M. MOTNIK EXCUDEBAT LEONHARDUS FORMICA ... UDK 78.07Mravlja DOI: 10.4312/mz.51.1.27-40 Marko Motnik Inštitut za teorijo, analizo in zgodovino glasbe, Univerza za glasbo in upodobljajočo umetnost Dunaj Institut für Analyse, Theorie und Geschichte der Musik, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien Excudebat Leonhardus Formica: Leonhard Formica (Lenart Mravlja) und seine Musikdrucke Excudebat Leonhardus Formica: Leonhard Formica (Lenart Mravlja) in njegovi glasbeni tiski Prejeto: 12. januar 2015 Sprejeto: 31. marec 2015 Ključne besede: Lenart Mravlja, Leonhardus Formica, Wiener Musikdruck, Aegidius Bassengius, Blasius Amon, Paul Homberger, Narcissus Zangel, Lambert de Sayve IZVLEČEK Lenart Mravlja alias Leonhard Formica sodi med številne osebnosti s Kranjske, ki so v 16. stoletju zapustili domovino in delovali na tujem. Po izobrazbi v Ljubljani in v protestantskih nemških mestih se je v poznih 1580ih letih preselil na Dunaj, kjer je odprl samostojno tiskarsko delavnico in do leta 1605 natisnil okoli 70 knjig. Med temi je tudi pet glasbenih tiskov, ki pričajo o visoki kvaliteti del tega tiskarja. Received: 12th January 2015 Accepted: 31st March 2015 Keywords: Lenart Mravlja, Leonhardus Formica, Viennese music print, Aegidius Bassengius, Blasius Amon, Paul Homberger, Narcissus Zangel, Lambert de Sayve ABSTRACT Lenart Mravlja, also named Leonhard Formica, is one of the numerous personalities from Carniola who worked abroad in the sixteenth century. After being educated in Ljubljana and in several protestant German towns, Formica moved to Vienna at the end of the 1580s where he founded a printing office. Before his death in 1605, he produced approximately 70 books, among which are five high quality music prints. 27 MUZIKOLOŠKI ZBORNIK MUSICOLOGICAL ANNUAL LI/2 Die Stadt Wien konnte sich trotz ihrer herausragenden politischen und kulturellen Bedeutung im 16. und 17. Jahrhundert merkwürdigerweise nicht als Zentrum des Musikdrucks etablieren, obgleich hier an künstlerischer Produktion kein Mangel herrschte. Die im Laufe des 16. Jahrhunderts in Wien tätigen Komponisten publizierten ihre Werke in der Regel in den international angesehenen Druckhäusern Venedigs, Süddeutschlands und in den Niederlanden. Der Wiener Notendruck hatte nach einem vielversprechenden Beginn durch Johannes Winterburger (zw. 1460/65-1519), Hieronymus Vietor (um 1480-1546) und Johannes Singriener d. Ä. (um 1480-1545)1 in der zweiten Jahrhunderthälfte mit dem allgemeinen Aufschwung des Musikdruckwesens in Europa nicht mehr Schritt gehalten - es scheint ihm an Vernetzung, einer zielführenden Distribution und wohl auch an Ansehen gefehlt zu haben. Unter den Wiener Druckhäusern, die um 1600 bisweilen Musikpublikationen herausbrachten, ist die Offizin des aus dem Herzogtum Krain nach Wien zugewanderten Druckers Lenart Mravlja (Mraula) - besser bekannt unter seinem latinisierten Namen Leonhardus Formica - sowohl in qualitativer als in quantitativer Sicht hervorzuheben.2 Die vorliegende Abhandlung fasst die Informationen zu Formicas Werdegang zusammen und widmet sich seinem Beitrag zum Wiener Musikdruck. Durch die Untersuchung der Druckerzeugnisse von Formica soll gezeigt werden, dass in Wien zumindest einige Drucker durchaus über die technischen Möglichkeiten verfügten, qualitativ hochwertige Drucke polyphoner Musik herzustellen. Biographisches Die Datenlage ist spärlich, doch lässt sich Formicas Lebensgang immerhin punktu-ell nachvollziehen. Er stammt aus Reiffenberg (auch Rihenberg, heute Branik), einer Stadt etwa zwanzig Kilometer südöstlich von Görz (Gorica).3 Entgegen der Annahme 1 Mit dem frühen Notendruck in deutschsprachigen Ländern beschäftigt sich seit 2012 ein Forschungsprojekt an der Universität Salzburg unter der Leitung von Andrea Lindmayr-Brandl. Siehe http://www.vdml6.sbg.ac.at/ Mit der Thematik setzt sich auch die Studie von Birgit Lodes, Hg., NiveauNischeNimbus. Die Anfänge des Musikdrucks nördlich der Alpen, Wiener Forum für ältere Musikgeschichte, 3 (Tutzing: Hans Schneider, 2010) auseinander. Mit dem deutschen Musikdruck im 17. Jahrhundert beschäftigt sich Dagmar Schnell, In lucem edidit. Der deutsche Notendruck der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts als Kommunikationsmedium. Dargestellt an den Vorreden (Osnabrück: Der Andere Verlag, 2003). 