Heft 1. Kremsier, am 15. März 1914. II. Jahrgang. M. Zunkovic: Eine Rückschau zur altpreussischen Sprache. Alle Chronisten, die über das Volk und die Sprache der Alt-preussen berichten, setzen die Existenz derselben schon weit in vorchristlicher Zeit an, „da jene Wenden das Land innegehabt, die sich der wendischen oder slavonischen Sprache bedient haben.“ — Dieses Volk und diese Sprache genossen auch eine relative Ruhe bis zum Auftreten des deutschen Ritterordens, dem der polnische Fürst Konrad, Herzog von Masovien, i. 3. 1230 die Christianisierung der Preussen übertrug, da er sich selbst hiezu zu ohnmächtig fühlte. Zu Beginn des XIV. Dahrhundertes war nun schon das ganze Land christianisiert, aber zugleich auch vom genannten Orden, der gleich anfangs gegen die slavische Sprache der Einwohner in barbarischester Weise zu wüten begonnen, erobert. Der Gross-meister Siegfried von Feuchtwangen gab schon im Dahre 1307 Landesgesetze aus, worin z. B. der Punkt 3 lautet: „Wer preussisch Gesinde hält, soll verpflichtet sein, dass er sein Gesinde dazu verhalte, dass ein jeglicher alle Sonntage seine Beichte soll dem Priester tun und sollen zu der Kirchen gehen, und sollen mit niemandem die preussische Sprache reden bei Strafe drei guter Mark.“ — Der Punkt 6 fügt überdies noch bei, da letzteres jedenfalls unhaltbare Verhältnisse schuf: „So ein Dienstbote seiner Herrschaft entliefe, so mag man demselben nachreisen und ihn mit einem Ohr annageln, wo er ihn überkommt.“ — An Toleranz und Humanität Hess daher dieser deutsch-christliche Orden auch sehr viel zu wünschen übrig. Die Härte, mit der gegen die slavische Sprache vorgegangen wurde, brachte es nun mit sich, dass dieselbe auch ungewöhnlich rasch verfallen und absterben musste. Hartknoch erzählt („Altes und Neues Preussen." — Frankfurt, 1684) als besondere Kuriosität, dass sich um das Dahr 1660 noch ein Mann gefunden, der behauptete, er könne noch in zwei Dialekten der altpreussischen Sprache sprechen. Wie dies möglich war, erweist die weitere sprachgeschichtliche Darlegung. Diese unbedachte Hast, mit der die christlichen Missionäre der altpreussischen Sprache den Garaus machen wollten, zeitigte nämlich zwei sehr bedenkliche Nachteile. Vor allem bildete sich dadurch eine derart korrumpierte Sprache, dass es bald schwer zu erkennen war, ob jemand noch preussisch oder aber schon deutsch spreche, denn dass das Volk gleich in den Geist der neuen Sprache eingedrungen wäre, war selbstredend nicht zu erwarten. — Der zweite Nachteil, der der Christianisierungsarbeit eigentlich direkt entgegenarbeitete und die Liebe zum deutschen Orden ins Gegenteil verwandelte, war aber, dass das Volk die Priester nicht verstand, daher die Segnungen der neuen Religion überhaupt nicht geistig aufnehmen konnte. Man sah nun ein, dass der eigentliche Zweck mit dem überstürzten Ausmärzen der Volkssprache unmöglich erreicht werden könne. Man griff nun zu einem Volksverdummungsmitfel, wie dies ja auch heute analog in den Germanisierungsschulen in slavischen Ländern noch immer der Fall ist, und dies auch der Chronist Osiander folgend schildert: „Der Prediger trug auf der Kanzel etliche Zeilen deutsch vor; der Schulze oder sonst jemand, der beider Sprachen schon kundig gewesen, verdolmetschte („vertolkte“) dies nun dem Volke in preussischer Sprache.“ — Diesem Bedürfnisse ist es auch zuzuschreiben, dass sich in den preussischen Kirchen noch heute oft zwei Kanzeln vorfinden. Das Resultat dieser unvernünftigen Lehrmethode zeitigte nun naturgemäss eine barbarisch verballhornte Sprache, was wir eben heute in den Volksschulen auf slavischem Gebiete, wo Zwangsgermanisierungen geübt werden, gleichfalls leicht feststellen können: die slavische Sprache wurde verdorben, die deutsche nicht erlernt, die Liebe zur Heimat und zur Muttersprache aber vergiftet. Bei den Preussen ging demnach, wie begreiflich, auch der religiöserziehliche Zweck des deutschen Ordens nicht nach Wunsch vorwärts, da die Germanisierung dabei eben die Hauptsache war. So kam es auch, dass der Hochmeister Herzog Albert von Preussen im Oahre 1525 seine Würde niederlegte und selbst zur reformierten Kirche übertrat. Da er aber erkannte, es sei höchst unklug bei diesem sprachlichen Kauderwälsch dem evangelischen Glauben rasch einen günstigen Boden zu bereiten, liess er einen Katechismus in der preussischen Volkssprache verfassen und im Oahre 1545 (in Königsberg) drucken, in welchem es in der Vorrede ausdrücklich heissi: „damit die Pfarrherrn und Seelsorger auf dem Lande denselbigen alle Sonntage von der Kanzel von Wort zu Wort ohneTolcken (Dolmetsch) selbst ablesen und dem unteutschen 'preussischen Volke in derselbigen Sprache mit Fleiss fürsprechen sollten, dass also die Pfarrer selbst mögen beide, Dunge und Alte, im Gebet und anderen Stücken den Katechismus zu gelegener Zeit, wie es die Kirchenordnung und der Befehl mitbringt, verhören und können also auch in Krankheiten hiemit den Leuten in diesem Stücke tröstlich sein.“ — Der vorausgegangene taktische Germanisierungsfehler hatte aber noch einen weiteren Nachteil im Gefolge. Die gangbar gewordene Volkssprache war nun gebietsweise ungleich verdorben u. zw. in einer Gegend mehr, in der anderen weniger. Die verschiedene Wirkung dieser Sprachtyrannei zeitigte neue Dialektbildungen; der geschaffene slavische Katechismus wurde daher auch nicht überall verstanden. Herzog Albrecht sah sich nun gezwungen den Katechismus noch in einem anderen Dialekte auszugeben, damit der angestrebte religiös-erziehliche Zweck erreicht werde. Um nun an einem konkreten Beispiele darzulegen, wie diese neue Volks- und Kirchensprache aussah, wird nachstehend je ein Satz aus dem Kapitel „Von der Taufe“ der beiden Katechismusausgaben in der Original-Orthographie wiedergegeben. Erste Ausgabe. — „Nuson Rekis Christus bela prey svvanians maldaisins: Jeithy en vvyssan svvetan, mukinaiiy vvyssans poganans, bha Cryxtity dins en emmen Thavvas, bha Sunos, bha svvinte Naseilis, kas drovve bha crixiixs wirst, stas wirst deiwuts, kas aber ne druwe, stas wirst proklautitz.“ Zweite Ausgabe. — „Nouson rykies Jsus Christus byla prey-svvaiens maldaysins: Jeiti en vvissan svvytan, mukyneyti vvyssens poga-nens, bhae Crixtidi diens en emmen Thawas, bhae sounons, bhae svvin-tas naseylis, kas druwe bhae crixteits wirst, stes wirst deyvvuts: kas ni druwe, wirst preklantits.“ — Verdeutschung: „Unser Herr (Desus) Christus hat gesagt zu seinen Düngern: Gehet in alle Welt, lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des hl. Geistes. Wer glaubt und getauft wird, der wird selig sein; wer (aber) nicht glaubt, der wird sein verflucht." — Diese Beispiele geben aber zugleich ein überaus lehrreiches Paradigma für den natürlichen Übergang einer Sprache in die andere, i* oder für die Sprachsezessionen. Stellen sich einmal aus einem bestimmten Grunde belebende Einflüsse einer fremden Sprache in die eigene, so erwacht vorerst das Gefühl für die Äusserlichkeiten der neuen Sprache, und namentlich für die Auslaute; dann beginnt die rohe Anpassung an die Konjugation wie Deklination; die Partikel bleiben meist unbeachtet und bilden gewöhnlich ein im Zusammenhänge der Rede sich ad hoc ergebendes Füllsel; die wesentlichsten Unterschiede in den verwandten Sprachen bilden daher die wertlosesten Begriffe: die Partikel. Die Stammsilben der fünf wandlungsfähigen Redeteile bleiben aber nahezu grundsätzlich intakt oder werden gerade deshalb nur wenig korrumpiert, weil sie ohnehin jedem Sprachgute eigentümlich sind. Für den Artikel selbst haben aber die slavischen Sprachen ohnehin kein Bedürfnis, daher auch im allgemeinen keine Autnahmsfähigkeit. Hiefür mögen folgende Beispiele aus jenem Katechismus Zeugnis geben, die doch jeder Slave noch sofort als seinen Ursprach-schatz erkennt, möge er mündlich oder schriftlich noch so entstellt sein: semmie (= zemlja, Erde), swinta (=svet, heilig), swentits ( = svečen, geheiligt), swita (= svet, Welt), switan (= svitanje, Morgendämmerung), mesta (= mesto, Stadt), ludio (= ljudi, Leute), sneko (=sneg, Schnee), wabelko (=jabelko, Apfel), tways (= tvoj, dein), days (= daješ, du gibst), wedeys ( = vedeš, du führst), preklantits, proklautitz (= preklet, proklet, verflucht), en moyen kräuwiey (=v moji krvi, in meinem Blute), deinina (= dene, täglich), kellevesse periothe (= kolovoz pridjot, der Wagenlenker kommt), begaythe pe-kelle (= begajte v pekel, rennet in die Hölle) usw. Diese Lehre und philologische Beobachtung beim künstlich geschaffenen Übergange einer Sprache in eine andere kann aber zugleich als Anhaltspunkt dazu dienen, dass die Verhältnisse bei der langsamen Diffusion im grossen auch die gleichen sind, ein sprechendes Beispiel dafür, wie die menschliche Grund- oder Ursprache mit der Zeit auch ohne Gewalt zu den vielen Sprachen oder richtiger Sprachabarten führen konnte; der Stamm blieb in den meisten Fällen intakt, aber die grammatischen Formen gaben dem Gesamtbilde hunderte von Varianten und entstellten, wenn auch nur äusserlich, die Urformen.1) 1) Wir beachten meist auch die Gleichklänge der Wurzel- und Stammbegriffe viel zu wenig; geht man aber der Sache nach, so ergeben sich überraschende Resultate. So machte z. B. schon Balbinus (geb. 1621) aufmerksam, dass der lateinische Satz; »Ego habeo unum hortum, in illo sunt sex turres et muri cum fenestrlis; in palatio stat una persona cum longo naso, et est contecta cum rosis«. jm Deutschen nahezu gleichlautet: »Ich habe einen Garten, in ihm sind sechs Es wäre daher nach allem weit klüger, wenn dies nicht an sich schon eine törichte Utopie wäre, die Ursprache für den Weltverkehr rückzukonstruieren, als umgekehrt noch eine weitere neue Sprache ä la Esperanto, Ito u. drgl. zu kombinieren, die ohnehin schon in sich den Todeskeim tragen, weil sie schliesslich doch wieder durch Verbesserungen wie genetische Unnatürlichkeit verfallen müssen, denn die Sprache ist, — und darin liegt hiebei der prinzipielle Irrtum —, doch kein künstlicher Kadaver, sondern ein mit der Menschheit pulsierender, lebender Organismus. — Die Schicksale der altpreussischen Sprache zeigen aber auch nur an, dass man eine Sprache durch politische oder rohe Gewalt wohl äusserlich zerrütten, aber von der Wurzel aus trotzdem nicht vernichten kann, da der natürliche Grundbau ewig derselbe bleibt. Ortsgeschichtliche Etymologie. I. Wien. Der Etymologie des Namens „Wien“ ist schon viel Geist und Arbeit gewidmet worden, jedoch bisher noch niemals mit einem überzeugenden Erfolge. Immerhin muss man aber zugeben, dass namentlich die neueren Versuche schon einen fühlenden Fortschritt aufweisen, da sie sich von dem Bleigewichte des deutschnationalen Chauvinismus wie der uferlosen Keltomanie in der Forschung bereits leidlich befreit haben. Es sind dies die Arbeiten des Th. von Grien-berger „Vindobona, Wienne“ (ausgegeben von der Akademie der Wissenschaften in Wien) und jene des Wiener Altertumsvereines „Die Namen Wiens“ (1912); namentlich sind die Schlussfolgerungen der letztgenannten Arbeit bereits beachtenswert. Der anonyme Verfasser, der wohl hiemit den persönlichen Insulten einer gewissen Kritik ausweichen wollte, hat zwar sichtlich wenig Einblick in die sprachlichen Elemente oder gar in die Lautgesetze der slavischen Sprachen, aber das öffentliche Heranziehen des slavischen Sprachschatzes in die Beweisführung ist immerhin ein erfreuliches Symptom dafür, dass auch in der deutschen Forschung die Morgenröte der Wahrheit aufzusteigen beginnt, denn die Türme und Mauern mit Fenstern; im Palaste steht eine Person mit langer Nase, und ist bedeckt mit Rosen«. — Dasselbe Resultat gibt z. B. ein Vergleich der Stellen aus dem Nibelungenliede mit dem Slovenischen. »Groze arebeit« heisst hier: grozna rabota; »daz sibende jar« = sedmo jaro; »alte maeren« = (stari) marni, »heleden« = celedin« u. s. w. — Gewalt der Verhältnisse hat wohl überzeugend dargetan, dass schon die Klärung des Namens „Wien“ allein ohne Beachtung der slavi-schen Sprachelemente ewig eine Sisyphusarbeit bleiben muss. — Wir wollen nachstehend dem gleichen Thema nahetreten. — Der älteste urkundlich beglaubigte Name für „Wien“ lautet „Vindobona“, denn alle übrigen Namensformen wie: Vindomina, Vindomana, Juliobona sind wohl als Namenstypen, hervorgegangen aus fehlerhaften Lesungen oder irrigen Transkriptionen, anzusehen. Zu untersuchen ist nun, weshalb die Römer für die Stadt den Namen „Vindobona“, die Deutschen „Wien“, die Romanen „Vienna“ und „Vienne“, die Russen „Vjena", die Böhmen „Viden“, die Kroaten „Bec“, die Magyaren „Bées“, die Slovenen „Dunaj" wählten. Im allgemeinen prävaliert sonach das Grundwort „Wien“. — „Vin“ bedeutet in der altslavischen Sprache: die Grenze. — Dass die Slaven in der Urzeit dieses Gebiet bewohnten, geht sowohl aus der Etymologie sonstiger Ortsnamen dieses Gebietes wie auch aus den alten Geschichtsquellen hervor, denn in allen alten Urbarien kehren immer wieder slavische Begriffe ein, wenn man sonst keine prägnanteren Ausdrücke zur Verfügung hatte. Diese alten Namensformen erscheinen auch in ihrer slavischen Form noch weniger verunglimpft als später. In der Vorrede der Übersetzung von Durandos „Rationale divinorum officiorum“, welche Herzog Albrecht mit dem Zopfe im Jahre 1384 anfertigen liess und in der Hofbibliothek unter Nr. 2765 und 3045 noch verwahrt wird, heisst es sogar noch ausdrücklich: „zu dem drittenmahl wird die Messe begangen in windi-scher Sprach durch Sache der Braittunge und Gemaihait, wan kain ainige Sprach an ir selber ist, so weit geteilet, als die man windi-sche nennet . . ."x) „Vienna, Vienne, Vjena“ sind natürlich auch desselben Stammes wie gleicher Bedeutung, denn die slavischen Begriffe „vjenec, vienac“ (= Kranz) deuten im Slavischen immer etwas konkret umgrenztes an, u. zw. in derselben Weise wie auch „Kranz“ aus „gran, granica“ (= Grenze, früher „Gränze“ geschrieben) hervorgegangen ist, es sich daher hier auf jeden Fall um eine Grenzrelation handelt. Als ich in meinem Werke »Die Slaven, ein Urvolk Europas« (Kremsier, 6. Auflage, 1911) diese Beweisquelle anführte, fielen sofort einige an Heliotropis-mus leidende »Slavisten« über mich her, und versuchten durch alle erdenklichen Winkelzüge diese Quelle zu entwerten. Diese Aktion ad majorem Germaniae gloriam hatte aber selbst bei den Deutschen keinen sichtlichen Effekt, denn höchstwahrscheinlich wollte auch Herzog Albrecht hiemit auch nicht weiter gehen, als es die damalige sprachliche Situation in Niederösterreich für die Festigung des Glaubens erheischte. Weshalb die Römer „—bona“ zufügten, ist schwer darzulegen; aber Grienberger fand hiefür das „urkeltische“ Wort „bona“ für Schlachtplatz, “und wäre demnach der Name „Vindobona“ nur die Zusammenfügung zweier schon damals unverstandener slavischen Begriffe, von denen der zweite möglicherweise nur eine Entstellung des slavischen „von, van“, d. i. Grenze, Wand sein kann. Wer die nahezu ausschliesslich verteidigungstechnische Grundlage der allgemeinen Ortsnamenbildung kennt, wird dieser Etymologie nicht unschwer beipflichten, die somit besagt: der befestigte Ort, der Verteidigungsplatz an der Grenze.— Dass aber in diesem Gebiete eine Sicherung gegen feindliche Beunruhigungen vorbereitet sein musste, geht schon aus den Terrainverhältnissen zwingend hervor. Die Donau bildete doch hier noch bis in die jüngste Zeit eine Menge von Inseln und Auen. Einen Uferwechsel an einem so grossen Strome nimmt man aber nicht dort vor, wo er seine Wassermassen vereinigt führt, sondern wo sie geteilt sind, da dies den Brückenschlag wie die Überschiffung erleichtert. Haben doch alle Feldherrn seit jeher grössere Wasserbarrieren dort zur Passage gewählt, wo die Wassermengen etappenweise zu bewältigen sind, also Stellen mit Inselbildungen. Wer sich demnach hier vor feindlichen Überraschungen schützen wollte, musste an dieser Stelle das Ufer beobachten und auch stets zur Abwehr vorbereitet sein. Einen sicheren Beweis hiefür haben wir unbedingt in der Tatsache, dass es hier am rechten Donauufer einen vorbereiteten Verteidigungsplatz gegeben haben muss, der „Tabor“ hiess, und diese slavische Bezeichnung für einen technisch hergerichteten Punkt hat sich eben bis heute in der Lokalität „Am Tabor“ in Wien noch erhalten. „Vindobona“ ist daher augenscheinlich nur eine latinisierte Namensform. Die böhmische Bezeichnung „Viden“ (poln. „Wieden") ist hingegen die abgeschliffene Form vom slavischen Begriffe „videm“. Darunter ist jener Punkt in einem Orte zu verstehen, der Gemeindegut geblieben ist, weil er, als Zufluchtsstätte bei feindlicher Gefahr bestimmt, zugleich auch dementsprechend technisch hergerichtet war. Diese Stelle war aber fast ausnahmslos dort, wo sich das Gotteshaus befand, das doch vordem immer mit Umfassungsmauern versehen war, weil dort auch der Leiter der Verteidigung, welcher einst noch oft mit dem Seelsorger identisch war, wohnte. Führten doch früher die Bischöfe, Äbte und Pfarrherren selbst die Verteidigung; nicht selten unternahmen sie auch offensive kriegerische Expeditionen. Heute bezeichnet „videm“ auf Grund der militärisch-sozialen Wandlungen im Slavischen (aber auch in Tirol und Bayern) den <ä Pfarrgrund, und da der Begriff „Pfarre“ wieder aus „var“ (= Sicherung) hervorgegangen ist, kann jene Elymologie ernsflich kaum bezweifeli werden. — In Sleiermark gibi es allein über 50 noch aus dem Mittelalter bekannte „Videm, Widern, Widen“ und etwa 20 als „Wieden“ bezeichnete Plätze, die alle einen Alarmplatz für die Bevölkerung eines bestimmten Gebietes hatten und eben diesen so benannten. Die Namensform „Viden“ ist also schon nicht mehr die primäre, denn sprachlich-genetisch müsste sie noch immer „Videm“ lauten. Man sieht diese Formwandlung den steirischen Namen auch noch genau an, denn die meisten heute als „Wieden“ geschriebenen Namen kommen in den Urkunden des Mittelalters noch immer als „Widern, Widm“ verzeichnet vor. Dass sie zu dem genannten gemeinnützigen Zwecke „gewidmet“ wurden, ist ja nicht zu bestreiten, doch verwandelte sich das ursprüngliche konkrete „vidum" später zu der abstrakten „Widmung“. Der Name „Wieden“, der sich im Namen des IV. Bezirkes bis heute erhalten hat, darf daher mit „Wien“ nicht identifiziert werden, denn das erste ist ein Lokalitäts-, das zweite ein Gebietsname. Eine analoge Genesis hat der Name „Beč" bezw. „Bées“, doch scheint die Schreibweise „Peč“ etymologisch die richtigere zu sein. Slavisch bedeutet „peč, peča“ = die Bewachung, die Sorgfalt; „pečati“ = sich um etwas kümmern; „izbecati“ (im Kroatischen) = beobachten. Die indische Mythologie kennt auch den „Peč“ ( = Wächter), der das Lager des Živa bewacht. So wurde wohl ein weiterer Punkt entlang der Donau, der eine bestimmte Strecke zu beobachten und zu sichern hatte, benannt. Es müssen sonach längs des rechten Donauufers mehrere Wacht- und Verteidigungsplätze bestanden haben, die, wie auch heute bei jeder Festung, ihrer Lage, ihrer Stärke sowie ihrem besonderen Zwecke nach verschieden bezeichnet wurden. Die Etymologie selbst birgt aber schon auch zugleich deren Ursprungsbestimmung, denn „Videm" bezw. „Video“ und „Beč“ waren vor allem Wachtpunkte; „Tabor" hingegen war augenscheinlich der Kernpunkt der Verteidigung. Dass es Wachtpunkte in der Ebene längs der Donau gegeben haben muss, kann man auch daraus schliessen, dass eine Höhe für weiteren Ausblick auch den militär-technischen Namen „Hohe Warte“ noch heute führt („var“ ^ Sicherung). „Wien“ bezw. „Vin“ gebrauchte man aber hingegen nur für die Kennzeichnung der Grenzgegend im allgemeinen. Eine volkreiche Stadt kann Wien daher damals nicht gewesen sein. Im verwandten Sinne ist auch das slovenische „Dunaj" aufzufassen. Hiemit ist auch nur das Ufergebiet der Donau gemeint, denn der Stovene sagt dementsprechend auch nie, dass er „v Dunaju“ (in Wien), sondern „na Dunaju" (auf Wien) ist. „Dun“ hat die ungefähre Bedeutung von Grenzgebiet; im Keltischen ist „dun“ = Berg, Ufer; vergleiche auch das deutsche „Düne“. Hiemit sind alle hier in Betracht kommenden Namen auf sla-vischer Sprachbasis natürlich erklärt. Wer jedoch die Kelten als erste Ansiedler dieses Gebietes, daher auch als Geber dieser topischen Namen unbedingt haben will, und dieses rätselhafte Volk allen übrigen vorzieht, dem kann diese Konzession ohneweiters gemacht werden, denn schliesslich ist Keltisch auch nur ein Slavisch, und ebenso Deutsch nur ein Slavisch, sobald man bis zur fühlbaren Sprach-sezession zurückgeht. Wem aber auch dieses nicht zuspricht, der sage sich, es sind hier ursprachliche Begriffe zu topischen Benennungen verwertet worden, denn auch dieser hat im grossen recht, wenn er sich einmal geistig spekulativ in jene Höhe erhebt, die den monistischen Ausgang aller Sprachen erfasst. — So weit wir aber die Sprache des Bodens noch verstehen und diese ethnographisch spezialisieren wollen, kann uns heute wohl nur mehr das Slavische zu einem natürlich überzeugenden Resultate führen. M. Zunkovic. * II. Oriice. Wer hat den Flussläufen der „Stillen“ und „Wilden Adler“ („Tichä“ a „Divokä Oriice“) den Namen verliehen ? — War es der Adler (slav. orel), der massgebend war? — Nein! „Bor“ und „vor“ sind verwandte altslavische Begriffe und be-zeichneten einst, wie zum Teile noch heute, verteidigungsfähige Höhen und Höhenzüge. An diesen Stamm klingen unzählige topische Namen in Europa an, wie: Borau, Borba, Borek, Borje, Borki, Borova, Bo-rovje, Boröw, Boryslav, Vorotin, Voronez, Vorau (1163 Vorowe, 1249 Vorov), Woorburg, Worbes, Wors, Worms, Wörlitz, Pribor, Privor, Zavor u. a. Demnach benannte man Flüsse, die bei derartigen Höhen oder Gebirgszügen vorbeiflossen, also eine Art Grenzzone in einem Verteidigungsgebiete bildeten, auch als: Vorlice, Vorlicka, Woren, Worla, Worm u. ä. Mit der Zeit schliff sich jedoch der anläutende Konsonant ab, namentlich unter der Suggestion, dass hier der Begriff „orel" namengebend war, daher „Vorlice" in „Oriice“, „Vorlik“ in „Orlik“ überging. Das Adlergebirge (Erlitzer Geb., Orlicke hory) nannte man früher „Vorlicke hory“ und in den ältesten Zeiten wahrscheinlich nur „Vorly“. Dass sich hier, namentlich an den Pässen, gewisse Sicherungsvorsorgen seit jeher befanden, ist naheliegend, denn das Gebirge bildet doch auch zum Teile die österreichisch-preussische Grenze. Von diesem