und ihr glorreicher Anführer Mlt'itschit'lht'N von Dr. Michael Napotnik, Fürstbischof von Lavant. —Neue, verbesserte Auflage. — Mcrröurg, 1910. Im Selbstverläge. — Druck der St. Cyrillus-Buchdruckerei. 5^ Michael, durch Lottes gnade und karncherrigkeit Fürstbischof von Lavant, entbietet dem bochwürdigen Klerus und allen gläubigen der Diözese Gruß, Segen und alles Gute von Gott dem Vater und dem Sohne in Gemeinschaft des Keil. Geistes! Siehe, Michael, einer der vornehmsten Fürsten, kam mir zu Kilse! (van. 10, 13). Im Kerrn geliebte Diözesanen! in wunderbares Gesicht schaute der große Prophet Daniel am Flusse Tigris. Nachdem er drei Wochen strenge gefastet und Buße getan hatte, erschien ihm ein Mann von hehrer Gestalt — nach allgemeiner Annahme Gabriel, der auch vorher zu Daniel gesandt worden war — und sprach zu ihm: Daniel, du Mann des Ver¬ langens, habe acht auf die Worte, die ich zu dir spreche, und richte dich auf; denn ich bin jetzt ge¬ sandt zu dir . . . Fürchte dich nicht, Daniel! Denn vom erslenTage an, da deinKerz nachEinsicht ver¬ langte, und du dir wehe tatest vor dem Angesichte deines Gottes, wurden deine Worte erhört; und ich bin gekommen um deiner Worte willen. Aber derFürst desReiches derPerser widerstand mir... und siehe, Michael, einer der vornehmsten Fürsten, kam mir zu Kilfe! (van. 10, 11—13). Der genannte Fürst des Perserreiches ist nach der Lehre des hl. Kieronymus, des hl. Gregor des Großen und anderer Kirchen-Väter und -Lehrer ein guter Engel, welchen Gott der Kerr dem Königreiche Persien als Schutzgeist gegeben hatte. Dieser wirkte nun dahin, daß die Israeliten im Lande der Perser blieben, damit durch sie die Erkenntnis des wahren Gottes verbreitet würde, während Gabriel wünschte, daß die Verbannten zur Wiederherstellung Jerusalems und zum Wieder¬ aufbau des Tempels ins Vaterland zurückkehrten, weshalb er 1* O' 4 o sich bemühte, das Kerz des Königs für die Verwiesenen zu stimmen. Kiebei kam ihm der hl. Erzengel Michael zu Kilfe, von dem er noch weitershin versicherte: Niemand steht mir in allem dem bei als Michael, euer Fürst. (vum 10, 21). Und zur selben Zeit wird Michael, der große Fürst, der für die Söhne deines Volkes einsteht, sich erheben, (van. 12, 1). Aus diesen Schriftworten erhellt deutlich, daß der hl. Erz¬ engel Michael der Schutzgeist des auserwählten Volkes war, der demselben in drangsalsvollen Zeiten zu Kilfe kam. Wie die Synagoge Sankt Michael als ihren Schutzengel verehrte, so ehrt und preist ihn auch die katholische Kirche als ihren mäch¬ tigen Schutzgeist, wie er als solcher in der Apokalypse des neu- tesiamentlichen Sehers Sankt Johannes erscheint, allwo er für die Gemeinde Gottes wider den Satan ausiritk. (J.pooal/p. 12, 7—9). Die stolze Weisheit unserer Zeit, bemerkt Dr. Josef Franz Allioli in seiner trefflichen, vom apostolischen Stuhle gutge¬ heißenen Übersetzung und Erklärung der ganzen hl. Schrift tz kann die Bestimmung der hl. Engel zu höheren und niederen Diensten in der göttlichen Weltregierung nicht einseheu und be¬ greifen, aber diese Bestimmung ist die Lehre der göttlichen Offen¬ barung der Natur der Sache gemäß. In der ganzen heiligen Geschichte erscheinen die Engel als schützende und schirmende Geisler der Menschen, und als solche erklärt sie das göttliche Wort selbst. Sind sie nicht alle dienende Geister, aus¬ gesandt zum Dienste um deren willen, welche die Seligkeit ererben sollen? (vebr. 1,14). Daß unter ihnen eine Rangordnung nach verschiedenen Kräften und Gaben be¬ stehe, folgt aus den übrigen verschiedenen Wesen, welche alle eine höchst große Mannigfaltigkeit unter sich offenbaren, und die Offenbarung spricht diese Ordnung eigens aus mit den Worten: Durch ihn ist alles erschaffen, was im Kim¬ mel und was auf Erden ist, das Sichtbare und das ' Die Kl. Schrift des alten und neuen Testamentes. Landshut, 1839. IV. Bnd. 4. Ausl. S. 503 s^. not. 24. o- 5 o Unsichtbare, seien es Throne oder Herrschaften oder Oberherrschaften oder Mächte. (Lot. 1, 16). Daß sie aber vermöge ihrer Ordnung unter sich hinsichtlich der Leitung des Menschenheiles höhere und niedere Dienste tun, liegt gleichfalls in der Natur der Sache, eben weil unter ihnen eine Ordnupg besteht. Wie nun Sankt Michael der Schuh- und Schirmgeist des Bundesvolkes war, so gilt er als Hort und Hüter unserer hl. katholischen Kirche ', die ihn zu allen Zeiten hoch verehrte, ihn um seinen mächtigen Schuh bat und anflehte. Zumal in unseren Tagen nahm die Verehrung des erhabenen Engel¬ fürsten in hohem Maße zu, wie sich ja auch die Drang- und Trübsale der Kirche erhöhten und vermehrten. Unser glücklich und glorreich regierender Papst Leo XIII. selbst war es, der in seiner bedrängten Lage zu diesem himmlischen Helden und Machthaber Zuflucht nahm, sowie nach dem Berichte des hl. Apostels Johannes in seiner geheimen Offenbarung die vom Satan verfolgte Gemeinde der Heiligen sich unter den Schuh des gewaltigen Besiegers des höllischen Feindes stellte. Wenige Jahre nach dem Antritte seines so schwierigen Pontifikates schrieb Papst Leo XIII. drei tiefsinnige, nach jeder stillen hl. Messe zu verrichtende Gebete vor, deren letztes ausschließlich an den hl. Erzengel gerichtet ist. Durch diese am 26. August 1886 vorgeschriebene Anrufung sollen die Christgläubigen den Schutz des Fürsten der himmlischen Heerscharen gegen die Bos¬ heit und Nachstellungen des Teufels auf die ganze katholische Kirche herabflehen und ziehen. Der Papst betet selbst nach Be¬ endigung der hl. Messe diese Gebete, die er allen Priestern vor¬ geschrieben hat, und er betet sie mit besonderer Inbrunst, was ich schon manchmal zu beobachten Gelegenheit hatte. Zumal bei der Anrufung des hl. Michael gegen die Anschläge des ' Schon im Pastor des Kermas lesen wir: Hase autsiu lex Mus I)si est xraeäiestus. . . populi vero stsntss sub umbra In suut, qui suäieruut praeUieationem eius st ersäiäsruut. biuucius sutem ille ruuZnus st konsstus Niebsel est, qui populi buius bs- bst potestatsru et Zubernat eos. (Limilit. 8, 10. Imt. eäit. Hil- ZLnkslä. Inpsiae, 1873). o- 6 -c> Geistes der Finsternis liegt eine Art von Drohung und Festig¬ keit im Ton seiner Stimme. Im Kerrn geliebte Diözesanen! Unser Kl. Vater Papst Leo XIII. kennt wie kein anderer die Kauptübel und Grund¬ gebrechen der Zeit. Er kennt aber auch die natürlichen wie die übernatürlichen Mittel und gibt uns an, wie wir den Zeitübeln mit Erfolg begegnen sollen. Eines von diesen übernatürlichen Mitteln ist die eifrige Anrufung und Verehrung des erhabenen und mächtigen Schuhgeistes der hl. katholischen Kirche — Sankt Michaels. Seine Heiligkeit bereicherte am 25. September des Jahres 1888 mit dreihundert Tagen Ablaß, täglich gewinnbar, ein herrliches Gebet zum hl. Erzengel Michael und ließ das¬ selbe in Sankt Peter zu Rom allen Anwesenden nach der hl. Messe verteilen, die er bei Gelegenheit der von ihm allgemein angeordneten Gedächtnisfeier für die Verstorbenen am 30. Sep¬ tember des eben genannten Jahres zelebrierte? Noch mehr! Am 18. Mai 1890 ordnete der Kl. Vater einen Exorzismus unge¬ wöhnlicher Art an, zu dessen Anwendung alle Bischöfe des Erd¬ kreises eingeladen werden. Die vom Diözesanbischofe hiezu er¬ mächtigten Priester erlangen und gewinnen durch den täglichen Gebrauch dieses außerordentlichen Exorzismus gegen den Satan und die abtrünnigen Engel unter Anrufung des hl. Erzengels Michael jedesmal einen Ablaß von dreihundert Tagen und monatlich einmal unter den gewöhnlichen Bedingungen einen vollkommenen Ablaß, der auch den Seelen im Fegefeuer für- bittweise zuwendbar ist? Dies alles brachte in mir den schon lange gehegten Vor¬ sah zur Reife, in dem diesjährigen Faslenhirtenschreiben von den Engeln und insonderheit von ihrem glorreichen Anführer zu handeln, was so selten geschieht und doch öfters geschehen sollte, zumal in unseren Tagen, wo sich die Welt vom Geistigen und Übernatürlichen abwendet und der materialistischen Richtung - Franz Beringen, Die Ablässe, ihr Wesen und Gebrauch. 13. Ausl. Paderborn, 1906. S. 222 und 223. ? Franz Deringer, ox. cit. S. 284 L — Vergl. Kirchl. Verord.-Blatt für die Lavanter Diözese. 1890. Nr. VII. num. I. S. 1—3. — Separat herausgegeben vom F.-B. Lao. Ordinariate am 7. April 1897, Nr. 1120. o- 7 -c> und Anschauung zuwendet; in unseren Tagen, wo die Ver¬ führung so um sich greift, und der Umgang und die Gesell¬ schaft so voll des Verderbens sind. Mit diesem Send- und Lehrschreiben bezwecke ich nichts anderes, als daß Ihr, teuerste Bistumskinder, Euer Vertrauen zu den Schutzengeln befestiget und in der heilsamen Verehrung und Andacht zu Sankt Michael zunehmet zum Lobe und Ruhme Gottes, zur Ehre und Verherrlichung der Engel, zur Vereitelung und Abwehr der Ränke des Teufels und seiner Knechte, und so zum Wohle und Keile Eurer eigenen unsterblichen Seelen, wie zur Rettung anderer Ebenbilder Gottes in der hl. Kirche. Jesus Christus, unser Kerr und Keiland, dem die Engel als ihrem Könige auf Erden dienten und den sie jetzt im Kimmel immerdar preisen und loben, segne auf die machtvolle Fürsprache des glorreichen Fürsten der getreuen Engel, Sankt Michaels, meine Worte, für deren rechte Wahl meine Zunge jener Seraph läutern möge, der mit glühender Kohle den Mund des Propheten Isaias berührte, so daß derselbe würdige von heiligen und himmlischen Dingen sprechen und schreiben konnte. (Is. 6, 6. 7). Der liebe göttliche Keiland segne reichlich aber auch alle jene, die meine oberhirtlichen Worte in Liebe, Gehorsam und Demut aufnehmen und befolgen. Selig, wer da liest und hört dieWorte dieserWeissagung, und bewahrt, was darin geschrieben steht... Gnadeeuch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommen wird, und von den sieben Geistern, die vor seinem Throne sind! (^poaat^p. 1, 3. 4). Keilige Maria, Königin der Engel, heiliger Michael und alle heiligen Engel und Erzengel und alle Chöre der seligen Geisler, bittet für mich und für die Meinen! Geliebte im Kerr n! GWie berühmte vierte Kirchenversammlung im Lateran t215 sprach gleich im ersten Kanon ihrer heiligen Satzungen die Glaubenswahrheit aus: Der Schöpfer aller sichtbaren und unsichtbaren, der geistigen und kör¬ perlichen Dinge, hat durch seine allmächtige Kraft o- 8 -< zugleich von Anbeginn der Zeit beide Kreaturen aus nichts hervorgebracht, die geistige und die kör¬ perliche, die englische nämlich und die weltliche, und dann die menschliche gleichsam als die gemein¬ schaftliche, aus Geist und Körper bestehend. 1. Dieser Glaubenssatz lehrt Klipp und klar, daß es drei Arten von Geschöpfen gibt, welchen Gott der Kerr durch seine unendliche Macht und Güte das Dasein gab: rein körperliche Geschöpfe ohne Leben und Bewegen, wie die Steine; Pflanzen, die leben, aber keine Bewegung haben, an die sich die Tiere reihen, welche lebendig und beweglich, aber vernunftlos sind; sodann Geschöpfe, die aus Geist und Körper Zusammengesetzt sind, und Geschöpfe, die vernunftbegabt, aber ohne Körper, also reine, unsterbliche Geister sind. Die wundervolle Karmonie in der ganzen Schöpfung er¬ scheint schon unserem Versiande so einleuchtend, daß, wenn die göttliche Offenbarung auch nicht ausdrücklich das Dasein der Engel lehrte, die menschliche Vernunft fast genötigt wäre, die Körperwelt und die Menschen vorausgesetzt, auch eine Engel¬ welt anzunehmen. Zur Vollkommenheit des Welt¬ alls, bemerkt mit Recht der Engel der Schule Sankt Thomas von Aquin, wird das Dasein geistiger Wesen erfor¬ dert? Die leblosen Dinge haben mit Gott eine Ähnlichkeit durch ihr Sein, die Pflanzen durch ihr Leben, die Tiere durch ihre Empfindung, die Menschen durch ihr teilweise geistiges Wesen, die Engel aber durch ihr ausschließlich geistiges Wesen. Ohne die Engel gäbe es eine Kluft und eine Lücke in der Weltschöpfung; es würde ein Mittelwesen zwischen Gott und den Menschen mangeln, es würde der Abschluß der Schöpfung nach oben hin fehlen. Kein Wunder deshalb, daß auch die heidnischen Völker solche Mittelwesen annahmen, welchen sie weit höhere Eigenschaften und Kräfte, als der Mensch sie be¬ sitzt, zuschrieben? ' Lumm. ttreolvA. I>. I. 50. art. I. Hält. äLLims. karlsüs, 1877. lom. I. xug. 407. - Siehe Lrlstotel. I. 12. c. 8. (Vergl. Dr. M. Jos. Scheeben, Kanö- buch der kathol. Dogmatik. Freiburg im Br., 1873. II. Band. 1. Abt. S. 52 2. Die hl. Schrift von der Genesis bis zur Apokalypse spricht fast aufz jedem Blatte und auf jeder Seite von den Engeln. Sie erscheinen als körperliche, persönliche Wesen, be¬ gabt mit übermenschlich hohen Kräften des Verstandes und Willens, ausgestattet mit Macht und Kerrlichkeit, gegliedert in hierarchische Ordnung als Engel, Erzengel und Kräfte; als Mächte, Kerrschaften und Oberherrschaften; als Throne, Che¬ rubim und Seraphim. Nach der Ansicht des erleuchteten Papstes Gregor I. des Großen und Keiligen (590—604) werden die Engel zur Ankündigung minder bedeutender Dinge, die Erz¬ engel zu den wichtigsten Sendungen verwendet, und die Kräfte wirken auf Gottes Geheiß Wunder und außerordentliche Zeichen. Den Mächten sind die Geister der Finsternis unterworfen, den Kerrschaften ist die Macht gegeben, auch den guten Geistern niederen Ranges vorzustehen, die Oberherrschaften heißen so, weil ihnen auch die Kerrschaften untergeben sind. Die Throne sind vermöge ihrer Gnadenfülle gleichsam Gottes Beisitzer in seinen Gerichten, die Cherubim zeichnen sich vornehmlich aus durch ihre wunderbare Weisheit und die Seraphim durch ihre flammende Liebe.