Die geistliche Musik und die slowenische Nationalbewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Der Werdegang einer nationalen Kultur ist ein Prozeß, der sich mit erheblicher Kompliziertheit und Heterogenität der Träger entwickelt. Auch die Situation in den slowenischen Ländern unterscheidet sich nicht viel von jenem, die für die anderen Kulturen in der ehemaligen Donau-Monarchie typisch waren. Unterschiedlich sind wohl die Resultate. Die Situation der Kultur in den slowenischen Ländern dürfte spezifisch sein schon wegen der geographischen Lage des slowenischen Raumes. Die Kreuzung verschiedener Interessen, das Ineinanderfließen und die Offenheit sind aber keine slowenische Besonderheit. Immerhin war der Werdegang der slowenischen Kultur ein langwieriger Prozeß mit zahlreichen Verwicklungen und Komplikationen, der nicht immer synchron und abgestimmt verlief, sondern an die gesellschaftlichen Gegebenheiten der Zeit gebunden war, wobei nur seltene Einzelne auf die allgemeinen Strömungen Einfluß nehmen konnten. Die slowenische nationale Bewegung hatte ähnlich wie bei anderen nichtdeutscher Völker der Monarchie ihre Identität durch klare Distanzierung von deutschen, bzw. auch italienischen Einflüssen begründet. Dabei hatte auch das musikalische Schaffen lange Zeit bloß eine politische Bedeutung. In diesen Zusammenhängen hat auch die katholische Kirche und die geistliche Musik in Slowenien eine ganz wichtige und einflußreiche Rolle gespielt. Von der Zeiten der Christianisierung in 8. und 9. Jahrhundert wurde das slowenische Volk vom slowenischen kirchlichen Volkslied begleitet. Auch die Protestanten haben sich um das slowenisch gesungene protestantische Lied mit Erfolg bemüht. Ihnen ist sogar die Veröffentlichung einiger Liederbücher gelangen. Die katholische Gegenreformation war bei diesen Bemühungen nicht so erfolgreich. Doch hat sich die geistliche Musik im Rahmen der überall üblichen Standarde und Normen entwickelt. In den Kathedralen war die Musik reicher; dort wirkten auch einige gute Musiker besonders aus der Barockzeit kennen wir einige Organisten, Kapellmeister und Komponisten, die z.B. in Ljubljana, Triest, Gorica (Görz), Maribor und Koper ihre Werke hinterlassen haben. Auch das Musikleben in einigen Klostern dürfte sehr vielschichtig gewesen sein, was zeigen uns die erhaltenen Archive in Ljubljana, Novo Mesto, Celje, Ptuj usw. Es folgten dann aber die Zeiten mit ganz verschiedlichen Erfolgen, man kann aber ruhig sagen, daß die Qualität der Musik in den Pfarrkirchen nicht immer auf besonders hohem Niveau stand. Die entstandene Lage war das Resultat einer langen historischen Entwicklung und der gegebenen Möglichkeiten. Die wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen am Ende des 18. Jahrhunderts brachten auch weltanschauliche, politische und nationale Konflikte mit sich, die für die Zeit nach der Französischen Revolution charakteristisch sind. Es kam zu einer größeren Säkularisierung, mit vielen anderen Veränderungen im öffentlichen Leben gehen parallel auch die Veränderungen in der kirchlichen Verwaltung. Im 19. Jahrhundert änderten sich die Grenzen der Bistüms in Slowenien. Der Prozeß begann schon mit den Reformen der Kaiserin Maria Theresia. Neben dem Bistum in Ljubljana gab es noch das Görzer Erzbistum, im Küstenland das Triester-Koper Bistum und das Bistum in Lavant, später in Maribor. Es gab eine illyrische Metropole, die das Küstenland und Krain und die Südsteiermark umfaßte, wo als Mehrheit Slowenen lebten. 