EIN NEUER HÖHLENFUNDPLATZ MIT MITTELPALÄOLITHISCHEN BLATTSPITZEN AUS SÜDDEUTSCHLAND GISELA FREUND Universität, Erlangen-Niirnberg Die seit dem Sommer 1959 betriebenen Neuforschungen und Grabungen des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der Universität Erlangen-Nürn­ berg im unteren Altmühltal (Zotz 1961) veranlassen die Verfasserin, erneut in jenen Problemkreis einzutreten, dem sie vor nunmehr einem Jahrzehnt eine ausführliche Studie widmete (Freund 1952), seither aber dem ständig sich erweiternden Fragenkreis besonders mittelpaläolithischer Blattspitzen mehr abwartend und neue Fakten wägend, gegenüberstand. Letztere be­ stehen vor allen Dingen darin, dass sich die Anzahl der Fundorte und Fundstücke, seit man ihnen allenthalben erhöhte Aufmerksamkeit zu­ wandte, erheblich gegenüber dem 1952 sondierten und ausgewerteten Ma­ terial vergrössert hat, was hinsichtlich des Mittelpaläolithikums selbst für Frankreich im Westen (de Lumley et Bottet 1960, Kelley 1960, Baudet I960) oder, ob mittel-, ob jungpal äolithiisch für Rumänien im Sii das ten (Nico- läeiscu-PLopsor 1957) gilt; nicht zu sprechen von jenen Ländern wie Ungarn und die Tschechoslowakei, wo seit Jahrzehnten den Blattspitzenvorkoiimicn ein ganz besonderes Interesse entgegengebracht wird. Die paläolithische Fachliteratur jener Gebiete ist dafür ein beredtes Zeugnis. Selbst Bulgarien scheint neuerdings an der Ausweitung dieser paläolithischen Typengruppe teilzuhaben (Vertes 1960, Zotz und Freund 1963). Umso erstaunlicher ist es, das» Jugoslawien, mithin der ganze westliche Saum der Donauländer und der Balkanhalbinsel, nach wie vor nichts auf­ zuweisen hat, was für die Existenz mittel- oder jungpaläolithischer Blatt­ spitzen oder gar für eine durch diese charakterisierte eigene Facies spräche. Gegenüber den wenigen blattspitzenartigen Geräten von Crkvina II an der Usora (Basler und Brodar 1953) wird man sich weiterhin abwartend ver­ halten müssen (Freund 1956 a), um so mehr, als Blattspitzen in mesOlithischen Verbänden des Südostraunrs, besonders auch in Ungarn, gelegentlich zum Typeninventar zu gehören scheinen (Vertes I960, S. 93 f., Zotz und Freund 1963).1 1 Erst nach Abschluss dieser Arbeit erschienen von A. ßenac, Studien zur Stein- und Kupferzeit im nordwestlichen Balkan. 42. Bericht der Römisch-Germa­ nischen Kommission 1961. Hier wird gegenüber den blattartigen Formen, die an mehreren Fundstellen an der Usora auftauchen (Kamen-Crkvina II, Crkvina I. Man kann mit Recht die Frage erheben, welche Gründe, sofern man eine Forsch ungdücke nicht a priori unterstellen will, für das Ausbleiben von Bllattsp-itzen-elem-enten im jugoslawischen Teil der Balkanhalbinse-l massgebend sein könnten, wo doch im Bereich des Mi t tetLpaläoli th ikums etwa Krapina- mit einigen auffälligen dorsal ganz oder partiell flächig überarbeiteten Geräten (Beninger 1927, S. 84, Abb. 10, S. 86, Abb. 14; zur möglichen Alters-Stellung von Krapina vgl. Guenther 1958) mindestens An­ sätze -zu einer bifacialen blattspitzen artigen Technik z-aiig t oder wo im Bereich des frühen Jungpaläolitbiknms etwa die lithische Industrie der Potooka-Höhle gewisse -mittdllpaläoM tfhiiscbe Reminiszenzen in Gestalt einiger dorsal überarbeiteter Geräte, die freilich keineswegs Blattspitz-encharakter tragen, aber im sonstigen jugoslawischen Paläoli.ihikum zu fehlen scheinen, aufw -eiis-t (S. Brodar 1938, Taf. YI, 9, 12). Auf beide Umstände wurde schon 1952 (Freund S. 271 f.) aufmerksam gemacht. Gerade dais jugoslawische al­ pine Paläolithikum vom Typus Potočka oder Mokriška (M . Brodar 1959, 1960) zeigt bisher keinerlei Vergesellschaftung einer seiner Hauptleitformen, nämlich der Lautscher Knochenspitze oder der mit gespaltener Basis1 mit Blattformen,, wie das etwa im ungarischen oder Krakauer Höhlenpaläolithi- kum der Fall ist. Auch das- in den letzten Jahren dank der Forschungen S. Br-ödar-s auf gebellte Karstp-aläolithikum (S. Brodar 1955, Freund 1956 a, b) lässt sowohl: in seinen jung-, wie in seinen ziemlich reich differenzierten mittelpailäoli-thiischen Fa-cies jegliche- Blattformen, aber auch jede Tendenz zur eigentlich flächigen Bearbeitung vermissen. Allerdings ist dieses ge­ samte Alt- und Mittelpa-läolithikum, sei es im Betalov spodmol, in der Parska golobina (Osole 1961), im Županov spodmol, am Crni Kal (S. Bro­ dar 1958) u. a. auch so gut wie faus-tkeilfrei. Dasselbe gilt für die in den letzten Jahren erforschte Veternicahöble bei Zagreb (Malez 1958/59), sowie den Abri Crvena stijena in Montenegro (M . Brodar 1958/59). Das Moustérien beider Fun disi eilen lässt nur ganz selten einmal Stücke mit zweiseitiger Bearbeitung erkennen, ohne dass es sich bei diesen um Faustkeile