_ Adria-Stimmungen 1913 Von Adalbert Graf Sternberg LI LI F. Tempsky 1913 Leipzig G. Freytag G. m. d. H. Adria-Stimmungen 1913 Von Adalbert Gras Sternberg m m Wien F. Tempsky 1913 Leipzig G. Freytag G. m. b. H. Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechtes, Vorbehalten. Buchdruckerei G. Freytag, Gesellschaft m. b. H., Wien. Der „Adria-Ausstellung" in Wien gewidmet. Ostern. Brioni, die NachtigaNeninsel. Zwischen Meeresfluten, auf denen froh wie weiße Wölkchen vom Winde getriebene Segelschiffe gleiten, ruht sie, die frieden¬ bringende Nachtigalleninsel. Aber ringsum umlagern sie dunkle graue Schiffsungeheuer, moderne Lindwürmer des Meeres. Es war Abend, ein milder, noch immer sonnenfroher Abend, und ich ging hinaus durch dichte Lorbeerbüsche, welche Freude, in Wohlgerüche gehüllt, mir ins Antlitz atmeten. Und als ob es ein Märchen wäre, Nachtigallen fingen an zu schlagen, in der Nähe, in der Ferne, rings um mich herum. Und weit draußen erschien das Meer und es lag da wie ein goldener Streifen, der letzte Gruß der entschwindenden Sonne. Und links von meinem Wege, von den ersten Schatten umlagert, heben sich aus dem Grün Ruinenreste ab und ich setzte mich auf einen Stein am Gipfel des Hügels, von wo aus Himmel und Erde zumGreifen nahe waren. Und wie eine unerwartete Verheißung, so hob sich aus einer Wolke, die den Horizont schleier¬ haft umwob, eine purpurfarbene Scheibe ab. Und sie stieg empor und wurde rosenrot wie die glühenden Wangen eines blonden Mädchens. Und dieses Rosenrot ergoß sich wie aus einem Trans¬ parent über die leuchtenden Wellen des Meeres, das wie ein großes, dickes Wachstuch dalag und nur ganz leise hin- und herwogte. Und ferne im Westen sank eben die Sonne in Dunstkissen nieder. Sie tauchte ihr glühendes Haupt in eine blaue Atmosphäre allmählich und langsam herab, .und ein langer, glühender Streifen tänzelte tief hinein in den Meeresgrund, und die ganze Oberfläche des Wassers brannte wie unterdrückte schwefelgelbe Glut.-Möven flogen durch den kalt gewordenen Windhauch in unzerstörbarer Ruhe kreisend dahin wie die weißen Geister der träumenden Wellen als stumme Träger der letzten Abendgrüße des Meeres an die schlummertrunkenen Küsten. Der immer goldiger und heller werdende Mond hob und hob sich hoch über die Fluten und blickte wie ein lebender Herrscher in die Schatten uüd in die Finsternis hinein. Kinderstimmen mischten sich wie Helle Silberglöcklein in die geisterhaften Melodien der Nachtigallen. Kind¬ lein eilten, liebevoll geführt von einem dunkel gekleideten Fräulein, 6 in weißen Röckchen nach Hause, des Spielens müde, aber von einer unbesiegbaren Freude erfüllt. Und das kleinste von ihnen, ein Mädchen mit einem weißen Häubchen, zwitscherte um die Wette mit den Vögelein in den Zweigen. Es hatte so runde, rote Backen mit vor Freude und Übermut leuchtenden Grübchen und dunklen Augen wie schwarzes Perlmutter, aus denen der Schelmenglanz des Engeleins hervor¬ lugte, den sie in ihrem kleinen Herzen trug. Wie viel Mutterglück und Mutterstolz schwebte wie ein unsichtbarer Duft um diese Grübchen. Der Morgen ging in Hellen Strähnen auf, die weißen Häuser leuchteten weit hinein ins Meer wie der Perlenschein der Zähne einer liebeumlächelten Frau! Und am Strand bewegten sich sorglos friedliche Menschen auf den Eiderdunen des Wohlstandes gebettet und freuten sich ihres Sonnendaseins. Nur einen sah man geschäftig hin und her wandeln, den Schloßherrn von Brioni. Vor 15 Jahren erwarb er eine verlassene, von Malaria heimgesuchte Insel, und heute ist sie das Paradies der Gottbegnadeten geworden. In Wirklichkeit hat er nichts Neues geschaffen. Er hat nur die bestehende Schöpfung begriffen, Gottes Walten erleichtert und ermöglicht. Er hat die Insel den bösen Geistern entrissen und sie den Himmlischen, denen sie immer gehörte, zurückerstattet. Er hat die Finsternis in der Vege¬ tation in Licht verwandelt, und damit die Blumen und Bäume nicht traurig sind, hat er Lebewesen aus der ganzen Welt gesammelt und sie ihnen zu ihrer Freude geschenkt. Und jetzt liebäugeln sie morgens durch die Tautropfen mit Gott dem Herrn in allen Farben, Gestalten und Wohlgerüchen. Der ermüdete, von der Geistesarbeit ermattete Städter kommt her und schlürft Lebensfrische. Und links die zerklüftete Mste mit weißen, roten und grauen Felsen, sie schließt Brioni ein wie ein Ring einen Edelstein. Und jeder einzelne Punkt der Küste eröffnet eine ganz neue Aussicht. Alles liegt versunken in einem großen, blauen Traum, und aus diesem ragen die Gestade Istriens nebelhaft empor. Und in der Bucht von Pola liegen im tiefsten Schlummer unsere neuen Schlachtschiffe, leise aus einem Kamin rauchend. Das ist die eiserne Faust Österreichs über dem blauen Adriameere, unsere Macht, die wirksamste Kraft des Willens von 53 Millionen zu einem Staatswesen zusammen¬ gefügten Einwohnern. Und stolz weht die Standarte auf dem Admiralschiff „Viribus unitis" in der Abendbrise, und daneben liegt der eben geborene Seeriese „Tegetthoff", und rings herum liegen regungslos andere größere und kleinere Kriegsschiffe und Torpedo¬ boote, jeden Augenblick gewärtig, daß der Donner in seiner furcht¬ barsten Gestalt zu rollen beginnen wird. Wir sehen, daß wir uns im eisernen Herzen unserer Seemacht befinden. Auch die Nachtigallen¬ insel ist nicht verschont geblieben und man kann sie mit ihren Be¬ festigungen mit der Jungfrau von Orleans vergleichen. Zur Freude geboren, die Heimat der Liebe und der frohen Jugendkraft schon im Altertums der Venus gewidmet, dennoch dabei gepanzert und be¬ waffnet wie der rauheste Krieger. Und hinter den Geschützen und Panzertürmen breitet sich dunkles Grün aus, ein Grün, das soviel Geheimnisse birgt, soviel Hoffnung und soviel Balsam für blutende Wunden des Herzens. Und wer die Wege hier durch dieses Grün wandelt, über Wiesen und durch Büsche, verjüngt und verzaubert, den: fliehen die Stunden unbemerkt dahin und verwandeln sich in Gefühle, die in der heiligen Weihe des blauen Atems der Fluten Liebe, immer wieder Liebe werden. Ich nahm ein Motorboot und fuhr um die Insel herum. Vis- L-vis von Brioni schimmern die weißen Häuser des italienischen Dörfchens namens Fasana. Und dahinter liegt Istrien mit seinen Olbäumen und Weingärten, unser österreichisches Italien mit vene¬ zianischer Geschichte und Kultur. Und hoch oben, wo der Gipfel des Hügels den Horizont schneidet, erhebt sich ein Campanile zum Himmel, mitten aus einer großen, aber wenig sichtbaren Ortschaft. Er zeigt wie ein drohender Finger hinauf zu den Stufen des Thrones unseres obersten Richters und mahnt uns unwillkürlich daran, daß es einen Rächer des Bösen und einen Belohner des Guten gibt. Es ist das zum Himmel ragende Wahrzeichen jenes Gottesglaubens, der uns alle, so weit die weiße Rasse reicht, zu den ^Beherrschern der Erde gemacht hat. Und weit hinter diesem Turme erscheint in Umrissen der Monte Maggiore, zu dessen Füßen Fiume und Abbazia liegen. Ein gewaltiger Bergriese, dev uns den Weg weist zum Herzen unserer geliebten Heimat. Wir umkreisen den ersten Ausläufer der Insel, und in einer grünen Bucht aus einer vorgerückten felsigen Land¬ zunge erhebt sich ein großes und ein kleines Haus wie die Mutter mit ihrer Tochter, im selben Stile gebaut, mit einem roten Dach. Hier ist die schönste Stelle von Brioni. Von diesem Balkon aus sieht man tief hinein in das offene Meer fast bis zur Küste von Ravenna. Und die schaumgeränderten Wellen des Meeres lecken die Schwelle 8 des Hauses. Nur das Wogen des Meeres und das Schlagen der Nachtigall unterbricht den großen Traum, der hier wie eine verheißende Offenbarung auf rauhen Felsen seit Jahrhunderten geträumt wird. Wir setzen unsere Fahrt fort bis zur Landzunge von Peneda. Diese weit vorgerückte Halbinsel trägt einen kühn in die Welt hinaus¬ blickenden Leuchtturm, das flammende Auge Brionis, und dahinter starren wieder große Kanonenrohre, wohlgeschützt von Riesenpanzern. Und weit im Meere draußen manövrieren, dunkle Schiffskolosse, und die stahlgraue Flut, die wir durchschneiden, glitzert in einem.Gold- glanze, als ob lauter flimmernde Geister über den Flaum der Wellen Hüpfen würden. Kleine Inselchen liegen vor uns, träge von niederem Buschwerk bewachsen. Sie liegen da, als ob sie sich sonnen würden. Und ein Blick zurück auf die Insel zeigt uns mitten im Buschwerk graue Ruinen sich erheben. Diese Mauem könnten viel erzählen. Es sind die Überreste einer Basilika, die den Namen Santa Maria trägt und zur Zeit Kaiser Justinians errichtet wurde. Als dieser große Kaiser den Plan gefaßt hatte, das alte römische Reich, welches im Westen zugrunde gegangen war, wieder herzustellen, da begann er seinen Siegeszug über die ganze Nordküste Afrikas, Siziliens und Süditaliens, und so kam er auch nach Pola und Brioni sowie Venedig, welches er begründete, und welches seither diese große Rolle in der Geschichte spielte. An dieser Stelle, an der wir jetzt vorbeifuhren, hatten seine Strategen ein befestigtes Lager errichtet, ein römisches Kastrum, dessen eigenartiges Tor noch heute erhalten ist. Uber dieses, Kastrum schreibt Cassiodorus, der bekannte Geheim¬ schreiber des Ostgotenkönigs Theodorich. Wer weiß, vielleicht war Belisar oder Narses selbst hier oder sogar der große Kaiser Justinian, der seiner Abstammung nach nicht weit von hier zu Hause war. Sein Vater war ein Slawe namens Upravda und stammte aus Illyrien. Unter Justinian erfreute sich Brioni seiner letzten Tage. Bald nach seinem Tode wurde die Nachtigalleninsel ein Opfer des rohesten Piraten Peter Kandiensis, welcher hier wüste Sklavenjagd getrieben hat. Kreta, lateinisch Candia genannt, war seit jeher die Heimat des Piratenwesens. Rom mußte einen ganzen Kriegszug um das Jahr 100 vor Christi gegen Kreta ausrüsten, um diesem Unwesen Einhalt zu gebieten. Nun führt uns das Boot an einer Villa vorbei, die mich lebhaft an Miramar erinnert, die Villa Otto. Eine schmale, seichte Meer- 9 enge trennt Brioni von ihrem erstgeborenen Kindlein, Brioni- Minore. Dort liegt das größte Fort Österreichs, das zweitgrößte der Welt. Nun nähern wir uns wieder dem Hotel. Eine Kaserne erhebt sich malerisch vor uns und daneben große Wirtschaftsgebäude, und auf dem regungslosen Meeresspiegel zieht ein Segelboot stumm und still vorbei und in die rotbraunen Segel fällt der letzte Strahl der untergeheirden Sonne und verklärt ihn wie nrit einem Heiligen¬ schein. II. Ein hoch das Meer überragender Dampfer, der „Prinz Hohen¬ lohe", kommt daher und schwarze Rauchwolken wälzen sich aus den zwei Kaminen. Stolz zieht er an den trägen Segelschiffen vorbei, und die österreichische Handelsflagge weht weithin sichtbar, diese Flagge, die berufen sein sollte, den ganzen Handel am Mittel¬ meere zu beherrschen. Denn „Hohenlohe" ist nur ein Samenkorn jener großen zukünftigen Entwicklung unserer Handelsmarine, von der ich träume, und die die Voraussetzung für Sein oder Nichtsein der österreichischen Monarchie ist. Denn, wenn bei der bisher herr¬ schenden Vermehrung der Bevölkerung und bei den steigenden Lebens¬ bedürfnissen wir uns als unfähig erweisen, Brot durch gesteigerten Export zu schaffen, ist der Zusammenbruch der Monarchie durch die sozialen Verhältnisse kauin aufzuhalten. Und so kann man wirklich, wenn man den Dampfer „Hohenlohe" mit der modernen Kultur und die Handelsentwicklung Österreichs mit den Segelschiffen ver¬ gleicht, sagen, an dir, armes Vaterland, ist der Zeitgeist spurlos vorbei¬ gegangen und das Zeitalter der Erfindungen. Du bist ewig ein Segel¬ schiff bei immerwährender Windstille geblieben. Man soll vom Essen und Trinken nicht sprechen! Aber der Sonnen¬ schein und der blaue Äther des Meeres machen hungrig und durstig. Und das muß ich zum Lob und Preis des Schloßherrn von Brioni sagen, daß er es nicht nur verstanden hat, auf seiner Insel das Auge und das Ohr zu entzücken, er hat auch gewußt, die Erde, die der Schöpfer auf den Jnselbusen legte, nut Reben zu bepflanzen, deren perlendes Naß, während die Nachtigallen schlagen, die menschliche Seele ergötzt. Und heute nach dem Essen erklangen Walzer durch den Saal und es begann für die Damen der wirkliche Tag des Herrn. Die Marine von Pola stellte ihren Mann. Diese Marine, die man 10 die Elitetruppe der österreichischen Wehrmacht nennen kann. Und die Damen wissen dies vielleicht besser zu beurteilen als die verant¬ wortlichen Leiter des Staatsschiffes, denn es gibt hier kaum eine Dame, die selbst bis in ihren Lebensherbst hinein nicht ihren fixen Tänzer hätte. Und wenn man ringsumher blickte, sah man, daß das kunstsinnige Auge der tändellustigen Frauen mit Behagen die schlanken Gestalten in den eleganten Uniformen bewunderte. Und so tanzten sie im Kreise, die Blonden und die Schwarzen, die Großen und die Kleinen, die einen stramm und militärisch, die anderen weich und schmiegsam, ernst und heiter, je nachdem es ihnen ihre Veranlagung gestattete, und manches Fraueuauge leuchtete und manches Herzensglück entstand und mancher Traum, der heute ge¬ träumt wurde, wird später seliges, unvergleichliches Glück und Wirk¬ lichkeit. — — — Am nächsten Tage machte ich die Bekanntschaft eines interessanten Mannes, eines Archäologen, Herrn Professor Gnirs, welcher die Reliquien des Altertums in Istrien sucht und größtenteils gefunden hat: ich möchte so sagen die Speisenreste einer längst ver¬ klungenen Zeit irr den Eingeweiden der Gegenwart. Er fand un¬ trügliche Spuren, die auf Ansiedlung der Mikenäer in Brioni Hin¬ weisen. Es ist das autochthone Volk Griechenlands und Kretas, wo einst der König Minäus durch seine Verfassung, die die älteste bekannte Verfassung ist, Zeichen der höchsten Kultur dieses Volkes in den ältesten Zeiten gegeben hat. Im Nationalmuseum von Athen habe ich wunderbare Funde aus der ältesten Kulturepoche der Mikenäer ge¬ sehen, Totenmasken aus dem feinsten Gold, was darauf hindeutet, wie hoch entwickelt die Goldschmiedekunst in der damaligen Zeit, wo die meisten Völkerschaften, wie zum Beispiel die Römer, die Existenz des Goldes gar nicht kannten, war. Auch Keltengräber, Steingräber auf den Gipfeln der Hügel sind hier gefunden worden. Daraus kann man erkennen, daß Brioni feit jeher ein wertvoller Stützpunkt für die Schiffahrt treibenden Völker bildete. Unter römischer Herrschaft finden wir über Brioni bei Plinius Berichte in feinem Buche ikistoria Katuraiis, dann bei Vitruvius X. über cke arte. Der Professor führte mich zu den römischen Ruinen in Val Catena. Diese Ausgrabungen gehören zu den interessantesten der Welt, weil sie eine Villa mit allen zugehörigen Wirtschafts¬ gebäuden darstellen, die einem gewissen Gajus Laecanus Bassus, wie uns Plinius schrieb, gehörte. Die ganzen Grundrisse und eine 11 Reihe sonstiger interessanter Details wurden bloßgelegt. In Brioni gab es damals vier solche Villen, von denen außer einer zweiten, welche nur rudimentär erhalten ist, die anderen verschwunden sind. Val Catena war dank seiner geschützten Lage ein ausgezeichneter Hafen, der, wie wir noch heute sehen, durch Molos und sonstige Anlagen gut ausgebaut war. Abseits von der Villa lag der Venus¬ tempel, durch seine Grundmauern und Säulenreste genau ersichtlich. Kein Wunder, daß man die Nachtigalleninsel der Venus geweiht hatte. Man opferte ihr schöne Mädchen, die dem müden Wanderer lächelnd ihr Herz schenkten, und Pindar nennt die Priesterinnen der Venus die fremd-freundlichen Mädchen. Ja, auch die Einsamen und Fremden wollen den warmen Schlag des Frauenherzens fühlen. Vor uns liegt nun, wenn wir von dem Tempel unser Auge auf den gegen¬ überliegenden Hügel richten, das zu einer Ruine zerfallene römische Jnselschloß. Gajus Laecanus Bassus, Sprosse einer Senatoren¬ familie, war der Besitzer dieser Villa zur Zeit des Augustus und der ersten Kaiser aus dem Claudischen Geschlechte. Die Insel selbst stellte ein wertvolles Weingut dar, denn der Brioniwein wurde in Rom besonders geschätzt. Die Schwierigkeit bei der Besiedlung bildete die Wasserversorgung, welche auch dem jetzigen Besitzer viel Geld ge¬ kostet hat, indem er eine Wasserleitung unter dem Meere auf das Festland legen mußte. Die Römer bauten auf den höchsten Spitzen der Insel, wo jetzt das Fort Tegetthoff liegt, Zisternen und leiteten das dort gesammelte Wasser teils durch Bleiröhren, teils durch Ziegel¬ röhren und teils durch steinerne Aquädukte, je nachdem welcher Wasserdruck zu überwinden war, in den Wasserbehälter der Villa. Der Zugang zur Villa wird durch einen Vorhof, der auf Säulen stand, gekennzeichnet. Beim Durchschreiten desselben sehen wir eine steinerne Schwelle, wo noch die Stellen bemerkbar sind, in denen die Türpfosten eingelegt waren. Wir betreten den ersten Empfangs¬ salon. Hier wurden die Fremden begrüßt und gleich nach der Ankunft in das Bad geführt. Der Kessel, wo das Wasser erwärmt wurde, der aus einer zementartigen Masse bestand, ist teilweise noch erhalten. Eine steinerne, steile Stiege führt uns hinauf zu den Prunkgemächern, zum Speisesaal und den von dem Besitzer bewohnten Zimmern. Sie unterscheiden sich von den anderen durch den Mosaikboden, der noch hier sichtbar ist. Vor diesen Prunkgemächern liegt eine sonnenhelle Terrasse, die einen herrlichen Ausblick auf die Insel 12 und auf das Meer gewährt. Tief unten im gleichen Niveau mit dem Meere liegen die Überreste der Wirtschaftsgebäude und Ge- sindewohnungen. An der höchsten Stelle oberhalb der Wohnräume liegen die Wasserreservoirs, damit von dort aus das Wasser überallhin geleitet werden könne. Dieses Wasserreservoir ist aus einem Zement gemacht, der aus kleinen Steinen, Ziegelstaub und einer Erde ge¬ bildet wurde, die vom Vesuv kommt. Noch heute bauen die Türken mit einem ähnlichen Zement und einer ähnlichen Erde als Binde¬ mittel, wie es die Erde vom Vesuv ist. Dort, wo der Nordwind am häufigsten bläst, sind die Weinkelterei und der Weinkeller angelegt. Die aus Ton gemachten Weingefäße sind noch vollständig erhalten. Auch sehen wir die Waschküche usw. Einzelne abgebrochene Stücke zeigen uns die Farben der Wandmalerei, die den Farben der