155 Die geistliche Musik und die slowenische Nationalbewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Die Verhältnisse zwischen der Bevölkerung und dem Kler hatten sich nach dem Revolutionsjahr 1848 verschlechtert. Die bischöflichen Pastoralbriefe erregten die Bauern und der Kler hatte die Aufgabe, die Bevölkerung zu beruhigen. Neben all das waren die Bistümer, einige Pfarren und die Kloster als große Besitzer sehr reich und als solche bedeutend. Bei den Land- und Reichstagswahlen hatten die Geistlichen kein Mandat erlangt. Nach dem Zusammenbruch des Absolutismus im Jahre 1861 kam es auch zu Veränderungen. Neue Schwierigkeiten brachten viele Steuern und der Kler konnte die Beschwerden der Bevölkerung nicht mehr aufhalten. Besonders wichtig aber war in dieser Zeit der nationale Moment. Die Kirche, bzw. die Geistlichen hatten sich im Allgemeinen für das Slowenentum entschieden und an den Wahlen 1867 viele Mandate - organisiert schon als slowenische Partei - gewonnen. Das Verdienst der Geistlichen war besonders Sorge um die Disziplin im slowenischen Lager zu behalten. Auch bei Organisieren der sogenannten »tabori« hatte die Geistlichkeit ihre Verdienste. Für die slowenische Nationalbewegung kann man nicht sagen, daß sie einseitig oder nur von einer oder der anderen Partei abhängig war. Hier haben sich die Menschen sehr verschiedener Orientationen von Konservativen, Liberalen usw. angesammelt. Die Ansichten auf die Nationalität waren auch sehr verschieden. Die Liberalen waren kühner, die Konservativen mehr zurückhaltend und treuer. Für die Katholiken war die Nationalität nicht das größte Ideal. Die Liberalen schätzten die Nationalität mehr als den Glaube, doch waren alle diese Unterschiede mehr theoretisch, praktisch fast unbedeutend. Die Unterschiede spielten nur in philosophischen Diskursen und parteilichen Polemiken eine Rolle, sonst aber hat sich nie die Frage »Glaube oder Nationalität« gestellt. Die beiden Seiten haben sich für Österreich, aber auch für das Programm des Vereinten Slowenien, entstanden schon im April 1848 in Wien, entschieden. Die beiden Seiten huldigten auch der slawischen Idee und hegten die Hoffnung auf den Sieg über das Germanentum und die Liebe zur Russland als den größten slawischen Staat. Neben den Beziehungen mit den Tschechen und anderen slawischen Völkern zeigte sich in dieser Zeit noch eine Verbundenheit mit den Tiroler Katholikenbund, sowie mit dem deutschen katholischen konservativen Lager, welches im Jahre 1870 an den Wahlen so erfolgreich aufgetreten war. Aber diese Lager hatte kein Verständnis für das Vereinte Slowenien gezeigt, sondern nur für eine Länderföderation. Er hat nur die slowenischen Bestrebungen für die Forderungen nach Sprachenrechte unterstützt. Später haben sich die Wege getrennt. Doch der Kampf für die sprachlichen Rechte war in allen Bereichen erfolgreich. Die nationale Besinnung schritt weiter vor, was einen stärkt Druck der Regierung auf die slowenische Partei besonders in den 70er Jahren zur Folge hatte. Während des Ringens um die politischen Rechte und um das Programm des „Vereinten Slowenien“ war gerade der Kampf im kulturellen Bereich der bedeutendste. Er verpflichtete die agierenden Kräfte maximal und trieb zur Gestaltung der slowenischen nationalen Identität an. Auch die Musik mußte der Idee der nationalen Erneuerung dienen; denn damals waren für ihren Fortschritt statt künstlerischer Prinzipien noch die nationalen Bedürfnisse ausschlaggebend. Darum ist für viele Musiker dieser Zeit der Wille zur Gestaltung einer eigenständigen Musikkultur, in der die Kompositionen die spezifischen Züge einer nationalen musikalischen Ausdrucksweise tragen, charakteristisch. 