f® - 7 *g Reise-Handbiicher und Albums aus dem Verlage der liter. art. Abtheilung des osterr. Llojd in Triest, welche durcb.jede gute Buehhandlung zu beziehen sind: Aegypten. Reise-Handbuch fiir A.egypten und die angrenzenden dem Pascha uirter\vorfenen Lander, von Dr. Moriz Busch. Mit vierzehn Ansichten, einer Reisekarte und einem Plane von Kairo. ki. 8. in Calico-Einband. Preis: 3 fl. 16 kr. d. W. Griechenland. Reisehandbuch fiir Griechenland mit Einschluss Thes- saliens, Albaniens, der Inseln des Archipelagus und der Joni- schen Republik, von Dr. Moriz Busch. Mit 12 Ansichten, einer Reisekarte und einem Plan von Athen. ki. 8. in Calico-Einband. Preis: 3 fl. 16 kr. d. W. Triest. Historisch-topographisches Reise-Handbuch fiir die Besucher dieser Stadt und ihrer Umgebungen. Herausgegeben vom osterr. Lloyd in Triest. Mit acht Ansichten und mehreren Planen. 2. Ausflage. ki. Š. in Calico-Einband. Preis: 2 fl. 12 kr. d. W. Venedig. Historisch-topOgraphisch-artistisches Reise-Handbuch fiir die Besbcher der Lagunenstadt. Herausgegeben vom osterr. Lloyd in Triest. Mit zwbif Ansichten und einem Plane der Stadt. 2. Auflage. ki. 8. in Calico-Einband. Preis: 2 fl. 12 kr. d. M. Von Wien nach Lina; Reise-Handbuch fiir alle Stationen der Ivai- serin Elisa^eth-VVestba^in, nebst der Donaufahrt von Linz nach Wjen. Herausgegeben vom osterr. Lloyd in Triest. Mit 15 An- sichterf uncTeiner Karte' der^Vestbahn. ki. 8. brosch. 80 kr. Die Kunstschatze Wien’s in 108 Stahlsticlien, nebst erlauterndem Text von A. R. von Perger. gr. 4. Preis: Pracht-Ausgabe 46 fl. 8 kr., feine Ausgabe 31 fl. 68 kr., gcwohnliche Ausg. 18 fl. d. W. __ r TON WIEN NACH TRIEST. REISEHANDBUCH FUE ALLE STATIONEN T)EE K. K. PEIV. SCDBAHN, FEBST DICN FAHRTEN VON BODENBACH, OLMtlTZ, KRAKAU, LINZ, PESTH NACH WIEN UND VON TRIEST NACH VENEDIG. HERAUSGEGEBEN TOM OESTERREICHISCHEN LLOYD IN TRIEST. MIT 13 STAHRSTICHEN UND 22 HOLZSC1INITTEN. Z W TIT E WESENTLICH VERBESSERTE RED MIT SECHS ROUTENRARTCUEN DER StlBBAHN VERMEHRTE AUFLAGE. TKIEST. LITERARISCH-ARTISTISCHE ABTHEILENG BES OESTERR. LI.OTD. 1860 . tikobm ii 140649 - Vorwort zur ersten Auflage. V Vorwort zur ersten Auflage. „Eailroad is the špirit of the age, it is vain to stri ve against it.“ Man hat in neuester Zeit versucht, fiir die Reiseliteratur einen Mittelweg zu hnden, zwischen der Unterhaltungslectiire, die der Reise fremd ist, und dem pflichtgetreuen aber trockenen Reisecommentar; man \vill namlich die zu durchfahrende Strecke in bliihender poetischer Form besprecben. Fiir ganz kleine Strecken mag diess angehen, besonders dann, wenn die localen Details dem Reisenden schon bekannt sind; fiir grossere Reisen dient es \veder dem einen nocb dem anderen Zwecke. Als man noch in einen Lohnwagen gepackt, stundenlang die Spitze des nachsten Kirchthurmes vor sich sah, da hatte man die Musse und Gemiithsruhe, sich unter\vegs mit griindlichen topograpbisch-bistorisch-artistiscben Stu- dien iiber besagten Kirchthurm zu befassen. Jetzt findet sich \veder Zeit noch Stimmung mehr dafiir — im Fluge vorwarts geht die Falirt und die Bilder \vechseln im Augenblicke. Was man davon griindlich wissen will, muss vor der Reise studirt sein; die poetische Anregung aber braucht man nicht aus Biichern zu holen, man sieht ja selbst! wie man sieht und was man dabei empfinden vrill, kann oder muss, das ist Sache des Ein- zelnen. Wer Sinn fiir die Schonheit der Natur hat, \vird von sanften an- muthigen Thalern, von -vvildrauschenden griinen Gebirgsstromen, von diisteren schroffen Felsabhangen ergriffen werden, ohne dass ihm ein Anderer s e in e Empfindung vorsagt, im Gegentheil, es stort ihn, diese Empfindungen gedruckt lesen zu sollen. Im Leben gibt man sich gewohnlich von den Motiven keine Re- chenschaft, allein man handelt darnach — unbewusst. Wenige -vverden VI Vorwort zur ersten Auflage. die poetisch geschriebenen Handbiicher liber die Rhein- oder Donaufahrt auf der Reise selbst mitfuhren; Unzahlige ihren Badecker, den prak- tiscben Menschenkenner, der eben desshalb so vorziiglich ist, weil er, aus der Gegenwart er\vachsen, ihren Charakter nicht erst sucht, sondern selbst hat. Murray und er sind geborne Eisenbahnfahrer, und das alte Landkutschenflaniren steckt ihnen gar nicht in den Gliedern. Das vorliegende Buch ist in demselben Sinne zu demselben Zwecke verfasst: es blieb nur die Wahl zwischen angenehmer Unbrauchbarkeit oder trockener Zweckmassigkeit; — es blieb eigentlich keine Wahl; der Dampf gibt das Gesetz. Die Objecte fliegen schnell voriiber, man will iiberall sogleich wissen, was man sieht, erinnert werden, was man zu suchen hat. Der Freund der Natur verlangt die Namen der wechselnden Bilder, der Geschaftsmann deren industrielle Bedeutung. Auch diess liegt im Charakter der Gegenwart, dass sich der reale und ideale Sinn im hohen Grade durchdrungen haben; es gibt -wenig reine Naturreisende, die nicht schon theilweise vom industriellen Interesse angehaucht waren, wenig Industrielle, denen das landschaftlich Sehens- Aviirdige gleichgiltig ware. Fur beide Interessen moglichst zu sorgen, war eine der Aufgaben dieser Schrift. Dass hiebei nebst eigener Anschauung das Gute der Vorganger be- niitzt wurde, wird nicht zur Entschuldigung, sondern zur Empfehlung bemerkt. Es gibt mitunter eine Anordnung und Gruppirung der Gegen- stande, welche fur den.Leser die allein zweckmassige ist; es ware tho- richt, hinter den erkannten Fortschritt zuriickzugehen, und unverant- \vortlich das Interesse des Reisenden einer iibel verstandenen Originalitat zu opfern. Dabei halt sich diess Buch noch geniigend berechtigt, sein aus- schliessend eigenes Verdienst in Anspruch zu nehmen. Es ist das erste, welch.es die Fahrt nach Triest in eine m Zuge ohne Unterbrechung verfolgt, von einer Station zur anderen, so weit als moglich und so kurz als nothig die erforderlichen Andeutungen gibt, und der Bahn selbst, die Vorwort zur ersten Auflage, YII hier mehr als irgendwo von selbststandigem Interesse ist. die gebiihrende Aufmerksamkeit zuwendet. Es ist namentlich das erste, welches die neu eroffnete Bahnfahrt von Laibach nack Triest auf der so interessanten Karstbahn mit genauen Localerklarungen begleitet. Der Tollstandigkeit wegen sind in der Einleitung die Hauptrouten von Bodenbach, Olmiitz, Krakau, Pest h und Linz nach Wien in Kiirze verzeichnet. Fiir einen kurzen Aufenthalt in den Hauptstadten ist durch eine gedrangte Mittheilung ihrer Merk\viirdigkeiten gesorgt, doch ist dabei nur die Zeit von 2—4 Tagen beriicksichtigt worden. Dem langer Yerweilenden sind fiir Wien und Umgebung, wie auch fiir alle ■vveiteren Excursionen in Oesterreich und Steiermark Weidmann’s aus- fiihrliche Handbiicher zu empfehlen, fiir den langeren Aufenthalt in Triest und Venedig die im Yerlage dieser Schrift erschienenen Werkchen: Triest. Historisch-topographisches Iieisehandbuch. 2. Aufl. Triest 1857; Drei Tage in Triest von Formiggini, Kandler, Revoltella und Scrinzi (Aufl. von 10.000 Exempl. in 4 Sprachen 1858); und Yenedig. Historisch-topo- graphisch-artistisches Reisehandbuch fiir die Besucher der Lagunenstadt. 2. Aufl. Triest 1857. Im Allgemeinen ist es eine lible Gewohnheit, alle Sehenswiirdig- keiten einer grossen Stadt in einigen Tagen zu durchjagen. Man miidet sich ab und gewinnt dabei nichts an Einsicht und Genuss. Es ist dem Reisenden sehr anzurathen, er wolle sich bei kurzem Aufenthalte darauf beschranken, die Physiognomie der Stadt gutkennen zu lernen, diePunkte aufzusuchen, die ihm das beste Bild des Ganzen geben, ausserdem aber nur jene Objecte zu besichtigen, die von allgemein menschlichem Interesse und allgemein verstandlich sind, oder die in seinFach einschlagen und ihm desshalb sicheres Yerstandniss, Bereicherung seiner Kenntnisse verbiir- gen. Die Stefanskirche von aussen und von innen zu betrachten, ist die Pflicht eines Jeden ohne Unterschied des Berufes, eine Pflicht, deren Er- fiillung Allen lohnend ist, denn sie pragt uns das Bild eines der grossten und merkwiirdigsten Bauwerke aller Zeiten ein, dessen Erhabenheit auch Vlil Vorwort zur ersten Auflage. dem offenbar wird, der yon der Baukunst nichts versteht. Die AViener Theater gehoren zur Charakteristik des AViener Lebens , und wer die Stadt kennen will, muss ihre Theater sehen. Hingegen ohne Kenntniss der Gesehichte und Literatur die Schatz- kammer, die Ambraser-Sammlung, die Bibliotheken aufzusuchen, ist wahrer Zeitverlust. AVer sich in sonst iiblicher AVeise bei kurzem Aufent- lialte abhetzt, um Museen, Sammlungen und Cabinete aller Art zu sehen, der hat sich umsonst bemiiht. Man sieht nur das -wirklicli und mit blei- bendem Eindrucke, was man versteht und mit Ruhe betrachten kann. AVenn \vir bei Venedig das Gegentheil empfehlen, so ist das eine Aus- nahme, welche die Regel bestatiget, wie diess am geeigneten Orte nach- ge\viesen wird. Endlich sei noch eine Bemerkung erlaubt, die, an sich allgemeiner Natur, sich doch vorziiglich auf die Wien-Triester Fahrt bezieht. Reise- biicher sind wie Sonnenuhren: sie zeigen nur bei Tag und Sonnenschein. AVer das Handbuch beniitzen, die Merkwiirdigkeiten der Bahn und der Gegend kennen lernen will, muss in der AA r ahl der Jahres- und Tageszeit einige Vorsicht brauchen, abgesehen natiirlich Ton Geschaftsreisen, die sich um Tag und AVetter nicht kiimmern kiinnen. Es muss daran erinnert werden, dass die Bahnfahrt yon AVien nach Triest eine der interessantesten des Continentes ist. Sie vereinet Alles, was Natur und Kunst Erhabenes und Merkwiirdiges bieten. Die Bahn selbst ist die kiihnste und grossartigste aller europiiischen Bahnen, die Gegend umfasst alte Reize der Natur von der sanften Anmuth fruchtbarer Ebenen und griiner Rebenhiigel bis zur -wilden Grosse der Alpen und dem ergreifenden Anblieke des Meeres. Da die Fahrordnung der Sudbahn bis auf einige Hauptziige sich nach den Jahreszeiten und den Verhaltnissen andert, so lassen sich zwar nur einige allgemeine Andeutungen iiber die Eintheiiung der Reise geben, doch sollten diese von Reisenden, die um der Gegend und der Bahn willen fahren, jedenfalls beachtet werden. Vorwort zur ersten Auflage. IX Beziiglich des Aufenthaltes in Triest und Tenedig ist auf die Zeit des Vollmondes immer Bedacht zu nelimen. Fiir eine Friihlings- und Sommerreise ware folgende Eintheilung anzurathen: a) Ton Wien bis Gratz mit dem Friihzuge, damit man den Sem¬ mering bei Tag passire. Ankunft in Gratz gegen 6 Uhr Abends, um diese Zeit kann man aucb den Schlossberg besuchen. b) Ton Gratz nach Triest mit den um 6 Uhr Morgens durch Gratz gehenden "Wiener Abendzuge; weil man auf diese Weise das solidne San- thal (von Cilly bis Sava), die grossartige Karstbahn, und die interessante Bahnstrecke von Nabresina bis Triest ebenfalls bei Tageslicht befahrt. X Vorwort zur zweiten Auflage. Vorwort zur zweiten Auflage. Das Reisehandbuch hat eine so rege Theilnahme gefunden, dass eine zweite Auflage nothwendig \vurde. Durften wir hierin eine erfreu- liche Anerkennung unserer eifrigen Bemiihung sehen, so finden wir uns auch um so mehr verpflichtet, Alles aufzubieten, um das Buch auf dem Niveau der Zeit zu erhalten. In dieser zweiten Auflage sind alle im Laufe des Jahres eingetretenen Veranderungen aufgenommen, die Aus- fliige von den Bahnstationen mit mehreren Excursen vermehrt, sammt- liche Fahrtarife einer Revision unterzogen und nach ihrem gegenwartigen Stande verzeichnet, so wie alle Preisbestimmungen auf den neuen oster- reichiscben Miinzfuss reducirt worden. Die Preise sind daher jetzt iiberall in osterreichischer Wahrung angegeben, der Gulden a 100 Neukreuzer, mit Ausnahme von Venedig, wo die neuen Preise noch nicht durchaus festgestellt sind, wesshalb der einfacheren Rechnung wegcn (3 Lire = 1 Gulden Conv. Mze.) die alten Ansatze in Conv. Mze., 1 Gulden Conv. Mze. = 1 Gulden 5 Kreuzer osterr. Wahrung beibehalten wurden. Im Interesse der vielen Reisenden, welche die im Bereiche der Balin liegenden steirischen Bader besuchen, sind diese Curorte und die beziiglichen Terkebrsmittel eingehender behandelt und iiber die Verhalt- nisse der dortigen Cursaison aus sicheren Quellen Andeutungen gegeben worden. Endlich wurde dem mehrseitig ausgesprocbenen Wunsche, es moge die bisherige Bahnkarte, deren Format das Nachsehen wahrend der Fahrt beschwerlicb machte, in eine bequemere Form gebracbt werden, dadurch entsprocbqn , dass die Bahnkarte nunmehr in die einzelnen Sectionen vertheilt und jeder Abtheilung die Karte der betreffenden Bahnstrecke beigefiigt worden ist. Inhalt. Inhalt. ERSTE ABTHEILUNG. Bodenbach — \Vien. S. 3. Olmiitz — Wien. S. 9. Krakau — Wien. S. 10. Linz — Wien. S. 10. Pesth — Wien. S. 13. Wien. S. 14. ZWEITE ABTHEILUNG. "VVien — Gloggnitz. S. 27. — Die Wien-Gloggnitzer-Bahn. S. 29. — Die Maschinenfabrik. S. 31. — Die Bahnfahrt. S. 32. DRITTE ABTHEILUNG. Gloggnitz — Miirzzuschlag. S. 53. — Die Semmeringbahn. S. 55. — Die Bahnfahrt. S. 58. VIERTE ABTHEILUNG. Miirzzuschlag — Gratz. S. 71. — Die Bahn. S. 73. — Land und Yolk Ton Obersteier. S. 73. — Die Bahnfahrt. S. 75. — Gratz. S. 88. FUNFTE ABTHEILUNG. Gratz — Cilly. S. 95. — Die Bahn. S. 97. — Land und Volk von Unter- steier. S. 98. — Die Bahnfahrt. S. 100. SECHSTE ABTHEILUNG. Cilly — Laibach. S. 113. — Die Bahn. S. 115. — Die Bahnfahrt. S. 116. — Laibach. S. 125. SIEBENTE ABTHEILUNG. Laibach — Triest. S. 135. — Die Karstbahn. S. 137. — Die Bahnfahrt. S. 138. XII Inhalt. ACHTE ABTHEILUNG. Triest. S. 163. — Umgebung von Triest. S. 182. — Die Kiistenfahrt von Triest bis Fiume. S. 185. ANHANG. Von Triest nach Venedig. S. 191. — Venedig. S. 192. — Platen’s vene- tianisehe Sonette. S. 210. TARIFE TTNJD FAHRPLANE. Von Wien nach Triest. S. 220. — Von Triest nach Wien. S. 222. — Die Linien der LIoyd-Dampfer. S. 224. |i Ulustrationen. XIII Illustrationen. 1. STAHLSTICHE. Seite Schloss Gloggnitz. 51 Viaduct bei Clam . x . 60 Weinzettelwand. 62 Bollerswand. 64 Bruck an der Mur. 78 Grratz. 88 Marburg.104 Bad Tiiffer .. 116 Laibach ..126 Viaduct bei Franzdorf.140 Schloss Lueg.150 Barcola.158 Triest (Titelkupfer). 2. HOLZSCHNITTE. St. Stefans-Dom. 17 Burgruine Liechtenstein. 55 Kirche zu Wr. Neustadt. 46 Schwarza-Viaduct mit Payerbach. 59 Heubach-Viaduct. 62 Viaduct der kalten Rinne. 65 Ruine Ober-Kapfenberg. 77 Abtei Judendorf. 84 Strassengel. 86 XIV IlIustrationeD. Gosting. Cilly. Bleischmelze. Steinbriick . Adelsberger Grotte . . . . Nabresina .. Ponte rosso in Triest . . . Borsenplatz in Triest . . . . Grosses Theater in Triest . . Mannliche Traehten in Triest AVeibliche Traehten in Triest Capodistria. Pola. Seite 87 109 119 121 146 157 168 169 173 180 181 184 187 ERSTE ABTHEILUN6. 1. itodenharli — Wien. 2. Olmiitz Wien. 3. Krakali — Wien. 4. Linz — Wien. 5. Pesth — Wien. Von Bodenbach nach Wien. 3 1. Bodenbach — Wien. Pass- und Zollbehandlung. Bodenbach ist die sogenannte Grenz - Einbruchstation , der Sitz der sachsiselien und osterreichischen Pass- und Mauthbehorden. Das osterreichischePassvve- sen ist durch die kais. Verordnung vom 9. Febr. 1857 regulirt worden: „AIIe Passrevisionen haben sich kiinftig auf die Grenze desStaatsge- bietes zubeschranken, es hat daher im Innern derselben von den bisherigen Vorweisungen, Vidirungen und amt- lichen Hinterlegungen derReisepasse an bestimmten Orten abzukommen.“ „Der von einer ausliindischen Behorde ausgefertigte Reisepass muss, insoweit nicbt ein Ueberein- kommen mit der betreffenden fremden Regierung eine Ausnahmebegriindet, mit dem Visuni einer k. k. osterr. Mission oder eines dazu ermiich- tigten Consulates versehen sein.“ »Mangelt dem Passe das Visum, vveiset der Reisende sich aber sofort als unverdiichtig aus, so kann ihm die k. k. Grenz-Aufsichtsbehorde einen Interimsschein an den Ort der nachsten Polizei oder nach Umstan- den auch der politischen Behorde, welchen er auf seiner Reise betritt, ertheilen. Der Interimsschein hat nur eine beschrankte, jedenfalls 14 Tage nicht iibersehreitende Giltigkeit.“ Die zollamtliehe Untersu- chung vvird an der osterr. Grenze seit dem Vertrage mit dem Zollverein gegen unverdachtige Reisende in der mildesten Form geiibt. Zollfrei sind „alle Gegenstiinde zum eigenenGebrauch der Reisenden, die hinsichtlich der Bescliaffenheit und Menge dem Bediirfnisse, dem Stande, der Beschaftigung und den sonstigen Verhaltnissen derselben angemessen sind“ (kais. Patent vom 6. Nov. 1851); alle andern sind dem Zollamte anzugeben. Das Mitnehmen versiegelterBriefe ist selbst gegen Yerzollung nicht er- laubt. Tabak und Cigarren konnen bis zu 5 Pfd. gegen Yerzollung ein- gefiihrt vrerden (Pfd. Rauchtabak, Zoll: 30 kr., Sehnupftabak: 36 kr., das Hundert Cigarren 3—4 fl. je 1 Von Bodenbach nach Prag. nach ihrem Gewichte), 2 Loth Tabak und 10 Cigarrcn sind frei. AVer amerikanische Cigarrcn zu rauchen pflegt, bekommt sie in AVien aus dem iirarischen Verschleisse eben so giit und billiger als in Norddeutschland. Biicher, die man alsPrivateigen- thum in Einem Exemplare mitfiihrt, werden nicht beianstandet. I)ic amtliche Bestiitigung des ge- zalilten Zolles ist aufzubeAvahren. um sich bei den Beyisionen in den Bahnhofen der Hauptstadte damit auszuweisen. Es ist zweckmassig, die Fabrkartc (nebst Gepiicksaufgabe) nicht bis an die Grenze, sondern unmittel- bar bis an den Bestimmungsort zu nehmen, z. B. von Leipzig bis AVien. Dadurch entfallt die Revision an der Grenze, und — bei der direkten Tour bis Triest — die Zollrevision iiber- haupt, bis zur Riickkehr von Triest. Von Bodenbach nach Prag. Eisenbahn. Abfahrt: 3 TJ. 40 Al. Friih, 3 TJ. 20 AL Nachm., 9 U. 40 AL Vorin. Ankunft in Prag: 7 U. 35 Al. Friih, 7 TJ. 23 AL Nachm., 4 TJ. 11 AL Nachm. Fahrpreis: I. Cl. 6 fl. 12 kr. — II. Cl. 4 fl. 59 kr. III. Cl. 3 fl. 6 kr. Gegenuber von Bodenbach, am rechten TJfer der Elbe, liegt am Ab- hang eines Felsens das Schloss und Stiidtchen Tetschen. Das Schloss gehort dem Grafen Thun, und hat beriihmte Giirten. Nach einem Aufenthalte von bei- laufig einer Stunde fiihrt man liber Nestersitz nach A us si g, einer durch Schifffahrt und Kohlenhandel sehr belebten Stadt an der Aliindung der Biala in die Elbe, Geburtsort des Alalers Rafael Alengs. AA r er sich in Aussig aufhiilt, be- steige die Ferdinandshohe wegen der herrlichen Aussicht auf das von Fclscngebirgcn eingeschlossene Elb- thal. In der Stadtkirche: schones Aladonnenbild von Rafael Alengs. A r on der Station AllSSig weiter- fahrend, sieht man links auf einem steilen Felsen an der Elbe die Ruine Schreckenstein (1426 von den Hussiten zerstort). Burg und Ort Eigenthum des Fiirsten Lobkowitz. Die nachste Station Zale sl (sprich Saiesl) liegt dicht am Flusse. A r on da gegen Lobositz erblickt man am jenseitigen TJfer der Elbe den weissen Thurm des durch seinen AVein beriihmten Dorfes Gross- Czernosek. Die Bahn geht durch Klein-Czernosek nach der Sta- tion Lobositz, Stadt an der Elbe, die hier mehrerelnseln bildet. Rechts von der Bahn liegt eine grosse Cicho- rienfabrik, links eine Dampfmiihle. In der obstreichen Ebene bei der Von Bodenbach nach Prag. 5 Stadt vvurde im siebenjahrigen Kriege die erste Schlacht gesclilagen. (1. October 1756.) Stat. Theresienstadt. Die Festung, von Kaiser Joseph erbaut, ist eine halbe Stunde vom Stationsplatze entfernt. man sieht von ihr nnr die Casernen. Yom Bahnhofe aber ist eine interessante Aussicht auf dieBa- saltkegel des Mittelgebirges. Hinter der Station geht die Balin auf einer Brucke iiber die Eger, die unter- halb der Festung, gegeniiber der Kreisstadt Leitmeritz, in die Elbe talit. Ton Zidoivitz an geht die Bahn dicht an der Elbe fort bis II au dnitz. Stat. Raudnitz. Stiidtclien und Schloss, dem Fursten Lobkoivitz (Herzog von Raudnitz) gehorend. Hier ward im Jahre 1350 der romi- sehe Tolkstribun Cola di Rienzi von Kaiser Karl IT. ein Jaln- lang gefan- gen gehalten. Stat. Wegstadtl. Der Ort liegt am jenseitigenUfer der Elbe. ImHinter- grunde der S pit zb er g 198 Ivlafter hoch. Ton hier aus veiter hinab , links i von der Bahn, liegt am jenseitigen Ufer des Stromes: Seliloss und Dorf : Liboch, bekannt durcli dasvondem ; PragerTeithangelegte Pantheon be- riihmter Bohmen (Slavin genannt). Stat. Unter-Berschkowitz. Hier I entfernt sich die Bahn von der Elbe, doch sieht man noch auf der Weiter- fahrt eine Stunde von der Bahn die Stadt Melnik. Sie liegt auf einer Anliohe des reelitcn Elbufers ober- halb des Einflusses der Moldau in die Elbe. Die Stadt gehijrt dem Fur&tenLobkowitz.(BeruhmterWein aus Burgunderreben.) Bei Mie..ch ost kommt die Bahn dicht an die Moldau. Stat. WeltrUS am linlcen Ufer der Moldau; das Dorf mit dem Schlosse und grossen Parke des Grafen Chotek am reeliten Ufer. Rcchts der G e o r g s- berg, ein einzeln stehcnder ISerg- kegel von 1280 Fuss Hohe, dessen iveisse Kapelle auf der Fahrt von Raudnitz lierab ofter sichtbar wird. TomDorfe M ii h 1 h a u s e n (Schloss des Fursten Lobkowitz) geht die Bahn durch einen Felsen-Tunnel nacli Kralup. Stat. Kralup liegt am Ausgange eines Thales, durch rvelches eine Ziveigbahn in die Kohlemverke von Chladno fiihrt. Ton hier geht die Bahn in starken Kriimmungen immer nahe an der Moldau fort nach Stat. Libšic und Stat. Rostok. Hier tritt sie in das enge Felsenthal der Moldau. Stat. BubenČ (Bubenetsch) ist die letzte vor der Hauptstadt Bohmens, in die man auf einem grossartigen Tiaducte von 87 Bogen (3480 Fuss Prag. 6 Lange), liber den untern Theil des Baumgartens, Hetzinsel, Jerusalems- insel, das Carolinenthal einfahrt. PRAG. Prag, die Hauptstadt des Konig- reiches Bohmen, mit 150.000 Ein- \vohnern. Die poetische Lage der uralten Konigsstadt an beiden Ufern der Moldau und den sie umgebenden Hiigeln (3 Stunden im Umfange), iiberragt von der koniglichen Burg auf dem hohenHradschin, die alters- grauen Kircben und Palaste, die zahlreichen goldblinkenden Thurm- spitzen (von mehr als 60 Thurmen „das hunderttbiirmige Prag“), dazu die Erinnerungen aus der alten und altesten Geschichte Bohmens, iiben einen so eigenthiimlichen Zauber, dass Prag allgemein als die interes- santeste StadtDeutschlands bezeieh- net \vird. Gasthofe: EnglischerHof, Blauer Štern, Hotel de Saxe, Scbwarzes Ross, Goldener Engel, Kaiser von Oesterreich, Drei Karpfen. Yom Babnhofe: durch die Hiber- nergasse in die Altstadt. Hier fallt zuerst der Pulverthurm auf, ein ehemaliger Thorthurm, zwischen der Alt- und Neustadt aus dem 15. Jahr- bundert. Durch die Zeltnergasse auf den „grossen Ring w , dort: das neue Rathhaus mit 6 Statuen vom Prager Bildhauer Max; der Thurm mit der merkwurdigen Uhr von 1474 (die Mariensaule am Ring ist von Kaiser Ferdinand III. fiir die Be- freiung PragS von den Schweden er- richtet). Tom grossenRing uber den kleinen Ring durch die kleine und grosse Jesuiten- (jetztKarls-) Gasse, und liber den Kreuzherrnplatz zur steinernen Brucke. In der grossenJesuiten- gasse rechts das Clementinum, ehemaliges Jesuiten-Collegium von 1740, enthalt jetzt die Universitats- Bibliothek, die Sternwarte, die Aka- demie, das Gymnasium, die philoso- phischen und theologischen Univer- sitats-Horsale. Auf dem Kreuzherrn¬ platz rechts die herrliche Kreuzher- renkirche und vor dem Briickenkopf die Bildsaule Karl IV. (Grtinders der Prager Universitat, der altesten Deutschlands), von Hahnel (Meister- werk). Die merkwiirdige steinerne Brucke (Karlsbriicke) mit einer herrlichen Ansicht der alten Konigs¬ stadt (Hradschin, Belvedere, Loren- zerberg, Moldau-Inseln etc.). Die Brucke, auf beiden Seiten durch archaologisch interessante Briicken- thiirme abgeschlossen, 1572 Fuss lang, 3272 Fuss breit, ruht auf 16 Pfeilern, die mit 28 steinernen Hei- ligenstatuen und Gruppen verziert sind (das Crucifix vom Jahre 1606, der heil. Nepomuk von 1683). Prag. Stromaufwarts sieht man ober- halb der steinernen Brucke die neue Kettenbriicke bei der Schiitzeninsel. Zwischen den beiden Briicken der Franzensquai mit der herrlichsten Aussicht auf den hier breit sich ausdehnenden Strom, den Hradschin mit seinen imposanten Gebauden und den Laurenzerberg. Monument des Kaisers Franz von Krammer und Max. Die Karlsbriicke fiihrt aus der Altstadt auf die Kleinseite. Hier sind die meisten alten Palaste des hohen bohmischen Adels, tief nach- gedunkelt, wie die Bilder der alten Meister. Der kleine Ring mit der St. Nicolauskirche (reich verzierte Jesuitenkirche aus dem Jahre 1772). Am Wal dsteinplatze der Palast des ehemaligen Herzogs von Fried- land mit dem fiir Jedermann olfenen Garten. (In der imposanten Garten- halle das Portrait Waldstein’s und seiner Gemahlin.) Durch die steile Spornergasse auf den Hradschin. Hier die kaiserlichc Burg, in Prag „dasSchloss w genannt, jetzt von Kaiser Ferdinand bewohnt, mit dem imposanten spanischen Saale und 400 Gemachern. Darunter die alte Landtagsstube, wo der be- kannteFenstersturz des Slawata und Martinitz stattfand. Die M e trop o- litankirche zu St. Veit im Style des Kolner Domes von 1343—1385 7 gebaut, vom Erbauer des Mailander Domes, Peter Arler aus Gmiind (von 5—12, von 2—5 Uhr geoffnet). Seit- warts der Burg: der Palast des Erz- bischofes, dann der griiflich Stern- berg’sche Palast mit der Gemalde- gallerie der bohmischen Kunst- freunde. "VVeiter oben, am hochsten Punkte der Stadt, das Pramonstratenserstift Strahof, eines der grosstenKloster mit weiten Hallengangen, interes- santer Bibliothek, Originalgemalden von Diirer und der schonsten An- sicht von Prag und Umgebung bis zum Riesengebirge. Von hier zuriick wieder liber die Karlsbriicke in die Altstadt. Von da rechts in die Neustadt: Kolo- wratstrasse, hier das bohmische Kationalmuseum (Bibliothek mit Handschriften von Huss und Ziska; ethnographische, Miinz-, Mineral- Sammlung etc.). Vom Anfang der Kolowratstrasse rechts komrnt man auf den schonsten Platz, eigentlich die langste und breiteste Strasse Prags (2160 Fuss lang, 180 Fuss breit), den Rossmarkt (Wenzels- platz). In der Neustadt liegt auch der grosste Prager Platz, der Vieh- markt (1680 Fuss lang, 480 Fuss breit), jetzt Karlsplatz genannt. Zu den Merk\viirdigkeiten der Stadt gehort die Judenstadt mit 8 Von Prag nach Wien. 9 Synagogen. Gegen 7000 Juden wohnen hier in 280 Hausern; mitten darin liegt der beriihmte alte Juden- kirchhof. Ein ganz neues Supplement zur aiten Hauptstadt ist die geiverbreiche Torstadt Karolinentlial mit neuen Hausern, geraden Strassen und vie- len Fabriken. Von Prag nacli Wien. Eisenbahn. Abfahrt: 7 U. 35 M. Friili, 7 TJ. 23 M. Abds. Ankunft in Wien: 7 TJ. 15 M. Abds., 7 TJ. 44 M. Fruh. Fahrpreis: I. CI. 19 fl. 44 kr. — II. Cl. 14 fl. 58 kr. — III. Cl. 9 fl. 72 kr. Die Bahn geht z\vischen dem Ka¬ ro line n tli a le (links), und dem Z is- kaberge (rechts) liber Biechowitz, Auwal, Bohmisch-Brod, Podiebrad in die Ebene bei Ivollin (Schlacht bei Kollin 1757). Hier kommt sie an die Elbe, der sie sicli an mehreren Punkten dicht anniihert, so bei Elbe- Teinitz, da s an einem Hiigel jenseits des Flusses liegt. Die Ruinen des Schlosses Pardubitz sind schon von weitem sichtbar. Bei Station Pardubitz beginnt die im Baue begriffene Pardubitz - Reichenberger Bahn. BeiCliotzen durch einen600 Fuss langen Tunnel in das interes- sante Thal des Adler flusses, mit fortivahrend starken Bahnkriimmun- gen bis AVildensch-svert, einer netten Fabrikstadt. Ton da nach Bohmisch-Triibau, wo sich die Brun- ner und Olmiitzer Bahn scheiden. Ueber Z\vittau und Briisau an dem Fliissclien Z v i 11 a w a bis Briinn in anmuthiger Gegend. Lettowitz mit Kirche, Abtei, altem und neuem Schlosse des Grafen Kallnoky. Hin- ter Skalitz sieht man links in der Entfernung die Ruine Lobkovitz. Bei Station Raitz das Schloss Raitz des Fiirsten Salm. B lansko, be- riihmte Eisenhiitten. Die Bahn geht nun in dem en gen Felsenthale der Zwittawa fort, durch mehrere Tun- nels in ausgezeichnet romantischer Gegend (besonders an der linken Seite); bei der Station A dam s thal liegt das gleichnamige reizendeAVald- thal mit bedeutenden Hohlen. Sobald die Bahn in die weite Ebene tritt, sieht man Briinn mit dem Spielberge vor sich, die erste Hauptstadt von Mahren. (Die zweite ist Olmiitz.) Zunachst der Bahn der Gasthof desPadowetz auf derBastei, in der innern Stadt: Schwarzer Adler, Drei Fiirsten. Bedeutende Fabriks- stadt (Tuch und Leder) mit 50.000 Einw. Der Sjiielberg, auf einer Anhohe von 816 Fuss, hat jetzt seine fruhere Bestimmung als Strafgefiing- niss verloren. Niiher am Bahnhofe auf einem Hiigel die D o m- oder Von Olmtitz nach Wien. 9 St. Peterskirche, daran angran- zend der Franzensberg mit scho- ner Aussicht, der wichtigste Punkt bei kurzem Aufenthalte. Raigern, die nachste Station, mit dem altesten Benedictinerstifte Oe- sterreichs aus dem Jahre 1048. Hin- ter Branowitz rechts die Polauer Kalksteinberge. Stat. Lundenburg, der Knoten- punkt, in \velchem die Bahnlinien von Briinn, dann von Olmiitz, von Oderberg und von Krakau zusam- mentreffen, um nach Wien zu fiihren. (Stelhvagen nachEisgrub, gross- artigem, sehens\viirdigem Parke des Fiirsten Liechtenstein.) Bei Station H o h e n a u kommt man an die Mar ch, den Grenzfluss gegen Un- garn, und dann in die fruchtbare Ebene des Marchfeldes. In der Ge- gend von Diirnkrut war die Schlacht Ottokars vonBohmen gegen Rudolf von Habsburg. Bei Giin- serndorf zweigt sicli die AA r ien- Pesth-SzegedinerBahn ab.Yon F lo¬ ri dsdorf rechts der Leopoldsberg und Ivahlenberg. Durch Donau- Auen, liber den grossen und kleinen Donauarm in den Wiener Bahnhof. Yom Nordbahnhofe fahren Omni¬ bus in die Stadt, jedoch nur auf den Stefansplatz 7 nicht in die Gasthofe. Hat man dalier mehr als eine Hand- Reisetasche bei sich, so nehme man einen Comfortable (Einspanner), mit grosserem Gepiicke einen Fiaker (Zweispiinner). Die Taxe vomNord- bahnhof fiir Fiaker ist: a) in die in n ere Stadt: 1 fl. 5 kr. b) in die L e o p o 1 d s t a d t und AVeissgar- ber: 84 kr. c) in die iibrigen A r or- stadte: 1 fl. 40 kr., in die entfernte- ren: 1 fl. 75 kr. Fiir Einspanner: a) 53 kr. b) 42 kr. c) 70 kr. ; 1 fl. 5 kr. Fiir das kleine Gepack, \velches im AVagen selbst untergebracht \verden kanu, ist nichts zu bezahlen ; fiir grossere Koffer dem Fiaker bis zu 35 kr. Der Einspanner darf nur leich- teresGepack mitnehmen, gegen A r er- giitung von 10 kr. 2. Olmtitz — Wien. Eisenbalm. Abfalirt von Olmiitz: a) 11 U. Yorm. b) 10 V. Naclits. Aufenthalt in Preran vegen des An- schlusses an den Rzeszow-Krakau- Oderberger Zug: a) 2 V 2 Stunde. b) 1 Stunde. Ankunft in AVien: a) 7U. 37M.Abds. b) 5U. 16M. Friih. Fahrpreis: 10fl. 8kr. — 7fl. 16kr. — 4fl. 77kr. Die Balin geht durch die frucht¬ bare Ebene der Hanna iiber B r o d e k 10 Von Krakau nach Wien. nach Preran, eine der altesten Stadte Mahrens, mit einer gut ein- gerichteten Restauration am Bahn- hofe. Vondaiiber Napagedl, Hra- disch, Stadt auf einer Insel der March, Bisenz mit einem Schlosse des Grafen Reichenbach nach Go¬ di n g, wo die vonhier an schiffbare Mareh die Grenze von Oesterreich und Ungarn bildet, Neudorf, Lun- denburg. (Von da nach Wien. Siehe Seite 9.) 3. Krakau Eisenbahn. Abfahrt: a) 7 TJ. Friih. b) 3 U. 45M.Nachm. Ankunft: a) 7TJ.37M.Abds. b) 5U.16M.Fruh. Von Krakau iiber Zabierzorv und Krzeszorvice durch steiles Hiigellandnach Trzebinia, von da iiber Osrviecim nach Oderberg. Hier ist derKnotenpunkt der schlesi- schen und galizischenBahn.Die Oder machtbier dieGrenze zwisclienPreus- sen und Oesterreich. Ueber O stran nach Schonbrunn, wo sich das Oderthal verengt. — Wien. Bei Weisskirchen kommt man durch einen tiefen Einschnitt, \vel- cher das Grenz-Hochland zivischen Oesterreichisch-Schlesien und Miih- ren durchschneidet, indasfruchtbare und anmuthige Thal der Beczrva, ostlich das grosse Schloss Helfen- stein des Fiirsten Dietrichstein auf einer Bergspitze. Leipnik, kleine Fabrikstadt mit alten Wartthiirmen. Durch fruchtbare Felder undTViesen liber die Beczrva nach Prerau. (Von da nach Wien. Siehe oben: Olmiitz — AVien). 4. Linz 1. Dampfschifffahrt. Vom Friihling bis zum Spatherbst taglich. Abfahrt von Linz um 7 Uhr. Ankunft in Nussdorf 3'/« U. Nm. „ imDonaukanale 4'A U.Nm. I. Cl. 6 fl. 50 kr. — II. Cl. 4fl. 40 kr. Verdeek 3fl. 30kr. - Wien. Von Linz bis Grein ist die Gegend nicht bedeutend. Bei Mauthhausen (am linken Ufer) eine Brucke iiber die Donau, dicht amUfer das alte Schloss Pr a g- stein. TJnterhalb rechts fliesst die Enns in die Donau. Von Linz nach Wien. RechtsV’ a 1 s e e mit Schloss des Gr. "VVickenburg. Links dieRuine Člani. Tor Grein macht die Donau eine scharfe TVendung und tritt in ein geschlossenes Gebirgsthal, eine der schonsten Donaupartien. Links Grein und dasScliloss Greinburg des Herzogs von Saehsen-Coburg. Von hier beginntdas Gebiet des Stru- deis undWirbe!s, durcb die neuesten Feisensprengungen sekr veriindert, fiirDampfscliiffe ganz gefahrlos. Un- terhalb Grein der Strudel, jetzt nur noch dureh den Stromfall von 37* Fuss charakterisirt; eine der wild- schonsten Donaupartien. DieRuine W c rfe n s te i n sanunt Wartthurm und Kreuz. Am linken Ufer Markt und Ruine S t r u d e n. Gleich nach dem Strudel kommt der Wirbel. Er hat durcli die letzte Sprengung im J. 1857, welche den ehemaligen Felsen und Ruine H a u s- stein griindlich vernichtete, an poe- tischem Werthe so viel verloren, als er anSicherheit(fiirFIosse und andere kleine Scliiffe) gewonnen hat. Die Dampfschiffe nehmen seit Jaliren kaum Notiz von dem Dasein dieser Schwierigkeiten. Fahrt man aus diesen Strom- schnellen heraus, so zeigt sich: Links: St. Niko las, demWirbel direkt gegemiber. S arb lings t ein mit einer Ruine. Rechts: das kleine Schloss D on and orf; dann 11 Links: Persenbeug, kais.Lust- schloss auf einem Felsen, rechts: Ybbs mit dem grossen Alterver- sorgungshause. Am linken Ufer bei Marbach: auf einem 1300 Fuss hohen Berge die beriihmte und vielbesuchte Wall- fahrtskircheilaria-Taferl. Gross- artige Aussicht liber Oesterreich und die steierischen Alpen. Weiter hinab rechts der alte Marktflecken P e c h- larn. Dann zeigt sich links das zweithiirmige Schloss "VVeiteneck, rechts das beriihmte Kloster Melk, an dem das Dampfschilf sonst un- mittelbar anlegte; jetzt, da die Fahrt dureh den anderen Donauarm geht, sielit man es nur von weitem. Von Melk bis Mautern ein enges Gebirgsthal. Am rechten Ufer: Schonbiichel, Schloss desGra- fen Beroldingen, — das alte Raub- schloss Aggstein. Am linken Ufer: der Marktflecken Spitz, die Ruine Diirrenstein, ivo 1192 Richard Lowenherz gefan- gen war. Von hier verflachen sich die Ufer bis Tuln. Links: die Stiidte S tein und Kr e ms dureh eine holzerne Brucke (die seit 1463 besteht) mit Mautern am jenseitigen Ufer verbunden. Rechts: die uralte Stadt Tuln mit einer Kapelle aus d. J. 1011. Lehranstalt des k. k. Pionnierkorps, 12 Von Linz nach Wien. — Greifenstein mit dem alten Thurme, — Klosterneuburg mit grossartigem Chorherrenstift der Au- gustiner, — derKahlenberg, der hier steil an die Donau abfallt. Nussdorf, eineStundevonAVien, derLandungsplatz desDampfschiffes, da von hier aus nicht der grosse Donauarm, sondern mir ein Donau- kanal an der Residenz voriiber- geht. Fiir Fremde mit Gepack sind von hier Stelhvagen (Omnibus) nicht rath- sam, weil sie nicht zu den Gasthofen fahren. AVer sie aber beniitzen -svili, der fahrt zu dem billigen Preise von 32—42 kr. bis in das Innere der Stadt. Die von Linz und den oberhalb AVien gelegenen Stationen ankom- menden Passagiere (1. u. 2. Platzes) werden unentgeltlich von Nussdorf mittelst eines Local-Dampfbootes bis zu dem Dampfschifffahrts - Gebaude im Donaukanale befordert. 2. Bakufahrt. Kaiserin Elisabetli-TVestbahn. Abfahrt: a) 7 TJ. Friih. b) 11 U. 25 M. Vorm. Ankunft: a) 2 TJ. 30M. Naehm. b) 7 U. 45M.Abds. Falirpreis: I. Cl. 9 fl. — II. CI. G fl. 75 kr. III. Cl. 4 fl. 50 kr. Fiir Separat - Lohmvagen bestebt folgende Fahrlaie voiu Laiiduiigsplatzc: Vergiitung fiir das Reisegepiiek \vie Seite 9. Stat. Kleinmiincben — Asten — nach Enns: die Stadt liegt auf einemHiigelan der Enns, dem Grenz- flusse zwiscben Ober- und Nieder- osterreich, an derStclle der einstmali- genRomerstadtLaureacum. Auf dem Marktplatze stebt ein bober Thurm, den Kaiser Maximilian II. 1565 als militiirisches Observatorium erbauen liess. Auf einer Anhohe das Schloss Ennseck des Fiirsten Auersperg. Die Bahn geht liber die Enns nach St. Valentin, Haag, St. Peter, Amstetten, Blindenmarkt, K e m m e 1 b a c b; von hier an niihert sie sich der Donau. Die niiehste Stat.Krumm-Nuss- baum liegt in sebr romantischer Von Festh nach Wien. Gegend an beidenUfern des Stromes (gegenuber Maria-Taferl, Seite 11). Pcclilarn, das Arelape der Ko¬ mer, auch im Nibelungenliede ge- nannt als Wohnsitz Riidigers von Bechelaren. Molk, Marktflecken am Fusse einesFelsensanderDonau, auf welchem 180 Fuss liber dem Strome die beriihmte Benedictiner-Abtci er- baut ist (im J. 1702—1736). Pracht- voll ausgestattete Kirchemitberiihm- ter Orgel; Bibliothek von 20.000Ban- den, Incunabeln, Handschriften. Von Molk an entferntsich dieBahn wieder von der Donau, geht durch den 920 Fuss langen Tunnel tiber Loosdorf, Prinzersdorf nach St. Polten, am linken Ufer des 13 Traisen-Flusses , Kreishauptstadt, Bischofsitz, mit4600 Einw. und meh- reren grossen Erziehunganstalten. Pottenbrunn, Bohmkirchen. Kirchstatten, Neulengbach, R e k a w i n k e 1. Die Gegend von Pressbaum liber P u r k e r s d o r f, W e i d 1 i n g a u, Hiitteldorf, Penzing, nach Wien, gehortzu denschonstenTJm- gebungen der Residenz. Rechts von Penzing liegt das kais. Lustschloss Schonbrunn. Vom Bahnhofe fahren eigene Omnibus derWestbahn durch die schone Mariahilfer Hauptstrasse in die Stadt. Mit Fiaker 1 fl. 12 kr.. Einspanner 65 kr. (Gepack 35 kr., Einspiinner 10 kr.). 5. Pesth Wien. Eisenbahn in 9 Stunden. Abfahrt: 9 U. Friih, 9 TJ. 25 M. Abds. Ankunft in Wien: 5 TJ. 56 M. Abds., 6 TJ. 1 M. Friih. Fahrpreis: I. Cl. 13 fl: 32 kr. — II. Cl. 10 fl. III. Cl. 6 fl. 66 kr. Fiaker von der Stadt zum Bahnhof 70 kr. bis 1 fl. 5 kr., Omnibus zum Bahnhof (Abfahrt vom Konig von TJngarn) 14 kr., mit Gepack 18 kr. Pal o ta, Gut des Grafen Karoly, der Park mit Restauration stark von den Pesthern besucht. Die Balin geht liber Weideland bis Waitz en (Vacz), Stadt mit 11.500 Einw., Sitz eines Bischofs. Von Waitzen bis Gran-Nana ist die Gegend in- teressant durch die Donau. Dagegen von hier an fruchtbares Ackerland, ohne Schonheit. BeiTot - Megyer,Eigenthum des Grafen Ivaroly, sieht man rechts das lange, \veinreiche Neutragebirge. Nach Stati on AVartberg leuchtet schon von \veitem das weisseSchloss Wibersburg vom Abhange der Karpathen. Wien. Bei Pressburg kreuzt man die Tyrnauer - Bahn. Pressburg, friiher Haupt- und Kronungsstadt, am Fusse des Schlossberges und des Zuckermandel mit 42.000 Einw., darunter 7000 Juden, die eine Art Judenstadt am Sehlossberge haben. Am Gipfel des Schlossberges steht die grosse, rveithin sichtbare Rum e des seit 1812 dureh Feuer zerstorten kon. Schlosses mit einer herrlichen Aussiclit auf die Donau und die Ebenen TJngarns. Die einfache Domkirche, 1090 vom h. Ladislaus erbaut, hat als Kronungskirche eine mit vergoldeter Konigskrone verzierte Kuppel. Eine grosse Schiffbrucke ver- bindet die Stadt mit der bewaldeten Donauinsel Au am rechten Ufer, deren Parkanlagen Gast- und Kaffee- W I TomBahnhofe derNordbahn fahrt man dureh die breite, schone Vor- stadtstrasse Jagerzeile liber den Donaukanal und den Franz Josef- Quai, der an der Stelle des demolir- ten Rothenthurmthores liegt, in die Stadt ein. Ton der Rothenthurm- strasse in gerader Linie auf den Stefansplatz. Will man von diesem Centralpunkte einen Orien- tirungsstreifzug dureh die Stadt ma- hauser und ein Sommertheater (Arena) enthalten. Am Pressburger Ufer liegt neben der Brucke der Konigsberg, ein kleiner kiinstlicherHiigel mitMauer- verkleidung, dureh ein Gitter abge- sperrt, auf welchen der Konig nach der Kronung ritt, und das Schwert des h. Stephan nach den yier Welt- gegenden schwang. Aus dem Bahn- hofe geht die Bahn in einen Tunnel dureh die Auslaufer der Karpathen und serikt sich allmalig in das Marchfeld. Ueber die M ar eh links das kais. SchlossHof, weiter- liin der Berg von Theben (Festung am Ausflusse der March in die Do¬ nau). Bei Ganserndorf lauft die Bahn in die Nordbahn ein. Stat. Wagram, Siissenbrunn, Flo- ridsdorf ; Wien. E N. chen, so hat man in der Fortsetzung der Linie, die uns herauffiihrte, die Kiirntnerstrasse vor sich und kann sogleich die innere Stadt von Nord nach Siiden durchschneiden. Man \vendet sich jedoch besser vom Stefansplatze rechts iiber den Stockimeisenplatz auf den Gra¬ ben, vomEnde des Grabens links auf den Kohlmarkt (die glanzendsten Passagen Wien’s) und Michaeler- Wien. p 1 a t z zur H o f b u r g bis zum B u r g- thor. Hiermit ist die Stadt bis zum westlichen Ende durchschritten. Kebrt man vom Burgthor zuriick auf denMichaelerplatz, so kann man in fast gerader Richtung reclits zum Siidende der inneren Stadt, dem Ausgange der Karntnerstrasse gegen die Vorstadt Wieden, links zum Nordende, dem Schottenthore und in die Vorstadte Rossau und Alser- vorstadt gelangen. Wir macben aber nur einige Scbritte recbts auf den nahe liegen- den Josefsplatz mit der Reiter- statue Josefs II. von Zauner, kehren wieder um und \venden uns links in die Herrengasse mit vielen Pala- sten der Aristokratie, dem Land- hause, dem Statthaltereisitze, der Nationalbank; sehen am Ende der Gasse durch die Schottengasse bis an’sSchottenthor ; lenken aberrechts ein auf die Freiung mit dem scho- nen Brunnen von Schwanthaler, von da liber den jetzt erweiterten Heidenschuss auf den H o f, einen der grossten der kleinen Pliitze Wien’s, mit dem Hofkriegsgebaude (auf der Stelle der ebemaligen Hof- burg derBabenberger) und dem neuen palastahnlichen Gebaude der Cre- ditanstalt. Wenn wir von da iiber den Judenplatz und hohen Markt gehen, so kommen wir auf unseren ersten Weg zur Stefans- 15 kirche zuriick, und mit einer kleinen Ausbeugung von der Karntner¬ strasse auf den neuen Markt (Mehlmarkt, mit den grossen Brunnfiguren von Rafael Donner) haben wir die Hauptplatze Wien’s kennen gelernt. Dagegen wiirden wir Tage brau- cben, um die 34 Vorstadte zu durcb- wandern, die, durch die “VViesen und Alleen des Glacis von der Stadt ge- trennt, sie allseitigumgeben. Mancbe dieser Vorstadte hat den Umfang einer Provinzialstadt; die Vorstadt Wieden allein hat 60.000 Einwohner. Gasthofe. Kiirntnerstrasse. In der innern Stadt: Erzberz. Karl, Wilder Mann, Kaiserin vonOesterreich, Weibburg- gasse nacbst dem Stefansplatze. Hotel Munscb ,) neuerMarkt , recbts Hotel Meissel, j der Karntnerstrasse. Stadt Frankfurt,) recbts vom neuen Matschakerhof, j Markt. Romiscber Kaiser, Freiung. Hotel Wandl, Peterspiatz. Stadt London, Weisser Wolf, Konig v. Ungarn, Goldene Ente, Ungar. Krone, Himmelpfortgasse. Die Vorstadtgasthofe sind in der Regel etwas billiger. alter Fleischmarkt. Schulerstrasse. Wien. 16 In der Leopoldstadt: Goldenes Lamm, Russischer Hof, Weisses Ross, Nationalgasthof, Sch\varzer Adler, ( Weisse Rose, Wi e d en, am Wege zur Siidbahn: Goldenes Kreuz, Stadt Triest. Praterstrasse. Taborstrasse. Sehenswiir(ligkeiten. Wir beschranken uns bei diesen Angaben auf den kurzenAufenthalt von einigenTagen und die hervorragendsten Objecte. Der Dom von St. Stefan. Im Jahre 1144 von Herzog Hein- rich Jasomirgott gegrundet, in der Mitte des 13. Jahrhunderts durch Feuer besehadigt, wurde er unter Konig Ottokar von Bohmen wieder- hergestellt. Seine gegenwartige Ge- stalt erhielt er erst durch Rudolf IV.. der auch zwei Hauptthiirme bestimmt hatte. Ani Thurme wurde 74 Jahre j gearbeitet. Im Jahre 1400 brachte ihn Georg Hauser auf z\vei Drit- theile seiner Hohe, 1407 setzte Anton Pil gram den Bau fort und vollendete dieSpitze 1432.Pilgram , s Nachfolger im Dombau warHanns Buxbaum. Die Kirche ist in Form eines lateinischen Kreuzes von Qua- dern erbaut, 333 Fuss lang, 222 Fuss breit, 86 hoch. Der Bau des Chores, dreischiftig, im reinsten gothischen Stvle, begann 1359; das Schiff istaus dem 16. Jahrhundert. Das Gewolbe wird von 12 Pfeilern (jeder 9 Fuss im Durchmesser) getragen. 