Preis ganzjährig: Österreich 2 S, Deutschland 2 Soldmark, Stallen 8 Dire, Udiechoilowakei 10 čK, Jugoslawien 24 Dinar, Ungarn 3 Pengö, Schweiz 2 Franken, Amerika 2 Soldmark. Der Belüge Vater Pius XI. hat der Redaktion, den Abonnenten und Wohltätern den Apostolischen Segen erteilt. Für Wohltäter werden wöchentlich zwei heilige messen gelesen. Mit Empfehlung der hochwürdiglten Oberhirten von Brixen, Brünn, Sraz, Deltmerlfz, Dinz, Olmütz, Marburg, Crienf, Crieff und Wien. Best 7 Suli 1928. __________XXXI. Jahrgang. fDeine ersten afrikanischen steifen. Von Hochw. P. Johann Riegler, F. S. C. (Schluß.) V. Amsiedlung nach St. Michaels. „Das Wandern ist des Müllers Lust", heißt es im Siebe. Auch der Missionär könnte so manches Liedlein singen über das Wandern; denn ist es bei ihm auch nicht seine Lust, so ist es doch oft genug sein Los. Als ich in „Maria-Trost" ankam, war der hochwürdigste Herr Präfekt eben verreist. Mir wurde inzwischen gesagt, daß ich auf der Station bleiben werde, bis das Zulu seinen siegreichen Einzug in meinen Kopf gehalten hätte. Kaum aber war Monsignore zurückgekehrt, drehte sich auch schon der Wind. Schon am nächsten Morgen verkündete er mir mein „Todesurteil", wie er sich ausdrückte. Weil man als guter Christ ohnehin jederzeit auf den Tod vorbereitet sein soll, so ließ ich mich weiter nicht aus der Fassung bringen, sondern erwiderte: „Nun, wenn ich schon gehängt werde, so war's mir wohl recht, möglichst bald." Im stillen dachte ich freilich an jenen, dem man am Montag morgens verkündete, er werde heute noch ge- hängt werden, und der dann meinte: „Die Woche sängt aber einmal gut an! Was wird da bis Samstag noch alles kommen?!" Für mich war die Sache allerdings nicht so gefährlich. Ich sollte nach St. Michaels in Natal zu den Mariannhiller Missionären gehen, weil ich dort besser Gelegenheit zum Zululernen hätte und zugleich, um dem Herrn Pater Rektor daselbst ein wenig von der Überfülle seiner Arbeit abzunehmen. Es hieß also, die Siebensachen zusammenpacken und den Wanderstab ergreifen. Montag nachmittag schied ich unter strömendem Regen von Lydenburg. In Pretoria sollte mich nächsten Morgen P. B. am Bahnhof abholen. Wer aber nicht da war, war P. B. Aufs Geratewohl marschierte ich drauf los, um das Kloster der Redemptoristen ausfindig zu machen. Selbstverständlich schlug ich die verkehrte Richtung ein. Da es noch recht früh war, traf ich auf der Straße zunächst nur einige Schwarze, die aber von einem Kloster auch nicht mehr wußten als ein Ochs vom Rübenbau. Ich erinnerte 1 mich dabei unwillkürlich an jene Burschen, die ich in Bozen spät abends um das Eucharistiner-kloster fragte und die mir dann ganz treuherzig zur Antwort gaben: „Sell wiss'n ma net; bei dena Klöstern senna ma uns nämli nit gor so gnat aus", was ich ihnen ohne weiteres glaubte. Auf meiner Wanderung traf ich endlich einen Weißen, der mir das Kloster zeigte. Ich mußte nochmals zum Bahnhof zurück, wo ich auf P. B. stieß. Schuld daran, daß er zu spät auf den Bahnhof kam, war natürlich der Zug, der zu früh kam. Nachmittag konnte ich meine Reise wieder fortsetzen. Wir fuhren noch nicht allzulange, als es schon eine kleine Störung gab. Vor uns war ein Zug entgleist und so mußten wir warten, bis das Geleise frei war. Dann aber ging es wieder lustig voran. P. Klotz schreibt über diese Fahrt: „Wie auf einer Wendeltreppe steigt man von Transvaal zum ,Garten Afrikas' (Natal) nieder. So kühne Kurven und Schleifen, so wellige Eisenpfade wie hier habe ich noch nirgends getroffen. Ich kenne auf Schiff und Eisenbahn in der Regel keine Furcht; hier aber saß ich in banger Erwartung an den Fenstern des Salons und schaute mit dem geringen Behagen unserer Urgroßväter nach diesen .technischen Wundern' aus. Der Zug rannte wie in Tollwut dahin, als gelte es, keine Sekunde, wohl aber Haut und Leben zu verlieren." (Mariannhiller Missionskalender 1915.) Infolge der oben erwähnten Störung kamen wir am Mittwoch morgens statt um 7 Uhr erst um 9 Uhr morgens in Pietermaritzburg an. Meine erste Frage war: „Ist der Zug nach Donnybrook schon abgefahren?" — „Jawohl!" — „Wann geht der nächste?" — „Morgen um 8 Uhr früh." Schöne Bescherung! Was nun machen in einer weltfremden Stadt bis morgen früh? Wohin soll ich mich wenden? Die Vorsehung sorgte liebevoll. Bald schon fand ich ein katholisches Kloster und in dem Kloster drinnen einen deutschen Rheinländer, P. B. Zu meinem Schrecken erfuhr ich von ihm, daß mein Zug in Jxopo bis Samstag keinen Anschluß habe nach St. Michaels. So geht's! Wegen zwei Stunden Verspätung kommt man schließlich und endlich gleich um volle zwei Tage später ans Ziel. Man ist eben in Afrika. Da ich sowohl im Sanatorium zu Jxopo als auch in St. Michaels selbst schon angemeldet war, mußte ich beide Orte von meiner Verspätung benachrichtigen. P. B. erklärte sich gerne bereit, dies zu besorgen. Das Unternehmen ist allerdings schief gegangen. Nach St. Michaels schrieb er eine Karte, die dann glücklich einen Tag nach meiner Ankunft daselbst ankam. Nach Jxopo sollte es, da er Haustelephon hatte, telephonisch gehen. Und das ging nun so. Ich war eben daran, ein kleines Mittagsschläfchen zu halten, um ein wenig den Schlaf der letzten zwei durchreisten Nächte nachzuholen, als ich plötzlich durch lautes Schreien droben im 1. Stock in meiner Arbeit gestört wurde. Was war denn los? Ich hatte die Situation bald erfaßt. P. B. war eben beim Telephonieren. Unermüdlich und immer lauter schrie er in den Kasten auf Deutsch hinein, daß der Missionär von Lydenburg um einen Tag später komme; doch man schien ihn nicht zu verstehen. P. B. verlor aber den Mut nicht alsogleich. Immer wieder schrie er es in gut Deutsch hinein, daß ich heute nicht komme, sondern morgen. Er bediente sich der deutschen Sprache, da er meinte, mit den deutschen Schwestern im Sanatorium zu reden. Endlich sah er doch ein, daß es aussichtslos sei, dem Hörer auf der andern Seite des Telephons etwas beizubringen in Deutsch. Nun begann er englisch, und zwar mit mehr Erfolg. Man schien ihn zu verstehen und so war die Sache bald erledigt. Nächsten Tag um 4 Uhr nachmittags kam ich nach Jxopo. Ein neuer Zwischenfall. Kaum stand der Zug stille, als auch schon ein Weißer auf mich zukam mit der Erklärung, mich abzuholen nach Mariatal. „Nach Mariatal? Ich bin doch im Sanatorium gemeldet!" — „Nicht so; für heute ist in Mariatal ein junger Professor 1 angemeldet und der müssen Sie sein." Damit nahm er meine Koffer und ging schnurstracks auf seine Kutsche los, ich hinterdrein. Nochmals versuchte ich, dem Manne in meinem klassischen Englisch begreiflich zu machen, daß da ein Irrtum vorliege und daß ich unbedingt ins Sanatorium wolle. Nun ließ er ab von seinem Vorhaben, rief einen Schwarzen, dem er den Auftrag gab, mich ins Sanatorium zu Personenzug zu warten, sondern daß ich am nächsten Tag mit dem Güterzug weiterfahren könnte, was