Vie vorcholspbinx D oder « I Frage der modernen I Nordpolar-Iorschung von Ingenieur Jervinand Lupsa Laibach, 1903 Druck und Verlag von Dragotin Hribar in Laibach Die Nordpolsphinx oder Frage der modernen Nordpolar- Forschung von Ingenieur Ferdinand Lupsa. Druck und Verlag von Dragotin Hribar in Laibach oZooM^ Vorwort ich mit der Erörterung eines Gegenstandes vor die Öffentlich, keit trete, welcher schon seit langen Zeiten nicht nur den reflek- tierender Geist vortrefflicher Männer, sondern auch die Phantasie der großen Volksmenge beschäftigt, so geschieht es in der Überzeugung, daß ein Jeder berufen ist an den Fortschritten der Gegenwart mitzuarbeiten und das, was er in feinen Mußestunden als eine ihm nicht unbedeutend erscheinende Vervollkommnung bestehender Errungenschaften erachtet bat, der Öffentlichkeit zur Beurteilung zu übergeben. Fast ein Jeder von uns weiß, daß über Nordpolarforschung schon sehr viel nachgesonnen, gesprochen und geschrieben wurde, doch nicht minder ist es Allen bekannt, daß die Resultate der mannigfaltigen Be¬ strebungen auf diesen« Gebiete unseren Wünschen und Erwartungen noch unendlich nachstchen. Zuvorderst ist es keine leichte Ausgabe, aus den vielen, oft von einander sehr abweichenden Berichten über die Gebiete des Nordpols sich eine klare Meinung zu bilden. Zufolge mei¬ nes mehrjährigen Studiums der Arktis habe ich dies ver¬ sucht, und freudig kann ich sagen: mit Erfolg! N)ie und wo könnte man am besten, bequemsten und sichersten in das Innere des Un¬ bekannten gelangen? Das war die Hauptfrage, die zu beantworten und zu lösen ich vor allen« bestrebt war, und das Resultat habe ich in der vorliegende«« Arbeit niedergelegt. Zu dem Ende'mußte ich einen histo¬ rischen Überblick vorausschicken um die Reihenfolge der Forschungen und hauptsächlich ihre Charakteristik zu kennzeichnen, wobei ich mich aber der Rürze halber nur aus die wichtigsten Daten zu beschränken hatte. Aus diese Ausführungen gestützt entwarf ich die Theorie eines Unternehmens, das Erfolg verspricht und dem ich, wie ich mich an- läßlich meiner zahlreichen Vorträge zu überzeugen Gelegenheit hatte, richtige und annehmbare Prinzipien gewählt und zu Grunde ge¬ legt habe. In Anbetracht dessen ersuche ich schließlich auch alle Förderer und Freunde des Forschrittcs, nicht ganz glcichgiltig über diese Arbeit hinweg¬ zusehen, sondern sic einer entsprechenden Prüsung, einer gerechten Antik unterziehen zu wollen, denn dadurch wird wieder dem Uern der Frage näher gerückt und es nimmt etwaige Ratschläge und Unterstützungen in der Angelegenheit seines Vorhabens, zu den schon vorhandenen Er¬ rungenschaften in der Uordpolarsorschung nämlich auch nur klein wenig beantragen, dankbarst und mit Freude entgegen der Verfasser. Fried au, August l903. Einleitung. Je mehr die Kultur uud Entwicklung des Menschengeschlechtes zunimmt, desto lückenhafter zeigt sich dessen Wissen, desto größer wird in seinem Innern der Antrieb, die Erweiterung seines Wissens, d. h. die Vervollkommnung anzustreben. Dieser Trieb ist ein göttlicher Tunke, der im Laufe der Jahrhunderte genügende Energie lieferte, uns über sämtliche Geschöpfe geistig zu erheben; dieser Trieb ist auch ein Tort¬ schrittsdrang, dem nur jene Tülle von großartigsten Entdeckungen und Erfindungen verdanken, durch die wir uns heute zum Beherrscher der Naturkräfte und -Gewalten emporgeschwungen haben. Hiebei leitet uns aber vor allem ein nie versiegendes Bedürfnis nach der Erweiterung unseres irdischen Gesichtskreises, nach einer freien Übersicht über unseren Planeten. Der Knabe schon verspürt einen gewissen Drang, die Grenzen seiner Umgebung zu überschreiten; je mehr aber der Knabe, der Jüng¬ ling und später der Wtann an Wissen und Erfahrungen reicher wird, desto reger wird sein Streben, in die Geheimnisse der Natur einzudriugcn, sic zu ergründen. Wenn auch viele Unternehmungen, namentlich die größten Neiseu früherer Zcitpcriodcn aus Ruhmsucht, Goldgier und Begierde nach Abenteuern ausgcsührt wurden, so lag doch immerhin im vorhinein jeder Ausführung ein gewisser Zug nach Bereicherung des Wissens zu Grunde, viele kühne Männer, welche vor den wilden Völkerschaften nicht zurückschcuten, welche die wüsten Steppen und fieberhafte Sümpfcj mühsam und mit Ausdauer durchquerten, in die Urwälder eindrangen, wo sie sich auf Schritt und Tritt den Weg mit schwerer Axt bahnen mußten unter immerwährender Gefahr von wilden Tieren zerrissen oder von giftigen tödtlich verwundet zu werden, oder welche vor den mächtigen und furchtbaren polaren Gewalten nicht zurückschrecktcn, haben sich bei ihrer Heimkehr stets schon dadurch für l 6 alle die erlittenen Strapazen, Gefahren und Mühseligkeiten reichlichst entschädigt gefühlt, wenn sie so glücklich waren, daß sic dem schon vorhan¬ denen Etwas an Entdeckungen auch nur ein klein wenig Neues hinzu- zufügen vermochten, beispielsweise wenn sie den Fundort gewisser Pflanzen oder deren Verbreitung anzugeben wußten, wenn sie eine Charakte¬ ristik der Bodenbeschaffcnheit eines bestimmten uns bis dahin unbe¬ kannten Landstriches zu skizzieren vermochten, wenn sic Erfahrungen über eine bestimmte Lebensweise gesammelt hatten u. drgl. Überblicken nur ganz kurz die vielen Forschungsselder unseres Planeten von Einst, so werden wir finden, daß in der Gegenwart die ehemahligen mächtigen weißen Stellen von den Landkarten und Atlanten verschwunden sind mit Ausnahme der beiden Pole, trotzdem das Augenmerk der Menschheit gerade auf den Polargebieten schon volle vier Jahrhunderte lang unermüdlich haftet. In Asien konzentrierte sich das Interesse der Forscherwelt haupt¬ sächlich erst in der letzten Periode des verflossenen Jahrhunderts auf die Entschleierung der von hohen Gebirgen umschlossenen Innern und auf das erst in den letzten Jahren für den Europäer zugängliche Oftasien. wie vom Norden her die Russen Sewerzow, Potanin, Grombtschewski u. a. in erfolgreicher weife, so haben vom Süden her die Engländer, gestützt auf ihren Besitz vorder- und pinterindiens die Forschungen sehr gefördert. Ehaw, Forshth, Lareh und poung- Husband sind Namen der Engländer, die hier Lorbeeren geerntet hatten, vergessen darf man aber auch nicht der „punditen", das sind Ein¬ geborene, denen die Forschung so manches verdankt, denn sie sind im Dienste der Forscher oft unbehindert in die Länder eingcdrungen, die für den Europäer gar nicht zugänglich waren. Schließlich kommt haupt¬ sächlich bei den Engländern die politische Tätigkeit als fördernd in Frage. Durch ihre Rämpfe mit den wilden asiatischen Stämmen, durch die Perstellung nächtiger Verkehrswege u. drgl. ist unsere Renntnis mancher wenig erforschten Gebiete vermehrt worden, z. B. in Afgha¬ nistan, Turkestan u. s. w. Ziemlich reich Ivar bis auf den heutigen Tag die geographische Tätigkeit im Osten, nachdem Richthofen die weiten Wege im „Reich der Mitte" durchwandert nnd dadurch den An¬ sporn zu verschiedenen weiteren Forschungsreisen gegeben hat. Swen Pedin beispielsweise war viele Jahre hier tätig, und wenn erst die Reisefrüchte dieses Forschers völlig geordnet vorliegen werden, dann wird man sich auch wohl vou den abflußlosen Gebieten ein viel deut- 7 licheres Bild machen können, als dies heute noch möglich ist. Das ja- panische Inselrcich nnd Korea sind serner längst nicht mehr das ver¬ siegelte Buch, als welches wir sic bis weit über die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinaus hatten gelten lassen müssen. In Japan haben Forscher wie J. I. Rein, besonders aber die 1873 in Yokohama ge¬ gründete „Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völker¬ kunde B st a sic ns" sich große Verdienste erworben. In den letzten Jahrzehnten haben indessen die Japaner selbst die Durchforschung ihres Heimatlandes energisch nnd verständnisvoll in die Band genommen. Die fort und fort zunehmende Anzahl von Noutcn läßt sonach folgern, daß es im zwanzigsten Jahrhundert eine Periode geben wird, in der die Gebiete Asiens uns gerade so bekannt sein werden, wie sic noch vor wenigen Jahren gegen die Außenwelt verschlossen dagestanden. Für Australien, den jüngsten der Kontinente ist in den sieb¬ ziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts die Forschung erblüht. Zwei Namen waren in dieser Nichtung ausschlaggebend: die Namen War- burton und Giles. Nicht Strapazen, Anstrengungen und Entbehrungen haben diese beiden zu hindern vermocht, ein Helles Licht über so manches Gebiet zu verbreiten. Trotzdem Expeditionen von Lindsah, Mac Gregor, Born u. a. unverrichteter Dinge umkehrcn mußten, gelang es ihnen doch weite Distrikte zu erforschen. Seitdem sich für die Steppen und Wüsten das von der Natur ausersehene Namel in Neu-Bolland ein¬ gebürgert hat, sind die possnungen beträchtlich gestiegen, so daß auch diese unwirtlichen Tafelländer vor dem Entdcckungscifer der Menschheit werden kapitulieren müssen. Wie steht es mit Amerika? Die Geschichte nennt uns da die Fülle zahlreicher Reisenden; Reuß, Stübel, Lrevaux u. a. haben da hervorragendes geleistet. Erinnert sei ferner an die zahlreichen Er¬ forscher der Südspitzc des Erdteils, von Musters und Gallegos an über Ramon Sista bis auf Nordenskjöld, ebenso an die jüngste Phase süd- amerikanischer Forschung, soweit sic das völlig unbekannte Innere Lentralbrasilicns betrifft. Zumeist aber, namentlich in den letzten drei Dezenten ist die geographische Forschung mit der Lösung wirtschaftlicher Aufgaben verknüpft gewesen, mit dem Bau von Verkehrswegen, Wasser- straffen, Telcgraphenlinicn sowohl als auch mit der Ausbeutung der überreichen Bodenschätze. Die Durchführung aller derartiger Nnternch- mungen setzt genaue Vermessungen und Ausnahmen voraus, die ganz von selbst zu der wissenschaftlichen Erschließung der berührten Regionen 1«. 8 führen. Wie immer in den Vereinigteil Staaten wurde dieß großartig organisierten Expeditionen anheimgcstellt, deren Gesamintleistung in der Tat ungeteilte Bewunderung verdient, einerlei, ob wir ihnen in die Gebirgsregioneu von Wyoming Utah und Lolorado oder iir die Wüsten von Reu-Mexiko oder Arizona folgen. Sil Lentralamerika endlich knüpft sich die Forschung, wie auch nicht anders zu erwarten ist, iir hohem Maße an die Vorarbeiten zu den geplanten interoceanischen Kanälen. Und doch bleibt im Allgemeinen für die Erweiterung unserer Kennt¬ nisse aus dem amerikanischen Erdboden für unser neues Jahrhundert ein guter Rest noch übrig. Fast nirgends haben aber die geographischen Probleme die Forscher¬ welt so sehr in Anspruch genommen wie gerade „in dem dunklen Kontinent". Wenn auch durch die Lösung der größten geographischen Ausgaben durch mehrfache Durchquerung des dunklen Weltteils noch längst nicht das letzte Rätsel entziffert werden konnte, wenn im Ge¬ genteil auch da die Zukunft einen hübschen Rest noch vorfindet, so sind doch im großen und ganzen die verschiedenen Forschungsfelder schon genügend bekannt, wenigstens mehr bekannt wie aus so manchen an¬ deren Flechen unseres Sternleins. Wer entsinnt sich aber in Betreff des bisher Geleisteten nicht dankbarst der großen Kamen: Barth, Kachtigal, Rohlss, Manch, Livingstone, Stanley, Wissmann, Schweinfurth, Bunker, Emin-Pascha und ist nicht erfüllt von tiefem Gefühl für den Helden¬ mut, mit dem diese Forscher, jeder Verbindung mit der Livilisation be¬ raubt, hier jahrelang dem drohenden Verhängnis ins Ange schauten und trotzdem unermüdlich für die Wissenschaft arbeiteten! Zwei Gebiete unseres Planeten nur sind es noch, welche bis heute eine zu ungenügende Lösung erfuhren, nähmlich der Süd- und der Kord pol. Überall sonst konnten die Forschungen mit grö¬ ßerem Erfolg betrieben werden als gerade in den Regionen, die mit Recht das Prädikat des „Wundervollen und Tragischen" verdienen, denn wer folgt nicht mit Spannung und Bewunderung dem Polarforscher in die düsteren Schrecken der gewaltigen Eiswüsten, wo sich nebenbei wundervolle Himmelserscheinungcn in den mannigfachsten Formen und Farben spiegeln; ein Grauen in Hinblick auf die menschliche Tragik ersaßt wohl einen jeden, wenn er von den Leiden dieser wackeren Ar¬ gonauten hört. In den Südpolargegenden läßt die Vervollständigung der Entdeckungen eines Look, Vellinghausen, Bristol und Weddel, Sir James 9 Llarkc Ross, Dumont, d' Rrville und Wilkes viel zu wünschen übrig. Die Resultate dieser Unternehmungen lassen an und für sich zwar schon folgern, daß das ganze antarktische Gebiet ein Festland bildet, welches von einer vorliegenden Eismauer unnahbar gemacht erscheint, und wo kein Blümchen den Reich der Sonne und dem wind zum Spiel ent¬ faltet, und wo kahle Berge von bedeutender Höhe, zumeist mit Gletschern bedeckt, cmporragen. Erebus, ein Bulkan, welchen Ross entdeckte, soll nach seinen Angaben rund 3780 Meter hoch sein, und stieg zu seiner Zeit aus dessen Schlund eine cirka 360 Meter hohe Rauchsäule empor, welch einen hochinteressanten Anblick muß wohl ein solches Naturschauspiel dort mitten im weißglitzerndcn Schnee und Eis dem Beschauer gewähren, Ivo die unergründlichen Naturgewalten sich in mannigfachster Form verkörpern! Auf dem antarktischen Festlande zu überwintern und die Be- schaffenheit des Znncren etwa durch Schlittenrcisen zu erkunden, hat nie recht gelingen wollen, da die Eismaßcn jede Annäherung an die Rüsten verbieten. Die Beschaffenheiten und Merkwürdigkeiten der Natur des Süd¬ pols sind überhaupt noch zu unbekannt um Folgerungen für ein mehr oder weniger systematisches Forschen ziehen zu können. Fetzt im zwan- zigsten Jahrhundert gilt cs selbstverständlich, auch diese Südpolarrütscl möglichst zu lösen und zu entschleiern. — Eine deutsche Südpolarerpe- dition unter Führung des Professors v. Drygalski hat im Sommer 1901 als erste dieses Zahrhundcrts die schwere Aufgabe, im fernen Süden zu forschen, ans sich genommen; ihrem Beispiele folgten bald darauf schon mehrere andere. wie steht es mit den Nordpolargegendcn? Unzweifelhaft waren in letzter Zeit die um das nördliche Ende der Erdachse sich er¬ streckenden Gebiete diejenigen, welchen ein außergewöhnlich großes Znteresse gewidmet wurde. Hiebei waren aber, wie man meinen könnte, nicht etwa die Neugierde und der Reiz des Staunens die Motive, welche die Gcmüther bewegten, sondern im Grunde genommen vor¬ wiegend der Drang nach dem Wahren, der Drang nach der Erweite¬ rung unserer Kenntnis, nach dem tatsächlichen Verhalten der Dinge weit drüben hinter dem Polarkreis! Da diese mit ewigem Eise und doch auch mit viel Herrlichkeiten ausgestatteten Regionen unmittelbar an die Länder der Livilisation grenzen, so ist cs klar weshalb sich das allgemeine Interesse zumeist mit Spannung dahin richtet; die großen 10 Fragezeichen über so manchen Punkt jener Gebiete rechtfertigen beim heutigen Stand der Wissenschaft zur Genüge den erwähnten Drang. Dem¬ nach scheint die Polarforschung noch eine Rotwendigkeit für uns zu sein, und mit voller Befriedigung nehmen wir es wahr, daß diese heute auch in der schönsten Blüte sich entfaltet, trotzdem die bisherigen Resultate einzelner Unternehmungen zumeist anscheinend nur geringe waren. Der unermüdliche Menschengeist ruht nicht, und er wird auch nicht eher ruhen, bevor sich das letzte Fleckchen auf der Erdoberfläche seinem scharfen Blick und seiner Kenntnis erschloßen haben wird. Der Wissensdrang ganz allein zwingt heute den Forscher, welcher ja nur stufenweise in das Innere des Unbekannten dringen kann! Er trotzt mutig den Gefahren und es giebt für ihn keine unüberwindlichen Hin¬ dernisse, welche ihm etwa den weg abgrenzen sollen — nein — hier in den eisigen wüsten gleich Ivie in den heißesten Gebieten unseres Sternleins stellt er sich auch den schlimmsten und größten Feinden des Lebens wie der Nacht, der Kälte, dem Eise und allen den damit ver¬ knüpften Entbehrungen rüstig entgegen. Die Geschichte arktischer Forschungsreisen lehrt aber, daß der Mensch merkwürdigerweise trotz seiner Unermüdlichkeit und Unverdrossen¬ heit bisher leider nur wenig zu der Lösung der Aufgabe, den dichten Schleier des Nordpols zu lüften, beitragen konnte, und die Opfer, welche die Nordpolsphinx für jeden Blick in ihr geheimnisvolles Tun und Treiben stets gefordert, waren enorm große. Hat nicht die Lösung dieses eminent bedeutsamen geographisch-phhfichcn Problems schon viele Millionen gekostet, den ganze Flotten, das Blut und die letzten Seufzer vieler kühner Männer, die das Wagewerk unternommen, mußten schon hin geopfert werden! Das Polarreich ist ein großer, kahler, eisiger Kirch¬ hof, in dem viele den ewigen Schlaf schlafen, die