IR BALKANHALBINSEL. BEOBACHTUNGEN. VON DR. CARL PATSCH, . INSTITUTS FÜR BALKANFORSCHUNG IN SARAJEVO. ---HEFT 7.--- MAKEDONISCHE FAHRTEN von ADOLF STRUCK, Bibliothekar am kais. deutschen archäol. Institut in athen II. DIE MAKEDONISCHEN NIEDERLANDE. i mit 26 abbildungen und einer röutenkarte. Preis 3 Kronen — 2 Mark 50 Narodna in univerzitetna knjižnica v Ljubljani £ U 4095a 1 v ro N -JRC Heft 1: K. STEINMETZ, Eine Reise durch die Hochländergaue Oberalbaniens. Heft 2: J. KOETSCHET, Aus Bosniens letzter Türkenzeit. Veröffentlicht von G. Grassl. Heft 3: K. STEINMETZ, Ein Vorstoss in die Nordalbanischen Alpen. Heft 4: A. STRUCK, Makedonische Fahrten. I. Chalkidike. Heft 5: TH. A. IPPEN, Skutari und die Nordalbanische Küstenebene. Heft 6: K. STEINMETZ, Von der Adria zum Schwarzen Drin. Preis per Heft K 2-50 — 2 M. 10 Zu beziehen durch jede Buchhandlung. JiVcL LE-S' c SVETO, 3 MAKEDONISCHE FAHRTEN. II. DIE MAKEDONISCHEN NIEDERLANDE. ZUR KUNDE DER BALKANHALBINSEL. REISEN UND BEOBACHTUNGEN. herausgegeben von Dr CARL PATSCH, leiter des bosn.-herceg. instituts für balkanforschung in sarajevo. HEFT 7: ADOLF STRUCK, MAKEDONISCHE FAHRTEN. IL DIE MAKEDONISCHEN NIEDERLANDE. MiT 26 ABBILDUNGEN UND EINER ROUTENKARTE. MAKEDONISCHE FAHRTEN von ADOLF STRUCK, bibliothekar am kais. deutschen archäol. institut in athen. IL DIE MAKEDONISCHEN NIEDERLANDE. mit 26 aebildungen und einer rcutenkarte. alle rechte, einschliesslich des übersetzungsrechtes, vorbehalten. * m Jot H' 1 40958 Der erste Teil meiner »Makedonischen Fahrten« war der abgeschlossenen, infolge ihrer ethnographischen Einheitlichkeit ein beschauliches Dasein führenden Halbinsel Chalkidike gewidmet. Der vorliegende zweite Teil gilt dem grossen Tieflande, das, ein Trapez von 70 km grösster Länge, 30 km grösster Breite und rund 1500 km2 Fläche bildend, im Norden von der Pa'ik Planina, im Westen vom Wermion Oros, im Süden von den Ausläufern des Olymps begrenzt wird und sich im Südosten insbesondere durch die Aufschüttungen seines grössten Flusses, des Wardars, in den Golf von Salonik stetig vorschiebt. Angeschlossen wurde diesem weiten, Kampania genannten Komplexe die von seiner Nordwestecke durch den Schlauch der Moglenitza leicht zugängliche Einsenkung der Landschaft Moglena. Wie schon die Mehrnamigkeit der Ortschaften zeigt, betreten wir hier ein Gebiet bunter nationaler Zusammensetzung, das durch seine unmittelbare und mittelbare Nachbarschaft auch politisch bedeutsam geworden ist. Aber auch den dem Wirbel der Gegenwart mehr entrückten Antiquar laden das Flachland und dessen Höhenkranz zur Betätigung ein. Die vor- und frühgeschichtlichen Phasen der Kampania bedürfen zu ihrer Aufhellung noch viel bodenständigen Materials, die subterranen Schätze sind noch kaum angefahren. Für die Zeit, da unsere makedonischen Niederlande die Wiege der makedonischen Weltmacht waren, liegen vielfältige literarische Nachrichten vor, ihre topographische Verbindung mit dem Boden lässt aber noch sehr zu wünschen übrig: nicht wenigen antiken Orten ist die Stätte nur hypothetisch angewiesen. Die grossen Siedlungen, deren wir uns in dem gegenwärtigen Beobachtungs- kreise rühmen können, das immer blühende Beroia-Karaferia und die königlichen Residenzen Aigai-Wodena und Pella-Alaklisse, sind ihrer Lage nach wohl festgestellt, in ihre innere Gliederung und Ausstattung ist aber der Einblick erst zu gewinnen. Dazu kommen die Fragen, die das Völkergedränge des Mittelalters stellt. Eine Sonderaufgabe gibt hier dem wandernden Antiquar schliesslich die physische Geographie: durch seine Beobachtungen zur Aufhellung des Ausbaues des Schwemmlandes, das die Kampania ausmacht, beizutragen. Ausser dem Wardar und dem bei Solonik mündenden Galiko ergiessen sich in die Ebene die Wistritza und die Moglenitza und links und rechts von dieser eine Unzahl kleiner Flüsse und Bäche, die mit ihr radienförmig dem nahezu im Zentrum gelegenen See und Sumpfe von Jenidsche zustreben, den wieder der Kara Asmak in den Wardar entwässert. Das Wandern in der Kampania erheischt oft auf weite Strecken Entsagung. Der Ertrag stundenlanger Touren sind häufig nur einige dürre Notizen. Längs der Küste ist der Boden sandig, reich an Salpeterablagerungen, unfruchtbar, nur mit salzholden Pflanzen bewachsen. Die Eintönigkeit schwindet je mehr man sich den Randhöhen nähert; der humusreiche Boden trägt eine üppige, durch Baumschlag anmutende Pflanzendecke, gestattet eine ertragreiche Feldwirtschaft, die durch Reisbau, Opium-und Baumwollpflanzungen einen ungewohnten Einschlag erhält, und nährt in schnell folgenden Dörfern und Gutshöfen, Tschiftliks, eine dichte Bevölkerung. Die Mitte der Ebene liegt dagegen wieder brach und harrt unter Wasser und Sumpf der Melioration. Moglena, das wir, wie erwähnt, hier einbeziehen, ist ein gottbegnadetes Fleckchen Erde. Die Kenntnis des so umschriebenen Gebietes verdanke ich drei, in den Jahren 1898, 1901 und 1902 ausgeführten Reisen und ausserdem kürzeren Ausflügen, die mir an einzelnen Punkten, wie in Karaferia und Wodena, auf Details einzugehen gestatteten. Das Material ist in zwei Kapitel gegliedert: I. Von Salonik durch den Süden der Kampania nach Karaferia (S. 1—47) und II. Niausta- Wodena- Jenidsche- Moglena-Pa'ik-Pella-Salonik (S. 48—98). Die beigegebene Routenkarte beruht auf dem Blatte »Vo-dena« der vom K. u. k. Militärgeographischen Institute herausgegebenen Generalkarte von Mitteleuropa, in dessen Neuauflage (1904) ein Teil meiner Richtigstellungen bereits aufgenommen wurde. Athen, in Juni 1908. I. Von Salonik durch den Süden der Kampania nach Karaferia. Wir verliessen Salonik, unseren damaligen Wohnsitz, in dem Vororte TschaTr, der erst vor etwa 30 Jahren entstanden ist, als sich nach der Entfestigung der makedonischen Kapitale ein Bruchteil der Bevölkerung ausserhalb der Stadtmauer nieder-liess. Vorher glich das Gebiet von TschaTr, dessen Name Wiese bedeutet, mit seinen stehenden Wassern einer Sumpfwiese, auf der nur einige Ziegelbrennereien und mehrere Herbergen in ungesunder Lage vegetierten. Erst der Bahnbau, der die Eindämmung und Ableitung einiger Wildbachrinnen nötig machte, trug im Verein mit späterer künstlicher Aufschüttung zur Sanierung des Ortes bei. Heute nehmen ausgedehnte Gemüsegärten das Gelände ausserhalb der Stadtbaugründe bis zum Meere ein. Die Grenze bildet 4 km westlich der Stadtmauer der erst vor einem Jahrzehnt angelegte Wildbachgraben, der dazu dient, die früher über die westlichen Viertel von Salonik, besonders über die Bahnhöfe, oft sehr verheerend hereinbrechenden Gewässer des auf etwa 130 km2 bemessenen, im Norden der Stadt liegenden Niederschlaggebietes von TschaTr fernzuhalten und westlich davon ins Meer zu lenken. Dieses grosse Unternehmen, welches seitens der Gesellschaft der Orientalischen Eisenbahnen unter Beteiligung der türkischen Regierung ausgeführt wurde, kostete rund l3/* Millionen Mark. Ueber die mächtigen Dämme der Anlage führen die Schienen- stränge der drei makedonischen Eisenbahnen in nordwestlicher Richtung, nach der Wardarniederung. Unser Weg setzt über die südlichste dieser Linien, über die Salonik-Monastir-Bahn, und strebt, dem Meere bedeutend näher, nach Westen. Das Gelände, durch das wir ziehen, ist eben, trostlos einförmig und verlassen. Nach einigen vergeblichen Versuchen, den Boden, der mit Meersalz durchsetzt ist, der Landwirtschaft nutzbar zu machen, hat man es gänzlich aufgegeben, den Küstenstrich zu bebauen. Der Tongehalt der Erde begünstigt wohl die Anlage von Ziegeleien, doch erzeugen sie wegen ihrer primitiven Einrichtung nur minderwertiges Material. Zur Linken erkennt man in der Ebene die sich als weisse Punkte kennzeichnenden elf Brunnenhäuser der vor etwa 15 Jahren erbauten städtischen Wasserleitung. Das äusserste Brunnenhaus liegt 8 km weit, leider schon im Ueber-schwemmungsgebiete. Die Quellen erwiesen sich wider Erwarten so ergiebig, dass man von weiteren Stationen im Norden und Westen Saloniks absehen konnte. Je mehr man sich der Küste nähert, desto sumpfiger wird das Gebiet. Abseits vom Wege ist es ganz ungangbar, für den Unkundigen gefährlich. Wasser- und salzholde Pflanzen wuchern in den übelriechenden Pfützen und Lachen und erhöhen den traurigen Eindruck der Einöde. Vergebens sucht das Auge nach einem fesselnden Ruhepunkte. Nach ungefähr zwei Stunden erreichten wir das flachufrige Bett des Galikö, das nur von einem dünnen Wasserfaden durchrieselt wurde. Es ist hier 250 bis 300 m breit. Weite Sand- und Geröllfelder zeugen zu beiden Seiten des Flusses von den ungeheuren Wassermengen, die zu Regenzeiten aus dem mächtigen, 800 km2 grossen Niederschlaggebiete des Kruscha-Gebirges herabkommen. Unterhalb der Stenä Galikü, der Engen des Galiko, ergiessen sich die Fluten oft ganz unerwartet vernichtend über Wiesen und Felder und breiten sich meilenweit aus. Ihrem Anstürme fiel auch die 205 m lange Galiko-Brücke der Orientalischen Eisenbahnen (fcm1l'2) dreimal zum Opfer, zuletzt im Jahre 1900. Die Gewalt des Stromes war damals so bedeutend, dass zwei schwere eiserne Brückenträger von den Fluten fortgerissen wurden und seitdem verschollen sind. Zur nämlichen Zeit büsste auch die Verbindungsbahn Salonik-Dedeagatsch ihre 106 m lange Pfeiler-Brücke über den Galiko (km 19) ein. Die Stromverhältnisse in den Engen des Flusses machten den Ersatz durch eine pneumatisch fundierte Eisenbrücke mit einer einzigen Oeffnung notwendig. Die Linie Salonik-Monastir überschreitet den Galiko weit südlicher, in der Nähe von Tekeli' (km 9 05), auf einer 161 m langen Brücke. Für den Strassenverkehr über den Fluss in Zeiten starker Wasserführung ist in keiner Weise vorgesorgt; weder Strassenbrücken noch Fähren sind über ihn bisher für nötig befunden worden, und doch bietet die Durchfurtung nur bei geringem Wasserstande keine Schwierigkeit. In den Sommermonaten versiegt der Fluss im Unterlaufe, wie wir oben selbst konstatiert haben, zu einem ganz unansehnlichen Gerinne, das oft fast gänzlich im Sande verläuft. Der G al i kö ist der Echeidoros der Alten,1) der vorher Edo-nos geheissen haben soll.2) An seinen Ufern lagerte i. J. 480 v. Chr. das gewaltige Heer des Xerxes; er versiegte damals infolge des riesigen Wasserverbrauches.3) Bei den Byzantinern führt er den Namen Galikos oder Gallikos, der wohl schon in die römische Zeit zurückreicht und von dem vermutlich mit Galliern besiedelten Orte Gallicum4), jetzt Kilkftsch, herrührt. Nach einer halben Stunde trafen wir vom Galiko in dem Tschiftlik Läpra ein, das etwa 25 von Griechen und Zigeunern bewohnte Häuser zählt. Der kleine Ort liegt an der Paläo-mäna, die auch Paläo-Wardäri genannt wird, einem alten Bette des Wardars. Dieses hier an 350 m breite Strombett ver-lässt etwa beim Dorfe Top sin, 18 km von der Küste, den heutigen Lauf des Wardars, um ziemlich nahe dem Galiko das Meer zu erreichen. An der Mündung zieht die Paläomana durch Sümpfe, deren Gewässer sie aufnimmt. Bei Lapra sowie oberhalb des Ortes liegt das Bett gänzlich trocken, bis es die schwellenden Fluten des Mutterstromes zeitweise füllen, wodurch auch die übrigen an seinen Ufern liegenden kleinen Ortschaften K a-waklf, Kolopäntsa, Mahmud und Tschall in Schrecken >) Pseudo-Skylax 6fi, Ptolemaeus III 12, 11, Apollodor II 5, 11. 2) Etym. magn. s. v. s) Herodot VII 124. 127. 4) Tab. Peuting-eriana. G'allicum beim Geographus Ravennas 19(i, 3. geraten. Die Paläomäna hat als zweifellos ältester Arm des. Wardars unverkennbare Bedeutung für die Bestimmung der Grenzen der alten Landschaften, welche den litoralen Teil der Kampänia einnahmen. Von Interesse ist, dass das 4 km nordwestlich von Lapra am linken Ufer des alten Flusslaufes liegende Tschiftlik Kawakli (8 Häuser) zum Unterschiede von dem weitere 3 km nördlich, bei Top sin gelegenen gleichnamigen Dorfe noch immer Wardär-Kawakli heisst, ja lange Zeit auf den Karten allerdings fälschlich kurzweg War dar1) genannt wurde. Heute, wo der Wardar seinen Lauf stabilisiert zu haben scheint, gerät der Zuname allmählich in Vergessenheit. Dafür sind in neuerer Zeit die Bezeichnungen K äto- K awakl i und wegen der vielen dem Fremden gefährlichen Hunde, die der Ort beherbergt, Köpek-Kawaklissi aufgekommen. Schräg gegenüber von Lapra liegt auf dem rechten Ufer der Paläomana das kleine Mahmüd Tschiftlik, das Zigeuner und dem Patriarchate angehörende Bulgaren bewohnen. Nur gering ist der Ertrag, den die Gemüsegärten und Felder hier abwerfen, der salzhaltige Boden eignet sich nicht sonderlich für die Landwirtschaft und häufig verlässt der Wardar sein flaches Bett, um die trüben Fluten über die mühsam gepflegten Äcker zu ergiessen. Von Jahr zu Jahr nimmt die bebaute Fläche ab; nur an der Bahn, wo das Terrain bereits höher liegt, macht die Landwirtschaft, wie in dem grossen, europäisch betriebenen Tschiftlik Tekeli des Hamdi Bey, einige Fortschritte. Unser Weg führte von Laprä über verlassenes Weideland^ auf dem knorrige, dürre Pflanzen wachsen. Häufig war der Boden mit Sand und Geröll überschüttet und von tiefen Rinnen und Mulden durchfurcht. Nach einer Stunde erreichten wir das grosse Dorf Kulakiä, das mit seinem 350 griechischen Häusern und 2200 Einwohnern der grösste Ort dieses Teiles der Kampania ist. Er liegt inmitten eines zweiten Armes des Wardars, der ebenfalls für gewöhnlich trocken ist. Mit der grössten Wahrscheinlichkeit haben wir in dieser etwa 16 km langen Rinne das Hauptbett des Wardars in dessen zweitem Entwicklungsstadium zu erkennen. ') H. Barth, Reise durch das Innere der Europäischen Türkei im Herbste 1862, 213. Noch im XI. Jahrhunderte ergoss sich der Fluss durch sie in das Meer; es wird in dieser Zeit der allerdings nur 2 bis 3 Stadien breiten Fläche zwischen dem alten vollständig trocken liegenden und dem neuen wasserführenden Bette gedacht. Auf ihr schlug i. J. 1080 der spätere Kaiser Alexios Komnenos das Nachtlager auf, als er gegen den Usurpator Nikephoros Basilakios zog, der sich in Thessalonike eingeschlossen hatte. Nikephoros Bryen-nios (IV 18) und Anna Komnena (I 17 f.), die uns darüber berichten, geben hiebei zum erstenmal dem alten Axios den heutigen Namen Bardarios. Damals lag das Hauptbett des Wardars einige Minuten östlich von Kulakiä, und noch bis zu den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts führte es als Nebenarm ständig wenn auch nur geringe Wassermengen. Um das Jahr 1880 brach aber über das Dorf eine so mächtige Flut herein, dass zahlreiche Häuser fortgerissen wurden, und der Strom legte sich im Westen um den Ort. Seitdem erscheint das auf allen Seiten von trockenen Betten umgebene Dorf wie auf einer ehemaligen Insel gelegen. Die Sohle des älteren Armes hat sich soweit gehoben, dass der Wardar nur bei sehr hohem Wasserstande seine Fluten hierher abgeben kann. Nach der eben erwähnten Katastrophe verliessen über 100 griechische Familien Kulakia, das vorher mehr als 450 Häuser gezählt hatte, und siedelten sich auf Kassändra, der westlichen Halbinsel der Chalkidike, sowie bei Salonik an. Die Kulakioten sind häusliche, arbeitsame Leute, die im Lande wenig herumkommen. Sie gelten jedoch als intellektuell und ethisch minderwertig. Sie sind wegen ihrer Roheit verrufen, und man bringt ihnen wenig Vertrauen entgegen. Dem Ackerbau liegt man bloss zum geringen Teile ob; von grösserer Bedeutung ist die Fischerei, welcher sich mehr als zwei Drittel der Bevölkerung widmen. Das Mündungsgebiet der Kampania ist sehr reich an Fischen aller Art; Hechte, Barsche, Störe, Karpfen, Welse, Wejss- und Schellfische sowie Aale kommen besonders häufig vor. Sie werden teils mit Reusen gefangen teils in Senkgarnen eingeholt. Die Flotille der Kulakioten ist ansehnlich; sie besitzen etwa 1200 Boote, mit welchen sie die Flussarme und das Meer bis Salonik beleben. Ihr Ankerplatz (Skala) ist die runde, ziemlich tief einge- schnittene Bucht Ajos Nikölaos, wo auch einige grössere dem Dorfe gehörige Barken festmachen. In der Erinnerung der Kula-kioten lebt die Zeit noch, da das Meer bis dicht an das Dorf heranreichte und die Boote auf dem Nebenarm des Wardars hinaufsegeln konnten. Heute braucht man mehr als drei Viertelstunden zum Landungsplatze. Die Boote der Kulakioten erinnern lebhaft an die des Amä-towo-Sees, die P. Träger1) beschrieben hat. Wie diese sind auch sie Plankenboote, 5 bis 7m lang, 1 m breit und 0'70m hoch, mit flachem, an den spitz zulaufenden Enden etwas aufgebogenem Boden. Die Planken werden durch kurze hölzerne Rippen zusammengehalten; alle F. gen sind mit Werg und Pech gedichtet. Zur Fortbewegung dient nur ein sehr langes Ruder, das am Hintersteven in eine Kerbe eingesetzt wird. Im Gegensatz zu den Amatowobooten führen die hiesigen Fahrzeuge Vorrichtungen zum Aufspannen von einfachen Segeln, die für längere Fahrten, besonders bei dem im Sommer herrschenden Südwinde, sehr nützlich sind. Im Hafen von Salonik begegnet man ihnen häufig, wenn die Kulakioten Fische auf den Markt bringen. Schon in älterer Zeit beherrschten die Kulakioten mit ihren »Monoxylen« den ganzen Golf, wo sie auf der Suche nach Schellfischen, Schwämmen und Polypen überall anzutreffen waren2). Kulakia ist auch der Sitz des »Bischofs der Kampania«, dessen Gebiet diesseits des Wardars noch das Dreieck bis zum Zweitältesten Wardarbette umfasst. Ohne Zweifel hat die östliche Grenze des Bistums der Wardar bestimmt, die auch dann verblieb, als der Fluss seinen Lauf verlegte. Die aus Steinen und Lehm roh aufgeführten Hütten, nur wenige kann man Häuser nennen, machen einen unerfreulichen Eindruck. Der Ort ist, wie auch der Augenschein gleich beim Einreiten zeigt, stark zurückgegangen. Eine Kirche und zwei griechische Schulen (mit 4 Lehrern und etwa 200 Schülern) sind die einzigen Gemeindeeinrichtungen. Brunnen sind nicht vorhan- ') Korrespondenzblatt der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft 1904 25 Fig. 20—24. . '') W. M. Leake, Travels in Northern Greece III 438; A. Delacoulonche, Memoire sur le berceau de la puissance Macädonienne 70. den. Das Wasser muss mit Tragtieren aus dem Wardar geholt werden; es verliert nach einiger Zeit etwas von seiner trüben Färbung, klar wird es nie. Dem Genüsse dieses schlechten Wassers schreibt der Volkswitz die sprichwörtliche Dummheit und Hartköpfigkeit der Kulakioten zu. Von Interesse ist die hier wie in dem ganzen Dreieck im Osten des Wardardeltas gesprochene griechische Mundart, der ein besonderer Reichtum an Lehnwörtern, hauptsächlich slawischen und türkischen, eigen ist. Ausserdem fallen die eigentümliche Flexion, die Betonung, der Stimmfall und die drastische Ausdrucksweise auf. Nach alten Bauresten suchte ich in Kulakia die Strassen und Häuser vergebens ab; auch in der Umgebung war weder eine Ruine noch sonst irgend ein Mal zu erfragen. Der Gleichung des Dorfes mit der antiken Seestadt Chalastra1) fehlt es also nach wie vor an einer archäologischen Begründung. Viel wichtiger erscheinen mir jedoch die geognostischen Erwägungen, die gegen sie sprechen und mich veranlassen, die Stadt nördlicher, nicht inmitten des Wardardeltas zu suchen, das unausgesetzt wächst. Die Landzunahme ist hier nachweislich so bedeutend, dass die Küstenlinie im II. Jahrhundert v. Chr., in dessen erstem Drittel die Stadt zum letztenmal erwähnt wird,2) nicht bei Kulakia, d. i. nur 4—5 km vom heutigen Meeresstrande, oder gar noch südlicher verlaufen konnte. Dass Chalastra der Bergumwallung der Ebene näher lag, darauf deutet auch der Umstand, dass es nach seinem Gründer Galadros auch einen dem Berge Gala-dros entsprechenden Namen, Galadrai, führte.3) Ausserdem lag in der Nähe der Stadt ein gleichnamiger See, der Natron absonderte, das zur Bereitung einer beliebten Seife verwendet wurde.4) Diese Eigenschaft wird niemand Salinen zuschreiben wollen, die man sich allein bei Kulakia denken kann. Der See ist vielmehr identisch mit dem Bittersee Adsch i Gölü zwischen ') M. Cousinery, Voyage dans la Mac^doine I 61, Th. L. Tafel, De Thes-salonica eiusque agro '277 f., Delacoulonche a. a. O. 68 f., E. Oberhummer, Pauly-Wissowa s. v. 2) Diodor XXX 4. a) Lykophr. 1342. 