ich auch tat. Schildert P. Klotz schon die Fahrt von Transvaal herunter als halsbrecherisch, so ist sie doch nichts im Vergleich zur Fahrt auf dieser Strecke. Auf schmalspurigem Geleise läuft das Bähnlein dahin nach allen Windrichtungen, bald nach Ost, bald nach Süd, dann wieder nach Nord und West, um einen Ausweg zu stnden aus dieser wild zerrissenen Landschaft. Bald geht es pustend und schnaubend bergan, so daß man beinahe Mitleid bekommt mit dem kleinen Ma- bringen. Er selbst fuhr unverrichteter Dinge nach Mariatal zurück. Später erfuhr ich, daß der Mann niemand anderer war als Bruder Schaffner der Missionsstation Mariatal, ein biederer Deutscher. Hätte ich das gewußt und hätte auch er in mir einen Deutschen vermutet, so hätten wir einmal deutsch gesprochen und hätten uns wahrscheinlich besser verstanden. Wieso kam er mich abholen? Aus dem einfachen Grunde, weil das Telephongespräch des P. B. aus Pietermaritzburg nicht im Sanatorium, sondern in Mariatal gelandet war. Jin Sanatorium teilte man mir mit, daß es nicht notwendig sei, bis Samstag auf den 1 In Mariatal ist Nämlich das Seminar der Mariann-hiller Theologen. I schinchen da vorne, bald springt es einem mut-! willigen Sammlern gleich den Bergabhang hinunter, mit einer staunenswerten Todesverachtung die kühnsten Krümmungen fahrend. Dem Insassen wird es dabei oft ganz schwummelig zumute und er hat nebenbei vollauf zu tun, um die jeweiligen Stöße geschickt zu parieren, damit er nicht als elender Trümmerhaufen am Ziel anlange. So mitten auf der Strecke lain uns ein Weißer nachgeritten, der im Galopp vorbeiraste, uns mit der Hand zuwinkend, ihm nachzufolgen. Das Zügle schien den Dauerlauf aufnehmen zu wollen, denn bald folgten einige kräftige Nuckbewegungcn nach vorne, wobei es uns jedesmal mit gehöriger Wucht an die Rückwand warf, daß uns beinahe Sehen und Hören verging; bald aber kam es schon zur Einsicht, daß es seinem Gegner nicht gewachsen sei, so daß es dann wieder etwas gemäßigter, anscheinend etwas beschämt über diesen Vorfall, dahinging. Daß so ein Bähnle auf seinem Laufe in der afrikanischen Glühsonne tüchtig schwitzt und deshalb fast jede halbe Stunde den Kessel mit Wasser füllen muß, darf uns nicht wundernehmen. Endlich kommt Njane (sprich Ndschane), meine Endstation, in Sicht. Vergnügt sprang ich aus meinem Abteil, Gott dankend, daß er mir meine geraden Glieder auf dieser Todesfahrt heil bewahrte. Njane! Nicht immer hatte diese Haltestelle, die, wie ihre gleichartigen Genossen, nichts aufzuweisen hat als eine kleine, viereckige Blechhütte, so geheißen. Vorher führte sie den Namen St. Michaels wegen der nahegelegenen St.-Michaels-Mission. Doch siehe da! Während des Krieges entdeckt plötzlich ein übergescheiter Engländer, daß St. Michael ein Deutscher gewesen sei, und daß es natürlich ganz und gar nicht angehe, in einer englischen Kolonie einer Eisenbahnhaltestelle den Namen eines Deutschen zu geben. So mußte der Name St. Michael verschwinden und an seine Stelle wurde der Name eines alten Häuptlings, namens Njane, gesetzt. Vielleicht können es die hochwürdigen Herren Pfarrer ausfindig machen, in welchem Taufregister St. Michael eingetragen ist. Das wäre gewiß ein wertvoller Fund. Ein Spital ist auch ein Schulhaus, zwar nicht voll Lebenslust und Bücherweisheit wie jene, die man gewöhnlich darunter versteht, wohl aber eine eigenartige Hochschule für Lebensweisheit. Da lernen nicht bloß die Insassen, sondern auch Gesunde können dort gelegentlich Einem Eselsgespann mit der Wagenaufschrift „St.-Michaels-Mission" vertraute ich mein Gepäck und auch mich selber an und bald ging es der Missionsstation zu, die eine halbe Stunde von der Haltestelle, in einer Mulde versteckt, liegt. Gleich am nächsten Tage begann ich meine Amtstätigkeit, indem ich einem kleinen schwarzen Kranskopf die heilige Taufe spendete. Und neben dem Erlernen der Zulusprache ist bis jetzt das Taufen und Begraben meine Hauptbeschäftigung geblieben; denn, was sich dazwischen abspielt, muß ich wegen Mangel an Sprachkenntnissen noch dem Herrn Pater Rektor überlassen. Noch bin ich nicht lange auf Afrikas Boden, noch bin ich bei weitem nicht vertraut mit alldem, was sich auf ihm abspielt. Aber so viel habe ich in dieser kurzen Zeit meines Hierseins schon mit eigenen Augen sehen können: Afrikas geistige Not ist groß, riesengroß. Millionen und Millionen leben noch immer im Irrwahn des Heidentums, ausgesetzt der größten Gefahr, der ewigen Verwerfung. Wer wird sie retten? O, laßt uns beten, daß der Herr Arbeiter in seinen großen Weinberg sende, seeleneifrige, opferwillige Arbeiter, liebeglühende Apostelseelen, die mithelfen, die verirrten Seelen jenem zuzuführen, den der Herr uns gesandt hat und in dem allein es Rettung gibt, Jesu Christo, dem Erlöser des gesamten Menschengeschlechtes. heilsame Vorlesungen besuchen, in denen Dinge zur Sprache kommen, die sonst in den berühmtesten Fachschulen, in glänzenden Gesellschaften oder im Weltgetriebe nicht geboten werden. So eine Schule, wo man manches lernen kann, das einem zeitlebens guttut, ist Vom £mgebornen=SpitaI in Witbank. (Ein- und Umblick.) Von Hochw. P. Anger er, F. S. C. auch das Eingebornen-Krankenhaus in Wit-bank. Ich gehe dorthin, nicht so sehr um etwas zur Linderung der körperlichen Leiden der Kranken beizutragen, als vielmehr, um die tieferliegenden und verderblicheren Übel ihrer Seelen nach Möglichkeit zu heilen. Dafür kann ich, wenn ich wieder fortgehe, immer eine Dosis guter Lehren mit mir nach Hause nehmen, die nicht bloß meinen eigenen Bedürfnissen zugute kommt, sondern auch denen, auf welche ich in der Missionsarbeit einzuwirken habe. Im Spital blickt man tiefer ins Menschenherz und ins menschliche Leben hinein; man sieht mehr in die Weite, indem man Bekanntschaft mit Leuten macht, die aus den verschiedensten Gegenden und von allen möglichen Stämmen und Klassen herstammen; man findet in einem Saale Leute beisammen, die von Winkeln zusammenkommen, wo man sonst niemals den Fuß hingesetzt und die man sonst zu fassen nie Gelegenheit hätte. Man hört von Dingen erzählen, die außen vor sich gehen und niemals in die Öffentlichkeit gelangen. Der Blick wird mit Macht nach oben gelenkt und das Herz zum Dank gegen Gott erhoben, wenn man das wunderbare Walten der göttlichen Gnade in manchen Seelen gleichsam in der Nähe fühlt. Und weil ich weiß, daß es in Europa so manche Missionsfreunde gibt, die so glühend für die Mission interessiert sind, daß sie froh sind um jeden, auch den einfachsten Bericht, wenn er nur aus dem fernen Missionslande stammt, wie etwa ein ausgedürsteter Wanderer um einen Trunk frischen Wassers, wenn er auch nur aus irdenem Krüglein gereicht wird, so will ich nun einem dieser Freunde den Gefallen tun und ihm von jener Leidensstätte einiges erzählen. Was man dort sieht, wirft zugleich auch ein Licht aus die Lage der Ein-gebornen dieses