pom- pejanischen Wände sehr ähnlich sind. Wir sehen auch eine Sklaven¬ kaserne, wo die unglücklichen, Gott weiß wo zusammengefangenen Menschen hier lebten und die Arbeiten in den Weingärten verrichteten. Die Villa soll bis zum siebenten Jahrhundert wohlerhalten gewesen sein. Später haben Kalkbrenner die lose gewordenen Steine in einem Kalkofen gebrannt und so dieses unvergleichliche Denkmal römischer Kultur und Kunst zerstört. Und wenn man nun bedenkt, daß fast vor 2000 Jahren ein römischer Senator in seiner roten Toga, umgeben von herrlichem Luxus, ein Sohn einer höheren Kultur, als wir sie heute genießen, hier auf dieser Terrasse stand und daß sein Auge, so wie unseres heute umherstreifte über ein blühendes, fruchtbares Land, über dieses blaue Meer, und daß all dies Werk durch so viel Jahrhunderte in Trümmer lag, daß die unvergleichliche Insel ein ungesundes und unbebautes, menschenleeres Land war, so muß man mit Bedauern zurückblicken auf jenen klassischen Geist und auf jenes für immer zerstörte Zeitalter. Und rings um diese trauererfüllten Ruinengemäuer und dieses Wahrzeichen des Todes und des Unter¬ ganges flöteten die Nachtigallen Gesänge, wie sie damals den im Glanze seines Reichtums befindlichen Gajus Laecanus Bassus er¬ freut haben. Und mitten in das Flöten der Nachtigallen ertönen von ferne von dem hohen Campanile von Dulcigno herab Glocken¬ klänge: die Kirchenglocken sind die Nachtigallenstimmen der frommen Menschen. Sie läuten zu Gottes Preis und Ehre und es ist merk¬ würdig, daß so wie die Tiere mit der Stimme ihren Schöpfer Preisen, auch die Menschen, wenn sie ihrem Dank zu Gott Ausdruck geben 13 wollten, sich des Gesanges und der Musik bedienten. Und die so¬ genannten Ambrosianischen Gesänge, die wir so oft in der Kirche hören, sind nichts anderes wie Loblieder, die bereits 1000 Jahre vor Christi den Apollo gepriesen haben. Der heilige Ambrosius, der noch als Heide und römischer Statthalter von Mailand zum Bischof ge¬ wählt worden war, hat sie in unseren Ritus eingeführt. Aber noch viel älter ist der Glockenklang, mit dem die Menschen mit Gott sprechen. In Benares werden heute noch Glocken geläutet, die Tausende von Jahren dein Herrn Lob und Preis singen wie hier die Glocken in den: Campanile. Der Unterschied zwischen jenen Glocken, die den Heiden als Sprachrohr zum Himmel dienten, und den Glocken der Kirche des Dorfes ist ein großer. Hätte Gajus Laecanus Bassus schon damals diese Glocken gehört, er, der hartherzige Sklavenbesitzer, der seinen Wohlstand und seine üppige Prachtentfaltung der Sklaverei verdankte, der Arbeit von Menschen, die, ohne eine Schuld begangen zu haben, dem lieben Vieh gleichgestellt wurden, so wäre seine Villa nie in Trümmer gefallen und die ganze Kultur der Insel hätte sich bis zum heutigen Tage erhalten. Aber weil sein Wohlstand und seine Macht auf den Wunden von Tausenden von Menschen aufgebaut war, und nichts als Seufzer zum Himmel drangen, deswegen mußte diese Kultur und diese Villa zerfallen. Und gerade dieses Kirchenglocken¬ läuten, welches die Herzen der Menschen immer und immer wieder an die göttlichen Gesetze mahnt und welches die Menschheit zu jenen Höhen geleitet hat, wo das Glück aller und die freie Entwicklung als das höchste irdische Gut gilt, hat diese Kultur und diese Villa zerstört, um etwas Neues zu errichten, was wir eben in der nächsten Nähe sehen, und was uns Paul Kupelwieser geschaffen hat. Menschliches Wohlleben ohne Sklaverei, ohne durch zehnfaches und hundertfaches Leiden erzeugt zu werden. Er hat den Zutritt zu den reinen Freuden der Natur der Nachtigalleninsel allen Menschen eröffnet, damit sie im stillen Frieden, fern von dem Rausche der Welt, fern vom Laster und vom Neid sie genießen können.- Hinter den großen Hotelbauten steht ein graues Kastell. Im 15. Jahrhundert hat die Republik Venedig nach dem Zusammen¬ bruche des römischen Reiches das erstemal den Versuch gemacht, Brioni wieder zu bevölkern. Die Nachtigalleninsel sollte lebendig werden und da ging ein Herold in Pola herum und verkündete, daß 14 jeder, der ein Paar Ochsen hat, mit Land in Brioni beschenkt wird. Damals wurde dieses Kastell gebaut und ein venetianischer Edel¬ mann begründete dort sein beschauliches Schloßleben. Er war der Herr dieser Insel, ihm allein gehörte diese Pracht, die weit ringsherum sich ausdehnt, ihm ganz allein. Damals war Brioni heilig. Denn nach der alten Auffassung der Griechen, Kelten und Germanen ist die Unberührtheit dasjenige, was den Hain oder dieJnsel heilig spricht. Auch die Mohammedaner betrachten das Unberührte für heilig und verbieten jeden Zutritt, wenn sie etwas heilig erhalten wollen. Und tatsächlich, so sehr dieser Begriff paganistisch sein mag, auch wir Adeligen empfinden die von Menschen unberührten Stätten als heilige Stätten und sehen darin, daß die Menschen irgendwohin strömen, eine Entweihung. Die ganze aristokratische Institution ist ein Paganismus und alle unsere anerkannten ritterlichen Vorurteile sind heidnischen Ursprungs und widersprechen den christlichen Grund¬ sätzen. Der Christengott empfindet durch die Berührung mit Menschen nicht nur keine Entheiligung, sondern im Gegenteil, er fühlt sich ge¬ priesen und angebetet durch die Bewunderung, die die Menschen der Schönheit der Natur, die er erschaffen hat, entgegenbringen. So sehen wir in diesem alten Kastell eine andere Zeit, eine andere Auffassung des Lebens, im Gegensatz zu dem Hotel, welches seine Pforten allen öffnet, die müde sind, oder deren Herz verwundet ist, und die Herkommen, die Sonnenstrahlen zu schlürfen und in den Wundern der Nachtigalleninsel zu baden. Ich war auf drei Ostertage hergekommen und am letzten dieser Tage stand ich zum Abschied hoch oben auf dem Fort Tegetthoff, von wo aus man rings alles übersehen kann. Da fiel ein dumpfer Kanonenschuß vom „kort Lrioni minore" und andere folgten immer wieder und vor mir mitten durch deir Azur des regungslosen Meeres glitt eine weiße Jacht, die „Lacroma", dahin, die den Thronfolger von Miramar nach Pola brachte. Und nun schossen die im Hafen liegenden Kriegsschiffe Salven ab, ein Symphoniekonzert, welches die irdische Macht vertonen soll. Seit Pulver erfunden worden ist, wird es nicht nur dazu benützt, Schrecken und den Tod zu verbreiten, sondern auch, um die Freude zum Himmel zu schießen. Jedes große Fest wird durch Pöller- und Gewehrschüsse gefeiert. Besonders im Orient können wie das Festschießen überall bemerken. Aber hier war es nicht nur ein Freudenschießen, sondern auch eine militärische Huldi- 15 gung, eine Ehrenbezeigung. Und es mutete mich merkwürdig an, diese weiße „Lacroma," die wie ein Osterlämmchen aus Zucker im Sonnenlichte schimmerte, in den brüllenden Pulverdampf hinein¬ fahren zu sehen. Und so bescheiden und lieblich sie war, mußte man doch daran denken, daß dort, auf ihrer Brücke der oberste Komman¬ dierende unserer gesamten Wehrmacht stand. Sie, die kleine, friedlich und freundlich grüßende, war jetzt die Trägerin des obersten Willens unseres Millionenheeres und unserer Flotte. Es ist wohl das herr¬ lichste Gefühl auf der Welt, das Gefühl der Macht. Daß der Wille eines einzigen schwachen Erdenmenschen Millionen mit einem Wink in Bewegung setzen kann, gehört zu den höchsten Errungenschaften der Kultur. Denn nur aus einer so festen Organisation heraus können große Werks geschaffen werden. Die höchst entwickelte Herrscher¬ prärogative auf dem Gebiete des Kriegswesens ist die erste Voraus¬ setzung zur großen Machtentfaltung eines Volkes. Darin liegt die Stärke und die Unzerstörbarkeit des monarchischen Prinzipes. Auf den Schultern eines obersten Kriegsherrn ruht eine kolossale Verant¬ wortung, das öffentliche Wohl fordert die höchste Entwicklung seines Pflichtgefühls, da jedes unüberlegte Wort grenzenlosen Schaden an¬ richten kann, jede Schwäche, jede Friviolität, jede Ungerechtigkeit ein uneinbringliches Verhängnis schaffen kann und darum ist das Schicksal jener, denen Gott das Glück der Macht gegeben, kein beneidenswertes. Die „Lacroma" verschwand im Hafen von Pola und ich kehrte ins Hotel zurück zum blauen Meer, zum blauen Himmel, voll vom blauen Glück und blieb statt drei Tage drei Monate in Brioni. sZ sü 11. April. Eine Fahrt nach Montenegro. Aus hoch aufschäumenden Wogen des offenen Meeres zog der Dampfer still hin in die friedliche Flut der Bocche di Cattaro. Vor uns liegt das meerumlächelte Castelnuovo, ein kleines Städtchen am steilen Abhangs der aufstrebenden kahlen Berge. Und wie der erste Flaunr die rosigen Wangen des heranreifenden Jünglings über¬ zieht, so grünt leise der erste Frühling dort in den zerklüfteten Spalten 16 der dunklen Felsen. Und milde hüllt die Sonne, aus ringsherum dicht geballten Wolken scheinend, das regungslose, freundliche Städtchen in wärmende Strahlen ein. Gegenüber liegen Kriegs¬ schiffe und wiegen sich in dem in den Hafen hereinbrechenden Wellenschlag. Noch stumm, aber zum Brüllen bereit, ruhen die drohenden Geschütze in den Türmen, und vor uns öffnet sich der Schlund der Bocche, mitten im hohen Gebirge hineingeschnitten, einer Lanze gleich, die in das schwellende Fleisch der Erde gestoßen wurde. Wie auf grünen Kissen, lautlos, zog das Schiff an den vielen, an der Küste zerstreuten weißen Häuschen vorbei. Und nun verengt sich die Bucht derartig, daß sie einstens hier mit Ketten geschlossen werden konnte, weshalb sie noch heute „le oatene" heißt. Erst nach Pasfierung dieser Meerenge betreten wir die Bucht von Cattaro. Blau wie die Wunder wirkenden Augen einer goldgelockten Jnsel- königin, spiegelt sich diese in Bergriesen regungslos gebettete Flut. Mitten drin liegen zwei Miniaturinselchen und träumen von längst vergangenen Zeiten. Auf der einen steht eine Kirche und auf der andern ein wie zum Himmel strebendes zypressenumschattetes Häuschen. Noch eine Biegung — und vor uns liegt Cattaro am Fuße eines 1774 in hohen Berges, des Loveen, hinter grauen Mauern zu¬ sammengerückt. Es hat die engsten Gäßchen und kleinsten Plätzchen, ganz so wie in Venedig. Es wechselte viele Herren in seinem langen Leben. Zur Römerzeit ein Piratennest, später eine byzantinische Feste, normannisch, serbisch, ungarisch, venezianisch und zum Schlüsse österreichisch. Das letztere merkt man, denn es gibt hier mehr Soldaten als Einwohner. Ein kleiner Wagen, mit zwei mageren, kleinen Pferden be¬ spannt, wird für die Reise nach Cetinje gemietet. Außerhalb der Stadt ist der montenegrinische Markt. Hier also beginnt psychologisch Montenegro. Nur Frauen beteiligen sich an dem Markte, wo Gemüse, Eier, Lämmer und Klaubholz die Haupthandelsartikel bilden. Viele von den Frauen sind schwarz gekleidet, trauernde Witwen oder Töchter gefallener Krieger. Es sind schlanke Frauen mit stolzer Haltung. Es gibt zumeist Schwarzäugige mit dunklem Teint, die Madonnen¬ gesichter mit ernsten Zügen und mit einer großen Resignation im Aus¬ druck haben. Weiße Zähne schimmern beim Reden hervor und die dunklen Flechten fallen, vom Winde gefächelt, auf die hohe Stirn. 17 Gekrönt wird das Bild mit der farbigen, kleinen Mütze, wie sie der schottische Soldat trägt. Dann gibt es auch Blonde. Sie haben ein wasserblaues Auge mit dem Ausdruck großer Offenheit. Ihr Haar ist aschblond und fein. Im allgemeinen haben alle wenig Busen. Sie machen den Eindruck einer edlen Rasse, geradezu als ob sie einer Noblesse angehören würden. Und sie tragen dieses Merkmal nicht ohne Grund. Das montenegrinische Volk vermischt sich seit Jahrhunderten nicht mit andern Rassen; es ist also ein Produkt engster Inzucht. Der Mann arbeitet nicht, sein Handwerk ist das Kriegsgewerbe. Die Arbeit verrichtet die Frau. Die Ehrbegriffe des Volkes sind höchst entwickelt. Gibt es etwas Höheres auf diesem Gebiete als die Blutrache? Die Ehre dieser Frau, die hinter ihrem Bündel Holz oder Gemüse saß, war heilig. Stolze, bewunderungswürdige Bettler! Der Monte¬ negriner läßt seine Frau unbewacht, aber wer ihr zu nahe tritt, den tötet er ohne Pardon. Das ist eine geradezu himmlische Institution. Wie schön muß diese Liebe in den Bergen sein, wenn der Liebende weiß, daß er mit jedem Kuß sein Leben opfert! Da tun die Küsse wohl, und umgekehrt muß der Schuß, den die Eifersucht abgeschossen, und der das Herz des Verführers trifft, auch ein herrliches Gefühl auslösen. Die Blutrache ist wild, unchristlich, aber namenlos edel. Als hier in Cattaro ein Montenegriner wegen Blutrache angeklagt war, verteidigte er sich glänzend. Er sagte: „Ihr Herren Richter versteht uns Hirten aus den Schwarzen Bergen nicht. Alles, was wir besitzen, sind kleine Herden und eine anständige Frau, die wir in ihrem zartesten Alter heiraten und durchs Leben begleiten, bis sie stirbt. Das ist unser einziges Glück in den kleinen, steinernen Hütten mit den Strohdächern. Und diese Frauen müssen wir un¬ gehütet stundenweit mit der Herde in die Berge schicken. Da können wir die Ehre unserer Frauen nicht anders verteidigen als mit der Waffe in der Hand." Und die Frauen aus den Schwarzen Bergen sind prächtige Frauen. Sie steigen schnurstracks über mächtige Fels¬ blöcke, beladen wie Tragtiere, die schroffen Abhänge empor. Auf der Fahrt sah ich sie in einem Tempo, schwerbeladen, die Felsen er¬ klettern, daß ich meinen Augen nicht traute. Der Wagen braucht von Cattaro nach Cetinje sieben Stunden. Die beladenen Weiber machen es in vier. Um eine Handvoll Eier in Cattaro zu verkaufen, macht sie diesen Marsch. Kleine Buchenhölzer werden von den Sternberg, Adria-Stimmungen. 2 18 Frauen in den ungangbarsten Gegenden gerodet, zerstückelt, in Bündel geschlichtet und nach Cattaro getragen. Dort bietet sie ihr Tagewerk für achtzig Heller aus. Gelingt es ihr nicht, das Holz zu verkaufen, dann hat sie die Wahl, mit dem Bündel den Lovöen hinaufzuklettern oder den hier wartenden Wucherern um zwanzig Heller das Tagewerk zu überlassen. Ich glaube, daß dieses Existenzminimum der Montenegriner selbst bei nichteuropäischen Völkerschaften tiefster Kultur kaum gefunden worden ist. Das bekannt niedrigste Existenzminimum der Hinduparias dürfte in den letzten Jahren das der Montenegriner übersteigen. Das Existenzminimum eines Volkes ist für die ganze Beurteilung desselben das wichtigste Moment. Hohe Existenzminima begleiten hohe Kulturen, niedrige die niedrigen. Montenegro ist aber deshalb so interessant, weil das niedrigste Existenzminimum mit verhältnismäßig hoher Kultur gepaart ist. Wir haben es also mit einer ganz ungewöhnlichen Erscheinung zu tun, die ich nur noch bei dem Burenvolke gefunden habe. Ich fuhr über einen endlosen Serpentinenweg eine senkrechte Wand auf einer ausgezeichneten Straße empor. Der Bau dieser Straße muß viel Geld gekostet haben. Man begegnet fortwährend Truppen, die im Schweiße ihres Angesichtes, mit Saumtieren an der Hand, Übungen machen. Es gibt eigentlich kein Österreich im wahren Sinne des Wortes. Aber so locker das Band auch ist, das all die Nationen und Religionen verknüpft, in der Uniform kristallisiert sich der flüssige Staatsgedanke und wird greifbar. Der Soldat an der bedrohten Landesgrenze in voller Arbeit begriffen, seine Kriegs¬ tüchtigkeit zu vermehren, hat auf mich erhebend gewirkt. Ich habe den Schweiß, der den armen Teufeln von der Stirne rann, im Namen des ganzen Vaterlandes gesegnet. Die kleinen Pferde zogen und zogen den morschen Wagen hinauf. So klein und mager sie waren, so leistungsfähig sind sie. Ich ließ halten, um ihnen eine Rast zu gönnen. Ich betrachtete die un¬ gepflegten Tiere und blickte ihnen ins Auge. Im Auge eines Pferdes erkennt man wie bei den Frauen ihre Abstammung. Man vergleiche das Auge eines Pinzgauers mit dem eines Arabers oder eines Vollbluts. Und diese kleinen Pferde haben unter den langen, staubigen Wimpern kleine Vulkane. Wer weiß, ob nicht ein Ahne von diesen Rossen von Griechen im Stadion gelenkt 19 worden ist oder mit den Rosse tummelnden Argivern, wie Homer sie nennt, am Krieg um Ilion teilgenommen hat. Und wer weiß, was dieses Pferdeblut von den Normannen erzählen könnte und von den Kriegen der Venezianer gegen den Halbmond. Ja, wer weiß! Die Augen der Pferdchen sprachen Bände und noch mehr ihre kolossale Leistungsfähigkeit. Als ich so dastand, unter meinen Füßen den blauen Atem der Bucht im letzten Lichtgerinne der Sonne, die von großen dunklen Wolken bedroht war und weit, weit darüber das Meer, das grüne und stahlgraue, sah, und weit und breit nur Steine, da schlug mein Herz zum Himniel empor, erfüllt vom Danke für den Schöpfer dieser Erde. Ringsherum kletterten Schafe die steilen Abhänge aus und ab. Hunde singen zu bellen an mit demselben Organ, wie die Heriers zu bellen pflegen. Bei näherer Betrachtung sah ich eine frappante Ähnlichkeit mit ihnen. Das ist der Hund, den Lenophon beschreibt, den die Griechen für die Jagd verwendet haben. Er unterscheidet sich vom mohammedanischen Hund gewaltig. Die Rasse des moham¬ medanischen Hundes, die von den Ufern des Indus bis nach Marokko sich verbreitet hat, ist der sibirische Spitz, während dieser Hund, den ich da sah, ein echter Herier ist. Wenn man nun die Blutströme dieses Hundes untersuchen würde, wohin würden sie uns führen? In jene glänzende griechische Kulturepoche, wo die Jagd, der Sport seinen Höhenpunkt erreicht hat. Und hinter einer Herde stieg ein rot gekleideter Junge einher, das Haupt mit jener kleinen, runden montenegrinischen Mütze bedeckt. Ich redete ihn böhmisch an und unterhielt mich mit ihm. Ich staunte über seine Kennt¬ nisse. Geistig aufgeweckt, bescheiden, ohne Unterwürfigkeit und doch respektvoll, war jener glückliche Hirtensohn aus dieser reinen Luft, die dem Atem des Meeres und der Berge entstammte, von einer reinen Mutter und-von einem Vater, der sein Leben für seine Ehre einsetzte. Ich fuhr die endlosen Serpentinen weiter und es kamen graue, dichte Wolken dahingezogen und hüllten mich ein. Es wurde kalt und feucht. Diese schlimmen Wolken sind die Ernährer des kahlen Landes. Und während ich sie verfluchte, weil sie mein Auge erblinden machten, segnet sie das Volk, das diesen kalten, nassen Tropfen sein