handele. Man könnte versucht sein,, aus dem Fehlen einer eigentlich faaistkeilführen- den Facies in Jugoslawien das gleichzeitige Fehlen von Tendenzen z u t Entwicklung von Blattformen und damit das Ausbleiben jeglicher Blatt- spi-tzenind,ulstrien zu erklären. Allerdings hieisse das, die Existenz eines Acheuléen im weiteren Sinn oder doch eines Mouistérien von Acheuléentra- dition als Vorbedingung und Grundlage zur Ausbildung mindestens der niitielpaiäolithiscben Blattformen zu erlklären, während man doch anderer­ seits -immer wieder wird zeigen können, dass es vielfältige Möglichkeiten zur Ausbildung von Blatt-Typen gibt, von denen die Faustkeilfaasi« nur einen der Ausgangspunkte für die Entwicklung darstellt, weitere aber ge­ wiss im Mousterieaibeneich lagen. Es hat sich in diesem Punkt seit dem Forschungs-Stand von 1952 (Freund, ab S. 275) kaum Wesentliches geändert. Man wird daher auch in Jugoslawien für das Fehlen paläolithischer und zumal mittelpaläoli-tbischer Blattformen und Blatt-spitzeninduist-rien zu­ nächst kaum eine plausiblere Erklärung -anführe.n können als doch die einer huščić, sowie Lupljanica) eine positivere Einstellung eingenommen lind den solu- troiden Elementen, ja dem Vorhandensein einer Szeletienfacies in Nordbosnien eine besondere Bedeutung zugemessen. möglichen Forschungslücke. Auch wenn die Existenz solcher Industrien dem aufmerksamen Auge und der jahrzehntelangen Forschungstätigkeit des Jubilar.s Sreöko Brodar, dem diese Zeilen in grosser Dankbarkeit für manche gemeinsame Reise in seinem Land und für manche Stunde fruchtbarer Diskussion gewidmet sind, gewiss für den Norden Jugoslawiens kaum ent­ gangen sein dürften, so stellt doch dahin, was die übrigen noch minder erforschten Gebiete an Paläolithikum bergen. Crvena stijena ist dafür ein eindringliches Zeugnis. Möge also mit den folgenden Ausführungen die Auf­ merksamkeit der jugoslawischen Paläolithforschung erneut auf das mög­ liche Vorkommen von paläolithischen Blattspitzenfacies gelenkt werden.2 Der eingangs für verschiedene europäische Länder erwähnte, sich lau­ fend vermehrende Fundanfall besonders mittelpadäolithiscber Blattspitzen ist nun in Sonderheit für das eigentliche Mitteleuropa, zumal für Süd­ deutschland belegt, wo, den Forschungsstand von 1952 (Freund) hinter sich lassend, in der monographischen Bearbeitung des Paläolithikums aus den Weinberghöhlen von Mauern (Zotz und Mitarbeiter 1955) und jener der Freilajndischiagstätte von Kästen (Zotz 1959) die zuvor schon niedergdLegten Teilergebnisse (Zotz 1951, Freund 1952) gefestigt, z. T. erweitert und modi­ fiziert werden konnten. So hait Zotz (1955) für Mauern zwei stratigraphisch klar belegbare Stufen des Praesolütréen, nämlich I und II, voneinander gesondert, und die verwandte, wenn auch etratigrapbisch nicht gesicherte, aber formenkundlich gut aus-gebildete Industrie von Kosten wurde vom gleichen Verfasser (Zotz 1959) als älteres Praesolütréen herausgearbeitet. — Zu der Kost euer Facies gesellten sich in den letzten Jahren eine ganz e Reihe, zum grossen Teil vom Zotz (1959, 1960) erfasster Einzelstücke aus dem gesamten oberfränkischen Raum. Als stratigraphisch wenig oder gamicht gesichert fehlt es ithinen allerdings, wie auch vielen anderen Einzelfunden aus den übrigen süd- und mitteldeutschen Gebieten, die an dieser Stelle nicht einmal nach Fundorten genannt werden können, an entscheidender Aussagekraft hinsichtlich Existenz, Verbreitung und Zeitstellung von ge­ schlossenen Industrien, die, wie Mauern, Kosten und Ranis die Blattspitze als I ,eit form führen und die dementsprechend dazu berechtigen, eine eigene mittelpaläolithische Blattspitzenfacies des Praesolütréen (Freund 1952) oder — ■ nach Ansicht der Verfasserin als Terminus regional zu begrenzt und aus mancherlei Gründen weniger glücklich — als Szeletien deT ungarischen und tschechischen Forschung ahzusondem. Alle jene verstreuten Einzel­ stücke stellen zwar eine willkommene Bereicherung der bisher bekannten rein morpbologiseh-typologischen Varianten dar, und sie mögen vielleicht andeuten, dass Verbreitung und Wirkung mittelpaläolithiischer Blatt'spitzen- industrien dichter und intensiver war, als das derzeit belegbar ist. Aber diese Einzelfunde berechtigen keineswegs dazu, sie als Belege für die E xi­ stenz einer eigenen Facies zu werten; ebensowenig, wie vereinzelte und oft 2 Ebenfalls erst nach Abschluss dieses Manuskriptes lag der Verfasserin der Text des von B. Gavela auf dem V. Internationalen Kongress für Vor- und Frühge­ schichte in Hamburg 1958 gehaltenen Vortrags vor, in dem er aus den in den letzten Jahren erforschten mittelserbischen Höhlen Gradac und Risovača im Typen­ bestand des dortigen