H ERBERT BÖCKL Otto Be n esc li, Wien D er K ünstler, der in L jubljana durch die Ausstellung der A lber­ tina 1955 zum ersten Male in einer repräsentativen Schau seiner H and­ zeichnungen und A quarelle gezeigt wurde, ist kein U nbekannter mehr. In W ien tra t Böckl zum ersten Male 1927/28 als G ast der Secession mit einer geschlossenen Kollektion seiner malerischen Schöpfungen vor die Ö ffentlichkeit. Rang sich dam als in der allgemeinen Meinung die Über­ zeugung durch, daß m it Böckl eines der stärksten und ursprünglichsten M alertem peram ente au f den Plan getreten sei, glühend und inbrünstig in der farbigen Vergegenständlichung seiner N aturerlebnisse, so w ar Mangel an K larheit und Überlegung der zeichnerischen A nschauung das, was m an dem K ünstler noch zur Last legen zu können glaubte. Als Böckl im Herbst 1931 als Gast des Künstlerhauses wieder m it einer Kollektive Rechenschaft über seinen weiteren Weg ablegte, w urde der gewaltige Eindruck der »Anatomie« womöglich noch übertönt durch die Reihe der erschütternden Totenzeichnungen, deren düsterer Klang von sonnigen Lichtgebilden aus Landschaft und Kinderw elt um spielt wurde, E infach­ stes und Letztes an menschlicher und natürlicher W esenheit m it unüber­ bietbar schlichtem und klarem Liniengefüge darstellend. Böckl, von dem man einst sagte, daß er wohl gut malen, aber nicht zeichnen könne, hatte nun den Beweis geliefert, daß er zeichnen könne, so gut, daß man jetzt erklärte, er wäre ein viel besserer Zeichner als Maler. Das eine Urteil ist so unrichtig wie das andere. Die schöpferische Persönlichkeit ist eine Einheit und jede Form, in der sie sich äußert, notwendiger Ausdruck dieser Einheit. Neben Böckls m alerischer Entw icklung läuft seine zeich­ nerische, eng verwoben und verquickt mit ersterer, von der sie nur theo­ retische Betrachtung loslöst. Alle Phasen des W achstum s dieser K ünstler­ persönlichkeit offenbaren sich in der einen so überzeugend wie in der anderen. Und mag es auch zuweilen geschehen, daß das künstlerische Ingenium das nächste Ziel, das es sich gesetzt hat, in dem einen D ar­ stellungsm ittel früher erreicht als in dem anderen, so w äre es voreilig, daraus kritische Schlüsse über ihren W ert und ihre Bedeutung im G an­ zen zu ziehen. D er Kern, die zentrale K raft dieses W achstum s besorgt immer wieder den Ausgleich. Böckls malerische T ätigkeit begann im Zeichen der Auflösung über­ kommener Formen. Ehe er die neue W elt, seine ureigene, aufbauen konn- Abb. 263. H. Boekl. Apotheose des Prinzen Eugen, Feder (Wien, Sam m lung O tto Benesch) te, m ußte er die alte zertrüm m ern. Seine frühen Bilder — um das Jalir 1922 — sind ein schwebendes Vibrieren gelöster M aterie im farbigen Raum. Doch aus dem fragm entarischen, bruchstückhaften C harakter dieser Gebilde leuchtet schon die Ahnung kommender, intuitiv erfaßter Gestalt. Es gibt Aktzeichnungen aus dieser Zeit, Gestaltentorsi, in denen weder A ntlitze noch G liedm aßen deutlich zu unterscheiden sind. Doch wäre es ein Irrtum , diesen flim m ernden Visionen aus schwarzen Kohle­ flecken und hellen L ichtpartien impressionistisches Formensehen ent­ nehmen zu wollen. Das D unkel konzentriert sich nicht an den Stellen t r 1 " ' , t ; r .