Hernusgegeben \ r on yV. Belar. Die StraCe von Messina. Druck und Verlag von Ig. v. Kleinmayr čt Fed. Bamberg in Laibach. Eigenium der Auslandslektorala der Deutsehea Akadamie Altes und Neues iiber Erdbebenkatastrophen mit besonderer Beriicksichtigung jener von Kalabrien und Sizilien. Die StraCe von Messina. Druck und Verlag von Ig. v. Kleinmayr 61 Fed. Bamberg in Laibach. 101993 Sonderabdruck aus den Jahrgangen VII und VIII der Monatsschrift «Die Erdbebenwarte». Herausgegeben von A. Belar. V orwort. Unsere junge Wissenschaft, die exakte Erdbebenforschung, steht voraussichtlich vor einem bedeutungsvollen Wendepunkte. Fast machte es in letzterer Zeit den Eindruck, daB jener Hohepunkt der Ent- wicklung erreicht ist, auf welchen dann ein Stillstand oder ein Riickgang* einzutreten pflegt — aber ganz unvermutet regt sich im Siiden Europas der bekannte Erdbebenherd, bliihende Stadte werden in wenigen Sekunden vernichtet, Hunderttausende von Menschen in den Triimmern lebendig begraben und die Erdrinde gerat in einen fiebrigen Zustand, der die Seismographen der ganzen Welt stundenlang nicht zur Ruhe kommen laBt. In weltfernen Gegenden wird auf den Erdbebenmessern ein viel- faches Echo aller Zuckungen der Erdrinde in leicht lesbarer Schrift wieder~ gegeben, aus welcher der Erdbebenforscher die Lage des Herdes, die Intensitat der Erschiitterung und die Ausdehnung des Hauptsc-hiitter- gebietes abzuschatzen vermag, ehe noch von der Herdstelle selbst Nach- richten eintreffen. Wer hatte noch vor einigen Jahrzehnten an die Moglichkeit solcher Bestimmungen geglaubt, die heute durch die Tatigkeit der Erdbeben- warten jedem Zeitungsleser gelaufig gevvorden sind. An uns tritt jetzt die Aufgabe heran, iiber die Ergebnisse unserer Beobachtungen Rechenschaft zu geben, aber der Zeitpunkt ist noch ver- friiht, erst miissen die Bebenbilder aller Weltstationen eingesammelt und einem zeitraubenden, sehr miihsamen Studium unterzogen werden, um dann Folgerungen aufzustellen, welche fiir unser Wissen von den Erd- beben gewiB von grofier Bedeutung zu werden versprechen. Wir eilen diesen Arbeiten voraus und bringen im nachfolgenden in knappen Um- rissen Schilderungen iiber die Tatigkeit unserer Warten in der jiingsten Zeit sowie auch Mitteilungen iiber alle jene dem Bebenereignis voran- gehenden und nachfolgenden Naturerscheinungen, die moglicherweise mit der Katastrophe im tatsachlichen Zusammenhange stehen, um ein Bild der Arbeiten darzubieten, die sich an seismisch stiirmischen Tagen in der Werkstatte eines Erdbebenforschers abspielen. Diese vorlaufigen * Vergleiche den SchluBartikel. 1 * 4 Mitteilungen verfolgen zunachst den Zweck, in den weitesten Kreisen, solange noch die Erdbebenkatastrophe in frisc.her Erinnerung ist, Interesse fiir die Erdbebenforschung zu erwecken. Wir diirfen den zu gewartigenden Enthiillungen iiber die Vorgange, die sich am 28. Dezember in den Eingeweiden der Erde abgespielt haben, nicht mit zu hoch gespannten Erwartungen entgegensehen, denn die Wissenschaft schreitet nur langsam vonvarts und auch heute noch haben die Worte Geltung, die der bekannte Konigsberger Philosoph Kant seinen Betrachtungen iiber die Lissaboner Erdbebenkatastrophe vor- angestellt hat: „W ir kennen die Oberflache des E r d - bodens, wenn es auf die "VVeitlaufigkeit ankommt, ziemlich vollstandig. Allein wir haben noch eine W e 1 1 unter unseren F ii B e n , mit der wir zur Zeit nur sehr wenig bekannt sin d.“ Man wird nicht fehlgehen, anzuneh- rnen, daB unsere modernen Erdbebenmesser bis heute die einzigen Werk- zeuge sind, mit Hilfe welcher wir die unbekannten Vorgange, die sich unter unseren FiiBen abspielen, ablauschen konnen. Deshalb solite alles daran gesetzt werden, daB diese Werkzeuge weiter vervollkommt werden und daB das Netz der Erdbebenwarten iiber die ganze Erde hin moglichst verdichtet wird. Mit solchen Hilfsmitteln ausgestattet, wird es uns mit der Zeit gelingen, das MaB der Unruhe, die jeder beliebigen Bodenscholle zukommt, festzustellen sowie alle jene Momente zu ergriinden, welche die Auslosung der in der Erdrinde vorbereiteten Gleichgewichtsstorungen begiinstigen. Moge die jiingste unheilvolle Katastrophe fiir alle ein Ansporn sein, auf dem Wege, welcher oben vorgezeichnet wurde, weiter zu schreiten, dann wird der Aufsc.hwung unserer jungen Wissenschaft gewi6 nicht ausbleiben. Zur Erdbebenkatastrophe von Kalabrien im Jahre 1783. Die groCen Erdbeben, welche Kalabrien in den letzten Jahren heim- gesucht haben, machen die Beschreibung des bekannten englischen Vulkan- forschers Ritter von Hamilton iiber das groGe Beben, welches am 5. Hornung 1783 stattfand, hochst bemerkensvvert. Hamiltons Beschreibung, die in Form eines Briefes an die konigliche Sozietat der Wissenschaften in London gerichtet ist, zeichnet sich besonders durch eine vorurteilsfreie Schilderung aller Wahrnehmungen aus, die sich auf das Erdbeben und seine Folgen beziehen, welche Hamilton gelegentlich einer Seefahrt an den Kiisten Kalabriens und eines Rittes durch dieses Land machen konnte. Mit groGem Scharfblick hatte Hamilton festgestellt, daG die Beschadi- gungen der Ortschaften und Stadte nicht nur infolge der schlechten Bau- art der Hauser, sondern vielfach auch wegen der geologischen Beschaffenheit des Bodens, auf dem sie stehen, sowie infolge von Veranderungen im Gelande, von Bergschlipfen usw. so groGe Dimensionen angenommen haben. Noch bemerkenswerter ist der Versuch Hamiltons, in seiner Be¬ schreibung eine kartographische Darstellung des Hauptschuttergebietes und des gesamten erschutterten Areales vvenigstens in Worten gegeben zu haben. Die Schilderung Hamiltons kann als musterhaft bezeichnet werden und wird sicher bei jedem Erdbebenforscher Gefallen finden. Man wird dieser klassischen Erdbebenschilderung um so weniger ein uneingeschranktes Lob vorenthalten konnen, wenn man sich vor Augen halt, daG dieselbe im Jahre 1783 niedergeschrieben wurde. Vergleicht man die zeitgenossischen Schilderungen iiber Erdbeben, welche von Obertreibungen und Aberglauben derart durchsetzt sind, daG man aus denselben kaum einen MaGstab iiber die Starke eines seismischen Ereignisses gewinnen kann, so zeichnet sich dem gegeniiber die Schilderung Hamiltons durch naturgetreue und kritische Behandlung des Wahrgenommenen in vornehmer Weise aus. Erzahlung der letzten Erderschiitterungen in Kalabrien und Sizilien von W. Hamilton. Schreiben des Ritter v. Hamilton an die konigliche Sozietat der VVissenschaften in London, in welchem seine selbst angestellten physischen Beobachtungen iiber das Erdbeben in Kalabrien und Sizilien mitgeteilt werden. Aus dem Franzosischen iibersetzt. Eine Fortsetzung der historisch-geographischen Beschreibung von Messina und Kalabrien * Die Artikel, bei welchen kein Verfasser angefiihrt wird, stammen vom Herausgeber. 6 und meteorologische Beobachtungen tiber das Erdbeben, welches diese Stadt und Land- schaft den 5. Hornung 1783 verwustet hat. Strafiburg. A. F. Bartholomai. 1783. An dem Texte wurden bei dieser Wiedergabe nur kleine sprachliche Veranderungen vorgenommen und einige Stellen, die sich nicht direkt auf die Erdbebenerscheinung beziehen, hinvveg- gelassen. Auch die vielen Fufinoten, welche der Ubersetzer hinzugefiigt hat, sind als belanglos nicht berucksichtigt worden. «Mein Herr! Ich schatze mich gliicklich, Ihren Wiinschen entsprechen zu konnen; nun bin ich imstande, sowohl Ihnen als samtlichen Mitgliedern der koniglichen Gesell- schaft eine kleine Schilderung des Erdbebens zu entwerfen, welches seit dem 5. vorigen Christmonates die beiden Kalabrien, Messina und den benachbarten Teil von Sizilien auf eine so traurige Art heimgesucht hat. Die Berichte, welche auf hochsten Befehl dem Staatssekretar des Konigs beider Sizilien eingesandt wurden, hatten uns schon ver- schiedene wichtige Umstande von dieser fiirchterlichen Begebenheit geliefert. Man erfuhr namlich daraus, dafi der Landstrich, welcher am meisten gelitten hat, derjenige Teil von Kalabrien sei, der zwischen dem 38. und 39. Breitegrad liegt; dafi die gewaltsamsten Stofie von dem FuBe der Berge des Apennins an, die Monte Dejo, Monte Sacro und Monte Caulone genannt werden, bis an den Berg Syla gegen Westen und bis an das Toskanische Meer gefiihlt wurden; dafi, je nachdem die verschiedenen Wohnplatze mehr oder vveniger von diesem Mittelpunkte, woher die Erschiitterungen kamen, entfernt waren, die Zerstorung, die sie verursachten, auch mehr oder weniger betrachtlich war; dafi die Stofie vom 7., 26., 28. Hornung und vom 1. Marž die fiirchterlichsten vvaren, aber dafi auch seit dem Stofi vom 5. Hornung die Erde in fortdauernder Bewegung von verschiedener Natur war und, um mich des italienischen Ausdruckes zu bedienen, ent- weder vorticoso, orizzontale oder oscillatorio, das ist, man ffihlte bisvveilen eine kreis- formige, im Wirbel sich drehende Bewegung, oder ein horizontales Wiegen der Erde, oder Arten von Schlagen und Stofien, die von unten herauf kamen; dafi ferner starke Regengiisse oder gewaltige Sturme diese Bewegungen der Erde begleiteten; dafi endlich die Gestalt des Landes, welches der ungluckliche Schauplatz dieser Auftritte war, ganz- lich davon verandert wurde und dafi diese Veranderungen dem Beobachter der Natur eine Menge sonderbarer Erscheinungen darbieten. Die Berichte, deren besondere Umstande ich hier mit Stillschvveigen iibergehe, mufiten meine Neugierde noch mehr entfachen. Sie wissen, meine Herren, wie sehr alles, was mit den Vulkanen einige Verwandtschaft hat, meine Aufmerksamkeit reizt. Ich kam naturlich auf die Vermutung, diese in einem nicht sonderlich vveitlaufigen Strich Landes vorgefallene Erderschutterung konnte wohl Spuren irgend einer grofien chemischen Operation der Natur hinterlassen haben, die mit dem, was in dem Eingeweide der Vulkane vorgeht, ein Verhaltnis hatte. Um alle die Fragen, die ich mir daruber machte, zu erlautern und wom5glich in dem ehrvviirdigen Dunkel, womit sich die Natur umhiillt, einige Wahrheiten zu entdecken, entschlofi ich mich sogleich, die wenige Zeit, die ich aufopfern konnte, namlich ungefahr 20 Tage, dazu anzuwenden, die Gegenden des jen- seitigen Kalabriens und Siziliens, die am meisten gelitten hatten und damals noch durch Erdbeben litten, zu besuchen und so mit eigenen Augen die wichtigsten Erscheinungen, die man davon erzahlte, zu beurteilen. Ich hatte ein Fahrzeug fiir mich und eines fiir meine Bedienten gemietet. Am 2. Mai 1783 verliefien wir Neapel. Nachdem wir an dem Meerbusen von Policastro vorbeigefahren waren, segelten wir langs der Kuste des dies- seitigen und jenseitigen Kalabriens hin. Bei Cedraro bemerkte ich die ersten Wirkungen des Erdbebens. Viele der vornehmsten Einvvohner der Stadt hatten ihre Hauser ver- lassen und wohnten in neu erbauten Hiittcn, obschon kein Haus in der ganzen Stadt einigen Schaden erlitten hat. Zu St. Lucido fand ich einen Palast und den Kirchturm beschadigt und die meisten Einvvohner hatten sich wie in Cedraro aufierhalb der Stadt gefluchtet. Meine Hauptabsicht war, sobald als moglich dem Mittelpunkte dieser 7 unglucklichen Szenen naher zu kommen; da ich nun wenig Zeit und viele Sachen zu beobachten hatte, so begniigte ich mich, die Stadte Maida, Nicastro und St. Euphemia nur in einer gevvissen Entfernung zu beobachten und richtete meinen Weg nach Pizzo, einer Stadt im jenseitigen Kalabrien, wo ich am 6. Mai gegen Abend ans Land stieg. Diese am Ufer des Meeres gelegene und auf Tuff oder vulkanischer Lava erbaute Stadt war durch das Erdbeben vom 5. Hornung sehr beschadigt worden, durch das vom 28. Marž wurde sie vollig zugrunde gerichtet. Ihre Einvvohner, die sich auf ungefabr 5000 Seelen belaufen, waren schon bei der ersten Erschiitterung zeitlich genug vor der bevorstehenden Gefahr gevvarnt worden, hatten ihre Hauser verlassen und sich in Hiitten gefliichtet, so dafi bei der Erschiitterung vom 28. Marž wenig Personen ihr Leben einbiifiten. Allein da diese Wohnungen meistenteils schlecht, eng ineinander und auf einem ungesunden Boden erbaut waren, so schlich sich eine ansteckende Krankheit unter diese Unglucklichen, die einen grofien Teil derselben hinwegraffte. Bei meiner Ankunft war sie noch sehr stark verbreitet, ungeachtet der weisen Anstalten der Regie- rung, um ihrem ferneren Fortgang Einhalt zu tun. Es ist sehr zu befiirchten, dafi die amvachsende Hitze dem grofiern Teil der unglucklichen Bewohner von Kalabrien und Messina das namliche Schicksal bereite. Die Pizzaner schienen mir schon an diese un- bequeme Art zu leben gewohnt zu sein; denn in den Strafien, die diese meistens elend erbauten Hiitten bilden, fand ich alle Arten von Kramladen. Man hat hier die Bemerkung gemacht, dafi der Vulkan Stromboli, der in einer Entfernung von etwa 50 Meilen der Stadt gerade gegeniiber liegt, wahrend des Erdbebens weniger Rauch und brennende Materien ausgeworfen habe, als er es in den letzten Jahren getan hat. In der Nacht, die ich auf meinem Fahrzeug, vvelches ich hatte anbinden lassen, zubrachte, wurde ich durch einen starken Stofi, der vom untersten Boden zu kommen schien, aufgerveckt; doch war er von keinem unterirdischen Getose begleitet. Meine Bedienten hatten den namlichen Stofi in ihrer Barke empfunden. Am folgenden Tag liefi ich sie mit meinem Fahrzeug nach Reggio abreisen; ich aber nahm meinen Weg zu Pferd nach Monteleone, einer sechs Meilen von Pizzo auf einem Hiigel gelegenen Stadt. Der Weg dahin geht liber eine lehmige, mit gebrochenen Kiesel- steinen iibersate Erde; er ist schlecht und in dieser Jahreszeit kaum zu befahren; aber er durchschneidet das fruchtbarste und schonste Land, das ich jemals gesehen habe. Die ganze Gegend schien mir wie ein Garten zu sein, der mit Reben, Ol-, Maulbeer- und anderen fruchtbaren Baumen prangte. Diese Biiume iiberschatteten eine reiche Ernte von allen Arten Getreide, Erbsen, Bohnen und anderen Hiilsenfruchten, die mir, un¬ geachtet des dichten Schattens, doch vollkommen zu reifen schienen. Dies ist der herr- liche Anblick, den die ganze Ebene von Monteleone dem Auge darbietet, aus- genommen einige Gegenden, die mit weitlaufigen Waldern von Eichen und Olivenbaumen besetzt sind. Obschon der Endzweck meiner Reise blofi war, einen fliichtigen Blick auf die- jenigen Orter zu richten, die durch diese fiirchterliche Zerstorung so viel gelitten hatten, so wurde doch meine Aufmerksamkeit immer abwarts geleitet und so ganz hingerissen durch die Bewunderung, die mir die Fruchtbarkeit und der reizende Anblick dieser reichen und herrlichen Landschaft verursachte, welche alle Lander, die ich noch gesehen habe, weit iibertrifft. Aufier den beiden kostbaren Produkten von Ol und Seide, worin die Provinz alle anderen und vielleicht alle Lander der Welt iibertrifft, hat sie noch einen Uberflufi an Getreide, Wein, Baumvvolle, Obst und Hiilsenfruchten aller Art; und wenn der Fleifi der Bevolkerung mit der Fruchtbarkeit des Landes gleichen Schritt hielte, so getraue ich mir zu behaupten, dafi die Einkiinfte des jenseitigen Kalabriens bald verdoppelt wiirden. Die Stadt Monteleone, vor alters Vibio Valentia, liegt sehr angenehm auf einem Hiigel, von dem man das Meer und die reiche Ebene, von der ich eben gesprochen 8 habe, ubersieht. Diese Ebene hat gegen Nord und Ost den Apennin zur Einfassung, aus dessen Mitte der Berg Aspro Monte, der hochste dieses Gebirges, hervorragt. Sie war sonst mit Stadten und Dorfern angefullt, die nun leider nichts mehr als auf- gehaufte Trummer sind. Monteleone hat wenig von den ersten Stofien des Erdbebens vom 5. Hornung erlitten, aber desto mehr am 28. Marž (obschon wenig Menschen dabei umkamen), alle Einwohner miissen nun in Hiitten wohnen, davon die meisten aus Dielen oder Schilfrohr erbaut und von aufien mit Gips iiberworfen sind. Dieses Land mufi von jeher oftere Anfalle von Erdbeben zu befiirchten gehabt haben, weil die Vor- nehmen gewohnlich eine Hiitte bei ihrem Palast erbauen lassen, um sich beim geringsten Larm darein zu fliichten. Ich habe selbst eine sehr schone und aus vielen sehr wohl ausgeriisteten Zimmern bestehende Hiitte bewohnt, die der Grofivater des jetzigen Herzogs von Monteleone hatte bauen lassen. Nur mit Hilfe dieses Herrn wurde es mir ermoglicht, in vier Tagen alle Orter zvvischen Monteleone und Reggio, die meine Aufmerksamkeit verdienten, zu besuchen. Alle Berichte sind hier einstimmig, dafi alle Erschiitterungen des Erdbebens mit dem Getose eines starken Windes von Westen herzukommen schienen, gewohnlich mit der horizontalen Bewegung anfingen und mit der kreisformigen Bewegung endigten. Eben diese letztere Richtung der Stofie hat den grofiten Teil der Gebaude in der Provinz erschiittert. Ich habe diese Bemerkung im ganzen Lande als bewahrt gefunden. Eine andere, ebenso allgemeine Wahrnehmung war, dafi vor jeder Erschiitterung die Wolken stillstehend und unbeweglich schienen und dafi man unmittelbar nach einem gewaltigen Platzregen eine Erschiitterung fiihlte. Hier und anderswo habe ich viele Personen gesprochen, welche durch die Gewalt einiger Erschiitterungen zur Erde geworfen worden sind; verschiedene Bauern erzahlten mir, die Bewegung ware so stark gewesen, dafi die dicksten Baume dadurch niedergebogen wurden und ihre Gipfel fast die Erde beriihrten. Ochsen und Pferde hatten die Beine, so weit sie konnten, auseinander gehalten, um sich so gegen den Stofi zu sperren, und durch diese Stellung ein untriigliches Zeichen einer nahen Erschiitterung gegeben. Ich habe selbst bemerkt, dafi in den Gegenden, die am meisten durch die Erdbeben gelitten hatten, das Geschrei eines Esels, das Wiehern eines Pferdes oder das Schnattern einer Gans hinlanglich war, das Volk plotzlich aus seinen Hiitten zu rufen, das nun in banger Erwartung des Stofies mit inbriinstigem Eifer eine Menge Pater Noster und Ave Maria anbrachte. Von Monteleone begab ich mich in die Ebene hinab, durchstrich viele Stadte und Dorfer, die alle mehr oder weniger zerstort waren, je nach Mafistab ihrer naheren oder weiteren Entfernung von der Ebene, die mir schien, der Mittelpunkt aller dieser erschiitternden Bewegut;gen gewesen zu sein. Die Stadt Mi le to, die in einem niedern Grund liegt, ist vollig zerstort und hat kein Haus mehr. In einiger Entfernung sahen wir Soriano und sein prachtiges Dominikanerkloster nun in einen Haufen Trum¬ mer verwandelt. Allein da meine Hauptabsicht weniger dahin ging, die Ruinen zu besichtigen, als vielmehr die durch das Erdbeben entstandenen grofien Naturerscheinungen zu beobachten, so nahm ich meinen Weg nach Rosarno. Ich habe auf dieser ganzen Reise bemerkt, dafi alle Wohnungen, die an erhabenen Orten standen, deren Boden aus kieseligem Sand, der einem nicht festen Granit ahnlich war, bestand, vveniger gelitten haben als die in der Ebene. VVirklich sind diese letzteren Wohnungen ganzlich zerstort und dem Boden gleich gemacht. Der Boden der Ebene ist eine sandige, weifie, rotliche oder braune Lehmerde. Die weifie ist haufiger und mit Meermuscheln, besonders mit Petunklen angefullt. Dieses Lehmtal ist an vielen Orten von Fliissen und Bachen durch- schnitten, die von den Bergen herabstiirzen und quer durch das Land hin tiefe und breite Hohlwege bilden. Sobald wir an den Ruinen der Stadt St. Petro vorbeigereist waren, sahen wir vor uns Sizilien und den Gipfel des Berges At na, der viel Rauch ausvvarf. Nicht weit von Rosarno, bei einer Furt des Flusses Mammella, gingen wir liber eine morastige Ebene, wo ich eine Menge kleiner Hohlungen in Form umgestiirzter Kegel in der 9 Erde entdeckte. Sie waren so wie der umliegende Boden mit Sand bedeckt. Man erzahlte mir, dafi vvahrend des Erdbebens vom 5. Hornung aus jedem dieser Locher eine mit Erde vermischte Wasserquelle gewaltsam und auf eine betrachtliche Hohe hervorsprudelte. Ein Bauer, Augenzeuge dieser Sache, sagte mir, er sei von einem dieser mit Sand ver- mischten Sprudel bedeckt worden, allein das Wasser ware nicht warm gewesen, wie einige haben behaupten vvollen. Vor der Erscheinung dieser Springbrunnen ware das Flufibett trocken gewesen, bald darnach hatte es sich schnell wieder angefullt und das Wasser hatte seine gewohnliche Hohe bei weitem iiberstiegen. Ich habe die namliche Erscheinung in An- sehung aller anderen Flusse in der Ebene bei der furchterlichen Erschutterung vom 5. Hornung bevvahrt gefunden. Die Ursache davon lafit sich leicht angeben, wenn man (nach einstimmiger Aussage der Einwohner) voraussetzt, dafi der erste Stofi des Erd¬ bebens von unten auf kam. Da namlich die Oberflache der Ebene sich plotzlich erhob, so mufiten diese Flusse, die nicht gar tief sind, notwendig verschwinden; als dann die Ebene plotzlich wieder in ihren Stand herabsank, so nahmen die Flusse natiirlicher- weise wieder ihren alten Lauf und traten aus. Ebenso zwang die schnelle Versenkung der Erde, wo viele Moraste und ausgeschwemmte Hohlungen waren, die unter ihrer Oberflache verborgenen Wasser mit Gewalt empor zu quellen, welches dann die springenden Wasser verursachte. Zugleich bemerkte ich, dafi die anderen Orter, wo diese Erscheinung stattgefunden hat, niedrige und morastige Griinde waren. Zwischen diesem Ort und Rosarno gingen wir liber den Flufi Messano oder Metauro liber eine starke holzerne Brucke, 700 Palmen (eine Palme etwa eine Spanne) lang, vvelche der Herzog von Monteleone unlangst hatte bauen lassen. Die Hohlen und Spalten, vvelche das Erdbeben in dem Bett des Flusses und an seinen Ufern gemacht hatte, zerbrachen die Brucke in zwei Stiicke; da auch der Boden, auf vvelchem die Pfeiler ruhten, eine ziemliche Erschutterung eriitten hatte, so hat nun die Lage der Brucke eine ziemliche Ahnlichkeit mit den Weilen eines vom Wind beivegten Wassers. Die auf beiden Seiten stehengebliebenen Gelander vvaren auf eine sonderbare Weise wie abgeschnitten, doch sind die getrennten Teile vvieder sicher miteinander verbunden, dafi man ohne Gefahr dariiber fahren kann. Der Briickenaufseher des Herzogs sagte mir, dafi in dem Augen- blicke des Erdbebens das Bett dieses ansehnlichen Flusses einige Sekunden lang voll- kommen trocken war und dafi, vvahrend die VVasser vvieder gevvaltsam zuriickstromten, die Brucke vvie Wasserwogen hin und her vvankte. Wann ich von dem Erdbeben in der Ebene rede, so verstehe ich immer das vom 5. Hornung, vvelches viel fiirchterlicher als die anderen war. Auch hat es die grofiten Vervvustungen angerichtet, weil man keine Vorboten desselben vvahrnahm und daher auch keine notigen Vorkehi-ungen gegen das- selbe treffen konnte. Die Stadt Ro sar n o, wo der Herzog von Monteleone einen Palast hatte, ist ganzlich zerstort vvorden; nur die Mauern derselben stehen noch ungefahr sechs Fufi hoch und dienen den Hiitten zur Riickvvand. Die Anzahl der Einvvohner diirfte sich auf 3000 belaufen haben, vvovon nicht iiber 200 umgekommen sind. Das einzige Gebaude, vvelches stehenblieb, war das festgebaute Stadtgefangnis. Die umliegende Gegend der auf einem Hiigel gelegenen Stadt Laureana ist ein vvahrer paradiesischer Garten. Ich habe noch nichts gesehen, was mit ihr verglichen vverden konnte. Die Stadt ist ansehnlich, da aber das Erdbeben sich nicht so plotzlich wie in der Ebene spuren liefi, so kam niemand ums Leben. Doch starben nachher etwa SO Personen an einer epidemischen Krankheit, die eine Folge des Schreckens und der grofien Ermattung vvar. Ich vvohnte in den Hiitten eines ehrlichen Miletischen Edelmannes. Er begleitete mich den folgenden Tag auf die zvvei Meierhofe, von denen gesprochen vvurde, sie hatten durch das Erdbeben ihre Lage verandert. Die Sache verhalt sich vvirklich so und lafit sich leicht erklaren. Dieser Weiler lag in einem von hohen Htigeln umschlossenen Tal, und die Oberflache dieses Erdreichs, 10 das seinen Platz verandert hat, war wahrscheinlicherweise schon lange durch kleine Bache, die von den Bergen herabfliefien, unterwaschen. Diese Berge stehen nun ganz frei auf nacktem Boden, den die zwei Meierhofe verlassen haben. Diese Bache haben einen ziemlich schnellen Lauf gegen den niedern Grand des Tales und beweisen, dafi die Talfiache nicht so eben ist, wie man sich vorgestellt hatte. Ich mutmafie, dafi das Erdbeben einige Behalter von Regenwasser, die in den kleinen lehmigen Bergen oberhalb des Tales verschlossen waren, eroffnet hat. Nun schwemmten die Wasser die losgerissene Erde mit sich fort, nahmen den Lauf mit Gewalt unter der unterwaschenen Flache hin, hoben sie mit den 01- und Maulbeerbaumen und den zwei Hiitten auf, schleppten mit einem Wort dieses ganze Stiick Erdreich mit allen seinen noch aufrecht stehenden Baumen eine Meile weit in das Tal hervor, wo es wirklich liegt. Es mag ungefahr eine Meile lang und eine halbe Meile breit sein. Ich sah in der Gegend eine Menge tiefer Spalten, doch war keine liber einen Fufi breit, ausgenommen eine, die sich wahrend des Erdbebens geoffnet, einen Ochsen und 100 Ziegen, aber sonst keinen Menschen verschlungen hatte. In dem Tale, wovon ich oben geredet habe, fand ich ebensolche kegelformige Hohlungen wie zu Rosarno , welche, wie man erzahlte, wahrend der Erd- bebenstofie mit grofier Gewalt warmes Wasser in die Hohe spritzten. Doch habe ich niemand gefunden, der mich gewifi versichert hatte, dafi das Wasser warm gewesen ware, wie der an den Statthalter eingesandte Bericht es behauptet. Der vom Wasser ausgeworfene Sand scheint eisenhaltig zu sein und vom Feuer etwas gelitten zu haben. Bei seinem Ausbruch soli er auch einen starken Geruch von Schwefel von sich gegeben haben, wovon ich jedoch keine Spuren habe finden konnen. Von hier begab ich mich nach der Stadt Polistene. An der Stelle ehemaliger Hauser bemerkt man eingestiirzte Triimmer. Die Wege vvimmeln von Gelahmten. An Stelle der Stadte erblickt man einen aufgetiirmten Haufen von Schutt, um welchen armselige Hiitten gebaut sind. Eine davon, grofier als die iibrigen, dient zur Kirche, daneben hangen die Glocken an einem niedrigen Geriiste. Jeder Einwohner stand da in sprachloser Betaubung und beklagte den Verlust eines Verwandten. Mitten durch diesen Schauplatz reiste ich vier Tage lang. In der ganzen Ebene war die Gewalt des Erdbebens so heftig, dafi alle Bevvohner der Stadte in einem Augenblick lebendig oder tot unter den Triimmern ihrer Hauser begraben wurden. Die Stadt Polistene war ansehnlich, aber ihre Lage zwischen zwei leicht austretenden Fliissen war schlecht. Von ungefahr 6000 Einvvohnern haben 2100 bei der Erschutterung vom 5. Hornung ihr Leben verloren. Zwei Meilen von Polistene sah ich St. Giorgio auf einer Anhohe. Die Stadt wurde, da sie nicht mehr bewohnbar war, von den Bewohnern dem Boden gleich gemacht. Ich begab mich nach Casalnuova. Ich sah den Palast meiner ungliicklichen Freundin, der Prinzessin Gerace Grimaldi, die bei der Erschutterung vom 5. Hornung mit 4000 ihrer Untertanen den Tod fand. Einige Bewohner, die man noch lebend aus den Triimmern hervorgezogen hatte, erzahlten mir, sie hatten gefiihlt, wie ihre Hauser auf einmal emporgehoben worden waren, ohne dafi sie welche Vorboten dieser schnellen Bevvegung vvahrgenommen hatten. In einigen anderen Stadten blieben noch die Mauern und einige llberreste der Hauser stehen, aber hier kann man weder Strafien noch ein einziges Haus unterscheiden. Die ganze Stadt macht einen ungeheuren Haufen von Triimmern aus. Ein Einwohner von Casalnuova, der zur Zeit des Erdbebens auf einer der umliegenden Hohen stand und bei dem ersten Stofi die Ebene ubersah, sagte mir, er hatte an der Stelle der Stadt nichts als eine dichte Wolke aus weifiem Staub, wie einen Rauch gesehen, eine natiirliche Wirkung des schrecklichen Einsturzes der Gebaude und des Mortels, der in Staub zerflog. Von hier setzte ich meine Reise liber Castellone und Mišičusco fort, die dasselbe Schicksal vvie Casalnuova erfahren hatten, und kam nach Terra nuova. Diese Stadt liegt in einer