31 hohe Glassfenster, die desHochaltaresmit alten Glasmalereien. Die Chorstiihle, reiche Holzarbeit aus dem 16. Jahr¬ hundert, vom Strassburger Lerch. Die Kanzel, 1512 von Meister Pil- gram in Stein gearbeitet. VierSeiten- eingange und der Haupteingang am Stefansplatze, das sogenannte „Rie- senthor“. Die nordliclien und siid- lichen Giebel waren bis zum Jahre 1854 unausgebaut. Die Gemeinde AViems liess sie ausbauen, und der Architekt Leopold Ernst stellte sie in zwei Jahren her, mit tiefemVer- standnisse des altdeutschen Styles, in vollkommener Harmonic mit dem alten Baue. Derselbe ist jetzt als Dombaumeister mit der vollstiin- digen Restauration des Domes be- schiiftigt. Der Stefansthurm, 435 Fuss hoch, gewahrt die umfassend- ste Uebersiclit der Stadt und ihrer Umgebung. Er war bis zur Spitze aus Quadern gebaut, mit Steinver- zierungen der feinsten, durchbroche- nen Arbeit. Seit der Restauration von 1839 ist die Spitze von Eisen, Stein und Kupfer. Man hat, um zur Aussicht auf der Thurmgallerie zu gelangen, 553 steinerne und 200 hol- zerne Stufen zu erklimmen, bis zur Wien. 18 Spitze aber noeh mehrere Leitern (dasLetztere ist nur Schvrindelfreien anzurathen); die Spitze neigte sieh in neuerer Zeit sichtlich gegen Nor- den; sie rvurde im Jahre 1839 ab- getragen, und ganz neu, und zvvar um 4 Fuss bober, aufgesetzt. Auf dem balben Wege ist die Wohnung des Thurm-Wacbters; oberhalb die grosse Glocke aus 180 erbeuteten tiirkischen Kanonen gegossen. (Sie wiegt 354 Centner, der Schrvengel 200 Pfund.) Der zrveite Tliurm. der diesem gleich werden solite, ist nur bis zur Hohe Ton 204 Fuss ausge- baut. Die beiden sogenannten Hei- denthiirme recbts und links vom Eie- sentliore sind 202 Fuss hoch. Die ganze Fronte ist vom altesten Baue aus dem 12. Jakrhundert. An weiteren Kirchen besitzt die innere Stadt: Die Pfarrkirche zu St. Peter, bei der obigen Stadtrvanderung recbts rom Graben, 1702 nach dem Muster derPeterskirche in Rom von Fischer von Erlach erbaut. Die Augustinerkirche in derNahe des Josefsplatzes mit dem beriihm- ten Grab male der Erzberzogin Christine (Tochter der Kaiserin Maria Theresia), aus Marmor, von Cano v a. Die Kapuzinerkirche sammt Klo- ster am neuen Markt, rechts von der Kiirntnerstrasse, mit derkaiserlichen Gruft. Die italienische Kirche am Mino- ritenplatze, 127G vonKonig Ottolcar von Bohmen gegrilndet. Hier ist Raffaeli’s Mosaikcopie des be- riihmtenAbendmahles von Leonardo da Vinci. Die Kirche zur heiiigen Maria am Gestade (Maria Stiegen), von der Freiung statt auf den Hof, links in die Benngasse; eines der alte¬ sten Denkmale gothischer Baukunst; 822 angefangen, 1134 ausgebaut. Zwei protestantische Bethauser sind in der Stadt in der Dorotheer- gasse, undeine neue schone prote¬ stantische Kirche in Gumpendorf, erbaut 1849 von Forster. Die unirten Griechen haben Eine, die nicht unirten zrvei Ivirchen. Eine derselben (am alten Fleisch- markt) ist so eben vom Architekten Hansen restaurirt und durcb Zu- bau vergrossert rvorden — Ziegel- bau, Innen und Aussen reich mit Gold verziert. Die Israeliten haben eine pracht- volle Sjmagoge in der inneren Stadt, und eine schone Sjmagoge im mau- risch-bvzantinisclien Style in der Leopoldstadt. Die vorziiglichsten Vorstadt- kirchensind: die Karlskirche (S. C a r 1 o B o r r o m e o) in der Vorstadt Wien. 19 Wieden (durch die Karntnerstrasse iiber die schone Elisabethbriicke). Sie ist Yon Kaiser Carl VI. als Vo- tivkirche gestiftet wegen Befreiung Wien’s yon der Pest im Jabre 1813, gebaut Yon Fischer von Erlach 1716—1737. Die Kirche in Altlerchenfeld, nach dem Plane des Schweizers Muller 1853 gebaut, in mittelalter- lich-italienischem Style. Ziegelbau mit drei Schiffen und zwei Thiir- men. Diese und die Johanneskirche in der Jagerzeile 1854 von Rosner er- baut, sind die neuesten katholischen Kirchen Wien’s. Am Glacis vor dem Schottenthore wird vom Architekten Ferstl die aus einer Nationalsammlung gestiftete Votivkirche gebaut (ftir die Rettung des Kaisers Franz Josef), eine gothische Kirche mit zwei Thiirmen. Die k. k. Hofburg, seit dem 13. Jahrhundert der Sitz der oster- reichischen Regenten, ein Bau aus verschiedenen Zeiten, 13., 16., 17., 19. Jahrhundert. Ein Theil davon, die Reichskanzlei mit den 4 Herkules- gruppen (Antaeus, Busiris, nemei- scher Lowe, kretensischer Stier — von Lorenzo Matthielli), ist von Fischer von Erlach 1728 erbaut. Das Burgthor mit 5 Durchgiingen auf 12 dorischen Saulen von Nobile. Beim Riiclnvege vom Burgthor in den Burghof kommt man rechts an den Schveizerhof (bezeichnet durch die beiden AVappenschilde, links das Habsburger, rcchts das ur- alte des Erzherzogthums) und durch diesen auf den Josefsplatz mit dem Reiterbilde Kaiser Jo sef’s II. aus Erz von Zauner. Die drei Seiten des Josefsplatzes sind dieFortsetzung der kais. Burg, namlich die "\Vinter- reitschule, einer der imposantesten Šale des Continents, die ebenfalls grossartigen Redoutensale, das Ge- baude der Hofbibliothek, 1722 von Fischer von Erlach erbauf. Theater. Wien hat jetzt im Ganzen sieben Schauspielhauser: 1. In der Stadt: Das Hofburgtheater, beriihmt durch seine Leistungen, ausschlies- send dem deutschen Drama gewid- met, leider zu klein fiirden taglichen Andrang der Besucher. Es hat vier Stockwerke (drei Logenreihen), ein erstes und ein zweites Parterre. Im Monate Juli ist es geschlossen. (Sperrsitz im Parterre 1 fl. 89 kr.; im 3. Stock 1 fl. 5 kr.; im 4. Stock 70 kr. — Eintritt: 1. Parterre 1 fl. 5 kr.; 2. Parterre 70 kr.; 3. Stock 63 kr. : 4. Stock 35 kr.) Wien. 20 DasHofoperntheater(an der Ecke der Karntnerstrasse), ausschliessend fiir Oper und Ballet. Vom 1. April Ms Ende Juni italienische Oper. Or- ehester und Chor von anerkanntem Eufe. Es hat fiinf Stoek-vverke, drei Reihen Logen und ein Parterre. (In der deutschen Opern-Saison: Loge iml., 2. Stock oder im Parterre 8fl. 40 kr.; im 3. Stock 6 fl. 30 kr.; Sperrsitz im Par¬ terre 1 fl. 89 kr.; im 3. Stock 1. Reihe 1 fl. 58 kr.; 2. oder 3. Reihe 1 fl. 40 kr.; 4. Stock 1 fl. 5 kr. — Eintritt: Parterre 1 fl. 5 kr.; 3. Stock 70 kr.; 4. Stock 42 kr.; 5. Stock 26 kr.) 2. In dcn Vorstadten: Das Theater an der Wien. Das schonste und grosste in Wien, fasst iiber 3000 Menschen. Schau- spiele, Volksstiicke, Ausstattungs- stiieke. Ausgezeichneter Dekora- tionsmaler: Griinfeld. (Loge im 1. Range oder Parterre 6 fl. 30 kr.; 1 Sitz in der grossen Loge 1. Ranges 2 fl. 10 kr.; in der grossen Loge 2. Ranges 1 fl. 40 kr.; Fauteuil im Parterre oder 1. Gallerie 1 fl. 5 kr.; in der 2. Gallerie 70 kr.; 1 Sperrsitz im 3. Stock 53 kr. — Eintritt: im Parterre oder 1. Stock 70 kr.; 2. Stock 42 kr.; 3. Stock 32 kr. ; 4. Stock 21 kr.) Das Oarltheater in der Leopold- stadt, kleiner als jenes an der "VVien, aber ausserst elegant und geschmack- voll gebaut und eingericktet. Yolks- stiicke, vorziiglich Possen, Dramen und Lustpsiel. (Loge im Parterre oder 1. Stock 6 fl. 30 kr.; im 2. Stock 5 fl. 25 kr.; 1. Platz in der grossen Loge 1. Ranges 2 fl. 10 kr.; Bal- konsitz im 1. Stock 1 fl. 60 kr. ; Fauteuil im Parterre 1 fl. 5 kr.; iml. Stock 1 fl. 5 kr.; im 2. Stock 70 kr. ; Sperrsitz im 3. Stock 53 kr. — Eintritt: Parterre und 1. Stock 70 kr.; 2. Stock 42 kr.; 3. Stock 32 kr.; 4. Stock 21 kr.) Das Theater in der Josefstadt, klein aber nett. (Loge 6 fl. 30 kr.; Sitz in der Fremden- Loge 2 fl. 10 kr.; Sperrsitz im Parterre 1 fl. 5 kr.; 1. Stock 1 fl. 5 kr.; 2. Stock 70 kr. — Eintritt: Parterre und 1. Stock 70 kr.; 2. Stock 42 kr.; 3. Stock 21 kr.) Die Torstellungen beginnen iiber- all um 7 Ulir. 3. Ausser dcn Linica: Die Arena (ungedeektes Sommer- theater) in Fiinfhaus, schon und zweckmiissig gebaut. Sie gehort zum Theater an der \Vien, dessen Per- sonal im Sommer hier spielt. Das Thaliatheater vor der Ler- chenfelder Linie , ein gedeektes ele¬ gant gebautes Sommertheater ftir Schauspiel, Posse, Oper. Es gehort zum Josefstiidter Theater. Sammlungen. I. In der ilofburg: 1. Die Hofbibliothek (Eintritt tag- lieh von 9—2 TJhr). Director Hof- rath Freih. v. Miinch-Bellinghau- sen (Friedr. Halm). 320.000 Bande ; 12.000 Incunabeln Ms Ende des 15. Wien. 21 Jahrhunderts, 16.000 Handschriften yon grossem antiquarischen AVer tli c (darunter ein Koran von 1545 als Amulet, 2 Zoll gross; die Peutin- ger’sche Tafel; Tasso’s Handschrift von La Gerusalemme conqziistata. Grosse Sammlung von Kupferstiehen und Holzschnitten; 941 Bande, 14 Mappen und 245 Cartons. 2. Das Naturalienkabinet neben der Bibliotliek. 20 Siile der zoolo- giseben Sammlung, musterhaft ge- ordnet. (Allgemeiner Einlass jeden Donnerstag von 9—2 Uhr.) 3. Die Schatzkammer im ersten Stockwerk desSchvveizerhofes (Mitt- woch und Samstag von 10—12 Uhr), eine der reichsten und geschichtlicli merkwiirdigsten, mit einer fasst un- schatzbaren Sammlung von Edel- steinen, darunter der beriihmte Dia¬ mant Karl des Kiihnen vonBurgund, 133’/2 Karat schwer, 150.000 Duka- ten werth, nach der Selilacht bei Granson von einem Schweizer Lands- knecht um 15 Fr. verkauft. 4. Das Miinz- und Antikenkabinet im 2. Stock (Montag und Freitag 10 Uhr), 2000 St. Bronzen, 1300 Vasen, iiber 100.000 Miinzen, 1200 antik geschnittene Steine, 650 Ca- meen, 600 antike Pasten. Das gol- dene Salzfass des Benvenuto Cellini (vom Kiinstler selbst besehrieben. S. Gothe’s Werke 28 Bd. S. 294). Daneben: 5. Das Mineralienkabinet, sehr reichhaltig, nach Mohs’ System ge- ordnet. II. Im Bclvcdcrc. Das kais. Lustschloss Belvedere (am Rennweg, Landstrasse), vom Prinzen Eugen von Savoyen erbaut, zvrei Gebiiude, durch einen aufwarts steigenden altfranzosischen Garten getrennt. Man fahrt mit dem Omni¬ bus der Siidbahn bis zum Oberen B e 1 v e d e r e. Hier ist: 1. die grosse kaiserlicheGemalde- gallerie (Dinstag und Freitag von 10—4 Uhr) mit 3000 Bildern in 34 Siilen; Mcisterwerken der italieni- schen und niederliindischen Sehule; im 2. Stockwerk: Altdeutsche und neuere “Wiener Sehule. 2. Im Erdgeschoss, die Antiken- sammlung: Statuen, Biisten, Ke- liefs, Mosaiken. Ton da durch den Garten ins Untere Belvedere. Hier: 3. DieAmbraserSammlung (Dins¬ tag und Freitag von 9—12 und von 3—6 Uhr) mit 143 beglaubigten Riistungen , ethnographischen und antiquarisclien Mcrkvurdigkeiten, seltenen Handschriften. III. Privatgallerien. 1. Fiirstlich Liechtenstein’- s c h e. Vorstadt Rossau (taglieh), iiber Wien. 2. Graflich Harrach’sche. Stadt, Freiung (Mittwochu. Samstag von 10—4 IJhr), gegen 400 Bilder. 3. Grafiich Cz ernin’s che. Josefstadt, am Glacis (Montag und Donnerstag ron 10—2 Uhr), iiber 300 Bilder. 4. Arthaber’s Sammlung der werthvo listen Bilder neuerer Meister. in Oberdohling (Eintritttaglich gegen Eintrittskarte in Arthaber’s Comptoir am Stefansplatz). B.uckwarts Yom oberen Belv^dere liegt eiri grosser Platz, mit einem Teich inderMitte, der im Winter von Schlittschuhlaufern belebt ist, be- grenzt von schonenKastanien-Alleen, die zum Liniemvalle fiihren. Ausser- halb desselben liegen rechts die Ge- baude der Brucker und Gloggnitzer Balin, links das Ar s enal. Das neue Arsenal. Originell in Farbe und Form, kolossal in den Dimensionen, kunst- und geschmackvoll in allen Details, von Aussen wie ein maurischer Ko- nigspalast, bei ganzer Uebersiclit wie eine selbststiindigeStadt, so liegt dieses riesenhafte Arsenal vor uns, das zugleich Fabrik und Depot fiir Waffen und Geschiitz jeder Art ist. Es ■vvurde von Sr. Majestat Kaiser Franz Josef 1849 gegriindet, und war im Jalire 1855 vollendet. Es bil- det ein langlicbes Viereck, dessen nordliche, kiirzereSeite von 253 Klftr. der Stadt zugewendet ist, wahrend die langere von 663 Klftr. demDamme derVVien-BruckerBahn parallel lauft. Es enthalt am ausseren Umfange acht Hauptbauten, deren jede ein selbststiindiges Ganze darstellt, nam- lich in den Ecken vier vorspringende Quadrate von 38 Klftr. jeder Seite, mitErkerthurmen, je vier Geschossen und einem geraumigen, von 20 mau- riseben Bogen umscblossenen Hofe. Im gleichen Abstande von diesen Fliigeltracen, mitibnen von ahnlichen Dimensionen, liegt an der Nordseite die 35 Klftr. lange Commandantur mit dem Hauptportale, beschiitztvon zwei Erkertbiirmen, die in Niscben unter dem Zinnenkranze acbt kolos- sale Statuen, Embleme der auf das Ivriegswesen Einfluss nebmenden Wissenschaften und Kunste tragen (vom AViener Bildbauer Gasser). Ober dem Mittelgescbosse erbebt sich das noch riesigere Standbild der Austria mit llauerkrone, Sehwert und demHerzscliilde desosterreichischen Wappens. Den Eaum z^-ischen der Comman¬ dantur und dem nordlichen Eckge- baude nehmen, mit diesen durch erenelirte Mauern verbunden, Maga¬ zine mit zvvei Thiirmen an jedem Fliigel ein. Alles ist im angelsach- sisoben Style ausgefubrt, aus blanken Wien. Ziegeln (Rohbau) mit holiem Stein- sockel und zierlichem am untern Theile Kischen bildenden Gesimse, — mit dreifach und doppelt gekuppel- ten, im obersten Stockwerke mit ein- faehen im Halbzirkel iibervvolbten Fenstern. Das oberste Stockwerk sclimiickt eine Siiulenstellung. Gleich beim erstenAnblicke impo- niren die Yerbiiltnisse des Baues, die machtige Steinverkleidung der Basis, die zweckm;issige Gruppirung, die Reinheit der Ziegehvande, die schonen Formen der Fenster mit ibrer Steinverzierung. Der architektoni- sche Sehmuck ist reich, ohne Ueber- ladung, am reiehsten an dem Mittel- gebiiude der Hauptfronte, dessen hohe mit Zinneu gekronte Warte von dem die angelsachsischeBauart cha- rakterisirenden Flaggenmaste iiber- ragt wird. Aehnliche "VVarten, doch niedriger, befinden sieh auch an der inneren Seite der vier Eckge- biiude. Die Mittelgebiiude der ostlichen und westliehen Liingenseite so wie das der Siidfronte sind zur Aufnahme derArbeiter bestimmt; in derMitte vor demletzterensteht dieKirche „Maria vom Siege“, am Altare das Marien- bild, welehes bei derErstiirmung des k. k. Zeughauses am 6. Oktober 1848 unversehrt blieb. Sšimmtliche den iiusseren Umfang bildende Bauten bis zum obersten Geschosse sind 23 eingewolbt und mit Asphaltterrassen versehen. Der weite innere Raum enthiilt zwei grossartige Gebiiudegruppen: 1. Die er s te, zuniichst der Com- mandantur, umfasst das Waffen- museum und die Gewehrfabrik, deren Fliigel durch kolossale Eisen- gitter Terbunden, den Kanonenhof absehliessen. Das "VVaffenmuseum, ein Prachtbau mit drei hohen an einan- der geschlossenenThoren, welche, die ganze Tiefe des Gebliudes durchzie- hend, eine dreifach getheilte Halle bilden. Das obere Gesckoss enthiilt die historische "VVaffensammlung des bisherigen kais. Zeughauses in der Renngasse. Die Gewehrfabrik umfasst eine Reihe grosser Hofe und triigt in der Mitte ihrer Siidfronte einen Uhr- thurm. Die Werkstiitten dieses Traktes sind fiir die Fabrikation von Gevreh- ren und vonFlintenkugeln bestimmt. Die Iiings der Deeken hinlaufende Spindel einer Dampfmaschine setzt eine Unzahl von Fraisen der Dreh- biinke und anderer Vorrichtungen in Beivegung, wovon dieMaschinen fiir Kugeln besonders merkwiirdig. Jede derselben liefert im Arbeitstage zu 10 Stunden 36.000 ganz fertige, keiner Nachbesserung bediirftige Kugeln. Wien. 24 2. Die zweite grossere Gebiiu- degruppe umfasst die Erzeugung des ganzen Artilleriematerials: Drei Zeugwerkstatten, durcli Dampfkraft unterstiitzt, im Erdge- schosse fiir die Schmiede, Schlosser, 'VVagner, Tischler, im oberen Stocke fiir die Lederarbeiter, Sattler u. s. w. mit 300 Werkleuten. Die Maschineniverkstatte mit drei Dampfhammern, die Feuerstat- ten mit eisernen Schloten in Ge- schiitzesform an jedem zweiten, Pfei- ler der Halle. D as Gu s s ha us fiir Kanonen und Morser , ihm gegeniiber die Boh- r er ei. Im Ganzen sind 9 Dampfmaschi- nen mit der Gesammtkraft von 122 Pferden und 2000 Menschen inThii- tigkeit, um alles fiir die ArmeeNoth- wendige herzustellen; jede neue Er- findung und Y erbesserungist benutzt, die Produktion durch trefflichberech- nete Arbeitstheilung zur hochsten Feinheit und Gleichmassigkeit ge- braclit. Der Geist der strengsten Ordnung und des sichersten Inein- andergreifens sch\vebt liber dem Ganzen. So tragen auch sammtlicheBauten das Gepriige der Einheit, es sind selbststiindige Glieder eines harmo- nisclien Ganzen von fiinf Meistern. Forster, Hansen, van der Niill, Ros- ner und Siccardsburg, ausgefiihrt. Die Direktion des Arsenales hat der k. k. Feldmarschall-Lieutenant Rit- ter v. Hauslab. Fremde erhalten Ein- trittskarten im Prasidial-Bureau des k. k. Armee-Ober-Commando’s. Ein- trittjedenDonnerstagvon8—12Uhr. Es sind dort eigene militarische Fremdenfiihrer. Yon der Warte der Commandantur, zu der 211 Steinstufen hinauffiibren, hat man eine der schonsten Aus- sichten Wien’s. Sie reicht ostlich liber die Baum- gruppen des Praters und die wie ein Silberband hervorblickenden Win- dungen derDonau bis an die blauen Hiigel derKarpathenjenseits Schloss- hof und Marchegg — westlich iiber die ganze Reihe des Mittelgebirges bis zum Schneeberge und den stei- rischen Alpen — im Norden hebt sich iiber den Rokkokokuppeln des Bel- vederes die Hausermasse der Stadt mit der Stefanskirche und den zahl- reichen Thiirmen von dem dunklen Hintergrunde desKahlenberges ab.— Auf der Siidseite hat man den in- teressantenAnblick des ganzen Arse¬ nales in der Yogelperspektive ; die Fernsicht aber ist durch den Laaer und Wiener Berg beschriinkt. Die Verbindungsbahn. Yom Gloggnitzer Bahnhofe nach Osten, vor dem neuen Arsenale vor- Wien. iiber, zieht in Bogen gekriimmt die Balin,stričke, ivelche die Aurbindung des Nord- und Siidbahnliofes her- stellen soli. Der Bau dieser fiir den Verkehr so ivichtigen Trače ist dureh vielfacheHindernisse verzogert ivor- den, so dass im Oktober 1857 erst die Partie vom Stidbahnhofe bis zum Hauptzollamte dem Verkeiirc iiber- geben sverden konnte. Diese Strecke liat die Lange von 1934 Ivlftrn. und ein Gefiill von 20KIftr. Schon vor dem eigentlichen Bahnhofe, niimlicli beim Miinzge- baude, findet der Uebergang von zwei zu zelin Geleisen Statt, ivovon drei unmittelbar in das Hauptzoll- amt fiihren, die iibrigen zur Fort- setzung der Balm bestimmt sind. Die drei Briicken vor dem Balmliofe des Hauptzollamtes sind nach einem neuen Systeme mit eisernen Rohren- triigern gebaut; die letzte beim In- validenliause auf zierlichen guss- eisernen Siiulcn mit weiten Durch- lassen fiir Wagen- und Personen- passage. Die Bahnstreeke dient vorliiufig nur fiir den Fraclitentransport und bietet selbst dabei grosse Sehivierig- keiten, da wegen der starken Kriim- mung und der betrachtlichen Stei- gung nur verhiiltnissmassig kleine Ziige mit sehr kraftigen Masehinen befordert iverden konnen. Die Fort- setzung der Verbindungsbahn wird vom Hauptzollamte iiber denDonau- kanal und den Anfang des Praters zum Nordbalmliofe gefiilirt. Die zur Uebersetzung des Donaukanales be- stimmte Briicke, die eine seltene Spannsveite erhiilt, ist bereits pilotirt. Umgebuiigen Wiens. Dornbacli und Neuivaldegg, Sommerorte am Fusse eines pracbt- vollen Parkes, der zwischen Wald- hiigeln liegt. Auf der Hohe des Parkes das sogenannte Hame au mit sehr schoner Aussicht. AVahring, AVeinhaus, Gerst- hof, Potzleinsdorf, eine Reihe von Sommerorten vor der AA r ahrin- gerlinie. Man findet iiberall Gast- hauser mit Giirten, in Gersthof den v. Popper’schen Park mit einer Meierei, in Potzleinsdorf einen gros- sen Park mit schonen Anlagen und Aussicliten. Dobling, ein beliebter Sommer- aufenthalt. (Casino des Zogernitz mit Garten.) A r on Dobling nach Heiligen- stadt, Heilbad mit Park undKaffe- haus. Unterwegs liegt die Hohe AA r arte, elegantes Kaffehaus mit herrlicher Rundsicht. A r on Dobling nach Grinzing, von da auf den Kahlenberg. (Fiir die Bergtour stehen Pferde und Esel in Grinzing.) A r om Ivahlenberge ost- lich auf den Leopoldsberg, eine Wien. 26 der schonsten Aussichten von Oester- reich, -vvestlich die reizenden Par- tien auf den Cobenzlberg, den Himmel, in das Krapfenwiild- chen, nach Sievring. (Diese Aus- fliige werden audi in umgekehrter Ordnung von Sievring aus gemacht.) Nussdorf, die Fronte an der Donau, die Riickseite an Weinber- gen (Kafifeliaus, Gasthaus zur Rose, am Ufer der Donau; Bockkeller, grosser Garten mit Aussicht). Audi von hier fiihrt ein "SVeg auf den Leopolds- und Kahlenberg liber das Kahlenbergerdorfel. Meidling, Schbnbrunn (S. 2. Abth.), Hietzing mit demrenomir- ten Casino Domayer’s, von da aus nach St. Yeit, Hiitteldorf, Ha- dersdorf, Hainbach. (Die letz- teren audi mit der “VVestbahn.) Die schonen Ausfliige nadi Lie- sing, Mauer, Kaiksburg, Ro- daun, Modling, Laxenburg, Baden, Voslau gehen von der Siidbahn aus. (S. 2. Abth.) Omnibus in die Umgebung. Nach: Standort: Preis: kr. Dornbaeh. ) Neuer Markt. 21 Neuvvaldcgg. ) Schottenhof. 21 An Sonn- und Feiertagen kostet derPlatz im Omnibus um 3—4Kreu- zer mehr. Fiakertaxe fiir Fahrten inner den Linien Wien’s. Ziveisp anner : a) die erste halbe Stunde 53 kr.; b) die erste Stunde 1 fl. 5 kr.; c) fiir jede weitere halbe Stunde 53 kr. Einspiinner: fiir jede Viertel- stunde der Fahr- oder Wartezeit 21 kr., bei "\Vagenbeleuehtung 27 kr., von 10 Uhr Abends bis 7 Uhr Friih die Hiilfte mehr. ZWEITE ABTHEILUNG. Wien — Gloggnitz. Die Wien-Grloggnitzer Balin. — JDie Maschinenfabrik. — Die Bahnfahrt. Die Siidbahn von Wien bis Gloggnitz. Von Wien bis Gloggnitz. 29 Wien — Gloggnitz. Die Wien-Gl#ggmtzer Balin. Die Bahn von AVi e n nach Glogg¬ nitz, gegen 10 deutsche Meilen lang, war die Privatunternehmung einer Aktiengesellsehaft, gegriindet von G. Freiherrn v. Sina. Sie war der Zeit nach die dritte Lokomotiv- bahn in Oesterreieh (die erste die Ferdinand-Nordbahn, die zweite Mailand-Monza) und v ur de in ihrer ganzen Ausdehnung bis Gloggnitz am 5. Mai 1842 eroffnet. Sie rnusste bis Baden in einem Bogen gefiihrt werden am Rande der westlieh fortlaufenden Bergreihe, denn es \varen zvvei Aufgaben zu losen, die durch den Abfall des AViener Berges gebildete Vertiefung musste umgangen, die AViener Um- gebung, deren sehonste Partien an jenen Bergabhiingen liegen, mit der Residenz in Verbindung gebracht werden. So erhielt diese Bahn einen doppelten Charakter, als Anfang der grosgen AVeltstrasse — als eine der schonsten und besuchtesten Yergnii- gungsfahrten. Bisher varen beide Benutzungs- arten so im Gleichge-vvichte, dass die Einnahmsresultate durchschnittlich gleich varen. Natiirlich fallt jetzt nachVollendung des wichtigen Han- delsweges ein bedeutendes Gewicht in die Sehale des Geschaftsbetriebes. Denn schon vor dem ganzlichen Aus- baue war das Steigen des Reise- und Giiterverkehres so bedeutend, dass im Jahre 1853 schon 34 Lokomotive, darunter Kolosse der starksten Gat- tung, gebraucht vurden und der Frachtentransport auf mehr als 5 Millionen Centner gestiegen -vvar. Die Bahn zeichnet sich durch die eleganteForm aller ihrer Bauobjekte aus; vom Bahnhofe bis zum AVach- terhause ist AUes mit gleichem Ge- schmack und Schonheitssinne ange- legt. Der AViener Bahnhof besteht aus drei Hauptgebiiuden, die, wenn auch von Aussen einfaeh, doch im Innern grossartig construirt sind. Zwei gegen einander geneigte Ge- biiude sind die Bahnhofe, rechts fiir die siidliche Staatseisenbahn, links 30 Von Wien bis Gloggnitz. fiir die Raaber Bahn. In der Mitte liegt das Direktionsgebaude (jetzt Sitz der k. k. Betriebsdirektion der sudlichen Staatsbahn) auf einer von Baumen umgebenen Terrasse (im Erdgesehosse Restaurations- und Kaffehalle). Beim Eintritt in das Bahnhofge- baude derSiidbahn fiihren aus einem grossen ebenerdigen, vonSaulen ge- tragenen Vestibul zwei breite Trep- pen, die eine rechts den Ankommen- den herab, die andere links den Ab- reisenden hinauf in die Personen- balle. Die Bedachung dieserHalle, ob- gleicb von einem Auflagepunkt zum andern 86 Fuss breit, ist doch ohne Zwischenstiitzen, ein Meisterstiicb ihrer Art, einfach, leicht und haltbar. 400 Ivlafter ausserlialb der Per- sonenballe ist die \Vasserstation. Es gelang nach 5 Jaliren dort einen artesiscben Brunnen zu bohren (Tiefe 103 Klafter), allein das Wasser eignet sich nicht zur Speisung der Lokomotive und es musste aus der Gegend von Meidling eine Rohren- Ieitung angelegt werden. Ein eigener Gasometer besorgt die Beleuchtung des Bahnliofes und allcr Appertinenzen. Ton den iibrigen Bahnhofen ist der vorziiglichste zuBaden, auf einer Aufdammung von m?lir als 3 Klafter Hobe, mit einer Halle auf 36 guss- eisernen Saulen. Die grosste Aufdammung ist die vor Wiener Neustadt von 30 Fuss Hohe, eine halbe Meile lang, durch- aus in sumpfigem Boden. Sie bat Massen von Material verscblungen, bevor ein fester Babnkorper gebildet werden konnte. Schiefe Briicken, mitunter in sehr flaeben Bogen gewolbt (zuerst in England und erst seit der Gloggnitzer Balin in Oesterreich iiblich), sind mebrere vorbanden. Die imposan- teste ist die liber den Aubaeh nachst Baden fiibrende, mit einem massiven Quaderpfeiler und 2 Bogen von 36 Fuss Weite bei 24 Fuss Hobe. Auch eine Holzbriicke nach ame- rikaniscbem Systeme iibersetzt den Sehienemveg beim Einsohnitte am Eichkogel in der Breite von 120 Fuss von einem Auflagspunkte zum andern. Die Brucke iiber die Badner Strasse bei Pfaffstatten ist von dreifacb zu- sammengescliraubtem Buchengebal- ke mit der Oeffnung von 47 Fuss ohne Mittelpfeiler im 'VVmkel von 37 Graden. Die Gloggnitzer Balin bat nur Einen Tunnel, den bei Gumpolds- kirchen. Er ist ein Lususobjekt (er hatte sicb vermeiden lassen und ko- stete 100.000 fl. C. M.), allein er ist werthvoll alsMustertunnel: 87Klftr. lang, 6 Klftr. boch, 28 Fuss breit, aus behauenem Sandsteine, in ellip- Die Maschinenfabrik. 31 tischer Form, auch unter der Bahn ausge\volbt, bildet er einen Cylinder von eirundem Durcbschnitt, und \vurde mit solclier Sorgfalt in allen Details gearbeitet, dass bis zur Stunde weder eine Senkung bemerk- bar noch eine Reparatur notbig ge- worden ist. Das beim Siidbahnhofe in die Augen fallende Arsenal, obgleicli in der nacksten Niilie des Bahnhofes, konnte doch nur unter die Merk- wiirdigkeiten der Stadt aufgenommen \verden (S. S. 22), denn nur der Ver- weilende, nicht der Abreisende kann es von Innen kennen lernen, und es ist interessant fiir Jedermann ohne Ausnahme. Die MaschiiieiiOihrik. Die Maschinenfabrik hinge- gen,jetztEigenthum der privil, osterr. Staatseisenbahn-Gesellschaft(Direk- tor: Haswell), ein inseiner Art hochst grossartiges Etablissement, geliort zum Bahnhofe und muss lii er er- wahnt werden, auch desshalb, weil es dem Industriellen moglich ist, eine oder zwei Stunden vor der Ab- reise sie wenigstens fluchtig kennen zu lernen. Cobden sagte von ihr: Oesterreich liat in diesem Etablisse¬ ment in industrieller Hinsiclit keine geringere Kraft entwickelt, als in militarischer durch seine siegreichen Heere. Seitdem die Maschinenfabrik an die osterr. Staatseisenbahii-Gesell- schaft iiberging, ist sie durch bedeu- tende Zubauten betrachtlick ver- grossert worden. Sie hat jetzt mehr als 200 Hilfsmaschinen, als: Dreh- banke, Hobel-, Stoss-, Bohr-, Schnei- de- und Pressmaschinen, Blechwal- zen und Scheeren, um das Metali in jede nothige Form zu bringen. Un- fasslich schnell rotirende Circular- sagen, Hobelmaschinen und Raspel- miihlen bearbeiten das Holzmate- riaL Sie unterhalt iiber lOOSchmie- defeuer und iiber 1200 Arbeiter. Die Quantitiit ihrer Leistungen liisst sich daraus entnehmen, dass sie seit ihrem Entstehen im J. 1840 bis zur Mitte des J. 1854 300 Loco- motive lieferte (darunter den Koloss „Yindobona“ fiir die Semmering- bahn), 212Tender und 750Waggons — abgesehen von der ungelieueren Anzalil von Lastwagen, stehenden Dampfmaschinen, Dampfpumpen, Bremsen, Fabriksmaschinen etc. Seitdem sind noch 4 Dampfmaschi¬ nen und ein Sclnveissofen aufgestelit ■\vorden, so dass die Fabrik jetzt im Stande ist per Monat 6 Locomotive nebst anderen Arbeiten zu liefern. Die jiihrliche Gesammteinnalnne betragt jetzt schon liber 3,000.000 fl. 32 Die Bahnfahrt. Die Bahnfahrt. Bei der Abfahrt vomAVienerBahn- hofe hat man rechts ein grossarti- ges Bild der Residenz und ihrer Um- gebung, im Hintergrunde das sehone Mittelgebirg, an dessen Fusse sie liegt. Stadt, Vorstadte und die nacli- ste Landumgebung bis Schonbrunn fliessen bier in eine unabsehbare Hiiusermasse zusammen. Links fahrt man am grossen Matzleinsdor- ferKirchbofe (mit d e r b y z ari ti ni s c h eri Kapelle) Toriiber. Tor der Zwisehenstation Matz- leinsdorf, wo unliingst ein grossar- tigesAVaarenmagazin gebaut worden ist, geht unter dem Viadukte der Eisenbahn die Triester Poststrasse durch, sonst des Lebens und Ver- kehres voli, jetzt einsam und verlas- sen, obgleich sie die theuerste und sebonste Kunststrasse der Monarchie ist; denn als Handels-und Reiseiveg bat sie seitVollendung der Bahn alle Bedeutung Yerloren. Links auf der Hohe des “VViener- Berges zeigt sich die Spinnerin a m Kreuz, eine gothiscbe Denk- saule Tom J. 1542. Station Meidling. Meidling, rechts Yon der Balin, scbliesst sich unmittelbar an die Wiener Vorstadte an. Es hat ein Heilbad mit schwefelhaltigem Was- ser. Die freistehende Kirche im by- zantiniscben Style, einfach aber ge- sehmackToll gebaut, ist von Weitem auf der Bahn siehtbar. Zunachst an Meidling liegt der Park und das Schloss yon Schon¬ brunn, Sommeraufenthalt des Kai- sers. Der Garten, im alten franzo- sischen Restaurationsstyle, ist wahr- baft grossartig — yor dem Schlosse ein schones -sveites Parterre mit 32 Marmorstatuen Yon Beyer, im Hin¬ tergrunde ein grosses Bassin mit živci Springbrunnen. Den Abschluss macht auf der Anhohe die Gloriette, eine Saulenhalle mit sehoner Aus- sicht auf Wien. Der botanische Gar¬ ten, die Menagerie sind sehr sehens- ■vviirdig. An der Westseite liegt das sehone DorfHietzing mit den ele- gantesten \Viener Villen. Station Hetzendorf. Die Bahn geht hinter Meidling in einem tiefen Einschnitte, der zum Theil in Felsboden gesprengt ist, und kommt dann bei Hetzendorf auf den 40 Fuss hohen, 830 Klafter lan- gen Damm. Hetzendorf, auch ein kais. Lustschloss, vonMaria Tberesia fiir ihre Mutter erbaut. Tom Sta- tionsplatz rechts fiihrt ein Seiten- z-sveig der grossen Allee, die Yon Schonbrunn nach Laxenburg geht, mit einigen 100 Schritten in den obe- ren Theil des SchonbrunnerGartens. Die Bahnfahrt. 33 Links vom Stationsplatze zieht sich liings der Bahn das Dorf Alt- mannsdorf hin, daneben vveiter links Inzersdorf, merkwiirdig durcb Miesbach’s Ziegel- und Terracottafabrik, nach dem Londo- ner Ausstellungsberichte „the largest rnanuf actury of bricks in the world“, \velche seit 1857 von seinem Neffen und Nachfolger Heinricb D r a s c h e fortgefiihrt wird. Diese Ziegeleien des Gutes Inzersdorf erstrecken sich an dem siidlichen Abbange des Wie- nerberges von Altmannsdorf iiber Inzersdorf bis zur Laxenburger Allee, die von der Favoritenstrasse aus liber Inzersdorf gelit. Sie um- fassen einen Flachenraum von 200 Joeh a 1600 □ Klftr.; die Thon- schichten haben eine Miichtigkeit von mebr als 20 Klftr., so dass die Fabrik bei dem stiirksten Betriebe fiir mehr als 300 Jahre mit dem be- sten Material gesicbert ist. Die Fabrik besitzt 52 Brennofen mit Steinkohlenfeuerung, vvovon je¬ der 800 bis 1000 Ziegel fasst, und da zam Ausbrennen ein Zeitraum von 10 Tagen erforderlich ist, so konnen binnen dieser Zeit mit einem einzi- gen Brand gegen 4,500.000 Stiick Ziegel ausgebrannt werden. Die Erzeugungsfahigkeit dieser Fabrik betragt jahrlich 60 Millionen Ziegel und mit den iibrigen Ziegel- vverken desšelben Besitzers kann sich die Produktion jiihrlich bei gu- tem Absatze iiber 100 Millionen Ziegel belaufen. In neuerer Zeit werden auch alle Gattungen Form- und Dekorationsziegel in verschie- denen Farben fiir die jetzt iiblichen Rohbauten erzeugt. — Beim Haupt- etablissement ist ein eigenes Hospi- tal und eine Kleinkinderbewahran- stalt. Der grosse Steinkolilenverbrauch fiir die Ziegeleien im Belaufe von jahrlich l 1 /. Million Centner vvird aus den eigenen Kolilenvverken ge- deckt, indem nebst der Ziegelfabri- kation auch eine ausgedehnte Stein- kohlenindustrie auf versehiedenen Punkten der Monarchie betrieben wird, deren Gesammtproduktion sich auf jahrlich 5 Millionen Centner be- liiuft. Station Atzgersdorf. Das Dorf liegt links von der Bahn, reehts eine Seidenzeug- und Spinn- fabrik. Am. Eingange des Gebirges Mauer mit schonen Landsitzen und vorziiglichem Weinbau. Station Liesing, In unmittelbarer Niihe der Bahn links das grosse Gebaude einer Wie- ner Kerzenfabrik. Liesing hat ein grosses Briiuhaus mit ausgedehnten Felsenkellern und die sehr bedeu- 3 34 Die Balmfahrt. tende Fabrik chemischer Produkte tou \Vageman und Seibel. Gegen Nordivest fiihrt langs dem ■VVildbacheLiesing eine Strasse rechts nach Iv alk sb ur g, links nach Eo- dau n, beide am Fusse des Gebirges rechts von der Balin. Ivalksburg, ein selir anmuthiger Sommeraufenthalt, mit einer der schonsten Dorfkirchen Deutschlands (vom Tiroler Zobel gebaut Ton 1790 bis 1801). In der Umgebung zalil- reiche Ivalkbrennereien. I Von Kalksburg fiihrt ein Fahr- und Fussweg im Thale fort zum rotlien S t a d e 1 ; etwas -vveiter zum griinen Baum, zwei vereinzelte Gastliauser auf einer schonen Wald- wiese, ein beliebter Ausflug der Wiener. Beim AVegfahren von der Station sieht man reclits auf der Anhohe das bocligelegene Schloss von Rodaun. Bad und Sommerort der VViener. links die Dorfer Siebenliirten und Vosendorf. Station Perchtholdsdorf. Der Markt, rechts von der Balin, beriihmt durch seinen Yv r ein (sogen. Petersdorfer), hat eine sehr merk- vviirdige altdeutsche Kirche aus der ersten Halfte des 14. Jahrhunderts, eine der schonsten dieses Bausfyles, mit einern freistehenden 180 Fuss hohen Glockenthurme aus Quadern. Station Brunn. Brunn, ansehnlicher Markt in ebenfalls beriihmter tVeingegend, daran anstossend das kleinere En- zersdorf. Brunn hat ein grossarti- ges Briiuhaus mit vveiten Felsen- kellern. Von hier ab liegen rechts auf den Anhohen die Burgen von Liechten¬ stein, veiterhin auf dem hohen Berge der Husarentempel. Von hier ein sehr anmuthiger Spaziergang immer am Bande der Anhohen liber Burg Liechtenstein nach Modling. Liechtenstein, die nacliste Burgruine an Wien, hat zum Theil noch die innere Einrichtung aus dem Mittelalter. Sie ist im In- nern sehr gut erhalten und von Aussen so tauschend restaurirt, dass die kahlen Giebel und die zerkliif- teten Mauern vollstandig das Ge- prage des Jahres 1683 tragen, in \velchem das Schloss von denTiirken eingeiischert vurde. Der Schlossbau stammt von dem Grafen Ulrich von Cilly her, dem letzten seines Stam- mes, der auch das Franziskaner- kloster in Enzersdorf bauen liess. Die Burg hiess urspriinglich Veste Enzersdorf und wurde erst im Jahre 1291 von Kaiser Albrecht I. an Otto von Liechtenstein verliehen. Dem alten Schlosse gegeniiber steht seit 1820 der fiirstliclie Sommer- Die Bahnfahrt. 35 palast, umgeben von reizenden Park- Punkten der Briihl. in Verbindung anlagen, welche den Platz mit allen setzen. Burgruine Liechtenstein. Station Modling. Rechts vom Stationsplatze liegt der Markt Modling mit 3000 Ein- wohnern. DieHauptstrasse laufteine Viertelstunde langbis zurPfarrkirche zu St. Othmar, einem grossartigen Baue aus dem Jalire 1454, im Innern durch 5 Pfeilerpaare in drei Schiffe getheilt,mit einer gcraumigenKrypta. Seit dem Jahre 1813, da unfern der Kirche eine kraftige eisen- und schwefelhaltige Mineralquelle ent- deckt wurde, ist Modling auch ein stark besuchter Badeort. Nahe am Markte ist seit 1851 die 'VVasserheil- anstalt Priessnitzthal. Umgcbnng von Modling. l. Die Briihl. An Modling grenzi die Ortschaft „In der Klause"; hier bildet ein enger Felsenpass den Ein- gang in die Briihl, ein an Natur- schonheiten reielies Kalksteinfelsen- thal, das durch die herrlichen An- lagen des Fiirsten Johann von Liech¬ tenstein (mit dem Aufwande einer Million) in seiner ganzen Ausdeli- nung ein grossartiger Park gevvor- den ist. Das Thal der Briihl schei- det sich in die Vorder- und Hin- terbriihl, beide im Sommer selir belebt durch ilire vielen eleganten Tillen. 3 * 36 Die Bahnfahrt. Die schonstenPartien der Vorder- briihl sind: Der Parkiveg von der Klause zum Gastliause zu den drei Rab e n, von da links die schone grosse "\Valdwiese mit der fiirst- liclieri Meierei und demSchweizer- hause. Kiichst der Meierei fiihrt ein Fusssteg zum Husarentempe 1, einem dorischen Tempel auf dem Kamme des 1500 Fuss hohen Sie- gensteines, des hochsten der umlie- genden Berge, vom Fiirsten Johanii Liechtenstein als Denkmal fiir die Husaren errichtet, die ihm 1809 in der Schlacht bei Aspern das Leben gerettet. (Umfassende Aussieht bis zum Schneeberg.) Vom Tempel fiihrt ein anmuthiger Fussweg auf den Berghohen fort rings um das Thal bis zur Burgruine Modling. Die Burg -\vurde im 11. Jahrhundert als Grenzveste gegen die Avaren er- baut, 1607 in den Streifziigen der Ungarn unter Botskay zerstort. Durch das Thal der Hinterbriihl fiihrt eine Strasse nach Ga de n, von da nach Heiligenkreuz, Cister- zienserabtei, gestiftet im Jalir 1134 vom Markgrafen Leopold von Oester- reich. Herrliche altdeutsche Stifts- kirche — prachtvoller Kreuzgang — Bleihrunnen vom Jahre 1285. 2. Laxjnburg. Links von dem Stationsplatze Modling fiihrt eine Seitenbahn zu dem siidostlich ge- legenen kais. Lustschlosse Laren- burg. Die Fahrt dauert nur zehn Minuten, denn die Bahn geht auf ebenem Boden in ganz gerader Rich- tung. Sie iibersetzt die Triester Commercialstrasse und mittelst ein- facher Brucke den Neustadter Kanal. Die Personenhalle niichst demMarkte ist zierlich gebaut und von Garten- anlagen umgeben. Die Herren von Lachsindorf iindet man schon im Anfange des 13. Jahrhunderts, ihr Stammschloss -vvar an der Stelle der jetzigen Franzensburg, 100 Jahre spiiter ging es in den Besitz des Herzogs Albrecht II. iiber, es avard der Landaufenthalt seines Sohnes Friedrich IV. und des Kaisers Maxl. Karl IV. ratificirte hier den bekann- ten Erbvertrag mit Verzichtleistung auf die Krone Spaniens (30. April 1725). Maria Theresia liess das jetzige Schloss bauen, Kaiser Franz den Park erweitern und verschonern, KaiserFranz Joseph unddieKaiserin Elisabetli be-vvohnen Laxenburg ab- wechselnd mit Schonbrunn. Der Park im Umfange von 3 A Meilen \vird durch das Wasser der Schwe- ehat mit Teichen und Kaniilen reich bewiissert, namentlich ist der grosse Teioli mit eleganten Barken zu Vas- serfahrten versehen. Ueber diesen Teich fiihrt man in die Franzensburg, eine Ritterburg, reich an historischen Alterthiimern.Rustungen, Waffen aus Die Bahnfahrt. 37 dem oberosterreichischen Bauern- kriege unter Stefan Fadinger (1626), die Dečke des Empfangssaales ist Holzarbeit von 1580; im Gesell- schaftszimmer zwei grosse Bilder von Hochle, die Vermalung Kaisers Franz II. mit seiner dritten Gemalin (1808), im Thronsale die Kronung Franz II. (1792) und das Gastmal im Frankfurter Rdmer. Die Kapelle von rothem Marmor, liber 900 Jalire alt, enthalt die Monstranz, mit der Kaiser Max auf der Martinswand, von dem Hiigel beim Dorf Zierl aus. den Segen erhielt. Ton den Zinnen des Thurmes ist eine herrliche Aus- sicht auf die grosse Ebene bis zum Leithagebirge, siidlich auf die stei- rischen Alpen und den Schneeberg. Von Modling ab kriimmt sich die Hauptbahn stark gegen Osten, um die Auslaufer des grossen Aninger žu umgehen. Hicr ist zuerst, nahe an der Babn, der uralte Freihof Thallern, dem Kloster Heiligen- Kreuz geborig, mit grossen Felsen- kellern. Station Guntramsdorf. Dem Freihofe Thallern gegenuber, eine Tiertelstunde von der Balin: Guntramsdorf. Markt mit 130 Hiiu- sern und einer alten Kirche, die einst befestigt \var und von Lorenz von Haiden lange Zeit gegen seinen Lehensherrn, Kaiser Friedrich IV., vertheidigt wurde. Station Gumpoldskirchen. Der Markt Gumpoldskirchen ist beriihmt durcli seinen dem Rhein- •\veine gleichstelienden Wein; er zielit sich in zwei langen Gassen zur Berglehne hinauf. Der Markt ist eine Commende des deutschen Ritteror- dens, an den er im Jahre 1241 durch Schenkung Friedriclis des Streitba- ren gelangte. Von hier wird auf kiirzestem Wege der grosse Aninger, der hochste Berg in Wien’s nachster Umgebung (bei 2000 Fuss), mit lohnender Aus- sicht, erstiegen. Die Balin gelit nun in gerader Richtung durch den Tunnel des Eichkogels zur nachsten Station. Links der Neustadter Kanal; die Ortschaft Mollersdorf. Station Pfaffstatten. Pfaffstatten war in alterer Zeit ! ein Markt mit bedeutendem "NVein- baue, kam aber durch die Inva- sionen der Tiirken von seiner dama- ligen Bliithe herab. Ursprung und Namen hat es von den Monchen in Heiligenkreuz. Links der grosse Markt Traiskirchenan derSch\ve- chat. Rechts sieht uns der Badner Calvarienberg entgegen. 38 Die Bahnfahrt. Station Baden, Baden, der schone und heilbrin- gende K uro rt, ist eine Stadt von 5000 Einvvohnern. Seine warmen Quellen, 17 anderZahl, vvarenschon den Romern bekannt; ihr Hauptagens ist schvvefelsaurer Kalk. In der Kahe des Kur šale s und des kleinen Parke s, der Mittagspromenade der eleganten AVelt, entspringt Badens Hauptguelle, der Ursprung, am Fusse des Calvarienberges, 672 Fuss liber der Meeresfliiche, aus dolomiti- scbem Alpenkalkstein. Es ist interes- sant, den Ursprung selbst zu be- sichtigen, denn das heisse Vasser sprudelt dort so reich aus deni 19 Fuss tiefen Kessel, dass taglich 15.386 Eimer geliefert vverden. In den meisten Badner Biidern ist ein Gesellschaftsbad („Vollbad“ ge- nannt), in vvelchem man, in grosse Bademantelgehiillt, gemeinschaftlich badet, ausserdem aber Separatbader mit allem Comfort eingerichtet. Das Vollbad im Herzogsbade bat fur 150 Personen Raum. Ueber diesen Vollbadern sind Gallerien fur Zuse- her. Ueberdiess hat Baden zvvei grosse Schvvimmanstalten, einen grossen Schivimmteich von Fluss- wasser im Freiherr von Dobblhof’- schen Garten, und die im Jalir 1848 nach den Pliinen der Architekten van der Klili und von Siecardsburg erbaute Mineral-Sebwimm- und Badeanstalt. Diese hat ein an 5 Fuss tiefes, 80 Schritt langes, 20 Schritt breites Becken, mit Asphalt belegt. das Herren- und Damenbad durch eine Brucke getrennt, mit Thermal- vvasser von 18 bis 20° "VViirme ge- fiillt. In der Niiiie dieser Schwimm- scliule ist der Park mit dem anstos- senden Calvarienberge, iv o eine vveite Aussicht gegen Osten auf die mit Dorfern besate, vom Leithage- birge begrenzte Ebene. Die romantische Umgebung Ba¬ dens, das beliebte Helenenthal. liegt im vvestlichen Thaleinsehnitte an beiden Ufern der Selivvechat. Durch eine Reihe der reiclisten und geschmackvollsten Landhauser (in allen Stylarten, vorziiglich aber Schiveizerhiiuser in vielen Tariatio- nen) kommt man zum Eingang des Thales, wo auf schroffenFelsen links die Ruine Rauheneck, unter ihr am Fusse des Lindkogels die AVeil- burg, von Erzherzog Karl, dem Helden von Aspern, erbaut, jetzt Sommerschloss des Erzherzogs Al¬ brecht, Gcneral-Gouverneurs von Ungarn; rechts die interessante Ruine Rauhenstein.Vonder Weil- burg geht ein Fussvveg am rechten Ufer der Schvvechat durch schone AValdanlagen und anfrischen Wald- vviesen zur Antonsgruppe. (Von hier ein Seitemveg durch den Kohl- Die Bahnfahrt. 39 graben auf den grossen Lindkogel, das „Eiserne Thor u genannt, 2622 Fuss hoch, mit einer der schonsten Aussiclitenin Oesterreich.) AmFluss- ufer fort fiihrt der Fussweg bis zu denKrainerhiitten, dem gewohn- lichen Endpunkte der Badener Aus- fliige. Eben dahin und weiter hinaus recbts nacli Heiligenkr euz, links nach Mayerling und A11 and, fiihrt am rechtenUfer die Fahrstrasse. Sie beginnt mit einem Tunnel durch den Urtelstein, einen Felsen, der friiher das Thal schloss. Bei der Abfahrt von Baden sieht man links von der Bahn Leesdorf mit einem von Ringmauern und breiten Wassergraben umgebenen Schlosse aus dem 11. Jahrhundert, Eigenthum der Benediktinerabtei Molk, und Muralfs Maschinenfabrik; weiter ostlich den Markt Trais- kirchen, dann Mollersdorf mit Mohr’sBaum\vollspinnerei undFried- mann’s Baumwollfabrik. Station Voslau. Voslau, am Eingange des breiten Muhlbachthales, beriihmt durch sei- nen Wein. Der rothe, aus echten Burgunder-Reben, ist besonders ge- sucht; doch ist die \veisse Sorte fast noch feiner. Schlumberger’s Schaum- ■vveinfabrik liefert eine ausgezeich- nete Champagner-Rachahmung. Das lange niedrige Gebaude rechts vor Anfang des Ortes sind "VVeinkeller. Voslau ist ein beliebter und stark besuchterBadeort. ImgraflichFries’- schen Parke ist namlich ein grosser klarer Teich zum Sclrvvimmen und Baden mit Thermahvasser in der immer gleichen Temperatur von 19°. Daher vergrossert sich der Ort fort- wahrend durch Zubau eleganter Villen. Westlich schliesst sich an Voslau der Pfarrort Gainfahrn an (aus dem celtischen Ramen Cuopharn, auch Gunvarn) mit einem Schlosse, das eines der altesten im Lande ist, vormals der Sitz einer Adelsfamilie, die von dem beriihmten Azzo von Gobbatsburg, Oesterreich’s Cid Cam- peador, abstammt. Jetzt gehort Schloss und Garten dem Fursten Dietrichstein. Auch Gainfahrn, das nur die Fortsetzung von Voslau ist, hat denselben ausgezeichneten W einbau. V on Gainfahrn eine Stunde liegt der H a i d h o f, diesem zunachst Schloss und Park Merkenstein, Eigenthum des Grafen Munch-Bel- linghausen. Der Park hat herrliche Aussichtspunkte, er liegt am Fusse des grossen Lindkogels (Eisernen Thores, s. oben), auf den auch ein Weg von einer Stunde fiihrt, so dass man von hier in’s Helenenthal und umgekehrt gelangen kann. Die Bahnfahrt. 41 Piesting, Schwarza, Leitha; Tau- sende von Familien verdanken ihnen Arbeit nnd Nahrung. Vorherrschend sind in der Ebene die Baumwoll-, Baunrsvollgarn- und Flaclisspinnerei. Mit ihnen in naher Beziehung, zum Theil durch sie in’s Leben gerufen, stehen Masehinen- undMetallwaaren-Fabriken, die sich meistens amRande des Gebirges oder in den Thaleinscknitten angesiedelt liaben. Das Tricstingthal. Reehts von Leobersdorf eroffnet sich das Triestingthal, dessen breiteMiindung durch dieuralteaber gut erlialtene Burg Enzesfeld auf der halben Hohe des Pfarrkogels be- herrscht wird. Zuniichst dem Stations- platze sieht man das Eisengusswerk des J. Sturtz und die Baunrvvollspin- nerei des C. Metasa, reehts aufeinem Hiigel Wagram mit der Steingut- undTerraeottafabrikBrausewetter’s. Bei einer \veiteren Excursion in das Triestingthal kommt man nach Triesting, Bohkupferhammer mit AValzverk und Drahtziigen des A. Neufeld, mit schonem AVohnhause im Schweizerstyl. Gegeniiber St. Veit mit Arbeiterwohnungen. Der kahle Hiigel bei St. Veit (Stritzelberg) hat eine interessante Aussicht. Eine Viertelstunde weiter: Nicderfeld mit der grossen Metalhvaarenfabrik des Al. Scholler (200 Arbeiter; Packfong - Essbestecke bis nach Australien versendet), dann folgt Berndorf mit der Metallvaaren- fabrik des G. Cornides; endlich links Veitsau, reehts der Markt Pot- tendorf mit vielen Fabriken. dar- unter die grosse Baumvrollspinnerei des Ritter v. Coith, die Kupferham- mer von Cornides und Ivatharina v. Schickh. Bei Leobersdorf durchschneidet derBahndamm dieBosquette des gros¬ sen Gartens von S ch o n a u, der noch vor 40 Jahren durch seine Grotten, Wasserfalle, Tempel (Tempel der Nacht) und andere, damals moderne Gartenkiinsteleien sehr beriihmt var, jetzt aber schon so verschollen ist, wie der osterreichische Dichter Al- xinger (geb. 1750, gest. 1797), dessen Denkmal dort steht. Der Park ist iibrigens an sieh schon, denn er ist reich be\vassert, hat einen 42 Joch grossen spiegelklaren Teich und wir d von dem j etzigen Besitzer, Freih. v. Eskeles, gut gehalten. Schonau selbst ist ein Dorf mit einem alten Schlosse und der grossen Spinn- fabrik des Ludwig Pacher vonThein- burg. Ein Hartung von Schonau, zugleich Herr von Cuopharn (Gain- fahrn) lebte im J. 1770. Reehts an der Bahn liegt Schloss und Park Dornau des Fiirsten von Liechten¬ stein. 