erhielten nun die beiden genannten Flüsse ihren Namen, da sie auch daselbst entspringen. Die Deutschen nannten sie früher „Erlitz“; als aber die Slaven zu „Orlice“ übergingen, formten die Deutschen, analog der vermeintlichen Etymologie von „orel“, auch den Namen in „Adler“ um. Die „Stille Adler“ hiess ursprünglich „Bilä Orlice“, also die grosse — nicht die w e i s s e — Adler, zum Unterschiede von der kleinen, der „Wilden Adler“. — Aber auch „Divokä Orlice“ wurde im Deutschen nur fälschlich zur „wilden“ Adler, denn das Grundwort ist nicht „divy“ (= wild), sondern „div, divati" (= Beobachtung, spähen). Der Flusslauf bildete eben einmal eine Grenze, die wichtige Beobachtungspunkte hatte, denn ihr Weg ist zum Teile von hohen Bergzügen, namentlich dort, wo sie noch heute die Grenze bildet, begleitet. Tatsächlich heisst eine Höhe an der Wilden Adler auch „Diviny“ (unweit der Burgruine Pottenstein); unsere Etymologie ist daher durchaus kein Phantasiegebilde. — Fr. Eg er le. Dr. Fr. Prikryl. Uber das »Fragmentum geographicum de terris Slavorum saeculi IX«. In München wird (unter Nr. 560) ein Handschriften-Fragment aus 140 Pergamentblättern verwahrt, das Hormayer auffand und im Oahre 1820 im „Archiv für österr. Geschichte“ veröffentlichte. Palacky begab sich eigens nach München und fand es als eine Abschrift einer älteren Vorlage; im Oahre 1836 wurde es in den Codex diplom. Moraviae aufgenommen. Der Verfasser des Fragmentinhaltes lebte um das Oahr 866— 830 als Mönch im Kloster des hl. Emeran in Regensburg, was aus bestimmten Daten geschlossen werden kann. Das Material hiezu dürfte er von slavischen Kaufleuten und deutschen Missionären erhalten haben, falls er nicht selbst ältere Quellen kopierte. Für uns sind vor allem die Seiten 148—149 der Handschrift von grosser Wichtigkeit, denn dort werden ausschliesslich slavische Gebiete nebsi zahlenmässiger Anführung der befestigten Städte und Gaue genannt. Es folgen da 58 ethnographische Namen, anfangend in Holstein und weiterziehend längs des Stromgebietes der Elbe über Böhmen, Mähren und Ungarn zur Balkanhalbinsel (Nr. 1—13); von Nr. 1^—35 geht die Reise vom Schwarzen Meere zum Ladoga-See, dem Finischen Meerbusen und überhaupt zum Baltischen Meere; von Nr. 36—58 südwestlich über Litauen und Polen, bei Golzen, südlich von Berlin endigend. Die geographische Spannung ist daher eine sehr grosse, und zur Orientierung beim Lesen des Inhaltes die Benützung einer guten Karle von Europa unerlässlich. Viele der angeführten Namen sind zwar stark verstümmelt wiedergegeben, doch lassen sich die Originalformen durch den Vergleich mit anderen Quellen zumeist leicht erkennen. Der lateinische Text lautet: „Descriptio civitatum et regionum ad septemtrionalem plagam Da-nubii. Isti sunt, qui propinquiores resident finibus Danaorum, quos vocant Norabtrezi, ubi regio, in qua sunt civitaies LI1I o per duces suos par-tiae. Vuilci, in qua civitates XCV et regiones IV. Linaa est populus, qui habet civitates VII; prope illis resident, quos vocant Bethenici et Smel-dingon et Morizani, qui habent civitates XI. Iuxta illos sunt, qui vocan-tur Hehfeldi, qui habent civitates VIII. Iuxta illos est regio, quae voca-iyr Surbi, in qua regione plures sunt, quae habent civitates L. Iuxta illos sunt, quos vocant Talaminzi, qui habent civitates XIV. Beheimare, in qua sunt civitates XV. Marharii habent civitates XI. Vulgarii regio est inmensa et populus multus habent civitates V, eo quod multitudo magna eis sit et non sit eis opus civitates habere. — Est populus, quem vocant Marehanos, ipsi havent civitaies XXX. Istae sunt regiones, quae terminant in finibus nostris. Isti sunt, qui juxta istorum fines resident: Osterabtrezi, in qua civitates plusquam C sunt. Miloxi, in qua civitates CXVII. Phesnuzi habent civitates CXX. Thaelesi plusquam CC urbes habent. Glopeani, in qua civitaies CCCC, aut eo amplius. — Zuireani habent civitates CCCXXV. Busani habent civitates CCXXXI. Siiici, regio inmensa po-pulis et urbibus munitissimus. Stadici, in qua civitates DXVI populusque infinitus. Sebbirozi habent civitates XC. Vulizi, populus multus, civitates CCCXVIII. Nerivani habent civitates LXXVIII. Attorozi habent CXVIII, populus jerocissimus. Eptaradici habent civitates CCLXIII. Vuilterzoi habent civitates CLXXX. Zabrozi habent civitates CCXII. Zretalici habent civitates LXXIII. Aturezani habent civitates CIV. Chozirozi habent civitates CCL. Leudizi habent civitates XL VIII. Thafnezi habent civitates CCLVII. — Zerivani, quod tantum est regnum, ut ex eo cunctae gentes Slav orum exortare sunt, et originem, sicut affirmant, ducant. Prussani civitates LXX. Velunzani civitates LXX Bruzi, plus est undique, quam de Enisa ad Rhenum. Vuizunbeire. Caziri, civitates C, Ruzzi. Forsderen. — Liudi. Fresiti. Serauici. Lukolane. Un-gare. Vislane. Sleenzane, civitates XV. Lunzici, civitates XXX. Dadose-sana civitates XX. Milzane, civitates XXX. Bezunzana, civitates II. Veri-zane, civitates X. Fraganeo, civitates XI. Lüpiglaa, civitates XXX Opo-lini, civitates XX. Golensici, civitates V.“ — * Verdeutschung und Erklärung. » „Beschreibung der befesligten Städie und Gaue auf der nördlichen Seile der Donau.“ — 1. „Zunächst an der Grenze der Dänen sitzen die Nerabtrezi mit 53 Städten, die unter ihre Fürsten verteilt sind." — Es sind dies die Nord-Obotriten im Raume von Holstein durch Mecklenburg-Schwerin (Svarin) mit den Städten Stargrad (Stargard, Oldenburg), Kiel, Ratibor (Ratzeburg) und Varin an der Varnava, hier Varini, dort Vagrii benannt, zugleich mit Wohnsitzen auf den Inseln Fehmarn, Laaland, Falster und Möen als Nachbarn der Dänen. Die Vagrii, oder richtiger Varjagi, sicherten den 54 km langen Kanal von Lubek (Lübeck) bis Lauenburg, die Verbindung des Baltischen Meeres mit der Nordsee. Sie beschützten den Handel von da über Visby auf Gotland gegen Novgorod, daher auch das Baltische Meer mit dem Finischen Meerbusen, das Varjagische Meer hiess. Rurik kam aus Vagria als Heeresorganisator und Feldherr nach Gross-Novgorod ; die „Varjagi" waren daher auch keine germanischen Normannen, sondern slavische Krieger, („varjak" = Beschützer, Krieger), und waren auch angeblich die aus ausgewanderten Angelsachsen als Leibwache in Konstantinopel fungierenden „^aqayyoi“ („varjanki“ = Leibwächter) eben sprachlich wie stammlich Slaven. 2. „Vuilci mit 95 Städten und h Gauen." — Dies sind die Vilei oder Veleti, die Nachbarn der Lutici, im Norden der Seeregion von Magdeburg bis Frankfurt a/0. Ihre grössten Städte waren Arkona (auf der Insel Rujana—Rügen), Usedom, Volin und Vineta ; ihre Kolonien: Bregove (Friesland), Veneti in der Vendée, in der Bretagne um Brest herum, in Volis (England) ; ihre Stämme : Velinjani, Crez-penjani, Chyzani, Dolenci, Ratari (ratar = Krieger) um Rhetra (Mek-klenburg), Rjecani um Berlin, Stodorani oder Habolani an der Havel. 3. „Linaa ist ein Volk mit 7 Städten." — Glinjani in Braun-schweig-Lüneburg mit der Residenz in Willigrad [Velehrad]. 4—6. „Anschliessend an diese wohnen die Bethenici, Smeldin gon und Morizani mit 11 Städten.“ — Vjetnici in der Umgebung von Wittenberg, Smolinci um Boitzenburg und Dömitz an der Elbe; Moracani an dem See Morac. 7. „Diesen zunächst wohnen die Hehfeldi mit 8 Städten.“ — Habolani, auch Stodorani, nach der Stadt Stodor an der Havel benannt. 8. „Diesen zunächst ist das Gebiet der Sur bi, welches mehrere Gaue mit 50 Städten hat.“ ----- Die Serbi, Sorbi von der Mündung der Saale in die Elbe bis zum Bober einerseits und bis zum Erz-, dem Lausitzer- und Riesengebirge andererseits. 9. „Diesen zunächst wohnen die Talamince mit 14 Städten.“ — Es sind dies die Daleminci des Thietmar v. Merseburg im Gebiete von Meissen, Rochlitz und Mügeln. Sie nannten sich auch Glomaci nach der Wunderquelle Glomac [?]. 10. „Behemare mit 15 Städten." — Böhmen. 11. „Marharii mit 11 Städten." — Die Mährer — Moravci — an der oberen Oder von den nördlichen Hängen der Karpaten ein-schliessend Odrau, Alt-Titschein, Freiberg, Ostrau bis Ratibor und Leobschütz. 12. „Vulgarii besitzen ein grosses Gebiet und ungeheure Volksmassen; sie haben nur 5 Städte, da sie ihrer Volkszahl wegen keine Städte (befestigte) benötigen.“ — Hiezu gehörte Ungarn, Siebenbürgen, die Moldau und Walachei, dann Thracien, Mösien usw. — Die Residenz lag anscheinend zwischen Kaspican und Sumen bei Varna, namens Pleskov, dessen Ruinen auf 24 km im Umkreise der Dörfer Pliska-Aboba noch zu sehen sind. — Das ungewöhnlich grosse Gebiet, das hier unter einem Namen zusammengefassi erscheint, dürfte daher den Ursprung haben, dass man den verschiedenen Völkern dieses Gebietes den Gesamtnamen nach jenem Volke gab, das am prägnantesten hervortrat. 13. „Marehanos ist ein Volk mit 30 Städten. Diese stossen alle an unsere Grenzen.“ — Die bedeutendsten Städte derselben waren: Velehrad (bei Ung.-Hradisch), Devin (bei Pressburg, an der 1 Einmündung der March in die Donau), Nitra, Stuhlweissenburg, 01-mütz und Brünn. 14. „Jenseits dieser Grenzen wohnen die Osterabtrezi mit mehr als 100 Städten.“ — Es sind dies die östlichen Bodrci bis zur Cerna in Rumänien und im Gaue Braničevo (Viminiacum), wo die Hauptstadt bei Kostelac, an der Mündung der Mlava in die Donau, lag. 15. „Miloxi mit 67 Städten." — Milkovci, die Rutenen in Bessarabien um die Stadt Milčeni. 16. „Phesnuzi mit 70 Städten.“ — Pečenci im Steppengebiete am Schwarzen Meere. 17. „Thaelesi mit mehr als 200 Städten." — Djedoši am Oberlaufe des Dnjesfr mit der Stadt Dziduszye in Galizien. 18. „Glopeani mit mehr als 400 Städten." — Kolpjani bei Balta zwischen dem Dnjestr und Bug. 19. „Zuireani mit 325 Städten.“ — Svirjani, um die Stadt Svira und am gleichnamigen Flusse in Galizien. 20. „Busani mit 231 Städten.“ — Bužani in Cstgalizien und Volhinien. 21. „Sitici, reich an Volk und äusserst befestigten Städten.“ — Žilici in dem Raume um Žitomir. 22. „Sladici, ein unbegrenzt zahlreiches Volk mit 516 Städten." — Sladiči in der Ukrajina mit der Stadt Stadnja als Zentrum. 23. „Sebbirozi mit 90 Städten." — Sjeverci in den Gouvernements Cernigov, Kursk und Orjol (nordöstlich von Kiev). 24. „Vulizi, ein zahlreiches Volk mit 318 Städten.“ — Ugliči am Unterlaufe des Bug und Dnjepr. 25. „Nerivani mit 78 Städten.“ — Narevjani im Stromgebiete der Narva. 26. „Attorozi mit 118 Städten; ein äusserst wildes Volk.“ — Nachbarn der Ugliči; man hält sie für die Tiverci am Unterlaufe des Dnjestr und Bug. 27. „Eptaradici mit 263 Städten.“ — Oberodnici am gleichnamigen Flusse (jetzt Uburt) im Gouvernement Minsk. 28. „Vuillerzoi mit 180 Städten.“ — Bulerci in Litauen und Kurland. 29. „Zabrozi mit 212 Städten.“ — Zaporožci entlang der Wasserfälle des Dnjepr. 30. „Zretalici mit 73 Städten." — Im Gebiete von Sandomir. 31. „Aturezani mit 104 Städten.“ — Turičani im Flussgebiete der Turija im Gouvernement Kovno. Das Gebiet nennt man noch heute Turiško. 32. „Chozirozi mit 250 Städten.“ — Kosorici im Gouvernement Volhinien mit dem Städtchen Kosorici. 33. „Leutici mit 48 Städten." — Lutici im Flussgebiete der Ljutica in Voihinien. 34. „Thafnesi mit 257 Städten.“ — Tanevci im Flussgebiete des Tanev im Gouvernement Bete. Sie waren die Nachbarn der Buzani. 35. „Zerivani sind ein derart grosses Reich, dass alle sla-vischen Völker von ihnen ausgegangen seien und, wie sie versichern, dort ihren Ursprung haben." —- Severjani (Hyperborei) im Gebiete der Handelsrepublik Gross-Novgorod, einer Stadt, die das Haupt aller slavischen Städte von Lübeck bis Niznij-Novgorod und Kiev bildete, und eine Art Rom des Nordens war. Nestor nennt die Anwohner „Slovjeni na llmenu“, und Gross-Novgorod war der spiritus movens aller Weltbegebenheiten in der Vorzeit, die schon damals den Weg von Osten gegen den Westen Europas nahmen. 36. „Prussani mit 70 Städten.“ — Pruzani um die Städte Pruzani und Grodno in Litauen. 37. „Velunzani mit 70 Städten.“ — Volinjani im Umkreise der Stadt Volinj am Flusse Hucva. 38. „Bruzi, sie haben ein weiteres Gebiet inne, als jenes von der Enns (Niederösterreich) bis zum Rhein.“ — Prusi zwischen Elbing und Königsberg mit der religiösen Zentrale in Romove (Heiligenbeil). 39. „Vuizunbeire.“ -- Vermutlich identisch mit Weissrussen. 40. „Caziri mit 100 Städten." — Kazari im Gebiete vom Kaspischen Meere (Bar Kazar) bis zum Dnjepr und Bug. „Kaza“ bezeichnet eine Schar von Kriegern im Alt- wie Neuslavischen; böhm. „chasa“. 41. „Ruzzi.“ — Rusi um Riga und im Mündungsgebiete der Drina; diese Gegend hiess „ruskaja zemlja“. — In der Vorzeit hiessen die Russen mit ihren Stammesbrüdern Russinen (Rutenen) westlich vom Dnjepr und in den Alanischen Bergen, — bei Herodot „Riphäi montes“ („hribi“ = Berge) — Rossolani, Roxolani. 42. „F o r s d e r e n.“ — Forsderi, ein finischer Volksstamm nördlich von Gross-Novgorod. 43. „Li[udi.“ — Ljudi, ein finischer Volksstamm bei Gross-Novgorod. 44. „Fresiti." — Verezici um die Stadt Verestino an dem Zuflusse des Selon in den Ilmen-See. 45. „Serauici.“ — Zeravci im Gouvernement Pskov. 46. „Lukolane.“ — Lukolani im Flussgebiete der Luga von Gross-Novgorod bis zur Narva. 47. „Ungare.“ — Magyaren. Man nimmt an, sie sassen im Flussgebiete der Ougra und an der Volga südlich von Charkov und seien dann durch Galizien über die Karpaten (Ugrische Berge) in die Gegend der Tisa (Theiss) und des Kris (Körös) gelangt. 48. „Vislane.“ — Vislani, polnische Stämme an der Weichsel (Visla). 49. „Sleenzane mit 15 Städten.“ (Über die Anzahl der Städte der vorangeführten Volksstämme hatte der Chronist wohl keine Daten.) — Slezani, polnische Stämme um den Zoptenberg (Sobotka) südlich von Breslau an der kleinen und grossen Lohe. 50. „Lunzici“ mit 30 Städten.“ — Luzici (Lausitzer) am Bober und der Spree (Spreva) bei Guben. 51. „Dadosesana mit 20 Städten.“ — Djedosani, ein sorbischer (wendischer) Volksstamm nördlich des Riesengebirges. Ihre Nachbarn waren die Bobrani am Bober. 52. „Milzane mit 30 Städten.“ — Milcani waren die westlichen Nachbarn der vorigen. 53. „Bezunzana mit 2 Städten.“ — Bezincani, ein polnischer Volksstamm im Umkreise der eingegangenen Stadt Buzinc am rechten Oder-Ufer bei Krosno. 54. „Verizane mit 10 Städten.“ — Verizani an der Vera (Werra) bei Magdeburg um die Stadt Brisen und Brissnik. 55. „Frag aneo mit 11 Städten.“ — Fergunovi (Vergunovi), ein sorbischer Volksstamm an der Eger bis zum Fichtelgebirge. 56. „Lupiglaa mit 30 Städten.“ — Lupoglavi an der Lupa, einem Zuflusse der sächsischen Neisse zwischen Görlitz und Sorau. 57. „Opolini mit 20 Städten.“ — Opolini, die Polen im Kreise Oppeln. 58. „Golensici mit 5 Städten.“ — Golesinci im Spreewalde, an der Golca, mit der Stadt Golesin im Kreise Lukov [Luckau] südlich Berlin. — Das „Fragmentum“ führt weiter an, dass die slavischen Stämme östlich der Elbe bis zur Volga, nördlich der Donau bis zum Baltischen Meere, zum Finischen Meerbusen und dem Ladoga-See als schon altansässig angesehen werden. Diese Behauptung ist richtig, denn sie wird auch durch viel ältere Schriftsteller, wie: Herodot, Thukydides, Strabo, Ptolemäus, Ammianus Alexandrinus, besonders aber von Tacitus in der „Germania“ bestätigt. Wir wollen diese Quellen in der Folge weiter systematisch verwerten, um der Völkerwanderung shypothese noch den letzten Halt zu entziehen. — Slavische Geschichtsquellen. I. Berichte muselmännischer Schriftsteller über die Slaven bis zum Ende des X. Jahrhun- dertes. Mitgeteilt von 0. v. Meduna. Unter diesem Titel macht der jüdische Gelehrte Adam (Jakovljevič Harkavij eine lange Reihe von Schriftstellern namhaft, welche vom VII. bis X. ¡Jahrhunderte lebten, mit Slaven in Berührung kamen und mehr oder minder umfangreiche Nachrichten über dieselben veröffentlichten. Harkavij, gegenwärtig Bibliothekar der kaiserlichen Bibliothek in St. Petersburg, verfasste sein Werk in russischer Sprache. Ausser ihm haben auch noch andere Orientalisten die Aufmerksamkeit auf die schriftstellerischen Arbeiten arabischer Autoren gelenkt, wodurch für die Beurteilung der nationalen Verhältnisse in Europa zur Zeit des Mittelalters eine wertvolle Grundlage gefunden wurde. Ein Verdienst russischer Gelehrter ist es, dass namentlich jene Kapitel der arabischen Berichte, welche sich auf die Slaven beziehen, gründlich durchforscht wurden und nun als Geschichtsquelle für die slavischen Völker dienen können. Den Anfang machte der Orientalist und Numismatiker Christian Martin Frähn, Staatsrat und Oberbibliothekar in St. Petersburg, mit dem Werke: „Ibn Fozlan und anderer Araber Berichte über die Russen älterer Zeit.“ Ihm folgte François Charmoy, welcher in St. Petersburg die Professur der persischen und türkischen Sprache innehatte, mit der Schrift : „Relation de Mas’-oudy et autres musulmans sur les anciens Slaves.“ Hervorzuheben sind auch die Arbeiten der russischen Akademiker, des Historikers Ernst Kunik und des Orientalisten Viktor Baron Rosen, welch beide die 2 wichtigsten arabischen Schriftsteller übersetzten und kritisch erläuterten, manches Rätselhafte und Dunkle aufhellten. Als hervorragendster Kenner der arabischen Literatur gilt gegenwärtig Dan de Goeje, Uni-versitätsprofesor in Leyden. Er machte den russischen Gelehrten E. Kunik auf den wertvollen Inhalt aufmerksam, welcher sich im Werke des spanischen Arabers Al Bekri über die Slaven des X. Dahrhun-dertes vorfindet, worüber wir ausführlicher sprechen werden. Unter den böhmischen Gelehrten, welche die Nachrichten der Araber über die Slaven des Mittelalters bearbeiteten, ist Dosef Direcek hervorzuheben, welcher im „Gasopis Musea Krälovstvi Ceskeho“ (1878 und 1880) grössere Abhandlungen über diesen Gegenstand veröffentlichte. Hier muss auch Safafiks Hauptwerk „Slavische Altertümer“ genannt werden, welches grundlegend wirkte. Die arabische Literatur ist nicht nur wegen ihres reichen Inhaltes von hoher Bedeutung im geistigen Entwicklungsprozesse der Menschheit, sie gewinnt noch insbesonders dadurch ein eigentümliches Interesse, dass ihre Blüte in eine Zeit fällt, da in ganz Europa in dieser Hinsicht noch tiefes Dunkel herrschte. In der Geographie haben die Araber fleissig gearbeitet, ja sie stehen darin über allen Völkern des Mittelalters. Ihre Eroberungen, dann Handelsbeziehungen, welche viele Kaufleute in die fernsten Länder führten, gaben Anlass zur Abfassung von Reisebeschreibungen. Wichtig durch ihren Inhalt ist auch die arabische Geschichtsschreibung, die für viele geschichtliche Partien die Hauptquelle ist, oder doch wichtige Ergänzungen bietet. Dies gilt auch für die älteren Zeiten der slavischen Völker; die zusammenhängenden Berichte damaliger Augenzeugen sind darum besonders wertvoll, weil sie mit dem praktischen Blicke des Kaufmannes erfasst, über Land und Leute, die Bodenprodukte und deren Wert, über Ein- und Ausfuhr Auskunft geben. Wie eingangs gesagt, hat Harkavij jene arabischen Schriftsteller namhaft gemacht, welche im Laufe des VII. bis Ende des X. Dahr-hundertes Nachrichten über die Slaven brachten, und hat diese Nachrichten auch erläutert. Es soll nun im folgenden eine auszugsweise Übersicht dieser Schriftsteller und ihrer Berichte, insoweit sie sich mit den Slaven befassen, gegeben werden. — Im besonderen wird hier der Leser noch auf den Umstand aufmerksam gemacht, dass von den so zahlreichen arabischen Schriftstellern nicht ein einziger, und selbst wenn er auch mit der Erschaffung der Welt seine Schilderungen beginnt, auch nur mit einem Worte der Völkerwanderung erwähnt. — Al-Achtal, ¿welcher in der zweiten Hälfte des VII. Dahrhun-dertes in Syrien lebte, gibt in seinem Divan als erster Nachricht von den Slaven, wobei er ihrer lichten Hautfarbe Erwähnung tut, die übrigens auch anderen arabischen Schriftstellern auffiel, was bei deren dunklerer Hautfarbe sehr erklärlich erscheint. Al-Fazari, Astronom und Poet, schrieb in den Jahren 772 und 773, übersetzte oder überarbeitete die indischen astronomischen Tabellen sowie die Beobachtungen über Sonnenfinsternisse, und gab hiemit den ersten Anstoss zum Studium der Astronomie bei den Arabern. Al-Fazari berichtet über die Ausdehnung der damals bekannten Reiche; er berechnet das Gebiet der Donau-Bulgaren mit 1500 Parasangen1) nach der Länge und 300 Parasangen nach der Breite, das slavische Gebiet mit 3500 und 700 Parasangen. Nach der Reihenfolge zu schliessen, wie Al-Fazari die einzelnen Reiche von Osten nach Westen aneinanderreiht und nach der gewaltigen Ausdehnung, welche er dem slavischen Gebiete beimisst, ist zu folgern, dass er die Heimat der westlichen und südlichen Slaven meint, mit welchen die Araber übrigens früher bekannt wurden, als mit den Ostslaven. Ibn-Chordadle schrieb in der Mitte des IX. Oahrhundertes das „Buch der Reisen und Länder“. Von persischer Abstammung, vertauschte er die Lehre Zoroasters mit dem Islam. Er ist der erste arabische Schriftsteller, welcher über die Ostslaven und Russen berichtet, deren slavische Zugehörigkeit er ausdrücklich hervorhebt. Als Oberverwalter der Post in einem grossen Teile von Kleinasien kommt er in persönliche Berührung mit russischen Kaufleuten, über deren weite Handelsreisen er Nachricht gibt, und als deren Ausfuhrartikel er hauptsächlich Waffen und Pelzwaren anführt. Achmed Ibn-Faldan, auch Ibn-Foslan genannt, war Mitglied der Gesandtschaft, welche im Oahre 921 vom Kalifen Muk-tedir aus Bagdad zu den Wolgabulgaren abgesendet wurde, die eben den Islam angenommen hatten. Der Zweck der Gesandtschaft war die Propaganda für die Lehre Mohammeds, die Erbauung von Moscheen und die Errichtung von Befestigungen. Er verfasste den offiziellen Bericht über diese Gesandtschaftsreise, welcher von Frähn übersetzt und veröffentlicht wurde. Ibn-Wachschia, in Mesopotamien lebend, schrieb unter anderem im Anfänge des X. Dahrhundertes ein Werk über Ackerbau. Handschriften von ihm befinden sich in Leyden; dieselben enthalten *) *) Parasange, auch F a r s a n g, etwas über 5 km. z. B. den Passus: „Es ist zu bewundern, dass die Slaven, so sehr entfernt von den Zentren der Kultur und Wissenschaft, die Verbrennung sämtlicher Leichen festgesetzt haben, und dass selbst der Leichnam des Caren der Vernichtung durch das Feuer unterliegt.