Stojan Bračič Ljubljana CDU 801.56-07 ZUM BEGRIFF DER KOMMUNIKATIVEN FUNKTION IN DER LINGVISTIK In diesem Artikel soll der Funktionsbegriff in der Lin:guistik diskutiert werden, insbesondere der Begriff der kotnmunikativen Funktion. Es geht · nur um eine allge- meine Behandlung von Charakteristiken des Begriffs kommunikative Funktion. Am Anfang wird eine Rdhe bekannter und doch recht unterschiedlicher Bedeutungsin- terpretationert des Funktionsbegriffs in der Linguistik u'bersichtlich angefiihrt. Das zweite Unterkapitel versucht es, sich mit verschiedenen Gesichtspunkteri der nach Wilhelm SCHMIDT definierten kommunikativen Funktion auseinanderzusetzen: u. a. mii ihrer Verwurzelung in der funktional~korrimunikativen Sprachbesc4reibung, mit dem Unterscheiden von kommunikativen Funktionen auf verschiedenen Ebe- nen (kommunikative Funktion des Textes, kommunikative Funktion der Aus- drucksmittel, kommunikative Funktion der Sprache bzw. des Sprachsystems), fer- nei: zieht es eine hypothetisch a.nnehmbare rezeptive Komponente der kommunikati- ven Funktion heran und macht schlieBlich den Versuch einer Distinktion zwischen direkter (unmittelbarer) u~d indirekter (mittelbarer) Auspragung einzelner kommu- nikativer Funktionert. Es wird auch auf die Funktion verwiesen, die der Text fiir den Rezipienten hat. Der AbschluB Qringt zusammenfassend die wesentlichen Erkennt- nisse dieses Beitrags. 1. ZUR PROBLEMATISIERUNG DES BEGRIFFS FUNKTION IN DER LINGUISTIK Die Verwendung des Funktionsbegriffs ist in der Linguistik problematisch inso- fern, als er von verschiedenen Autoren in unterschiedlichen Zussamehhangen ge- braucht wird, was zu divergierenden Interpretationen der Begriffsbedeutung fiihrt. Das ist u. a. auch Gegeristand derBeitrage von W. SCHMIDT (1982) und G. HEL- BIG (1968). Nach SCHMIDT (1982, passim) laBt sich in Obereinstimmung mit den Worterbucherklarungen des Funktionsbegriffs (Funktion sei gleich l. Aufgabe ... , 2. gesetzmaBige Abhangigkeit. .. , WbG 2, 1967, S. 1424)dieVerwendung des Funk- tionsbegriffs bei verschiedenen Linguisten und linguistischen Schulen in den folgen- den Umrissen verfolgen: 1. Fiir die Kopenhagener Schule ist die Funktion die wechselseitige inn:ere Ab-' hangigkeit, Dependenz zwischen zwei .Funktiven ... als deri Schnittpunkten wechsel- seitiger Beziehungen innerhalb des Sprachsystems. · 2. Fiir die generative Transformationsgrammatik sind Funktionen Relationen zwischen Paaren syntaktischer Kategorien in der Tiefenstruktur. 23 3. Amerikanische Deskriptivisten verstehen unter Funktionen die Positionen, in denen eine Form vorkommt. 4. Viele sprachwissenschaftliche Schulen fassen die Funktion als Aufgabe auf, als Leistung einer sprachlichen Erscheinung (sei es einzelner Sprachelemente oder des sprachlichen Systems, sei es einer AuBerung oder der Sprachtatigkeit iiberhaupt). 5. Die funktional ausgerichtete Prager Schule.unterscheidet zwischen.2 Sprach- funktionen: zwischen kommunkativer und mentaler (diese entspricht im wesentli- chen der traditionellen kognitiven Funktion). Die Prager Schule beachtet somit ne- ben der "langue" auch die Ebene der "parole" und spricht auch iiber Funktionen einzelner Sprachmittel. 6. Von der sowjetischen Sprachwissenschaft wird der Funktionsbegriff manch- mal mit lnhalt bzw. Bedeutung gleichgesetzt und somit den Kategorien Form und Struktur gegeniibergestellt. 