K. k. Studienbibliothek Laibach DER ABSCHIED DER JUNGFRAU VON ORLEANS AUS IHREM HEIMATSORTE ZWEI DICHTERMONOLOGE 1631 UND 1801 VERNULAEUS UND SCHILLER VON R. v. RADICS MIT EINER ABBILDUNG DES GEBURTSHAUSES ■ : .. DER JEANNE D' ARC - —: džb LAIBACH 1910. DRUCK UND VERLAO VON DRAGOTIN HRIBAR. DASgGEBURTSHAUS DER JUNGFRAU VON ORLEANS IN DOMREMY. DER ABSCHIED DER JUNGFRAU VON ORLEANS AUS IHREM HEIMATSORTE ZWEI DICHTERMONOLOOE 1631 UND 1801 VERNULAEUS UND SCHILLER P. v. RADICS MIT EINER ABBILDUNG DES GEBURTSHAUSES : DER JEANNE D’ ARC — . LAIBACH 1910. DRUCK UND VERLAG VON DRAGOTIN HRIBAR. Alle Rechte vorbehalten. VORWORT. m 18. April des eben vergangenen Jahres 1909 meldete das Telegramm aus Rom: „Heute Vormittags fand in der Peters- kirche die Zeremonie der Seligsprechung der Jean d’ Are in feierlicher Weise statt. Die Basilika war reich geschmiickt. Der Bischof von Orleans celebrierte am Hochaltar eine Messe. Der Feier wohnten bei 13 Cardinale und mehrere italienische und auslandische Bischofe, der Herzog von Alengon, die Angehorigen des Papstes, zahlreiche Notabilitaten, 30000 franzosische Pilger und mehrere tausend andere Glaubige. Abends war der Besuch des heiligen Vaters in der Peterskirche zur Verehrung der neuen Seligsprechung anberaumt." Diese inhaltreiche Nachricht im strammen und doch so viel sagenden Stile unserer Tage, sie ver- kiindete aller Welt die glanzendste Genugthuung fiir das solangeher immer und immer wieder zum Himmel schreiende Unrecht, das einst die »Retterin Frankreichs" aus den Handen des feindlichen „Briten“ als Martyrin auf den Scheiterhaufen gefiihrt, sie verkiindete zugleich die Erfiillung eines langst und heiB ersehnten Wunsches aller Glaubigen in- und auBerhalb Frankreichs und sie ward aber auch zur realen Bestatigung jener ide¬ alen Anschauung von der gottgesandten Jungfrau, wie sie der reine, klare Blick edelsten Dichtersehens langst, langst vorgeschaut und zum Ausdrucke gebracht ohne Scheu vor Glaubens- oder RacenhaB! i* 5 Allen Dichtern, welche in- und aufierhalb Frank- reichs die poetische Verherrlichung der heldenmiithigen Jungfrau sich zum Vorwurfe gewahlt. schreitet doch Friedrich von Schiller voran, „er allein fafite sie als wahrer Dichter auf“,*) und schon gleich bei Fertigstellung desDramas schrieb der grofie Dichter- freund aus Weimar 20. April 1801, schrieb Goethe an Schiller: „Nehmen Sie mit Dank das Stiick wieder. Es ist so brav, gut und schon, dafi ich ihm nichts zu vergleichen weifi.“ Und Friedrich Hebbel schreibt in seinen Briefen : „Es fallt mir ein, dafi ich iiber Schiller und namentlich iiber seine Jungfrau von Orleans ein albernes und kindisches Urtheil gefallt habe. Dies kam daher, weil ich Schiller in der Zeit meiner Reife nicht mehr ge- lesen hatte und die Eindrucke, die er auf mich als Knaben und jungen Menschen gemacht mit den Ein- drticken, die er iiberhaupt macht, verwechselte. — Schiller ist ein grofier Dichter und die Jungfrau von Orleans ist ein groBes Ge- dicht.“ In diesem „grofien Gedichte“ ist aber bekannt- lich wieder etwas ganz hervorragend Grofies, der Monolog, mit dem Schiller seine Johanna „mit der ihr eigenen ruhrenden Empfindung fiir die Natur bei Antritt ihrer Sendung von allen ihren geliebten Platzen Abschied nehmen lafit.“**) (Prolog. Vierter Auftritt.) Aber auch der latainische Dichter des 17. Jahrhunderts, dessen Monolog der „Joanna Darcia“ wir *) Mahrenholz Jean Dare in Geschichte, Legende, Dichtung auf Grund neuerer Forschung. Leipzig 1890. S. 148. **) Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe in den Jahren 1794—1805, II. Bd„ S. 290 (Nr. 814) ed. Spemann Stuttgart. 9 nachfolgend dem Schiller’schen an die Seite stellen wollen, laBt seine Heldin beim Abschiede aus dem Heimatsorte mit ahnličhen Gefiihlsausdriicken „ Valete" sagen den Statten, an denen Sie daheim mit Vorliebe geweilt und den landlichen Beschaftigungen nachge- gangen. Ein ganz eigenthiimliches Zusammentreffen ist es wohl, daB zwei der Zeit und dem Orte nach so weit von einander entfernte Dramatiker, welche sich den so aufierst dankbaren Stoff des Schicksals der Jungfrau von Orleans zur Dramatisiemng ausgewahlt, dafi der Belgier Nicolaus Vernulaeus (1631) und Friedrich von Schiller (1801) in dem Ideengange des Monol oges, dieser eigentlichen Paradestelle in beiden Dramen, so verwandt erscheinen, daB es