Johannes R. Becher (I>evi8ite) oder Der einzig gerechte Krieg Roman Wien-Berlin 1828 Agis-Verlag 528V7 Alle Rechte vorbehalten. LopyriZkt by ^.gis-Vsrlsß, Vien. Druck: „Peuvag"-Berlin, Filiale Hannover. „Ich kann nicht schweigen, denn ich will nicht mitschuldig werden." Zola »Ich sage mich los: von der leichtsinnigen Hoffnung einer Errettung durch die Hand des Zufalls; von der dumpfen Erwartung der Zukunft, die ein stumpfer Sinn nicht erkennen will..." Clausewitz Oe le tabula narratur. Deine Sache, Leser, ist es, die hier verhandelt wird! A Einleitung Hände weg! Hände weg von diesem Buch, wenn Ihr damit, über¬ sättigt und bis zum tödlichen Erbrechen gelangweilt, nur wieder einige Euerer müssigen Stunden totschlagen wollt! Dem stinkenden Kadaver dieser Zeit flechte ich keine Kränze. Das spannungslose Eesabber unserer offiziellen Poeten befriedigt schon übergenug solche Bedürfnisse. Was heutzutage nottut: das ist Begeisterung, Kühn¬ heit, Todesverachtung der Einzelnen, Nüchternheit, Zielsicherheit und Klarheit. Zusammenschluß, eine untrennbare Einheit aller im Schweiße ihres Angesichts Werktätigen. Dieser Zusammenschluß: das ist die große Sprengmine, die Tag für Tag aufplatzt und deren Sprenggänge die Fundamente dieser verrotteten Gesell¬ schaft eines Tags völlig unterwühlt haben werden . . . Es handelt sich hier nicht um poetische Erfindungen, phantastische Konstruktionen oder um Wahnbildungen. Ts handelt sich hier um Tatsachen, um Taten, um Er¬ eignisse Es geht um das, was ist. Es geht hart auf hart. Es geht um das, was gewesen ist. Es geht um das, was sein wird. — Dieses Buch ist sicher nicht Kind jenes Geistes, „der über den Wassern schwebt", es ist aus der Wirklichkeit geboren, und es trägt, unverschminkt allen sichtbar, noch deutlich das Zeichen dieser Marter-Hölle an sich. Auch 7 der Sprachkörper: stahlgrau, gehackt, rissig: dis Gelenke im Schmerzkrampf fest angezogen, die Arme an den Schulterstücken schwer hängend: Hämmer, Aexte, Brech¬ eisen. Ein blutiges Muskelspiel zuckt . . . Das ist nichr der klassische wohlgepflegte Leib, nicht die parfümierte Tanzpuppe der Biedermeierzeit noch der verträumte Taugenichts der Romantik: es ist der mit Wunden¬ löchern über und über ausgefüllte Dulderleib des werk¬ tätigen Volks am Pfahl der Kreuzigung: mitten im Qualm von Easschwaden, von Staub, Rauch, Rußfetzen umschleiert, umschwirrt von giftigen Aasfliegen — das ist der Dulderleib des werktätigen Volks in jenem ge¬ schichtlichen Zeitabschnitt, da er sich vom Kreuzstamm losreißt, niedersteigt und das Gesindel seiner Peiniger vor sich in die Knie zwingt... Ein millionenstimmiger Schrei, ein Aufruhr- und Klagelied, gesungen von Millionen metallischen Feuerzungen. — Dieses Buch möchte, ein lebendiges Wesen, künftig wieder selbst Anteil haben an den Kämpfen, deren Blutzeuge es ist, selbst wieder mit im Feuer stehen, und mit seinen Blutteilen noch röter färben die rote Fahne, unter der es als ein Soldat der Revolution dient. — Es wird nur wenig von „Liebe" die Rede sein. Dieses Buch ist ein Heldengedicht. Wo Millionen „Hunger" schreiend — zuerst eine formlose Masse noch, dann aber immer deutlicher Ge¬ stalt gewinnend — sich herauf auf das Plateau der Weltgeschichte bewegen: in der eisern gehackten Rhythmik solcher Tage tönt auch die Stimme des Bluts als Metall. Stirnen wölben sich gegeneinander, wie 8 gemeißelt aus Granit. Die Herztrommel wirbelt Kampf- tempo und Marschtakt. Der Gedanke des kämpferischen Menschen stößt vor in die Zukunft als Stichflamme. Und ein anderer, als der, der einst du gewesen bist, findest plötzlich nach Jahren du dich wieder, neu geboren aus mörderischen Krisen, wie aus Schmelzglut. — Die Riesendurchbruchsschlacht jener Menschen-Armeen in die Zukunft hat längst begonnen. Kampfplatz ist die Welt. Dieses Terrain ist nicht mehr nach Nationen oder Erdteilen abgesteckt. Alle Erenzpfähle der Welt schlottern gespenstisch im roten Sturmwind, wie Vogel¬ scheuchen . .. Ueberall, wo Menschen im Arbeitsprozeß untereinander verbunden sind, überall auf der ganzen Erde, auch in den tiefsten Tiefen der Kolonien, gewittert es . . . Lernt kennen die Geschichte Europas, Europas am Rande des Abgrunds! — Gewidmet der kommenden deutschen sozialen Revolution! — Berlin, zum 4. August 1925. Johannes R. Becher 9 1. Kapitel „Deutschland über alles . . . !" Episode aus den Novembertagen 1918. — „Deutschland über alles..!" .Lazarett - Poesie." — Den Ver¬ anstaltern patriotischer Helden¬ gedenkfeiern gewidmet. — Heilige Familie. — Das Trio. — Menschen- Dreck. — Götter stürzen. — „Geh d e i n e n W e g!" — I Es ist Herbst, November 1918, vier Uhr morgens. Die letzten deutschen Truppen ziehen über den Rhein. Gespenstische Nebelhaufen wälzen sich über den beiden Rheinufern, die Wassermassen unter der Brücke flüchten unterirdisch-rauschend und unruhig dahin, ein schwer be¬ ladener Schleppkahn treibt darauf, schweigend, als ob er, eine Sagengestalt der Vorzeit, durch einen uferlosen Traum wandele. Nur die gotisch zerzackte Spitze des Kölner Doms ragt stumpf aus einem Nebelloch, wie der Gipfel eines gewaltigen Eebirgsmassivs. Das ferne gedämpfte Geläute des Doms fällt jetzt lang¬ sam und zögernd auf die Erde nieder, ein schwerer me¬ tallischer Tropfen. . . Es war eine niedergekämpfte Kolonne Sturminfanterie, der Rest eines einst stolzen deutschen Regiments, die, ohne Schritt, dahintrottete: bärtig verwachsene Gesichter, knöche¬ rige Gestalten, mit zerfetzten und ausgeblichenen Uniformen schlotternd behängt, in Mützen, barhaupt, der eine oder der andere noch unter dem Stahlhelm, den vermoderten » und zerzausten Affen auf dem Buckel, die Gewehre, Mün¬ dung nach unten, über die Schulter geworfen, und die zu Skeletten abgemagerten Gäule vor der einzigen Feldküche stolperten und knickten immer wieder von Zeit zu Zeit in die Knie, gleichmütig sprang der Trainsoldat vom Bock ab, die Kolonne stockte eine Weile, einige drückten sich links und rechts vorbei am Wegrand, dann ein müder Peitschen¬ knall, die Gäule standen wieder wackelnd aufgerichtet, und das Häuflein Soldaten setzte sich wieder in Marsch. Kein Kommando erscholl mehr. Kein Wort wurde gesprochen . . . Doch kam es vor, daß der eine oder der andere sich plötz¬ lich mit einem jähen Ruck umwandte, mit einer blitzschnellen Handbewegung nach dem Eewehrschaft griff, den Kopf 13 sonderbar lächelnd schüttelte und wieder den einen Fuß vor den anderen tat, als ob es nie anders gewesen wäre und als ob es auch gar nicht je anders sein könnte . . . Vor zwei Tagen noch . . . Einer rechnete nach: „Za, das sind zweimal vierundzwanzig Stunden . . Also: frisch wie aus Schlamm gebacken aus dem Eranat- trichter . . . Und das gigantische Schlachtorchester brüllte die Sym¬ phonie der Trommelfeuer und der Stahlgewitter und der Eisenorkane; körte, kortiooüvo; Easwellen fluteten un¬ sichtbar geheimnisvoll heran; und nun gewitterte auch schon über die stacheldrahtgezäunte, granatgepflügte labyrinthische Ebene hinweg das Finale des Nahkampfes: der dumpfe Knall platzender Handgranatenballungen in Erdhöhlen und Felsunterständen, Menschenschreie, gurgelnd und wie „Huhu" dazwischen, und das Sicheln des Bajonetts. . Traum? Wirklichkeit? Denen, die hier in die Heimat zurückmarschierten, war das Bewußtsein geschwunden, das Hirn leer, nur ein unbe¬ stimmter Trieb drängte in allen ihren Gliedern sie mit vorwärts; links, rechts, links, rechts; das Gesicht nach unten auf den Boden niedergedrückt, dort, wo immer wieder zwei Stiefelbeine hervorschnellten oder der Absatz des Vorder¬ manns, der fest in den Straßendreck hackte. Auch an eine Rast oder gar ans Abkochen dachte niemand. Marschierten sie durch ein Dorf, so schien es ihnen, als wichen ihnen die Einwohner scheu aus dem Weg, kein Mensch zeigte sich, alle Türen und Fenster waren fest verschlossen, auch jetzt noch, da sie sich schon seit einem Tag bald auf deutschem Boden befanden. Es wurde Morgen. Nein, es war kein englischer Tank, der plötzlich schnett¬ wendig aus den zerschleißenden Nebelschwaden hervor - knatterte, auch keine Flammenwerfer, die, flüssigen Phos¬ phor spritzend, ganze Ballen von verbranntem Menschen¬ fleisch durch die Luft wickelten; kein leichtes Infanterie¬ geschütz, kein auffliegendes Munitionsdepot, auch kein 14 Flieger, dicht über der Erde mit MGs die Stellungen ab¬ streichend . . . Nichts, nichts mehr von alledem . . . Weinberge waren es, Hügel, saubere Steinhäuschen darin, Treppen und gut angelegte Pfade durch Weingelände hin¬ durch, Kirchturmspitzen blinkten. Mit ihren Stöcken stocher¬ ten die Soldaten in den dahinkollernden Laubhaufen; es war wirklich schönes, feuchtes rotbraunes Laub . . . Doch die fieberig flackernden Augen der Soldaten suchten von neuem den Boden ab, fanden sich nicht zurecht, stießen sich und tasteten; man hatte sich schon daran gewöhnt, ss fehlte einem was; keine Leichname, keine abgequetschten Arme, keine Rümpfe, die in der Hitze brodelten; auch nichts von Offenfivparfüm, das aus den von Granaten wieder auf¬ gewühlten Massengräbern dick aufstieg .. . Rein und würzig war die Luft, die Nebel verdampften sich nach oben. . . Einer pfiff schon vor sich hin, ein anderer summte leise im Takt, allmählich bildeten sich wieder Reihen, fester und immer fester hämmerte der Schritt und, ohne daß sie sich dessen bewußt waren, marschierten sie durch das nächste Dorf im Gleichschritt. Schon winkte man ihnen zu, Menschen standen freundlich nickend zwischen Türen und Fenstern, und da, als sie eben die letzten Häuser hinter sich hatten, brach voll die Sonne durch. Zerfetzt und zersplittert hing die Nebelpest herum, die Wipfel der Bäume schüttelten sich, daß der letzte Laubrest an ihnen auseinanderstieb; riesige Feuerfarren blühten im Weltraum die Sonnenstrahlen... als ein Mann, ein Landstürmer, in der Mitte des Zugs plötzlich mit tränen- erstickter Stimme ruft: „Kameraden! Seht: Sonne über Deutschland!" Ein Trompetensignal bläst. Eine Trommel trommelt. Hundert Köpfe rucken hoch. Hundert Herztakte schlagen wieder. Und aus Hunderten, von vielem Blut- und Pulver- geschmack ausgedorrten Kehlen schlugt der Gesang: „Deutschland über alles . . .!" 15 II Auch Peter Friedjung, damals knapp zweiundzwanzig Jahre alt, befand sich unter den Heimkehrern. Auch er stieß jetzt „Deutschland über alles" hervor . . . Mit dem Gesang „Deutschland über alles" hatte zu Be¬ ginn des Kriegs das Freiwilligenregiment List gestürmt, mit dem Gesang „Deutschland über alles" auf den Lippen wurden die jungen Freiwilligen vom Trommelfeuer zu einem Leichenbrei zusammengestampft. Fünfmal während des Krieges war Peter Friedjung für „Deutschland über alles" verwundet worden. Und nun!? Ware ein Flieger der Rheingrenze entlang geflogen: er hätte deutlich beobachten können, wie das acht Millionen starke deutsche Feldheer, einer riesigen Schlammflut gleich, in die Heimat zurücktrieb, wie die Massen der Armeen von den Städten aufgesogen wurden und das Gewimmel der Züge auf den geometrischen Figuren der Eisenbahnnetze gegen das Hinterland zu sich langsam auflockerte und dort schon wieder Zug auf Zug straff, in vollkommener Ordnung, dahinrollte . . . Am Abend kam die Kolonne, der Peter Friedjung an¬ gehörte, drei Kilometer vor der Bahnstation an, wo sie nach München verladen werden sollte. Ein Matrose, ein baumstarker Kerl, ein Mann in Zivil mit einer knolligen Schnapsnase und einer in einer feld¬ grauen Uniform, alle rote Binden um den Arm, kamen ihnen am Dorfeingang entgegen und forderten sie auf, die Waffen abzulegen. „Also ist es zur Tatsache geworden. „Revolution!" stellte Kamerad Friedjung fest. „Hier in der Dorfschule ist der Arbeiter- und Soldaten¬ rat." Die Heimkehrer sahen sich unschlüssig an. Aber man ließ ihnen nicht lange Zeit zum Ueberlegen. Eine schwerbewaffnete Abteilung Rotbinden erschien. Die Kolonne wurde ohne weiteres entwaffnet. 16 Zum erstenmal hörte man wieder etwas über die Vor¬ fälle in der Heimat. „Das Heer hat teilweise gemeutert. Straßenkämpfe. Der Kaiser geflohen. Neue Regierung. Die Sozialisten . . ." Zn die Sprache eines Deutschen übersetzt, schloß Peter, bedeutet das: äußerlich hat die Entente gesiegt und damit also offenbar innerlicy: der Unglaube, die Vaterlandslosig¬ keit, die Pöbelherrschaft, die Anarchie. Auf der Straße vor der Bahnstation waren größere Truppenteile versammelt, alle ohne Offiziere, von denen es hieß, sie Hütten sich schleunigst in Zivil aus dem Staub gemacht. Die „Internationale" wurde gesungen, Soldaten standen Arm in Arm, alle hatten sich die Kokarden und die Achsel¬ stücke abgerissen . . . Von Zeit zu Zeit hielt einer, auf den Schultern seiner Kameraden sitzend, eine Rede, dann schrieen sie alle: „Hoch! Hoch! Nieder! Nieder!" Die Kameraden, mit denen Peter zurückgekehrt war, waren nicht mehr aufzufinden. Er stand mitten in dem Tumult allein. Er wußte jetzt überhaupt nichts mit sich anzufangen. Er wiederholte sich noch einmal, was er während des Kriegs alles von der revolutionären Bewegung gelesen und gehört hatte. Da kannte er natürlich dem Namen nach Karl Liebknecht, diesen Hundsföttischen Vaterlandsverräter, wie ihn immer die Offiziere bei ihren Sektgelagen im Kasino tituliert hatten, von dem man erzählte, daß er steinreich sei, eine Unmenge Häuser besitze und von der Entente bestochen sei. um dem deutschen Volk die Kriegskredite zu verweigern.. „Und die anderen, die werden auch kaum bester sein, Para¬ siten unserer Niederlage, individuelle Nutznießer des Volks- unglücks, Kreaturen, die nur im Augenblick der voll¬ kommenen Verwirrung, Ohnmacht und Wehrlosigkeit eines Volks zu Wort kommen und sich leider auch, bei der Dumm¬ heit, Gutgläubigkeit und politischen Ungebildetheit des Deutschen, Gehör verschaffen können." L 17 Und scharf in jeder seiner grauenvollen Einzelheiten tauchte in Peters Gedächtnis jener Morgen auf, der Beginn einer der gewaltigsten Großkampftage, den die Westfront je gesehen. Der Massenfeuerüberfall war beendet. Die Sturminfanterie ging zum Angriff vor. Von Stellung zu Stellung. Ein einziges Kraterfeld war nurmehr das feindliche Eräbensystem, schon hatten die Znfanteriewellen ein großes Loch in die feindliche Front hineingefressen, und „nun mit den Engländern ins Meer" jubelten, ihres gelungenen Durchbruchs sicher, die verschiede¬ nen Regimenter der verschiedenen deutschen Stämme sich zu, schon wurde der Befehl erteilt: „Kavallerie vor!" , . . da setzte unerwarteterweise eine Reservedivision Kanadier zum Gegenstoß an, und — das Sperrfeuer der eigenen Artillerie blieb aus, alle Gewehr-, Handgranaten- und Maschinengewehrmunition war verschossen, keine Hilfe weit und breit, kein einziger Schuß krachte, nur die feindliche Artillerie hieb mit den schwersten Brocken herein, Staub¬ säule um Staubsäule dampfte hoch, und ein zäher entsetz¬ licher Bajonett-, Messer-, Spaten- und Würgkampf begann, Mann gegen Mann, bis am Abend die deutschen Truppen gezwungen waren, die eroberten Positionen Schritt um Schritt und unter den ungeheuersten Verlusten aufzugeben, und die Lücke in der feindlichen Front wieder restlos ge¬ schloffen war. Noch in derselben Nacht wurde bekannt: Die Munitionsfabriken im deutschen Vaterland streiken. Die Artilleriemunition im ganzen Frontabschnitt ist zu Ende. Das Messer zwischen die Zähne, heißt es jetzt, und mit den blanken Leibern die Front, wenn sie wo einreißen sollte, gestopft ... Auf keinen Artillerieschuß sei für die nächsten Tage zu rechnen . . . Ein wilder Racheschwur schoß aus den Herzen der Front¬ kämpfer hoch- die Finger reichten keinem, die Zahl der ihm lieben Kameraden, die er heute verloren hatte, abzuzählen; 18 wutentbrannt zerstampften manche die Pakete mit Liebes¬ gaben und drohten mit schreckensverzerrten Gesichtern: „Dolchstoß von hinten! Na, wartet nur, wenn wir zurück¬ kommen! Da werden wir gründlich mit diesem schmierigen sozialistischen Gesindel aufräumen . . Doch das war bald vergessen. Die meisten wurden, wie es Peter wenigstens damals schien, selbst bald Handlanger dieses sozialistischen Gesindels, machten schlapp, knurrten, und die Erschießung von mißliebigen Offizieren von hinten kam immer häufiger vor . . . Selbst tagelanges Baum¬ anbinden gegen Insubordination und einzelne Füsiladen nützten nichts . . . Die moralische Auflösung der deutschen Front begann . . . Eiskalt vor innerer Erregung, mit haßerfüllten Augen blickte Peter auf seine Umgebung. „Pack schlägt sich, Pack —" „Nein, wir hätten die Waffen nicht —" Doch auch die Treuesten und Zuverlässigsten hatten sich bereits in die Mauselöcher verkrochen. Wieder rauschte ein Zug vorbei mit Hurras und vielen roten Fahnen. . . Ein pockennarbiger krummgewachsener Zivilist trat auf Peter zu, riß ihm die Kokarde ab: „Aas!" Peter stand wie gelähmt, lächelte und stotterte etwas. Der andere war schon fort. Dann preßte er zwischen den Zähnen hervor: „Hunde! Schweine! Lügner! Ihr gottsjämmerlich erbärmlichen Schufte ..." Der Herbststurm fegte. Die Dächer auf den Häusern klapperten. Zu einem Skelett kahl gefressen war rings die Welt. . . „Tine feste Burg ist unser Gott!" Dieser Choral dröhnte mächtig auf in ihm, von Tausenden von Glockenspielen umlüutet, in wunderbaren Klangspiralen, 19 und hoch die Sterne glänzten, das Firmament wölbte sich in raumlosen unbegrenzten Schleifen und Kurven, und sprühte . . . War das nicht der Abglanz von Gottes An¬ gesicht, jenes myriadenäugigen Gottes, des allfühlenden, des allerkennenden, jener Abglanz von Gottes Angesicht, der den Abgrund, der die Welt hieß, mit einer schimmern¬ den firnisartigen Schicht überzog, mit dem Glanz der Ver¬ klärung, der dieses diesseitige Jammertal überhaupt erst für den Menschen erträglich machte? Jenes Gottes, dessen Atem gleich Ebbe und Brandung war, dessen Sekunde ein Tausend Menschenjahre in sich faßte und in dessen Allmacht es stand, die allerhöchsten Vergmassive, die es auf der Menschenerde gab, leichthin wegzublasen wie ein Sand¬ korn!? Das Meer, alle die großen und kleinen Ozeane, wären nicht mehr gewesen als nur ein einziger Schluck in der Schale der göttlichen Hand. Und war nicht die ganze Welt ein einziges Riesenorgelwerk, rühmend des Ewigen Ehre, eine jede Kreatur ein besonderes Register darin, darauf der Schöpfer des Weltalls, der Schöpfer der heiligen Ordnung aller Wesen und Dinge, spielte, er, das Urbild aller Eeschaffenheit, große, kühne, erhabene Akkorde, auch schrille Dissonanzen darunter, doch nur dazu da, um am Ende in einem desto gewaltiger schwellenden Halleluja sich aufzulösen . . .!" Eingepfercht zwischen durch und durch verlauste« und völlig verwahrlosten Mannschaften, die zynisch auf Gott, Kaiser und Vaterland fluchten, rollt Peter der Heimat zu. III Peter fand seine Eltern zu Hause in niedergedrückter Stimmung. Zwar hing ein Kranz mit „Willkommen" und schwarz¬ weißroter Schleife über der Tür, aber die ausgeweinten Augen der Mutter verrieten ihm, daß sie schon viele Tage und Rächte hindurch an einem Wiedersehen mit dem Sohne gezweifelt hatte. 20 „Da ist er ja!" umarmte ihn der Vater. „Nun also doch? Als ein tapferer deutscher Held bist du uns wiedergeschenkt. Du hast dich auch rein gehalten, das seh ich dir an. Flecken- und makellos hast du dir das Schild deiner Ehre erhalten. Und das eiserne Kreuz! Nun kann ich mich beruhigt sterben legen . . . Welch eine Freude!" „So, Peter, gut so, daß du wieder da bist!" begrüßte ihn die Mutter, die indeß weißhaarig geworden war und eine gebückte Haltung hatte. „Nun ruh' dich aus! Der Krieg ist ja zu Ende." Dies sagte sie in einer werkwürdig singenden Sprache, in einem Tonfall, den Peter bisher noch nie an ihr wahr¬ genommen hatte. Peter schwieg. Er stand da, mitten im Zimmer, den Stahlhelm noch immer unterm Arm- Er hatte Tränen m den Augen. Aber das, wie es die Mutter gesagt hatte, klang so, als ob der Krieg garnicht zu Ende sei, nie auch zu Ende sein könnte, als ob er weitergehe, und nur ein Schlachtfeld mit dem anderen sich vertauscht habe, vielleicht sogar: Volksgenosse gegen Volksgenosse. Nach den letzten Ereig¬ nissen zu schließen: ja, vielleicht sogar mitten in Deutsch¬ land: der Muskel gegen den Nerv, Sehne wider Sehne, das Mark eines Volkes gegen das Mark, das Herzinnere gegen das Herzinnere .. . Klang es nicht so, was die Mutter gesagt hatte, als ob man überhaupt nie zu Ende kommen könne damit, als ob dieser Krieg nur ein Vorspiel, ein harmloses sogar, ge¬ wesen sei, und als ob die Rückkunft ins Elternhaus für Peter auch nur eine kurzbemessene Rast sei, um bald darauf wieder. . . Als ob der Krieg sei wie ein Strom . . . Nun, da Frieden ist, fließt unsichtbar er dahin, unterirdisch, überschüttet von irrnisblendendem Gestein, um auf einmal aber, denen nur unerwartet, die das Bewegungsgesetz des Stromverlaufs nicht kennen: stäubend, gurgelnd, strudelnd auf die Erde wieder hervorzubrechen. 21 „Nein, der Krieg ist nicht zu Ende!" schrie es in Peter innerlich auf, als er seiner Mutter in die Augen sah, in die angstverzerrten, kümmernisstumpfen Augen. „Der Frieden, das ist ja ein ganz ungeheuerer Betrug, eine Art Betäubungsmittel, Beruhigungspulver . . . Der Krieg hat begonnen, um nicht mehr zu enden. Seuchenisolierbaracken, Lazarette, ja so, genau so wie ich sie gesehen und erlebt habe: weiterbauen werden die sich durch den ganzen Welt¬ raum hindurch. . . Jetzt schläft er; der Krieg hat sich ein wenig nur hingelegt, um zu schlafen; der Krieg, hört ihr es, schnarcht. Der Krieg schläft seinen Blutrausch aus . . . Dann steht er wieder auf, frisch, kräftig, hungrig, uner¬ sättlich, wie er ist, schwingt sich in die Lüfte, fliegt! fliegt', fliegt! Ja, fliegen wird er diesmal und einen giftigen Samen niederstreuen, Giftgas, Samen: Gas, Gas, Gas . . . Und aufgehen wird dieser Samen, ein entsetzliches Geschwür in jeder Menschenbrust, als brandiger, blasenziehender Aus¬ satz Wer der ganzen Hautfläche, als eine Wucherung, die wüsten Wahnwitz in jedem Gehirn zeugt . . . Welch eine Tiefen - Wirkung! Tod wird er ernten in Hülle und Fülle . . . „Wer aber ist der Krieg!?" „Die Menschen!?" „Und welcher Art Menschen sind es!?" — Rach Tisch stand der Vater auf, zog sich an und fragte Peter: „Kommst du mit zum Trio!?" Mit einem Blick auf die Mutter sagte Peter zögernd ja. . . Auf dem Hinweg begann der Vater: „Du weißt doch Peter, daß du nicht den Oberstudienrat Dr. Reuchlin nach seinem Sohn fragen kannst. Das ist ein wunder Punkt. Nicht daran rühren! Der alte Mann ist zu bedauern. Man mutz sehr taktvoll und zurückhaltend sein. Schrecklich, so ein Schicksal." Peter nickte nachdenklich. 22 „Das war doch ein wunderbar prächtiger Bursche, der junge Reuchlin, ich verstehe das nicht . . ." „Ja, mir ist das auch ein Rätsel. Geistige Umnachtung unter Umständen, Verwirrtheit wahrscheinlich. Anders ist das nicht zu erklären . . . Und welche Sorgfalt in der Erziehung hat er seinem Jungen angedeihen lassen - . . Merkwürdig, wie ein Mensch so aus der Art schlagen kann. . .!" Am Trio, das regelmäßig einmal in der Woche in der prächtig ausgestatteten Achtzimmerwohnung des unverhei¬ rateten Dekan Lampert stattfand, nahmen teil die Herren Fabrikbesitzer Joachim Hellmer, Oberstudienrat Dr. Reuch¬ lin und Peters Vater, der Landgerichtsdirektor Dr. Fried¬ jung. Diesmal waren noch zugegen als Gäste Oberstleutnant Hugenberg, Emil Freywolf, Redakteur einer größeren liberalen Tageszeitung, Kriegsberichterstatter, und ein ge¬ wißer Paul Bratz, der in der Gesellschaft als eine aus¬ gesprochene Abenteurernatur galt, früher Leutnant der Schutztruppe, während des Krieges aber dauernd aus dem Heer wegen chronischer Trunksucht beurlaubt; er lungerte in dieser Zeit in allen Sanatorien Deutschlands herum und interessierte sich für Frauenjagd. Die Gesellschaft war schon versammelt, als Dr. Friedjung und sein Sohn eintraten. Die meisten Herren kannte Peter schon. „Und wie er sich verändert hat! Mein Sohn, viel männ¬ licher, ganz zu deinem Vorteil." Breit und behäbig, wie ein Luther-Standbild, pflanzte sich der Dekan vor Peter auf. „Na ja, der Krieg ist der beste Lehrmeister! Da sehen Sie mal wieder! Gott hat seinen Anteil daran. Gott hat gewollt, daß gerade wir dieses Gericht vollziehen sollen, und die Reinheit' des sittlichen Gewissens ist auf unserer Seite. Wie der Ausgang des Krieges in Uebereinstimmung mit dieser Tatsache zu bringen ist: Gottes Rat ist uner- forschlich. Wahrscheinlich haben sich große Volksteile Deutsch¬ lands, vor allem die unteren Schichten, an die Arbeiter- bevölkerung der Zndustriebezirke denke ich da vor allem, noch nicht als genügend geläutert für diese göttliche Aufgabe erwiesen. Wir gehen schweren Zeiten entgegen. Doch die Jugend gehört uns und damit die Zukunft, und wenn die ganze Jugend Deutschlands aus lauter Friedjungs bestünde: dann, dann kann Deutschland nicht untergehen . - . Nun, mein Sohn, nimm Platz . . Noch einen Augenblick verharrte der Dekan bei seinem Augenaufschlag. „Nun, habe ich es nicht immer gesagt, den preußischen Leutnant macht uns so leicht niemand nach . . ." Herr Bratz holte das verborgene Monokel hervor und klemmte es fest. Landgerichtsdirektor Friedjung bedankte sich nach allen Seiten hin für die Gratulationen. Nur dem Oberstudienrat Dr. Reuchlin drückte er stumm die Hand. „Wird schon wieder werden .. . Nur Kopf hoch! Mut. . „Ein Zunge mit solcher Begabung wie der Ihre, Herr Landgerichtsdirektor ... ich schlage vor: Vankfach. Das ist heute noch am aussichtsreichsten . . ." Der Fabrikbesitzer fand allseitige Zustimmung. „Ich wäre natürlich auch bereit, ihn bei mir unterzu¬ bringen ... Ich brauche absolut zuverlässige, gegen jedes Streikgelüste immune Leute, heutzutage mehr denn je . . ." Inzwischen hatten der Redakteur, der Oberstleutnant, Herr Bratz, eine Gruppe gebildet. „Richtig so, ganz so ist es, wie Sie sagen: Der Krieg ist nicht nur ein notwendiges Element im Völkerleben, sondern auch ein unentbehrlicher Faktor der Kultur, ja dis höchste Kraft und Lebensäutzerung wahrer Kulturvölker." Der Oberstleutnant ergänzte begeistert den Redakteur: „Nicht nur eine biologische Notwendigkeit, sondern auch eine sittliche Forderung und als solche ein unentbehrlicher Faktor der Kultur . . ." 24 „Meine Herren! Lassen Sie sich schildern, wie die Zivili¬ sation in den Kolonien vor sich geht. Wir brauchen Kolo¬ nien, das ist eine Lebensnotwendigkeit für das deutsche Volk. Kolonialarbeit ist aber notwendigerweise Vlutarbeir und durchaus durch die Verdrängung des Heidentums durch das Christentum gerechtfertigt. Wir sind immer mal wieder gezwungen, da unten einen großen Kehraus mit den Schwar¬ zen zu machen. Selbst Ausrottung ganzer Stämme mitsamt ihren Stammsiedelungen sind dabei leider Gottes nicht zu vermeiden . . . Kultur! Kultur! . . . Und überdies zum oorigen Thema: Sie haben ja die Ermordung des öster¬ reichischen Thronfolgers gestreift: ich sage: wenn je ein Blutopfer eine befreiende, eine erlösende Wirkung gehabt hat, so war es dieses . . ." Die Gruppe löste sich wieder auf und schloß sich der all¬ gemeinen Diskussion an. „Im übrigen: meine Ansicht ist die: die Sozialdemo¬ kraten, mag man gegen sie haben was man will, die müßen jetzt die Sache schmeißen. Wir müßen uns auf eine Politik auf lange Sicht einrichten . . . Unsere Zeit kommt! Ab¬ warten ..." Bratz widersprach energisch dem Fabrikanten. „Nein, nun ganz und gar nicht." Er sprachen illegalen Organisationen, Attentaten, Verschwörerklubs, Kampf¬ trupps, die sofort aus den aktivsten, zuverlässigsten vater¬ ländischen Elementen gebildet werden müssen, um den Novemberverbrechern energisch auf den Leib zu rücken . - - „Wie Sie sehen: die Arbeiterschaft ist in zwei feindliche Lager geteilt. Die Sozialisten werden nicht umhin können, im Kampf gegen die Spartakisten sich unserer Hilfe zu be¬ dienen, wir werden und müssen uns diese Dienste so teuer wie nur möglich bezahlen laßen . . . Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen . - - So wird man uns nicht abfinden. Nie und nimmermehr . - " „Meine Herren, streiten wir nicht! Ich bin für zwei Eisen im Feuer!" vermittelte der Dekan. „Auf legale Art und auch die Vorschläge des Herrn Bratz dürfen wir nicht ganz und gar außer acht laßen . . . Dem Volk muß di- 25 Religion auf jeden Wll erhalten bleibe,». Denn nicht aus Gescheitheit oder Dummheit des Einzelnen kommt es an. sondern auf die Erlösung der Seele. Was für den Einzelnen gilt, gilt auch für das Ganze. Einkehr, innere Wandlung, das ists, was vor allem not tut." Nun sprach auch Peters Vater: „Die Hauptsache ist, daß die Staatsautorität erhalten dleibt. Ich meinerseits habe bei den Sozialdemokraten seit Kriegsbeginn nichts gelesen, was der Lehre von der Un¬ antastbarkeit des Staates zuwiderliefe. Im Gegenteil, ihre Partei hat sich während des Krieges ihre nationale Ver¬ gangenheit geschaffen! . . . Und meine Herren, die Staats¬ form kann uns doch schon wirklich ganz egal sein, auf den Inhalt kommt es an." Der Oberstleutnant fiel ihm ins Wort: „Allerdings, jetzt heißt es Schritt für Schritt, so zäh wie nur möglich, unsere Positionen verteidigen, die Sozialdemo¬ kraten regieren laßen, heimlich ihre Regierung infamieren und sie so in den weitesten Volkskreisen unmöglich machen, und zwar ein für allemal, um dann, wenn so der Staats¬ apparat relativ intakt in unserer Hand bleibt, eines Tages, wohlbemerkt, ich rechne mit Jahren, zum Generalangriff überzugehen . . . Meine Herren! Man kann die Erfah¬ rungen des Krieges auch auf den Frieden anwenden . . . Jedenfalls, eine Voreiligkeit, eine zu frühe öffentliche Preis¬ gabe unserer Entschlüße könnte uns teuer zu stehen kommen. In diesen Tagen der roten Hochflut wird auch der geringste taktische Fehler, meine Herren, mit Mut bezahlt . . .! „Es ist schon so!" bestätigte auch der Oberstudienrat Dr. Neuchlin, „man muß mit den Wölfen heulen. In unserem Herzen sind und bleiben wir Monarchisten, jawohl. Aber in der Praxis könnte es sogar unter Umständen möglich sein, daß wir uns mit der Republik abfinden. Wer will prophezeien, es könnte gar der Tag kommen, wo wir die treuesten Stützen der Republik sind . . . Spotten Sie nicht, schütteln Sie nicht ungläubig die Köpfe . . ." „Oh!" rief pathetisch Bratz dagegen .. . „wenn der Schick¬ salstag naht, und wäre über uns Ragnarök, die Eötter- 26 dämmerung verhängt, danil lieber in tobender Schlacht als in schleichendem Siechtum . . „Auch ich finde, Dr. Reuchlin, das klingt bedenklich nach Kant," philosophierte jetzt der Dekan. „Also Monarchie wäre demnach die einzige rationelle Staatsform, aber sozusagen nur als ein Postulat der praktischen Vernunft, deren Verwirklichung zwar nie erreicht wird, deren Er¬ reichung aber stets als Ziel angestrebt wird und in der Gesinnung festgehalten werden must . . . Auch christlich terminologisch ließe sich das ausdrücken . . „Meine Herren," knurrte jetzt der Oberstleutnant da¬ zwischen, „ich finde, das Gespräch führt uns jetzt zu weit ab . . . Besser ist: wenig davon sprechen. Immer daran denken. . „Jawohl, auf die Tat kommt es an," schloß Bratz . . . Der Landgerichtsdirektor saß am Flügel. Der Fabrikant stimmte die Violine. Oderstudienrat Dr. Reuchlin bediente das Cello. „Wir haben das letztemal Beethoven geübt. Wir wollen sehen, was davon hängen geblieben ist." Das Trio begann. Der Landgerichtsdirektor zählte den Takt mit . . . Verstreut saßen der Redakteur, der Oberstleutnant, dec Dekan, Bratz und Peter im Zimmer herum. Der Dekan dachte an die Sonntagspredigt. Man mußte vorsichtig sein und alles in Gleichnissen ausdrücken; auch machte ihm die Möglichkeit einer Abtrennung von Kirche und Staat einige Sorgen. Für die Predigt am kommenden Sonntag suchte er noch immer den passenden Text. Er war bekannt dafür, daß er so ergreifend sprach, daß die Leute weinten ... Da fiel ihm jenes berühmte Pauluswort ein: „Und hättet der Liebe nicht . . .!" In der Tat vortrefflich. Er zog ein Notizbuch und skizzierte die Disposition. Na¬ türlich Liebe, Liebe und nochmals Liebe: Christentum und Sozialismus, Sozialismus und Christentum: nur zwei ver¬ schiedene Ausdrücke für im Grunde ein und dasselbe. Ver- 27 lohnend wirken? Und zu was Besserem könnte man auch in solchen Zeiten ermahnen, als zur Liebe, innerer Einkehr, Arbeit an sich selbst; die Staatsform und die äußeren sozi¬ alen Fortschritte erst in zweiter Linie. Der Mensch ist die Hauptsache, der innere Mensch, auf das Seelenheil des Menschen kommt es an . . . Und die Klänge des Trios beschwangen ihn: er notierte fieberhaft, und als die Herren mit einem wunderbaren piano pianis8iino geschlossen hatten, wobei besonders die Violine ergreifend zur Wirkung kam, sprang er freudigst erregt auf: „Danke, meine Herrn! Hier meine Sonntagspredigt! Vortrefflich gelungen . . Peter hatte während des Konzerts allerlei groteske Ein¬ fälle. „Das Frontschwein badet im Konzert!" Oder, „Ohren¬ schmarrenschmaus" und „Sonntagspredigtbraten", „Ragout aus sanftlebigem Oberkonsistorialrat-Fleisch" usw. Auch betrachtete er geradezu mit einem wollüstigen Ingrimm den Herrn Vratz neben sich, diese beständig nervös grimmas- sierende Monokel-Fratze . . . Aber auch der Journalist war nicht müßig geblieben. In seinem Gehirn stand schon der Leitartikel „Vom neuen Zeitgeist" fix und fertig. Hier waren die Sünden und vielen Fehlerhaftigkeiten des alten vergangenen Regimes scharf und präzis kritisiert, dann aber auch das Gute, Edle und Wahre vergangener Zeiten sorgfältig und liebevoll darge¬ stellt, das es nun weiter zu pflegen und zu hegen gelte, und am Schluß war als Bilanz die beschwörende Formel gegen den Bolschewismus und gegen die alle geistigen und sittlichen Kulturwerke bedrohende Anarchie angebracht. Einige Be¬ richte Reisender aus Rußland, Greuelszenen voll phanta¬ stischer Anschaulichkeit waren nicht ungeschickt eingeflochten und vor allem volltönend und warnend zugleich war die Stimme, die er für die Unantastbarkeit des Privateigentums erhob. Vratz dagegen döste zwischen „Farbenklavier - Klavilux", „Sonnenmaschine" und der „Wirkung des Grammophons 28 aus Neger" dahin und dachte dann konzentriert an Lueie, ein Rasseweib, Kellnerin in einer Bar, und wie man Geld auftreiben könne, die Weiber kosten Geld, das ist eine alte Sache. Vielleicht gehts mit einem Spielklub, der vater¬ ländische Verschwörerklub, dem er auch nebenbei angehörts, war noch nicht recht in Schwung, die Geldgeber zogen noch nicht, doch was nicht ist, kann immerhin allemal noch werden . . . Der Oberstleutnant gab sich willig der Musik hin. Zwar Marschmusik ist es nicht, überlegte er, auch reizen Blasinstrumente nicht so sehr zum Träumen. Aber Kunst ist es, erhaben und großartig. Nur die Künstler, das ist eine andere Sache . . . Gegenüber dem undisziplinierten Beethoven da war doch Goethe ein ganzer Kerl . . . Und dann bemerkte er unwillig, daß er Zivil trug. Die schöne alte Uniform. Vielleicht werde ich es noch einmal erleben: Sonnenglanz, die Brust voll Orden, die Straßen zur Parade abgesperrt . . . schon dröhnt der Stechschritt . . . Da eben schloß das Trio mit pianissimo. — Noch einige Stücke. Ein Violinsolo. Ein Marsch, aus besonderen Wunsch des Oberstleutnants, und der Trio- Abend war beendet. "" Man blieb nun noch bis über Mitternacht gemütlich zu¬ sammen. „Die Einwohner müßten sich zum Schutze ihres Eigen¬ tums zusammentun, für Ruhe und Ordnung, gegen Bürger¬ krieg und Anarchie." „Ist schon erwogen bezw. beschlossen." „Im übrigen: was unsere Revolutionäre anbetrifft, vom Schlage solcher Bürschchen wie Toller, die jetzt den Mund so voll nehmen, so dürften die uns nicht besonders ge¬ fährlich werden. Sie sind eitel bis zum Ueberlaufen, man muß sie hätscheln, ausgemachte Windbeutel, mit denen nicht fertig zu werden, das wäre zum Lachen . . - Man muß sie nur ein wenig mit einer Verbeugung vor ihrer Genialität, wovon sie natürlich keine Spur besitzen, kitzeln, man mutz L9 ihnen geschickt durch die Presse einreden, sie hätten eine weltgeschichtliche Mission, dann strecken sie, von sich selbst fasziniert, eitel bis zum Brechreiz wie sie find, gleich alle Viere von sich und man kann alles, was man nur will, mit ihnen anstellen. Da sind die Bolschewisten schon andere Kerle, aus einem Guß, die wenigstens wissen was sie wollen. Mit denen ist nicht gut Kirschen essen. Russische Glut, ameri¬ kanische Gründlichkeit: das sind ihre Hauptqualitäten, das muß ihnen auch ihr ärgster Feind lasten . . ." „Gewiß auch in der Schule weisen wir jetzt in jeder Unter¬ richtsstunde darauf hin, welche Gefahren dem deutschen Vaterlande drohen. Na, unsere Jungens sind alle Gott Lob und Dank vernünftig und würden sich sofort wieder zur Verfügung stellen wenn es losgeht . . ." „Sicher auch Ihr Herr Sohn", zwinkerte der Dekan zu Peter hinüber, der wie versteinert dasaß. „Aber das ist ja selbstverständlich!" antwortete für ihn der Vater. „Er ist gegen jede Art bolschewistischen Giftes gefeit. Im Trommelfeuer zu einer undurchdringlichen Panzerhaut geschmiedet. Ein Friedjung und Bolschewist: das scheidet sich wie Feuer und Master." „Das meine ich auch!" lächelte der Dekan befriedigt. Man tat noch einen langen Zug aus der Zigarre, leerte den Rest aus dem Bierglas und stand auf. „Also sagen wir Dienstag, nächste Woche!" Man stand schon an der Tür. „Aber wollen wir so auseinandergehn, nach solch einem Abend, es ist ja immerhin in gewisser Weise das Willkomm¬ fest des jungen Herrn Friedjung gewesen. So unverbindlich auseinandergehn, ohne . . ." Alle stimmten begeistert dem Vorschlag des Redakteurs zu. Der Landgerichtsdirektor saß wieder am Flügel. „Aber pst! Leise bitte!" mahnte der Dekan, „sonst habe ich Unannehmlichkeiten." Und sie sangen mit gedämpften Stimmen: „Deutschland über alles." Peter sang nicht. 30 Er sprach leise für sich ganz nüchtern und trocken den Text nach. Wie ein mechanischer Kontrollapparat. Dabei beobachtete er scharf die Sänger. Und beim letzten Vers sprach er halblaut mit: »I—h—r.e—l—e—n—d—e—n— . S—ch—u—r—k—e—n." — Unten verabschiedeten sich sogleich die Herren. Bratz schlug vor dem Oberstleutnant die Hacken zusammen, stand stramm. Peter verbeugte sich kaum. Bratz ging noch ein Stück mit den beiden Friedjungs. Er hatte das Monokel wieder eingesteckt. „Vorsicht ist am Platz. Meine Devise ist: das Leben so teuer wie nur möglich zu verkaufen . . ." Und zu Peter gewandt fragte er: „Wahrscheinlich werden Sie nun doch studieren!? Zn Berlin vielleicht. Ich kann Ihnen für einige Korps Empfeh¬ lungen geben. . ." „Ich danke", erwiderte Peter kalt. Bratz schnitt mit dem Stock durch die Luft, daß es pfiff. „Hören Sie, das ist der preußische Pfiff . . . Bald kommt der große, der heilige, der entscheidende Tag . . Dazu summte er schmalzig eine Melodie. „Wissen Sie woraus das ist. Nein?! Aber . . . Wagner „Tannhäuser", dritter Akt. . »Ich denke an den armen bemitleidenswerten Oberstudien¬ rat. Wie Söhne zu Fallstricken für ihre Väter werden! Armer alter gebrochener Mann . . ." Sinnierte der Land¬ gerichtsdirektor. — Es war ein öffentliches Geheimnis: Dr. Reuchlins Sohn war wegen Meuterei und Hochverrat im Felde vor ein Kriegsgericht gestellt, zum Tode verurteilt und erschossen morden. IV Peters Mutter war noch wach, als Vater und Sohn vom Trio nach Hause kamen. Peter saß nun mit seiner Mutter allein. „Mein Kind, du hast Schweres durchgemacht.' Zch will dir nun sagen: wenn du wieder von zu Hause fortgehst, dann ist auch meine Zeit gekommen. Du weißt vielleicht, ich lebe mit dem Vater sehr schlecht. Nur deinetwegen bin ich ge¬ blieben. Aber du bist ja jetzt erwachsen, und du hast mich nicht mehr nötig . . ." „Doch, doch!" wollte Peter stammeln, aber er konnte kein Wort hervorbringen. „Es ist am besten, Peter, ich nehme gleich heute von dir Abschied: du bist ein Musterbeispiel für einen idealistisch gesinnten jungen Deutschen. Wie du dich durch diese Zeit hindurchschlagen wirst! Auf welche Art und Weise du mit ihr fertig werden wirst!? Was aus dir noch werden wird . .. Fast ist's mir als ob ich es wüßte. Ich ahne schon so etwas. Aber ich will darüber schweigen. Kurz und gut: Laß die Leute reden, Peter, und geh deinen Weg . . . Das soll unser Abschied gewesen sein. Leb wohl! Gute Nacht!" Wieder schwieg Peter. „Aber was ist die Wahrheit!? Was soll ich tun . . " Und Peter schlief einen unruhigen Schlaf. Er schlief in demselben Zimmer wieder, in dem er schon als Kind geschlafen hatte, dort an der Wand hingen noch die Eichenkränze, die ersten Preise aus Wettschwimmen und Fußballspielen, und dort obenauf im ersten Schubfach des Schrankes lagen noch durcheinander Schulbücher und Hefte. Direkt aus dem Gymnasium war er ins Regiment ein¬ getreten, in der Zeit seiner militärischen Ausbildung kam er nur selten nach Haus. „Und jetzt, jetzt, was soll aus mir werden." Peters Vater war Landgerichtsdirektor, ein Richter in höherer Staatsstellung, besten schönster Tag in seinem Leben war, wie er nie müde wurde zu betonen: damals, 32 als Peter auszog mit dem Freiwilligenregiment, Blumen¬ sträuße am Helm und einen vorne im Eewehrlauf: das war ein großartiger erschütternder Marsch lauter prächtiger junger Menschen unter dem Gesang „Die Vöglein im Walde . . auf den Bahnhof. Ihm zur Seite auf dem Trottoir, schritten damals Vater und Mutter, beide schluchz¬ ten, Peter schluchzte und lachte freudig aus dazwischen, die ganze Stadt war mit Fahnen, Girlanden und Blumen geschmückt: der Auszug dieses Freiwilligenregiments war ein großes Freudenweinen . . . Vor vielen Jahren belauschte einmal in diesem Zimmer Peter eines Nachts ein Gespräch zwischen Vater und Mutter. Peters Vater war damals Staatsanwalt und Anklage¬ vertreter in dem bekannten Prozeß gegen den berüchtigten vielfachen Raubmörder Alois Kneisel. Kneisel wurde zuerst in der chirurgischen Klinik zurechtgeflickt, da er bei seiner Verhaftung von den Gendarmen verwundet worden war, und danach dem Scharfrichter überantwortet. Es muß die Nacht vor der Hinrichtung gewesen sein, denn der Vater hatte dem Dienstmädchen aufgetragen, ihn pünktlich um fünf Uhr früh zu wecken. Der Wecker wurde sorgfältig gestellt. Auch waren Gehrock, Zylinder, weiße Glacehandschuhe herausgerichtet worden, die guten Schuhe, ein frisches steifes Hemd und die Manschetten mit den rubinroten Knöpfen. Peter legte das Ohr dicht an die Wand, als er die ersten aufgeregten Worte der Mutter vernahm. „Nein, Heinrich, ich kann mit dir beim besten Willen nicht mehr Zusammenleben", weinte die Mutter, „du bist ein Mörder, mitschuldig an einem ganz gemeinen bar¬ barischen, infamen Mord ... Ich flehe dich an, laß mich fort von dir . . Der Vater sprach ruhig und mit sehr tiefer Stimme vom Staat, von der Notwendigkeit der Erhaltung der Autorität, von der modernen Straftheorie, wonach Strafe erstens: Sühne im religiösen Sinne sei, dann auch ein prophylaktisch wirkendes Abschreckungsmittel und drittens: Befreiung der 3 33 Gesellschaft von der Eemeingefährlichkeit gewisser mensch¬ lich minderwertiger Subjekte. Jedoch: des Vaters Gegenargumente fruchteten bei der Mutter nichts. Immerfort schluchzte die Mutter noch: „Das ist Heuchelei, abgrundtiefe Verlogenheit... Ich kann es nicht so in Worten ausdrücken, aber mein Gefühl, mein Instinkt sagt es mir ... Ach Gott, o Gott, o Gott, daß du das nicht einsiehst. So verstockt, wer hätte das gedacht.." Und die Muter weinte die ganze Nacht still vor sich hin. Einmal schrie sie: „Siehst du ihn nicht vor dir: das Gesicht seiner letzten Nacht: groß, ungeheuer und der Hals ist da, warm der Rumpf darunter . . . dieser in die Länge gezogene Blick... Pfui, wie du mich anekelst ... Ich kann es wirklich nicht mehr länger mit dir aushalten . . ." Wieder kam ein Weinanfall. „Du haßt mich also", fragte der Vater. „Läßt du mir das Kind!?" „Auf keinen Fall . . ." „Damit du ihn auch zu einem Verbrecher deiner Art, zur gemeinsten und tierischsten Art Verbrecher, die es auf der Welt gibt, erziehen kannst!?" Ein schwerer Schlag. Ein Schrei, der hoch und schrill war . . . Trotzdem Peter damals erst acht Jahre alt war, wußte er sofort: „Der Vater hat die Mutter niedergeschlagen." Und Peter taumelte, als ob er selbst den Schlag erhalten hätte, fiel ins Bett zurück und versank tief in einen ohnmacht¬ ähnlichen Schlaf. Wie ein Eoldregenschwarm sangen Scharen von Engeln darin, wie Bienen sahen sie aus und die Erde darunter war wie eine klotzige, schattenhafte, geschwollene Blutkugel. Und die Mutter war da, eine überlebensgroße Gestalt, streichelte ihm zärtlich die blutende Kopfwunde, und Peter strengte sich sogar an, ordentlich viel zu bluten, das blutende Blut tat 34 ihm wohl, es rann und blühte in unendlich vielen Knospen und Beeren im Himmelsgarten . . . Die Mutter war in der Nacht noch auf und davon gelaufen. Der Vater stand pünktlich früh um fünf auf. Als er mittags nach Hause kam, schaute ihn Peter groß und fragend an. „Hat er ihn jetzt wirklich umgebracht?!" Aber die Kleidung des Vaters, der jetzt ein bequemes Haus- jöppchen trug, war tadelfrei, schwarz; wie anlackiert sah er aus. Nirgends ein Blutspritzer, nicht einmal an den Manschetten. „Ob er eine Schürze sich umgebunden hat, so wie im Schlachthaus?" Peter wollte erfahren, ob er das eigenhändig gemacht hat, mit dem Beil oder mit einem scharfen Rasiermesser. Immer noch schaute Peter groß und fragend. Der Vater aber schwieg, erkundigte sich nach Peters Schulaufgaben und ließ sich dabei den Gansbraten schmecken. Nach acht Tagen kam die Mutter zurück. Des Kindes wegen. „Die Kindheit eines Menschen ist entscheidend. Wie es auch gewesen sein mag, Heinrich, das was zwischen uns beiden ist, ist Nebensache. Mein Entschluß ist: ich bleibe... Ich kann nicht anders . . . Und dabei bleibe ich auch: die Todesstrafe anzuwenden innerlich berechtigt ist man meiner Meinung nach nur solchen gegenüber, die ein System, dem dieses Greuel zugehört, mit Gewalt aufrecht erhalten wollen . . ." Seit jener Nacht aber war die Mutter eine andere ge¬ worden. Etwas seltsam, absonderlich, sagten die Leute, es muß ihr etwas auf die Nerven gegangen sein. - - Vielleicht auch eine Eeinütskrankheit ... Sie achtete nicht mehr auf die Kleidung, tagelang aß und trank sie nichts, sie entließ das Mädchen, machte jede Arbeit selbst. S* 35 Als der Vater ihr einmal darüber Vorhaltungen machte, das entspreche doch ihrem Stand nicht, bekam sie einen An¬ fall. Die Befürchtung entstand, sie werde über kurz oder lang irrsinnig. Sie gönnte sich keine Freude mehr. Das dritte Wort hieß: sparen. Stundenlang saß sie auf dem Balkon, ihre Lippen be¬ wegten sich, sie nickte mit dem Kopfe, seufzte . . . Vater und Mutter: jeder von beiden ging von da ab seinen Weg allein. Nur wenn die Sprache auf Peter kam, auf Peters Be¬ gabung, Beruf, Zukunft, dann kreuzten sich für einen Augen¬ blick die beiden Wege, um sich gleich darauf wieder in ent¬ gegengesetzter Richtung zu entfernen. — V Und wieder überzog Peter die Erinnerung an den Krieg wie ein dumpfes, dunstig-tropisches Gewitter: Da stand der Mensch inmitten platzender Brisanzgeschosse, von Eiftgasnebeln eingeschwadet, unter einem Phosphor¬ feuerregen, wie unter einer kreidig-weißen Branddusche. Zn einer der Taucherkleidung ähnlichen Uniform gekleidet, die alle seine Bewegung schwerfällig und ungelenk machte, einen Gasmaskenhelm aufgestülpt, der oben eine oval abgeflachte Stahlkuppel bildete, der Filteransatz in der Mundgegend: ein kurzer dicker Rüssel. Schrauben, Griffe, Hebel, Mano¬ meter rings an den Hüften; ein Schläuche-Durcheinander und Drahtgeflechte umspannten den Leib . . . Und nun, wie ein dem ganzen Körper dicht aufgelegtes Pflaster um¬ schloß ihn diese Uniform, sog, mit dem Giftgas durchtränkt, juckende Blasen auf der Haut; schon beginnen jauchige gangränartige Wucherungen in Luftröhre und Kehlkopf; blutiges Erbrechen; es ist ein langwieriges Ertrinken unter Todesangstschweiß austreibenden Erstickungsanfällen in der eigenen Körperflüssigkeit; die Lunge schwemmt sich auf, wie ein mit Wasser vollgesogener Schwamm, um das vielfache ihres ursprünglichen Volumens; Haut und Uniform werden 36 dabei eins, eine gallertartige nässende, mit Geschwüren durchklebte Masse, und die Uniform-Haut, die Haut-Uniform schält sich ab . . . und da stand nackt und bloß der Mensch, ein unförmiges Stück rohen blutigen Fleisches, ausge¬ nommen wie ein geschlachtetes Vieh bei lebendigem Leib, geschunden nach allen Regeln der modernen Wissenschaft und Kriegskunst. Die Sonne drückt nieder vom Himmel als ein glühender Stempel: der ganze Leib wird wie mir flüssigem Feuer eingebrannt. Und nun quellen ihm noch die geronnenen Augen aus den schon kohlig vermorschten Stirn¬ höhlen, zwei weißliche Kugeln, wie bei einem Fisch, den man siedet. . . Und dieses Stück rohen blutigen Fleisches, das sich Mensch nennt, bewegt sich, lebt: es ist ein Mensch, es sind ihrer viele, es ist ein ganzes Menschenvolk, ein ganzes Volk roher blutiger Fleischstücke, mit und ohne Arm, mit und ohne Vein, kopflos und welche mit bläulich gedunsenen Köpfen: sind es schon oder sind dazu bestimmt, es in Bälde zu werden; und die so einem entsetzlichen Schicksal Ausgeliefer¬ ten beginnen zu leben, lebendig zu werden, gewinnen das Bewußtsein über sich selbst, schließen sich zusammen, Bluten¬ des an Blutendes, und marschieren eines Tages aus Miets¬ kasernen, Fabriken, Massengräbern hervor, hinauf auf die breite Straße, wo die große, schöne, die heitere, Re weite, die sorglose, die glückliche Welt blüht, wo es thront und promeniert: ein Trompetenstoß: Achtung, ihr feinen Damen und Herren: stinkendes, rohes, blutiges Menschenfleisch kommt; ja es kommt, wälzt sich daher wie ein fauliger Strom, brüllt vor Schmerz, flucht im Chor und knurrt... Die Damen raffen ihre Röcke hoch: Vorsicht, daß wir nicht schmutzig werden; die Herren blicken betrübt auf ihre blut¬ besudelten Lackspitzen und Gamaschen... Nein, die hitzigste Sonne brennt so heiß nicht wie diese Wundenflecken, so rot wie diese Wundenfarbe ist nie eine Sonne . - und aus den von Kolbenschlägen zerschmetterten Gebissen, an denen noch wie an einem Faden an einem Sehnenstrang halbe, dreiviertel Unterkiefer herumhängen, pfeift, trillert und zirpt ein Gesang: „In der Heimat da gibts ein Wieder¬ sehen . . 37 „Bitte zurücktreten!" schnauzt der Offizier das blutende Stück Menschenfleisch an, als es den Absperrungskordon durchbrechen will, der um den großen Platz, auf dem soeben die Heldengedenkfeier stattfindet, gezogen ist. „Ich hatt einen Kameraden!" spielte eben die Militär¬ kapelle. Blutige Fackeln leuchten. „Ich bin der unbekannte tote Soldat!" Spricht das blutende Stück Menschenfleisch! „Ich wünsche das Wort zu diesem Thema. Auch ich habe einiges dazu zu sagen. Ich möchte sprechen." „Treten Sie bitte nicht näher . . ." „So eine Eemüts- roheit! So eine Taktlosigkeit!" zetern schon einige Klein¬ bürgerseelen drauf los und ballen wutenbrannt die Fäuste. „Was fällt Ihnen denn eigentlich ein! Schämen Sie sich denn gar nicht!? In so einem Aufzug, und dazu noch am hellichten Tag! Splitternackt! . . . Sie erregen öffent¬ liches Aergernis! Das ist ja ein Skandal sondergleichen! Unsere Ruhe wollen wir haben! Leichenpack! Das ist ein¬ fach schofel . . ." „Zurück! Sonst muß ich von meiner Waffe Gebrauch machen. Ich habe strengste Instruktionen, rücksichtslos vorzugehen . . . Verhalten Sie sich ruhig und stören Sie den Ernst und die Weihe der Feier nicht! Der Herr Eeneralfeldmarschall spricht . . „Wer . . .!?" „Bitte sehr, ein letztes Mal, oder ich schieße. Sie haben hier nichts zu suchen . . Aber schon flitzen die Gummiknüppel, die Bajonette stellen sich wagrecht, die berittene Hundertschaft zur be¬ sonderen Verwendung galoppiert heran, ein Panzerwagen knattert. . . „Sie haben, scheint's, an einem Tod nicht genug. . . Gebt Euch endlich zufrieden . . . Hinunter ins Massengrab oder hinauf wieder ans Kreuz mit Euch! Als aufbauende Glieder der Volksgemeinschaft kommt Ihr, so wie Ihr seid, heute nicht mehr in Betracht . . 38 In diesem Augenblick stößt ein anderer Zug gegen die Polizeikette, eine rote Fahne an der Spitze, kräftig tönt der Gesang: „Einst kommt der Tag, da wir uns rächen, Dann werden wir die Richter sein . . ." „Das sind die Sachverwalter, die wirklichen Wahrer unseres ungeheueren kostbaren Schmerzensguts " sprechen die zusammengehauenen blutenden Fleischstücke... „in deren Hände hat die Zukunft die Vergangenheit als Erbmasse gelegt. Darin ist auch unser Schicksal mit inbe¬ griffen." — Mit einem Ruck fuhr Peter aus dem Traum auf, schrie „Jonny" und beinahe in greifbarer Nähe stand vor ihm jener arme Teufel vom amerikanischen Easregiment, den er bei einem Sturmangriff auf einen der gefährlichsten feindlichen Minenstollen zum Gefangenen gemacht hatte. Jonny hatte weder um Pardon gefleht, noch hatte er sich zur Wehr gesetzt. Mit einem unglaublich traurigen Aus¬ druck in den Augen sah er den Deutschen an und drückte ihm einfach herzlich die Hand, als der die bereit gehaltene Handgranate nicht abzog. Jonny war der einzige Sohn eines kleinen amerikanischen Farmers, arbeitete bei Kriegsbeginn in einer Seifenfabrik und war dann zum Easregiment eingezogen und gleich darauf nach Edgewood, dem großen amerikanischen Kriegs¬ arsenal abkommandiert worden. Drei Monate lag er in Edgewood, dann kam er an die Front. Auf dem Rücktransport verständigte sich Peter durch einen Dolmetsch mit ihm und erfuhr, wie dort an lebenden Men¬ schen die Easschutzmasken und die bei einer Easerkrankung anzuwendenden Gegengifte ausprobiert werden. Zuerst das Tierexperiment, dann der Mensch . . . „Das ist ja Vivisektion!" entfuhr es Peter und der Ameri¬ kaner nickte. Auch hatte jeder Soldat eine sogenannte zweite eiserne Ration bei sich, ein Mittel, das im Fall einer Gasvergif¬ tung bei bestimmten Symptomen gebraucht werden sollte. 3!» Dieses Mittel war ein sofort tödlich wirkendes Gift, das dem über alle Matzen schrecklichen Gastod zuvorkam. Auch bestand die Absicht, im Fall der Verwendung des Giftgases von Flugzeugen herab dieses Mittel an die Zivilbevölkerung aller bedrohten Städte verteilen zu lassen . . . „Ihr an eurem Frontabschnitt scheint ja im Mond zu leben", bemerkte der Dolmetsch, als er sah, wie sich Peter darüber wunderte. „Ist bei uns genau so . . . Keine Neuigkeit. Gegen das Giftgas ist bisher auf der Menschen¬ erde leider noch kein Kraut gewachsen. Da mühen sich selbst die größten Autoritäten vergebens. Schutz gegen Gas läßt sich nur durch Maßnahmen schaffen, die praktisch undurch¬ führbar sind . . . Wie viele von uns verunglückten täglich beim Ausprobieren der Easschutzmaske im Gasraum! Aber auch das minderwertigste Zeug wird von den Fabriken geliefert. Das Schlechteste auf diesem Gebiet ist eben gerade noch für das Frontschwein gut genug. Der nackte und bloße Mensch ist das billigste Material. Das ganze „Drum und Dran" verteuert zu sehr die Sache. Aber der Spaß muß sich rentieren . . . Und nicht genug damit: ist einer einmal gaserkrankt, dann beginnt im Lazarett das Herumdoktern. Doch Schwamm darüber . . . Wer es nicht miterlebt hat, glaubt es ja doch nicht . . ." Die Unterhaltung zwischen dem Deutschen und dem Ame¬ rikaner aber sollte nicht lange andauern, ein dicker, unter¬ setzter, schwammbackiger Feldwebelleutnant kam dazwischen, und kaum, daß er des Amerikaners ansichtig geworden war, holte er seine Repetierpistole hervor, fuchtelte ein paarmal wild damit in der Luft herum und knallte Jonny mit den Worten: „So ein Luder!" nieder . . . „Du Vieh!" schrie damals Peter auf und löste die Hand¬ granate von der Koppel. Herbeistürzende Kameraden machten dem Zwischenfall, der ohne weitere Folgen für die Beteiligten blieb, rasch ein Ende . . . Eine Woche darauf wurde Peter, durch einen Bajonett¬ stich in den Oberschenkel verwundet, ins Lazarett abtrans¬ portiert. 40 VI Dieses Kriegslazarett war eine ausgesprochene Mor¬ phium- und Kokainhölle. Nicht nur der Chefarzt spritzte und schnupfte, sämtliche Assistenzärzte und das ganze Pflegepersonal waren verseucht. Dazu lag das Lazarett ständig in stärkstem Feuerbereich, kaum eine Woche verging, daß nicht ein schwerer Brocken auf eine der Baracken herunterhagelte und unter dem wahnwitzigen Geheul aller Kranken krepierte. In der Zeit, als Peter dort lag — es waren insgesamt drei Monate — kamen noch täglich nervenzerrüttende Fliegerüberfälle hinzu. Das Lazarett hieß im Soldatenmund „Eiftschaukel" und war hauptsächlich mit Gaskranken belegt. Daneben bestand noch eine eigene Zrrenabteilung, doch unterschieden sich die Kranken nicht wesentlich von einander. Hier lagen vor allem die Paralytiker, die Silbenschmierer und die Silbenstotterer. Bei all diesen hatte erst die Er¬ schütterung ihres Nervensystems durch den Krieg den para¬ lytischen Anfall ausgelöst. Remissionen kamen auf Grund der Ungunst der Verhältnisse und der sehr mäßigen Be¬ handlung nur selten vor. Wie ein Katarakt galoppierten sie dem Grabe zu. — Aber Kokain wurde nicht nur geschnupft, es wurde bei denen, die sich daran gewöhnt hatten, auch in ungeheuren Quanten verspritzt. Zuerst behandelte man die Easerkrankten mit Salben und Sauerstoff, dann, wenn, was wenig häufig genug vor¬ kam, die akute Gefahr vorüber war, griff der Unglückliche zum Morphium, später zum Kokain. Offene nekrotisierende und bis tief auf die Knochen sich einfressende Wunden hatte bei den meisten das blasenziehende Agens, d. h. das chemische Kampfmittel zurückgelassen, mit Verbänden und Schmisr- kuren war nur wenig dagegen auszurichten. Der Zustand der Lunge war mehr als trostlos, überhaupt hatte das 41 Gas bei den meisten tiefgreifende Veränderungen des Blut¬ bildes hervorgebracht. Die weißen Blutkörperchen nahmen rapid ab, kernhaltige Blutkörperchen treten auf, die roten Blutkörperchen ändern ihre Form, nehmen Stechapfelform an und gehen massenhaft zugrunde. Umfangreiche Pigmen¬ tierungen der Haut erscheinen, die durch den freiwerdenden Blutfarbstoff ein gelb- und graubräunliches bis broncefarbe- nes Aussehen erhalten. Auch Eisenablagerungen in ver¬ schiedenen Organen, namentlich in Leber und Milz wurden beobachtet. Und zu alledem blieb einem Entlassenen noch die ange¬ nehme Hoffnung auf einen sogenannten „Spättod", der oft genug überraschenderweise erst nach Jahren eintrat . . . Der Saal, in dem Peter lag, war der „septische", der Saal, in dem die „Eiterigen" untergebracht waren, vor allem die Lungenemphyseme. Vierzehn Mann kauerten in halb aufrechter Stellung in den Feldbetten, mit dicken Papierverbänden um den Leib, einen Eummidrain zwischen den geöffneten Rippen, durch den der jauchige Eiter aus der entzündeten Lunge herauseiterte. Das Fieberthermometer kreiste beständig im Saal, die Temperaturen der einzelnen waren das Haupt- gesprächsthema. Ununterbrochen wurde gegen den beizenden Fäulnisgestank „Tannenduft" gestäubt und die Aerzte kamen nur mit der Zigarre im Munde. Jeder war mißtrauisch, hinterhältig gegen den andern, belauerte eifersüchtig jeden Temperaturunterschied, eine ungeheuere Schadenfreude entstand, wenn bei einem das Thermometer wieder einmal um einige Grad höherschnellte. Ein jeder rettungslos seiner eigenen Fieberkurve versklavt: nach ihr schwang der Weltrhythmus. Ja, es kamen auch einige Prügeleien bei der Essenverteilung vor: die, die sich benachteiligt glaubten, stürzten sich mit ihren Krückstöcken aus dem Bett, schlugen auf die ihrer Meinung nach von der Schwester mehr Begünstigten ein, bis einem der Verband sich auflöste und der jauchige Eiter sich dick auf dem Fu߬ boden herumschmierte . . . War wieder einer „an der 42 Reihe", wurde er auf den Gang hinausgesahren, nicht ohne daß ihm einige höhnisch „Gute Besserung!" nachriefen. . . Dann die Folterqualen des Dekubitus! Nach kurzer Zeit hatten sich beinahe alle aufgelegen, hauptsächlich am Stei߬ bein, wo sich trotz sorgfältiger und häufiger Waschungen mit Spiritus, trotz Salben und Puders bald faustgroße Löcher bildeten; den Aermsten wurde dann ein Luft- oder Wasserkissen untergeschoben, aber die Wundlöcher eiterten, der Kranke faulte jetzt nicht nur von innen und oben, son¬ dern auch von unten an. Dem also Gefolterten war es, als ob er an den mit dem Dekubitus behafteten Stellen bei lebendigem Leib auf einer glühenden Eisenplatte briete. Dazu tat noch ein übriges die Wirkung der verschieden¬ sten Narkotika. Es war unmöglich, ohne diese bei den Erstickungsanfällen und Schmerzkrämpfen auszukommen. Beim ersten Gebrauch: eine übermütige, durch nichts begründete Heiterkeit, die Patienten plapperten unermüd¬ lich Tag und Nacht Sinnvolles und völlig Sinnloses wirr durcheinander, Pläne wurden geschmiedet, das Modell eines gegen jede Easart undurchdringlichen Asbestanzuges mit viel Liebe und Hingabe entworfen, Ideen, phantastische Vorstellungen jagten und hetzten sich, ein jeder wsr eigent¬ lich plötzlich mit seinem Zustande ganz zufrieden, nur, wenn die Schwester einmal länger als gewöhnlich mit der Spritze ausblieb, dann gab es förmlich eine Revolte, man heulte und läutete: der ganze Saal krampfte sich zusammen wie unter einem Tobsuchtsanfall . . . Diesem Uebel wurde bald abgeholfen dadurch, daß man jedem eine ausreichend große Eiftportion zuwies und er sich die Spritzen selbst machte. Nun gab es jeden Tag einen neuen Abszeß, es wurde geschnitten, man saß halbe Tage lang im Warmbad, bis sich der eine oder der andere zuerst eine weit ausgedehnte Furunkulose, dann eine Phlegmone holte, die sich über den ganzen Körper ausbreitete, so, daß wo man auch mit der Injektionsnadel einstach, eitrig-wässerige Flüssigkeit einem entgegenspritzte. 43 Einige gingen dabei an Thrombosen zugrunde. Dann kam zur Abwechslung Kokain in Mode. Die Kranken hatten das Mittel schon mehrere Wochen gebraucht, als sie plötzlich Stimmen zu hören vorgaben, Gestalten sahen, die sie bei ihrem Namen nannten und sie bedrohten, zu wüsten sexuellen Ausschweifungen zu ver¬ leiten suchten, elektrische Nadeln durch die Wände hindurch mitten auf ihren Körper hin zuspitzten und wiederum Stimmen, oben und unten und nebenan, die entsetzlich fluchten, Zoten rissen . . . und plötzlich in den Vorstellungen der Kokainverseuchten der ganze Saal sich in einen Eranat- trichter verwandelte, Trommelfeuer rauschte und einer sein Bett in Brand steckte, was zwar von den Wärtern noch rechtzeitig bemerkt wurde . . . Dazwischen sang einer immer monoton vor sich hin: „Oh herrliche Phosgen-Luft! Du bist mein Augenstern . . ." Man bewarf ihn, als er nicht aushören wollte, einfach mit den nächstbesten Gegenständen. Bald darauf wurde allerdings, besonders da auch eine Inspektion angekündigt war, mit der Dosierung der narko¬ tischen Mittel gebremst. Die einen ätherisierten zum Ersatz, chloroformierten, fraßen Veronal röhrchenweise, andere versuchten eine Entwöhnungs¬ kur mit Alkohol und Pantopon, wieder andere dösten in schweren Schlafmitteln tagelang dahin, vollkommen von einem undurchdringlichen Paraldehyddunst eingedeckt, und wieder anderen, die nicht zu toben aufhören wollten, wurde vom Arzt Skopolamin verordnet, ein stark lähmendes Mittel, das jede Orientierungsfähigkeit ausschaltet, Eesichts- feldverengungen zur Folge hat, die Sprache des Patienten wurde tief und sandig-rauh . . . und er lag weich gebettet auf seinem harten Feldbett wie in einem unermeßbar abgründigen Abgrund. . . Die Zwangsjacke wurde nicht mehr angewendet. — Auch Peter hatte man die Mittel gleich nach seiner Ein¬ lieferung aufgedrängt. „Herrlich! Sie dürfen sich die Sensation nicht entgehen lassen. Einfach: Nirwana . . ." 44 So hatte ihm die Krankenschwester, süßlich lächelnd, die Drogen angepriesen. „Eine unheilbare Krankheit ist der ganze Mensch, eine Seuche, die mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden nutz," dachte damals Peter zuerst. Weiter dachte er noch nicht . . . Er schlug die Mittel nicht aus: eine lange, angenehm lau-warme Flüssigkeit war es, die sich durch seinen Körper erstreckte, alle Blutbahnen hindurch sich verrieselnd und verzweigend . . . And eines Tages bemerkte er: er konnte das Mittel nicht mehr lassen. Lietz er nur eine Spritze aus: sofort fiel er schlapp in sich zusammen wie ein leerer Sack, ganz ausgelaugt und geleert war er, zitterig, bis in die feinsten Nervenspitzen flimmernd, und nur immer mit dem einen Gedanken, der zur Zwangs¬ vorstellung wurde: „Die Spritze . . ." Die Schwester kam wieder: „Na, ich hab' es Ihnen doch gleich gesagt. Machen Sie sich kein Gewissen. Ist ja gar nicht so schlimm . . ." Da half ihm gar mächtig die Erinnerung an Tage seiner Kindheit, die sich ihm plötzlich als die festeste Ankerkette seines Lebens erwies. Dort gab es Berge und Märsche durch Gebirgstäler, Wiesenflächen, flaumig und flockig; Wälder am Horizont, wie zu fleischigem Oelgrlln geronnene Wellen; enzianüber¬ säte, mit Zwergholz bewachsene Alpwiesen; Wildbäche, die so munter die Schluchten herabstolperten; auch ein ur¬ alter Bergführer, ein origineller Kauz, war da, ein ganzes Bündel von Hirschzähnen und Silbertalern an seiner Riesenuhrkette; Sonnenaufgang war: Eletscherebenen und Gipfelzacken: flüssig feueriges Eis; dann unten wieder im Tal die Volkstänze und derben Volksbelustigungen, ja das war noch von einem gesunden Menschenschlag, die sträubten sich mit Händen und Fützen gegen die monokel-, lorgnett- glotzenden Fremden ... Und Gewitter zogen auf und platzten mitten am Himmel auseinander über dem Bergdorf, alle Kapellen des Tals wimmerten Wetterläuten und dis 45 Flammenwolke trieb den Berghang entlang, Blitz auf Blitz, Donnerschlag auf Donnerschlag: jeden Augenblick flammte vom Blitz entzündet eine andere Tanne auf, und das vielfache Echo der Donnerschläge prallte und knallte von den Felswänden. Nun knatterte der Regen, der Sturm surrte: da reckte sich der Mensch auf, die Muskeln strafften sich: ja das Ereignis solch eines elementaren Eewitter- sturzes hatte noch etwas von der Sprache des Welten- Anfangs, der Vorzeit. . . Auch im Vorfrühling war Peter einmal im Eebirg: da aber donnerten die Lawinen, überall lag noch Schnee und der Schnee begann zu fließen . . . Da stellte sich Peter breitbeinig gegen den Wind, wie ein Torwächter gegen den Ball beim Fußballspiel: und der Sturm drückte ihn mit einem heftigen Faustschlag von der Stelle, so gewaltig, herrlich, übermenschlich war der Sturm. . . An die Erinnerung an diese Landschaft klammerte sich Peter in seiner tiefsten Not in Gedanken an, eine kristall¬ harte eisklare Kraft sog er aus ihr und er lachte eines Tages überlegen: „Was, ich soll mit diesem Dreck da nicht fertig werden..." Und er wurde eines Tage fertig damit, ein marternder Heißhunger überfiel ihn, er stahl den Sterbenden das Essen, trotzdem es schon mit Speichel versabbert war, aus den Näpfen weg, es war zwar ein entsetzlicher Fraß, aber er wurde gerade doch noch kräftig und gesund damit. — Die Operationswagen rollten in den Gängen, eine Rippen¬ resektion folgte wieder auf die andere, draußen stand Sanitätsautomobil an Sanitätsautomobil: die ersten Blut¬ zeugen der soeben begonnenen Riesenmassenschlacht. „Meine Kindheit hat mich diesmal gerettet, ein Erbgut, an dem die Kinder gut gestellter Leute unendlich lang zu zehren haben . . . Und die anderen?! . . . Was der Mensch in solchen vier Jahren durchmachen muß, das geht schon auf keine Kuhhaut. . . Und was der Mensch aushaltsn kann . . . Und wofür und warum dies alles?!" 46 Peters Antwort war: „Deutschland." Bereits drei Tage nach seiner Entlassung wurde Peter niit seiner Kompagnie zu einem Sturmangriff eingesetzt. — VII Peter hielt es zu Hause nicht mehr länger aus. Das Gehalt seines Vaters reichte gerade, ihn auswärts studieren zu lassen. Er suchte sich Berlin aus. Auch einige Kameraden waren dort, für die erste Zeit war es gut, nicht ganz allein zu sein. — Einige Tage vor seiner Abreise besuchte er den Abiturien¬ tenstammtisch. Alle Monate einmal fanden sich immer noch einige frühere Schulkameraden in einer Bräustube zu¬ sammen. Diesmal waren fünf da. Dreiviertel der Klasse war gefallen. Rainer Feck, ein dummdreister und oberflächlicher Bursche, der prinzipiell nur die modernsten Schlipse trug7 erzählte Kriegserlebnisse, schnitt ungeheuer dabei auf und schwelgte voll Entzücken, daß ihm der Mund troff, in der Schilderung, wie er eines Nachts ganz allein von der Flanke aus einen feindlichen Graben aufgerollt habe. „Stücker fünfzig haben daran glauben müssen." Aber auch Fritz Kunz, der frühere Primus, ein schmäch¬ tiges Kerlchen mit einem großen Kneifer auf der kleinen käsig glänzenden Stupsnase, riß Witze und Zoten, mitten daraus hervor wurde angestoßen, ein vaterländisches Lied gesummt und mit betrunkenen heiseren Stimmen gegröhlt' „Deutschland über alles!" „Peter! Los! Gib Dein deutsches Ehrenwort, verpfände uns deine Männerehre, daß Du, wenn Du nach Berlin kommst, es den Sausozialisten ordentlich einbrocken wirst... 47 Hast Du gehört von der widerlichen Hure, der Rosa Luxem¬ burg . . . Feste druff, allemal, sage ich . . . Hoch! Laßt uns gleich im Voraus die kommenden Heldentaten des großen Sozialistentöters Peter Friedjung begießen! Heil! Prost!" „Bravo, Peter!" so ist's recht, schnarrte Kunz, als Feck die Hand Peters packte und sie kräftig schüttelte. „Noch können wir uns nicht rühren! Aber der Tag kommt! Blutige Rache! ... Der scheitzige Volksstaat Bayern! Na wartet nur . . . Ruhe im Puff, wenn Ebert. . ." „Bravo! Dufte Nummer! Viechs-Kerl!" applaudierte Kunz wieder . . . Augenblicklich war Stille, als eine Patrouille dreier roter Matrosen ins Lokal trat. Alle hatten angstgeschwollene Köpfe. Auch Peter, der sich von ganzem Herzen seiner Kumpanen schämte. Haßerfüllte Blicke von allen Tischen geisterten an den drei Matrosen empor, die ruhig und sachlich die Ausweise der Anwesenden kontrollierten, ironisch lächelten, als ein dicker Spießer vor Angst zusammenzuckte. Zwei waren schon hinausgegangen, der dritte stopfte sich noch eine Pfeife, dann ging auch er, höflich und gemütlich „Guten Abend" wünschend. Das ganze Lokal brodelte auf. „So ein Saupack! So eine Gemeinheit! Was nicht die sich alles herausnehmen. Polizeibefugnisse, Strafvollzug. Die ganze Welt ist ja auf den Kopf gestellt! Bevor dis nicht an der Laterne . . ." „Ja, wißt ihr was," kreischte Feck, „Agenten müßte man denen auf den Hals schicken, Aufstände inszenieren lassen, die Massen, wenn sie hungern, zu Plünderungen provozieren, Bomben und Waffen in Versammlungslokale einschmuggeln, einen Führer, wenn er sich allzu aufsässig erweist, unauf¬ fällig um die Ecke bringen . . . kurzum die Leute aus ihrer Passivität heraus vor die Gewehre locken. . . Viele von 48 uns haben jetzt solche Stellungen. Das ist auch eine Wissen¬ schaft, eine Kunst, das will gelernt sein. Das erfordert täglich Hebung, Geistesgegenwart, einen ganzen Mann, so jemand darf keine Gefahr kennen. So einer bekommt be¬ stimmte Aufträge. Führt sie aus. Steht selbst unter Kon¬ trolle . . . Spitzel, auf Horchposten Tag und Nacht, Gift einspritzen und immer wieder Gift einspritzen, das macht sich bezahlt. Seine Wohnung hat man, sein Essen hat man, auch Weiber in Hülle und Fülle: und da fällt auch hie und da so was wie ein Anzug ab, Kopfprämien, Extraprovisionen in erregteren Zeiten, und daß die nie ausgehen, dafür sorgt man schon: damit läßt sich also schon trefflich auskommen.. Was meint ihr zu meinem Vorschlag! Wollen wir nicht gescheiter statt irgendein windiges Kolleg dieses Fach belegen!?" „Selbstverständlich", meinte Kunz, „eine ehrliche Kugel ist für dieses Gesindel zu gut. . . Ja, einem solchen Kanaillenpack gegenüber kann man schon frei seine bestia¬ lischen Instinkte schießen lassen. Der Zweck heiligt die Mittel." „Na, Peter!?" „Ihr entschuldigt schon, aber ich versteh' Euch einfach nicht mehr. Ich kenn diese Sprache nicht..." Alle lachten. „Lange Leitung . . . oder ein wenig plemplem im Felde geworden, nanu, Du Affenschwanz! Hämorrhoiden im Hirn?! . Man brach auf. „Und jetzt feste druff! Jetzt gehen wir noch ins Puff. . . Müssen doch Peters Wiederkehr feiern . . .!?