Volksreligiöse Opfergebräuche in Jugoslavien. Von Rudolf Kriss (Berchtesgaden). « In folgenden Zeilen soll versucht werden, eine knappe Über? sieht über die in der Gegenwart noch geübten Opferkulte in Jugoslavien, wie sie sich mir bei meiner Durchforschung verschies dener Wallfahrtsorte darboten, zu geben. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, beabsichtige ich lediglich, meine auf mehreren Reisen in den einzelnen Landesteilen des neuen süd' slavischen Staates gemachten Beobachtungen schriftlich nieder; zulegen. Da mit ganz geringen Ausnahmen fast keine Literatur zu meinem Thema vorhanden ist, was mir auch von den Fach* gelehrten des Landes bestätigt wurde, muß ich mäch auf münds liehe Berichte und in der Hauptsache auf eigene Erfahrung beschränken. Bevor ich zu meinem eigentlichen Thema übergehe, soll ein für jeden Volkskundler, der über Jugoslavien arbeitet, geltender Leitgedanke hervorgehoben werden, nämlich der von der ver; schiedenartigen kulturellen Schichtung dieses Landes. Es sind im wesentlichen drei Kulturkreise, die auf die jugoslavische BevöU kerung einen weitgehenden Einfluß ausgeübt haben. Ich nenne zuerst den von Norden kommenden deutschen Einfluß, der sich namentlich im slovenischen Gebiete und in einem Teile Kroatiens bemerkbar macht; ferner den östlichen, der vom Balkan über Serbien und Bosnien herauf eindringt und sich in Kroatien mit dem alpenländischibaj ovarischen vermischt, und den westlichen, venezianisch=mediterranen,der allerdings nur einen ganz unwesent« liehen Gebietsteil, einen schmalen Küstenstreifen am adriatischen Meere umfaßt. Selbstverständlich ist dies nur ein ganz allgemein ner, cum grano salis zu nehmender Satz. Auch verschieben sich die Grenzen bei den einzelnen volkskundlichen Substanzen ganz erheblich. So dringt z. B. der östliche, orientalische Einfluß auf dem Gebiete der Tracht und bei den in der Textilindustrie Ans 88 Rudolf Kriss: Wendung findenden Ornamenten und Mustern außerordentlich weit herauf, andere Einflüsse fast ganz verdrängend; ein Blick ins ethnographische Museum von Zagreb tut dies zur Genüge kund. Meine oben vorgenommene, ungefähre Abgrenzung ist derjenigen angegliedert, die Dr. Vurnik im Etnolog 1928 anläßlich der Be= arbeitung der diversen Bauernhaustypen zog. Diese Grenzen haben, von kleineren Verschiebungen abgesehen, auch für die Verbreitung der verschiedenen Votive und Weihegaben Geltung. Ein weiterer, wesentlicher Faktor allerdings kommt noch hinzu. Er besteht in der konfessionellen Gliederung des Volkes. Hier macht sich der östliche Einschlag seitens der griechischiortho- doxen Konfession und für Bosnien und Herzegowina auch des Mohamedanismus, die allem Votivkulte abgeneigt sind, vorwies gend negativ bemerkbar; das Opferbrauchtum gelangte eigentlich nur bei den römischikatholischen Volksteilen, von welchem die serbischsorthodoxen im allgemeinen nur wenig beeinflußt wur* den, zur vollen Blüte; hier machen sich naturgemäß zwei Einflüsse geltend; der nördliche, der die Eigenheiten des ba j ovarischen Katholizismus über slovenisches Gebiet bis weit nach Kroatien verpflanzt, und der westliche, dessen für den italienischen Volks« katholizismus charakteristische Besonderheiten sich längs der adriatischen Küste geltend gemacht haben. I. Wir beginnen unsere Untersuchung mit dem in unserem Sinne ergiebigsten nördlichen Kreise, den wir kurz als den slove^ nischen, wegen seiner in diesem Landesteile in erster Linie fest= stellbaren Gepflogenheiten, bezeichnen wollen. Bei unserem Be« richte werden wir auf die lokalen, von den deutschen Gebieten abweichenden Sitten, besonders achtgeben. (Kenntnis der prin« zipiellen Dinge setze ich voraus; ich verweise auf Richard Andree: Votive und Weihegaben des katholischen Volkes in Süddeutsch« land 1904, und auf meine eigene Arbeit: das Gebärmuttervotiv nebst einer Einleitung: Arten und Bedeutung der deutschen Opfergebräuche der Gegenwart 1929.) Die wächsernen Opfergaben, die aus Holz« oder Gips« modeln in verschiedenen Wachsziehereien gewerbsmäßig her« gestellt werden, sind noch überall bekannt, wenngleich ihr Ge« brauch besonders seit dem Kriege stark zurückgegangen ist; eine Volksreligiöse Opfergebräuche in Jugoslavien. 