einem oberfiachlichenUrtheile nach scheinenkonnte, eshatte Schiller frisch und frohlich seinen Vorganger in Lowen, wenn auch nur an dieser einen Stelle copiert. Und doch liegt alles naher, als soleh eine — freventliche Annahme. Schiller hat, soviel wir namlich auf Grand seiner eigenen Aufzeichnungen, als auch an der Hand seiner Commentatoren nachvveisen konnen, die Arbeit des Vernulaeus gar nicht zu Gesicht bekommen, als er mit der Conception seiner „romantischen Tragodie" beschaftigt war. Um so interessanter stellt sich dem- nach eine Ahnlichkeit in den beiderseitigen Monologen! *) Diintzer Schillers Jungfrau von Orleans. Leipzig. Wartig S. 94. 7 I. JEANNE D’ ARC IM GEBURTSORTE. „Jeanne warum 1411*)inDomremygeboren, einem Dorfe an der Maas, das einst Lehen der Abtei des heiiigen Remigius gewesen, damals aber zur Kron- domane gehorte. Ihre Eltern waren Jakob d’ Are (oder Day, wie man in Lothringen aussprach) und Isabeau Romee, schlichte, wenig bemittelte Landleute. Friih- zeitig lernte Jeanne von der Mutter das Pater noster und Čredo, lernte von ihr das Nahen und Spinnen und die gewohnlchen Verrichtungen des einfachen Haus- haltes, in den Jugendjahren begleitete sie Vater und Briider zur Feldarbeit oder trieb mit ihnen das Vieh auf die Weide. Vergegenvvartigen wir uns nun die Ein- formigkeit des Lebens, wie es Bauern des Mittelalters fiihrten, so treten aus dem oden Einerlei die geringste Abwechslung und das harmloseste Vergniigen bedeutsam hervor; die Berichte liber die jugend Jeanne’s sind iiber dergleichen um so ausfiihrlicher, weil die An- klagen ihrer spateren Feinde (namentlich jener, welche sie der Hexerei beschuldigten) daran ankniipften. So, dafi unweit des Dorfes eine alte Buche stand, mit weitschattenden Asten bald Frauenlaube, bald Feen- baum genannt, mit diesen Namen verband sich eine Reihe altheidnischer Vorstellungen und Erziihlungen. Man munkelte im Dorfe, Feen tanzten um den Baum *) Das Alter wird verschieden angegeben und schwankt fur die Zeit ihres offentlichen Auftretens 1429 zwischen 18 und 21 Jahren. 8 herum, in einem Volksbuche wurden die Zusammen- kiinfte eines Ritters mit einer Fee unter diesem Baume erwahnt. Von einer Quelle in der Nahe und dem Eichenholze unweit des Arc’schen Hauses erzahlte man gleiche Geschichten. Unter einer gewissen Haselstaude solite eine Allraunvvurzel stehen. Freilich hatte nun Niemand im Dorfe die Feen gesehen und mit dem Zauber solite es iiberhaupt aus sein, seit einmal ein Pfarrer am Lataresonntag unter der Buche das heilige Evangelium verlesen. Seitdem zog regelmaBig die Pro- zession am Marientage an dem Feenbaume und der Quelie vorbei und die Geistlichkeit nahm keinen An- stofi daran, daB die Einwohner vom Domremy am- liebsten nach jener Buche lustwandelten. Namentlich feierte die Jugend am Lataresonntage unter ihrem Laub- dache ein harmloses Friihlingsfest mit Spiel, Tanz und Gesang. Auch Jeanne kannte jenen Volksglauben und hatte als Kind unter dem Baume an den Festlichkeiten Theil genommen, aber sie hatte jenen Erzahlungen nie Glauben geschenckt. Die Vorstellungen von Feen und Alraunen waren ihr auch spater vollig fremd und als ihr einmal der Bruder mitteilte, in der Heimath glaube man, unter jenem Baum sei’s ihr angethan, widersprach sie entschieden. Ihr guter Christe n glaube machte sie unzuganglich fiir den Aber- glauben und dem ernstenSinne, dersich in ihr fruhzeitig entvvickelte, sagten die larmenden Spiele der J ugen dgenossen nicht zu. Alle Zeugenaussagen heben vorziiglich hervor, wie streng Jeanne die Gebote der Religion er- ftillte, wie fleiBig und gerne sie zur Messe und Beichte gieng. Wenn es lautete, eilte sie von der Feldarbeit 9 oder dem Spiele fort zur Kirche oder zog sich seit- warts zum Gebete; ihre Jugendgenosenn spotteten oft dariiber. Wenn der Messner versaumte, zur rechten Stunde zu lauten, schalt sie ihn und versprach ihm Belohnung, dafi er besser seines Amtes walte. Niemand im Dorfe, sagte der Ortsgeistliche aus, kam ihr an Gottesfurcht gleich. Alle ruhmten ihren Lebensvvandel, wie sie stili, fleiBig und sittsam gewesen, nie freventlich geschvvoren, stets Kranke gepflegt, Arme unterstutzt und beherbergt. Ihr frommer Sinn und ihr innerer Drang, ihn zu bethatigen, erhielten nun friihzeitig eine besondere Richtung durch die Zeitumstande, unter denen sie zur Jungfrau heranwuchs.