Ebene zwischen zvvei Fliissen, die gemeinsam mit den von den Bergen herabfliefienden Bachen durch lange Zeit einen breiten und tiefen Hohlvveg ausgeschwemmt haben. Dieser Hohliveg zieht sich durch 1-1 einen Boden aus weichem Sand und Tonerde. Bei Terra nuova hat er nicht vveniger als 500 Fufi Tiefe und eine Breite von s / 4 Meilen. Die wenige Kenntnis, die man von der Natur des Bodens und von der Lage der Gegend hat, ist eben die Ursache, warum in die Erzahlungen der Naturerscheinungen, welche das Erdbeben begleitet haben, sich so viele Unrichtigkeiten eingeschlichen haben. Man sagt z. B., diese oder jene Stadt, ja ganze Felder seien auf eine Meile weit von dem Platz, wo sie standen, weggeruckt worden, ohne von diesen Hohhvegen Meldung zu tun. Wirklich aber sind diese Erscheinungen nichts anderes im grofien, was wir alle Tage im kleinen sehen, wenn die Seiten eines Hohlweges, die einige Zeit durch Regenwasser unterwaschen worden sind, sich losreifien und infolge des eigenen Gewichtes einstiirzen. Die grofie Tiefe des Hohlweges, verbunden mit der heftigen Erschiitterung, verursachte den Einsturz zweier grofier Erdstriche, auf welchen ein Teil der Stadt von ungefahr 100 Hausern gebaut war. Sie wurden in den Hohlweg hinabgerissen und blieben ungefahr eine halbe Meile von dem Ort, wo sie vorher standen, stecken. Das Aufierordentliche dabei ist, dafi viele Bevvohner dieser Hauser, die durch diesen sonderbaren Sprung uberfallen wurden, doch lebend, und einige sogar ohne Wunden, herausgezogen wurden. Ich habe selbst mit einem Manne gesprochen, der in seinem Hause mit seiner Frau und einer Magd diese seltsame Reise mitgemacht hat. Er sagte mir, weder er noch seine Magd, aber seine Frau sei ein wenig vervvundet worden, nun aber sei sie fast vollig wieder gelieilt. Von 1600 Einwohnern von Terra nuova hat man nicht mehr als 400 retten konnen. Mein Wegweiser, Priester und Arzt zugleich, wurde durch den ersten Stofi des Erdbebens unter den Triimmern seines Hauses begraben, aber durch die unmittelbar darauf folgenden Stofie wieder einigermafien ausgeworfen. Ich habe die zuverlassigsten Zeugnisse der namlichen Begebenheit an vielen anderen Orten der Provinz. In anderen Gegenden der Ebene, die nahe an dem Hohlvveg und nicht weit von Terra nuova lagen, wurden einige Erdstriche in einer schiefen Lage in den Hohlweg gevrorfen, bei anderen wieder das Unterste zu oberst gekehrt, so dafi man die Baumwurzeln entdeckte. An einem anderen Orte waren zwei ungeheuer grofie Erdklumpen in den Hohlweg gestiirzt, hatten das ganze Tal erfullt und durch den aufgehaltenen Strom des Wassers einen grofien See gebildet. Auf diese Erzahlung mufi man dasjenige einschranken, was anfangs von den zwei Bergen geschrieben worden ist, die sich auf ihrer Reise begegnet und einen See gebildet haben sollen. Wahrend des Erdbebens verschwand der Flufi hier wie zu Rosarno, kam aber bald wieder zum Vorschein, erfiillte und uberschwemmte den Boden des Hohlvveges ungefahr drei Fufi hoch, so dafi die Ungliicklichen, die mit ihren Hausern in diesen Hohlvveg stiirzten und dem Tod, obschon mit gebrochenen Beinen, ent- ronnen waren, nun in Gefahr waren, vom Wasser verschlungen zu werden. Man versicherte mich, das Wasser sei gleich dem Meerwasser gesalzen gewesen, allein ich gestehe, dafi dieser Umstand mehrere Bestatigung notig zu haben scheint. Die namliche Ursache, die ich vom plotzlichen Verschvvinden des Flusses Metauro bei Rosarno angegeben habe, kann auch dieser Erscheinung zur Erlauterung dienen, wie auch an allen anderen Orten, wo die Fliisse zur Zeit des Erdbebens trocken waren. Die ganze Stadt Mollochi di Sotto bei Terra nuova ist nebst einem Weingarten, der nahe dabei war, losgerissen und in den Hohlweg gevrorfen vvorden. Letzterer ist in gutem Stand und vollkommener Ordnung geblieben, nur dafi ein Teil ein wenig schief liegt. Man sieht jetzt einen Fufipfad, der ihn durchschneidet und der durch den Abstand mit der jetzigen unzuganglichen Lage eine sonderbare Wirkung auf das Auge macht. Einige Miihlen, die vorher an dem Flusse standen, vvurden mit dem Strom fort- gerissen und blieben zwischen zwei grofien Stiicken Erde stecken. Jetzt sieht man sie an einem, viele Schuh iiber der Wasserflache erhabenen Ort. Wenn Begebenheiten von dieser Art nicht durch die Umstande, die sie begleitet haben, erklart vverden, tragen sie oft das Geprage von VVundergeschichten. Ich habe in vielen Gegenden der Ebene bemerkt, dafi sich Erdstriche von vielen Morgen Landes auf acht bis zehn Fufi unter 12 ihre vorige Flache gesenkt haben, andere dagegen sich um so viel gehoben haben. Man mufi sich aber erinnern, dafi der Boden der Ebene aus einer mit Sand vermischten Lehmerde besteht, der sich leicht voneinander trennt und in andere Formen umbilden lafit. In der Ebene, nahe an den Orten, wo die Erdklumpen in den Hohhveg abgerissen wurden, befanden sich parallele Offnungen oder Spalten, so dafi, wenn die Gewalt der Erschiitterungen fortgedauert hatte, diese Stiicke den ersteren hatten nachstiirzen mussen. Eine allgemeine Bemerkung, die ich auf meiner ganzen Reise gemacht habe, ist, dafi an allen Hohlvvegen die anliegenden Teile der Ebene derlei parallele Spalten hatten. Das gewaltige Wanken der Erde, gleich der Bewegung einer Wiege, die nur auf einer Seite eine Stiitze hat, erklart diese Erscheinung. Von Terra nuova begab ich mich nach Oppido, einer Stadt, die auf einem Berge liegt, dessen Boden eine Art von Granitstein und von dem lehmartigen Boden der umliegenden Gegenden sehr verschieden ist. Er ist von zwei Fliissen umgeben, welche in einem tieferen und breiteren Hohlweg, als er zu Terra nuova ist, fliefien. Der Berg, auf dem die Stadt Oppido erbaut war, hatte sich, sagte man, in zwei Teile zerrissen, sei in die Fliisse gestiirzt und habe den Lauf derselben gehemmt und einen See gebildet. Ich habe nur das bemerkt, dafi sich, wie zu Terra nuova, grofie Stiicke der Ebene langs den Ufern des Hohlweges in denselben gesturzt, ihn beinahe ausgefiillt und den Lauf der Fliisse, die jetzt grofie Seen aus- machen, gehemmt haben. Es ist wahr, dafi ein Teil des Felsens, auf dem Oppido gebaut war, mit vielen Hausern eingestiirzt ist, allein dieser Umstand ist unbetrachtlich im Vergleich mit den grofien Erdstiicken, mit Reben und Olbaumen bepflanzt, die von einem Ufer des Hohhveges auf das andere, obschon sie mehr als eine halbe Meile von¬ einander entfernt waren, versetzt wurden. Es ist gewifi, dafi ein Bauer, der in der Nachbar- schaft seinen Acker mit ein paar Ochsen pfliigte, mit Acker und allem seinem Gerate auf die andere Seite des Hohhveges versetzt wurde, ohne dafi vveder er noch seine Ochsen Schaden gelitten hatten. — Nach allem dem, was ich mit meinen eigenen Augen gesehen, mufi ich dieser Erzahlung Glauben beimessen. Die Sammlung aller sonderbaren Begeben- heiten und Zufalle dieser Art, zu denen das Erdbeben in diesem Tale Gelegenheit gegeben hat, wiirde einen dicken Band ausfiillen. Ich vermute, dafi man viele derselben in der Erzahlung aufgezeichnet finden wird, welche die Akademie in Neapel herauszugeben sich vorgenommen hat. VVirklich hat der Vorsteher derselben 15 Mitglieder und etliche Zeichner ernannt, um durch genaue Zeichnungen dem Publikum eine ausfiihrliche und richtige Geschichte dieser fiirchterlichen Veranderung zu liefern. Allein es sei denn, dafi diese Herren die grofite Aufmerksamkeit auf die Natur des Bodens und auf die Orte, vvo diese Zufalle vorgefallen sind, haben, sonst wird ihre Erzahlung wenig Zutrauen finden, ausgenommen bei den Liebhabern des Wunderbaren, eine Art Leute, die in diesem Lande nicht selten sind. Nachdem ich die Triimmer von Oppido besichtigt hatte, stieg ich in den Hohlweg, um auch diesen sorgfaltig zu untersuchen. Hier fand ich wahre Spuren der schrecklichen Gewalt des Erdbebens, dessen VVirkungen zwar die namlichen wie zu Terra nuova, aber in einem iiberaus grofieren Grade waren. Hier sieht man ungeheuere Erdklumpen, die von beiden Seiten des Hohlweges losgerissen, auf einen Haufen getiirmt und zu einem Berg empor- gehoben sind, der den Lauf der Fliisse verstopft und grofie Seen gebildet hat, so dafi, wenn Natur und Kunst nicht Hand anlegten, um diesen Fliissen ihrcn ehemaligen Ausflufi zu verschaffen, das ganze umliegende Land von einer unvermeidlichen ansteckenden Krank- heit bedroht ist. An einem anderen Orte sieht man die abgerissenen Stiicke der Ebene, die viele Morgen Landes im Umfange haben, mit einer schonen Ernte von allerlei Arten von Getreide und Hiilsenfriichten, prachtigen Eichen, Olbaumen und anderen Baumen hedeckt sind und die ebensowohl und in ebenso schoner Ordnung im Grunde dieses Hohlweges fortvvachsen, wie ihre alten Gefahrten, von denen sie getrennt worden sind, auf ihrem naturlichen Boden 500 Fufi hoher und ungefahr s / 4 Meilen weit davon wachsen konnen. Da die Seitenwande des Hohlweges jetzt nackt und senkrecht abgeschnitten 13 sind, so bemerkte ich leicht, dafi der obere Teil des Bodens eine rotliche Erde, der untere Teil aber eine Art von sehr dichter vveifier und sandiger Lehmerde war; der Stofi, den diese grofien Massen durch die gewaltige Erschiitterung der Erde empfangen haben, die vielleicht durch den Ausbruch der vulkanischen Diinste vermehrt worden ist, scheint mit ungleich grofierer Gewalt auf diese unteren und dichten Teile als auf die obere angebaute Rinde der Erde gewirkt zu haben. Denn iiberall, wo ich dergleichen einzelne angebaute und in einen Hohlweg gestiirzte Stucke Erde antraf, habe ich bemerkt, dafi eben die unteren Lagen aus dichter Lehmerde einige hundert Klafter vveiter als die obere Erde geschleudert vvorden sind und nun unordentlich in grofien Klumpen, deren viele von kubischer Form sind, iibereinander liegen. Da der untere Teil des Erdreichs einen soviel starkeren Stofi bekam, so vvurde er in seiner Bewegung von dem oberen getrennt; dieser Umstand erklart sehr natiirlich den guten Zustand und die Ordnung, in welcher die oberen angebauten Schichten, die in den Hohlvveg geworfen wurden, geblieben sind. An einem anderen Teile des Hohhveges findet man einen Berg von der namlichen lehmigen Erde, der vermutlich ein durch ein spater erfolgtes Erdbeben abgerissener Teil der Ebene ist. Er ist ungefahr 250 Fufi hoch und hat an seiner untersten Flache 100 Fufi im Durchschnitte. Es ist unstreitig, dafi dieser Berg, den die Erschiitterung vom 5. Hornung in Bewegung setzte, eine Strecke von vier Meilen weit bis in den Hohlvveg geschleppt vvurde. Der haufige Regen, der zu gleicher Zeit fiel, als sich vvieder neue Stucke von der Ebene losrissen, die ich nahe an den Bergen angelehnt gesehen habe, die Natur des Bodens, vvoraus der Berg besteht und besonders seine schief gerichtete Lage gaben die Erklarung dieser Begebenheit, eine Erklarung, ohne vvelche der Bericht, den man zu N e apel von einem Berge erhielt, der in einer vollkommenen Ebene einen Sprung von vier Meilen gemacht haben solite, ein vvahres Wunder sein vvurde. Ich fand etliche einzeln im Grunde des Hohlvveges aufrecht stehende Baume, die noch eine Scholle ihres natiirlichen Grundes um ihre Wurzeln hatten und von der nahegelegenen Ebene hieher gevvorfen vvorden vvaren. Ich sah auch viele Stucke abgerollter Erde, die sich von den Wanden des Hohlvveges losrissen, vvahrscheinlich durch starke Regengvisse fortgeschvvemmt vvurden, und einer vulkanischen Lava gleichsahen, die auf eine grofie Strecke ihren Lauf in dem Hohlvvege fortnahm. Die namliche Naturerscheinung hat man auch zu Santa Christina in der Nachbarschaft von Oppido gesehen, zvvischen vvelcher Stadt, Casalnuova und Terra nuova das Erdbeben vom 5. Hornung am meisten gevvutet zu haben scheint, Die VVirkungen des Erdbebens in den anderen Teilen des jenseitigen Kalabriens, wo Ebenen sind, vvaren zvvar von der namlichen Art, aber im Vergleich zu denen, die ich beschrieben habe, nur Spiele der Natur. Von Oppido verfolgte ich meinen Weg durch alle zerstorten Stadte und Dorfer bis nach Seminara und Palmi. Die Hauser der ersten Stadt sind nicht so vollig zerstort wie zu Palmi, dessen Lage tiefer und naher am Meere ist. 1400 Personen haben hier das Leben eingebiifit, deren Leichname noch unbegraben liegen, so vvie an vielen Orten, durch vvelche ich gereist bin. Diese Stadt hatte einen starken Handel mit Ol und mochte zur Zeit ihres Einsturzes einen Vorrat von 4000 Fassern gehabt haben. Nun vvurden die Fasser und andere Gefafie zerbrochen und verursachten einen Strom von Ol, der sich bis ins Meer ergofi und einige Stunden lang flofi. Dieses ausgegossene Ol, vermischt mit Getreide und halbverfaulten Leichnamen, hat eine sehr empfindliche Garung in der Luft verursacht, und es ist sehr zu furchten, dafi die am Leben gebliebenen ungliicklichen Bevvohner von Palmi, die nun in der Nahe ihrer zerstorten Stadt in Hiitten vvohnen, bald die traurigen Wirkungen davon bei zunehmender Hitze empfinden vverden. Mein Wegvveiser versicherte mich, er vvare hier durch den ersten Stofi des Erdbebens unter den Trtimmern seines Hauses begraben vvorden und durch den zvveiten mehr als 15 Fufi hoch auf einen Balken gevvorfen vvorden. 14 Von Palmi begab ich mich weiter iiber die Berge von Bagnara und Solano, die mit prachtigen Waldern von Eichen und anderen hochstammigen Baumen bedeckt sind, welche auf dem Felsengrund auf eine Hohe emporwachsen. Diese Strafie ist ebenso gefahrlich wegen der steilen Abgriinde, die sich an ihrem Rande befinden, als wegen der Strafienrauber, die sie unsicher machen. Dieser enge Weg war oft durch Felsstiicke und dicke Baume verrammelt, die durch das Erdbeben von den Bergen losgerissen wurden, daher mufiten wir uns neue Wege bahnen, was nicht ohne grofie Gefahr geschah. Mitten in einem dieser gefahrlichen Passe fiihlten wir eine heftige Erschiitterung der Erde, mit einem Getose, das einer in die Luft springenden Mine ahnlich war. Wir erwarteten alle Augenblicke, von einem herabstiirzenden Felsen oder von einem losgerissenen Baume zerschmettert zu werden; allein zum guten Gliicke kamen wir mit der blofien Furcht davon. Nachdem ich die Waider von Bagnara, Sinopoli und Solano verlassen hatte, reiste ich bis an den Turm von P o z z o 1 o. Hier haben mich viele Fischer versichert, dafi vvahrend des Erdbebens in der Nacht vom 5. Hornung der Sand am Meer warm gewesen und hin und vvieder Fiammen aus der Erde aufgefahren vvaren. Diese Bemerkung wurde mir auch an vielen anderen Orten in der Ebene gemacht und erregte den Gedanken bei mir, dafi die Ausdiinstungen, die vvahrend der heftigen Erschiitterung aus der Erde aufstiegen, mit elektrischem Feuer geschvvangert vvaren, sovvie auch der Rauch der Vulkane vvahrend ihrer gevvaltsamen Ausbriiche. Denn auf meiner ganzen Reise habe ich keine Spuren von vulkanischer Materie angetroffen, die aus den Erdspalten gequollen vvare, und bin daher iiberzeugt, dafi alle schadlichen Wirkungen des Erdbebens blofi von den aufgestiegenen Diinsten herriihrten. Der erste Stofi, den man hier fiihlte, war horizontal, dann kreisformig und von aufierordentlicher Heftigkeit; allein ich habe bemerkt, dafi das, was man hier heftig nennt, mit dem, was man in der Ebene von Casalnuovo, Polistene, Palmi, Terranuovo, Oppido u. a. O. empfunden hat, nicht zu vergleichen ist, wo alle Einvvohner einstimmig versicherten, der furchterliche Stofi vom 5. Hornung vvare plotzlich, ohne einige Vorboten, vom Innern der Erde auf die Oberflache gekommen. Ubrigens lafit sich daraus schliefien, dafi die Erschiitterung in jenen Gegenden ungleich heftiger als hier gevvesen sein miisse, da alle Stadte in ungeheure Steinhaufen, ohne einige Špur von Stcafie oder Haus, ver- vvandelt vvurden und eine so grofie Anzahl Menschen dabei ums Leben gekommen ist. Von hier bis nach Reggio ist die Strafie auf beiden Seiten mit Lusthausern und Pomeranzenvvaldern besetzt; kein einziges dieser Hauser ist ganzlich zertriimmert, aber fast alle sind mehr oder vveniger beschadigt und verlassen. Die meisten ihrer Einvvohner haben sich in Hiitten gefliichtet, die sie in der Eile erbaut haben. Obschon die Stadt Reggio ziemlich iibel mitgenommen vvorden ist, so ist sie doch nichts vveniger als zerstort. Der vvurdige Erzbischof erzahlte mir die verschiedenen Umstande der ehemaligen Erdbeben von 1770 und 1780, vvelche die Burger von Reggio (an der Zahl 16.400) genotigt hatten, aus der Stadt zu ziehen und sich viele Monate [ang in Hiitten zu behelfen, obschon die Stadt damals eben keinen sonderlichen Schaden erlitten hatte. Die Bevvohner dieser Landschaft, die eine ziemliche Erfahrung von dieser Landplage haben miissen, versicherten mich, dafi alle Tiere, sovvohl Vier- fiifiler als auch Vogel, ein viel feineres Gefiihl, obschon in verschiedenen Graden, von den nahen Vorboten des Erdbebens hatten als alle Menschen; aber vorziiglich fuhlen es die Ganse zeitiger als alle, und vvurden sie davon erschreckt, sobald sie bei Annaherung eines Stofies im Wasser vvaren, so gingen sie augenblicklich hinaus und kein Zvvang konnte sie notigen, vor Verlauf einer geraumen Zeit vvieder hinein- zugehen. Die Anzahl der Toten ist in ziemlichem Verhaltnis mit dem anscheinenden Schaden der Gebaude und betragt 126. Da die Erschiitterung vom 5. Hornung am hellen Tage und nicht plotzlich ausbrach, so hatten die Einvvohner von Reggio 15 Zeit, die Flucht zu ergreifen; in der Ebene hingegen, wo, wie ich schon gesagt habe, die Bevvegung ebenso plotzlich als heftig und zerstorend war, war auch die Anzahl der Toten ungleich betrachtlicher und mit dem aufierlichen Anschein von ganzlicher Zerstorung und Einsturz der Gebaude und Stadte in richtigem Verhaltnis. Den 14. Mai verliefi ich Reggio und war durch die widrigen Winde gezwungen, meine beiden Fahrzeuge bis an die Spitze von Pezzolo, gegentiber Messina, durch Ochsen ziehen zu lassen, von wo der Strom uns mit einer groften Geschwindigkeit bis in den Hafen von Messina trug. Der Anblick des Hafens und der Stadt, die zur Halfte zerstort sind, machten beim hellen Mondesschein ein auffallendes und wirklich malerisches Schauspiel. Gewi6 ist, dafi die Gewalt des Erdbebens, obschon es in dieser Gegend ziemlich heftig war, doch zu Messina wenig betrachtlich gewesen ist, im Vergleiche zur Ebene im jenseitigen Kalabrien, wovon ich oben Meldung getan habe. Den andern Tag meiner Ankunft in Messina besah ich das Innere der Stadt. Ich fand, dafi die Vorderseite der prachtigen Gebaude, die man Palazzata nennt und die sich auf eine majestatische und regelmafiige Weise in Gestalt eines Halbmondes um den Hafen zogen, an einigen Orten ^anzlich, an anderen weniger zerstort war. Ich bemerkte auch ungeheuer grofie Spalten an einigen Orten des Gestades, von denen sogar ein Teil mehr als einen Fufi tief unter die Meresflache versunken ist. Diese Spalten sind wahrscheinlich durch eine horizontale Bewegung entstanden, die in der Ebene von Oppido und Terra nuova die namliche Wirkung hervorgebracht und jene grofien Stiicke Erdreich losgerissen und in die Hohlwege gesturzt hat; -denn das Meer ist langs des Gestades so tief, dafi die grofiten Schiffe daselbst anlaufen konnen, dergestalt, dafi, da die Erde in ihrer gewaltsamen Bewegung an der Meeresseite keine Gegenstutze hatte, sie notwendig sich spalten und bersten mufite. Es lafit ver- muten, dafi der grofie Schaden, den die Gebaude am Gestade erlitten, blofi den Ber- stungen an den unterirdischen Teilen ihrer Fundamente zuzuschreiben ist. Eine Menge von Hausern steht noch aufrecht, einige wenig beschadigt, sogar in den niedrigen Stadt- teilen. Aber in den hoher gelegenen Teilen derselben schien mir das Erdbeben fast gar keine Wirkung geaufiert zu haben, wie ich es bei mehreren Gelegenheiten bemerkte. Ein sicherer Bevveis, dafi das Erdbeben in Messina viel weniger heftig als in den Ebenen von Kalabrien gewesen ist, dafi in dem Kloster St. Barbara wie auch in dem Noviziat der Jesuiten, die beide auf einem Hugel liegen, man nicht den geringsten Spalt oder eine Berstung antrifft und dafi die Uhr dieses letzteren nicht die mindeste Verriickung erlitt, vvahrend alle Erschiitterungen, die dieses Land durch vier Monate lang verwiistet haben, noch von Zeit zu Zeit fiihlbar sind. Clbrigens haben von 30.000 Einwohnern der Stadt Messina nicht 700 das Leben eingebiifit; ein Umstand, der meiner Vermutung ein noch grofieres Gewicht zu geben scheint. Ich habe einige Hauser bewohnt gefunden, sogar eine oder zwei Strafien mit offenen Kramladen; doch hat sich der grofite Teil der Bewohner in Zelte und Hiitten gefliichtet. Viele Personen haben mich versichert, es vvaren vvahrend der Erschiitterungen Flammen aus den Spalten, die auf dem Gestade haufig sind, hervorgebrochen; allein ich habe keine sichtbare Špur davon wahrnehmen konnen, daher glaube ich, diese Flammen vvaren, wie auch in Kalabrien, nichts anderes als ein von elektrischer Materie ge- schvvangerter Dunst oder eine Art von brennbarer Luft. Nach allen meinen Untersucbungen bin ich geneigt zu glauben, dafi die grofie Erschiitterung vom 5. Hornung vom Mittelpunkt der Erde her gegen ihre Oberflache gefiihlt wurde, dafi hingegen alle folgenden horizontal und kreisformig vvaren. Ein merkvviirdiger Umstand, der an der ganzen Kiiste von Kalabrien, die am meisten gelitten hat, bemerkt vvorden ist, ist folgender: Ein kleiner Fisch Cicirelli, der 16 mit demjenigen, den wir in England White-bait nennen, viel Ahnlichkeit hat, nur dafi er ein wenig dicker ist und der sich gemeiniglich in der Tiefe des Meeres im Sand aufhalt, lafit sich seit dem ersten Erdbeben auf der Oberflache des Wassers sehen und wird mit leichter Miihe und in so grofier Menge gefangen, dafi er, obwohl er friiher fur einen der grofiten Leckerbissen galt, nun die allgemeine Nahrung der armsten Klasse der Bevolkerung gevvorden ist. Alle Fische iiberhaupt sind seit dieser unglucklichen Epoche zahlreicher und leichter zu fangen gevvesen; dies wurde mir von allen Fischern dieser Kiisten, die ich dariiber befragte, versichert, und ihre Antwort war immer mit solcbem Nachdruck begleitet, dafi an der Sache wirklich etwas Aufiergewohnliches gewesen sein mufi. Ich vermute, dafi entvveder die Hitze des Sandes auf dem Meeresgrunde, welche die unterirdischen Feuer der Vulkane verursacht haben konnen, oder dafi die bestandige Bewegung des Bodens den Fisch aus seinen Hohlen vertrieben hat; auf ahnliche Art treibt der Fischer, der mit dem Faden fischt und keinen Wurm mehr auf der Angel hat, den Fisch aus dem Rasen am Ufer der Fliisse heraus, wenn er stark mit dem Fufi darauf stampft, ein Verfahren, das nach meiner eigenen Erfahrung die gehoffte Wirkung niemals verfehlt. Die Zitadelle schien mir keinen Schaden gelitten zu haben und war noch in demselben Zustande, wie ich sie vor fiinfzehn Jahren sah. Das Lazarett hat im Innern einige Berstungen, wie die am Gestade, die von der namlichen Ursache herruhren. Der Seehafen hat gleichfalls nicht gelitten. Der Offizier, der die Festung kommandierte und sich bei der Erschiitterung eben darin befand, versicherte mich, dafi an diesem und den drei folgenden Tagen das Meer sehr hoch anschwoll und auf eine aufier- ordentliche Art mit einem fiirchterlichen schreckhaften Getose brauste, dafi hingegen die Wasser in den anderen Teilen der Meerenge vollkommen ruhig und stili blieben. Diese Erscheinung scheint mir zu erklaren, dafi wahrend des Erdbebens aus den entstandenen Spalten im Grund des Meeres Diinste ausbrachen, die alle, meiner Meinung nach, ihren Ursprung von unterirdischen Vulkanen herleiten. Am 7. Mai verliefi ich Messina, wo ich mit aller moglichen Gastfreundschaft und Hdflichkeit behandelt wurde, und setzte meine Schiffahrt in meinem Fahrzeuge langs der Kriste von Sizilien fort, bis an den Eingang der Meerenge, wo ich ans Land stieg. Hier traf ich einen Priester, der in der Nacht vom 5. auf den 6. Hornung gegemvartig war, als sich eine grofie Welle iiber diese Landspitze erhob, Schiffe und 24 Menschen mit sich fortrifi, Baume entwurzelte und im Zuruckprallen etliche Zentner Fische trocken auf dem Ufer Iiegen liefi. Er erzahlte mir, dafi er selbst von der Welle bedeckt wurde und ihrer Gewalt nur mit grofier Miihe entronnen sei. Er sagte mir, dafi die Wellen auf eine sehr grofie Hohe stiegen und mit einem furchter¬ lichen Getose und so grofier Schnelligkeit aufeinander folgten, dafi es nicht moglich war, sich durch die Flucht zu retten. Der Turm auf der Landspitze wurde zur Halfte zerstort und der arme Priester, der sich damals darin befand, verlor dabei das Leben. Von hier fuhr ich durch die Meerenge und kam nach Scilla, wo ich meinen Freund, den Pater Minasi, einen wiirdigen Mann und guten Naturforscher, antraf; er ist aus dieser Stadt geburtig und von der Akademie von N e a p e 1 betraut, eine Beschreibung der Naturerscheinungen zu liefern, die das Erdbeben in dieser Gegend begleitet haben. Mit seiner Hilfe und an dem Platze selbst begriff ich vollkommen die Natur jener furchtbaren Welle, die man fur siedend ausgegeben hatte und von vvelcher der Prinz von Scilla selbst nebst 2500 seiner unglucklichen Untertanen verschlungen wurde. Hier sind die naheren Umstande dieser unglucklichen Begebenheit. Als der Prinz bemerkt hatte, dafi wahrend der Erschiitterung vom 5. Hornung ein Teil des Felsens bei Scilla in das Meer sturzte, befiirchtete er, dafi der Fels, auf vvelchem die Stadt und sein Schlofi gebaut sind, das namliche Schicksal erfahren mochte. Er hielt es fur sicherer, einige Schiffe auszuriisten und sich in einen kleinen, von Felsen umringten, am Fufie des Berges gelegenen Hafen zu fliichten. 