Brot verdankt. Ich erreichte endlich nach vierstündiger Fahrt die Paßhöhe. Von dort führt der Weg herab. Hier muß die Heimat 2* 20 der Troglodyten gewesen sein, die mit großen Felsblöcken um sich warfen. Ich habe viele ähnliche Landschaften gesehen. In Südafrika mit seinen Felswundern, am Kap der guten Hoffnung, die Berge und Gletscher des ärmsten Nordens in Spitzbergen und Norwegen, die Berge des Himalaya, Afghanistans, die Felsklüfte des Engadins, aber so ein Panorama wie hier sah ich noch nie. Man stelle sich eine Grotte wie einen Pelz, mit dem Fell von innen nach außen gewendet, vor. Die Kreide der Steine ist vom Wasser wie in der Grotte auf der Oberfläche glatt gewaschen. Es hat sich eine glänzende schwarze Kruste auf den Steinen gebildet, als ob sie mit einem dunklen Ton überzogen wären, und alles ist tief zerklüftet, pittoresk und romantisch. In den trichterförmigen Mulden, Einstürzen uralter Zeit, wird der angeschwemmte Humusboden bebaut, Feldchen von einigen Quadrat¬ metern bilden den heiligen Besitz der Hirten. Und auch diese heiligen Felderfleckchen liegen jetzt brach und unbebaut. Der Krieg hat den Anbau verhindert. Kaltem Gestein abgerungener warmer Boden, vom Schweiß vieler Generationen gedüngt, liegt traurig und un¬ bebaut, weil das Blut der Besitzer ferne Schlachtfelder tränkt. Die Wagen rollen und rollen durch das Land der Troglodyten hinab in ein Tal. Liebliche, weiß schimmernde Häuschen blinken in dem neuerstandenen Sonnenlicht. Njegus, der Geburtsort des Königs, breitet sich vor uns aus, das „Benares von Montenegro". Sechshundert Einwohner und dreizehn Kirchen. Benares hat tausend Kirchen, aber die dienen dreihundert Millionen Menschen als Wall¬ fahrtsort. Die dreizehn Kirchlein von Njegus, die drei Popen be¬ dienen, liegen zerstreut im Tal, so wie friedliche Häuser und Hütten. Da begegnen wir einem Popen mit seiner Tochter. Der Monte¬ negriner ist immer rasiert, nur der Pope trägt einen Vollbart. Der Hirtenpope hat kein geistliches Äußeres. Ich hätte ihn eher für einen General in Parade gehalten. Schlank und elastisch, direkt militärisch, geht er einher, und neben ihm ein Zedernmädchen mit einer edlen Gestalt. Ihr Stumpfnäschen ragte keck in die Luft aus den blendenden Wangen heraus. Und unter großen Wimpern, wie sie nur Rehe haben, leuchtet ein dunkler Blick fragender Augen heraus. Aber auf der Stiru liegt der Ausdruck einer feindseligen Empfindung. Haß wohnt in ihrem kleinen, reinen Mädchenherzen; Haß gegen all die, die ihr armes Vaterland um die Früchte des vergossenen Blutes ihrer Brüder bringen wollen. Und der Haß dieses Kindes, einer duftigen Blüte 21 dieses unberührten Landes, so berechtigt er auch sein mochte, tat mir weh. Ihr Geist, ihre Seele war nicht hier. Der begleitete die Brüder im orthodoxen Glauben auf das Schlachtfeld. Und all die, welche die Wunden dieser Brüder nicht wie Altäre achteten, die hieher kamen, zu nehmen, was sie bereits ihr Eigen nannten, haßte sie, die verachtete sie, das Zedernmädchen mit den funkelnden Augen, für welche wer weiß wie viele dort drüben gefallen sind oder noch fallen werden. In Njegus hat meine Ankunft etwas Staub aufgewirbelt, trotz¬ dem es die ganze Zeit geregnet hatte. Hier ist die Zollstation und man wird sehr sorgsam untersucht. Man muß seinen Namen angeben, ein Verhör bestehen und die Visitenkarte abgeben. Ein österreichischer Graf zu dieser Zeit war nicht gerade der erwartete und erwünschte Gast. „Wo ist Ihr Paß?" fragt mich ein bärtiger Zollrevisor. Ich erwidere, daß bisher kein Paß an dieser Grenze verlangt wurde. „Ja," sagt der Revisor, „in so schweren Zeiten müssen Sie sich legi¬ timieren." Er begann ein Verhör und als er erfuhr, daß ich tsche¬ chischer Abgeordneter gewesen war, ließ er mich anstandslos durch. Er führte mich ins Hotel, das daneben stand und war nun sehr freundlich mit mir. Er sprach Böhmisch, Deutsch, Englisch und Französisch, war ein Ingenieur und hier wohl seiner Sprachenkenntnisse wegen an der Zollgrenze angestellt. Im Hotel sah ich den ersten Verwundeten. Die Frau, die mich bediente, war sehr hübsch, und ich sprach mit ihr, nicht ohne ihr ein bißchen zu schmeicheln. Kann ich denn überhaupt anders? Dieser kleine Flirt zog den Gatten herbei, einen bild¬ hübschen, jungen Mann im Alter von dreißig Jahren. Stanko Vrbica kam nun mit verbundenem Arm ins Lokal. Ich sprach mit ihm und war recht verwundert, als er gut Englisch zu sprechen begann. Bei dem letzten Sturm in Tarabosch hatte eine Kugel ihm den Arm unter der Handwurzel in der Mitte durchgeschlagen, un¬ mittelbar neben der Schlagader. Er hielt instinktmäßig beim Vorwärts¬ stürmen die Hand schützend vor und wurde so von innen nach außen getroffen. Sein Aussehen war so brillant wie seine Laune. Er schien erfüllt von Selbstbewußtsein. Mittlerweile waren die in Njegus zurückgebliebenen Männer dahergekommen. Die Alten schauten alle wie der König Nikita aus, der hier geboren wurde. Sein Haus ist ein Bauernhaus mit vielleicht hundert Metzen Feld am Ende des Ortes. Die Mutter des Königs hat auch wie die andern 22 Frauen von Njegus Holz in Bündel am Rücken nach Cattaro getragen. Jetzt ist sie die Urgroßmutter des Kronprinzen von Italien. Für diese Herrscherfamilie eine glänzende Blutauffrischung. Wenn man bedenkt, daß der Sturz der Dynastien in der Regel viel weniger wegen der Verhältnisse erfolgt als wegen der Eigenschaften der Herrscher, so kann man dem Hause Savoyen nur gratulieren. Der Grund der allgemeinen Deposition ganzer Familien, wo immer sie regiert haben, ist darauf zurückzuführen, daß im Wege der Inzucht Eigenschaften gezüchtet wurden, die zum Untergange führen müssen, und zwar Rücksichtslosigkeit, Unversöhnlichkeit, blinder Jähzorn, Geiz und grenzenlose Undankbarkeit. Das sind die Ausläufer einer durch Jahrhunderte gezüchteten Willkür. Ein an des Thrones Stufen Ge¬ borener hat nie den Kampf um das eigene Dasein geführt, er hat nie gegeben, um zu bekommen, er hat immer alles mehr als er wollte bekommen, daher muß er rücksichtslos, undankbar und geizig werden. Er ist weiter durch Jahrhunderte nie auf Widerspruch ge¬ stoßen. Also erfaßt ihn der Jähzorn sofort, ohne daß die bei uns ewig zügelnde Erziehung diese mildern würde. Prinzen werden durch Jahrhunderte dressiert, aber nie erzogen. Und das Furchtbarste ist die Unversöhnlichkeit. Diese unterwäscht den stärksten Thron. Das Geheimnis eines glücklichen Regenten ist es, zu verzeihen. Jede ingezüchtete Dynastie hat eine Lebensdauer sowie alles auf der Welt. Haben sich die durch das Herrschen gezeugten Charakter¬ fehler so gesteigert, daß die Unzufriedenheit größer wird als das Prinzip der Gravitation, die Trägheit, vertragen kann, stürzt das Herrscherhaus. Man nehme Karl X. von Frankreich, von dem Talleyrand nach seiner Rückkehr aus dem Exil gesagt hat: „II u'a rieu oubliä et rieu axpris." Er hat nichts verziehen, was man ihm an¬ getan hat und nichts bezüglich der Fehler gelernt, die zur Revolution geführt haben. Die Dynastie war eben fertig. Die Rettung von dem Untergang ist die Mesalliance, die vollständige Blutauffrischung. Statt sie zu verbieten, muß man sie gesetzlich fordern. Ich würde ein Gesetz machen, daß Mitglieder eines Herrscherhauses keine Ver¬ wandten bis zum vierten Grad heiraten dürfen. Wir Monarchisten haben ein Recht auf tüchtige Männer auf dem Throne. Wenn ich hier dieses Bauernhaus sehe und die Leute betrachte, deren Blut nun in den Adern der Herrscher rollt, so erfüllt es mich mit großer Be¬ friedigung, nicht als Demokrat, sondern als überzeugter, moderner 23 Monarchist, der der Sache dient, der aber nicht Weihrauch allen über¬ lebten Anachronismen streut. Die Pferde waren gefüttert, der Kutscher hatte sein letztes Glas Schnaps geleert. Ich bestieg den kleinen, recht verwitterten Wagen, und wir rollten weiter. Wieder beginnen Serpentinen, und man fährt hoffnungslos wie der selige Sisyphus empor. Die Blicke schweifen aus Njegus hinab über ein Panorama nie gesehener Schönheit. Sowie jene aus Pappendeckel verfertigten Karten für Kriegsspiele, grau sieht es sich von oben aus an und zum Verwechseln ähnlich. Bor uns türmen sich schneebedeckte Berge aufeinander. Die grauen, dichten Wolkenmassen wälzen sich darüber, und der Regen strömt. Kein Lebewesen kreucht und fleucht weit und breit. Das sind die Schwarzen Berge in ihrer wahren Stimmung. Traurig, sonnenentrückt, fern vom Leben und der Freude. 1274 Meter steigt die Straße empor. Oben, ganz oben eröffnet sich ein herrlicher Blick. Wie eine Offenbarung tritt das schimmernde Silberschild des Skutarisees mitten in die Szenerie, und die Pferdchen beginnen zu traben. Einzelne Sonnenstrahlen drängen sich durch, und man fühlt, daß das Ärgste überwunden ist, daß man wieder in die Sphäre des Lebens tritt. Und bald begegnet man Herden und Menschen, wieder sieht man bebaute Fleckchen in den Mulden und dabei die niedrigen Steinhütten mit Strohdächern, und so geht es von Serpentine zu Serpentine herab. Buchenbüschel, die zu grünen beginnen, beleben hie und da das Steinmeer. Schwere Wagen, mit drei Pferden be¬ spannt, kommen uns entgegen. Sie führen weiße Kisten, alle gleich groß, mit Munition für unsere Grenze den Berg hinauf. Ein merkwürdiges Gefühl beschleicht mich bei diesem Anblick. Und dann öffnet sich ein Tal, sagen wir ein Talkessel, sonnenfroh, grün, lächelnd, friedlich, und es schimmert ein großes, weißes Dorf uns entgegen, wie wir es in der Hanna oder in Böhmen dort an den Elbeufern zu sehen pflegen. In einem kleinen Weiler wird mir ein kleines Bauernhaus gezeigt, die Resideuz des Ministerpräsidenten. Also da wohnt der Mann, der allen Großmächten den Schlaf aus den Augen reibt. Eine herrliche, breite Straße führt mich in die Hauptstadt Monte¬ negros. Und links von der Straße liegt ein Friedhof. Dort schlummern sie, die jetzt für ihr Vaterland gefallen sind. Keine Goldgitter, keine riesigen Denkmäler, die Monumente des Reichtums, sieht man da. 24 Nein, viele, viele Kreuze, ganz niedrig und bescheiden. Wieviel Schmerz, wieviel schreckliche Kämpfe um den letzten Atemzug liegen da begraben, und niemand hielt die Hand der Tapferen, wenn sie sich im Todeskampf wanden. Niemand sprach ihnen ein Wort des Trostes und der Hoffnung zu. Tagelang im Regen lagen sie dort, verschmachtend vor Durst und zitternd vor Kälte. Und schwarz ge¬ kleidete Witwen knieten hier und beteten. Die Toten hatten die blutgetränkte Erde des Schlachtfeldes vertauscht mit der tränen¬ getränkten des Friedhofes. Des montenegrinischen Weibes einzige Habe ist ihr Mann, und der war tot. Er starb, um seinem Volke Ruhm, Macht und Wohlstand zu bringen. Er gab alles her, sein Leben und das Glück seines Weibes und seiner Kinder. Der erste Eindruck, den wir bekommen, ist der denkbar beste. Cetinje ist sehr rein. Die Reinlichkeit ist das Merkmal der Kultur. Schon in Cattaro fiel mir die Reinlichkeit auf. Wo kann das Hirten¬ volk diese Pflege der Reinlichkeit her haben? Cetinje ist ein echt slawisches Dorf, so wie unsere Slowaken-Kroaten-Dörfer. Eine lange Häuserzeile. Der Platz, wo der König und seine Familie wohnen, ist bereits moderne Zutat. Die Häuser sind einstöckig. Ich fuhr zum Hotel, welches den Namen Grand Hotel führt. Dort versammeln sich die Europäer aller Nationen, Journalisten, Legationsmitglieder, Touristen und Abenteurer. Der interessanteste Gast ist eine Eng¬ länderin namens Mrs. Durham, ein prächtiges Exemplar der angel¬ sächsischen Rasse. Sie ist vom englischen Balkankomitee ausgesendet. Das, was sie mir in kurzer Zeit gesagt, ist so objektiv, so richtig und dabei so edel empfunden, daß ich nicht umhin kann, sie zu erwähnen. Sie muß einen wahren Straußenmagen haben, da sie schon sechs Monate hier leben kann. Und was das heißt, ein Straußenmagen, wissen die wenigsten. Ein Strauß kann nämlich alles fressen. Im Burenkrieg schossen wir einmal einen Strauß, als alle Lebensmittel ausgingen, der wenigstens ein Viertelkilo Steine und Eisenstücke im Magen hatte. Er soll sich das in aufgeschlossenen Diamantenminen gesammelt haben. Es störte ihn aber weiter gar nicht in der Ver¬ dauung. Bald versammelte sich das europäische Cetinje zur lüdie ä'üöts. Es war der kritische Tag, wo die Frage gelöst werden sollte, ob der König nachgibt, oder ob Skutari weiter gestürmt wird. Als wohl¬ unterrichteter Mann habe ich diesen Tag meiner Ankunft gewählt. 25 Hier im Kreise der hohen Diplomatie stand man unter dem Eindruck des Bluffs des leidenschaftlichen und kühnen Königs. Wohl ist es die Kühnheit eines Desperados gewesen. Eben hatte ein Kronrat stattgefunden, und man wußte noch nicht, was beschlossen wurde. Zwei Offiziere, die am andern Ende des Tisches saßen, sollen gesagt haben, morgen werde Skutari gestürmt. Eingeweihte bezweifeln es. Unsere österreichische Diplomatie verhält sich in ihrem Urteil reserviert. Die Diskretion verbietet mir, die verschiedenen Anschauungen der Vertreter der Mächte wiederzugeben. Der am klarsten sehende, nüchternste war der bulgarische. Dieses Balkanpreußen hat ein fabelhaftes Material auf allen Gebieten. Wo ich mit einem Bulgaren zusammenkomme, fällt mir dies auf. Es scheint, daß der König seine Leute zu wählen weiß. Tüchtige Leute gibt es überall, aber die Kunst ist es, sie zu finden und sie an die richtige Stelle zu setzen. Wenn man aber immer den Bock zum Gärtner macht, dann ist das Material, das zur Verfügung steht, nicht daran schuld. Man ging zeitlich schlafen. Mein Unglück war, daß eine Henne um vier Uhr ihr Ei gelegt hatte. Sie gackerte so laut, so rastlos, daß ich nicht mehr schlafen konnte, und der stolze Vater krähte in Inter¬ vallen dazu. Am Vormittag besuchte ich unfern Gesandten. Er ist ein in den diplomatischen Dienst übernommener General. Vater, Großvater, Urgroßvater hängen an der Wand, lauter treue Diener unserer Dynastie und unseres Vaterlandes, Soldaten von Maria Theresia bis heute. Sein Großvater und mein Vater waren Waffenbrüder. Seine Gemahlin ist die Tochter des gewesenen Statthalters von Dalmatien. Auch sie blickt auf eine lange Kette von Vorfahren im Dienste des Vaterlandes zurück. Was soll ich mehr sagen? Ich war zum Gabelfrühstück eingeladen, an dem alle Mitglieder unserer Legation teilnahmen. Es war eine herrliche Abwechslung nach dem bisher genommenen Schlangenfraß. Ich bewundere diese Herren. Drei Jahre, dreieinhalb Jahre in Cetinje begraben zu sein wie der Gesandte und der Militärattache Hauptmann Hupka, das ist kein Spaß. Die meisten Leute halten es nicht mehr als vierundzwanzig Stunden aus. Ich war eine große Ausnahme, weil ich achtund¬ vierzig Stunden hier blieb. Dann besuchte ich das große Militärspital. Die Kasernen waren 26 ganz in ein Spital umgewandelt. Die Pflege besorgten fünf böhmische Ärzte und Pflegerinnen. Dr. Rychlik, der Chefarzt, ist ein sehr liebenswürdiger Mann. Ich stellte mich ihm vor und er führte mich in allen Sälen herum. Die Verwundeten sind nach den Affären gruppiert. Der erste Saal enthielt die Verwundeten von dem Sturm auf den Tarabosch. Leute, die durch den Kopf geschossen worden waren, hatten bereits rote Backen. Durch Leber, Magen, Nieren Geschossene aßen Suppe und Rindfleisch. Alle waren kreuzsidel, und ihr Blick hing liebend und dankbar an den Lebensrettern, den Ärzten. Ein ganz merkwürdiger Fall. Ein Mann, dem eine einzige Kugel den rechten Oberarm, die Luftröhre, den linken Oberarm und den Oberschenkel durchschossen hatte. Wie er zusammen¬ gekauert lag, wurde er so durchschossen. Der Mann ist in der besten Laune. Fünf Tage war er im Regen gelegen, bevor man ihn auf¬ gehoben hatte. Ich sah mir jeden einzelnen von den hier liegenden achthundert Schwerverwundeten an. Von sechzehn Jahren bis zweiundsiebzig fielen sie dem feindlichen Feuer zum Opfer. Vater und Sohn lagen nebeneinander. Die Ärzte, ob es nun ein dicker, runder, jovialer oder ein ganz magerer war, sie lebten mit den Ver¬ wundeten in einer rührenden Seelengemeinschaft. Ich füge noch hinzu, daß diese Leute ohne Ausnahme ihr Schicksal mit erhabener Ergebung trugen. Nur einer war traurig, der vor Jahren sein Auge in einem Gefechte verloren hatte und dem nun das zweite ausge- schofsen worden war. Ich bestieg ein Auto und fuhr an die Ufer des Skutarisees nach Rjeka. Auf einem Punkte, genannt Belvedere, angelangt, sieht man vor sich den herrlichen See. Weit, aber noch mit freiem Auge sichtbar, liegt Skutari und der Tarabosch, ein dunkler Hügel, wo die einen um den Sieg, die andern um das Leben und ihre Habe kämpfen. Die Sonne schien prächtig auf das Mauthaus von Skutari. Der Friede lag über der Erde und über den Gewässern. Und doch waren Tausende dort gefallen, und Fünfzigtausend zittern täglich in der Stadt um ihr Leben. Nicht einem sollte Pardon gegeben werden, das wissen sie. Und es vergeht Tag um Tag, und die Welt schaut zu, die große Christenheit, die sonst eine so laute Sprache spricht, selbst wenn irgendwo ein Neger ermordet wird. Ich kann diese Passivität nur einen europäischen Skandal nennen. Hier die Gegend bei Rjeka ist herrlich. Es scheint die Sonne des Ostens und des 27 Südens dahin. Dieses Land erinnert mich frappant an Jericho mit dem Toten Meere. Der Abend war der Konversation gewidmet. Eines habe ich unter dem Siegel der Verschwiegenheit erfahren: Die Sache Skutari ist erledigt. Ich wollte nämlich einen Sturm mitmachen und wendete mich Kraft meiner Beziehungen an maßgebende Personen, mir es zu gestatten. Ich erfuhr, daß der Sturm nicht mehr stattfinden werde. Also ziehen wir heimwärts. Denn um Hammelfleisch zu essen, bin ich nicht hergekommen. Wieder goß es morgens in Strömen. Ein Gewitter mit Donnerschlag weckte mich heute auf, nachdem die Henne entweder kein Ei oder wo anders es gelegt hat. Diesmal führt mich ein Sechzigpferdiger nach Cattaro. Oben an der Wasserscheide an¬ gelangt, leuchtet fern das Meer stahlgrau, wie immer, wenn es schlechter Laune ist, was bei blauäugigen, Wunder wirkenden Frauen auch der Fall ist. Aber so wie bei blaue Wunder wirkenden Frauen, auch wenn sie noch so schlechter Laune sind, ein kleiner Lichtstrahl