“ — — —• Mit dieser schonen, so warm gehaltenen Charakteristik ihres Jugendlebens leitet Th. Sickel, mein unvergefi- licher Lehrer, seine umfangreiche Untersuchung der Geschichte der „Jeanne d’ Arc“ ein*), in deren Ver- laufe er dann an der Stelle, wo er, von dem Processe gegen Sie in Rouen zu sprechen kommt, es ausdriick- lich betont: „Auch in ihm tritt noch das Bild der Jung¬ frau in seiner ganzen Erhabenheit, Reinheit und Natiir- lichkeit entgegen."**) Die Ortlichkeit, an welcher Jeanne das Licht der Welt erblickt, wo sie als Kind und herangewachsene Jungfrau geweilt und ihren landlichen Beschaftigungen nachgegangen, wo ihr die himmlische „Sendung“ ge- worden, von wo sie ihren Auszug gehalten, ihrem Vaterlande, ihrem Konige die Rettung von den Feinden zu bringen, das Geburtshaus und die 'nachste Um- gebung schildert eine anlaBlich der Jahrhundertfeier *) Historische Zeitschrift von Sybel, IV. Band, S. 293 f. **) Eben da S. 326. 10 von Schiller’s Geburt zu Leipzig erschienene Fest- schrift, betitelt: „Schiller-Feier. Eine Sammlung von Portrats und Ansichten zu Schiller’s Leben und Werken, Leipzig, Baumgartners Buchhandlung 1859“, deren Mit- theilung wir der besonderen Freundiichkeit der Vor- stehung der Universitats-Bibliothek in Leipzig ver- danken und welchem reich mit Abbildungen, Schiller betreffend, versehenen Werke wir denn auch die Re- produktion der diesen Zeilen beigegebenen Abbildung des Geburts- beziekungsweise Wohnhauses der „Jung- frau von Orleans' 1 in Domremy entlehnen konnten. Der, der Abbildung daselbst beigegebene Text*) aber lautet: DAS GEBURTSHAUS DER JUNGFRAU VON ORLEANS IN DOMRFMY. „Domremy, das reizend an der Maas liegt, wird jahrlich von Hunderten von Wanderern besucht, welche die Orte sehen wollen, wo Johanna in ihrer stillen Jugend vvandelte, namentlich das Haus, in vvelchem sie geboren wurde und die Kapelie, in der sie betete Das Vorderhaus, das unser Bild zeigt, ist lange nach Johannas Leben gebaut; geht man aber durch den dunklen Flur und den kleinen Hof, so erblickt man ein ganz altes Gebaude, im vvelchem, in einer noch erhaltenen Kammer, derTradition zufolge, Johanna zur Welt kam. Am Vorderhause befindet sich, in Sand- stein ausgeftihrt, das Wappen der Heldin und ihr Bild, mit unbedecktem Haupt, in betender Stellung, die Schenkel Jgeharnischt. Auf dem Wappen, das der Konig *) „Schiller-Feier“ u. s. w. II der Familie verlieh, sieht man die drei Lilien, Spaten und Gartenmesser als Symbole ihres Standes. Etwa eine Viertelstunde von dem Dorfe liegt ein haushoher Steinhaufen, in welchen die Kapelle der Jungfrau zerfallen ist, ziemlich hoch am sanften Ab- hange eines noch hoheren, langen Gebirges, das sich nach Vaucouleurs hinzieht. Der Fufisteig schlangelt sich durch Weinpflanzungen hinan und die Ruine selbst liegt mitten in einem Weinberge. Von ihr aus hat man eine reizende Aussicht. Unten wogen Weizenfelder, an die Wiesen im Thale grenzen, zwischen denen die Maas wie ein Silberband sich hinzieht, weiterhin liegen in Griin versteckt einige Dorfer und der Horizont im Norden wird von den blauen Bergen bei Vaucouleurs begrenzt. Auch die Quelle zeigt man noch, aus vvelcher Johanna das Wasser geholt haben will, mit dem sie ihre Herde trankte." II. DER MONOLOG DER JOANNA DARCIA BEI NICOLAUS VERNULAEUS 1631. Ehevor wir an die Wiedergabe des in latainischer Sprache abgefaBten mit deutscher Prosaiibersetzung versehenen Monologes der Jeanne bei Vernulaeus schreiten, mussen wir einige Worte liber diesen Dichter des 17. Jahrhunderts voraussenden. Nicolaus Vernulaeus, einer der meist genanten Gelehrten und Schriftsteller Belgiens jener Zeh, ward 1584 in einem kleinen Dorfe des Herzogthums Luxem- burg geboren und brachte es durch seine ausge- zeichneten Talente und seinen eminenten Fleifi bis zum Professor an der altberuhmten belgischen Univer- 12 sitat in Lowen, zum Historiographen Kaiser Ferdinand II. und zum kaiserlichen Rathe. Vernulaeus, wie er sich dem latinisierenden Ge- schmacke seiner Tage gemaB nannte, hiefi vom Hause aus eigentlich Vernulz, war der Sohn eines kaiserlichen Officiers, aus der Sudsteiermark gebiirtig, der im Heere Konig Philipp II. nach Belgien gekommen und daselbst verblieben war. Das Sohnchen, nun unser Dichter Ni- colaus Vernulz (Vernulaeus) hatte in der neuen Heimat seiner Eltern das Licht der Welt erblickt und