* Moses, der große Gesetzgeber und Führer Israels, gedenkt sehr oft der Engel und bezeugt dadurch, daß ihm ihr Dasein eine ausgemachte Tatsache war. So erzählt er gleich im ersten Buche, daß Gott einen Cherub mit flammendem Schwerte vor den Eingang des Paradieses stellte zur Verhinderung des Zu¬ trittes zum Baume des Lebens (6sn. 3, 24), ferner daß ein Engel der Tröster und Kelfer der verlassenen Magd Kagar war, der ihr in der Wüste zurief: Was tust du? Fürchte dich nicht; denn Gott hat die Stimme des Knaben gehört an dem Orte, wo er sich befindet. (Oen. 21, 17). Dem glaubensstarken Patriarchen Abraham erschienen drei Engel, verhießen ihm einen Sohn und teilten ihm mit, daß Sodoma vertilgt werden sollte. (6ev. 18, 1—33). Zu Lot dem num. 139). — Joh. Ev. Schwingshackl, Priester der Gesellschaft Jesu, Die heiligen Schutzengel. Brixen, 1883. S. 1 L ' Homil. 34. in Hvsngsl. Vergl. ONsIuin votivum äs 88. L.nAsIl.8. ^.ä NatuUnum II. Host. Isst IV., V. st VI. o 10 -o Frommen kamen Engel, die zu ihm sprachen: Mache dich auf, nimm dein Weib und die zwei Töchter, die du hast, damit nicht auch du umkommest in den Lastern der Stadt! (Oen. 19, 15). Der flüchtige Jakob sah im Traume eine Leiter, die auf der Erde stand und mit der Spitze den Kimmel berührte, und die Engel Gottes stiegen auf und ab auf derselben. (Oen. 28, 12). Zu Elias dem Feuermanne kam, als er voll Trauer und Ermüdung im Schatten der Wa¬ cholderstaude lag, der Engel des Kerrn, rührte ihn an und sprach: Stehe auf und iß! (III. UaAK. 19, 5). Und wer kennt nicht die wunderliebliche Geschichte des jungen Tobias, welcher den Erzengel Rafael als Reisegefährten nach Medien und zurück in die Keimat hatte? Und wie oft sprechen nicht die großen und die kleinen Propheten von den Engeln, wie auch die inspirierten Verfasser vieler anderer hl. Bücher des alten Testamentes. Indes, nicht allein im alten, sondern auch im neuen Bunde geschieht der Engel überaus häufig Erwähnung. Schon gleich auf der Schwelle desselben treffen wir den Priester Zacharias, welchem der Engel Gabriel die Geburt eines Sohnes Johannes, des Vorläufers Christi, verkündet. Derselbe Engel brachte Mariä den Gruß und die frohe Botschaft vom Kimmel, daß sie den heißersehnten Erlöser der Welt gebären werde. Und dem ge¬ rechten Josef gab der Engel wiederholt im Traume Weisungen beziehentlich seiner jungfräulichen Braut und ihres göttlichen Iesukindes. Auf den Fluren Bethlehems erschienen den from¬ men Kirten Engel und kündigten denselben die Geburt des Messias an, während andere Engel in des Kimmels Kühen den Lob- und Iubelgesang anstimmten: Ehre sei Gott in der Kühe und Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind! lUue. 2, 14). Nach der Ver¬ suchung in der Wüste traten zu Jesus Engel hin und dienten ihm. M>ttk. 4, 11). Am Olberge ward er in seiner Todes¬ angst von einem derselben gestärkt (Uno. 22, 43), und bei der Gefangennahme erklärte er dem Petrus, der ihn mit dem Schwerte verteidigen wollte: Meinst du, daß ich meinen Vater nicht bitten könnte, und er würde mir jetzt o- 11 o mehr als zwölf Legionen Engel zuschicken. 26, 53). Am Grabe tröstete die Frauen ein Engel, indem er sie anredete: Fürchteteuchnicht...Erist auferstanden! (Natik. 28, 5. 6). Den elf Aposteln erschienen auf dem Olberge zwei Engel, wie zwei Männer, im weißen Gewände und sprachen: Ihr Männer von Galiläa, was stehet ihr da und schauet gegen Kimmel? Dieser Jesus, der von euch weg in den Kimmel ausgenommen wor¬ den, wird ebenso wieder kommen, wie ihr ihn sähet hingehen in den Kimmel, ax. 1, 11). Den hl. Apostelfürsten Petrus befreite ein Engel wunderbar aus der Kerkerhaft, und seinen apostolischen Kollegen Sankt Paulus ermutigte ein Engel zum standhaften Ausharren während der stürmischen Meeresfahrt, überaus anziehend wäre es, dies alles näher zu erzählen, aber die Fülle des Stoffes drängt mich, mein Kirtenschreiben eilends fortzusetzen. Bei dieser Wolke von Beweisen aus der hl. Schrift für das Dasein der Engel ist es wohl überflüssig, auch noch Belege aus der hl. Tradition oder Erblehre für deren Existenz anzu¬ führen. Man kann ruhig sagen, daß fast jeder hl. Kirchen- Vater und -Lehrer diese Wahrheit bestätigt, die das vierte lakeranensische Konzil feierlich verkündet hat. Bündig bemerkt der vielgefeierte Kirchenlehrer Sankt Augustinus zum Psalm 102: Daß Engel existieren, wissen wir aus der Glaubenslehre . . . und deshalb haben wir kein Recht, daran zu zweifeln.' Bloß die klare Antwort des berühmten römischen Katechismus sei noch angeführt, die also lautet: Außerdem erschuf Gott die geistige Natur und unzählige Engel, damit sie ihm dienen und zur Seite stehen, aus nichts, die er sodann mit seiner wunderbaren Gnade und mit Macht erhöhte und schmückte.- ° Vergl. I^lANL. Xav. Sekouxpe 8. p, Llements Üisoloßiss ciog- MLticsL. 1°om. I. Täit. 13. Lruxsllis, 1878. 353. nuin. 40. 2°. Latsckismus ex äscrsto Loneil. Iriä. aä psroclios, ?ii V. kontik. Llsxim. xrimum Uein Llsment. XIII. iussu eäitus. ILomse, 1/xis Lamer. sp08toliL. 1761. Rscusus VisnnAS, 1833. 23. o 12 o 3. Die angezogenen Worte des Katechismus der Kate¬ chismen lehren zugleich, daß die Natur der Engel eine gute sei und ihr Wesen ein heiliges, weshalb sie geradezu Keilige genannt werden. (Deut. 33, 2). Diese Keiligkeit und Gerechtig¬ keit, ein freies Geschenk der göttlichen Gnade, Hütten die Engel im Guten betätigen sollen, wodurch sie sich die Seligkeit ver¬ dient hätten. Der große Weise von Kippo Sankt Augustinus schreibt deshalb: Es gab noch etwas, was zu ihrer Seligkeit hinzukommen sollte, wenn sie mit ihrem freien Willen in derWahrheit bestünden, bis sie zu jener Fülle der höchsten Seligkeit gelangt wären, die gleichsam d e r L o h n für i h r e B e h a rrlich k eit sein sollte... DieseFülle der Seligkeit hatten sie nicht? Die Engel sollten mit der ihnen verliehenen Gnade mitwirken, um dadurch nach bestandener Prüfung Zur ewigen Glückselig¬ keit zu gelangen. Ein Teil der Engel bestand die Freiheiks- probe und befestigte sich durch eigene gute Entscheidung in der Keiligkeit und Gerechtigkeit, in der sie ihre Seligkeit finden. Ein anderer Teil bestand leider diese Probe und Prüfung nicht. Luzifer, der Anführer der aufrührerischen Engel und darum das Kaupt der Teufel genannt (Nattk. 12, 24), wollte nicht gehorchen und untertänig sein. (I. Tim. 3, 6). Er und sein Anhang wandte sich, wie der hl. Augustinus kurz bemerkt, vom höchsten Wesen ab und zu sich hin. Und der gött¬ liche Keiland sagt vom Teufel, daß er in der Wahrheit nicht geblieben sei. Ille . . in veritaw non statin (Ioan. 8, 44). Luzifer wollte in seinem Kochmut wohl Gott nicht anbeten, wie er ja auf dem Berge zum Sohne Gottes sprach: Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfäll st und mich an betest. G'IattK. 4, 9). Infolge der stolzen Erhebung und hoffärtigen Auflehnung Luzifers und seiner Dämonen entstand, wie der hl. Apostel und Evangelist Johannes schreibt, ein gewaltiger Kampf im Kimmel. Michael und seineEngel, die ihm treu blie¬ ben, stritten mit dem Drachen, und der Drache stritt ' Vs sorrsxtiovs st Zratl». Lax. 10. väit. z. v. Lligns. lom. 44. col. S33. num. 27. 13 mitsamt seinen Engeln; allein sie siegten nicht und ihre Stätte ward nicht mehr gefunden im Kimmel. Und es ward hinabgeworfen jener große Drache, die alte Schlange, welche genannt wird der Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt. Er ward hinabgeworfen auf dieErde, und seineEngel wur¬ den mit ihm hinabgeschleudert. (^.poonlvp. 12, 7—9). Und der erste römische Papst Sankt Petrus schreibt über den Sündenfall der Engel: Gott hat der Engel, die sich ver¬ sündigten, nicht geschont, sondern mit Ketten der Kölle sie in den Abgrund gezogen und der Pein überliefert. ;I1. ?etr. 2, 4). Und der hl. Apostel Judas Thaddäus bemerkt darüber: Auch die Engel, welche ihre Würde nicht bewahrten, sondern ihre Wohnung verlassen mußten, hat er zum großen Gerichtstage mit ewigen Banden in der Finsternis aufbehalten. ()suä. vor8. 6). Aus dem schrecklichen Falle der bösen Engel erklärt sich auch ihr .furchtbarer Neid und unversöhnlicher Kaß gegen die Menschen, die berufen sind, ihre Stellen im Kimmel einzu- nehmen; erklärt sich ihre rastlose Mühe und Wut, den Men¬ schen zu verführen, ihn ewig unglücklich zu machen. 4. Die Aufgabe der guten und getreuen Engel deutet schon ihr Name Engel d. i. Bote, Gesandte an, der nicht ihr Wesen, sondern ihre Tätigkeit oder ihren Dienst ausdrückt. Und dieser Dienst ergibt sich aus dem Verhältnisse, in welchem sie zu Gott, zueinander und zu uns Menschen stehen. Gott gegenüber leben die Engel in inniger Gemeinschaft mit ihm, sie dienen ihm in höchster Kuldigung, in fester Treue, in tiefster Verehrung und Anbetung, in unaufhörlichem Lob, Dank und Preis, in heiligem Jubel und Frohlocken. Gegeneinander bilden sie ein großes Geisterreich und stehen in Absicht auf Erkenntnis und Willen in der schönsten geistigen Gemeinschaft. Als gute, selige Geister nehmen die Engel regen Anteil an dem Wohle und Wehe des menschlichen Geschlechtes, dem sie seine wahre Bestimmung erreichen, helfen. Diese ihre Tätig¬ keit tritt bei allen Kauptperioden der göttlichen Offenbarung o 14 -o hervor. Schon bei der Schöpfung erscheinen jubelnde Engel, wie wir aus dem Buche Job erfahren. (Zob 38, 4. 7). Ein Engel tritt auf, nachdem das erste Menschenpaar von Gott abgefallen und des Paradieses verlustig geworden war. (Oon. 3, 24). Engel treten auf in der Periode der Patriarchen, des Moses, des Josue Zos. 5, 13. 14), der Richter (Zuck 2, 1—4), der Könige (III. UeZA. 13, 18; IV. UsM. i, 15), der Propheten (Is. 37, 36; Dan. 14, 33. 35. 38). Insbesondere greifen sie handelnd ein in der Fülle der Zeit, in der Vollführung des Erlösungswerkes. So verkünden sie in der heil. Nacht die Geburt des langersehnten Messias, weshalb die erste unter den drei Wsihnachtsmessen, gefeiert um Mitternacht, das Engelamt genannt wird. Desgleichen melden sie die glorreiche Auferstehung und die Himmelfahrt des göttlichen Erlösers. Sie vermitteln und befördern das apostolische Wirken in der ersten Kirche, wie uns der hl. Lukas in seiner Apostelgeschichte ausführlich berichtet, (^at. ap. 8, 26; 10, 1—8; II, 13; 12, 5—12; 27, 22—26). Endlich werden die Engel beim letzten allgemeinen Welt¬ gerichte erscheinen und ihres Amtes walten. Und dann wird dasZeichen desMenschensohnes am Kimmel erschei¬ nen, und dann werden alle Geschlechter der Erde wehklagen und sie werden den Menschensohn kom¬ men sehen in den Wolken des Kimmels mit großer Kraft und Herrlichkeit. Und er wird seine Engel mit der Posaune senden, mit großem Schalle; und sie werden seine Auserwählten von den vier Win¬ den, von einem Ende des Kimmels bis zum andern zusammenbringen... Und es werden alle Völker vor ihm versammelt werden, und er wird sie von einander scheiden (durch seine Engel), wie ein Kirt die Schafe von den Böcken scheidet. (tVlattb. 24, 30. 31; 25, 32). 5. Was die Engel im großen für das Menschengeschlecht sind und wirken, das ist und wirkt der einzelne Engel für den einzelnen Menschen als sein treuer Schutzengel. (Us. 90, 11. 12; Ulsbr. 1, 14). Daß die Kleinen ihre Schutzengel haben, wird in der hl. Schrift des alten Testamentes oft angedeutet o. 15 (Oov. 48, 16; ?s. 33, 8), und der göttliche Kinderfreund lehrt es selbst, indem er vor dem Ärgernisse der unschuldigen Kinder also warnt: Sehet zu, daß ihr keines aus diesen Kleinen verachtet; denn ich sage euch, ihre Engel imKimmel schauen immerfort dasAngesicht meines Vaters, der im Kimmel ist! (tVIattb. 18, 10). Nach der einmütigen Ansicht der hl. Väter und Lehrer der Kirche steht auch der Erwachsene, zumal der Ehristgläubige (Lot. ax. 12, 15), unter der Obhut und Sorge eines Engels, wovon wir uns wohl auch durch die Erfahrung hinreichend überzeugen Können. IVlaZna äisnitas animarum, ruft darum der hl. Kieronymus aus, ul uvaguaegue ttabeat ab ortu nali¬ vi ta tis in oustoäiain sui anZotum äelöAatum. Groß ist die Würde der Seelen, daß jede von ihrem Dasein an zu ihrem Schuhe einen abgesandten Engel Hat4 Fürwahr, unbegreiflich und unaussprechlich groß und er¬ haben sind die Geheimnisse der Erbarmungen Gottes gegen uns Menschen, lind unter diese tiefsten Mysterien göttlicher Erbarmungen gehört die zwar unsichtbare, aber wirkliche Ver¬ bindung, welche wir arme Menschen auf Erden mit den Engeln im Kimmel haben, eine Verbindung, die nicht weniger von der Allmacht und Weisheit Gottes, als von seiner Liebe und Güte gegen das Menschengeschlecht ein überaus rühmendes, anmuts¬ volles Zeugnis gibt. Was ist der Mensch, können wir da mit David fragen, daß du seiner gedenkest? ... Du hast ihn nur wenig unter die Engel erniedrigt, mit Kerrlichkeit und Ehre ihn gekrönt. (?8. 8, 5. 6). Nichts wollte der allgütige und erbarmungsreiche Gott unterlassen, was nur immer zu unserem Keile nützlich und dienlich ist, was uns die Erbschaft des ewigen Lebens sichern könnte. And darum hat er auch seinen Engeln befohlen, daß sie uns auf allen Wegen und Stegen bewahren sollen. O wundervolle Liede, ruft in Anbetracht dieser heilvollen Verbindung der honigfließende Kirchenlehrer St. Bernardus aus, o wundervolle Liebe, in welche uns Gottes Vatersorge mit den Engeln gesetzt hat! — ' I4b. 3. Qoinmsnt. in cap. 18. iVlLttb. Vergl. Westum cisäicai. s. XNckasIis Lrcbanz. äis 29. 