dort in Nacht und Kälte dem Hunger und der Verzweiflung erlagen. Keine Blume schmückt jener Helden unbekanntes Grab, viele sind leider vergessen und nur einzelne Namen leuchten wie blutiger Nordlichtschein durch die Geschichte der denkwürdigen Polarfahrten! Dessen sind sich wohl alle tatkräftigen Männer bewußt, die doch immer aufs Neue vor der Gewalt des Nordpolriesen nicht zurück¬ schrecken, der in mannigfachsten Formen mit verderben jedem dahin verirrten Individuum droht, wo die Eisberge unter donncrartigcm Krachen Zusammenstürzen und dem Menschen den Untergang verkünden, n wo die Eismassen Schiffe zerdrücken wie einen dürren Stab, wo der König der polartierc, der Eisbär, unbekümmert nm seine eiskalte Um¬ gebung umherschlcndert, wo ferner die Nordlichter wohl in den wunder¬ barsten Farben und Formen dem entzückt dastehenden Beschauer sich zeigend die Magnetnadel des einsamen Wanderers beunruhigen. Aus diesem großen Forschungsseldc harren also ungelöst die ältesten Probleme, Grund genug um brave Männer zu reizen und ihnen für neue Unternehmungen den Ansporn zu bieten, und so ziehen Forscher immer wieder dahin aus, ausgerüstet mit allem, vorbereitet auf alles; Scharfblick, Ausdauer, Unerschrockenheit und Entschlossenheit sind die¬ jenigen Faktoren, welche sie mitnchmen, und das sind die Waffen, womit sie einzig und allein im Stande sind, dem unbarmherzigen Feinde, der polaren Gewalt, das Schlusztreffen zu liefern! I. Lapitel. historischer Rückblick. Forschungen bis zum XIX. Jahrhundert. Tief verschleiert ist die Geschichte der ersten Nordfahrten, denn erst die Reisen seit dein XVI. Jahrhundert lassen sich mehr oder we¬ niger systematisch anführen. In der vorgeschichtlichen 3eit erschienen jene geheimnisvolle Gebiete unseres Planeten, erfüllt mit dichtem Schleier der Nacht und des Nebels als Thron mächtiger Götter, über deren walten uns die Mythe phantasiercicher nordischer Völker, eine Rille bedeutender Bilder vor das geistige Auge stellt. Im Lause der Jahr¬ hunderte werden erst allmählich die Schlier gelüstet, mutige und kühne Pioniere dringen mit gebrechlichen Fahrzeugen begleitet von Sturm und Eis in den Schoß der NordYolsphinx und der maritime Unternehmungs¬ geist der Nationen wird erweckt. Die Polländer und Englender richteten zuerst unter den modernen seefahrenden Nationen ihr Augenmerk nach Norden. Auf Seite der Engländer entstand die Begierde nach Wasserstrassen einerseits in nord¬ westlicher Richtung bis zur Südsce, andererseits bis ins Innere von Russland behufs Erweiterung ihres Pandels; die Polländer hofften da¬ gegen in nordöstlicher Richtung eine Durchfahrt nach Lhatai (Lhina) und Indien aufzufinden. Den ersten versuch in nordwestlicher Richtung machte auf Befehl peinrichs VIII. Sebastian Labot im Jahre 1517, welcher auch schon früher und zwar 1494 Labrador entdeckt hatte, wobei er bis in die Pndsons-Straße gekommen war. Darauf hin gewann er englische Kaufleute für die Forschungen in nordöstlicher Richtung, aber von den unter Kommando des willoughby im Jahre 1553 ausgesandten drei Fahrzeugen kam nur Lhancellor, Führer eines dieser Schiffe, wieder 13 in die Heimat, nachdem er in Russland Begünstigungen für den engli¬ schen Handel erwirkt batte. 1556 wurden von der „Ntuskovh Company" Chancellor zum Weißen Meer — das er auf seiner früheren Fahrt entdeckt — und Bourough nach dem Ob entsandt, den dieser jedoch nicht erreichte, da die Eis- vcrhältnissc in der Rarischen-Straße so ungünstig waren, daß eine Durch¬ fahrt nicht unternommen werden konnte. Bon dieser Forschungsreise brachte Bourough die erste Runde von den Samojeden, er sah auch am waigatsch eine Wenge samojcdischer aus Holz roh ausgcschnißter Götzenbilder, die zumeist Wanner, Frauen und Rinder in den mannig¬ fachsten Formen darstelltcn. Erfolgreicher wie diese war die im Jahre 1580 unternommene Forschungsreise von Jackmann und Het, welche durch die Jugor-Straße auch in das Rarische wcer cindrangen. Bon England war inzwischen Frobishcr 1576 mit drei Schiffen nach der Hudsons-Straße gesteuert, um dort die Entdeckungen Labot's zu erweitern, was ihm auch gelang. Aus weta incognita sand er ein blendendes Gestein, in dem er Gold gesunden zu haben glaubte, was natürlich sofort wieder zu verschiedenen weiteren Unternehmungen An¬ laß gab, so daß in den nächsten zwei Jahren nicht weniger als acht¬ zehn Fahrzeuge diese Gestade besuchten, wobei cs sich jedoch herausstellte, daß das gefundene Golderz wertlos war. 1585 segelten Davis und Briton an die Ostküste von Grönland, befuhren die nach Davis benannte Straße und sichteten ein Oand unter 66° 40' n. Br., worauf sic in den Lumberlandsund cinlicsen; zwei Jahre später kam Davis sogar bis 72° 12' nordwärts. In Bezug auf die beharrlich gesuchte Durchfahrt 'uni das ame¬ rikanische Festland herum waren jedoch alle Bemühungen vergeblich, man wandte sich wieder dem Nordosten zu. Holländer waren es namentlich, welche hier vorwärts strebten. 1594 liefen drei Schiffe aus, unter Nai, Hsbrantzoon und Barcuts, von denen der letztere an der Westküste von Nowaja Scmlja entlang fuhr, die beiden ersteren drangen dagegen durch die Rarische- und Jugor-Straße ins Rarische wcer vor, mußten aber sehr bald zufolge ungünstiger Eisvcrhältnissc umkehrcn. Nachdem zwei Jahre später die Bäreninsel und Spitzbergen durch Hcmskcrk, Rhp und Barcuts entdeckt worden, versuchte letzterer noch einmal eine Durchfahrt im Nordosten von Nowaja Scmlja, er blieb jedoch mit seinem Schiff im Eise sitzen und büßte seinen Wagemut mit 14 dein Leben. Er starb ans der Heimreise nach der Überwinterung im Eishasen. Trotz der Aufmerksamkeit und der heldenmütigen Anstrengungen sind die gesuchten Wege nach den gold- und cdclstcinreichcn Ländern nicht entdeckt worden, doch sand man andere Reichtümer. Zn den neu erschlossenen Gewässern und Buchten der arktischen Inseln und Halb- inseln wimmelte es von großen Tischen und Seeungcheueru, und dies ward der Anlatz zur Großfischerei. Englische, holländische, dänische und hamburgische Tischer erschienen in diesen Gewässern; geo¬ graphische Entdeckungen der Gebiete bei Spitzbergen, Nowaja Semlja, Hudsonsbai u. s. w. schufen maritime Schatzgebiete, die viele Millionen Gold den beteiligten Nationen einbrachten, und so wurde im Laufe zweier Jahrhunderte das nördliche Eismeer eine reiche Quelle des Er¬ werbes, besonders durch den Tang der Seehunde und Walfische. Zu¬ nächst war es das Tett dieser Tiere, welches eines der wertvollsten und gesuchtesten Handelserzcugnisse jener Zeit, den Tran, abgab. Der Robben¬ tran beispielsweise wurde bereits im Mittelalter als ein vorzüglicher Beleuchtungsstoff, mehr aber noch in der Lcdcrverarbeitung gebraucht. Zn den ersten Decennien des XVII. Zahrhunderts sind mancherlei versuche gemacht worden, durch die Gebiete der Hudsonsbai vorzudringen. Hudson war es, welcher in den Zähren 1609 und 1610 die nach ihm benannte Straße, Bai und Tluß erschloß und in der Zamesbai überwinterte. Bereits auf der Spitze seines Ruhmes stehend wurde aber dieser tüchtige Argonaut auf der Heimreise von seiner meuterischen Mannschaft gefesselt, dann in einer Schaluppe mit neun Schicksals¬ genossen in die freie See hinausgestoßen und blieb sür immer ver¬ schollen. Nm sein Schicksal zu entschleiern wurden 1612 Button und 1615 Bassin und Bhlot ausgesandt. Die beiden letzteren entdeckten in¬ dessen in der Hudsonsbai zahlreiche Znseln, drangen ferner in die nach Bassin benannte Bai und sichteten den vom Eis starren Smith- Sund, außerdem weiter westlich die Larehinseln, den Zones- und Lancaster-Sund; die Tragödie Hudsons zu entschleiern gelang jedoch ihnen ebensowenig als es vorher Button hatte gelingen wollen. Bon da an klafft in der Geschichte der Holarforschung eine Lücke von nahezu einem Säculum, da in dieser Zeit verhältnismäßig nur wenig geleistet worden. Erst in das zweite Deccnium des XVIII. Jahrhunderts fallen größere Unternehmungen, in welcher Zeitperiode man auch schon dazu kam, die Nordfahrten 15 nach wissenschaftlichen Princip ien anzuordnen, wobei man zunächst von der Frage ausging, ob die Nordspitzc Asiens mit Nord- Amerika Zusammenhänge oder ob eine Wasserstraße das Eismeer mit dem Stillen Ocean vereinige?! Im Auftrage des schon auf dem Sterbebette liegenden Peter des Großen unternahm der Däne Bering 1725 eine Reise durch Si¬ birien, schiffte sich dann 1728 zu Ochotsk ein, aber erst 1741 gelang es ihm, den St. Eliasbcrg an der Nordwestspitze Amerikas zu er¬ blicken und die nach ihm benannte Straße zwischen den beiden Erdteilen nachznweisen. Leider war dieser große Erfolg mit dem Leben des Entdeckers erkauft, eine gewaltige NIeereswoge hat sein Schiff über eine Felsenklippe hinweg in eine Bucht der Beringsinsel geworfen, wo er einsam und verlassen seinen Tob sand. Zu dieser Zeit ist auch das asiatische Festland besser bekannt geworden; die mit dem Eintreiben von Tribut bevollmächtigten Ro- s a k e n haben aus dem Gebiete der Geographie und überhaupt in allen arktischen Fragen wesentliches geleistet. Unter den weiteren Unternehmungen bis zum Ende des XVIII. Jahrhunderts sind vornemlich Bearne, welcher die nördliche Begren¬ zung von Amerika bestimmte, sowie Ntackenzie zu nennen, weich' letzterer Amerika durchquerte und schließlich bis zu dem Eismeer unter 69" n. Br. vordrang, wobei er den nach ihm benannten Fluß ent¬ deckte. Das englische Parlament, das im Fahre 1743 einen Preis von 20.000 psd. Strl, aus die Entdeckung der Nordwestpassage aus¬ gesetzt hatte, zog denselben zurück, nachdem Look's und Llcrke's Bersuche in den Zähren 1778 und 1779 mißglückt waren, welche beide von der Bcrings-Straße aus nach Osten hatten Vordringen wollen, jedoch in dem ewigen Eise eine undurchdringliche Schranke gesunden hatten. Zu dieser Zeit nahm aber der walstschsang einen Aussetzung wie nie zuvor. Die Ausbeute der Fischerei war außerordentlich reich und der von einem holländischen Statistiker gebrauchte Ausdruck: „Oe Mnclm^n van llet lüoorllen" dürste wohl zutreffend sein, obwohl genauere Daten über den Reinertrag nicht direkt vorliegcn. Zorgdrager erzählt beispielsweise, baß ein gewisser Willem ps, alljährlich zwei Reisen unternahm und jedesmal rund 1000 Quardeclen* Tran heimgebracht habe. * Line altholländische üuardeei ---- 12 Stechkannen, die spätere Üuardeei --- 3 Bremer-Tonnen s 216 pfd. 16 XIX. Jahrhundert. a) Erste Fo rsch ungsp eri o d c. An die ersten Unternehmungen im neunzehnten Jahrhundert knüpft sich vornemlich der Name des englischen Geographen John Narrow, dessen Lebensaufgabe gewissermaßen darin bestand, sür die Lösung der Nordpolsrage zu wirken und die Ausrüstungen zweck¬ mäßiger Forschungsreisen anzubahnen. Nachdem 1818 günstige Nach¬ richten über die Eisverhültnissc eingelausen waren, gelang es Narrow England wieder sür die Nordsahrten anzuregcil. John Ross und William Edward Parrh segelten am 18. April 1818 nach der Naffinsbai, einen nordwestlichen weg suchend, drangen aber ohne besonderen Erfolg vorwärts und kehrten bald wieder um, da Ross Nefehl zur Rückreise gegeben. Trotzdem leitet diese Forschungs¬ reise eine der größten Jo rs ch un g s cP o ch en ein. Das englische Parlament wiederholte nun den Preis von 20.000 Pfd. Strl, als Prämie für die Entdeckung der Norwestpassage, welchen es nach Eooks mißglückten Nersnchcn zurückgezogen hatte. Dies galt gewisser¬ massen zum Ansporn für ein Wettrennen nach der Arktis, das wuch¬ tiger und idealer nie vorher ein menschliches Wesen erlebt hatte. Schon im nächsten Jahr würden die beiden Schiffe pecla und Griper unter E. w. parrh ausgerüstet, welcher die Forschungen des verflossenen Jahres fortsctzen sollte. Er durchfuhr den Lancaster-Sund, erschloß das sich südwärts öffnende Prince-Regents-Jnlet und kam durch die Narrow-Straße und den Wellington-Ranal bis zur Ntelwille-Jnsep westlich hiervon sah er das Nanksland. Nach einer glücklichen Über¬ winterung an der Südküste der Ntelvillc-Jnsel kehrte die Expedition wieder nach England zurück. Im Jahre 1821 segelte parrh mit den Schiffen Furh und p e c la abermals nach Norden, wobei er den Foxkanal und die Irotzcn- Straßc durchfuhr und im Lhon-Jnlct überwinterte. Den Weisungen einer Eskimofrau folgend, kam er alsdann in die nach seinen beiden Schiffen getaufte Furh und Pecla-Straße, woselbst er ebenfalls überwintern mußte. Da die Eisvcrhültnisse des Jahres 1823 aber für ein weiteres Vordringen doch zu ungünstig waren, so erachtete parrh es für zweckmäßiger, in die Heimat zurückznkehren, uni sich da wiedel- frisch auszurüsten. Dann lief er im Jahre 1824 nochmals mit seinen früheren Schiffen aus und überwinterte diesmal im Port Bowen, nach- 17 dem er den Lancaster-Sund und Prince-Rcgents-Jnlet abermals durch¬ segelt hatte. Auf dieser Reise verlor er sein Schiff Iurh, er selbst aber kam aus der Hecla glücklich in die Heimat zurück. So hat parrh in den Jahren 1818—1825 viermal in der Arktis überwintert; wenn ihm jedoch auch auf den beiden letzten Fahrten das Glück nicht so hold gewesen war wie allein aus der zweiten, so haben doch auch die minder erfolgreichen dem wackeren Argonauten neue Lorbeeren in seinen Ruhmeskranz geflochten! Inzwischen hatte sich aber Scoresbh in den eisumstarrten Gebieten seine Lorbeeren geholt. Dieser Forscher hatte ja schon 1817 die Grön¬ landsee eisfrei gefunden, 1822 bei Spitzbergen 81° 30' n. Br. erreicht und später noch einen Teil der Ostküste Grönlands ausgenommen. — Ferner hatte sich auch wrangel um die Forschung sehr verdient gemacht, indem er 1820—1823 vom asiatischen Jestlande aus aus dem, bis an den Kontinent heranreichenden, Polareise erfolgreiche Schlitten¬ fahrten unternahm. Aus diese seine versuche hin gründet sich später die Annahme einer Polpnia (offenes Polarmeer), denn Wrangel meinte fest eine solche gesehen zu haben, welche nördlich von den Ncusibirischen Inseln, die bekanntlich 1806 durch Sirowatskoj entdeckt worden, in südöstlicher Richtung nach der Berings-Straße hin zu verlausen schien. John Ross, dessen erster versuch bekanntlich mißlang, wollte seinen Ruf als Polarforscher erlangen. Nachdem er mit dem Rad- dampfer „victorh" 1829 ausgelaufen war, verbrachte er nicht weniger als vier Winter in den Eisregionen. An der Rüste von Boothia Felix (nach dem Engländer Felix Booth benannt) wurde er allein zwei Winter hindurch scstgehaltcn, woraus er sein Schiff verlor; dann baute er aus den Trümmern der Furh zwei Boote, mit denen er schließlich den Lancaster-Sund erreichte, wo ihn und seine Ntannschast 1833 ein walfischsahrer aufnahm. Auf dieser Expedition erforschte sein Neffe James Llark Ross, der schon früher dreimal an Parrh's-Reisen im Norden Teil genommen hatte, mit Schlitten das Rönig Wilhelm Land und entdeckte am I. Juni 1831 den magnetischen Nordpol unter 70° 5'n. Br. und 96° 46' westl. L. Rber die Entdeckung des magnetischen Nordpols gibt uns Ross selbst folgenden interessanten Bericht: „Die meisten Leser werden wissen, daß dieser Gegenstand die Auf¬ merksamkeit unserer Vorgänger während ihrer Endeckungsreisen be- beschästigt hat. Sie haben über die wirkliche Lage des Nordpols appro- 2 18 ximative Berechnungen gemacht, welche der Wahrheit viel näher kamen als Alles, was in der Beziehung vor ihnen geschrieben worden ist. Aber der Platz, wo er sich wirklich befindet, war sür sie verschlossen, und die Hoffnungen, welche sie mehrere Wale gehegt, waren nicht in Er¬ füllung gegangen. Es bedürfte noch Beobachtungen an anderen Orten, welche diesem ersehnten, fast mysteriösen Platze näher lagen, um den¬ selben mit größerer Sicherheit und Genauigkeit zu bestimmen, als es nach den bereits angcstellten Beobachtungen möglich war, so daß der Beobachter sich zu überzeugen vermochte, daß er ihn gefunden habe, indem die Nadel von der perpendiculären Linie durchaus nicht abwich, er mithin seinen Fuß an eine Stelle setzte, Ivo der Pol wirklich zwischen ihm und deni Mittelpunkte der Erde war. Diese Hoffnung bot sich endlich uns dar. Seit langer Zeit waren wir dem Orte nahegekommen, nach welchem sich so viele sehnliche Wünsche richteten; wir hatten aus mehreren Beobachtungen, und weil wir ihm viel näher gewesen als je der Fall war, oft dessen Lage ver¬ mutet und berechnet und mit der Kenntnis, die wir uns von dem Lande, wo wir uns befanden, verschafft hatten, und da wir in die Möglichkeit, zu reisen, versetzt waren, so schien es gewiß, daß die Lö¬ sung des Problems uns Vorbehalten sei, daß wir über alle Hindernisse triumphieren und die britische Flagge auf dem magnetischen Nordpol, dem