ward so ein Belgier. Die Erzahlungen des Vaters vom Oester- reicherlande, das Studium der Geschichte, die Herr- schaft der Habsburger in den Niederlanden, alles dies brachte es mit sich, dafi der kleine Nicolaus schon in friiher Jugendzeit ganz besondereSympathien fiir Oester- reich und dessen altangestammte habsburgische Dy- nastie empfand, vvelchen Gefuhlen er spater als Mann und Gelehrter, als Schriftsteller und Dichter stets leb- haften Ausdruck verlieh; und ziemlich zahlreičh wurden seine historischen Werke zur Ehre des ruhmreichen Hauses Habsburg; in erster Linie seine Historia Au- striaca und sein herrliches Buch: De virtutibus Gentis Austriacae, ein wahrhaft begeistertes und begeisterndes Denkmal, das er dem Ruhrne des oesterreichischen Volkes und des oesterreichischen Herrscherrhauses errichtet hat. Auch trug er sich mit dem Plane eine »Geschichte des dreissigjahrigen Krieges“ zu schreiben und hatte hiezu bereits ein bedeutendes Materiale gesammelt, aber sein 1649 erfolgter Tod liefi die Arbeit unvollendet bleiben. Neben dem Historiker hatte sich aber auch der Dichter, der Dr a mati ker Vernulaeus den Zeitge- 13 nossen hervorragend bemerkbar gemacht. Durch seine Trauerspiele — durchwegs in lateinischer Sprache und durchaus in Versen — nimmt er einen ersten Rang unter den Dramatikern der neulateinischen Epoche ein, er wufite in denselben da? Leben in seiner hochsten Bedeutung zu fassen, den Charakter der Zeit seines jeweiligen Vorwurfes und der Handelnden mit Be- stimmtheit zu zeichnen und ihnen eine Sprache zu leihen, die tief in die Seele des Zuhorers oder des Lesers einzudringen vermochte. Vernulaeus hinterliefi 15 Trauerspiele, unter denen aufier den in die oesterreichische Geschichte herein- reichenden: Ottocarus Bohemiae Rex (Ottokar von Bohmen) und Fridland (Wallenstein) sich die Dramen Joanna Darcia, Conradin von Schwaben, ein Heinrich Vlil., ein Thomas Cantuariensis, ein Theo- dorich von Italien, ein Stanislaus von Polen u. a. m. befinden. Hat man Vernulaeus im „Ottokar“ einen Stoff behandeln sehen, den in unseren Tagen sich Grill- parzer zurechtgelegt und hat er im Fritlandus vor dem grofien Schiller die Tragoedie des Wallenstein behandelt, die er, man mufi „unserem Belgier" es nachrtihmen, mit viel Gliick und Geschick durchgefiihrt, so sehen wir ihn mit seiner Joanna Darcia wieder einen Griff nach einem bedeutenden Stoffe thun, mit dem dann unser grofie Schwabe zu Beginn des 19. Jahr- hunderts wieder so machtig siegend seinen friiher er- nungenen dramatischen Lorbeeren neue angereiht hat! Und der „Monolog“ der Jungfrau von Orleans bei Vernulaeus, wie er wurdig neben dem in Schillers 14 Werke zu stehen vermag, er moge nun zu dem heutigen Leserkreise selbst sprechen.*) NICOLAUS VERNULAEUS JOANNA DARCIA Actus II., Scena I. Joanna Darcia, Pulengius, Senex. JOANNA: Quo me Tonantis jussa, quo coelum vocat Venio puella; pulsat hoc pectus Polus Et intus ardet martiae mentis vigor. Placuere valles hactenus, placuit juga Superare cursu montium, et parvos greges Inter susurros amnium et rupes cavas Ductare fusfe. Vos oves quondam meae, Et vos capellae, vos mihi notae greges Et qui sonante fluitis ad numeros aqua Valete fontes. Hactenus volucrum mihi Placuere cantus, nune tubae et litui placent, Et tympanorum et aeris horrendi sonus. Pro valle campus, proque sylvarum comis Vibrata placeant spicula et subito volant Quae ab igne glandes. Non decet nostras colus Ignava dextras, pensa lanarum latus haud decent; Armabit hasta dexteram et nostrum latus lam cinget ensis. Ibimus, quo nos vocant Orada coeli; galea succinget comas Lorica pectus, milites inter feros *) Nikolai Vernulaei Historiographi Regii et Caesarei Puh¬ lici Eloquentiae Professoris Lovanii Tragoediae. In duos tomos distributae Editio II. Lovanii MDCLVI — Joanna Darcia vulgo Puella Avrelianensis. Tragoedia S. 298—378. 