8ext. Isct. IX. o 16 o Ja, o unendliche Liebe des himmlischen Vaters, der zu uns, wie zu seinen Freunden, seine Engel als Diener abordnet! Worin besteht nun der Liebesdienst, den die Engel den Menschen erweisen? Vorab besteht derselbe in der Leistung des Schuhes und Beistandes, im Einflüßen des Trostes und Mutes. Zum Volke Israel sprach Gott der Kerr: Siehe, ich sende meinen Engel, daß er vor dir herziehe und dich beschütze auf dem Wege und dich führe an den Ort, den ich dir bereitet habe. Gib acht aufihn und höre seine Stimme... Denn wenn du seine Stimme h örst, so will ich der Feind deiner Feinde sein und will schlagen diejenigen, die dich schlagen. Und mein Engel wird vor dir her gehen und dich hinführen. (Oxoä. 23, 20—23). Und es geschah so. Der Engel ging vor den Israeliten her, des Tages in einer Wotkensäule, des Nachts in einer Feuersäule, und war ihr Anführer und Regierer, ihr Schützer und Schirmer auf der gefahrvollen Wanderung. Ein Schutzengel war es, der in der Wüste Bersabee bei einem Wasserbrunnen der tiefbetrübten Kagar erschien, um durch Auf¬ deckung einer frischen Wasserguelle ihren vor Durst verschmach¬ tenden Sohn Ismael vor sicherem Tode zu retten. (Osn. 16, 7; 21, 17 — 19). Mache dich auf, bestürmten zwei Enge! in Sodoma den schuldlosen Lot, nimm dein Weib und die zwei Töchter, die du hast, damit nicht auch du mit der gottlosen Stadt zugrunde gehest! Und als Lot darauf nicht achtete, ergriffen sie ihn, sein Weib und seine beiden Töchter bei der Kand und führten sie vor die Stadt hinaus mit dem Mahnrufe: Rette deinLeben und schaue nicht um, stehe auch in der ganzen umliegenden Gegend nicht still, sondern fliehe auf den Berg, der vor dir liegt! (Oon. 19, 15 — 17). Kerrlich und trostvoll ist die Schilderung, welche der ge¬ krönte Psalmendichter David von dem Schutze der Engel ent¬ wirft. Kein Unglück wird zu dir kommen und keine Plage nahen deinem Zelte. Denn seinen Engeln hat er deinethalben befohlen, dich zu behüten auf allen deinen Wegen. Auf den Künden werden sie o- 17 dich tragen, daß nicht etwa an einen Stein stoße dein Fuß. Auf Nattern und Basilisken wirst du wandeln und zertreten Löwen und Drachen. (Ls. 90, 10—13). Diesem heiligen Schriftworte zufolge gehen die Engel mit uns um, wie die liebende Mutter mit ihrem geliebten Kinde, das noch keinen festen Schritt und Tritt auf der Erde machen kann. Sobald die Mutter sieht, daß das schwache Kind zu wanken beginnt, eilt sie ihm entgegen, streckt die Kand dar¬ nach aus, nimmt es auf ihren Arm und trägt es freudig und sanft fort. Nicht genug! Das alte Testament erzählt gar viele Beispiele vom tätigen, sichtbaren Eingreifen der hl. Engel zum Schutze der Guten und Gerechten. Sennacherib, der mächtige König Assyriens, belagerte mit einem zahlreichen Kriegsheere die Stadt Jerusalem, deren from¬ mer König Ezechias nur auf Gott feste Koffnung setzte. Und Isaias der Prophet kam zum Könige und sprach zu ihm im Auftrage Gottes: Sennacherib soll nicht in die Stadt hinabkommen, nicht einmal einen Pfeil wird er hinein schnellen . . . Den Weg wird er zurück¬ nehmen, den Sr gekommen. Denn ich will diese Stadt beschützen und ihr helfen. Und der Engel des Kerrn kam in der Nacht und erschlug im Lager der Assyrier 185.000 Mann. Und als Sennacherib in der Frühe aufstand und die Leichname sah, zog er ab und floh. (IV. UsM. 19, 32—35). Die lieblichste Geschichte aber, die uns im alten Bunde von den Schutzengeln erzählt wird, ist anerkanntermaßen der erhebende Bericht über den Engel, welcher unter der Gestalt eines ansehnlichen Jünglings den jungen Tobias in fernes Land begleitet, ihm treu gedient und ihn wohlerhalten in das Kaus der lieben Eltern heimgeführt hat. Vater, fragte nun der glückliche Sohn den noch glücklicheren Vater, was sollen wir diesem hl. Manne zur Belohnung geben, oder womit können wir ihm seine Wohltaten nach Ge¬ bühr vergelten? Er hat mich gesund hin und her geführt; das Geld, welches dir Gabelus schuldig war, hat er selbst abgeholt. Er hat mir zur Braut verholfen, hat von ihr den bösen Geist vertrieben 2 o 18 o und dadurch ihre Eltern erfreut. Er hat mich aus dem Rachen des Fisches errettet, hat dir das Augen¬ licht wieder gegeben, mit allem Guten sind wir von ihm überhäuft worden. (Rod. 12, 2. 3). Ich könnte noch weiters den Engel erwähnen, der die Kand Abrahams hielt, daß er nicht Isaak als Opfer schlachtete. (Oeu. 22, 11. 12). Ich könnte auch Hinweisen auf den Engel, der Judith in das Zelt des Kolofernes und zurück schützend geleitete, wie dies die Keldin mit den Worten beteuert: So wahr der Kerr lebt, hat mich sein Engel behütet, da ich von hier wegging und dort weilte und von dort hieher zurückkehrte; und der Kerr ließ nicht zu, daß ich, seine Magd, befleckt würde, sondern rief mich ohne Befleckung der Sünde zurück zu euch in der Freude, daß er gesiegt, daß ich entronnen und ihr errettet seid. Lobet ihn alle; denn er ist gut, denn seine Barmherzigkeit währt ewig! (.suäitk 13, 20. 21). Ich könnte anführen den Engel, der die Gluten des Feuerofens kühlte, daß die drei Jünglinge Anamas, Azarias und Misael unversehrt blieben; und jenen, der den Propheten Kabakuk zur Löwengrube führte, um dem Daniel daselbst Speise zu bringen. (Dan. 3, 49. 50; 14, 33). Ich könnte ferner erzählen von dem Engel mit weißem Gewände und goldenem Karmische, unter dessen Anführung Judas der Machabäer den Feldherrn Lysias in die Flucht geschlagen hat (II. Mwb. 11, 8. 12); aber ich übergehe dies und vieles andere aus dem alten Bunde, weil uns noch der neue Bund eine Fülle von unan¬ fechtbaren Beweisen bietet für die Kilfe und den Schutz, für die Ermutigung und den Trost, welchen die Engel den Menschen gewähren. 6. Sei gegrüßt, du Gnadenvolle, sprach der Erzengel Gabriel in Nazareth zu Maria, und fürchte dich nicht; denn du hast Gnade gefunden bei Gott. Siehe, du wirst einen Sohn gebären und du sollst seinen Namen Jesus heißen. Er wird groß sein und der Sohn des Allerhöchsten genannt werden. (Imo. 1, 28. 30—32). Und als sich diese Prophezeiung erfüllte, da überbrachten die frohe Kunde den Kirten auf Bethlehems -Q- 19 Fluren Engel vom Kimmel und unterrichteten sie genau über den Ort der Geburt des Weltheilandes. And wir sehen später dem Menschenerlöser Engel in der Wüste dienen, nachdem er den Versucher und Verführer Adams bezwungen hatte. Ein Engel war es, der den in Gethsemani blutschwitzenden Keiland stärkte und labte. Ein Freudenbote von des Kimmels lichten Köhen war es, der die frommen Frauen am Grabe tröstete und zuerst der erstaunten Welt das freudenreiche Ereignis der Auferstehung des Siegers über den Tod und Satan verkündete. Ein Trostengel war es, der am Ölberge die dem zum Kimmel auffahrenden Keilande betrübt nachblickenden Jünger mit der Koffnung auf das abermalige Erscheinen desselben Jesus ermutigte. And als nach der Kerabkunft des Kl. Geistes die Zwölfboten ohne Unterlaß predigten, daß Jesus Ehrislus von den Toten auferslanden, daß er der verheißene Messias sei, ergriff man sie und warf sie in den Kerker; aber ein Engel des Kimmels öffnete in der Nacht die Kerkertür, führte die Apostel ins Freie und sprach: Gehet hin, tretet auf und sprechet im Tempel zu dem Volke die Worte dieses Lebens! ap. 5, 20). Bald darauf stieg abermals ein Engel vom Kimmel und öffnete dem Apostelfürsken und Völker¬ hirten Petrus den Kerker, als in wenigen Stunden schon das Todesurteil an ihm vollstreckt werden sollte. Siehe, auf ein¬ mal stand ein Engel desKerrn da, und Licht strahlte im Gemache; und er stieß Petrus an die Seite, weckte ihn auf und sprach: Stehe eilig auf! And es fielen ihm die Ketten von den Künden . . . Sie gingen nun durch die erste und zweite Wache und kamen zu dem eisernen Tore, welches in die Stadl führt. Dieses öffnete sich ihnen von selbst, und sie traten hinaus und gingen eine Gasse voran, und plötzlich schied der Engel von ihm. Da kam Petrus zu sich selbst und sprach: Nun weiß ich wahrhaftig, daß der Kerr seinen Engel gesandt und mich entrissen hat der Kand des Kerodes und aller Erwartung - des Volkes der Juden, ap. 12, 7. 10. 11). Als nun der befreite Apostel zum Kaufe Mariä, der Mutter des Johannes 2* 20 o Markus kam, wo viele versammelt waren und beteten, und als er an die Türe des Vorhofes klopfte und eine Magd mit Namen Rhode seine Stimme erkannte und hineinlief mit der Meldung, daß Petrus vor der Türe stehe, meinten die Ver¬ sammelten: Es ist sein Engel. (.4et. ap. 12, 15). Der große Weltapostel Paulus geriet auf seiner Depor¬ tationsreise von Caesarea Stratonis nach Rom in die Gefahr, mitsamt seinen Schiffsgenossen in der Meerestiefe begraben zu werden. Schon war alles Geräte über den Bord geworfen. Man sah weder Sonne noch Sterne. Der Schiffbruch schien unvermeidlich zu sein. Da war nachts zuvor ein Engel des Kerrn dem hl. Paulus erschienen mit der Tröstung: Fürchte dich nicht, Paulus! Du mußt dem Kaiser vorge¬ stellt werden; und siehe, Gott hat dir alle ge¬ schenkt, die mit dir im Schiffe sind! (^.et. ap. 27, 24). Und im Augenblicke der höchsten Bedrängnis trat Paulus unter seine Reisegefährten mit der Mahnung: Seid wohl¬ gemut, Männer; denn ich glaube Gott, daß es so geschehen wird, wie mir vom Engel gesagt worden ist. lAot. Np. 27, 25). Und so war es. Zweihundertsechsund¬ siebzig Seelen waren im Schiffe, und als dasselbe scheiterte, retteten sich alle aufs trockene Land. 7. Diese und noch andere ähnliche Ereignisse sind uns im Buche der Bücher aufbewahrt als unwiderlegliche Zeugnisse der engen Verbindung, die zwischen den Menschen und den Engeln besteht, und sind unbestritten geeignet, uns zu über¬ zeugen, daß uns die himmlischen Freunde auf mannigfache Weise durch äußere Begegnisse und innere Ermahnungen und Warnungen auf der Wanderschaft ins himmlische Vaterland schützend und schirmend, tröstend und ermutigend zur Seite stehen. Ein weiterer Dienst der Engel besteht darin, daß sie un¬ sere Gebete und Verdienste, überhaupt unsere guten Werke zum Throne Gottes tragen. Als du betetest unter Tränen, versicherte Rafael den Vater Tobias, als du die Toten be¬ grubest und dein Essen stehen ließest und dieToten bei Tag verbärgest in deinem Kaufe und bei Nacht o. 21 o sie begrubest, da brachte ich dein Gebet vor den Kerrn. (lob. 12, 12). Und Sankt Johannes, der große Prophet des neuen Bundes, sah in seiner Verzückung einen Engel vor dem Altäre des Kerrn stehen mit goldenem Rauchfasse. Und es wurde ihm viel Rauchwerk gegeben, damit er von den Gebeten aller heiligen auf den goldenen Altar legen sollte, der vor dem Throne Gottes ist. Und es stieg der Rauch des Rauchwerkes von den Gebeten der Keiligen aus der Kand des Engels vor Gott. (Lpooal^p. 8, 3.4). Und wir katholische Priester beten täglich am Altäre und flehen zu Gott: Laß diese Opfergaben durch die Künde deines hl. Engels bis zu deinem erhabenen Altar bringen vor das An¬ gesicht deiner göttlichen Majestät! Dazu bemerkt der seraphische Lehrer Bonaventura, daß die hl. Engel unsere Ge¬ bete Gott darbringen, damit sie mit denselben zugleich ihre reinen heiligen Wünsche vereinigen und so dieselben wirksamer machen können. Ein anderer Engelsdienst besteht darin, daß uns die hl. Schutzengel belehren, was der Wille Gottes ist, was wir tun und was wir meiden sollen. So erinnerte ein Engel Kagar, die Magd Abrahams und Sara, an ihre Pflicht, zur Gebieterin zurückzukehren und sich zu demütigen unter ihre Kand. (Oen. 16, 9). So unterrichtete ein Engel den hl. Joseph, daß er ohne Bedenken Maria, die ihm angelobte Braut heimführen solle, wie auch, daß er mit ihr und mit ihrem göttlichen Iesukinde die Flucht nach Ägypten ergreifen, und wiederum, wann er ins geliebte Vaterland heimkehren solle. So ermahnte ein Engel den heidnischen Kauptmann Cornelius, den Apostel Petrus aufzusuchen, um sich von demselben im wahren Glauben unterrichten zu lassen, (^.et. ap. 10, 3). In der Geschichte der Keiligen lesen wir, daß ein Engel der hl. Franziska Romana beständig zur Seite stand, sie vor jeglicher Sünde warnte und strenge ahndete, so sie solche beging? > Vergl. Dr. Joseph Anton Keller, Zweihundertzwanzig Engels- Geschichten zur Belebung des Vertrauens auf den Schuh und die Fürbitte der hl. Engel. Mainz, 1889. 2. Ausl. S. 30 tk. o- 22 Aus dem bisher Vorgebrachken erhellt wohl deutlich, daß die Engel große und wichtige Dienste den Menschen leisten, wenn es zu ihrem Seelenheile unbedingt notwendig ist. Doch Liebe erfordert Gegenliebe. Darum fragt es sich jetzt, zu welchen Gegendiensten verpflichten uns die Liebesdienste der Engel? 8. Geliebte im Kerrn! Wir vernahmen zuvor, wie sich der greise Tobias mit seinem Sohne beriet, auf welche Weise sie dem himmlischen Reisebegleiter die erwiesenen Dienste ent¬ gelten sollten. Was können wir diesem heiligen Manne geben, der mit dir gekommen ist, fragte der besorgte Vater den Sohn. Vater, antwortete der junge Tobias, welchen Lohn sollen wir ihm geben, oder womit können seine Wohltaten nach Verdienst vergolten werden? (Tob. 12, 1. 2). Auch wir, liebe Diözesanen, müssen uns fragen, was wir den Schutzengeln, unseren Begleitern und Führern auf unserem fährnisvollen Lebenspfade, schulden. Nur durch die Dankbarkeit vermögen wir unseren Schutzgeistern die vielen und großen Wohltaten teilweise zu vergelten, welche sie uns von der Wiege bis zum Grabe erweisen. Etwas anderes können wir nicht tun, da die Engel bereits die Freuden der ewigen Glückseligkeit genießen und so unser nicht bedürfen. Diese Dankbarkeit nun, welche wir unseren Schutzengeln schul¬ den, kann sich mannigfaltigst äußern. Sie äußert sich, wenn wir den Engeln Ehre erweisen. Mit Ehrerbietung müssen wir gegen die Engel erfüllt sein bei dem Gedanken an ihre Heiligkeit und Reinheit, die sie würdig macht, immerdar das Angesicht Gottes zu schauen, wie dies das hl. Evangelium am Engelfeste lehrt, chlattb. 