Ziele so vieler Arbeiten und Anstrengungen, aufpflanzen würden. Als wir des Abends nm 9 Ahr (29. Mai 1831f aufbrachen, war es sehr kalt; nach Mitternacht sank das Thermometer auf Null, und ein sehr heftiger Nordostwind blies uns in das Gesicht. Nichts defto- weniger zogen wir an der Küste hin, untersuchten alle Einbuchtungen und Häfen, welche uns vorkamen und vermehrten dadurch wesentlich unsere Arbeiten und Beschwerden. Nachdem wir ungefähr zwölf Meilen, in gerader Linie gerechnet, zurückgelegt hatten, unechten wir endlich am 30. Mai nm 8 Uhr des Morgens unter einer Breite von 69" 46' und einer Länge von 95" 49' halt. Km M/2 Mr des Abends brachen wir wieder auf, aber ein sehr dichter, zuweilen mit Schneegestöber beglei¬ teter Nebel zwang mich, allen Krümmungen der Küsten zu folgen, um eine Besichtigung zu vollenden, welche ich bei solchen: Wetter auf keine andere Weise vornehmen konnte. Am 31. Mai befanden wir uns nun nach meinen Berechnungen vierzehn Meilen von dein magnetischen Nordpol, und meine Sehnsucht, diese,: Platz zu erreichen, gestattete nur nicht, irgend Etwas zu unter- 19 nehmen oder zu dulden, was meine Ankunft an diesem Punkte hätte verzögern können. Ich beschloß daher den größeren Teil des Gepäcks und der Mundvorräte zurückzulassen und nicht mehr mitzunehmen, als durchaus notwendig war, aus Furcht, schlechtes Wetter oder andere Zufälle möchten mir die Möglichkeit rauben, nach einem Orte zu ge¬ langen, dessen Erreichung mir so sehr am Oerzen lag. Da wir ziemlich entbürdet waren, traten wir einen schnellen Marsch an, beharrten mit aller Macht und erreichten am 1. Juni um 8 Ahr des Morgens den berechneten Platz. Das Land ist an dieser Stelle an den Rüsten sehr niedrig, erhebt sich aber eine Meile einwärts zu Zügeln von 50 bis 60 Fuß Höhe. Wir wünschten, daß ein so wichtiger Platz durch irgend etwas Auf¬ fallendes bezeichnet worden wäre, ja ich Hütte es sogar jedem verziehen, wenn er so romantisch oder albern gewesen wäre, zu erwarten, daß der magnetische Pol ein so in die Augen fallender und geheimnisvoller Gegenstand sein würde, wie der fabelhafte Berg Sindbad oder ein Berg von Eisen oder ein Magnet so groß wie der Montblanc. Die Natur hatte aber kein Denkmal errichtet, um den Ort zu bezeichnen, welchen sie als den Mittelpunkt einer ihrer großen und verborgenen Mächte gewählt hat und wo wir selbst wenig dazu thun konnten. Wir mußten uns daher unterwerfen und zufrieden sein, durch mathematische Zahlen und Zeichen — Dinge von weit größerer Wichtigkeit im Shstern des Erdballes — das zu bemerken, was wir auf jede andere Art kaum unterscheiden konnten. Wir waren so glücklich hier einige pütten der Eskimos zu finden, die vor nicht langer Zeit verlassen worden waren. Ohne Renntnis des Wertes, welchen nicht nur wir, sondern! die ganze civilisirte Welt diesem Platze beilegte, wäre cs von unserer Seite ein vergeblicher Bersuch ge¬ wesen, ihnen über unser Entzücken Rechenschaft zu geben, wenn sie auch dagcwesen wären. Es nützte uns mehr, daß dies nicht der Fall war, weil wir dadurch in den Stand gesetzt wurden, ihre Werke in Besitz zu nehmen und unsere Beobachtungen mit größter Gemächlichkeit anzustellen. Indessen lagerten wir doch um 6 Ahr des Abends auf einer Landspitze, eine halbe Meile westlich von diesen verlassenen Schneehütten. Die nötigen Beobachtungen wurden unverzüglich begonnen und diesen ganzen Tag und einen großen Teil des folgenden fortgesetzt. Der Platz unseres Observatoriums war dem magnetischen Nordpol so nahe, als meine beschränkten Beobachtungsmittel es nur immer zu bestionmm 2« 20 möglich machten. Die Abweichung meiner Magnetnadel zeigte 89" 59', es fehlte also nur eine Minute zur lotrechten Richtung; und es wurde ferner die Nähe des Pols, wenn nicht seine wirkliche Gegenwart, auf dem Platze, wo wir standen, durch die gänzliche Nnthütigkeit der hori¬ zontalen Nadeln, welche ich bei mir hatte, bewiesen. Diese waren zwar auf die zarteste Meise verfertigt, aber auch nicht eine einzige zeigte die geringste Neigung sich aus der Lage zu bewegen, in welcher sie sich be¬ fanden: eine Tatsache, welche, wie auch der wenigst Unterrichtete wissen mutz, beweist, daß der Anziehungsmittelpunkt in einer sehr geringen, wenn ja in irgend einer horizontalen Entfernung liegt. Sobald ich über diesen Punkt vollkommen im Nlaren war, teilte ich meinen Gefährten das erfreuliche Resultat unserer vereinten An¬ strengungen mit, worauf wir unter gegenseitigen Glückwünschen die britische Flagge auf dem Orte aufpflanzten und von dem magnetischen Nordpol im Namen Großbritanniens und Rönig Milhelms des vierten Besitz nahmen. In den Bruch¬ stücken von Ralkstein, welche den Strand bedeckten, hatten wir Bau¬ materialien genug, wir errichteten also einen Steinhaufen von einiger Bähe und legten darunter eine Blechbüchse, worin sich die Nachricht von dieser interessanten Tatsache befand; wir bedauerten nur, daß wir nicht die Mittel besaßen, eine Pyramide von größerer Dauerhaftigkeit zu bauen, welche im Stande wäre den Anstrengungen der Eskimos zu widerstehen. Aber wäre es auch die Pyramide von Lhcops gewesen, sie hätte unter Gefühlen dieses aufregenden Tages unseren Ehrgeiz kaum mehr be¬ friedigen können." * * Aus Lhristiauia wird dem Verfasser berichtet, daß Mitte Juni IS03 eine Expedition unter Führung des Rap. Roald Amundsen in die Gebiete des nordamerikanischen Jnselkomplexes abging, welcher die Feststellung der jetzigen Lage des magnetischen Nordpols obliegt, denn durch die vielen Beobachtungen hat es sich herausgestcllt, daß dieser, für die Naturwissenschaften äußerst wichtige Punkt im Laufe von 72 Jahren jedoch seine Lage geändert hahen müßte. Jetzt will der junge Norweger die neue Pollage feststelleu. Außer Amundsen nehmen an dem Unternehmen teil auch ein dänischer Nlarineofficier, Namens Hansen, mehrere Gelehrten und Hilfsmannschaftcn, so daß die Expedition im ganzen 8 Personen zählt, Das Expeditionsschiff heißt „Gjöw' und ist mit der besten Ausrüstung, an der nicht gesparet worden ist, versehen. Als Feuerungsmaterial wird Petroleum anstatt der sonst allgemein übliche Nohle verwendet werden. Zuerst begibt sich die Expedition nach Grönland, um in Gothavn Zughunde au Bord zu nehmen und setzt dann die Reise gegen die nordamerikanische Rüste in die Nähe von Boothia Felix fort. Für Petroleum und Proviantdepots ist gesorgt, daneben rechnet man auch auf reiche 21 Nach Wiederaufnahme arktischer Forschungsreisen war mm die Frage der nordwestlichen Durchfahrt wieder mit Nachdruck auf die Tagesordnung gesetzt, von England aus sind wiederholt versuche ge¬ macht worden, auf Landwegen diese Durchfahrt zu erschließen. John Franklin, Richardson, Back, Hood, Dease und Simpson sind Namen der Männer, welche durch ihre Strcifzüge in dem ameri¬ kanischen Norden hinreichend erwiesen hatten, daß es eine nordwestliche Durchfahrt gebe; leider schien aber bald wieder die Lust an weiteren Unternehmungen für die Auffindung einer solchen mehr und mehr zu erkalten, und so schließt mit dem Ende des Jahres 1838 schon die erste Epoche arktischer Forschungsfahrten des XIX. Jahrhunderts. b) Zweite Forschungs Periode. Franklin und die Franklinsucher. Die mutigen Unternehmungen und gewaltigen Anstrengungen ver¬ letzten Decennien sind gewissermassen das Vorbild für eine zweite Epoche, die durch das Jahr 1845 und den Namen Franklin, jenes unglücklichen Sechzigjährigcn, welcher mit 129 Mann dem Nordpolriesen zum Opfer fiel und dessen Schicksal die ganze civilisierte Welt das ganze Jahrhundert hindurch besprach, in der Geschichte charakterisiert wird. Jur Mai des genannten Jahres lief Franklin auf den beiden Expeditionsdampfern Erebus und Terror aus und wurde am 26. Juli desselben Jahres westlich von der Melwillebai von einem Walfischfänger zum letztenmal gesehen, kein einziger von seinen Leuten erblickte die Heimat wieder. Nachdem Jahre seit seiner Abreise verflossen waren, gab wie immer, so auch jetzt, der Zweifel über die vermißten zu neuen Unternehmungen die Veranlassung. England und Amerika rüsteten ganze Flotten zum Zweck der Nachforschung aus, und die englische Re¬ gierung setzte sogar einen Preis von 20.000 pfd. Strl, als Belohnung für diejenige Expedition aus, welche Franklin Hilfe, und die Hälfte der Summe für diejenige, welche sein Schicksal wenigstens entschleiern würde; Ladp Franklin, die Gattin des wackeren Mannes, welche auch aus Jagdausbeute, ferner ist Amundreu auf 4 bis 6 Jahre mit allem genügend versehen nnd auf Schlittenreisen gefaßt. Überall werden magnetische Beobachtungen gesammelt und einmal in die Umgebung des Nordpols gekommen, wird am Land eine magne¬ tische Seobachtungsstation errichtet werden und Teilerpeditionen ausgeschickt, die jedoch mit ersterer immer in Korrespondenz bleiben werden. 22 eigenen Mitteln schon zwei Schiffe vollständig behufs Nachforschung ausgerüstet hatte, ergänzte die benannte Summe auf 22.000 Psd. Strl. Im Jahre 1848 entsandte England drei Landexpeditionen, welche mit Schlitten und Booten die Rüsten des amerikanischen Nordens unter¬ suchen sollten, aber nicht eine einzige brachte irgend einen Anhaltspunkt in die Heimat mit, der zu einem Aufschluß Hütte leiten können. Zwei Jahre später liefen nicht weniger als 14 Fahrzeuge aus, von denen verschiedenartige Vorkehrungen angestellt wurden, um jenen unglücklichen Männern zu helfen. Füchse waren beispielsweise eingefangen worden, wel¬ cher! man dann Blechbüchsen mit Depeschen um den Hals band und die man wieder losließ, Signalstangen wurden ausgestellt, kleine Ballons ausgelassen, doch alles war vergebens. Es würde zu weitläufig werden, alle die Expeditionen zu schildern, welche jetzt zu Land wie zu Schiff in den verschiedenen Gebieten tätig waren. Da nun alle Teile dieses Archippels, der nach parrh den Namen erhielt, bis aus Nönig Wilhelm Land, der eigentlichen Nnglücksstättc Franklins und seiner Genossen, durchsucht worden waren, ohne daß man nur eine Spur gefunden Hütte, so erklürte die englische Regierung Franklin und die Seinigen am 31. Mürz 1854, also fast neun Jahre nach seiner Abreise, für todt. wie sich aber später herausstelltc, war Franklin be¬ reits am I I. Juni 1847 unweit der Nordwestküste des Nönig Wilhelm Landes verstorben. Unter den fruchtlosen Nachforschungen sind auch die des Nord¬ amerikaners Dr. Nane interessant, einmal der Schicksale halber, die dieser Forscher zu bestehen hatte, ferner wegen der Anregung der Frage eines offenen Polarmeeres. Im Sommer 1850 steuerte Nane das erstemal nach Norden, hatte aber das Malheur, vom Eise ersaßt zu werden und mit diesem neun Monate in der Baffinbei um- hcrzutrciben; endlich im Juni 1851, von den eisigen NIauen des Polar¬ riesen befreit, mußte er mit seiner kranken Mannschaft die Rückreise antreten. Durch das Mißgeschick dieser Reise in keiner weise entmutigt zog er am 30. Mai 1853 aus der Advance, vornehmlich vom Gro߬ kaufmann Grinell und der New-Horkcr geographischen Ge¬ sellschaft ausgerüstet, mit 17 Freiwilligen, worunter sich die nach¬ mals berühmt gewordenen Gelehrten Dr. Hahes und Astronom Dr. Sonntag befanden, nach dem Smith-Sund, wo er in der Ren- sellar-Bucht an der Westküste Grönlands unter 78" 37'n. Br, über- 23 winterte. Da »ach dieser Überwinterung keine Aussicht war, das Schiff aus den eisigen Alanen des Nordpolriesen befreien zu können, so wußte es schließlich im zweiten Jahre der Forschungsreise verlassen werden; die Mannschaft kam nach einem mühevollen Marsche am 3. August 1855 in Npernavik, einem Eskimodorfe, an, und anfangs September nahm sic der Lap. Hartstene auf. Hat diese Forschungsreise auch nichts zur Lösung der Franklin- tragödic beigcbracht, so füllt ihr doch das Verdienst zu, nach langer Zeit wieder das Interesse der Forscherwelt auf eine andere Bahn gelenkt zu haben. Durch die Kunde, daß Nanc im Norden eine freie Wasser¬ oberfläche gesehen, ist die Frage der polvnia an die Tagesordnung ge¬ treten, an der namentlich in den sechziger und siebziger Jahren die ganze wissenschaftliche Welt festhielt und Beweise für die Existenz der¬ selben suchte. Im Oktober 1854 brachte endlich D r. Nae, ein bekannter arkti¬ scher Forscher, welcher im Dienste der Hudsonbaikompagnie die Län¬ dereien im amerikanischen Norden vermessen, die erste erschütternde Kunde, daß Franklin und die Seinigen mit ihren Schiffen zwischen Nordsomcrset und Prinz-Wales-Land festgefrorren gewesen und später, nachdem sie dieselben schon verlassen hatten, an König-MIHelm-Land und den benachbarten Inseln umgckommen seien. Nae legte Sachen vor, die unzweifelhaft Eigentum der unglücklichen Männer waren, er hatte Gegenstände wie Lhronometcr, silberne Löffeln, Gabeln w. von den Eskimos eingehandclt, welche ihm auch erzählten, daß die weißen Männer auf dem Wege nach einem an Stromschncllcn und Katarakten reichen Fluße umgckommen seien; mit diesem Fluße meinten sie den Großen Fischfluß Nordamerikas. Wie bestimmt auch diese Nachricht klang und wie viele Bestäti¬ gung sic gefunden, so blieben doch erhebliche Zweifel an dem Unter¬ gänge aller Männer bestehen. Die Eskimos, welche Nae von der Ka¬ tastrophe erzählten, waren selbst keine Augenzeugen gewesen, sie schöpften ihre Erzählungen vielmehr aus Überlieferung eines zweiten oder dritten Mundes; außerdem sprachen sic stets nur von etwa 30 oder 40 Mann. Mar es daher nicht möglich, daß einer oder der andere noch unter Drangsalen und Entbehrungen sein Leben friste und auf Hilfe harre? — Die Auffindung dieser Spurren führte auch tatsächlich zu der Mise Mac Llinto ck's, eines bewährten Nordpolsahrers, der sich vor- 24 nehmlich durch seemännische Rcnntnissc und Lharakterfestigkcit ans- zeichncte. Ain 1. Suli 1857 lief er auf dem kleinen Schraubendampfcr „Fox" von Aberdeen aus, welchen Lady Franklin mit dem Rest ihres vermögens und den freiwilligen Beiträgen ihrer Freunde ausgerüstet hatte. Llintock segelte nach der Baffinbai, wo er vom Eis umschlossen und mit diesem lange Zeit umher zu treiben gezwungen war; erst im August des folgenden Jahres konnte er in die Pondsbai einlaufen, welche südlich des Lancaster-Sundes sich ausbreitct; später kam er durch, den letzteren nach Princc-Regents-Snlet und überwinterte im Rcnncdh- Hafen der Bellotstraße, nachdem er sich vorerst überzeugt hatte, daß der ungeheueren Eismasscn halber, welche sozusagen vor Anker lagen, an ein weiteres Vordringen init den Schiffe nicht zu denken war. Mittelst Schlitten sollte nun die Erforschung der Prinz-Wales-Znsel durch Houng und von Boothia Felix durch Llintock geschehen, Houng gelangte zu gar keinem Resultat, Llintock hörte die erste Eskimo¬ erzählung vom Schicksal des Erebus und Terror. „Unsere Rleidung", sagt er, „bestand in Pelzen und einem wasserdichten Überwurf. Außerdem hatte jeder Mann einen Sack von doppelter Leinwand und ein paar pelz- sticseln, in denen er schlief. Am Tage trugen wir über den Leinwand- strcisen, in die wir unsere Füße wickelten, Mocassins. wir wanderten auf folgende weise: Sch machte den Führer, Petersen und Thomsen folgten mit den Schlitten und so schleppten wir uns acht bis zehn Stunden lang fort, ohne halt zu machen, außer wenn die Bunde sich in die Zugleinen verwickelt hatten, wenn wir Nachtquaticr hielten, sägten ich und Thomsen die festen Schnccblöcke aus und schafften sic zu Petersen, der bei der Errichtung der Schneehütte den Baumeister spielte. Die anderthalb bis zwei Stunden, welche dabei vergingen, waren der unangenehmste Teil des Tages, denn abgesehen davon, daß wir müde waren und uns nach Ruhe sehnten, wurden wir beim Stillstehen ganz durchfroren, wenn die Hütte fertig war, wurden die Hunde gefüttert, wobei die große Schwierigkeit entstand, den schwächeren in dem allgemeinen Wirrwarr zu ihrem Fntteranteil zu verhelfen. Nun begann die Arbeit, den Schlitten auszupacken und Alles, was wir brauchten, also die Lebensmittel und die Nachtkleider, außerdem aber auch alle Stiefel und Pelzhandschuhe, ja sogar das Geschirr der Hunde, weil es sonst in der Nacht aufgefressen worden wäre, in die Schnee¬ hütte zu schaffen. Dann wurde die Thürc mit Schnccblöckcn versetzt, die Rochlampc angezündet, die Fußbekleidung gewechselt, das Tagebuch geschrieben, die Uhr aufgezogen, der Nachtsack zurcchtgelegt, die angeziindet und ein Gespräch über die Eigenschaften jedes Hundes ge¬ führt, bis das Abendessen fertig Ivar. War dieses verzehrt, so zog man eine Decke über sich und schlief ein. Am nächsten morgen Kain das Frühstück, dem die schwere Arbeit des Anziehens der gefrorenen Mo- cassins folgte, dann