40562» AefteiWnjs drs ^E>ii Juli heurigen Jahres beschloß ich obgenannten Berg mit ^seinen riesigen Gletschern zu ersteigen, welchem vor wenigen Jahren Herr Franz Kadilnig, mein Landsmann, ebenfalls einen Besuch abgestattet hatte. Nachdem ich die nöthigen Erkundi¬ gungen eingezogen, die mir als Richtschnur dienen sollten, meine Reisevorbcreitungen beendet, fuhr ich den 13. Juli Vormittags von Laibach nach Villach ab. Das Wetter war herrlich und der leise Nordwind, der beste Wetterprophet, ließ mich mit Wahrscheinlichkeit schließen, daß es mir gegönnt sein dürfte, sogleich bei meiner Ankunft in Heiligenblut oberwähutcu Berg besteigen zu können, und nicht, wie viele andere Touristen, abwarten zu müssen, bis es dem Alpeuriesen beliebt, die dichten Nebel abzuschütteln, die sich häufig an demselben ansammclu. Jedem ist es bekannt, wie schön und malerisch als auch abwechselnd die Partien auf der Rudolfsbahn sind; daher ich die Schilderung derselben übergehe und nur erwähne, daß ich nach 4'/2stündiger Fahrt in Villach anlangte. Nicht mehr als 10 Minuten waren mir zur Erholung auf der dortigen Restauration erlaubt, da ich nach Ablauf dieser kurzen Zeit mit dem von Marburg augekommenen Personenzuge nach Oberkärnten abfahren mußte. Nach 2'/^ stündiger Fahrt durch's reizende Drauthal war ich in Ober-Drauburg angelangt, von wo ich mit dem Omnibus eine Strecke von 3 Stunden bis Dölsach (Tirol) weiterfahren mußte,, da die Bahn innerhalb derselben von reißenden Wildbächen stellenweise demolirt war. 2 Sieben Personen, darunter auch zwei Damen, hatten in dem Wagen Platz genommen, der über die Möglichkeit bequem für Reisende eingerichtet war, da man weder aufrecht sitzen noch vielleicht die Füße strecken konnte, so daß cs den Anschein hatte, als ob ich für irgend ein Vergehen hier zur Abbnße verurtheilt wäre. Der genannte Wagen setzte sich in Bewegung und mit solcher Schnelligkeit ging es vorwärts, daß ein guter Fußgeher, ohne sich anzustrengen, höchstens eine halbe Stunde später diesen Weg zurückgelegt haben würde. Beim Dorfe Chrisauteu hatten wir die Grenze Kärntens überfahren und hier war auch der Ort, wo ich das Werk der Zerstörung sehen konnte: durch Kornfelder hatten sich Wildbäche den Weg gebahnt, ganze Wälle von Schutt waren an den Ufern derselben abgelagert. Auch die Drau hatte ihr seit Jahrhun¬ derten eingenommenes Bett verlassen und floß dort, wo kurze Zeit früher die Eisenbahn dahiubrauste. Nach einer weiteren Fahrt von einer Stunde hatten wir auch den Ort Nikolsdorf passirt, der aus dem französischen Kriege anno 1809 berühmt geworden ist. Immer romantischer zeigte sich die Gegend und Dölsach mein heutiges Ziel war erreicht. Der Wagen hielt beim genannten Dorfe an, ich stieg aus demselben, verabschiedete mich bei meinen Reisegefährten und nach Verlauf weniger Mi¬ nuten war ich im Gasthause „Karpacher" angelangt, welches wegen der trefflichen Bedienung, Billigkeit und Solidität die vollste Anerkennung verdient, daher jedem Fremden anempfohlen werden kann. Das Nachtmahl war eingenommen; ich ging auf das mir angewiesene Zimmer früher als gewöhnlich- da ich durch das zusammengckauertc Sitzen im Wagen mehr ermüdet war, als durch eine ununterbrochene Fußtour vou acht bis zehn Stunden. Schnell war die Nacht entschwunden; der Morgen des 14. Juli graute kaum, als ein Klopfen an der Thür mich aus dem süßen Schlafe weckte; Ursache desselben war der Führer, der mich in aller Frühe über den Jselsberg nach Winklern (Kärnten) geleiten sollte. Bald war ich reisefertig; wir stiegen den 4000 Fuß hohen obgenannten Berg hinan, ich sah bald rechts bald links und hatte nach fünf Viertelstunden die Höhe desselben erstiegen. 