtete und ihre Fertigkeit und Intelligenz sowie die Geheimnisse ihrer Fertigkeit mit sich fuhrte. Und der zweite Umstand war der, dass Ludwig unaufhorlich in Kriege verwickelt war, wofur der Staat unermessliehe Opfer bringen musste, und die Friedensvertrage endeten meistens damit, dass die Aufhebung des von Colbert begriindeten Schutzes der Manufakturen vorgeschrieben wurde. Ein Jahr- hundert nach Colbert hat Turgot die gleichen Ansichten vertreten, seine Nachfolger schlossen jedoch mit England einen Handelsvertrag, wobei England, wie gewohlllich den Haupttreffer gewonnen hat. Im Jahre 1786 schloss namlich Frankreich mit England einen Handelsvertrag. Und diess war der sogenannte E d e n - Vertrag, und die beriihmte Rede des englischen Staats- ministers Pitt, die er im Jahre 1786 im Parlament hielt, galt weder dem englischen Parlamente noch der englischenNation,sondern den schwachenfran- zosischen Minister n, um sie fiir den genannten Vertrag zu gewinnen. Und nicht umsonst hat der schlaue Pitt in jeder seiner Rocktaschen ein Exemplar des Werkes iiber den Nationalreichthum getragen. Ja, William Pitt war der erste englische Staatsmann, der die kosmopolitische Theorie seines Zeitgenossen Adam Smiths zu so grossem Vortheile Englands auszubeuten verstanden hat. Und was war die Folge dieses Handelsvertrages? Die englischen Fabri- k a t e iiberschwemmten den ausgedehnten franzosischen Markt, die bliihenden eigenen Fabriken wurden ruinirt, die Arbeiter entlassen und zum vierten Stand der menschlichen Gesellschaft, zu Proletariern gemacht. Die Noth und die Missstimmung stieg 12 — im m er m e lir. Die Industrie, die man friiher mit grosster Sorgfalt grossgezogen, lag nun darnieder, der Verkehr ge- rieth in vollstandige Stockung, das Volk verlangte Brod; daher fiihrt Carrey in Capitel XVII. §. 4, Seite 263 wortlich an: die Noth war allgemein, sie lahmte die Regierung und zwang sie za der die Revolution eroffnen- den Massregel der Berufung der Notabeln im Jahre 1788. Nach kurzer Dauer der Konkurrenz mit England suchte die franzosische Regierung durch Aufhebung des Vertrages dem Fortschritte des Ruins entgegen zu arbeiten und den Einhalt des Verderbens zu ervvirken, und hat dabei die wichtige Erfabrung gemacht, dass es viel leichter sei, bliihende Pabriken in wenigen Jahren zu ruiniren, als ruinirte Pabriken in einem Menschenalter wieder empor- zubringen. Wie das Kontinentalsistem, welches mit dem beriihmten Dekrete Napoleons aus Berlin am 21 November 1806 verktindet wurde, wohlthatig auf die Industrie und somit auch auf die LandwirtlischaftFrankreichs, Oesterreichs, Deutschlands etc. wirkte, ist heute nicht oportun, zu bespre- chen, wir werden spater einmal speziell diese, fiir die Welt hochst interessante Epoclie naher beleucliten. Der Friede, der im Jahre 1815 die franzosischen Re- volutions-Kriege beendete, wurde, wie ein Geschichtsschreiber sagt, als derVorlaufer der allgemeinen Wohlfahrt gepriesen, brachte aber statt dessen die entgegengesetzte Wirkung hervor. Napoleon ist gefallen und mit ihm die Kontinentalsperre, und die bisher beschrankt gewesene Konkurrenz von England hat wieder auf dem europaischen und amerikanischen Kon¬ tinent festen Fuss gefasst, die heimische Arbeit wurde in vielen Landen zu Grande gerichtet, dagegen wlithete in vielen Landen die Hungersnoth; die plotzliche Aufhebung der Kon¬ tinentalsperre hatte entsetzliche Folgen; der Verkehr sank, die Arbeit fand wenig Nachfrage, der Grund und Boden musste wie immer sonach im Preise fallen. Und wenn Na¬ poleon in seiner kurzfasslichen Manier seinerzeit gesagt hat, 13 „einReich, das unter den bestehendenWeltver- haltnissendasPrinzipdesfreienHandels befolge, miisse zttin Staube zerrliben werden,“ so hat er damit, fubrt Dr. Fr. List (Seite 90) wortlich an, „in Bezie- hung auf die Handelspolitik Frankreichs mehr politische Weisheit ausgesprocben, als alle gleichzeitigen Schriftsteller der politischen Oekonomie in alleil ihreil WeikCIl“. Der friiher abgeschlossene Vertrag mit England erzeugte so furchtbare Konvulsionen, dass man schnell zum Prohibi- tivsistem seine Zuflucht nebmen musste, unter dessen Aegide von 1815 bis 1827 nach der Erklarung Dupins die Manu- fakturkraft Frankreichs verdoppelt wurde. Und erst 1861, wo Napoleon III. durch Vertrage mitBelgien und England*) Tarifanderungen veranlasste, wurde in das bisher starr pro- hibitonische Zollsistem Bresche geschossen. (Siehe das ge- sellschaftliche System der menschlichen Wirthschaft von Dr. Albert E. F. Schaffle, Seite 562.) Wir Miren diesen Autor nur aus dem Grande an, um der geschichtlichen Thatsache melir Naclidruck zu geben. Frankreicb und England, diese beiden Staaten, deren Ideen hauptsachlich stark dieWelt beherrschten, haben Jahrhunderte hindurch unaufhorlich Kriege geMirt, allein die Zwecke, die sie damit zu erreichen bestrebt waren, waren so verschieden wie ihre gegenseitige Handelspolitik. Frankreich suchte mit den Kriegen Ruhm und Herrschatt, England hatte sonst nichts zum Ziele, als die Begriindung der Uebermaeht des Handels und hat stets nur fur Absatzquellen seiner Fabrikate gekampft. Wer die indische Geschielite studirt, bemerkt ein National-Oekonom, wird entritstet, wenn er denBericht von dem Einfall ScliahNadirs liest, der mit der Plunderung Delhi’s und der Ermordung von 100.000 Einwoh~ nem endete; und doch wie unbedeutend war der dadurch *) „Irren ist menschlich und kein Kaiser und Konig kann sich rulunen, ohne Missgriffe (Patalitiiten) regiert zu habeu. Napoleon III. kann sich bei Handelavertriigen auch irren, so wie er sicb am Beginne des Krieges mit Mesiko getauscht." Heinzelman. Seite 47. 14 verursachte Verlust im Vergleiche zu jenem, der aus der Ver- nichtung einer Manufaktur erwuchs, die noch vor etwas mehr als fiinfzig Jahren den Eimvohnern ganzer Provinzen Be- schaftigung gab und deren Betriebsbereich nicht weniger als die Halfte aller Indier einscbloss. Wie gesagt, sowie in den Endzwecken der Kriege England und Frankreich verscbieden sind, so sind sie auch in der Handelspolitik. Frankreich strebte die An- naherung der Preise der Rohmaterialien und der Fabrikate, in welche die erstern umgewan- delt werden, und England befolgt stets dasPrin- zip der Trennung des Produzenten von dem Konsumenten, um die Preise der Rohmaterialien zu drucken. Dieses fur andere Staaten hochst verderbliche brittische System werden wir, wie wir bereits angefiihrt liaben, zum Schlusse behandeln. Je naher der Konsument zum Produzenten rttckt, desto grosser ist tile Prosperitat des Landes. Wir wollen vorlaufig nur bloss noch von einem Staate, vrelcher dieses System streng aufrecht ha.lt , eine detailirte Beschreibung anluhren; es ist unter den drei nordischen oder skandinavischen Reichen das kleinste ■— namlich das politisch eben so freie, als materiell gutgestellte Danemark. In Vergleich zu Irland, Indien, Tiirkei etc. besitzt Da¬ nemark, sagt einer der aufgeklartesten brittischen Reisenden, keine Metalle oder Mineralien, keine Feuer- oder Wasser- kratt, noch besitzt es irgend welche Produkte oder Fahig- keiten, um eine Fabriksindustrie zur Versorgung auswartiger Konsumenten zu schaffen. — Da es an der Nordsee keine Hafen hat, ist seine Schifffahrt auf die Ostsee beschrankt und „sein Verkehr beschrankt sich natiirlich auf die ein- lieimische Konsumtion der nothwendigen Lebens- und Luxus- bediirfnisse des zivilisirten Lebens, welche es vermoge der Ausfuhr von Getreide und anderen landwirthschaftlichen Produkten einzufuhren im Stande ist. Es steht allein in seinem Erdrvinkel, tauscht seinen Laib Brod, den es entbehren 15 kann, gegen