II83495 z' C J Pr N IKO Z Uf ANIC D I E i It b Y R I £ R. y j /j, ., w , rf' ( f, .&{ . Z' Yl’ e n ■ ' aam r j Aasziig aus eimem Vortrage, WIBN 1907 1. Herr Dr. Niko Zupanič lialt einen Vor- trag uber Die Illyrier. (Ein Profil aus der historischen Physioanthropo- logie der Balkanhalbinsel.) Seit der letzten Generation wendet sich das gebildete Publikum mit Recht von der historischen Literatur, einer Disziplin, welche um die Mitte des XIX.Jahrhunderts in so hohen Ehren stand, ab. Die Schuld trifft jedoch nicht die Leser, sondern die Trager der Wissen- schaft, welche es bis jetzt nicht vermochten obgleich Fortschritte zu verzeichnen sind —, vollkommene oder wenigstens halbvollkommene Zeitbilder darzustellen, soweit es natiirlich die Quellen ermoglichen. In den Restaurierungs- versuchen wird das vergangene, entschvvundene Leben kaum zu einem entstellten, unpropor- tionierten Skelette aus trockenen Daten, Kriegs- daten und Jahreszahlen zusammengeschvveiBt, da gevvohnlich Unrichtiges in die Lange ge- zerrt, wahrend gar wichtige Sachen nur fltichtig gestreift oder ganz weggelassen werden. Vorztiglich enger geistiger Horizont und die Nichtkenntnis des wahren Lebens seitens der Geschichtsschreiber sowie der Literatur- historiker erklart die Tatsache, daB man nur allzuoft die oberste Aufgabe verkennt, Wich- tiges vom Unwichtigen zu unterscheiden und nach kritischer Beleuchtung in der richtigen Stelle einzufiigen. Der Mensch, die Volker und ihr Leben sind namlich der komplizierteste Organismus und die Historiker sollten ihn nicht einseitig, sondern mit Hilfe moglichst vieler Wissenszweige erklaren. Eines der Hauptmomente, das die Geschichts¬ schreiber nicht beachten, ist das anthropo- logische, dessen Fehlen nicht nur in der historischen und ethnologischen, sondern auch in der schonen Literatur empfunden wird — es ist namlich eine psychische Notwendigkeit. Zur teilweisen Entschuldigung der an- gefiihrten Literaturzweige sei ervvahnt, daB die Anthropologie denselben keine glanzenden Resultate bieten komite, da diese Wissenschaft sehr jung ist und zuletzt hervorkam, wie der Mensch selbst als das letzte Glied in der Reihe der Schopfung, weshalb sie auch ihre Aufgabe bis jetzt nicht voli ausfuhren konnte. Dieser Umstand gab dem Vortragenden die Veranlassung zum Entwurfe eines physio- anthropologischen Bildes der 111 yrier, wobei er auch die Griechen und Serben als die Nachbarn der ersteren stets im Auge behalt, ob und inwieweit sich diese drei Volker gegenseitig durch Blutmischung beeinfluBt haben m o c h t e n. Nach derBesprechungderanthropologischen Literatur der Balkanhalbinsel findet der Redner die anthropometrische Methode A. Weis- baclis als eine der mustergiiltigsten und an- erkennt die Notwendigkeit der Messungen und statistischen Erhebungen nach der Kom- plexion und desSammelns sonstigerMaterialien ftir vveitere Forschungen; man diirfe aber nicht dabei bleiben, weil sich die Wissenschaft dabei verflache und an Tiefe EinbuBe erleide, ob¬ gleich sie an Breite und Umfang zunahme. Es ware hoch an der Zeit, den Weg der Syn- these einzuschlagen, das gesammelte Material zu verdauen und die ptiysioanthropo- logischen Veranderungen und Differen- zierungen der Volker auf Grund der Anatomie, Physiologie, prahistorischen Archaologie und