18, 10). Ehren und achten wir sie stets dadurch, daß wir uns morgens und abends und tagsüber ihrem mächtigen Schutze dringendst an¬ empfehlen! Unsere Erkenntlichkeit gegen die Engel beweisen wir ferner dadurch, daß wir ihnen unsere Liebe, unsere Kerzen schenken. Die Engel lieben uns mit himmlischer Liebe, da sie besser wissen und begreifen, als irgend ein Mensch, was Jesus Christus für uns getan und gelitten hat. Und eben aus dieser Liebe zu uns tragen sie unsere guten Werke zum Throne des Allmächtigen. Auch als Sünder können wir ihnen Liebesdienste ^>- 23 o erweisen, indem wir uns bekehren und Buße tun. Versichert uns doch Jesus Christus selbst, daß eine größere Freude unter den Engeln herrsche über die Bekehrung eines Sünders, als über neunundneunzig Gerechte, welche der Buße nicht bedürfen. (Iwo. 15, 7. 10). O, wenn alle Diözesanen die hl. Fastenzeit im Gebete und in der Betrachtung, in Buße und Abtötung zubrächten, und sodann alle die hl. Oslerbeichte verrichteten und die hl. Kommunion empfingen, welche Wonne würde walten unter ihren Schutzengeln im Kimmel! Wie würden sie alle die Bußwerke ihrer Schützlinge hintragen vor den Thron des Aller¬ höchsten und ihnen da neue Gnaden erbitten und erwirken! Wir zeigen uns ferner dankbar gegen die Engel, wenn wir ihnen unser Vertrauen schenken. Dies geschieht, so wir sie in allen unseren Anliegen demütigst um ihren Beistand anrufen. Lasset uns in allen Gefahren, schreibt der hl. Bernardus, in allen Versuchungen, in allen Zweifeln, bei allen unseren Kandt ungen zu unseren Engeln Zuflucht nehmen, ihre Kilfe anrufen, sie bitten, daß sie uns helfen und Mut einflößen!' Damit wir sie aber jeder¬ zeit an unserer Seite haben, hüten wir uns vor schweren Sün¬ den und Fehlern. Denn, wie der Rauch die Bienen verscheucht, so vertreibt die Sünde die Schutzengel unseres Lebens, bemerkt treffend der hl. Basilius der Große? Wir werden immer sehr leicht unsere bösen Neigungen und Leidenschaften besiegen, wenn wir uns lebhaft den zur Seite unsichtbar stehenden Schutzgeisk vergegenwärtigen, wenn wir die Abscheu des Engels vor dem Bösen, vor der Sünde bedenken. Den größten und besten Dank aber erweisen wir unseren Schutzengeln durch eifrige Nachahmung ihres hehren Beispieles. Die Engel dienen uns Menschen und schützen uns aus Liebe zu Gott. Dies soll uns antreiben, auch Gott unsere Liebe zu beweisen durch dis Liebe zu unserem Nächsten, indem wir für sein zeitliches und ewiges Wohl besorgt und tätig sind, in- r Lx 8ermons 12. 8uper psalmos. ° In. ksalmum 33. num. 5. (Vergl. Lanctorum Lollünä. paZ. 30. »um. 141). o 24 L> dem wir uns besonders jener annehmen durch Wort und Tat, deren Obsorge uns anvertraut ist. Der berühmte Missionär ?. Matthias Faber pflegte beim Eintreffen in eine Missionsstation die Engel der Ortsbewohner zu bitten, daß sie diesen williges Ohr und geneigtes Kerz von Gotl erflehen mögen. Faber war so selbst für die Bewohner ein wahrer Engel. Es ist ja ein englischer Dienst, aber auch ein englisches Verdienst, alles zum Wohle des Nächsten zu tun, um ihn auf der Keilsbahn zu erhalten. — Die Engel sollen uns erhabene Vorbilder sein in der Anbetung und Erfüllung des göttlichen Willens. Mit Blitzesschnelle vollziehen und vollstrecken sie die Befehle Gottes, was die christliche Kunst durch Abbildung der Engel mit Flü¬ geln ausdrücken und versinnbilden will. Der göttliche Keiland lehrt uns beten: Dein Wille geschehe, wie im Kimmel so auf Erden. Diesen Willen des himmlischen Vaters werden wir nach dem Beispiele der Engel erfüllen, wenn wir die Gebote Gottes und der Kirche halten, welche uns ja seinen heiligen Willen kundtun. Vollführen wir gern den göttlichen Willen, dann bereiten wir wie dem Kerrn der Keerscharen, so auch unseren lieben Engeln die größte Wonne. Da nun die Engel von ihren Schutzbefohlenen alles ab¬ wehren, was das leibliche und geistige Leben des Menschen zu schädigen vermag; da sie die Führer der Seelen sind durch heilsame Warnungen und Weckungen, durch Tröstungen und Stärkungen; da sie die Gebete der Menschen Gott darbringen und selbst bittend und fürsprechend für sie auftrelen und ein¬ stehen; da sie heilige Freude empfinden über die Abkehr des Menschen vom Bösen und über den Fortschritt im Guten, sich hingegen betrüben über die Verirrungen der Pflegebefohlenen und Strafe bringen den Bösen, wie ein Engel des Kerrn den König Kerodes schlug, weil er Gott die Ehre nicht gegeben hatte, so daß er von Würmern gefressen den Geist aufgab up. 12, 23), so ist aus allem dem die große Verehrung und eifrige Anrufung gar leicht erklärlich, welche ihnen im alten und neuen Bunde zuteil ward. Als Iosue auf dem Felde der Stadt Jericho war . . . sah er einen Mann gegen sich flehen, der ein gezogenes Schwert in o 25 o seiner Kand hielt, und er ging auf ihn zu und sprach: Bist du von uns oder unseren Feinden? Und er antwortete: Nein, sondern ich bin der Fürst vom Kerrn des Kerrn und komme nun. Dieser Fürst war nach der Ansicht gewiegter Bibelerklärer Michael, der Be¬ schützer des auserwählten Volkes. Als Iosue die Antwort ver¬ nahm, fiel er auf sein Angesicht zur Erde und verehrte den Engel des Kerrn. Oos. 5, t3—15). Im neuen Testamente er¬ wiesen von allem Anfänge an die Gläubigen ihren Schutz¬ engeln eine ausgezeichnete Verehrung. Alsbald, und zwar schon im 2., 3. und 4. Jahrhunderte, zeigen sich Spuren von kirch¬ lichen Festen, die zu ihrer Verherrlichung und Lobpreisung ein¬ gesetzt wurden. Das liebliche Fest aller Engel, vornehmlich der Schutzengel, ist altehrwürdig, wurde im 11. Jahrhunderte auf die ganze Kirche ausgedehnt und im Jahre 1670 allgemein auf deu 2. Ok¬ tober festgesetzt; für die Länder des ehemaligen römischen Reiches ist aber dessen Feier mit einer Oktav am 1. Sonntage im Sep¬ tember, dem Engelmonate, gestattet. Die Kirche hat ferner unter den Votiv-Messen und Offizien in der Woche jenes über die Engel für den Montag angesetzt, so daß der zweite Wochen¬ tag den Engeln gewidmet erscheint und als der Engeltag gilt. Zu Ehren jener drei Engel, deren Namen die hl. Schrift über¬ mittelt, wurden eigene Feste eingesetzt: das Fest des hl. Erz¬ engels Gabriel am 18. (25.) März, das Fest des hl. Erzengels Rafael am 24. Oktober und insbesondere das Fest des hl. Erzengels Michael, des Fürsten und Führers der getreuen Engel, des mächtigen Vorkämpfers für die Ehre Gottes, des gewaltigen Überwinders Luzifers und seines Anhanges, am 29. September, während am 8. Mai das Fest seiner wunder¬ baren Erscheinung auf dem Berge Garganus noch eigens kirch¬ lich begangen wird. Mit vollem Rechte erfreut sich Sankt Michael ausnehmender Auszeichnung seitens der Kirche und ihrer Gläubigen. Darum ist es auch würdig und ge¬ recht, billig und heilsam, daßwir von diesem glor¬ reichen Engelfürsten und machtvollen Beschützer und Küter unserer hl. Kirche besonders handeln. o 26 o Geliebte im Kerrn! ie Verehrung des hl. Erzengels Michael war in der ka- «-M tholischen Kirche immer innig und groß. Die Andacht zu Sankt Michael läßt sich hinauf bis zu den Anfän¬ gen des Christentums verfolgen. 1. In der besten Beschreibung der Keiligen, im neuen Testamente, wird Sankt Michael öfters erwähnt? Vorab nennt ihn der heil. Apostel Judas Thaddäus im neunten Verse seines schönen Briefes, wo der Küter Israels um den Leichnam Mosis mit Satan streitet und dann den Toten begräbt, ohne daß die Israeliten wußten wohin, und dies deshalb, damit sie ihrem Führer und Gesetzgeber nicht göttliche Verehrung erweisen wür¬ den. Dies mißfiel dem Satan; er wollte den Leichnam haben, um ihn zum Falle der Israeliten zu benützen. Der Erzengel wehrte es ihm ohne Läskerwork mit dem Rufe: Im porot tibi Dominus! Der Kerr gebiete dir, er bezwinge dich! Oucl. V. 9). Da Sankt Michael den berühmten Führer Israels, Moses, auch nach dem Tode beschirmte, so beweist dies, daß er für das auserwählte Volk besonders sorgte, daß er wahrhaftig der große Fürst war, welcher ein st and für die Kinder des Volkes Israel. (Dan. 12, 1). Mit Auszeichnung wird Sankt Michael in der geheimen Offenbarung des hl. Johannes erwähnt, wo er als der Besieger und Bezwinger des Satans und als Verteidiger der Gemeinde der Keiligen d. i. der Kirche erscheint. And es erhob sich, schreibt Johannes so erhaben schön, ein großer Streit im Kimmel. Michael und seine Engel stritten mit ' Michael ist ein hebräischer Name, zusammengesetzt aus der Frage¬ partikel mi, wer; dem Laxk compsrationls, wie und dem Gottesnamen sl, Gott: also Werwiegott. Gabriel bedeutet Krast Gottes: Rafael Kei- lung Gottes. Wie Michael als Streiter Gottes den Engeln des Kampfes, so steht Rafael den hl. Schutzengeln und Gabriel als Engel der Verkün¬ digung den himmlischen Kerolden vor. Übrigens wird Michael genannt srcbanMtuL, Erzengel, nicht gerade als gehöre er zur Reihe und Ordnung der Erzengel, sondern weil er das Kaupt und der Führer aller Engel ist. Die Griechen nennen ihn den Oberansührer der himm¬ lischen Miliz. o- 27 o dem Drachen, und der Drache stritt mitsamt seinen Engeln; aber sie siegten nicht, und ihre Stätte ward nicht mehr gefunden im Kimmel. Und es ward hinabgeworfen jener große Drache, die alte Schlange, welche genannt wird der Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt; er ward hinabgeworfen auf die Erde, und seineEngel wur¬ den mit ihm hinabgeschleudert, (^poeal^x. 12, 7—9). Wie Michael im alten Bunde der Sachwalter und Beschützer des Volkes Gottes war, so erweist er sich hier als der mächtige Schutz- und Schirmvogt des wahren Israel — der Kirche. Wie er einst dem guten Geiste der Weltmacht beistand, diese für Israel günstig zu stimmen, so kommt zuletzt die Sache des christlichen Israel durch ihn zum Siege und Triumphe. Daß Sankt Michael der Schuhgeist des christlichen Volkes sei, ist der hl. Schrift ganz gemäß und eine ganz natürliche Folgerung daraus. Dies war die Ursache frühester Verehrung des himm¬ lischen Kelden in der katholischen Kirche. Daraus erklärt sich die geschichtliche Tatsache, daß ihm baldigst Feste, Kirchen, Kapellen und Altäre im Morgen- und Abendlands geweiht und gewidmet wurden. Zn der altberühmten Stadt Phrygiens, Kolossä, später Chone, ward schon im 2. Jahrhunderte nach Simon Metaphrastes und anderen Schriftstellern ein eige¬ nes Fest zu Ehren des hl. Michael gefeiert zur dankbaren Erinnerung an das wunderbare Erscheinen des Erzengels einem Manne, dessen stumme Tochter augenblicklich die Sprache er¬ hielt. Zugleich erbaute man eine Kirche, welche Sankt Michael gegen alle Entweihungen seitens der Ungläubigen schützte und bewahrte? Die rühmlichst bekannten Verfasser der Biographien ' Die Griechen seiern noch heute am 6. September das Fest der Er¬ innerung an das Wunder, gewirkt durch den himmlischen Fürsten Michael in der Stadt Kolossä, wodurch die Kirche vor Überschwemmung durch einen, von den Ungläubigen gegen sie geleiteten Flusz gerettet wurde, indem Michael mit einem Stabe den nahen Fels spaltete und den Flusz durch denselben leitete. Vergl. lNcol. MIIL8 8. z., Lalenäartum manuale utviusgue eeLls- 8tae ortentalis et oLLtäentati8. Lütt. II. Oenipnnts, 1896. Dom. I. pag. 27!. o 28 -o- von Keiligen, die Bollandisten, erzählen zum Michaelsfeste am 29. September von vielen Keilungen, welche im 5. Jahrhunderte bei einer Quelle nahe der Stadt Kolossä durch die Vermittlung des hl. Michael geschahen, überdies berichten sie von einer prächtigen Kirche, die daselbst gebaut und zu Ehren des großen Engelfürsten eingeweiht ward.' Bekannt und historisch verbürgt ist die außerordentliche Verehrung unseres heil. Erzengels in Konstantinopel, der Kaupt- und Residenzstadt des großen oströmischen Kaiserreiches. Durch kaiserliche Stiftungen erhoben sich allmählich fünfzehn Kirchen zu Ehren des mächtigen Streiters Gottes. Die allererste Kirche ließ Kaiser Konstantin der Große bauen und würdevoll aus¬ statten zum frommen Andenken an die wunderbare Erscheinung, welche die Bekehrung des Kaisers und den großartigen Sieg über Maxentius und die Erhebung der christlichen Religion zur Staatsreligion zur Folge hatte. Wie Firmianus Lactantius, so schreiben auch andere christliche Schriftsteller der Fürbitte des hl. Erzengels Michael den großen Sieg über das Keidentum zu. Nach Erbauung der prachtvollen Kirche in Konstantinopel erschien Sankt Michael dem Kaiser Konstantin und sprach zu ihm: „Ich bin Michael, der Oberste der Keerscharen des Kerrn Sabaoth, der Beschützer des christlichen Glaubens, welcher dir, als du gegen gottlose Tyrannen kämpftest, die Waffen der Kilfe in die Künde gab."- Kermias Sozomenus, Sachwalter in Konstantinopel und Fortsetzer der Kirchengeschichte des Eusebius, spricht von der berühmten Michaels-Kirche ungefähr also: Diese Basilika trägt den Namen lVIiLkaetlum, weil man allgemein glaubt, der große Engel erscheine in derselben. Daß an diesem Orte große Wunder geschehen, davon bin ich selber Zeuge, weil mir in einer besonderen Bedrängnis und Not eine unvergängliche Wohltat zuteil ward. Auch viele andere haben daselbsl Wohltaten empfangen; denn wer sich im Unglück und ' Xcta sanetoruin LollLnäinnn. ULrisii8 npuä Victorein ?almä. Vom. VIII. Loxteindr. Mg. y Xicepk. LaIIi8ii, Histor. ecLles. 