Anne Betten: Sprachrealismus im deutschen Drama der siebziger Jahre. Mono- graphien zur Sprachwissenschaft 14. Carl Winter Universitiitsverlag, Heidelberg 1985, 412 s. Das zu besprechende Werk setzt sich mit dem grundlegenden Problem der Op- position zwischen Sprachrealitat und Stilisierung im deutschen Drama der siebziger Jahre auseinander. Stilisierung wird im Werk als gezielte Verwendung der Sprachre- alitat, als gezielter Einsatz von Mitteln definiert (45, 97, 166, 396). Anne Betten be- handelt Dramen verschiedener Autoren der BRD, Osterreichs und der Schweiz. Un- ter dem allgemeinen Oberbegriff "Drama" versteht sie alle Gattungen der Theater- kunst. Sie vergleicht kiinstlich/kiinstlerisch gestaltete Dramentexte (124, Anm. 341) . miteinander und stellt sie authentischen Transkriptionen gegeniiber, die dem Frei- burger Corpus gesprochener deutscher Standardsprache entnommen sind (364). Im Gegensatz zu einigen anderen, vorwiegend pragmatisch orientierten Studien aus der letzten Zeit (75) ist es das Anliegen der vorliegenden, "auf den dramatischen Code konzentrierten" (75) Arbeit, zu ermitteln, "wie nahe diese simulierte Sprechsprache (d. h. die fiktive Dramensprache, S. B., 45) an die authentische Sprache heran- kommt und worin (und warum) sie von ihr abweicht" (80). (Es wird jedoch auch darauf verwiesen, daB die oben erwahnte Orientierung 'Sprachrealismus versus Stilisierung' kein Gegensatzpaar darstellt (396). So ist z. B. von dem Sprachrealismus und der Stilisierung das Lokalkolorit zu unterscheiden (199), wobei_ das Lokalkolorit vor allem im Bereich der Phonetik, Morphologie und Lexik sich bemerkbar macht, wahrend Stilisierung vor allem syntaktisch gepragt ist.) Die Autorin geht.in ihren Ausfiihrungen von der Pramisse aus, daB der fiktive Dialog im Gegensatz zum spontanen Sprechen immer ein Mittel des Autors sei, seine Intentionen auf einer "den Biihnendialog simultan iiberlagernden zweiten Kommu- nikationsebene" (349, 45) zu prasentieren. Dies bat zur Folge, daB die "situativen wie psycho-physischen" Veriablen bei einer Gegeniiberstellung fiktiver und authen- tischer Dialoge nicht vollig iibereinstimmen konnen (45), ja, daB die Rahmenbedin- gungen des Mediums Theater "hOchst artifiziell" sind (45), und das muB zwangslau- fig auch in der sprachlichen Codierung seinen Niederschlag finden (48). Das erfolgt tatsachlich in einer idealisierten Glatte (394) aufgrund der Selektionsprinzipien im sog. "DestillationsprozeB" (Auswahl gewisser Einheiten aus der natiirlichen Sprech- sprache, die sich klar voneinander abgrenzen und sich so in klar umrissener Form zum Trager klar umrissener Funktionen eignen) (394 f.). Typisch ist eine glattpolier- te Syntax aller Biihnentexte (337, Anm. 1239), ein fast konsequentes Fehlen von Oberlappungen der Redebeitrage und des Simultansprechens, weitgehender Ver- 192 zicht auf Konstruktionsverwirrungen und -zusammenbriiche sowie die Reduktion der Dialogsteuerungs- und Verstandnissicherungssignale u. a. m. (was sich mehr oder· weniger mit den 4 fundamentalen Unterscheidungsqualitaten bei Larthomas deckt) (68). Die Arbeit ist logisch aufgebaut. Der sehr umfangreiche theoretische und empi- rische Apparat ist - standig aufeinander abgestimmt --' in 7 Kapiteln zerlegt, die einander erganzend ablosen. Wolfgang Bauer, ·Franz Xaver Kroetz und Botho StrauB, die " ... drei ... literarisch ani bedeutendsten erscheinenden zeitgenossischen deutschsprachigen Dramatiker des Neuen Realismus, ... " (47 f.), werden in abge- schlossenenKapiteln Geli, IV, z.T. VI) genauer behandelt. Texte zahlreicher ande- rer.Dramatiker (Sperr, Fassbinder; Turrini, Slavik, Sommer, Korherr, Pellert, He- nisch, Ernst, Mitterer, Graser; Kusz, :Widmer, Deichsel, Krechel, Miihl; Henkel, Mueller, Greiner, Hirschberg, Lasker-Schiiler, Lodemann, Ludwig und Michel) werden im Oberblickskapitel V zwecks breiterer Orientierung auf wenige Beispiele reduziert, "die zunachst den spezifischen Stil der Autoren und in ihrer Sunime die Dialogstile der behandelten Epochen und dramatischen Genres illustrieren sollen" (77). Besonders interessant ist das (ebenfalls) als Oberblick konzipierte Kapitel III, das als eine historische V