42 Bie Bahnfahrt. Station Solenau. Links von der Balin sieht man den starken Quadrattliurm mit auf- fallend kleiner Ivuppel von Solenau, grossem Markte mit fast 1000 Ein- ■vvolmern. Er liegt schon an dem unfruchtbaren Steinfelde. I>ie nie- drigen massiven GewoIbe der Kirche sind aus der altesten Zeit. Hier ist am kaltenGange (Gebirgswasser der Piesting) dieBaumivollgarnspinnerei Pacher’s von Theinburg, die altepte des Landes, im Jalire 1800 von Peter Freih. von Braun gegriindet; mit 20.000 Spindeln und 340 Arbei- tern. In der Niihe ein Steinkohlen- werk Miesbach’s mit dem Aufsehlusse von 1,500.000 Centnern. Jenseits des Steinfeldes an der Fischa liegt Pottendorf, ein uralter Markt, mit einem ehemals stark befestigten Sclilosse, bekannt durch das gleichnamige Ritterge- sclilecht, das seit dem 11. Jahrhun- derte in den Kiimpfen nacli Aussen und den inneren Unruhen eine be- deutende Rolle spielte. Die dortige Spinnfabrik, im Jahre 1801 gegriin¬ det, gehort jetzt einer Aktiengesell- scliaft und ist mit ihren 52.000 Spin¬ deln, fast 1200 Arbeitern und dem durchschnittlichen Jlaterialsbedarfe jahrlicher 25.000 Centner unbe- dingt die -vvichtigste des Kaiserstaa- tes. Nebst ihr ist dort die Flachs- spinnerei von Freih. v. Sina und Ritter v. Reyer. DaskleineSiegers- dorf hat drei Spinnfabriken. AVeiter unten an derLeitha: Ebenfurth, ein altes Stiidtehen, in dem einst die sohone Beatris von Ungarn lange Zeit Hof halten musste, weil sie zum Einzuge in das von ihrem Gatten belagerte Neustadt zu friih gekom- men \var. Es hat die Spinnfabriken von Alex. Mangiarli und Leopold Mayer und eine Maschinenfabrik von Leidesdorf. Zivischen Theresienfeld und Xeu- stadt Iiegen ostlich: Eggendorf mit einer Spinnfabrik, X a d e 1 b u r g und Lichtenrvorth mit Metall- \vaarenfabriken. Gegen Westen hat man auf der ganzen Strecke bis hinter Xeustadr die Aussicht auf das schone langge- dehnte, in rothlichen AViinden steil abfallende Felsengebilde der hohen Wand (2485 Fuss). ImA r ordergrunde, an den Vorbergen der AVand, dem feucliten Boden und dem Biun- nerberge liegt Fiscliau, Dorf mit einem Schlosse des ErzherzogsRainer und schonenPark; das Dorf B runn, die Ruine Emerberg aus dem 12. Jahrhundert. Station Felixdorf. Felixdorf, eine ganz neue Ansied- lung, hat den Namen von seinem Griinder Felix Jlieszl von Treuen- Die Bahnfahrt. stadt, ehemaligem Biirgermeister zu Ne ust a dt. Zwei Baunnvollspinnfa- briken des K. Briiunlich und des J. Moor. Die erstere, rechts vom Stationsplatze, mit Dampf betrieben, bat 17.800 Spindeln und beschiiftigt die Hiilfe der Bevolkerung yon 500 Seelen. Man ist bier beiliiufig in der Mitte der nordlicben Hiilfte des Fabriks- bezirkes, den Neustadt in zwei Half- ten seheidet. AVestlick von der Bahn an der Piesting Steinbriickl mit grosser Spinnfabrilc von Clotin und Glanz. VoIIersčlorf: Walzwerkc und Blecbfabrik einer Aktiengesell- scbaft. Sie liefert das beste Weiss- bleeh in Oesterreick, das dem eng- lischen gleicbstebt. Das Piestingthal. Das Piestingtbal ist romanti- scher, als das der Triesting.Exeursion dabin vonFelixdorf aus. Der Pfarrort Piesting mit Eisenbammer, Brau- baus und Spinnfabrik. Gegeniiber die Ruine Starliemberg, eine der grossten und schonsten in Deutsch- land, mit weiten Bingmauern (von der Bahn vor Felixdorf siebtbar). Sie \var einst Herzogsburg derBaben- berger, der Zufluchtsort Friedriehs des Streitbaren, des letzten Baben- bergers (1230 —1246) in seinen Kampfen gegen die TJngarn. Sie \var noch im Jabre 1683 so fest, dass sie 43 11.000 Fliichtlingen Scliutz gegen die Tiirken gewiihrte. Jetzt ist sie Eigentbum des Erzberzogs Leopold, fiir ibrefernere Conservirung iver den so eben Vorkehrungen getroffen. Walleg (aucli \Valdeck) mit Zug- meyer’s Kupferhammer. Ton bier kommt man in die Gegend „in der Oed“ mit der Gebriider Rosthorn grossartigem Etablissement zur Mes- sing-, Packfongplatten- und Draht- fabrikation. Es liegt zwiscben dem Mandling und Krossenberg (jeder gegen 3000 Fuss), an dem brausenden Gebirgsstrom, dem kal- ten Gange. Der Complex besteht aus demHerrenhaus, dem Gusshaus, den WaIzwerken,derBeize,derScbalerei, denGliihofen,demMessingdrabtzuge, denMessinghammern (4 inWaldeck) und den AVobnungen der Beamten und Arbeiter. Es werden jabrlicb gegen 7000 Centnerproducirt, davon die Halfte in’s Ausland, namentlicb in den Orient gebt. Von der Oed hat man zu Fuss eine Stunde in das breite freundliclie Tbal von Pernitz. Von da lVz Stunde in das reizende Thal von Guttenstein. Der Markt Gutten- stein liegt am Fusse der alten Burg- ruine (Gasthaus bei Presoli und zum Baren). Am Friedbofe ist das Grab Raimunds. Unmittelbar vom Markte fiihren zweiFusswege und eine Fahr- strasse auf den M ari ahi lfer B er g, 44 Die Bahnfahrt. den schonsten Punkt der Gegend. Er ist 2498 Fuss hoch, bevraldet undnaeh allenRichtungen mit Parkwegen ver- sehen; an mehreren Punkten dieser Anlagen hat man eine lierrliche Aus- siclit. Am Plateau des Berges steht eine stark besuehte Wallfahrtskirche, das im J. 1685 (von einem Grafen Hovos) erbaute Servitenkloster. Das Schloss des Grafen Hoyos hat einen besonders sehonen Park mit herrlichen Ansichten des Thales. Auf dem j enseitigenBergabhange fjih- ren die Parkanlagen, der sogenannte Theresiensteig, in den interes- santen Felsenpass Ton Steinapie- s ting, eineFelsscliluchtvon61 Klftr. Lange, deren Wande so eng zusam- mentreten, dasssienurfiirden Wald- bachRaum lassen, so dass der Lange naeh eine Briicke dariiber gezogen ist. Vom Ausgange des Passes links gelangt man zurguterhaltenenRuine der Veste Guttenstein. Eine nicht minder interessante Partie ist von Pernitz auf einer Seitenstrasse nachst der Kirche in das Marienthal, und eine Stunde weiter bis Mukendorf, \vo die Mira, die aus einer Grotte des Un- terberges entspringt, in acht Fiillen in eine vi Ide FelsscMucht stiirzt. Station Theresienfeld. Der Ort ist von Maria Theresia 1767 gegrundet, als Versuch, das unwirthbare Steinfeld bei Neustadt urbar zu maehen; der Versuch ist gelungen. Jedes Haus hat prinzipiell 32 Joch Garten-, Acker- und IVie- sengrund um sieh, daher die Ansied- lung sehr ausgedehnt, aber monoton. Rechts von der Bahn das Raketen- dorfel, vvo die Congrev’sehen Ra¬ keten verfertigt werden, links vor Veustadt die B Spinnerin amKreuz“, der Denksiiule amWienerberge iihn- lich, 70 Fusshoch, zumAndenken an die Landertheilung zvvischen den Briidern Herzogen Leopold und Al¬ brecht (1379). Station Wiener Neustadt. Neustadt gibt von der Bahn aus ein interessantes Bild. Bis zum Eisenbahndamme ziehen sich Garten, vonHecken, Baumreihen und\V asser- gerinnen durchschnitten, mit kohl- schvvarzer Dammerde und reichem Gemiisebau; sclilichte Arbeitervvoh- nungen blicken neben den Iiiosken und Giebeln der Landhauser durch das Laubverk; lange Pappelreihen und die Ringmauern der Stadt mit ihren Zinnen und Thiirmen, iiberragt von den Kirchthiirmen und der Mi- litar-Akademie, bilden den Hinter- grund. Gasthofe: Stadler’s Gast- und Speisehaus in der Niihe des Bahn- hofes — Hirsch, ungar. Krone in der Stadt. Die Bahnfahrt. 45 Neustadt, eine mittelalterliche Festung ersten Ranges, im regel- massigenViereck erbaut, mitdoppel- tenUmfangsmauernundtiefem 'VVall- graben , hat seine urspriingliche Physiognomie getreulich beibehal- ten, obgleich es durch einen grossen Brand im J. 1834 bis auf 14 Hauser zerstort wurde. Kur ist zu den vier Thoren, die nach den Weltgegenden gerichtet sind, noeh ein fiinftes, das Ferdinandsthor, zur Verbindung mit der Eisenbahn, hinzugekommen. Die „allezeit getreueNeustadt“ ist niichst Wien die grosste Stadt des Kronlandes mit 10.800 Einw. Sie ist die Geburtsstadt Kaiser Friedrichi IV. und Maximilians I. Die Pfarrkirche mitihrenstein- bedaehten, durch eine Eisenbriicke verbundenen Thiirmen, die den Hei- denthiirmen an der Fronte des Ste- fansdomes auffallend gleichen, im J. 1786 nachdemErdbeben erneuert, hat im Innern nichts Bemerkenswer- thes, ausser dem Denkmale des Kar- dinals Klesel (1631), Kanzlers der Wiener Universitat und Ministers des Kaisers Mathias. Am Iiirchhofe das Grabmal der hier im J. 1671 als Aufriihrer gegen Kaiser Leopold I. enthaupteten Grafen Zrini undFran- gepani. Gut erhalten ist die schone Cister- z i e n s e r - A b t e i N e u k 1 o s t e r, von Kaiser Friedrich IV. im J. 1444 ge- stiftet; ein lichtes, freundliches Ge- biiude mit drei gleich hohenSchiffen. Hinter dem Hochaltar, der die ganze Breite des Chores einnimmt, ist ein schon gearbeiteter Grabstein Leono- ra’s von Portugal, der Gemalin Fried¬ richi IV. (f 1467), vvahrscheinlich von dem bei der Stefanskirche mehr- fach ervvahnten Strassburger Bild- hauer Lerch. Daneben ein Fliigel- altar, Holzschnitzarbeit vom J. 1447. Die alte Burg der Babenber- ger ragt an der Ostseite der Stadt weit iiber die anderen Gebaude liin- aus. Hier ist seit 1752 die Mili til r- Akademie, vvelche die griissten Notabilitaten des osterr. Heeres, bis auf Schlik und Radetzky, zu ihren Schiilern zabit. (Eintritt am besten zwischen 12 und 2 Uhr.) Kaiser Franz Josefhat eineReform der Akademie und einen neuen Bau fur eine militiirische Universitiit an- geordnet. Dieser Neubau vor dem Neun- kirchnerthore besteht aus drei durch Bogenstellung verbundenen Gebau- den, aus Kalkbreccie von schoner Zeichnung und sanftrother Grund- farbe, die sich bei Engelsberg und Brunn in maehtigen Lagern schich- tet, durch Reibelektricitiit gesprengt, durch Maschinen in Platten gesagt und zugleich fein gegliittet -vvird. Die industrielle Bedeutung von NeustadtistseitderGloggnitzerBahn i Kirche in Ncustadt. Die Baimfahrt. sebr gestiegen. In der Stadt sind die grosse Zuckerraffinerie von Reyer und Schlik, die Mascbinenfabriken von Sohmidt und Bauer, die Seiden- und Sammtbandfabriken von Ritter Yon Andrii, Briiunlicli und Erhart, Sieingut- und Thonpfeifenfabriken von Decente und Ress, BaumwoIl- spinnerei der "\Yitwe Ivuselial. In der Nahe der Stadt: die grosse Maschi- nenfabrikvon Griinther (220Arbei- ter), die zweite in dei-Monarcbie fiir Lokomotive, die auci mit der Ma- schine „¥r. Neustadt 11 den zweiten Konkurspreis fur die Semmeringbahn erhalten bat. E x c u r s e. 1. Neustadt-Ocdenburger Zvveigbalm. Vom Stationsliofe Neustadt dstlicli geht eine Ziveigbalin, 4 3 A Meilen lang, nacli Oedenburg. Die vielen Auslaufer des Rosalia- gebirges machten den Bau scbwieri- ger, als den der AVien-Gloggnitzer Babn; dalier dort liohere Aufdiim- mungen und tiefere Einschnitte. Be- merkenswertlie Bauobjekte: Die bolzerne Leithabriicke von 30 KIftr. Liinge. Der 1200 KIftr. lange Damm bei Keudorfel. Die G6 Fuss holie Aufdammung in dem Sumpfboden des „Oeden Tei- ches u mit z\vei kolossalen Bogen 47 unter der Balin. DieBahn istreiclian Viadukten, der grosste fiibrtiiberdas AVolkatlial mit 20 Bogen von 36 Fuss Breite. Der tiefste Einsclmitt, bei dem Markte Mattersdorf, ist740KIftr. lang, die grosste Tiefe 60 Fuss. Y o r der Station \Viesen zeigt sicli rechts das Scbloss Forclien- stein und die Rosalienkapelle. Oedenburg selbstist eine freund- liche Stadt mit 18.000 Ein\v. obne Seliensviirdigkciten. Allein auf der halben Balmstreckc von der Station Mattersdorf aus liisst sich ein inter- essanter Ausflug auf die Rosalien¬ kapelle maclien. Sie liegt nur 350 Fuss liber dem Meere, ist aber einer der schonsten Aussichtspunkte des Landes. Man sieht liber dem glan- zenden Spiegel des Neusiedler See’s Oedenburg, Rust, Eisenstadt liegen und die grosse fruchtbare Ebene Ungarns mitHunderten vonOrtscliaf- ten bedeckt; das Silbcrband derDo- nau liisst sicli von Wien bis gegen Dotis verfolgen. Die Polauer Berge bei Nikolsburg, die kleinen Karpa- tlicn und die vor demBakonycrwalde vorragenden Berge, der Martinsberg, Szomlauerberg und Sogherberg be- grenzen den nordostlichen Horizont. Von^Vesten nacli Siiden zu liegt eine immer liolier aufsteigende Gebirgs- reihe; bei dem Kalilenberge begin- nend, setzt sie sich mit dem Aninger, 48 Die Bahnfahrt. dem eisernen Thor, Schopfel, Hoeh- eek bis zur AVand fort, liber -vvelche sich der Schneeberg und die Rax- alpe erheben, — Semmering, Sonn- wendstein, das Pfaffgebirge , der ATeehsel schliessen das grossartige Pan orama. Man kommt Ton Mattersdorf in zwei Stunden hinauf, an dem festen BergscMosse Forchtenstein vor- iiber, das im 12. Jahrhundertgebaut, noeh ganz erhalten ist, Eigenthum des Fiirsten Eszterhazy. 2. Die Strasse vou Aspang. Ton Katzelsdorf (erste Station auf der Neustadt - Oedenburger Babn) geht eine Strasse iiber Sebenstein, Aspang nach Steiermark. Sie fiihrt zuerst nach Froschdorf, Besitz- thum des Grafen v on Chambord. Es heisst nicht Frolis-, sondern Frosch¬ dorf, hiess im 13. Jahrhundert Kro- tendorf und war bis 1350 Eigenthum der Ritter von Krotendorf. Pitten, in der Torzeit eine be- riihmte Stadt, im Nibelungenliede gefeiert, Sitz der Markgrafen von Pitten — jetzt ein kleiner Markt mit 53 Hiiusern. Griiflich Pergen’sches Eisenbergwerk(imDurchschnittjahr- lich 22.000 Centner Roheisen) und diePapierfabrik von Gudlund Comp. (iiber 40.000 Riess Papier). Seben¬ stein, Dorf und alte Burg aus dem 11. Jahrh. Hinter dem grossenMarkte Aspang erhebt sich der Mosel- berg; von dem auf seinem hoch- sten Plateau gelegenen Grenzorte Monchkirehen wird der AVech- sel (5500 Fuss) am leichtesten er- stiegen. Der ganze Grenzbezirk zwischen Aspang und Schottwien ist reich an Naturschonheiten und historischen Merkrviirdigkeiten (BurgFeistritz mit grossem Park und reichem Museum von Alterthiimern. Kirchberg am AVechsel mit der herrlichen Iiirehen- ruine St. AVolfgang. Hoher im Ge- birge die schone AValifahrtskapelle St. Corona). 3. In die tieue Wclf, Tom Neustadter Bahnhofe gelangt man in l*/j StundenachATeikersdorf, von hier fiihrt durch die Schlucht Preš set eine gut gebaute Strasse in die neue ATelt, ein geraumiges Thal, das im Nor de n durch eine iiber 2400 Fuss hohe,' rothe ICalkwand abgesclilossen ist. Den Eingang des Thales bildet eine Schlucht zwischen z\vei Hiigeln, die den riickwarts ge¬ legenen Thalkessel gleich den Dam- men eines Hafens umfassen. Einer von ihnen tragt die Ruine der Burg Emersberg. In der Gegend der ATand selbst ist ein bedeutender Steinkohlenbau. Die rvichtigsten ATerke dieser Art sind in Griin- i bach und dessen Umgebung, in Die Bahnfahrt. 49 Klaus, Ratzenberg, Canzing. Sie werden theils von Miesbach, theils Yon Keyer und Schlik betrieben. Die Kohlenproduktion in Griinbach betragt jahrlich iiber 300.000 Ctr. Hinter Neustadt liegt rechts \Vei- kersdorf mit einer alten Pfarrkircbe (s. oben). AVeiterhin zu beiden Seiten der Balin Nadelivald, links der grosse Fohremvald, rechts der neue AValdanbau. Station St. Aegyden. St. Aegjrden hat kaum mehr als lOHauserundeinemehr als tausend- jahrige Pfarrkirche von sonderbarem massiven Baue. Allein der Bliek haftet jetzt schon unvvillkiirlich an den tiefgefurchtenAVanden der west- lichen Bergriesen. Schon bei Leo- bersdorf zeigt sich der Schneeberg (6566 Fuss) in seiner ganzen Aus- dehnung; von da bis Ternitz hat man den Schneeberg und die Rax- alpe ofter und unter verschiedenen Gesichtspunkten vor sich. Station Neunkirchen. Neunkirchen, Markt von 230 Hau- sern. Die Pfarrkirche, karolingis chen Styles, 892 erbaut. Die jetzige Be- deutung des Ortes ist eine indu- strielle. Es ist der Centralpunkt des siidlichen Theils des grossenFabriks- bezirkes. Hier ist Brevillier’s Me- talhvaaren- und Schraubenfabrik, das -vvichtigste Etablissement dieser Art in Deutschland; die Bammvoll- spinnereien von Karl v. Roulet und Friedr. Elz, die Zitz- und Coton- fabrik von Du Paquier und Fullen, die Sckwertfeger - Produktion von Jurmann. Nebst Pitten (s. oben) und dem ihm nahen Erlach mit Baumwoll- spinnerei des J. Bauer, gehoren zum siidlichen Theile desFabriksbezirkes Rohrbach am Steinfelde, Pott- schach und Stuppaoh mit den Spinnfabriken des J. Mohr, A. Braun- lich und C. Erdl. Station Ternitz. Ternitz, mit der Gussstahlfabrik von Miller’s Sohnen. Ton hier fiihrt eine Strasse langs der Sirnitz iiber St. Johann (rechts von der Balin bedeutendes Blechwalzenwerk des Fr. Miiller) nach Buchb er g, einem kleinen Dorfe in dem schonsten Alpenthale des Kronlandes, 2013 Fuss liber dem Meere, von wo aus der Schneeberg am besten zu be- steigen ist. Station Pottschach. Pottschach liegt rechts vomBahn- hofe, dicht am Stationsplatze die schonen Anlagen der Fabrik. Links Burg tVartenstein, aus dem 12. 4 50 Die Bahnfahrt. Jahrhundert, aveithin sichtbar,; se.it 1720 Eigentfrum 'der Grafen von Stella-.Caraccioli, theils beavohnt, theils malerische Ruine. Rechts der Silberberg mit den letztenRebenpflanzungena-onOester- reiohs Siidgrenze. .Gerade yor unsdasGloggnitzer S c h 1 o s s, die ehemalige cella niona- corurn, ein Benediktinerkloster.bis 1803, seitdem Amtsgebaude'. ■ Im Hintergrunde sehliessen sich der, dreikantige Go st ritk, , der Semmering, die Raxalpe so di.cht zusammen, dass es uiimoglich - scheint, eihen Ausaveg zu finden. Wir faliren durcli zavei.Tliorpfeiler in den Bahnhof von Gloggnitz. Station Gloggnitz. Grosser Bahnhof mit \Yerkstatt,en und Magazihen. TJeber die. Brucke der Schavarza in einigen Minuten nacJiMarkt Gloggnitz. tlralte kleine Kirehe zu St. .Othmar. Gasthof.und KatfeehausV.on "VTashuber, desselben vorziigliche Eestauration am Bahn- kdfe. Ganz in dervNahe von Glogg¬ nitz der avichtige Steinkohlenbau voh Miesbach zu Hart (jahrlich liber 120.000 Centner). Die Umgebuiig. Die Ercursionen, die seitavartš von der Semineringbahn;(schon von Gloggnitz oder aveiter von der Station Pajerbach) unternommen \verden konhen, sind so zahlreich und der verschiedensten Tariationen fahig, dass sie hier unmoglich Platz finden konnen. Es sei nur bemerkt, dass diese Excurse.drei Hauptriehtungen haben: 1. Yon Gloggnitz g e g e n Siidost iiber Kra.niehsberg nach Kirch- berg am tTechsel und Tlmge- bung. Besteigung desWechsels 5500 Fuss. 2. Ton Gloggnitz siidavestlich in das Schavarzathal an der Triester.Poststrasse naehBurgWar- tenstein und Umgebung, Burg Klanim, Schottavien. Ton da in derselben Richtung in den Adlitz- graben mit fortavahrend herrlichen Ansichten der Semmeringbahn; siid- lich von Schottavien zur Ivirche Maria Sehutz, die am Fusse, des Gostritz liegt. 3. jSTordavestlich von Gloggnitz oder von der 2. Station P ay e rb a eh in das reizendeTlial von I t e i c h e n a u nacht dem Buchberger Thale am Fusse des Schneeberges (Siehe Stat. Ternitz), dasschonste inNiederoster- reich. Das eigentliehe Reiehenauer Thal, von derSchavarza durchstromt, ist 1 Stunde lang, und *A Stunde breit; im Korden vom Gahns, Sau- riissel und Feuchter, imtTesten aom Griinschacher, den Preiner Alpen Die Bahnfahrt. 51 und der Raxalpe begrenzt, siid-vvest- lich. liegen die Wald- und Felsberge der Pr e in, siidlich dieAbhiinge der Hinterleiten und des GrinstingerKas- kogels, uberragt von dem Gipfel des Sonnvvendsteines, gegen Osten offnet sich das Tlial gegen Payerbach. Das Dorf Reichenau von etwa 50 Hausern, an beiden Ufern der Sclnvarza, ist eineArtHauptquartier fiir zahlreiehe Thal- und Gebirgs- partien. Man findet dort immer Wa- gen fiir alle \veiteren Ausfliige und Piihrer zur Besteigung der Alpen. Es liat zvci ausgezeicbnete Gastbofe, den Thalhof des Waisnix und Fi¬ scher^ Gasthaus. Kleine Spazier- giinge imThaleselbstsind: zumHaus am Stein, auf einem Felsblocke an der Schwarza, herrliche Uebersicht des Thalbodens, Vt Stunde — zum Augenbriinnel, einsameWaldkapelle an einer Alpenquelle, 1 Stunde — nacb Hirschrvang 1 Stunde — auf die\Vaisnix’sche Aussicht 1 Stunde, in die Eng, romantisohe Felssclilueht zwischen Sauriissel und Feucbter, 'h Stunde. Von grosseren Thal-Ausfliigen sind die beliebtesten: In die Prein, zu Wagen in einem halben Tage zu macben. Die Prein ist ein Dorfchen von 38 Hausern mit 3 Gasthausern, 2183 Fuss ii. d. Meere am Fusse der Rax, die von liier in 4 Stunden er- stiegen vverden kann. — Ferner der Ausflug durch das Reichenauer Thal nach Hirschwang, von da durch das Foisthal und Klosterthal nach Guttenstein; unter-vvegs in das grosse Hollenthal, einen von 2000 Fuss hohen Wanden einge- schlossenenFelsenkessel, der zu den imposantesten Bildern der osterrei- chisehen Alpenwelt gehort. Auf dieser und der nachstfolgen- den Bahnstrecke bieten sich auch einige sehr interessante Hochge- birgspartien, fiir welche hier nur die Angriffspuiikte bezeichnet verden, da es ohnediess nicht rathsam ist, Alpenbesteigungen ohne Fiihrer zu unternehmen. 1. Der Wechsel (5500 Fuss) von A sp ang (Stat. Wr. Neustadt). Auf derOedenburger Bahn bisKatzels- dorf. Von da nach Pitten, Seben- stein, Aspang (Gasthaus zum schwarzen Adler). 2. Der Gahns (4782 Fuss), der Feuchter (hochster Gipfel: Mittags- stein 4362 Fuss), beide vom Thal¬ hof e in Reichenau iiber die Eng (Stat. Payerbach). 3. Der Griinschaclier (hochster Gipfel: Jakobskogel 5490 Fuss), die Raxalpe (hochster Gipfel: die Heukuppe 6340 Fuss), beide von Reichenau aus (Stat. Payer- bacli). 4: **" 52 Die Bahnfahrt. 4. Der Schneeberg (6570 Fuss) yon Buehberg (Stat.Ternitz), dann Yon Keichenau an verschiedenen Punkten des Hollenthales und des Klosterthales. 5. DerGostritz(hochsterGipfel: der Sonnwendstein 4818 Fuss) vom Gasthause zum Erzherzog Johann (Stat. Semmering), von Schottwien (Stat. Klanim). DRITTE ABTHEILUNG. Gloggnitz — Miirzzuschlag. Die Semmeringbalm. — Die Bahnfalirt. Die Sudbahn von Gloggnitz tis Miirzzuschlag. Von Gloggnitz bis Murzzuschlag. 55 Gloggnitz — Murzzuschlag 1 . Die Scmnieringbalin. Im Jahre 1826 wurde in England die erste Lokomotivbahn von Liver¬ pool naeh Manchester eoncessionirt — bis zum Jahre 1850 varen in Europa bereits 21.211 engl. Meilen Eisenbahnen erbaut. Allein die Moglichkeit, grdssere Steigungen zu iibervinden, var in Europa um so liinger problematisch, als die Aufmerksamkeit mehrere Jahre lang durch Clegg’s vielver- sprechendeErfindung der atmosphii- rischen Eisenbahn, die sieh endlieh niclit beviihrte , vom eigentlichen Ziele abgelenkt vurde. In Amerika waren indessen sehon Steigungen von 1 : 60, selbst sfiir- kere, mit grosserenMaschinen iiber- vunden. Seitdem -vvurden auch in Belgien, auf der Alp in Wiirtemberg und auf der saohsisch-baiorischen Balin Lasten bis zu 2000 Cntr. liber anhaltend schiefe Ebenen, der Stei- gung von 1:45, ja 1:40 selbst bei bedeutendenKriimmungen, anstands- los befordert. Diess Alles musste vorangehen, bevor nur der Gfedanke an eine so kolossale Alpeniibersteigung moglich ■vvar. Allein kaurn denkbar, trat er auch sehon in’s Leben. Der osterrei- chisehe Bauinspektor Karl v. Ghega (jetztMinisterialrath Ritter v. Ghega) hatte sehon naeh seiner Riickkehr aus Amerika, volim er ivegen spe- ziellerEisenbahnstudiengereist var, die Idee der Scmmeringbahn erfasst und festgelialten. Nachdem nun aus politischen und industriellen Griinden die Richtung der Siidbahn durch Steiermark und Krain definitiv entschieden var, er- hielt Ghega den Auftrag, die Traci- rung der Bahn zu entwerfen. Der Plan war im J. 1844 vollen- det, vurde aber im Laufe einiger Jahre mit Benutzung der neuesten Fortschritte des Bahn- und Maschi- nenbaues von ihm revidirt und ver- bessert. Der Bau selbst begann erst im Sommer 1848. Es ist der kiihnste und grossar- tigste jetzt existirende Bahnbau. Zvei gleieli vichtige Momente 56 Die Semmeringbalin. mussten bei dem Unternehmen zu- sammentrellen: 1. Bei den zahllosen Terrain- schwierigkeiten die scharfsinnigste Combination im Entwurfe, die mu- thigste Ausdauer in der Durchfiih- rung. 2. Die Herstellung yon Lokomo- tiven, die ohneGefahrdiegrosstmog- liche Steigung iiberwinden konnten. Diese zweite Bedingung wurde durch die yon Freiberrn yon Bruck im J. 1850 angeordnete Preisaus 1 - schreibung von 20.000 Dukaten fur Semmering-Lokomotive nicht so- gleich, aber indirekt erzielt. Es \varen yier Coneurrenten: Das Etablissement von Cockerill bei Seraing in Belgien , Maffei in Miin- chen, dieMaschinenfabrik derlVien- GloggnitzerGesellschaft, Giinther in "VViener Neustadt. Alle hielten den Grundsatz fest, den Maschinen grosse Dimensionen und Heizfliichen zu geben, durch Verle- gung eines starken Gewichtes auf dieTrieb- unddiedamitverbundenen Riider die Adhiision an die Schie- nen zu verstiirken, den Kriimmungen durch Gelenkigkeit der Achsenge- stelle nachzugeben. Jede der vier Maschinen leistete bei derProbefahrt mehr, als dasPro- gramm gefordert hatte. Das durch- schnittlicheResultat aber \var fur die Bavaria das giinstigste und sieerhielt den Preis; ihr zunachst war die Maschine Wiener Neustadt. Damit war aber der fur den realen Betrieb nothige Erfolg keines^egs erreicht. Jede einzelne Maschine hatte irgend ein neues Prinzip oder ein werthvolles Detail in der Con- struktion ent\vickelt; keine war fiir den dauernden Gebrauch ohne we- sentliche Bedenken. Erst "VVilhelm Engerth (techni- scher Rath desHandelsministeriums) combinirte auf Grundlage des Vor- handenen eine Maschine, die auf die Dauer brauchbar, sich jeder Kriim- mung akkommodirt und die mog- lichste Sicherheit gegen Entgleisung gew, : ihrt. Diese Maschinen haben die Lange von 34 Fuss und das Gewicht von 1000 Wr. Centner. Sie leisteten bei den ungiinstigsten Witterungsver- hiiltnissen stets mehr als das Dop- pelte der gewohnlichen Lokomotive. Fiir den Gesammtbetrieb der Berg- bahn reichen 36 aus, vvahrend von gewohnlicherConstruktion 72 nothig waren. Die Bahn selbst musste auf das Gewicht der Semmering-Lokomotive, auf die "VVirkung des Bremsens wah- rend der Thalfahrt, auf die Gefahr der Senkung des Bahnkorpers und der Beschadigungen durch die Gebirgs- wildbiiche berechnet sein. Ueber- haupt vvurden fiir die moglichste Die Semmeringbahn. Sicherheit des Personenverkehres die grossten Opfer gebracht. Deshalb erhielt der Oberbau eine 9 Zoll starke feste Steinunterlage, die wieder mit einer 9zolligen Schicht geschlegelten Schotters iiberdeckt ■vvurde. Die Querschwellen (Slippers) sind nicht, wie bei andern Bahnen, in diese versenkt, sondern im Abstande von 3 Fuss auf Liingensobwellen befestigt und dadurch der Druek auf einen compakten Holzrost vertheilt. Die Schienen, aus dem stiirksten Eisen verfertigt (der Currentfuss 24 Pfund sehwer), sind an ihrem Zusammenstosse mit Eisenlappen mittelst durcbgreifender Sehrauben- polzen zusammengekoppelt, dadurch ist dem Aus weichen der S ehienenende in vertikaler und horizontaler Rich- tung, somit der gervohnlichsten Ur- sache der Entgleisungen vorgebeugt. Die Wechsel sind nach dem neue- sten und verliisslichsten Prinzip con- struirt. Bei Kriimmungen von eini- gem Belange liegen die ausseren Schienen um 1 bis 3 Zoll hoher, als dieinneren, um erstens im Falle des Entgleisens diess auf die ungefiihr- Iiche Seite zu leiten, zweitens der beim Durehfahren Ton Kurven im Verlialtniss derKiirze des Halbmes- sers sich steigernden Centrifugal- kraft entgegen zu treten. Dieselbe gcvvissenhafte Vorsicht 57 wird auf den Betrieb verwendet. Man liess es nicht bei den bisher iiblichen optischen Signalmitteln und dem galvanischen Telegraphen be- wenden. Der storenden Einfliisse der Gebirgsnebel wegen wurden iiber- diess noch 54 elektro-niagnetische Gloekensignale auf den Wachter- hausern angebracht. S ammtlicheB auobj ekte tragen dem Bediirfnisse entspreohend den festen starken Charakter der Gebirgsland- schaft. Die 57 Wachterhauser, naher beisammen als auf anderen Bahn- strecken, haben etwas Gedrungenes, Alpenmiissiges. Sie sind mit einem Stock\verk versehen, mit Raum fiir einigen Vorrath von Lebensmitteln, Werkzeugen und Bahnrequisiten, und beherbergen je zwei Familien. Die Gesammtlange derSemmering- bahn misst 21.632 Klafter, die an sieben Stationsplatze vertheilt sind. Die Steigung der Bahn ist folgende: Der Bahnhof Gloggnitz 1308' u. d. M. die Stat. Payerbaeh . 1524' „ „ „ Eichberg . . 2088' „ „ „ Klamm . . 2160' „ „ „ Breitenstein 2454' „ „ „ Semmering . 2778' „ In der Mitte des Haupt- tunnels der hochste Punkt der Bahn . . 2788' ,. Die Bahn steigt also bis zum Haupt- tunnel um 1480 Fuss und senkt sich von da bis Miirzzuschlag um 720 Fuss. 58 Die Bahnfahrt. Die geognostische TJntersu- j chung der Bahnstrecke gab folgen- des Kesultat: Yon Gloggnitz bis zur Station Breitenstein herrscbt die kornig- schiefrige Grauwake mit scbiefrigem Quarz und Talkschiefer. Von da bis zum Semmeringtunnel dolomitischerundrauch-vvakenartiger Iialkstein, mit Ausnabme des west- lichenEndes des IVeinzettel Tunnels und des Wolfsberger Tunnels, die Grauvakengestein sind. Der Haupttunnel und der grosste i Theil der siidliebenBahnstreckesind :! in Grauwakengestein von besonders I lockerem Gefiige gefiibrt. Es besteht || aus Quarz, Dolomit- und dunklem J Kalkschiefer, die beiden ersten mit j Talk- und Thonschiefer gemengt, welche Einlagerungen von Schvvefel- j 1 kies enthalten. Die Bahnfahrt. Aus der Personenhalle des Glogg- nitzer Bahnbofes Tortretend, der j! 1308 Fuss iiber der Meeresfliiche liegt, sieht man fast unmittelbar iiber i der Tburmspitze der Schlosskircbe das Gebiiude der Station Eichberg, 2088 Fuss iiber der Seehohe. Zwi- scben den zwei dem Auge so nabe liegenden Punkten ist also eine Bahnsteigung von 780 Fuss ausge- fiihrt. Die Bahn bleibt von Gloggnitz bis Payerbach am linken Ufer der Schwarza, die aus dem Beichen- auer Tbale herabstromt. Sie ziehtliingsdesSilberberges hin, dervorziiglicheliVeinrebentragt, und lenkt dann rechts ein an den Plakenwald. Hier ist an der Plakenvvand das erste grossere Bauobject: eine starke Quadernmauer, die sich gegen die Bergwand stemmt und gegen den Fluss einen Damin bildet. "\Venn man aus der Scblucbt ber- ausfiibrt, liegtlinks unten die S oblo¬ ge lmiib le, eine kais. Papierfabrik, die erst im Jabre 1853 an der Stelle einer venig eintriiglichen Spiegel- und Sohmaltfabrik gegriindet wurde. Es sind zwei grosse Hauptgebiiude mit mehreren Ueberbauten, Bohzie- gelbau mit Scliieferdachung. Von da fiihrtmanhoch iiber derRei- cbenauerFahrstrasse am Schmidts- b er ge und Grillenberge fort; in der Tiefe das scbone IViesentlial der S c b \v a r z a mit mehreren schonen Villen. Eine der bemerkbarsten ist Miihlhof, Schloss und Park der Griifin Starbemberg. Jenseits der Scbwarza am Valdgebirge siebt man die Ortscbaften Scbmidsdorf, Kub, Pettenbach, im Hinter- grunde den 4820 Fuss hohen Go- stritz (S onn e n w e n d s t e i n). (Siehe unten Seite 66.) Die Bahnfahrt. 59 Am Abhange des Grillenberges Tvendet sich die Bahu rechts und zieht in grossem Bogen iiber sieben Briicken an den Ortschaften W e r- ning und Geyerhof (das Ietztere an dem Abfalle des Gahns) voriiber zum Stationsplatze Payerbach. Station Payerbach. Der Stationsplatz liegt an der An- hohe dem Pfarrdorfe Payerbaeb Fahrweg mit dem Dorfe und der Fabrstrasse verbunden. Das Stations- gebiiude ist zum Theil aus Holz nach Schweizerart mit zierlicliem Getiifel und SchnitzTverk ausgefulirt. Die Bahn wendet sich links und tibersetzt das Schwarzathal mittelst des grossen Sch^varza-Viaduk- tes, dem langsten der Semmering- bahn, mit 13 Bogen, die o mittleren von 63 Fuss Spanmveite. Der Via- Der Sch\varza-Viadukt mit Payerbach. an der Reichenauer Strasse gerade gegeniiber und ist durch einen guten dukt ist 120 Klftr. lang, 13 Klftr. hoch; er bildet die Scheitellinie der 60 Die Bahnfahrt. grossten Serpentine, die sich liings deni Grillenberge . nach Nordivest und an der jenseitigen Hohe bis Apfaltersbach ivieder in siidwest- liclier Eiehtung hinzieht. Vom Nor- den gesehen erseheint er als das Segment eines riesenhaften Amphi- theaters. Unter dem Viadukte zieht sich die Reichenauer Strasse hin und bei der Fahrt liber denselben sieht manreehts das schone Reichenauer Thal, be- grenzt von der Alpengruppe des Griinschacher (5490 Fuss), der Preineralpe (5490 Fuss), der Rasalpe (6340 Fuss), links das ganze Schivarzathal. Hierauf steigt die Bahn gegen den Eichberg und es eroffnet sich die Aussicht auf dienordlichenund west- lichen Grenzen des Thales, nordlich: der beivaldete Gahns (4782 Fuss), ihm gegeniiber der Feuchter, des- sen hoehster Gipfel, der Mittags- stein, 4363Fuss hoeh ist. Zivischen dem Ausliiufer des Gahnsberges, dem S a u r ii s s e 1 und dem Feuchter zeigt sicli die schone Thalbucht, in \velcher der Thalhof liegt; im Hintergrunde die F e ls ens chlueht der E n g, aus welcher das Alb el undhinter diesem derSchneeberg hervorragt. Oestlich schliesst sich an den Gahns der Grillenberg, Schmidtsberg und diePlaken- ivand an, die ivir bei der Fahrt von Gloggnitz nach Payerbach pas- sirt haben. Die Bahn geht am Eichberge fort und *war stets aufwiirts. Auf dieser Strecke, vom Schivarza-Viadukt bis zum Stationsplatze Eichberg, ist die hochste Steigung der Semmering- bahn, namlich 1 : 40. Unter uns se- hen ivir Payerbach, den Miihl- hof, die Dorfer Pettenbaeh und Kub. Man fahrt auf demV iaduktiiber den Payerbachgraben, einen ganz symmetrisclien Bau von 32 Klftr. Lange, 8 Klftr. Hohe, in gerader Richtung mit 5 Bogen, deren mitt- lerer 48, jeder der iibrigen 24 Fuss, somit genau die halbe Spannweite des Hauptgevvolbes hat. Hierauf folgt der Viadukt liber den Kiibgraben, um 10 Klftr. kiirzer als der vorige, aber 52 Fuss hoch, mit 3 Bogen in schiefer Rich¬ tung und im Halbmesser von 100 Klftr. angelegt. Nun kommt man durch einen 160 Klftr. langenEinschnitt in denersten Tunnelbei Pettenbaeh,96Klftr. lang, im Halbmesser von 403 Klftr. gekriimmt, mit Ziegeln gevvolbt, luftig und trocken. Hierauf unmittelbar der Viadukt uber den Hollgraben, 43 Klftr. mit 5 Bogen (der mittlere 60, die iibrigen 30 Fuss Spanniveite). Durch den 30'/« Klftr. langen v ,^~M4 Die Bahnfahrt. 61 gevvolbten Tunnel beim Stein- bauer auf den ViaduktiiberdenApfalters- baehgraben, 49 Iilftr. lang, hoher als jener zu Payerbach, mit 5 Bogen (gleicher Veite von 42y/ui./'AL Gratz. und der steirische Panther, links der Reichsadler und das osterreichische Wappen mit Friedrich’s IV. Devise: A. E. I. O. U.: — Aller Ehren ist Oestreich Voli). Zunaehst der Domkirclie: das M a u s o I e um KaiserFerdinands II., italieniseher Bau ganz von Quadern. Kaiser Ferdinand II. (f 1637) liess es zu Anfang des 30jahrigen Krieges an der Stelle der ehemaligen Katha- rinenkirche erbauen. In der Gruft: der Sarkopliag des ErzherzogKarl II. (f 1590) und seiner Gemalin Maria ron Baiern; das Herz der Gemalin Konig Karls X. von Frankreich, die Mer 1805 noch als Griifin von Artois im Exil starb. In der Nahe das stiindische The a ter am Franzensplatze mit der erzenen Bildsiiule des Kaisers Franz I. von Marcliesi. Die Stadtpfarrkirche in der Herrengasse, mit dem schonsten Thurme der Stadt, bat ein schones Hoehaltarblatt von Tintoretto (Maria Himmelfahrt und Kronung). In derselben Gasse: Das Land- haus der steirischen Stiinde aus dem J. 1557. Ein Fliigel ist Zeughaus mit alten Riistungen und Waffen. Im Hofe ein Brunnenmit kunstvollem Eisengitter aus dem 16. Jahrhun- dert. Ferner das ge m alte Haus, der alte Lehnhof mit Fresken vom J. 1742. 89 AmHauptwachplatze: Das Rath- haus, 1807 erbaut. Der Platz ist historisch merkvviirdig durch die Enthauptung der Radelsfiihrer des Bauernaufstandes im J. 1560, ferner des Grafen von Tattenbach, Statt- halters von Steiermark, 1671 Mitver- schsvornen von Zriny und Frangi- pani. (S. S. 45.) Das Convikt, friilrer Jesuiten- haus, ist das grosste Gebaude der Stadt. Das Joanneum, 1811 von den Stiinden gekauft und vom Erzherzog Johann zum National-Institute fur Landeskultur erhoben. Besonders beachtenswerth ist das Museum fur Naturgeschichte. (Ein landvrirth- schaftlieher Versuehshof liegt in der Nahe des Bahnhofes.) Es \verden hier Vorlesungen iiber alle Z\veige der Naturrvissenschaft gehalten. Bo- taniseher Garten, chemisches Labo- ratorium, Bibliothek von 36.000 Bšinden, Lesezimmer, Miinzen- und Antikensammlung, physikalisches und technisches Museum. In derMurvorstadt: DieMino- ritenkirche, die schonste Kirche von Gratz, aus dem 16. Jahrhundert. Die beiden Thurme von 1742. Der Conventsaal hat grossartige Dimen- sionen. Das Ivloster der barmher- zigen Briider, von Erzherzog Mavimilian, Bruder des Kaisers Fer- Gratz. 90 dinand IX., im J. 1615 gegriindet. Am ersten Seitenaltare ist ein Mei- sterstiick Ton Holzsehnittarbeit. In der Jakominivorstadt: Die Mariensaule vom J. 1796. — Die protestantische Kirche von 1824. In der Vorstadt St. Leonhard: Die Pfarrkirche aus dem J. 1433. — Die Kirche des deutschen Or- dens, von Herzog Leopold 1202 gegriindet. Die nachsten und besuchtesten Spaziergiinge von Gratz sind: Maria-Griin, iiber Geydorf an der Strasse naeli Maria-Trost, dann links dnrch den "VVald. ISfeben der Marienkirche, erbaut im J. 1665, findet man ein gutes Gasthaus. Maria-Trost, uralter AVall- fahrtsort. Auf dem Bergriicken zwi- schen den beidenOrten, diePlatte, ein Bergriicken von 2041 Fuss, eine der schonstenAussichten derGratzer Umgebung. Der Rukerlberg, sehr nahe an der Stadt, rechts von St. Leonhard, ein anmuthiger AValdaufenthalt mit Kaffeevvirthschaften. Der Bachkogel (2077 Fuss), siidlich von Gratz, ein Nachmittags- ausflug zu Wagen (Einspanner 2 fl. 45 kr.). Oben ein holzerner Thurm fiir die schone und -vveite Fernsiclit. Der weiteste Ausflug von Gratz (4 Stunden) ist auf den S eh o ek el. Ueber Maria-Trost und Eber- dorf nach Radegund, Dorf am Fusse des Berges. Es liegt schon 1614 Fuss hoch (522 Fuss lioher als Gratz), der Schockel selbst noch gegen 3000 Fuss hoher. Die Bestei- gung erfordert drči bis vier Stunden, sie ist bescluverlich. aber ganz un- gefahrlieh und sehr lohnend, denn am Gipfel bietet sieh eine grossar- tige Aussicht auf die steirischen Alpen, die steirisehe und ungarische Ebene. Tobelbad — Voitsberg — Koflacb. Von Gratz iiber das alte, schon 1005 genannte Strassgang mit einer hoehgelegenen im J. 1461 er- bauten Kirche, zu weleher in einer Allee von Obstbiiumen 159 Stufen hinanfuhren — naeh Tobelbad, Badeort in einem engen romanti- schen Thale gelegen. Die Heilquel- len sind schon seit 600 Jahren be- kannt und sehr besueht. Sie haben eine Temperatur von 21—23° Reau- mur, und sind Stahlwasser mit koh- lensaurem Natron. Die Badesaison ist in fiinf Touren zu 23 Tagen ein- getheilt, die Unterkunft gut, die Preise sind sehr billig. Von Tobelbad iiber Krems, mit einer schonen Burgruine, nach Voitsberg, einem Stiidtchen mit 130 Hiiusern, maleriseh gelegen z-vvischen den Ruinen Voitsberg und Greisenegg. Gratz. 91 Von da naeli Koflach, Markt am Gradenbache, mit mehr als 600 Einvvohnern. Hinter Koflach erhebt sich der steile, vielfach durchkliiftete Zigiiller Kogel. Eine halbe Stunde von Koflach liegt der kleine Markt Lankovvitz auf einer breiten, das Gradner Thal vveit iiberragenden Bergterrasse, von vvelcher eineFahr- strasse nach Karnthen fiihrt. Um Voitsberg, Koflach, Lankovvitz und Biber liegen unermessliche La- ger von Braunkohlcn. Sie vvurden schon im J. 1766 entdeekt, aber lange vernachlassigt, doch war die Kohlcngevvinnung von 1820, wo sie kaum 5000 Centner betrug, bis 1840 auf 200.000 Centner gestiegen, jetzt betragt sie wohl das Dreifache, und wird, in noch vici grosserem Mass- stabe betrieben, das Lager auch in einem Jahrtausend niclit erschopfen. Drei und dreissigGruben sind bis- her aufgeschlosscn. Sie sind hochst sehensvverth, zum Theile sehr gross- artig. Die industrielle Bedeutung dieser Gegend liat eine Zvveigbahn von Gratz, die Gratz - KSflacher B ah n, liervorgerufen. Sie liiuft eine Strecke lang mit der Staatsbahn pa- rallel, vvendet sich dann vvestlich gegen Strassgang, verlasst hier die Ebene und zieht durch AViilder bis zum Thale des Tobelbaches, das mittelst eines grossen Viaduktes iibersetzt vvird, vvendet sich liber Li- boch, Schadendorf undKlein- soding zur engen Thalschlucht bei Hohenburg, aus vvelcher die Kai- naeh hervortritt, und verfolgt ihr rechtes Ufer bis Krems, \vo der ein- zige Tunnel von 30 Klftr. vorkommt. Hierauf geht sie liber Voitsberg nach Koflach. Die Bahn ist 6 Meilen lang mit 11 Stationen, und wurde den 11. April 1859 zum ersten Male von Gratz bis Koflach befahren. Auf die Koralpe. Uebcr Strassgang und To- belbad (s. oben) in das schone Kainachthal an dem freundlichen Sclilosschen Lanach voriiber, nach Stainz, gut gebautem Markt mit einem grossen Schlosse des Erzher- zogs Johann, das auf einem mit Reben bepflanztenHiigel liegt. AVest- lich vom Markte der Rosenkogel, ein hochst malerischer Berg, auf des- sen 2400 Fuss hohen Gipfel jahrlich ein Volksfest mit Musik, Tanz und Bestschiessen gefeiert vvird. UeberFrauenthal, mit der gros¬ sen Messingfabrik Stadler’s, gelan- gen vvir in dasfruchtbare Lassnitz- thal, dessen iippiger Boden, vvie in den gesegnetsten Theilen der Lom- bardie, eine in mehrere Stoekvverke vertheilte Vegetation von Mais, Boh- nen und Rebengeivinden aufvveist. Am vvestlichen Ende des Thales liegt Gratz. der Markt Landsberg mit der hoch- gelegenen alten Burgruine. Yon hier aus gelangt man auf mehreren Punk- ten liber die Schivanberger Alpen nacb Karnthen. Auf dem gegeniiber liegenden, lang gestreekten Vorgebirge der Koralpe erreicht man die einsame Lokalie Trahiitten mit bezaubern- der Aussicht, dann naeh zivei Stun- den die Glashiitte, eine kleine Ortscbaft am Fusse der steilenHunds- alpe, wo man auch iibernachten kapn. Von hier aus ersteigt man die Kor¬ alpe in vier Stunden. Veidmann gibt einen anderen Weg auf dem Gipfel der Koralpe an: Von Landsberg liber Lieben- feld und an der prachtvollen Burg Holleneggvoriiber nachS ehwan- berg, Markt am Fusse der Schivan- berger Alpen, deren hochster Punkt wegen seines Reichthumes an Vale- riana celtica (in Steiermark: S p e i k) hier Speikkogel genannt wird, ■vvahrend er in Karnthen Koralpe heisst. Ausserhalb Sclrvvanberg steigtman den Bergriicken hinan bis zur Wall- fahrtskirche St. Anna, die schon 3194 Fuss hoch liegt. —• Von dieser Hohe, die eine bezaubernde Aus¬ sicht bietet, weiter aufvarts zur Gallerhiitte, — von da der G e m s- ebene zu. Man kommt nun an der Kordseite des Gipfels zu einer von Felsen umgebenen Mulde, aus -vvel- cher der Seebach abfliesst. Hier liisst sich bei giinstigem windstillen 'SVetter die schone akustische Erscheinung eines harmonischenKlingens verneh- men, das unter dem Kamen „Ge- laute der Schvanberger Alpen“ be- kannt ist. Der Weg von St. Anna bis zum Gipfel betragt 6 Stunden. Er liegt 6781 Fuss iiber dem Meere, die Aussicht ist eine der schonsten des Landes. Man hat das tiefgriine L a- vantthal zu seinen Fiissen und iibersieht den grossten Theil ICarn- thens, im Siiden jenseits der Drau die Riesen Oberkrains mit dem Ter- glou, ostlich die Steiermark bis gegen IJngarn, nur nordwestlich ist die Aussicht durch die gegeniiberliegende Schneetlialalpe und ihre Nachbarn etwas gehemmt. DenRiickweg zurEisenbahnmacht man durch das Thal der auf der Koralpe entspringenden Sulm iiber Kleinstadten und Ottersbach nach Station L e i b n i t z. — Ein zwei- ter Strassenzug fiihrt iiber Frauen- thal zu dem grossen Markte St. Florian gegen P r e d i n g, dann durch die Schlucht zivischen den Hiigeln des Saufels und dem im Lande weit gesehenen IVildoner Buclikogel, auch Bocksberg genannt, zur Bahn- station Lebering. Von Predingaufwiirts fiihrt eine Gratz. 93 fiir denProduktenverkehr sehrvvich- tige Strasse liker Premstetten und Strassgang nach Gratz. Fiir den Touristen aber ist deren sudliche Fortsetzung iiber das Sauselgebirge gegen Seckau \veit interessanter; diesePartie gehort unter die reizend- sten in Steiermark. Man versaume nicbt den Dammerkogel in der Nahe des Schlosschens Harachegg zu besteigen, der 'VVeg hinauf fordert liaum eine Viertelstunde und wird durch eine besonders heitere und reiche Aussicht gelohnt. Man iiber- sieht hier den belebtesten Theil der Steiermark, der mit Schlossern, Markten und Ortschaften iibersiit ist, die Hauptstadt in besonders gtin- stigem Prospekte, den Kranz der Berghaupter im Hintergrunde, iiber- ragt von denFelsemvšinden des Hoch- sclnvab; Ebenstein und Brandstein, im ITesten die sanft anstrebende aber bobe Pyramide des Obir in Kiirnthen. Der Standpunkt selbst ist ein sehr anmutbiger, man stebt auf der hoclisten Erhebung zablreieber, mit Rebengriin iiberdeekter Hiigel- Avellen, die alle mit netten Landsitzen und Winzereien, mit Kirehen und Kapellen •— wie St. Andre und das freundlicbe Kitzegg — gescbmiiekt sind. Das Produkt dieser gesegneten Anhohen, der Sausaler, gehort zu den gesucbtesten steierischen Wei- nen; er stebt an Reinheit des Gefii- geS und an Dauerhaftigkeit den edlen Oesterreicher AVeinen am nachsten. In das Lavantthal. Mit der Partie auf die Koralpe lasst sich auch ein kurzer aber in¬ teressanter Ausflug naeb Karnthen, und zwar in eines seiner schonsten Thaler, das Lavantthal, verbin- den; doch muss man zu diesem Zvvecke Nachmittags (mit Fiibrer) von Schvvanberg aufbreehen, in der Bodenhiitte libernaehten und den nachsten Morgen den Speikkogel er- steigen. VomGipfel desBerges steigt man auf der Karnthner Seite in 5 Stunden in das Lavantthal hinab. Man kommt zuerst bei dem Dorfe St. IJlrich auf den Thalboden, von da nach St. Andrši, freundliches Stadtehen, Sitz des Bischofes von Lavant. Ton St. Andrši geht man im Thale aufwarts zvvischen den Schwanberger Alpen und der Sau- alpe in 3 Stunden nach W olfsberg, Stšidtchen von 1500 Eimvolmern, in der Mitte des Thales anmuthig ge- legen, mit dem Schlosse der alten Bamberger Vicedome, zu dem eine hohe Treppe fiihrt. In "VVolfsberg hat die Direction der grossen Eisenge- werke des Grafen Henkel von Don- nersmark ihren Sitz. Der gesammte Gewerbs - Complex gehort zu den grossartigsten der Monarchie und um- fasst die Eisenstein-Bergbaue in St. Gratz. 