der Hoffnung scheint, so fiel, ganz an: Horizont, die Sonne in die Wellen, und ein spiegelheller, dünner Streifen leuchtete verheißend herauf: Die Hoffnung. m H! sl Cat taro, 4. Mai 1913. Vor den Pforten des Krieges. In Brioni lächelte die blaue Himmelsfreude in die sonnenfrohe Insel, als die alarmierendsten Gerüchte aus Pola eintrafen. Ich ließ meine Sachen packen und fuhr wieder nach Cattaro. Die vier Wochen, die seit meiner Abreise von hier verstrichen waren, haben in der Bucht in Cattaro den damals wütenden Sturm besänftigt, die drohenden Wolken zerstreut, die Felsen in ein frisches, grünes Kleid gehüllt. Der „Baron Gautsch" zog triumphierend in die Bocche ein, voll von friedlichen Gedanken, als beim Einbiegeu bei Castelnuovo Dampfbarkassen mit der Kriegsflagge heranfuhren. Ein schwarzes „k" in der goldgelben Fahne ließ erkennen, daß es sich um die Post für die Eskader handelte, die bei Teodo in Bereitschaft lag. Und als 28 wir weiter fuhren, sahen wir die drei Schlachtschiffe der Erzherzog¬ klasse, einige Torpedos, den großen Frachtdampfer „Nippon" ruhig daliegen. Und hinter ihnen am Land den gelben Fesselballon, der nachts immer aufstieg, um zu rekognoszieren. Die Dächer von Teodo glänzten wie Bleiplatten und alles leuchtet morgensonnegebadet im frischen Grün. Am Ufer zieht an vielen weißen Häusern eine Straße dem Meer entlang. Dort herrscht ungewöhnliches Leben. Soldatenabteilungen führten Saumtiere am Zügel, andere mar¬ schierten mit dem Tornister in rhythmischem Schritt daher, Wagen mit Munition fuhren in langen Reihen. Reiter sprengten dahin. Also hier begann der Krieg. Friedliche Häuser, rasch zu Kasernen adaptiert, tragen den stolzen Doppeladler und weiße Zelte sieht man blinken, Soldaten im Errichten von Schanzen sich üben. Es war diesmal wirklich ernst geworden. Gerüchte gingen an Bord um, daß eben ein Befehl in Cattaro eingelangt war, daß alle Offiziers¬ frauen die Stadt räumen müßten. Je näher wir dem Ziele kamen, desto mehr Wagen mit Hausrat und Barken voller Möbel begegneten uns. Endlich erschien der Lovöen mit seinem weißen Haupt vor uns, und die Serpentinenstraße, die nach Cetinje führt, blitzte im Sonnenlicht. Da drüben hinter dem kahlen Rücken lauerte der schußbereite Feind unseres Reiches. Die Forts und Blockhäuser, die sonst wenig Beachtung finden, bilden nun die Hauptpunkte des Interesses. Bon ihrer Kraft und Ausdauer hing das Schicksal Cattaros für die nahe Zukunft ab. Wie zum Sprung bereite graue Katzen liegen sie flach am Boden und harren der Dinge, die da kommen sollen. An den zwei kleinen Inseln St. Georgio und Madonna Scalpello fuhren wir vorbei. Die eine trägt eine byzantinische Kirche, die andere eine venezianisch-gotische. Die erste liegt ganz frei da, die andere von Zypressen umstellt, verbirgt sich keusch und sendet nur den alten grauen Turm zum Himmel, dessen drei Glocken stumm in der gotischen Nische hängen. Diese beiden Inseln, Kontraste im Stil, stellen den Frieden in heiliger Einsamkeit dar. Aber unser Blick bleibt nicht au ihnen hängen, er schweift weit ab in die eben aus der Bucht herüber¬ grüßende Stadt Cattaro. Was für Neuigkeiten werden wir dort erfahren? Das Schiff legt endlich an, und wir stürzen ans Land. Statt daß wir nun hören, was die nächste Zukunft bringt, erwarten uns zahllose Neugierige mit fragenden Augen. Was bringt ihr uns 29 Neues? In Cattaro wußte man nichts. Cattaro hat ein großes Interesse, etwas zu erfahren, weil es das erste und vielleicht das einzige Opfer im Falle eines Krieges sein würde. Die Truppen hatten die Stadt verlassen, die Offiziersfrauen folgten dem Befehle und verließen sie mit ihrer Habe, und die Ein¬ wohner schüttelten darob das Haupt. Ich eilte in das Hotel „Graz" und suchte dann meine hier erworbenen Bekannten auf. Die einen, die wir fragten, und die ein gutes Herz mit reiner Einfalt verbanden, gaben zu, sie wüßten nichts. Andere aber machten sehr ernste Ge¬ sichter und sprachen wie Traumdeuter. Das endgültige Resümee des Tages war, bis Montag müssen wir auf die Entscheidung warten. Die von den Truppen entblößte Stadt Cattaro war sehr traurig. Man sah nur schwarz gekleidete Leute mit Zylinderhüten. Bald darauf hörte man einen Trauermarsch und ein Leichenbegängnis näherte sich dem kleinen Hauptplatze. Voran schritt ein weiß gekleideter Knabe mit einem wunderschönen silbernen byzantinischen Kreuz. Und sozusagen, die ganze Stadt folgte einem Sarge, welcher die Leiche eines Kindes barg. Der Vater dieses zwölfjährigen Knaben war der beliebteste Arzt der Stadt und er folgte dem Sarge, gebrochen an Leib und Seele. Der erschütternde Tod dieses Kindes hatte die ganze Stadt in Trauer versetzt, am Vorabende eines Krieges, der Tausende der wertvollsten Söhne unseres Vaterlandes fordern wird und vielleicht den Untergang von Cattaro bedeuten kann. Und die Musikkapelle intonierte einen Trauermarsch, der so ergreifend wirkte unmittelbar vor den Pforten des Krieges, weil jeder Ton uns die Wunden malte, die morgen, übermorgen in nicht voraussehbarer Zahl bluten werden. Wenn ein einziges Kind soviel Trauer und Schmerz erweckte, wieviel Schmerz und Trauer wird der kommende Krieg mit sich bringen. Mit diesem Gedanken beschäftigt, ging ich zum montenegrinischen Markt und dort standen Gruppen von Frauen und unterhielten sich. Sie hatten kleine, weiße Lämmchen und Zicklein für die Pfingst- feiertage von den Bergen heruntergebracht, um sie hier zu verkaufen. Diese Lämmlein, die Symbole der Liebe und Unschuld, standen ahnungslos da und schauten erstaunt in die Welt, ohne zu wissen, daß im nächsten Augenblicke das Messer des Schlächters den kaum geborenen Lebensfaden abschneiden wird. Und vor ihnen standen die Frauen in ihren malerischen Trachten da und plauderten. Und 30 auf ihren Gesichtszügen konnte man die dunklen, unheilschweren Ahnungen ablesen. Ihr Frauenherz erfaßt die Größe des drohenden Verhängnisses. Ja, das Frauenherz ist die höchste Spitze der Schöpfung, ob es nun in der Liebe zum Mann oder zum Kind schlägt. Und so wirkte auch hier die Mutterliebe wie ein flammendes Schwert, diese höchste Entwicklung der menschlichen Selbstlosigkeit. Für wieviel Söhne zitterten diese schwarz gekleideten Frauen, die aus den Schwarzen Bergen kamen, aus deren schwarzen Augen dicke Tränen rollten. Für uns Männer ist der Krieg eine Freude, ja, ich kann sagen, für mich die größte Freude. Aber welch eine Gottesgeißel ist er für die armen Mutterherzen. Hoch über den Bergen erschienen gegen Abend graue Wolken, langgezogen und klebten an den kahlen Hängen. Die feuchte Lust wurde kalt und rauh, und die Dunkelheit senkte sich besonders schwer auf die tiefe Bucht nieder. Glocken läuteten italienische Weisen, der Regen fing an zu plätschern, Fischerboote mit hochgespannten Segeln glitten aus dem Hafen, und die wenigen Spaziergänger eilten durch das Stadttor nach Hause. Ich blieb noch einen Augenblick und meine Augen hoben sich zum Loveen empor, wo über der Stadt die alte venezianische Festung sich geisterhaft abhob. Tausend Jahre liegen in Stein gehauen vor uns. Hier steht das Denkmal des Krieges an den Pforten des Krieges. Immer wieder und wieder kämpften die Völker um den Besitz dieses blauen Paradieses. Und wer es besessen, der befestigte es mit uneinnehmbaren Mauern. Der mensch¬ liche Genius hat aber alles wieder überwunden, was sich ihm in den Weg gestellt hatte. So auch die Uneinnehmbarkeit dieser Festung. Sie ist eine Reliquie geworden, ein Spielzeug, so wie alte Rüstungen und Waffen. Und wie ich so über das Vergängliche von Pracht und Macht nachdachte, blitzte das Licht eines Scheinwerfers auf. Das Auge des Krieges, der vor den Pforten stand, leuchtete in die dunkle Nacht hinein, und das unheimliche Licht zog langsam über das starre Gerölle, über die kahlen Klüfte und dumpf erdröhnte wie eine drohende Stimme, ein Donnerschlag fern im Osten. Es prasselte der Regen, und es blitzten die Scheinwerfer. Das Gewitter verzog sich, aber bei Morgengrauen kehrte es wieder. Um ^10 Uhr erwartete uns ein Motorboot, um uns nach Teodo zu bringen, wo mich der Admiral und Kommandant der Eskader zum Essen eingeladen hatte. Das Gewitter war davongezogen, 31 weit weg nach Albanien, nach Janina, dem alten Dodona, wo Zeus seine Blitze einstens auf die Erde geschleudert. Die Barkasse fuhr an der grünen Küste der Bocche vorbei, die eben ihr lachendes Antlitz dem Süden, der Heimat der liebenden Wärme, zeigt. Und da wuchert die Kraft des Lebens im saftigen Grün der Maulbeerbäume, und dazwischen sieht man anspruchslose, bescheidene, graugrüne Ölbäume. Die Barkasse wendet sich nun nach dem Südwesten in jenen Teil der Bocche, wo Teodo liegt. Mitten in Maulbeerbäumen, 200 Meter über dem tiefblauen Meer, liegt ein Dorf. Uber dem Dorfe reichen Weingärten bis zu 700 Meter über den Meeresspiegel. Endlich erreichten wir Teodo, unseren südlichsten Kriegshafen. Vor uns liegt der demontierte „Kaiser Max", der als Wohnhaus dient. Wir besichtigen die Hangars, die Flugapparate und werden dann in den Marinepark geführt, den der verstorbene Admiral Baron Sterneck angelegt hatte. Dieser Park mit seinen Palmen, Fieberbäumen (Eukalyptus), Pinien, Zypressen und sonstigen tropischen und halb¬ tropischen Gewächsen ist ein grünes Juwel. Und er wird erst herr¬ licher werden, bis die Bäume heranwachsen. Hier erzählte uns ein Marineoffizier, daß vor zwei Tagen zwei Leute aus dem Volke ein regelrechtes Messerduell ausgefochten haben. Und zwar hatte sich in der Trattoria ein Streit zwischen beiden entwickelt, bei welchem der eine unserem Kaiser, der andere dem König Nikita die Stange hielt. Darauf zogen sie die Messer und der Verfechter unseres Kaisers stach den Anhänger Nikitas nieder, welcher tot zusammensank. Man muß weit reisen, um einen so fest überzeugten Schwarz-Gelben zu fänden, und der verbüßt nun sein Lebensende im Zuchthaus. Neben dem Park erhebt sich das Kastell des Grafen Lukovic. Es ist eine genaue Kopie des Kastells in Brioni und stellt so den echten Typus jener kleinen Schlösser der Nobili aus dem 15. und 16. Jahrhundert dar. Die Lukovic sind eine glte autochthone Familie dieses Landes, und seit ihre Waffen in der Kammer rosten, betreiben sie Weinbau und Weinhandel. Jetzt war es Zeit, an Bord des „Erzherzog Karl" zu gehen, wo uns der Admiral erwartete. So ein modernes Kriegsschiff ist wohl das größte Wunderwerk der menschlichen Technik. Die ver- wickeltsten Probleme sind in Stahl gegossen und ein kleiner Griff an eineni Hebel verrichtet zahllose Tonnenmeter Arbeit. Ein mystisches Dunkel herrschte unter Deck. Ich fragte warum und erhielt zur Ant- 32 wort, ja weil Kohle gespart werde, um die Auslagen soviel als möglich zu drücken. Das freute mich als Steuerzahler sehr, daß man so viel Sinn für unseren viel bedrängten Steuersäckel in der Marine entwickelt. Wir gingen in die Panzertürme und der Anblick der zum Abfeuern bereiten Riesengeschosse löste gewaltige Empfindungen aus am Vorabend des Krieges. Ich habe solche Geschütze in Tätigkeit im Burenkrieg gesehen. Ich kenne die Melodien, welche die Granaten von dieser Größe singen können. Die menschliche Natur gewöhnt sich an alles. Zum Schlüsse schliefen wir auch beim heftigsten Bom¬ bardement friedlich. Unsere Marine ist eine herrliche Waffe, gesund und auf der höchsten Höhe. Nur ausgesuchtes Menschenmaterial aus allen Königreichen und Ländern, Leute, die schon vor der Assen¬ tierung einen Beruf gewählt, der sie für die Marine qualifiziert, sind verwendet. Und man sieht nur wohlgenährte und zufriedene Gesichter. Das ist eine Freude, so ein Schlachtschiff zu besichtigen, wo nicht nur die Kraft unseres Reiches, sondern auch das Glück wohnt. Wir kehrten nach Cattaro zurück. Die Sonne warf große, lichte Streifen auf die kahlen Felsen und auf das blaue Meer. Wir fuhren knapp am Ufer dahin, wo Kirchlein neben Kirchlein stand. Und heute am Sonntag läutete und läutete es überall und die Glockenklänge tönten über die Berge zum Himmel empor. Man sah Soldaten arbeiten, marschieren, üben, ungeachtet des Sonntags. Auf den Straßen führten Wagen Möbel aller Art. Die Flucht war im besten Gange. Am Kai sahen wir bei der Ankunft türkische Soldaten stehen. Baron Binder von Kriegelstein sprach mit ihnen. Es waren arme Teufel in zerfetzten Kleidern, und der eine hatte in Ermangelung einer Kopfbedeckung ein Tuch um den Kopf. Es waren Gefangene der Montenegriner, die eben entflohen sind. Sie erzählten, wie glücklich sie waren, als sie die österreichischen Forts erblickt hatten. Abends, als wir bei Tische saßen, erzählte uns ein Offizier eine gute Geschichte. Seit Jahren kommt ein Professor der Naturgeschichte hieher und sammelt Käfer, Schlangen und Kröten. Die ortsübliche Gendarmerie kannte ihn genau und ließ ihn ruhig gewähren. Dieser Professor kam nun wieder und ohne Rücksicht auf die bestehenden Verhältnisse ging er seinem gewohnten Berufe nach. Eines Abends sah man unter dem Lichtstrahl eines Scheinwerfers einen Mann, der um die wichtigsten Forts Bomben legte. Die Gendarmerie wurde sofort verständigt und es begann der Kampf mit dem ge- 33 fährlichen Mann. Und als man in seine Nähe kam, sah man, daß er einen höchst verdächtigen Gegenstand am Rücken trug, den die Gendarmen noch nie gesehen haben. Es war nämlich die Botanisier¬ büchse. Die Gendarmen überlegten, ob sie ihn niederschießen sollten oder gefangennehmen. Das letztere war deswegen angezeigter, weil man dadurch eventuelle Komplizen entdecken konnte, da der Mann sicherlich nicht allein ausgegangen war, auf eigene Verant¬ wortung Bomben zu legen, sondern ein Mitglied einer weit ver¬ zweigten Bande sein mußte. Die Gendarmen umzingelten ihn und stürzten sich von rückwärts auf ihn, bemächtigten sich seiner Arme und fesselten ihn mit brutaler Gewalt. Ergriffen die Botanisier¬ büchse, öffneten sie und es krochen Schlangen, Kröten und Käfer heraus. Die Gendarmen sahen, daß sie sich geirrt hatten, und daß sie es nicht mit einem Bombenleger zu tuu hatten, sondern mit einem Hexen¬ meister, wie er nur in den aufregendsten Romanen vorzukommen pflegt. Jin Augenblick dieser Erkenntnis prügelten sie diesen Mann windelweich, um Geständnisse über seine Hexerei und Giftmischerei zu erpressen. Umsonst erklärte der Professor, daß er Sardinenbüchsen in den Boden gebe, damit die Käfer und Insekten hineinfallen und so gefangen werden, die Gendarmen schenkten ihn: keinen Glauben. Er wurde von einem Fort zum andern geführt und alle seine Ver¬ wünschungen und Drohungen halfen ihm nichts. Erst als der Kom¬ mandant der Gendarmerie in Cattaro das gefährliche Individuum selbst besichtigte und in ihm seinen Freund, den Professor, erkannte, erst da konnte er befreit werden. Und so war dieser Mann der Wissen¬ schaft das einzige wirkliche Opfer des Krieges, der zwischen Öster¬ reich und Montenegro auszubrechen gedroht hat. Gestern um Mitternacht, als tvir noch das Dalmatinergläschen schwangen, erreichte eine Nachricht mein Ohr. In Cetinje wurde heute nachgegeben. Ich saß mit vier Kriegskorrespondenten, von denen zwei den türkisch-bulgarischen Krieg mitgemacht hatten. Ihre Trauer war groß, denn der Krieg ist ihr Brot. Die zwei anderen hatten den Krieg nur im Telegraphenamt mitgemacht, die freuten sich wieder sehr. Die wirklichen Kriegskorrespondenten sind nur etwas wert, wenn es losgeht, die anderen, bevor es losgeht. Der eine von diesen, ein genauer Kenner des Balkans, jeder Person und jedes Ortes, war unerschöpflich im Sondieren, Fragen, Telegraphieren usw. Diesmal aber erfuhr er die wichtigste Neuigkeit erst am nächsten Tag, Sternberg, Adria-Stimmungen. Z 34 weil er den Dalmatinerbecher nicht schwang, sondern schlief. „In vivo veritas" heißt es mehr denn je vor den Pforten des Krieges. in m sH 6. Mai. Als der Friede ausgebrochen war. Wie im März der Schnee zu tauen beginnt und rasch unter den Strahlen der Frühlingssonne zerschmilzt, so schmolz der Ernst der Situation über Nacht zusammen. Gestern noch schien der Krieg eine unabwendbare Tatsache zu sein, heute sah man bereits das englische und italienische Rote Kreuz aus Cetinje eintreffen, die Ärzte ver¬ schiedener Nationalitäten heimkehren und schaulustige Touristen dafür nach Cetinje fahren. Der Friede war eben heute ausgebrochen. Ich ging bei schönstem Wetter mit dein Kommandanten der Gendarmerie spazieren und da ereignete es sich, daß der neu angestellte Schinder den Hund des Herrn Major, der keinen Maulkorb trug, vor seinen eigenen Augen einfangen wollte. Man kann daraus erkennen, daß die rohe Soldateska nicht mehr die unumschränkte Gewalt ausübte und daß das bürgerliche Gesetz, wie es sich im Frieden gehört, wieder die Zügel der Regierung an sich gerissen hatte. Eine große Reihe von Wagen, welche den Tag vorher Möbel und Einrichtungsstücke weggeführt hatte, kam mit denselben schwer beladen wieder in die Stadt hineingefahren. Alle Leute waren der besten Dinge, bis auf die Kriegskorrespondenten. Die Enttäuschung derselben war groß. Denn endlich und schließlich, ihr Brot ist der Krieg. Ein großer eng¬ lischer Dampfer fuhr eben in den Hafen von Cattaro ein. Männer, Frauen und Jungfrauen landeten in Massen und überschwemmten das kleine, bescheidene Cattaro. Diese Touristen waren die Boten des Friedens, dem,, wenn eine einzige Rakete gedroht hätte, loszugehen, wäre keiner von ihnen gelandet. Denn der Erdenmensch des 20. Jahr¬ hunderts liebt sein Leben über alles. Die ganze Kultur bewegt sich auf der Linie des Schutzes des Menschenlebens. Hygiene und Therapie, der Kampf gegen die Bakterien, gegen die Elemente, gegen die Bosheit der Mitmenschen wird fortschreitend siegreich geführt. Aber doch, hinter dieser Bewegung lauert der böse Geist des Krieges. Und während auf der einen Seite die Technik und Wissenschaft alles 35 aufbietet, um das Menschenleben zu schützen, stellt in: Reiche des Krieges derselbe Mensch die Technik und die Wissenschaft in den Dienst der äußersten Gefährdung des Lebens, in den Dienst des Mordes und der Zerstörung. Die Indier haben für diese beiden Richtungen Gottheiten sich geschaffen, den