1442, Stephan. Byz. s. v. 4) Vgl. Plinius n. h. XXXI 107 f. und die bei Oberhummer a. a. O. an geführten Stellen. dem Wardar und dem Galiko bei dem Dorfe J aj d s c h i 1 ä r, von dem schon Hadschi Chalfa1) berichtet, dass »sich im Sommer in ihm rund herum, auf einen halben Pfeilschuss weit, weisses Salz ansetzt, womit die Bewohner Handel treiben und das jährlich vom Aerarium verpachtet wird«. Damit ist das Gebiet gekennzeichnet, in dem Chalastra zu suchen sein wird. Von Kulakia ist das nur 20 Minuten nordöstlich gelegene kleine Tschiftlik Kolopäntsa abhängig, das in 15 Häusern Griechen und Zigeuner bewohnen. Da ehemals der wasserführende Teil der Paläomana bis zu ihm reichte, erhielt von ihm dieses alte Wardarbett den nun vergessenen Namen Kolopantsa. Drei Viertelstunden nordwestlich von Kulakia liegt das aus 120 griechischen Häusern, einer Kirche und Schule bestehende Dorf Gündülär oder Walmädes, das auf dem etwa eine Viertelstunde entfernten Wardar den Verkehr mittels einer geräumigen Fähre vermittelt. Zu Walmades gehört auch das bereits o. S. 4 genannte Tschiftlik Köpek-Kawaklissi. Wir wandten uns nun nach Südwesten. Die Vegetation ist hier, dem Wardar zu, reicher. Sträucher, Tamarixstauden und Weiden umsäumen dicht den Fluss. Auf gleichförmigen Wiesen, die kein Kornfeld unterbricht, grasen Herden von Schafen, Rindern und Pferden. In den morastigen Tümpeln, die entweder die weichende Hochflut des Wardars oder die winterlichen Regengüsse hinterlassen haben, suhlen sich Kühlung suchende Büffel. Die Ufer des Flusses sind sehr beliebte und noch recht ergiebige Jagdgründe. Ein nicht unerheblicher Teil des Wildes, Fasanen, aber auch Schnepfen und Wachteln, wird seit einer Reihe von Jahren nach Oesterreich und Deutschland ausgeführt. Bevor wir nach dem von Kulakia 40 Minuten entfernten Dorfe Jundschulär (griechisch Jentsida) gelangten, passierten wir das letzte, erst vor etwa 20 Jahren als Nebenarm aufgegebene Bett des Wardars. Nur ein dünner Wasserfaden durchrieselte es. Das Dorf zählt 120 Häuser. Eine halbe Stunde südwestlich von ihm wird eine Fähre über den Wardar unterhalten. Wir übersetzen den an 350 m breiten, trägen, trüben Fluss nordwestlich ') Rumeli und Bosna. Übersetzt von J. von Hammer 81. von Jundschular auf einem grossen Plankenkahn. Die Ufer sind flach und brüchig, mit Bäumen und Sträuchern dicht bewachsen. Eschen, Pappeln und tief herabhängende Weiden schaffen reizvolle Bilder. Im Norden verdichten sich die Baumgruppen von Kawaklf und Durmuschlü fast zu Wäldern, und auch die vielen winzigen Inseln im Strombette sind mit buschigem Pflanzen-wuchse bedeckt. Wenig südlicher von unserer Uebergangsstelle vereinigt sich der Wardar mit dem Karä Asmäk; sie bilden Die Kampania bei Kulakia. am Zusammenflusse eine weite, bei hohem Wasserstande zu einem See anwachsende Wasserfläche. Hier sowie in dem anschliessenden Sumpfgebiete blüht die Fischerei im hohen Masse. Seit einer langen Reihe von Jahren wird sie von dem türkischen Grosskaufmanne Hifsi Bey vom Staate gegen einen Betrag, der bisher 1300 Mark niemals überschritten hat, gepachtet. Ausgeübt wird sie von den Bewohnern des vom Wardar 40 Minuten ent- fernten Dorfes Kajali, die dem Pächter die Hälfte ihres Ertrages abgeben müssen. Kajali, slawisch Kangalisch genannt, ist ein Tschiftlik des Talat Bey. Es zählt etwa 40 Häuser und wird von 200 Bulgaren, die dem Patriarchate anhängen, und einigen Türkenfamilien bewohnt. Die griechische Propaganda unterhält hier eine Schule, in der nur Griechisch unterrichtet wird. Von Kajali ist das Gelände wieder völlig reizlos. Man sieht Weizen-, Gersten-, Hafer-, Sesam- und Maisfelder, aber auch sandige Flächen mit kümmerlich wachsenden, von der Sonne ausgedörrten Kräutern. Sobald man das Dorf verlassen hat, wird das Brunnenwasser immer seltener; Versuchsbohrungen sind ergebnislos geblieben. In den Sommermonaten herrscht hier eine unerträgliche Glut; dazu legen sich von den Sümpfen im Süden schwere, mit Miasmen geschwängerte Nebel über die Ebene, unter denen insbesondere die drei Dörfer Mustaftschä, Tschül-halär und Kerdschelär zu leiden haben. Die Nächte sind dann feucht und gesundheitsschädlich. In keiner Gegend des makedonischen Tieflandes empfindet man die Nähe der stagnierenden Gewässer so unangenehm wie hier und keine ist so unwohnlich wie diese. Malaria und Fieberfälle mit tötlichem Ausgange gehören auch bei den Eingeborenen zu täglichen Erscheinungen. Die Eisenbahngesellschaft Salonik - Monastir hat in dieser Hinsicht besonders in der Station Kerdschelär üble Erfahrungen gemacht und sah sich genötigt, den dortigen Aufenthalt ihrer Beamten auf das geringste Mass zu beschränken. Mustaftschä ist von Kajali nur 25 Minuten entfernt. Das von einigen Ulmen, Pappeln und Platanen umgebene Dorf liegt unmittelbar jenseits des Bahndammes und besteht aus 45 türkischen Häusern, einer türkischen Schule und einer minarettlosen Moschee. Die Bewohner sind im Gegensatze zu den vielen Tschift-liks der Ebene Freibauern, die mit ihren christlichen Nachbarn in gutem Einvernehmen leben. Der nächste, eine halbe Stunde entfernte Ort Tschülhalär ist ein Tschiftlik von Maslum und Salaeddin Bey und besteht aus 30 griechischen und bulgarischen Häusern. Die Dorfkirche Ajos Jorjos bewahrt einige Architekturfragmente aus byzantinischer Zeit und das Bruchstück einer Grabinschrift.1) Die Häuser sind von primitiver Bauart; sie bestehen aus einem Balkengerüst mit Lehmverkleidung und einem einfachen Schindel- oder Ziegeldache. Jedem ist nach Süden eine offene Halle mit eingemauerten Sitzbänken vorgelegt. In den Wohnräumen läuft rings um die Wände eine nur wenige Zentimeter hohe, aber breite Bank, die wie der Fussboden aus gestampfter Erde besteht und auch als Schlafstätte dient. Die Mitte der Hauptwand nimmt der Kamin ein. Alles, selbst der Fussboden, ist einförmig weiss getüncht. Brücke bei Saridscha. Von Tschülhalär zogen wir gegen NO, um die auf den Karten mit »Si ngu 1 ar-Rui n e« bezeichnete Stelle genauer zu untersuchen. Die Trostlosigkeit der Strecke widerstrebt der Beschreibung. Den sandigen, bloss einige Gräser kümmerlich nährenden Boden gliedern nur hin und wieder trockene Mulden oder ') Athenische Mitteilungen 1902 309 n. 13. langgezogene Rinnen, die Zeugen des letzten Hochwassers. Vereinzelt am Horizonte auftauchende Bäume empfindet das ermüdete Auge als Labsal. Nach 35 Minuten haben wir endlich das Ziel erreicht. Die Ruine ist eine kleine, aus Bruchsteinen und Ziegeln errichtete Brücke mitten im Felde. Ein Wasserlauf ist nicht mehr vorhanden. Der Bau gehört dem späten Mittelalter an. Er hat eine Gesamtlänge von etwa 18 m, einen Hauptbogen von 3 05 m Lichtweite und, von diesem durch 1'50w breite Pfeiler getrennt, beiderseits je eine Nebenöffnung von 2'30 m Spannung. Die 3'60 m breite Brückenbahn steigt von beiden Seiten nach der Mitte zu gleichmässig an. Unweit der Brücke befindet sich die Ruine eines Ziegelgebäudes, das ich für eine alttürkische Moschee halte. In ihrer Nähe fand ich eine antike Grabinschrift.1) Eine Viertelstunde nordwestlich von den Ruinen liegt das grosse, durch seine ausgezeichneten Jagdgründe am Wardar bekannte Tschiftlik Saridschä, wo wir von den Leuten des abwesenden Eigentümers Hifsi Bey in der freundlichsten Weise aufgenommen wurden. Die Bevölkerung besteht aus 210 Bulgaren in 35 Häusern, die dem Patriarchate angehören und eine Kirche des Aj. Andönios sowie eine griechische Schule besitzen. Der Boden ist nur auf kurze Strecken unter Kultur genommen, da der Gutsbezirk einerseits den Ueberschwemmungen des Wardars ausgesetzt ist, anderseits unter Dürre leidet. Beiden Uebelständen, wollte man, wie ich von gerade anwesenden Ingenieuren erfuhr, abhelfen durch die Anlage von Schutz- und Leitdämmen sowie durch artesische Brunnen und Bewässerungskanäle, die durch ein Schöpfradsystem aus dem Wardar gespeist werden sollten. Es ist aber aus Mangel an Kapital und beharrlichem Unternehmungsgeiste bei den Plänen geblieben. Von Saridschä kehrten wir über den 60 türkische Häuser zählenden Flecken K a j äb ab ä wieder nach Tschülhalär zurück und zogen von dort nach dem Tschiftlik Kerdschelär, das wir in insgesamt 13;4 Stunden erreichten. Hier schlugen wir — der Ort zählt nebst einer Kirche nur 20 Häuser mit 130 griechischen Einwohnern — in der Eisenbahnstation (28'8 km von Salonik in ') Athenische Mitteilungen 1902 30i) n. 12. 6'51 m Meereshöhe) unser Nachtlager auf. Ueber die sandige Ebene senkte sich bald dichter Nebel; die Luft war lau und schwer. Die Nähe der Sümpfe machte sich bemerkbar. Zur Verpestung der Luft trägt auch die bei den häufigen Ueberschwemmungen ganz unsinnige Sitte bei, die Toten nur wenige Zentimeter tief zu bestatten. Der überwiegende Teil der Bevölkerung ist hier wie in dem zwischen dem Wardar und dem Kara Asmak bis jetzt bereisten Striche schwächlich, von kleiner Statur und fahler Gesichtsfarbe. Schwer empfunden wird auch der Mangel eines ge- Albanische Hirten in der Kampania. sunden Trinkwassers. Die Leute sind auf das trübe, tonhaltige Wasser der beiden Flüsse angewiesen. Das ganze Gebiet zwischen dem Wardar und Kara Asmak einerseits und zwischen dem See von Jenidsche und dem Galiko anderseits ist eine weitbekannte Winterweide, die alljährlich insbesondere von den grossen Heerden aus den Berggebieten im Nordwesten Makedoniens aufgesucht wird. Sobald die ersten Herbstregen fallen, stellen sich die albanischen Hirten zwischen Jenidsche und Salonik ein. Die sonst so öden Flächen beleben sich dann mit rasch aus Lehm und Stroh aufgeführten Hütten und Ställen, die von hohen Flechtzäunen aus Weiden, Stroh und Rohr zum Schutze gegen den Nordwind umgeben sind. Die Pacht beginnt mit dem Kassi'm- oder Demetriostage (26. Oktober a. St.) und endet nach fast genau sechs Monaten am Hiderlös- oder Georgstage (23. April). An diesem Tage wird unter Tänzen und Gelagen das erste Lamm feierlich geschlachtet, und die Hirten treten dann die Rückwanderung auf ihre Hochweiden an. Diesem Reichtum an Weide möchte man den antiken Namen der Landschaft Bottia (auch Bottiaia und Bottiaiis) zuschreiben. Sie reichte im Westen bis Aigai1), dem heutigen Wodena, im Osten bis an den Axios-Wardar2) und im Süden bis zu den damals vereinigten Flüssen Ludias und Haliakmon3), jetzt Kara Asmak und Wistritza. Ursprünglich bildete sie nur einen schmalen Streifen am Meere, auf dem die Städte Pella und Ichnai lagen.4) Als die makedonischen Könige ihre Herrschaft bis über den Axios ausdehnten, wurden die Bottiäer aus ihren Sitzen vertrieben. Sie siedelten sich auf der Chalkidike in dem nach ihnen Bottike benannten Gebiete an, wo ihnen Olynth gehörte.5) Ein Teil der alten Bevölkerung mag sich aber daheim mit den neuen Verhältnissen abgefunden haben. Auf alle Fälle verblieb der bisherige Name der Landschaft. Unter den beiden letzten makedonischen Königen prägte sie Silber- und Bronzemünzen mit dem alten Volksnamen, den auch noch später, zur Zeit der Herrschaft der römischen Republik in Pella geschlagene Münzen verzeichnen.6) Nach der Auflösung des makedonischen Reiches i. J. 168 v. Chr. wurde der Distrikt mit Pella als Vorort zu der dritten der von Rom eingerichteten vier makedonischen Eidgenossenschaften geschlagen. Aus dem Berichte des Livius XLV 30 über diesen politischen Wechsel lernen wir ') Diodor VII 16. ») Herodot VII 123, Strabo VII fr. 23, Polybius V 97, 4. 8) Herodot VII 127, Thukydides II 100, 4, Strabo VII fr. 20. 4) Herodot VII 123. Ueber die Ausdehnung' der Landschaft vgl. auch lu-stinus VII 1, 3. 5) Struck, Chalkidike 45. a) H. Gaebler, Zeitschrift für Numismatik 1895 181 ff., 1902 158 f. und Die antiken Münzen Nord-Griechenlands III 1 S. 2 ff,, 9 f., 45 ff., 68. auch die ethnische Umwälzung kennen, welche die Bottia inzwischen durchgemacht hat: tertia regio nobiles urbes Edessam et Beroeam et Pellam habet, et Vettiorum1) bellicosam gentem; incolas quoque permultos Gallos et Illyrios, impigros cultores.2) Womit auch der o. S. 3. angeführte Ortsmane Gallicum zu verbinden sein wird. Noch im Mittelalter war der alte Landschaftsname, an dessen Stelle Kampania getreten ist, mit allerdings weiter, bis Thessalien und Kastoria gesteckten Grenzen bekannt.3) In früher Morgenstunde verliessen wir Kerdschelär und wandten uns dem Karä Asmäk zu. Eine freundliche Landschaft entschädigte uns für die Öde des Vortages. Geradezu prächtig nahm sich zur Rechten ein einsames Kirchlein durch seinen Baumschlag aus. Nach einer Stunde erreichten wir den Fluss bei der etwa 100 m langen und 8 m breiten Holzbrücke, über welche die vor dem Bahnbaue sehr frequentierte Strasse Salonik-Karaferia führt. Sie war gänzlich vernachlässigt, doch ist sie seitdem wieder ausgebessert worden. Bei der Brücke befindet sich ein Gendarmerieposten und wird ein Brückengeld eingehoben: für den Fussgänger '/4 Piaster, für Pferde und Grossvieh '/« und für Fuhrwerke 1 Piaster. Der Kara Asmak (griechisch Mäwro Nerö genannt) ist hier kaum mehr als 75 m breit. Seine Ufer sind hoch und brüchig, von Weiden, Rohr und Schlingpflanzen bewachsen. Das schlammige, dunkle Wasser, das aus dem morastigen See von Jenidsche kommt und ihm den Namen verschafft hat, fliesst träge und ist so tief, dass es an keiner Stelle durchfurtet werden kann. Der schlammige Grund verhinderte seinerzeit 2 km stromabwärts den Bau einer Pfeilerbrücke für die Eisenbahn; man half sich mit einer kühnen Bogenbrücke von 72 m Spannung, die an den Ufern pneumatisch fundiert werden musste. Noch vor einigen Jahren belebten den Fluss grosse Kähne, die den Frachtenverkehr zwischen Salonik und den im Bereiche des Jenidsche-Sees und des Kara Asmak liegenden Ortschaften vermittelten, insbesondere ') Vgl. Niebuhr, Vorträge über alte Länder- und Völkerkunde 300, B. Niese, Geschichte der griechischen und makedonischen Staaten II 224, K. Zeuss, Die Deutschen und ihre Nachbarstämme II 271, K. Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde II 271, Gaebler a. a. O. 186 f. 2) Vgl. F. Stähelin, Geschichte der kleinasiatischen Galater 4. 3) Kantakuz. II 28. 32; III 58; IV 19. wurde Getreide auf diesem Wege versandt. Seit dem Baue der Strassenbrücke befahren nur kleinere, den Fahrzeugen von Kulakia ähnliche Boote den See und den Fluss teils zur Beförderung von Personen und Waren, teils, und dies in höherem Masse, im Dienste der Fischerei. Am rechten Ufer des Kara Asmak ist die Landschaft noch einnehmender. Hohe Silberpappeln, Ulmen, Platanen und Weiden, auf denen da und dort Störche nisten, bilden frische Gruppen oder lange, oft rechtwinklig aufeinander stossende Reihen, welche die Besitzgrenzen bezeichnen. Die Felder sind bestellt und auf den von rieselndem Wasser durchtränkten Wiesen weiden grosse Rinderherden. Nach abermaliger Übersetzung der nach Karaferia führenden Bahnlinie erreichten wir in 40 Minuten von der Brücke das Tschiftlik Platy des Rifat Bey. Mit diesem etwa 10 Zigeunerhütten und 20 Griechenhäuser zählenden Orte haben wir ein Gebiet ziemlich unvermischten Griechentums betreten, denn während zwischen Salonik und dem Wardar, noch kräftiger aber zwischen diesem Flusse und dem Kara Asmak der slawische Einfluss hervortritt, setzten seinem Vordringen weiter im Westen die Marschlandschaften des unbeliebten Jenidsche-Sees und der vereinigte Lauf des Kara Asmak und des Wardars ein wirksames Ziel. In Platy wie in den Nachbardörfern begünstigen feuchte Gründe den Reisbau, daneben wird aber auch Weizen und Roggen gesät. Das Dorf besass früher eine grosse Fähre, Mega-Karäwi, über den Kara Asmak auf dem nach Kerdschelar führenden Wege; jetzt besorgen den Dienst nur kleinere Boote, so dass Vieh und Fuhrwerke den Umweg über die von uns passierte Brücke machen müssen. Auf dem Weitermarsche erreichten wir in drei Viertelstunden den kleinen Gutshof Karyä, den nur etwa 16 griechische Familien bewohnen. Mehrere Bulgaren, die sich hier niedergelassen haben, sind vor einigen Jahren wieder fortgezogen. Zu Ka-rya gehören auch ein bescheidenes Kirchlein und die dem Kara Asmak näher liegende, 10 bis 12 Häuser zählende Aidenochöri-Mahalä. Gutshöfe sind auch das von Karya eine Viertelstunde entfernte Tri'kal'a (35 Häuser) und das etwa eine halbe Stunde weiter liegende Kaljanf. Dieses auch Kajilön und Kaiini' genannt und nur aus 20 Häusern bestehend, befindet sich bereits an der von Salonik nach Katerina führenden Strasse und unterhält deshalb eine mächtige Fähre über den Wardar. Von hier aus vermögen wir auch die öde rotgelbe Fläche zu überblicken, die sich an der Mündung des Wardars nach Südosten ins Meer vorschiebt. Von der Mittagssonne getroffen, leuchten vor uns weithin die morastigen Wasserspiegel und die von zahllosen Raub-und Seevögeln belebten Tümpelstreifen. In Kaljani machte man uns in der dem hl. Demetrios geweihten Kirche auf Quadern aufmerksam, die dorthin von der antiken, drei Viertelstunden südöstlich gelegenen Brücke verschleppt worden waren.1) Von weiten sah das Bauwerk recht malerisch aus, doch wie traurig war der Rest, als wir das angeblich vor 100 Jahren verlassene Wardarbett erreichten! Er heisst nach dem benachbarten Dorfe Klidf Kamära Kliditi und besteht, da die Ruine in dem steinlosen Schwemmlande für die benachbarten Ortschaften als Steinbruch gedient hat, über Tag nur mehr aus einem einzigen Bogen, und selbst dieser ist bloss zum Teil erhalten. Bei etwa 5 m Höhe beträgt die Spannung I7"10w und die Breite 5'82 m. Das Mauerwerk besteht aus Feld- und Bruchsteinen sowie aus Ziegeln; vortrefflich sind die das Gewölbe tragenden Steine gearbeitet. An Mauerspuren und Löchern konnte festgestellt werden, dass die Brücke eine grössere Zahl gegen die Brückenenden gleichmässig kleiner werdender Öffnungen aufwies, deren kleinste 1 "50 m breit gewesen zu sein scheint. Ich fand 13 Pfeiler und den westlichen Brückenkopf und schätzte danach die Gesamtlänge der Brücke auf etwa 210 m. Ihre Anlage entspricht der spätrömischen Bauweise. Zwischen der Brücke und Klidf dehnt sich ein gänzlich verödetes Sandfeld aus. Das Dorf, bis zu dem wir eine volle Stunde brauchten, ist mit seinen 80 Häusern und 400 Einwohnern eines der bedeutendsten zwischen dem Wardar und der Wistritza. Es liegt zum grossen Teile dem Fischfange ob und besitzt ') Vgl. auch Cousinery, Voyage dans la Macedoine I (iC, Delacoulonche, Memoire sur le berceau de la puissance Macedonienne 65, Barth, Reise durch das Innere der Europ. Türkei 211. gleich Kulakia einen eigenen Hafen, der, geräumig und geschützt, 4 km südlich liegt. Ausserdem benützt der Ort in einer Einbuchtung der Wistritza günstig gelegene Ankerplätze, wo mit Vorliebe Reusen gestellt werden. Zum Dorfe gehören auch die eine halbe Stunde südlich liegenden Kalywia Kliditi. Es sind dies Nächtigungshütten für diejenigen, deren Felder vom Dorfe weiter entfernt sind. Seinen Namen hat Klidi (Schlüssel) der Überlieferung zufolge davon, dass hier Sultan Murad II nach der Eroberung von Salonik die Schlüssel empfing, welche ihm eine Abordnung aus Janina in Epirus brachte. In einer armseligen Herberge fanden wir Unterschlupf, aber wenig Ruhe, da in einem Nachbarhause bei lärmender Zigeunermusik Hochzeit gefeiert wurde. Dafür wurden auch wir vom Gevatter (Kumbäros) eingeladen und mit Wein, Raki und Süssigkeiten bewirtet. In aller Morgenfrühe machten wir uns aus dem gastlichen Dorfe wieder auf dem Weg. Nach 40 Minuten kamen wir in das von 60 griechischen und 10 Zigeunerfamilien bewohnte Tschiftlik Tschinär-Furnös, das seinen Namen zum Teil prächtigen Platanen (türkisch Tschinar) verdankt. Nördlich des Gutes passiert man auf mehreren Stellen geröll- und sandreiche Felder und ein altes, von malerischen Strauch- und Baumgruppen gesäumtes Bett der Wistritza. Dieser Fluss, auch Indschö Karasti genannt, ist der unbeständigste der unbeständigen makedonischen Wasserläufe, weswegen ihm die Anwohner den Beinamen Lulö und Dehli (verrückt) gegeben haben. Beinahe von den Engen von Karaföria an ändert die Wistritza in der fast nirgends erhebliche Niveauunterschiede aufweisenden Ebene beständig ihre Richtung. Schon mehrmals hat sie sich nicht ins Meer, sondern, wie man bei den Dörfern K u-ltira und Rapsomaniki noch nachweisen kann, in nördlichem Laufe in den Jenidsche-See ergossen. Vor drei Jahrhunderten hat die Wistritza der Tradition zufolge das ganze Gebiet ihres Unterlaufes in einen grossen See verwandelt. Als das Wasser fiel, hatte sie sich ein neues Bett geschaffen und war eine Insel entstanden: der Fluss durchquerte von Paläochöra aus an Tr(-kala vorbei die Ebene und ergoss sich in den Kara Asmak, entsandte aber gleichzeitig einen zweiten Arm von Rapsoma- niki in den Jenidsche-See. Die Erinnerung an die durch diese Gabelung gebildete Insel bewahrt der Name des Dorfes Nisi.1) Von Bauern errichtete Dämme führten den Fluss in sein Bett zurück, aber zu Beginn des vorigen Jahrhunderts ergossen sich an einem Septembertage die Fluten wieder über die Felder. Die Überschwemmung dauerte volle zehn Jahre. Die Äcker zwischen der Wistritza und dem Kara Asmak wurden zu Sümpfen und Seen, in denen gefischt wurde. Oberhalb Tschinär-Furnös wurde der grösste Teil eines Wäldchens zerstört und in Paläo-chöra, Korfi und in Tri'kala wurden an 200 Häuser, Stallungen und Scheuern fortgerissen und kamen Männer, Frauen und Kinder sowie ganze Schafherden um. Der Verkehr zwischen diesen drei Orten und Karyä konnte nur durch Boote aufrecht erhalten werden. Erst als die türkischen Grundbesitzer durch den jahrelangen Ausfall der Ernte und durch Abwanderung der Bevölkerung immer empfindlicher getroffen wurden, stellte man um das Jahr 1830 die Leitdämme wieder her, so dass der Fluss wenigstens an den wesentlichsten Stellen wieder in sein altes Bett zurückgewiesen wurde.2) Von Prödromos aber bis A1 ä b o r hat die Wistritza ihren früheren Lauf endgültig aufgegeben; sie schob sich mäandrierend weiter gegen Norden. Jünger ist die westliche Verschiebung zwischen Niselüdi und der Brücke von Milowön. Die jetzt am linken Ufer liegenden Orte Niselüdi, Aläbor mMkrö und Aläbor möga gehören als die einzigen diesseits der*'Wistritza noch immer zum Kreise Karaferia. Ein furchtbares Hochwasser hat die Ebene auch in jüngster Zeit, im April 1907, heimgesucht. Wistritza und Wardar haben ihr Bett zeitweilig verlegt; mehrere Ortschaften wurden nahezu ganz vernichtet. Im Altertume vereinigte sich der Haliakmon (Wistritza) zuerst mit dem Ludias (Kara Asmak3), später, im 1. Jahrhundert, sind sie getrennt.4) Dafür näherte sich der Axios (Wardar), der im 5. Jahrhundert so weit östlich mündete, dass sich der Echei- ') Delacoulonche a. a. O. 62. Vgl. unten S. 25. l) Cousin^ry a. a. O. 1 62. s) Herodot VII 127. «) Strabo VII 20. • doros (Galiko) in seinen Mündungssumpf ergoss,1) stetig dem Ludias, so dass sie sich schliesslich vereinigten.5) Der Ludias hat seine Richtung nur um weniges geändert. Mit dem Studium der hydrographischen Wandlungen beschäftigt, erreichten wir an dem nur von Zigeunern in 4 Häusern bewohnten Tschätal Tschiftlik (auch Tschatalochöri genannt) vorbei den Gutshof Korfi', der mit dem angrenzenden Viertel Fürs oder Kütschük-Furnös etwa 70 griechische Häuser zählt und eine kleine Kirche der Aja Paraskewi sowie eine von 40 Kindern besuchte Schule besitzt. Von Korff wandten wir uns nach dem 10 Minuten südlich gelegenen Paläochöra oder Mikrö-Palochör (20 Häuser) und dem 20 Minuten weiter befindlichen N i s e l ü di oder Mikrö-Nissel oder auch Kütschük AT-Nissel (10 H.3), um die alten, oben bereits dargelegten Stromverhältnisse kennen zu lernen. Das Bett der Wistritza ist hier 80 bis 100 m breit, doch führte es nur in der Mitte einen 50 '« breiten Wasserstreifen, der so rein und klar war, dass man jeden Kieselstein in der Tiefe zu unterscheiden vermochte. Wie ganz anders als der Wardar! Kein Wunder, dass schon die Alten diesen Unterschied wahrgenommen haben. »Wer in Makedonien«, vermerkt Plinius n. h. XXXI 14 nach Theophrast, »weisse Zucht haben wolle, treibe die Herde zum Haliakmon, wer dagegen schwarze oder braune, zum Axios«. Und noch heute treibt, wer reine weisse Wolle haben will, seine Schafe nicht an den Wardar, sondern an die Wistritza. Die Ufer der Wistritza sind hier durch viele Weiden und ein dichtes, mit Lehmwänden verstärktes Flechtwerk gesichert. Etwas nordwestlicher besteht bei dem Dorfe Mega-Nissöl oder Büjük AT-Nissel seit der Eröffnung der Bahn eine Fähre, welche den Waren- und Viehtransport nach der Station Gi'da vermittelt. <) Herodot VII 124. s) Strabo a. a. O. 3) Gegenüber liegt das Tschiftlik Alaborudi, auch Bulgarikö Aläbor genannt, mit 10 Häusern. Die am linken Wistritzaufer gelegenen Tschiftliks Aläbor rriiknS uud Aläbor mega zählen 30 beziehungsweise 20 Häuser. Mit den letzteren möchte ich die alte Haliakmonstadt Aloros, die nach Paläochöra verlegt wird (vgl. (f. Hirschfeld, Pauly-Wissowa s. v.), identifizieren, doch sind in ihnen, so viel ich in Erfahrung bringen konnte, keine antiken Reste vorhanden. Von der Wistritza wandten wir uns wieder nordwärts, zunächst nach dem von Korfi eine Viertelstunde entfernten Nicho-rabali. Es ist dies ein ansehnliches Dorf mit 65 Häusern, das in neuerer Zeit gleich den übrigen in der Nähe der Bahn liegenden Ortschaften durch intensivere Landwirtschaft zu Kräften gekommen ist. Hier stiessen wir auch auf das der ganzen Ebene um den Jenidsche-See eigentümliche Landhaus (Konak) der Gutsbesitzer. Es ist dies ein zweigeschossiger Fachwerkbau mit flachem, vor- Konak in Alaklisse. springendem Ziegeldache, dessen Pfostengefüge teils mit luftgetrockneten Lehmziegeln ausgefüllt, teils mit rohen Brettern und Latten verkleidet ist. Unten befinden sich Vorratskammern oder Stallungen, in dem gewöhnlich nach allen Seiten vorragenden und mit Streben gleichmässig gestützten Oberstock dagegen die Wohnräume mit einer Veranda, Erkern und Ausgusstischen. Das im Vergleich mit den umliegenden niedrigen Bauernhütten ansehnliche Herrnhaus krönen fast ausnahmslos mächtige, stark besetzte