15 Ducenda vita est. Tu mihi hunc animum Tonans Ad arma donas et meas ignis fibras Tuus perurit. Sentio Herois vigor Impellit istas pectoris nostri fores, Additque robur, cedit ex animo timor, Quae saepe nulla virgines causa quatit. Vis ista mentis est novae, sic me movet Qui saepe magno robore imbelles Tonans Attollit animos. Frančiča 6 Tellus, tibi In hoc vocamur, feminae unius manus Te vindicabit, pristinum reddet decus Sceptrumque Regi. Ne meos annos tamen Ne temne sexum; bella conficiam tua Anglusque palmam porriget victus mihi. Senex: Spem facere tantam virgini solus potest Monarcha coeli; viribus saepe impia Confundit arma parvulis. Omen placet. Pulengius: Si certa mens est Virgo, si durat vigor Animumque semper pulsat, ut credis, Deus, Properemus ergo. Jo: Nullus hunc animum dies Mutabit unquam, quo vocar Virgo sequor, Animusque ab illo est, qui vocat- Pul: Faxit Tonans praeibo, de te nuntium Regi feram. Faciles parabo Regis affatus tibi. Jo: Praeibis ipsa subsequor. Multum audeo, Sperare, quod vix audeant unquam viri. Ut tot superbos laureis Anglos manu Puella vincam? Martio ferro efferas Sternam cohortes? Sceptra restituam suo Erepta Regi? in ultimum rursus mare Anglos repellam? Aureliam pressam farne 16 Ab hoste clausam liberem? Non haec meae est Vis tanta dextrae, nec meas unquam manus Implevit ensis; unicus tantum mihi Fuit hasta fustis, quoque pellebam greges, Hoc transilire rivulos, hoc arborum Excutere fructus solita nonnunquam fui. Vixi colonos inter, incolui casas Oviumque caulas. Ibimus contra tamen Et sorte victa, dum mihi adspirat Polus Statuam trophaea longa post quae aetas probet. Non palma solis vertices ornat viris, Etiam triumphis feminae ornantur suis Et farna nostrum posteris sexum canit Virtute clarum; namque commune est decus, Nec ipsa virtus eligit sexum šibi. Age, Farna, linguis mille quae mundum reples, Alisque vecta plurimis longe occupas Aetatis annos, praepara lauros mihi, Quas non vetustas ulla, non tempus rapax Evertat unquam: noster invidiam labor Superabit atram, dumque me Parca obruet Forte inter acies, inferam coelo caput, Coeloque eodem mortua et tumulo tegar. Sed eamus, ipsa iam moraš rumpit Tonans. Morasque nescit ipse quem Coelum trahit. Sen: En ista sexum iam sapit supra suum. Virtutis intus igneae impellit calor. Parvos lacertos spernere haud unquam licet, Deus hic laborat; Franciae hinc surget salus. 2 17 PROSAISCHE 0BERTRAGUNG DES MONOLOGES aus Nic. Vernulacus: Joanna Darcia. ie Jungfrau zieht, wohin des Hochsten Macht- gebot, wohin der Himmel ruft; diese Brust treibt fort zum Kampf ein glanzender Štern und innen brennt die Flamme kriegerischen Geistes. Meine Freude war bis jetzt das Thal — der Berge Hohen in raschem Aufstieg zu erklimmen und mit dem Štab die kleinen Heerden bei Bachgemurmel durch Felsgekluft zu fiihren meine Lust. Ihr Schafchen und ihr Ziegen, ihr mir wohl bekannten Heerden, mein Alles einst, und ihr Quellen mit einem melodischen Wellen- klang — lebt alle wohl! Bis heute liebt ich Vogel- sang, von jetzt an soli der Trompete Schmettern des Hornes Ruf, der Trommelschlag und schreklich Erz- geklirre mein Ohr erfreuen. Des Waldes Schmuck, den Baum, das Blatt vertausch ich mit dem Speer, aus kraftiger Faust geschleudert — mit Geschossen, aus Feuerschliinden sausend — das Schlachtfeld ist jetzt mein Heim. Nicht mehr ziemt dieser Rechten der trage Rocken, nicht Wollgespinstes vorgewog’nes Mafi; der Speer wird sie bewaffnen, um meine Lenden werd’ das Schwet ich giirten. Ja ich werde gehen, wohin des Himmels Ausspruch ruft, der Helm wird das Haar, der Panzer mir die Brust umhiillen; in mitten wilder Krieger heisst es fortan leben. — Du Ew’ger giebst mir diesen Kriegersinn und de in Feuer durchgliiht mein ganzes Wesen. Ich fiihle es, die Kraft des Helden schwellet diese Brust und giebt mir Riesenstarke; aus 18 dem Herzen weicht die Furcht, die grundlos oft das Weib durchbebt. — Ja es ist die Macht des neuen Geistes; — so begeistert nun der Hochste mich, der feige Seelen oft mit Lovvenmut entflammt. — 0 Frank- reich heil’ger Boden! Ftir dich geht es in den Kampf, eines Weibes Hand wird dich rachen, wird dem Ko- nige den alten Glanz, das Scepter wieder schaffen — Nicht doch verachte meine Jugend, nicht mein Ge- schlecht; deine Kampfe werd’ zu gutem End ich fiihren und der besiegte Brite wird den Siegeskranz mir reichen. G r e i s: Mit solcher Zuversicht kann nur der Herr des Himmels des Madchens Herz beseelen; mit ge- ringer Macht bringt er ja oft Verderben dem, der frevelhaft die Waffe hebt. Ich seh’ ein giinstig Zeichen. P u 1 e n g. Jungfrau, wenn fest dein Sinn, wenn ausdauert deine Willenskraft und, wie du glaubst, Gott selbst es ist, der fort dein Herz zum Kampf entflammt — so lafi uns (gehen) eilen. Io: Nie wird je ein Tag andern meinen Sinn, ich Madchen