Landes im allgemeinen und auf die Beschaffenheit der Missionsarbeit unter ihnen im besonderen. Er mag daraus auch eine Lehre ziehen, die ihm guttut für seinen per- sönlichen Bedarf und für sein Verhalten der Mission gegenüber. Das Spital, von dem ich rede, gehört einer der Kohlenminengesellschaften, die in und um Witbank große Zechen besitzen. Diese Gesellschaft besitzt auch außerhalb der Stadt noch andere Zechen. In dem zu besprechenden Spital werden nur jene Eingebornen behandelt, die in der Stadt und einer in der Nähe derselben befindlichen Zeche von der betreffenden Gesellschaft als Arbeiter angestellt sind (zirka 1000), und nur während der Zeit ihrer Anstellung daselbst. Andere, selbst ihre Angehörigen, sind ausgeschlossen. Nur in wenigen Ausnahmsfällen werden Arbeiter aufgenommen, die anderen Gesellschaften angehören, mit Rücksicht auf das Ansehen ihrer Herren, zum Beispiel solche, die einen Unfall an der Eisenbahn oder an der elektrischen Kraftstation erlitten haben. Das Hauptkontingent der schwarzen Arbeiter an den hiesigen Kohlenminen stellen die Eingebornen aus Portugiesisch-Ostafrika, zu verschwindend geringem Bruchteil solche aus den nördlichen Gegenden der südafrikanischen Union und noch weniger solche aus dem südlich vom Portugiesischen stammende, wie Zulus und Sutus. Die Transvaaler Regierung hat mit der portugiesischen Kolonie einen Vertrag geschlossen, demgemäß die letztere eine bestimmte Anzahl schwarzer, arbeitsfähiger Untertanen gegen Entgelt in Handelsvorteilen zu stellen hat. So werden die portugiesischen Arbeiter zwangsweise wie Rekruten ausgehobeu und unter polizeilicher Aussicht hieher transportiert, um einer der Minengesellschafteu zur Verfügung gestellt zu werden. Solange ihre Vertragszeit dauert, werden diese Arbeiter in strenger, fast militärischer Zucht und Kontrolle gehalten, ohne Rücksicht auf ihren persönlichen Willen. Nach Ablauf dieser Zeit werden sie wieder per Schub nach Hause befördert. Im übrigen können sie sich nicht beklagen, daß sie hier ungebührlich scharf behandelt werden. Viele ziehen das Leben hier betn in der portugiesischen Kolonie vor, wo sie es, wie sie sagen, viel schlimmer haben. Dort werden sie bedeutend schlechter bezahlt und rücksichtsloser behandelt und von den Weißen so ausgesaugt, daß sie in äußerster Not und Armut froh sind, wenn sie nur irgendwo für sich und ihre Angehörigen eine Gelegenheit zum Broterwerb finden, mag das ihnen auch noch so schwerfallen und mögen sie auch einsehen, wie sie von den weißen Geldmachern ausgenutzt werden als billige Arbeitskraft, da sie im Ver- außerhalb der Stadt, auf denen ihnen ihre Wohnungen zugewiesen find und außerhalb welcher sie sich nachts nicht aufhalten dürfen ohne einen speziellen Paß. Auf diesem Platze hat die Stadt oder eine Gesellschaft Hunderte von Hütten erbaut, in denen die schwarzen Familien wie auch einzelne Arbeiter für einen Mietzins von 10 bis 16 Mark untergebracht sind. Diese gewöhnlich stark bevölkerten Niederlassungen der Schwarzen nennt man hier „Locations". hültnis zur Produktion und zu den Löhnen der an denselben Minen arbeitenden Weißen und zu dem Wert des Geldes in hiesiger Gegend sehr niedrigen Lohn erhalten: l1/*—3 Pfund Sterling (25—60 Mark) im Monat. Sie arbeiten für gewöhnlich 8 Stunden im Tage, nach Bedürfnis auch mehr, erhalten hinreichende, wenn auch nicht gerade gute Kost aus gemeinsamer Küche und wohnen in leidlich angemessenen Arbeiterkasernen zu 12 bis 40 zusammen. Die Wohnungen der Schwarzen werden ängstlich von denen der Weißen ferngehalten. Niemand darf sich ohne speziellen Paß in der Stadt nachts aufhalten, mit Ausnahme der eigentlichen Hausbediensteten der Weißen. Den Ein-gebornen sind eigene Grundstücke zugemessen Unter diesen gibt es natürlich auch Kranke. Was geschieht mit ihnen? Sie sind sich selbst überlassen. In der nächsten Umgebung der Stadt leben über 2000 Eingeborne und in der Stadt selbst eine gute Anzahl (zirka 1000) als Hausdiener bei Weißen. Für sie ist kein Krankenhaus vorgesehen. Erkrankt jemand, so geht man zu einem Apotheker, der ohne ein Rezept von einem Doktor einfach auf Angabe der Krankheitssymptome eine Medizin verabreicht oder einfach jene, die die Kunden auf Anraten von Freunden verlangen. Ein weißer Arzt wird nur in äußerst dringenden Fallen gerufen, da er zu teuer ist: der erste Besuch 20 Mark, die folgenden etwas weniger. Das ist bei den Schwarzen ein Vermögen. Sie müssen sich schon genug einschränken, wenn alle in der Familie gesund sind, noch mehr, wenn die Kosten der Krankenpflege auch noch das wenige Geld aufzehren, das sie verdienen. Der eine oder andere muß dem Kranken beistehen und verliert den Taglohn für die Zeit der Krankheit. Was Wunder, wenn sie sich da an die billigen ein-gebornen Doktoren (Kurpfuscher) wenden! Es ist traurig, das Elend in den Häusern zu sehen. Es ist mir überhaupt ein unlösbares Rätsel, woher diese Leute Geld nehmen, ihr Leben dürftig zu fristen, ja sogar noch Mittel und Wege finden, Luxusartikel sich zu verschaffen, wie Putz und moderne, bunte Kleider für die heiratslustige Jugend. Regelmäßig finden abwechselnd in verschiedenen Hütten geheime Biergelage statt, in denen nur stark betäubender Stoff getrunken wird, besonders samstags und sonntags, woraus man dann die Folgen nachts auf den Straßen beobachten kann, wo wüst gelärmt wird und schamlose Ausgelassenheit herrscht. Man kann sich denken, welchen Einfluß ein solches Leben auf die geistige und körperliche Gesundheit der dicht zusammenlebenden Bewohner, besonders auf die Kinder, ausüben muß. Da gibt es niemand, der gegen diesen Unfug einschreitet. Gefragt, warum sie nicht in die katholische Kirche aufgenommen werden wolle, da sie doch deren Wahrheit einsehe, gab eine Person die bemerkenswerte Antwort: „Wenn ich katholisch werde, muß ich verarmen und kann mich nicht mehr durchs Leben schlagen." Es scheint also, daß es nicht mit rechten Dingen zugeht, wenn sich diese Leute trotz ihres geringen Verdienstes noch einen Aufwand erlauben können. Der Familienvater arbeitet zum Beispiel Tag für Tag um 60 Mark im Monat, die Frau wäscht für andere um höchstens 10 Mark im Monat; die Kinder sind schon zu modern, um bei einer Arbeit zuzugreifen. Mit diesem Geld müssen sie einen Monat auskommen für Wohnung, Kleidung und Nahrung, oft für eine Anzahl Kinder mit. Der Mietzins, 10—IbMark, wird unerbittlich jeden Monat eingefordert. Kohlen, das zum Haushalt Nötige und alles und jedes zum Lebensbedarf muß bis zum kleinsten beim Krämer eingekauft werden, weil sie keinerlei Handwerk oder Landwirtschaft betreiben können. Und das will hier viel heißen, weil alles sehr teuer ist (12 Eier 3 */2 Mark), zumal die von der Hauptstadt weiter entfernten Läden ohnehin schon bedeutend aufschlagen und noch dazu aus der Unwissenheit der Einge-bornen soviel als möglich Kapital zu schlagen suchen. Nur unter schweren