Dr. Aigner und Lourdes. Von Dr. Lambert Ehrlich Theologieprofessor der Fundamentaldogmatik und der khomistischen Philosophie. Verlag: Schriftleitung des „Kärntner Tagblattes" in Klagenfurt. Einleitung. Lourdes ist ein Weltphänomen! Der Name „Lourdes" hat wie wenige andere Namen die Welt in Aufregung versetzt. Wie viel Liebe, wie viele süße Erinnerungen, welch sehnsüchtiges Verlangen knüpft sich an diesen Namen! Aber auch wie viel Haß, Erbitterung, Verachtung, Spott hat er ver¬ ursacht! Dieser Name ist bis in die entferntesten Hütten der spanischen Sierras und Pianuras, wie auch in die letzten Dörfer der Tiroler und Schwei¬ zer Berge gedrungen! Diesen Namen ehren die Be¬ wohner der italienischen und ungarischen Tief¬ ebene, wie auch die Hirten der südamerikanischen Pampas. Fromme katholische Christen erbeben beim Nennen dieses Namens und vor ihren Augen steht die liebliche Madonna mit gefalteten Hän¬ den, mit dem demütig gesenkten Blick, mit dem blauen Gürtel und dem Angen Rosenkranz! Die Lourdesstatus ist in Taufenden von Häusern und Familien, in zahllosen Kirchen und Kapellen auf- gestellt. Von ihren Lippen lesen die Katholiken die Worte: Ich bin die unbefleckte Empfängnis. Ein vierzehnjähriges Mädchen aus einer entlegenen Provinz Frankreichs sah diese herrliche Madonna - 4 - in einer FÄfengrotte in der Mh-e des Städtchens Lourdes und beschrieb sie! Es ist das ein Madonnentypus der Andacht, Lieblichkeit und Grazie, der den schönsten Madon¬ nen der Renaissancezeit ebenbürtig ist! Bestätigt wurde die Wahrheit der Aussage dieses Mädchens durch schier zahllose Wunder. Die Wünsche der Madonna: „Die Priester sol¬ len mir hier eine Kirche bauen!" und „Ich will viele Menschen hier sehen!" sind in Erfüllung ge¬ gangen, und zwar in ungeahnter Weise. Lourdes tft der erste Wallfahrtsort der Welt geworden. Jedes Jahr pilgern zirka eine Million Pilger nach Lourdes. Im Jahre 1910 wurden daselbst 55.300 Messen zelebriert und 626.000 Kommunionen aus¬ geteilt. (Österreichs größter Wallfahrtsort Maria-Zell hat vergleichsweise durchschnittlich 100.000 bis 120.000 Kommunikanten.) In demselben Jahre führen 3'24 Extra¬ züge nach Lourdes mit 191.540 Pilgern. Lour¬ des ist zweifellos ein Brennpunkt des katholischen Lebens geworden und scheint eine großartige Mis¬ sion in der katholischen Kirche zu erfüllen. Das 19. und 20. Jahrhundert, das auf allen Gebieten den Evolutionismus zum Dogma erhoben hat, wo¬ nach sich alles auf natürlichem Wege aus Miudervoll- kommenen zum Vollkommenen entwickelt habe, der Mensch mitinbegriffen, das ferner das Prinzip der geschlossenen Naturkausalität aufgestellt hat,, wo¬ nach jeder Eingriff eines übernatürlichen Prinzi- pes ausgeschlossen erscheint, hat vor sich ein Rät¬ sel: In Lourdes wird dieses Prinzip fast täglich zunichte. Es war selbstverständlich, daß sich Gegner ge¬ gen Lourdes erhoben. Meistens waren diese Geg¬ ner allerdings nicht ernst zu nehmen. Aus der Ferne urteilten sie über eine Sache, die sie nicht kannten! Dr. Boissarie, der Chefarzt des Konfta- tierungsbureaus in Lourdes äußerte sich am — 5 - 16. Juni 1909: „Seit zwanzig Jahren bekam ich keinen ernsten Protest und die deutschen Arzte, welche Lourdes nur unter dem Gesichtswinkel ihres Vorurteiles kennen, möchten uns maßregeln; statt Beweise zu bringen, überhäufen sie uns mit Schmähungen". Dr. Gouraud, Arzt in Paris, ur¬ teilt folgendermaßen über diese Gegner: „Die