Brahma und den Schiwa. Und hier konnte man so recht in diesem Augenblicke den Gegensatz bemerken, der zwischen der friedlichen Arbeit und der drohenden Kriegsgefahr liegt. Und so, wie oberhalb des schneebedeckten Loveen der Winter seinen letzten Kampf mit der wuchernden Vegetation führte, so führte in den Schwarzen Bergen der Geist des Friedens seinen letzten Kampf mit Schiwa, dem Gott des Zerstörens. Ich verließ Cattaro auf einem ungarischen Dampfer, der den Namen „Zenta", einen ruhmreichen Namen jener Schlacht führte, die die Kraft des Halbmondes, der Europa und die ganze Kultur bedrohte, für immer zum erstenmal gebrochen hat. An Bord der „Zenta" traf ich einen Musensohn, einen Priester Apollos, einen berühmten böhmischen Komponisten. Es stellte sich heraus, daß er ein typischer österreichischer Staatsbürger war. Von einem tschechischen Vater, der aber kaum tschechisch sprechen konnte, geboren, in Täbor erzogen und begeisterter nationaler Tscheche geworden, während sein Bruder zu einem fanatischen Deutschnationalen sich entwickelt hatte. Heute war er ungarischer Staatsbürger, weil er behufs Wiederverehelichung als katholisch Geschiedener die ungarische Staatsbürgerschaft erlangen mußte. Sein Onkel, der Bruder seines Vaters, war als italienischer General gestorben, nachdem er im Jahre 1848 unter Klapka als Honved gedient hatte. Er fuhr nun auf einem ungarischen Schiff, wo man sich nur iu italienischer Sprache verständigen konnte. Dieses kleine Bild illustriert die konfusen Verhältnisse in unserem Reiche. Man kann ruhig sagen: „O Turin Babel, dein Name ist Österreich." Aber mag es nun so oder so sein, schön ist unsere Heimat, und zwar nirgends so schön wie hier in der Bocche di Cattaro. Und sie führte heute ein wirkliches Friedensfest auf. Kein Trompeten¬ schmettern mehr wie vorgestern, kein Kommandoruf erscholl, die Truppen rasteten um die zerstreuten Häuser. Und während mein Auge sich noch vorgestern nur mit den Forts beschäftigte, hatten diese jedes Interesse jetzt verloren. Dafür aber begeisterte ich mich für die beiden Inselchen St. Georgio und Madonna Scalpello. Diese un¬ vergleichlich idyllisch gelegenen Inselchen, das eine mit einem byzan- 3* 36 tinischen, das andere mit einem gotischen Kirchlein, gehüllt in blaue Gebärden, gehören zu den schönsten Dingen, die ich in meinem Leben gesehen habe. Die ganze Bocche gleicht einem norwegischen „Fjord", aber nicht so eisig und kalt und ernst wie dieser, sondern voll von der Wärme der Liebe und des Lebens. Ebenso still, so vornehm, so felsen¬ prächtig, aber mild, grün und von schimmernden Dörfern und Häusern bewohnt. Und so schön und friedlich sich die Bocche auch ausnimmt, ist sie doch zu allen Zeiten die Wiege des Krieges gewesen. Und überall, wo das Auge hinschweift, sieht man Befestigungen aus alleri Zeitaltern. Ein wunderschönes Fort erhebt sich wie eine Königs¬ krone auf dem Berge hinter Kastell Nuovo. Der einzige bosnische König, den es je gegeben hat, Twrdko, hat es im Jahre 1373 hier erbaut. Und am Ausgang der Boccche, an den beiden Landzungen, leuchten Forts wie grinsende Zähne eines Bären ins Meer. Einst mögen sie Schrecken eingejagt haben, heute sind sie wertlos geworden, denn mit wenigen Schüssen aus den Geschützen der Dreadnoughts würden sie in einen Schutthaufen verwandelt werden. Die moderne Technik hat die Widerstandskraft des Steines überwunden. Der Stahl und der Beton ersetzen den Felsen. Wir fuhren an der dalmatischen Küste entlang, an vielen Inseln und herrlichen Felsbildungen vorbei bis nach Ragusa. Ein licht¬ graues Steinmeer ragt aus der dunklen Felsenküste empor wie ein großer Adlerhorst. Ein Wald von Quadersteinen, tiefer Ernst, um¬ lagert die hohen Zinnen, diese Wahrzeichen altersgrauer Geschichte. Und die Sonne spielt wie mit einem bewaffneten Knäblein mit der schimmernden Festungsmauer und spiegelt ihr Bild bis in die tiefsten Tiefen des blauen, friedenmurmelnden Meeres. Ragusa ist eines der jüngsten, aber schönsten Töchterchen der Monarchie. Es hat eine glorreiche und besonders interessante Vergangenheit. Es war eine Rivalin des allmächtigen Venedig und konnte sich trotzdem behaupten, was allein an ein Wunder streift. Die Griechen, welche alle schönen Erdenplätzchen besiedelt haben, haben auch hier festen Fuß gefaßt. Die Korinthier gründeten im Jahre 590 vor Christo eine Stadt an dieser Stelle und nannten sie Epidaurus nach jenem Epidaurus, welches Äskulap bei Argos gegründet hatte. Und es ist auch hier ein Äskulaptempel gefunden worden. Es ist merkwürdig, daß allmählich mit dem Sinken des Götterglaubens in der klassischen Zeit die Verehrung zweier Götter immer mehr in den Vordergrund 37 tritt, die Verehrung des Äskulap und der Venus. Das hängt damit zusammen, weil die alten Äskulaptempel eine Art Ordinations¬ zimmer für Ärzte waren und daß die Venustempet die fremdfreund¬ lichen Mädchen, wie sie Pindar nannte, beherbergten. Der klassische Römer und Grieche litt unter denselben Erscheinungen wie der jetzige moderne Städter, er war nervös, geistig verbraucht und huldigte allen Lastern. Und so suchte er Stätten auf wie wir heute, um durch Sonnenschein, durch den Frieden des Nichtstuns und durch den Gebrauch heilbringender Wässer seine Gesundheit wieder her¬ zustellen. Lucius Appuleius schreibt, daß er bis nach Persien gereist ist, um dort einen Badeort aufzusuchen. Ragusa wurde also als Luftkurort begründet, schwang sich aber bis zur Hauptstadt Illyriens zur Zeit des Kaisers Diokletian, des größten Förderers Dalmatiens, empor. Der Zug der Römer nach dem Osten ist eines der merkwürdigsten weltgeschichtlichen Ereignisse. Schon Julius Cäsar trug sich mit dem Gedanken, die Hauptstadt des Reiches nach dem Osten zu verlegen. Der Grund, warum die Römer nach dem Orient tangierten, lag in der höheren Kulturstufe, welche im Osten zu finden war. Griechenland, Ägypten, Kleinasien, Syrier: und Persien standen kulturell und wissenschaftlich turmhoch über Rom. Jetzt sehen wir die umgekehrte Bewegung, den Zug nach dem Westen, und zwar aus denselben Gründen, weil die Kultur im Westen eine höhere ist. Der Zug der Römer nach dem Osten führte über Dalmatien. Und so hat dieses Land hier zu einer Zeit die Segnungen der größten Zivilisation genossen, wo in unserer Heimat noch Sümpfe und Urwälder die Behausungen wilder Völkerschaften bildeten. Nach dem Untergang des römischen Reiches kam aller¬ dings eine Periode des Unglücks über Dalmatien. Die Avaren zer¬ störten im 7. Jahrhundert Epidaurus und lehrten damit die Einwohner dieser Stadt, sich für die Zukpnft gegen ähnliche Überfälle zu schützen, sie lehrten sie solche Befestigungen zu bauen, daß die Stadt unein¬ nehmbar wurde. Und die nach dem Avareneinfall begründete Re¬ publik konnte sich, so klein sie war, bis in das vorige Jahrhundert erhalten. Und so kann man sagen, daß sich wohl kein Fleckchen Erde einer solchen Vergangenheit rühmen kann wie Ragusa. Byzantiner, Slaven und Venezianer griffen Ragusa ohne Erfolg an. Wir sehen da eine Kraftentfaltung mit den geringsten Machtmitteln, wie kaum wo anders auf der Welt. 38 Die Republik Ragusa war eine Adelsrepublik so wie Venedig und hatte eine der eigentümlichsten Verfassungen, die jemals in der Geschichte bekannt geworden sind. Nicht einmal eine der kleinen griechischen Republiken des Altertums kann eine so demokratische Ver¬ fassung aufweisen wie die Adelsrepublik Ragusa. Es gab auch dort ein „livsro ü'oro" wie in Venedig, „speeoüio" genannt. Nebst diesen Adeligen gab es noch reich gewordene Städter, die sich „Lituäiin" nannten. Diese letzteren waren hauptsächlich Seefahrer und Kauf¬ leute. Die Verfassung von Ragusa erscheint fast lächerlich, wenn mau bedenkt, daß die Staatsfunktionäre an der Spitze der Republik jeden Monat wechseln mußten. So etwas ist ohne Beispiel in der Geschichte. Während der Amtsdauer durften sie das Regierungs¬ gebäude, den sogenannten Direktorpalast, nicht verlassen. Dort war es also nicht wie in gewissen Ämtern bei uns, wo, wenn man um 12 Uhr hinkommt, es heißt, der Herr ist noch nicht da und wenn man dann um 1 Uhr hinkommt, hört, der Herr sei schon weggegangen. Trotz dieser merkwürdigen Institution war die Verwaltung der Re¬ publik Ragusa eine musterhafte und sie förderte nicht nur den Reichtum, sondern auch die Kunst in ganz ungewöhnlicher Weise. In den Tagen der Blüte der italienischen Renaissance stand Ragusa in seiner höchsten Blüte. Und so können wier hier das „eingue eento", wie nirgendswo rein erhalten, bewundern. Ja, Ragusa hat ein besonderes Antlitz, kraftstrotzend und steingepanzert, aber das Herz ist voll von Edel¬ steinen menschlicher Liebe und menschlicher Genialität. Der Glaube hat die Roheit des Kriegshandwerkes wie Sonnenstrahlen den Schnee zerschmolzen. Und der goldene Strom der Frömmigkeit ist in Denkmälern erstarrt, die immer wieder und wieder die Seele der Glücksuchenden bewegen, die sie befruchten und drängen, die Höhen zu erklimmen, wo der Ozon des unbefleckt Schönen die einzige Atmosphäre bildet. Aus diesem Drange und aus der wirklichen Frömmigkeit, die hier gepflegt wurde, ist das ausgezeichnete Ver¬ hältnis der herrschenden Klassen zu den Kmeten, den Leibeigenen, zu erklären. Die Leibeigenschaft in Ragusa dauerte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, was wohl auch eine äußerst merkwürdige Erscheinung ist. Im Jahre 1667 wurde Ragusa durch ein furchtbares Erdbeben heimgesucht. Die Hauptstraße, wo die Paläste des Adels, der sich Salamankesi von der Universität Salamanka, die er zu be¬ suchen Pflegte, nannte, standen, wurde vollkommen zerstört. Dieses 39 Erdbeben begrub mit den Palästen den alten Adel und an seine Stelle traten dann die Citadini, welche bis zur Besetzung von den Franzosen ihre Herrschast inne hatten. Heute ist Ragusa vielleicht das wertvollste Kleinod der ganzen Monarchie. Ich fuhr nach St. Giacomo auf einer wunderbaren Straße, die durch hohe Felsen gehauen ist und die auf eine Anhöhe führt, wo der schönste Ausblick sich uns bietet. Die Straße ist ein Andenken aus der kurzen Herrschaft der Franzosen. Der Marschall Marmont hat in wenigen Jahren für Dalmatien mehr gemacht als Österreich in einem ganzen Jahrhundert. Das herrliche „Fort Jmperiali" am Gipfel des Berges ist ein Wahrzeichen jener Zeit. Heute ist diese wertvolle Stadt unbefestigt und kann von jedermann in einen Schutt¬ haufen geschossen werden. Rings um die Straße herum sieht man tropische Vegetation. Man glaubt sich auf den Monte Reale bei Palermo versetzt. Tief unten liegt ein Kloster, welches im Jahre 1222 begründet wurde, also im selben Jahre wie das erste Franziskaner¬ kloster bei Venedig auf der Insel „8t. I'rnnMseo äi äeserto" erbaut wurde. Der heilige Franziskus erhielt seine Ordensregeln so wie der heilige Dominikus im Jahre 1215 vom Papste bestätigt und zur Zeit, wo dieses Kloster hier entstand, waren bereits 3000 Fran- ziskanermönche an der Arbeit, die christliche Nächstenliebe nicht nur zu predigen, sondern sie auch praktisch zu üben. Es war eine große Zeit, wo die Kirche vom Atheismus auf das härteste bedroht wurde. Kaiser Friedrich II. nannte der Papst, als er ihn mit dem Bann¬ fluch traf, die Pestilenz der Christenheit, weil er öffentlich erklärt hatte, daß es drei große Schwindler aus Erden gegeben hat: Moses, Christus und Mohammed. Damals, wo die kapitalistische Kirche die weltliche Macht an sich gerissen hatte, entstand die Bewegung für die apostolische Armut, die Rückkehr zu der ursprünglichen christlichen Moral, welche theoretisch und philosophisch von Thomas von Aquin und praktisch von: heiligen Franziskus zu Ehren gebracht wurde. Die frommen Brüder haben sich hier ein schönes Plätzchen aus¬ gesucht, als sie das Kloster begründeten. Jetzt liegt es verfallen da und nur ein Schinder wohnt darin. Auch ein Zeichen der Zeit. Die Klöster waren die Kulturstätten jener Epoche, wo das Schulwesen und die Pflege der Barmherzigkeit nicht zur Domäne des Staates, sondern nur der Kirche gehörten. Die kulturelle Entwicklung der Menschheit hat es aber seither dahin gebracht, daß Unterricht, Jugend- 40 erziehung, Armen- und Krankenpflege, Alters- und Jnvaliden- versorgung verstaatlicht worden sind. Und so ist die Tätigkeit der Klöster in den Hintergrund getreten, weil jene Errungenschaften des Christentums Genreingut geworden sind. Hier sehen wir also eine Wiege der Wohlfahrt, jenes heiligen Triebes, welcher die Menschheit auf den Weg wahren, irdischen Wohlergehens siegreich geführt hat. Und wenn der heilige Franziskus oder Dominikus auferstehen würden und sehen würden, daß es keine Sklaverei mehr gibt, daß die Menschen alle gleichberechtigt sind und ein Recht auf den Schutz ihres menschen¬ würdigen Daseins erworben haben, wenn sie die Entwicklung der Wohltätigkeit sehen würden, da würden sie wohl Freudentränen vergießen. Nur einen Wermutstropfen würden sie in dem Freuden¬ kelche finden, wenn sie die Wohltätigkeit derer sehen würden, die unter falschen Vorspiegelungen persönliche Ambitionen und egoistische Zwecke verfolgen, diese modeme Pest der Menschheit. Aber es gibt keine Rosen ohne Dornen und so ist auch die Wohltätigkeit mit den Dornen alter und böser Weiber gesegnet. Die Straße macht eine Biegung und vor uns liegt das alte Epidaurus in einer blauen Bucht. Und mitten im Meere dehnt sich die Insel Lacroma wie ein dunkler Tränentropfen Dalmatiens aus. Ich weiß nicht, warum immer über der Insel ein nebelschwerer Traum schwebt. Ist es das dunkle Grün der Büsche, das von dem Azurblau des Himmels absticht? Man sagt, daß ein Fluch auf der Insel lastet und daß jeder Besitzer eines unnatürlichen Todes stirbt. Die letzten waren Kaiser Max und Kronprinz Rudolf. Jetzt gehört es einem Kloster. Am Gipfel des höchsten Hügels liegt ein Fort, das auch die Franzosen seinerzeit erbaut hatten. Mag sein, daß ein Fluch auf dieser Insel lastet, ich glaube, daß reine Frauenherzen auch den ärgsten Fluch zu brechen imstande sind. Kinderstimmen, edles Leben, in Liebe gehüllt, überwindet das Walten aller bösen Geister und hier mitten im blauen Azur des Meeres kann nur das Glück wohnen, wenn es den Mut hat, die Insel zu betreten. Mein Führer zeigt mir im Garten der Pension Adria eine Grotte des Magiers, namens Bete, der mit seinem bürgerlichen Namen Mathematikus Marinus Ghetaldi hieß. Man sieht, auch Magier haben iknognito gelebt. Nach unserem bürgerlichen Gesetzbuch ist es nur den Prinzen aus Herrscherfamilien gestattet, andere Namen anzunehmen, da sonst jeder andere Sterbliche wegen Falschmeldung verurteilt werden würde. 41 Weit drüben hinter der Stadt neben den: Fort Lorenco sieht rnan ein Gebäude, welches dazu diente, Söhne adeliger Geschlechter zu internieren, wenn sie unstandesgemäß heiraten wollten. Dieses Liebesgefängnis ist auch eine Spezialität Ragusas, die ich nirgends anderswo gesehen habe. Hinter Gittern und Mauern sollte das kranke Herz des unglücklich Liebenden genesen. Es wäre interessant zu wissen, wie viele Liebe dort geheilt worden ist, oder ob nicht gerade die Einsamkeit der Haft die Blüten der Liebe verschönert und duftiger gemacht hat. Die wahre Liebe ist nicht zu brechen, sie ist stärker als alle Bande des Blutes, als alle Mächte des Himmels und der Erde, denn sie ist das unzerreißbare, göttliche Band, welches zwei Herzen in einer Seele verbindet. Das ist die Grundlage unseres katholischen Glaubens, das Sakrament der Ehe. Das Sakrament der Ehe ist nicht ein äußeres Zeichen, sondern es ist das Sakrament der Liebe, der währen Liebe, welche nur durch den Tod gebrochen werden kann. Die wirkliche christliche Ehe kann nur eine Liebesehe sein und wenn die Liebe fehlt, ist es eben kein Sakrament, sondern ein Konkubinat. Wenn nun hier Jünglinge, die unstandesgemäß geliebt haben, ein¬ gesperrt wurden, so ist das eben nur ein Zeichen, daß schon damals der Kapitalismus gegen den wahrhaft christlichen Geist, der keine Standesvorurteile kennt und keinen Opportunismus, gekämpft hat. Ich fuhr in die Stadt zurück durch das Tor korta kile. Es ist ein Juwel ohnegleichen, es ist unversehrt, als ob es heute gebaut worden wäre und dennoch trägt es die heiligen Spuren grauen Alters. In den tiefen Wallgräben sah man zahllose Esel herumgehen. Wie mir gesagt wurde, sind in den letzten Tagen um 10 Millionen Esel gekauft worden, um Montenegro zu erobern. Diese von Österreich zu Kriegszwecken erworbenen Esel konnte ich hier vergnügt herum¬ springen sehen. Das Innere der Stadt Ragusa gleicht einem Schmuck¬ kästchen, rein und sauber und. einzig in seinem freundlichen Aus¬ sehen. Jeder, der hier herumgeht, muß Liebe zu dieser Stadt emp¬ finden. Sie ist so weiß, so still, so stolz und dabei so bescheiden. Sie gleicht einer Braut, die zum Altar geht, mit dem Myrtenkränze auf dem Haupte. Jeder Stein ist ein Denkmal adeliger Gesinnung und ritterlicher Denkungsart. Man kann sagen, Ragusa ist adelig in allen seinen Falten. Stark, mutig, voll von Liebe und Sinn für das Schöne und dabei demütig vor dem Allmächtigen, dem sie die herrlichsten Denkmäler errichtet hat. Und der Herr im Himmel erhört 42 nur die Gebete der Mutigen, die siegreich sind am Lande und aus dem Meere. Mutige Männer und liebende Frauen allein können mit Erfolg beten. Ich betrete die Dominikanerkirche, dieses einfache und dabei doch so bezaubernde Gotteshaus und bei einem Nebenaltar fällt mir das Altarbild auf, das Bild der heiligen Magdalena von Tizian. Sie ist umgeben vom heiligen Blasius, dem Schutzpatron von Ragusa, und von Tobias mit dem Erzengel. Sie steht da und betet mit hoch erhobenen Händen zum Himmel. Den Blick, die Haltung dieser Frau, die so viel geliebt hat, die leuchtende Frömmigkeit, das ewige Licht der Liebe in den Augen gehört zu den schönsten Werken des großen Künstlers. Blaue Augen brennen Inbrunst zu dem blauen Firnrament. Sie, die so viel geliebt hat, sendet ihre Liebe hinauf zu dem Vater der Liebe und alles in ihr bebt, alles schwebt zürn Himmel, und um sie herum glüht es und blüht es wie der Heiligenschein wahrer Liebe. Magdalena, die heilig gesprochene