Artikel, die es nicht selbst herstellen kann, gleich\volil aber schafft es sich selbst jeden Gegenstand, den es herstellen kann, durch seine eigene Industrie/ 1 Diese Industrie ist durch hohe Einfuhrzolle geschtitzt, die eingestandenermassen zu dem Zwecke auferlegt sind, um den Verkehr zu schiitzen, in dem man die Produzenten und Konsumenten zusammenbrachte. „Dergrbaste Theil ihrer Kleidungsstoffe 11 , sagt Laing, „Leinen, Halbleinen und Tuch vverden im Inlande fabrizirt 44 . Unter einem entgegengesetzten Systeme wiirde wohl der Geldwerth der Kleidung eine Zeit lang geringer sein, allein was wiirde den aus aller dieser Arbeitskraft werden? Was wiirde ihr Geldwerth sein? Es muss Kapital konsumirt werden, um diese Arbeit zu produziren, und wenn sie dann produzirt ist und nicht vervvendet wird, so muss das Kapital vergeudet werden, wie wir es in Irland etc. sehen. Das ganze dtinische System wirkt auf die lokale Ver- wendung der Arbeit und des Kapitals hin, und desshalb auf den Zirvvachs des Reichthums, die Theilung des Grundbe- sitzes und die Verbesserung der Bodenkultur. In Folge dessen besteht ein grosser und stets zunehmender Theil des Grundbesitzes in kleinen Giitern. Selbst die armsten Arbeits- leute haben einen Garten und ein Grundstuck, wahrend die grosseren Landwirthe die englische Viehausstellungen be- suchen, gebildete Leute sind, jede landwirthschaftliche Ver¬ besserung kennen, selbst landwirthschaftliche Versammlungen und Viehausstellungen halten und die Verhandlungen und Berichte der Mitglieder veroffentlichen. Die hausliche Einrichtung ist gut, die Landleute „wohnen in guten Hausem, die Mauern von Backsteinen und Fuss- boden von Brettern haben 44 . Jedes Kirchspiel hat seinen Schullehrer wie seinen Prediger, und die Lehrer sind „weit, hoher gebildete Mlinner, als ihre Kollegen in Schottland 44 . Da die Erziehung, die Literatur und der litera- rische Geschmack ali ge m ein verbreitet sind, giebt es in allen Stadten Lesebibliotheken, 16 Museen und Zeitungen, wahrend der Reisende,“ wie Laing sagt, in jeder kleineren Stadt Erzie- hungsinstitute und sonstige Zeichen geistiger Entwicklung, wie den Geschmack an Lekture, an der Musik, am Theater findet, die, wie er zugeben muss, weitaus das ubertreffen, was man in England in ahnlichen Stadten und bei den- selb en K las s en findet. Das danische System bat die Entwicklung der Indivi- dualitat im Auge, und desshalb sind selbst in den armsten Hausern die Fenster selten ohne einige Verzierungen und sind immer von Blumen und Gewachsen in Blumentopfen verdeckt, da das ganze Volk die Blumen leidenschaftlich liebt und Musse hat zum G lučke, zum Vergniigen wie zur A usbildung. Der materielle und intellektuelle Zustand dieses Volkes ist nach Laing’s Behauptung besser, als bei irgend einem andern Volke Europaš, die Arbeit ist ge- sichert und bestandigt, weil es keinen auswartigen Handel gibt, „welcher eine grosse plotzliche Thatigkeit und Expansion in den Manufakturen und darnach wieder plotz¬ liche Stockung und Unthatigkeit verursachen kbnnte“. Die Zivilisation wachst mit dem Zuwachs des Reichthums, der Reichthum selbst aber besteht in der Macht liber die Dienste der Natur zu verfiigen; leider jedoch verstehen die wenigsten Staaten von den segensreichen Gaben, welche die Natur und Vorsehung nach ihrer Willkiihr austheilt, von diesen dargebotenen Giitern den wahren Nutzen zu ziehen, und so wandern noch immer zum grossten Theile die Roh- materialien des Kontinents auf die brittischen Inseln ■— fur die englische Arbeit. Das englische System, namlich die Trennung des Kon- sumenten von dem Produzenten, ist mit Recht von vielen Nationalokonomen tur das grosste Ungliick der menschlichen Gesellschaft bezeichnet worden, weil dieses System auf der einen Seite einzelne unermessliche ReichthUmer und zugleich 17 Pauperismus sehafft, wie uns gerade England den glanzend- sten Beweis dafiir liefert, und andererseits die Agrikultur- staaten sich keiner Prosperitat erfreuen konnen. Das brittische System, welches, wie gesagt, stets auf die Trennung des Produzenten vom Konsumenten hinzielt, hat ftir die Insel nach zwei Richtungen grosse Vortlieile: erstens werden die Preise von Rohmaterialien durch dieses System herabgedriickt, und zweitens ist England eben dureh dieses fiir andere Staaten so verderbliehe System eilie kolossale Werkstatte fiir die Welt geworden. Vom Meere umschlungen und durch zahlreiche Kanale hat England die billigsten Transportmittel zum Bezug von Rohprodukten und zum Versande von Fabrikaten, abgesehen von ausserordentlicli verzweigten Eisenbahnen. Zur Fabrikation haben die Englander das wohlfeilste Eisen, die wohlfeilste Steinkohle, wohlfeiles Gas, mellT Ka¬ pital und hilligereil Zinsfuss als irgend ein anderes Land. Dass die Englander, wiewohl sie friiher die scharfsten Schutzzollner*) waren, jetz unter solchen Bedingungen fiir die ganze Welt das Freihandelsystem verkiinden, ist sonnen- klar, so wie es erklarlich und statistisch erwiesen ist, dass die Ausluhr ihrer Fabrikate erstaunlich zunimmt. Und diese Zunahme fallt fast ganz auf die Manufaktur- zweige, deren Rohstoffe sammtlich aus dem Auslande bezo- gen werden. Die eingefiihrten Lebensmittel wiirden, wenn man sie, — wie ein amerikanischer Nationalokonom sagt, — unter vier Millionen Menschen vertheilt, weit mehr ergeben, als die durch- schnittliche Konsumtion der in den brittischen Werkstatten be- schaftigten Manner, Weiber und Kinder betragt, und man kann *) Als icb, schrieb ein sebi' aufgeklarter Leinwandfabrikant aus Baiern, itn Jahre 1814 in London auf deutsche weissgebleichte Leinen Bestellungen suehte, zablten dieselben 40 Prozent vom besehworenen Werthe, gefarbte sogar 110 Prozent. Alle fremden Baumwollwaaren waren total verboten. — England war ein Prohibitivstaat noch vor 27 Jahren im streugsten Sirme. — Erst unter Peel brach dieses System, naeh grossen Debatten im Jahre 1842. 2 18 also ohne Zweifel annehmen, dass der Kontinent vierMilli- onen englische Arbeiter mit Nahrung, Kleidung und Woh- nung versorgt, weil er statt heimische englisclie Arbeit bezahlt. — Ferner liefert nach den neuesten statistischen Daten ge- genwartig die brittische Dampfkraft eine konzentrirte Arbeit von 600 Millionen Menschen und diese Arbeiter brauchen keine Wohnung und keine Nabrung ausser etwas Steinkohle. Von den Rohmaterialien liefert das Ausland alle Seide und Baumwolle, alles Oel, allen Salpeter und alle Farbstoffe, von den Hauten, der Wolle, dem Flachse, Hanfe und verschiedenen anderen Artikeln liefert es nicht nur alles, was in der Form der Manufakturen wieder ausgefiibrt wird, sondern auch um so viel mehr, was iiberdiess noch mehrere brittische Ein- wohner nahrt und kleidet. Es wird eininal die Zeit wohl kommen, ja sie muss kommen, wo die Agrikulturstaaten einselien werden, wie tlioriclit sie waren, ganze Berge von keiclitliiimern auf die brittische Insel fiir deren Arbeit und Fabrikate zu sclilep- pen, statt die Eohstoffe zu Hanse zuverarbeiten, da zu spin- nen*), webeil und farben etc. je mehr, wie bereits ange- ftihrt, derProduzent und Konsument nebeneinander rucken, desto grosser ist die Prosperitat des Landes. Wie weit kamen denn die bloss Ackerbau und Vieh- zucht treibenden Nationen? Man blicke nur auf die ostlichen Lan der, als: Polen, Ungarn etc. Erfahrungen und Bediirf- nisse miissen unser Leitfaden sein. Ja nur in einem Staate, welcher die Manufakturkraft mit der Agrikulturkraft in seinem Innern vereinigt, blulit der allgemeine Wohlstand. Der Grund und Boden steigt im Preise und jede Ar- *) Die Baumwoll - Industrie Englands ist eine