ergleichseinlage ("als Kontrastfolie zu den Gegenswarts- stiicken ") (49) Beispiele sprechsprachliche'r Elementeim deutschen Drama des 18. bis 20. Jahrhunderts bringt (Lenz, Klinger, Lessing; Biichner; Holz, Schlaf, Haupt- mann, Kaiser; Rainiund, Nestroy, Anzengruber, Thoma, Ruederer, Lautensack, Valentin, Brecht; Zuckmayer, FleiBer, v. Horvath), aus der Zeit also, in der sich Schriftsteller beim Schaffen ihrer Dramentexte lediglich auf ihr intuitives Nachah- mungsvermogen gegeniiber der Sprachrealitat verlassen konnten (keine. Tonban- daufnahmen der authentischen Sprechsprache nach dem Vorbild Freiburger Text- corpora standen zur Verfiigung). Kapitel 1 bringt eine Art theoretische Fundierung der Arbeit ("Forschungs- und Methodeniiberblick") (49), Kapitel VII dagegen SchluBbemerkungen. In Kapitel VI wird neben B. StrauB (Mittelpunkt von VI) eine Besonderheit der Sprache Bernhards dargestellt, und zwar die Wiederholung als eine der wichtigsten Strukturformen des Miindlichen iiberhaupt .. Dieses Kapitel enthalt auBerdem eine Erorterung des Realismus-Problems in Kunst und Literatur undfun- . giert zugleich als eine Art Teilzusammenfassung und Obergang zu den Untersuchun- gen der Dialogsprache von StrauB und von Bernhard. Ein besonderer Vorteil der Arbeit liegt in ihrem pluralistischen Ansatz. l. w. S. bedeutet das die Beachtung der Zusammenhage von AuBer- und Innersprachlichem (80); i. e. S., im Bereich der Codeanalyse (74).wird eine Heranziehung aller Ebenen des Sprachsystems postuliert (74, 75, 189, 247, 396), wobei auch textlinguistischen Parametern (wie. z. B. dem Textaufbau - der inhaltlichen Struktur - sowie der Dialoganalyse) zur Untersuchung des Codes Rechnung getragen wird (232, 233, 240, 247, 287, 331; 383, 396 und passim). In der Tat ist allein ein solches Herangehen zweckmaBig, wenn man aufgrund der Prinzipien der Sprachvariation (178, 189, 248, 305, 309 f., 338, 357, 364; 377, 395) als einer Art Objektivierung auBerer kom- munikativer Begebenheiten diese Begebenheiten zuriickverfolgen will, ausgehend von der Annahme, daB "eine Codebeschreibung ... bereits Wesentliches iiber die Kommunikatioi1 in einemStiick aussagt" (281). Dennoch sieht sich die Autorinver- 193 lanlaBt, das leitende Prinzip ihrer Studie, daB namlich 'lkein Mittel grundsatzlich ausgeklammert /wird/, wenn es frequentiell und/ oder fimktional auffaUig ist" (75), bei der Bewaltigung des umfangreichen Sprachmaterials selektiv zu handhaben: Die Hauptaufmerksamkeit gilt den .syntaktischen und dialogstrukturierenden Merkma- len(a.a.O., i.md 80). Im Bereich der Syntax wird in Bettens Monogr:aphie neben• der Eroterung des Gegensatzpaares Sprachokonomie - Sprachredundanz {373, 376, 380, 385, 391 ff. 396 und passim) .ein heikles Problem ap.geschnitten und gelost: das ·Problem der Umgangssprachlichkeit der .Syntax. Man liest in diesem Zussamenhang, ·daB die Syntax umgangssprachlich sein mag (160), die Rede ist ferner von syntaktischen Stil- erscheinungen der gesprochenen. Sprache (299), von den sprechsprachlichen Merk- malen der Syntax (370), von der Vielfalt typischer Erscheinungen des Miindlichen (371), weiterhin, daB die Syntax stark umgangssprachliche Ziige aufweist (323), es wird der lockere, umgangssprachliche Satzbau erwahnt· (368) u. a. m. Auf den er- sten Blick miiBte man solche Formulierungen ablehnen mit der Begriindung,. daB keine syntaktische Erscheinung von vornherein als umgangssprachlich bezeichnet werden darf und daB somit auch Anspielungen auf Umgangssprachlichkeit der Syn- tax im allgemeinen als gewagt einzuschatzen sind. Anne Betten allerdings ist sich dieser Schwierigkeit bewuBt, und sie iiberwindet sie, indem sie unter funktionalem Blickwinkel ("in gezielter Verwendung") (376) Mittel der Umgangssprache potentiell zu dichterischen Ausdrucksmitteln werden IaBt (376 f.). So iibersieht sie nicht die Nahe des lapidareii Stils zur Lyrik (375) und spricht vom kunstvollen Obergang zu syntaktischen Mustern, die auch in der Lyrik Verwendung finden (377): In der Studie laBt sich ein: gewisser Vorbehalt gegen quantitative formalisierte MeBverfahren verspiiren (149, Anm. 396). Grundsatzlich ist der Begriindung zuzu- stimmen: "Gerade