folge, wohin der Ruf mich gehen heisst. Mein Muth er stammt von dem, der mich jetzt lenkt. Puleng. Der Himmel gebe seinen Segen! Ich geh’ voran, werd’ dem Konig von dir Kunde bringen und dir bei ihm bereiten gnadigen Empfang. I o: Du gehst voran, i c h folge. — Grofies vrage ich, vrage, was kaum Manner zu hoffen je sich erkiihnen durften. —(Und doch)wie dreist ist mein Beginnen! Ich Madchen solit’ mit meiner Hand so viele sieges- stolze Briten schlagenl? solite mit des Schlachten- gottes Schvvert rasend-vvilde Schaaren niedervverfen ? Dem Konig solite ich das ihm entriss’ne Scepter riick- 2 * 19 erkampfen? Die Briten wieder iibers Meer an ihre ferne Kiiste jagen 1 ? Das vom Hunger gequalte, vom Feinde eingeschlossene Orleans entsetzen ?! D a s ver- mag meine Rechte nimmer, auch lag ja nie ein Schwert in meiner Hand. Mein Speer war einzig nur der Štab, und mit diesem trieb die Heerden ich, pflegt auf ihn gesttitzt iiber Bache wohl zu setzen und mit ihm zu seiten mir des Baumes Frucht herab zu holen. Ich lebte unter Bauern, bewohnte Hiitten und der Schafe Pferche- Und doch werd’ ich dem Feind entgegen gehen und werd’, wenn anders nur mein Štern mir giinstig bleibt, Frankreichs MiBgeschick besiegen — dann er- richte ich Trophaeen, die eine lange Reihe von Men- schenaltern bewundern soli!! Nicht den Mannern blos schmiickt der Lorberkranz das Haupt, auch die Frauen feiern ihre Triumphe und Farna (besingt) riihmt unser Geschlecht, wenn durch Thatkratt grofi, vor der lau- schenden Nachwelt; ist doch die Ehre ein gemeinsam Gut, auch wahlt die Thatkraft kein Geschlecht. — Wohlan denn, Ruhm! der du mit tausend Gangen die Welt erfiillst und von unzahligen Fliigeln getragen iiber Jahrhunderten schwebst, bereite mir Lorbeeren, welche kein Alter je zerstort, die keine Zeit verschlingt! Un¬ ser Werk wird den fablen Neid besiegen und wenn die Parze mich ereilt, vielleicht im Schlachtgewiihl, mich, das dem Himmel geweihte Haupt, nun dann deckt derselbe Himmel meine Leiche und ist mir Gra- beshiigel! — Doch gehen wir! Der Allmachtige selbst verbietet Aufschub; auch saumet Jener nicht, dem die Sterne vvinken. Greis: Wahrlich die ist weise iiber ihr Ge¬ schlecht hinaus. Ja, Thatkraft, wo sie inne wohnt, wird 20 zur Glutt, zur Flamme, — und lafit uns nimmer ru- hen — Wahnsinn ist’s, schwache Arme zu verachten, wo Gott selber waltet. Von diesem Madchen moge Frankreich Heil und Rettung kommen (oder freier:) Heil dir Frankreich! Du wirst erstehen. III. DER MONOLOG DER JUNGFRAU VON ORLEANS BEI FRIEDRICH VON SCHILLER. Indem D a u m e r in seiner Schrift iiber Schiller*), vveitausgreifend die Verschiedenheit der Schaffens- perioden des grofien Dichters von 1793 und nach diesem Jahre scharf charakterisiert und fiir die zweite dieser Perioden eine seelische „Conversion“ Schillers zu beweisen bestrebt ist, an die Stelle wel- cher Bezeichnung man das Wort Conservatismus setzen konnte, was iibrigens wohl ahnliches bedeuten vvurde, sagt er wortlich folgendes: „Um speciell vom Katholicismus zu sprechen, dem Schiller in seinen friiheren Werken — wie dem Don Carlos, den historischen Werken mit ihren tendenziosen Schaudergemalden, dem Geisterseher — so weh zu thun beflissen war, so sehen wir nun das merkwiirdigste Gegentheil in einer ganzen Reihe von Gedichten u. Dramen theils durchherrschen, theils vvenigstens in ein- zelen Stellen derselben hervortreten. Dahin gehort der Gang nach dem Eisenhammer, wo die katoli- *) Schiller in seinem Verhaltniss zu den politischen und reiigiosen Fragen der Gegenwart. Mainz 1862. — Freundliche Mittheilung des Werkes an den Verfasser durch die dankens- werthe Giite der Stadtbibliothek in Mainz. 21 sche Messe nicht nur mit fiihlbarer Anerkennung und Liebe beschriben wird, W a 11 e n s t e in, wo eine so merk- wiirdigeSchilderungkirchl.Andacht eingeschaltet ist, wie sie das in diesem Stiicke zu losende kiinstlerische Problem keineswegs forderte (wo denken Sie, wo ich gewesen bin Tante? — In der Kirche war ich. Max Piccolomini, (Lieblingsgestalt des Dichters) derKampf mit dem Drachen, wo das kath. Princip der De- muth u. der Gehorsamkeit hervorgehoben u. wo ihm in Conflikt mit d. ritterl. Heldenthume d. Drachentodters ein in so echt kirchlicher Weise bestimmter Vorrang eingeraumt ist, der Graf von Habsburg, wo ebenfalls ganz specifisch katholische Tone angeschlagen