89 derartig weitgehende Verbreitung wie in Bayern, haben sie wohl überhaupt niemals gehabt; nach Ansicht der Fachleute (ich ver* danke vor allem Herrn Professor Tkalčič, Direktor des Ethn. Museums von Zagreb, wertvolle Aufschlüsse) ist der Brauch erst in der Gegenreformation aus süddeutschen Ländern her ein* geführt worden. Daß er kein ursprünglicher, sondern importierter war, läßt sich auch aus anderen Gründen erkennen^ Während in Bayern, von einigen allerjüngsten Degenerationserscheinungen abgesehen, die Formen aus kunstvoll geschnitzten Modeln, die bei den menschlichen Figuren oft die kleinsten Details der Tracht ten hervorarbeiteten, gegossen wurden, sind hier die Holzi oder Gipsmodeln im allgemeinen weitaus primitiver. Man erkennt dies an den fertigen Figuren, welche mit Verzicht auf alle Einzel* Abb. 1. Wachsvotive aus Zagreb (Kröte, Frau, Mann, Pferd, Rind, Augen). halten der Kleidung usw. nur die ganz einfachen Umrisse der dargestellten Objekte erkennen lassen und vorne und hinten gleich aussehen, so daß man gerade noch die Art des Gegen« Standes, z. B., ob Mann oder Frau, aber keine Einzelheiten mehr erkennen kann. Jedenfalls trifft dies für viele derartige Erzeugs nisse, wie sie mir aus Zagreb, Ljubljana und Rečica bekannt wurden, zu; bessere, mehr den aus Andree bekannten Formen gleichende Votive kommen in Karlovac vor, wo ich u. a. eine 90 o; ,. i. ; Rudolf Kriss: Kröte mit dem Monogramm Mariens erwerben konnte. Die zur Darstellung gelangenden Gegenstände weisen nicht entfernt die Mannigfaltigkeit auf, wie sie aus deutschen Wachsziehereien sind. Das mir zu Gesicht gekommene Material setzt sich zusammen aus männlichen und weiblichen Figuren, Wickelkindern, Köpfen, Augen, Ohren, Armen, Beinen, der Kröte und dreierlei Arten von Haustieren, Pferden, Rindern, und undefinierbaren Klein* tieren. Weder die durch Kleidung und Größe bedingten Spiel* arten innerhalb der betreffenden Figuren selbst, sind in den ein* zelnen Geschäften vorhanden, noch auch die vielerlei bei uns üblichen Objekte, wie Eingeweide und anderes mehr, ja nicht einmal die obenangeführten Dinge besitzt ein Geschäft auf ein* mal; meistens beschränken sich die Vorräte auf Männer, Frauen, Arme, Beine, Augen und indifferente Haustiere. Als Material wird meistens gelbes oder braunes, noch stark nach Honig rie* chendes Wachs verwendet. All dies läßt erkennen, daß die ganze Sitte nur in abgeschwächtem Maße Eingang gefunden hat. Auch ist in zahlreichen Wallfahrtsorten der Verkauf dieser Wachsmotive überhaupt eingestellt worden. So erfuhr ich in dem berühmtesten und bislang votivreichsten marianischen Wall* fahrtsorte von Oberkrain, Brezje, daß seit dem Kriege die Wachs* votive nicht mehr geführt würden. De^ Verkäuferinnen in den /■'^ zahlreichen Krambuden am Kirchplatze waren sie nur mehr aus der Erinnerung bekannt; auch in Ljubljana hat der Wachszieher den Betrieb eingestellt, einzig in Zagreb und Bistrica (Kroatien) konnten die gesuchten Gegenstände noch gekauft werden. In anderen Wallfahrtskirchen sind die Figuren noch aus früheren Zeiten vorhanden, und werden aus dem in der Kirche und in der Sakristei aufbewahrten Vorrate an die Wallfahrer zum Opfer* gang ausgeliehen, aber nicht mehr neu hergestellt. Um gleich an dieser Stelle auf ein spezielles Votiv, nämlich die Kröte als Symbol der Gebärmutter zu sprechen zu kommen, so beziehe ich mich hier auf die Abhandlung von Mirko Kus* Nikolajew »Votive nerotkinja« (Etnolog 1928, Zagreb) und auf mein eigenes Buch: »Das Gebärmuttervotiv 1929«, worin das Problem nach der prinzipiellen Seite erörtert wird. Die genannte Sitte hat wohl aus den benachbarten kärntnerischen und stei* risehen Gebieten nach Jugoslavien übergegriffen, und zwar gleichfalls in der Zeit der Gegenreformation. Professor Tkalčič gelang es, wächserne Kröten in folgenden Orten nachzuweisen: Volksreligiöse Opfergebräuche in Jugoslavien. 91 Zagreb, Bistrica, Rečica, Pokupsko, Pazina, Pokupski^Brest, Kar? lovac (für Kroatien), Toranj und die Gegend von Pakrac und Sisak (für Slavonien). Weiter hinab ist die Sitte nicht mehr ge« drungen. Der oben angeführte Bericht im »Etnolog« deckt sich ohne nähere Ortsangaben mit obiger Aussage. Der Verfasser bringt Abbildungen von Wachskröten aus Bistrica und Stenjevec. Durch Anführung des letztgenannten Ortes wird die Liste der Fundorte durch einen weiteren Beleg ergänzt. Die Abbildungen weichen von dem in Deutschland üblichen Durchschnittstyp nicht ab. Im Vergleich zu dem von mir in Zagreb erworbenen Exemplar, das nur die gröbsten Umrisse wiedergibt, sind sie etwas sorgfältiger ausgeführt. Was Slovenien betrifft, so kann ich die Kröte nachweisen aus Brezje und durch Umfragen erfuhr ich, daß auch im übrigen Oberkrain die Krötenopferung bis vor dem Kriege in einzelnen Fällen vorkam. Abb. 2. a) Handgeformte Votive aus Rečica (untere Hälfte und oben rechts), b) Wachspferd aus dem Museum von Ljubljana. Außer den gewerbmäßig hergestellten Wachsvotiven kom« men in entlegenen Gegenden auch noch handgeformte Votive vor, die, weil in Deutschland nicht mehr gebräuchlich, unser besonderes Interesse wachrufen. Professor Tkalčič fand sie 6* 92 Rudolf Kriss: in verschiedenen Kirchen im Kulpatal (Kroatien) wie in Rečica und konnte