wurden die Schlitten gepackt und ein neuer Tagc- marsch begann." Die Eskimos, mit denen LIintock auf der Westküste von Boothia Felix zusammcntraf, waren auf dem Sechundfang gewesen. Sic er¬ zählten mit einigen Zusätzen dasselbe, was man bereits durch Nac wußte. An einem Küftenpunkte war ein Schiff gescheitert. Die Mann¬ schaft hatte sich gerettet aber nur um auf einer Fnsel, wo es Lachse gibt, also auf einer Flußinsel, zu Grunde zu gehen, von dieser Flu߬ insel hatten sich die Eskimos die europäischen Sachen geholt, die man nun bei ihnen fand. Keiner der Eskimos war Zeuge des Todcskampfes der Weißen gewesen. Gerippe von ihnen hatten einige gesehen und. diese erzählten auch von Gräbern, die es auf der Fusel gebe. Nachdem LIintock diese Nachrichten eingezogen hatte, eilte er so schnell als möglich aufs Schiff, um Vorbereitungen zu einer entschei¬ denden Nachforschung zu treffen. Er wollte diese auf cineu Naum von zweihundert Meilen ausdehnen und alle nordwestlich, westlich und süd¬ lich von der Bellot-Straßc gelegenen Punkte untersuchen. Da das König-Wilhelms-Land offenbar die wichtigste von allen Gegenden war, so sollte sie nach allen Richtungen durchforscht werden und zwar von LIintock im Süden und Osten, von Hobson im Westen und Norden. LIintock wollte feine Wanderung zu der Insel Montreal und auf das Festland ausdehnen, ponng wurden wieder die Gebiete am Peel-Sunde und der Llintock-Straße übertragen. Daß der Plan zu Reisen von solcher Ausdehnung und in einem solchen Rlima gemacht und aus- geführt werden konnte, verdankt man schon den praktischen Einrich¬ tungen, die man bei arktischen Reisen, durch die Erfahrung geleitet, angenommen hatte. Eine besondere Rolle spielen darunter bekanntlich die Hundeschlitten, da sic den Menschen der anmassenden Mühe des Ziehens überheben. Bis zur Victoria-Spitze von Boothia Felix wanderten LIintock und Hobson gemeinschaftlich, vom Lap Victoria ging Hobson un¬ mittelbar ans das König-Wilhelm-Land über, während LIintock seinen Weg nach Süden fortsetzte. Am 12. Mai erreichte letzterer bei sehr un° günstigem Wetter den Großen Fischfluß. Bei furchtbarem Schneegestöber und schneidender Rälte verfolgte Llintock die Rüste des Festlandes und untersuchte sowohl diese in allen ihren Halbinseln und Buchten als auch die Suse! Montreal urit der gewissenhaftesten Sorgfalt. Seine Mihe wurde nicht belohnt, er fand keinen Lairn (nordischer weglagerer), keine Spur von den Mannschaften des Erebus und Terror, keine Eingeborenen, die er hätte befragen können. Auf die Südküste des Rönlg-Wilhelm-Landes übergehend, ver¬ doppelte er seine Aufmerksamkeit. Diesen weg mußten Franklins Leute, als sie ihre Schiffe verließen und in der Richtung des Großen Fisch¬ flusses ihre Rettung suchten, eingeschlagen haben. Der erste Gegenstand, den man fand, war ein Lairn. Stein für Stein wurde vorsichtig auf¬ gehoben, aber keine Nachricht gefunden, weiterhin an der Rüste Kain man an eine Stelle, wo eine Riesbank über den Strand hervorragte. Hier lag ein Gerippe mit Resten europäischer Rieider, und in der Nähe fand man mehrere europäische Gegenstände umhergcstrent. wie die Stellung des Gerippes zeigte, war der Rnglückliche mit dem Gesicht auf den Boden gefallen und so gestorben. Seine Lage war somit die vollste Bestätigung der Erzählung jener alten Eskimofrau, die dem Dr. Rae von den Weißen gesagt: „Als sic an der Rüste dahingingen, fielen sie nieder und starben." Etwa in der Mtte der Südküste liegt das Vorgebirge Herschel, der anffallendste Punkt dieser ganzen Rferlinie. Bis dahin waren die Leute Franklins einer niedrigen Rüste gefolgt, und hier kamen sic zu einer Bergspitze, die sich 150 Fuß über das Meer erhob und an der ihr weg sie dicht vorbeigeführt. Hatten sie irgend wo Veranlassung gehabt, eine Nachricht von ihrem Schicksal niederzulegen, so war es an diesem Punkte, den man schon aus der Ferne sieht. Rberdies brauchten sie nicht einmal einen Lairn zu bauen und konnten vielmehr einen alten benutzen, den Simpson im Fahre 1839 errichtet hatte. Es läßt sich denken, mit welcher Spannung Llintock diesem Lairn sich näherte und mit welcher Sorgfalt er ihn untersuchte. Leider mußte er sich auf den ersten Blick gestehen, daß Eskimos hier gewühlt hatten. Etwa drei Meilen jenseits des Vorgebirges Herschel fand Llintock einen kleinen Lairn, den Hob son gebaut hatte. Dieser war sechs Tage vorher an diesem Punkte gewesen nnd hatte ein Schreiben hinter¬ lassen, durch welches er mitteilte, daß die so eifrig gesuchte schrift¬ liche Nachricht der S chiffb r richtig en über ihr Schicksal an der 27. victorhspitzc, die im Nordwesten des völlig-Wilhelm-Landes lieg durch ihn aufgcsunden worden sei. Bewußte Urkunde bestehl aus zwei Berichtes deren letzter um cis Monate jünger als der erste ist. Die erste rührte vom Leutnant Gore her und war vom 28. Mai 1847 datiert. Er meldete, daß der Erebus und Terror unter 70" 05' n. Br. und 98° 23' ivestl. L. über¬ winterten. Den ersten Winter habe man aus der Beechehinsel zugebracht, nachdem man in wcllingtonkanal bis zum 77. Breitengrade hinauf- gcsahrcn und aus der westlichen Seite der Insel Lornwallis zurück¬ gekehrt sei. Der Bericht schloß: „Alles ist wohl auf! Eine Gesellschaft von zwei Officieren und fechs wann verlies die Schiffe Montag am 24. Mai 1847." An den Rand des Papieres hatte Rap. Zntzjames elf Monate später einen anderen Bericht geschrieben, der zu Gore's: „Alles ist wohl auf!" den schneidensten Mißklang bildete. Dieser zweite Bericht lautete: „25. April 1848. Ihrer Majestät Schiffe Erebus und Terror wurden am 22. April, fünf Stunden nordwestlich von diesem Punkte verlassen, nachdem sie seit dem 12. September 1846 cingefroreng ewescn waren. Die Officierc und Matrosen, 150 Seelen stark, landeten hier von Uapitän Lrozier befehligt unter 37' 42" n. Br. und 98" 41' westl. L. Sir Sohn Franklin starb am 11. Juni 1847,. und der bisherige Verlust der Expedition durch Todesfälle bestand in 9 Officieren und 15 Mann." In Lrozier's Handschrift war hinzugefügt: „Morgen, als am 26., brechen wir nach Back's Rfchfluße auf." Am Rande fand sich noch eine Rotiz gleichgiltigen Inhaltes, deun sie sagte weiter nichts, als daß das Dokument von dem „verstorbenen" Gore ursprünglich an einem Orte weiter nörälich niedergelegt und später biehcr versetzt worden sei. Hobson hatte noch eine andere Reliquie gefunden — ein großes Boot mit zwei Gerippen. Das eine lag im Bug des Schiffes und war von großen Raubtieren, wahrscheinlich von Wölfen wesentlich zerstört worden. Das andere, das sich in einem besseren Zustande befand, lag quer über den Boden des Bootes unter einem Haufen von Kleidern und pelzen. Neben dem ersten Skelet fand man ein paar kleiner aber sehr starker Halbsticfcl und Bruchstücke von gestickten pantofeln. Am Rande des Bootes lehnten zwei Doppelflinten, von denen je ein Lauf geladen und je ein Schloß mit einem Zündhütchen versehen war. Auch Bücher waren im Boot: eine kleine Bibel mit vielen Randbemerkungen, 28 der Vičar von Wakefield, Christliche Gesänge, und die Deckel eines Neuen Testamentes und eines Gebetbuches. Damit waren die Entdeckungen geschlossen und es ist gewiß, daß nie etwas Weiteres von Franklins Nnglücksgesährtcn ausgesnndcn werden wird. wie cs scheint, gelangten einige (vielleicht der Haupttruppl am Großen Fischfluß bis zu den nach Franklin benannten Strom- schnellen. Andere starben aus der Insel Montreal. Die Übrigen kehrten um, wie aus dem Umstand hervorgeht, daß die Spitze ihres Schlittenbootes gegen Nordwcsten stand. LIintock glaubt, daß diese Zurückgchcndcn für den Hauptrupp am Großen Fischflusse Lebensmittel nachholen wollten. Zwei von ihnen ermatteten zuerst und wurden mit dem Schlittenboote, bas ihnen gewiß zu schwer geworden war, zurück- gelassen. Man gab ihnen 40 Pfund Lhokolade nnd gedachte sic bei der Rückkehr wieder mitzunehmen. Erreichten die letzten Märtyrer die Schiffe, starben sie unterwegs? Man weis es nicht! Gewiß ist nur, daß sie und alle ihre Gefährten an Hunger, Scorbut und Ermattung zn Grunde gegangen sind. Am 19. Suni war LIintock wieder auf dein Schiffe. Hobson war schon vor ihm eingctrosfen, aber in welchem Zustande! Der Scorbut hatte ihn so geschwächt, daß er bei den letzten Tagemärschen nicht mehr gehen konnte und den Schlitten benutzen mußte. Ebenso schwach war ponng, der als letzter beim Schiffe ankam. Die mittlere Temperatur des Suni war -s- I" L (die des winters dagegen im Mittel —37° L), nnd das Eis taute mächtig. Das Schiff wurde in Stand gesetzt und alles cingcschifft, damit man, sowie das Eis aufbrcchc, unter Segel gehen könne. Setzt wurden mehr Tiere gesehen, namentlich Seehunde, deren Fleisch eine vortreffliche Speise bildete und Polarhasen, die ihr weißes Winterkleid bereits abgelegt hatten. Sn der Bellot-Straße zeigten sich Wasserstreisen, die an Ausdehnung zunahmen, das Eis im Hasen wurde mürbe. Als sich am 4. August das ganze Eis in Be¬ wegung setzte, gieng diese Masse mit einem Male ab und nahm den Fox gleich mit. Die Lage des kleinen Schiffes draußen in der Straße, bei Windstille und starker Flut mitten unter treibenden Schollen war eine gefährliche, und man mußte vom Glück sprechen, daß es nach einigen angstvollen Stunden gelang, den Hafen wieder zu erreichen. Hier wartete mau ans einen Westwind, der das Eis vom User Nord- somerset's vertreibe. 29 Llintock stieg mehr als einmal auf einen nahen Berg, um den Zustand der Prinz-Regents-Einfahrt zu beobachten. Er machte dabei eine merkwürdige Entdeckung. Ungefähr eine Mertelmeile vom Meere entfernt, lagen zwei Walfifchskelete, das eine 180, das zweite 300 Fuß hoch. Das letztere, das er genauer untersuchte, hatte stärkere und schwerere Rnochen, als sie bei jetzt lebenden Tieren vorkommen. Nachdem am 9. August der ersehnte Westwind eingetretcn war, den Llintock schleinigst benutzte, wechselte die Luftströmung schon am nächsten Tage gegen Osten und hielt das Schiff vier Tage in der Eres- wellbai unter zusammengedrängten Eismassen gefangen. Als der Ost¬ wind aufhörte, entstand sogleich eine eisfreie Straße und man traf nun aus keine Hindernisse mehr. Die weitere Fahrt war eine so rasche, daß am 21. September 1859 Llintock auf dem Admiralitätsamte sich mel¬ dete und seinen Reisebericht abstattete. Er nimmt die Ehre, der Entdecker der nordwest¬ lichen Durchfahrt zu sein, für Franklin in Anspruch. Als der berühmte Seemann nordwestlich vom Rönig-Wilhelm-Lande cinfror, befand er sich in einen: Meere, das durch die Victoria-Straße mit dein fortlaufenden Ranal an der amerikanischen Rüste in Verbindung stand. Daß dies der Fall sei, erfuhr er gewiß durch die Schlittenreisen, welche Gore und andere Offenere unternamen. Seine Rnglücksgefährtcn führte ihr letzter Marsch an die amerikanische Rüste, und sie haben also zwei Fahre früher dasselbe gethan, was M' Llure l850 ausführte, als er, der von der Berings-Straße ausgelaufen war, über das Eis zu der Fusel Melville gieng, die Parh von der europäischen Seite her entdeckt hatte. Fn beiden Fällen ist die verbindende Stelle der Straßen von Meer zu Meer nicht zu Schiff, sondern zu Fuß d'ur'chmessen worden, und die Priorität entscheidet für Franklins Anspruch. Llintock zweifelt nicht, das er die amerikanische Rüste zu Schiff erreicht haben würde, wenn die nur eine Meile breite Eisschranke der Vellot-Straße ihn nicht aufgehalten hätte. Auf erhebliche Schwierigkeiten würde er, wie er glaubt, nicht weiter gestoßen sein, wenn er einmal südlich von der Tasmaniagruppe (an der Rüste von voothia Felix) ge¬ wesen wäre. Er hätte dann seinen Weg östlich von den: Rönig-Wilhclm- Lande genommen, wo das Meer in jedem Sommer frei vom Eise ist. Franklin wußte nicht, daß dieses Rönig-Wilhelm-Land eine Fusel sei; 30 hätte er dm Kanal gekannt, so würde er wahrscheinlich in die Berings- Straße gekommen sein. Da die Existenz einer Straße östlich vom König- Wilhelm-Lande ihm unbekannt war, so nahm er seinen Weg im Westen jener Insel und geriet so in das furchtbare Polareis, das aus der Straße zwischen dem Prinz-Wales-Lande und dem Victoria-Lande herandrängt. Daß diese Straße eine nordwestliche Durchfahrt bil¬ det, hat nunLlintock genügend nachgewiesen, und das ist sein größtes geographisches Verdienst. Außerdem hat er den Kanal zwischen dem Prinz-Wales-Lande und dein Victoria-Lande, der früher wenig bekannt war, durch poung untersuchen lassen, die Küste von Boothia erforscht und die Karten der angrenzenden Gebiete durch bestimmte Linien bereichert. c) Dritte Forschungsperiode. Dr. Hohes; Rax. L. I. Hall; Nnres nud Stephenson; Norbeuskjöld. Die von Dr. Kane (1853—55) gemachten Entdeckungen, na¬ mentlich die irrtümlich benannte polhnia gab Ansporn für die Ent¬ schleierung neuer Gebiete des Erdkörpers. — Nach dem Tode Dr. Kane's unternahm auch Dr. pahes im Jahre 1860 eine Reise in der näm¬ lichen Richtung. Er drang bei günstiger Witterung die Westküste Grön- land's entlang in den Smith-Sund; die aus demselben treibenden großen Eismassen versperrten ihn: jedoch bald den Weg, so daß er sich schließlich gezwungen sah, in einem Fjord unweit voni Dr. Kane's Winterquartier, im Port-Foulke (78o 17 5' n. Br.) zu überwintern. Das galt schon für ein Mißgeschick, denn nach seiner Berechnung und Voraussetzung sollte er erst unter dem 80. Breitengrad überwintern. Dieser pahes'schen Expedition leuchtete aber überhaupt kein freundlicher Stern. Die Seuche, welche unter seinen Eskimohunden große Verheerung angerichtet, verhinderte vielfach die Erforschung jener Gebiete. Außerdem warf der Tod des Astronomen Sonntag, der auf dem Eise einbrach und erforr, einen zweiten trüben Schatten aus das ganze Knternehmen, denn er war der einzige wissenschaftlich gebildete Begleiter dieser Expedition gewesen, die trotzdem, nicht ohne interessante Ergebnisse erzielt zu haben, heimkehrte. Die höchste Breite, die erreicht wurde, war 81° 35' und zwar aus einer Schlittenfahrt an 31 der Westküste vom Elesmcrc-Land, welchen Punkt pahcs Lap Lieber nannte. Das unpassierbare Eis Ivar es vornehmlich, welches diese Schlittenexpedition, auf der mannigfache Beobachtungen gesammelt wurden, zur Rückkehr zwang. Eine weitere nicht unbedeutende Nordpolarexpcdition entsandte Amerika im Bahre 1871 unter Rapitän L. F. Pall, welche trotz aller feindseligen und neidischen Stimmen der Engländer sich doch als genug erfolgreich gestaltete. Der Dampfer „Polaris" sollte, wie die Rritik des Engländers Dr. Walker lautete, gänzlich untauglich für die Eis¬ schiffahrt gewesen sein, und trotzdem hat er durch den Smith-Sund, RennedH und Robeson-Ranal gedampft, hat die höchste Breite von 82° 16' erreicht und später unter 81° 38' n. Br. die Über¬ winterung üb e r st a n d en. Das Ivar nun eine Breite, die in dem amerikanischen Norden bis nun zu Schiff von keinem erreicht worden Ivar. Die, auf diese weise erreichte Breite ist aber nicht allein bemerkenswert, sondern vielmehr bemerkenswert ist noch die Eigentümlichkeit und natürliche Beschaffenheit der slaschenhalsartigen Meerenge des Robesonkanales, die man dadurch erkannt hat. während Rane zu Schiff uur bis 7M 37' n. Br. vorzudringcn vermochte, ist es Pall gelungen, diesen um fast 3'5 Breitengrade zu übertreffen. Am 27. August um 3'5 Rhr nachmittags wurde Port Boulke verlassen und nach kaum 43'5 Stunden war schon Lap Lieber, pahes nördlichster Punkt unter 81" 35' und zwar am 29. August um 11 Rhr vormittags erreicht, das macht dem gemessenen Rurs nach- gercchnct eine Entfernung von etwa 275 Seemeilen. Bom Lap Lieber an gieng es zwar langsamer, aber immerhin wurde am 3. September die Breite von 82" 16' erreicht. Auf dieser letzteren Strecke hatte näm¬ lich die Expedition schon mit bedeutenden Eismassen nnd Nebeln zu Kämpfen, wovon sie aber vorher merkwürdigerweise verschont ge¬ blieben war. Später langte die Expedition mit Schlitten in 82° 9' n. Br. an, wo sie von einer zu etwa 527 Nieter Seehöhe bestimmten Erhebung mindestens bis zum 84. Breitengrad gesehen zu haben glaubte. Unter solchen Rmstäden bleibt diese Expedition eine der bedeutendsten Bahrten zu Schiff als wie zu Schlitten in der Geschichte der Nordpol¬ fahrten verzeichnet. 