sind, Maria Stuart, wo unsere Herzen einer kath. Fiirstin zugeftihrt, von einer protestantischen aber ent- schieden abgewendet werden und wo sich eine vvenigstens vorvviegende Hinneigung des Dichters selbst zu diesem Cultus unzweifelhaft zu erkennen gibt, weiter die Jungfrau von Orleans, wo uns Schiller die romantische Wunderwelt des Mittelalters entfaltet u. in Johannas schweigender Selbstdemii- thung u. Untervverfung unter das Schicksal den unge- rechtsten Anklagen gegenuber die innersten Tiefen des Christenthums enthiilt, nebst dem Gedichte „das Madchen von Orleans" betitelt, welches sich gegen die alles Schone und Heilige in den Staub tre- tende Roheit der Aufklarung und des Unglaubens er- klart, die auch dieses „edle Bild der Menschheit" be- sudelt hatte.“*) Im Monologe, den wir nun folgen lassen spricht sich das Gottvertrauen in ihre Sendungbei „Johanna d’ Arc“ und ihre Glaubensfreudigkeit am schonsten aus! *) Daumer 1. c. p. 27—34. 22 VIERTER AUFTRITT. JOHANNA allein. Johanna. Lebt wohl ihr Berge, ihr geliebten Triften, Ihr traulich stillen Taler, Iebet wohl! Johanna wird nun nicht mehr auf euch wandeln! Johanna sagt euch ewig Lebewohl! Ihr Wiesen, die ich wasserte, ihr Baume, Die ich gepflanzet, griinet frohlich fort! Lebt wohl, ihr Grotten und ihr kiihlen Brunnen, Du Echo, holde Stimme dieses Tals, Die oft mir Antwort gab auf meine Lieder, 10 Johanna geht, und nimmer kehrt sie wieder! Ihr Platze alle meiner stillen Freuden, Euch lass’ ich hinter mir auf immerdar! Zerstreuet euch, ihr Lammer, auf der Heiden! Ihr seid jetzt eine hirtenlose Schar, Denn eine andre Herde mufi ich weiden Dort auf dem blufgen Felde der Gefahr, So ist des Geistes Ruf an mich ergangen, Mich treibt nicht eitles, irdisches Verlangen. Denn der zu Mosen auf des Horebs Hohen 20 Im feur’gen Busch sich flammend niederliefi Und ihm befahl, vor Pharao zu stehen, Der einst den frommen Knaben Isais, Den Hirten, sich zum Streiter ausersehen, Der stets den Hirten gnadig sich bewies, Er sprach zu mir aus dieses Baumes Zweigen: „Geh’ hinl Du solist auf Erden fiir mich zeugen. „In rauhes Erz solist du die Glieder schniiren, Mit Stalil bedecken deine zarte Brust, 23 Nicht Mannerliebe darf dein Herz beruhren 30 Mit siind’gen Flammen eitler Erdenlust. Nie wird der Brautkranz deine Locke zieren, Dir bliiht kein lieblich Kind an deiner Brust; Doch werd’ ich dich mit kriegerischen Ehren, Von allen Erdenfrauen dich verklaren. „Denn wenn im Kampf die Mutigsten verzagen, Wenn Frankreichs letztes Schicksal nun sich naht, Dann wirst du meine Oriflamme tragen Und, wie die rasche Schnitterin die Staat, Den stolzen Ubervvinder niederschlagen; 40 Umvvalzen wirst du seines Gliickes Rad, Errettung bringen Frankreichs Heldensohnen, Und Rheims befrein und deinen Konig kronen! Ein Zeichen hat der Himmel mir verheifien, Er sendet mir den Helm, er kommt von ih m, Mit Gotterkraft beriihret mich sein Eisen, Und mich durchflammt der Mut der Cherubim; Ins Kriegsgewuhl hinein will es mich reifien, Es treibt mich fort mit Sturmes Ungestiim, Den Feidrut hor’ ich machtig zu mir dringen, Das SchlachtroB steigt, und die Trompeten klingen. (Sie geht ab.) * * * Dieser Wiedergabe des uns von der Schulbank wie von der Btihne gelaufigen Monologes unseres Friedrich Schiller seien nun die Bemerkungen seines Commentators Duntzer nachgestellt, die er dem Vierten Auftritt des Prologs u. a. vvidmet. Er schreibt: »Jo¬ hanna^ Abschied und begeisterter Antrit ihrer Sen- dung. Mit der ihr eigenen riihrenden Empfindung fur 24 die Natur nimmt Johanna von allen ihren geliebten Platzen Abschied. Wir wissen dafi Johanna in Dom- remy auf Nimmerwiedersehen von einigen Abschied nahm“. Dazu fiigt er als Note: Nur entfernt ahnlich ist Philoctets Abschied am Ende des nach ihm benannten Stiickes von Sophocles. Wir wollen hier an diese Note ankniipfen und reproducieren die von Diintzer angedeuteten Verse aus des grofien Griechen Drama;*) sie lauten: PHILOKTETES- 1411 Wohlan denn! Scheidend begriiB’ ich das Land Leb wohl, mein Felsdach, das mich geschirmt, Ihr Nymphen der Bache, der Au’n lebt wohl, Und, o machtig am Vorberg brandende See 1415 Wo die Fluten, erregt von den Stossen des Siids, Oft netzten mein Haupt in demWinkel derKluft, Wo den klagenden Laut, wenn wild auf mich Einsturmte der Schmerz, der hermaeische Berg Im Riickhalt oft mir heruber gesandt! 