2 Dass es sich bei Lenart Mravlja und Leonhard Formica um ein und dieselbe Person handelt, erkannte wohl als erster Primož Simoniti, „Lenart Mravlja = Leonhardus Formica", Kronika. Časopis za slovensko krajevno zgodovino 23 (1975): 45-46. Die Schilderung der Biographie im Slowenischen biographischen Lexikon endet noch vor Formicas Umzug nach Wien. Siehe Art. „Mravlja (Mraula, Maraula), Lenart", in Franc Kidrič und Franc Ksaver Lukman, Hg., Slovenski biografski leksikon, Bd. 2/5 (Ljubljana: Zadružna gospodarska banka, 1933-1952), 159. Dagegen verzeichnen die deutschen Bibliographien lediglich seine Wiener Periode: Anton Mayer, Wiens Buchdrucker-Geschichte 1482-1882, Erster Band. 1482-1682 (Wien: W. Frick, 1883), 176-85; Helmut W. Lang, Die Buchdrucker des 15. bis 17. Jahrhunderts in Österreich. Mit einer Bibliographie zur Geschichte des österreichischen Buchdrucks bis 1700, Bibliotheca Bibliographica Aureliana, 42 (Baden-Baden: Valentin Koerner, 1972), 55-56; Herbert Zeman, Hg., Die Österreichische Literatur. Ihr Profil von den Anfängen im Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert (1050-1750), Teil 2 (Graz: ADEVA, 1986), 651-52; Christoph Reske, Die Buchdrucker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet. Auf der Grundlage des gleichnamigen Werkes von Josef Benzing, Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen, 51 (Wiesbaden: Harrasowitz, 2007), 973. 3 Die Herkunft ist im Trauungsbuch der Wiener Kirche zu St. Stephan anlässlich seiner Hochzeit im Jahr 1590 vermerkt: Trauungsbuch 1586-1596, Pfarrarchiv St. Stephan, Signatur 02-007, fol. 113r. Das Sterberegister aus dem Jahr 1605 ist dort nicht mehr erhalten. 28 M. MOTNIK EXCUDEBAT LEONHARDUS FORMICA ... Anton Mayers, er sei bereits in jungen Jahren nach Wien gekommen,4 verbrachte Formica seine Jugend in Ljubljana und in verschiedenen deutschen Städten. Die früheste aktenkundige Erwähnung seines Namens findet sich in einem Brief vom 28. Juli 1563; hier empfiehlt Matthias Klombner, Notar der Krainer Stände und Mitbegründer der protestantischen Kirche in Ljubljana, den jungen Mann an den Freiherrn Hans Un-gnad, den Inhaber der slawisch- protestantischen Druckerei zu Urach: „Erstlich schikh Ich e[uer] g[naden] diesen Jüngling. Verhoff wird vleissig vnnd zum drukh wol dienen. Hab e g der zeit kain knabn zue derselbn Lieb der etwas abgericht wie dieser Leonhart mündlih perichtn wird. Ich hab wol einen gehabt das mich gedeucht für e g. Aber herr Landß Verueser hat in zue sich genumen. Aber hie für will ich gedaht sein. derselben so gern nahzu khumen. E. g. pegert ain gowaijsnen püebn der Copiern khunt. Auch zu Raitung zue geprauchn kan ich e g der zeit nit versechn. Er steet vmb Richtig guet gesunt da schitter kommp mir was für will e g nit vergessn vnobgericht wie diser Leonhart macht ich e g wol schikhn. er hat ain zimblihe hant e g secretarij wird in pald abrichtn. Gefelt er e g [nicht] so schikh ich e g andern, er is frumb vnd güeten leit ain gueter Crisst. Wofer erpeim drükn sein wird er noch priesster in vnsee Land art gebn [nachträglich hinzugefügt:] er wird dienstlih sein zue den liedern. er khan sy all singen. "5 Der Nachname wird in diesem Schreiben zwar nicht genannt, doch ist aus weiteren, aus der Uracher Bibelanstalt herrührenden Dokumenten zu schließen, dass es sich hier tatsächlich um Formica handelt.6 Am 18. August 1563 begann er dort mit seiner Arbeit und erhielt in Urach wohl auch seine Ausbildung.7 Es wird angenommen, dass Formica anschließend in der Offizin von Johann Burger in Regensburg arbeitete, wo in den Jahren 1566-1568 mehrere slawische Buchdrucke von Sebastian Krell und Stephan Consul erschienen sind.8 Dass für Burger die Hilfe eines Sprachkundigen unerlässlich gewesen ist, liegt nahe, doch konnte eine Mitarbeit Formicas in Regensburg bisher nicht belegt werden. Auf seinen Aufenthalt in Regensburg deutet aber ein Brief von Klombner an den dortigen Superintendenten Nicolaus Gallus vom 5. Juni 1568, in dem der Verfasser vorschlug, Formica solle für Caspar Melissander die slowenische Vorrede Trubars zum Neuen Testament übersetzen.9 4 Mayer, Wiens Buchdrucker-Geschichte, 176. 5 Universitätsarchiv Tübingen, Signatur 8/4, Nr. 110; vgl. auch Theodor Elze, Primus Trubers Briefe mit den dazu gehörigen Schriftstücken gesammelt und erläutert (Tübingen: H. Laupp Jr., 1897), 399. 6 Im Universitätsarchiv Tübingen, UAT 8/6a,1 [Nr. 115-121], sind Quittungen für den Erhalt von Schuhen und Kleidungsstücken erhalten. 7 Theodor Elze, Die Universität Tübingen und die Studenten aus Krain. Festschrift zur vierten Säcularfeier der Eberhard-Kraus-Universität (Tübingen: Franz Fues, 1877), 67-68. Zu dieser Zeit brachte Ungnad in Urach unter anderem das Gesangbuch ENE DVHOVNE PEISNI (1563) (VD16 ZV 26348) sowie CERKOVNA ORDNINGA (1564) (VD16 ZV 29698) von Primož Trubar heraus. 8 Vgl. Branko Berčič, Tiskarstvo na Slovenskem. Zgodovinski oris (Ljubljana: Odbor za proslavo 100-letnice grafične organizacije na Slovenskem, 1968), 42-43. 9 „Daß Melesander jme, dem Mraullo, lesn laß die windisch vorred vber das neu testa[ment], von werkhn, justification, freien willn vnd des mer, so mues er widerruefn oder ain khezer, maiorist vnd anders mer werden." Klombner an Nicolaus Gallus, 5. Juni 1568, Stadtarchiv Regensburg, Eccles. I, fasc. 25. Zit. nach: Mirko Rupel, „Povabilo in odpoved Gašperju Melissandru", Slavistična revija. Časopis za literatno zgodovino in jezik 8 (1955): 220. 