32 Neben diesen entscheidenden Erfolgen widerfuhr der Expedition das tragische Schicksal, daß ihr guter Beselshabcr Pall am 8. November infolge einer inneren Verletzung starb, da er ihr aus reinem Pflicht¬ gefühl viel zu wenig Beachtung geschenkt hatte. Nach der Überwinterung trieb das Schiff zunächst bis zu 77° 20' n. Br. mit dem Eise zurück, vorauf die Mannschaft während eines Sturmes von einanander getrennt wurde; die eine Bälste, bestehend aus 19 Mann, trieb auf einer Eisscholle weiter, während sich die übrige Mannschaft, die aus 10 Näpfen bestand, auf eine zweite Überwinte¬ rung auf dem Schiff vorbereitete. Die erstere Mannschaft von 19 Personen trieb indeß 6 5 Mo¬ nate lang, nämlich vom 15. October 1872 bis zum 30. April 1873 zwischen 77° 20' und 53° 4' n. Br., wo sie unweit vom Neufnnd-Land vom Dampfer „Tigreß" gerettet wurde. Der Tod Balls und die unfreiwillige Trennung der Mannschaft hatte verschiedenen Organen der presse Anlaß zu mancherlei Schilderungen gegeben, welche Fabeln von einer Vergiftung am Nordpol, Meuterei u. dgl. erhielten und hiebei die wissenschaftlichen Erfolge fast ganz übersahen. Namentlich waren es die Engländer, welche das große Mort führten und alle Bestrebungen mit Nriteleien überhäuften, sie die selbst fast durch ein volles Deccnium nichts nennenswertes unternommen hatten. Diese Eifersüchteleien der Engländer hatten doch ihr Gutes, denn auf deren Grund ist von ihnen im Fahre 1875 endlich wieder die Frage der Nordpolarforschung ausgenommen worden. Rares und Stephenson drangen mit den Dampfern „Alert" und „Discoverv" durch den Smith-Sund und Nennedp-Nanal vor; Alert überwinterte an der Westseite des Robeson-Nanals unter 82° 27' und Discoverv weiter südlich an der Westküste Grönlands unter 81° 45' n. Br. Auf Schlittenreisen hatten diese beiden Expeditionen einen Teil der Westküste Grönlands, ferner Grantland genauer untersucht, das Lap Britania gesichtet und die höchste Breite von 83° 20' betreten. Die Versuche der Schlittenfahrten nach dem Nordpol blieben jedoch voll¬ ständig resultatlos, und aus Grund vieler Anstrengungen kam Rares zu der Überzeugung, daß an dieser Stelle der Nordpol überhaupt un¬ erreichbar sei, was er durch ein sehr lakonisch gehaltenes Telegramm, welches lautete: Nke l^ortkpole impracticable sind ferner von Hamburg 1549 Schiffe auf den Fang ausgelaufen, von welchen aber nur 56 verunglückten, was kaum 3 5° o der Gesammtzahl ausmacht, von den holländischen Häsen liefen im Laufe von 100 Zähren <1669- 17691 13264 Schiffe aus, verloren giengen dagegen nur 530, der verlnßt betrug somit auch nur cirka 40 0. Heute beträgt die Verlustzahl kaum mehr V5 bis 2'5°/o. Aus dem Angeführten dürfte wohl genügend ersichtlich sein, wie gering die Verlustzahl in den immer so düster geschilderten Polar¬ gebieten allgemein ausfällt. Trotzdem ist uns das Znnere der gefahr¬ vollsten Kontinente schon mehr bekannt, wie dieses arktische Znsellabvrinth, wo z. B. Krankheitsfälle bei einer sorgfältigen Aus¬ rüstung fast gar nicht vorkommen können und es ferner keine uns feindliche Völkerschaften giebt wie dort. Za, cs ist geradezu eigen- tümlich, daß sich all die mißlungenen versuche, die aber doch auf allen Gebieten des Fortschrittes unausweichlich sind, jedermann wohl mehr einprägen, wie die mit Erfolg gekrönten. Darauf gründet sich aber bann auch widerstand und geringe Beachtung fast jeder Anregung zur Wieder¬ aufnahme von Forschungen im Norden, wie man dies leider so häufig erfährt; daraus entspringen auch widersinnige und unberechenbare Vor¬ urteile, welche so oft dieser Sache gegenüber ausgesprochen werden. NIan kann sicher sagen, daß die Tragödie Andree's dem Publikum mehr bekannt ist, wie die großen und heldenmütigen Erfolge eines Nordens- kjöld, welcher zuerst die nordöstliche Durchfahrt nach Lhina und Zndien ausgeführt hat, für welche Ausführung bekanntlich schon die Alten so viel gesetzt, oder die Erfolge wchprecht's und paher's, welche das Vaterland mit einem neu entdeckten Lande beschenkten, oder die eines Nansen, welcher lediglich von Ntuth und Scharfsinn geleitet die höchsten Breiten zu durchqueren vermochte u. s. w. von vielen Forschern wurde in ihren Berichten der Eisbär in allen möglichen gefährlichen Auftritten gegenüber dem Menschen geschildert, stets jedoch in viel zu übertriebener weise. Daß die Zagd auf Eisbären nicht so gefährlich ist, wie man sich dieselbe im Allgemeinen vorstellt, wurde wiederholt durch Teilnehmer mancher Expeditionen bestätigt. Der Eisbär 64 ist sehr feige und geht nie unangegriffenerweise vor. In Fällen, wo er einem Jäger aus den i?eib rückt und dieser nicht rechtzeitig zum Schüße kommt, kann der Säger mit Erfolg die Dummheit und Neugierde des Bären sich zu Nutze machen, indem er irgend einen Gegenstand fort¬ wirft. Der Bär untersucht auf jeden Fall zuerst den hingeworfenen Gegenstand, so daß seinem Gegner hinreichend Seit bleibt, ihn mit der Nugel zu empfangen oder sich aus dem Staube zu machen. Der weiße Petz unterlag, soviel bekannt, immer noch der Intelligenz des Menschen. — Somit ist er nicht so gefährlich, als manche ihn ausgeben! Wie steht es weiters mit der sogenannten „Malaria der Eis- welt", nämlich dem Scorbut, einem der gesürchtetsten Feinde der Po¬ larreisenden? — Es läßt sich nicht leugnen, daß viele, ja fast alle ark¬ tischen Expeditionen an dieser fürchterlichen Nrankheit, für die man heute noch kein sicheres Gegenmittel kennt, sehr zu leiden hatten, und die vielfach, selbst von manchen Polarreisenden, als ein unabhaltbares Übel der Polarwelt bezeichnet wird. Anschließend an dieses Übel wird daraus hingewiesen, daß die lange Finsternis auf das Gemüt des Menschen nachteiligen Einfluß ausübe, wodurch Gleichgiltigkeit, Reiz¬ barkeit, Abneigung gegen jede Tätigkeit, Schlaflosigkeit u. drgl. bei einzelnen Individuen erzeugt werde. All dem ist jedoch gleichfalls nicht so als man allgemein auzunehmen pflegt; ungerecht ist es allein der ewigen Nacht diese schädlichen Wir¬ kungen zuzuschreiben, denn es hat sich nun schon zur Genüge herausgestellt, daß lediglich nur verdorbene und mangel¬ hafte Nahrung, träges Weilen und Bocken in einer dum¬ pfen, nie ventilierten Zelle, schlechte Bekleidung u. drgl. Nrheber des Scorbuts und jener verderbenden Nieder¬ schlag enh eit gewesen, welcher einzelne Forscher anheim ge¬ fallen sind. Das sicherste und wirksamste Mittel zur gänzlichen Unterdrückung dieser krankhaften Anfälle ist sicherlich frische unverdorbene Nahrung, gute Wohnung, gute Be¬ kleidung, ein gewisses Maß der Thätigkeit und Bewe¬ gung, Willensstärke, Charakterfestigkeit und genügender pumor. Daß srühere Expeditionen öfters unter jenen üblen Einflüssen gelitten und stets von einer gewißen Melancholie begleitet waren, kam daher, daß damals diese Punkte oder Grundprinzipien, wie ich sie besser nennen will, welche zur Erhaltung der körperlichen wie auch der gei- 65 fügen Frische notwendig sind, entweder gar nicht oder nnr in geringem Naße beachtet wurden. Will daher ein Forscher das Wohl seiner Leute schützen, so muß er vor Allein darauf achten, daß alle die benannten Principien wohl nach Möglichkeit erfüllt werden. Die Richtigkeit des Gesagten wird man nicht mehr bezweifeln, wenn man sich Fälle aus der Geschichte vor Kartenskizze zu Andrees Polarexpedition 1896/97. 5 66 Augen führt. Es steht beispielsweise fest, daß schon im Fahre 1630 acht Engländer bei ihrer Überwinterung auf Spitzbergen vollkommen gesund und frisch blieben. Nicht eine Spur von Scorbut oder ähnlicher krankhaften Gcmütsanfälle machte sich unter ihnen bemerkbar. Das ist jedoch dem Umstande zuzuschreiben, daß es ihnen an Nahrung fehlte und sic somit lediglich ans die Fagd angewiesen waren, also frische Nahrung genoßen, viel Bewegung und Zerstreuung hatten. Aus der Ulitte des XVIII. Jahrhunderts stammt ein Bericht von dem sechsjährigen unfreiwilligen Aufenthalte der vier rassischen Matrosen, welche im Fahre 1743 aus der Bstküste von Spitzbergen ihr Fahrzeug verloren hatten und auf einer kleinen Fusel nahe bei Stans Foreland Hausen mutzten. Bon allem entblößt verfertigten sie sich aus der Wurzel eines angeschwcmmten Baumstammes einen Bogen und mit Pilse eines gefundenen Stückes Eisen einige Ganzen, womit sie einen Eisbären erlegten, aus dessen Sehnen sie Bogenftränge und aus einem anderen Stücke Eisen Pfeilspitzen hcrstellten. Mit diesen primitiven Waffen töd- tctcn sie genügend Ncnnticrc, Büren und Füchse für die Lebensbe- dürfnisse. Dank ihrer beständigen Beschäftigung blieben sic immer ge¬ sund, nur einer von ihnen starb. Die drei Überlebenden wurden 1749 gefunden und nach Archangcl zurückgcführt, nachdem sie sechs Fahre in der Einsamkeit verbracht hatten. Noch einleuchtender wird unsere Behauptung und Anschauung werden, wenn inan nicht in die früheren Fahrhunderte, sondern nur in das letzte Deeennium zurücksicht und den Bericht der Nansen sehen Expe¬ dition aufmerksam studiert. Nansen wutzte ganz genau, daß von den oben besprochenen Grundprincipien das Wohl einer Expedition abhängc, und daher sorgte er auch vornehmlich nur dafür, datz die Leute un¬ verdorbene Speisen zu sich namen, gut gekleidet waren und, sei cs in der regelrecht ventilierten Wohnung oder aber im Freien genügend und entsprechend thütig blieben. Nein einziger der Fram-Männer litt im Laufe der drei Fahre, die die Expedition gedauert, je an Scorbut; ihr Gesundheitszustand war vorzüglich. „was mich selbst betrifft", sagt Nansen, „so kann ich sagen, datz die arktische Nacht keinen älternden oder schwächenden Einfluß irgend welcher Art auf mich ausgeübt hat: im Gegenteil, ich scheine jünger zu werden. Diese ruhige, regelmäßige Lebensweise bekommt mir außerordentlich gut, und ich kann mich keiner Zeit erinnern, in welcher ich mich in besserem Gesundheitszustände befand als gerade jetzt".- 67 Ubersichtskartenskizze. Erklärung: Nordwestliche Durchfahrt. ^^Nordöstliche Durchfahrt. -l»l»l» De Long s Lrbed. (Jeannette). -^-4 Nansen s Ecped. (Sram). -----Nansens Schlittenreise -»»»» Nansen auf der Ivindward. -Herzog d. Abruzzen. -l-l- Nearh's Erped. 4- 4 -r Lsterdruv's Lxped. „Aast schäme ich mich des Lebens, das wir führen. Ohne alle jene so düster geschilderten Leiden der Mitternacht, die von einer ge¬ hörig aufregenden arktischen Expedition unzertrennlich sein sollten — „Dasselbe was ich von mir gesagt habe, kann ich auch von meinen Gefährten behaupten: sie sehen sämtlich gesund und wohl- s* 68 genährt aus und erfreuen sich des besten Befindens; keines jener tradi¬ tionelen, blassen, hohlwangigen Gesichter, keine Nicderschlagenhcit. Niemand könnte darüber in, Zweifel sein, wenn er das im Salon er- schallende Gelächter hört, das Spielen mit den schmierigen Karten beobachtet." „Aber woher sollte auch die Krankheit kommen? Bei der aller¬ besten Nahrung aller Art, so viel wir Lust haben und in solcher Ma- nigfaltigkcit, daß selbst der wählerischste ihrer nicht überdrüssig würde; bei guter Wohnung, guter Kleidung, guter Ventilation, Bewegung in der freien Luft nach Belieben, keiner Überanstrengung bei der Arbeit; bei herrlichen und amüsanten Büchern jeder Art, Erholung bei Karten-, Schach-, Domino- und Halma-Spiel, bei Musik und Geschichtenerzählen — Ivie könnte da wohl jemand krank werden? Bin und wieder höre ich eine Bemerkung, die vollständige Zufriedenheit mit unserem Leben kundgiebt. wahrlich, das ganze Geheimnis liegt in der ver¬ nünftigen Anordnung der Dinge, und namentlich darin, daß man vorsichtig mit der Nahrung ist." Über die Kälteempfindung sagt Nansen weitem „Seltsam, wie sich das Empfindungsvermögen des Menschen ändert. Zu Hause empfinde ich es unangenehm, wenn ich bei einigen 20° Kälte, auch bei wind- stillem Wetter aus der Thür trete. Hier aber finde ich es auch nicht kälter, selbst wenn ich bei 50" Kälte und wind draußen bin. Sitzt man zu Hause im warmen Zimmer, so bekommt man übertriebene Begriffe von der Schrecklichkeit der Kälte. Sie ist wirklich nicht im mindesten schrecklich; wir alle befinden uns sehr wohl dabei, obwohl der eine oder der andere von uns manchmal, wenn starker wind weht, einen weniger langen Spaziergang macht und der Külte wegen sogar wieder umkchrt; doch geschieht das nur, wenn man leicht bekleidet ist und keine Windkleider angelegt werden." 2. Lücken der Marforfchunn. Ein flüchtiger Blick aus eine beliebige Landkarte läßt schon er- kennen, daß die heutigen Naturwissenschaften, namentlich aber die Geographie von der östlichen Hälfte der Arktis viel mehr zu sagen wisse, als von der westlichen. Za inan könnte sogar meinen, die erstere sei dem menschlichen Auge säst erschlossen, nachdem der einstige mächtige 69 weiße Reck auf den Landkarten bereits im verschwinden begriffen sei oder besser gesagt, sich nm Einiges verringert habe, wogegen auf der west- liehen Seite noch kein menschlicher Fuß ein tieferes Inneres bis heute betreten hat. Und so wissen wir nicht einmal ganz genau, ob wir es da init einem mehr oder weniger ausgedehnten Teil des polarmeercs selbst zu tun haben ober aber mit einem großen Fnsellabhrint in der Fortsetzung des nordamcrikanischen Inselkompleres. Hier steht nun eine große Frage vor uns, die einer Beantwortung harrt, hier kann heute noch keine Betrachtung, ja nicht einmal eine Vermutung ausgesprochen werden, denn ein solch großes Areal, viele Tausende von Üuadratmeilen umfaßend, kann noch immer Benes, alle Deutungen Widerlegendes in sich bergen. Das oben von der östlichen Hälfte gesagte, daß sie fast schon erschlossen sei, gilt aber auch nur für einen flüchtigen oberflächlichen Überblick; ganz anders ist es, wenn man die Resultate der Forschungen näher besieht; die zweifelhaften und unerforschten Stellen treten hervor und alles andere verschwindet noch immer ins Nebelhafte. Nm uns hierüber klar zu werden, brauchen wir uns nur daran zu erin¬ nern, baß die Forscher sich ja nur aus einem ganz bestimmten schmalen Pfade vorwärts bewegen konnten nnd so alles seitlich von dieser Bahn liegende ebenso in Dunkelheit verhüllt geblieben ist, wie früher; hat man das im Auge, dann natürlich verschwinden alle eventuellen Illusionen einer vollkommenen Erschließung. Hie und da kann man wohl annähernd über die Verhältnisse eines bestimmten Gebietes urteilen, denn man hat infolge der zahlreichen Durchquerungen, welche überdies netzartig viele arktische Gebiete er¬ füllen, Anhaltspunkte. Hier stimme ich auch den Vorurteilsvollen bei, indem ich sage, daß in vielen südlicher liegenden Gebieten der Arktis keine gewaltigen Nmstaltungen unserer Rarten mehr zu erwarten sind — nnd doch sind auch diese sehr lückenhaft erforscht, so daß noch viele Jahre vergehen werben, ehe durch kostspielige Anstrengungen diese Ge¬ biete in jeder. Hinsicht erschlossen sein werden. Über den äußersten Norden dagegen ist jedes Urteil heute noch unmöglich, denn wie eine Schwalbe noch keinen Frühling bringt, so kann hier auch die ruhmvolle Fahrt Nansens durch jene nördlichsten Gebiete gleichwie der wagemutige Vorstoß des Napitän Lagnis (86° 33' n. Br.i für eine eingehendere Beurteilung der Natur von dort oben nicht genug maßgebend sein. Die Eigenschaften des Eismeeres sind 70 uns fast ebenso wie früher noch fremd, denn wir können absolut nicht annehmen, daß die Wahrnehmungen, die Nansen mit seinem Gefährten, alswie sein Nachfolger Lagni gemacht und sorgfältig aufgezeichnct hatten, getreu wiederkehrcn würden. Die Richtigkeit meiner Behauptung wird klar, wenn ich mich hier auf Präccdentien zurückbeziche. Erinnern wir uns beispielsweise, wie lange es gedauert hat und wie viel Forschungsreisen ausgeführt werden mußten, ehe die Eisverhältnisse des Rarischcn wteercs genügend bekannt geworden sind und zwar so weit, daß man daraus endlich Schlüsse für das praktische ziehen konnte; heute kann dieses, von natürlichen Einfällen so sehr heimgesuchte wteer mehr oder weniger schon zu den Berkehrsftrassen gerechnet werden, da es namentlich von arktischen Sägern und Naturforschern sehr oft befahren wird. Bekanntlich haben einige Schiffer wie Larlsen, Nordenskjöld u. a. das Rarische wteer ganz ofen und eisfrei gesunden, andere wieder wie Nai u. A. fanden es vollständig vom Eise besetzt und unzugänglich. Erst seit der letzten Seit der Polarforschung weiß man, daß dieses Meer nur zu ganz bestimmten Jahreszeiten bcsahren werden kann, daß also jene Männer, welche, bis hierher vorgedrungen, nicht weiter konnten, nur zu ungünstiger Jahreszeit ihre Durchsahrten versucht Hatteil. wenden wir nun unsere Aufmerksamkeit mehr den vielen Bücken und fraglichen Punkten zu, die so eminent groß noch dastehen in den nur scheinbar bekannten Gebietens und welche immer noch auf ein- gehendere Untersuchung warten und der gesammten civilisierten Menschheit fast heraussordernd cntgcgenstarren. wie viel Fülle liegen nämlich vor, daß über Stellen, die von einer Seite beschrieben worden sind von anderer wieder ganz und gar