7, 50. Vergl. Loi-nelii a I^xiäs, Lominentnrin in Lcrixturain ssLrnin. Lxpos. in Oanislern. pnrisiis, 1874. lom. XIII. I>L8. 166 num. 15. O' 29 o in der Gefahr befindet oder von schweren Krankheiten geplagt wird und alldort betet, der erhält Befreiung von seinem Nbel. So wurden dort zwei ausgezeichnete Männer Aquilin und der Arzt Probian, wunderbar geheilt? Kaiser Justinian I. (527—565) ließ zu Ehren des glor¬ reichen Kimmelsfürsten sechs Kirchen erbauen aus Dankbarkeit für den Schuh gegen die Einfälle der Feinde. Ferner stellten die griechischen Kaiser auch ihre Familien unter die Obhut des hl. Michael, wie bekanntlich acht griechische Kerrscher selbst den Namen Michael trugen. Auf den griechischen Kaiserfahnen prangte das Bild des hl. Erzengels. Wie ehedem, so wird noch heute Sankt Michael in der orientalischen Kirche hoch verehrt und eifrigst angerufen. Seine Festtage werden mit vielem Ge¬ pränge gefeiert. Unter anderen begeht der Orden der Basilianer am 29. September das Fest „des hl. Fürsten der himmlischen Miliz, Michael, des höchsten Verteidigers des Ordens." Am 8. November wird die Synaxis oder das Zusammengehen des Archislrategen Michael und der übrigen unkörperlichen Kräfte begangen. Nach dem Kalender des syrischen Ritus wird am gleichen Tage das Fest der Erzengel Michael, Gabriel und Rafael und aller Engel gefeiert, während die Maroniten nur das Fest des hl. Erzengels Michael begehen. Die Kopten feiern am 18. Juni das Fest des hl. Erzengels Michael zugleich mit dem Bitiage um das Ausireken des Nilslusses. 2. Indes blieb die abendländische Kirche in Bezug auf die eifrige Verehrung des hl. Michael keineswegs hinter dem Morgenlande zurück. In Rom, dem Mittelpunkte des Christen- > Listoriao SLLlssia.8ticas, quam Iripartitam vocant, libri XII. Xntverxiae, LIOXLVIII. lom. II. lUb. II. Lap. XIX. Lol. 303 st 304. Xicol. XIIIss 8. Xalenänrium manuals rUriu8quo LLLls8lLö oriLMaUs st OLLiäentalis. LUU. II. Oenipouto, 1896. Lom. I. paZ. 289. 319 sq. 463. Lt 486. Z XiIIs8, op. cit. Läit. II. Osnip., 1897. Hom. II. LaZ. 702 Übrigens findet fich in den ^La8ii 8acri Lccls.siaL XIsxanUrirms von Monsignr. Cyrill Macar, apostol. Administrator des alexandrinischen Patriarchates der Kopten" eine Kommemoratio des hl. Erzengels Michael vor pro incrsmsnio Xili, pro coeli .-mlubriuus, pro bensätclions krugum, die am 12. jedes Monates zu wiederholen ist. o- 30 o tums, erhoben sich in ältester Zeit fünf Kirchen zu Ehren des¬ selben. Die älteste stand auf der Ma Salaria? Die hohe Ver¬ ehrung des Mächtigsten der Engel steigerte sich infolge der wunderbaren Erscheinung des Anwaltes der Christen anläßlich einer verheerenden Pest, von welcher Rom im Jahre 589 heim¬ gesucht wurde. Der damalige Papst Gregor I. der Große und Keilige verordnete am 25. April einen solennen Bittgang. Als nun der Papst in feierlicher Prozession unter Gebet und Flehen gegen das allersgraue Grabmal Kaiser Kadrians zog, da sah man über dieser Riesenburg den hl. Michael schweben, wie er sein Flammenschwert in die Scheide steckte. Darin erkannte Gregor ein vom Kimmel gegebenes Zeichen, daß das Gebet des flehen¬ den Volkes erhört worden sei. Zum immerwährenden Andenken an diese wunderbare Begebenheit ließ Papst Gregor die Engels- brllcke erbauen und aus Dankbarkeit für die Errettung der bedrängten Stadt oben an der Stelle, wo er den Engel hakte stehen sehen, eine Kapelle zu Ehren Sankt Michaels errichten und dessen aus Erz gegossenes und vergoldetes Standbild darauf stellen, daher der Name Engelsburg, Kastell sunt' iVn- Mto. Kievon datiert auch die sogenannte Sankt Markus- Prozession. Am meisten trug zur Verbreitung der Andacht zum Erz¬ engel Michael in Italien und in der ganzen abendländischen Kirche bei die merkwürdige Erscheinung des hl. Erzengels auf dem Berge Garganus in Apulien. Anter Laurentius, dem heiligen Bischöfe von der nahe liegenden Stadt Sipontum, erschien der hl. Michael auf der Anhöhe des genannten Berges, und zwar in einer Felsengrotte. Der apostolische Stuhl, über alles durch den frommen Bischof unterrichtet, führte das Fest der Erscheinung des hl. Erzengels Michael ein, das seither in der Kirche stets am 8. Mai mit eigenem Meß- und Brevier-Offizium gefeiert wird. ' Vergl. Anton Joses Binterim, die vorzüglichsten Denkwürdigkeiten der christkatholischen Kirche. Mainz, 1838. Bnd. V. Teil I. (das Fest des hl. Michael). S. 469. " Wie ?. Nikolaus Nilles berichtet, seiern auch die Jtalo-Griechen auf der Insel Sicilien am 8. Mai das Fest der Erscheinung Les Erzengels Michael sv rch o^ei. (Ox>. ait. I2ä. II. Oaniponto, 1897. Nom. II. ?ag. 548). o 31 'O Bischof Laurentius baute vor dem Eingänge der Grotte eine Kirche und weihte dieses Keiligtum dem Erzengel mit Bewilligung des Papstes Gelasius I. (492—-496) am 29. September des Jahres 493. Darum heißt noch heutzutage das Sankt Michaels-Fest am 29. September in der Kirchensprache: Osclicmtio 8. Mokaelm nrotumALlh die Kirchweihe des Erzengels Michael. Der Berg Garganus mit der Grottenkirche Sankt Michaels blieb fortan der Zielpunkt großartiger Wallfahrten und Pilgerzüge. Alsbald entstand daselbst eine Stadt, die man einfach Lunt' .4nAvIo nannte und noch immer nennt. Von den vielen heiligen Männern und Frauen, die zur Wundergrotte des Erzengels Michael walteten, nenne ich bloß Sankt Bernardus von Clairvaux, den großen Lobredner Mariä und der Engel; ferner den gefeierten Aquinaten Sankt Thomas, der ob seiner engelgleichen Unschuld der en¬ glische Lehrer heißt, und den hl. Franziskus von Assisi, der ein ausnehmend eifriger Verehrer des hl. Michael war und den Ehrennamen Seraphikus lrägt. Viele Päpste wie unter anderen Gelasius I., Agapetus I. der Keilige, Leo IX., Urban II., Innozenz II., Eölestin III., Alexander III., Gregor IX. und andere, besuchten diese Stätte und zeichneten sie mit reichlichen Privilegien aus. Auch Bischöfe und Abte, Kaiser und Könige pilgerten auf den Berg Garganus zum Keiligtume des hl. Michael und ehrten es mit kostbaren Weihgeschenken. So zog Kaiser Otto III. (996—1002), begleitet von vielen Priestern und Rittern nach dem wilden Lap Garganus, das man den Sporn Italiens, Io 8pLrono cl'lmlia, zu nennen pflegt. In der hl. Grotte verrichtete er seine Andacht und legte viele Schätze dort nieder. Auch der fromme Kaiser Keinrich II. (1014 bis 1024) stieg nach seinem siegreichen Zuge durch Apulien 1022 als Pilger auf den Garganus empor. > Im Jahre 1137 wall- fahrtete Kaiser Lothar II. (1133—1137) von Sachsen dorthin. Zumal besuchten die Kreuzfahrer auf ihrer Kin- oder Rück¬ fahrt den geheiligten Ort, weil derselbe auf der Straße des Orientes am adriatischen Meere liegt. > Vergl. OuiZI Ostti, II Liess .4nIsIico ovvero II Liess cii Llagglo äeciicaio ül xrlnsixs äszli LNZioli aresnZelo s. Liieliels. Oxsrü storiLL-ljommstieü-riscstlea-bibliLÄ. Lanssvero, 1894. Pag. 32 ik. o 32 o Der Ruf dieses wunderbaren Heiligtumes erlosch nie. Vierzehn Jahrhunderte sind seit seiner Gründung verflossen. Reiche, Völker und Sprachen sind untergegangen, neue Welt¬ teile sind entdeckt worden, tausend Krieger, tausend Schö¬ pfungen und Erfindungen des Menschengeschlechtes haben Europa erschüttert, verwandelt, umgestaltet, aber die Verehrung des hl. Erzengels dauert auf dem Garganus unverändert fort, und wie in den ersten Zeiten rufen auch noch heute Pilger in derselben Grotte den himmlischen Cherub um seinen Schutz und seine Fürbitte an. Es entstanden neue vielbesuchte Wall¬ fahrtsorte wie Sankt Nikolaus in Bari (1087), unweit des Garganus am apulischen Meere, Maria Loreto (1294) und mehrere andere, aber die Michaels-Grotte in der Stadt 8anü ^nZelo verlor nicht ihre alte Anziehungskraft. Gott sei es ge¬ dankt, daß auch ich am 31. Mai des vorigen Jahres 1897 das berühmte Heiligtum besuchen und tags darauf am Gna- denaltare die hl. Messe von der Erscheinung des hl. Michaels am 8. Mai für mich und für meine lieben Diözesanen zele¬ brieren konnte.' Die Grotte liegt tief im Schoße eines Felsens, dessen Wände von den heiligen Gebäuden bedeckt sind. An der äu¬ ßeren Fa?ade sieht man zwei gotische Bögen mit Engelköpfen auf der Spitze. Nber den Bögen in der Mitte steht der hl. Erzengel Michael, mit dem linken Fuße den Satan nieder¬ tretend, in der Rechten das Schwert haltend, am Haupte ge¬ schmückt mit der Krone, über welcher ein Apfel mit dem Kreuze glänzt. An den Seiten sind zwei Rosetten angebracht. Ein gotisches Portal, auf je zwei Säulen ruhend, bildet den oberen Eingang zum Heiligtums in die Tiefe. In der Mitte seines Spitzbogens befindet sich eine edel durchgeführte Marmor¬ gruppe: die hl. Jungfrau mit dem Jesukinde zwischen St. Petrus und Paulus. Die Inschrift des Portals enthält die ' Die Kinreise ging von Rom aus über Laserta, Lenevento, pog- U», Llankreäoniu, Lanl' ^.nZelo. Die Rückreise ersolgte von 8ant' LmMlo Über Nankrsäania, potzgis, Pescara, LastsUsmars, Zolmona, 4.vs7.-mno, Divoli, Hom. -2^ 33 -c> Schriftworte: Terribilw 68t 1ocu8 I8te. Hie Ü0MU8 Oei S8t 6t porta eoeli. Diese Pforte führt zu einer breiten steinernen Treppe von ungefähr 86 Stufen, an deren Ende sich ein zweites gotisches Tor erhebt. Die große Treppe ist eine in den lebenden Felsen gehauene Stufenleiter, überwölbt von gotischen Bögen und vom Tageslichte schwach beleuchtet» welches durch kleine Öffnungen des Felsens selbst eindringt. Aus dem unteren Portal tritt man in einen viereckigen Kos und befindet sich wieder unter freiem Kimmel. An den Wänden des Koses sind steinerne Grabmäler aufgerichtet. Aus diesem Vorhofe gelangt man durch ein romanisches Portal auf der Ostseite in die Kirche, welche mit ihrer Langseike vor der hl. Grotte steht. Eine Sehenswürdigkeit dieses Portals sind die Bronzetüren, welche der reiche Amalfitaner Pantaleon im Jahre 1076 zu Konstantinopel fertigen ließ. Sie enthalten auf 27 Feldern ausdrucksvolle Figuren, welche Erscheinungen der Engel darstellen: wie z. B. die Vertreibung des Menschenpaares aus dem Paradiese, die Engel vor Abraham und Jakob, vor Daniel und Zacharias, die Befreiung Petri aus dem Kerker und anderes bis auf die Erscheinung Sankt Michaels vor dem Bischöfe Laurentius in Sipontum, wobei er ihm über seine Erscheinung in der Felsengrotte belehrte? über dem seltsamen Portale stehen als Inschrift die Worte, welche der Erzengel zu jenem Bischöfe von Sipontum laut frommer Überlieferung geredet hatte: Ilbi 8axa panäuntur, ibi peccata dominum äimittuntur. llaeo ost äomu8 8pccialj8, in qua noxialw quaeque actio ctituitur. Wo die Felsen sich öffnen, da werden die Sünden der Menschen nachgelassen. Das ist das besondere Kaus, in welchem jede sündhafte Kandlung vergeben wird. An Stelle des ursprünglichen Gotteshauses ließen die ersten Anjou, namentlich Karl I., der auch einen bequemeren Weg über das Gebirge nach Sant' ^nßoto anlegte, eine pracht¬ volle Kirche aufbauen in der Gestalt, welche sie im Wesentlichen ' Vergl. RsgAusglio äst vsner-ibils sä in8iZns santusrio äsllc» arssnZsio 8. Nickssls nsl inonts lZargano in provincia äi Lapitünsts. Lari, 1897. 62. 63. 64. 3 o. 34 o wohl noch heute besitzt? Das kühne Werk gotischer Architektur ist zur Hälfte in den Felsen gehauen. Die Kirche ist einschiffig und wird durch Tageslicht von links erhellt; daselbst befindet sich auch der Chor mit den Chorslühlen für die Kanoniker. Daran grenzt die Schatzkammer, deren Kostbarkeiten aber von Feinden geraubt wurden. Nur dürftige Überbleibsel, wie ein Kreuz und einige hl. Reliquien mit wertvollen Ein¬ fassungen melden noch von den einstmaligen Schätzen. In Nischen stehen Statuen von Heiligen, denen aber die vergoldeten und versilberten Hände ausgerissen wurden. Rechts öffnet sich der Zugang zur weltberühmten Grotte, dem Mittelpunkte der Verehrung des hl. Michael im ganzen Okzidente. Die Öff¬ nung beträgt etwa 40 Fuß, ihre höchste Höhe 16 Fuß. Aus der Kirche führt eine Marmortreppe zur Grotte empor. Im finsteren Hintergründe steht der Gnadenaltar mit der wei߬ marmornen Gestalt des Erzengels. Die Statue hat ungefähr 3 Fuß Kühe und stellt den Erzengel dar im Panzerkleid, eine hohe Krone auf dem von Locken umwallten Haupte, die breiten Flügel ausgespannt, in der Rechten das Schwert, zur Führung des Schlages bereit, in der Linken den Schild, über den Panzer ein Gewand, welches rückwärts niederfällt, unter den Füßen windet sich der höllische Drache, mit Ketten gefesselt, die zur Hand mit dem Schilde führen.- Vor dem Bilde des hl. Erzengels brannten siebzehn Lampen und sechs Kerzen. In der Nähe des Altars steht ein Wasserbecken, woraus die Wall¬ fahrer von der Quelle zu schöpfen pflegen. Die Grotte ist feucht; von dem schwarzen Felsengewölbe fallen unablässig die sickernden Wassertropfen auf den Pflasterboden von weißem und rotem Marmor, so daß früh morgens sich ziemlich viel Wasser angesammelk in der Kirche vorfindet. Auf der Epistel- ' Vergl. Ferdinand Gregorovius, Apulische Landschasten. Leipzig 1877. (Der Erzengel auf dem Berg Garganus, pag. 113 sgg). Der Ver¬ fasser hat als Akatholik natürlich kein Verständnis für die katholische Ver¬ ehrung der Engel. 2 Vergl. I-uigi Oatü, IconotoZia an gotica ovvsro spisgsrions Uchla bstlissima s miracolosa statua cti 8. Nicksle arcanzslo nsl rino- inato santuario cti klonts 6argano. 8an8svsrc>, 1894. t?ag. 5—13. <2. 