Sinnlichkeit, unterscheidet sich ge¬ waltig von der Venus der Antike. Während die Venus das Prototyp der raffinierten Liebe ist, ist Magdalene jene Sünderin, welche wohl die Tugend im Herzen trägt, bei der aber das Fleisch zu schwach ist und welche nicht deswegen fällt, weil sie mit Absicht der Sünde entgegengeht, sondern weil der Hang zur Liebe stärker ist als ihre moralische Kraft. Und diese Magdalena fällt, aber bereut es und be¬ wahrt daher ein reines Herz voller Tugend, voller guter Vorsätze und einen heißen Leib voller Liebe und Liebeslust. Und deswegen verzeiht ihr Gott der Herr, weil sie so viel geliebt hat. Und ich glaube für nichts besitzt der oberste Richter so viel Barinherzigkeit wie für die Liebe. Und Tizian hat diese tiefe Regung des Herzens erfaßt, er hat sie uns in die heilige Magdalena hineingemalt, die ihre Hände hoch zum Himmel emporhebt, Barmherzigkeit erfleht, weil sie so viel geliebt hat. Und wenn diese Magdalena leben würde, mit ihren blauen Augen und mit ihrem unwiderstehlichen Leuchten, würde der Vater, der im Himmel ist, nicht den rächenden Blitzstrahl herab¬ schleudern, sondern er würde diese Hände, die sie zum Himmel erhebt und die so schön und edel sind, küssen und mit großen, dicken Tränen in den treuherzigen Augen flüstern: „Magdalena, ich vergebe dir." Ich.kehre wieder auf die Hauptstraße zurück, wo große Scharen von Tauben wie am Markusplatze in Venedig girren und flattern. Überall sehen wir Kunstwerke aus der besten italienischen Renaissance- 43 zeit. Die Franziskanerkirche hat Petrara von Antivari 1520 erbaut. Die Dowana, das Münzamt der Florentiner Pascale, ebenfalls im Jahre 1520. Älter ist die Zierde Ragusas, der Rektorenpalast, den ebenfalls ein Florentiner 1388—1424 erbaut hat. Ich rechne dieses Gebäude, welches den Wienern in der Adriaausstellung in wunder¬ barer Nachahmung vorgeführt wurde, zu den besten architektonischen Leistungen der Welt. Ich kann nur sagen: Grenzlos edel und einfach. Die innere Stadt trägt einen ganz orientalischen Charakter. Ich bin an Fez in Marokko erinnert worden. Ein Winkelwerk der engsten Straßen, aber dabei rein und nicht übelriechend. Als ich ins Hotel zurückkehrte, hatten die Engländer, welche mit dem Bergnü- gungsdampfer Caledonia angekommen waren, alles Eßbare weg¬ gegessen. Hungrig eilte ich auf den Lloyddampfer Prinz Hohenlohe und fuhr wieder fort. Ich glaube, daß ich für 16 Stunden Aufenthalt in Ragusa genug erzählt habe. sH 11. Mai 1913. Pfingsten in Venedig. Die Morgenröte des Friedens hatte mich aus den Schwarzen Bergen vertrieben, und auf dem Rückwege nach der Heimat hielt ich mich in Venedig auf. Als ich in den Hafen einfuhr, läutete eine Glocke, jene schwere, große Glocke des Campanile, die „Marangona", die, als der alte Campanile zusammenstürzte, zerbrach und dann aus dem alten Material wieder gegossen worden war. Die „Marangona" war im Jahre 888 geboren und ihre dumpfen Glockenschläge schlugen verheißend durch so lange Zeit an das menschliche Herz. Sie hat geläutet, wenn die goldbeladeney Galeeren hier auf diesem selben Wege ankamen, wenn die ruhmgekrönten Fregatten aus blutigen Schlachten heimkehrten und wenn farbenprächtige Gondelauffahrten hier statt¬ sanden. Und ihre Stimme wechselte je nachdem, wen sie begrüßte. Der Mann, der sie läutete, übertrug die eigene Stimmung auf die Glocke. Wenn das glänzende Gold für die Kaufleute cmkam, da läutete sie so fröhlich, wie wenn ein Kind unter dem Weihnachtsbaume hell aufjubelt. Wenn die siegreichen Schiffe kamen, da rief sie laut hinaus ins Meer: „Gott grüß euch, Gott segne euch, Ihr Tapfersten unter den 44 Tapferen." Und wenn sie das fröhliche, farbenprächtige Schauspiel der festlichen Gondelauffahrt begleitete, da läutete sie tänzelnd, als würde sie scherzen. Aber ihre Stimme begleitete auch kirchliche Amtshandlungen und da läutete sie sanft, mild und weich und man fühlte ihre Demut vor Gott heraus, wenn sie bum, bum langsam zum Himmel rief. Heute, am eben erwachenden Pfingstsonntag, läutete sie zum Sonnenaufgang edle Festesfreude in die Welt. Von hoch oben floß es weithin, das klingende Klagen über alle die erwachenden Lagunen. Seit tausend Jahren läutet sie täglich dem Sonnenaufgang entgegen. Mein Schiff fuhr hinein in den vom Lido umsäumten Hafen Venedigs, und während der junge Tag hinter uns raschen Schrittes emporzog, fing die Stadt vor uns erst aus den Nebeln zu erwachen an. Und weit rückwärts stiegen Berge aus einen: blauen Dunstbade empor ins werdende Lichtgerinn. Endlich hielt der Dampfer gegen¬ über der Piazzetta und vor uns lag der stolzeste Platz der Welt. Der goldglänzende Löwe nut den ausgestreckten Flügeln schaut von seiner griechischen Säule aus uns entgegen als das Sinnbild wilder Kraft, jener unüberwindlichen Macht, deren sich einst Venedig rühmen konnte. Aber von hoch oben, vorn Campanile, leuchtete in Gold sanft ein Engel, der Schutzengel Venetiens. Ja, selbst der Mächtigste kann die Hilfe des Himmels nicht entbehren. Und dieser Schutzengel da oben war der beste aller Schutzengel, denn er hat Venedig, seit es erbaut worden ist, vor Eroberung bewahrt. Welche Stadt auf der Welt kann das von sich behaupten? Und als der Campanile vor elf Jahren znsammenstürzte, fiel er, der hölzerne, reich vergoldete Schutzengel 98 Meter tief herab, ohne sich zu verletzen, ohne den geringsten Schaden zu erleiden. Ist das nicht ein Wunder zu nennen? Und so konnte er wieder auf die Spitze des neuer: Campanile gestellt werden, wo er weiter seines Amtes waltet. Von dem Deck des eben Anker werfenden Schiffes lächelte die Piazzetta herüber in der ersten Sonne wie ein morgenländisches Märchen. Und im Hinter¬ gründe sah man ein Stückchen des Markusplatzes, geradesoviel um aus den schimmernden Farben einer: Begriff seiner Zauberkraft zu be¬ kommen. Eine Gondel führt mich ans Land. Diese schwarze Gondel, deren Urahnen am Nil schon unter den Pharaonen herumfuhren, ist ein Meisterwerk der Technik und dabei voller Poesie. Mit dem 45 römischen rostruin geschmückt, gleitet sie dahin und der Gondolier rudert, indem er sein eigenes Körpergewicht auszunützen versteht. Ja, in Venedig ist alles originell, ein Produkt eines ganz eigenen historischen Entwicklungsprozesses, und der stärkste Konservatismus erhält die Traditionen mit eiserner Faust und schützt sie gegen den einbrechenden Zeitgeist. So wird auch der moderne Benzinmotor ferngehalten und die Stadtväter wachen darüber, daß die langsame, aber historische Gondel nicht verschwindet. Venedig ist eben keine Industriestadt, es ist ein Kleinod, es lebt nicht für seine Zukunft, sondern von seiner Vergangenheit. Als ich die Piazzetta betrat und zwischen den zwei griechischen Säulen hindurchschritt, dachte ich an jenen Nikolas Barattiere, der im Jahre 1172 diese Säule hingebracht und errichtet hat. Er verlangte von der Republik keine Geldent¬ schädigung dafür, nur das Privileg für sich und seine Nachkommen, daß er über den Raum zwischen den Säulen frei verfügen könnte. Er erhielt dieses Privileg und errichtete dort eine Spielhalle. Er etablierte unter dem ausstrahlenden Stolze des venezianischen Löwen die Wiege des Lasters. Hier wurde bis 1520 fleißig gespielt, bis der Doge Andreas Gritti verfügte, daß der Raun: von nun an als Richt¬ platz zu dienen habe. Hier wurden die Verbrecher an den Füßen ausgehängt. Jedes Volk hat seine eigene Art der Hinrichtung. Die Römer schlugen die Sklaven ans Kreuz und warfen Freie und Bürger vom tarpeischen Felsen herab. Die Griechen und Ägypter enthaupteten oder wendeten Gift an. Die Juden steinigten, die Indier verbrannten am Scheiterhaufen. Die Tartaren pfählten, die Böhmen warfen zum Fenster hinaus oder von hohen Brücken hinunter. Die Ger¬ manen stülpten einen Weidenkorb um den Kopf des Delinquenten und steckten ihn in einen Sumpf. Die Inquisitoren verbrannten die Ver¬ urteilten. Auch jetzt, im 20. Jahrhundert, hat jedes Volk eine andere Hinrichtungsmethode. Die alchn Venezianer hingen die gemeinen Verbrecher an den Füßen auf, den besseren steckten sie den Kops zwischen zwei Balken und ließen dann den Körper herabfallen, wo¬ durch der Tod augenblicklich eintrat. Dies dürfte eine der humansten Todesarten sein. So wurde der Doge Marino Falliero hingerichtet. Ich ging nun am neuen Campanile vorbei. Ich hatte noch der: alten Glockenturm gekannt, der 1000 Jahre hier gestanden war und im Jahre 1902 an: 14. Juli auf einmal in sich zusammenstürzte und einen großen Schutthaufen bildete. Man behauptet, im Jahre 1745 hätte 46 ihn der Blitz getroffen. Seither sind die größten Anstrengungen gemacht worden, um ihn lebendig zu erhalten, aber wie man sieht, umsonst. In alten Tagen wurde hier am Campanile ein Käfig auf¬ gehängt, in welchem Mönche ausgestellt wurden, welche sich den Hang zum Ewigweiblichen zuschulden kommen lassen hatten. Wohl eine ganz eigentümliche Art der Bestrafung von Mönchen. Ich betrat nun den Markusplatz und stand vor dem unvergleich¬ lich herrlichen Dom. Kein Mensch war zu sehen, denn Venedig schläft nach uralter Sitte lange. Aber um so schöner war es hier mitten unter den girrenden Taubenscharen. Diese Tauben haben eine Geschichte. Venedig erweist ihnen ihre Dankbarkeit. Als der Doge Dandalo im Jahre 1204 die Insel Kreta eroberte, haben Brief¬ tauben ihm wichtige Meldungen gebracht. Zunr Dank dafür fütterte die Republik die Tauben, welche die Nachkommen jener Brieftauben sind, durch 700 Jahre. Der Markusdom war heute besonders hell von der Sonne erleuchtet und hoch oben sah man den Schutzpatron Venedigs, den heiligen Evangelisten Markus, dessen irdische Über¬ reste die Venezianer aus Ägypten hiehergebracht hatten. Der heilige Evangelist Markus war der eifrigste Mitarbeiter des heiligen Petrus, während sein leiblicher Vetter Barabas der beste Mitarbeiter des heiligen Paulus war. Damals schon gab es zwei Richtungen, die sich gegenseitig bekämpften, und zwar bestand der heilige Petrus darauf, daß das mosaische Gesetz aufrecht erhalten bleibe und der heilige Markus, der ebenfalls israelitischen Ursprungs war, unter¬ stützte ihn darin, während der heilige Apostel Paulus als Römer das mosaische Gesetz außer Kraft setzen wollte. Der Grund, warum Venedig die Überrreste des heiligen Markus hiehergebracht hatte, lag hauptsächlich darin, weil Venedig mit Rom rivalisierte. Rom hatte seinen heiligen Petrus und die Petruskirche, Venedig holte sich den heiligen Markus und schuf die Markuskirche. In Venedig, welches niemals erobert wurde, sehen wir die unbefleckte Kontinuität der alten Antike, welche im übrigen Italien, welches zahllose Male erobert wurde, durchbrochen erscheint. Aber diese Kontinuität des alten klassischen Lebens, der Sitten und Staatseinrichtungen wurde durch den Orient stark beeinflußt. Die Expedition der Venezianer nach Alexandrien gab den Anstoß zu einer neuen Entwicklung. Der heilige Markus brachte seinen Segen mit nach Venedig. Und so wurde die Expedition nach Alexandrien der Anfang innigster Handels- 47 beziehungen zum Orient, wodurch Venedig der erste Handelsplatz Europas wurde und sich zur größten Seemacht emporarbeitete. Also dem festen Glauben verdankt diese Stadt ihre ungewöhnliche Entwicklung. Man sieht, daß der Wunderglaube, der so gern ver¬ lacht wird, nicht verächtlich behandelt werden darf. Die frommen Venezianer zogen aus, die heiligen Überreste des großen Evangelisten zu holen und brachten mit ihnen noch einen anderen Schatz mit, den der hohen Kultur und den Samen des zukünftigen Wohlstandes, der bald darauf aufging. Alexandrien war ja damals der Mittel¬ punkt sarazenischer Wissenschaft, Kunst und Bildung. Und den Ein¬ fluß Alexandriens können wir hier vor der Markuskirche sehen und schon an der Fassade am besten erkennen. Hier hat sich das Schöne aus allen Gegenden der Welt und allen Zeitaltern vermählt und wir müssen sagen, daß dies wahrlich ein Wunder ist, das der heilige Markus gewirkt hat. Wären die Venezianer im 10. Jahrhundert glaubenslos gewesen, wären sie ewig bettelarme Fischer geblieben, aber weil sie der Glaube beseelt hat, wurden sie die Ersten der Welt, die Reichsten, Tapfersten und Kunstliebendsten. Keine Stadt der Welt kann sich rühmen, einen Dom zu besitzen, der der Markuskirche an Schätzen gleichkommt. Während die ganze orientalische Kunst, die ihre Wiege in Byzanz hatte, von den Mohammedanern zugrunde¬ gerichtet wurde, hat sie sich hier in Venedig unversehrt erhalten können. Zuerst wurden die Bilder und Statuen ein Opfer jener Bewegung, die wir unter dem Namen Jkonoklastea kennen, dann kamen die Mohammedaner und zerstörten alles, was das menschliche Bildnis vorstellt. Diese schauerlichen Verwüstungen hat der Haß der Mohammedaner gegen Bildnisse hervorgerufen. Wer die Felsen¬ tempel in Indien besichtigt hat, der kann das dort am besten beurteilen. Das herrliche Byzanz, das wohl die schönste Stadt gewesen sein muß, die je erbaut wurde, ist total zugrundegerichtet worden, und nur hier am Markusplatz können wir noch sehen, was Byzanz gewesen sein muß. Wieder war es der Glaube, der die Venezianer zu einem Kreuzzuge bewogen hat, und auf dem Wege dahin hat der Doge Dandalo Byzanz besichtigt und alles, was wir hier sehen, 1204 von dort mitgebracht. So ist der Glaube die reichste Morgengabe für die kommenden Geschlechter. Der Wunderglaube, der blinde Gehorsam der Vernunft unter die Mysterien, die Tausende von Jahren von Tausenden und Hunderttausenden immer geglaubt worden sind, 48 der Glaube steht turmhoch über der Vernunft, weil er eine Kraft bedeutet, die ein unsichtbares Ziel verfolgt und Tausende zu einem konzentrierten stoßkräftigen Ganzen vereinigt. Und wenn wir in Ägypten die Pyramiden anschauen und alle die Schätze, die wir in den Museen sehen können, so werden wir anerkennen müssen, daß wir den Besitz aller dieser Reliquien einzig und allein dem Unsterb¬ lichkeitsglauben der alten Ägypter verdanken. Und wenn der Glaube zu nichts anderem geführt hat als zu dem, daß er erhaltend gewirkt hat, so hat er schon Wunder gewirkt, denn er hat die Werke des Menscher: unsterblich gemacht. Und hier in der Markuskirche sehen wir hinter dem Hauptaltar vier Alabastersäulen, die in dem salo¬ monischen Tempel gestanden sind, und die der Glaube lebendig er¬ halten hat. Und um sie herum lebt das Gedächtnis, lebt das Andenken Salomons, der diese Säulen gesehen, berührt, bewunden hat, und wenn ich nun hier vor diesen Säulen stehe, sie berühre und bewundere, dann muß ich anerkennen, daß mich der Glaube auf den Gipfel der schönsten Empfindungen geführt hat, zu dem höchsten und himm¬ lischesten Gefühl, das ein Epikuräer des Herzens empfinden kann. Und etwas ist merkwürdig. Wir sehen an der Markuskirche auch indische Arbeiten ältester Provenienz, die Gott weiß wieviel Tausend Jahre zu Gottes Ehre und Preis gedient haben, in dem Vaterlande des Glaubens an die Dreieinigkeit, dort, wo schon Tausende Jahre vor Christo Brahma der Großvater im Himmel genannt wurde. Und diese wunderbaren Holzschnitzereien sind auch im Geiste des Glaubens entstanden, von den: Gedanken ausgehend, Gott dem Herrn zu dienen. Und hoch oben über dem Portal bäumen sich vier Rosse, die der Kaiser Konstantin aus Rom nach Byzanz gebracht hatte und die der Doge Dandalo wieder hierher mitgenommen hat. Diese Rosse hat ein gewisser Lysippos geschaffen. Lysippos war der größte Künstler des vierten Jahrhunderts v.Chr., der Alexander den Großen abgebildet hat, welche Büste im Louvre in Paris zu sehen ist. Auch dieses Kunst¬ werk des Lysippos wäre längst verschwunden, wenn es nicht zu Gottes Ehre hier den Dom geschmückt hätte. An der Ecke des Domes sehen wir in rotem Porphyr vier Köpfe an einem Sockel, welche vier byzan¬ tinische Kaiser, die zugleich auf einem Thron gesessen sind, dar¬ stellen. Michael Ducas, Andronikos, Romanos und Konstantin. In der ganzen Geschichte ist es nicht vorgekommen, daß vier Kaiser auf eurem Thron gesessen und noch dazu friedlich. Bor dem Dom stehen 49 drei Bronzekandelaber mit Flaggenmasten. Bei näherer Betrachtung sieht man, wie schön dieselben gearbeitet sind. Auf diesen Flaggen¬ masten wurden die Fahnen der drei Königreiche Morea, Cypern und Kreta bei feierlichen Gelegenheiten gehißt. Der Doge Ludovico Loredan ließ sie durch den berühmten Meister Alexander Leopardi 1505 schaffen und sein Bildnis schmückt einen dieser Kandelaber. Jeder einzelne Doge hatte den Ehrgeiz, seinen Namen mit großen Taten zu schmücken und mit der Schaffung von Kunstwerken zu vereinigen, die ihm einen bleibenden Ruhm einbringen sollten. Und so ist Venedig von einem Dogen zum anderen immer größer und schöner geworden. Das herrlichste Andenken an die Macht und die Pracht Venedigs ist der Dogenpalast. Es ist ein morgenländisches Kunstwerk in sara¬ zenischem Stile. Ich war zwar nie in Mekka, weil ein Nichtmohamme¬ daner nicht hineingehen darf, aber ich habe Bilder gesehen von dem heiligen Platz und da sind Gebäude, die als Vorbild für den Dogen¬ palast gedient haben müssen. Die Araber sind die Väter der Architek¬ tur. In Marhib gab es 2000 Jahre v. Ehr. bereits eine Burg mit 20 Stockwerken. Fez, das im zehnten Jahrhundert von Arabern erbaut worden ist, stellt jene Stadt vor, wo der sarazenische Stil am reinsten erhalten geblieben ist. Im übrigen ist in Spanien die arabische Architektur am reichsten, und die Gotik ist nichts anderes als eine Anleihe an die arabische Kunstrichtung. Sie hat den Weg von Spanien über Frankreich und Italien genommen. Eines der herrlichsten Werke in sarazenischem Stile, das ich kenne, ist die Omar- Moschee, welche auf den Trümmern des Salomonischen Tempels erbaut wurde. Der Dogenpalast fällt gerade in die Blütezeit der sarazenischen Kunst, in die Mitte des 14. Jahrhunderts. Sowohl der Doge Marino Falliero, der den Palast zu bauen begann, als der Erbauer selbst, namens Calendario, wurden hingerichtet. Marino Falliero war der einzige Doge in diesen tausend Jahren, der eines unnatürlichen Todes gestorben ist. Er war nach Dandalo vielleicht der bedeutendste. Er kannte die Mängel der venezianischen Ver¬ fassung und wollte dieselben gewaltsam ändern. Er versicherte sich der Unterstützung des Herzogs von Osuna, welcher Bizekönig in Neapel war, und der Staatsstreich sollte beim Eintreffen der spanischen Flotte in Venedig durchgeführt werden. 