mehrere Exemplare für das Ethnographische Mu« seum erwerben. In Rečica, wohin ich von Karlovac aus fuhr, konnte ich mich persönlich von ihrem Vorhandensein überzeu« gen. Es fanden sich männliche und weibliche Figuren, eine Hand und Kinder. Die Abbildungen sind nach den Objekten meiner Sammlung, die mir durch Vermittlung des ethnographischen Museums in Zagreb besorgt wurden, veryertigt. Die Bäuerin knetet diese Votive bei Bedarf aus freier Hand, wobei ihr ein dickes, vorher erweichtes Wachsstück als Masse dient. Die Größe der Figuren bewegt sich zwischen 10 und 15 cm, die Beine sind der leichteren Bildbarkeit halber geschlossen, manchmal deuten rohe Eindrücke am Kopfe schwach das Gesicht an. Die Arme sind entweder aus dem Stück heraus verfertigt oder be« stehen aus einem dünn gerollten Wachsstreifen, der um den Leib herumgelegt und ihm eingedrückt wird; vorne ist diese Rolle breitgedrückt und mit den Händen aneinandergeklebt, wodurch die betende Handstellung zum Ausdruck gebracht wird. Kleiner, aber im Prinzip genau so ververtigt, sind die Kinder; die weibli« chen sind dadurch kenntlich gemacht, daß am Hinterkopf ein Stückchen Werg oder rote Wolle ins Wachs gedrückt ist, den Zopf symbolisierend. Abweichend von diesen sogenannten Voll= figuren wurde eine große männliche Gestalt dadurch hergestellt, daß man das Wachs wohl auf einer Tischplatte breitdrückte und dann die ungefähren Konturen herauschnitt, wodurch eine Art flacher Umrißplatte entstand. Tierfiguren in dieser Art sind mir nicht untergekommen. Die Kinder werden meist bei Un« fruchtbarkeit gespendet. In Rečica fand ich auch doppelseitige, aus Formen gegossene Votivfiguren, die wohl dadurch entstan* den sind, daß nur ein Halbmodel vorhanden war, und man zwei Güsse mit der nichtausgeführten Rückseite aneinanderklebte. Eine weitere Spezialität sind die zopfartig aus Wachs ge« flochtenen Ketten oder Kränze, die das ethn. Museum von Zagreb gleichfalls aus Rečica erwarb. Bei meinen Untersuchung gen an Ort und Stelle fand ich diese Ketten noch in großer Zahl in einer Kiste in der Sakristei der Dorfkirche aufbewahrt, wäh« rend die übrigen der oben geschilderten Opfergaben nur sehr spärlich vertreten waren. Die Ketten werden aus rotem, weißem oder gelbem Wachs verfertigt, sind verschieden lang, meistens aber erreichen sie einen Umfang, daß man sie über den Kopf Volksreligiöse Opfergebräuche in Jugoslavien.! 93 bringt und um den Hals, oder nach Art der Brautkränze um die Stirne legen kann. Ursprünglich dienten sie als Votive gegen Kopfweh, jetzt hat sich nach Mitteilung des Dorfpfarrers bei der Bevölkerung die Sitte herausgebildet, sie sich am Patroziniums* feste, dem einzigen Tage, wo alljährlich der Concurs stattfindet, in der Sakristei zur Opferung auszuleihen. Die spezielle Zweck* Setzung scheint verlorengegangen zu sein. Der Brauch wird ganz Abb. 3. Geflochtene Ketten aus Wachs (Rečica). allgemein, sei es als Heil* oder bloßes Präventivmittel feeübt. Auch Votivkerzen werden mitunter dargebracht. Sie werden gewerbsmäßig hergestellt, sind mit verschiedenen Verzierungen versehen und tragen ein Gnadenbildnis aufgemalt; auch sind sie öfters mit blau=weiß*roten Streifen, den Landesfarben, ge* schmückt, ein merkwürdiges Zusammentreffen von Religion und Nationalismus. Ich komme im folgenden auf eine weitere Art von Opfer* gaben zu sprechen, die einen Ubergang zwischen Wachs* und Holzvotiven darstellen und in verschiedenen slovenischen Orten vorkommen. Ich wurde auf sie aufmerksam gemacht durch fünf im Museum von Ljubljana vorhandene eigentümliche Pferde* votive, von denen ich eines gegen Tausch für meine Sammlung erwerben konnte. Wie die Abbildung zeigt, handelt es sich um äußerst primitive Bildungen, die mit der Hand verfertigt wurden. Eine mehr oder minder dicke Wachsschicht ist um ein einfaches aus Kork oder Holz bestehendes Innere gelegt; letzteres bildet sozusagen den Rahmenbau, das Gestell, das der Wachmasse den nötigen Halt gibt; die Beine bestehen aus roh geschnittenen 94 Rudolf Kriss: Holzstäbchen, von denen das Wachs schon zum Teil abgefallen ist. Die Mähne und der Schweif sind aus Wolle oder Seide in verschiedenen Farben, die dem weichen Wachs eingepreßt sind. Es sind dies sämtlich ältere Stücke, die aus Begunje (Oberkrain) und Koprivnik (Bohinj) stammen und am Stephanstage geopfert werden. Außer diesen als Seltenheiten zu bezeichnenden Ob« jekten besitzt das Museum noch eine Reihe von typischen Wachsvotiven, wie sie in den Lebzeltereien hergestellt werden und oben beschrieben wurden. Auf meiner Reise im Juli 1928 gelang es mir, noch weitere Fundorte für die beschriebenen Votive auszukundschaften: der slovenischen Geistlichkeit, die mir, so oft ich auch in verschie« denen