Weltgeschichte genetisch zu erklaren. Den Ausgangspunkt der Besprechung bil- deten die auf dem Graberfelde von Glasinac (Bosnien) in den Jahren 1892 und 1894 ge- borgenen und von A. Weisbach gemessenen Schadel, \ve!che sich durch dolichoide Form (29°/o Dolichocephale, 37% Mesocephale) aus- zeichnen. Mit Hilfe der beiliegenden Artefakte wurde den meisten dieser Knocheniiberreste die Mitte der Epoche des friihen Eisens auf dem Rumpfe der Balkanhalbinsel (nach S. Muller VIII. bis V., nach Fr. F i a 1 a Vlil. bis II. Jahr- hundert v. Chr.) zugevviesen, so daB sie un- gefahr hundert Jahre vor und hundert Jahre nach 500 v. Chr. fallen vviirden. Als Trager der Glasinac-Schadel und der dortigen Kultur werden die 111 y r i e r, und zwar der Stamm der Desitijaten (auch Desi- jaten) im siidostlichen Bosnien erkannt. Entgegen H. Ki ep e rt, W. To m as c h ek, M. Hoernes und A. Dimitz, welche die Illyrier als ein Volk von dunkler Komplexion und kurzer Schadelform (Virchovv) darstellen, vvurde auf Grund der anthropometrischen Er¬ hebungen und antiker Literatur die Unrichtig- keit dieser Behauptungen erwiesen, da die alten 111 y r i e r von nordischer Abkunft und xantho-dolichocephal waren. Bevor es zum Vergleiche zvvischen den Illyriern des V. und VI. Jahrhunderts v. Chr. und ihren heutigen Nachkommen, den Alba- nesen, kam, wurde der physische Habitus der letzteren in verschiedenen Teilen ihrer Heimat eingehend besprochen. Als ethnisch rein werden die Gegenden zvvischen den Fliissen Škumbija [ 2 ] und Mat, sowie nordostlich von Skadar (z. B. Pulati) hingestellt. Der ethnologischen Homogenitat entspricht auch die somatologische, denn die Albanesen der erwahnten Gebiete sind durchweg brachycephal (100%), dunkel- haarig und dunkelaugig, also ein vollkommen ausgesprochener Kontrast ihrer Vorfahren aus der Hallstatt-Epoche. Beim Forschen nach den Ursachen der korperlichen Transformation der europaischen VOlker werden die Hypo- thesen von Schaafthausen, Ranke, Baer, Nystrom, Virchow verworfen und die im Inneren gestaltenden Krafte den Korperchen des Chromatins der E i- und Spermazellen zugeschrieben, welche sich nach testen Regeln der Vererbung auBern und einerseits in gevvissem MaBe die Bestandigkeit der Rassen bewirken, anderseits dieselben zerstoren oder umbilden. Das melanobrachycephale Rassenelement betatigt sich bei den Blutmischungen mit anderen als durchschlagend und siegreich besonders gegeniiber dem xanthodolichocephalen Ele¬ mente. Die obere Mesocephalie und die unterste Brachycephalie sind keine bleibenden, sondern nur Obergangsformen, weshalb Denikers Einteilung der Europaer in sechs Haupt- und etliche Nebenrassen nicht haltbar ist. Die Ansichten, als ob vorziiglich erst die Slawen kurze Formen der Hirnkapsel und dunkle Komplexion auf die Balkanhalbinsel (und auch sonst nach Mitteleuropa) gebracht und den lllyriern und Griechen ihren urspriing- lichen leiblichen Typus genommen hatten, sind irrig und nicht stichhaltig. Man muB sich die Siidslavven (von Pseudo-Casarius anno 525 p. Chr. n. -z./.aurjvo’ == Sl o ve n e genannt) als einen Teil der „Venetarum natio“ zurZeit ihrer Ankunft auf der Balkanhalbinsel und in den ostlichen Alpenlandern als ein Volk von kraf- iger, hoher Statur, dolichoidem Schadelbau <59% Langkopfe) und heller