Bedingungen erhalten Eingeborne, aber nur solche, die von nicht zur Union gehörigen Ländern herstammen, die Erlaubnis, einen Laden zu führen oder ein Handwerk selbständig zu betreiben, und das nur soweit, als sie in keiner Weise einem Nichteingebornen Konkurrenz machen können. Die Hütten, welche außerhalb des Wohnungsbereiches der Weißen von der Stadt oder einer interessierten Gesellschaft auf eigenem Grunde erbaut'worden sind, waren bis zum letzten Jahre und sind zum großen Teile bis heute noch armselige Blechhütten, 5—6 Schritt lang, 4 Schritt breit und gerade mannshoch. Darin sind eine Familie samt Hauseinrichtung, das eine oder andere Bett, die übrigen Lagerstätten am Boden und etwa eine Art Handwerkerbude (Schusterei oder dergleichen) untergebracht. Andere Hütten bestehen aus schmalen Baumstämmen, mit einer schlecht haltbaren Lehmerde als Mörtel verputzt; wieder andere, von dem Aussehen einer größeren Hundshütte, haben die Form eines Dachstuhls ohne inneres Gerüst, der mit den Rändern auf einem nur etwa zwei Fuß vom Boden aufragenden Aufsatz aufliegt, die Giebel-höhe kaum über mannshoch, alles aus Zinkblechstücken zusammengefügt, so daß Hitze und Kälte darin sehr hart empfunden werden. Dieser Raum wird so vielen zur Wohnung zugewiesen, als Platz haben. Ähnlich diesen Hütten sind Arbeiterwohnungen, die aus großen Wasserbehältern aus Zinkblech hergestellt sind. Ein Blechfaß von 340 oin Höhe und 340 Lin Durch- Messer in der Grundfläche wird einfach der Länge nach von oben bis unten zu gleichen Teilen entzweigeschnitten, die beiden Teile mit der Innenseite nach unten auf den Boden gestellt, vorne in jedem eine Tür herausgearbeitet, und zwei Hütten sind fertig. Darin hausen drei und mehr Arbeiter. Solche Wohnungsverhält-msse sind gewiß der Gesundheit nicht fördert lich. In ihrem eigenen Interesse haben darum die Arbeitgeber doch derselben mehr Rechnung getragen und bessere Hütten für die Schwarzen zu bauen begonnen aus gestampfter Erde und starkem Strohdach für die Locations und schönere und geräumigere Arbeiterkasernen für die an den Minen Angestellten. Dank dem guten Klima dieser Gegend und der kräftigen Natur der Leute, die noch von ihren Voreltern aus besseren Zeiten herstammt, kommen doch weniger Todesfälle vor, als man bei diesen Zuständen und bei den häusigen Erkrankungen erwarten möchte. Doch wird es nicht mehr lange dauern, daß auch diese kräftige Veranlagung, wenn nicht gründlich Abhilfe geschaffen wird, unter der bitteren Not und unter dem erschlaffenden Lasterleben, das in diesen zigeunerartigen Lagern bei dem bunten und dichten Gemisch von allen möglichen Bevölkerungsschichten herrscht, endlich zusammenbricht. Außer seinen eigenen Bedürfnissen hat der Eingeborne auch noch verschiedene Steuern und Abgaben zu zahlen für Lehrer und Minister seiner Sekte usw. Das wenige Geld also, das einer sauer genug verdient hat, ist, falls jemand in der Familie erkrankt, rasch aufgezehrt. Dem armen Kranken bleibt dann nichts anderes übrig, als ohne besondere Behandlung so hinzusiechen, bis er gesund ist oder stirbt. Die können, ziehen zu bessergestellten Verwandten, die bei irgendeinem weißen Farmer auf dem Lande bedienstet sind. Man kann aber nicht wenige antreffen, die hilflos wochenlang, in ärmliche Decken eingehüllt, am Boden ihrer Hütte liegen und ihr 1 Leben weiterfristen mit Hilfe der allernötigsten Unterstützung von mitleidigen Nachbarn oder Freunden. Solche Verlassene wären wohl froh, im Spital Pflege zu finden, wenn auch der Aufenthalt in demselben so wenig anziehend ist, daß jene, die ihn zu verkosten haben, mit Freuden den Ort verlassen, um wieder zu ihrer harten Arbeit zurückzukehren. Aber diese Begünstigung ist ihnen versagt. (Fortsetzung folgt.) O I o Umschau, 0 0 0 (,,Fides"-Korrespondenz.) Nom. Ein neuer chinesischer Bischof. Unter den letzthin ernannten Missionsbischöfen befindet sich auch der chinesische Priester Peter Cheng, der zum Apostolischen Vikar von Suan-huafu, als Nachfolger des verstorbenen Msgr. Tschao, der zu den ersten sechs in Rom geweihten chinesischen Bischöfen gehörte, aber schon bald nach seiner Rückkehr nach China starb. Liberia. (Afrika.) Msgr. John Ogs, der Apostolische Präfekt von Liberia, ist offiziell mit der diplomatischen Vertretung des Apostolischen Stuhles bei der Regierung der Negerrepublik Nigeria betraut. — Schwarze Prie ster. In den Missionen der Weißen Väter zählt man augenblicklich 60 schwarze Priester, die sich auf 15 Bezirke verteilen. In den Missionen Ostafrikas wirken allein 46. Kongo. Von einem starken Fortschritt des Christentums unter den Kongonegern liegen näher- Berichte vor. Im Vikariat Luapnla sind im Jahre 1927 38 neue Stationen eröffnet worden. Die Entwicklung dieses Gebietes durch Erschließung der materiellen Reichtümer des Landes hat diese Entwicklung bedingt. Die 94 Stationen dieser jungen Mission zählen 10.000 farbige Schüler. Pofadder. (Südafrika.) Die Oblaten des hl. Franz von Sales haben als Novizen einen jungen Mulatten aufgenommen und zeigen so, daß sie unberührt sind von dem Raffenstolz der Weißen. Es besteht in der gleichen Gegend schon ein Noviziat für Mulattenschwestern, das die Missionsleitung voll befriedigt. es eine interessante Tatsache, daß die Christen des syromalabarischen Ritus in Indien als eigene Kaste in den Rang der höheren Kasten gehoben wurden. Damit ist auch gegeben, daß die Getauften der niederen Kasten von selbst in die höhere Kaste aufsteigen. — Kampf gegen Schmutz und Schund. m mm» S . K . 18 «WWW M Leopolda, ein Täufling von „Maria-Trost". Palmy. (Madura, Indien.) In Palmy wurde das Patrozinium der Kirche mit großem, echt indischem Gepränge gefeiert. Die heidnischen Behörden stellten die drei Elefanten des Hindutempels dem Missionär zur Verfügung, um den Glanz der eucharistischen Prozession zu erhöhen. Auch die einflußreichen heidnischen Kreise der Stadt machten dem Pater (P. Louis, S. J.) hochherzige Anerbieten zur Verschönerung des Festes. Ernakuluin. (Indien.) Bei der Starrheit und Abgeschlossenheit der indischen Kasten ist In unserem Kampf gegen Schmutz und Schund ist die Nachricht von Interesse, daß es den Katholiken, die eine bedeutende Minderheit (350.000) an der Malabarküste darstellen, nach jahrelangem Bemühen gelungen ist, ein amtliches Verbot durchzusetzen, nach dem unsittliche Lieder und Zeremonien (Pira genannt), die an den höchsten Hindufesten seit Jahrhunderten in den Tempeln gebräuchlich waren, untersagt wurden. Trotz der Gegenaktionen der Hindu wurde das Verbot durchgeführt und die Hindus gehorchten. Trinkonornali. (Ceylon.) In Ceylon hat die Regierung den Aussätzigen verboten zu heiraten. Bor kurzer Zeit wurde selbst der Versuch gemacht, den aussätzigen Ehenpaaren das Zusammenleben zu verbieten. Indessen steht sest, daß der Aussatz sich nicht vererbt. Nur drei Prozent der Kinder werden nachträglich das Opfer dieser