„ An einer Straßenecke drückte sich Peter wortlos davon.. „Fotzendreck und Hurenschleim!" johlte ihm Feck nach. — Und Peters Gott zertrümmerte. Wie ein tausendjähriger Eichstamm, von der Axt der Holzknechte gefällt, im Waldgrund niederrrauscht, so lag, durch Ereignisse und Erlebnisse zerspalten, eines Tages im 4 49 Zeitabgrund „Stamm" und „Wipfel" Gott da, der Wipfel, der hoch im Aether wie ein Baldachin die Erde überschattete, der Stamm, der in der Sehnsucht des Menschenherzens Wurzel schlug und erschütternd inbrünstige Gebete wie Säfte aufwärtsleitete . . . Welk waren die goldenen Blätter geworden, ein Geruch von Morast und Fäulnis schlug Peter aus dem gefallenen Wipfelwerk entgegen, er staunte noch und wunderte sich: „das war doch Gott . . Und zu gleicher Zeit drang, von einem Haufen wesenloser Schemen gesungen, das Lied „Deutschland über alles" zu ihm, die Gesichter der Singenden verzerrten sich zu blut¬ rünstigen Grimassen, es war wie ein feister laut gröhlender Grabgesang, vollkommen gedankenlos von denen, die ihn sangen, hergeleiert, und immer kräftiger dagegen tönte aus den Schluchten und Dickicht-Labyrinthen einer kommenden Zeit herauf, begleitet von dem sausenden Takt der Maschinenhammer und der mit elektrischen Motoren und Turbinen betriebenen flitzenden Treibriemen: „Wacht auf . . Peter erinnerte sich des Rückmarsches, des Rhemüber- gangs, des „Deutschlandliedes", als die Sonne voll durch die Nebelpest durchbrach . . . „Deutschland über alles . . ." „Das Deutschland, das Ihr meint, das ist das meine nicht.. ." Zwei Männer in Arbeiterkleidung standen da unter einer Toreinfahrt und Peter hörte gerade noch: „Jedes deutsche Arbeiterherz wird unter der Wucht solcher Ereignisse zur Zündmasse. . . Großes geht in der Welt vor . . . Blick nur nach dem Osten . . . Revolutionsjahr¬ zehnte ... Vis alles Alte und Faule und Morsche gestürzt ist . . . !" Als Peter am andern Morgen in die weite Welt fuhr, sagte ihm der Vater zum Abschied: 50 „Und nun, Peter, werde der, der du bist! Halte dich weiter rein! Nichts ist von Blutschande oder Rassenunreinheit an dir. Werde ein kerndeutscher Männercharakter! Gedenke, daß du ein Deutscher bist . . Auf dem Nachhauseweg herrschte der Vater die Mutter an: „Aber das eine bitte ich mir aus, wenn du ihm schreibst' ich wünsche mir keinen zweiten Fall Reuchlin junior." „Sei ohne Sorge", erwiderte ihm die Mutter sanft und siegesgewiß, „Peter wird schon ganz allein den rechten Weg machen!" — 4* 51 2. Kapitel Die Erde platzt! Schlagwetterkatastrophe auf der Zeche „KöniginLuis e". — D i e „M a j e - stät des Tode s". — Was tut not!? — „Lieber im Feuer der Revolution verbrennen, als..." I Die Menschen waren nicht mehr in den Häusern zu halten. Es trieb sie heraus auf die Straße. Sie hetzten zunächst einzeln, ein jeder für sich, dann in Gruppen dahin, Hunderte ballten sich an: in einer Masse von Tausenden schon schwemmte es die Straße hinunter. Mit eckig aus den Schultern geschleuderten Armen. Manche halbnackt, nur mit einem Lumpen um. Sie kletterten über Zäune. Gitter und Schranken wurden niedergetreten. Dazu läuteten die Glocken auf allen Tür¬ men der Stadt. Keinen Betrunkenen sah man mehr. Keine Kneipe lärmte mehr. Maschinen stampften in den Kesselhäusern, von keiner Menschenhand mehr bedient, in einem unregelmäßigen Rhythmus weiter. Die Straßenbahnen hatten ihren Betrieb eingestellt. Ueberall standen auf den Gleisen wie leblose Klötze die verlassenen Wagen. — Es war gegen 5 Uhr nachmittags, als ein langgezogener Donner unter der Erde hinrollte. Ueber der Erde war es wie ein elektrischer Stoß, der in alle Winkel, auch in die kleinsten Häuserwinkel der Stadt hineinzuckte. Die Tele¬ phone schrillten noch einmal auf. Die Telegraphenapparate knatterten drauf los . . . Und es warf sich von Mund zu Mund: eine unheimliche Erschütterung: sie sprang von Nero zu Nerv über, jedes Menschenherz krampfte sich zusammen, dann stieß es wieder um so gewaltiger einen Strom von Blut aus. Abwechselnd färbten sich die Wangen der Men¬ schen kreideweiß, schwarzrot. . . Automatisch schnappten Münder auf und zu. Wie im Starrkrampf blieben sie weit offen . . . Der Boden schien plötzlich unter den Füßen weg¬ gezogen. Man tappte wie im Finstern, trotzdem es noch d5 hellichter Tag war. Wie in einem Hohlraum. Man tastete sich wie im Leeren ... Za, wie ein riesiges unsichtbares Fragezeichen stand es plötzlich mitten im Raum. Das ganze Leben, das Menschendasein selbst war in einem Sekunden¬ augenblick, mit einem jähen Ruck zu einer Frage geworden. Die Läden waren im Nu geschlossen. Niemand zeigte sich an den Fenstern. Zn den Stadtteilen der Reichen kehrten die Autos schleunigst in die Garagen zurück. Auch dort, in den vor¬ nehmen Villenvierteln, war der Druck spürbar. Man sprach halblaut: „Was wird wohl daraus wieder werden?!" Die Fabriksirenen heulten. Rudel von Kindern krallten sich kreischend in die Röcke der Mütter fest, die, wie vom Zrrsinn gehetzt, dahinfegten. Auch die Polizeimannschaften, auf Lastkraftwagen heran¬ eilend, vermochten diesem Menschensturm keinen Einhalt zu tun. Dazwischen klingelten die Löschfahrzeuge der städtischen Feuerwehr. Sanitätskolonnen sputeten vor¬ über. Wahnwitzige schrille Schreie gellten jetzt über diese Flut fliegender Menschenhäupter hinweg. Da rannten auch welche querfeldein. Einige stürzten. Andere packten sie wieder hoch. Ohne daß sie ihre zerschlage¬ nen Beine bewegen mutzten, trug der über die holperigen Trottoire sich dumpf dahinwälzende Menschenstrom unwider¬ stehlich sie mit vorwärts. — Es war im Februar. Aber es war wie ein Frühlings¬ tag. Durch die Rauchschicht, die in dieser Gegend ewig in der Luft lagerte, waren Fetzen blauen Himmels sichtbar. Dis Sonne dampfte, und spärliche Reste schmutzigen Grases fingen an den Böschungen, die die Schlackenhalden dort von der Stratze abgrenzten, bereits dürftig zu grünen an. Es roch nach Blut, Schweiß, Pulver. Es roch nach verbranntem Fleisch. — 86 II Von einem großen freien Platz aus, der mit rutzerstickten verkrüppelten Bäumchen umpflanzt war, tönt jetzt eine gewaltige Stimme herüber:. „So ist bereits festgestellt, daß riesige Kohlenstaubmengen vorhanden waren, die weder berieselt noch mit Gesteins¬ staub unschädlich gemacht wurden . . . Die Koksablagerung nach der Explosion ist der sicherste Beweis. . . Auch die Ansammlung von Schlagwettern ist auf der „Königin Luise" keine Seltenheit gewesen. Sehr oft haben wir vom Betriebsausschuß bei unseren Befahrungen Wetter festge¬ stellt. Aber gerade darum, weil wir sehr oft die Verwal¬ tung belästigten und dem Betriebsführer und Steiger meldeten, daß dort und dort Wetter stehn, sind wir an der Befahrung gehindert worden ... Ja, seit Oktober vorigen Jahres hat man uns vom Betriebsausschuß am ordentlichen Befahren gehindert . . . Ihr alle spürt es ja am eigenen Leib — und an der Hand der Förderzahlen können wir es auch leicht nachweisen — bei uns hier herrscht das schlimmste Antreibersystem ... Ja, so steht in Wahrheit der Geist des Unternehmertums aus . . . Was dem Bergmann nottut, daß der Bergarbeiter schließlich guch ein Mensch ist, seine Bedürfnisse, seine Sorgen, seine Nöte hat: das, das alles scheint man im Laufe der Zeit wieder ganz und gar vergessen zu haben. Wir, wir Hausen hier unten in unseren Gruben wie in einer unterirdischen Leichenfabrik.." Tausende von Kumpels standen dort, eng um den Redner »edrückt. Mit stieren Augen sogen sie sich fest im Boden ein. Tausende Fäuste waren wie zu einem Klumpen aus Stein geballt. Es war ein großes Schluchzen. — Von der Zechenverwaltung war strenge Anweisung gegeben worden, keinerlei Nachrichten über den Umfang des Unglücks sowie auch über die Zahl und die Namen der Toten den Drautzenstehenden bekanntzugeben. Die Menschenmassen stauten sich vor den Zechentoren zu einer Mauer. 57 Fest stand diese Menschenmauer. Schwankte vor. Neigte sich wieder elastisch vor der Polizeikette zurück. Wie Brandung und Ebbe war das. Wie Atemzüge. — III Vor einer halben Stunde war im Nordostfeld der Zeche „Königin Luise", Fach 7, die Schlagwetterexplosion erfolgt. Zuerst: ein Ritz. Ein gewaltiger Schnitt mitten durch die Luft. . . Das Trommelfell platzt, den Brustkasten quetscht es wie einen Schwamm aus ... als zöge es einem die Lunge wie einen Schlauch durch den Hals herauf . . . Der Explosionsstotz: und die Bergarbeiter klatschten an die Wände. Mit zerbrochenen Gliedern, mit Gehirnerschütte¬ rungen, mit Schädelbrllchen kleben sie da, bereits unkennt¬ lich entstellt . . . Zwanzig, oft dreißig Meter weit fliegen sie, manche nach oben, zappelnd: schwer wie ein Sack fallen sie wieder nieder ... Und da rast auch schon die Explosions¬ flamme daher: verbrennt, verkohlt, stürzt sich von allen Seiten zugleich auf dich, reißt mit ihrem stechenden Feuer dir die Augen aus. . . Die wenigen noch Ueberlebenden fliehen, flüchten durch brennende Gänge; wie Feuerschlangen winden die sich; die Angst peitscht sie, die Todesangst sitzt wie ein Stachelhalsband fest an der Gurgel. Auf allen Vieren flieht man, krabbelt, macht Schwimmbewegungen. Stürzt über sich selbst im Dunkeln, das ununterbrochen giftigen Kohlenstaub regnet. Eesteinhagel prasseln. Ein schlagartiger Wind schlägt. Ein eiserner Luftdruck. Ein unsichtbarer atomhafter Riesenknebel . . . Wirbel. Strudel. Böen. Flammenschüsse kreuzweis. — Und in diesen Felsenkellern wirkten zudem noch die fliegenden Steinmassen wie Geschosse von höchster Splitter¬ wirkung. Die Kolbengestänge der Lokomotiven und Wasserpumpen, Stahlhäute zerknüllte es leicht, als wären sie aus Konser- 68 venblech. Ganze Förderzüge schleudert es spielend vor sich hin und her. Hier wird ein frisch gebohrter Tunnel durch ein Bündel dort aufgestapelter Reserveschienen verstopft. Gebogen, geknickt; in allen Formen. Drahtgewirre hingen herum wie Spinnenweben. . . Und einem passiert viel¬ leicht mitten im Todeskampf noch der Witz: „Das ist ja beinahe akkurat so, als hätte hier der Riese, Herr Breit¬ bart, gehaust. . Hier war ein Ausweg . . . Aber da ist der Stollen schon längst wieder zugemauert. Hier stehen metertiefe Tümpel. Dort prallt man mit anderen zusammen. Aus allen vier Richtungen nun toben sie kaminähnliche Steingänge hinauf, schluchtenartige Durchbrüche kollern sie sich wieder hinab... Auch hier, auch hier, auch hier kein Ausweg . . . Und schon zieht das Gas heran, ganz sanft, ganz unmerk¬ lich, wie der heilige Geist, wie auf Taubenfllßen. Schwebt heran. Schmilzt heran . . . Ein Schluck: und alle Glieder sind behängt wie mit Blei. Ein inneres, unheimliches Gewicht. Sinken nach unten. . . Es war ein Geräusch wie xs . . . xs . . . xsss . . . Ts . . . xss . . . und immer xs . . . xsss . . . Hinter den Schläfenwänden trillerte es, tickte es . . . „ Es zirpte, wisperte . . . Und immer wieder das: xs . . . xsss . . . Gäule: ein Veinpaar gespreizt, das andere steif ange¬ zogen: unwirklich, wie zerschlagenes hölzernes Spielzeug. Der Bauch wie ein Ballon aufgetrieben . . . Förderwagen, mit Kohlenschutt beladen, schieben sich polternd noch abschüssige Strecken hinunter, irgendwo im Dunkeln. Ein dumpfer Knall in der Ferne. Irgendwo stoßen sie jetzt auf. Und nichts mehr. Kein Laut. Nur immer wieder das xs . . . xsss. . . Da findet das Aufräumungskommando nach Tagen, wenn auch die letzten Nachschwaden verzogen sind, noch gefüllte 69 Kaffeeflaschen, Kreidezeichen an den Wänden: „Um 11 Uhr nachts habe ich noch gelebt." „Grüßt mir schön die Juls." Der Riesenventilator surrt. Das Massengrab wird ordentlich durchgelüftet, und nach einer Woche vielleicht tut der gespenstische Erdrachen sich wieder auf, bereit zu neuen Opfern. — IV Dick aber kleben jetzt die Easschwaden noch unten. Die Rettungsmannschaften kommen in den Förderkörben immer wieder betäubt nach oben. Eingekleidet wie Taucher. Die Gaskonzentration ist zu stark. Immer wieder versagen die Sauerstoffapparate. Da erspäht die vieltausendäugige lebendige Menschen¬ mauer durch die Gitter des Zechentores hindurch, wie einer auf der Treppe zum Verwaltungsgebäude mit der Schulter zuckt, den Kopf schüttelt . . . Und die lebendige Menschenmauer schreit aus vielen tausend Mündern einen einzigen Schrei, Namen, Hunderte von Namen schreit sie, jede Frau schreit den Namen ihres Mannes, jeder Kumpel den Namen irgend eines Kameraden: „Lutz, Fritz, Adolf... wo bist du . . . habt ihr den Anton, den Karl gesehen... ist der Stiebert noch unten . . . August, Josef, Zarewski . . ." Und die Frauen machen Bewegungen mit den Händen, als schaufelten sie; krümmen die Finger, als ob sie ihre Männer gewaltsam aus der Grube herauskratzen wollten. Die Polizeikette schwankt. Reißt mitten durch — Und die lebendige Menschenmauer stößt sich in die Gitter des Zechentores hinein. — Bälge. Hautfetzen. Von Armen und Beinen abgequetschte Rümpfe. Verkohlte Menschenköpfe, wie kugelähnliche Versteine¬ rungen: 60 So lag es schon, ein wirres Durcheinander, auf den Höfen herum. Die Lebenden stürzten sich mit einem schrillen Aufschrei auf diese Toten. Rissen, zerrten an ihnen herum. Wem gehörte dieses Haarbüschel?! Dieser Arm mit den Tätowie¬ rungen!? Dieser Ring mit dem Finger da!? Wer ist das mit dieser Narbe am Hals da?! . . Fackeln waren jetzt angebrannt. Ein Haufen von Menschen: nach allen Seiten hin wendete man der Reihe nach so einen Menschenbrocken. Und wie Baggermaschinen arbeiteten die Förderkörbe: neue Weinkrämpfe, neue Herzschmerzen, neue unermeßliche Leiden, neue unselige Gewißheiten, immer neue Tote, Leichenfetzen und Leichenbrocken schöpften sie aus der Tiefe herauf. — Eine Stunde später: und die Nachricht von der Gruben- katastrophe verbreitet sich, dreihundert Kilometer von der Unglücksstätte entfernt, in der Hauptstadt. „Wie kam es zur Entzündung!?" „Durch eine Lampe!? Durch einen Schuß!?" „Ist der Sicherheitssprengstoff, der verwendet wird, auch wirklich ganz sicher!?" ^Hat der Schießmeister nicht einen Fehler begangen!? Und wie steht es mit der Ausbildung der Bergleute über¬ haupt!?" „Funktionierten die Kohlensperren?! Und wenn nicht, was ist die tiefere Ursache?!" „lieber zwei bis drei Tote im Ruhrbergbau täglich, oft über 700 Verletzte monatlich . . . Muß das so sein!?" „Nein, nein, nein . . . Das verstehen Sie so nicht recht, Herr, um was es sich bei solchen Unglücksfällen eigentlich handelt ... Das ist Schicksal. Alles ist bestimmt in Gottes unerforschlichem Rat . . . Wie der Weltkrieg ein Gericht Gottes ist, um die Uebervölkerung zu beseitigen, so ist ein Grubenunglück eine Vorsehung Gottes, um den Kapitalis¬ mus zu vernichten. Gott nimmt den Proletarierfamilien 61 den Ernährer, damit der Kapitalist Frauen und Kinder unterstützen mutz. Dadurch zeigt Gott den Kapitalisten, datz er ihnen nicht gut gesinnt ist . . ." V Es war gegen zwölf Uhr nachts. Die Arbeiterviertel horchten auf. Ein kurzer Ruck auch dort. Eine Sekunde lang zögerte auch dort in jeder Brust der Herzschlag. Bis in die Finger¬ spitzen hinein flotz die Nachricht als eiskalte Blutwelle. Lähmend. Auch Max Herse sprang noch einmal aus dem Bett hoch und zog sich an, als der Kollege von nebenan, ein Straßen¬ bahner, der eben vom Dienst heimkam, bei ihm anklopfte. „Du, Max, hast schon gehört!?" „Vis jetzt über einhundertundzwanzig Tote . . ." „Schlagwetterexplosion. Erubenkatastrophe... Natürlich, sicher genau wie bei uns bei der Straßenbahn. UeberaL fehlt's, zu nichts ist Geld da, die Schachtanlagen waren sicherlich mangelhaft ... Ist doch heutzutag die Arbeitskraft eines Proleten billiger, als neue technische Anlagen kosten. Das rentiert sich ja heutzutag nicht . . . Und das, das mutz man sich merken, das sind doch noch oben¬ drein die Herrschaften, die höchst ehrenwerten Herrschaften, sage ich, die Millionen, viele Millionen Ruhrkredite ver¬ schlungen haben. Unersättlich sind die. Der Krieg, die Revolution: nichts kann sie genug satt kriegen . . . Wenn wir Proleten ihnen nicht endlich das Maul stopfen . . Und der Stratzenbahnerkollege schlug auch schon mit der Faust auf den Tisch. „Wann, frage ich mich, Herrgottsdonnerwetter, werden wir endlich soweit sein, einig, einig, einig . . . Darauf, nur darauf kommt's noch an . . . Wir, wir, wir Proleten, ver¬ fluchte Proleten, die wir sind . . ." 62 Max Herse mußte dem zustimmen. Dann sprachen die Beiden noch lange. Woher und warum dieser Zwist in der Arbeiterschaft! ? Daß die einzelnen Berufsverbände zu wenig, viel zu wenig Zusammenarbeiten, ja oft sogar gegeneinander arbeiten. Daß z. B. Arbeitslose und Arbeitende schon recht oft hart aneinander geraten sind. Daß der eine im Produktions¬ apparat eben den, der andere den Platz einnimmt. Daher auch die verschiedenen Interessen, die unterschiedliche Denk¬ art .. . die Konflikte. Daß die meisten unter ihnen eben leider immer noch nicht weiter zu sehen vermögen als bis zu ihrer eigenen Nasenspitze . . . Ganz dumm, ganz eng gedacht ist das . . . Wie das ganze System rücksichtslos korrumpiert . . . Daß sie neidisch sind, Lohndrückereien usw. . . Wegen der kleinsten Differenzen oft gleich über¬ einander herfallen, wie Kampfhähne, zum Gaudium der „Dritten" . . . daß sie allesamt viel zu wenig die Eesamt- interessen der Arbeiterschaft im Auge behalten. Daß sie endlich auch kampfmüde geworden sind und immer noch natürlich viel, viel zu wenig opferbereit . . . Wie der Beruf sich auswirkt: daß einer, der acht Stunden und mehr noch hinter sich hat, halt eben einfach nicht mehr die Kraft hat, die Konzentrationsfähigkeit, nicht mehr genügend auf¬ nahmefähig ist, halt ein ausgepumpter und beinahe zu nichts mehr brauchbarer Mensch ist . . . Da, da bleibt aber auch schon gar kein Ueberschuß an Menschenkraft mehr, im Gegenteil, jeder Tag bringt an Menschenkraft ein Defizit. Man muß sich schon verteufelt ernst ranhalten, um sich auch nur einigermaßen wieder herzustellen. . . Und daß das alles eben daran liegt, daß — Na, daß die Arbeiterschaft eben heute beinahe schon nichts mehr zu sagen hat — Daß sie alle Machtpositionen, die sie einstmals innegehabt hat, sich hat entwinden lassen — Daß sie wehrlos, entwaffnet, vergewaltigt ist — Führern anvertraut ist, die — Und daß man sich unbedingt wieder aufraffen muß, zusammenschließen muß, wieder kämpfen muß 63 Kämpfen um das, was nur recht und billig ist — Kämpfen um das, was jedem Menschen auf Grund der Tatsache seines Menschendaseins allein, auch schon von Natur wegen, zusteht — Was die „Anderen" aber freiwillig nie und nimmer ge¬ währen werden — Daß man also kämpfen mutz — um die Macht! . . . Nicht mehr so gutgläubig, vertrauensselig, verzeihend sein wie vordem. Sondern: unerbittlich, nüchtern, das Ziel fest im Aug. Und alle die rücksichtslos aus den Reihen des kämpfenden Proletariats stützend, die durch ihre stete Ge¬ neigtheit zu Verhandlungen und Konzessionen die Kampf¬ kraft, die revolutionären Energien schwächen. — So drückte die Katastrophe den Proleten nieder. So richtete sie ihn aber auch wieder auf. Mit furchtbaren Schlägen hämmerte sie ihm wieder Klassenbewutztsein ein, das Zusammengehörigkeitsgefühl, die Solidarität, die Kampfverbundenheit. Die Klassenehre, die Klassenpflicht. „Datz wir Arbeiter endlich allesamt werden: ein Wille, e i n Herzschlag, e i n Mut, e i n Leib, e i n Geist . . ." Mit einem festen Händedruck schieden die beiden Proleten voneinander. „Diese Welt mutz unser sein!" sagte der eine. Der andere: „Dann werden wir die Rächer sein . . . Der endliche Sieg ist unser!" — VI Noch in derselben Nacht wurde in den Bureaus der Korrespondenzen und der Zeitungen die Katastrophe gründlichst bearbeitet. Und schon früh am Morgen stürzte sich die große Welr wie eine gierige Meute, die Blut zu schmecken bekommen wird, auf dieses neueste Ereignis. 64 Die letzten Wochen war es schon so: abwechslungsreich in jeder Beziehung kann man sagen: zugleich mit dem Frühstück wurde einem im Morgenblatt jeden Tag ein anderer Skandal serviert. Nun, eine Erubenexplosion: das war eine delikate Ab¬ wechslung in dem öden Grau und allmählich langweilig werdenden Einerlei ganzer Serien von Skandalaffären. Man selbst fern vom Schutz. . . Nur hie und da ein Kolonialkriegchen, nicht sonderlich aufregend . . . Bolsche¬ wistengreuel ziehen zwar immer noch . . . Auch Waffen¬ lager, Vombenfunde, geplante Dynamitattentate, Tscheka- Abenteuer . . . Cholerabazillen. Tagebücher berühmter Scharfrichter. . . Doppelt so gut schmeckt einem dabei so ein Kännchen Mokka . . . Aber auch eine Katastrophe, und ginge die Hälfte des Volkes dabei zugrunde, mutz leicht verdaulich und schmack¬ haft zubereitet werden. Flink wirbelten herum in den Redaktionsküchen die Presseköche. Die an das Papiergift ziemlich gewöhnten Gehirne der Zeitungsleser vibrierten wieder mal heftig unter dem Nervengewitter dieser schau- rigenSensation. „Erinnert das nicht anZolas„Terminal"?" „Gewiß, Schatz, auch in der Literatur ist solch ein Stoff schon des öfteren und man kann sagen ziemlich erfolgreich be¬ handelt worden. Ein lohnender Vorwurf, in der Tat. Auch Sinclairs „König Kohle", lies mal nach, auch nicht übel..." Und die bis zur Unerträglichkeit gesteigerte Spannung ent¬ lud sich. Die Journalisten schoben Artikel um Artikel. Sentimentale und schmalzige Nachrufe waren sofort lieferbar in Hülle und Fülle. Theoretische gelehrte Abhandlungen über das „Wesen von Erubenexplosionen" standen in Mengs zur Verfügung. „Erubenexplosionen in alter und neuer Zeit" mit Bildermaterial reichlich versehen oder „Der Kampf des Menschen mit der Natur" oder „Die Rache der Elemente". „Katastrophe im unterirdischen Reich der auf¬ gespeicherten Sonnenenergien." Der Apparat funktionierte wieder mal ausgezeichnet; alles lief wie am Schnürchen. So oder so: Professoren, Historiker, technische Sachver¬ ständige, Dichter: sie alle waren eifrig dabei, unermüdlich tätig waren sie, um das von den allein schuldigen Jndustrie- 5 65 Magnaten groß angelegte Ablenkungsmanöver ideologisch zu stützen. Wobei es sich erübrigt zu bemerken, daß die professionellen Arbeiterverräter auch in diesem Fall getreu¬ lich ihre Pflicht taten. Und man blieb, was in einem gewissen Moment doch recht zweifelhaft schien, Herr der Situation. Auch dieser Situation. Eine Wohltätigkeitsaktion wurde eingeleitet. Berühmteste Namen, Größen der Nation, stellten sich uneigennützig an die Spitze. — Der Reichstag trat zusammen. Die Abgeordneten erhoben sich zum Zeichen der Trauer von ihren Plätzen. Als die Kommunisten den Antrag stellten, aus den von diesem Unglücksfall betroffenen Betrieben heraus sofort eine Untersuchungskommission wählen zu lassen, um gründ¬ lich und wirklich wahrheitsgemäß die ganze Sachlage nach¬ prüfen zu lassen, da erhob sich der Präsident. Die Regierungsvertreter tuschelten miteinander. Der Präsident rückte sich die Krawatte zurecht. Pathetisch schlüpften ihm die Hände bei seiner Rede aus den Rock¬ ärmeln. „Vor der Majestät des Todes mögen für heute alle Parteistreitigkeiten schweigen . . . Burgfrieden . . . !" Gegen die Stimmen der Kommunisten wurde der Antrag abgelehnt. Als agitatorische Nutznießer dieser Katastrophe wurden die Kommunisten außerdem noch gebührend ge- brandmarkt. Zn einem schwarzen Gehrock wandelt die „Majestät des Todes" geschäftig hin und her zwischen den Bankreihen der Herren Abgeordneten hindurch: man kondolierte, man beglückwünschte sich aber auch, bei dem gerüttelten Matz von Schuld, das ein jeder der hier Anwesenden für sich buchen konnte, so unerwarteterweise glimpflich dabei weg¬ gekommen zu sein. „Gerne geschehen . . . Bitte sehr . . . Meinen aller¬ verbindlichsten Dank... Und die allerbesten Empfehlungen, wenn ich bitten darf, an Ihre Frau Gemahlin . . ." 66 „Nichts für ungut. . . Sie wissen schon, wir nehmen nichts so leicht krumm . . . Ganz gut so, ein bißchen hie und da Opposition mimen, Herr Levi . . . Nur im ent¬ scheidenden Augenblick zur Stange halten . . . Darauf kommt's an . . . Und darauf, na darauf können wir uns ja wohl verlassen . . ." Und die „Majestät des Todes" betonte nochmals nach¬ drücklich den Herren Abgeordneten gegenüber ihre stete Bereitwilligkeit zu jeder Art von Eegendienstleistung . . . „Wir lassen Sie nicht im Stich . . . Verlassen Sie sich darauf . . Die „Majestät des Todes" versprach es außer¬ dem noch jedem Einzelnen in die Hand hinein. „Ueber die Frage der Unkosten, die Sie eventuell dabei haben sollten, verständigen wir uns schon. Aktien oder direkt. Daß dabei was ganz Hübsches herausspringt, das ist ja ganz selbstverständlich." Man schmunzelte schon wieder. Zwinkerte verteufelt-listig mit den Blau-Aeuglein nach allen Seiten, blinzelte ein Dankstoßgebet zum Himmel hinauf, und die „Majestät des Todes" entfernte sich, eine dick gestopfte Aktentasche unter dem Arm, um bei den Gewerkschaften und anderen Organi¬ sationen noch rasch Almosen und Liebesgaben, nach be¬ währtem Muster von 1914 bis 1918 Anno dazumal, für die Opfer der Hinterbliebenen zusammenzubetteln. Die „Ma¬ jestät des Todes" ging dabei recht geschäftstüchtig vor, auch nahm sie es dabei nicht allzugenau. — An den Bahren der Ermordeten aber standen sie mit entblößten Häuptern; der Reichskanzler und die Abord¬ nungen der Behörden, die Herren der Industrie, die Ab¬ gesandten der Großbanken. Auch die Herren Sozialisten standen wie immer mit ihnen. Wohlangesehene Bürger Ein Bürgermeister. Noch einer. Und ein Oberbürgermeister. „Leichenschändung. Nichts weiter als Leichenschändung treiben diese da, wenn sie so herumstehen - - - Jeder ehr¬ liche Prolet muß das so empfinden ..." Sonderzüge in das vom Unglück betroffene Gebiet waren auch sofort von der Eisenbahnverwaltung in bereitwilligster und anerkennendster Weise für die Herren der Regierung usw. eingelegt worden. — „Gut so, aber dachte auch mancher der Angehörigen der tödlich Verunglückten, gut, daß er wenigstens noch bei einem Massenunglück umgekommen ist . . . Kommt einer als Einzelner um, so kümmert man sich um uns schon überhaupt nicht ... Da mutz man sich eben hübsch brav mit der Bettelrente, die die Unfallversicherung einem gewährt, ab¬ finden ... Zn einem Jahr sind es über 6000 solcher Unfälle, mindestens 600 davon tödlich . . ." VII Die Tränen der Hinterbliebenen versiegten allmählich. Man ging zwar noch unter der unheimlichen Last gebeugt, aber auch schon beobachtend und lauernd. Und schon einen Tag vor dem gemeinsamen Begräbnis der Opfer hatten sie sich wieder gefaßt, um einige Grade härter und kampf¬ entschlossener waren die meisten unter ihnen geworden, und mit roten Fahnen an der Spitze durchzogen schon früh am Morgen des Begräbnistages Gruppen von Kumpels, Witwen und Waisen die rutzverschlammten Straßen der Bergarbeiterstadt, und sangen die „Internationale". Oh, erinnerte sich da mancher, das war schon einmal so. Drei, vier Jahre zurück vielleicht. Aber ein jeder denkt noch voll Stolz daran. Schade nur, datz nicht . . . Aber aus unseren Fehlern mutz gelernt werden ... Es geht eben mal schwer vorwärts, und nichts wird einem geschenkt, das ist nun einmal so . . . Die Rote Armee zog damals von Stadt zu Stadt. Hals über Kopf rückte die Reichswehr ab. Das Rote Banner flog — Höhen und Täler leuchteten . . . Wir marschierten durch Wälder, setzten uns auf eroberten Pontons über die Flüsse, Tag und Nacht, unermüdlich immer hinter dem weißen Feind her . . . 68 Rote Soldaten stiegen aus den Gruben, warfen sich, wo noch eine Lücke war, in die Rote Front . . . Das ganze Bergwerksrevier marschiert. Das ganze Bergwerksrevier kämpfte seinen bewaffneten Aufstand. So war es. So wird es wieder sein . . . Grab an Grab, Schächte, in denen Tausende verschüttet, erstickt, zermalmt worden sind, Schlachtäcker des Bürger¬ kriegs, gedüngt mit proletarischem Heldenblut: das ist west¬ fälischer Boden. Das Land ist hier wie erdiges Geschwür. Trüb schwelt heute die Flamme der Revolution. Die Bergwerke wie erloschene Krater . . . Menschenfleisch, Arbeiterfleisch verfault bei lebendigem Leib in den Ruinen dieser modernen Katakomben. Rußt ein. Und der Menschenkadaver heizt sich zur Not noch an in den Schnapsschenken mit giftigem Fusel . . . Aber täuscht euch nicht! Morgen, übermorgen brechen sie wieder auf: Narben, Wunden, Schmerzen brechen wieder auf, und Millionen Kumpels stürzen sich wieder herauf aus der Erdtiefe, wie lebendige Lavamassen. Die Erde platzt! Der Erdbauch platzt: und herauf aus den mit lebendigen Menschenleichen angefüllten Erddärmen fördert es Haufen an Haufen, wandelnde, leibhaft gewordene Kohlenstrunke.. Wehe: die Kohle kommt! Wehe, wenn die Menschenkohle über euch kommt, wenn die aus Bitternis über jahr¬ hundertelang geduldig ertragenes Leid glühend gewordene Menschenkohle über euch kommt! . . . Das wird der Auferstehungstag, der Tag der Befreiung sein ganzer Geschlechter lebendig Begrabener . - - Glück auf! — 69 VIII Nur die Leiche des alten Bergarbeiters Hempel konnte noch nicht geborgen werden. Soviel wußte man: er saß halb aufrecht, wohl «ein wenig in sich zusammengekauert, durch riesige Felstrümmer abgeriegelt, in einem vergasten Schachtloch. Man konnte aber nicht herankommen, so, aber auch so nicht, bei jedem Aufräumungsversuch lösten sich immer wieder von oben neue Eesteinsmassen ab. Auch stieß man in dieser Gegend immer wieder von neuem auf plötzlich hervorbrechende Gas¬ quellen. So mußte man den guten Vater Hempel eben bis auf weiteres in seinem stillen Kämmerlein sitzen lassen. Vergebens warteten zwar oben schon seit zwei Tagen und Nächten die Seinen auf ihn. Warteten händeringend auf ihn bei jedem Zug aus der Tiefe. Sahen sich die Augen aus — Nein, der Alte kam nicht. Nicht einmal, daß er heut bei dem großen Begräbnis mit dabei war . . . Halb aufrecht saß er da, wohl ein wenig in sich zu¬ sammengekauert, der Kopf tief auf die Brust herunter¬ geklappt, der Oberkörper war entblößt, schwarz bestrichen: so dick war er mit Kohlenstaub bedeckt. Das Fleisch schwammig, vom Gas aufgebläht. Nur wenig sah man vom Mund: die Lippen waren fest qufeinandergepreßt, schief, auf der einen Seite beinahe in einem rechten Winkel nach oben verzogen. Von leicht gekräuseltem Schaum über¬ krustet. Die Augäpfel vorgetrieben, feucht und glanzweih. Um die Backenknochen herum dicke, kurze weißliche Bart¬ stoppeln. Neben ihm Jacke, Sicherheitslampe, irgend ein Werk¬ zeug. Ueber fünfunddreißig Jahre Arbeit in der Grube saßen da, Vater dreier Söhne: einen davon an den Krieg drangegeben, einen als „Hundejungen" vor zwei Jahren im Schacht verloren, einer noch überlebend ... Da hals 70 nichts, da mußte auch die Mutter noch in der Fabrik an der Brikettmaschine mitverdienen. Nun, der Alte war schon immer ein wenig absonderlich. „Ach, tappen wir Menschen nicht eigentlich alle im Dunkeln. Ist gar nicht so schlimm. Hände gefaltet. Augen zu. Welt, schwarzer Traum, ade! . . Hundertundfünfzig Särge zugleich, einhundertundfünfzig Leichen von Bergarbeitern, in billige, roh zurechtgezimmerte Holzsärge gepackt, schwankten jetzt oben dahin unter den blechernen Klängen eines Trauermarsches durch die Früh' lingsluft. Ein ungeheurer Menschenzug stampfte dahinter her. Abordnungen aller Bergarbeiter der Welt waren er¬ schienen. Schwarze Fahnen. Rote Fahnen. - - . Kohle und Blut . . . Unten in der Tiefe löste sich wieder ein Felsblock. Der Alte fiel weit hintenüber. Nun lag er ausgestreckt. Oben meinte die Mutter: „Ja, ja, ich Habs gleich gesagt: diesmal macht der Vater Feiertag . . Der Mund war ihm aufgeschlagen. Die Zunge stieg zurück bis in den Gaumen geklemmt. Um den Lippenrand herum, wie ein eingelegter Kranz, bräunliche Zahn¬ stummeln. Der Vegräbniszug war wie fernes Wasserrauschen. Und immer noch hing die unsichtbare Gaswolke fest in hem unterirdischen System: Korridore, Labyrinthe, Win¬ dungen: es sickerte darin, die Wände flüsterten, eine Quelle schlüpfte vorüber, es krachte und knarrte in dem Gebälk, ein Winddruck fauchte hindurch, in einem Kohlentümpel gluckste es . . . und schwarz war es, so schwarz, als müßte 71 man, um diese Finsternis zu durchdringen, Bohrmaschinen gegen sie auffahren. Undurchdringlich schwarz. Das war endlich Ruhe. Die Große Ruhe. — IX Die Einen nahmen an diesem Begräbnistag Paradeauf¬ stellung. Sie rüsteten sich zu einer Toten-Parade. Patriotische Ansprachen, Trauerreden wurden gehalten. Ein Filmoperateur kurbelte. Dutzendweis Leichen ließen sie an sich vorüberdefilieren. Viel Tröstungen und Weihrauch und Versprechungen taten not. Viel künstliche Tränen mußten vertropft werden. Denn das Ganze schmeckte wieder mal bedenklich nach Masten¬ mord ... Mit einem breiten Trauerflor waren die Zylinder umflochten . . . Die Regie klappte. Die Anderen aber nahmen Kampfaufstellung. Sie standen da, gerüstet zu einem neuen Kampf. Wie: Gewehr bei Fuß. Blutrote Wimpel. Blutrote Banner. Es war ein blutrotes Meeting. Flammende Kampfaufrufe schossen empor. Und stießen sich frei in dem Schwur: „Lieber im Feuer der Revolution verbrennen, als elend verrecken auf dem Misthaufen dieser Republik. . Und die Sonne schwang flimmernd über sie hin, den ganzen Raum erfüllend, ein gespenstischer Lichtkreisel. — 72 3. Kapitel „Friede auf Erden" — Max Herse, ein junger Arbeiter, besucht eine sozialdemokratische Wahlversammlung. — Die Befrie¬ dung der Welt ist da. Der Welt¬ frieden scheint gesichert. Deutsch¬ land: die Jndu st riewerk statt der Welt! — Zeitungsleser im Cafe. UnheimlicheNachrichten. — Einiges vom Studenten Peter Friedjung. Max Herse und seine Kollegen auf demHeimweg. — Klebekolonnen bei der Arbeit. — Schlafende Menschen. — „FriedeaufErde n." I Der Nebelrauch stand unbewegt in den Straßen. Tau¬ sende Lichtpunkte flimmerten. Die Verkehrstürme blinkten grün, weiß, rot. Die Menschen gingen sehr schnell. In Trupps schoben sie sich über die Plätze . . . Ein Lichtband fließt oben vorüber . . . Max drückte sich aus dem Menschengewühl heraus auf die Hintere Plattform einer Elektrischen. Er studierte noch immer den Aufruf der Gewerkschaften. Der lautete: „Wo soll die Frage entschieden werden, ob wir den gesetz¬ lichen Achtstundentag wiederbekommen sollen?! Im Reichs¬ tag. Wo wird das Arbeitsgerichtsgesetz, das Arbeitsvertrags¬ gesetz, die Schlichtungsordnung, das Tarifgesetz gestaltet? Im Reichstag. Wo wird die Verteilung der Lasten gesetz¬ lich geregelt, die der Dawesplan uns gebracht hat!? Im Reichstag . . „Also doch!" dachte Max. „Wenn nur die Mark stabil bleibt! Dann kann man wenigstens wieder rechnen . . . Man braucht ja heutzutage, mehr denn je, schon wirklich gewaltig viel Geld. . . Sich M Tode schuften. Aber das Resultat ist dann wenigstens doch ein stabiler Hundelohn. . ." Eine Theatergesellschaft scherzte im Wageninnern. „Die schwimmen hübsch obenauf, wie auf der Suppe die Fettaugen. . ." Reichswehrsoldaten, den Tornister aufgepackt, darüber den Stahlhelm. Sie kamen von einem Truppenübungsplatz. Ein Unteroffizier erläuterte das neue Visier: „50 000 Gewehre sind bis jetzt schon darauf eingeschossen, tadellos. Ein jeder Schuß aber muß bei uns auch sitzen. Gesprächsfetzen schwirrten: 75 „Na, also doch, daß wir wieder geordnete Zustände be¬ kommen haben! ... Za, wissen Sie, die Inflationszeit. Die steckt mir immer noch wie die Grippe in den Gliedern." „Ich, Herr Kulicke, hab' es immer schon gesagt — und was die vielen Parteien anbetrifft — eine Linke, eine Rechte, eine Mitte: das genügt vollauf, dann hat jeder was. . ." „Lasten Sie mich nur aus damit, Herr Rechnungsrat, sage ich Ihnen, mit den Regierungen! Lasten Sie die neue ein wenig liegen und schon wieder wird sie abgeholt . . . Sie werden sehen, der starke Mann ist's, der uns fehlt . . . So ein Bismarck . . ." „Also wird's doch Wahrheit, daß Amerika uns unter die Arme greift . . ." Auch mit dem Straßenbahnschaffner sprach natürlich jemand, der eine duftige Zigarre rauchte: „Na, was macht's . . . Viele Unfälle, was ... Za, das deutsche Volk muß eben erst wieder arbeiten lernen! . . ." „Wenn man oft über 12 Stunden Dienst hat, Herr, dazu nicht genug, um einmal in der Woche sich ordentlich satt zu essen. . . außerdem vier Zahre schließlich im Krieg gewesen ist, ein paarmal verwundet ist, wie unsereins . . . Das stellen Sie sich schon einfacher vor, wie es ist . . . Stellen Sie sich mal vorn an den Kurbelkasten. . . Und wie das alles heruntergekommen ist . . . Die Bremsen, die Sicherungsanlagen. . . aber dazu ist ja eben kein Geld nicht da . . ." Millionen Räder drehten sich, um die Menschenmasten an die Arbeitsstätten zu befördern. Hin und zurück. Es war ein gewaltiger Kreislauf, ein schwingender Wirbel. Unter der Erde, auf der Erde, hoch in der Luft. Eingepfercht in die eisernen Kasten der Untergrundbahnen schossen Menschenhaufen durch zementgemauerte unterirdische Röh¬ ren, stießen auf Treppen hoch, rannten kreuz und quer... Rufe splitterten, Signale pfiffen, schief gestellt schmissen sich die Autobusse um die Kurven . . . Zeder wehrte sich gegen den andern . . . Wie das Meer kennt auch die Großstadt 76 Flut und Ebbe. Brandung und Springflut . . . Erst tief in der Nacht ziehen stillere weite Kreise die beruhigten Menschenwellen. . . Max war mit dem Eewerkschaftsaufruf fertig. „Gott der Allmächtige!" stöhnt in sich hinein ein Kriegs¬ krüppel. Er trug die Soldatenmütze mit schwarzweißroter und schwarzweißer Kokarde, das Eiserne Kreuz, eine Haken¬ kreuznadel, einen Totenkopf, und handelte mit patriotischen Ansichtspostkarten. Er stolperte mit einem Prothesenbein. Vor jedem Bessergekleideten salutierte er, stand stramm. „Rheinische Mädchen bei rheinischem Wein" orgelte ein Leierkasten. Schupo patroullierte vorüber, prüfte den Ausweis eines Straßenhändlers. Schon zwitscherte es aus den Anlagen. — II Arbeiterviertel: llebermenschengroße Stücke von Verputz waren von den Häuserfronten heruntergebrochen. Das ganze Viertel hatte seinen besonderen Geruch. Das Nebeldickicht schlug sich durch Mauerritzen in das Innere der Häuser hinein. Winkelig und unaufwaschbar vor lauter Gerümpel war es in den Geschäften. Ueberall rochen die feuchten Keller herauf. Ueberall troff es. In einem steilen Zickzack kletterten knarrend die Treppen empor. Gaslicht gespensterte. Ein Greis schleppte sich mit einem Bündel Holz quer über die Straße. Frauen standen, aus zahnlosen Mündern wispernd, in Gruppen herum. Festen Schritts kamen einige Burschen vorüber, Mützen auf, die Fäuste tief in den Hosen¬ taschen. Kinder jagten sich, Droschkengäule hatten den Futtersack vor. Das Herz-Innere der Häuser bestand, durch längst schlissig gewordene Gardinen sichtbar, aus Küche, Kammer, Stube. Mit spärlichen Möbelresten waren sie dürftig ausgeflickt. 77 Menschenwerk sind diese Häuser. Doch in diesen Häusern formen sich unmerklich auch wieder die Menschen um. Eine kalkige Kruste sind diese Häuser, über einen leben¬ digen Leidenskern gestülpt. Wo sind die Gefangenenaufseher, fragt man. Es sind freiwillig Gefangene, bekommt man zur Antwort. Sie be¬ aufsichtigen sich selbst. Sie haben sich ihrem Schicksal ergeben. Lieben sie wirklich ihre Verdammnis . . . ? Menschen und Häuser dieser Gegenden: lebensverbunden! Sie schlagen den gleichen Herztakt. Mit Leidenszeichen sind sie überreichlich besät und mit Todesrunen. Viele Morde, Verzweiflungsmorde sind schon in ihren Gängen geschehen. Sie bergen in sich ein Matz von Not, das über¬ menschlich ist. Seht diese Häuser an! Kaum datz sie sich noch auf ihren Fützen halten können! Die Fundamente sind längst unterwühlt. Erdschlamm dringt vor. Alles steht hier auf Abbruch. Sie sind wirklich schlecht genährt. Eemüse- reste, Kartoffeln, Brennsuppen, Heringe. Immer ist es der¬ selbe Trott. Wer die Augen noch im Kopf hat, um zu sehen, der sieht: das sind Kerker, Leichenkasernen, Erabhäuser, und die Fetzen der Fassaden schlottern an ihnen herunter wie Lumpen an einem Skelett . . . Nenn mir den glücklichen Besitzer, und du erfährst: er heitzt vielleicht heute noch Krätzig und wohnt im Ostsee¬ villenörtchen Heringsdorf. Aber die Häuser, zweihundert Stück gleich auf einmal, sie wandern; sie wandern herum zwischen Tschechoslowakei und Amerika: npr die Verwalter bleiben, treiben die Mieten ein, besorgen redlich und treu Kündigungen und Hinausschmisse . . . Denn auch das tod¬ wunde Häuserrevier ist immer noch ein lohnendes Spekula¬ tionsobjekt. — yier führen die Menschen tagaus tagein einen heroischen Kampf um die Wohnung. Hier ist ein rumpfgrotzes Loch in der Wand. Es mützte vermörtelt werden. Man mutz die Bettstellen rücken, einmal hierhin, einmal dorthin: denn die Decke tropft. Es mützte geteert werden. Hier sind ganze Barrikadensysteme gegen Ratten errichtet. Dort unter- 78 nimmt man vergebens Feldzug um Feldzug gegen das Un¬ geziefer. Hier wächst der Schmutz von selbst. Mit zusammen¬ gebissenen Zähnen versucht man zu retten, was noch zu retten ist. Aber der Schimmel marschiert, er erobert mühe¬ los das Innere der Schränke. Die Tuberkulose bricht ein, die Geschlechtskrankheiten pflanzen zynisch triumphierend ihr Banner auf . . . Und schon ist wie immer Arbeitslosig¬ keit, Hunger, Skrophulose da . . . Eine höllische Armee, zusammengesetzt aus allen Kadres der menschlichen Notdurft und Hilflosigkeit, ist vollzählig zur Stelle... Der General¬ angriff beginnt. Aus Schlitzen, Ritzen, Poren, Verschalun¬ gen, Mauern hindurch, millionenmäulig, speit es Verderben. Da gibts keinen Widerstand. Jede Abwehr ist nutzlos . . . Und in den Höfen waten die Kinder, wenn sie spielen wollen, bis zu den Knöcheln in einem fauligen Tümpel... Erbarmungslos vollzieht sich hier unter den Augen des Gesetzes, infolge Gesetzeskraft und laut Paragraph so und soviel — erbarmungslos vollzieht sich hier eine ganz viehische, ganz trockene Blut-Kleinarbeit . . . Glanzblau glaste der Himmel darüber, wunderbar grenzenlos über dieses Massenelend gespannt. — III Ein Kino vorn: Mit einem Plakat: ein Schiff, das im Eismeer versinkt, ein Auto, das vollbesetzt auf einer mexikanischen Alpen- straße in den Abgrund saust, eine Großaufnahme von eineni blonden Mädchenkopf, „Lia Mara" oder die „Gefesselte Schönheit" genannt, bengalisch überstrahlt von himbeer¬ roten Lichtern — Und hinten über zwei Höfe hinweg war das Versamm¬ lungslokal. „Neue Frankfurter Festsäle" nannte es sich. Es mochten gegen zweitausend Menschen anwesend sein. Der Bühnenhintergrund war sichtbar, gemalte Kulissen, eine Seelandschaft, dahinter im Sonnenuntergang leuch¬ tende Vergspitzen, ziegelrot. Auf knallgrüner Leinwandalm 79 weideten braunlackierte Kuhe, auch die schone Sennerm fehlte nicht, in samtschwarz gestrichenem Mieder, die Lippen wie ein Kügelchen so rund. Blauweitze Fahnengirlanden waren kreuz und quer ge¬ spannt. Als Max eintrat, sprach der Redner schon. Es hatte auch schon einige Zwischenrufe gesetzt, Kollegen informierten Max gleich darüber, aber der Saalschutz funktionierte diesmal gut, und man hatte die Störenfrieds gleich in vereinfachtem Verfahren an die Luft befördert. Auch Max nickte mit dem Kopf: „Eine bodenlose Frechheit, unsere Versammlungen zu stören . . . Radaubrüder . . ." Und er war stolz auf seinen Saalschutz. „Es ist gut so . . . Mögen die sich wo anders aus¬ toben . . ." Und auch aus ordentlich gekleideten Kerls bestand der Saalschutz. Gut ausgerüstet: blaue Mütze, Wickelgamaschen, Windjacke. Bewaffnet mit stählernen federnden Tot¬ schlägern und Gummiknüppeln. — Man mutzte also über die bevorstehenden Reichstags¬ wahlen mit sich ins Klare kommen. Der Redner ließ es sich dabei nicht nehmen, der Reaktion, worunter er vor allem die Deutschnationalen verstand, einiges ordentlich auszuwischen, ging dann von der inner¬ politischen Lage zur außenpolitischen über und erörterte sach¬ lich und wirkungsvoll die wichtigsten Probleme. Es gelang ihm dabei, überzeugend darzutun, datz unter den nun einmal gegebenen politischen Verhältnissen dem deutschen Volke, das, schlecht geführt, den Krieg verloren hat, nichts anderes übrig bleibt, als das Sachverständigengutachten anzunehmen, das — im Vergleich zu den Verpflichtungen, die vor dem Deutschland aus dem Versailler Vertrag er¬ wuchsen, — wesentliche Erleichterungen biete, die Räumung des Ruhrgebiets und damit die Befreiung einiger Millionen 80 Deutscher von der französischen Fremdherrschaft bringe, der Industrie die lebenswichtigen, nicht unerheblichen Kredite vermittle, der zerrütteten deutschen Wirtschaft wieder aufhelfe — man denke nur an die passive Handelsbilanz! — und Damit auch zugleich dem Proletariat Verdienstmöglichkeiten und Arbeit verschaffe, lieber die Lastenverteilung aber entscheide der Reichstag, und es komme nun darauf an, möglichst stark dort einzuziehen, um die Eewichtsverteilung der Lasten zugunsten der werktätigen Bevölkerung auf die Schultern der besitzenden Klasse abzuwälzen. „Za, aber meine Herrschaften!" rief der Referent aus, als sich aus einer Saalecke heraus wieder Widerspruch bemerkbar machte — „wir leben eben nun einmal in einer kapitalistischen Gesellschaft, und ich kann nicht, so gern ich auch möchte, sie von heute auf morgen wegpusten. So heißt es also, sich so gut es geht mit dieser Tatsache abzufindsn und sich so häuslich wie irgend nur möglich in dieser Ge¬ sellschaft einzurichten . . . Gedulden Sie sich, warten Sie ab, bitte, alles zu seiner Zeit.. Dies alles schien sonnenklar. „Solange die Arbeiterschaft noch nicht einmal unter sich selbst einig ist . . . Da kann man ja jeden xbeliebigen Betrieb als Beweis dafür hernehmen. . ." Und auch das, was der Redner nur so nebenbei bemerkte, daß man es sich schon was kosten lassen solle, um die Hohen- zollern außer Land zu halten: „wir werden uns schon in dieser Frage nicht lumpen lassen-" Auch das war Maxens Standpunkt. „So haben eben nun doch die Herrschaften der Entente einsehen gelernt, daß man auf dem Weltmarkt ohne den deutschen Arbeiter, ohne den begabten, gründlichen, ge¬ wissenhaften deutschen Arbeiter nicht auskommt. Deutsch¬ land: Jndustriewerkstatt der Welt! Das ist der Inhalt, das wahre Wesen dieses von uns angenommenen Gutachtens! Stellt euch vor, Arbeiter, wie nun langsam aber sicher von Monat zu Monat euere Lage sich bessert, euer Lebens¬ niveau sich heben wird... In einem solchen Moment sollen den Mut wir sinken lassen . . . ! Rach all den k 81 Jahren, in denen ein schlimmer Unstern über Deutschland, über euch Proleten im besonderen, waltete!? Nein, drei¬ mal nein! Nimmermehr! Mit vollem Recht können heute wir wieder ausrufen: am deutschen Wesen, am Wesen des deutschen Arbeiters im besonderen wird wieder die Welt genesen . . . Schaut frohen Mutes drum in die Zukunft!" „Ja, ja. So, so ist es." Viele nickten mit den Köpfen. „Reaktion oder Revolution!? Schwarzweißrot oder schwarzrotgold!? Entscheidet euch?! Monarchie oder Repu¬ blik!? Gebt euere Stimmen, Proleten, der Republik, schafft mit an dem Erlösungswerk der werktätigen Masten. Die Revolution, die Befreiungsaktion des Proletariats mar¬ schiert, wenn auch langsam . . . Auf zur Wahl! Schließt die Reihen dicht! . . Beziehen wir unsere alten revolutio¬ nären Kampfpositionen! Hinein in die Wahlschlacht . . . Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, sie lebe " „Hoch! Hoch! Hoch!" Der Saal schmetterte. Die Internationale sang. — IV Wird es nun wirklich schon Frühling?! Die Fenster sind weit offen. Menschenstimmen hört man aus den Höfen. Diese Jahreszeit ist ein Heldengedicht. Gewaltig und grau ziehen den Horizont herauf Wolkenquadern um Wolken¬ quadern: formlos, unbehauen, roh: rebeltische Figuren... Die Zeitungsleser saßen um diese Stunde wie immer im Cafe. Glatzköpfig, vollbäuchig, manche mit prallen, rötlich getupften Bäcklein. Tranken Mokka, schlürften Limonaden aus Strohhalmen, schluckten auch sonst noch was . . . Draußen prasselten Hagelschauer nieder. Ein kurzer Zwischenfall. Eine Stimme: „Sie Kapitalssau, Sie Dreck- . . ." „Was, Drecklump, Kapital . . . haben Sie mich genannt. Mein Herr, ich bitte Sie das sofort zu berichtigen . . ." 82 Und die Drehtüre schob beide ins Freie. Das Cafe-Innere war wie ein Aquarium. Tropisch- warm; die Bewegungen der Cafehausbesucher waren, als sei die Luft eine zähe, kleberige Flüssigkeit. Schönes Buchstabengift. Schönes Papiergift. Sie sahen nur selten mql auf. Die Augen waren in dem Papierwinkel, den sie an einem Holzgriff steif vor sich herhielten, festgesogen. Gehirne fraßen. Gehirne verdauten. „Grand-Hotel, Honolulu." „Isa, die Serbenfürstin." „Raubmord." „Lustmord." „Spanische Flugzeuge bombar¬ dieren die Rifkabylen mit Gasbomben." „Neue Schreckens¬ taten des Kommunisten-Eesindels." „Tscheka." „Parade der Stahlhelmer . . ." Die Zeitungsblätter bewegten sich. Legen sich um. Es knistert. Ein geheimnisvoller Wind weht. Ein neues Pack mit Ereignissen. Mit einem Blick hüpft da ein Auge über eine ganze Seite hinweg. Ein neuer Teil, mit Schicksalen, Erlebnissen, amüsanten Neuigkeiten nur so vollgepfroft... Nun sind die Hände der Leser in eine Papierfläche ein¬ gekrallt wie Tatzen. „. . . von den Fräcken der Herren ist nur zu sagen, daß sie ausnahmlos up to date und im besten englischen Stil waren; nicht ein Millimeter der weißen Weste war unter¬ halb des Frackrandes sichtbar ... Die Toiletten der Damen im Stilkleid weiß Gourdeille mit Pelz Suhmann, den man seiner großen Seltenheit wegen noch wenig sieht . . . Lisa Benedict aber hatte ihren prachtvollen Rubens in dunkel¬ lila Chadourne gehüllt, benäht mit marokkanischen Pailet- ten aus vielfarbiger Mica . . . Ein zart aquarelliertes Kleid hellgelbe Merveille-Sature. In schwarzem Craou, besetzt mit Jorkin, ein Fell, das wie goldgepudert aussteht.. Es war einem ganz indianisch zumute. . „Schwerarbeiter!" knurrte lautlos der Bettler, der zwischen den Tischen Herumstrich. Von dem Geschäftsführer und einem Kellner arretiert, verläßt er wieder das Lokal. Weiter arbeiten sich durch den Papierschlamm hindurch die Zeitungsleser. 6' 83 Bmrane orecyen aus, Lanoer weroen uoer^wemmr, Kolonialvölker rebellieren, Massenselbstmorde, Maschinen» Hinrichtungen, Hungersnöte. Lächelnd thront dabei das Büfettfräulein über dieser Flut rauchverwolkter Häupter, aus deren Gehirnwindungen jetzt bei der Lektüre abessinische Residenzen erstehen, Petroleumquellen aufknattern, Bohr¬ türme durch Kalifornien wandern, mit breitwulstigen Epauletten die Achseln bestickt hochwamstige Negergeneräle vor dem amerikanischen Präsidenten paradieren . . . Das Gesäß des Lesers drückt sich fest im Stuhl. Ein fleischerner Riesenpudding . . . Merkwürdige Dinge werden im letzten Teil des Blattes über den großen Ozean gemeldet. Was davon wohl auf Wahrheit beruht!? „Sir William Pope, in der Präsidentschaftsrede in der Chemical Society am 27. März 1919: Die englische Methode zur Herstellung giftiger Gase sei dreißigmal so wirksam, wie die von Deutschland, während die Kosten in Deutsch¬ land dreißigmal so groß seien wie die in England. Bei Kriegsende hätte die Entente täglich eben soviel Herstellen können wie die Zentralmächte monatlich. Anmerkung der Redaktion: Was man besonders dem bekannten Führer der zionistischen Bewegung, Herrn Prof. Waitzmann ver¬ danke, dem kühnen Organisator des chemischen Krieges auf ententistischer Seite." Wie auf einem scheu gewordenen Gaul galoppiert unser sehr verehrter Leser weiter. Schüttelt sich. Nun geht es wieder in gewohntem Tempo. Die Sprünge, die schließlich diese mörderisch gottverfluchte Zeit macht, zwingen auch den unsichersten Kumpan am Ende noch fest in den Sattel . . . Neue Entdeckungen! Ein neues Geheimnis! Und wieder von jenseits des Ozeans, aus dem Wunderland! „Ein Todesregen! — Ein neues Gift, so tödlich, daß drei Tropfen auf der menschlichen Haut genügen, um den Tod herbeizuführen, ist die neueste Erfindung des chemischen Kriegsdienstes der amerikanischen Armee. Man führt Fach¬ leute an, die aussagen, daß, wenn man die Flüssigkeit aus Röhrchen an der unteren Fläche eines Flugzeuges aus- 84 stieße, sie alles, was sich im Wege dieser Maschine befindet, töten würde. Ein Flugzeug, fügt man hinzu, könne zwei Tonnen der Flüssigkeit über eine sieben Meile lange und hundert Fuß breite Gegend verteilen und dies würde genügen, um jedermann in dieser Gegend zu töten. Die Flüssigkeit kann leicht hergestellt werden und eine Ausbeute von einigen tausend Tonnen täglich könnte angeblich schnell erreicht werden . . ." Hat man noch Zeit, über das alles nachzudenken!? Bleibt einem da nicht die Luft weg!? Staune vor nichts, sagt sich der Spießer oftmals selbst vor und richtet energisch und stolz sich dabei auf im Steigbügel. „Alles ist möglich . . . Alles schon dagewesen... Nichts unter der Sonne ist neu.. So ist doch z. V. bekannt das sogenannte griechische Feuer im vierten Jahrhundert vor Christi, aus Harz, Petroleum, Schwefel und ungelöschtem Kalk bestehend, und das später, im zwölften Jahrhundert, häufig von den Sara¬ zenen gegen die Kreuzfahrer zur Anwendung gebracht wurde . . . ? Und dann erst das Mittelalter! Eine reiche Ausbeute für unsere geschichtliche Exkursion! Lesen wir da nicht in dem berühmten „Kompendium der Sekrete" des Arztes und Naturforschers Leonhard Floravanti von Bononia um 1600 von einem Oel, destilliert aus Terpentin, Schwefel, Asa födita, Menschenkot, Menschenblut usw., das dermaßen stinkt, daß kein Mensch in der Festung, in die es geworfen wird, mittels Schleudermaschinen, versteht sich, es darin aushalten kann . . . Also, alles schon dagewesen . . . Was zu beweisen war. „Prosit Neujahr!" entfuhr es aber da dennoch einem kleinen Bankangestellten, als er das las, „schöne Aussichten, das kann ja noch recht gemütlich werden . . . Heiter, immer heiterer, in der Tat! Aber man muß schon mit den Wölfen heulen . . ." Und er versucht gleich ein Gespräch über dieses Thema mit dem Studenten anzuknüpfen, der noch mit an dem Tisch saß. Der wehrte aber energisch ab. „Ja, warum denn nicht . . . Glauben Sie vielleicht noch an den Abrüstungsschwindel!? . . ." 86 „Sie entschuldigen schon . . . Das war doch nicht jo ernst gemeint . . Unablässig drehten sich indetz die Drehtüren. Zwei Bekannte prallten dort unerwarteter Weise im Gang aufeinander. „Du hier, ach Emil, wer hätte das gedacht ... ja, wie lange schon . . ? Und immer wohlauf. . . Und das Ge¬ schäft . . ." Und schon zogen sie sich gegenseitig an einem Tischchen nieder und wie eine Litanei wurde die ganze Skala der Bekannten und Geschäftsfreunde abgeklappert. Die Schnurrbartspitzen des Portiers leuchteten wie zwe: rötliche Stichflammen. Der eine oder der andere stolzierte in dem Caferaum auf und ab, wie in einer Wandelhalle. Der Zeitungsmann flitzte geschäftig. Der Nachtbetrieb begann. — V Peter Friedjung war Werkstudent. Sechs Stunden arbeitete er täglich bei einem Patentanwalt in der Alten Iakobstraße am Setzkasten. Die Patentanmeldungen wurden hier auf einer kleinen Handdruckmaschine abgezogen. Ein seltsamer Betrieb. Hunderte von Patentanmeldungen liefen täglich ein. Da waren Patentgesuche darunter auf fahrbare Rucksäcke, auf Hosenträger, die mit einer Hand bedient werden konnten, Klosetts, mit selbsttätigem Wisch¬ apparat, zwanzig Modelle des Perpetuum mobile täglich, Studierlampen, die zu gleicher Zeit als Kochapparat be¬ nützbar waren, ohne jede Inangriffnahme des Zylinders selbstverständlich, Patente auf in der Dunkelheit leuchtende Füllfederhalter usw. usw. Gegen Einsendung eines nicht unbeträchtlichen Vorschusses wurden diese Gesuche exakt der Reihe nach behandelt und dem Patentamt vorgelegt . . . Damit war aber auch die Angelegenheit dieser Hunderts von kleinen Erfindern erledigt . . . Eine Ausnutzung des Patentes kam natürlich nicht in Frage . . . 86 Bis zum Ruhrabenteuer war Peter deutschnational. Deutschnational bis auf die Knochen. Er glaubte an Deutschland, als an ein auserwähltes Volk, er selbst hatte ja bereits gekämpft und gelitten für Deutschlands Herrlich¬ keit. Sollen die vier Jahre Krieg für die Katz gewesen sein . . . Sollte es wirklich wahr sein, datz . . . Daran konnte er nicht glauben. Das hing mit Sinn oder Sinn¬ losigkeit seiner eigenen Existenz zusammen. Datz Krieg: das Produkt geschäftlicher Konflikte ist, das Kriegsziel nichts weiter als dem Gegner diejenigen wirtschaftlichen Bedin¬ gungen aufzuzwingen, die man für sich als notwendig er¬ achtet; datz das Wesentliche dabei, das Herzblut des Krieges sozusagen: der Beutel, die Interessen der Kapitalisten sind; datz in Wirklichkeit aber alles kämpft für die Interessen eines Häufleins von Magnaten des Finanzkapitals, für ein 300-Männerkollegium; und datz auch das In¬ strument der Schiedsgerichte nur dazu dient, den Ausbruch ungewollter Kriege zu verhindern . . . Das alles mochte vielleicht für England, für Amerika, Frankreich stimmen, für unsere Gegner stimmen, aber für Deutschland!? War nicht für Deutschland Krieg: Schicksal, elementar wie eine Naturgewalt, Aufbruch der Jugend, Blutrausch!? . . . Gott hat den Krieg gewollt, und ich, Peter, habe ihn geführt . . . Als Kriegsfreiwilliger hatte er den Krieg mit¬ gemacht. Als Kriegsfreiwilliger im Regiment „List", mit „Deutschland, Deutschland über alles" hatte er gestürmt, dieses Lied auf den Lippen waren bis auf ihn alle seine Kameraden gefallen . . . Und das soll nicht das Wunder¬ barste, das Höchste, das Heldenhafteste in der Welt gewesen sein . . ? Die Fahne Schwarzweitzrot, die soll nicht die Fahne, die Fahne unseres Blutes, die Fahne der Ehre der gesamten Nation gewesen sein . . ? Die Fahne, die damals bei Tannenberg, bei Verdun . . . Deutschlands gesamte idealistische Jugend mutz sich um sie scharen, damit sie nicht der rote Sturmgeier zerfetzt . . . ^Bis er eines Tages, selbst Mitglied einer völkischen Sturmabteilung, plötzlich erkannte: es ist ein Unterschied Zwischen der Phraseologie einer Sache und dem Inhalt einer Sache. Und datz die nationalen Phraseure sich im Grunde 87 ihres Herzens keinen Deut um die wahren Interessen der Nation scheren, sondern: Profitjäger, Hasardeure, Speku¬ lanten, Großschieber, Hyänen sind, ganz raffinierte, abge¬ feimte, ausgebrühte Burschen, die das Blut und das Lebensmark des Volkes aussaugen; die nationale Phrase aber als Köder benutzen,, blindgläubigen, von dem sozial¬ demokratischen Regime enttäuschten Kleinbürgern gegen¬ über; und daß sie, ja, daß sie die eigentlichen Volksverbrecher, Hochverräter, Landesverräter sind und die. . . ja, die Kommunisten, die revolutionären Proletarier, die eigent¬ liche Lebens- und Schaffenskraft des deutschen Volkes: keineswegs! keineswegs! — Seitdem sympathisierte Peter Friedjung mit der prole¬ tarischen Bewegung. Ereignisse an Ereignissen sich überstürzend, eine gewaltige chaotische Lawine, so stieg es empor aus dem Zeitungs¬ haufen. Peters Gehirn wurde mit hineingerissen in einen ungeheuren Weltwirbel. „Stänkereien und Zänkereien: das war immer mehr der Grundton unserer Zusammenkünfte. Die Enttäuschung über die Bewegung äußerte sich immer mehr in persönlichen Ver¬ unglimpfungen, Anschuldigungen, Verleumdungen übelster Art. Nichts und niemand mehr blieb von Witzen und Zots- reien verschont: auch Schlageter begann man bereits nach Strich und Faden herunterzureißen, viele wollten wissen, daß . . . Ein abstraktes, von patriotisches Phrasen triefen¬ des Gefasel: genüge es, wem es wolle . . . Keiner wollte das endgültig besiegelte Debacle wahrhaben. Ein jeder drückte sich mehr oder minder feig um die Tatsache herum, daß von einer Mission der völkischen Bewegung bereits nicht mehr gesprochen werden konnte. . . Und blieben gar einmal die Geldunterstützungen aus, deren Quelle immer mystischer verhüllt und ungenannt blieb, dann war es schon gar nicht mehr zum Aushalten. Es war schon so: Abzeichen, Hakenkreuze, Totenkopffahnen, Armbinden, Wickelgamaschen, Windjacken: damit mußte man sich darüber 88 hinweghelfen, daß man eigentlich nichts zu sagen hatte. Ja, gewiß, bei jeder Versammlung, bei jeder Heldengedenk- feier redete man, aber bitte sehr, nur bildlich gesprochen, aus hohlem Bauch . . . Ein jeder mißtraute dem andern. Rohheiten, Exzesse jeder Art, Unterschlagungen waren an der Tagesordnung. Da gab es Degenerierte aller Art, Effe¬ minierte, pathologisch Klatschsüchtige, Hochstapler, Aben¬ teurer, Dilletanten, Homosexuelle, Päderasten, Sadisten, Masochisten, kurzum, ein Klub von Deklassierten tat sich in prächtigen Salons auf, die Politik war nur meist für ge¬ schäftliche und erotische Beziehungen die Maske, und dieser hochpolitische Klub unterhielt durch seine Kuriere und Mittelsleute eine stete Verbindung mit den übelsten lum¬ penproletarischen Kloakenbuden und Obdachlosenasylen. Lumpenproletarier waren es, die man zuerst durch Ver¬ sprechungen auf Unterstützung und Anstellung in die Stahl¬ helmverbände lockte, dann trieb man die Kleinbürger, heil¬ los borniert wie sie waren, zu Paaren, sie waren es ge¬ wohnt zu gehorchen wie dem Hund die Schafherden. Die hatten während der Novembertage geradezu Angst vor ihrer eigenen Freiheit bekommen, waren sie doch dressiert nur auf Kommando zu parieren. Eine geringe Dosis schwarzweißroter Eemlltssalbe genügte, feste druff, und schon hatte man sie wieder bei der Stange. Sie waren von den hohen Stellen bestimmt, die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Preußische Disziplin, kerndeutsch, treudeutsch: das waren so die üblichen Zauberworte, um damit jeden, der sich irgendwie mißliebig gemacht hatte, ordentlich unter die Fuchtel zu nehmen, und das besorgten auch ausreichend die jeden Tag sich noch „nationaler" gebärdenden kleinen Herrschercliquen. Und zwar nach allen Regeln der Kunst. Zeitweilig wurden Speisekllchen eingerichtet, man wollte künstlich die Bewegung ins Proletariat hinein verbreitern, auch gab die Großindustrie in der damaligen Zeit viel Geld: bei all diesen Wohlfahrtseinrichtungen verschlangen aber über 60 Prozent die betreffenden Organisationen. Richtige Parasttennester entstanden, die ungeheuerlichsten und scham¬ losesten Forderungen wurden für die geringsten Dienst¬ leistungen gestellt. Die Inflation warf auch noch jeden Tag 89 neue Postenanwärter in die völkischen Reihen . . . Dann gab es eine Periode: jeder war sein eigener Ludendorff. Man sprach überhaupt nur noch in Zitaten . . . Dann kam eine Zeit, da tauchten Gestalten auf, die nicht nur für eine Seite spitzelten, sondern mit wahren und falschen Nachrichten fünf bis sechs Stellen zugleich bedienten . . . Mit den widerlichsten Krankheiten behaftete Kretins taten sich dazwischen breit, zeterten „Heil" und schriebst Mordio und Feurio, kolportierten bis zum Brechreiz die beinahe nur noch pathologisch zu bewertende Phrase vom rassen¬ reinen Menschentum, vom Sonnen-Arier, trieben Wotan¬ kult und verzückten sich augenverdrehend an einem paradie¬ sischen Traum-Walhall, indessen fütterten sie sich beträcht¬ lich und rafften mit gierigen Händen, alles was ihnen unter die Finger kam, zusammen. Dann kam eine Zeit, Flaute nannte man sie, keiner wurde eigentlich mehr recht froh seiner begangenen Spitzbübereien und vollbrachten Morde, die eisenkreuzgeschmückten Bramarbasse wurden bedeutend ruhiger, und man begeisterte sich plötzlich wieder für eine vernünftige deutschnationale Realpolitik . . . Nur konfessionelle Gegensätze trieb man noch ab und zu auf dis Spitze . . . Auch in der Angelegenheit des Erbfeindes kriselte es schon bedenklich. Der Revancheangrisf, gro߬ mäulig vorbereitet und umso schlechter organisiert, wurde plötzlich über Nacht abgeblasen . . . Das wäre also in Umrissen die Geschichte einer politischen Bewegung, vom Finanzkapital ausgehalten, und von ihm in einem gewissen Zeitabschnitt als politisches Druckmittel gehandhabt, als ein Instrument der Erpressung, in einem Zeitabschnitt, da man noch nicht an die Möglichkeit einer legalen Restauration glaubte. Als Ideologen figurierten durchwegs Lumpen¬ bourgeois, internationale Desperados, abgetakelte Offiziere; die Träger der Bewegung, die Masse waren: Studenten. Angestellte, Gymnasiasten, kleine Beamte, Lumpenproleta¬ rier, Kleinbürger. Mag sein, daß sich auch mancher persön¬ lich lautere Charakter und idealistisch Gesinnte dorthin verirrt hatte. Diese aber haben sich bald voll Ekel abge¬ wandt . . . Ueberhaupt, es dauerte nicht mehr lange: die ganze Bewegung erstickte vollends im Schlamm der 90 Korruption, verschmorte in ihrem eigenen Fett. Nur hie und da ein Nebbich-Sektenbildner rumorte noch wo herum als Diskussionsredner in einer Versammlung. Zn Hellen Scharen war man zu den Deutschnationalen übergelaufen, andere zogen sich schmollend aus dem politischen Leben zurück . . . Drei Monate in solch einer Bewegung verbracht: da heißt es gründlich mit sich abrechnen, das Fazit ziehen und dann: für die Zukunft daraus lernen. Nur Narren und Phantasten binden sich weiter die Scheuklappe um, er¬ hitzen sich selbst künstlich Lis auf 40 Erad Fieber und sind eben unempfindlich gegen jede Art von kalter Dusche. Daß Deutschlands Aufstieg allerdings gleichbedeutend ist mit der restlosen Ausrottung dieser Banditen und ihrer Geldgeber, daß die Niederkämpfung dieser Bewegung vielmehr dis Grundvoraussetzung der wirklichen Gesundung Deutschlands ist: das wurde mir im Verlauf jener drei Monate, die ich in dieser Gesellschaft verlebt hatte, eindringlich klar. Dis Antisemiten pumpten wacker beim Juden und ein Jude wiederum schrieb zum Dank dafür für die Völkischen das antisemitische Exerzierreglement!" VI Weiter jagten sich Peters Gedanken. „Da gleiten hin die Jndustriemagnaten durch die Stadt auf ihren schnittigen Luxuskraftwagen. Weit außerhalb der Stadt, dem schmutzig gelben Strom entlang, ragen die Fabrikschlote. Fronten von Mietskasernen, scharf ausge¬ richtet, starren leblos, unbewegt. Fünfzig Stock hoch türmen sich in den Stadtzentren die Bankhäuser . „Ein Boxkampf findet statt: als der Sieger abtritt, rasen 50000 Menschen vor Begeisterung. Der Riesenraum der Arena ist ein vieltausendfaseriges zuckendes Nervenbündel. „Es hält in Moskau der rote Kriegsrat eine Sitzung ab. Der rote Reitergeneral Budjony spricht. Seine Worte sind Trompetensignale, sind Hammerschläge . . - „Und die Straßen Jokohamas sind voll von demon¬ strierenden Menschenmassen. Japan, ganz Japan läuft A sturm gegen das amerikanische Einwanderungsgesetz. Im Staate Ohio aber wird indeß ein Neger gelyncht: ein Scheiterhaufen ist errichtet und man verkauft an die vor¬ nehmen Amerikanerinnen, 5 Dollar pro Stück, Fleischfetzen, Knochenteile von dem verkohlten Gerippe ... Sie sollen wohl Gesundheit und Glück bringen . . . „Während in Stuttgart ein berühmter deutscher Sozio¬ loge seinen Vortrag über nationalökonomische Probleme mit den Worten beschließt: „Zurück zu Gott!" „O, da ist ja auch die ganze Scharfrichterfamilie ver¬ sammelt, Herr Eröpler: so heißt er, der der ordnungs¬ gemäßen Handhabung des Richtbeils nur Allzukundige, im Nebenberuf Inhaber einer gutgehenden Dampfwäschersi; da feiert er auch schon im Kreis seiner Lieben das Jubiläum seiner fünfzigsten Hinrichtung. Und die Wände seines trauten Heims sind mit Sprüchen aus der Bibel (Korinther) und mit Kaiserbildnissen geschmückt. Den fünf zum Tode Verurteilten aber hat man über Weihnachten drei Tage Aufschub gewährt, damit der Sängerchor der Strafvoll¬ ziehungsanstalt, dessen eifrige Mitglieder die fünf Armen¬ sünder bis dato noch sind, an den hohen Festtagen wenig¬ stens intakt bleibt. „Halleluja! „Und wieder wird ein Betrieb stillgelegt. Tausende trollen wieder arbeitslos herum auf der Straße, schwarz, hungernd, knieschlotternd, frierend: so staut es sich vor dem Arbeitsnachweis... " „Und in den chemischen Laboratorien experimentiert man inzwischen herum an einem neuen Giftgas. In den illu¬ strierten Zeitschriften findet man, neckisch von Blümchen¬ girlanden umrahmt, die Photographie des genialen Kon¬ strukteurs der neuesten Flugzeugbombe. „Die Prediger verkünden mit ausgebreiteten Armen von der Kanzel herab: „Friede auf Erden." „Friede auf Erden!" „Amen! Amen" schallt vielstimmig zurück der Chor der Gläubigen. Die Kathedrale ist wie ein Sarg. Weihrauch, Kerzenglanz, geflüsterte Gebete mischen sich ineinander . . . 92 „Die Strafexpedition, aus Truppenkontingenten zweier europäischer Nationen zu gleichen Teilen zusammengesetzt, stößt in die von den flüchtigen Eingeborenen angezündeten Urwälder vor. Riesige Eiftmücken flattern um die von der Siedehitze brodelnd aufgeweichten Leichname. Der Himmel glänzt scharf. Wie glanzblau lackiert . . . „Tausende sterben jetzt. „Tausende entschlüpfen soeben dem Mutterbauch . . . „Leben und Tod: o untrennbar eins sind sie in jeder Welt¬ sekunde. „Die Wellen des Ozeans schlagen an viele Küsten. . . „Da findet ein Hundediner statt. Reichlich besetzt mit wirklich köstlichen Dingen ist solch eine Tafel. In Bombay beträgt die Kindersterblichkeit 82 pro Mille. Schreckliche Höllen sind überall in der Welt die Proletarierviertel. Eine grausige Blutsprache sprechen die Statistiken . . . „Aufgeteilt ist die Welt . . . „Nach blutigen Gemetzeln. . . Vor noch schlimmeren Morden . . . „Ein revolutionärer Führer spricht im Norden Berlins in einer Proletenversammlung. Ein anderer schreibt hin wie lebendige Feuerlinien aufrührerische Sätze... „Hetzer" ist ihnen ein Ehrenname . . . „In welchem Zeitabschnitt leben wir!? . . . Das Tempo der Geschichte hämmert mit gewaltigen Schlägen . . . „Eine große Zeit fürwahr, eine Heldenzeit. . . Doch wer sind ihre eigentlichen Träger .. . ? Namenloses Helden¬ tum. Blutzeugentum. Kämpfertum. Märtyrertum. . . Ein Arsenal von Kampftaten und Opferlegenden noch für Jahrtausende. . . „Und einer zum Beispiel, ein Schulkamerad, ein gleich¬ gültiger Name, fand nicht mehr heraus aus diesem Laby¬ rinth, was er auch tun mochte, wie sehr er sich auch an¬ strengte. Er war bis zum Irrsinn angewidert von all dem, wurde eines Tages wirklich verrückt, titulierte Christus mit „Kollege" und schoß sich eine Kugel durch den Kopf. Als er abdrückte, schrie er überselig: „Es ist vollbracht!" »3 Warum auch nicht. Ein anderer, Freund meines Vaters, Fabrikant Germersheimer, ebenfalls ein überaus gleich¬ gültiger Name, mästet sich prall mit Illusionen, hält Geistersitzungen ab, läßt Tische rücken und studiert auf seine alten Tage Theosophie. Auch er muß eines Tages platzen . . . Andere gehn vorüber. Gehn sie vorüber!? Nimmermehr. Keineswegs. Auch ihnen wird eines Tages die Entscheidung aufgezwungen werden, auch sie werden eines Tages Farbe bekennen müssen . . . „Aber Arbeiterkolonnen, die abends aus der Fabrik heim¬ kehren, scheinen mir muskelbepackt, straff, trotz der lleber- arbeit. Ihre Beine federn elastisch, wenn sie ausschreiten: die zeigen, daß sie noch marschieren können, trotz alledem. Daß sie sprungbereit geblieben sind. Trotz alledem. Und in ihren Fäusten sitzt ein guter Griff. Glück auf! Greift zu, wenn es soweit ist. Seid auf eurem Posten, wenn es drauf ankommt. Werdet ihr es schmeißen!? . . . „Und da zählen nach Tausenden, Abertausenden in diesem Augenblick die Gefangenen, die in den zwingkäfig¬ ähnlichen Zellen der staatlichen Zuchthausanstalten hocken. Zn allen fünf Erdteilen. Farbige ebenso wie Weiße. Alt und jung. Männer, Kinder, Weiber. Unterschiedslos. Noch-Eesunde und schon Sterbenskranke. Sie drücken sich in die Mauerwinkel. Schweigend. Nur hie und da ein Tobsuchtsanfall. Schreie, wie ein blutiger Erguß. Sind es versteinerte Menschenreste!? „Einzelmorde, Massenschlächtereien, Bankkrachs, Um¬ armung, Empfängnis, Vergewaltigung, Streik, Nieder¬ tracht, Straßendemonstrationen, Ausbeutung, Prassereien: das alles geschieht jetzt in der Welt, zur selben Stunde, zur gleichen Zeit . . . Aber die ganze Welt ist aufgeteilt in zwei große Heerlager . . ." VII Automatisch schwang die Drehtllre des Cafehauses wieder um ihre eigene Achse. „Ach da bin ich ja noch . . ." 