Komplexion vor- stellen; die Hautfarbe zeigte einen starkeren Rosainkarnat und das Haar einen rotlichen Schimmer. Diese Schilderung beruht auf den Berichten der arabischen Schriftsteller des VII. bis XII. Jahrhunderts, sowie besonders auf den Schilderungen des byzantinischen Historiographen Prokopius, de bello gothico III, cap. 14: X'j|iTjxer; x£ v.cd oiacpepcvrcs sialv arcavte? xa 5s a«[iaxsc xxl zag xc|iag outa X£uxo!. ig ayav yj Savooi efciv ou te nrj ig xo |i4Xav auzoig 7iavx£Xws x£xpxitxa' &X'x’ imepuSpa s:atv a7iavx£g. Die erwahnten geschriebenen Quellen so- wie die Schadelfunde in den hinterkarpathi- schen Landern und im Konigreiche Bohmen aus der Epoche (700—1200 n. Chr.) lassen fiir die Bosnier und Herzegowiner aus der Zeit ihrer Ansiedlung daselbst ein physio- anthropologisches Bild entvverfen, welches sich beztiglich der Komplexion sowie der Hirn- schadelform gar nicht oder vielleicht nur gering von demjenigen der Danen und Schvveden von heute unterscheidet. Die Dolichocephalie schwindet namlich in Bosnien und der Herze- gowina nach arithmetischer Progression, wo- bei die Differenz der Reihe pro (l) Jahr = 447 Ds — ^o^betragt und derjenigen in Boh¬ men (Dč) und in Sudbayern gleich ist (Db). Die Differenz der vvachsenden oder fallen- den Reihe nennt der Vortragende „clavis morphologicus", mit dessen Hilfe man in die Moglichkeitversetztwird,morphologische Werte der Zahlen in chronologische und umgekehrt umwerten zu konnen. Wenn A das Anfangs- glied, T das Endglied, N die Anzahl der Glieder (Jahre), D die Differenz und S das sommatorische Glied der „Progression par Difference“ bedeutet, dann ist gleich: S = A + (A-D) + (A-2D) + (A-3D) + ...(A-ND) A+ D—T D A—T N—l T — A — (N—l) D Ein Beispiel: Im Jahre 1895 besaBen die Bosnier und Herzegowiner bei der anthropo- nietrischen Erhebung durch A. Weisbach noch 17% — Ts Dolichocephalie. Und wenn diese Serben zur Zeit ihrer Ankunft auf der Balkanhalbinsel in den Regierungszeiten der Kaiser Phokas (602—610) und Heraklius (610—642) kraniologisch vvirklich so beschaffen waren wie die Russen (um 1000 n. Chr.) oder dieSchvveden unsererTage,oderdieTschechen (um 600 n. Chr.), namlich 58'83°/ 0 dolicho- cephal (— Ač — As) und in Bosnien wie in 447 Bohmen jahrlich prozentuell ^qqqq ~ Dč = Ds = Db verloren geht, dann mtissen die zum Verbrauche von (As— Ts) notigen Jahre (= Ns) subtrahiert von 1895 ungefahr die Zeit der Ankunft (x) der Serben in Illyricum wenigstens auf ein oder zwei Jahrhundertc genau geben. Ač = 58'83 Ts= V 44 n v 447 10.000 N D [3] x -= 1895 - Ns Ns — Ač \ Dč- Ts Dč 58'83 4 - 447 10.000 447 10.000 — 1'44 571.747 447 x = 1895 — 1279 = 616 p. Chr. n. 1279 So bekommt man aus morphologischen Zahlenvverten den Zeitpunkt der serbischen Niederlassungen in Bosnien und der Herze- gowina nicht nur auf ein oder zwei Jahr- hunderte, sondern auf Jahrzehnte, ja sogar auf Jahre genau; denn die Jahreszahl (616) failt a uffallenderweise in die Regierungszeiten der beiden genannten byzantinischen Kaiser (602 — 642). Diese Genauigkeit bestatigt in klarer Weise die Richtigkeifder Annahme uber die kranio- logische Beschaffenheit der Serben zu Anfang • des VII. Jahrhunderts p. Chr. n. Es diirfen aber nicht die Schwierigkeiten verkannt werden, welche sich solchen Berech- unklaren ist, konnte