Moustérien auch »formes de feuilles, pointes hémisolutréenes« nennt und sieb dabei auf das Praesolütréen der Verf. bezieht. (Vgl. B. Gavela. Le paléolithique des régions balkanique en Yougoslavie. V. Kongressbericht Ham­ burg 1958. Berlin 1961. S. 325.) in erstaunlicher Vollkommenheit auftretende Blattformen und Blattspitzen in geschlossenen Verbänden von Acheuléen oder Moriste rien dazu berech­ tigen, in solchen Fällen die Blattsipitzen'koinponente überzu’bewerten und zu einer eigenen Benennung zu schreiten. Bei genauerer Durchsicht vieler alt- und mittelpaläolithischer Fundverbände wird man immer wieder auf diese oder jene Biattform treffen (vgl. die entsprechenden, schon von Freund 1952 herangezogenen Beispiele), ohne dass sich entscheiden liesse, welchen Umständen sie ihre Entstehung verdanken. Vermutlich wird dabei nur in manchen Fällen die Einwirkung einer benachbarten, etwa gleich­ zeitigen »Blattspitzenkultur« vorliegen. Die rein technologischen, material- bedingten, ja auch zufälligen Möglichkeiten und Notwendigkeiten können dabei gelegentlich eine unliebsam grosse und nur selten fassbare Rolle gespielt haben. Die Industrie von Markleeberg, die eine Reihe von Blatt- formen führt (Davis 1961) ist gewiss ebensowenig ein Praesolii treen wie jene erst in den letzten Jahren aufgearbeitete und erst unlängst besser publi­ zierte von Weimar-Ebringsdocf ein »Moustérien-Prészeletien A« (Beimi - Blaincke 1960, bes. S. 215) clanstellt. Auf die zahlreichen Inkonsequenzen und auch auf die Gefahren dieser »Mousterien-Preszeletien«-Konzeption von Nioollüeseu-Plopsor, die wenig glücklich und leider mit unbewiesenen und z. Zt. unbeweisbaren genetischen Schlussfolgerungen verknüpft, von Behin- Blamcke aufgegriffen worden ist. hat Vertes unlängst (I960, bes. S. 73 ff.) mit aller wünschenswerten Deutlichkeit aufmerksam gemacht, sodass sich hier eine Wiederholung der Argumente erübrigt. Abgesehen davon wird man hinsichtlich Stellung und Bedeutung der interessanten zweiseitig bear­ beiteten Keilebem innerhalb der Ehringsdorfer Industrie die vom Verfasser in Aussicht gestellte statistische Auswertung in der zukünftigen zwei­ bändigen Monographie (vgl. Belmi-Blancke 1960, S. 153, 193) unbedingt abwarten müssen. Auch die in Aussicht stehende monographische Veröf­ fentlichung des Fundkomplexes von Salzgitter-Lebenstedt wird im gleichen Zusammenhang von besonderem Interesse sein. Endlich in den süddeutschen Bildungsberd mittelpaläolithischer Blatt- spitzen facies zurückkehrend, haben die eingangs erwähnten Neuforschun- gen des Urgesehicli fliehen Instituts der Universität Erlangen-Nürnberg unter der Leitung von L. Zotz (1961) und G. Freund eine erfreuliche Be­ reicherung der einschlägigen Fundgruppe und eine weitere Aufhellung des Problemkreiseis erbracht, und werden sie, da die Forschungen im vollem Gang sind, fernerhin erbringen. Erst unlängst wurde in einem Vorbericht das Paläolithikum vor der Unteren Klause, der tiefstgelegenen der Klausen- höhlem bei Neu-Essing im unteren Altmühltal, behandelt und ein besonders prachtvoller, bei den Grabungen gewonnener Blatt-Typus vorgelegt (Freund 1961). Damit wurde unmittelbar am Ort an jene Tradition angeknüpft, die von Obermaier (1914), Wernert (1914) u. a. kurz vor dem erstein Welt­ krieg begründet und in deren Verlauf zum erstenmal auf die auffällige Existenz mittelpaläolithischer Blatt-Typen hier wie anderswo in Europa aufmerksam gemacht worden war (Obermaier und Wernert 1929). Ohne an dieser Stelle auf den gesamten, noch so ungenügend erhellten Komplex des Alt- und Mittelpaläolithikums der vier Klausenhöhlen (vgl. Freund 1952) eingehen zu können, sei hier, wie im Verlauf der Forschungen des Erlanger Instituts der Blick vielmehr auf einen Fundplatz wenige Kilometer östlich und altmühl talabwärts gelenkt. Bietet nämlich das System der Klausen­ höhlen und der Kfausennische trotz seines weitläufigen Terrains so gut wie keine Möglichkeiten mehr, grabungsmässig Einblick in die einstige Strati­ graphie und Kulturah folge zu gewinnen (vgl. Freund 1961), s o > ist das um so mehr noch bei der sogenannten Oberneder oder Marienhöhle der Fall. Dorthin wurde denn auch schon kn Sommer 1960 das Grabungsunternehmen verlagert. Aus den bisher vorliegenden Ergebnissen kann verständlich er­ weise hier nur eine Teilfrage angeschnitten werden. Die Forschungen sind in keiner Weise abgeschlossen, und auch die Grabungen sind noch auf mehrwöchige Campagnen im Sommer 1962 und 1963 veranschlag!. Jene Teil frage betrifft die mittelpaläolithischen Blattspitzeil. In einer Zeit, als Obennaier und Wernert die ersten informatorischen Publikationen über das Klausen paläolil hiku m niederlegten und noch bevor sie