zweiten Superintendential-Bersaminlung Wiener Snperiniendentnr H. L. resarmirtra Kirchk Wien gehalten am 17. November 1867 über Zeph. 3, 14—20 Fr. Otto Schach Preis: 2V kr. Baibach 1867. Druck von Jgn. v. Kleinmayr L Fed. Bamberg Im Selbstverläge des Verfassers. Tert: Aeph. 3, 14—20. 14. „Jauchze, Lu Tochter Zion! rufe Israel! freue dich und sei fröhlich von ganzem Herzen, du Tochter Jerusalem! 15. Denn der Herr hat Leine Strafe weggenommen und deine Feinde abgewenLet. Der Herr, der König Israel, ist bei dir, Laß dn dich vor keinem Unglück mehr fürchten darfst. 16. Zur selbigen Zeit wird man sprechen zu Jerusalem: Fürchte dich nicht! und zu Zion: Laß deine Hände nicht laß werden! 17. Denn der Herr, Lein Gott, ist bei dir, ein starker Heiland: er wird sich über dich freuen, und dir freundlich sein, und vergeben, und wird über dir mit Schalle fröhlich sein. 18. Die, so durch Satzungen geängstet waren, will ich wegschaffen, daß sie von dir kommen; welche Satzungen ihre Last waren, davon sie Schmach batten. 1U. Siebe, ich willls mit allen denen ausmachen zur selbigen Zeil, die dich be¬ leidigen, und will der Hinkenden helfen, und die Verstoßene sammeln, und will sie zu Lob und Ehren machen in allen Landen, darinnen man sie verachtet. SO. Zur selbigen Zeit will ich euch hereinbringen, und euch zur selbigen Zeit ver¬ sammeln. Denn ich will euch zu Lob und Ehren machen unter allen Völkern auf Erden, wenn ich euer Gefängniß wenden werde vor euern Augen, spricht der Herr/' - - . - - - Geliebte in Christo Jesu! lllnserc evangelische Kirche ist vor Kurzem in die zweite Hälfte ihres vierten Jahrhunderts cingetrctcn, und dieser Zeitabschnitt hat gewiß auch euere Blicke rückwärts gelenkct, zunächst aus die Jahre, da ihr selbst mitgekämpfet und mitgearbeitet habt zur Fortbildung des reformatorischen Werkes, wie ja der Arbeiter zurückzuschauen pflegt auf seine Arbeit, wenn die Glocke ihm den Mittag verkündet und zu einer kurzen Rast ihn ladet, oder wie der Wandersmann, der die Höhe des Hügels er¬ reicht hat, einen Blick noch wirft auf das Thal, durch welches sein rüstiger Schritt ihn geführet, — dann aber seid auch ihr weiter ge¬ drungen mit dem Auge des Geistes, seid eingetretcu in die ehrwürdigen Hallen der Geschichte, habt verweilet bei den heldenmüthigen Männern, die zuerst die Fesseln sprengten, mit welchen Jahrhunderte die herrliche Freiheit bezwungen hielten, damit uns Christus befreiet hat, seid mit den Vätern eingetreten in die gewaltigen Kämpfe, die das heilige Werk zu vernichten drohten, habt euch gefrcuct über ihre Siege, und wie aber¬ mals das Wort Jesaja's in Erfüllung ging (9, 2): „Das Volk, so im Finstern wandelt, sieh et ein großes Licht, und die da wohnen im finstern Lande, scheinet es Helle," wie dann das heilige Licht fort und fort wuchs an Glanz und Fülle, um bald über die schweizer Berge und über die deutschen Gauen weit hinauszuleuchten. Wie sehr hat die evangelische Kirche in den wenigen Jahrhun¬ derten sich ausgebreitet und ausgebildet! Wie köstlich und segensreich hat sie sich bewähret! besonders in uuserm deutschen Vaterlande, an 6 dem deutschen Volke, welches unter allen Völkern dem Chrislenthumc stets das wärmste Herz entgegcnbrachte. Doch siehe, nicht überall konnte sie sich frei entfalten; auch rauhe, eisige Stürme und Wetter brachen über sie herein; ihr frisches Jugendgrün, es ward vernichtet vom harten Froste. Wenn zur Frühjahrszeit die Natur schon geschmücket ist mit dein jungen, hoffnungsreichen Gewände, und ein