35 c> feite wird von Goldplatten umschlossen die vom Erzengel in einen Stein abgedrückte Fußspur gezeigt. Man küßt die Reliquie und pflegt verschiedene Gegenstände mit ihr in Berührung zu bringen. Sehenswürdig ist auf der Evangelienseite eine uralte marmorne Kakhedra mit dem Abbilde des hl. Michael und des hl. Jakobus, dessen berühmtes Heiligtum zu Eompostella in Spanien mit dem des hl. Michael auf lVIonts Cargano wett¬ eiferte. Wie die berühmte Benediktiner-Abtei auf dem Gipfel des Monte Casino in Campanien, die ich im September des Jahres 1881 besuchte, die Mutterkirche unzähliger Benediktinerklöster im Abendlande wurde, so wirkte fortan die Erzengel-Grotte und -Kirche aus dem mit Pinien und Fichten bewaldeten Abruzzenberge Garganus. Denn von hier verbreitete sich die Verehrung des hl. Michael in alle Länder des Westens, und Sankt Michaels-Kirchen entstanden in den Westländern auf den Bergen und Höhen, in den Tälern und an Meeresufern. Rasch verbreitete sich der Kult des erhabenen Engelfürsten in Frankreich, als unter der Regierung des Königs Childerich II. der hl. Erzengel dem frommen Bischöfe Aubert zu Tumba der Diözese Auranches in der Normandie erschien und ihm befahl, auf der Felsenspitze, früher Schrecken des Ozeans nunmehr Michaelsberg genannt, eine Kirche zu erbauen und dieselbe unter seinen Schutz zu stellen. So geschah es 710, und das Gotteshaus unter der Obhut der Benediktiner war stets eine von zahlreichen Pilgerzügen verehrte, mit großen Gnaden ge¬ segnete und bevorzugte Wallfahrtsstätte. Es war und blieb und ist noch der Garganus der Normandie. Die Könige von Frankreich verehrten eifrig Sankt Michael und erkoren ihn zum Schutzgeist des gallischen Reiches. Der große Frankenkaiser Karl ordnete die Feier des Sankt Michaels- Festes in allen seinen Landen an. Karl VI. ließ das Bild des hl. Erzengels auf die Spitze der Kirche von dlotrs Dame äs Ckamps stellen. In außerordentlicher Weise stieg die Verehrung des Landesschutzheiligen unter König Karl VII. (1422—1461), der selbst seine mächtige Hilfe im Kampfe gegen die Feinde er¬ fuhr. Der König schrieb die Eroberung der Stadt Orleans und 3* o. 36 alle Ehre seiner Siege diesem Himmelsheldeu zu und ließ dessen Bild auf seiner Fahne anbringen mit dem Schriftspruche: Michael, einer der vornehmsten Fürsten, kam mir zu Hilfe. Keiner half mir in diesen Sachen als Michael, euer Fürst. Sankt Michael war nebst der hl. Katharina und Margarita auch der Schutzgeist der gefeierten Heldenjungfrau Johanna d'Arc, deren Seligsprechungsprozeß in Rom gerade jetzt eifrigst betrieben wird.' Der hl. Erzengel munterle die fromme Heldin zum Kampfe gegen die Feinde des Vaterlandes auf, schützte und unterstützte sie hiebei. Seit diesen glorreichen Tagen wurde die Verehrung des hl. Michael allgemein, so daß König Ludwig XI. (1461—1483) den An¬ führer der himmlischen Heerscharen zum unsichtbaren Feldherrn seiner Truppen ' erkor und im Jahre 1469 einen Ritterorden, den Sankt Michaels-Orden, zu seiner Ehre einführte, dessen Versammlungen in der Michaelskirche am Sankt Michaelsberge stattfanden, bis der Orden im 17. Jahrhunderte erlosch. 3. Wie Italien und Frankreich, so verehrten auch andere Länder gar eifrig den erhabenen Fürsten und Führer der Engel. Die auf den Bergen stehenden Götzentempel, insbesondere am Rhein, verwandelte man in Kirchen, geweiht dem Anführer der himmlischen Heerscharen. Hiefür sprechen die vielen soge¬ nannten Michaelsberge. Bourasss bemerkt diesbezüglich: „Die auf Bergen und Höhenzügen erbauten Gotteshäuser wurden mit Vorliebe dem hl. Michael geweiht. Dieser himmlische Held, der den Satan überwand, wurde auf die Anhöhe hingestellt, damit seine Verehrung die Christenheit schütze gegen die An¬ griffe der Mächte der Finsternis, welche die Luft erfüllen." ? herrschte der fromme Gedanke vor, daß sich die Engel auf den Bergspitzen, die dem Himmel am nächsten sind, niederlassen mit ' Papst Leo XIII. hat die Einleitung des Seligsprechungsprozesses angeordnet und der Johanna von Arc den damit zusammenhängenden Titel „Ehrwürdig" verliehen. — Vergl. Johanna von Arc, die ehrwürdige Iung- srau von Orleans. Von Keinrich Debout, apostolischem Missionär. Auto¬ risierte Übersetzung. Mainz, 18S7. ° Dr. Keinrich Samson, Die Allerheiligen-Litanei, geschichtlich, litur¬ gisch und asketisch erklärt. Paderborn, 1894. S. 53 und 54. o. 37 Bezug auf den schönen Spruch des Propheten Nahum: Siehe auf den Bergen die Füße eines Freudenboten, eines Freudenverkünders! 1, 15). An die Stelle der Kriegsgötter setzte man Sankt Michael mit dem Schwerte und Schilde als Kort und Küter der Gläubigen. In der alten Colonia Agrippina, dem heutigen Köln, ward der Tempel des Mars dem hl. Erzengel Michael geweiht. Sankt Michael war der Schutzgeisl des abendländischen Kaiserreiches. Der Aus¬ spruch Karl des Großen nach dem Siege über Wittekind ist weithin bekannt geworden: „Sehet, der hl. Erzengel Michael hat mir geholfen!" Zum Danke für diesen glänzenden Sieg ließ der Sieger seinen Ausspruch nebst dem Bildnisse des hl. Erzengels auf seine Kriegsfahne setzen, wie dasselbe Bild auch das Reichsbanner zierte. Das Fest des hl. Erzengels Wichael wurde durch das Konzil zu Mainz im Jahre 813 in Deutsch¬ land als Feiertag allgemein eingeführt. Den hehren Namen des hl. Erzengels rief man an um Beistand und für einen guten Ausgang der Schlachten. Zumal hat das glaubens¬ freudige Mittelalter den siegreichen Gotteshelden eifrig ange¬ rufen in schweren, gefahrvollen, sturmbewegten Zeiten? Mele Klöster und Ordensgenossenschaften wählten Sankt Michael zu ihrem besonderen Beschützer. Stets zollten ihm die Söhne des hl. Benedikt den Tribut ihrer kindlichen Verehrung. ' Der schöne alte Kymnus o Karos Invincibllis, äux klicbs.Lt, oder das alte Lied zum hl. Michael gegen Luzifer und seinen Anhang besingt den hl. Erzengel in der ersten der acht Strophen mit den Worten: O unbesiegter Gotteshelö, Fürst Michael! Komm' uns zu Kilse, zieh' Mit zu Feld! Ms stark uns ringen, Den Feind bezwingen, Fürst Michael! 8m herrlichen Kymnus zur ersten Vesper des Sankt Michaels-Festes läßt die Kirche ihre Diener singen: Ubi rnllls äsnss. millium Oucum corons. rnilltst: 8sä axplicst Victor crucein Llicbssl sslutis siZniksr. 38 o Ein glühender Verehrer des großen Engels war der hl. Fran¬ ziskus Seraphikus, wie dies sein berühmler Biograph, der seraphische Kirchenlehrer Bonaventura bezeugte Als der hl. Franziskus von Assisi vierzig Tage zu Ehren seines Lieblings fastete, betete und betrachtete, erhielt er die Wundmale des gött¬ lichen Keilandes, wie es im römischen Breviere am 17. Sep¬ tember in der vierten Lektion heißt. Und darum waren und sind noch immer die geistigen Söhne des gefeierten Asstsinaten warme Verehrer des hl. Michael. Einer ganz vorzüglichen Verehrung erfreute sich Sankt Michael in Bayern, wofür die vielen Kirchen, Kapellen, Ora¬ torien und Altäre beredtes Zeugnis ablegen. Auch hier dürften die Gotteshäuser, deren Patron Sankt Michael ist, geschlossene Götzentempel gewesen sein. Der hl. Rupertus, Salzburgs Apostel, errichtete und weihte dem hl. Erzengel über den römischen Funda¬ menten viele Heiligtümer, wofür die zahlreichen Sankt Michaels- Kirchen sprechen. 2 Im Jahre 1721 wurde in Bayern ein Sankt Michaels-Verdienst-Orden gestiftet, dessen Zeichen das Kreuz bildet mit vier goldenen Buchstaben ?. tO -ü. das ist pistrw, kortituäo, üäelitas, perseveruntiu, und mit dazwischen einge¬ legten Flammen und Donnerkeilen. Auf der Vorderseite ist der hl. Michael abgebildet, wie er den höllischen Drachen tötet, mit der Inschrift: tzsuis ut Deus! Dir (Jesu) solgeu dicht und tausendfach Die Scharen aller Engel nach; Doch Michael schwebt hehr voran, Und schwingt des Kreuzes Siegesfahn'. Und im Kymnus zu den Uauäss wird Sankt Michael also angerufen: XnZsIuL pacis Llickasl in asäs.8 Soslitus nostraL veniat, Lsrsnas ^.uctor ut paeis lacrimosa in ovLum. IZsUa rsIsZst. Sende des Friedens Engel uns hernieder, Michael, bring' doch Lieb' und Eintracht wieder! Stürze die Kriege von der Christen Schwelle Tief in die Kölle! > 8. 8onav. Vita 8. IHsnciLci. cap. IX. 2 Vergl. Die Keiligen Patronate der Kirchen und Kapellen in der Erzdiözese Salzburg. Von U. O. R. Salzburg, 1895. S. 14 I. 39 o Auch in unserem geliebten Österreich wird Sankt Michael allenthalben fleißig verehrt. Er ist der Schutzgeist des kaiser¬ lichen Kaufes, wie er am Bilde unter den Patronen Österreichs im Vordergründe sieht, das „zum bleibenden, dankbarsten Ge¬ dächtnis der Erhaltung des teuersten Lebens Seiner Kais, und königl. Apostolischen Majestät Franz Joseph I. am 18. Februar 1853 Mathias Novak, Mitglied des Zentral-Vereines vom hl. Severinus, herausgab." Die herrliche Sankt Michaels Kirche am Michaeler-Platz nächst der Kaiserburg in Wien ist zugleich auch Kais, königl. Kofkirche. Außerdem sind dem hl. Erzengel zahlreiche Kirchen, Kapellen, Altäre und Oratorien in der Wiener Erzdiözese geweiht, wie auch in allen Kirchensprengeln Österreichs und Ungarns. Überdies tragen fromme Vereine und kirchliche Bruderschaften den Namen des hehren Kimmelsfürsten. Die katholischen Wiener gaben ihrem ehrfurchtsvollen Vertrauen auf die Macht und Kraft der Fürsprache dieses hl. Erzengels einen schönen Ausdruck durch die im Jahre 1860 erfolgte, vom Papst Pius IX. durch Breve vom 7. März desselben Jahres gutgeheißene Gründung der ablaßreichen Sankt Michaels- Bruderschaft, deren Mitglieder aus den vornehmsten Kreisen sich zum Gebete und zu Liebesgaben für den schwer bedrängten Papst verpflichten und alljährlich eine feierliche Kauptver- sammlung veranstaltend Pius IX., der große Papst, sagte in einer Privataudienz im Jahre 1872 die Worte: „Die Sankt Michaels-Bruderschaft ist meine Bruderschaft!" Und sein Nach¬ folger Leo XIII. richtete in einer Privataudienz 1895 folgende Worte an die anwesenden Mitglieder des Vorstandes: „Ich wünschte, daß die Erzbruderschaft vom hl. Erzengel Michael zu wahrhaftem Glanze sich entfalte und sich weit ausbreite und dadurch in den Stand gesetzt werde, für das Wohl der Kirche wirklich Großes zu leisten." Die Andacht zum hl. Michael stei¬ gerte sich in der Reichs-, Kaupt- und Residenzstadt Wien seit der Feier des hochbedeutsamen Wiener Provinzial-Konzils im Jahre 1858, welches den Kult des glorreichen Gotteshelden allen Gläu¬ bigen mit den Worten empfahl: Es ist eine allgemeine ' Franz Beringer, op. cli. 10. Ausl. 1893. S. 678 L num. 31. o- 40 'O Angelegenheit aller Katholiken, daß sie sich eines vorzüglichen Kultus des hl. Erzengels Michael, des Fürsten der Engelscharen, des Fahnenträgers des Keiles befleißigen, der denKampf mitdemD rachen siegreich bestand, und der in jener letzten Zeit der Entscheidung als großer Kelfer erstehen wird? 4. Ja, ganze Länder, Staaten und Reiche, Städte und Bistümer haben Sankt Michael zu ihrem Schutzengel erkoren, wie das Königreich England, der Kirchenstaat, der Kanton Zug, das Erzbistum Salzburg, Galizien, die Städte Rom, Salerno, Brüssel, Amsterdam, Sebenico und mehrere andere. Sankt Michael ist der Name unzählbarer Ortschaften. Soweit die christliche Kultur vorgedrungen ist und sich ausgebreitet hat, ist der Name dieses hl. Erzengels einzelnen Ortschaften beigelegt. In Steyl in den Niederlanden gründete man ein Missionshaus der Priester der Gesellschaft des göttlichen Wortes zum hl. Erz¬ engel Michael, während ein zweites derartiges Missionshaus bei Wien zu Ehren des hl. Erzengels Gabriel errichtet wurde. Außerordentliche Verehrung zollten und zollen noch immer dem gewaltigen Obsieger über das Böse alle slavischen Völker und Nationen, zumal aber die Südslaven. Ich brauche es nicht eigens zu betonen, daß Sankt Michael auch in unserer Lavanter Diözese angelegentlichsk verehrt wird, wo ihm nebst vielen Altären, Kapellen und Oratorien neun Pfarrkirchen und fünf Filialen geweiht sind, die zumeist auf Anhöhen stehen? Der darunter liegende Abgrund erinnert an den Sieg des Erzengels über den Teufel, den er in den Abgrund stürzt. Auch die Sankt Michaels-Bruderschaft ist stark verbreitet, und ich wünschte es lebhaft, daß sie sich immer mehr und mehr ausdehnen möchte nach außen und vertiefen nach innen? ' L.eta et äecreta Loneitii provineiae Viennensis anno Domini 1858. Vinüobonas, 1859. DsZ. 125. - St. Michael in Peilenslein, in Franz, in Wernsee, in Mahrenberg, ob Praszberg, in Schillern, bei Schönstem, in Pisec, in Kerschbach. Filialen: St. Michael in Roßwein bei Kölsch, in Süßenberg, in Fratmannsöors bei Taveri, ob Tüffer, in Altendors bei Videm. Oesta et statuta Lzmoäi ciioeeesanae anno Domini 1896 esls- dratae. NarburZi, 1897. DsZ. 313 lit. A. — Sveto opravilo. V Mariboru, 1887. paZ. 194. o 41 Unsere allbesorgte Mutter, die hl. Kirche, wünscht sehnlichst die immer größere Verehrung ihres mächtigen Schutz- und Schirmgeistes, dessen Namen sie in die Allerheiligen-Litanei gleich nach Maria, der Königin der Engel, einfügte, wie sie ihn im Konfiteor zweimal sprechen und auch im Gebete, das der Pontifikant während der Auflegung des Weihrauches ver¬ richtet, anrufen läßt, auf daß durch seine Vermittlung Gott der Kerr das Opfer segne und annehme. Da unser Erzengel nach dem Briefe des hl. Judas Thaddäus die Leiche des Moses dem Satan abgerungen und ihr das Begräbnis gesichert hat, darum gilt er auch als der Schuhgeist der Toten und als der Führer der abgeschiedenen Seelen. Es kommt ihm zu, die Sterbenden vor den Nachstellungen des bösen Feindes zu ver¬ teidigen, ihnen im letzten Entscheidungskampfe hilfreich beizu¬ stehen und die Seelen vor den Richterstuhl Gottes zu stellen, damit sie den verdienten Lohn empfangen. Dieses Amt des hl. Erzengels beruht