Pfarrhöfen vorsprach, stets in liebenswürdigster Weise auf meine diesbezüglichen Fragen Auskunft gab, sei auch an dieser Stelle mein Dank zum Ausdruck gebracht. Gleich in der allernächsten Nähe Ljubljanas, in Stepanja vas, traf ich auf zahl« reiche hölzerne Pferde von ziemlicher Größe. Es sind jüngere, gewerbsmäßig gearbeitete Exemplare, an Spielwaren erinnernd; die hölzernen Tiere sind mit einer dünnen Abb. 4. Votivpferde (mit Wachs überzogen), linkes aus Stepanja vas (a), rechtes aus Šmartno (b). < weißen Wachsschicht überzogen; Mähne und Schweif sind aus Wolle, welche in eigens angebrachten Ritzen im Holze einge? klemmt sind. Die Farben der Wolle wechseln, ziemlich häufig sind sie weiß^blau^rot, den Landesfarben gleich; und gerade jene Volksreligiöse Opfergebräuche in Jugoslavien. 9S Exemplare waren es, auf die der Herr Pfarrer besonders stolz war und mich ausdrücklich darauf aufmerksam machte; wieder* um mußte ich mich wundern, wie selbstverständlich bei diesem Volke Nationalgefühl und Religion zusammengehen und lächelte bei dem Gedanken, was ein deutscher Priester sagen würde, wenn man etwa in Altötting eine schwarzirot*goldene Votivkerze darbrächte.^ Ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich vermute, daß ein solches Objekt ziemliches Aufsehen erregen und mög* lihcst schnell beiseitegeschaft würde!--. Die Tiere, es sind nur Pferde vorhanden, werden hier am Stephanstage geopfert. Stepanja vas ist eine Filialkirche der Pfarrei St. Peter von Ljub« Ijana; der Pfarrer, bei dem ich vorsprach, teilte mir mit, daß sich in seiner Pfarrei noch eine zweite Gemeinde, namens St. Martin, befände, in der gleichfalls solche Pferde dargebracht würden. Auch aus seiner Heimat in Oberkrain könne er mir zwei Orte nennen, wo ebenfalls Opfergaben zu finden seien. St. Stephan bei Adergas und Šmartno bei Cerklje, beide in der Nähe von Kranj. Ich fuhr also, es war ein glühend heißer Tag, mit meinem Motorrad nach Cerklje, wo ich mittags ankam und nach dem Essen mit einem Kaplan zu dem benachbarten Šmartno hinüber* wanderte. Als ich die Kirche betrat, bemerkte ich sofort einen breiten, auf der linken Altarseite vor dem Chorgestühl stehenden, rot überzogenen Tisch, auf dem die Weihegaben an bestimmten Tagen des Jahres, nämlich an Martini und am Sonntage darauf, für den Opfergang bereitgestellt werden. In der übrigen Zeit sind sie hinter dem Hochaltare in einer Vertiefung der Rück* wand aufbewahrt; der Meßner schleppte mir das ganze Material herbei und als ich es aufgestellt hatte, hielt ich Auswahl. Es waren fast nur hölzerne bemalte Tiere ohne Wachsüberzug ver* treten, und zwar Pferde und Rinder, Ochsen, Stiere und Kühe, mit oder ohne trinkendem Kalb. Ein einziges, ziemlich großes, wächsernes Pferd mit wollenem Schwanz und Mähne und zünd* holzartigen Beinen, in der ganzen Technik den Exemplaren des Museums von Ljubljana stark ähnelnd, konnte ich entdecken. * Die schwarzirotägoldene Trikolore entspricht ihrer nationalen Symbolik und Bezeichnung «nach nicht der slovenischen (weiß^blau^rot), weil diese lokal ist, sondern etwa der blauAveißsroten jugoslavischen Staatsfahne, welche seit dem 6. Jänner 1929 innerhalb der Staatsgrenze einzig und allein erlaubt ist und bei feierlichen Anlässen gehißt wird. (Anmerkung der Redaktion.) 96 Rudolf Kriss: Es war wohl der einzige Überrest aus einer älteren, primitiveren Epoche. Die übrigen Tiere sind in stark wechselnder Größe, zwischen 10 in 30 cm Länge vorhanden und meist gut geschnitzt, doch trifft man auch jüngere, spielzeugartige Tiere darunter. Bei manchen Pferden sind Schwanz und Mähne aus Wolle und bei einigen Rindern Ohren und Hörner aus Gummi oder Leder. Auf meine Frage, warum keine Schweine unter den Votiven seien, wurde mir erwidert, diese brauche man nicht, da man dafür am Antoniustage Schinken opfere. (Näheres darüber später.) Abb. 5. Rinder (Ochs,. Kuh mit Kalb, oben Kuh aus Šmartno). Abb. 6. Pferd aus Šmartno. Einige Kilometer weiter nordwestlich erhebt sich auf einer Hügelkette, die das breite Savetal gegen Norden zu obschheßt, das obengenannte Stephanskirchlein. In dem Kloster Adergas hinterstellte ich mein Rad und stieg durch waldiges Gelände empor. In dem einsamen, fünf Minuten unterhalb der Kirche gelegenen Meßnerhaus entlieh ich mir den Schlüssel und stieg dann vollends hinan zu dem verwitterten Bergkirchlein. Oben wehte ein frischer Wind und es bot sich ein prächtiger umfas* Sender Blick auf die Karawanken einerseits und das Savetal mit seinen umgebenden Höhenzügen andererseits; die gesuchten Tiere Volksreligiöse Opfergebräuche in Jugoslavien. 