24 Stunden bevor Osuna, der durch einen Sturm aufgehalten wurde, eintraf, brach der Aufstand vorzeitig aus, wurde niedergeworfen, das Komplott entdeckt und die Sternberg, Adrla-Sttmmungen. 4 50 Schuldigen Hingerichtete Noch assistierte Marino Falliero im Jahre 1354 dieser Hinrichtung in vollem Ornat, als er einige Tage später schuldig erkannt wurde, das Haupt des Komplotts gewesen zu sein und auf der Hauptstiege des Palastes, den er selbst errichtet hatte, in Gegenwart der ganzen Stadt öffentlich hingerichtet wurde. Der Hof des Dogenpalastes ist durch seinen Stil besonders interessant. Hier sehen wir die reinste und schönste Renaissance. Man kann ruhig sagen, die Wiege des französischen Ludwig XV.- Stiles ist hier gestanden. Pietro Lombardo ist der beneidenswerte Künstler, der den Hof des Palastes geschaffen hat. Im Innern sehen wir alle jene Räume, die teils als Wohnungs- und Repräsen- taüonsräume der Dogen, teils als Sitzungssäle gedient haben. Jede Korporation hatte ihren Saal. Im Saale des Großen Rates sehen wir die Porträts von 76 Dogen hängen vom Jahre 804—1559, also vom Dogen Obelerio Antemereo bis Girolamo Priuli. Dort, wo das Bild Marino Fallieros hängen sollte, ist der Raum leer geblieben und es ist dort zu lesen: „Hie est loous Uarini Valiieri, äeoapitati pro oriminibu8." Die Porträts der Dogen stammen nicht alle aus der Zeit ihrer Herrschaft, sondern viele sind von Tintoretto später gemalt worden. Die größte Anzahl der hier hängenden Bilder sind Erinnerungen an ruhmreiche Begebenheiten. Jene Epoche, wo Dandalo Konstantinopel eingenommen hat, 1203—1204, ist hier verewigt. Für uns ist besonders interessant das Bild, wo Dandalo Zara belagert, von Micheli gemalt, und dann die Einnahme von Zara von Tintoretto. Ein weiteres viel verewigtes Sujet ist das Zusammen¬ treffen des Dogen Sebastiano Ziani mit dem Papst Alexander III. in Venedig. Diese Bilder wurden gemalt von Tintoretto, Bassamo Flamengo, also 300 Jahre später als die Ereignisse stattgefunden haben. Der Fußfall Kaiser Barbarossas vor dem Dogen ist eine lieentia poetiea, ganz unhistorisch. Wohl haben die Venezianer den Sohn Barbarossas, Otto, in der Schlacht bei Salvore gefangen genommen, ihn aber auf Intervention des Papstes wieder frei¬ gelassen. Auch die übrigen Säle sind mit verschiedenen historischen und weltlichen Bildern geschmückt, so der Saal des Rates der 10, jener des Skrutiniums, der Inquisitoren und der Saal der „8eariatti",der „Purpurnen". In diesem Saale vereinigten sich die Exzellenzen, die die purpurne Toga tragen dursten. Der Purpur galt in Rom als das höchste Ehrenkleid und wurde den besten Söhnen des Vater- 51 landes vom Senate verliehen. In Byzanz trug der Kaiser den Purpur. In der katholischen Kirche wird er den Kardinälen verliehen. Bis in die Siebzigerjahre war er auch der Mantel unserer Goldenen Vlies-Ritter. In China spielt dieselbe Rolle wie bei uns der Purpur die gelbe Jacke. Das hängt mit dem Buddhismus zusammen. Buddha, der einem alten adeligen Geschlechte der Sakia entstammt und den Namen Siddhatha bei Erreichung seines zwölften Jahres erhielt, wurde nach alter Sitte bei dieser Gelegenheit das Haar geschoren und die gelbe Jacke angezogen. Nachdem seine Mutter Maja früh gestorben war, übernahm diese Pflicht die Tante Mahapadschapatti. Seit der Zeit ist die gelbe Jacke dort ein so gesuchtes Ehrenkleid wie bei uns der Purpur. Die venezianische Republik entwickelte sich im Geiste der römischen Republik und machte es sich zur Aufgabe, Tapferkeit, Gerechtigkeit und Frömmigkeit zu pflegen. Und da ist hier ein kleines Beispiel, mit welcher Sorgfalt die Gerechtigkeit gehütet wurde. Auf der Seite der Markuskirche, welche zum Dogenpalast gewendet ist, ist eine Mutter Gottes in Mosaik zu sehen. Und vor diesem Bilde brennen zwei Ampeln. Die Geschichte dieses Lichtes ist höchst inter¬ essant. Einst ging ein Bäckermeister in der Dunkelheit über die Piazzetta und sah einen Dolch am Boden liegen. Er hob ihn auf und betrachtete ihn. Da kam die Wache vorbei und stolperte über einen Leichnam, welchen der Finder des Dolches nicht gesehen hatte. Der Bäcker wurde aufgegriffen, verurteilt und trotzdem er himmelhoch schwur, unschuldig zu sein, hingerichtet. Nach einiger Zeit meldete sich der Mörder und man erkannte, daß man an dem Bäckermeister einen Justizmord begangen hatte. Darauf wurden die Richter zum Tode verurteilt, man konfiszierte ihre Güter und es wurde eine Stif¬ tung daraus gemacht, welche diese beiden Lichter erhalten sollte, damit sie dem unschuldig Verurteilten ewig leuchten und den Richtern als warnendes Zeichen dienen, nicht voreilig zu richten. Es war 10 Uhr geworden und die Messe hatte in der St. Markus¬ kirche begonnen. In allen den silbernen Ampeln brannten Lichter und man hatte das Gefühl, in einer orientalischen Kirche zu sein. Man sieht auch in Synagogen Ampeln. In der Synagoge, die über dem Grabe der Rachel bei Bethlehem steht, in dieser jüdischen Gruftkapelle, hängt Ampel neben Ampel. Wir sehen also auch hier den byzantinischen Einfluß. Die Messe wurde unter großem Pomp 4* 52 gelesen. Kerzen von der Stärke eines Festungsgeschützlaufes wurden herumgetragen. Es sind die Längs Toms der frommen Seelen. Und dabei spielt die schönste Orgel, die ich je gehört habe. Flüssig gewordenes Blätterrauschen, stürmisches Murmeln ferner, brausender Wogen, liebliches Läuten, goldenes Gurgeln und dabei wechselt flehendes Wünschen, zerknirschte Ergebung mit hoch aufflackernder Hoffnung. Wahre Festfreude floß durch die fromme Menge an diesem Pfingstsonntage, diesem ältesten Feste, das Tausende von Jahren schon gefeiert wird. Es ist das alte Erntefest der Juden, welches auch die Araber noch heute feiern. Papst Urban II. ordnete im Jahre 1094 an, es drei Tage hindurch zu feiern. Damals rasselten und hämmerten noch nicht die Maschinen und der Mensch war genüg¬ sam. Heute muß der Mensch arbeiten, rastlos verdienen, um den unermeßlich gesteigerten Bedürfnissen Rechnung tragen zu können. So haben sich die allzu vielen katholischen Feiertage als eine drückende wirtschaftliche Belastung gezeigt und der heilige Vater hat dieser Erwägung Rechnung getragen. Aber Feiertage sind doch etwas Schönes. Sie erwärmen das Künstlerherz im Menschen, diese Tage des Herrn, die einem besonderen, heiligen Zweck gewidmet sind: entweder dem Andenken epochemachender Ereignisse, wie das Oster¬ fest, oder zum Dank für erhaltene Wohltaten, oder um von Gott dem Herrn eine Gnade zu erbitten. Und wie im Kornfeld schöne Mohn- und Kornblumen blühen, so blühen im Alltagsleben der Arbeit die kirchlichen Festtage. Plötzlich verstummte die Musik, die dicht¬ gedrängte Menge fiel auf die Knie, Minuten tiefster Zerknirschung folgten. Der sündige Erdenwurm, erfüllt von: Gefühl seiner Un¬ vollkommenheit, bittet Gott um die Gnade, er möge ihm die Kraft verleihen, ein guter, vollkommener Mensch zu werden. Kann es schönere Minuten als diese Augenblicke der tiefsten Andacht geben? Und es läutete mit silberheller Stimme voni Altar herüber die Stimme Gottes, die zum Herzen sprach. Und mit neu gestärktem Mute er¬ hebt sich die leidende Menschheit, Orgeltöne überziehen die Seele wie kühlende Wellen und der Heilige Geist sinkt herab in das Dunkel des weihraucherfüllten Domes. Nun setzte sich die Menge in Bewe¬ gung und floß hinaus auf den Marktplatz. Und die Priester in ihren von Gold, Silber und Edelsteinen glitzernden Ornaten und die übrigen kirchlichen Funktionäre in farbenprächtigen Kostümen begleiteten den 53 Umzug. Iris-Priester, Priester in Delphi, Feueranbeter (ich habe selbst Priester der Parsis gesehen, die genau so gekleidet sind wie die katholischen Geistlichen) haben schon diesen oder jenen Ornat getragen. Nehmen wir die Mitra der Bischöfe. Sie ist die Nachbildung der Pharaonenkrone. Als König Menes Unterägypten eroberte, teilte er seine Krone in zwei Hälften, um damit zu veranschaulichen, daß er über zwei Reiche herrsche. Die Kopfbedeckung der orthodoxen Bischöfe ist eine Nachbildung der Krone der alten Sassanidenkönige. Auch die Zeremonie der Prozession ist uralten Datums. Wir lesen bei Mommsen, daß bei den Pythien des Apollo in Delphi festliche Umzüge niit weiß gekleideten Jungfrauen, welche Blumen auf den Weg streuten, abgehalten wurden. Diesen Prozessionen verdanken wir die Entstehung der Musik, weil das Bestreben lebendig wurde, das Pfauchen des Drachen, das Klirren der Waffen, das Blätter¬ rauschen und das Brausen des Sturmes zu vertonen. Für diese Lieder wurden von den alten Griechen die ersten Noten erfunden und in Delphi habe ich einen Stein gesehen, in den die Noten dieses ältesten Kirchenliedes eingemeißelt sind. Während der Pro¬ zession läuteten alle Glocken Venedigs und auf dem Blauen Turme, den auch Pietro Lombardo erbaut hatte, schlugen die zwei schönen in Bronze gegossenen Männer mit dem Hammer auf die Glocke Zwölf und aus der Uhr des Glockenturmes traten die Heiligen drei Könige, einer nach dem anderen hervor, grüßten die Menge und ver¬ schwanden. Diese Uhr ist eine Konstruktion des berühmten Rinaldi de Reggio. Die Prozession kehrte in die Kirche zurück und in kurzer Zeit war die Menge zerstreut; es verstummte alles und nur die „Marangona" hatte noch ein letztes Wort. Dann kamen die Tauben wieder angeflogen und girrten, als ob sich nichts ereignet hätte. Abends fuhr ich hinaus in die Umgebung des Lunto cki saluto, von wo herrliche Gesänge, begleitet, von Mandolinen, zu mir strömten. Es ist dies die Serenade. Aus dem tiefsten Frieden, der in lautlosem Dunkel schwebte, drangen herrliche, weiche Lieder wie himmlische Engelsgesänge zu mir. Auf mit Lampions geschmückten Schifflein standen die Sänger und ringsum häuften sich die Gondeln und alles hörte lautlos mit wahrer Andacht zu. Das Venezianer Volkslied ist vielleicht von allen Volksliedern das schönste. Ein munterer Geist erfüllt es und ein erfrischender Rhythmus und dabei ist es doch voll ergreifender Schwermut. Diese Serenade haben die Venezianer mit 54 den Gebeinen des heiligen Markus aus Alexandrien nritgebracht. Dort am Nil herrschte nachts ein reges Leben und selbst Antonius und Kleopatra nahmen an demselben innigen Anteil. Wir sehen und hören hier unsterblich gewordene ägyptische Sitten und Gebräuche, die von Generation zu Generation ewig lebendig erhalten werden. Und da sangen sie jetzt das herzerschütternde Lied „8i norm ver", wo die Wehmut ihren stolzesten Ausdruck findet. Es ist ganz merk¬ würdig, daß in einem jeden Volkslieds der Volkscharakter sich wider¬ spiegelt. Der Venezianer ist ein anständiger, wohlerzogener, stolzer, ehrlicher, arbeitsamer und ruhiger Mann. Die strengen Machthaber der Republik Venedig haben tausend Jahre dieses Volk in diesem Geiste erzogen. Man hört hier nie einen Streit, nie einen Lärm und die Statistik zeigt, daß in Venedig die geringste Verbrecher¬ anzahl in Italien zu finden ist. So sehen wir die Volkserziehung einer glänzend herrschenden Rasse auch über die Trümmer der Verfassung weiter fortwirken. Dasselbe können wir in Neapel beobachten. Dort hat sich die Frivolität und die Demoralisation, die die Griechen nach Sybaris und Kroton gebracht haben, die sich in Pompeji und Herkulanum weiter entwickelt, auch bis in die heutige Zeit unverfälscht erhalten. Und auch diese Frivolität findet im neapolitanischen Volkslieds, gepaart mit grenzenloser Heiter¬ keit, ihren Ausdruck. Wenn wir das Volkslied der Zigeuner betrachten, so ist es nichts anderes als ein herzzerreißendes Wehklagen. Aus dem Zymbal fließen die Tränen der Zigeuner, dieses unglücklichsten aller unglücklichen Völker. Ungezählte Jahrhunderte vogelftei, ein gehetztes Wild, allen irdischen Leiden ausgesetzt. Ich selbst habe eine Schußliste aus dem 16. Jahrhundert in Württemberg gesehen, wo nebst allerhand Wild auf der Strecke auch drei Zigeuner gemeldet wurden. Gut katholische Menschen hatten nicht das Gefühl ein Ver¬ brechen zu begehen, wenn sie Zigeuner auf der Jagd erlegten. Und alles dieses Unglück und dieses Elend bebt in dem Tschardasch und dem Zigeunerliede nach. Auch das Volkslied der Slawen ist traurig. Ich möchte diese Traurigkeit eine pathologische Melancholie bezeichnen. Ich habe am Berge Getsemani in Jerusalem in einem russischen Frauenkloster am Charfreitage Lieder singen gehört, das Traurigste und Ergreifendste, das ich je gehört habe. Aber auch in Bukarest habe ich zur Osterzeit Lieder singen gehört, die unzweifelhaft uralten Ursprunges und grenzenlos traurig waren. Von den Orientalen 55 kenne ich nur ein Volk, das das Volkslied besitzt, nämlich die Mauren. In Marokko habe ich Lieder singen gehört, deren Sujet immer und immer wieder die Vertreibung der Mauren aus Spanien bildet. Und auch diese Lieder sind äußerst traurig. Sie werden begleitet von einen: Musikinstrument, welches zum letztenmal in der Zeit des Sophokles den Menschen gedient hat. Der Rücken einer Schildkröte wird mit einem Felle überzogen, darauf zwei Saiten gespannt und die maurische Mandoline ist fertig. An: nächsten Morgen besuchte ich die Insel Burano, Torcello und Laut Uranaeseo äi äessrto. In Burano werden die bekannten venezianischen Spitzen fabriziert. Torcello ist der älteste Teil der Lagunenstadt. Als Attila die Welt verheerte und auf seinem Zuge über Frankreich und Norditalien bis hieher zur blühenden Stadt Altinum drang und sie mit ihren herrlichen Gärten und Kunstwerken dem Erdboden gleichmachte, flohen die Einwohner und kehrten erst 100 Jahre später, im Jahre 640 n. Ehr., hieher zurück und erbauten aus den Trümmern Altinums die jetzt vor uns liegende Stadt Tor¬ cello. Die Kirche, die damals erbaut wurde, steht unversehrt noch hier, mit jenem hölzernen Dach ohne Wölbung oder Plafond, so wie die Kirche der heiligen Sabina in Rom und jene Kirche in Jerusalem, die die Mutter Kaiser Konstantins, die heilige Helena, erbaut hatte. Prachtvolle Mosaiken, wie ich sie nur in Ravenna und in Monte Reale bei Palermo gesehen habe, schmücken die Wände. Ein aus Stein gehauener Sessel, der für den Bischof bestimmt war, stammt aus dem siebenten Jahrhundert. Und ober dem Portale ist ein Stein eingelegt mit einer Inschrift aus dem zweiten Jahrhundert: „bortos munieipio ckeckit", „Ein Bürger schenkt der Stadt einen Garten". Und das alte Altinum war wegen seiner Gärten berühmt; denn Mar¬ cial vergleicht sie mit jenen Bajas. Es ist wohl ein schönes Gefühl, auf einer Stätte zu stehen, wo seit 1300 Jahren Gottesdienst abge¬ yalten wurde, auf den Blutspuren, die Attila hinterlassen hat. Ich fuhr mit der Gondel zum Kloster Lunt bünnoeseo cki äeserta. Dieses Kloster ist 1222 errichtet worden. Es ist also, wenn nicht das älteste, so doch eines der allerältesten Franziskanerkloster. Und der heilige Franziskus war selbst hier, man zeigt noch die Zelle, wo er gewohnt hatte. Die Insel ist ganz klein. Kirche und Kloster bedecken sie voll¬ ständig. Nur ein ganz kleines Gärtchen an: Ufer ist noch vorhanden. Ein irrsinniger Weltgeistlicher, ein unheimlicher Patron, der hier 56 interniert ist, ging gestikulierend am Ufer auf und ab. Die Insel 8ant Uranessoo äi äeserto ist nicht für Fremdenbesuch eingerichtet. Der mir öffnende Franziskaner, ein magerer, junger Mensch mit vor Demut gesenktem Blicke, war ganz erstaunt, uns zu sehen. Das Innere des Klosters, so einfach und so bescheiden, ohne jeden Schmuck, zeigt uns die ideale Gestalt eines Franziskanerklosters. Im vier¬ eckigen Hofe blühen Blumen und grünen Gräser um einen steinernen Brunnen und neben diesen: Kloster anstoßend ist ein Kirchlein. Hier wohnt die christliche Demut, diese schönste aller schönen Tugenden, die friedliche Armut, die Keuschheit und der Gehorsam. Hier also wohnt das höchste Glück auf Erden, der Friede des Herzens in seiner schönsten und reinsten Gestalt. Nach dem Frieden des Herzens haben schon die griechischen Gelehrten gefahndet. Diogenes hat ihn im Fasse gesucht, nicht als Heiliger, sondern als ein Spötter, der die Welt und die irdischen Genüsse verachtet. Auch die Stoiker, der berühmte Zeno, lechzten nach dem Frieden des Herzens. Aber erst der christ¬ liche Glaube konnte das Wunder wirken, den Menschen den Frieden des Herzens zu bringen. Und hier in diesem Franziskanerkloster wohnt er. Er, den die größten und mächtigsten Kaiser, die reichsten Dollarköuige und die scheinbar glücklichsten Menschen entbehren. Dieser Franziskanermönch hat keinen Namen, er sucht keine Aner¬ kennung, nur gerade soviel Brot, daß er leben kann. Er fürchtet nichts, nicht einmal den Tod. Was uns als der Schrecken der Schrecken erscheint, scheint ihm als das Glück des Glückes. Aber leider, um das Franziskanerglück genießen zu können, muß mau ein eigenes Tem¬ perament mit auf die Welt bringen. Ich wollte von dem, was ich gesehen habe, tief gerührt, dem Mönch Geld schenken, er aber nahm keines an. „Sie hätten momentan genug zum Leben", sagte er, „und mehr zu haben, verbiete ihnen die Ordensregel". Ich führ nun zur Insel St. Lazzaro. Hier steht das bekannte Armenierkloster der Mechitaristen. Es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen dem Armut und Tugend hegenden und pflegenden Kloster des heiligen Franziskus und dem prächtigen und mit Kunstwerken er¬ füllten Kloster der Mechitaristen. Hier leben die armenischen Mönche, umgeben von Pracht, auf dem Inselchen, wo ein Gemüse- und blumenreicher Garten wie ein Paradies duftet. Und in dem Hofe des Klosters stehen hundertjährige Zypressen, viele Blumen und Oleanderbäume, die der König Ludwig I. von Bayern in einem 57 Gedichte besungen hat, dessen Manuskript in der Bibliothek des Klosters aufbewahrt ist. Die armenischen Mechitaristen kamen aus Morea im Jahre 1717 hieher. Die Türken hatten damals den Venezianern Morea im blutigen Kampfe weggenommen. Damals wurde die Abcopolis in Athen zusammengeschossen. Ich saß auf diesen Trümmern und