die fiir den Stil eines Werkes ausschlaggebende spezifische Mi- schung und Verteiling besonderer sprachlicher · Phanomene geben bloBe Zahlen nicht wieder; das kann nur die Einbeziehung einer gewissen Kontextmengeleisten" (76). Es ware nioglichei:weise dennoch nicht verkehrt, den sonst luziden und iiber- zeugenden analytischen sprachlichen Interpretationen hier· und da etwas mehr · rech- nerisch ermittelte Daten zugrunde zu legen, ohne diese in irgendeineni Sinn zu ver- absolutieren. Denn .auf subjektiven Einschatzungen beruhende Formulierungen (wie: etwas wird "viel" (190) verwendet bzw. tritt "gehauft'1 (216) auf; auffallig sei "der haufige Gebrauch'von" (314) etwas; die Rede vom "Durchschnittsbeispiel" (325), von "einigen" (366) .. ; Routineformeln oder davon, was in diesen Theater- stiicken "gang und gabe" (329) sei oder sich "mit groBerer Haufigkeit" (367) beob- achten lasse) konnen bisweilen irrefiihrend sein,.besondets wenn groBere Textcorpo- ra untersucht werclen. Ohne die Bedeutung der Intuition ("de/s/ vorwegneh- mende/n/ Eindruck/s/") (77} bei solchen Untersuchungen. herabsetzen zu wollen, ist aber andererseits gerade dann, wenn die Forschungsmethode auf dem Komplex der Abweichungs- und Funktionalstilistik aufbaut (75), nicht wegzuleugnen; daB auch objektive MeBverfahren von Wer.t sein konnen;. denn manch eihe. Qualitat erhalt ihren Status erst durch quantitative Fundierung. · • Terminologisch gesehen ware es vielleicht praktikabler gewesen, den allgemei- nen Begriff "Varfable" durch prazisere Termini zu ersetzen. Zum Teil werden nam- 194 lich in der vorliegenden Monographie als "Variablen" die Determinanten (Faktoren und Bedingungen) der sprachlichen Kommunikation bezeichnet, etwa in Formulie- rungen wie: "samtliche Variablen zweier Gesprache, die situativen wie psycho- physischen" (45); "Auswirkungen ganz unterschiedlicher Variablen auf die sprachli- che Codierung ... (Schichtzugehorigkeit, psychische Verfassung, Redekonstellation, textsortenspezifische Strukturierung etc.)" (48); (vgl. auch 141). Andererseits um- faBt der Titel "Variable" gewisse stilistische Kategorien wie "zwanglos", "vertraut",. "spontan" (129), "boshaft-decouvrierend" (176), wo u. E. statt Variable durchaus der Terminus Stilizug gebrauchlich ware, der im vorliegenden Werk jedoch gemie- den wird, ohne daB eine solche Distanzierung u. E. problemlos gerechtfertigt ware (vgl. allerdings 76, Anm. 177 und 167, Anm. 458). An einigen Stellen werden so z. B. bei "lapidar" anstatt Variable (bzw. anstatt Stilzug) die Bezeichnungen "Lapidar- stil", "lapidarer Stil" (185, 207, 234, 322, 339, 375) bevorzugt. Auf diese Weise wird nach unserem Dafiirhalten nicht in ausreichendem MaBe beachtet die Moglichkeit (und manchmal auch Notwendigkeit) einer Auseinanderhaltung einerseits von Stil- zug als einer "Vermittlungsgr6Be zwischen Stilelementen und Stil" (FLEISCHER/- MICHEL, Stilistik der deutschen Gegenwartssprache, Bibliographisches Institut Leipzig 1977, 62) und andererseits von dem komplexeren Begriff Stil. Aus der gesamten Studie geht hervor, daB die Aussagekraft eines Dramas von dessen Dialogsprache abhangig ist (50 und passim). Dieser Feststellung wird wohl mit Recht der Charakter einer notwendigen, aber nicht hinreichenden Bedingung eingeraumt. Anne Betten macht darauf aufmerksam, daB "die Qualitat eines Dra- mas nicht unbedingt von der Glaubwiirdigkeit seiner Sprache abhangt, ... " (132) und daB sprachliche Lebensnahe noch kein gutes Stiick garantiere (342). Somit weist sie auf eine Abgrenzung zwischen linguistischen und literarhistorischen Kriterien zur Bewertung von sprachkiinstlerischen Werken hin, legt aber gleichzeitig nahe, daB ein Ineinandergreifen beider Wissenschaftszweige moglich ist. Ein groBes Verdienst der Arbeit von Anne Betten liegt u. a. eben auch darin, daB sie diese verschiedenarti- gen MaBtabe nicht als Hindernis fiir eine Kooperation betrachtet; vielmehr schafft die Autorin, · indem sie ihrer eigenen linguistischen Grundorientierung treu bleibt und der Verschiedenheit der Ausgangspunkte Rechnung tragt, mit ihrer Studie die besten Grundlagen fiir weiterfiihrende interdisziplinare Forschungen. Stojan Bračič 195