nächtlicher Frost lagert sich über die Fluren, so sehen wir zuweilen, wie die Blätter des Baumes nach einer Seite welken und verdorren, weil sie ungeschützet der aus¬ gehenden Sonne prcisgegebcn waren, aber nach den anderen Seiten pranget der Baum mehr und mehr in seinem üppigen Gewände, und seine Zweige geben erquickenden Schatten. Einein solchen Baume gleichet die evangelische Kirche des deutschen Volkes: Oesterreich zeiget uns seine verwettete, seine dürre und düstere Seite. Die Gegenreformation traf hart und tödtlich, die Blätter, vom tödtlichcn Froste getroffen, wetteten, steten herab; nur hier und da noch einzelne Spuren an den kahlen, nackten Zweigen, die waren traurig anzuscheu gegen den prunkenden Blätterschmuck des blühenden Katholicismns. Aber nein, das Mark in unseres Baumes Zweigen lebt noch, das konnte der Frost nicht tödten, darum füget sich von neuem Blatt an Blatt, dichter und dichter wird das Geäste, die Spuren der Trauer und Trübsal verschwinden, unser Ange, unser Her; erfreut sich an dem herrlich wachsenden Grün. Oder weiter, Geliebte, vernehmet eine Vergleichung, welche die heilige Geschichte uns an die Hand gibt, und an welche wir unfern erwählten und bereits verlesenen Text sich anschließen lassen. Nahe sechs¬ hundert Jahre vor Christus ward das Volk Inda durch Nebukadnezar gefangen hinweggeführt aus Canaans Gefilden zum fernen Babylon; das Volk der Erwählung war verstoßen und zerstreuet; es hatte keinen Tempel, darum klagete es; cs hatte keine Heimat, darum sehuete es sich zurück nach den Wassern des Jordan, nach den Mauern Jerusalems. Und siche, seine Befreiungsstunde schlug; was die Propheten geweissagt hatten, das erfüllete sich; Cyrus, der Perserkönig, ließ heimkehren das Volk, und ein großer Zug machte sich auf und zog zur Heimat, und ein zweiter und dritter Zug verließ das !?and der Knechtschaft und zog hin, zu bauen die Mauern Zions. Gleicht nicht die evangelische Kirche Oesterreichs dein gefangenen und geknechteten Volke Juda? Sind die vergangenen Jahrhunderte nicht 7 eine Zeit der Schmach und Erniedrigung für sie? Das war die Zeit ihrer babylonischen Gefangenschaft. Doch siche, auch diese Gefaugenschaft hat ihr Eude erreicht; uns ist ciu CyruS erstaudcn, welcher ein hoch¬ herziges Wort hat ausgesprochen. So wie jener Pcrserkönig dem aus¬ erwählten Volke ein hohes Wort verkündete: Juda, kehre heim! so er- tönete vor wenig Jahren für uns ein befreiendes, beglückendes Wort von dem erhabenen Kaiscrthrone: Gleichberechtigung! Noch sind die Sklavenfesseln nicht völlig gesprengt, doch die Gefangenschaft ist auf¬ gehoben ; das Volk, das in den Schatten der Finsterniß saß, es ist erlöset, es wird mich völlig befreiet werden. Zephanja, der Prophet zur Zeit Josia's, des frommen Königs zu Inda, weissagt dem Volke sowohl die Züchtigung als die herrliche, schöne Zeit, nachdem Gott sein Gefängniß wird gewendet haben, er weissagt ihm, noch bevor es weggeführt ist nach Babylon, und die Erfüllung zeigte, daß sein Wort ein festes prophetisches Wort war. Uns gelte das Wort, das ewig bleibet, um so sicherer und werde um so zu¬ versichtlicher von uns ausgenommen, da die Gefangenschaft bereits ist ausgehoben durch das kaiserliche Wort der Freiheit, da die evangelischen Gemeinden bereits auf dem Wege sind, zu bauen den Tempel Gottes im Geiste und wieder anfzurichten die Mauern Zions, das zerstöret war. So vernehmen wir denn, Geliebte, in dieser Andachtsstunde, mit welcher wir ein Werk beginnen, das mit Gottes Hilfe auch seine Bausteine fügen soll zu diesen Zionsmauern, vernehmen wir ein prophetisches Wort an die ertösete evangelische Hemeinde Gejierreichs! Zephanja fordert sein Völk zunächst auf zum Danke. Die da saßen an den Wassern zu Babel und wein eten, wenn sie an Zion gedachten, die ihre Harfen an die Weiden hingen und im fremden Lande des Herrn Lied nicht singen mochten (Ps. 137, I. 2. 