94 Gertraud, St.Leonhard, Frant- schach, Ivollnitz. Bemerkens- ■n-erth ist in dem StiidtclSn "VVolfs- berg auch die ausgezeicbnete Blei- weissfabrik derFreiherren ron Her¬ bert. Der Riickweg nach Steiermark geht von bier iiber St. Gertraud und St. Leonhard nacli Twinberg. Von da fiihrt quer durcli das Tlial eine gute Strasse iiber Scliloss AY a 1 d- stein und Breitenegg, iiber den Pass der vi er Thore auf die Pack (in 8 Stunden). Von hier in 5 Stun- den in das Kainachthal nach Koflach. (Koflach — Gratz S.91.) |i . --xx-- FUNFTE ABTHEILUNG, Clratz — Cilij. Die Bahn. — Land und Volk von Untersteier. — I)ie Bahnfahrt. Die Sudtalin von Gratz tis Cilly. Die Balin. Zugleich mit der Bahnstrecke von Miirzzuschlag wurde auch diese Strecke in Angriff genommen. V om InspectorTheodorv. Blumfeld im Jahre 1842 tracirt, \vurde sie im Juni 1846 dem Verkehre iibergeben. Die Ausdehnung betragt 69.916 Klftr., gegen 17V* Meilen. Die Ge- sammtkosten des Baues betrugen 10,102.300 fl., mithin die Meile iiber 582 fi. Fiir den Betrieb der ganzen Strecke Miirzzuschlag-Cilly wurden 48 Lokomotive (4200 Pferdekraft), darunter 36 der Wien-Gloggnitzer Maschinenfabrik, 22 von Norris in Philadelphia hergestellt. Auf der Strecke vonLebering-Leib- nitz-Wagna, wo sich die Bahn dem westlichen Bergriicken anschliesst, trifft man die erste amerikanische Brucke (How’scheConstruktion) iiber den Sulmfluss mit einem Mittelpfei- ler und der Jochfeldspannung von je 25 Klftr. Ueber das Ufer lauft die Bahn mit zwei Geleisen im Innern des Balken-Gittcrwerkes. Die nur einige Meilen lange Strecke zwischen dem Mur- und Draugebiete forderte die umfangreichsten Kunst- arbeiten. Ein Theil des „windischen Biihels u , des grossen mitRebenpflan- zungen bedeckten Distriktes von dem tiefenPossnitzthale durchschnit- ten, bietet hier besondere Terrain- Schwierigkeiten. Lockerer frucht- barer Humus auf glattem, unreifen Thonschiefer gelagert, machte schon in der Nahe des Schlosses Spielfeld die grosste Torsicht nothig, um bei den Abgrabungen dem massenhaften Nachsitzen des Erdreiches abzu- \vehren; dennoch erhielten die Ge- wolbe der Kirche tiefe Bisse und sie musste umgebaut werden. Die- selben Schivierigkeiten ergaben sich beim Baue des Tunnels von St. Egyden. Hinter der Station Po s sni tz ist der Tiaduktiiber dasPossnitz- thal, der langste der ganzen Siid- bahn, 342 Klftr. lang mit 64 Bogen, Ziegelbau. Unmittelbar darauf folgt das im- posante Portal des Leitersberger 98 Land und Volk | Tunnels (350 Klftr. lang, 4 Klftr. hoch, 25 Fuss breit). SeinBau \var der Bergnžisse wegen iiusserst schwierig, es musste eine Art Schild \vie beim Baue des Themse-Tunnels in An- ; vvendung kommen. Von dem schonen Marburger Bahn- hofe fiihrt eine starke Aufdiimmung bis zur Drau. die hier 100 Klftr. breit und 12 Klftr. tief stromt. Sie wird von einer prachtvollen ameri- kanischenBriicke iibersetzt, nach How’s System gebaut, mit zvvei Ufer- pfeilern und zwei Strompfeilern aus Quadern, 82 Fuss iiber dem mittle- ren \Vasserstande. Die Spanmveite der drei Felder zwischen den Pfei- lern betriigt 30 Klftr., die Hohe des Balkengitters 3 Klftr., die Bahn liegt in der Ebene des obern Theiles der Briickenfelder, 100 Fuss iiber dem Flusse. Der Bau ist durch eine Bedachung von Eisenblecb zwischen den Doppelgeleisen und an ihrer Aussenseite gegen die Einfliisse der “VVitterung geschtitzt. Er wurde im Jahre 1844 begonnen, 1846 vollen- det, und brauchte 941 Kubik-Klftr. Bruchsteine, 109.328 Kubik-Fuss Quadern, 2954 Centner Eisen und 63.800 Kubik-Fuss Larchenholz, das aus Oberkarnthen bezogen vurde. Land und Volk von Intersteier. Dass bald unterhalb Gratz in dem Charakter der Landschaft und der von Ontersteler. Bevvohner ein Abschnitt beginne, ist sehon beim oberflaehlichen Anblicke erkennbar. Die Kultur des Bodens, die Bauart der Hauser und Hiitten, die Zabl und Form der kleinen Kirchen, die iiberall von den Berg- spitzen und zwischen den Tbalein- schnitten sichtbar vverden, Tracbt und Haltung der Bevvobner erinnern uns, dass \vir aus dem Hocblande in’s Mittelgebirg, aus dem deutschen in's slovenische Land versetzt sind. Untersteier und das benachbarte Krain ist zurn grossten Theile von dem slovenischen Volksstamme der Wenden bevvohnt. Die "\Venden, urspriinglich dem grossen Slavenvolke angehorig, sind Abkommlinge eines Stammes, der im o. Jahrhunderte nach Christo von den Avaren geknechtet, dann nach Tassilo’s I., Herzogs von B aiern, Siege (595), von ihnen gegen die Deutschen zu Hilfe gerufen, dennoch ihnen botmassig blieb. Mit den Avaren vermischtbildeten sie ein Geschleeht, das von seinen slavischen Vervvand- ten zuriickgevviesen, von seinen deutschen Nachbarn nicht ange- nommen vvurde. Dadurch dem Be- reiehe des grossen Volkerkampfes entriickt, griff der Wende zum Pflug und zur Haue, trieb Feld- und Weinbau, zog aus den Hohen in die Ebene herab, und griindete auf den Triimmern norischer Kastelle blii- Land und Volk von Untersteier. hende Ortschaften, deren Urge- schichte zum Theil n o eh in den jetzigen Ortsnamen fortlebt. Der Volkscharakter steht auch hier unter dem doppelten Einflusse des Bodens und der Nationalitiit. Statt derUngebundenheit und derben Naivetat des obersteirischen Alpen- volkes tritt uns Mer ein Zug von Zuriickhaltung und melancbolischer Sentimentalitat entgegen, der sicb namentlich in den Volksgesiingen in auffalligem Contraste ausspricht. Das steirische Volksliedin Text und Melodie voli Abwechslung, ist der Ausdruck frischer kraftiger Lebens- lust — die Gesange der Slovenen sind einformig und gleichtonend, dieselben meistens etwas schleppen- den Melodien bei den verschieden- sten Anlassen des Lebens. Der Slo- vene bat scharf ausgepragte Ge- sichtsziige, ist schlank, aber sehnig, ein vvohlgebauter kerniger Mensch. Das dunkle feurige Auge bat einen ernsten melanchoiiscben Ausdruck. Die Frauen der unteren Classen sind schoner als die deutscben, griechi- sche Gesichtszuge sind nicht selten. Die Tracbt bat viel Eigentbiimlicbes, wie den breiten Hut und blauen Mantel derManner, das weisseKopf- tucb der Frauen. Aucb auf die Beschiiftigung und Lebensweise wirken hier das Mittel- gebirg und die Niederung massge- 99 bend ein. Die Hiigel der \vendischen Mark, namentlich die Siidseite, er- wecken ein -iveinbauendes Yolk. In den Luttenberger, Pickerer und Feistritzer Weinbergen werden aus- gezeicbnete Reben (in den letzeren der Konig der steiriscben Weine, der rhein\veinabnlichc Brandtner) in symmetrisch angelegten, sorg- faltig gepflegten Pflanzungen gebaut. Die Flaehe ist mitunter vortrefflieher Weizenboden; aber demLande eigen- tbiimlich ist die Mannigfaltigkeit des Anbaues, die selbst den flachen Ge- genden einen Farbenreiz verleiht. Neben dem blauen Lein bliiht der gelbe Raps, Hanf, kolbiger Sirk, Hirse, Himmelthau wuchern neben den iippigen Maisfeldern, die hier und in Krain vorzugsweise gedeiben. Einen besonders freundlichen An- bliek gibt die weissrotliliche Bliitbe des Buch-weizens im Herbste, wenn im benacbbarten Oesterreich die Felder sehon brach liegen. Die Obstzucht wird sebr kultivirt, die Pfirsiche von Marburg, die 'Waehsapfel der Save- gegend baben einen verdienten Ruf. Das Hiigelland ist reieh an herr- licben friseben Waldungen, diehober hinauf, wie im Baebergebirge, mit¬ unter noeb Urwald sind; hier baben die Holzknechte („Bacheranzen“) vollauf zu thun. Wo die siidivest- liche Alpenwelt beginnt, niihert sich das slovenische Untersteier wieder 100 Die Balmfahrt. dem Charakter der deutschen Steier- mark; die gleichen Anschauungen und Empfindungen sind nur mehr im nationalen Ausdrueke verschieden. Die Bahnfahrt. Vom Gratzer Bahnhofe fahrt man gegen Siiden am rechten Ufer der Mur fort; mit der Aussicht auf die lachende Ebene, die sich liber zvrei Meilen von Gratz ausdeknt. Man sieht hier rechts: Eggen- berg mit seinem grossen Parke (s. oben), B aier s dorf, Ve tz els dorf, auf Berggipfeln St. Johann und P a u 1, S t. M a r t i n, im Hintergrunde den Bosenkogel (bei Landsberg, 4300 Fuss) und die majestatische Koralpe (6783 Fuss. S. oben bei Gratz). L in k s (ostlich) im Gebirge iiber den Baumgruppen des Murufers den von Landhausern iibersaten B u k e r 1- berg, — Lustbiihel, — den ein- samen liochgelegenen Pfeilhof, St. Peter mit der Kirche amBerge, die Diirfer Messendorf und Hart. Naher an der Bahn in der Ebene: S c h 6 n a u , Harmsdorf, Lie- benau, Engelsdorf. Station Puntigam. Die Gegend von hier bis zur nachsten Station zeichnet sichdurch eine Fiille von Ortschaften aus, die zwischen den beiden Gebirgsrandern in mehrfacher Beihe dicht an ein- ander liegen. Man sieht rechts an der Bahn die Dechantei bei S t r a s s- gang, am Berge die Kirehe von St. Florian, Seyersberg, Hof- statten, Pirka, Windorf, Haut- zendorf, Ober- und Unter- Premstatten mit dem grossen Sehlosse der Grafen Saurau. Ferner in ununterbroehener Reihe: Bier- b aum, La a, Z ettlin g, Graden- feld. Links in der isiihe der Bahn: Budgersdorf, Feldkirchen, Lebern, Abtissendorf, Wag- nitz. Jenseits der Mur: Engelsdorf, Neudorf, Thon- dorf, Dorfla, Gossendorf. In dritter Reihe am Bergabhange Raba, Steierhof, Grambach, Berndorf, Gossendorf, Haus- manstetten, Ober- und Untcr- Fernitz. Station Kalsdorf. Der Thurm gegeniiber der Station gehort dem Dorfe Fernitz, bei vvel- chem Katzianer im Jahre 1532 ein starkes tiirkischesHeer nachwiithen- dem Kampfe vernichtete. Rechts an der Bahn liegt das Sohloss Neu- schloss, links auf der Poststrasse: Klein- und Gross-Sulz, 'SVarn- d o rf, amjenseitigen Ufer des Flusses, Die Bahnfahrt. — der M ur b er g. An dessen siidli- chem Ende, in liber aus fruchtbarer Umgebung, Schloss Weissenegg, sehr alt, aber gut erhalten und be- wohnt, inreizender Lage amEingange des idyllischen Villacher Thales. Yor der Station Wildon geht die 61 Klftr. lange schiefe Brucke liber die Kainach. Station Wildon. Links von der Babn liegt die Kuine der uralten Burg Wildon, aus dem 11. Jabrhundert; das Geschlecht der Wildoner starb schon 1314 aus. Der jetzige Herrschaftssitz ist im Mark te Wildon, der in doppelter Hauserreihe sich an der Abdachung des Schlossberges herabzieht und gegen 2000 Einwohner hat. Der Schlossberg, so wie der nahe Buch- kogel und die ganze das Leibnitzer Feld begrenzende Hiigelkette, be- stehen aus einer Steinart, welche ein Conglomerat mikroskopischer Schal- thiere, im Bruche selbst weich und leicht zu bearbeiten ist, an der Luft aber eine Harte gewinnt, die sich im Laufe der Zeit bis zur Harte des Porphyrs steigert. Ueber St. Magarethen nach L e b r i n g. Station Lebring. Schon bei dem Berge von "Wildon endet das Gratzer Feld und die Balin 101 zieht durch das Leibnitzer Feld fort, das sich. bis Ehrenhausen erstreckt. Das Feld war noch vor 30 Jahren eine Haide, weit liber eine halbe Quadratmeile von Romergrabhiigeln bedeckt, deren viele gegen Wagna hin noch sichtbar sind. Man machte hier einen reichen Fund von Waffen, Miinzen, Urnen und andern Ueber- resten einer ehemaligen romischen Colonie. Im fiirstbischoflichen Schlosse Seckau ob Leibnitz, dessen Glockenthurm (jetzt abgetragen) fast ausschliesslich aus romischen Denk- steinen bestand, befindet sich ein ganzes Museum solcher Alterthiimer. Die Gegend bis Leibnitz ist sehr anmuthig, rechts von der Bahn kommt man dem Gebirge naher, an dessen Bande der Lassnitzfluss und die Ortschaften Stangersdorf, Joss, Til m it sc h. Schon von wei- tem siehtman das ansehnlicheSchloss Seckau auf bevvaldetem Berge. Station Leibnitz. Schon im 9. Jahrhundert warhier eineStadt: Lip nit z. Sie verlor ihre Mauern und ihr Stadtrecht wegen Abfall vom Landesflirsten im Kriege Friedrichs IV. mit Mathias Corvinus (1478). Der Markt wurde 1529 von deii Tiirken gepliindert, Sigmund von Weichselberg vertrieb sie und erschlug 2000 Mann auf den Die Bahnfahrt. 102 Romergriibern. Jetzt zabit der Ort 1500 Seelen und ist einer der leb- haftesten im Lande. Von Leibnitz rveiter kommt man zu Schloss \Vagna, das rechts am Berge liegt, das Dorf \Vagna links an der Balin. Von Station Lebring bis hieher geht die Bahn fast hori¬ zontal und 4336 Klftr. lang voll- kommen geradlinig fort. Hinter Wagna setzt die schone amerika- nische Gitterbriicke iiber die Sulm. Von hier bis Spielfeld geht d?e Bahn immer liings der Mur fort. Station Ehrenhausen. Der Stationsplatz liegt dieht am Strome, iiber den hier ftir die Com- merzialstrasse eine gedeckte Briicke mit zwei Portalen fiihrt. Der kleine Markt Ehrenhausen liegt anderMiin- dung des Gemlitzbaches in die Mur. Auf beivaldeter Anhohe liegt das Schloss Ehrenhausen, ihm zur Seite das Mausoleum der Fiirsten von Eggenberg, ein stammiger Kuppelbaumit zwei kolossalenKrie- gerstatuenamEingange. Der Stamm- vater dieses Hauses var Balthasar Eggenberger, Burger und Miinz- meister in Gratz um das Jalir 1470; die Fiirstenkrone erhielt Hans Ulrioh, Minister und Gesandter FerdinandsII. undlll., 1612.— 1717 erloseh das Haus. Das Schloss ist jetzt Eigentlium des Grafen Attems. Die Bahn geht am rcchten Ufer der Mur fort und hat iiber den Strom (links) eine veite Aussicht: die stattliche Kirche St. Veit am Vogan, der MarktStrass mit dem gleielinamigen Schlosse (jetzt als Militiirerziehungshaus beniitzt); noch ostlicher Brunnsee und Wein- burg, Giiter derHerzogin vonBerry. Station Spielfeld. Der Stationsplatz ist auf Piloten und Holzrlistungen gestellt, wegen des von Quellen durchzogenen Bo- dens. Das Schloss Spielfeld, jetzt Eigentlium der Herzogin von Berry gross aber schmucklos, ist von dem tapferen General Heister unter Kaiser Leopold I. gebaut. Gleichenberg. SeitEroffnungder Eisenbahnfahrt man in den beriihmten Kurort Glei¬ chenberg, von der Station Spiel¬ feld aus mit Post oder mit Stell- wagen, die von hier tliglich abge- hen. Der Platz im Omnibus: 2 11. 45 kr., ein viersitziger Separatwa- gen: 7 fl. 40 kr. — in 3V» Stunde. (Von Gratz fahrt die Post tiiglicli, die Person 3 fl., in 6 Stunden, ein Lohn- kutscher der Badedirektion ivochent- lich dreimal, Montag, Mittwocli und Freitag 5 V 2 Uhr Friih, die Person 2 fl. 20 kr.). Der niichste 'VVeg geht iiber Brunnsee und "NVeinburg. Die Bahnfahrt. 103 Das erstere, Scliloss mit schonem Park, ist Eigenthum der Herzogin von Berry (Grafin Lucohesi-Palli). Die Heilquellen waren schon von den Romern entdeckt, blieben aber wenig bekannt und beniitzt bis zvrni Jahre 1833, da anf Antrieb des da- maligen Gouverneurs der Steiermark, Grafen von "SVickenburg, der Kurort durch eine Aktiengesellschaft ge- griindet wurde und seitdem zu einem europaischen Rufe gediehen ist. Gleichenberg hat sechs Quellen, die bei vielen Leiden der Vegetation, namentlieh aber in Lungen- und Luftrohrenkranldieiten jeder Art die wirksamsten Dienste leisten. Die Hauptquelle, das eigentliche Glei- ehenberger AVasser, ist die friihere Sulzleitner-, jetzt Constantins- quelle. Sie gehort zu den vorziig- lichsten alkalischen Sauerlingcn (wie Vichy, Ems, Selters) und ist ein ganz eisenfreier, kochsalzhaltiger alkali- scher Sauerbrunn von 14° "VVarme. Der Jobannisbrunnen, ebenfalls Natrokrene, aber mit einer Mischung von EisenoxyduI, bildet eine Ueber- gangsstufe zur tonisch starkenden Behandlung. Der Klausnerbrun- n e n endlich ist eine der kraftigsten bekannten Stahlquellen. (Das suc- cessiv steigende Verhaltniss dieser Quellen ist dem im beriihmten Kur- orte Pyrmont ahnlich, nur mit dem Vorzuge, dass die Constantinsquelle ganz eisenfrei und derKlausnerbrun- nen beinahe salzfrei ist, mithin an hohem Eisengebalte die beriihmten Stahlquellen von Pyrmont und Spaa iibertrifft.) Zur Badekur verden die W e r 1 e q u e 11 e, die IC a r I s q u e 11 e und die Romerquelle verwendet. Es sind im Ganzen gegen 500 Zim- mer fiir Ivurgaste vorhanden, im Preise von 42 kr. bis 1 fl. 40 kr. tag- Iich. (Kurtaxe: die Person 4 fl. mit Ausnahme der Kinder unter 14 Jah- ren und derDomestiken.) Die Bader: 40—50 kr. Die Kost ist uberall billig. Gleichenberg liegt in einem \veiten liehlichen Thale, dessen nord- lichen Schluss die majestatische Fel- senburg Gleichenberg bildet, ein ivohlerhaltener Bau aus dem J. 1624, den siidliclien der Stradnerkogel, 1900 Fuss hodi, mit herrlicher Aus- sicht. Die Schonheit des Thales hat durch die Parkanlagen, die zahlrei- chen Vohnhauser und Villen, die in elegantestem Style gebaut sind, einen erhohten Reiz gewonnen. Ausge- zeichnet ist die Vili a Siiss in ita- lienischem Style. Man gelangt nun zu dem Tunnel von St. Aegyd, 100 Klftr. Iang. Die Bahn geht bis Marburg in einer an- muthig landlichen Gegend fort, an schonen meist mit Reben bepflanz- ten Hiigeln , vielen mitunter ele¬ ganten Villen voriiber, ivestlich das 104 Die Bahnfahrt. Posruker Gebirge, geschmiickt mit Kirchlein und Kapellen. Darunter die hochste: Heiligen Geist beiLeut- scliach. Station Possnitz. In geringer Entfernung nach der Station kommt man auf den soho n en Viadukt von 64 Bogen, der das tiefe und breite Possnitzthal iibersetzt. Er ist der langste der Siidbahn, 342 Klftr. Zunachsthinter demViadukte fahrt man durch ein scbones Portal aus \veissem Stein in den Leitersber- ger Tunnel, den grossten nach dem Semmeringer, ohne die Fliigel- mauern 350 Klftr. lang. (Durchfahrt 3 Minuten.) Nach der Ausfahrt aus dem Tunnel geht die Balin durch AVeinberge bis zumMarburgerBahn- hofe. Die mit hohen Pappeln bepflanzte Commerzialstrasse zieht sieh bald reehts, baldlinks, oberund unter der Bahn fort, kommt uns beim Leiter- berg aus dem Gesieht, kehrt jedoch hinter dem Tunnel zuriick, und be- gleitet uns bis Marburg. Station Marburg. Der Bahnhof liegt liocli am linken Ufer der Drau und geivahrt eine schone Aussicht auf die Stadt und das \veite von Weinbergen umge- bene Thal der Drau. Siidwestlich der 4000 Fuss hohe ganz bewaldete Bacher. Wir sind schon ganz im wendisclien Lande, daher man auch von Mer bis Triest nur in den Stad- ten die deutsche Sprache findet. Marburg (5000 Einwohner), die zweite Stadt in Steiermark, hat eine besonders gunstige Lage. Eine voll- standige Uebersicht hat man von den Anhohen der Magdalenenvorstadt. Der Kranz der ivindischen Biihel sehiitzt sieimNorden, dieSiidstiirme vvehrt das Baehergebirg ab. Daher gedeiht hier ausgezeichneter “\Vein (Pickerer, Luttenberger, Kadiseller), Ivastanien, Feigen und anderes edles Obst, Mais und jede Kornergattung. In Marburg und Umgebung wird die Fabrikation von Surrogat-Kaffe in grossem Umfange betrieben. Die Stadt ist in neuerer Zeit weit belebter als friiher. (Gymnasium, Militar-Erziehungsanstalt, Theater, Casino, Musikverein.) Die Burg Marburg in der Gratzer Vorstadt, aus dem 17. Jahrhundert, mit herrlichen Aussiohten von den Schlossgangen, ist seit 100 Jahren imBesitze des Grafen von Brandis. Aiisfluge. Von Marburg vvestlich (reehts von der Bahn) liber Lembacli durch dasPickererW eingebirge nachMaria- Bast (mit der sehenswerthen Glas- fabrik Benediktthal) iiber Zellnitz und den Berg von Heiligen Geist Die Bahnfahrt. 105 nach Leutschach; von da nach E i M s w a 1 d (Eisenhammenverk, Steinkohlenbau, Glasfabrik). Oestlicli von Alarburg, iiber das Pettauer Feld, die grosste Ebene des Landes, oder an der Hiigelreihe am linken Ufer der Drau nach Pettau, der altesten Stadt der Steiermark, das Petavium der Romer, Standort der XIII. Legion. Hier wurde Ves- pasian von den Legionen zum Kai¬ ser ausgerufen. Die Stadt ist dem Historiker sehr interessant: fastje- des Haus enthalt Romersteine: auf dem Platze vor der Pfarrkirche steht ein sechs Fuss bober Romeraltar mit einem Basrelief (Orpheus) am Ober- theile. Man fahrt nach Pettau von Station Pragerhof. (S. unten.) Hinter Marburg gebt die Bahn iiber die hier sehr ansehnliche Drau auf der grossartigen amerikanischen Git- terbriicke (s. S. 98. Von da weiter siebt man siidwestlich das Bacher- gebirge , im Vordergrunde rechts die Schlosser AVindenau, Haus am Bacher, Ivotsch, Burg und Dorf Schleinitz, links iiber die weite Pettauer Ebene auf der Hiigel¬ reihe jenseits der Drau das Kirchlein St. Barbara, die Veste AVurmb erg; in gerader Richtung der Bahn die Berge bei Rohitsch, AVotsch und Don atiberg. Station Kranichsfeld. DasSchloss Kranichsfeld, von der Station nur zum Theile sichtbar, ist historisch merkvviirdig als Zu- sammenkunftsort der im J. 1670 ge- gen Kaiser Leopold I. verschwornen Magnaten. Das Schloss gehorte nam- lich dem Statthalter in Steiermark, Grafen von Tattenbach, der hierauf 1671 in Gratz enthauptet wurde. Kranichsfeld ist fiir den A r erkehr bedeutend wegen der von Pettau hier in kiirzester Linie einmiinden- den Strasse. Das Bachergebirge, ein ge\valtiger Bergriese von 16 Quadratmeilen Grundflaehe, reich an Holz, Eisen, Marmor, \velchen schon die Romer beniitzten, mit 80 Ortschaften und 50 Kirchen auf seinem Gebiete, bleibt fortwahrend zur Rechten. AViihrend der Fahrt kann man mit Musse seinen hier deutlich hervor- tretenden Gipfel, die A r elka Kappa betrachten und die an seinen Abhiin- gen gelagerten Dorfer und Schlos¬ ser, AA^indenau, Haus am Ba¬ cher, Kotsch, Sc h leinitz,Ober- und Unter-Pulsgau bis hinab zu der ziemlich entlegenen Stadt AV i n- disch-Feistritz; zur Linken be- gleitet uns lange die Ansicht der stattlichen Veste AVurmberg auf ihrem erhabenen Standpunkte jen¬ seits der Drau. 106 Die Bahnfahrt. Station Pragerhof. Die Station fiihrtihren Namen von dem Schlosse der alten Freiherren von Prager, die im J. 1627 aus- starben. Ton Pragerhof ist der naehste Weg nach Pettau. Aueh sind hier im Sommer immer Kaleschen und Om¬ nibus (Person 53 kr.) zur Fahrt nach Pettau bereit. DieBahn geht durch denKersch- bacher Tunnel, 127 Klftr. lang, und den Tunnel am Kreuzberg, 79 Klftr., man fahrt in romantischer ITaldgegend, die dicht bewaldete Pyramide des Boč (\Totsch) mit seinen Fortsetzungen, dem Plessi- vetz und dem Donati, fortwahrend vor sich. Station Poltschach. Das Dorfchen Poltschach liegt dicht am Fusse des 3096 Fuss hohen "VVotsch. Ton hier fiihrt eine schoneKunst- strasse in \veniger als zwei Stunden nach Kohitsch. So -vvird gewohn- lich der bekannte Kurort genannt, der aber Sauerbrunn heisst und von dem Dorfe Rohitsch noch eine ziemliche Strecke entfernt liegt. Die Terbindung zvischen Polt- schach und Sauerbrunn vrfrd durch eine Stelhvagenfalirt und durch Lohnkutscher vermittelt. Die Stell- wagen gehen taglich im Anschlusse an die Trains von und nach Wien und Laibach, die Taxe fiir den Platz ist 88 kr., 25 Pfund Gepack sind frei, fiir das Uebergewicht je 25 Pfund 18 kr. Die Lohnkutscher diir- fen nur den ganzen "VTagen, beste- hend aus 4 Platzen, verdingen und zwar nach der Taxe von 3 fl. 50 kr. Der Sauerbrunn -svurde vom Gra- fen NiklasZriny im J. 1640 entdeckt, von den steirischen Standen im J. 1803 iibernommen und zur Kur- und Badeanstalt eingerichtet. Die Hauptquelle ist der Temp e 1- brunn, der eigentlicheSauerbrunn; ein alkalisch-erdiger Sauerling, der kohlensauren Kalk und Bittererde mit schwefelsaurem Katron in so be- deutendem Masse und so giinstigem Mischungsverhaltnisse enthalt, dass sich hieraus der weit verbreitete Ruf dieser Quelle erkliiren lasst. Sie \virdnach allenATeltgegenden, sogar in den Orient und nach Amerika, in den bekannten griinen Glasflaschen (lVs Mass haltend) versendet. In Italien nennt man es aqua di Cilly. Die Tersendung ist in neuerer Zeit auf mehr als 600.000 Flaschen jahr- lich gestiegen. Die vier anderen Quellen werden nur zu Biidern be- nutzt. Der Kurort steht an Frequenz keinem in Europa nach; durch- schnittlich jedes Jahr iiber dritthalb- Die Bahnfahrt. 107 tausend Personen. In Bezug auf Comfort und Billigkeit ist die An- stalt in gutem Rufe, besonders wird die gute und verhaltnissmassig bil- lige Kost geriihmt. Es sind hier 300 Zimmer fiir Gaste in 15 Wohnhau- sern; im Juli und August ist der starkste Andrang von Gasten — fiir diese Zeit ist es rathlich die Woh- nung bei dem steirisch-standischen Rentamte zu Sauerbrunn unter a conto Zahlung voraus zu bestellen. Die Preise der Zimmer sind von 28 kr. bis 1 fl. 40 kr., die Preise der table d’ hote: 60—80 kr. Das Badeleben ist sehr regsam, die nahe und ent- ferntere Umgebung des Ortes sehr interessant (Besteigung des Wotsch, des Donatiberges). Von Poltschach verfolgt die Balin eine kurze Strecke das Drau- thal und wendet sicli niichst der Ruine Plankenstein (Veste aus dem 13. JahrhundertjetztdemGrafen Thurn gehorig) einer Anliohc zu, die jeden Ausweg zu versperren scheint. Hier bricht der Tunnel von Li¬ po gl a w a durch, 125 Klftr. lang. Station Ponigl. Von hier an scliliesst sich die Balin dem Laufe des Slombaches an, bis sie nach einer schroffen Wendung das Vogleinathal erreicht. Links die Pfarrkirche St. Veit, bevor man sie erreicht, setzt die Bahn liber die Rohitscher Strasse und auf einer Steinbriicke liber den Vogleina- bach. Die Berge treten niiher zu- sammen, zur Linken die Thiirme der imposanten Ruine Reiche n e gg ( aus dem 13. Jahrhundert. Nach dem Absterben der Reichenegger kam sie 1430 an die Grafen von Cilly). Rechts die Kirchen von St. L li¬ kat z, St. Primus, Lokarje, Stopsche, — links die Kirchen von "VVertesche und Seicze, die DorferP*onquit z a, Grobelno und Trattn a. Station St. Georgen. St. Georgen, Markt von 60 Hau- sern mit 300 Eimvohnern. Die Ro- salienkirche auf einem Hugel. (Auf der ganzen Bahnstrecke von Marburg bis Laibach sieht man nah und fern kleine Kirchen, nach wen- discher Sitte auf den 'SValdbergen erbaut, so zahlreich, dass wir den Reisenden mit der vollstandigen Angabe der grossen Theils unbe- kannten \vendischen Namen ver- schonen.) Die Bahn geht mehrmals liber die Vogleina, dann auf einem Einschnitte von 200 Klftr. Lange durch den Thonschieferhiigel von St. Stefan, endlich liinter Tiichern liber Fluss und Strasse. Die Balmfahrt. 108 Station Store. Die Station wurde erst spater er- richtet und zwar aus Betriebs- und Industrieriicksiehten \vegen des be- deutenden Frachtenverkehres der Paul von Putzer’schen Gewerkschaft in Store. Das Eisen-, Puddlings- und Walz\verk liegt nachstTiichern dicbt an der Bahn, eine Stunde vor Cilly, und wird nach seiner grossartigen Anlage und den giinstigen Lokal- verhiiltnissen zu einer hervorragen- den Stellung in der bsterreichiscHen Industrie gelangen. Das Werk, zu welchem die Steinkohlenlager zu Pečovje bei Cilly und Gonze bei Tiiffer gehoren, wird erst seit zwei Jahren mit Dampf betrieben: die Zahl der dort verwendeten Arbeiter belauft sich jetzt schon auf 550 In- dividuen, die jahrliche Produktion auf 50.000 Centner Eisen, wozu das Roheisen aus Obersteier und Kara¬ ten bezogen wird. Yon Store bis zum Kohlenbaue Pečovje ist zur Be- forderung der Braunkohle eine Eisen- bahn gebaut, eben so von Tiiffer bis zum Kohlenbau in Gonze eine Balin projektirt. In Store selbst ist ein z-vveitesAValzemvverkimBau, wodurch die Eisenproduktion auf 100.000 Centner steigen wird. Die Ausbeute an Steinkohlen kann und wird bis auf jahrlich 800.000 Centner gestei- gert werden. Hier offnet sich das obere Santhal mit den grotesken Formen der Sulz- bacher und Steiner Alpen im Hinter- grunde, rechts die Dorfer Puchen- schlag, Lubetschna, Dorn- bichl, Kottning, die Bergkirche St. Kikolai — links die schone Burgruine Ober-Cilly. Mit einer \Yendung der Bahn nach Siidost gelangen \vir an den Bahn- hofvonCilly, welcher den Siim- pfen der Vogleina durch hohe An- schiittungen abge\vonnen werden musste. Station Cilly. Cilly, Stadt mit 2000 Einwolmern (Štern, Krone, Bahnliofrestauration), das alte Claudia celeja der Komer; Sitz der Proconsuln und siiateren Kaiser Pertinax, Sept. Severus, Aure- lian und Valerian. Im fiinften Jahr- hunderte verfiel es, erliob sicli aber wiederunterKarl demGrossen. Seine Glanzzeit iiatte es unter den miicliti- gen selbststandigenGrafen \onCilly, deren Haus im J. 1480 ausstarb. Die Reihe der Grafen von Cilly be- gann mit Friedrich von Saneck 1341. In der sogenannten deutschenKirche ist noch ihrThron zu sehenmit ihrem Wappen der drei Sterne, und hinter dem Hochaltare die 18 Todtenkopfe jener Dynasten. Die wendischePfarr- kirche ist ein bedeutender Bau aus dem 13. Jahrhunderte mit einer 110 Umgebung schonen undantiquarischinteressan- ten gothischen Seitenkapelle. Man lindet noch manche Romer- denkmale und Inschriften, obschon die Mehrzahl nach AVien und Gratz gebracht, viele verschleppt und zer- stortwordensind. Ganzerhalten aber ist die romisciie Kloakenleitung, von weissem Marmor gewolbt, das ganze Souterrain der Stadt durclikreuzend. Sie vvurde vor 30 Jahren aufgefun- den und vvird seitdem beniizt. Eine alte Kapelle beim Friedhofe ausser der Stadt hat die Inschrift: Fone decollationis Sli. Maximiliani. Der Bischof Maximilian von Lorch (Laureacum) wurde liier im J. 283 enthauptet als Miirtyrer seines Glau- bens, da er sich -vveigerte, dem Mars zu opfern. Umgebung. Schon die kleine Erhohung nord- lich von Cilly, in der KahedesBahn- hofes, Galgenberg genannt, ge- wahrt eine herrlicbe Aussicht iiber das obere Santlial mit seiner Fiille von Marktflecken, Dorfern, Sehliis- sern und Kirchen. AVer nicht zwei Stunden auf den Besuch der alten Burg verwenden kann, moge vvenigstens den halben Weg bis zu dem AVeingartenhause verfolgen. Man findet hier eines der grossartigsten Landschaftsbil- der: siidlicli die dunklen grotesken von Cilly. Berge mit dem unteren Theile des Santhales, gegeniiber das Nikolai- kirchlein am Laisberge, westlich die freundliehe Ebene bei Cillv, im Hin- tergrunde die erhabene Gebirgsfor- mation der Sulzbacher Alpen (win- disehen Seli\veiz) , iiberragt von der noeh unerstiegenen Rinka (9114 Fuss). Die Burg Ober-Cilly ist schon sehr verfallen, die zerkliifteten Jlauern sind besonders reich mit Epheu bewachsen. Urspriinglich stand ein Romerkastell auf dem Platze, worauf im Mittelalter die Veste gebaut ward, die im Anfange des 14. Jahrhunderts von den Herren von Auifenstein und den Gebriidern Grasel an die Freiherrn von Saneck (vom Jahre 1341 Grafen von Cilly) verkauft wurde. AVeit grossartiger ist die Aussicht vom Laisberge siidwestlich der Stadt. Man iibersieht das ganze schone Santhal, die ausgedehnten Vorberge des Bachers mit vielen Schlossern und Kirchen, die Markte Gonobitz, Hohenegg und AVol- lau, bis hiniiber nach Frasslau, dem zur Rechten die machtige Ruine Saneck. Im Vordergrunde Sach- senfeld, das schone Schloss Seu- Cilly, der AA r allfahrtsort Maria PletroWitseh, von dem zum Chri- stenthume bekehrten wendischen Fiirsten Privina schon vor einem Bad Neuhaus. Sulzbach. 111 Jahrtausend gegriindet, Greis mit vriehtigen Steinkohlemverken Dra- sche’s. Zu dieser anmuthigen Thal- ansicht bilden die sohon envalmteri wendisehen Hochalpen den gross- artigsten Hintergrund. Bad Neuhaus. Zu Wagen zwei Stunden von Cilly (tagliche Omnibusfahrt um 8 Ubr Friih von Neuhaus nach Cilly, um 3 Uhr Naehmittags von Cillv naeh Neuhaus, die Person 53 kr.). Der Kurort Neuhaus, friiher To¬ pli t z a, ist das Gastein der Frauen, die zwei Drittheile derBesucher aus- machen, es wird jedoch von bewahr- ten Faclimannern fur ein allseitig •vvirksames, starkendes und verjiin- gendes Heilbad erkliirt, -vvelches den Thermen von Pfeffers, Gastein und Tiiffer wenig nachsteht. Die selu- machtige alkalische Quelle ist noch bei weitem nicht naeh Verdienst er- kannt, obgleich die jahrliche Fre- quenz durchschnittlich 500 Gaste betragt. Das Bad Neuhaus ist so eben von den steirischen Standen angekauft worden, und -vverden alle Einrich- tungen einer Reorganisirung unter- zogen. Excurs in die Sulzbacher Gebirgc. Da £s bei dem ausgebildeten Tou- ristenwesen unserer Zeit wenig Par- . ••.vi V tien mehr gibt, die schon und doch noch neu \varen, so miisste der Aus- flug nach S u 1 z b a e h einen dopp elten Reiz bieten, die seltene Naturschon- heit und die unentweihte Originali- tat dieser wilden Adpengegend. Von Natur sehwer zuganglich, war sie bisher dem Reisenden geradezu ver- schlossen, denn sie \var ein Asyl fur Rekrutirungsfliichtige, Deserteure, Vagabunden und Gesindel aller Art, die von den Ansassigen unterstiitzt, in unnahbaren Kliiften und Hohlen verborgen, jedem Angriffe Trotz boten. Endlich wurde im J. 1851 in Folge eines morderischen Attentates auf eine Gendarmerie-Patrouille die ganze Gegend durch eine formliche militarischeOperation gesaubert und iiber 200 der Sicherheit gefahrliche Individuen aufgehoben. Seitdem ist die Tour nicht mehr unsicher; dem einzelnen Reisenden ware sie schon wegen der Schwierigkeiten desNVeges nicht anzurathen, fiir Mehrere hin- gegen ist sie eben so lohnend, als gefahrlos. Der Weg fiihrt an Neu-Cilly voriiber, das Santhalaufwartsiiber Sachsenfeld bis zur Poststation St. Peter. Von da verlasst man die CiIIy-Laibacher Poststrasse und wendet sich nordwestlich nach Frasslau, Prassberg und von da immer an der San nach Rietz und Laufen. Das anmuthige Santhal Sulzbacher Gebirge. 112 hort hier auf und die vvilde Alpen- gegend beginnt. Der einzige Zugang zu dem abgeschlossenen Berglaby- rinth, in welchem am Fusse der 6510 Fuss hohen Radoeha das einsame Dorf Sulzbach liegt, ist durch eine kleine Felsenspalte, die Hadel (jigla) genannt, einen Engpass, der seines Gleichen nicht findet, 3 Fuss breit, 6 Fuss lang. Nachdem man sich hier durchgevrunden, ist ein tiefer Felsenriss auf einem Brete zu ,iiber- schreiten. Wer nicht sehvvindelfrei ist, muss von Leutschdorf durch das Flussbett nach Sulzbach reiten (Un- terkunft in Sulzbach bei dem gast- freundlichen Pfarrer). Von hier aus durch einen scliauerlichen Engpass am Absturze der 6936 Fuss hohen Onschova, liber mehr als ein Dutzend schwindelerregender Stege, nach dem letzten frisehgriinenAVald- thale der Steiermark, dem Logar- thale iiberragt von dem majestati- schen Hochgebirgen. Am jenseitigen Rande des Thales ist der Logar- hof. Der IV c g geht hoher in’s Ge- birg zu einem živci ten Bauernhofe, Plessnigg. Hier offnet sich eine Felspartie, die von bewahrten Tou- risten dem Thale von Gavarni und der Oule de Heas am Plateau des Troumousse in den Pjrenaen gleich- gestellt vrird. Das Ziel der VVande- rung ist noch 2'A Stunden vveiter hin- auf, durch einenlVald und uber Fels- geroll nach der Bergivand Okres- hell mit der in einer Kaskade liber 50 Fuss herabstiirzenden Quelle der San. Siidlich der 7430 Fuss hohe Oistritzaberg, nordwestlich dieKotschna, 8600Fuss, undiiber allen ragt die noch von keinem Men- schenfusse betretene Rinka, 9100 Fuss hoch, empor; rings umher schroffe Felsen absturze , Kliifte, Schneefelder — eindustererhabenes Bild. SECHSTE ABTHEILUNG. Cilij — Laibach. Die Bahn. — Die Bahnfahrt. — Laibach. 8 Die Siidbahn von Cilly bis Laibach. Von Cilly bis Laibach. 115 Cilly - Die Balin. Zwischen d en zweimoglichenllioh- tungen der Balin, der einen parallel mit der Triester Commerzialstrasse, der anderen durch das untere San- thal, wurde die letztere theils \vegen des giinstigen Niveauverhaltnisses, vorzuglich aber \vegen der Wichtig- keit Steinbriick’s gewahlt, wo sich von der Save aufwarts ein jahr- licli gegen eine Million Centner bctra- gender Waarenverkehr concentrirt. Die Gesammtkosten dieser Bahn- strecke betrugen gegen 11 Millionen Gulden. Sie \var besonders kost- spielig, -\veil eine Masse von Ab- grabungen, Aufdammungen, Wand- und Stiitzmauern, Briicken, Durch- lassen, Felssprengungen durcli die Enge des Tliales und die unsicheren Gewasser der San und Save notli- wendig wurden. DerBau ^vurde nach dem Plane Ghega’s vom Inšpektor Fillunger, der architektonische Theil vom Inšpektor Lohr ausgefiihrt. Er- offnet wurde die Balmstrecke den 16. September 1849. Laibach. Von den zahlreichen Bauten zum Schutze der Bahn gegen Fluss- und Felsenandriinge ist besonders der Bau bei S k a 1 o j e zu envahnen, wo allein 30.000 Elftr. Gestein gesprengt \verden mussten; bei der Filialkirche Maria-Gratz waren die grossten An- strengungen nothig, um dem Nach- drangen der Berghalde Einhalt zu thun. An mehreren Stellen musste dem Unterbau erst durch massen- hafte Versenkung von Felsblocken ein sicherer Haltpunkt verschafft werden. Fast alle Arten von Briicken-Con- structionen kommen auf der Strecke vor, am haufigsten jene mit Quader- pfeilern und Holzspreng\verk. Der Glanzpunkt aller Objekte ist die Sanbrucke bei Steinbriick, in der Lange von 46 Klftr. im Halbmesser von 100 Klftr. gekriimmt, auf dem Punkte, wo die San in die Save miindet. Ihre Bahn von 8 Klftr.Breite liegt 48 Fuss liber dem niedrigsten Stande beider Fliisse, dreiBogen der lichten "VVeite von 72 Fuss geben ihr ein klassisch gediegenes Aussehen. 8 * Die Bahnfahrt. 116 Die langste Brucke dieser Bahn- strecke ist die bei Poganek iiber die Save, nach amerikanischem System, mit dem Landpfeiler 100 Klftr. mes- send. Sie untersckeidet sich von der Draubriicke bei Marburg dadureh, dass vvegen geringer Erhohung des Schienenweges liber das Niveau der Ufer die doppelgeleisige Bahn in der Ebene des unterenBalkens der Joch- felder, mithin innerhalb des Gitter- \verkes lauft. Der Bau, mit einer Dachung von Eisenblech versehen, liat gegen 400.000 fl. gekostet. Die ganze Lange dieser Bahn- streeke misst 47.000 Klftr. (11 8 A Meilen). Die Bahnfahrt. Die Bahnfahrt von Cilly bis Sava durch das enge gebirgige valdbe- ■vvachsene Pelsenthal der San nennt Badeker mit Recht den Glanzjiunkt der ganzen Fahrt. Die seltene Uep- pigkeit der AValder im Thale selbst und in den Seitenthalern, die vielen iveissen Kirchen und Kapellen auf den Anhohen und selbst auf hohen Bergspitzen verleihen dieser Gegend einen eigenthiimlichen Reiz. Die Bahn geht auf zwei Brucken iiber die San, zuerst bei der Aus- 'fahrt aus dem Bahnliofe, dann vor dem Felsen mit der Kuine Cilly. Man fahrt an der schonen L T m- gebung von Cilly voriiber, zuerst links am Sehlossberg, vveiterhin rechts am Nikolaiberg. Auf skarpir- tem Grunde, dann auf einem langen ICunstdamme geht die Bahn fort bis Tremersfeld. Hier setzt sie auf das rechte Ufer iiber. Bei Riffin- gost vvird das Thal etwas breiter; links der 2634 Fuss hohe waldige Dost, rechts die Vorberge der Mali bab a. Wir kommen zu den bedeutenden Felssprengungen, wo der Skalojebach aus einer Fels- schlucht fliesst. Jenseits des Flusses das Dorf Ja- gotsche. Die westliche Aussicht (zur Rechten) eriveitert sich, man sieht bis zu deni Bergkirchlein St. Hermagor. Im Hintergrunde die hohen Berge Merslica, Gosnik, K o n j s i n c a. Von Pisarje an steigt die Bahn. Rechts stromt der Retscliitzbach herbei in die San. Station Tiiffer. Der malerisch gelegene Markt Tiiffer hat iiber 100 Hauser mit mehr als 600 Einvvohnern. Auf einem Felsenvorsprunge des Homberges liegt die Ruine der Herren von Tiiver. Die Grafen von Wi I- denstein besvohnten das Schloss bis zum Jahre 1675; da es durch einen grossen Brand zerstortvvurde, bauten sie das jetzige Neuschloss, jetzt Die Bahnfahrt. 117 Eigenthum der Grafen von Lilien. Eine industrielle Merkvdirdigkeit Tiiffer’s ist Uhlich’s Brauerei, die ihren Porter bis Alexandrien und Calcutta versendet. Seit dem Jahre 1852 hat sich im Markte Tiiffer ein Heilbad etablirt; Eigenthiimer Prof. Stein, Badearzt Dr. Kleinhanns. Die Anstalt hat 55 Zimmer, die bis jetzt selbst besclieidenen Anforde- rungen nicht entsprechen. Das Bad ist starker als das im Romerbade, -vveil es am Ursprimge der Quellen liegt. Es ist ein ahnliches Ver h alt ni s s wie von Wildbad-Gastein zu Hofgastein, der Unterschied aber geringer, weil er in Gastein auf kiinstlicher Rohrenleitung, hier nur auf der Entfernung vom Ursprunge beruht: Uebrigens stehen das Bad im Markte und das Romerbad noch auf gleicli unterer Stufe der Kultur, man vermisst Reinlichkeit und allen Comfort, und die Badegaste beider Anstalten haben sicli im verflossenen Jahre bitter beklagt. — Die TJmge- bung von Markt Tiiffer steht der des Rbmerbades bedeutend nach. Von hier geht die Bahn vvieder auf das linke Ufer der San; reclits DorfundKirche St. Christoph. Ein 300 Klftr. langer Quadernbau tragt die Bahn bis zu dem Hiigel links, auf dem die Kirche Maria-Gratz steht, nachst der Einmiindung des aus der.Schlucht hervorrauschenden Lahomblbaches in die San. Ein Stations\veg zieht sich den Felsenliii- gel hinan bis zur Kirche, die eine Ringmauer und einen achteckigen Thurm hat. Die Bahn geht auf einer festen Brucke liber den Lahomblbach. Aussicht auf das jenseitige Strom- ufer, die zweithurmige AVallfalirts- •kirche St. M i c h a e 1, dieKirclilein S t. Christoph und St. Katharina. Bei der weiteren Fahrt: links Dorf .Pl as s o vi e, rechts Dorf und Kirche St. G er tr au d, auf der Anhohe S t. Stefan Turje, Dorf und Kirche St.Margarethen,DorfOgetsch e. Station Romerbad. An dem selir freundlichen Stations- gebaude sieht man eine zierliche Briicke liber die San, jenseits eine schone Anlage mit Blumen, Spring- brunnen, Pappelgruppen, die zum Badeort flihrt. Der Ort selbst auf der Anhohe des dicht be\valdeten SenoŠek, ist vom Stationsplatze sichtbar. Das Romerbad Tiiffer. DieHeilquellen von Tiiff er(Tep- litz, Romerbad) waren schon von den Romern gekannt und beniitzt; diess beweisen die aufgefundenen Denk- steine mit romischen Inscliriften und andere Alterthiimer. KachderRomer- zeit scheint das Bad verschollen ge- blieben zu sein, bis zum 14. Jahr- Bleischmelze. Die Bahnfahrt. 120 Balin gelit auf einer schonen Brucke von drei Bogen dariiber. Yon Mer bis Steinbriick ist jede Klftr. der Bahn dem Strome oder dem Gebirge abgewonnen. Station Steinbriick. Der Baknhof in Steinbriick ist einer der wicbtigsten der ganzen Strecke Cilly-Laibach. Hier miindet die in deri Sulzbacher Alpen ent- springende San nach einem L auf e von etwa 15 Meilen in die Save, dem Grenzfluss zwischen Steiermark und Ulyrien. Ton liier aus geht auch die Strasse nach Agram ; wohin jetzt eine Eisenbahn in Aussicht steht. Steinbriick ist der Hafen fiir das aus Croatien und dem Banat anlan- gende Getreide und liegt iiberdiess mitten unter reichen, stark betriebe- nen Steinkohlenlagern.Mit Riicksicht auf die jetzige und die kiinftige com- mercielle Bedeutung dieses Punktes ist auch der Bahnhof in grosserem Massstabe angelegt. Er hat eine Postanstalt, Restauration, 'VTartsaal, doppelteWasserstationen, ein Haupt- heizhaus, Remisen fiir Locomotive, Magazine, Werkstatten. Der Ort Steinbriick ist unbedeu- tend, er besteht nur aus einigen klei- nen Hausern, \vird aber schon in den altesten Urkunden genannt. Der Babenberger Herzog Leopold hatte hier eine Steinbriicke liber die Save erbaut, die vom Jahre 1224 bis 1445 stand. Jetzt fiihrt der Ort doppelt begriindet seinen Namen, denn er hat nun zwei ausgezeichnete Stein- brucken, die jedoch beide liber die San gehen. Die eine zur Fortsetzung der Strasse auf dem steirischen Bo- den langs der Save, im J. 1828 voll- endet, ist 214 Fuss lang, mit 5 Bogen in einer Hohe von 5 Klftrn. Ganz nahe an dieser Brucke und dicht vor der Mlindung der San in die Save ist die imposante Eisenbahnbrticke, Quaderbau, 3 Bogen von je 12 Klftr. Spannung, im Ganzen 276 Fuss lang. Rechts von der Bahn, gegenliber von Steinbriick, sieht man am Berge das Dorf und die 'STallfahrtskirche Scheuern mit einem im Lande be- riihmten Marienbilde. Die weitere Bahnfahrt bis Trifail fiihrt uns noch immer auf steirischem Boden langs der Save. Rechts am Flusse Dorf S chaunap etsch, am Berge, Dorf und Kirche St. Geor¬ ge n. Das Stromthal ist hier beengt, wenig fruchtbar, nur selten zeigt sich urbarer Boden; dagegen sind hier unermessiiche Steinkohlenlager. Station Hrastnigg. Am Stationsplatze rechts ist eine gegen Norden ziehende Fliigelbahn, eine halbe Meile lang, welche die im Hrastnigger Gebiete gewonnene Kohle an den Stationsplatz fordert. Steinbriick. 122 Die Bahnfahrt. Deshalb sind liier auch geraumige Kolilenmagazine. Es gelit namlich \vestlich (rechts) von der Balin ein reiches und ausgedehntes Braunkoh- lenlager von Tiiffer in Steiermark bis unter Sagor in Krain. Der Bau im Hrastnigger Gebiete vir d von der Triestiner Geverkschaft energisch undrationell betrieben; er liefert im Durchschnitte jahrlich iiber 300.000 Centner Kohlen, \velche grossen- tlieils an die Staatseisenbalm ' und dieDampfschifffahrtsgesellschaft ab- gesetzt verden. •‘Ein schones Bauobjekt ist die Brucke liber den Wernitzabach, von Quadern, 3 Bogen mit 6 Klftr. Spannung. Links die Ortschaft Sau- dorfl, rechts am Berge Dorf und Kirche St. Leonhard. Hier begin- nen die bedeutenden Feisenspren- gungen, velclie der Balin von hier bis Sagor Raum schaffen mussten. Der Charakter der Gegend vird immer ernster; die Save rauscht durcli lauter Felsenengen, nur hie! und da zeigt sich eine Miihle oder! ein einsamer Hof. Die Felsen ver-1 den immer hoher, vilder und un- j virthbarer. So erreichen vir die! nachste Station. Station Trifail. Die Gemeinde Trifail (slavisch : I Terboulle), die letzte in Steiermark, j zahlt kaum 40 Hauser mit 150 Be- j vohnern. Es vird hier und in der Umgebung in Loke, Wade und La- kanza lebhafter Steinkohlenbau be¬ trieben. Die Machtigkeit des Flotzes betragt bis zu 20 Klftr., in der Mitte ist die Kohle am besten. Die Koh- lenlager sind seit mehr als 50 Jahren gekannt, sie varen aber friiher so venig beachtet, dass noch 1818 die Ausbeute nur 400 Centner var, vah- rend sie im Jahre 1850 schon auf 15.000 Centner stieg, und seitdem noch zunimmt. Die Balin gelit liber den Bach, der die Grenzč zvischen Steiermark und Krain bildet. Wir sind nun in einern neuen Kronlande,demHerzogthume Krain. Es ist jetzt in zvei Gerichtssprengel eingetheilt, denBezirkvonL aib a c h und von Ne ust a d tl. Es umfasst im Ganzen auf einem Flacheninhalte von 173 Meilen 502.788 Einvohner. Diese Bevolkerung besteht fast ganz aus dem slavischen Tolksstamme der Wenden (von den Deutsclien Win- den genannt), deren Abstammung und Charakter vir oben besprochen haben. Die Krainer gehbren zu den illyrischen Slavenstammen, und thei- len sich in die Oberkrainer (Go- renzi, auch Krainski), Gebirgsbe- vohner, deren reinster Dialekt in der "NVochein gesprochen vird; — Unterkrainer (Dolenzi), die Be- vohner der sogenannten"Windischen Die Bahnfahrt. 