94 Die Mäntel am Garderobenständer kletterten überein¬ ander. Immer noch saßen die Zeitungsleser, verschanzt hinter ihren Zeitungen. Ein Telephon klingelte. Peter ging. „Sollte das nicht doch möglich sein, das Menschennatür¬ lichste, das Menschenselbstverständlichste, das Aller-aller- Einfachste? Mit Aufbietung aller Kräfte, unter Zusammen¬ raffung unseres ganzen Menschendaseins!? Das, das müßte man doch versuchen . . . Oder ob das Einfachste nicht doch nur ein scheinbar Einfachstes ist, am Ende nicht gar das Allerschwerste!? . . ." Die Theater waren jetzt aus. Neue Menschenströme brachen in die Straßen ein. Ein Autohupen-Konzert. Kokottenrudel trieben straßauf, straßab. Liebespaare wankten eng umschlungen einem Park zu. Ein Mädchen der Heilsarmee gröhlte irgendwo in einem Platzwinkel: „Jesus, süßer Bräutigam . . ." Recht so, die Religion soll dem Volk erhalten bleiben. Und das drückte auch auf die Tränendrüse manch einer vor¬ nehmen Herrschaft, die gnädiglich aus krokodilsledernen Handtaschen heraus ein Almosen für die Armenspeisung spendete. Mit blankgescheuertem Gewissen schlenkerte sie dann, sich wohlig in ihren Pelzen räkelnd, von dannen. „Menschendreck. . ." Der Himmel war wie ein Eismeer. Wie Packeis trieben die Wolken darin, zu Eisbergen sich türmend, absplitternd; Haufen von Scherben. Scharf gezeichnet hoben sich weit hinten am Horizont in der blauen Flut die unermeßlich lang gestreckten Eiswände ab. Und der Mond stand mitten darin, unförmig, geborsten, ein ziel¬ los treibendes Leucht-Wrack. 95 „Ja, ja, das ist schon so: es stimmt schon: Die Barbarei erscheint wieder, aber aus dem Schoß der Zivilisation selbst erzeugt und ihr angehörig. . ." Und Peter schritt die Straße hinauf, die sich vor ihm zu heben schien und steil und immer steiler ward, wie im Sturmschritt. VIII Die Diskussion in den „Frankfurter Festsälen" begann. „Natürlich wieder so ein Kommunist", knurrten einige, als der Versammlungsleiter bekanntgab: „Herr Schnetter hat das Wort." Einige Zwischenrufe knallten. Der Referent schmunzelte. „Man glaubt schon einen gewaltig kühnen Schritt getan zu haben, wenn man sich freimacht vom Glauben an die erbliche Monarchie und auf die demokratische Republik schwört. In Wirklichkeit aber ist der Staat nichts als eine Maschine zur Unterdrückung einer Klasse durch eine andere, und zwar in der demokratischen Republik nicht minder als in der Monarchie. — Der Feind aber, der uns die Hand zum Wahlbündnis hinstreckt und sich als Freund und Bruder uns aufdrängt — ihn und nur ihn allein haben wir zu fürchten. Wie können die Massen noch an uns glauben, wenn die Männer des Zentrums, des Fortschritts und anderer bürgerlicher Parteien unsere Bundesgenossen sind — wozu dann der Kampf gegen die bürgerliche Gesellschaft, deren Vertreter und Verfechter sie allesamt sind? ... Ist einmal die Grenzlinie des Klassengegensatzes verwischt, sind wir einmal auf der schiefen Ebene des Kompromisses, dann gibt es kein Halten. Dann geht es weiter und weiter ab¬ wärts, bis es kein Tiefer mehr gibt ... Mit der Be¬ willigung der Kriegskredite 1914 hat die Sozialdemo¬ kratische Partei Deutschlands diesen Tiefpunkt erreicht." Hier schon wurde der Diskussionsredner unterbrochen. „Reden Sie nicht in Zitaten und besonders nicht in solchen, die Sie nicht verstehen!" 96 „Das habe nicht ich, sondern Karl Marx in seiner Ein¬ leitung zum „Bürgerkrieg in Frankreich" gesagt, und das zweite Zitat ist von Wilhelm Liebknecht. Sie zeigen durch Ihre Zwischenrufe nur, daß sie mit diesen beiden Männern nichts mehr gemein haben . . erwiderte der Diskussions¬ redner. „Na, also da haben wir's ja. Weiter habe ich ja auch nichts gesagt." Der Zwischenrufer hatte Beifall. „Der Arbeiterverrat, den Sie heute vertreten", fuhr Eenosse Schneller fort, „ist schon von langer Hand vorbe¬ reitet worden. Schon Kautsky, der Historiker ... in seinen Vorläufern des Sozialismus . . . Welche internationale Bedeutung aber die Zustimmung zu den Kriegskrediten 1914 hatte, das kann nur der ermessen, der die ungeheure Ausnahmestellung, die die Deutsche Sozialdemokratie inner¬ halb der 2. Internationale damals innehatte, kennt, die Deutsche Sozialdemokratie war die Perle der . . ." „Wirf sie jetzt nicht vor die Säue, Hund . . ." „Theoretischer Quatsch!" „Schluß damit!" „Erledigt! Raus! Abtreten! Zur Sache!" Der Ordnerdienst schob sich unauffällig nach vorn. Hielt im Saal Umschau und stellte die Positionen derer fest, die dem kommunistischen Redner zustimmten. Eine kurze Unruhe entstand. Der Versammlungsleiter klingelte. „Holt doch einfach die Schupo . . ." Der Diskussionsredner hatte sich dem Referenten halb zugewendet. „Lauter!" brüllte jemand. „Keine Dialoge! Sprechen Sie zur Versammlung!" „Ihr seid an der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht schuld! Wollt ihr das noch immer nicht wahrhaben . . . Ihr, ihr . . ." Und unter einem brüllenden Gelächter zog der Kommunist eine Broschüre hervor. 7 97 „Pfui! Pfui! Pfui! Schurke! Hallunke! Schuft! Ver¬ leumdung! Elender Lügner! Von Moskau bezahlt! Er¬ bärmliche Niedertracht! Brenn' ihm eins! Jib ihm Saures . . „Zehn Jahre SPD!" Einen Augenblick wurde es ganz still. „Blamieren Sie sich, so gut Sie können!" schmunzelte jovial der Referent! „Arbeiter! Genossen! Seht Euch Euere Führer an! Wir Kommunisten würden doch nicht immer wieder auf dis Haltung der SPD. während des Krieges zurückkommen, wenn nicht die Politik der SPD. nach dem Krieg, in jeder Epoche der Nachkriegszeit, denselben Arbeiterverrat dar¬ stellen würde . . . Dieser Herr, der Herr Referent, der Euch heute abend noch soeben das Sachverständigengut¬ achten so wohlschmeckend zubereitet hat, ist er nicht derselbe, der einstmals begeistert ausgerufen hat: „Ich geh zum Hindenburg!" und der damals folgendes geschrieben hat: „Nur im Zeichen dieser Ströme von Blut, nur im Zeichen des zermalmenden Eisens, das diese Ströme hervorbrechen macht, können wir davon sprechen, daß das Ziel nahe ist. Wir müssen den Kriegswillen der Gegner im Blut er¬ sticken . . ." Das ist das eine. Das andere lautet — paßi gut auf! —: „Um alles in der Welt möchte ich jene Tage inneren Kampfes nicht noch einmal erleben! Dies drängend heiße Sehnen, sich hineinzustllrzen in den gewaltigen Strom der allgemeinen nationalen Hochflut, und von'der anderen Seite her die furchtbare seelische Angst, diesem Sehnen rückhaltlos zu folgen, der Stimmung ganz sich hinzugeben, die rings um einen herum brauste und brandete, und die, sah man sich ganz tief ins Herz hinein, auch vom eigenen Inneren ja schon Besitz ergriffen hatte. Diese Angst: Wirst du auch nicht zum Halunken an dir selbst und deiner Sache! ? Darfst du auch so fühlen, wie dir ums Herz ist? Bis dann — ich vergeße den Tag und die Stunde nicht — plötzlich Vie furchtbare Spannung sich löste, bis man wagte das zu sein, was man doch war, bis man — allen erstarrten Prinzipien und hölzernen Theorien zum Trotz — zum erstenmal (zum erstenmal seit fast einem Vierteljahrhundert wieder!) aus 98 vollem Herzen, mit gutem Gewissen und ohne jede Angst dadurch zum Verräter zu werden, einstimmen durfte in den brausenden Sturmgesang: Deutschland, Deutschland über alles! . . Die Versammlung atmete kaum noch . . . „Nun, Arbeiter-Genossen, und sehr verehrte „Herren" Zwischenrufer von vorhin, ich frage Euch jetzt, urteilt selbst: ist das die Sprache eines Sozialisten!? Wem von Euch noch ein Funke proletarischen Ehrgefühls innewohnt, wer noch ein klein wenig proletarischen Klasseninstinkts sein eigen nennt, der wird nicht umhin können, eine solche Auffassung zu brandmarken als das, was sie in der Tat ist: als Aus¬ druck der schamlosesten, hundsföttischsten Korruption. Das ist zwar nicht Landesverrat, auch nicht Hochverrat, jeder dieser ehrenwerten Spießer ist würdig, mit dem ?our 1s merite dekoriert zu werden . . . aber dafür ist es Arbeiter¬ verrat, Arbeiterverrat und nochmals Arbeiterverrat! . . Viele Arbeiter sahen bei diesen Worten sich unschlüssig an. Manche schüttelten mit den Köpfen. „Hat der wirklich so was geschrieben?!" „Kann's gar nicht glauben . . ." „Ja, bei der Stimmung, die damals gewesen ist . . ." Vieler Augen öffneten sich jetzt weit, viele Ohren horchten gespannt. „Rasch! Mach schnell!" flüsterte der Versammlungs¬ leiter einem Funktionär zu, „sonst geht uns am Ende noch die ganze Versammlung aus dem Leim. Lieber noch sie hochfliegen lassen. . ." Und der Funktionär gab unauffällig ein Zeichen. Vier oder fünf unter den Tausenden schrieen plötzlich los: „Unsinn! Blödsinn! Schuft! Neue Lügen! Kein Wort ist wahr! Alles gefälscht! . . ." Die Arbeiter sahen sich wieder an. „Siehst du, das hab ich doch gleich gedacht, daß das so eine Lüge ist. Das wäre doch schon ... Da dürste der ja gleich einpacken . . . Aber was die Kommunisten sich nicht alles aus den Fingern saugen . . . Pfui, Teufel . . ." 7' 99 „Das haben Sie, das haben Sie, Sie, Sie, Herr Genosse Bauer geschrieben, damals, und jetzt, jetzt schämen Sie sich nicht, jetzt wagen Sie es . . „Schluß! Schluß! Schluß!" Der Versammlungsleiter klingelte. . und so entziehe ich dem Redner wegen grober Verleumdungen persönlicher Art und wegen vollkommenen Mangels an Objektivität und Sachlichkeit das Wort. . . Da kein Redner mehr gemeldet ist, hat unser Genosse Bauer das Schlußwort." „Recht so!" „Bravo! Bravo! Raus mit ihm!" Der Saal stampfte. — Und schon wurde der Kommunist von einigen kräftigen Ordnungsleuten heruntergeholt. Genosse Bauer schüttelte noch den Kopf und riet überlegen freundschaftlich von Gewaltanwendung in diesem besonderen Fall ab. „Hofrichter-Rauscher-Vreuer-Kuttner!" drohte der Kom¬ munist mit der Faust . . . „und damals in den Kapptagen, erinnern Sie sich noch auf der Pressekonferenz. . . Sie, ihr, die wirklichen Urheber an der Ermordung . . . Soll ich Ihnen das sozialdemokratische Rezept verraten: Was sagt euer Wels: „Wir haben eine Bewegung der Arbeiter¬ massen nicht zu fürchten. Wenn sie über unsere Köpfe hinwegzugehen droht, stellen wir uns an ihre Spitze und biegen die Bewegung um, wie 1918 ..." - Dies schrie der Kommunist noch, schon halb aus dem Saal geschleift. Ein riesiger athletischer Bursche vom republikanischen Ordnerdienst klopfte jetzt auf ihm mit einem stählernen Totschläger einigemal herum. „Längst erledigt! Zur Sache! Moskowiter! Genosse Bauer hat jetzt das Wort . . ." „Hinaus . . . aus ... aus . . ." echote es rings. Am Saaleingang aber vermochte sich der Kommunist doch noch einmal aufzurichten, sich loszureißen und mit einer mächtigen Stimme schleuderte er zurück: 100 »Ihr, ihr, ihr dort oben: ihr habt dem Proletariat den Mut, das Kraftgefühl, das Selbvertrauen gestohlen. Und das ist vielleicht von allen eueren Missetaten, Unterlassungs¬ sünden, Gemeinheiten das Allerschlimmste . . . Ihr seid in den Reihen der bürgerlichen Klassenarmee nichts weiter als die Spezialkommandos zur Niederknüppelung der revolutionären Arbeiterschaft. . . Ihr seid der Klassen¬ feind im eigenen Lager . . . Pfui, Mörder, Schufte, Ver¬ räter! Schluß mit euch . . .!" Die Saaltür krachte jetzt zu. „So ein Kommunist ist nicht tot zu kriegen . . ." Die Luft war wieder rein. — IX Max beobachtete den Referenten, der soeben das Schlu߬ wort ergriff. Wie vertrauenerweckend allein schon seine Gestalt war! Breit und behäbig, prall gefüllt mit Wohlüberlegtheit und kugelrund vor Verantwortlichkeit! Rotbackig, mit schwärz¬ lich buschigem Schnurrbart. Ganz im Gegensatz zu dem Kommunisten, einem jungen und aufgeregten Bürschlein.. Sachlich, wenn es sachlich zu sein galt, voll von Entrüstung und gewitterschwangerem Pathos, wenn er auf die Um¬ triebe der Reaktion oder auf die schändlichen Machenschaften und Spaltungsversuche der Kommunisten zu sprechen kam. Ausgeglichen, männlich-reif. . . Der hat Kenntnisse, der versteht was vom Handwerk, der läßt sich nicht so leicht unterkriegen, der hat Erfahrungen. Nun, schau nur ein¬ mal! . . . Kurz gesagt: es war, als spreche hier der gesunde Menschenverstand selbst. Wie fieberig erhitzt dagegen der Kommunist wirkte! Ueberspitzt in allen seinen Gesten und Aeußerungen, jedes Wort maßlos übertrieben. Vor solchen Menschen muß man sich in Acht nehmen, wie das in ihren Augen flackert,^in ihren Fäusten zuckt, in ihrem Brustkasten rumort . . . ! Die sind nicht schlecht verrückt! . . . Donnerwetter . . . 101 „Nun, Genossen und Genossinnen, werte Versammlung! Dieser allem Anschein nach systematisch vorbereitete Spren¬ gungsversuch der Kommunisten ist dank dem wirksamen Eingreifen unseres Reichsbanners —" „Bravo! Frei Heil!" „— mißglückt. Da haben Sie es! Aber der deutsche Arbeiter ist schließlich gerechtigkeitsliebend genug, um auch den Gegner so zu sehen, wie er ist. Ich spreche jetzt von der besitzenden Klasse. Lassen wir uns bei deren Beurteilung nicht von blindwütigem Hatz hinreißen, ich gebe zu, mancher von uns, muß, um zu einem objektiven Urteil über seinen Gegner zu kommen, noch viel an sich arbeiten, denn die Theorie vom Klassenkampf hat viel an uns verdorben. Wir Sozialdemokraten vertreten die Gesamtheit der Nation, wir vertreten die Interessen aller Bevölkerungskreise, das Wort „Klassenkampf" ist überhaupt veraltet und wissenschaft¬ lich bereits längst überholt . . . Also: mit dieser kommu¬ nistischen infamierenden Klassenhetze haben wir Sozial¬ demokraten nichts gemein. Von Kriegsgewinnlern und Inflationsschiebern abgesehen, was haben uns schließlich die Reichen getan, die in den Palästen wohnen? Sie sind dem Nestbautrieb gefolgt, sage ich, nichts weiter. Und dieser Tatsache müssen wir Verständnis entgegenbringen. Dafür wollen wir ihnen, bei Gott, nicht allzu gram sein . . . Nun, zur Frage der Amnestie! Wer hat sich für die Am¬ nestie eingesetzt!? Die Sozialdemokratie ... Ich brauche euch wohl nicht den Brief Max Hölzens zu verlesen. Ihr kennt ihn ja aus dem „Vorwärts". Aber es kst schließlich nicht ganz so leicht, immer gleich ebensoviel aus den Zucht¬ häusern herauszubringen, wie die Zentrale der Kommu¬ nistischen Partei jeden Tag durch ihre putschistische Taktik wieder hineinschafft. Eine Beharrlichkeit zeigen darin die Herrschaften, daß man sie beinahe bewundern möchte. . - Wer aber knebelt, knechtet, verfolgt und verrät die Arbeiter¬ schaft schlimmer als die dunkelste Reaktion!? Die Bolsche¬ wisten. Werft einen Blick in die russischen Gefängnisse, in die sibirischen Oeden! Denkt an die Ereueltaten und an die Folterkammern der Tscheka! Und wer, frage ich euch, stellt immer wieder eigene Kandidaten auf, auch dort, wo gar 102 keine Aussicht auf Erfolg ist, wer spaltet durch diese Manöver die Arbeiterschaft und wird so objektiv zum Steigbügel¬ halter der Reaktion? Wieder die Kommunisten. Za, die Kommunisten sind an allem schuld. Und ich sage, lebte Rosa Luxemburg heute noch, sie stünde bestimmt in unseren Reihen. . ." „Bravo! Sehr richtig!" „Die Kommunisten aber treiben mit ihr Leichenschändung. Also darum! Auf an die Wahlurne! Abrechnung mit den Hetzern! Abrechnung mit jenen Kanaillen der Arbeiter¬ schaft, den kommunistischen Berufsrevolutionären! Nieder mit der kommunistischen Bewegung, nieder mit den Kom¬ munisten, dieser reaktionären Masse! ... Es lebe-" Und wieder dröhnte der Saal von dem dreimaligen „Hoch!" Langsam und schleppend wurde jetzt die letzte Strophe der „Internationale" gesungen. Wie ein Trauermarsch. „Diese Welt muß unser sein!" Ja, so ist es. Aber wer glaubte noch daran!? Wie ein muskelloser, schlaffer, erschöpfter Körper: so war dieser Gesang. Tausend Münder schnappten automatisch auf und zu . . . Kein Schwung, keine Kraft. Es zog nichr durch. . . „Erst wenn wir sie vertrieben haben — Dann scheint die Sonn' ohn' Unterlaß . . ." Auch viele kannten den Text nicht . . . Aber ein Proletariermädchen sang mit, es war klein und schmal, es hustete oft dazwischen, die Haut war durchsichtig, die Augen groß aufgerissen: es sang mit einer hohen schönen Stimme, diese Stimme schwang sich im Gesang hell empor aus Elend, Lebensnot und Alltagseinerlei, diese Stimme war wie klares Eiswasser: die Hände ballten sich, schneller sang sie die Strophen wie die andern, aber sie wurde auch immer wieder unwiderstehlich in den zähen, trüben, klebe- rigen Strom des Massengesanges zurückgerissen . . . Die Versammlung war zu Ende. 103 Polizeimannschaften mit umgehängtem Karabiner pa¬ trouillierten. Das Wetter war umgeschlagen. Das Nebeldickicht ver¬ dampft. Es wehte ein scharfer Wind . . . Die Nacht war eisig. Mit einigen Kollegen machte sich Max zu Futz auf den Heimweg. — X Lange Autoreihen vor den Hotels: betreßte Diener öffneten, die Hand an der Mütze, den Verschlag. Damen in Pelzmänteln, Herren in hochgeschloffenen schwarzen Män¬ teln, den Zylinder auf, dahinschreitend, beinahe akkurat so wie die Eöttergestalten aus dem Altertum. Oder wie die Ritter meinetwegen. . . Läden: aus denen wunderbar lackierte Autokarosserien hervorleuchteten . . . Und wirk¬ lich schöne Frauen waren das vorhin, radikal mit den Augen einen zerschmeißen konnten die; duftiges Fleisch, ohne Fehl und Makel, irdische Göttinnen, gelenkig und ge¬ schmeidig. Wie sicher sie sich bewegen! Man mußte schon genau hinhören, wenn man ihre Sprache verstehen wollte. Gleichnisse, Tonfall: alles war anders. „Während unsereinem zu Hause die Frauen vor lauter Haushaltungsarbeit und Nahrungssorgen wurmstichig werden." An den drei von der Versammlung heimkehrenden Pro¬ leten glitt das alles vorüber, wie eine unwirkliche Er¬ scheinung. Das war wie das „Jenseits". Einmal stieß der Metalldreher Lange den Max Herje in die Seite, man sprach aber dazu kein Wort: eine Gruppe von übergeschminkten Kokotten zwitscherte an einer Straßen¬ ecke herum, stürzte sich auf einen dicklichen angetrunkenen Herrn, der leicht schlingernd seines Weges daherzog: der dickliche Herr stoppte auch, nicht ohne Mühe, gestikulierte eifrig, nickte am Ende der Unterhandlung jovial und ver¬ schwand auch schon in der Nebenstraße, auf der einen Seite 104 eingehakt von einer Spindeldürren, auf der anderen von einer Fetten. „Was so ein Spätzchen blotz wieder mal kosten mag!" „Da schau nur mal an: so ein vollgefressenes Schwein¬ chen das . . . Na, dem gehört auch von seiner Alten der Buckel voll . . Dis Proleten lachten nur dazu. Schüttelten die Köpfe. „Nein, Wilhelm, wenn ich seh, wie die im Betrieb ar¬ beiten! So eine Pfuscherei ... Ich sag dir ... laß mich aus damit . . ." „Rin in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln. . . und das nennen sie dann Arbeit im Konsum, Gewerkschafts¬ arbeit ... Ist schon richtig: Fehler werden alleweil gemacht, Fehler müssen sogar gemacht werden, nur einer, der nichts tut, macht keine, aber absolut sich nun darauf zu versteifen, aus den Fehlern ausgerechnet nichts zu lernen . . ." Der einzige von den dreien, der eben noch etwas für die Kommunisten übrig hatte, war Lange, Lange Wilhelm. Er war in einem Großbetrieb Metalldreher. Der Kollege Stilling von der AEG und Herse Max drangen nun auf ihren Arbeitskollegen Lange energischer ein. „Beim Streik bei der Turbine haben wir es wieder gesehen. Schön hübsch zuwarten, bis alles von selbst los¬ geht . . . Dann sich hinten anhängen und das große Maul haben, aber nur, nur nichts organisieren . . . was kommt's denn auf drei oder vier Pfennig mehr Lohn an, sagen sich die vornehmen Herrschaften . . . und doch kommt's darauf an, sag ich, der hat auch für große Kämpfe nicht das Ver¬ trauen der Arbeiter, der nicht ihre kleinen und kleinsten Alltagsschmerzen mit ihnen teilt . . . Auf ein mehr oder minder gutes Klosett kommt's an, und wer das nicht begreift . . . Eine richtige Schwanzpolitik ist das . . . Na, ihr werdet euch noch gewaltig die Finger verbrennen . . ." „Und damals Wilhelm, wie wars denn im Oktober! . . . Ich geb dir die Hand darauf, ich hab gewartet, daß es 108 endlich losgeht. Kaum heimgeh'n hab ich noch können, immer war ich wie auf dem Sprung, und dann ... so in den Dreck gekrochen . . . Pfui Teufel . . ." Die beiden überschütteten Wilhelm mit einem Trommel¬ feuer von Vorwürfen. „Mag sein. Mag alles sein. Wir, wir vor allem in den Betrieben, müssen eben jetzt diese Fehler wieder heraus¬ wirtschaften . . . Aber, wenn man so wie ihr auf der Seite steht . . . Und seht da: 7000. Hunderte von Jahren Zuchthaus und Gefängnis sind es, Kollegen. Und 15 000 haben sie allein in Deutschland unter die Erde geschossen. Und von Rechts wegen müßtet ihr auch die Kriegsverluste noch dazu zählen: 13 Millionen insgesamt gibt das . Und diese Proleten, Kollegen, haben doch mit bestem Wissen, mit bestem Glauben, voll und ganz für uns gekämpft. Das könnt ihr doch, trotz alldem, nicht ableugnen ... Ist doch unser Blut! . . ." „Mag sein. Die Führer sind schuld daran. Die haben sie hereingebracht. Die sind allesamt durch die Bank faul... Moskau . . ." „Nein, Kollegen, daran liegts nicht. Daran liegts, daß wir bisher noch keine richtige Partei gehabt haben. Die müssen wir uns erst schaffen. Ohne Partei keine Führer ... So ists. Und die SPD. ist eine bürgerliche Partei . . . Wir brauchen jetzt eine wirkliche Arbeiterpartei. Das ist keine geringe Aufgabe . . ." Der Kollege Lange wurde sich eigentlich erst wahrend er sprach selbst klar darüber, was er jetzt vorbrachte. „Gut. Mag vieles davon stimmen, was ihr angeführt habt, du Herse und du Stilling. Aber auf das Ganze kommt es an, und da, das weiß ich, haben wir wohl recht . . ." „Na, und stimmt das oder nicht, daß ihr Kommunisten auch immer dort eigene Kandidaten aufstellt, wo ihr gar keine Aussicht auf einen Wahlerfolg habt. Dadurch schwächt ihr nur die Arbeiterstimmen und leistet der Reaktion Vor¬ schub. Wie heute abend auch richtig der Redner ausein¬ andergesetzt hat . . ." 106 „Ein schöner politischer Schmierölfabrikant das ... Da erteilt euch aber Karl Marx eine ordentliche Abfuhr. Bei dem heißt es nämlich klipp und klar: .Selbst da, wo gar keine Aussicht zu ihrer Durchführung vorhanden ist, müssen die Arbeiter ihre eigenen Kandidaten aufstellen, um ihre Selbständigkeit zu bewahren, ihre Kräfte zu zählen, ihre revolutionäre Stellung und Parteistandpunkte vor die Öffentlichkeit zu bringen. Sie dürfen sich hierbei nicht durch die Redensarten der Demokraten bestechen lassen, wie z. B. dadurch spalte man die Demokratische Partei und gebe der Reaktion die Möglichkeit zum Siege. Bei allen diesen Phrasen kommt es schließlich darauf hinaus, daß das Proletariat geprellt werden soll. Die Fortschritte, die die proletarische Partei durch ein solches unabhängiges Auf¬ treten machen muß, sind unendlich wichtiger als der Nach¬ teil, den die Gegenwart einiger Reaktionäre in der Ver¬ tretung erzeugen könnte . . . ' So, da habt ihrs, schwarz auf weiß, wie damals, so heute . . ." XI Aber die Gegner Langes gaben sich damit nicht zufrieden. Nun fuhren sie, wenigstens ihrer Meiung nach, ein be¬ sonders schweres Geschütz auf. „Und Bazillen, Cholerabazillen, Giftgase und Fälscher- zentralen ... So lies doch die Zeitung! . . . Auch eine deutsche Tscheka gibt es und Terrorgruppen... Ich will nichts zu tun haben mit diesen Vombenwerfern und Gurgel¬ abschneidern . . . Zeder ehrliche Prolet ... Zch meine nur: Pfui Teufel . . ." „Wir haben doch das denkbar größte Interesse daran, daß der Kapitalismus sich entwickelt. Und solange außer¬ dem noch zwei Drittel der Bevölkerung für den Kapitalis¬ mus stimmen . . . Nein, Wilhelm, so eine Putschtaktik mache auch ich meinerseits nicht mit . . . Und kannst du vielleicht bestreiten, daß gerade die Kommunisten es sind, die am meisten unserem „Reichsbanner" zu schaffen machen. Da. wie wars denn neulich im „Sportpalast". Glaubt ihr 107 denn im Ernst: Radau, Zwischenrufe, Gummiknüppel und Schlagringe sind ein ausreichendes Beweismittel. Gerade das Gegenteil erreicht ihr! Das müßt ihr schon anders anfangen! . . . Wie wollt ihr das alles vom Arbeiterstand¬ punkt, vom Standpunkt der proletarischen Revolution aus rechtfertigen. Aber Befehl ist eben Befehl. Und Moskau ist für euch schon der liebe rote Gott. Ja, wenn der Rubel rollt, so war es schon immer in der Weltgeschichte, und wo der hinfällt, da wächst keine Vernunft mehr. Heute ist die 3. Internationale nichts weiter mehr als ein Instru¬ ment der russischen Außenpolitik . . . Mit Arbeiterinter¬ essen hat das verflucht wenig zu tun. . . Und „Reichs¬ banner" oder „Stahlhelm", was ist da das kleinere Uebel . . . ? Außerdem, so schlimm ist es ja nun, Gott sei Dank, mit dem Kapitalismus doch nicht. Wer arbeiten will und etwas kann, etwas kann vor allem, der bekommt auch Arbeit und hat zu essen. Aber schau dir nur einmal im Betrieb die Herren Genossen Kommunisten-Kollegen an: verstehn die vielleicht was vom Handwerk!? . . . Bengels, freche Bengels sind sie, die große Schnauze haben sie, tonnen sie vielleicht auf sachliche Einwände etwas wirklich Ernstzunehmendes erwidern . . . zurückgeblieben und stehn¬ geblieben mit ihren Anschauungen sind sie, weiter nichts . . . Hie und da, das gebe ich gern zu, ist auch so ein Ehrlicher, so ein Fanatiker darunter ... So verbohrt, so verdreht . . . Ich sage mir: man muß sich halt durchboxen . . . Leben und Leben lassen . . . Wird schon werden. Und die Auswüchse des Kapitalismus, die mutz man bekämpfen. Habe nichts dagegen, wenn man die Wucherer und Schieber und mögen sie Minister und Kaiser und Könige und weiß Gott wie heißen, daß man die vor das Gericht stellt. Gerechtigkeit muß sein. Und die allzu große Ungleichheit zwischen Löhnen und Profit, die allerdings sollte auch beseitigt werden. Und wenn wir erst einmal die Mehrheit im Reichstag haben, dann wirst du sehen: wie ein Hagelwetter prasseln die Steuern auf den Rücken der Besitzenden nieder ... Du hast es doch heute abend selbst gehört . . ." „Illusionen! Illusionen! Merkwürdig, wie ein Prolet sich heute noch solche Illusionen machen kann ... Ja, was L08 ein jeder sich wünscht, daran glaubt er . . . So arbeitet die SPD. . . Es ist wirklich zum Verzweifeln. Zum Tief¬ traurigwerden . . ." Wilhelm Lange pfiff leise vor sich hin. „Ruhe und Ordnung!" Auch der Kollege Stilling von der AEG war der gleichen Ansicht wie Herse. „Wir brauchen einen Linksblock, meinte der, mit Einschluß der Kommunisten meinetwegen, wenn, ja wenn sie positive Arbeit, Wiederaufbauarbeit leisten wollen. So etwas wie in England oder in Frankreich. Da sieh dir nur einmal das Leben eines Arbeiters in England an! Zn Amerika. Hast du nichts von Ford gehört. Es gibt eben zweierlei Kapita¬ listen. Solche und solche . . . Jeder hat da bald schon sein eigenes Auto. Ganz bestimmt, so wird es bald auch noch bei uns kommen. . . Und ich sehe gar nicht ein, warum wir uns nicht friedlich weiterentwickeln sollen. Die Kapitalisten haben gar kein Interesse mehr am Kriege. Ein viel zu großes Risiko. Viel zu viel Angst vor einer Niederlage, die immer mit Revolutionsgefahr verbunden ist . . . Für den Kommunismus aber sind wir noch nicht im entferntesten reif . . . Hast du denn keine Augen und Ohren, Wilhelm, und siehst und hörst nichts in den Betrieben!? Diese Schweinereien! Diese Schmierereien! Wie der eine gegen den andern stänkert! Denunziert! Den Lohn drückt! Sich zu Ueberstunden drängt! Um den Meister herumschwänzelt! Streik bricht! Da ist es mit dem Klassenbewußtsein nicht weit her... Und die Kommunisten sage ich, die haben, sage ich, durch ihr Maulaufreißertum ein für allemal abgewirt¬ schaftet. Revolutionsgewüsch, überradikales Geschwätz, weiter nichts. Ich meine halt schon, auf das eine kommt es jetzt an — Frieden auf Erden . . ." Endlich kam auch der Kommunist wieder zu Wort. „Schau, Max, neulich bei dem Grubenunglück, da hast du ganz anders gesprochen. Da bist auch du aus deiner SPD.-Haut gefahren. Und heut!? ... Es ist viel zu viel von Frieden die Rede, als daß es wahr sein könnte. Glaub mirs. Und haben wir nicht eigentlich noch immer Krieg: 109 in Indien, in Aegypten, in China, bei den Türken, bei den Rifkabylen . . . Bei uns selbst: ein trockener Krieg, wenn du willst . . . Zeder Tag bringt doch neue Verluste. . . Erwerbslose, Verhungernde, solche, denen die tödlichen Krankheiten direkt aufgezwungen werden ... Da war ich neulich dabei bei einer Armenkommission und habe einige Wohnungen besucht ... Na, sage ich dir: oft neun, zwölf Menschen in einem Raum, in einem Stalloch, und das war längst noch nicht das schlimmste . . . Hundert Wohnungen gehören da einem, der vielleicht in Czernowitz sitzt. Heute ist der Besitzer, morgen der... So einer wechselt die Häuser wie die Wäsche. Reine Spekulationsobjekte sind solche Wohnhäuser . . . Dabei verfaulen sie, verfallen sie . . . Wer kümmert sich um sie. Der Staat vielleicht! ? Na, der hat andere Sorgen. . . Die Bettstellen waren halb durch die verfaulten Bodenbretter in den Keller heruntergebrochen, ein Gestank darin . . . nein sowas kann man nicht schildern ... Ich sage dir, so eine Wohnung ist weiter nichts als ein langsam sich vollstreckender Lebens¬ mord . . . Und außerdem, sag ich euch, schaut euch nur einmal die Kriegsrüstungen an, das ist jetzt nur eine Atem¬ pause und alles spricht dafür, daß es bald wieder losgeht.." „Nachtigall, ick hör dir tapsen. . . Das ja eben ist's, was ihr braucht. Natürlich! Natürlich! Aufstieg und Ge¬ sundung unseres wirtschaftlichen und politischen Lebens dürft ihr ja nicht wahrhaben wollen. Ihr müßt km Trüben fischen. Wo reine Helle Luft ist, da ist keine Atmosphäre für euch, da ist für euch nichts herauszuholen... Ze schlimmer aber die Verelendung ist, je größere kriegerische Konflikte ausbrechen, desto mehr Wasser, glaubt ihr, be¬ kommt ihr auf eure Mühle... Ich könnte mir denken, daß ihr von diesem Standpunkt aus, wenn Ebert mal tot ist, auch dem Hindenburg noch zur Präsidentschaft verhelft.. Doch wartet nur! . . . Vielleicht läuft der Hase doch anders . . ." „Ach, laß mich aus jetzt mit der leidigen Politik, darüber werden wir uns doch nicht einig werden, warten wir die Zeit ab, aber so, wie es heute ist, sind die Kommunisten nichts weiter als ein Agentenklub der russischen Außen- 110 politik. Lenin, das war schon ein Mann, Trotzki, meinetwegen auch, aber alle anderen, diese Berufsfeldwebel der Revolution, sind von Uebel ... Da schaut euch nur die deutschen Kommunisten an! . . . Reaktionäre Masse . . . Jüngelchen in kurzen Hosen, noch nicht trocken hinter den Ohren, Novembersozialisten, Dienstzeit: insgesamt drei Jahre Arbeiterbewegung höchstens. Aber das Maul umso voller mit Phrasen, mit revolutionären Scheinparolen, und wenn es mal losgeht, ebenso die Hosen voll . . . Nur ein Lastkraftwagen mit Schupo und, heidi, heida, verschwunden schon sind sie... Hast du nicht neulich gesehn, wie am Alexanderplatz von zehn Schupos eine ganze Demon¬ stration dieser Lausbuben auseinandergesäbelt wurde... Dieses Grünzeug. Recht geschieht ihm. . . Immer mal festedruff . . . Kein ehrlicher deutscher Prolet . . ." Wilhelm haute jetzt nur noch die Sätze hin: „Aber die sozialdemokratischen Führer haben die Ar¬ beiterschaft entwaffnet, wehrlos gemacht, verraten, dem Klassenfeind ausgeliefert . . . Das haben sie . . . Und fahnenflüchtig seid ihr allesamt geworden. Rot aber habt ihr mit schwarzrotschwefelgelb vertauscht. Fahnenflüchtige Mostrichbrüder! . . Aber es hat ja doch keinen Sinn . . . Wir Kommunisten waren die einzigen, die gegen die Mon¬ archisten wirklich mit der Waffe in der Hand gekämpft haben: stehe Kapp-Putsch . . . Und das werden wir auch weiterhin tun. . - Jetzt aber Schluß damit . . ." In der Debatte setzte es jetzt wieder Schlag auf Schlag. Der Genosse Wilhelm stand in einem richtigen Kreuz¬ feuer . . . „Kindertrompeten im Reichstag. Höllenmaschinen in Kathedralen. Explosivstoffe. Vor nichts Respekt . . ." „Wir haben eben eine andere Auffassung vom Staat, wie ihr. — Wir, wir Proleten, wir sind die wirklichen Legitimen, wenn du so willst . . . Und was die Gewinnung der Mehr¬ heit innerhalb des kapitalistischen Systems betrifft, so ist das auch so ein utopischer Unfug. Der Mehrheitsgewinnung steht immer der mächtige Propagandaapparat der Bour- lll geoisie gegenüber, schau dir nur jetzt einmal den Rundfunk an, zu was allem der herhalten muß — und außerdem durch die Verschiedenartigkeit des Arbeitsplatzes, den jeder im Produktionsprozeß einnimmt . . . Während des Kampfes erst, im Feuer des bewaffneten Aufstandes wird die Mehrheit. Ihr solltet endlich euch über den statistischen Unsinn klar geworden sein . . „Schon gut. Aber arbeiten, arbeiten, die Revolution wirklich vorbereiten, organisieren: das könnt ihr nicht . . . Nur Terrorgruppen, und niederbomben . . ." „Mag richtig sein, was das erste betrifft. Darin müßen wir gewaltig viel noch zulernen. Warum sollen wir eine vernünftige Kritik nicht ertragen. Und das ist das erste Gescheite, was ihr gesagt habt . . . Was die Spitzel an¬ betrifft, so solltet ihr euch als Proleten schämen, so einen ausgemachten bürgerlichen Schwindel nachzuschwätzen . . . Habt es ja selbst neulich erlebt: wie diese gekauften Sub¬ jekte provozieren... um dann uns Kommunisten etwas anzuhängen... Ja immer, das sind wir schon gewohnt, sind es die Kommunisten. Die sind an allem schuld . . Vielleicht auch die Sonne, das rote Viest!? . . . Die Bour¬ geoisie verzapft schon einen Mist, wäre ja alles zum Lachen, wenn die Arbeiterschaft sich doch nicht immer wieder von ihr ein x für u vormachen ließe. So ist's zum Heulen . . ." Wilhelm verschnaufte sich. Der eine oder der andere brummte noch etwaß. „Nichts für ungut", knurrte der AEE-Kollege. „'s ist schon so, die Hemdärmel möchte man sich hoch¬ krempeln, wenn man mit euch diskutiert", gab Wilhelm zurück. Schwieg. Nun war wirklich einige Minuten lang Kampfpause. — XII Das Gespräch brach ab. Schweigend schritten die drei nebeneinander her. So war kein Zusammenkommen. 112 In Moabit begegneten sie auf einer Brücke einer Klebe¬ kolonne. Vom anderen Ufer blinkte, hell erleuchtet, die Meierei Bolle herüber. Der Fabrikschlot rauchte. Nachtschicht. Dunkle Schleppkähne lagerten unten am Spreeufer. Die drei betrachteten schweigend ein eben angeklebtes Plakat. Ein Gefangener, der mit ausgemergelten Fingern in die Eisenstäbe eines Eefängnisgitters hineingreift. Blut¬ rot war die ganze Gestalt. Das verzerrte Gesicht: eine irr¬ sinnige Grimasse. Darunter stand nichts als die Zahl: 7000. Max erinnerte sich einen Augenblick an eine Gefängnis¬ beschreibung, die er neulich irgendwo gelesen hatte. Auch im Polizeigefängnis am Alexanderplatz sollen unglaubliche Zustände herrschen. Daß Gefangene auch noch geschlagen werden können, Dunkelarrest usw. Das wahnwitzige An¬ treiber- und Auspressersystem, das in den Gefängnissen gang und gäbe ist: das Papierdütenkleben, Bindfadenfabrizieren, wodurch Tausende von Heimarbeitern brotlos werden. Der Hundelohn, der den Gefangenen dafür bezahlt wird. Das Vorenthalten aller anderen Lektüre, außer der geistlichen . Das Untersuchungsverfahren, unter Anwendung von Tor¬ turen — wobei ohne Verurteilung schon drei Viertel des Menschen vor die Hunde geht. Während es im überzivili¬ sierten Amerika schon Gefängnisse gibt, als Rundbau auf¬ geführt, von innen, von der Mitte aus alle Zellen von einem Beobachtungsturm einzusehen, der zum Schutz gegen Revolten mit einem Maschinengewehr bestückt ist . . . Auch Gas soll schon in Gefängnissen gegen Meuterer angewendet worden sein, wenigstens las man so was zwischen den Zeilen neulich in einem Bericht. Wie Geständnisse von politischen Angeklagten erpreßt werden mit Hilfe von Daumen¬ schrauben, Hundepeitschen, Mißhandlungen mit glühenden Eisenstäben, Schlägen auf die Sohlen . . . daß gegen zwei Angeklagte erst neulich das Verfahren eingestellt werden mußte, weil der eine während der Untersuchungshaft wahn¬ sinnig wurde und der andere Selbstmord verübte . . . Und 8 113 dann erst, wie hingerichtet wird . . . Das übersteigt schon jede Vorstellung . . . Im Sowjetparadies aber soll es, den bürgerlichen Berichten nach, gar am schlimmsten sein. . . Die Kommunisten also, die haben es gerade nötig... Ein dummer Schwindel ist das . . . Ein anderes Plakat: sehr hoch angeklebt: eine Riesen¬ gestalt, die mit einer Keule ein spinnenartiges Hakenkreuz¬ gespenst erschlägt. Darunter stand: „Proleten! Tretet ein in den Roten Frontkämpferbund!" „Gewalt, Gewalt, nichts als Gewalt. Und ein kranker Körper wie das deutsche Volk ihn darstellt, braucht nichts dringender als Erholung. . . !" Wilhelm Lange rang noch einmal nach Luft: „Nun zum Abschied, das will ich euch beiden noch sagen, ich hab mirs überlegt. Das was ihr von Haarspaltereien bei uns sagt, ist nicht richtig, theoretische Klarheit mutz sein. Wenn die nicht ist, dann kommt bei Aktionen auch nichts rechtes heraus. Und da mutz allerdings oft um einen I-Punkt gestritten werden... Was ihr über die Arbeiter¬ schaft Englands sagt, so müht ihr bedenken, datz die an den Extraprofiten, die die Kapitalisten aus den Kolonien her¬ ausschlagen, Anteil hat . . . Also, datz es dem englischen Arbeiter besser geht, dafür schuften eben Millionen indischer Kulis . . . Dann: Krieg und Kapitalismus gehören zu¬ sammen. So einheitlich, wie ihr euch das vorstellt, ent¬ wickelt sich die Wirtschaft eben nicht. Sondern:^in Wider¬ sprüchen, unter Krisen, Rissen und Sprüngen . . . Was unsere kommunistische Arbeit in den Betrieben anbetrifft: richtig ist, wir haben noch nicht gelernt ordentlich zu arbeiten . . - Woher das kommt, auch das will ich such sagen: wir haben unsere Parteiarbeit in den vergangenen Jahren eben der ganzen politisch-ökonomischen Situation entsprechend auf den Endkampf eingestellt. Gut, nun müssen wir ummanövrieren . . . Auch wir lehnen Reformen nicht ab, aber die Grundlage des richtigen Verhältnisses ist folgende: Reformen sind Nebenprodukte des revolutionären Klassenkampfs . . - Die Aufgabe einer wahrhaft revolutio¬ nären Partei besteht nicht darin, den unmöglichen Verzichr 114 auf jegliche Kompromisse zu proklamieren, sondern darin, durch alle Kompromisse hindurch — insofern sie unvermeid¬ lich sind — die Treue unserer Prinzipien, unserer Klasse, unserer revolutionären Aufgabe, unserer Sache der Vor¬ bereitung der Revolution und Vorbereitung der Volks¬ massen zum Sieg der Revolution durchzuführen ... So gibt es auch Kompromisse und Kompromisse. Wenn du auf einer Landstraße von einer Räuberbande überfallen wirst, und du dich nur retten kannst, wenn du ihnen dein Geld gibst, so wirst du das tun, um dich möglichst schleunigst aus dem Staube zu machen. Das ist ein Kompromiß. Aber sich der Räuberbande anzuschließen, um gemeinsam andere zu überfallen: das ist auch ein Kompromiß, und zwar ein solches, wie es die Sozialdemokraten machen. Und nun weiter: nur die Auswüchse des Kapitalismus bekämpfen, bedeutet die Illusion in den werktätigen Massen nähren, als gäbe es einen gesunden Kapitalismus, was grundfalsch ist . . . Zum Schluß, Kollegen: ich sage, diese Republik ist ein Treibhaus für die Kapitalisten und für die Reaktionäre, und ein Zuchthaus für die Arbeiter... Und so sieht die SPD. aus: die wie das Fegefeuer heute das Wörtchen Klassen¬ kampf scheut, ihn praktisch längst hat fallen lassen und die dafür immer vom Eesamtwohl und vom Vaterland, das der Arbeiter bekanntlich nicht hat, schwafelt: die SPD. ist ihrer Politik nach, nicht den Massen nach, die ihr ange¬ hören, eine bürgerliche Partei . . . Lebt wohl!" Die Drei trennten sich. Max war schon um die Ecke zuhaus. — XIII „Nestbautrieb — reaktionäre Masse — fahnenflüchtig!" So kollerte es noch lang in Maxens Schädel herum. „Fahnenflüchtig!?" Und diese Frage nahm plötzlich Gestalt an, wurde wie zu einem Menschen, der lang und tief in ihn hineinschaute. Dieser Mensch war seinesgleichen. 8» 11ö Blut von seinem Blut. Ganz seiner Art. Hieß auch Max Herse. Trat jetzt vor ihm hin wie sein leibhaftiger Steckbrief. Dieser Max Herse fragte ihn: „Max, stimmt das: fahnenflüchtig!? Ist da nicht doch vielleicht etwas wahr daran!? . . . Wie war das nur neu¬ lich bei der Erubenkatastrophe? Erinnerst du dich nicht mehr, was du unter dem unmittelbaren Eindruck dieses Unglücks alles gesagt hast!? . . . Versprochen hast eigent¬ lich?! . . . Fahnenflüchtig . . . Desertiert aus der Klafsen- kampfreihe . . . Verlassen das proletarische Banner!? . . . Das Banner, für das dein Vater gekämpft und gelitten hat, für das deine Mutter sich so manchen Bissen vom Munde abgespart hat!? Die rote wehende Hoffnung deiner Mil¬ lionen Arbeitsbrüder! Der Stolz deiner Arbeiterinnen- Schwestern, für das sie in manchen Nächten ihre Finger sich wund genäht haben. . . Max Herse! Willst du nicht wieder ehrlich, proletarisch ehrlich werden!? . . . Stimmt das nicht, was der Wilhelm sagte: „Ja, für euch bleibts halt ewig beim Alten, ihr wiht schon, was ich meine: Kaisergeburts¬ tagsfeier und erster Mai . . ." „Wieder ehrlich, proletarisch ehrlich werden . . .!?" Marx Herse sprach im Halbtraum schon, diese Frage nach. Und mit dieser ungelösten Frage auf den Lippen schlief er ein. — XIV Man hörte die Atemzüge der schlafenden Menschen durch die Wände hindurch. Flackernd ging der Atem, oben und unten und nebenan, von Röcheln, Seufzern und holprigen Hustenanfällen unter¬ brochen. Viele Uhren tickten immer dazwischen. Wieder warf sich einer im Bett, einer schlich den Gang entlang, jetzt tastete es nach einer Klinke,- eine Tür knarrte. 116 Schritte kamen von der Straße hoch, fern, dann nah, wie tropsenweis. Stimmen, das Tappen eines Betrunkenen, Autohupen; Klingeln, die plötzlich schrillten. Und man konnte nur schwer unterscheiden zwischen dem ewigen selbst¬ tätigem Knirschen der morschen Diele und dem Menschen¬ stöhnen und Menschenächzen. Katzen kreischten. Hunde winselten. Auf ein Fenster drückte der Wind. Ein Schrank krachte. Traum-Schreie . . . Ein Mensch hatte seinen Anfall. Das Schaumweiß brodelte ihm um den Mund. Da zündete jemand eine Kerze an, warf sich über ihn und hielt ihn im Bett fest. Monoton lallte jetzt einer vor sich hin. Einer räusperte sich. . . Das Wasser im Kanal gluckste. Fernzüge pfiffen. Die Räder stießen auf den Schienen einen dumpfen rauschenden Takt . . . In einem Kübel plätscherte es. Einer wusch sich. Die Vorposten des bei Tagesgrauen aufmarschierenden Ar¬ beiterheers standen schon wieder auf und machten sich kampfbereit. Auch die Milchfuhrwerke schepperten schon wieder in der Straße. An den Litfaßsäulen arbeiteten in weißen Kitteln die Plakatankleber . . . Zähne knirschten, Fäuste krampften sich, Kniee zogen sich an, Hände glitten über Decken und strichen sie glatt. Wie ein Mensch lebt — Wie ein Mensch kämpft — Wie ein Mensch schläft - Da lagen sie auf den Bäuchen, auf dem Rücken, auf der Seite, in allen Stellungen, allein und zu zweit, ausgespreizt und zusammengedrückt, nackt, namenlos. Zn allen Stellun¬ gen aber wie Plastiken aus jener Galerie, die genannt ist: „Die Verdammnis des Menschendaseins" . . . Andere wieder banden sich die Nacht wie eine Maske vor. Rudelweis zogen Menschen auf Raub. Andere auf Menschenjagd. 117 Einer stößt jetzt vielleicht dem anderen das Messer in die Brust. Einer knüpft sich jetzt den Strick zurecht, seift ihn irrsinnig-grinsend ein. Nebenan hört man jetzt ein Ge¬ räusch, dumpf, wie das Fallen eines Gegenstandes: er hat den Stuhl unter seinen Füßen weggezogen. Zwei, drei Schlingerbewegungen macht der Körper noch: dehnt sich, ein Muskelspiel zuckt, ein Speichelfaden sabbert lang aus dem Mundwinkel. . . Schluß . . . Kauerten da nicht welche in Knäueln, drei, vier Leiber in einem Bett,' fünf auf dem Fußboden; lagen sie nicht da, als ob sie sitzen würden, schliefen nicht welche an den Straßenecken im Stehn, und was schnarcht hier oder lehnt sich mit weit aufgerissenen Augen des Nachts in Park¬ anlagen auf den Bänken!? . . . Das höllische Tagestempo zitterte noch in der auf Leer¬ lauf abgestellten Menschenmaschine nach. Die Gesichter von Lebensangstschweiß und Todesschweiß überzogen wie von einem geheimnisvollen Firnis. Verstreut wie auf einem unendlichen Schlachtfeld reihen¬ weis Gemordete. — 118 4. Kapitel Nur ein Traum . . . Nur ein Traum... — „Die neue Sintflut kommt von oben und als E i f t." — Liebe Erinnerungen — Der 2 2. April 1913: ein Wendepunkt in der Kriegsgeschichte. Die Deutschen blaseninFlandern, Frontabschnitt Bixschote-Langemark, gegen eng¬ lische Stellungen Eas ab. — Eas- schietzen, Easwerfen. Eine Eas- taktik entwickelt sich. — Doch alles in allem: es bleibt beim Experi¬ ment. (Diesmal noch.) — Und was gewesen ist, ist gewesen. Keiner denkt mehr daran. — I Der Traum, den Max Herse in dieser Nacht träumte, war merkwürdig genug. Er zerfiel in drei Teile. Zm ersten Teil lag die Erde da, ein blühendes Chaos« Ströme rissen dahin, Meere wölbten sich vor den Hori¬ zont; Sümpfe, Urwälder, Schlingpflanzen; Feuersäulen stiegen aus den Bergen, Felsen kollerten tosend herab, Tiere aller Art krochen, hüpften, schlichen in diesem Labyrinth, der Mensch, mit riesigen Kiefern und krallenbesetzten Würg¬ fäusten bewehrt, kämpfte um das nackte Leben. Langsam wuchs um ihn der Menschenraum. Er drängte Schritt für Schritt die Wildnis zurück. Immer wieder aber überfielen ihn die Naturgewalten, er duckte sich, wie ein ungeheueres Gewicht lastete über ihm das Unheimliche, das Unerklär¬ liche. Brust an Brust rang er mit den Ungeheuern, da schwang er schon das Steinbeil, die Schädel der Bestien sprangen entzwei, aus tausend Bitz- und Kratzwunden troff aber der menschliche Körper und blutete. Blitze spritzten aus dem Gewölk herab, endlich fand er das Feuer. Mit Sturm¬ fluten überschüttete das Meer das Land, Felsblöcke und Waldberge trieb ein Riesenorkan vor sich her, Lawinen brüllten, der Erdboden spaltete sich, Dämpfe und Gase zischten empor aus Kraterlöchern und Schlitzen. Hart, stahl¬ hart war der Körper des Menschen, mit langen Haaren bedeckt, aber schon hatte er sich Waffen und Werkzeuge geschaffen, er zog aus den Höhlen, deren Wände mit Tier¬ fratzen bedeckt waren, aus; auf riesige Strecken verteilt sah man den Rauch der ersten menschlichen Siedlungen. Ge¬ meinsam zog man zur Jagd, gemeinsam wurde der Boden bestellt, gemeinsam gearbeitet, gemeinsam wurden Früchte und Jagdbeute verteilt: alles gehörte allen gemeinsam. Eine Sekunde: Das Traumbild sprang in ein anderes um. 12l Tausende von Jahren wohl müssen inzwischen vergangen sein. Beinahe in geometrische Figuren eingeteilt war die Erve. Berge waren noch da, auch Wälder, auch Meere, auf denen schwimmende Kolosse kreuzten, Geleise, mit sausenden Strichen, die Züge darstellten, durchschnitten kreuz und quer das Land. Stadt an Stadt, alles war abgegrenzt, ein¬ geteilt. Der Mensch war gewachsen: er streckte seine Organe aus, eiserne Gelenke; seine Stimme, durch elektrische Wellen getragen, war vernehmbar zugleich in allen fünf Erdteilen. Er konnte sich abheben von der Erde, er flog durch dis Lüfte... Riesige Maschinen stampften unermeßliche Schätze aus der Erde; ein Griff an einem Hebel: ein wunderbarer Mechanismus setzte sich leise surrend in Bewegung: mil¬ lionenfache Muskelarbeit wurde spielend geleistet: aus Wasserkraft wurde Licht, aus Winden, aus Gasen zog man Triebkraft, die Meerbrandung wurde auf geniale Weise in Krafterzeugnis umgesetzt, ja die Umdrehung der Erde selbst wurde bereits von phantasiebegabten Technikern als Ar¬ beitsertrag in Rechnung gestellt. Der Mensch hatte die Erde erobert. Die Naturgewakten waren bezwungen, Götter und Götzen waren gestürzt, das Unheimliche, das Schicksal, Gott selbst, ward seines Thrones enthoben, das Zeitalter der Maschine, so hieß es, welch ein Zeugnis von Meyschenkühn- heit und Menschengeist! Und wie nun sahen diese Menschen aus!? Da marschierte es auch schon heran, Kolonne hinter Kolonne, durch Straßen, wie mit dem Lineal ausgerichtet, hinweg über Brücken, unter denen Schnellzüge beinahe lautlos glitten, marschierte schon heran, früh morgens 5 Uhr, riesigen Fabrikgevierten zu; es waren Millionen, Männer und Frauen, Scharen von Kindern: mit Ruß be¬ deckt, Schwielen an den Händen, ach so dürftig gekleidet, mit ausgeglänzten Augen, schwerfällig, wie unter einer unge¬ heuren Riesenlast jeder Schritt. Einarmige und Einbeinige waren darunter, stumm, lautlos marschierten sie . . . Za, was war da«? 122 Aber in Pelze und Seide gekleidet wandelten andere auf breiten Straßen, diese Straßen mündeten wie in Marmor¬ becken in große runde Plätze, Palast stand dort an Palast, große goldene Wappen blinkten von den Balkonen, und hinter seidenen, von kristallischen Lüstern durchhellten Gar¬ dinen, war eine Menschengesellschast sichtbar, manche in Klubsesseln und Schaukelstühlen nach dem Takt der Musik sich wiegend, manche auf- und abpromenierend, alle in Fräcken oder in Uniformen, neben Menschen, die richtig wie fleischige Schwämme aussahen, aber auch hartgeschnittene Gesichter darunter, kalt die Augen, völlig mitleidlos . . . Ja, was war das ... ? Und die Armen drängten gegen die Reichen, und die Reichen drückten die Armen, die Armen aber wurden immer mehr, die Reichen dafür immer grausamer und unerbitt¬ licher, Land, Maschinen, das alles gehörte den Reichen, und der Staat dazu, der selbst eine Maschinerie darstellte, aus Polizeibeamten, Aufsehern, Henkern, Soldaten, Pfaffen, Richtern bestehend; fabriksmätzig, serienweise wurde Recht gesprochen, rein mechanisch hingerichtet und verurteilt; empörte sich einer wider diese Ordnung, wurde ganz sach¬ lich abtaxiert: wie hochprozentig die revolutionäre Energie zu bemessen sei, und demgemäß wurde mit so und soviel Jahren Zuchthausstrafe gegen ihn verfahren . . . Dabei ritz aber dies Traumbild mitten entzwei, es gab sozusagen einen gewaltigen Zwischenfall. Tafeln erschienen mit der Aufschrift: „Burgfrieden", man sah von Rednertribünen auf Plätzen von gewaltigem Um¬ fang Menschen auf die Massen einreden, die nickten alle mit den Köpfen, gewaltig ertönten in allen fünf Weltteilen die hundert verschiedenen Nationalhymnen. „Euer Gott ist nicht unser Gott." „Der unsere ist der richtige." „Wir allein sind das auserwählte Volk." „Nein wir", schrie es sofort von entgegengesetzter Seite. „Ihr habt uns überfallen." „Nein ihr, ihr habt zuerst die Grenzen überschritten." 123 Und 70 Millionen Menschen zogen aus und kämpften gegeneinander. Die Erde war wie eine Mondlandschaft. Von den Mil¬ lionen und Abermillionen Granattrichtern war sie ganz pockennarbig. „Absatzmärkte! Absatzmärkte!" schrie es wie toll in allen fünf Weltteilen durcheinander, „wir wissen schon nicht mehr, wie wir profitabel noch weiter produzieren sollen." Dort wurde Getreide in Lokomotiven verheizt, hier ver¬ hungerten Millionen. Hier starben Menschen vor Unter¬ ernährung, dort starben welche an Unmäßigkeit. Der eine fraß, der andere wurde gefressen. Manche, die auf diese Ungleichheit hinwiesen, kamen sofort, mit Ketten behängt, ins Gefängnis. Aber es kam noch schlimmer. Ganze Hundertschaften von Aeroplanen erhoben sich plötz¬ lich, kein Mensch war darin, sie wurden ferngelenkt und steuerten mechanisch über das Meer. Drei schwere Flügel¬ bomben hingen, leicht hin und her pendelnd, unter jedem. Sicher summten sie ihrem Ziel zu. Eine Riesenstadt. Die Fabriksirenen wimmerten. Die Riesenstadt: ein seltsames Knistern von ineinander¬ vermischten Menschenstimmen, Eisenbahnpfiffen, Räder¬ rollen und Schrillen an Kurven sich bildender Tosischleifen: ein gespenstisches Orchestrion. Das Licht in den Straßen erlöschte. Ganz plötzlich: man rannte gegen die Finsternis fest, wie gegen eine Mauer. Zn den Verkehrszentren der Stadt fuhren Scheinwerfer¬ kolonnen auf, Menschengruppen, die sich bildeten, wurden auf Anordnung der Regierung sofort zerstreut. Menschen schrien laut vor sich her, die Autos fuhren energisch hupend ganz langsam. Kein Mensch wußte eigentlich, was los war. Man munkelte zwar allerlei . . . 124 Es mochte gegen drei Uhr morgens gewesen jein. Menschen saßen auf den Dächern, Menschen saßen in Kellern. Andere tasten sich noch immer unter Lebensgefahr in den Straßen herum . . . Ein leichter Regen setzte ein, dann wurde es wieder still. Warm und schön war die Nacht. Einer be¬ hauptete, er hätte das feine Knattern eines Motors in den Lüften gehört. Alles lauschte angespannt. Schon wurde es ein wenig Heller. Ein leichter elektrischer Ferndruck: und die Flügelbomben stachen senkrecht hernieder. Ein feiner Knall. Nur ein wenig Staub, sonst war nichts sichtbar. Ein dumpfer Krach. Wie wenn ein Fels auf eine weiche Polsterung fällt. Ein zweiter, dritter, vierter . . . Noch mehrmals. Jetzt hörten aber alle ganz deutlich das feine Knattern. Zur gleichen Zeit fielen Schüsse. Leuchtraketen spritzten hoch. Die Scheinwerfer gruben sich wie ein Lichtspaten in die Wolken¬ berge . . . „In die Keller", schrieen die einen. „Oben auf den Dächern ist man geschützter", diskutierten die andern. Manche blieben auch wie festgenagelt dort, wo sie gerade standen. Groß und rotstrahlend ging bald darauf die Sonne auf. Schwere Tanks holperten wie Stahlschildkröten durch die Straßen. Kein Mensch war zu sehen. Einer der Tanks schien einen Motordefekt zu haben, die Mannschaft stieg aus: sie war wie Taucher gekleidet, das Gesicht von einer massiven Gasschutzmaske bedeckt, schwer¬ fällig humpelten sie um den Wagen herum. Die Tankkolonne machte einen Augenblick halt. Ein Pfiff — Die Stahlungeheuer setzten sich wieder in Bewegung. Es wurde durch diese Kolonnen festgestellt: drei Viertel der Stadt waren vergast. Kollektivschutzräume, wie mancher 125 Schwärmer erhofft hatte, bestanden nicht, die Gasmasken, nur für die Kampfstoffe des vorhergegangenen Krieges be¬ schaffen, muhten versagen. Trank und Speise waren ver¬ giftet. Die ersten Anzeichen von Seuchen machten sich be¬ merkbar. Drei Stunden später — und trotzdem die Bewohner mit Masken und Anzügen geschützt waren — lagen sie da, wimmernd und vor Hilfeschreien gellend, die meisten in den Kellern, andere aber irrten wie wahnsinnig auf den Dächern umher, spreitzten Beine und Arme und stürzten sich unter einem grausigen Fluch auf die Trottoire hinab. Uebsrall sah man Blutlachen. „Vom Himmel hoch, da komm ich her", tönte noch in diesem Augenblick ein Heller Kinderchoral aus dem Dom, die Glocken schwangen, ja es war Weihnacht. Und trotzdem — Die Flügelbomben verrichteten als mechanische unper¬ sönliche Henker getreulich ihre unumgängliche Blutarbeit. „Das ist das neue Gas", sagte jemand . . . „und wie sich herausstellt, unsere Versuche haben sich demnach gelohnt." „Friede auf Erden." „Amen! Amen . . .", scholl es im Chor wieder dazwischen. Die Farbstoffabriken waren jetzt plötzlich riesige Arsenale Unterirdische Gänge. Auch tief in den Schächten der Berg¬ werke wurde Gas fabriziert. Ununterbrochen experimen¬ tierten die Chemiker an neuen Kampfstoffen herum. Es dauerte nicht lange. Ein Monat — und alles Lebendige war auf der Erde vernichtet. Und es wurde auf dieser Erde still, mäuschenstill. Uhren hörte man noch ticken. Auch sie blieben allmählich stehn. Nur das Rauschen noch von Wassern, der Wind, und da es Sommer und übermäßig heih war, das Brodeln und Zischen der menschlichen Leichname, die geräuschvoll in Ver¬ wesung übergingen. Nichts sonst. 126 II Es hätte aber auch leicht anders werden können, sagte jemand, und der Traum, den Max Herse träumte, kehrte jetzt wieder ein ganzes Stück zurück: über die Vernichtung hinweg, er fing wieder beim Erscheinen der Flieger an. Kaum hatte sich das Gerücht verbreitet, daß die Flugflotte mobil gemacht würde, als auch schon riesige unübersehbare Menschenmassen auf die Straßen trieben, Arbeiter, Ange¬ stellte, Reden wurden gehalten, Flugblätter verteilt, wie ein aufgestöberter Ameisenschwarm war es. Polizeisoldaten, Soldaten sah man unter der Menge, ja auch Angehörige der Luftflotte selbst sah man unter ihnen. Der Zug der Demon¬ stranten brandete als eine gefährliche Woge gegen die Regierungsviertel. Hier hatte man die zuverlässigsten Regimenter bereitgestellt, auch zivile Wehren, meist aus Studenten zusammengesetzt, man sah es ihnen an, sie waren vor einigen Stunden erst eingekleidet. Zn Berlin, in Joko¬ hama, in Paris, in Chikago, in London: überall fanden diese Demonstrationen, beinahe zu gleicher Zeit, statt . . . Schon waren Truppen von Bewaffneten zu bemerken, ein Schuß fiel, irgendwo ging ein Maschinengewehr von selbst los . . . das war das Zeichen zum allgemeinen Angriff, das Regierungsviertel wurde gestürmt, Telefonzentrale, Bahn¬ höfe waren im Nu besetzt, um andere Stellungen tobte der Kampf noch stundenlang. — Durch Verhandlungen wurde der Vorstoß der Revolu¬ tionäre aufgehalten, die Regierung konzentrierte in den Vororten gewaltige Truppenmassen. Im Norden der Stadt wurde ein Aufstand von Arbeitern rasch niedergeschlagen. Trotzdem kamen aus der Provinz, wo geflüchtete Revolutionäre Landarbeiter und Klein¬ bauern mobilisiert hatten, stündlich neue Nachrichten. Das ganze Land war wie ein Mann losgebrochen, hatte Guts- Höfe gestürmt, alle wichtigen Eisenbahnknotenpunkte waren besetzt, eine Rote Armee war im Anmarsch. Die Arbeiter in den verschiedenen Stadtvierteln, waren glänzend benach¬ richtigt. Trotzdem war beinahe niemand auf den Straßen zu sehen. Unterirdisch aber, das spürte man förmlich durch 127 die Wände hindurch, vollzog sich beinahe automatisch eine ungeheure Bewegung. „Bewaffneter Aufstand!" surrten hinaus ins Land die Telegraphendrähte. „Der Aufstand ist geglückt", surrte es schon drei Tage darauf. Das Proletariat hat die Macht erobert. Den Krieg verhindert. Es hat Opfer gekostet, aber Opfer, gering im Vergleich zu dem, was gekommen wäre . . . Traumbild an Traumbild zuckte vorwärts. Das alles erstreckte sich über Jahrzehnte, nur im Traum¬ reich war alles so verdichtet und zusammengedrängt. Zn der Traumlandschaft verkürzte sich und überschnitt sich jede Perspektive. Durch Rauch und Blut, an Stationen neuen Elends vorbei durch neue Wüsten hindurch, an Stätten neuer Demüti¬ gungen und Kreuzigungen vorüber. Und trotz alledem, es ging vorwärts. Und am Ende dieses Weges blühte die Erde, blühte, wie sie noch nie geblüht hatte. Jubelte, wie sie noch nie gejubelt hatte. Die Menschen waren einfach und schön, von einander beinahe nicht unterscheidbar. Tiefblau war alles, alles so selbstverständlich. Die Arbeitsmethoden waren unendlich vervollkommnet. Trotzdem hörte man jeden Tag von neuen Erfindungen; denn alles ließ sich immer noch viel besser machen, als es schon war. Als Grundsatz galt: mehr Kraft auf irgendeine Arbeit zu verwenden, als absolut notwendig ist, ist Verschwendung und damit gesellschaftsschädigend . . . Immer mehr verteilten und differenzierten sich die einzelnen Handgriffe; Wunderwerke von Maschinen verrichteten, mühelos einem elektrischen Hebeldruck gehorchend, das Aller¬ notwendigste, die menschliche Schwerarbeit war erfolgreich auf ein Mindestmaß reduziert. Die Arbeitsplätze waren so beschaffen, daß sie ohne besondere Vorkenntnisse von einem jeden eingenommen werden konnten. Nur ein Prozent der menschlichen Arbeitsleistung verlangte noch längere Schu¬ lung und besondere Vorkenntnisse. Wobei allerdings zu 128 bemerken ist: das allgemeine Bildungsniveau überragte um ein vieltausendfaches den heutigen Durchschnitt. . . Für alle war Arbeit da. Für alle waren in überreichem Matze Mittel zur Reproduktion ihrer Arbeitskraft da. Ungeheure menschliche Energien wurden dadurch der elenden Sorge um das tägliche Brot entbunden und für neue gewaltige Unternehmungen freigelegt. Der menschliche Geist stürzte sich in den Weltraum. Die Menschen wurden stolz auf die Welt, sie schufen sie immer mehr nach ihrem Bild: die Welt wurde zur Menschen-Schöpfung . . . Weit, weit . . . man konnte tief Atem holen, man hatte Luft zum Leben . . . Mit einem solch tiefen Atemzug wachte Max Herse auf. 6 Uhr. Der Fabrikgang begann. Was war das nur? Ein Traum. Nur ein Traum? Was wohl dieser Traum bedeutete? Der Traum ließ nicht von ihm, er ging neben ihm her, er begleitete ihn, oft sah Max Herse sich nach ihm um oder zur Seite. Er versuchte ihn jetzt von sich abzuschütteln. Er wollte nicht darüber nachdenken. Er sagte zu ihm, wie zu jemandem, der sich aufdrängen will, unwirsch, und mit dem Fuß stampfend: „Ach, laß mich!" III Bevor der Stratzenbahnschaffner in den Dienst gegangen war, hatte er Max noch eine Zeitung zugesteckt . . . „Da lies!" „Ein groß angelegter Betrug. Was geschieht mit den Spenden für die Hinterbliebenen der 136 ermordeten Kum- pels der Zeche „Königin Luise". . . . ? Kaum hatten sich die Erdhügel über den 136Opfern geschloffen, da hatte man ver¬ gessen, was man gestern noch zum Ausdruck gebracht hatte. Alle die schönen Worte erwiesen sich als leerer Schall... S 129 Max wusch sich eben. „Und was war gestern abend los . . . ?" Max wich aus: „Ach, wie immer dasselbe. Man kennt sich überhaupt nicht mehr aus." — Max war in den letzten Tagen bedeutend vorsichtiger mit seinen Aeußerungen geworden. Eine tiefe innere Unruhe trieb ihn. Er versuchte neben dem „Vorwärts" auch die „Rote Fahne" zu bekommen. Auch die Betriebszeitungen las er gründlich durch. Er begann von neuem seine Kollegen im Betrieb zu studieren, war selbst sehr zurückhaltend, er lauerte auf jede Antwort, er selbst fragte nur, um zu lernen. Bei allen Debatten, die sich immer aus Anlaß einer scheinbar ganz nebensächlichen Betriebsangelegenheit zuerst entspannen und sich sofort zu Zusammenstößen zwischen SPD und Kommunisten entwickelten, bei allen derar¬ tigen Auseinandersetzungen ergriff Max nicht mehr Partei. Kinos, Vergnügungslokale, Kneipen mied er, er holte sich bei Kollegen einige Bücher, fraß sich mit Müh' und Not durch. Er wollte unbedingt dahinter kommen. — Was gewesen ist, ist gewesen. Oder: keiner denkt mehr daran. Aber plötzlich eines Tages überfällt dich ein Teil deiner Vergangenheit, stürzt sich auf dich, wälzt sich auf dir herum, man biegt und krümmt sich unter der Last: bis das drückende Gewicht solch einer Erscheinung zu schweben beginnt, kampflos von einem abläßt, und man plötzlich wieder, so wie man ist, mit sich selbst da steht, ohne noch über das Wesen dieser Bedrückung und den Zusammenhang, in dem sie erschienen ist, sich klar geworden zu sein. So geschah es auch Max, als ihn die folgenden Erinne¬ rungen aus dem Weltkrieg heimsuchten. — IV Max Herse war damals knapp 1g Jahre alt. Aber er hatte alles darangesetzt, als Kriegsfreiwilliger mitzu¬ kommen. Sein Schulkamerad Franke war sogar von jen¬ seits des Ozeans zu den Waffen geeilt. 180 Das waren Tage! Das Leben flaumleicht. Der Körper ging wunderbar, wie mit Elektrizität geladen. Es war am 22. April 1915 in Flandern. Frontabschnitt Bixschote-Langemark. Gegen englische Stellungen. Windstärke 2 bis 4 Sekundenmeter. Witterung kalt und trocken. Zerfetzte Bäume am Horizont wie Drahtgespinste. Ver¬ einzelte Vogelrufe durchschwirrten die Weltöde. Geheimnisvolles munkelte man. Von einem lleberläufer war die Rede, der alles an die Engländer verraten hatte. Gerüchte. Gegengerüchte. Jedenfalls etwas Neues. Man ahnte nicht was, wußte nicht, wie . . . Es war 5 Uhr nachmittags. - Auf der Brustwehr des vordersten englischen Grabens erschienen jetzt Tafeln mit der Aufschrift: „Ihr könnt lange warten, bis der richtige Wind weht!" Hie und da knackte ein Schutz. Ein MG ratterte sich heitz am linken Flügel. Knäuel deutscher Stoßtrupps lagen weit hinten im Trichterfeld. Endlich: „Gas". Das Gas kommt. Irgendwer hatte es aufgeschnappt. Also: Nachts waren an die dreihundert Gasbatterien vortrans¬ portiert und eingebaut worden. Eine Batterie bestand aus 20 Easzylindern. Sechstausend Gaszylinder standen dem¬ nach zur Verfügung. Auf einen Kilometer Frontbreits rechnete man damals fünfzig Batterien. Tausend Flaschen. Zwanzigtausend Kilo Gas. Das alles wußte man plötzlich. Auch das: Um das Klirren des Metalls zu vermeiden, waren sämt¬ liche Easzylinder mit Decken und Stroh umwickelt. Erhöhte Gefechtsbereitschaft war angeordnet. Die Infanterie in die zweite Stellung zurückgenommcn. 9* 131 Nur technische Truppen und MGs blieben vorne . . . Fliegergeschwader summten wieder den ganzen Tag über. Pst! Ein Pfiff . . . Alles wurde plötzlich so mäuschenstill . . . Das Abblasen einer eigens dazu markierten Stamm¬ batterie galt als Signal. Die Ventile von sechstausend Flaschen öffneten sich gleichzeitig. Es war ein brodelndes und zischendes Geräusch, es prickelte, fauchte, als man das Gas aus den Mannesmann- Stahlröhren abblies. Jeder hielt die Nase hin, jeder schnupperte. Man merkte aber eigentlich noch so gar nichts. Ein graugrüner Schwaden zog jetzt schon auf die englischen Stellungen zu. Mannshoch. Einen Kilometer tief. Die deutschen Batterien hämmerten wieder. An einigen Stellen biegen die den Zylindern aufge¬ schraubten meterlangen Bleirohre unter dem Druck des aus¬ strömenden Gases um. Knicken, krümmen sich hin und her . . . Das Gas fließt in die eigenen Gräben. Einen Trupp von acht Mann trifft das Gas mit voller Kraft. Man sieht, sie halten krampfhaft den Atem an. Können nicht mehr. Legen sich einfach um< . . Andere schlagen mit den Händen dagegen, klemmen sich die Nase zu, beißen sich die Lippen dicht: auch das hilft nichts . . Sanitätsmannschaften eilen heran mit Sauerstoffapparaten. In drei Wellen auf einer Strecke von insgesamt sechs Kilometern trieb eine riesige Chlorwolke. Dicke weißliche Nebelballen schieden sich ab. Teile flüssigen Chlors verdampften . . . Max kniet sich auf den Rand eines Trichters herauf. Der Leutnant neben ihm beobachtet, die Stoppuhr in der Hand, den Verlauf des Angriffs. Noch zwanzig Sekun¬ den: dann aber hieß es Nachstößen. Die englischen Gräben standen jetzt mitten im Easnebel. 132 Und plötzlich wurde es dort lebendig. Wie aufgefegt wurden sie. Ein unsichtbarer Vesen kehrte das unterste zu oberst. Leute rannten mit erhobenen Armen querfeldein Hilferufe gellten. Einzeln, in Rudeln flüchtete es dahin. Einer dreht sich immerfort um sich selbst. Er sprang federnd hinweg wie ein Kreisel. Röcke schottischer Hochländer flogen. Ein monotones heiseres Bellen: das Gebrüll der Turkos.. Ein leichter erstickender Geruch wurde nun bemerkbar. Augen tränten. Einige husteten. Nieskrämpfe. Spuckten aus. Die deutsche Artillerie hämmerte, hämmerte. Der Leutnant zählte jetzt laut: 15 — 18 — 19 - Eine Leuchtrakete zerstäubte hoch. Graue Knäuel bewegten sich, lockerten sich heraus aus den metertiefen Poren der Erdlöcher, lösten sich auf. Ketten¬ glieder. Ausschreitend, hüpfend, dahinstolpernd. Schwarm¬ linie. Die deutsche Sturminfanterie stieß nach. Aexte. Scheren. Leitern. Verhaue wurden umgelegt. Ueber die ersten feindlichen Gräben hinweg . . . Offiziere mit Karten: das feindliche Eräbensystem wurde gleich korrigiert. Neu eingezeichnet. Kolbenschläge. Bajonettstöße. In einem Unterstand poltert eine Handgranate. „Vorwärts." Die zweite feindliche Stellung kam in Bewegung. Auch die dritte Linie flog auf. Die Sturmabteilung zerschnitt sich das Schuhwerk an Flaschenresten und Haufen von Konservenbüchsen. Gelblich-grün trieb die Gaswolke weiter. 133 Es war wie eine Eespensterlandschaft, durch die man jetzt schritt. Merkwürdig verfärbte Menschengesichter glotzten einem entgegen. Bis zum Hals im Schlamm getunkt. Die Augen doppelt so groß wie bei Lebenden. Die Stahlhelme weit ins Genick zurückgeschoben oder tief im Gesicht. Schaum um die Münder. Einer rutschte aus einem nach rückwärts ein wenig abgeflachten Eranattrichter auf den Knieen her¬ auf, er machte mit den Armen Schwimmbewegungen. Ein ihm von einem stämmigen pommerschen Landwehrmann in die Brust gestoßenes Bajonett brach ab . . . Die feindliche Front war aufgerissen. Ein tiefes zackichtes Loch klaffte. Es wurde Nacht. Scheinwerfer. Leuchtraketen. Erdfontänen schossen in die Luft. Die feindlichen Batte¬ rien kamen wieder in Schwung. Es trommelte, hackte, wirbelte. Manchmal wie Platzregen. Man verschanzte sich rasch hinter Fleischfetzen, Körperstümpfen, Schlammhaufen. Pioniere wickelten wieder Stacheldraht ab. MG-Gruppen schoben sich vor. Munitionstransporte im Laufschritt. Lebensmittellager waren genug erbeutet. Man konnte sich also zwischendurch sattessen. Alles hatte aber einen wider¬ lich beizenden Geschmack. Und schon knackte es wieder im Vorfeld.^ Geduckt kroch es an. Ein rasender Schnitt durch die Luft: Pfiffe: hinter einem, vor einem krümmte es sich . . . Der Nebenmann links stürzte vornüber; der rechte ächzte noch einen halben Fluch. Etwas sprang vor. Etwas sprang zurück. Es knisterte. Ein Mesi er zuckte. Körper schnellten gegen Körper. Wie gespannte Federn. Man kam mit dem Gegner bis in Tuchfühlung. „Das ist Ursprache des Volkes. Aus dem Blut heraus wird bejaht: Dieser Krieg muß sein . . .", fieberphan¬ tasierte irgendwo ein Leutnant herum. Max juckte der Zeigefinger: „Brenn' ihm eins!" 134 „Der ganze Krieg soll mich. . fluchte ein Soldat- Prolet und riß einem „Pardon" wimmernden Hochländer mit einem Ruck das Messer durch die Gurgel. Pfui Teufel. Viele kotzten. Wieder andere hatten die Hosen voll. Zn den Kehlen steckte wie ein würgender Pfropf ein unwiderstehlicher Brechreiz. Man watete schon wieder bis über die Knie in einem richtigen Leichenmorast. Menschenmüll. Ueberall Pfützen voll Blutwasser. Hie und da entlud sich wieder einmal eine Sprengmine zur Abwechslung. Es roch süßlich, ranzig. Wie angebranntes Fett. Dort schüttete die explodierende Erde ein Massengrab hoch. „Offensiv-Parfüm", meckerte einer. Eine ME-Mannschaft füllte den Kühlkasten ihrer Kugel¬ spritze mit Urin auf. Max Herse bekam kaum noch Luft. Er lechzte nach einem Schluck Wasser. Die Glieder, die Arme und die Beine, schlenkerten an ihm herum wie etwas Fremdes. Er fühlte, daß sein ganzer Körper nur noch aus Knochen bestand. Die Haut wurde ganz straff, spannte. Die Gelenke gingen ihm beinahe aus dem Leim . . . Das war die Todesangst . . . Menschenleiche, Stein, Baum: das ist ein und dasselbe. Gleich wahr, gleich unwirklich. Nur nicht lange Federlesens machen. Das lohnt sich nicht. Irgendwo spaziert ein Jrr- sinniggewordener im Tanzschritt über das Schlachtfeld. Gefangene wurden abgeknallt. Man sah kaum mehr aus den Augen vor Blutrausch. Zu einem wüsten Grinsen war das Gesicht einer Ordon¬ nanz verzerrt, die immer wieder von neuem ihre zweiund- dreißigschüssige Repetierpistole lud und damit einen Gefan¬ genentransport nach dem andern umlegte. Der Zeigefinger der Ordonanz war schwarz gefärbt von Pulverrauch. 135 Die Menschen funktionierten wie Automaten. Wie auf dem Exerzierplatz. Stoß : Gegenstoß. Schlag : Hieb. Hart gegen hart. Ruck-zuck . . . „Alte preußische Garde . . . hahaha . . . Prost Mahl¬ zeit, altes Frontschwein . . . Einen Kuß, Max Bruderherz. Hier einen Schluck Sturmschnaps . . ." Max kroch auf allen Vieren. Ein sinnlos Betrunkener torkelte ohne jede Deckung an, umarmte ihn, tapste vorüber, rief noch: „Fünfe hab' ich heute schon hinter mir. Knorke. Nun aber für heute Feierabend und Schluß damit . . ." Ein Feldwebelleutnant knurrte herüber: „Stopf ihm die Schnauze . . ." Schwuppdich. Ein leichter Klaps vor die Stirn. Und der Feldwebelleutnant schnappte mit einem Purzelbaum hint- über. Er kauerte sich noch zurecht. Er wimmerte „Mami, Mami", bis eine genügende Menge Blutes aus ihm aus¬ gequetscht war. Es gab fast keine Nuancen mehr in den Bewegungen. Mit dem ganzen Lebenstrieb dahinter wurde so ein Bajonettstoß geführt. Manchmal gljtten die Messer mit einem spitzen Geräusch elastisch aneinander ab. Eines stieß senkrecht auf die Verschlußschnalle der Koppel auf, bog sich zu einem Halbkreis. Zuckte ab, sprang links vorbei mitten hindurch durch die Niere. Man fraß sich mit aufgesperrten Augen, mit vibrierenden Nasenflügeln, man fraß sich förmlich mit seiner ganzen Existenz in den Gegner hinein. Waren es noch Menschen oder mechanische Puppen? Mit dicken Mänteln waren sie behängt. Mit einem wattigen Stoff, der bei einem Stich Ströme Blutes sickern lassen konnte, waren sie ausgestopft. So haute es sich, anscheinend ziel- und planlos, jetzt im Niemandsland herum. Reserven stürzten sich auf Reserven. 136 Qualmend dunstete die Erde aus. Darüber Vollmond. . . Die feindlichen Bataillone hatten noch in der Nacht zum Gegenstoß ausgeholt. — V Weiter zogen die Jahre. Tag für Tag erschienen die Zeitungen mit spaltenlangen Verlustlisten gefüllt. Alle Viere von sich gestreckt lagen sie auf der Erde da: Männer, die Schädel zerfetzt, die Brust aufgetrieben, die Gedärme brachen aus den geborstenen Uniformen heraus, Millionen Männer lagen so, über der Erde, unter der Erde . . . Noch immer kein Ende . . . Tag und Nacht experimentierten Tausende von Chemikern. Wunderbare Gasgemische entstanden in den Laboratorien. Zentner-Mengen Kampfstoff schickten die deutschen Farb¬ stoffindustrien in die Welt. Die in diesen Fabriken be¬ schäftigten Arbeiter wußten nicht, was sie produzierten. Die organische Verbindung zwischen den Kriegsmaterialien und der friedlichen Industrie ist im Kriegsgaswesen besonders eng. Fast alle Kampfgase finden auch im friedlichen Leben Anwendung. Sie dienen entweder unmittelbar für ver¬ schiedene friedliche Zwecke z. B. zur Desinfektion des Ge¬ treides, von Wohnräumen und dergleichen, oder aber sie bilden Zwischenprodukte für andere im friedlichen Leben unentbehrliche Produkte. Vor allem stehen die Kampfgase mit der Farbindustrie in Verbindung, zugleich aber sind sie auch für die Herstellung von Medikamenten und photogra¬ phischen Artikeln zu benutzen. Es marschierte auf das Chlor. Chlorphosgengemische. Chlorpikrinsulfuryl. 20 000 Zent¬ ner Gaskampfstoffe wälzten sich daher als Eiftflut. Es marschierte auf Phosgen. Diente es einstmals nicht zur Herstellung einer ganzen Reihe hellroter, blauer und violetter Farben?! Es marschierten auf die Arsine, aus dem gleichen Roh¬ stoff hergestellt wie die Arsen-Präparate. 137 Acht deutsche Fabriken befaßten sich mit der Herstellung dieser Kampfgase . . . — Und gegen 4 Uhr morgens begann wieder die Artillerie¬ schlacht mit einem gewaltigen Feuerschlage auf 70 Kilo¬ meter Breite. 7000 Geschütze waren es, riesenkalibrige und großkalibrige, die die Bekämpfung des feindlichen Erabensystems auf¬ nahmen, gegen das auch eine Unmasse an Minenwerfern und Easwerfern eingesetzt wurde. Die feindliche Artillerie war durch das reichliche Jnfek- tionsschießen am vorhergegangenen Tage schon zum Schwei¬ gen gebracht. Das feindliche Gelände war in dichte Eassümpfe ver¬ wandelt worden. Eine Doppelwalze lief vor der stürmenden Infanterie einher: eine Walze mit Splittermunition dicht vor, die andere mit Easmunition weit vorauswandernd. Alle Truppen waren mit Gasmasken versehen. Pferde trugen Easschuhe. Es gab schon Entseuchungskommandos in richtigen taucher- ähnlichen Easschutzanzügen. Riesige Mengen Chlorkalk, das entgiftend wirkte, wurden auf Feldbahnen herangefahren. Man legte Gassperren, blaue Räuitle, gelbe Räume, bunte Räume, man unterschied bereits zwischen Easüberfall, Schwadenschießen, Easbrisanzschietzen, Verseuchungsschießen. Eine richtige Gastaktik hatte sich entwickelt. — Mit einem leichten dumpfen Knall explodierten ununter¬ brochen in der Stadt die Gasgeschosse. Es roch nur ein wenig in den Straßen wie nach bitteren Mandeln. Man sah kaum Menschen, einige nur, einen Bausch vor Nase und Mund, der mit einer besonderen Flüssigkeit getränkt war. Verwundete zwar, die hier von der Front durchkamen, erzählten kaum Glaubliches: 138 „Die Deutschen verfeuern Geschosse, die geheimnisvolle Flüssigkeiten enthalten, die verdampften und in gasförmigem Zustand die Fähigkeit haben, Leder, Haut, Gemäuer zu durchdringen, und die, selbst in den minimalsten Dosen ein¬ geatmet, absolut tödlich sind. Und welch ein Tod! Ja, erzählte man, sie wirkten auch durch die Haut selbst hindurch sofort tödlich, starke Erregungen der Atmung, eine eigen¬ tümliche psychische Unruhe machte sich sofort bemerkbar, Erbrechen, Magenstörungen, Verlangsamung des Herz, schlags, Bewußtlosigkeit. Geschmack und Geruch gehen oft völlig verloren. Das aber sind nur die Nebenwirkungen. Kennzeichnend ist der schleichende Verlauf. Zuerst etwa das Bild eines Gletscherbrandes: erst nach mehreren Stunden eine Rötung, hierauf oft beträchtliche Schwellun¬ gen der Haut. Blasen bilden sich, nicht selten von unför¬ miger Größe, sie sind mit einer klaren, leicht gerinnenden Flüssigkeit gefüllt, leicht eiternd. Das Sehvermögen wird durch eine schmerzhafte Bindehautentzündung beeinträchtigt. Ja, das Auge kann völlig zuschwellen und eiterigen Ausfluß absondern. Dann kommt das Lungenödem: in den Lungen bilden sich überall kleine Herde von angesammelter Flüssig¬ keit, die rasch wachsen und sich vereinigen können, um schlie߬ lich den größten Teil des Lungenraumes auszufüllen und durch zunehmende Beschränkung der Luftzufuhr tödliche Er¬ stickung herbeizuführen . . . Nun, Luftgeschwader seien be¬ reitgestellt, diese Flüssigkeiten, die in die Fliegerbomben gefüllt sind, weit hinter der Front über die Städte auszu¬ gießen ... Auch hätten die Deutschen jetzt zudem Apparate, aus denen sie Flammen spritzten, und das alles verwendeten sie zusammen, das eine nicht ohne das andere... es sei unmöglich, den Krieg noch länger zu führen, es sei einfach menschenunmöglich sowas auszuhalten. - Weiter fielen unterdeß die Bomben auf die Stadt. Ein dunkler schwerfälliger Regen, mit großen eisernen Tropfen. . . Bald nah, bald fern: aber die Geschosse hatten nur eine geringe Sprengwirkung. Die Einwohner fühlten sich mehr 139 als bei früheren Beschießungen geborgen. Auch Vrand- wirkung war keine zu beobachten. Es war volle Frühlings¬ sonne, die Straßen waren aufgeweicht, hoch oben surrten die Fliegergeschwader in der blauen Märzluft. Aber trotzdem: nach Verlauf von einigen Stunden be¬ gann es. Die Einwohner hockten wie immer in den Kellern. Es war unheimlich. Es war noch nie dagewesen. Es war, um völlig den Verstand zu verlieren. Irgendwer stürzte die Treppen herunter. Die Nase dieses »Irgendwer" war ein einziger blutiger Knollen. Er hatte sie sich vollkommen aufgejuckt. Aus seinen Augen troff das Tränenwasser und dabei schrie er immer mit heiserer Stimme: „Das ist das Wahnsinnsgas . . . das Wahn¬ sinnsgas . . ." Er taumelte unten noch einige Schritte vor, dann stürzte er wo nieder, fetzte sich die Kleider vom Leib, knirschte mit den Zähnen, kratzte und knetete sich, ganz leise wimmerte er jetzt nur noch: „Die Boches. Die ver . . ." Wie auf Kommando begann jetzt auch schon der ganze Raum zu husten. Einige zündeten sich die Pfeifen an, pafften wie toll, be¬ haupteten, das wäre ein Mittel dagegen. Acht Menschen saßen da im Keller, fünf Frauen, drei Männer. Die Frauen in mittlerem Mter, die Männer alle über fünfzig alt. Man hatte auch Matratzen nach unten geschafft, man lag und stand da jeden Tag seine fünf Stunden herum, das war einem schon so zur Gewohnheit geworden. Die Kinder nahmen Spielzeug mit, einen Teddy¬ bär, der gar keine Angst hatte und aus seinen Elaskugel- augen nach wie vor fröhlich in die Welt blickte. Zeder sah jetzt auf den andern. Einige nur stierten teilnahmslos vor sich hin. Die Beschießung hatte aufgehört. Oben klimperten Schritte. Der „Irgendwer" jammerte in seinem Winkel ganz er¬ bärmlich. 140 Andre, kriegsinvalid, Feldzugsteilnehmer von 70/71, stieß ihn: „Na Zunge, schwere Brocken was. . Eine gespenstische Verwandlung bereitete sich vor. Die Gesichter der im Keller eingepferchten Menschen wurden plötzlich schwammig, klößig, auch die Hände dunsen auf. Die Weiber fingen zu plärren an. Ein Hustenkrampf erstickte ihre Stimme. Seltsame Bewegungen machten sie mit Armen und Fingern, wie in einem Traumzustand, ganz schwer, langsam, schleichend. Die Gesichter hatten nun eine Farbe wie Lehm. Der Körper fleckte sich. Die Schleimhäute bissen. Schüttelfieber jagte daher, Augen schwollen, unter den Fingernägeln war es, als krabbelten dort lebendiggewor¬ dene widerhakichte Eisenspäne. Der Kellerraum drückte wie ein unendliches Gewicht auf die Lunge herein. Wie flüssiges Blei kochte es in der Brust ... Da wurde alles auch schon schleierig, fadenscheinig, der ganze Raum wogte, alles floh auseinander in Millionen unsichtbaren Wellen, merkwürdig summend . . . Der Todeskampf der Easvergifteten dauerte so einige Stunden lang . . . Es entspricht aber keineswegs den Tatsachen, was man sich späterhin oft erzählt hat. Es ist nicht richtig, daß die von der Gasvergiftung betroffenen Menschen sich im letzten Stadium der Vergiftung gegenseitig noch angefallen haben, sich mit dem Messer bearbeitet oder gegenseitig sich gebissen und gewürgt haben. Solche Ausbrüche wahnsinniger Ver¬ zweiflung wurden nicht bekannt. Ganz das Gegenteil. Ohne daß sie etwas dagegen unternommen hätten, trockneten diese Unglücklichen einfach inwendig aus. Ein allgemeiner lähmen¬ der Zustand ging dem Endstadium voraus. 141 Keiner bewegte sich vom Platz. Sie blieben wie festge¬ nagelt, wo sie gerade saßen oder standen. — Eine unsichtbare Easdecke lagerte über der Stadt. Langsam drang das Gas überall ein. Es wehte daher durch Wasserleitungsrohre, durch Tllr- ritzen und Fensterspalten, durch Mauern, durch Glas, durch Stein, durch Eisen. Es war völlige Windstille. Das Eas verflüchtigte sich nicht. Hunde, Hühner, Pferde lagen auf den Trottoiren, Klum¬ pen, Fetzen von Haut, auch das Leben der Bäume und Gräser schien restlos getilgt. Absolut tödliche Gase waren mit sogenannten Reizgasen gemischt: man mutzte vor Augen-, Nasen- und Mund¬ schmerzen die Masken abreitzen, das absolut tödliche Eas fand durch die Luftröhre in die Lunge Eingang, und man war rettungslos geliefert. Dann wieder setzte eine Easbombenbeschietzung ein, kom¬ biniert mit Brisanzgeschossen: so erreichte man außerdem noch eine hübsche Sprengwirkung: durch die aufgerissenen Löcher flutete nun das Giftgas in vollkommener Dichtigkeit. Vorne an der Front wurden die Bewegungen der nach- stotzenden Infanterie langsamer un^d unsicherer. Gewisse Eassumpfgebiete waren für sie überhaupt nicht mehr passierbar. In Masken standen sich von nun an die Vajonett- fechter, die Handgranatenwerfer gegenüber. In die gasverseuchten Grabensysteme stürzten sich die Stotztrupps hinein, wie die Frettchen in einen Kaninchen¬ bau. Mit Bajonetten und Handgranaten kitzelten sie die letzten noch Ueberlebenden heraus. Zweifüßige gespenstische Larven jagten in den Erabengängen hintereinander her, die Büchse mit dem Filtereinsatz hing vom Mund herab wie ein kurzer Rüssel. „So ein Krieg — „Kotzbrocken — „Klamottenkrieg. . ." 142 Und Max Herse fand eben in einem Unterstand, der znr Nachbardivision gehörte, folgendes Flugblatt an einem Balken angeheftet: „Helft mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung habt, zur schnellsten Beendigung des Menschenmordens. Verlangt das sofortige Ende des Krieges. Erhebt euch zum Kampfe, getretene und hingemordete Völker! Es naht die Stunde des Völkerfriedens. Nieder mit dem Krieg . . Quatsch. Was war das!? Wie ein Herzschlag pochte es in der Erde. Jeden Moment konnte man auffliegen. VI Deutsche Sturminfanterie stürmte auf dem Balkan. Im Wüstensand, hoch im Gebirge. Der deutsche Soldat kämpfte auf einer Front, die so groß war, daß die Sonne über ihr nie unterging. — Herbst war. Weiche, braunrot getupfte Waldgefälle. Wie Riesenpolster wölbten sich hoch die italienischen Berge. Himmel und Seeen wurden eins. Elutblau, wie Lapislazuli. Das italienische Bataillon war nicht zu fassen. Es hatte sich, gegen jede Feuerart gedeckt, in Schluchten und Kavernen eingenistet. Man unterscheidet zwischen Zielen, die mechanisch zerstör¬ bar sind und solchen, die nur chemisch zu erledigen find. Zu den letzteren gehörte in diesem Fall die italienische Stellung. — Vier volle Nächte dauerte der Antransport des Kampf¬ geräts. Da die Anmarschstraßen von Truppen- und Sani¬ tätskolonnen überfüllt waren, mußten Seitenpfade be¬ gangen werden. Im Zickzack arbeiteten sich die Träger¬ kolonnen empor, ausgetrocknete Waldbachschluchten mußten mühsam überquert werden, immer wieder sanken die Träger von Müdigkeit übermannt um, dann hieß es ein Plateau 143 überqueren, das von der feindlichen Artillerie voll ein¬ gesehen werden konnte, Felssplitter mischten sich mit Granatsplittern, ein wahrer Splitterorkan ging nieder, es stäubte und prasselte von oben her, von unten auf, von allen Seiten, in den Wipfeln der Tannen pfiff es und knackte es, die Eranataufschläge auf dem Felsboden waren schrill und gellend. Ein Riß: ein Granatstoß fegte mitten durch eine Träger¬ kolonne hindurch. Sich um sich drehende plumpe Säcke rollten sie einen Ab¬ hang hinunter. Ein Latschengestrüpp fing einige von ihnen auf, die anderen kollerten schreiend weiter. Viele Träger warfen jetzt die Rohre weg. Endlich waren die tausend Easminen an der deutschen Front eingebaut. Tausend Rohre waren genau nach der italienischen Front hin ausgerichtet. Es war ein Uhr nachts. Das deutsche Gaswerferbataillon stand in Bereitschaft. Es war eine Nacht wie alle Nächte. Rötlich-blau. Ein dunkel-tönender Strich war fern das Rauschen der Bergwässer. Die tausend und abertausend Blinkfeuer der Sterne leuchteten ungetrübt, hie und da riß sich ein Schuß aus dem Dunkel heraus, Leuchtraketen stoben knatternd aus dem Erddickicht auf, eine kurze Salve folgte, ein Durcheinander-Rattern, und wieder lag alles wie ver¬ krochen in einer Höhle da, die Hände der Mannschaften glitten von dem Gewehrschaft ab, die Geschützbedienungen schnarchten, nur die Horchposten wachten noch, jedes ge¬ ringste Geräusch zeichnete sich ihnen vielfach vergrößert ein in der Ohrmuschel, sie standen dicht vor dem Stacheldraht¬ kranz unbewegt. — „Zum Abschuß fertig . . Punkt zwei Uhr wurde eine Eassalve von über 900 Minen gleichzeitig abgefeuert. Die Zündung erfolgte elek¬ trisch von einer Stelle aus. Ein gewaltiger Feuerfächer durchsprang grell die Nacht. Tausend Mündungsfeuer blitzten gleichzeitig auf. Hundert¬ tausende von Menschen hielten jetzt gleichzeitig den Atem 144 an. Einige schreckten aus dem Schlaf hervor: „Was ist . . . Was ist los . . . ?" Schneidend, eiskalt war dieser Feuer¬ schein, wie eiserne Zacken standen die fernsten Bergspitzen darin. Und schon rauschte ein ebenso gewaltiger unter¬ irdischer Donner auf, von allen Bergwänden rings als hundertfaches Echo widerschallend, man bekam einen Augen¬ blick lang keine Luft mehr. Wie ein unsichtbares Gewicht preßte auf alle Lungen die Luft herein. Die Magennerveu rebellierten bei einigen. Einige kauerten sich am Boden nieder, andere hatten Arme und Beine von sich gestreckt. Wieder andere bedeckten mit den Händen das Gesicht und heulten einfach drauf los. Jeder aber hielt sich irgendwo fest. Und es war dies alles doch nur der Bruchteil einer Sekunde. Rudel von Leuchtkugeln flatterten sogleich empor. Ein riesiger schwarzer Rauchschleim zog unten dahin. Man hätte meinen können, man befinde sich hoch über den Wolken. Ein Rauschen, Summen, Sirren, Plätschern war in der Luft. Die Luft war wellengleich bewegt, wie unter der Ein¬ wirkung riesiger Schraubenumdrehungen, Blasebälge oder gigantischer Propellerschläge. Endlich: Trum-trum. . - Trum-trum-trumtrum . . . vielhundertmal dieses: trum- trum . . . und so fort. Es war das dumpfe Niederklatschen der Minen, die in kurzer Reihenfolge aufeinander krepierten. Wieder Feuerschein . . . Wieder diese Erderschütterung . . . Wieder jene geheimnisvollen, sprengenden Flügel¬ schläge . . . Hinten und vorne, überall: Stichflammen — Eine zweite Salve krachte . . . Eine dritte . . . 1V ' 145 Wieder gurgelte es, ächzte es, der Erdgrund stieß ein paar Mal gewaltig auf. Wie im Galopp ruckte der Boden einige Male von selbst nach vorwärts, eine Erdschicht schob sich über eine andere, Schutt kam wie eine Lawine ins Rollen und rutschte davon, steil prasselten breite Erd¬ fontänen hoch, mit riesigen Felsklumpen darunter, wie Hagel schlugen sie wieder nieder. Die Easanhäufung im italienischen Graben war so dicht, daß die Gasmasken völlig versagten. Die Minen aber waren zudem noch mit Einlagen aus Petroleum versehen, das bei der Explosion zerstäubte und brennend den Stoff der Easschutzmaske durchlöcherte. Artilleriebrisanzfeuer setzte zu gleicher Zeit von der deut¬ schen Front ein. Sechshundert Mann lagen da, Pferde und Hunde dar¬ unter, krümmten sich, platzten, stießen, einer irrsinniger als der andere, lallende Laute aus, man konnte schon von Kopf¬ wunden, Fleischwunden, Knochenschüssen nicht mehr reden: das ganze italienische Bataillon war einfach zu einer breiigen Masse zusammengestampft, die Easschwaden zogen in den Unterständen ein, räucherten sie aus, beim nächsten Windzug schlugen sie wieder zurück, erhoben sich, senkten sich, je nachdem, und marschierten nun, als unheimliche Kolonne, weiter in das Hinterland. Jeder Instinkt, jedes Denkvermögen hörte auf. Das Ge¬ setz der Schwerkraft selbst schien aufgehoben. Strudel bildeten sich, Luftgefälle, Luftwirbel, bewegliche Easmauern, Flammen zuckten hervor, ganze Flammsn- schleier wieder breiteten sich aus, schrumpften, gerannen, und brachen plötzlich wieder hervor, ein dicker, spiralig ge¬ schwollener Flammenstoß. Und mitten in den nun schon sich verflüchtigenden Eas- nebel hinein stießen einige Stunden später — es war jetzt gegen sechs Uhr morgens — die Znfanteriereihen, die Gas¬ schutzmaske aufgesetzt, führten einen verzweifelten Bajonett¬ kampf durch, Maske gegen Maske. Geschlechter von zweifüßigen Larven stießen da mit blankem Messer auf einem gespenstischen Schlachtfeld auf 146 sich ein, mancher ritz sich plötzlich selbst die Maske von dem Gesicht herunter, eine angstverzerrte Grimasse wurde einen Augenblick lang sichtbar, ein Schluck . . . und schon ertrank er rettungslos im Eassumpf. Die Sonne ging auf. Der Himmel drückte bald wie glühendes Eisen. Die Erde selbst aber wurde darunter aufgeweicht, schäumte und brodelte, der über und über durch¬ trichterte Boden schien wie ein mit flüssiger Lawa ge¬ tränkter Feuerschwamm. Die Poren, die die Tausende von Granatlöchern darstellten, waren mit Bündeln von Men¬ schenleichen vollgestopft. Die Luft zwischen Himmel und Erde stand still. Jeden Moment, dachte man, fängt auch sie zu brennen an . . . Kein Baum, kein Strauch. Schattenlos strotzten auch die gewaltigsten Felsklumpen empor aus diesem Flammensumpf . . . Tausende von Gasvergifteten schmorten jetzt langsam sich zutod in der Hitze. Manche Leichname fingen zu brodeln an. Fliegen summten, Käfer und Eidechsen krabbelten dar¬ über. Da liegt so ein fleischiger Haufen: die Gedärme aus deni Bauch neben sich hingeschüttet: ein seltsames Leben be¬ ginnt sich in dem Kadaver zu regen. Es riecht nach Oliven, nach Staub . . . geronnenes Blut und faules Fleisch riecht, Jauche und Eiter . . . überall steht man es qualmen . . . Ein solches Unmatz an Hitze, wie es einem Gasvergifteten auferlegt ist zu ertragen, kann man sich kaum vorstellen. Die ganzen Eingeweide verbrennen von innen, die Lungenwände sind wie mit einer beißenden Säure aus- gelegt, mit jedem Herzschlag pumpt es sich wie siedendes Blei durch die Adern. Von oben preßt sich einem die Sonne, ein scharlachener Klotz, schwer auf den Schädel, zentnerschwer; die Kehle steckt wie zwischen einem langsam sich zudrehenden Schraubstock . . . Ekelhaft kleberig ist der Schlund, hart, porös wie Bimsstein fühlt sich die Zunge an. Hunderte lagen noch auf den Knien vor den Sanitätern und flehten um den Fangschuß. Morphiuminjektionen 10" 147 wurden verabreicht. Wieder einige hatten das Glück, noch ihr Bajonett zu besitzen. Sie machten Harikiri. Gewaltige Strahlenmassen prallten jetzt in diesem Tal¬ kesiel zusammen. Es war gegen Mittag . . . Die Bergspitzen glänzten wie Messing. Junge Regimenter, flaumlose Kindergesichter, stolperten über diese Leichenwelt hinweg im Sturmschritt. Italienische Tanks krochen die Dolomitenstraßen herauf. Ueberall Menschenblutspritzer, Knochensplitter, Fleisch¬ fetzen: alles mit Menschenblut vollgesogen. Bis über die Knie blieb man oft stecken im Menschendreck. VII Max Herse stand mit seiner Vision plötzlich mitten auf einem Platz der inneren Stadt. Es lärmte Alarm. Es brandete und brauste . . . Eine Musik: Räderknurren, Stahlhämmer, Treibriemen, Bohrer und Schaufeln. . . Max rieb sich die Augen — Und das Schwergewicht der Welt hatte sich ihm unmerk¬ lich verschoben; es war, als rückte sich ihm jetzt erst, das erste Mal, sein Inneres zurecht . . . Muskelbänder, Adern, Sehnen, Armhebel: darauf ruhte die Welt, und als Max ein vornehm aufgemachtes Spiel¬ warengeschäft erblickte, da dachte er schon wieder ganz pro¬ letarisch folgerichtig: „An diesen Puppenköpfen, Kinderuhren, Haarnadeln, dem ganzen Schnickschnack der modernen Kleinindustrie klebt Blut und Schweiß lebendiger Menschen, die unter den elendesten Verhältnissen ihr Leben fristen. Der elegante Herr, der seine Autobrille dort aufsetzt, denkt nicht daran, daß diese Brille zusammengesetzt ist in einer dunklen Küche, die als Arbeitsraum dient, oder in einem Kellerloch, von unterernährten darbenden Menschen. . 148 So scharf, so anschaulich, so gründlich hatte Max bisher noch nicht gedacht. „So muß gedacht werden, so muß die Welt angesehen, so muß sie erlebt werden! Das ist der einzig berechtigte und historisch notwendige Denk- und Anschauungsakt. So muß die Welt betrachtet werden und im Kampf von uns Pro¬ leten verändert werden. Alles andere ist ein menschen¬ mörderischer Luxus... Es gibt nur einen Standpunkt, von dem aus diese vermorschte Welt aus den Angeln gehoben werden kann, und dieser Standpunkt ist der unsere." In diesem Augenblick marschierte ein Zug der Kommu¬ nistischen Jugend vorüber. Rote Fahnen wehten. Die „Internationale" sang. Dieser Gesang hatte Rhythmus, Takt, Tonfall einer un¬ erbittlichen Kampfansage. Noch einmal verbanden sich Maxens Gedanken mit jenen Erinnerungen, die ihn vor einer halben Stunde noch heim¬ gesucht hatten: „Ja, die ganze Stadt war ein Trümmerhaufen, als wir damals einmarschierten. Kein lebendes Wesen weit und breit. Nur in einem verschütteten Haus aus einem Keller¬ loch die Stimme eines halb verhungerten Kindes, das . . . das die „Internationale" sang ... Ja, ich erinnere mich noch deutlich, das war für viele unserer Soldaten damals ein grausamer, grauenhafter Weckruf. Viele wurden mit einem Mal nüchtern. Das proletarische Gewißen gellte in ihnen wie eine Sturmglocke. Tränen liefen ihnen über die Backen. Knirschten mit den Zähnen ... Ja, der erste Zug unserer Kompagnie stand mitten im Marsch auf einen Augenblick starr, wie versteinert zu einer Säule. Wir haben das Kind dann ausgegraben. Es war ein belgisches Prole¬ tariermädchen. Die ganze Kompagnie hegte es als ihr Kleinod. Es war unser Herzenshalt. Es war das Bests, was wir damals hatten." — Da schwenkten die Jungkommunisten in eine Seitenstraße ab, und Max bemerkte, wie er ihnen freundlich zunickte, er 149 hatte auch, ohne daß er sich dessen bewußt war, den Hut zum Gruß abgezogen. Er murmelte noch leise vor sich hin: „Bravo, Burschen! Nur so weiter! Ist nicht am Ende doch alles, was man über euch herschimpft, eitel Lug und Trug!? Muß es denn nicht so sein!? . . . Können euch denn eure Feinde loben!? . . . Recht so! Vorwärts in die Zukunft. . . Auf eueren Schultern ruht — die Welt . . Ein Spießer bleckte die Zähne. „Was der für ein widerliches Gebiß hat. Man möchte ihm das Gebiß aus dem Maul reißen. Pfui Teufel . . . So eine feiste Fresse . . ." Es war inzwischen Abend geworden. Die ganze Stadt war wie eine sich immer wieder von selbst aufziehende Mechanik, eine auf geheimnisvolle Weise immer wieder sich selbst regulierende Wildnis voll inten¬ sivsten Leuchtens. — VIII Max schob sich automatisch einige Straßen durch. „Nun muß ich aber doch endlich einmal auch bei Lene vorbeischauen." Lene war Arbeiterin in einer Trikotagenfabrik. Max hatte sie neulich nur kurz in der Versammlung ge¬ sprochen. Hie uüd da sah man sich Sonntags, dann machte man einen Sprung in die Umgebung Berlins hinaus, zu mehr langte es ja ohnedies nicht. Sie kannten sich von der sozialdemokratischen Arbeiterjugend her. In der letzten Zeit allerdings waren sie ganz außer Kontakt gekommen. Das kam, weil Max sich seit einigen Monaten wenig mehr um Politik kümmerte, Lene aber ganz in die Arbeiter¬ bewegung hineinwuchs und eigentlich schon vollends darin aufging. Lene empfing ihn gleich unter der Tür mit den Worten: 150 „Du, Max, denk dir nur, gestern bin ich aus der Partei ausgetreten. Ich kann es nicht mehr länger so mitmachen. Die letzten Wochen haben mir den Rest gegeben ... Ich habe mich heute noch nicht entschieden ... Zu den Kommu¬ nisten kann ich noch nicht . . . Auch weißt du, hab ich so eine Zntellektuellenschrulle, das ist das mit der Eewalt- srage. . ." Max blieb gleich mitten im Zimmer stehen. „Die Eewaltfrage also ists. Das kann ich dir nur sagen: ich für mein Teil könnte das nicht als Hinderungsgrunü betrachten. Die ganze Gesellschaft ist ja doch nichts weiter als Gewalt. Gewalt ist Geld, Gewalt ist: daß du und ich in die Fabrik gehen, Gewalt ist, wie du wohnst, das ganze Recht, alle Sitten und Gebräuche beruhen auf Gewalt. Auf nacktester brutalster Gewalt . . . Nur haben natürlich die, die herrschen, ein Interesse daran, diesen bitteren Eewalt- kern wohlschmeckend zu machen. Sie schwätzen also vieles und schönes von der Gewaltlosigkeit ihrer Gewalt. Sie legalisieren die Gewalt ... Ist nicht die Arbeitsstätte heute für die weitaus meisten Menschen eine Schlacht¬ bank?! Der ganze Produktionsprozeß ist Gewalt, die Art und Weise, wie produziert, wie verteilt und wie verdient wird ... Ja, gehe nur einen Schritt so wie es der herr¬ schenden Klasse nicht paßt, gleich packt dich in der oder jener Form die Gewalt... Der ganze Eesellschaftsapparat, samt Staat, Beamtenmaschine, Militär, Polizei dazu: Gewalt, Gewalt, nichts als Gewalt. Und sieh: dieser friedliche Ee- waltkörper bricht eines Tags plötzlich aus und dieses Ge¬ schwür, bisher nur unter der Oberfläche eiternd, das ist der Krieg... Es bleibt uns schon nichts anderes übrig, als diesen ganzen Eewaltkörper mit Gewalt zu zerschlagen . . . Und überhaupt: geschichtlich betrachtet: die Gewalt war und ist noch immer seit jeher, seit Menschengedenken, die Geburts¬ helferin jeder alten Gesellschaft gewesen, die mit einer neuen schwanger ging . . . Lene, du mußt wieder einmal das „Kommunistische Manifest" lesen. Wir müssen gewaltig viel aufholen, wir sind durch die bürgerlichen Schulen und durch unsere verbürgerlichten Führer ungeheuer verdorben und verbildet worden. Wir müssen uns wieder zu uns 151 selbst zurückfinden, zu uns, zu unserem unverfälschten instinktsicheren Klassenstandpunkt . . Max streckte Lene die Hand hin. Die schüttelte nur ungläubig lachend den Kopf — Dann schlug sie ein. „Recht hast du, Max, sehr recht: wir sind an uns selbst irre geworden ... Ja, aber, Max, seit wann . . . Das ist ja gut gekommen mit Dir! ... Ich staune nur so . . . Neu¬ lich in der Versammlung nämlich, da hast du mir schon gar nicht gefallen ... Ich hab' dich immer bei jedem Satz, den der Redner sagte, beobachtet ... Ja, Max, das, was die Gewalt anbetrifft, das weiß ich natürlich auch, so tief bin ich ja doch noch nicht gesunken: auch die Ideen, die heute herrschend sind und die man uns so schön eingewickelt durch die Presse als tägliche Herzens- und Gehirnkost verabreicht, bedeuten Gewalt und dienen ihrerseits treu dem Eewalt- system, mittels dessen das Bürgertum über uns herrscht . . . Aber, schau: den Eintritt in die Kommunistische Partei: das muß ich mir gründlich überlegen. Die Kommunistische Partei ist eben nicht so eine Partei wie die anderen Parteien, das jedenfalls habe ich längst begriffen. Da heißt es, voll und ganz in der Arbeit aufgehen, sich opfern, restlos sich opfern. Disziplin halten, sich unterordnen. Sonst hat das Ganze gar keinen Sinn . - - Und darum, um diesen letzten Entschluß kämpfe ich noch. Das muß doch ein jeder ernsthaft vorher mit sich selbst abmachen. Kann ich das, was von mir verlangt werden wird, auch leisten? Darauf¬ hin prüfe ich mich . . . Aber ich werde schon wohl nicht anders können . . IX Es war spät Nacht, als Max sich auf den Heimweg machte. Er fühlte sich gewaltig gestärkt und über sich selbst empor¬ gehoben. „Ich werde schon fertig damit. Nur keine Bange ... Ich bin in den letzten Tagen der Lösung des Problems schon 152 ziemlich nahe gekommen .. . Lene ist ein Prachtkerl. .. Auch sie hat mir noch geholfen . . . Wird der Wilhelm Augen machen, wenn ich ihm erzähle . . . Nun gut so . . . Jetzt nur noch ein kleiner Stotz . . . Doch genug für heute . . ." Die Stratzen waren menschenleer. An einer Stratzenbahnkreuzung wurden die Schienen aus¬ gebessert. Ein Haufen von Arbeitsmännern hantierte mit Schweitzapparaten. Schienenhobel flitzten. Eine Weiche wurde schwer herausgehoben. Das blaue Licht der Sauerstoffgebläse gespensterte magisch auf und ab in der Nacht. Huschte die Häusermauern ent¬ lang. Wie Gerippe, mit fahlen Knochenhäuten bespannt, geisterten sie . . . „Arbeitskollegen. Genossen. Proleten. Wir. Du und ich. Wir gehören zusammen . . . Proletarier aller Länder, ver¬ einigt euch!" Ein wunderbarer Satz! Max sprach ihn immer wieder vor sich hin. Welcher Menschengehirnkraft, Menschenerfahrung, welchen Menschenleids bedurfte es, um diesen proletarischen Block zusammenzuschweitzen! Trieb nicht vorher die ganze Mensch¬ heit in einem riesigen Leidensmeer, Traumtrümmer an Traumtrümmer!? Was an Heroismus, Aufopferung, Diszi¬ plin wird weiterhin nötig sein, um diesen Block in Be¬ wegung zu setzen, welche gewaltigen Hebelkräfte, ihn über die dem Untergang geweihten Geschlechter der Vergangen¬ heit hinweg in die Zukunft zu wälzen! . . . Gebt uns eine Partei! so schrie es aus Millionen Mündern in allen Menschensprachen. Gebt uns eine Partei! Einen aus Mil¬ lionen Proletarierarmen geschmiedeten Hebelarm, eins eisern in sich gefügte Organisation, ein Willens-Kollektiv, ein Erfahrungs-Kollektiv ... und verlaßt euch drauf: wir werden es schaffen! „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" Eine Parole. Eine Fanfare. Der alarmschmetternde Grundton des proletarischen Siegesmarsches. 153 Max marschierte im Jnfanterieschritt. Pfiff dazu . . . Marschierte mit Hunderten, mit Tausenden . . . Zm Gleichschritt. Im Arbeiter-Marsch. Kolonnen marschierten auf Kolonnen . . . Manchmal gewitterte ein elektrischer Schein über den Horizont herauf. Auch schimmerte es schon rötlich an der Himmelsferne. Nun färbte sich ein langverzogener Wolkenstreifen lebendig rot. Die ersten Fabriksirenen heulten . . . Ein riesiger steinerner Pfuhl, ein ungeheurer aus Granit und Zement gehauener Leidenstümpel ist diese Staot. Morgen, übermorgen, wie schön und frei werden dann die Menschen wohnen! So glücklich und kräftig zugleich war Max in seinem Leben noch nie. — 154 5. Kapitel Die Kriegsdebatte im amerikanischen Offiziersklub Abkommandiert zum Gas-Dien st. — Ein Kamerad von den Luftstreit- kräften. — Die Kriegsdebatte im amerikanischen Offiziersklub. — EinigewichtigeErgänzungspunkte zum Kampf gegen den imperiali¬ stischen Krieg. — Der Völkerbund organisiert den Vernichtungskampf gegen die Kommunisten im Welt¬ maßstab. „Vertilgt die Kommu¬ nisten wie Ratten!" — Mary Green auf dem elektrischen Hinrichtungs¬ stuhl. — Generalstreik in USA. — Eine rote Zelle in der amerikani« schenArmee. EBRO:Eeheim-Bund revolutionärer Offiziere. — Es kann beginnen!— I Seit einem Vierteljahr war der amerikanische Leutnant ber Infanterie Frank Morrow zum Gasdienst abkom¬ mandiert. Frank Morrow entstammte einer Arbeiter¬ familie, er selbst arbeitete vor dem Krieg bei Ford. Auf den Schlachtfeldern Frankreichs avancierte er, gegen Ende des Krieges war er Führer eines Stoßtrupps. Frank Morrows Körper selbst glich einem Schlachtfeld: Arme und Beine trugen breite Narben von Bajonettstichen, der linke Lungenflügel war zweimal durchlöchert. Damals, im kleinen Kriegslazarett von Velleville, wohin er schwer verwundet aus der großen Angriffsschlacht der Deutschen heraus gerade noch rechtzeitig abtransportiert werden konnte, schwanden ihm die letzten Illusionen über den Krieg, mit denen er über den großen Ozean gegen die Deutschen gezogen war ... Immer wieder brach das zerschossene Lungengewebe auf, das blutige Exsudat drückte auf das Herz, die Aerzte hatten die Hoffnung ausgegeben. Frank konnte es nur noch mit dem Sauerstoffapparat aushalten, er bekam keine Luft mehr. Eine Punktion folgte der anderen. Bis eines Nachts, Frank erinnerte sich daran genau, der Arzt mit einer Schwester hereinstürzte, ihm den Augendeckel lüftete, den Kopf schüttelte . . . und Frank auf den Operationstisch gelegt wurde, während der Arzt zum Assistenten bemerkte: „Vor¬ sicht beim Aufsitzen, er kann uns unter der Hand bleiben." Frank war von dem vielen Sekt, den Herzmitteln und dem Morphium ganz dösig. Trotzdem fühlte er ganz deut¬ lich, um was es ging. Sein oder Nichtsein. Er sprach zu sich mit einer wimmernden Stimme einen militärischen Befehl. Und wieder wurde eine Punktion vorgenommen .. . Nach weiteren acht Tagen war Frank bereits auf und spazierte im Garten des Kriegslazaretts umher. Ununter¬ brochen heulte und schluchzte er, die Augen waren an das Licht nicht mehr gewöhnt, die Nerven bis aufs äußerste angespannt, der Körper war außer Rand und Band, es 157 schüttelte ihn hin und her, und es begann ein langes inten¬ sives Zittern. . . Damals lernte Frank Morrow Thomas Butler kennen, Thomas Butler vom dritten Flugzeuggeschrvader. Den Namen kannte er, Thomas Butler hatte in der Heeres¬ gruppe die meisten Abschüsse. Er war der Sohn eines Chikagoer Holzwarenfabrikanten, zynisch und aufgeklärt, und führte sich bei Frank gleich mit den Worten ein: „Der ganze Krieg, Kamerad, ist weiter nichts als eine Riesen¬ profitquetsche . . . Wir allesamt sind die Beschissenen . . Und die Gespräche über den Krieg wurden fortgesetzt. Thomas las dabei oft Stellen aus den Briefen einer ge¬ wissen Mary Green vor, von der Frank zunächst nur wußte, daß sie die Freundin Butlers und eine Sozialistin war. Frank wurde zum Nachdenken gezwungen. Er wehrte sich zwar oft innerlich dagegen, Thomas ließ aber nicht ab, und das Resultat war: auch Frank Morrow betrachtete seitdem alle Vorgänge mit kritischen Augen. „Für wen eigentlich schlagen wir uns!?" fragten sich die Beiden. Und die Antwort hieß: für das Bankhaus Morgan und Kompagnie. „Und für wen die Deutschen!?" „Für die „Deutsche Bank" vielleicht. Die Firma kann aber auch anders heißen." Und wer hat den Krieg begonnen ? Keiner von beiden. Und alle Beide. Wenn zwei Räuber sich um die Beute streiten, da ist es schwer, zu entscheiden, wer angefangen hat. Außerdem, wer einen Verteidigungskrieg und wer einen Angriffskrieg führt, das kann nur historisch entschieden werden. Die diploma¬ tische Frage kommt hier nicht in Betracht. Aber historisch betrachtet führt nur der einen Verteidigungskrieg, der eine höher organisierte Gesellschaftsform gegen eine reaktionäre verteidigt. Ob er dabei angreift oder der Angegriffene ist, ist gleichgültig. 1914 . . .!? Sie waren sich klar darüber, was alle die Phrasen von Nationalehre, Vaterlands¬ verteidigung, Freiheitskampf bedeuteten . . . Eigentlich sind wir ganz elende Hunde, sagten sie sich, daß wir uns sowas gefallen lassen . . . einfach unter Einsatz unseres 158 Lebens die Kastanien für die Riesenfinanzschufte aus dem Feuer zu holen?! . . . Man kommt sich bei einem solchen Sklavendienst selbst verächtlich vor . . . Eines Tages setzten sie sich wieder einmal zusammen. Sie versuchten es jetzt mit dem Galgenhumor. Zwar der Galgen wird dabei nicht aufgehoben . . . „aber Geduld, wir Zerreißen vielleicht doch noch dieses ganze Riesengespinst von Lebenslüge, in das wir noch verstrickt sind. Wir sind schon dabei . . ." Sie zählten auf, was jeder kriegführende Staat eigentlich von sich behauptet. Ohne Mühe ließ sich folgendes dabei herausfinden: Daß er einen Ver¬ teidigungskrieg führt und für die gerechte Sache kämpft, daß er einen Kampf für Freiheit und Zivilisation aller Völker führt, daß er einen dauernden Frieden anstrebt, daß er alle Kräfte anspannen und kämpfen wird, bis der Gegner endgültig niedergeworfen ist, daß er ohne Zweifel Sieger bleiben wird, daß er siegreich vorgeht und nur geringe Verluste zu verzeichnen hat, daß die Bomben seiner Flieger nur militärische Institutionen der Gegner treffen und immer mit großem Erfolg, daß seine Artillerie und seine Flieger bedeutend besser sind als die Flieger und die Artillerie der Gegner, daß er gerade jetzt große Unternehmungen plant, die unbedingt Erfolg versprechen, daß der liebe Gott ihm zur Seite steht . . . Und jeder kriegführende Staat behauptet weiter: Daß der Gegner den Krieg gewollt hat und seit langem dazu rüstet, daß der Gegner den Krieg angefangen und „uns" überfallen hat, daß der Gegner einen Eroberungs¬ krieg führt und die Welt beherrschen will, daß der Gegner das Völkerrecht mit Füßen tritt, daß der Gegner die Neu¬ tralität kleiner Staaten bedroht, daß der Gegner den Krieg mit barbarischen Mitteln führt, Dum-Dum-Eeschosse anwendet, das Rote Kreuz mißbraucht, Gefangene mi߬ handelt, Frauen vergewaltige, mordet und plündert, daß die Kriegsgerichte des Gegners eine Verhöhnung des Ge¬ setzes sind, daß der Gegner Gefangene tötet, freie Städte bombardiert, Frauen und Kinder tötet, „uns" aber damit nie einen militärischen Schaden zufügt, daß der 159 Ueberfall des Gegners immer im Keim erstickt oder mit großen Verlusten für den Feind zurückgeschlagen wird, daß der Gegner Gasbomben gebraucht, ein Seeräuber ist, ohne Notwendigkeit den neutralen Handel unterbindet, daß die Informationen des Gegners durchwegs Lügen und Ver¬ leumdungen sind, daß der Gegner die Neutralen mittels Lügen, Drohungen und Bestechungen zu bearbeiten sucht, daß der Gegner die neutralen Staaten, zu deren größtem Unglück, in den Krieg hetzt, daß der Gegner an Geldmangel Teuerung, Jndustriekrisen leidet, daß die Kriegsanleihen des Gegners nur durch Betrug zustande kommen, daß beim Gegner Epidemien wüten, daß im Lande des Gegners Streik und innere Zerwürfnisse herrschen, daß beim Gegner Minister und Generale zurllcktreten, daß der Gegner kampfesmüde ist. . Sechsunddreißig solcher Punkte hatte man leicht bei¬ sammen. Kein Zweifel: die Staatsmänner und Politiker aller Nationen verfügten über eine ganz gerißene Technik, die Völker gegenseitig in Schwung zu bringen . . . Und die beiden Offiziere sahen sich ratlos an: „Und nun, wir . . . was mit unseren Erkenntnissen anfangen .... Was tun. . .!" Und zu gleicher Zeit kam ein Brief, der mitteilte, Mary Green sei wegen antimilitaristischer Propaganda zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden. In diesem Brief stand: „Es ist gut abgegangen. Eine große Anzahl von Antimilitaristen wurde gelyncht, die grauenhaftesten Be¬ stialitäten sind dabei vorgekommen . . . Lieber Junge: Mary läßt Dir sagen, Du sollst gründlich über das alles nachdenken und endlich auch die Konsequenzen ziehen. Dieses Menschheitsunglück kann von uns, die wir die Einsicht in den ganzen Mechanismus haben, nicht weiter schweigend ertragen werden. Agitiere für den Frieden . . . Doch der einzige Kampf gegen den Krieg: das ist die soziale Revolu¬ tion . . . Die beiden Offiziere wurden noch unschlüssiger. Doch das Ende des Krieges kam. Die Waffenstillstandsverhandlungen begannen. 160 II Welch eine Rückfahrt! Ein glorreicher Siegeszug übers Meer! Welch ein Triumph! Als die Transportdampfer in Sicht der Newyorker Freiheitsstatue gekommen waren, begannen plötzlich mit einem Male alle Schiffssirenen zu heulen, Leuchtraketen schossen auf, Hunderte von Torpedobooten und Schaluppen umkreisten die Heimkehrenden. Die Militärkapelle spielte die Nationalhymne. Die Wolkenkratzer glühten. Hoch hinauf in die Nacht brannten die Siegesfeuer. — Die Truppen waren ausgeschifft. Umarmungen. Küsse. Endlose Händedrücke. Die Tränen der Tausende von Witwen und Waisen glätteten nicht diesen Freudenstrudel. Auch Frank Morrow und Thomas Butler waren heim¬ gekehrt. Mary Green war aus dem Gefängnis entlassen . . . Das Nachkriegsleben begann. Weder Frank Morrow noch Thomas Butler nahmen ihren Abschied. Sie blieben bei der Truppe .. . Auch Mary war dafür, überall mutzte angepackt werden, und man konnte nicht wissen .. . Denn von Abrüstung war nicht die Rede, im Gegenteil. Die Waffen wurden vervollkomm¬ net. Die Kriegserfahrungen eigentlich erst jetzt recht ausgewertet. Es gab großartige Manöver, Manöver, bei denen kein Mensch mehr sichtbar war: sie wurden nur mit mechanischen Kriegsmitteln, mit Tanks und mit Panzer¬ wagen ausgeführt. Es wurden gewaltige Befestigungs¬ pläne besprochen, der Panamakanal und die Hawaischen Inseln sollten zu Wunderwerken modernster Kriegskunst ausgebaut werden, zu den stärksten militärischen Stütz¬ punkten der Welt. Militärischer Drill begann bereits in den Schulen, Privatarmeen wurden aufgestellt, geheime 11 161 brechergarden entstanden... Das Land wurde unruhig ... Millionen enteigneter Farmer wanderten in die Städte. Die Regierung griff straff in die Zügel. Prozesse gegen Sozialisten häuften sich. Zu gleicher Zeit wurden die Pro¬ pagandamittel, Kino und Presse, stark forciert. Rußland: so hieß die Gefahr. Im Herzen Amerikas selbst wohnt Rußland. Die werktätigen Massen Amerikas schauten nach Rußland. Eefängnismauern und Barrikaden mußten gegen die rote, gegen die bolschewistische Gefahr errichtet werden... Da liefen in allen Newyorker Kinos schon die antibol¬ schewistischen Ereuelfilme: da war zu sehen, wie es die Kommunisten trieben: Berge von Erschossenen häuften sich vor dem andächtig glotzenden Publikum... Die weißgardi- stischen Emigranten stützten den Feldzug: sie schrieben Lebens¬ erinnerungen, und ihre Flucht aus dem roten Massengrab war wirklich heldenhaft abenteuerlich. Kapitalisten aller Länder vereinigt euch! Diese Parole, zwar nicht so deutlich ausgesprochen, wurde bis zu einem gewissen Grad zur Tat.. Japan wuchs sich energisch groß. Vereine von Rassenschützern erhoben warnend die Stimme. Da geschahen einige Erdbeben, Feuersbrünste bei den Gelben: man dankte auf Wallstreet Gott auf den Knien. Doch bedeutete das nur einen zeitweiligen Aufschub. Man hörte aus Deutschland: Die Arbeiterschaft mobili¬ siert sich, Rote Armeen bilden sich, das bolschewistische Feuer springt nach Europa über. In der amerikanischen Finanzwelt gab es zwei Meinungen: die einen: das kümmert uns nicht, laßt Europa Europa sein; die anderen: wir brauchen Europa, unser Kapitalexport stockt . . . Deren Meinung setzte sich allmählich durch. In Deutschland war Ruhe und Ordnung auch wieder eingekehrt. Frankreich klopfte man rechtzeitig noch auf die Finger. Der Frank sank . . . Und die Vertreter der Nationen erschienen, der amerikanische diesmal mit einbegriffen, zur Lösung des Reparationsproblems am Verhandlungstisch. — Die beiden Freunde bildeten sich weiter. Es war ihnen allmählich bewußt geworden, welche Funktion sie als 162 Offiziere der bewaffneten Macht auszuüben hatten. Sie wurden radikale Sozialisten, das heißt gründliche Sozia¬ listen. „Jeder an seinem Platz . . . Und wir, wir werden hier unsere Pflicht tun." III Die beiden Freunde hatten sich wieder in Newyork getroffen. „Und wie stehts in Edgewood! . . ." „Nicht gleich mit der Türe ins Haus fallen, Thomas . . . Darüber später. . „Wir gehen gleich in den Klub!?" . . . „Ja, und morgen treffen wir uns mit Mary ... Es wird allerlei Interessantes zu berichten geben . . . Auch Bolleff ist hier, ein bulgarischer Genosse . . . Aber man muß auf die Detektivs acht geben . . . Die Luft wird immer dicker . . ." Ein gewaltiger Menschenstrom begann. „Ah, die Weltmeisterschaft . . ." Und schon schwirrten die Gesprächsfetzen: „Ich setze auf Dempsey!" „Dempsey?!... Ja, man weiß nicht, was wahr ist. Aber man hat sich ganz erstaunliches von dem Argentinier erzählt. . ." „Ach, diese Stierhelden und Pampasbullen, meist ist's nicht viel gerade, was dahinter steckt... Ein schwerer mörde¬ rischer Schlag, der kein Gras mehr wachsen läßt, wo er hintrifft . . . Aber Technik, meist keine Ahnung; . . . Auch keine Luft, höchstens über drei Runden Steh¬ vermögen . . . Alles Reklame, Maulaufreißertum, Profit¬ gier ... Da, steh' nur . . ." Und der ununterbrochen sich dahinwälzende Menschen¬ strom erfaßte die beiden Offiziere, schob sie mit von Straße zu Straße, Hunderttausende trieben so vorwärts, der Riessn- sportarena zu, in der heute die Weltmeisterschaft im Schwer¬ gewicht zwischen Dempsey und Firpo ausgetragen werden 11* 163 sollte. Das Geschrei der Straßenhändler, das blitzende Rau¬ schen von Lichtkegeln in der Luft, gleitende Trottoirs, fünfzigstöckige Wolkenkratzer, bengalisch illuminiert, unüber¬ sehbare Reihen von Automobilen, die im Menschenstrom steckengeblieben waren, Absperrungsketten der Polizeimann¬ schaften, Billethändler dazwischen, alles erdrückt, ge¬ quetscht, manchmal wieder vor dem Eingang ganze Menschengruppen um sich selbst kreisend, wie Menschen¬ wirbel, und dort hingen wohl zehn Meter große Plakate mit den beiden Voxergestalten, da sprach irgend jemand vom Balkon durch einen Schalltrichter, eine zweite Stimme gegenüber aus einem Lautsprecher, dort glitten die Hoch¬ bahnen vorüber, Lichtpunkte flimmerten hinauf in die Nacht, Lichtbänder rollten wieder hoch oben vorüber, leuchtende Buchstaben, „Persil bleibt Persil", „Die Zarin ist soeben in Washington eingetroffen", Aufzüge sah man strahlend auf¬ wärtsgehoben in gläsernen Warenhäusern, die Asphalt¬ böden, über der diese Menschenmasse wogte, waren unter¬ höhlt, das merkte man; ein langhingezogener Donner: das waren die Untergrundbahnen, ausgedehnte Zementröhren¬ systeme unterflochten die Erde . . . Dempsey — Firpo: ein einziger Gedanke, ein einziger Wille war diesen Hundert¬ tausenden aufsuggeriert, dieser Gedanke trieb sie, packte sie, peitschte sie, flammte sie vorwärts, dieser tausendgliederige Massenkörper war nur von der Sucht nach diesem einen Erlebnis durchschüttert. .. „Wie am Tag der Kriegserklärung . . „Erhebend! Gewaltig!" Den beiden Offizieren war es gelungen, die Menschen¬ massen zu durchkreuzen und in eine leere Seitenstraße ein¬ zubiegen. Diese Seitenstraße war wie ein vom Wellen¬ schlag unberührtes Bassin. „Und denkst du eigentlich noch oft an den Krieg?" - „Dann ragten sie empor zu brutaler Größe, geschmeidige Tiger der Gräben, Meister des Sprengstoffs." So habe ich neulich im Gedicht eines Deutschen gelesen. Ob ich noch an den Krieg denke? An den, der gewesen ist, nicht mehr. An den, der kommen wird. Ich bin doch schließlich zum Easdienst abkommandiert." !64 „Ich bin gespannt auf heute abend. Man müßte öfter solche Vorträge hören können. Immerhin, gegen früher, es wird jetzt in der Armee doch mehr für politische und kriegswissenschaftliche Bildung getan. . ." „Die Deutschen waren uns darin bei weitem überlegen. Doch wir haben den Vorsprung eingeholt . . . Die Welt gehört USA. Ich sage das nicht unbegründet. Zch gehöre gewiß nicht zur Gattung jener Hornochsenpatrioten, die nicht weiter als ihre eigene Nasenspitze reicht, zu blicken ver¬ mögen. Ich sage das, na . . . auf Grund meiner Er¬ fahrungen in Edgewood. Verstehst du mich... Vom militär¬ politischen Standpunkt aus, meine ich das." IV „Das chemische Kampfmittel ist gekommen, um zu bleiben. Mit dieser Tatsache wird sich die Welt abfinden müssen." Mit diesen Worten begann Professor Snowden seinen Vortrag vor Offizieren der amerikanischen Marine, des Heers und der Luftflotte. Auch Vertreter der Zivilbehörden und der Industrie waren dazu erschienen. Professor Snowden gab zunächst einen kurzen geschicht¬ lichen Rückblick. „Jahrtausende liegen die Anfänge des Gaskriegs zurück, künstliche Staubwolken, raucherzeugende Brennstoffe, Ver¬ nebeln der feindlichen Stellungen und Ausräuchern: das war schon im Altertum und im Mittelalter bekannt. Und schon im Jahre 1854 wurden dem englischen Kriegsmini¬ sterium Gasbomben vorgelegt. Ein deutscher Apotheker war es, der während des deutsch-französischen Krieges 1870-71 eine Füllung der Granaten mit Veratrin empfahl, einem lediglich stark zum Niesen reizenden Stoff. Sein Vorschlag-kam damals jedoch nicht zur Durchführung. „In den 500 Jahren, die vergangen waren, seit die Feuerwaffe Harnisch und Lanze überwand, hat man anfangs langsam, dann in den letzten 50 Jahren in außerordentlich gesteigertem Tempo gelernt, die Feuergeschwindigkeit, die Durchschlagkraft und die Rasanz der fliegenden Eisenteils 165 zu erhöhen, mit denen man den Gegner bekämpfte. Dabei war man zu einem Punkte gelangt, der die bisherige Kriegs- führung praktisch umwarf. Denn alle diese fliegenden Eisenteile waren von größter Wirkung im freien Feld, aber durch Erdwälle von mäßiger Stärke verhältnismäßig bequem aufzuhalten. Das gab dem Verteidiger eine grund¬ sätzliche technische Ueberlegenheit über den Angreifer. Der menschliche Körper mit seinen zwei Quadratmeter Ober¬ fläche stellte eine Zielscheibe dar, die gegen den Eisen¬ strudel von Maschinengewehr und Feldkanone nicht mehr un¬ beschädigt an die verteidigte Stellung heranzubringen war. Der Verteidiger konnte nicht vor dem Sturme in seiner Erddeckung niedergekämpft werden, weil ihn die fliegenden Eisenteile nicht genügend erreichten. Es war eine Sache der naturwissenschaftlichen Phantasie, diesen Zustand voraus¬ sehen und auf die Abhilfe zu verfallen, die der Stand der Technik möglich machte. Diese Abhilfe ist der Gaskrieg." Während Professor Snowden exakt die drei verschiedenen Etappen der Gasexperimente im Weltkrieg schilderte, das Gasblasen, das Easschießen, das Easwerfen — wobei er unablässig betonte, daß es sich damals lediglich um Experi¬ mente handelte und sozusagen der Easkampf noch in den Kinderschuhen steckte — überlegt sich Frank sprunghaft die neuesten Arbeiten des „Easdienstes" in den Laboratorien und auf den Uebungsplätzen von Edgewood. „Ja, in der Tat, man kann sagen, das Problem der Fernlenkung ist gelöst. Eine Kommandotafel, ein Druck: automatischer Start: und das mechanische Flugzeug, durch keinerlei atmosphärische Verhältnisse behindert, schießt — 800 Kilometer Stundengeschwindigkeit — seinem Ziel zu... Phantastische Gedanken, allein der Technik ist kein Ding unmöglich . . . Sehen wir nur unsere modernen Tanks an. Wie wendig sie sind, wie schnell. 70 Kilometer machen wir heute schon mit ihnen pro Stunde. Eine ideale Ver¬ bindung von Feuer und Bewegung! . . . Wie war es nur bei den letzten Manövern? Da sah man schon keinen Menschen mehr. Auch die Munitions- und Proviantüber¬ nahme, sowie Mannschaftswechsel erfolgten vollkommen automatisch, durch Reservekampfwagen . .. Nun besteht das 166 Problem noch darin, die Tanks gasdicht zu machen. Dann durchqueren wir mit ihnen wie mit Unterseebooten die Gassümpfe. Der Krieg hat nun einmal die feste ungepan- zerte Feuerlinie durch die gepanzerte bewegte Feuerlinie er¬ setzt . . „So ist also, dachte Frank zu Ende, der kommende Krieg wieder ein Bewegungskrieg. Das Massenheer wird durch das Spezialistenheer ersetzt. Uebergänge sind möglich. Ge¬ naue Prophezeiungen lassen sich natürlich nicht anstellen. Aber das Ueberraschungsmoment gewinnt ungeheuer an Bedeutung . . Das sprach auch soeben Professor Snowden aus: „Die chemische Kriegsführung stellt zur Zeit die letzte Entwicklungsstufe der Kriegskunst dar. Sie ist die bisher wissenschaftlichste aller Kampfmethoden. Vom ökonomischen Standpunkt ist die chemische Waffe billiger als alle anderen. Sie ist aber auch die humanste. Meine Herren! Man hat die Verwendung von Giftgasen als Kampfmittel grausam und unnatürlich genannt, unzweifelhaft ist dies auch im Anfang so empfunden worden. Aber man mutz dabei doch bedenken, daß man jede neue Methode der Kriegführung, so auch die Einführung des Schietzpulvers als grausam be¬ zeichnet hat, erst allmählich hat es seine Schrecken verloren. „So stehen alle Weltmächte demnach sichtlich unter dem Eindruck, datz die Ueberlegenheit in einem kommenden Krieg dem gehören wird, der überraschend einen unparierbaren Hieb mit der chemischen Waffe führen kann. Erstrebenswert darum ist die Herstellung geheimgehaltener Gaskampfstoffe, die kein anderer hat. Es ist ohne weiteres also selbstver¬ ständlich, datz geheimgehaltene Fortschritte in dieser Rich¬ tung einen militärischen Vorsprung bedeuten würden, der vom Gegner im Verlauf des Krieges wohl kaum eingeholt werden könnte. Denn Schutz gegen Kampfgase ist nur mög¬ lich, wenn ihre Zusammensetzung bekannt ist. Neue Gase wirken also meistens vernichtend..." Mit einem Aufruf zur Zusammenarbeit von Offizieren, Naturwissenschaftlern, Chemikern und Technikern schlotz der Professor seinen Vortrag. 167 v Es entspann sich sofort eine lebhafte Diskussion. Man debattierte in Gruppen. „So und nicht anders muß es kommen, auf diese Art und Weise macht sich der Krieg selbst unmöglich. Das Kriegs¬ ungeheuer beißh sich selbst den Kopf ab. Sehen Sie nicht ein, meine Herrn, daß nach den interessanten Ausführungen des Professor Snowden das Kriegführen eine unmögliche Sache geworden ist? Ein solcher Zukunftskrieg, würdig von einem Jules Verne beschrieben zu werden, er ist ein Angstprodukt verhetzter Gehirne, eine Wahngeburt, nicht mehr, das ist unmöglich, sage ich Ihnen, die Menschheit in ihrer Gesamtheit wird sich nicht in so frivoler Weise der Barbarei überantworten lassen. Jules Vernsche Phantasien, Mondfahrten, Abenteuer im Uferlosen . . . nichts mehr." Es war ein Wilsonianer, der so sprach. Ein gealtertes, elegantes Männchen, ein Monokel im Auge. Professor der Medizin an der Universität. „Und der Völkerbund!?" wisperte er erregt weiter, „und das Washingtoner Abkommen! Ziehen Sie, bitte, in Be¬ tracht, meine Herren, den Artikel 5 des Vertrages . . . Schreiten wir weiter fort auf dem Weg der Abrüstung, die Befriedung der Welt ist sichergestellt. Ich sage Ihnen, meine Herren, der vergangene Krieg ist und bleibt der letzte . . . Mögen auch kleine Konflikte noch entstehen, Krisen, Empörung und Streit aufwirbeln, mögen auch die Kolonialvölker, uneinsichtig wie sie sind, gegen Kultur und Gesittung randalieren ... ein Krieg von dem Ausmaß und in den Formen, wie Sie ihn uns beschrieben haben, ist eine glatte Unmöglichkeit. Aberglauben einfach, nichts weiter .. Die Zivilisation, meine Herren, marschiert. Ich meinerseits schwöre in dieser Beziehung absolut auf den Völkerbund .. „Aber, lieber Arthur, welche Töne!" grinste ihm gummi¬ kauend ganz jovial ein chemischer Sachverständiger entgegen. „Sie gütiger Apostel der Aufklärungszeit. Gewiß, gewiß. Ihr Pazifismus ist mir psychologisch gut erklärlich aus der Katerstimmung nach dem Weltkrieg heraus. Aber, ich denke. l68 wir haben das heute, nach S Jahren doch wohl schon gründ¬ lich überwunden. Ueberall, wohin Sie sehen in der Welt, erteilen wir doch mit Bajonetten etc. bereits wieder gründ¬ liche Lektionen im praktischen Pazifismus, wie Sie das nennen. Nun zum Thema. Dazu wäre kurz folgendes zu sagen: solange das Gas von anderen Militärmächten in ihre Bewaffnung eingereiht ist, können und werden wir es nicht fallen lassen. Chemische Kriegsabteilungen bilden jetzt einen wesentlichen Teil der militärischen Organisationen Frankreichs, Italiens und der USA., und in jedem dieser Länder sind Experimente im Gange, wirksame Methoden für Gasangriffe auszuarbeiten. Auf die Verwendung von Gasen verzichten, hieße die Sicherung unserer Kampfein¬ richtung auf das Spiel setzen, und im Hinblick auf die Er¬ fahrungen, die wir im Krieg gemacht haben, würde es glatten Irrsinn bedeuten, solch ein Risiko zu laufen. Im übrigen ist es sehr töricht den Gaskampf als Kampfart zu verdammen und jemandem Vorwürfe zu machen, ihn auf¬ gebracht zu haben. In Wirklichkeit ist es keine Kampf- methode, die man nicht etwa hätte voraussehen können. Die ehemalige Entrüstung gilt nicht dem Easkampf selbst, sondern nur dem Bruch der Vereinbarungen. Kindliche Einfalt und unberechtigte Bedenken haben Frankreich bei Kriegsbeginn abgehalten, sich einer so vorzüglichen Waffe zu bedienen. Die französischen Chemiker haben sie sofort vorgeschlagen. Ein gänzlich falsch angebrachtes Schamge¬ fühl hat Frankreich um den Prioritätsanspruch gebracht.. - Kurz: wir alle betrachten den Gaskrieg als den Krieg der Zukunft und bereiten uns emsig auf die chemische Kriegs¬ führung vor. Und das sind keine Märchen, keine Legenden, liebes Professorchen, sondern Tatsachen. Es wäre klug, wenn Sie im Zusammenhang damit einmal bei sich er¬ wägen würden, ob das hier Gehörte auch nicht für ihr Fach bedeutende Gewinne bringen könnte. . „Ich verstehe Sie nicht, meine Herren, Sie setzen sich über die Abrüstungskonferenz und über den Friedenswillen der Völker einfach hinweg, als wäre das alles etwas, was man im entscheidenden Moment mit dem kleinen Finger um¬ stößt. Dem ist nun doch nicht so . . l69 „Der Beschluß der Abrüstungskonferenz, den Easkampf zu verbieten, steht nur auf dem Papier, denn in Wirklichkeir kann er den Gebrauch von Giftgasen in einem neuen Krieg nicht verhindern. Deshalb war es auch ein Fehler, nicht auf die Ansichten der Sachverständigen zu hören, sondern auf die Ansicht von Nichtfachleuten, die aus allgemein mensch¬ lichen Erwägungen heraus den Easkampf als grausame, ungehörige Anwendung der Wissenschaft verurteilen. Dis Vorbereitung für die chemische Kriegführung muß weiter betrieben werden... Es dürfte wenig Zweifel darüber herrschen, daß das chemische Kampfmittel gegebenenfalls in sehr viel größeren Mengen und in anderer Weise ver¬ wandt werden dürfte, als im letzten Krieg. Daraus er¬ gibt sich trotz der Washingtoner Beschlüsse die Notwendig¬ keit für unser Land, die chemische Kriegführung weiter aus¬ zubauen. Die demoralisierende Wirkung von Gas auf einen in seinem Gebrauch ungeübten Gegner ist so groß, daß kein Führer es verantworten kann, wenn er daraus nicht vollen Nutzen zieht. Eine Nation mit größeren wissenschaftlichen Kenntnissen wird unzweifelhaft im nächsten Krieg von dieser Wissenschaft vollsten Gebrauch machen, wenn sie der Ansicht ist, daß sie dadurch den Krieg gewinnt." Aber auch ein Professor der Soziologie war vorhanden: „Und da sehen Sie, meine Herrschaften» auch auf ein anderes Problem möchte ich beiläufig aufmerksam machen. Die neue Kriegstechnik gibt uns wieder die Waffe in die Hand. Wie ein Bumerang kehrt die Waffe, die wir not¬ gedrungen eine Zeit lang aus der Hand geben mußten, wieder an ihr ursprüngliches Ziel zurück. Lasten Sie mich das erklären. Im letzten Krieg war das Klassenbewußtsein des Proletariats noch nicht allzu entwickelt. Die 2. Inter¬ nationale spielte ihre Rolle gut: sie ist Schulter an Schulter mit uns rechtzeitig allen Versuchen den Krieg in den Bürger¬ krieg umzuleiten entgsgengetreten. In einem kommenden Krieg dürfte ihr das vermutlich nicht mehr gelingen. Ru߬ land ist da. Die Kommunistischen Parteien haben in allen Kontinenten tief in der Arbeiterschaft Wurzel geschlagen. Eins Volksbewaffnung, ein Mastenaufgebot: bedenken Sie, welch ein Risiko, welch eine Gefahr für uns! Da aber 170 trennt die neue Kriegstechnik das Proletariat von der Waffe, die Waffe bleibt in unserer Hand, nur an den Pro¬ duktionsstätten haben wir die Arbeiterkadres noch nötig, die nichts mehr und nichts weniger nur mehr Arbeitskadres sind. Wir, die Bourgeoisie an der Front: das Proletariat im Hinterland, in der Etappe, das Proletariat in der Ee- fahrzone. Wir: in Tanks, in Flugzeugen, in durch Kollektiv¬ schutz gesicherten Laboratorien, so sieht in einer schroffen Wendung der Verhältnisse der neue Krieg aus." Der Pazifist machte wieder Einwendungen. Streik, Generalstreik, Kriegsdienstverweigerung, Sabotage in den Munitionsfabriken usw. Dutzendweise prasselten da Gegenargumente auf ihn nieder. „Za, aber lieber Professor! Munitionsarbeiterstreik. Glauben Sie denn, daß unsere guten Proleten überhaupt wißen, was sie Herstellen. Gas, Giftgas: muß ich Ihnen, naives Gemüt, denn erklären, daß dies alles in Arzneien, Parfümerien, in Düngemitteln, in den Seifenfabrikatsn enthalten ist? Wo fängt die Munitionsherstellung an und wo hört sie auf? Sehen Sie, die Raupenschlepper der Tanks, werden sie nicht auch zu Traktoren verwendet? Haben Sie nie etwas von den Normungstendenzen der Industrie gehört... O, das ist alles organisiert . . Ein anderer spottete: „Streik, Dienstverweigerer. Sie rechnen nicht mit der Atmosphäre beim Ausbruch eines bewaffneten Konflikts. Sie rechnen nicht mit der Macht der Preße, mit der Er¬ schütterung, die wir in neun Zehntel aller Menschen mit Schauergeschi chten und Ereuelmärchen bewirken können, mögen sie noch so absurd und noch so schamlos dumm erlogen sein. Sie rechnen nicht mit der Spaltung der Arbeiterschaft. Die revolutionären Elemente haben bestimmt im Anfang des Krieges keinen großen Einfluß, erst unter den direkten Wirkungen . . . und dann: entweder — oder! Wir siegen oder — das andere ist Sache der feindlichen Vesatzungs- truppen. Wir werden uns auch hier zur rechten Zeit ver¬ ständigen. Hundertprozentige Irrsinns-Atmosphäre, mein 171 Herr! . . . Das verdient in Rechnung gestellt, einkalkuliert zu werden, mein Herr! . . . Nur wir, die Arrangeure, ein Prozent der Eesamtmenschheit, behält klar den Kopf. Denn wir sind darauf eingestellt, wir kennen die Vorbereitungen, für uns allein ist die Kriegserklärung kein Ueberraschungs- moment, wir allein wissen nur allzu genau — im Gegen¬ satz zu gewissen Sozialisten, Sie entschuldigen schon — daß die Produktionsmethode, die wir heute betreiben, und Krieg unbedingt zusammengehören, in ihrem Wesensgrund eins sind, und daß der sogenannte Friede nur eine Atempause ist... Wie lange eine solche dauert, das kann man nicht sicher prophezeihen... Wir geben für einen kommenden Krieg kein Datum an... Kurz gesagt: Träumen wir nicht den Frieden, sondern para bellum! Bereite den Krieg vor . . . „Hat schon Nietzsche gesagt: nur im Schatten des Schwertes —" „. . . . Wir dürfen ja wohl hoffen, Herr Professor, daß Sie nur außerhalb ihres Geschäfts so pazifistisch sich ge¬ rieren . . . Wenn der Krieg einmal da ist, verlassen wir uns darauf: Sie schreiben alles, was noch aus dem letzten Loch pfeift, k. v. . . ." „Eingeschlagen!" „Nun, das ja . . . Wir sind doch schließlich allzumal Patrioten. Kern-amerikanisch." Eine Pause trat ein . . . VI Berühmte Herrenreiter, Tennisspieler, Tänzerinnen, ein Arzt, monokelblitzende Herren vom demokratischen Nacht¬ klub promenierten schon auf und ab, eine Filmdiva zirpre am Arm des berühmten Relativitätstheoretikers vorüber, eine parfümierte Duftwolke durchschütterte die Luft. Die Kinoschauspielerin war raffiniert einfach gekleidet, ein gol¬ denes Kreuz im weiten Halsausschnitt, schwarze Seide. Sie hatte merkwürdigerweise den Spitznamen „Lola, das Kän¬ guruh". Eine andere hieß „Das Sardellenbrötchen", eine dritte „Der Vampir". 172 „Unterseeboote —" Grunzte ein hoher Geistlicher sehr bedächtig: . sind gewiß lieblos, unchristlich. Sie sind genau so ungerecht wie der Mammon. Gerade darum entsagen wir ihnen nimmer. Wir brauchen sie, wie wir ja auch nach Jesu eigenem Wort den Mammon brauchen sollen. Das ist eben das Schöne, daß wir bei dem allen das Wort Jesu für uns haben... Unsere Schuld wahrlich ist es nicht, wenn wir in der Vlutarbeit des Krieges auch die des Henkers zugleich mit verrichten müssen . . ." „Meine Herren! In der Tat! Der Mensch wurde über sich selbst hinausgehoben! Wenn ich mich an die Jahre des Krieges zurückerinnere: in der Tat: wir durften unsere Bilder dorther nehmen, wo die ewigen Sterne hangen... Wir sahen keine Vergangenheit mehr: wir waren das Schick- sal selbst... Wie das Wehen einer neuen Zeit, so ging ein Geist des gegenseitigen Verstehens und der gegenseitigen Hilfsbereitschaft durch die Menschenherzen. Und die vater¬ landslosen Gesellen haben ihre Pflicht erfüllt und sich darin in keiner Weise von den Patrioten übertreffen laßen . . Ein jubelnder Aufschrei hat die Herzen des Volkes durch¬ glüht, ein versöhnender Hauch hat sich über die Herzen des Volkes gebreitet. Darüber sind sich doch alle meine Freunde klar, ohne den Krieg wären die vielen demokratischen Frei¬ heiten in den USA. noch lange nicht erreicht worden. Ein solcher Sieges- und Friedenspreis ist der Opfer würdig... Das sage ich, trotzdem oder besser eben weil ich Sozialist bin . . ." „Ja, wirklich, es war aber auch ein heißes Bad in schwarzem Blut nach so viel feuchten Lauheiten von Muttermilch und Brudertränen dringend notwendig. Es war eine ordentliche Begießung mit Blut nötig. Vor allen Dingen: wir sind unserer zuviel geworden. Und der Krieg nimmt allemal eine Unmenge von Menschen weg, die nur lebten, weil sie eben geboren waren. Unter den Tausenden von Leichen, die im Tode vereinigt sind und sich nur noch durch die Farbe der Uniform unterscheiden, wie viele sind denn darunter, die man zu beweinen oder deren wir uns auch nur zu erinnern brauchten!? Ich wette meinen Kops, 173 daß ste nicht an die Zahl der Finger und der Zehen heran¬ reichen. — Man halte uns nicht zur Cemlltserschütterung die Tränen der Mütter vor! Zu was aber sind auch nach einem gewissen Alter die Mütter überhaupt noch zu ge¬ brauchen als zum Heulen!? Der Krieg nutzt außerdem der Landwirtschaft und der Neuzeitlichkeit. Die Schlachtfelder liefern für viele Jahre einen erheblich höheren Ertrag als zuvor ohne irgendwelche Düngemittel. Was für schöne Kohl¬ köpfe werden wir essen, wo die Leichen sich aufhäufen, und welche dicken Kartoffeln wird man einige Jahre später in den Gegenden ernten, wo die Leichenmassen der deutschen Infanteristen liegen. Wir wollen den Krieg lieben und ihn, solange er dauert, als Feinschmecker auskosten . . So dozierte ein Aesthet. Er war bekannt durch den Be¬ sitz einer reichhaltigen Porzellansammlung. Er selbst galt als Kraftnatur und bevorzugte von allen anderen Kunst¬ richtungen den Futurismus. Gegen einige Einwände, die namentlich von weiblicher Seite gemacht wurden, erhob sich sofort der Psychiater: „Sie müssen einsehen lernen, die Kriegskassandren beider¬ lei Geschlechts, daß es Demenz verrät, die Modefrage nach dem Frieden stoßzubeten. Krieg lernt man nicht an einem Tag. Der Krieg, bisher Reaktion auf Reiz, Ehrensache, Mittel zum Zweck: im Moment der Kriegserklärung wird er Selbstzweck. Und von da an, hoffe ich dringend, werden auch alle jene noch unerlosten amerikanischen Seelen, möglicherweise sogar die letzten Pazifisten, ihren Sündenfall erkennen, werden erkennen, daß ihre Ideale keine Reliquien sondern Relikte sind. Und die ganze Nation wird wie ein Mann den ewigen Krieg wiederfordern... Im übrigen: wenn es Sie interessiert: ich bin jetzt gerade bei einer Psychoanalyse der Arbeiterbewegung: die ununterbrochenen Klagen über die Unterdrückung der Arbeiterklasse durch die Bourgeoisie sind nichts weiter als die Sublimierung des Verfolgungswahns, und was die Losung „Proletarier aller Länder vereinigt euch" betrifft: so ist sie nichts anderes als der Klaffenausdruck der Homosexualität . . „Nein, was Sie sagen!" 174 VII Im Musik-Salon wurde inzwischen über Kunst debattiert. Ein Bücherschrank öffnete sich. Zuerst liebkoste man mit den Fingerspitzen die Einbände. Ein berühmter Kritiker drehte sich hin und her in der Mitte eines Kreises, wie ein Pfau, zwei sehr fett geratene Schauspielerinnen umwogten ihn, endlich schaufelte er sich durch die Fleischmassen hindurch, elastisch wippend. Den mit ihm Sprechenden ließ er nur sein Profil sehen. „Auch Sie hier, Herr Doktor!? . . . Ein wenig herausgeflogen aus der Studierstube?!... Nun, was macht Ihre Arbeit!?" „Ja, ganz richtig, was die Kriegsschuldfrage anbetrifft: mir fehlt in meinen Untersuchungen nur noch eine Minute im damaligen Leben des leider verewigten Zaren... Dann ist der Kreis lückenlos geschlossen ... Jeden Staatsmann habe ich wissenschaftlich gewissenhaft unter die Lupe ge¬ nommen... Ich kann aber heute schon Ihnen vertraulich versichern, die Unschuld der Entente wird einwandfrei be¬ wiesen ..." „Und korrespondieren Sie noch mit... na, ich meine den Verfasser von diesem Buch „Untergang des Abendlandes" oder so ähnlich..." „Gewiß. Gewiß. Eine renaissancehafte Cäsarennatur, gemästet an den von ihm selbst gezeugten Kadavern... Hat übrigens die Absicht über das „Große Wasser" zu kommen... Würde sich lohnen... Jemand, der es finanziell arrangieren würde, würde bestimmt, bei der großen Aus¬ sicht auf Erfolg, zu finden sein." „Das so wie so. Ist ja ganz nach dem Geschmack unseres Publikums..." „Man muß dem Volk die Wege zu Kraft und Schönheit weisen. Sport. Sport: das ist das in unserem Zeitalter gegebene Mittel dazu ..." unterbrach jetzt die Beiden ein dritter. „Vom Leben nach dem Tode" wurde jetzt gesprochen. „Ein aktuelles Thema sozusagen", schnauzte lemand. 175 Einige lächelten zwar skeptisch, sie erklärten sich für Agnostiker und Relativisten, aber die Jenseitsgläubigen gewannen unschwer die Oberhand. „Religiös zu sein ist modern. Außerdem liebe ich prin¬ zipiell nur religiöse Menschen. Haben Sie neulich nicht oas Bild des Kardinals im Journal gesehen! Ein feiner Kopf! Totschick." Die Filmdiva erinnerte sich daran genau. „Ueberwundener Standpunkt!" höhnte der Kunstmaler, der fest an einen persönlichen Gott glaubte, zu einem der Ungläubigen hinüber und entwickelte eine exakte Topo¬ graphie des Jenseits. Er ging zur Beschreibung der Hölle über, und kicherte satanisch, als er jedem Ungläubigen dort bereitwilligst sein Plätzchen zuwies. Der Kunstmaler bekannte gleich darauf dem interessiert aufhorchenden Zuhörerkreis nicht unbescheiden, er selbst be¬ finde sich im Zustand der Gnade, das regelmäßig gepflogene Gebet erwirke in ihm eine magische Kraft, Gottes Stimme sei auch heute noch ganz reell zu hören... Verlor sich aber gleich darauf in einem langwierig ausgesponnenem Traktat über das Wesen des Sündenreizes und über Luthers „For- titsr peccare" und schloß damit, daß dem Gläubigen alles erlaubt sei. Auf die Reue lediglich komme es an. Ein neukatholischer Universitätsprofessor wiederholte da¬ bei monoton: „Man muß sein Leben opfern . . . Für mich persönlich allerdings, das muß ich gestehen, wäre der Heldentod keine besonders Sache. Wer, wie ich, in der Entspannung lebt, wem, wie mir, das Leben leicht ist . . . Das Problem der Opferung umfaßt bei mir nicht solche materielle Bezirke..." Wieder war ein Wortstreit ausgebrochen. Ein Theosoph schlug sich mit einem Mystiker, ein Prote¬ stant mit einem Neukatholiken, ein Monist griff taktlos ein, und alles hielt sich plötzlich die Ohren zu und kreischte: „Ausgerechnet Darwin!" Und die Gesellschaft schlug unter Anleitung eines be¬ kannten Schauspielers jetzt einige prächtig gelungene Salto- mortalss in Geistreichigkeiten... Die Witze hüpften... 176 Aber schon ließ sich ein Sekretär des Auswärtigen Amtes hören: „Soll ich Ihnen, meine sehr verehrten Herrschaften, viel¬ leicht einmal schildern, wie das Volk in Wirklichkeit fühlt und denkt!? Ja!? Vielleicht jage ich damit auch den letzten Restspuk ihrer pazifistischen Jllustönchen zum Teufel! „Es handelt sich um die Lynchjustiz an Negern im Staate Ohio. „Stellen Sie sich bitte vor: eine Menge von 10 000 Per¬ sonen. Geballte Fäuste, blutunterlaufene Augen, Fluchen und Schimpfen. Mit Stöcken, Pechfackeln, Revolvern, Besen, Stricken, Messern, Scheren, Schirmen, Vitriol bewaffnet. Inmitten dieser entfesselten und immer wachsenden Truppe ein schwarzer Klumpen, einmal nach links, einmal nach rechts gestoßen, geschlagen, niedergetreten, zerrißen, blut- bedeckt, beinahe tot . . . Die lynchende Menge schleppt ihr Opfer, den Neger, mit sich. In einen Wald oder auf einen öffentlichen Platz. Dort wird er an einen Baum gebunden, mit Petroleum oder sonstigem Brennstoff be¬ goßen. Bevor das Feuer angezündet wird und seinen Körper erfaßt, wird ihm ein Zahn nach dem andern ausgeschlagen, werden ihm die Augen ausgerißen, wird ihm das Haar in Büscheln vom Kopf gerißen, wobei ganze Hautfetzen mit¬ gehen und ein blutiger Schädel zurückgelaßen wird. Der Körper wird derart geschlagen, daß kleine Fleischstücke Herumfliegen... Der Neger atmet noch; aber er schreit nicht mehr. Denn man hat ihm seine Zunge mit glühendem Eisen verbrannt. Der ganze Körper krampft sich zusammen wie eine Schlange, die halb zertreten wird, wenn man ihn von zwei oder drei Seiten zugleich mit glühendem Eisen versengt. Mit einem Messer wird ihm sein Ohr abge¬ schnitten... „Oh, wie schwarz er ist! Wie häßlich er ist!" kreischen die Damen, die ihm das Gesicht zerfleischen. „Man soll ihn anzünden!" schreit einer. „Nur langsam", fügt ein anderer hinzu, „nur hübsch langsam braten laßen, damit er nicht zu rasch stirbt, sonst hat die Sache keinen Witz." Der Schwarze wird geröstet, gebraten, bis der Körper schließlich fast verkohlt ist. Aber e i n Tod ist zu wenig. Darum hängt 12 177 man den Körper noch auf, genauer gesagt, man hängt das auf, was von feinem Leichnam übrig ist, und alle Zuschauer klatschen Beifall und rufen „Hurra"! Wenn die Menge sich an dem Schauspiel genügend satt gesehen hat, läßt man den Leichnam zur Erde fallen. Man schneidet die Stricke, mit denen er angebunden und gehenkt worden ist, in kleine Stücke, von denen jedes um drei oder fünf Dollar verkauft wird. Das sind Andenken, die Glück bringen, und um die sich die Frauen reißen . . ." Man schwieg auf diese Erzählung hin nicht lange. „Schauderhaft . . . Furchtbar . . ." „Das Urböse im Menschen, die Bestie, der Satan . .." „Ob es nun wahr ist, was Sie uns erzählt haben oder nicht... es war spannend erzählt, es prägte sich einem deut¬ lich ein . . „Nun, wir sind keine Nervenbündel... und wenn die Frauen sich ängstigen: inuliar taceat in ecclesia! Uebrigens: auch Weiber werden zu Hyänen, und wie der Krieg gezeigt hat, oft zu sehr brauchbaren . . . „Za, du meine süße Hyäne . . ." Man scherzte schon wieder. Der Neger war rasch vergessen. VIII Professor Snowden nahm indeß das Schlußwort: Eine Generalstabskarte war aufgespannt, auf der der Vortragende die einzelnen Positionen mit dem Stab auf¬ zeigte. „Ich werde jetzt versuchen, eine ökonomische Analyse des kommenden Krieges zu geben ... Es handelt sich dabei vor allem um die nichtkapitalistischen Absatzmärkte in China und Indien. England ist im Jahre 1925 so gut wie aus China vertrieben, so daß jetzt der Kampf zwischen den beiden siegreichen Mächten Japan und Amerika beginnt. China mit seinen 400 Millionen Einwohnern, von denen der größte Teil Kleinbürger sind, 820 Millionen in der Landwirtschaft, 178 die ste kleinbürgerlich betreiben, ein großer Teil von Klein¬ bürgern in den Städten, und Indien mit seinen 320 Millio¬ nen, darunter 217 Millionen in der Landwirtschaft: sind dir beiden großen Hauptbecken, wo wir noch Mehrwert realisieren können, namentlich nachdem sich der nichtkapitalistische Markt in Amerika und Kanada immer mehr verengt hat. In Amerika sind allein in den letzten 10 Jahren etwa 7 Millionen Farmer als Proletarier in die Städte ge¬ wandert. „Schon früh haben wir die große Bedeutung Chinas erkannt. „Das Vordringen unserer Standard-Oil-Compagnie in China, das Eindringen unserer amerikanischen Maschinen in China ist ein deutliches Zeichen dafür. Wir mußten unsere Zivilisationsbestrebungen aber auch militärisch fundieren. Die erste Periode war im Jahre 1899 der amerikanisch- spanische Krieg, in dem wir die Philippinen, direkt vor China, annektierten. In der zweiten Periode wird die Ver¬ bindung zwischen den Vereinigten Staaten und den Philippinen hergestellt, werden im ganzen Stillen Ozean feste Kriegsstützpunkte zu seiner Beherrschung, zur Vor¬ bereitung des weiteren Vordringens nach China, nach Ost- asien gemacht. Durch den Abkauf der dänischen Inselgruppe St. Thome, durch den Ausbau von Hawai, insbesondere durch den Ausbau des dortigen Kriegshafens Perl Harbour, durch Ausbau von Dutch-Harbour auf Alaska, nach dem Krieg durch die Besetzung und den Ausbau von Tutuila in der ozeanischen Inselgruppe und schließlich durch die Be¬ setzung und den Ausbau von Euam haben wir ein weites, großes Viereck geschaffen, das zur Vorbereitung von An¬ griffen bezw. Abwehr vorzüglich geeignet ist. Dieses große Viereck im Stillen Ozean erhält seine Rückenstützpunkte durch Kalifornien auf der einen Seite, durch den Panamakanal, und damit die Verbindung zum Atlantischen Ozean auf der anderen Seite. „Nun, und auf der anderen Seite steht Japan, das gleich¬ falls Anspruch auf China und Indien erhebt, und das immer stärker gleichfalls vordringen will. 12* 179 „Die Probleme des japanischen Imperialismus lasten sich auf zwei Hauptfragen zurückführen. Das eine ist selbstver¬ ständlicherweise die Frage des Absatzes seiner Ware, das andere ist das spezifisch japanische Probelm der Ueber- völkerung, und damit die Notwendigkeit der Ansiedlung und des Ausbaues seines Imperiums. Bereits 1919 hat Graf Komura erklärt, daß Japan verloren sei, wenn es ihm nicht gelinge, in einem Menschenalter Raum für 100 Millionen Menschen zu sichern und obendrein seine Auswanderungs¬ räume unter der Flagge zusammenzuhalten. „In Japan drängen sich auf einer Fläche, die etwa so groß ist wie die Deutschlands, dabei aber vielfach unbewohn¬ bar ist durch steile Vulkanberge, 78 Millionen zusammen, sein Geburtenüberschuß betrug in dem einen Jahre 1921 724 600 Geburten, während der Ueberschuß in den über 250 Jahren der japanischen Abgeschlossenheit von 1600 bis 1886 nur 900 000 betrug. Die plötzlich so starke Ausdehnung vor allem zwingt Japan, fremde Gebiete zu erobern, dort¬ hin die Mengen von proletarisierten Bauern und Proleta¬ riern zu übertragen. So hat Japan Korea besetzt und völlig zur japanischen Kolonie ausgebildet, so dringt es in China ein, in Indien, in Südafrika, so hat es sich vor allem schon in Kalifornien, in unserer direktesten Nähe, festgesetzt. Vor dem Erlaß unseres Einwanderungsverbots und auch jetzt noch steht Kalifornien vor der Gefahr eine japanische Kolonie zu werden. Bereits 1922 gab es 110 000 Japaner in Kalifornien, denen mehr als zwei Drittel des hoch¬ wertigen Weizenlandes gehören. „Nun die Frage der Rohstoffversorgungsmöglichkeiten Japans! „Während Japan selbst nicht reich an Kohle, arm an Eisen und Oel ist, ist China und Korea außerordentlich mit Kohle und Eisenerz versehen. Während man den japa¬ nischen Kohlenvorrat insgesamt auf etwa 1600 Millionen Tonnen schätzt, wird der chinesische auf 15 Milliarden Ton¬ nen geschätzt. Ebenso belaufen sich die chinesischen Eisenerz¬ vorräte auf zirka 45 000 Millionen Tonnen, während die Japans nur etwa 4000 Millionen Tonnen betragen. Das 180 Vordringen Japans in China, das bereits durch große Bin¬ dungen, durch große Beteiligung der Japaner an Eisen- und Stahlwerken vollzogen ist, droht für unseren Handel jetzt zur direkten Gefahr zu werden! Für England ist Japan bereits zur Gefahr geworden! Der englisch-japanische Ver¬ trag ist auch aus diesen Gründen nicht mehr er¬ neuert worden. Und die Errichtung der Singapore-Basis seitens England kann nur Japan gelten. Wir können daher wirklich von einer gelben Gefahr sprechen und die Gefahr eines kommenden Krieges ist damit ebenfalls in große Nähe gerückt." Da platzte die Nachricht herein: „Dempsey Knockout-Sieger nach zwei heftigsten an Ueber- raschungen reichen Runden über Firpo . . ." Der Lärm der Straße schwoll. Ein Menschenkatarakt. . . Frank und Thomas trieben steuerlos dahin durch die Nacht wie durch ein Traumland. . . „Mir ist es oft", sagte Frank zuerst, „als sei das Prole¬ tariat aller Länder, dieser Riesenmenschenmassenleib, mit magnetischen Strömen geladen und mitten hinein in ein Stahlgewitter gestellt, dazu ausgesucht, die Blitze, die sich aus der labyrinthischen Wirrnis dieser Gesellschaftsform entladen, auf sich abzuziehen... Ein wandelnder Blitzab¬ leiter . . ." „Nun heißt es aber für uns: mit zehnfacher Kraft heran an die Arbeit! Wir müssen gleich morgen zu einem wirk¬ lichen Resultat kommen! . . ." IX „Ich schlage vor", nahm die Genossin Green das Wort, „nachdem wir jetzt die ausführlichen Berichte der Genossen Morrow und Butler gehört haben, eine Resolution zu fassen und sie allen revolutionären Arbeiterorganisationen der Welt vorzulegen und dringend zur Annahme und zur Durchführung zu empfehlen. Auch der Genosse Bollefs von 181 der bulgarischen Sektion hat einige Bemerkungen gemacht, die wir berücksichtigen muffen. Wir Sozialisten Amerikas, als des Landes, das am weitesten fortgeschritten ist in der imperialistischen Kriegstechnik, haben demnach die Pflicht, auch in der Bekämpfung des imperialistischen Krieges führend zu sein und unsere Beobachtungen allen Sektionen mitzuteilen. Unsere Kommission zur Beobachtung der im¬ perialistischen Kriegsrüstungen hat gut gearbeitet, sie steht nach wie vor mit unseren illegalen Organisationen in engster Verbindung und wird sich weiter intensivst ihrer Aufgabe widmen. Die Resolution, die wir aufgesetzt haben, lautet: Einige wichtige Ergänzungspunkte zum Kampf gegen den imperialistischen Krieg „Zu dem Kampf gegen den imperialistischen Krieg gehört unmittelbar auch die möglichst genaue Kenntnis der Waffen, die in diesem Krieg aller Voraussicht nach zur Anwendung kommen werden. Wir müssen in unserer Aufklärungsarbeit unbedingt regelmäßig über den Stand der modernen Kriegs¬ technik konkret berichten können und auch von dieser Rich¬ tung her die Massen damit bekannt machen, was für sie ein kommender Krieg bedeutet. „Der Weltkrieg war eine Revolution für die gesamte Kriegstechnik. „Es läßt sich nun nicht leugnen, daß unsere gesamte bis¬ herige Antikriegspropaganda viel zu sehr auf den vorher- gegangenen Krieg eingestellt war, viel zu „konservativ" war und daß wir es nicht richtig verstanden haben, die experi¬ mentellen Ansätze der im vorhergegangenen Krieg entwickel¬ ten Kriegstechniken scharf herauszuanalysieren, ihre Weiter¬ entwicklung in der Nachkriegsperiode in aller Öffentlichkeit zu verfolgen und damit den entscheidenden Wendepunkt im Charakter der gesamten Kriegsführung überhaupt über¬ zeugend darzutun. Das, was gewesen ist, interessiert uns doch nur im Hinblick auf das, was ist, im Hinblick auf das, was sein wird. „Zn den wenn verhältnismäßig auch nur spärlichen Be¬ richten der Bourgeoisie über dieses Thema aber bietet sich 182 uns ein ungeheueres Agitationsmaterial dar, das, im ent¬ scheidenden Augenblick richtig eingesetzt, eine durchschlagende Wirkung auf die weitesten Kreise unserer Meinung nach ausiiben müßte. „Es gilt den Fortschritt der Militärtechnik in allen Ländern mit größter Sorgfalt zu verfolgen, um einerseits durch die Schilderung des Konkreten dem Proletariat ein Bild des kommenden Krieges in anschaulichster, lebenswirk¬ lichster Weise geben zu können und um andererseits durch die intensive Beschäftigung mit den Rüstungen in dieser Weise, durch ihr näheres Studium auf Grund der dabei gemachten Erfahrungen realere Anhaltspunkte für unseren Kampf gegen den Krieg zu gewinnen. „Wir amerikanischen Genossen ersuchen euch, Genoßen, schon heute auf dieser Basis eine großzügige Aufklärungs¬ propaganda über den chemischen Krieg zum 1. August dieses Jahres vorzubereiten. (Vorträge, Aufklärungsmeetings, Broschüren usw.) Vor allem aber auch mit Nachdruck darauf hinzuweisen, daß die polnische Regierung am 9. März 1925 das erste Mal im Klassenkrieg gegen revolutionäre Arbeiter chemische Kampfstoffe eingesetzt hat. Dies ist unseres Wissens das erste Mal, daß im Bürgerkrieg chemische Kampfstoffe angewendet wurden. Wir gehen wohl nicht fehl in der Annahme, daß es nur eine Frage der Schärfe in der Zuspitzung der Klassenverhältnisse ist, ob und wann das Gas auch im Bürgerkrieg allgemein seine Verwendung finden wird. Die Bourgeoisie spart bekanntlich nur des¬ wegen ihr bestes Pulver auf, um ihre Geheimnisse nicht vorzeitig preiszugeben. Es wäre aber äußerst verhängnis¬ voll für uns, uns darüber Illusionen zu machen und uns, wenn es einmal hart auf hart geht, auf einen solchen Kampf nicht einzustellen. „Wir fordern euch, Genossen, daher auf, alle das eure zu tun zur Konkretisierung unserer Methoden des Kampfes gegen den imperialistischen Krieg . . " „Wünscht einer der Genossen zu dieser Resolution das Mort?" 183 Der bulgarische Genosse meldete sich. „Genosse Bolleff!" Der bulgarische Genosse bemängelt vor allem, daß dis Resolution selbst nicht genügend konkret sei, die Konkretheit fordere, ohne selbst dieser Anforderung zu entsprechen. So hätte man auf den Abrüstungsschwindsl genau eingehen müssen, nachweisen müssen, daß Rüstungsindustrie identisch ist mit Farbstoffindustrie und daß die ungeheure Entwick¬ lung der chemischen Industrie gleichbedeutend ist mit der ungeheuren Aufrüstung, wie sie fieberhaft in allen Ländern betrieben wird. „Wir hätten am besten Amerika als Beispiel anführen können, das vor dem Krieg sieben chemische Fabriken besaß, nach dem Kriege bereits 118! Dann hätte man sagen müssen: daß alle schweren Giftstoffe Abkömm¬ linge der Farbindustrie bezw. der Heilmittelindustrie sind. So weiß im Zeitalter des Eiftgaskrieges der Arbeiter in der Fabrik nicht mehr, ob er ein harmloses Heilmittel, irgend¬ eine Farbe oder aber ein äußerst gefährliches Giftgas her¬ stellt. Hier enthüllt sich mit voller Schärfe die konterrevolu¬ tionäre Forderung der 2. Internationale, daß man bei Kriegsausbruch einfach den Krieg unmöglich macht dadurch, daß man keine Munition herstellt. Hier zeigt sich klar, daß diese Forderung nur dazu dient, das Proletariat von der Erkenntnis der unerbittlichen Notwendigkeit des Kampfes gegen die Bourgeoisie, des Krieges gegen den Krieg, abzu¬ halten. Wir müssen dabei in Rechnung stellen, daß man versuchen wird, die Belegschaften dieser Fabriken mit „zu¬ verlässigen" Elementen auszufüllen. Die Resolution hätte noch besonders Hinweisen müssen auf die Wichtigkeit unserer Betriebszellenarbeit in diesen Fabriken, auf unsere Zellen¬ zeitungen in diesen Betrieben . . ." Als zweiter meldete sich ein amerikanischer Genosse. In der Resolution sei die Tatsache nicht in Betracht ge- gezogen, daß die amerikanische Polizei bereits gegen soge¬ nannte Verbrecher ausreichend von Eashandgranaten Ge¬ brauch mache, daß man Gas in Gefängnissen gegen Meuterer verwende, ja daß man bereits Experimente angestellt habe, den elektrischen Kinrichtungsstuhl durch Gas zu ersetzen... 184 Abgesehen aber davon, hätte man auch formulieren müssen daß der Kampf gegen den imperialistischen Krieg eben gleichbedeutend ist mit dem Kampf um den Besitz der Pro¬ duktionsmittel. Daß der Kern der Sache der Besitz der Pro¬ duktionsmittel ist. Und daß das Entweder-Oder, Sozialis¬ mus oder Untergang in die Barbarei, in diesem Zusammen¬ hang zur höchsten Aktualität gesteigert, plötzlich eine ganz neue schlagartige Beleuchtung erhält. „Zweierlei scheint mir noch zu fehlen", fügte jetzt Genosse Morrow hinzu: „erstens daß alle Kampfmittel und Kampf¬ stoffe eben dadurch, daß sie uns bekannt sind, beweisen, daß sie von den einschlägigen Kreisen bereits längst aufgegeben find, und daß wir im Ernstfall bei weitem schärfere und ausgiebigere Kampfstoffe zu erwarten haben . . . Und dann: daß man mit allen Mitteln dem Unfug entgegen¬ treten muß, den zukünftigen Krieg utopisch durch allerlei phantastischen Schnickschnack wie Todesstrahlen und mecha¬ nische Polizeimänner zu verzerren, dadurch wird nur er¬ reicht, daß auch das bereits wirklich Vorhandene angs- zweifelt wird, und unsere ganze Kampagne sich leerläuft. Die Bourgeoisie allerdings hat das größte Interesse daran, diesen Dingen gegenüber die Methode der Camouflage anzu¬ wenden, d. h. Dinge, die sie nicht mehr verschweigen kann, durch Kombination mit blödsinnigem Ulk als harmlos und als unwirklich darzustellen. Das hätte meiner Meinung nach berücksichtigt werden müssen. . ." Damit war die Debatte über die Resolution beendet. Es wurde vorgeschlagen, als Kommentar zur Resolution zwei ausführliche Artikel anzufügen, der eine mit dem Titel: „Der zukünftige Krieg und die chemische Industrie der Welt", der andere „Die chemische Waffe im kommenden Krieg!" Diese Arbeiten sollten möglichst knapp gehalten, mit überzeugendem Tatsachenmaterial versehen sein und so präzis wie nur möglich formuliert werden. Mit der Ausarbeitung wurden die Genossen Frank Morrow und Thomas Butler beauftragt. 185 X Die Ereignisse überstürzten sich. Mancher der besten Kommunisten hatte das Tempo falsch eingeschätzt. Die Kriegsgefahr springt wie eine Springflut die Völker an . . . Die großen amerikanischen Flottenmnöver im Stillen Ozean begannen. Eine gewaltige militärische Demonstration gegen Japan . . . Sieben Monate lang sind die verschiedenen Schiffsein¬ heiten unterwegs. Pearl Habour auf Hawai: 12 Schlachtkreuzer, 6 Kreuzer, 56 Zerstörer, 6 Untersee¬ boote, 1 Geschwader Flugzeuge, 2 Flugzeugmutterschiffe: sind zum Angriff angesetzt. Minengürtel, mit Unterseebooten verseuchte Zonen, sperren Hawai ab. Ein einziger Feuer und Eisen speiender Krater ist Hawai . . . Je näher die Kriegsgefahr heranriickt, desto energischer betreiben die einzelnen Regierungen die Kommunistenver¬ folgungen. Die Revolutionsgefahr wächst. Alle kommu¬ nistischen Sektionen sind schon in die Illegalität gedrängt. Kommunistengesetze, Geheimerlasse zur Bekämpfung un¬ ruhiger Elemente durchwirbeln die Länder. Die Parlamente heben rücksichtslos die Immunität der kommunistischen Ab¬ geordneten auf. Die Demokraten regieren nur wackelnd noch auf den Krückstöcken rigorosester Ausnahmegesetze. . . Ueberall drängen die ausgebeuteten Volksmassen vor. Die Sozialdemokratien aller Länder spalten sich . . . Der Völkerbund beschäftigt sich mit der kommunistischen Gefahr. Ob ein „heiliger Krieg" gegen Sowjetrußland noch ein¬ mal die durch die verschiedensten Interessengegensätze zer¬ splitterten Kapitalisten aller Länder zusammenzwingt? 186 Man ist willens, die Austragung der Konflikte unter sich bis nach der Niederringung der „Roten Gefahr" aufzu¬ schieben. Der Bernichtungskampf gegen die Kommunisten wird im Weltmaßstab organisiert. Die Regierungen haben die Kommunisten offen außer¬ halb des Gesetzes gestellt, sind entschlossen, ihre Organisa¬ tionen wie Ratten auszurotten. Armee, Polizei, Miliz, Gruppen von Reserveoffizieren spüren alle bekannten Kom¬ munisten auf und ermorden sie . . . In Newyork findet der Hochverratsprozeß gegen Mary Green und 25 Genossen statt. Den Angeklagten wird zur Last gelegt, Giftgase fabriziert zu haben, Cholerabazillen und Eiftbakterien mit Hilfe bestochener Chemiker und Aerzte hergestellt zu haben, in solchen Mengen, um über Nacht halb Amerika damit zu vergiften. Drei Giftmorde seien bereits auf Konto dieser Organisation zu setzen, weitere Attentare u. a. auf Morgan, Ford usw. seien geplant gewesen, um¬ fangreiche Waffenlager mit Toluol, Dynamit, Nitroglyzerin usw. habe man entdeckt, sogar ausgedehnte Materiallager zur Herstellung von Bombenflugzeugen. Einzig und allein den mit einer Beamtenkorruptionsaffüre in Zusammenhang stehenden Ankaufsversuch von Unterseebooten zwecks Jn-die- Luft-Sprengung der amerikanischen Hochseeflotte bezog der Oberstaatsanwalt nicht in seine Anklagerede ein. Der eigentliche Träger dieser riesigen und nach allen der¬ artigen Prozessen eigentlich reichlich banal erscheinenden Komödie war ein außerordentlich gut funktionierender Spitzelapparat. Die Angeklagten wurden glatt der ihnen zur Last gelegten Verbrechen überführt. Jede Lücke der Beweisführung war restlos geschlossen. Verteidiger waren gewaltsam aus dem Sitzungssaal ent¬ fernt. Den Angeklagten wird das Schlußwort entzogen. Die Zeitungen heulen. Stoßen Warnungssignale aus. Der Tag der Urteilsverkündung naht. - - Man traut seinen Ohren nicht, man liest die Ueber- schriften der Extrablätter einige Male: „Mary Green und drei Genossen sind zum Tode ver¬ urteilt." Schon eine halbe Stunde darauf kommt es zu Zusammen¬ stößen mit der Arbeiterschaft. Am Abend wird der Generalstreik verkündet. Ganz Amerika ist plötzlich ein riesiges Grab. Die Menschen gehen leis wie auf den Fußspitzen. „Jetzt nur nicht nachgeben! Durchbrechen!" feixt das Gericht. „Man wird es uns sonst als Schwäche auslegen. Die Armee und die Flotte sind mobilisiert. Die Luftstreit¬ kräfte versehen zunächst noch den Aufklärungsdienst. Amerikas Lunge atmet nur mit viertel Kraft. Schlaff hängen die Muskeln herunter. Manche äußern: „Man hätte sie nicht zum Tode verurteilen sollen... Man soll keine Märtyrer schaffen... So erledigen... geschickt... Das stürzt uns in zu große Unkosten . . ." An Sing-Sing ist nicht heranzukommen. Schwere MGs funken in die Menschenmassen hinein . . . Während draußen die Kugelspritzen knattern, wird Mary Green mitgeteilt, daß morgen früh fünf Uhr das Urteil vollstreckt wird. Sie zuckt zurück, einen Augenblick... fern verrauschen die Salven. Es ist fünf Uhr früh. Mary Green wird einen langen zementgemauerten Korri¬ dor entlang in das „Todeskabinett" geführt. Sie singt mit leiser Stimme. Sie hört fern, fern, ganz fern als Antwort: „Wacht auf —" Eine zweite Stimme — Eine dritte — Die fernen Stimmen werden zum fernen Chor. Der ferne Chor wird zum Massengesang. Der Massengesang zum Orkan. 188 Mary Greens Blick sieht starr in die Ferne: Gewaltige Zeiten dröhnen heran, in denen der Mensch das Letzte, was er zu handeln und zu erdulden fähig sein wird, aus sich auspreffen wird. Groß und opferreich wie noch keine wird diese Zeit sein; grausam, niedrig und erbärmlich aber zugleich. Diese Zeit donnert, rast, knattert dahin, ein reißender Feuerstrom. Die Menschen: gestaltgewordene Leidensbrände entzünden sich an sich selbst. Das Gewölbe des Himmels schmilzt und tropft flüssiges Feuer, die Erde schäumt, wird Lava und fließt über die Horizonte ab. Und alle diese Menschen werden namenlos sein, tragen nur das Zeichen ihrer Klaffenzugehörigkeit an sich. Es gibt kein Menschendasein außerhalb der Klaffe mehr. Alles fühlt, denkt, ringt sich der Klaffe zu, kämpft sich bis ins Klaffen¬ innere hinein, kämpft auf Leben und Tod um das Wesent¬ liche, um den Klaffenkern. Das wird die Zeit sein, wo die Galgen und Hinrich¬ tungsmaschinen wieder öffentlich mitten auf den Plätzen der Städte errichtet werden. Von allen Seiten hupen die herrschaftlichen Automobile herbei. Die Herren und Damen der vornehmen Gesellschaft sind zahlreich vertreten. So viel Blut aber auf der Erde gibt es nicht, daß je sie ihren Blut¬ durst stillen könnten... Sie sind mit Operngläsern und photographischen Apparaten versehen, es ist, als wohnten sie einem großen Sportereignis bei. Auf dem Platz der Hinrichtung sind Reihen von Filmapparaten aufgestellt. O die einst so friedliebende Bourgeoisie: sie schwelgt heute in Orgien von Blutrache und sadistischen Greueln ohne Maßen. Die Polizeichefs werden nicht mehr für die Zuchthäuser arbeiten, nicht mehr für Krüppelheime und Obdachlosen¬ asyle, sondern für die Friedhöfe... Das wird auch die Zeit sein der Wiederauferstehung der Folter. Mit schweren eisernen Ketten wird man die Leiber der Gefangenen umschmieden. Das Schlagen mit Gummi¬ knüppeln, das Aufreißen der Fingernägel, Einschlagen von Nägeln in die Füße, Brechen der Körperteile und der 189 Rippen: das wird keine allzu groge Seltenheit mehr sein. Man wird die Gefangenen aus den Städten herausfahren, sie zwingen, ihre Gräber selbst zu schaufeln, sie bei lebendigem Leib begraben... Man wird nach raffiniert ausgeklügelten wissenschaftlichen Methoden die Qualen steigern, bis zum Wahnsinn des Gefolterten sie steigern und dann die Ge¬ ständnisse, deren man bedarf, Protokoll um Protokoll aus¬ pressen. Aber die Galgen reden eine Sprache, der Galgen, dis Hinrichtungsmaschine, die Folter spricht . . . Und der Galgen kreist. Kreist um Europa. Kreist durch alle fünf Welteile . . . Zn jeder Himmelsrichtung wächst riesengroß aus der Erde auf Galgen an Galgen. Der Tisch unter ihm ist umgeworfen. Der Leichnam an dem eingeseiften Hanfstrick, eine weiße Kapuze dem Kopf übergezogen, dreht sich jetzt langsam, schwingt hin und her wie ein Pendel . . . Und die Leichname unter dem Galgen, die Galgen selbst sprechen: „Hört es! Und lernt daraus! „Kein Erbarmen gibt es im Bürgerkrieg. „Kein Erbarmen. „Wer den Klassenfeind nicht hart zu schlagen versteht, der wird von ihm vernichtet . . . „Sie oder wir . . ." Mary Greens Blick sieht starr in die Ferne, während ihr im Beisein eines Dutzend braver amerikanischer Bürger noch einmal das Todesurteil verlesen wird. Vierzig wohlangesehene Bürger der Stadt Newyork nehmen an der Hinrichtung teil. Es dauert insgesamt drei Minuten. Schon ist sie auf dem elektrischen Stuhl festgeschnallt... ISO Spricht fest, und in den ledernen Bandagen noch einmal ein wenig sich aufrichtend: „Lenin ist tot. „Der Leninismus lebt. „Lenin lebt. „Wir in ihm. „Er in uns . . . „Es lebe die Welt-Re . . ." Sie bricht mitten im Wort ab. Drei amerikanische Untertanen stehen hinter einem Schirm. Jeder drückt auf einen Kontaktknopf. Nur einer aber löst den tödlichen Strom aus . . . Wo ein Polizist in den Arbeitervierteln sich noch sehen läßt, wird er abgeknallt. Jetzt gilt das Gesetz der Klaffen- rache . . . Drei oder vier Zeitungen können noch arbeiten. Sie sind von Regierungstruppen besetzt. Streikbrecherkompagnien sind dorthin beordert. Die Presse kläfft: „Ende der Giftmörderin." Bazillenmärchen und aben¬ teuerliche Easlegenden werden von neuem aufgetischt. Der Glaube daran aber ist im Volk Amerikas schon bedeutend erschüttert . . . Und Japan horcht nach Amerika hinüber mit gespannten Ohren. Der japanische Kriegsrat hat die Mobilisation angs- ordnet. Die Bankiers Amerikas erstarren. Es sind Menschenmasken, blutleer, wie gehauen aus Granit. „Das ist das Weltende.. Das ist Amerikas Untergang. ." Die Regierung ruft auf: „Amerikaner! Wahrt eure heiligsten Güter! Der äußere Feind... Laßt für die Zeit des Verteidigungskrieges gegen die gelbe Gefahr euere inneren Zerwürfnisse schweigen.. 1SI Regierungswechsel... Die neue Regierung ist bereit... Das Eesamtwohl der Nation erheischt... Auf zu den Waffen.. Die Geistlichen versuchten es im Auftrag der neugebilde¬ ten Regierung von den Kanzeln herab: „Auf! Söhne Amerikas! Dem Feind das Bajonett zwischen die Rippen gerannt! Im Namen Gottes..." Die Antwort der amerikanischen Arbeiterschaft ist ein einziges Kopfschütteln. Der Generalstreik geht weiter . . . XI Zn der Arbeiterpresse der ganzen Welt erscheint jetzt folgender Artikel: Die chemische Waffe im kommenden Krieg 1. Gaskrieg und Luftkrieg Das Gaskampfmittel wird erst durch das Flugzeug zu der furchtbaren Kriegswaffe. Flugzeug und Gaskampf¬ mittel bilden zusammen eine Einheit, die ausschlaggebend für die völlige Veränderung der Kriegstaktik und Strategie ist- Das Wesentliche dabei ist die Aufhebung der Front, damit auch die Aufhebung des Hinterlandes. Das Hinterland wird zur Front. Sehr deutlich und offen sprechen die Generäle aller Staaten es aus, daß das Hauptziel, das Angriffsobjekt des nächsten Krieges nicht mehr so sehr die Front, d. h. die sich vorwärts und rückwärts bewegende bezw. stillstehende Linie der feindlichen Armee ist, sondern dah vielmehr die Haupt¬ angriffspunkte die Großstädte, die Jndustriewerkstätten usw. sind, alfo, dah das Hauptgewicht auf die Vernichtung gerade jener Teile des Proletariats gelegt wird, die in den Produktionsstätten des Krieges beschäftigt sind, d. h. bei der neuen Form der Armeen, der größte Teil des Proletariats. 192 Hier zeigt sich bereits der Erundzug der veränderten Kriegstechnik. Die Anwendung des Gaskrieges, des Flug¬ zeugkrieges bedingen eine kleine Armee von Spezialisten, mit anderen Worten: im Zusammenhang mit der Ent¬ wicklung des Klaffenbewußtseins des Proletariats tritt immer stärker die Trennung des Proletariats von der Wajfe ein. Die Luftwaffe ist außerordentlich stark vermehrt worden. Die französische Heeresluftflotte z. B. verfügt über etwa 5000 Flugzeuge, davon sind 3000 startbereit. Zurzeit produ¬ ziert Frankreich 150 Flugzeuge monatlich. Man spricht vom Flugzeug nur noch als von einem fliegenden Geschütz, vom Gas als von mikroskopischen Geschossen. Die französische Indu¬ strie ist auf Grund der fortschreitenden Normungstendenzen so organisiert, daß im Ernstfall stündlich je ein Flugzeug hergestellt werden kann. . . Auf eine besondere Verwen¬ dung der Flugzeuge ist insbesondere aufmerksam zu machen: das ist der Bau von Spezialflugzeugen für Easverwendung, bei denen vermittels von in einem Röhrensystem angebrach¬ ten Düsen Gas auf die Erde gestreut wird. Durch die starke Abkühlung infolge des Ausströmens kühlen sich das Gas und die fein verteilten Flüssigkeitspartikelchen stark ab und senken sich wie ein feiner Nebel, wie Tau — daher auch der Name „Tau des Todes" — mit großer Schnelligkeit auf die Erde. Bei Versuchen im Jahre 1922 auf dem Schießplatz in Aberdeen in den Vereinigten Staaten wurde eine un¬ schädliche aromatische Flüssigkeit durch einen derartig ge¬ bauten Flieger herabgestreut. In weniger als einer Minure war der Geruch deutlich auf einer Fläche von über 50 000 Quadratmetern wahrnehmbar. Es sei noch darauf hinge¬ wiesen, daß seit langem bereits erfolgreich die Flugzeuge ohne Führer von der Erde aus gelenkt werden können. So berichtet bereits am 15. November 1923 die „Revue d'Artillerie" von erfolgreichen Versuchen mit automatischen Flugzeugen, die auf Entfernungen von 20 Kilometern ganz sicher, ohne Eingriffe des Passagiers durch funkentelc- graphische Lenkung geführt wurden. 13 193 2. DieEiftgasstoffe Heber die Eiftgasstoffe selbst bewahren natürlich die einzelnen imperialistischen Mächte völliges Stillschweigen. Die Wirkung eines Gasstoffes, der bekannt ist, wird dadurch entweder stark herabgesetzt oder überhaupt wertlos gemacht. Es ist äußerst wahrscheinlich, daß zu Beginn des nächsten Krieges oder in seinem Verlauf gänzlich neue Gasstoffe von bisher unbekannter Wirkung auftauchen. Das „Idealgas", nach dem die einzelnen imperialistischen Gruppen suchen, ist ein Gas, das durch keinen Sinn wahrgenommen wird, Gasmasken völlig durchtränkt, sofort tödlich wirkt und außerdem den Körper auch von außen her angreift. Diese „idealen" Bedingungen hat man gespalten und beschäftigt sich vor allen Dingen nunmehr mit der Suche nach zwei Richtungen hin: dem geruch- und geschmacklosen Gas, das absolut tödlich wirkt, und dem auch tödlichen Gas, das außerdem noch den Körper angreift. Das „Idealgas" für die erste Richtung ist das Kohlenstoffmonoxyd (LO), das bei der unvollständigen Verbrennung von Kohle entsteht. Dieses Gas ist absolut tödlich. Es scheint, daß es den Ameri¬ kanern gelungen ist, dieses Gas als Kriegswaffe zu ver¬ wenden. Das zweite Gas, das außerordentlich stark auf die Haut wirkt, ist das Pperite (Senfgas) und das Lewisit«. Wahr¬ scheinlich sind beide Sorten längst überholt, aber die neuen Mittel liegen in ähnlicher Richtung. Yperite und Levisite oder die ihnen ähnlichen Gase werden sich insbesondere in zerstörender Gewalt auswirken, wenn sie, was ohne Zweifel steht, auf die Industriezentren angewandt werden. War das Bewegen während des Krieges 1914 bis 1918 in durch Pperite vergasten Gebieten nur möglich, wenn man außer der Gasmaske noch eine be¬ sondere undurchdringliche Schutzkleidung trug, so mag man sich selbst die Wirkung dort vorstellen, wo in dicht ge¬ drängten Haufen, in Proletariervierteln, in Fabriken, dir Menschen leben, ohne daß sie mit den geringsten Schutz¬ mitteln ausgerüstet wären. Da gleichzeitig eine Rettung aus den vergasten Gebieten unmöglich sein wird durch die 194 ungeheure Ausdehnung des vergasten Raumes, so liegt offensichtlich die Vernichtung eines großen Teiles des Prole¬ tariats als zwangsläufige Folge vor. 3. Giftgase und chemische Industrie Besonders wichtig bei der modernen Gastechnik ist, daß alle diese schweren Giftstoffe Abkömmlinge der Farbindu¬ strie bezw. der Heilmittelindustrie sind. Es handelt sich daher für die einzelnen Länder nicht so sehr darum, einen möglichst großen Vorrat aufzuspeichern, sondern es geht bei den einzelnen imperialistischen Gruppen um die möglichst hohe Steigerung der Produktionsmöglichkeit. Wir haben infolgedessen eine außerordentlich starke Entwicklung der chemischen Industrie, die natürlich hohe Profite einheimst, hohe Unterstützungen vom Staate erhält. In den Vereinig¬ ten Staaten z. B. gab es 1914 sieben chemische Fabriken. 1918: 118 mit einem Kapital von LOO Millionen Dollar. Die Eesamtfarbenproduktion belief sich in den Vereinigten Staaten 1914 auf 6,6 Millionen Pfund, 1922 auf 64,6 Mil¬ lionen, 1923 auf 93,7 Millionen, so daß die Farbenproduk- tion in den neun Jahren auf mehr als das 14fache gestiegen ist. Gegen eine Einfuhr von 46 Millionen Pfund im Jahre 1913 wurden 1923 lediglich drei Millionen eingeführt, da¬ gegen 17,9 Millionen ausgeführt. In dem Zolltarif sind außerordentlich hohe Zollsätze für Farben festgelegt worden. Während England 1913 etwa 14 Prozent seines Bedarfs selbst produzierte, stellt es nach einem Bericht des Handels¬ amtes in Washington gegenwärtig 80 Prozent seines Ver¬ brauches selbst her. Die englische Regierung hat sich ver¬ pflichtet, ein Sechstel der Produktion selbst zu übernehmen. Die französische Produktion ist noch stärker gestiegen. Während Frankreich noch 1920 46 Prozent seines Ver¬ brauchs einführte, ist diese Einfuhr im ersten Halbjahr 1924 auf 5 Prozent zurückgegangen. Die Produktion hat sich demzufolge in diesen vier Jahren verdoppelt. Während Frankreich 1920 noch 7000 Tonnen jährlich produzierte, produziert es im ersten Halbjahr 1924 bereits 8000 Tonnen. Die Entwicklung in anderen Ländern ist ganz ähnlich. 13* 195 Diese schnelle Entwicklung der Farbenindustrie hat zur Ursache, daß die meisten Easstoffe entweder Zwischen¬ produkte von Farbstoffen sind oder daß die Farbstoffe (und Heilmittel) Ausgangspunkt für die Easmittel sind. So haben die Arsine, also die Reihe der Levisite usw., das gleiche Ausgangsprodukt wie das Salvarsan. Pperite und auch der andere Easstoff, die Levisite, haben ein gleiches Zwischenprodukt wie das vielgebrauchte Indigo. Das Phosgen und die Tränengase haben gleiche Zwischen¬ produkte wie die hellroten, blauen und violetten Farben. Die Pikrinsäure, Ausgangspunkt einer Reihe von giftigen Farben, ebenso wie sie in der Sprengtechnik angewandt wird, ergibt durch einfache Chlorierung das sehr schädlich wirkende Chlorpikrin. Aus dem Anilin werden gleichzeitig Pperite, verschiedene Anilinfarben und Heilmittel her¬ gestellt. 4. Giftgase und Proletariat Damit zeigt sich ein weiterer wesentlicher Zug des Eas- kampfes. Das Proletariat, das früher Panzerplatten, Kanonen, Sprengstoffe, Munition herstellte, kannte genau den Zweck der Fabrikation. Im Zeitalter des Eiftgas- krieges weiß der Arbeiter in der Fabrik nicht mehr» ob er ein harmloses Heilmittel, irgend eine Farbe oder ein äußerst gefährliches Giftgas herstellt. Hier enthüllt sich mit voller Schärfe die konterrevolutio¬ näre Forderung der Zweiten Internationale, daß man bei Kriegsausbruch den Krieg einfach unmöglich mache, da¬ durch, daß man keine Munition herstellt. Hier zeigt sich klar, daß diese Forderung nur dazu dient, das Proletariat von der Erkenntnis der unerbittlichen Notwendigkeit des Kampfes gegen die Bourgeoisie, des „Krieg dem Kriege", abzuhalten. Der nächste Krieg wird in der Hauptsache geführt werden gegen die großen Städte und gegen die Industriezentren. Das Proletariat ist in seiner Maste im nächsten Krieg an die Produktionsstätten gebunden. Der Hauptangriff richtet 196 sich gegen die Produktionswerkstätten, die verschärfte Be¬ deutung haben, da es in diesem nächsten Krieg auf die dauernde Produktion der Giftstoffe und der Flugzeuge an¬ kommt. Der nächste Krieg wird geführt werden von einer vom Proletariat losgelösten Spezialistengruppe mit Waffen, bei deren Produktion der Arbeiter nicht weiß, daß er Waffen herstellt. So erscheint das Proletariat zunächst getrennt und losgelost von der Waffe, aber in weit höherem Masi ist die Waffe wiederum dadurch in seine Hand gegeben, daß das Proletariat an den Stätten der Produktion von Kriegs¬ mitteln, die eine weit höhere Bedeutung gewinnen, in starkem Matz konzentriert ist. Damit wird die einzige Mög¬ lichkeit für das Proletariat, diesem kommenden Krieg zu begegnen oder ihn zu beendigen, klar sichtbar: nur wenn es die Leitung der Produktion in den Händen hat, nur wenn es den Betrieb besitzt, kann es die Produktion der Kriegsmittel verhindern. Daher wird mit erhöhter Not¬ wendigkeit die Umwandlung der kapitalistischen Wirtschaft in die proletarische vorzunehmen sein. Dies kann nur ge¬ schehen dadurch, daß die Bourgeoisie gestürzt und das Pro¬ letariat die Leitung der Produktion, die Macht überhaupt übernimmt. So verlangt die moderne Kriegsführung ihre schleunigste Beendigung durch die Umwandlung des Krieges in einen Krieg des Proletariats gegen die Bourgeoisie zu ihrem Sturze. Diese Kriegsführung verlangt schon vorher die Vorbereitung des Kampfes des Proletariats." XII Die Proletarier wußten nun, woran sie waren. „Das also hätten wir von diesem Menschen-Kehricht zu erwarten gehabt. Pfui Teufel! . . ." Ueberallhin flatterten die Flugblätter. Die Regierungen setzen Kopfprämien aus. Hilft nichts. 197 Das Geheimnis des kommenden Kriegs war enthüllt. Es war eine schreckliche Bewußtwerdung. „Wer ist nun der wirkliche Eiftgasfabrikant!? Wer rst der Bazillenmassenmörder nun in Wirklichkeit? . . ." Millionen knirschten vor Wut . . . „Wie stehts in Edgewood!? Können wir uns auf die Mannschaften der Bombenflugzeuggeschwader verlassen!? Sind die Arsenale in Ordnung!?" Die Nachrichten lauteten unbestimmt. Die Krise zog sich enger wie ein Strick um die Hälse ver Finanzmagnaten zusammen. Man hatte Verdauungs- und Schluckbeschwerden. Viele Hebel am Regierungsapparat funktionierten schon nicht mehr. Von vielen Stellen blieb vie Antwort aus. Eine rote Zelle ist in der Armee, hieß es. Die Panik fieberte empor. EBRO. Was ist EBRO.? Eeheimbund revolutionärer Offiziere... Den reaktionären Gewerkschaftsführern entglitt nun völlig die Bewegung... Mechanische Armeen ließ die Regierung aufmarschieren: Bataillone schwerer Tanks, Bataillone mittlerer Tanks, Brigaden mechanischer Artillerie, schwere ME.-Kompagnien. ... Man verließ sich auf die niederschmetternde psychologische Wirkung. Vergebens. Die Arbeiterschaft steht Gewehr bei Fuß. Wir sind gerüstet. Wir sind bereit, die Feuerprobe zu bestehen . . . Wir warten nur auf das Angriffssignal. Die Stellungen des Gegners sind genau bekannt. Es gibt kein Verhandeln mehr. Nun ist es klar: „Die Frage, die die geschichtliche Situation dem Prole¬ tariat stellt, ist nicht die Wahl zwischen Krieg und Frieden, sondern zwischen imperialistischem Krieg und Krieg gegen diesen Krieg . . 198 Wie bewegungslos ist in diesem Augenblick Amerika! Einige Muskelbänder nur spielen an ihm noch, wie im Starrkrampf. „Nieder mit dem Menschenschlachthaus!" gellt jubelnd eine Stimme. „Für heute und für immer!" Millionen Augen zucken nach oben. „Werden sie es wagen . . . Schicken sie uns die Flieger ... Und „Und „Werden die Unseren in Edgewood ihre Pflicht tun . . Kein Laut. Die Stadt ist wie vergletschert . . . Da. . . Dort stürzen sich schon im Sturmschritt Arbeiterbataillone Über den Platz — „Sprung auf! Marsch! Marsch!" „Wir haben mehr zu verlieren als nur unsere Ketten: wir haben die Zukunft der Welt zu verlieren!" Vorwärts! Auf drum! Los! Es kann beginnen! 198 6. Kapitel Der erste Mai Ein Brief. — Sonne über Schweizer Bergen. — „Gebt uns eine Partei!" Der 1. Mai: ein Welt-Kampftag! - Aufmarsch der „Vaterländischen Verbände". Rote Gegendemonstra¬ tion. — Provokateure an der Ar¬ beit. — Ein Blutbad. — Am Abend des 1. Mai. I Als Peter spät nachts nach Hause kam, fand er von seiner Mutter einen Brief vor. „Mein Lieber! Auf Deinen ausführlichen Brief will ich Dir antworten, indem ich Dir den folgenden Ausschnitt aus einer Zeitung schicke, die ich jetzt täglich lese. Diese Schilde¬ rung stammt von Eugen Levine, wie Du weißt, vom Münche¬ ner Standgericht zum Tode verurteilt und erschossen. Dieser Bericht ist auch meine Antwort auf Deinen Brief. Ich bin glücklich über Dich, Peter, Du hast den richtigen Weg ge¬ funden. Nun, nimm und lies!" Und Peter las: „Der Wind heult. In der kleinen Petroleumlampe flackert die Flamme, züngelt hin und her, biegt sich und beugt sich. Phantastisch tanzt der Schatten des Teekessels an den runden Wänden der Turmzelle. Auf der harten Pritsche liege ich, fest gehüllt in meinen Pelz, und lausche dem Liede des Windes. In den verrosteten Angeln knarrt das Fenster und ächzt. Die kleine Ratte, die mir sonst Gesellschaft leistet, graziös über den Tisch läuft und hin und her huscht, wagt sich heute aus dem Loch nicht heraus. Ganz allein bin ich heute. Starre zur Decke. Lasse müde den Blick über die Wände gleiten. Alles so bekannt. Die Namen an den Wänden. Kommentare der Nachfolger: „Ab nach dem Zucht¬ haus zu Smolensk", „Hingerichtet in Wilna" . . . Und da¬ neben immer und immer wieder: „Es lebe der Kampf", „Es lebe die Revolution." Der Wind heult und wieder flackert das Licht in der Lampe, wieder tanzen phantastische Schatten. Immer fester hülle ich mich in den Pelz, den sie mir gelassen haben. Es ist kalt in der Turmzelle. Schon ermüden die Augen und fallen langsam zu. Da plötzlich fahre ich auf. Draußen auf der eisernen Treppe höre ich Schritte und Kettengeklirr, Stim¬ men und Kommandorufe. Sie nahen in der Richtung meiner 203 Zelle. Unter mir verstummen sie. Dumpf dröhnend fällt in der unteren Turmzelle die eisenbejchlagene Tür ins Schloß. Wieder Stimmengewirr und stampfende Schritte. Dann wieder Stille. Nur der Wind heult. Der Fensterrahmen knarrt, die Flamme in der Lampe züngelt und flackert, und phantastisch tanzen die Schatten. Ich lausche angestrengt. In die Zelle unter mir haben fie einen „Neuen" gebracht. Wer ist es? Ein Fremder, ein Freund? Ein Genosse oder Krimineller? Was droht ihm? Der Galgen? Oder bloß Kerker? Ich lausche. Wird er nicht klopfen? Nicht seinen Namen nennen? Nein, es bleibt still. Nur der Wind singt sein Lied. Ich lege das Ohr an die Wand — alles still. Kein Laut. Vielleicht weiß er nicht, daß jemand über ihm sitzt. Ich nehme den Metallbecher und klopfe leise an die Wand: ta ta — tatatatata — tatata — leise, rhythmisch. „Kto wy?" — „Wer seid ihr?" Aber ich komme nicht zu Ende. An der Tür ein leises, schleichendes Geräusch. Schnell ist der Becher versteckt. Ich liege auf dem Rücken, mit verschränkten Armen, mit künstlich gleichgültigem Gesicht. Ich schaue nach dem Guckloch an der Tür. Ein entzündetes Auge richtet seinen Blick auf mich. Ich erwidere den Blick und fühle, wie etwas Feindseliges wider meinen Willen aus meinem Auge spricht. Da wird das Guckloch wieder geschloffen und an Stelle des Auges grinst hinter der kleinen Oeffnung die dunkle Metallplatte. Nun bin ich wieder allein. Mit dem Klopfen ist es heute nacht zu Ende. Sonst werde ich angezeigt. Uebrigens scheint der Neue das Klopfen nicht zu ver¬ stehen. Morgen muß ich versuchen, ihm das Klopfalphabet zuzustellen. Durch wen? Ich überlege. Denke an verschie¬ dene Kriminelle, die Zutritt zum unteren Korridor haben. Am einfachsten wäre es ja, den Brief durchs Fenster an einem Strick hinabzulaffen. Doch das ist gefährlich. Die Posten haben Befehl, zu feuern, sobald sich jemand am Fenster zeigt. Ich werde mit Butkewitsch sprechen. Der hat als Putzer zu allen Zellen unseres Korridors Zutritt. Viel¬ leicht kann er mir helfen. Es eilt ja auch nicht. Morgen 204 wird sich schon ein Weg finden. Ich schließe die Augen und versuche zu schlafen. Lange höre ich noch das Knarren des Fensters, lange höre ich noch das Heulen des Windes . . . Dann aber allmählich legt sich bleierne Müdigkeit wie ein Reifen um die Stirn, und ich schlafe ein . . . Langsam dreht sich der Schlüssel im Türschloß. Einmal, zweimal. Knarrend geht die Tür auf. Ekelhafter Geruch von Dutzenden von Paraschas (Eimern) schlägt vom Korri¬ dor in die Turmzelle. Ich öffne die Augen. Es dämmert kaum. Gähnend steht der Wärter in der Tür, nestelt am Gurt, steckt den Revolver zurecht. „Guten Morgen", „Guten Morgen". Klappernd mit den Holzpantoffeln auf dem steinernen Boden, klirrend mit den eisernen Ketten, läuft Vutkewitsch, der Korridorputzer, hin und her. „Guten Morgen." — Er läuft ans Fenster, reißt es auf und kühlend netzt die frische Morgenluft mir das Gesicht. Ich wende den Kopf zum Fenster, atme in vollen Zügen die Luft ein. Da gewahre ich im fahlen Morgenlicht auf dem Fensterbrett etwas Weißes: einen kleinen Zettel. Schnell sehe ich weg, damit der Wärter nicht der Richtung meines Blickes folgt. Doch er hat nichts gemerkt. Noch immer macht er sich gähnend am Revolver zu schaffen. Wieder klirren die Ketten und klappern die Pantoffeln: Vutkewitsch bringt die leere Parascha. Schnell wechseln wir einen Blick des Ein¬ verständnisses. Dann nimmt er die leergebrannte Lampe vom Tisch, und die Tür fällt dröhnend ins Schloß. Zwei¬ mal drehte sich der Schlüssel. Ich bin wieder allein. Einen Blick aufs Guckloch in der Tür: Nein, niemand. Ich nehme den Zettel vom Fenster. Ich erkenne die Handschrift, ein Genosse vom unteren Korridor schreibt mir: „Genosse! Gestern nacht hat man einen Neuen gebracht. Du kennst ihn nicht. Er sitzt unter Dir im Turm. Morgen wird er zur Hinrichtung transportiert. In unserer Zelle sitzen seine Freunde. Sie wollen ihm einen letzten Gruß senden. Jede Verbindung mit seiner Zelle im unteren Korridor ist ab¬ geschnitten. Versuche den beiliegenden Zettel zu ihm zu schaffen. Es sind letzte Abschiedsgrüße. Dank im voraus . . " Den gairzen Vormittag gehe ich in meiner Zelle auf und ab und überlege. Unten ist die Verbindung mit ihm abge- 205 schnitten. Es gibt nur ein einziges Mittel: Ich muß ihm den Brief durchs Fenster zustellen . . . Als ich um zwölf das Mittagessen in Empfang nehme, raune ich Butkewitsch zu: „Das Telephon!" Er nickt. Eine halbe Stunde später bringt er heißes Wasser für den Tee. Der Wärter bleibt in der Tür stehen. Butkewitsch macht sich am Tisch zu schaffen. Der Wärter wird ärgerlich. „Na, wirds bald?" Da beginnen zwei Kriminelle in dem Korridor Streit. Absichtlich, um den Wärter abzulenken. Laur schallen die Schimpfworte. Der Wärter geht hinaus. „Wollt ihr wohl Ruhe halten!" Butkewitsch benutzt den Augen¬ blick, zieht unter seiner Jacke ein Bündel hervor, wirst es schnell unter meine Pritsche und geht auch hinaus. Auf dem Korridor ist es wieder ruhig, der Wärter kommt zu¬ rück, läßt seine Blicke prüfend durch die Zelle schweifen und geht dann auch hinaus. Die Tür fällt ins Schloß, wieder knarrt zweimal der Schlüssel und wieder bin ich allein. Das „Telephon" liegt unter der Pritsche: ein langer Strick aus Fetzen von Bettüchern zusammengesetzt. Der Zettel ist in einer Spalte der Wand versteckt. Ich muß warten. Ein dreifacher Ring umgibt das Gefängnis. Innen im Hof Ge¬ fängniswärter und Feldjäger, draußen, vor der Mauer, Schutzleute. Gerade vor meinem Fenster — ein Feldjäger. Er muß es sehen, wenn ich das „Telephon" hinablasse. Doch ich habe Glück. Heute abend soll ein Feldjäger auf Wache kommen, der mit uns heimlich sympathisiert. Der wird schon ein Auge zudrücken. Und die Außenposten werden es nicht so schnell merken. Ich habe alles für den Abend bereit. Schreibe ein Klopfalphabet mit Erläuterungen, damit der Genosse wenigstens die letzte Nacht mit mir sprechen kann. Vielleicht hat er letzte Wünsche zu übermitteln, letzte Grüße . . . Es dämmert. Ich hocke auf dem Fensterbrett. Im Garten des Eefängnisdirektors, draußen, vor unserer Mauer, räkeln sich die Schutzleute. Innen im Hofe, vor dem Fenster, steht der Feldjäger. Sieht er mich nicht? Will er mich nicht sehen? Ich stecke die Hand zwischen die Eitterstäbe und lasse lang¬ sam das „Telephon" hinab. Unten baumelt der Brief. Nach meiner Berechnung muß er jetzt vor seinem Fenster sein. 206 Ich klopfe an die Wand, um den Genossen aufmerksam zu machen. Keine Antwort. Das Telephon baumelt im Winde. Vielleicht kann er es nicht greifen, weil es so hin und her geht. Ich ziehe das Telephon wieder herauf, beschwere es mit dem Metallbecher und lasse es hinab. Gerade gespannt hängt jetzt der Strick. Jetzt muß der Brief vor seinem Fenster sein. Ich klopfe mit dem Fuß auf den Boden, klopfe mit dem schweren Holzschemel. Laut. Er muß es hören. Aber unten bleibt alles still. Keine Hand greift nach dem Brief. Der Feldjäger wird unruhig. Er winkt mir und macht mir ein Zeichen. Ich soll aufhören. Ich beachte es nicht. Die Schutzleute an der Außenmauer haben es auch bemerkt. Laut tönen ihre Stimmen. „Hundesohn! — mach, daß du fortkommst vom Fenster!" Jetzt gilt es. Länger kann ich nicht bleiben. Gesehen hat man mich ja doch schon. Ich presse das Gesicht an die Eitter- ftäbe und rufe: „Genosse! Genosse! Warum nehmen Sie den Brief nicht?" — „Hundesohn! Wirds bald? Wir schießen!" Und schon greifen sie nach den Gewehren. Ich lausche — noch einen Augenblick, sonst ist es zu spät. Da dringt eine Stimme von unten herauf, stammelnd und klagend, leise und kraftlos, so leise, daß ich das Gehör anstrengen muß, um zu hören: „Eenos—se ... Ich kann ... den Brief . . . nicht . .. nehmen. Beim Verhör . . . hat man . . . mir . . . beide Arme... gebrochen. Genosse... leb wohl..." Leise und klagend tönt die Stimme und bricht plötzlich ab. Ein wütendes Winken des Feldjägers; die Schutzleute vor der Mauer haben schon angelegt. Mit einem Ruck reiße ich das Telephon nach oben und lasse mich vom Fensterbrett gleiten, verstecke alles schnell unter der Pritsche. Es ist höchste Zeit gewesen. Aufgescheucht vom Lärm, macht der Wärter auf dem Korridor seine Runde. Und jetzt schaut sein Auge durchs Guckloch. Aber ich liege schon auf meiner Pritsche aus dem Rücken mit verschränkten Armen und beruhigt geht er weiter . . - Nachts als es ganz still ist und draußen vor der Tür regelmäßiges Schnarchen ertönt, stehe ich auf und ver¬ brenne alles: das Klopfalphabet, die Erläuterungen und die letzten Grütze. 207 Rußig züngelt die Flamme zur Lampe heraus, ergreift das Papier und leckt gierig daran. Ein Häufchen Asche fällt aus den Tisch. Der Lind heult, fährt zwischen den Fenster¬ ritzen hindurch, und die Aschestückchen flattern durch die Zene: Das Alphabet, die Erläuterungen und die letzten Grüße. Unten aber sitzt der, dem sie galten. Am Vorabend seiner Hinrichtung. Mit gebrochenen Armen. Und niemand, der ihm ein letztes Abschiedswort sagen könnte. Der Wind heult. Unruhig flackert die Flamme. Phan¬ tastisch tanzen die Schatten. Am Fußboden bewegen sich zitternd Aschestückchen. Ich liege wieder auf der Pritsche. Hülle mich fester in den Pelz. Fröstle trotzdem. Schließe krampfhaft die Augen, beiße die Zähne zusammen. Im Ohr klingt immer noch leise und klagend die stammelnde Stimme: „Ich kann den Brief nicht nehmen, Genosse! Leb wohl!" * Es ging gegen Morgen. Peter las noch immer den Brief. „Dieser Brief soll eine Antwort sein . . . Sind denn auch ihr bei einer Voruntersuchung beide Arme gebrochen worden . . . ? Aber sie war doch nicht verhaftet. . . oder sollte das ganz anders gemeint sein, so vielleicht, daß . . ." „Ja, so ist es!" Nun kannte er plötzlich die Bedeutung der Antwort. „Zehn Jahre solch eines „Zusammenlebens", das war ihre Voruntersuchung, und jetzt ... Sie ist einfach ein körperlich und geistig gebrochener Mensch, und kann nicht mehr." Peter rieb sich den Schlaf aus den Augen und machte sich an seine Arbeit. — Und wieder strahlte die Sonne auf. Früher war es: die Stadt erwachte. Jetzt wacht sie Tag und Nacht. Alle Gegenstände ringsum — Kleider, Möbel, Häuser, Straßen, was es auch sei — sprechen laut und eindringlich im Frühlicht ihre stumme Sprache: 208 „Im Anfang war die Arbeit. Alle Waren, die heute produziert werden, sind geronnenes Menschenleid ... Da kleidest dich in Blut und Tränen. Was du itzt und trinkst: heitzt Menschenschweitz, ist Menschenbitternis... Du schwebst nicht in der Luft. Der Grund, auf dem deine Fütze stehen, was ist er anderes als eine Plattform gekrümmter Menschen- rücken . . .?! Unsichtbar eingegraben ist in alles, was dich umgibt, die Rune der Not . . ." So, so ist es, und nicht anders. — II Zur gleichen Zeit ging auch über den Schweizer Bergen die Sonne auf. Trotz, rot, schmetternd . . . Ein Horn blies. Die Kurgäste, in Pelze und Mäntel ge¬ hüllt, traten aus ihren Appartements und Prachtzimmern auf die Veranden und die Balkone des Hotels „Rigikulm" hinaus, um den Sonnenaufgang zu bewundern. Der Kurhaussaal unten wurde eben aufgeräumt, noch hingen Girlanden, Papierschlangen und bunte Lampions herum von dem Fest, das vorige Nacht zu Ehren der Ankunft der „Deutschen" gegeben worden war. Es war ein wildes, ausgelassenes Fest, an nichts wurde gespart, es glich einem Karneval, alle Teilnehmer hatten sich phantastisch kostümiert. Es waren die letzten Deutschen, die über die Grenze gekommen waren, bevor diese endgültig abgesperrt wurde. Auch der Landgerichtsdirektor Dr. Friedjung war unter ihnen. Er fungierte in den letzten Jahren als Untersuchungs¬ richter und war durch einige bedeutende politische Prozesse allgemein bekannt geworden. Die Zuspitzung der inneren Verhältnisse in Deutschland lietz es für ihn geraten er¬ scheinen, Deutschland zu verlassen. Seine vorgesetzte Be¬ hörde selbst riet ihm dazu. Er sollte sich im Ausland bereit¬ halten, bis sich die weitere Entwicklung der Lage besser Abersehen lietz. 14 209 Landgerichtsdirektor Dr. Friedjung, übernächtigt, den Mantel über, darunter noch im Maskenkostüm, stand, ab¬ seits von der übrigen Gesellschaft, am Rand der Felsen. Der berühmte Hofopernsänger Eugen Earu, eine etwas seitlich geratene Siegfriedsgestalt, sang eben zur Begrüßung der aufgegangenen Sonne eine italienische Arie. Als er mit einer geschwollenen Stimme endete, die wie der Bizeps eines Ringers klang oder wie Nackenspeck, klatschten die Zu¬ hörer begeistert Beifall. Es waren Politiker, hohe Beamte, Schauspieler, Tänze¬ rinnen, Filmstars, auch Literaten, Professoren und ähnliche Kulturträger darunter. Im gesamten neutralen Ausland schossen jetzt solche Kolo¬ nien deutscher Emigranten empor. Der Landgerichtsdirektor klingelte in Gedanken. „Wo bleibt heute nur der Gerichtsdiener mit der Akten¬ mappe!?" Dr. Friedjung war allein im Büro. Niemand war zur Stelle. Die ganze Alpenwelt glühte jetzt . . . Ein flammender Blutballon schwebte die Sonne am blau- dunstigen Eewölb herauf. „Auch die Zeitungen bleiben aus . . Und er sah auf die Uhr. Der Zeiger stand. Das Uhrwerk war abgelaufen. . . „Sehr verehrter Herr Dr. Reuchlin! Ich habe die ver¬ zweifelte Ehre, Ihnen, leider Gottes, mitteilen zu müssen, auch meinerseits Vater eines Sohnes zu sein, der . .setzte der Landgerichtsdirektor in Gedanken auf und knüllte da¬ bei hastig nervös in der Hosentasche seiner Maskenuniform an einem Brief herum, in dem ihm ein Kollege über die neueste Entwicklung Peters schrieb . . . „Verdammt!" Und sein ganzes Leben schrumpfte ihm plötzlich in einen Akt zusammen, Akt Heinrich Friedjung, er blätterte darin, dann schlug er die erste Seite auf und siehe da, darauf stand: 210 Versalien, Fraktur, wie früher „Im Namen des Volkes": Verlustliste." Namen standen der Reihe nach herunter, hinter jedem ein Kreuz. Andere Namen, dahinter: 8 Jahre Zuchthaus, 17 Jahre Zuchthaus, 25 Jahre Zuchthaus, lebenslänglich . . . Er zählte zusammen: 15 Kreuze, !S87 Jahre. . . Wieder sang der Hofopernsänger. Alle Kurgäste sangen im Chor: „Deutschland über alles . . ." Auch zu Dr. Friedjung drang der Gesang: „Damit steh und falle ich . . . Herrlich weit haben wirs gebracht . . . Dahin also ist es jetzt gekommen . . ." Es wurde schon warm, die Sonne brannte und die Schminke lief ihm dick vom Gesicht. „Das Untersuchungsverfahren gegen Friedjung Heinrich ist abgeschlossen", hörte er jetzt sich selbst sprechen. „Die Hauptvsrhandlung ist bereits eröffnet. Die Zeugenverneh¬ mung ist beendet. Das Plädoyer des Staatsanwalts be¬ ginnt: „und so stelle ich hiermit den Antrag auf Zuerkennung einer Strafe in der Höhe des gesetzlich zulässigen Mindest¬ strafmatzes und beantrage demnach. . ." Mit den Händen schob sich der Angeklagte Dr. Friedjung in ein Gebüsch hinein, setzte sich auf einen Stein und lächelte. „Der Angeklagte hat das Schlußwort." „Meine Herren Richter!" Der Angeklagte stand vom Stein auf. „Eigelb ist nun die Sonne. Die Sonne: ein Dotter. Und wenn man von dieser Tatsache ausgehend den Weltraum sich als etwas Atmosphärisch-Gläsernes vorstellt, dann... Ei im Glas. . ." Weiter kam er in seiner Betrachtung nicht. „Jetzt beginnt er zu simulieren", bemerkte irgendwer tm Zuhörerraum spöttisch. Die Richter erschienen wieder nach einer Sekundenpause. Alles erhob sich. „Das Gericht hat dem Antrag des Anklagevertreters stattgegeben und auf das gesetzlich zulässige Mindeststrafmaß erkannt, auf . . ." „Der Strafvollzug tritt sofort in Kraft." Aus der Tasche, in der er an dem Brief herumgeknüllt hatte, zog der Landgerichtsdirektor die Pistole hervor. „Schwarzblau . . . Prima Stahlware . . . Wie ein kleiner Monteur siehst du ja aus . . . Bist mein Söhnchen vielleicht gar selbst, heißt am Ende noch Peter, und bist wohl nun schon auch inzwischen zum klassenbewußten Proleten ge¬ worden!? . . . Wie dem aber auch sein mag . . . Dein alter Vater ist dir nicht lange mehr gram darüber . . . Mußte ja so kommen . . . Kann auch gar nicht anders sein . . Nun traten plötzlich alle die von ihm Voruntersuchten auf ihn zu, alle sie, die er nur in der einzigen Absicht vorunter¬ sucht hatte, um sie dem Henker zu überantworten: Gehängte, Gefallbeilte, die in der Untersuchungshaft meuchlings Er¬ mordeten, Kopfschüssler: „Im Namen des Volkes! Bitte . . ." „. . . über a—alles in der Welt!" schloß vielstimmig, hoch tremolierend die Schar der Kurgäste. Kreischend lachte der Landgerichtsdirektor auf. Durch alle Räume hindurch, wie aus einem Megaphon durch die ganze Welt schrie dieses Gelächter. Dann drückte er ab. Es tat wie ein die ganze Herzgegend tief durchdringender leichter Schlag mit der flachen Hand. — III Ein schluchtenartiges, von steilen Gefällen überschüttetes Gelände war diese Zeit. 212 Die Partei arbeitete sich hoch hinauf durch diese Zeit wie ein Traktor: die schwer keuchende Masse des Proletariats hinter ihm dumpf, wie eine aus Fleisch, Eisen und Rutz ge¬ knetete Wolke. Mit Blut, Tränen und Schweiß unlösbar ineinander ver¬ kittet, bewegte sich der Menschenmillionenknäuel der Aus¬ gebeuteten daher. — Die Partei war zu einer Kampfmaschine geworden. Absolute Starrheit, Festigkeit, Sicherheit in allem Prin¬ zipiellen, größte Biegsamkeit, Elastizität, Beweglichkeit, Manövrierfähigkeit in allem übrigen . . . Jeder hatte seine Funktion. Der Hydra der Korruption wurde rücksichtslos Kopf um Kopf abgeschlagen . . . Ein unermeßliches Kampffeld war zu übersehen. Die Fühler und Tastorgane der Partei reichten bis in den kleinsten Winkel hinein. Kein Verein, keine Vereini¬ gung gab es ohne rote Zelle. Die Betriebszellen wuchsen, fraßen wie reißend Feuer um sich, die Proletariermassen wurden wieder glühend . . . Die Fabriken wurden die Kasernen der Arbeiter, wurden zu roten Kampfarsenalen, zu roten Bollwerken . . . Die Sektionen der Komintern, eisern in sich gefügte, disziplinierte Organismen, krümmten und schlugen sich, stießen vor, wichen aus, nahmen hier den Kampf mit dem Gegner auf, bissen und rissen sich durch, zogen dort sich zu¬ rück; an einer anderen Stelle wieder ließen sie es nur beim Geplänkel. Millionenäugig war dieser Kampfkörper. Das Gehirn, ein einziger Erfahrungs- und Willensapparat, über Mil¬ lionen Muskeln, Arme, Herzen, Nervenbündel gebietend. Jede Schraube an diesem lebendigen Mechanismus war fest angezogen, jeder Teil bis auf den letzten Grad seiner Leistungsfähigkeit ausgenützt und gespannt . . - Die Partei hatte aus ihren Fehlern und Niederlagen ge¬ lernt, im Kreuzfeuer der Verfolgungen und der Illegalität 213 ward sie nur widerstandsfähiger und härter geschmiedet, jeder Prolet hatte seinen beträchtlichen Anteil an den tausendfachen Verbesserungen, die unter den erschwertesten Umständen in den letzten Jahren durchgeführt werden mutzten. Voll Stolz, Zuversicht und mit unerschütterlichem Vertrauen sah er auf seine Partei, auf seine Kampfführung: ein gewaltiges, aus Proletarierherzblut gewachsenes In¬ strument, das exakt funktionierende Hebelwerkzeug der sozialen Revolution. Das Proletariat war wieder auf sich selbst gestellt. Das Proletariat glaubte wieder an sich selbst. — IV Der Student Peter Friedjung und der Arbeiter Mar Herse waren beinahe zu gleicher Zeit in die Partei ein¬ getreten. Lene arbeitete sogar seit einem halben Jahr schon in einer Parteistellung. Peter verrichtete ganz selbstverständlich die Parteiklein- arbeit wie jeder andere. So hatte er auch binnen kurzem das Mißtrauen, das die Proleten zuerst ihm als einem Intellektuellen gegenüber hatten, überwunden. Man hatte ihn herzlich gern, er sprach immer nur ganz kurz in der Dis¬ kussion, aber alles, was er sagte, hatte Hand und Futz und war nicht aus dem Abstrakten her oder aus dem Licht¬ blauen gesogen. Zu berechtigt war dieses Mißtrauen gegenüber den In¬ tellektuellen, sah Peter immer mehr ein, die Intellektuellen sind zu schwach, zu beeinflußbar, treten häufig nur in die Partei ein, um dort unter einem anderen Vorzeichen die große Rolle zu spielen, und wenn man auf ihren verfluchten, meistens noch dazu eingebildeten Individualismus und ihre läppischen Eitelkeiten keine Rücksicht nimmt, dann ist es kaum mit ihnen auszuhalten. Immer heißt es da ihrem seelischen Differenzierungsquark Reverenz erweisen, dis Empfindlichkeit ihrer feinen Seelenplatte ist aufs höchste übersteigert, und bestimmt ist mindestens jeder dritte in 214 diesem Augenblick eine gekränkte Leberwurst. Aber für das alles ist kein Raum in einer bolschewistischen Partei. Man muß ihnen den Schädel ordentlich einboxen . . . Unzuverlässig. Unpünktlich . . . Mit solchen Menschen läßt sich eben rein schon gar nichts anfangen . . . Da begann wieder einmal einer jener Menschenart mit Peter anzubinden, einer der an der Peripherie der Partei Herumwimmelnden, für gewöhnlich „Sympathisierender" genannt, einer, der in alles hineinschmeckte, von außen her sich alles zu beurteilen anmaßte, und zu besten einträglichem Berufe es gehörte, alles, was es auch sein mag, an der Partei zu bemäkeln. Ein Groß-Nörgler, ein sympathisieren¬ der Gernegroß, einer, der die gesamte kommunistische Be¬ wegung am liebsten zur Deckung seines Erößenwahnbedarfs für alle Ewigkeit gepachtet hätte . . . Ebenso, wie er für sich selbst einen fanatischen Persönlichkeitskult beanspruchte, ebenso hinterhältig griff er mit Verleumdungen in der oder in jener Person die Eesamtpartei an, ging immer mit alarmierenden Gerüchten krebsen, trug jeder einmal auf¬ kommenden Panikstimmung gewissenhaft Rechnung und er¬ wies sich so in weitesten Jntellektuellenkreisen als ein zug¬ kräftiger Miesmacher. Er selbst rührte natürlich, mit den verwegensten Projekten zwar immerdar schwanger, in der praktischen Arbeit keinen Finger. „Und was sagst du nun, Peter, zu der Genossin Kramer! . . . Diese aufgeplusterte Kröte! Aber Geld hat sie immer, niemand weiß woher, und eine Villa hat sie sich auch ge¬ baut und sie trieft nur so von französischem Puder und Schminke ... Sie lebt offenbar mit drei Genossen zugleich zusammen ... Da gibt es Sowjetsterne bei ihr aus Schlag¬ sahne, hörst du, auf Kuchen, zum Geburtstag ... Aber wenn sie nur den Mund auftut: das raspelt herunter wie aus einer Vlechtrommel . . . Das ist ein richtiges antibolschewistisches Greuel . . . Wenn ich die schon sehe, da vergeht mir schon wieder die ganze Lust an der Bewegung . . - Schau dir nur diese Feldwebelin an, wie aufdringlich die herumguatscht, Phrasen, nichts als Phrasen . . . Man müßte ihr einmal 21S ordentlich den Hintern . . . Aber daß so etwas auch die Partei duldet. . . „Na, überhaupt die Partei! Sieh dir, Peter, einmal die Führer an! Hochwürden! Marx-Pfaffen! Euer organisa¬ torischer Leiter, dieser verknöcherte Bonze, bezieht er nicht zusammen mit seiner Frau ein doppeltes Gehalt? ... Ja, euere Führer verstehen sich zwar fürtrefflich aufs Kuh¬ handeln, aber nicht aufs Kämpfen. Haben sie die Situa¬ tion vielleicht ausgenützt!? Und die, und die . . . Und da soll wieder das und dort wieder jenes vorgekommen sein. Hast du nicht gehört, daß . . . Und übrigens neulich habe ich den Genossen Bittermann getroffen, sieht sehr schlecht aus, der mir erzählt hat, daß .. . und a^ch im Bezirk soll es ober¬ faul stehn . . . und R. und A. sollen aus der Partei bereits wieder ausgeschlossen sein, und von E. sagt man, daß er ein Spitzel sei, und L. soll zur SPD üüergetreten sein... Auch hab ich gehört, daß die Arbeiterkorrespondenzen von In¬ tellektuellen geschrieben seien, stimmt daran nicht was, und schau nur die Berichterstattung unserer Presse an . . . Im übrigen bitt ich dich, Peter, mach keinen Gebrauch von dem. was ich dir soeben vertraulich mitgeteilt habe. Ich möchte nicht haben, daß . . ." Am liebsten hätte Peter gleich dem Stänker den Rücken gekehrt. Aber er hatte Geduld gelernt und blieb ruhig. Sagte jetzt nur ganz sachlich: „Nun aber stopp, Stänker! Mach Schluß! Mich inter¬ essiert nicht, wessen Nase dir nicht gefällt!" Der Stänker platzte jetzt beinahe vor Erbitterung. Spie Gift und Galle. Nichts war ihm radikal genug, aber auf ein¬ mal schlug er wieder ins Gegenteil um, stülpte sich um, völlig haltlos warf es ihn von einem Extrem ins andere . . . Vom Abkillen und mißverstandenen Reformvorschlägen sprach er im selben Augenblick. „Eine heilige Sache fürwahr, für die sichs zu sterben lohnte, war vormals der Kommunismus! Was habt ihr aus dem schönen Kommunismus gemacht? Einen der Idee feindlichen Kloakenhaufen . . ." So schloß der Stänker seinen Wutausbruch. 216 ,,Daß du jetzt nur keinen Anfall bekommst, Stänker! Dir scheint ja eine Riesenlaus über die Leber gelaufen zu sein ... Aber, du entschuldigst schon, das, was du hier verzapfst, ist Quatsch mit Sauerkohl. Mir ist schon ganz speiübel . . Und ein schöner Misthaufen ist das, dachte sich Peter, was da alles ins Zeug schießt: Utopien, Ueberradikalismus, Vsr- söhnertum, Menschenliebe, dummdreiste Gehässigkeit: alles hübsch einträchtiglich chaotisch sprießt da beieinander. „Ist das wirklich, Stänker, deiner Weisheit letzter Schluß? Du tust mir ordentlich leid . . ." „Und was ist das mit der Kaltstellung Trotzkis? . . .", kläffte der Stänker noch . . . Während Peter versuchte, trotzdem dem Stänker noch einmal klarzulegen, was eigentlich eine Partei sei und wie er sie von seinem individuellen Standpunkt aus voll¬ kommen schief sehe, ja sie auch, da er ihr inneres Leben und ihre innere Gesetzmäßigkeit nicht kenne, völlig daneben be¬ urteilen und sie aus seinem ganzen blödsinnigen Ego¬ zentrismus heraus kindisch verzerren müsse. „Wenn sich einer wie du immer um sich selbst dreht, glaubst du, der bekommt eine richtige Uebersicht . . .? Die Umgebung erscheint dann natürlich unter einer individuell willkürlich verzogenen Perspektive." Und weiter erläuterte Peter, daß die Partei mit einer gewaltigen Filtriermaschine vergleichbar sei, in der jeder einzelne, ohne Rücksicht auf seine Funktion, ordentlich durchtrainiert und durchgeknetet werde und sicher in kürze¬ ster Frist bald auf einen Platz zu stehen komme, wo er letzten Endes seiner Begabung und Veranlagung nach hingehöre. „Sicher, es gibt Reibungen, muß solche geben, es geht nicht immer alles so glatt ab, aber wozu diese Verweichlichung, lernen wir nur ein wenig den Ellenbogen gebrauchen, man muß es dem anderen deswegen nicht gleich so krumm¬ nehmen. Die Korruption wird nie ganz auszuschalten sein, trotzdem, natürlich, sie muß aufs Aeußerste reduziert und darum auf das Heftigste, überall dort, wo sie auftritt, bekämpft werden: aber, die revolutionäre Bewegung, aus dem Schoß der kapitalistischen Gesellschaft geboren, trägt 217 deutlich die Zeichen ihres Ursprungs an sich . . . Das nicht begreifen heißt, von Dialektik auch nicht das geringste ver¬ standen zu haben . . . Und nun, mein lieber Gottlieb Jere¬ mias Stänker, treib es mit deinen Anschuldigungen nicht allzu toll, kühle dich ein wenig ab, verordne dir selbst eins kalte Abreibung, ich kann dir zum Schluß nur sagen: die Partei leistet heute wirklich, magst du es anpacken, wo du willst, positive Arbeit und daß es keine bessere Zentrale gibt als die, die wir heute haben, das ist gewißer als gewiß . . . Es gibt aber immer zweierlei Kritik . . . Na, Freundchen Stänker, du verstehst, was ich meine. . . „Und nun, mein Lieber, will ich dir noch sagen, was ich für eine Auffassung von einem Kommunisten, der diesen Namen zu recht trägt, habe. Schreib dirs, wenn dus kapiert hast, hinter die Ohren. Jeder Kommunist mutz wissen, daß er, wo auch immer: im Betriebe, in der Ge¬ werkschaft, in der Genossenschaft, nur dann voll seine Pflicht tun kann, wenn er in jeder Beziehung den Arbeitern ein Vorbild ist: der aufgeklärteste, gebildetste, geschickteste Ar¬ beiter in der Betriebsversammlung, der energischste, mutigste, klassenbewußteste dem Unternehmer, Direktor, Antreiber gegenüber; der eifrigste, aufopferndste Eewerk- schafts- und Genossenschaftsarbeiter, der sachlichste, posi¬ tivste, kampfbereiteste als Betriebs-, Eewerkschafts-, Es- nossenschaftsfunktionär, kurz, überall dort, wo er Arbeiter vertritt. Jeder Kommunist muß sich der Verantwortung für jede Aeußerung bewußt sein. Sachlichkeit, Pofitivitär, kritische Schürfe, Unerschrockenheit, glühender Hatz und kalter Verstand allen Bonzen gegenüber, Geduld, große Ge¬ duld allen andersdenkenden Arbeitern gegenüber, organisa¬ torische Fähigkeiten, Werben unter den Unorganisierten für die Gewerkschaften zur Verstärkung des kommunistischen Ein¬ flusses, Fähigkeit mit der Feder einfach, präzis, wirklichkeits¬ getreu umzugehen, Abstreifen jedes ziinftlerischen, spie߬ bürgerlichen, individualistisch verseuchten Geistes, jeder Art von luxuriöser Eehirnfatzkerei — das muß die Partei von jedem ihrer Mitglieder verlangen, und nur der, der diesen Anforderungen voll gewachsen ist, verdient den Ehrentitel eines Kommunisten." 