An¬ griffe auf Lourdes gingen von Autoren aus, die sich begnügten, aus der Ferne und nach dem allge¬ meinen Gerede der Leute zu schreiben, oder die, nachdem sie auf einige Stunden zu irgendwelcher Jahreszeit hieher kamen, nicht zögerten, ein ebenso dokumentiertes als definitives Urteil zu fällen". In den letzten Jahren scheint sich endlich ein ernster Gegner ans ärztlichen Kreisen gegen Lour¬ des zu erhöben. Es ist Dr. Aigner, praktischer Arzt in München. Sehr befremdend ist es, daß sich in Frankreich kein ernst zu nehmender Gegner aus dem Stande der Arzte zum Wort gemeldet hat. Frankreich hat doch weitaus die meisten Pilger. Denn von 324 Pilgerzügen, die 1910 nach Lourdes kanieu, waren 255 aus Frankreich. In Frankreich gab es allerdings einen Gegner von Lourdes, aber das war ein Romdnschriftsteller, Emil Zola, der 1894 seinen Roman „Lourdes" herausgab und den Wohl niemand ernst nahm. Seit Zola ist Dr. Aigner der erste, der sich als ern¬ ster Gegner von Lourdes die Aufgabe stellte, Lour¬ des zu bekämpfen. Anfänglich schrieb Dr. Aigner gegen Lourdes in Zeitungen, suchte die staatliche Be¬ hörde gegen Lourdes zu engagieren, verlangte von der kirchlichen Behörde präzise Stellungnahme zu den Wundern von Lourdes. Schließlich begab er sich selbst nach Lourdes und nach einem vierzehntägigen Aufenthalt daselbst begann er eine systematische Propaganda gegen Lourdes dadurch, daß er sich in großen Versammlungen ans Volk wandte. Bisher hatte Dr. Aigner in zirka dreißig bis vierzig Versammlungen darüber gesprochen. Seine Ver¬ sammlungstätigkeit erstreckt sich auf Deutschland - 6 - und Österreich. In Österreich hat er bisher solche Versammlungen in Graz, Wien, Linz, Brünn, Marburg, Klagenfurt, Villach und in einigen Städten Mährens, Böhmens und Schlesiens abgehalten. In den ^Versammlungs-Aufrufen ladet Dr. Aigner insbesondere Ärzte und Vertreter des Klerus zur Beteiligung an der Diskussion ein. Von katholischer Seite trat man Dr. Aigner in verschiedener Weise entgegen. In Deutschland soll sich nach wiederholter Versicherung des Doktor Aigner der Klerus an keiner einzigen öffentlichen Diskussion beteiligt haben. In Österreich dagegen ist ihm der Klerus, soweit wir unterrichtet sind, bisher in jeder Versammlung entgegengetreten. Die Argumente, die man gegen Dr. Aigner ins Feld führte, sind zum Teil in der überreichen Lite¬ ratur enthalten, zum Teile siüd dieselben der per¬ sönlichen Erfahrung entnommen; zum Teile sind sie in Zeitungen und Zeitschriften zerstreut. Da nun Dr. Aigner zweifellos einen systemp- tischen Kampf gegen Lourdes zu führen beabsich¬ tigt, da er es fast zu seiner Lebensaufgabe gemacht zu haben scheint, den „Lourdesschwindel" aufzu¬ decken, so dürfte es nicht unangebracht sein, unter einer einheitlichen Form das Thema „Dr. Aigner und Lourdes" zu behandeln. Diesen Zweck und nur diesen soll die vorliegende Broschüre haben. Es kann nicht Aufgabe der folgenden Seiten sein, alles positive Material anzuführen, das über Lourdes vorhanden ist. Diesbezüglich verweise ich auf die Literatur über Lourdes. Ich führe einige der wichtigsten Werke über Lourdes an: 1. Estrade: lls8 ^x>xarition8 äs llourä68, 8ou- VLnir8 ä'un tsinoin Mame 1899). 2. Dr. Dozous: lla (motte äs llouräs8 (Paris, Guerin-Müller). 3. Eros: blotrs Dams äs llouräs.8 1901. 