1*23 Mark, langs der kroatischen Grenze, zwischen der Gurk und Kulpa; — die Innerkrainer, auch W i p p a- cher genannt (Viporzi), in Inner- krain, Naclibarn der Friauler; — die K a r s t e r (Kraschowzi), P o i k e r (Piuzchene) und Tschitschen (Zsitzhe), im Adelsbergischen am Karste. Ausser diesen leben noch in Krain mehrere aiideren Slavenstam- men angehorige Familien: K r o a t e n, in der Gegend von Mottling, TschernembI u. s. w.; Usko- ken, an der kroatischen Grenze zwi- schen Neustadt und Tscher- nembl. Mitten unter der slavischen Bevolkerung hat sich ein echt ger- manischer Volksstamm, die Gott- scheer, erhalten, iiber die Avir bei Laibach Nabereš mittheilen. Von Trifail bis zur nachsten Sta¬ ti on bleibt sich die Gegend ziemlich gleich. Bahnbriicke liber den Me¬ di ab a c h, ein flaclier Bogen von 12 Klftr. Spannung; furchtbar zer- rissene Felsenmassen am rechten Ufer der Save. Station Sagor. Das Pfarrdorf Sagor, slavisch Sa- gorje, gehort zum Bezirke Littay; es ist im Lande durcii seine Jahr- markte beriihmt, auch industriell bedeutend ais Sitz der Berg- und Hiittenvervvaltung der S a g o r e r Geiverkschaft, welche den Stein- kohlenbau, die Blei- und Zink- schmelze mit grossen Erfolgen be- treibt. Von hier bis zum nachsten Sta- tionsplatze sind die Ufer der Save von grossartiger Wildheit. Das Tlial verengt sich zur w liste n Fclsen- schlucht, in der zahlreiche "NVild- bache herabstiirzen. Der Bahnbau hatte besonders an der „weissen Katze u , einem der machtigsten Fel- sen, mit den hartnackigstenErdfallen zu kampfen. Station Sava. Von hier erweitert sich das Tlial. Nachdem man meilenlangdurch eine kaum 30—40 Klftr. breite Schlucht gefahren, macht der Contrast dieser eine halbe Meile breiten fruchtbaren Stromniederung einen freundlichen Eindruck. So ist auch das Schloss P o n o \v i c z reclits auf der Anliohe ein selir anmuthiges Bild. Links das Dorf Ran n. Station Littay. Der MarktLittay (slav.Litja) liogt jenseits des Stromes am Fusse des Berges S it ar iu z. Er ist einer der bedeutendstenOrte desl^-andes. Hier ist ein hochst wichtiger Punkt fiir die Saveschifffahrt, ein Stapelplatz mit AVerftcn, auf denen die meisten Saveschiffe gebaut \verden, beson- 124 Die Bahnfahrt. ders die sogenaniitenTomba’s. grosse Frachtschiffe, die auf der Save bis Sissek gehen. Sie tragen 1000 bis 1200 Centner und sind jedes mit 16 Schiffern bemannt, deren vorziig- lichste sich unter den Bewohnern Littay’s selbst finden. Littay bat auch grosse Seilerwerkstatten, in welchen Schiffseile meistens aus ita- lienischem Hanf verfertigt werden. Das bedeutendste Gebaude ist das ehemalige Schloss Tliurn - Liftay. Im J. 1855 wurde eine ansebnlicbe Briicke tiber die Save gebaut, die wegen der Terbindung von Unter- krain mit der Siidbahn \vichtig ist. Von bier folgt die Balin immer am linken Stromufer der grossen Kriimmung der Save. Links Dorf und Kirche St. Georg, reclits Dorf Ober-Log. Tor dem hochliegen- den Schlosse P o gane gg geht eine: scbbne Latticebrucke von 100 Klftr. Lange mit zwei Pfeilern iiber den Strom, dann folgt unmittelbar unter dem Scblosše einTunnel von 64Klftr. Lange mit egyptischem Portale und maurischen Bogen. (Das Schloss Poganegg liegt sebr schon und bat eine herrlicbe Aussicht, \veit liber den Strom bin in die Tlialschlucht des linken Ufers bis zu dem grossen Markte "W a a t s c h im Hintergrunde.) Hinter Poganegg rechts Dorf und Kirche Hottitsch; Dorf und Kirche W e r n e g g. Station Kressnitz. Hier wird das Tbal Avieder enger. Rechts: Dorf Fischern. Links: Dorf und Kirche Kressnitzp ol- lane. Rechts: Dorf Snoschet. Station Laase. Gegeniiber rechts am Gebirge: Schloss und Kirche St. Helena. Hinter Laase erweitert sich das Thal. Man sieht rechts am Berg- rande Schloss und Kirche L us L thal, und in der Ebene eine grosse Zahl von Ortschaften. Auf einer schonen Brucke mit drei Bogen zu sechs Klftr. Spannung iibersetzt die Balin den Gestinzebach und fiihrt an den Ortschaften Gra¬ du 1 e und Podgrad voruber, zAvi- schen denen die Laibach und die Save miindet. Ueber die Save selbst geht nachst Salloch eine Bahnbriicke. Station Salloch. Kun eroffnet sich die reiche Aus¬ sicht in die Aveite fruchtbare Ebene von Laibach, die meilernveit mit Ortschaften, Kirchen, Schlossern iibersat ist. Man sieht die Kirchen von Sadobrava, St. Marthen, S t o s c h z e, J e s c h z a, T a z e n; im Hintergrunde das Schloss Ruzing am Abhange des Gallenberges (2080 Fuss hoch), auf dessen Hohe Laibach. 125 die schone Liebfrauenkirche ein be- suchter Wallfahrtsort. Im fernen Nordvesten die riesigen Gipfel der Karavanken, mit dem 10.000 Fuss hohen Terglou. Ton Salloch fiihrt die Bahn fast in gerader Linic von mehr als 4000 KIftr. nach dem grossartigen Bahn- hofe von Laibach. Laibach. Der Bahnhof in Laibach ist in grossem Style gebaut, auf die be- deutende Zukunft des Platzes be- rechnet. Das palastahnliche Sta- tionsgebaude ist z\veistockig und mit allen fiir den Bahn-, Post- und Telegraphendienst nothigen Lokali- taten versehen. Gasthofe: Stadt AVien, Oesterr. Hof, Elefant, AVilder Mann , Zum Sturm, Restauration im Bahnhofe. Laibach, die Hauptstadt des Her- zogthums Krain, liegt im Mittel- punkte der breitesten Ebene des ganzen Alpengebietes. Diese weite Flaclie ist nordlich von den Steiner- alpen begrenzt, deren hochster Berg, der Grintouz, 8086 Fuss hoch ist, nordwestlich von der AVochein, im Hintergrunde dem riesigen Grenz- berge Terglou (9639 Fuss); die iibrigen Theile der Gebirgsumgebung sind zwar minder hoch, aber doch liber der Hohe des Mittelgebirges ; so im Siiden der Krimberg 3516 Fuss. Nebst dieser ausseren Unrwal- lung erheben sich innerhalb der Flache selbst zahlreiche, ganz iso- lirte Berge und Hiigel, von denen der grosseGallenberg iiber 2000 Fuss, die Uraschitza iiber 1500 Fuss emporragen. Diese Inselberge gliedern die grosse Ebene in drei Abtheilungen, das nordliche oder Krainburger, das mittlere und das siidliche Becken. Das Laibacher Moor. Im siidlichen Becken sind die aus- gedehntenAIoorgriindederbekannten LaibacherSumpfgegend, \vahrend die ersten beiden fast ganz aus Kultur- land bestehen. Das grosse Laibacher Moor nimmt einen Raum von fast vier Quadratmeilen ein und ist jetzt zum Theil schon in fruchtbaresLand verwandelt. Schon unter Maria The- resia wurden Entsumpfungsarbeiten vorgenommen; es wurde namlich ein 1074 KIftr. langer Entwasserungs- kanal durch den Sumpf bis an die Laibach gefiihrt. Dieser Kanal, des- sen Bau 200.000 fl. kostete, sehliesst mit einer grossartigen Schleusse ab, die zugleich eine 38 KIftr. lange Brucke iiber die Neustadtlerstrasse bildet. Hiemit war aber dem Uebel ♦ nicht vollstandig abgeholfen, die dem Sumpfe entsteigenden, die Gesund- heit der Laibacher gefahrdenden Laibach. Miasmen nicht griindlich beseitigt. Erst nach dem Laibacher Congresse liess Kaiser Franz umfassendere Ar- beiten ausfiihren. Das Flussbett wurde vertieft, die AVehren unter der Stadt entfernt, und ausser dem Hauptkananale noch besondere Ab- leitungsgraben durch den Sumpf gezogen. Dadurch \vurde ein grosser Theil desMoores infrucbtbaresLand versvandelt, das nun, mit Fruchtfel- dern und Ansiedlungen bedpckt, von Fahrstrassen durchschnitten ist. Die Siidbahn aber geht noch iiber den nicht urbar gemachten Theil des Laibacher Moores und musste sich erst den festen Boden griinden. Die Siadt Laibach. Laibach ist eine uralte Stadt, das Aemona der Rbmer, das von Attila zerstort, von Justinian \vieder erbaut \vurde. Erst unter Karl dem Grossen erhielt sie den slavischen Namen Lubliana, den deutschenLai¬ bach. Nach dem Kriege von 1809 wurde Krain an Frankreich abge- treten, im Pariser Frieden 1814 an OesterreiGh zuriickgegeben. Diese iiusseren Veranderungen liessen den Charakter Laibach’s un- beriihrt, erst die Urbarmachung des Moores im J. 1822 — 1825, die Fiih- rung der Staatsbahn bis Laibach .1849, vollends aber der Bau der Balin durch das Laibacher Moor und ihre Vollendung bisTriest im J. 1857, gaben dem inneren Leben der Stadt ein neues Geprage und eine er\vei- terte Bedeutung fiir die Zukunft. Der grosste Theil der Stadt liegt am linken Ufer der Laibach, der Schlossberg amrechten, funfBriicken verbinden die Stadttheile. Im Jahre 1808 hatte sie 9000, jetzt liber 20.000 Bewohner. Laibach hat viele und sehens- werthe Kirchen. Die Dom- und K a th e dr alki rch e St. Nikolaus \var schon im J. 745 ein Fischer- kirchlein, \vurde im J. 1248 zu einer grossen Kirche umgestaltet und nach Errichtung des Bistliums Laibach im J. 1461 zur Kathedralkirche er- hoben. Im J. 1699 -\vard sie in der jetzigen Gestalt umgebaut nach dem Plane des Jesuiten Pozzo von dem Venetianer Bomb a si o. Sie hat schone Fresken von Quaglia. Die St. Jakobs-Pfarrkirche, schon im 14. Jahrhundert alsSpitals- kirche genannt, ward in den Jahren 1613—1615 von den Jesuiten ganz neu gebaut. Der Hochaltar hat aus- gezeichnete Skulpturen von Fran- cesco Robba aus dem J. 1732. Die Franziskanerkirche aus dem J. 1646 hat einen prachtvollen Marmoraltar vom Bildhauer de Gi orgio. Eine der sclionsten Kirchen Lai- bachs ist die Kirche der Uršuli n e- Laibach. 127 rinen aus dem J. 1718. Der Hoch- altar ein Prachtbau aus afrikani- schem Marmor mit Bildsiiulen aus cararischem Marmor. Die alteste Kirche der Stadt ist die Pfarrkirche zu St. Peter, noch aus dem alten Aemona stam- mend, vielfach umgebaut, bis sie im J. 1700 in ihrer jetzigen Gestalt hergestellt wurde. Auch sie bat Fresken von Quaglia, \verthvolle Altarbilder von Menzinger. An der St. Christofskirche (von 1497), einer Filiale von St. Peter, ist seit 1779 der Friedhof von Laibach mit der Inschrift: Ecce sortem. Die D e u t s c h - O r d e n s k i r c h e, auch „MariadellaRotonda u genannt. Hier war urspriinglich ein Tempel des Neptun, auf dessen Ruinen 1292 Ordenshaus und Kirche der Tempel- ritter gebaut wurden, die nach dem Sturze des Ordens im J. 1313 an die deutschen Herren iibergingen. Deren Comthur Guido von Starhem- berg liess sie abermals demoliren und durch den Venetianer Architek- ten Domenico Rossi im J. 1714 neu erbauen. Die Altarbilder sind Mei- sterwerke von Menzinger. Die neue protestanti s eh e Kir¬ che, 1852 vollendet, im byzantini- schenStyle, schon gebaut und deko- rirt. Altarbild von Kirni, Christus und die Samaritanerin am Brunnen. Sie fiihrt den Namen Christuskirche. | Das bedeutendste Denkmal Lai- baclfs ist der schone Brunnen auf dem Hauptplatze vom Venetianer Francesco Robba, welcher lOJahre daran arbeitete und ihn 1733 voll- endete; ein grosses Bassin von Mar¬ mor, aus dem sicli ein 20 Fuss lioher Obelisk von krainerischem roth- grauen Marmor erhebt, umgeben von Delphinen und Tritonen. Ein zvveites Denkmal wurde zur Erinnerung an die von Kaiser Franz angeordnete Trockenlegung des Lai- baclier Moores an der Brucke des Gruber’schen Kanales errichtet, ein Obelisk aus cararischem Marmor mit beziiglichen Inschriften. Der Congress im J. 1821 hat Laibach bekannter gemacht; der grosste Platz der Stadt, friiher Capu- zinerplatz, heisst seitdem Congress- platz. Dort ist die besuchteste Promenade, die Stern-Allee. Ein anderer Spaziergang: die L a t- term arin- Ali e e, fiihrt zu dem Schlosse U n t e r - T h u r n, einem rei- zend gelegenen Besitzthume, zuletzt den Krainer Stiinden geliorig, im J. 1851 vom Kaiser Franz Josef I. ange- kauft, um es dem Feldmarscliall Gra- fen Radetzky zurBeniitzung zu iiber- lassen. Das Plateau des Schlosses, noch mehr aber der Berg hinter dem Schlosse haben eine herrliche Aus- sicht gegen Laibacli hin. Am Fusse desBerges liegt auch das Laibach. 128 Schloss Leopoldsruhe, 1720 vom Landeshauptmann Leopold Lamberg erbaut. Auf derselben Seite gegen Siid- osten (links von der Balin) liegt das freundliche Schloss Kaltenbrunn, wo die Laibach einen schonen AVas- serfall bildet. Das Schloss \vurde 1582 vom Laibacher Biirgermeister Veit Khisel erbaut, dem Stamm- herrn der Barone und Grafen dieses Namens. Nahe an Kaltenbrunn ist das schone Privatgut T h i e r g a r t e n. Durch die Briihl (wendisch Prula) fiihrt der Weg zu dem malerisch ge- legenen Giitchen Ivreisnegg, einst Eigenthum der Fiirsten von Eggen- berg. Auf der Nordwestseite (reclits von der Bahn) liegt das Schloss S tro¬ be lh o f (Bohalze) am Bache Gra¬ da s c h z a, begrenzt von dem Lutiker- \valde, in malerischer Umgebung. Von hier aus offnet sich das liebliche Thal der vielbesuchten 'NVallfahrts- kirche Dobra w a. In der Nahe der Berg Ivlutsch, gegen 2000 Fuss hoch, der ziemlich schwer zu erstei- gen ist, aber eine grossartige Aus- sicht bietet. Laibach hat iiberhaupt in der nachsten Umgebung lohnende Berg- partien. Die nachste ist der Lai¬ bacher Schlossberg selbst, der, obgleich nur 246 Fuss hoher als die Stadt, doch eine weite, prachtvolle Aussicht auf die Laibacher Ebene und die weiter entfernten Hochge- birge mit dem Terglou und Grintouz ge\vahrt. Eine Stunde von der Stadt gelangt man liber das von den Laibachern vielbesuchte Dorf Schischka nach St. Veit, von hier in einer Stunde auf den Gross-Gallenberg (2080 Fuss), mit einer beriihmten 'NVall- fahrtskirche aus dem Jahre 1432, und einer grossartigen Aussicht, siid- lich gegen Laibach, nordlich auf die Riesengruppen der Kornjaken mit dem 9639 Fuss hohen Terglou und die kolossalen Kalkmassen derSteirer Alpen mit dem 8085 Fuss hohen Grintouz. Wie der Gallenberg im Norden, so ist siidlich von Laibach der noch hoher (3504Fuss)aufsteigende Krim einer der schonsten Aussichtspunkte. AmFusse des Berges liegt das Schloss S o n n e g. Weitere Excurse von Laibach. 1. Nach Gottschee. Ein Aus- flug nach Siiden fiihrt in das originelle Land Gottschee, diese deutsche Oase in ringsum slavischer Umge¬ bung. Im Mittelalter war es ein wiistes, vildes AVald- und Gebirgsgebiet, wel- ches der Besitzer, der Patriarch von Aquileja, im Jahre 1347 den Grafen von Ortenburg zum Lehen gab. Laibach. 129 Kaiser Karl IV. sendete dem Grafen eine Colonie von 300 Mannern mit Weibern und Kindern, um das Land urbar zu machen. Dieser deutsche Starnm ist jetzt gegen 20.000 Kopfe angewachsen. Nach dem Aussterben der Ortenburge kam das Landchen an die Grafen von Cilly (1420), dann an die Freiherren von Khysel; 1623 wurde ein Freiherr von Khysel zum Grafen vonGottschee erhoben. Spater ging diese Grafschaft an das Haus Auersperg liber, und wurde von Kai¬ ser Leopold II. 1791 zum Herzog- thume erhoben. Der Zugang in das Landchen ist ringsumvonGebirgen umgeben, iiber welche bis in die neuere Zeit nur Fusssteige fiihrten. Durch diese Ab- geschiedenheit haben Land und Volk ihren primitiven Charakter und ihre nationaleEigenthumliclikeitbevvahrt. Sorgfaltig vermeiden sie jede Ter- mischung mit fremden Stiimmen. Die Erziehung der Kinder ist meist den Weibern iiberlassen, die auch das ganze Hauswesen besorgen, da die Miinner als Hausirer in die Fremde ziehen und selbst die erwachsenen Sohne mitnehmen. Diesen Kramer- und Hausirergeist haben sie mit einigen Tiroler Gegenden gemein, aber auch die feste Anhanglichkeit an die Heimat, zu der sie immer wieder zuriickkehren. Und doch ist ihre Heimat ein armer unfruchtbarer Erdstrich. DerAVinter tritthier schon mit Anfang Oktober ein und \vahrt durch 8 Monate. Der \Yein, an dem Krain sonst niclit arm ist, gedeiht hier natiirlich nicht, der Ackerbau nur karg, Obstbau und Viehzucht sirid diirftig bestellt. Das Land ist nur reicli an Holz und anYS'ild aller Art in den weiten dichten Waldern, die zum Theile noch Ursvald sind. Der YVeg von Laibach dahin geht auf der Bezirksstrasse nach Markt und Schloss Auersperg, von da iiber Gross-Loschitz nach R e i f- nitz, einem arisehnlichen Markte mit mehr als 150 Hausern und iiber 1000 Einwohncrn, in einem von den Berggruppen derMala-Gora imOsten und der Velka-Gora im ^Vesten ein- geschlossenen Thaler Ton da iiber Niederdorf nach Gottschee. Die Stadt Gottschee hat gegen 700 Einwohner, welche Leinwand- weberei treiben, Holz- und Topfer- waaren verfertigen, die sie dann im Hausirhandel verwerthen. Ein eigen- thiimlicher Handelsz\veig der Reif- nitzer und Gottscheer sind die B i 1 c h- felle. Die Bil eh e (Myoxus glis), auch Sieb enschlafer genannt, finden sich zahireich in den dortigcn AValdern und Gebirgen, sie sind Nagethiere, etwas grosser als die Ratten, und nahren sich von Buch- niissen. Es wcrden jahrlich viele Tausende dieser Thiere gefangen, 9 Laibach. 130 das Fleisch vvird gegessen, die Felle geben ein sehr beliebtes Pelzvverk, das, von den Kiirschnern bearbeitet, in viereckige Stiicke, Bilehtafeln ge- nannt, zusammengenaht und im gan- zen Ldnde, auch in Kroatien, zu Pelzmiitzen und Pelzfiitterung ver- kauft vvird. 2. In die AVochein. Der Aus- flug von Laibacb gegen Nordvvesten fiihrt in einevvenigbekannteGegend, die aber zu den interessantesten des europaischen Alpengebietes gehort. Einsam ernste Alpenseen, tiefgrune Matten, brausende Katarakte, die majestatische Gruppe der Ivaravvan- ken mit dem Konige dieser Berg- \velt, dem gegen 10.000 Fuss hohen Terglou, entfalten allen Zauber, der dem Hochgebirge allein eigen ist. Der Weg dahin geht Ton Laibacb auf derKlagenfurterPoststrasseliber Schiscbka und St. Veit (s. oben Umgebungen Laibacb’s) nach Z-wi- scben\vasser (slav.: Med-Vodna). Hier vcreinen sicb die Zeyer und die Save und bilden einen kleinen malerischen Wasserfall. Vondafiihrt die Poststrasse nach Krainburg, stets das sehone Bild des Gross- Gallenberges mit der Liebfrauen- kirehe zur Rechten. Von Z wischenwasser nach Krainburg geht auch eine Seiten- strasse liber L a ak (oder Bisohoflak, slav.: Shkofialoka), ein uraltes Be- sitzthum der Bischofe von Freising. In den Jahren 1490—1502 ward der Ort von den Bischofen zu einerStadt erhoben, mit Ringmauern umgeben und befestigt. Das Stadtchen hat gegen 1200 Einvvohner, die bedeu- tenden Leinvvandhandel treiben. Auf dem Wege von Laak bis Krainburg findet man fast lauter "VVeber, und in dem Orte Stra- schische und seiner IJmgebung einen besonders bliihendenGewerbs- zweig: die Siebmacherei, die fiir Krain als spezifisches Fabrikat von grosser 'VAichtigkeit ist. Die Ver- fertigung von Rosshaarsieben vvird dort seit mehr als fiinfzig Jahren betrieben. Jetzt sind die vorziiglich- stenFirmen dieFabrikenvonLocker, Globoschnigg, Prevz und Venedig. Die Produktion dieses als vorziiglich geschiitztenArtikels steigtj ahrlichauf den "VVerth von mehr als 100.000 fl., der Hauptsitz des Geschiiftes ist in dem Orte S t r a s c h i s c h e, von dessen 1000 Einvvohnern sich 800 mit der Siebmacherei beschiiftigen. Im Gan- zen sind bei dieser Fabrikation 1500 Personen in 'Thiitigkeit und der Artikel findet in Oesterreich selbst, nebstdem aber nach Frankreich, Ita- lien, England, Spanien, Holland, Belgien, Grieehenland und die Tiir- kei lebhaften Absatz. Die Stadt Krainburg liegt sehr romantiseh, hoch auf einem Breccia- Laibach. 131 felsen zwischen der Save und K a li¬ ker, die sich hier vereinen. Ein Theil der Stadt liegt melir als 130 Fuss uber den unten rausclienden Gebirgsstromen; daher wird auch das Wasser in einer eigenen sehens- werthen Maschine aus der Save in den Stadtbrunnen geleitet. Die schone Steinbriicke, 90 Fuss liber dem Wasserspiegel, mit einem Bogen von 109 Fuss Spannung, im Jahre 1828 erbaut, ist eineZierde der Stadt. Vom Thurm der Pfarrkirche, die mebr als 1200 Fuss liber der Meeresflache steht, hat man eine grossartige Aus- sicht. Die grosse Poststrasse fiihrt von liier iiber Neumarktl und iiber den Loibl nach Karnthen (der Ueber- gangspunkt iiber den Loibl liegt 4243 Fuss hoch). Neumarktl ist ein industriell sehr bedeutender Ort mit 1500 Einwohnern. Es ist hier der grosse Complex der jetzt fiirstlich Sulkowsky’scben Eisenwerke, be- stehend aus dem Eisen- und Stahl- werke, der Eisengeschmeidewaar‘en- und Feilenfabrik. Dazu gehorenj ein Galmeibergbau, ein Kupfer- und secbs Eisensteinbergbaue. Der in der Stablhiitte zu Neumarktl erzeugte Cementstahl war das erste, und lange Zeit das einzige Fabrikat dieser Art in Oesterreieh. Es findet Absatz nach Italien, Frankreich, Portu gal, Aegyp- ten, Brasilien, den Vereinigten Staa- ten u. s. w.; das Eisen geht besonders nach Laibach, Idria und ganz Krain, die Feilen in alle Hauptstadte der Monarchie, in den Kirchenstaat und in die Schweiz. Ausserdem sind in Neumarktl die Jabornigg’schen Stahl-undEisenvverke, fernerbedeu- tendeSensengewerke,Lederfabriken, Strumpfwirkereien, Cottondruckfa- briken, endlich die Fabrikation ross- haarener Pferdedecken, die stark nach Italien gehen. Der Weg in die AVochein geht auf der iiber Neumarktl fuhrenden Kla- genfurter Poststrasse nur bis zu dem Dorfe N a k 1 a s s, von da auf der west- lich ablenkenden Tarviser Strasse bis Radmannsdorf,. einer Bezirks- stadt mit 20.000 Einwohnern in sehr malerischer Umgebung. Das schone Thal der Save, die sich hier aus zwei Gebirgswassern in einen Strom vereint, ist im Norden von der Alpenkette zwischen Krain undKarnthenb egr enzt, im Westen von den Karawanken mit dem TergTou, im Osten von den Stei¬ ner Alp en mit dem Grintouz. (Von Laibach bis Radmannsdorf zu AVagen: 5 Stunden.) Eine Stunde von hier liegt der ausgezeichnet schone Veldeser S e e. Er ist nicht gross (nur 56 Joch), aber von herrlichen Gebirgen und AVald\viesen umgeben. Mitten amSee, auf einer Felseninsel, steht Laibach. 132 die VVallfahrtskirche Maria a m S e e mit deni Curathause und einer aiten Einsiedelei, zu rvelchen man auf Treppen hinaufsteigt. Am Ufer des See’s, liber dem Dorfchen Vel¬ des, erhebt sich die hohe Felsen- burg Veldes, zu der zwei VVege fiihren, der eine voa der Seeseite, der andere vom Dorfe aus. Die Burg ist aus dem 11. Jahrhundert, und Kaiser Heinrioh II. schenkte sie dem Bischofe Alboin Ton Brixen im J. 1004. Der alte Bau vrurde jedoch durch das Erdbeben vom J. 1511 zertriimmert und erst 1519 in der jetzigen Gestalt hergestellt. Der Felsbloek, auf dem sie ruht, erhebt sich 420 Fuss liber den See. Sie ist noch ganz betvohnbar, nur sehr ver- nachlassigt; doch ist' die schon ge- baute Kapelle vvohlerhalten. Die Aussicht von der Burg ist von sel- tener Schonheit. Das Dorf Veldes ist seit 1851 auch Badeort und hat seit dem Be- kanntwerd.en seiner niclit unbedeu- tenden warmen Heilquellen an Com- fort und bequemer Unterkunft fiir Fremde sehr zugenommen. Neb st dem Gasthause in Veldes sind noch am See-Ufer das stattliche Gasthaus von Mallner und Meyer, und der sehr gute Gasthof von Petran in Seebach. Ein naher Ausflug von Veldes ist nach dem Dorfe Vigaun und der dazu gehorigen BurgKatzenstein, dem Stammhause des bekannten krainerischen Rittergeschleedites der Ivatzianer. Die Burg ist ein statt- liehes Gebiiude, in alterthiimlieher Pracht moblirt, mit Ahnenbildern, \Vamigem iilderi, Turnierdarstellun- gen etc. In der Nahe die Buine der aiten Burg Stein, das romantische Kirehlein zu St. Peter, ein interes- santer altdeutscher Bau aus dem 13. Jahrhundert und die diistere Burgruine W a 11 e n b u r g. Die Fortsetzung des VVeges von Veldes in die Wochein fiihrt iiber Seebach und Wocheiner V'ellaeh, stets dem Laufe der Sa¬ vi tza entgegen, durch die vvilde Schlucht des tiefen Einrisses in dem Kalkplateau des Poklouka- und Je- louza-Gebirges, die eine Vorterrasse des Terglou bilden. Die Schlucht ist gegen zwei Meilen lang. An mehreren kleinen V\ r asserfiillen vor- iiber gelangt man andenOrtBitnj e. Hier erweitert sich die Schlucht zu dem eigentlichen "VVocheiner Thale von l’/» Meile Ausdehnung. Der rings von Hochgebirgen umge- bene Kessel scliliesst vvieder mit dem VVocheiner See. Im VVocheiner Thale liegen siidlich die Pfarrdorfer Feistritz, D e u t s ch - G e r eu th, Brod, Feld, nordlich Jeraka, Kerschdorf, Mitterdorf, Alt- h a m m e r. Laibach. D er nachste und interessanteste Ort ist Fei stritz (Bistrizza) mit den grossartigen Eisemvverken der Frei- herren vonZois. Sie bestehen aus den Berg-, Schmelz- und Hammer- \verken von Feistritz, Althammer und Posableno. Diess ist die eine Hiilfte des ganzen Complexes, die zweite Halfte ist durch die Kalk- plateaus Jelouza und Poklouka von der Wochein geschieden, und besteht aus denSchmelz- und Hammerwerken von Jauerburg, Rothw ein, Ho- henbriicken und dem Bergbau Bresouz. Die Wocheiner Werke beziehen ihr Erz aus dem Jurakalke der eben genannten Plateau’s (es ist Bohnenerz und die Ausbeutung kostspielig und schwierig), die Werke von Jauerburg aus der Liasformation der Krain-Karntner Grenzgebirge. Das Holz zum Betriebe ist billig. es wird aus den "VValdern der Kerina, der Jelouza und Poklouka gefallt. wobei die Gewerkschaft liber 500 Holzknechte beschaftigt. Fiir die Wocheiner Werke sind mehr als 150, fiir jene von Jauerburg liber 200 Kohlereien in Thatigkeit. In den Hochofen von Jauerburg und Feistritz werden jahrlich liber 30.000 Centner Roheisen erzeugt und auf die Hammerwerke geliefert, welche jahrlich liber 10.000 Centner treff-j lichen Stalil und fast eben so viel Stabeisen ausarbeiten. Der Absatz! 133 geht fast ganz ins Ausland, nach Špani en, Frankreich, den jonischen Inseln, in die Levante und nach Ita- lien. Besonders werden Neaj)el und der Kirchenstaat fast ausschliesslich mit dem dortigen Fabrikate versehen und die „marca Zois u ist dort sehr bekannt und geachtet. Der dortige Hiittenbetrieb ist musterhaft geord- net und hat sicli alle Fortschritte der Zeit und der "V\ r issenscliaft an- geeignet. Von Feistritz erreicht man in einer Stunde den "VVocheiner See, dessen tiefgriines Wasser sich gegen Va Meile lang und V* Meile breit ausdehnt (er hat 560 Joch Flacheninlialt). Man kommt zunachst an die Ostspitze des Sees; am Aus- flusse der S a vit z a, die ihn der Lange nach durchzieht, steht hier das alte Kirchlein zu St. Johann mit Gemalden und Inschriften aus dem 16. Jahrhundert. Wie sich der Veldeser See durch heitere Anmuth auszeichnet, so der "VVocheiner durch dusteren erhabenen Ernst; sein Cha- rakter erinnert an den des Hall- stiidter Sees. Er ist von hohen Ge- birgswanden umgeben, die an der Jsordseite schroff in den See abfal- j len, und fiir einen Pfad keinen Raum lassen, an der Siidseite (links) zieht ein gut gangbarer Steig langs dem See hin; aber auch auf diesem Ufer herrscht tiefe Stili e und Einsamkeit, Laibach. 134 man findet keine Hiitte, keine Špur von Alenschenwolinung. Kur aneiner einsamen Kapelle, zum heiligen Geist genannt, kommt man am ersten Drittel des Fusssteiges voriiber. Am westlichen Ende des Sees (beim Einflusse der Savitza) wendet man sich nacli der Alpenmatte Ukauza, \vo mehrere Sennhiitten stehen. Feistritz liegt 1723 Fuss ii. d. M., der AVocheiner See 1902 Fuss, die Ukauza 3405 Fuss. Auf dem ganzen AVege vernimmt man schon das Donnern des AVasserfalies der Savitza. Am Sclilusse derSchlucht fiihrt ein Holztreppenweg auf die dem Wasserfalle gegeniiber liegende Felsenpartie; hier hat man den prachtvollen Katarakt der Savitza vor sich, die liber die Felsenwand Schonlastenza gegen 250 Fuss hoch herabstiirzt. Koch lioherhinauf, weit liber dem AA r asserfalle der Savitza, ist ein Alpenkessel von schroffen Felsen- wanden gebildet, mit acht sehr klei- nen Seen. Der Kessel heisst za Utah; hinter den Alpenhiitten, aus den Seen entspringt die Savitza, fliesst unterirdisch fort, stiirzt liber die Felswand Schonlastenza , braust durch die Schlucht, durchstromt den AVocheiner See, und vereint sich endlich bei Radmannsdorf mit der AVeissenfelser Save zu dem mach- tigen Savestrom, der ganzKrain und Kroatien durchzieht, die osterrei- chisclie Militargrenze gegen die Tiirkei bildet und sich endlich bei Belgrad in die Donau ergiesst. SIEBENTE ABTHEILUNG, J/ ■ . t Laiback — Triest. Die Karstbalm. -— Die Balinfalirt. Von Laibach bis Triest. 137 Laibach Die Karstbahn. Man kann dieser Balin mit v o llom Bechte den Aussprucli des Plinius als Motto vorsetzen: „Multa fieri non posse, priusquam sint facta, judi- cantur.“ Sie steht der Balin liber den Semmering darin ganz gleicli, dass man beide so lang fiir unmog- licb liielt, bis sie ausgefiilirt waren. Und werm man die Fiihrung der Trače iiber den grundlosen Boden des Laibacher Moores, die Durcli- haue durcli die stundenlangenFelsen des Karstes aus eigener Anschauung kennen lernt, so iveiss man nicht zu entscheiden, ob an Kiihnheit des Entwurfes und an unverzagter Be- harrlichkeit der Ausfiihrung der Sem¬ mering- oder derKarstbahn derPreis gebiihre. DieV orbereitungsarbeitenfiir diese Babnstrecke fallen sehonindie Jahre 1843—1844. Fiir die Untersucliung des schwierigenTerrains -vvurdenbei- nabe 6 Jahre verwendet, von 1843 bis 1849. Im Spatherbstc 1849 war die nunmehr ausgefiihrte Bahnanlage — Triest. definitivbestimmt. ImFriihlinge 1850 wurde der langwierigste und sch\vie- rigste Bau der ganzen Strecke, der Uebergang liber das Laibacher Moor begonnen, die iibrigen Bauabthei- lungen, in 22 Baustrecken vertheilt, wurden in den Jahren 1851, 1852 und 1853 an verschiedene Unterneh- mer iibergeben. Dem kraftigen Zu- sammenwirken aller betheiligten Or¬ gane ist es zu verdanken, dass das riesige AVerk schon am 27. Juli 1857 dem Verkehre iibergeben \verden konnte. An diesem Tage fand unter den Auspizien Sr. Majestat des Kaisers die feierliche Eroffnungsfahrt Statt. Die Bedeutung dieser Bahn fiir den Weltverkehr, die Grosse der iiber- wundenen Hindernisse gaben der Fahrt eine besondereWeihe. So \var denn endlich nach Besiegung von Schwierigkeiten, wie sie kein ande- rer Schienenweg Europa’s fand, das lang erstrebte Ziel erreicht, der Zug durch ganz Deutschland, von einem Meere zum andern, hergestellt, die In- schrift am Semmering: „Adriaticum Die Karstbahn. 138 Germanico junxit mare“ zur That- saclie geworden. Es ist vvahrhaft uberraschend, wie durch die Vollendung dieser Bahn Orte zusammenriicken, die wir uns bis jetzt nur in iveitester Entfernung vorstellen lconnten. Man fahrt heute Morgens vom Stefansplatze in Wien ab und betritt morgen friih sehon die Piazetta von Venedig, und zwar nachdem man den Semmering und den Karst iibersetzt, zahlreiche Tun- nels durehfahren, Oesterreich, Steier- mark, Krain und Istrien durchflogen, und eine tiiehtige Partie auf dem adriatischen Meere gemacht bat. (Der AVien-Triester Friihzug kommt Abends nach Triest, die Lloyddam- pfer faliren im Sommer um 12 Uhr Nachts ab und kommen zwischen 6 und 7 Uhr in Venedig an.) Die ganze Strecke von Laibach bis Triest hat eine Lange von 19'A Meilen (iiber 75.000 Klftr.). Die ein- zelnen Bauobjekte werden vvir bei den Stationen selbst besprechen, denn auf dieser Strecke fallen die Beschreibung derEeise undderBahn vollstandig zusammen , die Bahn selbst ist dem Eeisenden der interes- santeste Gegenstand. Nur einige all- gemeine Bemerkungen iiber die Be- schaifenheit des Bahnterrains zvvi- schen Laibach und Adelsberg mogen liicr vorangehen. Laibach liegt 906 Fuss iiber dem Meeresspiegel, das Kesselthal des Laibacher Moores 950 Fuss, es ist nur im Norden gegen die Save oifen, sonst rund herum von Gebirgsaus- laufern umschlossen. Der Laibach- fluss durchstromt diese Sumpfcbene. Er entspringt zwischen Oberlaibach und Freudenthal amFusse derBerge aus mehreren Quellen und fallt nach kurzem Laufe (von 3 J /a Meilen) in die Save, mit derEigenthiimlichkeit, dass er bei dem sehr geringen Ge- falle von kaum 3 Fuss doch eine Tiefe von 30 Fuss hat und schiff- bar ist. Aus dem Laibacher Kesseithale erheben wir uns auf das Plateau von Loistch, welches um 600Fuss liber die Sumpfebene steigt. Von diesem Plateau zieht die Bahn in dasKessel- thal bei Planina mit 1580 Fuss Seehohe, und indasIiesselthalMau- j nitz mit 1620 Fuss Seehohe. Der hochste Punkt, dendieBahn ersteigt, liegt vor der StationAdelsberg mit 1900 Fuss Seehohe, die Karstbahn hat demnach die Hohe von 960 Fuss bevraltigt. Die Bahnfahrt. Die Bahn zieht vvestlich von der Stadt durch den Štern der Latter- mann’schen Allee, der Triester Post- strasse entlang iiber ‘VVaitsch bis Die Bahnfahrt. 139 S k and er, und ist dann in einer sanften grossen Kriimmung zwischen den im Laibac*her Thalkessel isolir- ten Kaikbergen bei Ausser- und Inner-Goricza und bis an den Auslaufspunkt des eigentlichen Lai- baclier Sumpfiiberganges gefuhrt. Dieser Sumpfiibergang liegt zwi- schenInner-Goricza undTrauerberg, ist 1200 Klftr. lang und wurde durch eine kolossale Dammanschiittung ausgefiihrt. Das Material dazu, aus Steinen und schwerem Schotter be- stehend, wurde an beiden Enden desSumpfes, bei GoriczaundTrauer¬ berg gewonnen. Ton diesen Felsen- sprengungenmussten 100.000 Kubik- Klftr. eingeschiittet^ liievon 82.000 Kubik-Klftr. bloss versenkt werden, um dann den 2 Klftr. Iiolien Damm- korper herzustellen. Der Laibacber Moorboden wurde durch Bohrungen bis zur Tiefe von 120 Fuss in der Lange von 1000 Klftrn. mittelst 17 Bolirlochern un- tersucht. Es fanden sich liiebei sieben Schichten: 1. der brennbare Torf, der inLaibach verwendet wird, 2. wasserlialtiger Thon mit Sand gemengt, 3. magerer grauer Tegel, 4. feinkorniger Sand mit wenig Thon gemischt, 5. fester reiner Tegel, 6. fester groberer Sand, 7. sehr fester dichter Thon von blaugrauer Farbe. Die grosste Tiefe des eingesenkten Materiales ist 40—50 Fuss unter dem natiirlichen Moorboden, so dass das eingeschiittete Material sich auf der dritten Schichte, der 3 bis 4 Klftr. machtigen Tegelscliicht, auflagern musste, welche scho.n so fest ist, dass sie der aufgeschutteten Last "VVider- stand leisten konnte. Die Kosten dieses Baues, der in Europa nicht seines Gleichen hat, betrugen (fiir die Anschiittung allein) anderthalb Millionen Gulden. In die Abtheilung des Sumpfiiber- ganges gehoren noch zwei grosse Bruck en, die eine liber den Lai- bachfluss, die andere liber das Bett der alten Laibach, beide nach amerikanischer Konstruktion mit Widerlagspfeilern aus Quadern; dann noch zwei Briicken liber den Moosthaler und Trauerberger Graben. In der Moorgegend zwischen Waitsch und Inner-Goricza liegt rechts von der Balin an der Poststrasse: Dorf und Kirche Bre- s o \v i t z, Dorf Luko w i t z, weiterhin am Gebirge Schloss St. Lorenz. Kachdem man bei Inner-Goricza voriiber ist, sieht man links in die Ebene von Laibach zuriick, rechts in die Ebene von Ober-Laibach und zwar am Kalkberge von Go¬ ricza, an dessen Fusse der Moos¬ thaler Graben fliesst: das Schloss Moosthal, weiterhin im Gebirge Dorf und Kirche Loog; Dorf und | Die Bahnfahrt. 140 Kirclie Gross- und Klein-Li¬ go i na, Markt und Poststation Ober-Laibach. Auf den in der Mitte der Ebene sich einzeln erhebehden Hohen: Dorf und Kirclie Lepa Goricza, das DorfBlatnaBresovvitz, Lorf und Kirche V e u k a. Die grosse Flache ist vom Lai- bachflusse durchschnitten, in den vom siidlichen Gebirge aus die Fliisse-Braunisehitza, Bistra und Lobi a miinden. Jenseits des Sumpfes vom T r a u e r- berge zieht die Bahn in felsiges Terrain und lauft liings der Berg- lelme am Iiande des Gebirgszuges, der das Laibaeher Moor im Siiden begrenzt. Sie libersetzt die Tbal- seliluchten von Palcu und Bregg auf Viadukten von 10 und 12 Klftr. Hohe. Man sieht nun schon von vvei- tem den grossartigen Franzdorfer Viadukt, das schonste Bauobjekt der Karstbalm. Er bat sammt den Fliigeimauern die Ijiinge von 1800 Fuss, die hochsteHohe von 120Fuss, zvvei Etagen, vvovon die untere 22 Bogen (mit 8 Klftr. Lichtenoffnung), die obere 25 Bogen (mit 8° o' Licli- tenoffnung). Die Pfeiler sind aus Stein, mit Kalksteinquadern verklei- det, die Gevvolbe aus Ziegeln, die Stirnmauer der untern Etage aus Bruchstein, die der oberen Etage aus Ziegeln, die Parapete, Kampfer, Gesimse, Cordons und Gewolbsan- laufe aus Quadern gebaut. Die Pfeiler steben auf sorgfaltig pilotirten eiche- nen Kasten; jene Pfeiler aber, die sich, so vvie die Fliigeimauern, an die Gebirgsabdachungen anschlies- sen, sind auf festem Felsgrund er- baut. Wir haben nun die erste Wasser- stationFranzdorf erreicht. Station Franzdorf. Dori’ und Kirche Franzdorf oder Braunitza, liegt links von der Balin in dem vom Viadukte iiber- briickten Tbale, durch das die Brau- niscliitza der Ebene zufliesst. Der Stationsplatz ist Aufnabms- station fiir Personen und Frachten. Er bat die vrnite Aussicbt auf die Ebene von Ober-Laibach mit den oben genannten Ortscliaften. Im Norden ragen die Gebirgsgruppen der Steiner A1 p e n und des Terglou hervor. Unmittelbar liinter den Stations- gebauden von Franzdorf beginnt die erste grossere Steigung mit 1 : 90, die in einer Lange von */» Meilen, bis zur Hochebene von Loitsch an- dauert. Das Hirsclitbal wird auf einem Viadukte von 726 Fuss Lange und 89 Fuss Hohe iibersetzt (links der Ort L a as e), dann folgt der Die Bahnfahrt. Viadukt beiDulle (das Dorf liegt rechts an der Bahn) von 162 Fuss Lange und 72 Fuss Hohe. Die Bahn zieht nun durch lioch- stammige Waldungen, den Verder AVald, vor dem Eisenbahnbau nur von Jagern und Holzknechten be- schritten, an den Berglehnen des siidlich vom Laibacher Moore lie- genden Gebirges, liber Thaler, Schluchten, durch tiefe Felsenein- sehnitte liber hohe Aufdammungen mit zahlreichen Briickeri. Rechts: Dorf und Sehloss Freudenthal, Verd, Hrieb, Ober-Laibach. Ueber die alte Triester Strasse (seit 1799 aufgelassen) auf einem schonen Viadukt von 324 Fuss Lange und 78 Fuss Hohe. Dami fahrt man durch den Raskovzer Val d, iiber- setzt die Triester Poststrasse und erreicht die Loitscher Hohe. Hier zieht die Bahn noch gegen 1000 Klftr. lang auf dem Plateau lun, bis zur zweiten Station. Station Loitseh. Der ausgedehnte Ort LoitSCh mit dem Sclilosse des Grafen Coronini, liegt rechts (westlich) von der Bahn, links das Stationsgebaude, das zur Personen- und Frachtenaufnahme bestimmt und auf den kiinftigen Verkehr mit Idria und Gor z be- rechnet ist. 141 Die Querksflbergruben von Idria. VonLoitsch fiihrt eineguteStrasse in vier Stunden naeh Idria. (Der Preis einesAVagens ist 6 fl. 30 kr. bis 8 fl. 40 kr. Die Besichtigung der Gruben, der Hiittenvverke und der Zinnoberfabrik nimmt 4—5 Stunden in Anspruch. Die alte Bergstadt Idria liegt in einem einsamen Thalkessel, von steilen Hiigeln eingeschlossen. Sie hat gegen 5000 Einivohner und 400 Hauser, die meistens vereinzclt steilen, theils an den Anhohen, theils an der Idrizza, die durch das Thal dem Isonzo zufliesst. Man findet gute Unterkunft im Gasthofe zum Schivarzen Adler. Idria ist naehst Almaden in Spa- nien das bedeutendste Quecksilber- bergvverk in Europa. Im J. 1497 durch einen Bauer entdeckt, der am Fusse des Antoniberges Quecksilber- tropfen fand, vvard es schon im J. 1504 von einer Gevverkschaft be- trieben. .Jetzt vvird es vom Staate vervvaltet und ein k. k. Bergamt hat in Idria seinen Sitz. Der Eingang in das Bergiverk, das Mundloeh des Antoni-Stollen, ist mitten in der Stadt. Hier, in der selu- geraumigen Anfahrtstube, er- hšilt man dieBergklcider, in vvelchen man einfahrt. Die Einfahrt ist durch den schonen Bau des gatizen Werkes Die Bahnfabrt. 142 ohne grosse Beschwerde zu unter- nehmen; nur die in manchen Schach- ten his zu 26° E. steigendc Hitze wird mitunter driiekend. Das Quecksilber \vird hier zum kleinsten Theile gediegen, grossten- theils in Eržen gewonnen, und zwar in Stahlerz, Ziegelerz, Korallenerz, Branderz. Diess letztere hat neuer- lieh den Kamen Idriantin erhal- ten; es kommt in grosserer Tiefe ■vor und ist leicht entziindlieli; man h alt es daher auch fiir die Ursache der dortigen Grubenbriinde. Der furchtbarste Grubenbrand war im J. 1803. Im J. 1837 wurden die Gra¬ ben durcli einbrechende Wasser be- droht, durch eine vom Mechaniker ¥urm aufgestellte Dampfmaschine rvurde das Wasser beivaltigt und das Werk 1838 -vvieder fortgebaut. 1846 brach abermals ein Grubenbrand aus, ward aber mit Energie gedampft. Seitdem \vird das Bergrverk fort- wahrend von Feuerwachtern durch- streift. Das gediegene Quecksilber wird gleich in der Grube in eigene Leder- beutel gesammelt. Das Erz wird ’ mit Spitzhammern ausgehauen, in den Hauptschacht zusammengefiihrt und von da in Tonnen zu Tage gezogen. Dann kommt es auf die Stampf- und Poehrverke, ron hier durch Kanale in die Schlemmhauser, endlich in die Brennofen; aus diesen ziebt es in Diimpfe zersetzt in die anstossenden Kiihlofen, wo es rvie feiuer Eegen in Metall-Tropfen nie- derschlagt, durch Rinnen in die Sammelkasten geleitet und in grossen eisernen Ivesseln aufbervahrt wird, deren jeder gegen 40.000 fl. Werth enthalt. Zur Versendung wird es in Lederbeutel zu 50 Pfund ver- wahrt. DieHiittenwerke bildeneinen eigenen, mit einer Mauer umgebenen Complex, der 1000 Schritte nord- lich Ton den Graben an der Idrizza liegt. Im Jahre 1848 wurden2875 Cent- ner Quecksilber erzeugt, und von der Zinnoberfabrik 486 Centner Vermillen im Werthe von 103.000 fl. C. M.; 1853 \vurden 2541 Centner Quecksilber gervonnen, davon 1070 Centner an Ort und Stelle zu Zinno- ber verwendet. Im Durchschnitt kann man die jahrliche Erzeugung auf 2800 Centner Queeksilber an- schlagen. Die grosse Quecksilber- produktionCaliforniens hat die Preise des Metalls so herabgedriiekt, dass der reine Geldertrag des Betriebes jetzt \-erhaltnissmassig unbedeutend ist. Erze, die im Centner nicht wcnigstens 24 Loth Quecksilber- gehalt haben, konnen gegenwartig nicht mehr mit Gewinn verhiittet iverden. Die jetzt in Betrieb stehen- den Graben liefern noch meist 36 bis 48 Loth im Centner Erz. Die Bahnfahrt. Man kommt nun immer mehr in die originelle Steinwiiste des oden trockenen Ivarstes. (Karat heisst der Zweig der Julischen Alpen, der sich Tom Tarno\vaner "VValde iiber den Birnbaumer \Yald nach Istrien aus- dehnt. Zu ilnn gehort das ganze diirre felsige Plateau, das sicli am adriati- sehen Meere von Duino bis iiber Triest hinzielit.) Hier, wo sich alle Gevvasser spurlos in die zalillosen Triehter und Schluchten verlieren, war es eine der schwersten Aufgaben des Bahnbaues, das zum Betriebe nothige Wasser herbeizuschaffen. Schon vom Trauerberg an sind alle Wachhauser mit Cisternen versehen. Fiir die 'VVasserstationen selbst wur- den bei Loitsch und der nachsten Station Rakek Wasserthiirme mit Pumpverken erbaut, die mit Dampf betrieben vverden. Der “VVasserthurm von Loitsch steht am Rande eines Abgrundes, in dem sich ein Bach stiirzt, und ist von der Bahn aus sichtbar. Man sieht noch links die Dorfer Brodund Martinhrib, dann geht die Bahn in fortivahrender Steigung durch vi Ide. ganz unbevvohnte 'VVal- dungen, an dem „abgcbrannten Walde“ voriiber (er brannte vor 13 Jahren, die Spuren sind noch sichtbar). Man passirt die Ausweich- station La as e, in einer \vahren "VVildniss gelegen, und erreicht dann 143 die Hohe von Eibenschuss mit iiberrasehender Aussicht auf das rings von Gebirgen umschlossene Pla¬ nina, Poststation an der Triester Strasse, das bisher ein bedeutender Stationsort war. Das Kesselthal vonPlanina, vom Unzflusse durchstromt, geivahrt auf mehreren Punkten dieser Bahn- strecke einen sehr freundlichen An- blick. Auf dieser Strecke ist die Bahn fast zwei Meilen lang in Stein ge- hauen, die miihevollsten Felsen- sprengungen mussten sie durch die endlosen Querriegel des in Mulden und Anhohen \vechselnden Kalk- gebirges zum Ziele fiihren. Man sieht rechts am Gebirge die Ruine Kleinhausl, Dorf Unz oder Mau- nitz, Dorf Slivitz und gelangt langs der Gebirgswiesen des Rav¬ nik an die dritte Station. Den Aus- flugin die Ivleinhausler Hohlen (s. unten bei Adelsberg), kann man von Loitsch oder von Adelsberg machen. Station Kakek. Es ist diess die dritte Wasser- station (sie hat auch wieder einen der erwahnten Wasserthiirme), zu- gleich Aufnahmsstation fiirPersonen und Frachten; von Laibaeli gegen 7% Meilen entfernt. Die Bahnfahrt. Am AVestrande des Sees steigt der felsige Javornik mit seinen bewal- deten Abhangen gegen 5000 Fuss empor, am jenseitigen Ufer der steile Slivnizza gegen 4000 Fuss. Von der StationRakek zieht die Balin in einer grossen, kreisformigen Anlage, wobei das Kesselthal von Al a u nit z umfahren wird und langs der Slivitzer Lehne, wo man die volle Uebersicbt iiber die Strecke von Eibenscliuss hat, durcli den Wald von St. Kanzian. Oberlialb desselben tangirt sie abermals die Triester Poststrasse und bat nun den hochsten Punkt, 1900 Fuss tiber dem adriatischen Meere, erreicht. Tor Adelsberg erblickt man die maleri- sche Ruine der Burg Adelsberg und den Alarkt, mit dem Tnale der Poik: die Karsthohen und das gewaltige Berggebilde des iiber 4000 Fuss ho- hen Nanos vereinen sich zu einem schonen Bilde. Station Adelsberg. Adelsberg ist ein lebhafter Markt an der Poik, der iiber 1500 Einwoh- ner hat. Er liegt 1650 Fuss ii. d. M., das alte Schloss auf dem Sovitsch, 479 Fuss hoher, es ist seit 1689 Ruine. Die Herrschaft Adelsberg ging im Laufe der Zeiten von den Grafeu von Cilly an die Fiirsten von 145 Eggenberg und Auersperg, endlich im J. 1722 an Kaiser Karl TI. iiber. Adelsberg ist an zahlreicben Frem- denbesuch ge\vohnt, cfaher das Gast- haus zur Krone gut eingerichtet. Die Adclsbcrger Tropfstcinhdhle. Die beriihmteste unter den zahl- reiclien Hoblenbildungen des Kar- stes liegt in der Nalie des Stations- platzes. Sie war scbon im Mittelalter bekannt und besucbt, -vvie es zahl- reiehe Inschriften an den ATanden der „altenGrotte w bezeugen, die von 1213—1676 fortlaufen; sonderbarer ATeise nicht weiter, obgleich die Hohle keineswegs verscbollen, son- dern mehrfacli besucbt war. Doch wurden erst 1818 die -vveiteren Ab- theilungen der Grotte aufgefunden. 