2l8 Und Peter verabschiedete sich mit einem kurzen Ruck vom Stänker. Der rief ihm noch nach: „Bei Philippi sehen wir uns wieder! Denk an mich! Mit der Parole „Diktatur des Proletariats!" gewinnt ihr keinen Blumentopf. . Und hopste verbissen von dannen. Peter widerte es an. „Wozu nun diese lange Auseinandersetzung? Ein hoff¬ nungsloser Fall. So einer wird aus seinen Komplizierungen und seelischen Verkrümmungen heraus eines Tages noch zum Spitzel . . . Das Besondere, das Originale, das Inter¬ essante, das ist bei diesen sensationslüsternen, pseudodämo¬ nischen Jndividual-Säuen die Hauptsache! Nervenkitzel und Seelenschleim, mit einem tüchtigen Schutz „Gottes-Rummel" gemischt: diese Welt liegt hinter uns . . . „Komische Käuze! „Der eine lebt nach dem Motto: „Ich trinke nicht, ich rauche nicht, ich lebe vegetarisch: mein Kopf ward schon zum Kohlkopf..Ein anderer hat schon den Zustand des reinen Wurzelkauertums erreicht und ein dritter endlich, ein biederer Schmock von Stinnes Gnaden, wittert rote Morgen¬ luft, stellt sich um und fristet sein Dasein als feiste Revolu¬ tionswanze ... Lebendige Leichname sind am schwersten tot¬ zukriegen." — Auch der Inhaber eines kleinen Kramladens, Eugen Vrennessel, der „Heringsbändiger" genannt, erkundigt sich neulich eingehend bei Peter, meinte aber am Schluß ganz treuherzig: „Nur glaub ich nicht, datz Sie auf diese Weise es zu etwas bringen werden . . ." V Max und Lene satzen beieinander. „Und morgen ist der 1. Mai . . . Ach, Max, wenn ich an die Maifeiern bei der SPD denke, mir wird bei der Erinne¬ rung noch ganz übel . . . Die vielstimmigen schmalzigen 21S Männerchöre und die Reigentänze... Dieses ganze „Jupeidi Zupeida". Einmal haben wir sogar aufgeführt: „Sah ein Knab ein Röslein stehn . . Und dann die Umzüge: im Gehrock, die Angströhre aufgestülpt, den Zylinder, mit roter Schärpe um und die Blechmusik an der Spitze: Tschinda- rassa ... Es war wirklich ein schöner gemütlich-biederer sozialdemokratischer Bußbrüder- und Betschwesternverein... Ich bin froh, daß es jetzt gründlich aus ist mit diesen Spieß- bürgerparaden . . . Weißt du was, morgen wird es gro߬ artig werden. Der Aufmarsch! Der große Sprechchor! Die roten Frontkämpfer! . . . Aber es ist jetzt auch eine Zeit! In der ganzen Welt wird morgen das Proletariat aufstehen, wir sind wieder gewaltig mächtig und selbstbewußt ge¬ worden ... Es ist freilich eine Lust zu leben! . . „Ja, Lene, auch ich, wenn ich zurückdenke . . . Damals, bei den Sozialdemokraten ... Eine abscheuliche Erinnerung! . . Wir haben uns einfach verlaufen. Jetzt erst weiß ich richtig, wozu ich in der Welt eingentlich da bin . . ." „Ach, Max, ich bin ja auch so sehr glücklich . . ." Nun kam auch schon der Genosse Lange. „Na, ihr beiden! . . . Und du, Max, du Dr. Unblutig des Klassenkampfs! . . ." „Gut gehts, Wilhelm . . . Wir haben gerade von früher gesprochen . . . Was den Dr. Unblutig anbelangt: laß mich aus damit, mit dem, was gewesen ist, bin ich fertig . . . Strich darunter: und ich glaub, ich hab in den letzten Monaten meine Parteivergangenheit nachgeholt . . ." „Also: nichts für ungut, Max. Ich widme dir hiermit — wie es so schön in dem Bericht über eine SPD.-Vonzen- zusammenkunft heißt — einen Anerkennungsschluck! Prost!... Ja, Max, an den Heimweg von damals hab rch noch oft gedacht! . . . Halsstarrig wart ihr, dickschädelig . . . mich hats oft recht gewurmt und dabei in der Hand ge¬ juckt. Hätt aber damals auch nicht viel geholfen .. . Na, und was sagst du zu den Nachrichten über China, über dir amerikanischen Manöver, zu dem intensiven Wettrüsten!? .. Und hast du den Artikel über den Gaskrieg von den ameri¬ kanischen Genossen gelesen?! ... Ich glaub halt immer, wir 220 müssen schleunigst unsere Arbeit verdoppeln . . . Ganz ge¬ waltig scharf auf der Hut sein! . . „Was ich dazu meine!? . . . Wenn man bedenkt, wie wir 1914 ausgezogen sind: mit blanken Knöpfen an den Uni¬ formen, mit der Pickelhaube auf, meist noch ohne Ueberzug, und wenn man sich jetzt klarmacht, wie rapid schnell die ganze Kriegstechnik während des Krieges selbst sich ent¬ wickelt hat, und daß man sich allem Anschein nach auch nach Kriegsschluß nicht auf die faule Bärenhaut gelegt hat, son¬ dern weitergearbeitet und weiterexperimentiert hat, so muß man meines Erachtens schon ein ganz phantasieloses und borniert verblendetes Rindvieh sein, um nicht einzusehen, daß ein kommender Krieg eine ganz höllische Sache sein wird, mit der verglichen der vorhergegangene Krieg sich noch wie eine harmlose Holzerei ausnehmen wird . . . Und daß wir Proleten dabei eine wesentlich andere Rolle spielen werden, die Regie hat uns gleichsam die Statistenrolle über¬ tragen, nur haben diesmal eben die Statisten ganz und gar allein den Hauptdreck auszufressen . . ." „Das weißt du ja auch schon, daß morgen die vaterländi¬ schen Verbände aufmarschieren wollen. Da wirds wieder ein „Gloria! Gloria! Victoria!" gröhlen, wenn wir Pro¬ leten ihnen nicht ordentlich diesmal das Maul verstopfen... Auch die Polizei liegt in erhöhter Alarmbereitschaft. Truppen sind um Berlin konzentriert. Man wird uns pro¬ vozieren wollen . . . Also: Vorsicht! ... Es sind auch von der Zentrale dahingehend entsprechende Vorkehrungen ge¬ troffen worden ... Na, wir sprechen uns ja morgen früh im Lokal noch . . . Gute Nacht beieinander! . . ." VI Max überlegte sich noch einmal den Artikel über den kom¬ menden Krieg. Keine Uebertreibungen, sagte er immer wieder zu sich selbst. „Natürlich, es ist wahrscheinlich: zuerst geht es schon noch mit Tanks und mit Brisanz und nnt Dreadnoughts los. Die Vombenflugzeuggeschwader mit Easmunition: das ist sozusagen der Clou. Der neue Krieg wird kein hundertprozentig reiner chemischer Krieg sein, auch 221 hier gibt es Uebergänge, Variationen, Kombinationen wie überall, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist tief mit¬ einander verfilzt, das ist knorpelig ineinander verwachsen und löst sich nicht so abrupt von einander los . . . Earrze Industriegebiete werden zwar gegen die Sicht der Flieger eingenebelt werden. Aber andererseits gibt es auch bereits Apparate, mit denen man von über 3000 Meter hoch ge¬ naueste Standortfeststellungen machen kann. Die Einnebe¬ lung wird also wenig Zweck haben. Nur als Vertröstung, als Veruhigungsmittel im ersten Augenblick . . . Und dis, die das Geld dazu haben, werden natürlich die Gefahrenzone schleunigst verlassen und sich auf dem Land in Sicherheit bringen ... Ja, wenn es in der Macht der einzelnen impe¬ rialistischen Gruppen läge, ich glaube ihren flennenden Ver¬ sicherungen gern, der Krieg ist heute bei dem hohen Stand des Klassenbewutztseins des Proletariats ein großes Risiko und sie möchten natürlich am liebsten den Krieg ver¬ meiden . . . Aber das System, dessen Gesetzmäßigkeit sie treibt und zum Handeln zwingt, ist stärker als ihr Wille . . . Sie müssen, ob sie wollen oder nicht . . . Und für die Arbeiterschaft heißt es diesmal endgültig: verrecken oder kämpfen. Etwas anderes gibt es gar nicht . . . Ich glaube aber auch nicht mehr, daß einer der unseren noch auf die pazifistischen Schwindeleien hereinfällt ... An diesem Schmus hat sich heute die Mehrzahl der Menschheit bereits ordentlich überfressen ... Ein deutlich hörbares Bauch¬ grimmen geht durchs Land ..." * Es war am Vorabend des ersten Mai. Wie ein gewaltiger atmosphärischer Druck so drückte es auf die Stadt herein. Alles war noch „verdeckt", da und dort an den Straßen¬ ecken sah man Gruppen von Menschen, die debattierten, die einen oder anderen begrüßten sich mit „Rot Front!" oder mit „Heil!", die Läden waren überfüllt, vor Lebensmittel¬ geschäften stand man Polonaise, in langen Windungen kroch vor den Brotgeschäften die Schlange der Hausfrauen. „Wie einst im Mai . . . Zn unserer herrlich großen Weltkriegszeit nämlich . . ." 222 Line Abteilung Motorradfahrer der Schutzpolizei durch¬ knatterte jetzt die Straße, ein Tank manövrierte quer über einen Platz . . . Die ganze Stadt rüstete. . . Sie war wie ein unsichtbares Kriegslager . . . „Au Backe!" entfuhr es Max beim Anblick eines KamH- wagens. Der trug in weißen ungelenken Buchstaben den Namen „Totila", vorne an der Motor-Haube einen Toten¬ kopf. „Eine geballte Ladung Handgranaten darunter, und wie ein Kartengehäuse klappt diese ganze Stahlschachtel aus¬ einander. Auch abblocken oder, was schon vorgekommen sein soll, ein wohlgezielter Schuß eines Scharfschützen durch den Sehschlitz: auch damit wird der Bursche zu erledigen sein. Aber trotzdem: so ein Kerl schlaucht einem gewaltig . . . Das psychische Moment dabei ist das Wichtigste . . ." Die Nachricht kam: Eine Erwerbslosendemonstration ist in der Linienstratze von der berittenen Hundertschaft zur besonderen Verwen¬ dung gesammengehauen worden. Tote. Viele Verletzte . . . Auch Plünderung von Lebensmittelgeschäften im Norden der Stadt. Offenbar: Provokateure an der Arbeit. Ein Auf¬ ruf der Regierung kam heraus mit Amnestieversprechen, Ankündigung ausreichender Lebensmittelzufuhr im Lauf der nächsten Tage, mit einem ausführlichen Dementi aller Kriegs- und Krisengerüchte. „Einigkeit macht stark. Unsere Stärke beruht in unserer Einigkeit." Solche und ähnlich bereits historisch sattsam bekannte Flausen, von denen kaum noch jemand Notiz nahm, wenn nicht mit einem bissigen Witz, ließ der damalige Reichspräsident tagaus taget» wieder durch die Presse austrompeten. . . Die ganze Wirtschaftslast lag auf den Knochen der Ar¬ beiter. Mit den Knochen der Arbeiter wurde gezahlt, die Knochen der Arbeiter selbst wurden zu einem Spottpreis an ausländische Finanzcliquen verschachert, an allen Ecken und Enden Händerangen und feilschten kreischend die Finanz¬ magnaten: „Knochen her! Wir brauchen Knochen! Knochen!" Alle Klassenkräfte befanden sich damals in einer ununter¬ brochenen Bewegung, ein steter Fluß, jeder Tag brachte eine 22Z neue Situation, ganze Eesellschaftsschichten tauchten plötzlich unter in einem jener gespenstischen Krisenwirbel, wie sie damals an der Tagesordnung waren; das alles wechselte und veränderte sich im Laufe einer Stunde. „Nichts steht fest. Nicht einmal das." Aus dieser Stimmung heraus kam es oft genug zu Selbst¬ mord und Wahnsinn. Lohnkämpfe. Teilstreiks. Ueberall Ansätze zu einer Massenaktion. Ueberall Ausbrüche der Volkswut. Eine elementare Verzweiflungswelle fegte über ganze Landes» teile. Die Frontlinien des bevorstehenden Kampfes zeichneten sich immer deutlicher ab. Es drängte an vielen Orten bereits stürmisch zur Entscheidung. Die einzelnen Führungen hielten noch zurück . . . Die meisten Menschen blieben in dieser Nacht zusammen. Viele gingen, trotzdem die Regierung teils pathetisch¬ beschwörend, teils energisch drohend dazu aufforderte, nicht von der Straße. — VII Draußen vor der Stadt war ein warmer Frühlingstag. Der Wind fegt übers Land. Das Gras fließt . . . Kolonnen von Landarbeitern marschieren stadtwärts. Auf allen Wegen Landarbeiterkolonnen, sie tragen rote Fahnen, singen: „Wacht auf . . Ein alter Bauer sitzt, an der Pfeife nagend, vor seiner halb verfallenen Hütte: „Bravo, Jungens, machts gut! . . . Dann baut ein neues Dorf auf, das alte ist ja so zu nichts mehr zu gebrauchen ... Bevor dieses Jahr das Korn in die Scheuer fährt, wird die Erde noch viel Menschenblut in sich hineinstürzen. Meine Hand ist trocken. Der Boden hitzig. Das bedeutet Menschen¬ blut . . . O, das sind Zeiten. . ." 224 „Recht so, Alter!" schreien ein paar junge Burschen zu ihm herüber: „Nur den Mut nicht verlieren! Wir schaffens schon . . Der ferne Dunstschleier zerreißt. Näher rückt heran Lis Stadt. Wie ein noch schlafendes Steinungeheuer liegt ste da, die Vororte inmitten breiter Flächen Grün wie Tatzen. Kein Fabrikschlot raucht. Keine Kirchenglocke läutet. . . Eine Pappelallee zieht sich am Horizont hin, wie eine Reihe schwarzschwälender Flammen . . . Ganze Stadtteile sind seit dem frühesten Morgen von Polizei und Militär abgesperrt. Die sämtlichen Zufahrtsstraßen zur Stadt sind durch Panzerwagen und Maschinengewehrabteilungen gesichert. Erkundungsflieger kreisen hoch in der Luft. Die Eisenbahngleise entlang streifen Militärpatrouillen. Ein Panzerzug rangiert: jetzt gibt er Volldampf und heult der Stadt zu. Immer wieder werden die Landarbeiterkolonnen abge¬ drängt. Es wird schon gegen Mittag. Unruhig kreisen sie um die Stadt. Sie müßen durch — Im Südosten brechen sie endlich herein. Dort find die Arbeiterbezirke. Von den Offizieren der Absperrungskommandos wird der Befehl zum Feuern gegeben. Viele Soldaten schießen nicht. Viele halten in die Luft. - Die Offiziere werden an die Wand gedrückt. Gewehre und Bajonette zerbrechen . . . Die Absperrungskommandos sind überrannt. Laut singend, geschloffenen Zugs, marschieren die Land¬ arbeiter weiter . . . Aus jeder Straße strömt jetzt ein neuer Zug. „Des Volkes Blut verströmt in Bächen", singen die einen. 15 225 Die anderen: „Bolschewisten! Bolschewisten! Edelste der Kommunisten!" Auf den Ballonen beugen sich Menschen herab, in die Hände klatschend. An den Straßenecken begrüßen die Mar¬ schierenden große Menschengruppen im Chor: „Rot Front! Rot Front! Rot Front!" Es trommelt. Es pfeift. Trompetensalven schmettern darein . . . Das Militär wird zurückgezogen. Hie und da fern am Straßenende steht man noch einen Panzerwagen davonrattern. In den Flanken ist der Arbeiterzug durch Radfahrerabtei¬ lungen gesichert. Auf den Dächern sind Arbeitertrupps aufgestellt, sie winken mit den Mützen. Ob die Regierung im letzten Augenblick noch ein Ver- sammlungs- oder Demonstrationsverbot erlassen hat, ist nicht mehr in Erfahrung zu bringen. Die ganze Stadt ist ein gewaltiger, roter Menschenwirbrl. Frauen mit roten Kopftüchern. Der Jung-Spartakus- Bund. Greise. Witwen und Waisen. Aber es marschiert auch ein Frauen-Regiment auf, genannt „Regiment Rosa". Hell schmettert Gesang aus ihren Reihen . . . Auf den Asphaltstraßen der Stadt dröhnt daher ein roter Menschenmassen-Orkan. Da marschiert an, langsam und immer wieder stockend, der Zug der Kriegsopfer: manche werden auf Bahren ge¬ tragen, die meisten humpeln sich mühsam vorwärts auf monoton klappernden Krückstöcken, da ist die Abteilung der Erblindeten, hier die der Armlosen, hier die der Beinlosen, hier sind welche, die nur einen gliederlosen Rumpf noch ihr eigen nennen. Hier werden Tafeln getragen: „Wir sind das ABC des Kriegs!" Oder: „Krieg dem Krieg!" Oder: „Pro¬ letarier, gedenkt des imperialistischen Kriegs!" Ohne Musik marschiert der Zug. Ein Skelett an der Spitze, mit der Zahl: 13 Millionen Z26 Die Straße erstarrt. Die Häuserpforten erstarren. Jedes Wort gerinnt im Mund. Das Leben friert... Es ist großes Schweigen. Schweigend marschiert der Zug. — Zm Westen der Stadt sind die vaterländischen Verbände aufmarschiert. Zn straffester militärischer Disziplin. Die Mannschaften find außerordentlich gut und modern singekleidet. Sie haben den Sturmriemen umgeschnallt. Feldflasche und Brotbeutel. Viele tragen den Stahlhelm. Pistolen. Auch Leinwandsäckchen mit Eierhandgranaten. Eine Unzahl Autos und Lastkraftwagen stehen ihnen zur Verfügung. Zn einer Autogarage befindet sich ein Waffenlager. Dort in einem Bankhaus eine Befehlsstelle. Nach überall hin durch Kuriere verbunden. Eine Feldtelephonleitung wird unter besonderer Sicherung jetzt nach vorne gelegt. Die Spitzentruppen setzten sich unauffällig in Bewegung. Der Westen ist tot, ausgestorben. Zalousien und Läden sind Heruntergelaffen. Nur wenig Menschen zeigen sich noch . . . Wo überhaupt noch Verkehr ist, kann man immer mit ziemlicher Sicherheit ein Munitionsdepot oder eine Reservestelle vermuten. Ein grauhaariger Spitzbart instruiert an einer Straßen¬ ecke nochmals seine Gruppe: „Treudeutsch!" schließt er seine Instruktion. „Allewege!" schnarrt es ihm zurück. Die deutsche Kriegsflagge weht. Schwarzweißrot. Haken¬ kreuzstandarten. Trommler, Trompeter, Pfeifer. Die Eichenstöcke, mit eisernen Spitzen versehen, schultern sich- „Achtung!« ,F)hne Tritt! Marsch..." Parole: „Baltikum." 15* 227 „Die Vöglein im Walde. . „Das Flaggenlied." Die Gesichter unter den Stahlhelmen sind hartkantig, erdig. Zum Aeußersten entschlossen. — Die Kasernen der Schutzpolizei und des Militärs werden durch Stacheldrahtverhaue abgesperrt. An der Bannmeile ist eine mechanische Barrikade aus einem Geschwader Panzerwagen und gepanzerter Lastkraft¬ wagen errichtet. Festen Schritts marschieren dort stundenlang die roten Bataillone vorüber. Es wird gegen 3 Uhr nachmittags. Zu Zusammenstößen ist es nicht gekommen. Kleine Zwischenfälle, nicht der Rede wert. Auch von den „Vaterländischen" ist weit und breit nichts zu sehen. Wie es heißt: sie sind wieder in ihre Quartiere abgerückt. Und so findet das Arbeiter-Riesen-Meeting auf einem Platz mitten im Stadtzentrum statt. Es sind über Hunderttausende. Aus allen Straßenmündungen preßt es sich schwer herein. Die Roten Frontkämpfer halten den Ordnerdienst. Die ungeheure Anzahl der roten Fahnen: sie flattern in der Luft wie glühende Flammenzungen. Jeder Betrieb hat seine Fahne. Ein langgezogener Trommelwirbel . . . Bon den Dächern widerhallt es. Ueber die ganze Innenstadt hin fluten die Trommel¬ wellen. Ein Trompetenstoß. Elektrisch zuckts in den Gliedern . . . Das Meeting beginnt. Ein Sprechchor, tausend Genoßen und Genossinnen, donnert empor. „Der erste Mai!" Dann: 228 Alle fingen. Ist dies ein Gesang noch!? Es ist ein Stimmenstrom, eins Riesenklangwoge, die sich hebt und senkt, die aufsteigt, anschwillt, in Millionen von Stimmenlichtern blinkend, jäh und steil sich überschlägt, dann ruhig wieder und gewaltig ihres Weges dahinzieht... Nur die letzte Strophe: die Stimmen verstärken sich, es schlägt auf: hart, gehackt, rhyth¬ misch: als eine eiserne Brandung. Durch einen Schalltrichter wird verkündet: „Ein amerikanischer Genosse spricht!" Zwei Arme schwingen, zwei Fäuste ballen sich: jetzt wächst die Menschengestalt übermenschengroß heraus aus der Tri¬ büne. „Wir amerikanischen Genossen, wir grüßen dich, deutsches Proletariat! Wir stehen vor der Entscheidung . . . Die Kriegsrüstungen . . . Der Krieg gegen Rußland. Gegen Japan . . . Und euere Regierung: wißt ihr von den Ee- heimverträgen, den geheimen militärischen Bündnissen . . . Deutschland, das Aufmarschgebiet gegen Rußland . . ." Ein tosender Millionenschrei stieß in diesem Moment hoch: „Nein! Niemehr! Nimmermehr! Bürgerkrieg!" Der amerikanische Genosse fuhr fort: „Der Völkerbund hat den Krieg gegen Rußland gefordert! Ueberall Kommunistenverfolgungen, Hinrichtungen, Po¬ grome, Massakres ... Es lebe die Diktatur des Proletariats! Sie allein vermag diesem menschenmörderischen, niederträch¬ tigen Spuk ein für alle Mal ein Ende zu machen! . . ." „Die amerikanische Kommunistische Partei! Sie lebe —" „Hoch! Hoch! Hoch!" Nur: Wortbrocken, Sprachfetzen. Aber den Sinn verstand jeder. Und schon spricht der japanische Genosse, der russische, ein bulgarischer Genosse spricht. „Genossen! Deutsche Kommunisten! Deutsche Arbeiter! Deutsche Proletarier! Die Stunde zum Handeln ist da! Der Tag der Abrechnung ist gekommen, der Tag der Abrechnung mit den Volkspeinigern und Volksmördern . - Wieder ein Zwischenschrei: 229 „Nieder mit den Verrätern des Volks . . . verrecken . . . „Genug jetzt der Foltern und Bestialitäten! Wir setzen dieser vergangenen Zeit den Grabstein . . . Heute, am ersten Mai: überall, bei den kleinen japanischen Maisbauern, bis hoch hinauf in die einsamsten Bergdörfer Chinas: der Sturm bricht los, der Sturm erfaßt Höhen und Tiefen, über Deutschland hinweg, über Europa hinweg, von Asien über Afrika; in allen fünf Erdteilen: die große rote Sturmglocke läutet: das werktätige Volk, das Proletariat steht auf . . Für die Frauen spricht Genossin Martha, eine alte er¬ fahrene Bolschewistin, zehn Jahre Zuchthaus hat sie hinter sich, sie hat auch mit der Waffe in der Hand gekämpft, sie ist lungenkrank, jedes Wort preßt sie aus sich heraus, immer wieder von begeisterungsflammenden Zurufen unterbrochen: „Auch wir Frauen, das geloben wir, werden unsere Pflicht tun. Wir Genossinnen werden nicht hinter euch, Genossen, zurückstehen! Verlaßt euch darauf!" Ein deutscher Genosse erhält noch das Wort: „Erster Mai! Tag der Heerschau des Weltproletariats' Tag du des Aufmarschs der Proletariermassen in allen fünf Erdteilen! Erster Mai: Kampftag: laß uns bereit sein! Laß stahlhart uns werden, ausfüllen die letzte Lücke in un¬ serer Front! Laß denken unsere Gedanken nur dies eine: Kampf! Unsere Herzen nur dies eine fühlen, unsere Willen nur dies eine wollen: Kampf . . Ein Jugendgenosse tritt vor, er ballt die Faust zum Schwur: „Unermüdlich wollen wir kämpfen! Unsere Muskeln spannen, unsere Gehirne stählen, mit unserem Herztakt euch alle, die ihr in Ketten noch schlaft, wachhämmern! In uns schüren den Willensbrand, bis diese Welt von uns erobert ist, bis du, erster Mai, du Weltkampftag, der Weltfeiertag aller werktätig Schaffenden geworden bist!" Ein Sprechchor von Jungpionieren antwortet im Chor: „Nicht eher werden ruhen wir! Nicht eher werden die Hände wir falten! Das schwören wir! . . Hunderttausende von Stimmen fallen jetzt wieder ein: „Das schwören wir. Schwören wir. Schwören wir . . 230 Eirr Trompetensingnal. Ein Genosse in der Roten-Frontkämpfer-Uniform stehl auf der Tribüne. Der Fahneneid . . . Eine große und dunkle Stimme spricht vor: „Frontkämpfer auf! Die Faust gereckt! Wir schwören rot: Sieg oder Tod!" „Sieg oder Tod!" jauchzt die Menschenmasse. „Wir schwören: beim Blut der Brüder, das zur Erde rinnt — „Wir schwören: am Riesenstrom der Tränen, die ver¬ gossen sind — „Frontkämpfer auf! Die Faust gereckt! Wir schwören rot: Sieg oder Tod!" „Dem großen Klassenkrieg sind wir geweiht. „Wir sind der Sturmschritt einer Neuen Zeit!" — Wieder waren Hunderttausende von Menschenstimmen eine Felswand lebendigen Echos. ..Dem großen Klassenkrieg sind wir geweiht. „Wir find der Sturmschritt einer Neuen Zeit . . ." Die „Internationale" erscholl. Eine Sturmlawine — Menschenkörper rissen unter dem Gesang sich steil empor. Die rote Flut kommt. Die rote Flut steigt. Zeit der Ebbe: vorbei . . . Aufwärts! Aufwärts! Aufrecht schon stehen wir hoch oben auf dem Kamm der Woge. . . And plötzlich wurde spontan aus der Menschenmasse her¬ aus ein bekannter illegaler Genosse der Zentrale auf die Schultern gehoben, er schwenkte die Mütze, sein Arm starrd, schräg, wie ein Fahrtzeichen: „Arbeiter! Proletarier! Genossen! Seid ihr bereit zum Kampf, seid ihr bereit, dem Ruf zum Generalstreik, dem Ruf zum bewaffneten Aufstand zu folgen, wenn ihn die Partei an euch ergehen läßt?" „Allzeit bereit!" 231 „Keine Woche wird mehr vergehen, bis euch die Partei zum Kampf aufruft. Unsere Parole heißt: Eroberung der Macht!!!" „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit" tönte jetzt, einfach und schlicht gesungen. Viele bekamen es mit dem Schlucken. Manche weinten. Uird manche wieder sangen, das Angesicht von einem glücklichen Lächeln verzückt. Max hatte Lene eingehakt. „Siehst du, Millionen an Millionen stürmen jetzt in diesem Augenblick, geordnet in unübersehbaren Reihen, den steilen Abhang der Zeit herauf im Sturmschritt. Dieser Abhang ist ein Eeröllfeld, bedeckt mit Schädelstllcken und Körper¬ knochen, alle Sträucher haben statt der Knospen Knollen, getränkt mit Menschenblut. Alle die brechen heut auf, Vlm- rinnen, Vlutbäche: alle die schießen, zu einem Wildstrom von vergossenem Menschenblut anschwellend, empor . . . Was singen sie, diese proletarischen Sturmtruppen, diese Er¬ oberer der Menschheitszukunft: „Wir fürchten nicht den Tod! Denn unsere Fahn ist rot . . ." Das Trompetensignal blies. Ein kurzer Trommelwirbelstoß. Die Züge ordneten sich zum Abmarsch . . . Und — Zn diesem Augenblick geschah, allen völlig unerwartet, das Unglaubliche. — VIII Die Sonne ging eben sprühend unter, Gewitterwolken trieben an wie Schlammfluten: da stand plötzlich mitten in den Menschenmassen auf der Südostseite des Platzes ein Ge¬ schwader von Kampfwagen: die kleinen Panzertürmr drehten sich, die Maschinengewehrmündungen senkten sich abwärts, die Führer machten die Kampfmaschinen gefechts¬ bereit . . . Die Motors knatterten und unter einem metallischen Ge¬ brüll schoben sie sich weiter in die Menschsnmasse hinein. 232 Dort rammten sie sich fest. Man konnte noch beobachten, wie sich die Gittertore der Einfahrt eines erstklassigen Hotels schlossen, eine Rolle mit Stacheldraht abgewickelt wurde und dahinter eine Gruppe mit Stahlhelmen im Anschlag lag. Dieses Hotel hatte der Panzerwagenkolonne als Hinter¬ halt gedient . . . Schon ertönten laut die Kommandos des roten Ordner¬ dienstes: „Ruhe halten. Genossen! Nicht provozieren lassen! Weiter¬ gehn!" Da wurde auch schon die Abmarschstraße auf der Gegen¬ seite des Platzes durch eine Gruppe Tanks abgesperrt. Es war eine neue mechanische Abriegelung das erste Mal zur Anwendung gebracht worden, und zwar mittels des soge¬ nannten berüchtigten Schutzgitters, einer Art Stacheldraht¬ gürtel, der von Tank zu Tank gezogen war und der, wie es hieß, elektrisch geladen sein sollte. Die Tanks machten Halt. Sie lagen breitseitig da, wie verankert. In diesem Moment entstand die Panik. Unter den Demonstranten waren schon von Anfang an große Mengen von sogenannten Zivilspähern verteilt worden, denen nun die Aufgabe zufiel, die Panik künstlich zu steigern und die empörten Massen zu einem Angriff auf¬ zuputschen. Dies war sehr schwierig, denn die Massen hielten eine mustergültige Disziplin . . . Da fiel plötzlich vom Balkon eines Hotels, dann von einem gegenüberliegenden Haus, aus einem Fenster des ersten Stockes, ein Schuß, noch einer, mehrere: es waren kleine krachende Pistolenschüsse, und diese galten für die Führer der Kampfwagengeschwader als Angriffssignal . „Aus der Menge ist geschossen worden!" Die Polizeiagenten, die auftragsgemäß die Schöffe ab¬ gegeben hatten, verdufteten schleunigst. „Platz frei! Straße frei!" gellte ein Lautsprecher . „Öder¬ es wird geschaffen!" Dabei knackten schon die M.-E.s. Meirichen sah man, die sprangen durch einen Kopfschutz getroffen über einen halben Meter hoch, Menschenleiber ver¬ schlangen sich, wurden zu einem unentwirrbaren Knäuel geballt und wälzten sich, sich gegenseitig erdrückend, inein¬ ander-, übereinanderstehend, dem Ausgang zu. Es gab aber nur noch einen Ausgang . . . Die M.-E.s strichen systematisch den ganzen Platz ab. Einige Rote Frontkämpfer sprangen wie wilde Tiere, Schaum um den Mund, die gepanzerten Ungetüme an, schnellten federnd wieder zurück: gewaltige tellergrotze Brandwunden an den Händen. Die eisernen Bestien spien elektrische Ströme. Auch Max mutzte sich mit Gewalt Zurückhalten, um nicht einfach mit seinem Kopf gegen diese mörderische Wand zu rennen. . . Menschen lagen übereinander. Ueber Max lag ein baumstarker, stämmiger Prolet, de: sich mit der Hand die ausgefleischte Hüfte zuhielt und kräftig schrie: „Ich will nicht sterben. Ich will nicht sterben . . Dabei verdrehten sich ihm die Augen, quollen hervor rund und groß, wie zwei elfenbeinerne Billardkugeln. Er bitz sich in Max hinein — Max bekam einen Eenickkrampf. Ein eiserner Knopf massierte ihm den Halswirbel. Einer umschlang einen Laternenpfahl. Barst mitten am Bauch entzwei. Die Gedärme schütteten sich vor ihm hin nach allen Seiten. Andere schleiften darüber hinweg, glitschten in eine schmierige Blutlache, krochen über ein Häuflein verspritzten Gehirns weiter . . . Einer gestikulierte, hatte den Mund weit offen, sprach, aber in dem allgemeinen Geschrei versackten die Worte. Einer gurgelte, ein anderer stietz ganz kurze trockene Husten¬ laute hervor. Viele waren wie irrfinnig, hatten Lachkrämpfe, knieten mit entblößtem Oberkörper, wackelten mit dem Kopf, ohne sich von der Stelle zu rühren, und starrten mit brennenden Augen lang in den Tumult. 234 Es wurde dunkel. Scheinwerferabteilungen waren auf den Dächern der an¬ grenzenden Häuserblocks postiert. Scharfe Stöße Lichts blen¬ deten herab. Eine dritte Tankkolonne knatterte an und begann die Räumung des Platzes von Norden her. Es waren wieder drei Kampfwagen, durch straff gespannte Stahltrossen mit¬ einander verbunden: so rasierten sie langsam und schräg dahin. Der Platz war nun völlig eingepfercht. Auch der einzige Ausgang war nicht mehr frei, er war längst von Schwerver- wundsten und von Leichenhaufen verstopft. Max kauerte zum Sprung geduckt in Deckung hinter einer dürftigen, aus drei Toten aufgeworfenen Menschenbarri- kads. An ein Durchkommen war jetzt nicht mehr zu denken. Max biß sich die Lippen: „Jetzt Achtung: daß mir nicht schlecht wird!" Hob sich ein wenig und sah über den Platz hinweg die Straße hinunter: immer noch rannten ab und zu welche im Zickzack, bis zu einer bestimmten Grenze, hier streuten die M.-G.s eine genau vorher berechnete und markierte Linie ab: dort klappten die Flüchtlinge plötzlich nach vorn oder nach rückwärts in sich zusammen wie ein Taschenmesser, streckten alle Viere von sich und blieben flach auf die Erde gedrückt liegen . . . Max schnellte hoch, wie eine Sprungfeder warf sich in ihm vas Rückgrat, setzte sich den Hut auf und schritt, als ob nichts geschehen wäre, schräg über den Platz. Er hatte nur den einen Gedanken: wenn schon, dann nicht von hinten, es ist leichter, den Tod im Angesicht . . . Der ganze Hinterkopf schien ihm offen, das Gehirn bloß zu liegen: eine einzige Wundfäche . . . In diesem Moment öffneten sich sämtliche mechanische Sperren, die Tankgeschwader führten einige kurze Manöver ans und ratterten ab. 235 Max sah noch, sich rasch in die Dunkelheit drückend, eine Hundertschaft, noch eine, eine dritte im Laufschritt heran¬ stürzend, mit gefälltem Bajonett. Sie hatten den Befehl, die noch Lebenden von den Ermordeten zu sondieren. Der Platz lag unter den Scheinwerfern wie unter einer kaltgelben gespenstischen Lichtdusche. Wimmernd und langgedehnt, vollrauschend, ost wie Akkorde, so tönten daraus noch Menschenschreie, der Platz machte von dieser Stelle aus den Eindruck eines mit Zappelndem angefüllten Kessels, an den Wänden klebten noch Menschen, die Truppen stießen sie der Mitte zu: dorr schichtete sich Haufen an Haufen . . . Mit Eisensplittsrn, Te- schoßspitzen, Stahlspänen war reingekehrt. Fleisch. Blut. Knochen. Pulverqualm, Ausdünstung, Todssa'ngstschweiß: es war ein feuchter Brodem . . . Es begann langsam in großen Tropfen zu regnen. Bald ferner, bald näher: nun prasselte ein Eewitterhagel hinweg. Es trommelte, knatterte, tackte . . . Viel Menschen fuhren erschreckt auf, öffneten die Fenster: „Eehts los? . . . Wird schon wieder geschoßen? . . Nichts. Nur die Dunkelheit. Die Häuserfronten: zackige Konturen darin. Hie und da zuckte ein Blitz. Die Dunkelheit leuchtete. Dann ächzte ein Donner . . . Die ganze Stadt blieb die Nacht über aufgescheucht Schon die zweite Nacht in solcher Unruhe . . . Ueberall war es auch noch zu Zusammenstößen mit den „Vaterländischen" gekommen. Alle wichtigen Punkte der Stadt waren bereits im Lauf des Abends militärisch gesichert worden. — 236 IX Max trottete sich in einem beinahe bewußtlosen Zustand heim. Oft mutzte er sich anhalten, aber das waren nur die Auf¬ regung und die Nerven, er war unverletzt. Oft wurde er angesprochen, ein Prolet sah ihm ins Ge¬ sicht, fragte ihn kurz, drückte ihm die Hand und verschwand wieder im Dunkel. „Rache!" Dieses Wort hörte Max auf seinem Heimweg oftmals. Auch an einer Gruppe von „Vaterländischen" kam er vor¬ bei, sie unterhielten sich angeregt und laut, da sie in größerer Anzahl beisammen standen. Sie trugen bereits Karabiner Es waren breit aufgedunsene und verfettete Gesichter, aber auch scharfgeschnittene Profile waren darunter, richtige Galgenvögel- und Mördervisagen. „Den Arbeiterschweinen wird jetzt gründlich der Garaus gemacht werden", quietschte einer. Er hatte dünne Beinchen und trug eine Eymnafiastenmütze. „Was suchst du Schwein hier!" schrie einer, mit Schmissen im Gesicht, Max nach, der ohne zu mucken weiterlief. „Mach, daß du weiterkommst oder du bist eine Leiche . . Derartiges wurde ihm oft noch nachgerufen. Max dachte: „Jetzt, jeden Augenblick ..." Er spürte es in den Ohren . . . Es waren meist, wie sich Max schnell vergewisserte, Reserveoffiziere, Studenten, Fabrikantensöhne, Angestellte, aber wenig, und hie und da auch noch ein wütiger Klein¬ bürger. Die gaben kein Pardon. „Nun aber auch kein falsches Mitleid mehr wie früher diesen berufsmäßigen Mörderbanden gegenüber . . . Jeder von diesen, den wir schonen, kostet uns Blut! . . . Keine Illusionen mehr, die Blut kosten!" Auffällig war: der Nachtdienst in und außerhalb der Kasernen wurde durchwegs von verstärkten Offiziersposten versehen . . . Holla, da stimmt etwas nicht, schloß Max, die 237 scheinen ihrer Sache nicht ganz sicher zu sein, und Max schlich sich noch ein wenig in dieser Gegend herum, bis er auf einen einzelnen Soldatenposten stieß. „Kamerad!" Der Soldat sprang drei Schritte zurück. Dann lachte er plötzlich und kam auf Max zu: „Rot Front!" „Richtig, es rumort gewaltig auch unter uns. Dicke Luft. Sehr brenzlich. Alles in Alarmbereitschaft. 30 Prozent sind euch, wenn es losgeht, sicher . . . Die Behandlung wird immer gemeiner: „Halten Sie die Schnauze oder ich schieße Sie nieder . . ." Das ist gang und gäbe. Ohne Scheißkerl und Arschloch kommt man uns gegenüber überhaupt schon nicht mehr aus. . . Gestern ist bei den Kraftfahrern ein Leutnant hochgegangen, bei den technischen Truppen ein Major, auch bei den Fliegern ists faul.. . Fortsetzung folgt. Nun genug für heute! . . . Rot Front!" Max war auf diese Auskunft sehr stolz. „Natürlich", wiederholte er für sich, „einen Platz zu räumen und dazu nur verhältnismäßig geringe militärische Kräfte einsetzen: das bedeutet den Willen, den Vorsatz haben, es zu einem Zusammenstoß kommen zu lasten. Das ist absichtlicher Mastenmord von seiten der Regierung. Mi߬ verständnisse und Irrtümer sind bei der verhältnismäßig langen Zeitdauer dieser Exekution völlig ausgeschlossen . . . Ein neues Schandwerk der Volksverbrecher . . . Aber alles was sie tun, zwingt sie mit unerbittlicher Folgerichtigkeit in ihre eigene Katastrophe hinein . . ." An der Ecke seiner Straße traf Max auf seinen Zimmer¬ nachbarn, den Stratzenbahnschaffner. „Na, und —" „Schon beschlossene Sache: Morgen ist Generalstreik. Ein¬ stimmig angenommener Beschluß . . . Sollst sofort in das Lokal von Fritz kommen Wartete auf dich, um dir das zu sagen ... ich hab einen anderen Auftrag, muß noch in die Stadt. .." Aus seiner inneren Manteltasche zog der Straßenbahn¬ schaffner ein Pack Klebestreifen hervor. 238 „Nieder mit der Mörderregierung! Es lebe die Diktatur des Proletariats! Generalstreik! Alle Macht den Räten!" X Max klopfte sein Zeichen. Der eiserne Rolladen vor der Eingangstür der kleinen Gastwirtschaft hob sich ein wenig, Max schlüpfte hindurch. Ungefähr fünfzig Genossen waren anwesend. Niemand sprach ein Wort. Der Genosse Lange saß in der Ecke, den Kops eingebunden, so kreidebleich, staunte Max, habe ich noch nie einen Menschen gesehen. Lene schluchzte in sich hinein. Es dauerte eine halbe Stunde. Einer stand hin und wieder auf und ging vor sich her¬ summend unruhig auf und ab. Hie und da zählte einer still für sich die Anwesenden. Zehn Genossen waren noch dazugekommen. „Nun aber Schluß!" Genosse Lange erhob sich. „Wer fehlt!?" Dann erstatten die Betriebszellenobleute kurz Bericht „Also, das sind allein von unserer Gruppe zehn Mann. Nahezu ein fünftel . . . Auch Genosse Friedjung. Die Funktion übernimmst du, Max. Einverstanden!" Das „ja" war das selbstverständlichste von der Welt. „Weitz jemand etwas vom Genossen Friedjung?" Mehrere Genossen meldeten sich. „Einige Polizeiagenten haben ihn herausgestochert. Tr mutz schwer verletzt sein. Man hat ihn über den Platz fort getragen ... Zn ein Sanitätsautomobil - „Gut, wir wissen Bescheid. . ." »Also! Genossen und Genossinnen! Morgen ist wahr¬ scheinlich Generalstreik . . ." 239 Max bestätigte: „Es ist schon sicher . . . Einstimmig . . „Also, um so besser! Wir erwarten heute noch einen Kurier der Zentrale ... Ich denke, bis dahin werde ich einen kurzen Ueberblick über die politische Lage geben. . Ich glaube, eine Diskussion zu diesem Punkt ist nicht nötig .. Dann wird inzwischen der Kurier erschienen sein, und wir werden im Anschluß daran sofort das Weitere beraten. Im übrigen: seit heute werden keine neuen Mitglieder mehr in die Partei ausgenommen. Den Revolutionsschmarotzern mutz gleich im Anfang das Handwerk gelegt werden . . . Dies nur nebenbei . . . „Die Kriegsgefahr zwischen Amerika und Japan hat sich bedeutend verschärft. Die Kriegsvorbereitungen haben ihren Höhepunkt erreicht. Wie das amerikanische und japanische Proletariat darauf reagiert, ist noch ungewiß. Ferner: die Hälfte aller Betriebe ist in Deutschland stillgelegt. Der Außenhandel war in dem vorhergehenden halben Jahre gleich null. Die Stabilisierung ist zu Ende . . . Die Absatz¬ schwierigkeiten aller kapitalistischen Staaten sind enorm. Auch das Mandat, das Deutschland vom Völkerbund über seine früheren Kolonien erhalten hat, konnte nicht viel retten. England hat die größten Schwierigkeiten in Indien. Der Konkurrenzkampf hat die schärfsten Formen angenommen. Eine kriegerische Auseinandersetzung ist nicht mehr zu ver¬ meiden - - - Jeden Tag also ist die Kriegserklärung zu er¬ warten, oder vielmehr die erste kriegerische Handlung . . . Wir alle wissen, was das bedeutet . . . Selbstverständlich ist es für uns gleichgültig, wer, diplomatisch gesehen, der angreifende Teil ist. Jeder der Partner ist gleichschuldig und ein Räuber . . . Zur Lage in Deutschland im be¬ sonderen: überall Plünderungen von Lebensmittelgeschäften, Jndustriekrisen, eine ungeheure Arbeitslosigkeit, verbunden mit Hungersnot, besonders in den ländlichen Bezirken, wo teilweise von den völlig industrialisierten Großgrundbesitzern das Getreide zurückgehalten wird, Hungersnot also bei vollen Scheunen... Die nationalistischen Banden bewaffnen sich . . . Zu gleicher Zeit starke Tendenzen, den Krieg gegen 240 Rußland zu proklamieren als „heiligen Krieg" und damit im Zusammenhang der Entschluß der kapitalistischen Re¬ gierungen, zu diesem Zweck die revolutionäre Arbeiterschaft mit treuer Unterstützung der allerdings heute völlig isolierten SPD.-Führerschaft entscheidend aufs Haupt zu schlagen . Also, wir befinden uns alle inmitten eines Krisenwirbels von internationalem Ausmaß . . . Die weitesten Kreise der werktätigen Bevölkerung stehen heute hinter uns und sind bereit, mit uns . . De? Kurier der Zentrale stürzte herein. Und? Er schüttelte kräftig dem Genossen Lange die Hand. Alle Genossen waren wie elektrisiert aufgesprungen. Und — Und — Nur zwei Worte brachte der Kurier noch heraus: „Generalstreik! . . ." „Krieg dem Krieg!" Viele Genoßen umarmten sich. Einige heulten drauf los. Einer flüsterte nur immer wieder die Namen: „Rosa!" „Karl!" „Lenin!" „Bravo! Nun Gott sei Dank! Endlich!" Lene stürzte auf Max zu: „Na, Max, hab ichs nicht gleich gesagt . ." Max sang leise vor sich hin. „Daß ich das noch erleben durfte . . „Nun aber zur Sache!" Der Kurier stürzte fort. Es war feierlich und ernst. Eingehend wurden die einzelnen organisatorischen Ma߬ nahmen besprochen. iv 2 t 1 XI Die Regierung beriet ununterbrochen Tag und Nacht Die Herren kamen kaum noch zum Esten . . . Das Regierungsviertel war ein offenes Heerlager. Die Keller der Regierungsgebäude waren in Waffen- magazine umgewandelt worden. An jeder Straßenecke Alarmmelder. Ueberall ragten Antennenmaften. Die Bannmeile ward erneut militärisch-mechanisch «bge- sperrt . . . DerPräfidentderRepublikwardamals schon altersschwach. Er litt an Arterienverkalkung. Er saß in einem der Konfe¬ renzzimmer in einem hohen Lehnstuhl, dessen Rückenwind mit dem Adler und mit den Reichsfarben geschmückt war. Er trug Pulswärmer und hatte die geschwollenen FLtze in ein dickes Plaid eingewickelt. Seine Frau titulierte er mit dem Kosenamen „Schnucki". Die Augenbrauen rvarsn ihm nach Bismarck-Art buschig über der Nasenwurzel zusammen¬ gewachsen. Er atmete schwer. Von Zeit zu Zeit erhob duktivkräften. — Aber nur neue Terror-Akte gegenüber der werktätigen Bevölkerung produzierten diese Tatsachen, und, maskiert durch die Kulisse einer pazifistischen Aera, häuften sich allenthalb die Explosivstoffe. Unter unsäglichen Leiden und Opfern der von den Produktionsmitteln künstlich Abge¬ trennten, der die Fundamente der Gesellschaft mittels des lebendigen Kitts ihres Herzbluts, ihres Schweißes, ihrer Tränen gerade noch notdürftig Zusammenhaltenden: ar¬ beitete in allen Fugen krachend weiter der altmodische und an den wichtigsten Stellen schon völlig unbrauchbar ge¬ wordene Welt-Mechanismus. Der ganze Apparat taugt eben nichts mehr, funktioniert nicht mehr, kommt nicht in Schwung. . . Auch die Kolonialvölker hatten zugelernt, rebellierten. Zeder, auch im entlegensten Weltwinkel, hatte allmählich eine genügend hinreichende Dosis Erfahrung geschluckt . . Unentwirrbar das Riesenknäuel der machtpolitischen Probleme — Und die internationale Bourgeoisie bereitete trotz Völker¬ bund und gegenteiliger scheinheiliger Versicherungen bereits in ihren Flugzeugwerkstätten und chemischen Eiftgasver- suchslaboratorien einen großartigen Start vor zu neuen imperialistischen Weltkriegen. Immer wieder von neuem dazwischen heftige elementare Ausbrüche ihrer inneren unüberwindbaren Interessen¬ gegensätze ... 261 Auch kamen die aufgewecktesten Teile des Proletariats endlich dahinter, wie höllisch-friedlich in Wahrheit so ein imperialistischer Frieden war. Recht energisch knurrten schon ihre Reihen: „Mißtrauen! Mißtrauen der menschenfressenden Kanaille gegenüber bis zum Aeußersten!" Und: „Ein Narr, wer Tigern predigt Pflanzenkost!" „Euer herrlicher Frieden: eine Fortsetzung eures glor¬ reichen Kriegs wohl, mit anderen Mitteln, was!?" „Und wenn es schon einen „trockenen Putsch" gibt, warum soll es nicht auch einen „trockenen Krieg" geben?" Wahre Volksschlächter- und Massenhenkernaturen ent¬ standen auf diesem, von Fäulniskeimen durch und durch unterminierten Boden. Professionelle Sadisten im Dienst der politischen Polizei, Gewohnheitsverbrecher, Verräter, Denunzianten, Atten¬ täter, lebendige Marterinstrumente, menschliche Folter¬ bestien, Lockspitzel, geriebene Erpresser: das marschierte wie ein Heer auf, verschlang, ein parasitäres Geschwür mörde¬ risch durchseuchend den ganzen Volkskörper, Unsummen vom Staatshaushalt; denn diese, teils aus Unzurechnungs¬ fähigen, teils aus Menschendreck rekrutierte Eeheimarmee wollte eben auch gut bürgerlich leben und zählte nach Hunderttausenden. „Mit Stumpf und Stiel ausrotten . . ." Dieser Plan gegenüber dem klassenbewußten revolutio¬ nären Proletariat aller Länder kristallierte sich also im Lager der zu einem eisern-gelenkigen Abwehrblock zusam¬ mengeschweißten, mit den raffiniertesten Erotzkampfmitteln ausgerüsteten internationalen Welt-Bourgeoisie immer deutlicher. Ob mit Hilfe des Faschismus oder mit Hilfe der Sozialdemokratie, d. h. mittels einer sogenannten „Ar¬ beiterregierung", ob offen, brutal oder ob pazifistisch, demo¬ kratisch, illusionistisch: das war eine reine Taktikfrage, und 262 man war sich einig darüber drüben: das wird den verschie¬ denen Zeitumständen und Kräfteverhältnissen entsprechend abwechselnd, je nachdem, einmal so und einmal so, gehand¬ habt. Welt-Mobilisation. Front gegen Front. Es ritz durch — Und es ritz durch bis auf die Sprachverbindung hinab, bis hinab auf die gleiche Erlebnismöglichkeit: Front gegen Front heißt: Sprache gegen Sprache, Ee- sühlsausdruck gegen Eefühlsausdruck, heißt Denkart gegen Denkart, heißt Anschauungsform gegen Anschauungsform, heißt Weltbild gegen Weltbild. Denn eingetreten schon waren wir in das Zeitalter der alle Erdteile umspannenden, der die Welt-Zukunft ent¬ scheidenden Riesenklaffenschlacht. Die Klassenkräfte grup¬ pieren sich, die Klaffenkräfte manövrieren gegeneinander — Druck und Gegendruck — Und gewaltig drückte herein das Rote Rußland, ein Ein¬ hundertundfünfzig - Millionen - Volk; einhundertundfünfzig Millionen, Arbeiter- und Bauernmaffen, warfen sich jetzt, ein drückendes Gewicht, in die Wagschale; Rote Erde, ein Sechstel des Erdteils . . . Und dahinter die aus dem Bann jahrtausendelanger Knechtschaft erwachenden, zu Meeren aus Schmelzglut verwandelten Völker des Ostens . . . Der Zeiger rückt vor in das letzte Viertel auf dem Ziffernblatt des Menschheitsmanometers. Die Alarmpfeifen an den Sicherheitsventilen trillern. Die Stahlhäute schwitzen. Der Augenblick der Sprengung ist nah! Die Stahlhäute werden rissig, beulen sich aus, dehnen, zerren, biegen sich- .4 Mit ewigkeitstriefenden Lippen beschwören zwar noch ihre imaginären, verschiedenartig uniformierten Gotter die Fetischgläubigen, das gerechte, ja nur allzu gerechte Ver¬ dammnisurteil der lebendigen Geschichte von den Häuptern der heut? Herrschenden gnädiglichst abzuwenden, immer eindringlicher aber, selbst bis in die letzte unscheinbarste ge- 263 ringste Alltäglichkeit hinein, kündigt sich an die gewitter¬ schwangere Atmosphäre einer End-Phase. — * Wie je nur einer, so habe auch ich vormals begeisterungs- innig genug verehrt sie alle, die Meisterwerke euerer Dich¬ tung, euerer Malerei, euerer Musik, euerer Plastik; ich selbst war einer jener „Verklärer", jener Ekstatiker der Apotheose des „Abgrunds"; durchgeforscht habe ich mich durch alle Gefühlswildnisse und weisheits-süchtig mich durchge¬ dacht durch die Labyrinthe eueres an Komplizierungen und Kombinationen so berauschend reichen, ja überreichen Denkens, durch alle scheinbar so lückenlos gefügten philo¬ sophischen Systeme hindurch, grausam-offen sprechende Zeug¬ nisse des von euch zwangshaft nie und nimmer zu lösenden Widerspruchs. Kindlich staunend aufgeblickt habe ich zu den fiebenmalsiebentausend Wundern euerer Maschinentechnik, euerer genialen Organisationskunst, zu der, wie ihr gern wahrhaben möchtet, methaphysisch-einheitlichen Eeordnet- heit eueres Weltbilds -aber ich habe den Blut¬ sumpf auch mit eigenen Augen gesehen, auf dem euere Kul¬ tur erbaut ist, und ich habe den selbstverständlichen Mut geschöpft daraus, sie, und dadurch vor allem auch das, was in meinem eigenen Dasein damit zusammenhängt, rücksichts¬ los durch die Tat zu verneinen. II Man kann einem Menschen nicht zum Vorwurf machen, daß er in der bürgerlichen Gesellschaft gelebt hat. — Der eine: zerfetzt, den Körper mit Wunden bedeckt — kämpft sich durch. Ob er den Uebergang gewinnt!? Und dann, ob er nach diesem gewaltsamen, oft mit Gehirnzer¬ rüttung und Eesundheitsschädigung erkauften Durchbruch noch soviel an lebendiger Kraft erübrigt hat, um auf der Kampffront der werktätigen Millionenmassen seinen Mann zu stellen: vorn, in der offenen Feuerlinie, im Nahgefecht, bei der täglichen Kleinarbeit!? Denn das „Neue Leben", die Revolution, sie erfordert dich ganz. Sie verlangt un- 264 erbittlich eine unendliche Fülle von exaktem Wissens¬ material von dir; sprunghafte Kühnheit zugleich und zweck- hafte Fähigkeit . . . Heroisch zu sein in den heroischen Momenten der Geschichte ist leicht. Aber von nun an heißt es: Spanne dich! — und wenn auch nur ein erbärmlicher sozialdemokratischer Gewerkschaftsbürokrat die Scheibe ist — auch dahinter leuchtet das große erhabene Ziel: auch da mußt du dich hindurchschießen! Ob man die Möglichkeit der Gedankenvereinfachung noch hat!? Die Möglichkeit des Sichinbeziehungsetzens mit dem Ausdrucksorgan der Ausgebeuteten, der eine andere Sprache spricht als die deine ist, die aber auch von nun an die deine werden wird. Ob du dich damit bescheiden kannst, zu lernen, weiter nichts als zu lernen, dich durch die aske¬ tisch-strenge Schule der Partei hindurchzukneten, ein Lernender zu sein, nichts weniger und nichts mehr als nur ein Lernender. . . Rücksichtslos alle deine bürgerlichen individualistischen Exzesse aus dir auszuschneiden . . . Um eines Tages durch deine Arbeit dein neues Heimatrecht dir zu erobern: vom Proletariat als seinesgleichen adoptiert zu werden. . . Das Gehirn in jenem „Alten Leben" wird abstrakt, wie sine Windblase, und entfernt sich, irrsinnig phosphoreszie¬ rend, ins Zeit- und Raumlose. Du schwelgst zwar in einem gewaltigen Pathos, aber es ist jenes berüchtigte romantische Pathos der Distanz, das Pathos vom Wißen des Niejever- wirklichenkönnens, das Pathos der hoffnungslosen Unüber¬ brückbarkeit zwischen dem, was ist, und dem, was sein soll. Andere geifern sich darüber hinweg mit Zynismen. Es ist ein und dasselbe. — Ob man sich selbst herunterholen kann!? Herunter bis auf diese naheste aller Erdnähen, bis zu diesem festen granitenen fundamentalen Grund: Klassen¬ kampf, Klassensolidarität, Parteidisziplin, Parteiehre!? Darnach, nachdem das ganze Dasein ausgelaugt von der bürgerlichen Eifthölle ist oder millionenscherbig zersplittert! 265 Und man sich mühselig von neuem wieder zusammenklauben mutz! . . . Dreivierteln seines Menschendaseins den Todes¬ stotz versetzen mutz, um mit dem übriggebliebenen, ach so spärlichen Restviertel von vorne, ganz von vorne zu be¬ ginnen!? . . . * Nun, ich habe viele kennen gelernt, die auf diesem Wege gefallen sind, zu etwas Besserem geboren als zu farblosem Verzicht und rühmlosem Opfertum: freiheits-fanatische, prächtige, an allem Wahren und Schönen entzündbare und alle Menschen rings um sich mitentzündende, gemeinschafts¬ süchtige Menschen; Menschen, in ihrer Jugend wie Krater¬ berge, mit explosiver Lawa angefüllt, rissig rings von einem ununterbrochenen ekstatischen Bersten; Jahr für Jahr aber mehr und immer mehr abglühend bis zu einem wandelnden Aschenhaufen, durchdunkelt von unheilbarer Schwermut. Manche von ihnen schüttelten sich in dem ihnen von der Ge¬ sellschaft angeborenen brennenden Kettengewand oft rasend wie Berserker. Sie waren allesamt wissend, zum mindesten aber ahnend, und in Gesprächen gelegentlich oder in einem hingezuckten Blick verrieten sie ihr Geheimnis. Wie lautete ihr Geheimnis? Einfach: „Die Lebenskraft reicht uns eben nicht mehr hin» her¬ über, herauf über den Rand zu kommen. Man bleibt hilf¬ los, einsam hängen wie in einem ungeheuren Rauchfang im Weltabgrund . . . Man lätzt los. Ein Traum, ein vio¬ letter vielleicht, wenn Sie wollen, von einem seligen, ver¬ gessenheitstrunkenen Absturz. Fratzenhaft das alles, grim- massterend... Ein elektrischer Einstich jeder Sternblick. Alles Leben ist gläsernes Schweben . . . Ueber metallisch fließende Traumsteppen hin uferloses Tonwehen . . - Die Atmosphäre, die Atmosphäre, die ist es . . . Sie ist zwangs¬ haft . . . Ein unheimlich unsichtbarer, mörderischer Fetisch.. Unentrinnbar umklammert von einer mystischen Gefühls¬ und Denkzange: ein mystischer Terror: man — kann nicht mehr." 266 Solchen kann man wirklich nicht zurufen: „Nur Mut!" Das ist das völlige Abgekämpftsein, ein Bruchton aus der Symphonie des bürgerlichen Klaffensterbens, das in selt¬ samen Klangkombinationen hinschmelzende Finale der physiologischen Gebrochenheit. Ihr Welt-Rätsel!? Ihres Welträtsels Unergründbar- keit!? Sie fanden nicht mehr den Anschluß an die allein rettende, an die alleinig heilende Realität dieser Erde, an die einzig die Msnschheitserlösung erkämpfende Macht dieser Erde, an das Proletariat, an die Kampftruppe der Zukunft — und so würgten sie sich selbst ab unter metaphysisch-grotesken, oft Harlekinhaften Todesgesten im Luftleeren. Mit welchem Aufwand an Sentimentalität, Zärtlichkeit. Andacht bauten sie sich aus in dem auf dem Boden des Nichts errichteten Elfenbeinturm ihrer Individualität für jede Laune, für jede Absonderlichkeit ein eigenes Wohngemach; ganze Appartements darin für treibhausdünstiges „Höhen¬ leben" —: bis eines Tages dieses künstlich aufgeführte Ge¬ bäude schwankte und zu dem zusammenstürzte, was es war: zu einem Häufchen von Daseinsmoder, Lebensekel und verworrener, ihrer blendenden Umschalung entkleideten Weltlüge. Sie endeten alle mit Selbstmord, ob sie nun Hand an sich legten oder nicht. Auch ihr Wahnsinn war Selbstmord. Man kann sie nicht verurteilen, mann kann sich nicht zum Richter aufwerfen über sie. Hier gibt es nur das eine: „Es ist schade, jammerschade." Ueber alle diese „Zu-kurz-Eesprungenen" schreibe ich als Epilog: Ich weiß, welches unausmeßbare Maß an Schmerzen ihr erlitten habt. Ich bin fähig und ich bin auch willens, sie mitzuleiden. Mancher von euch hat tapfer sich gewehrt; 267 jahrelang, jahrzehntelang sich tapfer gewehrt, bevor er die Arme verschränkte oder die Hände faltete . . . Wieviel, o wie unaussprechbar viel an unausgelebter Kameradschaft¬ lichkeit, Herzensgute, Menschenwärme, Lebensschwung ist mit euch dahingegangen! Legionen von Begabungen un¬ barmherzig erdrosselt! Ausgehungert irrtet herum ihr oft monate-, ja jahrelang; ausgehungert bis auf den nackten Knochen ... Zn diesem menschenschlächterischen, menschen¬ unwürdigen Menschheitszustand: was wird nicht zum Spekulationsobjekt!? Euere Trauer, euere Not, euere Tränen, euere Verzweiflung, euer Angstschweiß, euer Ver¬ folgungswahn, jede Pille der Bitternis, die ihr geschluckt habt, jede Art euerer Marter bis zum letzten Todes¬ röcheln . . . Das alles . . . Und mehr noch . . . Geduldet, gedacht, gefühlt, von Leidensstation zu Leidensstation ge¬ hetzt — für wen?! Warum?! Wozu?! ... Für nichts und wieder nichts! . . . Hoch über der Sinnlosigkeit jeder Einzel- Existenz thront, weiter behäbig sich mästend, der Welt- Unsinn . . . Nicht eine Sekunde lang währte sein ach so oft euch flammend versichertes Beileid! . . . Dem Fresser dientet ihr nur dazu, sich mehr noch anzufressen; dem Geilen nur, sich von neuem aufzugeilen. Kein einziges seiner Massen¬ opfer habt je ihr den Massenmördern abgerungen. Euere Waffen waren stumpf geworden mit der Zeit, ihr merktet es vielleicht selbst nicht, aber sie ritzten nurmehr ganz an der Oberfläche die wie zu einem Panzer geronnene Men- schenhaut... Da liegt ihr nun mit eueren gerupften Traum¬ flügeln auf dem Abfallhaufen der Geschichte . . . Wir haben es nicht nötig zu schwören: denn wir selbst sind ge¬ staltgewordene Schwüre der Rache . . . Aber die Ge¬ schlechter aller heute Herrschenden zusammengenommen: was ists mehr denn ein elendes Häuflein Menschendreck . . . Wir aber haben keine Zeit, euere Gräber auszugraben, keine Zeit, euch zu mumifizieren, keine Zeit weder zu einer Verklärung noch zu einer elegischen Gloriole . . . Wir haben nur Zeit, uns zu rüsten, damit wir bereit sind, wenn es wieder soweit ist, diese barbarische Menschengesellschaft mit dem Bajonett zu sondieren. — 268 m Der imperialistische Frieden war ein Krieg gegen das Proletariat. Und nicht nur gegen das Proletariat, son¬ dern auch gegen die Mittelschichten und jeden einzelnen Kleinbürger. (Nach einem der Fundamentalsätze der Lebenseinsicht: lerne scharf zu unterscheiden zwischen der Phraseologie einer Sache und dem Inhalt einer Sache; oder: nicht auf das, was einer sagt, kommt es an, sondern darauf, was einer tut. Auf die Fäuste sehen! Worte sind Lügenbeine!) Da lebt man nun so ein Leben lang herum: Feierabend — und man kriecht sich wieder herein in seine zwei blümchen¬ tapetenüberzogenen Wohnlöcher, an Körper und Geist gleichermaßen erfrischt durch einen kräftigen, herzhaften Vierzehnstundentag . . . Für wen das eigentlich?! — Und da gibt es so eine gottverfluchte ketzerische Lehre vom Mehrwert! . . . Und das Kätzchen schnurrt so idyllisch-warm am Sims, neben dem Nähkorb, und vielleicht auch so ein Kanarien- vogelgeripp in einem Eoldstabkäfig, der Fliegenfänger hängt herab von der Decke in der Mitte des Zimmers, dicht besät mit den noch zappelnden Pünktchen der Schmeißfliegen. Unten im Hof wimmert die Drehorgel, auf den Dächern die Armeleutewäsche im Abendrot — Man knurrt, wird bissig wie ein Köter. Mit den Kol¬ legen hälts auch schwer, sich zu vertragen . . . Man müßte sich eigentlich wieder mal tüchtig sattessen und ordentlich ausschlafen . . . Das ganze hundsverreckte Dasein taugt ja so zu nichts . . . Man ist angesäuert wie gestockte Milch . . . Aber vielleicht: 's langt doch noch einmal zu einer Laubs und darnach auch zu einem Einfamilienhaus . . . Deutsch¬ land: 's geht vorwärts, es bessert sich von Woche zu Woche, wenn die Arbeitszeit auch steigt und der Reallohn auch sinkt . . . Die Rentenmark bleibt stabil . - - Ueberall stehts ja zu lesen . . . 289 Man spielt Fußball, hört Radio . . . Siehst du wohl! Recht muß Recht bleiben. Auch das Volk hat sein Ver¬ gnügen. Auch verheiratet man sich frühzeitig: man hungert, friert, man klöhnt zu zweien und ein regelmäßiger Bei¬ schlaf ist gesichert . . . Ach, außer dem gibt es noch tausend, abertausend schöne Dinge, die einen von der Beantwortung der Grundfrage seines eigenen Daseins abziehen. Za, die Fragestellung selbst: sie ist gründlich in Frage gestellt — — Und des Sonntags wackelt man sich hinaus ins Freie, die Familie lüftet sich, das ist doch immerhin schon ein ganz reeller Vorgeschmack vom Paradies. Nun, und auch der „Große Unbekannte" erscheint in mannigfaltiger Gestalt. Er streckt ausgerechnet immer ge¬ rade dort seinen anbetungswürdigen klotzigen Schädel her¬ vor, wo das eigene Elend-Dasein das mit bestem Willen nicht mehr zu verkleisternde Loch hat. An jeder Bruchstelle erscheint er, der liebe Wundermann. Er hängt am Kreuz, steigt widerspruchslos herunter, sofort, wenn z. B. der Kaiser sein Volk zu den Waffen ruft, und bedient ein Ma¬ schinengewehr, nimmt die Parade ab als S. M. oder hurt hurtig in Berlin herum, bis auf Widerruf in der deutsch- nationalen Presse, als Kaisersohn,' drückt freundlich herab¬ lassend, umstrahlt vom auserwählten Offizierskorps, einem Veteranen die Hand, richtet rührend-anerkennende Worte vom Dank des Vaterlandes an den Kriegskrüppel; über¬ schüttet wieder vom amerikanischen Himmel herab das von seinen eigenen Finanzmagnaten bis auf das Weißbluten ausgepowerte Deutschland mit einem im herrlichsten Un- schuldsweitz sprühenden Dollarregen; er ist weder ein Wuchererstaat, noch spekuliert er auf Extraprofite aus dem Kapitalexport; er ist Fabrikbesitzer, bieder, Treu und Red¬ lichkeit. Reserveleutnant, patenter Kerl, versteht was vom Geschäft, und wenn er nicht wäre, wo gäbe es dann über¬ haupt sonst noch Arbeit!? — „Nur Tagediebe und Müßiggänger bringen es bekannt¬ lich in dieser Welt zu nichts. Sei darum auch als Sklave ein ganzer, vollkommener, treuer Sklave . . . Jegliche Seele sei den vorgesetzten Gewalten untergeben, denn es gibt keine 270 Gewalt außer von Gott; die es aber sind, die sind von Gott eingesetzt. . Und weiter gehts in der allbekannten Melodie: Die Knochen knacken entzwei, die Muskelstränge lockern sich, das Gesicht verzerrt sich in unausglättbare Falten, die Dichter singen zwar: „Wie ein Fächer tut sich auf dem Müden die Nacht" — aber es ist anders, schade eigentlich, aber was tuts auch . . . Ausgequetscht der Leib wie eine Frucht, und die Haut dann fortgeworfen. Vaterländische Lieder gröhlend waten Millionen im Blutsumpf, ein Schlückchen „Heldenschnaps" — und wenn du grad nicht das übliche Pech hattest, das E.K. I. war dir sicher . . . Der Füsilier-Feldwebel wettert heute wieder im Unterstand herum: die Kaiserbilder sind wieder von den Ratten verschlißen . . . Und das gewittert zudem bleischwer über einem am Himmel; rabiat . . . Zum Teufel mir diesen himmlischen Heerscharen . . . Aber man schmort sich ja, so heißt es wenigstens, frischfröhlichgesund in diesem Feuerkessel.. . Arbeitetest du in einer Phosphorfabrik: fünf Zahre — und schon stahlst du dich davon als eine Leiche ... Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehn'.? . . . Pah, Quatsch . . . Was soll ich mich als Einzelner dagegen auf¬ lehnen — Mitgefangen, mitgehangen. Alles Jacke wie Hose. Schnurzegal. — Leib an Leib krümmt sich übereinander. Das ganze werktätige Volk ist nichts mehr weiter als ein einziger zuckender Schmerzenskadaver, ein fleischerner Berg, von abgerissenen Gliedern dicht überwachsen wie von Ge¬ strüppen . . . Der stößt keine lebendigen Schreie mehr aus, Millionen erloschener Augen glühen daran schwarz; schwärzer, durchdringender als selbst die Finsternis. Unter¬ irdisch nur ein unverständliches Murmeln. Hie und da Wortfetzen. Hie und da ein fieberiges, feuriges Flackern: fernes Alarmheulen . . . Und hie und da ängstliches Zu- 271 jammenrücken an den Tischen der Götter, Halbgötter, Rent¬ ner, Parasiten und anderer Heiligen: „Der Berg ... der Berg . . . wehe . . . Kommt er nicht doch eines Tages über uns . . ." Aber die ganze Welt ist mit Fatalismen vollgepfropft. Alles, was da ist, ist im molkig getrübten Bewußtsein der Mehrzahl der Menschen heute noch vernünftig und muß eben so sein, der Pfaffe, der Eerichtsherr, der Mehrwerts- Vampir, der Journalist: das alles hängt zusammen an unsichtbaren Fäden und zappelt sich herum im Weltraum im Auftrag jenes großen grandiosen Ueberirdischen . . Hah! Und die papierene Sintflut schwemmt befehls¬ gemäß heran! Tausende von Laboratorien fabrizieren das so beliebte Volks-Opium: Aberglauben, Kulturdünkel, Verstocktheit.. Immer wieder und immer von neuem wieder wird erfolg¬ reich das Preisrätsel gelöst: wie erhalte ich am besten die Masten der Ausgebeuteten in Abhängigkeit und Dumm¬ heit? . . . Die Bücherfabriken rascheln, die Zeitungen flattern fröhlich wie winzige Papierdrachen von Hand zu Hand im Wind ... In wunderbaren Einbänden, mit herr¬ lichen verlockenden Titeln geschmückt, auch sonst fein säuber¬ lich aufgemacht, präsentieren die Menschenfänger ihre im Intereste der Mastenverbreitung recht preiswert gehaltenen Köder . . . Aestheten, Schriftsteller, Gelehrte hocken herum, gierig lauernd auf jeden Auftrag, gesellschaftstüchtige Heimarbeiter. Sie sind ordentlich elastisch geworden mit der Zeit, ihre geistigen Glieder zu Gummi gebogen, sie lernten es, sich rasch umzustellen . . . Tempo! Das Geschäft ver¬ langt es ... An solch originellen Charakteren hat es ja bekanntlich nie gefehlt. Und die Kultur muß dem Volk er¬ halten bleiben, koste es, was es wolle. Und der Heldentod ist schließlich nur auf dem Papier was wert, in Wirklichkeit keinen Pfifferling. Die Kinomaschinen rattern. Hopla, mein Freund, damit auch deine Augen nicht ver¬ hungern. Und ein strammer Militärmarsch „Ruck-zuck" sorgt für den Ohrenschmaus. 272 Und die Männer der Regierung marschieren auf, liebe freundliche Herren, kein Zweifel. Wie schön und blendend neu gestärkt ist dem Herrn Präsidenten sein Frackhemd, wie ein Harnisch; und einen Blick tut er, einen Blick, sage ich Ihnen, aus der Tiefe seiner Seele in die Tiefe deiner Seele: akkurat wie durchschaun tut er einen ... Da gibt es sogar einen Wohltätigkeitstee, und die ausgemergelten dünnen Fingerchen einiger extra ausgesuchter Musterproletarier- kinder zupfen an der Frau Minister herum: da ist alles Samt und Seide, Perlenkettlein und Brillantring . . . Eottwohlgefällig rauscht dahin über das prima gebohnerte Parkett der Hermelinmantel . . . Wessen Herz blüht oa nicht über in Ehrfurcht und Bewunderung . . . Und da nippt so eine Exzellenz an einer anderen mit einem Hand¬ kuß . . . Und stehen da nicht, in holder Umarmung mit Unternehmern, Generälen und Bankpiraten ausgenommen, hoffähige Eewerkschaftsbeamte, wie aus dem Ei gepellte, tadelfrei geschnitzte und ebenholzschwarz mit neuen Parade¬ fräcken anlackierte Männlein: sie, die letzten Endes glorreich immer wieder sich selbst begaunernden Schlaumeier! . . . Ihre Rede: ein bedingungsloses zu allem Za und Amen . . An Gründen hinterher, sogar überzeugenden, fehlt es be¬ kanntlich ja nie, und sie kommen sogar, einem Eingeweihten zwar nicht gerade überraschend, ihren Unterdrückern zu Hilfe, wenn diese ausnahmsweise einmal in Verlegenheit geraten sind, und offerieren sich ihnen, lakaienhaft lächelnd, auf dem Präsentierteller. Kanaillen — Deutschland über alles — Hurra! . . . Kein Zweifel: diese Herren wollen — das Wohl der Volksgemeinschaft scharf im treudeutschen Auge —alle nur das Veste. Und da verschwindet eben so ein großer Schieber der Weltgeschichte, die Aktentasche mit genialen Spekulations¬ projekten unter dem Arm, im Auto; vierzehn Stunden jeden Tag ist er zu Konferenzen unterwegs, und jetzt, spät schon 18 27.°! über Mitternacht, noch mit einem ausländischen Vertreter eine Verhandlung — Und hier der Reichstag: eine stürmische Sitzung zwar: aber wirklich nur ein ganz bösartiger kann da bei der Betrachtung dieser Ehrwürdigen, von Volkes Gnaden Ge¬ salbten, auf den Gedanken kommen: Schafstall . . . Das Schicksal des Volkes wird hier entschieden: darum, bist du katholisch: bekreuzige dich! ... Blechmusik, Trommeln, Pauken, ein gellendes Trara — Bajonett aufgepflanzt! Andacht! Bravo, die Reichswehr! Prächtige Jungens, hieb- und stichfest . . . Verwendbar zwar vorerst, aber das ist ja grad kein Nationalunglück, nur im Bürgerkrieg. Da kann man sich denn auch nicht wun¬ dern, daß die Sympathie breitester Volkskreise auf ihrer Seite ist, besonders, na besonders, wenn man den Kom¬ munisten dort als Gegenstück betrachtet: unordentlich, die Hose in Fetzen, kein Hemd, nur ein blutbeflecktes Woll¬ sweater, tief in seiner Kellerwohnung, wie er dort bei Kerzenlicht an seinem Schraubstock Handgranaten aus alten Konservenbüchsen fabriziert, und man außerdem noch gerade zufällig mitanzusehen freundlicherweise Ge¬ legenheit nimmt, wie eben ein anderer Genosse mit gewich¬ tiger Miene, durch eine Geheimfalltüre natürlich, eintritt, und ihm dann glückstrahlend eine Handvoll Cholerabazillen überreicht... Nach dieser gewitterschwangeren Stimmung strahlt selbst der im Kreis seiner Opfer extra für das ver¬ ehrte Publikum photographierte berühmte Massenmörder heiter wie ein Sommertag . . . Und nun noch zum Schluß: Badeszene am Lido: bewimpelte Strandflächen, neueste Badetoiletten, blitzende Meerwellen- Alles blökt, grunzt, summt — Auch die Begleitmusik schwellend-weich, ein gemütvolles Tonsofa — Gottseidank! Großes Welt-Wettschnarchen. Es wird wieder behaglich . . . 