“ Al-Istarchi, in Persien geboren, verfasste um die Mitte des X. Dahrhundertes das „Buch der Länder“, wobei er die Nachrichten anderer muselmännischer Schriftsteller benützte. Der Text und die Erläuterungen hiezu wurden vom Orientalisten Mordtmann herausgegeben. Ibn-Haukal, zu Bagdad geboren, verliess im Oahre 943 seinen Geburtsort. Bereits im dünglingsalter Liebhaber von geographischen Schriften und Reisebeschreibungen, bereiste er durch mehr als 30 dahre die muselmännische Welt nach allen Richtungen, und die Frucht seiner Beobachtungen und Erlebnisse ist das „Buch der Reisen und Reiche“, welches sich in der muselmännischen geographischen Literatur grosser Anerkennung erfreute. Viele seiner Nachrichten verdankt er den Mitteilungen seines Zeitgenossen Istarchi. Durch persönlichen Augenschein und Berichte gereister Glaubensgenossen lernte er auch die Verhältnisse bei den fremden Völkern kennen. Über die Russen schreibt er, dass sie in drei Stämme zerfallen, deren einer die Slaven sind. Die Slaven nennt er, wie überhaupt alle arabischen Schriftsteller, Sakalib. Die Russen verbrennen ihre Toten, aber auch deren Weiber — wenn diese einwilligen — wie dies bei den Indern und anderen Völkern geschieht. Die Russen tragen kurze Pelze, indes die Chasaren und Bulgaren mit langen Pelzen bekleidet sind; einige rasieren die Bärte, andere flechten sie, wie dies mit den Pferdemähnen geschieht, und färben sie gelb oder schwarz. Die Russen treiben ausgedehnten Handel mit den Chasaren und Westeuropäern. Die spanischen Mohammedaner führen nach Nordafrika, Ägypten und anderen islamischen Ländern folgende Waren aus: Ambra, Safran, Gold, Silber, Blei, Eisen, Quecksilber, Biberfelle, Rohseide und gesponnene Seide, hauptsächlich aber männliche und weibliche Sklaven, welche in den Kämpfen mit christlichen Spaniern und Franken1) in ihre Gewalt gerieten, überdies slavische Eunuchen, welche sehr gut bezahlt wurden. Die Ennuchen kamen aus dem Frankenlande, wo sie entmannt und jüdischen Handelsleuten verkauft wurden. Aus Magrib (dem jetzigen Marokko) werden hübsche Mulattinnen in die östlichen Länder ausgeführt. Ibn-Haukal berichtet, dass die sizilianische Hafenstadt Palermo von zahlreichen Slaven bewohnt war, welche sich in einem besonderen Stadtteil an- M Zu den Franken werden die meisten deutschen Stämme gezählt. gesiedelt hatten, was auch mit anderen Berichten übereinstimmt. Afrikanische Handschriften geben überdies Kunde, dass in Nordafrika mehrere Ortschaften von Slaven bewohnt waren. Ibn-an-Hadin schrieb um 987 und gab Nachricht von den Sehriftzeichen der Russen im X. Jahrhunderte. Al-Masudi, in Bagdad geboren, schrieb um die Mitte des X. Jahrhundertes; er war sehr gelehrt und viel gereist zu Land und zu Wasser. Von den vielen Büchern, die er verfasste, sind besonders bemerkenswert die „Chronik der Zeiten" und die „Goldenen Wiesen“. Das erstere Buch wurde erst im vorigen Jahrhunderte in Aleppo aufgefunden, die „Goldenen Wiesen“ wurden von zwei französischen Orientalisten veröffentlicht. Die vielen Reisen ermöglichten dem Autor über die Westslaven und Russen sich nähere Kenntnisse zu verschaffen, doch scheint er vagen mündlichen Traditionen und wenig verlässlichen schriftlichen Nachrichten, die bis auf die Griechen zurückgehen, in seinen Aufzeichnungen viel Raum gegeben zu haben. Man findet darin vielfach Unrichtigkeiten und Unklarheiten, dann häufige Wiederholungen, wie sie eben bei kompilalorischen Arbeiten sich ergeben können. Masudi schreibt: „Die Slaven zerfallen in viele Stämme, einige hievon sind Christen, andere Heiden; auch Sonnenanbeter findet man unter ihnen, ln ihrem Lande sind viele Flüsse, die vom Norden kommen. Nördlich des slavischen Gebietes befinden sich der strengen Kälte und des vielen Wassers wegen nur unbewohnte Landstrecken. Die slavischen Heiden verbrennen ihre Toten. In den slavischen Ländern sind zahlreiche Städte und viele Kirchen mit Glocken, auf welche sie mit Hämmern schlagen, ähnlich wie bei uns die Christen mit hölzernen Schlegeln auf Bretter. Die Nakabarden (Longobarden) haben sich zwischen den Griechen und Franken angesiedeit; ihr Reich ist ausgedehnt und ihr Car wird sehr geehrt; sie führen Überfälle aus auf die Franken und Slaven, welche ihrerseits wieder sie überfallen und in die Flucht jagen. Im ganzen Lande der Chasaren gibt es mehrere Stämme heidnischer Slaven und Russen; sie verbrennen ihre Verstorbenen mit deren Reitpferden, Waffen und Schmucksachen; auch die Weiber werden mitverbrannt; sie verlangen es, um mit ihren Männern gleichzeitig ins Paradies einzugehen. Im Chasarenreich wird die Gerichtsbarkeit von sieben Richtern ausgeübt u. zw. sind zwei für die Muselmannen, zwei für die Chasaren, zwei für die Christen und einer für die Slaven, Russen und anderen Heiden bestimmt. Die Russen zerfallen in mehrere Stämme und unter diesen ist der Stamm der Dulaner (Nov-goroder) der zahlreichste, dessen Kaufleute ihre Waren bis Spanien, Italien, nach Byzanz und in das Chasarenland verführen. Im Oahre 912 bemannten die Russen 500 Schiffe, jedes mit 100 Kriegern und fuhren auf der Wolga durch das Land der Chasaren, denen sie die Hälfte der Beute versprachen, in das Kaspische Meer und landeten an der Westküste in der Gegend von Baku. Dort überfielen sie die Bewohner, machten viele Gefangene und reiche Beute, worauf sie ihr Lager auf den Inseln nächst Baku aufschlugen. Dort wurden sie von den Küstenbewohnern, welche auf Kriegs- und Handelsfahrzeugen angefahren kamen, angegriffen. Die Russen warfen die Angreifer jedoch mit Ungestüm zurück, wobei viele tausend Muselmänner getötet wurden oder ertranken. Die Russen blieben durch mehrere Monate auf den Inseln, ohne dass die Küstenbewohner es gewagt hätten, sich ihnen zu nähern. Als die Russen den Rückweg in ihr Land auf der Wolga einschlugen, wollten sie gegen freien Durchzug dem Caren der Chasaren den bedungenen Teil der Beute abliefern. Die dortigen Muselmänner verlangten jedoch, dass sie sich an denjenigen rächen wollen, welche das Blut ihrer Glaubensgenossen an den Küsten des Kaspischen Meeres vergossen hatten. Es kam zu einem dreitägigen Kampfe, in welchem die Russen grosse Verluste erlitten. — Die Türken (so wurden allgemein die Magyaren genannt) dehnten ihre Raubzüge in die Slavenländer und nach Italien aus, später machten sie Einfälle in das Land der Franken und bis Spanien. In Byzanz herrschte der Slave Basilius ‘) (Kaiser Basilius I. der Macedonier); seine Regierung fällt überein mit jener der Kalifen Mutassa, Much-tadi und zum Teile auch des Mohammed.“ — Das 3*t. Kapitel (Charmoy, Relation de Mas'oudi, pag.208—311) handelt von den Wohnstätten der Slaven, ihren Ansiedlungen und gibt Nachrichten von ihren Herrschern. Harkavij sagt, dass dieses Kapitel dem Verständnisse unüberwindliche Hindernisse entgegenstellt und den Kommentator zur Verzweiflung bringen kann. Die von Masudi mitgeteilten Nachrichten über die Slaven stimmen nämlich mit jenen anderer Berichterstatter nicht überein, so dass sich nicht enträtseln lässt, woher er diese Nachrichten bezogen hat; wahrscheinlich sind es blosse Vermutungen. Es sollen also im folgenden nur solche Mitteilungen angeführt werden, die halbwegs mit den sonstigen Nachrichten sich vereinen lassen. Masudi sagt: „Die Slaven sind Nachkommen des Madai, Sohn des CJaphet, Sohn des Nuch; zu ihm reichen alle ihre Geschlechtstafeln. Ihre Wohnstätten befinden -1) Ueber die slavische Herkunft des Kaisers Basilius des Macedoniers berichtet auch sein Zeitgenosse, der byzantinische Historiograph Johann Genesi. Nach Safarik unterliegt die slavische Herkunft des Kaisers Basilius I. keinem Zweifel. sich im Norden, von wo sie sich nach Westen ausbreiien; sie bestehen aus mehreren Stämmen, welche sich manchmal bekriegen; als Stammoberhäupter haben sie „Care“. Einige Stämme sind Christen des Oakobitischen Bekenntnisses, andere sind Heiden, welche keine schriftlich niedergelegten Glaubenssätze kennen, ln früheren Zeiten hatte ein Stamm die Oberhoheit über die anderen, dessen Car nannten sie Madschak und das Volk selbst hiess Walinane1); hierauf folgen die Astabrani,* 2) deren Herrscher Saklaich, dann die Dulaber,3 4) deren Car Wandschav heisst. Dann kommen die Bambdschin, die Manaban und die Sarbin *); dieses slavische Volk ist furchtbar seinen Gegnern ; die Marava,5) die Charvatin 6) und noch einige verschieden benannte Völker. Die Sarbin überliefern sich beim Tode ihres Caren den Flammen." Masudi sagt weiter, der erste der slavischen Herrscher ist der Car Dir7); er hat viele Städte und grosse besiedelte Landgebiete; muselmännische Kaufleute kommen in seine Residenzstadt mit verschiedenen Waren. Ausser ihn gibt es den slavischen Car Avandscha,8) ebenfalls Beherrscher von vielen Städten und grossen Ländern; auch dieser hat eine grosse Anzahl Krieger und viele Kriegsvorräte; er bekriegt Italien, das Frankenland, die Longobarden und noch andere Völker, ohne dass die Kriege entscheidend wären. Die Slaven bestehen jetzt aus vielen Stämmen, über welche, wie schon gesagt, die Walinanen die Oberherrschaft ausübten ; später entzweiten sie sich, der Zusammenhalt wurde aufgehoben, und sie zerfielen in gesonderte Volksstämme, deren jeder sich einen Car wählte. Masudi erzählt weiter: „In den slavischen Ländern waren Gebäude, in welchen die Einwohner sich zum Gottesdienst versammelten. Unter anderen war ein solcher Tempel auf einem hohen Berge, welcher Tempel aus verschiedenfarbigen Gesteinsarten ausgeführt war; im Oberteile halte er Öffnungen mit Vorrichtungen zur Beobachtung des Sonnenaufganges. In diesem Tempel waren kostbare Edelsteine aufbewahrt und verschiedene Zeichen dargestellt, welche künftige Ereignisse vorauskündeten; aus dem obersten Teile des Gebäudes erschallten verschiedene Töne. Ein zweiter Tempel war am !} Die Walinanen, auch Volinane benannt, werden für Wolgaanwohner, also Russen gehalten. 2) Die Astabrani werden für Obotriten angesehen. 3) Die Dulaber gelten allgemein als techen. 4) Die Sarbin sind zweifelsohne Serben. r>) Die Marava sind die Bewohner Mährens. 6) Die Charvatin werden als Kroaten bezeichnet. 7) Solte D i r der Gefährte Askold's sein, so hätte Masudi einen Herrscher genannt, der fast ein Jahrhundert vor ihm gelebt hat. SJ Avandscha ist bisher von keinem Forscher enträtselt worden. schwarzen Berge errichtet, umgeben von wundertätigen Bewässern, welche durch ihre Heilkraft bekannt sind. In diesem Tempel befindet sich ein grosses Götzenbild in Menschengestalt, als alter Mann dargestellt, mit einem Stocke in der Hand. Auf einem vom Meeresarm umschlossenen Berge befand sich noch ein Tempel, ausgeführt von roten Korallen und grünen Smaragden. Über der Mitte erhebt sich eine hohe Kuppel, unter welcher das Götzenbild aufgestellt ist, dessen Körperteile aus kostbaren Edelsteinen verfertigt sind u. zw. aus grünem Chrysolit, rotem Rubin, gelbem Achat und weissem Kristall; das Haupt ist aus echtem Gold. Gegenüner steht ein anderes Götzenbild in Gestalt eines Mädchens, welches ihm Opfer und Weihrauch darbringt. Die Errichtung dieses Tempels schreiben sie einem Weisen zu, der in früheren Zeiten gelebt hat. — Die Slaven bestehen jetzt aus mehreren Stämmen, über welchen, wie schon gesagt, die Walinanen die Oberheit ausübten, später aber entzweiten sie sich, jeder Volksstamm wählte sich einen Car und sie kamen in Verfall.“ — „Das Buch der Länder“ von einem unbekannten Autor, befindet sich im britischen Museum. Es berichtet über die Handelsreisen der slavischen Kaufleute und sagt: „Die slavischen Kaufleute führen Felle von Füchsen und Fischottern aus den entferntesten Gegenden ihrer Heimat nach Byzanz, wo sie den Zehent erlegen und auf dem Meere in den Krim gelangen. Hierauf wenden sie sich nach Norden in das Azowische Meer (welches auch slavisches Meer genannt wird), gelangen zur Donmündung, wo sich die Chazar’sche Festung Sarkel befindet, und wo ebenfalls der Zehent entrichtet wird. Vom Don gelangen sie zur Wolga und weiter in das Kaspische Meer. Die Kauf-leuie verfolgen Wolga abwärts und im Kaspischen Meere denselben Weg, welchen die Russen — wie Masudi berichtet — im Jahre 913 bei ihrem Einfalle in die Küstengebiete zurücklegten.“ (Fortsetzung folgt.) II. Nestor und die Walachen. Mitgeteilt von F. V. Sasinek. Es ist unverständlich, weshalb die Geschichtsforscher dem russischen Chronisten Nestor nicht jene Wichtigkeit beimessen, die er verdient. Er ist es doch schon, der die Slaven an der unteren Donau, ohne jede äussere Suggestion, als Urvolk bezeichnet.1) Freilich kennen die älteren Schriftsteller den Name „Slave“ erst seif dem Dahre 552, aber man weiss, dass sie mit dem Namen „Geti" identisch sind, wie es Theophylakt (629) bezeugt.2) Suchen wir sie unter diesem Namen dort, so finden wir sie auch. Überschritt doch Alexander der Grosse (f 324 v. Chr.), nachdem er die unterdanubischen Slavo-Geten unterworfen, die Donau, um die oberdanubischen Slavo-Geten zu bekämpfen.3) Mögen nun die Rumunen (Rumänen) weiterhin behaupten, dass sie Abkömmlinge der Trajanischen Römer sind, so ist es doch historisch sicher, dass sie auf ihrem heutigen Gebiete ein sekundäres Volk sind, hervorgegangen aus der Mischung mit den autochthonen Geto-Slaven, denn dies beweisen doch vor allem die topischen Namen daselbst, sowie ihre von slavischen Begriffen stark durchsetzte Sprache. Man vergleiche z. B. die Namen der Berge: Budislam, Bucesf, Ca-chlev; der Flüsse: Bistrica, Dumbovica, Talonica, Cerna; der Orte: Plojesf, Tergavisf, Krajova, Hovlest, Sloborin, Popest, Lunkan, Kont-nar, Hodora, Dorohoi, Bolosani, Pogonest, Pojatra, Bohotin, Barlad, Tekuc, Braca, Onicin, Tupilae, Likosin, Burjanesf, Bogic, Nestin, Varia, Rece, Bogdanest, Vladika, Kostinj, Vladnik, Proskocin, Bogdan, Prus-tina, Strugar, Cernee, Tatrost’, Gorza, Grediste, Belgrad, Rudena, Zlat-na u. a. m. Die ältere Geschichte und Diplomatik kennt auch nur die Walachen und keine Rumunen. Auch der Anonymus Belae regís notarius kennt in Ultrasilvania (Siebenbürgen) nur die Walachen und Slaven (Blasii et Slavi). Die höchsten politischen wie sozialen Würden haben bei den Walachen slavische Benennungen wie: gospodar (Herrscher), vojvoda (Herzog), vladyka (Fürst, Magnat), kanezi (Vorsteher), ln kirchlichen Dingen hatten sie den kyrillischen Ritus (Simon de Keza) und das bedeutendste kirchliche Buch nannten sie „pravilo“ (= Regel, Vorschrift), griechisch „methodios“.4) Über die Walachen ist sehr viel geschrieben worden, aber meist subjektivisch oder leidenschaftlich, daher parteiisch; es scheint aber, dass das Problem nur im Sinne Nestors eine objektive Klärung fin- 1) Bíelowski, Mon. Poloniae. Lwow 1864, S. 553. 2) Getae, seu quod idem est, Slavini. Kritten lib. III. cap. 4. — Die lat. Ueber-setzung der hl. Schrift nennt sie »Zetim« statt »Getim«. Buch d. Makkabäer cap. 1, 1. 3) Curtius Rufus: Vita Alexandri Magni, 1801, p. 12; Oresius bei Migne, Patrologiae tomo XXXI., p. 728, Note 5. 4) N. Nilles: Symbolae. — Innsbruck 1885, I., XCV1II. — Ginzel: Geschichte der Slavenapostel. Leitmeritz 1857, Anhang C, 75. den kann. In den Geschichtsquellen wechseln forlgesetzt die ethnographischen Namen dieses Gebietes; es werden da Gepiden, Hunnen, Geten und Bulgaren genannt ; ein tiefgründiger Wechsel des Gros der Bewohner daselbst hat aber jedenfalls nie stattgefunden. Wir wissen jedoch aus der kroatischen Chronik des Popen Dukljanin (XI. Jahr-hundert), dass gegen das Ende des Altertums ein Volk aus dem heutigen Rumänien, Sledusia genannt, gegen Macédonien vorrückte; der Chronist bemerkt ausdrücklich und zweimal, dass dieses Volk den gleichen Glauben und dieselbe Sprache hatte, wie die Stammbewohner daselbst, d. i. die slavische. — Auf dem rumänischen Gebiete sassen ursprünglich zweifellos Slaven; welche Umstände sodann zur Romanisierung dieses Gebietes führten und wann diese Wandlung geschehen sein soll, bleibt weiteren Studien Vorbehalten. M. Zunkovic: Geschriebene Gesetze der Altslaven, Gebhardi führt in der „Geschichte der Wendisch-slavischen Staaten“ (Halle, 1790) 1, S. 56 an: „Sowohl die Priester als auch die Regenten und das (wendische) Volk waren gewissen Gesetzen („Sa-kon") unterworfen, die aber nicht aufgeschrieben, sondern durch das Gedächtnis aufbewahrt wurden. Schon bei einer Begebenheit des Jahres 546 gedenkt ein griechischer Schriftsteller eines allgemeinen slavischen Gesetzes, welches die Knechte betraf, und bei dem Jahre 849 redete ein fränkischer Chronist von alten Rechten und Gewohnheiten bei den Böhmen. Diese uralten Nationalgesetze wurden in Russland am längsten bewahrt, in den übrigen slavischen Reichen aber teils durch griechische, römische und deutsche Gesetze, bei der Einführung des Christentums vertilgt, teils aber so sehr mit diesen vermischt, dass man wenig Spuren der alten Rechte in den jetzigen Gesetzbüchern wendischer Nation antrifft.“ — Jener fränkische Chronist sind die Fulda-Annalen, welche erzählen, dass sich die „Eoemani“ gegen die fränkische Herrschaft auflehnten, worauf der Herzog Ernuslus mit einem zahlreichen Heere gegen sie geschickt wurde. Die Böhmen aber, besorgt um den Frieden und die Sicherheit, schickten Gesandte an Thakulfus, dem sie vor allem Glauben schenkten, da er die Gesetze und Gewohnheiten des slavischen Volkes kannte („scienti leges et consuetudines Sclavicae gentis“). Die Auffassung, dass die Slaven keine geschriebenen Gesetze hatten, wird aber schon durch die „Lex Salica“ widerlegt, die doch ein geschriebenes Gesetzbuch war und deren Kern doch vor allem die slavischen Rechtsbegriffe bildeten. Ein weiterer wichtiger Beleg hiefür ist auch in der Grünberger Handschrift enthalten, denn dort ist nicht nur die Stelle „es besteht bei uns das Recht nach den heiligen Gesetzen („u näs pravda po zäkonu svatu“) angeführt, sondern bei der Zeremonie der Eröffnung des Landtages auf dem Vysehrad, wo der Thronfolgestreit geschlichtet werden soll, hält eine Jungfrau das das Recht beschützende Schwert, die zweite die Gesetzestafeln, also zweifellos geschriebene Gesetze. Es ist demnach durch nichts begründet, weshalb gerade die Slaven keine geschriebenen Gesetze besessen haben konnten, da schon mehrere tausend Jahre zuvor die Israeliten auf dem Berge Sinai zwei geschriebene Gesetzestafeln erhielten, und nun auch das Gesetzbuch Chammurabis, eines Königs von Babylonien um 2200 v. Chr., auf einem 2‘5 m hohen Dioritblock gefunden wurde; auch die sieben ehernen Gesetzestafeln der alten Umbrer („die iguvischen Tafeln“) seien hier erwähnt. — Überdies gilt in jeder Sprache das Wort „Gesetz“ etymologisch als etwas Gesetztes, Fesstehen-des, Niedergelegtes, also Geschriebenes, und ist dies auch geradezu selbstverständlich, denn wo würde jemand ein Recht finden, wenn wichtige Gesetze nur in mündlicher Überlieferung fortleben würden, denn Kläger wie Richter müssen eine feste Rechtsbasis haben; ungeschriebene Gesetze führen aber eben die Gesetzlosigkeit herbei, denn alles, was sich mündlich fortpflanzt, ist immer schwankend und passt sich leicht dem jeweiligen Bedarfe an, wobei meist auch die Anschauung des Höheren oder Stärkeren obsiegt. — Die Slaven besitzen aber geradezu eine unerwartet grosse Zahl alter geschriebener Rechtssatzungen und seien'zum Beweise hier nur einige der ältesten angeführt: Der Vertrag des Fürsten Oleg mit den Griechen vom Jahre 912. — Ein ähnlicher Vertrag vom Jahre 945. — Das russische Recht („Pravda Roskaja“) aus dem XL Jahrhunderte. — Das Novgoroder Recht mit den Njemci (1189—1199). - Das Recht von Smolensk mit Riga (1222). — Zakon slavonski (1273). — Zakon Vinodolski (1288). — Decreta Brecislai I (1039). — Privilegium Theutonicorum Pragensium (um 1178). — Decretum comitiorum regni Boemie (um 1266). — Prawo polskie w wieku trzynastym. — Statuta ducis Ottonis (1229 -1237) u. a. m. Das einstweilen bekannte älteste rechtskundliche Denkmal der Altslaven ist — nebst den slavischen Glossen in der „Lex Salica“ — wohl das Fragment der Grünberger Handschrift, das vor allem die Nachfolge des Stammesältesten gesetzlich regelt. Die Slaven haben aber durchaus nicht allein Gesetze und geordnete Rechtsverhältnisse für den eigenen Bedarf geschaffen, sondern die drei berühmtesten Gesetzgeber Europas, Justinian, Basilius und Repkow, waren Slaven oder doch slavischer Abkunft. dus fini an, im Jahre 483 n. Chr. in der von Serben bewohnten slavischen Stadt Vedrina geboren, verwandelte seinen Vornamen Upravda in den gleichbedeutenden lateinischen „Justinianus“, als er 527 den Thron von Byzanz bestieg. Sein Vater hiess (nach griechischen Quellen) Istok, seine Mutter Biglenica (oder Vilenica). Seine Hofleute waren auch Slaven, wie der hervorragende Feldherr Beiizar, dann Ghilvut, Jerman. Seine Tante war mit dem Könige Zelimir von Dalmatien vermählt. — Justinian selbst hat sich durch seine Kodifikation des römischen Rechtes (530—534) eine dauernde Berühmtheit erworben. Basilius, genannt Macedo (regierte von 867—886 in Byzanz), war der Urheber des östlichen oder griechischen Rechtes. Der arabische Geschichtsschreiber Hadim bezeichnet ihn ausdrücklich als Slaven ; überdies war er ja auch in dem von Slaven fast ausschliesslich bewohnten Macédonien geboren. Er gab auch den Anlass, dass sich der altslavische Sportausdruck „podrezan“, den die griechischen Quellen unverändert als „-/.am nödotQa.v“ anführen, erhalten hat. Basilius bediente sich nämlich beim Ringen eines ihm eigentümlichen Kniffes: er schnitt durch einen Schlag mit seinem muskelkräftigen Fusse dem Gegner förmlich unten die Füsse ab, und brachte ihn so zum natürlichen Falle; „podrezati“ heisst aber nur im Slavischen: unten (an der Wurzel) abschneiden. Das vollendetste und einflussreichste deutsche Rechtsbuch, genannt „Sachsenspiegel“, wurde um das Jahr 1230 vom Edelmann Ebko von Repkow (Stammsitz „Reppechowe" im Anhaitischen) in lateinischer Sprache verfasst. Da jene Gebiete einmal zweifellos sla-visch waren, kann das Fundament dieses Rechtsbuches nur ganz oder doch zum grossen Teile slavischer Provenienz sein, und gehörte Repkow selbst oder dessen Familie dem wendischen Adel an. — In der geistreichen Vorrede sagt der Verfasser ausdrücklich: „Diese Rechte haben in alten Zeiten unsere Vorfahren hierher gebracht.