156 PRIMO KURET (1935) Die geistliche Musik dieser Zeit mußte sich den allgemeinen Tendenzen anpaßen. Die offiziele Politik der slowenischen Kirche war immer orthodox. Das wichtigste war immer der katholische Glaube. Die Musik war dabei nur ein Mittel, nicht die Absicht. Doch war die Entwicklung der geistlichen Musik bis Anfang der 70er Jahre mehr oder weniger im Rahmen der Möglichkeiten und mehr oder weniger der erfolgreichen Einzelnen. Einer von solchen war z.B. Gregor Rihar (1796-1863), der sehr bedeutend für die Erneuerung der geistlichen Musik, aber auch für die national betonte weltliche Musik gewesen ist. Sehr entscheidend war das Entstehen des Musikvereins „Glasbena Matica“ im Jahre 1872, die alle musikalischen Bereiche in allen slowenischen Ländern beherrschen wollte. Die Glasbena Matica veröffentlichte auch geistliche Musikwerke und wollte eigentlich auch ihren Einfluß auf die kirchliche Musik ausüben. Inzwischen kam es aber zur cäcilianischen Bewegung und die Cäcilienvereine haben sich fast in allen slowenischen Bistümern verbreitet. Zuerst - natürlich - in Ljubljana (schon im Jahr 1877), dann auch in Gorica 1883 und in Maribor 1887. Der erste Eingriff des Cäcilienvereins in Ljubljana, war eine Konfrontierung mit den bisher Gültigen in- und außerhalb der kirchlichen Sphäre. Die Bemühungen galten der Erneuerung der geistlichen Musik und Liturgie, die sich von der anthropozentrischen Theologie der Aufklärung abkehrt. Der Cäcilianismus lehnt die säkularisierte Kirchenmusik ab, ebenso die orchestrale Messe der Wiener Klassik und den spätromantischen Kompositionsstil. In Slowenien war dabei das Werk von Gregor Rihar die Hauptzielscheibe, weil seine Lieder »leer und werklich sind, den Ohren wohltun, das Herz aber kalt lassen« („puhla in mehkuna, ki ušesa gace, serce pa merzlo pusti“), wie bei Hugolin Sattner (Cerkvena glasba, kakošna je in kakošna bi morala biti, 1878) in seinem Artikel zu lesen ist. In demselben Artikel lesen wir auch, daß »die Hauptaufgabe des Gesangs bei der heiligen Messe keine Rührung, sondern nur die Gottesverherrlichung sei«. Die meisten Äußerungen beklagen zum Teil stark übertriebend die Mißstände in der Kirchenmusik. Die Trennung zwischen weltlichen und geistlichen Musik gilt streng. »Die Kirche will den ganzen Menschen von der Welt ab- und zu Gott hinlenken« (R. Schlecht). Die Haltung des Menschen vor Gott sei Demut, Reue, Schmerz, Zerknischung, Unwürdigkeit, Erbauung; daher kann eine Musik, die das aszendische Ausdruck entlehnt oder die Phantasie reizt und anfragt, keine Kirchenmusik sein. Rihar’s Lieder wurden sogar nach Regensburg an Witt geschickt, der sie beurteilen sollte. Es waren also nur glaubens-ideologische und nicht nationale Ziele wichtig. Es ging eigentlich für die katholische Musikerneuerung, die aber gleichzeitig den konservativsten vatikanischen Rigorismus zur Geltung bringen wollte. Der Choral, der palestrinische Vokalsatz, überhaupt die Vorherrschaft des Vokals, die lateinische Sprache waren zugelassen, Volksgesang aber nur im solchen Maße, welches diese Tendenzen respektierte. Der Cäcilianismus stellt liturgiegeeignete Kompo-sitionen bereit, die auch mit den bescheidenen praktischen Möglichkeiten einer Dorfkirche rechnen. An der nationalen Ebene war es ein sehr scharfer Konflikt und ein Kampf, in welchem die Cäcilianisten eigentlich nicht viele Hoffnung auf einen Sieg hatten. Dieser Kampf war für die nationale Idee gefährlich, weil er eigentlich anational war und zugleich doch ein deutsches Zeichen führte. Es ist charakteristisch und bedeutend, daß sogar die kirchliche Öffentlichkeit widergesprochen hat. Dagegen waren die Gläubiger und einige Geistliche. 