Storchnester, wodurch die schöne Landschaft einen anheimelnden Zug erhält. In Laniw^r oder Lianiwörii, einem Dorfe mit grossem Gutshofe und 25 Häusern, übersetzten wir die Bahnlinie und zogen über das Tschiftlik P a 1 i c h ö r (40 Häuser) nordwärts, um in dem in das Gebiet des Jenidsche-Sees am weitesten vorgeschobenen Tschiftlik Nichör oder Neochöri (ebenfalls 40 H.) genauere Nachrichten über das Seebecken einzuziehen. Je näher wir kamen, desto reichlicher durchwucherten Sumpfpflanzen die weiten Wiesengründe. Am Ziele bot sich mir unerwartet eine Gelegenheit, in den Sumpf selbst einzudringen: zwei Efendis und der Oberknecht des Tschiftliks Zorbä erboten sich, mich am nächsten Tage nach dem Ostufer mitzunehmen. So blieben wir in dem Konak von Nichör über die Nacht. Angenehm war sie nicht, aber schön. Eine schwere Sumpfluft umwehte uns, noch widerlicher als in Kerdschelar, und dichte blutdurstige Mückenschwärme erhielten uns wach, aber der Himmel war sternhell, die Ruhe unterbrach nur das Stampfen der Pferde, dazu klangen aus der Ferne die Rufe der gefiederten Sumpfbewohner herüber und im Süden leuchteten durch das Laub die Lichter der über die Ebene zerstreuten Dörfer. Als die Sonne über die Berge von Salonik stieg, lag über dem See ein dichter Nebel, den die warmen Lichtgarben jedoch bald verscheuchten. Mit einigen Fischern marschierten wir etwa 25 Minuten nordwärts, bis wir zu den Booten gelangten, die in einem durch den Sumpf gezogenen Kanal lagen. Diese erinnerten im wesentlichen an die Kähne von Kulakia (o. S. 6) und boten auf Schilf und Heu nur unbequeme Sitze. Sie mussten in dem engen, seichten Kanal mit den langen Rudern geschoben werden, bis wir etwas freieres Fahrwasser erreichten; aber auch hier schlugen Schilf und Röhricht über uns zusammen. Nach einer halben Stunde gelangten wir auf die unverwachsene Wasserfläche. Ihre Ausdehnung im Nordwesten vermochten wir von unserem niedrigen Sitze aus nicht zu überblicken. Im Süden schlössen sie dagegen in kurzer Distanz Rohrwände ab, die, im Halbkreise herumführend, so weit wir sehen konnten, auch das Ostufer einnahmen. Wiewohl jedes Fahrzeug zwei Ruderer hatte, kamen wir auch hier nur langsam vorwärts, und als wir in den Kanal von Zorba einfuhren, konnten wir wieder nur durch Stoss und Schub weiter gelangen. Endlich, nach einer beinahe zweistündigen Fahrt machten wir an der Lände, Skäla, des eine halbe Stunde entfernten Tschiftliks halt. Dieser liegt in scharfem Gegensatze zu Nichor in einem völlig reizlosen Gelände. Er wird ebenso wie der anschliessende Lanli' oder Läntschowo (15 Häuser) in 45 Häusern von Bulgaren bewohnt, die aber dem Patriarchate anhängen und nebst einer Kirche der Panajia eine griechische Schule besitzen. Wir hatten hier die o. S. 16 angegebene griechischbulgarische Grenze überschritten. Die Rückfahrt verlief ebenso wenig instruktiv; sie entbehrte auch des Reizes der Neuheit. Dafür suchte ich mich durch Erkundigungen schadlos zu halten. Der See, türkisch Jenidsche Golü, slawisch Päsarsko J£sero genannt, hatte diesmal ausnehmend viel Wasser. Für gewöhnlich schrumpft der offene Wasserspiegel sehr zusammen. Sein Mittelpunkt befindet sich dann etwas mehr als eine Stunde nordwestlich unserer Fahrtlinie. Der See hat in diesem Zustande, wie ich mich später von der Höhe des Paik überzeugen konnte, eine ovale Gestalt mit unregelmässiger Umrandung; seine grösste Länge beträgt bei einer Breite von 3 km etwa 5 km; die Fläche macht rund nur 5 km2 aus. Die grösste Tiefe ist mit etwa 3 m gemessen worden. Zu normalen Zeiten liegt der Spiegel 4 m über dem Meere. Bei hohem Wasserstande wächst das Areal auf das Doppelte. Der See gehört der kaiserlichen Zivilliste und wird an Unternehmer verpachtet, die ausser dem Pachtschillinge 10 v. H. des Ertrages abführen müssen. Der Fischreichtum ist bedeutend. Barsche, Hechte, Karpfen, Welse, Weissfische und Aale sind die häufigsten Arten. Ausserdem werden in grossen Mengen Krebse, Krabben und Blutegel gefangen. Der Gesamtertrag beläuft sich jährlich auf 48.000 bis 50.000 kg. Während der eigentliche See augenscheinlich immer mehr schwindet, nimmt sein Sumpf — beide bedecken etwa 90 km2 — an Ausdehnung zu. Dieser wächst insbesondere im NW und SW, wo zahlreiche Flüsse und Bäche einfallen. Die stetige Ausbreitung des Sumpfes hat schon wiederholt zu Projekten Anlass gegeben, welche die verloren gegangenen Ackergründe wiedergewinnen und die Bewohner der Kampania von der Malaria befreien sollten, zum letztenmal i. J. 1892 im Zusammenhange mit der geplanten Schiffbarmachung des unteren Wardars. Da aber ohne Beihilfe der Regierung die nötigen bedeutenden Kapitalien nicht aufzutreiben waren, musste das Unternehmen wieder aufgegeben werden.1) Am Nachmittage erreichten wir von Nichör nach drei Viertelstunden das Tschiftlik Schinä (45 Häuser) und nach einer weiteren halben Stunde das weitausgedehnte Dorf Gida. Dieses ist mit seinen 110 Häusern eine der bedeutendsten und reichsten Ortschaften dieses Teiles des bereisten Gebietes. Es verdankt seinen Wohlstand den ausgezeichneten Äckern und trefflichen Wiesen, die sich zwischen der Wistritza und dem Jenidsche-See ausdehnen und eine erfolgreiche Reis- und Baumwollkultur sowie eine ausgiebige Viehzucht gestatten. Zudem liegt es sehr vorteilhaft zwischen der die Ebene nach Karaferia durchziehenden Strasse und der Eisenbahn Salonik-Monastir, die hier, nur 10 Minuten vom Dorfe entfernt, die Station Gi'da-Kapsochöra (8'30 »> Seehöhe) besitzt. Die Bevölkerung ist durchwegs griechisch und auffallend schön und kräftig gebaut. Beachtung verdient auch die Tracht der Frauen, die in der Kopfbedeckung stark an die phrygische Mütze erinnert. Leider wird die Harmonie bereits durch importierte Zug- und Schnürschuhe gestört. Schliesslich fiel mir auch hier wie bereits früher in mehreren Orten auf, dass die Kirche nicht an einem Hauptpunkte des Dorfes liegt, sondern abseits von ihm und dem Hauptwege. Die Bauernhäuser sind unansehnlich, Tiieder und mit Stroh gedeckt. Nur 1 km südlich liegt das kleinere, samt dem Gutshofe nur 35 Häuser aufweisende Dorf Kapsochöra, gehört aber bereits zum Bezirke Karaferia, während Gida noch dem Kasa von Salonik untersteht. Seinen Namen, der Brandfelder bedeutet, soll der Ort daher haben, dass der Boden durch einen absichtlich gelegten Waldbrand urbar gemacht wurde. •) Vgl. Struck. Globus 1903 243, J. Cvijić, Osnove za geografiju i geologiju Makedonije i Stare Srbije I 369. Von Kapsochöra machten wir, statt auf der Strasse direkt nach Karaferia zu reiten, einen Umweg über das eine Stunde nordwestlich liegende Dorf Nisi, um für die Geschichte der Wistritza neue Daten zu gewinnen.1) Die Landschaft ist hier von hohem Reize, insbesondere durch ihren farbenprächtigen Pflanzenschmuck. Auf den frischen, von der goldenen Morgensonne über-gossenen Fluren weideten Schaf- und Rinderherden und wälzten sich schwerfällig Büffel, zwischen denen Storchpaare gemessenen Schrittes Atzung suchten. Weiterhin schieben sich geschlossene Waldparzellen vor, die, wie bei Skilftzi und am Skuliäriberge, von dem ehemaligen Waldreichtum der Ebene zeugen. Wir passierten die beiden seitlich des Weges liegenden kleinen Gutshöfe Reschän (10 Häuser) und K ataf i j 1 (15 Häuser). Zur Erklärung des Namens des letzteren, der Zuflucht bedeutet, erfuhr ich, dass diese ursprünglich einen Hügel bildende Stelle einem grossen Teil der Bevölkerung der umliegenden Dörfer als Refugium gedient habe, als die Wistritza hier vor 300 Jahren einen See mit Nisi als Insel schuf. Nisi besitzt einen grossen Gutshof, 60 Häuser und ein altes Kloster des hl. Anargyren, das vor 250 Jahren umgebaut wurde. Über Terhowi'sta (30 Häuser) erreichten wir das schön gelegene, aus 25 Häusern bestehende Tschiftlik Skilitzi, das dank der früheren Verwaltung durch einen deutschen Landwirt aufgeblüht ist und noch heute, wiewohl wieder in einheimischer Hand, der Umgebung als Muster dient. Auch hier sahen wir, wie stark die grosse Wistritzainundation noch im Volke fortlebt. Während unserer Mittagsrast erzählte uns ein greiser Bauer aus dem eine halbe Stunde südlicher gelegenen Kawäsla oder Sufuliä, dass als die Wistritza bei Rapsomaniki nach Norden ausbrach, das Dorf Xechasmöni in den Fluten untergegangen und erst spät wieder besiedelt worden sei, daher der Name, der das Vergessene bedeute. Bei Rapsomaniki sei man daran gegangen, den Fluss durch einen starken Damm in sein altes Bett zurückzuleiten. Dank der Aufbietung des ganzen Dorfes habe man »den neuen Arm zugenäht« und dem Orte sei der ') Vgl. o. S. 19. Name »Ärmelschneider« verblieben. Das von Rapsomanfki 21 > km südwestlich gelegene Dorf Kultira (50 Häuser) soll seinen Namen »Brezel« von der kreisförmigen Schlinge, die der Fluss hier beschreibt, erhalten haben. Diese Windung beabsichtigte i. J. 1904 der Besitzer des aus 15 Häusern bestehenden Tschiftliks Sädina durch einen 1300 «' langen Kanal abzuschneiden. Wie man auch aus diesen Beispielen sieht, sind die Ortsnamen in dem südlichen Teile der Kampania, der Rumltik oder Gräkochöra heisst, zumeist griechisch, wie denn hier auch sonst das Griechentum wenig von fremden Einflüssen durchsetzt worden zu sein scheint. Beachtenswert ist in dieser Hinsicht der dem Gebiete eigene sepulkrale Brauch, den Toten Gaben darzubringen. Am Namenstage des Verstorbenen, am Totenfeste, am Sterbetage oder auch an anderen der Familie wichtig erscheinenden Tagen werden Töpfe und Schüsseln mit Wein, Öl oder Essig auf das Grab gebracht und verbleiben auf den Friedhöfen, die mit Scherben oft überschüttet sind. Von Skilitzi kamen wir in drei Viertelstunden nach Stawrös (25 Häuser) und damit auf die Heerstrasse, auf der wir nun über M akrös oder Mikrögusi (75 Häuser) in 2 Stunden Karaföria erreichten. Schon von weitem ruhte unser von dem langen, nicht selten entsagungsvollen Ritte durch die Ebene ermüdetes Auge voll froher Erwartung auf der mit dichtem Baumkleide prächtig geschmückten Bergkette, die im Rücken von Kara-feria von den steilen Engen der Wistritza bis zum Tale der Nissia bei Wödena das Flachland im Westen lang abschliesst. Wie ganz anders sieht das Wermion Oros als die kahlen Berge im Norden und Nordosten der Kampania aus! Der Wald beginnt bereits kurz oberhalb Karaferia und erstreckt sich, alle Hänge einnehmend, bis hinauf zum Kamme »sechs Stunden weit«. Ihn bilden Eichen, aber auch Linden, Kastanien, Walnüsse, Platanen, Fichten und Buchsbaum, weiter oben Kiefern und Tannen. Die Macchia setzt sich auf den tieferen Lehnen aus Zizyphus, Paliurus Kermes-, Stein- und Eselseichen zusammen. Die weiten Reviere mit ihrem dichten Unterholz beherbergen insbesondere bei Xero-liwädi Schwarzwild, Bären, Wölfe und Schakale, im Nordwesten auch Edelhirsche und Rehe. Die Bärentreiber, die man überall in Makedonien antrifft, holen sich ihre Zöglinge aus den Wäldern von Karaferia, wo man Bären mit Stelleisen und Fallgruben nachstellt. Sehr rege, weil durch kein Gesetz gehemmt, ist die Niederjagd, die auch von Berufsjägern ausgeübt wird, unter denen die von Xeroliwadi eine seltene Gewandheit besitzen. Hasen, Fasanen,. Rebhühner, Wachteln, Krammetsvögel, Wildenten,Gänse, Schnepfen, Stein- und Blässhühner bevölkern das mannigfach gestaltete Gelände um Karaferia. Das Wild wird aus der Stadt teils lebend, teils erlegt nach Salonik und Konstantinopel versendet, von wo ein Teil auch ins Ausland exportiert wird. Decken von Hochwild sind in Karaferia ein geschätzter Ausfuhrartikel. Wildschweinschwarten werden, nur auf der Hautseite gegerbt, mit Vorliebe zu den landesüblichen Bundschuhen, Opanken, griechisch Tsa-rükia genannt, verarbeitet. Die Kammlinie des Wermion Oros ist nur wenig gegliedert. Ihre Mitte nimmt der stumpfe Kegel Türla (1800'") ein, "der den Höhenzug in den Agostös Dagh im Norden und in das Bergland von Karaferia im Süden scheidet. Auf einer der Terrassenfolgen, die das letztere in die Ebene vorschiebt1), liegt amphitheatralisch aufgebaut die Stadt. Die Strasse, die uns aus der Ebene zu ihr führt, steigt kurz vor der Stadt ziemlich steil an und zieht, schmal und schlecht gepflastert, durch die ganze Stadt bis zum Markte und der höchsten Terrasse, von der man die ganze Ebene bis an den Meeressaum überblickt. Ein viel verzweigtes Netz winkliger und enger Gassen spinnt sich auf- und niedersteigend links und rechts von uns aus. Die Häuser, zumeist dicht aneinander gereiht, präsentieren sich durch die vorspringenden oberen Geschosse gefällig und machen zugleich einen soliden Eindruck. Das letztere verdanken sie dem für die unteren Stockwerke fast durchgehends verwendeten Steinmaterial, einem Kalktuff, hier Puri genannt, von gelblichem Ton und grobem Korn, der an den griechischen Poros erinnert. Er bildet einen wesentlichen Bestandteil des Wermion und gestattet eine leichte Bearbeitung, so dass man dafür seine geringe Wetterbeständigkeit ') V. Hilber, Sitzungsberichte der Math.-naturw. Klasse der Kaiserl. Akademie der Wissenschaften CX 177, Cvijić, Osnove za geografiju i geologiju Makedonije i Stare Srbije I 384 ff. gerne in den Kauf nimmt. Er wird sogar für Pflasterungen und Eindeckungen benützt. Nach Ausweis alter Baureste beruht hier sowie überall im Bereiche des Wermion die Verwendung des Puri auf alter Tradition. Noch eine andere Gabe des Wermion ist es, die Karaferia anziehend macht: der grosse Wasserreichtum. Drei starke Bäche entquellen seinem Gehänge, stürzen in Kaskaden zur Stadt und rauschen durch sie und um sie, in zahllosen Kanälen durch Strassen, Flätze, Häuser, Höfe und Gärten geleitet, um dann, Mühlen treibend, Staubbächen gleich jäh in die Ebene zu fallen, wo sie noch zur Berieselung von Gärten und Feldern ausgenützt werden. Endlich befreit und zu dem Flüsschen Tripotamos vereinigt, gehen die Wasser von Karaferia in rulrgerem nordöstlichem Laufe dem Jenidsche-See zu.1) Die drei Bäche heissen in westöstlicher Abfolge I l'idschö, Ana Der 6 und Juftikö. Der mittlere ist der grösste und heisst deswegen »Mutterbach«. Der Juftiko ist der eigentliche Stadtbach. Reizend und für den orientalischen Keif geschaffen ist er unten, wo sich sein Lauf nach Norden der Ebene zuwendet. Der Ba :h schäumt hier über Felsen in einer tiefen, engen Rinne, die Platanen, Buchen und Weiden überschatten und deren Wände inrnergrünne Schlinggewächse ganz verkleiden. Holzstege führen ') Zwischen Heroia und Thessalonike führt Aelian h. a. XV 1 einen Fluss Astraios an. Da für alle selbständigen Flüsse zwischen Karaferia und Salonik die antiken Namen gesichert sind, macht seine l.okalisierung Schwierigkeiten. Tafel, De Thessalonica 312 f nimmt eine Verwechslung mit dem Axios-Wardar an; Leuke, Travels in Northern Greece Hl 292 f. 4(>ü gleicht ihn mit. dem Haliakmon-Wistritza und Oberhummer, Pauly-Wissowas Realenzyklopädie s. v. möchte in ihm den „jetzt Kotichas (Kutika) genannten nördlichen Zufluss des Haliakmon" sehen. Ich glaube, viel eher kommt dafür unser Tripotamos in Betracht, zumal da. worauf Oberhummer aufmerksam macht, bei Nonnos Dionys. XU 212 ff. eine Nymphe Astraia Amme der Heroine Berro.a genannt wird und die Bedeutung der den Tripotamos bildenden Bäche für Beroia-Karaferia aus unserer obigen Darstellung hervorgeht. Vgl. nun auch R. Kiepert, Formae orbis antiqui XVI Text 1 f. Aelian erzählt von dem Flusse, dass ihn ein bunter Fisch bewohne, d«r sich von einer Hippuris genannten Fliege nähre. Zu seinem Fange könnten sich aber die Anwohner der Fliege nicht bedienen, da er sie nicht annehme, wenn sie ihre glänzende Farbe durch Berührung verloren habe. Man habe also zu einem künstlichen, die Gestalt und Farbe der Fliege imitierenden Köder greifen müssen. Die Fliege ist vielleicht eine Libelle, die wir am Fusse des Wermion in verschiedenen Arten angetroffen haben. Ob ein der Nachricht Aelians entsprechender Fisch im Tripotamos vorkomme, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Es dürfte sich wohl um eine Forellenart handeln. in beträchtlicher Höhe über ihn und zahlreiche Kaffeehäuser ragen mit ihren wackligen Holzbalkonen einladend über den einlullenden Schwall. Eine andere derartige süsses Nichtstun gebärende Stelle besitzt Karaferia im Südwesten, wo auf stark ansteigendem Gelände eine kleine Terrasse in einen schattigen Park umgewandelt wurde, von dem man einen prachtvollen Blick auf die Stadt und die Ebene geniesst. Karaferia ist eine sehr ansehnliche, verkehrsreiche und auch Am unteren Juftiko in Karaferia. durch ihre Gewerbe und ihre Industrie hervorragende Stadt. Sie zählt etwa 2800 Häuser und 13.900 Einwohner, davon sind 5500 Mohammedaner, 5000 Griechen, 2000 Makedoromanen, 800 Zigeuner und 600 spanische Juden.1) Zu den Mohammedanern gehören auch etwa 1500 Lalioten aus Elis im Peloponnes. Diese, ein nach Morea eingewanderter und daselbst während der türkischen Herr- ') Vgl. G. Weigand, Die Aromunen 1219. 280, dessen Schätzungen jedoch zu niedrig ausgefallen sind. Schaft im XVII. Jahrhundert zum Islam übergetretener albanischer Stamm, hatten nach tapferer Abwehr griechischer Angriffe zur Zeit der Befreiungskämpfe ihre Ansiedlung Lala i. J. 1821 verlassen müssen und waren mit ihren Herden vorerst nach Patras gezogen. Dann Hessen sie sich in Thessalien nieder, um schliesslich zum Teil noch nördlicher zu wandern. Die Stadt zerfällt in 12 Viertel, die wir weiter unten anführen werden, und in die Vorstadt Wartisi, welche die Griechen Aus dem Judenviertel in Karaferia. innehaben. Nicht zu den angenehmsten, aber zu den interessantesten Quartieren gehört das vollkommen abgeschlossene Judenviertel, dessen dicht gedrängte, hohe Häuser am linken steilen Ufer des Juftiko durch ihre Verwahrlosung und ihre waghalsige Holzarchitektur sehr malerisch wirken. Das Treiben der Griechen und Makedoromanen oder Walachen lässt sich am besten auf dem Getreidemarkte beim Stadteingange beobachten und für die Mohammedaner kommt der dreieckige, mit mächtigen Platanen und einem Brunnen geschmückte Platz mitten in der Stadt in Betracht. Karaferia ist der Sitz eines Kaimakams, der der Wilajets-behörde in Salonik untersteht, eines mohammedanischen Scheichs, eines griechischen Metropoliten und eines jüdischen Rabbiners (Chachäm). An Lehranstalten besitzt die Stadt von Seiten der Griechen ein dreiklassiges Realgymnasium, eine sechsklassige Mädchenschule, eine vierklassige Volksschule und einen Kindergarten mit insgesamt 20 Lehrern und nahezu 1000 Schülern; von rumänischer Seite eine dreiklassige Schule mit 35 Schülern. Die Türken haben hier drei von etwa 250 Kindern besuchte Schulen und schliesslich unterhalten auch die Juden eine eigene Anstalt mit 40 Schülern. Ungeheuer gross ist die Zahl der Kirchen. Trotzdem bei der Feuersbrunst, welche i. J. 1862 die Stadt heimsuchte, 19 Gotteshäuser vernichtet wurden,1) bestehen noch heute 53 Kirchen und Kapellen, wovon 16 Hauptkirchen sind. Ich lasse hier, weil die Namen für kirchengeschichtliche Fragen von Wert sein können, eine genaue Liste derselben folgen. I. Viertel Kyriötissa: 1. Panaji'a Kyriotissa, 2. Panagüda, 3. Ajos Wlässios, 4. Aj. Andreas, 5. Panajia Gorgoepiköu. II. Phaneromöni: 6. Panajia Phaneromeni, 7. Panajia Waltissini, 8. Mikri Anargyri. III. Metropolis: 9. Aji Apostöli, 10. Pantokrätor, 11. Aja Anna, 12. Antiphoni'tis. IV. Dimftrios: 13. Aj. Dimitrios, 14. Aj. Theodöros, 15. Panajia Paläophoritissa. V. Makariötissa: 16. Aj. Stöphanos, 17. Aj. Nikölaos, 18. Evangelfstria, 19. Aj. Jörjos, 20. Aja Paraskewi, 21. Aj. Kyrikös. VI. Joännu: 22. Aj. Joännis Theolögos, 23. Aj. Christos, 24. Aja Phötida, 25. Aj. Nikölaos Gürnes, 26. Aj. Nikolaos Xilo-trawi'ktis. VII. Prophit Ufa: 27. Aj. Ili'as, 28. Aj. Anna, 29. Panajia Chryssopolitissa. ') Vgl. Delacoulonche, Memoire sur le berceau de la paissance Mac^donienne 182. VIII. Patäpios: 30. Mögas Sotfras, 31. Aj. Patäpios, 32. Aj. Nikölaos Psaräs. IX. Anargyron: 33. Möga Anargyri, 34. Aj. Wasflios, 35. Panajia Kyriötissa, 36. Panajia Perileptos, 37. Aj. Anna, 38. Aja Barbära. X. Antönios: 39. Aj. Antonios, 40. Aj. Wasi'lios, 41. Mägas Theolögos. XI. Jörjos: 42. Aj. Jorjos, 43. Aj. Nikolaos, 44. Aj. Spiry-dion, 45. Aj. Andreas. XII. Dexiäs: 46. Panajia Dexiä, 47. Aj. Nikolaos, 48. Aja Paraskewi, 49. Aj. Jorjos Taxiärchos, 50. Aj. Nikolaos, 51. Panajia Chawgiära, 52. Aj. Proköpios, 53. Exo Panajia. Der Feuersbrunst des Jahres 1862 fielen zum Opfer: 54. Ajos Nikölaos, 55. und 56. zwei Sotiroskirchen, 57. Aj. Konstantfnos, 58. Aj. Dimftrios, 59. Panajia Chryssowenötissa, 60. Aj. Spirydion, 61. Panajia Dexiäs apäno, 62. Panajia Phaneromäni, 63. Aj. Jo-ännis Theolögos, 64. Aj. Jörjos, 65. Panajia Pam'mnitos, 66. Aja Triäs, 67. Aj. Nikolaos Akatamächitos, 68. Aja Jerussalim, 69. Aj. Prodrömos, 70. Aja Kalipötra, 71. Aj. Taxiärchos und 72. Aj. Müchios. Ausserdem sind von den 14 Moscheen der Stadt drei ehemalige Kirchen. Die Babä Tek6 Dschamissi' und die Kasaktschi Dschamissi waren der Aja Paraskewi geweiht und die Unkiär Dschamissi bildete als Zwölf Apostelkirche die Metropolitankirche von Karaferia. In dieser befindet sich noch heute die alte Kanzel. Die Malereien sind erst kürzlich unter einer Kalkschichte verschwunden. Schliesslich bestehen noch 6 Klöster: Dowrä, Prophit Ilia, Aja Kalipötra, Mörtschali, Aji Pändes und Ajos Prodrömos. Von ihnen ist das letztgenannte dem Patriarchate direkt unterstellt; die übrigen hängen von der griechischen Kirchengemeinde in Karaferia ab. Von den 53 Kirchen gehören 52 den Griechen; die 53., Exo Panajia, wurde erst jüngst von der türkischen Behörde den Rumänen zugewiesen. Die Entstehungszeit der meisten Gotteshäuser ist unbekannt. Viele Legenden knüpfen sich insbesondere an die Kirche des hl. Antonios. Aus Karaferia gebürtig, hatte der Heilige in einer abgeschiedenen Höhle des Wermion-Gebirges, das auch sonst Ere- miten anzog,1) gelebt. Sein Tod war unbekannt geblieben; ein Wunder lenkte im Walde herumschweifende Jäger zu dem Leichnam. Da über die Begräbnisstätte Streit entbrannte, überliess man die Entscheidung einem von einem Ochsenpaare gezogenen Gefährte, auf das der Tote gebettet wurde. Das ungelenkte Gespann hielt in Karaferia. Dort wurde der Heilige bestattet; über seinem Grabe erhob sich die ihm geweihte Kirche. Der hl. Antonios wurde der Patron der Stadt, der sich bis auf den heuti-tigen Tag, auch seitens der Mohammedaner, grosser Verehrung erfreut. Aus weiter Umgebung der Stadt werden Geisteskranke in die Kirche gebracht, um bei seinen Gebeinen Genesung zu suchen. An die Kirche schliesst sich eine Irrenanstalt an. Wie der Schutzheilige von Salonik, St. Demetrios, hat auch der hl. Antonios einer grossen Messe den Namen gegeben, die am 17. Januar a. St. abgehalten wird. Die nun in die Unkiar Dschamissi umgewandelte Apostelkirche spielt in der Tradition über die Eroberung der Stadt durch die Türken eine Rolle. Eine grosse Zahl Christen schloss sich mit dem Bischof in ihr ein; ein Blutbad schien unausbleiblich, da die Türken bereits die Tore erbrachen. Im letzten Augenblicke gelang es dem Bischof, den Zorn der Ungläubigen auf sich zu lenken und die Gemeinde zu retten. Damals hielt auch die Panajia ihre schirmende Hand über die gottesfürchtige Stadt: die gleichzeitig an mehreren Stellen in die Häuser geschleuderte Brandfackel erlosch. Auch der hl. Antonios bewährte sich. Vor seiner Kirche machten die Türken halt, denn eine unsichtbare Macht bannte sie und raubte ihnen das Bewusstsein. Die Stelle des Einbruches der Türken in die Stadt soll die Jolä Geld! Dschamissf bezeichnen. Verraten habe Karaferia Hadschi Deka-tios. Sein noch immer unverwester Leichnam soll sich in einem unterirdischen Räume der Kirche Ajos Christos befinden. Ausser der oben erwähnten St. Antoniosmesse hat Karaferia noch einen zweiten Jahrmarkt, der am 1.