4. Heinrich Lasserre: dlotrs Dams äs llouräes, 1869. (Unsere liebe Frau von Lourdes.) (9. Aufl.; übersetzt ins Deutsche von Hoffmann, 1909.) — 7 - 5. Dr. Boissarie: Lourdes und seine Geschichte vom medizinischen Standpunkt aus betrachtet, 1858 bis 1891. 6. Dr. Boissarie: Die großen Heilungen von Lourdes, (2. Auflage, 1902; übersetzt von Baustert.) 7. Mstoirs eritique äe8 ävonements äe llour- äss-^pparitions, ^uäri8on8, von Dr. Bertriu (1904) — zu Deutsch: Lourdes: Historisch- kritische Darstellung der Erscheinungen und Hei¬ lungen (übersetzt von Dr. Cron). 8. Baustert: Lourdes und seine Gegner vor dem Forum der Wissenschaft. 1913. Außerdem erscheinen in deutscher Sprache zwei Monatschriften: Lourdes-Rosen zu Donauwörth in Bayern, und: Illustrierte Lourdes-Chronik zu Linz in Österreich. Beide sind sehr zu empfehlen. (Bezugspreis für „Lourdes-Chronik" ganzjährig nur 4 X; beide sind sehr anregend geschrieben und behandeln die aktuellen Fragen von Lourdes in sehr interessanter Weise.) Das offizielle Organ des Konstatierungsbu- reaus in Lourdes ist das wöchentlich erscheineirde „Journal de la Grotte". Dem oben angegebenen Zwecke entsprechend, wird alsp zunächst die Rede des Dr. Aigner, die laut Zeitungsberichten überall fast wörtlich dieselbe ist, möglichst sinngetreu wiedergegeben und darauf soll die Erwiderung nach verschiedenen Gesichts¬ punkten folgen. In der Erwiderung soll jedoch die Gesamttätigkeit Dr. Aigners in dieser Sache berück¬ sichtigt werden. Zum Schluß ist die Disputation angesügt, die gelegentlich des Vortrages des Dok¬ tor Aigner in Villach in Kärnten am 11. Novem¬ ber 1913 statffand, damit weitere Kreise er¬ fahren, in welchem Rahmen sich eine öffentliche Behandlung dieses Gegenstandes in einem Zeit¬ räume von vier Stunden bewegen kann. Sollte dieses Büchlein in etwas dazu beitragen, die Ver¬ teidigung von Lourdes gegen die Angriffe der Geg- 8 — ner zu erleichtern und die Ehre unserer lieben Frau von Lourdes zu retten, so würde das der schönste Lohn für die Mühe sein, die auf diese Schrift verwendet wurde. Der göttlichen Vorsehung aber danken wir innig, daß 'sie uns Gelegenheit gab, unser Wort zur Ehre und zur Verteidigung der Madonna zu ergreifen. Schließlich fühle ich mich verpflichtet, den hoch¬ würdigen Herren Theologteprofefsoren Dr. Mi¬ chael G a t t e r e r 8. ,1. und Dr. Franz Som¬ ni e r e g g e r für die wertvollen Anregungen und Beiträge zu danken, die ich von ihrer Seite empfan¬ gen hab^. Wegen der Wochentangen Arbeitseinstellung der Schriftsetzer ist leider eine unliebsame Verzögerung in d>er Fertigstellung dieser Schrift eingetreten. Der Verfasser. Rede des Dr. Aigner über die Wunder von Lourdes. Zu Beginn seiner Rede bemerkt Dr. Aigner, daß der große Besuch der Versammlung ein Beweis sei, wie hochaktuell das Thema „Die Wunder von Lourdes" sei. Die Versammlungen hätten gewöhn¬ lich bis Mitternacht und darüber hinaus gedauert, ein Beweis, welches ^Interesse die Bevölkerung aller Schichten diesem Thema entgegenbringe. Sein Thema lautet also: „Die Wunderheilun¬ gen von Lourdes". Wunderheilungen seien Heilungen, deren Vor¬ gang sich nicht mchr mit den wissenschaftlichen Er¬ fahrungen erklären lasse. Solche Munderheilun- gen sollen nun in Lourdes, dem kleinen Städtchen am Südabhange der Pyrenäen, Vorkommen. Nach einer kurzen 'Schilderung der Erscheinung der Mutter Gottes in Lourdes betont der Redner aus¬ drücklich, daß diese Erscheinung ein 14jähriges Mädchen gesehen haben wolle, und niemand an¬ derer außer diesem habe Maria