7. Gerhard HELBIG hebt den Untershied zwischen verschiedenen Funktionse- benen hervor und definiert die Funktion, wie folgt: "Unter Funktion verstehen wir folglich samtliche Ebenen zwischen der Sprachstruktur und der Wirklichkeit, unter Inhalt (als Spezialfall der Funktion) nur die designative Funktion" (1968, S. 283). 8. Die Textlinguistik unterscheidet allein auf der Textebene eine groBe Anzahl von Textfunktionen. 9. KAINZ kennt eine dialogische (intersubjektive) Funktion und eine monolo- gische (intrasubjektive) Funktion der Sprache. Im Verhaltnis zu den traditionellen Sprachfunktionen - der kognitiven und kommunikativen Funktion - sei nicht nur die monologische, sondern mitunter auch die dialogische Funktion kognitiv (Fach- diskussionen u. a. m.). 10. HARTUNG erortert vier Grundfunktionen ·der Kommunikation, die gene- rell Funktionen der auBeren Sprachtatigkeit erfassen: - kommunikative Funktion (im traditionellen Sihne) - Funktion als Trager der theoretisch-erkennenden Tatigkeit der Menschen (deckt sich aber nur zu einem Teil mit der traditionellen kognitiven Funktion) - phatische oder Kontaktfunktion - Entlastung oder Stabilisierung des 'psychischen Haushaltes' des Sprechers (1976, s. 302). Damit sind freilich nicht alle Varianten der Funktionsdeutungen in der Lingui- stik erschOpft, eine vollstandige Obersicht konnte in diesem Rahmen nicht ange- strebt werden. 24 Offenbar muJ3 von Fall zu Fall gesondert bestimmt werden, worauf der Funk- tionsbegriff iiberhaupt Bezug nimmt. Dabei ist in den folgenden Fallen die Moglich- keit gegeben, iiber die Funktion zu reden: a) bei einzelnen Spracherscheinungen bzw. -formen (-elementen) als Bestandtei- len des sprachlichen Systems; b) bei der Sprache als dem Inbegriff fiir das Sprachsystem; c) bei der Kommunikation (dem Kommunikationsereignis) als dem wechselsei- tigen (intersubjektiven) InteraktionsprozeJ3 zwischen mehreren Subjekten, die sich zum Zweck des Kommunizierens des Sprachsystems bedienen; d) beim Text als der resultativen Erscheinungskomponente des Kommunika- tionsprozesses. 2. ZUR DEFINITION DES BEGRIFFES DER KOMMUNIKA TIVEN FUNKTION Nach den Prinzipien der funktionalen Grammatik wurde die Funktion zunacht mit Bedeutung gleichgesetzt, spater aber als intendierter und meist auch erreichter kommunikativer Effekt definiert. Der funktional-kommunikativen Sprachbeschrei- bung (SCHMIDT 1981) liegt ein komplizierter, jedoch real existierender Mechanis- mus von Beziehungen zwischen sprachlichem System und sprachlicher Tatigkeit zu- grunde, wobei die Grundforderung die ist, "daJ3 die funktional-kommunikative Sprachbeschreibung die Dialektik von sprachlich-kommunikativer Tatigkeit und Sprachsystem gibt ... " (SCHMIDT 1982 a, S. 4). Sprachliche Kommunikation ist dabei verstanden als eine spezifische Art der menschlichen Tatigkeit, die aus kleine- ren, elementareren konstitutiven Einheiten - Handlungen und Operationen - be- steht. Die Sprache bzw. das Sprachsystem ist Mittel, Instrument dieser Kommunika- tion, das Ergebnis und Voraussetzung der sprachlichen Tatigkeit zugleich (SCHMIDT 1982, 16), denn "Das Sein und das Werden einer Sprache ist durch die kommunikative Tatigkeit bedingt" (LANGNER 1982, S. 214). Da fiir menschliche Tatigkeit