Holger Zaborowski ABSCHIED VOM „EWIGEN FRIEDEN"? NEUE KRIEGE UND IHRE HERAUSFORDERUNGEN FÜR MORAL UND RECHT1 1. Alte und moderne Kriege und die Aufgabe eines „ewigen Friedens" Die Geschichte der Menschheit ist - leider! - auch eine Geschichte des Krieges. Nach dem Buch Genesis findet sich das Urbild aller kriegerischen Auseinandersetzungen bereits in der zweiten Generation der Menschen. Kain und Abel, zwei Brüder, die Söhne von Adam und Eva, der Bauer und der Schafhirte, können nicht friedlich miteinander leben. Kain erschlägt aus Neid Abel - eine Tat jener sinnlosen Aggression, die sich seit diesem „Urkrieg" anscheinend endlos wiederholt und verschärft. Das biblische Zeugnis wird durch das griechische Denken ergänzt und bestätigt. In einem berühmten Wort hat Heraklit vom Krieg, vom polemos, als dem „Vater aller Dinge" gesprochen und somit in Streit und Widerspruch ein grundlegendes Prinzip der Wirklichkeit gefunden. Auf das Buch Genesis wie auf Heraklit (und Hegel) hat sich Carl Schmitt nach dem Zweiten Weltkrieg bezogen, um seine eigene Zeit und den Verlauf der Geschichte zu deuten: „Der Andere ist mein Bruder. Der Andere erweist sich als mein Bruder, und der Bruder erweist sich als mein Feind. Adam und Eva hatten zwei Söhne, Kain und Abel. So beginnt die Geschichte der Menschheit. So sieht der 157 1 Die gekürzte Fassung dieses Textes erschien zuerst in: Communio 43 (2014), 37-50. Er geht zurück auf einen Vortrag auf der Konferenz „Virtualität. Phänomenologische Zugänge", PTHV 21. - 23. 11. 2013, Vallendar. Vater aller Dinge aus. Das ist die dialektische Spannung, die die Weltgeschichte in Bewegung hält, und die Weltgeschichte ist noch nicht zu Ende."2 Aus diesem Grund verleihen nicht zuletzt Kriege der Geschichte Struktur und Sinn. Kriege trennen Vorkriegs- von Nachkriegszeiten, kulturelle Blütezeiten von Zeiten der Stagnation und des Verfalls, Epochen des Militarismus von Phasen der Besinnung auf Frieden. Die Jahre 1870, 1914 oder 1939 stellen wichtige Einschnitte im Leben jener Nationen dar, die sich in diesen Jahren im Krieg befanden - sei es als Aggressoren oder als Opfer feindlicher Überfälle. Kriege bestimmen maßgeblich politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche, technologische oder auch wissenschaftliche Entwicklungen und stellen grausame, manchmal fanatisch initiierte, oft auch als völlig sinnlos erlebte Ereignisse für jene Menschen dar, die an ihnen beteiligt sind, in ihnen sterben, verletzt oder vertrieben werden oder durch sie den Glauben an Gott, die Menschheit oder das 158 Gute verlieren. Bis heute bestimmen Kriege das menschliche Zusammenleben so sehr, dass man verführt sein könnte, von der kriegerischen Auseinandersetzung im Rahmen einer Natur- und Kulturgeschichte menschlicher Aggression als einer anthropologischen Grundkonstante des Menschseins zu sprechen. Gegen diesen Pessimismus - eigentlich ein Realismus - spricht die Hoffnung, dass es anders stehen könnte, dass die Menschheit einmal den Kriegszustand hinter sich zurücklassen könnte und sich ein Zustand „zum ewigen Frieden" einstellen werde. Diese Hoffnung auf eine irdische Friedenszeit hat insbesondere das Denken der Aufklärung bewegt. Geschichte erschien als Fortschritt nicht nur der Freiheit des Menschen, sondern auch als ein Weg zu einem umfassenden Frieden. Immanuel Kant schließt seine Schrift „Zum ewigen Frieden" daher mit dem folgenden Ausblick in die Zukunft: „Wenn es Pflicht, wenn zugleich gegründete Hoffnung da ist, den Zustand eines öffentlichen Rechts, obgleich nur in einer ins Unendliche fortschreitenden Annäherung wirklich zu machen, so ist der ewige Friede, der auf die bisher fälschlich so genannte Friedensschlüsse (eigentlich Waffenstillstände) folgt, keine leere Idee, sondern eine Aufgabe, 2 Carl Schmitt, Ex captivitate salus. Erfahrungen der Zeit 1945/47, Berlin: Duncker & Humblot, 22002, 89f. die, nach und nach aufgelöst, ihrem Ziele (weil die Zeiten, in denen gleiche Fortschritte geschehen hoffentlich immer kürzer werden), beständig näher kommt."3 Je unmenschlicher Kriege in der Neuzeit wurden, je mehr die Existenz der gesamten Menschheit auf dem Spiel stand, umso notwendiger und nicht allein wünschenswert erschien auch die Aufgabe, einen dauerhaften Frieden zu erreichen: „Anders als unsere Vorfahren", so der Historiker Arnold J. Toynbee, „haben wir heutigen Menschen im Grunde unseres Herzens das Gefühl, daß ein weltfrieden nunmehr unumgänglich notwendig ist. wir leben täglich in Angst vor einer Katastrophe und fürchten, daß diese bestimmt über uns hereinbrechen wird, wenn es uns nicht gelingt, das Problem eines solchen Friedens zu lösen. Es wäre keine Übertreibung, zu sagen, daß diese Furcht, die wie ein Schatten dunkel über unserer Zukunft liegt, beginnt, uns