“ — Wir wollen mit der Anführung dieser geschichtlichen Tatsachen absolut kein fremdes Verdienst für die Slaven usurpieren oder nichtheimischen Federnschmuck aufnehmen, denn wir haben als über- reiche Leute auf dem Gebiete der Kultur dies durchaus nicht nötig. Der Anteil der Slaven bei den Verdiensten um die Menschheit erweist sich nämlich auch dann noch gross genug, wenn wir von der geleisteten immensen Arbeit nur die bescheidenste Beteiligung für sich reklamieren. Das tatsächliche Verdienst wird sich freilich aus dem Nebel der gangbaren Anschauungen und künstlichen Trübung erst hervorheben, bis die wirkliche ethnographische Verbreitung und kulturgeschichtliche Bedeutung der Altslaven vom reinen Tageslichte beleuchtet vor uns liegen wird. — M. v. Czerlien: Berühmte slavische Renegaten im Dienste der Türkei. Im Beiblatte „Luna“ der Agramer politischen Zeitung vom Oahre 1844 veröffentlichte Ivan Kukuljevic eine Aufzählung jener südslavi-schen Renegaten, die sich um den militärischen und politischen Aufschwung der Türkei hervorragend verdient gemacht haben. Da dieses Thema heute, bei dem Beginne der Liquidierung der türkischen Macht in Europa, doppelt interessant erscheint, sei diese Tatsache, durch einige weitere Daten ergänzt, nachstehend in Erinnerung gebracht. Die südslavischen Völker waren die Hauptträger der osmani-schen Macht in Europa; sie vergrösserten die Renegatentruppe der Oaničaren,1) den Schrecken Europas, die jedoch nicht selten über Leben und Tod der Sultane und ihrer Gewalthaber entschieden; sie wirkten nicht nur als eine rohe, geistig tote Masse, sondern auch hochbegabte Mitglieder derselben trugen in den höchsten Stellungen des Staates das ihrige dazu bei, um das Reich auf den Gipfel seiner Macht zu heben und so zu erhalten. Schon unter Mohammed II., dessen Gemahlin überdies die schöne Tochter des serbischen Despoten Georg Brankovič war, bekleideten die Würde eines Grossvesirs Mohammed-Paša, der Weise, von Geburt ein Serbe (1476), Ižak-Paša ein Bosnier (1472), Kedük Ahmed-Paša ein slavischer Albanese (1477), sowie die erste türkische Admiralswürde (Kapudem - Paša) der Bulgare Baltaoghli, nachdem sie vorher andere bedeutende Ämter innehatten. *) *) Die allgemeine Annahme »janičar« sei aus »jeni-čeri« (= neue Truppe) entstanden, ist offenkundig unrichtig. »Janičar« bedeutet eigentlich: Grenzwächter, Grenzsoldat (»jan« = Grenze) analog wie »graničar« (»granica« — Grenze). Die älteren militärischen Nomenklaturen des Osmanen waren überhaupt slavisch, wie: »paša«, oder »paža«, »asker, tabor, vezir« u. a. m. Anm. d. Red. Unter Bajazit II. bekleideten die Würde eines Grossvesirs: Daud-Paša, ein Dalmatiner (1497), dessen Name, wie vieler anderer Grossvesire, im Munde der Bewohner Konstantinopels bis heute rühmlich fortlebt, nach dem eine Vorstadt — mit Moschee, Medrese und Armenküche — benannt wurde; weiter Heržek Ahmed-Paša (1498) aus der berühmten Familie Kosačič, der Herzoge der Herzegowina, vermählt mit Fatime, der Tochter des Sultans Bajazit. Unter Sultan Sulejmann II. und seinem schwachen Sohne Selim III. waren die Pfortendolmetsche, die Vermittler aller diplomatischen Unterhandlungen, sowie die Gesandten des österreichischen Hofes meist Südslaven (wegen der Kenntnis der zu dieser Zeit am türkischen Hofe sehr im Gange gewesenen südslavischen Sprache). Die Grossvesire waren damals: Rüstern-Paša ein Kroate (1539), der die Tochter des grossen Sulejmans, die einflussreiche Mirmali, zur Gemahlin, und zum Sohne Mola Hussein hatte, der in türkischer Sprache satyrische Gedichte schrieb. Sodann Ali - Paša, der Fette und Muntere, ein Dalmatiner aus Brazza (1556). Ein anderer Ali-Paša aus der Herzegowina, und der grösste Grossvesir des osmanischen Reiches (wie ihn Hammer-Purgstall nennt) Mehmed Sokolovič, ein Bosnier, der die Stütze des Divans und Eidam Sultan Selims war, dessen Weisheit und Kraft allein durch die ganze Regierung Selims die Symptome der nahenden Schwäche des osmanischen Reiches deckte und der unter drei Sultanen sich in der schlüpfrigsten und gefährlichsten aller Würden, dem Grossvesirate, behauptete. Er hatte zwei Söhne, Hassan und Ibrahim, von denen ersterer Vesir und letzterer Kämmerer bei Hofe war; zugleich auch einen Neffen Mustafa Sokolovič, der als Statthalter von Ofen 12 Oahre lang durch Tapferkeit und Grossmut, durch nützliche Bauten und Einrichtungen glänzte, und nach der Behauptung orientalischer Geschichtsschreiber der grösste unter den türkischen Statthaltern gewesen sei, die je Ofen und Ungarn verwalteten. Über Mehmed Sokolovič, diesen bedeutendsten türkischen Feldherrn und Staatsmann ist nachstehendes bekannt. Er befand sich bereits im Oahre 1515 im Kloster Milješevo, als der Sandžak-beg Sken-der Ornosovič den Befehl erhielt, aus der Herzegowina 1000 Knaben nach Stambul abzuliefern; unter diesen befand sich auch der Klosterbruder Sokolovič, den der Zufall in die grosse Sklavenschar des Iskender-Čelebija brachte. Als letzterer auf Befehl des Sultans am 15. März 1535 aufgehängt wurde, fielen seine Reichtümer wie auch seine 8000 Sklaven dem Sultan Soliman II. zu. Hiemit begann Sokolovič' glänzende Laufbahn. Im Oahre 1546 trat er an die Stelle des ver- storbenen Heiredin Barbarossa Kapuden-Paša und erbaute das erste Marine-Etablissement; 1551 wird er Begler-beg von Rumelien, erobert 1552 das Banat und Temesvär und dringt bis Erlau vor. Im Dahre 1553 scheitert der Feldzug Solimans II. in Persien, worauf er im Dahre 1554 diesen Krieg fortsetzt und mit dem Frieden von flmasia glücklich beendet. Den Posten des Begler-beg von Rumelien erhielt nach Sokolovic ein herzegowinischer Serbe, namens Perlev-Paša. Sokolovic unterdrückte indessen den Aufstand des Mustafa-beg bei Saloniki, im Cfahre 1559 den Aufstand des Prinzen Eajazit gegen den Prinzen Selim, und war auch in sonstigen Missionen tätig. Als im CJahre 1565 der Grossvesir Semur Ali-Pasa — ein Serbe — stirbt, erhält Sokolovic diese Würde. Als im folgenden ¡Jahre der Sultan Soliman 11. vor Sziget stirbt, lässt der Grossvesir den Tod so lange verheimlichen, bis der neue Sultan (Selim), sein Schwiegervater, eintraf. Im ¡Jahre 1571 wird die türkische Flotte bei Lepanto von Don ¡Juan d’ Austria vernichtet; Sokolovic erbaut binnen eines ¡Jahres 250 neue Schiffe gegen die heilige Allianz: Papst, Spanien und Venedig. Im ¡Jahre 1574 stirbt Sultan Selim und derselbe Grossvesir verheimlicht auch dessen Tod, bis sein Schwager, Sultan Murad 111., herankam, der bald die Allmacht des Grossvesirs zu brechen beschloss; 1576 wurde Sigmund Bathory mit Gutheissung des Grossvesirs zum König von Polen gewählt; am 11. Oktober 1579 wird Sokolovic in seinem Arbeitszimmer von einem fanatischen Dervisch erstochen, dem er selbst den Eintritt gestattete, nachdem das Personal ihn abgewiesen hatte. So endete der grösste Vesir, der übrigens 1575 das serbische Patriarchat in Peč erneuern liess, wobei sein nächster Verwandter Patriarch wurde. Bei dieser Gelegenheit hat er auch die serbischen Katholiken diesem Patriarchate unterstellt und dieselben verhalten, ihm die gleichen Abgaben wie die Serben zu leisten. Mehmed Sokolovic hinterliess kolossale Reichtümer, darunter 18 Millionen Dukaten, trotzdem seine Freigebigkeit bekannt war; in seinen eigenen Karawansereien musste jeder Gast Unterkunft und Kost gratis erhalten, dafür soll er von den neuernannten Vesiren 50—60.000 Dukaten Gratifikation erhalten haben. Zu gleicher Zeit bekleideten auch sonstige südslavische Renegaten hohe Stellungen in der Türkei, wie Piale, der Sohn eines kroatischen Schuhflickers, und gleichfalls Eidam des Sultans Selim, dann Sinan-Paša, ein Kroate und Bruder Rustems, die beide Admirale wurden. Das Vesirat bekleideten die Kroaten: Ferhad-Paša, Ahmed-Paša, der sich im Jahre 1524 in Kairo sogar zum Sultan aufwarf; die Bosnier: Mustafa-Paša, der Held der Grenze; Sal Mohammed-Paša, der Eroberer Cyperns; Lola Mustafa-Paša war Statthalter in Ägypten, Mektul Mohammed-beg, Baltaši Ahmed-Paša, Dženebi Ahmed-Paša; Temerud Ahmed-Paša und Žofi Ahmed-Paša, der vor Sziget gefallene Statthalter von Ägypten. Zur selben Zeit blühte auch die bosnische Familie Jaja oghlis (oghli = Sohn). Erwähnenswert ist es auch, dass zur selben Zeit vier türkische Prinzessinnen an vier slavische Renegaten verheiratet waren, u. zw.: die geistreiche Mirmali, die Tochter Soliman II. und Schwester Selim III. an den Kroaten Rüstern; Fatima, die jüngere Tochter Selims an Sia-vuš-Paša, einen geborenen Slavonier, und die zwei älteren Töchter Esma und Gevher an den Bosnier Mehmed Sokolovič und den Kroaten Piale, die zu gleicher Zeit (am 1?. August 1562) die Doppelhochzeit in Konstantinopel in glänzendster Weise feierten. Etwas Ungewöhnliches ist auch die Tatsache, dass Sokolovič unter Murad, analog wie der Sultan selbst, einen regelmässigen Tribut von mehreren europäischen Reichen, wie vom österreichischen Hofe 9000, von Siebenbürgen 3000, von Ragusa 5000, von der Walachei 7000, von der Moldau 3000 und von Venedig 4000 Stück Dukaten jährlich erhielt. Er knüpfte auch Friedens- und Freundschaftsbündnisse mit dem venetianischen, florentinischen, spanischen und englischen Kabinette. Unter Mohammed III. glänzten als Grossvesire: Ibrahim-Paša, ein Slavonier (1596), der Eidam des Sultans und vorher Statthalter in Ägypten, der selbst als Mohammedaner eine grosse Vorliebe für seine Landsleute, die Slavonier, hatte; so gab er vor, als die christlichen Einwohner von Požega ihren türkischen Richter im Aufstande erschlugen, es sei dies auf seinen Befehl geschehen, und fertigte ihnen sogar die schriftliche Urkunde aus, dass des Richters Blut gesetzmässig vergossen worden sei; denen, die ihm solcher Handlungsweise wegen Vorstellungen machten, gab er zur Antwort: „Sollen wir die Raja durch verhängte Untersuchungen in Feindesland treiben?“ Er bediente sich der durch seine Freundlichkeit, Freigebigkeit und Nachsicht unter seine Fahnen gelockten Banden christlicher Untertanen zur Vertilgung der Heyducken, vor deren Räubereien in seinem Vaterlande Slavonien seit 30 Jahren niemand sicher war. Auch scheint er ausser seiner Muttersprache kaum eine andere gesprochen zu haben, da er den Ragusaner Bunic (Bona) zu seinem Dolmetscher hatte, der ihm die Gespräche mit ausländischen Gesandten in slavischer Sprache erklärte. Der zweite slavische Grossvesir Mohammed III. hiess Daus Ali-Pasa (1604),, ein geborener Bosnier aus der erlauchten Familie der Malkovic. Ausser diesem waren der Admiral Chalil, genannt der Eroberer, und die gelehrten Scheiche Mohammeds, Alidede, in Bosnien geboren und zu Sziget begraben, und Petcevi aus Slavonien; der erstere war der Verfasser von Ewail, d. i. der Werke von den Urhebern politischer Einrichtungen und Erfindern der Wissenschaften und Künste, der letztere war ein berühmter Geschichtsschreiber der Osmanen. Unter Ahmed 1. war der Grossvesir Nasuh-Pasa (1614),- Sohn eines bulgarischen Christen aus Kumuldzina. Eine wichtige Rolle spielten zugleich der geborene Ragusaner Bostandzi-Pasa, und ein Sohn des Kroaten und Admirals Piale, der Bey von Alexandrien war. Unter dem unglücklichen Osman II. (1618), dessen Schicksale unser (der kroatische) Dichter Gundulic so herrlich besang, herrschte als Grossvesir der Kroate Dilaver-Pasa, welchen Sir Thomas als einen ernsten, gemässigten und weisen Mann schilderte (Negotiations of Sir Thomas Roc S. 23); er fiel zugleich mit Osman anlässlich der Empörung der CJanicaren im Dahre 1612. Unter Mustafa I. und Murad IV. bekleideten zwei Bosnier die Grossvesirswürde u. zw. Daud-Pasa, auf dessen Befehl der Sultan Osman II. ermordet wurde, und Chosrew-Pasa, dessen Absetzung und Ermordung einen sehr gefährlichen Truppenaufstand zu Diarbekr und in Kleinasien zur Folge hatte. Aus der jüngeren Zeit ist Omer-Pasa zu erwähnen. Derselbe wurde unter dem Namen Latas im Dahre 1806 in Plaski im Oguliner Grenzregimente geboren, und desertierte 1828 als Kadett in die Türkei, wo er im syrischen Feldzuge (1839) Brigadegeneral, 1848 Militärgouverneur der Donaufürstentümer und 1847 Generalgouverneur in Bagdad wurde. Nach einer kurzen Verbannungszeit bekleidete er (1861) die Würde eines Generalgouverneurs in Rumelien, 1864 jene eines Feldmarschalls und wurde, als er in Begleitung des Sultans Abdul Aziz im Dahre 1865 in Wien erschien, mit aller Auszeichnung empfangen. , Das hier Angeführte möge genügen, um die Worte Hammer-Purgstalls, des grössten Orientalisten, zu bekräftigen, „dass das os-manische Reich zu Land und zu See nicht durch turkomanische Rohheit und Unausschliesslichkeit, sondern durch slavische -und griechische Feinheit und List, Unerschrockenheit, Treulosigkeit (der eigenen Nation), Standhaftigkeit und Tapferkeit, sowie durch die Talente 3 und Herrschergaben der Eingeborenen in den eroberten (slavischen) Ländern als Koloss aufgestiegen, der den Nacken der Völker niedertrat, welche durch Renegaten und Sklavensinn ihre eigenen Eingeweide zerfleischten.“ — M. 2unkovic: Die Handschrift des hl. Hieronymus. Im Kapellenschatze des Schlosses Maria Stein (bei Kufstein, Tirol) befand sich bis zum Abgänge des Besitzers Grafen Paris Cloz ein Manuskript auf 12 Pergamentblättern, sowie eine alte Beischrift, welche sagt: „Dieses puech hat Sant Jeronimuss mit aigner haut geschähen in Crabatischer sprach.“ Die näheren Schicksale dieser Handschrift waren auch noch auf dem Umschläge derselben in lateinischer Sprache beigefügt.1) Daraus ist zu entnehmen, dass die Quinternen (eigentlich sind es Ouaternen) vom hl. Hieronymus eigenhändig geschrieben sind und einen Teil der Bibel in kroatischer Sprache enthalten. Das vorhandene Fragment ist nur ein Teil jenes, wenigstens 4% Seiten enthaltenden Buches, — nachdem die vorhandene Ouaterne als die 62. mit glagolitischen Zahlen gekennzeichnete ist und dabei noch nicht den Schluss bildet —, das der Besitzer der Insel Veglia (Krk), Graf (Johann Frangepan (Frankopan) als wertvolle Reliquie persönlich besass, und es mit Gold und Silber schmücken liess. Als dieser im (Jahre 1482 in Venedig gestorben, verschleppte man dessen Hinterlassenschaft in alle Winde, beraubte jenes Buch des Edelmetalles und zerstückelte es zu Andenken. Einen Teil davon erhielt der Seelsorger von Veglia, Lukas de Reynaldis, und von diesem nachher der österreichische General Marquard Breisacher, der im (Jahre 1487 als Friedensvermittler des Erzherzogs Sigismund mit den Venetianern fungierte. — ') »Isti quinterni, hic intus ligati, scripti fuerunt de manu propria S. Iheronimi ecclesie Dei doctoris acutissimi. Et sunt biblie pars in ligwa (!) Croatina scripta. Et mihi dono dedit D. Lucas de Reynaldis, presbyter Veglensis dioeceseos, qui habuit a Magnifico Domino Johanne de Frangepanibus, domino insule prefate Vegle, qui librum auro et argento omatum pro reliquiis venerabatur. Et cum Venetiis mortuus ac bona sua in predam data ac distracta fuissent, etiam de hoc libro aurum et argentum amotum fuit, et, pars libri prefato D. Luce in manus venit, de qua michi Marquardo Breisacher militi, et tune temporis Cesareo oratori, et pacis inter Illustrissimum Dominum Sigismundum Archiducem Austrie ex una, et IllustrissiiAum Venetiarum Dominum parcium ex altera confectori, illos inclusos duos quintemos pro speciali et grato munere dedit. Anno a Nativitate Domini MoCCCCo. — Breisacher m/p. Nach Breisachers Tode (1509) kam das Fragment in das Archiv des Schlosses Maria Stein, das dem Grafen Schurff gehörte, von dem auch jene deutsche Notiz stammt. Im Wege der Erbschaft gelangte dann die Handschrift in den Besitz des Grafen Cloz (1777—1856), der sie vor seinem Tode der Stadtbibliothek in Trient widmete, wo sie noch heute im Rathause verwahrt wird. Die vom Generalen Breisacher herrührende Zahl 1400 ist wohl nur ein lapsus calami, wonach er 1500 schreiben wollte, daher ein C ausgeblieben ist. Dass aber diese Notiz tatsächlich von Breisachers Hand stammt, gilt als erwiesen, weil diese Unterschrift einer anderen authentischen Unterschrift Breisachers gleichsieht. Von derselben handschriftlichen Bibel befinden sich aber noch zwei weitere Blätter, deren Inhalt sich in jene von Trient einreiht, im Landesmuseum zu Innsbruck. Über diese weiss man nur, dass sie nach dem Tode des Freiherrn Alois Dipauli mit einer an 1400 Bände umfassenden Quellensammlung zur Geschichte Tirols in jenes Museum gelangte. Einige vermuten, dass sie früher dem Archive des Bistums Brixen angehörte, was auch glaubwürdig ist, denn es kann ja ein dortiger Bischof gleichfalls eine solche literarische Reliquie einst von den Besitzern in Maria Stein erhalten oder auch sonst erworben haben. Diese zwei Blätter bilden nämlich das 3. und 6. Blatt des einen Ouaternions, von dem das 1. und 2., dann das 7. und 8. Blatt nun in Trient sind. Die Tatsache jedoch, dass das 3. und 6. Blatt hievon separat gefunden wurde, lässt annehmen, dass das noch fehlende Doppelblatt (4. und 5.) auch jemandem als Reliquie übergeben wurde, u. zw. wahrscheinlich auch irgendeinem benachbarten Kirchenfürsten (Trient, Passau, Regensburg?), wo es möglicherweise noch Tieute unbekannt liegt. Graf Cloz interessierte sich für die alte, schon durch die Tradition selbst interessante Handschrift mit den seltsamen Zeichen in besonderer Weise, weshalb er schliesslich dieselbe von Schriftgelehrten der Universität Innsbruck untersuchen und studieren Hess. Man Konnte dort den Text allerdings nicht entziffern, aber man erkannte schliesslich doch im Manuskripte die slavischen Schriftzüge. Bartholomäus Kopitar, der damalige Skriptor der Hofbibliothek in Wien, wurde nun durch Dipauli, dem ersterer eine Gefälligkeit erwiesen, aus Dankbarkeit auf diese slavische literarische Rarität aufmerksam gemacht. Kopitar studierte nun die Handschrift und fand, dass sie Homilien in altslovenischer Sprache, etwa der alten Sprechweise in Kärnten angehörend, und in glagolitischer Schrift enthalte. Er verfasste nun eine ausführliche (lateinische) Schrift darüber, die unter 3* dem Titel „GlagolitaClozianus“ im Jahre 1836 erschien. Kopitar sagt darin im allgemeinen, dass der Kodex nicht jünger sein könne als vom CJahre 1037, wahrscheinlich sei er aber weit älter, und habe einen ausserordentlichen Wert für die Kenntnis des altslavischen Schrifttums. Gelehrte der Universität Göttingen, die Kopitars Arbeit überprüften, bestätigten dies. Das Innsbrucker Fragment war aber Kopitar noch nicht bekannt. Dieses hat nun Professor Miklosich in den „Denkschriften der Akademie d. Wiss.“ in Wien im ¡Jahre 1860 in analoger Weise unter dem Titel „Zum Glagolita Clozianus“ besprochen. Im ¡Jahre 1893 behandelte Professor Dr. V. Vondräk (Wien) die Handschrift in böhmischer Sprache („Glagolita Clozüv“) und fügte noch einige wertvolle Berichtigungen bei. Ansonst kümmerte sich bis heute niemand mehr um dieselbe; es gibt bis heute keine komplette Faksimile-Ausgabe, ja es ist nicht einmal sicher, ob schon Photographien der ganzen Handschrift existieren. Um unseren Lesern vorläufig eine Vorstellung vom Aussehen derselben zu bieten, wurde in der Beilage I das Faksimile der letzten Seite des Innsbrucker Fragmentes beigegeben, was dem Verfasser die Verwaltung des Ferdinandeums zuvorkommendst ermöglichte. — Die weisse Fläche war schon herausgeschnitten, als die Schrift verfasst wurde, da der Inhalt deshalb nicht unterbrochen ist. Die bisherige Benennung „Glagolita Clozianus“ wurde hier aus sachlichen Gründen in die „Handschrift des hl. Hieronymus“ umgesetzt. Es war doch vor allem der Graf Cloz gar nicht der erste bekannte Besitzer beider Fragmente; überdies werden alle Handschriften entweder nach dem vermeintlichen Autor oder aber nach dem Fundorte benannt; weshalb gerade hier eine Ausnahme gemacht wird, ist in keiner Hinsicht begründet. Wir haben aber auch auf Grund geschichtlicher Daten volle Berechtigung, diese Handschrift dem hl. Hieronymus zuzuschreiben, denn wir besitzen für alle unsere Klassiker nicht annähernd so viele Autoritätsbelege, wie gerade in diesem Falle. .Ganz abgesehen von der Verwahrung des grösseren Teiles der vorhandenen Handschrift im Kapellenschatze, was bei gewöhnlichen Schriftdenkmälern doch nicht der Fall ist, verdienen die beiden beigelegten Notizen eine besondere Beachtung, denn sie geben zweifellos überkommene Traditionen wieder. Desgleichen ist es ja sonst ganz unverständlich, wer da auf den hl. Hieronymus spekulativ verfallen wäre, da doch bis zum Jahre 1836 die Schrift niemand lesen konnte; die Schrift ist aber einmal da und wer sie verfasste, musste doch die glagolitische Schrift wie die altslovenische Sprache vorzüglich gekannt haben. Die Lebensgeschichte des hl. Hieronymus sowie die Schrift und der Text selbst bieten aber für unsere Annahme eine weitere sehr solide Bestätigung. Hieronymus wurde im dahre 340 in Stridon (Dalmatien) geboren. Er war zweifellos ein Slave, da er in seinen Schriften selbst die Dalmatiner oder Illyrer als „linguae suae homines“ (= Leute seiner Sprache) nennt, wie auch zugibt, er habe die Bibel für seine Landsleute übersetzt. Dessen kirchenschriftstellerische Bedeutsamkeit konzentriert sich auch nicht so sehr in den eigenen, wenn auch von Scharfsinn und Gründlichkeit zeugenden Schriften, als in dem Verdienste, auf seinen grossen Reisen die Schätze der griechischen Theologie gesammelt und sie sodann dem Abendlande vermittelt zu haben. Die in der Handschrift enthaltenen Homilien stammen aber alle von Kirchenschriftstellern, von denen selbst der jüngste 13 Jahre vor Hieronymus starb, denn die darin befindlichen Texte sind nahezu reine Übersetzungen aus dem Griechischen, wie sie dohannes Chryso-stomus (f 407), Athanasios (f 373) und Epiphanias (f 403) niedergeschrieben. Die Handschrift ist demnach in bezug auf ihre Quellen und ihren Inhalt, was doch literarhistorisch für eine so alte Zeit gewiss von hoher Bedeutung ist, zum mindesten nicht anachronistisch. — Ob sie zugleich ein Autograph des hl. Hieronymus ist, wissen wir selbstredend nicht, aber der Umstand, dass sie traditionell als Reliquie jenes gelehrten, später heiliggesprochenen Kirchenliteraten so hoch bewertet und als solche an hohe Personen verteilt wurde, fällt bei dem Kriterium der Originalität wesentlich in die Wagschale.1) Dagegen, dass diese Handschrift demnach nicht direkte vom hl. Hieronymus stammen könnte, liegt nach allem nicht das geringste Bedenken vor; die Entstehung derselben muss demnach in den Zeitraum von 407—420 fallen. Diese Annahme erhält aber durch besondere ge- *) *) Daß man schon in ältester Zeit Handschriften berühmter oder gar als heilig geltender Männer tatsächlich sozial hochstehenden Personen verehrte, ist weder etwas Ungewöhnliches noch geschichtlich Unbekanntes Wurde doch z. B. die Evangelienhandschrift zu Cividale, die ein Autograph des Evangelisten Markus selbst sein soll, später zerlegt und als Reliquie verteilt; zwei Blätter erhielt der Kaiser Karl IV, (1364), den Rest die Republik Venedig. Es ist dies jene Handschrift, an deren Rändern sich hochgestellte Pilger, die das Kloster Stivan (St, Johann) bei Duino besuchten, zu verewigen pflegten, da sie mit Rücksicht auf den Autor als heilig galt. Auf diese Art erfahren wir auch eine Menge slavischer Namen schon aus dem VIII.