274 IV Das „J e n s e i 1 s" - P a n o r a m a So beschaffen ist nun eben einmal die Welt: Da sitzen sie also nach wie vor hoch oben auf dem Palmen¬ garten des himmlischen Wolkenkratzers, von ihren eigenen parfümierten Ausdünstungen umfächelt: die Kaiser und die Könige, die Propheten und die Erzväter mit goldenen und mit elfenbeinernen Szeptern und mit anderen demagogischen Zauberstäben bewaffnet, und um sie herum, vielfach in sich gestapelt, die Geschlechter der Menschheitshyänen, der gott¬ wohlgefälligen Menschheitsgeitzeln und Zuchtruten: Finanz¬ oligarchen, je nach den Extraprofiten der Rang, Admirale, Minister, Generale, in blendenden, ordensüberklirrten Uniformen, Federbusch, Zylinder, Stahlhelm, und die violett vom Ewigkeitsatem angehauchten Pfäfflein klappern, teils inbrünstig schielend, teils mürrisch geifernd ihre Ge¬ bete, und er, der Herr dieser aller, blinzelt und schmunzelt, und saugt, wohl ein wenig zu wollüstig schlürfend, die nar¬ kotischen Düfte des Weihrauchs ein und räkelt sich, daß der swigkeitsschwangere Leib beinahe aus dem Leim kracht, auf seinem himmlischen Plüschsofa... Die berühmtesten Me¬ dizinmänner Europas aber betreuen ihn. Naht mit einer Zeitenwende eine Ohnmacht dem Schöpfer der Welt: da läuten gellend und wimmernd die unsichtbaren Sturm¬ glocken des Himmels, mit Strömen von wunderwirkendem Digitalis durchpumpt man das göttliche Herz... So hatte er sich schon einigemale wieder erholt. Nach er¬ folgter Genesung huldigten ihm die Heerscharen bei der Himmelsparade. Die Antennen auf dem Himmelssanato¬ rium wisperten. Radio-Glückwünsche rieselten herein ins Operationsprunkgemach aus allen Ecken der diesseitigen und jenseitigen Welt. Nie sangen so innig wie damals die Chöre der Heiligen das Halleluja, versammelt mitten im Raum auf einer schwebenden Plattform. Auch die purpurn glühende Abendwolke weinte vor Rührung. Es lächelten selig verzückt die Friedsnspalmwedel und die in ihrer Einfalt kindisch naiv psalmenstammelnden Weihwasser- IS» 275 pinsel. Delegierte erschienen zur Audienz ans allen Himmelsbetrieben — Diplomaten rutschen heran auf herrlich gepolsterten Klubsesseln, die Oberengel spielen jetzt Skat, einer der im diesseitigen Jammertal erfolgreichsten Henker bereitet die allabendliche Futzwaschung. Wieder ein Zug: Epauletten-Helden, die Dirigenten des Riesenflugzeugbombenwerfer-Orchesters, die Generalfeld- marschalle der Trusts, und preisgekrönt mit den Ordensaus¬ zeichnungen aller Erdteile, das größte Schmarotzergenie dieser Zeit. Konzern-Päpste. Kartell-Kardinale. Syndikat- Kommandeure . . . Etwas abseits, die auserwählten Vertretungen der Ar- beiteraristokraten und kleinbürgerlicher Emporkömmlinge, in leichtgeschürzten Batikgewändern, die Riesenplattfüße in blumenbestickten Wollpantoffeln, sie schmauchen blaudunstig die Ewigkeit an aus spiralig gewundenen Tabakspfeifen. Hier ist der Boden schlüpfrig von lakaienhaftem Gesabber. Sie krampfen sich noch jetzt hysterisch jauchzend zusammen bei der Erinnerung an die mancherlei unseligen Taten jener Abtrünnigen, Kommunisten geheißen, und sie versichern sich immer wieder gegenseitig, voll pathetischen Ernstes, Sprech¬ chor gegen Sprechchor: „Wir sind doch allzumal zahme Haustiere . . Ein donnerähnliches Geblöke erfüllt in dieser Gegend des Paradieses die siebenmal stebentausendfach echoenden sphä¬ rischen Himmel. Richter, mit den aus den Fetzen der Todesurteile dum zusammengestückten Talaren; Korpsstudenten, die prominen¬ testen Angehörigen der Studentengarden, jedem die Anzahl seiner Mords an der Arbeiterbevölkerung am Steiß auf¬ nummeriert; berühmte Faschistenhüuptlinge, Polizeispitzel und Meuchelmörder. Hier auch Naturapostel und jene sonderbaren Heiligen, die die Ankunft des jüngsten Tages auf Erden predigten, die prophezeien und weissagen konnten aus ihren Exkrementen. Da — 276 Wie Heuschreckenschwärme... Ein schwarzes Flügsl- schlagen: so stürzt es sich heraus aus dem goldenen Licht¬ loch der Ewigkeit... Und die Maitressen der Reichen und Uebersatten schweben vorüber, in der neuesten Mode, pedikürt, manikürt, ein jedes Zeitalter, ein jedes Land strömt seinen besonderen, gottlobpreisenden Wohlgeruch... Tipptopp. Totschick. Ge¬ schminkt, gesalbt, gepudert. Die Haare frisiert wie Stukka¬ tur. Fressen in die modrig duftenden Fratzen linienscharf hineinziseliert. . . Maler aller Zeiten haben ihnen leuchtende Elorien- kringel aufgemalt, auf die Hinterbacken Sprüche tätowiert. Schenkel aus Brokat, fließende Gebeine; Dicke wie zentner¬ schwere Fleischsäcke, Spindeldürre wie Drahtfigürchen, bunte Kreuzchen statt der Brustwarzen . . . Da verstummen augenblicks die heiligen Reden und die Gespräche und die Gesänge — alles strömt herab von den Tribünen und eilt nach den Marmordampfbädern und Massagezellen, Knutsch-Dielen und Lustgemächern — und der gesamte überirdische Chor ist ein einziges wollüstiges Zungenschnalzen. Aller Nasenflügel schnuppern . . . Halleluja! Andere Choräle tönen schon an, von Jazzband und Niggertrommeln begleitet/ mit absonderlichen Zynismen und Zoten vermischt. . . Der Blick von unten Und tief unten die Völker der Bauern und die Völker der Arbeiter, im Schweiß ihres Angesichts vollbringen sie ihr Tagwerk: zur Ehre Gottes, zur Ehre der Menschheit, zur Ehre ihres Vaterlandes... Brot, Fleisch, alle Nahrung, alle Kleidung: das alles hebt aufwärts sich wie auf automati¬ schen Fahrstühlen, dort breitet sichs aus in den Kammern der Vornehmen, in den Küchen der Reichen — und ach, was vom Tische des Herrn abfällt: es ist ein dürftiger, ein nur allzu dürftiger Brosamen... Ach, und sieh doch: gibts nicht 277 unter den Christen so viele Wohltäter der Menschheit, sie gründen Kinderbewahranstalten und Sparkassen-Bibelver- eine und veranstalten so seelenstärkende Eesallenenfeiern und Heldengedenkfeste, Stierkämpfe und Boxkämpfe, Fu߬ ballmeetings und Baseballwettspiele, Tennisturniere, Auto¬ wettfahrten, internationale Pferderennen, und lassen Messen lesen zum Besten der noch kümmerlich Lebenden und zum Heil der Seelen der glücklicherweise schon Verstorbenen, und auch die Kirche, die alleinseligmachende, sie hat ihr Teil daran, Sündenablaß gibts, Generalabsolution, richtig deine kümmernisbeladene Seele auskotzen kannst du bei der Beichte, und wenn du nur schön brav wedelst, hie und da auch mal Almosen; Museen werden gebaut, mit den farben¬ prächtigsten Gemälden darin, Eintritt frei, Bibliotheken eingerichtet, Bücher in Schweinslederbänden, in Safran, Bibeln auf Zanderbütten und solche billig wie ein Ei zum täglichen Hausgebrauch... Und Gefängnisse sind da für die Atheisten und Uebeltäter und ganz natürlicherweise für alle die, die der himmlischen Weltordnung sich einfach nicht fügen wollen, und eine moderne elektrische Hinrichtungs- Maschine; unterirdisch, schön unsichtbar sind dran die Kabel, und bequem mit Leder gepolstert Arm- und Rückenlehne, beinahe wie ein gotischer Eroßväterstuhl: das aber nur für die Ewig-Rückfälligen oder völlig Unbekehrbaren; denn Strafe, Buße und Abschreckung bei humanem Strafvollzug zwar muß sein; Ruhe und Ordnung: so will es der Aller¬ höchste Gerechtsame, wie es geschrieben steht imBuch,SeiteT, Seite Z bis P, und auch der Soldat tut in diesem wunder¬ lichen Weltwerk seine Pflicht: ihm ist das kalte Eisen in die Hand gegeben, er soll es führen ohne Scheu, er soll dem Feind das Bajonett zwischen die Rippen rennen, er soll sein Gewehr auf ihre Schädel schmettern, das ist sein heiliger Beruf, das ist sein Gottesdienst. Und so ist demnach es unausbleiblich: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre, die Massengräber der Tiefe stinken sein Lob, überall, allüberall ist eitel Glück und Friede und Freude und Segen, und auch die Erde trieft vor Wonne, ist voll davon." L78 Das ist das Werk der Schöpfung. Und stehe da: Wie wir gesehen haben und wie wir es an uns erlebt haben, Tag für Tag: Es war gut, nur allzu gut so. — V Der Ausweg aus diesem Menschheits-Irrgarten!? Breit und wunderbar eben angelegt, asphalt-glatt, mit Phrasen von Menschheitstum gepolstert, mit allen Bürgsr- tugenden gepflastert, auf Viadukten über die abgründigsten aller Abgründe scheinbar schwebend gespannt, oft mit benga¬ lischen Fackeln phantastisch, märchenhaft erleuchtet: das ist der Weg, der immer tiefer, gleichsam zwangshaft hinein¬ führt ins Labyrinth, ins völlig Ausweglose. Offizielle Wegweiser sind angebracht, wie: „Hier Rettung aus der Not!" „Der richtige Weg!" „Pfad der Hoffnung!" „Hier: Weg des Fingerzeigs Gottes aus dem Tal der Verdammnis!" Auch antike, togaumhüllte Eöttergestalten sind links und rechts, diesem heiteren Lebenskorso entlang aufgestellt, bron> zene Reiterdenkmäler, Siegessäulen, marmorne Krieger- gedächtnishallen, und feierlich bewegen sich daher, auf hohen Kothurnen stelzend, die Heldengestalten der vergangenen Geschichte, berühmte Sprüche orakelnd, manche mit Drei¬ spitz oder in Ritterrüstung, Friedrich der Große, der Große Kurfürst. „Gedenke, daß du ein Deutscher bist!" Oder: „Wenn auf unseren verödeten Exerzierplätzen wieder die Schritte preußischer Grenadiere hallen, dann gehts mit uns aufwärts!" Auch für Musik ist auf dieser Wanderung hinreichend gesorgt, für Tanz, für Poesie, für Bildung. Zn den kargen 279 Ruhestunden wirft du ausgiebig mit den erhabensten Ge¬ danken gratis gefüttert, Denk-Automaten schnurren, es wird für dich gedacht, auf diese Weise wird ein schreckliches Un¬ glück verhütet, nämlich: daß du selbst zu denken etwa ge¬ zwungen wirst. Und würde solch ein Unglück unvorher¬ gesehenerweiss gar massenhaft auftreten, keine Epidemie käme dem an Eemeingefährlichkeit gleich, es wäre das Chaos, so ein Zustand wäre für die moderne Gesellschaft Unertrag-. bar. So schmilzt auch die Stimme des berühmten Professors der Gesellschaftskunde herab vom staatlichen Universitäts¬ katheder: „Klassenversöhnung! Volksgemeinschaft! Rück¬ kehr zum Gottesglauben!" ... Oder ein anderer, seine Brust wölbt sich unter einem Taifun von sogenannter Vaterlands¬ begeisterung: „Der heiligste Beruf der deutschen Arbeiter¬ klasse ist, die deutsche Wirtschaft für alle Verluste, die sie im Weltkrieg erlitten hat, schadlos zu halten..." Und flugs werden Menschenleben und verlorene Landstriche in Arbeits¬ stunden umgerechnet, die der deutsche Kuli nun als Ueber- stunden hereinzuschuften hat. . . Und die ganze Luft ist erfüllt wie bei einer mittelalterlichen Hexenorgie mit Idea¬ len, Idolen, Phantomen. Das also ist ein eiliges Gekrabbel mit zugehaltenen Ohren, verkleisterten Augen, verkniffenen Mündern; kopfüber drängt und zwängt sich alles, einer schiebt den andern, rück¬ sichtslos gebraucht man den mit einem Eisenstachel noch be¬ sonders wirksam bewaffneten Ellenbogen, und alles misch- sich freudig erregt hinein in die Verwesung; alles maskiert, es ist wie bei einem Karneval; alles wird breiig, ver¬ schwommen, die Umrisse enträndern sich, nun fliegen die Menschen dahin als Schemen, nebelhaft, mit Fangarmen, künstlichen Rüsseln, unnatürlich sich überwuchernden Gebissen, vergespenstert: mit Scheuklappen vor den links und rechts sich ruckhaft-mechanisch aufgipfelnden Schädelpyramiden: ein Staatsmann zeigt einen neuen Bluff, alle klatschten hyp¬ notisiert ekstatischen Beifall, „spontan", „frenetisch" wie es im Zeitungsbericht heißt, durch einen Gaunertrick zeugt man unter geheimnisvollen Beschwörungsformeln ein neues polypenartiges Gebilde, den Völkerbund; da heben plötzlich 280 alle die Sektgläser, kreischen „Prost Neujahr!" fallen sich gegenseitig in die Arme vor Entzücken, würgen sich und beißen sich aber gleich darauf die Gurgeln durch, und die Glocken läuten dazu noch ganz ernsthaft „Friede auf Erden!" Sektierer aller Arten nun schwärmen heran, spleenige Käuze, Prediger, von denen ein jeder eigensinnigst darauf erpicht ist, auf seine nur ihm allein eigene und geschäfts¬ tüchtig natürlich patentierte, höchst originelle Weise in den Untergang zu stolpern; Pazifisten, mit Palmenschweifen wedelnd, auf allen Vieren hopsend vor dem von ihnen mit¬ getragenen imaginären Standbild des von ihnen nie zu verwirklichenden Weltfriedens; geschäftig verhandeln sie unter sich die gegen jedes Blutbad garantiert imprägnier¬ ten Schutzmäntel... O Prozession des Todes!... Und Strenggläubige noch, den Bedürfnissen eines modernen Zeit¬ alters nicht unbegabt angepaßt: auf fahrenden, in einem eindrucksvollen Hundertkilometertempo angleitenden, elek¬ trisch betriebenen Betstühlen . . . Lachsalven: ein irrsinniges Grinsen... Und das alles mit „Hoppsassa! Heisassa!" immer tiefer hinein in einen riesiigen Pfuhl, mit blut- und kot¬ triefenden Masken. Mit Gebälken, Barrikaden und Schranken aller Art aber verrammelt ist der Weg, der aus dieser Marter-Höhle her¬ ausführt. Mit Stacheldrahtverhauen von den Herrn dieser Erde abgesperrt, unterminiert, durchtupft mit Wolfsgruben, von Schützengräben durchquert, von Schlingen und Fallen um¬ stellt, und mit einer Riesenwarnungstafel gütigst ver¬ sehen: „Wer weitergeht, wird erschoßen!" Polizeitruppen, schweißtriefend, rasen in Lastwagen auf und nieder, angaloppieren schneidig die berittenen Hundert¬ schaften „zur besonderen Verwendung", die Gummiknüppel flitzen, Säbelschneiden ziehen durch, die Eewehrkolbenschläge dröhnen dumpf, Bajonettspitzen zucken, Schüsse knacken... und Panzerwagen, aus allen Luken beinahe lautlos Feuer 281 speiend, kriechen wie stahlhäutige Riesenkäfer hervor aus den zu Forts ausgebauten Regierungsvierteln. Gasgrana¬ ten, Bomben; Maschinengewehre knattern oben aus Flug¬ zeugen. Haufen Erschossener. Haufen lebenslänglich in Zuchthäusern an die Mauern Geketteter. Millionen: das Lebensmark ausgesogen von übermensch¬ lichen Entsagungen. Ein Haufen zum Tode Verurteilter: wie groß und un¬ endlich ruhig stehen sie an der Wand — Millionen namenloser Märtyrer: Und sie halten sich unverrückbar im Herzen eines jeden Lebenden fest, im Kampf den Kämpfern ein gerades Richt¬ zeichen. Und aufrecht schreitet diesen Weg trotzdem und trotz alle¬ dem ein Zug: rußgeschwärzte Gestalten, beinahe nackt, sin¬ gend, unter einer großen roten Wolke als Fahne ... Zhre Schritte klirren, klirren wie Hämmer im Takt... Kein Schönredner ist da, der die Gehirne dieser Männer auslaugr mit Schwatz und mit Flausen... Rhythmisch, hart schwingend, als ob die Straße selbst marschiert, ist es. Die Lebendigkeit, das Leben, die Erde, die Welt selbst ist hier in Bewegung; die Erdkugel rollt das Sonnenfeuer dreht sich, das Firmament zieht glanz¬ stark auf und nieder, die ganze Natur, alle Kreatur: alles marschiert, alles singt hier, triumphierend und kühn, das: „Vorwärts!" Ein Kommando ertönt. Ist es der Sturm selbst, der menschliche Sprache gewon¬ nen hat; das Meer, das aufgewühlte Meer, das schreit, schreit und tief hinten am Horizont hochpeitscht, der in Millionen Flammensplitter zerspringt!? Ein Kommando — 282 Stürzen die Gräber herauf, stülpt sich der Weltraum wie ein sphärische Glasglocke um... und die Pflastersteine wür- felts tmhin wie kantige Eranitschädel- Wie Lehm ist die Haut des Menschen, alles Blut zieht sich bis ins Innerste des Herz-Kerns zurück- Und die Arme renkt es weit aus dem Körper hervor, die Fäuste hängen schon wie rotierende Eisenkugeln dran an den muskelschwellenden Gelenken . . . Ein Kommando — Und widerhallen die Stimmen der Wurzeln in der Tiefe . . . Und dies Kommandowort, das die Geschichte den werk¬ tätigen Massen aller Länder zuruft, heißt: Klassenkrieg! — VI Keiner ist so blind, daß er letzten Endes nicht doch noch sehend werden könnte. Auch die Verblendetsten sind nicht verloren. Die gepanzerte Faust der Geschichte meißelt auch die ver¬ stocktesten Schädel noch auf. Auch hier rinnen, über und über verschüttet, Quellen unheimlicher Rache, Quellen lebensspendender Kraft. Ein magnetischer Streif donnert dahin der Rote Strom. Wenn er durch die Städte treibt: die Städte brechen auf, die Fabriken ziehen mit, die Werften hämmern sich herein, die Schiffssirenen aufruhrtrillern, die Krane neigen sich, die Ufer bröckeln: der Strom, der Strom: uferlos, immer uferloser wird er . . . Was ist dieser Strom anderes als befreiungsschmetternd aus den alten Welträumen sich ergießendes, alle Dämme niederreißendes, jahrtausendelang gemartertes Herzblut!'? Schlag um Schlag in ihr Angesicht: 283 Auch die Kleinbürger werden eines Tages noch gezwun¬ gen werden, ihrem Feind ins Auge zu sehen. Herunter mit den Scheuklappen, aus ists mit dem Sich- herumdrücken, Schluß mit jedem Dem-Kampf-Ausweichen, Farbe bekennen heißt es, Brust an Brust, Brust an Brust gekettet: so beginnt auch hier das Ringen um die Ent¬ scheidung . . . Langsam, zögernd, mißtrauisch rücken die Kleinbürger in die proletarische Front ein: mancher auch im letzten Augen¬ blick noch bereit, seine Kameraden, seine Mitkämpfer, sich selbst zu verraten. Aber die Erde kracht, die Riffe reißen immer tiefer sich ein, und sie, die Erde, sie ist mit keiner noch so ausgeklügel¬ ten Phrase auf die Dauer mehr ganz zu leimen. Der Kleinbürger kann sich vorerst sein Vaterland bis in alle Ewigkeit hinein nur schwarzweißrot vorstellen. Es wird nicht schwarzweißrot sein. Es wird nicht schwarzrotgold sein. Es wird rot sein. Die Kleinbürger täten klug daran, sich beizeiten damit ab¬ zufinden. Die Welt wird unser sein. — VII Klassenkrieg. — Ich habe nicht ein Jahr, nicht zwei, nicht drei Jahre — ich habe zehn Jahre lang gebraucht, um dieses Wort auszu¬ sprechen. Von Angesicht zu Angesicht habe ich dieses Wort geschaut: ich war allein mit ihm, so allein, wie nur ein Mensch mit sich selbst sein kann . . . Stirnfetzen, Gerippe, Gerippsplitter ; abgerissene blut¬ triefende Fleischstücke von Menschenwangen,: niederge¬ stampfte Säuglinge, Eehirnmasse, die aus einer von Ge¬ wehrkolben aufgehauenen Schädelnuß quillt; Mütter, flach 284 an die Mauern gequetscht von dem Luftdruck einer Flieger¬ bombe; milchiges verstocktes Augenweiß; eingeknetet das alles zu einem grobknochigen zementfarbenen Brei oder wie seifige Lauge oder Mörtel, schon flüssiger geworden; Haut¬ knäuel, Fleischknollen, Menschenkadaver, stinkender wie Ex¬ kremente; Torsos des Grauens, widerlichste Skelettfrag¬ mente . . . Transport an Transport der zur Hinrichtung Abgeführten ... O, ich habe auch die Stellungen studiert, und nicht nur studiert!, dieses Zucken in den Mundwinkeln, die unendliche klumpige Gliederschwere, der ganze Mensch bis in die letzte Nervenfaser hinein elektrisch knisternd ge¬ spannt und qualgeprägt: all derer, die, zum Tod verurteilt, vor der Eewehrlinie knieen ... Ich weiß, was es heißt, die Schlinge im Genick und zehn Sekunden noch sind es, o diese ganz unfaßbaren, zeitlosen, weltweiten Sekunden!, zehn Sekunden noch bis zum Weggezogenwerden des Schemels unter deinen Füßen, und dann, dann der erste Augenblick des Freischwebens am Strang- Ich kenne wirklich auswendig das ABC des Kriegs, den menschlichen Elementarunterricht des Kriegs sozusagen, denn das Vergessenkönnen war nicht meine Tugend. Heilig ist mir auch heute noch jeder Tropfen Herzblut — und eben darum, und eben darum, weil ich nicht müde werden kann zu klagen: o Mensch, du kümmerlicher, du elend dich im rohesten Daseinskampf krümmender, du armseliger Wurm. Klaffenkrieg. — Ich habe dieses Wort niedergehalten, trotzdem und trotz alledem, in mir: lange genug war ich bereit, die verruchte Erimiffe dieser Welt mit schönen Illusionen zu umkränzen. Ich brachte es einfach nicht über mich, das auszufprechen, was ist. Das zu tun, was nottut... Klaffenkrieg. . . Ich werde heute die Zähne zusammenbeißen und, wenn der Ekel mich würgt, mit einem kräftigen Fluch drein¬ spucken — Klaffenkrieg. — Es geht nicht anders. Darüber kommt man nur mit Schwindel hinweg . . . Ich habe nun alle Möglichkeiten, nicht nur in meinem Gehirn, sondern auch in meinem Blut durchprüft. Erleb¬ nis an Erlebnis durchkontrolliert, Erfahrung durch Er¬ fahrung. Es sickerte hindurch durch die vielen Jahre wie durch einen Filter. Bitter zwar und herb, aber die lauterste, durch kein Surrogat künstlich verputzte Wahrheit: das ist das Erund- resultat, der Extrakt. „Bitte schön", nun werden wir sagen, „Bitte schön, meine Herrschaften, Essenz gefällig!?" Denn wir find weder ein Kuriofitäten-Kabinett noch ein Album, darin man abstrakte Lebensweisheit sammelt. . . Ich habe die Welt gründlich ausgeschmeckt. Nie und nirgends begnügte ich mich nur mit einer Kostprobe. Ich habe alle Menschenarten dieser Welt geschmeckt . . , Und ich komme heim von meiner Irrfahrt, still, sehr still geworden, ohne große Worte. Mein eigenes innerstes Wesen empfängt mich, mich umarmend, wie eine Mutter, bei meiner Heimkehr. Weiter: entdecke! erobere! Und ich reihe mich vorbehaltlos der proletarischen Front ein. Alles,. was ist, alles, was je gewesen war, alle Erwägungen, die ich anstelle darüber, was je einst noch sein wird: alles Ver¬ gangene, Zukünftige, Gegenwärtige drängt mich schlicht, völlig naturgemäß zu dieser Entscheidung. Sie hat mich organisch zersetzt, dann war es plötzlich abrupt, sprunghaft — und die Entscheidung war, lange bevor ich es eigentlich selbst bemerkte, gefallen . . . Klaffenkrieg . . . Rache juckt mich nicht. Auch sachlich, kühl wie ein Stein kann ich sein. Nüchtern, wie nur der Nüchternsten einer, den Weltgang betrachten. Ich bin heute von keinem Fasching der Illusionen mehr ge¬ foppt. So sehe ich das unausweichbare Gegeneinandervorrücken, das Gegeneinander-mit-den-Spitzen-Zusammenstoßen, das explosionsartig Gegeneinander-Aufprallen zweier Welten, zweier Weltgruppen, zweier Weltgewalten, und in der 286 Weltmulde offen lagernd das gewaltigste Dynamit unseres Zeitalters: Der Klaffen-Widerstreit. — Und ihr? Ihr versucht den Klaffenkampf hinwegzudekretieren. „Volksgemeinschaft" phrasendrischts heraus aus dem Pro¬ gramm der Volksverbrecher: ihr versucht dadurch die Ein¬ heitlichkeit eueres Weltbilds zu retten, o du hochgepriesens Einheit, die du doch nur, immer offenkundiger, eine Ein¬ heit unauflösbarer Widersprüche bist! O jämmerlich-hilf¬ loseste Versuche ihr engstirniger, kurzsichtiger Kretins! O ihr oft gär so honigsüß den Weltfrieden anlispelnden Verbrecher-Hochstapler und Narren! Jede Unterdrückungsmatznahme von euerer Seite her muß, vielleicht zähneknirschend erkennt ihrs, muß, muß nur unsere Waffen schärfen. Wir wetzen uns blank an euch wie an einem Schleifstein. Und der Griff, mit dem nach un¬ serer Gurgel ihr euch streckt: damit reißt automatisch den Todesstoß ihr euch selbsi in euere Herzmitte. Za, und die schlimmsten Fehler, die zu begehen wir über¬ haupt nur fähig sind, o wieviel unendlich mal richtiger sind sie, von der Perspektive der Geschichte der Menschheitsent¬ wicklung aus gesehen, als euere lauterste Wahrheit! — So singe ich hin im Kampf zweier Welten, ein stählern- gefittichtes Schlachtlied, in Riesenschleifen kreisend über der Revolutions-Aera. Zetert „Hilfe!", Bürger! Kläfft „Jesus, Maria!" und „Mordio!" Jammert! Heuchelt! Heult! Plärrt euch unseretwegen, wenn es sein mutz, die Hosen voll! Fabelt von Bürgerkriegsgreueln, Vergewaltigung, Ter¬ ror, Eeißelfüsiladen, bestialischen Grausamkeiten — auf¬ richtig sicherlich meint ihrs, ihr zivilisierten Kannibalen- Eeschlechter! 287 Gezeugt Inmitten des Pulverdampfs — In den unhygienischen gesundheitsmordenden Räumen der Granat- und der Phosphorfabriken — Beim Granatendrehen der Proletarierfrauen, der Prole¬ tarierkinder — Beim Kartoffelstehlen und auf den Heringspolonaisen — Beim tage- und nächtelangen Anstehn der Arbeiterfrauen vor den Lebensmittelgeschäften — Im verzweiflungsvollen Schluchzen von Millionen der ihrer Männer im imperialistischen Weltkrieg beraubten Arbeiterwitwen — Dort In der armseligen Proletenwohnung — Dort Zn Eranattrichtern, in Schützengräben — Dort Im Geklapper der Prothesenglieder der demonstrieren¬ den Kriegskrüppel auf den mit Luxusläden garnierten Hauptstraßen — Im Zug der Erwerbslosen, Im Beschluß „Generalstreik", Im ersten Schuß des bewaffneten Aufstands — In der Salve des Exekutionskommandos, die die ersten roten Soldaten niederkracht — Eroßgezogen Mit Graupen und Grütze — Mit Hungertränen, Mit Tuberkeln, Mit Skrophulose, Mit Lebensangstschweitz — S o Steht die Neue Weitaus — S o Steht die Neue Geschichte, Die Zukunft 19 289 Gezeugt Inmitten des Pulverdampfs — In den unhygienischen gesundheitsmordenden Räumen der Granat- und der Phosphorfabriken — Beim Granatendrehen der Proletarierfrauen, der Prole¬ tarierkinder — Beim Kartoffelstehlen und auf den Heringspolonaisen — Beim tage- und nächtelangen Anstehn der Arbeiterfrauen vor den Lebensmittelgeschäften — Im verzweiflungsvollen Schluchzen von Millionen der ihrer Männer im imperialistischen Weltkrieg beraubten Arbeiterwitwen — Dort In der armseligen Proletenwohnung — Dort Zn Eranattrichtern, in Schützengräben — Dort Im Geklapper der Prothesenglieder der demonstrieren¬ den Kriegskrüppel auf den mit Luxusläden garnierten Hauptstraßen — Im Zug der Erwerbslosen, Im Beschluß „Generalstreik", Im ersten Schuß des bewaffneten Aufstands — In der Salve des Exekutionskommandos, die die ersten roten Soldaten niederkracht — Eroßgezogen Mit Graupen und Grütze — Mit Hungertränen, Mit Tuberkeln, Mit Skrophulose, Mit Lebensangstschweitz — S o Steht die Neue Weitaus — S o Steht die Neue Geschichte, Die Zukunft 19 289 Auf — Unfertig, Formlos, So wie es sein mutz: Unter konvulsivischen Zuckungen, Schaum ohnmächtiger Rache noch um den Mund wie ein Epileptiker — Aber Es wird schon, Es formt sich schon, Hart, stahlhart gerinnen die Umriffe — Das Herz beginnt zu schlagen, Zu hämmern: Ein eiserner Takt — O welch ein wunderbares, der Sonne gleich Menschen¬ wärme ausstrahlendes Herz — Hebel — Muskelstränge — Gelenke — Und Millionenfützig ansteigend, kriechend, geduckt auf den Sprung lauernd, nun: wie eine Sturzwelle, nun - schreitend: Und die Revolution steht da Vor euch Unerbittlich, Ruhig — aus Millionen elektrisch blitzender Augen euch erspähend — Mit Millionen zangenartiger Arme euch umklammernd — Aufrecht, Mann gegen Mann-— „Wie eine Lawine —" „Wie ein Orkan —" „Wie Lavamasse, die herein sich in eueren Weltraum wälzt-" Leibhafte Gestalt!!! 290 Biedert euch an, ihr Hampelmänner der Geschichte mit Göttern, Heroen, Titanen, mit dem ganzen wertlosen Plun¬ der und Seelen-Krimskrams der Vorzeit! ... Glotzt hinab in euch selbst, in den Abgrund des Nichts ... Purzelbaumschlagt, ihr metaphysischen Clowns! Auf! Ein Saltomortale ins Jenseits! Los! Auf zur Seelenwanderung! Produziert euch im Himmelszirkus mit Wesensschau! Heil euch, ihr Emigranten! Flugs, desertiert aus den Reihen des Diesseits! Die jenseitigen Geister verspüren Appetit nach euch. — VIII Ihr lebendig wandelnden Marter-Maschinerien der Menschheit in menschenähnlicher Gestalt! Ihr großen all¬ gewaltigen Säugpumpen! Ihr demokratischen Würg-Götter, ihr Knochenmühlen Gottes! Ihr allmächtig euch dünkenden Akteure der Weltgeschichte- (— bis auf weiteres) Die Erde, die ganze Erde haltet umkrallt ihr mit eueren Gliedern, geheimnisvolle Riesenspinnen: euere Organe wachsen sich aus, euere Organe verlängern sich: euere Hände, euere Arme, euere Beine, euere Muskelbündel setzen sich fort: Eisengelenke, Riesendampfer, Dampf-Hämmer, Hebel, Krane, Räder, Maschinen, Werkzeuge! Euer Gehirn: ein allgewaltiges Verrechnungsinstitut. Fest steht ihr mit beiden Füßen, nein mit Millionen Füßen auf der Erde, verknüpft untereinander mit blitzenden Stahlschienenbändern die fern¬ sten Weltteile, stopft voll, und das nennt ihr Kulturmisston, mit euerem wertlosen Gerümpel jeden Weltwinkel. „Der Anfang sind wir", so prahlt ihr großmäulig, „die Mitte und das Ende der Welt." „Cäsarennaturen — " „Führen zurück wir nicht unseren geistigen Stammbaum auf die Schöpfer der Pyramiden —!?" 19* 291 Da marschieren ste heran, lakaienhaft grinsend, euere Angestelltenheere, es speichelt im Chor: „Respekt vor dem Kapitalismus! Respekt vor dem Ungeheuer! Respekt!" —: Millionen Beamte, Techniker, Chemiker, Pfaffen, Aerzte, Lehrer, Professoren, Künstler; so fein säuberlich wie auf Emaille gemalt: Generäle als Trabanten. Eine Handbe- wegung von euch, Druck auf einen Signalknopf: und auto¬ matisch die Fabriken öffnen sich, und Hunderttausende von Erwerbslosen speit es hinaus aus dem zementenen Rachen auf die Straße; Menschenrudel überstürzen sich; das hum¬ pelt, kriecht, rast schon irrsinnig geworden aus den Arbeits¬ nachweis, von euch, ihr Auserwählten, die Gnade des Ar¬ beitendürfens in Empfang zu nehmen. Mürrisch gewährt ihrs, wenn es euch in eueren räuberischen Produktionsplan paßt, wenn nicht — wieder ein Signal, und rasch verstärk- digt ihr euch, das Militär sperrt ab — Handgranaten, Fliegerbomben, Maschinengewehrsalven als Begleitung — und Millionen laßt abschwenken ihr von der Straße des Lebens zum Marsch in die Hunger-Dschungeln . . . „Gewürm, Abfall, Dung der Geschichte —" Konstatiert ihr. Der Geschichte, die euere Geschichte ist. Denn dort, wo die höchsten Schlote enden, dort ziehen sich hin euere Höhen, mit Prachtgärten und Villen bebaut, dis modernen Eötterwohnungen, die Königsschlösser unserer Zeit, unsichtbar gegen jeden Ansturm der Rebellen ver¬ barrikadiert, und alles vom werktätigen Volk Geschaffene findet dort in euch seinen endgültigen sinnvollen Ausklang. „O ihr gütigen Spender des heiligen Lebens, wie danken wir euch! Den Lohn, den ihr uns auszahlt, welch ein kost¬ bares Geschenk! . . . Und kleiden wir uns auch in Lumpen, bewohnen wir auch Höhlen, und haben weder Speise noch Trank... und wir Frauen und Kinder: man kann sich schon nirgends mehr anlehnen, so schmerzt es vor lauter Gerippe -o ihr, euer gütiges Lächeln ist unseren Wunden ein Balsam, und unser Vierzehnstundentag nichts weniger und nichts mehr als ein Gottesdienst —" Anders aber spricht die Wirklichkeit. 292 Die Rutzknäuel, die die Schächte ausatmen, ballen sich am Himmel zu einer schweren Wolke. Stötze brennenden Windes furchen das Land. Waggonweise nun laßt ausschütten ihr unter den Mur¬ renden, unter den Todgeweihten die jedes Klassenbewutzt- sein mordende Korruption. Von euch gedungene Arbeiter¬ führer spalten auftragsgemäß jede proletarische Kampf¬ organisation. Verrat, Bestechung, Niedertracht ohne gleichen Die Arbeiter selbst bekriegen sich. Unter dem Aushängeschild des Arbeiterwohls und der „Volkserneuerung" gründen sich neue arbeiterversklavende Verbände. Mißtrauen gegen die bewährten revolutionären Führer: in jeder Herzfalte sprießt schon euere giftige Saat. Da wieder laßt ihr einen, freudig gewährend, einherstelzen im Prunkgewand anarchi¬ stischer Phrasen; andere wieder orakeln von Rednertribünen — und schmunzelnd kostet ihrs aus —: „Langsam voran, im Zickzack vorwärts!" Und das instinktiv schon klar entschie¬ dene Arbeitergehirn verwirrt sich, die Kampfkraft laugt sich aus, planlos verläuft die Aktion und uneinheitlich — und das Ende: ein blutiges Menschenknäuel. Denn rücksichtslos gebraucht ihr, wo das System der Kor¬ ruption nicht mehr ausreicht, gegen die sich Empörenden euere schärfste Waffe: die Machtorganisation des Staates. * Es marschiert aber, es marschiert, es marschiert. Die Straße selbst zu eueren Höhen hinan, ihr Unerreich¬ baren, bewegt sich. Der Hungertod marschiert, die Arbeitslosigkeit marschiert, es marschieren die Tuberkulose, die Syphilis, das Alkohol¬ delirium, die unhygienischen Wohnungsstätten der Arbeiter¬ bevölkerung: schwer, schwerfällig, tappend, denn schwer nur kommt es noch in Bewegung. Und das Massengrab des imperialistischen Krieges marschiert, und Selbstmord und Lebensverzweiflung, und dahinterher wieder Skrophulose und fahrlässige Verstümmelung, und nebenan die Kolonial¬ schmach und die amerikansche Lynchjustiz, die Todesstrafe marschiert, Gerichtsurteil an Gerichtsurteil, Millionen Jahre Zuchthaus und Gefängnisstrafen, die Kinderarbeit, 293 die Herzensträgheit, die Gedankenzerrüttung... eine riesige schmutzig-gelbe gallertartige Masse von Millionen von Men¬ schen zerstörten Lebensglücks. Die Menschenunterdrückung, die Ausmergelung, die Un¬ natur, der brutale Daseinskampf marschiert. Es ist eine Sintflut der Daseinssinnlosigkeit, eine Sint¬ flut des Nichts. Ist es Walhall, ist es der Olymp selbst, den ihr stürmen wollt!? Hoffährtig glotzend Psalmensingen die Priester zum christ¬ lichen Himmel: aber schon schüttelt es wie Hagelkörner über die ganze Welt hin zu Stahlgeschossen geronnene Menschen¬ tränen ... Und — Ein Gesang marschiert. Die „Internationale" marschiert . . . Wie ruhig, wie unendlich ruhig stehen die sieben „Der Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes" angeklagten Re¬ volutionäre vor ihren Richtern. Vier, fünf, zehn, zwölf, fünfzehn Jahre Zuchthaus. So lautet der Antrag des Staatsanwalts. Die Angeklagten haben das Schlußwort. „Wir haben jederzeit unser Ziel unumwunden zugegeben. Die Strafe, die Sie gegen mich beantragt haben, wenn das eine Strafe für meine kommunistische Gesinnung sein soll, nun gut. Für den Kommunismus setze ich alles ein." „Für mich ist es einerlei, was der Gerichtshof beschließt. Ich habe bis jetzt mit meinen Genossen gelitten: ich bin be¬ reit, wenn es sein muß, für meine Ueberzeugung weiter ins Gefängnis zu gehn." „Ich habe für meine Überzeugung bisher im Gefängnis gesessen. Ich habe dafür meinen Beruf aufgeben müssen Ich werde, wenn Sie es wollen, weiter zu leiden verstehn." „Eine Gesellschaftsordnung, die Millionen ins tiefste Un¬ glück hineingestoßen hat, ist nicht wert, weiter zu existieren. 294 Ich habe im Gefängnis in die tiefsten Tiefen hineingeschaut. Wir werden es zu ändern verstehen. Sie werden mir mit dem Strafantrag einen Lorbeerkranz um mein Haupt legen, den ich gar nicht verdiene, denn ich bin ja nur ein einfacher Funktionär. Ich werde trotz alledem den Kopf hochtragen." „Ich bin mir völlig klar darüber: der Leidensweg des Proletariats erfordert große Opfer. Ich bin es gewohnt, für den Kommunismus zu kämpfen und zu leiden. Ich werde auch weiter Opfer zu bringen verstehn. Aber das Bewußt- fein habe ich und das macht uns alle stark: Zuletzt werden wir die Sieger sein und triumphieren über, den Schmutz der heutigen bankrotten Gesellschaftsordnung." Und auch die Jugend des revolutionären Proletariats meldet heroisch an ihre Stimme: „Ich bin stolz darauf, für meine Ueberzeugung vor Ihnen, hoher Gerichtshof, zu stehen. Ein großer Arbeiterführer Hal uns einmal gesagt: wenn euere Altersgenossen ins Gasthaus und ins Tingeltangel gehen, so werdet ihr mit einem Lächeln ins Zuchthaus wandern. Nun, wenn sie mich ins Gefängnis schicken wollen, ich bin bereit, für den Kampf der Jugend meine ganze Person einzusetzen und werde stolz die Gefängniszelle auf mich nehmen." „Wenn Sie mich verurteilen, nun gut, so werde ich dieses Lehrgeld zahlen. Ich glaube, es wird sich lohnen." Was ist das für eine Ruhe!? Das ist die Ruhe des Schongesiegthabens, nur einen Schritt, nur einen kleinen Schritt noch ist die Geschichte zu¬ rück. Morgen, übermorgen: es kommt, es wird kommen, es mutz kommen... Der Kampf ist schon entschieden — und wenn du zur Bekräftigung des Sieges noch das Siegel deines Lebens drauf drücken mußt: so geschieht es ohne Zögern und voller Heiterkeit. Was ist das für eine Sprache!? Das ist eine Sprache, die gesprochen wird, bald laut, bald weniger laut, doch deutlich vernehmbar, bskennerisch, in allen Erdteilen. Das ist der Grundton einer neuen Weltsprache, 295 der Sprache der Zukunft. Und jeder echte Dichter müßte sie sprechen. Ja, die Höhe der Strafe: das ist einer der Gradmesser der revolutionären Tüchtigkeit, einer der Gradmesser deiner Menschheitsverantwortlichksit. Das „An die Wand": das ist für den Revolutionär, wenn es schon sein muß, daß aus seinem Herzblut mit Freuden gespritzte Blutsiegel unter die Botschaft: Einst kommen wird der Tag . . . Denn — „Wer Kampf gegen den Bolschewismus beginnt, der finkr immer tiefer und tiefer. Er wird Verbündeter von Mon¬ archisten, Werkzeug von Imperialisten, dann Spion und Bandit. Auf diesem Weg gibt es kein Zurück mehr." Mit diesem offenen Geständnis beschloß vor dem Roten Revolutionstribunal einer der unerbittlichsten Gegner des Sowjetsystems seinen verruchten Kampf gegen die Arbeiter¬ und Bauernrepublik: Sawinkow. Und so ist es. — IX Aus diesen Fangarmen sich zu befreien, aus Fangarmen, die unsichtbar sind, die fließend sind, die wie ein millionen¬ ästiges Gezweig dein Denken und Fühlen durchzweigen, um so mehr, je mehr du vermeinst, ihrem eisernen Zugriff be¬ reits dich entzogen zu haben; heraus aus allen Verkettungen und Verwindungen, denn wie ein Sperrfeuergürtel ist die Not der Zeit um die begrenzte Zone deines Daseins gelegt; heraus dich zu arbeiten, das Messer zwischen den Zähnen, aus all den tausendfachen Verstrickungen, Durchgarnungen, Hinterhältigkeiten und Unbewußtheiten: dazu ist die Kraft eines einzelnen Lebens nicht genug, und wäre sie noch so eine übermenschliche und gigantische. Aber du lebst dein Leben weiter. Lebst dein Leben weiter im Leben von Kämpfern, die um dich sind, die mit dir sind, im Leben von Kämpfer-Generationen, die nach dir kommen werden. Die besser kämpfen werden wie du, zielsicherer, konzentrierter, gerüsteter. Die eines Tages auch 296 den Kampf zu Ende gekämpft haben werden, von dem es heißen wird: Er war der größte, er war der herrlichste, er war der an Niederlagen reichste: keiner war ihm gleich. Gekämpft habt ihr in Träumen; gekämpft habt ihr mit entzündenden Worten, mit Melodien; mit Wandzeichnun¬ gen, mit Debatten; mit euerer Atemzüge monotonen Rhyth¬ men; mit jedem euerer Herztakte, hart, gehackt klopfend hindurch durch die stickicht qualmenden Fabrikräume: ihr lebendigen Arbeitsmaschinen! Lawinen von Menschenmassen schüttelt aus sich heraus die Erde. Lava von Menschenblut stampfte dampfend daher. Türme von Menschenleichen stiegen an aus der Tiefe. Massengräber schluckten, ein schlammiger Rachen, die Licht- srucht der Sonne. Strang, Füsilade, elektrischer Hinrichtungsstuhl: Ms zur Neige geleert den Kelch der Bitternis! Nicht einen Tropfen nicht geschmeckten Leids schenkt euch die nach Menschenopfern lechzende Menschenerde! Schritt auf Schritt auf dem wie eine getretene Schlange sich windenden Weg stehst du, hereingebaut bis ins blaue Erz des Himmels, Schädelpyramiden. Blutquellen perlten. Vlutbäche schossen. Vlutströme roll¬ ten. Die Riesenorkane, mit den Flügeln des Hagels sie schlagend, furchten das Blutmeer. Wer seid ihr!? Kolonnen rußgeschwärzter Männer — Kolonnen der Arbeitskittel — Kolonnen der Genosten, der Leninisten-Kommunisten — Kolonnen der Genossinnen — Kolonnen der Jungkommunisten — Kolonnen der Parteilosen-Sympathisierenden — Proletariat. Menschheitsgranit. 297 Zu Wellenbergen der Geschichte verwandelte Menschen¬ massen. Welt-Eroberer. — Es hingen nieder die Wälder von den Bergen wie schwar¬ zes Geläute. Die Felsen donnerten hoch oben im Luftleeren. Keine Tafel faßt je die Namen der Helden, gefallen in der Riesenklassenschlacht. Die kommenden Geschlechter werden ein Instrument er¬ finden, die Namen der Helden und Kämpfer der ganzen Erde, die Schlachtäcker und Kampftaten alle gleichzeitig zu nennen: das dröhnt wie Gebläse einer millionenstimmigen Riesenorgel; alle Kreatur singt mit im Chor. Jeder Blick deiner Augen kämpft, jede Faser deines Her¬ zens, jede Bewegung deiner Hand kämpft. Einer voraus! Einer in der Mitte. Einer ist der Anfang. Das Gewölk hallt wieder vom Refrain des ersten Tausends. Das zweite Tausend — Das dritte — Das vierte . . . Das erste Hunderttausend — Schritt gefaßt! Schwenkt! Ausgeschwärmt — Massenprotest — Generalstreik — Massenaktion — Be¬ waffneter Aufstand - Und wie ein Fächer sich entfaltet — Sturmwellen wirft der hohe Triumphgang der Geschichte. Alles ist Kampf, ist Bewegung. Die Natur selbst trommelt den Kampftakt. „Wer ist das!? „Was ist das!? „Einfach ein Irrsinniger!? „Oder —?! 298 „Ein Projektil der Geschichte — von nie dagewesener Sprengkraft!?" Lenin „Aus diesem Teig sind geknetet die Robespierres, die Marats — und sogar noch viel, viel Größere . . Ihr stahlgepanzerten Eroßkampfmaschinen, rot bewim¬ pelt, seid gegrüßt! Hinüber! Ruckend zuckt es hinweg schon über Gräben, ungefüllt mir Stößen regenbogenfarbig schillernder Gasleichen. Stahl, Erz, Kohle, Kupfer, Metall, Wasser, Zement, das Gift, die Wurzeln der Tiefe, das zarteste Blümlein der Erde: nenn mir ein Ding, nenn mir ein Fleckchen im Welt¬ raum, nenn ein Element mir, das heute nicht kämpft. Auch die Vögel, die Sonne, Stern, Wald, Meer, von Schwarz bis Purpur; Vergpfade und Gefälle: Alles jauchzt Kampswillen. — Tausend Jahre oder darüber — ich zähl sie nicht —: aber ich höre deutlich das Siegeslied, gesungen von dem befreiten Welt-Volk, hereinschmettern in den Strudel der Klassen¬ kampfzeit aus der alle Menschenzeitalter triumph-kühn über¬ höhenden Zukunft: „Genossen! Kampfscharen! „Seht, das ist das Leben, das ihr uns erkämpftet! Auf sonnenstarken Bergen: geflügelt überspringen wir Gipfel an Gipfel; mie auf einer Fläche gleiten wir hin auf dem Wind . . . „Greift unsere Körper! Nicht nach der Zahl von Jahren mehr leben wir: wandelnde Fackeln des Lebens sind wir, genährt an dem ewigen unauslöschbaren alllebendigem Lebensbrand. . . 29g „Herrschaftslos herrschen wir! „Begeisterungs-glühend, ein Menschen-Stern, zieht jeder Einzelne dahin über die Erdenbahn. „Was ists für Wärme, die in einer leuchtenden Woge, länderauf, länderab, meerauf, meerab bis hinüber über den Süd- und über den Nordpol wallt!? Nicht Golfstrom ists und nicht Samum: es ist unser neuer Sommer, es ist Wärme des Menschenherzens. „Was ists für ein schweigendes Gewittern im Raum, Takt an Takt; es wölbt sich, ein kristallisches Kuppelgefüge, strömt an, strömt an in Klangwellen, und wieder strahlt es sich auseinander in vielfarbigen Schwingungen!? Es ist die unermüdbare Schlagkraft des Menschenherzens. „Wie Wein schäumt über den Rand: so überquillt vor Fruchtbarkeit die Erde an den Horizonten. Das ist Menschen- Unsterblichkeit. Das ist Menschen-Kraft. — „Genossen! Kampfscharen! „Im fernsten Dunkel ruhen ungesprochen euere Sprachen. O ihr Brücken, geflochten aus Menschenleibern, hineinge¬ baut in die Reiche des unerschöpfbaren Lebenslichts! . . . Kameraden! Der Helden der Vorzeit gedenkt! Der von Menschen einst der Menschheit geschlagenen Wunden gedenkt! „Jauchzend gedenkt!" 8. Kapitel Sowjet-Europa entgegen! Prinzipielle Vorbemerkung zum letzten Kapitel. — Kolonialwirren. — Die Kriegsgaswolke am Hori¬ zont. — Arbeiter bewaffnen sich. — Was bedeutet (OttO L») — Die Farbstoff-Fabriken rebellie¬ ren. — Das chemische Kampfstoff¬ arsenal der USA: Edgewood. — Der Sturm bricht los! — Der Kern der Sache. — Abgefangene Radios aus Amerika. — Nachrichten aus aller Welt. — Zapanswerktätige Massen brechen ihr Sklavenjoch. — Sowjet- Rußland marschiert. — Un st erbliche Opfer. — Sowjet-Europa ent¬ gegen! „Ein preußischer Monarch hat am Ende des 18. Jahrhunderts einen klugen Satz geprägt: „Würden unsere Soldaten verstehen, weswegen wir Krieg führen, so hätte man keinen ein¬ zigen Krieg führen können." Der alte Preußenkönig war kein dummer Kerl. Wir aber können jetzt sagen, wenn wir unsere Lage mit derjenigen des preußischen Herrschers vergleichen: „Wir können kämpfen deshalb, weil die Massen wissen, weswegen sie kämpfen und kämpfen wollen, ungeachtet der unerhörten Opfer, weil sie wissen, daß sie verzweifelte, unsagbar schwere Opfer bringen, um ihre soziali¬ stische Sache zu verteidigen im Kampfe Schulter an Schulter mit jenen Arbeitern in den anderen Ländern, die unsere Lage zu be¬ greifen angsfangen haben." Lenin I Noch einmal ein letzter Appell vor dem Sturm, ein Mani¬ fest an alle, die menschenwürdig leben wollen, vor dem Generalangriff! Kameraden! Die Transmissionsriemen knattern, die Schleifräder spritzen Funken, 10 000-?8-Motoren knurren... Und das ist ein Maschinenraum: an Millionen Hebeln zucken Millionen Händepaare herum, wie abgeschlagen vom Körper sind sie, aber an den Händen pulst noch ein Herz, eine Lunge atmer noch, ein Gehirn will denken: noch ist der Mensch nicht ganz tot, zwar ists schon nicht mehr viel, was hier noch um das gütigst gewährte Existenzminimum ringt. . . Und die elek¬ trischen Bogenlampen flimmern, die Expreßluxuszüge knüp¬ fen Weltende an Weltende, Riesendampfer schrauben sich wohlig und sicher herauf durch den Ozean: der eine Teil der Menschheit verlängert tausendkilometerlang seine Glieder, dem anderen Teil der Menschheit schrumpfen sie, sterben sie ab ... Phantastisch von kristallischen Lüstern erhellt über- bluht die Luxuskabine das armselige Schattendasein der vier Wände des Lohnarbeiters, aber — sind nicht aus seinem Herzblut, aus Schweiß und Herzblut des Lohnarbeiters die Paläste gegossen? Maschinen, Licht, Lebenslust, Wärme: 303 ist es nicht sein Werk!? Und haben demnach diese anonymen Schöpfer jeder Lebenskraft nicht das Recht, nein, nicht die heilige Verpflichtung, sich im Fall, daß sie gewaltsam im Interesse einiger weniger, die schon im Urteil der Geschichte als Cesellschaftsverbrecher gebrandmarkt sind, aus dem Lebensprozeß ausgeschaltet werden, hat diese Menschenmehc- heit demnach nicht die Pflicht, die ihr zur Verfügung stehen¬ den Notwehrmaßnahmen zu ergreifen, um der Verelendung, der sicheren Katastrophe, dem Lebensuntergang zu entgehen! Das Natürlichste vom Natürlichen wäre es. Das Men- schen-Selbstverständlichste . . . Und die Trusts, die Kartelle, die Syndikate bewegen sich, bewegen sich gegeneinander und jede ihrer Bewegungen schafft Kollisionen, zeugt Krisen, schaufelt das Grab für Hunderttausende. Und hört Ihr den Chor der Menschheits¬ vampire, zunächst noch als ein konspiratives Flüstern: „O heilige pazifistische Aera! Der ganze Weltraum trieft ja von Friedensgeläuten! Halleluja donnern hinweg über den Ozean Die Kanonenschlünde der Dreadnoughts: „Friede auf Erden!" Ach, nur in den stillen Kämmerlein Unserer Staatslaboratorien Fabrizieren wir gutes Giftgas. Seht: den Staat haben wir uns geschaffen Als unsere beste Waffe — Und wenn es wieder mal losgeht: Diesmal wird der Konkurrenzkampf geführt Als chemischer Krieg . . . (Sachbeschädigung ausgeschlossen.) Phosphorbomben. Flugtorpedos. Elektrische Wellen — Fünf Minuten — Und (jede Pore exakt durchgiftet) Liegt leblos so ein Riese Wie z. B. Chikago da . . . Und wer bezahlt dann die Zeche!? Zuviel Menschen sind ja so wie so auf der Welt. Darüber sind wir uns einig . . . 304 Tastet inzwischen die Erde ab: Wo riechts nach Petroleum?! Schade nur, Daß der Mars noch nicht zu kolonisieren ist!" Eine gespenstische Polonaise wandert indeß hindurch durch den Weltraum die Millionen-Kolonne der körperlich und geistig Verhungerten, Mann an Mann, Weib an Weib, Kind an Kind . . . Warum!? . . . Genügt euch wirklich als Antwort darauf nur ein Achselzucken!? Ist das Grundgesetz der Gesellschaft für euch immer noch eine geheimnisvolle mystische Chiffre, ohne Schlüssel!? Rutscht ihr immer noch die Kniee euch wund vor dem erbärmlichsten gesellschaft¬ lichen Aberglauben: „Es ist immer so gewesen, es wird immer so sein . . * Ein Fünfsekunden-Querschnitt durch Zeitungskioske, Theater, Verlage: es ist zum . . . Es gleicht wohl einem Sprung durch eine Papierhölle. Alles was einmal groß, echt, gewaltig, lebendig war: verkauft, verwässert, entwertet, verraten... Alles ursprünglich Edle, Wahre, Heroische und Schöne in eine schleimige Korruptionstunke eingetaucht, jeder lautere Ton überkeift von einem zotigen Gemecker... Aufgeplustert bis zum hysterischen Exzeß, widerlich zer- fchminkt, bis zum Brechreiz bengalisch illuminiert: so stol¬ zieren die modernen Revuen an, und desto erfolgreicher sind sie, desto inhaltsloser sie sind und desto nichtssagender und leerer ihre bedauernswerten Akteure daherplappern: präch¬ tig maskierte Volksseuchen . . . Magazine, Journale, Sumpfliteratur, Auflageziffern bis 300 000... Und wer sind sie, die armseligen Opfer dieser typischen Misthaufenerzeugnisse!? Im Cafe, in den Warte¬ zimmern des Arztes: dort strömen sie ihren pestilenzartigen Geruch aus. Der Film, in sich bergend ungeahnte Möglichkeiten, was ist aus ihm, eingespannt in den Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft, geworden!? Man braucht, glauben wir, nicht 2V 305 mehr darüber zu sprechen. Film, Radio, Presse, Theater, Literarur: das find nur die verschiedenen Ressorts jenes gewaltigen, immer mehr sich amerikanisierenden Propagan- dainsnruts zur Weiterzüchtung der menschlichen Dummheit. Hier sind die staatlich konzessionierten Fälscherzentralen und geistigen Bazillenfabriken, sie arbeiten so wundertätig wie unter der Aufsicht des lieben Gottes selbst, sie hebt kein Polizeikommando aus, aber sie produzieren ja auch so ver¬ flucht erfolgreich in nächster Nähe des Regierungsviertels und nicht in proletarischen Kellerwohnungen . . . Aber bei klarer und nüchterner Ueberprüfung der Ge¬ schichte der Menschen und der Geschichte der Natur müßtet auch ihr eines Tages zu der Ueberzeugung kommen — nehmt alle Erfahrungen der letzten Jahrzehnte hinzu, euere Erlebnisse — zu der Ueberzeugung, daß die heutige bürgerliche Gesell¬ schaft samt ihrer sogenannten Kultur rettungslos dem Untergang in die Zivilisationsbarbarei verfallen ist, und daß sie nicht mehr dazu berufen sein kann, die wirtschaftlichen und geistigen Weltprobleme in einem wirklich schöpferischen Sinne zu lösen, daß sie nicht mehr dazu berufen sein kann, aus sich heraus das einzige Bollwerk gegen die herannahende Phase modernster chemischer Weltkriege zu errichten: die planmäßig organisierte Weltgemeinschaft aller Werktätigen. Millionenmenschenmassen kreisen indeß lautlos nieder auf den Grund in dem riesigen kapitalistischen Krisen-Wirbel.. Den Befreiungskampf des Menschen aus seinem gespen¬ stischen Warendasein, den Befreiungskampf der Menschheit aus allen ökonomischen Zwangsformen, den Krieg gegen den Krieg — und damit auch eueren Befreiungskampf, Kopfarbeiter, aus den Fesseln geistiger Lohnsklaverei kämpft heute die Klaffe der Unterdrückten: das Proletariat. Seine geschichtliche Mission, als einzige an der Verewigung dieses Eesellschaftszustandes nicht interessierte Klaffe, ist es, die Hinfälligkeit und die barbarische Verlogenheit des heute noch herrschenden Systems zu erkennen und ihm den organi¬ sierten Widerspruch entgegenzustellen, die einheitlich ge- 308 schlossen«: Kampffront aller Ausgebeuteten gegen die Aus¬ beuterwirtschaft und ihre Helfershelfer: den Massenterror aller Werktätigen, den Klassenkrieg auf Leben und Tod. Diktatur der Bourgeoisie. Diktatur des Proletariats . . . Ein Drittes, wie ihr es vielleicht gerne wahrhaben möchtet, gibt es nicht. Kameraden! Welcher Front schließt ihr euch an? Ent¬ scheidet euch! Verfallt dabei nicht in den dünkelhaften Fehler euerer Be¬ rufsschicht, dessen Quelle auf Grund des besonderen Arbeits¬ platzes, den die meisten von euch auch heute noch im Pro¬ duktionsprozeß einnehmen, leicht auszuspüren ist, in der- Fehler, daß ihr euch selbst vormacht, selbständig, unabhän¬ gig zu sein, euer eigener Herr zu sein, niemandem ver- verpflichtet, keinem Rechenschaft oder Tribut schuldig . . Za, zu handeln wähnt ihr, aber um so besser werdet ihr, von der Illusion euerer Freiheit gut eingedeckt, ge¬ handelt und verhandelt . . . Euere geistigen Positionen sind mehr, als ihr euch gewöhnlich zugeben wollt, recht kräftig materiell unterzementiert: drum, Augen auf, seht zu, wie alles, was ihr tut, sich heute notgezwungenermaßen objek¬ tiv, das heißt, von der Perspektive der Geschichte aus ge¬ sehen, auswirken muß! Macht euch gefeit gegen ideali¬ stischen Aberglauben, Zenseitstaumel und gegen jede Art von noch so interessanten Mystifikationsversuchen, gegen Nervenzauber und Seelenschmierereien, die gerade auf Grund der Tatsache heutzutage Kurswert erhalten können, als die Grundgesetze des Gesellschaftssystems und damit auch die Lehre von dessen Ueberwindung, die revolutionäre Theorie, nur verstandesmäßig zu erfassen sind.^ „Blickver¬ schleierung tut not" aber orakeln, und sie wissen nur zu gut warum, die Menschheitshyänen... Habt acht auf die offizielle, mit allen Kräften geförderte Fabrikation von Gehirnvergasungsapparaten und auf die weit verbreitete Produktion von mystischen Gehirnnebeln! Helft mit! Entlarvt das pazifistische Eesabber von angeb¬ lich zukünftig humaneren Methoden im Austrag der Völker- 20* 307 konflikte, das beinahe blutrünstige Gekeife von der „pazifi¬ stischen Aera" als das, was es ist: als ein verruchtes Ab¬ lenkungsmanöver, als den bewußten Betrugsversuch, „Atempause" und „Schonzeit" ideologisch als eine ewige Kategorie zu stabilisieren . . . Erkennt den Unterschied zwischen der Phraseologie einer Sache und dem Inhalt einer Sache! Acht gehabt nicht auf das, was der Mund spricht, sondern auf die Bewegung der Fäuste! Statt daß ihr Worte, Papierform, Verfassungsparagraphen ernst nehmt, stürzt euch, wenn ihr mit euerem Entschluß fertig werden wollt, auf das spezifische Gewicht einer Handlung, auf Berechnungen, auf Tatsachen! So laßt aus den Arsenalen der jährlichen Statistiken die Millionenarmeen der Selbstmörder, der Verhungerten, der Tuberkulösen, der Skrophulösen, jenen Millionenhaufen der in diesem Eesellschaftszustand der Wirklichkeit nach völlig Entrechteten vor euch aufmarschieren, die Kriegsopfer der Kolonialkriege und dieTausende von Jahren zählendenZucht- hausstrafen der politischen Gefangenen, und ihr werdet ein¬ wandfrei feststellen können, was es auf sich hat, wenn die Regierer aller Länder zynisch von den Parlamentstribünen meckern: „Friede auf Erden!" Seht die Kommunistische Partei, die weit mehr als Par¬ tei ist, die die Vorhut einer neuen kommenden Weltord¬ nung, die das gestaltgewordene neue Welt-Bewußtsein, die der Stoßtrupp der Zukunft ist! Deren Mitglieder von den nur allzu getreuen Hütern der Menschheitsverwesung in allen Reichen der Erde über alle Maßen grausam ver¬ folgt und verleumdet sind, zu Tausenden und Abertausen¬ den ermordet oder lebenslänglich in Zuchthäusern eings- sperrt, aber in deren Reihen, trotz alledem, noch immer wach erhalten ist und wach erhalten bleiben wird: Opfer¬ mut, Solidaritätsgefühl, wahre Lebendigkeit, Disziplin, Kampfgeist! . . . Heraus mit euch aus euerer Knechtseligkeit, aus euerem von mörderischen Ketten umstrickten Todesschlaf, aus euerer Indifferenz, aus euerer stupiden, verantwortungslosen 308 Eigenbrödelei! Heraus mit euch aus euerer abstrakten Atelier- und Studierstubenluft: wir beschwören euch: infor¬ miert euch endlich darüber, was konkret in der Welt vor sich geht! Folgt unseren Parolen: „Heran an den Feind! Nieder mit Phantomen und Schemen! Herunter von den Thronen mit den lebendigen gekrönten und ungekrönten Leichnamen! Der Mensch muß endlich zu sich selbst den Mut haben! Erobert euch die Wirklichkeit!.. Kämpft gegen den Welt-Unsinn, gegen den Welt-Wahn¬ sinn, gegen den Menschenmarkt, gegen das Menschen-Zucht- haus, gegen das Menschen-Schlachthaus! Kämpft gegen die im Interesse der Profitwirtschaft künstlich gezüchtete Men¬ schendummheit, kämpft für Menschenfreiheit! Kämpft für die Wiedergeburt des Menschen aus der Menschen-Gemein- schaft! „Meine Pflicht ist zu reden, ich will nicht mitschuldig werden!" Dieses stolze Wort Zolas haben unsere intellek¬ tuellen Hampelmänner, kautschuk-elastisch, wie sie nun ein¬ mal sind, und eingedenk der Tatsache, daß Zivilcourage in diesen bösartigen Zeiten unter Umständen zu einer recht brenzlichen Sache werden kann — dieses kühne Wort des französischen Sozialisten hat also unsere offizielle Intelligenz dahin abgewandelt, daß sie prinzipiell nur, wie nach einem geheimen Abkommen, über d i e Dinge redet, die nicht der Rede wert sind. Es gibt aber auch eine Lebensstrategie und damit auch fundamentale Grundsätze dieser Lebensstrategie. Und die Grundlage für jeden Erfolg beruht eben bekanntlich in der Fähigkeit, den Gegner mit überlegenen Kräften am ent¬ scheidenden Punkt im richtigen Augenblick zu schlagen, lleber überlegene Kräfte aber einmal verfügen zu können, das verlangt schon heute: den vollen Lebenseinsatz jedes Ein¬ zelnen. Der entscheidende Punkt der gegnerischen Stellung, der springende Punkt, auf den zu alle Kräfte unserer Zeit sich bewegen werden, ist: das Problem der Ausbeutung. („Wer alles verteidigen will, verteidigt nichts." Dies für Wesensschauer und reine Seelenmenschen!) 309 Was aber treiben objektiv unsere Intellektuellen?! Sie treiben „Tarnung". (Oder Camouflage, wie es in Amerika heißt, und woraus man bereits eine ganze Wissen¬ schaft gemacht hat... Popularisiert diesen Begriff!) Was ist Tarnung? Unter Tarnung versteht man die Kunst, den Gegner über die wahren Absichten, die man hegt, im Un¬ klaren zu kaffen. Unter Tarnung verstand man z. B. den Grasbüschel am Stahlhelm des MG-Schützen, und da be¬ kanntlich auch der imperialistische Frieden die Fortsetzung der Politik des imperialistischen Krieges mit besonderen Mit¬ teln ist, so versteht man unter Tarnung in der sogenannten pazifistischen Aera: die serienweise Fabrikation von Ideo¬ logien und Illusionen (Parlament, Demokratie, Völker¬ bund, Ableugnung des Klassencharakters des Staates, der Justiz, des Heeres, der Polizeigewalt usw. usw.), die dazu geeignet sind, den Gegner, d. h. den Klassengegner, das Proletariat, über die wahren Absichten der Volksverbrecher und der Massenblutsauger im Unklaren zu laßen. Dis Spitzen der Klaßenkampfbewegung womöglich schon ideolo¬ gisch und psychologisch abzubiegen und auf diese Weise sich die Profitrate bzw. die höhere Profitrate zu sichern... Selbstverständlich, so denken instinktsicher die Gewalt¬ hyänen, man kann es sich schon was kosten laßen, den ver¬ wesungstriefenden kapitalistischen Leichnam mit Girlanden zu umwickeln, wer wird auch seinen eigenen Gestank und seinen Totenschädel offen auf der Straße umhertragen! Ideologische Parfümeriefabriken tun bei dem allgemeinen Verwesungsgestank dringend not: man muß die Verwesung Wenigstens wohlriechend machen! Kulissen her! Man kann sich doch nicht so jämmerlich, wie man in Wirklichkeit ist. zeigen! Ja, denn es geht hart auf hart. Alle Kräfte mobi¬ lisiert zum Endkampf heißt es da; hungern laßen heißt es da, ausbeuten! Nur die Maßen nicht in revolutionären Schwung kommen laßen, nur die Haltung nicht verlieren. Nur jetzt nicht... Verflucht, bleibt bald für das internatio¬ nale Weltkapital nur noch China übrig, immer spärlicher werden die Akkumulationsreste... und wenn man sich nicht mehr um Absatzgebiete hinmorden kann, was dann . . . Wie 310 soll man weiterhin den Mehrwert realisieren!? ... Die Welt ist aufgeteilt: nun mutz man wohl bald dem Konkurrenten den Produktionsapparat selbst zerschlagen . . . Und Worte sind in solchen Zeiten nicht mehr dazu da, um die Wahrheit zu sagen, sondern: um sie zu verdecken ... Nun, gut! Wir werden ihnen aber, wie man so sagt, mörderisch in ihr verruchtes Handwerk pfuschen. Wir werden reden, nicht um die Gegensätze zu verdecken, sondern um sie aufzureitzen. Damit alle sie sehen können, werden wir die Wirklichkeit, nackt und brutal wie sie ist, in einen Kegel von Blendlicht stellen . . . Za, euere Pflicht wäre es zu reden, Intellektuelle, um die Klaffenkräfte mit in Bewegung zu bringen, euere Pflicht wäre es, den Motor an der Kampfmaschine des Klaffen¬ widerstreites mit anzukurbeln, für den nötigen Brennstoff mit zu sorgen, mit zu sorgen dafür, datz die Zündkerze intakt bleibt. Euere Pflicht wäre es, die proletarischen Klaffen¬ energien mit zu entwickeln. Euere Pflicht wäre es, zu reden, um nicht an der drohenden Versackung ganzer Geschlechter im „absoluten Krieg", d. h. im „Gassumpf", mitschuldig zu werden. Euere Pflicht wäre es, nicht nur zu reden, um nicht an dem stündlichen ungeheueren Menschheitsverbrechen mit¬ schuldig zu werden, sondern- Und wenn es euch auch den Kopf kostete! Aber auch im Fall, datz euere Entscheidung für die Re¬ volution ausfällt, auch in diesem Fall gilt es, mit einem festeingewurzelten Aberglauben gründlich aufzuräumen. Denn Revolution bedeutet nicht nur gefühlsmäßige, be¬ geisterungsflammende Hingabe an das revolutionäre Ideal. Damit ist bei weitem noch nicht alles getan. Revolution ist nicht nur der bewaffnete Aufstand, ist nicht nur das Stadium des Emporflammens der Massen-Empörung, Revolution bedeutet auch kleine zermürbende Parteiarbeit. Revolution ist auch die Klebekolonne. Revolution sind auch leere Ver- 31L Sammlungen. Revolution ist Legalität und Illegalität. Die Kampfmaschine der Revolution: sie treibt einen ungeheue¬ ren Verschleiß an Menschenzahl und Menschenkraft. Revo¬ lution ist gründlichstes, exaktestes Wissen; sie ist das härteste, gewagteste und furchtbarste Lebenstraining dieser Welt; sie fordert deine Disziplin, deine Ausdauer, sie fordert dich hinein bis auf die letzte Nervenfaser; sie fordert dich ganz. Aber, es ist unschwer, wie Lenin sagt, revolutionär zu sein, wenn die Revolution schon ausgebrochen ist und in Flammen steht. „Nicht der ist revolutionär, der beim Eintritt der Revolution revolutionär wird, sondern der, der auch zur Zeit des stärksten Wütens der Reaktion die Grundsätze und die Losungen der Revolution verficht . . ." Wir möchten es für euch wünschen, Kameraden, wir möchten es herzlichst für euch, in eueren eigenen Interesse wünschen: lernt wieder kennen Heroismus, Aufopferung, Kameradschaftlichkeit. Lernt wieder kennen, was es heißt, daß der Mensch nicht nur eine Ware ist, daß der Mensch nicht nur ein über alle Maßen gedemlltigtes Ausbeutungs¬ und Spekulationsobjekt ist, sondern daß der Mensch vor allen Dingen noch ein Wesen ist, das aus einem Herzen besteht, das schlagen will, aus einem Gehirn, das denken will, aus Fleisch und aus Blutteilen. Lernt wieder kennen, nach¬ dem ein Ideal nach dem andern euch zertrümmert worden ist, lernt wieder kennen das Gefühl, einer Bewegung anzu¬ gehören, der die Zukunft gewiß ist und deren Sieg gleich¬ bedeutend ist mit Menschenwürde und Menschenfreiheil. Hier findet ihr hoch hinaus über alle spielerische Formel- fexerei und geheimnisgeile Spekulationskrämerei wieder einen kräftigen Lebensinhalt. Unser Leben hat einen Wesentlichen, das heißt einen zukunftszeugenden Inhalt: das ist das einfachste und wunderbarste zugleich, was ein Mensch von sich aussagen kann. Ein Lebensinhalt, um den es sich zu leben und zu kämpfen lohnt, und ein Lebensinhalt, um den es sich, wenn es sein muß, auch zu sterben lohnt. Mehr als das, etwas Schöneres, Herrlicheres, Gewaltigeres gibt es nicht, was der Mensch dem Leben abzugewinnsn vermag . . . 312 Kämpft mit uns, wenn ihr wirklich ernsthaft gewillt seid, daß endlich Schluß gemacht wird mit jenen uniformierten Folterbestien, kämpft mit uns, wenn ihr wirklich ernsthaft gewillt seid, daß endlich Schluß gemacht wird mit jener Minderheit von Mehrwertshyänen in Menschengestalt, die Glück, Freude, Leben, Gesundheit von Millionen und Aber- millionen Menschen täglich, ja stündlich auf dem Gewissen haben! Kämpft mit, Kameraden, wenn ihr die Wiederge¬ burt des Menschen aus der Menschengemeinschaft wollt, kämpft mit uns, Schulter an Schulter mit dem klaffen- bewußtesten Teil des Proletariats, Schulter an Schulter mit der Kommunistischen Partei: für die Grundsätze und für die Losungen der Revolution . . Solche und ähnliche Aufrufe erschienen damals in allen Universitäten, Hochschulen... Und die idealgesinntesten und aktivsten Elemente der bürgerlichen Gesellschaft traten unter die rote Fahne. Es geschah, daß mancher Chemiker, Tech¬ niker, Künstler, Gelehrte, Arzt plötzlich wie aus einem Lebensschlaf erwachend, die Augen sich rieb, staunte: „Ja, die Kommunisten sind ja gar nicht so... Die hab ich mir immer ganz anders vorgestellt!" Und mit einer ungeheueren Ueberzeugungswucht und einem fanatischen Vekennermut sich die gefährlichsten Kampflagen aussuchte. Zahl, Kampfstärke der beiden Fronten änderten sich Tag für Tag. An manchen Stellen war ein großes Ueberlaufen . . . Zwischenstufen, Mischungen, seltsamste Kombinationen, Uebergänge: die ganze Welt erschien in einem strudelnd flüssigen Zustand, und gespensterhaft phosphoreszierend. — II Ein kurzer, schlagartig einsetzender Generalstreik: das war das Vorspiel zum bewaffneten Aufstand. Nicht überall lösten sich gleich bewaffnete Kämpfe aus, wie denn über¬ haupt die ganze Lage nicht schematisch zu beurteilen war. 313 Aeber manchen Landesteilen lagerte eine unheimliche Stille; war es Stille vor dem Sturm oder Grabesstille'? Es war Stille vor dem Sturm, wie sich bald herausstellte. Und jene Führer der Arbeiterbewegung hatten wieder ein¬ mal damit bitter Unrecht behalten, die auch damals von der Kampfmüdigkeit und von der Gelähmtheit der proletari¬ schen Energien unkten. Wurde auch die Eeneralstreikparole nicht überall gleich restlos befolgt, beim Ruf zum bewaff¬ neten Aufstand zögerten nur noch wenige . . . Um diese Zeit starb auch plötzlich der hochbetagte Präsi¬ dent der Republik am Schlagflutz. „Berufsmörder!" „Mit Orden ausgezeichneter Funktio¬ när des Menschenmassenmords", fluchten die einen ihm ins Grab nach. „Deutschlands letzte Stütze!" „Unsere letzte Hoffnung!" flennten die anderen. „Deutschland über alles", hörte man damals das letzte Mal. Deutschland war in den letzten Zähren immer mehr zur Bedeutungslosigkeit eines reinen Vasallenstaates, einer Jn- dustriekolonie, herabgesunken. Die nationalen Kreise, die mit der Parole „Nichterfüllung" ans Ruder kamen, wurden im Moment der Regierungsübernahme zu Vollstreckern der Verschacherung des deutschen Nationalguts. Immer raffi¬ niertere Methoden im Volksbetrug wurden ausgebildet, bis diese eines Tages in einen ganz gemeinen offensichtlichen und plumpen Schwindel umschlugen. Dann wurde künstlich sofort das patriotische Delirium aufs höchste gesteigert, „Deutschland über alles" ertönte, wie immer, wenn ein ganz gerissenes Schiebermanöver im Gang war ... Die hin und wieder unter Ausbrüchen heilig-flammen¬ der Empörung gegen Deutschlands Vergewaltigung erhobe¬ nen Proteste wie auch das ganze Gefasel von der Wieder¬ gutmachung der Schuldlüge usw., war ein vorher genau mit den einzelnen Staatengruppen abgekartetes Spiel, damit sich den gutgläubigen Kleinbürgern gegenüber die nationale Farbe der Regierungsträger nicht verwischen sollte. Ja, 314 diese hatten sich durch die Bank so brav und ordentlich ge¬ halten, daß der Völkerbund ihnen sogar ihre einstigen Kolo¬ nien als Mandat übergab. — Wie Hammerschläge zum Sarge des Reichsoberhauptes dröhnten jetzt die Geschütze in das Stadtinnere aus den Vororten herein, wo Militär und bewaffnete Arbeiterschaft miteinander im Kampfe lagen. Von Stacheldrahtverhauen geschützt bewegte sich der Leichenzug dem Dom zu, wo die Beisetzung stattfand. Auf Paraden und feierliches Gepränge hatte man, wie man öffentlich kundtat, in Anbetracht der traurigen Lage der deutschen Volksgemeinschaft verzichtet. Vor dem Dom machte sich eine Gruppe von Provokateuren ans Werk, schleuderte eine Bombe ins Publikum, die fehl¬ ging, aber immerhin eine ungeheuere Panik hervorrief, bei der viele umkamen und es Hunderte von Verletzten gab; und eine viertel Stunde darauf ließ die Regierung bereits die Nachricht von einem kommunistischen Bombenanschlag verbreiten. Man erklärte die Kommunisten für vogelfrei. Die „Schwarzweißroten" zogen auf Kommunistenjagd. — Draußen in einem Arbeiterviertel auf einem weiten Platz waren in roten Särgen die ersten Revolutionsopfer aufgebahrt. Als die KPD-Truppen anmarschierten: das klang hart, exakt, schneidend. Schlagartig, metallisch, knallend. Der Revolutionsgesang war ein kräftiges, in Rhythmen gefaßtes Klassenkampfbekenntnis, ein Schwur, eine Bürger¬ kriegsfanfare, eine unerbittliche Kampfansage. Dieser Trauermarsch war ein Kriegsmarsch. Ein Genosse sprach. Er sprach von der roten Blutmauer der Föderierten: „Die Mauer der Föderierten auf dem Kirchhof Pere Lachaise, wo damals der Massenmord vollzogen wurde, steht noch heute, ein stummberedtes Zeugnis, welcher Raserei die herrschende 315 Klasse fähig ist, sobald das Proletariat wagt, für sein Recht sinzutreten. Dann kamen die Massenverhaftungen, als die Abschlachtung aller sich als unmöglich erwies, die Erschie¬ ßung von willkürlich aus den Reihen der Gefangenen her¬ ausgesuchten Schlachtopfern, die Abführung des Restes in große Lager, wo sie der Vorführung vor die Kriegsgerichte harrten..." Und der Genosse schilderte weiter, wie diese Mauer durch alle Länder hindurch, über alle Meere hinweg sich hinzieht, wie sie mit Strömen Proletarierblut getränkt ist, und wie diese Mauer auch heute wieder auferrichtet ist, turmhoch, wie an ihr das gesamte Proletariat steht, aus¬ gesucht von der weißen Menschenbestie dazu, wehrlos nieder¬ gemetzelt zu werden... Aber wie das Proletariat nun selbst zur Mauer wird, jede Brust ein Stein, jede Gruppe von Proleten ein scharfkantiger Quader, und wie plötzlich sich diese proletarische Menschenmauer in Bewegung setzt, stamp¬ fend über die Leiber der Mörder sich hinwegwälzt . . . und das vergossene Blut in der Mauer zu leuchten beginnt, rotes Siegesblut und rotes Opferblut eins wird, glühend rot.. Und schloß mit den Worten Lenins: „Auf je hundert unserer Fehler, die die Bourgeoisie und ihre Speichellecker in die Welt hinausschreien, kommen zehntausend große Heldenakte, die umso größer und helden¬ hafter sind, als sie einfach und unscheinbar sind, sich im Alltag des Fabrikviertels oder des entlegenen Dorfes ab¬ spielen und von Menschen begangen werden, die nicht ge¬ wohnt sind und auch keine Möglichkeit dazu haben, ihren Erfolg in die Welt hinauszutrompeten . . ." . . . Unsterbliche Opfer . . . Weiter ging der Kampf. Maschinengewehrfeuer knatterte aus Flugzeugen, die dicht über die Dächer hinwegflogen. Proletarische Scharf¬ schützen aber schossen in einem Stadtviertel aus Dachluken und hinter Kaminen hervor ein ganzes Geschwader ab. Ungemein beweglich war die Kampfesart, die sich im Ver¬ lauf der bewaffneten Aktion die Arbeiter zueigen machten. In kleinen elastisch hin und her manövrierenden Trupps 316 Wurde gekämpft, die sich trennten, blitzschnell sich wieder ver¬ einigten und beinahe ohne Kommando sofort entschlossen zu einem Angriffsstoß ausholten. Polizeiwachen wurden er¬ stürmt, niemand aber beging mehr den Fehler, sich darin festzusetzen und die anrückenden feindlichen Truppenteile aus der Verteidigungsstellung heraus zu bekämpfen. Jede er¬ stürmte Stellung wurde sofort geräumt, geschickt maskiert, tagelang blockierte dann oft unter ungeheueren Verlusten der Feind solche Masken. Der Kampfgeist der „Weißen" wurde dadurch bedenklich zermürbt. Schweres Artillerie¬ material, Flammenwerfer, Phosphor-Brandspritzen wurden mühsam herangeschafft, denn nur nach gründlichster Vor¬ bereitung konnten die weißen Kommandos noch einen Sturm wagen. Bei übermäßigen Verlusten oder Rück¬ schlägen ergab sich sofort eine Unzahl von Insubordinationen und Desertionen, nur die technische Ueberlegenheit verhin¬ derte in diesem Moment noch den völligen Auflösungs¬ prozeß . . . So bewegte sich auch auf einer Erkundungsfahrt ein Ge¬ schwader von Kampfwagen mitten in das Zentrum des Arbeiterviertels hinein. Die Kampfwagen waren gasdicht abschließbar und mit Sauerstoffapparaten ausgerüstet. Glühend heiß war es im Innern des Panzerwagens. Die Fünf-Mann-Besatzung schwitzte, und das eiserne Un¬ getüm holperte polternd über die aufgerissenen Straßen¬ pflaster. Der Leutnant stand am Sehschlitz, brüllt die Kom¬ mandos. Wie ein Unterseeboot schwankt der Tank im Hellen Gewässer des Tages einher. Nichts ist zu sehen. Nur kurz und hart schlagen außen die Geschosse unsichtbarer Schützen auf dem Stahlpanzer auf. „Hagelwetter bei heiterem Himmel." Doch die Fünf-Mann-Besatzung ist nervös, es wird heiß und immer heißer bis zum Ersticken, man ist halbnackt und feuert, was die Kugelspritze hält, drauf los. Man stößt mit voller Kraft über die Straßenecken vor, vermeidet 317 jeden toten Winkel, wendet kurz und schlenkert weiter im Zickzack stratzeneinwärts. Hinter allen Fenstern spürt man Augen, Augen die wie sengende Strahlen in das Wagen¬ innere hineinbrennen, vorwärts, rückwärts, oben und unten: überall lauert der Feind. Und die Antenne ist schon kaputt geschossen. Man ist abgeschnitten... Nur der Motor rauscht und summt. Wieder um eine Ecke. Haustüren weit offen... Man funkt hinein... Der Leutnant steht sich um: die vier Soldaten, Bauern¬ jungens, machen giftige Gesichter. Reißen mit Wut an den Hebeln, ihre Bewegungen sind Stotz und Faustschlag . . . Eine Leiche liegt mitten auf der Strahe. „Volle Fahrt!" Drüber hinweg . . . War es eine Leiche!? Oder hat es sich im Tuch bewegt?! Und der Leutnant schreit noch: „Jetzt Kinder, seid doch vernünftig, eine geballte Ladung! Achtung . . Und während die vier Soldaten ihm an die Kehle sprin¬ gen, einer ihm das Mester zwischen die Rippen stützt, die Pistole ihm zwischen den Fingern hindurchfällt, flutet auch schon eine Feuerwelle durch den Panzerraum; zwei, drei kurze Detonationen... und die fünf Menschen hocken am Boden: in sich verkrümmt, wie verkohlte Baumstümpfe. Auch die vier anderen Wagen des Geschwaders waren abgefangen. Die Mannschaften hatten sich bedingungslos ergeben. Die Schäden waren leicht auszureparieren. Genosse Max Herse gehörte zur Besatzung des Wagens „Roter Blitz", der auf Patrouille ausfuhr ... Wunderbare Dinge geschahen. So kam einer die Straße herunter, ein gutgekleideter Mensch, mit dem Taschentuch winkend, auf den Wagen zu. 318 meldet sich mit einer tränenerstickten Stimme: „Helft miri Zch will wieder ein Mensch werden. Ich war es nur ein¬ mal in meinem Leben, drei Tage lang... Seitdem, ach..." Der sonderbare lleberläufer wird im Wagen mitgenommen, kämpft später bei einer roten Sturmabteilung, fällt, ist schwerverwundet und sein letztes Wort ist: „Zch kann euch nicht sagen, wie glücklich ich bin... nun ist ja alles gut so . . — Das Kampfgebiet wurde mehr und mehr von den Ar¬ beitervierteln weg in den Westen der Stadt verlegt, wo sich die Villenquartiere und die vornehmen Geschäftshäuser be¬ fanden. Gemeinsam mit den roten Partisanen operieren die roten Kampfwagen. „Nicht verbarrikadieren!" so heißt es immer wieder.. Da trifft die Nachricht ein: „Die Funkstation ist besetzt." „Der Generalsturm bricht los!" „Ueberall in ganz Deutschland!" „Rußland mobilisiert. Rußland marschiert." „lieber der polnischen Grenze steht schon das Rote Es- Witter." So stark wirkte die Nachricht, daß zwei weitere Stadt¬ viertel in dieser Nacht von den Arbeitern erstürmt wurden. Die Arbeiter sind ihrer Sache sicher und siegesbewußt „Die Welt wird unser sein!" „Wir haben es lange genug nur gesungen." Erwischt man einen von den „Schwarzweißroten", so haut man ihm die Jacke voll, läßt ihn laufen . - - Bis eines Tages ein „Roter" den „Weißen" entkommt, der Leib ist über und über mit Peitschen- und Säbelstriemen bedeckt, über zwanzig Bajonettstiche, das eine Auge ausge¬ rissen... und er erzählt: an den Laternenpfählen... un¬ menschliche Martern... Spießrutenlaufen... Vergewal¬ tigung von Arbeiterfrauen... Hinschlachtung von politischen 319 Gefangenen in den Gefängnissen... und Gas, Giftgas., die Vorbereitungen sind getroffen... Nehmt euch -in Acht!.. Dicke Luft... Die Hauptsache, die kommt erst..." Von mehreren Seiten werden jetzt kurz hintereinander diese Aussagen bestätigt. Der Prolet Leiht die Zähne fester zusammen: „Gut so, wenn sie es haben wollen... Von nun an wird kurzer Prozeh gemacht!..." III Max wurde in besonderem Auftrag ins Reich geschickt. Die Bahnhöfe, noch in den Händen der Regierungstruppen, waren gesperrt. Nur Munitionszüge und Truppentrans¬ porte verkehrten. Viele Brücken waren gesprengt, auf weite Strecken die Schienen aufgerissen, Züge flogen jeden Tag in die Luft. Mar fuhr mit dem Motorrad. Serien von Landschaften zogen an ihm vorüber, kalei¬ doskopartig, wie ein Filmstreifen. Die Aufträge, die er zu übermitteln hatte, waren in den verschiedenen Hohlteilen der Maschine gut untergebracht. Auch besah er verschiedene Ausweise, darunter auch einen „schwarzweihroten" .. . So flog er an dunkelgrünen Wiesengründen vorbei, auf denen noch friedlich die Kühe weideten, an Aeckern, die leicht gekräuselten Wellenbeeten glichen: so lag das Heu in Reihen... Durch Dörfer hindurch, wo ihm Bittgebete leiernd eine gebrechliche Prozession entgegenhinkte. Unbe¬ wegt stand noch so ein Dorf, wie ein träger zähflüssiger Tümpel, inmitten der gewaltigen Wirbelbewegung, die die Industriegebiete bereits längst ergriffen hatte. Andere Orte wieder durchfuhr er, lange Autoreihen hielten vor prächtig und amerikanisch aufgemachten Hotels: die ausgewanderten Reichen waren hierher geflüchtet, hier hatten sie sich wie die Ratten bei einer Feuersbrunst in die 320 Schlupflöcher verkrochen. Landhäuser, Villen mit Laub¬ gängen und herrlichen Gartenanlagen grenzten an den See: wie viele Tausende von Menschen werden einst in diesen Erholungsheimen ihr Leben feiern! Schwer und solid ge¬ baute Klöster standen vierschrötig auf Vergkuppen: auch hier, das ganze Land in dieser Gegend war ein tief wieder Lebensatem schöpfendes Ausruhen. Auch Siedlungen: mit Freideutschen, Christussen und „Wandervögeln" darin, die sich selbst auf den Aussterbeetat gesetzt hatten, in die seltsamsten methaphysisch-verschrullten Gedankengänge verstrickt, dabei vegetierend und wurzel¬ kauend. Eine zwanglose Selbstausschaltung dauernd Lebens¬ untüchtiger aus dem Gesellschaftsprozeß, ein Ersatz für Irrenanstalten bei harmloseren Fällen von Geisteserkran¬ kungen. In der Nähe befanden sich einige ausgedehnte Konzen¬ trationslager, in denen neue Armeen gebildet wurden, Büros zur Anwerbung von Freiwilligen waren fast in jeder Gemeinde untergebracht, die Pfaffen warben eifrig für diese Verbände im Beichtstuhl und von der Kanzel herab bei ihrer Predigt. Weiter gings. Hier und dort hatten es die Regierer allerdings schon gründlich mit den Bauern verscherzt, die ihre Dörfer ver¬ lassen hatten und sich, wie das Gerücht ging, in einer be¬ stimmten Gegend zu einem Heerhaufen sammelten. Manch¬ mal waren Flammenschein und Rauchsäulen am Himmel: Eutshöfe und Kirchen brannten: die Bauernschaft war auf- gestanden und hatte ihre Peiniger zu Paaren getrieben. Unbewegt wie holzgeschnitzte Figuren standen an Weg¬ kreuzungen, rote Binden um den Arm, die bäuerlichen Wachtposten, und oft, durch einen kurzen Durchblick durch einen Wald hindurch, sah man: auf geschlungenen Feld¬ pfaden Züge von Marschierenden. An einer Stelle war es zum Zusammenstoß gekommen. Max mußte einen Umweg machen, alle Straßen lagen unter einem schweren Feuer¬ druck. 