29 MUZIKOLOŠKI ZBORNIK MUSICOLOGICAL ANNUAL LI/2 Das Schreiben lässt vermuten, dass Formica Gallus persönlich bekannt gewesen ist, da ihn Klombner lediglich beiläufig erwähnt und dieser die Bekanntschaft somit vorausgesetzt hat. Gegen Formicas Aufenthalt in Regensburg um diese Zeit spricht aber die Tatsache, dass er mit dem 8. Juni 1566 in die Matrikel der Universität Tübingen eingetragen ist.10 Möglicherweise arbeitete er in der Tübinger Druckerei von Ulrich Morhart. Nach 1575 bis etwa 1580 soll Formica Gehilfe des ersten Druckers in Ljubljana, Johannes Manlius (Mannel), gewesen sein.11 Anschließend wirkte er 1583 und 1584 als Gehilfe bei der Fertigstellung der durch Jurij Dalmatin ins Slowenische übersetzten Bibel mit, die in der Offizin von Hans Kraffts Erben in Wittenberg gedruckt wurde.12 Nach Fertigstellung dieser Ausgabe taucht er noch einmal in Ljubljana auf,13 danach verliert sich aber kurzfristig seine Spur. Der genaue Zeitpunkt und die Beweggründe des Umzugs nach Wien sind nicht bekannt. In der Literatur wird öfters vermerkt, dass er zunächst als Geselle des im Jahr 1588 verstorbenen Wiener Druckers Michael Apffl tätig gewesen sei, dessen Offizin im Haus zum Grünen Rößle in der Schuelstrassen er im Jahr 1590 von dessen Witwe kaufte.14 Die öfters zitierte Angabe, die Missae von Blasius Amon aus dem Jahr 1588 seien seine erste Publikation, ist unrichtig,15 obwohl nicht auszuschließen ist, dass er an diesem Druck mitgearbeitet hat. Im Jahr 1590 heiratete Formica Margaretha Wiesensteiger (Wiesensteyger), eine Tochter des Wiener Formschneiders Georg Wiesensteiger, mit der er zwei Kinder hatte: einen Sohn, Matthäus (geb. 1591), und eine drei Jahre jüngere Tochter Anna.16 Mit dem 3. April 1599 ist Formica mit der Angabe typographus in das Matrikelbuch der Wiener Universität eingetragen. Er durfte sich fortan zu ihren akademischen Bürgern zählen und unterstand somit der Gerichtsbarkeit der Universität.17 Seine Werkstatt lag in der sogenannten Lammburse (auch Lampelburse oder Bursa Agni), die sich an der 10 „Leonhardus Maraula Labacensis typographus". Heinrich Hermelink, Hg., Die Matrikeln der Universität Tübingen. Erster Band: Die Matrikeln von 1477-1600 (Stuttgart: W. Kohlhammer, 1906), 465. 11 Branko Reisp, „Tiskarna Janeza Mandelca in leta 1578 tiskana pesem o zmagi Ivana Ferenbergerja nad Turki", Kronika. Časopis za slovensko krajevno zgodovino 23 (1975): 82 sowie Branko Reisp, „Prvi (protestantski) tiskar na SlovenskemJanez Mandelc", Zgodovinski časopis/Historical Review 47 (1993): 511. 12 BIBLIA, TV IE, VSE SVETV PISMV, STARIGA inu Noviga Testamenta, Slovenski, tolmazhena, skusi IVRIA DALMATINA. Bibel/ das ist/ die gantze heilige Schrifft/ Windisch. (VD16 B 2867). Vgl. August Dimitz, „Beiträge zur Reformationsgeschichte in Krain", Jahrbuch der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus in Österreich 4 (1883): 49-66; August Dimitz, Geschichte Krains von der ältesten Zeit bis aus das Jahr 1813. Mit besonderer Rücksicht auf Kulturentwicklung, Dritter Teil. Vom Regierungsantritte Erzherzog Karl in Innerösterreich bis Leopold I. (1564-1657) (Laibach: Ig. v. Kleinmayr & Fed. Bamberg, 1875), 198 und 201 sowie P. Walter Šmid O. S. B., „Über Entstehung und Herausgabe der Bibel Dalmatins", Mitteilungen des Musealvereines für Krain 17 (1904): 71-146. 13 Jože Rajhman, Pisma slovenskih protestantov / Briefe der slowenischen Protestanten, Korespondence pomembnih Slovencev, 11 (Ljubljana: ZRC SAZU, 1997), 119-130. 14 Archiv der Universität Wien, CA VA Fasz. 52, Nr. 41. 15 RISM A/I: A 941. Vgl. Anton Schmid, Ottaviano dei Petrucci da Fossombrone, der erste Erfinder des Musiknotendruckes mit beweglichen Metalltypen und seine Nachfolger im sechzehnten Jahrhundert mit steter Rücksicht auf die vorzüglichsten Leistungen derselben und auf die Erstlinge des Musiknotendruckes (Wien: P. Rohrmann, 1845), 216; Mayer, Wiens Buchdrucker-Geschichte, 177; Simoniti, „Lenart Mravlja = Leonhardus Formica", 46. 16 Zu Margaretha Formica vgl. Linda Maria Koldau, Frauen - Musik - Kultur. Ein Handbuch zum deutschen Sprachgebiet der Frühen Neuzeit (Köln, Weimar, Wien: Böhlau, 2005), 546-47. 17 Franz Gall, Hg., Die Matrikel der Universität Wien, Bd. 4/1, 1579/II - 1658/59, 1. Lieferung, Publikationen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung, 6. Reihe, Quellen zur Geschichte der Universität Wien, 1. Abt., (Graz, Köln: Hermann Böhlaus Nachf., 1961), 54. Der Sohn Matthias inskribierte an der Universität Wien im Wintersemester des Jahres 1602 (14. Oktober) und ist im Matrikelbuch mit der Angabe „Matthaeus Formica Vienn. Austr." angeführt. Ebd., 62. 