Diamantengrube und ist das Fundament der englischcn Maeht. Dort gibt es Spinnereien mit 100.000 bis 140,000 Spindeln, zusammen 31 Millionen Spindeln; Kussland hat 2 Millionen und Oesterreich 1.800,000 Spindeln. „Der Industrielle Veteran'*, Seite 8. — 19 beit ist nutzbarer. Ein Staat, der heutzntage in der Agri¬ kultur allein den Schwerpunkt zu suchen glaubt, ein solcher Staat hat sich selbst den Todesstoss gegeben. Die Staaten- gescliicbte vieler Lander liefert uns glanzende Beweise davon. Soviel aber ist es gewiss, dass die gegenwartige Hohe des Handels und der Industrie Englands das Produkt der englischen Staatsweisheit ist, sie ist das grossgezogene Kind der englisclien Minister, die seit der Konigin Elisabeth bis noch vor wenigen Jahren iiberall dem englischen Handel, der englischen Industrie, der englischen Landwirthschaft, der englischen Schifffahrt, wie wir alles nachweisen werden, stets zeitgemassen Schutz verliehen, und auch stets zeitgemass auf- gehoben haben. Wer kennt sie nicht die beruhmten Navi- gationsakte, denen vielleicht England den grossten Theil seiner Handelsmacht zu verdanken hat, und die kliigsten Staatslenker Pitt und Fox huldigten entschieden diesem Sy- steme. Und Georg I. sagte im Jahre 1721 in seiner Thron- rede zum Parlamente: Es ist einleuchtend, dass nichts so sehr zur Belorderung des offentlichen Wohlstandes beitragt, als die Einfuhr von fremden Rohstoffen und die Ausfuhr von unseren Fabrikaten, weil der Kontinent die englisclie Arbeit bezahlt. Diess war, wir sagen es noch einmal, seit der Konigin Elisabeth der leitende Grundsatz der englischen Handelspolitik und er ist es noch heute, namlich: R o h - stoffe einfiihren, Fabrikate ausfiihren. Diese Ten- denz lag ihren Handelsvertragen stets zur Grundlage; in ihren Worten sind die Englander, wie auch bereits schon angefuhrt, Kosmopoliten und in ihren Werken immer Hlir Monopolisten. Gehen wir nun vor Allem zu der angefuhrten Navi- gationsakte. Englands Handel war, wie der treffliche englische Ge- schichtsschreiber Hume bemerkt, vor Jahrhunderten ganz in den Handen der Kasterlinge der deutschen Hansa, und die Handelsgeschichte Englands kennt kaum eine Massregel von 2 * 20 so tiefgreifender Wichtigkeit und von so allgemeinen Wir- kungen, wie die englischen Navigationsakte. London ist ge- worden, sagt Mac-Culloch, was Amsterdam friiher gewesen, der grosse Markt der Welt, universi orbis terrarum empo- rium. Die Frage, welche England jetzt zu erledigen hat, ist nicht, welche die besten Mittel sind, um zur Ilerrschaft auf dem Meere zu gelangen, sondern wie sein Vorrang, den es bereits erlangt bat, zu bewaliren sei. Zur Zeit, als die Schifffahrtsakte erlassen wurde, be- fanden sich England und Holland zwar niclit im offenbaren Kriege mlteinander, aber ein feindseliger Hass trennte die beiden Nationen. Uns miisste es offenbar in unserm Zwecke zu weit fiibren, wenn wir ausfiihrlich den Beweggrund beschreiben sollten, warum und wann die angefiihrten Schifffahrtsgesetze erlassen wurden, welche in England seinerzeit allgemeinen Beitall gefunden, und woriiber Priesslei ganz nacli unserm Standpunkte gesagt bat: „Es diirfte ebenso klug sein, die Navigationsbeschrankungen aufzulieben, wie esklugwar, sie einzufiihren“. Nachdem es in L. E. Schmidts Komptoirhandbuch liber die englischen Schifffahrtsgesetze, Seite 1226, wortlich lieisst: „sie sind aber so weise, als ob sie sammtlich von der iiber- legensten Staatsklugheit erdacbt worden waren“, wollen wir vor allem den §. 12 der bezeicbneten Schifffahrtsgesetze anfiihren und dann in gedrlingten Umrissen weitere Erlaute- rungen machen. §. 12 lautete: „Brittische Schiffe im Seehandel. Kein Schiff soli als britfisches beliandelt werden, wenn dasselbe nicht mit einem Eegister versehen und den Gesetzen gemiiss bemannt ist. Jedes brittische Registerschiff soli wahrend der Dauer einer jeden Seereise, es mag geladen sein oder nicht, in allen Welttheilen von einem brittischen Unterthanen als Schiffsfiihrfer befehligt und mit Schiffsvolke bemannt sein, von dem zum wenigsten Dreiviertheile brittische Seeleute sind. 21 Und wenn ein solches Schiff in der Kiistenfahrt von einem Theile des Konigreichs nach dem andern, oder in einer Fahrt zwischen dem Vereinigten Konigreiche und den Inseln Guernsey, Jersey, Alckreny, Sark oder Man, oder von einer jener Inseln nach der andern, oder von einem Theile irgend einer derselben nach einem andern Theile solcher Inseln oder auch in der Fischerei an den Kttsten des Reiches ge- hraucht wird, so soli die ganze Besatzung aus brittischen Seeleuten bestehen“. Wir waren wohl in der Lage, alle 22 §§, welche die Navigationsakte enthielt, unseren Lesern anzufiihren, jedoch wollen wir aus dem Grunde, weil wir nur mehr in all- gemeinen Umrissen schreihen, nur aus der Zeitschrift: „Der Kaufmann“ redigirt von Dr. Julius Schadeherg in Halle an der Saale, anfuhren, was dieselbe iiber die Navigationsfrage berichtet, und geben bloss folgenden Auszug: Dieser Akte zufolge durfte kein Schiff mit Giitern aus andern Welttheilen in englische Hafen einlaufen, das nicht in England gebaut, nicht Eigenthum eines englischen Un- terthanen war und nicht mindestens Dreiviertheil der Be- mannung geborene oder naturalisirte Englander hatte. Die einzige Ausnahme war, wenn ein Schiff mit Produkten sei- nes Landes, und zwar aus Europa, beladen in englische Hafen einlief. Aber auch diesen scliwachen Vortheil konnten die frem- den Rheden nicht beniitzen, weil die englischen Zollgesetze auf die Waaren, welche auf fremden Schiffen ausgefiihrt wurden einen holieren Ausgangszoll legten, als wenn sie auf englischen Schiffen ausgefiihrt wurden. Eine Tonne engli- sches Bier zabite auf englischen Schiffen 2 Sh., auf fremden 6 Sh. Ausgangszoll; Baumvvolle aus brittischen Kolonien gab auf brittischen Schiffen keinen Ausgangszoll, auf fremden aber 5 Perz. des Werthes; das Chaldron Steinkohlen erlegte auf englischen Schiffen 15 Sh., auf fremden 27 Sh. Aus¬ gangszoll. 22 Fast alle Handelsguter wurden mit einem Differential- zolle zum Vortheile der einheimischen und zum Nachtheile der fremden Flagge belegt. Andere, wie Farbeholzer waren dem Auslander geradezu verboten. Es ist einleuchtend, dass, wenn nicht besondere Umstande den englischen Kaufmanu dazu nothigten, er kein fremdes Schiff befrachtete, oder dass der fremde Schiffer, um eine Riickfahrt zu bekommen, sich den Betrag der hoheren Bezollung an der Fracht ktirzen lassen musste. Diess sind die allgemeinen geschichtlichen Umrisse der englischen Navigationsakte. Betrachten wir die grossenWir- kungen derselben fiir England und den Welthandel. Kein fremdes Schiff durfte anders als mit den Pro¬ dukten des eigenen Landes in die brittischen Hafen ein- fahren. — Ein deutsches Scliiff, das mit Getreide nach Schweden gefahren war, durfte kein Eisen laden, um in einem engli¬ schen Hafen zu loschen, wie ein hollandisches Schiff, das eine Ladung Kolonialen nach Russland verfuhrt hatte, dort keine Felle, keinen Leim oder Talg oder ein anderes russi- sches Produkt fiir England verladen durfte. Das hochst ein- tragliche Geschaft der Frachtfahrt der fremden Rhederei wurde geradezu vernichtet. Die nachste Wirkung war: Zunahme und Ausbildung der englischen Handelsmarine, Vermehrung der Verdienste, Zunahme des Wolilstandes und bessere Lage seines Schiffsvolkes; •— bei den fremden Nationen Verlust der Frachtverdienste, Abnahme der Rhederei und der Seetiichtig- keit des Schiffsvolkes, Abnahme der Kapitalkraft und der politischen Macht, die Ausdehnung des englischen Handels nach allen nordisclien Reichen, nach Deutschland und Belgien. Von dort bezog England Rohstoffe und sandte dahin fast aus- schliesslich Fabrikwaaren und Kolonialprodukte. Die Navigationsakte verbot den Englandern den Ge- brauch von Schiffen, die nicht in England gebaut waren. 