selbst bei den gewöhnlichsten Verrichtungen des täglichen Lebens geistig zu lähmen. [...] Das Schlimmste an dieser Furcht ist die unleugbare Tatsache, daß sie ihre Wurzeln nicht in unserem 159 Gefühl, sondern in unserem Verstande hat."4 Kants und Toynbees Überlegungen zur Möglichkeit und Notwendigkeit eines dauerhaften Friedens stehen im Kontext der in der Moderne sich entfaltenden Bemühungen, den Kriegszustand durch rechtliche und moralische Regulierungen zu humanisieren. Gedanken zum „gerechten Krieg" gehen freilich bis auf Cicero zurück. Ein Kriegsvölkerrecht hat sich allerdings erst in der Neuzeit entwickelt. Erst sehr spät, nämlich nach dem Ersten Weltkrieg wurde etwa im Briand-Kellog-Pakt der Angriffskrieg verboten. Es scheint, als hätten immer wieder erst Katastrophen zu einer Umorientierung und zur Einsicht in die Notwendigkeit verbindlicher Regeln geführt. Von zentraler Bedeutung für diese moralischen und rechtlichen Regulierungen des Krieges war ein System von Differenzierungen, das für jene Kriege, die man „modern" nennen kann, Gültigkeit beansprucht. Grob vereinfachen lässt sich sagen: Kriegszustände und Friedenszustände 3 Immanuel Kant, "Zum ewigen Frieden", in: Immanuel Kant, Werke in zehn Bänden, hrsg. von Wilhelm Weischedel, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1983, Bd. 9.1 (Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik), 191-251. 4 Arnold J. Toynbee, Krieg und Kultur. Der Militarismus im Leben der Völker, Frankfurt am Main: Fischer Bücherei, 1958, 12. konnten klar voneinander unterschieden werden. Kriege wurden erklärt; Frieden wurden geschlossen. Es gab ein eigenes Kriegsrecht. Neben den Angriffskriegen gab es Verteidigungskriege. Kriege, die bestimmte moralische Kriterien erfüllten, galten als gerecht, während anderen Kriegen diese Kennzeichnung nicht zukam. Im Krieg standen sich auch nicht einfach Verbrecher oder gesetzlose Gruppen gegenüber, sondern Feinde, die ihre Ehre achteten und sich im Falle der Gefangennahme mit Respekt behandelten. Andere Unterscheidungen sind für das moderne Verständnis des Krieges ähnlich bedeutsam. Zivilisten werden von Soldaten unterschieden, Waffen von anderen technischen Instrumenten. Je mehr man unterscheiden konnte, desto mehr wurde der Krieg zu einem begrenzbaren und somit auch zu einem beherrschbaren Geschehen. So schien es zumindest. Fast hätte es sogar scheinen können, als sei die Menschheit tatsächlich dem Ziel eines ewigen Friedens immer näher gekommen - nicht zuletzt aufgrund 160 jener Verstandeseinsicht, auf die Toynbee und viele andere Bezug nahmen. Denn die Entwicklung der Atombombe - und dies bedeutet: nicht allein die bloße Möglichkeit, sondern die Wirklichkeit ihrer Anwendung in Hiroshima und Nagasaki im August 1945 - hatte drastisch vor Augen geführt, dass es nur noch eine einzige Alternative gab: Frieden oder Vernichtung der Menschheit. „Die Welt nämlich, in der wir bisher lebten", so Reinhold Schneider, „geht in jedem Fall zu Ende; das ist die unausbleibliche Folge gemachter und angebahnter Entdeckungen und Erfindungen: die Frage ist nur, ob der Krieg das Ende vollziehen wird oder der Friede."5 Diese Frage war auch Ausgangspunkt von Karl Jaspers' 1958 erschienenem Die Atombombe und die Zukunft des Menschern „Eine schlechthin neue Situation ist durch die Atombombe geschaffen. Entweder wird die gesamte Menschheit physisch zugrunde gehen, oder der Mensch wird sich in seinem sittlich-politischen Zustand wandeln."6 Alles lief auf diese grundlegende Entscheidung hinaus: Krieg oder Frieden, Vernichtung der Menschheit oder ihr Überleben. Dazwischen gab es keinen Spielraum für Alternativen. Damit, so schien es, vollendete sich die Natur- und Kulturgeschichte des Krieges. 5 Reinhold Schneider, Der Friede der Welt, Wiesbaden: Insel-Verlag, 1956, 107. 6 Karl Jaspers, Die Atombombe und die Zukunft des Menschen, München: Piper, 1982, 5. 2. Neue Kriege und das Ende eindeutiger Unterscheidungen Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sieht die Situation anders aus. Ganz unerwartet dürfte dies nicht sein. Bereits der moderne Krieg ist von einer grundlegenden Paradoxie gekennzeichnet. Der Humanisierung des Krieges durch die moralische und rechtliche Regulierung des Krieges steht nämlich die Tatsache gegenüber, dass das Kriegsgeschehen in der Neuzeit eine zuvor nicht mögliche Brutalität gezeigt hat. Das diesen Regulierungen zugrunde liegende System von Differenzierungen wurde immer wieder in Frage gestellt - oder konnte gar nicht angewendet werden. Was Krieg bedeutete, begann sich nämlich zu ändern. Die Wirklichkeit des Krieges und die Möglichkeit des Friedens sind daher schon im 19. Jahrhundert neu fragwürdig geworden. Der wichtigste Grund hierfür lag nicht im Bereich politischer, sozialer oder kultureller Veränderungen, sondern im Bereich neuer technischer Entwicklungen. Reinhold Schneider verweist in 161 seinen Überlegungen zum Frieden der Welt auf das Ende des 19. Jahrhunderts erschienene Werk Die Zukunft des Krieges in technischer, wirtschaftlicher und politischer Relation des russischen Industriellen und Bankiers Johann von Bloch: „Der Fortschritt der Kriegstechnik seit 1870, führte er aus, ,sei größer als die Entwicklung der Waffentechnik von dem ersten Bogenschützen bis zu diesem Jahre.'"7 Was im 19. Jahrhundert noch eine kontroverse These war, sollte sich spätestens im Ersten Weltkrieg als unleugbares Faktum erweisen. Darauf geht auch Carl Schmitt ein, der sich 1938, im zweiten Corollarium zum Der Begriff des Politischen, erneut mit dem Unterschied von Freund und Feind auseinandergesetzt hat - und mit der Tatsache, dass diese vermeintlich so klare und eindeutige Unterscheidung brüchig geworden war. Die genaue Bestimmung dieser Begriffe sei „schon aus dem Grunde notwendig, weil wohl alle bisherigen völkerrechtlichen 7 Reinhold Schneider, Der Friede der Welt, 101. Vgl. Johann von / Jan Bloch, Der Krieg. Übersetzung des russischen Werks des Autors. Der zukünftige Krieg in seiner technischen, volkswirtschaftlichen und politischen Bedeutung, 6 Bde., Berlin: Puttkammer & Mühlbrecht, 1899. Erörterungen darüber, ob eine Aktion Krieg ist oder nicht, davon ausgehen, daß die Disjunktion von Krieg und Frieden restlos und ausschließlich ist, das heißt, daß von selbst und ohne dritte Möglichkeit das eine von beiden (entweder Krieg und Frieden) anzunehmen ist, wenn das andere nicht vorliegt."8 Schmitt ist sich allerdings bewusst, dass es diese eindeutige Disjunktion nicht mehr gebe: „Ob man nun Krieg annimmt, weil kein Frieden ist, oder Frieden, weil kein Krieg ist, in beiden Fällen müßte vorher gefragt werden, ob es denn wirklich kein drittes, keine Zwischenmöglichkeit, kein nihil medium gibt. Das wäre", so räumt er ein, „natürlich eine Abnormität, aber es gibt eben auch abnorme Situationen."9 Schmitt ist der Ansicht, dass diese Situation zum damaligen Zeitpunkt eingetreten sei: „Tatsächlich besteht heute eine solche abnorme Zwischenlage zwischen Krieg und Frieden, in der beides gemischt ist. Sie hat drei Ursachen: erstens die Pariser Friedensdiktate; zweitens das Kriegsverhütungssystem der Nachkriegszeit mit 162 Kelloggpakt und Völkerbund; und drittens die Ausdehnung der Vorstellung vom Kriege auch auf nichtmilitärische (wirtschaftliche, propagandistische usw.) Betätigungen der Feindschaft."10 Sieht man einmal von der Frage ab, ob die von Schmitt angeführte Liste der Ursachen historisch überzeugen kann, bleibt seine Erkenntnis wahr, dass sich zu seiner Zeit - bis heute - die Abnormität einer Situation zwischen Krieg und Frieden feststellen lässt. Diese ist begrifflich -und damit auch rechtlich und moralisch - weitaus schwerer zu erfassen als die viel eindeutigere Situation des modernen Krieges, die kein tertium jenseits der Distinktion von Krieg und Frieden erlaubte. Ulrich Beck hat - u. a. auch mit Verweis auf Carl Schmitt - in diesem Zusammenhang die Unterscheidung von Staatenkrieg und postnationalem Krieg eingeführt. Auch Beck verweist auf die enttäuschte „Hoffnung, daß mit dem Ende von Kriegen zwischen Staaten auch der Krieg zu Ende gehe und ein 8 Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen. Text von 1932 mit einem Vorwort und drei Corollarien, Berlin: Duncker & Humblot, 72002, 105f. 9 Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen, 10 Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen, 106f. Zeitalter des Friedens anbräche".11 Ein wesentliches Merkmal der „neuen Kriege" sieht er in ihrer räumlichen und zeitlichen Entgrenzung und insbesondere auch darin, dass sich „die Grenzen zwischen den scheinbar anthropologisch gesicherten Dualen - Krieg und Frieden, Zivilgesellschaft und Militär, Feind und Freund, Krieg und Verbrechen, Militär und Polizei - verwischen".12 Man müsste an dieser Stelle ergänzend darauf hinweisen, dass mit dem Fortschritt der modernen Waffentechnologien und somit auch mit der Möglichkeit der Vernichtung der Menschheit vormoderne Formen der Kriegsführung nicht einfach ein Ende fanden. Je entwickelter die Kriegstechnologie wurde - und das heißt auch: je weniger bestimmte Waffen überhaupt eingesetzt werden konnten oder durften -, mit umso primitiveren Mitteln wurden oft in den Hinterzimmern der mächtigen und einflussreichen Nationen Kriege geführt. In einem gewissen Maße mag es daher auch gerechtfertigt sein, von einer moralischen und rechtlichen Entgrenzung in vielen neuen Kriegen zu sprechen. Zum einen sind 163 dies als „postnationale Kriege" oft Partisanen- oder Guerillakriege, die sich einer rechtlichen und auch moralischen Regulierung zumindest aufSeite der Partisanen bzw. Guerilleros weitestgehend entziehen. Zum anderen werden auch von vielen Staaten Maßnahmen wie u. a. die sog. „gezielte Tötung" von Gegnern angewandt, die sich mit den bisherigen rechtlichen und moralischen Kategorien entweder gar nicht angemessen bewerten lassen oder zutiefst fragwürdig erscheinen.13 11 Ulrich Beck, Der kosmopolitische Blick oder: Krieg ist Frieden, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004, 199. 12 Ulrich Beck, Der kosmopolitische Blick oder: Krieg ist Frieden, 199. Vgl. zur Deregulierung von Kriegen auch Zygmunt Baumann, Flüchtige Zeiten. Leben in der Ungewissheit, aus dem Englischen von Richard Barth, Hamburg: Verlag Hamburger Edition, 2008, 58ff. 13 In diesem Zusammenhang lesenswert sind die Ausführungen von Armin Krislin^n, Gezielte Tötung. Die Individualisierung des Krieges, Berlin: Matthes & Seitz, 2013. Vgl. u. a. das abschließende Fazit (S. 217): „Im Hinblick auf die sich immer weiter entwickelnden technischen Möglichkeiten der Überwachung und heimlichen Tötung sowie die politischen Versuche, in vielen Bereichen allgemeine Prinzipien der Rechtstaatlichkeit und des Völkerrechts außer Kraft zu setzen, muss man die allmähliche Legitimierung gezielter Tötungen mit großer Sorge betrachten. Nur eine internationale Ächtung der Praxis, ein klares internationales und umfassendes Verbot von gezielten Tötungen kann helfen, staatlichen Missbrauch zu verringern und die schlimmsten Gefahren abzuwehren." Beck erfasst mit seiner Unterscheidung von Staatenkriegen und neuen postnationalen Kriegen wichtige Unterscheidungsmerkmale der alten und der neuen Kriege. Doch stellen sich auch Fragen an die von ihm vorgenommene Differenzierung. Zum einen scheint sie zu verkennen, dass auch jene Kriege, die er „postnational" nennt, oft zumindest in einem bestimmten Maße noch bzw. auch nationale Kriege sind, also Kriege, die von einer bestimmten Nation oder einer Koalition von Nationen geführt werden. Die Tatsache, dass sich in neuen kriegerischen Auseinandersetzungen nicht immer nur unmittelbar Nationen gegenüber stehen, scheint die Verwendung dieses Terminus ohne weitere Differenzierungen nicht zu rechtfertigen. Denn Gruppen von Terroristen greifen zum Beispiel Nationen an oder werden durch bestimmte Nationen gefördert. Manchmal ist auch gar nicht eindeutig zu bestimmen (und selbst Gegenstand der kriegerischen Auseinandersetzung), was für Akteure sich überhaupt 164 gegenüberstehen. Manche Kriege führen ja zur Bildung neuer Staaten oder Nationen. Es wäre missverständlich, viele dieser neuen kriegerischen Konflikte zu schnell im Bereich eines eindeutig postnationalen Bereiches anzusiedeln. Zum anderen aber legt diese Differenzierung nahe, dass es nach wie vor noch in ihrem Wesen unveränderte moderne Staatenkriege - nunmehr alten Typs -gebe: „Die postnationalen Kriegsformen der Zweiten Moderne bedeuten nicht, daß der klassische Krieg zwischen Staaten abgeschafft ist. Vielmehr entstehen neue, nämlich postnationale Kriege zusätzlich, neben den fortbestehenden ,alten' Kriegen zwischen Staaten. Es kann sogar nicht ausgeschlossen werden, daß postnationale zu nationalen Kriegen und somit sogar zu neuen Formen von Weltkriegen kulminieren."14 An diese Annahme kann man, wie sich noch zeigen wird, zu Recht Anfragen stellen. Man mag daher Beck zwar prinzipiell darin zustimmen, dass es von Bedeutung ist, „für die Zwecke der historischen Klassifikation [...] analytisch zwischen alten und neuen Kriegen, Staatenkriegen und postnationalen ,kriegerischen' Interventionen' für humanitäre Zwecke oder als Prävention gegen terroristische 14 Ulrich Beck, Der kosmopolitische Blick oder: Krieg ist Frieden, 205. Attacken klar zu unterscheiden".15 Allerdings scheint dies nicht eine ausreichend präzise und auch nicht die wichtigste Unterscheidung zu sein, wenn es gilt, zu verstehen, in welcher Weise sich in den letzten Jahrzehnten die Bedeutung des Krieges und des Friedens geändert hat und warum sich auch nach Beck ein „Verflüssigen und Verflüchtigen der Basisunterscheidungen, die den nationalen Staatenkrieg konstituieren", feststellen lässt: „An die Stelle des Entweder-Oder tritt ein Sowohl-als-Auch - sowohl Krieg als auch Frieden, sowohl Polizei als auch Militär, sowohl Verbrechen als auch Krieg, sowohl Zivilist als auch Soldat."16 Becks Differenzierung von klassischem Staatenkrieg auf der einen und „postnationalem" Krieg auf der anderen Seite geht nämlich zugleich zu weit und nicht weit genug. Weder sind die neuen Kriege einfach als postnationale Kriege zu verstehen, noch sind die alten Staatenkrieg weiterhin, was sie einmal waren, so dass man ihnen die neuen, auf eine Verflüssigung der genannten Basisunterscheidungen zurückgehenden „postnationalen" Kriege so einfach, wie 165 Beck dies nahe legt, gegenüberstellen könnte. Einer der maßgeblichen Gründe hierfür liegt im Bereich der technologischen Entwicklung. Die genannten Basisunterscheidungen haben sich nämlich vornehmlich auch deshalb verflüchtigt, weil sie das, was nun technisch möglich ist, nicht mehr adäquat erfassen können. Dies gilt aber sowohl für den „Staatenkrieg" wie auch für das, was Beck den „postnationalen Krieg" nennt. Statt die Unterscheidung von Staatenkrieg und postnationalem Krieg in den Vordergrund zu stellen, wäre es daher diagnostisch überzeugender, andere Unterscheidungen in den Vordergrund zu stellen, etwa jene zwischen dem modernen und einem neuen Kriegszustand im Zeiten der Computertechnologie, den man „spät-" oder „postmodern" nennen könnte. Um dies besser zu verstehen, ist es notwendig, kurz auf das Wesen der Technik und ihre konstitutive Rolle nicht allein für das Kriegsgeschehen, sondern auch für die Realität, das Verständnis und die Definition des Krieges einzugehen, um dann kurz auf den spät- oder postmodernen Krieg einzugehen. 15 Ulrich Beck, Der kosmopolitische Blick oder: Krieg ist Frieden, 205. 16 Ulrich Beck, Der kosmopolitische Blick oder: Krieg ist Frieden, 206. 3. Technik als Mittel und als Paradigma des Krieges Die Geschichte des Krieges lässt sich auch als eine Geschichte der technischen Entwicklung der Kriegsmittel - vornehmlich der Waffen, aber auch der Transport- und Kommunikationsmittel - beschreiben. Allerdings würde, wer sich auf eine solche Beschreibung beschränkte, verkennen, dass die Technik nicht allein als Mittel der Kriegsführung verstanden werden kann. Das mag, wie sich schon angedeutet hat, bis ins späte 19. Jahrhundert der Fall gewesen sein. Änderungen der Mittel zur Kriegsführung waren bis zu dieser Zeit weitestgehend quantitativer Natur. Sie erlaubten, etwas, was man immer schon gemacht hat, schneller, öfter oder zielsicherer zu machen. Es scheint allerdings, folgt man den Analysen von Schneider, Schmitt und auch Beck, gerade im 20. Jahrhundert aufgrund der technischen Entwicklung etwas eingetreten zu sein, was sich 166 nicht allein als Entwicklung, Ausbau oder Erweiterung bereits vorhandener Instrumente verstehen lässt. Denn die Veränderungen, die die Kriegstechnologie des 20. Jahrhunderts kennzeichnen, scheint derart zu sein, dass sich mit ihnen auch die Natur des Krieges oder das Paradigma, innerhalb dessen Krieg geführt und verstanden wird, geändert hat, und zwar so, dass die klassischen Distinktionen für alle Formen kriegerischer Auseinandersetzung an Bedeutung verloren haben - und damit auch die klassisch gewordenen moralischen und rechtlichen Bewertungen, die u. a. die Differenzierung eines gerechten von einem ungerechten Krieg erlauben. Im 20. Jahrhundert war es beispielsweise erstmals in der Geschichte der Menschheit möglich, einen „totalen Krieg" zu führen, der bereits in seiner Bezeichnung grundlegende Differenzen des klassischen Krieges in Frage stellte. Denn unter den Bedingungen eines totalen Krieges gibt es keine Zivilisten im Unterschied zu Soldaten mehr. Letztlich wird das Handeln aller Menschen auf den Krieg hingeordnet. Der Unterschied zwischen Instrumenten des zivilen Lebens und Waffen verschwindet. Es waren technische Voraussetzungen - wie zum Beispiel die Möglichkeit, mit Hilfe von Flugzeugen Städte zu bombardieren, bislang unbekannte Waffenarten oder auch der Einfluss, die Reichweite und die Geschwindigkeit neuer Medien - die es ermöglichten, den Krieg selbst total werden zu lassen. Neue technische Entwicklungen können also nicht allein als Mittel für einen zuvor feststehenden Kriegszweck verstanden werden, sondern auch eine Auswirkung darauf haben, was überhaupt Krieg ist und welche Zwecke in einem Krieg verfolgt werden. Die Entwicklung der Atombombe ist ein anderes Beispiel für die paradigmatische Bedeutung, die die technologische Entwicklung annehmen kann. Ein atomarer Krieg würde nicht allein ein totaler Krieg sein. Es würde mit hoher Wahrscheinlichkeit auch der letzte Krieg sein oder zumindest ein Krieg, in dem die bekannte Zivilisation ein Ende finden würde, so dass die Menschheit - so ja auch Karl Jaspers, Reinhold Schneider und Arnold J. Toynbee - im atomaren Zeitalter vor nur einer einzigen Alternative steht. Jenes, was zunächst einmal ein bloßes Medium der Kriegsführung zu sein schien, hatte zu einer bislang gänzlich unbekannten neuen Situation geführt und das Wesen des Krieges verändert. Nun gab es zudem nicht nur einen totalen oder gar einen absoluten, 167 die Menschheit vernichtenden Krieg, sondern auch einen warmen neben einem kalten Krieg. Der kalte Krieg konnte (und kann) jederzeit warm werden - und war und ist paradoxerweise um des Friedens willen notwendig. Denn sofern es die Atombombe gibt, ist die permanente Drohung, sie auch tatsächlich einzusetzen, notwendig, um sich vor ihrem Einsatz zu schützen. Dann aber ist der Krieg zum Dauerzustand geworden. Gegner müssen sich mit allzeit bereiten Waffen gegenüber stehen. Somit war die Grundunterscheidung von Krieg und Frieden sinnlos geworden. Was Kant im 18. Jahrhundert noch möglich schien, ist, solange es Atomwaffen gibt, in weite Ferne gerückt. Eine ähnliche, in ihren Konsequenzen bislang nur selten wahrgenommene Änderung des Wesens der Krieges vollzieht sich in der Gegenwart durch Entwicklungen auf dem Felde jener Technologie, die die Spät- oder Postmoderne insbesondere charakterisiert: der Computertechnologie. Dies sei im Folgenden anhand von zwei Beispielen kurz erläutert: dem Einsatz von Drohnen, also von unbemannten, fern gesteuerten Flugkörpern zum Zweck der Überwachung oder der „gezielten Tötung" von Menschen, und einem gänzlich neuen Krieg, dem sogenannten cyberwar. 4. Zwischen Krieg und Frieden? Drohneneinsatz und cyberwar Bis ins 20. Jahrhundert hinein fanden in Kriegen oder kriegerischen Auseinandersetzungen mehr oder weniger unmittelbare Begegnungen der miteinander kämpfenden Truppen und Soldaten statt. Dies begann sich bereits im Ersten Weltkrieg zu ändern. Schützengräben führten zu einer Distanzierung der Kämpfenden voneinander. Verschärft wurde diese Distanzierung durch die weitere technische Entwicklung des 20. Jahrhunderts. Die Piloten der Bomber, die Städte in Asche legten (und dabei oft auch viele Zivilisten töteten), waren von dem, was sie verursachten, physisch weit entfernt. Sie wussten, dass sie auch Menschen töteten. Aber sie sahen nur aus der Ferne eine zerstörte Stadt. Die geographische Ferne führte unweigerlich auch zu einer moralischen Ferne.17 Ihre Opfer - d. h. konkrete Menschen - begegneten den Piloten nicht mehr in leiblicher 168 Unmittelbarkeit. Sie wurden, wenn überhaupt an sie gedacht wurde, auf mögliche Ziele oder „Kollateralschäden" eines auf seine technischen und militärischen Dimensionen zugespitzten Handelns reduziert. Ohne diese Abstraktionen wäre es vielen Piloten nämlich kaum möglich gewesen, ihre Angriffe auszuüben. Denn dadurch war es ihnen möglich, die tatsächlichen Folgen wie auch die Aufgabe einer moralischen Bewertung ihres Handelns zu verdrängen. Man kann in diesem Zusammenhang davon sprechen, dass die neue Technologie die moralische Abstumpfung jener, die sie nutzen und bedienen, bewirkt. Gleichzeitig waren die Bomberpiloten dem Kriegsgeschehen auch nahe. Sie standen als Soldaten nämlich in einem eindeutigen kriegerischen Kontext und nahmen zudem ein beträchtliches persönliches Risiko auf sich. Nie war, wenn sie zu ihren Flügen starteten, sicher, dass sie zurückkommen würden. Von ihnen wurde heroischer Mut verlangt. Die moderne Drohnentechnologie erlaubt es nun sogar, dass die Piloten von Kampfdrohnen diese in so großer Entfernung vom Einsatzort steuern können, dass sie selbst nur ein minimales persönliches Risiko eingehen. Wie schon beim 17 Vgl. hier auch Zygmunt Bauman / David Lyon, Daten, Drohnen, Disziplin. Ein Gespräch über flüchtige Überwachung, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2013, 98-125 (zur „Distanzierung und Automatisierung"). Einsatz von Bombern, allerdings aufgrund der persönlichen Risikolosigkeit in noch gravierenderer Weise, ändert sich durch den Einsatz dieser neuen Technologie insbesondere auch das Verständnis des Handelns und der Verantwortung und somit auch das Verhältnis zu jenen Menschen, die Opfer des eigenen Handelns werden. Diese neue Technologie hat somit auch nicht allein Auswirkungen auf äußere Parameter des soldatischen Handelns. Auch wer eine Kampfdrohne steuert, darf sich letztlich nicht fragen, was genau er gerade tut. Je genauer er sich vergegenwärtigte, dass sein Tun Konsequenzen in der Lebenswelt hat -und welche Konsequenzen es hat -, umso fragwürdiger würde ihm nämlich sein Handeln erscheinen. Darunter könnte die Effizienz seines Handelns leiden. Das Tun dieser „neuen" Soldaten, die nie heldenhaft agieren müssen, sondern in ihrem Handeln kaum von Menschen in Zivilberufen zu unterscheiden sind, muss daher auch möglichst virtuell erscheinen, damit es in der Lebenswelt die größtmöglichen Konsequenzen zeigen kann. Es wundert daher nicht, dass u. a. 169 das US-amerikanische Militär ein eigenes Computerspiel - „America's Army" - entwickelt hat.18 Zukünftige Angehörige des Militärs sollen möglichst früh für eine Laufbahn in einer postheroischen Welt vorbereitet werden (und gemäß ihrer Befähigung zu einer solchen Laufbahn ausgewählt werden) - und das heißt auch: sie sollen möglichst früh sich derart an die virtuelle Welt gewöhnen, dass sie die Fragen nach den lebensweltlichen Konsequenzen ihres Tuns gar nicht mehr stellen. Eng mit der moralischen Überforderung durch die Virtualisierung des Kriegsgeschehens - die ja nur eine scheinbare ist! - ist die kognitive Überforderung der Soldaten verbunden. Auf diese Überforderung und ihre Konsequenzen hat Zygmunt Baumann aufmerksam gemacht: „Als bei einem Hubschrauberangriff im Februar 2011 dreiundzwanzig Gäste einer afghanischen Hochzeit getötet wurden, konnten die in Nevada auf Knöpfe drückenden Bediener der Aufklärungsdrohne die Schuld für ihren Irrtum auf die Informationsüberflutung schieben und sich darauf berufen, daß ihr Bildschirme mit Daten ,vollgerotzt' würden - sie verloren 18 Vgl. hierzu http://www.americasarmy.com/ sowie http://de.wikipedia.org/wiki/America's_ Army (09. Januar 2014). den Überblick, gerade weil sie auf die Bildschirme schauten."19 Post-heroisch sind diese neuen Kriege also nicht allein, weil von diesen Büro-Soldaten kein Mut mehr verlangt würde und sie kein Risiko mehr eingehen müssten, sondern auch, weil sie sich von aller Verantwortung, wenn sie diese denn überhaupt noch erfahren sollten, entweder selbst dispensieren können oder durch das Medium dispensiert werden. Die technische Entwicklung, so zeigt sich, ermöglicht zwar zunächst einen Zuwachs von Freiheit. Sie ist allerdings insbesondere auch im Bereich der Kriegstechnologie mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem sie nicht mehr allein zu einer Erweiterung von Freiheitsräumen führt, sondern an dem sie diese und somit auch den Bereich persönlicher Verantwortung massiv einschränkt. Bereits die Entwicklung der Atombombe hat diesen Zusammenhang gezeigt. Denn wie bereits gesagt wurde, führte diese nicht nur zur Alternative von physischem 170 Untergang der Menschheit auf der einen oder radikalem moralischen Wandel auf der anderen Seite, sondern zudem zu dem Zwang, konstant die Drohung aufrecht zu halten, die Atomwaffe gegebenenfalls auch einzusetzen. Die Atombombe ließ - und lässt, denn sie gehört ja keinesfalls zu den Phänomenen der Vergangenheit - in diesen beiden Hinsichten keine großen Freiheitsräume. Diese Einschränkung des Raumes persönlicher Freiheit und Verantwortung verschärft sich durch die neuesten technischen Möglichkeiten noch. „Zu Beginn des 21. Jahrhunderts", so noch einmal Zygmunt Baumann, „hat die neueste Militärtechnologie die Verantwortung in einem [...] unvorstellbaren Ausmaß ,entpersonalisiert'. ,Smarte' Waffen, ,intelligente' Raketen und ,Drohnen' nehmen dem gemeinsamen Soldaten wie den Spitzen des Militärapparats die Entscheidung ab und bestimmen ihre Ziele ,autonom'."20 Was wie eine Phantasie aus der Science-Fiction-Literatur klingt, ist mittlerweile Realität geworden. Dort, wo die erforderte Reaktionszeit so kurz ist, dass Menschen gar nicht mehr reagieren 19 Zygmunt Bauman / David Lyon, Daten, Drohnen, Disziplin. Ein Gespräch über flüchtige Überwachung, 114. 20 Zygmunt Bauman / David Lyon, Daten, Drohnen, Disziplin. Ein Gespräch über flüchtige Überwachung, 112. könnten - bzw. nur so, dass es immer schon zu spät wäre -, berechnen Computer die erforderliche Reaktion. Sie treffen freilich keine freie Entscheidung und übernehmen auch keine Verantwortung. An die Stelle menschlicher Handlung sind technisch bestimmte Ereignisse getreten, für die, wie es scheint, kein Mensch Verantwortung übernehmen müsste oder könnte. Baumann bezeichnet dies als „'Adiaphorisierung' von Tötungen durch das Militär".21 Was einmal zu den moralisch qualifizierbaren Handlungen gehört hat - nämlich die Tötung im Kriegskontext - gehört nun nicht mehr in den Bereich dessen, was überhaupt zum Gegenstand einer moralischen Bewertung gemacht werden kann. Ein zweites Beispiel zeigt, in welcher Weise die Entwicklung der Computertechnologie das Wesen des Krieges und somit die grundlegenden Distinktionen von Freund und Feind oder von Soldat und Zivilist geändert hat. Denn Krieg - sowohl der Staatenkrieg als auch jener Krieg, den Beck „postnational" nennt - kann sich heute auch im Bereich jener Welten entfalten, 171 die man virtuell nennt (d. h. es wird in der Gegenwart nicht einfach nur die Kriegsführung zunehmend virtualisiert, sondern auch ein neuer Raum für die mögliche Kriegsführung erschlossen). Man spricht in diesem Zusammenhang von „cyberwar".22 Dieser Krieg kann moderne Gesellschaften treffen, wo sie am verletzlichsten sind, nämlich dort, wo die Abläufe des politischen, technischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, gesellschaftlichen oder sozialen Lebens von Computertechnologien abhängig sind. Das bedeutet, dass er sie nahezu überall und in engstens miteinander vernetzten zentralen Bereichen der gegenwärtigen Kultur treffen kann. Daher ist der cyberwar potentiell ein totaler Krieg. Er ist auch zumeist ein geheimer Krieg. Oft lassen sich 21 Zygmunt Bauman / David Lyon, Daten, Drohnen, Disziplin. Ein Gespräch über flüchtige Überwachung, 112. 