4.), die sollen dann die Harfen nehmen und zu Jerusalem dem Herrn lobsingeu; so spricht das Wort des Propheten: „Jauchze, du Tochter Zion! rufe Israel! 8 freue dich und sei fröhlich von ganzem Herzen, du Tochter Jerusalem! (V. l4.) Auch wir hören zunächst des Propheten Forderung, dem Herrn zu danken: I. Jauchst und rufe, Israel! Der Prophet begründet selbst dies Wort, wenn er spricht: „denn der Herr hat deine Strafe weggenvmmen und deine Feinde ab gewendet" (B. 15 a). Nach alttestamentlicher An¬ schauung ist jedes Uebel, welches den Einzelnen oder das ganze Bolk trifft, eine Strafe für seine Uebertretung; von einer Vergeltung im Jenseits haben die Propheten noch keine Ahnung, darum muß die gött¬ liche Gerechtigkeit auf Erden ihre Genugthuung haben. So wird auch die Wegführuug nach Assyrien Und Babylon durchweg als Strafe ge¬ faßt, so auch in unserm Texte. Die christliche Anschauung ist eine an¬ dere. Wohl verdienen wir schwachen Menschenkinder alle die Züchtigung des Herrn, aber so wir Glauben haben und Buße thun, so vergibt uns der Herr um Jesu Christi willen und rechnet uns unsere Sünden nicht zu. Dennoch kommen wir in allerlei Trübsal, und die Hand Gottes leget uns oft harte, schwere Prüfungen auf. Du bist ein frommes Kind Gottes, du stehest fest im Glauben, du führest einen gottseligen Wandel, und dennoch, mein Christ, dennoch hat dich die Hand des Höchsten schwer getroffen; du bist vielleicht durch Unrecht und Betrug Anderer in Noth und Elend gekommen, oder du hast einen kranken, siechen Körper und seufzest durch lange Nächte auf dem Schmerzenslager, oder du beweinst ein treues Herz, mit welchem du so innig verbunden wärest, und das, ach, zu frühe dir entrissen ward, oder dein geliebtes Kind, an welchem deine Seele hing, auf welches du deine Zukunft bauen wolltest, es wurde dir hinweggetragen: Du weißt nicht, warum du so getroffen wurdest, du kannst nicht erforschen die Wege deines Herrn und Gottes, und seine Weisheit ist dir unergründlich; aber das glaubst du fest und zuversicht¬ lich, daß auch die harte Prüfung von einer Vaterhand verhänget ward zu deiner Seele Heil und Wohlfahrt. So aber regieret der Herr auch die Völker bis zu den Enden der Erde. Der Herr ist's, der da schlägt und errettet, der Herr ist's, der verwundet und heilenden Balsam gibt. 9 So hat auch die evangelische Kirche Oesterreichs schwere Zeiten, sie hat Jahrhunderte der Prüfung erfahren, sie ist durch Bedrückung und Verfolgung, durch Noth und Banden hindurchgeführet worden, und demüthig beugen wir uns unter seine Weisheit, die Solches zugelasscn; sie weiß anch Verfolgung und Unrecht zu unserm Besten hinauszufüh¬ ren. Dennoch aber, wer will uns wehren, dein Herrn zu danken und seinen Namen zu preisen, weil nun die Trübsal vorüber und der Feind abgewendet ist! Jauchze und rufe, Israel, freue dich und sei fröhlich, du Kirche des Evangeliums; denn auch dein Feind ist abgewendet! Wie? unser Feind sei abgewendet? Sind wir nicht vielmehr noch rings von Feinden umgeben? Wohl, Geliebte, unsere Kirche hat noch ihre Feinde, aber gegen die werden wir kämpfen auf Grund von Recht und Gesetz, und