- ,., • I * « * ! » Abb. 264. H. Böckl, Das Tote Gebirge, A quarell (Wien, Albertina) optischer Schatten, sondern an den Keimstellen w erdender neuer Form. Diese B lätter haben etwas W achsendes, vor den Augen des Beschauers spielt sicli ein W erdevorgang ab. Die Leiber schimmern, blühen auf, wie sich eine Pflanze entfaltet. Böckls K unst ist organisches W achstum und organisch W achsendes — seelisch und körperlich — ist ihr liebster G e­ genstand. Die tiefsten treibenden K räfte sollen bloßgelegt werden. Auch der »toten N atur« der Stilleben eignet das geheimnisvoll Belebte. In F i­ schen und Früchten, um eine Flasche gruppiert, regen sich dieselben aufbauenden K räfte, die eine anim alisch oder vegetabil veränderte nackte M enschengestalt mit noch tastenden, aber ahnungsvoll das R ich­ tige treffenden Linien umreißen. In Böckls Kunst sind die tiefen K räfte lebendig, die die heim atli­ chen M eister der G otik und des Barock erfüllen. Er ist einer ihrer Reihe, aus ihnen flössen ihm, dem Stammes- und Erdgebundenen, die Energien zu seinem kühnen W agnis zu. W eltw eite des Blicks gewann er, wie seine Vorfahren im 15. Jahrhundert, erst in frem den künstlerischen Regionen. E r arbeitete in Paris und Palermo. Das bloß G eahnte tritt ins Licht hel­ len, klaren Bewußtseins. Die frem de und doch so tief w ahlverw andte W elt lehrte ihn die Festigkeit tragfähigen Aufbaus. Ein menschlicher Kopf, ein in der L andschaft stehendes Gebäude, einst flim m ernd und schwebend, w erden groß und k lar umrissen. E infachheit, aber von Le­ bensfülle brausende, Lebensfülle bändigende E infachheit ist das L eit­ m otiv dieses Schaffens. Aus N atur und K unstw erk zieht der K ünstler die gliedernden G rundeinheiten heraus. Das m ächtige Gebilde des geschlach- r Abb. 265. H. Böckl, Stilleben, Schw arze K reide (Wien, Albertina) teten Ochsen — altes Them a der holländischen Malerei von Aertsen bis R em brandt — breitet seine lebensstrotzende Form enpracht und Perm o­ sers wolkige M armorapotheose des Prinzen Eugen w ird au f ihre plasti­ schen G rundform en durchgegliedert wie ein michelangelesker Leiber­ block (Fig. 263). Die K lärung und dam it auch V ertiefung von Böckls zeichnerischer Sprache ist keine rein form ale Angelegenheit. D ie m eisterlichen, in sp ä­ teren Jahren entstandenen Blätter, F rau, Kinder, Freunde darstellend, offenbaren die L auterkeit und Reinheit der Betrachtung, die Böckl sei­ nem G egenstand entgegenbringt. So erschließt sich ihm das Menschliche im Gegenüber restlos. Solch schlichte W ahrheiten des Daseins können nur in einfacher, klarer Form gesagt w erden, denn nur eine einfache Sprache geht w irklich zu Herzen. Es ist, als ob dieses Suchen des K ünst­ lers nach dem Menschen, nach dem fühlenden Lebewesen auch die E in­ fachheit und Sicherheit seiner heutigen zeichnerischen Ausdrucksweise Abb. 266. H. Böckl, Stephansturm . Aquarell (1932) wesentlich m itbedingt hätte. Diese menschliche V erklärung liegt über dem K örper und den Zügen des Aktmodells ebenso wie über dem A ntlitz der Landschaft, in der Menschen wohnen, die Menschen geform t haben, sei es ein Stück Vorstadt, ein Blick über bebaute Ebene, oder eine G ruppe Siedlerhäuser, deren unendlich keusche und zarte Umrisse aus dem M or­ gengrauen heraufdänim ern. H ervorragendes hat Böckl auch als A quarellist geleistet. Es ist ein Zwischengebiet, um grenzt von M alerei und Zeichnung. In köstlichen Blumenstenogrammen zeichnet der Pinsel. In anderen B lättern ballt sich die Farbe zu tief glühenden Massen, ein Mosaik abstrakter Form en in ­ krustierend, in dem w ir noch das W achstum von Berg und Gestein deut­ lich und konkret ablesen können. Nichts ist Böckl ferner als Nurschm ük- kende, das »Dekorative«. Aus tieffarbig rinnenden Tinten glänzt ein blanker Fisch, leuchtet eine Frucht, bau t sich säulenhaft ein Glas, w ölbt sich eine Bergkette, w ächst ein gotischer Turm. Auch da, wo die Technik die Versuchung zu schönfarbiger Form losigkeit nahelegt, zw ingt Böckl den Dingen seinen unbeugsam en architektonischen Form willen auf (Fig. 264, 265, 266).