über die von ihnen erkannte Bedeutung niittelpaläolithischer Blatt- Typen schrieben, hatte Herr Justizinspektor Oberneder aus dem nahen Kelheim, ein ausgezeichneter Kenner der Gegend in der im Volksmund unter dem Namen Maxienhöhle bekannten, später als Obernederhöhle umbenanten Grotte gegraben. Die ca. 20 in lange und bis 9 m breite Höhle öffnet sich mit einem ca. 3 m breiten und über 2 m hohen Tor im westlichen Steilhang des Ziegeltals, des letzten grösseren linksseitigen Tales der Altmühl, bevor diese bei Kelheim in die Donau mündet. Die ca. 16 m steil über dem Tal liegende und heute durch dichten Baumbewuchs völlig versteckte Höhle ist vom Schulerloch nur wenig mehr als 1 km, von dem Klausen nur ca, 4 km in Luftlinie entfernt, womit nur angedeutet sei, dass in ihr ähnliche Kultur- niederschläge wie in den genannten Höhlen erwartet werden konnten. So sagte sich auch Oberneder, als er 1918 mit seinen Probegrabungen begann, die sich im wesentlichen bis 1923 hinzogen. Die an vielen Stellen des Höhleninneren, besonders in den zahlreichen Handlichen Nischen durch­ geführten Grabungen und Schürfungen samt dem dabei gewonnenen Silex- und Knochenmaterial gelangten nicht zur Kenntnis der Fachwelt. Ober­ maier und Wernert (1929) konnten somit nicht ahnen, dass es1 seit 1918 formvollendete Blattspitzen in mittelpaläolithischem Verband aus der nähe­ ren Umgebung der Klausennische gab, die ihre Erkenntnisse und Vermu­ tungen aufs Beste fundiert hätten und die wahrscheinlich schon damals ein anderes Licht auf die »Lorbeerblätter« der Mittleren und Oberen Klause geworfen hätten. Erst vier Jahrzehnte nach der Entdeckung des Paläolithi- kums in der Marienhöhle kam der Kontakt mit ihrem Ausgräber zustande. Dabei gingen alle Aufzeichnungen und Unterlagen an das Institut für Urgeschichte in Erlangen. Die grosse Privatsainmlung Oberneders konnte, soweit sie die Höhle betrifft, erfasst und aufgenommen werden, und in Gegenwart von Herrn Oberneder und unter Berücksichtigung seines Gra­ bungsplanes gelang es sodann, noch jene Partien der Höhle grabungsmässig zu erscliHessen, die eine ungestörte Stratigraphie und Kulturabfolge enthiel­ ten. Nach Anlage eines ca. 18 m langen Kontrollgrabens im Sommer 1960, der die ungestörten von den gestörten Partien leicht unterscheiden liess und einen ersten Einblick in die Stratigraphie gewährte, wurde 1961 im nord­ westlichen hinteren Höhlentefl eine zusammenhängende Fläche von ca. 12 ma ausigegraben, von der etwa die Hälfte gänzlich unberührt, die übrige doch von einer gewissen Tiefe an ungestört war. Dank der äusserst geringen Bild 1. Marien- oder Obernederhöhle Sl. 1 . Marien- ali Obernederhöhle Bild 2. Oben: Marien- oder Obernederliöhle. — Unten: Untere Klause Sl. 2. Zgoraj: Marien- ali Obernederliöhle. — Spodaj: Untere Klause Ka Lkscliulti ührung des Sediments und seiner überwiegend feuchtlehmigen Beschaffenheit zeichneten sich alle zuvor auf- und angegrabenen Stellen mit grosser Deutlichkeit ab. Stratigraphiisch ungesichertes Fundgut konnte daher von vornherein erkannt und abgesondert werden. Oberneder hatte bei seinen durchschnittlich nur bis 0.80 m oder 0,90 m liefe niedergebrachten Grabungen eine Schicht- und Kulturabfolge erkannt, die wie folgt skizziert werden kann: Im Hangenden eine schwärzliche Qber- flächenBchicht von maximal 0,30 m Mächtigkeit mit bronzezeitlichen und jüngeren Kulturresten, darunter bis 0,40 m Tiefe eine sogenannte Übergangs- Schicht aus gelblich-braunem, mehr trockenem Lehm mit Jungpaläolithi- kum, seinerseits im Liegenden übergehend in einen »feuchten klebrigen« und mehr dunklen Lehm, der Altpaläolithikum enthielt. Aus diesem stam­ men neben zahlreichen, von Oberneder geborgenen Faunenresten und Silexgeräten, einige prachtvolle Blattspitzen und nicht minder prächtige F ausi keile. Die Neugrabungen konnten, wenn auch modifiziert und detailliert, die so einfach anmutende Obernedersche Schichtfolge bestätigen. Da Oberneder nur selten das Anstehende erreicht und offenbar auch nicht erstrebt hatte, musste vor allen Dingen versucht werden, an ungestörten Stellen Voll­ profile zu gewinnen. Solche gelangen an einer Stelle bis 1,70 m, an anderer nur bis 0,90 m Tiefe. Daraus geht nicht nur hervor, dass der anstehende Höhlenboden ausserordentlich uneben und zerklüftet, sondern dass insge­ samt die Sedimentation, die in der Höhle stattfand, gering war. Ihr vor­ wiegend lehmiger Charakter wurde schon betont. Eine makroskopisch nur schwer auszumachende Feingliederung kann erst mit Hilfe von Feinunter- suchungen im Laboratorium, die gegenwärtig laufen, erreicht werden. Ohne dass der künftigen Auswertung und Fundvorlage allzu sehr vorgegriffen sei, mögen an dieser Stelle