angezweisclt werden; wer erinnert sich nicht der großen Meinungsverschiedenheiten aus den siebziger fahren bezüglich der Existenz des Rönig Rarl Bandes. Manche Forscher wie Larlsen, Lobiesen und peuglin entwarsen schon Rarten von dem räthscihasten Bande in der nächsten Nähe von Spitzbergen, während dann andere die Existenz eines solchen ganz und gar widerlegten oder bezweifelten. So erhob der englifche Geograph Markham seinerzeit in den „Ocean bli^tixva^s" gegen die eingeführte Benennungdes Rönig Rarl Bandes Protest und beanspruchte für diefes den vor etwa 280 Fahren von Edge einer angeblich unter 770 15' und 780 18' n. Br. gelegenen Fnsel gegebenen Namen „Mcke-BanW. 71 verfolgen wir die Unvollkommenheiten weiter, tragen wir nach dem Inneren von Grönland oder nur nach genauen Umrissen desselben, nach eingehender Erforschung von Nowaja Semlja, nach dein nord¬ asiatischen Jestlande, den Neusibirischen Inseln, dem Wrangel-Lande, nach dem Umfange und genauer Vage der De Long-Insel und nach allen hier noch unbekannt liegenden Inseln nnd Inselgruppen; fragen wir außerdem nach dem Umfange und der Ausdehnung von Franz Josephs-Land oder blos nach der genauen Erforschung des NNlczek- Landes, welches, wie schon bekannt, seinerzeit Nansen so sehr in Ab¬ rede gefielt hat, wo doch die tvellmann'sche Expedition geweilt haben soll isiehe Anmerkung bei Nansens Schlittenreisei — wir erhalten keinen Bescheid, denn überall starren uns nur Fragezeichen entgegen! Ganz dasselbe gilt auch trotz der vielen Forschungsreisen von jenem großen nordamerikanischen Inselkomplex. Hat man nun das alles im Auge, dann erst wird die unvoll¬ kommene Erforschung jener Gegenden klar, dann erst werden die Lücken deutlich, welche das arktische Gebiet heute noch trotz der immerwährenden unermüdlichen Forschungen durch ganze Jahrhunderte überall offen gelassen hat! Betrachten wir schließlich noch die Resultate der Beobachtungen. Nicht gering waren beispielsweise die Bestrebungen die (V ftahres- isoth erm e sestzustellen, welche richtig genommen die Grenzlinie zwischen der gemäßigten und kalten Zone bildet und deren verlaus außerordentlich von der ursprünglich angenommenen, nämlich dem nördlichen Polarkreis abwcicht, so fällt ihr nördlichster Punkt auf den 75. Breitengrad oberhalb Nordcap und ihr südlichster liegt in Ostsibirien am Argun, einem Nebenflüße des Amur, bei cirka 48'50 n. Br. Weiters will ich über die sogenannten Erd w är m ek urven einen verdienten NIann, nämlich Dr. B. Säubert selbst sprechen lassen: „Gleichartigkeiten im verlaufe dieser Rurven sind schon bei ober- flächlichcr Vergleichung bemerkbar, obgleich die Gestaltung der magne¬ tischen Rurven zum Teile von in der Erde wirkenden Rräften, die¬ jenige der Nlürmekurven dagegen vorzugsweise von atmospherischen Verhältnissen abhängig ist. Eine Rarte mit Erdwärmekurven würde höchstwahrscheinlich eine weit größere Verwandschaft mit den Rarten magnetischer Rurven zeigen. Die Übereinstimmung der genannten Rurven soll nun dazu dienen, nach dem in Nordamerika vorliegenden Beispiele aus das Vor- 72 handensein magnetischer Pole in den Linien zwischen den Gebieten größter Uälte einerseits und größter Wärme anderseits zu schließen und daraufhin die Bewegung der Dcklinationsnadel zu erklären. Die Ge- biete höchster Wärme sind uns hinreichend bekannt, aber nicht diejenigen der höchsten Kälte." «Das bis jetzt bekannte größte und grimmigste Kälteextrcm liegt im nördlichen Sibirien, wo südlich der mittlere Lenafluß und nördlich die Berge der Rakuten, etwa mit Werchojansk als Mttelpunk, seine Grenzen angeben). „Auf jeden Fall ergiebt die Betrachtung über die Deklinationserfcheinungen, daß im Polargebiet jeder Erdhälfte mehr als ein magnetischer Pol sich be¬ finden muß, und daß die Kenntnis über die Lage und Veränderlichkeit derselben von großer Wichtigkeit ist". Derartiges wäre noch viel anzuführen aber schon aus dem Gesagten geht zur Genüge hervor, daß die Erforschung jener entlegendsten Gebiete unseres Planeten für unsere wissenschaftlichen Entwicklungen ein dringendes Be¬ dürfnis ist, sie ist gerade so notwendig wie jede neue Erfindung oder Verbesserung in der Werkstätte, denn wir wissen ganz genau, daß der Schlüssel für so manche Na¬ turerscheinung hier im Bereich der Pole noch zu suchen ist, ganz gleichgültig ob diese physikalischen, hpdrographi- sehen, geologischen oder eines anderen Ursprungs sind. Vie arktischen LxpeMionen müssen üader von Ieüem hierru ge¬ rufenen befürwortet unü angestredi werüen; 3. Luftballon, Unterseeboot und die drahtlose Telegraphie in der Nordpolarforschung. Um die Wunder des Nordens in hohen Breiten zu genießen, da die versuche mittelst Schiff und Schlitten bisher nicht genügend zu ent¬ sprechen schienen, sind tüchtige Minner vornehmlich irr der letzten Pe- riode der Polarforschung auf die Idee gekommen: Luftballon und Unterseeboot sollen Mttel zum Zweck werden. Die Art den Pol auf dem Luftwege, also mittelst Ballon zu er- reichen, — ein amerikanisches Uind, welches aber erst in der letzten Periode des verflossenen Jahrhunderts das Licht erblickt hatte, — ist wohl wenig zu empfehlen, deren eine solche Expedition, wenn sie auch 73 gelingen würde, könnte nur eine interessante und abenteuerliche ge¬ nannt werden, nicht aber eine ihrem Zweck entsprechende, weshalb gehen unsere Forscher nach Norden? — Lediglich nur um die Kenntnis des arktischen Labnrinth's zu erweitern, also Nnnde von dort sür die künftigen Geschlechter zu holen! Eine wissenschaftliche Ausbeute kann jedoch bei einer Ballonfahrt im vergleich zu ihren Nosten nur eine sehr mäßige sein; lediglich nur ein längerer Aufenthalt in jenen Regionen ermöglicht eine reichere Sammlung von Beobachtungen, was bei einer Ballonfahrt infolge eines flüchtigen Borüberfliegens keinesfalls erreicht werden kann. Außerdem wird sich wohl heute, bei der noch unvollkommenen Renntuis der Luftströmungen Niemand finden, der eine abermalige Ballonsahrt nach dem Nordpol wagen würde, denn was einen solchen dort erwartet, hat Andree's Versuch zu klar gezeigt. Anders wäre es natürlich mit einem lenkbaren Luftschiff, sür das wir jedoch noch immer keine Aussicht haben, denn jedes Lustschiff war bis jetzt ein Spiel der winde. Gelehrte und Techniker haben zwar unermüdlich ihr wissen und Rönnen, andere wieder Geld und Leben daran gesetzt, dieses Ziel zu erreichen, aber Niemand seit grauer Borzeit hat es bisher er¬ reicht, weil sich ein so leichter und kräftiger Nlotor, der den horizon¬ talen Luftwiderstand des Ballons bei nur mäßigem winde bewältigt, dermalen noch nicht Herstellen ließ, denn mit dem Gewichte muß auch solgcrichtig der Querschnitt des Ballons in fortschreitendem Verhältnis steigen. Die zweite Zdee ist die den Nordpol mittelst eines Unterseebootes zu erreichen, eine Zdec, die dem Fortschritt gemäß gar nicht zu vcr- werfen ist. Dieser Gedanke ist zuerst im Zänncr I90l vom deutschen Naturforscher Dr. A nschütz-Rämpse in der k. k. geographischen Gesellschaft zu Wien ausgesprochen worden. Nlit einem entspre¬ chend konstruierten Unterseeboot gedenkt der wackere wann mit fünf Genossen an der Nteercsoberfläche so weit vorzudringen, als es möglich ist, und dann wenn kein freies Wasser mehr vorhanden, unter die Eis¬ decke zu tauchen, die er im durchschnitt zu 4 Nietern annimmt, um weiter nach Norden zu streben. Auf Grund zahlreicher Beobachtungen die von den einzelnen Polarforschern gemacht wurden, nimmt Dr. An- schütz-Rämpfe an, baß mindestens alle 10 Seemeilen sich freie Wasser- oberflächen finden, wo das Boot emportauchen und seinen Lustvorrat erneuern kann. 74 Unter den Ewentualitäten, die einem solchen Taucherschiffc auf der Fahrt zustoßen können, wäre aber wohl zu bedenken, daß sich keine freie stelle zum Auftauchen fände. Dieser Gefahr glaubt der Forscher einfach durch Sprengung des Eises durch Lvddit zu begegnen. Eine zweite Hauplcventualität wäre die, daß unter dem Wasser dem Schiffe Hindernisse begegnen. Diese wieder hofft er durch einen Neflektor von etwa 5000 Uerzenstärke schon in einer beträchtlichen Entfernung so zu beleuchten, daß man dem Hindernisse noch rechtzeitig ausweichen könnte. Das Taucherschiff soll nämlich vor Allein so viel elektrische Energie in Accumulatorcn aufgespeichert mit sich führen, um unter Wasser einen weg von cirka 75 km in 15 Stunden zurücklegen und den Nc- flektor speisen zu können. Die Ladung der Accumulatorenbatteric soll durch eine Dunamomaschine, die durch einen Petroleummotor betrieben wird, dann vor sich gehen, wenn das Schiff sich an der Vberflächc des Wassers befindet. Die Atmungsfrage kommt hier gar nicht in Betracht, da nach Ausführungen des Prof. v. voith in wtünchen diese Frage als gelöst zu bezeichnen ist. Aach dessen Untersuchungen zeigt die Luft nach 48 Stunden keine wesentliche Verschlechterung, um so weniger also nach 15 Stunden, die der Forscher für den verbleib unter Wasser annimmt. Der eminente Vorteil eines nach allen Seiten hin beweglichen Taucherschiffes, wie ja das obig erwähnte gedacht werden muß, würde natürlich die wissenschaftliche Ausbeute sein, die sicherlich sehr viel neue Daten dem Geheimnisse des Nordpols entreißen würde. Und es ist wohl ein frommer Wunsch, daß dieser plan mit mehr Erfolg gekrönt sein möchte, wie seinerzeit der von Andree mit dem Luftschiffe. Da sich aber doch das Unterseeboot heute noch mehr oder weniger in den Uinder- schuhen befindet,* so ist es klar, daß dieser Vorstoß wie mit großem Interesse, so mit Vorsicht von Technikern und Fachmännern ausgenom¬ men werden muß. Ich will nur zu bedenken geben, daß die natürliche Beschaffenheit des Eismeeres unter seiner Eiswüste noch viel zu wenig bekannt ist, um Plötzlich so weite Strecken, wie die beiläufig vom 80. Breitengrad bis zum Nordpol und zurück, das sind 20 Grade, mit * An» 7. Dünner 1899 wurde zu tzgeres der erste gelungene versuch gemacht uiit einam vort „Gustave Zöde", und am 4. stuli desselben vabres wurde ein ver besserte? Unterseetorpedo „Morse" in Lberbourg von Stappel gelassen. 75 einem Unterseeboot auszusühren, welche Entfernung mir doch beim An- schütz'schen Projekt maßgebend erscheint. Ein solch großes Gebiet kann zwar selbstverständlich noch immer Merkwürdiges, alle Vermutungen widerlegendes in sich bergen, die Gefahren und Sfchwierigkei- t e n aber sfi n d zn g ro ß, u m h e ll t e s ch o n z u d i e s e r M e t o d e de r Polarforschung zu greifen, wo es noch andere, mehr Er¬ folg versprechende gibt, wie ich später beweisen werde. 5n den letzten Monaten erst ist auch von der drahtlosen Tele¬ graphie im Dienste der Polarforschung gesprochen worden. Die praktischen Erfolge, die Marconi mit den grundlegenden wissenschaftlichen versuchen von pertz, mit der Funkentelcgrapbie erzielt hat, haben zu solchen Arbeiten die Veranlassung gegeben, vor allem hat die Einführung der drahtlosen Telegraphie seitens der deutschen Marine dahin geführt, daß dieser neuen Errungenschaft von maßgebender Seite großer Mert auch in der Polarforschung zugesprochen wird. Die Zunkcntelegraphie wurde bis nun ausschließlich für taktische und kommerzielle Zwecke ausgenützt, während deren praktische Verwendung für die wissenschaftliche Forschung noch nie näher ins Auge gefaßt worden zu sein scheint. Es wird deshalb wohl von allgemeinem Interesse sein, zu hören, daß auch schon ein Projekt ausgetaucht ist, wodurch die wissenschaftliche Erforschung unbekannter oder schwer zugänglicher Gebiete unserer Erde aus ganz neue Basis gebracht werden soll. Es handelt sich hiebei um eine neue deutsche Uordpolexpedition, die unter Dr. Scholl München» aus einem geeigneten Punkte von Spitz¬ bergen zwischen dem 78. und 80. Grad n. Br. ein Bcobachtungshaus errichten will, das die Überwinterung in dieser unwirtlichen Gegend bei einer Milte selbst bis eirka 50" L ermöglichen und den stattfindenden Winterstürmen standhalten soll. Diese Station soll dann mit dem nächsten Telegraphen des Kontinentes in fortwährender Korrespondenz bleiben. Zur Verwirklichung dieser Idee wird die Expedition auf mehrere Jahre verproviantiert und mit sämtlichen für die einschlägigen Be- obachtungen notwendigen Instrumenten versehen werden. Außerdem erhält sie einen vollständigen Apparat für Tunkentelegraphie nach System der „Gesellschaft für drahtlose Telegraphie, System Pros. Braun und Siemens und Galske". Besonders diese Gesellschaft bringt dem Unter¬ nehmen lebhaftes Interesse entgegen und ist schon an versuchen nur für diesen Zweck tätig. 76 vom Gesichtspunkte, daß die vorerwähnte Station mit dem Unter- seeboot von Dr. Auschütz-Rämpfe, das ja auch mit einer Vorrichtung für drahtlose Telegraphie in irgend einer Weise versehen werden soll, in immerwährender Verbindung stehen würde, so dass die Beobachter auf Spitzbergen über die jeweilige Lage des Unterseebootes und die dort gemachten Beobachtungen genau unterrichtet werden, soll dieses Projekt auf dem Gebiete der Polarforschung von eminenter Beden- tung sein. Trügt man nach den Aussichten, die davon zu erwarten sind, so kann man hierüber nun folgendes sagen: Der Wert der drahtlosen Telegraphie als ein Signaldienst, der unabhängig ist von jedem Wetter, von Tages¬ zeit, von Nebel, Regen oder Schnee, sobald die elektrischen Wellen eine bestimmte Spannung besitzen und eine charakteristische WcchselzahV aufweisen, ist bereits anerkannt. Dieser wird auch sür viele Tülle bleiben, selbst wenn die Hoffnung, die Stationen von einander un¬ abhängig zu machen, sich nicht in der Weise, wie man es wünschen möchte, erfüllen sollte, wenn auch die absolute Abstimmbarkeit und völlige Störungsfreiheit luftelektrischer Telegraphie bis heute noch nicht erreicht worden ist. Ulan legt aber immerhin einem Rinde die besten Wünsche in die Wiege, man freut sich, wenn es sich denselben entsprechend entwickelt — aber wer vermag heute schon im voraus mit Sicherheit zu sagen, wie es sich in der Polarforschung bewähren wird, wo ja doch unzählige Widerstände noch in Betracht kommen müssen? Ulag sein, und wir wollen auch hoffen, datz es auswachsend sich als leistungsfähig bewähren wird, wenn es sich vielleicht auch zu keinem Herkules herausbildet. * Bekanntlich ist der Baum und alle Dinge ausfüllende hypothetische Äther der Träger von Schwingungen, die je nach ihrer Frequenz und Wellenlänge bei niedrigster Schwingungszahl unter 30.000 Oscillationen in der Secunde mit Beihilfe der atmosphärischen Luft Schall erzeugen. Lei Steigerung der Frequenz in die Billionen welchen die trüge Luft nicht mehr folgt, entstehen elektrische Wellen, welche bei Ver¬ mehrung derselben über 2000 Billionen Schwingungen pro Secunde strahlende Stränge liefern. Später gehen diese Ätherschwingungen in Lichtwellen über, und schließlich bei 10.000 Billionen Oscillationen werden die Röntgenstrahlen hervorgerufen. Gleichwie diese letzteren sehr viele Börper durchdringen, so werden — wie Marconi durch seine Biesenexperimente nachgewiesen hat — auch die elektrischen Wellen mit noch mehr Oscillationen weder von den Gebirgen noch von kontinentalen Ländermaffen auf- gehalten. 