21 321 An dem berüchtigten Zuchthaus kam Max vorbei, in dem ein halbes Tausend von politischen Gefangenen elend ihr Leben fristete, über zweitausend Jahre Gefangenschaft saßen darin; dort in dem Mauerwinkel, über den großen Lindenbaum hinweg, war die Stelle, wo die Hin¬ richtungen mit dem Fallbeil stattfanden. Kein Gefangener war hinter den Gittern zu erblicken. Schlafen sie noch oder haben sie ihren Zwingkäfig bereits verlaßen? Der Nächstbeste unten im Dorf konnte ihn darüber auf¬ klären. Vor zwei Tagen, da war es, da hätten die Gefangenen gemeutert, seien unruhig geworden, man hätte es bis ins Dorf herunter gehört. Da habe die Gefängnisleitung die einzelnen Zellen mit Matratzen abdichten lassen, die Zellen¬ räume vergast, in jede eine Giftgasflasche hineingelegt... Drei Minuten hat es gedauert und der Lärm, der in diesem Stadium dem Gebrüll von Tobsüchtigen glich, war zuende. Es wird die Zeit kommen, knirschte Max grimmig, da man wieder dazu zurückkehren wird, Galgen öffentlich auf den Plätzen zu errichten, eine Hinrichtung zur Volksbelusti¬ gung zu machen, und wo man Torturen rücksichtslos an¬ wenden wird. Da werden Reihen von Märtyrern auf den Tischen unter dem Strang stehen, eine weiße Kapuze über, um den Hals die Bulle des Todesurteils... und man wird den Tisch unter ihren Füßen hinwegziehen, fest strafft sich der Strick, und die zwei oder drei Henkersgefellen hängen sich mit ihrem Gewicht noch an den Leib des Verurteilten ... und die Sache ist erledigt. Man wird Menschen bis oben hin in Watte einwickeln, mit leicht brennbarem Oel begießen, an- zllnden und sie laufen lassen. Wir sind im Anfang einer Zeit von Grausamkeiten, Barbareien, Greueln ohnegleichen und bei all dem wird man verlogen, wie man ist, verächtlich und human aufgeklärt auf die Geschichtsepoche der Inquisition und der Hexenprozesse herabblicken... Unsere Gerichte sind Fabriken, weiter nichts als Fabriken, in denen nach einem bestimmten Schema, Gesetz genannt, serienweise Urteils fabriziert werden. Wer in dem Besitz dieser Fabriken ist!? 322 Na, wir werden dafür sorgen müssen, daß diese Betriebe möglichst bald betriebsunfähig gemacht werden! . . . So kam Max bis ins Ruhrgebiet. Eine gelbliche Nebelschicht lag in der Luft. Es war still, wie ein Feiertag. Max erinnerte sich an jene Bergwerks¬ katastrophe, die damals den ersten Anstoß zu seiner prole¬ tarischen Bewußtwerdung und zu seinem neuen Leben gegeben hatte. Was der Kollege Straßenbahner jetzt wohl machen mag!?... Und Wilhelm!? Ein jeder von denen stand auf seinem Posten, ein jeder hatte im großen Schlacht¬ feld seinen bestimmten Kampfplatz. Auch Lene... Sie war seit der Ausrufung des bewaffne¬ ten Aufstands als Sanitäterin bei einer neu sich bildenden roten Armee in Ostpreußen... Das gesamte Ruhrgebiet war ein einziges rotes Riesen¬ bollwerk. Fieberhaft wurde gearbeitet. Ueberall Patrouillen, Sicherungen, Motorradfahrerabtei¬ lungen ... Die Erde war geplatzt: nicht eine Armee nur, nein drei, vier rote Armeen waren aus dieser mit Proletarierblut überreichlich gedüngten Erde herausgestampft. Nach heftigsten und für beide Seiten verlustreichsten Kämpfen war die weiße Armee geschlagen worden, sie löste sich auf dem Rückzug vollends auf, und die rote Armee¬ leitung war eben dabei, einen großangelegten Aufmarsch- plan gegen Norden, über Hannover, gegen Berlin auszu¬ arbeiten. Hier sah Max zum erstenmal einen roten Panzerzug. Pfeifend und schnaubend, unter dem Gesang „Völker, hört die Signale" schob er sich ins grüne Land hinein. „Glänzend organisiert", mußte Max anerkennen. „Und was für eine Disziplin!" „Kein Fall von Plünderung oder ähnlichem ist bei uns vorgekommen, ja ja, wir haben eben eine revolutionäre Tra- 21 323 dition . . . Die vielen Kämpfe in den vorhergegangenen Jahren sind nicht umsonst gewesen..." Wurde ihm im Hauptquartier berichtet. Und Heldentaten wurden erzählt, ohne Namensnennung, jeder hatte sie vollbracht, sie ge¬ hörten allen zusammen . . . Hier erfuhr Max weiter: Generalstreik in USA. Bewaffnete Demonstrationen gegen den imperialistischen Krieg in USA. Die Negervölker in den Kolonien stehen auf. . . Vis über Afrika, in Aegyp¬ ten und Indien. Streik der chinesischen Arbeiter in den japanischen Spinnereien in Tsingtau. Symphatiestreik des japanischen Proletariats. Bewaffnete Zusammenstöße. Japans werktätige Masten sind in Aktion; Masten-Mobili- sation; brechen ihr Sklavenjoch . . . Den Nachrichten von Amerika gegenüber verhielt sich Max von Anfang an skeptisch. Die Partei ist noch schwach. Und das kann einer revolu¬ tionären Bewegung immer das Genick brechen. Wie viel Schutt spült eine Revolution herauf: Desperados, Hochstap¬ ler, Hasardeure: wenn da nicht fest zugegriffen wird, und die Mietzmacherschweine dazu und die Flautegeier . . .! Spitzel und Provokateure... ! Nur eine starke Organisation.. sonst geht das Spiel blutig verloren... Alle gescheiterten Aufstände lasten sich auf den Mangel einer führenden Rolls der Partei zurückführen... So 1919 zum Beispiel! Vom Roland bis zur Viktoria standen die Masten Kopf an Kopf. Vis weit hinein in den Tiergarten standen sie. Sie hatten ihre Waffen mitgebracht, sie ließen ihre roten Banner wehen. Sie waren bereit, alles zu tun, alles zu geben, das Leben selbst. Eine Armee von 200 000 Mann. Und da geschah das Unerhörte. Die Massen standen von 9 Uhr früh an in Kälte und Nebel. Und irgendwo saßen die Führer und berieten. Der Nebel stieg, und die Masten standen weiter. Aber die Führer berieten. Der Mittag kam, und dazu die Kälte, der Hunger. Und die Führer be¬ rieten. Die Massen fieberten vor Erregung: sie wollten eine Tat, auch nur ein Wort, das ihre Erregung besänftigte 324 Doch keiner wußte, welches. Denn die Führer berieten. Der Nebel fiel weiter, und mit ihm die Dämmerung. Tram rig gingen die Massen nach Hause: sie hatten Großes gewolli und nichts getan. Denn die Führer berieten. Im Marstall hatten sie beraten, dann gingen sie weiter ins Polizei¬ präsidium und berieten weiter. Draußen die Proletarier auf dem leeren Alexanderplatz, die Knarre in der Hand, mit leichten und schweren Maschinengewehren. Und drinnen berieten die Führer. Im Präsidium wurden die Geschütze klargemacht, Matrosen standen an jeder Ecke der Gänge, im Vorderzimmer ein Gewimmel, Soldaten, Matrosen, Prole¬ tarier. Und drinnen saßen die Führer und berieten. Sie saßen den ganzen Abend und saßen die ganze Nacht und berieten, sie saßen am nächsten Morgen, als der Tag graute, teils noch, teils wieder, und berieten. Und wieder zogen die Scharen in die Siegesallee, und noch saßen die Führer und berieten . . . Nur war es mehr eine Frage der Führung als der ein¬ zelnen Führer, es war die Partei, die fehlte. Die Konterrevolution aber arbeitete indessen nach einem einheitlichen Plan. Sie rechnete nicht nur mit Berlin, sondern mit dem ganzen Reiche. Ein Werbebüro nach dem andern wird eingerichtet, auf Lastautomobilen werden Waffen herbeigefahren. Kraftwagen aus Kasernen und De¬ pots, ein ganzer Park von Fuhrwerken wird in Dahlem zu¬ sammengestellt, wohin inzwischen Noske und Oberst Rein¬ hard aus Berlin geflüchtet sind. Nach drei Tagen schon glich die Gegend einem Kriegslager. Es wurde mit fabelhaftem Eifer und großer Schnelligkeit gearbeitet. Auffüllung von Restbeständen der Gardekavallerieschützendivision in Berlin — Zusammenfassung kleiner Truppenteile in den märkischen Dörfern — eine letzte Besprechung und nach schleuniger Zusamenstellung von Einwohnerwehren in den Berliner Vourgeoisievierteln: Einmarsch, Sturm auf die von den Arbeiter besetzten Gebäude und fünf Tage darauf: Berlin, die stärkste Festung der deutschen Revolution, war gefallen. 325 „Und nun Glück auf die Reise, Max, wie ungeheuer wichtig das ist, was du durchzuführen hast, weißt du ja selbst. . Und schon lag das Ruhrgebiet hinter ihm. Weiter gings. Max traute seinen Augen nicht: Da bewegte sich durch die Straßen eines Provinzstädtchens ein großer Festzug, Militärvereine und Musikkapellen waren in dem Zug, den verschiedene historische Gruppen „ver¬ schönerten". Auf zwei Wagen zogen die Pfahlbauern mit ihren Häusern daher. Ihnen folgte Hermann, der Cherusker, mit einem bewaffneten Gefolge. In Tierfelle gekleidet zeigten sich die Allemannen. Die Kreuzfahrer, ein gewisser Graf Eberhard im Bart, Landsknechte zu Fuß und zu Pferd. Stolz marschierte Theodor Körner in lebenswahrer Nachahmung, hinter ihm ritten die Schillschen Offiziere. Und gar welch ein erinnerungsvolles Bild bot die Kolonial¬ truppe, bei der ein mit acht Ochsen bespannter Wagen schwarze und weiße Bewohner der Kolonien mit sich führte ... Was war das nur!? Max lachte aus vollen Kräften. Es war ein Vezirkskriegertag. Eine tragigroteske Illustration dafür, wie die Vorstellun¬ gen und die Ideen der Menschen noch lange an Zuständen haften bleiben, die bereits durch die tatsächliche materielle Entwicklung der Geschichte längst überholt sind . . . Und schon tobten mit bärtigen Stimmen kerndeutsche Männerchöre gegeneinander, vielstimmig, und mit tremulie¬ renden Gefühlsschnörkeln am Ende gesungen, ein Sänger¬ massenwettstreit, ein echt arisches Wettfingen . . - „Die Wacht am Rhein". „Heil dir im Siegerkranz". „Wer hat dich, du schöner Wald!" . . . Fern schluchzte ein altmodisches Erammophönlein ganz blechern erbärmlich, und mollige Katzen schnurrten hinter den mit Geranien bewachsenen Fenstersimsen. . . Die Zuschauer im Bratenrock und Zylinder mit gestickten Fahnen bildeten zu beiden Straßenseiten Spalier, wie schwarz anlackierte Menschenpuppen. 326 Auch die Bordellmutter Susanne stand mitten drin, notierte in Gedanken eine Bestellung aus Flaschenbier, leckte sich mit der Zunge die Lippen, faltete die Hände und schmun¬ zelte . . . Und dann wieder: Violine, Cello, Klavier . . . „Dabei läßt es sich zwar bis zum Schmelzen butterweich träumen, behaglich seelen-schmatzen, liebkosen, plauschen, schweifwedeln und wenn es hochkommt, bestenfalls noch ein „guter Mensch" werden .. . Nichts mehr. Also: Schluß da¬ mit!" Max gab Vollgas und flitzte, sich immer noch vor Lachen schüttelnd, aus diesem gespenstischen Idyll von dannen... Es kam noch eine Irren- und Siechenanstalt, im Pavillon- system erbaut: die Blöden tappten mit eckig ungelenken Be¬ wegungen schwerfällig hinter den Zäunen entlang, nickten und grinsten, manche waren ein gleichmäßiges ewiges Wan¬ deln auf und ab, andere wieder wie zu einer Säule erstarrt. Das Heim der idiotischen Kinder war bei weitem das Grauenhafteste, Säufergeburten lagen in den Windeln da, mit unförmigen klumpigen Köpfen, die glanzlosen, wirr in sich verschlungenen Augen schrien stumm eine entsetzliche Anklage . . . Einmal, mit einer Krankenkassenkommission, hatte auch Max schon einen Gang durch ein städtisches Krankenhaus gemacht. Gewiß, es war sauber, hygienisch, die Gänge, die Bettreihen blitzblank, die Aerzte, die Schwestern in ihren weißen Mänteln und Schürzen: dagegen war nichts zu sagen. Welch ein Widerspruch: die Reinlich¬ keit, die Pflege, die Barmherzigkeit: sie beginnt erst, wenn der Mensch durch die skandalösesten unsaubersten Verhältnisse draußen, durch Gemeinheit, Profitjägerei und Menschenniedertracht unheilbar auf das Totenbett gestreckt ist! Wie viele dieser hier liegenden Gangräne, Lungenvereiterungen, innerer Verletzungen hätte eine rich¬ tige Behandlung des betreffenden Menschen am Arbeits- 327 platz unmöglich gemacht. Zu neun Zehntel bestimmt sind alle diese Krankheiten unnötig: diese durchjauchten Ver¬ bände, diese Kübel stinkenden Eiters, diese verstümmelten Menschenkadaver im Leichenschauhaus: eine technisch besser angelegte Gesellschaftsordnung wird auch im Laufe der Jahre diesen ganzen kostspieligen und mit so ungeheuer¬ lichen Leiden verbundenen Menschhettsaussatz hinwegfegea.. Und heute: die Mehrzahl der Menschen lebt nicht, sondern wird durchs Leben gehetzt; stirbt nicht, sondern verreckt... Noch am Abend traf Max am Ziel seiner Fahrt ein. Es war ein gewaltiger Komplex von Farbstoff-Fabriken, der sich über eine Fläche von mehreren Quadratkilometern erstreckte. Bei einem Genossen fand Max Unterkunft. In einem schäbigen Anzug meldete er sich am nächsten Morgen auf dem Arbeitsnachweis, zeigte seine Papiere vor und wurde auf Grund seiner „schwarzweißroten" Empfeh¬ lung sofort genommen. Am Tage darauf sollte die Arbeit in der Eiftbude be- ginnen. Wahrscheinlich, so erfuhr er durch die Genossen, werde er als Neuling gleich ins Gift gestellt . . . Max trieb sich noch ein wenig in der Umgegend herum. Einige Holzfabriken in der Nähe streikten. In Gruppen standen die Menschen vor den Telegraphenbüros. Die Farbstoffindustrie, durch eine besonders zuverlässige Belegschaft ausgezeichnet, arbeitete nach wie vor mit Hoch¬ druck. Die Konzentration des Militärs war in dieser Gegend be¬ sonders stark. Zu Zusammenstößen war es bisher noch nicht gekommen. Ueberall war die Meldung verbreitet: „Auf¬ standsbewegung in Berlin niedergeworfen. Ruhe und Ord¬ nung wieder hergestellt." Die Farbstoffindustriearbeiter waren sofort an der gelb¬ lich fahlen Hautfarbe zu erkennen. Die Zähne waren auf¬ fallend schlecht, manche Münder wiesen mit eiterigen Ge- 328 schwüren behaftete klaffende Lücken auf. Die Augen waren durchwegs entzündet. Viele Arbeiter litten dazu noch an inneren Nasenge- schwüren, an einer sogenannten Stinknase . . . Der größte Teil der Arbeiterschaft der chemischen Industrie war im Fabrikkomplex selbst in kleinen Backsteinhäuschen mit einem spärlichen Gemüsegarten davor angesiedelt. Sie durften augenblicklich nur mit besonderer Genehmigung der Fabrikverwaltung das Areal verlassen . . . Es war ein älterer, gutmütig aussehender Genosse, mit dem Max ein längeres Gespräch anknüpfte. „Mehr als höchstens ein viertel Jahr, Freundchen, hält es darin keiner aus. Wenn du an den Bottichen mit der Gifttunke zu arbeiten hast oder beim Umfüllen in die Flaschen ... in drei Monaten spätestens bist du eine Leiche ... da heißt es rasch Karriere machen oder aber . . . Hier leiden sie alle an Lungenkrebs, das ist sozusagen unsere Be¬ rufskrankheit . . . Und die vielen Fälle von Verbrennungen und Erblindungen... Na, richtige Krepierer sind das.. Und überhaupt jetzt: täglich kommen fünfzig neue herein, täglich haben wir an die fünfzig Mann Abgang! Siehst du die Baracken da drüben: das sind die Hoffnungslosen, unser Sterbesalon... Ist eben auch die gefährlichste Industrie... Und grad gegenwärtig: Hochbetrieb, Saison, Hochkonjunk¬ tur! Lohnzuschlag! Ueberstunden, daß es nur so kracht! Ge¬ waltige Aufträge aus Amerika, sagte man. Heilmittelauf¬ träge. Aber man munkelt allerlei. Ist eben alles noch un¬ gewiß. Keiner weiß was genaueres darüber . . Max ließ den nichtsahnenden Genossen wiederholen: „Aufträge aus Amerika . . . Heilmittel . . ." Dabei sah er ihn prüfend von unten an. „Glaubst du eigentlich selbst, was du sagst? . - " „Ja, wir werden ja vermutlich auch streiken . . - Soll aber bereits alles abgewürgt und eine aussichtslose Sache sein . . ." „Eine bestochene, eine korrumpierte Bande seid ihr!" fuhr es Max heraus. „Was ihr produziert, na, vorerst Schwamm darüber . . . !" 329 Und Max klärte den Genossen zunächst über Berlin auf. Dem Proleten standen dabei die Tränen in den Augen. „Nein, was du nicht sagst . . . Diese Erzgauner ... So eine Lumperei . . „Verlaß dich drauf . . . Auch hier, wir werden schon Trieb dahinter setzen. Auf euch vor allem kommt es jetzt an. Ihr habt das Schicksal der ganzen Bewegung in der Hmtd. Jetzt oder nie! . . . Morgen wird die Arbeit los., gehn! . . . Parole: auf der ganzen Front ganze Arbeit!" IV Am anderen Morgen wurde Max auch wirklich gleich mitten ins Gift gestellt. Er hatte sich schon beizeiten auf den Weg gemacht, fetzte sich noch vor Beginn der Arbeit mit den roten Zellen¬ obleuten in Verbindung, ermittelte genau die Struktur der Belegschaft: wieviel Sozialdemokraten, Schwarzweißrote, Persönliches usw., und besprach mit den Genossen kurz die Situation im Reich, besonders in den großen Industrie¬ städten, worüber die Proleten, da die Negierung noch den gesamten Nachrichtenapparat besaß, völlig uninfor¬ miert waren. Dann ging er dazu über, ihnen klipp und klar das Wesen und die Bedeutung ihrer Tätigkeit zu er¬ klären. Einige Flugschriften unterstützten das, doch im all¬ gemeinen konnte man sagen, was das Gebiet der Technik des kommenden Krieges anbetraf, so war darin vom pro¬ letarischen Standpunkt aus nur recht wenig Brauchbares geleistet worden. Die Artikel der amerikanischen Genossen, die Resolution, hie und da Aufsätze in den revolutionären Tageszeitungen: aber mit Propaganda allein war eben nicht alles zu machen und Erfahrung — die Genossen in der chemischen Industrie waren auf dem besten Wege dazu, sich diese möglichst teuer zu erkaufen. Immer wieder kamen sie mit den Einwänden: „Stimmt ja gar nicht, was du sagst, diese Säuren braucht man zu Seife und daraus werden Parfümerien gemacht, darüber 330 besteht doch gar kein Zweifel, sind doch genaueste Kon trollen da, lies doch das Buch der Schweizer Chemikerin, die erstens Kanone in ihrem Fach und zweitens noch dazu eine Pazifistin ist, die läßt sich doch sicher nicht so leicht was vormachen, ihre Kontrollvorschläge hat doch der Völker¬ bund einstimmig angenommen, und die ganze öffentliche Meinung der Welt ist gegen den Gaskrieg, na und über¬ haupt . . . Der Chemische Krieg ist doch verboten und alle Nationen haben unter Abgabe feierlichster Versicherungen sich dagegen erklärt . . . Siehst du, Genosse, du magst es ;a recht ehrlich meinen, aber wir, die wir jahrelang in der Bude stecken, wir muffen doch schließlich am Ende auch noch was davon verstehn: was wir zum Beispiel in letzter Zeit fabrizieren, sind lediglich Heilmittel, Aufträge nach Amerika, Salvarsan, davon wirst du ja gewiß auch schon gehört haben . . . Nicht wahr? . . . Und deshalb auch der Lohn: Zuschlag." Man behandelte Max beinahe etwas herablassend wie einen Laien. „Einen Vorschlag, Genosse Max! Alles, was du uns da sagst, hat weder Hand noch Fuß! Komm erst einmal in unseren Betrieb, schau dich einige Tage gründlich darin um und informiere dich! . . . Wir wollen dir gern dabei behilflich sein . . „Gut so!" Max schlug ein. „Verschrobene Vorstellungen! Inhaltsleere, blödsinnige Phantastereien, alles ein hahnebüchener Schwindel, wenn man ihm ernsthaft auf den Grund geht. Ein Kinderschreck! Für alte Weiber und Flennbrüder! Da sieh nur mal her, Max, Märchenerzähler!" Und immer noch schüttelten sie ungläubig die Köpfe. Sie schleppten bürgerliche illustrierte Zeitungen an mit Beschreibungen mechanischer Polizei- Männer, die gar gruselig anzusehen waren,mit Todes¬ strahlen, die mörderisch in den Lüften nach Fliegern her¬ umstocherten und mit anderem ähnlichen Mumpitz. Dann begannen aber doch einige der Genossen die Artikel der Amerikaner zu lesen, langsam und schwerfällig lasen sie, als ob sie buchstabierten. 831 Einer dachte schon nach. Sah lang dabei in die Ferne. Schüttelte wieder den Kopf, las wieder. „So meinst du also, Genosse Max, das ganze so gro߬ artig ethisch und human aufgezogene Verbot des Gas¬ kriegs durch den Völkerbund soll nichts weiter als nur ein ganz elendiglicher Bluff gewesen sein. Eine Beruhigungs¬ pille sozusagen . . . Um uns Proleten vor allem in Sicher¬ heit zu wiegen . . . Und damit man um so ungestörter sich der Vorbereitung einer gewaltigen Massenhenkerarbeit widmen kann." „Das allerdings meine ich", entgegnete Genosse Max. Und fuhr fort: „Und die Bestätigung dieser Meinung wird nicht lange mehr auf sich warten lassen. Aber wir müssen unseren Geg¬ nern zuvorkommen. Wir können nicht warten bis es soweit ist, da es dann unter Umständen auch bereits zu spät sein kann. . ." Wieder kam ein anderer gelaufen: „Also, das . . . wir, wir Farbindustriearbeiter . . . Nein, das kann nicht möglich sein . . . das wäre ja . . ." Er machte eine Bewegung, als ob er sich krümmte. Langsam und hartnäckig, mit viel Geduld, arbeitete sich Max in diese Schädel hinein, er gab nicht nach, hielt sie wie mit einer eisernen Umklammerung an ihrem eigenen Gedankengang fest, bohrte weiter und führte sie sicher aus ihren Illusionen heraus. „Schwierigkeiten sind nur dazu da, um überwunden zu werden. Schwierigkeiten lechzen geradezu nach ihrer Über¬ windung." Das war sein Leitspruch bei dieser Tätigkeit. Immer nachdenklicher wurden die anderen. Max gab ihnen ungeschminkte Wahrheit. Dadurch ge¬ wann er ihr volles Vertrauen. So schilderte er ihnen ein- Dringlich, wie die Revolution ein langwieriger Prozeß sei, voll von Aufopferung, Martern, Blut und Wunden, und daß gar nicht daran zu denken sei, daß die Lage der Ar¬ beiterschaft bei der Machtübernahme sich gleich von heute 332 auf morgen bessere. Im Gegenteil . . . „Wir Kommunisten gaukeln euch nichts vor. Wer die Wahrheit nicht ertragen kann, bitte sehr . . . Aber es gibt für euch Proleten gar keine andere Wahl. Entweder—oder. Ihr müßt kämpfen oder — untergehn." „Nein, wir wollen nicht untergehn. Gewiß nicht . . Und wenn, wie du uns mitgeteilt hast, unsere Brüder jetzr kämpfen. . ." Max bemerkte schon: mit geschärften Augen beobachteten sie alles, was im Betrieb vor sich ging, oft verschwand der eine oder der andere für eine Weile, bis plötzlich eines Vor¬ mittags, grün vor Schrecken, einer der Obleute zurllckkam und Max leise ins Ohr flüsterte: „Max, ich Habs, es stimmt, was du sagst . . . Hier ist die genaue Aufstellung . . . Eine ganze Liste . . . Mso es ist festgestellt: seit drei Monaten fabrizieren wir weiter nichts als Giftgas." Max beobachtete genau die Herstellungsverfahren. Die Arbeiter hier in den Betrieben machten lediglich Vorarbeiten. Erst im letzten Stadium vollzog sich die Um¬ wandlung der Produkte in chemische Kampfstoffe. Diese Arbeit geschah in einem besonderen Gebäude, zu dem nie¬ mand Zutritt hatte. Die Arbeiter dort waren vertrags¬ gemäß unkündbar auf mindestens 12 Jahre verpflichtet. Vor dieser Zeit verließ auch keiner seinen Arbeitsplatz. Sie . wohnten dort. Nur Unverheiratete wurden aufgenommen. Dieser Teil des Farbstoffwerkes hieß „Die Falle" oder auch „Die feste Burg". Die meisten Arbeiter betrachteten die „Falle" als eine Art freiwilliger Quarantäne, da gewisse Arbeiten mit Ansteckungsgefahr verbunden waren. Nur be¬ sonders zuverlässige Leute, am liebsten aus den „Vater¬ ländischen Verbänden", wurden hier ausgenommen. Auch frühere Angehörige des Heeres, entlassene Unteroffiziere, Soldaten wurden mit Vorliebe eingestellt. Nach allen vier Himmelsrichtungen hin war die „Falle" von der übrigen Welt abgemauert, über die Mauer selbst aber zog bch noch ein zwei Meter hoher Stacheldraht, wie man 333 vermutete, elektrisch geladen. „Versuche, das isolierte Gebiet zu betreten, mit Lebensgefahr verbunden!" warnten über¬ all Tafeln. Durch ein doppeltes Geleise war dieser mysteriöse Teil des Farbstoffwerks direkt mit der Staatsbahn ver¬ bunden. Ununterbrochen rollten nachts Eüterzüge ein und aus. Was dort vor sich ging, darüber erfuhr man im übrigen Betrieb nichts. Die Arbeiter kümmerten sich nur wenig um die „Falle" Sie war beinahe von einer Legende umwoben und atmete ein geheimnisvolles Schweigen. Nur einmal: da soll es zu einem Zwischenfall gekommen sein, als sich einer der Insassen aus dem Fenster stürzte im Wahnsinn, wie es hieß, der durch die unsachgemäße Behand¬ lung von chemischen Mischungen erzeugt worden sei. Dieser Vorfall kam damals auch in den Betrieben zur Sprache und wurde in Zusammenhang gebracht mit einer Meldung aus Amerika, die über ein neues sogenanntes „Wahnsinnsgas" berichtete. Die Diskussion darüber dauerte vielleicht eine Woche. Es kam nichts dabei heraus. Man wollte zuerst eine Untersuchungskommission ein¬ setzen. Doch wie gesagt: eine Woche lang, und die erregten Ge¬ müter beruhigten sich. — Der Fabrikraum, in dem Max arbeitete, war bis aufs äußerste ausgenützt. Es war genau berechnet, wieviel Platz jeder Arbeiter brauchte, jede Arbeitsbewegung war kine- matographisch festgestellt: ein elektrisch betriebenes Band rollte und führte dem Arbeiter die einzelnen Arbeitspro¬ dukte zu, an denen jeder Arbeiter nur mit einem Handgriff eine bestimmte Prozedur vorzunehmen hatte. Zeit, Ar¬ beitstempo waren bis auf die Sekunde geregelt. Und immer wieder wurden von den zu diesem Zweck besonders angestell¬ ten Arbeitstechnikern neue Methoden herausgefunden, dis Arbeitsintensität zu steigern. 334 Sämtliche Arbeiter trugen zum Schutz gegen die gif¬ tigen Dämpfe haubenähnliche Masken, die Gläser der Seh¬ schlitze waren gegen den Beschlag durch ätzende Säuren be¬ sonders eingefettet. Trotzdem waren die Schutzmaßnahmen, hauptsächlich die an den in einem rasenden Tempo wirbelnden Maschinen, recht mangelhaft. Die schönste Erholung war schließlich der „Sauerstoff¬ raum", der nach je drei Stunden Arbeitszeit auf drei Minuten aufgesucht werden konnte. Ein dunkles Zischen und Surren schwebte in der Luft, ein knatternder, gedämpfter Orkan, Eisenarme drehten sich und neigten sich vielgelenkig über; Bottiche, gefüllt mit dick¬ klebrigen Brühen, schwenkten sich dicht unter der Decke da¬ hin, ein harziger Brei schwemmte selbsttätig von Kübel zu Kübel, Wunderwerke von Präzifionsmaschinen nahmen die kompliziertesten Mischungen vor. Durch andere Räume hindurch, die großen Hallen glichen, sah man Kessel an Kessel, zwei- und dreistöckige Kessel sozusagen, an denen auf langen Leitern die Arbeiter Herumstiegen. Mehrere Platt¬ formen teilten so einen Kessel nach oben ab, Max schien es, als glichen sie ganz den gotischen Kirchen. Mitten in der Arbeit hatte Max einmal die Vision: Alles gast, dampft, spritzt; der ganze Raum ist mit flie¬ genden, spritzenden Säuren durchspannt; es knistert und flackert phosphoreszierend an den Böden, die krautig und haarig bewachsen sind, als Steinbrocken darin klotzige Knochenschädel, und das Ganze brennt tropisch glühend, eine morastige Landschaft, so heiß, daß die Haut unempfindlich wird und die Augen aus den Stirnhöhlen heraustropfen, dicke, perlenähnliche, weißlich-festgeronnene Blasen. Wesen Hausen in auszementierten Schlupflöchern und in Gräbern als Unterständen, in schwere Eummianzüge gepreßt, Masken-Helme aufgestülpt, durch die Worte nur noch als dumpfes Gurgeln und Röcheln vernehmbar sind. „Der neue Mensch!" dozierte jemand, und immer dichter und 33S dichter ward das gasige Dickicht. „Jetzt endlich haben wir es!" dröhnte pathetisch und wohlig schnalzend eine Stimme: „eine hochkonzentrierte Gaswolke, die die Möglichkeit bietet, den Gegner zu überrumpeln und dabei doch die Eigenschafr hat, von topographischen und meteorologischen Einflüssen völlig unabhängig zu sein . . . Dies Problem zu lösen war in der Tat nicht ganz einfach . . Das Besondere an dieser visionären Landschaft war, daß sie geometrisch exakt und sauber aufgeteilt war, ja daß die zahllosen Einzel¬ teile und Figuren in ihr aufs feinste ausgebildet und aufs strengste sich organisiert erwiesen, das Ganze aber durchaus chaotisch und einem mittelalterlichen Spuk und Hexensabbath vergleichbar. Alles drängte nach Auflösung, ein in Strudeln sich um und um drehender Abgrund schwamm, voll von Algen, Lurchen, Schnecken und Quallen. Gestaltgewordene eitertriefende Geschwüre wandelten da¬ zwischen, Gewürme und stachlichte Riesenkletten: alles fabri¬ ziert, saugt, atmet Gas: verfärbt sich und verwandelt sich jeden Augenblick, Muscheltiere und Mollusken kommen hoch, ganze Haufen exotischer, mit schlingenden Fangarmen be¬ wehrter fleischfressender Pflanzen, und darüber schillert und brennt es wieder magisch hinweg, man hört beinahe nichts: die Gashölle ist geruchlos und lautlos, und die Sonne in diesem modernen Inferno glüht eisern, roh ausgezackt und völlig unbewegt, schmettert sengend Strahl auf Strahl nieder, jede Luftschicht wirkt wieder, die Hitzgrade verviel¬ fachend, als eine besondere Art atmosphärischen Brenn¬ spiegels: und darunter dickt die Luft sich von selbst ein, wird milchig, flockig und schwimmt, schleimige Fäden lassend, über dem Erdsumpf dahin als eine molkige Riesenwolke . . Alle Völker, alle Erdwesen sind durch die Eiftgasschwemme hindurchgegangen. Ein neues Wüstengebiet entsteht: alles wie unter einer Bleiche gefleckt, und knöcherig überkrustet. - Max studierte die tabellarische Uebersicht der wichtigsten chemischen Kampfstoffe. Es war klar, die neuesten Ver¬ fahren waren darunter nicht aufgezählt. Chemische Be- 336 Zeichnung, chemische Formel, militärische Bezeichnung, mili¬ tärisch-technischer Deckname, physiologische Wirkung, physi¬ kalische Beschaffenheit, Siedepunkt, Flüchtigkeit, Wasser- beständigkeit, das alles galt es gründlich durchzuarbeiten und zu erforschen. Da erfuhr er, wie in der Geschichte der Entwicklung des Gaskampfes die Gase selbst wechselten. Das Chlor wurde vom Phosgen, einem Gase mit stärkerer Erstickungs- und Eiftwirkung als Chlor, abgelöst. Phosgen verdichtet sich bereits bei 8 Grad zur Flüssigkeit und war daher vom physikalischen Standpunkt aus kaum mehr als Gas anzu sprechen. Auch waren fast alle Stoffe, die im Gaskampf künftighin zur Anwendung gelangten, unter gewöhnlichen Temperatur und Druck entweder Flüssigkeiten oder feste Körper. Die Bezeichnung „Gase" wurde nur Leibehalten, weil diese Stoffe im Augenblick der Aktion sich entweder im dampfförmigen Zustande befanden oder dünn als Rauch oder Nebel zerstäubt wurden. Feste Stoffe, wie z. V. ein¬ zelne Arfine, wurden bei der Explosion in feine Partikel zerstäubt und verharrten lange Zeit schwebend in der Luft. . . Die chemischen Formeln schwankten ihm zunächst in langen, sich immer wieder zersetzenden und sich wieder ver¬ dichtenden abstrakten Reihen durch den Kopf. Endlich er¬ reichte er dabei eine klare, konkret-lebendige, sachlich-nüch¬ terne Vorstellung. Was bedeutete zum Beispiel: ^!? Es war die Formel für Chlorovinyldichlorarsin, eine Arsenverbindung, und die Bezeichnung für eine der drei Arten der vielgenannten amerikanischen Levisite. Das Verfahren zu dessen Herstellung war zwar ungeheuer kompliziert, aber trotzdem mit den technischen Mitteln, die damals in jeder Farbstoffabrik vorhanden waren, unbedingt auszuführen. Ebenso klar war: man konnte sich aber auch darauf nicht festlegen. Im Gegenteil: alles sprach dafür, daß auch dieser 22 337 Kampfstoff überholt war. Doch diese Formel war ein Pro¬ gramm, ein Warnungssignal, ein Ausrufungszeichen, ein proletarischer Imperativ: „Wacht auf, Verdammte . . Sie war sozusagen das Symbol des Nullpunktes, des Ge¬ frierpunktes, auf dem jetzt die bürgerliche Kultur angelangt war. — Dabei stieß Max auch auf die ungeheure Bedeutung des Normenwesens. Die moderne Industrie, eingestellt auf Normisierung und Massenherstellung, ermöglichte es nämlich, in verhält» nismäßig rascher Zeit anfangs experimentelle Erfolge bald auf Massenverarbeitung umzustellen, so daß bis zu einem gewissen Grade infolge der kolossalen Erweiterungsmöglich¬ keiten, die dann zu einer rein mechanischen Fortführung des gelungenen Experimentes werden, bei manchen Kriegs¬ mitteln im Frieden die Ausgaben ohne Gefährdung für die militärische Schlagkraft beschränkt werden konnten. Dahn legten schon seit langem sämtliche Staaten ein so starkes Gewicht, auch aus militärischen Gründen, auf die Durch¬ führung einer strengen Normisierung innerhalb der ver¬ schiedenen Kriegsindustrien und der Industrie überhaupt, die die erhöhte militärische Schlagkraft gewährleistete. Die deutsche Industrie hatte gegenüber allen anderen Industrien schon vor dem Kriege 1914-1918 ein verhältnismäßig stark entwickeltes Normenwesen gehabt. Trotzdem herrschte da¬ mals bei Kriegsbeginn in Deutschland auf den verschieden¬ sten Gebieten ein wirres Neben- und Durcheinander von Modellen. Jede Truppengattung hatte beispielsweise Spaten und sonstiges Schanzzeug, aber kaum zwei hatten gleiche Modelle. Es gab unzählige Fahrzeuge, Fahrzeug¬ teile, Beschläge, Beschirrung, optisches und Fernsprechgerät und noch vieles andere, was bei allen Waffengattungen hätte gleich sein können, aber doch nicht gleich war. Ver¬ schlimmert wurde diese Vuntscheckigkeit durch die Zustände in der Industrie. Jede Fabrik hatte an ihren Erzeugnissen kleine Besonderheiten, die, an sich oft ziemlich belanglos, doch den Austausch und die Durcheinanderverwendung mit 338 sen Erzeugnissen anderer Fabriken ausschlossen. Um die Kriegsindustrie und auch die übrigen Industrien auf Massenproduktion non Kriegsmaterial vorzubereiten, wurden in verschiedenen Staaten ähnlich wie längst in Deutschland, Normenausschüsse der Industrien, die natürlich mit den Generalstäben in enger Verbindung standen, ge¬ schaffen. — Man muß nur hören können, wie „das Gras wächst"! - Mit konkretem Material konnte nun Max der Belegschaft gegenübertreten. „Der Kern der Sache —!? „Der Kern der Sache ist der Besitz der Produktions¬ mittel! . . . „Arbeiter der Farbstoffindustrie! Euere Brüder, euere Arbeitskollegen, euere Klassengenossen kämpfen in den Städten, und ihr: morgen, übermorgen werden euere Ar¬ beitsprodukte die Entscheidung im Kampf herbeiführen, euere Arbeitsprodukte, die chemischen Kampfstoffe, von Fliegern über den Arbeitervierteln abgeworfen werden. Arbeiter! An euer proletarisches Solidaritätsgefühl appel¬ liere ich. Arbeiter, werdet Kampfgenossen! Schluß mit der menschenschlächterischen Arbeit, die ihr bisher, nichts ahnend, hier in dieser Giftbude verrichtet habt! General¬ streik! Sturm auf die „Menschenfalle"!" Die Velegschaftsversammlung war ein einziger Empö¬ rungsschrei. „Heraus aus der Eiftbude!" „Sturm auf die „Menschenfalle"!" Schon klapperten auf dem Direktionsbüro flink die Tele¬ graphen. Aber auch von den umliegenden Ortschaften waren Ar¬ beiter- und Landarbeitertrupps alarmiert. „Nun aber, knorke, nun werden wir das Gesindel aus der „Falle" herausholen." So wie sie gerade standen, rannten sie los, manche krempelten sich die Rockärmel hoch, manche mit dem Messer; 2S* 339 sie waren nicht zurückzuhalten. Nicht lange spie die „Falle" Maschinengewehrfeuer. Ein langes, zischendes, brodelndes Geräusch kam: „Gas!" „Gas!" „Gas!" Mit ungeheueren Verlusten für die Arbeiter wurde der Sturm zurückgeschlagen. Dabei geschah es, daß einem, vielleicht am Rockärmel, ein winziges Tröpfchen Gasflllssigkeit hängen blieb, er in einen Raum trat, das Tröpfchen Gasflüssigkeit verdampfte, und er sich selbst samt ungefähr fünfzig seiner Kameraden tödlich ansteckte. Das gab auch dem Letzten, der noch immer nicht daran glauben wollte, den Rest. Das ganze Farbstoffwerk mutzte geräumt werden. Rings herum auf den Höhen, kilometerweit entfernt, lagen die Arbeiter. Dann: endlich war das Geschütz herbei- geschafft, und beim fünften Schutz stieg eine Flammenlohe hoch, wie ein Feuer-Geysir, prasselnd, fauchend, und zer¬ stäubte über den ganzen Horizont hin, rings fächerartig geöffnet, als Glühregen. Die „Falle" war in die Luft geflogen. Erst in drei Tagen ging scharfer Wind. Die Gasschwaden verzogen sich. Die Arbeiter konnten wieder in ihren Werken einziehen. — V Die roten Arbeiter- und Farmerbataillone, die in Kolonnen von Hunderten von Lastkraftwagen bei Morgen¬ grauen auf verschiedenen Anmarschstratzen dem amerikani¬ schen Giftgas- und Waffenarsenal Edgewood zueilten, sahen in der aufgehenden Morgensonne plötzlich vor sich über eine schneeweiß schimmernde Ebene dahingestreckt ein riesiges Mohnfeld. 340 Die Blüten des Mohns schwangen im Wind, entfalteten sich, wehten und leuchteten . . . Einen Augenblick stoppten die Kolonnen, mit Ferngläsern und Scherenfernrohren suchte man den Horizont ab: ein Freudenschrei, ein Schrei, der in einen gewaltigen Massen¬ gesang überschlug: hunderte von roten Fahnen flatterten in der Ferne über den unzähligen weißlichen Wellblech¬ baracken und auf den Giebeln der Verwaltungsgebäude, des Kontrollwerkes und der Elektrizitätsanstalt. Ja, der Blitz¬ ableiter jedes Fabrikschlotes trug ein rotes Fähnlein. Edgewood war gefallen! Edgewood, das gewaltigste Kriegsarsenal der Welt, in den Händen der „Roten"! Hurra! Hurra! Hurra! Wie drei Freudensalven knallte es aus Hunderttausenden von Mündern dahin . . . Und in diesem Augenblick stieg es schon auf: Geschwader an Geschwader, Kampfflieger, Aufklärungsflugzeuge, Bombenflugzeuggeschwader: alle rote, lange, bänderartige Wimpel an den Tragflächen. Das ganze Tal überzog sich mit einer Schicht von Flaggenrot und Motorengeknatter: in ruhig geschwungenen Schleifen zogen die Geschwader da¬ hin, in Spiralen tauchten sie auf und nieder in dem glä¬ sernen Luftmeer, und landeten dann unter dem gleich¬ zeitigen Jauchzen von Hunderten von Fabriksirenen senk¬ recht abschießend auf den verschiedenen Flugplätzen . . . Der rote Kriegsrat des Farbstofftrusts, dem Arbeiter, Matrosen, Soldaten, die Offiziere des revolutionären Offiziersbundes angehörten, beschloß einstimmig: der An¬ griff gegen die feindlichen Stellungen, Flugzeughäfen und Flottenstützpunkte hat unmittelbar zu beginnen. Die Operationsbasis ist durch die Industriegebiete und durch die eroberten militärischen Bollwerke gegeben, das Ziel: die rücksichtslose Niederkämpfung der feindlichen militäri¬ schen Macht. Zu gleicher Zeit wird ein umfangreicher Pro¬ pagandaapparat eingesetzt, ein richtiger Feldzugsplan zur Zersetzung, zur moralischen und materiellen, der feindlichen 341 Streitkräfte ist ausgearbeitet und wird in den einzelnen Punkten von den betreffenden Stellen noch heute durch¬ geführt. Es ist selbstverständlich, bei der geradezu bestiali¬ schen Art, mit der die Weißen den Bürgerkrieg zu führen belieben, daß von der chemischen Waffe zweckmäßig Ge¬ brauch gemacht wird. Die Zweckmätzigkeitsfrage wird bei jeder taktischen lleberlegung in den Mittelpunkt gestellt, Sentiments und Ressentiments sind restlos auszuschalten... Keiner Erwägung bedarf der Beschluß, sich mit den revolu¬ tionären Organisationen Japans, Europas, Rußlands un¬ verzüglich in Verbindung zu setzen... Wobei, was andere noch nicht revolutionierte Völker anbetrifft, zu bemerken ist; das stegreiche Proletariat kann keinem fremden Volk irgend¬ welche Beglückung aufzwingen, ohne damit seinen eigenen Sieg zu untergraben... Schon sind Fälle ferner gemeldet worden, wonach die Regierungsflugzeuggeschwader die Re¬ viere der revolutionären Bergarbeiter eingegast haben, man hat Kohlenschächte ersäuft, in denen man rebellische Beleg¬ schaften vermutete, und durch Ueberläufer und abgefangene Radios weiterhin festgestellt ist, daß umfangreiche Vor¬ bereitungen getroffen sind, Edgewood durch einen groß an¬ gelegten Bombenfliegerangriff in einen Gassumpf zu ver¬ wandeln . . . Also: wir werden ihnen die Suppe gründlich zu schmecken geben, die sie uns zugedacht haben . . . Das ist selbstverständlich . . . Wieder trillerten die Fabriksirenen. Die roten Fahnen wurden eingezogen: grau und eisig lag Edgewood da. Die Flugzeuge waren startbereit. Auf einer elektrisch betriebenen Kleinbahn rollten dis schweren Riesenflügelbomben zum Flugplatz an: sie waren mausgrau, am Kopf dicklich und rund und hatten ganz das Aussehen von Walen. Ein Kommando. Viele Klingeln schrillten. Leuchttafeln zuckten auf . . . Ein Lautsprecher dröhnte — Achtung! 342 Los! Die erste Schlachtstaffel gleitet ab, schnellt senkrecht hoch.. Die zweite. . . Die Mannschaften unten winken mit den Mützen — Wieder: „Hurra! Hurra! Hurra!" Und die Flieger werfen die roten Wimpel ab . . . „Kameraden! Auf Wiedersehen!" Der Führer der Schlachtstaffel III ist der Genosse Thomas. „Na, mein Junge, noch ein Händedruck . . . Halt dich gut! . . . Wir werden die Sache schmeißen . . . Davon bin ich fest überzeugt . . . Glück auf die Reise ... Ich hoffe: übermorgen! . . ." Und der Genosse Frank umarmte den Genossen Thomas. Dann küßten sich die Freunde. Frank bekam es dabei mit dem Schlucken . . . Ein Pfiff . . . Und auch Schlachtstaffel III erhob sich . . . Frank inspizierte die Easläger. Die Bestandsaufnahme war fertiggestellt. „Es genügt, um die ganze Welt einigemale mit Gas zu vergiften . . ." Die Arbeiterschaft der verschiedenen Betriebe war in» zwischen versammelt und besprach einen neuen Produktions¬ plan. Die weitere Herstellung der Giftgase konnte bei der großen Menge der vorhandenen chemischen Kampfstoffe so¬ fort eingestellt werden. Dagegen waren vom roten Kriegs- rat Flugzeuge (,,Eoliath"-Typ) und Kampfwagen in be¬ deutender Menge angefordert worden. Ebenfalls wieder einstimmig erklärten sich die Arbeiter bereit, alles aus sich herausholen zu wollen und die Arbeitszeit in keiner Weis« nach unten hin zu beschränken. „Für die kapitalistische Wirtschaft war uns jeder Knochen zu schad . . . wenn es für uns ist, für die Diktatur des Pro- 34S letariats, dann mit Freuden alle Muskeln, das Herz, das Hirn, das Fleisch, alle Knochen . . ." Auch eine große Anzahl von Chemikern, Technikern, In¬ genieuren, die man im Augenblick der Uebernahme der Macht absondern mußte, stellten sich jetzt bedingungslos den „Roten" zur Verfügung. „Es ist klar, die kapitalistische Produktionsweise ist ein¬ fach zu unrationell, wir können bei weitem produktiver Wirtschaften, fünfzigmal soviel aus der Welt mit Leichtig¬ keit herausholen . . . Ihr Roten seid einfach die Vertreter einer technisch am modernsten konstruierten Organisations¬ form ... Zu blöd, daß man diese Einsicht den Kapitalistei, mit Blut abzapfen muß . . ." Und zu gleicher Zeit entwickelte sich jene erste Phase ge¬ waltiger Luftschlachten, die den weiteren Verlauf der Ge¬ schichte Amerikas entscheidend beeinflussen sollten. Die Flug¬ zeuggeschwader der weißen und der roten Flugflotte stürzten sich aufeinander, hakten sich ineinander fest und unlösbar ineinander verbissen schossen sie, ein wirres Stahl- und Drahtknäueldurcheinander, erdab. Andere Geschwader nebelten sich ein, blitzten plötzlich völlig unerwartet aus dem Hinterhalt des Nebelschleims hervor, oder überstreuten den von den feindlichen Flug¬ zeugen zu passierenden Luftraum mit einem dichten Netz von Giftgas. Und unten auf der Erde marschierten die mechanischen Armeen auf: Tanks, Panzerzüge, Straßenpanzerwagen . . . Rauchwellen fluteten übers Land, guadratkilometergrotze Herde von Eiftrauchkerzen schmälten . . . Ganze Städte ver¬ sanken in einem unergründlich tiefen und geheimnisvoller. Easgrund . . - Pflanzen, Wälder, Wiesengründe färbten sich: grün, blau, violett. Wunderbare und seltsamste Farben¬ spiele zauberten die Gasschwaden aus der Erde hervor. Lautlos überzogen ganze Landesteile wie mit einer Decks sich mit Todesschlaf . . . Die Hochseeflotten liefen aus den Häfen aus: Kreuzer, Dreadnougths, Unterseeboote, Flugzeugmutterschiffe . . . 344 Und auf der Hochseeflotte meuterte es, ein Kriegsschiff hißt die rote Fahne, noch eines, und die Forts auf Hawai und die Küstenwerke im Panamakanal ... Es war der Be¬ ginn einer gewaltigen Seeschlacht. „Die Japaner kommen! . . ." funkte es dazwischen. Aber trotzdem die beiden Flottengruppen sich immer vergrößerten: es waren nur rote Flaggen zu sehen und weiße: die Nationalfarben hatten keine Bedeutung mehr. In der Luft, auf der Erde, über Wasser und unter Wasser: stürzt es sich übereinander her, würgt sich zutod, es gibt kein Erbarmen. Heldentaten, die unbeschreiblich sind, Qualen ohne Maß, Krämpfe und Zuckungen, wie sie die Erde seit ihrem An¬ beginn noch nicht gesehen hat, Schmerzensschreie, Hilfe¬ schreie, Todesgebrüll . . . Jedes Lebewesen trug schon einen gespenstischen Flecken an sich, zum Zeichen: angeätzt von der Gaslauge . . . Ein blutiger Sommer rauscht . . . —- „Genosse Thomas Butler gefallen in der Luftschlacht über Hawai." Die Nachricht kommt nach Edgewood. Genosse Morrow springt ins Flugzeug. Festgeschnallt. Sturzhelm und Gasmaske auf. Vorwärts! Los! „Genosse Frank Morrow gefallen in der Luftschlacht mitten über dem Großen Ozean!" Die Nachricht kommt nach Edgewood. Ein zweiter, ein dritter, ein vierter springen ins Flug¬ zeug. Festgeschnallt. Sturzhelm und Gasmaske auf. Vorwärts! Los! „Der zweite, der dritte, der vierte gefallen in der Luft¬ schlacht über dem Panama . . ." 345 Die Nachricht kommt nach Edgewood. Jetzt drängen Hunderte an die startbereiten Flugzeuge heran. Man stampft vor Wut, wenn man nicht mitkommt. Jeder wartet nur auf das eine: „Wann endlich kommt die Reihe an mich . . Nur eine Befürchtung, eine Todes- und Lebensangst: „Vielleicht ist dann schon der Krieg aus!" Ueberall Butlers, überall Morrows, ob sie nun so heißen oder nicht . . - „Rußland marschiert! Das deutsche Proletariat im Kampf!" Die Nachricht kommt nach Edgewood. „Ein Hurra dem deutschen Proletariat!" „Hoch Sowjet-Rußland!" „Auch wir sind im Kampf, Brüder, die amerikanischen Genossen: sie grüßen euch!" „Japans werktätige Massen verhindern den Krieg! Yokohama im Aufruhr." Auch diese Nachricht kommt nach Edgewood. „Bravo, japanische Genossen!" „Die Kolonialvölker, Indien, China, Afrika . . ." „Hoch! Unsere Sache steht gut!" „Würdig unserer Führerin, der Genossin Mary Green, gemordet auf dem elektrischen Hinrichtungsstuhl, eingedenk der Lehren unseres großen Meisters, des Genossen Lenin, Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts gedenkend, und der Tausenden, die von den weißen Banden aufs grausamste gemeuchelt worden sind — „Festgeschnallt —" „Sturzhelm und Gasmaske auf!" „Vorwärts!" Los!" — Die Milliardäre sitzen irgendwo hoch in den Bergen, wimmern: „Zu schade, nun ist es mit der Urbarmachung der Polar¬ region auch nichts - - - Und die Geologen versichern doch, 346 gewaltige Kohlenlager seien vorhanden, deren Ausbeutung relativ einfach sei, nur mit geringen Unkosten verbunden, und der Tierreichtum ... der Verlust für die Menschheit ist nicht auszudenken . . . O welch ein Gewinn! . . . Die kostspieligen Expeditionen, wenn man bedenkt, die schlie߬ lich doch wir finanziert haben, wie soll man das alles jetzt verkalkulieren ... Es scheint, die Welt sehnt sich nach einer neuen Verrechnungsart ... Za, es scheint richtig so, was die Priester angedroht und die Spiritisten prophezeit haben: das Jahrtausend der Herrschaft des Pöbels beginnt. Das ist die Sintflut. Wie lange sie währen wird, um die Menschheit von ihren Sünden rein zu waschen?! Sicher: wir haben nur immer das Veste gewollt . . ." „Keine Angst, ihr ehrenwerten Herren Bürger!" kommt ein Radio aus Edgewood. „Wir verderben euch nicht eueren Lebensabend. Ein kärglich dosiertes Paradies ist euch sicher. Das ist nur recht und billig. Auf einer Insel irgendwo. Bei Kokosnüssen und Affenjagd, bei Brot¬ bäumen, bei Fischfang und Holzfällen . . . Kriecht ruhig aus eueren Verghöhlen heraus . .. Wir vergreifen uns nicht an Leichen, wenn sie auch noch wie ihr ein wenig parfü¬ mierten Lebensodem ausströmen . . ." Die Lebensgreise aber knurren durch die künstlichen Eold- gebisse hindurch im Chor: „Wir kapitulieren nicht! „Rache!" Und — Ein blutiger Sommer rauscht . . . VI „Bombenflug und Sauerstoff!" fluchte Max. „Nur den Verstand nicht verlieren!" redete ihm Wilhelm gut zu. dem dabei aber selbst die Tränen über die Backen herunterliefen. Viele Genossen knirschten laut auf. 347 Die Nachricht, die soeben aus Amerika eintraf, war in der Tat niederschmetternd. Alle im ersten Anlauf eroberten Positionen mutzten, bis auf Edgewood, aufgegeben werden. Edgewood selbst lag seit drei Tagen bereits unter schwerstem Gasfeuer, bis auf ein Drittel ungefähr war der ganze Komplex gasverseucht. An ein weiteres Durchhalten war unter diesen Umständen nicht mehr zu denken. Kurz und gut: die revolutionäre Aufstandsbewegung, im Anbeginn unerwarteterweise siegreich vordringend, war niedergeschlagen. Zn Anbetracht der ungeheueren blutigen Verluste, mit denen der ganzen Sachlage nach bestimmt zu rechnen war, schien ein Wiederaufflackern des bewaffneten Aufstandes in absehbarer Zeit völlig ausgeschlossen. Ja, die amerikanische Regierung konnte schon wieder ernst¬ haft in Betracht ziehen, die Feindseligkeiten gegen Zapan zu eröffnen. Wenn man sich die weitere Wirkung, die diese Nachricht auf die breiten Masten des Proletariats ausüben wird, vor¬ stellt: es war zum Verzweifeln. Schon jetzt: jeder Tag bringt neue Schwierigkeiten, schon jetzt melden sich immer lauter die Stimmen derer an, die unter verhältnismäßig anständigen Bedingungen den ganzen Aufstand zu liquidi eren bereit sind... immer häufiger wird das Geschwätz von den festen, Mprozentigen realen Garantieen für den Sieg... Jetzt heitzt es: alle Kraft zufammennehmen, nur jetzt nicht locker lasten, mit eiserner rücksichtsloser Energie allen der¬ artigen aktionslähmenden Versuchen entgegentreten, und, in welcher Form sie sich auch äußern mögen: erbarmungs¬ los nieder mit ihnen. Nur unter keinen Umständen Flaute¬ stimmungen und Krisenmachereien aufkommen lasten, nur jetzt nicht! Solche Situationen waren noch immer Keim- beete, Treibhausboden, richtiges Nährfutter für Verräts- reien, Verzicht, Hinterhältigkeiten unter einem meist über¬ schwänglich radikal sich geberdenden verlogenen Phrasen- tum. Einige wildgewordene Anarchisten grotzmaulten und bramarbassierten besonders auffällig dazwischen herum: die Wollten am liebsten gleich, wie sie möglichst aufdringlich 348 betonten, die ganze „Bude", worunter sie die Welt ver¬ standen, in die Luft sprengen: Vorbereitung und Ausfüh¬ rung dieses nihilistischen pseudoheroisch-famosen Vernich¬ tungsplans überliegen sie großmütig, wie sie nun einmal waren, allerdings mit besonderer Vorliebe den andern. Sie selbst klinkten sich ein geheimes Hintertürchen auf, um im Fall einer Explosionskatastrophe sich schleunigst aus dem Staube zu machen . . . Trotzdem: Eine große, eine schöne, eine schwerwiegende Hoffnung sank. Die gehißte rote Fahne, ein Intermezzo! Woraus es nun zu lernen galt . . . Auch der Vormarsch der russischen roten Armee stockte. Deutschland selbst war inzwischen zum Kriegsgebiet ge¬ worden. Englische Flugzeuggeschwader landeten bereits auf deut¬ schem Boden. Ungeheure Proviantmagazine, ganze Arsenale und Werkstätten für Flugzeugersatzteile waren schon vordem in den letzten Jahren errichtet worden . . . Der Hunger begann. Seuchen und Krankheiten schossen üppig ins Kraut. Das kämpfende Proletariat hatte noch keine Entscheidung herbeiführen können. Zwar die deutschen Farbstoffwerke hatten inzwischen erfolgreich rebelliert, aber es gestaltete sich außerordent¬ lich schwierig, dort nur einigermaßen wieder die Pro¬ duktion in Gang zu bringen, um die Arbeitermassen auch nur mit den allernötigsten Kampfmitteln zu versehen. Die Arbeiten litten unter den beständigen Ueberfällen der Re¬ gierungsflieger, die genau orientiert waren, jede verwund¬ bare Stelle solch eines Riesenbetriebes genau kannten und an Hand von im Frieden wissenschaftlich ausgeführten Be¬ rechnungen und Standortbestimmungen aus den phanta¬ stischsten Höhen herab exakt ihre Bomben abwarfen. 349 Dieses Störungsfeuer von oben hielt Tag und Nacht un¬ unterbrochen an: und die Arbeitsleistung wurde dadurch auf ein Minimum reduziert . . . „Die Gas-Walze kommt!" so hieß es jeden Augenblick in den noch von den Arbeitern gehaltenen Stadtteilen Berlins. „Jetzt! Diesmal ganz sicher! Ich spürs schon . . Zwar verfügte man über einige Meßapparate, die jedes Gasgemisch in der Luft sofort anzeigten, die Zusammen¬ setzung analysieren ließen, und so konnte man wenigstens, grad leidlich genug, Vorkehrmaßnahmen treffen. Wie jede Gasschutzabwehr war auch die proletarische höchst mangel¬ haft. Ein Versuch, Kollektivschutzräume anzulegen, scheiterte kläglich. Diese Dinge waren eben nicht so ohne weiteres aus dem Boden zu stampfen. Ueberall fehlte es an geeigneten Kräften, überall an Genossen, die auch nur über die allerprimitivsten Kenntnisse in der Technik des Gas¬ kampfes verfügt hätten. Die Erfahrungen aus den Eas- experimenten 1915 bis 1918 waren bei der völlig veränder¬ ten Lage nicht auszuwerten. Es mehrten sich die Stimmen, die sagten: „Wir haben darin unendlich viel versäumt. Das rächt sich jetzt bitter . . . Wenn es uns schon nicht den Sieg kosten wird, so doch gewaltige Menschenopfer." Eine leichte Panikstimmung verbreitete sich. Wieder hieß es: „Die Easwalze kommt!" Die unglaublichsten Vorstellungen über einen Gasangriff grassierten, ununterbrochen waren einige dazu besonders befähigte Genossen bei der Aufklärungsarbeit . . . Und die Easwalze kam wieder nicht. Noch immer nicht . . . Und dennoch: beinahe jeder lauerte auf die ersten Symp¬ tome einer Vergiftung. Bald aber rissen sich die Proleten wieder zusammen, pack¬ ten ihre Nervenbündel fest und es ging wieder einigermaßen vorwärts . . . 350 „Na immer noch nicht" — scherzte Max — „hoher Besuch oon oben? Schade, daß Pfingsten schon vorüber ist, sonst könnte man sagen: Fest der Ausgießung des heiligen Geistes . . Auch wurde man sich bald klar darüber: Die rote Welle überflutet auch diesmal aller Wahrschein¬ lichkeit nach nicht die ganze Welt, nur einige Nationen werden von ihr ergriffen werden, und man wird am Ende dieser Kriegsperiode vor der Tatsache eines großen ge¬ waltig zusammengeschmiedeten Blocks von Sowjetrepubliken stehen, denen gegenüber sich aber noch eine beträchtliche An¬ zahl kapitalistischer Staaten behaupten wird. Wie hatte sich hier alles verändert, seitdem Max von Ber¬ lin fort war! Einen halben Tag erst war er wieder zurück, doch lange genug, um sofort zu erkennen: das ganze Kampftempo war gründlich verändert, der Rhythmus des Aufstandes selbst war ein wesentlich anderer geworden. Für Elan, für Schwung war nur wenig Platz mehr da, aus andere Kämpfereigenschaften kam es jetzt vor allem an. Verbissen, zäh, zwei Schritte vor, eineinhalb wieder zurück, und jeder Schritt verbunden mit Blut, wahnwitziger An¬ strengung, Verkrüppelungen, unheilbaren Wunden: so wurde jetzt gekämpft, und jeder Mann hatte außerdem das kristall¬ helle Bewußtsein dabei: das ist von allem noch längst nicht das Letzte, der Feind hat seine Reserven noch nicht ange¬ brochen, seine letzten und gefährlichsten Kampfmittel noch längst nicht eingesetzt . . . Es war wieder ein warmer Sommerabend. Nichts war von den „Weißen" zu sehen. Ruhe und Frieden weit und breit. Die „Weißen" hatten sich tief in ihre Hauptstellungen zurückgezogen. Das erstemal seit langem bemerkte Max wieder: die Vögel sangen. 351 Mit einigen Genossen saß Max in einem Kellerunter¬ stand bis zum Anbruch des Morgens zusammen. Also: auch mit Lene stand alles gut. Sie war noch immer in Ostpreußen, wo es vorwärts ging. Ueberhaupt: das Land machte sich . . . Die Genoßen sprachen Einzelheiten aus den Kämpfen durch, den und jenen nannte man, aber die Zeit reichte nicht hin, alle aufzuzählen, die etwas besonderes vollbracht hatten, sie hatten sich alle ausnahmslos ausgezeichnet ge¬ halten. Jeder von ihnen oder auch wiederum keiner von ihnen war ein Held. Der „Held" war ein Kollektivbegriff ge¬ worden. Der Held war das Proletariat. Einige, na das wußte man schon früher... Daß sie ab¬ fallen und abtrünnig werden würden, damit rechnete man, und das gab also keine besondere Enttäuschung. „Die machen noch lange keine Niederlage . . „Und wenn wir allesamt, sage ich, so wie wir hier bei- einandersitzen jetzt, in diesem Augenblick futsch gehn, die Be¬ wegung geht weiter, die Bewegung steht und fällt nicht mit dem Schicksal von Einzelpersonen, jeden von uns kann es treffen, heute den, morgen den, nur die Bewegung: die bleibt. Die kommunistische Bewegung ist: die materielle und die ideologische Auswirkung und die kollektive Auswertung des Klassen-Widerstreits. Die Bewegung, die ist: so lange noch einer auf Kosten eines anderen lebt, so lange noch einer satt und zufrieden die Hände sich reibt, während sein Mitmensch leidet und hungert . . ." Dann kam die Sprache auf die Gefangenen. Die Genossen sprachen halblaut. Die Zunge sträubte sich, alle die Grausamkeiten und bestia¬ lischen Gemeinheiten, die die „Weißen" an völlig Wehrlosen und an schon Sterbenden verübt hatten, auszusprechen. Was Wunder: darüber regte sich ja längst keiner mehr auf: daß man Gefangene mit dicken Ketten um den Leib an Bäume und Laternenpfähle gebunden hatte . . - und sich ihrer als Zielscheibe für ein frischfröhliches Pistolenpreisschießen be- 23 353 diente . . . Das Anbinden, das kannte man ja aus dem Feld her . . . Aber daß man Leichen den Kopf abschlägt und ihn auf die Bajonette spießt, das wollte man über¬ haupt nicht gelten lassen. Man hielt es absolut für eine ganz unmögliche Ungeheuerlichkeit und beschuldigte lieber den Erzähler hysterischer Uebertreibung . . . „An die Gewehre!" Die Genossen erhoben sich. „Heute oder morgen fällt die Entscheidung! Heute der, Max, morgen der! Machs gut! Leb wohl..." Wilhelm und Max trennten sich. Schweigend bezog jeder seine Stellung. Max kniete, fünf Stielhandgranaten im Gürtel, das Ge¬ wehr schuhfertig im Anschlag, hinter dem Schornstein auf dem Dach einer Mietskaserne und beobachtete gespannt die Straßenmündung. Es war halb vier Uhr morgens. Es war völlig windstill. Hie und da hörte man in der Ferne einen Schuß knacken. Wie Spinnenarme geisterten jetzt die ersten Strahlen der Sonne am Horizont herauf. Wolken-Kolosse färbten sich blühend, überquellend rot, wie frisch blutende Fleischstücke. VII Das Bombardement hatte nicht länger als höchstens drei Minuten gedauert. Fünf Gasbomben waren insgesamt abgeworfen worden Das gasverseuchte Gebiet erstreckte sich auf den zweiten Bezirk; einige daran angrenzende Parks und die Elektrizi¬ tätsanlage in der Hauptstraße waren davon noch betroffen worden. Es bildete sich ein Gassumpf. 364 Die ganze Oberfläche der Haut ist ihm brandig ange¬ laufen, es juckt und kratzt in ihm herum, eine unheimliche innere Krätze, der Gaumen fühlt sich pelzig an, bei jedem Atemzug hat er den Geschmack, als ziehe er flüssiges Feuer ein. „Ob ich angesteckt bin .. . ?! Und ob ich nicht mehr zu meinen Kameraden zurückkann, ohne auch sie anzustecken, wie das beim Sturm auf die „Menschenfalle" vorgekommen ist... ?! Ist doch nichts zum Desinfizieren da..." „Nein! Ausgeschlossen, ich sterbe nicht!" versichert er sich gleich darauf wieder krampfhaft. „Mir ist nur ein klein wenig übel!" ermuntert er sich. „Unkraut verdirbt nicht. Mir kann nichts geschehen. Wird schon wieder werden." Und schiebt sich mühsam mit den Knien um eine Ecke. Auch der Tastsinn, das Orientierungsvermögen funktio¬ nieren nicht: die Gegenstände in nächster Nähe rücken auf einmal in eine traumhafte Entfernung. Das Gesichtsfeld verengt sich, verschiebt sich. Eine ruckhaft von ihm sich abstoßende Häuserfront er¬ scheint, jäh in den Hintergrund abfallend, spitzwinkelig nach innen zu verzogen . . . Schwerfällig wie ein Sack sinkt er, mit den Händen sich gerade noch aufstützend, nach vorne um. Ihm ists, als stürze er viele tausend Meter tief. Ein ganzes Leben dauert dieser Fall . . . Dreht sich auf die Seite. Wälzt sich. Das Schwergewicht ist aufgehoben . . . Als glitte er schwebend über den Boden hinweg. Bleibt liegen . - - Wie lange —? Erwacht wieder . - - Eine Turmuhr schlägt eben fünf. Er weiß nicht: ist es fünf Uhr morgens oder fünf Uhr abends. Wiederholt noch wie aus einem früheren Leben: 356 „Nur jetzt nicht... Heute oder morgen muß die Ent¬ scheidung fallen... Ah, schön so, wie wunderbar, wie gut.. . Rote Flieger über Berlin." Eine Maske, Gewehr mit aufgepflanzten Bajonett, springt auf vor ihm. „Hände hoch!" Max macht eine mechanische drehende Armbewegung nach aufwärts . . . Die Bajonettspitze steht ihm senkrecht auf der Brust. Ein zweiter, ein dritter, noch einer tappt herzu: sie alle sind in taucherähnliche, schwarzglänzende Eummiuniformen gekleidet. Das einzige Abzeichen, das sie tragen: je zwei kleine weißblecherne Totenkopfknöpfe oberhalb der beiden Kragenspitzen. „Nur, nicht lange gefackelt... Marsch! Kehrt um! Ab damit! Marsch! An die Wand . . ." Die Stimmen kommen, durch die Maske gedämpft, von tief unten herauf. Max wird einfach in eine Wand hineingeschoben. Er steht schon mit dem Gesicht gegen die Wand. Es war eine kurze dicke Verbindungsmauer zwischen zwei Häuserblocks, zwischen der Delikateßwarenhandlung An¬ dreas Gräulich und einer Sargfabrik, gegründet 1860, Grien¬ et sen. Max bemerkt: Die Ziegelsteinmauer war nur notdürftig verputzt, über¬ all Sprünge, Riffe, faustgroße Löcher. „Armes Kind, ganz pockennarbig . . ." „Aha", ergänzt und kommentiert er sich selbst: „der Irr¬ sinn." Das Gas hängt bleischwer in ihm. Der Boden an dieser Stelle scheint ihm wieder abgrund¬ tief und sehr schlüpfrig. Viel Geplätscher ist unten, Wellen- 357 geplätscher, wie Ozean ... Er befürchtet im letzten Moment noch auszurutschen. Da spürt er plötzlich ganz deutlich in der Kehle, daß er schreien müsse. Es war ein langgezogener strangulierender, messerscharf schneidender Halsschmerz. Schreien, nichts als schreien — Schreit: „Sowjet-Deutschland entgegen!" Dabei schwitzt er, daß es nur so an ihm herunterläuft. Neigt sich noch ein wenig vornüber. Berührt leicht mit der Stirn die Wand. Er verliert sein Gesicht. Das Gesicht schmilzt. Der Boden unter ihm rollt wie Wellen . . . Und — Mit einem jähen Ruck schnellt er sich plötzlich um sich herum. . . Die Salve knallte. — Den Roten Entseuchungsrommandos gelang es erst im Verlauf einiger Monate, den Eassumpf, in den die Regie¬ rungsflieger die Hauptstadt verwandelt hatten, trockenzu¬ legen. 358 ()ue11erinacti^eL8 I Vom proletsrisckeil XIs88Lll8tsii6pullkt sv8: Denin: ^usgevvählte Werbe. Oer Ksmpk um die 8orisle Revolution. Verlag kür Literatur und Kolitilc. 8 t a lin : Denin und der Deninismus. Verlag kür Literatur und Kolitib. '8 i n o w j ew : Oer Krieg und clie Krise (les Lorialismus. Verlag kür Literatur und Kolitib. K n g e ls: ^Militärpolitische ^.uksätre. *Kischmann: Oer Qaslcrieg. — Oer Oaslcrieg. Rins Klugscbrikt über den chemischen Krieg kür Industriearbeiter. — Oie Lkemie im Krieg und in der Dandwirtscbakt. Klugscbrikt kür Kleinbauern uucl Dsndarbeitsr. K. N e i s tsr. Internationales Kinsnxlcspital und europäische Vertrustung. „Oie Internationale." Teilschritt kür Kraxis und Theorie des Marxismus. Vereinigung Internationaler Verlags- snstalten. Lerlin 8W 61. „Oie gröüteo chemischen Werbe Deutschlands, schon bisher in Interessengemeinscbakt ver¬ bunden, haben sich in der I. 6. barbenindustrie-^V.-O. ru einer einbeitlicben Kirma mit einem ^btienbapital von 652 Millionen Narb rusammengescblossen. Dieser neue Hust ist außerdem im Lssitr der ^Vbtien der Kirma Lssella sKranb- kurt a. l^l.j und Kalls sLiebrich), deren Kapital weitere 70l^IiI- lionsn Alarb beträgt. Wie um das militärische Moment dieser Kapitslsgruppe xu unterstreichen, hat der Hrust den Oauptteil der kür die Nunitionsindustrie unentbehrlichen Kunstseidenindustrie an sich gerissen und baut neue Ksbri- bationsmetboden aus, so daü er etwa 75 Kroeent dieser Industrie in Deutschland beherrscht. Oer übrige Keil der deutschen Kunstssidenprodubtion wird cbsrabteristiscber- weise von der sogenannten Kulver- und 8pengstokkgruppe kontrolliert." 8 a u m s n n : Oss Rbein-Kroblem. ^rbeiterliteratur. ^.us den mit * bezeichneten Werben svurde teils wörtlich, teils dem 8inn gsmLÜ Zitiert. 361 'Br k n e r: Artikel in 6er „InternLtionLle". Vereinigung Inter- nntionnler Verlsgsnnstnlten. 6 e o r g : eken6ort. *R oIk : snmtlicke Artikel in 6er Kriegskeilnge 6er „Roten Bnkne" un6 in 6er „Reuen Leitung". 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OrieZsministerium: 2ukunkt Oer elielll. XrieZ8mitteI. 44. 1920. OsnOZrsnsten mit 8ckevekelsnureküllung. 44. 1920. 8enkZS8ker8teIInnZ. IV. 1920. Oxcerpt krom 8tstement: 1. ok Alnjnr LenersI VVillism O. 8ie- 6 e r t, LkemicnI XVsrksre 8ervice, OesrinZs on O. k. 5227 PP- 274—284, 18. 3uni 1919; 2. ok Oieutennnt Lolonel ^Xmo8 V r i e 8 , Ldsmicsl VVsrksre 8srvice, on O. k. 5227 pp. 287—291, 18. 3uni 1919. Verökkentlielit in „Ure OournsI ok InOu8trisl nnO OnZineerinZ LIremi8try, 8eptember 1919. Oie 0eut8ckie XrieZ8kiiIirunZ unči 0s8 Völlcerreclit, kiersusgeZeben im ^nktrs^S 0e8 XrieZ8mini8teriuM8 unO Oer Ober8ten Oeere8- leitunZ. VerlsZ O. 8. T-littler n. 8okn, Oerlin 1919. OrsZer-Oekte, Kerio0i8e6e I^itteilunZen 0e8 OrsZeriverIr8 1.n6eclr. Oekt 55, 56, 57, 58, 64/66, 69. Oeere8teckinilr, kiersusZeZekren von Al, Zckvsrte. Or. 12, 1923. Oi8tory ok tke Lrest VVsr. AleOicsI 8ervice8. Oi8es8e8 ok tke XVsr. OrinteO snO pnkIi8ksO ky Oi8 A1sje8t> 8tstioner^ Oklice. I-onOon 1922. ks Tisture. Oskr^snZ 1922. 367 D'In6epsnee Delge, bes poisons sur les cbnmps Vnr, vom 11. August 1923. Dbe Roynl Dngineers .lournnl, blr. 3, 8. 195. Hie vorlr ok tke Ro>sl Dngineers m tke Duropesn Vi^sr. 1914 bis 1918. 1921. Diclslcriit i Rortisilcntioo s8vensk1, Delt 1/2, 8. 53. Onslr^ää vick permnntn beküstningnr. 1923. Xeitscbrikt kür nngervsnäte Lbemis. Dr. 41, vom 23. l^lsi 1919, 8. 331. Dr. 34, 1921. Din Dodesregen sDevisite). Dr. 33, 8. 192, 1920. Deber die Anwendung von Osssn, 32, 1919. Herstellung un. ssä Llin. Neä. 1919. Hie olioicsl pstkioloZx oi mustsrä Zs». Znašli äi i^eckiciiie osvsle e colooisle. 1918 vol. II. Ur. 3—4. KKo. - „6s8I S8Ü88isllti." kivigts äi srtiZIieris e Zeaie v. II. 1923. ^ieäicsl ^8pect8 oi i^u8tsr>i-Ks8 koisooiiiA. 1919. äourasl ?d^8. Lkiem. 24, 1920. äournsl Olisrmscol, 12 soä 13. 1918, 1919. äourasl ^msric. Lkem. 8ociet>, 41. 1919. Llieioiesl sllä metsIIurZicsI Lo^iiieeriLZ. 1919. äournsl oi tkie 8ociety oi LdeioicsI Ioäu8try. 1919. Lompte8 reoäv8 äe i'scslieiiiie äe8 8cieoce8. 1919. 24 369 Lei ^bscbluü der Xorreicturen erhslten vir die blschrickt von einem Lsshampkreglement, wie es ill der smerilcsnisches -^.rmee Lei der Lslrämpkung des ,Mobs" ill Anwendung gebrscht werden soll. l„^nwendung voll chemischen XsmpkstoKeo ill der Oeimst".) Oer ,Mob" wird ill verschiedene 8tuken nsck seinem Xsmpkwert elnZeteilt. (,,^lol> dünner bewskknet. l^iolr II: ^länner unbewskknet. ^lob III: Männer, Lrsuen, Xinder ge- misckt.") Diesen verschiedenen V^ertiglceitsgrsden entsprechen ciie verschiedenen ckemiscksll Xsmpkstokke, Lsslronreotrstion, Lssmisckungen, mit denen gegen den ,Mol>" vorgegsngen wird. („Legen ^lob I: Liktgss. Legen ^lob II: Keir- und Irsnengsse, „Leld-Xonrentrstion". Legen Nob III: keir- und Irsnengsse, lediglich nur rurLsnilcerreugung.") ^uck die Verwendung von Les in Verbindung mit Llugreugsn gegen den ,Moh" ist vor¬ gesehen. („8prengung."> OnÜ msn unter ,Mob" dis streilcende und demonstrierende ^rbeiterschnkt versteht, ist selbstverständ¬ lich. 6ns Henn mnn um die Lclce schiellenl ) Dieses Kempkreglement ist kür uns ein wertvolles Dobument der zyni¬ schen Znchlicbheit der nmerihnnischen Ävilisntionsbsrbnrei und Zugleich such ein einwsndkreier Leleg kür msnche Ltellen in unserem Luck, die den nsiven Leser vielleicht noch ,,utopisch" snmuten. Der Lite! des smeriksnischen Xsmpkrsglements ist: „Instruction Look, Lhemicsl >Vsrksre Lervice, D. 8. ^.rmy". Und ru bsrieksn durch: 8upt. ok Lublic Documents, Lovt. Lrinting Olhce, V/sskington, D. L. ^merics. 370 Inhaltsverzeichnis Seite Einleitung 5 1. „Deutschland über alles . . . !" 11 Episode aus den Novembertagen 1918. — Deutschland über alles . . . !" — „Lazarettpoesie." — Den Veranstaltern patriotischer Heldengedenkfeiern gewidmet. — Heilige Familie. — Das Trio. — Menschen-Dreck. — Götter stürzen. — „Geh Deinen Weg!" — 2. Die Erde platzt! 53 Schlagwetterkatastrophe auf Zeche .Königin Luise". — Die „Majestät des Todes". — „Was tut not!?" — .Lieber im Feuer der Revolution verbrennen als 3. „Friede auf Erden —" 73 Max Herse, ein junger Arbeiter, besucht eine sozialdemo¬ kratische Versammlung. — Die Befriedung der Welt ist da. Der Weltfrieden scheint gesichert. Deutschland: die Industrie- Werkstatt der Welt! — Zeitungsleser im Cafe. Unheimliche Nachrichten. — Einiges vom Studenten Peter Friedjung. — Max Herse und seine Kollegen auf dem Heimweg. — Klebe¬ kolonnen bei der Arbeit. — Schlafende Menschen. — „Friede auf Erden." 4. Nur ein Traum . . - Nur ein Traum ... — „Die neue Sintflut kommt von oben und als Gift." — Liebe Erinnerungen. — Der 21. April 1915: ein Wendepunkt in der Kriegsgeschichte. Die Deutschen blasen in Flandern, Frontabschnitt Bixschote-Langemark, gegen eng¬ lische Stellungen Gas ab. — Easschießen, Gaswerfen. Eine Gastaktik entwickelt sich. — Doch alles in allem: es bleibt beim Experiment. (Diesmal noch.) — H"d: was gewesen ist, ist gewesen. Keiner denkt mehr daran. — 373 5. Die Kriegsdebatte im amerikanischen Offiziersklub 155 Abkommandiert zum Gas-Dienst. — Ein Kamerad von den Luftstreitkräften. — Die Kriegsdeiatte im amerikanischen Offiziersklub.— Einige wichtige Ergänzungspunkte zum Kampf gegen den imperialistischen Krieg. — Der Völkerbund organisiert den Vernichtungskampf gegen die Kommunisten im Weltmaßstab. „Vertilgt die Kommunisten wie Ratten!" — Mary Ereen auf dem elektrischen Hinrichtungsstuhl. — Generalstreik in USA. — Eine rote Zelle in der amerika¬ nischen Armee. EWRO: Geheim-Bund revolutionärer Offiziere. — Es kann beginnen! — 6. Der erste Mai 201 Ein Bries. — Sonne über Schweizer Bergen. — „Gebt uns eine Partei!" — Kommunisten. — Der erste Mai: ein Welt¬ kampftag. — Aufmarsch der Vaterländischen Verbände. — Rote Gegendemonstration. — Provokateure an der Arbeit. — Tin Blut-Bad. — Am Abend des ersten Mai. — 7. Vom einzig gerechten Krieg Das „Neue Leben". — Wie es im Himmel aussieht! Und auf Erden ... — GefpensterlanLschast. — Vom einzig gerech¬ ten Krieg. — Im Anfang war die Arbeit. — Fleisch, Blut, Knochen. — Denen, die in Ketten träumen! — Roter Marsch. — Gesang der Welteroberer. — 8. Sowjet-Europa entgegen! 301 Prinzipielle Vorbemerkung zum letzten Kapitel. — Kolonial¬ wirren. — Die Kriegsgaswolke am Horizont. — Arbeiter bewaffnen sich- — Was bedeutet lLH LI — Llls »K.8? — Die Farbstoff-Fabriken rebellieren. — Das chemische Kampsstoff- arsenal der USA. Edgewoode. — Der Sturm bricht los! — Der Kern der Sache. — Abgefangene Radios aus Amerika. — Nachrichten aus aller Welt. — Japans werktätige Massen brechen ihr Sklavenjoch. — Sowjet-Rußland marschiert. - Unsterbliche Opfer. — Sowjet-Europa entgegen! — Quellen-Nachweis 358 374 Von ^oknnnS8 R. Leciier sinci Kisker erschienen: Oer I^eiolinLin sui clern Ibron oäer 8cbIaA ciera XrieZ klen 8cbääe! ein VereiniZuoZ Ivtsrrmttormler Verlsgs- siistslteii Verliii 1925 ea erscliienen im ^Zis-VerlsZ. V^ieii