17 Der zweite Stofi des Erdbebens, der nach Mitternacht erfolgte, rifi einen ganzen Berg los, der zum Teile kalkig, zum Teile kreideartig und viel hoher als der bei Scilla zwischen dem Turm del Cavallo und dem Fels von Scilla gelegen war. Dieser Berg, der mit Gewalt ins Meer stiirzte, das damals vollkommen ruhig war, erhob jene fiirchterliche Woge, die sich an der Landzunge von Sizilien, die Spitze der Meerenge genannt, brach, und da sie mit ebenso grofier Wucht als Schnelligkeit gerade gegen die Bucht, wohin sich der Prinz und die unglucklichen Einwohner von Scilla gefluchtet hatten, zuriickprallte, so schmetterte sie dieselben in ihren Schiffen, mit ihren kost- barsten Effekten gegen die Felsen oder schleuderte sie ins Meer; diejenigen, die der Wut der ersten Woge entgangen waren, wurden durch die gleich darauf folgenden, obschon schwacheren Wellen fortgerissen. Ich sprach mit vielen Mannern, Weibern und Kindern, die erbarmlich verwundet und von denen einige ins Meer geschvvemmt worden waren; hier, sagte mir der eine, stiefi ich mit dem Kopfe diese Kellertiire ein (er zeigte mir wirklich die zerbrochene Ture). Hier, sagte ein anderer, wurde ich in dieses Fafi geschleudert; dort wollte mir eine Frau ihr Kind zeigen, das ganz gequetscht und mit tiefen Wunden bedeckt war, die ihm fortgerollte Steine und schwimmende Holzstiicke verursacht hatten; alle aber versicherten mich, nicht die geringste Warme im Wasser verspurt zu haben. Ich bemerke diesen Umstand, weil Sie in vielen Berichten die Versicherung davon lesen werden, sowie auch von vielen Leichnamen, die mit allen Anzeichen von Brandwunden an das Ufer geworfen worden seien, und von vielen lebenden Personen, die durch das siedende Wasser halb verbrannt worden sein sollen; wahr ist es, dafi nichts schwerer ist, als die reine VVahrheit zu erfahren; denn wenn ich mich am Eingang der Meerenge mit der Antwort des Priesters begniigt und sie in mein Tagebuch eingetragen hatte, wer hatte dann gezweifelt, dafi diese Welle nicht wirklich heifi und siedend gevvesen sei? Jetzt, da wir die Ursache und die Umstande dieser unglucklichen Welle wissen, sehen wir die Unmoglichkeit, dafi sie wahr gewesen sein konnte, und das Zeugnis so vieler unglucklichen Menschen, die davon bedeckt wurden, scheint mir vollkommen entscheidend. Auf meiner Riickreise nach Ne a p el, wo ich am 23. ankam, fuhr ich langs der Kuste beider Kalabrien und des Fiirstentums Citra hin und stieg nur bei Tropea, Paula und in der Bucht von Palmures ans Land. Ich fand Tropea mittelmafiig beschadigt, obschon alle seine Bewohner in Hiitten wohnten. Das namliche sah ich auch zu Paula, wo die Fischer mich versicherten, dafi sie seit dem Anfange dieser unglucklichen Begebenheit noch immerfort eine grofie Menge von Fischen fingen. Am 15. Mai fiihlte man noch in Tropea eine heftige Erschutterung, die aber nicht lange dauerte; wahrend meiner Reise habe ich deren fiinf gefiihlt, wovon drei in der Nacht ziemlich schreckhaft waren, und bei meinem Aufenthalt in Me s s in a bemerkte ich ein bestandiges leichtes Beben der Erde, eine Sache, die viele Messiner zu gleicher Zeit wahrgenommen haben. Beinahe mufi ich mich schamen, meine Herren, Ihnen einen so iibel zusammen- hangenden und in Eile aufgesetzten Auszug aus meinem Tagebuch zu iibersenden; allein ich denke, dafi, wenn ich diesen Aufsatz nicht sogleich und so wie er nun ist, einsende, die konigliche Gesellschaft infolge der schonen Jahreszeit ihre Versamm- lungen schon eingestellt haben konnte und dann ware die Materie wohl schon zu alt, ich mufi daher von zwei Ubeln das geringere wahlen. Ubrigens haben dergleichen Entvviirfe, so fluchtig und unvollkommen sie auch sind, wie in der Malerei das Verdienst der ersten Anlage eines Gemaldes und einen ihnen eigenen Ausdruck, der sich in einem mehr ausgearbeiteten Gemalde oft verliert. Wenn Sie endlich auch die Mudigkeit, die ich noch von meiner eben vollbrachten Reise empfinde, in Anschlag bringen wollen und dafi ich mitten unter den Anstalten zu meiner morgigen Abreise nach England Ihnen diese Erzahlung schreibe, so schmeichle ich mir, einige Anspriiche auf Ihre giitige Nachsicht machen zu diirfen. Doch ehe ich von Ihnen 2 18 Abschied nehme, meine Herren, so will ich versuchen, die Folgerungen meiner in Kalabrien und Sizilien gemachten Beobachtungen zu sammeln und Ihnen die Griinde vorlegen, die mich glauben machen, dafi die gemeinschaftliche Ursache dieser Erdbeben eine vulkanische Erschiitterung ist, deren eigentlicher Sitz sehr tief zu sein scheint, entweder in der Tiefe des Meeres zwischen der Insel Stromboli und der Kiiste von Kalabrien oder in einem Teile der Ebene in der Gegend von Oppido und Terra nuova. Wenn Sie namlich auf dem Meilenmafi einer Karte von Italien den Zirkel auf 22 Meilen dieses Landes offnen, die eine Spitze auf Oppido setzen, welches mir der Ort schien, wo das Erd¬ beben seine grofite Starke geaufiert hat, und mit der Offnung einen Kreis beschreiben, so werden Sie in diesem Raume alle Stadte, Flecken und Dorfer einschliefien, die ganzlich zerstort wurden, deren Bevvohner fast alle umgekommen sind und wo die Er dobe r- flache die sichtbarsten Veranderungen erlitten hat. Wenn Sie aber mit einer Offnung von 71 Meilen von dem namlichen Punkte einen anderen Kreis beschreiben, so wird erdas ganze Land einschliefien, das einige Erschutterung erfahren hat und wo man hin und wieder einige Spuren von dem durch das Erdbeben verursachten Schaden antrifft. Ich habe durchgehends bemerkt, dafi sowohl der Schaden an Gebauden als auch die Menge der Erschlagenen mit der naheren oder weiteren Entfernung von diesem angenommenen Mittelpunkt in richtigem Verhaltnis steht. Ebenso habe ich beobachtet, dafi von zwei, von diesem Mittelpunkte gleichvveit entfernten Stadten, deren eine auf einem Hiigel, die andere in der Ebene oder in einer niederen Grund- lage gelegen war, letztere immer ungleich mehr durch die Erschutterung gelitten hatte; ein hinlanglicher Beweis, dafi die Ursache des Erdbebens im Innern der Erde zu suchen ist. Ich glaube auch, dafi, da der Grund des Meeres der vulkanischen Feueresse, die ich fiir die Ursache dieser Bewegungen halte, naher ist, wir da noch grofiere Ver¬ anderungen als auf der trockenen Erde sehen wii.rden, wenn unsere Blicke bis dahin dringen konnten. Allein eine Menge Erzahlungen, die vielleicht schon unter der Presse sind, werden die Sache auf eine ganz andere Weise darstellen; und da die Philo- sophen ihre alten Systeme ungern verlassen, so werden sie auch forthin behaupten, dafi das letzte Erdbeben von den hohen Bergen des Apennins, dem Dejo, Caulone und Aspromonte, herriihre. Ich vviirde sie blofi fragen, ob sie glauben, dafi die Aolischen und Liparischen Inseln, die ohne Zweifel aus dem Grund des Meeres durch vulkanische Ausbruche zu verschiedenen, vielleicht sehr weit von- einander entfernten Epochen entstanden sind, ihren Ursprung dem Apennin in Italien oder vielmehr den mineralischen Adern, die im Eingeweide der Erde unter dem Meere verborgen liegen, zu verdanken haben. Der Stromboli, dieser fiirchterliche Vulkan, der bestandig im Feuer ist, und die neuesten dieser Inseln, 50 Meilen von der Kiiste von Kalabrien, die die Wirkungen des Erdbebens'gefiihlt haben, erklaren diese Erscheinung zur Geniige. Und ist es moglich anzunehmen, dafi die Erschiitterungen, die aus dem Innern der Erde gegen die Oberflache herkamen und die fiir die ungliicklichen Bevvohner der Ebene so zerstorend vvaren, aus den Bergen Dejo, Caulone oder Aspro¬ monte haben herriihren konnen? Mit einem Worte, meine Meinung ist, dafi die Ursache dieser Erschutterung die niimliche sei, die ehemals den Aolischen oder Liparischen Inseln ihre Entstehung gegeben hat; dafi am Meeresgrunde, vvahrscheinlich zvvischen Stromboli und dem jenseitigen Kalabrien, eine Offnung entstanden sein kann, wo die Natur die Grundlage einer neuen Insel oder eines Vulkans gelegt hat, der in mehr oder vveniger Jahr- 19 hunderten, die fur sie nur Augenblicke sind, hervorbrechen wird; denn obschon die Natur ohne Unterlafi arbeitet, so sind ihre Operationen doch so langsam, dafi sie von uns schwachen Sterblichen weder wahrgenommen, noch in die kurze Periode, die wir Geschichte nennen, gesammelt werden konnen. Wer weifi endlich, ob alle diese grofien Begebenheiten, die ich mit so grofiem Gerausch beschrieben habe, nicht blofie Wirkungen der in der Erde eingeschlossenen Diinste sind, die durch die Garung der mineralischen Materien, welche die Nahrung der Vulkane sind, erzeugt werden, die sich da, wo sie den geringsten Widerstand fanden, einen Durchgang offneten und naturlicherweise die Ebene, wo sie enger eingeschlossen waren, mehr erschiittert haben, als die Hohen und die festen Erdstriche der umliegenden Gegend. Wenn die konigliche Akademie von Neapel ihre Beschreibung, die mit Karten, Planen und Zeichnungen der merkwurdigsten, hier beschriebenen Orte erlautert werden soli, herausgegeben haben wird, so wird auch meine Arbeit, so fluchtig und unvoll- kommen sie auch sein mag, ihren Grad von Nutzbarkeit erlangen. Sie sehen wohl ein, meine Herren, wie schvver es ist, ohne Zeichnungen sich iiber einen solchen Gegenstand verstandlich zu machen. Erlauben Sie mir also, meine Herren, noch einmal, Ihre und der verehrungswiirdigen Mitgiieder unserer Gesellschaft giitige Nach- sicht aufzufordern, wenn Sie iiberhaupt meinen Brief fur wiirdig halten, Ihnen mit- geteilt zu werden.» Erdbeben und Vulkanausbruche des Atna. Mit der Frage eines Zusammenhanges von Erdbeben und Vulkan- ausbriichen hatte sich unmittelbar nach der Erdbebenkatastrophe am 5. Hornung 1783 auch Abbe Soulavie eingehend befafit. Die Ergebnisse, zu vvelchen dieser Naturforscher gelangt ist, sind in Form eines Briefes in der schon oben angefiihrten Abhandlung (Historische und geographische Beschreibung von Messina und Kalabrien .. ..) veroffentlicht worden. Unmittelbar nach der kalabrischen Katastrophe im Jahre 1905 hat der Verfasser den Brief des Abbe Soulavie dem berufensten Fachgenossen Prof. A. Ricco zur Begutachtung nach Catania gesendet, welcher zunachst feststellen konnte, dafi das Verzeichnis des Abbe, betreffend die Aus- briiche des Atna und Erdbeben in Sizilien, sehr unvollstandig ist. Moge hier zunachst der Originalbrief des Abbe Soulavie angefiihrt werden mit den Erganzungen der statistischen Daten, welche von Prof. Ricco mitgeteilt wurden. Soulavie schreibt folgendes: „Da alle Liebhaber der Naturgeschichte sich mit dem Ungliicke von Kalabrien und Messina beschaftigen, so habe ich die Ehre, Ihnen meine chronologische Vergleichung der Erdbeben in Sizilien und der Ausbriiche des Berges Atna zu iiberschicken. Diese Vergleichung bestatigt meine Gedanken iiber die Theorie der Erdbeben, die ich in einem Bande meiner unter der Presse befindlichen Werke geaufiert habe. 2 * 20 Epochen der Atna-Ausbriiche : Epochen der Erdbeben 1333 1381 1408 1444 1446 1447 1470 1404 1530? 15361 15371 1540? 1545? 1554? 1556? 1566 1579 1580 1603 1607 1610 1613 1614 1633 16341 1636/ 1640 1643 1646 1651 1669 1682 1688 1281 1301 1352 1360 1381 1390 1395 1408 1410 1456 1494 1499 1500 1536 1537 1 1538 J 1542 1549 1553 1563 1601 1613 1635 1638 1694** 1659 1661 1693 1717 1726 1729 1732 1780 * Ergdnzungen von Professor A. Ricco. ** Wahrscheinlich ein Druckfehler. 21 SchluBfolgerungen, welche Abbe Soulavie aus der Vergleichung dieser beiden Chronologien zieht: I. Das vulkanische Feuer des Atna ist unterirdisch, sehr tief, eng eingeschlossen und sehr tatig. Seine Wirkungen auf der Oberflache auBern sich besonders auf zweierlei Art, durch Erdbeben und durch Feuer- ausbriiche. II. In einem Zeitraume von 614 Jahren hat es nach dem Berichte der Geschichtschreiber 28 Erdbeben und 27 Ausbriiche verursacht. III. In den Jahren 1536, 1537 und 1538 hat dieses Feuer durch gleich- zeitige oder bald aufeinander folgende Erdbeben und Ausbriiche auf die Oberflache der Erde gewirkt. IV. Zwischen den Epochen der Ausbriiche wie auch der Erdbeben sind Zwischenraume von Ruhe und Stille. V. Sowie man gewisse bekannte Rechnungen gezogen hat, um nach Regeln der Wahrscheinlichkeit die Sterbelisten zu berechnen, ebenso kann man auch durch Vergleichung der Epochen der Ausbriiche des Atna und der Erdbeben wahrscheinliche Vermutungen iiber die kiinftigen Naturerscheinungen angeben. VI. Ich getraue mir daher zu behaupten, dafi man jetzt ohne Gefahr Sizilien und Kalabrien bereisen kann, weil so bald kein Erdbeben mehr zu fiirchten sein wird. VII. Der Atna und Sizilien sind erst seit 1500 mit Aufmerksamkeit beobachtet worden; unsere guten 22 Beobachtungen erstrecken sich also nur auf 283 Jahre. Nun hat im 16. Jahrhundert Sizilien acht E r d - beben erfahren. Im 17. Jahrhundert acht andere (E r d - beben). Im 18. Jahrhundert 'z' a h 1 e n wir deren schon sechs, und w e n n die ungliickliche Erfahrung nicht triigt, so soli dieses Land wohl noch zwei auszustehen haben, um das Gleichgewicht in der Ordnung der Naturerscheinungen zu machen. Wenn ich je wiinsche, die Theorie Liigen zu strafen, so ist es bei dieser Gelegenheit; allein, da Gott diese Welt unseren Streitigkeiten iiberlassen', so halte ich es fiir eine unschuldige Sache, wenn der Physikus und Naturalist Erscheinun- gen in der Natur beobachten und vergleichen. VIII. In der Geschichte des Atna zahlt man im 16. Jahrhundert neun Ausbriiche, ebensoviel im folgenden und nur vier im gegenwartigen. IX. Also in einem Zeitraume von beinahe drei Jahrhunderten hat das im Eingeweide Siziliens verborgene Feuer fast ebensoviel Ausbriiche als Erdbeben hervorgebracht. X. In der ganzen Reihe der Naturerscheinungen, die sich seit dem Jahre 1169 ereignet haben, zeichnet sich die eine Epoche in den Jahren 1536, 1537, 1538 allein aus, wo der Feuerausbruch und das Erdbeben gemeinschaftlich gewiitet haben. Diese Erscheinungen dieser drei Jahre mufi man als die Fortdauer eines einzigen, lange fortwahrenden Phanomens ansehen. Dies ist die Meinung des Herrn Hamilton, durch alle Erfahrungen bestatigt, und erst ktirzlich in Frankreich, wo man beobachtete, daB ein Erdbeben in Dauphine vom 8. Juni 1772 bis ans Ende des Jahres 1773 gedauert hat. XI. Der groBte Zwischenraum zwischen zwei Erdbeben seit dem Jahre 1500 betragt 48 Jahre. Der nachste nach diesem von 1732 bis 1780. Der kiirzeste war von 1780 bis 1783 oder von 1635 bis 1638.“ Prof. A. R i c c 6 gibt uns hiezu folgende vvertvolle Aufklarungen : „Ich habe das Verzeichnis der Eruptionen des Atna und der Erd¬ beben in Sizilien von Abbe Soulavie erhalten und will noch folgendes anfiihren: Diese Beziehungen zwischen Erdbeben und Vulkanausbriichen sind schwer festzustellen, weil es notwendig ware, die Grenze der Starke des Erdbebens und den Grad der eruptiven Tatigkeit, die man in Beziehungen bringen will, genau zu kennen; ich sage das, weil ich sehe, daB viele Eruptionen des Atna ubersehen wurden, welche ich in Erfahrung ge- bracht und nun dem Verzeichnis hinzugefiigt habe. Ich mufi nicht erst betonen, daB sehr viele Beben und sogar sehr starke in der Liste gar nicht angefiihrt erscheinen. 23 Ich habe den Anfang gemacht, die Liste der Erdbeben zu vervoll- standigen und gleich gesehen, dafi die Liste nur einen kleinen T e i 1 der Erdbeben anfiihrt, die in Sizilien aufgetreten sind. In bezug auf die Erdbeben und ihre Anzahl im 18. Jahrhundert (siehe Soulavie Nr. VII) habe ich in der Tat in der genannten Periode n o c h zwei gefunden, und zwar im Jahre 1786 ein starkes Beben von 1 Naso, aber auBer diesem hatte ich keines feststellen konnen, aus- genommen ein starkes von Monteleone (Kalabrien) im Jahre 1891, welches moglicherweise auch in Sizilien verspurt wurde. Ich bi n der Ansicht, dal) absolut k e i n e Beziehung zwischen den Eruptionen des Atna und den Erdbeben in Sizilien besteht, und jede Folgerung oder Voraus- sage, gestiitzt auf den Zusammenhang der Erdbeben und V u 1 k a n a u s b r u c h e , wird unbedingt falscb a u s - f a 11 e n. C a t a n i a , am 16. Dezember 1905. A. R i c c 6.“ Sturme und Erdbeben. (Mit Illustration.) Man kennt die Sturme in der Atmosphare, die sich insbesondere kraftig am Meere, in der leicht erregbaren Wasserflut widerspiegeln. In neuerer Zeit hat man auch in der festen Erdrinde mit Hilfe hochempfind- licher, bestandig aufzeichnender Magnetographen plotzliche Ande- rungen der erdmagnetischen Krafte festzustellen vermocht, die in der Wissenschaft „m a g n e t i s c h e Sturme" genannt werden. Und in allerjungster Zeit hatten die Hilfsmittel der instrumentellen Erdbeben- forschung eine neue Welt von Bodenschwingungen aufgedeckt, darunter auch solche, die ganz zutreffend als „B o d e n s t ii r m e“ bezeichnet werden konnten. Die Wettersturme kundigen sich dem Menschen durch Vorboten an, auch ziehen sie an uns mit einer beangstigenden Kraftenfaltung voruber, so daB wir uns freuen, bei Gewitter unter einem schiitzenden Dache bleiben zu konnen. Doch auch die magnetischen Sturme machen sich haufig durch auffallende Polar- oder Nordlichter bemerkbar; von unangenehmem Ein- fluB bleiben sie jedoch nur fiir jene, die den KompaB als Wegweiser be- niitzen, wie Seefahrer, oder fiir andere dadurch, daB da und dort auf der Erde ein gleichzeitiges Auftreten von starken Erdstromen den Depeschen- dienst oft auf Stunden hinaus empfindlich stort. Auch der Bergmann, der in der Tiefe der Erde seine Messungen mit Hilfe der Bussole vornimmt, kann in seinen Berechnungen beim Auftreten magnetischer Storungen 24 getauscht werden. Um solche Fehler zu vermeiden, bestehen heutigen Tages bereits magnetische Warten, die alle solche Storungen zu messen habem Eine weitere schadliche Einwirkung der magnetischen Sturme — \velches Phanomen bekanntlich dann aufzutreten pflegt, wenn auf der Sonne eine erhohte eruptive Tatigkeit beginnt, die sich uns in Gestalt groBerer Fleckengruppen zu erkennen gibt — ist erst in den allerjiingsten Tagen vermutet worden. Der bekannte Miinchener Geophysiker Dr. J. B. Messerschmitt hat vor dem Auftreten des Erdbebens auf Jamaika am 14. Janner einen auBer- ordentlich starken magnetischen Sturm an seinen Instrumenten beobachtet. Ungefahr eine Stunde vor dem Erdbeben treten bereits geringe Abwei- chungen vom normalen Gange der magnetischen Elemente ein, das Haupt- maximum der magnetischen Storung jedoch ist zeitlich mit dem Eintritt des Erdbebens zusammengefallen. Bekannt ist nun, daB magnetische Sto¬ rungen beim Eintritt von Beben>, insbesondere in der Nahe der Beben- herde, sehr haufig beobachtet werden. Der genannte Forscher stellte fest, daB am selben Tage nahe der Mitte der Sonnenscheibe eine groBere Fleckengruppe sichtbar war. Er betont auch, daB auf unserer Erde regel- maBig Erdstrome, Polarlichter und magnetische Ungewitter beobachtet werden, insbesondere, wenn durch auffallende Anderungen in den Flecken¬ gruppen auf gewaltigere Gasausbriiche geschlossen werden kann. Messer¬ schmitt versucht nun auf eine sehr einleuchtende Art die Moglichkeit eines Zusammenhanges dieser Phanomene mit der Erdbebenkatastrophe von Kingston zu erklaren, wobei er den durch die Fleckentatigkeit ent- stehenden Erdstromen die Rolle eines auslosenden Faktors der bereits unsicheren Bodenverhaltnisse auf Jamaika zuschreibt. Die Erdstrome waren dann nicht die Folge, sondern die unmittelbare Ursache des Erd¬ bebens gewesen. Fiir diese Hypothese miiBte, wie Messerschmitt sagt, freilich noch der Beweis erbracht werden, daB elektrische Strome iiber- haupt solche mechanische Vorgange, wie Abrutschungen in der Tiefe, be- einflussen konnen. Die Erklarung konnte dann etwa darin gesucht werden, daB die Erdstrome einen elektrolytischen ProzeB einleiten, wodurch Gase in den bereits gelockerten Erdschichten entstehen und damit, ahnlich wie durch Zutritt von Wasser, bei einem Bergschlipf das Abrutschen be- schleunigt wird. So konnte also unter Umstanden, wie die Moglichkeit eines solchen Zusammenhanges vom Verfasser wiederholt betont wurde, ein magnetischer Sturm der Stabilitat der schlecht unterstiitzten Erd¬ schichten gefahrlich werden und somit als einer der vielen auslosenden Faktoren der Erdbebenereignisse anzusehen sein. Stellt sich nun eine so gewaltige Erdbebenkatastrophe ein, so eilen, wie uns unsere Instrumente anzeigen, Wellen der verschiedenen Systeme nach der ganzen Erdrinde hinweg, die auf grofie Entfernungen langsam, aber machtig branden, ahn¬ lich wie sich die Sturmflut am Meere auf den entferntesten Gebieten 25 durch Sturzvvellen bemerkbar macht. Langst schon hat sich an der Er- regerstelle der Sturm gelegt und die Meeresoberflache geglattet, aber weitab davon halten die Gleichgewichtsstorungen der Wasserteilchen noch tagelang an. Der Bodensturm, der durch ein Weltbeben verursacht wird, nimmt, entsprechend der groBeren Dichte des Mediums, namlich der festen Erdrinde, in der sich derselbe abspielt, einen viel rascheren Verlauf, denn in einigen Stunden stellt sich auch auf den feinfuhligsten Instrumenten wieder die normale Ruhe ein. Aber die stundenlange Bodenunruhe, die die gesamte Erdrinde erzittern machte, wird da und dort, insbesondere in unstabilen Gegenden, die wir Erdbebenzentren zu benennen pflegen, das Auftreten neuer Erdbeben einleiten, befordern oder auslosen. Es sind auch schon die Gesetze erkannt und die Wege der verschiedenen Wellen- arten festgestellt worden, die sich gelegentlich eines Erdbebens durch die Erdrinde direkt und deren Oberflache fortpflanzen. An einer Reihe von charakteristischen, nicht zu verkennenden Merk- malen der Aufzeichnung eines Erdbebens, das aus der Ferne kommt, kann ohne weiteres die Herddistanz bestimmt werden. Auch die Richtung, aus der die Erdwellen kommen, kann ermittelt werden. Als die groBte Errungenschaft, die unsere junge Wissenschaft durch die Anwendung der Erdbebenmesser bisher erreicht hat, ist unbedingt die Aufklarung zu betrachten iiber die Zusammensetzung der Erde nach jenen Tiefen hin, wo unser Auge niemals eindringen wird. Schon heute konnen wir die Tatsache feststellen, daB alle Bebenbilder, die wir bisher von den verschiedenen Instrumenten erhal- ten h a b e n, untereinander eine Reihe a h n 1 ic h e r M e r k m a 1 e aufweisen, woraus wir schlieBen konnen, dafi die me- chanischen Vorgange, die sich an den Bebenherden abspielen, auch die gleichen sein miissen. Der am meisten ins Auge springende Unterschied der verschiedenen Bebenbilder liegt in erster Linie in der D a u e r der Aufzeichnung, wobei die Beobachtung gemacht wird, daB die Messungen bei Ortsbeben die Dauer von i bis 2 Minuten, bei Nahbeben' — das sind Erschiitterungen, die sich innerhalb eines Umkreises von iooo Kilometer Entfernung abspielen -— die Dauer von 5 bis 30 Minuten ergeben. Sind die Herde von der Beobachtungsstation Tausende von Kilometern entfernt, so halten die Bewegungen an den Instrumenten stundenlang an. Dabei kann man feststellen, daB die Dauer einer Bebenaufzeichnung in einem proportionalen Verhaltnis zur Entfernung des Herdes steht, so daB es ganz leicht moglich ware, wenn man das Bild eines Nahbebens auf ein glattes, weiBes Gummiband einzeichnen wiirde, durch schwachere oder starkere Streckung desselben Bebenbilder zu erhalten, die ungefahr den Bebenbildern gleichen wiirden, die auf den verschiedenen, naher oder weiter liegenden Erdbebenwarten der Welt aufgezeichnet wurden. Dabei muB besonders betont werden, daB bei Vergleichung der so kiinstlich 26 gewonnenen Bebenbilder mit den entsprechenden Originalaufzeichnungen der anderen Warten bei ersteren allerdings feine, aber sehr charakteristi- sche Merkmale fehlen wurden. Aber eben diese subtilen Merkmale ein und derselben Bebenaufzeichnung, die an jeden einzelnen Beobachtungspunkt der Erde gebunden sind, geben uns den Schliissel in die Hand, um in die Geheimnisse des Erdinnern einzudringen. Die Erdbebenkatastrophe von J a m a i k a hat an der Laibacher Warte gegen 9 Uhr 41 Minuten abends die Apparate in Tatigkeit gesetzt. In Kingston diirfte sie mit Riicksicht auf die geographische Lage gegen halb 4 Uhr nachmittags aufgetreten sein. Beide Daten sind bisher un- sicher, da die Aufzeichnung der Erdbebenstorung an allen europaischen Stationen durch die damals herrschende allgemeine Bodenunruhe (Boden- stiirme) stark beeinflufit wurde. Ebenso fehlt noch eine wissenschaftliche Abhandlung, die einen genauen Zeitpunkt der Katastrophe angeben wiirde. Wenn auch der erste Einsatz der Erdbebenaufzeichnung, wie schon be- merkt wurde, infolge der herrschenden Bodenstiirme unsicher ist, so erscheinen die iibrigen charakteristischen Merkmale eines Fernbebens immerhin deutlich ausgepragt. Die ersten Vorlaufer a (siehe Fig. 1 und 2) dauern ungefahr 10 Minuten, die zweiten Vorlaufer b genau 11 Minuten, worauf die Hauptbewegung c eintritt, die ungefahr 27 Minuten nach dem Beginne der ersten Vorlaufer das Maximum erreicht. Die bekannte, vom Verfasser vorgeschlagene, einfache, auch fiir jeden Laien ausfiihrbare Herddistanzbestimmung ergibt in diesem Falle 27 X 3 °° (konstante Zahl) — 8100 Kilometer, um rund 400 Kilometer weniger als die Entfernung, gemessen auf der Oberflache, von Laibach nach Kingston betragt. Wiirden wir den Einsatz um mehr als eine Minute friiher ansetzen, da ja eine Minute genau 300 Kilometern entspricht, so wiirde unsere approximative Rechnung noch besser mit der wirklichen Herddistanz iibereinstimmen. Besondere Beachtung v^erdient die wahrend des Ausklingens der Haupt- bewegungsgruppen sich einstellende Aufzeichnung von schon ausgeprag- ten Interferenzen (siehe Fig. 2 d), wie solche nicht immer beobachtet werden. Eine Erklarung fiir diese Interferenzen ist naheliegend. Nach dieser sind die Interferenzen durch das Wellensystem der Erdwellen a 1 (Fig. 1) entstanden, die sich in der entgegengesetzten Richtung liings des groBeren Kreisabschnittes unserer Erde fortgepflanzt hatten und in Lai¬ bach infolge des dreimal weiteren Weges mit einer Verspatung von 40 Minuten eingetroffen waren. Uber die Art und Weise der Fortpflanzung dieser Wellen in der angedeuteten Richtung wird man nur dann eine richtige Vorstellung bekommen, wenn man annimmt — wie dies von Prof. E. Wiechert bereits in scharfsinniger Weise auf anderem Wege er- mittelt wurde —•, daB sich unter der Panzerdecke oder dem Steinmantel der Erde, also unter der Erdrinde in einer Tiefe von ungefahr 1500 Kilo¬ meter, ein fester Metallkern befindet, langs dem sich ein Teil der Erd- wellen fortbewegt. 27 LAIBACH ■3 « «Jj t> 3 S ni&viAŽin j£z.vtCi/ »v- matien sowie vom ganzen Balkan' trafen Auslaufer von starkeren und schwacheren Beben ein, die in auffallend verschiedenen Formen auf den vielen Instrumenten aufgezeichnet wurden. Nachdem uns die Erdbeben- herde wenigstens aus nahen Gebieten bekannt wurden, so war es leicht moglich, Musterbilder der Ortsbeben etwa von I bis 30 km Herddistanz und von Beben, die aus der Nachbarschaft ausgestrahlt sind (Herddistanz 30 bis 100 km), oder von Nahbeben (Herddistanz 100 bis 1000 km) auf- zustellen. Wenn nun diese verschiedenen Bebenbilder, geordnet nach der Herddistanz, untereinander verglichen wurden, so fielen auf den ersten Blick die Merkmale auf, welche die Bebenbilder von zwei verschiedenen Herddistanzen auszeichnen. Vom nahen Herde ist das Bebenbild seiner Gesamtdauer nach kurz, wahrend bei zunehmender Entfernung des Herdes die Dauer der Bebenaufzeichnung ganz proportional zunimmt, so daB man schon bei der fliichtigen Priifung des Bebenbildes entscheiden kann, ob der Herd nahe oder weiter weg von der Erdbebenwarte entfernt liegt. Noch weitere Einzelheiten konnten aus der Sprache der Seismo- 41 graphen entnommen werden: Berechnung der Herddistanz genau auf Kilo¬ meter, Stofizahl und schlieBlicli Schatzung uber die Wirkungen des Bebens im Hauptschiittergebiet. Es ist und bleibt ein Verdienst der Laibacher Warte, in Osterreich die ersten Versuche dieser Art unternommen zu haben. Man wird fragen, bat es zunachst einen praktischen Wert, dafi uber erfolgte seismische Aufzeichnungem von den Warten aus moglichst rasch Diagnosen veroffentlicht werden? Diese Frage kann unter allen Um- standen zustimmend beantwortet werden, denn man wird zugeben miissen, dafi uns das Verhalten der sogenannten festen Erdrinde, wenn nicht mehr, so doch zum mindesten ebenso interessieren mufi, wie das Verhalten des Luftozeans, und wenn wir jede Temperatur- und Luftdruckschwankung sowie jeden Windhauch dreimal im Tage feststellen und veroffentlichen, vvarum soli der Erdbebenforscher (Seismologe) nicht anzeigen diirfen, dafi der heimische Boden stundenlang in langsamen Oszillationen begriffen war, die allerdings von Menschen nicht gefiihlt wurden, oft aber stark genug sind, um im heimischen Boden vorhandene Gleichgewichtsstorungen zur Ausgleichung zu bringen und neue vorzubereiten? Am allernotwendigsten aber ist es fiir den Bergmann zu wissen, was an jedem Tage um jede Stunde die Erdrinde fiir ein Verhalten an den empfindlichen Erdbebenmessern zeigt. Wie viele Menschenleben wiirden im Jahre gerettet werden konnen, wenn die berufenen Faktoren unseren schon seit Jahr und Tag veroffentlichten Warnungsrufen die gebiihrende Aufmerksamkeit schenken wollten und endlich einmal in gefahrdeten Grubengebieten einen exakten, modernen seismischen Beobachtungsdienst einfiihren wiirden. Dafi dieser Schritt bis heute noch nicht unternommen wurde, wird jedermann wundernehmen, der nur halbwegs mit der moder¬ nen Erdbebenliteratur vertraut ist. Aber man mufi anderseits die Furcht der privaten Kohlenbergbauunternehmungen beriicksichtigen, welche im Glauben leben, dafi durch exakte Beobachtungen der verschiedenartigsten Bodenbewegungen der regelmafiige Betrieb ihres Unternehmens beein- trachtigt werden konnte oder zum mindesten bei alarmierenden Nach- richten die Arbeiterschaft so weit beunruhigt wiirde, dafi dieselbe in sturm- bewegten Tagen des Bodens sich weigern konnte, in die Grube einzu- fahren. Um alle diese beim rationellen Betriebe eines wissenschaftlichen Institutes, welchem die Aufgabe zufallt, die herrschenden Bodenbewegun- gen 1 in Evidenz zu fiihren, ganz ausgeschlossenen Befiirchtungen zu bannen, ware es zunachst Aufgabe des Staates, bei seinen bergbaulichen Unternehmungen solche mustergiiltige Einrichtungen zu treffen, die dann ohne weiteres ihren Weg in die Praxis finden wiirden. Der Verfasser wird an anderer Stelle Gelegenheit finden, noch andere Momente anzufuhren, welche seine Ansicht stutzen werden, dafi die seismischen Beobachtungen fiir den Bergbaubetrieb von grofiter Be- deutung sind. 42 Zunachst mogen aber noch weitere Griinde angefiihrt werden, welche fiir die rasche Nachrichtengebung iiber seismische Aufzeichnungen spre- chen. Kauf leuten, welche ausgedehnten iiberseeischen Handel fiihren, mufi es von groBtem Interesse sein, moglichst rasch in Erfahrung zu bringen, wenn verheerende Erdbebenkatastrophen in Gebieten auftreten, nach welchen ihre Waren unterwegs sind. Schiffsgesellschaften werden ebenfalls nicht rasch genug Nachrichten erwarten konnen iiber katastrophale Seebeben, die irgend wo im Ozean stattgefunden liaben. Die Erdbebenwarten sind es, vvelche in dieser Richtung zuerst genauen AufschluB geben konnen. Audi GroBstaaten, welche an den entlegensten Orten der Welt Kolonien besitzen, werden den Nach¬ richten der Erdbebenforscher iiber stattgefundene Erdbebenkatastrophen mit Spannung entgegensehen, um zu erfahren, ob nicht ihr ausvvartiger Besitz durch Erdbeben Schaden genommen hat. AuBer diesen angefiihrten Interessenten gibt es jedoch noch eine schwere Menge anderer, wie z. B. Versicherungsgesellschaften, ja sogar Private selbst, die ihre Verwandten und Freunde im Auslande wissen und nicht rasch genug iiber solche Er- eignisse unterric.htet zu werden wiinschen. Der moderne Berichterstatterdienst ist so vorziiglich organisiert, daB jeder starkere Gevvittersturm, sei es zu Wasser oder zu Lande, in den Tagesblattern einen angemessenen Platz findet; selbstverstandlich werden von den Berichterstattern oft auch die belanglosesten Erclbebenerschei- nungen mit der gleichen Gewissenhaftigkeit registriert und den Tages¬ blattern gemeldet. Aber unsere Warte konnte in den elf Jahren ihres Be- standes die Erfahrung sammeln, daB bei groBen Erdbebenkatastrophen selbst der beste und wo h 1 org a nis i e r t e ste Nach- richtendienst vollstandig versagt und daB der Erd¬ bebenforscher die e i n z i g e und erste Quelle ist, vvelche iiber eine seismische Elementarkatastrophe mit Hilfe seiner instrumentellen Aufzeichnung genauen AufschluB geben k a n n. Beispiele, daB es sich tatsachlich so verhalt, konnte der Verfasser in groBer Menge anfiihren, es diirfte aber geniigen, nur einzelne solche Begebenheiten anzufiihren, wo der Erdbebenforscher die erste authentische Quelle war, iiber ein Erdbebenereignis Kunde zu geben, vvahrend anderseits Wochen vergingen, bevor in Europa die ersten diirf- tigen Mitteilungen iiber solche Vorkommnisse eintrafen. Am 3 I -j3- nne r 1906 verzeichneten am Nachmittage alle Instrumente unserer Warte ein au8ergewohnlich starkes Fernbeben, welches durch viele Stunden hindurch die Apparate nicht zur Ruhe komnlen lieB. Noch sind die Pendel nicht vollstandig zur Ruhe gelangt und man konnte sagen, nach der drahtlosen seismischen Depesche, vvelche die Erdbeben- messer aufgefangen, konnte schon um 19 Uhr abends der erste Bericht mit folgendem Wortlaute an die Wiener und Londoner Blatter von der Warte hinausgegeben vverden: 43 Laibach, 31. Janner. „Heute nachmittags um 4 Uhr 49 Minuten 29 Sekunden Beginn der Aufzeichnung eines katastrophalen Fernbebens. Um 5 Uhr 18 Sekunden Eintreffen der zweiten Vorlauferwellen. Darauf folgen langperiodische Wellen, vereinzelte mit einer Periode von einer Minute. Die Hauptbewegungsgruppen treten um 5 Uhr 21 Minuten in Form von neun regelmafiigen Wellen mit einer Periode von 18 Sekunden auf. Der Hauptausschlag wird um 5 Uhr 29 Minuten erreicht und betragt 45 Millimeter. Die Bewegung ist gegen 7 Uhr abends noch nicht erloschen. Nach dem Plabitus des Bebenbildes und der zeitlichen Auf- einanderfolge der charakteristischen Bewegungsgruppen zu schlieBen, diirfte der Schauplatz der Katastrophe bei 12.000 km von uns entfernt liegen, wahrscheinlich in' S ii d a m e r i k a.“ Weitere Einzelheiten iiber die Aufzeichnungen wurden am nachsten Tage von der Warte wie folgt ausgegeben: Laibach, 1. Februar. „Beziiglich des gestern gemeldeten Fernbebens ist noch folgendes zu konstatieren: War der Herd der Kata¬ strophe tatsachlich, wie unsere Instrumente es a n - gezeigt, westlich von Laibach gelegen, so f and das Erdbeben im Gebiete von Chile am 31. Janner um 10 Uhr 30 Minuten vormittags statt. Ware hingegen der Herd ostlich gelegen gewesen, was auch nicht ausgeschlossen ist, dann ware das Erdbeben im Gebiete der Sunda-Inseln nach Mitternacht ein- getreten. Diese Zeitdaten ergaben sich unter Beriicksichtigung der geo- graphischen Lage der Herde und der Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Erdwellen. Die Aufzeichnungen an den Apparaten sind erst nach 8 Uhr abends vollkommen erloschen." Der Vollstandigkeit halber muB noch angefiihrt werden, daB am gleichen Tage des Bebenereignisses auch noch sogenannte lithographierte Avisokarten an die wichtigsten europaischen Stationen, enthaltend die Hauptdaten des Seismogramms, versendet wurden, ferner am 3. Februar ein langeres Rundschreiben an die wichtigsten auBereuropaischen Stationen, insbesondere nach S ii d a m e r i k a , verschickt wurde mit der Bitte um Auskiinfte iiber den verschollenen Erdbebenherd, ohne auch nur an diesem Tage irgend eine Meldung aus der Herdgegend erhalten zu haben. Und nun verstrichen volle 19 Tage, ohne daB irgend eine Klarung iiber dieses Er- eignis aufgetaucht ware, bis endlich am 19. Februar von Prof. Krebs, dem bekannten Erdbebenforscher in Hamburg, die erste telegrapbische Verstandigung iiber den Ort der Erdbebenkatastrophe in Siidamerika hier in Laibach eintraf. Uber die oben geschilderten Unternehmungen unserer Warte wurde folgender Bericht an die Tagesblatter hinaus- gegeben: „Die Laibach er Erdbebenwarte hat, da nicht anzunehmen ist, daB die Erdbebenkatastrophe vom 31. Janner d. J. in Siidamerika nicht bemerkt worden ware, am 3. Februar 1 . J. an alle Warten der Welt ein Schreiben hinausgegeben mit der Bitte, Beobachtungen vom 1., 2. und 3. d. mitzuteilen. Da aber in Siidamerika nur wenige Warten bestehen, wandte man sich an dortige meteorologisehe 44 Institute sowie Unterrichtsanstalten (soweit die Adressen zuganglich waren), um auf diese Weise Authentisches iiber die vermutliche Herd- stelle in Erfahrung zu bringen. Das Rundschreiben diirfte in Siidamerika die Adressaten noch niclit erreicht haben. Gestern kam der Laibacher Warte aus Hamburg folgende Depesche zu: ,Erdbebenflut Westkiiste Kolum¬ bi e n s.‘ Man hatte es nicht fiir moglich gehalten, daB Nachrichten iiber so auBerordentliche Naturereignisse erst nach einem halben Monate von S ii d a m e r i k a zu uns gelangen, und doch scheint es so zu sein. Herr Prof. Albin Belar in Laibach ersucht uns, durch diese Veroffentlichung dazu beizutragen, dafi bald Naheres iiber Tag und Stunde sowie Umfang des Zerstorungsgebietes in Erfahrung gebracht werde.“ Von diesem Tage angefangen hauften sich nun in allen Blattern aus- fiihrliche Beschreibungen iiber das Erdbeben und iiber die Wirkungen der Flutwelle, Einstiirze von Baulichkeiten, Schiffsverluste Anzahl der Toten usw. Besonderes Interesse erregte die Meldung, daB unter dem Einflusse der Erderschiitterungen vier Inseln versunken sind, aber nicht plotzlich, sondern so allmahlich, daB sich ihre Bevvohner noch in Booten zu retten vermochten. Menschenopfer waren nicht viele zu beklagen, da in K o 1 u m b i e n , wie von uns schon voraus berechnet wurde, nach dortiger Zeitrechnung um io Uhr 30 Minuten vormittags das Erdbeben eingetreten ist. Es war also vorauszusehen, daB die Folgen der Kata- strophe in dieser Richtung einigermaBen gemildert werden, da sich die dortigen Bewohner bereits in Tatigkeit und zum groBen Teile auch auBer- halb der Hauser befunden haben werden. Man sieht daraus, wie viele Einzelheiten der Erdbebenforscher aus seinen Aufzeichnungen vorauszu- bestimmen vermag. SchlieBlich findet auch die auBerordentliche Langsam- keit, mit der diese Kunde nach E u r o p a gelangte, ihre einfache Er- klarung, indem wir in Erfahrung brachten, dafi durch die enorme Erd- bewegung im Meeresgrunde samtliche Kabel zerstort wurden. So sind erst durch Schiffe und Landboten zunachst Nachrichten nach N e w Y o r k eingetroffen, von wo sie allerdings noch in derselben Stunde nach E u r o p a berichtet wurden. Die Tatigkeit der Laibacher Warte wurde von P r b f. W. Krebs entsprechend gewiirdigt, welchcr in einem wissenschaftlichen Aufsatze iiber „Erdbeben und Flutwelle in Ecuador und Kolumbien“ in einem Berliner Blatte nachfolgendes hervorhebt: „Besonderes Interesse errveckt das neue Ereignis deshalb, weil es nicht allein von europaischen Seismographen sogleich als starkes Fern- beben verzeichnet wurde. Seine Ortlichkeit wurde auch mit einer bei solcher Entfernung noch nicht dagewesenen Genauigkeit festgestellt. Die Erdbebenwarte zu Laibach schatzte laut ihrer um 7 Uhr abends arn gleichen lage ausgegebenen elften Aviso-Postkarte die Herddistanz auf 12.000 km, die Richtung vorherrschend aus Westsiidwest. Sie schloB deshalb auf ein Erdbeben in C h i 1 e oder ein Seebeben im b e n a c h - barten Teile des Pacifi c.“ 45 Es darf uns also nicht wundernehnien, wenn bei zerstorenden Erd- beben in fernen Gebieten der Berichterstatterdienst vollkommen ins Stocken gerat, und das um so weniger, da selbst bei Ereignissen, die den europaischen Boden betreffen, oft keine und manchmal nur unvollstandige Nachrichten, die kein Urteil iiber die Ausdehnung und Wirkungen einer Erdbebenkatastrophe zulassen, mit groBer Verspatung bei uns eintreffen. Ein solches kritisches Gebiet in E u r o p a ist der Balkan, wo Erdbeben zu den alltaglichen Ereignissen zalilen, iiber welche aber nach Mitteleuropa nur selten Mitteilungen gelangen. Unsere Warte hat seit jeher diesem seismisch wenig erforschten Gebiete eine besondere Aufmerksamkeit zugewendet, die auch von recht erfreulichen praktischen und wissenschaftlichen Erfolgen begleitet war. Besonders interessant gestalteten sich die Nachforschungen iiber das in der seismischen Literatur gut bekannte Beben von S a 1 o n i k i vom Jahre 1902, iiber welches der bedeutendste dsterreichische Erdbeben- forscher, der bekannte Geologe Prof. R. Hoernes, eine klassische Monographie in den Mitteilungen der Erdbebenkommission der Kaiserl. Akademie der Wissenschaften i n W i e n veroffentlicht hat. Der genannte Forscher wurde von der hohen Kaiserl. Akademie der Wissenschaften in Wien mit dem Auftrage betraut, die Erscheinungen dieses Bebens an Ort und Stelle zu studieren, insbesondere im Hauptschiittergebiete alle zur Aufklarung erforderlichen Erhebungen zu pflegen, soweit dies die Verhaltnisse des Landes gestatten; das waren die Arbeiten, die Prof. Hoernes in glanzender Weise gelost hat und die eine besondere Be- wunderung verdienen, wenn man beriicksichtigt, mit welchen Schwierig- keiten in solchen unwirtlichen Gegenderi der Forscher zu kampfen hatte. In vornehmer Weise finden wir in der genannten Monographie auch alle jene Mitteilungen enthalten, welche von der Laibacher Warte zur genauen Feststellung des Herdes in den Tagesblattern und in der Monats- schrift „Die Erdbebenwarte“ * veroffentlicht wurden. Das erste Kapitel seiner Abhandlung „Erste Nachrichten iiber das Beben von Saloniki" leitet Prof. Hoernes mit folgenden Worten ein: „Die erste n 'Meldungen liber eine bedeutende, 5 m O s t e n Europas am 5.Juli 1902 stattgefundene Erderschiitterung ging den Tagesblattern bezeichnenderweise von einer Erdbebenwarte zu, welche von dem Herde des Bebens weit entfernt ist ■—- von dem in L a i b a c h unter der Leitung des Herrn Prof. Albin Belar stehenden, durch seine Fiirsorge und die Munifizenz der K r a i n i s c h e n Sparkasse in so trefflicher Weise eingerichteten Observatorium. Prof. Belar meint, daB dank seiner Meldung und der durch die ,Neue Freie P r e s s e‘ angeregten weiteren Mitteilungen man iiberhaupt genauere Kunde von dem Beben in S a 1 o n i k i erhalten habe und mag damit * Siehe Beilage der Monatsschrift «Die Erdbeben warte»: «Neueste Erdbebennach- richten*, Jahrg. II, S. 6. 46 nicht ganz im Unrecht sein, denn aus der T ii r k e i kommen uber Natur- ereignisse nur selten und dann meist arg entstellte Berichte nach Europ a.“ Die Mitwirkung der Tagesblatter hat tatsachlich damals unserer Wissenschaft in hohem Grade gedient. Die „N eue Freie Press e“ wird auch in S a 1 o n i k i gelesen und in kurzer Zeit hatte sich aus dem Erdbebengebiete ein tiichtiger, sehr brauchbarer Erdbebenbeobachter in der Person des Direktors Otto Husserl in Saloniki gemeldet, welcher unserem Institute aufierst wertvolle Beobachtungen eingesendet hat. Direktor Husserl hat jedoch eine Gegenleistung von uns ver- langt, indem er als Osterreicher an uns den Appell gerichtet hat, ihm zum Nutzen eines grofien Teiles der Mitglieder der osterreichisch-ungari- schen Kolonie in S a 1 o n i k i Aufklarungen uber dasWesen, die Dauer und die eventuellen moglichen Folgen dieser fast zur Katastrophe gewordenen Erscheinung zu geben. Dieser Einladung ist der Verfasser mit grofier Freude nachgekommen und ist iiberzeugt, daB seine Antwort Beruhigung und Aufklarung den eingeschiichterten Bewohnern des Schiittergebietes eingefloBt hat. Auch diese letztere Tatigkeit des modernen Erdbebenforschers ist zu den praktischen Aufgaben hinzuzuzahlen, welche die moderne Erdbeben- forschung gezeitigt hat. In der weiteren Folge sind auf diese Art eine Reihe von B alkan - b e b e n von uns eingeschatzt und in ihren Wirkungen auf groBe Ent- fernung richtig beurteilt worden, ja selbst bei seismischen Ereignissen in 11 a 1 i e n , wo doch ein altbeivahrter, musterhafter Erdbebenbeobach- tungsdienst* eingefiihrt ist, hat unsere Warte bei Herdbestimmungen in hervorragender Weise mitgewirkt. Belege hiefiir sind an anderer Stelle unter den neuesten Erdbebenereignissen angefiihrt. Heute, wo die Formel gefunden ist fiir die Ermittlung der Herd- entfernungen nach den Aufzeichnungen, kann es niemandem Schwierig- keiten bereiten, zutreffende Diagnosen aus den Erdbebenbildern heraus- zulesen, und so wachst denn mit der Zunahme der Erdbebenstationen der Nachrichtendienst, wahrend vor zehn Jahren unsere Warte zuerst ganz allein mit ihren Meldungen die osterreichischen Tagesblatter ver- sorgte, Uber jede seismische Aufzeichnung miissen heute die Tagesblatter den vielen osterreichischen und auslandischen Stationen ganze Spalten einraumen, und es ist gut so, denn je mehr sole h e exakte Beobachtungen vorliegen, desto sicherere Schliisse k 6 n n e n iiber den Herd und iiber die W irkungen des Bebens gezogen w e r d e n. Siehe «Uber Erdbebenbeobachtungen in alter und gegenwartiger Zeit und die Erdbebenwarte in Laibach», von A. Belar, Laibach 1898 , S. 18 . 47 So stehen die Dinge heute, und es wird gegenwartig weder Erdbeben- forscher noch Laien geben, die dieser Anschauung nicht beipflichten wiirden. Aber diese Anschauung ist ganz neu und wurde noch auf der Konferenz der Leiter der osterreichischen Erdbebenwarten, welche im September 1905 zu Innsbruck stattgefunden hat, von den meisten Fachgenossen nicht beigestimmt. SchlieBlich ist man iibereingekommen, daB nachfolgender Beschlufl Aufnahme gefunden hat: „Jahrespublikationen und Berichte an die Tagesblatter bleiben dem Ermessen der Stationsleiter tiberlassen.“ Bemerkenswert ist nur der Um- stand, daB erst seit kurzer Zeit diejenigen Fachgenossen, die damals den gegenteiligen Standpunkt vertreten hatten, heute zu den fleiBigsten Tages- berichterstattern zahlen, und das erfiillt uns mit Freude. Es hat iibrigens lange Zeit gedauert, bis die Tagesblatter den seismi- sc.hen Beobachtungen jene Aufmerksamkeit geschenkt liaben, die sie un- bedingt verdient hatten. Der Grund wird wohl zunachst darin zu suchen sein, daB von vielen seismischen Registrierungen, welche an die Blatter hinausgegeben wurden, die Meldungen von den Erdbebenherden, ins- besondere wenn sie submarin gelegen waren, ausgeblieben sind. Unsere Warte muBte daher anfanglich, um unsere junge Wissenschaft vor den Augen der Leser nicht herabzusetzen, immer die Aufzeichnungen nach der Richtung hin priifen, ob Aussicht vorhanden war, daB in kurzer Zeit Nachrichten aus dem Zerstorungsgebiete eintreffen werden. Die Beben- aufzeichnungen, von welchen diese Voraussetzung nicht gemacht werden konnte, wurden damals an die Tagesblatter nicht mitgeteilt. Nach dem Vorausgesagten wird es verstandlich, daB die Tagesblatter auf diesen Umstand besonderes Gervicht gelegt haben, um so mehr, als zu befiirchten war, daB die Leser durch solche Nachrichten irregeleitet werden, indem sie glauben konnten, daB es sich um eine Vorhersage einer Erdbebenkatastrophe handle, denn in den breiten Schichten hat man vor zehn Jahren wohl noch nicht gewuBt, daB es moglich sei, ein Erdbeben, welches sich etwa in J a p a n ereignet hat, in L a i b a c h mit Hilfe der Instrumente festzustellen. Gegenwartig gibt es noch viele, die beim Be- suche einer Erdbebenwarte die Frage stellen, aus welcher Entfernung von den Erdbebenmessern Bebenereignisse angezeigt werden, und wenn man zur Antwort gibt, „auch vom Antipodenpunkte, unter der Voraus¬ setzung, daB die Erschutterung intensiv genug war“, dann nimmt das Staunen kein Ende. In welcher Weise ein in der Welt am meisten verbreitetes oster- reichisches Blatt, die „N eue Freie Press e“, in friiherer Zeit unsere seismischen Nachrichten an die Leser mitgeteilt hat, moge folgende Notiz, die das genannte Blatt auf Grund unserer Nachricht veroffentlicht hat, dienent 48 Wien, am 15. Juli 1899. Ein signalisiertes E rdbeben. Von der Erdbebenwarte in Laibach, deren Beobach- tungen in der letzteren Zeit bemerkenswerte Bestatigung gefunden h a b e n , w i r d uns telegraphiert: „H eute um 2 U h r 43 Minuten u n d um 2 U h r 51 Minuten n a c h - mittags wurde ein groBes ausvvartiges Beben a n allen Instrumenten signalisiert usw.“ Gegenvvartig hat sich in dieser Richtung das Zeitungswesen zugunsten unserer Wissenschaft etwas gebessert. Viele Tagesblatter vermerken schon Fernbebenaufzeichnungen, auch ohne eine Bestatigung vom Herde abzuwarten. Leider vverden aber noch immer vielfach solche Nachrichten von den Blattern, welche die praktische Bedeutung derselben nicht ein- zuschatzen wissen, unterdriickt. Dessenungeachtet miissen wir unentwegt daran festhalten, daB der Presse in absehbarer Zeit der seismische Bericht gerade so wichtig erscheinen wird wie der meteorologische, vvelchem be- kanntlich in jedem Blatte in liberalster Weise Raum gewahrt wird. Ubrigens besteht eine solche Einfiihrung in Laibach schon seit Jahr und Tag, wo das Amtsblatt taglich neben dem meteorologischen auch die seismischen Berichte veroffentlicht. Eine besondere Freude und Befriedigung kanil es unserem Institute bereiten, bei der Riickschau auf jene Zeit, wo dieser Weg der Forschung noch wenig betreten war, viele Schvvierigkeiten zu iiberwinden waren und die ersten Bausteine zur Lesart der Diagrammbilder erst zusammen- getragen werden muBten, daB uns ere Warte bei dieser zu- nachst von Japaner n*, Italienern und Deutschen so v i e 1 v ers pre c h e n d begonnenen Arbeit auch erfolg- reich mitwirken konnte; dazu bot die giinstige Lage unserer Warte, mitten unter den s e i s m i s c h sehr 1 e b - haft tatigen Erdschollen, die beste und dankbarste Gelegenheit. Die ersten Aufzeiehnungen von Atna-Beben in Laibach. Der jiingste stiirkere Ausbruch des Atna im April und Mai des Jahres 1908 war gleichzeitig von einer Reihe sehr starker Erdbeben be- gleitet, welche der Apparat am Observatorium in Catania mit Riesen- schrift aufgezeichnet hatte. Bei genauer Priifung unserer Bander der * Besonders hervorgehoben zu werden verdienen die grundlegenden Arbeiten des bekannten englischen Erdbebenforschers John Milnes in Japan. 49 photographisch registrierenden Instrumente konnte festgestellt werden, daB die Auslaufer der stiirksten Atna-Beben auch bei uns in L a i b a c h , einzelne derselben sogar in Miinchen, Jena und selbst in Hamburg auf- gezeichnet wurden. Da an unserer Warte bisher Beobachtungen von seis- mischen Bewegungen, die von den siideuropaischen Vulkanen ausgegangen waren, nicht gemacht wurden, so hat es einiger Muhe und Arbeit gekostet, um das Zusammentreffen unserer Aufzeichnungen mit jenen von C a t a n i a , man kann sagen, einwandfrei festzustellen, was uns dank dem freundlichen Entgegenkommen des Direktors A. R i c c 6 gelungen ist. Die Moglichkeit, dafi solche subtile seismische Aufzeich¬ nungen leicht verloren gehen, ist insbesondere im Monate April und Anfang Mai sehr grofi, da um diese Zeit infolge herrschender Boden- unruhen an den photographisch registrierenden Pendeln auch stiirkere seismische Aufzeichnungen fast volljstandig unkenntlich werden, man kann es daher als einen gliicklichen Zufall bezeichnen, dafi uns diesmal die Atna-Beben nicht entgangen sind. Ubrigens sind in Europa doch schon an den feinfiihligen Instrumenten Beobachtungen gemacht worden, welche mit Eruptionsvorgangen in Zusammenhang gebracht wurden, was aus dem nachfolgenden Zeitungsberichte zu entnehmen ist, welcher gelegentlich der Eruption des Atna von Prof. Dr. H e c k e r , Leiter der seismischen Abteilung des konigl. geodatischen Institutes in Potsdam, veroffentlicht wurde: ,,Die Erdstofie, welche in der Nahe des Atna gefiihlt wurden“, fiihrt Dr. Hecker aus, „sind rein ortlicher Natur. Sie werden durch die explosionsartigen StoBe und Sprengungen verursacht, mit welchen sich die aus dem Schlot des Kraters nach aufien drangenden iiberhitzten VVasserdampfe und Gase ihren Weg bahnen. Die dadurch entstehenden Bodenbewegungen sind daher nicht erheblich und m e i s t e n s nur in der Umgebung vulkandscher Essen w a h r z u - n e h m e n. Ihre Starke pflegt nach Auslosung der Spannungen und nach Beginn des Lava-Ergusses sehr nachzulassen. Daher werden denn auch selbst durch die empfindlichsten Instrumente nur in wenigen Fallen solche vulkanische Erdbeben in grofierer Entfernung vom Vulkan aufgezeichnet. Bei den Ausbriichen des Vesuv w u r d e n von den Instrumenten des geodatischen Institutes in Potsdam nur Bodenbewegungen von wenigen Tausendstel-Millimetern vermerkt, wahrend bei dem Beben von San Francisco der Boden in Potsdam etwa um drei Millimeter hin und her schwankte.“ Diese Beobachtungen in Potsdam diirften sich auf die grofie V e s u v - Katastrophe beziehen, welche Anfang April im Jahre 1906 auftrat und durch mehrere Wochen hindurch ihre verheerenden Wirkungen ausgeubt hat. DaB unsere Warte, die mehr als um die Plalfte naher dem Vulkane wie Potsdam gelegen ist, keine charakte- ristischen Aufzeichnungen gemacht hat, welche eine Bestimmung der 4 50 Herkunft vom Vesuv ermoglicht hatte, ist dem Umstande zuzuschreiben, daB wahrend der ganzen Eruptionsperiode die Bodenunruhe an allen Pendeln aufierordentlich stark war und daher keine genaueren Fest- stellungen zulieB. Diese Bodenunruhe verdient jedoch ein besonderes Interesse, da sie mit den Eruptionsvorg-angen am Vesuv einen voll- kommen parallelen Verlauf genommen hat. In welcher Weise die Aufzeichnungen der Laibacher Warte im Monate April und Mai als Auslaufer vom A t n a festgestellt wurden, moge aus der nachfolgend angefiihrten gegenseitigen Verstandigung zwischen Laibach und Catania entnommen werden. Die Laibacher Warte sandte Anfang Mai eine Reihe von Flug- blattern an andere Stationen, die in der seismischen Literatur als „Steck- briefe“ bekannt sind und die den Zweck verfolgen, bei unbekannt geblie- benen Erdbebenherden dieselben durch Umfrage festzustellen. Diese Flug- blatter sind eigentlichTagesberichte, welche, nachArt der meteorologischen Beobachtungen, an allen Werktagen in der amtlichen „Laibacher Z e i t u n g“ erscheinen. Von diesen seismischen Berichten und Beobach¬ tungen der Laibacher Erdbebenwarte werden Sonderabzuge ange- fertigt, die mit fortlaufenden Nummern versehen werden und dann fall- weise an die wichtigsten Erdbebenwarten zur Versendung gelangen. Nach Catania wurden die Nummern 94 bis 96 der Sonderabziige nebst einem ausfiihrlichen Begleitschreiben, enthaltend Vorschlage iiber die gegen- seitige telegraphische Verstandigung bei seismischen Ereignissen, ein- geschickt. Zu den Beobachtungen vom 29., 30. April und 1. Mai, von wel- chen die Herkunft vom A t n a vermutet wurde, ist die Bemerkung an- gekniipft worden, „w a h r s c h e i n 1 i c h vom A t n a“. Am 12. Mai traf aus Catania nachfolgende Antwort ein: „Ich sende Ihnen die Abziige Ihrer Tagesberichte zuriick, bei wel- chen ich unter die Zeitangaben Ihrer Aufzeichnungen jene von uns, etwa auf eine halbe Minute, genau anfiige. Gegenwartig, wo wir taglich mehrere Beben verzleichnen, ist es unmoglich, eine auf Sekunden ge- naue Zeit sofort zu ermitteln. Die Erschiitterung vom 29. April ist bei Ihnen in Laibach friiher als in Catania verzeichnet worden, und ist es daher unmoglich, daB es sich in diesem Falle um die gleiche seismische Bewegung handelt. Die Erschiitterung vom 30. April ist in Laibach vier Minuten spater aufgezeichnet worden, was jedenfalls zu viel ist, da sich daraus die Geschwindigkeit ftir die ersten Vorlaufer mit 2'3 km pro Sekunde rechnet, ein Wert, der jedenfalls viel zu niedrig ist. Die Erschiitterung vom 1. Mai wurde in Laibach gleichfalls vier Minuten spater auf¬ gezeichnet, also auch wieder zu spat. Auffallend ist jedoch der Um- stand, daB die von Ihnen berechneten Herddistanzen der Entfernung At na-Laibach sehr nahe kommen. Auch die Angaben vom 9. Mai stimmen nicht iiberein. Sie hatten daher allen Grund iiberrascht zu sein, daB sich die vulkanischen Erschiitterungen des Atna-Berges bis nach Laibach fortgepflanzt hatten. 51 : gerrtum der AuslandslektOrafa der Deutschen Akadsmla In bezug auf eine telegraphische Mitteilung von Nahbeben von seiten unseres Observatoriums schlage ich vor, nur die bedeutenderen anzuzeigen, da die Mittel unseres Institutes knapp bemessen sind. Vom 3. Mai angefangen hat am Atna die Bewegung der Laven vollstiindig aufgehort und aus den Vulkanoffnungen finden nur seiten Rauchausstrdmungen statt, dagegen treten am zentralen Krater betracht- liche Dampf- und Rauchausbriiche auf, auch Erdbeben sind haufig, darunter manche sehr starke. A. Ricc6.“ Auf Grund dieser Mitteilungen des Observatoriums in Catania vvurden zunachst unsereDiagrammbilder einer genauenUberpriifung unter- zogen, wobei sofort festgestellt werden konnte, daB von der Aufzeichnung am 29. April die notwendige Zeitkorrektur bei der Laibacher Ablesung nicht vorgenommen wurde. Nach dieser Richtigstellung konnte jedoch auch dieses Beben als vom Atna kommend angesehen werden, da in Catania die Aufzeichnung gegen 6 Uhr 21 Minuten beginnt und in Laibach nach 6 Uhr 23 Minuten. Bei der Kleinheit der ersten Vor¬ laufer ist jedoch der erste Impuls so sclrvvach ausgepragt, daB eine genaue Bestimmung auf Sekunden ausgeschlossen war. Jetzt war es leicht, eine Erklarung fiir das zu spate Auftreten der ersten Vorlaufer in Laibach am 30. April und 1. Mai zu finden. Die Zeitdifferenz, wie R i c c 6 bemerkt, betrug in beiden Fallen vier Minuten. Wenn man aber beriicksichtigt, daB die Horizontalpendel fiir die kurzperiodischen Zitterbewegungen, dieser Charakter entspricht ja den ersten Vorlaufern, sehr unempfindlich sind, so wird es verstandlich, warum ein Teil der ersten Vorlaufer von den Instrumenten nicht vviedergegeben wurde, und in Laibach eigentlich nur Rudimente einer sclrvvachen Nahbebenaufzeichnung aufgefangen wur- den, wodurch die groBe Zeitdifferenz zwischen den Beobachtungen in Catania und Laibach vollstandig aufgeklart ist. In diesem Sinne wurde auch Direktor R i c c d geantwortet, wobei noch besonders hingewiesen wurde, daB bei den Zeitdifferenzen zwischen Laibach und Catania auch zu beriicksichtigen sei, ob der Herd der genannten Erschiitterungen einmal naher, ein andermal weiter von Catania entfernt war. In dem Schreiben an Direktor R i c c 6 wurde schlieBlich vom Verfasser noch besonders hervorgehoben, daB man bei den seismischen Vorgangen am 29., 30. April und I. Mai eine groBe Herdtiefe annehmen miisse, da sonst die Auslaufer der seismischen Regungen des Atna ge wiB nicht in ganz Europa a u f g e z e i c h n e t worden w a r e n. Uber die gleichzeitigen Beobachtungen in Miinchen berichtet uns auf eine Anfrage der Kustos des Observatoriums J. B. Messerschmitt nachfolgendes: 52 „Nach Durchsicht unserer Registrierbogen kann ich folgendes mitteilen: Am 29. April, zwischen 6 und 7 Uhr, ist nichts Besonderes zn er- kennen. Am 30. April hebt sich voni der allgemeinen Stadtunruhe zwischen 9 Uhr 29 Minuten bis 9 Uhr 34 Minuten ein Wellenzug ab, dabei sind die N-S.