23 Holland und die deutsclien Uferstaaten, zumal Danzig, Konigsberg u. a. verloren dadurch die Vortheile, die ihnen las Gewerbe des wohlfeilen Schiftbaues einbrachte, und die Englander waren genothiget, die grosste Sorgfalt auf den eigenen Schiffbau zu verwenden. Es zwang dadurch die bal- tischen Lander, die Schiffbauholzer im Preise herabzusetzen, wem sie sie nicht wollten verfaulen lassen, und setzte seine Werften in den Stan d wohlfeiler bauen zu konnen. Der brittische Handel wurde inallenseinen Haupt- zweigen Aktivhandel. Wie sich die englische Schifffahrt ausdehnte und Eng- land es anderen Nationen so schwer und nachtheilig machte, ihm ihre Giiter zuzufiihren oder englische Waaren miteige- nen Schiffen aus dem Lande zu holen, so war es eine natiirliche Wirkung, wenn sich dadurch der Gang desHan- dels veranderte. Die Kommissionen der Fremden auf Eng- land konnten nicht mehr bleiben, wie sie Jahrhunderte lang gewesen waren, sondern die englischen Kaufleute setzten in allen grossen Seepliitzen und in allen Handels- und Mess- stadten ihre Kontore ein, an welche sie ihre Schiffe, ihre Ladungen und Giiter konsignirten. Zwei Jahrhunderte hatte es nach diesem Vorzuge getrachtet, seine wagenden oder Aventurer Kaufleute hatten in Danzig, Hamburg, Bremen, Koln u. a., in ganz Deutschland und in den Niederlanden darnacli getrachtet, eigene Kontore auf den grossen Handels- platzen zu errichten, aber der Zweck blieb nur unvollstandig erreicht, bis die Navigationsakte dem englischen Handels- stande es moglich machte, ganz Europa mit einem Netze von englischen Handelshausern zu iiberstricken. Die Navigationsakte verlangte, dass kein Fisch des Meeres auf englischen Boden gebracht werden darf, der nicht auf einem englischen Falirzeuge von einem geborenen oder naturalisirten Englander gefangen und von einem englischen Schiffe mit brittischer Bemannung ans Land gebracht ware. Diese Bestimmung griindete den eng- 24 lischen Harings- und Wallfischfang und brach das Monopol der Hollander. Die Navigationsakte setzte die Regierung in den Stand, die vortheilhaf testen Vertrage abzuschliessen. Die machti- gen Erfolge der Akte notliigten die Regierung zur Annahme und Verfolgung der staatspolitischen Grundsatze, diucli deren Anwendung England zur ersten Seemacht der ¥elt emporgewachsen ist. Wie England vermittelst seiner Politik — denu die Navigationsakte hat nicht etwa nur eine okonomische, son- dern weit mehr noch eine handels- und staatspolitische Seite — seine Seemacht schuf, so hat es mit seiner Marine seine Manufaktur- and Handelskrafte bis ins erstaunliche yer- mehrt. — Wir haben nur aus dem Grunde die Navigationsakte insoweit beleuchtet, um zu beweisen, wie England seine ganze Handelspolitik auf die Pflege der englischen Arbeit gerichtet hat. In den handels-politischen Flug- blattern, welche unter dem Motto: ,,Ehre der Arbeit“ im im Jahre 1864 in Reichenberg herausgegeben wurden, heist es wortlich: Um die Produktion und den Absatz seiner Waaren zu fordern, wendete England alles an — gross- artige Erfindungen und kleinliche Listen, stau- nenswerthe Heldenthaten und Ausbriiche roher Gewalt, Blindnisse mit der Despotie wie mit der Revolution, Kanonenkugeln und Ideen, Brander und Bibeln, Opium und Missionar e, Aufstachelung der Nationalitaten und Unter- drtickung derselben. Je nach Bedarf hat Englandbald die eine bald die andere Seite hervorgekehrt; gerade so hat es die englische Politik mit Schutzzoll und Freihandel gehalten. So lange England industriell schwacher war, als die Volker des Festlandes, hiillte es sich in den Harnisch des Schutzzolles, als es sie sammtlich iiberholt hatte und keine Konkurrenz mehr flirchtete, da legte es die Rustung 25 ab und verkiindete den Freihandel — was wir spater aus- fuhrlich beleuchten werden. Das Ziel stand immer fest: Die Pflege der englischen Arbeit; die Mittel aber wechselten. Es ist ausser allem Zweifel, dass jederman, welcber sich mit der sogenannten unheimlichen Wissenschaft, wie die Nationalokonomie genannt wird, befasst, die Erfolge dieser vor allem auf die Pflege der Arbeit gericbteten engli¬ schen Handelspolitik bewundern muss, obgleich alle die dazu gebraucbten Mittel gewiss nicht empfehlenswerth sind ; jedoch aber ist es die hochste Zeit, die Lelire daraus zu ziehen, dass unsere gesetzgebenden Korper vor allem auf die heimische, d. i. auf die OSterreicMsclie Arbeit ihr Hauptaugenmerk richten sollen. Die gegenwartig noch schwebende wicbtige Prage we- gen der Annahme oder Nichtannahme der NaclltragS-Koil- veiitioii zimi englischen Handelsvertrage halten wirfurdie allerwichtigste im Interesse unserer osterr. Industrie und somit entschieden auch im allgemeinen osterreicliischen Staatsinteresse. Wir unsererseits miissen iibrigens vor allem unseren Standpunkt mit eiserner Hand festhalten, namlich; „Scliutz der heimischen Arbeit 11 . Und dieses System wird fiir alle nicht vollstandig konkurr enzfahigen Staaten so lange ewig wahr und richtig bi e ib en, so lan ge es ve r- schiedene Staaten mit verschiedenen Leistungs- fahigkeiten geben, oder so lange dieganzeWelt nicht ein Sta at sein wird; und gerade auf diesen festen Pfeilern mit sicherster Basis wollen wir den Schwarmern des Freihandelsystems gegeniiber den Beweis fuhren, dass der Freihandel eine Utopie ist, der dem ewigen Frieden gleicht, welcher zwar erreichbar scheint, aber wie ein Phan- tom immer nie erreichbar sein wird. Dass wir jedoch die Frage iiber die Nachtrags-Konvention zum englischen Han¬ delsvertrage als einen speziellen Fali in unser handelspoli- tisches Werk als Reflex mit hineinziehen, ist es eben nur sehr opportun; allein wir und die erwahnte Konvention, 26 wenn sie auch angenommen werden wird, werden vergehen, aber das mit unseren schwachen Worten kurz angefiihrte handelspolitische System wird, wie gesagt, ewig oder we- nigstens so lange, bis einmal das bezeicbnete Unicum — die kosmopolitische Traumerei erreicht werden dtirfte (?!) — unumstossliche Wahrheit bleiben. Dass die Nachtrags-Konvention, die noch der Ratifika- tion harrt, unsere osterreichischen Industriellen, zu denen wir zwar nicht gehoren, mit Reclit so sehr allarmirte, wird jederman begreiflich finden, wenn er halbwegs ein Auge offen und sonst am volkswirthschaftlichen Gebiete etwas gelernt hat. Bekanntlich nehmen die Englander in dem Nachtrags- Konventions-Entwurfe auf Werthzolle Anspruch und nam- licb so, dass vom deklarirten Werthe von Wollstoffen ein Werthzoll von 15 Perz. und von Baumwollstoffen 25 Perc. (vom 1. Janner 1870 an 20 Perz.) erhoben werden sollen. Die bekannte Routine und die geschaftliche Kluglieit und Gewandlieit der englisclien Industriefiirsten hat sich in den letzten Jahren besonders bei Schafwoll- undBaumwoll- Artikeln auf die Fabrikation von solchen Produkten ge- worfen, welche zum grossten Theile aus Abfallen bestelien, welche mit den vortrefflichen englisclien Maschinen zerrissen, zerkrazt, gesponnen, gewebt, gefarbt werden; und eine genial-kunstliche Appretur als Schlussstein dieses lucrativen Prozesses haucht in das morsche Gerippe eine Seele, d. h. einen Glanz und ein Ansehen, woriiber spater der Welt die Augen iibergehen. Diese Waaren sind eben so schlecht in der Qualitat als billig im Preise und nebst anderen Beweggmn- den wird hauptsachlich wegen solcher ordinarer billiger Stoffe, welche die Bestimmung haben, den Kontinent und die Ko- lonien