97 standen auf einem Kasten in der Sakristei. Sie gliclien in der Technik völlig den Holzvotiven von Šmartno, nur daß die Pferde in der Überzahl waren. Wachstiere sind mir von hier nicht erinnerlich. Aus weiteren Erkundigungen erfuhr ich, daß der Brauch, solche Holzvotive zu opfern, sehr selten sei, und diese beiden Orte weithin die einzigen seien, wo er sich verbuchen lasse. Wie aus meiner Darstellung hervorgeht, handelt es sich dabei überall um Stephans* oder Martinskirchen, welche beiden Heili* gen hierzulande die beliebtesten Viehpatrone sind. St. Leonhard fällt dagegen ikaum ins Gewicht, dafür spielt St. Antonius der Einsiedler als Schweinepatron eine erhebliche Rolle, wie wir weiter unten bei Besprechung des Naturalienopfers sehen werden. Ein weiterer, schon jetzt bemerkbarer Unterschied zum deutschen Brauchtum liegt darin, daß es mit einigen Ausnahmen, wie z. B. Bistrica oder Brezje, keine eigentlichen Wallfahrts* kirchen gibt, zu denen das ganze Jahr hin Pilger kommen. Mei* stens sind es Pfarr* und Filialkirchen, bei denen nur an bestimm* ten Tagen der Concurs stattfindet, wie am Stephans*, Martins* oder Antoniustag, zuweilen unabhängig davon, ob jene Heiligen auch wirklich die Kirchenpatrone sind. Eiserne Opfertiere kommen, soweit mir bisher bekannt^ nur ein einzigesmal vor, und zwar in Sv. Ožbald ob Dravi (Sankt Oswald im Drauwalde); der hart an der steierischen Grenze gelegene Ort ist aber noch deutschsprachig* und dem steierischen Brauchtum zuzuzählen, wo die Eisenvotive noch sehr häufig sind, (vegl. Kriß: Wallfahrtswanderungen in Steiermark in Festschr. für Marie^Andree*Eysn 1928). Ich habe ihn daher auch schon in meinem damaligen Aufsatze besprochen, setze aber das wichtig* ste auch an diese Stelle. Das vorhandene Material, soviel ich weiß, nur Pferde und Rinder, soll den steierischen Typen mit dem aus einem dicken Eisenstab gehämmerten Leib und den durchgesteckten oder eingekeilten Extremitäten völlig gleichen; diese roh geschmiedeten Opfergaben sind hier weit weniger zahlreich als an anderen Orten Steiermarks. Es sollen nur un* gefähr 14 Stück vorhanden sein, und zwar deshalb, weil die * Nach der österreichichen offiziellen Volkszählung vom Jahre 1910 zähh te Sv. Ožbalt 265 Slovenen und 13 Deutsche. Štajersko. Izdanje c. kr. statistične kontrolne komisije, str. 137. Dunaj 1918. (Anmerkung der Redaktion.) 98 Rudolf Kriss: Tiere hier nicht wie anderwärts herumgetragen werden, sondern lediglich das der Bitte entsprechende Stück berührt oder geschupft wird und dabei an seinem Platze verbleibt. Diese Art der Benützung macht eine größere Zahl überflüssig. In eigent« liehen Slovenien sind Eisenvotive unbekannt, und die drei eiser« nen Opfertiere im Museum von Celje, deren Provenienz ich nicht ermitteln konnte, stammen wohl auch aus Steiermark. Ich gehe nun zur Besprechung weiterer Votivgaben über. Dabei fällt besonders auf, daß die Votivtafeln, wie sie in deut« sehen Gebieten gang und gäbe sind, fast völlig fehlen. Die bei uns so beliebten Darstellungen der eigenen Person, oder ganzer betender FamUien, von Haus und Hof, Unglücksfällen usw., wie sie unsere Wallfahrtskirchen in bunter Mannigfaltigkeit schmük« ken, sind hier nicht gebräuchlich. Ich bemerkte solche Tafeln nur an zwei Orten, und zwar in Ljubno und Brezje, beide in Ojber« krain, wo der deutsche Eifluß noch in stärkerem Maße be« merkbar ist; doch waren es, wie sich bei der Lektüre des Textes dieser Tafeln ergab, fast ausschließlich deutsche Familien, von denen solche Darstellungen gestiftet worden waren. Im Vergleich zu den zahllosen Heiligenbildern, modernen Farbendrucken mit schriftlich angefügter Widmung, die die Slovenen opfern, fielen sie kaum ins Gewicht. Der Umgang in der Gnadenkapelle von Brezje ist dicht behangen von solchen Heiligendarstellungen; meist steckt ein Zettel dabei, der den Dank des Stifters für eine erwiesene Gnade ausdrückt. In anderen Orten ist auch dieser Brauch verhältnismäßig selten. Brezje war der einzige Ort, wo ich auch geopferte Krücken, Zöpfe, silbergefaßte Nadeln und Knöchelchen sah, wie sie bei uns so häufig sind. Auch der Inhalt der Krambuden des Kirchplatzes von Brezje ist recht uninteressant. Er beschränkt sich auf neumodische Heiligenbilder, Medaillen, Gebetszetteln und ähnliche Dinge; die für den Volkskundler so belangreichen Amulette, Zaubersprüche und Segen fehlten gänzlich. An Stelle der Votivbilder fand ich in der Wallfahrtskirche von Remete bei Zagreb zahlreiche Wandmalereien, welche aller« lei wunderbare Heilungen darstellen, wie sie sich im 17. und 18. Jh. auf Fürbitte der Madonna hin ereignet haben. Sie füllen einen großen Teil des Gewölbes aus. Die Phantasie trägt dabei in dicken Farben auf. Da werden Tote auferweckt, Taubstumme gesund und Teufel ausgetrieben, daß' es nur so eine Freude ist. Volksreligiöse Opfergebräuche in Jugoslavien. 