—IX. Jahrhunderte, wie; Braslav, Chotmar, Kocel, Nitra-bor, Olomer, Perebred, Pribina, Radoslav, Trudopolk, Hesla, Milena, Zalislava u. a. m. (Vergl. auch »Staroslovan«, 1913, S. 168.) schichtliche Vorkommnisse geradezu noch den Charakter der begründeten Wirklichkeit. Die slavische Lithurgie, die sich in einem Teile des österreichischen Küstenlandes bis heute erhielt, wurde seinerzeit vom Papste Oohann X. (914—928) stark bedrängt. Da er die Tätigkeit des Slaven-apostels Method, den er in keiner Schrift unter den heiligen Kirchenschriftstellern finden wollte („quem in nullo volumine inter sacros au-tores comperimus“), nicht billigte, forderte er den Bischof von Spalato auf, die slavische Lithurgie in seiner Diözese zu bekämpfen und zum lateinischen Ritus überzugehen. Am darauffolgenden Konzile in Spalato (925) wurde der slavische Gottesdienst tatsächlich aufgehoben und die Einweihung von Slaven zu Priestern, sofern sie nicht lateinisch verstanden, verboten. In dieser nationalen Bedrängnis fand aber die slavische Geistlichkeit einen kräftigen Ausweg, indem sie entgegenstellte, dass ihre Lithurgie durchaus nicht vom Apostel Method eingeführt sei, sondern vom hl. Hieronymus, dem man ohnehin allgemein das glagolitische Alphabet zuschrieb, und der ein hochangesehener und bereits heiliggesprochener Kirchenschriftsteller war. Doch gegen diese Autorität, — Hieronymus ist doch auch der Verfasser der Vulgata, der authentischen Bibelübersetzung —, konnte der Papst nicht weiter ankämpfen; jedenfalls waren damals noch derart gewichtige und allgemein bekannte Belege hi efür vorhanden, dass es aussichtslos schien, ohne Untergrabung der eigenen Autorität den Plan durchführen zu können. Es müssen demnach damals vom hl. Hieronymus tatsächlich allgemein bekannte religiöse Werke in slavischer Sprache vorhanden gewesen sein, denn sonst hätte der Papst jenen verblüffenden Rückzug gewiss nicht angetreten, und hat dieser reelle Beweis augenscheinlich und zum Hauptteile beigetragen, dass der Papst Innozenz IV. im Dahre 1248 jene bedeutungsvolle Bulle ausgab, welche die Berechtigung und Notwendigkeit der slavischen Lithurgie im kroatischen Küstenlande anerkannte. Aber noch ein weiterer wichtiger Umstand in kirchengeschichtlicher Hinsicht ist hier bedeutungsvoll. — Dass die Handschrift des hl. Hieronymus sowohl hinsichtlich der Spracheigentümlichkeiten sowie der paläographischen Momente unter allen bekannten Überresten der glagolitischen Literatur die älteste ist, wurde auch noch von niemandem angezweifelt. Die glagolitische Schrift wird aber in der Wissenschaft auch die „hieronymische" genannt, muss daher älter als die cyrillische sein. In Paris fand man seinerzeil eine Handschrift, die man dem IX. bis höchstens XII. ^Jahrhunderte zuschrieb, welche das „Abecenarium bulgaricum“ enthielt. Dort war zu ersehen, — die Handschrift ist später wieder spurlos verschwunden —, dass derjenige, der hier das glagolitische Alphabet niedergeschrieben, entweder schon eine alte, aber auch schon nicht mehr korrekte Vorlage benützt hat, da er viele Laute fehlerhaft kopierte, oder war er selbst des Slavi-schen zu wenig kundig. Doch dies sind nur logische Rückschlüsse auf das hohe Alter dieser Schrift. Mit dieser Altersklassifikation unserer Handschrift hängt jedoch die Frage, ob bei den Südslaven von den heimischen Schriften die glagolitische oder die cyrillische in der Lithurgie die ältere sei, im innigen Zusammenhänge. Dieser Zweifel ist jedoch nicht unschwer zu beheben, wenn wir auch von der Handschrift des hl. Hieronymus als Kronzeugen vollkommen absehen, denn stammt die cyrillische Schrift tatsächlich vom Apostel Cyrill (und Method), s o ist sie naturgemäss jünger als die glagolitische. Weiters spricht hiefür folgendes: a) man fand Palimpseste, in denen die cyrillische Schrift die radierte, daher ältere glagolitische Schrift bedeckt. Dies ist z. B. im Evangelienkodex von Bojana (bei Sofia), der aus 109 Pergamentblättern in Quart besteht, der Fall; b) gibt es eine erkleckliche Zahl von cyrillischen Handschriften, bei denen viele paläographische Momente unbedingt dafür sprechen, dass sie aus älteren glagolitischen Vorlagen abgeschrieben, daher nur transkribiert wurden; c) enthalten die glagolitischen Schriftdenkmäler ältere Wörter und ältere grammatische Formen als die cyrillischen; d) sind in der glagolitischen Schrift etliche Buchstaben nach links offen, was schriftkundlich nur dort anzutreffen ist, wo ursprünglich von rechts nach links geschrieben wurde und diese Schreibweise ist zweifellos die ältere. Die glagolitische Schrift ist demnach schon sehr alt und zugleich auch weit älter, als die Lebenszeit des hl. Hieronymus, denn es hat wenig Wahrscheinlichkeit, dass jemand ein neues Alphabet in jenem Momente aufstellt, als er für seine Landsleute die Bibel übersetzt oder kommentiert, da ja sonst die religiös-pädagogische Wirkung durch die technischen Schwierigkeiten der Lesemöglichkeit ohne den gewollten Erfolg bliebe. — Hiefür spricht aber auch noch der Umstand, dass Hieronymus selbst wiederholt in seinen Schriften vom Alphabete eines gewissen Aeihicus sprichl, und häli auch K. Periz („De cosmo-graphia Ethici“. — Berlin 1853) dafür, dass dieser um die Mitte des IV. Jahrhundertes lebende Slave nach allem der wirkliche Erfinder der glagolitischen Schrift war, d. h. auch Pertz nimmt eben jenen Mann als Urheber, den man geschichtlich noch festzuhalten vermag. — Die Einführung einer neuen Schrift geht aber noch weit schwerfälliger vor sich, wie etwa eine neue Münzwährung ; für eine solche Umwertung genügt meist nicht einmal die Zeit einer Generation; um wie viel schwieriger ist dies noch bei Einführung einer neuen Schrift! Übrigens wurde bei den Albanesen von 3. v. Hahn ein Alphabet entdeckt, das dem glagolitischen stark ähnlich sieht; der Erfinder soll ein Albanese namens Büthakukye gewesen sein. Mann glaubt, dass diese Schrift bereits im II. Jahrhunderte, als die Christianisierung Albaniens eingesetzt hat, in Gebrauch getreten sei; positive Beweise fehlen hiefür, aber sehr alt ist diese nun schon ganz aus dem Verkehre getretene und vergessene Schrift auf jeden Fall. Doch auch die cyrillische Schrift scheint nicht von Cyrill, der im Jahre 868 starb, zu stammen, da es schon ältere Belege für diese Schriftart gibt. Sehen wir auch ab von der Inschrift auf dem Salzburger Fingerringe, sowie jener auf dem im Jahre 1/99 in Nagy-Szent-Miklos gefundenen Metallschüsselchen, da wir deren relativ hohes Alter doch nicht verlässlich taxieren sowie den Text in griechischcyrillischer Schrift selbst sprachlich noch nicht vollkommen verstehen, so kennen wir doch eine Inschrift, die angeblich nicht jünger als das VI. Jahrhundert sein kann. In Rom wurde nämlich, wie dies die Zeitschrift „Sokol“ (Turöcz-Szt.-Marton 1862) berichtete, in der Krypte der Peterskirche eine hölzerne Bildsäule gefunden, die den Apostel Petrus und Paulus darstellt, und im VI. Jahrhunderte aus der Peterskirche ausrangiert worden sein soll. Auf dem Sockel befindet sich die russisch-cyrillische Inschrift, die sich als solche besonders durch die Anwendung der slavischen Halbvokale „jer“ und „jerr" hervorhebt: CTLH IIETERE H CT LH 1IABEJIE also: sti Petr i sti Pavl d. i.: sveti Petr i sveti PavI. — Vergleicht man nun zum Schlüsse aller dieser Hypothesen die Vergangenheit mit der Gegenwart, so kommt man folgerichtig zu dem Resultate, dass es einst genau so, wie heute, viele Alphabet-und Schriftarten gab. Haben doch heute die Deutschen, die Russen, Serben und Bulgaren, die Griechen, die Albaner, die Juden usw. eine eigene Schrift; die Alphabete weichen sogar bei den einzelnen Slavengruppen, wie Slovenen, Kroaten, Böhmen und Polen, die sonst doch alle die lateinische Schrift anwenden, auch noch wesentlich ab. TAFEL I, (zur Seite 34). Die Handschrift des hl. Hieronymus. (Das älteste bisher bekannle glagolitische Schriftdenkmal.) h so-; *»y h» v « a.|. ayt;&¿ •i¿MéÉ$0*$# x.*iü .a? f • ■ & í»«0 T* * JWNr .«V» 9ty*> HC€ Ob seither eine Ergänzung oder Berichtigung dieser Lesung, die zum großen Teile zutreffend erscheint (der Begriff »spisase« ist im Sinne unklar und wahrscheinlich unrichtig gelesen), ist dermalen nicht bekannt. Die Namen dieser Care kommen in keiner Chronik, auch in jener des Dukljanin, der örtlich hievon am nächsten lebte, vor; da aber der Monatsname »sentjabar« offenkundig römischen Ursprungs ist, dürfte der hier Verewigte etwa im II.—VIII, Jahrhunderte gelebt und anläßlich eines Besuches bei seinem Großvater gestorben sein. P, Zagorac (Triest). III, Inschrift auf der Basilius-Kirche in Vladimir, Auf der Basilius-Kirche in Vladimir (Volhynien) wurde die in Fig 3 dargestellte Inschrift vorgefunden. Die zauberhafte Inschrift, die nebstbei viele bekannte Buchstaben aufweist, ist unmöglich verläßlich zu lesen, weil der Schreiber ein Labyrinth von Ligaturen anwendet, wobei auch in dem Falle, als man alle Laute kennen würde, noch immer die gedachte Reihenfolge der Buchstaben unbekannt bleibt. Die Inschrift befindet sich auf einer Schiefertafel und war wahrscheinlich schon auf der ursprünglichen Kirche, die noch ein Holzbau war, angebracht. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit kann Fig. 3. H man annehmen, daß das Epigraph eine kurze Schilderung der Entstehung der Kirche selbst in russischer Sprache enthält. Ueber das Alter ließe sich erst approximativ sprechen, wenn datierte Schriftbelege ähnlicher Art zum Vergleiche stünden. O. Cerveny (Kiev). IV. Inschriften auf der Burg Zvikov. Auf der Burg Zvikov (d. Klingenberg) im Bez, Pisek (Böhmen) befinden sich drei bisher ungelöste Inschriften. Fig 4 zeigt die Inschrift auf dem Wartturme. Man hielt sie bisher vielfach als eine ungewöhnliche Aneinanderreihung von Steinmetzzeichen, welche Ansicht jedoch unbedingt abzuweisen ist. Man nahm nämlich dies aus dem Grunde an, weil jedes Zeichen anders aussieht; dies trifft jedoch nicht zu, sondern die Anwendung von Ligaturen ist es nur, welche diese Ansicht suggeriert. — Fig. 5 stellt eine Inschrift am Torbogengewölbe dar, Fig 6 eine solche am Portale des Keller- gewölbes unter der Kapelle; möglicherweise sind die 4 Zeichen als Zahlen anzusehen. — Von allen drei Inschriften, die alphabetisch von einander wohl abweichen, aber doch derselben Grundform zu entstammen scheinen, Fig, 4. z * A Y >—< V-N JL t X A I I y-r< A h V'J S +- V ± V t 4 } <1 o © b W +In A , \ , 7~~\ A X ist jene in Fig 4 die älteste, jene in Fig 6 die jüngste. — Es entspricht dies auch der normalen Entstehung einer Burg. Die älteste Sicherungsvorsorge bestand in einem Wacht- oder Aussichtsturme; dann schlossen sich weitere Zubauten für die Wachtmannschaft an. Nahm Fig. 5. ^ £ 2 fvV+ptv Fig. 6. T *1 Si H der Schutzherr einer bestimmten Gegend schließlich seinen ständigen Sitz auf der Burg, so erbaute er sich daselbst auch eine Kapelle. — Ist die Aufschrift in Fig. 6 tatsächlich eine Jahreszahl, so kann sie, da sie schon vierziffrig ist, nur eine Zeit vom Jahre 1000 an festlegen. J. K. (Prag). V. Die Münzbrosche von Mainz. Das Museum in Mainz besitzt eine, in einem alten Grabe der Umgebung Vorgefundene Gewandnadel, die aus einer Kupfermünze erzeugt wurde. Die Vorderseite trägt das Bild eines geistlichen Würdenträgers mit der Umschrift in altlateinischen Buchstaben; »Pupe ced ota + populec«. Die Rückseite weist nur ein gleicharmiges Kreuz auf. Der Text, von dem man bisher sagte, daß er unleserlich sei, besagt im Slavischen etwa: »Der Priester, der Herden Vater«. »Pupe« ist nämlich identisch mit dem heutigen »pop, Pope«, d. i. Priester, Seelsorger; »ceda« — Herde; »ota« kommt auch schon in Runenschrift auf wendischen (russischen) Münzen in der Bedeutung V a- Die Münzbrosche von Mainz. ter, Väterchen vor. »Populec« scheint aber der Münzname selbst zu sein und etwa »geistliche Münze« zu bedeuten. Diese Münze stammt daher offenkundig von einem hohen slavischen Kirchenfürsten, denn Figur, Wappen wie Inschrift bestätigen dies. Ob noch sonstige Exemplare einer solchen Münze bekannt sind oder ob diese ganz vereinzelt dasteht, dürfte die Numismatik beantworten können, M. Zunkovic. (Fortsetzung folgt.) Sammelstelle für altslavisches Sprachgut. Dem Sprachinteressenlen stossen im Leben wie in der Lekiüre oft alte Ausdrücke auf, die Irotz allgemeinen Gebrauches etymologisch nichl geklärt sind, oder aber in verdorbener Form in der Rede wie Schrift gebraucht werden. Überdies gibt es eine Unmasse von Wörtern, die man unter dem Eindrücke des Voiurteiles anzuwenden meidet, weil man sie für fremdes Sprachgut hält. Alles altslavische Sprachgut dieser Art soll hier, wie es fallweise aufgelesen wird, in Form von kurzen Monographien, gesammelt werden, um einerseits solche Begriffe sprachlich aufzuklären, daher wissen- schaftlich zu rehabilitieren, andererseits aber auch, u m d en p r ä su m t i ve n Verfassern eines „Altslavischen Sprachlexikons“ die Arbeit zu erleichtern. Die öffentliche Behandlung dieser Sammelarbeit bezweckt zugleich jedermann Gelegenheit zur Berichtigung oder Ergänzung zu bieten, sofern der erste Anzeiger den Begriff unrichtig, nicht erschöpfend oder überzeugend behandelte. Im allgemeinen wird jener Begriff als „altslavisch" angesehen, der schon wenigstens im Mittelalter urkundlich belegt ist, oder der in zwei oder mehreren räumlich entfernten slavischen Sprachgruppen bereits längere Zeit bekannt ist, daher schon vor der einstigen, zeitlich nicht mehr kontrollierbaren Sprachsezession denselben angehört haben muss. Liegt aber einmal dieses grundlegende Werk fertig vor, dann kann vielleicht auch schon ein „Lexikon des Ursprachschatzes" in Erwägung gezogen werden, denn es wird täglich klarer, dass wir mit der slavischen Sprache als Leitfossil immer überzeugender in jene Vorzeit dringen, als zum mindesten das Germanische, Romanische und das Sanskrit noch eine gemeinsame, einheitliche Sprache waren, weil sich gerade im Slavischen die einfachsten Formen der Begriffe, die von den primären nicht mehr wesentlich differieren können, noch zum grossen Teile erhalten haben. * DIE REDAKTION. »Brt«, — Alt- wie neuslavischer Begriff für einen Bienenstock aus einem hohlen Baumstücke. In böhmischen Urbarien wird das Wort »brty« (= Bienenstöcke) und »brtnik« (= Bienenzüchter) schon zu Beginn des XIV. Jahrhundertes erwähnt. Miklosich hat das Wort im »Lexicon palaeoslovenicum« nicht, doch wird der Begriff bei den Slovenen auch noch heute gebraucht. — Bei den Polen gab es auch ein »bartne prawo«, d. i. das Recht, in den herrschaftlichen Waldgebieten Bienenzucht zu pflegen. Ch.1) »Fotpjega«, — In der Zeile 132 der Handschrift des hl. Hieronymus befindet sich die Stelle: »i vsjek priljepljejeise potpezje preljubi djeet«. Kopitar sagt (S. VIII) selbst, daß ihm der Begriff »pot-pjega« unklar sei und er übersetzt ihn als »uxor demissa« (= entlassene Frau). Für einen Slovenen, wie es Kopitar war, ist dies uner- *) *) Jeder einzelne Beitrag für diese »Sammelstelle« wird mit der Paraphe des Einsenders versehen. Die Autoren werden evident gehalten, um gegebenenfalls Ergänzungsfragen an dieselben richten zu können. klärlich, da das Wort im Slovenischen noch heute gebräuchlich ist und: Stütze, Säule, Bogengerüste (»podpega«; »podpeti« = unterstützen, unterspreizen) bedeutet. Jene Stelle ist daher offenkundig als: »jeder schmiegt sich an die geliebte Stütze der Kinder« zu lesen. Z, »Rek«, — In der altpreußischen Sprache bezeichneten die Begriffe »rikis, rekis, reykis«: Herr, Hartknoch (»Altes und neues Preußen, 1684) weiß darüber zu erzählen, »daß es vom lateinischen »rex« und vom altdeutschen »Rek«, d. i. großer Mann, Held hergeleitet sei; ebensogut können aber auch die alten Deutschen das Wort von den Slaven und Herulern haben, die einen guten Teil des heutigen Deutschlands in dem VIII, Jahrhunderte bewohnten.« — Die Böhmen besitzen im Begriffe »rek« (= Held) tatsächlich die einfachste Wortform. — Die indische »Rigveda« ist etymologisch: Das Wissen über die Helden, d. i. das Heldenbuch. Z. »Skoro, skorij«. — Im Slavischen allgemein in der Bedeutung bald bekannt; aber auch im Hildebrandliede (Ende des VIII. Jahrh.) wird es als »skiari, skori« in gleicher Bewertung gebraucht. H. »Tetva«. — In der Handschrift von Grünberg kommt der Begriff »tetva« im Verse: »roda stara tetvy Popelova« vor, der zu einer Art Kronzeugen geschaffen wurde, daß Hanka die Handschrift gefälscht habe; ja, man fügte noch ernstlich bei, Hanka habe selbst altertümlich aussehende Wörter konstruiert und ihnen eine Bedeutung zugedichtet. Nun machte Zunkovic i. J. 1911 die Entdeckung, daß »tetva« schon lange vor Hanka bekannt war, denn in Lindes polnischem Wörterbuche ist es bereits als ein altpolnischer, aus dem Gebrauche getretener Begriff in der Bedeutung »Dynastie« verzeichnet. Nachdem jedoch das genannte Wörterbuch in den Jahren 1807—1814 im Drucke erschien, die Materialien bei einem Wörterbuche aber schon zu Beginn der Ausgabe gesammelt sein müssen, ist es logisch und zeitlich ausgeschlossen, daß Hanka i. J. 1817 (oder 1818) das Wort erdichtet habe, denn zur Zeit des Erscheinens des Wörterbuches war er kaum 14—16 Jahre alt und fungierte damals angeblich noch als Kuhhirt; überdies wird der Begriff im Wörterbuche eben ausdrücklich als »veraltet« bezeichnet. Hätte übrigens Hanka gewußt, daß das Wort in Linde steht, so brauchte er nur darauf hinzuweisen und die Verleumder wären verstummt. Dies tat er jedoch nicht, da er von dessen Existenz nichts wußte; es wußten aber auch die Sprachgelehrten durch 94 Jahre nichts von dem wirklichen Dasein des Begriffes »tetva«, und führten 5 noch i, J, 1886 diesen Archaismus als einen der stärksten Beweise für die Fälschung der Handschrift an. — K. »Tinea«, — Das Grundwort ist »tin« (== Grenze, Umzäunung); »tinca« = Grenzsicherungssteuer; das deutsche »Zins« ist sonach ein Slavismus. In alten Schriften wird »vogivo tinca«, d. i, der W o j-w o d e n-Z i n s erwähnt. Der Regent oder »vojvod« bezog von seinen Untertanen eine gewisse Steuer, die man ansonst auch »wogwodi-traha« nannte (Dipl, in Origin. Guelf. I., 3, S. 512); es war dies die Landessicherungssteuer (»traha, drak = Krieg, Kampf). Desgleichen ist das altdeutsche »ting« (= Gericht) ein Slavismus, d, h. ein Gericht in Grenzangelegenheiten, d. i. um Streitigkeiten zu begrenzen, den Differenzen eine Grenze zu setzen, 2. »Tolk« = D olmetsch, Belehre r. — Dieser slavische Begriff, den auch die Russen als »tolk, tolkovati«, und die Slovenen ebenso als »tolkovati« im gleichen Sinne kennen, war auch bei den slavischen Preußen gebräuchlich; man nannte die Dolmetsche, namentlich jene in kirchlichen Dingen: t o 1 k i, deutsch: T o 1 c k e n, — Die meisten altpreußischen Chronisten kennen und gebrauchen diesen Ausdruck. 2. »Trapeza«, — In der Handschrift des hl. Hieronymus kommt der Begriff »trapeza« wiederholt in der Bedeutung: Tisch vor und wird bei den Balkanslaven noch heute für: Tisch, Altar gebraucht. Schon im Vorjahre wurde unter Frage 4 im »Staroslovan < die Frage aufgeworfen, ob nicht der Begriff »trap« (= trapezförmige Wagenschere) das Grundwort für: Trapez sei. Diese Annahme erhält hier eine weitere Ergänzung. Bei den Slovenen hatte jener Tisch, der an einem Charniere an der Wand befestigt war und nur für den Gebrauch herabgelässen wurde, immer die Trapezform. In der Wohnstube vergrößerte man sich auf diese Art den Wohnraum; war er draußen unter der Dachtraufe angebracht, da man in der wärmeren Zeit die Mahlzeiten im Freien einnahm, so verhinderte man damit, daß es nicht darauf regnete. An der Wandseite war er immer schmäler, nachdem dort ohnehin niemand sitzen konnte, und er dadurch auch weniger gewichtig war. Der Begriff »Trapez« ist daher jedenfalls slavischen Ursprungs und müßte etymologisch richtig bei den Slaven als »trap« oder »trapez« gebraucht werden. 