jeder Art ein mehr oder weniger konstantes Verhaltnis von objektiven Ge- gebenheiten (Anforderungen, Aufgaben, Anregungen), subjektivem Wollen (Moti- vation, Absicht), von der Zielgerichtetheit der Tatigkeit und von der Art und Weise der Durchfiihrung des Geplanten (im Rahmen gewisser Bedingungen) eine Rolle spielt, ist dasselbe Relationsgefiige auch fiir die zwischenmenschliche Kommunika- tion als einer besonderen Art geistiger Tatigkeit anzunehmen. Von einer solchen ge- genseitigen Abhangigkeit verschiedener Parameter geht unter besonderer Beriick- sichtigung der intentionalen Komponente auch die SCHMIDTsche Definition der kommunikativen Funktion aus: "Die Zielgerichtetheit von Tatigkeiten und ihrer konkreten Realisationen, nam- lich der Handlungen mit ihren Operationen, und zugleich die Zweckbestimmt- heit der Instrumente/Mittel von Tatigkeiten, Handlungen und Operationen nennen wir ihre Funktion" (SCHMIDT 1982, S. 15 f.). 25 Da es dabei um die kommunikative Tatigkeit geht und um die Sprache als Mittel/Instrument dieser Tatigkeit, wird die Funktion eben als kommunikative Funktion bezeichnet. Wir sehen, daB diese Definition zwei grundlegende Ebenen der kommunikati- ven Funktion beriihrt: einmal tritt in den Vordergrund die Tatigkeit,. also Operatio- nen, der KommunikationsprozeB bzw. der Text als dessen Resultat, zum · anderen die sprachlichen Mittel als Instrument der Tatigkeit. Im ersten Fall wird das Endziel einer kommunikativen Tatigkeit erfragt, das sog. Oberziel der Sprachhandlung (DIMTER 1981, S. 65), so daB kommunikative Funktion eines Resultats kommuni- kativer Tatigkeit (bzw. eines Textes) gewissermaBen die in dieser kommunikativen Tatigkeit enkodierte kommunikative Absicht ist. Oder mit Worten von DIMTER: "Die Funktion ... eines Textes ist, einem Sprecher zur Erreichung eines oder mehre- rer Ziele zu dienen" (1981, S.'85}. Im zweiten Fall haben wir es mit der Zweckbestimmtheit der Verwendung von sprachlichen Mitteln zu tun (nach DIMTER ebd., S. 65, "instrumentales Ziel"). Die- se Zweckbestimmtheit der Verwendung von sprachlichen Mitteln ist antizipiert im Endziel des gesamten Kommunikationprozesses, ist ja die Realisierung dieses End- ziels eines Kommunikationsereignisses durch einen zweckbestimmten Ausdrucks- mitteleinsatz bedingt. Der Zielbegriff ist nach SCHMIDT (1982, S. 15) folglich in Zusammenhang zu bringen mit der gesamten Sprachtatigkeit, mit dem Kommunika- tionsprozeB, dem Text als dessen Ergebnis, ungeachtet der fiir die Realisierung die- ses Kommunikationsprozesses gewahlten Ausdrucksmittel, wahrend der Zweck nach SCHMIDT (ebd.) konsequent mit dem strategischen (operationellen) Gesichts- punkt der Realisierung des Kommunikationsprozesses einhergeht. In Anlehnung an HANNAPPEL/MELENK (1979), die nach Worten MI- CHELS "klar zwischen Ziel und Weg. bzw. Ziel und Mittel unterscheiden" (MI- CHEL 1983, S. 469), konnte nach unserem Dafiirhalten eine strenge Unterschei- dung zwischen dem Zielcharakter der kommunikativen Funktion von kommunikati~ ven Handlungen und dem Zweckcharakter der kommunikativen Funktion von Aus- drucksmitteln dahingehend relativiert werden, als genau genommen auch der Zielge- richtetheit v.on Tatigkeiten, Handlungen und Operationen i. w. S. ein allgemeiner Instrumentalcharakter . zuzuschreiben ist, denn Handlungen sind letzten Endes nichts anderes als Wege (Mittel), die im Rahmen einer iibergeordneten Tatigkeit (z. B. Kunst, Journalistik) zu gewissen Zielen fiihren. 