einige Blattspitzen aus der Marien­ höhle, teils vor vier Jahrzehnten, teils jüngst gefunden, besprochen sein. Zwei der von Oberneder geborgenen Blattspitzen sind auf Bild 1 und 2 jeweils oben in natürlicher Grösse wiedergegeben. Beide Stücke sind an­ nähernd doppelspitz, fast gleich lang und variieren auch in der grössten Breite, die annähernd in der Mitte liegt, nur gering. Auch der Verlauf der Seitenkanten ist bei beiden symmetrisch. Ihr Charakter als echte Blatt- Typen steht ausser Zweifel1 . Wesentliche Unterscheidungsmerkmale zwi­ schen beiden sind besonders im Material begründet. Das1 Stück Bild 1 oben besteht aus einem blaugrauen bis weissgrauen ausgezeichneten Knollen­ silex, der dem nordischen Feuerstein sehr ähnlich ist. Es wurde auf beiden Seiten bis auf ganz geringe Rindenreste vollständig flächig überarbeitet; auch der Querschnitt zeigt eine beidseitig nahezu gleiche mehr linsenförmige Aufwölbung, sodass e s > willkürlich ist, welche Seite als dorsal, welche als ventral betrachtet wird. Die sorgfältige Übermuschelung zeigt ganz die Technik der Mauerner Blattspitzen (Zot'z 1955), und mit mehreren von diesen hat das Gerät übrigens ein so kennzeichnendes Detail wie das einer seitlich leicht gekerbten oder gezipfelten Basisi, einer Art Schaftzunge gemeinsam. — Demgegenüber ist das Stück Bild 2 oben aus einem auch in den Klausenindustrien beliebt gewesenen Werkstoff, nämlich aus einer sehr flachen braunen Hornsteinplatte hergestellt. Das für die gewünschte Form geradezu prädestinierte Material erübrigte eine vollständige flächige Über­ arbeitung. Im Wesentlichen wurden nur die Randpartien retuschiert, auf der hier als dorsal angenommenen Seite weiter auf die Oberfläche über­ greifend, auf der ventralen sich ausschliesslich auf die Randzonen be­ schränkend. Die zipfelartige Basis ist hier weniger ausgeprägt. Technik, Form und Werkstoff sind bei einem Stiidk aus dem »Saazer Loch« der Mauerner Höhlen (Zotz 1955, Bild 62) so gut wie identisch. Steht die kulturelle Zuweisung dieser beiden altgefundenen Blatt­ spitzen schon auf Grund des von Oberneder mitgehobenen mittelpaläolithi­ schen Begleitinventars ohnedies auisser Frage, so lässt sich diese erfreuli­ cherweise mit Hilfe der alten Grabungsnotizen auch stratigraphisch be­ legen. Die blaugraue Spitze auf Bild 1 oben wurde 1921 aus der von Ober­ neder sogenannten unteren Schicht seines Grabungsplatzes X gehoben. Diese untere Schicht ist der mehr dunkle feiicht-klebrige Lehm, der bei den Neugrabungen 1960/61 die provisorische Bezifferung 3 erhielt. Die absolute Tiefenlage wird von Oberneder mit 0,60— 0,70 m angegeben. Es steht ausser Zweifel, dass er sich in dieser Tiefe schon unterhalb des mehr gelben und mehr trockenen Lehms, der Schicht 2 der Neugrabungen, und damit tief in altpaläolithischen Zonen befand. — Die Spitze Bild 2 oben wurde schon 1918 gefunden. Sie entstammt dem allerhintersten Höhlenteil, Oberneders sogenannter Nische IY a, einer kleinen, nur ca. 1 m breiten Ausbuchtung der Westwand, wo der anstehende Höhlenboden schon in 0,50 m Tiefe erreicht wurde. Knochen und Werkzeuge fanden sich in 0.30 bis 0,50 m Tiefe unter­ halb einer bis 0,30 m reichenden steinreichen Deckzone. Die Blattspitze fand sich unterhalb von dieser. Da Oberneder bereits bei 0,50 m Tiefe auf das Anstehende traf, wird es sich mit an Gewissheit grenzender Wahr­ scheinlichkeit bei der fundführenden Schicht ebenfalls um Zone 3 gehandelt haben. Schicht 2 war, wenn überhaupt vorhanden, auf ein Minimum zusammengedrängt und vermutlich makroskopisch überhaupt nicht erkenn­ bar. Ähnliche Verhältnisse wurden bei den Neugrabungen des Erlanger Instituts wiederholt in den wandnahen Teilen der Höhle beobachtet. Auch hier lag das Altpaläcclithikum in nur geringer Tiefe und wenig über dem Anstehenden, das zur Mitte der Höhle hin schräg einfällt. Derselben »unteren« Schicht (= Schicht 3) entstammen die von Oberneder gehobenen Faustkeile. Dass bei den jetzigen Grabungen nichts willkommener sein konnte als ein neuer und womöglich stratigraphisch gesicherter Blattspitzenfund, liegt auf der Hand. Er blieb denn zum Gliidk auch nicht aus. Bei der Grabung 1961 wurde im m2 VIII, der sich räumlich ziemlich genau auf der Mitte der Fundstellen der beiden schon angeführten Stücke befindet, das Fragment einer prächtigen und ehemals wohl ca. 11 cm lang gewesenen weiteren Blattspitze, gleichfalls aus einer dünnen braunen Silexplatte gearbeitet, freigelegt. Das wohl über die Hälfte erhaltene Stück ist auf Bild 1 unten so orientiert, dass das ebenfalls leicht gekerbte oder gezipferte Ende basal liegt (vgl. Bild 1 oben). Auch hier befindet sich die maximale Breite — etwas unterhalb der schrägen Bruchkante — wohl in der Mitte. Vermutlich liefen die Seitenkanten wie bei den vorgenannten Blattspitzen gleichfalls symmetrisch. Ob etwa in der Mitte, also knapp unterhalb des Bruches, eine echte, sich auf den nicht erhaltenen Teil fortsetzende lange Einziehung vorliegt, (s. bes. die Innenseiten der beiden Zeichnungen), ist schwer zu entscheiden. Wenn ja, so müsste die Orientierung umgekehrt vorgenommen werden, und es läge der aus der Haldensteinhöhle bei Urspring belegte lypus vor (vgl. Riek 1938, Freund 1952, Bild XI, 12, 13). Dagegen spräche allerdings die zipfelartige Ausbildung des erhaltenen Endes. — Auch diese aus Plattenhornstein hergestellte Blattspitze zeigt die gleichen technischen Eigenschaften wie das Gerät auf Bild 2 oben aus demselben Ausgangsstoff. Nur ist die flächige Überarbeitung auf dem Neufund mehr auf die beiden Oberseiten übergreifend vorgetrieben. Sie erfasst sogar einen Teil der ziemlich dicken weissen Rindenoberfläche, wie die linke Zeichnung be­ sonders gut zeigt. Die Dicke der Rinde geht überdies deutlich aus dem treppenartigen Abbruch rechtsseitig oder noch besser aus dem Stufenprofil der oberen Querschnitthälfte hervor. Die flächige Überarbeitung ist wie bei zahlreichen Mauerner Stücken mit einer zusätzlichen randlichen Retuschie- rung kombiniert. Die stratigraphische Lage des Geräts ist eindeutig: Es fand sich in der obersten Zone der Schicht 3, einer Strate, die sich während der jetzigen Grabungen allgemein als Mittelpaläolithikum führend, erwies, wenngleich sich auch keine geschlossene Kulturschicht abzeichnete. Die Tiefenlage, mit 33 cm unter der Grenze von Schicht 1 (alluvial) zu Schicht 2 (gelblicher Lehm) ermittelt, bestätigt, dass auch Oberneder richtig beobachtet hatte. Die Mächtigkeiten der Zonen 1 und 2 sind wechselnd. An der nördlichen Profilwand des m2 VIII betrug sie für Schicht 1 durchschnittlich 0,10 m, für Schicht 2 = 0,20—0,30 m. Dem gleichen Fundhorizont entstammt ein ebenfalls bei den Neugrabungen gehobener weiterer Faustkeil. Auf die mögliche Zusammengehörigkeit beider Hauptleitformen des Altpaläolithikumis dieser Höhle, nämlich der Faustkeile und Blattspitzen oder auf ihre genetischen Beziehungen zueinander 'kann hier, da dies zeitlich verfrüht wäre, nicht eingegangen werden. Die entscheidenden Fragen lassen sich auch nur bei Vorlage des Gesamtfundstoffes behandeln, der weitere Blatt-Typen und Zwitterformen sowohl zu Faustkeilen wie zu Schabern und zwar auch in noch tieferen Zonen enthält. Dass für die Ausbildung beider Leit-Typen, besonders der Blattspitzen, aber auch jenes Typus von Faustkeilen, wie er vor allem für das Alt- paläolithikum der Klausennische belegt ist und den Obermaier und Wer- nert (1914) als Pseudolorbeerblattspitzen oder auch als »coups-de-poing foliacés« bezeichnet hatten, der Plattenhornstein ein ausgezeichnetes Ma­ terial darstellte, steht ausser Zweifel. Ob der gewünschten Form entgegen­ kommend oder die Endform geradezu bedingend, diese Frage ist unlängst nochmals aufgeworfen worden (Freund 1961) und soll an dieser Stelle nicht abermals zur Sprache kommen. Auch Bordes (1961) hat erneut betont, dass der Einfluss des Ausgangsmaterials auf die Typologie häufig überschätzt worden ist. Vielmehr sei auf Bild 2 unten der 1961 erstmals publizierte und aus den Grabungen des Erlanger Instituts vor der Unteren Klause gehobene Neufund eines kennzeichnenden Faustheil-Blattspitzen-Zwitterproduktes aus Plattensilex nochmals zum Vergleich mit den Blattspitzen aus der Marienhöhle abgebildet. In der Form weicht das Stück ab, da die voll­ ständig erhaltene Basis, durch die natürliche Gesteinsrinde bedingt, breit­ gerade verläuft, aber in der Bearbeitungstechnik zeigen sich keine Unter­ schiede. Hier, im Gebiet des Plattenhornsteins, ähnlich wie in Kosten, dem Gebiet der bald mehr dicken, bald mehr flachen Lyditgeschiebe, die als Rohstoff dienten (Zotz 1959), gibt es alle Übergänge vom Faustkeil bis zur vollendetsten Blattspitze. Lässt sich in Kosten die Zusammengehörigkeit all dieser Anfangs-, Übergangs- und Endformen nur vermuten, stratigraphisch jedoch nicht belegen, so bietet sich in der Obernederhöhle ein neuer Fund­ platz an, der dazu geeignet ist, diese Frage, besser als die faustkeilarmen Blattspitzen industriell von Mauern, zu klären und womöglich zu lösen. Doch ist dazu hier nicht der Platz und die Möglichkeit. Ob im Mittelpaläolithikum der Obernederhöhle die gleiche Facies vor­ liegt wie in der Klausennische, muss für den Moment noch dahingestellt bleiben. Ohne gründliche Durcharbeitung der entsprechenden Kulturen beider Höhlen wird man eine Entscheidung darüber nicht treffen wollen, wenn auch die sehr vollkommen gelungenen Blattspitzen der