2. »Trut«. — Dieser in der Grünberger Handschrift auftretende Begriff wurde von den böhmischen Literaten von Dobrovsky an bis in die allerletzte Zeit als eine Erfindung Hankas, des vermeintlichen Fälschers der Handschrift, angesehen. Wie unbegründet diese Beschuldigung war und welche unglaubliche Gewissenlosigkeit hier obwaltete, wurde bereits im »Staroslovan«, 1913, S. 279 an mehreren konkreten Belegen aus der älteren slavischen wie deutschen Literatur nachgewiesen. Nun kommt noch ein besonders eklatanter Be^ weis, daß dieser Begriff schon an 1500 Jahre bekannt ist, denn in der Handschrift des hl. Hieronymus (407—420) kommt auch schon in der 773. Zeile der »trot, trout« in der Bedeutung Beschützer (»trot nepravedni« ~ ungerechter Schutzherr) vor. Hanka wußte aber um das Jahr 1818 von dieser Handschrift überhaupt nichts, da sie erst um das Jahr 1830 an das Tageslicht kam und, nachdem sie vorerst noch für eine kufische oder sogar gotische Schrift angesehen wurde, endlich i. J. 1836 von Kopitar eine verläßliche Klärung erhielt. — Der Mißgriff, den die böhmische Professorenwelt i. J. 1886 beging, als sie unter Führung des Prof. Masaryk auf dieser Basis die Handschrift lärmend als Falsum erklärte, und namentlich Hanka als denjenigen bezeichnete, der das Wort »trut« selbst »erfunden« habe, tritt nun immer deutlicher hervor. Z. »Tul«. — Bezeichnet in den slavischen Sprachen den Köcher, Röhre, Federkiel (weil hohl). In den Münchner Wurmsagen, einer althochdeutschen Handschrift des IX. Jahrhundertes, findet sich gleichfalls ein »tulli« in der Bedeutung Röhre (zum Anstecken der Pfeile) vor. — Kommt in derselben Form wie Bedeutung auch im Nibelungenliede vor (»füllen«). H. »Vrag«. — Slovenisch: der Böse, der Teufel; böhmisch »vrah«. Im altdeutschen Muspilli-Liede (IX. Jahrh.) ist der slavischc Begriff schon durch die Metathesis zu »warch«, im Heliand, einem altsächsischen Gedichte desselben Jahrhundertes, vokalisch interpoliert zu »varag«. Im Altsächsischen schrieb man auch »vrage« und »vracja« (Plural); im Anglosächsischen »vracg« und »vrage«; bei den Nordfriesen hieß das'Malefizgericht: »Wrage«-Gericht. H, »Zenkovati«. — Bei den Slovenen herrscht die Sitte, daß sich nach vollzogener Trauung der Hochzeitszug nicht gleich in das Brauthaus begibt, sondern es findet vorerst eine Bewirtung in einem Gasthause statt, wo dann auch oft weit über die Mittagszeit hinaus getanzt wird. Hiebei fallen natürlich auch allerlei mehr oder weniger witzige Anspielungen auf die Braut, die immer dahin hinausgehen ihr beizubringen, das sie jetzt nach dem priesterlichen Segen nicht mehr Mädchen, sondern schon junge Frau, Hausfrau u. ä. sei, älso langsam dem wirklichen Ehestande naherücke. — Die Leute selbst kennen 5* heute die wahre Bedeutung dieses Begriffes nicht mehr und korrumpieren ihn in der Aussprache auch zu »šenkovati«, was im Slovenischen nichts bedeutet, und hätte er auch keine Motivierung, wenn es ein aus »schenken« gebildeter Germanismus wäre, da bei diesem Anlasse nichts »geschenkt« wird, es wäre denn Wein, aber dies geschieht doch nicht an Hochzeitstagen allein. — Ich fragte wiederholt und verschiedene Leute, was sie eigentlich darunter verstehen; da gab mir endlich einer die so naheliegende, handgreifliche Antwort: »Die Leute sprechen das Wort nur schlecht aus; »ženkovati« heißt: die Braut langsam durch Anspielungen anzugewöhnen, daß sie jetzt vom Mädchen zur »ženka« (= junge Frau) übergeh e«. — Es ist dies wohl ein alter, äußerst treffender, dabei dezenter und volkssprachlich richtig gebildeter Begriff, dessen verdorbene Aussprache nun zu berichtigen wäre. Ž. Wissenschaftliches Allerlei. Der Ortsname „Seidenschwanz“. Die Gemeinde Seidenschwanz (Bez. Gablonz a. d, N.) beabsichtigt aus unbekannten Gründen ihren sonderbaren Namen zu ändern; in welchem Sinne ist dermalen unbekannt; im Böhmischen heißt der Ort: Vrchoslavice. — Darüber empört sich nun schon anticipando ein deutschböhmischer »Etymologe« im Tagblatte »Bohemia« (4. Jänner 1. J.), indem er schreibt: »Da die Sache für uns Deutschböhmen von Interesse ist, so dürften folgende Erörterungen am Platze sein. Der Name der Gemeinde ist ein Dokument für sich, ein Zeugnis für das hohe Alter der Ansiedlung und dafür, daß die deutsche Bevölkerung dort immer bodenständig war. Er bezeugt, daß die Ansiedlung etwa im 7. oder 8. Jahrhundert im Walde angelegt ■wurde und zwar von einem Deutschen, namens Sito oder Sidu, Das i wandelt sich später unter gewissen Umständen in ei. So entsteht z. B. aus dem wurzelverwandten Personennamen Situli der neuhochdeutsche Zuname »Seidel, Seydel«, Seiden steht also für Siten-, Siden-, den Genitiv von Sito. Der zweite Teil des Namens entstand aus dem althochdeutschen swant, das soviel bedeutet, wie slag = Schlag; im Böhmerwald oder -reuthe im Nordwesten Böhmens, nämlich einem Ort, an welchem der Wald ausgehauen worden ist, und der dadurch für Ackerland und Weidegrund gewonnen wurde. Ueber die ganz gewöhnliche Lautverschiebung des t in z muß man wohl erst nicht Worte verlieren. Seidenschwanz ist also so viel wie ahd. Siden-swant, die Ausreude des Sido. Die Kenntnis des Namens ging allmählich verloren und man glaubte im Namen den Ampellis garulus zu sehen. Das glaubte auch der Erste, der das Bedürfnis fühlte, für »Seidenschwanz« einen tschechischen Namen zu schaffen. Da Ampellis garulus tschechisch »brkoslav« heißt, wurde der Ort zu Brko-slavice. Gar zu alt kann der Name schon aus inneren Gründen nicht sein, aber Palacky fand ihn vor. Da aber die Benennung ihm doch sehr außergewöhnlich erschien, »verbesserte« er im »Popis« denselben in Wrchoslavice und so hat ihn jetzt das offizielle Tschechen-tum aufgenommen. Diesem ist nun der klingende Name, der keinen wie immer gearteten historischen Hintergrund hat, zum »althergebrachten« geworden, für den der ganze Generalstab sich ins Zeug wirft. Das Gute wird die Sache aber haben, daß die Gemeinde, die wohl bisher den Ursprung ihrer Benennung nicht gekannt haben dürfte, davon abläßt, ihren gut deutschen Namen zu ändern, der für die Bodenständigkeit des Deutschtums in der ganzen Gegend laut und deutlich zeugt«. Eine vom politischen Standpunkte geführte Etymologie kann selbstredend nicht anders ausfallen; daß aber dieser »Etymologe« weder etwas von der Geschichte jenes Gebietes weiß, noch eine Ahnung von der natürlichen Wortbildungslehre hat, das hätte ihm vielleicht doch die Redaktion nahelegen können. Trotzdem verfiel niemand darauf, daß gelegentlich der Germanisierung der Ortsnamen jenes Gebietes, das doch erwiesenermaßen einst slavisch war, irgendein geistreich oder gefällig sein wollender böhmischer Amtmann in deutschen Diensten aus »Vrchoslavice«, beim äußeren Anklange an »brkoslav« richtig zu »Seidenschwanz« übersetzte, denn nur so ist das Stumpfsinnige dieser Namensmöglichkeit natürlich erklärbar. — »Vrchoslavice« bedeutet etwa: Höhen schutzpunkt. Gemeint war hiemit wohl die Rückfallkuppe des Bartel B. gegen Süden, an deren Fuße sich der Ort erstreckt. Der deutschböhmische »Etymologe« ist auch gar nicht vorsichtig, denn er übersieht dabei die weiteren slavischen Namen] der näheren Umgebung. »Vrchoslavice« war jedenfalls ein Teil des Sicherungsgürtels um Gablonz; dort war eine Wache am Bartel B. (»varta« = Wache); die Zentrale war Gablonz, slav. »Jablonec«, d. i. Schanzenwerk, wahrscheinlich auf dem »Gablonzer B.«; ein bedeutendes Vorwerk gegen Westen nannte man »Brana«, heute »Brandl«; ein solches gegen Südwesten »Hradschin«; ist dieser letztere Name etwa nicht slavisch? Wie kommt es, daß er sich bis heute erhalten hat? Die bodenständigen Deutschen gaben der Lokalität einen sla-vischen Namen? Wer glaubt dies! Wir werden damit solche in den Tagesblättern wuchernde Etymologien gewiß nicht verhindern oder eindämmen, das wissen wir; wir wollen hiemit lediglich zeigen, welche Klüfte zwischen der Wahrheit und Politik in wissenschaftlichen Fragen gähnen. M. Zunkovic. Ergänzung zur Glosse „in zimis sviani“. Auf Seite 262 des »Staroslovan« v. J. 1913 schreibt der Entdecker der slavischen Glossen in der »Lex Salica«, M. Zunkovic, daß bei den untersteirischen Slovenen früher die Altersbestimmung bei Schweinen nach Wintern erfolgte. Dieses steht aber nicht vereinzelt da, denn auch schon aus der Edda, die außerordentlich viel slavische Spracheinflüsse aufweist, geht hervor, daß die Germanen nicht nach Tagen sondern nach Nächten zählten, und demgemäß wohl auch die Jahre nicht nach Sommern sondern nach W intern festlegten. So heißt es z. B. im »Lied von Helgi«: »Zum Holme hat mich ein Held entboten; Nach dreien Nächten muß ich dort mich stellen«. Dasselbe bestätigt auch Tacitus in der »Germania« (11, Kap.) und J. Caesar in »de bello gallico« (VI, Buch). Es scheint aber auch, daß jene Stelle im lateinischen Texte der »Lex Salica« unrichtig kommentiert wurde, denn nach dem Diebstahl eines abgespenten Ferkels folgt gleich jener eines zweijährigen Schweines, das sich ob seines Gewichtes sowie der physischen Kraft überhaupt schon schwer stehlen läßt. Dieser Zeitsprung ist unnatürlich, und hat sich wahrscheinlich bei der Kodifizierung des Gesetzbuches aus Unverständnis oder nicht sinngemäßer Auffassung der slavischen Glosse, die doch nur von einem einwinterigen Schweine spricht, eingeschlichen. Dr. O. P, Zweierlei Mass. Der Pfarrer Anton Plesser entdeckte, wie das Monatsblatt des Vereines f, Landeskunde v. Niederösterreich (S, 153, 1912) berichtet, i. J. 1911 im Schloßarchive Persenbeug ein Pergamentblatt, welches als Umschlag eines Kodex diente. Nach Loslösung des Deckels zeigte sich, daß das Blatt einem Pergamentkodex angehörte, der offenbar einmal verschiedene deutsche Gedichte enthielt, dann aber als unnütz oder überzählig aufgelöst und zu dauerhaften Umschlägen für jüngere Schriften verwendet wurde, wie dies leider besonders im XVI. und XVII. Jahrhunderte zur Mode geworden war. Dieser Bogen enthält zwei Gedichte in Schriftzügen des XIV. Jahrhundertes auf vorlinierten Zeilen sorgfältig beschrieben; die Anfangsbuchstaben der Absätze sind rot gemalt, die der Verszeilen mit rotem Vertikalstrich geziert. Ein weiterer Bogen dieser Art fand sich im Archive nicht vor. Es' ist nun niemand eingefallen, den Finder deshalb nur mit einem Worte zu verdächtigen, daß er vielleicht das Pergament unterschoben, um so die mittelhochdeutsche Literatur zu vermehren. Wie anders in Prag — Da fand der Kreuzherrnordenspriester Johann Zimmermann i. J. 1818 unter ganz ähnlichen Verhältnissen am Deckel eines alten Manuskriptes ein Pergamentblatt, das zwei altböhmische Gedichte in schöner, etwa dem XII. Jahrhunderte angehörenden Schrift mit farbigen Verzierungen enthielt. Beiden Gedichten fehlt der Schluß. Es fiel nun, da das Aussehen zur Zeit des Fundes ausgesprochen alt war, durch 31 Jahre niemandem ein, die Echtheit anzuzweifeln, d. h. den Sachverhalt als unglaubwürdig anzusehen. Aber da kam i. J. 1847 der Deutsche Moriz Haupt und erklärte den Fund für unterschoben, worauf sich auch die böhmischen »Gelehrten« sofort dieser Ansicht anschlossen, ohne daß jemand etwas Positives zur Begründung vorzubringen wußte. Dr. J. Haiius wußte in einer Schrift (Prag, 1868) schon zu erzählen, daß der Fälscher dieser Handschrift der Finder Zimmermann selbst war, der sich nur »ein dämonisches Vergnügen damit machte den böhmischen Literaten ein rachsüchtiges Schnippchen zu schlagen«. — Den Beweis für diese Verleumdung ist Hanus in allen Teilen schuldig geblieben. Trotzdem wird diese Handschrift seither, ohne daß sie weiter chemisch oder paläo-graphisch bis heute gründlich überprüft worden wäre, als »Falsifikat« geführt. — Selbstredend liegt für die Verdächtigung der Handschrift nicht ein einziger haltbarer Grund vor, nur hat sie einen gewichtigen Geburtsfehler: die Vorgefundenen Gedichte sind hier nicht deutsch, sondern — böhmisch, — Ebensowenig wurde der bekannte Tiroler Geschichtsforscher Eesch als Falsifikator verdächtigt, der doch einen Band mittelalterlicher Schriftfragmente hinterließ, die er zum großen Teile beim Ablösen des Pergamentes an alten Bucheinbänden gesammelt haben soll, die er zu paläographischen Leseübungen bei seinen Schülern verwertete. Alles dieses Wittern von Fälschungen bei slavischen Kulturbelegen ist daher nichts weiter als ein Produkt höchst mangelhafter Kenntnisse der slavischen Vergangenheit, daher es aufrichtig zu be- grüßen ist, daß sich der »Staroslovan« die dankbare Aufgabe gestellt, dieser unerklärlichen Vernachlässigung ein Ende zu setzen. Dr. 0. P. Archäologische Phantastereien. Wie heute die Politik mit ihrem zersetzenden Einflüsse in jedes Wissensgebiet vordringt, zeigt inbezug auf die Archäologie der nachstehende Fall. Im Laufe des verwichenen Sommers fanden Arbeiter am Nordufer des Finowkanales (Brandenburg) bei Erdgrabungen ein Tongefäß, das goldene Objekte verschiedenster Art, wie: Schälchen, Ringe, Spiralen, Drahtbündel, einen Schmelzkuchen und zwei Goldbarren enthielt. Zur Untersuchung wurde vor allem Karl Schuchardt, der Direktor des prähistorischen Museums in Berlin, berufen. Dieser fand sofort heraus, dieser Depotfund stamme von den germanischen Semnonen, den ältesten Bewohnern Brandenburgs, des VII, oder VIII. vorchristlichen Jahrhundertes, und gehören die Trinkschalen der fürstlichen Tafel eines vorgeschichtlichen Germanenherzogs an. Daß diese Klassifikation etwas phantastisch war und sehr bald ein Kopfschütteln verursachte, ist wohl naheliegend, denn selbst dem deutschesten Beurteiler mußte dieses Urteil zu wenig begründet erscheinen, Nun kam aber der Berliner Professor Gustav Kossinna, der die Entscheidung Schuchardts nicht nur in flüchtiger wie unsym-patischer Weise verwarf, sondern dieselbe noch weit phantastischer gestaltete. Er fand nämlich sofort heraus, es seien diese Schälchen dem Sonnengotte dienende Kulturgefäße gewesen, denn auf allen sei das Sonnenrad oder der Sonnenstern deutlich zu sehen; ja, man könne sogar aus dem Fundorte diesen Kultgebrauch näher begründen, da die Fundobjekte in der Nähe von Plätzen lagen, an denen Altäre gewesen sein müssen (!) und schon mindestens dem XI. Jahrhunderte v, Chr, entstammen. — Daß Kossinna hier erst Altäre baut, die er zur Legitimation seiner Entscheidung braucht, ist sicherlich ein verpönter Eingriff in die ernste Wissenschaft; daß er aber damit zugleich alle bisherigen Hypothesen in die Rumpelkammer versenkt, damit setzt er die Wissenschaft mitten in die Sphäre der Lächerlichkeit, Mit diesem Filius ante patrem konstruiert er sogar sofort eine Fundkarte, welche die Südgrenze der Germanen in der Bronzezeit genau angibt, und läutet der Philologie gleich energisch das Zügenglöcklein, denn die Lehren und Anschauungen derselben seien etwa wertlos, weil sie nur Sprachvergleichung und Kulturgeschichte ohne sachliche Entgegenhaltung aufweisen u. s. w. u. s, w. Wir müssen diesen Phantastereien etwas nüchterner entgegen-treten und Kossinnas Luftschlösser recht unsanft einwerfen, — Vor allem sind die »Trinkbecher« keine »Trinkgefäße einer fürstlichen Tafel eines vorgeschichtlichen Germanenherzogs«, denn die Wände sind so dünn gehämmert, daß sie ein festeres Erfassen gar nicht gestatten, Woraus aber die beiden Archäologen die germanische Provenienz selbst herleiten, ist überhaupt ein Rätsel, denn soweit die Nachrichten der Chronisten reichen, war Brandenburg einst s 1 a-v i s c h, und zieht man noch die alten Ortsnamen heran, die daselbst alle slavisch klingen, so kann dies vor der historisch beglaubigten Zeit auch nicht wesentlich anders gewesen sein. Ebenso haben Kos-sinna wie Schuchardt nicht die geringste Handhabe, daß die Semno-nen Germanen (im heutigen Sinne) waren. Dies alles ist demnach keine Archäologie; solche ethnographische »Eroberungen« dürften bestenfalls in einer altdeutschen Kneipe einige Aussicht auf die germanische Schilderhebung haben, aber man bewahre die bisher stets als seriös angesehene deutsche Wissenschaft vor solchen Extemporas, denn, soweit bekannt, ist gottlob bisher in Deutschland — im Gegenteile zu Oesterreich — die Wissenschaft noch kein offenes Politikum gewesen. Was den Fund selbst betrifft, ist derselbe offenkundig der vergrabene Materialvorrat eines Goldschmiedes in gefährlicher Zeit; der Schmelzkuchen und die Goldbarren erhärten diese Annahme. Die »fürstlichen Becher« sind wohl nur auf Formen gehämmerte Goldbarren zu Goldblech; was daraus erst hätte werden sollen, wissen wir freilich nicht. Das »Sonnenrad« ist vielleicht ein Firmazeichen oder eine zufällige Einkerbung der Unterlage oder Form bei der Hämmerung. Daß dieser Goldschatz im heutigen Werte von ungefähr 9000 Mark im XI. Jahrhunderte v. Chr. vergraben worden wäre, kann kein Mensch näher begründen, aber ebensowenig die Möglichkeit verneinen, daß er auch i. J. 1812, als durch jene Gegend Napoleons Kriegsscharen nach Rußland zogen, aus Vorsicht in die Erde versenkt worden sein kann. Ob der Goldschmied ein Deutscher, ein Slave, ein Jude war, wissen wir schon gar nicht; wir können höchstens vermuten, falls diese Thesaurierung im Altertume erfolgte, als jenes Gebiet slavisch war, daß die Fundobjekte von Slaven stammen; da aber der Kunststandpunkt hier auch nicht besonders hervortritt, auch keine Schrift angebracht ist, daher nichts eine vergleichende Richtschnur bietet, sind alle Entscheidungen höchst problematisch oder geradezu unmotiviert; wozu daher solche positive Folgerungen, wenn alle Prämissen versagen! Dr. O. Jahn (Berlin). Sensationelle Grabfunde in Südrussland. In den südrussischen Dnjepr-Steppen finden sich noch mächtige Grabhügel, »kurgan« genannt, in die Hunderte vor, welche zwar schon vielfach durchgegraben und von Schatzsuchern zerwühlt, aber trotzdem noch lange nicht inbezug auf ihre Grabbeigaben ausgebeutet sind, wie die Erfahrungen der jüngsten Zeit lehren. Die Schatzgräber suchten nämlich im Zentrum des Hügels die Grabbeigabenwerte; daß solche auch an der Peripherie deponiert sein könnten, daran dachten sie nicht, und begnügten sich auch Archäologen von Beruf bisher gewöhnlich nur mit der Durchgrabung eines Tumulus in der Durchmesserlinie. Es ist daher anzunehmen, daß sich überall bei den Lagerungen um das Zentrum herum noch eine mehr weniger reiche Nachlese ergeben dürfte, und hat sich dies bereits hier in hervorragender Weise als richtig erwiesen. Im Monate Juli 1913 gelang es dem Mitgliede der Petersburger archäologischen Kommission, Professor J. J. Veselovskij, nach dreijähriger Grabung in einem Riesen-Kurgan, »Soloh« genannt, der sich zwischen dem Dorfe Znamenki und der Stadt Nikopol im Gouvernement Taurien befindet, einen außerordentlich wertvollen Gräberfund zu machen. Die Objekte bilden zweifellos die pietätvollen Beigaben zur Leiche eines scythischen Cars oder doch einer sonst besonders hervorragenden Persönlichkeit und gehören mindestens schon dem V, vorchristlichen Jahrhunderte an, was man aus einer Stelle in He-rodot folgern kann. Der »Soloh« hebt sich, ähnlich einer ägyptischen Pyramide, in der Steppe derart hervor, daß er ringsum auf 20 Vjorst Entfernung noch gut sichtbar ist. Um ihn sind Kurgans kleinerer Dimensionen gruppiert. In der Richtung des Durchmessers war der »Soloh« bereits untersucht, denn Veselovskij fand schon i. J. 1912 im Zentrum eine Grabstelle, die vermutlich die Leiche einer scythischen Carin barg, wobei die früher Grabenden daselbst eine goldene Haarnadel und eine silberne Schale auszuheben übersahen, welche Gegenstände nur den Toillettrequisiten einer hohen Dame angehören konnten.1) Bei der weiteren Untersuchung der Grabkammer fanden sich nochmals 9 9 Beim Nachgraben eines weiteren Kurgans fand man das Skelett des Schatzsuchers selbst mit allen seinen Werkzeugen sowie seiner schon erreichten Beute. Es muss nämlich der gegrabene Stollen plötzlich zusammengestürzt sein, wobei die Gräber den einen Verschütteten infolge der mächtigen Erdmasse nicht mehr retten konnten und sich auch um die Fundobjekte, vermutlich dadurch abgeschreckt oder aus Aberglauben, nicht weiter bemühten. Reste, die den Vorgräbern entgingen. Es war dies ein besonders schönes vergoldetes Bronzegefäß, und etliche unberührte;» große, griechische Tonkrüge, dann ein großer bronzener Kessel auf einem massiven Gestelle, in dem ein hölzerner Schöpflöffel und das komplette Skelett eines kleinen Hammels, augenscheinend bereitgestellt als Wegzehrung für den Verstorbenen, lag, — Weiter wurde, gleichfalls unberührt, ein großer viereckiger Bronzegegenstand, der auf vier niederen, mit Rädchen versehenen Füßen ruhte, gefunden. An dessen Ecken befinden sich prächtige Ornamente, in der Mitte sind eiserne Stäbe kreuzweise aufgelegt. Augenscheinlich war dies ein tragbares Feuerbecken, das hier mit einem bereits völlig vermoderten Holzdeckel bedeckt war. Aehnliche Becken fand man mehrfach auch in Etrurien. — Alles übrige müssen die früheren Gräber der Grabkammer entnommen haben. Desgleichen zeigte sich an der westlichen Seite eine verdächtige Stelle in der Aufschüttung, welche eine weitere Begräbnisstätte kleinerer Dimension verriet und viel höher errichtet war, als das Car-Grab. Hier fand man die Skelette zweier Pferde mit reicher Beschirrung, bestehend aus goldenen Beschlägen und Stirnbändern in der Form eines beschuppten Fisches. Solche Plättchen fand man bisher bei Opferpferdeskeletten noch nicht; sie werfen aber ein Licht auf schon Vorgefundene ähnliche Fischornamente an anderen Stellen. Auf der Westseite des »Soloh« stieß man auch in der Tiefe von 3'A Klafter (= 7-45 m) auf einen Korridor, der zu einer weiteren großen Vertiefung führte, die mit vermoderten Holzdielen bedeckt und in fünf Räume geteilt war; in jedem fand sich ein Pferdeskelett vor; es war dies sonach der Marstall des Cars, — Bei jedem Pferde fanden sich wertvolle bronzene Verzierungen der Sattelung und Be-zäumung, sowie eiserne Gebisse. Bei den sonstigen Objekten traf man auf goldene Verzierungen und Bleche, Darunter war auch eine große Brcnzeplastik, die offenkundig zum Sattel gehörte, dann Quastenschnüre, wie sie eben zum Schmucke scytischer Reitpferde gehörten. Daneben befand sich auch das Skelett des Stallknechtes mit einigen Bronzepfeilen, wie man solche auch an anderer Stelle dieses Kurgans antraf. Ein weiteres Skelett lag etwas tiefer, beim Eingänge in die Grabkammer; es dürfte dies ein Wächter gewesen sein. Die Hauptperson lag nun in der Mitte dieser Kammer auf dem Rücken, umgeben von allerlei Beigaben; daneben in einer Nische fand sich das Skelett eines bewaffneten Mannes, anscheinend eines Leibwächters, vor; nebst einigen zerfallenen Gegenständen haben sich das eiserne Schwert und einige Bronzpfeile gut erhalten. In einer weiteren Nische der- selben Seite lagen zwei Stücke Goldblech, dann goldene, jedoch derbe Vogelornamente, und ein schöngearbeiteter goldener Löwenkopf, die alle als Ueberzug einem hölzernen Objekte dienten. In derselben Reihe waren weiter zehn Tonkrüge aufgestellt, von denen einige eine in schönen Farben ausgeführte Inschrift aufweisen. In der Ecke nächst des Grabkammereinganges standen drei große Bronzekessel auf massiven Füßen. Einer von diesen, durch besondere Größe auffallend, enthielt Rindsknochen, und die Bruchstücke eines bronzenen und eines eisernen Schöpflöffels; die beiden anderen Kessel enthielten noch ganze Skelette von Hammeln. Daneben stand ein größerer griechischer Krug und ein Bronzesieb, behufs Passierung von Milch oder anderer Flüssigkeiten, mit einem Henkel in der Form eines Schwanenkopfes. Weiter lag da irgendein hölzerner Gegenstand, verziert mit zahlreichen silbernen Knöpfen, und zum Schlüsse ein breiter silberner Bogen, vermutlich einem Horne zugehörig. — Das Carenskelett war rings umstellt mit Gegenständen und Kriegern Attributen, wie: zwei eiserne Speere von ungewöhnlichem Ausmaße; ein eiserner, schon in mehrere Teile zerfallener Panzer; ein großer Bronzehelm griechischen Typs, besonders gut erhalten, samt dem zugehörigen Seidenfutter; ein Bronzegitter, äußerst verwittert; eiserne Messer mit beinernen Griffschalen; eine bronzene, kantige Keule, aufgesetzt auf eine hölzerne Handhabe, unten mit Kupfer beschlagen. Diese Keule, russ. »bulava« genannt, d. i. Befehlshaberstab, Marschallstab, diente offenkundig