zu iiberschwemmen, der Wertlizoll in Anspruch ge- nommen. Der Handelsvertrag mit England ist erst ganz kurze Zeit in Kraft und nacli allseitigen Berichten sind be- reits auf unsere osterreichischen Markte Massenquanten von - 27 englischer Waare geworfen, obwolil bisher nocli der Ge* wichtszoll vorhanden ist. Was ware erst dann?!!! Wir konnen uns bei dieser allerdings gegenwartig an der Tagesordnung stehenden Frage heute nicht langer auf- halten, da wir konsequentermassen wie ersichtlich ein Haupt- prinzip der Handelspolitik und vorderhand nur in moglichst kurzer Fassung darstellen wollen und sagen unter solchen Umstanden mit Bezug auf die angefiihrte spezielle jedoch hochwichtige Frage mit Entscliiedenheit folgendes: dass die Nachtrags-Konvention zum englischen Handelsvertrage nie im osterreichischen Staatsinteresse weder im Interesse der osterreichischen Staatsbiirger, noch in dem der osterreichi- schen Baumwoll- und Schafwoll-Industrie liegen kann, und wenn diese Konvention, was wir nicht glauben, dennoch angenommen wird, so wird dieselbe ohne allen Zweifel von vielen Seiten als eine Konzession an England betrachtet werden. Mit wahrhaft dsterreicbischem Patriotismus begrlissen wir die soeben in Reichenberg erschienene vortreffliche Bro- chure unter dem Titel: „Eine bedeutungsvolle Wendung in der osterreichischen Handelspolitik und Volkswirthschaft u mit ganz treffendem Motto: ,,Sein oder nicht Sein, — das ist die Frage“; und aueh wir erklaren eine den osterreichischen Verhaltnissen zweckentsprechende Wendung in der Handels¬ politik entschieden fiir sehr dringend geboten zur — Staats- existenz. Audi wir erwarten mit Zuversicht, dass das hohe k. k. Handelsministerium die allseitig erhobenen Rufe nicht unbe- achtet lassen wird. Ebenso wenden sich unsere Blicke vertrauensvoll auf den hohen Reichsratli; und mogen auch hie und da in dem Abgeordnetenhause divergirende Tone erklingen, schliesslich gipfelt sich alles nur in einem Brennpunkte, namlich: „eill starkes macktiges Oesterreicli!“ Und um dieses sehnlichst erwiinschte Ziel zu erreichen, ist auf die heimische oster- reichische Arbeit vor allem das Hauptaugenmerk zu richten 28 — folglich auf die eigene staatswirthschaftliche Produktion, als die nie versiegende Quelle des Nationalreichthums und der Maclit des Staates. Was ein grosser Staat ist ohne tiichtige Handelspolitik und was er werden kann, durch eine tiichtige Handelspolitik, besonders aber in unseren Tagen, wo sowohl die politische als auch die sociale Bewegung der Nationen fast mit der Schnelligkeit der Dampfkraft gleich schnell lauft, glauben wir nicht nothig zu haben, hier in irgend weleherArt nocli weitere Auseinandersetzungen zu liefern. Die blossen Theo- retiker wollen von der Geschichte, von der Erfalirung und von den Nationen nichts wissen. Sie brauchen die bekannte Frase: „Freiheit der Arbeit und Freiheit des Kapitals“. Ja wenn die Arbeit und das Kapital iiberall in allen Staaten und Nationen in gleichen, namlieh in einem und demselben Verhaltnisse standen und gleiche Erfolge und Wirkungen hatten! — Wie sieht es z. B. mit der Arbeit aus in einem Staate, wo die gewerblichen Fachschulen und iiberhaupt die S chulen sehr vernachlassiget s i n d, wie dort, wo gerade das Gegentheil ist ? — und wie sieht es mit dem Kapitale in einem Staate aus , d e s s e n edle Metalle verschwanden und die Valuta ent- werthet ist? u. s. w, Wir fragen hier ohne jeder andern Polemik ganz schlicht und einfach die Anwalte freihandlerischer Grundsatze: wo sind denn die segensreichen woliltonenden Nachklange unserer liberalen Handelsvertrage in Oesterreich zu fin- den? — Ja wo sind sie denn?! Wir rechnen nur mit der Logik der Thatsachen. Seitdem als am 19. Februar 1853 in Berlin Otto von Mannteuffel als preussischer Minister und Karl von Bruck als osterreichischer Minister die Schlussprotokolle des ersten deutschen Handelsvertrages unterschrieben haben, seitdem namlieh hat das spezifisch osterreichis che Elend den ersten Anlauf genommen und durch das nachtragliche rapide Eintreten in denKreis der — 29 industriereichst en so sehr fo r t g e s chrittenen Westlander ist mit unseren modernen Handels- vertragen unser osterreichischer Staat gleich- sam ein ail- lind abgezapftes Fass geworden, das, was einstens Franklin von dem Staate New-Yersey sagte: „D i e- ses Land ist ein von seinen Nachbarn uberall an- und abgezapftes Fass“. Hier sind wir an der Stelle, wo wir die bedenkliche Frage stellen miissen, was ware nun schon nicht aus unserer Industrie geworden, wenn wir nicht seit Jahren fortwahrend einen unnatiirlichen Schutzzoll von so viel Perzent Aggio hatten?!!! •— Seit dem angefiihrten Jahre 1853 ist eine Handelspolitik eingeschlagen worden, welche entschieden der wiehtigste Faktor unserer beutigen tiiiariziellciL Calami- tat ist. — Es mogen immerhin Handelsvertrage abgeschlossen wer- den, allein die Frage ist die wichtigste, wann, mitwelcliem Staate, und wie sie abgeschlossen werden. Mit einem brit- tischen Ministerium z. B. ist besonders schwer zu kontrahiren, denn in England schliessen so zu sagen in den meisten Fallen praktisch erfahrene und zugleich auch wissenschaft- lich gebildete Kaufleute die Handelsvertrage ab. Es diirfte nicht uninteressant sein, gerade hier anzuftihren, was Herrn Eden, dem nachmaligen Lord Aukland in einer gut abge- fassten Sclirift seinerzeit zugeschrieben wurde (Historical and politikal Remarks on the Taritf of the French Treaty); darin findet sich die Charakteristik eines zum Abschlusse eines Handelstraktates Bevollmachtigten folgendes: „Derselbe muss ausser der genauen Kenntniss des Iian- dels und des Handels-Interesses der unterhandelnden Par- teien auch vornehmlich darilber unterrichtet sein, in wel- chem VerhaltnisSe der Gewerbefleiss, sowie die Bildungsstufen beider Theile sich gegeniiberstehen; er hat die gegenseitigen Bediirfnisse zu untersuchen, deren Hilfsmittel zu berechnen und mit grosster Genauigkeit abzuwagen, wie der Zustand der Finanzen und der Werth des Geldes in jedem Lande 30 anzunehmen sei; ausserdem muss er genau iiber die Starke der Bevolkerung und die Nationalkriifte eines jeden Landes unterrichtet sein, sowie mit dem Werthe und der Giite der rohen Produkte und der Arbeit, welche auf letztere verwen- det wird; um dieses alles zu wissen, liat er sich mit den verschiedenen Zweigen des Handels und der Manufakturen genau bekannt zu machen, und die Erwartungen derer zu vernebmen, die solche betreiben; auch darf er nicht ver- fehlen, sich iiber die Besorgnisse oder Hoffnungen zuunter- richten, welche man von wichtigen Veranderungen tur den Handel hegt, sowie von der Mitwerbung derjenigen Nationen, die nach einem und demselben Ziele streben u . Ein wahrhaft wohlthatiger Handelsvertrag, abgesehen von der Kunst zu unterhandeln, ist von einem Manne, der dessen Schwierigkeit sehr wohl anerkannt hat, mit Recht als ein Meistersttick des menschlichen Verstandes bezeichnet wor- den. (Nach Mac-Culloch: Handelsvertrage Seite 588.) — Es sind ja der Meisterstiicke auch viele in Oesterreich ge- liefert worden — zur Verarmung des Staates. Wir wollen schweigen iiber die gelieferten Meisterstiicke. Das Herz eines jeden osterreichischen Patrioten durchzittert, wenn man an diese gelieferten Meisterstiicke denkt, und sich bei seinem warmen Patriotismus selbst die Anfrage stellt: wie es denn kommt, dass ein Kulturstaat, mitten im Ilerzen von Europa, der obendrauf wie statistisch nachgewiesen ist, den grossten Bodenreichthum und iiberhaupt in immenser Quantitat Natur- produkte besitzt, wie es denn namlich kommt, dass ein sol- cher