157 Die geistliche Musik und die slowenische Nationalbewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Sehr ernst wurde der Konflikt zwischen dem Musikverein Glasbena Matica und den Cäcilienverein in Ljubljana. Glasbena Matica wollte ihre Tätigkeit wegen den Cäcilianern nicht einschränken. Das hatte zuerst ungünstige Folgen für den Musikverein. Einige Mitglieder bekennten sich ganz offen als Anhänger der Cäcilianer. Dabei waren auch einige bedeutende Musiker, was für die Glasbena Matica eine Schwächung ihre Position im slowenischen Musikleben bedeutete. Einer von diesern Musikern war auch der Regens chori in Dom von Ljubljana, der Tscheche Anton Foerster (1837-1926), ein erfahrener und guter Musiker, der im Jahre 1867 aus Senj nach Ljubljana gekommen war. Er war der Hauptorganisator, die Seele und der große Reformator in der kirchlichen Musik in Slowenien. Als überzeugter Cäcilianer wirkte er auch auf vielen musikalischen Bereichen. Seine zahlreichen weltlichen sowie kirchlichen Kompositionen (Messen, Litaneien, Marienlieder und viele Orgelwerke) verleihen ihm eine zentrale Stelle im damaligen musikalischen Leben in Ljubljana. Er organisierte im Jahre 1877 eine Orgelschule, die für die Ausbildung der slowenischen Organisten in der Zukunft sehr wichtig war. Er gründete im Jahre 1878 die Zeitschrift Cerkveni Glasbenik und war bis 1908 ihr Chefredakteur. Die Zeitschrift veröffentlichte neben verschiedenen Kompositionen auch viele andere Beiträge und eine Chronik des slowenischen Musiklebens. Das Hauptziel war aber die cäcilianische Idee zu propagieren. Als Lehrer wirkte Foerster an vielen Schulen, als guter Organist und Pianist sorgte er für ein solides Niveau des damaligen kirchlichen Musizierens. Seine Oper Gorenjski slavèek (Der Oberkrainer Nachtigal) aus dem Jahre 1872 ist noch heute eine von der beliebtesten slowenischen Oper. Dies alle waren seine großen Verdienste für die Entwicklung der slowenischen Musik in dieser Zeit, auch Verdienste, die teilweise außerhalb seiner Bemühungen für die Reformierung der kirchlichen Musik stehen. Das aber zeigt, wie eng die Aufgaben auf dem musikalischen Bereiche in Slowenien verwickelt waren. Neben Foerster haben sich auch andere Komponisten in der cäcilianischen Bewegung hervorgetan (z.B. Hugolin Sattner, Ignacij Hladnik, Danilo Fajgelj u.v.a.) und gegen die Bemühungen anderen Seite gestellt. Diese Verhältnisse bekamen auch einen politischen Charakter, obwohl die Glasbena Matica versuchte unparteisch zu wirken. Das aber war im kleinen slowenischen Raum fast unmöglich. Sehr bald kam es zu schärferen Konflikten und die klerikale Tageszeitung Slovenec hat die Glasbena Matica als »liberalen Stützpunkt« gekennzeichnet. Mit der Zeit hat der Konflikt immer mehr einen parteilichen Charakter gewonnen. Das hatte schwere Folgen besonders für die Glasbena Matica, obwohl sie mehr kompromissbereit war als die Cäcilianer. Für die Cäcilianer hat sich aber als Gegenwaffe ihre Bemühungen für die lateinische und nicht Volkssprache in der Kirche gezeigt. Dagegen waren auch einige Geistliche, Foerster wurde sogar kritisiert. Die cäcilianische Bewegung hat bei uns eine sehr scharfe Kritik und Verurteilung erlebt. Es ist aber interessant, das die Orgelschule eigentlich die erste Schule mit nur slowenischer Unterrichtssprache war und daß der Musikverein Glasbena Matica erst 1878 seine Musikschule eröffnet hat. In dieser Hinsicht ist die Bewertung der Cäcilianer eher positiv als negativ. Von ästhetischer Seite sind die Dinge anders. Die Ästhetik ist nicht theoretisch, sondern praktisch ausgerichtet und philosophisch kaum systematisch durchgebildet. Die Mehrzahl der Werke ist anemisch (besonders die Chöre) und konnten 158 PRIMO KURET (1935) keine Beliebtheit gewinnen. Von technischer Seite sind sie allerdings einwandfreier als die Werke der früheren Zeit. Viele Werke sind auf lateinische Texte entstanden. Hier aber liegt der Hauptpunkt der Kritiken! Es war nämlich im großen Gegensatz mit den nationalen Zielen, die auch in der Kirche das slowenische Wort und Musik in slowenischer Sprache verlangten. Die Kirche war neben den ersten Schulklassen der einzige Ort, wo die slowenische Sprache auch in der Öffentlichkeit