Oberneder­ höhle eine etwas jüngere Entwicklungsphase zunächst nahezulegen schei­ nen. Dass diese Vollkommenheit aber kein verlässliches Alterskriterium zu sein braucht, beweisen die prachtvollen Blattspitzen aus dem älteren Prae- solutréen von Mauern (Zotz 1955, Bild 49, 50), die in keiner Weise denen aus dem jüngeren nachstehen. — Bekanntlich haben auch die Mittlere und die Obere Klause Blattspitzen geliefert, jedoch wurden sie — im Gegensatz zu den Blatt-Typen der Klausennische — als Vertreter eines jungpaläolithi- schen Solutréen gewertet. Weder stratigraphisch, noch formenkundlich ist diese Zuweisung zwingend, ja sogar unwahrscheinlich (vgl. Freund 1952, S. 122—27), und es wird notwendig sein, gerade den Fundstoff der beiden Klausenhöhlen im Lichte der neuen Ergebnisse aus der nahegelegnenen Marienhöhle einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Die hier vorgelegten Blattspitzen aus der Oberneder (Marien) — Höhle finden so exakte und bis ins Detail gehende Entsprechungen in solchen der Weinberghöhlen bei Mauern, dass es keinem Zweifel unterliegt, sie als Vertreter ein- und derselben Kulturfacies zu betrachten. Da sie darüber- hinaus aber hier wie dort zugleich Leitformen in einer eindeutig mittel­ paläolithischen Fundvergesellschaftung sind, wird man nicht zu zögern brauchen, die mittelpaläolithische blattspitzenführende Strate der Marien­ höhle als Praesolutréen zu bezeichnen. Obwohl weder die Grabungen, noch die Funddurcharbeitung abgeschlossen sind, besteht schon jetzt kein Zwei­ fel, dass die Blattform im Gesamtverband nicht eine gelegentlich auftre­ tende Erscheinung, sondern dass sie einer der Hauptleittypen ist.3 Insofern unterscheiden sich solche mittelpaläolithischen Kulturen Mittel- und Ost­ mitteleuropas unverkennbar deutlich von denen des Moustérien, auch des mit Acheuléentradition und denen des Micoquien, obwohl auch in diesen gelegentlich Blattformen ( = pièces foliacées von Bordes 1961, p. 41; nicht pointes foliacées = Blattspitzen) aufzutreten pflegen. Das gilt ebenso für Frankreich, wie jüngst auch Bordes (1961) erneut betont und wie Freund schon 1952 (bes. S. 21 ff.) hervorgehoben hat. Diese Einzelformen berechti­ gen gewiss nicht zum Auf stellen einer eigenen Facies, wenngleich sie auch im Hinblick auf noch ungenügend erhellte Entwicklungstendenzen und Kulturbeziehungen der besonderen Aufmerksamkeit wert sind; gerade in Frankreich, wo auch Bordes bei der Entstehung des westeuropäischen jung- 3 Inzwischen wurden während der Grabung 1962 weitere prächtige und voll­ ständige Exemplare in sicherer stratigraphischer Lage gehoben. paläolithischen Solutréen an das Wiederaufleben älterer Traditionen denkt (vgl. Freund 1952, Müller-Beck 1961, p. 444). Erhebt sich jedoch die Blattspitze zur Lei if or in, so wird man der veränderten Entwicklung Rechnung tragen müssen und nicht mehr von einem Acheuléen, Micoquien, Moustérien etc. mit Blattspitzen sprechen und auch nicht mit Bordes (1961, S. 41) formulieren: »elles (les »Blattspitzen«) accompagnent en Europe centrale un Moustérien assez mal défini, qui serait parfois du Moustérien de tradition acheuléenne«, ebensowenig, wie man sich je, im Verzicht auf den Begriff des Solutréen, dazu wird entscheiden kön­ nen, von einem Périgordien mit Blattspitzen — zugegebenermassen ist der Vergleich nicht ganz exakt — zu sprechen. Gewiss wird man in absehbarer Zeit, ähnlich wie dies für das Jung- paläolithikum im Anschluss an de Sonneville-Bordes und Bordes mehr und mehr üblich und notwendig wird, auch für alt- und mittelpaläolithische Kulturverbände statistische Auswertungen auf ähnlicher methodischer Basis machen. Erst dann wird sich der Anteil der Blatt spitzen in Fundplätzen mit eigenen Praesolutréenfacies in Umfang und Bedeutung richtig fassen lassen. Die von Zotz (1959, S. 116) für Kosten gegebene graphische Darstellung weist die Blattformen — unter Einschluss der Breitklingen mit 28 % in der statistischen Erhebung — mit 24 % aus; in Mauern sind sie unter dem 1947 bis 1949 ergrabenen Fundstoff mit 22% vertreten (Zotz 1959, S. 120). Ihr Anteil am Mittelpaläolithikum der Marienhöhle kann z. Zf. noch nicht er­ mittelt werden, doch wird ihnen zweifellos auch dort eine besondere Stel­ lung zukommen. Ob man diese ältere mittelpaläolithische Blattspitzenfacies nun mit dem von der Verfasserin vorgeschlagenen Terminus des Praesolutréen oder mit dem A r on der ungarischen und tschechischen Forschung bevorzugten des Szeletien belegt, ist gewiss zunächst von sekundärer Bedeutung. Es würde den Rahmen dieser Ausführungen weit sprengen, sollten hier Vor- und Nachteile des einen wie des anderen Terminus untersucht werden. Nur so viel sei wiederholt oder