Staat so allgemein verarmen konnte. Handel, Industrie, Gewerbe und Agrikultur liegen dar- nieder, diese die wichtigsten und machtigsten Faktoren eines jeden modernen Staates. Nur ein zweckentsprechendes Schutzsystem der heimi- schen, d. h. der osterreichischen Arbeit kanu der weiteren Verarmung des osterreichischen Staates entgegensteuern. Und dabei moge man bedenken, woriiber uns die Geschichte hinrei- chend belehrt, dass nicht Reichthum — sondern Armuth 31 Demagogen maeht, und dass nur derjenige Staat reich, stark und machtig ist, dessen Staatsbiirger nicht verarmt sind. — Und so sind wir, nachdem wir eine kleine Nebenbetrachtung anstellten, bei unserem eigentlichen Standpunkte „Schutz der heimischen Arbeit“ wieder angelangt. Wir wollen fiir heute weder liber Riccardos Grundren- ten-Theorie oder liber Malthns’sches Bevolkerungsprinzip, noch liber Jean Baptiste Say und seine Scliule etc. etwas anfiihren, wodurch Letzterer die von Adam Smith aufge- hauften Materialien mit gutem Erfolge zu popularisiren ver- standen bat. Wir halten uns fiir heute hauptsachlich an unserem Kardinalpunkte „Schutz der Arbeit“, namlich an dem Titel unserer Brochure: „Schutz der heimischen Arbeit 11 . — Der Soldat kann Lander verwiisten u. s. w., es ist aber das umvandelbare Gesetz der Vorsehung, dass die Hand des Fleissigen allein reich und wohlhabend machen kann. (Tu- kers Four Tracts, p. 41. 3. Edition.) Jeder gesunde Mensch kann sowohl iiber die korper- liche als auch geistige Anstrenguug verfiigen zur Deckung seiner Lebensbediirfnisse und zur Erreichung des Reichthums und das ist die Arbeitskraft. Ehe noch ein Kornclien wachst oder eine Elle Tuch erzeugt wird, muss der Mensch arbei- ten. Die Arbeit ist ein gemietheter Gebrauchsgegenstand, die Arbeit ist eine Marktwaare, die gekauft und verkauft wird, folglich ist die Arbeit, da sie allen Reiclithum schafft, der Artikel, der zuerst gekauft wird. Warum fragen wir nun, kaufen und bezalilen wir so viel fremde Arbeit? Um andere Nationen und andere Staaten durch die von ihnen gekaufte Arbeit reich zu machen, und dass wir dabei selbst zu Grunde gehen werden. Warum, fragen wir, sind wir immer mehr Konsumenten von auslandiseken Produzenten. Doch genug der Worte. Die Kraft die ausliindische Waare zu kaufen wird mit der Kraft die eigene zu verkaufen, zu Grunde gehen. 32 „Wenden wir uns“, sagt Carrey Seite 237, Kap. 15, §. 3. „nach Portugal, Westindien, Tiirkei; etc. so stossen wir iiberall auf dieselben Resultate, dass die Kraft clie englische Waare zu kaufen, mit der Kraft die eigeue zn verkaufen unter- gegailgeil ist. AUe diese Lander sind gelahmt und England biethet jetzt das ungewohnliche Schauspiel einer Nation dar, die mehr als jede andere die Macht besitzt, der Menschheit Dienste zu leisten und jetzt will es dasselbe System, durch welches jene Lander zu Grunde gerichtet worden sind auf die ganze Welt ausdehnen. Und so wurde die sin- kende Kraft von schon so manchem Staate zu Grabe ge- leitet, das Volk Terarmte und die Regierung wurde ge- lalimt. — Die Gescbichte, sagt man, ist der Lebrmeister, der Schlussel von der Vergangenheit tur die Zukunft. Und otfenbar hat auf die Handelsgescbichte dieser wichtige Satz auch seine gerecbte Anwendung. Sind denn die Gescliiclite und die Ertahrung nichts? Vortrefflich ist in der bereits erwahuten, in Reichenberg erchienenen Broschure, Seite 7, angefiihrt, was so oft der hervorragendste Industrielle sowie der arme Gebirgsweber ausgesprochen und so lautet: Es niitzt alles nichts, es ist Schade um jede Bemiihung etc. etc. Wir liaben gesagt, je naher der Konsument zum Pro- duzenten riickt, desto grosser ist die Prosperitat des Landes und jede Arbeit ist nutzbarer. Gewiss je mehr der Kon¬ sument und der Produzent die Annaherung ha- ben, desto grosser ist auch die Annaherung der Preise von Rohmaterial und der Fabrikate, desto rascher ist die Zirkulation in der Gesellschaft, desto grosser die Accumulationskraft, desto starker ist die Tendenz zur Erhohung desTauseh- werthes des Bodens und der Menschen und der Starke des Staate s. So ungefahr raisonirt mit vollstan- dig klarem Verstandnisse Carrey, Kap. XL., wo er zur an- gefiihrten Behauptung Seite 643 beilaufig folgendes zeigt: 33 Grund und Bodea werthlos Grund und Boden lioch im Werthe In dieser Richtung von der Linken zur Rechten wandem jetzt alle Staaten, die dem Vorbilde Colberts folgen. Und das ist die einzige rielitige Handelspolitik in gegemvartigen Verlialtnissen fiir den osterreichisclien Staat. Die Wohl- fahrt kommt mit der Mannigfaltigkeit in der Nachfrage nach menschlicher Arbeit, mit der Entwicklung der men schlichen Krafte, mit der wachsenden Kraft der Assoziation, mit der Theilung des Grund- besitzes, mit der Konkurrenz im Kaufe der Arbeit. Wenn in einem Lande durch die lieimische Arbeit ein reicblicher Verdienst ist, dann konnen auch alle Viktualien als: Brot, Bier, Fleisch u. s. w. theuer bezahlt werden; wenn aber nur ein hochst armseliger oder gar kein Verdienst im Lande ist, dann ist man konsequentermassen richtig oft nicht im Stande, die Lebens- und Nahrungsmittel zu kaufen, wenn dieselben selbst zu den grossten Spottpreisen angeboten werden. Es wird uns freuen, wenn Jemand im Stande ist, diese ganz schlichte praktische Behauptung zu widerlegen, denn wir fiiblen in uns gar keine Anmassung und lassen uns recht geme belehren, so wie wir iiberhaupt schon manches lernen mussten. Wir haben gesagt, das englische System, namlich die Trennung des Konsumenten von dem Produzenten, hat fiir die brittische Insel nach zwei Eiclitungen grosse Vor- 3 34 theile, und dass gerade durch dieses fur andere Staaten so verderbliche System England eine kolossale Werkstatte fiir die Welt geworden ist, und dass die Rohstoffe des Kontinents thorichterweise auf die brittischen Inseln zur Umwandlung in die Fabrikate geschleppt werden, statt zu Hause zu spinnen, da zu weben und farben etc., mit einem Worte, statt im Lande selbst die Rohstoffe zu verarbeiten, folglich statt englische, heimische Arbeit zu bezalilen. Um uns nun nach der uns festgestellten Richtung kurz zu fassen, glauben wir hinreichend zu thun, wenn wir zur erwahnten Beleuchtung, wie folgt, nachstehende Figur, die sich Seite 227 im besagten Werke vorfindet, in folgender Weise zum Theile nachahmend hier vorfiihren. Rohmaterialien der Welt X brittische Schiffe brittische Insel brittische Fabriken X Veredelte Stoffe, Fabrikate fur die Welt Englands Streben ging seither, wie angefuhrt, dahin, dass alle Rohmaterialien der Erde in England ilrren Veredlungs- prozess zu Fabrikaten durchmachten und dann im veredelten Zustande mit so viel durch englische Arbeit vergrossertem Werthe zur Konsumtion auf den Kontinent wieder zuriick- geftihrt wurden. Dass die englische kosmopolitische Lehre nichts anderes ist, als ein Blendwerk, dass diese Politik selbstsiichtig und abstossend ist, wurde bereits vielseitig schon als eine anerkannte Thatsache bezeichnet. Die erlassenen englischen Gresetze von 1765 bis 1799, welche die Aus- fuhr der Maschinerien und der Mechaniken ver- boten und bis 1825 in Kraft blieben, sind Beweise genug fiir unsere Behauptung. Treten wir nun wieder zum brittischen Systeme. 