—3. August a. St. abgehalten wird. Bekannt sind die hier erzeugten Hand- und Badetücher, Peschte-mäl und Makramä, die besonders in mohammedanischen Häusern in Verwendung stehen. Ihre Erzeugung ist aber in neuerer Zeit ') Kantakuzenos I 546. infolge der Einfuhr europäischer Fabrikate sehr zurückgegangen. Dafür nimmt die Produktion von gewebten Wolldecken (Wolendsös) und Wollstrümpfen erheblich zu. In der letzten Zeit sind sogar zwei Webereien mit Maschinenbetrieb errichtet worden. Wichtig sind die zahlreichen mit grossen Schaufelrädern betriebenen Tuchwalken am Fusse der Stadthöhe. Hier befinden sich auch einige Färbereien und Gerbereien. Nicht ohne Bedeutung sind die hiesigen Seilereien. Der Seidenraupenzucht hat man sich erst kürzlich intensiver zugewendet. Schliesslich verdienen zwei Sesamölmühlen und vier Getreidemühlen mit Wasserbetrieb erwähnt zu werden.1) Die Landwirtschaft produziert neben Getreide, Gemüse und Obst vornehmlich guten Tabak, Reis, Baumwolle und Opium. Die Viehzucht kommt weniger in Betracht, doch gelangen in neuerer Zeit Schweine zum Export. Die Stadt ist, wie noch ihr heutiger Name (griechisch Wöria und Wörria, slawisch Ber, türkisch Karaferia2) erkennen lässt, eine Siedlung von hohem Alter, denn ihre antike Bezeichnung Beroia, auch Berroia, wird dem thrakischen Sprachgute zugewiesen.3) Wie die Stadt so hat auch das Gebirge Wermion, auf dessen Gehänge sie seit Alters liegt, seinen antiken Namen Ber-mion oros*) bewahrt. Beide, Berg und Stadt, sind mit Sagen umhüllt. Am Fusse des ob seiner Kälte unersteiglichen Bermion lagen die Gärten des Midas. »Da wuchsen wilde Rosen, die sechzig Blätter hatten und deren Geruch andere Rosen übertraf.«6) In diesen Gärten wurde Silen gefangen. Die Rosenkultur hat im Bereiche des Wermion fast ganz aufgehört, aber ein altes Sprichwort sagt, die Türken liebten drei Dinge: die Pflaumen von Serbien, den Honig vom Hymettos und die Rosen von Karaferia. ') Vgl. Beaujour, Tableau du commerce de la Grece I 67; Cousinery, Voyage dans la Macedoine I 69; Leake, Travels in Northern Greece III 291. 2) Kara schwarz, dunkel. Die Stadt wurde wegen der dichten Baumumhüllung' so genannt. 3) Vgl. W. Tomaschek, Die alten Thraker II 2 58 f. 4) Strabo VII frg. 25 f., Ptolemaeus III 12, 16. ■") Herodot VIU 138, Strabo XIV 28. Die Gründung der Stadt wurde bald Pheron (makedonisch Beron1), bald Beroia, der Tochter des Makedoniers Beres, zugeschrieben.2) Geschichtlich wird Beroia zum ersten Mal i. J. 432 v. Chr. erwähnt. Nach Thukydides I 61 griff die Stadt der athenische Feldherr Kallias auf seinem Marsche von Pydna nach Potidäa an, doch musste er mit dem Landheere und der ihn begleitenden Flotte ohne Erfolg abziehen. Die Nachricht bot viel Anlass zur Kritik, die sogar zu der Annahme führte, dass damit nicht unser Beroia, sondern ein Beroia auf der Westküste der Chalkidike gemeint sei.3) Ich glaube, an einer anderen Stelle mit M. Duncker4) für die Richtigkeit der Überlieferung eintreten zu können. In einem auf der Akropolis zu Athen gefundenen Ehrendekrete vom Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. wird zum erstenmal inschriftlich Beroias gedacht.5) Im Sommer 288 wurde in der Stadt, allerdings nicht für lange, die Geschichte von ganz Makedonien gemacht. Pyrrhos besetzte sie und entriss von hier aus dem Könige Demetrios die westlichen makedonischen Landschaften. Als dieser vor Beroia erschien, bemühten sich auch die Stadtbewohner mit Erfolg, in dem makedonischen Heer für Pyrrhos Stimmung zu machen. Demetrios musste flüchten und der Epirote wurde zum König ausgerufen. Doch bald darauf kam Lysimachos von Thrakien und verlangte einen Anteil an der leichten Beute. Pyrrhos trat ihm, da er den Makedoniern nicht traute, den Osten seines neuen Besitzes ab.6) Anhänglichkeit kann auch späterhin Beroia nicht nachgesagt werden. Nach der Schlacht bei Pydna (168 v. Chr.) unterwarf sich die Stadt unter Mitwirkung einiger Höflinge des geschlagenen Perseus zuerst den ') Vgl. P. Kretschmer, Einleitung in die Geschichte der Griechischen Sprache 287 f.; 0. Hoffinann, Die Makedonen, ihre Sprache und ihr Volkstum 232. 2) Stephan. Byz. u. Beroia und Mieza. s) G. Grote, Geschichte Griechenlands III 367 ff. 4) Geschichte des Altertums IX 355. Vgl. Oberhummer, Pauly-Wissowas Kealenzyklopädie u. Beroia n. 2. 5) I. G. II. 5, 296 i; A. Wilhelm, Hermes XXIV 326 f. Plutarch, Pyrrhos 11 f. und Demetrios 44. Vgl. B. Niese, Geschichte der griechischen und makedonischen Staaten I 375 f. Römern1.) Bei der Auflösung des makedonischen Staates wurde sie dem dritten der neu errichteten Gemeindebünde zugewiesen, dessen Hauptstadt Pella ward.2) Livius3) nennt sie in dieser Zeit eine »nobilis urbs«. Auch Pseudo-Skymnus4) hebt sie und Pella »unter den vielen makedonischen Binnenstädten« ganz besonders hervor. Im Sommer 49 v. Chr. bildete Beroia das Hauptquartier des Pompejus, der hier selbst die Truppen für den bevorstehenden Entscheidungskampf mit Caesar ausbildete. Im Spätherbst des genannten Jahres wurde die Armee von hier an die adriatische Küste (mit Dyrrachium als Hauptquartier) auf der Via Egnatia vorgeschoben.5) Mit dieser alten, von den Römern frühzeitig in eine Militärstrasse umgewandelten Route stand Beroia nur durch eine Seitenchaussee über Pella in Verbindung, die von hier über Pydna nach Larissa führte.6) Deswegen nennt Cicero die Stadt in seiner i. J. 55 v. Chr. gegen L. Calpurnius Piso, der von 57 bis 55 Statthalter von Makedonien war, gehaltenen Rede7) ein »oppidum devium«. Diese namentlich im Verkehre mit Thessalonike-Salonik umständliche Landverbindung wurde, wie wir sehen werden, durch eine damals noch zu Gebote stehende Wasserstrasse wettgemacht. Dass die Stadt zu Beginn der Kaiserzeit kommerziell von Bedeutung war, beweist die hier bestehende Judenkolonie, die über eine eigene Kultstätte, eine Synagoge, verfügte. Im Jahre 54 oder 55 kam Apostel Paulus von Thessalonike hierher und gewann Juden und Griechen für das Christentum, so dass Beroia frühzeitig ein Bistum wurde.8) Die schnelle, heimliche Reise des Apostels von Thessalonike direkt nach Beroia, ferner der Um- >) Livius XLIV 45. 2) Livius XLV 29. 3) Ebenda 30. 4) V. 624 f. 5) Plutarch, Pompeius 64. Mommsen, Römische Geschichte III 414; G. Veith, Geschichte der Feldzüge C. Julius Caesars 303. 6) Itinerarium Antonini 328, 4; Tabula Peutingeriana; Geographus Raven-nas 194, 16 = 374, 2. Vgl. Ptolemaeus III 12, 36; Plinius n. h. IV 33, VI 216. ') 89. 8) Apostelgeschichte 17, 10 ff. A. Harnack, Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten II 73. 197. stand, dass sein hiesiger Aufenthalt in Thessalonike so bald bekannt wurde und von dort eine Gegenaktion hervorrief, und die ausdrückliche Nachricht, dass die Brüder den Apostel, um ihn den Nachstellungen zu entziehen, »seinen Weg nach dem Meere hin nehmen Hessen«, sprechen dafür, dass die Stadt auch zu Schiff erreicht werden konnte. In diesem Zusammenhange ist von Interesse, dass mir eines der älteren Gebäude innerhalb der Stadt als die gewesene Hafenmeisterei bezeichnet wurde und alte Karaferioten erzählten, dass ihre Grosseltern (also vor 6 Generationen) grössere Segler die Wistritza bis vor Karaferia herauffahren gesehen haben sollen. Ausser den, wie überhaupt im Reiche, konsolidierteren, die Produktion und den Handel fördernden Verhältnissen gab die Kaiserzeit Beroia, wo sich ein eigener Verband römischer Bürger befand,1) auch eine die übrigen Städte Makedoniens, Thessalonike ausgenommen, überragende Bedeutung dadurch, dass es,währendThessalonike auch fernerhin Provinzialhauptstadt blieb, aller Wahrscheinlichkeit nach bereits seit Augustus der Sitz des makedonischen Landtages wurde.2) Zu den alljährlichen Beratungen und Festen fanden sich Abgeordnete aller Gemeinden der Provinz ein; nur Amphipolis und Thessalonike gehörten als civitates liberae diesem Verbände nicht an; die Hauptstadt geriet sogar mit ihm nicht selten in Widerstreit. Die Versammlungen fanden auf einer dem Landtage gehörigen Feststätte statt, deren Mittelpunkt, „ da die Zusammenkünfte vornehmlich der Betätigung der Loyalität galten, der dem Kaiserkulte gewidmete Tempel war. Ausserdem besass Beroia seit Kaiser Nerva, der der Stadt den Titel einer Metropolis verlieh, einen, unter Elagabal, in der ersten Zeit Severus Alexanders sowie unter Gordianus III und Philippus zwei eigene Kaisertempel, bei denen während der Landtagssession ebenfalls Festlichkeiten veranstaltet wurden. Besonders prunkvoll waren die Versammlungen zu Beroia im Spätherbst des Jahres 242 anlässlich der Anwesenheit des Kaisers Gordianus und im ') E. Kornemann, Pauly-Wissowas Realenzyklopädie u. Conventus 1185. 2) Zu dem Folgenden vgl. die Vortrefflichen Studien H. Gaeblers über die makedonischen Münzen in der Zeitschrift für Numismatik XXIV 251 ff., XXV 1 ff. Die antiken Münzen Nordgriechenlands III 1 S. 22 ff und Nomisma I 23 ff. Frühjahr 244 zu Ehren des Kaisers Philippus, der die Stadt ebenfalls durch einen Besuch ehrte. In diesen Jahren sowie noch ein drittesmal, 246 n. Chr., prägte die Stadt eigene Festmünzen. Die Kaiserverehrung knüpfte auch hier an einen bereits im Volke wurzelnden Kult an: an das Andenken des grössten Sohnes Makedoniens, und beide, Alexander und Kaiserkult, blieben in Beroia eng verbunden. Münzen der Stadt zeigen die Kaisertempel und die dem Könige errichtete Statue. Andere Kulte lernen wir aus Inschriften kennen, so den der Eunomia und der Isis Lochia.1) Auf einem augenscheinlich von einem Altar herrührenden Bruchstücke, das ich an dem zum Bahnhof führenden Wege gefunden habe, scheint Artemis genannt zu sein.2) Nach all diesen Andeutungen war Beroia im Altertume eine auch durch die Kunst sehr verschönte Stadt. Dass sie gross und volkreich war, sagt Lukian ausdrücklich.8) Der Bevölkerung nach blieb sie im Gegensatz z. B. zu Pella im wesentlichen stets griechisch. Im Jahre 474 n. Chr. wurden in Beroia wie noch in sechs anderen makedonischen Städten, die Thiudimer sämtlich durch Vertrag erhielt, Ostgoten angesiedelt. Doch schon nach kurzer Zeit wurden die Sitze des Volkes unter Thiudimers Sohne, dem nachmaligen grossen Theoderich, an die untere Donau verlegt.4) Wechselvoller als in der römischen Kaiserzeit sind die Schicksale Beroias im Mittelalter. In den Existenzkampf der die Halbinsel neufüllenden Völker und Staaten wurde auch unsere Stadt gezogen. Trotzdem endete ihre Blüte damit noch nicht. 896 durch ein Erdbeben stark in Mitleidenschaft gezogen,5) »mangelte ihr nichts, um reich und glücklich zu sein«.6) Die Bevölkerung im Stadtgebiete und auch in der Stadt bekam aber einen neuen Einschlag. Die Ebene zwischen Beroia und Salonik besetzten die slawischen Dragowitschen und Sagudaten.7) Die Landschaft bei >) Delacoulonche, Memoire sur le berceau de la puissance Macedonienne 46. 2) Athenische Mitteilungen 1902 316 n. 36. s) Luc. sive Asin. 34. 4) Jordanes, Getica 132, 9, der die Stadt Bereu nennt. Vgl. L. M. Hartmann, Geschichte Italiens im Mittelalter I 65 ff. 5) Kameniates 14. 6) Kantakuzenos II 351. III 120. Vgl. Kameniates 6. 7) Vgl. Tomaschek, Zur Kunde der Hämushalbinsel IV 477. Beroia wird Dragabitia genannt.1) Im Jahre 812 nahmen die Stadt ohne Widerstand Bulgaren in Besitz2) und behaupteten sich hier wie auch in Wodena, das einer ihrer Hauptorte in Westmakedonien wurde, bis 1001, in welchem Jahre der Kaiser Basileios II Bulgaroktonos in dem mächtigen Ringen mit Zar Samuel auch die beiden Städte wieder mit dem byzantinischen Reiche vereinigte.8) Unser Ort wurde aber von den anwohnenden Slawen beständig bedroht, so dass es Basileios 1017 unternahm, die Mauern auszubauen.4) Dadurch wurde Beroia für lange Zeit ein Stützpunkt des Reiches gegen die von Norden eindringenden Feinde.5) So hielt sich hier im Winter 1122 Kaiser Johannes II Komnenos auf6) und zweimal, 1149 und 1152, bezog hier dessen Sohn Manuel I das Winterquartier.7) Zur Zeit der lateinischen Herrschaft über Byzanz gehörte Beroia zum Königreiche Thessalonich.8) In den Kämpfe n nach dem Tode des Paläologen Andro-nikos III, in welchen der Reichsverweser Johannes Kantakuzenos als Kaiser Johannes VI nach der Herrschaft strebte, blieb Beroia dem legitimen Kaiser treu. Ein Versuch im Frühjahre 1342, sie zu nehmen, scheiterte an der Tapferkeit des Kommandanten Vatatzes.9) Erst als die Serben, welche damals unter Stephan Duschan den Höhepunkt ihrer Macht erreichten, die Stadt bedrängten, ergab sich i. J. 1343 Vatatzes dem Kantakuzenos, der den Ort mit deutschen Söldnern besetzte, die früher den Serben gedient hatten. 1347 fiel die Stadt dennoch den Serben in die Hände, die hier Landsleute ansiedelten. 1349 kam sie wieder in griechischen Besitz.10) Aber immer wieder fielen neue Scharen ') C. Jirecek, Geschichte der Bulgaren 120. 2) Theoph. 6304, Kameniates 14. 3) Kedrenos II 452, Zonaras XVII 8 B. Jirecek a. a. O. 194. 4) Kedrenos 465. 5) Kinnamos III 7 f., Choniates I 4. 6) Kinn. III 3, Chon. I 4. 7) Kinn. III 11. 19. 8) E. Gerland, Geschichte des lateinischen Kaiserreiches von Konstantinopel I 56. 180. 0) Kantak. III 32. Greg. XIII 1. w) Kantak. III 54. 57—62, IV 4. 18. 20; Greg. XIII 5.6.8, XVI 1. über die vielbegehrte Stadt her. 1359 besetzte sie Radoslaw Chla-pen, einer von den zahlreichen kleinen Potentaten, die nach dem Tode Duschans das serbische Reich zerteilten. Ihm wurde sie wieder von Symeon Urosch, dem Beherrscher Thessaliens, entrissen.1) Erst die Eroberung durch die Türken unter Lalas'chahin i. J. 1373/4 schuf auch hier dauernde Verhältnisse.2) Beroia, nun Karaferia, wurde entfestigt. »Karaferia hat jetzt keine Mauern, aber Moscheen, Bäder, Gärten und Reisfelder. Obst und Reis sind hier vortrefflich. Der schöne rötliche Marmor, der zu Prachtgebäuden verwendet wird, kommt aus dieser Gegend«, meldet Hadschi Chalfa von der neuen Periode. Aus der serbischen Zeit Karaferias besitzen wir vom oben erwähnten Kaiser Johannes VI Kantakuzenos,3) der später als Mönch Memoiren schrieb, interessante Angaben über die damalige Befestigung der Stadt. Als sie die Serben i. J. 1347 besetzten gingen sie sofort daran, hier eine feste Stütze ihrer Macht in Makedonien zu schaffen. 10.000 Mann arbeiteten an den Befestigungen, die sehr umfassend angelegt wurden, da in Kriegsnöten auch der gesamte serbische Viehbesitz hinter ihnen nicht bloss Sicherheit sondern auch Weide finden sollte. In der oberen Stadt befanden sich zwei Akropolen, eine grössere und eine kleinere. Von oben lief die Stadtmauer an Badehäusern vorbei den Berg hinab. Sie war durch Türme verstärkt, von denen einer hoch, zwei andere dagegen unbedeutender waren. Zwischen den Türmen war die Mauer von gleichmässiger Stärke und mit doppelter Brustwehr versehen. Von den Toren werden zwei genannt, die Basilike pyle und die Opsikkiane pyle, von denen das erstere in die grosse Akropole führte. Die Arbeiten wurden jedoch nicht vollendet, da die Stadt den Serben 1349 verloren ging. Ob sie je wieder aufgenommen wurden, ist unbekannt; überliefert ist, dass der Umfang der. Stadt 2150 byzantinische Ellen betrug.4) Von diesem Mauerbau sind noch heute ansehnliche Reste erhalten. Im Nordosten der oberen Stadt stehen einige Mauerteile, ') Kantak. IV 43. Vgl. Tafel, De Thessalonica 58 f. '252. 312; Oberhummer, Pauly-Wissowa u. Beroia. -') Hadschi Chalfa, Rumeli und Bosna 86. IV 118—124. J) Sp. I.ambros, Neos Hellenomnemon I 243. die eine mittlere Stärke von etwa 3 m haben. Südwestlich davon ragt der oben hervorgehobene Turm noch imposant, etwa 14 m hoch auf. Von quadratischem Grundrisse mit etwa 10 m Seitenlänge ist er aus Tuff- und Marmorquadern, alten Werkstücken, Lesesteinen und Ziegeln aufgeführt. Kräftige Pfeiler stützen den Bau seiner ganzen Höhe nach auf zwei Seiten. Fenster und Schiessscharten befinden sich erst im oberen Drittel des Turmes. Oben umsäumt eine krenelierte Brustwehr das flache Mittelalterlicher Turm in Karaferia. Dach. Der Bau ist von einer über 3 m hohen Mauer umgeben, die nur durch ein Tor in den kleinen, mit Bäumen und Sträuchern verwachsenen Hof Einlass gewährt. An der ursprünglichen Anlage haben die Türken innen und aussen manches geändert, denn der Turm diente später als Gefängnis, Festung, Pulverkammer und schliesslich als Magazin. Jetzt ist er dem Zerfalle preisgegeben. In der Nähe dieses Turmes war noch vor nicht langer Zeit einer der oben notierten kleineren Türme erhalten. Bei seinem Abbruche kamen antike Grabsteine und Architekturstücke zum Vorschein. Die Stelle wird jetzt durch einen über 15 m hohen Uhrturm bezeichnet. Die Karaferioten schreiben die Erbauung des grossen Turmes dem grausamen Abdulabud zu, der 1820 die Halbinsel Chal-kidike von Insurgenten säuberte und im .April 1821 Karaferia ohne Widerstand einnahm. Daneben erzählt eine Sage, dass in dem Turme einst eine verwaiste Königstochter namens Veria oder Virginia von Ungeheuern bewacht wurde, bis endlich ihr Auserwählter mit seinen Recken erschien und sie befreite. In der Nähe des oben erwähnten Uhrturmes erhebt sich bei der Tschailais-Moschee auf einem von Zypressen umgebenen mohammedanischen Betplatze eine siebenstufige Kanzel, von welcher Apostel Paulus den neuen Glauben verkündet haben soll. An antiken Resten ist in Karaferia, wie es bei der steten Besiedlung begreiflich ist, über Tag nicht viel vorhanden. Immerhin ist die Stadt nächst Salonik der wichtigste Fundplatz Makedoniens.1) Die alten Baureste ruhen zumeist unter den jüngeren Kultbauten. Die Hadschi Beos Efendi Dschamissi steht auf den Substruktionen eines Gebäudes, von dem grosse Quadern zu den Mauern der Moschee wiederverwendet wurden. Auf dem Bauplatze der Kütschük Bey-Moschee kamen Gewölbe zum Vorschein. Die Stelle der Kirche des Ajos Taxiarchos soll einen Heraklestempel bezeichnen. Auch die Nikolaos-, Kyrikos- und die Panajia Kyriotissakirche sowie die Reste der Muchios- und der Triaskirche scheinen auf antiken Fundamenten zu stehen. Architekturstücke, Säulenschäfte, Kapitale, Architrave und Türgewände trifft man, losgelöst von ihrem ursprünglichen Verbände, auch in Privathäusern und Höfen an. Ein sehr ansehnliches Depot antiker Überbleibsel ist der ausserhalb der Stadt liegende jüdische Friedhof. Die mit hebräischen Inschriften versehenen Grabsteine sind fast ausschliesslich alte Grabstelen, Basen, Säulenschäfte, Architrave, Friese usw. Es gelang mir in diesem bereits bekannten Lapidarium einige neue griechische Sepulkralinschriften zu finden, die in den Mitteilungen ') Nachr. des Russischen Arch. Instituts zu Konstantinopel IV 166. des Deutschen Archäologischen Instituts in Athen 1902 S. 315 veröffentlicht wurden. Von Interesse sind hier auch einige noch unvollendete Grabsteine, besonders aber mehrere augenscheinlich von einem Dache herrührende Marmorplatten von etwa 3 m Länge und 0'55 m Breite, auf welchen 0'95 m lange Hohlziegel mit einer solchen Adhäsionsfähigkeit übereinandergreifend angebracht sind, dass sie mit dem Steine ein Ganzes zu bilden scheinen. Da weder ein Bindemittel zwischen dem Marmor und den Ziegeln zu erkennen noch anzunehmen ist, dass die Ziegel auf dem Marmor selbst gebrannt wurden, weil dieser kalziniert worden wäre, vermag ich die Tatsache nur mitzuteilen. Der Marmor, der in Karaferia zur Verwendung kam, ist immer von der gleichen Gattung. Er weist eine mittelstarke Körnung auf, ist sehr weiss und fein blau geädert. Er entstammt den Marmorgängen des Wermion, die in bedeutender Höhe und in grosser Entfernung von der Stadt zutage treten. Der Bruch, der den gegenwärtigen geringen Bedarf deckt, soll sehr primitiv betrieben werden; die Erzeugnisse sind teuer. Im Altertume haben die hiesigen Marmorbrüche das ganze Innere Makedoniens versorgt; die Küstenstädte bezogen dagegen den Marmor bequemer und billiger von der Insel Thasos. Östlich von Karaferia, aber bereits auf dem rechten Ufer der Wistritza befindet sich bei dem Dorfe Palatitza eine namhafte antike Ruinenstätte, die insbesondere durch L. Heuzey und H. Dau-met bekannt geworden ist.1) Um sie und damit einen Teil der alten Landschaft Pieria kennen zu lernen, unternahmen wir, mit einer Empfehlung an den Besitzer des Tschiftliks in Palatitza ausgerüstet, dorthin einen Tagesausflug. Der Ritt war in der unmittelbaren Nähe der Stadt nicht angenehm. Der enge Weg, der wie die ihn kreuzenden zugleich das Bett eines Regenbaches ist, führt zwischen hoch umhegten Gemüsegärten, Feldern und Baumanlagen, die jede Aussicht versperren. Anfänglich nur vereinzelt, dann aber immer ausgedehnter treten Mais-, Hanf-, Flachs-, Baumwoll-, Tabak- und Maulbeerpflanzungen auf und zeugen von ') Heuzey, Le mont Olympe et 1' Acarnanie 189 ff. und Un palais grec en Macddoine. Comptes rendus de 1' Acad. d. Inscr. et Belles-lettres 1872 71 sowie Heuzey et Daumet, Mission archeologique de Mac^doine 175 ff. der Ergiebigkeit der Umgebung Karaferias. Erst als sich der Weg nach Südosten wandte, wurden wir auf welligem Terrain der Beengung ledig und sahen nun die dunkle, von schroffen Felsen gebildete Schlucht, durch welche die Wistritza in die Ebene rauscht. Im Südosten baut sich stufenförmig, von grünen Laubwellen überflutet, der Skuliäri, der letzte nordwestliche Ausläufer des Olympos, auf. Durch die Schlucht wird der Schienenweg gehen müssen, der das türkische Bahnnetz mit dem griechischen zu verbinden haben wird, obschon die Griechen mit dem Baue ihrer Verbindungsstrecke in einer anderen Richtung, nämlich von Larissa durch das Tempetal nach Tsagesi am Golf von Sa-Ionik begonnen haben. Das Tal der Wistritza ist reich an Eisen- und Chromerzen, die besonders am rechten Ufer, im Gebiete von Wässowo abbauwürdig sind. Bis dorthin ist bereits ein lokaler Schienenstrang geplant gewesen, doch auch hier erwies sich der Unverstand stärker. Nach fünf Viertelstunden erreichten wir den Fluss an einer verbreiterten Stelle, wo er eine geröllreiche, mit Gestrüpp bewachsene Insel aufgeschüttet hat. Die Wasserführung war so gering, dass wir ihn bequem durchreiten konnten. Am rechten Ufer waren noch weithin die Wirkungen des letzten Hochwassers erkennbar. Nach weiteren drei Viertelstunden passierten wir das in 100 m Seehöhe liegende, nur 10 Häuser zählende Dorf Bärbesch. In den Mauern sahen wir bereits hier Puri-(Tuff-)quadern und Marmorfragmente, die aus dem nur 3 km entfernten Palatitza