-Wellen bis 8'6 Sekunden, die E-W.-Wellen bis 11 Sekunden lang. Maximum um 9 Uhr 30 Minuten bis 31 Minuten, bis U/2 Millimeter. Am 1. Mai von 14 Uhr 37 Minuten bis 40 Minuten lange Wellen. Maximum 1 Millimeter um 37 Minuten, N-S.-Welle etwa 10 Sekunden, E-W.-Welle etwa 5 Sekunden. (Diese Komponente weniger deutlich.) Es diirfte also in de n beiden letzten F a 11 e n die Aufzeichnung mit der Ihrigen iibereinstimmen. Der Zusammenhang mit dem Atna scheint d e m n a c h z w e i f e 11 o s. J. B. Messerschmitt/' Diesen interessanten gleichzeitigen Beobachtungen in M ii n c h e n braucht weiter nichts hinzugefiigt zu werden als die Bemerkung, dafi sie dazu beigetragen haben, eine direkte telegraphische Verstandigung mit C a t a n i a herbeizufiihren. In einem Schreiben vom i.Juni gibt uns Direktor Riccd in dieser Angelegenheit folgendes bekannt: „Ich werde Ihnen' in Hinkunft jene Aufzeichnungen telegraphisch anzeigen, welche auf unserem groben Seismographen mit zehnfacher VergroBerung ein Maximum von iiber 30 Millimeter verursachen. Auf diesem Instrumente betrugen die Maxima: in Ca tani a am 29. April 64 mm (Laibach 2-2 mm), am . 30. April 35 mm (Laibach 2-2 mm), am 1. Mai 28‘5mm (Laibach r6mm). Es freut mich zu vernehmen, daB einzelne Erschiitterungen, die vom Atna ausgingen, auch noch in Miinchen registriert wurden/‘* Uber die Aufzeichnungen der Atna-Beben in Europa ist uns bisher folgendes bekannt geworden: Catania 6 23 —, 29. April. M a 1 1 a 6 22 30, 6 23 30 (o'5 mm), Atna, Laibach 6 23 —, 6 25 30 (2-2 mm). Catania 9 23 —, 3 °- April. Tri e st (Anfang unbestimmt) 9 29 — (2-onim), Laibach 9 27 n, 9 29 56 (2 -2 mm), M ii n c h e n 9 29 —, 9 31 — (1-5 mm), Jena 931 —, Hamburg 9 32 —. * Einige Beobachtungen fiber das Verhalten des Atna, die uns gleichzeitig Direktor Riccd rnitteilt, verdienen hier angefiihrt zu werden: «Aus dem zentralen Krater stromt bestandig Rauch aus, hie und da stellt sich auch Aschenregen ein, hingegen sind die neuen Kratermundoffnungen ganz untatig. Am 21. Mai besuchte Prof. Lacroix den zentralen Krater, bei dieser Gelegenheit konnte ich die Mundoffnung sehen, welche Rauch und Asche auswirft. Dieselbe befindet sich an der westlichen Seite der inneren Kraterwand und ist ungefahr 12 m breit und 24 m hoch.» 53 C a t a n i a 14 3° —, 1. m a 1. Tri e st 14 34 58, 14 40 20 (1:2 mm), Laibach 14 34 —, 14 37 20 (r6mm), M ii n c h e n 14 37 — bis 14 40 — (1 -o mm). Aus diesen Aufzeichnungen geht hervor, daB der Herd der drei Beben in der Nahe des Atna gelegen war und es macht den Eindruck, daB die seismische Bewegung vom 30. April aus der groBten Tiefe ausgestrahlt sein wird. Die Unsicherheit der Zeitangaben einzelner Stationen liegt diesmal in erster Linie in der Kleinheit der Diagrammbilder. Im iibrigen werden Stationen, welche Ablesungen an den photographisch registrierenden Hori- zontalpendeln machen, immer mit Verlusten der kurzperiodischen Be- wegungen rechnen miissen. Selbst bei groBeren seismischen Aufzeich¬ nungen treten, wie dies spater gezeigt werden soli, Mangel bei den Ab¬ lesungen der Zeitwerte auf, die in der verschiedenen Leseart der Dia¬ grammbilder von seiten der Beobachter und nicht zuletzt auf einen Mangel vollkommen einwandfreier Zeitbestimmung einzelner Stationen zuriickzufiihren sind. Noch auf einen Umstand muB hingewiesen werden, welcher zunachst Befremden erregen wird. Es muB festgestellt werden, daB die Erschiit- terung vom 29. April, welche an dem Instrumente in C a t a n i a mit dem groBten Ausschlage aufgezeichnet wurde, von keiner Station auBer Malta und Laibach gemeldet worden ist, hingegen aber die Erschiitterung vom 30. April, welche um die Halfte schwachere Aufzeichnung in C a - t a n i a hervorgerufen hatte, fast in ganz Europa registriert wurde. Halt man sich gegenwartig, daB fur den Hauptausschlag einer Beben- aufzeichnung in C a t a n i a auBer der Bebenintensitat auch die Herdent- fernung mafigebend ist, so wird man eine befriedigende Erklarung fiir diese Abweichung finden, wenn man den Herd vom 29. April naher liegend an Catania annimmt als an dem nachfolgenden Tage. Fiir die Fern- wirkung kommt auch noch die Herdtiefe in Betracht, und aus der groBen Verbreitung der Erschutterung vom 30. April darf geschlossen werden, daB der Herd in einer viel groBeren Tiefe gelegen war, wie an dem vor- angehenden und nachfolgenden Tage. Um diese letztere Annahme vollkommen zu rechtfertigen, wird es unbedingt angezeigt sein, daB die Warten, welche mit hochempfindlichen Apparaten beobachten, die Registrierbander vom 29., 30. April und 1. Mai einer genauen Priifung unterziehen. Die Miihe wird belohnt, auch wenn das Ergebnis der Untersuchung in negativem Sinne ausfallt. Fiir die zunachst vom Verfasser ausgesprochene Vermutung eines Zu- sammenhanges der genannten Aufzeichnungen mit den gleichzeitigen Vor- gangen im Atnagebiete ist neben dem zeitlichen Zusammentreffen schlieB- 54 lich noch die Tatsache maBgebend gewesen, dafi die drei in Laibach auf- gefangenen Bebenbilder untereinander in allen Teilen eine auffallende Ahnlichkeit aufweisen. Man kann diese im Friihjahre 1908 an den tiefsten Fundamenten des A t n a begonnenen Gleichgewichtsstorungen und Schichtenbewegungen, welche so stark waren, dafi sie den Boden von ganz Europa durch- zittern machten, als ein Vorspiel ansehen zu dem Erdscholleneinbruch, welcher am 28. Dezember in der Nachbarschaft des A t n a unter der StraBe von Messina erfolgte und am Tage die namenlose Zerstorung verursachte. Nachforschungen zur Feststellung eines Erdbebenherdes. Nie aufiergeivohnlichen Aufzeichnungen von Atna-Beben in den Monaten April und Mai hatten jedenfalls dazu beigetragen, daB von unserer Warte den seismischen Erscheinungen, welche nach den Aufzeichnungen die Deutung zulieBen, daB ihr Herd moglicherweise in der Adria oder im Mittelmeergebiete gelegen war, eine besondere Aufmerksam- keit geschenkt wurde. Am 17. Mai 1908 erfolgte an allen europaischen Warten eine verhaltnismaBig starke Aufzeichnung eines Fernbebens, dessen Ursprungsort von uns in das Gebiet des Mittelmeeres verlegt worden ist. Nach den Aufzeichnungen konnte auch die Vermutung aus- gesprochen werden_, daB die Auslaufer dieses Bebens an den sudlichsten Punkten von 1 1 a 1 i e n fiihlbar gewesen sein diirften. Doch verstrich Tag fiir Tag, ohne daB es moglich war, Naheres uber den eigentlichen Erd- bebenherd in Erfahrung zu bringen'. Der Tagesbericht der r 6 m i s c h e n Zentrale verzeichnete eine einzige Mitteilung uber ein gefiihltes Beben in Reggio, welches mit der Fernbebenaufzeichnung der Zeit nach gut iibereinstimmte. Da jedoch weitere Mitteilungen liber dieses Beben ausgeblieben sind, wandte sich der Verfasser an den Direktor der Zentralanstalt fiir Mete- orologie und Geodynamik in Rom mit der Bitte, Nachforschungen ein- zuleiten, um den Ursprungsort dieses Bebens so genau als moglich fest- zustellen. Direktor Palazzo war in einer iiberaus liebenswiirdigen Weise, keine Muhe und Arbeit scheuend, bemiiht, zur Aufklarung dieser offenen Frage beizutragen und berichtete uns in einem Schreiben vom 2. Juni 1908 uber die ersten Ergebnisse seiner Untersuchungen nachfolgendes: „Zur selben Zeit, als an unsere Zentrale in Rom von den italienischen Observatorien Telegramme uber eine Aufzeichnung von einem verhalt¬ nismaBig fernen Bebenherde am 17. Mai gegen 13 Uhr 30 Minuten ein- langten, traf auch die Nachricht aus Reggio in Kalabrien ein, 55 aus welcher zu entnehmen war, daB am selben Tage gegen 13 Uhr 45 Minuten dortselbst von vielen Personen eine Erschiitterung verspiirt wurde. Wir konnten nicht glauben, dafi es sich hiebei um dieselbe Erscheinung gehandelt hat, da C a t a n i a ein Fernbeben meldet und M i 1 e t o (ein Observatorium, welches mit vorziiglichen Instrumenten ausgestattet und in der Provinz Catanzaro, ungefiihr 65 km von R e g g i o entfernt, gelegen ist) die Herddistanz mit ungefahr 500 km angegeben hat. Man kann daher annehmen, daB die Erschiitterung von Reggio ganz lokaler Natur sei oder in Verbindung stehend mit der groBen Zahl der Erschiitterungen, welche in dieser Zeit vom A t n a ausgestrahlt sind. Das ist unsere gegemvartige Meinung. Es nimmt uns wunder, daB unter dem Observatorien, welche Mel- dungen liber Aufzeichnungen einsenden, nicht auch jenes von Messina vertreten war. Moglich ist aber, daB dieses Observatorium die Aufzeichnung erst festgestellt hat, nachdem schon in unserem Tages- berichte die Meldung iiber dieses Beben veroffentlicht wurde, deshalb diirfte es Messina dann unterlassen haben, Nachricht zu geben, um erst in einem spateren 1 , geeigneteren Zeitpunkte genauen Bericht dariiber zu erstatten. Im iibrigen frage ich noch heute bei dem Direktor des Observatoriums an. Auch Prof. R i c c d werde ich von Ihrer Anfrage verstandigen, aber man muB sich gegemvartig halten, daB die Herd- distanzbestimmung von C a t a n i a mit 500 km iibereinstimmt mit jener, die Mileto angezeigt hat. Des Umstandes wegen, daB Sara j evo die Aufzeichnung als ein Nahbeben bezeichnet (mit 800 km), halte ich es fiir moglich, daB der Herd im Siiden des Adriatischen Meeres, vielleicht bei den Inseln Zante, Korfu, gelegen war. Da unsere Zentrale einen aus- gezeichneten Berichterstatter in Zante hat, werde ich bemiiht sein, Nachrichten von ihm zu erlangen. Wenn meine Ansicht richtig ist, so ware es gar nicht notwendig, eine Umfrage nach den italienischen Kiisten des Adriatischen Meeres zu unternehmen. Um aber jede Verantwortung abzuwalzen, werde ich an alle unsere Semaphorstationen des Adriatischen Meeres ein Rundschreiben erlassen, um in dieser Richtung Nach¬ richten zu erlangen. Der Vorstand der Semaphorstation auf der Insel T r e m i t i ist ein sehr tiichtiger Mann, welcher nicht ermangeln wird, ausfiihrlich dariiber zu berichten.“ Ein weiteres Schreiben von nachfolgendem interessanten Inhalte hatte Direktor P a 1 a z z o am 8. Juni abgesandt: „Das Observatorium von Messina teilt folgendes mit: ,Um 3 Uhr 32 Minuten 41 Sekunden treten auf dem hiesigen V i c e n t i n i - Apparat schwache Aufzeichnungen an allen drei Komponenten auf. Um 13 Uhr 33 Minuten 51 Sekunden beginnt eine ziveite betrachtlichere Aufzeichnung (ivahrscheinlich im Zusammenhange stehend mit einem Erdbeben, welches von Personen in R e g g i o gleichzeitig verspiirt wurde), welche die erste Aufzeichnung vollstandig iiberdeckt hatte. Ich habe keinen geniigenden Anhaltspunkt, um das Epizentrum der ersten Aufzeichnung zu schatzen, aber ich ware nicht abgeneigt, zu glauben, lediglich nach der Starke der Aufzeichnun¬ gen an allen drei Komponenten, daB auch die erste 56 Registrierung von e i n e m Herde stammt, welcher von hier nicht w e i t entfernt i s t/ Die Leiter der italienischen Semaphorstationen am Adriatischen Meere zwischen V e n e d i g und P a 1 a s c i a (Lecce) sowie auch jener von der Insel T r e m i t i hatten alle in negativem Sinne geantwortet. Ich erwarte noch immer die Nach- richt von Zante.“ SchlieBlich trifft das dritte Schreiben des Direktors P a 1 a z z o hier ein, welches die ersten Nachrichten aus dem makroseismischen Schiitter- gebiete bringt. „Rom, am 17. Juni 1908. „Der Berichterstatter von Z a n t e (Ionische Inseln) meldet, daB am 17. Mai in Z ant e um 6 Uhr 15 Minuten eine ziemlich starke Erschiit- terung wahrgenommen wurde. (Um diese Stunde hat unserer Zentrale kein einziges Observatorium Meldung iiber eine Aufzeichnung erstattet.) Eine weitere Erschutterung meldet er um 13 Uhr und um 13 Uhr 30 Mi¬ nuten. Diese letztere war jedoch sehr leicht und kurz, ein Umstand, der mich annehmen laBt, daB der Herd des gesuchten Erdbebens ostlich von Zante in Griechenland oder mehr siidlich im Ionischen Meere gesucht w e r - d e n mu B.“ Bemerkenswert ist nun zunachst die Tatsache, welche aus dem zweiten Schreiben der romischen Zentrale hervorgeht, dafi die Auslaufer des MittelmeerbebeUs in R e g g i o selbst, wahrend noch die Auslaufer dieses Bebens den Boden von R e g g i o beunruhigten, eine ortliche Erschiit- terung, ein Relaisbeben ausgelost hatten, welches auf den Instrumenten 1 Minute 10 Sekunden nach dem ersten Einsatze der Vorlaufer aufgetreten ist, eine Beobachtung, welche bei Fernbeben einigemal auch schon am Laibacher Felde gemacht ,wurde. Nach den Ausforschungen des Prof. P a 1 a z z o diirfte es zweifellos sein, daB der Herd in den Gewassern der griechischen Insel- welt zu suchen sein wird und dies um so mehr, da weder vom Fest- lande noch von den Inseln in Griechenland Nachrichten iiber z e r - storende Wirkungen dieses Bebens eingetroffen sind, was mit Rucksicht auf die starken Aufzeichnungen wohl vermutet werden durfte. Der gesuchte Herd fallt also mit einem typischen submarinen M i 11 e 1 - meerbeben zusammen, die, wie an anderer Stelle gezeigt wird, in manchen Jahren in diesem Gebiete recht haufig auftreten und gleichzeitig dazu beitragen, die unstabilen Gegenden von K a 1 a b r i e n und S i - z i 1 i e n zur seismischen Betatigung anzuregen. Der Vollstaudigkeit halber mogen hier die Eintrittszeiten der Beben- aufzeichnungen, die von den europaischen Erdbebenwarten am 17. Mai 1908 ermittelt wurden, chronologisch geordnet angefuhrt werden. 57 Bei Vergleichung dieser Zeitangaben und der Entfernung der Erd- bebenwarten vom Herde erhellt auf den ersten Blick, daB sich einige Sta- tionen nicht gut in den Rahmen einftigen lassen, was teils auf die ver- schieden hohe Empfindlichkeit der Apparate, teils auf den Mangel einer richtigen Zeit zuruckzufuhren ist. Es ware im Interesse unserer Wissen- schaft gelegen, die angefuhrten Mangel an den einzelnen Warten moglichst rasch zu beheben. t 58 Relazione preliminare intorno al grande terremoto di Sieilia e Calabria del 28 dicembre 1908. Emilio Oddone. Ali’ alba infaustissima del 28 dicembre 1908 si scatenava nello stretto di Messina un cataclisma immane, quale potevamo solo ricordare di avere letto nella Bibbia o nella storia, ma credevamo non fosse pid per succedere ai nostri giorni. Quella mattina il nostro Paese si destava con due delle sue piu ridenti provincie devastate, due citta annientate, forse 200 000 persone sepolte tragicamente, con un danno agli stabili di 200 mili- oni r con un danno alle finanze per circa un miliardo. L’ improvviso sussulto della crosta terrestre che cagiond tale perdita di citta, di vite, di sostanze, durd trenta secondi circa. La sezione geo- dinamica del R. Ufficio Centrale, presieduta dal Dr. Martinelli, ha dise- gnato provvisoriamente la presente carta delle isosisme. Da essa risulta che il terremoto fu titanicamente disastroso lungo le due spiaggie dello stretto propriamente detto, da Castroreale a Palmi per 60 km. Da Villa S. Giovanni a Čampo e a San Roberto la strada rotabile e coperta da frane per lunghissimi tratti. L’epicentra e tra Villa San Giovanni e Sant’Eufemia. Ruine gravi s’ebbero dalla zona Etnea a Monteleone per 150 km. L’area macrosismica, dove cioe la scossa fu superiore al grado sesto della scala Forel-Mercalli, si estende a tutta la Calabria ultra, da Catanzaro a Reggio, ed alla Sieilia orientale fino a Caltanisetta, con rinforzo al di la deli’ Etna e verso Ragusa. Il moto tellurico fu ancora inteso con terrore a Siracusa, a Palermo ed alle isole Lipari; fu risentito dalle persone a Malta, Trapani, Bari, Potenza, Napoli e sulle coste del Montenegro e deli’ Albania. Infine fu segnalato dalle registrazioni dei sismografi di tutto il mondo. Il terremoto avvenne alle 5^ 20”’5 + 0^2 fu sussultorio ed ondulatorio. Le relazioni di coloro che subirono il maremoto a bordo dicono che le navi a Messina furan sollevate assieme ad una montagna di acqua, che poi si abbassd per rialzarsi. Il Ferry-Boat durante queste alter- nanz'e toccd perfino il fondo. L’ innalzamento fu graduale e meno violento a Messina che a Reggio. Le relazioni di coloro che subirono il cataclisma a terra sono meno concorde. Pare che il moto sia avvenuto in due tempi: sussultorio per 20 sec. con intensita crescente e decrescente, infine ondu¬ latorio atroce. L’ impressione delle scosse verticali era quella di cadere nel vuoto. I colpi laterali erano cosi orrendi che all’unanimita i superstiti li con- siderano come la causa della distruzione di Reggio e di Messina. Questi colpi avevano circa una direzione da NW a SE e viceversa, quindi erano circa normali alla parte piu settentrionale dello stretto. Erano normali alle iso¬ sisme, in conformita al principio che le linee di forza devono essere normali 59 a!le linee equipotenziali. Guardando alle macerie, e difficile assegnare una direzione prevalente alla caduta delle čase. Sono mucchi di ruderi talvolta lanciati nelle direzioni piu Strane, come avrebbe potuto fare im ciclone vorticoso. Dopo circa cinque minuti primi, un’ altra grossa scossa deter- rninava la caduta definitiva di quelle čase che, per quanto orrendamente squarciate, pure erano rimaste in piedi. Con cio si spiega come molti super- stiti abbiano avuto tempo di accendere i lumi, coprirsi alla meglio e scen- dere magari dal quarto piano, prima che la loro časa cadesse. II moto fu accompagnato da detonazioni spaventevoli. II maremoto, conseguenza del terremoto, non trovo pid nulla da ruinare, salvo spazzare le banchine e le imbarcazioni. Le acque si alzarono di sei metri a Riposto, di due o tre metri a Messina, di quattro metri a Reggio, qui buttando le barche al di la della banchina. II fanalista del porto di Reggio, il quale abitava in una casetta ad un centinaio di metri dal mare, racconta che quando udi la scossa, il mare gia gli era adosso ed appena fece in tempo a scappare su per le scale. Quando il mare si ritird, vide la ban¬ china foggiata a catenaria, col mare che ci passava sopra. A Pellaro, a Sud di Reggio, 1 ’ onda spazzd i villini della spiaggia, lasciandosi dietro i soli pavimenti del pianterreno. I danni pel maremoto vanno dal Golfo di Gioia a quello di Augusta e furono maggiori nel mar Ionio che nel mar Tirreno. Il fondo del mare deve avere avuto convulsioni quasi pari a quelle subite da cid che e ironia chiamare la terra ferma. I cavi marini, di cui uno era stato collocato nuovo dalla Ditta Pirelli ed aveva costato mezzo milione, furono rotti in diversi, punti ed anche perduti. La banchina d’approdo del porto di Messina fu schiantata e si abbasso di tre metri; presentemente e sott’ acqua per la lunghezza di 20 m. Si parla di un abbassamento generale della spiaggia, proprio anche alla costa calabra. E bensi vero che anche la banchina di Reggio al Belvedere si abbasso di circa un metro, pero potrebbe trattarsi della rovina del substrata delle ban¬ chine, con affondamento parziale di queste nel mare. Apparentemente la topografia dello stretto non e molto alterata e sulle poco probabili variazioni di configurazione del lido e del fondo del mare occorrera attendere i risultati delle livellazioni e crociere ordinate da apposita Commissione e dal Mini- stero della Marina. 1 Lungo la spiaggia, tra un labirinta di macerie e rottami si vedono un p6 dapertutto minacciose faglie e scalature fino a 80 cm, sprofondamenti di tratti di via per una larghezza di tre metri, fenditure lunghe centinaia di metri, larghe fino a 50 cm, profonde e tutte general- mente parallele alla costa del mare. Da due fratture sulla spiaggia calabra, a Rumboli presso Mileto, sono eruttate acque tiepide sulfuree. Si dice che al pantano del Faro tre o quattro giorni prima del terremoto, 1 ’ acqua 1 Dai lavori compiuti dalla R. nave „Staffetta“ risulta che nessun mutamento sensibile e avvenuto dei fondali dello stretto di Messina. 60 si sia scaldata fino ali’ ebollizione assumendo un colore lattiginoso. Le rive crepacciarono e ne uscirono dei gas sulfurei. L’ intero vivaio delle ostriche sarebbe perito. Delle persone competenti verificheranno questi fatti, intanto recatisi a Palmi, smentiscono ehe da un crepaccio di roccia, in localita Sirena, circa 25 m a picco sul mare si fossero sprigionati dei fumi caldi di gas solfidrico. Per conto mio sulla superficie del mare non vidi a flor d’ acqua galleggiare ne la porniče, ne il pešce morto e nemmeno notai lo sprigiortamento di gas. Invero sulle scogliere di Reggio giacevano delle anguille, dei cefali e delle spinole morti, ma assai probabil- mente saranno stati ammazzati dali’ urto contro i sassi. Presso Pellaro le rotaie della ferrata si vedono contorte, presso la marina di Reggio la ringhiera di ferro, vicino alla pescheria fu rovesciata e torta come una corda. A Messina, in piu punti del Corso Vittorio Emanuele, pare che 1 ’ onda sismica abbia lasciato 1 ’ impronta del suo pas- saggio. II pavimento di granito e ondulato con freccia di parecchi centi¬ metri. La lunghezza d’ onda cioe la distanza tra cresta e cresta e di circa metri otto. Se ammettiamo che nel soprassuolo disgregato 1 ’ onda di de- formazione si propaghi colla velocita di 40 m al secondo, gli 8 m sarebbero stati percorsi in ossia il periodo sarebbe stato rapidissimo di due decimi di secondo. Il moto corrisponderebbe piuttosto ad una serie di impulsi istantanei che a vere ondulazioni. Perd pel fatto della deformazione per- manente non si puo parlare di onda elastica, quindi non c’ e da fare asse- gnamento su questo periodo trovato. Ho veduto segni evidenti di pietre lanciate in aria contro la' forza acceleratrice della gravita che e di 9^8. Molti modiglioni sono stati staccati violentemente dai muri. Cito il caso straordinario di appartamenti affacciati nella medesima via che si scambiarono il mobiglio. Una pendola da una stanza fu lanciata nella stanza della časa di fronte, a meno non vi sia stata trasportata dalla rovina del muro. Viceversa per via deli’ interferenza delle onde alcuni oggetti in equilibrio poco stabile non caddero. Vidi delle lampade a piede intatte sopra il loro piedestallo. Sul corso Cavour le ondulazioni delle čase ruppero i fili telefonici, teši da una parte ali’ altra della via. Veniamo adesso alle registrazioni. Il diagramma sismico del R. Osser- vatorio di Messina e stato salvato. Esso contiene la registrazione di un microsimografo Vicentini a tre componenti e cioe due orizzontali ed una verticale. La prima constatazione soddisfacente e che 1 ’ apparecchio im- piantato sotto terra ha resistito. In secondo luogo, data la grande sensibilita deli’ apparecchio, esso ci garantisce, che a parte una leggierissima regi¬ strazione ventiquattr’ ore prima, del resto il suolo si mantenne in perfetta quiete fino ali’ istante del terremoto scoppiato come una bomba. Se questa constatazione e disastrosa per quanto riguarda la predizione dei terremoti, essa pero ci pone in grado di precisare colla maggiore esattezza-il tempo 61 inizio, cosa clie ha importanza massima in sisniolog'ia e non avverrebbe qualora il tracciato fosse stato turbato da precedenti tremiti. La regi- strazione in questa sua prima parte e come perfetta. Pero il delicato micro- sismografo Vicentini non era certo 1 ’ apparato piu atto per tener testa ai cozzi tremendi del suolo, per conseguenza non fa meraviglia che due sue penne, dopo qualche oscillazioni siano saltate di netto. La sola penna per la componente verticale ha resistito e si vede dalla fittezza della regi- strazione e dallo spostamento permanente della traccia a quali oscillazioni ed a quali sussulti sia andata soggetta. Il moto subentra tosto energico, piu forte di quanto 1 ’ apparato fosse atto a sopportare. La massa quindi ha oscillato ed urtato contro le viti che ne limitano le oscillazioni. Le segna- ture vi sono cosi fitte che penso riesca difficile di dedurne da qual parte ne sia venuto' il primo impulso, quale sia stato il periodo delle onde, se il suolo si sia prima alzato od abbassato. Certo occorreva un sismografo piu robusto, una ottima amortizzazione per la scissione delle registrazioni pendolari da quelle proprie del suolo, una velocita sufficientemente grande da permettere di analizzare il diagramma. Non toccando a me fare questa analisi del diagramma, mi accontenterd di dire che il tracciato dura trenta secondi circa, proprio come i superstiti riportano. Verso la fine, forse in corrispondenza colla caduta della torre deli’ Osservatorio, la penna verticale andd ad accavallarsi sopra la penna oraria, si disgiunse dalla massa e scrisse meno bene. Per altro dopo cinque minuti primi, riproduce la forte replica di cui gia abbiamo scritto. Nessuno si meravigliera che le registrazioni siano state brevi; cosi deve essere nell’ area epicentrale. Colla distanza dali’ epicentro le onde di diversa natura e velocita si separano via via, il diagramma s’ allunga e tutti sanno che su questo fenomeno basa il calcolo della distanza epicentrale. I dia- grammi ali’ epicentro sono caratterizzati dalla loro fulmineita con pre- dominanza del moto sussultorio, nei diagrammi lontani predominano invece le onde gravitazionali, proprio come avviene sull’ acqua. L’ entita delle registrazioni sismiche avrebbe dovuto avvisare tutta Europa della gravita del terremoto ed e strano non si sia dato attenzione a questi tele- grammi naturah che non soffrono interruzioni di linee e rappresentano certamente la piu solerte chiamata al soccorso. Si rifletta che in cinque minuti tutti gli osservatori d’ Europa ne erano avvisati, e dopo un’ ora le onde sismiche avevano interessato tutti gli Osservatori del mondo. Cadun sismogramma da con una certa approssimazione la distanza del- P epicentro, per cui teoricamente bastavano tre Osservatori lontani per poter procedere alla determinazione delle coordinate geografiche della regione colpita. Tornando agli apparecchi sismici, a Reggio la massa del sismometro- grafo Agamennone, pesante 500 kg ruppe il filo di sospensione in acciaio, di 2 mm di diametro. Gli altri apparecchi, per lo piti sismoscopi, furono 62 tutti messi fuori d’ azione ed anche guastati e rovesciati. Le difficolta del problema sismografico ricompaiono e noi vediamo come sarebbe stato necessario avere apparecchi piu robusti, dotati di maggior velocita di scorrimento della carta, dotati di conveniente amortizzazione, onde le oscil- lazioni proprie del pendolo non avessero disturbato la registrazione dei veri moti del suolo. Ecco in proposito un’ osservazione: A Messina a pochi metri sotto 1’ osservatorio, il quale si erge su d’ una collinetta, vi sono quattro piedritti che reggono un padiglione. Un ponte in cemento armato collega la sommita della collina col padiglione. II movimento sismico ha spinto e spostato la parte di muratura sui piedritti, ed esso ora non riposa pih centrata sopra di essi. Questo moto relativo ha interesse in quanto potrebbe forse permettere di dedurre teoricamente la vera ampiezza del moto assoluto del suolo, applicando una formola del tipo: «1 =- c os In dove T e il periodo totale, # 2 !o spostamento, e r — ~ essendo d la lunghezza del ponte e F la velocita deli’ onda sismica. Le onde trasmesse dal suolo ali’ acqua generarono delle grandi ondu- lazioni secondarie di mare. A Messina il maremoto, marubbiu in siciliano, in vase quattro volte la citta bassa, a Reggio 1 ’ invase una volta sola. Diffusesi le onde per 1 ’ alto mare, esse interessarono tutto il Medi- terraneo. Cosi arrivarono ai mareografi di Ischia e di Malta dopo un’ ora circa ed a quello di Venezia dopo 4 h 37”'. Esse viaggiarono colla velocita di circa 300 km nel Tirreno e 200 km ali’ora nell’Adriatico, assai minore, perche 1 ’ alto Adriatico e molto meno profondo. Questa constatazione del tempo necessario perche un’ onda di propagazione libera percorra longi- tudinalmente 1 ’ Adriatico ha un’ importanza singolare per la teoria delle maree. Tutti sanno che una moderna teoria vuole che 1 ’ onda di marea nei bacini chiusi si generi in corrispondenza della massima profondita e di la si propaghi ali’ interno, comportandosi come un’ onda progressiva qua- lunque. Il maremoto calabro-siculo offre una splendida occasione per veri- ficare tale teoria. Sempre in materia di oceanologia, le relazioni provvisorie del Prof. Grablovitz e del tenente Magrini s’ accordano nel dirci che 1 ’ onda non fu solitaria, ma erano molte a rincorrersi, ed a dati periodi se ne aveva una predominante. Questi periodi sono pressoche comuni a tutte le ondulazioni secondarie marine; io 1 ’ ho provato in una recente pubblicazione.* Gli e * E. Oddone. Il problema delle ondulazioni secondarie di mare e delle sesse nei laghi. Boli. Soc. Sism. Ital., Vol. XII. 63 curioso che intervalli simili si riscontrano frequentemente tra le repliche dei terremoti. Piu curioso gli e che cjuesti periodi hanno un significato sismologico, corrispondendo da vidno ai tempi che le onde sismiche longi- tudinali, trasversali e gravitazionali impiegano ad attraversare o circuire la Terra. Io percid ho pensato che possano darci i periodi cli oscillazione fondamentale della Terra scossa come una campana. Con cjuesti periodi fondamentali coesisterebbero le armoniche. A questi intervalli, 1’ area epicentrale e 1’ area antipodale subirebbero una specie di sforza come di marea terrestre, e le pressioni o tensioni darebbero luogo a nuovi sismi od imprimerebbero nuove ondulazioni alle acque. Molte repliche a Messina sono divise dagli stessi intervalli che si ritrovano nelle grandi onde. Anche attraverso ad altre repliche minori queste si riconoscevano agli stessi caratteri. Anche il Prof. Bevacqua mi narrava che a Reggio ebbe la con- vinzione d’ aver inteso le scosse e gli echi delle scosse. II Prof. Omori di Tokyo ha indicato una legge riguardo le repliche che seguono un terremoto disastroso. Se x indica il tempo (un giorno, una settimana, un mese) ed y il numero delle repliche in quel tempo, 1’ anda- mento del numero delle repliche col tempo segue una curva che non e un A ■ iperbole rappresentabile colla y = — ma e della stessa famiglia, la relazione potendo esprimersi colla y = — -— —• Basta contare le repliche in giorni diversi per ricavare le costanti A e B ed essere in grado di conoscere approssimativamente il numero delle repliche successive. A quest’ intento io passai due notti insonne a Messina e contai una clozzina circa di scosse per notte. Erano in generale leggere, ma accompagnate da rombi o boati come di esplosione sotterranea o come colpi di cannone a qualche distanza. Queste esplosioni distintissime, che per lo pid prece- devano di un secondo o due il tremito, me lo perdonino i sostenitori clegli assestamenti tettonici, non erano argomenti che convalidassero molto cjueste loro idee. Per chi guarda superficialmente alla geologica di Messina la prima idea pud essere che il vulcanismo non c’ entri. In- fatti sull’ una e sull’ altra sponda ed anche sotto lo stretto, s’ adagia una spessa corazza di sčisti anfibolici e micascisti, di gneis e di graniti, sulla quale s’adagiano alla loro volta strati di miocene, conglomerati, argille, sabbie, ghiaie ed alluvioni: su tutto questo s’ erge Messina. Per altro su quella zona sismica Siculo-calabrese, perfettamente periferica attorno allo Stromboli, disconoscere 1’ ingerenza del vulcanismo mi pare senz’ altro un regresso. Le faglie, le dislocazioni, gli assestamenti nella nominata corazza, sono conseguenza e non causa del terremoto; ma ammesso pure trattarsi di terremoto veramente tettonico nell’ antico senso della parola, se risaliamo alle cause che hanno condotto alla dislocazione, da vicino o da lontano il vulcanismo entra in scena. Occorre ricordare la legge d’ aumento di calore 64 nell’ interno della Terra, talche tra i io ed i 40 km e probabile regni il calor rosso; ricordare che le parti piu colpite dal terremoto hanno non lontano dei vulcani attivi e sono in viciijanza del mare e mare profondo; che 1' acqua per capillarita puo scendere a grandi profondita nelle viscere della Terra anche a dispetto della elevata temperatura; e che 1’ acqua in uno spazio ■chiuso portata a 500 gradi puo acquistare la forza dei fulminati ecc. ecc. Questo ho voluto dire, perche non trovo vantaggioso^ si separino gli studi sismologici da quelli vulcanologici, come non vanno separati da quelli meteorologici terrestri e solari. Ho tentato un calcolo provvisorio della profondita del focolare sismico od ipocentro. Ho applicato il metodo del Prof. de Koves- ligethy (Seismonomia cap. X, Tip.Modenese, 1906). In esso si ammette che le accelerazioni stiano nella ragione inversa delle distanze dal fuoco sismico od ipocentro. Si tiene anche conto deli’ indebolimento del movi- mento per via deli’ assorbimento del mezzo. A calcoli fatti ottenni una profondita di soli 9 chilometri. Il coefficiente d’ assorbimento per via del mezzo riusci eguale a 0,0218 per chilometro. Il terremoto or considerato e sotto vari aspetti simile a quelli che funestarono le stesse localita addi 5 febbraio 1783 e 16 novembre 1894. Le rispettive isosisme, se se ne eccet- tuano proprio le piu epicentrali, corrono in egual modo circa, talche si deve conchiudere che la profondita deli’ ipocentro anche allora doveva essere poco diversa da quella ora trovata. Il coefficiente d’ assorbimento 0,020 circa e molto suggestivo. Per tali profondita il Prof. de Kovesligethy ha sempre trovato 0,004 mentre adesso viene fuori un valore cinque volte piu grande. Parrebbe che ivi la crosta terrestre sia molto decomposta o crollante. Il terremoto anche stavolta ha voluto mostrarsi al tempo di un minimo di pressione barometrica, anzi in coincidenza con un doppio minimo, il minimo ciclonico ed il minimo diurno del mattino. Si rifletta che 1 ’ idea d’un assestamento s’ associerebbe piuttosto ad un aumento (della pressione atmosferica. Per quanto riguarda 1 ’ attivita del Sole in relazione al feno- meno tellurico che ci interessa, le notizie sono premature. Ma piu del problema scientifico, ora urge il problema tecnico ed a questo fenomeno del terremoto piu di ogni altro deve interessarsi 1’ in- gegnere. Il periodo d’ oscillazione e 1’ ampiezza di moto quali si ricavano dalle registrazioni di un sismografo, possono col sussidio di note considera- zioni matematiche, darci delle cifre sull’ intensita degli urti. Ora sarebbe strano che conoscendosi le intensita di questi urti, gli ingegneri non avessero a tenerne conto e si limitassero a costruire forte solo perche il terremoto pub essere forte. A noi spetta misurare la massima accelerazione del suolo o forza distruggitrice, ad essi il contrapporre ma¬ teriali di almeno egual resistenza, come nei ponti pensili si proporziona la grossezza dei tiranti al peso tensore, come si proporziona la resistenza 65 dei fucili alla carica. Noi abbiamo gia detto che 1 ’ accelerazione arrivo ai io m per secondo ed evidentemente per resistere a simili urti occorre- vano čase straordinariamente ben fatte. Per quanto a Messina le čase non fossero mal costruite, mi parve cbe la calce fosse un po troppo gessosa, quindi d’ una resistenza non proporzionata alla mole dei palazzi che doveva cementare. Vidi muri rivestiti di mattoni coli’ interno di pietrame. Vidi volte e travi far pressione sui muri. Vidi scale a rampa, mentre sono assai pid resistenti le scale incastrate. Cosl vidi le travature far capo ai muri, internandosene per soli pochi centimetri. In queste condizioni esse hanno agito come tante catapulte e la loro energia distruggitrice si e accresciuta per via/ del ritmo delle spinte. Reggio e Messina e paesi attorno offrono adesso un campo sperimentale di immenso valore pratico per 1’ ingegnere. Vi e la una miniera di esempi per regolarsi su quanto e caduto e su quello che ha resistito, su quello che va fatto e su quello che va evitato in fatto di costruzioni. Abbiamo detto che il suolo si agito come scosso da una sereie di urti o schianti. Quindi per il periodo d’ oscillazione t sul suolo roccioso deve prendersi quello brevissimo che caratterizza gli impulsi istantanei. In qtianto ali’ ampiezza di moto a dove il suolo era roccioso si puo ritenere provvisoriamente fosse di i oppure 2 cm; dove il suolo era disgregato sia stata di 2 o 3 dm. L’ accelerazione risultante riesci eguale o superiore ai 10 m per secondo e qua e la vinse la gravita ed anche la coesione del terreno producendo faglie e dislocamenti. In con- seguenza degli urti provenienti dal profondo del suolo, le colline e le costruzioni presero ad oscillare, aggiungendo alle ondulazioni del suolo il loro periodo proprio d’ oscillazione. Questi nuovi periodi sono pid lenti, per es. T = 1 a 2 secondi, ma per le costruzioni sono ancora sernpre peri- colosissimi. In proposito ecco una riflessione: Abbiamo veduto che il terremoto cagiono ondulazioni permanenti nel terreno e che la lunghezza d’ onda era misurabile: Se per ogni dato terreno questa lunghezza d’ onda fosse costante, saremmo in possesso di un dato prezioso. Infatti tutti i muri co- struiti alla distanza di una lunghezza d’ onda, o multipli di questa distanzfc, manterrebbero oscillando il loro parallelismo, mentre le čase costruite con muri distanti un numero dispari di semi-lunghezze d’ onda, oscillando, convergerebbero, oppure divaricherebbero, andando di conseguenza sog- getti a danni. Nei movimenti istantanei del suolo le parti basse degli edifici pren- dono la velocita stessa del suolo. Pero il moto non potendo trasmettersi istantaneamente a tutte le parti deli’ edificio, ma arrivando alle parti alte con un certo ritardo, ne nascono gli effetti d’ inerzia ed e in quest’ inerzia che si deve ricercare le cause uniche dello sfasciamento dei muri, della caduta dei tetti, dei soffitti e delle volte. 5 66 Ammettiamo che il suolo A compia la sua prima rapida escursione verso sinistra da A in A'. Le parti alte di un muro ad es. le masse ele- mentari m lf m 2 ,.rimarranno inerti o stazionarie, quindi indietro rispetto la nuova posizione A' della base. Converra immaginare viceversa che il suolo sia stato fermo e che una forza detta forza d’ i n e r z i a abbia agito sul muro piegandolo verso destra. Questa forza d’ inerzia e data dal prodotto M)A^A cioe dal prodotto della massa per 1’ accelerazione. La massa e, la somma dei momenti d’inerzia di tanti tratti di muro sovrapposti. E cioe M = m x r^ -j- tntf-f -J-.L’ accelerazione A e quella del suolo. Se la forza d’ inerzia riesce a vincere la coesione del materiale, 1’ edificio e per- duto. Se riesce a farlo rotare di tanto che il suo centro di gravita esca fuori della base esso e pure perduto. Perche questa forza d’ inerzia sia minore, visto che non e in nostro potere di diminuire 1’ accelerazione, converra diminuire r, ossia 1’ altezza degli edifici e diminuire il momento d’ inerzia rapidamente verso 1’ alto, perche ogni singola massa elementare va moltiplicata pel quadrato della sua distanza dal suolo. Il moto relativo delle varie parti sovrapposte šara minimo quando valgono le relazioni m x r-^ — — .il che significa che in alto le masse vanno leggiere. In cid sta il segreto dei pilastri parabolici e dei pilastri vuoti. A Messina il teatro Vittorio Emanuele costrutto pesante in basso e leggiero in alto ebbe pochi danni. Vari monumenti come la fontana del Nettuno ed il Don Giovanni d’ Austria restarono in piedi per la stessa ragione. Viceversa le colonne in ghisa della Dogana, del diametro di 45 cm si spezzarono per la grande inerzia della loro parte superiore. Per la stessa ragione precipitarono un pd dapertutto i tetti massicci, le volte pesanti ecc. La sismologia ci insegna ancora quest’ altro p r i n c i p i o relativo alle oscillazioni che possono prendere i corpi eterogenei vicini: Se un corpo incastrato in un muro ha esattamente la densita del muro, esso seguira le oscillazioni del muro e non vi šara moto relativo. Se il corpo ha densita minore di quella del muro, pel fatto di avere minore inerzia 67 o maggior mobilita deli’ egual volume di muro, sotto gli impulsi oscillatori, tendera ad assumere delle oscillazioni piu forti del muro. Infine se esso ha densita maggiore del muro, esso avra maggior inerzia o minor mobilita deli’ egual volume di muro e sotto gli impulsi oscillatori tendera ad assumere delle oscillazioni pid deboli del muro. Insomma il corpo pivi leggiero tendera a muovere nella direzione opposta a quella donde viene 1’ impulso, il pivi pesante in direzione con- traria. Le tensioni che ne risulteranno potranno anche vincere la coesione e cagionare delle spaccature, nel primo caso dalla parte deli’ origine del- 1 ’ impulso, nel secondo caso dalla parte opposta. Detto volume spe¬ ci f i c o il reciproco della densita e presolo come misura della mobilita, potremo enunciare il principio come segue: Un corpo incastrato in un muro avente maggior mobilita del muro, te n de ad oscillare nello stesso senso del muro, un corpo il quale ha minor mobilita del muro tende ad oscillare in senso contrario. Consideriamo un pezzo di muro dove sia praticata una finestra. Ivi la densita media e minore del muro attorno, di conseguenzja vi šara moto relativo e difatti facilmente gli angoli delle finestre si lesionano. I pesanti ornati attorno la finestra talora compensano la deficienza centrale e sono utili. Per lo stesso principio, tra muri sottili, le chiavi di ferro molto pesanti, costituiscono pivi pericolo che salvaguardia. Perche dunque non entrino forze sgregatrici, una certa omogeneita e necessaria, una certa uni- formita nella densita dei materiali e da suggerire. Si tenga ancora presente che 1’ orientamente delle čase, la ove le scosse hanno una stabilita direzione predominante, ha una vera importanza. Anche stavolta, come nel 1894, predomind a Messina la direzione NW-SE ed i muri nella direzione NE-SW, normali cioe alla direzione deli’ onda furono i pivi danneggiati. Delle čase allineate nella direzione della scossa, tutte egualmente basse e rinforzate agli estremi, non sarebbero forse cadute. Abbiamo veduto che la forza acceleratrice e 1 ’ ampiezza di moto furono tali da cagionare faglie e fratture nel terreno. Queste si produssero pivi facilmente al contatto di strati vidni di densita varia, su sedimenti che riposavano immediatamente su roccie in pendio, o presso le spiaggie che rapidamente scendevano verso il mare profondo. Quest’ ultinvo caso si verifico specie lungo la marina di Messina. Urge dunque allargare il porto di Messina, sia per rendere meno pro¬ fondo 1’ ancoraggio, sia per rendere meno esposta a pericolo la banchina. Prima non ci si poteva pensare a motivo dei palazzi che linvitavano il porto, ma ora che pur troppo queste belle costruzioni sono cadute, il problema si impone, non meno deli’ altro di tracciare le vie pifi ampie. t 5 * 68 Guardando indietro alla storia sismica della Sicilia e della Calabria, il 1693, il 1783, il 1894, il 1905, il 1907 e 1908 sono date di morte e benche niuna legge di periodicita sia conosciuta, pur troppo dobbiamo temere che proba- bilmente presto o tardi (e speriamo sia tardi) fatalmente si šara da capo. Devesi allora abbandonare quelle terre? Se le aree sismiche pericolose do- vessero abbandonarsi la popolazione di molteregioni scemerebbe di unterzo. Un terzo delle Antille, del Messico, delle Repubbliche delFAmericaCentrale, del Peru, del Giappone, del Chile, di Sumatra, Giava, Borneo, Formosa ecc. ecc. dovrebbero essere disabitate. La posizione di Messina e troppo bella, troppo strategica, troppo commerciale per pensare ad abbandonarla. L’ uomo ricostruira certamente ed in questa sua decisione coraggiosa šara aiutato da tutti i dettami della tecnica. Intanto dove si ricostruira Mes¬ sina? La risposta non pud essere che una: a Messina. Il terremoto e migra- tore, non s’ annida sempre allo stesso pošto e costruire Messina a vari chilometri pid a Nord, piu a Sud, piu ad Occidente, non vuol dire renderla immune dal terremoto. Invece della Citta esistono il piano, le vie, le piazze, i giardini, il molo, le fogne ecc. senza contare un gran numero di sotterranei e di piani terreni in discreto stato. Sono le macerie che vanno allontanate, non la Citta. Il cattivo andra raso e del buono che restera, se ne trarra quanto pid profitto šara possibile. L’ arte di costruire nei paesi dei terremoti e difficile e le regole pra- tiche poche. Talune perd ne esistono. Una intanto si e quella di evitare di costruire alto. Oltre un certo limite d’ altezza gli edifici scossi, si roveSciano o schiantano. A Messina molte čase ad un piano non sarebbero cadute se le alte non le schiacciavano. Altra precauzione e di evitare le costruzioni pesanti in cima che richiamano i fenomeni di inerzia. I piani superiori dovranno essere preferibilmente fatti di mattoni vuoti mantenendo nella densita una costante legge di decremento. Si scarti perd 1 ’ idea di costruire una citta tutta in legno anche solo nelle parti alte. I terremoti disastrosi capitano circa una volta per secolo, gli incendi capiterebbero ogni dieci anni. Si potrebbe tentare il legno foderato, 1 ’ e t e r n i t per esempio. Non si dimentichi per altro che le čase baraccate e rivestite di muratura esigono una manutenzione molto costosa, senza la quale riescono peggiori delle costruzioni non baraccate. L’ avvenire e forse per il cemento armato, e pare che le čase costruite in cemento armato (costruite a dovere s’ intende) abbiano dato prova di resistenza. Non essendo il nostro il paese del ferro, noi non possiamo pensare alle čase a carcassa di ferro con tetto metallico. E perd certo che esse formerebbero un blocco cosi compatto che nemmeno una catastrofe come quella di Messina, le butterebbe a terra. Per quanto riguarda le fondazioni, si hanno pareri disparati. L’ una scuola dice che 1’ edificio deve fare da barca sni suolo mosso, quindi deve avere una piattaforma rigida, imperfettamente collegata col suolo. Questa dispo- sizione ha il vantaggio di distribuire il carico piu uniformemente. Un’ altra 69 scuola vuole che i muri maestri siano ben collegati al suolo, nel qual caso le oscillazioni essendo maggiori, occorrera un’ ossatura generale piu sana e resistente. Pel tetto, salvo la leggerezza e la larga poggiatura, del resto i pareri sono del pari disparati e chi lo vuole collegato ai muri e chi lo vuole indipendente. La verita e che se ne sa poco e che occorre diffidare delle sentenze aftrettate. Se i costruttori di cemento armato mostrano cieca fede nei lorO' prodotti, parimenti abbiamo rappresentanti che vantano le gabbie di ferro indeformabili, il legno, 1’ eternit, le strutture baraccate e pseudo-armate e paraboliche, i blocchetti, le platee, i rulli, le sfere ecc. Ma le esperienzie difettano, i dubbi di interpretazione si incrociano, i calcoli dimostrativi si riducono quasi a zero. Per la tranquillita pubblica e indispensabile che si istituisca in ogni scuola di ingegneria un corso di sismologia e di pratica delle costruzioni a prova di terremoto. E doloroso di dirlo, ma la macro- sismografia non ha fatto progressi ed in fatto di terremoti la tecnica delle costruzioni asismiche si mantiene empirica. I Governi che gia spendono per questi studi, dovrebbero finalmente provvedere per delle ricerche adeguate. Con un personale scelto e con un fondo annuo di altre venti, o trenta mila lire si potrebbe in poco piu di dieci anni, rispondere a parecchi problemi scientifici e tecnici della sismologia. Insistiamo sul fatto, che lo studio del terremoto e di interesse mondiale e va condotto con intendimenti tanto scientifici quanto tecnici. E quindi anche da salutare con simpatia la costituzione dell'Associazione Sismologica Internazionale, a eni tutte le grandi Nazioni e molti Stati minori appar- tengono. Nota e 1 ’attivita del Bureau Centrale nel campo scientifico; eguale attivita potrebbe spiegare nel campo tecnico, qualora fosse possibile aggregarvi una sezione di Ingegneri e Geologi. Non bisogna lasciare che ad un Istituto fornito di cosi grandi mezzi sfugga un qualsiasi lato della questione. I progetti elaborati da questo Istituto Internazionale tro- verebbero tosto credito presso tutte le Nazioni. Un risultato altamente civile e veramente umanitario sarebbe conseguito. Roma. R. Ufficio Centrale di Geodinamica. Febbraio 1909. 70 Prof. E. Oddone. (Mit Bildnis.) Unserer Wissenschaft hat der Erdbebenforscher Oddone durch die Bergung der kostbarsten Dokumente der kalabrischen Erdbeben- katastrophe einen groBen Dienst erwiesen und sie wird ihm nie genug danken konnen fiir seine Bemiihungen und die fachgemaBe Behandlung der in Messina aufgefangenen Diagramme, die fiir die Seismologie von aufierordentlicher Bedeutung sind. Erstaunlich ist es immdrhin, daB der hochempfmdliche Vicentini-Apparat in Messina nicht einen groBeren gabe von auBer- ordentlich starken makroseismischen Bewegungen be- stens bewahrt. Eine ahnlich gute Er- fahrung konnte mit einem solchen Ap- parate auch an der Laibacher Erdbe- benwarte gemacht werden, wo aller- dings bisher hochs- tens mittelstarke Bodenbewegungen zur Aufzeichnung gelangten. Profes- sor Oddone ist ein \vtirdiger Ver- treter der neuesten Richtung der Erdbebenforschung, er hat eine Reihe erfolgreicher seismischer Studien unternommen und veroffentlicht, sein Name ist daher in der Fachwelt gut bekannt. Seit dem Jahre 1902 bis heute ist er als einer der eifrigsten wissenschaftlichen Mitarbeiter an der Zentrale fiir Meteorologie und Geodynamik in Rom tatig. Die romische Zentrale entsendete Oddone vor zwei Jahren nach S t r a B b u r g i. E., wo er an der Hauptstation eine Reihe wichtiger Studien ausfiihren konnte. Den seismologischen Arbeiten widmete er sich bereits als Assistent an der Erdbebenwarte in R o c c a di P a p a bei Rom, worauf er durch zehn Jahre das geophysikalische Institut in Pavia geleitet hat. Im Jahre 1899 wurde Oddone die „Venia legendi 1 ' fiir Seismologie und Geophysik am Athenaum in Pavia erteilt. Schaden erlitten hat. Die Befurch- tung, dafi der Apparat vernichtet wurde, ware ja gar nicht unbegriindet gewesen, da der- selbe in der nachs- ten Nahe der epi- zentralen Zone auf- gestcllt war. So \ hat der M ikro- \ seismograph das erstemal bei einer Erdbebenkatastro - phe seine Feuer- probe glanzend be- standen und sich auch zur Wieder- Prof. E. Oddone. Hafen von Messina. Messina. Zerstortes Haus. 72 73 74 Aus der Umgebung von Messina. PtfVPS® 75 Die Aufzeichnungen der Erdbebenwarte in Messina. Der in den jiingsten Tagen viel genannte Erdbebenforscher Prof. Emilio Oddone hatte kurz nach der Katastrophe im Auftrage der italienischen Regierung das Observatorium von Messina besucht, um dem Direktor der dortigen Erdbebenwarte Prof. R i z z o, welcher mog- licherweise verletzt oder gar unter den Triimmern begraben sein komite, zu helfen. Gliicklicherweise wurde er und seine Familie gerettet, nur seine Frau erlitt leichte Verletzungen, die sie jedoch nicht hinderten, sofort die Reise nach Rom anzutreten, woselbst Prof. R i z z o an dej Zentrale fiir Geodynamik die Einsammlung und wissenschaftliche Verarbeitung aller exakten Beobachtungen der ganzen Welt dieses Bebens in Angriff ge- nommen hat. Uber den Besuch der Erdbebenwarte von Messina berichtet Oddone folgendes: „Die Mauern, welche den Garten des Observatoriums umgeben, waren eingestiirzt oder hatten grobe Risse. Die groBe Masse des Gebaudes stand aufrecht, aber der Turm des Gebaudes war auf dieses gefallen und hatte es stark beschadigt. Da sich die Warte im UntergeschoB befindet, blieb sie intakt. Um die Diagramme zu erhalten, kletterte ich auf zwei mit Stricken zusammengebundenen Leitern, an welche ich noch ein Leintuch anbinden muBte, in den tiefen, unterirdischen Keller. Zu meinem groBen Erstaunen konnte ich da feststellen, daB der Mikroseismo- graph Vicentini, das einzige Instrument des Observatoriums in' Messina, unbeschadigt war und so das Beben wenigstens von einzelnen Schreib¬ nadeln tadellos aufgezeichnet werden konnte. Der Kustos des Obser¬ vatoriums hatte das beruBte Papier am 27. Dezember um 12 Uhr 30 Minuten gewechselt und hatte bemerkt, daB an diesem Tage, dem Tage, der dem Erdbeben vorausging, um 5 Uhr friih der Apparat bemerkenswerte B e w e g u n g e n aufgezeichnet hatte. Auf dem Registrierpapier schrieben vier Schreibnadeln, zwei fiir die wellenformigen Horizontalbeivegungen, eine fiir die vertikalen und die vierte, die Stundenfeder, zeichnete die Zeit Minute fiir Minute auf. Von 5 Uhr friih am 27. Dezember bis 5 Uhr 20 Minuten am 28. Dezember haben die beiden horizontalen Schreibnadeln keine Bewegung aufgezeichnet, um 5 Uhr 20 Minuten haben zwei starke StoBe die Schreibnadeln vollig auBer Tatigkeit gesetzt, die Linie der verti¬ kalen Komponente dagegen zeigt besonders im letzten Teile der Nacht vom 27. zum 28. Dezember eine leichte Bewegung und um 5 Uhr 20 Mi¬ nuten eine Ablenkung von fiinf Zentimetern von der normalen Špur und fahrt fort, auf der Seite der Stundenfeder die vertikalen, seismischen Be- ivegungen bis zum Mittag des 29. aufzuzeichnen, wo das Uhrwerk des Seismographen abgelaufen war. Das Erdbeben ist also zum Teile im Dia- gramm photographiert und kann in allen seinen Phasen studiert werden. 76 Aus dem Diagramm und anderen an Ort und Stelle aufgenommenen Beobachtungen schliefit Oddone, dafi die seismische Bewegung mit leichten, kurzperiodischen Zitterbewegungen begonnen hat, welche nach zehn Se¬ kunden ihre groBte Starke erreichten. In den nachsten zehn Sekunden nahm jedoch die Bewegung in wellenformigem Sinne maBlos zu, gefolgt von unterirdischen Detonationen, und wurde die Ursache des furchtbaren Unglucks. Nach dem ersten zerstorenden Stofi folgten unzahlige andere, allmahlich an Haufigkeit und Intensitat nachlassend.“ Aus dieser Beschreibung des Diagrammbildes, welches Oddone in Messina gerettet hatte, wiirde zunachst die interessante Tatsache hervor- gehen, dafi der Herd dieser Katastrophe nicht unmittelbar unter der Stadt Messina gelegen war, wohl aber einige Kilometer von dieser entfernt gewesen sein diirfte. Fiir diese Annahme spricht der Umstand, dafi der Hauptbewegung eine kurzperiodische Zitterbewegung in der Dauer von zehn Sekunden voranging. Ein sicheres Urteil in dieser Richtung kann aus diesen diirftigen Mit- teilungen Oddones allerdings nicht gegeben werden, ein Blick auf das Diagrammbild wiirde jedoch geniigen, um die Herdstelle genau festzu- stellen. Leider war es dem Verfasser trotz wiederholter Betreibungen nicht moglich, Kopien dieser interessanten Aufzeichnungen zu erlangen. Die Ursachen der zerstorenden Wirkung der kalabrischen Beben. Wie aus den Aufzeichnungen unserer Warte der starksten europai- schen Erdbeben im letzten Dezennium hervorgeht, waren die im Jahre 1905 und 1908 gemessenen zwei Erdbeben in S ii d i t a 1 i e n von mittlerer Starke. Diese Tatsache ergibt sich auch aus den Aufzeichnungen der vom Herde auch weiter entfernten Stationen, wie z. B. von O 11 a w a in Kanada (Herddistanz 7200 km) und Melbourne in Australien, wo die Maximalbewegung kaum fiinf Millimeter auf dem photo- graphisch registrierenden Bosch - Horizontalpendel erreichte, wahrend auf den gleichen Stationen mehrere Beben aus gleicher und groBerer Entfernung viel starkere Ausschlage erreicht hatten. Dazu mufi noch bemerkt werden, dafi die Bosch - Pendel mit einer Dampfung ver- sehen sind, welche die Eigenschwingungen der Pendel geniigend stark unterdriickt, so dafi die wahre Bodenbewegung gut bestimmbar ist. Auch die geringen Bodenveranderungen im Gebiete der Zerstorung sprechen fiir eine schwachere seismische Betatigung des Herdes, denn abgesehen von den ersten Nachrichten iiber umfangreiche Veranderungen der Bodengestaltung in der Gegend von Messina und R e g g i o , weisen die jiingsten Meldungen von verlaBlichen Beobachtern nur auf Senkungen 77 kiinstlicher Anschuttungen an der Kiistenstrecke, insbesondere an den Hafenanlagen von Messina, hin, Veranderungen, die auch bei schwa- cheren Erdbeben haufig aufzutreten pflegen. Die verheerende Wirkung in Messina, Reggio, Scilla und an den anderen Orten des Hauptschiittergebietes ist hauptsachlich zuriick- zufiihren auf die schlechte Konstruktion der Bauwerke und anderseits auf die unter jeder Kritik schlechten Baumaterialien. Dem besten Gevvahrs- tnann in dieser Richtung begegnen wir wieder in dem bekannten Erd- bebenforscher M. Baratta, welcher in einem Vortrage, der von ihm am 28. Janner 1906 in der „Societa geografka Italiana“ gehalten wurde, einen tiefen Einblick in die bestehenden Baumangel in S i z i 1 i e n und K a 1 a b r i e n gewahrt. Wir erfahren von ihm, daB die armen Kalabreser von verschiedenen Seiten in dieser Richtung gewarnt wurden, aber alle Vorstellungen waren bisher fruchtlos und die strengsten Vorschriften wurden immer nur in der Zeit unmittelbar nach einer Katastrophe befolgt, spater aber hat sich bei der Ausfiihrung der Bauwerke der gleiche straf- liche Leichtsinn wieder eingebiirgert. Wie Baratta erzahlt, wurde un¬ mittelbar nach der Katastrophe vom Jahre 1783 vom Statthalter Pigna- t e 11 i eine sehr strenge Bauvorschrift am 20. Marž 1784 fiir den Wieder- aufbau der Stadt R e g g i o herausgegeben. Die Hauptpunkte derselben lauteten: 1.) Die Bauart eines Hauses sei einfach und elegant. 2.) Die Hauser diirfen nur ein Stockwerk besitzen und diirfen nur 30 Spannen hoch sein. Die Gebaude auf offentlichen Platzen und breiten StraBen 1 diirfen dieses MaB um neun bis zehn Spannen uberschreiten, indem sie auch einen Halbstock besitzen diirfen. 3.) Verboten sind grofiere Balkone, hingegen diirfen nur kleine und leichte, moglichst weit von den Winkeln der Mauern angebracht werden. 4.) EisenschlieBen miissen durch alle Mauern nach allen Richtungen gezogen werden. 5.) Das Innere der Plauser muB einen Rost von gut verbundenen Bauholzern enthalten. 6.) Die Anbringung von Kuppeln und Tiirmen ist grundsatzlich verboten. „Wie viel Trauer und Elend ware den Bewohnern von Ivalabrien erspart geblieben, wenn man sich fortrvahrencl — wie Baratta sagt — an cliese Vorschriften gehalten hatte. DaB die Einhaltung dieser Bauvor¬ schrift damals von Nutzen war, beweist am besten die Katastrophe, welche im Jahre 1791 folgte und bei welcher 39 Ortschaften zerstort wurden, Menschenopfer aber waren im ganzen nur 15 zu beklagen. Aber rasch verwischt die Zeit den tiefsten Schmerz, auch die bange Furcht schwindet, sowie alle Erinnerungen an die iiberstandenen Qualen vergessen werden. Das alltagliche Leben und Treiben nimint seinen gewohnten Lauf und die weisen Bauvorschriften werden immer weniger angewendet. Und so konnte K al a b r i e n neuerlich ein Land werden, welches dem Tode und der Zerstorung geweiht ist. Ich werde nicht ermiiden, den Kala- b r e s e r n fortwahrend vor Augen zu halten: ,Verlasset die seismisch 78 unruhigen Erdschollen, denn sie waren, sie sind es, und leider werden sie es bleiben, ein Gebiet des Todes und der Zerstorungh Bauet die neuen Orte niemals an der Meereskuste, denn wie die Erfahrung lehrt und wie das haufig vorzukommen pflegt, brechen bei Erdbebenkatastrophen iiber den Kiistensaum Meereswogen ein, die alles wegfegen. Niemals sollten zerstorte Hauser wieder ausgebessert werden oder gar ein teilweiser Neubau angeschlossen werden, denn solche Bauwerke sind bei der ersten starkeren Erschiitterung dem Zusammenbruche geweiht. Auf diese Art bereiten wir gewissenlos mit den Opfern der armen Besitzer, mit dem Obolus der Mitleidigen, mit dem Gelde der Nation ein neues Grab unseren Nachkommen. Bauen wir auf guten, kompakten Untergrund niedere Hauser mit gleichartigen Mauern und insbesondere aber verwenden wir nur guten Kalk und sehr guten Bausand. Bedecken wir die Hauser mit leichten Dachern, die mit den Mauern in guter Verbindung stehen. Wenden wir moglichst viel EisenschlieBen an, dann werden uns in der Zukunft Hauser- ruinen und Menschenopfer erspart bleiben." In dem genannten Vortrage versucht Baratta auch eingehender zu erklaren, warum in einzelnen Gebieten vollstandige Zerstorungen erfolgten und mitten unter denselben Hauserinseln bestehen blieben, die nur wenig Schaden genommen haben. Seine Kritik iiber die Mangel der Bauart ist sehr scharf, aber zutreffend, sie verdient daher hier angefiihrt zu werden. „Die Bewohner von Kalabrien haben durch ein eigentiimliches Verhangnis immer so gewirtschaftet, daB den gefahrlichen und vernichten- den, ungebandigten Naturkraften moglichst viel Angriffspunkte geboten' waren. Mit einer uniiberlegten, vandalischen Devastierung der Walder hatten sie es so weit gebracht, daB ihnen die Fliisse infolge von Uber- schwemmungen ungemein viel Schaden zufiigen. Was die Wirkungen der Erdbeben anbetrifft, so mufi zunachst angefiihrt werden, daB die Bauart der Hauser im direkten Widerspruch mit den elementarsten Regeln der Bauart steht. Man kann sagen, sie hatten Hauser gebaut, die dazu geeignet waren, sich bei Erdbeben in Graber zu verwandeln. In kleinen Dorfern sind die Mauern der Hauser zumeist aus Kiesel- steinen oder aus unformlichen Felsstiicken oder aus groben Ziegeln, welche aus Schlamm und Strohhackseln angefertigt und nur an der Sonne aus- getrocknet wurden, aufgefiihrt worden. Die genannten Baumaterialien wurden dann mit sehr schlechtem Mortel zusammengefiigt, oft auch nur mit StraBenkot. Auch die Dacher, welche so viel Unheil angerichtet haben, waren von schlechtester Konstruktion und fast immer ohne Eisen¬ schlieBen." In weiterer Folge fiihrt Baratta die Momente an, inwieweit der Untergrund der Gebaude die Stabilitat derselben bei Erdbeben beein- fluBt, ohne in dieser Richtung Neues anfiihren zu konnen. Bei der Beurteilung des Bebens vom 8. September 1905 ist Baratta der Meinung, daB dieses seismische Ereignis als Endphase einer lebhaften 79 Bebenperiode angesehen werden kann, welche elf Jahre fruher mit der Katastrophe vom Jahre 1894 begonnen bat, wahrend vor dieser Zeit die seismische Ruhe von ziemlich langer Dauer war. Das gibt eine Analogie mit den Erdbebenerscheinungen des Jahres 1783. Auch damals traf das groBte seismische Ereignis die Ebene, worauf die Erschiitterungen seltener und leichter wurden, so daB von den 950 Erschiitterungen des Jahres 1783 32 stark und sehr stark und 5 zerstorend waren. Im Jahre 1786 ist die Zahl der Erschiitterungen auf 42 gesunken, mit einer einzigen starken Erschiitte- rung, und in den folgenden Jahren nahm die Zahl derBeben immer mehr ab. Acht Jahre spater tritt eine neue Erdbebenperiode mit dem Maximum im Jahre 1791 mit einer Reihe von Nachbeben auf. Das Hauptschiittergebiet diirfte damals im Gebiete von Monteleone gelegen gewesen sein. Schliefilich macht B a r a 11 a noch Vorschlage iiber die Einfiihrung einer obligatorischen staatlichen Unfallversicherung gegen Erdbeben und begriindet dieselben in ausfiihrlicher Weise. Auch stellt er eine Karte dar, vvelche als Schliissel dienen konnte fiir die Besteuerung der verschiedenen Orte. In der Karte werden sieben Abstufungen kenntlich gemacht, nach welchen die Assekuranzpramie zu entrichten ware. Die Gebiete von Palmi und Monteleone miiBten die hochsten Pramien zahlen, wahrend M e s s i n a in die fiinfte und R e g g i o in die vierte Klasse der Pramienzahler von B a r a 11 a eingereiht wurden. Bei der jiingsten Bebenkatastrophe wiirde die staatliche Assekuranz- unternehmung jedenfalls sagen miissen, daB die Klassifizierung der Pra¬ mienzahler keine gerechte war. Der Verfasser glaubt, daB wir trotz des Aufschwunges unserer Wissenschaft doch noch weit davon entfernt sind, eine einwandfreie Erd- bebenstatistik fiir ein Gebiet aufzustellen, nach welcher die Versicherungs- pramien annahernd zutreffend berechnet werden konnten, was natiirlich nicht ausschlieBt, daB mit der Zeit in irgend einer Form eine eigene In- stitution geschaffen werden konnte, welche gleichbedeutend ware mit einer Erdbebenversicherung. Wie die exakte seismische Forschung feststellen konnte, war es nicht notwendig, daB in dem Erdbebengebiete ein so groBer Schaden verursacht wurde. Aufgabe des Staates wird es sein, mit eiserner Strenge die Bau- vorschriften zu handhaben und die Warnungsrufe des Gewahrsmannes Baratta zu beherzigen. DaB der italienische Staat bei anderen ahn- lichen Ereignissen die Tatkraft in glanzender Weise bekundet hat, kann am besten an den strengen Vorschriften gezeigt werden, die im Jahre 1883 gelegentlich der bekannten Erdbebenkatastrophe von C a sa¬ ni i c c i o 1 a (Ischia) erflossen sind und gehandhabt vvurden, die so weit- gehend waren, daB keine der eingestiirzten Baulichkeiten rekonstruiert werden durfte und woriiber noch heute die vom uppigen Pflanzenwuchs iiberwucherten Hiiuserruinen ein beredtes Zeugnis geben. 80 Die Schiittergebiete von Kalabrien. (Mit einer Karte.) Der bekannte italienische Erdbebenforscher Mario Baratta, der Verfasser des monumentalen Werkes „1 Ter r e moti d'11 a 1 i a", in vvelchem alle Erdbeben von It ali e n-, soweit sie bekannt wurden, in einer mustergiiltigen Art bearbeitet sind, hat nacli dem groBen Erdbeben von Kalabrien im Jahre 1905 eine Reihe von Abhandlungen iiber die Erdbeben dieses Gebietes veroffentlicht, welche, mit einer Anzahl von Tafeln ausgestattet, ein klares Bild geben iiber die Bewegungen der verschiedenen unruhigen Schollen von Siiditalien im XVII., XVIII. und XIX. Jahrhundert. Der genannte Verfasser gelangt iiber das seis- mische Verhalten von Kalabrien zn folgenden Endergebnissen: a) Im XVII. Jahrhundert wurde das Gebiet von Catanzaro von den meisten zerstorenden und vernichtenden Erdbeben heimgesucht. Darauf folgt die Gegend von Cosenza, vvahrend die Umgebung von R e g g i o von Erdbeben fast vollkommen verschont blieb. b) Im XVIII. Jahrhundert erfolgten die meisten und starksten Erd¬ beben in der Ebene von Kalabrien, Catanzaro folgt an zweiter Stelle, vvahrend das Gebiet von Cosenza sowohl in bezug auf Haufigkeit als auch auf Starke der Erschiitterungen unvergleichlich weniger zu leiden hatte. c) Im X I X. Jahrhundert wurde das Gebiet von Cosenza von star- keren Erdbeben heimgesucht, an zvveiter Stelle folgt R e g g i o und an letzter Catanzaro. Baratta hat fiir die seismischen Karten von Kalabrien, um auf den ersten Blick die Hauptschiittergebiete hervortreten zu lasšen, neun Starkeabstufungen aufgestellt, wobei er die schvvachen Beben voll- standig vernachlassigte. Als ersten Starkegrad bezeichnet er Gebiete, in vvelchen im Laufe eines Jahrhunderts mindestens ein sehr star kes und einige starke Beben aufgetreten sind, vvahrend er jene Gebiete groBter seismischer Intensitat mit der Starke IX bezeichnet, in vvelchen sich mindestens zwei vollstandig vernic h tende Erdbeben im Jahrhundert ereignet hatten. Diese und die dazvvischen liegenden Starkegrade vverden in den Karten von Baratta durch verschieden dichte Schraffierungen kenntlich gemacht. Die folgende Karte beriicksichtigt im XVII. und XVIII. Jahr¬ hundert, der besseren Ubersicht halber, nur die Hauptschiittergebiete von der genannten Starke IX, vvahrend im XIX. Jahrhundert mangels solcher auch die Herde von geringerer Starke aufgenommen wurden. 81 Hiezu gehoren die Gebiete von Ca ta n žaro, Cosenza und Ros- sano. Vervollstandigt wurde diese Karte vom Verfasser, indem auch das Hauptschiittergebiet der jiingsten kalabrischen Katastrophe vom 28. Dezember 1908 eingetragen wurde. Ein Blick auf die seismische Karte von Kalabrien belehrt uns sofort, dafi die Hauptschiitterzone des jiingsten kalabrischen Bebens genau i n der Verlangerung der Schiitter- gebiete vom XVII. und XVIII. jahrhundert gelegen war. Auch die Orientierung der unruhigsten Erd- schollen in Stiditalien in der Richtung von NE. nach SW. geht aus der Karte klar hervor. Bemerkenswert ist zugleich der Umstand, dafi in der weiteren Fort- setzung dieser Bruchlinie in der Um- gebung des Atna im Friihjahr, wie das an anderer Stelle ausgefuhrt wurde, die einleitenden Gleichgewichts-Storungen aufgetreten sind, auf welche dann die bekannte Dezemberkatastrophe folgte. Aus dem Angefiihrten geht klar hervor, dafi in diesen unruhigen Gegenden im Laufe von Jahrhunderten langs der vom Altmeister Prof. E. S u e B aufgestellten Bruchlinie das Hauptschiittergebiet eine ausgespro- chene Neigung zeigt fortzuschreiten, iihnlich wie das in kleinerem MaB- stabe bei Eisflachen oder Glasscheiben beobachtet werden kann, wo die durch Druck oder Erwarmung erzeugten Spriinge langs einer bestimmten Richtung eine Fortsetzung erfahren. der l. Ein Zoll- beamter, welcher bei R e ggi o zur Zeit der Katastrophe die Wache hatte, beschreibt die Erscheinung auf folgende Weise: „Hoch wie ein Haus war die gewaltige Woge und kam heran wie 01 , lautlos, ohne Wellen, ohne Schaum." In B r a n c a 1 e o n e machte ein Fischer, der sich zur gleichen Zeit am Ufer befand, die Bemerkung, daB einige Felsen, die gewohnlich nur zwei bis drei Meter aus dem Wasser ragen, sich plotzlich wie Tiirme heraushoben; das Meer vvar dabei ruhig. Eine halbe Stunde spater sah er das umgekehrte Bild: Die Felsen waren verschwunden. * Diese auffallende Differenz der Meeresschvrankung diirfte auf den Umstand zuriickzufiihren sein, dafi diesmal ein Teil der epizentralen Zone am Meeresgrund ge- legen war. 6 * 84 Ober diese und ahnliche Beobachtungen der Erscheinungen, die dem Beben vorangingen oder gleichzeitig auftraten und nachfolgten, werden in den zusammenhangenden Berichten von unseren geschatzten Mitarbeitern aus dem Bebengebiete noch weitere Einzelheiten mitgeteilt, auf welche hier hingewiesen wird. _ Prof. A. Ricco. (Mit Bildnis und Karte.) Der bekannte Astronom und Erdbebenforscher Prof. A. R i c c d in C a t a n i a hat in den Tagen, die der Erdbebenkatastrophe von K a Ja¬ fa r i e n folgten, eine beispiellos intensive publizistische Tatigkeit ent- tvickelt. Ihm verdankt die ganze gebildete Welt die ersten authentischen wissenschaftlichen Berichte, welche in allen grofieren Tagesblattern ver- offentlicht wurden und die dazu beigetragen haben, dafi die verschiedenen Ubertreibungen liber die gewalti- gen Veranderun- gen am Meeres- grunde und im Gelande sowie tiber gleichzeitig aufgetretene vul- kanische Aufie- rungen auf das richtige Mafi zu- riickgefiihrt wur- den.DerFallsteht in der Erdbeben- literatur ganz ein- zig da, dafi es dem Erdbeben¬ forscher moglich geworden ist, in einigenTagenein klares Bild iiber welcher Starke die Meeresbewegung feststellbar war. Wenn man bedenkt, dafi in der Hauptschiitterzone auch die telegraphische Verbindung versagt hat, so wird man den Erdbeben-Berichterstatterdienst, wie ihn Ricco in Sizilien organisiert hat, als mustergiiltig bezeichnen miissen. Welch regen Anteil Prof. Riccd an allen die Erdbeben betreffenden 1' ragen genommen hat, geht aus den vorangehenden Artikeln deutlich liervor. Das letzte Schreiben, welches unsere Warte an Ricco gerichtet die Starke des Bebens, die Aus- dehnung desgan- zen Schiitterge- bietes in allen Starkeabstufun- gen am Festlande wie am Meeres- grunde zu geben. Schon am 7. Jan- ner brachten die Tagesblatter ein Kartenbild mit den Isoseismen iiber Sizilien und Kalabrien sowie einegenaue graphische Dar- stellung, wie weit und an welchen Kiisten und in 85 hat, fallt in die erste Halfte des Monates Dezember; leider besitzt unsere Warte keine Abschrift dieses Briefes. Der Inhalt war immerhin bemerkens- wert und behandelte unter anderem auch die Frage der Bebenstarke im Jahre 1908, dabei hat der Verfasser die Bemerkung angekniipft, das Jahr 1908 werde unter dem Durchschnitte bebenschwach ausfallen, wenn nicht der Monat Dezember starkere Beben bringt. Am 19. Dezember antwortete Ricco nachfolgendes: ,,Der Monat Dezember (wenigstens bei uns, mit Riicksicht auf den Atna, der sich noch immer nicht beruhigt hat) wird sehr reich an seismischen Aufzeichnungen, aber ich glaube kaum, daB wir 30 Aufzeichnungen mit einer Summe von 250 Millimetern an Maximal- ausschlagen erreichen werden.“ In C a t a n i a wurde der Abgang durch die Katastrophe von Kala- b r i e n und die Folgebeben* reichlich gedeckt, wie weit dies in L a i b a c h der Fali war, wird an anderer Stelle gezeigt werden. Der freundliche Leser wird nach dem Vorangefiihrten gewiB das Inter- esse haben, Naheres iiber die wissenschaftliche Tatigkeit des vielseitigen Gelehrten zu vernehmen, welcher Aufgabe sich der Verfasser im nach- folgenden gerne unterziehen will. Prof. Annibale Ricco (geboren in Modena am 15. September 1844) ist seit 1890 Nachfolger des Prof. Tacchini an den Observatorien von Catania und auf dem Atna, doch hatte er bei der Ubernahme dieses Postens und des Lehrstuhles der Astronomie und Physik an der Universitat in Catania eine glanzende wissenschaftliche Karriere schon hinter sich. Er hat wert- volle Arbeiten tiber den Planeten Mars und die Kometen geliefert, wich- tige astrophysikalische Beobachtungen, meteorologische Arbeiten und popularwissenschaftliche Darstellungen auf allen seinen Fachgebieten. In Catania beschaftigte er sich viel mit der Sternphotographie, da die dortige Sternwarte zu den 18 Stationen gehort, die an der Herstellung der groBen photographischen Himmelskarte und des darauf basierenden Sternkataloges arbeiten. Neben diesen Arbeiten, die schon an und fiir sich die Arbeitstatigkeit eines Forschers voli in Anspruch nehmen, beschaftigte sich Prof. R i c c 6 mit allen geophysikalischen Fragen, die durch die exakte Erdbeben- forschung angeschnitten wurden. Er fiihrte in Siiditalien eine Reihe von Messungen iiber die Schwerkraft und den Erdmagnetismus aus, organisierte einen musterhaften Ubervvachungsdienst der vulkanischen und seismischen Vorgange am Atna und Stromboli und schuf in Catania eine Erdbebenwarte, vvelche er mit dem langsten Pendel der Welt ausgeriistet hat. * In der Zeit vom 28. bis 30. Dezember 1908 wurden in Catania nicht weniger als 50 Stofie aufgezeichnet. 86 So kann S ii d i t a 1 i e n stolz auf den Mann sein, der seine ganze Forscherarbeit und alle seine reichen Erfahrungen diesem seismisch wie vulkanisch hochinteressanten Gebiete gewidmet hat, und der auch redlich bemiiht ist, bei jedem aktuellen Ereignis hervorzutreten und den Laien wie den Fachgenossen iiber die unheimlichen Naturvorgange aufzuklaren. Wie weit sich R i c c 6 beim letzten Beben bewahrt hat, moge aus den folgenden Zeilen ersehen werden. „Das Erdbeben zeigte seine groBte Starke am Kap Peloro bei Messina und in der Siidspitze von Kalabrien. Die groBte Verheerungszone erstreckt sich von Castroreale (westlich von Messina) bis Palmi in Kala¬ brien auf einer Strecke von 6o Kilometern. Die schweren Beschadigungen von Hausern liegen in der Zone von Riposto bei Catania bis Pizzo in Kala¬ brien auf einer Strecke von 140 Kilometern. Schwere Erdstčfie wurden beob- achtet von Noto (Siidost- spitze Siziliens) bis Co- senza (Nordkalabrien) auf einer Strecke von 300 Kilometern. Alle italieni- schen Observatorien ver- zeichneten das Erdbeben. Das erste auslan- dische, das unstele- graphierte, war das von L a i b a c h. Das Erdbeben auBerte sich in vertikalen StoBen und Wellenbewegungen. Es wurde auch auf den Liparischen Inseln wahr- genommen. Seit dem ersten StoB um 5 Uhr 20 Minuten morgens am 28. Dezember wurden in Catania fiinfzig immer schwacher werdende Stofle registriert. In Messina wurden in der Nacht vom 28. auf den 29. Dezember 38 StoBe gezahlt. Das Erdbeben war von einem Meerbeben begleitet, die Wellen hatten mehrere Meter Hohe, und das Meer beruhigte sich erst nach zwolf Stunden. Es forderte in Catania zwei, in Riposto 17 Menschenleben und zerstorte dort auch viele Barken. Die Katastrophe verursachte auch uberall in der Hauptschiitterzone Erdlawinen und Erdrutsche, die unzahlige Opfer forderten. Die Richtung des Erdbebens war dieselbe wie 1783 und 1894, namlich von Nordnordwest nach Sudsiidwest. Diese Richtung fallt mit der groBen Bruchlinie zusammen, auf der der Atna ruht, und die durch die Meerenge von Messina und unter Messina herzieht. Die Gegend bis Noto ist, geologisch genommen, noch sehr jung, also noch von den 87 orogenetischen Kraften zu sehr bedroht, die dem Boden noch nicht die definitive Stabilitat gegeben haben. Der Mensch hat viel zu fruh diese Region bewohnen wollen, da ihn das warme Klima, die Schonheit der Landschaft und die Fruchtbarkeit des Bodens lockten; abgesehen von dem Meer und der Verkehrsmoglichkeit in der Meerenge. Er errichtete hier seit undenklichen Zeiten stolze Stadte, aber von Zeit zu Zeit bestraft die Natur den Leichtsinn und die Tollkiihnheit. Zu diesem Wagemut der Menschen gesellte sich die Unwissenheit; man ivahlte als Baugriinde Stellen, die sehr gefahrlich waren und man war auch zu leichtsinnig in der Wahl des Baumaterials. Und, als ob alles das noch nicht geniigt hatte, wagte man es sogar, Palazzi von vier und fiinf Stockwerken zu errichten. Das war eine Herausforderung der Natur." Nachfolgende Mitteilungen sind einem Berichte entnommen, welchen Riccd der Redaktion des „Neuen Wiener Tagblatt" zur Verfiigung gestellt hat. ,,Das letzte Erdbeben von Messina und Kalabrien ist das starkste seit dem 6. Februar 1783, das ihm vollstiindig analog war. Die Nordspitze von Sizilien bis iiber Messina hinaus und die Sudspitze von Kalabrien bis liber Palmi sind entsetzlich verwiistet. Nahezu alle Gebaude wurden niedergeworfen. Ein Seebeben war zu verzeichnen an der Ostkiiste und an der Nord- kiiste Siziliens. Die seismische Flutwelle war mehrere Meter hoch in Reggio, Messina, Riposto, Catania, Syrakus, geringer an der Nordkiiste Siziliens. Die Meeresschwankungen dauerten in Catania wahrend des g - anzen 28. Dezember. Nach dem Erdbeben gab es Brande infolge des Bruches von Gasleitungen in Messina und Reggio. AuBerdem erhob sich aus den Ruinen dichter, erstickender Staub. Man' schatzt die Zahl der Opfer auf zweihunderttausend. Die materiellen Schaden sind unberechen- bar. Die Stadt Messina ist verlassen, die Verziveiflung ist ungeheuer. Viele Menschen sind lebendig begraben. Viele starben infolge von Hunger, Durst, Kalte, denen sie als nahezu nackte Fliichtlinge ausgesetzt waren. Die tapferen Hilfeleistungen der benachbarten Stadte, der Armee, der italie- nischen, russischen und englischen Flotte sind bewunderungswiirdig, doch gegeniiber einem so groBen Ungliick ungeniigend. Das Epizentrum des Bebens liegt in der Niihe von Messina; das Beben wurde stark gespiirt in Sizilien bis Pacchino,Caltanisseta, Ce- f a 1 u; in Kalabrien war es stark bis C o s e n z a. Leicht war es in G i r - ge n ti, Trappani, Corleoni, Termini. Atna, Stromboli, Vulcano sind in gewohnlichem Zustande. Ein vul- kanischer Ursprung dieses Erdbebens mufi ausgeschlossen werden. Sein Ursprung liegt in orogenetischen (gebirgsbildenden) Bewegungen, die noch in der jetzigen geologischen Epoche an der groBen geologischen Bruchstelle, an der Messina liegt, vor sich gehen; das Erdbeben steht auch 88 in Verbindung mit der unzusammenhangenden Art des Terrains, auf dem Messina, Reggio und die anderen Nachbarstadte aufgebaut sind.“ An den Prasidenten der Kaiserl. Akademie der Wissenschaften, Prof. E. S u e B , sandte R i c c 6 nachfolgenden Bericht, welcher in der ,,Neuen Freien Presse“ zuerst zum Abdrucke gelangte. „Von der Meerenge bei Messina bis Palmi ist ein so gut wie voll- standiger Einsturz aller Bauten eingetreten. Das Niveau des Kais von Messina hat sich gesenkt bis zum Niveau des Meeres. Ein Teil des Kais ist auch ins Meer gefallen, zugleich mit fiinf Eisenbahnwaggons. Es ist ein Seebeben eingetreten an den Kiisten des kalabrischen Vor- gebirges und des ostlichen und nordlichen Siziliens. Die Welle war einige Meter hoch in Villa San Giovanni, Reggio, Pellaro, Melito, Spadafora, Messina, Riposto, Catania und Syrakus. In Messina war sie beilaufig drei Meter, in Catania 2-70 Meter hoch. Das Seebeben hat auch mehrere Opfer gefordert. Mit den von mir gesammelten Daten und mit denen, welche man in den lokalen Journalen trifft, habe ich die isoseismischen Linien nach der Skala von M e r c a 11 i (die Linien gleicher Bebenstarke) entworfen und un- gefahr elliptische Umrisse erhalten. Die isoseismische Linie des Grades X umfaBt Messina, Reggio und die kleineren Stadte der Nachbarschaft bis Palmi. Der Durchmesser der Ellipse von Ost nach West ist 40 Kilometer. IX erstreckt sich bis Milazzo und Santa Teresa auf Sizilien, Rosarno und Melito in Kalabrien. Der Durchmesser der Ellipse von Nordost nach Siidwest ist 70 Kilometer. VIII erstreckt sich bis Cap Calava und Riposto auf Sizilien und Ca- tanzaro in Kalabrien und bis an den Stromboli. Der Durchmesser der Ellipse von Nordost nach Siidwest ist 160 Kilometer. VII reicht bis Sant’ Agata und Augusta auf Sizilien und bis Cosenza in Kalabrien. Der Durchmesser der Ellipse von Nordost nach Siidwest ist 270 Kilometer. VI reicht bis Tuta, Castro Giovanni und Noto, V in Cefalu und Pacchino, IV in Palermo und Terra nuova, III in Trapani, II in Maršala und I im nordlichen Italien. Die Richtung der groBeren Achse dieser Ellipse ist jene des Bruches der Meerenge. In Catania wurden bis jetzt (6. Jiinner) 59 ErdstoBe verzeichnet, von welchen jedoch der groBere Teil von Personen nicht verspiirt wurde. Atna, Vulcano und Stromboli sind bis jetzt in dem gewohnlichen vor- hergegangenen Zustande verblieben. Messina und Reggio stehen auf einem lockeren Untergrund und die Bauten sind nicht sehr solid.“ 89 Einige Bemerkungen des Herausgebers iiber das kalabrisehe Beben. Noch am 28. Dezember mufite der Verfasser eine Dienstreise nach Wien antreten und, so schwer es ihm auch fallen mochte, sein Institut verlassen. Erst am nachsten Morgen konnte er in Wien die ersten ausfiihr- lichen Berichte iiber die siiditalienische Katastrophe aus den Zeitungs- berichten entnehmen. Bald bot sich ihm die Gelegenheit, mit einem Re- dakteur des „Neuen Wiener Tagblatt" zusammenzutreffen und demselben iiber das Beben einige Mitteilungen zu machen. tiber diese Unterredung erschienen an den beiden aufeinander folgenden Tagen zwei Artikel in der genannten Zeitung, von welchen insbesondere der erste eine Reihe sinnstorender Druckfehler aufweist und die in der nachfolgenden Wieder- gabe richtiggestellt werden sollen. „Den Seismologen kam das Erdbeben in Kalabrien nicht so iiber- raschend. Denn eine starkere seismische Bewegung war mit groBer Wahr- scheinlichkeit fiir die nachste Zeit zu erwarten. Die Bebenstarke eines Jahres mufi namlich ein bestimmtes MaB erreichen. Heuer war dieses MaB noch nicht erreicht, das ,Konto' war sozusagen noch nicht voli und das Jahr 1908 hatte als ein bebenschwaches Jahr abgeschlossen, falls nicht das jiingste Ereignis eingetreten ware. Im ganzen waren noch dreihundert Millimeter Abgang an Hauptausschlagen zu verzeichnen, obwohl wir bereits mehrere Beben hatten. Werden namlich samtliche Hauptausschlage aller registrierten Beben eines Jahres summiert, so soli ein MaB von iiber einen Meter* herauskommen. Bis zum Sonntag fehlten, wie gesagt, noch ungefahr drei Dezimeter, die jetzt zum groBen Teile hereingebracht sind. Durchschnittlich tritt iibrigens im Jahre eine groBere Bewegung auf, und da bisher ein Defizit vorhanden war und eine starkere Aufzeichnung auch noch fehlte, so war mit groBer Wahrscheinlichkeit, gestiitzt auf die ge- machten Erfahrungen, fiir die nachste Zeit auf ein groBeres Erdbeben zu rechnen. Die Erdbebenwarten von Europa iiberwachen die gesamte Erdrinde mit der grofiten Genauigkeit, jeder Pulsschlag der Erde wird verzeichnet. Auf diese Weise wird die Diagnose immer sicherer, das allgemeine Bild der Erdbewegung immer klarer, so daB man mit der Zeit mit ziemlicher Genauigkeit das MaB der Erdbewegungen wird feststellen konnen, das die Panzerdecke der Erde im Laufe des Jahres durchzumachen bat. Es ist selbstverstandlich, daB es in verschiedenen Jahren kleine Uberschreitungen nach oben und unten hin gibt, wie dies ja auch von dem MaB der Nieder- schlage im Jahre gilt, aber es liegt doch die Tendenz in der Natur, alle Extravaganzen auszugleichen. * Entspricht einer wirklichen Bodenbewegung von ungefahr 10 mm. 90 DaB gerade Kalabrien heuer wieder das Feld ist, ist wohl fiir uns iiberraschend. Erst am 23. Oktober 1907 war ein Erdbeben in Kalabrien, allerdings 23mal schwacher als das jetzige. Das Erdbeben jedoch vom 8. September 1905, gleichfalls in Kalabrien, hatte fast die gleiche Starke wie das jetzige. Auch fiir dieses seismisch hocherregte Gebiet, wie es Kalabrien ist, ist diese Zeitspanne von 1905, resp. 1907, bis heute etwas zu kurz. Interessant ist, dafi ich, als ich Sonntag gegen % 10 Uhr in die Warte kam und die Apparate die Bewegung bereits verzeichneten, gleich beim ersten Anblick durch die charakteristischen instrumentellen Aufzeichnun- gen auf Kalabrien schloB, und auch die meisten Warten Europas drahteten noch im Laufe des Vormittags, bevor sie von der Herdstelle irgend eine Nachricht haben konnten, daB der Herd des Bebens nach ihren Aufzeich- nungen in Kalabrien zu suchen sei. Bei den Aufzeichnungen von Erdbeben gilt namlich die Tatsache, daB die Bewegungen von gleichen Herden eine auffallende Ahnlichkeit aufweisen. Die charakteristischen Merkmale sind so hervorstechend, daB jemand, der geniigende Erfahrung besitzt und die Bebenbilder miteinander vergleicht, aus dem Habitus des Bildes auf den Herd den SchluB zieht. Um es drastisch auszudriicken: wie man etwa aus der Tracht und dem Aussehen den Siidlander erkennen will, so erkennt der Erdbebenforscher nach den charakteristischen Umrissen des Beben- bildes den Kalabreser Herd. DaB fiir Kalabrien jetzt eine lebhaftere Erdbebenperiode anbricht, ist wohl anzunehmen, doch ist es unwahrscheinlich, dafi in der nachsten Zeit die Bewegung die Starke des HauptstoBes erreichen wird. Das Defizit, von dem ich oben gesprochen habe, das fiir dieses Jahr noch ausgeglichen werden muBte, hatte leicht auf submarinem Wege kom- pensiert werden konnen, Dann, wenn unter dem Meere einige Kilometer siidlicher die Bewegung verlaufen ware, hatte vielleicht nur Taranto und Umgebung ein leichtes Schaukeln verspiirt und die Katastrophe ware ver- mieden worden. Die Seismologen hatten die Bewegung an den Apparaten verzeichnet, die Welt hatte wenig davon erfahren und die Akte iiber dieses ausgeglichene Defizit waren geschlossen gewesen. Die Natur hat es anders gewollt...“ Die Ausrustung einer wissenschaftlichen Expedition. Eine Anregung des Professors Belar. „Ich bin nicht verwundert“, erklarte Professor Belar, „aus den Zei- tungsnachrichten zu entnehmen, daB Kalabrien hart mitgenommen ist. Eswareunrichtig,zubehaupten, daB diesmal die I n - tensitat des Bebens viel g r 6 B e r ist als im J a h r e 1905. Die Starke ist ungefahr dieselbe, aber die Lage hat sich etwas verschoben. 91 Gleich nach den ersten Anzeichen gab ich in meinen Berichten an das Ausland der Vermutung Ausdručk, cla6 nicht nur Kalabrien, sondern auch Sizilien vom Erdbeben betroffen sein diirfte. Denn die epizentrale Zone, das Haupterschiitterungsgebiet, war diesmal siidlicher als im Jahre 1905. Tatsachlich hat sich meine Vermutung bestatigt. Die Katastrophe spielte sich in dem tiefer gelegeneren Teile Italiens ab. Das Ungluck ist aber diesmal grofier, weil gerade hier starker bevolkerte Stadte unmittelbar iiber der epizentralen Zone liegen. Uberraschend kommt es jedenfalls, dafi Kalabrien, das ja erst in den letzten Jahren so schwer unter den Beben zu leiden hatte, nun wieder heimgesucht wurde. Die fortschreitende Wissenschaft wird es sich zur Aufgabe machen miissen, durch einen intensiveren Uberwachungsdienst mit Hilfe der Apparate den Sclrvvankungen der Erdkruste eine erhohte Aufmerksamkeit zuzmvenden. Die Bodenunruhen sind Schwankungen der festen Erdscholle von mikroskopischer Kleinheit, etwa den Bewegungen vergleichbar, die wir mit unseren Sinnen an der Meeresoberflache wahrnehmen konnen. Meer und Boden sind immer bewegt, nur ist die Bewegung der festen Erdrinde nicht eine solche, daB sie der Mensch stets empfinden wurde. Die Erdbebenforschung hat festgestellt, dafi in den Kaltemonaten die Bodenunruhen groBere Werte erreichen, wahrend sie in den Somrner- monaten fast ganz fehlen. Haufig ist es, daB die Bodenunruhen vorhandene Gleichgewichtsstorungen in der Erde auslosen, wodurch an bekannten Herden Erdbeben entstehen. Auch der Bergbau kann zur Zeit grofier Bodenunruhen gefahrdet werden, insbesondere dort, wo die Disposition zu schlagenden Wettern vorhanden ist. Die bisherigen Erfahrungen haben uns namlich gelehrt, daB eine Reihe von Schlagwetterkatastrophen groBen Erdbeben oder Bodenunruhen nachgefolgt sind. Man wird in Hinkunft jedenfalls gut tun, mit Hilfe der feinfiihlenden Instrumente die auf- gedeckten Schwankungen intensiver zu beobachten. Vielleicht wird es auf diese Weise moglich werden, nicht etwa Erdbeben vorauszusagen, ab.er doch in Gebieten, wo eine Disposition zu Erdbeben vorhanden ist, recht- zeitig zu warnen. In dem gegenvvirtigen Augenblicke tritt an die Wissenschaft die For- derung heran, Manner mit Erdbebenmessern auszurusten und an den Herd nach Kalabrien und Sizilien zu entsenden, damit sie dort ihre Studien machen konnen. Denn bald werden die Nachbeben folgen, aus denen, wenn sie am Herd selbst beobachtet werden, die Forschung mehr lernen kann, als wenn man auf einer entfernten Warte den ,spielenden‘ Apparat kon- trolliert. Die Ausriistung einer Expedition ware um so eher geboten, als die italienischen seismographischen Apparate durch das Erdbeben zum Teil zerstort wurden und der Entgang der Beobachtungen in Italien von groBem Schaden fiir die Seismologie ist. Ich selbst habe meine verfiigbaren 92 Apparate im Norden Bohmens — wo allerdings jetzt Ruhe herrscht —, aber es ware wiinschenswert, wenn irgend ein fremder Staat Italien bei- springen wiirde im Interesse aller. Nur so konnen wir dem Ziele naher- riicken, das geheimnisvolle Naturereignis aufzuklaren. Wenn meiner Anregung, eine wissenschaftliche Expedition an den Erd- bebenherd zu entsenden, Folge gegeben wiirde, so wiirde man damit auch sicherlich im Interesse der schwerbetroffenen Bevolkerung von Kalabrien und Sizilien handeln. Gewifi sind Geldspenden, grofle Spenden, hier vor allem von noten. Eine in Kalabrien und Sizilien arbeitende Studienkommis- sion wiirde aber auch zur Beruhigung der dortigen Bevolkerung dienen. Sie wiirde es den Leuten auf Grund der Beobachtungen mit ihren Appa- raten sagen konnen, daB sich der Boden beruhigt habe, daB die Gefahr geschwunden- sei. Und so wiirde die groBe UngewiBheit, die die Bevol¬ kerung erzittern macht, beseitigt werden und in einem gewissen MaBe die Ruhe in die Gemiiter der Schwergepriiften wieder einziehen konnen." Depeschendienst der Erdbebenwarten und Feststellung des Herdes nach den Aufzeiehnungen am 28. Dezember 1908. Am 28. Dezember sind an der Laibacher Erdbebenwarte von den Assistenten gegen 8 Uhr morgens die auBergewohnlich starken Aufzeich- nungen bei der ublichen Durchsicht der Registrierbander an allen Instru¬ menten festgestellt worden. Gleich darauf wurde eine kurze telegraphische Meldung an die Wiener Blatter versendet, daB gegen 5 Uhr 20 Minuten friih Aufzeiehnungen eines katastrophalen Bebens stattfanden. Gegen Mittag schon trafen telegraphische Nachrichten, zurtachst aus Pola, Sarajevo, Padu a und Hamburg, mit folgendem Wortlaute* in Laibach ein: Pola, 9 Uhr 40 Minuten: ,,Heute 5 Uhr 22 Minuten 23 Sekunden Beginn einer Aufzeichnung; 5 Uhr 24 Minuten 23 Sekunden Maximum von 125 mm; Dauer der Aufzeichnung 1 Stunde 7 Minuten. Herddistanz 800 km, Herd Kalabrien. K. u. k. Hydrographenamt.“ Sarajevo, 10 Uhr: ,,Heute um 5 Uhr 25 Minuten 42 Sekunden Beginn eines katastrophalen Bebens; 5 Uhr 28 Minuten Maximum von 125 mm; Dauer 40 Minuten. Herddistanz 600 km. Observatorium." Padu a, 10 Uhr 50 Minuten: ,,Heute friih 5 Uhr 23 Minuten Nah- beben; Plerddistanz 800 km, Kalabrien. Physikalisches Institut der Universitat Padua.“ * Die Depeschen der Erdbebenwarten untereinander werden in gekurzter Form gegeben; siehe »Neueste Erdbeben-Nachrichten», Jahrg. VI, Nr. 3, S. 65. 93 Hamburg, 12 Uhr 20 Minuten: „Heute 5 Uhr 24 Minuten 16 Se¬ kunden Beginn der ersten Vorlaufer; 5 Uhr 27 Minuten 21 Sekunden Ein- satz der zweiten Vorlaufer, Herddistanz 1800 km. Hauptstation fiir Erdbebenforschung.“ Mittlerweile wurden die Ausmessungen der Diagramme an unserer Warte in L a i b a c h vorgenommen und aus der reichen Sammlung unserer Diagrammbilder jene vom 8. September 1905 und vom 23. Oktober 1907, beide von Kalabrien stammend, hervorgesucht, wobei auf den ersten Blick die fast vollstandige Kongruenz der Bilder vom Jahre 1905 und 1908 festgestellt werden komite. Kleine Abweichungen in den beiden genannten Diagrammen setzten unsere Warte jedoch in den Stand, am Nachmittage, noch zeitgerecht fiir die Morgenblatter, nachfolgende Mit- teilungen, die aus den Beobachtungen der anderen Erdbebenwarten und aus der Vergleichung der Bebenbilder gewonnen wurden, an die Zeitungen nach W i e n , Berlin und London telegraphisch zu iibermitteln: „Laibach; ,Neue Freie Presse', ,Neues Wiener Tagblatt', Wien: Wie schon berichtet, erfolgten heute 5 Uhr 22 Minuten 21 Sekunden morgens Aufzeichnungen eines zerstorenden Bebens. Maximum von 207 Millimetern um 5 Uhr 26 Minuten 16 Sekunden. Ende nach 6 Uhr. Herd¬ distanz bei 900 Kilometer. Die Bebenbilder weisen auffallende Ahnlich- keit mit den Aufzeichnungen vom 8. September 1905 auf, an welchem Tage bekanntlich die Erdbebenkatastrophe in Kalabrien aufgetreten ist. Die Herdstelle diirfte etwas siidlicher wie im Jahre 1905 liegen, immerhin aber in Kalabrien und S i z i 1 i e n von zerstorender Wirkung gewesen sein. In L a i b a c h betrug die wirkliche Bodenbewegung fast anderthalb Millimeter. Zweifellos wurde dieses Beben auf allen Warten der Welt registriert. Die empfindlichsten Instrumente der europaischen* Warten diirften bei der Maximalbewegung iiber den Rand des Registrierpapieres abgelenkt ivorden sein und man wird von diesen nur unvollstandige Auf¬ zeichnungen erhalten haben. Von zwolf bestandig registrierenden Instru¬ menten wurde an unserer Warte ein vollstandiges Bild von einem Instru¬ mente erhalten, welches die Bodenbewegung nur zehnfach vergroBert. Das heurige Jahr hatte, wenn die heutige Aufzeichnung nicht erfolgt ware, einen grofien Abgang an Bebenhaufigkeit und Bebenstarke aufzuweisen gehabt. Mit der jiingsten Aufzeichnung wird dieser Abgang teilweise gedeckt. Auffallend ist, wie das hervorgehoben wurde, daB auch diesmal eine bedeutende Verstiirkung der Bodenunruhe der jiingsten Bebenperiode voranging." Gleichzeitig wurde auch eine etwas ausfiihrlichere Drahtnachricht nach London an die „D a i 1 y M a i 1 “ abgesandt. Die Mitteilung deckt sich im allgemeinen mit der obigen, neu hinzugekommen ist nachfolgender Zusatz: * Ist tatsachlich eingetroffcn. 94 — „H amburg meldete den Beginn des Bebens um 5 Uhr 24 Minuten 16 Sekunden, woraus folgt, daB die Erdwellen fast zwei Minuten benotigt haben, um den Weg von Laibach nach Hamburg zuriickzulegen, entsprechend einer Fortpflanzungsgeschwindigkeit von rund acht Kilo¬ meter pro Sekunde. In London diirften die Erdwellen 23 Sekunden spater als in H a m b ur g , also um 4 Uhr 24 Minuten 39 Sekunden Green- wicher Zeit, eingetroffen sein.“ Auch wurden kurze Berichte iiber die Aufzeichnungen telegraphisch an die Warten in Hamburg, Padua, Pola, Sarajevo, Eger und C a t a n i a gesendet, mit welch letzterer schon friiher das Uberein- kommen getroffen wurde, daB die Laibacher Warte bei einer starkeren Aufzeichnung, deren Ursprungsort vermutlich in der Nahe von C a t a n i a gelegen war, diese von einer erfolgten Aufzeichnung verstandigt. Wie aus einem Zeitungsartikel des Prof. Ricco ersehen werden konnte, war unser Telegramm die erste Nachricht, welche er aus dem Auslande iiber eine Aufzeichnung erhalten hatte. Der Laie wird zunachst iiberrascht sein, zu erfahren, daB die meisten Erdbebenwarten ihre Aufzeichnungen sofort ganz zutreffend auf den be- kannten Herd von K a 1 a b r i e n beziehen konnten. Die Feststellung der Lage des Herdes war den Instituten diesmal leicht gemacht, da alle euro- paischen Warten schon wiederholt Bebenauslaufer aus Kalabrjen aufgefangen hatten; eine goldene Regel unserer modernen Wissenschaft lehrt uns aber, daB die Bebenbilder vom selben Herde untereinander eine auffallende Ahnlichkeit aufvveisen. Die Frage, was der Grund dieser Ahn- lichkeit ist, kann sehr leicht an einem einfachen Versuch erlautert werden. Klopft man z. B. an einer groBen Tischplatte an verschiedenen Stellen mit dem Fingerknochel, so wird man von jeder Stelle des Tisches einen anderen Klang vernehmen, ein Beweis, daB die Tischplatte in verschiedenartige Schwingungen gerat, die abhangig sind von der Stelle, an welcher die Schwingungen ausgelost werden. Diese voneinander abweichenden Klange konnen auch ganz gut sichtbar gemacht werden, wozu sich arn besten' Metallplatten eignen. Da moge der bekannte Schulversuch von C h 1 a d n i angefiihrt werden, mit welchem Klangfiguren vorgefiihrt werden, indem man die Platten mit Sand bestreut und den Rand der Platten mit einem Bogen streicht. Je nachdem man durch Beriihren der Platte mit dem Finger beliebige Tone hervorrufen kann, erhalt man auch verschiedene, fiir jeden Ton charakteristische Figuren, welche den Namen 1 „Klang- figuren fiihren. Als eine besondere Art von Klangfigur kann man auch unser Diagrammbild, welches von den Bebenauslaufern auf unseren Erdbeben- messern aufgefangen wird, bezeichnen. Wie weit dies zutreffend ist, moge aus der nachfolgenden Erlauterung der Vorgange bei einem Beben er¬ sehen werden. 95 In Kalabrien ist am 28. Dezember durch Absinken oder Bersten einer machtigen Erdscholle in unbekannter Tiefe an der Oberflache des Hauptschiittergebietes eine kurzperiodische Zitterbewegung mit etwa 100 bis 200 StoBen in der Sekunde erfolgt; der Ton, der hiebei aufgetreten ist, war den Bewohnern von Kalabrien und S i z i 1 i e n als ein furcht- bares Getose vernehmbar. Weiter weg vom Herde verliert dieser unheim- liche Naturlaut immer mehr an Intensitat, da die Geschwindigkeit der Aufeinanderfolge der einzelnen Schwingungen mit der Entfernung vom Herde abnimmt; von den Menschen wird auf groBere Entfernung nur noch ein Schaukeln wie in einem Boote verspiirt, Getose wird selten und dann immer nur vorangehend vernommen. Auf groBe Entfernungen, wie z. B. nach Laibach, wird der Wellenzug immer schwacher, die ein¬ zelnen Wellen folgen in groBeren Zeitintervallen; dem Menschen machen sich diese Bodenschwingungen nicht mehr bemerkbar, nur die feinfiihligen Instrumente reagieren auf diese Gleichgewichtsst6rungen, bilden getreulich jede Welle nach, und die Aufzeichnungen geben ein Bild aller Wellen- systeme, welche vom Herde ausgestralilt sind. Es soli zunachst festgestellt werden, welche Momente das Bebenbild, das wir aus der Entfernung auf unseren Apparaten auffangen, beeinflussen. In Betracht kommen: 1. ) die Intensitat der Erschiitterung, 2. ) der Ursprungsort (Herdtiefe), 3. ) die geologische Beschaffenheit und Bodengestaltung des Haupt- schiittergebietes, 4. ) die geologische Beschaffenheit und Bodengestaltung des ganzen Weges, vvelcher von den seismischen Wellen durcheilt wird, und 5. ) die geologische* Beschaffenheit des Untergrundes, auf welchem die Warte steht. Gibt es auBer den angefiihrten Momenten keine anderen, welche den Wellenzug der Erdbebenauslaufer beeinflussen wurden, so darf man e r w a r t e n , daB B e b e n vom selben Herde a n ein und derselben W a r t e sich stets gleich oder ziumindest a h n 1 i c h se h en werden. Diese Erfahrung, die schon wiederholt bei anderen Gelegenheiten gemacht wurde, hatte sich auch beim jiingsten kalabrischen Beben als vollkommen zutreffend bestatigt. Sind an einer Warte mehrere Bebenbilder vom selben Herde zum Vergleiche vorhanden, so werden immerhin bei genauer Vergleichung kleine Ab- weichungen feststellbar sein, die es moglich machen, die Lage des Herdes einwandfrei festzustellen, was auch diesmal leicht moglich war. Auf das friihere Beispiel vom Tonen der Metallplatten und die da- durch hervorgerufenen Klangfiguren zuriickkommend, sind also unsere Bebenaufzeichnungen oder Diagramme in der Tat eine besondere Art von Klangfiguren — wobei zu bemerken ware, daB bei den Platten die 96 ganze erschutterte Flache, in letzterem Falle jedoch nur der Durchzug der Wellen an einem Punkte beobachtet werden kann —, die nach ihrem Ge- samtbilde den erfahrenen Erdbebenforscher in die Lage versetzen, zu be- stimmen, welcher Teil der Erdrinde zum Tonen gekommen, wo, in welcher Zeit und Starke dieser furchtbarste aller Naturlaute ausgelost wurde, ehe noch Nachrichten aus dem betroffenen Gebiete selbst eingelangt sind. Wie sehr schon diese neueste Errungenschaft j eden Fachmann sowie Laian befriedigen mufi, so sind heute gar nicht abzusehen die weiteren neuen Aufschliisse iiber die Erdbeben, die sich aus den instrumen- tellen Aufzeichnungen noch ergeben werden. Eines steht jedoch fest, je mehr der telegraphische Nachrichtendienst der Erdbeben'warten vervoll- standigt und verdichtet wird, je mehr die Tagesblatter, die ja bei ver- schollenen Erdbebenherden die einzigen und sichersten Pfadfinder sind, herangezogen und interessiert werden, desto rascher und sicherer gehen wir neuen Erfolgen auf diesem Gebiete entgegen. Zusammenstellung der Aufzeichnungen des Bebens von Kalabrien. (Nach den Berichten der Erdbebenvvarten bis zum Marž 1909.) Catania (GS)* 5 20 41; 5 20 47 (70,0) ; 5 40 10 ?. Malta (M) 5 21 30; 5 31 ? (> 93,0); 7 40 ?• Fiume (V) 5 22 07; 5 25 27 (> 20,5); 6 38 —. Belgrad (VIC) 5 22 11; 5 25 38 (41,0); 6 07 27. Pola (V) 5 22 13; 5 24 23 (125,0); 6 29 — [800, Kalabrien]. Agram (W) 5 22 18; 5 26 ? (> 75,0); 7-. Triest (V) 5 22 20; 525 38 (48,0); 6 22 44 [600]. Laibach (V) 5 22 21; 5 26 16 (95,0) ; 6 03 — [900]. Padua (V) 5 22 23; 5 27 ? (> 93,0); 7 40 ? [800, Kalabrien]. Budapest (B) 5 22 29; 5 28 27 (29,7); 6 28 —. Temesvar (V) 5 22 30; 5 26 14 (50,0); 6 50 —. Graz (W) 5 22 33; 5 25 — (—) ; 7-. Wien (W) 5 22 55; 5 28 — (—) ; 6 30 •— [1200]. Krakau (BO) 5 23 23; 5 28 48 (16,8); 5 59 36. Heidelberg (W) 5 23 23 ; 5 29 22 (148,0); 8 15 —. Granada (W) 5 23 35; 5 30 40 (—) ; 6 20 —. Strafiburg (W) 5 2 3 39 i 5 2 7 3° (—) >' 6 30 —. * Es bedeuten: B = Bosch, BO = Bosch-Omori, E = v. Rebeur-Ehlert, GS = Grande Sismometrografo am Observatorium in Catania, H = Horizontalpendel, M = Milne, R = doppeltes Horizontalpendel von Zollner-Repsold, V = Vicentini, VK = Vicentini-Konkoly, W = Wiechert, p = photographische Registrierung. 97 Aachen 5 23 53 ; 5 26 38 (—); 8-. Eger (Hp) 5 23 54; 5 3° — (40,0); 7 24 — [1800]. Hamburg (W) 5 24 16; 5 29 18 (—) ; 7 45 — [1800]. San Fernando (M) 5 24 54; 5 28 24 (7,0); 7 07 06. Tiflis (E) 5 25 30?; 5 30 22 (195,0); 11-. Sarajevo (V) 5 25 41; 5 28 00 (125,0); 6 06 — [600]. Ivodaikanal (M) 5 29 24; 6 00 24 (3,0); 8 23 —. Ottawa (Bp) 5 31 04; 6 00 — (5,0); 10 20 — [7100]. Manila (M) 5 33 42; 5 5 $ 10 (0,7); 7 26 —. Kapstadt (M) 5 42 —6 10 —; 6 52 — [8200]. Melbourne (Australien) (M) 5 45 —; 6 49 —; 7 34 —. Samtliche italienischen Stationen. Die Erdbebenaufzeichnungen vom 28. Dezember 1908 in Miinchen. Von Prof. Dr. J. B. Messerschmitt in Munchen. Das Messina-Beben wurde am erdmagnetischen Observatorium in Munchen nicht nur von dem Wiechertschen Pendelseismographen, son- dern auch von den registrierenden erdmagnetischen Variationsinstrumenten aufgezeichnet. Der Seismograph zeigt den Beginn des ersten Vorlaufers um 5 Uhr 22 Minuten 1 Sekunde M. E. Z. friih an, und zwar mit einem kraftigen Aus- schlag von 13 mm nach Siiden und einem schwacheren von 3 mm nach Osten. Da der Anfang in die Minutenunterbrechung fallt, welche 3 Se¬ kunden wahrt, so ist die Zeit um 1 Sekunde unsicher. Die Eigenschwingung des Pendels betrug fiir beide Komponenten T = 10,1, bezw. 10,4 Sekunden, und die dazugehorigen Vergrofierungen V = 300 (Nord), bezw. 280 (Ost). Vergleicht man hiemit die beiden fruheren kalabrischen Beben, bei welchen V nicht viel iiber 200 war, so sieht man, um wie viel starker diesmal die Erschiitterung gewesen ist. Am 8. September 1905 betrug der erste Einsatz 3 mm (Siid) und 0,5 (West) ; am 23. Oktober 1907 gar nur 0,5 mm in beiden Richtungen. Die Wellenlangen waren jedesmal gegen 3 Sekunden. Bei dem Seismogramm von 1907 sind die ersten und zweiten Vor- liiufer sehr scharf voneinander unterschieden und das Hauptbeben hebt sich vom Ganzen deutlich ab. Das nimliche ist von 1905 zu sagen, nur wurde damals die eine Nadel kurz nach Beginn des Hauptbebens ab- geworfen, wodurch auch das Gestange der anderen Komponente in Un- ordnung geriet, so dafi das Ende der Aufzeichnung nicht mehr zu sehen ist. Beim letzten Beben vom 28. Dezember 1908 sind die Ausschlage des ersten Vorlaufers in der Nordsiidkomponente aufiergewohnlich groB (bis 7 98 50 mm) ; dann setzten die zweiten Vorlaufer so stark ein, dafi sie fiir den Beginn des Hauptbebens gehalten werden konnen. Ungliicklicherweise wurde auch diesmal zur Zeit des Maximums (5 Uhr 27 Minuten) die Nadel von der Nordkomponente abgestreift und es fiel dann auch das Gestange der anderen Komponente aus seinem Lager, so dafi die Auf- zeichnungen unvollstandig sind. Immerhin enthalten die beiden Seismo- gramme die wichtigen Vorphasen vollstandig, was ja fiir die weitere Ver- wendung vollig geniigt. Man erkennt beim Hauptbeben noch deutlich, wie das Pendel an die Hemmungsschrauben anschlug, also weit iiber seinen Spielraum in Anspruch genommen wurde. Wie schon erwahnt, zeigten auch die magnetischen Apparate das letzte kalabrische Beben an, und zwar ist der Anfang beim Deklinations- variometer um 5 Uhr 26 Minuten und bei dem Intensitatsvariometer um 5 Uhr 25 Minuten, also bei diesem etwa mit dem zweiten Vorlaufer, bei j enem mit dem Hauptbeben eingetreten. Die Ausschlage betrugen im Maximum bis 4 mm, und es lassen sich bei der Deklination vier und bei der Horizontalintensitat drei Maxima unterscheiden. Insbesondere fallt hier ein isolierter StoB um 5 Uhr 39,5 Minuten auf, von dem aber nicht sicher ist, ob er nicht etwa von dem um diese Zeit bereits in Gang ge- setzten Trambahnverkehr herruhrt.* Die zuerst genannte Storung war um 5 Uhr 34 Minuten beendet. Die magnetischen Kurven waren an j enem Tage und insbesondere um jene Zeit vollig ungestort und verliefen ganz ruhig. Sie zeigen sonst denselben Charakter, wie dies bei starken Fern- beben und auch am 8. September 1905 beobachtet worden war, namlich den einer mechanischen Erschiitterung der Magnetnadeln. Beim zweiten kalabrischen Beben (1907) sind die Variometer nicht erschiittert worden, was auch wegen der viel geringeren Starke jenes Bebens nicht zu verwun- dern ist. Da die Bewegung des photographischen Papiers bei den Vario- metern 22 mm in der Stunde betragt, so ist die Zeit auf etwa Minute genau. Die starkste mechanische Erschiitterung wurde seit 1899, der Zeit der Neueinrichtung des erdmagnetischen Observatoriums, am 9. und 23. Juli 1905 beobachtet, obwohl jene beiden Bebenherde rund 6800 km entfernt waren** (in Innerasien 41 0 N. B., 102 E. L., bezw. 41 0 N. B. und 110 E. L.), gegen nur nookm in Kalabrien. Bei dem Beben vom 8. September 1905 waren diese mechanischen Erschiitterungen von magnetischen Apparaten noch bis an die Nordsee (Wilhelmshaven) und in England (Kew) bemerkt worden, d. h. auf * Der erste Wagen fahrt um halb 6 Uhr friih. ** }. B. Messerschmitt, Die Registrierungen der letzten grofien Erdbebenkatastrophen auf der Erdbebenstation in Miinchen. Mitteilungen der Geograph. Gesellschaft in Miinchen, Bd. II, Hft. 2, 1907. (Auch Sep.) 99 igoo km Entfernung* Es diirfte daher von Interesse sein, zu erfahren, ob am 28. Dezember 1908 das Erschiitterungsgebiet nicht noch groBer gewesen ist. Irgend welche magnetische Storungen sind in allen diesen Fallen nicht nachzuweisen und auch sicher nicht vorhanden gewesen, da gerade an diesen Tagen ganz ungestorte magnetische Verhaltnisse stattfanden und sich daher auch am leichtesten irgend welche magnetischen Einflirsse feststellen lieBen. Magnetische Beobachtungen am k. u. k. Hydrographenamt in Pola. Von Fregattenkapitan W. v. Kesslitz, Vorstand der Abteilung fur Geophysik. Die Durchsicht der Magnetographenkurven hat ergeben, daB bei samtlichen Elementen (Deklination, Horizontal- und Vertikalintensitat) am 28. Dezember um 5 Uhr 24 Minuten kurz andauernde schwache Pendel- schwingungen aufgetreten sind. Dabei verlauft die Registrierlinie vollig glatt und ist nicht die geringste magnetische Storung weder vor noch nach dem Beben feststellbar. Die Storung hat vielmehr ganz den Cha- rakter einer mechanischen Erschiitterung des Apparates und folgt daraus neuerdings, daB Erdbeben keine magnetischen Storun¬ gen hervorzurufen imstande sind, wie dies schon oft behauptet wurde. Der geringe Ausschlag des Schwingungsbildchens erklart sich durch die starke Dampfung der Magnete. Uber die Starke der europaisehen Erdbebenkatastrophen im letzten Jahrzehnt. Um ein iibersichtliches Bild iiber die Intensitat der im letzten Jahr¬ zehnt in E u r o p a aufgetretenen Beben zu erhalten, wurden eine Tabelle (S. 102) und eine schematische Figur (S. 100) ausgefiihrt, aus \velchen deutlich hervorgeht, daB das kalabrische Beben vom 28. Dezember 1908, trotz vielfacher Behauptungen, nicht das starkste Beben in Europa war, welches auf den Instrumenten der Warten uberhaupt verzeichnet wurde. Die groBte Intensitat weisen hingegen die beiden aus Mazedonien (Strumatal) ausgestrahlten Beben auf, wahrend das obengenannte erst an die siebente Stelle der starksten europaisehen Beben des letzten De- zenniums zu stehen komrnt. Die Berechnung der resultierenden Bewegungen E-W und S-N auf dieselbe Herddistanz, d. i. auf 900 km dieser zwolf verschiedenen Beben, ' __ % * G. B. Ricco, Sopra le pertuberazioni magnetiche dorute al terremoto della Calabria deli’8 settembre 1905. Terrestrial Magnetism and Atmosph. Electricity, Vol. XI, 1906, 7 * 100 liefert annahernd gute Zahlenwerte in bezug auf die Intensitat der unterein- ander verglichenen Bebenereignisse. Die gewonnenen Zahlenwerte lassen zunachst eine gnte Klassifikation der Erdbeben zu. Die ersten vier Beben konnten am zutreffendsten als auBerordentlich starke Erdbebenkatastro- phen bezeichnet werden, sie waren mit groBen Veranderungen im Gelande verbunden: Bergstiirze, Spaltenbildungen, Bodensenkungen usw. sowie vollstandiger Ruin aller Bamverke. Dazu zahlen die beiden Beben vom Strumatale (Mazedonien) am 4. April 1904, das Beben vom Athos (Chal- kidike) vom 8. November 1905 und das Beben von I