als Symbol oder Attribut der Macht, und weicht ihrer Form nach nicht wesentlich vom Zepter späterer Epochen ab.1) Weiter wurden vorgefunden: ein (zertrümmertes) griechisches Terrakotta-Schüsselchen und acht silberne Gefäße, von denen etliche feine Gravierungen und Relieffiguren aufweisen. Es sind da Kampfszenen der Greife mit anderen Tieren, wie auch seltene Jagdbilder, darstellend die Kämpfe vornehmer Scythen mit Löwen und anderen wilden Tieren, zu sehen. Auf einem gravierten Gefäße sind überdies zart ausgeführte Figuren von Menschen oder Gottheiten zu entnehmen, deren eine eine Lyra hält. Die Silbergefäße sind schon stark oxydiert und vom Alter zersetzt, doch was sich erhalten, zeigt von außerordentlich schöner griechischer Gravierarbeit und interessanten Szenen aus dem einstigen Leben. Darstellungen von Scythen sind ü Die Keule ist offenkundig nicht nur ihrer äusseren Form mit der an das eine Ende verlegten Schwerkraft das moderne Zepter, sondern auch in etymologischer Hinsicht, denn »Zepter« ist eben aus »cep, cjep«, wie alle Slaver, die Keule, den Dreschflegel bezeichnen, sprachlich hervorgegangen, daher ein Slavismus. — A. d. Red. auf alten Funden selten, daher jede solche Aufdeckung einen ganz besonderen Wert besitzt. Das vollkommen vermoderte Kleid der Carenleiche war mit aufgenähten Goldplättchen auf beiden Seiten bedeckt; von solchen Plättchen wurden bei 300 aufgelesen. Auf den größeren befinden sich Löwen und Greife, auf den kleineren Figuren zweier Scythen graviert, die zwischen sich ein Horn halten und an die Verbrüderungsszenen der Goldplastik in der Kaiserlichen Eremitage erinnern. Bei den Füßen des Skelettes stand ein vermodertes Holzgefäß, das mit einigen goldenen Nägeln beschlagen war; letztere weisen wieder Fischornamente auf. Auf den Armen hatte der Car 5 massive spiralförmig sich mehrfach windende Goldarmbänder, und unter dem Flaupte lag ein reicher goldener Halsschmuck, bestehend aus etlichen Reihen von dünnen Röhrchen mit angehängten birnartigen Goldanhängseln, deren man über 60 zählte. An der linken Seite lagen zwei eiserne Schwerter mit breiter Schneide, Das Eisen zerfiel zwar, aber an der Handhabe des einen erhielt sich die Verzierung in Form eines goldenen Blattes; entlang des Schwertes lag ein langer prächtiger Goldüberzug der Scheide mit einem großen verschlungenen Medusenhaupte. Die massive Goldscheide ist seitwärts mit zwei Bügeln versehen, wie sie auch bei den orientalischen Schwertern Vorkommen. Die ganze Goldfläche ist mit Plastik, Greifmotive darstellend, bedeckt. Dieser Scheidenfund vermehrt nur noch die schon durch andere Funde ähnlicher Art bekannte hohe Entwicklung der einstigen Goldschmiedekunst im figuralen Sinne. Am Halse hatte der Car einen großen schweren Goldkragen mit Ornamenten, die sich als Striche und Punkte winden. Die Enden sind mit zwei großen Löwenköpfen geziert, welche mit den Zähnen einen Knoten bilden, und so den Halskragen als eine Art Kettenglied abschließen. Eine besondere Schönheit verleihen diesem Halsschmucke die breiten dessinierten Streifen, die mit verschiedenfarbigem Email belegt sind, welches den Originalglanz bis heute unversehrt behalten hat. Auch die Augen der Löwen sind aus Email gebildet. In einer Geheimnische waren zwei weitere Gegenstände, die: vielleicht einen besonderen Wert für den Verstorbenen hatten: ein Köcher und eine goldene Schüssel. Der Köcher ist zwar zerfallen, aber nichtsdestoweniger konnte man entnehmen, daß das Holz eine Alabasterauflage hatte, die wieder mit einem dünnen Silberblatte eingefaßt und selbst mit Greifen, wie sonstigen Tieren graviert war. — Ging nun dieses Objekt durch die Zeit und Feuchtigkeit unersetzbar zugrunde, so blieb hingegen die Schüssel, welche die Form eines großen Tellers hat, tadellos erhalten. Die innere Fläche ist glatt, die äußere hat jedoch in drei konzentrischen Reihen wieder zahlreiche Löwenfiguren, die Hirsche und Böcke verschlingen, Am äußeren Rande befindet sich eine Umschrift in Buchstaben unbekannten Alphabetes, die durch die Zeit allerdings ziemlich an Deutlichkeit eingebüßt hat; hoffentlich gelingt es aber der Gelehrtenwelt noch zu entziffern, was hier geschrieben steht und wem das Objekt gehörte, denn dieses Stück ist bisher der erste Fund dieser Art. Das interessanteste Fundobjekt war jedoch ein großer mattgoldener, massiver Kamm von 360 gr im Gewichte, der bisher überhaupt nicht seines gleichen hat. Der Kamm ist 18 cm breit, und hat 19 starke, kantige, tadellos erhaltene Zähne, die an die obere Grenzwand angeschweißt sind. Im ä jour-Raum sieht man fünf liegende Löwen. Ober diesen ist eine Kampfszene dreier Krieger mit zwei Pferden als Skulptur angebracht; die Figuren fallen, wie bei den Giebelgruppen der antiken Tempel, gegen den Rand perspektivisch ab. Die Mittelfigur stellt einen Scythen zu Pferd dar, der von beiden Seiten von zwei Scythen zu Fuß angegriffen wird; am Boden liegt ein verwundetes Pferd mit den Füßen nach oben. Die Figuren, wie alle Details, zeigen eine ungewöhnlich hohe Kunstfertigkeit; selbst das Gesicht der Figürchen hebt sich prägnant hervor; auf dem geflochtenen Schilde des einen Kriegers kann man sogar die Flechtreihen zählen. Die ganze Komposition des Kampfes, die Stellung der Pferde, die Unterscheidung der Krieger schon durch die Kopfbedeckungen ist bewunderungswürdig schön und natürlich ausgeprägt; selbst die wechselnde Verwendung von lichterem und rötlicherem Golde scheint mit Vorbedacht geschehen zu sein. Der im ganzen Funde wissenschaftlich wertvollste Teil, d. i. die Vorgefundenen Inschriften, sind leider bis heute noch nicht gelöst, um auch zu erfahren, welcher Sprache sie angehören und was sie besagen. Daß die Scythen Slaven waren, darüber ist wohl kein Zweifel, daß sie aber solche »Barbaren« waren, wie sie landläufig in unseren Schulen geschildert werden, ist jedoch eine grobe Entstellung und eine beschämende Verkennung der Tatsache, denn wenn man diese Objekte genauer betrachtet, die alle eine hochentwickelte Skulptur, die feinsinnige Goldschmiedekunst, die substiisten Ge-heimnise des Emailierens, die herrlichen Werke der Keramik, die wechselnde Verwertung von Gold, Silber, Kupfer, Bronze, Eisen und Holz, die Kenntnis der Schrift usw. erweisen, so muß man aus allem schließen,, daß diese »Barbaren« geradezu hochkultivierte, Leute waren, und daß wir über das Wesen und die Kultur der Scythen unsere Anschauungen werden wesentlich ändern müssen. O. Cerveny (Kiev), Ein problematisches Denkmalprojekt. In Prag wird in der letzten Zeit viel über das Projekt eines Denkmals gesprochen, das »Die Ankunft der Cechen in Prag« darstellen soll. Man fragt sich nun unwillkürlich, woher denn die Prager plötzlich wissen, daß die Cechen erst eingewandert seien, da die Frage wissenschaftlich doch noch gar nicht beantwortet ist. Die Grünberger Handschrift spricht als die älteste bekannte Quelle darüber, daß »Popel mit den Cechenscharen über drei Flüsse nach Böhmen kam«, aber die Handschrift gilt doch als gefälscht; — Kosmas erzählt dasselbe; ihm glaubt man es allenthalben; Hajek erzählt dasselbe, doch er gilt wieder als der »Lügenchronist«. Diese Kontradiktionen mahnen daher zur besonderen Vorsicht; überdies spricht sich die heutige Forschung täglich überzeugender dahin aus, daß die Siaven Urbewohner in Europa sind, und gilt dasselbe auch für die Cechen, wofür vor allem und überall die topischen Namen sprechen. Daß die Sage die Cechen als Einwanderer in Böhmen behandelt, ist ja richtig; aber der Begriff »cech« selbst ist, soweit er etymologisch geklärt erscheint, durchaus kein topischer oder ethnographischer, sondern nur ein militärischer in der alten sozialen Organisation, der etwa: Wächter, Hüter, Krieger bedeutete. Das Verhältnis von »Ceche« und »Böhme« ist dasselbe, wie etwa »Kazak« und »Russe«; das erstere hebt sich nur als militärischer Gattungs-, das zweite als politischer Eigenname hervor, d. h. der Kazak ist ein Russe und der »Cech« ist ein Böhme. So kommt es auch, daß man heute noch ständig im Zweifel lebt, ob der Name »Ceche« oder »Böhme« geschichtlich der richtigere ist; wer aber den Quellen nachgeht, wird finden, daß der letztere Name in seinen vielen Formen der ältere sein muß, ja, wir wissen heute nicht einmal mehr, wie dieser Begriff im Slavischen eigentlich originell lautete, — Was jedoch den Inhalt jener Ursprungssage betrifft, so ist derselbe eigentlich bei jedem Volke gleich. Es heißt doch überall und immer, es sei ein angesehener Mann mit bewaffneten Männern vön irgendwo als Kulturträger gekomen, und habe die wilden, tierischen Urbewohner zur Gesittung erhoben, weil man eben voraussetzt, eine Kultur könne ohne fremden Eingriffes gar nicht aufkommen. Es ist dies der allgemeine infantile Glaube, daß sich alle alte Kultur zuerst an einem einzigen Punkte der Welt entwickelt und sich erst von diesem aus allmählich weiterverbreitet hätte. Darin spukt noch heute immer die bequeme und doch unhaltbare Idee von einem märchenhaften, hochweisen Urvolke, das durch seine wunderbare Organisation oder sonstige divinatorische Kräfte gleich anfangs zu hervorragender geistiger Besonnenheit erwacht und fortwährend in diesem Lichte gewandert sein soll. In der Wirklichkeit gelangt aber das menschliche Denken nach seinen natürlichen Gesetzen auf der Bahn der Selbstentwicklung an verschiedenen Punkten zu gleichen oder doch ähnlichen Resultaten, weil sich gewisse Grundgedanken und Grundvorstellungen als ein gemeinsames Eigentum der ganzen Menschheit stets wiederholen. jene mytischen Ahnherren eines Volkes waren daher nicnts weiter als prosaische Volksführer, die sich Hellen, Cech, Ljech, Rus u. ä. nannten, weil ihr Volk eben den Namen Hellenen, Cechen, Ljechen (Ljechiten), Russen u. ä. führte; jener Name war daher dabei auch kein Eigen- sondern nur ein Funktionsname. Es ist daher offenkundig, daß sich in Prag noch niemand die zunächstliegende Frage, ob das Sujet des Denkmals überhaupt motiviert sei, vorgelegt haben kann, denn dann müßte man doch zum Schlüsse gekommen sein, daß ein solches Denkmal über Jahr und Tag eine historische Unwahrheit, ja geradezu ein Denkmal menschlicher Unwissenheit darstellen könnte. Will man daher die gewiß lobenswerte Idee, der heimischen bildenden Kunst eine Betätigung zu schaffen und die Stadt Prag zu schmücken, verwirklichen, so greife1 man doch zu einwandfreien Vorwürfen, deren es Dutzende gibt, aber nicht zu so problematischen Themen, die einmal geradezu zu einer öffentlichen Ironie herausfordern könnten. — Quidquid agis, prudenter agas et respice finem! M. Zunkovic. Prof. Alex. Brückner und die Rhetra-Denkmäler. Die »wien-berlinerische Schule«, wie Ed. Boguslawski die sla-venfeindliche Forschungstätigkeit in /Wien und Berlin zutreffend kennzeichnete, hat naturgemäß auch dem »Staroslovan« sofort den Fehdehandschuh zugeworfen. Nach Hanisch-Jagic (s. »Staroslovan«, 1913, S. 296) tritt nun auch Prof. Alex. Brückner, der »Slavist« der Berliner Universität, gegen uns in die Arena. Aber schon der bedenkliche Umstand allein, daß er sich hiezu der Zeitschrift »Deutsche Erde« bedient, die, wie sie selbst offen bekennt, für ein »größeres deutsches Reich« arbeitet, daher mit Vorliebe auch jedes die Slaven verkleinernde Wort freudigst veröffentlicht, orientiert jedermann, daß es sich Brückner hier um keine wissenschaftliche Aufklärung, sondern lediglich um eine in protzig-zynischem Tone gehaltene tendenziöse Besudelung der slavischen Wissenschaft bei den Deutschen handelte. Dieser letztere Umstand würde uns bereits moralisch entheben, dem Herrn Brückner jede weitere Beachtung zu widmen, Aber seine wissenschaftliche Argumentation verdient, da sie zeigt, mit welchen inferioren Geisteswaffen ein Universitätsprofessor hier das kritische Kampffeld betritt, doch einer näheren Beleuchtung. Brückner bindet z. B. den Lesern der »Deutschen Erde« folgenden Bären auf: »Die gefälschten Prillwitzer Götterstatuen (mit slavischen Runeninschriften) sieht er (Zunkovic) natürlich als echt an und gibt für eine davon eine »berichtigte« Lesung, nach der es »ich stelle hiemit den Bilbog dar« heißen soll, ohne auch nur zu ahnen, daß er gerade damit das Todesurteil über diese Idole gefällt hat, denn einen Gott Bilbog hat es nie unter Slaven gegeben, wohl aber nennen ihn die späteren (!) Fälschungen des XVII. und XVIII. Jahrhundertes«. — Dem sei sofort entgegengehalten^ a) die Lesung »ich stelle hiemit den Bilbog dar« ist unbedingt richtig, und kann sich hievon jedermann überzeugen; was soll dieser rhetorische Unsinn, »daß damit das Todesurteil über diese Idole gefällt sei«, bedeuten, nachdem diese Inschrift früher falsch gelesen als Kriterium der Fälschung ausgeschrottet wurde, jetzt aber, da sie richtig gelesen ist, wieder ein »Beweis« für die Fälschung sei! b) Ist es unwahr, daß erst spätere Fälschungen des XVII. und XVIII. Jahrhundertes einen Bilbog unter den Slaven nennen, denn die Werke der Chronisten der genannten Jahrhunderte sind zu jener Zeit und dort gedruckt worden, wie es am Titelblatte verzeichnet ist, da dies auch durch synchronistische literaturgeschichtliche Daten zweifellos bestätigt erscheint. Mit welchem Rechte bezeichnet nun Brückner diese Werke als spätere Fälschungen, daher indirekte die Verfasser nach ihrem Tode als Fälscher und Schwindler? Ist dies jedoch anders gemeint, dann muß man daraus schließen, daß Brückner die deutsche Sprache nicht stilistisch beherrscht. c) Die preußische Kirchenchronik v. J. 1530, der Chronist Meletius v. J. 1551, der erste Rektor der Universität Königsberg v. J. 1561, Thomas Waisselius v, J. 1599 u. a. erwähnen aber doch auch den Bilbog; diese alle lebten aber schon im XVI. Jahrhunderte; in diesem Jahrhunderte gab es also noch einen echten Bilbog, im XVII. und XVITl, Jahrhunderte war er aber schon gefälscht! —- Brückner hat demnach gar keine Ahnung von dem Quellenmaterial und erklärt etwas für spätere Fälschung, was längst früher echt vorhanden war. d) Befindet sich Brückner noch in einem weiteren und prinzipiellen Irtume: er glaubt nämlich, der Begriff »bilbog« sei ein Eigenname; tatsächlich ist es aber nur ein Gattungsname in der Bedeutung »großer Gott«, und eine solche generalisierende Bezeichnung kennen selbstredend alle Zeiten und alle Völker. Es sei hier nur auf den Artikel »Belbog« in Vollmers »Vollständiges Wörterbuch d. Mythologie aller Nationen« (Stuttgart, 1836) hingewiesen, denn den Mythogjraphen war diese Auffassung längst bekannt. e) Hat Brückner überdies in der Eile vergessen, die Silbermünze von Krakau, welche die Inschrift »belbog« trägt, und gewiß weit über 1000 Jahre alt ist, da sie schon durch den Gebrauch ungewöhnlich abgenützt erscheint, auch als Fälschung zu erklären; freilich weiß er auch von diesem Belege nichts. Die Slaven hatten daher bestimmt eine Gottheit, die sie »belbog, bilbog« oder richtiger »v e 1-bog« nannten. Will aber Brückner dies weiter bestreiten, so bringe er brauchbare Beweise für die Fälschung der älteren Belege; das bisher Vorgebrachte ist völlig wertlos, weil anachronistisch, Aehnlich unwissend spricht Brückner über die Edda; er schreibt: »Wie der Verfasser die Edda aus dem Slavischen ausdeutet, ist ganz amüsant zu lesen; Schaden kann es kaum anrichten«. — Es handelt sich dabei um den Artikel »Die Azbuka in der Edda« (s. »Staro-siovan«, 1913, S. 46). Wenn Brückner den Artikel wirklich gelesen, so hat er ihn demnach nicht verstanden, oder er weiß als »Slavist« nichts von der Edda-Literatur, Wir raten ihm daher die Edda einmal gewissenhaft zu lesen — für einen Slavisten nebstbei eine sehr »amüsante« Lektüre — und dann vorerst den Deutschen auf die Finger zu klopfen, denn der Kommentator der Edda, Hugo Gering sagt z. B. (S. 245) ganz unbeeinflußt, daß darin die Eigennamen »Jarizleif« und »Jarizskar«. slavisch sind, denn sie heben sich so handgreiflich. hervor, daß ein ehrlicher Deutscher nicht den Mut findet sie im Deutschen Kataster zu naturalisieren, und Gering hat den Deutschen gewiß auch nicht weniger geben wollen! — Oder glaubt Brückner vielleicht, daß die Göttin der Ehen »Sif« in der Edda nicht die slavische »Živa« ist, die in der slavischen Theogonie das gleiche Referat hatte; oder daß die Götter »Bil« und »Beli« in der Edda mit dem slavischen »Bel« oder »Bilbog« in keiner Relation stehen? Oder weiß er nicht, daß die höchste Gottheit bei den Chaldäern, Babyloniern, Phöniziern u. a. auch schon »Bel« (»Bai«) hieß und Herr, der Hohe, wie im Slavischen, bedeutete? Haben die Balkanvölker den Funktionsnamen »Vali« vielleicht sogar der Edda (»Wali«) entnommen? — Brückner scheint also keine Ahnung davon zu haben, daß die Edda zum großen Teile nur eine deutsche Appretierung slawischer Volkspoesien und Mythen ist. Daß wir uns aber mit dieser Erwiderung überhaupt befassen, hat zugleich einen mehrfachen erziehlichen Zweck. Es soll hiemit hervorgehoben werden, daß es ausschließlich slavische Geschieht s- und Kulturbelege sind, die da zum Opfer fallen sollen; nichtslavische sind hingegen immer und prinzipiell echt. — Weiters sieht hier einmal jeder Laie, wie gedankenlos einzelne Hochschulprofessoren ungeordnete Phrasen aus ihrem alten Schulpacke hinwerfen, ohne sich darum zu kümmern, was sich indessen daran geändert hat, — und erkennt zugleich auch jeder Laie die akute Notwendigkeit einer allgemeinen scharfen Abwehr gegen die schwere Bedrohung der Freiheit der Forschung durch eine schon zum System gewordene Ehrabschneiderei. Wenn sich diese wissenschaftliche Unmoral so weiter entwickelt, so ist ja niemand mehr seiner Ehre sicher, wenn er wo einen alten Kulturgegenstand findet, denn er riskiert hiemit immer als Schwindler gebrandmarkt zu werden. Und diese Korruption werden wir fortan mit den schärfsten Waffen bekämpfen. — M. Zunkovic. Wissenschaftliche Fragen und Antworten. Hier werden ausschliesslich solche einlaufende Fragen veröffentlicht und fallweise beantwortet, die das Gepräge eines breiteren wissenschaftlichen Interesses tragen. Frage 1. — Griechen bei Vineta. — Mehrere Fragen lauten dahin, wieso es kommt, daß bei Vineta »Griechen« wohnten. (S. »Wo lag die Stadt Vineta?« — »Staroslovan«, S. 287/1.) — Antwort. — Dieser ethnographische Begriff ist möglicherweise aus den hebräischen Schriften, welche in ältester Zeit alle Slaven, die der griechischen Kirche angehören, als »Jevanim«, d. h, Griechen benannten, hervorgegangen. Beim Aufblühen der russischen Macht führten die Russen ziemlich allgemein diesen Namen, und hieß demnach auch der Car: »König der Griechen«. — Das grie- chische Kaisertum in Carigrad (Konstantinopel) ist daher auch sprachlich nicht als ein griechisches im heutigen Sinne aufzufassen, ebenso wie die griechisch-katholische Religion doch eine ausgesprochen slavische ist. In den Trauer- und Büßliedern der Russen, worin über die harten Bedrückungen und Verfolgungen der »Griechen« geklagt wird, sind daher auch die Russen zu verstehen. Desgleichen nennt Peter d. Gr. in seinem politischen Testamente alle jene Völker »Griechen«, die der russischen Kirche angehören. Auf diese Art wird auch die Stelle in der »Geschichte von Igor’s Kriegszuge« (VI. Absch., s. S. 123/1) verständlich, welche sagt: »Da sangen die Deutschen und Venetier, da die Griechen und Mährer dem Svjatoslavl Ruhm, tadelten hingegen den Fürsten Igor, weil er das Beste versenkt in das Bett der Kajala u. s. w.« — Wären diese »Griechen« keine Russen gewesen, so hätten sie auch kein Interesse russische Fürsten zu rühmen oder zu tadeln. Diese konfus erscheinende Stelle diente seinerzeit, als man das Epos als unterschoben verdächtigen wollte, als besonderer Anhaltspunkt hiefür; nun stellt es sich aber immer klarer heraus, daß die Zweifler die Stelle eben gar nicht verstanden haben. Frage 2. — Vjorst. Mehrseitig wurde angefragt, weshalb wir auf S. 278/1 »Vjorst« statt »Werst« schreiben, bzw. ob dies als Druckfehler anzusehen sei. Antwort. »Vjorst« ist richtig. Der Russe sagt »verstä« für eine Werst (= 0937 km), »vjorst«, wenn es sich um eine Mehrzahl (von 5 an) handelt, denn so lautet der Genetiv in der Vielzahl, Wir haben damit auf eine konstant falsche Aussprache eines Fremdwortes seitens der nichtrussischen Slaven (wie Deutschen) mit Absicht aufmerksam machen wollen. Weshalb jedes nichtslavische Fremdwort seiner sprachlichen Herkunft nach richtig ausgesprochen werden soll, nur das slavische nicht, dieses entbehrt jeder Logik. — F r ag e 3. — F. K. (Wien) fragt, wie man den Satz S. 264/1, daß die deutsche Umgangssprache in Deutschland vielleicht erst im XL oder XII. Jahrhunderte die absolute Mehrheit erhielt, begründen kann. — Antwort. Die Beweise hiefür sind verschiedenartig; so z. B.: a) gibt es, wie schon Grimm ausgesprochen hat, bis heute nicht ein einziges Runendenkmal in deutscher Sprache; es muß daher im I. Jahrtausende n. Chr. in Deutschland Slavisch die Umgangssprache gewesen sein, denn es ist doch unwahrscheinlich, daß man Schmuckgegenstände oder Grabbeigaben durchwegs slavisch beschrieben, wenn man deutsch gesprochen hätte; b) wohnten doch Slaven in diesen Gebieten, was nicht nur die Ortsnamen, sondern doch alle alten Chronisten offen bestätigen; c) werden in alten Urkunden so oft slavische Begriffe zitiert, wenn es sich um Gewohnheitsrechte handelt; und von Gewohnheitsrechten kann doch nur die bodenständige Bevölkerung sprechen und niemals die eingewanderte; d) erzählt Thietmar (975-^-1018), daß der erste Bischof von Merseburg, genannt Bozo (968—981), slovenische Reden schrieb (»slavonica scripserat verba«). Die Merseburger Bischofschronik führt an, daß der Bischof Werner (vor 1111) slovenische Bücher anzuschaffen befahl (»librcfs scla-vonicae linguae sibi fieri jussit«). Vom Altenburger Bischof Bruno (um 1156) erzählt Helmold als Zeitgenosse, daß er in slovenischer Sprache zusammengeschriebene Reden besaß, die er dem Volke vorzutragen für schicklich hielt (»habuit sermones conscriptos verbis s c 1 a v i c i s, quos populo pronunciare! opportune«); sonach standen damals die Verweser der Seelsorge noch unter dem Zwange sich die Sprache des Volkes anzueignen, um sich mit demselben verständigen zu können, denn sonst wäre doch alle Belehrung wertlos gewesen. Bibliographie. Alle einlangenden Werke werden grundsätzlich mit Titel, Verlag und Preis angeführt; jene, welche altslavische Themata berühren, auch kurz besprochen, eventuell noch später eingehender gewürdigt. — Unaufgefordert zugesendete Werke werden nicht zurückgestellt. Chadt Johann S)ejiny lesü a lesnictvi. („Geschichte der Wälder und der Forstwirtschaft.“) — Pisek 1914. Lex. 1121 S. mit 250 Textillustrationen, 3 Harten, dann zahlreichen Tafeln und Diagrammen. — Preis brosch. K 23 —, geb. K 25'—. Im Selbstverläge (Obora, Post Vinarice bei Laun, Böhmen.) — Vor kurzem ist ein Werk erschienen, das nicht nur in den Fachkreisen, wie dessen Titel vermuten lassen könnte, sondern geradezu auch in der breitesten Oeffentlichkeit eine besondere Beachtung verdient. Die bisherigen wissenschaftlichen Facharbeiten des Forstverwalters J. E. Chadt sind längst rühmlich bekannt; sie behandeln die forsttechnischen Gebiete in Monographien; was aber in diesem Werke von 1121 Seiten an allem einschlägigen Material zusammengetragen und systematisch verarbeitet ist, das bildet jedoch geradezu ein Gesamtbild aller forstkundlichen Wissenschaft, und kann sich bis heute keine andere Literatur eines solchen großzügigen und gründlichen Werkes dieser Richtung rühmen, wie nun die böhmische. — Das Werk teilt sich in drei Hauptabschnitte: I. Geschichte der Wälder in der geologischen Zeit. II. Geschichte der Wälder in der historischen Zeit. III. Die Einrichtung der Forstwirtschaft und Systemisierung der Wälder. Der I. Abschnitt bietet vor allem das Erscheinen der verschiedenen Baumarten im Wechsel der verschiedenen geologischen Perioden, Zwei Tabellen geben eine historische Uebersicht über das sukzessive Auftauchen unserer Bäume und Sträucher; zwei weitere das Bild der Waldvegetation der geologischen Zeit im Verein mit der bedeutungsvollsten Waldfauna sowie den jagdlichen Waffen jener Zeit. — Der Autor gruppiert die Waldvegetation in 5 Vegetationsperioden, u. zw. 1. die Dryasperiode, d. i. die Zeit der Sträucher; 2. die Periode der Birken, 3. der Kiefern, 4. der Eichen und 5. jene der Buchen. Eine kolorierte Uebersichtskarte des Königreichs Böhmen bietet die Situation der Waldkultur in Böhmen beim Erreichen der 5. V egetationsperiode. Der II. Abschnitt behandelt die historische Zeit unserer Waldbäume und Sträucher, die Etymologie der Gattungsnamen, den Einfluß dieser Begriffe auf die Ortsnamen. Eine Informationstafel behandelt weiterhin den jetzigen Rest eines Urwaldes (am Boubin), dann sonstige charakteristische Wälder mit ihren Holzarten. Zu allem wurden alle erreichbaren verläßlichen Quellen benützt, so daß in diesem Werke auch ein Verzeichnis der forstwissenschaftlichen Literatur zugleich inbegriffen ist. — Weitere Kapitel behandeln: die Namen der Wälder und Berge in der Geschichte (bei 3000 Namen mit der Beigabe der Etymologie) samt einer Karte Böhmens über die Waldbedeckungsflächen; alte und denkwürdige Bäume in den Ländern der böhmischen Krone mit Illustrationen und Detailschilderungen, dann etwaigen sagenhaften oder geschichtlichen Erzählungen über dieselben; das Eigentumsrecht; die Grenzsignierung mit vielen kulturhistorischen Daten; die Waldservitute; die Waldfrohnarbeit; die Waldabgaben; über Berechtigungen im Walde (Wegbenützung, Vogelfang u. ä.); der Waldschutz vom rechtshistorischen Standpunkte (Waldfrevel, Diebstahl); soziale Verhältnisse der Forstbeamten und Forstdiener seit dem XI. Jahrhunderte; Organisation der Forstämter (Wirkungskreis, Rechte, Gehalte in den verschiedenen Jahrhunderten, Dotationen usw.). Der Autor hat es auch nicht übersehen, z. B. der Waldbienenzucht (»brtnictvi«) seine Aufmerksamkeit zu widmen, da sich daraus mit der Zeit gewisse Rechte bildeten; dasselbe gilt für die Weidegerechtsame, Grasbenützung, Teerbrennerei, Pottaschesiederei, Köhlerei. Weiters folgt die Schilderung der Waldwertnutzung, der Arbeiten in diesem Wirtschaftszweige, der hiezu nötigen Instrumente samt deren Erfindern, der Verjüngung und Kultivierung des Waldes Mit dem Waldbau, der historischen Entwicklung der Durchforstungen den elementaren Kalamitäten sowie der progressiven Forstwirtschaft und Forstverwaltung in geschichtlicher Richtung schließt der II. Abschnitt. Der III. Abschnitt befaßt sich mit dem Vermessen der Wälder, der Forsttaxation, der hiezu nötigen Instrumente, der Ertragsregelung und der Bestandest Wirtschaft. Mit der Uebersicht der Wald-und Forstwirtschaftsgescnichte in der historischen Zeit und einem ausführlichen Register schließt das wertvolle, imponierende Werk, das weiter keiner Empfehlung sondern nur der Bekanntmachung seiner Existenz in den gebildeten Kreisen bedarf. Es ist eben eine erschöpfende Enzyklopädie der gesamten forst-kundlichen Wissenschaft im vollendeten Sinne des Wortes, die jedoch nicht ausschließlich dem Fachmann einen in allen Lagen-verläßlichen Ratgeber bietet, sondern wo auch die Sprachforscher wie Kulturhistoriker ungezählte Anregungen finden, da an tausend alte Urkunden und weitzerstreute Quellen darin verwertet sind. Forstkontrollor Joh. Fric. Chvojka CV. CV., ODrevni obitateli Srednjago ZBridnjeprovja i jich kultura v doistoriceskija vremena. („Die alten Bewohner des Mittleren Dnjepr-Gebietes und deren Kultur in der vorgeschichtlichen Zeit.“) — Kiev, 1913. — 101 S. Preis 80 kop. (2 K). — Schon in der Vorrede bemerkt der Verfasser, einer der tiefgründigsten Archäologen unserer Zeit, daß diese Arbeit vorerst breiter angelegt war, aber verschiedener Gründe wegen wesentlich zu- sammengezogen werden mußte. Es gereicht aber dies dem Werke durchaus zu keinem Nachteile, da auf diese Art wieder die Ueber-sicht gewinnt, Chvojka bietet vor allem einen orientierenden Gesamtüberblick der archäologischen Kulturperioden und fügt dann die gemachten Erfahrungen bei den eigenen Ausgrabungen an, womit zugleich die Richtigkeit der Theorie an konkreten Beispielen erwiesen wird. Es ist dies die einzig richtige Methode, die nicht zu Trugschlüssen führen kann, was hingegen alle Arbeiten jener Theoretiker fraglich macht, die Band um Band über Archäologie zusammenschreiben, aber noch nie einen Spaten in der Hand hatten oder gar einen Tu-mulus selbst öffneten. An der Hand der Ausgrabungen im Gebiete des Mittleren Dnjepr weist nun Chvojka demonstrativ nach, daß hier schon wählend aller archäologischen Kulturperioden der Mensch wohnte, weil dies die verschiedenzeitigen Funde untrüglich bestätigen. Ganz hervorragend wertvoll wird aber die Arbeit noch dadurch, daß durch das Feststellen von ständig gleicher Schädelbildung der Bewohner in allen Perioden bis in die historische Zeit, welche in jenem Gebiete schon ausschließlich Slaven vorfindet, auch der Beweis erbracht ist, daß die somatischen Verhältnisse der Bevölkerung seit der Eiszeit niemals vom Grunde aus gewechselt haben konnten. Bezweifelt daher jemand, die Scythen, Sarmaten u. drgl. seien nicht als die direkten Epigonen in der Stammreihe der Urbewohner, sondern als spätere Einwanderer anzusehen, so benimmt ihm diesen Zweifel schon die Schädellehre, und würde hier ein Konklusionsfehler unterlaufen sein, so ergänzt dies die Wahrnehmung, daß die Vorgefundenen Kulturresiduen ununterbrochen die gleiche Grundform, also keine drastische Abschwenkung zeigen. Auf diese, und nur auf diese Art wird die Archäologie zur führenden Hilfswissenschaft in der Forschung über die Urgeschichte und Stammsprache eines Gebietes. Jene Archäologie hingegen, die nur aus Sammelwut fortgräbt, um Museen zu füllen oder Objekte von modernen Werten zu finden, ist keine ernste Wissenschaft, sondern — Schatzgräberei, Chvojka's Büchlein ist und bleibt daher ein Katechismus für den seriösen Archäologen, und solcher geistig applizierender Wegweiser bedürfen wir auf allen Linien. M. Zunkovic. TAFEL II (zur Seite 79.) Slovakisches Runenalphabet. a m b a n MH c = s 0 'N d 51 P e ii r f = V s.c _2 9 v> t h 1 u, y ¥ s • 1 1 v, f, u S je > z, z, c > k > ju J 1 V li A. Anmerkung. Das Alphabet ist einfacher und variiert nicht so in den Formen, wie das wendische. — Von Ligaturen wird häufiger Gebrauch gemacht. — Die Vokale sind hier meist als Minuskeln geschrieben. Allgemeines. Aut dem von den Slovaken bewohnten Gebiete wurden einige Runeninschriften gefunden, die ein von dem wendischen völlig abweichendes Alphabet aufweisen. Cb sich Inschriften dieser Art auch auf Waffen, 5chmuckobjekten, Münzen u. drgl. befinden, ist bisher nicht verlässlich festgestellt; was wir an solchen Denkmälern besitzen, sind nur Gravierungen auf Stein. — Die Tafel II zeigt das normale „Slovakische Runenalphabet“. Die Felsinschrift auf dem Velestur. \\ Auf dem höchsten Punkte des Kremnitzer Gebirges, „Velestur“ genannt, fand Paul Krizko im CJahre 1865 eine grössere Runeninschrift. Den Text entzifferte später der Entdecker selbst mit Zuhilfenahme von Kollars „Staroitalija Slavjanska“ (Wien, 1853), welches Werk die verschiedenen etrurischen Runenalphabete enthält; freilich war diese Lesung zum grossen Teile unrichtig. Der Text der beigegebenen Figur lautet: „prjechach silian od morane zrumich kremenitju te turn i vsia grada i bje gode po turn dvje-stje te osemdst“, d. h.: „es kam der Silleiner von der Grenze, zerstörte Kremnitz und Tur, sowie alle Burgen und alle befestigten Punkte im Turgebiete an 280." — Dieser zur Gegend vollkommen passende geschichtliche Text ist vor allem deshalb von hervorragendem geschichtlichen Werte, weil er umfangreich ist, daher die meisten Laute des Alphabetes enthält. — Der obige Text bildet für das Verständnis des Slaven keine besonderen Schwierigkeiten, namentlich wenn er folgendes weiss: a) „silian“ ist der Herr von Sillein, einem Orte mit einer Burg am linken Waagufer; Zunkovic: „Slavisclie Runendenkmäler“. 6 b) „tur“ ist augenscheinlich identisch mit dem heutigen Komitate Turocz Szt. Marlon; c) „morana“ ist eine erweiterte Form von „mor, mar“ (= Grenze), also Grenzgebiet; d) „god“ (auch „chod“) kennzeichnet etwa: Wachthütte, Wachthaus; e) „bie“ ist offenkundig ein Schreibfehler, denn es ist wahrscheinlich das „s“ ausgefallen, muss demnach dem ganzen Sinne nach als „vsje“ gelesen werden. Felsinschrift auf dem Velestur. Auch dieses slavische Runendenkmal wurde gleich nach dem Bekanntwerden als eine Fälschung des Entdeckers selbst bezeichnet, ja sogar noch in demselben Jahre von missgünstigen Gegnern zerkratzt, was jedoch weiter wissenschaftlich nicht empfindlich störend wirkt, da rechtzeitig mehrere Gipsabklatsche gemacht wurden. Für die Fälschung liegt übrigens nicht der geringste Beweis vor, gegen dieselbe jedoch folgendes: a) Der Entdecker Paul Krizko wurde erst durch Erzählungen der Bauern, dass es auf dem „Velestur" nicht geheuer sei, dass dort geheimnisvolle Zeichen eingegraben seien, dass man dieser Stelle ausweichen müsse u. ä., auf die Schrift aufmerksam gemacht; b) ist dieses unzutreffend, dann ist es widersinnig, wenn Krizko die Schrift eingeritzt hätte, dass er dann nicht weiss, was sie besagt, denn er las sie wohl lautlich richtig, aber seine Erklärung derselben ist unrichtig, da er folgenden Text ermittelte: „Es kam der Silian vom Norden, zerstörte Kremnitz und Tur und alle Burgen; es war dies 280 Dahre nach dem Tur," wobei namentlich der den Zeitpunkt ergänzende Satz weder dem Texte entspricht, noch sonst etwas besagt. Es ist aber doch anzunehmen, dass der Fälscher einer so umständlichen Arbeit etwas aufschreibt, was er vor allem selbst versteht, denn es wird wohl niemand eine so sinnlose Kratzerei auf einem fünf 5tunden Gehweges entfernten, 1266 m hoch im Gebirge sich befindlichen Felsen zwecklos vornehmen; c) will jemand Moderner etwas aus eigenem oder nationalem Ehrgeiz in historischer Hinsicht fälschen, so wird er wohl einen Text wählen, der einen Forschungseffekt bilden soll; diese Inschrift erzählt uns wohl ein lokales Ereignis, lässt uns aber in bezug auf die handelnde Person, namentlich aber betreffs des Zeitpunktes vollständig im Unklaren; ja, der Entdecker rechnete autosuggestiv damit, dass die Zahl 280 eine Jahreszahl sein müsse; d) den Fälschungscharakter vernichtet aber vollends der Umstand, dass im Texte Begriffe, wie: morana, god, tur—Vorkommen, deren Bedeutung der Fälscher selbst nicht versteht, die aber jetzt durch diese toponomischen Klärungen, welche übrigens der Kenntnis dieser Felsinschrift seitens des Verfassers der „Slavischen Runendenkmäler“ weit vorausgegangen sind, zeigen, dass sie in dieses Milieu vollkommen passen, beziehungsweise gerade dadurch deren richtige Etymologisierung bestätigt wird; e) der Felskopf hat einen Umfang von 26 m, ist 6 m hoch und ringsum von Steinmetzen gemeisselt; an einer Seite sind sogar zwei verschieden hohe Säulen ausgehauen — eine Arbeit, die eine Person, namentlich wenn sie nicht vom Fach ist, nicht nur in einer kurzen Zeit nicht bewerkstelligen, sondern auch ungesehen gar nicht ausführen kann, da dort auch der kürzeste Weg zwischen Kremnitz und Neusohl vorüberführt. Die Inschrift befindet sich auf einem Punkte mit grossartiger Fernsicht über die ganze Umgebung; dort läuft auch die Komitats-grenze. Dass sich dort ein ständiger Beobachtungsposten befunden, ist naheliegend, und hatte die Inschrift wohl auch den Zweck, die Wachthabenden an die gewissenhafte Pflichterfüllung zu erinnern, damit sich das einstige Unglück nicht wiederhole. Dass eins} ein bestimmtes Gebiet tatsächlich nach seinen verteidigungstechnischen Potenzen klassifiziert wurde, geht aus zahlreichen Chroniken und geographischen Schriften unzweifelhaft hervor. Es sei hier nur auf das „Fragmentum geographicum de terris Slavorum“ des IX. Dahrhundertes (München) verwiesen, das 58 slavische Gebiete in Europa aufzählt und bei jedem die Zahl der befestigten Städte beifügt, welche zwischen 5 (Bulgaren) und 516 (Stadici) variiert. — Wollte sich jemand der Mühe unterziehen, alle die Schutz- und Wachtpunkte der zwei erwähnten Gebiete, die teils toponomisch erkennbar sind, teils durch Nachgrabungen festgelegt werden könnten, zu verzeichnen, so wäre es auch möglich, die einstigen Grenzen jenes vom „Silian“ gebrandschatzten Gebietes zu rekonstruieren. — Allem Anscheine nach muss sich diese Begebenheit in den ersten ¿Jahrhunderten unserer Zeitrechnung abgespielt haben, und dürfte jene schriftliche Verewigung auf dem Velestur kaum nach dem VIII. ¿Jahrhunderte erfolgt sein. — Die Steininschrift auf dem Smrcnik. Auf dem Smrcnik, einer anderen Kuppe des Kremnitzer Gebirges, fand derselbe Krizko schon im ¿Jahre 1861, gleichfalls angeregt durch allerlei phantastische Erzählungen der Umwohner, einen etwa 1-5 m langen Stein mit der in der beigegebenen Illustration ersichtlichen Inschrift. Eine glaubwürdige Entzifferung gelang bis jetzt niemandem, daher diese Inschrift bis nun auch noch nicht als gefälscht verdächtigt wurde; hätte man geahnt, dass sie einen slavischen Text hat, wäre dies wohl kaum ausgeblieben. Die Lesung selbst ist auf Grund des Alphabetschlüssels so weit sicher und leicht, als einfache Laute folgen: die ersten 7 Zeilen besagen: „rub hury“, d. i. die Kante (Krete) des Berges; in der Fortsetzung folgt ein Bündel von Ligaturen, wobei es für die Reihenfolge der Laute keinen Anhaltspunkt gibt. Wahrscheinlich war dies ein Grenzstein, denn der Stein lag an der Komitatsgrenze und besagte die Inschrift höchstwahrscheinlich: „Die Rückenlinie des Gebirges ist zugleich die Grenze." — Dies wäre durch tote Zeugen, die man gewöhnlich unter den Grenzsteinen in die Erde vergrub, noch heute feststellbar, wenn nicht bald nach dem Bekanntwerden des Schriftfundes sofort habsüchtige Leute den Stein von der Stelle geschafft hätten, um nach Wertobjekten zu graben. Weiters fand Krizko auch in derselben Gegend auf der „Divcy Skala“ ( Aussichtsfels) mehrere Bruchstücke von Schieferplatten mit Schriftfragmenten, deren erhaltener Text mit Rücksicht auf die wenigen Laute nicht einmal eine ernste Mutmassung zulässt, was sie besagen sollen. Dies ist alles, was an slovakischen Runendenkmälern bisher bekannt ist. Wie aber die Zeitschrift „Sokol“ (Turocz-Szt. Marlon) vom Jahre 1861 schreibt, gibt es in der Slovakei noch etliche dem Volke traditionell bekannte, aber wissenschaftlich bisher unbeachtete Felsinschriften, die wahrscheinlich alle einst als Grenzweiser gedient haben. Solche sollen vorhanden sein: bei Liptau auf der Havranna Skala, also an der Komitatsgrenze; an der Grenze des Zvolensko-Novohradsko-Malohonter Komi-tates, etwa k Stunden Gehweges südöstlich von Hronec entfernt; in Mittel-Tekov, nördlich von Inovec; im Bezirke Handl gegen Nova Lhota; im Bezirke Boglar bei Bardijov befinden sich etwa auf der Waldlichtung „na Banisku“, welche Bezeichnung etymologisch tatsächlich auf eine Grenze oder den Zusammenstosspunkt mehrerer solcher deutet, unverstandene Felsinschriften; in der Umgebung von Sabinov sollen auf einem Felsen gleichfalls Runeninschriften gefunden worden sein; auf der Komitatsgrenze „na Zopole" unter dem Bergstöcke Kri-van, der selbst die Grenze bildet, befinden sich auch Runenschriften; eine solche wurde auch „na Holach" von Rosenberg festgestellt. Eine offene Aufforderung (im Frühjahre 1913), diese Inschriften aufzusuchen, sie zu kopieren oder Gipsabklatsche zu machen, blieb bisher erfolglos. — Höchstwahrscheinlich stammen alle diese Inschriften von einem, geschichtlich freilich nicht mehr bekannten Herrscher jener Gegend her, der mit seinen Nachbarn eine Grenzregulierung vornahm und die wichtigsten Punkte der Grenzlinien mit Inschriften versehen liess. — Zu bedauern ist es nur, dass keine dieser Inschriften, sowie sie eben bisher bekannt sind, irgendeine für die Vorgeschichte der Gegend orientierende Zeit- oder Namenangabe enthält, und ist dies demnach von den noch ungelösten oder unbekannten auch kaum zu erwarten. — Ein gefälschtes Runendenkmal. Nachstehend sei, da fortgesetzt über Fälschungen von Runendenkmälern gesprochen wird, auch ein solches Beispiel angeführt, um die Verleumder endlich zu kurieren. Dieses Falsifikat zeigt nämlich einerseits an, dass es zweifellos alte echte Runenalphabetvorlagen gegeben haben muss, und andererseits, wie sich die Wissenschaft diametral irrte, indem sie gerade eine gefälschte Inschrift als echt anzusehen pflegte, weil sich über die Provenienz dieser Inschrift eben niemand eine Erklärung geben konnte. Im „Časopis musealnej slovenskej společnosti“ in Turocz-Szt. Marlon, 1905, 5. und 6. Heft, beschreibt Dr. Clohann Petrikovich den hier ersichtlichen, mit Runen beschriebenen Stein, auf den er im Jahre 1875 bei einer Fussreise mit seinem Onkel unter Vysocina (Umgebung von Kremnitz) gestossen sei. Dem Onkel war es bekannt, dass der ärarische Waldheger Pilz diesen Stein schon im Jahre 1872 entdeckte, denselben senkrecht neben den Brunnen daselbst gestellt habe und zur Erinnerung an den Fund auch am Brunnen: „1872 — Pilz“ eingemeisselt habe. Die Runenschrift vermochte jedoch niemand zu lesen bezw. aus der Schrift einen Sinn zu konstruieren. Als Petrikovich im Jahre 1904 auf einer archäologischen Reise abermals an jene Stelle kam, zeichnete er die Schrift des 160 cm hohen und 8h cm breiten Trachytsteines ab, machte auch drei Abdrücke mit Papiermache, nach welchen dann Gipsabgüsse erzeugt wurden, und veröffentlichte nun diese Schrift im erwähnten „Časopis“ mit der Aufforderung, es mögen sich Kenner der Runen mit der Lösung befassen. Doch fand sich bis zum Jahre 1912 niemand, der diese Schrift hätte entziffern können. Nun erhielt der Verfasser eines Tages die Aufforderung, den Text zu entziffern. Die Lösung war sehr einfach; allerdings mag der Fälscher mil seinen sekreten Hilfsmitteln damit gerechnet haben, es werde die Schrift niemand mehr entziffern können, er sich daher zum Schlüsse auch noch selbst verewigte; es gelang ihm auch — unglaublicherweise — hiemit durch 40 Jahre die Mit- und Nachwelt zum besten zu halten. Der Text lautet nämlich: „u nas krjestanov panue sliepota! — Pils — 1872.“ — D. h. „bei uns Christen herrscht die Blindheit! —Pilz— 1872.“ — Die Nachforschungen über den Mystifikator ergaben, dass er schon lange tot ist, aber allgemein als ein sehr intelligenter Waldheger galt. Es ist auch klar, dass es sich dem Schreiber in seiner geistigen Überlegenheit dabei um eine heimliche Rache gegen irgend jemand handelte. Die Schrift ist tadellos durchgeführt, denn hier unterscheidet sich nur der Laut „n" unwesentlich in seiner Form vom normalen Alphabete; überdies fällt die Ligatur „li“ auf, die in den bisher bekannten Runendenkmälern noch nicht vorgefunden wurde. Bei alledem ist aber die Mystifikation doch so plump durchgeführt, dass sie für den Runologen sofort als Fälschung erkennbar ist, denn: a) hat doch Pilz seinen Namen wie die gleiche Jahreszahl sowohl in lateinischer wie in Runenschrift beigesetzt; b) ist jede Jahreszahl, namentlich aber jene von „1872“ in einer altersechten Runenschrift undenkbar; c) ist in einer altersechten Runenschrift ein Ausrufungszeichen unbedingt verdächtig, nachdem die Interpunktionen, namentlich aber das Rufzeichen, jüngeren Datums sind. Es ist dies ein Schulbeispiel, welche gravierende Unterschiede sich zwischen einer echlen und einer gefälschten Runeninschrift von selbst ergeben, und nebstbei ein typisches Satyrspiel des Zufalls, wie unverlässlich die Wissenschaft in derlei Dingen ist. Man behauptete auch, dass Krizko das slovakische Runenalphabet selbst konstruiert habe. Dies ist aber unmöglich wahr, denn sechs Oahre vorher ist bereits der erste Runenstein in Mikorzyn (s. S. 60 —63) ausgegraben worden, der zur Hälfte schon slovakische Runenformen aufweist. Da nun der ständig in Kremnitz lebende Krizko diesen sicherlich nicht erzeugt, nach Preussisch-Polen geschafft und dort vergraben haben konnte, ist es daher klar, dass das slovakische Runenalphabet schon längst früher bekannt gewesen sein musste. Ratsam wäre es, obschon es heute kaum mehr einen Erfolg verspricht, noch nachzuforschen, ob sich im Nachlasse Pilz’ nicht doch welche unbekannt gebliebene altslovakische Schriften befunden haben, denn darüber kann kein Zweifel sein, dass er eine reelle Vorlage besessen haben muss. — Die Entdeckung und Entzifferung dieser gefälschten Inschrift hat daher einen hervorragenden Beweiswert, weil hiemit homöopathisch dargelegt wird, wie die Fälschungen in der Wirklichkeit aussehen. - Sollten weitere slovakische Runeninschriften aufgefunden werden, so wird die Erklärung derselben durch Nachträge erfolgen. —