1 Den neusten Studien iiber die kommunikative Funktion zufolge (u. a. MICHEL 1986, HEUSINGER 1987, HEUSINGER l 987a) kann der urspriingliche SCHMIDT- sche Funktionsbegriff mit Definitionscharakter erweitert werden. So wird rieuer- dings im Zussamenhang mit dem Text von seiner Zweckbestimmtheit gesprochen in 1 Das Ziel der Handlung konnte sorriit u. U. erst die (erwiinschte) Reaktion des Kommunikationspart- ners (im Sinne von Perlokution) sein. 26 der Relation "Ziel - Bedingungen - Mittei - Zweck" (MICHEL a.a.O., S. 67), vor allem unter den Aspekten: Welches Ziel unter welchen Bedingungen (z. B. Be- dingungen der iibergeordneten Tiitigkeit) soll mit der AuBerung erreicht werden? WelcheAbsicht verfolgt der Autor mit seinem Text? WelchemZweck dient der Text - aus der Sicht des Sprechers/Schreibers (im weiteren S/S) - im Rahmen einer spezifischen Tiitigkeit des S/S (z. B. der Jouinalistik)? Angesichts der oben iibernommenen Definition der kommunikativen Funktion nach SCHMIDT (s. oben) driingen sich u. E zwei weiterfiihrende Gedanken hy- pothetischer Natur auf, und zwar hinsichtlich der Existenz einer rezeptiven Kompo- nente im Begriff det kommunikativen Funktion sowie hinsichtlich der Mittelbarkeit (indirekter Auspriigung) bzw. Unmittelbarkeit (direkter Auspriigung) von kommu- nikativen Funktionen. Bei aller Genauigkeit und Adiiquatheit der oberi erwiihnten und ansonsten akzeptierten SCHMIDTschen Definition der kommunikativen Funk- tion scheint uns ihre Zukunftsbezogenheit, ihre "Zielgerichtetheit"2 bzw. ihre "Zweckbestimmtheit"3 jedoch zu einseitig betont. Nach unserer Meinung miiBte man im KommunikationsprozeB noch einer weiteren Komponente Rechnung tra- gen, denn der KommunikationsprozeB als im Prinzip vorprogrammierte Handlung, zugleich aber auch die Verwendung einzelner Ausdrucksmittel im Rahmen gewisser Operationen vermogen es, beim Empfiinger zusiitzliche und unvorhergesehene kom- munikative Nebeneffekte4 herzvorzurufen. Die Folge ist, daB das erwiinschte und vorprogrammierte Ziel bzw. die kommunikative Absicht5 einerseits und das erreich- te (erwiinschte oder unerwiinschte) Ziel bzw. Resultat bzw. die Wirkung auf den Adressaten andererseits sich nicht · imme:t giinzlich decken miissen, weil der Autor nicht in der Lage sein kann, die Wirkung der verwendeten Mittel vollig voraussehen und ihre potentiellen komplexen Moglichkeiten erfasseii zu konnen. 6 Man muB un- terscheiden zwischen der kodierten Textfunktion (S/S) und der Funktion des Textes fiir den Rezipienten. Die kodierte Funktion (Textfunktion) wird in der Regel vom Rezipienten - wenn auch nicht ganzlich im Hinblick · auf anteilige Mittel - deko- diert. In der Tat konnen (was hiiufig der Fall ist) beabsichtigte und realisierte Wir- kung auseinanderfallen. Jede kommunikative Situationisteine einmalige und prak- tisch unwiederholbare Kombination verschiedener Faktoren und Bedingungen .mit auch unerwarteten, zufiilligen, iiberraschenden Nachwirkungen. Es stimmt zwar, 2 "Ziel wird ... verstanden als gedanklich vorweggenommener zukiinftiger Zustand bzw. relativer End- punkt einer Entwicklung, der aus eineni. Feld objektiver Mčiglichkeiten vom Menschen auf Grund ei- ner Entscheidung bewul3t ausgewiihlt ... und festgelegt ... wird und nur durch akti ves Handeln der Menschen verwirklicht werden kann" (SCHMIDT 1982, S. 15). 