3 Hier wurde Halt gemacht; nochmals sah ich mir die östlichste Stadt Tirols, Lienz, an, die prachtvoll angebaute Ebene, das gerade gegenüber liegende Lauenter-Gebirge, deren Gipfel 6—7000 Fuß Hohe aufweisen. Die Grenze Tirols ward überschritten und nach einer halb¬ stündigen Tour erreichten wir das Dorf Winklern im Obermöll- thale, wo im Gasthause v. Eichenegg eingekehrt wurde. Ich bestellte sogleich einen Wagen nach heil. Blut, stärkte mich und setzte nach einer Unterbrechung von zwanzig Minuten die Reise fort. Bald zeigten sich im Westen einzelne weiße Häupter, doch das des Großglockners wollte noch nicht zum Vorscheine kommen; Döllach die letzte Raststation vor heil. Blut ward erreicht. Ich besuchte den mir vom dortigen Gastwirthe Ortner als interessant angegebenen Zirknitzfall mit der Grotte, welch' letztere besser eine Schlucht zu nennen wäre. Ich hatte keine Ruhe, keine Rast, bestieg gleich wieder den Wagen und fuhr gegen heil. Blut. Das Thal verengte sich immer mehr, Berg auf Berg thürmte sich, wild brauste die Möll an mir vorüber, unheimlich wurde es mir zu Muthe; doch es wurde wieder freundlicher, das Thal erweiterte sich, durch schattige Auen schlängelte sich die hier ruhigere Möll, Wasserfälle zeigten sich, von denen als der schönste und höchste der Jungfernsprung mit 500 Fuß Höhe und als der wasserreichste jedoch der Möllfall schon in der Nähe hl. Blut's genannt werden muß. Ebengenannter Ort war erreicht, und was die Hauptsache war „herrliches Wetter". Den Großglockner, mit Eis gepanzert, den viele andere Berge wie dienende Trabanten umstehen, sah ich hier zum erstenmale. Im Schober's Gasthause, wo ich ab¬ stieg, wurde mir ein kleines freundliches Zimmer angewiesen und welche Ueberraschung? — mit der Aussicht auf den Großglockner! Nach geraumer Zeit verließ ich mein provisorisches Domizil, besah das 4500 Fuß hoch gelegene Alpendorf, dessen alte gothische Kirche mit einem nach Angabe dortiger Bewohner 48 Klafter hohen Thurme, und kehrte hierauf in's genannte Gasthaus zurück. Das Fremdenzimmer zugleich Speisesaal fand ich äußerst geräu¬ mig, es kann 70 — 80 Touristen fassen. Reisende verschiedener * 4 Nationen, wie Engländer, Franzosen, Wiener rc. fanden sich hier ein. Ich hatte das Mittagmahl eingenommen und hörte, daß sich eine Gesellschaft anschicke, einen nahegelegenen Wasserfall zu be¬ suchen. Jeder, der sich meldete, wurde Mitglied derselben und unter heiteren Gesprächen gingen wir gegen den „Gößnitzfall"; der Weg führte uns bald durch Kornfelder, bald über Wiesen und zuletzt durch einen Fichtenhain. Schon oon Ferne hörten wir den dumpfen Donner, und am Ziele angelangt, war das Getöse derart, daß wir uns nur durch Zeichen verständigen konnten. Herrlich war der Wasserfall anzusehen. Am Rückwege beschleunigten wir unsere Schritte, denn der Abend schien uns überraschen zu wollen. Im Gasthofe angelangt, wünschte jeder von uns, mit dem zu diesem Behufe jeden Abend im Touristenziminer erscheinenden Obmanne des Bergsührervereines sich über die morgige Partie zn besprechen. Der Eine verlangte einen Führer nach Kals, ein Anderer nach Ferleiten, ein Dritter nach Hofgastein und so weiter bis die Reihe an mich kam. Ich machte ihm die Mittheilung, daß ich gesonnen wäre, morgen den 15. Juli mit zwei Führern den Großglockner zu besteigen. Er musterte mich vom Kopf bis zu den Füßen, gab mir wahrheitsgetreu die Beschwerden an, die ich zu überwinden haben würde, vergaß aber auch nicht schließlich hinzuzusetzen, daß die herrliche Aussicht mir einen genügenden Ersatz für die Mühe bieten werde; — wir wurden einig, morgen Nachmittags den Marsch anzutreten. Ich verbrachte noch einige Zeit im Gastzimmer, besah das Fremdenbuch, das dort aufliegt, fand die Namen einzelner Bekannten verzeichnet, schrieb den meinen ebenfalls hinein und ging sodann zu Bette. Kaum war die Mitternachtstunde verflossen, so kehrte das rege Leben im Gasthause wieder; die geschäftige Hausfrau bereitete für die zuerst abgehenden Touristen das Frühstück, die Führer fanden sich ei», Reitpferde standen gesattelt am Dorfplatze. Nachdem es gegen die 9. Stunde, es war dies Donnerstag den 15. Juli, etwas ruhiger geworden war, brachte auch ich Alles