nicht etwa bloß auf einer willkürlichen An¬ nahme, sondern in dem bestimmt ausgesprochenen Glauben der Kirche; denn sie nennt Sankt Michael in ihren Tagzeiten „Boten Gottes zu den Seelen der Gerechten", be¬ zeichnet ihn als „den Vorgesetzten des Paradieses, dem Gott der Kerr die Seelen der Gerechten über¬ geben hat, auf daß er sie in dasParadies geleite." Auch in der Zeitbestimmung des Sankt Michaels-Festes liegt ein Kinweis auf das Gericht; denn der Michaelstag, 29. Sep¬ tember, liegt nahezu in der herbstlichen Tag- und Nachtgleiche unter dem Kimmelszeichen der Wage. Die Ernte ist vollendet, und der Landmann scheidet die Spreu von dem Weizen. Kerbst- zeit und Ernte sind Bilder des Todes und des Gerichtes. Weil Sankt Michael vielfach in Beziehung zu den Ver¬ storbenen' gedacht und gebracht wird, so wird er auch als Patron der Kirchhöfe angesehen. Die Friedhofkapellen werden ihm dediziert, als dem Fürsprecher und Begleiter der Abge¬ schiedenen. Diesen Glauben spricht die Kirche aus am Sterbe- > Vergl. Die Keiligen-Patronate von ir. L. H. in der Theologisch- prakt. Quartalschrist. Linz, 1893. Kest IV. S. 814 kl. o 42 c> bette ihrer Kinder, indem sie den Priester beten läßt: Kl. Mi¬ chael, beschütze u n s i m K a m p s e, d a m it w i r i m s ch r eck- lichen Gerichte nicht zu Grunde gehen! Sie spricht ihn aus im Offertorium der Requiemmesse, indem sie betet: Der Fahnenträger Michael möge die Seelen der Ver¬ storbenen hinbringen in das ewige Licht, welches Gott dem Abraham und seinen Nachkommen ver¬ sprochen Hai. Wahrlich, während der Teufel die Menschen anklagt, wie die hl. Schrift sagt (.Lposal^p. 12, 10), verteidigt Michael dieselben. Von seinem Eifer für das wahre Wohl der Menschen erzählt der große Apokalyptiker Sankt Johannes in seiner geheimen Offenbarung. Auch das Wort seiner Fürbitte gibt uns die Kirche an, indem sie ihre Priester in der ersten Vesper des Sankt Michaels-Festes in der Antiphon zum Ma- gnificat beten lätzt: Während Johannes das hl. Ge¬ heimnis betrachtete, ließ der ErzengelMichael die Posaune erschallen: Verzeihe, Kerr, unser Gott, der du das Buch öffnest und seinen Siegel lösest! Um die Verzeihung also, die der Sohn Gottes am Kreuze verdiente, betet und bittet der große Engel Gottes. Die Kirche feiert am 8. Mai die Apparitio oder Er¬ scheinung des hl. Michael und am 29. September begeht sie sein Kauptfest, welches ehevor ein kestam okori st kort war, weshalb noch heute die Seelsorger an diesem Tage die hl. Messe für die Pfarrsinsassen zu applizieren haben. Zudem führte die Kirche verschiedene Andachten zu Ehren ihres Schutz¬ engels ein. Papst Pius VII. versah durch Reskript der hl. Ablaßkongregation vom 6. Mai 1817 mit unvollkommenen und vollkommenen Ablässen den Lobgesang Ta splsväor st virtus mit Antiphon, Vers und Gebet? Papst Pius IX. be¬ reicherte durch Reskript, datiert Gaeta 5. Jänner 1849, die Novenne zu Ehren des hl. Erzengels Michael unter den üb¬ lichen Bedingungen mit Ablässen? Derselbe Papst erteilte durch Dekret der hl. Ritenkongregation vom 8. August 1851 unter bestimmten Bedingungen reichliche Ablässe allen Gläubigen, ' Franz Beringer, ox. cit. 10. Ausl. 1893. S. 188 num. 115. 2 läem, Seite 236 num. 3. <2. 43 c> welche die „englische Corone oder fromme Übung zu Ehren des hl. Erzengels Wichael und der englischen Chöre" andächtig und reumütig beten? Von dem Exorzismus und den Gebeten, welche Papst Leo XIII. zur Kebung der Verehrung des hl. Erzengels einführte, war schon oben die Rede? Mcht übergehen kann ich die Bemerkung, wie gern die christlichen Künstler Sankt Michael darstellen. Gewöhnlich ver¬ anschaulichen sie ihn als Besieger des Teufels, wie er denselben mit der Lanze durchbohrt, mit dem Fuße auf ihn tritt, oder ihn fesselt und in den Abgrung wirft. Berühmt sind zwei Bilder dieser Art vom Meister, der sich nach dem Erzengel Rafael nannte: Raffael. Auf dem einen tritt Michael dem Satan auf den Kals, auf dem zweiten stößt er ihn mit der Lanze in den Feuerschlund. Mit der himmlischen Ruhe in Sankt Michaels Antlitz, die sich auch in der stärksten Äußerung der Kraft und des gewachsenen Zornes nicht verleugnet, kontra¬ stiert auf diesen Bildern die häßliche Leidenschaft des Teufels. Auf dem Kauptplatze der Stadt Sant' XnZsto am Garganus erhebt sich auf einer Säule die marmorne Statue des Erz¬ engels Michael, welche als ein Werk der Pietät des gefeierten Künstlers ausgegeben wird, der seinen Namen sich beigelegt hat: NiokLlanMlo. Kohen Ruhm genießen die großen Bilder des Engelsturzes von Rubens in München? Auf den Bildern des Weltgerichtes ist Michael gewöhnlich dargestellt als Keld mit goldenem Karnisch und langem Schwert, dem Sinnbilde der Macht, und mit der Wage, dem Symbole des Gerichtes und der Gerechtigkeit. Berühmt sind ferner: das Bild des heiligen Michael mit dem Schwerte von Guido Reni in der Kapuziner- ' wem, S. 347 sgg. num. 12. Behelfe zur Verehrung des hl. Erzengels: Andachtsübungen sür die Mitglieder der Bruderschaft vom hl. Erzengel Michael. Von einem kathol. Priester. Kempten, 1892. — St. Michael-Ossicium zum Gebrauche bei der ewigen Anbetung. Feldkirch in Vorarlberg, 1896. Die englische Corone zu Ehren des hl. Michael oder der Engels-Rosenkranz befindet sich Laselbft auf Seite 44 bis 48. — Der heilige Erzengel Michael. Von 8. Kermann Koneberg. O. 8. 8. Religionslehrer. Augsburg. 16°. S. 83. ° Vergl. Dr. Keinrich Samson, Die Schutzheiligen. Paderborn, 1889. S. 63 k. o 44 -C> Kirche zu Rom, von äat Larto zu Florenz, von Signorelli in der Sixtinischen Kapelle, Sankt Michael den Teufel überwin¬ dend, von M. Schongauer im Dom zu Ulm, Sankt Michael mit der Wage von Albert Ouwater (Auwater) auf dem großen Bilde des jüngsten Gerichtes in Danzig, der Erzengel Michael vom Altmeister Führich gemalt für die Sankt Michaels-Bruder¬ schaft in Wien. 5. Aus dem bisher Vorgebrachten könnet Ihr, Teuerste im Kerrn, zur Genüge ersehen, wie sehr sich unser hl. Erzengel einer außergewöhnlichen Verehrung auf dem ganzen kathol. Erdkreise erfreut. Und dies mit Fug und Recht, wie ich es nun näher beleuchten und dartun will. Wer soll nicht bewundern Sankt Michaels feste Treue, um sich in der Gnade zu bewahren; wer soll nicht anstaunen seinen glühenden Eifer, um die Mitengel im Gehorsam zu be¬ festigen; seine Demut, sich Gott nicht gleich zu halten; sein entschiedenes Eintreten für die heilige Sache Gottes; seine un¬ besiegbare Festigkeit in der Bekämpfung Luzifers und seiner Dämonen? Sobald er die verbrecherische Absicht der Empörer sah, die sich Gott gleich machen wollten, widerstand er ihnen mit dem Rufe: (Zum ut Oous? Wer ist wie Gott? Dieser Frageruf bedeutet auch seinen hehren Namen. Dadurch bestärkte er alle guten Engel in ihrer Pflicht und beschämte den Stolz und die Kosfart der Abtrünnigen. Unter dem mächtigen Frage¬ rufe: Wer ist Gott gleich, stürzte er auf die Rebellen, überwand und warf sie in den Abgrund der Kölle. Fürwahr, groß ist die Macht und Kraft des Gedankens: Wer ist wie Gott? Er war fähig, die hl. Engel in ihrer Pflicht aufrecht zu erhalten. Er ist auch mächtig und kräftig genug, um uns alle, liebe Diözesanen, im Guten beharrlich und aus¬ dauernd zu machen, so wir uns nur seine Bedeutung stets lebendig vor Augen halten. Wer ist wie Gott? Es gibt nichts, was Gott gleich wäre in seiner unendlichen Gerechtigkeit. Die Engel waren die vortrefflichsten aller Geschöpfe, welche Gott erschuf, waren ganz reine Geister, strahlend in wunderbarer Schönheit, glänzend in Weisheit und Gnade, die sie Gott überaus angenehm O' 45 c> machten. Aber sie begingen nur eine Sünde, eine einzige Sünde, und Gott der Allgerechte stürzte sie in die Kölle hinab, verstieß sie in den Schlund aller Art von Übeln und für immer und ewig. Wie bist du vom Kimmel gefallen, du Morgenstern, der du früh aufskrahltest, der du sprachest: Zum Kimmel werde ich aufsteigen, über die Sterne Gottes sehen meinen Thron . . . Ich steige auf der Wolken Kühen, dem Köchsten will ich gleich sein. Ja, zur Kölle fahrest du hinab, zur tiefsten Grube. (Is. 14, 12 — 15). ()ui8 ui Daus? Wer ist wie Gott? Wer gleicht ihm in seiner Strenge? Kein Gedanke kann wirksamer sein, um uns die Sünde meiden zu machen, als dieser. Denn wenn so gehandelt ward mit den Engeln, bemerkt der große Klaravallenser Sankt Bernardus', was wird mit mir und dir, lieber Christ, geschehen, die wir Staub und Asche sind? Und wenn Gott der Kerr, wie der HI. Apostel Petrus schreibt, der sündigen Engel nicht schonte, sondern sie mit den Ketten der Kölle gefesselt in den Abgrund schleuderte, damit sie gepeinigt werden (II. ?atr. 2, 4), mit welcher Strenge wird er nicht die Missetat des Menschen be¬ strafen, und welche Züchtigungen würden fähig sein können, sie zu sühnen? <)uis ui Veu8? Nichts ist mächtiger und ge¬ eigneter als dieser Gedanke, um uns von der Sünde ab¬ zuhalten. ()ui8 ui 0eu8? Wer bestraft so die Sünde, wer rächt so das Böse? Wer ist Gott gleich in seinerGüte? Welche Belohnun¬ gen gewährt er seinen treuen, verläßlichen Dienern? Er gibt ihnen seine Kilfe, seinen Beistand, seine Gnade und seinen Segen hienieden; verleiht ihnen drüben ewige Freuden, Tröstungen und alle Kerrlichkeit. Ja, er gibt sich selbst zur Belohnung hin, wie er Abram versprach: „Llgo protaetor tuus 8um et meraas tua magna nimi8.« (6en. 15, 1). Und diesen ewig dauernden Lohn gibt er für einige Augenblicke Arbeit, Treue, Gehorsam, Demut. Das Augenblickliche und Leichte der Trüb- und Drang¬ sal wirkt in uns das ewige Pfand der Glorie. (II. Sor. 4, 17)- ' 8erm. 54 in OsMiL. Lsniie. num. 8. <2. 46 o Gibt es jemanden, der Gott gleich wäre in seinen Erbar¬ mungen? ()ui8 utDeus? I4ou 68t simitis tui in äiis, Domine. (?8. 85, 8). Wer ist wie Gott? Keiner ist dir gleich unter den Göttern, Herr, und nichts ist gleich deinen Werken. Beherzigen wir diese Wahrheit, vergleichen wir die ewige Glorie mit den gegenwärtigen Mühen, Leiden und Anstrengungen, und wir müssen gestehen, daß es nicht leicht einen stärkeren Gedanken gibt, um uns in der geduldigen Ertragung der Widerwärtig¬ keiten zu stählen und uns in der Übung der Tugenden treu zu erweisen. Yuis ut Deus? Wer belohnt so das Gute? tzuis ut D6U8? Wie so gehaltvoll sind doch diese drei Worte! Wer ist Gott gleich in seinen Vollkommenheiten? Nur er ist wesentlich gut und heilig, ist absolut vollkommen. Nur er besitzt alle guten Eigenschaften ohne Grenze und ohne Beimischung. Nur er schließt in sich alles, was wir wünschen können. Nur er allein kann alle unsere Wünsche vollends be¬ friedigen. Alles andere ist eitel und trügerisch. Dies allein schon bewegt uns, uns einzig Gott hinzugeben. Das ist die Wirkung des Gedankens: Wer ist wie Gott? Nichts ist fähiger, uns zum Verlassen der Sünde zu bewegen, als der Hinblick auf die unendliche Strenge, womit die göttliche Gerechtigkeit sie be¬ straft. Nichts ist dringender, uns für die Tugend zu entscheiden, als die Hoffnung auf die unvergängliche Belohnung, welche Gott derselben bestimmt. Nichts ist gewaltiger, um uns von den Ge¬ schöpfen abzuwenden und dem Schöpfer zuzuwenden, als der Hinblick auf seine unendlichen Vollkommenheiten, wie Liebe, Güte, Schönheit? Ja, legen wir stets in die eine Schale der Wage Sankt Michaels die unermeßliche Größe Gottes, seine unendliche Macht, seine Weisheit, seine Heiligkeit, kurz alle seine Vollkommenheiten hinein, und in die andere unsere Schwäche, unsere Ohnmacht, unser Unwissen, unser Nichts, und dann rufen wir aus: tzuis ut Deus! Wer könnte Gott das Gleichgewicht halten? Ach, > LbbS Oksrmrt, Betrachtungen über die vorzüglichsten Pflichten des christlichen und priesterlichen Lebens. Ins Deutsche übertragen von Ioh. Petry. Mainz, 1887. 2. Bnd. S. 242 L o. 47 o was sind wir im Vergleiche zu Gott? Dürfen wir uns gegen ihn auflehnen und empören? Und darum liebe Bistumskinder, merket Euch die hohe Bedeutung des Fragerufes: (tuis ut Deus! Schreibet ihn in Eure Kerzen, verzeichnet ihn an irgend einem Ort, wo Ihr denselben oft sehen, lesen und erwägen könnet. Kegel aber auch eine recht innige Andacht zum hl. Michael, der mit dieser Lo¬ sung im Schilde die hoffärtigen Engel bekriegte und besiegte. Und wenn Euch irgend ein Geschöpf zur Sünde verleiten wollte, stellet einen Vergleich an zwischen Gott und der Kreatur, die Euch versucht und saget: Ist diese soviel wert, als Gott der Schöpfer? Ist dieses Vermögen vergleichbar dem Glücke und Gute, das Gott verheißen und verleiht? Ist die weltliche Freude gleich der himmlischen? (s>uis ut Deus? Wer verdient mehr Ehre, Lob und Preis, Dank, Anbetung und Kuldigung, wer mehr Liebe und Kingebung als Gott, der dreimal Keilige? Von Gott lassen wir nicht, er verläßt uns auch nicht! tzuis ut veus! Welch mächtiger Name ist der Name Mi¬ chael ! Wie er einst den Satan mit seinem Anhänge in die Kölle gestürzt hat, so wird er in den letzten Zeiten der Kirche in den Kampf mit dem Antichrist eingreifen und den Widersacher für immer zu schänden machen. Am jüngsten der Tage wird Sankt Michael die Gerichtsposaune erschallen lassen und wird die Toten zum Weltgericht rufen (I. Vke88. 