1824 \vurde eine eigene Grottenver- waltungs - Commission gebildet und das Grottenfest eingefiibrt, \velches jabrlich am Plingstmontage gefeiert wird. An diesemTage\vird die Grotte erleuchtet, ein Orcliester dort pla- cirt und ein Bali abgebalten. (Der Eintritt zum Balle fiir einzelne Rei- sende ist 1 fl. 5 kr., fiir Gesellšchaf- ten von 1 — 6 Personen 3 fl. 15 kr.) Die Fiihrer bilden ein eigenes beei- detes Corps, sie diirfen nur Ker- zen- oder Grubenlicbter fiihren, um die AVeisse der Stalaktiten zu scho¬ nen. Der Grottenfond, bereits gegen 10.000 fl., wird zur Erbaltung und 10 AdelsOerger (irotte. Die Bahnfahrt. 147 weiteren Erforschung der Hohle ver- wendet. Erst vor Kurzem wurde durch Sprengung ein neuer interes- santer Hohlenraum eroffnet, der bei dem Besuche der kaiserlichen Ma- jestaten am 11. Marž 1857 den Na¬ men: Franz Josefs-und Elisa- beths-Grotte erhielt. Seit der Eroffnung der Triester Balin wird die Adelsberger Hohle so haufigbesucht, dass man am Stations- platze fast immer Gesellschaft findet. Dadurch wird der Besuch in okono- mischer Beziehung erleichtert; denn die Bezahlung der Beleuchtung und der Fiihrer bleibt immer gleich und vertheilt sich unter die Gesellschaft. Der Eintritt fiir die Civilperson: 70 kr. — Militar: 35 kr. Es miissen wenigstens 3 Grottenfuhrer genom- menwerden, bei mehrals 4Personen fur je 4 weitereGaste 1 Fiihrer mehr. Man nimmt gewohnlich die soge- nannte mittlere Beleuchtung, \vobei die vorziiglichsten Hohlen- partien geniigendbeleuchtet werden. Die Kosten des Grotten-Besuches stellen sich bei 4 Personen so heraus: Eintritt a 70 kr. . . . 2 fl. 80 kr. 3 Fiihrer a 79 kr. . . 2 „ 37 „ Mittlere Beleuchtung . 5 „ 78 „ 10 fl. 95 kr. Mithin entfallt auf die Person 2fl. 74 kr. (Kinder zahien dasselbe). Von Adelsberg aus fiihrt eine Lin- denallee aufwarts in einer kleinen halben Stunde an den geschlossenen Eingang der Hohle. Ueber 50 Fuss tiefer stiirzt sich die Poik in eine besondere Hohle. Tom Eingange der Grotte kommt man an eine natiir- liche Steinbriicke, steigt dann ab- ivarts, iibersetzt abermals auf einer Naturbriicke den Fluss und gelangt in den sogenannten D o m, 70 Fuss hoch, 144 Fuss breit. Die schnee- weissen Kalksinter- oder Tropfstein- gebilde thiirmen sich hier in den groteskesten Formen vom Boden auf (Stalaktiten), oder hangen in Dra- perien und Zacken von den Decken herab (Stalagmiten). Die auffallend- sten dieser Gebilde haben nach der Aehnlichkeit mit anderen Gegen- standen eigene Namen, es sind tiber sechzig von der Kanzel an, mit 1 der begonnen wird, bis zum grossen Kalvarienberg, der den Schluss bildet. Darunter sind besonders in- teressant: das Grab, ein kolossaler Stalagmit, 60 Fuss im Emfange, das rothe Meer, wellenformige Bil- dungen des Kalksinters, St. Niko- laus, die liingste Tropfsteinsiiulc von 5 Klftr. Hohe. Ausser dem D o me ist auch der j Tanzsaal eine besonders merk- \viirdige Partie der Hohle. Er ist gegen 150 Fuss lang, 90 Fuss breit, gegen 50 Fuss hoch. Hier wird bei dem Grottenfeste das Orcliester pla- cirt und getanzt. Ferner der Kal- 10 * Die Bahnfahrt. sehr interessante, aber minder kulti- virte und daher schwerer zugiingliche Hohlen. Die merl™iirdigsten sind: Die Magdalrnengrotte. Die Magda 1 enengrotte, eine Stunde nordlich von Adelsberg, nach der nahe liegenden Magdalenen- kapelle benannt. Sie ist zugang- licb und nicht selten besucht; steht an Grosse der Adelsberger weit nach, ist aber ausgezeiclmet durch kolossale Stalaktitenbildungen und durch ihren See, in \velchem der proteus anguinus gefunden wird, ein seltenes salamanderahnliches Thier, eine Art Aal von blassrotlier Farbe. Die Poikhiihle. Eine lialbe Stundendrdlicher liegt die P o i k h o h 1 e, ein Abgrund mitten im Gebusche. Sie ist schwer zugiin- gig, gar nicht besucht, doch zeigt sie hochst merkwiirdige Formen und Partien, darunter besonders das Fel- senthor. An 650 Klftr. tief, reiht sich in dieser Grotte Saal an Saal. Die (Jnzgrotte. Hochst merkwiirdig ist auch die Kleinhausler- oder Unzgrotte beiP 1 a ni na. Der Eingangist hochst maleriseh, ein majestatisches Portal in einer iiber 40 Klftr. hohen Fels- wand. Die erste Halle ist 60 Fuss hoch, 80 Fuss breit. Aus ihr rauscht 149 Ider Bach hervor, er durchstromt als fahrbarer Kanal die Htilile in mach- tiger Ausdehnung; das Vordringen ist nur zu Schiff moglich. Auch hier reiht sich Halle an Halle mit den interessantesten Partien. So erreicht man endlich ein grosses Gewolbe mit einem See erfiillt. Zwei Seitenarme der Grotte laufen von hier aus, beide mit Wasser gefiilit. Der Grottenarm rechtsbildet einen imposanten Kanal von 150 Klftr. Lange, bis 30 Fuss breit, 9—20 Fuss tief. Hier zeigen sich merk\viirdige Gebilde, denen man die Namen Kaiserthron, Isis, Rochusaltar, Golgatha, Haidinger- grotte, Elefantenkopf u. s. w. bei- legte. Der Hohlenarm links wird von der Poik durchstromt, ein l'/j Stun- den langer Kanal. Der letzte>Yasser- spiegel dieses Kanals liegt in einer Grotte, welche kein weiteres Vor¬ dringen gestattet, da die Felswiinde sich ringsum bis unter den IVasser- spiegel senken. Dr. Schmidi, vvclcher die Karsthohlen zuerst griindlich untersuchte und ein Werk dariiber verolfentliohte (zurHohlenkunde des Kafstes), hat die Ausdehnung des Kanals vom Eingange der Hohle bis zu jener Grotte auf 1710 Klftr. bemessen. Er ist 18 Fuss, in der letzten Halle sogar 30 Fuss tief. Planina und die letztgenannte Holile konnen auch von Station Loitsch aus besucht \verden. 150 Die Bahnfahrt. i)ie Hohlen von L neg. Diese Hohlen liegen zwei starke Stunden n6i*dwestlieh von Adelsberg, etwas naher \vestlich von Planina. Der Weg von Adelsberg fiihrt liber die Ortschaften H.reTi o wl*tz und Landol in einen wilden Gebirgs- kessel am Fusse des iiber 4000 Fuss liolien M a n o s. Dort erhebt si eh' eine K alkivand von mehr als 500 Fuss Holie, in dieser “VVand offnen sich die Grotten von Lueg, und der Ab- 'Satz an der obersten difeser Grotten tragt die Burg Lueg (slav. Predjana). An, oder eigentlich in dieser ober¬ sten Grotte stand die alte Stammvestc der fitterliehen Lueger, deren letzter, Erasmus .Lueger, ein Freund Baum- kircher’s, und mit ihm gegen den Kaiser Friedrich ,IY. ankampfend. dureh die kaiserlichen Schaaren uri- ter dem Feldhauptmann Rauber hier belagert wurde. Er leistete langen Widerstand und erlag nur dureh Verrath eihes šeiner Liener. Kach seinem Tode ward die Burg landes- furstlich, kam 1479 an die Gallen- berge, 1566 an die Cobenzl, dureh Erbschaft an die CoToninPs und von diesen erkaufte 1846 Fiirst Veriand 'NViridischgratz die HerrschaftenLueg. Haasberg, Stegberg und Loitsch. — Von der alten Veste sind nur mehr Trii mmer libri g. Das jetzige Schloss ward 15.80 von denCoronini’s erbaut und steht.ausser der Hohle. Im Thale, am Fusse der Felswand, rauscht der Lokvabach, treibt ein Paar Sagemiihlen und stiirzt sich dann liber Felsblocke in die unterste Grotte. Ihre Dečke senkt sich, schon etwa 10 Klftr. von der Eingangs- halle, so tief herab, dass man nicht \veiter dringen kann. — Ungefahr 15 Klftr. iiber dieser Grotte offriet sich in der Wand eine zweite, grossere, sehr selienswerthe; sie ist mit einer Pforte verschlossen, zu welcher ein Weg von der rechten Seite des Berg- abhanges fiihrt. Es ist ein seltsames Gekliifte; zuerst eine grosse Halle, links eine hohe Oeffnung, dureh welche man in die untere Grotte sieht; dringt man vorvvarts., so ge- langt man zu. einem Absturze, iiber \velcheneineBriicke zu einemDurch- gang und auf einen Triimmerhaufen einstiger Absturze fiihrt. Seiten- schluchten fiihren hier auf- und ab- iviirts. Auf einer Leiter ersteigt man eine zweite Etage, welche 200 Klftr. lang ist, sich stellenweise verengt, und an der Vorderseite der Berg- wand iiber dem neuen Schlossthore miindet, zu welchem man \vieder auf Leitern herabsteigt. — Ueber dem Schlosse, gegen 20 Klftr. hoher, als die mittlere Grotte, offnet sich ein dritter Hiihlenschlund, an 10 Klftr. hoch, der sich tief in den Berg hin- einwindet. Hier liegen die Triimmer der alten Burg. Links, neben der Die Bahnfahrt. alten Cisterne, zieht sich ein Hohlen- gang 5 Klftr. lang aufwarts, dann horizontal bergeimvarts, worauf eine schachtartige Spalte folgt von 5 Klftr. Tiefe, die sicli am Grunde schliesst. Die slidlicher licgenden Karsthoh- len werden weiter unten er\vahnt werden (die Holilen von San Can- ziano, Corgnale und Trebich — bei Divazza. die Grotte von S. Servolo bei Triest). Station Prestranek. Bei der Station Adelsberg iiat die Balin die Strassenrichtung verlassen und iiberschreitet bei Station Pre¬ stranek d en Poik und das Poiker Thal. Gleicli nach Adelsberg, reclits an der Balin, Dorf und Kirche Alten- dorf. Zvvischen Prestranek und St. Peter, reclits am Gebirgsrande, die Kirchdorfer: Slavina, S e u z e , Gr at z. Die Poststrasse erreicht bei AdelsbergihrenHohepunkt von 1800 Fuss. Sie geht von dort nach Pra- vald, wo sich die GorzerStrasse von der Triestiner trennt. Pravald ist ein besonders von Triest als Sommer- aufenthalt vielbesuchter Ort. Von hier aus \vird der Van o s (4099 Fuss) liaufig bestiegen. Die Bestei- gung fordert 3 Stunden, sie ist loh- nend, aber beschwerlich und mussj mit Fiihrer unternommen \verden. Gleich hinter dem Thurme der Pfarr-1 151 kirche beginnt der steile und steinige Pfad. Auf eincmAbsatze unterhalb des Gipfels ist eine kleine, landliche, dem heil. Hieronymus gewidmete Kirche, wo jahrlich aclit Tage vor Pfingsten eine Messe gelesen vvird. An dem Tage kommen viele Seeleute hielier, weil der Nanos die erste Bergspitze ist, die sie auf der Heimkehr von Seereisen erblicken. Oben findetman eine reiche Flora.- Dic Aussicht ist herrlich und umfassend, man sielit bis Laibach, und den Monte Santo bei Gorz, das adriatische Aleer, Venc- dig, die Tiroler und die Julischen Al pen. Von Pravald geht die Strasse nach S e n o s c h e t s c li, einem Markt mit einem alten Schlosse, beriihrt die Balin noch einmal bei S e s s a n a und geht dann liber Opschina nach 4'riest. Die Steinwiiste des Karst schneidet plotzlich bei dem Zollhause von Opschina ab. Dort ist der beriihinte Aussichtspunkt auf Triest und das Meer. Station St. Peter. St. Peter ist die vierte AVasser- station, sieliegt lVžMeilen von Adels¬ berg, 10 Meilen von Laibach. 1800 Fuss liber dem Meere. Die Balin | verlasst hier das Poiktlial und \ven- det sich dem Reccathale zu, ohne die eine oder die andere Thalebene Die Bahnfahrt. 152 beniitzen zu konnen. Yon diesem Punkte ab fallt die Balin bis Triest, und zwar von St. Peter bis Ses- sana mit dem Gefalle von 1 : 150 und 1 : 300; erst hinter der Station Sessana, ab\varts der Chaussee- Uebersetzung vor Opschina, beginnt das starkere Gefalle von 1 : 80, •vvelches sich liber Proseeco bis Nabresina erstreckt; von Nabre- sina abwarts liber Contovello bis Triest kommen Gefalisverhaltnisse mit 1:90 vor. In St. Peter miindet der Terkehr Fiume’s und der Ort- schaften der Fiumanerstrasse ent- lang. Wir fahren hier fortwahrend d u reli die wiiste Karstgegend. Nach einer slidlichen ATendung der Bahn liegen links die Ortscbaften Ob er- und Unter-K o s c h a n a. Ton hier bis Goritsche unterscheidet sich die Bahnanlage wesentlich von der frii- heren Strecke. In dieser nur eine Meile langen Strecke haben sich die grossten Schwierigkeiten des Baues so zusammengedrangt, \vie mandiess selten bei einer so kurzen Bahn- strecke finden wird. Durch die in das Reccathal auslaufenden Berg- rlicken mussten sechs Tunnels in der Gesammtlange von 1280 Klftrn. geschlagen werden; die drei liing sten messen 285, 280, 225 Klftr. Bei der Ausfiihrung dieser Tunnels waren bedeutendeSchwierigkeiten zu liber- winden, die aus der ungiinstigen Lagerung der Formationsschichten des Gebirges entstanden. Man musste namlich bei fiinf dieser Tunnels die Trennungsschichten der Karst- oder Kalkstein- und der Sandsteinforma- tion durchbrechen. Auf dieser Tunnelstrecke mussten ji mehrere Thalschluchten libersetzt werden, was hier, ausnahinsweise gegen andere Bahnanlagen, nicht mit Tiadukten, sondern mit hohen Dammanschlittungen und langen Durchlassen flir den Abzug der Ge- wasser bewirkt wurde. Es kommen auf dieser Strecke sechs solehe Dammkorper vor, welche die beim Eisenbahnbau unge\vohnliche Hohe von 120—144 Fuss erreiclien. Hier war diese Bauart durch die Lokal- verhaltnisse geboten und dem Tia- duktbaue vorzuziehen, da die leichte Gewinnung des guten Oammmate- riales die Aufschlittung okonomisch vortheilliafter machte. Station Ober-Lesece. In der Mitte der Tunnelstrecke, zwischen dem vierten und flinften Tunnel, liegt die Station Ober-Lesece, anderthalb Meilen von St. Peter, IIV 2 Meilen von Laibach entfernt. Sie ist die fiinfte Wasserstation und mehr flir den Bahnbetrieb, als flir den Lokalverkehr nothig. Die Bahnfahrt. Die Wasserleitung des Rarstcs. Ber Karst ist so wasserarm, dass die Bewohner der Gegend zwischen St. Peter und Nabresina in der trockenen Jahreszeit oft die grosste Wassernoth leiden und sich ihren Bedarf nur durch die Aufsammlung des Regemvassers in Cisternen ver- schaifen. BieseWassernotli wiirde denBahn- betrieb unmbglich machen, wenn ihr nicbt durch eine 5 Meilen lange Wasserleitung abgeholfen wiire. Bie unmittelbar an die Station Ober- L e s e c e stossende Thalschlucht ent- halt eine ziemlich reichhaltige Was- serquelle, welche aufgefangen und abgebaut wurde, um die folgenden Stationen mit dem nothigen Wasser fiir den Bahnbetrieb zu versehen. Bie Quelle entspringt in doppelten Armen, sie wurde am Ursprunge durch einen Bamm gestaut und durch drei Filtrirkasten in zwei grosse iiberwblbte Reservoirs ge- leitet, die, aus Quadern gebaut. jedes gegen 30.000 Kubikfuss Was- ser fassen. Von da wird das Wasser mittelst fiinfzblliger Rbhren liber zwei Aquiidukte zur Balin, und langs dieser, durch den fiinften und sech- sten Tunnel der Tunnelstrecke bis zum Stationsplatze Bivaca, von dort, durch vierzollige Rbhren liber die Station Sessana bis Prosecco fort- gefiihrt. Jede dieser Stationen bat 153 einen gewolbten Wasserbehalter fiir 20.000 Kubikfuss Wasser. Mit die- sem in seiner Art seltenen und aus- gezeichneten Baue ist der Bahnbe¬ trieb selbst fiir die Falle von Repa- raturen der Wasserleitung auf sechs bis acht Tage gedeckt. Hinter Ober-Lesece bei Brit- tof verlasst man die Tunnelstrecke, und die weitere Bahnanlage von da bis Nabresina iiber den eigentlichen oden Karstboden ist nach den auf- merksamsten Terrainstudien in vie- len Kriimmungen und durch fast ununterbrochene massenhafte Fel- sensprengungen gefiihrt -\vorden. Bieser beharrliche Kampf mit der ■\viderstrebenden Natur und der that- siichliche Sieg liber sie verleiht die¬ ser Bahn einen eigenthiimlich erha- benen Charakter, der durch die trostlose Oede der Gegend noch ver- starkt wird. Man flihrt hier, wie nirgends in der Welt, fortwiihrend zwischen Felsenwiinden, durch wel- che sich die Bahn den Burchgang erz\vungen h at. Station Divača. Bie Wasser- und Aufnahmsstation Divača ist anderthalb Meilen von der Station Ober-Lesece entfernt (Bivaca ist ein slavischer Name und wird Bivazza ausgesprochen, mitunter auch geschrieben). 154 Die Bahnfahrt. Corgnale. Ton Divača fuhrt eine Strasse naeh dem Dorfe Corgnale, das seiner Tropfsteinhohle wegen beriihmt ist. Im Gasthofe des Dorfes findet man Fiihrer in die Grotte (die Person zahlt 63 kr.) Man steigt auf einer Treppe 140 Klftr. hinab zur soge- nannten Kanzel. Die Grotte ist wie die Adelsberger, eine Stalakti- tenhohle, in der man eine Tiertel- stunde \veit fortgeben kann. Ihre Tropfsteinbildungen siril jedoch grossartiger, als die in Adelsberg. San Canzian. Noch merkwiirdiger ist die Hohle von San Canziano (nicht zu verwecbseln mit der gleichnamigen bei Planina). Ton Corgnale kommt man in zwei Stunden hieher; man kann auch von Divača aus zuerst iiber Unter-Lesece nach San Canzian und von da nach Corgnale gehen. In der Nahe des Dorfes zeigt sich eine der spezifischen Eigenthumlich- keiten des Karstgebirges. Der Fluss Rjeka verliert sich hier in einem unterirdischen Kanal, fliesst fiinf Meilen weit unter dem Karste fort und kommt erst bei Duino wieder zum Torschein, wo er unter dem Namen Timeus in’s Meer fallt. Unweit der Ruinen des alten Schlosses Nakla gelangt die Rjeka zu dem ersten Felsenthore, in \vel- ches man nicht eindringen kann. Doch gelangt man durch einen Seiten- schlund in das Innere. Unten, schrag in der Tiefe, ragt ein riesenhafter Block empor, dem man ersteigenund von dessen Spitze aus man die ganze Grotte liberblicken und durch ihre Oeffnungen hinaussehen kann. Oben in San Canzian ist noch ein gros- ser Schlund (Okrugliza) bemerkens- werth, um den sich das Dorf grup- pirt. Hinter San Canzian befinden sich noch zwei sehr interessante Trichter, welche die Rjeka durch- bricht. Auch ist eine grosse trockene Hohle mit schonen Stalaktiten in der Nahe zu sehen. Auch von Triest gelangt man direkt nach Corgnale in 2 Stunden, von da nach San Canzian in 2Vs Stunden. Ton Divača fahrt man \veiter durchgespalteneFelsen. Rechts sieht man einmal das Dorf Goregno. Spa- ter geht die Bahn durch das Dorf P o vi er. Weiterhin links an einer bedeutenden Bahnkrummung Dorf und Kirche Merzhe. Station Sessana. Die Station ist von der vorher- gehenden zwei Meilen entfernt. Das Dorf Sessana liegt 1570Fuss hoch, und ist zugleich Post- und Eisen- bahnstation. DieTriester Poststrasse Bie Bahnfakrt. trifft namlich an diesem Punkte mit der Eisenbahn zusammen, entfernt sicli dann in nordlicher Richtung und \vird erst wieder auf demhalben Wege nachOpscliina (s. obenS.151) von der Bahn durchschnitten. Trebich. Ton Sessana siidwestlich liegt das Dorf Trebich, wo man eine eben- falls merkvviirdige, senkrecht abge- tiefte Hohle findet von 1022 Fuss Tiefe, nebst einer 270 Fuss hohen Grotte, durch \velche ein starkes Wasser fliesst. Ohne Zweifel ist diess die Rjeka, Avelche, bei San Canzian in den Karst eintretend, sich einen Weg in das adriatische Meer bahnt, und hochst 'vvahrscheiniich erst bei Duino ihren Ausfluss findet, da in der natiirlichen Richtung des Flusses gegen Triest ein dichtes Sandstein- gebirge z\vischen demMeere und der Karstmauer liegt, \velches alle Oeff- nungen und Hohlen des Karstpla- teau’s verklebt und vermauert. Lipizza. Ton Sessana fiihrt eine Strasse direkt siidlich nach Lipizza, die so grasreiche, bewaldete Oase des Kar- stes, in deren Mitte das interessante kais. Hofgestiit liegt. Pferdekenner finden dort ausgezeichnete Hengste und Mutterstuten. Ton Lipizza fiihrt man in einer Stunde nach Triest. 155 Hat man den Weg liber Divača nach Corgnale genommen, so kann man iiber Basovitza, Lipizza nach Sessana auf die Bahn zuriick- kommen. Haidenschaft. In nordostliclier Richtung gelangt man von Sessana in drei Stunden liber Storia und St. Teitnach Haidenschaft und in das Wip- p a c h e r T h a 1, in welches auch eine gute Strasse von Priivald aus fiihrt. Der Ort Haidenschaft ist so- wohl wegen seiner schonen Lage, als auch wegen der iliri umgebenden industriellen Etablissements eines Besuches werth. Der Hubelfluss, der ihn von Storia trennt und die Grenze zwischen dem Kiistenlande und Krain bildet, entspringtaus dennalieliegen- den Bergen in mehreren malerischen "VTasserfallen, und setzt auf der kur- zen Strecke von kaum einer halben Stunde viele bedeutende Fabriken in Bewegung; zuerst: die Kupfer- und Eisenhammer von Zamengo und Schlegel, dann sammtliche Werke der Industriegesellschaft von Paly, bestehend aus z\vei mechanischen Mlihlen, Gerstenrolhverken, Reisent- hiilsungsmasehinen und einer gross- artigen Brauerei. Bevor das Flliss- chen in die ATippach fallt, betreibt es noch die Rothgarnfiirberei und die mechanische Baum\vollspinnerci Die Bahnfahrt. 156 von Minerbi, die erstere beriihmt wegen der schbnen rotben Farbe ihrer Game, welche wedervon Schweizern noch von Franzosen und Englandern erreicht wird. Von Storia kommtman nach W i p- pach, einem anmuthig gelegenen Marktflecken. Ober dem Markte liegt eine Buine, von der man eine sebr schbne Aussicht iiber dasganze Wip- pacher Thal bat. In der Nahe von Haidenschaft liegt sehrmalerischauf einer Anhohe das Dorf tmd Schloss Heil. Kreuz, Eigenthum des Grafen Attems. Auf dem halben Wege von Sessana nach Prosecco durchsclmeidet die Bahn in der Gegend von Opschina die Triester Poststrasse, und senkt sich allmalig vom Gebirge an’s Meer hinab. Station Prosecco. Pie Station ist eine Meile von der vorigen entfernt. Der Ort PrOSeCCO, von welchem die Station den Na¬ men h at, liegt links von der Bahn. Von Triest aus fiihrt eine freund- liche Fahrstrasse iiber Contovello dahin. Prosecco ist seines guten cham- pagnerartigen Weines wegen be- riihmt, es liat auch einige gute Gast- hauser. Bis Sessana ist die Bahn in einem ziemlich giinstigen Gefalle gelegt, erst hinter der Station Sessana, die gegen 1200 Fuss liber der See liegt, beginnt das grossere Gefalle. Station Nabresina. Auch der Name dieser Station ist ein slavischer und wird nicht Na¬ bresina, sondern Nabresina ausge- sprochen (na bresina, am Ufer), die dortige "VVasserleitung hingegen er- hielt den italienischen Namen aque- dotto di Aurisina. Tom Stationsplatze Nabresina an reiht sich eine štete Folge grossarti- ger Bauo.bjekte bis zu dem Bahnhofe von Triest. Gleich ausserhalb der Station musste iiber die Thalvertie- fung gegen die Uebersetzung der italienischen Strasse ein ansehnli- clier Viadukt von 340 Klftr. Ltinge und gegen 60 Fuss Hohe gebaut wer- den, er heisst Viadukt von Santa Croce und ist das llingste Bauwerk der Karstbahn, sehon von vveitem ein imponirender Anblick. Der Via¬ dukt bat 42 Hogeii; 2 mit 10 Klftr., 40 mit 5 Klftr. Oeffnung; er ist ganz aus dem in der Nahe gebroche- nen Marmor-Muschelkalk gebaut, demselben, aus dem die Eomer und Venetianer in alter Zeit ihre schon- sten Gebiiude aufgefiihrt haben; der Steinbruch triigt noch den Namen cava Romana. Mehrere der pracht- vollsten alten Palaste Venedigs sind von diesem Marmor. Er nimmt einen 'A b Nabresina. 158 Die Bahnfahrt. schonen Schliff an und wird jetzt in Triest zu feinenSteinmetz- und Bild- hauerarbeiten verwendet. Ton dem Viadukte kommt die Balin nach einerkurzcnDammstreke in einen sanft gekriimmten, bis 10 Klftr. tiefen Einschnitt, dessen hohe Felswande jede Aussicht abschnei- den. Man passirt eine Felsenspitze, der Einschnitt offnet sicli und wie mit einem Zauberschlage liegt das ganze weite Meer vor uns. In einer Hohe von mehr als- 400 Fuss iiber dem Meeresufer iiberblickt man die Kiiste von Triest bis Pirano, gegen- fiber im VVesten liegen die Niede- rungen der alten Romer-Niederlas- sung von Aquileja, dariiber hinaus aber dehnt sich der unermessliche, nur vom Himmel begrenzte Spiegel des adriatischen Meeres aus. Von diesem Punkte an musste die Bahn- anlage an den steilen Gebirgsabhan- gen gegen das Meer gefiihrt werden und man fahrt eine ziemliche Strecke dicht am Meere hin. Man passirt das im gothischen Style ausgefiihrte Gebaude der grossartigen Wasser- leitung (die Wasserleitung von A uri si na, s. unten bei Triest). Station Grignano. In der Mitte dieserBahnanlage am Meeresufer liegt dieStation Grignano. Dieselbe hat ihren Namen von der in dieSee vorspTingenden Purita Gri¬ gnano, wo sich der herrliehe Bau des erzherzoglichenSchlosses Mira¬ ni ar (ein spanischer Name, welcher „Blick auf’s Meer“ bedeutet) er- hebt. Die Station liegt eine Meile von Nabresina und ebenso Aveit von Triest entfernt, 160 Fuss iiber der See, in bezaubernder Lage mit der prachtvollsten Aussicht auf das Meer. Von hier aus mussten mehrere kurze, aber durch ihreHohe bemerk- bare Viadukte iiber tiefe Schluchten erbaut \verden. Vor dem Orte Bar- cola sieht man die schone Bogen- stellung eines 168 Klftr. langen, 60 Fuss liohen Viaduktes aus Triester Sandstein. Unmittelbar nach diesem Viadukte folgt ein tiefer Einschnitt, zum Tlieil tunnelartig eingewolbt. Von hier an ist die Bahn an den steilen "SVanden bis zu dem Tunnel bei Triest gefiihrt. Der Tunnel vor Triest, der siebente in der Bahnan- lage, 145 Klftr. lang, liegt unmit¬ telbar vor der grossartigen Station Triest, und bildet fiir diese ein lan- ges Abschlussthor. Zwischen diesem Tunnel und dem Anfange des Sta- tionsplatzes fiihrt ein Viadukt mit vollkommen geschlossenen Glasvvan- den iiber das Lazaretto nuovo, wo- durch jede atmospharische Beriih- rung mit der sanitatlichen Lazareth- imbarcation vermieden Avird. Dieser iiberdeckte Viadukt bildet zugleich eine Vorhalle des Stationsplatzes. Die Bahnfahrt. 159 Station Triest. Der Triester Statio nsp latz hat die bedeutende Flachenausdeh- nung von nahe 80.900 Quadratklftrn. oder 50 Joch, zu deren Gewinnung mehr als die Halfte der See zwischen dem neuen Lazareth und dem Molo Klutsch durch Abscarpirung des nahegelegenen Berges verschiittet wurde. Dieser Stationsplatz ist nach Ausdehnung und Anlage der grosste aller osterreichischen Bahnen. Der Babnbof liegt im Gebiete des Frei- hafens, mithin musste zugleich die Triester Handelsfreiheit und die ausser Triest beginnende Zolllinie beriicksichtigt werden. Deshalb be- steht der Bahnhof aus zwei Abstu- fungen: die untere, mit der Stadt in gleicher Hohe, 9 V 2 Fuss iiber der Meeresflache, noch im Freihafen- gebiete, der obere um 20 Fuss hoher, schon innerhalb der Zollgrenze. Der untere Bahnhof hat die Aufgabe, die Triester Schifffahrt mit dem Bahnverkehre unmittelbar zu ver inden, daher wurde hier ein eigener neuer Hafen angelegt, in dem mindestens 50 Kauffahrtei- schiffe Platz finden. Fiir diese Abtheilung des Bahn- hofes mussten nebst der Verschiit- tung der See noch die beiden Ge- birgswasser Tor rent e Klutsch und Tor rente Mart.es in liber- wolbt, ferner die Bahnhofsquai- mauer, die ausseren und inneren Molomauern erbaut werden, welche sammt dem verlangerten Molo Klutsch deri neuen Bahnhofshafen begrenzen. Der obere Bahnhof dient aus- schliessend demEisenbahnverkehre; hier waren andere nicht minder grossartige Bauten nothwendig. Das obere Plateau wurde bis zur Hohe von 22 V 2 Fuss liber das untere mit 80.000 Kubikklftr. Material auf- geschiittet; Begrenzungsmauern ge- gen die See, gegen den Packhof, gegen das Lazaretto und Stutzmauern gegen die neue Strasse nach Pro- secco gebaut; im Ganzen Mauern von 900Klftr. Lange. Endlich wurde die prachtvolle Strasse nach Pro- secco, 18 Fuss liber dem Balmhof- plateau, gegen 400 Klftr. lang, durch massenhafte Sprengungen an der Bergseite angelegt. Sie ubersetzt mit einem Viadukte das Rojanothal und den Torrente Martesin. Der obere Bahnhof umfasst die Aufnahmsgebaude der Passagiere, die Ab- und Aufgabsmagazine, den Packhof, die Lokomotiven- und Waggonsremisen, die Reparaturs- werkstatten, Magazine und das grosse Kohlendepot. Die Flache dieser Gebaude, mit Ausscliluss der provisorischen Auf¬ nahmsgebaude, betriigt zusammen 160 Die Bahnfahrt. 9260 Quadratklftr. Die noch im Bau begriffeneHauptfa^ade, gebildet von der Personenhalle, den Personen- aufnahmsgebauden, den Bureaux und Wohnungen der Bahnbeamten, endlich den zollamtlichen Bureaux wird 2400 Quadratklftr. Kaum ein- nehmen, so dass dann die Gesammt- flache der Bahnhofgebaude 11.660 Quadratklftr. betragen wird. ACHTE ABTHEILUNG. f T R I E S T. 11 Triest. 103 Triest. Der Bahnhof ist eine Viertel- stunde von der Stadt entfernt. Bei der Ankunft findet man eine grosse Auswahl von Omnibus, so wie von ein- und zweispannigen Fiakerwagen. Die Omnibus sind gut und geraumig, sie rufen dem Fremden den Namen des Hotels entgegen, zu dem sie die Reisenden fiihren. Wer zur Zeit eines lebhaften Fremdenverkehres in einem be- stimmten Hotel Platz finden will, fahrt besser mit Fiaker, weil der Omnibus wartet, bis seine Platze besetzt sind, und indessen die ge- wunschten Zimmer von den mit Fiakern sogleich fortfahrenden weg- genommen werden.Man zalile durch- aus nur die Taxe, deren Ueber- schreitung streng bestraft wird. Sie betragt fiir die Fabrt vom Bahnhofe in jeden Theil der Stadt (und umge- kehrt): mit Einspiinner 50 kr. mit Zweispanner 1 fl. L>as Gepiick, welclies man in der Hand tragt, ist dabei kostenfrei; fiir jedes Stiick Gepack grosseren Um- fanges: 10 kr. Der Einspanner ist nur verpfliclitet, z\vei Personen, der Zweispanner vier Personen aufzu-" nehmen. Der Platz im Omnibus kostet obne "Unterschied 14 kr. (Handgepack frei), fiir die Naclit- fahrt 20 kr. Gastbofe. Hotel de la vil le, das grosste und vornehmste. Es bat vier Stock- werke, die Hauptfront gebt auf das Meer, an der Riva Carciotti. Ločan da g ran de (GrandHotel) auf dem grossen Platze, auf einer Seite mit der Aussiclit auf denHafen. Hotel Tit tori a, demTergesteum gegenuber, elegant und solid. Aquilaneraam Corso, meistens von Italienern besucht. Hotel de France, am grossen Platze, als Hotel garni besonders zu empfehlen, mit der guten und billi- gen Restauration Miiller. Gastbofe mit massigen Preisen sind nocb: Albergo Daniel (Hotel Elise) in der Niihe der Borse, Co- rona ferrea in der via S. Nicolo, zum Pellegrino (Pilger) in der- selben Strasse. 11 * Triest. 164 Zum \veissen Ro s s el, gegen- iiber der grossen Kaserne,' mit Stal- lungen und Remisen. Zum Sandwirth, gegeniiber der Post, mit sehr billiger Restauration. Die Eilraderdampfer des Oesterr. Lloyd nach Venedig geben taglich, und zn-ar um 9 TJhrMorgens Yon Triest ab und langen nach sechs- stiindiger Fahrt in Venedig an. Die Schraubendampfcr gehen jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag um 12 TJhr Nachts voh Triest ab. Sie dienen vorzugsv-eise dem Giiter- verkelir, fahren langsamer, haben aber auch billigere Fahrpreise, als die Eilraderdampfer. DieStandorteder Omnibus zum Bahnhofe und die Strassen, durch ivelchc sie zu fahren haben, sind: 1. Lazaretto veceliio. Leip- zigerPlatz. Strasse desFisehplatzes. Hdtel de la ville. Neue Briicke liber den Canal grande. 2. Borsenplatz. Rothe Brucke und Doganastrasse. 3. Platz beim alten Schran- ken. Holzplatz. Corso. Kasernen- strasse. 4. Ponte dei Gelmi. Corsia Stadion. Caffe Chiozza. Contrada del Torrente. Die Omnibus miissen 20 Minuten vor der Abfahrt am Bahnhofe sein. Die Einspiinner stehen bei der Post, in der Corsia Stadion, auf dem Borsen-, Theater-, Leipziger und Ponte-rosso-Platz; dieZweispan- ner auf dem Ponterosso- und Bor- sen-Platze. Die Taxe fiir Fahrten mit Ein- spannern in jeden Theil der Stadt ist: bei Tag 30 kr. die Viertelstunde, 50 kr. die halbe, 75 kr. ’/» Stunde, 1 fl. die ganze Stunde, und 20 kr. fiir jede folgende Viertelstunde. — Nachts fiir jede Viertelstunde 5 kr. mehr. Zollbehandlung. Triest ist Freiliafen, daher bei der Einfahrt mit der Bahn keine Visi- tation. Bei der Ankunft zur See sind von der freien Einfuhr nur die Gegen- stande des Staatsmonopols: Tabak, Salz, Salpeter und Sehiesspulver ausgenommen, ferner Quecksilber, Spiegel, ungestempelte Kalender und Spielkarten. Bei der Abreise von Triest in’s Zollgebiet hingegen -wird eineUnter- suchung vorgenommen und zwar bei der Bahnfahrt im Bahnhofe selbst.— Hier gelten die fiir den Eintritt in Oesterreich iiberhaupt bestehenden zollamtlichen Normen (s. bei Boden- bach S. 3). Oebersiohtspunkte. Die Terrasse vor der Kirche S. Giusto bietet eine herrliche Aussieht liber Triest und das Meer. Nicht minder schon ist die Aussieht auf Triest. 165 das Meer und den Golf mit derBucht von Muggia vom Ferdinande um, auf dem Gipfel des Boschetto. Eine vollstandige Ansicht des Meeres und der Stadt mit den Cam- pagnen hat man vom O as teli. Der Leuchtthurm ist wegen der weitenAussiclit auf das Meer beson- ders zu empfehlen. Der Hafen. Triest hat eigentlich nur eine offene Rhede, in die sich mehrere Steindamme oder Molo’s erstrecken. Der bedeutendste ist: Der Mol o San C ari o, im Centrum der Stadt, auf dem Wrack des 1737 versunke- nen Kriegsschiffes gleichen Namens erbaut, ein sehr belebter Spazier- gang sowohl an Sommerabenden, als auch an heiteren Wintertagen, namentlich Sonntags, wo von 1—2 Uhr eine Musikbande daselbst zu spielen pflegt. Die linke Seite des- selben ist den Lloyddampfern ein- geraumt, an der rechten Seite liegen die kleinen Boote, Guzzi genannt, die theils im Hafen herum, theils in die Bader und zu interessanten Schiffen fiihren. (Die neueren gros- sen Lloyddampfer, die im Hafen ankern, vverden ihrer eleganten Ein- richtung wegen stets von Fremden besucht.) Am schonen, bedeutend verlan- gertemMolo F er dinan de o hab en die kleineren Schraubendampfer des Lloyd ihren Platz. An der Spitze des Molo Teresa liegt der Leuchtthurm, im Jahre 1833 erbaut. Er ist 106 Fuss hoch und hat einen Leuchtapparat nach FresnePschenSystememiteiner gros- sen Moderateur - Lampe und zwei concentrischen Dochten. (Der Zutritt zum Leuchtthurm mittelst Erlaub- nisskarte des Platzkommando’s.) Jenseits des Leuchtthurmes liegt die Bucht von Servola, der Sta- tionsplatz der k. k. Flotte. Die sehr interessante Besichtigung der k. k. Kriegsschiffe unterliegt keinem Anstande, besonders in den Mittags- und Abendstunden (nach den Exer- citien). Man \vendet sich an den \vachhabenden Officier. Badanstalten. ZvveiBader sind in derStadtselbst, von siissem und von Seevvasser. Ein Bad im Hotel de la ville: 1 fl. 5 kr.; bei Oestcrreicher, am Ende der Via del Lazzaretto vecchio: 88 kr. Seebad- und Sc h w im m a n- stalten alle Sommer im Hafen. Die Milit ar - Schvvimmschule, mit sehr billigem Tarife. Tarif des Stabilimento balneario Maria. fl. kr. 1 Bad in einer Badekammer . — 42 „ imGesellschaftsbade fiir Damen. — 35 166 Triest. fl. kr. 1 Bad im Gesellschaftsbade fiir Herren.— 32 1 Bad imBassin fiir 2 bis 4 Per- sonen.1 60 1 Bad im Bassin fiir 2 bis 3 Per- sonen.1 30 Abonnement: Hin- fahrt Das Abonnement beginnt den 18. Juni und endet den 31. August. Schwimmunterricht: Fiir Eine Lektion . . . — fl. 25 kr. „ die ganze Saison . 8 „ 40 „ Tarif der Barken zum Stabilimento balneario Maria: Hin- Riick- fahrt fahrt Yon der rcchten Seite des Molo S. Carlo, von der neuen Brucke am Canal und von der Stiege gegeniiber dem Hotel de la ville — fiir 1 Person . . . 4 kr. 2 kr. Riick- fahrt Von der rechten Seite des Molo del Šale und der Riva della Sanita fiir 1 Person ... 7 kr. 4 kr. Bei mehreren Personen, jede.4 Von den Molo’s Ferdi- nando und Sartorio, fiir 1 Person ... 11 Bei mehreren Personen, jede.6 Priv at-S eeb iider mit Breter- boden fiir Nichtsclrvvimmer und ge- sehlossenen Badekammern fiir Da- men. Angeli in der Nahe der Sauitat. Die alteste Badeanstalt in Triest. Galleggiante Nazionale des F. Bosoaglia beim Molo del Šale. 1 Bad in einer Badekammer: 1 Per¬ son 40 kr., 2 Personen 60 kr. Abon¬ nement auf 12 Bader: 4 tl. 20 kr.; fiir die ganze Saison: 12 fl. 50 kr. Gesellsckaftsbad fiir Damen a 30 kr., 12 Bader: 3 fl. 50 kr., die ganze Saison: 10 fl. 50 kr. Fiir Herren im grossen Bassin: 25 kr., 12 Bader: 2 fl. 50 kr., die Saison: 7 fl. 50 kr. Die neueste Badeanstalt, das Sta¬ bilimento balneario Maria, von Ferrari und Chiozza erriclitet, liegt dem Hotel de la ville gerade gegeniiber, in geringer Entfernung Triest. 167 vom Ufer. Das Badegeriist, 186 Fuss lang, 86 breit, rubt weder auf Boo- ten noch Flbssen, ein Kasten aus Gusseisenrohren bietet bei dem leichtesten Aussehen den starksten Stiirmen Trotz. Die Anstalt hat eine breite Treppe, Peristyl, Saal, Vor- saal und Kaffehaus; Herren- und Damen-Vollbader, geraumige und wohlmoblirte Badekammern fiir Fa- miiien- und Einzelnbiider. Die von vier kleinen Thiirmen flankirte Fa¬ rade hat sechs Bogen, einen ausse- ren Gang und Seitengallerien fiir Herren und Damen; die letzteren haben weiblicheBadebedienung. Die Einrichtung ist reichundgeschmack- voll, die Bedienung ausgezeichnet. Ausser diesen stabilen Seebadern ist ein als sclrvvimmende Badekam- mer eingerichtetes Boot am Mol o S. Carlo (derEigenthiimerheisst Onesto) zu miethen, mit dem man an jedem beliebigen Punkte der Rhede baden kann. Traiterien. Nebst den oben genannten Gast- hofen gibt es noch viele kleinere Gasthauser (trattorie), wo man bil- lige Kost findet, in mehreren dersel- ben auch gutes steirisches Bier. Bei m Jose f, am teatro filodram- matico, bekannt durch sein gutes Bier, viel von Deutschen besucht. In letzterer Beziehung steht ihm der Tiroler in der Altstadt gleich. Hub er, in der Casernstrasse, gegen- iiber dem deutschen Kaffehaus. Die Bierhalle in der Kahe des Gadola- Platzes. Buon Pastorein der con- trada San Nicolo. Mehrere Etablissements dieser Art haben kleineGiirten, als: zum Hir- s c h e n am Acquedotto, zum L d \v e n an der Corsia Stadion, zum g run e n Berge (Monte verde), zur Seal a d’oro. Sehr besucht ist seiner scho- nen Aussicht wegen der Berger’- sche Garten unterhalb des Castells mit einem eleganten Salon. Caffe’s. Die Kaffehiiuser in Triest sind sehr zahlreich. Wir nennen nur die dem Fremden interessantesten: Das Caffe im Hotel de la ville, am Hafen. Nahe daran, gegeniiber der griechischen Kirche, das Caffe To¬ mas o mit besonders gutem Kaffe und ausgezeichnetem Eis. Caffe degli specchi am gros- sen Platze, sehr besucht. Am Anfange des Acquedotto, das Caffe Ferrari unter den soge- nannten Volti (Hallen) di Chiozza, im Sommer sehr kuhi. Ferner sind erwahnenswerth als namentlich von Deutschen zahlreich besucht: Das Caffe Stellapolare und das Deutsche Kaffehaus,beide in der Nahe der Post. Triest. 168 Buchhandlungen. M ii n s t e r im Tergesteum, Schimpff am Borsenplatz, Co- lombo Coen und Schubert am Corso und S ar a val in der Bothen Briickenstrasse. Kunsthandlungen. Habnit am Borsenplatz, Sca- b a r vis-a-vis dem Caffe Stella Polare, Tedesehi, Contrada Cavanna. Bilder- und Rahmenhand- lung des W. Schollian am Corso mit einer Auswahl vdn Gemalden neuerer Meister. Kaufladen. Seiden-Stoff-, Quincailierie- und Bijouterie-Handlungen sind einige auf der Via ponte rosso, die meisten am Corso zu finden. Die Stadt. Der erste Gang des Reisenden ist stets zum Hafen, denn hier ist das Interesse der Seestadt concentrirt. Die Besichtigung der Stadt ge- sehieht daher meistens von der Seite des Hafens aus. Eine besondere An- nehmlichkeit der Neustadt Triestfs ist das sclione Pilaster aus grossen Quadern. Der Canal grande. Geht man auf der Riva Carciotti, so genannt vom Paiaste Carciotti neben dem Hotel de la ville, von Triest. 169 Ende des Canals wurde 1830 nach dem Plane des Architekten Pietro Nobili (Erbauer des Burgtkores in Wien) v on Valentino'V alle im griechi- schen Style erbaut. Unter den secbs Altarbildern sind die heil. Anna v. Grigoletti, der Gekreuzigte von Tun- ner, Maria Opferung von Schiavoni, S. Antonio von Politi, und die 4 Martyrer von Cipparini beachtens- werth. Wir kehren nun an den Molo zu- riick, am Hotel de la ville voriiber. Nahe daran liegt die griechische Kirche San Nieol6, 1782 erbaut j reich ausgestattet, mit z\vei schonen neuen Gemalden, Predigt Joliannes diesem Hotel et\vas nach rechts, so kommt man zum Canal grande, der, eine Merkwiirdigkeit der Stadt, sich tief hinein erstreckt bis zur Kirche S. Antonio nuovo, und grosse Kauffahrteischiffe birgt, die hier in der Stadt selbst ihre Ladungen lo- schen oder aufnehmen. In der Mitte des Canales ist eine Drehbriicke, Ponterosso, zur V er- bindung der beiden Stadttheile. Am Anfange des Canals aber wird die Uferverbindung durch eine eben voll- endete neue, aus dem Stabilimento tecnico hervorgegangene Drehbriicke bewerkstelligt. Die Kirche S. Antonio nuovo am Triest. 170 Bapt. undChristus segnet dieKinder, vom Maler Dell’ Aqua (Triestiner, jetzt in Belgien). Sie hat einen Archi- mandriten zum Vorstande. Sonntags 10 TJhr und taglicli Morgens von 9—6, Abends von 5—7 TJhr, kann man den griechiscli-orientalischen Cultus dort kennen lernen. Einige Schritte von hier, beim Caffe Tomaso voriiber, kommt man auf den Borsenplatz (Piazzadella Borsa). Hier ist das Tergesteum, das bedeutendste und imposanteste Ge- biiude der Stadt, derBrennpunkt des Triester offentlichen Lebens; ein grossartiges viereckiges Gebaude, welches ein ganzes Strassenviertel einnimmt, und imlnnern durch einen mit Glas gedeckten Kreuzgang gegen alle Launen des NVetters geschiitzt ist. Es wurde von einer Aktiengesell- schaftmit dem Capital von 750.000 fl. C. M. erbaut. Hier sind die Haupt- Bureaux und die Druckerei des osterr. Lloyd, die Lesesale desLloyd und des kaufmannischen Yereines; hier findet man die Zeitungen aller Lander in allen Sprachen; hier er- fahrt man die Ankunft aller Segel- und Dampfschiffe. Jedes in Sicht be- findliche Schiff -\vird am Leucht- thurme mit Signalflaggen und Ku- geln und sogleich auch mittelst eige- ner Tafeln an den Thiiren des Ein- schreib-Bureau des Lloyd und im Kreuzgange des Tergesteums ange- zeigt. Der Name jedes angelangten Handelsschiffes \vird nebst seiner Ladung und Bestimmung sogleich in einBuch eingetragen, welcheshierzu Jedermanns Einsicht aufliegt. NVer eine Correspondenz zu besorgen hat, findet ein eigenes mit Schreibma- terial versehenes Zimmer. Die Lesesale des Lloyd, die reich- sten an Zeitungen im ganzen Lande, bestehen aus 3 Abtheilungen. In der ersten liegen italienische, franzosi- sche, englische, griechisclie etc.Bliit- ter; in der zweiten alle interessan- ten deutschen Zeitschriften; in der dritten Correspondenzen der aus- \vartigen Handelsplatze und See- hiifen, Berichte der Lloyd-Agenten und Capitline, die Namenslisten der mit den Lloyd-Dampfern angekom- menen Passagiere. Der Fremde kann immerhin eintreten, bei langerem Aufenthalte kann er, von einem Mit- gliede eingeschrieben, einen Monat lang unentgeltlich die Lesezimmer besuchen. Im Conversationssaale \vird auch Schach und Domino ge- spielt. Erfrischungen im anstossen- den Caffelokale. Das Borsengebaude liegt neben dem Tergesteum, ebenfalls von einer Aktiengesellschaft erbaut. Der Bau wurde vom Architekten Molinari im dorischen Style mit einer Siiulen- fa^ade ausgefiihrt und kostete Triest. 171 360.000 fl. C. M. Der Saal des Erd- geschosses hat Plafond-Fresken vom Venetianer Carlo Bevilaqua. In dem Gebaude befindet sich das Borsen- amt, die Spar-’und Scontocasse, das Telegraphenamt und die Filiale der Nationalbank. Als Borse selbst aber \vird es nickt beniitzt, weil derRaum zu klein gevvorden. Die Borse wird im Kreuzgange des Tergesteums von 12—2 Uhr abgehalten. Vor dem Borsengebaude steht ein Brunnen und das Standbild des Kaisers Leopold I. , 1660 errich- tet. Nahe am Borsenplatze liegt der grosse Platz, Piazza grande, vom Municipalitiitsgebaude mit der Hauptwache, der Loeanda grande, und einigen Privathausern einge- schlossen, jedo eh mit freier Aussiclit auf den Hafen. In der Mitte des Platzes die Bildsaule Carls VI. vom J. 1728, und der grosse Brunnen vom J. 1750 nach dem Plane von Mazzoleni, einen aus grossen Karst- steinen gebildeten Felsen vorstel- lend. Die vier Eckstatuen sind die Symbole der 4 Welttheile (Afrika aus schvvarzem Marmor). Hier ist auch die kleine aber sehr alte Peterskirehe 1367 erbaut. Wir gehen von der Piazza grande auf den Borsenplatz zuriick in die Hauptstrasse von Triest, den C o r s o, der sich von der Piazza della borsa bis zur Piazza della legna (Holz- platz) erstreckt. Der Corso, eine sehr belebte Strasse, trennt die Neustadt von der Altstadt. Die Altstadt. Die Altstadt liegt rechts auf- warts gegen den Hiigel des Castells. Sie hat enge, steile Strassen, die grossentheils krumm gebaut sind, um das Eindringen der Bora zu ver- hindern. Am Wege zum Castell liegt die ehemalige Jesuiten-,jetztPfarrkirehe S. Maria Maggiore, 1627 erbaut. Die Kirche hat eine Madonna von Sassoferato, in der Chorrundung ein grosses Freskobild von Santi, oben: Gott Vater, die Himmelskonigin und Engelsschaaren, unten: links die Vertreibung aus dem Paradies, — rechts Moses und die Propheten. Auf dem Hiigel unterhalb des Cas¬ tells, zu ivelchem ein ziemlich stei- lerWeg hinauffuhrt, liegt die Dom- kirche, Cattedrale S. Giusto, ein altehnviirdiger Bau, entstanden aus der Vereinigung von zwei in grauer Vorzeit getrennten Kirchen; deren eine aus dem vierten Jahrhun- dert stammt, mit drei Schiffen im Style der romischen Basiliken, wah- rend die andere, dem Miirtyrer St. Just geweiht, das Geprage der Justiniani- sehen Zeit triigt. Die 2 Mosaiken im Innern der Kirche, Christus und Triest. 