30 M. MOTNIK EXCUDEBAT LEONHARDUS FORMICA ... Stelle der heutigen Jesuitenkirche befand.18 Er war laut seinen gedruckten Werken Hof-, Landschafts- und wohl auch Universitätsbuchdrucker. Nachdem Formica etwa zwei Jahrzehnte lang enge Kontakte mit Protestanten gepflegt hatte und an der Veröffentlichung mehrerer protestantischer Bücher beteiligt gewesen war, gingen aus seiner Wiener Werkstatt nun mehrere gegenreformatorische Schriften, wie beispielsweise Werke des jesuitischen Hofpredigers Georg Scherer oder des Wiener Bischofs Johann Caspar Neubeck, hervor. Formica verstarb zu Beginn des Jahres 1605. Er verfasste kein Testament, doch ging die Offizin an seine Witwe Margaretha, welche sie bis 1617 weiterführte. Danach befand sich die Werkstatt bis 1639 in Händen seines Sohnes Matthäus.19 Dieser brachte an die hundert Werke heraus, darunter auch mindestens drei Musikdrucke: eine Sammlung von Messen von Johann Stadlmayr (1616, RISM A/I: S 4287), ein Sammelwerk des kaiserlichen Kapellmeisters Giovanni Valentini (1621, RISM A/I: V 92) sowie Messen von Christoph Strauß (1631, RISM A/I: S 6936). Die Druckerei ging nach seinem Tod an Maria Formica, Gattin von Matthäus, die 1640 in zweiter Ehe Matthäus Cosmerovius -den wohl bedeutendsten Wiener Drucker des 17. Jahrhunderts - heiratete.20 Die Musikdrucke von Leonhard Formica Als Formica im Jahr 1590 mit seiner selbständigen Drucktätigkeit begann, war er bereits um die vierzig Jahre alt. Er gehört allerdings zu den leistungsfähigsten Wiener Typo-graphen um 1600 und konnte sich trotz Konkurrenz erstaunlich schnell etablieren. Rund siebzig Drucke aus seiner Wiener Werkstatt sind bisher nachgewiesen, wobei es sich um ein für die Zeit typisches Angebot handelt. Unter den Drucken finden sich sowohl Predigten, Disputationen, Verordnungen, Universitätsschriften, Zeitungen als auch Neujahrsverehrungen, Kalender und Almanache in lateinischer, deutscher und sogar ungarischer Sprache. Es ist dagegen interessanterweise kein slawischer Buchdruck von ihm verzeichnet. Eine alleinige Spezialisierung auf Musikdruck war zu dieser Zeit nicht üblich und ist daher auch von ihm nicht zu erwarten. So sind heute lediglich fünf Drucke polyphoner Musik aus seiner Werkstatt bekannt. Das ist allerdings mehr als bei anderen Wiener Druckern dieser Zeit, die bloß einzelne oder gar keine Musikdrucke herausbrachten.21 Der Typendruck für Noten im Einfachdruckverfahren - die Typen haben neben einem Notenkopf und -hals auch bereits die Notenlinien - gilt als eine Erfindung des Pariser Typographen Pierre Attaingnant und fand ab den 1530er Jahren weite Verbrei-tung.22 Die Methode scheint in Wien erst später, und zwar von Raphael Hofhalter im 18 Zur Lammburse siehe Joseph Aschbach, Wiener Universität und ihre Gelehrten. Die ersten Jahrhunderte ihres Bestehens. Festschrift zu ihrer fünfhundertjährigen Gründungsfeier (Wien: Verlag der k. k. Universität, 1865), 199-200. 19 Matthäus Formica ist am 21. September 1591 in Wien geboren worden. Vgl. Castle, Geschichte einer Wiener Buchdruckerei, 12 und 56. 20 Über das weitere Schicksal der Offizin berichtet Castle, Geschichte einer Wiener Buchdruckerei. 21 Ein Verzeichnis der Wiener Musikdrucke ist vorhanden in Peter Riethus, „Der Wiener Musikdruck im 16. und 17. Jahrhundert", Der Bibliophile. Internationale Zeitschrift für Bücherfreunde. Regelmäßige Beilage zur Fachzeitschrift Das Antiquariat 14 (1958): 6 und 9. 22 Zu Attaingnant siehe Daniel Heartz, Pierre Attaingnant, Royal Printer of Music. A Historical Study and Bibliographical Catalogue (Berkeley, Los Angeles: Univ. of California Press, 1969). 31 MUZIKOLOŠKI ZBORNIK MUSICOLOGICAL ANNUAL LI/2 Jahre 1560 angewendet worden zu sein, welcher einen repräsentativen, großformatigen Pergament-Einblattdruck mit dem sechsstimmigen Kanon Qui operatur est Petro des Hofkapellmeisters Jacob Vaet wohl nur in einem einzigen Exemplar veröffentlichte.23 Die Typen bestehen hier aus den entsprechenden Notenzeichen und jeweils fünf Notenlinien. Jakob Mair, der im Jahr 1574 Il primo libro delle canzone italiane a cinque voci von Jacob Regnart - die erste Publikation dieses Komponisten - in fünf Stimmheften druckte,24 verwendete dagegen erstmals in Wien Typen mit Notenzeichen und zwei bis vier Notenlinien. Die fehlenden Linienstückchen werden mit gesonderten Typen ergänzt. Dasselbe Prinzip ist auch im Liber sacratissimarum von Blasius Amon und in Il primo libro delle canzoni a la napolitana von Lambert de Sayve,25 beide 1582 gedruckt von Stephan Creuzer, zu finden und war zu Formicas Zeiten als ein Standardverfahren bereits etabliert.26 Der erste Musikdruck aus Formicas Offizin, die Motetten von Aegidius Bassengius (Égide oder auch Gilles Bassenge), steht zeitlich einigermaßen isoliert da. Er erschien in sechs Stimmbüchern im Jahr 1591, während die anderen vier Musikdrucke erst zehn beziehungsweise elf Jahre später erschienen sind. Bassengius (um 1550-1595), aus Lüttich stammend, wirkte als Kapellmeister von Maximilian III., genannt Deutschmeister, Erzherzog von Vorderösterreich und König von Polen (1558-1618), ansässig in Wiener Neustadt, welchem der Druck mit fünfzehn enthaltenen