3 "Der Zweck ... ist an die Absicht des Menschen gebunden, bestimmte Mittel einzusetzen bzw. be- stimmte Handlungen auszufiihren, die der Erreichung seiner Ziele dienen ... Der Zweck bestimmt sich ... als das Ziel, um dessentwillen ein bestimmter Gegenstand gebraticht oder eine bestimmte Handlung ausgefiihrt wird" (ebd.). (Beide Definitionen in Ubereinstimmung mit dem Philosophi- schen Wčirterbuch 1976.) 4 S. auch Genaueres dariiber weiter unten. 5 "Die Kommunikationsabsicht ist durch das Handlungsziel bestimmt, das mit der Kommunikations- aufgabe gegeben ist; sie ist das durch den Textproduzenten (subjektiv) angeeignete Kommunikations- ziel." (SCHMIDT 1982, S. 16). 6 Vgl. Anm. 11. 27 daB die meisten dieser Kombinationen (gegenseitiger Einwirkungen) gesellschaftlich konventionalisiert und gefestigt und somit normiert sind, allerdings sollten auch Abweichungen vom Konzipierten, solite auch Unerwartetes als Komponente der kommunikativen Funktion von Kommunikationsprozessen bzw. von Ausdrucks- mitteln beachtet werden. Wenn wir die Kommunikation als tatigkeitsbezogene In- teraktion auffassen, so ist der Begriff der Absicht eigentlich als erstes Element, als Einleitepol eines ambivalenten, dialektischen Spannungsgefiiges "Absicht- Wirkung" zu betrachten. Dabei ist - wie oben ausgefiihrt - eine Obereinstimmung oder Nichtiibereinstimmung beider Bestandteile (entgegengesetzter Pole) moglich, und dies fiihrt zu verschiedenen Konsequenzen (s. unten). Bine Teilwirking des Tex- tes7 oder der Ausdrucksmittel muB also nicht unbedingt mit der Ausgangsabsicht iibereinstimmen und kann sich u. U. einer bewuBten Kontrolle entziehen. Der Ef- fekt kann der Absicht mitunter sogar vorgreifen, wenn es sich um eine ausdriicklich spontane Ausdrucksweise handelt. Manches wirkt dagegen aufgrund der gegenseiti- gen Einwirkungen verschiedener Faktoren unbewuBt erst spater nach, und das ist manchmal nur schwer vorauszusehen. Eben diese unvorhergesehenen Auswirkun- gen in der geplanten Kommunikation als einer Ganzheit sowie beim Gebrauch ein- zelner Ausdrucksmittel zur Realisation des Kommunikationsprozesses - wir be- zeichnen das mit dem Begriff resultative (rezeptive) Komponente der kommunikati- ven Funktion - sind u. E. eine der Triebkrafte der funktionsmaBigen Entfaltung des Sprachsystems und der Vervollstandigung der sprachlichen Kommtmikation. Kame es nicht zu diesen spontanen, auf inneren GesetzmaBigkeiten beruherrden Ver- schiebungen, so fiihrte das Stereotype an der Kommunikation zur Monotonie und Einengung der Ausdrucksmoglichkeiten. Aufgabe des Linguisten ist es, diese Veran- derungen zu beobachten, sie zu registrieren, systematisieren und ihnen nach Bedarf das bestehende Sprachsystem anzupassen sowie die Veranderungen als Folgen eines automatisch verlaufenden Mechanismus auch anders allseitig zu bearbeiten. Somit beriihren wir auch schon eine zweite, damit verwandte, jedoch nicht auch identische Frage, und zwar die der Mittelbarkeit bzw. Unmittelbarkeit der kommunikativen Funktionen. Auch hier geht es im Grunde um das Verhaltnis zwischen kommunika- tiver Absicht und kommunikativer Wirkung auf den Adressaten8 , allerdings haben 7 Bei DIMTER (1981) beruhen funktional begriindete Teiltexte auf parataktischen und hypotaktischen Beziehungen der Ziele im Text. (Nach THIELE 1983, S. 100). 