wo die Angriffe im Verborgenen geschehen und der Arm des Gesetzes machtlos ist, da verlassen wir uns auch ferner auf die Hülfe dessen, der es ausmachcn will mit unfern Feinden, wie unser Text spricht. Danken wir nur unserm Gotte, daß der eine Feind ist abgewendet, den nur des Höchsten Gewalt zu verdrängen vermochte, das ist der Geist der früheren Zeit, der Geist der Unduldsamkeit, der Geist der Finsterniß. Das war ein Feind, der nicht bloS die Seelen des niederen Volkes, nein, der auch die Gebildeten als seine Knechte benutzen konnte, ein Feind, der selbst vom Throne aus seine Waffen schleuderte, daß sie tief hineinschnitten in das Mark des evangelischen Lebens. Der Feind ist nicht mehr, er ist verdränget worden durch den Geist der Ge¬ rechtigkeit und Milde. Freilich schon einmal, vor geraumer Zeit, wurde das Joch der evangelischen Kirche in Oesterreich etwas erleichtert; sie wurde geduldet; allein was war das für eine Duldung! wie sie geübt wurde, war sie sicherlich ein Beweis gerade der Unduldsamkeit. Wir wollen mehr als eine solche Duldung, wir wollen Gerechtigkeit, und die ist uns versprochen worden durch Kaiserwort. Darum danke deinem Gotte, befreiete Gemeinde, jauchze und rufe, Israel, daß der Herr dei¬ nen Feind hat abgewendet und die Zeit der Prüfung hat von dir ge¬ nommen. Dennoch, so höre ich eine Stimme, was hilft es uns, wenn die Gerechtigkeit uns zwar versprochen, aber nicht gegeben wird, was sollen wir danken und fröhlich sein, wenn das Unrecht noch nicht aufhört, und wir immer noch gedränget und gcängstiget werden, wenn unsere gerech¬ ten Forderungen immer noch nicht erfüllet werden? Wir wollen uns 10 nicht täuschen, wir wollen nicht danken für das, was wir noch nicht besitzen, wir wollen aber auch nicht undankbar sein, weil uns nicht alles auf einmal gegeben worden. Das Wahre und Edle muß überall ja durch mancherlei Kämpfe sich hindurchschlagen, bis es zum Siege kommt. So hat auch unsere Kirche noch zu kämpfen, aber sie hat außer den göttlichen Waffen noch ein treffliches irdisches Schwert, das ist das Kai- scrwort, das zuvor iu Oesterreich noch nicht von solcher Stätte ausge¬ sprochen worden ist, es ist die „Gleichberechtigung." Mag man das Wort hindern wollen in seinem Laufe zur That, mag man dies köstliche Kleinod dir wieder entreißen wollen, du Kirche des Herrn, es wird ver¬ gebens sein, dein Gott ist mit dir im Streite, er wird seine Flügel über dich breiten, er wird dich bedecken mit seiner Treue. Vernimm, was der Prophet seinen: Volke znruft, es gelte auch dir, gefährdete Gemeinde Oesterreichs, das Wort Zephanja's: II. Fürchte -ich nicht, Jerusalem! (Vers 16 a.) Der Herr, der König Israel, ist bei dir, spricht der Prophet, daß du dich vor keinem Unglück mehr fürchten darfst (V. 15 b), und abermals: „der Herr, dein Gott ist bei dir, ein starker Heiland; er wird sich über dich freuen und dir freundlich sein, und vergeben, und wird über dir mit Schalle fröhlich sein." (V. 17.) Wie sollten wir uns fürchten, wenn der Herr mit uns ist? Oder sollte der Herr sein Antlitz von uns wenden, wenn wir einstehen für die Lauterkeit seines Wortes und für die Heiligkeit seines Namens? Kämpfen wir für un¬ sere eigene Ehre, dann, Geliebte, sind wir gar leicht vernichtet; streiten wir aber für den Herrn, dann ist der Herr auch unsere feste Burg, unser Hort und unser Heil. Er ist auch jetzt wieder mit uns, nach¬ dem die Tage der Prüfung sind hinweggenommen, er erfüllt unsere Seele mit dem Muthe der Begeisterung, er verleihet uns die Kraft seines Armes, daß wir das Schwert des Geistes zu führen mächtig sind, welches ist das Wort Gottes. Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Wer will verdammen? Wer will uns scheiden von seiner Liebe? Wer mag wider uns sein, n wenn Gott für uns ist? (Röm. 8) so spricht mit Paulus zuver- sichtlich die Gemeinde, die unter den Schatten des Höchsten sich gesctzet hat, so spricht die evangelische Gemeinde, wenn sie bedroht ist von Ge¬ fahr und Anfechtung. Das ist der Muth, der einen Zwingli zum Felde der Schlacht und des Todes führet, das ist der Muth, der den nnbcng- samen Charakter einem Calvin verleiht, das ist der Muth, von welchen: Luther war beseelet, als er geil Worms zog und den warnenden Stim¬ men seiner Freunde die Antwort gab: „wenn so viel Teufel in Worms seien, als Ziegeln auf den Dächern, so wollte er doch hinein", als er dann stand vor Kaiser und Reich und sich so gläubig kühn vertheidigte, und mit dem Worte schloß, das heute noch den Glaubensfeindcn gegen¬ über in der evangelischen Gemeinde, in allen evangelischen Herzen wi¬ derhallen und lebendig sein soll: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir." Auch unsere Glaubensfeinde sind zahlreich noch, stark und mächtig; dämonische Gewalten find ihnen dienstbar; die Geister der Ungerechtig¬ keit wagen sich noch bis zu den Staffeln des Thrones, im Finstern leisten sie Widerstand dem gerechten Willen unseres erhabenen Dionarchen, und sein Wort wird mißachtet. Das sind die Feinde, die uns noch so manche Demüthigung znfügen in unserer Kirche und Schule, die den Zustand der alten Ungerechtigkeit durchaus erhalten und uns stets hin¬ dern wollen am Bau des neuen Zion, das auf den Mauern, auf den Trümmern des alten herrlich soll erstehen. Gleich also erging es dem Volke Juda, da es zurückkehrete aus Babylon. Wohl hatten sie ihre goldenen und silbernen Tempelgefäße durch Cyrus zurückerhalten, und es war des Fürsten Wille, daß sie den Tempel Salomo's wieder auf¬ bauen sollten; aber als sie nun ansingen, da kamen ihre Feinde, die Samaritaner, und hinderten sie am Baue, so lange Kores lebte, und konnte der Tempel erst vollendet werden in: sechsten Jahre des Königs Darius. Trotz aller Feindseligkeiten wurde also der Bau dennoch end¬ lich vollendet; der Herr hatte es ausgemacht mit den Feinden Jnda's. Auch hierin gleichet die evangelische Gemeinde Oesterreichs dem Volke Juda; siegreich wird sie die Hindernisse überwinden; denn auch ihr gilt das prophetische Wort unseres Textes: Fürchte dich nicht, Jeru¬ salem! Siehe, ich will es mit allen denen aus mach en zur selbigen Zeit, die dich beleidigen." (V. 19 a.) 12 Ich will es ausmacheu, spricht der Herr; das ist eine ge¬ waltige Verheißung, wer kann bestehen vor seinem mächtigen Arme? Kann auch die Finsterniß streiten nut dem Lichte; die dunkelsten Nächte, können sic widerstehen, wenn die Sonne majestätisch aufsteigt hinter den Bergen, im Pnrpurlichte strahlt das Firmament, siegreich erhebt sich die Königin des Himmels über die dämmernden Wälder und die be¬ schatteten Fluren, und die Sänger der Lüfte jauchzen dein anbrcchenden Morgen ihr fröhliches Lied entgegen, selbst die Blumen und Blüthen, frischer und lebhafter glänzen sic, wenn sie, vom leisen Winde beweget, den perlenden Thau, die Thränen der Nacht, abgeschüttelt haben, die an ihren Kelchen schimmerten. So ist auch uns ein neuer Morgen angebrochen, Geliebte; auch wir schütteln bald die letzten Thränen ab, die noch an unscrn Wimpern hangen, und die