Motetten auch gewidmet ist.27 Die Widmungsvorrede, abgedruckt in allen Stimmbüchern, ist mit zeitüblichen Devotionsfloskeln versehen und verrät wenig Relevantes über den Komponisten und sein Werk. Der Titel des Werkes lautet: Motectorum Quinq;, Sex, Octo vocum | LIBER PRIMVS. | SERENISSIMI | ARHCHIDVCIS MAXIMI-HIANIELECTIPOLONIAE | REGIS, &c. MVSICORVM | PR^FECTI. | ^gidij Bassengij Leodiensis. | [Bezeichnung der Stimme] | VIENNE. AVSTRIM, Excudebat LEONHARDVS | FORMICA, in Bursa Agni. Anno 1591.28 Die Seiten enthalten jeweils fünf Notensysteme. Diese Anordnung ist bereits im Druck von Michael Apffl von 1588 (Missae quatuor, vocibus quaterni von Blasius Amon)29 vorhanden und findet sich als Standard auch in späteren Musikdrucken von 23 RISM A/I: V 25. Österreichische Nationalbibliothek Wien, Musiksammlung, MS 47.354-GF liegend. Siehe Faksimile in: Robert Haas, Aufführungspraxis der Musik (Wildpark-Potsdam: Akad. Verlagsgesellschaft Athenaion, 1931), 129. 24 RISM A/I: R 738. Das Werk gilt als der erste Individualdruck des Komponisten. Untersucht wurde das Exemplar der Polska Akademia Nauk Biblioteka Gdanska, Signatur Ee 21732 8* adl. 3, das mit mehreren zeitgenössischen Madrigaldrucken zusammengebunden ist. Zum Druck siehe auch Gedeon Borsa, „Jakob Mair. Ein nahezu unbekannter Wiener Drucker des XVI. Jahrhunderts", Gutenberg-Jahrbuch (1963): 128-32. Der Autor bezeichnet die typographische Ausführung des Regnart-Druckes als durchschnittlich. 25 RISM A/I: S 1123. Die Altus-Stimme befindet sich in Katolicki Uniwersytet Lubelski Jana Pawla II (Polen), Signatur: N-3874. 26 RISM A/I: A 940. Ein unvollständiges Exemplar dieses Druckes befindet sich in Narodna in univerzitetna knjižnica Ljubljana, Glasbena zbirka, Inv. Nr. III. H. 23782 d/31. 27 Zum Komponisten siehe Rudolf Hopfner, Egide Bassenge. Eine stilkritische Analyse seiner Motettensammlung aus dem Jahre 1591 (Diss., Universität Wien, 1988). 28 RISM A/I: B 1236. Zur Untersuchung wurde das komplett erhaltene Exemplar der Österreichischen Nationalbibliothek Wien, Musiksammlung, SA.76.E.4. 1-6 Mus 18, herangezogen. 29 RISM A/I: A 941. Untersucht wurde das Altus-Stimmbuch in der Wienbibliothek im Rathaus, Musiksammlung, M-5231. Die Stimmbücher Diskant, Altus und Tenor werden in der Universitetsbiblioteket Uppsala (Schweden) verwahrt (Vok.-mus.i.tr. 516-518). 32 M. MOTNIK EXCUDEBAT LEONHARDUS FORMICA ... Formica. Sämtliche Anfänge der Kompositionen sind mit verzierten Initialen versehen, während bei Apffl nur die Anfänge der Kyrie-Sätze auf diese Weise gestaltet sind. Es fällt aber auf, dass die Drucktypen von Apffl und Formica einander entsprechen. Das ist insbesondere bei den identischen Stempeln für die Initialen auffallend (Abbildung 1). Abbildung 1: Initiale K in Blasius Amon, Missae aliquot (1588), Altus, fol. 16v, Wienbibliothek im Rathaus, Musiksammlung, M 5231 und Narcissus Zängl, Cantiones sacra (1602), Discantus, fol. 1r, Bayerische Staatsbibliothek München, Musiksammlung, 4 Mus.pr. 154, Beib. 2 (mit Genehmigung). Formica hatte laut Verlassenschaftsabhandlung vom 12. März 1605 im Jahr 1590 die Offizin Apffls um 700 Gulden gekauft, doch liest man in demselben Bericht ebenso, dass er das typographische Material wegen seines Alters und der Abnutzung weiter nach Wiener Neustadt verkauft hat.30 Möglicherweise behielt er die Notentypen bei oder aber er besorgte diese beim gleichen Schriftgießer wie Apffl.31 Vom Druck seines Vorgängers unterscheidet sich bei Formica auch die Gestaltung des Titelblattes: Der gesamte Text ist mit einem ornamentalen Rahmen umgeben, während dieser bei Apffl lediglich bei der Bezeichnung der Stimmen vorhanden ist. Die Musikdrucke Formicas aus den Jahren 1600-1602 weisen bis auf den Druck von Paul Homberger identische Rahmen auf und unterscheiden sich so von der Einrahmung des Titelblattes bei Bassengius' Druck, bei dem auch die Bezeichnung der Stimmen mit gesonderten Rahmen versehen ist. Der zweite Druck aus Formicas Offizin enthält Kompositionen des Tiroler Komponisten Blasius Amon (um 1560-1590), der ein beachtenswertes, europaweit verbreitetes musikalisches Werk hinterlassen hat.32 Sein Erstlingswerk, Liber sacratissi-marum mit fünfstimmigen Kompositionen, ist 1582 erschienen. Zu Lebzeiten des Komponisten folgte 1588 in der Wiener Offizin von Apffl noch die bereits erwähnte 30 Archiv der Universität Wien, CA VA Fasc. 52, Nr. 41. 31 Um die Frage, ob Formica seine Drucktypen von außen bezog oder sie selbst anfertigte, beantworten zu können, wären weitere vertiefende Vergleichsstudien notwendig. 32 Zu den Komponisten siehe Caecilianus Huigens O. F. M., Fr. Blasius Amon (ca. 1560-1590). Sein Leben und seine Werke. Ein Beitrag zur Geschichte der Kirchenmusik in Oesterreich (Diss., Universität Wien, 1914). 