erläutert, um gelegentlich auftauchende Miss­ verständnisse zu beseitigen: Als 1952 (Freund, S. 325) der Terminus »Prae- Solutreen« vorgeschlagen wurde, geschah dies u. a. auch deswegen, um gerade den für Ungarn nun einmal seit Jahrzehnten eingeführten Terminus des Solutréen und dessen Unterstufen für die dortige, obwohl von der fran­ zösischen so stark abweichenden Blattspitzenkultur, nicht zu eliminieren. Mit aller Deutlichkeit wurde zugleich darauf hingewiesen, dass der Begriff des »Prae-Solutréen« keine genetischen Verbindungen zum westeuropäischen Solutréen zum Ausdruck bringen soll; vielmehr hat sich auch hier seit dem Forschungsstand von 1952 noch nichts Wesentliches geändert: irgendwelche genetischen Beziehungen vom mitteleuropäischen Blattspitzenherd des Mit- telpaläolithikums zum westeuropäischen des Jungpaläolithikums lassen sich, obwohl gewiss nicht ausserhalb des Möglichen liegend, bisher nicht nachweisen. In allen wesentlichen Punkten besteht also sowohl etwa mit Bordes, wie etwa mit Vértes Übereinstimmung. Auch die jüngst nochmals von Vértes (1961) betonte Tatsache, »dass wir es« — spreche man von Praesolutréen oder von Szeletien — »nicht mit einer einheitlichen Kultur zu tun haben, sondern mit verschiedenen Kulturen«, das wurde schon 1952 in Gestalt verschiedener Bildungsherde gleichsam erarbeitet und kann durch die neueren Erkenntnisse nur erhärtet werden. Dies war auch mit einer der Gründe, warum zunächst eine Art von Dachterminus gesucht und vorge­ schlagen wurde, der zugleich den Vorteil bieten sollte, hinfort eine weitere Untergliederung, sei dies in regionaler, facieller oder chronologischer Hin­ sicht zu ermöglichen. Die Bezeichnung »Szeletien« ist dazu nicht sehr geeignet, und schon beim gegenwärtigen Stand der Forschung zeigt sich, dass mit ihm Fundgesellschaften belegt werden, die nur wenig mit dem eigentlichen Szeletien zu tun haben. Aus dem gleichen Grund konnten sich weder Zotz, noch die Verfasserin entschliessen, den von Breuil den beiden Genannten wiederholt nahegelegten Begriff des »Weinbergien« einzuführen. Wenn Vertes unlängst (1961, S. 298) selbst aus dem jetzigen Forschungsstand die Erkenntnis zog, dass die Benennung »Szeletien« in einem gewissen (besonders im Sinn einer uneinheitlichen Kultur) nicht entsprechend sei und dass sich diese wohl eines Tages auf die einschlägigen Funde in Ostungarn, auf die im Bükk-Gebirge, beschränken wird, so bahnt sich hier gewiss ein Weg zu einer auch terminologischen Verständigung und Überein­ stimmung an. Im Text angeführtes Schrifttum Basler D. (1955), Paleolitski nalaz na Usori (Paläolithischer Fund an Usora) und Brodar S., K odkritju kamenih industrij ob Usori (Zur Entdeckung der Steinindu­ strien an Usora). Posebni otisak iz »Glasnika Zemaljskog muzeja« u Sarajevu. S. 215—36. Baudet J.L . (I960). Pointes foliacées anciennes. Eiszeitalter und Gegenwart 11. S. 142—47. Behm — Blanche G. (1960), Altsteinzeitliche Rastplätze im Travertingebiet von Taubach, Weimar, Ehringsdorf. Alt-Thüringen 4. Beninger E. 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Tedaj je predlagala ter­ minus »praesolutréen« za industrije, ki imajo za vodilni tip listaste konice, četudi je njihov spremljajoči inventar še srednjepaleolitskega značaja. Obstoj takih industrij je bil potem v mnogih predelih Evrope še ponovno potrjen, najdišča so se pomnožila. Avtorica poroča na kratko o novih najdbah, predvsem iz Nemčije. Ugotavlja pa, da predstavlja Jugoslavija nerazumljivo vrzel glede razpostranjenosti srednje — in mlajšepaleolitskih kultur listastih konic. Eden od razlogov za to bi med drugim morda bil izostanek staropaleolitske pestnjaške osnove. Verjetneje pa se ji zdi, da take facies manjkajo, ker še ni bilo zadostnih terenskih raziskav. Prav v zadnjih letih so izkopavanja Inštituta za prazgodovino in predzgodo­ vino univerze Erlangen-Nürnberg v spodnjem Altmühltalu razveseljivo obogatila južnonemško žarišče praesolutréena. Do nedavnega nespoznana praesolutréenska postaja je bila dokazana predvsem v Marien- ali Oberneder Höhle pri Kelheimu. V jami, v kateri je že v letih 1918—1923 na več mestih poskusno kopal neki za­ sebnik, načrtno izkopavajo od leta 1960 dalje. Tu odkrite dobro obdelane listaste konice so izdelane iz kremenčevih plošč (ki jih najdemo tudi v tej okolici in so jih v paleolitiku zelo cenili), pa tudi iz kremenčevih gomoljev. Kratko je prikazana tudi jamska stratigrafija. Izkopavanja so še v teku. Dokončna objava, ki bo obrav­ navala vse kulture iz Marienhöhle in vključila tudi izsledke sedimentnih analiz, je v načrtu. Ob zaključku je »praesolutréen« ponovno definiran in poudarjena širša upo­ rabljivost tega pojma v primerjavi s »szeletienom«.