gesehen, obwohl Tausende von Leuten an Ort und Stelle zugegen waren. Auf die Aussagen eines 14jährigen Mäd¬ chens hin hätte man an diese Erscheinungen ge¬ glaubt und Lourdes sei 'allmählich zum größten Wallfahrtsort der Welt geworden. Denn eine äußerst rege Propaganda sichre jetzt jährlich zirka - 10 - eine Million Pilger aus aller Herren Länder nach Lourdes. Die erste Frage sei nun: Wie tritt die Lourdes- agitation an uns heran? Zunächst führte der Red¬ ner einige Zitate aus Blättern an, wo von ver¬ schiedenen Wunderheilungen die Rede sei, an denen kein Wort wahr sei. Diese Blätter kommen unter die Bevölkerung und diese, im guten Glauben und Vertrauen auf die Nichtigkeit der wiedergegebenen Schilderungen, lasse sich bestimmen, gleichfalls nach Lourdes zu pilgern. Jahr und- Tag werde dann gespart, um die nötigen Gelder für die weite Reise nach Lourdes zusammenzubringen. So komme es, daß Tausende und Abertausende nach Lourdes pilgern. Der Referent habe es erlebt, daß er'von einem kranken Pilger, den er fragte, ob er Wunder erlebt hätte, die eine Antwort bekam: „Ja, ich habe das eine Wunder erlebt, daß ich wieder gesund nach Hause -gekommen bin". Geradezu gemeingefährlich sei aber jene Form der Lourdesagitation, die Sie hier vor sich sehen. (Dr. Aigner zeigt dem Publikum eine Flasche Lour- deswasser.) Dieses Wasser stammt aus jener Heil¬ quelle in Lourdes, die bei einer Erscheinung- der Madonna hervorgesprüdelt sein soll. Diese Flasche habe er um eine Mark in München gekauft; in Wien, überhaupt in Österreich, koste dieselbe 2 Kro¬ nen. Denn der Fiskus hätte entdeckt, daß sich dabei ein ganz gutes Geschäft machen ließe, und hätte infolgedessen das Lourdeswasser mit Einfuhrzoll belegt. Angesichts dieser Tatsachen! sei es Pflicht eines gewissenhaften Arztes, der noch ein Gefühl für die Menschheit habe, zur Aourdesfrage endlich einmal Stellung zu nehmen. Der Redner habe nun ver¬ sucht, bei den Staatsbehörden, bei den Ärzten und bei den kirchlichen Behörden eine Aktion gegen diese Propaganda für Lourdes einzuleiten. Man wollte jedoch davon nichts wissen. Deshalb habe er sich entschlossen, unter das Volk zu gehen. Im deut- — 11 — schon Volke sei noch so viel ehrliche Wahrheitsliebe, sei noch so viel gesunder Sinn, um Lourdes richtig beurteilen zu können. Und das Volk habe bisher seine Hoffnungen nicht getäuscht. Schließlich wer¬ den durch das Volk auch der Staat, die Kirche und die Ärzte gezwungen, endlich einmal ein entschie¬ denes Wort in der Lourdes-Frage zu reden. Wäre Lourdes wirklich jene Wunderstätte, als welche sie ausgegeben werde, dann wäre es Pflicht der Arzte, alle Leute nach Lourdes zu schicken, umgekehrt, wenn sich die Vorgänge in Lourdes nur auf Sinnestäuschungen und künsti- liche Steigerung der Willenskraft, hervorgerufen durch eine besonders suggestiv wivkende Anlage der Äußerlichkeit, gründen, dann sei es nicht bloß Pflicht der redlichen Ärzte, sondern vorzüglich Pflicht der katholischen Priester, gegen solche Wun¬ dermache Zu protestieren. Dieses Jahr sollen in Lourdes wieder 200 bis 300 Unglückliche Heilung gefunden haben, welche die Ärzte als unheilbar er¬ klärten. Werde nun die Unhaltbarkeit solcher Fälle nachgewiesen, so hätten vorab die bischöflichen Or¬ dinariate und der Vatikan gegen solche Täuschun¬ gen aufzutreten. Der Redner verweist nun aus das Konstatie¬ rungsbureau in Lourdes, woselbst u. a. ein achtzig¬ jähriger