schrecklichen Krankheit, die im allgemeinen oft zwischen dem 25. und 30. Lebensjahr auftritt. Ungleich erträglicher als diese Strenge ist die Konzentration der Kranken in Aussätzigen-Asylen. Aus Ceylon versorgen die Franziskane-rinnen Missionärinnen Mariens (Eichgraben) zwei Asyle, in denen 22 Schwestern rund 700 Kranke betreuen. Lanchotvfu. Bei dem Erdbeben in Kansu wurde der heidnische Tempel von Liangchow zerstört, in dem die. Chinesen das Standbild eines katholischen Missionärs, des P. Lefövre (gestorben int 17. Jahrhundert), unter ihre Götter aufgestellt hatten. Ein Missionär, Pater Hucklenbruch, 8. V. D., fand im Besitze einer katholischen Familie eine Handschrift, die berichtet, daß bereits vor 300 Jahren das Christentum in Kansu existierte. — Wallfahrt zu Fuß von Peking nach Jerusalem. Eines Abends in diesem Winter klopfte an die Tür der Missionsstation Lanchowfu ein Greis mit weißem Bart. „Shenfu (Priester), ich bin auf dem Wege nach Jerusalem, der Stadt, wo Jesus Christus gestorben ist." Ein katholischer Chinese war es aus Peking. In aller Stille hatte er seine Habe unter seine Kinder verteilt und sich im Juli 1927 auf den Weg gemacht. Sechs Monate gebrauchte er, um die Provinzen Tscheli, Schansi, Schensi und einen Teil Kansus zu durchqueren. Bereits ist er weitergezogen, um auf dem Wege durch Zentralasien das Ziel seiner Sehnsucht zu erreichen; alle Versuche des Missionärs, den Greis zu überreden, während des Winters die Reise auszusetzen, waren vergeblich. Er bat um den Segen des Missionärs und zog weiter. Batavia. Ein ganzes System von Propaganda und Reklame — allein im finanziellen Interesse — entwickeln die niederländischen Dampfschisfahrtsgesellschaften, um für die Pilgerfahrt nach Mekka zu ermutigen. Tausende folgen den Lockungen und kommen zurück als Apostel des Islam. China«(Peking.)In Gewalt der Räuber. Nach den letzten Nachrichten aus China fielen in die Hände der Räuber drei Priester aus dem Seminar in Parma im Vikariat Chengchow, die nach 17 tägiger Gefangenschaft befreit wurden; ein Missionär aus Scheut, der einen Monat gefangengehalten wurde; zwei chinesische Priester, die seit Jänner bis heute gefangengehalten werden; ein Franziskaner vom Vikariat Tayuanfu; ein Missionär und zwei Brüder aus Steyl und sechs Missionsschwestern, die vier Wochen in Händen der Räuber sich befanden. Als Lösegeld forderten die Banditen bis 500.000 mexikanische Dollars. Steh!. (Holland.) Seit dem 12. Februar befinden sich die gefangenen deutschen Missionäre (ein Pater und zwei Brüder) und Missionsschwestern der überfallenen Missionsstation Puoly (Schantung) in Freiheit. Vier Wochen befanden sich die Armen in der Gewalt der Räuber, darunter die schwer erkrankte Schwester Magdalenis. Die ersten eingetrofienen Nachrichten berichten von dem heroischen Mut, besonders der Oberin Schwester Blandina, die von den Räubern selbst mit in die Kampffront geschleppt wurde, um die anrückenden regulären Truppen am Schießen zu hindern. P. Slangier, 8. V. D., der Rektor von Puoly, wurde grausam vor den Augen der Schwestern gefoltert. Schwester Blandina bot sich für die Folter an, um den Pater zu retten. Die Räuber zogen von Puoly ab und schleppten die Schwestern, den Pater und die Brüder bis auf Schwester Magdalenis mit. Nach offenem Kampfe unweit von Puoly, zwischen regulären Truppen und den Räubern, sahen diese sich gezwungen, die Geiseln freizulassen. Stern der Neger 107 Heft 7 ü £)er Seist des Schreckens. Eine Erzählung aus Mittelkamerun von P. Johannes Emonts, S. C. J. (Fortsetzung.) SU Sie ahnten nicht, daß der Weiße vor ihnen ihre Rettung zu bewerkstelligen beabsichtige. In ihren Blicken konnte man die Angst vor den neuen Qualen deutlich erkennen. Wieder erhielt Kenfui das Wort. Diesmal wiederholte er kurz seine Rettung aus der Hand der Kantschi, er dankte dem Pater dafür, daß er ihn vor der ferneren Rache der Stammesfeinde bewahrt hatte, und pries ihn laut als den besten Menschen der ganzen Welt. Er sprach dann von all dem, was er im Gehöft des weißen Mannes gesehen, gehört und erlebt hatte, er sprach von der Lehre des Großen Geistes, von der Schule, in der die schwarzen Kinder unterrichtet und zu guten Menschen erzogen werden. Er nannte ihn auch den größten Medizinmann, der nicht mit leeren und teuer bezahlten Beschwörungen wüster Zaubereien, sondern mit wirklich zuverlässigen Heilmitteln aus dem Lande der Weißen alle Krankheiten der Schwarzen heile. Er hatte so viel zum Ruhme des weißen Mannes zu sagen, daß der Pater ob all der Übertreibungen sich beinahe wie eine kleine Allmacht und Allwissenheit vorgekommen wäre, wenn er nicht zu gut gewußt hätte, daß er nichts mehr und nichts weniger bedeute als ein einfacher Missionär, der in den Weinberg Gottes ein gutes Gewissen, ein mildes Herz, einen unermüdlichen, energischen Willen und dazu noch ein großes Gottvertrauen mitgebracht hatte. Der schwarze Redner übertrieb nach Negerart ganz gewaltig, aber es lag ihm daran, seine Landsleute für des Weißen Pläne zu gewinnen. Laut rief er in die Versammlung hinein: „Der weiße Mann ist klug. Wer könnte sich mit ihm an Klugheit messen? Der weiße Mann ist der Mann Gottes. Wer wüßte wie er über den Großen Geist zu sprechen und die Schwarzen zu belehren? Der weiße Mann hat Mut. Er hat mich aus dem Dorfe der Kantschi herausgeholt und gerettet. Wer von euch hätte das je gewagt und vollbracht? Der weiße Mann versteht die Kunst des Buches. Kein Schwarzer wird dieselbe jemals erlernen, außer von Weißen! Der weiße Mann heilt alle Krankheiten. Wer hätte solche Medizinen wie er? Der weiße Mann hat vor allem ein gutes Herz für die Schwarzen. Er hat das schöne und reiche Land seiner weißen Brüder verlassen, er blieb nicht in seinem Heimatstamm. Er kam ins Land der Schwarzen, um ihnen mit seiner Klugheit, mit seinen Heilmitteln, mit seinem ganzen Verstände zu helfen, um auch sie glücklich zu machen. Er hat nur unser Wohl im Auge. Er geht von Stamm zu Stamm und bietet allen seine Hilfe an. Auch unserem Tschoba-stamm möchte er dienen. Hört seinen Plan. Er hat heute morgen einen Rundgang durchs Dorf gemacht und sich unsere Gegend angeschaut. Er hat gesehen, daß jedes fruchtbare Fleckchen Erde ausgenützt ist. Und doch lebt unser Stamm immerfort in großen Nahrungssorgen. Unser Land ist reich an Bergen, aber arm an ertragreichem Boden. Trotz der Anspannung aller Kräfte leiden wir in der regenlosen Zeit, die ein halbes Jahr dauert, oft gewaltige Not. Viele, besonders viele Kinder sterben dahin, denn die Stengel des Elefantengrases und die armselige Wurzelnahrung sind ein schlechter Ersatz für die guten Nahrungsmittel, deren man benötigte. Der Weiße weiß das alles, denn ich habe es ihm erzählt. Und sein gutes Herz hat ihm gesagt, daß da etwas geschehen müsse. In seiner Klugheit hat er eine gute Lösung gesunden, die aller Not ein Ende macht. Der Weiße kennt eine große, fruchtbare