9ί ] Dazu kommen die realistischen Ausmalungen der einzelnen Vor* gänge. Der Teufel ist viermal abgebildet als ein schwarzer Kerl mit Hörnern, Flügeln, Schweif und Krallen. Man sieht u. a., wie er eine Person mit seinen Klauen am Arme festhält oder wie er sich, der größeren Macht der hilfereichen Gottesmutter unter« liegend, zürnend abwendet und sein Opfer fahren läßt. Bei den Totenerweckungen erbickt man Darstellungen, wo der Tote bereits auf einem Schubkarren zum Begräbnis gefahren wird und plötzlich wieder aufsteht. Gewöhnliche Krankenheilungen sind hier gar nichts besonderes. Der die Malereien erklärende Begleit« text ist in lateinischer Sprache abgefaßt und die einzelnen Ereig* nisse mit der Jahreszahl versehen. Ich komme nun auf den letzten Zweig des Votivkultes zu sprechen, der bei den Slovenen vor allen übrigen wohl den brei< testen Raum einnimmt, nämlich auf das Naturalienopfer. Soweit meine Informationen reichen, sind sie doch in der deut« sehen Enclave von Kočevje (Gottschee), dessen verschiedene Gemeinden kirchlich unter dem Dekanate der Stadt Gottschee stehen, üblich. Der Dekan von Gottschee teüte mir bei meinem Besuche im Juli 1928 folgendes mit: Ein eigentlicher Wallfahrts« ort im obenbesprochenen Sinne existiert innerhalb seiner Pfarrei nicht, doch findet zu bestimmten Zeiten im Jahre bei gewissen Kirchen der Concurs statt. Dem hl. Antonius dem Einsiedler opfert man in seiner Kirche im Hrib (Büchel) bei Koprivnik (Nesseltal) Schinken. In der Kirche Corpus Christi bei Gottschee (Kočevje) werden viermal im Jahre (Sonntag nach Christi Hirn« melfahrt, Sonntag nach Fronleichnam, Sonntag nach Georgi und Sonntag nach Martini) Butter, Eier, Kopftüchl, Kleider, Korn, Kukuruz und Schinken geopfert. Nach dem Gottesdienste werden die geopferten Gegenstände auf dem Kirchplatz an den Meist« bietenden versteigert, der Erlös gehört der Kirche. Ein ähnlicher Brauch findet zweimal im Jahre in der Kirche am Leonhardsberg bei Gotenica statt, wie auch in Maria Schnee bei Vrbovec (Tiefen« thal). Opfergaben in figürlicher Form, wie Wachsvotive, Tafeln usw. sind gänzlich unbekannt. Umgekehrt hat aber die Sitte des Naturalienopfers in stär« kerem oder geringerem Maße auf die slovenischen Nachbat> gebiete übergegriffen. So wird im Umkreis von Velike Lašče (nordwestlich von Gottschee), wo ich im Pfarrhofe gleichfalls Erkundigungen einzog, der Sitte des Naturalienopfers von der 100 Rudolf Kriss: slovenischen Bevölkerung in ziemlich bedeutsamen Ausmaße gehuldigt. Der Pfarrer teilte mir mit, daß auch hier der söge* nannte Sautoni (Antonius der Einsiedler) sehr stark verehrt würde, und daß man ihm in seiner Kirche in Dobrepolje an vier Markt« tagen im Jahre Schweinsfüße opfere. Außerdem würde zu be« stimmten Zeiten auch zur hl. Maria von Frieden, zur Hl. Maria in Nova Štifta und zum Hl. Rochus gepilgert. An Naturalien bringe man Weizen, Schmalz und Butter. Ab und zu seien auch die hohlen wächsernen Votivfiguren zu treffen, die von den Gläubi* gen auf den Altar gestellt würden und dort solange stehen blieben, bis sie zerbrächen, herunterfielen oder sonstwie ab« banden kämen. Es gäbe dort Arme, Beine, Herzen, Figuren und Halbkörper; die Kröte sei unbekannt. Je weiter man nach Südosten vordringt, desto mehr verliert sich die Sitte. In Weißkrain kommt noch die Opferung von Geflügel, Korn und Wein zuweilen vor*. In Kroatien stirbt der Brauch dann ganz aus. Während, wie mit Professor Tkalčič (Brief vom 31.10. 1928) mitteilt, anläßlich verschiedener festlicher Begebenheiten, z. B. bei der Grundsteinlegung eines Hauses, der Vollendung eines Baues, Hochzeits« oder Todesfeierlichkeiten allerhand Gaben gespendet werden, ist der Brauch, solche natür* liehe Opferungen auch verschiedenen Heiligen darzubringen, nicht üblich. Mit Recht fügt Tkalčič hinzu: »Die Gaben, die von den Leuten anläßlich der Taufe, der Hochzeit, des Begräbnisses etc. der Kirche, d. h. dem Pfarrer gegeben werden, z. B. Hand« tücher, Leinen oder Hanfgespinst, Kerzen u. dergl., können meines Erachtens wohl nicht als Naturopferungen gelten. Vielleicht sind sie Rudimente eines solchen, aber mit den Heiligen haben sie nichts zu schaffen.« Dagegen kommt das Naturalienopfer noch vor in den dem deutschen Einflüsse noch stärker ausgesetzten slovenischen Ge« bieten, wie in Oberkrain und der Gegend von Celje (Cilli); daß * In WeißiKrain (Bela Krajina oder Metliška Krajina) — zwischen dem KulpasFlusse und dem südöstlichen Abhänge des Krainer Hochplateaus — kommt die Opferung von Naturalien in reichlichem Maße vor. Im Dorfe Krasinc z. B. opfern die Weißkrainer und die benachbarten Kroaten Hunderte und aber Hunderte von Schweinsstelzen (krače) am Tage des heiligen Antonius des Einsiedlers, des Patrons der Dorfkirche. Auch Geld wird gespendet für das Gedeihen der Haustiere, für die Rinder mehr als z. B. für Schweine oder Schafe. Die Schweinsstelzen werden verkauft und das Geld für Zwecke der Erhaltung der Kirche aufbewahrt. (Anmerkung der Redaktion.) Volksreligiöse Opfergebräuche in Jugoslavien. 