77 4. wo ist der sicherste weg zum Nordpol? wer hat sich bis heute nicht selbst gefragt' wie am besten und sichersten die Erforschung der polargebietc erfolgen würde? — Icder Züricher hat sich diese Frage wohl zuerst vorgelegt und nach seinen Erwägungen auch beantwortet, aber die Wirklichkeit hat leider be¬ wiesen, daß ihre Lösung in den meisten Fällen weit verfehlt war. Diese Frage zu beantworten ist also nicht leicht, es gehört dazu in jeder üinsicht gründliches Studium und Prüfung des arktischen Feindes in der Art, wie er sich uns bis heute zeigte. warum sind fast ausschließlich negative Resultate erzielt worden? Die Geschichte hat uns dargetban, das die meisten, ja fast alle arktischen Argonauten vom Atlantischen Leean ans in das polarreich drangen, alsdann richteten sie ihr Augenmerk entweder in nordwest¬ licher Richtung und drangen durch die Davisstrassc nordwärts, andere wieder hofften, in nordöstlicher Richtung bei Spitzbergen, Franz Josephs- Land und Nowaja Semlja ihrem Fiele nabe zu kommen, die wenigsten jedoch haben die Bering-Strasse zu ihrem Ausgangspunkte gewählt. Und wenn einige sie auch gewählt hatten, so richteten sie stets ihr Augenmerk mehr der Rüste entlang, um nur nicht mit den immer gefürchteten Eismassen, die vom Norden herabreichen, in Berührung zu kommen. Das polarcis war den Forschern stets ein gewaltiger Schrecken! Es ist aber auch klar, warum allen das Polareis als solch ein Schrecken erschien, denn ihre Behausungen, die Fahrzeuge, — ein einziges und zwar die Fram ausgenommen, — waren bis heute nicht geeignet, einen andauernden Rumpf mit den mächtigen polaren Gewalten aus- nehmen zu können. Zwar nennt uns die Geschichte wackere Argonauten, welche sich mit minimalen Fahrzeugen für ein tieferes Eindringen in das Un¬ bekannte wohl stark genug fühlten, denn so manche vermochten sich in den gebildeten Wasserrinnen mühsam bis zum Endpunkt derselben durchzuarbeiten. Aus solche Art und weise gelang es selbstverständlich auch manchem Forscher beträchtliche Böhen zu erreichen. Als man sah, daß die gebildeten schiffbaren Wasserrinnen sich nicht weit genug nach Norden erstreckten, wagte man mit Schlitten und Booten über die gewaltigsten Eismasscn in das Unbekannte zu ziehen — aber merkwürdig, immer wieder mußten sie umkehren, warum? — Grund hierzu waren vor allem die Existcnzsorgen 78 und in vielen, ja fast in allen Fällen auch noch das zurück- treibende und unpassierbare Eis. Es gilt heute als eine durch Nansen genügend erwiesene Tatsache, daß ein Polarstrom eristirt, welcher von der Bering-Strasse aus nordwärts in das unbekannte Polargebiet treibt und schließlich beiderseits von Grönland wieder herauskommt und nach Süden dringt. Dieser Polarstrom hat auch die ganze Polarwüste mit all'ihrem Eis ini Gefolge, bis endlichdasselbe von der südlichen Sonne und den Fluten des Atlantischen Oceans wieder in das ursprüngliche nasse Element, ver¬ wandelt wird oder sich an den Rüsten Grönlands, dann drüben im eigent¬ lichen flaschenhalsartigen Robeson-Uanal und den dort unbekannten Nord¬ küsten andererseits zu den mächtigsten Anhäufungen anstaut. Darin liegt auch die Tatsache begründet, daß alle Schlittenfahrten, die diesseits, sei es durch den Smith-Sund oder nördlich von Spitzbergen oder von Franz Foscphs-Land vorwärts drangen, wiederholt infolge zurüektrcibender Eismassen zur Nmkehr gezwungen waren. Alle diese Fahrten glichen ge¬ wissermassen einem Ruderer, der gegen die strömenden Fluten eines Flusses streben will, doch nach vorausgegangenen heftigen Anstrengungen von diesen äiberwältigt und mit ihnen stromabwärts sortgerissen wird. Ferner ist hierin begründet, weshalb der Untergang einem jeden Schiffe be- Vorstand, das beispielsweise von der Bering-Strasse kommend sich zu weit nach Norden gewagt bat; jedes wurde unbarmherzig vom Eise erfaßt und nicht mehr sreigegeben. Das haben nur deutlich bei der Jeannette-Expedition gesehen. Darin liegt aber ferner auch der Reim der größten Erfolge, die erzielt wurden, denn daraus basiert die kühne Sdee Nansens, ein Schiff zu bauen, das einem jeden Anprall des Eises gewachsen sein soll, um sich mit diesem dorthin zn begeben und den weg in das Unbekannte anzutreten. warum hat inan also nicht dort, sondern diesseits der Polarzone gestrebt, ehemals wie auch heute nordwärts zn dringen, trotzdem durch das vorstehend Gesagte bewiesen ist, daß man hier schon voraussichtlich aus gewaltige oder besser gesagt, aus unüberwindliche widerstände stoßen mußte, nämlich aus das Gcgenstromarbeiten? Diese Frage zu beantworten ist nicht schwer. Pier hinauf sind nämlich die nächsten und kürzesten Wege für die civilisierte Welt zum Bordriilgen nach den Eisregionen gelegen. Nördlich von Europa trug außerdem wohl auch vornehmlich der warme Golfstrom dazu bei in dieser Richtung vorwärts zu streben, welcher bekanntlich aus dem süd- 79 lichcn Gebiete kommt und sein warmes Wasser an der Ostscite Grön¬ lands entlang in die spitzbergischen Gewässer befördert und so das Meer weit nach Nord eneissrci erkält. Darin liegt auch die Tatsache begründet, dass sich ebenda ein Nordringen per schiss stets auch am günstigsten gestaltete. Diese natürliche Wasserstrasse verliert sich aber naturgemäss auch immer mehr, je Köber man nach Norden kommt. Gier ist nun die Stelle in der Arktis, wo man am weitesten im eisfreien Wasser nach Norden kommen kann, welche Begünstigung sich jedoch nicht viel über den 80. Breitengrad hinaus erstrecken mag, woselbst sich unbedingt jene gefürchtetem polaren Beschwerden, — vorausgesetzt, dass nicht schon früher, — regelrecht einstellen, verursachte durch die aus dem Nor¬ den kommende sSolarströmung und die von dieser mitge¬ brachten Eismassen was auch die heftige und plötzliche Bem. inung des Golfftromes herbeiführt, die da oben stattfindet. Den Grund, weshalb man drüben durch den Smith-Sund gleichwie diesseits knapp an der Bfiküste Grönlands nach Norden wollte, schreibe ich vornehmlich den vielen Annahmen und den verschiedenartig be¬ gründeten Behauptungen zu, welche besagen, dass man am bequemsten und sichersten an einer Nüste entlang weit hinein in die Arktis kommen müsste. Diese Ansicht ist beispielsweise vom deutschen Geographen pe- terma nn wiederholt behauptet worden, und auch tatsächlich nennt uns die Geschichte eine bedeutende Anzahl von Expeditionen, welche aus dieser Sdcc basirend ausgeführt worden sind, jedoch nie den Erwar¬ tungen, die man davon gehegt, vollkommen entsprochen haben. will man nun ein höheres Siel verfolgen, nämlich bis zum Nordpol vorzudringen, dann ist diese Sdcc absolut nicht die richtige aus dem einfahen Grunde, weil cs sich herausstelltc, dass bis zum Nordpol überhaupt kein Band reicht. Das bis heute am wei¬ testen nach Norden sich erstreckende bekannte Band ist Grönland, dessen nördlichste Begrenzung ziemlich den 83. Breitengrad passiert. Dass weiter nördlich sehr wahrscheinlich nicht viel Band vorhanden ist, dafür spricht das mächtige Eisgeschiebe, von dem die Expeditionen, denen es gelang hierher vorzudringen, Zeugnis geben, denn wäre gegen Norden hin viel Band vorhanden, so hätte dieses Eisgeschiebc nicht ent¬ stehen können. Zm nördlichen Nobeson Nanal, dem einzigen bis heute bekannten Durchgang nach dem äussersten Norden in dem nordamerikanischcn Snselkomplex und weiter östlich und westlich voll diesem sind über- 80 Haupt die größten Eisanhäusungen beobachtet worden. Dies ist aber sehr leicht zu erklären, wenn man die Ursache ihrer Entstehung dem Polarstrom znschreibt, der auch hierhin seine Bahnen lenkt, was uns vornehmlich das hier Vorgefundene Treibholz und die stäte Bewegung des Eises nach Süden annehmen laßen. Die vom äußersten Osten her¬ gebrachten Eismassen finden nun hier an alb diesen bekannten und un- bekannten Uordküsten einen unüberwindlichen Widerstand, und so müssen sie notwendigerweise durch den riesigen Druck, den die ganze Polar- eiswüste gegen sic ausübt, zusammen gepreßt und übereinander ge¬ schoben werden und sich schließlich durch die offenen Wege, das ist durch den schmalen Robeson Uanal einerseits und an der Ostküste Grön¬ lands andererseits nach Süden zwängen. Durch die eissressenden Fluten und den Wellenschlag, ferner durch die Sonnenstrahlen werden im Sommer von diesem Geschiebe mächtige Eisstücke abgerissen, die dann mit der Strömung südwärts treiben, bis sie sich endlich in das ur¬ sprüngliche nasse Element wieder verwandeln, uni den Ureislaus von neuem zu beginnen. Zufolge dieser stettigen Bewegung des Polareises von Osten nach Westen ist es klar, daß in dein nun in Betracht gezogenen Gebiete überhaupt die stärksten und größten Eispressungen, Eisquetschungen und Verschiebungen notwendigerweise stattfinden müssen — ein sicherer Untergang für jedes Schiff, welches da hinein gerät! Dadurch ist erwiesen, daß durch den Smith-Sund ein weites Vordringen gegen den Nordpol unmöglich ist. Und Narcs, der durchaus hier den Nordpol erreichen wollte, kam zufolge vieler nutzloser Anstrengungen selbst zu dieser Überzeugung, die er am deutlichsten dadurch kundgab, indem er bei seiner Rückkehr das sehr lakonisch gehaltene, aber wohl bezeichnende Telegramm nach England entsandte- „Ilie l^ortllpole impractikable" (der Nordpol ist unerreichbar». Trotzdem haben die Berichte, welche diese polar- expedition von der Beschaffenheit der Negionen im Norden des Robeson. Uanales mitbrachte, die Wirkung nicht gehabt, alle ferneren Anstren- gungen in dieser Richtung aufzuhalten. Neue Unternehmungen wurden frisch und mutig in Angriff genommen, aber keine einzige hatte bis heute nicht um ein paar mehr Glück als wie die, des benannten Ua- pitäns. pearh, der unbedingt aus diesem Wege den Nordpol erreichen will, und der schon Jahrelang und ununterbrochen, wie auch in dem historischen Teile erwähnt wurde, hier gearbeitet hat, mußte noch jedesmal umkebren! 81 Zu all deni steht im Gegensatz die Ostseite des Eismeeres, nämlich die Eisfelder, nördlich vom asiatischen Festlande und der Be¬ ringstrasse gegenüber, wo das ganze Eis nur mehr flach ist, und die großen Eisanhäufnngen und Eisberge, welch letztere zumeist von den Gletschern Grönlands, Spitzbergens, des Iranz-Joseph-Landes und des nordamerilranischen Jnselkomplexes abstammcn, gar nicht Vor¬ kommen. Eisberge sind in diesen nun in Betracht kommenden Gebieten überhaupt noch nicht gesehen worden, was nun solgern läßt, daß hier sehr wahrscheinlich kein Land vorhanden ist, welche Annahme auch die große Tiefe des Meeres selbst zu bestätigen scheint. Sind in der eigentlichen polareiswüste Eishügeln zu sehen, so sind dieselbe?: höchstens nur einige Meter hoch, wofür uns Nansen wieder die Bestätigung liefert, indem eram 21. Jänner 1894 folgendes niedcrgeschricben hat: „Wir (Nansen und Sverdrup) unternahmen einen weiten Ausflug nach Nordwesten; auch in dieser Richtung war das Eis ziemlich flach. Sverdrup und ich kletterten in einiger Entfernung vom Schiffe auf einen durch Eisdruck zusammengeschobenen hohen Hügel hinauf. Derselbe befand sich im Mittelpunkte einer sehr starken Pressung, nichts destoweniger maß aber die Eismauer an ihrer höchsten Stelle nicht über fünf Meter, obwohl sie eine der höchsten und größten war die ich gesehen hatte". Das Bild in den Strassen des Parrh-Archipels, besonders aber im Norden des Robeson-Ranales, wenn ich wieder darauf zu sprechen kommen darf, ist hingegen ein ganz anderes. Hier türmen sich die Eisschollen eisbergartig (nach Nares 40 bis 50 Meter) hoch übereinander. Ziehen wir nun aus dieser Betrachtung die Folgerung, so läßt sich dieselbe in die wenigen Worte faßen: Nicht gegen, sonÄern Mit äem ?olarstrom, aas ist auch mit ller?olareiswüste, vorwärts stre venä kann man am sichersten in Sie innersten gebiete ües Norüpols einüringen Diesen sehr wichtigen Satz bestätigt uns wieder Nansen indem er sagt: „Es ist dies unbedingt der bequemste Weg, eine po- larexpcdition zu unternehmen; welch andere Reise könnte bequemer sein? Nicht einmal eine Eisenbahnfarht, weil man dabei den lästigen Wagenwechsel hat. Und demnach würde eine Veränderung hin und wieder nicht unangenehm sein." An einer anderen Stelle sagt er: „Ihren gesammelten Erfahrungen «nämlich denen der Vorgänger) sei es zu danken, daß das Menschen- s 82 geschlecht jetzt so weit sei, bis zu einem gewissen Trude mit dem zu Kämpfen, was bis jetzt der gefährlichste und hartnäckigste Feind in den arktischen Regionen gewesen, mit dem Treibeise, und zwar in der ein¬ fachen Weise, dass man mit ihm und nicht gegen ibn gehe - 5. Die Polarströmung als Basis für die Polarforschung. Die Methode, mit der Polarströmung treibend in das polarreich zu dringen, ist wohl die bequemste, gefahrloseste und sicherste; die Güte dieser anzuzweifeln dürfte heute kaum noch möglich sein, wenn man bedenkt, daß eben schon der erste Bersuch, der auf diesen: Grundprinzip beruhte, unter Nansen, die meisten Erfolge von allen arktischen Fahrten aufzuweisen vermag. Nansen leitete überhaupt die sicherste Methode der Polarforschung ein. Nicht gegen die Naturkräfte arbeiten, nicht sie zu über¬ listen suchen, wie einzelne Forscher sagen, sondern einzig und allein ihrer selbst soll man sich bedienen, um günstige Resultate zu erzielen! Dies kann durch die Polarströmung sehr leicht, ich muß sagen, am besten erzielt werden, denn eine Expedition, welche diese als Basis wühlen würde, würde ja doch von ihr selbst nach Norden getragen werden, die ja noch allen Schlittenfahrten — in irgend welcher Form immer — sich stets als hinderlich erwies. Allerdings würde eine solche Reise eine langa n d a u c r nd c sei n — aber si ewäre sicher! Und darin liegt alles, was für eine solche Ausführung spricht. Es ist bekannt, daß die Zeitdauer, welche nötig ist, damit das Eis von der einen Seite über das unbekannte Polargebiet auf die andere gelangt, sich auf über drei Jahre beläuft. Ich glaube aber aus Grund an- gestellter Berechnungen vier Jahre voraussetzen zu sollen. Es fragt sich nun, wie müsse die Ausrüstung einer Expedition beschaffen sein, welche die Polarströmung als Basis wählen würde, damit sie den Erfordernissen auch hinreichend entsprechen würde, d. h. daß jene scheinbar unüberwindlichen widerstände, die alle möglichen Gefahren und Beschwerden in sich vereinigen, ziemlich bei Seite bleiben würden? — Biele haben sich schon dahin ausgesprochen, daß es un¬ möglich ist, sich von allen diesen Gefahren ganz unabhängig zu halten — und doch behaupte ich: es ist inöglich! Der Übersicht halber will ich hier alle die Bindernisse nennen, welche in der Hauptsache jedes tiefere Eindringen in die Polargebiete 83 hemmten. Fünf Punkte sind cs: 1. Mangel an Nahrung; 2. Uälte. 3. Eispressungen; 4. unpassierbares Eis; 5. die zurücktreibende Polar¬ strömung. Nansen bat ziemlich alle diese Hindernisse zu bekämpfen ver¬ mocht, die Fram war sämtlichen polaren Gewalten gewachsen. Eine genauere Betrachtung des Ganzen hat m i r jedoch gezeigt, daß ein ins Eis festgefrorenes Schiff nicht hinreichend den Erfordernissen entsprechen kann, zumal man auch darnach strebt, in die höchsten Breiten, d. h. in die Umgebung des Nordpols selbst zu gelangen. Ein Schiff im Polareis kann nicht am zweckmäßigsten sein, wenn es auch noch so stark ist! warum? — Es muß notwendigerweise den Elementen ge¬ horchen und die von der Natur einmal vorgeschriebenc Bahn befolgen, begleitet natürlich von den stärksten Eispressungen, Eisquetschungen und Verschiebungen. Eine derartig ausgerüstete Expedition könnte zwar auch unter Umständen die höchsten Punkte erreichen, doch nur dann, wenn sie vom Glück so sehr begünstigt sein würde, gerade über die höchsten jBreiten zu treiben, vorausgesetzt natürlich, daß auf dieser Bahn kein Land vorhanden wäre, würde dagegen, sagen wir eine Fnsel sich eben auf dieser Bahn erheben, was ja auch uicht unmöglich ist, so ist es klar, daß diese dem Polarstrome einen unüberwindlichen widerstand entgegen setzen und somit den Strom zwingen würde, nach ihren beiden Seiten hin abzuzweigen, was wieder die mächtigsten Eispressungen, Eis¬ quetschungen und Verschiebungen in dem herangerücktcn Eise oder besser gesagt, ein direktes Mahlen desselben verursachen und einem darin fcstsitzendcn Schiff einen sicheren Untergang bereiten würde. Studiert man ferner den Verlauf der Strömung auf einer Land¬ karte, so kann man finden, daß die wahrscheinliche Bahn des Stromes über den Nordpol nicht in die Grönlandsee führt, wo sich das ange¬ kommene Schiff von der eisigen Umgebung leicht befreien würde, sondern direkt auf Grönland zu oder gar nach der anderen Seite in jenes nord- amerikanische Fnsellabhrinth, eine Vermutung, die uns die aus dem Norden des Uobeson-Uanals kommenden und nach Süden treibenden Eis¬ massen mit dem mitgebrachten asiatischen Treibholz und mit Hinsicht auf eine zur Fram-Bahn gezogene parallele vollkommen bestätigen. Auch hier ist ohne weiteres der Untergang eines solchen sestsitzcnden Schiffes sicher zu erwarten, welches Los ja tatsächlich schon so viele tras, die sich beispielsweise nur in den Smith-Sund gewagt hatten, welches Lis seinen 6* 84 Ursprung Ivie schon einmal gesagt, im Uorden des Robcson-Ranales hat und die Eismassen anderer Gebiete zufolge der Anstauung an Mächtigkeit weit übertrifft. An solchen Stellen ist das große Werk des Menschen doch noch den Elementen unterworfen nnd mit dem haben wir hier in dem Unbekannten noch sehr zu rechnen. Daß die Fram so heil nach Hause kam, ist ja nur dem Glück zuzuschreiben, daß ihre Lahn zufälligerweise frei von Hindernissen war. Und trotzdem finden wir im Berichte von Nausen Stellen, aus denen ersichtlich ist, daß er, obwohl er sonst ein ungeheueres vertrauen zum Schiffe hegte, des Zusammenbruches ge¬ wärtig war; so ließ er beispielsweise am lO. Zanuar 1894 nach den Pressungen das Notwendigste vom Schiff holen und ins Freie setzen, indem er schon an den Untergang des letzteren gedacht hatte. Hätte nicht jede Beschreibung der Geschichte arktischer Forschung deutlich