stammten. Auf halbem Wege zwischen den beiden Dörfern kamen wir über ein ausgedehntes Feld, das wie von Maulwürfen aufgewühlt mit einer Unzahl tumulusartiger Erhabenheiten besetzt ist und deswegen den Namen Tümbes führt. Nach Übersetzung eines trockenen Bachbettes erreichten wir unser Exkursionsziel. Palatitza liegt 125 m über dem Meere zwischen zwei Wildbächen und besteht nur aus 30 Häusern, aber nicht weniger als vier Kirchen (Panajia, Ajos Athanäsios, Ajos Dimitrios und Aja Paraskewi), ein Beweis für eine bedeutendere Vergangenheit des Ortes. In allen Gotteshäusern sind antike Architektur- und Skulpturreste teils vermauert, teils in den Höfen aufgestapelt. Ein Priester übernahm dank der Vermittlung . des Gutsbesitzers unsere Führung durch die Ruinenstätten. Zunächst gingen wir auf das Tumbesfeld zurück, das sich in der Tat als eine ausgedehnte Nekropole erwies. Nach etwa einer Viertelstunde wurden wir auf ein Loch aufmerksam gemacht: es führte durch die Decke in ein Grabgewölbe. Dieses besteht aus einem 3'90 • 1 "44 m messenden Vorräume und der 3'90 :3"00 m grossen und 3'50 hohen Grabkammer, die durch eine Das Wohnhaus des Gutsbesitzers in Palatitza. dem ehemaligen Eingange in den Vorraum gegenüberliegende Tür kommunizieren. Der Bau ist aus Tuffquadern aufgeführt; die Türgewände und -Stürze waren dagegen aus schön profilierten Marmorbalken hergestellt. Die Wände bedeckte eine starke Stuckschichte, auf der sich noch Spuren einer kontrastreichen Malerei erkennen Hessen. Der Fussboden besteht aus rotem Gussestrich. In der Grabkamrrier befanden sich zu beiden Seiten der Tür Marmorpodien, auf denen die marmornen kunstvoll gearbeiteten Betten der hier Beigesetzten standen. Alles ist arg verwüstet. Die Türumrahmungen und Klinen liegen zerschellt in den mit eingedrungener Erde bereits zum Teil gefüllten Räumen herum. Die Bronzebeschläge sind sämtlich abgerissen.1) Nur wenige Schritte von dieser Grabanlage nach Süden befindet sich ein kleiner Tumulus. Ein besonders stattlicher, an 40 m hoher und etwa 350 m im Umfange messender Hügel, Mega Tumba genannt, liegt zwischen den Orten Barbesch und Kütles. Auf ihm sieht man eine trichterförmige Vertiefung, die von dem Einstürze eines offenbar sehr geräumigen Hohlraumes herrührt. Einige grössere gewölbte Grabkammern sind bereits für Hausbauten in Palatitza abgetragen worden. Dass die Nekropole aber noch eine systematische Untersuchung lohnen würde, zeigen die Funde der herumschürfenden Bauern. Erst kürzlich war man nach einem Regen auf zwei Gräber gestossen, die Schmuckgegenstände und Münzen enthielten. Über das Tumbesfeld führt auch ein Mauerzug, den ich für einen Aquaedukt halten möchte. Südöstlich davon wurden uns die Reste einer kleinen antiken Brücke gezeigt. Westlich von der Nekropole soll der Isbä genannte Feldkomplex von kleinen Mauerzügen durchsetzt sein. Grosse Quadern und einige Marmorstücke liegen zutage. Von hier zieht sich eine grosse Umfassungsmauer längs des Baches von Kutles den Abhang des Skuliari weit hinauf, wo sich eine Akropole befand, zu der das noch kenntliche Tor »Paläoporta« gehörte. Schliesslich wurden wir zu der 10 Minuten südöstlich von Kutles befindlichen Ruine eines grossen, nach Osten orientierten antiken Gebäudes geführt, auf der die nun ebenfalls zur Ruine gewordene Kirche Aja Triäda steht, deren Malereien zufolge einer Inschrift bereits i. J. 1495 eine Restaurierung erfahren haben. Es ist dies der Palast, das Paläti, welches dem Dorfe Palatitza den Namen gegeben hat. Sein Standort, allem Anscheine nach künstlich geebnet, schiebt sich wie eine Bergnase vor und gewährt bei 205 m Seehöhe einen weiten Blick auf die Ebene, im Norden bis zum Pa'fk-Gebirge. Überall liegen Quadern, kannelierte Säulentrom- >) Eine Zusammenstellung- analoger Bauten bietet die Dissertation Iv. G. Vollmöllers, Griechische Kammergräber mit Totenbetten. Bonn 1901. mein, dorische und ionische Kapitale, Architrave und Triglyphen herum. Sie bestehen aus Kalktuff, nur wenige Bauglieder sind aus Marmor. Doch bezeugen sie im Verein mit der Ausdehnung der Substruktionen — auf 78 m Länge eine Tiefe von 110 m — und dem Grundrisse, dass hier einst ein monumentales Gebäude gestanden hat. L. Heuzey hat ihm, i. J. 1855 aufmerksam gemacht, 1861 mit dem Architekten H. Daumet eine vierzigtägige Ausgrabungskampagne gewidmet und ist zu der Vermutung gelangt, dass es sich hier um ein Prytaneion aus der Zeit Philipps II von Makedonien handle. Die durchwanderten Ruinenstätten erweisen den Bestand einer grösseren antiken Stadt bei Palatitza. Wie sie geheissen hat, steht noch nicht fest. Heuzey1) ist geneigt, hier die bei Ptole-maeus III 12 37 Vallai, bei Stephanus Byzantius s. v. Balla genannte pierische Stadt, deren Bewohner bei Plinius n. h. IV 34 Vallaei heissen, anzusetzen. Auf dem Rückwege nach Karaferia fanden wir auch in dem kleinen, nur 12 Häuser zählenden Dorfe Kütles Quadern, die aus der alten Stadt stammen. ') Le mont Olympe 201 f. und Mission archeologique 181 f. Vgl. Oberhummer, Pauly-Wissowas Realenzyklopädie u. Balla. II. Niausta - Wodena - Jenidsche-Moglena-Paik-Pella-Salonik. Nach herzlicher Verabschiedung von dem wohlhabenden Kaufmanne Nikola Sterio, der mich in Karaferia in der liebenswürdigsten Weise gefördert hatte und noch für die Weiterreise Sorge trug, wandte ich mich aus der Stadt, welche die Geschichte Makedoniens in allen Phasen widerspiegelt, nach dem Westsaume der Ebene. Der staubige, erst später schattige Weg übersetzt in der Nähe der isolierten Eisenbahnstation von Karaferia das Flüsschen Anä Derö auf einer hübschen Bogenbrücke (S. 49) und erreicht in einer Stunde das aus 30 Häusern und einer Kirche der Aja Paraskewi bestehende Dorf Turkochöri (115 m). Eine halbe Stunde nordwestlich liegt in einer freundlichen Mulde das Dörfchen Jawörnitza (12 Häuser, 170m)- Das in der Nähe der Bahnlinie befindliche Dorf Dölno Kupänowo oder Küpan (40 H., 95 m) machte im Vergleich zu den beiden vorgenannten einen recht armseligen Eindruck. Dafür wurde des Gelände, je mehr wir uns über das Tschiftlik Horopän (15 H., 190 m) der Stadt Niäusta näherten, um so freundlicher. Auf den Lehnen des Wermion dehnen sich Weingärten aus und in der Ebene reihen sich Wiesen, Mais- und Getreidefelder aneinander. Wo der Boden nicht unter Kultur steht, spriesst ein prächtiger Blumenflor, der von Tausenden von Bienen umschwärmt wird. Die Bienenzucht wird hier mit Fleiss betrieben und der hiesige Honig wird be- sonders geschätzt.1) In allen Dörfern und Gutshöfen am Fusse des Gebirges stehen in langen Reihen Bienenstöcke, die aus Weidenruten, Stroh und Lehm recht primitiv hergestellt sind. Im Frühjahr bringt man die Stöcke zu Wagen auf die Wiesen der Ebene; wenn diese abgeblüht haben, wandern sie auf die Hänge und steigen mit der fortschreitenden Jahreszeit, der Blumenblüte folgend, immer höher. Analog ist die Fürsorge für die Bienenweide auf der Chalkidike und auf Thasos; dort wer- Brücke über den Ana Dere bei Karaferia. den die Stöcke auf Kähnen von Bucht zu Bucht gefahren. Der Honigertrag wird dadurch ganz erheblich gesteigert. Überraschend niedrig ist der Preis: 1 Oka (1 '28 kg) kostet nur 3—4 Piaster (60—80 Heller). Der grösste Teil wird im Lande selbst verwendet, insbesondere zur Bereitung des Scherbetts, des jedem Orientreisenden bekannten erfrischenden Getränkes. Der Überschuss wird in Ziegenhäuten, Ghödeks, nach Griechenland und den Inseln des Ägäischen Meeres ausgeführt. Bei Horopän übersetzten wir den dem Jenidsche-See zugehenden Fluss Kutikä auf einer alten Brücke und bogen bald darauf nach Westen, zu der oberhalb der Quelle Werriotiki Wrysi befindlichen Stalaktitenhöhle ab, weil hier die antike, durch ihre Grotte bekannte Stadt Mieza1) angesetzt wurde.2) Wir vermochten jedoch keine dafür sprechenden Reste aufzufinden. Die Höhle ist nach den Spuren von Heiligenbildern auf den Wänden eine alte, noch jetzt viel besuchte Kultstätte des Erlösers (Paläo-Sotiri.) Von Horopän beträgt die Entfernung nach Niäusta nur IV2 Stunden. Man gelangt bald auf die breite Fahrstrasse, welche die Stadt mit ihrer 7 oder 8 km südöstlich liegenden Eisenbahnstation verbindet. Je näher man kommt, desto klarer wird die Weinberühmtheit der Stadt: ein Weingarten schliesst sich auf den sanft geböschten Hügelwellen an den anderen an. Alle zeugen von tadelloser Pflege. Es wird hier ein schwerer, herber Rotwein produziert, der auch ins Ausland seinen Weg findet. Der höchste Ertrag soll bis jetzt 240.000 Oka betragen haben. Die Strasse steigt erst nur allmählich an; die letzte Strecke musste aber durch Serpentinen überwunden werden, denn auch Niausta liegt, im Westen von dem eintönigen Kamme des Ago-stös-Gebirges und dem Türla-Kegel abgeschlossen, hoch über der Ebene auf einem, Plateau, das mit zwei Stufen steil nach Osten abfällt. Die Ähnlichkeit unter den drei Städten am Westsaume der Makedonischen Ebene Niausta, Karaferia und Wodena, von denen die erste fast genau in der Mitte zwischen den beiden anderen liegt, ist auffallend. Sie stimmen nicht bloss in der Lage überein, auch die Disposition, die Einrichtungen und die Bilder des Inneren sind typisch. Auch in Niausta eilen durch die Gassen und Häuser Wasserläufe, welche das Flüsschen Aräbitza oder Ma-wronerö aussendet und die, von der Stadterrasse herabgestürzt, unten in einem engen Rieselnetze Gärten und Plantagen befruchten. Der malerischen Schönheit des Juftiko-Grabens in Ka- ') Vgl. die Stellen bei C. Müller, Ptolemaeus III 12, 36. -) Delacoulonche, Memoire sur le borceau de la puissance Macedonienne 39. raferia entspricht hier die unten felsige, oben von jungen Eichen eingefasste Schlucht der Arabitza im Westen der Stadt. Von Interesse ist die Verwendung des Stadtflüsschens in der Kellerwirtschaft. Da die Aushöhlung von Kellern in dem Felsboden grosse Mittel erheischen würde, werden die grossen Weinfässer in den Häusern über eingeleitete Arabitzarinnen gelegt. Ein prächtiger, aussichtsreicher Punkt ist das sog. Tekö im SO der Stadt. An ihn knüpft sich auch die älteste Erinnerung der noch jungen Stadt, die türkisch Agostös, slawisch Negüsch genannt wird. Ihre Anfänge werden nicht über das XV. Jahrhundert hinaufgeführt.1) Damals soll sich ein Scheich namens Leäj der Lehrer der Kinder des türkischen Eroberers Hadschf Gasi Ahmöd Ewrenös, diese Stelle zu einer stillen Klause ausgewählt haben. Ein ewiges Licht bei dem Teke, für welches aber 900 Piaster dem Staate als Steuer entrichtet werden mussten, dankte dem Gründer des Ortes. Die Ansiedlung erhielt durch einen kaiserlichen Ferman die Rechte einer Freistadt, EIeütherochorfa. Die Bevölkerung war rein griechisch. Die türkische Macht repräsentierten nur ein Gouverneur und der Kadi. Die Verwaltung übten zehn griechische Archonten aus, deren Oberhaupt aber an Willkürakten türkischen Despoten nicht nachstand. Besonders ereignisreich ist die Geschichte der Stadt zu Beginn des XIX. Jahrhunderts. Niausta wurde während der griechischen Freiheitskämpfe durch den tapferen Saphiräkis ein Herd der makedonischen Bewegung. Zuerst wurde ein Angriff Ali Paschas von Janina zurückgewiesen und die Stadt mit Mauern und Vorräten ausgerüstet. Aber nach dreimonatlicher Belagerung und mehrmaligem Sturme gelang es Ali den Platz zu nehmen. Saphirakis floh mit 50 Getreuen über Jenidsche und Salonik auf den Athos. Nach kurzer Zeit kehrte er wieder zurück. In seinem eigenen Hause erschlug er im Herbste 1820 einen Abgesandten des Fürsten Ipsilanti, Demetrios Hypatios, der Briefe an Ali Pascha bringen sollte, und übergab die entwendeten Schriftstücke ') Vgl. Leake, Travels in Northern Greece III 284, der den Namen Niausta, auch Niagusta (Byzant. Zeitschrift 1898 71) von Nea Augusta abzuleiten sucht. Ausserdem Pouqueville, Voyage de la Grece III 95, Cousinery, Voyage dans la Macedoine II 95, Delacoulonche a. a. O. 32. 178. Mahmud von Drama, einem mächtigen Feinde des Epiroten. Als dann der uns bereits von Karaferia1) her bekannte Abdulabud nach vollständiger Unterwerfung Ostmakedoniens heranrückte, Saphirakis Sohn als Geissei forderte und Niausta mit 500 Osma-nen zu besetzen drohte, wurde die gesamte griechische Bevölkerung des Wermiongebietes, der sich aber auch viele Bulgaren2) und Albanier, letztere unter den Brüdern Wräsko und Lftjo anschlössen, zu den Waffen gerufen. Die Freischärler, Armatolen, von Wodena führte Gätsos, die von Karaferia Karatäsos. In blinder Wut fiel Saphirakis mit seinen Genossen über alle Mohammedaner und über die Christen her, die an der Insurrektion nicht teilnahmen. Ein Versuch der Türken unter Kechajä Bey, sich Niaustas zu bemächtigen, wurde am 24. März 1822 zurückgewiesen. Dann aber erschien am 6. April Abdulabud mit 15.000 Mann vor der Stadt und schloss sie ein. Wohl gelang es achtmal den Sturm abzuweisen, am 23. April drang je'doch Abdulabud durch das Tor des hl. Georg ein und hauste fürchterlich unter den Freiheitskämpfern. Um die Ehre zu retten, stürzten sich viele Frauen mit Kindern von dem Felsen Sdumbano in die Schlucht der Arabitza. Und was von den Türken nicht hingeschlachtet wurde und sich selbst nicht mordete, wurde ein Opfer von 600 Saloniker Juden, die dem Eroberer folgten und für ihre in Griechenland getöteten Glaubensgenossen Rache nahmen. Einer der Helden rühmte sich an einem einzigen Tage 64 Griechen umgebracht zu haben. Noch heute zeigt man am Südostrande des Plateaus die Stelle, wo die hingerichtet wurden, die das Ansinnen, zum Islam überzutreten, zurückwiesen.3) 5000 Griechen sollen damals in Niausta umgekommen sein. Die Stadt wurde ein Raub der Flammen; sie teilte so das Loos von etwa 120 Ortschaften der Ebene, welche der Freiheitsbewegung zum Opfer fielen. Saphirakis gelang es wohl aus der Stadt zu entkommen; auf dem Wege nach Karaferia wurde er aber erschlagen. Gegenwärtig zählt N i a u s t a 1130 Häuser und 5650 Einwohner, von denen sich 4500 Griechen nennen, 650 Mohammedaner und 500 ») o. s. 42. 2) Jirecek, Geschichte der Bulgaren 528. a) J. Baker, Turkey in Europe 73. Makedorumänen1) sind, und weist nur 5 neue Kirchen, 1 Moschee und 3 griechische Schulen mit über 700 Schülern auf. Wie an Grösse, so steht das Städtchen auch wirtschaftlich Karaferia, zu dessen politischem Bezirke es gehört, bedeutend nach. Den Hauptproduktionszweig haben wir bereits beim Betreten der Stadt (o. S. 50) kennen gelernt. Die früher hier in Blüte gestandene Weberei, deren sog. Schajäkstoffe bekannt waren, ist sehr stark herabgekommen. Der Eintritt Makedoniens in den Weltverkehr hat auch hier ein epichorisches Gewerbe vernichtet. Eine modern eingerichtete Baumwollspinnerei, welche die Wasserkraft der Arabitza ausnützt, besteht erst seit einigen Jahren. In bedeutendem Aufschwünge ist dagegen die Seidenzucht. Auch die Waffenerzeugung, die ehedem viele nährte, wird jetzt nur noch von wenigen Meistern betrieben. Niausta ist, wie bereits erwähnt wurde, auf der gegenwärtigen Stätte eine junge Siedlung; offenbar hat sie erst zunehmende Unsicherheit auf die wehrfähigere Höhe gewiesen. Der ältere Ort lag tiefer, die Arabitza abwärts zwischen der Stadt und der Bahnlinie. Die Sage erzählt, dass hier fünf Ortschaften, eine Pentapolis, bestanden haben, und die Lokalchronisten verbinden damit folgende fünf Namen von Weingärten: Galatziäno, Smfxi und Kutikä am rechten und Baltänes und Kästri am linken Ufer der Arabitza. Besonders gut wahrnehmbar sind alte Wohnreste auf der Terrasse unterhalb der verfallenen St. Georgskirche, die wegen ihrer alten Malereien und der schönen, vom Turlaberge stammenden Säulen aus rötlichem Marmor Beachtung verdient. Man sieht Spuren von Wasserleitungen, eine alte Brücke und, wo der Fels freiliegt, Einarbeitungen für Mauern, Felsstufen u. dergl. Dazu kommen Grabfunde. Etwa 200m unterhalb der Brük-ke befindet sich auf dem rechten Ufer der Arabitza ein kleiner, mit Bäumen bewachsener Tumulus, in dessen Inneres man im Westen durch die im oberen Teile blossgelegte, 2 m breite Eingangstür gelangen kann. Die Disposition entspricht der analogen Anlage in Palatitza (o. S. 45): ein 1'5 : 3'5 m messender Vorraum mit ebener Decke und eine 4 m lange und 3'5 m breite überwölbte Totenkammer von 4 m lichter Höhe , die durch eine 2) Vgl. Weigand, Die Aromunen I 220. 287. V6 m breite Tür verbunden sind. Die 0 5m starken Mauern bestehen aus Kalktuff, sind mit Stuck verkleidet und weisen noch jetzt sehr deutliche Bemalung auf. Im Hintergrunde des Hauptraumes ist der Verstorbene dargestellt. Ein im Antlitze gebräunter, mit flatterndem Purpurmantel und phrygischer Mütze bekleideter Reiter sticht auf braunem Rosse einen schwarzgesichtigen Gegner mit einer langen Lanze nieder. Das Bild ist stark beschädigt und dürfte bald ganz zugrunde gehen. Eine genaue Aufnahme würden auch die eigenartigen Profile der Türstürze verdienen, die im Gegensatze zu dem anderen Baumaterial aus Marmor bestehen. Man hält die Gruft für eine Kapelle und den Reitersmann für den hl. Demetrios. In der Nähe dieses Grabhügels liegt ein ausgedehntes Kieslager von seltener Mächtigkeit, in dem unmittelbar neben dem Bahndamme seit einer Reihe von Jahren Beschotterungsmaterial gewonnen wird. In einer Schichte, deren Stärke schwankt, kam dabei eine überaus grosse Menge von Ton-, Eisen- und Bronzegegenständen zum Vorschein: Armbänder, Fibeln, Nadeln, Lanzenspitzen, Schwerter, Helme und Gefässe verschiedener Art, die sämtlich an die Funde von Hallstatt erinneren. Leider erfolgt die Hebung dieser Schätze ohne jedes System und ohne genauere Beobachtung, so dass man nicht entscheiden kann, ob wir hier eine Nekropole oder nur eine Anschwemmung von einer westlicheren Stelle vor uns haben. Folgt man der Bahnlinie etwa 500 Schritt nach Süden, so stösst man auf einen kleinen Ulmenhain, der die Ruinen einer Kirche des hl. Nikolaos enthält und in dem ein ewiges Lämpchen hängt, das von den Gaben Vorübergehender unterhalten wird. Architekturstücke aus Kalktuff und Marmor, darunter das Fragment eines grossen ionischen Kapitals, lassen es im Verein mit Schuttwällen als unzweifelhaft erscheinen, dass hier bereits ein antiker Bau gestanden hat. Gelehrte Autochthonen raten auf einen Tempel der Aphrodite. Bemerken wollen wir auch, dass sich im Bereiche der antiken Ansiedlung mehrere Grotten befinden. Wie die Niederlassung geheissen hat, ist unbekannt. Man verlegte hierher Kition, das uns nur aus Livius1) als Sammelpunkt des Heeres des Per-seus i. J. 171 bekannt ist. Eine grössere spätmittelalterliche Wehranlage befindet sich nordwestlich von Niausta jenseits des die Stadt im Norden umflies-senden Gymnowo-Baches auf einem steilen, schwer zugänglichen, wasserlosen Felsen. Sie heisst Paläochöri oder Paläo-Näussa. Etwa IV2 k>n südlich von dem oben angeführten Ulmenhaine fand ich in dem Dorfe Ano-Kupänowo (40 Häuser, 92 m Seehöhe) eine Marmorinschrift aus altgriechischer Zeit, die ein Verzeichnis von Personennamen enthält.2) In der weitere 2 km entfernten Eisenbahnstation »Agostos« (87'3 m) rüsteten wir uns für eine mehrtägige Tour aus, die uns von dem interessanteren Westrande wieder in die Ebene, zum Jenidsche-See hinausführte. Der Zweck war, die antike Besiedlung des Gebietes kennen zu lernen. Wir passierten die Dörfer Litöschtitza (auch Monospi'te genannt, 30 griechische Häuser), Aja Marina und Jäntschista am Kutikaflüsschen (90 griech. H.), die Tschiftliks Serwochör, welches auch Silwochör, Tsarkowiän und Tsarowtschän genannt wird und 30 Griechenhäuser zählt, und B6nsa-W£t-schstitza (auch Westissa genannt) mit 100 griechischen und 20 mohammedanischen Häusern. Bei dieser Ortschaft erreicht die Aräbitza den aus der Landschaft Möglena herabkommenden Fluss Moglenitza, der in der Ebene den Namen Wistritza erhält. Am Zusammenflusse bilden sich je nach der Jahreszeit zwei oder drei Inseln, über welche auf den im Lande bekannten Holzbrücken Findik Köprüssf der einzige Fahrweg in den Bezirk Jenidschö Wardär führt. Hat bis hierher die Landschaft nur Felder und Weiden und bloss hin und wieder grössere Baumgruppen geboten, so schmückt sie sich auf dem linken Ufer der Wistritza mit Ulmen, Pappeln, Platanen, Ailantus, Zypressen, Akazien, Maulbeer-, Kirschen-, Granat- und Mandelbäumen. Man erhält den Eindruck, dass dieses Gebiet vor nicht zu ferner Zeit XLII 51, 1. Leake, Travels in Northern Greece III 288 f.; Niese, Geschichte der griechischen und makedonischen Staaten III 120; Kromayer, Antike Schlachtfelder in Griechenland II 236. 