101 in Šmartno bei Cerklje dem hl. Antonius Schinken geopfert werden, habe ich bereits berichtet. In der Gegend südlich von Celje opfert man nach mündlicher Mitteilung eines Kaplans von Bad Laško (Tüffer) dem hl. Antonius an den Stätten seiner Ver« ehrung auch noch ganze lebende Schweine, während man an* deren Heiligen Butter und Eier darbringt; in St. Hermagoras kommen auch wächserne Opfertiere vor. St. Leonhard gilt zwar auch als Viehpatron, wird aber nur wenig verehrt. Um mir den eizelnen Besuch der ungezählten Berg« und Wallfahrtskirchen in der Gegend zwischen Celje und Ljubljana zu ersparen, beschloß ich, vorher Erkundigungen in verschiedenen Pfarreien einzuholen. Ich erfuhr dabei, daß in den mir wegen ihrer exponierten Lage verdächtigen Bergkirchen von St. Lambert und auf der Sveta Pia« nina gar nichts geopfert werde. Bei einer solchen Gelegenheit erzählte mir der Pfarrer von Št. Ožbolt, an der Straße von Celje nach Ljubljana, daß in seiner Gegend eine Wallfahrt zu St. Va« lentin existiere, wo man lebende Schweine darbringe und eine andere zur Hl. Lucia, wohin man Geflügel brächte. Das Schweine« opfer für Antonius und das Opfer von Butter und Eiern wurde mir für jenen Bezirk ebenfalls bestätigt, jedoch ohne nähere Ortsangabe. II. Damit ist alles, war mir aus den nördlichen Gebieten Jugo« slaviens bekannt wurde, erschöpft. Im Osten des Landes gibt es keine Votive in unserem Sinn. Hier ist die Bevölkerung serbisch« orthodox (pravoslavisch) und die Lehren jener Konfession stehen der Entwicklung eines solchen Volksbrauches im Wege. Nur in einigen serbisch«katholischen (unijatischen) Wallfahrtskirchen an der dalmatinischen Küste kommen silberne Votivgaben vor, doch ist dies dem römisch«katholischen Einflüsse zuzuschreiben; doch darüber im dritten Hauptabschnitt! Das einzige, was ich in orthodoxen Kirchen, wie z. B. in einer sehr alten Wallfahrts« kirche zur Hl. Maria in Sarajevo fand, sind Heiligenbilder in oft sehr kunstvoller Ausführung, die von den Gläubigen als Aus« druck des Dankes oder der Bitte gespendet werden. Es sind dies keine Votivtafeln in unserem Sinne mit bildlicher Darstellung des Bittstellers oder des in seinem Gebete intendierten Wunsch« Objektes. Doch wirken auch die massenhaft angebrachten Hei« ligenbilder auf den Beschauer oft sehr stark. Ich konnte mich 102 Rudolf Kriss: des tiefen Eindruckes oft nicht entziehen, den die ebengenannte Kirche auf mich machte, die innen eine Unzahl von Marienbild dern enthält, welche die Wände des Raumes bekleiden. Samt* liehe Bildnisse sind gemalt und besitzen höchstens teilweise Auf* lagen aus Silber, wie z. B. die Krone der Madonna oder die Hände und Füße der Mutter und des Kindes; oder es sind um« gekehrt nur die Köpfe gemalt und die übrige Fläche des Bildes besteht nach russischem Vorbild aus flach getriebenem Silber. Fesselnd ist der Anblick der durch Alter und Weihrauch ge« dunkelten Bildnisse in Kontrast zum Glänze des Silbers im Kerzengeflacker zusammen mit der eigenartigen Gesamtwirkung der orthodoxen Kirchen, die nach Vorschrift des Dogmas nichts Figürliches enthalten dürfen und diesen Mangel durch reichliche Anwendung von Gold und Silber ersetzen. Eine Folge dieser Vorschrift ist wohl auch das Fehlen von Votivgaben. Meine Forschungen hatten durchaus negative Ergebnisse;: soweit ich in den Museen von Beograd und Sarajevo überhaupt Opfergaben fand, stammten sie aus römischskatholischen Kir« chen. Aussagen der Fachleute ergaben dasselbe Bild; immerhin aber gebe ich zu, daß meine Untersuchungen namentlich was Altserbien betrifft, noch unzureichend sind, also zu diesem Punkte vielleicht noch Ergänzungen möglich sind. In Bosnien gab es in den Franziskanerklöstern von Kreševo und Fojnica Silbervotive; sie sind jetzt dort nicht mehr vorhanden, was Kre* ševo betrifft, so wurden sie beim Umbau des Klosters verkauft. So fanden sich in den Museen von Zagreb, Beograd und Sarajevo solche von dort stammende Silberopfer, die in ihrer Typik völlig den in den Küstengebieten unter italienischem Einfluß aufgekom« menen gleichen. Soweit ich unterrichtet bin, drangen seinerzeit die Franziskaner ja auch von Dalmatien her in die mohammeda« nischen Gebiete Bosniens vor und gründeten im Inneren des Landes ihre Niederlassungen, so daß angenommen werden kann, daß durch sie die Sitte des Votivopfers importiert wurde. Die vorhandenen Objekte sind aus dünnstem Silberblech verfertigt; meist sind die zur Darstellung gelangenden Arten aus recht« eckigen Plättchen herausgetrieben. Ich sah männliche und weih« liehe Figuren, einzelne Köpfe, Arme, Beine und Augen. Beson« ders fielen mir die originellen Augenvotive auf, die aus feinem geschlagenen Silber mit eingesetzten roten Halbedelsteinen oder Glas als Augäpfel bestehen. Ähnlich im Typ sind die Gesichter Volksreligiöse Opfergebräuche in Jugoslavien. 