in Ordnung, was für obgenannte Partie als nothwendig mir von den Führern angegeben wurde. Gegen Mittag trafen auch dieselben ein, von denen der eine der Obmann der Führer, Anton Wallner, selbst 5 war, der zweite Seppl Tribuser, der als tüchtiger Bergführer, ja ich kann es behaupten, in der ganzen Touristenwelt bekannt ist. Sie hatten Spaten, Stricke, Steigeisen, mit Eisen, beschlagene Alpenstöcke mitgebracht, kurz was nöthig war. Zwei Uhr schlug die Thurmuhr des Dorfes, wir »varen auch reisefertig und gingen unter Glückwünschen der Dorfbewohner so wie der dort zurück¬ gebliebene»» Tonristei» ab. Unsere heutige Aufgabe war, die Jo- hauneshütte 7000 Fuß hoch gelegen zu erreichen, welche uns beherberge»» sollte. Immer bergan führte der Weg und schon hatte»» »vir die Sennerhütten erreicht, aus denen die Sennerinnen durch halbgeöffnete Thüren uns nachlngten. Die Waldregion war erstiege»» und nur» ging es über Alpenwiesen, die gerade ihr buntestes Kleid angezogen hatten. Nach beiläufig 4 Stunde»» ward die erste Rnhestativn erreicht, es mar dies die Elisabethhöhe. Hier ist auch der Ort, wo der deutsche Alpenverein ein Unter- knnftshaus für Touristen baut; bis hieher war auch Ihre Majestät die Kaiserin emporgestiegen, worauf schon der Name hinweist. Von hier aus sah ich gegenüber die drei Leiterköpfe, die sich an den Großglockner anlehnen, tief in» Thale das Eisfeld, das durch den sogenannten Absturz iu zwei ungleiche Hälften getheilt wird, und zwar in eine»» kleineren unteren und einen größeren obere»» Käsboden, wie die Bezeichnung der dortigen Bewohner ist. Auch die Franz Josefs-Höhe, benannt von Seiner Majestät dem Kaiser, der 1856 bis hieher gekommen, war erstiegen. Viele Berge wäre»» schon gleichsam hinabgesunken, frei athmete ich die frische Alpenluft. Kaum tausend Schritte vorwärts und meine Augen blieben an einen» Felsblocke haften; es war ii» demselben eine Marmortafel hineingegraben, welche der deutsche Alpenverein dem unermüdlichen Bergsteiger und Gründer eines Bergführervereines ii» hl. Blut Fr. Hostmann, gefalle»» bei Sedan 1870, weihte. Halb acht Uhr und unser Zielpunkt — die Johanneshütte — ward erreicht. Einfach, doch rein und nett war dieselbe; ich blätterte im Fremden¬ buch vor- und rückwärts, denn auch hier ist eil» solches, schrieb meinen Rainen auch hinein und nahm sodann das Nachtmahl ein, das indessen von den Führern bereitet worden war, worauf ich mich aufs Stroh begab, welches auf svgenannten Pritsche»» aufgehäuft ist und als Nachtlager dient. Die Führer gingen 6 aus der Hütte, sahen nach Wind und Wolken und kehrten mit der Aeußerung zurück, morgen haben wir schönes Wetter zu er¬ warten. — Ich schlief ein. Freitag den 16. Ein Uhr Morgens wurde ich schon Morpheus- Armen entrissen und nachdem das Frühstück eingenommen war, traten wir gegen zwei Uhr bei Laternenschein den weiteren Weg an. Wallner ging mit einer Laterne voran, wir stiegen die Moräne hinunter und betraten den Gletscher; das hier ungefähr eine halbe Stunde breite Eisfeld wurde überschritten, größere Spalten umgangen, kleinere übersetzt und so langten wir am Fuße des Großglockners an. Wallner, der voranging, untersuchte die Sicherheit des Pfades, während Tribuser mit dem Gepäcke, hauptsächlich Proviant, nachfolgte. Man nahm mich zur größeren Sicherheit auf's Seil, band mir die Steigeisen an die Füße und so ging es bald nach rechts bald nach links, bald über Gletscher bald über Felsriffe bis zur Salmshütte, welche Kardinal Salm, der 1800 zum erstenmale den Großglockner bestiegen hatte, erbauen ließ, die jedoch jetzt wenig Unterkunft mehr bieten kann. Ich wurde hier des Strickes ledig, hielt mich fast eine Stunde in dieser zerfallenen Hütte auf, nahm den mittelst Schnellsieder be¬ reiteten Glühwein und ging sodann über die Hoheuwartscharte zur Adlersruhe. Was sahen hier meine Augen? den werthen Namen eines eifrigen Touristen und Naturfreundes, dazu noch meines Landsmannes fand