33 MUZIKOLOŠKI ZBORNIK MUSICOLOGICAL ANNUAL LI/2 Sammlung von Messen (RISM A/I: A 941). Drei weitere Drucke sind bereits posthum in München von Adam Berg am Beginn der 1590er Jahren gedruckt worden,33 während seine vierstimmigen Introita - Amons letztes gedrucktes Werk - vom Bruder des Komponisten, Stephan Amon, besorgt wurden und in der Offizin von Formica erschienen sind.34 (Abbildung 2) Abbildung 2: Blasius Amon, Introitus Dominicales von 1601/02, Tenor, Titelseite, Bayerische Staatsbibliothek München, Musiksammlung, 4 Mus.pr. 151 (mit Genehmigung). Das Werk mit 79 Gesängen und einer Missa pro defunctis ist Paul Schönebner, der in den Jahren 1601-1613 als Abt des Zisterzienserstiftes Heiligenkreuz in Niederösterreich amtierte, gewidmet. Amon war hier selbst als Kantor Mitte der 1580er Jahre tätig und kannte diesen wohl bereits aus seiner Zeit in Zwettl, wo Schönebner geboren worden ist.35 Die Titelseite enthält keine Datierung, während der Holzschnitt auf der Ver-soseite rechts unten mit dem Vermerk „Anno 1601" signiert ist. Die Kreuzigungsszene mit einer Darstellung des vor dem Kreuz knienden Abtes zeigt links unten nochmals die Jahreszahl 1601 und ein Monogramm AS (Abbildung 3). 33 RISM A/I: A 942, A 943 und A 944. 34 RISM A/I: A 945. Untersucht wurde das unvollständig erhaltene Exemplar der Bayerischen Staatsbibliothek München, Signatur: 4 Mus.pr. 151, Altus und Tenor. Ein weiteres Altus-Stimmheft befindet sich in der Wienbibliothek, Musiksammlung, Signatur: M-5230. Die Stimmhefte Cantus und Bassus sind verschollen. 35 Walter Senn, „Zur Lebensgeschichte des Tiroler Komponisten Blasius Amon (um 1560-1590)", Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum 56 (1976): 159. 34 M. MOTNIK EXCUDEBAT LEONHARDUS FORMICA ... Pavlys Schönebner, Sie am ConjimMm Attas adS. Crucem. Anw ¡(¡oi. Abbildung 3: Blasius Amon, Introitus Dominicales von 1601/02, Tenor, fol. 1v, Bayerische Staatsbibliothek München, Musiksammlung, 4 Mus.pr. 151 (mit Genehmigung). Die Widmung erwähnt die siegreiche Schlacht des Erzherzog Matthias gegen die Türken bei Alba Regalis (Stuhlweißenburg, Szekesfehervar), die im September 1601 stattgefunden hat. Der Druck ist also entweder gegen Ende des Jahres 1601 oder Anfang 1602 fertig gestellt worden. Für das Jahr 1602 spricht auch die Angabe, Blasius Amon sei vor zwölf Jahren verstorben (gest. 1590). In der umfangreichen Dedikation liest man ferner von einer lebendigen Musikpflege der Vokal- und Instrumentalmusik im Stift Heiligenkreuz. Der Herausgeber erwähnt, die Werke seines Bruders seien ebenda häufig gebraucht worden und der Abt sei auf diese sehr bedacht gewesen. Stephan Amon führt ferner an, er selbst habe den Druck der ihm hinterlassenen Sammlung veranlasst und korrigiert. Dennoch ist er recht fehlerhaft ausgefallen. Dem Druck ist noch ein umfangreiches Gedicht - ein Carmen elegiacum mit der Überschrift Ad lectorem - sowie zwei Verse In Zoilum vorangestellt. Der nächste Druck ist der im Jahr 1601 erschienene fünfstimmige 128. Psalm in deutscher Übersetzung von Paul Homberger (um 1560-1634). Es ist gleichzeitig auch der erste nachgewiesene Druck dieses Regensburger Komponisten. Er wirkte bewiesenermaßen in den Jahren 1597 und 1598 in Graz als Lehrer, danach in Spitz bei Krems an der Donau und in Weißenkirchen in der Wachau. Im Jahr des Erscheinens seines Psalms zog er nach Regensburg und wurde am dortigen Gymnasium Poeticum als 35 MUZIKOLOŠKI ZBORNIK MUSICOLOGICAL ANNUAL LI/2 Meister und Kantor tätig. Seine zahlreichen weiteren Musikpublikationen sind in Regensburg erschienen.36 Das umfangreiche Titelblatt dieses ansonsten eher kurzen und anspruchslosen Druckes hat den folgenden Text: Der CXXVIII. Psalm | Deß Königlichen Propheten Dauidis/ | Zu Ehren dem Heiligen Ehestandt / vnnd dann auch | Auff Hochzeitliche Ehrenfrewd | Deß Edlen / Gestrengen Herrn/Herrn Hannsen Jacoben Kueff-^tainer / zum Greylnstain vnnd Feinfeldt/auff Spitz vnndZaysing/ Fürstl: Durchl: | Herrn Matthiasen/ Erzhertzogen zu Osterreich/ &c. Fürschneider. Gehalten auff dem Schloß | Greylnstain / dem 15. Ianuarij, Anno M. DC. I. | Mit | Deß Wolgebornen Herrn /Herrn Adamen /Herrn von Bucheim/ Freyherrn zu | Raabs vnd Krumpach / auff Carlstain vnnd Praun-storff/ ErbTruchfässen in Osterreich/ Röm: Kay: | Mtt: &c. Raths/ vnd einer Ersamen Landstschafft in Osterreich unter der Ennß/Verordneten/Ehleiblicher | vielgeliebter Tochter/Freyin Clara/ Freye von Buchaim. Zu Ehren vnd hailwünschung baider | geehrten löblichen Brautpersonen mit fünff Stimmen componiret | Durch | PAVLVM HOMBERGERVM RATISPONENSEM. | [Bezeichnung der Stimme] | Gedruckt zu Wienn in Osterreich / bey Leonhardt Formica/ in der löblichen | Artisten Facultet Hauß / auff der Hohen Schuel.31 Der am Titelblatt angeführte Bräutigam Hanns Jacob Kueffstainer (Kuefstein) stammte aus einer niederösterreichischen Adelsfamilie, mit denen Homberger wohl während seines Aufenthaltes bei Krems Bekanntschaft geschlossen hat. Die Hochzeit fand auf Schloss Greillenstein, zu dieser Zeit