und wildreiche Ebene, in welcher der Mais doppelt und dreifach so hoch wird wie hier in unseren Bergen. Da wimmelt es von Antilopen und Büffeln und der Fluß ist voller Fische. Ohne Gefahr für unser Leben könnten wir alle täglich reichliche Nahrungsmittel und nach Belieben schmackhaftes Fleisch erhalten, während wir uns hier oben allzuoft mit Mäusen und Ratten, mit Käsern und Engerlingen, mit Heuschrecken und Ameisen begnügen müssen. Die Ebene ist nicht weit von hier. Sie ist schön und groß, noch viel zu groß für unseren Stamm. Dort würden all unsere Sorgen verschwinden, dort hätten wir keinen Feind zu fürchten. Reiche Bestände von Raphiapalmen würden uns Palmwein in Fülle liefern. Dort würde für uns eine Zeit ruhigen, sorglosen, glücklichen Lebens be- ginnen. Das ist der Plan und der innigste Wunsch des Weißen, der hier unter uns weilt. Saget mir, ob dieser Plan ein guter ist und euch gefällt." Mit großer Spannung und Teilnahme hatten die Leute zugehört. Mit jedem Satze war ihre Aufmerksamkeit gewachsen. Kenfui weiter. — „Eine Torheit wäre es, eine Dummheit!" — „Was würdet ihr dazu sagen, wenn der weiße Mann sich auch in der Ebene niederlassen würde, um beständig der Freund des Häuptlings und der Helfer und Beschützer unser aller zu sein?" — „Wir würden uns . . s . Sesutomädchen im Brautschmuck. Reichlich Nahrungsmittel! Viel Palmwein! Täglich Fleisch! Ja, wenn das möglich wäre! Ja, das war ein Plan! Das war ausgezeichnet! „Der Plan des Weißen ist gut!" riefen einige freudig aus. „Der Weiße ist ein kluger Mann. Er ist unser Freund! Sein Plan gefällt uns!" rief es von allen Seiten. — „Wolltet ihr diesen Plan abweisen, hieße das klug handeln?" fragte freuen!" riefen die gesamten Männer. — „Wenn der Weiße in dieser großen Ebene aber auch noch andere Stämme ansiedelte, was dann? Er will nämlich nicht nur den Tschoba ein guter Vater sein, denn er liebt alle Schwarzen und will allen helfen. Was sagt ihr dazu?" — „Auch dann ist sein Plan gut", meinten viele aus der Menge, während ein Bigmann da- Stern der Neger 109 Heft 7 zwischenwarf: „Nur dürfen es keine Kantschi fein, die er in der Ebene ansiedelt!" — „Nur keine Kantschi!" hallte es jetzt von allen Seiten wieder. — „So hört denn", fuhr Kenfui fort, „was ich im Namen des Weißen zu sagen habe. Er denkt an die große und fruchtbare Utembaebene, die er vor einigen Tagen durchwandert hat. Dort sollen wir wohnen. Dort sollen wir unseren Mais, unser Durra, unsere Bataten anbauen. Dort sollen wir glücklich leben. Dort will der Weiße sich selbst ein großes Gehöft bauen, wenn wir uns mit ihm daselbst ansiedeln. Er will die alte Stammesfeindschaft der beiden Völker zu einer Stammesfreundschaft umwandeln. Die Stammesrache sieht er als ein Unglück für unsere Stämme an und er will an ihre Stelle Nachbarschaft und Freundschaft setzen. Das will er. Das wünscht der, von dem ihr saget, daß er euer Freund sei. An euch ist es nun, den Plan möglich zu machen und zur Ausführung zu bringen." — „Das ist unmöglich!" unterbrach ihn einer der Begleiter unter beifälligem Gemurmel aus der Menge. — „Ihr sagt, e§ sei unmöglich. Warum soll es unmöglich sein?" rief Kensui weiter. — „Es ist unmöglich, die Stammesrache aufzugeben!" — „Du sagst es, aber beweise es!" — „Sie ist ein altes Gesetz unseres Stammes und das dürfen wir nicht übertreten." - „Nicht übertreten? Gut. Nicht abändern? Nein. War es nicht in früheren Zeiten Si ammes-gesetz bei den Badengo, Menschenopfer darzubringen? Haben sie nicht das schlechte Gesetz aufgegeben?! War es nicht Stammesgesetz bei den Mobami, die Leichen mit einem anderen Stamme auszutauschen und zu verzehren? Weshalb tun sie es heute nicht mehr? Sie haben eben das schlechte Stammesgesetz abgeschafft. War es nicht früher bei vielen Stämmen Sitte, Menschen zu töten und zu verzehren? Das war ein schlechtes Gesetz, eine böse Sitte und die meisten Stämme schämen sich heute, früher einer solchen schlechten Sitte gehuldigt zu haben. Waren wir selbst früher durch Gesetz und Gebrauch nicht verpflichtet, die Toten in ihrer Hütte zu begraben, in welcher die Familie dann weiter wohnen mußte? Es war ungesund, es war nicht gut und deshalb hat ein früherer Häuptling es verboten. Ein an sich gutes Gesetz kann im Laufe der Zeit je nach dem Wechsel der Umstände und der Verhält-uiffe unnütz oder gar verderblich werden." — „Und trotz allem, es hat keinen Zweck, uns mit den Kantschi zu versöhnen, es ist unmöglich, friedlich mit ihnen zu wohnen", wagten einige Bigleute noch einzuwenden. — „Die Weisheit der Alten in Ehren," erwiderte Kenfui schlagfertig, „aber auch ein Bigmann kann nicht alles wissen. Was ihr da leugnet, daß es möglich sei, das ist längst Tatsache auf dem Gehöft des weißen Mannes. Da leben viele Männer und Frauen und Kinder aus allerlei, sogar aus feindlichen Stämmen. Und sie leben friedlich und glücklich zusammen. Dort hatte ich einen Freund, einen sehr guten Freund, das war der Kantschiknabe Nongfu, der mit uns vor einigen Tagen nach Kantschi zurückgekehrt ist und nun seine Stammesbrüder für ■ das Aufgeben der Stammesrache und für den Austausch der Gefangenen gewinnen will. Daß es möglich ist, will ich euch zeigen. Schaut hier diese Kantschileute. Ich erkläre sie zu meinen Freunden, wenn sie meine Freundschaft annehmen. Und sie nehmen sie an. Unsere gefangenen Tschobabrüder in Kantschi, denen große Qualen und der grausamste Tod vor Augen stehen, werden gerne diesen Freundschaftsbund schließen. Denkt an die Qualen eurer Brüder und nicht an die Befriedigung eurer Rache. Vertrauet doch der Weisheit und Klugheit des Weißen, der auch die Kantschi eines Besseren belehren wird. Ich erkläre euch hiemit, daß der Stamm der Kantschi schon beschlossen hat, die gefangenen Tschobaleute freizugeben, wenn der Weiße ihnen diese gefangenen Kantschi lebend zurückbringt. Ein letztes Wort, meine Stammesbrüder! Seid klug, denket nach, überleget. Ergreifet die günstige Gelegenheit, eure armen Stammesbrüder zu retten. Und wenn ihr euch nicht durch eingewurzelte Vorurteile blenden lasset, werdet ihr mit mir eingestehen, daß der Plan des Weißen allein gut ist. Ich, Kenfui, habe gesprochen." Erhobenen Hauptes ging der Redner an seinen Platz. P. Wildhof staunte über die Geschicklichkeit, mit der er sich seiner Aufgabe entledigt hatte. Die Rede war eine Leistung und mußte auf die meisten Zuhörer von gewaltiger und nachhaltiger Wirkung sein. Der Häuptling hatte kein Wort dazu gesagt, aber mit gespannter Aufmerksamkeit den Ausführungen gelauscht. Auf seinen Zügen hatte der Pater die Zustimmung zum Gefangenenaustausch, aber auch die Entrüstung über das Aufgeben der Blutrache gelesen. Auch bei den Bigleuten hatte i er dieselben Gefühle beobachtet. Die Stammes- rache, diese Quelle des ewigen Unfriedens, dieses Hemmnis aller Kulturarbeit, diese Hydra, deren gefährliche Köpfe er mit einem Schlage zu zerschmettern