gelehrt, daß mittelst Schiff den Nordpol zu erreichen ein aufs höchste Spiel gesetztes Unternehmen sei, so wäre ganz gewiß Andree auch nicht auf den kühnen Gedanken gekommen, den versuch zu wagen, mittelst Ballon den dichten Schleier des Nordpols zu lüften. Zhm ge¬ bührt somit das Verdienst, auf ein notwendiges Aufsuchcn anderer Möglichkeiten aufmerksam gemacht zu haben. Und auch tatsächlig wurden schon eine Reihe Theorien und pro- jekte aufgestellt, alle jedoch erwiesen sich von diesen oder jenen Nach¬ teilen begleitet und mußten wieder^verworfen werden. — Dies alles war es, was meine vollste Aufmerksamkeit auf sich zog! — Eine jahrelange sorgfä Iti g e Prüfung und Überlegung hat mich schließlich auf den wahrlich schönen Gedanken verwiesen, Äa55 nieftt im zonclem auf aem kise tteibena man heute am sichersten und bequemsten in die höchsten Breiten kommen könne. Schon sehr viel habe ich darüber nachgedacht, aber je mehr ich nachgrübele und die arktischen Fragen studiere, desto mehr rede ich mir ein, daß durch eine Schollenfahrt, wenn diese Benennung hier richtig angebracht erscheinen soll, es am sichersten gelingen würde, den Nordpol zu bezwingen und ihm durch sorgfältige Beobachtungen seine Geheim¬ nisse zu entreißen? wie ist das nun aufzufassen? Mancher Leser dürfte an die zahlreichen Schollenfahrten denken, wie die von Rane, die der Polaris-Männer, Hansa-Männer und noch viele anderer und so mancher dürfte in diesem Momente meinen früher aus- 85 gesprochenen Gedanken mit dein letzteren vergleichen, trotzdem ist eigentlich meine Theorie wesentlich verschieden von der Praxis der genannten Schollen- sahrten. Diese waren unfreiwillige unvorbereitete Fahrten und bei meiner Theorie muß^eben eine darnach vorznbercitende, freiwillige Fahrt vorausgesetzt werden, wenn aber jene unvorbereiteten 6-, 7° oder sogar 9-monatliche Schollcnfahrten, stets zwischen Eisbergen und angehäuften Eismassen oder aber ringsherum von eisfressenden Wogen des Meeres umgeben, hie und da bekanntlich noch auf ganz minimalen Schollen, immer glücklichen Verlauf hatten, so wirb es doch wohl auch möglich sein, nach einer sorgfältigen Prüfung mit einer hierfür be¬ stimmten und ausgewühlten Ausrüstung die hier in Frage stehende Fahrt auszuführen, zumal ja in dem eigentlichen Polarbecken dazu viel günstigere Eisverhältnisse aufzuweisen sind. Pier giebt es bekanntlich keine Eisberge, ein Schrecken für den Schollenfahrer; hier giebt cs keine minimale Schollen, da ja die Oberfläche fast ausschließlich eine große mehr oder weniger zusammenhängende Eiswüste bildet. Der ein¬ zige scheinbar nicht zu umgehende Feind für den Schollenfahrer über das Polargebiet, der in Frage käme, wäre bei stattfindenden Eis¬ pressungen das etwaige Bersten, Spalten oder Auftauen des Eises. Doch auch diese Gefahr kann nach meiner Ansicht durch eigenartige Floß- unterläge der Ansiedlung ziemlich gemindert, ich möchte sagen, fast ganz beseitigt werden! Betrachten wir nun die Vorteile, die einein derart durchgeführten Projekt erwachsen würden: 1. vor allem käme dadurch jenes G egenstro marb eiten, von dem ich schon oben sprach, ganz und gar in Wegfall. Eine solche Expedition würde somit in ihrem Fortkommen enorm begünstigt werden, welchen Vorteiles sich bekanntlich bis heute nur erst die „Fram" erfreuen konnte. 2. Die mächtiger! Eispressungen, Eisq uetfch ungen und Verschiebungen würden vermieden werden, was ja bekannt¬ lich schon sür so manches Schiff wie beispielsweise pansa, Tegetthoff, Jeannette u. a. den Untergang bedeutet hat, und welche die „Fram" so oft zu zerdrücken drohten. 3. Die örtliche Ungebundenheit. Was kann überhaupt einem Forscher größere Dienste leisten, besonders in jenen Regionen, als der Umstand, daß er sich in seiner Umgebung frei bewegen kann, ohne seine Habe einbüssen zu müssen? — Hat er ein Schiff wie Uansen, 86 so Kami cr das nicht, denn ist er einmal vom Eise umschlossen und fest, geklemmt worden, dann must cr notwendigerweise so lange in den eisigen Klauen verharren, bis es der gütigen Natur selbst beliebt, ibn wieder nach langer Zeit freien Fustes laufen zu lassen — aber wo — und unter der Voraussetzung, dast dem Schiff das Eis auf einer solchen Keife überhaupt nichts anhaben konnte. Die Möglichkeit, ohne irgend welchen Schaden oder Verlust Lagen- Veränderungen vorzunehmen, liegt jedoch nur in dieser Theorie, wenn auch unter der Voraussetzung einer schweren, doch schnell zu handha¬ benden, leicht zerlegbaren und bequem transportablen Ausrüstung. Ein Vorteil, der bis heute noch Niemandem dargeboten war. Fch will hervorheben, dast besonders der konstruktive Teil hiebei nach den neuesten technischen Errungenschaften berechnet und entworfen sein müstte, was ja leicht möglich ist. Die Lösung dieser gröstten Probleme beruht nach meiner Ansicht nicht nur aus einer richtigen Auffassung der natürlichen Beschaffenheit der zu sichtenden Gegend, sowie auch an den gut angepastten, sorgfältig geprüften Mitteln zum Zweck. Und das ist mit Pilse der modernen Technik möglich! 4. Ein nicht minder wichtiger Vorteil, als die schon besprochenen ist auch der, dast die Beobachtungen in vollster Ruhe und regelmästig aus ausgedehntem Felde in den höchsten Breiten ausgesührt werden können. Das ist um so maßgebender, da bei den mühevollen langen Schlittenfahrten infolge der sehr Knappen Munition, ferner wegen der sich stets nach und nach mehrenden Existenzsorgen und infolge der fortwährenden unruhigen Märsche die Beobachtungen und Messungen unterbleiben mußten oder nur flüchtiger und vorübergehender Natur sein konnten. Daher kommt es, dast wir speziell aus diesen Gebieten nur spärliche Daten und Auf¬ zeichnungen besitzen, trotzdem durch solche, wie schon gesagt, so manche Frage beantwortet werden könnte. prüft man nun diese Theorie, wie man will, alles spricht deutlich nur dafür und ich hoffe, dast von mancher Seite mir hierüber volle Billigung zu Teil werden wird, trotzdem ich auch Kritiken gern ent- gegennchme, durch welche der Kern der Frage nur deutlicher hervortreten könnte. Also kein Schiff, welches sich nur in geringer weise für solche Forschungsreisen eignet — was genügend bekannt ist — keine mühe- vollen Schlittenfahrten nach dem Nordpol, da hierbei doch stets die 87 Eristcnzsorgen in Frage kommen und außerdem dem Zwecke nur sehr geringe entsprochen werden kann! Eine einfache entsprechend ausgerüstete Hütte, aus dem Polareise erbaut würde, den Anforderungen vollkommen genügen, sie würde eine Beobachtungsstation, ans einem Flosse aufgebaut und auch nur mit dem Polareise langsam nachNorden wandernd darstellen und jene großen bisherigen Widerstände, nämlich die Existenz¬ sorgen, Rälte, Gegenstromarbeiten, Eispressungen und noch vieles Andere wäre ganz und gar überwundener Standpunkt! 6. Folgerung. Das vorstehend gesagte ist, glaube ich, Grund genug um zum Entwürfe eines hieraus basierten Projektes zu schreiten — hoffentlich gelingt es mir, dieses durch Unterstützung einsichtsvoller Männer zur Durchführung zu bringen. Nein Plan ist in Uürze folgender: Nit einer mit best ausgewühltem Proviant und Feuerungsma- teriale und andern Ausrüstungsgegenständen hinreichend versehenen solcher: Hütte gedenke ich mich in dem äußersten Osten, etwa nördlich von der Bering-Strasse an geeigneter Stelle am Polareis niederzulasscn, da von dort, Ivie die Betrachtung ergiebt, die Trift warscheinlich schnurr¬ gerade nach Norden geht. Um den Proviant, ferner die entsprechend konstruierte Hütte, die zur Behausung dienen würde, die Instrumente und Anderes auch ganz sicher zu erhalten, erachte ich es für zweck¬ mäßig, alles auf dem Eise in ganz bestimmten Entfernungen zu ver¬ teilen und auf Holzflößen aus Brettern und Balken geeignet zusammen- gefügt, niederzulegen, wodurch, sollte dann das Eis gerade unter einer solchen Ansbewahrungstelle brechen, bersten oder austauen, sehr wohl vermieden würde, daß überhaupt etwas von der Ausrüstung sinke. Staut sich dagegen das Eis übereinander, so würde das Floß aus der betreffenden Stelle lediglich nur gehoben werden. Da die Reise aber eine langandauernde werden würde, so ist es zweckmäßig, die ganze Ausrüstung mindestens aus vier Zahre zu be- rechnen; das Polareis braucht, wie schon oben gesagt, über drei Zahre bevor es von der Ostseite aus die entgegengesetzte gelangt. 88 Aartcnskizzc zum Projekt d. löng. Lupsa. Erkläruug: Srmze des Packeises. Richtung der polarströmnng. -- Richtung der projektierten Forschungsreise. Auch möchte ich eiu größeres Segelboot bei etwaigen größeren Wasseroberflächen in Anwendung bringen, welches derart gebaut werden müßte, daß der im Wasser befindliche oder im Eise sestsitzende Teil eine compakte aber leicht zerlegbare polzmasse bilde, nämlich aus zusammen- geschraubten Balken einer polzart von geringem spezifischen Gewicht, 89 weil dadurch die Tragfähigkeit vermehrt wird. Da dieser untere Teil sich somit nie mit Wasser füllen kann, so ist das Boot so aut wie unsinkbar. Daß dieser Teil vom Eise zerdrückt werden könnte, ist eben- falls ausgeschlossen. Dies liegt eben daran, daß man bei jedem anderen auf See fahrenden Schiff den inneren Raum für Maschinen oder Ladung oder sonst etwas beansprucht, was hier nicht der Fall wäre, daher kann ich auch behaupten, es dürfte kein Seeschiff stärker zu machen sein, als ein solches. Aus einer Berechnung, die ich zu diesem Zweck vorgenommenr ergab sich beispielsweise, daß ein solches Segelboot von etwa 8 5 Meter Länge, 2 8 Meter Breite und 2 6 Meter Höhe, wobei 1'8 Meter hoher Teil ans compakter Holzmasse besteht, eine Tragfähigkeit von etwa 13 bis 15 Tonnen besitzen könnte. Bei einer anderen Berechnung, jedoch unter anderen Voraussetzungen bezüglich der Bolzart ergab sich die Tragfähigkeit zu 16 bis 18 Tonnen. Sc mehr Wasser hiebei die com- pakte Holzmassc verdrängt, und, wie schon gesagt, je geringer das spe¬ zifische Gewicht derselben ist, desto größer isi die Tragfähigkeit des Fahr¬ zeuges. Auf Grund der sehr leicht begreiflichen Vorteile kann daher ein solches Fahrzeug den Forschungsreisenden zwischen Eisfeldern bestens anempfohlen werden, ganz gleichgültig, welche Gebiete des Eismeeres sie für ihr Operationsfeld wählen! Besondere Aufmerksamkeit beanspruchen bei diesen: Projekt die Hütte, Flöße, Verpackungskisten u. f. w., welche alle schnell „zerlegbar und wieder ebenso rasch zusammenstellbar und bequem transportabel sein müssen. Dadurch würde man gewissermaßen im Stande fein, sich auch vor etwaigen unvorhergesehenen Gefahren, auf die inan ja immerhin gefaßt fein muß, ziemlich unabhängig zu halten. Die Erfahrung lehrt, daß es ferner vorteilhaft ist, an solchen Forschungsreisen nur wenig Mannschaften teilnehmcn zu lassen, da cs sich zur Genüge herausstellte, daß die Hunde in gewißen: Sinne die besten Dienste leisten; außerdem können diese in äußerster Not ge- schlachtet werden. Meines Erachtens genügen vollständig vier tatkräftige Männer, hingegen soll sich die Hundczahl mindestens auf 25 belaufen. Junge Männer, welche in: Besitze vollster Manneskraft sind, ertragen die Strapazen der arktischen Reisen am besten. Hierbei ist natürlich weniger die Muskelkraft und Stärke der Leistung, als Ausdauer, Scharfblick, Mut und Entschlossenheit ins Auge zu fassen. 90 Fnfolge der Bequemlichkeit, die auch der Aufenthalt in einer solchen Behausung verspricht, werden wir uns in dieser ebenso sicher fühlen, wie auf deni stärksten Fahrzeuge und ebenso gut über das ganze polargcbiet kommen, wie seinerzeit die „Fram". Dort angclangt würde der Unterschied darin bestehen, daß nur unsere Bütte verlassen und in dem starken Segelboot durch das Treibeis nach Süden in den nächsten Basen aber mittelst Schlitten einen solchen auf¬ suchen könnten. was ferner den langen Aufenthalt in den eisigen Gebieten be¬ trifft, so würde und könnte er wohl nur mit Freude begrüßt werden, denn nicht bequemer kann das Erreichen der unwirtlichen Teile unserer Erde stattsinden, wie auf diese weise, wir würden in dem noch Un¬ bekannten und unerforschten Gebiete so viele Beobachtungen sammeln als irgend möglich und je länger der Aufenthalt dort uns bcschieden wäre. Uber die Bequemlichkeit seiner Reise schreibt Nansen am 4. Fanuar 1894: „Die Borbereitungen für die Expedition haben mich mehrere kost¬ bare Fahre meines Lebens gekostet, aber jetzt beklage ich sie nicht: mein Zweck ist erreicht. Auf dein Treibeise führen wir ein Winterleben, das nicht nur in jeder Beziehung besser ist als das früherer Expeditionen, sondern tatsächlich, als ob wir ein kleines Stück von Norwegen, von Europa mitgcbracht hätten. Es geht uns hier ebenso gut, als wenn wir zu Bause wären. Alle zusammen in einer Uajüte, wo alles ge¬ meinsam ist, bilden wir einen kleinen Teil des Vaterlandes, und wir schließen uns täglich inniger und fester zusammen." Ein anderes Mal schreibt er wieder: „Fch lese von den unend¬ lichen Leiden, die frühere Polarforscher auf jedem Grade, ja auf jeder Minute ihres nördlichen Nurses auszustehen gehabt haben; es erweckt innerlich beinahe das Gefühl der Verachtung für uns, die wir hier warm und behaglich auf dem Sopha liegen und unsere Zeit nut Lesen und Schreiben, Rauchen und Träumen verbringen, während der Sturm über uns die Tackelung rüttelt und schüttelt und das ganze Meer ein einziges Schneetreiben ist, durch welches wir Grad für Grad nordwärts geführt werden, dein Ziele entgegen, dem auch unsere Vorgänger, ihre Nräftc vergebens vergeudend, entgegengeftrebt haben." Schließlich mögen der Übersicht halber die Resultate meiner Untersuchung arktischer Forschungsreisen zusammengestellt genannt werden, auf die sich das allgemeine Wohl einer solchen Expedition stützt. Solche wären: 91 1. Eine gute, nahrhafte und unverdorbene Nahrung, wo¬ durch einzig und allein jene gefürchtete Nranlcheit, nämlich Scorbut, und andere ähnliche krankhafte Anfälle, denen die Forscher anhcim- fielen, vollständig unterdrückt werden können. 2. Eine entsprechend warme, des Öfteren zu wechselnde NIcidung, wodurch gewissermassen auch körperliche Frische erhalten wird. 3. Eine vorzügliche Behausung, welche nicht nur warm und stets gut ventiliert, sondern auch genügend fest und widerstandsfähig fein müßte. Dadurch kann ein gewisses Maß der Bequemlichkeit und Behaglichkeit erzielt werden. 4. Erhaltung der geistigen Frische durch geeignete abwechselnde Beschäftigung, sei cs im Spiel oder in der Arbeit, und ein gewisses Maß der Bewegung im Freien (wie auf der Fagd, beim Wett¬ rennen n. s. w.). Wird diesen vier Anforderungen in jeder Hinsicht genügend ent¬ sprochen, dann wird sich der Forscher auch in den unwirtlichsten Ge¬ genden unseres Planeten befriedigt fühlen. Das sind also vier Dinge, wovon Gesundheit, Leben und Erfolg abhängen. Und aus Grund aller dieser Erwägungen glaube ich mich fast verbürgen zu können, daß ein solches Unternehmen ganz sicher ge¬ lingen würde und ein jeder der Beteiligten würde mit Nansens Worten, die er am 9. März 1894 hoch oben in der Arktis geschrieben, sagen können: „Ich lache über den Scorbut! Nein besseres Sanatorium als das unserige. — üch lache über die Macht des Eises; wir leben wie in einer uneinnehmbaren Burg. — Och lache über die Nälte; sie ist nichts!" — 7. Schlußworte. Laß ihn, der Sturm und Gefahren scheut, Wie täglich der Pol sie beschert, Sich gern der behaglichen Nuh' crsreut Und weilt am häuslichen Herd! Wir lassen nicht nach, wir besegeln den Schlund Ob einst er uns decke, mit Mut! Ohr ruhet nicht sanfter im Erdengrund Wie wir in der eisigen Flut! — Inhaltsverzeichnis. Seite Vorwort. 3 Einleitung. . 5 I. Lapitel. Historischer Rückblick: Forschungen bis zum XIX. Jahrhundert. 12 XIX. Jahrhundert: a) Erste Forschungsperiode. 16 -) Zweite Forschungsperiode: Franklin und die Franklinsucher. 21 c) Dritte Forschungsperiode: Dr. Hahes; Nap. L. F. Hall; Nares und Stephenson; Nordenskjöld; Nansen. 30 Deutsche Nordfahrten .. . . 34 Die österreichisch-ungarischen Nordpolarforschungsreisen . 38 Auffindung der nordöstlichen Durchfahrt; Forschungsreisen im sibirischen Eismeer; cirkumpolare Beobachtungsstationen. 43 al) vierte Forschungsperiode: Nansen... 47 Andree. 51 Die letzten Unternehmungen. 58 II. Lapitel. Frage der modernen No rd p o l arf o rsch nng: 1. Die Gefahren. 61 2. Lücken der Polarforschung. 68 3. Luftballon, Unterseeboot und die drahtlose Telegraphie in der Nordpolar¬ forschung . 72 4. tvo ist der sicherste weg zum Nordpol?. 77 5. polarströmuug als Basis für die polarsorschung. 82 6. Folgerung . . . . 87 7. Schlußworte. - 91