172 Maria, stehen den Tenetianern weit nach. Ein schivarzer Marmorstein mit Messingschrift bezeichnet das Grab des in Triest 1855 verstorbe- nen Infanten von Spanien, Don Carlos. In der St. Just-Capelle \vird der neue Votivaltar fiir die Eettung des Erzherzogs Ferdinand Max aufge- stellt, mit Marmorarbeiten v o m Ve- netianer Luigi Ferrari. Der Gloekenthurm des Domes wurde um das Jahr 1000 mit einer einzigen Mauer auf den Triimmern eines Tempels der capitolinischen Gottheiten (Jupiter, Juno und Mi¬ nerva) erbaut, -svelche bereits friiher als Atrium zu einer Basilika der heil. Maria gedient liatten. Zwisehen 1337 bis 1343 ivurde er mit einer zweiten, soliden Mauer iiberkleidet, zwischen den beiden Mauern aber die Stiege angebracht. Zu dieser Ueberkleidung wurden Fragmente des altromischen Baues vervvendet, die bei Untersuchungen neuerer Zeit vvieder ausgeschieden und im Museo AVinkelmann aufbevvahrt \vurden. Diess ist ein kleiner freier Platz, friiherGottesaeker, neben derKirche, der dem Fremden vom Kiister ge- offnet wird. In einer kleinen Halle steht hier das Denkmal Winkel- mann’s, der 1768 in der Locanda grande von einem Italiener aus Hab- sueht ermordet wurde. Auf der Terrasse vor der Kirche ist das Grab desHerzogs vonOtranto (Josef Fouche), der 1820 in Triest starb. Das C a s t e 11 ist nur seiner Lage vvegen merkvviirdig, denn es be- herrseht die Stadt von der Spitze des Hiigels, wo einst das romische Capitol stand, steht liber der Dom- kirehe, und liat auf der Plattform eine herrliclie Aussicht auf Stadt und Hafen. Der Bau des Castells ivurde auf Befehl Friedrichs III. 1508 begon- nen, 1680 vollendet, nebst der Schanze St. Tito auf dem benach- barten Hiigel. Der Eintritt nur gegen Karte des k. k. Platzkommando’s; allein der Platz vor und hinter dem Castell bietet dieselbe Aussicht. Palaste. Besonders zu erwahnen sind der Palazzo Carciotti an der Eiva gleichen Namcns, gegeniiber dem Hotel de la ville. Palazzo Eevoltella in der Contrada del Lazzaretto Tecchio, Eigenthum des Eitter von Eevoltella, neu erbaut nach dem Plane des k. preuss. Baurathes Hitzig und fiirst- lich ausgestattet. Praclitvolle Farade mit 4 schonen Statuen vom Vene- tianer Bosa, und einem Balkon im Iiundbogenstyle. Auch die innere Einrichtung ist unter Leitung des Triest. 173 Ingenieurs Sforzi prachtvoll ausge- fuhrt. Yier Statuen anf der grossen Stiege von carariscliem Marmor (die Jahreszeiten) nach Modellen von Canova und ThorwaIdsen. Die Siiu- len des Portikus von Karst-Marmor, der Fussboden von kiinstlichem Mar¬ mor aus der Fabrik Galimberti in Mailand. In derselben Strasse ist das Pa- lais Ara in venetianischem Ge- schmack, und ein anderes desselben Eigenthiimers am Canal grande. dem Tergesteum und dem Molo San Carlo; im J. 1800 vom venetiani- schen Arcbitekten Selva erbaut. Es hat 6 Stockwerke und fasst liber 1300, der Redoutensaal iiber 2000 Personen. Die Logen vverden auf 3 Jahre vermiethet und sind daher fur einzelne Yorstellungen nicht zu haben. Die Parterre-Sperrsitze aber sind bequem, und die offenen in den letzten Reihen billig. Jahrlich zwei- mal Opernvorstellungen. Die erste Saison vom halben September bis Teatro grande. Theater. Triest hat jetzt vier Theater. Das Teatro grande zwischen Anfang Dezember hat die bessere Oper, die zweite von Weihnachten bis zur Charvoche dasbessereBallet. Nach Ostern: italienisches Drama. Triest. 174 Oeffentliche Institute. Teatro Armonia, aufderPiaz- za della legna (Holzplatz), eben erst vollendet; gebaut vom Architekten Dr. Scala aus Udine. Es umfasst einenFlachenraum von 200 Quadrat- klaftern. Die reichmitStukkaturver- zierte Fapade ist im lombardischen Style gehalten. Die 14 Cariatiden des Hauptgesimses sind von Angelo Cameroni. Die Frontseite hat fiinf Eingange (nebstdem sind noch zwei Seitengange), die Schaubiihne ist im ersten Stock. Das Parterre fasst 4—500 Personen, im fiinften Stock- werke ist eine amphitbeatralisch ge- baute Gallerie, die fiir eben so viel Personen Raum hat; der zweite Stock hat ein elegantes und gerau- miges Foyer, in dem 250 Personen Platz haben. Im Carneval sind hier elegante Balle. Das Teatro Mauroner, von Leopold Mauroner nach dem Plane Ferrari’s gebaut, ein gedecktes, mit grossen Fenstern versehenes Amphi- theater, fiir Tag- und Nachtvorstel- lungen geeignet. Es fasst gegen 3000 Zuseher. Im Laufe des Jahres wird es abwechselnd als Circus fiir Kunst- reiter und als Theater fiir Drama und Oper beniitzt. Im Carneval sind hier die Balle fiir die unterenStande. Das Teatro Filodrammatico ist nur ein kleiner Saal mit zwei Gallerien, der an Schauspielgesell- schaften vermiethet wird. Der Charakter der Seehandels- stadt ist allen offentlichen und Pri- vatanstalten der Stadt Triest einge- pragt. Sie ist der Sitz der k. k. Central- Seebehorde (Yia della nuova sa- nita), welclier die Leitung und Ueber- waehung des Hafendienstes und des See-Sanitatsdienstes in allen Seebe- zirken des Reiches zusteht. Unter ihr stehen das Central-Sanitatsamt, das See-Sanitats-Lazareth, alle Ha- fen- und Sanitiits - Deputationen. Agentien und Exposituren des ge- sammten Litorales. Eine spezifische Unterrichtsanstalt ist die k. k. H and e ls- und n a u ti¬ se h e Akademie (Piazza Lipsia) zur Ausbildung der Jugend fiir Han- del, Schifffahrt und Schiffbau, mit Cabinetten und Sammlungen fiir Nautik, Physik, Astronomie (magne- tisches Observatorium), Naturge- schichte und AVaarenkunde (mit che- mischem Laboratorium), Schilfbau- kunde und Zeichnung. Ein astronomisc h-n autisches Observatorium unter der Lei¬ tung des Professors Franz Schaub (Chiarbola inferiore). Eine besondere Spezialitiit der Stadt Triest ist das grosse \veltbe- kannte Institut des Oesterreichi- schen L1 o y d. Triest. 175 Der europiiische Ruf des Lloyd ist in seiner, die gesammte Dampfschiff- fahrt des adriatischen und schwar- zen Meeres seit Jahren beherrschen- den Stellung, anderseits in seinen ausgebreiteten literarisch - artisti- schen Unternehmungen begriindet. Er wurde im J. 1833 nach dem Muster des Londoner Lloyd von einem Yerein von Kaufleuten ge- griindet und bestand anfangs nur aus den Assekuranz-Kammern, die jetzt die I. Section bilden. Gegenwartig bestelit der Llovd aus 3 Sectionen. Die I. Sekt ion sind die Ter s i- clierungskammern, der Mittel- punkt fiir alle Angelegenheiten der Schifffahrts - Assekuranz, fiir alle Handels- und Schiiffahrts-Nachrich- ten ; und die Leitung der Hilfelei- stungen in Fiillen von Seegefahren oder Verlusten. D i e II. S e k t i o n ist d i e D a m p f- schifffahrts-Gesellschaft. Sie wurde im J. 1836 gegriindet, und begann ihre Turksamkeit zur See am 15. Mai 1837 mit ihrem ersten in London gebauten Dampfer „Erz- herzog Ludwig“ Nr. 1, welcher an j enem Tage seine erste Fahrt nach Constantinopel antrat. Jetzt besitzt der Lloyd 68 DampfschifFe, mit wel- chen er die Fahrten nach Venedig, Istrien, Italien, Dalmatien, Griechen- land, der Levante, Alexandrien, Spa- nien und auf dem schwarzen Meere macht. Die III. Sektionistdie litera¬ risch-artistisc h e Abtheilung. Sie umfasst die Redaktionen der von ihr herausgegebenen Zeitschriften, die Druckerei. die Kunstanstalt und die Lesesale. Die Sektion gibt folgende Zeit- schriften heraus: Osservatore Triestino, das offizielle Provinzialblatt politischen und kommerziellen Inhaltes. Ferner werden daselbst gedruckt: Die Triester Z e i t u n g, T ag- blatt fiir Politik und kommerzielle Interessen. Diavoletto, ein po- pulares Tolksblatt. Die griechisclie Zeitung „Hp.spa w 'der Tag), eine Tfochenschrift; der \vochentlich zvveimal erscheinende „Novellicre w ; das taglich erschei¬ nende Terzeichniss der ein- und aus- gelaufenen Schiffe (il listino). Ferner die Monatschriften: Das Illustrirte Familienbuch und die Letture di Famiglia. Die Buchdruckerei hat sieben Schnellpressen und eine eigene Schriftgiesserei. Die Kunstanstalt hat ein Stahl- und Kupferstich-Ate- lier, dann eine Kupfer- und Stahl- druckerei mit 18 Pressen, und ein photographisches Atelier. Die Bureaux des Lloyd sind Triest. 176 im Tergesteum, und zwar die II. Sektion, 3. Stiege, 2. Stock. Hier ist auch das Bureau der Direktion, der Sitzungssaal, das Bu¬ reau des General-Sekretars. Die Einschreib-Bureaux fiir die Reisenden, Aufnahme und Ex- pedition der Frachten: auf derselben Seite des Hauses im Erd- geschosse. Hier ist auch das Infor- mations-Bureau der Anstalt, welches iiber alle die Anstalt betreffenden Gegenstande, namentlich beziiglich der Dampfschifffahrt, Auskunft gibt. Unter der II. Sektion stehen die beiden Lloyd - Arsenale. Das alte Lloyd-Arsenal liegt am Ende der contrada del Lazza- retto ve cehi o. Ein Oberingenieur und 14 Werkfiihrer leiten die fiir die Dampfer und Maschinen der Anstalt nothigen Arbeiten, bei welchen 800 Personen beschiiftigt sind. Das neueLloyd-Arsenal liegt an der Promenade nach Servola. Der Bauplatz -vvurde dem Meere ab- gewonnen, indem die alte unebene Strasse abgegraben, erweitert, mit Stiitzmauern versehen und mit dem abgegrabenen Erdreich eine Strecke des Hafens yerschiittet wurde. Das theils fertige, theils schon sehr vorgeschrittene Arsenal besteht aus zwei Abtheilungen, wovon die eine ; ausschliesslich dem Schiflfbaue gewidmetj schon seit langerer Zeit in Beniitzung ist. Die zweite Abthei- lung ist ganz fiir den Maschinenbau bestimmt, so dass die in der ersten Abtheilung erbauten oder reparirten Schiffe hier vollstandig ausgeriistet werden. In der Mitte der beiden Ab¬ theilungen erhebtsich einThurm, von dessen Plattform man eine herrliche Aussicht auf Triest und denHafenhat. An der Seeseite ist das ganze Arsenal durch eine Quaimauer be- grenzt, \velche das Anlegen jedes Schiffes zulasst und worauf sich die Krahne zum Yersetzen der Ivessel und Maschinentheile in die Schiffe behnden. Der Plan des Ganzen ist vom Architekten Hansen, der Ent- wurf fiir die Wasserbauten vom In- genieurHeider, dem auch die Leitung des ganzen Baues iibertragen ist. In der unmittelbaren Nahe des Lloyd-Arsenales werden jetzt fiir Rechnung des Pensionsfondes eine grossere Anzahl von Arbeiterwoh- nungen gebaut. Eintrittskarten zur Besichtigung beider Arsenale: im Bureau der II. Sektion (Tergesteum 3. Stiege, 2. Stock). Promenaden. Ausser dem Corso und dem Mol o San Carl o, die besonders im Sompier Abends, im AVinter Mit- tags stark besucht \verden, ist die Promenade von St. An dre vorziig- lich zu erwahnen. Vom alten Laza- Triest. 177 reth fiihrt eineFahrstrasse gegen das Meer hin und theilt sich am Fusse eines Hiigels in zwei Wege, der eine den Hiigel hinauf, der andere am Meeresufer hin, bis sie beide zusam- mentreffen. Der Spaziergang bietet die schone Aussicht auf das Meer und den Golf, die friaulische und istrische Kiiste, die Bucht und das Stadtchen Muggia, das Dorf Servola aufeiner Anhohe, dasLloyd-Arsenal. Ein besucbter Sommerspaziergang ist der desAcquedotto, eine breite mit Akazien und Linden besetzte Strasse, an deren Ende sich das Caffe cosmopolita befindet, wo zwei- mal wochentlich Militarmusik. Ton hier gelangt man links in den neuen offentlichen Garten (giardino publico) an der Fahr- strasse in’s Boschetto, mit einem eleganten Kaffehause. In der Nahe ist der neue Prater mit einem Gast- hause. Tom Acquedotto fiihrt eine Fahr- strasse in’s Boschetto, einen mit Eichen bewaldeten Berg, auf dem sich mehrere Gasthauser mit kleinen Garten befinden. Der Fussweg geht rechts von der Fahrstrasse etwas steiler hinauf. Auf dem Gipfel des Boschetto befindet sich das Ferdi- nandeum — ein stattliches, palast- artiges Tergniigungs-Lokal, welches mit einem, dem Kaiser Ferdinand I., der diesen Wald der Stadt schenkte, gewidmeten Monumente geziert ist. Dasselbe wurde nach dem Plane des kon. preussischen Baurathes Hitzig ausgefiihrt und enthalt unter andern einen sehr geraumigen und elegan¬ ten Ballsaal. Die Aussicht von die- sem Punkte ist eine \virklich entzii- ckende. Nicht weit davon liegt in der Mitte eines reizenden Parkes das anmuthige Sch\veizerhaus des Herrn P. Ritter v. Revoltella, der auf dieser vor wenigen Jahren noch rauhenStatte einen prachtigenLand- sitz mit einem reichlich ausgestatte- ten Treibhaus schuf. Auf einem noch hoher gelegenen Punkte erhebt sich die von Herrn Botaccin erbaute Ruine — die eine bezaubernde Rundsicht gewahrt. Entstehung und Wachsthum der Stadt Triest. Triest ist eine uralte Stadt, schon im siebenten Jahrhundert von tracischen Einwanderern gegrtindet. Seine eigentliche Bliite beginnt un¬ ter Kaiser Karl TI., der 1719 Triest und Fiume zu Freihafen erklarte. Maria Theresia setzte das Werk ihres Taters fort, die Handelsinten- danz, die Borse, die erste Asseku- ranzkammer sind Schopfungen der grossenKaiserin, unter denBauwer- ken: der Molo SanCarlo, die Mauth, der Canal grande, das Statthalterei- gebaude, das neue Lazareth, das Spital, die Kaserne. 12 178 Triest. Durch den Aufsehvvung des Han- dels mit der Levante nahm die Ein- wanderung aus allen Theilen Euro- pa’s, namentlich aus Griechenland, fortwahrend zu (den Griechen wurde 1751 freier Kultus und eine eigene Kirche bevvilligt). Zur Zeit des Ab- lebens der Kaiserin Maria Theresia hatte sich die Seelenzahl von 6000 auf 17.000 erhoht. Enter Kaiser Joseph II. war der Aufschwung Triesfs fortwahrend im Steigen. Die evangelfsche Confession erhielt freien Kultus, der Ghetto \vurde aufgehoben, die Israeliten zu den Borsen- und Municipalamtern ermiichtigt; dadurch nahm die Ein- vvanderung zu, neue Fabriken ent- standen, derSchiffbau machte grosse Fortschritte. Die Zeit der franzosischen Invasio- nen von 1796 an vvar ein Stillstand fur das Gedeihen der Stadt. Erst 1813 wurde mit Deutschland aueh Triest, das immer getreu zu Oester- reich gehalten hatte, von der Fremd- herrsehaft befreit. Es wurde die Hauptstadt des osterr. Kiistenlandes mit dem verdienten Priidikate: „die Getreueste“ und ging einer neuen EpochederWohlfahrt entgegen. Von 1814 bis 1836 war jedes Jahr dureh einen bedeutenden kommerziellen Fortschritt bezeichnet. Die Handels- akademie wurde eroffnet, 1833 der bsterreiohische Lloyd gegriindet — drei Jahre spiiter waren seine Dam- pfer schon auf der See, den 12. April 1837 fuhr der erste Lloyddampfer nach Constantinopel. Das Jahr 1848 ging an dem loya- len Sinne der Triester ohne Nachtheil voriiber; 1850 wurde es zur reich s- unmittelbaren Stadterhoben und das Freihafenprivilegium bestatigt. In diesem Jahre wurde auch die Central-Seebehorde erriehtet, von Sr. Majestat dem Kaiser Franz Josef derGrundstein zumBahnhofe gelegt, und die Bahnarbeiten begonnen, mit deren Vollendung die Stadt Triest einer neuen glanzenden und hofif- nungsvollcn Epoehe entgegen sieht. Lage und Klima. Triest liegt am Fusse des Karstes auf einem Kaume von 17 italienischen Quadratmeilen, durchaus hiigeligem und steinigem Boden, der nur \venig produeirt. Es ist vvasserarm und dem mitunter eintretenden ganzlichen Mangel an Trinkwasser vvurde erst durch die Wasserleitung von Auri- sina griindlich abgeholfen (s. unten S. 182). Die Triest umgebenden Hohen sind folgende: Der Opschina .... 1246Wr.F. derMedvejabeiOpschina 1494 „ das Schloss San Servolo 1389 „ die Spitze von Muggia .722 „ das Castell. 273 „ Triest. 179 Das Klima von Triest ist sehr veranderlich, Murray verklagt es mit Recht als „sabject to the most abrupt alterations, from interne heat to pier- cing cold, owing to the prev alence of two winds eqnally opposite in cliarac- ter and equally intolerable“ . Von dier sem Vorwurfe lasst sicli Triest nicht befreien, der Bevohnerder Stadt ge- vrohnt sicli an das Klima, der Fremde wird der Herrsehaft eines dieser vrindigen Tyrannen sclrvverlich ent- gelien. Der Scirocco, der von Siid- osten \veht, macht eine erstickend warme, ungesunde, erschlaffende At- mosphiire; vveniger schiidlich, aber vreit lastiger ist die Bora, die namentlich im Herbst und "VVinter von Nordosten mit solcher Gewalt wiithet, dass mansichindenStrassen nur mit Miihe aufreeht halten kann, und die Nahe des Vfassers vermei- den muss. Diesem ’Weclisel der Witterung muss bei einigerEmpfindlichkeit aueb die Lebensweise angepasst \verden; bei Scirocco ist leichte, mehr vege- tabilisebe Kost anzurathen, bei Bora kraftige Nahrung; selbst dieAustern sind nur bei Bora zu empfehlen. Im Juli und August verlassen viele Triestiner die Stadt wegen der drii- ckenden Hitze. Bevolkerung. Die Einwohnerzahl des ganzen Gebietes von Triest betriigt 96.253 Seelen, darunter 89.718 Katholiken, 2534 Akatholiken und 4001 Israeli- ten. Die eigentlicheStadtziihlt 59.585 Bewohner. Triest ist eine polyglotte Stadt, vvie es vvenige gibt, die ge- bildeten Stande sprechen meistens deutsch und italienisch, ausserdem aber ist die ICenntniss der franzosi- schen, englischen, griecbischen und slavischen Sprache sehr verbreitet. Selbst die Landleute des Triester Gebietes sprechen meistens zwei Sprachen: italienisch und slavisch. Diese Bewohner des Territoriums haben eine ganz eigenthiimliche Tracht, \velche dem Klima und der Beschaftigung entspricht. Bei den Mannern kurze Jacke und Hose, diese am Knie offen, im Winter die Pelzmutze \vegen der Bora, im Som- mer ein Ieichter Strohhut. Das Triester Territorium war bis- her von der Militiirpflichtigkeit be- freit, dagegen stellte es ein leichtes Jii- gerbataillon von 1000 Mann, welche aus der gegen 16.000 Seelen betra- genden grundbesitzenden Landbe- volkerung konskriptionsmassig aus- gehoben vrurden. Die Dienstpflicht dauert vomacht- zehnten bis zum sechszigsten Jahre; Waffen und Riistung gibt der Magi¬ strat,dieKleidung derMann selbst,die Erhaltung triigt die Stadtgemeinde. Diese Miliz leistet Sicherheitsdienste in der Stadt und im Territorium — 12 * Mannliche Trachten. 180 Triest. nothigenfalls auch Garnisons- und Kriegsdienste. Die Officiere werden aus den selbststandigen Biirgern, Grundbesitzern, Kaufleuten gewahlt, von der Behorde bestatigt. Ilir Com- mandant bat den Titel einesOberst- lieutenants. Die Kleidung der Mann- schaft weicht wenig von ibrer ge- wohnlichen Tracht ab, statt der Miitze tragen sie bei Ausriickungen einen scliwarzen aufgestiilpten Filzlmt mit kleinen Krampen, der mit einem kleinen Jagerhorn als Abzeichen ge- ziert ist. Die Frauen und Madchen des Gebietes(Mandrierengenannt)zeicb- nen sick durcb grosse Reinlicbkeit des Anzuges und die Weisse ibrer Wasch.e aus. Sie tragen meist ein sclrvvarzes Leibchen, das bis an den Giirtel reicbt, an der Brust oifen und farbig ausgescblagen ist. Ein falten- reicberfarbigerUnterrock ; untenmit scbmalen Borten von anderer Farbe Triest. 181 Weibliche Trachten. benaht, reicht bis unter die halben Waden, dazu weisse Strumpfe und — des Bergsteigens wegen — starke Schuhe mit liohen Absatzen. Man siehtmeistens scblanke Gestalten von mittlerer Grosse mit zartem frischen Teintj sanften Gesichtsziigen und elastischem Gange. Man findet sie in ihrem Putze Sonntags um 9 Uhr friih in derKirche St. Antonio vecchio, wo in ihrer Sprache Predigten ge- halten werden. Die Triester halten viel auf Ele- ganz der Kleidung. Selbst Madchen aus den unteren Standen tragen sei- dene Kleider, mitunter auch Sammt- mantillen; von den hoheren Classen aber unterscheiden sie sicli dennoch auffallend, indem sie imSommer und Winter oline Kopfbedeckung auf der Strasse gehen, daher sie auch ihr meistens schones Haar sorgfaltig ordnen. AVer das TriesterVolk beob- achten will, findet es zahlreich ver- sammelt an Sonntagen zwischen 12 und 1 Uhr zur Zeit der letztenMesse auf dem Corso und dem Molo San Carlo. Die Wohlhabenden bringen nur denWinter in derStadt zu ; denSom- mer auf ihren Villen (Campagnen), welche rings um Triest mit grossem Umgebungen von Triest. 182 Luxus angelegt sind. Die steinigen Bergabhange des Karstes sind mit eleganten Landhausern bedeckt, die von freundlichen Garten und Treib- hausern, Gemiise- und AVeingarten umgeben sind. Dazu musste von entfernten Gegenden die fruchtbare Gartenerde zu Sehiffe herbeigefiihrt vverden. Die hoher gelegenen Cam- pagnen bieten diesehonsten Aussich- ten auf den Hafen und die Meeres- kiiste. Der Triester Carneval ist sehr be- lebt, besonders in den letztcn Fa- schingstagen, wo Nachmittags am Corso AVagen auf AVagen in unend- lichem, langsamen Zuge folgen, von Masken und Niehtmasken um- schrvarmt. Das Confettivrerfen wird dabei mit Leidenschaft betrieben. Auf den Bedouten (bier Veglioni ge- nannt), gibt sich das untere Volk ganz seinerFrohlichkeit hin, es wird der von den Venetianern entlehnte Nationaltanz, der M o nf er in, ge- tanzt. Man sieht bier schon ein Stiick echt italieniseben Volkslebens. Umgebungen ron Triest. Der Besucb der interessanten Triester Umgebungen ist jetzt dureh die Bahnsowohl, alsdurebdieLloyd- Dampfschifffahrtsehr erleiebtert.Der Lloyd lasst im Sommer jeden Sonn- und Feiertag bei gutem Wetter eine Lustfahrt naeh den naberenPunkten des Golfes, als Capodistria, Isola, Pirano, Duino u. s. w. unternehmen. Der Preis fiir die Hin- und Riick- fabrt ist 2 fl. 10 kr. pr. Person, fiir die Hin-oder Riickfabrt allein lfl. 58 kr. An der friaulischen Kuste. Barcola, einkleinesfreundlicbes Dorfchen, in einem iippigen Tbale zwischen demMeeresstrande und der Eisenbahn, die bier iiber einen sebo- nen Viadukt fiibrt. Man erreiclit es in 3/j Stunden sorvohl zur See in einem Boote, als zu AVagen auf der Fahrstrasse. Man findet bier einige landliehe Gasthiiuser. Von bier ent- weder zur See oder auf der neuen Fahrstrasse zuAA r agen, oder in einer kleinen Stunde aueh von dem Sta- tionsplatze Grignano zu Fuss zu dem neuen See-Lustschlosse von : ATira Mar, welcbes der Erzber- zog Ferdinand Max auf der „Punta di Grignano “ in grossartigem Style mit schonen Gartenanlagen erbauen liess. Von hier erreiobt man in einer halben Stunde zur See, oder vom StationsplatzeNabr e sina zuFuss: DieAV asserleitungvonAuri- sina. Von Freih. von Bruck in’s Leben gerufen, von einer Triestiner Aktiengesellschaft durchgefiihrt, die technische Anlage vom Ingenieur Junker entworfen, ist diess gross- artige Unternehmen, vrodurch sowohl Dmgebungen von Triest. 183 die Bahnstationen Nabresina, Gri- gnano und Triest, als auch die Stadt Triest mit dem nothigen Wasser ver- sorgt vverden, so eben zur Vollendung gelangt. Hiezu wurden die am Fusse des Ivalkgebirges in St. Croce, imNiveau des Meeres entspringenden und dort in die See fliessenden Quellen ver- wendet und so gesammelt, dass jede Vermischung des Siissvrassers mit derSee vollkommen verhindert wird. Das Wasser wird durch Dampf- pump-Maschinen nach dem Corn- waller Princip (Fabrik von Sigi in AVien) auf die Hohe von 414—580 Fuss iiber den Nullpunkt der Quel- Ien gehoben, und in gusseisernen Rohren nach Nabresina und Triest gefiihrt. Das AVerk bat als Betriebskraft vier Dampfmaschinen mit zusammen 270 Pferdekraft, sie heben in 24 Stunden 200.000 Kubikfuss Wasser. Von hier in einer halben Stunde zur See, oder in einer kleinen Stunde zu AVagcn vom Stationspiatz Nabre¬ sina nach: Duino, ein malerisch gelegenes Schloss auf steilem Felsenufer. Es gehort der Fiirstin Hohenlohe. Von dem Schlosse hat man eine herrliche Aussicht auf Triest und Umgebung, die friauiische Kiiste, die Alpen und das Meer. Unter dem Schlosse ist ein kleiner Hafen fur geringere Fahrzeuge. In der Nahe miindet der rathselhafte Fluss Timaus in’s Meer; er soli die Rjeka sein, \velche bei San Canzian sich in die Erde ver- liert und nach einem unterirdischen Laufe von fiinf Meilen hier durch sieben Feisenlocher als Timaus zu Tage kommt. Am rechten Ufer des- selben liegt die alte Kirehe von S. Giovanni, die aus den Triimmern eines alten romischen Tempels er- baut ist. Von hier in einer kleinen Stunde nach: Monfaicone, besuchter Badeort mit warmen Heilquellen. Er hat gute Gasthauser und Privatwohnungen zu billigen Preisen. Die Umgebungen: Ronchi, S. Pietro, Fogliano sind interessant. Von hier mit Post in drei Stun¬ den nach: Aquileja, ein alter Ort mit sehenswerthen Alterthiimern. Die schonsten Monumente sind in der alten Metropolitankirche, auf dem St. Johannesplatze in der antiken Klosterkirche, am Hause Guato. An der istrischen Kiiste. Servola. Auf dem Spaziergange von St. An dre kommt man, eine halbe Stunde von der Stadt entfernt, auf einen Hiigel, dessen Gipfel eine freundliche Kirehe nebst andern Ge- bauden bedecken. Auf dem Riicken Umgebungen von Triest. 184 des Hiigels sind Bauernhauser zer- streut, die mit jener Kirche das von den Triestern stark besuchte Dorf Servola bilden. Es hat ein gutes Gasthaus, wo man besonders gute Austern fin det. Von hier aus gelangt man auf einem fahrbaren Wege, der sich um die Bucht von Servola herumzieht, nacb dem alten und ziemlich ver- fallenen Orte: M u g g i a. Angenehmer kommt man von Triest in einem Boote da- bin. In der Nahe der Ruinen des alten Schlosses ist hier die Schiffs- wie jene fiir die Trockenlegung der Siimpfe im Venetianischen; in letz- ter Zeit die Dampfmaschine von 800 Pferdekraft fiir das k. k. Linien- schiff Kaiser.— Sie verbrauclit jahr- lich gegen 12.000 Centner Steinkoh- len ; 6000 Centner Cokes, 9000 Cent¬ ner Gusseisen, 6000 Centner ge- strecktes Eisen, 1000 Centner Ku- pfer. Auf dem Hiigel ober Muggia, auf dessen Abhange die alte Kirche steht, hat man eine umfassende Aus- sicht (namentlich auf Triest und Ca- podistria). Man erreicht den Gipfel in 3 A Stunden. Capodistria. werfte der k. k. Kriegsmarine, ferner eine Maschinengiesserei und einer Schiffswerfte des grossen sta- bilimento tecnico in Triest, einer Aktiengesellschaft, deren Direktoren die Herren Ritter von Reyer und Revoltella sind. Die Leitung besorgt Edm. Bauer, die technische Inspek- tion D. Strudthoff. Die Anstalt stellt die grossartigsten Mascbinen her, Capodistria. Wer es nicht im Sommer mit einer Sonntagsfahrt des Lloyddampfers besuchen kann, der gelangt zu Wagen in zwei Stunden dahin. Es ist interessant wegen des venetianischen Charakters seiner Ge- baude. Der schone Hauptplatz, von der Hauptkirclie, dem in altem Style gebauten Casinohause und der Log- gia (dem Amtsgebaude) eingeschlos- Die Ktistenfahrt von Triest bis Fiume. 186 Umago. Mit 1900 Einwohnern unter sanf- ten wellenformigen Hiigeln. Cittanuova. Das alteAemonia. Es hat ein Bisthum mit einem Kapitel. In der Nahe ist eine tiefe Einbuchtung des Meeres, „der ruhigeHafen“ genannt. Parenzo. Auf einem Felsen im Meere, es war vor 600 Jabren det ge-vvohnliche erste Haltplatz der Kreuzfahrer. Es ist ebenfalls der Sitz eines Bischo- fes, bat interessante Alterthiimer und ein en antikenDom mit schonen altenMosaiken. Fast gegeniiber stebt auf einer Insel neben dem alten ver- lassenen Kloster S. Nicolo ein Wart- thurm, der als Leuchtthurm beniitzt wird. Etwas weiter hinab liegt Or- sera, einst bischofliches Schloss auf einer Anhohe, weit in der Ferne der MonteMaggiore (4400 Fuss). Rovigno. Eine maleriscbgelegene Stadt, die grosste Istriens, mit 14.000 Einwoh- nern, der Sitz des Landesgericbtes. Sie treibt bedeutenden Oelhandel, die jabrliche Ausfubr betriigt gegen 30.000 Fasser. Aucb die Sardellen- fiscberei wird stark betrieben. Der jahrliche Ertrag betragt gegen 30.000 Dukaten. Die hohe Domkirche, mit dem Bilde der heil. Eufemia an der Thurmspitze, ist beachtenswertb, sie erinnert im Style an die Markus- kirche in Tenedig. In allen vorbenannten Hiifen wird eine, auch l 1 /* Stunde gebalten. — Von bier aus wird die Kiiste flach und einformig. Fasana. Hier halt sich derDampfer 3 A Stun- den auf. Unterbalb Fasana liegen die Brionischen Inseln, durcb eine schmale Meerenge Tom Fest- lande getrennt. Hier wurde von den Venetianern der Marmor fiir ihre Palaste gebolt. Sobald man diese Meerenge pas- sirt bat, tritt uns plotzlich der gross- artige Anblick des Ampbitheaters von Pola entgegen. Der Hafen von Pola ist einer der grossten und si- cbersten, er war zur Romerzeit stets Standort einer Flottenabtbeilung, jetzt ist er wenig beniitzt. Pola. Hier hat man drei Stunden Zeit, die beriibmten Alterthiimer dieser Stadt zu seben. Pola ist in der neue- sten Zeit \vieder ein bedeutender Ort geworden, doch zahlt es nur 1200 Einwobner, -wahrend es als romische Kolonie 33.000 Einwohner batte. Im Jahre 1379 wurde es im Kampfe der Genuesen gegen die Venetianer zerstort. Die herrlichen Bau\verke sind noch aus der Romerzeit. Die Kustenfahrt von Triest bis Fiume. 187 Zuerst am Markte, dicht neben Ipitols steht, gelangt man zur be- dem Kaffehause, steht der Tempel|ruhmten Arena. Das kolossale Ge- Pola. des Augustus. Er ist im schon- sten griechischen Style gebaut, 50 Fuss breit, 26 Fuss hoch; der Por- tikus ruht auf korinthischen Saulen von 22 Fuss Hohe. Der Tempel ist noch in sehr gutem Zustande. Nahe daran ist der (unrichtig) so- genannte Tempel der Diana, eigent- lich nur dessen Riiekseite, woran im Jabre 1300 das Rathhaus angebaut wurde. VomMarktplatzefiibrt eine gerade Strasse in’s Freie. Hier steht die Porta aurea, ein Bogen von 21 Fuss Hohe zum Gedachtniss der Fa- milie des Sergius, von Salvia Post- huma erbaut, spater als Stadtthor beniitzt. Hinter dem Kastelle, das an der Stelle des ehemaligen romischenCa- baude ist dem Style naeh aus der Zeit der Antonine, 150 Jahre nach Chr. Es fasst 15.000 Menschen, ist 366 Fuss lang, 75 Fuss hoch, hat 333 Fuss im Durchmesser, zwei Stockwerke, jedes mit 72 Bogen von 18 Fuss Hohe, ein drittes mit vier- eckigenOeffnungen. Das Aeussere des Amphitheaters ist ganz unversehrt, das Innere zerstort, Schutt und Geroll mit Krautern und Schlingpflanzen iiberwachsen. Von der Arena fiihrt eine lange Strasse vvieder auf den Markt zuriick. Der Hafen von Pola ist ein Haupt- kriegshafen derMonarchie, gewohn- lich liegen mehrere Kriegsschiffe hier. In neuester Zeit sind grossartige Ar- senal- und Befestigungsbauten ent- standen, nebst einer grossen Ca- Die Ktistenfahrt von Triest bis Fiume. 188 serne iind auf einer freundlichen Anhohe, an dem gesundesten Punkte Pola’s, wird ein Spital fiir tausend Mann gebaut. Der Dampfer geht um 10 Uhr Abends von Pola ab, umschifft die ausserste Spitze von Istrien (Punta Promontore) und fahrt die Nacht hindurch in der gewbhnlich etwas unrubigen Bucht Quarnero, die grosse Insel Cherso recbts lassend. Bei Tagešanbruch kommt man schon gegen den Hafen von Fiume, an der Kiiste links erhebt sich der Mont e Maggiore (s. unten), recbts be- grenzt das Kape 11 agebirge von Kroatien den Horizont. Um 6 Uhr sind wir am Ziele der Fahrt. Fiume. Fiume (slawiseh Reka) ist die Hauptstadt des kroatischen Kiisten- landes mit 10.000 Einwohnern. Der Hafen ist gross und schon, aber der Verkehr nicht bedeutend. Das Meer macht hier den Eindruck eines gros- sen Landsee’s, da es fast ringsum von den Bergen der Inseln Cherso und Veglio eingeschlossen ist. Die Stadt hat eine alte, reich mit Mar¬ mor verzierte Hauptkirche, einThea- ter, ein neues Casino, ein prachtiges Gebaude der Militar-Schule, eine grosse Papiermiihle von Smith und Meynier, welche jahrlich 14—15.000 Centner Papier producirt. Die Pro¬ menade ist eine schone Platanen- Allee (Gasthaus: Re d’Ungheria am Hafen). Sehenswiirdigist das Schloss Ter- sato auf der nahen Anhohe, in einer halben Stunde zu ersteigen. 411 stei- nerne Stufen fiihren zu der vielbe- suchten AVallfahrtskirche. In derenNahe liegt das Schloss, vvelches friiher den Frangipani’s gehorte, jetzt Eigenthum desFeldzeugmeisters Gra- fen Nugent. In einem kleinen Tem- pel findet man sehr beachtenswerthe romische Alterthiimer. Die Aussicht von Tersato auf den weiten Golf Quarnero, auf Fiume und die Kiisten ist von ausgezeichneter Schonheit. Gegen eine Stunde von Fiume entfernt, an der Poststrasse nach Triest, liegt der 1410 Fuss hohe Monte Maggiore, der hochste Berg Istriens, von dessen Spitze man eine umfassende, reizende Fernsicht iiber das ganze Land geniesst. Den Reisenden, welche die eben geschilderte Tour mit dem Lloyd- dampfer machen woilen, ist das vom osterr. Lloyd herausgegebene Pano¬ rama der Kiiste von Istrien zu em- pfehlen, welches sie in allen Buch- und Kunsthandlungen von Triest finden. A N H A N G. VENEDIG. Von Triest nach Venedig. — Venedig. — Platen’s Sonette. I' . i Triest — Venedig. 191 Von Triest nach Venedig. Der Lloyddampfer geht im Som- mer um Mitternacht yon Triest ab. Bei mondheller Nacht ist diess um so interessanter, weil man denRuck- weg von Venedig des Morgens macht, somit Tag- und Nachtfahrt geniesst. Fahrt man in dunkler Nacht fort, so sucht man die ersten Stunden zu verschlafen, der Schlaf ist kaum so fest, dass man nicht zur recbten Zeit beim ersten Tagesdammern er- wachte. Jedenfalls aber ist es rath- sam, wenigstens eine Stunde vor der Abfahrt an Bord des Dampfers zu gehen, sonst findet man alle Ruhe- platze besetzt. Man fahrt gegen eine Stunde im ruhigen ebenen Wasser des Golfes von Triest, im Riicken die Lichter der Stadt und des Leuchtthurmes, zur Rechten den Karst und die friaulische Kliste mit den an der Bahn liegenden Ortschaften Bar- cola, Miramare, Grignano, Duino — zuletzt noch Gr a d o. Links gegen Siiden liegt die Kiiste von Istrien, die Bucht und die Stadt Capodistria, Piran o, derLeucht-1 thurm von Salvore. Nun tritt die Kiiste zuriick, man fahrt in das offene adriatische Meer hinaus. Der Uebergang ist auffallend, selbst bei gutem "Wetter tritt an die Stelle des bisher ganz ruhigen Dahingleitens ein Neigen und Schaukeln des Schif- fes nach beiden Seiten so\vohl als nach der Lange. Das Spazierenge- hen auf dem Verdecke hort nun plotzlich auf, wer nicht geiibt ist, wird beim Gehen wie ein Trunkener umhergeworfen. Wer das Schaukeln nicht vertragt, thut am besten, seine Schlafstelle zu suchen; es gibt kaum ein Mittel gegen die Seekrankheit, bei so kurzen Strecken wie hier, kanu man sie jedoch vielleicht ver- schlafen. Bei Tagesanbruch kriecht Alles aus den Gesellschafts - Schlafsalen der grossen Kajute und den schub- ladenartigen Privat - Schlafstellen heraus, und steigt auf das Verdeck. Man befindet sichauf offenemMeere, doch zwischen 5 und 6Uhr zeigt sich die nordliche Kiiste wieder, man er- blickt den Leuchtthurm von Caval- Venedig. 192 lino, in der Ferne die Thiirme von Burano. Eine Strecke weiter sieht, man rechts die Thiirme von S. Ni- colodelLido, links den M a 1 a- mocco. Dann tauchen der Thnrm von S. Marco und die Kuppel der Kirche S. Maria della Salute aus der Fluth auf, und Venedig tritt immer mehr hervor. Der Dampfer macht einen grossen Unrvveg nach rechts, um eine Sandhank zu umfaliren, fahrt dann in dem Hafen des Lido ein, an der kleinen befestigten Insel S. Andrea del Lido, der Insel St. Eleno, den Girardini pubblici vor- iiber — und hat das Ziel der Fahrt erreicht. Im Kanal S. Marco, gegenuber der Insel und Kirche S. GiorgioMag- giore, gerade vor der Piazzetta, legt er sich vor Anker — umschwarmt von Barken und Gondeln aller Art, die auf den Fang der Fremden aus- fahren. Diese Jagd wird so eifrig betrieben, dass Hotels und Privat- vermiether ihre Agenten auf das Schiff selbstsenden, um die Ankomm- linge festzunehmen. Venedig. Gasthofe. Wer am Marku sp lat z e selbst im Central-Punkte des geselligen Verkehres vvohnen vvill, dem sind die eleganten Raume des Hotel S t. Marc zu empfehlen, verbunden mit einer franzosischen Restauration und dem Cafe fran^ais. Die Bedienung ist gut und billig. Ferner: das Hotel Belle Vue mit deutscher Kuche und Bedienung. Der Gasthof wird als solid gelobt, hat die Aussicht auf den Markusplatz, die Piazzetta und die Lagunen, und ist jetzt durch Einbeziehung des ostlichen Fliigels des Orologio di San Marco um das doppelte vergrossert. VVer das Volksleben der Riva und die herrliche Aussicht auf die Lagunen und die benachbarten In- seln vorzieht, hndet im Albergo reale, auch Hotel Danieli, eine mit allem Comfort versehene Un- terkunft. Vem hingegen diemelancholische Ruhe des Canal grande mehr zu- sagt, wird das Hotel de la ville mit seinen durchaus neuen elegant eingerichteten Raumen ganz ent- sprechen. (Friiher im Palazzo Grassi, jetzt im Palazzo Loredan.) Naher noch als dieses liegen dem Markusplatze: das Hotel d’Eu- rope mit einer empfehlenswerthen Table d’hote. Kur 10 Schritte vom Markus¬ platze liegt das Grand Albergo ali a Luna, das vorzugsweise von Deutschen besucht wird. Auch das Hotel Vittoria, in Venedig. 193 der Nah e der Luna, gehort unter die Gasthofe ersten Ranges. Die Preise diešer grosseren Ho¬ tels variiren mit den Jahreszeiten und dem Fremdenzuflusse. Im All- gemeinen kann man grossere Appar- tements zum Preise von 5—20 fl. fiir den Tag, kleinere von 1 — 3 £L, Schlafzimmer zu 40 kr. bis 1 fl. be- kommen. Bei liingerem Aufenthalte erhiilt man die Wohnung billiger durch einen Akkord mit dem Wirthe oder man nehme eine Privatwohnung. Diess letztere kann man auch bei ganz kurzem Aufenthalte thun, denn die Zimmer werden tagweise be- rechnet. Wir konnen namentlich die bequemen und billigen Wohnungen derMadame Elisabetta Grasso (calle del traghetto della Salute) empfeh- len, mit der schonen Aussicht auf den Canal grande und die Kirchen S. Maria della Salute und S. Giorgio Maggiore. Uebrigens findet man auch auf der Riva dei Schiavoni, Časa Antonini, hiibsche Wohnungen mit der herr- lichsten Aussicht auf die Lagunen. Von kleineren Gasthofen zu mas- sigen Preisen erwahnen wir: Al- bergo al Vapore (S. Marco, Campielo Pygmoli) und Caf6 San G a 11 o (S. Marco, Čampo San Gal- lo Kr. 1093), beide mit Restau- rationen, die sich des Rufes er- freuen, dass man dort verlialtniss- massig am besten in ganz Vene¬ dig speist, daher sie von Fremden und Einheimischen sehr besucht sind. Verkehrsmittel. Der Verkehr in der Stadt wird nur durch Barken und Gondeln ver- mittelt. Die altvenetianische Gon- del (Fiaker und Equipage) hat einen niedrigen schwarzen Kasten, innen weich gepolstert, fiir 2 auch 4 Per- sonen, offen oder mit Glasfenstern geschlossen. Die schwarze Farbe ist durch ein Gesetz des 15. Jahr- hunderts fiir alle Gondeln vorge- schrieben. Das allgemeine Kennzei- chen der Gondel ist das breite ge- zackte AVindeisen am Vordertheile. Alle libri gen kleineren Schiffe zur Befahrung der Kanale und der La¬ gun en hcissen Kahne (Batelli). Die Barken (Barche - Omnibus), eine neuere Erfindung, grossere offene Fahrzeuge, deren Banke mit bunten Stoffen belegt sind, lassen sich den Gesellschaftswagen vergleichen, sie sind fur 6 bis 8 Personen. Omnibus nach dem Lido die Person 5 kr. Ueberfahrt (Traghetto) von einem Ufer des Canal grande zum andern 2 kr. C. M. Innerhalb der Stadt und derlnseln S. Giorgio Maggiore und Murano ist die Taxe der Gondel mit 1 Ruder 13 Venedig. 194 weniger als 1 Stunde: 20 kr. C. M., fiir jedenaclifolgende Stunde: 12 kr., fiir einen Tag von 10 Stunden : 2 fl. C. M., mit 2 Rudern 3 fl. 10 kr., ausserhalb der bezeichneten Gegend das Drittel mehr. Von den Dampfschiffen an den Rand des Hafens, von der Gegend der Giardini pubblici bis zurDogana Salute (und umgekehrt, der Sicher- heit wegen immer mit zwei Rudern): 20kr. C.M., zu jedem anderenPunkte der Stadt 40 kr., zur Eisenbahnsta- tion und nach Murano: 1 fl. C. M. von der Piazzetta San Marco zum Triester Dampfscliiff: 10 kr. — Fiir jedes Stiick Gepiick, das nicht in der Hand getragen \vird, 4 kr. Fiir alle Fahrten der Gondeln be- steht ein sehr genauer von derMuni- cipalitat festgestellter Tarif, dem die obigen Bestimmungen entnommen sind. Er enthalt die Anordnung, dass der Schiffer den Anspruch auf Bc- zahlung verliert, wenn er nicht dem Reisenden den Tarif mit der Num- mer des Schiffes einhiindigt. Uebri- gens sind die Gondolieri in der Regel bescheiden, anstiindig und fin¬ em kleines Trinkgeld dankbar. Man rechnet in Venedig nach osterreichischen Silberzwanzigern, die dortLireaustriache genanntwer- den. Sie bestehen aus hundert Cen- tesimi, so dass also fiinf Centesimi = 1 Kreuzer sind, 50 Cent. = lOkr. 100 Cent. = 20 kr., 3 Lire = 1 Gulden C. M. = 1 fl. o kr. ost. W. Die Brief- und Fahrpost befindet sich im Palazzo Grimani am Canal grande. Fiir die Briefaufgabe finden sich in allen Theilen der Stadt Brief- kasten, wovon der am Markusplatze unter den neuen Prokuratien (Xr. 1) auch noeh um 9 Uhr Abends geleert wird. Auch auf den Dampfsehif¬ fen des osterreichischen Lloyd findet man fiir die iiber Triest abzusen- dende Correspondenz Briefkasten, in welche man noch nach Post- schluss Briefe zur Befordcrung legen kann. Die Ivaufladen sind in Venedig moglichst concentrirt. Unter den Prokuratien des Markusplatzes, und in dem langen, engen Strassenzuge der Merceria, der vom Markus¬ platze bis zum Ponte Rialto fiihrt, findet man einen reichen Bazar fiir fast alle Industrie-Gegenstande,mit- unter mit sehr gliinzenden Auslag- fenstern. Denjenigen, welche von Venedig aus iiber Triest ohne Aufenthalt in die deutsch-osterreichischen Kron- lander reisen vvollen, ist, nafnent- lich wenn sie viel Gepiick haben, zu empfeklen, dass sie dasselbe vor ihrer Abreise in Venedig auf der Dogana Venedig. della Salute zollamtlich behandeln lassen, das hier revidirte Gepiick ist bei der Abfahrt von Triest keiner Revision mehr unterworfen. Die Lage der Stadt. n Sie loiegt sich marmorbleich auf der Lagune, T Vie eine grosse, toel/ce Wasserrose. u Venedig — Venezia — nach Mai- land die zweite Hauptstadt des lom- bardisch - venetianisclien Konigrei- ches, liegt in denLagunen des adria- tischen Meeres. Die Lagunen sind vom Meere selbst zn unterscheiden, obgleich Ebbe und Fluth auf sie ein- \virken. Sie sind niimlich eine Sumpf- und Seegegend, welche dadurch ent- stand, dass das adriatische Meer einen Theil der benachbarten Kiiste durchriss und iibersch\vemmte. Das seichte AVasserbecken, in dem Vene¬ dig liegt, ist 5 Meilen lang, 2 Meilen breit und wird gegen die offene See durch einen schmalen Landstreifen, den Lido, mit drei befestigten Ein- fahrten geschiitzt. Das Triester Dampfboot fahrt bei gutem AVetter durch den Porto di Lido ein, bei Sturm durch den von einem Stein- damme geschiitzten Porto di Mala- mocco. Die Stadt ist auf 70 bis 80 Inseln gebaut, die durch beilaufig 400 Ka¬ nale getrennt und stellemveise durch 450 Briicken verbunden sind. Der 195 grosste Theil derHiiuser liegt so un- mittelbar an den Kanalen, dass das AVasser die Thorschwellen bespiilt und die Gondel dicht am Thore halt; mitunter ziehen sich dazwischen schmale Giisschen hin, die man hier Calli nennt. Der Canal grande durchschneidet A^enedig in der Form eines S und tlieilt es in zwei Halften, deren Verbindung ungefahr in der Mitte der Stadt durch die hochge- schwungene Rialtobriicke herge- s telit wird. Die Hauserzahl A r enedigs belauft sich auf 15.000, die Einwohnerzahl auf 123.000, Avahrend sie zu den Zeiten der Republik auf 200.000 gestiegen war. Die Stadt hat 41 offentliche Pliitze, 29 katholische Pfarrkirchen ausser der Patriarchal- kirche, eine protestantische Kirche, Kirchen fiir Armenier und Griechen, mehrcre jiidische Synagogen. Die Bliithezeit A’enedigs ist liingst voriiber, es ist eine Stadt der A r er- gangcnheit und ihr machtiger Ein- druck auf den Fremden hat immer einen Zusatz von Schsvermuth. „Mc- dio de fontc le p onim sempcr amari aliquid sur g it.“ Alan hat aus iibel verstandenem Patriotismus dicsen Charakterzug ablaugnen und das Allen gemeinsame Gefiihl als tra- ditioncllc Alelancholie und pflicht- massig affigirte Sentimentalitat ver- hohnen \vollen ; allein diess ist ein Venedig. 196 eben so unnothiger als vergeblicher Versuch. Der Verfall Venedigs steht als eine Thatsache vor uns, die na- turgemass, unaufhaltsam geworden ist — das Loos alles Mensclilichen, das zu allen Zeiten und aller Orten durchlebt wird, das Bliihen und Ver- welken desMenschen und der Volker. Das alte Venedig war aus einer Combination innerer und ausserer Umstande entstanden, die in dieser Weise nicht -\viederkehren konrien. Dieses alte Venedig ist todt, und die iiberlebenden steinernen Zeugen ru- fen uns noch immer das glanzende Leben seiner Vorzeit zuriick. Ein fliichtiger Riickblick auf das politische Leben der Lagunenstadt zeigt uns, wie ihr Gliicksstern sin- ken musste, nachdem er am hbcbsten gestiegen war. Das Jalir 1204, da der Doge Enrico Dandolo Konstantinopel undCandia eroberte, machte die venetianische Republik zur Beherrscherin des da- maligen Welthandels. 1318 erlag ihre KebenbulilerinGenua nach 130- jahrigem Kampfe; die Oberherr- scliaft der Lombardie fiel Venedig zu, im Jahre 1486 aucb noch das schone Land Cvpern durch Katha- rina Cornaro, Gemalin des letzten Konigs von Cypern. Fiinf Jahrhun- derte vergingen unter stets erneuer- ten Kampfen, -welche die Meere des Orients, die Eelder der Lombardie und die Fliisse der Romagna immer neu mit Blut trankten — allein die errungenen Erfolge hoben den Un- ternelimungsgeist des Volkes, der Krieg stahlte seine Thatkraft. Zu Ende des 15. Jahrhunderts war die venetianische Republik auf dem H6- hepunkte ihrer Grosse, sie war reich, machtig, geehrt, das gebildetste Volk der Welt umfassend, ein Heiligthum der Kunste und Wissenschaften — ganz Europa bewarb sich um ihre Gunst. Die Bliithe ihrer Macht war auch die Zeit ihrer Kunst; die ge- feierten Kamen Jacopo Sansovino, Andrea Palladio, Antonio da Ponte, Michele Sammicheli, waren die Ar- chitekten der Republik, die weit beriihmten Kiinstler Gentile und Giovanni Bellini, Giorgione, Palma, Pordenone, Tiziano Vecellio, Paolo Veronese, Jacopo Tintoretto \varen ihre Maler. Von der Mitte des 16. Jahrhun¬ derts beginnt der Untergang. Die AViedereroberung Konstantinopels durch die Tiirken war der erste, die Entdeckung des Caps der guten Hoffnung durch die Portugiesen der zweite todtliche Schlag. Jener ver- kleinerte ihr Gebiet, dieser entriss ihr den ganzen ostindischen Han- del. Das 17. und 18. Jahrhundert wurde von der Republik verschlafen und vertriiumt, wahrend das iibrige Venedig. 