Jahrhunderte der Nacht auf unser Antlitz gesenket hatten; ein neuer, frischer Geist wehet ja als klare Morgenluft durch Oester¬ reichs Gauen, eine neue Sonne gehet nns herrlich auf, das ist die Hilfe des Herrn unseres Gottes. Dar nm fürchte dich nicht, Jeru¬ salem, spricht der Herr, und abermals bei dem Propheten Jesaja (41, 10): „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir, weiche nicht; denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Ge¬ rechtigkeit." Doch du selbst, Jerusalem, darfst du unthätig diese Hilfe erwarten? Vielleicht bist du eingeschüchtert und müde durch so manches vergebliche Bemühen? Wahrlich, nein! Es gilt auch standhaft zu sein und beharrlich in der eigenen That. Darum, so gilt auch dir des Propheten letzte Ermahnung: 111. Kch deine Hände nicht laß werden, du Tochter Zion! (Bers 16 b.) Wohl ist gar Manches vergeblich versucht und gearbeitet worden, und was errungen wurde, das konnte nur mit schweren Kämpfen erzielet werden; davon können die evangelischen Gemeinden Zeugniß ablegen, die erst seit wenigen Jahrzehnten sich gegründet haben. Gar Manches aber ist zu erkämpfen noch übrig, obgleich fort und fort daran gearbeitet 13 wird. Da ist denn auch bei Bielen sicherlich in den letzten Jahren die Begeisterung gesunken, eben weil sie vergeblich gearbeitet hat. Laß deine Hände nicht laß werden! Das ist darum für die evangelische Kirche Oesterreichs besonders ein wichtiges, ernst ermahnendes Wort. Wie Juda's Volk nicht müde ward im Tempclbaue, wie es immer wieder angriff und Stein auf Stein fügete, bis der herrliche Bau vollendet ward, so, Geliebte, sollen auch wir unermüdlich sein, zu bauen die Kirche Christi, sollen Herz auf Herz fügen an dem unsichtbaren Tempel, der da ein Haus Gottes ist im Geiste, sollen Stein auf Stein fügen an dem sichtbaren Zion, das ist uns die Verfassung der evangelischen Kirche. Laß deine Hände nicht laß werden, du Tochter Zion! Was antworten wir der prophetischen Stimme? „Nimmermehr! Wir werden nicht müde; unsere Hand erschlaffet nicht, ob sie auch manches Dornengesträuche noch bei Seite zu biegen hat; unser Fuß strauchelt nicht, gilt es auch steinige Pfade zu wandeln und gewalt'ge Felsenhöhen zu erklimmen." Das ist unsere Antwort. Wir arbeiten immer wieder von Neuem an diesem Tempelbaue, Geliebte, auch heute schreiten wir wieder zum gemeinsamen Werk. Die Gemeinden unserer Diöcese haben ihre Vertreter gesandt; mit feierlichem Gottesdienste beginnen wir, dieweil ja doch des Menschen ganzes Werk und Thun mit einem frommen Aufblick zu Gott geschehen soll; dann wird in seinen: Namen gehandelt werden. Wir wollen das Unrecht vernrtheilen, das noch auf unserer Kirche lastet; wir wollen anbahnen, was unserer Kirche recht und heilsam ist. Freilich sind es blos wenige Gemeinden, die heute znsammentreten, freilich ist unsere Kraft gering und schwach, aber das wissen wir: der Herr ist mächtig in unserer Schwachheit, er wird segnen unser Thun, weil es in seinem Namen geschehet. Zudem stehen wir nicht allein, wir sind im Geist wie in unserer Arbeit eng verbunden mit unseren evangelischen Brüdern; wir alle sind ja Glieder eines Leibes, davon das Haupt ist Christus: Darum ein jedes Glied thue, dazu es gesctzet ist, so wird der ganze Leib stark und blühend sein. Nur danu auch dürfen wir die Hilfe Gottes in vollstem Maße hoffen und dürfen der herrlichen Verheißungen uns ge- trösten, die der Prophet am Schlüsse seines Buches gibt, und die uns treiben, alle unsere Kraft daran zu setzen, auf daß wir sic völlig erlangen. Die Erfüllung derselben hat bereits in unserer Kirche begonnen. Welches sind aber diese Verheißungen? 