erlaubt und nötig war. Die Bischöfe haben bald die politischen Dimensionen der cäcilianischen Bewegung erkannt und beurteilt und mußten sich für gewiße Korrekturen entscheiden. Die Germanisation war immer stärker und die Vorwürfe des anderen Teiles des politischen Lebens in Slowenien (besonders der Liberalen) wegen der anationalen Politik der Cäcilianisten veränderten allmählich auch die kirchliche Politik in der Mitte der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts. Die neu organisierte klerikale Partei verlangte unbedingten Gehorsam im politischen Kampf. Die jüngere Generation besann sich wieder auf die Werke Gregor Rihars und im Jahre 1898 erschien eine Sammlung seiner Werke unter dem vielsagenden Titel Rihar renatus. Der Cäcilianismus war aber damit noch nicht besiegt. Besonders auf dem Lande waren die Cäcilianer aktiv und hatten einen sehr großen Einfluß auf den allgemeinen Geschmack der Bevölkerung ausgeübt. Dieser Einfluß war sogar so groß, daß er für die Generationen slowenischer kirchlicher Musiker entscheidend war. Hier hat sich diese Musik auch mit der damals so beliebten Musik der Liedertafel vermengt, die in Slowenien mit den Lesevereinen (èitalnice), die am Anfang des nationalen Kampfes so wichtig waren - eine eigene Variante gefunden hat. Aus dieser Zeit sind interessant zwei Liederbücher, die die Spaltung zwischen kirchlicher und weltlicher Sphäre deutlich zeigen. Das sind Das slowenische Liederbuch (1896-1900) vom Pfarrer und Musiker Jakob Alja und das mehr liberale Liederbuch der Glasbena Matica (1897) von Josep Èerin. Noch interessanter ist aber, dass in beiden Liederbüchern viele gemeinsame Autoren und sogar dieselbe Werke enthalten sind. Mit dem Auftritt der jüngeren Generation slowenischer Komponisten wie Stanko Premrl, Fran Kimovec oder Emil Hochreiter bekam die cäcilianische Bewegung einen neuen Inhalt und neue Formen. Unter ihrem Einfluß kamen sogar die älteren Cäcilianer wie z.B. Anton Foerster und P. Hugolin Sattner. Sie kannten Berechtigkeit einigen Kritiken der cäcilianischen Bewegung. Aber schon in der Zeit, als die nationale Idee gefestigt war und man versuchte die nationalen Probleme auf einer ganz anderen Ebene zu lösen. Wenn man über die geistliche Musik und die slowenische nationale Bewegung in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts spricht, kann man Folgendes feststellen: 1 . Die geistliche Musik war immer in erster Linie im Dienste der Liturgie und benützte die nationale Bewegung nur als ein Mittel diese Bewegung mit den Zielen der katholischen Kirche zu verbinden. 2. Obwohl man den slowenischen Geistlichen die Sorge um die slowenische Sprache und slowenische Kultur nicht verneinen darf, war diese Sorge doch auf zweiter Stelle, nach der Sorge um den Glauben. Trotzdem haben sich einige Geistliche auch für eine Musik, die in Einklang mit den nationalen Ideen war, bemüht. 159 Die geistliche Musik und die slowenische Nationalbewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts 3. Als bleibende Erfolge muß man den Cäcilianern die Gründung der Orgelschule und die Zeitschrift Cerkveni glasbenik anerkennen. Die Orgelschule hat zur Verbesserung der allgemeinen Ebene der slowenischen Organisten verhelfen, die Zeitschrift aber ist noch heute als Chronik und reiche Quelle von Materialien wichtig. 