im Besitz der Familie, statt.38 Dem Tenorheft ist ein Gedicht Votum nuptiale beigefügt. Die einzige von Formica veröffentlichte Sammlung von Ordinariumsgesängen stammt von Narcissus Zängl, auch Zanggel, Zenngel und Zänckl (um 1555-nach 1601). Er kam aus Augsburg und war in den frühen 1510er Jahren Chorist unter Orlando di Lasso am Münchener Hof. Danach hielt er sich in Frankreich auf, wirkte als Organist in Roggenburg in Oberschwaben und war in den 1580er Jahren bei Jakob Fugger in Augsburg tätig. Das letzte Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts verbrachte er am Hof von Hohenzollern-Hechingen und war bis 1599 in Sigmaringen.39 Bis auf seinen mutmaßlichen, wohl eher kurzen Aufenthalt in der Innsbrucker Hofkapelle in den 1580er Jahren ist nichts über seine Anwesenheit in österreichischen Ländern bekannt, doch deutet sein einziger nachgewiesener Musikdruck, der in der Offizin von Formica 1602 publiziert worden ist, dass er sich zumindest kurzzeitig hier aufhalten haben musste. Auch 36 Darunter zahlreiche Hochzeits- und einige Lob- und Sterbegesänge bei Bartholomäus Gräf bzw. dessen Erben und ab 1611 bei Matthias Müller. Letzter Druck erfolgte 1634 bei Christoph Fischer. Zur Biographie siehe Michael Zywietz, Art. „Homberger, Paul", Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik, Personenteil, Bd. 9, hg. Ludwig Finscher (Kassel u.a.: Bärenreiter, Stuttgart: Metzler, 22003), 282-83. 31 RISM A/I: H 6398. Das einzige erhaltene Exemplar wird in der Proske-Bibliothek Regensburg unter der Signatur A.R. 211-213 aufbewahrt und stammt aus der Sammlung des Gymnasium Poeticum. Dem Druck ist ein Autograph Hombergers, die Psalm-odiae Verspertinae, beigebunden. 38 Siehe Karl Graf Kuefstein, Studien zur Familiengeschichte, 2. Teil, 16. Jahrhundert (Wien und Leipzig: Wilhelm Braumüller, 1911), 320-21. 39 Vgl. Andreas Taub, Art. „Zängel, Zanngl, Zenngel, Zänckl u.a., Narcissus", Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik, Personenteil, Bd. 11, hg. Ludwig Finscher (Kassel u.a. Bärenreiter, Stuttgart: Metzler, 22001), 1329. 2 M. MOTNIK EXCUDEBAT LEONHARDUS FORMICA ... Abbildung 4: Lambert de Sayve, Teutsche Liedlein von 1602, Bassus, Titelseite, Österreichische Nationalbibliothek Wien, Musiksammlung, SA.79.C.30/4 20 Mus (mit Genehmigung). 11 MUZIKOLOŠKI ZBORNIK MUSICOLOGICAL ANNUAL LI/2 die Widmung an Paul Schönebner, den Abt des Stiftes Heiligenkreuz, spricht dafür. Der Titel der Sammlung lautet: CANTIONES SACRA, | QVAS VVLGO | MISSAS APPELLANT, SEX | ET OCTO VOCIB-VS, IN VSVS | ECCLESIARVM RECENS | EDITA | Authore | NARCISSO ZANGGEL AVGVSTANO, | Admodum Reuerendo Domino PAVLO Abbati ad S. | crucem, totiq; | Monasterio a cantionibus. | [Bezeichnung der Stimme] | VIENNA AVSTRIA, | Excudebat Leonhardus Formica.40 Die Titelseite enthält keine Datierung. Der Holzschnitt auf der Rückseite der Titelseiten in allen Stimmbüchern - interessanterweise identisch mit dem im Druck von Amon - ist nun rechts unten mit der Jahreszahl 1602 signiert und die Widmung, die nur im Bassus abgedruckt ist, mit dem 28. März 1602 datiert. Die Sammlung enthält sechs Vertonungen des Messordinariums. Der zweite deutschsprachige Musikdruck nach dem 128. Psalm von Paul Homberger aus Formicas Offizin und wohl auch seine letzte Musikpublikation beinhaltet „Teutsche Liedlein" von Lambert de Sayve (1549-1614), seit 1583 Kapellmeister von Erzherzog Matthias41 - wie er sich im Druck selbst bezeichnet - und ist im Jahr 1602 erschienen (Abbildung 4).42 Die Sammlung ist dem kaiserlichen Rat und Hofsekretär Georg Schrötl dem Jüngeren gewidmet, dem de Sayve in der deutschen Widmungsvorrede für seine Zuneigung dankt. Das Schreiben ist mit dem 10. September 1602 datiert. Es handelt sich hier um den einzigen Musikdruck Formicas im Hochformat. Er enthält neunzehn deutsche Lieder, deren Notentext auf den Verso- und die weiteren Strophen auf den gegenüberliegenden Rectoseiten abgedruckt sind (Abbildung 5). Die Publikation schließt auch das fünfteilige Lied „Warumb wolst du nicht frölich seyn" mit ein, dessen zweiter und vierter Teil von Jacob Regnart komponiert wurde. Eine Neuausgabe dieser Edition wurde durch Michael Praetorius „Autori zu Ehren" besorgt und 1611 in Wolfenbüttel veröffentlicht.43 Daraus kann man schließen, dass die Publikation von Formica recht erfolgreich gewesen ist. Sie ist allerdings, wie Praetorius im Vorwort vermerkt, in nur wenigen Exemplaren gedruckt worden.44 40 RISM A/I: Z 30. Untersucht wurden die Exemplare des British Library London (A.574), der Bayerischen Staatsbibliothek München (4 Mus.pr. 154, Beib. 2) sowie das Exemplar in Moravske zemske muzeum, oddeleni dejin hudby in Brno (A 20531a-e), das mit einigen zeitgenössischen Musikdrucken zusammengebunden ist. 41 Hellmut Federhofer, „Lambert de Sayve an der Grazer Hofkapelle", Revue belge de Musicologie / Belgisch Tijdschrift voor Muziekwetenschap 3 (1949): 215. 