4, 15), bei dem er als besonderer Keifer und Beistand der Gerechten auftreten wird. Welch ein mächtiger und hocherhabener Engel ist sonach der hl. Erzengel Michael, ruft der honigfließende Kirck>enlehrer Sankt Bernardus aus! Nun ist es faßbar, wie ihn die Kirche in der Vesper seines Gedenktages verehren läßt mit der Apostrophe: O glorreichster Fürst, heiliger Erzengel Michael, sei unser eingedenk hier und überall, und bitte immer füruns den Sohn Gottes! Alleluja, Alleluja! bm Kerrn geliebte Diözesanen! aMR-^m Schlüsse meines Send- und Lehrschreibens ermahne ich Euch in aller Liebe, daß Ihr den Mächtigsten der Engel mit der ganzen Innigkeit, derer Ihr fähig seid, verehret. Fasset großes Zutrauen zu der Kilfe, großes o- 48 o Vertrauen auf die Machi und Kraft der Fürbitte des großen Kimmelsfürsten, zollet ihm gern den Tribut kindlicher Verehrung, indem Ihr seine Würde und Hoheit lobet und preiset, Euch sei¬ nem Schutze anempfehlet! Ahmet ihn nach in der Liebe und im Lobe Gottes, im Kampfe für Gott und sein Reich! Bekämpfet den Satan, die Welt und das sündige Fleisch! Jetzt in der hei¬ ligen Fastenzeit ergreifet das Schwert der Abtötung und den Schild des Gebetes, die beiden Hauptwehren und -Waffen gegen den dreifachen Feind! Wenn Ihr Euch abtötet und verleugnet und geduldig Euer Kreuz traget, wenn Ihr Eure Sinne züchtiget und die Gelüste durch Fasten bändiget, dann werdet Ihr in Euch ersticken die bösen Neigungen und die rebellischen Begierden. Wenn Ihr die täglichen Gebete mit Eifer und Andacht verrichtet, zumal das heilige Rosenkranzgebet, dann wird es Euch nie an der Gnade fehlen, mit welcher Ihr allen Ver¬ suchungen und Anfechtungen widerstehen, alle Netze der Kölle zerreißen könnet. Dies wird Euch um so gewisser gelingen, wenn Ihr Euch fleißig stärket mit dem Brote der Engel, wenn Ihr das hochheilige Altarssakrament oft und würdig empfanget, vornehmlich aber jetzt in der geheiligten Osterzeit. Verehret Sankt Michael, den himmlischen Boten und Gesandten, vorab Ihr, Priester und Diener des Herrn, die Ihr ja selbst Engel heißet und seid! Spricht doch der Prophet Malachias: Die Lippen des Priesters sollen die Wissenschaft bewahren, und das Gesetz soll man holen aus seinem Munde; denn ein Engel des Herrn der Heerscharen ist er. Mal. 2, 7). Und der große Seher des neuen Bundes, Sankt Johannes, nennt die Kirchen¬ vorsteher Engel, denen er verschiedene Botschaften Gottes mit¬ zuteilen beauftragt wird. Seid also nach dem Beispiele des hl. Erzengels und seiner getreuen Genossen sichtbare Schutz¬ engel der Eurer Obhut Anvertrauten, und wehret ab von Euren Seelenherden den Satan, der wie ein brüllender Löwe umhergeht und sucht, wen er verschlingen könnte! (I. ketr. 5, 8). Und die Gläubigen haben nicht bloß zu Kämpfen wider Fleisch und Blut, sondern wider die Ober¬ herrschaften und Mächte, wider die Beherrscher <2. 49 c> der Welt in dieser Finsternis, wider die Geister der Bosheit in der Luft. (kipkos. 6, 12). Betet den vom Papst Pius VII. mit Ablässen versehenen Kymnus Bo 8pten- 6or et virtiis ?atri8 mit Antiphon, Vers und Gebet reumütig und andächtig! Gebrauchet ferner das Schwert des Exorzismus gegen Satan und die abtrünnigen Engel, wie ihn Papst Leo XUI. ungeordnet hat und ich denselben habe besonders abdrucken und Euch zukommen lassen! Widerstehet dem Teufel, so wird er von euch fliehen! (Zae. 4, 7). Verehret und verherrlichet Sankt Michael und seine treuen Anhänger die guten Engel, Ihr, gottgeweihte Kloster¬ bewohner, Mönche und Nonnen, und eifert ihnen nach im pünktlichen Gehorsam, in der heiligen Tugend der Keuschheit, die geradezu eine englische Tugend genannt wird, weil sie aus dem Menschen gleichsam einen Engel zu machen vermag, und ahmet Eure Schutzengel nach im beständigen Lobe und in der unablässigen Anbetung Gottes! Seid Engel durch Fröm¬ migkeit, Reinheit, Folgsamkeit, Keiligkeit! Zudem bestrebe sich eine jede Familie, die Schutzengel innig zu verehren und eifrig anzurufen. Sie wird sicherlich durch sie, zumal durch Rafael, den Schutzengel frommer Fa¬ milien, von Unglück bewahrt. Ja, Ihr christlichen Eltern, Lehrer und Erzieher, verehret demütig und inniglich den glorreichen Führer der getreuen Engel und seid Lenker und Leiter der Kleinen, damit sie den Engeln gleichen in ihrem sittlichen Verhalten! Segnet die Kinder, wie der Patriarch Jakob die Kinder seines geliebten Josef segnete: Der Engel,, der mich von allen Übeln erlöst hat, segne diese Kinder! (Ocm. 48, 16). Euer Lohn hiefür wird der göttliche Kinderfreund einstens selbst sein, den, so wie den Kl. Geist, beständig zu schauen es die Engel im Kimmel gelüstet. (I. Uetr. i, 12). Und Ihr, liebe Kinder, ehret nnd achtet Eure Schutz¬ engel, die das Antlitz Gottes schauen! (lVIattb. 18, 10). Meidet das Böse und tuet das Gute, damit die Schutzengel von Eurer Seite niemals weichen! Liebet und ehret die Engel und deren Chorführer, Ihr, christliche Jünglinge und Jungfrauen! Die Engel sind Freunde 4 o 50 o und Liebhaber der jungfräulichen Seelen; sie bewundern jene, die als schwache Geschöpfe auf Erden ähnlich leben, wie sie im Kimmel. Benehmet Euch, christliche Jünglinge, recht sittsam und auferbaulich; seid zumal demütig! Ohne die Tugend der Demut seid ihr selbst im Kimmel nicht sicher. Luzifer liefert den Beweis hiefür. Und Ihr, christliche Jungfrauen, betraget Euch überall gottgefällig und dem Nächsten zum Keile, wie schon der hl. Apostel Paulus den Frauen den Auftrag gab, die Käupter zu verhüllen in der Kirche wegen der Engel. (I. Lor. II, 10). Verehret Sankt Michael, den unsterblichen Kelden und Vorkämpfer einer jeden guten Sache, folget seiner Fahne und seinem Rufe Ihr, christliche Männer, durch unentwegtes Gott¬ vertrauen, durch überzeugungstreues, durch entschiedenes und entschlossenes Eintreten für die hehre und heilige Sache Gottes, die immer sieghaft bleibt, für das ewige Keil Eurer und aller Euch zur Obsorge zugewiesenen unsterblichen Seelen! Liebet Sankt Michael und seine standhaften Engel Ihr Gerechten! Diese sind Eure immerwährenden Begleiter, Wärter und Wächter auf dem Pfade der Tugend und des Keiles. Die Frommen sind mit Engeln umgeben, wie mit einem Lager, so daß die Feinde ihnen nichts anhaben können. So beschützte ein Lager von Engeln den Patriarchen Jakob, als er aus Mesopotamien heimkehrte. (Oen. 32, I. 2). Itnd im Buche der Psalmen spricht der Kl. Geist: Der Engel des Kerrn wird sich lagern um die, welche ihn fürchten, und wird sie erretten. (Ls. 33, 8). Rufet die guten Engel um Kilfe an Ihr, Sünder! Die Engel sind Eure einflußreichsten Anwälte und mächtigsten Kelfer. Sie überwanden die Teufel, als diese noch im Kimmel waren, und überwältigen sie jetzt auf Erden um so leichter. Zudem freuen sich die guten Engel über die Bekehrung eines Sünders mehr, als über neunund¬ neunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. Nehmet Zuflucht zu den heiligen Engeln Ihr, Arme und Betrübte! Sie sind Eure Tröster und Patrone. Desgleichen verehret die Engel Ihr, Reiche und Große der Welt! Sie erwirken Euch die Einsicht, daß alles Irdische eitel ist und o- 51 vergeht, daß aber das Gute und Gerechte, das Heilige und Wahre ewig dauert. Im vorigen Jahre weilte ich in Rom und nahm teil an der glänzenden Feier der Heiligsprechung des seligen Maria Antonius Zaccaria und des seligen Petrus Fourier, die im Sankt Peters-Dom am Christi Himmelfahrts-Feste den 27. Mai erfolgte. Am 13. Mai hatte ich das hohe Glück, zur Privataudienz beim Papste Leo XIII. zugelassen zu werden. Als ich dem greisen Hl. Vater, der Heuer am 1. Jänner sein diamantenes oder sechzigjähriges Prieskerjubiläum gefeiert hatte, die Liebesgaben der Priester wie der übrigen Diözesanen überreichte, erteilte er allen in seiner väterlichen Liebe den hl. apostolischen Segen. Sankt Michael nun, der kampfgerüstete Schützer der streitenden Kirche, möge ihr sichtbares Oberhaupt, unseren weisen Kt. Vater Papst Leo XIII., der unter den Männern, welche gegenwärtig in die Geschicke der Welt ein¬ greifen, der erste ist, beschirmen, ihn gegen alle Anschläge seiner Gegner verteidigen und ihn nicht in ihre Hände geraten lassen! Wir Lavantiner aber wollen recht tätige Mitglieder sein der Bruderschaft des hl. Michael, welche der verewigte Fürstbischof Anton Martin mit Hirtenschreiben vom Quatember-Mittwoche des Adventes 1860 einführte, Papst Pius IX. durch ein spe¬ zielles Breve vom 11. März 1869 mit Ablässen bereicherte und der gottselige Fürstbischof Jakob Maximilian mit Send¬ schreiben vom Kirchweihfeste 1869 neuerlich den Gläubigen anempfahl. Flehet ferner, liebe Diözesanen, zu Sankt Michael, daß er auch mich, Euren Oberhirten, stütze und stärke, damit ich die ganze mir anvertraute Seelenherde rette und ewig selig mache! Ich selbst will wie Jakob in den hehren Gotteskämpfer als meinen Namenspatron um die Segensspendung dringen: Ich lasse dich nicht, es sei denn, du segnest mich. (Osn. 32, 26). Ja, wie ich durch mein gegenwärtiges Send¬ schreiben die fromme Andacht zu dir und deinen getreuen En¬ geln beleben und erhöhen wollte, so erbitte mir du, heiliger Michael, von Gott die Krast, auf daß ich alle Trüb- und Drangsale mit christlichem Gleichmute ertrage nach dem Bei- o- 52 o spiele des Engels der Gemeinde zu Philadelphia, dem der Kerr durch seinen Apostel schreiben ließ: Weil du das Wort meiner Geduld bewahrt hast, will auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung... Siehe, ich komme bald; halte an dem, was du hast, damit niemand deine Kron, e empfange! Wer über¬ windet, den mache ich zu einem Pfeiler im Tempel meines Gottes u n d er wird nicht m e h r h inaus¬ kommen, und ich will auf ihn schreiben den Na¬ men meines Gottes und den Namen der Stadt meines Gottes, des neuen Jerusalem, die vom Kimmel von meinem Gott her ab kommt, und meinen Namen, den neuen (Christ), (^pooalvp. 3, 10-12). Das laufende Fahr ist für uns Österreicher ein Jubel- öder Freudenjahr. Es begeht nämlich unser vielgeliebter Landesvater am 2. Dezember sein fünfzigjähriges Regierungs- Jubiläum. Wir Lavankiner wollen dieses denkwürdige Fest feiern mit inniger Dankbarkeit gegen Gott den Kerrn für alle Gnaden und Wohltaten, die er unserem lieben und teuren Kaiser erwiesen, und für alles Gute, das er uns unter seiner halbhunderkjährigen Regierung in reichlichem Maße hat zuteil werden lassen. Schon jetzt aber wollen wir Sankt Mi¬ chael, den großen Kimmelsfürsten und Schutzgeist Österreichs, bestürmen, auf daß er unseren Landesfürsten hüte und für ihn beim Kerrn der Keerscharen fürspreche, damit er ihn erhalte in seiner Gnade und seinen Segen über ihn ausströmen lasse für und für! Weiters möge Sankt Michael, der Engel des Fegefeuers, jenen armen Seelen helfen und beiftehen, die Gottes Gerech¬ tigkeit zurllckhält im Reinigungsorte, wo die Leiden peinlicher sind als alles Schmerzliche, was auf Erden erdacht oder em¬ pfunden werden kann. Ja, mächtiger Schutzengel der leidenden Kirche, bitte für alle verstorbenen Lavantiner, auf daß sie ge¬ würdigt werden, in das Reich der reinen Geister, in die triumphierende Kirche ausgenommen zu werden und wie die Engel Gottes im Kimmel zu sein! (.Vlattb. 22, 30). o. 53 o Schließlich lenke ich Eure Aufmerksamkeit, geliebte Diö¬ zesanen, noch auf den allerletzten Liebesdienst, den uns die Engel nach dem Zeugnisse der ewigen Wahrheit erweisen. Be¬ kannt ist die evangelische Erzählung vom armen Lazarus und reichen Prasser. Lazarus war so hungrig, daß er sich nur von den Brosamen, die vom Tische des Reichen fielen, zu sättigen wünschte; aber niemand hatte mit ihm Mitleid und Erbarmen. Er starb. Und kaum war er gestorben, siehe, da kamen die Engel und trugen seine Seele sanft auf ihren Künden in den Schoß Abrahams, in die himmlische Ruhe hinüber. (Uua. 16, 19-22). Welch ein Trost, in jenem Augenblicke, wo sich alle Kräfte vereinigen, um die scheidende Seele zu beunruhigen, wo tausenderlei Erinnerungen an die sündhaft verlebten Tage den Geist irre und wirre machen, wo der höllische Geist den letzten und deshalb gewaltigsten Sturm wagt, um die Seele für sich zu gewinnen — welch ein Trost, sage ich, in dem Augenblicke, von dem die Ewigkeit abhängt, einen Engel zum kräftigen Beschirmer, zum Sterbepatron zu haben. Unsere hl. Kirche kennt die Kraft dieses Beistandes in diesem so wichtigen Zeitpunkte, darum betet sie bei dem Sterbenden: Kommet zu Hilfe, ihr Engel! Übernehmet seine.Seele und traget sie hinüber vor das Angesicht des Aller¬ höchsten! Zm Herrn geliebte Diözesanen! Machen wir uns die Schutzengel durch Verehrung und Liebe, durch Gehorsam und Vertrauen gegen sie, durch Nachahmung ihres Beispieles zu treuen Lebensgefährten, auf daß sie uns Beistand leisten im Leben und im Tode, auf daß sie uns zumal am jüngsten Tage, wenn die Gerichtsposaune erschallen (Nattk. 24, 31; I. Oor. 15, 52) und der Menschensohn in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen heiligen Engeln kommen wird (Maro. 8, 38), Hilfe leisten, damit wir nicht im furchtbaren Gerichte unter¬ gehen, nicht ins ewige Feuer, das dem Teufel und seinem Anhänge bereitet ist, verstoßen werden, sondern von den En¬ geln auf die rechte Seite gestellt und von ihnen als die Er¬ wählten Gottes bezeichnet, im Triumphe Jesu Christi in den o 54 -o Kimmel ziehen und dann mit ihnen: den Engeln und Erz¬ engeln, den Thronen und Kerrschaften, den Cherubim und Seraphim singen ohne Ende: Keilig, heilig, heilig ist der Kerr Gott Sabaoth! Kimmel und Erde sind seiner Kerrlichkeit voll! Kosanna in der Köhe! Mein Schlußwort aber sei der Segenswunsch des hl. Apostels Paulus im Briefe an die Römer: Der Gott des Friedens zertrete den Satan schnell unter euren Füßen! Die Gnade unseres Kerrn Jesu Christi sei mit euch! Amen. (Nom. t6, 20). Marburg, am hochheiligen Namen-Jesu Feste, den 16. Jänner 1898. ch Wichael', Fürstbischof.