8 Es handelt sich eigentlich um eine Dichotomie, die sich in verschiedenen Formen und Auspragungen auf verschiedenen Ebenen der Sprachbeschreibung und Kommunikation betrachten JaBt, von den ein- fachen Formen ausgehend, V\'O wir im Zusammenhang mit einzelnen Lexemen von ihrer Mehrdeutig- keit reden, von ihrer wortlichen und iiberrragenen Bedeutung. So wie bei einzelnen Lexemen ist auch bei einzelnen AuBerungen und letztlich bei den Texten der Kontext der entscheidende Faktor, der zur Identifizierung der wirklich gemeinten Bedeutung des sprachlichen Zeichens beitragt. (Ein Vergleich ware auch mit den CHOMSKYschen Begriffen "competence" - "performance" zu ziehen.) Wahrend bei einzelnen Lexemen diese Dichotomie vorwiegend in der. regelmaBigen systemhaften Opposition zwischen Moglichkeit (Potenz) und Realisation (Janguecparole) liegt, istim breiteren kommunikati- ven Rahmen die Pole solcher Dichotomie auch im Verhaltnis zwischen den Vorstellungen des Senders und der Rezipientenwelt zu suchen. Hierbei spielt das gesamte Spektrom von Determinanten des Kommunikationsprozesses eine Rolle, weil ein und dieselbe Mitteilung allein von verschiedenen Rezi- pienten unterschiedlich aufgenommen wird. MICHEL schreibt in diesem Zusammenhang: " ... wird in aller Deutlichkeit noch einmal bestatigt, daB die Wirkung von Texten Ietztlich nicht·von den Texten selbst, sondern von den soziologich-psychologischen Voraussetzungen des Textrezipienten.abhangt." 28 wir dabei in erster Linie jene versteckten Einwirkungen auf den Adressaten9 vor Au- gen, die sich aus verschiedenen Griinden einer unmittelbaren An:alyse der kommuni- kativen Funktion entziehen. Der Sender versucht, im Text absichtlich doppelte kommunikative Absicht zu kodieren, bzw. er versucht vielmehr, seine wahre kommunikative Absicht durch ver- schiedene Mittel zu verschleiern, indem die eine (scheinbare) kommunikative Ab- sicht direkt und sofort erkennbar sein sollte, die andere (tatsachliche) kommunikati- ve Absicht, der "Textsinn" (BIEBERLE 1987, S. 199), jedoch durch bewuBte Tau- schung nach Moglichkeit unidentifiziert bleiben moge, obwohl sie im konkreten Text10 die kommunikative Hauptrolle zu erfiillen hat. Auch auf der Ebene desAus- drucksmittelarsenals (das trifft weitestgehend auch fiir die Kommunikationsverfah- ren zu) laBt sich analog dazu eine Art Dichotomie bei der zweckbestimmten Verwen- dung von einzelnen Ausdruckmitteln (auch von Kommunikationsverfahren) erken- nen. 11 Damit in Zusammenhang zu bringen ist die zentrale Rolle des strategischen Vorgehens (der operationale Gesichtspunkt) bei der Realisierung von Kommunika- tionsabsichten. Bei der Vertextung von Kommunikationsabsichten konnen· somit verschiedene Kombinationen des Sichtbaren und Versteckten (des Transparenten und Untransparenten) zum Vorschein kommen, wobei sich gewohnlich auch der Grad der Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit seitens des Textproduzenten andert: von dem lediglichen Bestreben, groBere Wirksamkeit zu erzielen - sei es in alltaglichen Gebrauchstexten des wirtschaftlichen (W erbung) oder politischen Lebens (Agitation und Propaganda), bis hin zu regelrechtem Manipulieren mit dem Adressaten. 