gedachte, hatte ein zäheres Leben, als er sich geträumt. Seine stolzen Zu-kunftspläue schienen zur Unfruchtbarkeit verdammt. Doch nein! Noch war die Entscheidung nicht gefallen. Der Funke mußte zünden. Die Leute begannen, den Plan zu erwägen. Sie besprachen sich miteinander und die Unterhaltung der einzelnen Gruppen wurde immer lebhafter. Man sprach dafür, man sprach dagegen. Spiel und Tanz, sogar das Trinken war vergessen, die wichtige Angelegenheit beherrschte zu sehr die Gemüter. Bei einzelnen Gruppen wäre es wegen der verschiedenen Ansichten fast zu Streitigkeiten gekommen, wenn nicht der Häuptling Ruhe geboten hätte. Einige der angesehensten Leute waren entschieden gegen den Plan des Weißen. Sie kamen sich vor als die gesetzmäßigen Hüter der alten Überlieferungen und Gebräuche. Und wenn einige Gründe für den Plan sprachen, die Gegengründe schienen ihnen wichtiger und stichhaltiger zu sein. Majita, der langsam und bedächtig in seinen Entschlüssen war, sprach sich weder dafür noch dagegen aus und wollte wohl das Ergebnis der Volksabstimmung abwarten. Mehrmals schien die Sache einen ungünstigen Verlauf zu nehmen, besonders als der gewichtigste Bigmann Mabenda in scharfen Worten und mit zitternder Stimme dagegen sprach. Allein die warmen und begeisterten Worte Kenfuis, der stets schlagfertig und überzeugend antwortete, retteten wieder die Lage. Er brachte die Hauptgegner zum Schweigen, und auf dem Gesichte Majitas glaubte der Weiße eine allmähliche Sinnesänderung zu. lesen. Noch war begründete Hoffnung einer glücklichen Wendung. Da ging plötzlich eine Bewegung durch die Menge und aller Augen richteten sich auf die mit Amuletten behangene Gestalt, die sich mitten in der Versammlung aufpflanzte und funkelnde Blicke umhersandte. „Bindabo", flüsterten die Leute sich angstvoll zu und wie ein Schrecken fuhr es ihnen in die Glieder. In der Tat, es war Bindabo, der große Zauberer der Tschoba, der einen gewaltigen Einfluß im Stamme besaß, gegen dessen Willen der Häuptling sich machtlos fühlte. Man fürchtete ihn wegen seiner Zauberdinge, man hatte ihn notwendig als Beschwörer der Krankheiten und des Unglücks. Man sah es jetzt an seinem zornigen Gesicht und Auftreten, daß er gegen den Plan des Weißen reden würde. Er begann mit scharfen, heftigen Worten, so laut und in so erregtem Tone, daß die Schwarzen ihn kaum anzuschauen wagten. Den Pater überlief es kalt; er wußte, sein Hauptgegner trat gegen ihn auf. „Ihr Männer von Tschoba!" schrie Bindabo. „Zu allen Zeiten chat man bei wichtigen Stammesangelegenheiten den Zauberer, den Diener der Geister, zu Rate gezogen. Niemals geschah etwas von Bedeutung ohne ihn oder gegen seinen Willen. Heute kommt ein fremder, weißer Mann ins Dorf, den man nicht kennt, von dessen Schmeichelreden man sich fangen läßt, man bespricht die wichtigste Angelegenheit seit Menschengedenken, aber den großen Zauberer fragt man nicht. Man hat ihn scheinbar nicht mehr nötig. Und doch ist der große Bindabo noch da. Und noch hat er ein Wort mitzureden. Und noch hat er den Mut, die alten, heiligen Stammesgebräuche zu verteidigen und zu schützen. Ihr fragt mich nicht, so rede ich ungefragt, weil der Geist mich zu reden auffordert. So höret denn meine Worte: Kenfui hat eine Lobrede auf den weißen Mann gehalten, dem er zu Dank verpflichtet ist. Gut. Aber was er weiter von ihm sagt, so gutgemeint es sein mag, ist eine Dummheit. Der Weiße soll klug sein — also sind die Tschoba es nicht! Der Weiße soll die Lehre des Großen Geistes haben — also wissen die Tschobaleute und vor allem weiß ihr Zauberer nichts vom Geiste! Der Weiße sei mutig — also sind die Tschobamänner feige Memmen! Und doch wagen sie sich zur Jagd in die Utembaebene hinein! Der Weiße soll ein gutes Herz haben, soll gekommen sein, uns Gutes zu erweisen! Haben der Häuptling, die Stammesältesten, der Zauberer kein gutes Herz? Helfen sie euch nicht? Weshalb, wenn der Weiße Gutes tun will, tut er es nicht in seiner Heimat? Weshalb lehrt er seine Stammesbrüder nicht, daheim zu bleiben, anstatt die schwarzen Völker zu unterjochen? Der Weiße sagt, die Stammesrache sei schlecht. Also sind auch die schlecht, welche seit uralten Zeiten hier bei uns die Rache erlaubt und geübt yaben! Wiegt sein Urteil das Urteil des ganzen Tschobastammes auf? Ich frage den großen Häuptling: Wird er jemals seine Hand in die des Kantschihäuptlings legen? Ich weiß, niemals wird er es tun. — Ich frage die Big-leute: Wollen sie den von den Vätern vererbten Gebrauch auf das Wort eines fremden Mannes ausgeben? 9iiemal§ werden sie es tun! Kein Tschobamann wird es tun! Die Tschobakinder müßten sich ihrer Väter schämen, die Frauen müßten die Männer verachten. Vor Scham müßten wir uns in die Erde verkriechen. So höret denn auf meine Worte! Wie Kenfui, so sage auch ich: Überleget, denket nach, besprechet euch! Handelt, wie Tschobaleute handeln müssen! Das sind die Worte eures großen Zauberers Bindabo!" Still, totenstill war's geworden. Keiner wagte ein Wort, keiner schaute auf. Wie leblose Bildsäulen saßen die Männer da. Die Ruhe war unheimlich. Angst und Schrecken lähmte alle, denn wer durfte es wagen, gegen den Zauberer aufzutreten und seine Rache herauszufordern. Und was er gesagt hatte, schien ebenso wahr und einleuchtend als die Gründe Kenfuis. Dem Weißen zuckte es in den Gliedern. Er wollte aufspringen und die trügerischen, haßerfüllten Worte des Zauberers widerlegen, sich mit ihm messen — aber, er fühlte die Unfähigkeit, in der Tschobasprache sein Herz und seine Begeisterung reden zu lassen. Er fühlte seine Ohnmacht, den wortreichen und redegewandten Bösewicht zu schlagen. Noch immer währte die Pause, dieses unerträgliche Schweigen. Bindabo triumphierte und ließ wohlgefällig seine rollenden Blicke über die Versammlung schweifen. Des Paters Augen suchten hilflos Kenfui. Da sprang dieser mit einem Satze mitten auf den Platz und seine vor Erregung zitternde Stimme klang schrill und laut: „Keiner von allen wagt ein freies Wort zu sagen! Was nützt alle Redefreiheit, alle Beratung, wenn Bindabo mit seiner Macht die Zungen bändigt? Wo bleibt die freie Überlegung, wenn alle die Rache des Zauberers fürchten? Ich wage es im Vertrauen auf die Redefreiheit, die Stammesgesetz ist, im Vertrauen auf den Gerechtigkeitssinn unseres großen Häuptlings, im Vertrauen auf den gesunden Verstand der Tschobamänner. Bindabos Worte sind Worte des Truges. Ich habe nicht gesagt, der Weiße sei allein klug, sondern seine Klugheit sei größer als die der Schwarzen. Und das werdet ihr alle zugeben müssen. Denkt nur, daß er die Kunst des Buches und hundert andere Dinge versteht, von welchen wir alle, Bindabo nicht ausgenommen, keine Ahnung haben. Bindabo behauptet, der Weiße habe nicht allein die Lehre des Großen Geistes, auch wir kennten sie. So soll er uns denn sagen, was er von dem Großen Geiste weiß. Noch keine drei Worte wird