Arzt, Dr. Boissarie, seit mehr als zwanzig Jahren seines Amtes waltet. Der Referent be¬ spricht hierauf in seiner Weise das Buch von Boissarie, welches auf 500 Seiten eine Reihe von Heilungen behandelt. Dieses Buch sei sehr verfüh¬ rerisch geschrieben und zu seinem Erstaunen hät¬ ten Ärzte, denen er das Buch geschickt habe, erklärt, nach der Lektüre dieses Buches hätten sie ihre An¬ sichten zugunsten von Lourdes geändert. In Lour¬ des verlasse man sich, so fährt Dr. Aigner fort, vielfach nur auf die Angäben der angeblich geheil¬ ten Personen, ohne sie näher zu untersuchen, und mit derlei Ergebnissen trete man dann vor die Öffentlichkeit. 12 - Doch auch noch von einem anderen Ge¬ sichtspunkte aus, meint der Referent, ist die Agi¬ tation für Lourdes verwerflich, nämlich vom volks¬ wirtschaftlichen Standpunkte aus. Unzählige Mil¬ lionen wandern von Österreich und Deutschland alljährlich nach Lourdes, und wenn man sehe, wie arme Leute, als Opfer dieser Agitation, ihre Hel¬ ler zusammenlegen, um die für eine Lourdesreise notwendigen 200 Lis 300 lv züsammenzubringen, da müsse sich jedem Menschen die Überzeugung auf- drängen, daß es nun endlich an der Zeit ist, die¬ sem ein Ende zu bereiten. Won Deutschland allein wandern jährlich zirka 50 Millionen Mark nach Frankreich. ch -i- * Mr Frankreich bedeute Lourdes eine wirt¬ schaftliche Frage! Die Abgeordneten des südlichen Frankreich! hätten im französischen Senat gegen eine eventuelle Sperrung von Lourdes entschieden Stellung genommen, denn sowohl die Eisenbahn als auch Privatleute zögen von Lourdes einen ganz erheblichen Nutzen. rj- ri- >r- Um nun nicht sehlzugehen, um wirklich alles zu tun, was die exakte wissenschaftliche Forschung ver¬ langt, begab sich Dr. Aigner im August 1912 selbst nach Lourdes. Die Reise ging über Paris, wo sich ihm ein französischer Professor, namens Chide, an¬ schloß. Vierzehn Tage habe er in dessen Gesellschaft in Lourdes zugebracht. Acht Tage habe er sich in¬ kognito ausgehalten, um überall alles ganz unge¬ hindert beobachten zu können. Die zweite Woche habe er im Konstatierungsbureau gearbeitet. Welche Eindrücke hat er nun in Lourdes selbst empfangen? - 12 - Ganz Lourdes sei dazu angetan, uni die größte suggestive Kraft auf die Besucher auszuüben. Lourdes habe Tag und Nacht keine Ruhe; immer bringen die Züge neue Massen; der menschliche Geist habe zur Sammlung keine Zeit. Die Sakramentsprozessionen mit ihrem großen Ge¬ pränge üben aus die Menge einen faszinierenden Eindruck aus. Die Prozession zieht vorüber, alles steht in tiefster Erregung; auf einmal ertönt ein Ruf: „J ch b i n g e h eil t!". Der Ruf pflanzt sich lawinenartig fort. Die Menge hört von oer Heilung, üas Individuum selbst aber ist nicht geheilt, es hat sich selbst getäuscht, es hat die Erregung des Augen¬ blickes, welche in ihm Wohlbefinden hervorrief, für Heilung gehalten und später die bittere Erfahrung gemacht, daß es mit der Heilung nichts sei; so war es zum Beispiel bei einem angeblich von einem Herzfehler Geheilten. Der Herzfehler war nach wie vor da, nur durch die ganz enorme Auspeitschung des Gemütes und die kolossale Aufreizung der Ner¬ ven konnte sich der Leidende einer momentanen Täu¬ schung hingeben. Wenn sich dann solche Leute die Heilung bescheinigen lassen, eine Heilung, welche gar nicht vorhanden ist, so kann man das nicht an¬ ders nennen als einen Rausch. Ist der Rausch ver¬ flogen, dann