ich auf einem Felsblvcke 11.000 Fuß hoch verzeichnet. Franz Kadilnik heißt derselbe, der den 7. Aug. 1872 ebenfalls den Großglockner bestiegen hatte; hier über¬ raschte uns auch die im Osten aufgehende Sonne. Als feuer- rother Lichtball, aber ohne zu blenden, stieg sie empor, alle Gletscher in ein rothes Feuermeer verwandelnd! regungslos stand ich da. Sodann schritten wir über weite Schneefelder aufwärts und erreichten gegen 7 Uhr früh die erste Spitze. Sämmtliche Berge, die mir von hl. Blut immens hoch schienen, lagen jetzt unter mir und nichts war im Stande meinen Blick in die Ferne zu hemmen. Doch der höchste Punkt war noch nicht erreicht; auch der mußte, wenn auch mit Gefahr, erklommen werden. Ueber einen Felsenkamm mit Eis und Schnee bedeckt, mußten wir rutschen, rechts und links unabsehbare Tiefen, sich an dem über den Abgrund ge- 7 spannten: Drahtseile festhaltend, — unwillkürlich überlief mich ein Grausen, ein Fehltritt von mir oder des Führers, so wäre jeder unrettbar verloren; doch glücklich langten wir an. Herrliche Aussicht, die ganze Alpeuwelt zu unseren Füßen; so die hervorragendsten Punkte, wie der Großvenediger, die Drei Herrenspitzen, die Tiroler Alpen, die ganze Tauernkette mit dem Brenukvgel, Hochnar und anderen; von den Salzburger Alpen mnß angeführt werden der äußerst schwer zu ersteigende Svnnen- blick, das Wischbachhorn u. a.; ja auch die Gebirge meines Hei¬ matlandes, wie der Triglau, Mangart, die ganze Steiner Alpen¬ kette waren anzusehen. Nach ^stündigen: Aufenthalte beschloß ich den Rückweg anzutreten, nachdem ich meine Visitkarte in ein eigens zur Auf¬ nahme derselben bestimmtes Blechkästchen gegeben hatte, welches ungefähr 35 derselben enthalten mochte. Ohne daß ein Unfall einen: zugestvßen wäre, gingen wir denselben Weg zurück und langten um 7 Uhr Abends unter Pvllerschüssen, welche ein durch das Gebirge in südlicher Richtung sich hinziehendes Echo erzeugen, in: Dorfe hl. Blut an. Einzelne von den hier anwesenden Touristen waren uns eine Strecke Weges entgegen gegangen; deren Neugierde zu befriedigen schien eine Unmöglichkeit. Den Abend verbrachte ich in Gesellschaft zweier Engländer, die nächsten Tag die gleiche Tour zu machen gedachten. Ungern verließ ich die mir werthe Gesellschaft, doch die Natur fordert auch ihre Rechte; zwei Nächte waren nacheinander fast schlaflos zugebracht worden, daher über¬ mannte mich der Schlaf. Ich ging aufs Zimmer und Samstag den 19. neun Uhr erwachte ich wieder. Bald war das Frühstück eingenommen, der Wagen stand zur Abfahrt nach Winklern schon bereitet; ich verabschiedete mich beim dortigen Gastgeber und den Hausbewohnern, in deren Mitte ich mich ganz heimisch fühlte, und nach Verlauf dreier Stunden war obgenannter Ort erreicht. Von dort überstieg ich den Jselsberg wieder in der Absicht den um 5 Uhr von Lienz nach Oberdrauburg abgehenden Omnibus in Dölsach abzuwarten. Doch der Wagen, ich weiß nicht wie dies möglich war, ging schon um zwei Uhr an diesem Orte vorüber. Es hieß nun eine Stunde per pockos marschiren; mein 8 Ziel „Kapaun" war erreicht und dort übernachtet. Gut und staunend billig fand ich dieses Gasthaus, so zahlte ich beispiels¬ weise für ein nett eingerichtetes Zimmer, das ich allein bewohnte, 12 Kreuzer. Sonntag den 18. erwachte ich, wartete genannten Wagen hier ab, benutzte diesen bis Oberdrauburg, von wo ich mit der Bahn bis Klagenfurt fuhr, welche Stadt ich äußerst geschmackvoll fand; es fanden sich große Plätze geziert mit Sta¬ tuen, breite Gassen, hübsche Anlagen besonders an der Bahn¬ hofstraße vor. Doch nur kurze Zeit war mir gegönnt in der Hauptstadt Kärntens zu weilen. Denselben Tag 8 Uhr Abends bestieg ich den von dort nach Laibach abgehenden Postzug und glücklich laugte ich 2 Uhr Nachts hier wieder au. Unvergeßlich wird mir die Partie des „Großglockner" für immer sein! Laibach den 22. Juli 1875. Viktor Grcschek. Selbstverlag. — Laibach. Druck v. Millitz. U.ST'L. 'V.