hingegen der „clavis morphologicus" gute Dienste leisten. Zuletzt wurden die Griechen vom XII. vor- christlichen Jahrhunderte bis auf heute be- sprochen und die Ansicht Wiiliam Ripleys, als ob die Hellenen der altesten Zeiten, wie auch besonders der klassischen Zeit, der mittel- landischen Rasse („nur wenig verschieden von den Phoniziern und Iberern“) angehort hatten, zuriickgevviesen. Hauptsachlich besaBen die Hellenen jenerZeiten dieMerkmale derXantho- dolichocephalie, obschon nebenbei die Melano- dolichocephalie und auch MelanobrachycephaIie merklich vertreten waren. Die dorische Wanderung hat das nordische Rassenelement der Achaer verstarkt. Samtliche arischen Volker, die Thraker, Hellenen, Illyrier, Slowenen (-xXau7]vot = Siid- slawen), waren zur Zeit ihrer Ankunft im Sud- osten Europas physioanthropologisch gleich beschaffen: groB, wei8hautig (colosito roseo), hellaugig, rotlichblond (rcu^ot), dolichoid, ver- loren aber mit der Zeit (etwa in 2000 Jahren) siidlich des Alpen-, Karpathen-, Balkan-Giirtels die Xanthodolichocephalie. Die Balkanvolker nach dem Schadelindex und der Komplexion in verschiedenen Zeitaltern. nungen in den Weg setzen, da die Regel- maBigkeit der Rassenmetamorphosen vielfach durch Migrationen, soziale Umvvalzungen usw. gestort wird. Der prahistorischen Archaologie, der Palaoethnologie, wo man ofters nach mehreren Jahrhunderten und Jahrtausenden im ') Die morphologischen Zahlen basieren auf den Erhebungen von Cl. Stephanos, diejenigen der Komplexion auf denen von Dr. Ornstein. Der „blonde Typus“ der Griechen ist nicht ganz aquivalent mit dem WeiBbachs, vveil Ornstein vvahrschein- lich auch heilbraune Haarfarbe zu der blonden Gruppe gerechnet hat. Dr. Zupanič schloB seinen Vortrag mit den Worten: „Anderseits haben die Serben ihren heutigen leiblichen Typus meist den Illyriern zu verdanken, und zwar den Illyriern seit dem Anfange des VII. Jahrhunderts p. Chr. n., als dieselben physioanthropologisch ungefahr den Serben von heute glichen. Es fand ein Rassenaustausch statt, nur mit dem 2 ) Diese Einteilung nach dem Langen-Breiten- index stiitzt sich nicht auf konkrete Schadelfunde, sondern auf theoretische Riickschliisse und Berech- nungen. [ 4 ] Unterschiede, daG nach dem Vererbungsgesetze die Melanobrachycephalie, welche die Illyro- Romanen und die Uberreste der IIlyrier den Serben durch Blutmischung iibergaben, immer mehr durchdringt und siegreich die Xantho- dolichocephalie verdrangt, bis die Serben schlieSlich beilaufig das sein werden, was die echten Albanesen von heute sind. Etwa im XXVII. Saeculum p. Chr. n. werden namlich in Bosnien und der Herzegowina die helleren Farbentone der Haare (rot, blond, hellbraun) wie der Iris (blau, blaugrau, grau, griin) ver- schvvinden, natiirlich im Serajewoer Kreise spater, in dem von Bihač fruher als durch- schnittlich in den genannten Landern. Und solite vielleicht das Schicksal wiederum blonde, nordische Leute in jener fernen Zeit in die Lander des dinarischen Gebirgssystems bringen, so wiirden sie Grund genug dazu haben, die Autochthonen „Schwarze Serben" zu nennen, wie ja auch die blond en Serben des VII. Jahrhunderts p. Chr. n. die vorgefundenen Illyro- und Thrako-Romanen „Schwarzer Viache" (— Maurovlache, Karavlache, nigri Latini, Morlake) nannten."