35 Das brittische System, welches den auswartigen Han- del begunstigte and folgericbtig jahrlich zur grosseren Aus- dehnung brachte, hat also, wir sagen es wiederholt, entshie- den zum Zwecke, die Rohprodukte des Bodens und dadurch zugleich die Arbeit seiner Bebauer im Preise billig zu maclien. Und um diesen Zweck zu erreichen, gab es nach dem Kriege mit den vereinigten Staaten noch mehrere Kriege daftir, als beilaufig, wie Carey Kap. XV. Seite 2, anfiihrt: „Zur Annexirung von Sind und Affgbanistan, von Ava und dem Pendschab; — zur Aufrecht- haltung des Opiumhandels, zur Ausdehnung der Herrschaft in Siidafrika; — zur Eroffnung neuer Handelswege im tiir- kischen Reiche und viele andere“. „Zur Erreichung dieses Zieles“, heisst es darin, „wurde die Union mit Irland zu Stande gebracht und seine Manu- fakturen vernichtet. Mit diesem Ziel im Ange wurden die Indier genothiget, die englischen Baumwollwaaren zollfrei einzulassen, wahrend man sie verhinderte, bessere Maschinerie im Auslande zu kaufen und sie fiir den Gebrauch derjenigen, die sie bereits besassen, unerhort hoch besteuerte. Zu diesem Zwecke wurde Gibraltar als eine Schmugglerniederlage fiir Spanien gehalten, wiihrend andere Kolonien beniitzt wurden, um Waaren in verschiedene Lander Europas und Amerikas einzuschmuggeln. Zu diesem Zwecke wurden Verbindungen unter den Meistern nothwendig, um den Preis der Arbeit im Inlande niederzuhalten und die Zunahme der Manufakturen in allen anderen Landern der Erde zu hemmen“. Wir haben angefiihrt, dass die Englander seiner Zeit die scharfsten Schutzzollner gewesen sind; ja erst dann, als England zum Bewusstseine gelangte, dass es im Stande ist, mit dem Kontinente vollstandige Konkurrenz zu halten, erst dann, als es durch Schutzzolle mit der Industrie eine be- stimmte Hohe erreichte und keine Konkurrenz mehr zu fUrchten hatte; ja erst dann liess es die Freihan- dels-Posaune von dieser durch Schutzmassre- geln erstiegenen Hohe erschallen und konnte nichts klugeres thun als die Leiter seiner Grosse 3 * 36 wegzuwerfen und anderen Nationen die V o r- tlieile der Handelsfreiheit zu predigen und sich selbst reumiithig anzuklagen: mea culpa, bisher sei man an der Bahn des Irrtbums gewandelt und jetzt erst zur Erkenntniss der Wahrheit ge- langt; und es ist gewiss eine gemeine Klugheit, wenn jemand die Leiter, vermittelst welcher derselbe auf den Gipf el der Grosse gelangte, spater solche als unnlitze Kriicke der Welt aus- posaunt, auf dass ein anderer ilim nicht nach- kommen solite. Da darin sagen wir, liegt das ganze Geheimniss der gepriesenen Herrscbaft des Freihandelsystems und der kosmopolitischen Lehre des Adam Smith, welcher zuerst dies Blendwerk der Welt verkiindete und derenTen- denz einfach darin lag, dass die starkere Produktionskraft die minder starkere zu Grunde richte. Und wenn Dr. Friedrich List sagt: Napoleon und Adam Smith sind die grossten Landervervviister gewesen, so war das ein sehr grosses Wort, sowie jenes von Stein, der da sagte: „Nie hat das System des Freihandels herrschen konnen, wo ein Volk in der Bliithe seiner wirthschaftlichen Lebens- kraft steht; wo dieses System eingetreten ist, hat es dieselbe entweder verhindert oder die sinkende Kraft zu ihrem Grabe geleitet“. Man blicke auf Irland, Portugal, Indien, Tiirkei, etc. etc. Gerade die von Adam Smith erfundenen kosmo¬ politischen Redensarten und Argumente waren dazu bestimmt, um andere Nationen, andere Staaten von derselben Handels- politik abzuhalten, wodurch England zu dieser staunenswerthen Hohe gelangte. Es ist nicht wahr, dass England trotz des Schutzzolles zu dieser riesigen In¬ dustrie gelangte, sondern England ist bestimmt nur durch die zeitgemassen Schutzmassregeln und Schifffahrtsbeschrankungen zu dieser ge- genwartigen Hohe gelangt. Das ist gerade so viel, als wenn jemand behaupten wollte, trotz der Unterstiitzung und des erforderlichen Schutzes ist das junge Baumchen gross, stark und machtig geworden. So sagen wir analog 37 ganzrichtig: dass gerade durch den erf or derlichen ja bedingten Schutz der junge Baum stark und machtig geworden ist und j e t z t dieerwunscliten Fruchte tragt. Zur Beweisfuhrung kurz folgendes: das scharfe Schutz- zollsystem Englands, wovon wir schon friiher erwahnten, ging so weit, dass sogar die ostindiscken Seidenstoffe scho- ner und wohlfeiler als die englischen, indiscke Cottons, von welchen hunderttausende von Stiicken auf brittischen Schiffen aus dem englischen Bengalen nach Europa kamen, im eige- nen Mutterlande, namlich in England verboten waren, und mussten in Deutscbland und Italien konsumirt werden. Und seit mehr als 25 Jabren wird ganz Indien mit englischen Cottons billiger versehen, als ihnen dieeigenen kosten. Vor 100 Jahren sind die Englander die schlechtesten Leinwand- fabrikanten von ganz Europa gewesen, heute aber sehen wir die Englander, dass sie die Leinwandfabrikation von ganz Europa monopolisiren und nie ware es ihnen ohne die Schutzzolle, welche sie in jenem Zeitraume dieser Gewerbs- industrie gewahrten moglich gewesen, nur ihren eigenen Markt um ihre eigenen Kolonien mit selbstfabrizirter Lein- wand zu versorgen, und es ist, wie List sagt, bekannt, wie die Lords Castlereagh und Liverpool im Parlamente den Beweis fuhrten, dass ohne Schutz die Leinwandmanufakturen mit den deutschen unmoglich Konkurrenz zu halten ver- mogen. Vor 100 Jahren war England nicht im Stande, mit den ostindischen Baumwollfabrikanten auf seinen eigenen Markten freie Konkurrenz zu halten, und seit so vielen Jahren monopolisiren die sogenannten kosmopolitischen (?!) Englander den ostindischen Baumwollmarkt vollstandig. Wir haben bereits schon von verschiedenen Staaten ge- sprochen, die ihren Gewerbefleiss ganz den Britten geopfert haben und wieder kurz gesagt, die Amerikaner sind kliiger geworden, und wenn man zur Zeit der Lord Chatams und North noch keine Bedenken trug, ohne Scheu ganz offen im Parlamente zu sagen: man solle nicht zugeben, dass in Nord- amerika ein einziger Hufhagel fabrizirt werde, so ware doch 38 wenigstens, so glauben wir es, schon langst an der Zeit, dass auch die iibrige Welt das kosmopolitiselie Blendwerk Englands dnrchblicken nrilsste. Adam Smith, als eifriger Freihandler hat das egoistische Privatinterresse das „kauit billig und verkauft theuer“, als leitendes Prinzip in die Wissenschaft hineingezogen und dadurch hat er dieWelt irre gefiihrt. Die Lehre Adam Smiths*), dessen grosse Verdienste wir keineswegs verkennen — denn er fiihrte zuerst die analitische Methode in die politische Oekonomie ein, wobei er sich itbrigens auch an das phisiokratische System hielt, gleichsam als Fortsetzung desselben, — auch er ignorirte die verschie- denen Staaten, die Politik und die Staatsgewalt, setzte den ewigen Frieden und einen Universalstaat als schon bestehend voraus, und so verlangte er, eng verkntipft mit dem klugen Pitt fiir den egoistischen Vortheil Englands die absolute Handelsfreiheit. Der Staat, meint er, soli nur dreierlei be- sorgen: Schutz gegen fremde Staaten, Rechtspflege im In- nern, Errichtung solcher gemeinniitziger Anstalten, welche das Privatinteresse gar nicht errichten konnte. Also voll- standig das verderbliche laissez faire, laissez passer System; — was die freiesten Republikaner der Erde in Amerika mit richtigem Verstandnisse und zur empfehlenden Nachahmung anderer Staaten nach bitterer Erfahrung total vervvorfen haben. Wir sagten, der Freihandel ist eine Utopie, folglich ein wesenloses Luftgebilde, was in der Wirklichkeit niemals unter allen Staaten zur Geltung gelangen kann, ausser wenn einmal die ganze Welt Ein Staat ware. Ware namlich die ganze Welt Ein Staat, dann hatten wir kein Ausland, keinen internationalen Handel, keine Aus- und keine Einfuhr. So lange es aber veschiedene Staaten mit den verschiedenen geistigen und materiellen Leistungs- *) Der Biograf dieses beruhmten Mannes bat ihn vortrefflich geschildert. Einzelne Charakterziige konnte Smith , wie Steward sagt, und zwar mit un- gewohnlichem Scharfsinne