4. Man muß aber auch die ästhetische Seite der Musik der Cäcilianer als unadäquat beurteilen. Sie wurde schon in ihrer Zeit als steril und unzeitgemäß kritisiert und auch heute kann man diese Beurteilung nicht ändern. Die cäcilianische Bewegung ist entstanden, als der nationale Kampf seinen Höhepunkt erreicht hatte. Die cäcilianische Bewegung hat in der Zeit, die besonders wichtig für das nationale Bewußtsein wurde, eine eigene Initiative begonnen, die zuerst ganz und gar im Gegensatz zu den Bemühungen und Zielen der nationalen Bewegung war. Dies hat großen Schaden verursacht, besonders, weil die Cäcilianern in die Kirche meistens die lateinische Sprache propagierten. Ein weiterer Schaden war für die kirchliche, bzw. geistliche Musik allein, weil sie sie beschränken und sie auch von den allgemeinen Strömungen isolieren wollten. Das zeigt auch das Resultat: es sind zwar viele neue Werke entstanden, doch ihre künstlerische Oualität ist oft sehr fraglich. Zum Glück hat man sehr bald die Folgen für die nationalen Ziele anerkannt und sich von dem zuerst deklarierten Zielen distanziert, andererseits haben aber auch einige Komponisten bald diesen falschen Weg erkannt. Leider kamen diese Erkentnisse spät, also wenn es schon klar war, daß solche Bestrebungen keine Möglichkeit für eine Popularität oder sogar einen Sieg haben. Die slowenische geistliche Musik ist dann noch lange bei anderen cäcilia-nischen Idealen geblieben, nur im nationalen Sinn haben sich ihre Ziele dem nationalen Bestrebungen genähert. So konnte der Cäcilianismus überhaupt - obwohl in einer neueren Form - überleben. Literatur FELLERER, K. G. (hg.): Geschichte der katholischen Kirchenmusik. 2. Bd. Kassel 19-76. KURET, P.: „Slowenische Aspekte zu kulturgeschichtlichen und nationalen Problemen zwischen 1860-1910“. In: COLLOQUIUM Dvoøák – Janácek an their Time – Brno 1984. Brno 1985. S. 139-143. MANTUANI, J.: „Zgodovinski pregled delovanja Cecilijenega društva v Ljubljani od 1902-1927“. In: Cerkveni glasbenik 50 (1927). S. 69-82. MANTUANI, J: „Zgodovina slovenske glasbe“. In: Cerkveni glasbenik 53 (1930). S. 68-71, 100-106, 133-139, 163-169; 54 (1931), 4-8, 36-41, 68-75, 97-102, 133-137, 172-175; 55 (1932), 42-47, 101-106, 141-146, 166-172. TROBINA, S.: Slovenski cerkveni skladatelji. Maribor 1972. Zbornik Vloga cerkve v slovenskem kulturnem razvoju 19. stoletja. Ljubljana 1989. Objavljeno v: Duchovná hudba v 19. storocí, Zborník príspevkov z medzinárodnej muzikologickej konferencie, Banská Bystrica 19.-22.október 1994. Str. 167–172. 160 PRIMO KURET (1935) Povzetek Duhovna glasba in slovensko narodno gibanje v 2. polovici 19. stoletja Cerkvena glasba je v 19. stoletju prišla v krizo, ker so organisti vnašali vanjo prvine posvetne glasbe in se pri tem zgledovali po dunajski klasiki ali po italijanski belkantovski melodiki. Prvi reformator na Slovenskem je bil Gregor Rihar. Po zgledu cecilijanskega društva za nemško govoreèe deele je bilo leta 1877 v Ljubljani ustanovljeno Cecilijino društvo. Glavni pobudniki so bili Hugolin Sattner, Anton Foerster in Angelik Hribar. Društveni namen je bil »povzdiga in pospešek katoliške cerkvene glasbe [...] na podlagi cerkvenih doloèb in ukazov. Skrb svojo obraèa a) na gregorijansko koralno petje, b) na figuralno mnogoglasno petje starejše in novejše dobe, c) na cerkveno orglanje, d) na cerkveno petje v domaèem jeziku, e) na inštrumentalno godbo, kjer je, in v koliko ne nasprotuje cerkvenemu duhu«. Ustanovili so Orglarsko šolo, ki je v èasu svojega obstoja v letih 1877–1945 vzgojila 360 organistov (po deeli so vodili tudi posvetne zbore). Skladno s cecilijanskim gibanjem je zaèel izhajati list Cerkveni glasbenik, ena najstarejših slovenskih glasbenih revij, ki je kmalu prerasla apologetiènost in objavljala èlanke z vseh podroèij glasbe in muzikologije. –Vendar je cecilijanstvo slabo vplivalo na razvoj nacionalnega prebujanja slovenskega naroda po letu 1848, ker se je preveè zgledovalo po nemškem vzorcu; hkrati je anahronistièno vsiljevalo slog iz 16. stoletja in s tem zaviralo razvoj glasbenega romantizma v slovenski cerkveni glasbi. (Edo Škulj) 161 Die geistliche Musik und die slowenische Nationalbewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts