//HZ. Ueisen lM Inneren Brasiliens, besonders durch die nördlichen Provinzen und die Gold-und DiamalltcndMricte. o n Georg Gardner, Vorsteher der botanischen Gärten in Ceylon. Aus Dem Englischen M. B Lindau. Erftcr Dand. Mit einer Karte von Brasiliens Dresden und Leipzig, Arnoldischc Buchhandlung. »848. Vorwort. „Hier endlich ein gutes Reisewcrk; freilich nicht voll so wilder Abenteuer oder banger Gefahren, wie die Bücher alterer Forscher, welche keck ihr Leben wagten; nicht ein so geheimnißvolles Interesse weckend, wie Park, als er durch die Wüsten Afrikas zog, um den damals unbekannten Lauf des Nigers zu entdecken—aber doch fesselnd durch das Neue, das sie bietet, denn Gardner befindet sich während des größten Theils seiner Reisen auf fast unbetretenem Boden, da ziemlich das ganze Gebiet vor ihm erst zwei Mal bereist wurde. Selbst die Seehafen von Rio, Bahia und Pernambuco haben eine Frische in ihren verschiedenartigen Menschenracen, ihrer eigenthümlichen Gesellschaft und ihrem tropischen Pstanzen-wuchs, die einen angenehmen Contrast zu den ewigen Bildern Europas und Asiens bildet." — IV — „Der Hauptzweck unseres Reisenden war Botanik. Ein Schüler Sir William Jackson Hooker's in Glasgow, erwarb er sich unter dessen Leitung so gründliche Kenntnisse, daß Sir William, wie es scheint, einige Freunde vermochte, den eifrigen Bewerber um das Verdienst wissenschaftlicher Forschung mit den nöthigen Mitteln zur Reise zu versehen. Man entschied sich für Brasilien, und so verließ Gardner im Mai 1635 Glasgow, erreichte im Julius Rio de Janeiro und verweilte in Brasilien bis zum Iunius 1841. Von diesen fünf Jahren verlebte er zwei in Rio, Bahia und Pernambuco, indem er von hier aus seine Aus« fiüge in die Umgegend unternahm, und drei Jahre verwendete er zur Reise vom Hafen von Aracaty unter dem fünften Grade südlicher Breite, durch das Innere nach Westen bis zum achtundvierzigstm Längengrade und von da nach Rio zurück. Diese Reise umfaßte mehr als zehn Breiten- und zwölf Langengrade und führte ihn durch die Gold- und Diamantendistricte und die unbebauten Einöden des Inneren. — Mag er nun wahrend dieser langen Wanderung auf den Gipfeln der Gebirge oder in der Wildniß sein Lager aufschlagen, mag er die — V — wunderliche Lebensart schildern, die er hier wahrnimmt, und die seltsamen Charaktere, die ihm begegnen, oder von näher liegenden Dingen reden, von der Art der Krankheiten, von des Volkes Künsten oder deren Ersatzmitteln und den Naturerzeugnissen des Landes — Alles, was er bietet, ist anziehend. Das Buch wie das Land, das es beschreibt, beide sind reich an Neuheiten." In dieser Weise äußert sich eine englische Zeitschrift (spectator) über das Original des vorliegenden Reisewerks: «LlÄvel» in tlie Interior of Lraxil, MN0lp»l1^' lllrou^l! tile Northern krovinoez anil tlie <3«Iie er eigentlich dem Schlafe hätte widmen sollen, und dieselben hauptsächlich auf einer Reise von England nach Ceylon zu gegenwärtigem Werke verarbeitet. In Betreff der Uebersetzung ist noch hinzuzufügen, daß diese dem Orgmale Nichts genommen, wohl aber durch die Güte eines mit seinem Vaterlande genau bekannten Brasilianers, Herrn Schech de C am pane m a, der über das Werk ein durchaus anerkennendes Urtheil fällte, vielfache Verbesserungen hinsichtlich der Orts- und Eigennamen und die hier da zerstreuten Anmerkungen gewonnen hat, welche nicht als vom Verfasser herrührend bezeichnet sind. . 3. Inhalt. Seite Erster Abschnitt............. 1 Abreise aus England. Ankunft in Rio de Janeiro. Beschreibung der Stadt. Ihre Umgebung. Weoguostischcr Cha« rakter ihrer Umgegend. Ihr Klima. Ihre Einwohner. Znstand der Sklaverei in Vras,lieu. Wlite Behandlung der Sklaven. Ausftua in's benachbarte Gebirge. Botanischer Garten. Mtlirhistorisches Museum. Zweiter Abschnitt............44 Reise in's Orgel« Gebirge. Sommerzuflncht englischer Familien. Reise von Piedade nach Mag6 und Frechal. Ersteigung des Gebirges. Die Urwälder. Herru March's Pflanzung. Seine Sklaven. Tanze. Der Viß einer giftigen Schlange. Amputation durch den Verfasser. Heilmittel der Eingeborenen. Tapirjagd i>, den Gebirge». Wilde Thiere. Vogel und Reptilien. Vesuch bei einem brasilianischen Fa- — X — Seite zendeiro. Kaffeepssan;,maeu. Donna Thereza da Ro;a »md ihre Töchter. Ersteigung der hschsten Gipfel. Pfianzeulebeu auf diesen Hßheu. Dritter Abschnitt............8? Val) ia u n d P e r n a m b u c o. Abreise von Rio de Janeiro. Ankunft in Vahia. Veschreibung dieser Stadt. Reise nach Peruambuco. Iangadas. "Pernambuco »nd seine llmgebnua. Nie Jesuiten. Landleute. Stadt Olinda. Botanischer Garten. Monteiro. Die deutsche Kolonie Catuc-!. Die Insel Itamarita. Pilar. Sal^werte vo» Iagnaribe. Krank« heilen ans Viestr Insel. Fischerei. Vierter Abschnitt............N3. Alagoai «nd der Rio San Francisco. Reise nach Süden. Vefchreibnng der Ki'iste. Varra de San Antonio Grande. Ankunft in Macei«'». Dir Stadt «nd ihre Umgeb-»mg. Reise nach dem Rio San Fraucisco. Vatel. Landnug, bei Peba. Piaßabaßü am Rio San Francisco. Fahrt ström« aufwärts bis Penido. Die Stadt. Erzeugnisse des Districts. Bevölkerung. Fortsetzung der Stromsahrt. Propi«. Ein Markt. Trachten. Traipü, Die Ilha dos Prazerei. Varra de Panema. Vnßende Fische, ^,'agoa Fnnda. Die Insel S. «Pedro nnd ihre indianische Vevo'lkenmg. Abfahrt. Furchtbarer Sturm. Rückkehr nach S. Pedro. Krankheit des Verfassers. Hungersnot!). Rückkehr nach Penödo. Dampfschiff-fahrtsplan. Ankunft in Maceiu. Die Stadt Alagoas. Ad' schied von Maceiü. Ein Fischfang mit Fackeln. Wiederautnnft in "Peruaml'uco. Fünfter Abschnitt . . . .........l7? Cearä. Abreise von . Veschreibung der Stadt. Villa de Lavra de Mangabeira. Goldwäscherriru. Bessere Ve-schaffeuheit des LandcZ. Villa do Crato und seine Einwohner. Zuckerpftauzungen und Vereitung des Rapadura. Erzeugnisse. Srrra de Araripe. Verschiedene Holzarten. Wilde Fruchte. Wandernde Zigeuurrssämme. Große religiöse Feste. Klima. Krankheiten. Sechster Abschnitt............232 Cearä. Verzögerung der Reise iu's Innere. Besuche in der Umaegend von Cralo. Die Serra Araripe. Caiazeira. Varra do Iardim. Stadt und Umgebung. Lager sof,Uer Fische. Geologischer Charakter des Landes. Kreideformatiou. Erste Entdeckung solcher Lager in Sudamerifa. Umschließung einer un-arhnirrm Ebene durch jene «Hebirgsketle. Ankunft in N'a-?ap6. Das Lhristftst. Ein Unfall. Novo Muudo. Fossile Fische in der Nä'de dieses Orts. Vegetation längs der Tabo-leira. Verschiedene Indianerstämme. SebassianistaZ. Ihr Wahn uud ihre Ausartung. Rückkehr nach Crato. . Siebenter Abschnitt...........260 ReiseuachPiau h y. Vorbereitungen zum Aufbruch. Ein neuer Gefährte. Abschied von Crato. Guaribas. Brei» Grande. Ei>» Lager foftUer Fische. Olho d'Agoa do Inferno. Po?o de Cavallo. Crauat^. Cachoeira. Marmeleira. Rosario. Os Defuudos. Lagoa. Varzea da Vaca. AngicaZ. Eintritt in die Provinz 1)ia»chy. San Gonsalvo. EampoZ. Lagoa Comprida. Scklechte Wege, Corumatü. Canabrava. Voa Esperanca nndseiu geistlicherVesiyer. GroßartigeViehzucht. — XII --- Gcite Beschaffenheit des Landei. Mimoso und Aareste, Santa Anna das Merces. San Anlonio. Cachimbinyo. Pssanzenleben. Retiro. Vuquerao. Canavieira. T>er Fluß Canlxd«. Ankunft m Oeiras, der Hauptstadt der «Provinz , VrMim I. 1 — 2 — amerikas, und die Wahl siel nuf Brasilien, als das günstigste Feld für meine Forschungen, da die Erzeugnisse der Pflanzennatur dieses ungeheuren Reiches dem englischen Botaniker damals weniger bekannt waren als vielleicht diejenigen irgend eines anderen Landes von gleichem Umfang«. Von deutschen und französischen Naturforschern war es allerdings bereits besucht worden, aber noch hatte, außer Cunningham unbBowie und dem unerschrockenen Vurchell, kein Englander seine Reise bis in das Innere ausgedehnt; es lagen besonders im Norden ganze Provinzen , die für die Forschungen eines künftigen Reisenden noch jungfräulicher Boden waren, und diese wollte ich kennen lernen. Ich verließ Glasgow am vierzehnten Mai 1836 und schiffte mich am zwanzigsten desselben Monals in Liverpool auf der nach Rio de Janeiro bestimmten Barke „Memnon" ein. Die Reise über das atlantische Weltmeer nach Südamerika ist schon oft genug beschrieben worden, und es genügt die Bemerkung, daß es nicht an Windstillen und Windstößen, nicht an hellem Himmel und prächtigen Sonnenuntergängen, nicht an Haifischen, Walsischen und fliegenden Fischen und an phosphorescirenden Wellen fehlte. Nach einer etwas langen, aber nicht unangenehmen Reise sahen wir am zweiundzwanzigsten Julius endlich Land vor uns. Bei Tagesanbruch zeigte sich, wie der Kapitän verkündigt hatte, in einer Entfernung von ungefähr fünf und zwanzig Meilen nordnordöstlich das Vorgebirge Fno, das gegen siebenzig Meilen ostwärts von Rio de Janeiro entfernt liegt und durch eine Reihe hoher, bis zu dm äußersten Gipfeln mit Bäumen bewachsener Berge davon geschieden ist. Aus ihren Spitzen ragen über die anderen Bürger des Waldes schlankstämmig« Palmen mit ihren kugelförmigen Laubmassen gegen den schönblauen Himmel empor, die dem Anblick ein eigenes Gepräge geben und dem nahenden Europäer schweigend eine Welt verkündigen, die in ihrem Pstanzenleben von jener, welche er vor Kurzem verlassen hat, so ganz verschieden ist. Wir hatten den ganzen Tag nur leichten Wind, und da wir dicht längs der Küste segelten, so war mein Auge durch das Schisssfemrvhr fortwährend auf das wilde, aber reizende Gelände gerichtet, und schon schweifte ich im Geiste mitten unter seinen vielgestaltigen Naturerzeugnissen. Es war lange nach Mitlag, als wir die Enge der Bai von Rio erreichten, merkwürdig wegen der kegelförmigen Berge und Inseln zu beiden Seiten derselben. Einer dieser Hügel ist der wohlbekannte Pao d'Acucar, so genannt wegen seiner Aehnlichkeit mit einem Zuckerhut. Er ist ew« veste Granitmasse, ungefähr 1000 Fuß hoch und, außer einigen verhütteten Sträuchern am östlichen AbHange, von allem Pstanzenwuchs entblößt. Vom Meere aus gesehen, gibt s und selbst zu den Bewohnern einiger nördlichen Provinzen. Der Brasilianer ist jederzeit höflich und selten ungastfrei, besonders in den weniger besuchten Theilen des Landes *). Er ist müßiger im Trinken als im Essen und ein leidenschaftlicher Schnupfer und Raucher""*); daher das Vorherrschen dpspeptischer und nervöser Krankheiten unter ihnen. Das Heirathen ist in Brasilien weniger gewöhnlich als in Europa, und es hat dieß seinen Grund in einer schlafferen Sittlichkeit bei beiden Geschlechtern. Die Frauen sind meist klein und in der Jugend sehr hübsch und anmuthia,, in späteren Jahren aber werben sie größten Theils sehr dickleibig, weil sie gut leben und sich wenig Bewegung machen. In Rio und anderen großen Städten sind sie jederzeit sichtbar, wenn Fremde ihren Besuch abstatten, nicht so im größten Theile des Innern, wo sie sich noch immer schüchtern zurückhalten, obgleich es ihnen nicht an Neugier fehlt. Ich habe eine Woche lang in einem Hause gewohnt, worin es, wie ich sicher wußte, auch einig« ^) In den belebteren Theilen fanden Diejenigen, die sich gastfrei erwiesen, eine üble Vergeltung in dcr Undankbarkeit mancher Fremden, und so ist die Gastfreundschaft allmalig außer Gebrauch gekommen, ") Es läßt sich dieß nur von Offizieren, Soldaten und den niederen Klassen sagen, und von den letzteren rauchen selbst die Weiber. ^ 17 — Frauen gab, aber ich habe ni< mehr von ihnen zu sehen bekommen, als ihre dunklen Augen, die durch die Thür, ritzen der inneren Gemächer lugten. In der entfernten Provinz Goyaz, Matlo-Grosso und Piauhy sind die Frauen fast aller Klassen der Pfeife eben so ergeben als die Män«^ ner. Eingeborene Indianer sind «ine sehr seltene Erscheinung in Rio; ich war schon mehre Monate im Lande, ehe ich einen zu sehen bekam. Die braunen Bootsleute, die man für Indianer gehalten hat, sind Mulatten von verschiedenen Schattirungen, wie schon Spix und Wartius bemerkt haben. Ueber die Sklaverei in Brasilien ist viel geschrieben worden. Es ist dieß eine Sache von nicht gelinger Wichtigkeit, die eine größere Beachtung verdient, als ihr im All< gemeinen von denjenigen zu Theil geworben ist, die ausführlich darüber geschrieben haben. Dieß sind meist nur flüchtige Reisende gewesen, die ihre Kenntniß von Anderen, nicht aber durch persönliche Anschauung gewannen. Die hier wohnenden Europaer erzählen den Fremden vn ihrer Ankunft die lächerlichsten Geschichten, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Eines von den neueren Werken über Brasilien, dem man bei seinem Erscheinen in Europa eine große Bedeutung beilegte, ist vielleicht gerade das unzuverlässigste. Ich habe meine Bürgen, daß dcr Verfasser ohne die minbeste eigene Prüfung Alles in sein Notizcnbuch einschrieb, was ihm irgend mitgetheilt wurde, so wunderlich es auch sein mochte. Gardner's Reist» in Vrasilim l. 2 — 18 — Im Jahr« 4825 schätzte Humboldt Brasiliens Ge-sammtbevölkerung auf vier Millionen, und zwar 926,000 Weiße, 1,960.000 Neger und 1.120.000 Mischlinge und «ingeborene Indianer. Hier ist das Verhältniß der Farbigen zu den Weißen ungefähr wie drei zu eins. Spätere Schätzungen geben eine Gesammlbevölkerung von fünf Millionen mit einem Verhältniß der Mischlinge zu den Weißen wie vier zu eins. Als das Gesetz erschien, wodurch die Einführung neuer Sklaven verboten wurde, erwartete man eine schnelle Abnahme dieser Verhältnißzahl, und wäre es streng befolgt worden, so würde dieß ohne Zweifel auch der Fall gewesen sein, da es Thatsache ist, baß bei der Sklavenbevölkerung in Brasilien weit mehr Todesfälle als Geburten vorkommen. Der Grund dieser Erscheinung liegt keineswegs in einer schlechten Behandlung der Sklaven, wie einige Reisende vermuthet haben, sondern in dem alibekannten Umstände, daß man von jeher mehr männliche als weibliche ins Land gebracht hat. Auf einigen Besitzungen im Innern ist ons Verhältniß der Frauen zu den Männern hausig wie eins zu zehn. Besonders arm an Frauen sind die Diamanten-Districte. Doch jenes Gesetz ist nicht befolgt worden, und da sich die Einführung m'cht vermindert hat, so ist sich auch die Zahl der Sklaven gleich geblieben. Während der fünf Jahre, die ich in Brasilien verlebte, glaube ich mich überzeugt zu haben, daß selbst in den entferntesten Theilen des Reiches der Zufluß — 10 — fast immer der Nachfrage entsprach. Es ist in Rio allgemein bekannt, daß trotz der Wachsamkeit der Kreuzer an der brasilianischen wie an der afrikanischen Küste selbst einige Meilen von der Stadt regelmäßig Sklavenladungen landen, und ich habe auf mehren Reisen, die ich in Ka-noen und anderen kleinen Fahrzeugen längs den Küsten der nördlichen Provinzen unternahm, zu wiederholten Malen Sklavenladungen von hundert bis zu dreihundert Köpfen gesehen und von anderen gehört. Es gibt für diese Zwecke mehre beliebte Landungsplätze zwischen Vahia und Per-nambuco, besonders an der Mündung des Rio San Francisco. Auf meinen Reisen durch das Innere sind mir fortwährend Schaaren neuer Sklaven beiderlei Geschlechts begegnet, die kein Wort Portugiesisch sprachen und, zwanzig bis gegen hundert Köpfe stark, zum Verkauf in das Innere gingen oder bereits an Besitzer von Pflanzungen verkauft waren. Diese Schaaren sind stets von einer bewaffneten Bedeckung begleitet, und diejenigen, welche bereits verkauft sind, müssen hausig kleine Lasten, gewöhnlich Ackergeräthe, tragen. Aus ihrer Fortschassung macht man kein Geheimniß, ja sehr häusig sind die Käufer obrigkeitliche Personen. Auch ist es bekannt, daß den Beamten derjenigen Bezirke, wo Sklaven gelandet werden, als Preis für ihre Verschwiegenheit ein sicherer Gewinn zufällt. Der bedeutende Marktpreis ist eine zu mächtige Versuchung, sich der Gefahr der Einfuhr auszusetzen. So sagt man, daß, wenn 2* - 20 - von drei Ladungen nur eine gerettet werde, diese eine hin» reiche, alle Kosten zu decken, und auch noch einen hübschen Gewinn abwerfe. Die in England verbreiteten Gerüchte hatten mich vor meiner Ankunft in Brasilien zu der Meinung veranlaßt, daß der Zustand der Sklaven in diesem Land« der klaglichste sei, den man sich denken künne, und die Berichte, die ich bei meiner Landung hierüber erhielt — allerdings von Personen, die, wie ich jcht erkenne, in dieser Beziehung wenig unterrichtet waren — konnten dies« Meinung nur bestätigen. Aber ein Aufenthalt von einigen Jahren in diesem Lande, in welchen ich mehr gesehen habe, als vielleicht die meisten Europäer, hat dies« Ansichten wesentlich verändert. Ich bin kein Versechter der Sklaverei — es würde mich im Gegentheil freuen, wenn sie von der Erde vertilgt würde, aber ich mag von den Leuten nichts wissen, welche die brasilianischen Sklaveneigner als grausame Ungeheuer schildern. Ich habe eine ziemlich umfassende Erfahr» ung unter ihnen gemacht, bin aber äußerst selten Zeuge von wollüstigen Grausamkeiten gewesen. Die ganze Gemüthsart der Brasilianer ist dem zuwider. Sie sind träge und lässig und übersehen daher an einem Sklaven Vieles, was Leute von lebendigerem und heftigerem Gemüth streng und un» nachsichtlich bestrasen würden. Daher sind die Europier, bei welchen diese letztere Eigenschaft in höherem Grade vorhanden ist, nicht nur als die härtesten Arbeitsvögte, - 2l - sondern auch als die strengsten Bcstrafer der Fehler ihrer Sklaven bekannt. Wie in allen anderen Ländern, so geschehen auch hier in großen Städten mehr Verbrechen als in den Ackerbaubezirken. Die Ursache ist, weil in den ersteren viel leichter starke Getränke zu haben sind als dort. Denncch sieht man unter der schwarzen Bevölkerung, so dicht sie in Nio de Janeiro auch ist, nur selten Betrunkene. Es war an «inem Sonntagsmorgen, als ich auf der Heimkehr in Liverpool ankam, und ich sah hier im Laufe dieses Tages «ine größere Anzahl von Betrunkenen in den Straßen, als mir vielleicht kaum während meines ganzen Aufenthalts in Brasilien vorgekommen waren. In den großen Städten ist häusig Strafe nöthig, und der Herr hat die Macht, , seine Sklaven zu züchtigen, wie es ihm beliebt. Einige jedoch ziehen eö vor, den Verbrecher dem Calabou^a zu übergeben, wo er gegen Bezahlung von Seiten der Polizei bestraft wird. Viele Verbrechen, deren Strafe nur in «nigen Hieben besteht, sind von der Art, daß ihnen in England Tod oder Verbannung folgen würbe; aber man übergibt einen Sklaven nur bei sehr schweren Verbrechen dem öffentlichen Gerichte, da dem Eigenthümer in solchem Falle dessen Dienste entweder ganz, oder doch wenigstens auf lange Zeit verloren gehen. Auf den meisten Pflanzungen werden die Sklaven gut versorgt, und sie scheinen sich wirklich recht glücklich zu füh- — 22 — len. Es ist in der That «ine Eigenthümlichkeit des Negers, die wahrscheinlich ihren Grund in seiner sorglosen Gemüthsart hat, daß er sich sehr schnell mit seiner Lage versöhnt. Ich habe in allen Theilen des Landes mit Sklaven Verkehr gehabt, bin aber mit sehr wenigen zusammen gekommen, die es beklagten, aus ihrer Heimat entführt worden zu sein. oder sich dorthin zurücksehnten. Auf einigen größeren Besitzungen, wo ich mich kurze Zeit aufgehalten habe, gab es häusig drei- bis vierhundert, und hätte ich nicht vorher gewußt, daß es Sklaven seien, ich selber würde es nie erkannt haben. Ich sah des Morgens eine Schaar zufriedener und behäbiger Albeiter aus ihren kleinen, häufig von Gärten umgebenen Hütten kommen und an ihr Tagewerk gehen, von welchem sie des Abends zurückkehren, aber nicht erschöpft und gebeugt von der Härte ikrer Arbeit. Die Haussklaven sind vielleicht noch besser daran als die anderen; sie haben nur leichte Arbeit und werden ohne Zweifel auch besser genährt und gekleidet. Ich habe gefunden, daß die brasilianischen Frauen gegen ihre mannlichen und weiblichen Haussklaven im Allgemeinen sehr gülige Herrinnen sind, besonders gegen solche von den letzteren, die als Ammen gedient haben. Auf Besitzungen, wo es an ärztlicher Pflege fehlte, habe ich in dem Krankenhause häusig die Gattin des Eigenlhümers als Pflegerin gesehen. Doch die Sklaven haben verschieden« Neigungen, und berücksichtigen wir die Natur des Negers, die unbestreitbaren — 23 - Gebrechen seines Geistes, den Mangel jeglicher Erzieh- ' ung, das Gefühl seiner Stellung in der Gesellschaft «nd die Gewißheit, daß er sich nie darüber erheben könn«, . so darf es uns nicht wundern, wenn eS einige darunlA gibt, die unruhig, widerspenstig und allen Lastern ergeben sind. Die Uebelgestnnten machen häufige Bestrafungen -nöthig, und dieß hat zu der Vermuthung geführt, daß die Peitsche allgemein und ohne Unterschied in Anwendung sei. Will man den Neger in seiner geistigen Fähigkeit dem Indianer gegenüber stellen, so wird man sich in den meisten Beziehungen leicht zu Gunsten des letzleren entscheiden. Es ist kein geringer Beweis von der mangelhaften Geistesbegabung des Negers, daß selbst in entlegnen Theilen des Reiches drei bis vier Weiße einige Hundert Sklaven in vollkommener Unteiwüisigkeit Halm: können. Mit Indianern war dieß niemals zu erreichen, denn auch diese wurden einst als Sklaven benutzt, und an der nörd- > lichen und westlichen Gränze geschieht es heute noch. ob, gleich das Gesetz es verbietet. Der Indianer ist in seinen thierischen Neigungen weniger entwickelt als der Neger, daher ist er sanfteren Gemüths, kann aber zu gleicher Zeit auch keinen Zwang ertragen. Charakter und Fähigkeit des Negers sind l>ei den verschiedenen Stämmen Gebirge, wo wir uns zehn Tage aufhielten. Statt des geraden Weges von Rio wählten wir den weiteren und schlechtesten längs dem Ufer. Nah« am Meere und ungefähr fünfzehn Meilen von der Stadt erhebt sich der Gavea oder Marssegel-Berg, so genannt wegen seiner viereckigen Gestalt und den englischen Seefahrern unter dem Namen „Lord Hood's Nase" bekannt. Er hat einen flachen Gipfel und erhebr sich zweitausend Fuß über den Meeresspiegel, dem er eine fast senkrecht abhängige Seite zeigt. Wir blieben eine Nacht in dem Hause eines Franzosen, der «ine klein« Kaffeepftanzung besitzt. Der Kaffee wird auf t>er felsigen Abdachung zwischen dem Fuße des Berges und Gardner" Neisen i» Vrasilim l. I __ IH __ dem Meere erbaut. Die Lage ist kühl und feucht. Unter dem lockeren Gestein am Fuße des Verges fanden wir schöne Strandmuscheln und am Meeresufer die prächtige gloxinia 8peoi<,8», die jetzt in englischen Treibhäusern so gewöhnlich ist, im reichsten Ueberfluß und in voller Blüthe. Auch wächst hier eine Art wilder Petersilie, und m das Gebüsche windet sich eine neue Att indi« scher Kresse (I'iupaoolum oNlwoer^ L»rl!u«i>). Auf der Stirnseite des Berges, mehre hundert Fuß hoch, bemerkten wir eine jener schonen großblumigen Orchideen, die in Brasilien so häufig sind. Wir sahen deutlich ihre großen rosen-farbigen Blumen, konnten sie aber nicht erlangen. Einige Tage später fanden wir sie auf einem Berg« in der Nähe und überzeugten uns, baß es (^Me^g, lakiala war. Der Weg windet sich um den Gavea und endet an einem kleinen Salzwaffersee, wo man überfahren muß, da er wegen eines weit hineinragenden hohen Berges nicht umgangen werden kann. Wir fuhren in einem morschen lecken Kanoe über und sahen an den steilen Felsen viele seltene Pflanzen, oie wir nicht erreichen konnten. Der Weg nach dem Hause, das uns aufnehmen sollte, führte ungefähr zwei Meilen weit über ein flaches Wiesenland, das sich zum Theil in seinem natürlichen Zustande befand, zum Theil mit Mais, Mandiocca und Bananen bepflanzt war. Wir kamen an mehren Hütten vorüber, die von armen Farbigen, größten Theils Fischern, bewohnt waren. Ehe - 33 — wir an den Fuß des Berges kamen, über welchen der Weg nach Tijuca führt, trafen wir auf eine wandernde Gesellschaft kleiner schwarzer Ameisen. Es war eine Heersäule von mehr als sechs Fuß Breite und ungefähr dreißig Ellen Länge, und hieraus mache man sich einen Begriff von ihrer ungeheuren Anzahl. Der Boden war völlig bedeckt von den kleinen Geschöpfen, so dicht waren sie zusammen gedrängt. Die Naturgeschichte der Ameisen ist bis jetzt, besonders in Hinsicht der Aufzählung ihrer Gattungen, nur wenig studirt worden. Sie sind zahlreicher, als die Natur« forscher vermuthen. In den Theilen der Wendekreise, wo mehr Feuchtigkeit herrscht, gibt es weder so verschiedenartige Gattungen, noch eine so große Menge von Einzelwesen, wie in den tcockneren Bezirken. Ich erinnere mich, wahrend meines Aufenthaltes in Pernambuco an einem einzigen Tage fünf und zwanzig Gattungen gezahlt zu haben. Ehe wir bm Berg erstiegen, besuchten wir den Fall des Tijuca, der nur eine kleine Strecke vom Wege entfernt liegt. Ein großer Blich ergießt sein krystallhelles Waffer über zwei sanft sich hinabsenkende, gegen hundert Fuß hohe Felsenmassen und wird unten von einem weiten Becken aufgenommen. Dieser Wasserfall erinnerte mich an jene, die man so häusig in Schottlands waldigen Thälern findet. Nachdem wir hierauf die Berge aUmalig erstiegen hatten, erreichten wir in der Dämmerung unsere Herberge. Das 3* — 36 — Haus liegt auf ein« alten Kasseepflanzung, die einem brasilianischen Edelmann gehört, war aber damals von mehren jungen englischen Kaufleuten in Rio gemiethet, die hier ihre Feiertage zubrachten, und einem derselben verdankten wir die Erlaubniß, uns einige Tage hier aufzuhalten. Früh am nächsten Morgen unternahmen wir einen Ausflug nach einem Berge, Namens Pebra Bonita, unmittelbar dem Gave a gegenüber, und besuchten auf unserem Wege dorthin die Kaffeepstanzungen der Frau Moke und des Herrn Lescene. Sie liegen neben einander und galten damals für die beßten bei Rio. Das große Kaffee-gelinde liegt weiter landwärts an den Ufern des Rio Parahiba. Man pflanzt die Bäum« m Zwischenräumen von sechs bis acht Fuß. Diejenigen Pflanzen, welche man mit einem Ballen Erde an der Wurzel aus der Pflanzschule genommen hat, tragen schon im zweiten Jahre, wahrend diejenigen, von welchen man die Erd« abgelöst, erst im dritten Früchte bringen und zum großen Theil eingehen. Sie werden, wenn sie ungefähr «inen Fuß hoch sind, in den angespülten Boden der Bergabhänge gepflanzt, die man vom Urwald gesäubert hat, aber man läßt sie nicht höher wachsen als zehn bis zwölf Fuß, so baß der Gipfel erreichbar bleibt. So lange die Baume nicht vollständig tragen, kann ein einziger Neger zweitausend Pflanzen verpflegen, später aber werden ihm nur halb so viel überlassen. Große gesunde Kaffeebaume können acht bis zwölf Pfund geben. — 3? — der Durchschnittertrag aber wechselt zwischen anderthalb bis drei Pfund. Die reifen Beeren sind von der Größe und Farbe der Kirschen, und von ihnen kann ein Neger täglich zwei und dreißig Pfund einsammeln. Es gibt alljährlich drei Ernten, der größte Theil der Ernte aber reift wahrend der trockenen Jahreszeit. Man läßt die Beeren auf etwas runderhabenen Tennen an der Sonne trocknen und löst dann die gedörrte Schale entweder in Mühlen oder in großen hölzernen Mörsern. Die in Westindien und Ceylon so gebräuchliche Mühle, womit man die frischen Beeren entschalt, findet man in Brasilien nur selten. Es gibt nichts Schöneres als eine Kaffeepflanzung in voller Blüthe; die Baume blühen zu gleicher Zeit, aber nur vier und zwanzig Stunden. In der Ferne erscheint eine solche Pflanzung wie mit Schnee bedeckt, und die Väume haben den köstlichsten Wohlgeruch. Am Ufer eines Baches, der durch das Thal fließt, in welchem diese Pflanzungen liegen, bemerkten wir einen fast zwanzig Fuß hohen nesselartigen Vaum mit einem acht Zoll dicken Stamme, und wir erkannten in ihm eine neue Gattung der Boehmeria (It. ln'l>c»re«ccm8 Ol^äa») entstand aus einer eingebildeten Aehnlichkeit der allmälig über einander emporsteigenden ___ 43 -- Gipfel mit den Pfeifen einer Orgel. Ungefähr zehn Jahre früher hatte man auf diesem Gebirge, gegen dreitausend Fuß über dem Meeresspiegel, in einem anmuthigen Thale hinter den höheren Gipfeln eine Sommerzuflucht angelegt. Ein Engländer, Namens March, besitzt hier eine Meierei für Pferde- und Maulthierzucht und einen großen Garten, aus welchem der Markt von Rio regelmäßig mit europäischen Küchengewächsen versorgt wird. Auf diesem Besitzthume sind mehre Hütten erbaut, wo die in Nio wohnenden englischen Familien die heißen Monate verleben. Herr March nimmt auch Gäste in sein eigenes Haus, und der Ort ist selten unbesucht. Man legt ein Drittel der Reise zu Wasser zurück, den übrigen Theil auf Maulthieren, die Herr March von seiner Fazenda herabsendet. Da Herr March zufällig in Rio war, als ich meine Reise in's Gebirge antreten wollte, so brachen wir am vier-unbzwanzigsten Dezember zusammen auf, zugleich in Gesellschaft einiger englischen Kaufleute, welche die Weih-nachtsfeiertage bei ihren Familien zubringen wollten. Es war Mittag, ehe wir die Stadt verließen, und von einem starken Seewind begünstigt, erreichten wir halb vier Uhr den gegen zwanzig Meilen entfernten Landungsplatz Pie« dad«. Das Boot, in welchem wir uns einschifften, gehörte zu einer Klaffe, die in dem Hafen sehr gebräuchlich ist und hauptsächlich dazu benutzt wird, Güter nach dem äußersten Ende der Bai und Erzeugniffe deS Innern von — 46 — dort nach Rio zu führen. Auch bedient man sich ihrer zu Luftfahrten nach den Inseln und den andern Ufern der Vai. Sie heißen Faluas und sind mit sechs Ruderern und einem Steuermanne besetzt, welcher derPaträo genant wird. Die Patrao's sind sehr häusig die Eigen« thümer und größtentheils Portugiesen. Ihre Fahrzeuge haben zwei Masten, die beide ein großes Segel tragen» das Hintertheil ist überdeckt und mit Vorhängen verschlossen. Die Neger, aus welchen die Mannschaft dieser Boote besieht, sind meist kräftige Leute. Auf dem einen Doste sitzend, stemmen sie ihre Füße gegen einen anderen und erheben sich bei jedem Ruderschlage, wahrend sie ihre Be, wegungen mit einem melancholischen Gesang« begleiten. Wir hatten einen entzückenden Tag gewählt; die Sonne stand glänzend an einem wolkenlosen Himmel, und ein frischer Seewind wehte uns liebliche Kühlung zu. Unser Boot fuhr dicht anderIlha do Governador vorüber, der größten Insel in der Bai. Sie ist ungefähr acht Meilen lang, aber verhaltnißmaßig sehr schmal und nur spärlich bewohnt. Kurz vor meiner Ankunft im Lande hatte hier ein Engländer eine Licht- und Seifenmanufactur errichtet. Die schlammigen Ufer dieser Insel, sowie der ganzen Bai, haben Ueberfiuß an Krabben von allen Größen und allen Farben, von fast schwarzen bis zu sckarlach-rothen. Als ich diese Insel bei einer anderen Gelegenheit besuchte, bemerkte ich in kurzer Zeit gegen acht verschiedene — 47 — Gattungen. Sie leben in Familien, indem jede Art eine besondere Colonie bewohnt, und wühlen sich unter dem Schatten und den Wurzeln des Mangelbaumes und anderer stranbliebenden Baume in den Schlamm. Hier war es, wo ich zum ersten Mal scheinbar Austern tragende Baume sah. Diese Thiere hängen sich, wenn sie jung sind, an den unteren Theil der Stämme und der langen Wurzeln des Mangelbaumes und anderer Bäume, die selbst bis zur Ebbehöhe in das Meer wachsen; aber sie sind klein und unschmackhaft. Außerdem findet man in der Bai noch andere Austern von ungewöhnlicher Größe; einige ihrer Muscheln, die ich sammelte, waren ziemlich einen Fuß lang. Am oberen Ende der Bai liegen mehre kleine Inseln, wovon einige bewohnt sind und den freundlichen Anblick der Bebauung darbieten, während andere fast nur aus Felsenmassen bestehen, in deren Klüften verbuttete Straucher und eine Art Stachelbirnen wachsen. In Piedade erwarteten uns Maulthiere von Herrn March's Fazenda, und wir setzten nach einem kurzen Aufenthalte unsere Reise zu Lande fort. Oberst Leite, ein Brasilianer, hat in Piedade, das nur aus einigen zerstreuten Hausern besteht, ein großes Gasthaus errichtet und war damit beschäftigt, auf eigen« Kosten einen neuen Weg über das Orgelgebirge anzulegen, der sich an denjenigen anschließen soll, welcher von Porto de Estrella, einem anderen Landungsplatze am oberen Ende der Bai, nach — 43 — den Vergdistricten führt. Porto de Estrella ist seither der gewöhnliche Häfen zwischen Rio und dem Innern gewesen; der Oberst aber hegt die Hoffnung, daß sein neuer Weg endlich den Vorzug erhalten werde, da er bedeutend kürzer ist. Als ich nach vier Jahren wieder hierher kam, war das Unternehmen noch immer unvollendet. Der Weg von Piedade nach Mag 6, einer kleinen ungefähr vier Meilen entfernten Stadt, führt über eine flache, sandige und stellenweise sumpfige Ebene, die mit niedrigen Bäumen und schönen Blüthensträuchern bedeckt ist. Die Hecken waren von zahlreichen Kletterpflanzen umrankt, und darunter befand sich eine kleine schönblumige Iasminart, die einzige, die man bis jetzt als wildwachsend auf dem amerikanischen Vesilande gefunden hat. An feuchten Stellen war Dwlwi'lxillKll'i» llivrsillnra mit ihren himmelblauen Blüthenahren nicht ungewöhnlich, und die sandigen Stellen waren mit einer großen Cactusart bedeckt, worunter viele Pflanzen der aloearligen l^ourci-o^a ^'n^nlea ihre dreißig bis vierzig Fuß hohen Blüihenstängel erhoben. Die Stadt Magö liegt ziemlich cinmuthig an den Ufern des Mag^-assü, eines der vielen kleinen Flüsse, die auf dem Orgelgebirge entspringen und sich in das äußerste Ende der Bai ergießen. Sie hat «ine hübsche Kirche und eine Anzahl gut ausgestatteter Kaufläden. Der Fluß ist für kleine Fahrzeuge bis zu acht Meilen von seiner Mündung schiffbar. Mage führt eine bedeutende - 49 — Menge von I^arinl,» 60 Nlniälonoa ^»88ÄV») nach Rio. Seine niedrige Lage und die Sümpfe in der Umgegend machen es zu gewissen Jahreszeiten sehr ungesund; Wechselfteber sind hier eine gewöhnliche Erscheinung und werden häusig sehr bösartig. Die Entfernung von Mag« nach Frechal, wo wir übernachteten, beträgt über vierzehn Meilen. Der Weg war noch immer eben, wand sich aber um viele niedrige, mit Mandiocca - Pflanzungen bedeckte Hügel. Wir begegneten mehren Zügen von Maulthielen, die, mit allerlei Erzeugnissen beladen, auS dem Innern kamen. Der Europäer, der an eine solche Fortschaffungsweise nicht gewöhnt ist, sieht mit Erstaunen, wie viele Thiere hier erforderlich sind, um eine Ladung zu tragen, die in seiner Heimat kaum für ein einziges ein« hinlänglich« Last sein würde. Es brechen von Rio, Piedade und Porto de Estrella täglich beladene Mautthiere auf, um fünfhundert bis zweitausend Meilen weite Reisen in das Innere zu machen. Sie legen selten mehr als zwölf bis sechszehn Meilen des Tages zurück, und jedes tragt sechs bis acht „Arrobaö" von je zwei und dreißig Pfund. Die Ladung bedeckt man mit trockenen Ochsenhäuten, um sie gegen das Wetter zu schützen. Frechal ist «in kleines Dorf, aus einigen vereinzelten Hausern bestehend, und liegt ungefähr zwei Meilen vom Fuße des Gebirges. Wir nahmen unser Nachtquartier in einem öffentlichen Hause (Venäa), wo es ein Zimmer zu Beherbergung t^avdücc'Z Reisn» in Vrasilicn I. H — 50 — von Reisenden gibt. Doch gleicht dieses Gastgemach, da es rings herum mit Betten besetzt ist, eher einem Saale in einem Krankenhause. Man findet hier, was sonst an den meisten anderen Orten dieser Art zwischen Rio und den Bergdistricten nicht eben gewöhnlich ist, zu jeder Zeit «inen sehr guten Tisch. Am nächsten Morgen bei Tagesanbruch waren wir wieber auf dem Wege. Ungefähr zwei Meilen von Fiechal. beginnt die Ersteigung des Gebirges. Von hier bis zu Herrn March's Fazenda, die auf einer Höhe von ziemlich dreitausend Fuß über dem Meeresspiegel liegt, sind zwölf Meilen. Der Weg bis dahin ist durchgangig schlecht und stellenweise so steil, daß ihn die Maulthiere nur mühsam erklimmen können. Wer nicht daran gewöhnt ist, auf solchen Wegen zu reisen, die eher dem Bette eines Verg-stromes als einem Pfade für Lastthiere gleichen» wird manche Stellen für gänzlich ungangbar halten; aber er wird bald eines Besseren belehrt, wenn er bemerkt, wie die Maulthiere zwar langsam, aber sicher über die schwierigsten Punkte hinweg kommen, besonders wenn man sie ganz sich selber überläßt. Der Weg führt ununterbrochen durch einen dichten Wald, von dessen Pracht man sich keinen Begriff machen kann, wenn man ihn nicht gesehen hat und nicht in seine geheimen Tiefen eingedrungen ist. Die Ueberreste von Urwäldern, die noch in der Nähe der Hauptstadt stehen, treten trotz tem großartigen Eindruck, — 51 — den sie auf den «st angelangten Europäer machen, bedeutend m den Hintergrund, wenn man si« mit der riesenhaften Vegetation vergleicht, welche die Abhänge des Orgelgebirges bedeckt. So viel ich zu unterscheiden im Stande war, bestanden die großen Waldbäume aus verschiedenen Arten von Palmen, Lorbern, Feigen, Cassien, Vignomen, Myrtaceen und Melastomaceen. Unter den gemäßigten Himmelsstrichen werden die natürlichen Wälder größten-theils von Bäumen gebildet, die gesellschaftsweise beisammen wachsen; in tropischen Ländern ist es dagegen eine Seltenheit, daß man zwei Bäume von einerlei Gattung neben einander sieht; so groß ist die Mannigfaltigkeit der ver, schiebenen Arten. Viele dieser Baume sind von ungeheuerer Größe, und ihre Stämme und Zweige mit Myriaden jener Pflanzen bebeckt, die gewöhnlich Parasiten genannt werden, aber es in der That nicht sind — nämlich Orchideen, Bromeliaceen, Farnen, Peperomien u. s. w., welche ihre Nahrung aus dem Safte der Borke und aus der erdigen Substanz abgestorbener Moose u. s. w. entnehmen. Um viele Bäume winden sich Kletterpflanzen, deren Stängel häusig dicker sind als die Stämme, welche sie umschlungen halten. Dieß gilt besonders von einer Art wilder Feige, von den Brasilianern 6ip<» Na<1awr genannt. Sie läuft an dem Baume hinauf, an welchen sie sich angeschlossen hat, und streckt alle zehn Fuß auf jeder Seite eine dicke Ranke aus, die sich vest um den 4* — 52 — nächsten Stamm schlingt. Da beide Bäume mit der Zeit an Größe zunehmen, so wird der Druck endlich so groß, baß der stützende Stamm in der Umarmung des Parasiten allmalig abstirbt. Es gibt noch eine andere Art der wilden Feige, mit ungeheuer hohem und dickem Stamme, welcher dic englischen Einwohner wegen mehrer großen, dünnen Hervorragungen am unteren Theile den Namen Pfeilerbaum geben. Diese Hervorragungen beginnen in einer Höhe von zehn bis zwölf Fuß und werden allmalig immer breiter, bis sie den Boden erreichen, we sie sich mit den großen Wurzeln des Baumes vereinigen. Am Boden sind sie häufig fünf Fuß breit, aber durchgängig nicht mehr als einige Zoll dick. Die verschiedenen Lorberarien sind schöne Bäume. Sie blühen in den Monaten April und Mai, zu welcher Jahreszeit sie die Luft mit dem lieblichen Wohlgeruch ihrer kleinen weißen Blüthen erfüllen. Ihre reife Frucht ist die Hauptnahrung des Iacuiinga (I'«no lope touting», 8pix), eines schönen großen Iagdvogels. Die großen Cassien haben in der Blüthe ein überraschendes Ansehn, und da zu gleicher Zeit auch eine fast gleiche Anzahl großer Bäume der I^ian^a I?mlwne8iini» und einige andere von der Melastoma-Gattung in Blüthe stehen, so bilden die Walder in der Fülle dieser Blumen fast eine «inzige Masse von Gelb und Purpurroth. Mitten unter diesen erheben sich die fleischfarbigen Blumen der ^lwl^i». - 53 — 8pee'm8», einer Art Seidenwollenbaumes, mit einem dornenbedecktm, bis zu einer Höhe von dreißig oder vierzig Fuß zweiglosen Stamme von fünf bis acht Fuß im Umfange. Die Zweige bilden dann einen fast halbkugeligen Gipfel, welcher mit seinen tausend schönen, großen, rosenfarbigen Blüthen im Gegensatz zu dem Grün, Gelb und Purpurroth der umstehenden Bäume einen herrlichen An« blick gewahrt. Viele dieser größeren Stamme bilden die Stützen verschiedener Gattungen von Schlingpflanzen, die zu den natürlichen Ordnungen der Bignoniaceen, Composite«, Apo-cyneen und Leguminose« gehören, deren Stängel häufig eine eigenthümliche Gestalt annehmen. Mehre derselben sind oft zusammengedreht und hangen wie große Seil« von den Zweigen der Väume herab, andere wieder sind flach und zusammengedrückt wie Bänder. Von der letzteren Art habe ich einige gesehen, die gegen sechs Zoll breit, aber nicht mehr als einen Zoll dick waren. Zwei der schönsten Kletterpflanzen sind die prachtige große ttompeten-blumige 8ull»ndra Hi'lmMol'n, welche die größten Baume des Waldes mit einer Pracht bekleidet, die ihnen selber nicht eigen ist, und eine überaus schöne, aber sehr gewöhnliche Fuchsia, I^uvl»»,^ illl^l-Ml«, l^lml»658. *), die, an *) Wie ich mich übcrzrugt habc< identisch mit Fuchsia affinis, Cambess., F. pyrifolia, Presl., unb F. radieans, Miers. — 54 ^ alle Vaumarten sich schmiegend, häusig eine Höhe von sechszig bis hundert Fuß erreicht und dann in den schönsten Gewinden wieder herabfällt. Am Fuße des Gebirges besteht das Unterholz hauptsächlich aus Strauchgewächsen, die zu den natürlichen Ordnungen der Melastomaceen, Myrtaceen, Kompositen, Solanaceen und Rubiaceen gehören; barunter viele große Arten von Farnenkräutern und einige Palmen. In der Mitte gibt es eine reichliche Anzahl von Palmen und Baumfarnen, letztere zuweilen in einer Höhe von vierzig Fuß. Dies« Bäume sind allen anderen Waldbürgern so unähnlich, von so eigenthümlichem, aber dennoch so an-mulhigem Ansehen, daß sie stets mehr als alle anderen, selbst die Palmen nicht ausgenommen, meine Aufmerksamkeit gefesselt haben. In einer Höhe von ungefähr zweitausend Fuß findet man eine große Vambusart (N»ml»u5a I^ONI-U, Ztart. "). Die Stange! dieses Riesengrases haben häufig achlzelm Zoll im Umfang und erreichen cine Höhe von fünfzig bis zu hundert Fuß. Sie wachsen jedoch nicht vollkommen gerade, da ihre Gipfel eine anmuthige Krümmung nach unten bilden. Wir erreichten Herrn March's Fazenda noch an frühem Vormittag. Das Vesitzthum umfaßt eine Landstrecke von vierundsechszig Quadratmeilen, wovon der größere Theil noch *) Die Brasilianer nennen sie I^yiins«. — 55 — mit Urwald bedeckt ist. Der gelichtete Theil besteht aus Weideland und mehren kleinen Meiereien zum Anbau von Mais, walschen Bohnen und Kartoffeln. Von den beiden ersteren zieht man reichliche Ernten, die letzteren aber gedeihen weder so zahlreich noch so gut wie in England. Herr March hat neben seinem Hause auch einen großen Garten, worin er unter der Pflege eines französischen Gärtners mit ziemlich gutem Erfolge fast alle europäischen Früchte und Gewächse zieht. Man sieht hier nebeneinander Weinreben, Pfirsich-, Oliven-, Feigen-, Apfels Quitten«, Birnen-, Orangen- und Paradiesfeigenbaume, und mit Ausnahme der beiden letzteren sind alle sehr reich an Früchten. Die Orange und die Parabiesfeig« tragen zwar auch, doch kommt ihre Frucht wegen der Kälte ftllen zur völligen Ausbildung. Die Erdbeere lrägt wenig, die Stachelbeere gar nicht. Die Aepfel sind ganz dieselben, wie man sie in England ißt; die Pfirsiche aber sind von geringerer Art und werden theilweise als Schweinefutter benutzt. Dagegen gibt es vortreffliche Feigen. Außerdem zieht man reichliche Ernten von Blumenkohl, Kopfkohl, Spargel, Artischocken, Nüben, Erbsen und Zwiebeln und bringt t>«« gleichen wöchentlich nach der Hauptstadt. Den fruchtbarsten Theil des Vesitzthums bildet ein großeS Thal zwischen d« höheren Kette des Orgelgebirges und einer kleineren, die mit dieser säst parallel lauft; doch hat man auch mehre von den kleinerm Thälern bebaut, die sich hinauf nach den — I« — Gipfeln erstrecken und von kühlen klaren Bächen bewässert sind. In dieser Hohe ist das Klima weit kühler als in Rio, indem der Thermometer in den Monaten Mai und Iumus ^ zuweilen kurz vor Tagesanbruch bis auf 32 " herabfällt. Der niedrigste Grab, den «ch selber beobachtete, zeigte sich am sechsundzwanzigsten Mai früh acht Uhr, wo das Queck- 3^ silber 39" angab; den höchsten Stand erreichte es wahrend der sechs Monate, welche ich auf diesem Gebirg« zu» brachte, am dreiundzwanzigsten Februar, wo das Queck» '^ silber des Nachmittags bis zu 84« stieg. Die heiße Jahreszeit ist auch die Regenzeit, und wahrend der Monate Januar und Februar gibt es fast täglich heftige Gewitter. Sie kommen sehr regelmäßig in der vierten Nachmittagsstunde und lassen, wenn sie vorüber sind, einen erquicklich kühlen Abend zurück. Wie die Verge um Rio, so besteht auch das ganze Orgelgebirge aus Granit. Der ange» schwemmte Boden findet sich in den Thälern sehr tief und üppig, und unter diesem liegt derselbe eisenhaltige Thon, der um Rio so häufig ist. Es war Christtag, als wir ankamen, und wir fanden daher alle Sklaven der Besitzung, ungefähr hundert an der Zahl, mit den neuen Kleidern angethan, die sie am Tage vorher erhalten hatten, zu einem festlichen Tanze vor dem Hause versammelt. Tes Abends wurden mehce von denjenigen, die sich am beßten ausgeführt, hauptsächlich 57 __ Creole«, in die Veranda des Hauses gelassen, und ich halte nun die beßte Gelegenheit, ihre Tanze zu beobachten, wovon einige nicht gerade von der feinsten Natur waren. Am meisten gefiel uns noch eine Art Mimentanz folgenden Inhalts. Ein junger Mann beginnt vor der Thüre eines Hauses, das einem Padre (Geistlichen) gehört, zu tanzen und seine Viola, eine Art Guitarre, zu spielen. Der Padre hört den Lärm und schickt alsbald einen Diener hinaus, um zu erfahren, was vorgeht. Dieser findet den Musikanten, der nach seiner eigenen Musik tanzt, und fragt ihn im Namen seines Herrn, was diese Störung zu bedeuten habe. Der Musikant erwidert ihm, daß er durchaus keine Störung mache, sondern nur einen neuen Tanz aus Bahia versuche, den er am vorigen Tag« in dem Diario gesehen habe. Der Diener fragt, ob es «in hübscher Tanz sei. „O, sehr hübsch," erwidert der Andere — „willst Du ihn nicht versuchen?" D«r Diener klatscht in die Hände, ruft: „Der Padre gehe schlafen!" und schließt sich augenblicklich dem Tanze an. Derselbe Auftritt wiederholt sich, bis des Padres sämmtliche Diener, Männer, Weiber und Kinder, gegen zwanzig Personen, alle zusammen vor dem Hause sich im Tanze drehen. Zuletzt erscheint dann, voll Wuth, der angebliche Padre in einem großen „Poncho" oder Oberkleid, einem breitrandigen schwarzen Slrohhut und einer langbarligen Maske, und fragt, was dieß für ein Lärm sei, der ihn hindere, sein — 58 - Abendbrod zu verzehren. Der Musikant erzählt ihm dieselbe Geschichte, die er seinen Dienern erzählt hat, und weiß ihn nach vieler Ueberredung dahin zu bringen, daß auch er sich unter die Tanzenden mischt. Er tanzt nun mit demselben Eifer wie die Anderen, aber die günstige Gelegenheit wahrnehmend, zieht er plötzlich eine Peitsche unter seinem Rocke hervor und peitscht die ganze Gesellschaft zum Gemache hinaus. Es herrscht auf dieser Besitzung eine strengere Zucht unter den Sklaven, als auf allen anderen von gleicher Größe, die ich in Brasilien besucht habe; aber die Sklaven haben zu gleicher Zeit auch eine sehr sorgliche und freundlich« Behandlung. Für die Kranken gibt es ein Spital, und Herr Heath, der Verwalter des Besitzthums, hat eine nicht unbedeutende Erfahrung in der Behandlung der unter den Negern vorkommenden Krankheiten. Obgleich es nicht so viele Arten giftiger Schlangen in Brasilien gibt, als selbst die Einwohner vermuthen, so werden doch die Sklaven, die in den Pflanzungen beschäftigt sind, nicht selten von ihnen gebissen. Mir sind auf meiner ganzen Reise in Brasilien nicht mehr als ein halbes Dutzend Gattungen vorgekommen, welche Giftzähne hatten; doch sind einige derselben allerdings sehr zahlreich an Individuen. In der Provinz Rio und in den südlichen Provinzen ist die Iararüca (LaUn-ap» ^eu^vleclii, 8pix), eine Gattung, die fast mit jener verwandt ist, zu welcher — 59 — die Klapperschlange gehört, vielleicht die gewöhnlichste. Sie mißt, vollkommen ausgewachsen, in der Regel sechs Fuß, und man findet sie häufig in Pflanzungen und an buschigen, rasigen Stellen am Saume von Wäldern, aber vielleicht niemals in dichten Wäldern selber. In den mittlen und nördlichen Provinzen gibt es eine achte Klapperschlange (dazcavo!), die aber höchst wahrscheinlich zu einer von der norbamerikanischen versch«!») und die Schlangenwurz (Nnia <1e (^okrli). Letztere ist die Wurzel eines gewöhnlichen Strauches, der unter dem Namen dliiococcu »nflix» den Botanikern jetzt all- __ ß2 __ gemein bekannt ist. Sie hat einen durchdringenden, unangenehmen Geruch, fast wieder gewöhnliche Baldrian, und es werden Decocte davon dem Kranken theils zu trinken gegeben, theils als Umschlage auf die Wunde gelegt. Die Kai« ?l-eli» wirkt als heftiges Brech- und Abführmittel und erzeugt reichliche Ausdünstungen, und wenn sie auf diese Weist ihre volle Wirkung äußert, so gilt dieß als ein günstiges Zeichen der Genesung. Außer diesem Mittel gibt es noch viele andere. Die giftigen Schlangen haben gewöhnlich einen unangenehmen Bisamgeruch, und es herrscht bei dem Volke die Meinung, baß jede ähnlich riechende Pflanze ein unfehlbares Mittel gegen ihre Bisse sei. In Fernambuco fand ich die seltsame Heilart im Gebrauch, dem Kranken so viel Rum zu geben, bis er völlig betrunken war, und man behauptet, daß dieß häufig den beßten Erfolg habe. Von dem wunderlichsten Verfahren aber, das mir jemals vorgekommen, unterrichtete mich ein Meier (k'axenllcii'o), der mich auf meiner Rückkehr aus dem Gebirge nach^ Rio begleitete. Drei Tage vor seinem Aufbruch von seinem Vesitzthum, so erzählte er, sei einer seiner Ochsen von einer Iararüca ms Bein gebissen worden; doch da er augenblicklich sein Heilmittel gebraucht, so sei das Thier bald wieder so gesund gewesen wie die anderen. Dieses Heilmittel besteht in folgendem bekannten lateinischen Akrostichon oder Zauderspruche, wie er es nannte: — 63 — S A T O R A R E P O T E N E T O P E R A R O T A S. Jede Zeile wird besonders auf ein Papierstreifchen ge-schlieben, und dann alle fünf, wie Pillen zusammengerollt, so schnell als möglich dem gebissenen Menschen oder Thiere gereicht. So gab er mir auch ein eben so lächerliches Heilmittel gegen die Trunkenheit. Man legt ein Stück Brod unter die Achselgrube eines Sterbenden und laßt es da liegen, bis er völlig todt ist. Von diesem Brode — so versicherte mein Fazendeiro — braucht man denjenigen, die der Voller« ergeben sind, ohne ihr Wissen nur ein kleines Theilchen beizubringen, um die vollständigste Heilung zu bewirken. Catesbv bemerkt, daß in Nordamerika der Viß einer Klapperschlange in weniger als zwei Minuten den Tod zur Folge habe; in Brasilien soll es nicht viel anders sein, doch sind mir selber keine Fälle vorgekommen, wo er «her als innerhalb zehn bis zwölf Stunden erfolgte. In den Fällen, wo das Gift eine so schnelle Wirkung äußert, muß es so stark sein, daß es augenblicklich alle Nerventätigkeit hemmt; in jenen, wo der Kranke einen oder mehre Tage hinbringt, wird der Tod gewöhnlich durch Entzündung und Absterben des unter der Haut befindlichen Zellgenebes ^ 65 — herbeigeführt. Ich bin auf meinen Reisen durch das Innere häusig mit Leuten zusammengekommen, die von heftigen Schlangenbissen wieder genesen waren, aber sie befanden sich fast alle in sehr hinfalligcm Zustande und litten meist an schwärenden Gliedern. Ich muß daher nach dem, was ich gesehen habe, offen bekennen, daß ich zu keinem Mittel, das beim Schlangenbiß als specifisch wirken soll, mag es äußerlich oder innerlich angewendet werden, sonderliches Vertrauen habe. Natürlich will ich hiermit nicht die Mittel gemeint haden, die man gewöhnlich zur Verminderung der Entzündung und des Fieders anwendet, da man dies« unter keinerlei Vehandlungs'.veise vorenthalten kann. Ein Verband über der Wunde, augenblickliche Einschnitt« in die Wunde selber und Anwendung eines Schröpfglases, das in der Gestalt eines Weinglases fast immer bei der Hand ist, smd jedenfalls zuverlässiger als irgend ein anderes äußeres Mittel. M»ine erste längere Reise in den kiesigen Urwald machte ich in Gesellschaft deß Heirn Lomonosof, russischen Gesandten am brasilianischen Hofe, und des Herrn Heath. Herr Lomonosof wünschte hauptsächlich einer Tapir- (/^„lg-) Jagd beizuwohnen, da dieses Thier auf diesem Gebirge sehr gewöhnlich ist. Der Tapir ist der größie füdameri-kanische Vierfüßler, doch nicht großer als ein sechs Monate altes Kalb, aber mit kürzeren Füßen versehen. Wir verließen die Fazend.1 gegen halb sieben Uhr des MorgenS — 65 — und gelangten drei Meilen nördlich in den Wald. Vier Neger waren unsere Begleiter, und wir hatten uns außer unseren Flinten und sechs guten Hunden auf zwei Tage mit Lebensmitteln versehen. Die ersten anderthalb Meilen war der Weg erträglich, indem er durch einen Wald schöner Baume führt«, wo es mil Ausnahme junger Palmen, wovon unsere Schwarzen, die uns den Weg bahnten, Hunderte niederschlugen, nur sehr wenig Unterholz gab. An den Ufern eines Flusses, Namens Imbuhy, den wir, in dem Thale hinaufziehend, mehrmals zu überschreiten hatten, gewann ich mannigfache Beitrage zu meinen botanischen Sammlungen. Der beschwerlichste Theil unseres Weges war ungefähr eine Strecke von einer halben Meile, die wir uns durch einen dichten Bambuswald bahnen mußten. Hierauf kamen wir auf die Fährte eines Tapir. Sie war gegen zwei Fuß breit, gut gebahnt und hatte Fußspuren des Thieres, die jedoch schon mehre Tage alt waren. Dieser Pfad führte uns durch einen dicht bewach« senen Theil des Waldes nach einem minder dickten, wo es weniger große Baume, aber desto mehr Strauchwerk und große krautartige Pflanzen gab. Von hier aus führten mehre Pfade nach einem tiefen Becken im Flusse, wohin der Tapir wahrscheinlich zum Trinken und Baden ging. Wahrend Herr Heath es versuchte, die Hunde auf eine frifche Fahrte zu bringen, beschäftigte ich mich mit Ein-sammlung einiger seltenen Pflanzen, die an dem abhängigen Gardner's Reisen in Vrastlien l. 5 - 66 - Ufer standen. Es sing an zu regnen, und da die Hunde nicht auf die Spur gegangen waren, so setzten wir aufs Neue über den Fluß und zogen eine Meile weiter das Thal hinauf. Von hier lief einer unserer Hunde einer Spur nach, kehrte aber nach einer Viertelstunde zurück, ohne etwas aufgejagt zu haben. Es war jetzt ziemlich vier Uhr Nachmittags, und der Negen wurde allmalig immer heftiger; wir suchten daher nach einem paffenden Lagerplatz für die Nacht, da die Fazenda zehn Meilen «ntsernt lag und Herr Lomonosof viel zu müde war, als daß er hätte zurückkehren können. Der Platz, den wir wählten, lag unter dem Schalten einiger großen Bäume, neben welchen in Ueberfluß die kleine Kohlpalm« (MulorpL ei»lu8 und wr-tMtu») sind ein Wild. das die Jäger häusig in die Wälder lockt. Eine Art Opossum, der „Gamba" (Di<1ä. Die einzige bereits be, kannte Art wurde von Martius auf einer großen Gebirgskette zwischen dem Diamamengebiet und Bahia gefunden, und eine dritte nachher auf dem eigentlichen Gipfel des Orgelgebirges entdeckt. Von hier aus kamen wir wieder in Wald, wo wir zahlreiche Tapirpfade fanden, wie schon am Tage vorher in den tieferen Wäldern, und diese - 81 — beschleunigten nicht wenig unser Fortkommen, da wir, um uns einen guten Weg zu bahnen, nur die oberen Zweige abzuhauen brauchten. Nach diesen vielen Spuren zu urtheilen, muß der Tapir in diesem entlegenen und einsamen Theile des Gebirges sehr gewöhnlich fein. Die Thiere befinden sich hier außer dem Bereiche des Jägers, der unter denjenigen, die in den tieferen Waldern hausen, bedeutende Verheerungen anrichtet, und hier gibt es auch reichliche Nahrung für sie. Indem wir durch den Wald gingen, schoß einer unserer Schwarzen eine Iacutinga (?e-neiopo ckl«u!,illF3, 8pix.), und ich selber sammelte einige Arten Orchideen und eine große gelbblumige Senecio. Aus diesem Walde gelangten wir auf ein schiefes Torfmoor, auf welchem einige Alpensträucher wuchsen. Sie bestanden hauptsächlich aus einer proteaceenartigen Baccharis, einem Vaccinium, einer Andromeda, der 1^»-vmziera imdriciN», welche sich durch ihre großen Blumen und kleinen Blatter auszeichnet, und einer Plerorna. Unter dem Moose wuchsen in reichster Fülle ein Ericaulon und eine schöne Utricularw mit herzförmigen Blättern und purpurrothen Blumen. Wir mochten jetzt ungefähr eine Höhe von sechstausend Fuß erreicht haben und begannen nun die Ersteigung eines steilen, größtentheils mit niedrigem Strauchwerk bedeckten Abhanges. Es ging eine Stunde lang nur langsam vorwärts, obgleich uns auch h'« die von dem Tapir gebahnten Pfade zu Statten kamen, Gardner's Reisn« tn Brasilien l. 6 — 82 - bis wir endlich auf einen Punkt gelangten, wo sich unter unS, besonders nach Westen, eine herrliche Aussicht über eine endlose Masse kegelförmiger Berge öffnete, unter welchen nur ein einziger Rücken zu einer etwas ansehnlicheren Höhe emporstieg. Der Punkt, den wir erreicht hatten, war die Spitze eines der vielen Gipfel, welche die obere Kette des Orgelgebirges bilden. Ungefähr eine Viertel» meile weiter erhob sich ein anderer Gipfel, den ich damals für den höchsten hielt, und welcher uns offenbar nur um drei- bis vierhundert Fuß überragte. Allein es lag eine tiefe, dicht bewaldete Schlucht zwischen diesen zwei Gipfeln, und da bereits die zweit« Nachmittagsstunde vorüber war, so konnten wir für diesen Tag nicht mehr an eine Ersteig« ung denken. Ich beschloß daher, zu übernachten, wo wir eben waren, und zu diesem Unternehmen den anderen Tag zu erwarten. Die Schwarzen wollten jedoch diesem Entschlüsse nicht beistimmen, weil es naher als in geringer Entfernung über der Stelle, wo wir in voriger Nacht gelagert halten, kein Wasser gab, und da ich sie nicht zwingen konnte, so sah ich mich ganz wider meinen Willen genöthigt, den Gedanken an eine Besteigung jenes Gipfels für dicßmal gänzlich aufzugeben. Ich hatte keinen Barometer bei mir und suchte daher den Siebepunkt des Wassers auszumitteln, zerbrach aber den Cylinder meines Thermometers bei diesem Versuche. Vier Jahre später, wo ich sechs Tage auf diesen Gipfeln verweilte, war ich glücklicher - 83 — und ich berichte von diesem Ausflüge in einem späteren Abschnitt. Der Gipfel, auf welchem wir jetzt standen, war «in wahres Blumengärtchen; über das nackte Gestein wand sich in voller Blüthe eine liebliche Fuchsia, in seinen Spalten wuchs eine schone Amaryllis, und auf allen Seiten prangten zahlreiche Vlumensträuch«. Die Kühle der Luft und die Ruhe, die hier oben herrschte, waren äußerst erquicklich; kein Laut ließ sich vernehmen, und einige kleine Vögel, so zahm, daß sie uns ganz nahe herankommen ließen, waren die einzigen Thiere, die wir sahen. Nach einer kurzen Rast traten wir den Rückweg an, und waren gerade als die Nacht begann, auf unserem Lagerplatze. Am nächsten Tage erreichten wir, stöhnend unter unserer Bürde, Nachmittags vier Uhr die Fazenda. Eine Woche spater besuchte ich die Stelle, wo wir übernachtet hatten, noch ein Mal, um noch andere Eremplare der vielen neuen Pflanzen zu gewinnen, die ich in der Nahe entdeckt hatte. Ich war wieder von „Pai Felipe" und den anderen drei Schwarzen begleitet, und nachdem wir um acht Uhr Morgens von der Fazenda aufgebrochen waren, erreichten wir gegen drei Uhr Nachmittags unseren Lagerplatz. Am folgenden Tage unternahm ich einig« Ausflüge nach verschiedenen Richtungen und sammelte reich» liche Exemplare des l^ei-euä N.u88el1iunu5. Diese Pflanze ist ein deutliches Beispiel, wie sich fast verwandte Gattungen in verschiedenen Gegenden desselben Gebirges einander 6' — 84 — vertreten. So oft ich, auf meinen Reisen nach den Gipfeln und zurück, durch die Wälder gewandert bin, habe ich jederzeit den t^ereu» trune»w8 nur in den Urwäldern unterhalb einer Höhe von viertausend fünfhundert Fuß, von hier an aber fast bis zum Gipfel des Gebirges nur den (Üereu8 Ii.u88<:Ilianu8 gefunden, der eine freiere kühlere Gegend liebt. Es war einer der angenehmsten Tage, die ich je genoffen habe, ganz so lieblich wie der schönste englische Sommertag. Der Himmel war klar und unbewölkt, die Luft frei von jenem Nebelhauch, der häusig selbst beim schönsten Wetter die fernen Gegenstände verhüllt, und wir hatten eine vollständige scharfbegränzte Aussicht weit über die Gebirg« nach Osten. Nachdem ich die gesammelten Exemplare sämmtlich in Papier gelegt hatte, streckte ich mich kurz nach sieben Uhr neben dem Feuer auf mein Lager von Palmblättern, ohne alle Ahnung von der kläglichen Nacht, die mir bevorstand. Ich war kaum in Schlaf gesunken, als ich plötzlich durch einen herabstürzenden Regenstrom wieder aufgeweckt wurde. Es zog eines jener plötzlichen furchtbaren Gewitter über uns dahin, rvo« von man unter gemäßigten Himmelsirichen kaum einen Begriff hat. Waren wir in einer freien, offenen Gegend gewesen, so hatten wir es vielleicht herankommen sehen und uns einigen Schutz verschaffen können; so aber wurden wir durch die Gipfel der Väume daran gehindert, die uns bedeckten. Ich hatte mich noch nie in einem solchen — 85 - Welter unter freiem Himmel befunden; das Leuchten der Blitze, das Rollen des Donners unmittelbar über uns, das Brausen des Windes in den Bäumen, das Krachen morscher Aeste, Alles vereinigte sich, eine furchtbare Scene zu schaffen. In wenigen Augenblicken war unser großes Feuer erloschen und unser Lagerplatz mit Waffer überschwemmt. Mein dicker Poncho war nur ein schwacher Schutz für eine solche Nacht. In einer halben Stunde war das kleine Flüßchen neben uns, dessen Waffer am Tage nur wenige Zoll hoch ging, zu einem brausenden Katarakt geworden. Uni unser Elend zu vermehren, herrschte eine so pechschwarze Finsterniß, daß es uns unmöglich war, unsere Lage zu verbessern. Man kann sich denken, welche Nacht ich verlebte, wenn ich erwähne, daß ich von halb acht Uhr Abends bis fast drei Uhr Morgens in einem unaufhörlichen Negenstrome saß — es ließ sich, wie ich mir schmeichle, kein vollkommeneres Bild der Geduld erdenken. Gegen drei Uhr begann das Unwetter nachzulassen, und bebend vor Kalte und Nasse machten wir mehre Versuche, ein Feuer anzuzünden; doch vergebens — es war Alles zu naß zum Brennen, und so mußten wir uns ohne ein solches behelfen. Auf einer Wurzel sitzend und mit dem Rücken an «inen Baum gelehnt, gelang es mir mehrmals, ein Weilchen zu schlafen, ich wurde aber, vor Kalte schauernd, immer wieder aufgeweckt. Wie glücklich war ich, als endlich die ersten Lichtstrahlen durch die Baume — 86 — sielen, und sobald wir sehen konnten, rüsteten wir unS eiligst zur Heimkehr. Kurz nach unserem Aufbruch begann es auf's Neue zu regnen, und dieses Wetter dauerte sott, bis wir um zwei Uhr die Fazenda erreichten. Wahrend der sechs Monate, die ich auf dem Gebirge zubrachte, waren die Hütten meistens mit Gästen angefüllt; es herrschte daher viel heitere Lebendigkeit, und selten verging ein Abend ohne eine gesellige Zusammenkunft. Es wurden häufige Gesellschaftsausflüge nach verschiedenen entfernten Theilen des Vesitzthumes unternommen und, wenn es das Wetter erlaubte, ergetzliche Abenbritte gsmacht. So verlebte ich viele meiner Mußestunden, die sonst wohl sehr einförmig dahin geschlichen wären, auf die angenehmste Weise, und ich gedenke dieser wenigen Monate noch immer als eines der glücklichsten Abschnitte meines Lebens; denn außer jenen Ergetzlichkeiten, war ich täglich mit meinen Lieblingsbestrebungen beschäftigt, und dieß noch dazu auf einem Felde, das mir vollkommen neu war. Dritter Abschnitt. Bahia und Pernambuco. Abreise von Rio de Janeiro. Ankunft in Bahia. Beschreibung dieser Stadt. Reist nach Pernambuco. Iangadas. Pernambuco und seine Umgebung. Die Jesuiten. Lcmdlcute. Stadt Olinda. Botanischer Garten. Montciro. Die deutsche Kolonie Catucn. Die Insel Itamarica. Pilar. Salzwerke von Iaguaripe. Krankheiten auf dieser Insel. Fischerei. Am zehnten Iunius kehrte ich aus dem Orgelgebirge nach Nio zurück und war bis Ansang September neben einigen Ausflügen in die Umgegend mit dem Ordnen und Verpacken meiner heimgebrachten Sammlungen beschäftigt. Nachdem jedoch Alles nach England abgesendet war, schiffte ich mich auf dem Postschiffe „Opossum" nach Pernambuco «in, um die nördlichen Provinzen zu besuchen. Wir verließen Rio am fünfzehnten September und kamen nach einer Fahrt von dreizehn Tagen, während welcher wir viel übles Wetter und ungünstigen Wind hatten, vor Bahia an. Am achtundzwanzigsten Nachmittags drei Uhr liefe« wir in die der Stadt gegenüber liegende und ungefähr eine Meile davon entfernte Bai. Da das Land auf die- — 88 - sem Küstentheile sich nur einige Hundert Fuß über den Meeresspiegel erhebt, so sieht man es nicht in so weiter Ferne als das Hochland von Rio. Wir hielten uns, indem wir die Bai hinansegelten, dicht am Ufer, und ich hatte Gelegenheit, den üppigen Pflanzenwuchs desselben zu bewundern. Es gibt hier eine reiche Anzahl von Cocusbäumen und anderen großen Palmen, und die Mangobäume sind hier größer und zahlreicher als '..cn Nio. Die Stadt Bahia hat beim ersten Anblick ein sehr imposantes Aussehen, da der größere Theil derselben auf dem AbHange eines Berges «rbaut ist, der sich gegen fünfhundert Fuß über das Meer erhebt, und alle Häuser, meist aus mehren Stockwerken bestehend, weiß übertüncht sind. Das Bild gewinnt noch «inen höheren Neiz durch die dazwischen stehenden Pisang-, Orangen- und Cocusbaume, deren dunkelgrünes Laub zu dieser weißen Farbe einen angenehmen und für das Auge erquicklichen Contrast bildet. Da das Packelboot zur Besorgung der nach Pernambuco und England bestimmten Vrieffelleisen achtundvierzig Stunden hier liegen blieb, so ließ ich mich mit einigen anderen Reifenden kurz nach unserer Ankunft an's Land setzen. Die Stadt Bahia, zuweilen San Salvador ge» nannt, liegt in der Vai, die unter dem Namen „Todos os Santos" bekannt ist. Sie theilt sich in die obere und untere Stadt; die untere ist auf dem schmalen Randstreifen zwischen tem Meere und der Höhe erbaut, auf welch« - 89 — die obere liegt, und besteht aus einer einzigen, langen und engen, schlecht gepflasterten und schmuzigen Straße. Die Häuser sind meist hoch, und die am User siehenden erstrecken sich weit in das Meer hinein. Nachdem wir diesen kaufmannischen Theil der Stadt in Augenschein genommen, begaben wir uns nach dem oberen. Die Ver-binbungsstraßen zwischen beiden sind zu abschüssig, als daß man sie mit Wagen befahren könnte; wer daher nicht zu Fuße gehen will, laßt sich in einer Art Sanfte tragen, die, an einem Tragbaume hangend, auf den Schultern von zwei Negern ruht. Diese ,. Cadeiras" werden von Damen wie von Herren benutzt, und man miethet sie auf der Straße. Wir aber zogen es vor, zu Fuße zu gehen, und nachdem wir durch einige der Hauptstraßen gewandert und in einer der großen Kirchen gewesen waren, nahmen wir unseren Weg in's Freie hinaus und freuten uns des reichen und anmuthigen Anblicks, der sich hier darbot. Des Abends besuchten wir das Lesezimmer der literarischen Gesellschaft, wo wir einige Zeitungen und viele literarifche und wissenschaftliche Journale Frankreichs, Englands und Amerikas fanden. Von hier begaben wir uns nach kurzem Aufenthalt in ein großes Gasthaus dem Theater gegen« über, wo wir übernachteten; aber unsere Nuhe war nicht eben sehr erquicklich, denn zu unbehaglichen Betten kam noch das Klappern von Würfeln und das noch lautere Klimpern von Dollaren, das in einem Zimmer __ IH __ unmittelbar unter uns fast bis Morgens drei Uhr dauerte. In den Nachmittagsstunden des folgenden Tages besuchten wir ein Kloster auf der Westseite der Stadt, dessen Nonnen auS Vogelfedem künstliche Blumen zum Verkauf fertigen. Man wies uns in «in kleines Gemach, das von d«m eigentlichen Gebäude durch eine dicke Mauer getrennt ist, worin sich ein großes, vergittertes Verkaufssenster befindet. Wir waren bald von allerlei Kränzen umgeben, die man uns theils in Körben anbot, theils «inen nach dem anderen an einem Stäbe durch das Gitter steckte. Es muß der Reihe nach jede Nonne den Dienst der Ver« kauferin übernehmen, so oft Kaufer in's Kloster kommen, und die Blumen werden ihr von schwarzen oder braunen Dienerinnen zugetragen. Diejenige, die bei unserem Be» suche diesen Dienst zu versehen hatte, war weder jung noch schön und zerstörte all' meine romantischen Ideen von Nonnen und Nonnenklöstern. Meine Gefährten machten verschiedene Einkäufe, um sie als Geschenke nach England mitzunehmen. Nachdem ich das Kloster verlassen hatte, miethete ich ein Boot, um einige Meilen weiter die Bai hinanzusiihren, und landete an einer Halbinsel, Namens Bomsim, über welche ich, von zwei zu dem Boote gehörigen Schwarzen begleitet, «ine kleine Wanderung machte. Vom Ufer aus, wo 8opl»oi>2 t,nm«M harter Ausspruch, aber ich thue ihn nicht ohne reifliche Erwägung, daß die heutige Geistlichkeit in Brasilien ver-Gard»,?r's R^istn i>» Vrasiliw I. 7 — 98 — derbter und unmoralischer ist als irgend eine andere Menschen» klaffe. So sehr auch die Jesuiten durch die Eifersucht derjenigen, welche sie um die Achtung und das Vertrauen ihrer Heerden beneideten, verunglimpft und verfolgt worden sind, so ist doch noch genug von ihren Schöpfungen vorhanden, um ihre Nachfolger zu beschämen. Mehre von den brasilianischen Indianerstämmen, die zur Zeit der Jesuiten ihr wildes Leben aufgegeben hatten und Christen geworden waren, sind seit deren Unterdrückung in den Zustand zurückgekehrt, aus welchem sie mit so großer Gefahr und Mühe erlöst wurden. Aus welchen Beweggründen sie auch handelten, man beurtheilt die Jesuiten in Brasilien nicht nach diesen, sondern nach dem Nutzen, den sie gestiftet haben. Die Einwohner von Pernambuco haben große Aehn-lichkcit mit den Einwohnern von Rio; ein ganz anderes Ansehen haben die Landleute, die sich hier wie überall von den Bürgern leicht unterscheiden lassen. Diejenigen, die man in den Straßen von Rio de Janeiro sieht, sind ein großer schöner Menschenschlag, meist aus den Bergdistricten oder aus der südlicheren Provinz San Paulo. Ihre Kleidung besteht aus einer leinenen Jacke und eben solchen Hosen, gewöhnlich von blauer Farbe, braunen Lederstiefeln, die über dem Knie vest ums Bein geschnürt sind, und einem sehr hoch« kipfigen, breitrandigen weißm Strohhut. Diejenigen hingegen, welche durch die Straßen von Pernambuco wandern, sind — 99 — ein schwarzbraunes und kleines Geschlecht, das jedoch in seinem Aeußern noch immer weit über dem kleinen Bürger steht. Es gibt ihrer zwei verschiedene Klaffen, den Matuto und den Sertanejo. Die Matutos bewohnen die niedrige flache Gegend, welche sich von der Küste aufwärts nach dem Hochlande des Innern, dem sogenannten Sert5o, d. h. der Wüste') erstreckt, welche wiederum die hiernach benannten Sertanejos bewohnen. Die Kleidung beider, aber besonders der letzteren, besteht aus einem niedrigen, rundköpsigen und breitrandigen Hute, und einer Jacke und Hosen von gelblich braunem Leder, am liebsten von demjenigen, das man aus der Haut der verschiedenen Arten des Hirsches fertigt. Statt der Weste tragen sie häufig ein dreieckiges Stück von derselben Lederart, das mit Riemen von gleichem Stoffe um Hals und Leib bevestigt ist. Die in der Provinz Rio gebräuchlichen Stiefel sind hier unbekannt, und man sieht dafür Schuhe oder Pantoffeln, ebenfalls von braunem Leder. Der Matuto erspart sich gewöhnlich diese Hosen und Schuhe und bekleidet sich mit einem Paar weißer baumwollener Beinkleider, die nur bis unter die Kniee reichen unb den übrigen Theil des Beines nackt lassen. Baumwolle und Häute sind die hauptsächlichsten Artikel, die man aus dem Innern bringt, und Pferde die einzigen Lastthiere, ') S ertci o ist nicht ganz gleichbedeutend mit Wüste, es ist vielmehr ein unbewohntes Land, das, allmälig sich bevölkernd, noch seinen früheren Namen behält. 7* — 100 - denn die Maullhiere werden zu diesem Zwecke hier ebenso wenig benutzt, al« in den südlichen Provinzen die Pferde. Ich fand bei meiner Landung in Pernambuco einen hier wohnenden schottischen Arzt, vl-. Loubon, der mich erwartet hatte und mich einlud, während meines Aufenthaltes sein Gast zu sein, und da e? schon seit sechszehn Jahren sich hier aufhielt und die meisten einflußreichen Leute kannte, so war mir seine Freundschaft von großem Vortheil, um so mehr, als er eine besondere Vorliebe für die Naturgeschichte besaß. Kurz nach meiner Ankunft übergab ich mein Empfehlungsschreiben von Herrn Hamilton, dem britischen Gesandten am Hofe von Rio, an Herrn Watts, dm Consul, der sich sehr gefällig erbot, mich bei dem Präsidenten der Provinz, Senhor Vicente Thomaz Pires de Figuerebo Camargo, einzuführen, Einige Tage nachher erhielten wir die Erlaubniß, bei seiner Excellenz zu erscheinen, und so begab ich mich mit Herrn Watts und Dr. Loudon, der ein persönlicher Freund des Präsidenten war, m deffen Palast. Er empfing mich mit großer Freundlichkeit, und als er erfuhr, zu welchem Zwecke ich reiste, versprach er mir jeden ihm möglichen Beistand und gab mir zu gleicher Zeit einen Brief an vr. Serpa, Professor der Botanik und Vorsteher des botanischen Gartens zu Olinda. Es begleitete mich auf meinem Ausflüge nach Olinda ein junger Engländer Namens Nash, der mir wahrend meines Aufenthalt« in Pernambuco mehrfache Gefällig- — 101 — keiten erwies. Es führen drei Wege von Recife nach Olinda, von welchen jedoch der eine längs dem Ufer wegen seines lockeren sandigen Bodens, und weil der Reisende hier ohne allen Schutz der Sonne ausgesetzt ist, nur selten benutzt wird. Auf dem anderen Wege fährt man in einem Kanoe den bereits evwähnten Fluß hinauf, durch welchen sich der Wasserüberfluß eines großen Sees hinter Olinda ins Meer ergießt. Dieser Fluß läuft mit dem Ufer parallel, von welchem ihn «ine hohe Sandbank trennt, und ist auf beiden Seiten von Mangelbäumen und sehr schlammigem Boden umgeben, der bei niedrigem Waffer einen höchst un« angenehmen Geruch ausströmt und mit Krabben von ver< schiedener Größe und Farbe angefüllt ist, während bestandig ganze Wolken von Mosquitos um die Zweige schwärmen. Der dritte Weg, den wir erwählten, lauft eine bedeutende Strecke landeinwärts, mit dem Flusse in gleicher Richtung. Er ist vollkommen eben, und man sieht an beiden Enden mehre hübsche Landhäuser, obgleich er zum großen Theil durch unbebautes, häusig auch sumpfiges Land führt. Stellenweise ist er von Mimosen-Hecken eingefaßt, in welchen man eine zarte Klettergattung des Jasmins (^asmmum Lichiknze, 0. C.) bemerkt, dessen weiße Blumen zu l>« frühen Stunde, in welch« wir hier vorüberkamen, die Luft mit ihrem lieblichen Wohlgeruch erfüllten. Der Saum des Weges prangte mit den großen blaßgelben Blumen der 1'urnoi'a ll-wnilloi-a und den schönen rothen Kronen — 102 — einer Sinnpflanze. Von dieser Pflanze wachsen in allen nördlichen Theilen Brasiliens verschiedene Gattungen itt reicher Füll«. Shelley hat Recht, wenn er sagt, daß die Sinnpflanze keine schöne Blume trage, keine Pracht und keinen Duft besitze; aber dennoch gibt es wenige Gewächse im ganzen Pflanzenreiche, welche bei allen Beobachtern so viel Neugier und bei den Physiologen so viel Interesse erwecken. In der Nähe von Olinda entzückte mich der Anblick des Sees, der, eine Heimat der Alligatoren, mit den prächtigen großen und weißen Blumen und schwimmenden Blättern einer Wasserlilie (I^mpliaea imipia, O. d.) bedeckt war, worunter sich die gelben Blumen der I^imn«-ollÄris <^ommer80nii und eine große Utricularia mischten. Der botanische Garten liegt in einem Grunde hinter der Stadt Olinda, ist aber trotz seinem bedeutenden Um« fange nur zum Theil unter Anbau. Die Wohnung des Professors steht ziemlich in der Mitte. Wir fanden ihn in feinem Studirzimmer, einem ziemlich großen Gemache, das er zugleich als Hörsaal benutzt. Er schien ein Mann von ungefähr sechszig Jahren zu sein, der uns durch sein gefälliges Benehmen wie durch seine Kenntnisse bald für sich eingenommen hatt«. Neben mehren anderen Pflichten hat er auch die bedeutendste medicinische Praxis m Olinba. Seine sehr beschrankte Bibliothek bestand hauptsachlich aus einigen französischen Werken über Botanik, Naturgeschichte, Ackerbau und Medicin. Hier — 103 — war es, wo ich zuerst das auf Kosten der brasilianischen Regierung erschienene Werk ,,I?1orÄ ^luminen»!»" sah. Die Zeichnungen, nach welchen man die Kupferplatten ausführte, wurden zu Ende des vorigen Jahrhunderts unter der Leitung eines Jesuiten, Namens Vellozo, in Rio gefertigt. Das Werk kostete siebenzig tausend Pfund Sterling und kann, um mit Dr. von Martius zu reden, als ein wunderbares Beispiel eines verfehlten literarischen Unternehmens gelten, welches in so großartigem Maßstabe angelegt wurde, daß man es nie hatte beginnen sollen. Dieses Riesenwerk, dessen Nützlichkeit leider in keinem Verhältniß zu seinen Kosten steht, zahlt elf mächtige Bände mit ungefähr fünfzehn hundert Kupferplatten. Der Doctor begleitete uns auf einem Gange durch den Garten, worin ich allerdings nicht viel Beachtenswerthes fand; einige europäische medicmische Pflanzen, die kümmerlich zu gedeihen schienen, und ein paar große indianische Bäume waren seine bedeutendsten Erzeugnisse; unter den letzteren gab es jedoch einige schöne Exemplare von Mango-, Tamarinden-und Zimmetbaumen, sowie von Dattelpalmen. Es waren kürzlich aus dem inneren Lande Pflanzen einer Gattung Ipecacuanha angekommen, deren Wurzeln zu Pernam-bucos Ausfuhrartikeln gehören, und die lebenden Exemplare, die mir Dr. Serpa davon gab, wachsen jetzt in den Treibhäusern des botanischen Gartens zu Glasgow. Vom Garten aus machten wir eine kleine Wanderung in die Umgegend, — 104 — wo ich etwas Interessanteres zu finden hoffte und in dieser Hoffnung auch nicht getäuscht wurde, denn ich fügte meinen Sammlungen viele neue Pflanzen hinzu. Auf den trockenen buschigen Hügeln in der Nähe wächst ein wilder Fruchtbaum, der Mangaba der Brasilianer, den Botanikern als llniicorma speowza bekannt. Es ist ein kleiner, zur natürlichen Ordnung der Apocpneen gehöriger Baum, der mit seinen kleinen Blattern und seinen hangenden Zweigen fast einer Trauerbirke gleicht. Die Frucht ist von der Größe einer großen Pflaume, gelbfarbig, aber etwas roth gestreift auf der einen Seite, und vom köstlichsten Geschmack. Des Nachmittags kehrten wir nach Olinda zurück und speisten bei einem anderen Herrn, Senhor da Cunha, dem ich ebenfalls Briefe überbracht hatte. Nach Tische gingen wir aus, um die Stadt zu beschauen, die sehr anmulhig nicht weit vom Meere aus einer Höhe liegt. Sie ist von bedeutendem Umfange und muß in alter Zeit sehr belebt und, nach ihren vielen Kirchen, ihren Nonnen« und Mönchsklöstern zu urlheilen, besonders sehr reich an Geistlichen gewesen sein. Jetzt aber ist der Ort wüst und verödet; viele schöne Häuser sind unbewohnt und dem Verfalle preisgegeben, und in d«n Straßen wuchert Gras und Unkraut. Am äußersten Ende der Stadt nach dem Meere hin stehen die Trümmer eines großen Klosters, welchem wk um eines Einsiedlers willen, der schon seit siebenzehn Jahren hier gelebt hatte, einen Besuch — 105 — machten. Wir finden ein großes Gebäude mit einer noch immer benutzten Kirche in der Mitte und zwei Flügeln, welche die Gemacher enthielten, die ehemals von den Mönchen bewohnt waren, jetzt aber, besonders auf der Südseite, schnell ihrem Verfall entgegengingen. Der nördliche Flügel ist noch in besserem Zustande, und es gibt hier einige Gemacher, welche von Zöglingen einer in Olinda gestifteten theologischen und mebicinischen Schule bewohnt sind. Längs den Gängen und in mehren der größeren Zimmer findet man noch immer einige Gemälde, aber freilich schlecht erhalten. Wir wurden durch den Anblick dieses Gebäudes unwillkürlich an den Contrast erinnert, den es heut zu Tage gegen jene noch nicht lange vergangenen Zeiten darbietet, als seine Mauern wieder« hallten von den Schlitten und Gebeten der Anhänger einer Religion, die damals fast in ganz Brasilien in weit blühenderem Zustande sich befand als heute. Der Einsiedler hatte seine Wohnung in den Trümmern des südlichen Flügels. Wir besuchten das Gemach, wo er gewöhnlich zu treffen sein sollte, fanden ihn aber nicht. Hierauf gingen wir durch einen kleinen, von Schutt fast verstopften Hofraum und traten in ein großes dunkles Gemach, das zum Theil mit Bausteinen und altem Kalt angefüllt war. Auf dem Boden diefer elenden Behausung lag der Einsiedler im kläglichsten Zustande. Seine einzige Bedeckung bestand in einem Stück — 506 — dünnen schwarzen Zeuches, das um seinen Leib gewunden war; Kopf, Arme, Beine und Füße waren nackend. Ich schätzte ihn auf sechszig Jahre; doch sah er in seinem langen grauen Kopf: und Barthaar vielleicht alter aus, als er wirklich war. Er klagte und winselte und erzählte uns mit einiger Anstrengung, daß er vor zwei Tagen durch das obere Gemach gegangen, der Boden aber unter seinen Füßen gewichen und er auf die Stelle herabgestürzt sei, wo wir ihn fanden und von welcher er sich nicht wieder erheben konnte. Wir versuchten, ihn aufzurichten, aber die geringste Bewegung verursachte ihm die heftigsten Schmerzen, und da er jedenfalls ein Glied gebrochen halte, so eilte ein junger Mann, der uns begleitete, augenblicklich davon, um Beistand herbeizuholen und ihn ins Krankenhaus schaffen zu lassen. Ich konnte von diesem unglücklichen Manne nichts weiter erfahren, als daß er ehemals Offizier gewesen sei und jetzt Buße thue für einen Mord, den er in seiner Jugend begangen habe. Wir besuchten außerdem auch ein Nonnenkloster, dessen Bewohnerinnen mit eingemachten Früchten handeln. Statt di« Nonnen von Angesicht zu Angesicht zu sehen, wie in dem Kloster, das ich in Bahia besuchte, konnten wir hier nur mit ihnen reden. Die Früchte wurden auf eine Art Drehtisch gestellt und auf diese Weise zu uns heraus befördert, während wir das Geld und die leeren Teller auf dieselbe Art wieder hineinsandten. Wie alles Eingemachte, 107 das ich in diesem Lande genossen habe, war auch dieses allzusehr gezuckert. In den ersten Tagen meines hiesigen Aufenthalts erstreckten sich meine Wanderungen nicht weit über die Gränzen der Stadt hinaus. Da die Gegend sehr flach, der Boden sandig ist und die trockene Jahreszeit begonnen hatte, so litt das Pflanzenleben der freieren Lagen bereits an Regenmangel. Viele Meilen um die Stadt herum wachsen Co-cusbäume und andere große Palmen in reichster Fülle, und unter diese mischen sich schöne, damals mit ihrer eigenthümlichen erfrischenden Frucht von gelber oder röthlicher Farbe beladene Elephantenlausbäume, Iacas, Brobbäume und Orangen. Ich bemerkte an den Häusern in der Nähe der Stadt sehr sorgfältig gepflegte Gärten, und viele derselben waren sehr geschmackvoll angelegt und mit schönen, theils brasilianischen, theils indischen Gewächsen geschmückt. Ihre Hecken aus Mimosen oder anderem Gesträuch sind wie bei Rio mit Schlingpflanzen umwunden, worunter die Stinkbohne (8l,ixola!>ium urens) am häufigsten vorkommt. An vielen Stellen bemerkte ich auch eine große Gattung Flachsseide (« Mata Rato» genannt, die jedoch nicht mit der Pflanze zu verwechseln ist, welche man in Rio unter dem Namen Elva de Rato kennt. Dicht am Vestlande und ungefähr dreißig Meilen — N2 — nördlich von Pernambuco liegt eine kleine Insel, Namens Itamaric/l, welche wegen ihres vortrefflichen Klimas und Bodens und der Fülle und Vorzüglichkeit ihrer Früchte der Garten von Pernambuco heißt. Ich wollte diesen Ort auf keinen Fall unbesucht lassen, und so unternahm ich Mitte December in Gesellschaft eines jungen LandSmannes, dec sich schon seit einigen Jahren hier aufhielt und viel mit Botanik beschäftigte, einen Ausflug dahin. Wir mußten zu dieser Reise eine Iangada, eines der an diesem Theil der Küste so gewöhnlichen Floßboote, miethen, dessen Mannschaft aus drei Leuten bestand. Für einen Fremden sind dieß allerdings sehr seltsam« Fahrzeuge, und wäre ich nicht überzeugt gewesen, baß sie trotz ihrer eigenthümlichen Bauart vollkommen sicher seien, so hätte ich jedenfalls einigen Anstand genommen, mich einem dergleichen anzuvertrauen. Nachdem wir unser Gepäck auf die erhöhte Plattform gebracht, so daß es außer Gefahr war, von dem Waffer bespült zu werden, wovon dief> Flöße bestandig überschwemmt sind, ging die Reise vor sich. Man hat zu dieser Jahreszeit fast bestandig Nordostwind, den wir demnach fast gerade im Gesichte H.Uten; wir waren daher genöthigt, zwischen dem Ufer und dem Riff zu laviren, die auf der ganzen Strecke von Recife bis zur Insel eine Viertelmeile bis auf zwei Meilen von einander entfernt liegen. Da wir bei diesem ungünstigen Winde um vier Uhr Nachmittags noch nicht mehr als die Hälfte - 1l3 — der Reise zurückgelegt hatten, so beschlossen wir, bei einem kleinen Fischerdorfe, Namens Päo Amarello, anzulegen und hier zu übernachten. Es kostete einige Mühe, ein Obdach für unsere Hängematten zu erlangen, und erst nachdem wir mehre abschagige Antworten erhalten, wies uns der Besitzer einer kleinen Venda eine leere, aus Cocusblaltern gebildete Hütte an. Wir schafften unser Gepäck hinein, und nachdem wir eine Mahlzeit von Fischen und Farinha verzehrt, schliefen wir vest bis Tagesanbruch. Als wir aufgestanden, machten wir zunächst eine kleine Wanderung in die Umgegend. Der Boden erwies sich sandig, und alle Pflanzen waren von der Trockenheit völlig ausgedörrt. An diesem Punkte ist das Riff gegen eine Meile vom Ufcr entfernt und längs seiner ganzen Linie b«i hohem wie bei niedrigem Waffer deutlich sichtbar; denn während bei Ebbezeit der Felsen völlig bloß liegt, wirb seine Lage selbst bei der höchsten Flut durch die Brandung bezeichnet. Da sich der Wind jetzt mehr nach Osten gedreht hatte, so konnten wir nach dem Frühstücke wieder obsegeln. Die Fahrt ging bedeutend schneller als am vorigen Tage, und so erreichten wir die Insel fchon gegen Mittag und landeten auf ihrer östlichen Seite bei ihrer Hauptstadt Pilar. Wir hatten einige Empfehlungsbriefe, und der erste, den wir abgaben, verschaffte uns eine Wohnung. Unser Wirth war Alexandre Alcantara, der Eigenthümer eines Gardner's Rfisen in Vrasilirn l. H — 114 — großen Salzrverks, deren es auf der Insel mehre gibt. Sein Haus hatte wie fast alle anderen, die wir sahen, nur ein einziges Stockwerk; die Mauern bestanden aus hölzernen Rahmen, die mit einer Art Lehm ausgefüllt waren, und das Dach bestand aus Ziegeln. Das Gebäude enthielt einige gute, mit Bretern gedielte Gemächer und lag, von Cocusbaumen umgeben, höchst anmuthig am Meeresufer. Des Nachmittags führt« uns unser Wirth nach seinen Salzwerken, die in einem Thale gelegen waren, das bei höchster Flut überschwemmt wird. Das Waffer, aus welchem man das Salz gewinnt, wird in großen Behältern bewahrt, von welchen man es, damit es verdunste, von Zeit zu Zeit in Gruben fließen läßt. An diesem Orte, Iaguaribe genannt, gibt es ein und zwanzig verschiedene Manufacture^ die eben so vielen verschiedenen Personen gehören. Der Platz, wo das Waffer abgedünstet wird, ist in kleine Fächer getheilt, die sechszehn Fuß lang und zwölf Fuß breit sind. Senhor Alcantara hat an dem seinigen hundert und zwanzig solcher Fächer. In jedes derselben läßt man aus dem großen Behalter zwei Zoll Waffer fließen, und in acht Tagen ist dieß vollständig verdunstet. Er gewinnt auf diese Weise jahrlich gegen vierhundert Alqueires Salz,5 jede Alqueire zu acht Arrobas und jede Arroba zu zwei und dreißig Pfund. Man erzeugt dreierlei Salzsorten, wovon die beßte zu hauslichen Zwecken, die mittlere zum Einsalzen von Fischen und die ge- — 1l5 — ringste hauptsächlich zum Salzen von Häuten benutzt wird. Im Durchschnitte bringt jede Alqueire gegen drittehalb Schilling ein, sodaß sein ganzes Einkommen von diesem Geschäfte nicht mehr als fünfzig Pfund beträgt. Dergleichen Manufacture« gibt es noch an verschiedenen anderen Punkten. Diese Insel, die von dem Vestlande durch eine ungefähr eine halbe Legoa breite Straße getrennt wird, ist ziemlich drei Legoas lang und gegen zwei Legoas breit. Sie hat im Ganzen nur zwei kleine Ortschaften: Itamaricü, das auf der Südostfeite eine Höhe am Meere einnimmt und nur ungefähr zwanzig Häuser zählt, und War, wo wir gelandet waren, und das, aus einigen unregelmäßigen Straßen bestehend, ungefähr achtzig Wohnungen enthalten mag. Die ganze Anzahl der auf der Insel befindlichen Häuser belief sich, wie man uns sagte, auf dreihundert, wahrend die ganze Bevölkerung auf zweitausend Seelen berechnet wurde. Obgleich es nicht an Wohnungen von hübschem und behaglichem Aeußeren fehlte, so hat doch die Masse der Häuser ein ziemlich ärmliches Ansehen, indem fast alle entweder aus Flechtwerk und Lehm oder aus Cocusblattern erbaut sind. Da das Hauptgewerbe der Einwohner die Fischerei ist, so liegen ihre Hütten meistentheils am Ufer. Die Fische werden gewöhnlich in Pferchen (tüui-i-Äez) gefangen, die man etwas über Ebbenhöhe aus Pfählen bildet. Eine andere Erwerbsquelle für die Einwohner sind die Cocusbäume, die 8" - 116 - um den oberen Theil der Insel einen dichten tiefen Gürtel bilden. Die Fische sowohl als die Nüsse werden zum Verkauf nach Pernambuco geschasst. Im Innern des Eilands gibt es drei Zuckerpflanzungen, und einig« der reichen Bewohner treiben bedeutenden Wein- und Mangobau, dessen Erzeugnisse in Pernambuco einen höheren Preis haben als irgend anderwärts erbaute. Gute Trauben kaufte ich das Pfund mit zehn Pence; aber die Erbauer haben große Mühe damit, da die Weinstöcki häusig von einer großen braunen Ameise überfallen und oft in einer einzigen Nacht all ihrer Blätter beraubt werden, sobald man nicht den unteren Theil des Stockes durch Wasser absondert. Die ganze Provinz Pernambuco ist von diesen Insecten überschwemmt. Was die hier erbauten Mangobeeren betrifft, die eben zur Reife kamen, so fand ich sie an Geschmack vortrefflicher als alle anderen, di« ich seither gekostet hatte. Sie sind kleiner als jene, die man bei Pernambuco erbaut, und haben in der Farbe sehr viel Aehnlichkeit mit den Pfirsichen. Wir unternahmen während der wenigen Tage, die wir auf der Insel zubrachten, viele Ausflüge nach allen Richtungen. Statt des fast durchgängig ebenen Charakters der Umgegend von Pernambuco findet man hier ein ftnftes Wellengelanbe von Berg und Thal. Großes Holz gibt es wenig; die Waldungen bestehen größtentheils aus kleinen Bäumen und Gebüschen, sodaß viele Theile der Insel mehr das Ansehen eines englischen Obstgartens, als einer unbe- - 117 — bauten Gegend des Aequators haben. Einige Aussichten, die auf den Bergen sich uns darboten, waren, wenn nicht großartig, doch wenigstens anmuthig. Obgleich es einen Priester und einen Rechtsgelehrten auf der Insel gab, so fehlte es doch an einem Arzte, und kaum halte man erfahren, daß ich einer sei, so nahm man von allen Seiten meinen Beistand in Anspruch. Der erste Kranke, der mich verlangte, war ein Mann mit einem großen Drüsengeschwür am Halse. Er konnte weder sprechen, noch schlingen, und seine Familie hielt ihn für unrettbar verloren. Ich öffnete das Geschwür, wodurch « augenblicklich Erleichterung erhielt, und als ich ihn am nächsten Tage besuchte, konnte er aufrecht sitzen und mich für meine Wunderkur, wie er es nannte, mil Danksagungen überschütten. Dieser Fall hatte mich dergestalt in Ruf gebracht, daß ich eine größer« Praxis erhielt, als mir erwünscht war. Zwei meiner Patienten befanden sich im lctzten Stadium der Auszehrung, die meisten aber litten am Wechselsieber, Die Auszehrung ist übrigens eine selten« Erscheinung in Brasilien; mir sind auf meiner ganM Reise nicht mehr als ein halbes Dutzend Fälle vorgekommen. Da ich keine Bezahlung annehmen wollte, so würd« ich mit Geschenken von Fischen, Geflügel und Früchten üb erhäuft. Ich habe erwähnt, daß das Hauptgeschäft der Ein» wohner die Fischerei sei und daß die Fische fast überall. 118 — w Pferchen — Curraes — gefangen würden. Man findet diese Pferchen an der ganzen Küste von Pernambuco, und ihre Gestalt ist folgende: Sie werden aus starken Pfählen gebildet, die man einige Fuß von einander entfernt vest in die Erde rammt, worauf man die Zwischenraume mit kleinen, geraden, vest zusammengebundenen Ruthen ausfüllt. Die gerade vom Ufer auslaufenbe Ruthenlinie ist zuweilen fast eine Vierlclmeile lang und dient dazu, die Fische in die am äußersten Ende befindliche Umzäunung zu leiten. Am Tage vor unserer Abreise von der Insel begleiteten wir unseren Wirth nach seinem Currae, um einem Fischfange beizuwohnen, wozu man nur die Zeit der Ebbe wählt. Wir fuhren in einem Kanoe >iach dem Eingänge der innersten Umzäunung, wo unser Wirth und noch «in anderer Mann sich entkleideten und mit einem kleinen Netze, an dessen Enden ein kurzer Stab bevestigt war, hineintraten. Einer von ihnen be^ festigte hierauf einen dieser Stäbe senkrecht an der Seite des Eingangs, während der andere das Nctz entfaltete, den Eingang damit verschloß, so baß kein Fisch entschlüpfen konnte, und bann rings um die Einhegung ging, bis er wieder zu seinem Gefährten kam, worauf das Netz mit — 119 — d«m ganzen Inhalt der Pferche emporgezogen wurde. Der Fang bestand aus einem Dutzend sehr schöner Fische. Man sagte uns, daß in dieser Jahreszeit überhaupt nur sehr wenig gefangen würden, so daß kaum der Bedarf der Eigenthümer dieser Cunaes gedeckt werde. In der Regenzeit dagegen geben diese Fischzüge eine so reichliche Ausbeute, daß man ganze Vootslabungen auf den Markt von Pernambuco sendet. Wir kehrten in einem großen Kanoe nach Recife zurück. Vierter Abschnitt. Alagoas und der Rio San Francisco. Reise nach Süden. Beschreibung dcr Küste. Barra be S. Antonio Grande. Ankunft in Maccw. Die Stadt und ihre Umgebung. Reise nach dem Nio San Francisco. Batel. Landung bei Pcba. Piaßabaßü am Rio San Francisco. Fahrt stromaufwärts bis Penübo. Die Stadt. Erzeugnisse des Districts. Bevölkerung. Fortsetzung der Stromfahrt. Propiü. Gin Markt. Trachten. Traipü. Die Ilha dos Prazeres. Barra de Pancma. Beißende Fische. Lagoa Funda. Die Insel S. Pedro und ihre indianische Bevölkerung. Abfahrt. Furchtbarer Sturm. Rückkehr nach S. Pedro. Krankheit des Verfassers. Hungersnoth. Rückkehr nach Penl-do. Dampfschifffahrtsplan. Ankunft in Macew. Die Stadt Alagoas. Abschied von Ma-cew. Gin Fischfang mit Fackeln. Wiederankunft in Per-nambuco. Der große Zweck meines Besuchs im nördlichen Brasilien war eine Reise von der Küste nach dem Hochlande an der östlichen Seite des Rio Tocantins. Dieser Theil des Landes, dessen Bereisung mir wegen seiner botanischen Reichthümer von Martius und Anderen ganz besonders anempfohlen worden war, liegt ungefähr eintausend zweihundert Meilen westlich von Pernambuco; aber so gern ich diese Reise auch angetreten hätte, so wurde mir doch __ 121 __ von Personen, die mit dem Innern des Landes bekannt waren, der Rath ertheilt, sie nicht eher als bis zu Ende der Regenzeit zu unternehmen, da es uns in der trockenen Jahreszeit schwer fallen würde, Gras und Wasser für unsere Pferde zu finden. Aber eben so unpassend für eine lange Reise ist die Regenzeit selber, da es wahrend der vier Monate ihrer gewohnlichen Dauer kaum zwei nach einander folgende trockene Tage gibt. Es war jetzt Ende Januar, und da ich vor Ende Iunius oder Anfang Julius nicht aufbrechen konnte, so beschloß ich, die Zwischen' zeit zu einer Reise nach Maceki zu benutzen, einer kleinen Hafenstadt in der Prouinz Alagoas, ungefähr halben Weges zwischen Pernamduco und Bahia. Von hier aus wollte ich dann einen Ausflug nach dem Rio San Fran» cisco und wo möglich den Fluß hinauf bis zu dem großen Wasserfalle von Paulo Affon^o unternehmen. Ich fand keine andere Gelegenheit als ein großes, mit Gütern beladenes Kanoe. Es war drei Uhr Nachmittags am dreißigsten Januar 1838, als ich meinen Reisepaß erhielt, worauf ich mich sogleich einschiffte, und nachdem wir uns der nöthigen Untersuchung eines Zollbootes unterworfen hatten, ftgelten wir aus dem Niff und erreichten, von einem Nordosi-Passatwinde getrieben, gegen sieben Uhr Abends eine kleine sandige Bai, ungefähr vier Legoas südlich von Per-nambuco. Wir stießen wahrend dieser Fahrt mehrmals — 122 - >auf die Pfähle von Fischpferchen, die längs der Küste sehr häusig sind. Ich habe hier Gelegenheit, der Beschaffenheit des Fahrzeuges zu gedenken, auf welchem ich eingeschifft war. Es halte ungefähr vierzig Fuß Länge und drei Fuß Breite, denn es war nichts als ein ausgehöhlter großer Baumstamm. Die beiden Enden waren Überdeckt und die auf diese Weise gebildeten kleinen Kajüten mit Waaren und Lebensmitteln angefüllt. Wenn sie leer waren, so dienten sie als Schlafplätze für die Schiffsmannschaft, die aus dem eigentlichen Schiffer und zwei Gehilsen bestand. Das Fahrzeug hatte einen einzigen langen schmächtigen Mast mit einem dreieckigen Segel, dessen unterer Theil an einer langen Spiere ausgebreitet war. Etwas unter dem Schanddeck auf jeder Seite waren zwei Stämme von leichtem schwimmenden Holze bevestigt, die nicht bloß eine größere Befrachtung des Kanoes möglich machten, sondern auch dessen Umschlagen verhinderten und zugleich einen Raum darboten, wo man herumgehen konnte, denn unser Schisslein war bis auf zwei Fuß über seinen Rand mit Fracht beladen. Man kann sich denken, daß eine solche Fahrt nicht die bequemste war, da ich fortwahrend auf einem meiner Koffer sitzen mußte und keinen anderen Schutz hatt« gegen Sonne und Regen, als meinen Regenschirm. Nahe an der Stelle, wo wir ankerten, brannten zwei große Feuer, bei deren Scheine wir mehre Leute und drei bis vier Hütten er- - 123 — kannten. Ich wünschte hier zu landen, um mir wo möglich eine Schlafstätte zu verschaffen, doch der Schisser wollte sich auf keinen Fall an's Ufer wagen, da er mit «inigen der Bewohner, wie er sagte, in üblem Vernehmen stand. Nachdem ich daher mit den Schiffsleuten eine Mahlzeit von Drangen, Far'mha und gesottenen Salzsifchen verzehrt, legte ich mich, in meinen Poncho gehüllt, auf mein Gepäck und schlief — aber wahrlich nicht sehr behaglich — bis zum Morgen. Bei Tagesanbruch fuhren wir weiter und passirten um neun Uhr Morgens das Vorgebirge S. Augustine, eine Fclsenspitze, hinter welcher das Land von hundert bis zu zweihundert Fuß über den Meeresspiegel sich erhebt. Dieser Punkt liegt acht Legoas südwärts von Pernambuco, und das zwischenliegende Land ist eine ununterbrochene Ebene. Wir fuhren den ganzen Tag dicht am Ufer hinab, indem wic uns fortwährend zwischen diesem und dem Riffe hielten. Das Gestade ist ein mit kleinen grünen Bäumen und blühendem Strauchwerk bedecktes Wellenland, und die Schönheit dieser Küste war trotz einiger Einförmigkeit ein kleiner Ersatz für die Unannehmlichkeit, einen ganzen Tag ununterbrochen der Sonne ausgesetzt zu sein. Um acht Uhr Abends ankerten wir wieder an einem Orte, wo mein Schiffseigner bekannt war. Wir landeten, und ich erhielt eine Schmiedewerkstatt zum Nachtquartier, überzeugte mich jedoch am anderen Tage, daß ich im beßten H,msc des - l2i — ganzen Ortes geschlafen hatte, denn es war aus Flechtwerk und Lehm erbaut, wahrend die anderen nur aus Pfählen und Cccusblättern bestanden. Am nächsten Morgen führte mich der Schiffer eine Stunde weiter am Ufer hin in das> Haus eines Verwandten von ihm, wo uns «ine freundliche Aufnahme ward, und da ein Theil von der Ladung de5 Kanoes hier gelandet und wieder andere Fracht eingenommen wurde, so verweilten wir hier den ganzen Tag, was mir nicht eben unlieb war, denn wir hatten bis zum Abend ein heftiges Regenwetter. Ich wurde hierdurch auch behindert, einen Ausflug in die Umgegend zu machen, obgleich mir vielleicht nicht viel verloren ging, denn ich sah auf einem kurzen Spaziergange, baß fast alle Gewächse verbrannt waren. Das Land erhebt sich hier höher als an irgend einem anderen Punkte zwischen Pernambuco und Macek», und die Oberfläche mehrer kleiner Berge zeigt eine Art grobkörnigen Sandsteinfelsens, ganz von derselben Art, wie das Riff, das sich mehre hundert Meilen längs der Küste nördlich und südlich von Pernam-buco erstreckt. Dieses Riff, das mit kleinen Muscheln und korallenartigen Substanzen bedeckt ist, entstand nach Darwin's Ansicht entweder durch eine Bank von Sanl> und Kies, die früher unter dem Wasser lag und erst verhärtet und dann erhöht wurde, cder durch eine lange mit der Küste gleichlaufende Sandzunge, die sich in ikrem Mittelpunkte bevestigte, während späterhin eine leichte Ver- - 123 - änderung in den Strömungen die leckeren Bestandtheile hinwegnahm und nur den harten Kern zurückließ. Aber ich theile weder die eine, noch die andere dieser Ver« muthungen, weil ich an der Stelle, wo wir uns jetzt be« fanden, bei niedrigem Wafferstande eine Felsenverbindung zwischen dem Riff und dem Gestein entdecken konnte, aus welchem die Berge bestanden. Wahlscheinlicher ist es, daß das Riff seinen Ursprung einer Zerbröckelung des Felsens zwischen ihm und dem Ufer verdankt; ader auf welch« Weise dieß geschehen, will jch nicht zu erörtern versuchen. Dieser Sandstein gehört, wie ich später zeigen werde, zur Kreide» Mergelbildung. Wir schliefen in dem Hause jenes Verwandten, der seines Gewerbes ein Schneider und außerdem ein anerkannter Dichter und Witzkopf war, und die Zeit verstrich Mir in seiner Gesellschaft und im Kreise seiner Familie, die aus mehren Söhnen und Töchtern bestand, höchst an« genehm. Früh am nächsten Morgen segelten wir weiter, indem wir uns wie vorher dicht am Ufer hielten, und landeten gegen zwei Uhr Mittags bei Barra de S. Antonio Grande, «inem kleinen Flecken gegen neun LegoaS nördlich von Maceio, d«r aus ungefähr hundert, größtencheils aus Cocusblättern erbauten Häusern besteht, die meist auf «iner hervorragenden, an der einen Seite vom Meere und an der anderen von einem kleinen gleichnamigen Fluff« btgranzten, stachen Landspitze liegen. Fluß und Flecken — 126 — haben ihren Namen von einer großen weißen Sandbank, die sich in einiger Entfernung vom Ufer über die Strommündung erstreckt. Die Einwohner leben Haupt, sächlich vom Fischfang, doch hörte ich später in Maceiu, daß dieser Ort ein vielbesuchter Landungsplatz für Sklavenschisse sei, und er scheint auch wirklich für einen solchen Zweck eine ganz geeignete Lage zu haben. Ich machte in den Nachmittagsstunden eine kleine Wanderung an dem Ufer des Flusses, ohne viel Neues zu entdecken. Wie in allen anderen sandigen Strichen längs der Küste, besteht auch hier die Vegetation aus niedrigen Sträuchen mit einigen kleinen Bäumen untermischt. 8clnnu8 lelebnilnifulius findet man am häusigsten. Eines der auffälligsten Naturerzeugnisse in der Nahe des Dorfes ist ein großer, dicht am Flusse stehender wilder Feigenbaum, in dessen Schatten vier große Kanoen erbaut wurden, und unter dessen weit sich ausbreitenden, fast bis zur Erd« reichenden Zweigen des Nachmittags die Gevatterschaft des Dorfes sich versammelt. Die Blatter dieses Baumes sind ungefähr sechs Zoll lang und drei Zoll breit und seine Früchte von der Gestalt großer Stachelbeeren. Als ich des Abends durch das Dorf ging, hatten fnst alle Bewohner ihre Hauler verlassen, um den Mondschein und den erquicklich kühlen Abendwind zu genießen. Viele von ihnen lagerten auf der bloßen Erde, andere Hütten sich auf Matten oder Cocusblatter gebettet, und in jeder — 127 — dieser Gruppen gab cs einen oder mehre, größtentheils' junge Männer, welche die linderen mit heiterem Guitarrenspiel unterhielten. Da mein Schiffer in dem Dorfe heimisch war, so wurde ich eingeladen, in feinem Haust zu übernachten; doch konnte er mir kein Bett anbieten, und ich mußte mich daher in dem Winkel eines kleinen Gemaches auf eine Thierhaut sirecken; aber kaum war ich eingeschlafen, als mich ganze Legionen hungriger Wanzen übersielen, die aus den Ritzen der Lehmwände hervorströmten. Die Qual war zu groß für mich; ich sprang auf, trug die Bestandtheile meines Bettes vor das Haus hinaus, schüttelte sie gehörig ab und bereitete mein Lager unter freiem Himmel, wo ich mich bis zum Morgen eines erquicklichen Schlummers erfreute. Es war dieß auf meiner ganzen Neise das erste Mal, daß ich ernstlich von diesem Insect gepeinigt wurde, das weder so hausig, noch in solcher Ueberzahl vorkommt, wie der Floh. Gegen Mittag des nachsi m Tages, des vierten Februar, verließen wir Barra de San Antonio Grande und erreichten um fünf Uhr Abends Maceiu. Kurz darauf übergab ich einen Empfehlungsbrief an Herrn Burnet, den einzigen englischen Kaufmann an diesem Orte, der mich freundlich einlud, während meines Aufenthalts is» seinem Hause zu wohnen. Macein ist eine ziemlich bedeutende Stadt und zählt ungefähr 5000 Einwohner. Vor Brasiliens Unabhängigkeit, ehe die Portugiesen von — <28 — den Brasilianern vertrieben wurden, belief sich die Ein« wohnerzahl auf 7900, und da die Portugiesen die bedeutendsten Kapitalisten waren, so hat der Handel dieses Ortes seitdem beträchtlich abgenommen. Die Stadt selber steht auf einer fünfzig bis sechszig Fuß über dem Meeresspiegel erhabenen Plattform und ungefähr eine Viertel' meil« vom Meere entfernt, doch liegt unmittelbar am Meere, etwas mehr als eine Meile nordöstlich, «in kleines Dorf, Iaragua genannt, wo es zwei Quais zum Ein-und Ausladen von Gütern und ein Zollhaus gibt. Die Bai von Macew ist von beträchtlichem Umfange und bildet einen Halbkreis mit gutem Ankergrund. Früher führten britisch« Fahrzeuge viel Baumwolle und Zucker aus diesem Hafen, während jetzt das ganz« Jahr hindurch kaum mehr als zwei bis drei englische Schiffe hier einlaufen und der größere Theil dieser Produtte nach Ba-hia oder Pernambuco geführt wird. Die Umgegend ist nicht so flach und einförmig, wie die von Pernambuco, da sich waldige Hügelketten, von Strauchern und niedrigen Bäumen bebeckt, bis dicht ans Meer erstrecken. Von einigen Ausflügen in die Nachbarschaft, die ich in Gesellschaft eines jungen Schotten unternahm, der hier seit einiger Zeit als vrakticirenber Arzt sich aufhielt, brachte ich eine nicht unbedeutende botanische Ausdeute heim. Ich nenne davon eine schöne Dattelpflaume (Dwz^roz), «in seltenes Nnooaulon, eine Älarooli« laxiluilg, eine ^ 129 — LzesnveÜLsÄ, verschieden von jener, die man bei Per-nambuco findet, und einen UoloLgctus. Man halt Macei«, für ungesunder als Pernambuco und Bahia, indem Wechselsieber besonders zu Anfang der Regenzeit eine sehr häusige Erscheinung sind. Da der Rio San Francisco nur zwei und dreißig Legoas südlich von Macew entfernt ist, so beschloß ich, «inen Ausflug dahin zu unternehmen, besonders als ich hotte, daß der Fluß gegen hundert Meilen ohne Unterbrechung schiffbar sei. Ein Portugiese, der einige Jahre früher bis zu dem großen Wasserfall — (^»elweirn, lle ?«lulc> ^Vssonho — gereist war, widerrieth mir zwar diese Reise, da gerade um jetzige Zeit der Fluß seine bedeutendste Hohe erreiche und ich eine sehr gefährliche Fahrt haben würde, ohne bei der südlichen Lage dieses Flusses und nach der langen Trockenheit auf einen Gewinn für meine Samm« lungen rechnen zu können. Doch ließ ich mich in Ermangelung eineS anderen Zeitvertreibs und weil ich seither die Beschwerden des Reifens immer geringer gefunden hatte, als sie mir geschildert worden waren, durch diesen Rath nicht abhalten und schätzte mich glücklich, den Schwarzen in Dienst zu bekommen, der jenen Portugiesen auf seine« Reise begleitet hatte. Ich miethete mir daher nach den nöthigen Vorbereit« ungen eine Iangada, die mich längs der Küste nach der Mündung des Flusses fahren sollte, und verließ Mace',6 Gardner's Reism m VniiUim l. H — 130 — am fünfzehnten Februar um fünf Uhr Morgens. Es war eigentlich meine Absicht gewesen, schon um elf Uhr in der Nacht vorher bei Aufgang des Mondes abzufahren; doch da ich zu der bestimmten Stunde mit meinem Gepäck an's Ufer kam, war der Eigenthümer der Iangada nirgend zu finden, obgleich er vest versprochen hatte, mich zu erwarten. Ich schickte, um ihn aufsuchen zu lassen, äugen» blicklich meinen schwarzen Diener ab, der aber bald un, verrichteter Sache wieder zurückkam. Es blieb mir daher mchts Anderes übrig, als am Ufer auf und ab zu wandeln, bis sich kurz vor fünf Uhr der Eigenthümer endlich einstellte. Als ich ihn wegen seiner Abwesenheit zur Rede sitzte, gab er mir mit der größten Ruhe zur Antwort, ich hatte mich nicht pünktlich bei Aufgang des Mondes eingestellt, und er sei daher in der Meinung, ich würde vor Tagesanbruch nicht ankommen, und um sich die Zeit zu vertreiben, auf den Fischfang ausgegangen. Von einem starken Nordostwind getrieben, hatten wir Maceiu bald aus dem Gesicht verloren, und längs einer stachen strauchbe-wachfenen Küste segelnd, erreichten wir des Abends die Mündung eines kleinen Flusses, an dessen südlichem Ufer, ungefähr eine Meile auswärts und zwanzig Legoas von Maceiu, ein kleines Dorf Namens Batel liegt, wo wir übernachteten. Ich wählte, statt der mir angebotenen Hütte von Cocusblättern, lieber die Iangada zum Nachtquar« tier; aber ich hatte Ursache, diese Wahl zu bereuen. Es — 131 — war Flutzeit, als wir ankamen, und die Iangaoa fuhr dicht an's Ufer, so daß sie, als wieder Ebbe ward, auf dem Trocknen lag. Ich hatte nicht bedacht, daß alle sumpfigen, schlammigen, mit Mangelbäumen bedeckten Ufer besonders an den Mündungen der Flüsse von Mos-quitos wimmeln; aber ich wurde bald daran erinnert, als ich um Mitternacht erwachte und Gesicht und Hände von den Stichen dieser lastigen Insecten geschwollen fand. Da ich in meinen Kleibern schlief, außerdem aber keine Decke besaß, fo mußte ich mein Gesicht mit meinem Schnupftuche verhüllen und meine Hände in die Taschen stecken; doch obgleich ich auf diese Weise gegen die schmerzhaften Stiche dieser Thiere einigermaßen geschützt war, so verstrich dennoch geraume Zeit, ehe ich vor ihrem lauten Gesumme wieder einschlafen konnte. Bei Tagesanbruch bemerkte ich, daß mich außer den Mosquitos ganze Schwärme einer kleinen schwarzen Sandstiege (Noroli^) umgaben, die zwar nicht viel größer ist als ein Pulver-korn, aber trotzdem sehr empfindliche Stiche versetzt. Wir hatten am Morgen keine so hohe Flut wie am Abend vorher, und es erforderte daher einige Anstrengung, die Iangada wieder flott zu machen. Indem wir durch das Felsenriff an die Mündung des Flusses schwammen, paf-sirten wir eine Reihe kleiner Wogenbrüche, deren drei sich unmittelbar über die erhöhte Plattform ergoffen, wo ich meinm Sitz hatte, und mich bis auf die Haut durch- 9. - 132 — näßten. Mittags ein Uhr erreichten wir ein kleines Küstendorf Namens Puba, ungefähr noch fünf Legoas nördlich von der Mündung des Rio San Francisco. Hier hatte meine Seereist ein Ende, da die heftige Brandung, welche über das seichte Mündungsriss dieses Flusses stürmt, einer Iangaba die Einfahrt unmöglich macht. Das Dorf liegt eine kleine Strecke landeinwärts und ist, vom Meere aus gesehen, hinter einem hohen Sandwali verborgen, aber dennoch schon in weiter Ferne an einer Anzahl hoher, dicht am Ufer stehender Cccusbäume zu erkennen. Ich bemerkte hier besonders einen Umstand, welcher die merkwürdige Erscheinung eines durch mchre Sandsteinlagen gehenden fossilen Baumstammes erklären kann. Viele Cocusbäume nämlich sind mit ihren Stämmen bis zu einer Tiefe von fünfzig Fuß und darüber in den Sanddamm gebettet, der am Ufer sich hmdehnt und an vielen Stellen mehr« Hundert Fuß breit ist; ja einige liegen so tief, daß man die Früchte pflücken kann, ohne den Baum zu erklimmen. Da nun dieser Sand in verschiedenen Zeit: räumen und besonders während des nordöstlichen Passatwindes angehäuft wird, so muß er, wenn er sich einmal verhärtet, eine ungeheuere Anzahl unregelmäßig honzontaler Lager darstellen, durch welche sich dann die Stämme der Palmen ziehen. Ein Fischer, den ich am Ufer traf, gab mir die Erlaubniß, bis zum nächsten Tag« eine leere Hütte einzu- — 133 — nehmen, und indem ich mich, während mein Gepäck gelandet und in die neue Wohnung geschafft wurde, auf einen alten Baumstamm setzte, der an der Flutlinie des Strandes lag, bemerkte ich, daß das ganze Ufer mit Krabben von verschiedener Größe bevölkert war. Ein kleineres dieser Thiere, das zu dem Geschlecht 6e!n8imu8 gehörte und dessen Verrichtungen ich genau beobachtete, war eben mit dem Vau oder der Erweiterung seiner Höhle beschäftigt. Ich sah, wie es alle zwei Minuten mit einem Theilchen Sand in der linken Scheere auf der Oberfläche erschien und diesen mit einem plötzlichen Wurfe gegen sechs Zoll weit von sich schleuderte, aber jedes Mal nach einer anderen Richtung, damit nirgend eine Aufhäufung entstand. Ich hatte einige kleine, zur Gattung der I'ni-Iic» gehörige Muscheln in meiner Tasche und suchte eine derselben in die Höhle zu werfen, um zu sehen, ob die Krabbe sie wieder herausbringen würde. Von den vieren, die ich in dieser Absicht auswarf, siel nur eine in den Bau, die anderen blieben einige Zoll weit davor liegen. Nach fünf Minuten kam das Thierchen wieder zum Vorschein und trug die Muschel, die es mit herausbrachte, einen Fuß weit von seinem Bau hinweg. Als es hierauf die anderen sah, die in der Nähe der Oeffnung lagen, ging es augenblicklich an's Werk, auch diese hinwegzuräumen, indem es dieselben einzeln nach der Stelle trug, wo es sich der «rsten entledigt hatte. Nachdem dieß geschehen — t34 - war, begann es wieber die unterbrochene Arbeit des Sandauswerfens. Ich konnte mich bei diesem Anblick unmöglich des Gedankens erwehren, baß die Verrichtungen dieses Thieres, das in der Reihe der Geschöpf« auf einer so tiefen Stufe steht, das Ergebniß der Vernunft, nicht aber eints blinden Instinctes seien, denn selbst ein Mensch hätte unter ähnlichen Umständen nicht weiser handeln können. Am Tage nach unserer Ankunft in P«'ba unterhandelt« ich mit dem Eigenthümer eines Ochsenkarrens, der mich und mein Gepäck nach Piassabassü bringen sollte, einem tleinen Dorfe an dem nördlichen Ufer des Rio San Francisco und ungefähr zwei Legoas von der Mündung entfernt. Er versprach, zu früher Vormittagsstunde zu kommen, erschien aber zu meinem großen Verdruß erst fünf Uhr Nachmittags. Wir fuhren ungefähr zwei Meilen längs dem sandigen Ufer, wendeten uns dann ein« kleine Strecke landeinwärts und verfolgten unseren Weg fast in gleicher Richtung mit der Küste durck eine flacke, buschige Sandgegend, wo ich hauptsächlich Uourirm kuianensiz ^Vul)!. und mehre Lauraceen bemerk!«. Wir mußten allerdings den größeren Tbeil unserer Reise bei Nacht zurücklegen, doch fand ich bei meiner Rückkehr hinlängliche Gelegenheit, das Psianzenleben dieser Gegend genauer zu untersuchen. Auch war ich, als die Reise einmal vor sich ging, über unseren verspäteten Aufbruch gar nicht ungehalten, da «s - 135 — sich in diesem Lande bei Abend weit angenehmer reist als in der Hitze des Tages. Unser Karren war von sehr urthümlicher Bauart, ähnlich den Fuhrwerken, die im Innern Brasiliens gewöhnlich sind, und nicht sehr verschieden von jenen, deren die Römer sich bedienten. Er bestand aus einem plumpen Kasten, der auf zwei massiven Rädern von fünf Fuß Durchmesser ruhte und von sechs zu Paaren gejochten und von zwei Treibern geführ» ten Ochsen gezogen wurde. Einer dieser Treiber geht als Führer voran, während der andere mit feiner langen Stange die Ochsen antreibt. Die Achsen werden nie ge« schmiert und verursachen daher ein höchst unangenehmes Geräusch, daS man schon in weiter Ferne hört. Man sagt, die Ochsen seien so sehr an dieses Geräusch gewöhnt, daß sie gar nickt ziehen würden, wenn man die Achsen schmieren wollte. Es war Nachts zehn Uhr, als wir das Ziel unserer Reist erreichten, und da es hier keinen Ort gab, wo ein Fremder übernachten konnte und ich an keinen der Bewohner dieses Dorfes empfohlen war, so brachte mich unser Führer in das Haus eines seiner Bekannten, wo die einzige Bequemlichkeit, die man mir bieten konnte, in einem kleinen, sehr schmuzigen Gemache bestand, was jedoch, da ich in meiner eigenen Hängematte schlief, nicht viel zu bedeuten hatte. Piassabassll ist ein tlemes Dorf, dessen meist einstockige Häuser, die in ihrer weißen Uebertünchung ein recht sau« — 136 — beres Ansehen haben, zum großen Theil um einen geräumigen Platz erbaut sind, in dessen Mitte eine Kirche steht. Viele von den Wohnungen in unmittelbarer Nähe des Flusses waren verlassen, da dessen Anschwellung dieß Mal bedeutender war, als je wieder seit einer noch weit größeren Ueber-schwemmung im Jahre 1793. Am Morgen nach unsrer Ankunft miethete ich ein Kanoe zur Fahrt nach Villa do Penödo, sieben Legoas weiter stromaufwärts. Um acht Uhr stießen wir vom Lande, aber der Strom war so mächtig, das sich das Kanoe fortwährend dickt am Ufer halten mußte, und ein kleines Segel, das uns vorwärts trieb, war häusig kaum hinreichend, uns vor dem Hinab' treiben zu sickern, sodaß unsere Bootsleute ihre Ruder gebrauchen mußten. Bei Piassabassu beträgt die Breite des Flusses ungefähr zwei Legoas, doch ist das jenseitige Ufer nicht sichtbar, weil eine große Insel in der Mitte liegt, und erst als wir eine halbe Legoa stromaufwärts gefahren waren, erblickte ich diesen großartigen Strom zum ersten Mal in seiner ganzen Breite. Das Ufer besteht auf beiden Seiten bis zu einer Strecke von drei Legoas aus Flachland, das gegenwärtig weit und breit überschwemmt war. Wir fuhren an großen Feldern von Zuckerrohr vorüber, wo nichts zu sehen war als die Spitzen der Blätter, die, auf dem Wasser schwimmend, solchen Stellen das Ansehen grüner Wiesen gaben. Wo Bäume standen, sah man nur die obere» Zweige und von Häusern nur die Dächer. Die — 137 - Anschwellung des Flusses nimmt ihren Anfang im October, zu welcher Zeit in den südlichen Provinzen, wo er entspringt, die Regenzeit beginnt, und dauert fort bis Ende März. Ungefähr fünf Legoas von der Küste wird das Land auf der Südseite des Flusses etwas höher und nimmt nun von hier aus bis nach Penödo eine wellenförmige Beschaffenheit an, wahrend die andere Seite fortwahrend siach bleibt. Nach einer Fahrt von zwei Legoas am nörd« lichen User steuerten wir, um den Wind zu benutzen, nach dem südlichen. Es gibt auf beiden Seiten einige Zucker-Pflanzungen, doch sind die durch Anbau entstandenen Waldlücken kaum bemerkbar. Die Gewalt des Stromes hatte den Ufern, besonders an gewissen Krümmungen des Flusses, durch fortwährend« Unterwühlung bedeutenden Schaben gethan, und wir sahen große Massen von Erde versinken, wahrend die Bäume, die darauf gestanden halten, auf der Flut davon schwammen. Pen«do wurde erst sichtbar, als wir nur noch eine Legoa davon entfernt um eine hochbewaldete Felsenspitze fuhren und von hier aus endlich die weißen, von der sinkenden Sonne prachtig beleuchteten Häuser vor uns liegen sahen. Bald nachher erkannten wir Villa Nova, eine kleine Stadt ungefähr eine halbe Legoa unterhalb Penöoo, aber auf dem südlichen Ufer, und da der Rio San Francisco die Provinz Alagoas von der Provinz Sergipe scheidet, so geht daraus hervor, daß Villa do Penöbo in der ersteren, Villa Neva in der letzteren liegt. - 138 — Wir landeten so spät, daß ich die Empfehlungsbriefe, die ich von Macew mitbrachte, nicht mehr überreichen konnt«, und da die Bootsleute nicht bis zum Morgen warten wollten, so sandte ich Pedro, meinen schwarzen Diener, aus, damit ec mir für diese Nacht ein Obdach suche. Er ließ länger als eine Stunde auf seine Rückkehr warten und brachte mir dann die Botschaft, baß er große Mühe gehabt, «ines zu finden, da alle Häuser von den vielen Familien überfüllt waren, welche die Ueberschwemmung aus ihren eigenen Wohnungen vertrieben hatte. Ein leeres Haus wäre mir allerdings am liebsten gewesen; doch da dieß ein un» erreichbares Verlangen war, so ließ ich mein Gepäck in die einzige Wohnung bringen, die Pedro aufgefunden hatte. Cs war das Haus eines jungen Madchens, das allein bann wohnte und ein Gewerbe trieb, Welches in Brasilien für nicht so entehrend gehallen wird, wie in den meisten anderen Ländern. Wir übernachteten in unseren Hänge: matten in einem kleinen Gemache dieses HauseS. Auf meiner Wafferfcihrt hierher sah ich mehre große blühende Schilfarten und eine gelbblumige ^U88i.-,ea. Eine kleine Strecke unterhalb Penüdo wuchs in Ueberfluß Mttliiwnia 8i,ino8», von den Brasilianern Espinha branca genannt, ein hübscher dorniger Strauch mit großen Rispen kleiner weißer Blumen. Von dieser, sowie von einer Gattung Hx^pelalum mit großen süßduftenden Blumendolden, sammelte ick einige Exemplare. - 139 — Am nächsten Morgen übergab ich meine Empfehlungsbriefe. Einer derselben war an die oberste Magistratsperson des Districtes — den Iuiz de Direito — 0r. Manoel Bernardino de Souza de Figueiredo gerichtet, der Mich sehr herzlich bewillkommte und mich einlud, bei ihm zu wohnen, bis sich Gelegenheit zur Fortsetzung meiner Flußreise darböte. Ich kehrte augenblicklich in meine Wohnung zurück, um die Wegschaffung meines Gepäcks zu besorgen; ader ehe dieß noch geschehen war, machte mir der Iuiz einen Gegenbesuch und drückte bei dem Anblick meiner elenden Herberge sein Bedauern aus, daß ich nicht gleich bei meiner Ankunft in sein Haus gekommen wäre. Zu den größten Uebelsianden, die ein Reisender in Brasilien zu ertragen hat, gehört vorzugsweise die Schwierigkeit, eine Wohnung zu finden, denn nußer in Rio de Janeiro, Bahia und einigen Städten der Bergdistricte gibt es im ganzen ungeheueren Reiche nirgend ein Gasthaus, und selbst diese wenigen Ausnahmen sind im Besitze von Ausländern. Es wird lange dauern, ehe solche Bequemlichkeiten allgemeiner werden, denn die Brasilianer reisen stets mit ihren eigenen Dienern, mit Lebensmitteln, Kochgeräth und Betten, und es gibt selten «in Dorf, wo nicht wenigstens irgend ein leeres Haus zu finden wäre; ist auch dieses nicht zu haben, so begnügen sie sich in der trockenen Jahreszeit mit «inem Lagerplatze unter einigen großen Bäumen, wo sie ihre Hangemattm an den Zweigen bevesiigen. Ich habe — 140 — später auf diese Weise reisen muffen und oft Monate lang unter keinem Dache geschlafen. Die Brasilianer behandeln jeden Fremden, der an sie empfohlen ist, mit der größten Aufmerksamkeit, und ich bin auf allen meinen Wanderungen nur selten ohne Empfehlungsbriefe von einem Ort zum anderen gereist, aber von Denjenigen, an welche sie gerichtet waren, stets auf's Freundlichste empfangen worden. Villa do Penüdo, so genannt wegen seiner Lage auf einem erhöhten felsigen Punkte am nördlichen Ufer des Flusses, ist ungefähr dreißig Meilen von der Mündung entfernt. Der Felsen, auf welchem es steht, ist ein feinkörniger gelbfarbiger Sandstein, dessen Schichten sich von Osten nach Westen neigen. Die Straßen sind unregelmäßig, die Hauser aber von vester Bauart, zum Theil zwei Stock hoch und meist aus demselben Sandstein erbaut, welcher die Grundlage der Stadt bildet. Man zahlt 4000 Einwohner, wovon der größere Theil sehr arm ist. Es gibt nicht weniger als sechs große und massiv gebaute Kirchen, und mit einer derselben ist ein Franzis« kanerkloster, Namens Noffa Senhora de Corrente, verbunden das aber nur noch drei Bewohner enthalt. In der Co-marca oder dem District« Penödo erbaut man hauptsächlich Zucker und Baumwolle, und der größere Theil dieser Pflanzungen liegt am Rande des Flusses unterhalb der Stadt. Mandiccca, Bohnen und Reis erzeugt man nur für den eigenen Bedarf. In den inneren Theilen des Distriktes — 141 - wurde früher nicht unbedeutende Viehzucht getrieben, übermäßige Trockenheit aber und das Ueberhandnehmen einer Läuseart (l^t-l-gpulo), die zuweilen zu einer solchen Pest wird, daß ein Eigenthümer in kurzer Zeit seine ganze Heerde verliert, haben diesen Betriebszweig nicht gedeihen lassen. Unter portugiesischer Herrschaft war Penödo eine blühende Stadt, jetzt aber geht sie scknell ihrem Verfall entgegen. Folgende Uebersicht der Einwohnerzahl der ganzen Comarca im Jahre 1837 verdanke ich der Güte des Iuiz de Di-reito, und man ersieht daraus das Verhältniß der verschiedenen Racen zu einander. Weiße.......22.045 Freie Mulatten .... 32,694 Mulatten-Sklaven . . . 4,531 Freie Schwarze .... 10,113 Schwarze Sklaven . . . 10,876 Eingeborene Indianer . . 2,331 . zusamw.«n"82,590. Drei Tagt nach meiner Ankunft in Pmüdo erfuhr ich, daß ein leeres Kanoe den Fluß hinauf fahre, so weit er schiffbar s«i. Ich nahm mir daher für eine geringe Summe einen Platz auf diesem Boote und verließ Penödo nach den gehörigen Vorbereitungen am zweiundzwanzigsten Februar Mittag ein Uhr, auch dieß Mal mit Briefen an einige der bedeutendsten Bewohner verschiedener Otte versehen, wo wir wahrscheinlich halten würben. Unser Kanoe __ IH'2 __ war von ungewöhnlicher Größe, nämlich vierzig Fuß lang und vier Fuß breit. Es ist selten der Fall, baß zu einem Fahrzeuge von dieser Größe ein einziger Baum ausreicht; man hilft sich dann dadurch, daß man den größten, den man finden kann, aushöhlt, ihn der Lange nach mitten entzwei sägt und ihm durch Einfügung von Bohlen die nöthige Breite gibt. Auf diese Weise war auch unser Kanoe gebaut. Das eine Ende hatte eine zehn Fuß lange Ueberdachung von Cocusblättern, die bei Tage als Schutz gegen die Sonne und des Nachts als Schlafkajüte diente. Ein einziger Mast trug zwei große dreieckige Segel von sehr grobem inländischen Baumwollenzeuch, die auf beiden Seiten an einer langen Spiere ausgebreitet waren. Der Seewind erreicht Penöbo gewöhnlich des Mittags, und so fuhren wir mit diesen flügelartigen Segeln, trotz der mächtigen Strömung gegen uns, mit großer Schnelligkeit den Flu>ß hinauf. Da es für kleinere Kanoen sehr gefährlich ist. den angeschwollenen Fluß zu befahren, so werden gewöhnlich zwei davon zusammengebunden, und diese bilden dann ein sogenanntes Ajojo. Um 6 Uhr Abends erreichten wir das Dorf Propiä auf dem nördlichen Ufer. sieben Legoas von Penödo entfernt. Es zählt gegen zwei hundert und fünfzig, meistentheils kleine, aus Flechtwerk und Lehm erbaute Häuser, wovon viele in der Nähe des Flusses halb unter Wasser standen und daher von ihren Bewohnern verlassen waren. — 143 — Unter den Gewächsen auf beiden Ufern des Flusses nenne ich als die auffälligsten eine Menge großer, zur natürlichen Ordnung der Leguminosen gehöriger Bäume mit großen Aehren, hellrolhen Blumen, sowie eine zahlreich wachsende seltene Cactusart von zwanzig bis dreißig Fuß Höhe, die mit ihren hervorstehenden fleischigen und nackten Aesten einem ungeheueren Armleuchter gleicht. Ich bemerkte einen überraschenden Unterschied zwischen dem Grün auf diesem Theile der Gegend, der seit vier Monaten unter Waffe« gestanden, und jenem der höheren Theile, die fast seit sechs Monaten kein Regen befeuchtet hatte. Letztere glichen fast den nackten Wäldern Europas, wenn der Winter sie ent» laubt hat; nur einzelne Bäume waren noch mit Blättern bekleidet, alle anderen aber hatten in Folge der übermäßigen und anhaltenden Trockenheit ihr Laub verloren. Das Gelände zwischen Penödo und Propiü. ist nur unbedeutend hügelig, zwei Legoas über dem ersteren Orte jedoch sieht man auf der Nordseite ungefähr acht Legoas vom Flusse eine ziemlich hohe Bergkette, die Serra de Prmca, und vier Legoas weiter hinauf einen hohen kegelförmigen Berg, Serra de Maraba genannt, der sich in nordnordwestlicher Richtung und ungefähr sechs Legoas entfernt wie eine Pyramide über das umliegende Flachland erhebt. Da in Propm jeden Sonnabend ein Markt Zehalten wird und der Eigenthümer des Kanoes zur Fracht für die Rückfahrt einige Einkäufe zu machen hatte, so mußte ich zwei Tage — 144 - hier liegen bleiben. Am Morgen nach unserer Ankunft machte ich einen kleinen Spaziergang in die Gegend hinter der Stadt, fand aber allen Pflanzenwuchs in so vollständig vertrocknetem Zustande, daß sich nirgends etwas Grünes entdecken ließ. Ich nahm bann meinen Weg nach dem Ufer, wo ich zwei schön blühende Gattungen der (^2e8»1s)il>lll und eine niedrige staudenartige Gattung des Crotons sammelte, der sehr gewöhnlich ist und dessen Holz, wenn man es zerbricht, fast wie das Holz des ^2-l^«ÄM!m5 duftet. Die Vorbereitungen zu jenem Markte verursachten einige Lebendigkeit, da den ganzen vorhergehenden Tag, besonders gegen Abend, ununterbrochen mit allerlei Waaren beladene Kanoen anlangten, während man aus dem Innern mit bepackten Pferden in die Stadt kam. Ich schlief in meinem Kanoe, das zwischen mehren anderen lag, und so weckte mich am Morgen des Markttages schon zu früher Stunde der Lärm einer buntscheckigen Menge von Männern, Weibern und Kindern aller Farben, von dem bun-kelschwarzen Afrikaner bis zu den nicht eben weißen Brasilianern. Der Ort, wo der Markt gewöhnlich gehalten wurde, stand unter Wasser; die Menge halte sich bah« am westlichen Ende der Stadt auf einem höheren Theile des Users versammelt. Sobald ich angekleidet war, nahm auch ich meinen Weg dahin, um zu sehen, welche Artm von Waaren hier feil geboten würden, und fand, wie sich erwarten ließ, ein Gemisch der verschiedenartigsten Dinge, hauptsächlich aus Eßwaaren und Kleidungsgegenständen bestehend. Außer anderen von geringerer Bedeutung waren folgende Artikel am reichlichsten vorhanden, als Fa-rinha de Mandiocca, getrocknetes Rindfleisch, große Fische, meistentheils an der Sonne gedörrte Störe aus dem Flusse, Zucker in großen käseförmigen Hüten oder in kleineren, die wie Backsteine gestaltet waren, Melasse in langen ledernen Flaschen, frisches Fleisch, Pisangftüchte, Seife, Schuhe, englische Baumwollenzeuche, Stricke, aus den Fasern heimischer Pflanzen gefertigt, Tabak, Planken und Pfosten zum Häuserbau, irdene Waaren, Kochgeschirre, Leder, Häute, Rum und dergleichen. Das Auge des Fremden wirb zunächst von der verschiedenartigen Tracht dieser Leute gefesselt. Die besseren Klassen tragen entweder leichte Jacken und Hosen oder nur Hemd und Hosen und darüber einen langen Ueberwurf von gedruckter Baumwolle, wozu während der kühlen Morgen und Abende noch ein Mantel von schottischem Tartan gehört. Strümpfe sind selten, man begnügt sich, die nackten Füße in ein paar braunlederne Pantoffeln zu stecken. Die Landleute tragen gewöhnlich einen breitralv digen Hut von Leder und zuweilen «ine lederne Jacke; am gewöhnlichsten aber besteht ihre ganze Kleidung aus Hosen von dünnem Baumwollenzeuch, die nicht weit über das Knie reichen, und aus einem frei heraushängenden Hemde Gardner's Reisen in Vrasilicn l. 1H — 146 — von gleichem Stoffe. Die Neger kleiden sich gewöhnlich wie die Weißen, doch verrathen die Frauen einen besseren Geschmack als die Männer, die hausig nur mit Lumpen behängen sind, aber sich in diesem Anzüge offenbar eben so glücklich fühlen, als gingen sie in den beßten Kleidern einher. Ich fand hier zum ersten Mal eine größere An» zahl brasilianischer Ureinwohner versammelt, von denen viele unverkennbare Spuren einer Mischung theils mit weißem, theils mit schwarzem Blute zeigten, die jedoch nicht hinreichend gewesen war, die eigenthümliche Schiefheit der Augen und das schlichte schwarze Haar des Amerikaners zu vertilgen. Es war drei Uhr Nachmittags, ehe wir Propiä verlassen konnten, und gegen acht Uhr erreichten wir Traipü, «inen anderen kleinen Ort auf der Nordseite des Flusses und ungefähr sieben LegoaS weiter aufwärts. Eine halbe Legoa über Propiä fuhren wir an einem kleinen Dorfe, Namens Collegio, vorüber und zwei Legoas weiter an einem noch kleineren, Namens San Bros, die beide auf dem nördlichen Ufer lagen. Bis zu dem letzteren Orte ist das Land zu beiden Seiten des Flusses fast von derselben Beschaffenheit wie über Penöbo; eine Legoa über San Bras aber wird es höher, während die wellenförmigen Hügelketten an vielen Stellen so dicht an's Wasser reichen, daß sie den Fluß beengen und dadurch dessen Strömung noch reißender machen. Den höchsten Theil — 147 - der Gegend bildet ein Berg gegenüber Traipü, der Endpunkt einer, Serra de Tabangä genannten Hügelreihe. Die Wirkungen der Trockenheit auf das Pflanzen« leben zeigten sich hier noch auffälliger als weiter abwärts. So weit das Auge schauen konnte, ließ sich nirgend etwas Walbartiges erspähen; Hügel und Thäler waren spärlich mit kleinen entlaubten Bäumen und Sträuchern bedeckt, durch welche der eben so nackte, rothe Boden schimmerte. Längs den Ufern standen hier und da einige Häuser, nicht aber landeinwärts. Die einzigen Gegenstände, woran das Auge in dieser wüstenartigen Gegend sich erquicken konnte, waren die grünen Büsche längs den überschwemmten Ufern und die wunderlichen Cacteen, deren es auf trockenen, steinigen Stellen im Ueberfluß gab. Diese letzteren fallen dem Reisenden am meisten ins Auge; einige ihrer Stämme sind von ungeheuerer Dicke, und ihre ausgebreiteten Gipfel ragen hoch über die nächsten Gewächse empor. Unter den vielen Pflanzen, welche die Oberfläche der Erde bekleiden, haben diese jeden« falls das merkwürdigste Ansehn, denn ihre ungeheueren fleischigen Aeste scheinen mehr ein Werk der Kunst als der Natur zu sein. Nur Gewächse wie diese können während der anhaltenden Trockenheiten, welchen dieses Land unterworfen ist, ihr Grün bewahren, doch gibt es auf den felsigen Stellen, wo sie stehen, noch außerdem viele Bro< meliaceen, die trotz der Dürre nicht nur üppig erwachsen, 10* — 148 — sondern auch in höchster Vollkommenheit ihre großen rothen Blumenbüsckel hervorbringen. Das Gestein, auf welchem diese Gewächse gedeihen, besteht aus Gneiß in dünnen, dunkelfarbigen und reichlich mit kleinen Granaten versehenen Schichten, die in einem sehr stumpfen Winkel nach Süden laufen. Wir blieben die Nacht in Traipü und setzten am nächsten Morgen um neun Uhr unsere Reise fort; ein allzustarker Wind machte es uns jedoch unmöglich, gegen den Strom zu fahren, und nachdem wir eine halbe Legoa zurückgelegt, mußten wir einige Stunden am nördlichen Ufer liegen bleiben. Dicß gab mir Gelegenheit, an's Land zu gehen und meine Sammlungen mit einigen Zugaben zu bereichern. Es befand sich darunter eine Gattung Azolla, die hier an einer stachen, schlammigen und etwas überschwemmten Stelle in größter Fülle wuchs. Hier fand ich auch einige der größten Cacteen, die ich je gesehen habe. Einer davon halte einen Stamm von ziemlich drei Fuß Durchmesser und erhob sich unverzweigt bis zu einer Höhe von zehn Fuß; die vollständige Höhe jedoch konnte nicht weniger als dreißig bis vierzig Fuß betragen. Die fleischigen Stamme und Aeste dieser und anderer großer Cactus-arten werden von den Bewohnern dieser Gegend in Zeiten der Noth von den Dornen gereinigt, gekocht und gegessen; dem Vieh werden sie unter ähnlichen Umständen roh gegeben. Ein« kleine Strecke unterhalb dieser Stelle, ab«r — 149 — auf dem südlichen Ufer, bemerkte man am AbHange eines kleinen Hügels eine alte Goldgrube, doch schien sie schon lange wieder aufgegeben zu sein, da die Haufen ausgeworfener Erde mit dem niedrigen Strauchwerk bewachsen waren, das diesem District« eigenthümlich ist. Unsere Reise fortsetzend, näherten wir uns gegen Sonnenuntergang einer kleinen, aber hohen Insel in der Mitte des Stromes, der Ilha dos ProzereS, auf deren Gipfel «ine Kirche gleiches Namens steht. Dieser Insel gegen« über, auf der Nordseite, fuhren wir an der Mündung eines kleinen Flusses, des Rio de Panüma, vorüber, der m der Serlao der Provinz Alagoas entspringt. Auf der vberen Seite dieser Mündung liegt ein kleines, nur aus einigen Hausern bestehendes Dörfchen, Namens Varra de Panama. Etwas weiter aufwärts steuerten wir nach der Südseite, um einen alten Neger abzusetzen, der von Propel aus unser Reisegefährte gewesen war. und mußten dann eine geringe Strecke über dieser Stelle zu unserem großen Leidwesen bereits für die Nacht an's Land legen; denn der Fluß macht hier eine Krümmung nach Norden, und obgleich ein starker Wind wehte, so konnten wir es doch trotz der Anstrengung unseres Schiffsvolkes, das aus drei Mann bestand und von mir und meinem Diener unterstützt wurde, auf keine Weise dahin bringen, unserem Kanoe eine solche Wendung zu geben, daß uns der günstige Wind von Nutzen gewesen wäre. Hätten wir es - 150 — einem Seitenwinde ausgesetzt, so wäre es umgeworfen worden, und zum Rudern war es zu unlenksam. Am folgenden Morgen unternahm ich eine kleine Wanderung nach einer hohen Kette von Gneißfelsen in einiger Entfernung vom Flusse und fand hier verschieden« Cactus-arlen, darunter einen Melocactus, der bedeutend größer war als jener, der um Pernambuco so häufig ist. Er wächst in den Spalten des Gesteins, wo es kaum «ine Spur von Erde gibt, und seine zähen Wurzeln gehen so lief, daß man sie nur mit Mühe herausziehen kann. Man findet jetzt diesen Cactus sNeioeaelu« Uno^elmnu», <3arä.), den ich in die Heimat sandte, in den Sammlungen von Kew und Glasgow. Während ich, den Wind erwartend, im Kanoe lag, hörte ich ein plätscherndes Geräusch auf dem Wasser, als würden die Wellen von einem heftigen Regen gepeitscht; doch rührte dasselbe, wie ich mich bald überzeugte, von unzähligen kleinen Fischen aus der Klasse der Salmoniden her, deren es einen solchen Ueberfluß gab, daß ich in Ermangelung einer Angel mit einem gebogenen und an einem Faden bevestiglen Nagel in wenigen Minuten gegen dreißig Stück erbeutete. Diese Fische sind nicht über drei Zoll lang und ein bis anderthalb Zoll hoch. Die größere untere Hälfte ihreS Leibes ist silberweiß, der Rücken aber bleifarbig. Sie sind äußerst gefräßig und zahlreich, besonders in seichtem Wasser, wo die Kinder sie in Menge fangen, - 151 — und lassen sich zu einem trefflichen Gericht bereiten. Die Indianer nennen dieselben Pi^ba. Von einem jungen Manne, der an einer seichten Stelle des Flusse« mit Angeln beschäftigt war, erhielt ich einige andere Fifcharten und darunter eine, welche von den Uferbewohnern fast aller Seen und Flüsse der nördlichen Provinzen nicht wenig gefürchtet wild. Es ist der „Piranha" der Brasilianer, der gleichfalls zu den Salmoniden und zwar zur Gattung serasalmo gehört, ein breitgedrückter Fisch von einem, zuweilen auch zwei Fuß Länge und beträchtlicher Höhe. Sein Rückm ist dunkelbraun und der Bauch gelblichweiß, beide aber sind mit einzelnen rothen Flecken bezeichnet. Der untere Kiefer steht etwaö über den oberen hinaus und beide sind mit ungefähr vierzehn stachen und dreieckigen Zähnen bewaffnet, die ziemlich einen Viertelzoll lang und sehr scharf sind. Dieser Fisch ist sehr gefräßig und daher leicht zu fangen. Badende werden von ihm nicht selten sehr schmerzhaft verwundet, und man hat mir häusig die Narben seiner Bisse gezeigt. Auch sagt man, daß Enten durch die Gefräßigkeit deS Piranha ihre Beine eingebüßt haben, und an Stellen, wo er gerade sehr zahlreich ist, sollen durch seine Angriffe selbst schon Kühe getödtet worden sein. die, um zu saufen oder sich abzukühlen, in's Wasser gingen. Wir setzten um elf Uhr Morgens unser« Reise fort und erreichten um ein Uhr Lagoa Funda, ein kleines Dorf auf dem nördlichen Ufer. Es besteht nur aus wenigen — 152 — Häusern und erhielt seinen Namen von einem großen, tiefen See, der westwärts von diesem Oertchen mit dem Fluffs parallel läuft. Auf d«r Fahrt hierher sahen wir eine in Nordnordwest liegende Gebirgskette, die Serra de Pao de Assucar, die höchste des ganzen Districts, welche gegen Westsüdwest plötzlich zu Ende geht und von dort allmälig nach Ostnordost sich neigt. Das umliegende Gelände erschien hier wieder in grünem Kleide, da es kürzlich mehrmals geregnet hatte. Wir mußten, weil es uns an Wind fehlte, bis fünf Uhr Nachmittags hier liegen bleiben, dann aber erreichte uns der Seewind, und wir gelangten um halb sieben Uhr zu einem anderen kleinen Dorfe, Namens San Pedro. Es liegt auf einer gleichnamigen, stachen, sandigen Insel, die ungefähr eine halbe Legoa lang und /ine,Viertellegoa breit ist. Das obere Ende, wo das Dorf steht, ist offen, das andere aber dicht mit Büschen und kleinen Bäumen bewachsen. Ich übernachtet« im Kanoe, doch wurde mir von den Mosqultos, die mich umschwärmten, nur wenig Schlaf gegönnt. Früh des Morgens machte ich eine Wanderung über die Insel und sammelte einige Pflanzen. Den Tag über herrschte die unerträglichste Hitze; das Thermometer zeigte gegen Mittag 99H " im Schatten, und da auch nicht der leiseste Windhauch wehte, so hätte man in dieser drückenden Luft. so heiß, als käme sie aus einem Ofenloche, fast ersticken mögen. Man erblickte keine Seele im Freien, — 153 — und die wenigen Ziegen und Ferkel auf der Insel, sowie die Hunds suchten den Schatten einiger Zizyphusbäume in der Nähe des Ufers. Es herrschte eine Stille wie um Mitternacht; der Gesang der kleinen Vögel, der mich auf meiner Morgenwanderung entzückt hatte, das laute gellende Geschrei des Gavata, eines großen Wasservogels, und der eintönige Ruf des Vem-te-v«. Alles war verstummt, selbst die Baume waren bewegungslos, und die mächtige gelbe Wafsermasse wälzte sich, von keinem Winde bewegt, langsam und träge dm Strom hinab. Ich lag in meiner Hängematte unter einem Zizyphus. bis die Strahlen der Sonne an Kraft verloren. Erst um sechs Uhr Abends erreichte uns der Seewind, und da dieß zu spät war, noch unter Segel zu gehen, so blieben wir für die Nacht auf der Insel. Gleich nach Sonnenuntergang verließen di,e meisten Bewohner ihre Häuser, um vor ihren Thüren oder am Ufer die erquickliche Kühle des Abends zu genießen. Natürlich folgte ich ihrem Beispiel, und es war fast Mit» ternacht, als ich zur Ruhe ging. Es wohnen ungefakr vierzig Familien anf dieser In« sel, größtentheils civilisirte Indianer. Am Abend unserer Ankunft wurde ich ihrem Häuptling vorgestellt, einem allen Manne in einem Lederhute, groben baumwollenen Beinkleidern, einem Hemde von gleichem Stoffe und einem Paar lederner Sandalen, der ein Netz ausbessernd unter einem Zizyphus saß. Ich erfuhr von ihm, - 154 — baß die auf der Insel wohnenden Indianer sich allmalig verminderten, und er seufz«, als er die Prophezeihung aussprach, daß der Tag nicht mehr fern sei, wo sein Stamm erlöschen oder sich wenigstens mit den anderen Bewohnern vermischen würde. Die noch Unvermischten sind von kleiner, aber kräftiger Gestatt, und hinsichtlich ihres Charakters erschienen sie mir sanft und gefällig. Ich bemerkte eine Kirche in dem Dorfe, der Geistliche aber war abwesend. Am Morgen des achtundzwanzigsten und des zweiten Tages nach unserer Ankunft wanderte ich noch «in Mal über die Insel und fand in der Mitte einen großen Strich, der mit einer sehr stacheligen Gattung der Cochenillen-Opuntie (Opunlia «oo«inellitel) bedeckt war. Außerdem sammelte ich verschiedene Gattungen von Viscum und Lorqnthus, die an den Zweigen der, Mimosa und des Zizyphus wuchsen, und die sandigen Ufer auf der Südseite der Insel boten mir eine reiche Menge der Nk> renberßlÄ lribuloiäez, Murt., und eine lupinenartige Zornia. Der Morgen war verhältnißmaßig kühl, der Tag aber schwül und ruhig, und das Thermometer zeigte wieder 96 Grad im Schatten. Auch heute ward es sechs Uhr Abends, ehe wir Wind bekamen, und so mußten wir abermals liegen bleiben. Das Wehen des Windes war von einer seltsamen Lufterscheinung begleitet. Im Westen versank die Sonne in feuriger Glut und von rothgefärbten Wolken umgeben, und aus Osten rückte eine unge- __ 155 — heuere Dunstmasse heran, die in der Ferne dem Dampft eines großen Feuers glich. Sie zog langsam vor dem Winde her, bis sie sich endlich an uns vorüberwälzte und wir die kleinen Bläschen sehen konnten, aus welchen sie zusammengesetzt war. Der Wind war fünf Minuten lang so glühend heiß, daß ihm Jeder zu entrinnen suchte, dann aber hauchte er wieder seine gewöhnliche erquickende Kühle aus. Der alte Häuptling erzählte mir auf meine Frage, ob diese Erscheinung hier öfter wahrgenommen werde, daß dieß besonders zu Anfang der Regenzeit der Fall sei, und daß ein« lange Erfahrung ihn gelehrt, sie als die Vorläuferm eines großen Sturmes (lmm temporal) zu betrachten. Am nächsten Tage, Abends halb sechs Uhr, fuhren wir weiter und hatten kaum eine Stund« zurückgelegt, als wir am nordöstlichen Himmel in einer Masse schwarzer Wolken die sicheren Vorboten eines nahenden Sturmes erblickten. Wir befanden uns in diesem Augenblicke fast auf der Mitte des Stromes, der hier eine Legoa breit war, und der Schiffer gab daher augenblicklich Befehl, nach b«m n«l>cich«n Uf« zu st«u«n; bach erreichte uns schon auf halbem Weg« «in Windstoß, der das Kanoe fast ganz auf die Seite warf. Es schöpfte eine bedeutende Masse Wasser, unö unsere Mannschasl ver/orM Geistesgegenwart; Einer schrie, man solle Dieß thun, ein Anderer I«n«s, ohne daß Etwas gethan wurde. Der untere Theil — 156 — des Segels auf der Leeseite lag im Waffer, und hätte ich nicht mit dem Beistände meines Pedro den Strick er« faßt, durch welchen das äußerste Ende der langen Spiere an den Gipfel des Mastes gezogen wird, und e« auf diese Weise aus den Wellen «hoben, so hätte sich das Fahrzeug ebenfalls mit Wasser gefüllt und wir Alle wären rettungslos verloren gewesen. Wir waren noch immer eine Strecke vom Ufer entfernt; der Sturm tobte jetzt in seiner ganzen Wuth, während die Wellen über Bord schlugen. Mittlerweile waren die Segel eingezogen worden, und da unser Schiffer erkannte, wie gefahrlich es war, die Wetterseite des Fahrzeugs noch länger gegen den Wind zu halten, so ließ er vor dem Winde her nach der anderen Seite des Flusses steuern. Wir fuhren auf diese Weise in schiefer Richtung fast drei Meilen weit, bis wir das südliche Ufer erreichten, und in dieser furchtbaren Zwischenzeit tobten Sturm und Regen, Blitz und Donner in einer Weif«, wie ich dieß noch nie erlebt hatte. Es war jetzt völlig Nacht geworden, doch verbreiteten die leuchtenden Blitze zuweilen ein Licht, so glänzend wie Tageshelle. Das Kanoe strandete zwischen einigen kleinm Bäumen und wurde an zwei derselben bevestigt, wahrend wir. ohne den mindesten Schutz, von dem zwei Stunden lang in Strömen herabgießenden Regen bis auf die Haut durchnäßt wurden. Als das Nngewitler sich gänzlich erschöpft hatte, war auch der Wind verschwunden, und da wir ohne diesen nicht weiter fahren - «57 — konnten, fo beschlossen wir, mit dem Strome nach der Insel San Pedro zurückzukehren. Es geschah, und wir mußten daher den größten Theil der Nacht in unseren nassen Kleidern bleiben. Auf dieser Rückfahrt bemerkte ich einige große Meteore, die von Nordost nach Südwest dem Laufe des Sturmes folgten. Die zwei nächsten Tage herrscht« wieder Windstille, und des Abends erhoben sich heftige Gewitterstürme, so daß wir genöthigt waren, auf der Insel zu bleiben. Bald aber wurde ich durch ein noch ernsteres Ereigniß unter den In« dianern zurückgehalten. Am Tage nach jenem furchtbaren Unwetter fühlt« ich mich von einem fieberhaften Unwohlsein befallen, und zwei Tage später war ich an einer heftigen Ruhr erkrankt, die in dieser Jahreszeit zu den gewöhnlichen Erscheinungen gehört und ohne Zweifel durch den plötzlichen Wechsel der Temperatur entsteht. Mittlerweile war günstiger Wind eingetreten; doch da ich viel zu unwohl war, um weiter reisen zu können, so fuhr das Kanoc ohne mich von dannen, und ich blieb in einer allen Hütte zurück, die kürzlich unter Wasser gestanden halte und deren Fußboden noch immer naß war. Hier lag ich fünf Tage lang in meiner Hängematte so krank, daß ich mich für verloren hielt. Noch kurz vorher im Besitze der vestesten Gesundheit, war ich, in wenig Tagen zu einem bloßen Schatten zusammengeschrumpft, kaum im Stande, meine Beine zu heben, als ich aus der Hängematte stieg. Ich hatte meine — 158 — Reiseapotheke, um mich für diesen Nebenausflug nicht mit Gepäck zu überladen, zu meinem großen Leid in Maceio gelassen und mußte mich daher mit den unter den Bewohnern gebräuchlichen Arzneimitteln begnügen. Sie bestanden aus Ricinusöl und einer starken Limonade von Essig und weißem Zucker. Es gab nur eine einzige Venda im Dorse, in welcher die letzteren Bedürfnisse zu bekommen waren, die aber merkwürdiger Weise außerdem weiter nichts zu verkaufen hatte als Rum. Von Lebensmitteln war nichts zu erlangen, und so mußte ich, nachdem unser eigener Vorrath erschöpft war, mit meinem Diener fast Hunger leiben. Nicht einmal ein Bißchen Farinha war aufzutreiben, und wir wären in dem hilflosesten Elend gewesen, hätte uns nicht eine alte Indianerin, die mich während meiner Krankheit liebreich verpflegte, mit einigem Geflügel versorgt. Während ich noch an's Bett gefesselt war, schickte ich meinen Diener nach einem anbe« ren kleinen Dorfe, einige LegoaS weiter stromaufwärts, damit er wo möglich einigen Zchrbedarf erkaufe, aber er kam zurück, ohne etwas erhalten zu haben. Der arme Schelm dauerte mich am meisten, denn er war gesund und empfand daher die Qualen des Hungers um Vieles schärfer als ich. Glücklicher Weise kam endlich ein Kanoe mit einer kleinen Ladung Farinha an die Insel, und ich kaufte davon für das Vierfache des gewöhnlichen Preises so viel, als zur Rückreise nach Penkdo allenfalls ausreichen konnte, — 159 — denn ich hatte jetzt jeden Gebanken aufgegeben, noch weiter stromaufwärts zu fahren. Die armen Bewohner der Insel befanden sich selber in Hungersnoth, denn ihre Hauptnahrung bestand jetzt in der Frucht der ^oolfro^ »uperK», eines kleinen Baumes, der aus der Südseite der Insel in ziemlich großer Anzahl wächst. Er erreicht fast eine Höhe von zwanzig Fuß und trägt eine fleischige Steinfrucht von der Größe einer Wallnuß. Ich sah fast in jedem Hause, gleichviel ob es von Indianern oder Brasilianern bewohnt war, einen großen Topf voll solcher Früchte bereiten, und zwar entweder im Hause selbst über einem auf dem Boden brennenden Feuer oder unter einem nahen Baume, und sobald die Mahlzeit ziemlich fertig war, versammelten sich Gruppen nackter Kinder und halbnackter Männer und Frauen um diesen Topf, jedes mit zwei Steinen, einem größeren und einem kleineren, versehen, womit sie, nachdem die äußere fleischige Hülse verzehrt war, die darin befindliche Nuß aufschlugen. Die Hauptnahrung dieser Inselbewohner besteht eigentlich in Fischen, die aber bei bedeutender Anschwellung des Flusses schwer zu gewinnen sind. Am westlichen Ende des Dorfes steht ein einzelner, weit sich ausbreitender Zizyphus, und da diese Bäume das ganze Jahr hindurch ihr dichtes Laub bewahren, so dient ihr Schatten Menschen und Thieren als Zufluchtstätte vor der übermäßigen Hitze des Tages. Unter demjenigen, von welchem ich jetzt rede, sah man eine Anzahl Dorfbewohner — 160 - beiderlei Geschlechts versammelt, wovon die Weiber auf ausgebreiteten Matten saßen und an einem Rocken ein grobes Baumwollengarn spannen, das hauptsächlich zu Dochten für eine Art Kerzen gebraucht wird, welche sie aus einem braunen, hier erzeugten Wachse fertigen. Die Männer sind bei Weitem nicht so aibeilsam wie die Frauen, und man sieht sie gewöhnlich müßig umher stehen oder in ihren Hangematten liegen. Unter diesem großen Zizy-phusbaume werden jeden Morgen mehre Hängematten aufgehangen, die selten unbesetzt sind. Des Sonntags legen die Frauen ihren Spinnrocken bei Seite, aber gleich nach der Messe sieht man einzelne Gruppen von ihnen beim Kartenspiel, womit sie fast den ganzen Tag über beschäftigt bleiben. Da sie nicht um Geld spielen, so bedienen sie sich frischer Bohnen als Spielmarken. Auch ich brachte, ehe ich mich wieder hinlänglich erholt hatte, um die Insel verlassen zu rönnen, die meiste Zeit unter dem Schatten dieses Baumes zu, indem ich entweder auf die Unterhaltung dieser Leute horchte oder ihre tausend Fragen über meine Heimat und andere ferne Länder beantwortete. Diese Fragen waren oft lächerlich genug, und ich konnte häufig merken, daß man meme Antworten für Aufschneidereien hielt, obgleich man zu höflich war, dieß auszusprechen. Ich habe diese Bemerkung nicht blos bei den armen Insulanern von S. Pedro, sondern auch bei sogenannten gebildeten Leuten ge« macht. So entsinne ich mich, daß ich einst mit dem Prä- - 161 - sidenten einer inneren Provinz auf die Dampffchifffahrt zu reden kam und ihm erzählte, daß viele englische Dampfboote jetzt ganz aus Eisen erbaut würden, worauf er mir zwar nicht offen erwiderte, er glaube mir nicht, aber doch die einfache Bemerkung machte, daß, wenn man in Brasilien Eisen in's Wasser lege, dieß allezeit untersinke. Am zwölften März, nachdem ich gerade vierzehn Tage auf der Insel gewesen war, nahm ich endlich Abschied von meinen indianischen Freunden und bestieg ein Kanoe zur Rückfahrt nach Penödo, wo ich am Morgen des vierzehnten anlangte und bei meinem Freunde, dem Imz de Direito, den freundlichsten Willkommen fand. Ich ließ mich auf dieser Fahrt mehrmals an's Land setzen, um lebende Exemplare der verschiedenen !., «ine für den Botaniker höchst intereffante Pflanze, da sie hinsichtlich ihrer Eigenschaften wie ihres Baues ein Uebergangsglied zwischen den Ranunkeln und den Wasserlilien bildet. In demselben Bache sammelte ich auch einige Exemplare einer Ml-silo», einer ^mUelleri» mit weiß-blauen Blumen und einer großen weißblumigen Nvm-pnkea, verschieden von jener, die in dem See bei Olinda - l74 - wächst. Eine kleine Strecke oberhalb Maceio findet man in Brackwasser ein sehr zahlreich wachsendes ?0tamoge-ton, das sich von dem britischen ?. i»««tmatu8 nicht zu unterscheiden scheint. Unsere Rückfahrt nach Macew geschah bei Tage, und ich fand die Ufer reich mit Mangel-baumen — vorzüglich Illiixuplioi'a Nannie, besetzt, der hier bedeutend größer wird als anderwärts, denn einige Baume hatten eine Höhe von mindestens dreißig Fuß und verhältnißmäßig dicke Stämme. Er gewährt mit seinen großen, nach außen und nach unten gebogenen Wurzeln, di« den Stamm mehre Fuß über das Wasser erheben, «wen seltsamen Anblick, und wenn man nicht den wirklichen Gipfel sähe, so könnte man fast glauben, der Baum sei umgekehrt; eben so merkwürdig sind die langen hang» v«", eines Vogels von der Größe, Gestalt und Farbe der Drossel, und so genannt wegen der Aehnlichkeit seines Geschreies mit den portugiesischen Worten „dom-le-v«" (ich sehe dich wohl), die er schnell nach einander wieberholt. Um drei Uhr brachen wir wieder auf und berührten gegen — 189 — Abend «ine kleine Stadt, Namens Villa be San Bernardo, die zehn Legoas von Aracaty entfernt liegt. Sie ist in Gestalt eines Vierecks gebaut, dessen westliche Seite zum großen Theil von einer schönen Kirche eingenommen wird, und gewährt, in einer offenen, hier und da mit weit sich ausbreitenden Zizyphusbaumen und Carnahuba-Palmen besetzten Ebene (varzem) gelegen, mit ihren weißgetünchten Häusern einen überraschenden Anblick. Eine halbe Legoa jenseit dieser Stadt hielten wir für die Nacht vor einem kleinen Hause am Wege; denn in diesem Theile des Landes sind alle Hauser außerhalb der Städte mit einer Veranda (oopial) versehen, welche meist das einzige Obdach ist, auf welches die Reisenden für ihr Nachtlager Anspruch machen, und wo gewöhnlich Haken zur Bevestiqung der Hänge» matten angebracht sind. Sobald unseren Saumrossen das Gepäck, unseren Reitpfttbm di« Sätlll abgenommen waren, ließen wir sie mit zusammengebundenen Voro«lb«in«k auf die Weide gehen. Es war heller Mondschein, als wir früh am nächsten Morgen wieder aufbrachen', bald aber wurde »ch durch em grobes Versehen meine» DienerS genöthigt, hinter meinen Gefährten zurückzubleiben. Er hatte in der Eile des Auf« bruches statt emes meiner Pferde «in fremdes von gleicher Größe und Farbe eingefangen, und der Mißgriff wurde erst entdeckt, als es völlig Tag geworden war. Ich mußte Halt machen, ließ mein Gepäck unter die Veranda ewts — 190 - alten Hauses schaffen und schickte Pedro nach meinem Pferde aus. Um zwei Uhr Kim er zurück und hatte es glücklich wieder aufgefunden; ich beschloß jedoch, da ich mich nicht ganz wohl fühlte, für heute der Ruhe zu pflegen, und so blieben wir, weil kein bewohntes Haus in der Nähe war, in unserer verfallenen Hütte, die ich meines Gesundheitszustandes wegen erst nach zwei Tagen wieder verlassen konnte. Wir sahen viele Reisende an dieser Wohnstatte vorüberziehen, denn unser Weg war die eigentliche Straße in die Provinzen Cearä und Piauhy. Aus dem Inneren kamen Wagen mit Baumwolle und Häuten und von der Küste her wieder andere, sowie zahlreiche Schaaren von Pferden, mit europaischen Waaren und Salz beladen, das in den inneren Theilen des Landes selten und sehr theuer ist. Auf meinen Reisen durch einige der ödesten und unbewohntesten Theile der inneren Provinzen wurde bei der Ankunft in jeder Wohnung immer zuerst nach Schießpul« ver und dann nach Salz gefragt. Viele arme Bewohner bekommen von dem letzteren häufig das ganze Jahr nichts zu kosten und müssen statt des Einpökelns sich damit begnügen, ihr« Fleischnahrung in dünnen Sclieibchen an d>ie ihnen in kälteren Ländern eigenthümlich sind, und dieß Alles beweist, wie sehr die Beschaffenheit der Thiere mit den Verhältnissen sich verandern kann. Am nächsten Morgen durchschnitten wir eine Gegend mit zahlreichen kleinen, von wilden Enten und anderen Wasservögeln belebten Süßwasserseen und gelangten dann nahe am Rio Iaguaribe zu einer Gruppe von Häusern, mit einigen, kleinen Bäumen des ^oMosperiumn zelralilolililii m der Nähe, deren große goldfarbige Blumen in der Sonne wie Orangen glänzten. Hier bemerkte ich, wie der Rücken Unseres Saumpferdes durch «inen zu engen Packsattel dermaßen aufhieben war, daß es seine Bürde unmöglich weiter lraqen konnte, weßhalb ich von einem Manne, der mit einer Salzl'idung nach Ic<» ging und einige Thiere übrig hatte, einstweilen ein anderes miethen mußte. Wir h,,tten treffliches Wetter, und ich wählte daher den Schatten «ines ausgebreiteten wilden Feigenbaumes zum Lagerplatz, obqleich m,r einer von den Eigenthümern jener Häuser sein Obdach anbot. Da der Mann. von welckem ich das Saumpferd gemiethet hatte, vor dem nächsten Tage nicht aufbrach, so Mußte ick gegen meinen Willen mich nach ihm richten. Bald nacb meiner Ankunft schickte ich Pedro nach Milch, zum F?üMck. und er brachte eine große Schüssel voll, wofür man, w,e er sagte, keme Bezahlung hatte nehmen Gardners Reisen i» Vrasilim l. 1) — !94 - wollen. Während der Regenzeit und einige Monate nachher gibt es Milch in Ueberfluß; in den letzten Monaten der trockenen Jahreszeit aber kann man dergleichen nur in großen Städten bekommen. Man bereitet etwas Käse, von Butter weiß man jedoch nichts. Die Milch, die vom Frühstück übrig bleibt — denn die Kühe werden nur des Morgens gemolken — läßt man bis zum Abend stehen, und sie wird dann, nachdem sie während der Tageshitze geronnen ist, zu einem sehr beliebten Gerichte, das man mit „Napa-dura", einem groben, ungeläuterten Zucker versüßt, welcher in sechs Zoll langen, drei Zoll breiten und zwei Zoll dicken Kuchen aus der Gegend oberhalb Ico kommt, und den auch ich sehr lange Zeit als Surrogat des eigentlichen Zuckers benutzen mußte. Obgleich ich mich anfänglich nur mit Widerwillen dazu bequemte, so fand ich ihn doch bald so wohlschmeckend, daß ich ihn, wie das Volk in diesem Theile des Landes, dem ächten Zucker vorzog. Die Einwohner des Distriktes, durch welchen wir reisten, sind größtencheils Viehzüchter (Oiai8 Hi'aeil'», 8l. IM., und erreicht eine Höhe von dreißig bis vierzig Fuß. Der Stamm wächst sehr gerade und wirb daher häusig zum Häuserbau gebraucht. Zu iener Zeit war der Baum laublos, aber an den Enden hingen Büschel einer kleinen Frucht von dunkler Farbe, die ihm das Ansehn der europäischen Eile gaben, wenn diese mit ihren dunkel« braunen Kätzchen bedeckt ist. Die anderen Bäume bestanden meist aus großen Akazien und Mimosen, Vignonim von ansehnlicher Größe und mit gelben und rosenrcihm Blumen, einer Triplaris und dem schönsten Gewächs von allen, einer hohen Iacaranda mit weit ausgebreiteten Zweigen, die dicht mit großen Rispen blauer Blumen bedeckt waren, nicht unähnlich den Blüthen der nicht minder prachtvollen liloxinia zpecioz»; unter diesen zeigten sich - 205 — zuweilen einige vereinzelte Carnahuba-Palmen, die sich jedoch an Höhlungen häusig auch zu Gruppen vereinigten. Große Cacteen waren nicht ungewöhnlich, und auf einigen erhöhten freien Punkten wuchs in reicher Fülle eine Gattung der Krameria. Villa d« Lavra de Mangabeira liegt am Ufer des Rio Salgado und besieht aus achtzig bis hundert sehr kleinen und zum Theil verfallenen Häusern. In der Nachbarschaft wird in einem dunkelfarbigen angeschwemmten Boden nicht tief unter der Oberfläche Gold gefunden, doch haben die zu verschiedenen Zeiten eingerichteten Waschereien noch nie einen befriedigenden Erfolg gehabt. Das größte Unternehmen dieser Art begann man zwei Jahre vor meiner Ankunft. Der Präsident der Provinz und einige andere Personen vereinigten sick und ließen zwei englische Bergkundige kommen, mußten ad« ihre Arbeit bald wieder einstellen. Ungefähr ein Jahr später traf ick einen dieser Bergleute in einem entfernteren Theile des Landes und erfuhr von ihm, daß man das Gold in zu geringer Menge gefunden, um oie Kosten z» decken, und von Zeit zu Zeit auch an Nassermangel gelillen hätte. Ick bemerkte hier auf den sandigen Ufern des FluffeS in großer Menge eine Art Grangea, die sehr bitter ist und von den Einwohnern zu einem Aufguß gegen Dyspepsie gebraucht wird, wie die Camille, mit welcher sie große Aehnlichkeit hat. Nir verließen Lavra in den Nachmittagestunden deß Tages — 206 — unserer Ankunft und nahmen unser Nachtlager in einem kleinen Hause am Fluffe. Als wir am folgenden Morgen ruhig weiter zogen, stieß sich eines der Pferde an einen Baum und siel nieder. Frei von seiner Bürde rannte es unter die Baume, und bald setzten ihm die übrigen nach, die gleichfalls schnell ihre Labung abwarfen. Wir verloren eine Stunde, sie einzufangen und wieder zu beladen, und wahrend wir damit beschäftigt waren, legte sich eines der Thiere nieder und wälzte sich, wobei die Bänder zerrissen, mit welchen seine Bürde bevestigt war, und entlief zum zweiten Mal. Ich führe dieß an als ein Beispiel der Unannehmlichkeiten, welchen ein Reisender in solchen Landern ausgesetzt ist; und in dieser Beziehung sind Pferde weit unlenksamer als Maullhiere. In den nördlichen Provinzen Brasiliens sieht man die letzteren sehr selten, obgleich man sie häufig zu benutzen versucht hat, da man sie in großer Anzahl aus den südlichen Landestheilen herzuführle. Als wir nun Alles wieder in Ordnung gebracht hatten, sitzten wir unsere Reife fort und erreichten gegen Mittag ein Haus am Ufer des Stromes nahe an der Straße, wo ich wie gewöhnlich um Erlaubniß bat, die heiße Tages« stunde dort zuzubringen. Man sagte uns aber, wir würden eine halbe Legoa weiter besser aufgehoben sein. Dieß war die erste abschlägige Antwort, die ich erhielt, und ich kann mich nur noch eines anderen ähnlichen Falles wahrend meiner ganzen Reise erinnern. Wir zogen eine Legoa 307 weiter, ohne ein Haus zu sehen, und hielten endlich unter einigen großen Bäumen nah« am Flusse, wo ich zu übernachten beschloß, da die Pferde «ine lange Morgenreise gemacht hatten. Gegen Abend ging ich in die Umgegend spazieren, fand aber nichts Neues als eine Art der Mikania, die zwischen den Zweigen einer Mimosa hing, und einige Muscheln im Flußbett. Zwischen diesen Stellen und Lavra nimmt der Fluß einen sehr gekrümmten Lauf, und da er fast trocken war, so bemerkte ich, daß die Einwohner Melonen und Kürbisse hinein gepflanzt hatten. Von hier an wurden auch Bananen gebaut, und fast jedes Haus hatte seine kleinen Pflanzungen von Baumwolle und Tabak. Ueberall wächst ^rz;emono HIexll:ang, von den Brasilianern Cardo Santo genannt, in großer Menge mit sehr schönen gelben, mohnartigen Blumen. Eine Handvoll von den Blättern dieser Pflanze mit einem halben Loth von dem reifen Samen wird als Aufguß bei der Gelbsucht gebraucht. Es war ein schöner Abend, als ich zu meiner Hängematte zurückkehrte, die zwischen zwei Bäumen bing; aber kaum war ich eingeschlafen, als ich durck ein seltsames Geräusch zwischen den Bäumen wieder aufgeweckt wurde, und ich fand bald, daß es ein aus Süden kommend« Regenguß war, der in kurzer Zeit unseren Lagerplatz überströmte. Wir waren auf einen solchen Unfall in der trockenen Jahreszeit nicht vorbereitet und wurden schnell durchnäßt. Meine Hängematte wurde mir bald zu unbehaglich; ich stand auf, — 208 — wickelte mich in meinen-Poncho und setzte mich auf einen Packsattel am verloschenen Feuer. Zum Unglück hatte ich keinen Schutz, da ich zwei Tage vorher meinen Regenschirm verloren hatte. Der Regen dauerte gegen zwei Stunden, und da wir unser völlig durchnäßtes Lager nicht wieder einnehmen konnten, so mußte ich bis zu Tagesanbruch sitzen bleiben. Als wir unsere durchnäßten Sachen so viel als möglich wieder in Ordnung gebracht hatten, brachen wir wieder auf. Der Himmel war zwar in den Morgenstunden bewölkt, aber das Wetter trocken und die Luft so frisch, wie ich sie seit meinem Aufbruch von der Küste nicht gefunden hatte. Wir reisten ungefähr eine Legoa weiter, bis wir ein Haus fanden, welches, wie sich ergab, weit über anderthalb Legoas von dem Obdach entfernt lag, wo man uns am vorigen Tage die Aufnahme verweigert hatte. Am Mittag macbten wir Halt unter einigen großen Iatobö« (Hvmenäa-) Bäumen. Dieser Theil des Landes ist nur sehr dünn bevölkert, da der Boden größtemheils kiesig ist und selbst da, wo sich Waffer in Uebelfluß findet, weder zum Anbau, noch zu Viehweiden taugt. D>e Gegend war übeldieß sehr hügelig, und wir fanden hier die ansehn, lichsten Höhen, die uns biß jetzt vorgekommen waren. Von dem Gipfel eines tiefer Hügel halte ich eine schöne Aussicht über ein welliges, dünn bewaldetes Gelände. Hj« und da waren große rölhliche oder geldblühende Bignonien zerstreut oder die Iacaranda mit himmelblauen Blumen, — 209 — bie ihre prächtigen Kronen über die anderen Walbbewohmr «rhoben. Auch fand ich zuweilen das (loetilospermum «erpalisolium, ebenfalls mit großen und schöngelben Blumen geschmückt. Das Gestein, das ich auf diesem Ritt bemerkte, war ein graufarbiger Thonschiefer. Wir waren des Nachmittags nicht über eine halb« Legoa gereist, als uns abermals ein Regen traf, der zwar nur «ine halbe Stund« dauerte, aber so heftig war, daß das Waffer bald in Strömen über di« Wege floß und sie an lehmigen Stellen, besonders an den Abhängen der Berge, sehr schlüpfrig machte. Ich hatte mich in meinen Poncho gehüllt und erregte in diesem Aufzuge das Erstaunen der Landleute, die uns begegneten, da diese Tracht hier gänzlich außer Brauch ist. Sie erfüllt aber ihren Zweck unstreitig weit besser als die bei ihnen gewöhnlichen Leder« jucken, die nicht nur unbehaglich sind, weil sie die natürliche Ausdünstung hindern, sondern auch bei Regenwett«« sehr bald durchweicht werden und schwer wieder trocknen, während ich in meinem Poncho und meinen langen Stiefeln fast trocken blieb. Das Gestein, das ich auf dem letzten Theile dieser Tagereise zu sehen bekam, bestand aus «inem ziemlich qroben, weißen Sandstein, ähnlich dem» jenigen, welchen ich an der Küste z,visck«n d«m Rio de San Francisco und Pernambuco gefunden haite. An vielen Stellen lag dieses Gestein in bedeutender Ausdehnung zu Tage, und sein ganzer Pflanzenwuchs bestand in einigen Gardner's Reisen in Vrasilleu l. 14 — 210 — Cacteen und Bromelien. In den bewaldeten Gegenden war die Luft mit dem köstlichen Wohlg«ruch der Blumen eines Elephantenlaus- oder Nierenbaumes (.4,i»egr<1lum oeeiöontalo) durchwürzt, der hier sehr zahlreich vorkam. Ich bemerkte ihn jetzt zum ersten Male in einiger Entfernung von der Küste, fand aber spater, daß er im Innern sehr gewöhnlich ist. Seine Frucht oder vielmehr der erweiterte Blumenstiel, der den eßbaren Theil bildet, ist jedoch nicht größer als eine Kirsche. Gegen Abend hielten wir vor zwei Häusern, konnten aber, indem uns bereits zwei große Reisezüge zuvorgekommen waren, kein Unterkommen mehr finden. Die nächste Wohnung lag noch zwei Legoas weiter; die Wege dahin waren schlecht, wie man uns versicherte, und so nahm ich mein Lager unter dem breiten Laubdache einer am Wege stehenden Casalpinia. Kurz nachdem ich mit meinen Vorbereitungen für die Nacht zu Stande war, erhielt ich die Erlaubniß, in einem dieser Häuser meine Hängematte aufzuhängen, machte aber keinen Gebrauch von diesem Anerbieten, da ich es für rath« sam hielt, bei meinem Gepäck zu bleiben, und dieß um so mehr, als sich eben ein Streit zwischen Pedro und dem Führer entspann. Der letztere war mir als ein sehr brauchbarer Mann empfohlen worden, aber er zeigte sich, ganz das Gegentheil von meinem thätigen und verständigen Pedro, träge und geschwätzig, Der Streit entsprang, indem der Führer sich weigerte, beim Abpacken der Pferde einen Dienst - 2N — zu verrichten, und wurde trotz meiner Einmischung so heftig, daß sie einander zu erstechen drohten, die gewöhnliche Art, auf welche man in diesem gesetzlosen ^inde dergleichen Streitigkeiten zu schlichten pflegt. Sie stritten sich noch mit großer Erbitterung, als sie die Pferde auf die Weide führten, und ich war daher bis zu ihrer Rückkehr in nicht geringer Besorgniß. Der Abend war trübe und drohte mit Regen; als aber der Mond erschien, trat eine helle schöne Nacht ein. Meine Hangematte und mein Poncho waren beide noch zu naß, als daß ich sie hätte benutzen können, ich streckte mich daher an unser Feuer, indem ich zwei Koffer zum Bett und meinen Sattel zum Kopfkiffen wählte. Am nächsten Morgen — es war der elfte September — brachen wir wieder auf und hielten um elf Uhr unler einigen Bäumen am Flusse. Das Gelände, durch welches unser Weg jetzt führte, war üppiger als irgend ein anderes, das ich bisher in dieser Provinz bereist hatte, und reich mit großen, meist belaubten Bäumen bewaldet, und die Hauser, die immer zahlreicher wurden, lagen in großen Pflanzungen von Baumwolle, Tabak, Zucker und Mandiocca, Auf den Zweigen eines großen Baumes am Wege fand ich die erste Orchidee auf dieser Reise, ein großes rundblätteriges Oncidium. Der Baum, auf welchem es wuchs, war ein Umari (l^oolsro^u 8up«tb«), aber die langen, wie Peitschen herabhangenden Blatter 14* — 2l2 — mischten sich nur auf der Unterseite der Zweige mit seinen großen gelben Vlumeniispen. Die Eingeborenen der Ser-tao nennen ihn Rabo de Tatü, wegen der Aehnlichkeit seiner Blätter mit dem Schwänze deS Armadills. Kurz nachdem wir Halt gemacht, ging ich mit meiner Flinte aus, um etwas zum Mittagessen zu schießen, fand aber nichts als kleine Papageien, die schreiend in den Bäumen flatterten. Ich schoß auf einige, die auf einem großen Baume saßen, und einer von ihnen siel verwundet herunter, stieß aber, so oft ich mich ihm nahern wollte, ein ununterbrochenes Geschrei aus. Als seine Gefährten dieß hörten, kehrten sie zu Hunderten auf den Baum zurück, und nachdem ich auf's Neue gefeuert hatte, wurden sie durch das Geschrei der Sterbenden zum zweiten Mal zurückgerufen und fuhren fort, auf diese Weise immer wiederzukehren, bis ick mehr geschossen hatte, als zur Mahlzeit für uns Alle genügend waren. In den Nachmittagstun-den dieses Tages legten wir zwei Legoas zurück und hielten dann bei einer kleinen Zuckerpflanzung (Eugenho de Rap.idma). Wir fanden die Leute zu Tanz und Lustbarkeit vor dem Hause versammelt, denn es war San-Gonzalvo-Tag, und der Eigenthümer gestattete mir ein Nachtlager in der Mühle, die an zwei Seiten offen war. Indem ich vom Pferde stieg, legte ich meinen Strohhut, worin sich ein seidenes Taschentuch befand, auf einen alten Holzblock dicht neben dem Müller, in weniger als einer - 213 — halben Stunde aber, als man mein Gepäck in die Siederei geschasst, war das Taschentuch verschwunden. Es war außer meinen eigenen Leuten und dem Eigenthümer der Mühle Niemand meiner Habe zu nahe gekommen; ich hatte daher guten Grund, eben diesen für den Dieb zu halten, obgleich es mir passend erschien, der Sache nicht weiter zu gedenken. Aber es war dieß nicht der einzige Diebstahl, der bis zum nächsten Morgen an uns verübt wurde; denn als Pedro die Pferde bepackte, vermißte er einen Sack, worin sich meine große Botamsirtrommel befand, und eine Tasche von Schaffell mit seinen eigenen Habseligkeiten. Der arme Bursche war über seinen Verlust nicht wenig erbittert, ich selber aber hatte glücklicher Weise vor meiner Abreise von Ico meine nützlichsten Gegenstände aus der Büchse in einen Koffer gepackt. In dem Augenblicke, wo der Vertust entdeckt wurde, erschien der Eigenthümer der Mühle, um mich wegen eines Uebels, woran er litt, um Rath zu fragen; aber er fand mich zu aufgebracht für ein solches Anliegen. Er sprach über unseren Verlust sein Bedauern aus und sagte, «s sei dieß das erste Mal, daß man unter seinem Dache einen Reisenden bestohlen habe. Eine Viertellegoa von der Pflanzung erklärte Pedro seinen Entschluß, umzukehren und zu sehen, ob er seine Kleider wieder finden könnte. Ich blieb daher mit dem Führer allein und hielt drei Legoas weiter unter einem großen Baume nicht weit von einigen kleinen — 2l4 - Häusern. Um zwn Uhr kam Pedro zurück und bracht? seine Tasche und meine Trommel, nicht aber das Ta» fchenluch. Er war, wie er mir nach seiner Ankunft-heimlich mittheilte, bald nach unserem Aufdruche von der Pflanzung auf den Gedanken gekommen, daß unser Führer der Dieb gewesen sein könnte, und daß dann die ver» mißten Gegenstände irgendwo in der Nah« der Zuckermühle verborgen sein würden. Diese Muthmaßung hatte ihn zur Rückkehr veranlaßt, und der Erfolg bestätigte sie; denn nachdem er, von den zur Pflanzung gehörigen Leuten unterstützt, ein« Stunde lang gesucht hatte, entdeckte er meine Trommel in einem Busche und seinen eigenen Reisesack nicht weit davon in die Erde vergraben. Ich zweifle nicht, daß der Führer diese Sachen gestohlen und sie hiim6«) bis zu den Niedrigsten herab, im Schatten der Hauser auf dem Pflaster sitzen. Die Vornehmeren spielen gewöhnlich um Dollars, die Aermeren um Kupfermünze, oder noch häufiger um große gesprenkelte Bohnen. Natürlich fehlt es bei solchen Gelegenheiten nicht an Zänkereien, die nicht selten mit dem Messer geschlichtet werden. Von der höheren Klasse lebt fast nicht ein einziger Mann mit seiner Gattin; einige Jahre nach der Verheirarhung jagt man die Frau aus dem Hause und ersetzt sie durch ein junges Mädchen, das keinen Anstand nimmt, die Stelle der Gattin auch ohne eheliche Verbindung zu versehen. In einem solchen Verhältnisse leben zum Beispiel der Iuiz de Dkeito, der Iuiz — 221 — dos Orfaos und die meisten angeseheneren Kaufleute, die auf diese Weise zwei Häuser erhalten muffen, eins für sich und eins für ihre verjagte Frau. Man hört auf, über diese Sittenlosigteit zu staunen, wenn man einen Blick auf das Leben der Geistlichkeit wirft. Der Pfarrer (Vibrio), der damals ein ziemlich achtzigjähriger Greis war, hatte sechs natürliche Kinder, wovon ein Sohn zum Priester erzogen und später Präsident der Provinz wurde und gegenwärtig, unter Beibehaltung seines geistlichen Titels, Reichsrath war. Er kam während meines Aufenthaltes in Crato auf Besuch zu seinem Vater und brachte seine Geliebte, seine eigene Base, und acht von den zehn Kindern mit, die sie ihm geschenkt hatte, wahrend er noch fünf andere Kinder von einer anderen Frau besaß, die im Kindbett des sechsten gestorben war. Außer dem Vigario gibt es noch drei andere Priester in der Stadt, die alle Familien von ihren Maitressen haben, mit welchen sie ganz öffentlich zusammenleben. Eine derselben war das Weib eines Anderen. Ich verlebte ziemlich fünf Monate unter diesen Leuten, aber ich habe in keinem Theile Brasiliens, selbst bei kürzerem Aufenthalte, so wenig vertrauten Umgang gehabt als hier. Meine ganz« Freundschaft beschränkte sich fast nur auf Senhor Mello, den einzigen Einwohner, in dessen Hause ich häusig zu Besuch war, uno «inen anderen Sohn des Vigario, Capitlio Ioao Gonzalvez, der zwei Legoas unterhalb der Stadt eine Zucker- (Rapadura-) Pflanzung — 222 — besaß. Ich machte seine Bekanntschaft, indem «r wegen seiner Frau, die an chronischer Augenentzündung litt, meinen ärztlichen Rath verlangte. Er war «in Mann von höchst liebenswürdigem und trefflichem Charakter, und ich gedenke noch immer mir Vergnügen der Stunden, die ich in seinem Hause verlebte. Das Augenübel seiner Gattin wurde unter meiner Behandlung sichtlich beseitigt, und da si« eine sehr gesprächige und gutmüthige Frau war, so fehlte es nicht an langen Gesprächen über die Sitten und Gebräuche unserer verschiedenen Heimat. Die Familie bestand aus zwei Töchtern, wovon die eine an einem sechszehn Legoas von hier entfernten Orte verheirachet war, den ich später besuchte; die jüngere, ein hübsches Mädchen von sechszehn Jahre», »rar anfänglich sehr schüchtern, so daß sie bei meinen ersten Besuchen sich versteckt hielt; endlich aber mußte, wi« mir die Mutter sagte, ihre Zurückhaltung dem Verlangen, einen Engländer zu sehen und zu sprechen, das Feld räumen, und so erschien sie nachher so oft, als ich in diesem Hause mich einfand. Sie stand damals im Begriff, einen jüngeren Bruder ihres Schwagers zu heirnlhen, mit welchem sie schon seit mehren Jahren verlobt war, denn es ist ein seltener Fall, daß die Tochter angesehener Familien ihre Gatten sich selber wählen können, indem gewöhnlich die Aeltern dafür sorgen. Auf dieser Pflanzung hatte ich Gelegenheit, der Bereitung des Napadura beizuwohnen. Das Auspressen und - 223 — Sieden des Saftes geschieht zu gleicher Zeit; die Mühle ist von sehr plumper Beschaffenheit und besteht aus einem Gerüste mit drei hölzernen senkrechten Walzen zum Auspressen des Rohres, dessen Saft in einen darunter befindlichen Behälter und von hier in einen hölzernen Trog fließt. Das Zuckerrohr muß drei Mal durch die Mühle gehen, ehe der Saft vollständig ausgepreßt ist; aus jenem Troge wird er dann vcn Zeit zu Zeit in kleine kupferne Siedepfannen, deren neun dicht neben einander über kleinen Oeffnungen auf der Oberstäche eines gewölbten Ofenk stehen, gebracht und, während die Verdunstung vor sich geht, so lange aus einer Pfanne in die andere gegossen, bis er in der letzten die nöthige Dichtigkeit erlangt hat. Hierauf läßt man ihn, damit er sich abkühle, in einen großen, aus vestem Holze gefertigten, ausgehöhlten Zuber, die sogenannte Gamella, und alsdann in hölzern« Formen von der Größe gewöhnlicher Ziegelsteine stießen, aus welchen er später wieder herausgenommen und noch einige Tage getrocknet wirb. Man baut in Crato hauptsächlich Zuckerrohr, Mandi» occa, Reis und Tabak. Außerdem wachsen innerhalb und außerhalb der Stadt die gewöhnlichen tropischen Fluchtbäume, als Orangen, Citronen, Bananen, Mango-, Melonen-, Brod-Und Nierenbäume; auch baut man Wein, Ananas, Melonen und Wassermelonen, und alle diese Früchte sind hier äußerst billig. Für einen Penny kauft man ein Dutzend — 224 - Orangen und für doppelt so viel «ine groß« wohlschmeckende Ananas. Das Land erhebt sich von Crato allmälig nach Südwest bis zum Fuße der Serra de Ararip«, eineS erhöhten Tafellandes, das in einem Halbkreise die wellenförmige Ebene umschließt, in welcker die Stadt liegt. Dieses Gebirge ist anderthalb bis zwei Legoas von Crato entfernt, und den zahlreichen Quellen, die an dessen Fuße entspringen, mag wohl dieser Theil der Sertilo seine große Fruchtbarkeit verdanken. Obgleich sich der Anbau reichlich lohnen würde, so bebaut man doch gegenwärtig nur einen sehr kleinen Theil dieses fruchtbaren Districts, denn die Gegend ist dünn bevölkert und die Einwohnerschaft sehr träge; sie kann mit geringer Mühe die nöthigsten Lebensbedürfnisse erzeugn, und mehr zu gewinnen, scheint ihr wenig in den Sinn zu kommen. Ihre Kleidung ist äußerst einfach und folglich nicht kostspielig; sobald aber die Bevölkerung sich vermekren und die Gesittung deren Bedürfnisse steigern wirb. o.inn kann es nicht fehlen, daß sich dieser District zum reifsten und wenhoollsten Theile der Provinz erhebt. Das größte Hindern,ß möchte der Mangel einer Flußver-dinbung mtt der Küste sein. Die verschiedenen kleinen Gewässer, welch« in der Serra de Araripe entspringen, vereinigen sich zu einem Flüßchen, das dicht an der Sladt vorüt'«,fließt und den Einwohnern zu allen Jahreszeiten «men reichlichen Vorrath an trefflichem Wasser, außerdem ader auch «inig« tiefer« Stellen zum Baden gewährt; ein — 225 — Genuß, für welchen man besonders in den heißen Monaten «ine große Vorliebe zeigt. Ich unternahm während meines Aufenthaltes an diesem Orte viele Ausflüge in die Umgegend; als das beßte Feld für meine Forschungen erwies sich jedoch die Sena be Araripe, und ich habe daher zu verschiedenen Zeiten mehre Tage auf die Untersuchung ihrer Schluchten, ihrer Abhänge und Gipfel verwendet und von jeder Wanderung einen großen Vorrath neuer und seltener Pflanzen heimgebracht. Der größte Thei! der bewaldeten Gegenden um Crato besteht ausjenen nicht ausdauernden Bäumen und Sträuchern, welche sogenannte Catingas bilden; an tiefen und feuchten Orten aber, sowie au dem Fuße der Serra, gibc es viele Bäume mit immergrünem Laube. Einer der gewöhnlichsten Bäume der Calingas ist die N^aum ^»bralu 8l. Ilil., die hier. gesellschaftlich wachsend, mit Ausschließung fast jeder anderen Vaumart große, meilenlange Flachen bedeckt. Sie «rreicht gewöhnlich eine Höhe von dreißig bis vierzig Fuß; vollkommen ausge'vachsm aber ist sie oft bedeutend größer. Ihre wohlriechenden Blüthen erscheinen — wie bei vielen anderen Bürgern der Catingas — vor den Blättern und bilden große Rispen von grüngelber Farbe. T«e Eingeborenen benutzen diesen Baum, den sie Tingi nennen, zu verschiedenen nützlichen Zwecken, so z. V. einen Aufguß der Rinde zur Heilung alter Geschwür?. Die Frucht ist eine große trockene und dreieckige Kapsel mit b!«itm stachen Gardner's Rrism in Brasilia I, 15 __ 226 — Samenkörnern, aus welchen man eine Art Seife fertigt. Ein anderer Baum, den man an ähnlichen Stellen findet, ist eine Gattung Caryocar und gewährt, mit seinen großen gelben Blumendolden geschmückt, einen herrlichen Anblick. Seine Frucht, die während meines Aufenthaltes nicht zur Reife kam, soll gekocht eine treffliche Speise geben, und sein hartes Holz wird zur Erbauung von Mühlen benutzt. Nächst diesen gibt es noch zwei andere große Baumarten in der Nahe, die bereits erwähnte Visgeira nämlich und die Tirnbahuba. wovon die letztere, zur Gattung der Mimosen gehörig, große runde Köpfe gelblicher Blumen und eine breite Hülse von der Gestalt eines Hufeisens erzeugt. Ein kleiner Hirsch, der in diesen Wäldern sehr häusig ist, pflegt diese Frucht sehr gern zu fressen, und es wird ihm zur Zeit, wo sie herabfällt, bei Nacht hausig aufgelauert, indem die in den Hülsen raschelnden Samenkörner ihn verrathen, wenn er darauf tritt. Ein anderer großer Baum, der hausig vorkommt, ist die Ialobä, eine Gattung der Hymenäa, sowie der Angelim, eine groß« schöne Gattung der Andira. In den entfernteren Walbern gibt es zwei bedeutend hohe Bignonien, die eine mit purpurrothen, die andere mit gelben Blüthen. Ihr Holz ist seiner Härte und Dauer, haftigkeit wegen ein gesuchtes Material zur Fertigung von Mühlen und Karren, und dieß ist die Ursache, daß sie in der Nähe von Crato selten eine bedeutende Höhe erreichen. __ t»y? __ Außer diesen wachsen hier viele kle'mere Bäume, und ich erwähne davon den Pao de Iangada (^peilia 'lidaurlxiu), und einen anderen, der sich durch feine großen stacheligen Hülsen auszeichnet und dessen Holz man an der Küste zu den bereits beschriebenen Flußbooten benutzt. Eine Gattung der Byrsonema, eine Callisthene, eine Gomphia und eine Viter gewähren in ihrer Blüthenzeit einen überraschend schönen Anblick. Wenn Breter gebraucht werden, so zeigt sich in den meisten, ia fast in allen Theilen der Sertäo ein trauriger Mangel; denn um ein einziges Bret zu gewinnen, wird von einem ganzen Baume auf beiden'Seiten so lange abgehauen, bis er die erforderliche Flache erhalten hat. In den Catingas findet man eine Anzahl wilder Früchte, darunter die Mangaba, die, wie bereits erwähnt, bei Per-nambuco sehr gewöhnlich ist, di« Guava *), die Aral a und außerdem, aber nur auf dem Gipfel der Serra, eine fast verwandte Gattung, Marangaba genannt. Es ist das pallium pigmoum des Arruda, ein Strauch von einem bis zwei Fuß Höhe, der eine sehr wohlschmeckende Beere trägt. Die Waldungen in unmittelbarer Nähe der Scabt erzeugen eine Frucht, Pusä genannt, die zu einer neuen Gattung der Mouriria tMoui-il-ia pusä, t^i'd.) gehört. Sie ist von der Größe einer kleinen Pflaume, schwarzfarbig und gleicht an Geschmack der Frucht der im südlichen Vra- ') In den südlichen Theilen Brasiliens Guayaba genannt.. 15' - 228 - silien heimischen Iaboticaba (kugeln» eau1il?05a l)(ü.) Zur Zeit der Reis« wird sie von den Indianern in die Sladt gebracht und zum Verkauf durch die Straßen getragen. Eben so findet man hier häufig den Elephantenlaus-Baum. Der eßbare Theil seiner Frucht ist jedoch kleiner und weniger wohlschmeckend als der von den Bäumen an der Küste. Eines Tages traf ich bei der Serra de Araripe auf das Lager einer Zigeunerbande, die aus einem Dutzend Mannern, Weibern und Kindern bestand. Ich habe ge? funden, daß diese Leute im Innern Brasiliens eine sehr gewöhnliche Erscheinung sind. Die niedere Klasse des Vol» keö ist ihnen abhold, während die reichere sie begünstigt, und dieß bewies sich auch bei dieser Bande, denn sie la» gerte unter einigen großen Bäumen in der Nahe eines Hauses, das einem Major der Nationalgarde, dem Eigenthümer einer großen Zuckerpflanzung am Fuße der Serra, gehörte. Obgleich von dunklerer Farbe, so haben sie doch ganz dieselben Züge, wie die Zigeuner in Großbritannien, und es gibt viele sehr hübsche junge Männer und Mad--chen unter ihnen. Sie kommen selten in die Nahe großer Küstenstädte, indem sie hauptsächlich die weniger bevölkerten und folglick gesetzloseren District« zu ihrem Auftnthalte wählen, wo sie, mit Pferden und verschiedenen Schmuck-fachen handelnd, von Pflanzung zu Pflanzung, von Dorf zu Dorf ziehen. Wie ihre europäischen Brüder werden 229 auch sie nicht selten des Diebstahls von Pferden, Federvieh und anderen zugänglichen Gegenständen beschuldigt. Die allen Weiber spielen die Wahrsagerinnen und sind als solche bei den jungen Damen der Städte, welche sie besuchen, sehr gern gesehen. Im Verkehr reden sie, wie die anderen Bewohner des Landes, portugiesisch, unter sich selber aber bedienen sie sich ihrer eigenen Sprache. Sie heim-then nur unter einander und sollen sich weder zu den religiösen Gebrauchen des Landes, noch zu einem eigenen Glau» ben halten. Die Brasilianer nennen sie Ciganos. Gerade zu derselben Zeit, als diese Zigeuner bei Crato erschienen, verschwand eines meiner Pferde von der Weide, und man halte sie stark in Verdacht, dasselbe entwendet zu haben; aber dießmal wenigstens that man ihnen Unrecht, denn ich hatte guten Grund, einen Fazendeiro für den Dieb zu Halter/ der zwei Tage vorher darum gehandelt hatte. Sechs Wochen spater fand man es, bis auf Haut und Knochen abgemagert, in einem drei Legoas entfernten Walde, denn Iosu Pereira de Hollanda, so hieß der Mann, von welchem es entführt worden war, hatte es auf seinem Be-sitzthume zum Hetzen des Rindviehes benutzt. Während meines Aufenthaltes in Crato wurde das Fest Maria Empfängmß gefeiert, dessen Lustbarkeiten schon neun Tage vorher begannen. Während der ganzen sogenannten Novena unterhielten die wenigen Soldaten, die in der Stadt lagen, Tag und Nacht ein fast - 230 ^ ununterbrochenes Feuer, und hierzu kamen Processionen, Illumination, Feuerwerk und der Donner einer kleinen Kanone vor der Kirche, so daß die Stadt unaufhörlich in lärmendem Aufruhr war. Da die letzte Nacht die schönste sein sollte, so ging ich um sieben Uhr in die Kirche, vor welcher Fahnen aufgesteckt waren und zwei große Freudenfeuer brannten. Auf der Terrasse vor dem heiligen Gebäude hatte sich eine ungeheuere Menschenmasse versammelt, und fünf bis sechs Soldaten feuerten von Zeit zu Zeit ihre Flinten los. In geringer Entfernung spielte eine Musikbande, aus zwei Pfeifern und zwei Trommlern bestehend, aber die Musik war wahrhaft jämmerlich; und außerdem gab es auch noch ein Feuerwerk, das der Musik so ziemlich gleichkam. Das Innere der Kirche war prächtig erleuchtet und fast ganz gefüllt, aber ich bemerkte mit einiger Ueberraschung, daß die ganze Versammlung zum größten Theil aus Frauen bestand, die alle weiß gekleidet waren oder doch wenigstens über Kopf und Schultern eine Art weißer Mantille trugen. Am folgenden Tage zog eine große, aus Männern bestehende Procession, die mit großem Prunk die Jungfrau mit ihrem Sohne umhertrug, durch die Straßen. Die drei Priester der Stadt und der „Visitador" oder Sendling des Bischofs, der sich eben auf seiner dreijährlichen Reise durch die verschiedenen Ortschaften der Provinz befand, gingen unter einem scharlachrothen Thronhimmel. Das ganze Fest endigte am nächsten Nachmit- - 231 — tag (Sonntag) mit Vorstellungen auf dem Seile und »,, in 8olil« :»5 K1inl,>, «1« l^rvlw «iu ?e«li«»loLl^il)von einer sehr ausgedehnten, drei Fuß mächtigen Kohlenschicht z da jedoch seitdem nichts wieder hierüber verlautet ist, so möchte man zweifeln, daß sich diese Kohle irgend als brauchbar bewährt habe. Die Kohle, welche Spix und Mar-tius bei Bahia entdeckt haben wollen, bestand, wlc !),. Pa-rigot sich überzeugte, aus Lignit-Lagern, wahrscheinlich von derselben Art, die ich bei Crato fand. (D. V.) - 245 — gestalteten Eisensteinen bedeckt, womit der eisenhaltige Sandstein versehen ist und die nach der Zerbröckelung die« ses Gesteins sich aufgehäuft haben. Ich habe nun der Veränderungen zu gedenken, welchen die Emporhebung dieses Theiles des Vestlandes seit dem ersten Niederfchlag des Kreidegesteins unterworfen gewesen ist. Dieser Niederschlag geschah cffmbar auf dem Grunde eines seichten Oceans, und es ist nicht zu bezwei-feln. daß er sich später allmälig über die Oberfläche des Meeres erhob. Daß diese Erhebung allmälig stattfand, ersieht man aus der horizontalen Lage der Schichten, aus welchen dieser Nieberschlag gebildet ist; denn wäre das erhebende Mittel ein plötzliches und gewaltsames gewesen, so würde sich ihre ursprüngliche Lage nicht so vollkommen erhalten haben. Der erste Theil, der aus dem Meere emporstieg, war wahrscheinlich das lange erhöhte Tafelland, welches zu stiner Zeit einen Landrücken gebildet haben muß, durch welchen der atlantische Ocean im Osten von der großen Bai getrennt wurde, die damals ohne Zweifel an der Stelle des ungeheueren westlichen Thales sich befand. Aus einigen dieser Bemerkungen geht hervor, daß di« Kreideformation ehemals einen sehr großen Theil des umlie« genden Landes bedeckt haben müsse, und wir können annch« men, daß während der allmäligen Erhebung des Landes die Meereswogen eben so aUmälig das weiche Material z«r- - 246 - störten, aus welchem es gebildet war. Doch scheint daS Land lange nachher und zu einer verhältnißmäßig weit neueren geologischen Periode auf's Neue mit Wasser bedeckt gewesen zu sein — nicht nur die Ebene zwischen dem Ufer des heutigen Meeres und dem erhöhten Tafelland, sondern auch die höchsten Theile dieses Tafellandes selber. Dieß beweist die auf beiden liegend« dicke Schicht von rothfarbigem angeschwemmten Lehm, demjenigen ahnlich, welcher, wie ich gefunden habe, ziemlich ganz Brasilien vom Meeresufer fast bis zu den höchsten Gebirgsgipfeln bedeckt und der häufig mehr als vierzig Fuß mächtig ist. Wenn man ihn durchschneidet, so ergibt sich, daß er aus verschiedenen Lehm- und sandigen Kieslagern besteht, in welchen ge» rundete Steine von verschiedener Größe gebettet sind. Diese hat offenbar das Wasser abgefetzt, und in dem Landestheile, von welchem wir jetzt reden, muß dieser Lehmniederschlag zu einer spateren Zeit stattgefunden haben als die Ueberschwemmung der Gegend östlich und westlich vom Tafelland«. Dieß konnte nur durch ein Wiederversinken des Landes unter die Oberfläche des Meeres geschehen, und dieß erklärt die fast gänzliche Zerstörung der Kreide und die in dem rothen Lehm zurückgebliebenen kleinen Kreidekegel, da der Niederschlag abgesetzt wurde, 'c1us «il»-is je sich zugetragen hat und fast an's Unglaubliche qränzt. Es ist jetzt länger als zwei Jahre, seit ein Mann Namens Ioao Antonio, — 257 — ein Einwohner von Sitio de Pedra Bonita, das ungefähr zwanzig Legoas von dieser Stadt entfernt und, von Wald umgeben, in der Nähe von zwei großen Felsen liegt, die Einwohner zusammenrief und ihnen sagt«, daß sich innerhalb dieser Felsen ein verzaubertes Königreich befände, welches er entzaubern wolle, und daß gleich nachher König Don Sebastian an der Spitze eines großen Heeres er» scheinen würde. Er bemühte sich hierauf, diesen Ort auszuschmücken, bis er im November des vorigen Jahres auf Anrät hen des Missionars Francisco Ios« Correa 4« Albuquerque eine Reise nach der Wüste (Sertao) Inha-mon unternahm und von dort aus einen Mann, Namens Iouo Pereira, zurücksandte, der sich bei seiner An» kunft in Pedra Bonita zum König erklärte und die Gemüther des Volkes mit allerlei Aberglauben erfüllte, indem er ihnen sagte, daß es zur Wiederherstellung des verzauberten Königreiches erforderlich sei, eine Anzahl Männer, Weiber und Kinder zu opfern, daß diese in wenig Tagen wieder auferstehen und dann unsterblich sein würden, daß unter allen Klaffen große Reichthümer sich ver, breiten und daß alle diejenigen, die von schwarzer oder dunkler Farbe wären, plötzlich weiß werden sollten wie der Mond. Auf diese Weise gelang es ihm. für seine trügerischen Bchauptungcn und seine bsse Lehre unzählige An« Hänger zu gewinnen, und es fehlte selbst nickt an Vätern, bie dem Messer des blutdürstigen Ungeheuers ihre Kinder Gardner's Reist» in Vrasilim I. 17 — 258 — überlieferten. Am vierten des gegenwärtigen Monats nahmen die Opferungen ihren Anfang, und im Laufe von zwei Tagen gaben nicht weniger als zweiundvierzig Men» schen unter seinen Händen ihren Geist auf. Außerdem verehe« lichte er jeden Mann mit zwei oder drei Weibern. Aber es nahm ein sehr trauriges Ende mit ihm, denn Pedro Antonio, der Bruder von Ioäo Antonio, dem Verbreiter dieser Ideen, wurde dieses wahnsinnigen Treibens müds und beschloß, Pereira zu ermorden, vielleicht .weil ihn selber nach dem Königthum« gelüstete. Die That geschah am siebenzehnten, und a»l demselben Tage war es, wo der Commandant Manoel Pereira da Silva durch die fliehenden Einwohner von diesen Vorgängen unterrichtet wurde. Er sammelte augenblicklich eine kleine Streitmacht von sechs und zwanzig Nationalgardisten und einigen Landleuten und stieß am nächsten Tage auf den neuen Schwärmerkönig Pedro Antonio, der mit einer Krone von blühenden Schlingpflanzen geschmückt und von einem Haufen von Mannern und Weibern umgeben war. die mit laute« Stimme ausriefen! ..„Kommt heran, wir fürchten Euch nicht, wir wetten unterstützt von den Schaaren unseres Königreichs." " „Sie machten hierauf mit Knitteln und Schwertern einen verzweifelten Angriff und erschlugen fünf Soldaten. Aber die letzteren trugen den Sieg davon, sie löbteten augenblicklich sechs und zwanzig Männer und drei Frauen; — 259 — drei Männer, neun Frauen und zwölf Kinder wurden zu Gefangenen gemacht, und die übrigen entflohen, zum großen Theil verwundet, in die Wälder. Ick erhielt erst am achtzehnten Kunde von diesen Ereignissen, worauf ich sogleich vierzig Mann zusammenrief und an ihrer Spitze davonzog, nber ich fand den Aufruhr bereits in der oben erzählten Weise beschwichtigt. Die Gefangenen sind durch meine Leute in diese Stadt gebracht worden, und für die darunter befindlichen Kinder wird gesorgt weiden, bis von Eurer Ercellenz weitere Befehle anlangen. Gott beschütze Eure Ercellenz." „Francisco Barbosa Nogueira Paz." Del District Flores liegt bedeutend südlich von der Villa do Crato, am Rio de San Francisco und in der Provinz Pernambuco. Der Vorfall wurde wahrend meine« Aufenthaltes in der Gegend von Crato vielfach besprochen, und ich habe sogar mit Verwandten einiger jener Opfer verkehrt. Am einunddreißigsten December trat in Barra do Jar« bim ein heftiges Gewitter ein, dem ein zweistündiger Regen folgte; am zweiten Januar wiederholte sich diese Erscheinung und verkündete damit den Anfang der Regenzeit. Die Einwohner begannen ihre Reisvstanzungen, und ich tüstete mich zur Rückkehr nach Crato, um meine Reise nach Piauhy anzutreten. Am dritten brach ich auf und erreichte diese Stadt am folgenden Tage. 17 Siebenter Abschnitt. Reise nach Piauhy. Vorbereitungen zum Aufbruch, Ein neuer Gefährte. Abschied von Crato. Guaribas. Brejo Grande. Ein Lager fossiler Fische. Olho d'Agoa do Inferno. P050 de Cavallo. Crauatä. Cachoeira. Marmelcira. Rosario. OS Defundos. Lagoa. Varzea da Vaca. Angicas. Eintritt in die Provinz Piauhy. San Gonsalvo. Campos. Lagoa Comvrida. Schlechte Wege. Corumatu. Canabraoa. Boa Espcram'a und sein geistlicher Besitzer. Großartige Viehzucht. Beschaffenheit des Landes. Mimoso und Agrestc. Santa Anna das Merccs. San Antonio. Cachimbinho. Pflanzenlcben. Retiro. Buquerao. Canavieira. Der Fluß Canind«. Ankunft in Oeiras, der Hauptstadt der Provinz Piauhy. Nach Crato zurückgekehrt, sandte ich all' meine Sammlungen nach der Küste, um sie nach England bringen zu lassen, und rüstete mich zur Reise, die ich jetzt, da es seit Anfang des Monat« fast täglich regnete, ohne Bedenken unternehmen konnte. Ich wurde jedoch wider Erwarten aufgehalten, indem ich mich genöthigt sah, meinem Diener Pedro sein« Entlassung zu geben. Er hatte jetzt «in Jahr in meinem Dienste gestanden, und da er sich immer verständig und brauchbar gezeigt, da wir mehr wie Gefährten, als wie Herr und Diener mit einander gereist — 261 — waren, und cr mich überdieß in verschiedenen Krankheitsfällen sehr sorgsam verpflegt hatte, so war er von mir stets mit großer Milde behandelt worden, und ich würde mich sicherlich nie von «hm getrennt haben, hätte er diese Milde nicht mit Undank belohnt. Ich hatte schon seit einiger Zeit in seinem Benehmen bemerkt, daß er die Meinung zu haben schien, er sei mir unentbehrlich geworden. Es war Sonnabend, als ich Crato verlassen wollte, und ick schickte ihn des Morgens aus, um verschiedene Reisebedürfnifse einzukaufen, aber es wurde zwei Uhr, bis er zurückkam. Noch immer Willens, die Reise anzutreten, befahl ich ihm, die anderen Leute zu bestellen, die uns begleiten sollten, und die Pferde von der Weide zu holen, worauf er mir erwiderte, daß ich dann ohn« ihn aufbrechen müßte, da er Crato vor Montag nicht zu verlassen gedenke. Dieß war mehr, als ich vertragen konnte, und er erhielt augenblicklich seinen Abschied. Glücklicher Weise besuchte mich in diesem Augenblicke ein junger Englander, Namens Edward Walker, der während meines Aufenthalts in Barra do Iardim nach Crato gekommen war. um die Verwaltung einer Rapadura-Eugenho zu über» nehmen, deren Eigenthümer, obgleich schon ein Mann von vierzig Jahren, im Begriff stand, sich in dem Collegium zu Olinda der Kirche zu widmen. Herr Walker war zwei Jahre lang mit europäischen Waaren in dem Innern der Provinz Cearü und im Norden von Piauhy - 262 - gereist, aber zwei Monate vor seiner Ankunft in Crato seiner ganzen Habe beraubt worden und hatte daher, um sich die Mittel zur Rückkehr nach der Küste zu verschaffen, keine andere Zuflucht gefunden, als jene Stelle anzunehmen; da diese aber wenig nach seinem Geschmacke war. so machte er mir schnell das Anerbicten, mich zu be< gleiten. Ich mußte deßhalb zwei neue Pferde füc ihn und sein Gepäck erhandeln, und dieß verzögerte unsere Abreise bis zum fünfzehnten. Am Tage vorher nahm ich Abschied von meinem guten Freunde Ioao Gonsalvez, semer Gattin und Tochter und von meinen übrigen Bekannten. Wir verließen Crato Nachmittags vier Uhr und übernachteten in einer Eugenho, Namens Guaribas, am Fuße der Serra de Araripe, gegen anderthalb Legoas westlich von Crato. Am folgenden Morgen brachen wir kurz nach Tagesanbruch wieder auf und erstiegen bald nachher unter einem heftigen Regenguß die Serra, die hier szegen dreißig Meilen breit, aber bedeutend niedriger war als einige Legoas östlich. Die erst« Hälfte glich den anderen Theilen, die ick bereits besucht halte; sie war eben und offen, und das Pflanzenreich bestand aus ziemlich großen, dünn-stehenden Bäumen und stellenweise sehr dichtem Strauch» werk. Der gewöhnlichste unter den ersteren war «ine schöne Gattung der Vochysia, die mir seither nur selten vorgekommen war und mit ihren dunkelgrünen glänzenden — 263 - Blättern und di. I. G. Büttner, Prof. Zweite wohlfeilere Ausgabe. 2 Bände. gr. 8. broch. l Thlr. 6 Ngr. Karawanenzüge durch die westlichen Prameen und Wanderungen in Nord-Mcjlko. Nach dem Tagebuche des Amerikaners Iosias Gregg bearbeitet von M. N. Uindau. 2 Theile mit Titelkupfern und Karten. 8. broch. 2 Thlr. 15 Ngr. Wilde Scenen in Wald und Prairie mit Skizzen amerikanischen Lebens. Aus dem Englischen des Amerikaners Charles Fenow Hoffmann von Fr Gerstäcker. 2 Bändc. l2. broch. 2 Thlr. Fr. Gerstäcker, Mississippi-Bilder, Licht- und Schattenseiten transatlantischen Lebens. 2 Bände. 8. broch. 3 Thlr. 24 Ngr. die Marschen und Inseln der Vcrzogthümcr Schleswig und Holstein. Nebst vergleichenden Bemerkungen über dic Küstenländer, die zwischen Belgien und Jutland liegen. Drei Bände. Mit eingedruckten Holzschnitten. 12. broch. 5 Thlr. 20 Ngr. Der Nemassee Indianer. Ein Roman aus Carolina. Nach dem Englischen des Amerikaners W. G. SimmS von M. B. Lindau. 2 Bände. 12. broch. 3 2hlr. W. Kingston, portugiesische Fand- und Sittenbilder. Aus dcm Englischen von M. B. Lindau. 2 Bande. tt. broch. 3 Thlr. Prinz Wilhelm ;u Löwenstokn, Ausftlll; von Lissabon nach Andalusien und in den Norden von Marokko im Frühjahr 1845. Mit einer Ansicht von Sevilla. 12. broch. 1 Hhlr. 20 Ngr. Streif- nnd Illgd^ügc durch die vereinigten Staaten Nordamerika's. Von F. Gerstäcker. Mit einem Vorworte von Tr. Bromme. 2 Bände. 12. broch. 2 Thlr. 22z Ngr. Dr. O. Klemm, IV ^ 1^ I O ^ Bericht über eine im Jahr« 1838 im Gefolge Sr. Konigl. Hoheit des Prinzen Johann, Herzogs zu Sachsen, unternommene Reise nach Italien, gr. 8. broch. 2 Thlr. 22z Ngr. W. Kingston, Leben und Sitte in Persien. Aus dem Englischen überfetzt von W. A. Aindau. 2 Theile. 6. 2 Thlr. 5 Ngr. O. Pabel, Nußland in der neuesten Ieit. Eine Skizze. 8. brochirt. 1 Thlr. H.^, /, ^-s