103 und Figuren mit den aus einem flach gehämmerten Silberstreifen schwach herausgetriebenen Andeutungen von Nase, Augen, Mund und Ohren (siehe auch Teil III). Außer diesen Opferungen im engeren Sinne kommen noch Fälle vor, wo die gläubigen Frauen ihren silbernen Kopfschmuck herschenken oder flach« gehämmerte Silberkronen zum Schmucke der Madonnenbildnisse spenden. In Fojnica teilte mir ein Franziskaner mit, daß aus« nahmsweise auch Kleider mit Stickereien gebracht würden, die die Kirche nachher wieder verkaufe. Dies sei noch der Brauch in St. Jakob (oberhalb Fojnica, im Gebirge) und in Jajce beim Hl. Antonius. Mehr habe ich nicht erfahren. Orthodoxe und Mo« hammedaner, bei welch letzteren der Monotheismus wohl am konsequentesten durchgebildet ist, haben den Brauch nicht ent« wickelt. Dafür findet man bei diesen ein ausgebildetes Amulettwesen vor, über das ich, obwohl es eigentlich nicht zu unserem Thema gehört, doch in Kürze das Wichtigste mitteilen will. Die Amu« lette bestehen aus geschriebenen Zetteln, welche der Hodža (Bezeichnung für die mohammedanischen Priester) auf Verlangen ausstellt. Diese enthalten meist irgend eine Zauber« und Be« schwörungsformel, verschiedene magische Zeichen und schließen mit einem Abschnitt aus dem Koran. Man kann sich solche Schriftstücke für die verschiedensten Anliegen ausstellen lassen, am häufigsten sind sie für Kinder begehrt, die den bösen Ein« Wirkungen des Verrufes und anderer schädlicher Einflüsse nach dem Volksglauben am meisten ausgesetzt sind (vergl. Anton Hangi: Sitten und Gebräuche der Moslims in Bosnien und Herze« govina). Solche Schutzbriefe schreibt zwar jeder Hodža, der darum gebeten wird, aber nach der Meinung der Leute vermag nicht ein jeder einen gleich wirksamen zu verfertigen, vielmehr stehen manche von ihnen im Rufe, ganz unfehlbare Amulette verfassen zu können; zu ihnen wird oft aus weiten Entfernungen gepilgert und man ist bei ihrer Bezahlung nicht sparsam. Zur Aufbewahrung dieser Schutzbriefe dienen ganz bestimmte Be« hälter, und zwar entweder kleine hohle, zylindrische Rollen von ca. 8—10 cm Länge, oft aus kunstvoll getriebenem oder mit Fili« granmustern durchbrochenem Silber oder aber dreieckige Hülsen aus Silber oder rotem Leder, erstere ebenfalls in meist recht hübscher Ausführung. Man kann sie auf der Čaršija, wie die Geschäftsviertel der größeren Orte heißen, überall kaufen. Das 104 Rudolf Kriss: Amulett soll nicht geöffnet werden, und darf auch an keinem unreinen Orte aufbewahrt werden, damit das darin enthaltene Schriftstück, das je nach Art des Behälters gerollt oder zusam« mengefaltet ist, seiner Wirkung nicht verlustig geht. Der Brauch hat ein solches Ausmaß angenommen, daß er sich auch bei den katholischen Franziskanern einbürgerte. Auch die Mönche ver« kaufen, schon aus Gründen der Konkurrenz, solche Schutzbriefe, welche in kleinen silbernen viereckigen Kapseln mit der Ein« gravierung I.H.S. aufgehoben werden. Man bekommt diese Zet= tel an der Klosterpforte ausgefolgt. Sie sind zusammengeklebt, ich öffnete den meinigen aber doch, und fand nichts als eine gedruckte kirchliche Benedictionsformel. Abb. 7. a) Türkische und katholische Amulettbehälter, b) Türkische und katholische Anhänger. Außer diesen am meisten verbreiteten Amuletten gibt es noch allerhand Anhänger, die gewöhnlich aus einem flach ge« gepreßten Silberstück bestehen, das den Namen des Trägers ein* graviert enthält, nebst verschiedenen Emblemen, die je nach der Konfessionszugehörigkeit islamitische Symbole oder das christliche Kreuzzeichen vorstellen. In Gegenden, wo beide Kon« fessionen annähernd gleich stark vertreten sind, wie in Mostar, Volksreligiöse Opfergebräuche in Jugoslavien.] 105! fand ich zuweilen beide Zeichen zugleich auf der Vorder« und Rückseite desselben Anhängers vereinigt, was wohl dem Ver« langen nach doppelseitigem Schutze entsprungen ist, um für alle Fälle gedeckt zu sein. III. Ich gehe nun zum dritten eingangs gekennzeichneten Brauch« gebiet über und bespreche die längs der dalmatinisch«kroatischen Küste vorkommenden Opfergaben, wie sie von dem fast aus« Abb. 8. Silbervotive aus Dalmatien (Dubrovnik, Kotor, Split). schließlich römisch«katholischen Volke dargebracht werden. Im wesentlichen sind sie auf silberne Weihegeschenke und Votiv« bilder beschränkt. Die silbernen Opfer sah