22 Vgl. hierzu neben Sandro Gaycken, Cyberwar. Das Internet als Kriegsschauplatz, München: Open Source Press, 2012 auch Gayckens allgemeinverständliche Darstellung Cyberwar. Das Wettrüsten hat längst begonnen. Vom digitalen Angriff zum realen Ausnahmezustand, München: Goldmann, 22012. Zudem sei an dieser Stelle verwiesen auf Mischa Hansel, "Stuxnet und die Sabotage des iranischen Atomprogramms: Ein neuer Kriegsschauplatz im Cyberspace?", in: Thomas Jäger / Rasmus Beckmann (Hrsg.), Handbuch Kriegstheorien, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2011, 564-576 (mit zahlreichen weiteren Literaturangaben). Verursacher von störenden Eingriffen in die technischen Systeme nämlich gar nicht identifizieren. Manchmal ist sogar unklar, ob es überhaupt einen Verursacher gibt, d. h. ob überhaupt etwas geschehen ist, was auf einer Handlung mit feindlicher oder kriegerischer Absicht zurückgeht. Es ist beispielsweise möglich, Devisen- oder Börsenkurse so zu manipulieren, dass die Manipulation als solche gar nicht auffällt.23 Was sich ändert, sind freilich die Kurse mit teils beträchtlichen Konsequenzen in der Lebenswelt - von der Enteignung der Besitzer von Vermögen oder Unternehmensanteilen über politische Unruhen bis hin zu Bürgerkriegen und Hungersnöten, die auf gezielte Kursmanipulationen zurückgehen. Selbst wenn eine Manipulation als solche auffallen sollte, dürfte man oft nicht eindeutig sagen können, wer sie ausgeübt hat. Spuren solcher Manipulationen lassen sich nämlich leicht verschleiern oder sogar in eine 172 falsche Richtung lenken, so dass, wer eigentlich ein Freund ist, als Feind erscheint - und umgekehrt. Weil man keinem Feind mehr von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht, könnten plötzlich auch alle zu möglichen Feinden werden. Ein Krieg wird dann freilich nicht mehr erklärt. Es könnte dann selbstverständlich geworden sein, dass ein permanenter Kriegszustand herrscht. 5. Die Herausforderungen der neuen Kriege für Moral und Recht Im Virtuellen kann der Krieg eine ganz neue Wirklichkeit annehmen,24 für die bislang noch keine ausreichenden moralischen oder rechtlichen Regelungen getroffen wurden - und vielleicht auch gar nicht getroffen werden 23 Vgl. hierzu u. a. Sandro Gaycken, Cyberwar. Das Wettrüsten hat längst begonnen. Vom digitalen Angriff zum realen Ausnahmezustand, 136-143; Sandro Gaycken, Cyberwar. Das Internet als Kriegsschauplatz, 93-120. 24 Die Neuheit des cyberwar betont auch Sandro Gaycken, Cyberwar. Das Wettrüsten hat längst begonnen. Vom digitalen Angriff zum realen Ausnahmezustand, 68: "Cyberwar ist nicht nur eine neu Dimension des Krieges oder eine neue Waffengattung. Es ist eine ganz neue Art von Krieg. Wer über eine gute Cybertruppe verfügt, kann unentdeckt und im Geheimen die Machtgewichtungen der Welt entscheidend verändern." können. Man könnte angesichts der spät- oder postmodernen Formen des Krieges pessimistisch schließen. Moralisch bewertet werden kann, wie es scheint, allein noch die Entscheidung, überhaupt Waffentechnologien einzusetzen, die die Freiheit und Verantwortung des Menschen so sehr einschränken, dass man nicht mehr von Waffen im klassischen Sinne sprechen kann. Allerdings wird die Frage nach der moralischen Bewertung dieser Entscheidungen unter dem normativen Druck des Faktischen nur sehr selten gestellt. Zudem scheint der technischen Entwicklung auch in diesem Bereich eine eigene Konsequenz zueigen zu sein. Sobald nämlich eine Technologie einmal entwickelt ist, wird sie auch Anwendung finden. Mit einer ihr eigenen Logik verschiebt sie sich aus dem Bereich des Möglichen in den Bereich des Wirklichen. Außerdem scheint ein Phänomen wie der cyberwar auch kaum moralisch oder rechtlich zu regulieren zu sein: „Sind Angreifer nicht zu identifizieren, kann die Einhaltung von Verträgen 173 grundsätzlich nicht garantiert werden."25 An die Seite des Pessimismus tritt ein lakonisches Lächeln. Man kann auch mit einer Forderung schließen, die als Zeichen eines vorsichtigen Optimismus gelesen werden kann: dass nun die Aufgabe ernst genommen werde, im Bereiche der Moral und des Rechts die notwendigen Antworten auf technische Entwicklungen zu finden, die ganz neue Formen des Krieges möglich machen und die Menschheit vor gänzlich neue Fragen und Herausforderungen stellen. Dabei wird neben der Ächtung von bestimmten Waffen und militärischen Vorgehensweisen die Frage nach verbesserten Sicherheitsstandards in einer zunehmend vernetzten Welt eine maßgebliche Rolle spielen. 25 Sandro Gaycken, Cyberwar. Das Internet als Kriegsschauplatz, 196.