er sagen können, während der Weiße ein ganzes Jahr darüber sprechen könnte, ohne an ein Ende zu kommen. Was ich schon in der kurzen Zeit von ihm darüber gelernt habe, ist mehr, als ihr alle zusammen wisset. Bindabo macht sich lustig über den Mut des Weißen. So möge Bindabo denn selbst nach Kantschi gehen und unsere Gefangenen dort befreien! Bindabo will von der Versöhnung nichts wissen. So höret denn. Die Stammesfeindschaft herrscht nicht überall. Die meisten Stämme der Schwarzen leben in Frieden zusammen und verkehren wie Brüder untereinander. Auf der Reise des weißen Mannes habe ich viele, viele Stämme gesehen, deren Häuptlinge sich besuchen, miteinander sprechen und zusammen Feste feiern; deren Leute zu den anderen Stämmen auf den Markt gehen und Waren austauschen, miteinander spielen und tanzen. Was dort möglich ist, soll das in Tschoba unmöglich sein? Bindabo sagt, die Tschobakinder müßten sich ihrer Väter schämen, wenn diese die Blutrache aufgäben. Und ich sage, die Väter müssen sich vor ihren Kindern schämen, denen sie ein sorgenfreies Leben, täglich gutes Fleisch von Antilopen und Büffeln geben könnten, während jetzt die Familien so oft hungern und sich mit Grasstengeln begnügen müssen. Ihr Männer von Tschoba! Dort steht Bindabo, drüben sitzt der Weiße. Wessen Rat sollen wir befolgen? Der Weiße ist ein Mann der Liebe, Bindabo ein Mann des Hasses. Der Weiße liebt die Schwarzen und will ihnen Gutes erweisen, ohne etwas für sich zu wollen. Alles, was er nötig hat, bezahlt er reichlich. Bindabo haßt die Schwarzen, denn er will ihnen eine Besserung der Lage vorenthalten und er erwirbt Reichtum von den Gaben ihrer Armut. Der Weiße will unsere Brüder aus der Gefangenschaft befreien, Bindabo will sie verderben! Der Weiße will unseren gefangenen Brüdern die entsetzlichen Qualen ersparen, Bindabo will, daß sie grausam gemartert werden! Der Weiße will, daß unsere Brüder leben, Bindabo will, daß sie sterben! Der Weiße will, daß unsere Brüder heimkehren und sich mit uns freuen, Bindabo will, daß sie nicht zurückkehren und gönnt uns nicht die Freude des Wiedersehens! Der Weiße will uns eine fruchtbare Gegend, gute Nahrung, viel Fleisch und viel Palmwein vermitteln und uns glücklich machen; Bindabo will unser Elend, will, daß wir Hunger und Not leiden! Der Weiße ist ein Freund der Schwarzen; Bindabo ist ihr schlimmster Feind. So, nun möget ihr beschließen! Ich habe gesprochen." Auch jetzt blieb es noch ruhig in der Versammlung. Die Angst vor dem einflußreichen Zauberer lähmte die Zungen und ließ die Herzen erzittern. Lange währte die Pause. Bindabo triumphierte noch immer. Stolz schaute er auf Kenfui, der trotz seiner prachtvollen Rede keinen Beifall, keine Zustimmung erhielt. Doch dieser gab sich nicht so leicht gefangen. „Ich weiß," rief er laut, „was euch den Mund verschließt. Ihr alle seid mit meinen Worten einverstanden. Keiner kann etwas dagegen einwenden. Sie sind zu klar, zu einleuchtend, zu gut, als daß ihr sie abweisen wolltet. In euren Herzen habt ihr alle dem Plane des Weißen eure Zustimmung gegeben. Aber ihr erzittert und bebet vor einem Manne. Ihr seid die Sklaven eines Mannes, der mit seiner Zauberei euch in seinem Banne hält. Ihr seid Sklaven Bindabos, ihr seid keine freien Männer. Ich aber bin ein freier Tschobamann geblieben, der den Mut seiner Überzeugung hat, und deshalb wage ich es, gegen Bindabo meine Stimme zu erheben. Ich schäme mich heute meiner Heimat, ich kenne meine Stammesbrüder nicht mehr wieder. Drum werde ich morgen mit dem Weißen meinen Vaterstamm verlassen und niemals mehr zurückkehren, denn ich will ein freier Mann bleiben und kein Sklave sein!" Ein leises Murmeln und Flüstern in den Reihen gab Kunde, daß der junge Mann den richtigen Ton getroffen und die Seelen tief ergriffen hatte, lind doch wagte keiner seine Zustimmung offen auszusprechen. Da stand Lanju, der Bruder Kenfuis auf und sprach: „Mein Bruder Kenfui hat Mut. Er ist ein Mann. Ich stehe auf seiner Seite. Der Rat des Weißen ist gut, der Bindabos ist nicht gut, und auch Bindabo muß als Tschobamann sich fügen, wenn die Mehrheit anders beschließt, als er will. Wenn er seine Zauberei zu Hilfe nehmen wollte, um euch zu beeinflussen, dann ist das ein Zeichen, daß sein Rat nicht gut war." Nun war der Bann gebrochen. Es erhoben sich zwei Freunde Kenfuis und sagten: „Wir stehen zu Kensui. Wenn die Kantschi die Versöhnung annehmen, ziehen wir in die Utemba-ebene." Die guten Aussichten auf das sorgenfreie Leben in der Ebene und das Beispiel der Männer brachte wieder Leben in die Versammlung. Nach und nach stimmten die meisten Männer für Kenfui und nur einige blieben auf des Zauberers Seite oder schwiegen sich auch jetzt noch aus. Die Angelegenheit schien wieder eine günstige Wendung zu nehmen; Bindabo war besiegt, aber noch gab er seine Sache nicht verloren. Für ihn stand alles auf dem Spiel, und sein verletzter Stolz, seine fanatische Leidenschaft zwangen ihn, das Äußerste zu wagen. Schnell und entschlossen trat er wieder vor und rief mit lauter Stimme: „Ihr habt euch für den Plan des Weißen entschieden. Gut. Ich werde als Tschobamann mich fügen, wenn die Mehrheit und der große Häuptling es will. Das Stammesgesetz wird abgeschafft, weil ihr nicht auf euren Zauberer hören wollt. Aber der Geist in mir sieht das Unglück des Stammes kommen und den Untergang hereinbrechen. Ich höre den Zorn der Geister, die sich am ganzen Stamm rächen werden, wenn ihr eure Absichten ausführet. Ich werde unschuldig sein an dem, was hereinbricht. Alle Schuld fällt auf den Häuptling, auf die Bigleute, auf Kenfui und seinen Anhang. Ihr wollt mich nicht hören, so sollet ihr die Stimme der Geister hören, die mag entscheiden." Die Menge erschrak wieder und schaute voll Spannung auf Bindabo, der jetzt feine Lanze siegesbewußt mit der Spitze in den Boden steckte und mit einem Stock einen Kreis um sich zog. Mitten im Kreise stehend, begann er unter geheimnisvollen Worten, die niemand verstand, seine Zaubermittel hervorzuholen und der Reihe nach in Abständen auf die Kreislinie zu legen. Daun warf sich Bindabo der Länge nach auf den Boden und schien mit dem linken, dann mit dem rechten Ohr auf eine unterirdische Stimme zu lauschen. Man hörte, wie aus der Erde eine dumpfe Stimme sprach. Des Zauberers Gesichtsausdruck wechselte beständig. Bald stimmte er der unterirdischen Stimme zu, bald schien er in flehenden Worten dagegen zu sprechen. Sein Körper zitterte. Endlich erhob er sich langsam und verharrte eine Zeitlang in Schweigen. Es war, als rechne er an den Fingern, als habe er ein schwieriges Problem zu lösen. (Fortsetzung folgt.) fStgentümer, Herausgeber unD Verleger: Missionshaus der Sohne des heiligsten Herzens Jesu in Graz, Paulustorgasse 10. — Verantwortlicher Schriftleiter: P. Al. Wilsltng, Missionshaus, Graz, Paulustorgasse 10. — UniversilätS-Buchdrucksrei .Styria" in Graz.