14 Ich will die Verstoßene sammeln, spricht der Herr (Vers 19 a, 20 b). Erkennet ihr's, Geliebte, wie das Wort immer mehr seiner Erfüllung entgegengeht? Ihr wißt cs, wie immer nene Gemeinden sich gründen nnd die zerstreuten Schäflcin ihre Hirten erhalten, wie überall hinznkommen, die da gelrcnnet waren, und also geschiehet, was in dem 18. Vers unseres Textes nach der richtigen Ucbersetznng geschrieben stehet: „Die von der Gemeinde getrennet waren, will ich zu Haus bringen, - so ferne von dir waren, da die Schmach schwer ans ihr lag," oder wie gesagt ist bei dem Propheten Jeremias (16, 16): „Siehe, ich will viele Fi¬ scher aussenden, spricht der Herr, die sollen sie fischen, und darnach will ich viele Jäger aussenden, die sollen sie fangen auf allen Berge n und auf alle n H ü g e l n n n o in allen Steinritzen." Die einzelnen Gemeinden aber vereinigen sich zu einem kirchlichen Verbände; gesammelt stehen sie da in der ver¬ fassungsmäßigen Synode. Weiter spricht die Verheißung: „Ich will der Hinkenden helfen" (V. 19 b), und bereits hat der Herr geholfen und wird sicherlich auch weiter helfen. Die Hinkenden, das sind die armen, schwachen Gemeinden in der Zerstreuung, die sich lange gesehnet, bis sie ein Gotteshaus sich erbauen konnten, die aber immer noch zu schwach sind, sich selbst aufrecht zu erhalten; denen hat der Herr eine kräftige Stütze gegeben, einen helfenden Boten hat er ihnen gesandt, den Gustav Adolph-Verein, der aus dcrNoth sie erhebet und ihrer Schwachheit aufhilft. Ich will dir Lob und Ehre geben unter den Völ¬ kern, wenn ich dein Gefängniß gewendet habe, sagt unser Textwort weiter (V. 19 ä, 20 o). Was war das für ein verachtetes Gewand, mit welchem unsere Kirche in diesem Lande bekleidet war, wie hat man sic geschmähet, ihre Glieder für Gottesleugner geachtet und die Seligkeit ihnen abgesprochcn! Aber nun siehe, das Gewand der Verachtung wird immer mehr von uns genommmen, man lernet unsere Gesinnungen, unser Streben kennen, das Zielst der Wahrheit durch dringet die finstern Nebel, uran sichel, wir haben einen lebendigen Glau den an Christum, wir stehen fest auf dem Bekenntnis; des Evangeliums von dem Gekreuzigten, und darum hat unsere Kirche auch bei unseren katholischen Brüdern Anerkennung und vielfach lebhafte Theilnahme ge¬ funden, da sie vorher verachtet war. 15 Und endlich verheißet der Herr: Au derselben Zeit will ich euch h e r e i n b r i n g e n (B. 20 a), herein wieder nach Canaan, zu der alten Blüthe und Kraft. Auch wir, Geliebte, nehmen Theil an dieser Verheißung, auch wir sollen wieder gefnhret werden zu der alten Kraft und Blüthe, die unsere Kirche zuvor iu Oesterreich hatte; auch hier geht unsere Kirche einer schönen Zukunft entgegen, wir sehen sie aus ihreu Grundvesten sich erheben, wir sehen, wie sie höher und höher herrlich sich ansbauet zum Ruhme und Preise Christi, der da ihr Grundstein, der auch ihr Schlußstein ist. Darum wirst auch du selbst uicht müde, du Tochter Zion, und lassest deine Hände nicht laß werden, zu arbeiten, daß die Gemeinde wachse iu allen Stücken an dem, der das Haupt ist, Christus; darum fürchtest du dich nicht, J eru salem; dich schützet dein treuer, einiger Hirte, Christus; darum jauchzest du, Israel, uud rufest freudig und fröhlich dein fest Bekenntniß, darauf du gegründet bist: Jesus Christus gestern, und heute, und derselbe in Ewigkeit. Amen!