2) Athenische Mitteilungen 1902 314 n. 28. besser bevölkert und bewirtschaftet war. Über den armseligen, nur 15 Häuser zählenden Ort Jeniköi oder Nowosölo erreichten wir Gölo oder Golötosölo, in dessen 90 Häuser sich Griechen, Makedorumänen, Bulgaren und Zigeuner teilen. In dem benachbarten Tschiftlik Pläsna oder Plasnitschowo (55 H.) konnten wir wieder die Beobachtung machen, dass hier jedes Dorf ein sauber gehaltenes Kirchlein mit einem allerdings niedrigen, aber in türkischen Gegenden ungewohnten Glockenturme besitzt. Bei dem hierauf erreichten Gutshofe Prlsna (20 Griechen-und Zigeunerhäuser) befindet sich ein Kloster des hl. Lukas, von dem erzählt wird, dass es einst bedeutend nordöstlicher, unterhalb Jenidsche gelegen habe und durch den immer wachsenden Sumpf des Jenidsche-Sees zur Umsiedlung nach Prisna gezwungen worden sei, wo sich eine alte Kirche der hl. Anargyren als Zufluchtstätte darbot. Wie Plasna und Prisna sind auch Karajötitza, Wrästa, Plügar, Wirösch (auch Wröjot und Wrössi genannt), Wladi-dölno (auch Wuläk und Käto-Wlässi geheissen) und Tschit-schegüs, die wir auf unserer weiteren erst nördlich, dann südwestlich gerichteten Tour berührten, sämtlich Gutshöfe in einem wohlbestellten, aber reizlosen, fast jedes Baum- und Strauchschmuckes baren Gelände. Der archäologische Ertrag beschränkte sich bis jetzt auf vereinzelte Architekturstücke in Bensa-Wetschstitza, Prisna und Wrasta, die noch dazu in die Ebene verschleppt sein können. Erst am Fusse des Wermion, in Episkopf oder Pisköpia fanden wir wieder antike Siedlungsreste. Die kleine, dem hl. Ta-xiarchos geweihte Kirche des 55 Griechenhäuser zählenden Dorfes ist aus alten Werkstücken aufgeführt und 10 Minuten nordöstlich befindet sich an dem Wege nach Arsöne auf einer sehr sanften Bodenerhebung die Ruinenstätte der hier inschriftlich1) gesicherten Stadt Skydra, die zu der Landschaft Emathia gehörte.2) Kürzlich hob man hier ein schön gearbeitetes Grabstelenfragme nt mit der Darstellung des »Thrakischen Reiters« aus. Bei einer ') Delacoulonche, Memoire sur le berceau de la puissance Macedonienrie 25 f. ') Vgl. die Stellen bei Müller. Ptolemaeus I 517. Släta genannten Quelle werden die spärlichen Reste eines Klosters gezeigt. Viel Material ist von hier auch nach dem nahen Dorfe Arsöne (65 Häuser) verschleppt worden; am deutlichsten lässt dies die Kirche Aja Paraskewi erkennen. Das Volk erzählt von einem unterirdischen Gange, der von der Ruinenstätte in die Ebene führe. Die beiden nächsten Ortschaften, das armselige Kämenik (25 H.) und das noch kleinere Jeniköi (Nowosölo, auch Janäkowo genannt, 20 H.), boten nichts Archäologisches. Dagegen befand sich bei dem auf einem Hügel hübsch gelegenen Tschiftlik Tscharmarinowo oder Tscharnomorikowo (40 H.) eine mittelalterliche Ansiedlung, deren Mittelpunkt das Kasna {Schatzhaus) genannte Feld war, auf dem starke Mauern, Bausteine und Gefässscherben zutage treten. Das Tschiftlik war früher als Wallfahrtstätte der Aja Marina von grösserer Bedeutung; gegenwärtig hat die Heilige an Anziehungskraft verloren. Von dem Ruinenplatze erreichten wir über Risowo (25 H.) und nach Übersetzung der von Wodena der Moglenitza zueilenden Nissia oder Wöda das bahntechnisch interessante Wertekop. Die Bahn Salonik-Monastir hatte von hier ab ganz bedeutende Schwierigkeiten zu überwinden, um nach dem auf einer jäh abbrechenden, hohen Felsstufe gelegenen Wödena zu gelangen. Da das Tal der Nissia die nötige Längenentwicklung nicht gestattete, musste die Trasse, um des Niveauunterschiedes von 276 m zwischen Wertekop (32'3 w) und der in der Luftlinie nur 8000 m entfernten Stadt Wodena (308 >") Herr zu werden, durch den niederen Hügelkomplex Bo sad schi-Burü n geführt werden, welcher von den Höhen von Wodena allmählich abfallend gegenüber von Wertekop das Nissiatal im Norden ab-schliesst.1) Es sind trostlose, kahle Hänge, an und durch welche sich die Bahn in Einschnitten und Tunnels, auf Dämmen und Viadukten, in Schleifen und Kehren emporarbeitet. Wie schwer es war hier obzusiegen, sieht man noch jetzt im Gelände : zahlreiche unbenutzte Einschnitte bezeugen, dass sich eine angefangene Trasse während des Baues als irrig erwiesen hatte. Wir wandten uns durch das Nissiatal über das Tschiftlik Tsch e 1 ti ktsch i, auch Orisär genannt (30 griechische und ') Vgl. Colmar von der Goltz, Ein Ausflug nach Macedonien 79 f. bulgarische Häuser), nach Wodena. Trotz der guten Strasse brauchten wir zwei Stunden, um die Stadthöhe zuletzt auf einer grossen, steilen Schleife zu gewinnen. Die Schönheit des Stadtbildes von Wödena ist oft und viel gepriesen worden und wir waren auch durch Karaferia und Niausta auf eine künstlerische Schöpfung der Natur vorbereitet, die Autopsie wirkte aber überwältigend. Von wo immer man das Meisterwerk betrachtete, immer wieder drängte sich das Bekennt- Wodena von 0. nis auf, dass des Lobes nicht genug war.1) Unser Lieblingsplatz war ein Bergvorsprung der Stadt genau gegenüber. Links baut sich der oft schneebedeckte Kamm des Agostos-Gebirges auf, ') Leake, Travels in Northern Greece III 276 ff., Cousindry, Voyage dans la Mac^doine I 75 f., Pouqaeville, Voyage de la Grece III 96, Delacoulonche a. a. O. 8 ff., J. G. von Hahn, ßeise von Belgrad nach Salonik 199, H. F. To-zer, Researches in the Highlands of Turkey I 155, Goltz a. a. O. 81 ff., E. Naumann, Macedonien und seine neue Eisenhahn Salonik-Monastyr 10 f., H. Grothe, Auf türkischer Erde 332 ff. rechts steigt der mächtige Rücken des Kaimaktschalän an, in der Mitte dagegen bricht der ebene Talgrund der Nissia in einer bogenförmigen, 200 m hohen Wand senkrecht ab, von Grün über-sponnen und von Silberkaskaden durchwirkt. Oben umkränzen den Rand der Stufe in hohem Baumschlag die Häuser und^Kir-chen von Wodena. Unten, am Fusse der Wand in dichten Gärten eine von der wieder gesammelten Nissia genährte unglaubliche Üppigkeit und Fruchtbarkeit, Weiden, Ulmen, Platanen, Maulbeerbäume, Feigen, Granatäpfel, Pflaumen und Reben. Dazu südliches Licht, das Himmel, Felsen und Flora harmonisch stimmt. Die Wand ist von Stalaktitenhöhlen durchsetzt und mit Kalktuff verkleidet, in dem das Auge Wälder versteinerter Gewächse zu erkennen vermeint.1) Der Hauptstrom der Nissia fliesst im natürlichen Bette nördlich der Stadt nahe der Eisenbahnstation (3077 m), die anderen Fälle verdankt man künstlichen Ableitungen und Zerteilungen durch die Strassen und Häuser der Stadt, die ob ihrer Wasserfülle den Namen »Wasserstadt« mit Recht führt.8) Im Inneren ahnt man auch hier nicht die Schönheit der Lage. Die Strassen der zentralen Stadtteile sind eng, winklig und holprig, die Häuser hoch, vorzugsweise aus Kalktuff sehr eben-mässig aufgeführt. Freier sind die äusseren Quartiere. Dafür entschädigt wieder die Stadtkante. Aus dem erzbischöflichen Hause etwa eröffnet sich ein prächtiger Blick auf das bei Wertekop breit ausmündende Nissiatal und auf das weite, von Wasserläufen und Strassen durchzogene, mit Dörfern, Gehöften und Wäldchen besetzte Flachland der Kampania, an deren äusserstem Ende die sonnbeschienenen Mauern von Salonik, der Kegel des Chortiätsch und das Meer erkennbar sind. Wodena soll nach amtlichen Angaben in 13 Stadtvierteln 1950 Häuser und 8900 Einwohner zählen, von denen 3620 Griechen, 3480 Türken und Zigeuner, 1530 Slawen und 270 Makedorumänen sind. Die tatsächliche Einwohnerzahl darf man ') Über die hydrographischen Verhältnisse von Wodena im Mittelalter und in der Gegenwart vgl. A. Grisebach, Reise durch Rumelien und nach Brussa II 83 ff. 96 ff. 153; K. Oestreich, Abhandlungen der Geographischen Gesellschaft in Wien IV 155 ff.; J. Cvijic, Osnove za geografiju i geologiju Makedonije i Stare Srbije 1 971 ff. 2) Wdda slaw. Wasser. aber auf 12.500 schätzen. Von den angegebenen 5420 Christen hängen 3900 dem Patriarchate und 1520 dem Exarchate an. in der Stadt residiert der griechische Erzbischof »von Edessa«. Von den drei Hauptkirchen unterstehen zwei ihm, die dritte ist bulgarisch. Ausserdem sind in der Stadt noch 9 kleinere Kirchen und Kapellen. Die Mohammedaner verfügen über 6 grosse Moscheen. An Lehranstalten bestehen je eine griechische, bulgarische, serbische und türkische Schule. Es fehlt nur noch eine rumänische um das makedonische Musikkorps vollständig zu haben. Die staatliche Autorität vertritt ein Kaimakam. Der unselige Nationalitätengegensatz, die Ohnmacht der Regierung und deren Saumseligkeit sind schuld daran, dass die auch wirtschaftlich reich bedachte Stadt nicht emporkommt. Der Boden birgt über und unter Tag Schätze. Im Gebirge kommen, in ganz bedeutenden Gängen Chrom und Schwefelkies vor. Eisen, Kupfer, goldhaltiger Zerosit und Pyrit sind auf mehreren Stellen beobachtet worden. Von geringerer Bedeutung sind Steinkohle, Blauschiefer und Granit. Die Erddecke ist im Tale der Nissia ober- und unterhalb der Stadt gleich fruchtbar. Gemüse, insbesondere Paprika, Mais, Reis und Baumwolle ermöglichen einen kleinen Export nach Monastir und Salonik. Der Wein-, Obst- und Tabakbau hat nachgelassen, weil auch hier die Seidenraupenzucht sehr zugenommen hat. Ein guter Teil der älteren Kulturen hat neuen Maulbeerpflanzungen Platz gemacht. Auf den Hängen gestatten weite Weidetriften Kleinviehzucht. Die Wasserkraft der Fälle Hess zwei Baumwollspinnereien entstehen; eine dritte war geplant. Daneben sind noch Seidenfabrikation, Tuch- und Teppichweberei, Färbereien und keramische Werkstätten zu verzeichnen. Es ist begreiflich, dass eine solche Stätte früh zur Siedlung wurde. Ihre antiken Namen sind Aigai und Edessa. Es ist vermutet worden,1) dass der letztere, der Wasser- oder Flussstadt bedeutet, der ältere sei und auf einen thrakischen Ursprung der Stadt schliessen lasse. Die Umnennung in Aigai, augen- J) O. Abel, Makedonien vor König Philipp 112 ff.; Tomaschek, Die alten Thraker II 1, 5; Kretschmer, Einleitung in die Geschichte der Griechischen Sprache 286. 405; Hoffmann, Die Makedonen 124. 257. scheinlich eine Übersetzung der früheren Bezeichnung, sei bei der Eroberung durch die Makedonier erfolgt. Ich glaube, an einer anderen Stelle dafür eintreten zu können, dass Aigai der ursprüngliche Name ist und wahrscheinlich mit einem hier, in dem wasserreichen Orte bestehenden Kulte des Poseidon, des Aigaios, zusammenhängt, der am Meeresgrunde, in Aigai seinen Palast hat. Durch die makedonische Dynastie der Argeaden wurde Aigai die Hauptstadt Makedoniens; sie blieb die verehrte Altresidenz auch dann, als der Hof nach Pella übersiedelte, namentlich deshalb weil sich hier die Gräber der makedonischen Könige befanden. Justinus erzählt1) über die Entstehung dieses makedonischen Speyer folgendes Histörchen. Als der Stammvater des Herrschergeschlechtes und Reichsgründer Perdikkas I seinen Tod herannahen fühlte, bezeichnete er seinem Sohne Argaios die Stelle, wo er bestattet sein wollte, und befahl, dass daselbst auch alle folgenden Könige beigesetzt werden sollten. So lange dies geschehe, prophezeite er, werde die Herrschaft in der Familie bleiben. Als sich Alexander der Grosse über diese stets beobachtete Bestimmung hinwegsetzte, habe sich tatsächlich die Vorhersage erfüllt. Doch fanden hier Beisetzungen auch noch später statt.2) Eine Rolle spielte die Stadt im Leben Philipps, des Vaters Alexanders. Hier wollte ihm beim Regierungsantritte i. J. 359 v. Chr. der Prätendent Argaios die Krone entreissen3) und hier wurde er 336 während der Hochzeitsfeier seiner Tochter Kleo-patra ermordet, als er sich nach glänzenden Festen in das seiner harrende Theater begab.4) In der Diadochenzeit widerfuhr den Königsgräbern von Aigai ein gallisches Schicksal. Pyrrhos von Epirus, der wie wir bei Beroia sahen (S. 35), für eine Zeit auch Makedonien gewann, liess i. J. 274 die Stadt durch gallische Söldner besetzen. Diese, wahrscheinlich schlecht gezahlt, erbrachen die Fürstengruft, raubten die Kostbarkeiten und zerstreuten die Gebeine.6) ») VII 5. Vgl. dazu Hoffmann a. a. O. 256. 2) Diodor XIX 52. s) Derselbe XVI 3. 4) Ebenda 94. 6) Plutarch, Pyrrhos 26, Diodor XXII 12. Niese, Geschichte der griechischen und makedonischen Staaten II 55. Von der königlichen Ruhestätte "ist keine Spur mehr vorhanden. Wir dürfen sie am Fusse des Felsabsturzes im Tale der Nissia suchen. Von der oberen Kante, die eine Promenade säumt, führen zwei in den Felsen gehauene Stufenwege, von Schlinggewächsen eingefasst und von stürzenden Wassern umbraust, Der Stufenweg Longo in Wodena. herab. Der an 400 m lange nördliche, der Löngo heisst und von der Nordostecke der Stadt ausgeht, ist wegen seiner geschickten Anlage besonders beachtenswert. Der untere Teil führt zwischen hohen Felsblöcken; etwa 100 m sind künst- lieh in den Stein eingeschnitten. Ein überaus üppiger, dichten Schatten spendender Baum- und Strauchwuchs empfängt uns unten. Auf engen Wegen gelangen wir zwischen Gärten zu der erst 1873 auf den Ruinen einer byzantinischen Kirche erbauten Klosterkirche der Aja Triäda. Hier sind bereits zahlreiche Inschriftreste und Skulpturfragmente zu einem beachtenswerten kleinen Museum zusammengetragen. Nahe beim Kloster liegen unter einem dichten Laubdache die Überreste der Kirchen des Ajos Nikolaos und Ajos Athanasios, in denen antike Quadern, Architrave und Säulen stecken. Hier fand man in J. 1898 die Spuren eines Tempels der Göttin Ma.1) In den Garteneinfriedungen und in den Stützmauern der niedrigen Terrassen stösstman überall auf misshandelte Reste alter Architektur und Plastik. Diese Zeugen der Lage Edessas kommen fast ausschliesslich in dem Eski- oder Paläo-Kalö genannten Komplexe vor. Beim Ackern stösst man hier auf Grundmauern und Mosaikböden und bei Gartenarbeiten hebt man Inschriftfragmente aus. Mir selbst gelang es hier einige noch unveröffentlichte ausfindig zu machen.2) Die Reste des Theaters erkennt man zwischen den beiden Stufenwegen, die von der Stadt herabführen, in einer dicht bepflanzten Mulde an stellenweisen Abarbeitungen des anstehenden Felsens. Der Hohlraum ist an 170 m breit und 120 m tief; die Differenz zwischen seinem höchsten und niedrigsten Punkte beträgt gegenwärtig 24 w. Der Bau dürfte an 20.000 Personen gefasst haben. Mehrere ausgebrochene Stücke der Sitzstufen fand ich in der Nähe der Ruine der Athanasioskirche. Nach Diodor XVI 94 fand König Philipp II den Tod beim Eingange in das Theater. Justinus IX 6 meldet dagegen dass er »occupatis angustiis in transitu« ermordet worden sei. Ich möchte für den letzteren eintreten, denn ist es schon an sich wahrscheinlicher, dass für den Überfall ein abgeschiedenerer Ort gewählt wurde als eine Stelle unmittelbar vor einer menschenwimmelnden Festversammlung, so hat seine Version auch eine >) P. N. Papageorgiu in der Zeitschrift Athena 1900 65; J. Brunsmid, Vjestnik 1898 131 ff. *) Vgl. Athenische Mitteilungen 1902 311 ff. Stütze an der Ortlichkeit. Die Bezeichnung Angustiae passt vortrefflich für den unteren Teil des von uns o. S. 62 erwähnten Weges Longo, der von der Felswand zum Theater führt und unten einen schmalen Hohlweg bildet. Hohlweg beim antiken Theater in Wodena. Ist diese Vermutung richtig, so kam Philipp die Felswand herab, der königliche Palast befand sich also oben im Weichbilde der heutigen Stadt, wofür auch die Eignung der Felsterrasse zu einer wehrhaften Akropole spricht. Die alten Spuren sind dort sehr spärlich. Man findet hie und da Felsabarbeitungen, Reste einer Wasserleitung und, in die; Häuser verbaut, dürftige Bruchstücke der mittelalterlichen- Ringmauer,1), die vielleicht antiken:! Substruktionen folgte. Reicher sind die losen Antiken. lnsbeson-i dere fallen in der Metropolitankirche die schönen alten Säulen, auf. Die anderen Kirchen enthalten zumeist Architekturstücke : aus der byzantinischen Zeit.2). Ausserdem kommen Sarkophags: und Inschriften vor, unter den letzteren auch lateinische von rö-j mischen Beamten und Soldaten.3) Es bestand in Edessa ebenso , wie in Beroia ein eigener Verband römischer Bürger.4) In dieseO Zeit war die Stadt als Station der Via Egnatia von Bedeutung,6) denn hier befindet sich, wie auch der moderne Bahnbau beweist, der einzige gangbare Abstieg von der Hochebene von Heraklea-Monastir in das makedonische Tiefland. — Am 22. Juni 1902 verliess ich, von mehreren Suwaris6) begleitet, Wodena, um zunächst die Stadt Jenidsche und dann das Pä'i'k-Gebirge und die Ebene von Möglena kennen zu lernen. Auf der bereits bekannten Strasse über T s c h e 11 i kt s c h i (o. S, 57) in die Ebene hinabreitend, übersetzten wir am Fusse der Bosadschi Burün-Hügel die Eisenbahn und wandten uns nach Osten. Die Heerstrasse, die Wodena mit Jenidsche und weiter mit Salonik verbindet, gehörte bis zum Bahnbaue zu den am meisten begangenen. Routen Makedoniens; heute ist sie sich se bst überlassen und dem Verfalle nahe. Die Brücken sind baufällig, die Durchlässe vernichtet und der Fahrdamm rutscht ab. Das Gelände ist hier wenig anziehend: beiderseits erst sonnverbrannte Wiesen, dann sandiger Boden mit langgestreckten, dünenartigen Bildungen und armseliger Vegetation, in der salzholde Arten auffallen. Ich wähnte mich an das Meeresufer der Kampa-nia versetzt Der innerste Winkel des Golfes von Salonik wird einstens hier gewesen sein. i' i) Vgl. Kantakuzeno» IV 19. 2) Miljukov, Nachr. des Russ. Arch. Instituts zu Konstantinopel IV 33 ff. 3) CIL <11 7316 = 12307. E. Bormann, Archäologisch-epigraphische Mitteilungen XII 186 ff.; Struck, Athenische'Mitteilungen 1902 312 f. 4) Vgl. Körneinlann, Pauly-Wissowas Realenzyklopädie u. Conventus 1185-. 5) Vgl. Oberhummer, Pauly-Wissowa u. Egnatia via 1989 f. 6) Berittene. Gendarmen. r. Über den Moglen1tza-FIuss führt eine wacklige, 50 m lange Knüppelbrücke. Wir zogen es indes vor, das seichte, sandige Bett zu durchfurten. Die Moglenitza oder Karadschä — so nach der Landschaft Möglena oder Karädschowä benannt — gabelt sich unterhalb der Brücke in zwei Arme, die beide in parallelen Bogen dem Sumpfe des Jenidsche-Sees zugehen. Der südliche heisst von der Brücke an, wie wir schon oben S. 55 gesehen haben, Wistritza. Bei den rechts liegenden Dörfern Gropä oder Gropi'no (30 Häuser) und Dörtarmüd oder Ajos Jörjos (20 H.) umsäumen den Weg auf eine lange Strecke alte hohe Baumreihen. Sendil oder Sendöltschewo, ein Tschiftlik mit 25 Häusern, ist die erste Ortschaft, die wir unmittelbar berühren. Die Bevölkerung ist hier wie überhaupt in den Dörfern des Bezirkes Jenidsche slawisch, doch hängt sie fast allgemein dem Patriarchate an. Wir befinden uns hier in dem im Gegensatze zu Gräkochora (o. S. 26) S1 awoc h öra oder S1 awistia genannten Teile der Kampania. Sendil durchfliesst der durch starke Quellen gespeiste Bach von Dejirmenlik, der sich südlich von Dörtarmüd in den nördlichen Arm der Wistritza ergiesst. Wir kommen links am Karahamsä oder Karamsino (60 Häuser), rechts an Sügütlü oder Sokutli (50 H.) und wieder links an Kadi'köj oder Triftiltschewo (20 H.) vorbei. Dieses bezeichnet von weitem eine Moschee als mohammedanisch. • Es wird ebenso wie Karahamsa überwiegend von Pomaken, zum Islam übergetretenen Bulgaren, bewohnt. Hier und bei dem folgenden Tschiftlik Losän oder Losänowo (20 H.) gewinnt die Landschaft bedeutend an Freundlichkeit. Die Ortschaften umstehen gedrängte Baumgruppen, die Äcker sind fruchtbar, da und dort reift schon die zweite Aussaat, grosse Viehherden weiden auf Stoppelfeldern. Auch die Strasse ist hier gut gehalten, da sie einen starken Verkehr nach Jenidsche bewältigen muss, doch ist, damit das Lokalkolorit ja nicht fehle, die 25 m lange Holzbrücke über den zwischen Burgäs (auch Pirgäs, 15 H.) und Balidschä (30 pomakische H.) fliessenden Bach so baufällig, dass wir es vorzogen, durch das allerdings flache Gerinne zu waten. Der stets wasserführende Bach leitet einen grossen Teil der Wasser des Südabhanges Pa'ikgebirges, darunter auch einen Teil des Quellwassers von Dejirmenlik, dem Jenidsche-See zu. Das Tschiftlik Balidscha besitzt im Westen von Jenidsche die besten Acker- und Weide-Gründe. Allmählich tritt Jenidschö, die einzige Stadt am Nordsaume der Kampania, hervor. Über den niedrigen Häuserreihen liegen schwere Dünste, in die spitze Minarette hinaufragen. Je näher wir kommen, desto unfreundlicher erscheint uns die Stadt -Zuerst passieren wir verwahrloste Friedhöfe, dann nehmen uns schmutzige Gassen auf. Jenidsche, zum Unterschiede von der gleichnamigen Stadt bei Xänthi im Wilajet Adrianopel mit dem Beinamen Wardar, von den Griechen Jänitza, von den Slawen Pasär geheissen, ist der Vorort eines Bezirkes von 91 Ortschaften, von denen ungefähr drei Viertel Tschiftliks sind. Es zählt etwa 2000 Häuser und 9700 Einwohner, 6000 Türken, 3000 Slawen und 700 'Griechen und Makedorumänen. Die Türken sind hier von Sultan Murad II angesiedelt worden. Die Christen bewohnen den {nördlichen, höher gelegenen, Warös genannten Teil der Stadt, wo sich je eine griechische, bulgarische und serbische Schule und auf einem Hügel die Metropolitankirche Ajos Athana-sios befinden. Die Mohammedaner haben ihre geschlossenen Viertel im Nordwesten und Südosten, wo sie über 7 Moscheen, etwa ein Drittel der früheren Zahl, verfügen. Eine einst blühende Medresse geht jetzt dem Verfalle entgegen. Der Stolz der Bewohnerschaft ist ein Uhrturm. Mit grösserem Rechte könnte -sich die Stadt mit ihrem mehrere Kilometer langen, gemauerten Aquaedukt brüsten, der eir. vorzügliches Trinkwasser vom Paik-.gebirge herableitet. Die Privathäuser sind überwiegend unansehnliche Fachwerkbauten. Wirtschaftlich ist Jenidsche wegen der grossen Getreideproduktion der Umgebung von stetig steigender Bedeutung. Geräumige Speicher, darunter einige städtische, dienendem Getreidehandel. Der Getreidemarkt ist nach der Ernte jeden Freitag überaus stark besucht. Eine grosse Messe wird hier vom 18. Oktober an volle 8 Tage abgehalten. Die Mühlenindustrie ist in der Stadt noch wenig entwickelt; dagegen befinden sich grössere Etablissements in den Dörfern Pirilfk, Sarikadi und Dejirmenlik im Norden und Nordwesten von Jenidsche. Der Viehhandel ist we- —— niger bedeutend, doch kommen hie;r Schafe und Ziegen der nördlichen und nordwestlichen Teile des Bezirkes auf den Markt Zu rühmen ist der hiesige JiochbewerteVaromatische Tabak, der aber nur auf wenigen Feldern gut gedeiht, Schliesslich muss noch der hiesigen sehr kräftigen Flechtwarenindustrie gedacht werden; das Rohmaterial (Stroh und Binsen) zu den grossen Fussbodenmatten, Körben, Sesseln usw. liefert die Umgebung der Stadt, namentlich der See, in grossen Mengen. Dass die Stadt früher bedeutender war,1) zeigen die vielen Gebäuderuinen in ihrem Weichbilde, In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts soll eine Seuche die Einwohnerzahl stark reduziert haben teils durch Tod teils dadurch, dass viele fortzogen. Sonst reichen die Erinnerungen hier wie in Ni-austa nur bis auf den Eroberer Ewrenös, der sich in Jenidsche zur Ruhe setzte. Er ist hier samt seinen Angehörigen in einem sehr verehrten Mausoleum, Ewrenös Tekessi, bestattet. Auch der uns bereits bekannte Lehrer seiner Kinder Leäj2) ist in der Stadt, in dem Kloster Büjük Teke beigesetzt. Emporgekommen ist der Ort wohl nach dem Verfalle von Pella, dem antiken Vororte der nördlichen Kampania und der späteren Hauptstadt von ganz Makedonien. Die Nähe ihrer Ruinen, die wir am Schlüsse unserer Reise kennen lernen werden, bezeugen die in Moscheen und auf Friedhöfen wiederverwendeten antiken Monumente. Gegen meine Weiterreise hatte der Kaimakam von Jenidsche zunächst verschiedene Bedenken, doch bequemte er sich schliesslich mir in das nun unsicherere.Gebiet fünf Suwaris beizustellen. Unser Ziel war vorerst D e j i r m e n Hk. Der Weg führt über ein gewelltes Terrain mit flachen Mulden und niedrigen Rücken, die der Paik in die Ebene aüssendet. Der Boden war von der Sonne verbrannt, nur vereinzelte Baumgruppen fesselten das Auge. Auch die Ortschaften Eskidsche oder Wti-Pasär (30 Häuser), Jäuktsche oder Jänftscha (25 H.) und Sarikadi, auch Wüdista und Wüdrischta genannt (t'lO H.), an denen wir links vorbeikamen, trugen zur Belebung der Landschaft nicht bei. •>•) LeaM a. a. O. III 267-, Cousindry a.'a. 0. I 86; Delacoulonche a. a. <}_ 92; Grisebach a- a. O, AI 78; Hahn a. a. O. 124.. ») Ö.'.S, 51.' . '.X . "r, ______________J t« ' _ ... ' . , rff/,' - . ' Nur das rechts in efner Mulde am Fusse des Gebirge liegendes Dorf Kaschikdschi oder Lajitschäri ist von dichten Baumreihen umgeben. Nach Übersetzung des Baches Grämosch, der unterhalb unserer Route in den Bach von Dejirmenlik fällt, passierten wir das Dorf Kissalär oder Kischlör, das, an einem j" kleinen Tale zwischen Weingärten, Obstpflanzungen und wohlbestellten Feldern gelegen, in etwa i00 Häusern von Türken und Tscherkessen bewohnt wird. In seiner Gemarkung sollen sich alte, seit langem aufgelassene Grubenbaue befinden. Der Quellbezirk von Dejirmenlik. Nach insgesamt 3'/ästündigem Ritte trafen wir bei den Quellen von Dejirmenlik1) oder Obör ein, die sich eines weiten Rufes erfreuen. In dem flachen Gelände brodeln und sprudeln in 53 m Seehöhe drei klare, eiskalte Quellen so reich hervor, dass ihre Abflüsse gleich zwei starke Bäche bilden. Der östliche, der von einer Quelle gespeist wird, fliesst an Sarikadi ') Dejirmen türk. Mühle. und Balidscha (vgl. o. S. 66) vorbei direkt dem Jenidsche-See-zu. Der Abfluss der beiden westlichen Quellen erreicht den See mittelbar: er mündet, wie wir o. S. 66 notiert haben, in den, nördlichen Arm der Wistritza. Jeder der beiden Bäche treibt in Dejirmenlik mehrere Mühlen. Südlich der Quellen liegt auf einer kleinen Erhebung, in dichtem Baumschlag verborgen, der etwa 20 von Türken, christlichen und mohammedanischen Bulgaren bewohnte Häuser zählende Ort Paläokästro oder Grädischta. Auf dem Hügel erkennt man Reste einer späten durch Türme verstärkten Umfassungsmauer. Antike Quadern, Säulentrommeln und Kapitäl-fragmente sowie einige Werkstücke aus der Ruine einer nahe gelegenen sehr alten Kirche haben darin Wiederverwendung gefunden und zeugen von einem hohen Alter der Ansiedlung. Sie wird mit der wiederholt genannten Stadt Kyrrhos identifiziert, in der Alexander der Grosse einen Tempel der Athena erbauen liess1) und die noch unter Kaiser Justinian befestigt wurde.2) Wenn die Gleichung von Kyrrhos mit der Station S c u r i o der Via Egnatia zwischen Edessa und Pella3) richtig ist, so lief die antike Strasse nicht in der Trasse der heutigen, von uns von Wodena nach Jenidsche zurückgelegten Chaussee, sondern sie hat bei Paläokastro den Fuss der Randhöhe der Ebene aufgesucht. Südwestlich von Paläokastro liegt das grosse, überwiegend von Mohammedanern darunter von Pomaken und Tscherkessen,. bewohnte Tschiftlik Hasärbey. Wir wandten uns über geröllreiche, niedrige Hügelreihen nach Nordwesten. Rechts sahen wir das in einer Einsenkung zwischen Baumgruppen versteckte, aus etwa 60 mohammedanischen Häusern bestehende Dorf Isperlik oder Spirih't. Über dem bulgarischen Dorfe Babj an i (25 H.), das wir auf dem tief eingeschnittenen Wege in einem felsigen Quer-tälchen erreichten, erhebt sich auf luftiger Höhe, von einem Wäldchen umgeben, ein Kloster der Panajia. Bei dem kleinen bulgarischen Orte Mawriän oder Mawrenowo (10 H.) kamen- ') Vgl. die Stellen bei Müller, Ptolemaeus III 12, 36. 2) Procopius, De aedif. 280. 13. s) Itinerarium Hierosolymitanum 606, 3. wir in ein langes üppiges Tal, dem wir nun auf der westlichen Lehne geraume Zeit in stetem Aufstiege folgten. Im Osten fesselte die wildzerrissene Landschaft des Pa'ik den Blick, in der besonders vier scharf umrissene, graue, von dunklen Schatten umgebene Felsriffe auffielen. In der Ferne erkannte man hoch oben im Gebirge die Bulgarendörfer Papäsköj oder Popowosölo (10 H.) und Todörtsche (50 H.). Im Westen weitet sich dagegen eine flache, reizlose Mulde aus, in der nur der aus 4 Bulgarenhäusern bestehende Weiler Jeniköj oder Nowosölo liegt. Mit 451 m war endlich die bei der sehr starken Hitze freudig be-grüsste Sattelhöhe erreicht. Auf dem stellenweise recht beschwerlichen, über eine öde, mit Schutt bedeckte Lehne führenden Abstiege erweitert sich beständig der Überblick über die prächtige Ebene von Möglena, die so lange völlig unbekannt war. Von einer mächtigen hohen, dichtgefügten Bergmauer umschlossen, dehnte sich vor uns eine ebene, mit einem schier unentwirrbaren Netze von Wasserfäden, Bächen und künstlichen Rinnen durchsetzte Fläche aus, die von Wiesen, Fruchtfeldern, Hainen und Alleen, von Dörfern, Weilern und Gutshöfen strotzt. Im Westen und Nordwesten ragt mit seiner hohen, schneegekrönten Warte, dem K ai m ak tsch al ä n, das Nidsch6-Ge-birge auf; daran schliessen sich die rauhen Glimmerschiefergestalten von Dobropölje und Vetrönik an. Im Norden muten die zackigen Felsgrate der zerrissenen und geborstenen Kod-schti Planina mit ihren steilen, jäh in die Tiefe sinkenden, graubraunen Wänden märchenhaft an. Im Nordosten öffnet sich wieder, einem riesigen Theater gleich, der wildgestaltete Halbkreis der überaus massigen Kalkberge des Düditza-Dschöna-Komplexes. Ungleich weicher und zarter sind die auch flacher verlaufenden Vorberge des Pai'k und des Nissia Dagh, welche die Ebene im Osten und Süden einschliessen. Eine Terrainstufe teilt die so umschriebene, Moglöna oder Magien, d. i. Nebelland, türkisch Karädschowä, Schwarze Ebene, genannte Landschaft bei Füschtani in zwei Abschnitte, in das grössere Bul-gäro-M 6gl e n im Süden und das kleinere Wl ächo-M£gl e n im Norden. Beide sind insgesamt etwa 27 /cm lang; die grösste Breite beträgt etwa 10 km. Wlacho-Meglen gehört administrativ rzum Bezirke Gewgeli. Iii 'Bulgaro-Meglert teilen sieh die Bezirke Jenidsche und Wodena; die Wasserlinie Moglemtza-Küter bildet ■dabei eine so scharfe Grenze, dass z. B. das am Südosteingange in die Ebene beiderseits der Moglenitza gelegene, 90 Häuser zählende Dorf Ka rader 6 zur einen Hälfte nach Jenidsche, zur anderen nach Wodena gehört. Darnach heisst der östliche Teil vön Bulgaro-Meglen Jenidsche-Karadschowassi, der westliche Wodena-Karadschowassi. Von unserer Höhe herabbetrachtet, hat Bulgaro-Meglen die Form eines Fächers, dessen Griff die südöstliche Furche der Moglenitza und dessen Rippen die zahlreichen Von dem Bergkranze herabkommenden Bäche bilden. Diese fliessen alle, der Südostabdachung der Sohle entsprechend, der Moglenitza zu. Die .namhafteren sind Popölka, Suli Derö, Pläka, Köter, Poröj, Schti-schitza, Bölitza und Büjük Dere. Sie führen beständig Wasser und ermöglichen ein sehr ausgebildetes Berieselungssystem. Dazu ist das Klima mild. Im Mittel liegt Bulgaro-Meglen etwa 150 >■• über dem Meere, Wlächo-Meglen 460 m. Durch die hohen Bergwände gegen die Nordstürme des Winters geschützt, erfreut sich die Landschaft im Sommer eines steten Luftwechsels. Meglen rühmt sich, auf seinen Fluren noch keinen Schnee gesehen zu haben. Diese Vorzüge haben die Bewohner trefflich auszunützen verstanden. Die ganze Ebene ist ein Garten, in dem jeder Winkel liebevoll gepflegt wird. Baumwolle, Reis, Tabak, Wein, Mohn, Gemüse und Obst lohnen reich. Bekannt sind der hiesige Paprika, der selbst nach Ungarn ausgeführt wird, und die hiesige feine graublaue Traube, die auf den Tafeln reicher türkischer Häuser oft zu finden ist. Die Seidenzucht nimmt wie in ganz Makedonien auch hier an Ausdehnung zu. Dem Warenaustausche dienen fünf Wochenmärkte: Montag in Ftischtani, Dienstag in Gosteljübe, Mittwoch in Kapinjani, Donnerstag in Subötsko und Sonntag in Nönte. In Karaläd, einem 150 Häuser zählenden und von Poma-ken in der Mehrzahl, von Walachen und Jürüken in der Minorität bewohnten Dorfe, lernten wir den ersten Ort der Ebene kennen. Die niedrigen Häuser stehen, durch Gärten und Baumpflanzungen getrennt, weit auseinander. Die mohammedanischen Wohnhäuser, umschliessen hohe1 Luftziegtlmauern, um die Brauen vor fremden Blicken zu bewahren. Durch die wegen des stets feuchten Bodens gepflasterten Gassen ziehen sich schmale Gräben, welche das Rieselwasser in Gärten und auf Felder leiten. Platanen, Pappeln und Zypressen putz.env den; Ort freundlich auf, der auch über zwei Moscheen verfügt. In der Nähe der grösseren fanden wir in einem Brunnen ein antikes Grabmonument mit der Darstellung des sog. Totenmahls.1) Nur 20 Minuten östlich liegt das grosse, 300 Häuser und 2 Moscheen aufweisende Dorf Gosteljübe. Es wird ausschliesslich von Pomaken bewohnt. Von .der Arbeitsamkeit dieses Volkselementes konnten wir uns auch hier überzeugen, aber auch von seiner der Abgeschiedenheit entsprechenden Unwissenheit und dem oft argwöhnischen, barschen, leicht zur Feindseligkeit neigenden Wesen, Ausserdem sind die Pomaken von einem brutalen Renegatenfanatismus beseelt, der sich nicht selten in unerhörter Weise gegen ihre dem Christentum treu gebliebenen Blutsverwandten richtet und gegen den die Zivil- und Militärbehörden ohnmächtig sind. Einen so angefeindeten, verschüchterten Christenrest bilden die 50 Häuser des von Gosteljübe 40 Minuten nördlich liegenden Dorfes Strä-jisehte. Die dicht folgenden Dörfer Novosölzi (100 H.) und Prodröm (80 H.) sind wieder Pomakenorte. Der letztere liegt prächtig am Bache Suli Dere. Füschtani, das wir nun zunächst aufsuchten, ist der Hauptort von Jenidsche-Karadschowassi2) und als solcher der Sitz eines Mudirs. Er besteht aus 2 Moscheen und etwa 450 Häusern, die weitaus überwiegend Pomaken gehören. Das Christentum repräsentieren nur einige Walachenfamilien. Mitten durch das Dorf fliesst in einem geräumigen, sandigen Bette ein Wildbach, der der Plaka zustrebt. Zum Schutze gegen seine Fluten stehen die Häuser auf hohen Steinsockeln. Innerhalb des Ortes stehen vier grosse Mühlen im Betrieb, sieben andere im Westen an der Plaka selbst. Von Füschtani wandte ich mich i. J. 1902 über das Pa'ik-Gebirge wieder nach Jenidsche zurück. Die übrigen Teile von >) Athenische Mitteilungen 1902 318 n. 45. !) Vgl. o. S. 72. Bulgaro-Meglen sowie Wlacho-Meglen hatte ich bereits i. J. 189& auf einer von Wodena nach Gewgeli führenden Tour kennen gelernt. Ich füge hier meine damaligen Erkundungen zunächst von Fuschtani bis Wodena in umgekehrter Reihenfolge ein. Das im Westen von Fuschtani, jenseits der Plaka gelegene grosse Dorf Tröstenik (200 Häuser) wird ebenso wie der südlich folgende ebenfalls wohlhabende Ort Kostischani oder Kujümani (250 H.) von Pomaken und Walachen bewohnt. Ausschliesslich erstere fanden wir in S6wrian oder Sewirli (300 Häuser) und in Ränislaw. Eine bunte Bevölkerung weist Ga-bröwtsche auf: ausser etwa 100 Pomakenfamilien auch noch 30 walachische, christlichbulgarische und jürükische Häuser. Auf ,der einen Seite des Dorfes steht eine Moschee, auf der anderen eine Kirche. Hier zeigte man mir eine Silberlinde, angeblich das einzige Exemplar in Moglena, dessen Blüte, Alamar Tschitschek genannt, bis nach Konstantinopel als Heilmittel zu hohen Preisen verkauft wird. Nur 25 Minuten liegt südöstlich an der Vereinigungsstelle von mehreren Bächen Subötsko. Das Dorf besteht aus 170 Häusern, von denen 130 pomakisch und die übrigen türkisch und christlichbulgarisch sind, und war früher der Vorort von Wodena-Karadschowassi. Gegenwärtig wird dieser Distrikt von Wodena unmittelbar verwaltet. Die folgende Ortschaft Wöltschista ist nur ein Tschiftlik mit etwa 25 christlichen Bulgarenfamilien. Dagegen hatte das im Südosten folgende Slätina einst für die ganze Landschaft wieder grössere Bedeutung. Dicht neben dem aus 150 Häusern bestehenden und von Pomaken, Jürüken, christlichen Bulgaren und Walachen bewohnten Dorfe befindet sich der isolierte, abgestufte, im Süden von einem Bache umflossene Hügel Kästro oder Paläokastro. An seinem Fusse erkennt man die Reste einer Mauer und eines Grabens. Weiter oben umzog die Erhebung eine mit kreisrunden und quadratischen Türmen verstärkte Mauer, die sich nur noch im Süden zu einer ansehnlichen Höhe erhebt. Innerhalb der Ringmauer fanden wir die Spuren von mehreren Gebäudesubstruktionen. Das Mauerwerk besteht aus Ziegeln und Bruchsteinen und weist auf eine sehr späte Zeit hin. Die Befestigungsanlage ist wohl identisch mit dem Schlosse Moglena, das, von Bulgaren unter Ujica tapfer verteidigt, i. J. 1015 von Basilios II Bulgaroktonos genommen wurde.1) Im Jahre 1083 besetzte der Normanne Boe-mund, Robert Guiskards Sohn, die Feste, doch schon nach wenigen Monaten wurde sie ihm wieder entrissen.2) Antike Reste vermochte ich auch hier nicht zu finden. Die Gleichung von Paläokastro mit ,der antiken - Stadt Eu ropos 3> schwebt also nach wie vor in der Luft, wie wir denn überhaupt infolge des Fehlens von bodenständigen Hülfen über die Topographie von Almopia,4) wie die Landschaft Moglena im Alter-tume hiess, noch völlig im Unklaren sind. Nur die Moglenitza kann man mit dem Flusse Roidias identifizieren.6) Über ein Gewirr von Wasseradern führt von Slatina der Weg zwischen wohlbestellten Feldern und Obstanlagen nach Kosturjän, einem Dorfe mit 200 Familien, von denen die Mehrzahl Pomaken, der Rest Türken und christliche Bulgaren sind. Es liegt bereits auf den Vorhügeln der südlichen Randhöhen der Ebene. Drei Viertelstunden südlicher befindet sich Dragomänzi oder Drama, das letzte Dorf der Landschaft Moglena. In der flachen Furche des Genisch Dere gelegen, zeigt es auch zuletzt die ethnographische Zusammensetzung der Moglena: von den 200 Häusern gehören etwa 120 den Pomaken, während die übrigen auf christliche Bulgaren und Walachen entfallen. Eine Moschee und eine Kirche zeigen von weitem die konfessionellen Verhältnisse an. Das nur eine halbe Stunde entfernte kleine Lükowetz (35 Häuser) ist bereits rein bulgarisch. Von hier führt ein schönes Quertälchen durch eine Berglandschaft mit entzückenden, weichen Formen in 1 l/s Stunden in genau nordsüdlicher Richtung in das Tal der Nissia und nach Wo de na. Wir kehren nun wieder nach Fuschtani zurück, um über ') Kedrenos II 461, Zonaras XVII 9. Vgl. Jirecek, Geschichte der Bulgaren 196 f. 2) Anna Komnena I 168, 5. 21. Jirecek a. a. O. 210. 3) Delacoulonche, Memoire 102; Desdevises-du-Dezert, Geographie ancienne de la Macedoine 325. ") Leake, Travels in Northern Greece III 444 f.; Müller, Ptolemaeus I 506; G. Hirschfeld, Pauly-Wissowa s. v. 5) Plinius n. h. IV 34. Vgl. H. und R. Kiepert, Formae orbis antiqui XVI (Text 3) und XVII. den zweiten Teil der Route des Jahres 1898, Fuschtani-Gewgeli, zu berichten. Der Weg von Füschtani nach Wlacho-Meglen führt zuerst mit Benützung eines eine halbe Stunde langen Tales recht beschwerlich über die Barriere, welche die beiden Landschaftsteile trennt. Wir näheren uns dabei immer mehr der westlichen Bergwand. In dem Dorfe Tuschl'n (110 Häuser), das bereits zu Wlacho-Meglen und damit zum Bezirke Gewgeli gehört1) und das der einzige Ort in Wlacho-Meglen mit ausschliesslich bulgarischer Bevölkerung ist, erstiegen wir mit 870 m die Kulminationshöhe der Route, dann senkt sich der Weg durch eine reizvolle Landschaft steil bis Nönte oder Nötje auf 600 m. Dieses ist ein grosses, aus etwa 500 Häusern bestehendes Dorf, das von mohammedanischen Makedoromanen bewohnt wird. Der Übertritt soll mit dem Erzbischof an der Spitze um die Wende des XVII. und XVIII. Jahrhunderts erfolgt sein. Gegenwärtig sind die Bewohner von Nonte die erbittertsten Gegner ihrer christlich gebliebenen Konnationalen, welche den grössten Teil der Bevölkerung von Wlacho-Meglen und einigen diesem nahegelegenen Ortschaften des Bezirkes Gewgeli ausmachen. Ihre alte romanische Sprache haben aber Mohammedaner wie Christen treu bewahrt. Diese ist ein dem übrigen Makedoromanischen gegenüber selbständiger Dialekt, wie denn die Megleniten auch sonst einen eigenartigen Schlag repräsentieren.1) Notje wird als Notia bereits i. J. 1015 genannt.3) Von der Moschee Tschautschteke gewinnt man einen guten Überblick über die ovale Ebene von Wlacho-Meglen. Diese ist infolge ihrer höheren Lage (o. S. 72) und geringeren Bewässerung weniger fruchtbar als Bulgaro-Meglen. So tritt der Obstbau hier zurück. Dafür entwickelt sich kräftig die Seidenraupenzucht und der Paprika gedeiht hier noch besser als unten. ') Vgl. o. S. 71 f. Hahn, Reise durch die Gebiete des Drin und Wardar 261 f.; G. Wei-gand, Vlacho-Meglen. Eine ethnographisch-philologische Untersuchung XXXVI. 53 ff. und Die Aromunen I 26 ff. 314. 3) Kedrenos II 461. Jirecek, Geschichte der Bulgaren 197. Vgl. dagegen Weigand, Die Aromunen 26. Das nördlichste; Knde der Ebene bezeichnet das Tschiftlik Börislaw, das von 50 christlichen Walachenfamilien bewohnt^ wird. Drei Viertelstiirjden. südöstlich davon liegt das Tschiftlik Oschin oder Hosiani (200 Häuser), das wegen eines in einem Wäldchen hübsch gelegenen Klosters bemerkenswert i?t9 Ein, zweites Kloster, Mon. Archaijgeli, befindet sich bei dem von Bo-rislaw nur eine Viertelstunde nordöstlich liegenden Dprfe Lünzi oder Lugönzi (120 H.) Die Verbindung von Wlacho-Meglen mit Gewgeli ermöglichen zwei westöstlich verlaufende, tief eingeschnittene Täler, das des Suli Dere, welcher der Moglenitza tributär ist, und weiterhin das der Ljümnitza, welche bei Gewgeli in den Wardar fällt. Zwischen beiden ist aber die Wasserscheide der Güschet Planina zu überwinden. Der Weg ist anstrengend und führt durch eine -unwirtliche, menschenarme Gegend. Auf dem 2'/a Stunden langen Ritte von Lünzi nach Hüma trafen wir ein einziges Mal in dem dichten Eichenwalde eines Guschetrückens Köhler an. Huma ist in 860»; Seehöhe ein recht dürftiger Ort, dessen 70 Familien sich hauptsächlich vom Holz- und Kohlenhandel nähren. Auf dem Weitermarsche kamen wir bereits im Ljumnitzatale an den Ruinen des schon seit längerer Zeit verlassenen Dorfes Güschet vorbei. Bald darauf erreicht man, auf 560 "t herabgestiegen, das geschützt gelegene, 350 Häuser zählende Dorf Ljümnitza. Dieses bildet einen Hauptpunkt des 12 Ortschaften umfassenden makedoromanischen Gebietes des Bezirkes Gewgeli.1) Die Bevölkerung dieser Enklave unterscheidet sich von den übrigen Konnationalen Makedoniens in somatischer Hinsicht hauptsächlich durch einen länglichen Kopf, blondes Haar, kleine schlitzförmige Augen sowie durch einen gleichmütigen Gesichtsausdruck. Man erkennt sie daran unter den Hirten am Wardar und in der Kampania, wohin' sie, im Winter ihr Vieh senden. Der grösste Teil der Bevölkerung verbleibt aber ständig oben in Dörfern, wo neben der Viehzucht auch etwas Ackerbau getrieben wird. Ausserdem suchen sie als Holzarbeiter und Köhler». Silberarbeiter und Händler in den umliegenden Ortschaften Erwerb. ,-->«: 7/ l ') Vgl. Weigand, Vlacho-Meglen XIX ff. und Die Aromunen 241 .ff. In Ljumnitza nannte man.mir zwei Ruinenstätten, Korüna eine Viertelstunde nördlich des Dorfes und Schtur eine halbe Stunde südlich; ich musste auf ihre Besichtigung verzichten, da ich über Majadäg und Altschäk MahaU nach der 3 Stunden entfernten Eisenbahnstation zu eilen gezwungen war. Nach Weigand1) handelt es sich in beiden Fällen um alte, im Terrain ausgesuchte, mit Steinwällen befestigte Zufluchtstätten. — Brücke bei Prodrom. Wir setzen nun nach Entschiebung der Tour Wodena-Fuschtani-Gewgeli des Jahres 1898 die Schilderung der Rückreise von Fuschtani nach Jenidsche und Salonik i. J. 1902 fort (vgl. o. S. 73). Der überaus gefällige Mudir von Fuschtani, der uns auch in seinem Hause gastfreundlich aufgenommen hatte, legte unserer Absicht, das PaT'k-Gebirge zu übersteigen, nicht nur kein Hindernis in den Weg, sondern förderte sie in jeder Weise. Da das ') Vlacho-Meglen XXI. 55. ■Gebiet unsicher sein sollte, liess er, wiewohl unsere Route ausserhalb seines Amtssprengels (Nahie) lag, das Gelände vorerst durch zehn albanische Soldaten abstreifen und begleitete uns dann selbst bis nach dem uns bereits bekannten Dorfe Prodröm (o. S. 73). An der malerischen Brücke des Ortes entliess er uns mit freundlichen Geleitworten. Aus dem Garten von Moglena ging es nun durch das noch prächtige Tal von Prodrom (240»'), wo wir links vom Wege die Leskowo. ■spärlichen Mauerreste einer späten Ansiedlung sahen, auf sehr -schmalen Pfade steil den Höhen des Pa'ik zu. Die kristallinischen Schiefer des Massivs ragen als verwitterte, abblätternde Felsen kahl und frostig aus der dünnen Erddecke hervor. Zu unseren Füssen zieht sich das Tal Könjski Dol mit steil abfallenden Felshängen hin. Schon nach 13U Stunden hatten wir eine Höhe von 853 m erstiegen. Durch einen schönen Eichenwald erreichten Avir das von Bäumen schön durchsetzte Dorf Löskowo (1043»«), dessen 80 mit schweiren 'SchieferpMten gedeckte Häuser1 christlichen Bulgaren und Watächen gehören, die auch über eine tTeW Patriarchate treu gebliebene KircheeVerfügen.r: Nach; kurzer Rä&t führte uns ein nicht schlechter Weg in einer Stunde zu'einer romantischen Schlucht und jenseits derselben auf ein offenes,, von einem weiten Waldkranze umschlossenes Gelände. Rechte wurde uns das verlassene Sarä] Bänja, wo fünf Quellen zutage treten, "gezeigt:1 Von dem länge Ritte ermüdet, tangiert"'wir Webende Frauen iri Liwadi. endlich auf der kleinen, von niedrigen Bergrücken umschlossenen Hochebene Liwädi (1254 "') an. Die ganze Fläche nehmen Weidegründe ein, welche wie auch die Höchweiden der Umgebung von den beiden Dörfern Go l e m o und Mä 1 k o; Li wäd i für eine sehr intensive Viehzucht ausgenützt werden: die be'fden Orfschaften besitzen an 5Ö.0ÖÖ Schafe und 15^000 Ziegen. Der Böden gehört aber 19 Beys in Jenidsche. Golemo Liwadi zählt rund 600, das erst um 18^3 entstandene :MaIko Liwadi bereits 100 Häuser. Vor nicht langer Zeit diente Liwadi nur als Sommerweide ohne ständige Besiedelung. Die Siedler sind Walachen desselben Schlages wie die von Ljümnitza (o. S. 77). Als wir in Liwadi eintrafen, fanden wir fast nur Frauen daheim, da die Männer bei den Herden weilten. Vor den nicht selten armseligen Hütten herrschte grosse Betriebsamkeit. Frauen, Mädchen und Kinder spannen oder webten auf primitiven Stühlen den groben Schajakstoff und wollene Decken (Welenzen), die über den eige- Liwadi im Morgennebel. nen Bedarf erzeugt werden. Für die wirtschaftliche Bedeutung von Liwadi zeugt am deutlichsten der Umstand, dass hier zwei Wochenmärkte, am Mittwoch und Samstag, abgehalten werden. Ich fand Unterkunft bei dem Ortsgeistlichen, einem vielgereisten makedonischen Griechen. Die mich begleitenden Gendarmen hielten die Nacht über um das Haus Wache, da Liwadi sich keines guten Leumundes erfreut.1) ') Über Liwadi vgl. auch Cvijić, Osnove za geografiju i geologiju Makedonije i Stare Srbije II 41!) f. Am nächsten Morgen lastete ein dichter Nebel auf Liwadi, als wir aufbrachen. Der erst nach Südwesten gewendete Weg steigt bald auf 1360»» und folgt dann, nach Südosten umbiegend, einem langen Rücken. Diesen deckt dichter Laubwald, Birken, Eichen Platanen und Kastanien. Unter den Sträuchern fallen Berberitzen, Rosen und Flieder auf. Die tieferen Hänge nehmen freundliche Matten ein, auf denen sich Tausende von Schafen tummeln. Gegen Süden überblicken wir das lange Tal des Grämosch- Landschaftsbild vom Pa'ik. Baches, gegen Südosten die Einfurchung des Gümöndsche Deressi, der dem Wardar zufliesst. Auf der Höhe von 1420 m umgingen wir im Südwesten den Boschköp, die höchste Erhebung des Pa'ik. Kurz darauf kamen wir zu der schönen, ge-fassten Quelle Alibej Tscheschmö, in deren Nähe wiederholt, aber mit geringem Erfolge auf Antimon und Magnesit geschürft wurde. Im Gramoschtale sollen Kupfer und^ Eisen nebeneinander vorkommen; bei Kaschikdschf will man sogar silberhaltigen Bleiglanz beobachtet haben. Noch immer auf dem gleichen Rücken ziehend, wandten wir xins nun nach Süden. Eine Rast auf einer vorgeschobenen Terrasse des Pogled (1430m), von der sich die ganze Kampania und die Wardar-Ebene überblicken lassen, benützte ich zu Peilungen. Auf ihnen beruhen nicht unwesentliche Korrekturen des Kartenbildes. Von da ab senkt sich rasch der Weg. Eine Viertelstunde später waren wir schon bei 1150m angelangt. Auf nackte Felsen folgte ein weiter prächtiger Kastanienwald, dann wieder Beschbunar Tepessi. mächtige, mühselig, nur zu Fuss passierbare Schutthalden. Auf Beschbunar Tepessi, einer Vorhöhe des Pa'ik (550 «0, stiessen wir auf den Beginn der Wasserleitung von Jenidsche (o. S. 67), •der wir nun lange Zeit folgten. Zu beiden Seiten des Weges dehnten sich wieder Felder und Weingärten aus. Von Ortschaften passierten wir nur das von 40 bulgarischen Familien bewohnte Dorf Pfrlilfk (240»'), das durch die malerische Ruine eines Konaks anzieht. Zwanzig Minuten später trafen wir in Jeni- 6* dsche ein. 51/« Stunden hatten wir für den Ritt von Liwadt gebraucht. Nur 11/« Stunden ostsüdöstlich liegt von Jenidsche die Ruinenstätte der alten Makedonenstadt Pella. Ich hatte sie schon zweimal besucht, nun wandte ich mich ihr auf der Rückkehr nach dem Ausgangspunkte der diesmaligen Tour, Salonik, zum drittenmal zu, um für die zahlreichen noch dunklen topographischen Fragen nach neuen Anhaltspunkten zu suchen. Der Besuch der Bassin Pel bei Alaklisse. denkwürdigen Lokalität unterliegt keinen Schwierigkelten, da mitten durch sie die makedonische Heerstrasse führt. Das Gelände ist eintönig; nur zur Linken erwecken auf dem Hügelsaume, den die Strasse entlang zieht, ausgedehnte Tabakfelder und höher oben Weingärten die Aufmerksamkeit. Erst nach einer Stunde kommen wir in der Furche des Tschekrö-Bachesan Ortschaften vorüber. Im Norden sieht man die beiden einander gegenüber liegenden Tschifiiks Alär (30 Häuser) und Tschauschli (10 H.); im Süden steht das einsame Dorf Tschekrö oder Kirtschälewo (30 H.). Die Bevölkerung ist ausschliesslich bulgarisch. Nach Übersetzung des Baches passieren wir links einen merkwürdigerweise zweigipfligen Tumulus (Nr. 1 der Kartenskizze auf S. 88), und vor uns erhebt sich an den in das Dorf Alaklissö abzweigenden "Wegen eine ganze Reihe dieser konischen Grabzeichen. Bei den Resten des einstigen Banja-Hans erreichen wir die ersten Zeugen von Pella. Zwischen Mauern verschiedener Epochen und anstehenden Felsbänken steht hier auf teilweise abgetrepptem Unterbau ein grosses, im Lichten 5'70:5'40»t messendes Bassin, das mit Pa'ikwasser gespeist wird, dessen Wintertemperatur eine auffallend milde sein soll. Die Anlage heisst Bänja oder Luträ (Bad), aber auch Pel, worin sich der alte Name erhalten hat. Unmittelbar darauf biegen wir in das Dorf Alaklissö oder Ajos Apöstolos, auch Stus Apostölus und Postöl genannt, ab. Ein höhnischer Gegensatz zwischen Einst und Jetzt kühlt alsbald die freudig erregte Phantasie des Besuchers ab. 150 Bulgarenhäuser breiten sich in flacher, dürrer Einöde auf dem Boden aus, der die Königsstadt getragen. Helotendasein, wo die Geschicke von Hellas und Asien bestimmt wurden, wo Euripides und Zeuxis geschaffen haben. Felder, Weiden und ungepflegte Wiesen decken die gebliebenen Trümmer. Das Gelände, dessen Unterlage Travertin bildet, fällt in 52 ni Seehöhe sanft nach Süden ab, wo es jenseits der Strasse in den 1 k) Herodot VII 123. Vgl. Thukydides II 99. 100. 2) Vgl. o. S. 61. 3) Hellen. V 2, 13. Dem gegenüber fällt Demosthenes (De cor. 68) Geringschätzung Pellas als eines „unberühmten und kleinen Ortes" nicht ins Gewicht. 4) Strabo VII frg. 20. 23. 5) Demosthenes a. a. O.; Strabo a. a. O. und XVI 2, 10; Lucanus X 20 j Juvenal X 168. 6) Pseudo-Skylax 66. ') VII frg. 20. 23. 8) Plutarch, Demetrios 43. Niese, Geschichte der griechischen und makedonischen Staaten I 374. est, velut insula eminet arx aggeri operis ingentis imposita, qiu et murum sustineat et humore circumfusae paludis nihil laedatur. muro urbis coniuncta procul videtur: divisa est intermurali amni et eadem ponte iuncta, ut nec oppugnante externo aditum ab ulla parte habeat, nec si quem ibi rex includat, ullum nisi per facillimae custodiae pontem effugium. et gaza regia in eo loco erat. Darnach bestand Pella aus zwei getrennten Teilen, aus der auf einem nach SW abfallenden Hügel gelegenen und von tiefen Sümpfen umgebenen, befestigten Stadt und der königlichen Burg, die sich, mit der Stadt durch eine Brücke verbunden, im Sumpf auf einer mächtigen Steinschüttung und -Mauerung erhob. Die Burg Phakos genannt1), enthielt auch die königliche Schatzkammer,2) über deren Inhalt man aus den Berichten3) über den Triumpf des Aemilius Paullus eine Vorstellung gewinnt. Der Sumpf hiess nur Borboros4), wie auch die gegenwärtige Bezeichnung Blato (Sumpf) ein Appellativum ist, und enthielt in besonders grossen und fetten Exemplaren den Fisch Chromis, der mit dem Siluros, welcher in dem Sumpfe von Jenidsche vorkommt, identisch sein wird.6) Die Schilderung der Ortslage bei Livius trifft, wie ein Vergleich mit unserer Charakteristik o. S. 85 zeigt, auf Alaklisse vollkommen zu. Die Stadt breitete sich auf der Höhe des Dorfes aus. Die Burg lag in dem einst offenbar ausgedehnteren Blato, nicht etwa weiter im Süden, im Gebiete des Jenidsche-Sees, weil dann die klar bezeugte Nähe der beiden Stadtteile aufgegeben werden müsste. Mein dreimaliger Versuch, den Sumpf genauer zu durchsuchen, scheiterte an hohen Wasserständen und an der üppigen Vegetation. Doch zeigte man mir dem Dorfe gegenüber eine Stelle, wo man auf Reste starker Quadermauern und auf Werkstücke aus Marmor stosse. Man versicherte, auch auf anderen Punkten Mauerspuren, darunter ') Livius XLIV 6; Polybius XXXI 25, 2; Diodor XXX 11. ») Vgl. auch Livius XLIV 6. 10. 3) E. Klebs, Pauly-Wissowas K. E. u. Aemilius 8p. 578. ") Plut. de exil. 10. 5) Vgl. auch M. Wellmann, Pauly-Wissowa u. Chromis. winklige, und einmal eine Art Treppe mit drei Stufen beobachtet zu haben. Diese Anzeichen sind gewiss identisch mit den Mauerfragmenten, die F. Beaujour bereits i. J. 1797 notiert hat.1) Leichter ist natürlich den Resten innerhalb der Stadt beizukommen, doch hat hier noch nirgends eine systematische Grabung eingesetzt, so dass wir über die Lage der öffentlichen Bauten, von denen ein Heiligtum der Athena Alkidemos2) ausdrücklich bezeugt ist, völlig unorientiert sind. Die Wahrzeichen der alten Siedlung sind die von weitem auffallenden Tumuli. Zwei — 1 und 2 unserer mit Benützung älterer Aufnahmen hergestellten Situationsskizze — liegen im Westen, sieben — 3 bis 9 — im Osten auf einer insgesamt i12 km langen Strecke. Dazu kommt noch ein Hügel (10) im Nordosten an dem Wege nach Kurfali. Aus ihrer Lage kann man auf den Verlauf der antiken Strasse schliessen. Das Spatium zwischen dem 2. und 3. gibt die westöstliche Ausdehnung jdes Weichbildes der Stadt an. Das Gelände ist hier mit Ziegelfragmenten und Tongefässscher-ben überstreut. Der 3. Tumulus enthält eine komplizierte, in den Felsen gehauene Grabanlage: 7 Kammern mit gewölbten Decken liegen hier an einem über 10 m langen Haupt- und einem 7'5m langen Quergange. Wir konnten nur mit Mühe hineingelangen, da eingeruschte Erdmassen und Regenwasser einen Teil der Räume ausfüllten3). In der Nähe dieses Tumulus sind mehrere Gräber gefunden worden. Bei dem Tumulus 10 befindet sich eine ') Tableau du commerce de la Grece I 87. Über Pella vgl. sonst Leake, Travels in Northern Greece III 259 ff.; Cousine'ry, Voyage dans la Macedoine I 88 ff.; Pouqueville, Voyage de la Grece III 113 ff.; Delaconlonche, Memoire sur le berceau de la puissance Macedonienne 74 ff.; Hahn, Reise von Belgrad nach Salonik 125; H. F. Tozer, Researches in the Highlands of Turkey I 153; Th. Desdevises - du - Dezert, Geographie ancienne de la Macedoine 378 ff.; A. Boue', Die europäische Türkei I 555; A. Prokesch von Osten, Denkwürdigkeiten und Erinnerungen aus dem Orient III 651; Grisebach, Reise durch Rumelien II 78; Goltz, Ein Ausflug nach Macedonien 17 ff.; Naumann, Macedonien 9; Tafel De Thessalonica 310 ff. und De via militari Romanorum Egnatia I 51 ff; R. Kiepert, Formae orbis autiqui XVI Text 3; Dimitsas, Archaia geografia tes Makedonias 244 ff. nnd Makedonia 100 ff. '') Livius XL1I 51. s) Vgl M. Chrisochoos, Epet. Parnassu I (1896) 13 ff. geräumige Grabkammer, die an die in Palatitza ( o. S 45) und bei Niausta (o. S. 53) gesehenen erinnert. Die im Nordwesten des Dorfes1) auf überschauender Höhe gelegene Apostelkirche ist zum grossen Teil aus antikem Baumaterial aufgeführt. Davor befindet sich, in den Felsen gearbeitet, ein Weihwasserbrunnen, Ajiasma, zu dem einige Stufen hinabführen. Es ist dies ein alter Wasserschacht, welchen eine ursprünglich sehr reiche Quelle speiste und von welchem Leitungen in die Stadt ausgingen. In der Nähe der Kirche wird sich das Theater von Pella befunden haben, da hier die Terraingestaltung hiefür am günstigsten ist. Im Zentrum des Dorfes erhebt sich ein Laufbrunnen, der aus einem grossen eingewölbten Sammelbassin von später Ausführung und einer Fassade besteht, in die über dem Tränktroge die Grabplatte eines Dionysios Me- Laufbrunnen in Alaklisse. ') Sein Herrenhaus ist o. S. 21 abgebildet. gakleus mit einer schönen, sehr sorgfältig gearbeiteten Bekrönung eingefügt ist.1) Unweit davon zeigte man uns einen angeblich zu einem Gange hinabführenden Schacht. Im Hause des Sali Bey ist ein 0'82 m hohes Bruchstück einer Artemisstatue eingemauert;2) im Hofe des Subaschi fanden wir eine mächtige kannelierte Säule und unter Werkstücken aus Marmor das Kniestück eines hinteren Pferdebeines in etwa natürlicher Grösse aus feinem thasischen Marmor. Es zeigt eine solche Schönheit der Ausführung, dass man es einem grossen Meister und einem hervorragenden Monumente zuschreiben muss. Das kleine Stück ist das vollendetste von all den Kunstresten, die ich in Makedonien gesehen habe. Auf dem Feldwege, der vom Dorfe südwärts zur Strasse und zu unserer Phakosinsel führt, kommt man rechts an Mauertrümmern vorbei, die einem monumentalen Gebäude angehört haben. In dem Winkel, den der Weg mit der Strasse rechts bildet, liegt ein zum Teil von den eingedrungenen Schuttmassen gesäuberter Schacht, in dem steinerne Stufen etwa 15m tief zu verschütteten Gewölben und Gängen mit anschliessenden Räumen hinabführen. Die Bestimmung der Anlage muss einer Grabung vorbehalten bleiben. Meine Begleiter erzählten noch von anderen unterirdischen Bauten, gesehen habe ich sie jedoch nicht. Folgt man der Strasse gegen Westen, so stösst man beiderseits wieder auf vereinzelte Mauerreste. Wir gelangen dabei zu dem Bassin Pel, das uns beim Betreten der Ruinenstätte zuerst ver-heissungsvoll begrüsst hatte (o. S. 85). Diese Stelle befand sich zweifellos schon ausserhalb der Stadt. Sollte sie mit der Badeanstalt und der Heilstätte für Milz- und Fieberkranke, die Athe-naeus VIII 348 e f. 352 a für Pella bezeugt, identisch sein? Nach demselben Autor war die Stadt nicht gesund; die Einwohner sahen bleich und kränklich aus. Einige Schritte nördlich von dem Bassin ragt noch eine 1070 m lange und 1'60 m starke Mauer einsam hoch auf, sie gehört jedoch einer späten Zeit an. Hier, auf dem Flachlande im Westen der Stadt, werden 0 Consin^ry a. a. 0. I 99. ') Vgl. Delacoulonche a. a. 0. 79. wohl die Xanthika genannten Heerfeste, Weihen und Spiele vor den makedonischen Königen abgehalten worden sein.1) In der Umgebung der Stadt müssen sich Weingärten ausgedehnt haben, denn der Wein von Pella wird gerühmt.2) Auch nach dem Zusammenbruche des makedonischen Reiches verblieb Pella eine ansehnliche Stadt.3) Bei der Neuordnung Makedoniens nach der Depossedierung des Königs Perseus wurde sie der Vorort der dritten neuen makedonischen Eidgenossenschaft, die Paeonien westlich vom mittleren Wardar, Niedermakedonien vom unteren Axios-Wardar bis zum Bermion oros-Wermion mit den Städten Edessa-Wodena und Beroia-Karaferia sowie Thessalien bis zum Peneios-Salamwrias umfasste. Sie wurde dadurch der Sitz der gemeinsamen Behörden.4) Im Gegensatze zu den anderen drei makedonischen Eidgenossenschaften scheint aber die von Pella damals keine Münzstätte gehabt zu haben. Erst später, unter der unmittelbaren römischen Verwaltung wurde wieder, wie unter den Königen, in unserer Stadt Geld geprägt.6) Unter Kaiser Augustus wurde Pella mit Römern besiedelt und erhielt den Namen Colonia Iulia Augusta Pella.6) Es wurde dadurch eine lateinische Enklave im griechischen Sprachgebiete, was sowohl auf Münzen7) wie auch in Inschriften8) zum Ausdruck kommt. Doch wurde dadurch, wie auch eine von mir gefundene metrische Grabinschrift beweist,9) das griechische Element aus der Stadt nicht verdrängt. Für das Gedeihen des Ortes war von Bedeutung, dass er der Knotenpunkt zweier wichtiger Strassenlinien war, der Via Egnatia und der über ') Vgl. M. P. Nilsson, Griechische Feste von religiöser Bedeutung 404 f. ■-') Pollux VI 16. 3) Skymnus 625. ") Livius XLV 29. s) Gaebler, Zeitschrift für Numismatik XX 190 f. XXIII 158 ff. und Die antiken Münzen Nordgriechenlands III 1. S. 3. 9. 10. 6) Plinius n. h. IV 34. CIG 1997. Vgl. Kornemann, Pauly-Wissowa Coloniae. ') Vgl. F. Imhoof-Blumer, Monnaies grecques 86 ff. 8) CIL III 598. 599. 9) Athenische Mitteilungen 1902 311 n. 17. Beroia-Karaferia nach Thessalien führenden Route.1) Im 2. Jahrhundert n. Chr. wird allerdings Pella schon als eine ruinenreiche Stadt bezeichnet;2) die kräftige Entfaltung von Thessalonike-Sa-lonik wird die Kräfte absorbiert haben. Die Stadt prägte jedoch noch im 3. Jahrhundert eigene Münzen.8) Erwähnt wird sie noch später,4) aber so, dass daraus keine näheren Daten zu gewinnen sind. Die Erbschaft hat in neuerer Zeit Jenidsche angetreten, und zwar nicht bloss als erster Ort am Nordsaume der Kampania, sondern auch, wie bereits o. S. 68 erwähnt wurde, was die dürftige Hinterlassenschaft anbelangt. In letzterer Hinsicht aber nicht allein, auch in den Ortschaften östlich von Alaklisse findet man aus Pella verschleppte Monumente. Gleich der von der Ruinenstätte etwas mehr als eine Stunde entfernte, bei dem ehemaligen Sarsah'-Han an der Wegabzweigung nach Ktisch-bali gelegene aufgelassene türkische Friedhof M i s s i r-B abä ist so voll von dorthin gebrachten Fragmenten, dass er wie eine antike Ruinenstätte aussieht. Die Male scheinen in den Tagen der Eroberung gefallenen Soldaten gesetzt worden zu sein. Doch kommt hier auch ursprüngliches antikes Mauerwerk vor; man wollte deshalb bei dem Friedhofe die Stadt Ichnai ansetzen,6) doch glaube ich dafür bei einer anderen Gelegenheit das nördlich gelegene Kurfall oder Kufälowo in Vorschlag bringen zu können, wo ich auf einer Sondertour einschlägige Inschriften gefunden habe.6) Diesmal wandten wir uns ostwärts, dem War-dar zu. Auf der Jaschäli genannten Lokalität7) hören die Vorhügel des Pa'i'k plötzlich auf. Die Böschungen sind so steil, dass man in ihnen die älteste Küstenlinie erkennen möchte. Zur ') ltinerarium Antonini 319, 4; Itin. Hierosolymitanum 606, 1; Tabula Peutingeriana segm. VIII 2; Geographus Ravennas 194, 15. 374, 1; Polybius XXXIV 12, 8 - Strabo VII 323. Tafel, Via militaris Romanorum Egnatia 51; Oberhummer, Pauly-Wissowa u. Egnatia via 1989 f. 2) Dio ChryB. or. 33 p. 402; Lucian Alex. 6; Anth. Pal. VII 139. 3) Cataloque of Greek coins. Macedonia 94 f. ") Hierokles 638, 3. 5) Delacoulonche a. a. O. 70; Leake a. a. O. IV 582. o) Athenische Mitteilungen 1902 309 f. ') Vgl. die Kartenskizze o. S. 88. Rechten zweigt hier die über den Kara Asmak nach Karaferia führende Strasse ab. Unsere Strasse bietet weiterhin nichts von Bedeutung. Mit Freude begrüssten wir daher den von Einheimischen wie von Fremden von Saionik aus vielbesuchten Wardar-Han, bei dem eine etwa 250 m lange Holzbrücke über den flachufrigen, mit Bäumen gesäumten, trägen Fluss führt und dessen Umgebung noch zum Schlüsse archäologische Belehrung spendete. Die Brücke wurde gelegentlich des Baues der- Strasse anfangs der sechziger Jahre errichtet und wird von der Regierung für 1100—1300 türk. Pfund (25.000—30.000 Kronen) jährlich an einen Pächter vergeben, der ein festgesetztes Brückengeld einhebt. Die Brücke hatte schon eine alte Vorgängerin. Diese lag etwa 2 km südöstlich und stützte sich auf zwei Inseln. Sie wird schon durch den Namen der Station Gephyra der Via Egnatia bezeugt.1) Die Sorglosigkeit der Byzantiner Hess die Brücke zu Grunde gehen. Die Heere mussten dann den Wardar durchfurten, was bei Hochwasser ') Itin. Hierosolymitanum 605, 6. Wardar-Han. namentlich im Frühjahr ganz erhebliche Schwierigkeiten bereitete.1) Von der Wardarbrücke dehnt sich die Strasse nach Salo-nik 6 Stunden. Nur einige Tumuli von ansehnlicher Grösse vermögen das Interesse zu fesseln. Zum Schlüsse sei in knappen Worten und zum leichteren Vergleiche auf einem Kärtchen zusammengestellt, wie wir uns Wardar-Brücke. auf Grund unserer Beobachtungen im Gelände und der einschlägigen Notizen der alten Autoren die Entstehung der Kampa-nia, der grössten Alluvialebene im Bereiche des Ägäischen Meeres,2) denken. Wir unterscheiden drei Entwicklungsstadien. I. Der Thermaische Meerbusen schob sich dermassen nach Nordwesten vor, dass die Küste dem Bergsaume nur in geringer ») Vgl. Tafel, De Thessalonica 299 f. 2) Vgl. C. Cold, Künstenveränderungen im Archipel 57 ff. Entfernung in einem weiten Bogen folgte. Aus dem Süden er-goss sich, sein Delta nach Nordosten stetig ausbauend, der Ha-liakmon in den inneren Golf. Die Stadt Aloros bestand noch nicht. Beroia lag der Küste nahe. Der Nordwesten spendete aus dem geschlossenen Kessel der Almopen den Roidias. Am Nord- Die Entwicklung der Kampania. ufer lagen auf einem schmalen Landstreifen, dem Weidelande Bottiaia, die beiden Städte Pella und Ichnai. Der Axios vereinigte sich mit dem Echeidoros; an ihrer Mündung dehnte sich ein kleines Sumpfgebiet aus. Die Strassen waren zu weitem Um- wege um den Golf gezwungen. Dieses Stadium währte etwa bis zum Ende 5. Jahrhunderts v. Chr.; es entspricht den Andeutungen Herodots. II. Durch unablässige Vorschiebung der Mündungen näherten sich die beiden mächtigen, an Sinkstoffen sehr reichen Flüsse Axiosund Haliakmon so bedeutend, dass zwischen ihren Aufschüttungen nur eine schmale, immer flussartiger werdende, Ludias genannte Einfahrt in den inneren Golf offen blieb, der von dem äusseren lagunenartig abgeschlossen wurde. Infolge seiner beständigen Wanderung von Osten nach Westen fiel der Axios in den Ludias (nicht umgekehrt, wie Strabo berichtet); ein Teil seines Wassers ging jedoch dem inneren Golfe zu, wo dadurch im Verein mit anderen Flüssen, mutmasslich auch mit dem Haliakmon, das Seewasser allmählich durch Süsswasser ersetzt wurde. Der Echeidoros behielt seine Laufrichtung bei und ergiesst sich nun selbständig ins Meer. Am Nordsaume ist der Sumpf Borboros gewachsen; durch ihn führt ein Kanal von Pella zum Ludias; die Länge der künstlichen und natürlichen Wasserstrasse misst zwischen der Stadt und der Meeresküste 120 Stadien. Im Westen ist die Landzunahme eine weit geringere, doch tragen der Roidias und die anderen zahlreichen von dem Höhenkranze radienförmig herabkommenden Zuflüsse zu der allmählichen Verseichtung der Lagune bei. Im Süden ist im Delta des Haliakmon die Stadt Aloros entstanden. Diese II. Phase, die sich insbesondere aus Polybius, Livius und Strabo ergibt, gilt etwa für das 2. und 1. vorchristliche Jahrhundert. Unsere III. Skizze stellt die Situation um 500 n. Chr. dar. Der Landzuwachs ist ein bedeutender, der See völlig geschlossen, der Ludias ein enger Fluss. Zu den rege benützten Wasserwegen ist eine Landstrasse hinzugekommen, die den griechischen Süden über Aloros und über den ehemaligen Busen mit Thessalonike verbindet. Diesen drei Perioden könnte man eine vierte, um 900 n. Chr. anhebende anreihen. Sie wird, abgesehen von der weiteren Landbildung, durch fortwährendes Wandern der Flüsse Axios, Ludias und Haliakmon in dem jungen, weichen, nachgiebigen Boden charakterisiert. Ihren Hochfluten ist es zuzuschreiben, dass sich der See und der Sumpf von Jenidsche erhalten haben, der letztere sogar zum Teil wieder wächst. Für unsere Darlegung bietet eine anschauliche Parallele der Prozess, der sich jetzt im Golfe von Salonik abspielt. Das Delta des Wardars hat sich dem gegenüberliegenden Kap Büjük Karaburun bereits so genähert, dass grösseren Dampfern nur noch eine schmale Fahrrinne dicht an dem Steilabfalle des Kaps zur Verfügung steht. Die Vereinigung beider Küsten und damit der Abschluss des inneren Golfes zu einer Lagune stehen bevor. Auf künstliche Weise wird dann der Wardar daran gehindert werden müssen, in das Becken zu münden. Erfolgt dies nicht, so wird Salonik durch Verschlammung und Versumpfung von' der Küste abgerückt und das erleiden, das Pella getroffen hat. Verzeichnis der Illustrationen. Seite 1. Die Kampania bei Kulakia...........9 2. Brücke bei Saridscha . . ...........11 3. Albanische Hirten in der Kampania........13 4. Konak in Alaklisse..............21 5. Am unteren Juftiko in Karaferia.........29 6. Aus dem Judenviertel in Karaferia........30 7. Mittelalterlicher Turm in Karaferia........41 8. Das Wohnhaus des Gutsbesitzers in Palatitza .... 45 9. Brücke über den Ana Dere bei Karaferia......49 10. Wodena von 0................58 11. Der Stufenweg Longo in Wodena........62 12. Hohlweg beim antiken Theater in Wodena.....64 13. Der Quellbezirk von Dejirmenlik.........69 14. Brücke bei Prodrom.............78 15. Leskowo .................79 16. Webende Frauen in Liwadi...........80 17. Liwadi im Morgennebel............81 18. Landschaftsbild vom Pa'ik...........82 19. Beschbunar Tepessi .............83 20. Bassin Pel bei Alaklisse............84 21. Situationsskizze von Pella...........88 22. Lapfbrunnen in Alaklisse ...........90 23. Wardar-Han..........., .... 94 24. Wardar-Brücke...............95 25. Die Entwicklung der Kampania.........96 26. Frauen in Gida...............98 Verlag von Daniel A. Kajon, Sarajevo. ANTON HANGI, DIE MOSLIMS in Bosnien-Hercegovina. Ihre Lebensweise, Sitten und Gebräuche. Autorisierte Übersetzung von HERMANN TAUSK. MIT ZAHLREICHEN ILLUSTRATIONEN. Preis geheftet M 4.— (K 4.80). Gebunden % Leinwand mit Dreifarbendruck-Titel M 4.50 (K 5.40). Gebunden Vi Leinwand M 4.80 (K 5.80). Von Mitarbeitern dieser Sammlung sind u.a. erschienen: V, Apfelbeck, Die Käferfauna der Balkanhalbinsel mit Berücksichtigung Kleinasiens u. der Insel Kreta. I. Band. Berlin R. Friedländer u. Sohn 1904. A. Baldacci, Die westliche Akrokeraunische Gebirgskette. Mitteilungen der Geographischen Gesellschaft in Wien. ,1896. Lechner. J. Cvijič, Das Karstphänomen. Versuch einer morphologischen Monographie (A. Penck, Geographische Abhandlungen V 3). Wien. E.' Holzel. 1893. J. Cvijic, Morphologische und glaziale Studien aus Bosnien, der Hercegovina und Montenegro (Abhandlungen der Geographischen Gesellschaft iu Wien. II 6 und III 2).Wien. 11. Lechner. 1900 und 1901. G. V. Daneš, Bevölkerungsdichtigkeit der Hercegovina (Travaux gdographiques tcheques 3). Prag. Selbstverlag. 1903. V. Dvorsky, Ekonomickogeografick^ studie z Černe hory. Prag. 1907. E. Gerland, Geschichte des lateinischen Kaiserreiches von Konstantinopel. I. Teil. Homburg v. d. Höhe. Selbstverlag. 1905. H. Grothe, Auf türkischer Erde. Reisebildor und Studien. Berlin. Allgemeiner Verein für Deutsche Literatur. 1903. K. Hasse rt, Reise durch Montenegro nebst Bemerkungen über Land und Leute. Wien, Post, Leipzig. A. Hartlebens Verlag 1893. K. Hassert, Beiträge zur physischen Geographie von Montenegro mit besonderer Berücksichtigung des Karstes. Gotha. Justus Perthes. 1895. Th. Ippen, Novipazar und Kossovo (das alte Rascien). Wien. A. Holder 1892. F. Katzer, Geologischer Führer durch Bosnien und die Hercegovina. Sarajevo. Landesdruckerei 1903. F. Katzer, Geologische Übersichtskarte von Bosnien-Hercegovina in 6 Blätern i. M. 1: 200.000 I. Blatt. K. Maly, Beiträge zur Kenntnis der Flora Bosniens und der Hercegovina. Wien. K. K. Zoologisch-botanische Gesellschaft. 1904. F. Baron Nopcsa, Das katholische Nordalbanien. Wien. Gerold u. Co. 1907. K. 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