1428 Ihr Brunnen umher und Apollons Quell, Ich verlass’ euch nun, ich seheide von euch, Der nie so Kiihnes zu hoffen gewagt. Doch fahren wir nach dieser Einschiebung im Citate aus Diintzer fort. Er sagt weiters: Wenn sie (Johanna) hier (im Monologe) ihrer Lieder gedenkt so ist es bekannt, daB sie lieber sang, als tanzte. Schon wendet sie sich an ihre Heerde, denn als Hirtin fafit sie Schiller der Sage gemafi, wahrend wir vvissen, daB *) Sophocles: Philoktetes. Deutsch von I. I. C. Donner 9te Auflage 1. p. 343. 25 sie sich in den. letzten Jahren, mehr den hauslichen Geschaften widmete. Der Gedanke, daB sie eine an- dere Herde jetzt weiden rniiBe, liegt nahe; heifien ja die Konige selbst „Hirten der Volker" bei Homer. Wenn sie der beiden aus Hirten zu Heerfiihrern ge- wordenen alttestamentlichen Helden gedenkt, so lag dem Dichter hier wohl die Rede im Sinne, vvelche sie nach der Histoire du siege (152 f.) an den Konig ge- halten haben soli, um ihn zu bewegen, nach Rheims zu ziehen. „Hoffnung und Glaube an die zweifelhaf- testen und unerwartetsten Dinge." — sagt sie hier — „hat die Staaten der Konige und Fiirsten gliicklich ge- macht. Denn was bewaffnete die schwacnen Arme Davids gegen die gewaltige Leibesstarke des Philisters * als die Hoffnung die er auf seinen Gott setzte? — Hat Gott nicht dem Moses den Weg durch das rothe Meer und die unfruchtbare Wuste bereitet?" Wenn sie Gott selbst aus den Zweigen der Eiche zu ihr sprechen und ihr seine Sendung verkunden laBt, so steht dies — bemerkt Diintzer — im Wiederspruch mit ihrem eige- nen Berichte I. 10, IV. 1, 3, was Schiller wohl ent- gieng. Oder hatte er sich mit Absicht diese Abwei- chung gestattet. In der Histoire admirable heifit es, Gott habe durch die Jungfrau Maria und die Heiligen Catarina und Agnes sich ihr offenbart, nach der Hi¬ stoire du Siege erschien ihr der Herr (notre Seigneur) mehreremal. Am nachsten kommt Schiller der Bericht von Alain Charbier, wonach eine Stimme aus einer iiberaus glanzenden Wolke also zu ihr gesprochen haben soli: „Johanna, du solist einen anderen Weg gehen und wunderbare Thaten verrichten, denn du bist die, welche der Konig des Himmels erwahlt hat 26 zur Erretung Frankreichs, wie zum Schutz und Schirm des aus seinem Reiche vertriebenen Konigs Karl. Mannerkleider wirst du anziehen, Waffen nehmen und das Hsupt des Konigs sein.“ Eine reine Jungfrau zu bleiben an Leib und Seele hatte Johanna mehrfach ihren Heiligen gelobt. Auffallend — bemerkt Diintzer schliesslich, — dafi der Herr hier der Jungfrau ver- spricht, sie „mit kriegerischen Ehren zu verklaren", da sie vielmehr ihre Sendung als reine Gottesstrei- terin, ohne Streben nach Ruhm und Ehren vollbringen mufi. Auch ist es nicht ohne Anstofi, wenn Schiller ihr verkiindigen lafit, sie solle ihre Oriflamme tragen. Die Oriflamme (aurea flammulla) eigentlich die Kirchen- fahne der Abtei Saint Denis, wurde seit Philipp I. von den franzosischen Konigen im Kriege getragen. Jo¬ hanna hat ihre eigene Fahne. Die Begeisterung, welche die Jungfrau zuletzt lebhaft in den Krieg versetzt, tritt in ergreifender Weise am SchluBe hervor." „Begrundeten Ausstellungen an Schillers Jungfrau von Orleans gegeniiber — schreibt ein anderer Com- mentator, Dr. Albert Zipperer*) — sind folgende Worte Johannes Scherr’s zu beherzigen: „Gibt man den Tadlern alles zu, woher denn trotzdem die grofie Gesammtwirkung der Tragodie? Die Antvvort ist leicht. Die groBe Gesammtwirkung kam von dem vvundersamen Aufsteigen vom anmuthigen Idy 11 zum vveltgeschichtichen Trauerspiel, von dem herrlichen Contrast der schlichten Hirtin und der hochsinnigen Heldin, von *) Erlauterungen zu Meistenverken der deutschem Litera¬ tur III. Band: Schillers Jungfrau von Orleans Recklam Universal Bibliothek 3740 S. 12. 27 dem energischen Hauch religioser und patriotischer Begeisterung, welcher dasganze Gedicht durchathmet nnd endlich von jenem undefi- nierbaren geheimnisvollen Etwas, das den echten Dichter macht, wie den echten Tonkiinstler die Me- lodie. Der Kunstrichter hat das Recht und die Pflicht die Mangel der Tragodie aufzudecken; aber Hundert- tausende, Millionen, von Herzen haben dem Dichter das Wort nachgesprochen, womit er seine Jonhanna in die Welt entliefi: Dich schuf das Herz, du wirst unsterblich leben! 28 NARODNA IN UNIVERZITETNA KNJIŽNICA 00000482529