197 Europawachte undhandelfce. Hier der machtigste Aufschwung der Civili- sation, dort Stillštand und kraftloses Fortvegetiren, — statt des friiheren kiihnen Umsichgreifens, ein kleinli- cher Terrorismus im Innern — statt Krieg und Handel, ein schwelgeri- sches Leben in Festen und Lust- barkeiten, welche die physische und moralische Kraft des Yolkes ver- nichteten. Indessen hatten sicli die Verhaltnisse der Kultur und der In¬ dustrie, der Zug des Handels, die politische Machtstellung von ganz Europa verandert, und Venedig batte aufgehort, eine europiiische Macht zu sein. So fand Napoleon die einst so stolze Republik — ohnmachtig, feig, widerstandslos. Sie beugte sicli dem Sieger und liess sogar ihre Kunstsclnitze fortschleppen. (Erst durch den Pariser Frieden 1815 wurden sie zuriickgestellt, dergrosse Meister Canova war voit der oster- 'reichischen Regierung mit der Zu- riickfuhrung beauftragt.) Doch sind diess nur die iiussersten Umrisse, das Steigen und Sinken Venedigs ist ein grosses geschichtli- clies Bild, das Jahrhunderte umfasst, voli des reichsten kraftigsten Lebens und der diistersten Schatten des To- des, man kann es nicht ohne tiefes Mitgefiihl betrachten. An der Ge- schiclite des venetianischen Staates Hat Oesterreich keinen Theil und bedarf keiner Vertheidigungob seines Verfalles. Es bat die Stadt Venedig gesunken ubernommen, und die Re- gierungOesterreiclis hat, wie eswelt- bekannt ist, Alies gethan um sie emporzuheben. Es gelang ihr auch, die Zahl der Ein\vohner bob sich von 96.000, die Napoleon vorfand, auf 120.000; dieHandelsverhaltnisseder Stadt nahmen eine verhaltnissmassig giinstigere Ricbtung, als das Jabr 1848 eintrat und einen Riickscblag iibte, an dem Venedig noch lange leiden wird. Der alte venetianiscbe Adel ist theils ausgestorben, theils verarmt, seine Paliiste sind ver- odet, zum TJieil verfallen. Wenn viele dieser Prachtgebiiude dadurch erbalten \verden, dass sie als Amts- gebiiude, als Ivasernen, als Hotels dienen, so ist diess wobl besser, als wenn sie verlassen in Scbutt zer- fielen, aber hebt eine solcbe Erbal- tung wobl den Eindruck gesunkener Grosse auf? Darum ist der scbwermiitbigeZug, der sich in die Freude an Vehedigs Scbonheit immer und fiir Jeden ein- driingt, kein gemacbtes, sondern ein iichtes Gefiihl — die grossen Pracht- bauten Venedigs werden nocb Jahr- bunderten trotzen; aber der Abglanz einer liingst entscli\vundenen Ver- gangenheit, der auf diesen farben- \varmen Marmor-Kircben und Pala- sten liegt, der Nachklang jener fer- Venedig. 198 nen ganz anderen Zeit, der in die Gegenwart wie ein Mahnruf an die Yerganglichkeit hereinklingt, dazu die unlaugbaren Spuren des einzel- nen Yerfalles im Contraste mit der erhabenen Dauer des Ganzen — diess Alles unter dem ewig gleichen, schonen Himmel Italiens, lasst das magische Halbdunkel erklaren, in welchem Yenedig Allen erscheint, die es sehen, und den Zauber, mit dem es Alle fesselt und aus derFerne immer wieder hinzi&ht. , j Wie eine ernste, halbv ermischte Hune Steht sie im Buck der Welt, im Vollcerreigen; Und wenn die Mensehen schtceigen, Hier haben aUe Quaderwurfel Zungen. “ Um Yenedig ganz zu geniesšen, ist es unerlasslich, sich mit den Denkmalern seiner Kunst und Ge- schichte mebr als obenhin vertraut zu machen. Hiezu konnten wir keine besseren Fiihrer empfehlen als das vor Kurzem in zweiter Auflage er- schienene Buch: „Yenedigs histo- riscli-topographisch-artistisches Rei- sehandbuch fiir die Besucher der Lagunenstadt. Triest 1857.“ Bei der naclifolgenden Erklarung des Markusplatzes haben \vir uns haupt- saclilich an die Angaben dieses Wer- kes gehalten. Der Markusplatz. Einer der grossten und schonsten Platze der Y r elt, von dem schon Petrarca sagt: Platen illa cui nescio an terrarum orbis parem habeat“. Jeder Ankommende sucht ihn zuerst auf, denn er ist der Mittelpunkt alles offentlichen Lebens, der allgemeine Spaziergang, Concertsaalj Borse. Der Markusplatz, den die Yene- tianer nur la piazza nennen, ist ein langliches Yiereck, 680 Fuss lang, an seiner ostlichen Seite 530 Fuss breit, mit grossen Quadern gepfla- stert. Kommt man von oben durch das Atrio del palazzo reale auf den Platz, so liegt rechts der Palazzo reale oder die neuen Prokura- tien, links hat man die alten Pro- kuratien und den Uhrthurm (Torre deli’ orologio), vor sich die Markus- kirclie; vor der Kirche die drei Stand- arten und den Glockenthurm (il Campanile), am Fusse desselben die Loggetta und rechts von der Mar- kuskirche den Dogenpalast (Pa¬ lazzo ducale), der mit der gegenliber liegenden Ostseite des palazzo reale den anstossenden kleineren Platz, die Piazetta bildet. Die Farade der St. Markus- B a s i 1 i c a ist der prachtvollste Theil des Platzes. Nach dem Muster der Sophienkirche in Konstantinopel er- baut, hat sie drei verschiedene Ueberarbeitungen erlebt, deren Re- sultate wir in der Fa9ade vor uns sehen. Ueber fiinf majestatische Broncepforten erheben sich fiinf Bo- gen mit bewundernswerthen Bild- Venedig. hauer- undMosaikarbeiten. Die letz- teren sind: liber dem Hauptein- gange, das jiingste Gericlit (vom J. 1836); recbts die Einschiffung des Leichnames des heii. Markuš in Ale- xandrien, die Ausschiffung in Vene- dig (vom J. 1660); links die Ver- ehrung des heil. Markuš (vom J. 1728), die St. Markuskirche selbst. Die Wolbungen der Farade wer- den von 292 Saulen getragen, in der ersten Ordnung stehen 128, in der zweiten 164. Acht dieser Saulen an den Seiten des Hauptthores sind von Porphyr, alle ubrigen von selte- nem Marmor. Oberhalb dieser Bo- gen erheben sicb die fiinf rundge- w51bten Giebel, die spater durch Laubverzierungen in spitzige umge- \vandeltwurden; dazwischen machte man gothische Baldachine, unter welchen Heiligenstatuen stehen. Die gothischen Yerzierungen stammen aus der Periode der Erbauung des Do- genpalastes, demnach Avalirschein- lich aus der^Verkstatte des Maestro Buono. Ueber dem Riesenthore stehen die beriihmten vier Rosse des Ly- sippus aus vergoldetem Erz. Den Griechen von den Romern geraubt, wurden sie zu Triumphbogen des Nero und Trajan vervvendet, von Konstantin nach Konstantinopel ge- bracht, von den Yenetianern bei der Eroberung Konstantinopels aus dem 199 Hippodrom entfiilirt, und im J. 1205 nach Yenedig gebraclit; — von Na¬ poleon im J. 1797 nach Pariš ge- fiihrt und auf dem Triumpfbogen am Carousselplatze aufgestellt, — im J. 1815 von Kaiser Franz nach Venedig zuriickgesendet. Jedes der vier Pferde soli 1750 Pfund schwer sein. Von der friiheren Vergoldung bemerkt man nur noch schwache Spuren. Sie sindweniger durch ihren Kunstwerth ausgezeichnet, als durch ihr hohes, gegen zweitausendjahri- ges Alter, und ihr vielfach \vechseln- des Schicksal. Neben ihnen sind vier Mosaik- gemiilde: die Kreuzabnahme, Ver- kliirung, Auferstehung, Himmelfahrt Christi, von Luigi Gaetano im J. 1617, nach den Kartons des Maffeo Verona, gemacht. An der Fronte des Riesenbogens, der als Fenster der Kirche Licht gibt, befindet sich der vier Fuss hohe vergoldete gefliigelte Lowe des St. Markuš im azurnen Felde, seine Tatze auf ein Buch stiitzend, worauf die "VVorte: „Pax tihi Marce Evangelista mens.“ Der Markusplatz war friiher klei- ner als jetzt. Bis zum Jahre 1500 ging er nur bis zu dem rothenSteine, den man unweit der 16. Arcade der neuen Prokuratien im Pilaster sieht. Dort befand sich der Kanal Batario und die Kirche S. Geminiano, im sechsten Jahrhundert erbaut. Im Venedig. 200 12. Jahrhundert ward sie zur Ver- grosserung des Platzes niedergeris- sen und der Kanal verschiittet. Meh- rere Jahre spater ward eine neue Kirche S. Geminiano der Markus- kirche gegeniiber erbaut. Sie be- stand bis zum Jahre 1809, da sie Napoleon, um den Platz zu verscho- nern, niederreissen, und die neue Gebaudefronte bauen liess (von Giuseppe Soli aus Modena), welche j etzt als Atrio del p a 1 a z z o reale den Yorhof der Regierungslokalita- ten bildet, die den ersten Stock der neuen Prokuratien einnehmen. Diese n e u e n P r o k u r a ti e n neh- men die ganze Siidseite des Platzes ein (von oben rechts). IhrBau wurde von Sansovino 1536 begonnen, von Scamozzi vollendet. Die Nordseite des Platzes (vom Atrio reale links) besteht noeh aus denselben Gebauden, welche gegen das Ende des 15. Jahrhunderts im Renaissancestyl erbaut und von den zweiten AViirdentragern der Repu¬ blik , den sechs Prokuratoren von St. Markuš, bewolint vurden, wess- halb sie die alten Prokuratien heissen. Das Erdgeschoss bildet einen Siiulengang von 50 Arkaden; diese und die zweitc Etage sind von Pietro Lombardo um 1496 erbaut, die dritte 1517 von Guglielmo Ber- gamasco, unter der Leitung des Bar- tolorneo Buono. Dieses Gebaude, obwokl bei weitem nicht so pracht- voll, als die im sogenannten klassi- schen Style gebauten neuen Proku¬ ratien, hat doch vor diesen den Vor- zug viel grosserer Leichtigkeit und eines viel organischeren Zusammen- hanges. Der Torre deli’ orologio, Uhrthurm am Ende der neuen Prokuratien, istim J. 1496 von Gian ! Paolo und Gian Carlo Rinaldi da Reggio in Renaissancestvle erbaut. J Das Zifferblatt zeigt die italienische ji Stunde (von 1 bis 24), die Mond- j! viertel und den Sonneneintritt in j den Zodiakus. Oberhalb der Lhr sieht man das vergoldete Bild der heil. Jungfrau, zu deren Fiissen ein mechanischer Zirkel die heil. drei Konige in Bewegung setzt, welche am Dreikonigs- und Himmelfahrts- tage in der OefFnung einer der be- nachbarten Pforten ersclieinen, und an dcrMadonna voriibersclnvebend, i in den andern Pfortchen wieder ver- sch-svinden. Auf dem Giebel des Thurmes stehen zwei Statuen von ; Bronce, die Moliren genannt, velclie mit einem Hammer die Stunden an- schlagen. Der Mechanismus \vurde 1750 vom Blitze zerstort, die 'NViederherstel- lung durcli Bartolomeo Terracina von der Republik mit 8500 Dukaten belohnt. Der Uhrthurm bildet das Venedig. 201 Eingangsthor in die Mer c eri a, die Haupthandelsstrasse Venedigs. Freistehend neben der Kirche S. Marko erhebt sich 304 Fuss hoch der beriihmte Glockenthurm (Campanile di S. Marco). Sein Bau ward im Anfange des zehnten Jahr- hunderts begonnen und dauerte mit vielfachen Unterbrechungen fast 240 Jalire. Er besteht eigentlich aus z\vei Thiirmen in einander, z\vischen denen ein Weg aus 32, sechs Fuss breiten, sanft ansteigenden, schiefen Ebenen bis zu der Zelle, in \velcher die Glocken hangen, hinauffiihrt. Konig Heinrich III. von Frank- reich soli diesen Weg hinaufgerit- ten sein. Oberhalb der Gallerien des Glockenthurmes erhebt sich eine 63 Fuss hohe Pyramide, in \velcher man bis zu dem goldcnen Engel, der die Spitze ziert, emporsteigen kann. Diese Thurmspitze vrard erst im Jalire 1510 von Bartolomeo Buono erbaut; der mit vergoldetem Kupfer bekleidete holzerne Engel ist vom Jahre 1517. Die Aussicht von der Gallerie des Glockenthurmes ist bezaubernd, die grosse im Meere schwimmende Stadt, mit iliren dunklen Dachern, die Lagunen, das adriatische Meer, in \veiter Ferne die duftigen Um- risse der Alpen geben ein unver- gleichliches Bild. An den Markusthurm lelint sich nacli der Seite des Dogenpalastes die Loggetta, ein Ju\vel von Ge- schmack und Kunst, von dem be- riihmten Sansovino 1540 im Re- naissancestyle erbaut. Auf vier Stu- fen erhebt sich eine marmorneLoge; hinter der Balustrade ist ein pracht- voller Salon; acht Saulen gemisch- tor Ordnung bilden vier Bogen und Nischen, zvvischen welchen vier schone Broncestatuen stelien: Mi¬ nerva, Apollo, Merkur und die Got- tin des Friedens. Die broncenen Thorflugel der Balustrade sind schone Gussarbeiten von Ant. Gai aus dem Jahre 1750. Die Basreliefs des Ge- biiudes sind aus dem 16. Jahrhun- derte von Girolamo da Ferrara. Die Loggetta war seit 1569 die Wach- stube der Garde, die wiihrend der Rathssitzung unterdemBefehle eines der Prokuratoren liber die Sicher- heit des Palastes zu wachen hatte. Vor der Markuskirche stehen die drei kolossalen Flaggenstangen von Cedernholz, auf denen zur Zeit der Republik die erbeuteten Siegesban- ner von Cypern, Candia und Morea flatterten; die herrlichen mit Trito- nen undSirenen gezierten Piedestale aus Bronce \vurden im Jahre 1505 unter dem Dogen Loredano von Alessandro Leopardi gearbeitet. Es ist cin Hauptreiz des Markus- platzes, dass man die ganze Ge- schichte der Baukunst seit tausend Venedig. 202 Jahren in vortretflichen Mustern vor sich hat: den altestenbyzantinischen Baustyl in der Markuskirche, den schonsten gothischen im Dogenpa- laste, ein Muster des guten Renais- sancestyles in den alten Prokura¬ tien , wahrend die viel reicheren neuen Prokuratien uns die spatere Periode der romischenBaukunstvor- fiihren, die nur noch eine ausser- liche, wenn auch geschmackvolle Nachahmung der Antike \var, end- lich das Atrio im Hintergrunde die ganze Niichternheit der heutigen Architektur reprasentirt. Der Markusplatz ist fr ti h Morgens fast ganz leer. Die Venetianer ste- hen spat auf, die Wenigen, die in den Kaffehausern friihstucken, sind Fremde, die von dort aus ihren Ta- geslauf mit oder ohne Fiihrer be- ginnen. Von Friih bisMittags hat da- her die sich dort herumtreibende Taubenschaarziemlich freien Raum. Diese beriihmten Tauben von St. Markuš nisten in den umliegenden Gebiiuden, besonders in den Bogcn- wolbungen der Kirche. Sie sollen der Republik im 13. Jahrliundert bei der Belagerung von Candia als Briefpost wichtige Dienste geleistet haben, und werden seitdem auf Ko¬ sten der Stadt gefiittert. Spater beleben sich die Arkaden durch Kaufer und Verkaufer. In den eleganten kleinen Gewolben, die an die Laden des Palais Royal erin- nern, \verden alle Gegenstande des Luxus und Comfort verkauft. Auch der ambulante Kleinhandel findet sich dort zu allen Tagszeiten ein, nette und billige Muschelfabrikate, echte und falsche Havannahcigarren, Theaterbilleten, ferner die beliebten Caramelle (zuckerglacirte Friichte) werden von Knaben herumgetragen, niedliche Blumenstrauschen, ma- zetti, von jungen Miidchen. Um die Mittagsstunde geben sich auch die Kaufleute einRendezvous, und zwar unter den Arkaden des Palazzo Reale, wo die Bureau’s der Geld- wechsler, Notare, Schiffs-Agenten sind. Kachmittags ist der Platz ganz leer, wenn die heisse Sonne auf die Quadernbrennt, scheucht sieFremde und Einheimische zuriick. Erst nacli Sonnenuntergang beginnt das Leben des Platzes — und welch ein Leben ! Aus der Merceria und den iibrigen engen Gassen Venedigs stromt Alles lierbei, was sich nacli des Tages Muhe erholen -svili, denn hier ist der Mittelpunkt aller geselligen Unter- haltung. Wenn nun bei den Klangen der Militarmusik — Sonntag Abends von 8—10 Ulir, oft auch amDienstage und Donnerstage — zu den 177 Gas- flammen, die am Platze selbst und unter den Hallen brennen, nocli die grossen Gaskandelaber ihr Licht verbreiten, dieCafes der Prokuratien Venedig. durch die vielen Tische und Stalile, die sie im Freien aufstellen, sich bis in die Mitte des Platzes aus- dehnen, wahrend unter den Arka¬ den eine dichtgedrangte Reihe von Spaziergangern auf und abwandelt, so glaubt man in dem grossten und seltensten aller Redoutensale zu sein, liber dessen Marmorwanden sich der dunkelazurblaue Sternen- himmel wblbt. Dabei herrscht, ob- gleich Menschen aller Stiinde hier zusammen kommen, doch Ordnung und Anstand, denn die Venetiancr auch der untersten Klassen haben etwas Feines und Gesittetes in ihrem offentlichen Auftreten. Die Piazzetta ist die Fortsetzung des Markusplatzes gegen die La- gunen zu. Wenn man mit dem Dampfschiffe ankommt, ist diess der erste Punkt, den man, aus der Gon- del steigend, zu betreten pflegt, und die beiden machtigen Saulen des Platzes sind ivie ein offenes Tli or, durch das man in die Stadt eintritt. Beide Saulen sind von Granit und griechischen Ursprunges; der Doge Domenico Michieli soli sie im Jahre 1127 als Siegesbeute mitgebracht haben. Man war aber zu jener Zeit so ausschliessend mit der Markus- kirche beschiiftigt, dass man die Saulen, weil sie fiir das Innere der Kirche zu gross waren, unbeachtet liegen Hess. Erst fiinfzig Jahre spii- 203 ter vvurden sie durch den Architek- ten Nicolo il Barattiere am Orte ihrer Ausschiffung aufgestellt. Bei den damals noch sehr mangelhaften Hilfsmitteln der Mechanik konnte diess nur mit unsaglicher Anstren- gung bewirkt werden, und die Re¬ publik belohnte das grosse Verdienst in ungewohnlicher Weise, indem sie dem Architekten freistellte, den Lohn fiir seine Arbeit selbst zu be- stimmen. Er forderte statt des Gel- des das Privilegium, z\vischen den beiden Saulen Bankhalten zu diirfen. Das Hazardspiel \var aucli damals schon verboten, aliein der Doge konnte sein Wort nicht zuriickneh- men, und so trug das Privilegium des griinen Tisches dem Barattiere und seinenNachkommen durch vier- hundert Jahre einen enormen Ge- winn. Erst unter dem Dogen An- drea Gritti fand man das Mittel es aufzuheben, man liess niimlich alle Hinrichtungcn z\vischen den beiden Saulen vollziehen, dadurch \vard dieserPlatzunehrlichundverrufen— und die Bank, an den Platz gebunden, war nun fiir immer gesprengt. Im Jahre 1329 setzte man auf die eine der Saulen, auf die rothliche, eineMarmorstatue des San Teodoro, welcher als Schutzpatron Venedigs derVorgiinger des S. Marco \var, und gab ihm sein Attribut, das Krokodil, als Postament, — auf die graue Siiule Venedig. 204 wurde erst im seclizehnten Jahrhun- dert der gefliigelte Lowe von S.Marco ; mit der Tatze auf dem offenen Evan- gelium, gesetzt. Auch dieser Lowe, das AVahrzeichen der alten Republik. wurde im Jalire 1797 nach Pariš ge- schleppt, und kam erst im Jalire 1815 zuriick. Wenn wir mit dem Rucken gegen das Meer vor den Saulen stehen, sehen wir zur Rinke n ein massives Gebaude, ganzaus Istrianer Quader- steinen, ohne Holz, 'im Jalire 1536 nacli J. Sansovino’s Entwurf von Scamozzi aufgefiihrt, es ist diess die Zeeca, das Miinzgebaude der alten Republik. Lange Zeit war hier die merk\vurdige Werkstatte, in wel- cher sich die Kriegsbeute der Vene- tianer in Dukaten verwandelte. Die Farade der Zecca schmiicken drei Saulenreihen in rustiker, dorischer und romischer Ordnung, in dem von Vineenzo Scamozzi erbauten Atrium stelien zwei colossaie Statuen, die zur Recliten von.G. Campagna, wertb- voller als die links von Tiziano Aspetti. Im innern Hof der Zecca befindet sich oberhalb des Brunnens eine Statue der Sonne, als Sinnbild des Goldes, ein Meisterwerk des Da- nese Cattaneo.In den Gemachern der Stamperia befinden sich werth- volle Gemiilde vonTizian ; Tintoretto und Bonifazio. DieLa^ade der linken, westlichen Seite der Piazzetta, von der Zecca bis andenMarkusplatz,bilden die 21 dorischen und j onischen Arkaden und die oberhalb derselben hinlaufende mitStatuen geschmiickte Balustrade des auch unter dem Namen der Libreria vecchia (alten Biblio- thek) bekannten Theiles desPalazzo reale, ein Meisterwerk Sansovino’s ; von diesem im Jalire 1536 begonnen, und spater von Vineenzo Scamozzi vollendet. Pietro Aretino nennt diess Gebaude „liber jeden Neid erhaben u (superiore ali’ invidia), und Palladio betrachtete es als das reichste und schmuckvollste Bauwerk, das seit demAlterthume errichtet worden. Un- streitig ist es eines der heiterstenund grossartigsten Gebaude dieses Styles und verdient die Bewunderung, die ihm von jeher gezollt wurde. Durch das Haupttlior in der Mitte gelangt man zu der grossen schonen Stiege mit den reichen Stuccaturarbeiten Alessandro Vittoria’s, von dem auch die beiden herrlich gearbeiteten ko- lossalen Karyatiden dieses Eingangs- thores herriihren. Das Gebaude ward friiher, wie schon sein Name andeutet, als Bibliothek beniitzt, zuerst fiir die im Jahre 1468 der Republik vom Kardinal Bessarion aus Trapezunt geschenktenBiicher, zu denen spater andere literarische Kunstschiitze ka¬ men. Die ganze Bibliothek \vurde je¬ do ch im Jahre 1812 in den gegen- Venedig. 205 iiber liegendenDogenpalastgeschafft, so dass dieLibreriavecchia jetztzum Theile leer steht. Die Vorderseite der Piazzetta bie- tet die Ansicht des Glockenthurmes und derLoggetta. Die biehergekelirte Seite der Markuskirche zeigt am auffallendsten, wie planlos deren aussere Ausschmuckung unternom- men \vurde: es ist ein buntes Durch- einander von profanen, unbekannten, unerklarbaren Basreliefs, vonMosai- ken auf scliadhaftem Goldgrunde, von griechischen, gothischen, romischen und persischen Kunstschatzen, von byzantinischen und maurischen Sau- len, von unentzifFerbaren Inschriften, von Fenstern, von Balkons, Statuen — so dass man sich vergeblich be- miiht, sich darin zu orientiren. An dem Winkel neben dem Thore des Dogenpalastes bemerkt man eine porphyrene Gruppe seltsamer For- mation, deren hohes Alter ausser Zweifel steht, Zweck und Ursprung aber nicht sicher zu ermitteln sind. Sie soli im 12. Jahrhunderte aus Ptolemais hierher gebracht wor- den sein und stellt \vahrscheinlich vier byzantinische Kaiser vor. —Yor der Thiire des Baptisteriums stehen zwei viereckige Sliulen, welche un- ter Lorenzo Tiepolo (1205) ebenfalls aus Ptolemais aus der Kirche San Saba hingebracht wurden. DasEingangsthor desDogen- palastes vvardvon 1440—1443vom Giovanni und Bartolomeo Buono er- baut,und heisst die Portadellacarta, \veil hier friiher offentliche Publika- tionen angeheftet wurden, und offent¬ liche Schreiber hier fiir Geld arbei- teten. Die vier Statuen des Thores, die Tapferkeit, "NVeisheit, Liebe und Hoffnung, gehoren zu den besten Werken dervenetianischen Skulptur. Die Seiten des Dogenpalastes an der Piazzetta und am Molo bieten den originellsten und grossartigsten Anblick; — sie sind im Jahrc 1424 erbaut \vorden. Vorziiglich beach- tenswerth sind die herrlichen Capi- tale der unteren Saulenreihe. Es sind deren von der Porta della carta bis an den Ponte della paglia sechsund- dreissig, und jedes stellt andere Ge- genstandc vor, die in schlechtem La- tein darauf verzeichnet sind. (Das Capital der dreizehnten Saule: den Wechsel des menschlichen Lebens in acht Abtheilungen, die sich sammt- lich auf gesclilechtliche Verhiiltnisse beziehen.) In der z\veiten Ileihe die- serSiiulen sind die neunteund zehnte von rothem Marmor; hier wurden die peinlichen Urtheile verlesen. Der Dogenpalast ist unstreitig das genialste Gebiiude Vcnedigs; er lost die Aufgabe, die stolze, aristokra- tische Republik zu personificiren in bewunderungswurdigerWeise. Unten offen, und aller Welt zuganglicli, Venedig. 206 tragt schon die zweite, herrlich com- ponirte Gallerie den Charakter vor- nehmer Zuriickhaltung. Die darauf liegende Etage hat denselben Cha¬ rakter der Abgesclilossenheit; das Ganze ist voli Wiirde und weltbe- herrschendem Stolze. Die Gothik hat in der Composition, besonders dieser zwei Arkadenreihen, eine weit orga- nischere Bildung geschaffen, als ihr diess in Italien gewohnlich gelang, wo sie sonst fast nur als Dekoration beniitzt wurde. Wir liaben den Markusplatz und die Piazetta beschrieben, weil sie stets das Erste und Letzte sind, was man in Venedig besucht, weil selbst die taglichen Excursionen in der Stadt dort beginnen, und dort ab- schliessen. Niemand bringt einen schonen Abend anderswo zu. Das in Form und Farbe bezauberndeBild dieser Pliitze wird sich noch tiefer einpragen, wenn man die Betrach- tung bis in’s Einzelne verfolgt hat. — Hiermit schliessen wir aber ab, aus mehreren Griinden. DieKunstschatze, welche Venedig in seinen Paliisten und Kirchen, in der Akademie, im Arsenale besitzt, so genau zu beschreiben, wie es nothig ware, um den Fremden als selbst- standiger Fiihrer zu dienen, diess erfordert ein eigenes Bucli. Wir ha- ben oben schon ein Reisehandbuch genannt, welches in der That allen diesenAnforderungenentsprichtAVer einige Wochen dort verweilt, dem miissen \vir den Gebrauch eines sol- chen Handbuches unbedingt anra- then. Wir liingegen schreiben nur fiir den kurzen Aufenthalt von zwei bis vier Tagen, und kbnnen fiir diesen Fali den Leser versicliern, dass ihm fiir so kurze Zeit kein Reisebuch den lebendigen Fiihrer ersetzen wiirde, der ihn in der kiirzesten bequemsten und billigsten Weise mit den sehens- wiirdigsten Objecten bekannt macht. Der Fiihrer iiberhebt ihn der Miihe und des Zeitverlustes die Dinge auf- zusuchen, sich mit Gondelfiihrern und Trinkgeldern herumzuschlagen; er gibt iiberdiess eine kurze und einfache Erklarung der Gegenstande. Allen Besuchern der altenDogenstadt empfehlen wir aber das mit Recht gepriesene Stahlsticlrvverk : „D i e Kunstschiitze Venedigs“ mit erlauterndem Text von Friedrich Peclit. Triest, 1858. Durch den gediegenen Text gewinnt man ein tieferes Verstiindniss venetianischer Kunst und durch die vortrefflichen Stalilstiche wird nicht allein das Gesehene und Genossene dem geisti- gen Auge erhalten, sondern man er- freut damit in der Heimat auch noch An dere, denen der Besuch der wun- dervollen Stadt versagt blieb. Venedig. 207 Vortheilhaft bekannte Fremden- fiihrer sind: Bulgari, Nado, Baratti, Francesco Romano, Huber, Soss, Fer¬ rari. Ausserdem, dass jeder Gastliof seinen bestimmten Fuhrer bat, findet man sie auch vor 9 Uhr Friih, oder nach 8 Uhr Abends in den Cafe’s der Prokuratien, beim Imperatore d’Austria, im Cafe Mendel und in der Buchhandlung Miinster. Diese Fuhrer machen nach Umstanden'einen Cur- sus von vier, gewohnliclier von zwei Tagen, in welclien man ausser der Besteigung des Markusthurmes, in den Dogenpalast, ins Arsenal, in die Akademie, in die vorziiglichsten Kir- clien und einige der bedeutendsten Privatpalaste gefuhrt wird, den Canal grande und mehrere der kleinen Was- serstrassen Venedigs befahrt, und die vorziiglichsten Briicken derStadt mit Inbegriff der grossen Lagunen- briicke kennen lernt. Es schliessen sich mehrere Fremde zusammen, und die Person zahlt taglich 4 osterr. Lire = 1 fl. 20 kr., mithin fiir die zwei Tage 2fl. 40 kr. C. M., einPreis, der bei dem Entfallen aller librigen Auslagen (Gondel- und Trinkgelder bestreitet der Fuhrer), selir billig ist. Die tagliche Tour dauert von 9 Uhr Friih bis 4 oder 5 Uhr Nachmittags, mit kurzer Unterbrechung durch ein einfaches Gabelfriihstiick, das in irgend einer der kleinen Trattorien genommen vvird. .Man wird sonach gegen Abend wieder auf denMarkus- platze abgesetzt, von dem man ge- wohnlich des Morgens ausging, und hat den Abend ganz zu seiner Ver- fiigung, um an dem Leben Venedigs Tlieil zu nehmen. Kann man hingegen langer in Ve¬ nedig verweilen, und ware es auch nur 4 bis 8 Tage, so konnen wir kei- nen besseren Rath geben als folgen- den: Die ersten zwei Tage schliesse man sich jedenfalls einem Fuhrer an, um eine schnelle, allgemeine Ueber- sicht zu erlangen; dann aber kehre man mit Ruhe und Musse zu einzel- nen Gegenstanden zufiick, mit einem guten Handbuche, welches dann erst weit bessereDienste leisten wird, als die cursorischen Erklarungen der Ciceroni. Endlich halte man es nicht fiir unberechtigte Empfindsamkeit, wenn wir, falls die Reise speciell auf Ve¬ nedig berechnet ist, auf den Mond- schein besonderen Nachdruck legen, und erinnern, man wolle den Kalen- der zu Rathe ziehen. Badeker, dem manSentimentalitiit sicher nicht vor- werfen kann , der aber gesunden Sinn fiir Natur- und Kunstschonheit hat, bemerkt ausdriicklich: „von wunderbarster Wirkung aber ist der Markusplatz mit seiner Umgebung (Markuskirche , Dogenpalast, Pia- zetta, Canal) in einer hellen Mond- nacht“. Jedes Bild bedarf zur vollen Venedig. 208 Wirkung einer giinstigen Beleuch- tung, so auch das grosse Bild der uralten Inšelstadt. Wir verlassen hier die geneigten Leser — wahrliaft ungern, denn man trennt sich yon Yenedig eben so schwer in der Erinnerung als in der Wirklichkeit, aber fiir das, \vas wir als Fiihrer, uns selbst beschrankend, versaumen mussten, glauben wir mehr als Ersatz zu bi eten, \venn wir den kleinen Raum, der uns noch zu Gebote steht, dem scbonsten aller Commentare Venedigs abtreten; — wir meinen die venetianischen So- nette des Grafen von Platen. Fiir Literaten , die ohnediess, wie Paul Heyse sagt: „Platen-fešte Reisende w sind, ware diess wohl iiberfliissig; dagegen glauben wir allen Andern einen guten Dienst zu erweisen. We- nige \verden jene Gedichte mit sich fiihren, Yiele sie zwar kennen, aber vergessen haben; denn was vergisst man nicht im Gerausche des Lebens, und im fortwogenden Gedrange der Literatur, und doch passen sie zu Yenedig, \vie die Composition zum Texte; es wird sicher erfreulich sein, beides zusammen zu geniessen, und die eigene Empfindungin einerForm ausgepragt zu finden, die uns erhebt und befreit wie alle Poesie. Der Zau- ber der Lagunenstadt ist eine so sel- tene Mischung von Eindriicken der Natur, Kunst und Geschichte, dass er sich nur durcli die Dichtung, in deren reinem Spiegel sich das Ge- sammtbild darstellt, Aviedergeben lasst. Zwar liat sich ein \vohlfeiler Spott auch dagegen gewendet, dass man die DichtungenPlaten’s dort zu lesen liebt, wo sie wie die Pflanze aus dem ihr giinstigen Boden, unmittelbar ent- standen sind — es istnichts leichter als die ganze Welt zu entzaubern, man darf nur den Schleier zerreis- sen, den die Fantasie iiber die Dinge gewebt hat, und an die sogenannte Nuchternheit appelliren, die sich kei- nen blauen Dunst vormachen lasst. Die wird es allerdings lacherlich fin¬ den, dass man Yenedig noch immer mit dem poetisch - melancholischen Auge Platen’s betrachten will, denn erstens ist diess schon zu verbraucht, zu oft dagewesen, zweitens ist Ye- nedig in der That noch eine leben- dige, mitunter sogar noch lustige Stadt; sie hat eine gute Municipal- Yerwaltung, gutes Pflaster, gute Be- leuchtung; — ja sie hat aller "VVahr- scheinlichkeit nach durch die neue- sten Hafenarbeiten von Spignone und der Rochetta, noch eine bedeutende merkantile Zukunft. Diess freut uns als Oesterreicher, denn diese Zukunft wird die Stadt nurOesterreichs Sorge undMiihe verdanken; aberalsFrem- Venedig. denfiihrer karm es uns garniclitkum- mern, denn fiir den Reisenden ist weder die Gegenrvart noch die Zu- kunft Tenedigs der Magnet, der ihn so gewaltig hinzieht, und als sein wohlmeinenderBegleiter miissen wir rviinschen, dass er es -vrahrhaft ge- niesse, dass der historiseh-poetische Duft, der es so reizend macht, nicht abgestreift, sondern mit rerdienter Achtung erlialten werde. AVir haben diess iibrigens sehon erortert, und berufen uns beziiglich Platen’s auf das , was der kunstverstandige und feinfiihlende Kenner Italiens, Adolf 209 Stahr, Tor einigen Jahren aus A r ene- dig sehrieb. (Ein Jahr in Italien von Ad. Stahr, OIdenburgl853): „Yergib, dass ich nur in stammelnden Lauten yon diesemEindrucke Tenedigs rede. Wer vermoehte es iiberhaupt hier zu schildern, wenn ihm die Seele noeh erfiilltistTon derMusikjenerSonette, in denen Platen’s unsterblicher Ge¬ nius seinem Entziicken Sprache ver- liehen. Nur ein Dichter kann diess marmorneGediehtausseinemSchwei- gen erlosen, wahrend rvir anderen arnren Menschen in unserer Qual verstummen.“ U Venedig. 210 A US PEN GKDKJIITEN VON AUGTJST UEAEEA VG\ PLATEA. SONETTE. VENEDIG. Mein Auge liess das hohe Meer zuriicke, AIs aus der Fluth Palladio’s Tempel stiegen, An deren Staffeln sich die Wellen schmiegen, Die uns getragen oh ne Falsch und Tiicke. \Yir landen an, wir danken es dem Gliicke, Und die Lagune scheint zuriick zu fliegen, Der Dogen alte Saulengange liegen Yor uns gigantisch mit der Seufzerbriicke. Yenedigs Lowen, sonst Yenedigs Wonne, Mit eh’rnen Fltigeln sehen wir ihn ragen Auf seiner kolossalischen Colonne. Ich steig’ an’s Land, nicht ohne Furcht und Zagen, Da glanzt der Markusplatz im Licht der Sonne: Soli ich ihn wirklich zu betreten wagen? Venedig. 211 Diess Labyrinth v o n Briieken und von Gassen, Die tausendfach sicli ineinander saldi n go n. Wie wird hindurchzugcldn mir je gelingen? AVie -werd’ ich je diess grosse Riithsel fassen ? Ersteigend erst des Markusthurms Terrassen, A r ermag ich vorwarts mit dem Blick zu dringcrt, Und aus den AVundern, welche mich umringen, Entsteht ein Bild, es theilen sicli die Massen. Ich griisse dort den Ocean, den blauen, Und hier die Alpen, die im weiten Bogen Auf die Laguneninseln niederschauen. Und sieh! da kam ein muth’ges A r olk gezogen, PalaSte sich und Tempel sich zu bauen Auf Eichenpfiihle mitten in die AVogen. AVie lieblieh ist's, wenn sich der Tag verkiihlet, Hinaus zu seh'n, wo Schiff und Gondel sehweben, AA r enn die Lagune, ruhig, spiegeleben, In sich verfliesst, A r enedig sanft umspiihlet! In’s Inrdre \vieder dann gezogen fiihlet Das Auge sich, wo nach den AVolken streben Palast und Kirche, \vo ein lautes Leben Auf allen Stufen des Rialto wiihlet, Ein frohes Volkchen lieber Aliissiggiinger, Es schwarmt umher, es lasst durch nichts sich storen, Und stort aucli niemals einen Grillenfanger. Des Abends sammelt siclvs zu ganzeil Clioren, Denn auf detn Markusplatze will’s den Sanger, Und den Erzahler auf der Riva horen. 212 Venedig. Nun hab’ ich diesen Taumel iiberwunden, Und irre nicht mehr hier und dort in’s Weite, Mein Geist gewann ein sicheres Geleite, Seitdem er endlich einen Freund gefunden. Dir nun, o Freund, gehoren meine Stunden, Du gabst ein Ziel mir nun, wonach ich schreite, Nach dieser eil’ ich oder jener Seite, Wo ich, dich anzutreffen, kann erkunden. Du winkst mir zu von manchem Weihaltare, Dein Geist ist ein harmonisches Bestreben, Und deine sanfte Seele liebt das Wahre. O welch’ ein Gliick, sich ganz dir hinzugeben, Und, Avenn es moglich \vare,*Jahr’ um Jahre Mit deinen Engeln, Gian Bellin, zu leben! Venedig liegt nur noch im Land der Traume, Und vvirft nur Schatten her aus aiten Tagen, Es liegt der Leu der Republik erschlagen, Und ode feiern seines Kerkers Raume. Die eh’rnen Hengste, die durch salz'ge Schaume Dahergeschleppt, auf jener Kirche ragen, Nicht mehr dieselben sind sie, ach sie tragen Des korsikan’schen Ueberwinders Zaume. Wo ist das Volk von Konigen geblieben, Das diese Marmorhauser durfte bauen, Die nun verfallen und gemach zerstieben? Nur selten finden auf der Enkel Brauen Der Ahnen grosse Zuge sich geschrieben, An Dogengrabern in den Stein gehauen. Venedig. 213 Erst liab’ ich weniger auf dich geachtet, O Tizian, du Mann voli Kraft und Leben! Jetzt siehst du mich vor deiner Grosse beben, Seit icb Maria Himmelfahrt betrachtet! Ton AVolken vvar mein triiber Sinn umnachtet, ATie deiner HeiPgen sie zu Fiissen schvveben: Nun seh’ ieh selbst dich gegen Himmel streben: AA T onach so briinstiglich Maria trachtet! Dir fast zur Seite zeigt sich Pordenone: Ihr vvolltet lebend nieht einander weichen, Im Tode hat nun jeder seine Krone. A^erbrudert mogt ihr noch die Hiinde reichen Dem treuen, vaterlandischen Giorgione, Und j enem Paul, dem wen’ge Maler gleichen! Es scheint ein langes, e\v’ges Ach zu \vohnen In diesen Liiften, die sich leise regen, Aus jenen Hallen weht es mir entgegen, AVo Scherz und Jubel sonst gepflegt zu thronen. e Venedig fiel, vvie \vohl’s getrotzt Aeonen, Das Rad des Gliicks kann nichts zuriickbewegen: Oed’ ist der Hafen, wen’ge Schiffe legen Sich an die schone Riva der Sclavonen. AVie liast du sonst, Venetia geprahlet Als stolzes AA T eib mit goldenen Gevvandern, So wie dich Paolo Veronese malet! Nun steht ein Dichter an den Prachtgeliindern Der Riesentreppe staunend und bezahlet Den Thranenzoll, der nichts vermag zu andern! 214 Venedig. Ich fiihle 'NVoch’ auf Woc]ie mir verstreichen, Und kann mich nicht von dir, Venedig, trennen, Hor’ ich Fusina, hor’ ich Mestre nennen, So scheint ein Frost mir dureh die Brust zu schleichen. Stets mehi* empfmd’ ich dich als ohne Gleichen, Seit mir’s gelingt dich mehr und mehr zu kennen: Im Tiefsten fiihl’ ich meine Seele brennen, Die Grosses sieht und Grosses will erreiehen. Welch eine Flille Avohnt von Kraft und Milde S.ogar im Marmor hier, im sproden, kalten, Und in so manchem tiefgefiihlten Bilde! Doch um noch mehr zu fesseln mich, zu halten, So mischt sich unter jene Kunstgebilde Die schonste Bliithe lebender Gestalten. Hier \vuchs die Kunst wie eine Tulipane, Mit ihrer FarbOnpracht dem Meer entstiegen, Hier scheint auf bunten Wolken sie zu fliegen, Gleich ciner zauberischen Fee Morgane. Wie seid ihr gross, ihr hohen Tiziane, Wie zart Bellin, dal Piombo wie gediegen, Und o wie lernt sich ird’scher Schmerz besiegen Vor Paolo’s heiligem Sebastiane! Doch was auch Farb’ und Pinsel hier vollbrachte, Der Meissel ist nicht ungebraucht geblieben, Und manchen Stein durchdringt das Schongedachte: Ja, wen es je načh San Giulian getrieben, Damit er dort des Heilands Schlaf betrachte, Der muss den gottlichen Campagna lieben! Venedig. 215 Ihr Maler fillirt micli in das ew’ge Leben, Denn euch zu missen konnt’ ich nicht ertragen, Noch dem Genuss auf e\v’ge Zeit entsagen, Nach eurer Herrlichkeit emporzustreben! Um Gottes eig’ne Glorie zu sclrvveben Vermag die Kunst allein und darf es wagen, Und wessen Herz Vollendetem geschlagen, Dem bat der Himmel weiter nichts zu geben! Wer wollte niclit den Glauben aller Zeiten, Durch alle Lander, alle Kirchensprengel Des schonen Evangelium verbreiten: Wenn Palma’s Heil’ge mit dem Palmenstengel, Und Paolo’s Alexander ilin begleiten, Und Tizian’s Tobias mit deni Engel? Zur Wiiste fliehend vor dem Menschenschwarme, Steht hier ein Jiingling, um zu reinern Spharen Durch Einsamkeit die Seele zu verklaren, Die hohe, grossgestimmte ; gotteswarme. Voli von Begeisterung, von heiPgem Harme Erglanzt sein e\v’ger, ernster Blick von Zahren, Nach Jenem, den Maria soli gebiiren, Scheint er zu deuten mit erhob’nem Arme. Wer kann sich weg von diesem Bilde kehren, Und mochte nicht, mit briinstigen Geberden, Den Gott im Busen Tizian’s verehren ? O gold’ne Zeit, die nicht mehr ist im Berden, Als noch die Kunst vermocht die "VVelt zu lehren, Und nur das Schone heilig \var auf ErdeA! Venedig. 216 Hier seht ihr freilich keine griinen Auen, Und konnt euch nioht im Duft der Rose badcn; Doch was ihr sah’t an blumigern Gestaden, Vergesst ihr hier und wiinscht es kaum zu sehauen. Die stern’ge Naeht beginnt gemach zu thauen, Um auf den Markuš Alles einzuladen: Da sitzen unter herrliehen Arkaden, In Iangen Reih’n, Venedigs schonste Frauen, Doch auf des Platzes Mitte treibt gesch-svinde, Wie Canaletto das Tersucht zu malen, Sich Schaar an Schaar, Musik verhaueht gelinde. Indessen weh’n auf eh’rnen Piedestalen, Die Flaggen dreier Monarchien im \Vinde, Die von Venedigs altem Ruhme strahlen. Weil da, wo Sohonheit waltet, Liebe waltet, So durfte Keiner sieh verwunde'rt zeigen, Wenn ich nicht ganz vermochte zu verschweigen, AVie deine Liebe meine Seele spaltet. Ich \veiss, dasš nie mir diess Gefiihl veraltet, Denn mit Venedig \vird- sich’s eng rerzireigen: Stets wird ein Seufzer meiner Brust entsteigen Nach einem Lenz, der sich nur halb entfaltet. AVie soli der Fremdling eine Gunst dir danken, Selbst wenn dein Herz ihn zu begliicken daehte, Begegnend ihm in ziirtlichen Gedanken ? Ivein Mittel gibt's, das mich dir naher briichte, Und einsam siehst du meine Tritte wanken Den Markuš auf und nieder alle Nachte. Venedig. 217 \Venn tiefe Sclrvvermuth rneine Seele vvieget, Mag’s um die Buden am Rialto flittern: Um nicht dem Geist im Tande zu zersplittern, Such’ ioh die Stille, die den Tag besieget. Dami blick’ ich oft, an Briicken angeschmieget, In ode Wellen, die nur leise zittern, Wo iiber Mauern, vvelche lialb vervvittern, Ein wilder Lorbeerbuseh die Zweige bieget. Und \vann ich, stehend auf versteinten Pfahlen, Den Blick hinaus in’s dunkle Meer verliere, Dem fiirder keine Dogen sich vermahlen: Dann stort mich kaum im schweigenden Reviere, Herschallend aus entlegenen Kanalen, Yon Zeit zu Zeit ein Ruf der Gondoliere. Der Canalazzo tragt auf breitem Riicken Die lange Gondel mit dem fremden Gaste, Den vor Grimani's, Pesaro’s Palaste Die Kraft, das Ebenmass, der Prunk entziicken. Docli mehr noch muss er sich den Meisterstiicken Der friiliern Kunst, die nie ein Spott betaste, Euch muss er sich und eurem alten Glaste, Pisani, Vendramin, Ca Doro biicken. Die goth’sehen Bogen, die sich reich verweben, Sind von Rosetten iiberbliiht, gehalten Durch Marmorschafte, vom Balkon umgeben: Welch’ eine reine Fiille von Gestalten, Wo, triefend von des Augenblickes Leben, Tiefsinn und Schonheit im Vereine vvalten. 15 Venedig. 218 Ich liebe dich, \vie jener Formen eine, Die hier in Bildern uns Venedig zeiget: Wie sehr das Herz sich auch nach ihnen neiget, Wir zieh’n davon und wir besitzen keine. ‘Wobl bist du gleich dem scbongeformten Steine, Der aber nie dem Piedestal entsteiget, Der selbst Pygmalion’s Begierden schweiget, Docb sei’s darum, ich bleibe stets der Deine. Dich aber hat Venedig auferzogen, Du bleibst zuriick in diesem Himmelreiche, Von allen Engein Gian Bellin’s nmflogen: Ich fiihle mich, indem ich weitfcr schleiche, Um eine Welt von Herrlichkeit betrogen, Die ich den Traumen einer Nacht vergleiche. Was lasst im Leben sich zuletzt gewinnen? Was sichern 'vvir von seinen Schatzen allen? Das gold’ne Gliick, das siisse AVohlgefallen, Sie eilen — treu ist nur der Schmerz — von hinnen. Eh’ mir in’s Nichts die letzten Stunden rinnen, Will noch einmal ich auf und nieder wallen, Venedigs Meer, Venedigs Marmorhallen Beschau’n mit sehnsuchtsvoll erstaunten Sinnen. Das Auge schvveift mit emsigen Bestreben, Als ob zuriick in seinem Spiegel bliebe, "NVas langer nicht vor ihm vermag zu schweben: Zuletzt, entzieliend sich dem letzten Triebe, Fallt ach! zumJetztenmal im kurzen Leben, Auf jenes Angesicht ein Blick der Liebe. Tarife und Fahrplane. (Im Januar 1861.) Fahrplan der siidlichen Staatsbahn von Triest bis Wien. Fahrplan der siidlichen Staatsbalm TRIEST - WIEN. 'o > S A b f a h r t von den S t a t i o ti e n Gewohnlicher Fahrprcis II. III. C 1 a s s e von Triest aus &J.g« ®-§ Žrs ’3 ^ § 20 Zlpf. II 5 * 6 8 »V. 10 11 13 11’/, 16 V, 197. 20'A 217, 22 % 237. 8i*/, 287, 26 267, 277, 287, 297, 31 317, 327, 337, 337, 577, 58 40 41 427, 43 44 45 Abfahrt Triest Grignano Nabresina Prosecco Sessana Divača Ober-Lesece St. Peter Prestranek Adelsberg Rakek Loitsch . Franzdorf Laihacli Salloch . Laase . . Kressnitz Littai Sava . . Sagor Triffail Hrastnigg S tein bruci Romerbad Tiiffer Markt Tiiffer Cllli Store St. Georgen Ponigl Poltschach Pragerhof Kranichsfeld AJarburg . Possnitz . . Spielfeld Ehrenhausen Leibnitz . . Lebring . . Fahrplan der sudlichen Staatsbahn von Triest bis "Wien- Jeder Reisende hal an Gepacke 50 Pfund frei. Kinder unter 2 Jahren sind frei, von Jahren halber Fahrpreis. — 25 Pfund frei. Verlorcnes oder bcschadigtes Gepacke wird mit f. 1 pcr Pfund vergiitet. 2 bis 10 6 Fahrplan von Triest — Nabresina — Venedig — Mailand. TRIEST - NABRESINA - VENEDIG - MAILAND. 8 Fahrplan der Dampfschiffe des osterreichischen Lloyd. Fahrplan der Dampfschiffe des osterreichischen Lloyd. (Fahrpreise in osterreichischer Wahrung.) 10 Fahrplan der Dampfscliiffe des osterreichischen Lloyd. Abfahrt der Dampfboote und Dauer der Fahrt von Triest ab J eden Mittiuoch um 4 Uhr Nachmittags. In 9 Tagen. W6chentlich. Ztueimal wochentlich. Wochentlich. Jede %weite Reise. »iiber Sgrien. » » Eggpten. Bekostigung inbegriffen. *) Sind gegenvvartig suspendirte Linien. Il Buchdruckerei des osterreichischen Lloyd. Alphabetisches Ortsregister. XVI Seite Gratz. 88 Grignano.158 Gumpoldskirchen. 37 Guntramsdorf .. 37 Guttenstein. .43 Haidenschaft.155 Heiligenkreuz.. . 36 Hetzendorf. 32 Hieflau .. . 79 Hietzing. 32 Hrastnigg.12p Idria.141 Inzersdorf. 32 Istrische Kiiste.183 Judendorf. 85 Kalksburg. 34 Kalsdorf.100 Kapfenberg. 77 Karstbahn.137. Kindberg. 76 Kirchberg a m Wechsel . . 48, 50 Klaram. 61 Koflach. 91 Koralpe.100 Kottingbrunn. 40 Krakau. 10 Kraniehsfeld.105 Kressnitz.124 Krieglach . 76 Laase.124 Laibach.125 Langen\vang. 76 Seite Lavantthal. 93 Laxenburg. 36 Lebring.101 Leibnitz.101 Leoben . . . •. 79 Leobersdorf. 40 Liechtenstein. 34 Liesing. 33 Linz. 10 Lipizza .155 Littay.123 Loitsch.141 Lueg-Hohlen.150 Lundenburg. 9 Magdalenengrotte.149 Marburg.104 Marein. 77 Mariazell.70, 78 Mauer. 33 Meidling. 32 Merkenstein. 39 Miramar.158, 182 Mitterndorf. 76 Mixnitz. 81 Modling. 35 Monfalcone.183 Muggia ..184 Miirzsteg. 69 Miirzzuschlag. 69 Nabresina.156 Neuberg. 69 Neue Welt. 48 XVIII Alphabetisches Ortsregister. V v LjlMjlit sl- Die Kunstschatze VenedigS in 36 Stahlstichen, nebst erliiuterndem Text von Friedrich Pecht. gr. 4. Preis: Pracht-Ausgabe auf chin. Papier 25 fl. 44 kr., dieselbe auf \veissem Papier 19 fl. 20 kr., feine Ausgabe 12 fl. 72 kr. o. W. Die Donau von ihrem Ursprunge bis Pesth, von J. G. Kohl. Mit 27 Original-Ansichten in Stahlstich mit einer Stromkarte. gr. 4. Preis: feine Ausgabe 12 fl. 72 kr., ge\vohnliche Ausgabe 8 fl. 64 kr. o. W. Die Staatsbahn von Wien bis Triest, von A. von Mandl und Dr. Joh. Gabr. Seidl. Mit 30 Original-Ansichten in Stahlstich. Preis: 6 fl. 48 kr. o. W. Venise. Guide, historique-typographique et artistique. Avec douze gravures et un plan de Venise sur acier. gr. 16. Preis: 2 fl. 12 kr. o. W. Trieste et ses environs. Guide avec 6 gravures sur acier. 16. Preis: 1 fl. 42 kr. o. W. Erinnerung an Italien (Ricordo d’ Italia). Eine Sammlung der inter- essantesten Stadte-Ansichten mit Randbildern, die vorziigli- cheren Palaste, Kirehcn, Denkmale, Platze etc. darstellend. 16 Stahlstiche. Quer 4. Preis: 4 fl. 20 kr. o. W. Album malerischer Ansichten aus Dalmatien und seinen Nachbar- landen. 24 Stahlstiche. Quer 4. Preis: 4 fl. 20 kr. o. W. Album malerischer Donau-Ansichten. 27 Stahlstiche. Folio. Preis: sclnvarz 6 fl. 32 kr., colorirt 14 fl. 72 ki-, o. W. Malerisch-historisches Album von Italien. 48 nach der Natur auf- genommene und kunstlerisch ausgefiihrte Ansichten von Stiid- ten, malerischen Gegenden und historisch merk\viirdigen Bau- denkmalen. Quer 4. Preis: 5 fl. 30 kr. o. W. Sudbahn-Album. Malerische Ansichten in der Nahe der k. k. Staats¬ bahn von Wicn nach Triest. Nach der Natur aufgenommen von Chapny und Fiedler und von bewahrten Kiinstlern in Stahl ge- stochen. In cartonirtem "Umschlag. 8. Preis: 2 fl. 12 kr. o. "W. Panorama di Trieste. Nach der Natur aufgenommen von A. Tishbein, in Stahl gestochen von A. Fesca. 6 a 26 Zoll gross. Preis: sclnvarz 2 fl. 12 kr., colorirt 4 fl. 20 kr. o. W.