hätte Tränen vergießen können, daß das Wunderwerk des Perikles ein Opfer roher Gewalt wurde, nicht etwa der Barbaren, sondern eines christlichen Volkes, der Venezianer. Die Armenier mußten flüchten und Venedig schenkte ihnen die Insel St. Lazzaro. Die Armenier sind ein unglückliches Volk zu allen Zeiten gewesen. Zuerst wurden sie von den Persern, dann von den Byzantinern und zum Schluß von den Türken unterjocht. Die armenische Geschichte ist eine ununterbrochene Leidensgeschichte und noch vor einigen Jahren waren sie einem Massakre in Konstantinopel ausgesetzt, wo an einem Tage viele Tausende auf den Straßen niedergeschlagen wurden. Ganz kurze Zeit darauf kam ich nach Konstantinopel und konnte noch das ganze Elend sehen, in welches die lebendig übrig gebliebenen gestürzt waren. Der Grund des Unglücks der Armenier liegt in ihrer Feigheit. Sie sind ein unkriegerisches Volk und darin den Juden ähnlich, so wie in Bezug auf ihre Intelligenz, obwohl sie keine Semiten, sondern Jndogermanen, ein den Persern verwandter Stamm, sind. Sie sind jenes Volk, das zuerst als ganzes Volk zum Christentum übergetreten ist. Es ist merkwürdig, daß die Unterdrückten und leidenden Völker zuerst das Christentum angenommen haben. Die Juden, die Ar¬ menier, die römischen und griechischen Sklaven, die ägyptischen Fellahen. Das Christentum ist eben die Religion der Unglücklichen. Hier finden wir das Original der ältesten armenischen Übersetzung der Bibel von Mesrop und Sahak vom Jahre 412 und die Geschichte des heil. Gregor des Großen von Agathangelos, auch aus demselben Jahrhundert. Der heilige Apostel Thaddäus hat die Armenier bekehrt und das geistliche Oberhaupt derselben heißt: „Katholikos". Von ihm führt die ganze katholische Kirche ihren Namen. Sein Sitz ist heute noch, also nach 1700 Jahren, die Stadt Etsch Miadain, und jeder Armenier muß einmal im Leben seinen Katholikos besuchen. Mohammed hat sich seine religiösen Grundsätze vielfach hier geholt und auch das Gesetz entlehnt, daß jeder Mohammedaner einmal nach Mekka reisen muß. In religiöser Beziehung weicht die armenische Kirche von der unseren bezüglich der Auffassung Christi wesentlich ab. Die Armenier 58 sind Monophysiten. Auch der Ritus differiert. Taufe und Firmung wird zugleich vorgeuommen. Die letzte Ölung gebührt nur den Priestern, und zwar nach dem Tode, bei dem Altarsakramente gebrauchen sie ungemischten Wein und tauchen das Brot hinein. Ein armenischer Priester muß heiraten, darf sich aber nicht wieder¬ verheiraten. Auch darf er sich den Bart nicht scheren. Es ist sehr merkwürdig, daß in dem klassischen Altertum das Barttragen als ungehörig erschien. Homer und Sophokles waren, soweit die Büsten ihr Antlitz überliefern, bärtig. Perikles, Sokrates, Plato, Alexander der Große, Cicero, Brutus, Julius Cäsar usw., Augustus, Caligula waren alle rasiert. Aber aus dem zweiten Jahrhundert n. Chr., in jener Zeit, wo auch die guten Stände Ägyptens das Christentum angenommen hatten, sand man Bilder in El Fayum, welche zwei vornehme Männer mit Bärten darstellen. Der heilige Apostel Petrus, der heilige Markus und fast alle heiligen Apostel wurden mit wallenden Bärten dargestellt. Es ist also kein Zweifel, daß die Wieder¬ einführung der Barttracht christlichen Ursprunges ist. Erst zur Zeit Ludwigs XIV., als die antike Literatur und Kunst wieder auf¬ lebt, hört das Barttragen auf und in jene Zeit fällt die Vorschrift für die Geistlichkeit, sich zu rasieren. Es ist wohl ein eigener Zufall, daß die Geistlichkeit, welche die Bärte eingeführt hat, dann selbst das heidnische Rasieren zu einem Gesetze für sich erhoben hat. Unter den interessantesten Gegenständen des reichhaltigen Museums in St. Lazzaro ist die Mumie des Nehmekhet Amen zu sehen. Das Wort „Amen", welches im Hebräischen „gewiß" oder „wahrlich" heißt und als verstärktes „ja" angewendet wird, finden wir in Ägypten sehr häufig bei Namen. Diese Mumie stellt den Sohn eines Priesters dar und gehört zu den besterhaltenen auf der ganzen Welt. Die Mumifizierung ist eine eigenartige Sitte der Ägypter, welche auf gar kein anderes Volk übergegangen ist. Die Prozedur dauert sechs Wochen. Der Leichnam wird ausgeweidet und in eine Beize, in eine Salzlauge gelegt und dann in Linnen einbandagiert, die tausend Meter Länge darstellen. Diese Mumie ist noch über den Linnen in eine Decke, die aus farbigen Perlen besteht, gehüllt. Im alten Ägypten blühte die Glasindustrie und das Glasschneiden, welche Kunst ver¬ loren gegangen ist. Die venezianische Glasindustrie, die in ihrer Eigen¬ art einzig dasteht, kam auch mit den Gebeinen des heiligen Markus ins Land. Nun, nachdem wir das ganze Kloster gesehen hatten, 59 gingen wir in den Garten. Wir setzten uns auf eine Bank unter dem Schatten zweier Olivenbäume und der Blick schweifte hinüber zum Lido. Diese beiden Olivenbäume wurden von Lord Byron gepflanzt. Byron hat sich hieher zurückgezogen und sein Geist lebt hier noch überall. Lord Byron war einer der vielen Dichter, denen es auf Erden und besonders in seiner Heimat schlecht erging. Es ist merkwürdig, daß das liebebedürftige Herz des Dichters immer und überall, besonders im Kreise der Standesgenossen nur Haß erntet. So wurde Lord Byron von seiner Familie und besonders von einer bösartigen, alten Tante in der englischen Gesellschaft unmöglich gemacht, mußte sein Vaterland verlassen und lebte bis zu seinem Tode auf Reisen und Abenteuern. Er starb im ersten Befreiungskriege der Griechen gegen die Türken. Er war also nicht nur em Idealist in Worten, sondern auch in Taten. Und man muß staunen, wenn man heute Byrons Gedichte liest, wie es möglich war, daß man diesen Mann nicht geliebt, nicht auf den Händen getragen, sondern, soweit es möglich war, ihm das Leben vergiftet hat. Die Worte Scheffels, des größten deutschen Liederdichters, fallen mir bei dieser Gelegenheit ein: Leid, Neid und Haß, auch ich hab' sie empfunden. Ein sturmgeprüfter, müder Wandersmann. Heute haben die Engländer dem großen Sänger im Hydepark ein Denkmal gesetzt und jeder Gebildete kann einige Gedichte Byrons auswendig und damals, als er nach Liebe lechzte, haben sie ihn mit Füßen getreten. Aber wie jeder Dichter, so hat auch Byron das Herz einer schönen Frau zu bestricken gewußt. Gräfin Tereze Guicioli liebte ihn. In Ravenna, in jener unvergleichlich historisch interessanten Stadt, wo das erste Christusbild noch heute zu sehen ist, wo der Geist des ersten Christentums und der sterbenden Macht der weströmischen Kaiser und wo der Glanz des Gotenkönigs Theodorich fortlebt, hat Byron Altertümer und Kunstwerke gesucht und hat ein jugendliches Weib gefunden, Speise und Trank für seine Liederbrust. Der Duft der Liebe Byrons lebt heute noch in diesem Garten und schwebt über den Olbäumen, unter deren Schatten ich sitze. Auf der Rückfahrt nach der Stadt führt mich die Gondel an einer Insel vorbei, wo ein Irrenhaus steht. Die Irren schauten aus den Gitter¬ fenstern heraus und einer von ihnen brüllte wie ein wildes Tier. Ich aber grüßte ihn freundlich und er beruhigte sich, schien glücklich zu sein und winkte mir lange mit der Hand durch das Gitter nach. 60 Auch geistig Umnachtete haben ein fühlendes Herz, worauf man bei der Jrrenpflege gar keine Rücksicht nimmt und das Unglück, das dem Irren zugestoßen ist, nicht logisch denken zu können, wird noch dadurch vermehrt, daß man die Empfindungen seines Herzens in schonungsloser Weise verletzt. Da behandeln irrsinnige Herzen irr¬ sinnige Geister. Ich fuhr nun den Canale Grande entlang an den vielen Palästen, die mehr oder weniger denselben Typus tragen. Diese Paläste sind von der Familie Lombardo im 15. Jahrhundert, und Jacobo Tatti, genannt Santovino, im 16. Jahrhundert erbaut worden. Es ist gar kein Zweifel, daß der Stil der alexandrinischen Kunst entlehnt worden ist. Aus den alten Urkunden ist zu entnehmen, daß in Alexan¬ drien die Fassaden der Paläste mit farbigem Marmor ausgelegt worden sind und daß der griechische Säulenschmuck sich erhalten hat. Und wenn man nun diese Paläste betrachtet, wird man wohl nicht zweifeln, daß in Alexandrien, den Nil entlang, ähnliche Häuser gestanden haben müssen. Ich fuhr eben an dem Palast der Desdemona vorbei. Hier hat die schöne Frau gewohnt, die Othello erwürgt hat. Dieser Othello, der ruhmbedeckte Mann, in reifem Alter, sieggewohnt und selbstbewußt, der keine Gefahr, keine Furcht kannte, wurde von Eifersucht zerfressen. Denn er empfindet jeden Blick und jedes Wort, das diese Frau einem andern gibt, als eine persönliche Beleidigung und eine Demütigung. Und Othello, der haßt jeden, der ihn beleidigt und er tötet ihn. Er tötet, weil er dos Wesen zerstören muß, das ihn demütigt und das er nicht bezwingen kann. Ja, ein Mann in reifem Alter, der die Liebe braucht und der von der Liebe mit Leib und Seele hingerissen wird, der wird in der Liebe ein Wüterich. Bor seinen Augen taucht immer das Gespenst der Jugend auf und damit der Zweifel, ob er wirklich geliebt wird. Der Othello war ja auch jung und erfolgreich und immer erfolgreich kraft seiner Jugend und deswegen fürchtet er die Jugend und verliert den Glauben an seine Unwiderstehlichkeit. Und die Frauen sind alle gleich, große Kinder, die gerne spielen und die den Ernst des Lebens nicht kennen und noch weniger vertragen. Sie wollen der herrschende und überlegene Teil sein, und so kam es, was uns die Geschichte lehrt, daß alle großen Männer, die in deni Ernst ihres Berufes aufgingen, mögen sie noch so ruhmbedeckt gewesen sein, betrogen worden sind. Pompejus, Julius Cäsar, Kaiser Justi¬ nian, Napoleon der Große, was will man noch mehr. Und so kam 61 es, daß Heinrich VIII. die Frau einfach auf das Schafott sandte, wenn ihn die Eifersucht überfallen hatte. Aber auch in der Art der Eifersucht des Mannes kann man seins ritterliche Denkungs- weise erkennen. Der ritterlich denkende vergreift sich nicht an der Frau, sondern an seinem Rivalen. Und wenn er seine Rache an ihm gekühlt hat, verzeiht er der Frau. Othello war kein ritterlich denkender Mann. Er war ein Neger. Und er vergriff sich an der Frau. Ja, der Stolz des Mannes fordert die Ehre der Frau und der leiseste Zweifel an dieser Ehre zwingt ihn, sich an dem Manne zu vergreifen und ihn aus der Welt zu schaffen, den er verdächtigt. Aber wo sind wir mit unserer ritterlichen Denkungsweise hingekommen. Der moderne Mensch ist tief gesunken. Gibt es doch Männer mit den schönsten Namen, die nicht nur keine Rache üben an den Rivalen, sondern überall hernmlaufen, um sich über ihre vermeintlichen Hörner betrauern zu lassen. Das sind wohl die Ehrlosesten unter den Ehrlosen. Die Gondel fuhr weiter bis am Palazzo Vendramin vorbei. Das ist ein Werk des Pietro Lombardi, der soviel schöne Bauten in Venedig errichtet hat, aus dem Jahre 1481. Eine Gedenktafel zeigt uns, daß Wagner hier starb. Es ist auch ein Spiel der Natur, daß der große Künstler der Töne in diesem herrlichen Palaste seine edle Seele ausgehaucht hat. Pietro Lombardi war der größte venezianische Architekt, der ein Produkt des Atavismus ist und sich als Künstler noch in zwei Generationen weiter vererbt hat, was in der Geschichte einzig dasteht. Sein Vater Martini war bereits ein großer Meister, seine beiden Söhne, Antonio und Tullio, stehen dem Vater kaum nach und sein Enkel Sante war ebenfalls ein hochbegabter Meister. Das schönste Bauwerk Lombardis ist die Kirche 8ta. Larin äi Lirnouli. Auch da finde ich den ägyptischen Stil wieder, den man im Kopten¬ viertel in Kairo wieder erkennen kann. Die Kopten, derer: es noch ca. 800.000 gibt, sind die Nachkommen der herrschenden Rasse zur Zeit der Eroberung Ägyptens durch die Araber. Sie sind also die letzten Träger der alexandrinischen Kultur und der alexandri¬ nischen Kunst, die wir hier überall und überall wieder finden, gepaart mit byzantinischer und sarazenischer Kunstrichtung. Ich fuhr nun zur Akademie. Diese Bildergalerie gehört zu den besten der Welt. Eines ist mir in Venedig ausgefallen, daß die venezi¬ anischen Maler als Sujet ihrer Bilder hauptsächlich die Mutter Gottes wählen. Der Marienkultus ist nirgends so ausgeprägt wie 62 hier. Im ganzen Orient wird die Frau nicht hoch gehalten. Die Mohammedaner, die so viele männliche Heilige kennen, haben für die Frauen keine Verehrung. Nach mohammedanischem Glauben ist die Seele der Frau nicht unsterblich. Nur in Ägypten sinden wir eine große Heilige, die „Isis", welche nach dem Tode des Gatten, welcher zugleich ihr Bruder war, des „Osiris", in das Schilf der Sümpfe flieht und den Sonnengott „Horns" gebärt. Isis wird mit einem Knäblein auf dem Schoße dargestellt. Diese Darstellung mag auf die Kunst eingewirkt haben, weil es tatsächlich Bilder gibt, die die Mutter Gottes mit dem Knäblein in Isis ähnlicher Weise darstellen. Das Muttergottes-Sujet vom rein künstlerischen Standpunkt ausgefaßt, kann in einem Bilde nicht den ganzen Komplex der Eigen¬ schaften der Jungfrau Maria enthalten. Der Maler muß sich ent¬ scheiden, ob er sie als Himmelskönigin, als Gottesgebärerin, als Mutter mit dem Jesukindlein oder als Jungfrau Maria oder als die leidende Mutter des Gekreuzigten darstellen will. Tizian wich von allen diesen üblichen Darstellungsweisen ab und uralte die Himmel¬ fahrt Mariä. Ich stehe hier vor dem herrlichen Bilde „U'uWumx- tions". Unten versammelt sich das Volk und blickt empor und traut seinen Augen nicht. Der Gesichtsausdruck jedes Einzelnen ist ein Kunstwerk für sich. Und zwischen Himmel und Erde steigt die Mutter Gottes auf einer Wolke empor, die kleine Englein mit sichtlicher Kraftanstrengung heben. Und die zum Himmel ausfahrende Mutter Gottes hält die Hände empor mit soviel Andacht und richtet das Auge verzückt zum Himmel. Man sieht die inneren Handflächen und Tizian hat hier die schönste Hand gemalt, die man sich vorstellen kann. Tizian ist der größte Künstler im Malen der Hand. Sein Ideal ist nicht die kleine Hand, sondern eine mittelgroße, aber wunderbar geformte. Man betrachte nur die Hand seines Bildes „Ua Lelia", das in Florenz hängt. In der Haltung der Hand liegt das Geheimnis, daß sie Wunder wirken kann. Die Maler von Venedig haben die Mutter Gottes nicht als Himmelskönigin aufgefaßt, wie Rafael in seiner „Lixtina" oder Holbein, dessen Bild wohl technisch schön, dessen Auffassung aber höchst vulgär zu bezeichnen ist. Dieses Bestreben der abendländischen Künstler, die Mutter Gottes als Königin darzustellen, entspricht dem monarchischen Gefühle jener Völker. In der Republik Venedig wird die Mutter Gottes als bürgerliche Mutter dargestellt. Und da 63 gefällt mir die Auffassung Vivarinis am besten, wo rechts und links zwei Engel Guitarre spielen. Wir sehen, daß das Kind, das sie in ihren Armen hält, seelisch noch nicht getrennt ist. Mutter und Kind sind ein Ganzes, man kann sie als Mutterkind zusammen bezeichnen. Auch Nikolo di Pietro trachtet nach dieser Darstellung, setzt aber die Mutter Gottes so wie Giovanni von Bologna und Crivelli auf einen Thron. Aber von allen venezianischen Meistem unter den Mutter¬ gottesdarstellern ist Bellini der größte. Seine zahlreichen Mutter¬ gottesbilder zeigen uns die Gesichtszüge einer wirklichen Jungfrau, so rein und so heilig, daß man staunen muß, wo er das Modell zu diesen Bildern finden konnte. Sein schönstes ist in der Kirche Lanta Nuria äel kUari. Aber nicht nur die Mutter Gottes ist verschieden aufgefaßt, auch das Jesukindlein. Diesem Kindlein einen besonderen Ausdruck zu malen, ist unendlich schwer. Die merkwürdigste Darstellung, die ich in meinem Leben gesehen habe, habe ich in Bergamo in der Aka¬ demie Carrara vom Maler Piazza gesehen, wo, im Gegensatz zu den anderen Jesukindleindarstellern, dasselbe einen schelmischen, spitz¬ bübischen Zug hat. Von den berühmten Darstellungen der Mutter Gottes, die besser sind als die venezianischen, möchte ich das Bild von Leonardo da Vinci im Louvre erwähnen, wo die Mutter Gottes auf dem Schoße des heiligenJosef sitzt und das Jesukindlein gerade auf den Boden stellt. Das Bild von Murillo in Dresden und das Bild von Correggio, ebendort, die „Heilige Nacht" genannt. Hier malt Correggio die Mutterfreude unmittelbar nach der Geburt. Ich glaube, er hat in diesem Bilde das größte Glück, das eine Frau erklimmen kann, wiedergegeben, den Augenblick, nachdem sie ihr erstes Kind, das ein Sohn ist, geboren hat. Ich verließ die Akademie und fuhr hinaus zum Lido, aus dem Reiche der Wunder der Vergangenheit in das der Wunder der Gegen¬ wart. Ein feenhafter Palast erhebt sich am Meeresstrand und ragt hoch zum Himmel. Eine kleine Welt für sich, wo das Wohlleben mit dein größten Raffinement betrieben wird. Und ich ließ mich hier nieder und wälzte mich im Sand und in den kühlenden, öligen Meeres¬ wellen. Und das, was der Künstler am meisten braucht, die Stimmung, wehte die reine Luft, der reine Atem der blauen Meereswogen mir in die Brust. Welchen Wert hat Reichtum, Ruhm, Ansehen — ohne Stimmung. Und ich sehe ein Wunder der Natur vor mir in die Wellen steigen, so schlank, wie der Stengel einer Wasserrose und dabei so 64 weiß wie die Blütenblätter einer Wasserlilie und ihr Glanz funkelte im Sonnengold und das Auge leuchtete verklärt vom Wohl¬ gefühle des Bades. Und die Wellen umschmeichelten sie und ihre Bewegungen glichen denen der Nixen und Nymphen, so edel und anmutig. Ja, das Lebende ist doch schöner noch wie das Schönste, das kalt, tot und stumm ist. Und so schlürfte ich hier am Lido die große Stimmung, die blaue Adriastimmung, in meine Brust. !—x-,—! SSWS48S477 : Im Verlage von F. Tempsky ist erschienen: ; : Leiden- und Frendentropfen s s des Herzens. s : Gedichte von Adalbert Gras Sternberg : : Preis 1 L 20 k --- 1 ,U. : : Im Verlage von Karl Curtius in Berlin sind vom ; : gleichen Verfasser erschienen: : s IstderböhmischeHerrenstand s i ebenbürtig? s » Preis, gebunden, 1 L 20 k — H Im Wechsel der Zeiten Dritte Auslage. Preis, broschiert 2 L 40k - 2 K, gebd. 3 L 60 k --- 3 : Dieses Buch ist besonders deswegen interessant, weil der : Autor darin die eingetroffenen Ereignisse voraussagte - —.. ..>..>