42 RISM A/I: S 1124; RISM B/I: 160211. Untersucht wurden die Stimmhefte Altus und Bassus in der Österreichischen Nationalbibliothek Wien, Musiksammlung, SA.79.C.30/3.4 20 Mus. Der Druck ist nicht mehr vollständig erhalten. Der Tenor fehlt. Die Diskantstimme befindet sich in Arcibiskupsky zamek, hudebni archiv in Kromeriz. Sayve ließ später seine Sacrae symphoniae (1612, RISM A/I: S 1126) in Klosterbruck (Kloster Louka in Znaim) bei Johannes Fiedler drucken. 43 RISM A/I: S 1125; RISM B/I: 1611» 44 Vgl. Lambert de Sayve und Michael Praetorius, Teutsche Liedlein zu 4 Stimmen, Das Chorwerk, 51, hg. Friedrich Blume (Wolfenbüttel: Möseler, 1938), 2. 12 M. MOTNIK EXCUDEBAT LEONHARDUS FORMICA ... Abbildung 5: Lambert de Sayve, Teutsche Liedlein von 1602, Bassus, fol. 2v-3r, Österreichische Nationalbibliothek Wien, Musiksammlung, SA.79.C.30/4 20 Mus (mit Genehmigung). Schlussbemerkung Die in Wien realisierten Musikdrucke blieben Einzelerscheinungen, die eine kaum zu lösende Frage nach dem Sinn der kostenintensiven Investitionen zur Anschaffung des typographischen Materials für die Anfertigung von so wenigen Publikationen aufwerfen. Es steht fest, dass der Musikdruck in Wien lediglich ein Nischenprodukt gewesen ist. In der kurzen Reihe der Wiener Drucker des 16. und frühen 17. Jahrhunderts, welche mitunter auch Musik verlegten, ist der Name Leonhard Formica sowohl aus quantitativen als auch qualitativen Gründen hervorzuheben. Er verfügte durchaus über das entsprechende technische Niveau hochwertige Musikdrucke zu produzieren, wobei er die herkömmlichen Verfahren der Zeit anwendete. Die Frage der Auflagenhöhe der Formica-Drucke ist heute nicht mehr zu beantworten, doch scheint sie angesichts der nur noch wenigen erhaltenen Exemplare sämtlicher fünf Drucke eher niedrig gewesen zu sein. Allerdings könnte diese je nach der zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel von Druck zu Druck auch variiert haben. Auch über die Distribution, Vermarktung und kommerzielle Verbreitung der 13 MUZIKOLOŠKI ZBORNIK MUSICOLOGICAL ANNUAL LI/2 Publikationen lässt sich kaum etwas sagen.45 Bezüglich der Finanzierung der kostspieligen Veröffentlichungen kann aber immerhin angenommen werden, dass diese von den Komponisten selbst, beziehungsweise von ihren Mäzenen, sei es von weltlichen oder geistlichen Personen, geleistet worden ist. Die letzteren sind zumindest als Widmungsträger aller fünf Publikationen bekannt. Ob sich Formica selbst um den Verkauf seiner Drucke bemüht hat oder diesen völlig den Komponisten überlassen hat, bleibt vorerst im Dunkeln. Es fällt auf, dass er lediglich Werke lokaler Komponisten druckte, wobei manche davon einen internationalen Rang erlangt haben. Darin könnte man ein Indiz dafür sehen, dass er sich bloß als Auftragnehmer verstand, der die erforderliche Leistung erbrachte. Seine Musikdrucke sind jedenfalls sauber ausgeführt und zeugen von der hohen Qualität dieses Typographen. Zuletzt sei noch vermerkt, dass kein Musikdruck Formicas durch ein Privilegium geschützt ist. POVZETEK Dunaj v 16. in zgodnjem 17. stoletju kljub svoji izjemni politični in kulturni vlogi ter obetavnih začetkih knjigotržtva ni veljal za center glasbenega tiska. Zdi se, da je mestu manjkala tako ustrezna povezanost kot tudi distribucija in ugled. Med dunajskimi tiskarji, ki so okoli leta 1600 občasno objavljali glasbene tiske, velja posebej omeniti tiskarja slovenskega rodu, Leonarda Mravljo, bolje poznanega pod latinskim imenom Leonhardus Formica. Rojen v Rihenbergu pri Gorici, se je Formica že v rani mladosti (1563) preselil v nemški Urach in deloval v tamkajšnji slovanski protestantski tiskarni. Ni dokazano, ali se je za tem zadrževal v Regensburgu, zagotovo pa je živel v Tubingenu, kjer je bil leta 1566 vpisan na univerzo. Med leti 1575 in 1580 naj bi deloval v tiskarni Johannesa Manliusa (Mandelca) v Ljubljani, od 1583 do 1584 pa je bil zagotovo prisoten pri tisku Dalmatinove Biblije v Wittenbergu. Nekje ob koncu 1580ih let se je Formica preselil na Dunaj, kjer je bil sprva pomočnik v tiskarni Michaela Apffla. Leta 1590 je odkupil delavnico le-tega in postal samostojni tiskar. Kljub številnim tekmecem se je izjemno hitro uveljavil in velja s prebližno sedemdesetimi natisnjenimi knjigami za enega izmed najuspešnejših in najbolj produktivnih dunajskih tiskarjev svojega časa. Kljub temu pa je med njegovimi izdelki znanih le pet tiskov polifone glasbe: moteti Aegidiusa Bassengiusa (1591), Introita Blasiusa Amona (1601 ali 1602), 128. psalm Paula Hombergerja (1601), maše Narcissusa Zangla (1602) in nazadnje nemške pesmi Lamberta de Sayvea (1602). 45 In den Katalogen der Frankfurter und Leipziger Buchmessen tauchen Formicas Notendrucke nicht auf. Vgl. Alber Göhler, Verzeichnis der in den Frankfurter und Leipziger Messkatalogen der Jahre 1564 bis 1759 angezeigten Musikalien (Leipzig: C. F. Kahnt Nachf., 1902). 14