12 Wenn jemand eine Person (iibertrieben) lobt, kann er sie damit in der Tat indi- rekt kritisieren (wenn z. B. jemandem bei seinem Bewerben um eine neue Stelle Empfehlungen geschrieben werden). Wenn ein Sender es beabsichtigt, den Adressa- ten iiber etwas zu informieren, so kann er ihn dadurch auch aktivieren, und umge- kehrt, man kann versuchen, jemanden fiir etwas zu gewinnen, erregt bei ihm jedoch (1986, S. 168) Auch iiber die Grenzen der natiirlichen Sprache hinweg konnen wir eine iihnliche Bi- polartat verfolgen, etwa im Verhaltnis von Kunststiick, seinem Autor und dessen Bestrebungen einer- seits und von dem kommunikativen Wert des Kunststiicks und seiner Einwirkung auf den Rezipienten andererseits. In letzter Konsequenz ist immer der Adressat der maBgebende Deuter einer Mitteilung, wcibei er freilich auch unkritisch oder unkompetent (mangelhafte Bildung) und daher nicht objektiv und ungerecht sein kann oder aus anderen Griinden das Scheitern der Realisation einer kommunikati- ven Absicht herbeifiihren kann. 9 Ein weiteres Argument fiir die Begriindung der Annahme von der moglichen Existenz einer rezeptiven Komponente der kommunikativen Funktion? 10 Der Text wird hier im weitesten Sinne des Wortes als Resultat eines kommunikativen Prozesses, der kommunikativen Tatigkeit verstanden. Gemeint sind also auch miindlich gefiihrte Dialoge. 11 Die reddst eigentlich von der propositional-seni.antischen und kommunikativ-operationalen Potenz von Sprachmitteln und von.der Funktionstransposition von sprachlichen Mitteln (auch Kommunika- tionsverfahren). (Vgl. STARKE 1985, S. 213 ff.) 12 Nach unserer Meinung kann direkte Bedeutung einer Mitteilung eine direkte Rezeption und eine be- gleitende (Neben)rezeption auslosen. Im 1. Fali geht es um das iibliche Kommunikationsereignis, im 2. Fali um eine kiinstlerisch-asthetische Wirkung, z. B. in einer kiinstlerischen Interpretation eines Textes. Des ofteren gehen aber u. E. die direkte und indirekte, begleitende Rezeption mit versteckter Bedeutung einer Mitteilung einher. Im ersten Fali ist somit eine Art Manipulation im Spiel, im zwei- ten dagegen das Entlarven. · 29 nur Widerwillen und Abneigung u. d. m. Die hier angefiihrten Kombinationen - wir haben keine Vollstandigkeit angestrebt - konnen auch unbewuBt (also unbeab- sichtigt) zum Vorschein kommen (vgl. oben zur rezeptiven Komponente der kom- munikativen Funktion). Sehr wichtig ist bei den Erwagungen dieser Art jedenfalls auch die Beachtung gesellschaftlich-sozialer und ethnisch-kulturhistorischer und nicht zuletzt auch der dainit z. T. korrelierenden.sprachlichen Normen. Von Bedeu- tung ist also, daB der potentielle Adressat die Kriterien der Dekodierung (und nach Moglichkeit auch die der Kodierung13) von Kommunikationsabsichten kennt, mit anderen Worten, daB er in der Lage. ist, die unmittelbare und die mogliche mittelba- re kommunikative Funktion eines Textes14 , bzw. der in ihm verwendeten Aus- drucksmittel zu erfassen. Aus dem Gesagten geht hervor, daB bei der Betrachtung eines Kommunikationsprozesses auch die Rezeptionsphase an Bedeutung zunimmt. In der Tat hat sich in der Sprachwissenschaft der letzten Jahre die Tendenz bemerk- bar. gemacht, sich entsprechend auch auf