beurtbeilen; fallte er aber ein Urtheil liber das Ganze, so konnte man nicht genug erstaunen iiber die Einseitigkeit und Schief- heit sejner Ansichten, 39 fahigkeiten gibt, wird der starker fortgesclirittene Staat den schwacheren zu Grande richten, wie die Staatengeschichte vieler Lander vollstiindig nachweist, wo die Lander und ihre Regierungen lahm gelegt worden sind. Wie bereits erwahnt, die starkere Produktionskraft ricbtet die minder starkere zu Grande, und leider ist die Gleichheit der produktiven Krafte Oesterreichs und der Westlander ge- genwartig noch keine vollendete Thatsache. Jede Kraft ist das Resultat der Bewegung zu verstarkten Kraften. Die grossere Produktionskraft befordert die An- sammlung grosserer Kapitalien und diese sind wieder ein neues, hoher potenzirtes Element der Produktion und mittelst derselben wachst der Reichtlium, die fortschreitende Bildung und die erstarkende Macht des Staates. Und so kann diese Folgerung auf die matlieinatisclie Richtigkeit den Anspruck macken, dass der eine Staat immer reicher nnd der andere immer armer wird, denn die staatswirthschaftliche Produktion*) ist die Bedingung des Nationalreiclithums, denn gerade das, WaS ein Staat mellT prodnzirt als er konsumirt, bildet den Nationalreichtlium. In beilaufig alinlichem Sinne spridit sidi in seinem meister- haften und bereits angefiihrten Werke Dr. Lekisdi aus, wo- rin er ebenfalls den Freihandel als ein Ideal darstellt, wel- ches, wie er sagt, gleidi allen Idealen, fiir welclie sich der Mensch begeistert, ihm stets erreichbar erscheint und dennoch ewig unerreichbar bleibt. Mit einem Worte sagen wir, fur den Freihandel mnss erst eine nene Welt mit gleicher Natur und mit gleiclien geistigen und materiellen menscli- licken Kraften gescliaffen werden. Der unzeitige Freihan- *) Die Produktion allein ist die nie versiegende Quelle, aus der der Staatshaushalt die ihm nothwendigen Lebenselemente schopft. Mit dem Ueber- schusse seiner Produktion muss das Reich seine Schuld an das Ausland be- zahlen ktinnen, mdge sie aus der Einfuhr ausliindiseher Produkte entstanden oder aber in unseren sonstigen Obligations-Verhiiltnissen zum Auslande be- griindet sein. Produktion ist das hochste Ziel des Staates (gewohnlich Volks- wirthschaft genannt) ; diese Theorie umschliesst die Urproduktion, die Industrie und den Handel. Dr. Lekisch, Seite VI. 40 dels-Paroxismus hat, kurz angedeutet, schon so manchem Staate den Hals gebrochen, wie die Greschichte zeigt — und wir denken ehrlich. Doch fur diesmal genug. Nocli eines aber wollen wir ebenfalls kurz anfiihren. Die Geographie ist nicht im Stande, einen zweiten Staat aufzuweisen, mit so immensen Naturprodukten als Oesterreich; denn wir haben ja beinahe alle die unentbehrlichen Erfor- dernisse des Lebensals: Brot, Fleisch, Wein, Eisen, Holz, Schafwolle, Lein, etc. etc. bloss mir die Baum- wolle und die Koloniahvaaren ausgenommen. Die Naturkraft unseres osterreichischen Staates ist ganz gewiss geeignet, Oesterreich reich, machtig und vom Auslande unabhangig zu machen. Dass wir eine entschieden ganz irrthiimliche Handelspolitik treiben, liegt der Beweis in so manchem und hauptsachlich sagt uns dies am deutlichsten die Verarmung des Volkes, das Verschwinden der edlen Metalle und die Wohl- feilheit des Grundbesitzes; denn das ist der richtige Massstab, mit dem ein National-Oeko- nomuberdievolkswirthschaftlichen Massregeln urtheilt. Wahrend bei uns in Oesterreich die Hauszinssteuer so gewaltigist, wie fast sonst nirgends in Europa, wahrend alle Sorten von Steuern und offentlichen Lasten sich ver- mehrten, setzt man die am allerwenigsten drtickenden Be- steuerung auf die auslandischen Waaren fabellos herunter. Man schloss besonders wahrend der so langen Parlaments- losen Zeit Handelsvertrage ab, welche die wiclitigsten Zweige der vaterlandischen Produktion vernichten, die nicht die Un- abhangigkeit, sondern die Abhangigkeit, nicht Reichthum, Wohlstand, Zufriedenheit, sondern Unzufriedenheit und Ver¬ armung des Volkes in allen Theilen des Reiches zufuhren. Wahrend die Amerikaner, welche, wie wir ausfuhrlich darstellten, vielmals die Handelspolitik geandert haben, gleich nach Vollendung des Krieges ZU1’ Erlldllllllg der Scliutzzdlle geschritten Billd, um den materiellen Wohlstand des Volkes 41 zu heben, und um die walirend des langeu ebenso morde- rischen als heroisclien Krieges hochgestiegene Staatsschuld moglichst bald zu vermindern, wakrend also Amerika er- fahrungsmassig zu Schutzzollen griff, hat die osterreichische Handelspolitik nacli der blutigen Katastrophe von Konig- gratz gerade die entgegengesetzte Riclituiig eiugesclilagen. Wir sind weit entfernt, in irgend einem Eigendiinkel zu leben und wir wissen dalier, dass unsere Stimme wahrschein- lich gar nichts anders ist, als eine Stimme des Rufenden in der Wiiste, und dennocb rufen wir bei unserer Staatsbiirger- pflicbt aus vollster bsterreichischer Brust: Einen den oster- reichiscben Verhaltnissen entspreclienden Sclllltz der lieillli- sclien Arbeit*). Nur noch ein Wort an die ritterliche ungarisclie Nation. I n eurem Sclioosse ruht eine Zauberkraft fiir eine riesige Industrie, und die Industrie mit einer kraltigenAssoziation ist heutzutage der Stromm, der alles mit sicli fortreisst und in sicli auf- nimmt. — Wir haben allen Grund uns der Hoffnung hinzugeben, dass das gegemvartige ungarisclie Ministerium den An- fang machen wird, den Zauber zu Ibsen, der die kolossalsten Naturschatze der Welt bisher in schlummernder Er de gebunden gehalten hat. Ungarn, Siebenburgen, Kroatien sind reicli an mannigfalti- gen Naturschatzen und sie sind ebenfalls durch Steinkohle, Eisen und besonders dureh alle anderen edlen Metali e, grosse Schafwollzuclit, Seiden- und Hanfbau u. s. w. wolil gewiss mehr als England zu einer riesigen Industrie von der Vorsehung aus bestimmt. Man bedenke dazu die grossen Wasserstrassen Doii.au, Save, Theiss, und jetzt die neuen weitverzweigten Eisenbahnverbindungen auf der Strasse nacli demOriente gegenEgypten, als so oft bezeichneten Schlussel des osterrei- *) Sielie die Anrnerkung wegen des abgesclilossenen Handels-Vertrages in der Vorrede. 42 chischen H andels gegenden Suez-Kanal, als nachste und wichtigsteHandelsstrasse nachOst- indien u. s. w. Wir haben die grosse Bedeutsamkeit des Suezkanals, dessen Eroffnung bereits im Oktober d. J. erfolgen soli, schon in vielfaclier Beziehung fur unsere gemein s chaft- lichen osterreichiscben Interessen mit Bezug auf unsere Seeliafen, unsere Wasserstrassen und neuen Eisenbahnen ausflihrlich besprocben. Der Zentralstaat von Europa, unser Kaiserstaat, als der Herzstaat von europaischen Staaten ist mit einer Fulle von Naturscliatzen uberscbiittet. Ja das (Miilil mochte icli in allen Oesterreicliern wecken, dass wir unter uns mit dem Oelzweige und zu- gleiclimit eiserner Hand ein festes Band schliessen, dass wir uns gemeinschaftlich alle mit unseren Brii- dern dies- und jenseits der Leitha geistig und materiell starken, dass Industrie, Handel, Ge- werbe und Landwirthschaft allseitig bliihe, dass wir einig im Inlande und geaclitet nach aussen w er d en; dass Fricde, Eintracht und Einigkeit uberall herrscben moge, denn das allein ist der be- gliickende Geist sowohl im Familien- als auch im Staatsleben. Unser Oesterreich als ein Kon¬ glomerat von verschiedenen Nationalitaten ist wegen derer vorzliglichen Begabung fur manig- faltigeZweigederBetriebsamkeit und des mensch- lichen Wissens eine Spezialitat, diedurchge- meinschaftliches festes Zusammenwirken, durch gute Staatsmassregeln zu einer Rieseilkraft ge- langen wird.