folgt die Nüchternheit und damit die Rückkehr zürn alten Leiden. Oder ein anderes Beispiel: An einem heißen Sommernachmittag im August entstand auf der großen Esplanade vor der Basilika ein Volksaus¬ lauf. Immer größer und größer sei die Schar geworden, und auf die Frage, was geschehen sei, wurde von einer Heilung erzählt. Ein Irländer, der jahrelang gelähmt war und nur gestützt von zwei Damen sich fortbewegen konnte, konnte plötzlich gehen. Er wurde ins Kon¬ statierungsbureau gebracht und untersucht. Und welche Bewandtnis hatte es mit der Heilung? Die Lähmungserscheinung war gewichen und vor der Seelen- und Willenskraft war für kurze Zeit die — 14 - Henimiwiserscheinung zur'ückgetreten, etwas, was auf ganz natürliche Wvksr seine Erklärung findet. An: nächsten Tage war der Rückfall da. Im Konstatierungsbureau sei er mit ausge¬ suchter Höflichkeit vom Chef des Bureaus, Doktor Boissarie, ausgenommen worden. Besonders Dok¬ tor Gouraud, ein Arzt aus Paris, ging ihm an die Hand, mit ihm hätte er einige Fälle von angeb¬ lichen Heilungen untersucht. Aber wählend seines Aufenthaltes konnte er nicht einmal eine eigent¬ liche Besserung in irgend einem Falle, geschweige denn eine völlige Heilung konstatieren. Ein sehr abfälliges Ärteil fällte Dr. Aigner über die Zeitungsreklame von Lourdes. Auf allen Ecken und Enden werde man von ZeitungZverkäu- fern belästigt, welche mit lauter Stimme die neuesten angeblichen Wunder verkünden. Doktor Aigner habe diese Zeitungen regelmäßig verfolgt: So z. B. La voix de Lourdes, Le Messager de Lourdes, La croix, de Lourdes uslwt Diese Zeitungen find sonst 'zwar alle fran¬ zösisch! Doch siehe da! Zur Zeit der deutschen Pil¬ gerzüge erscheinen in diesen Zeitungen plötzlich deutsche Wunderberichte. Dr. Aigner zeigt eine solche Zeitung, die auf der ersten Seite in großen Lettern in deutscher Sprache die Wunder auspo¬ saunt. Direkt Betrug aber sei es, wenn dieselben Wunderberichte über Vers ch i e d e n e Personen abgedruckt werden. So z. B. bringe „Messager de Lourdes" vom 10. August genau denselben Text wie der vom 24. August. Nur das Datum und der Titel wurden verändert. Am 10. August war es angeblich die Heilung eines Irländers, am 24. August wird derselbe Heilungsbericht über einen Deutschen erzählt. Das ändert sich nach der Na¬ tionalität der Pilger, die gerade anwesend sind! Also ein Betrug schlimmster Sorte! Auf eine dies¬ bezügliche Anfrage Dr. Aigners habe der Redakteur geantwortet: Da sich das Publikum ändert, brau¬ chen wir den Tert nicht zu ändern. — 15 — Nach all diesen Erfahrungen habe er beschlos¬ sen, mit aller Energie die Lourdes-Frage zur Lö¬ sung zu bringen. Ihn dauere das arme betro¬ gene VoK, das er von dem „welschen Charlata- nismus" befreien wolle. Er habe sich an die Ärzte gewendet. Die Ärzte seien eines Sinnes mit ihm, sie erklärten, für sie sei es ohnedies ausgemachte Sache, was Lourdes sei, sie bedürfen keiner Auf¬ klärung. Autoritäten auf dem Gebiete der medi¬ zinischen Wissenschaft hätten die Exaktheit seiner Forschung anerkannt. Dr. Aigner wandte sich auch an die staat¬ liche Behörde und machte auf die Unzukömmlich¬ keiten der Lourdesagitation aufmerksam, aber un- begreiflicherweise lege die Staatsgewalt die Hände in den Schah und will an der Sache nichts rüh¬ ren. Natürlich! es handelt sich um eine klerikale Sache und infolgedessen will man nicht zugreifen. Er habe sich an die kirchlichen Behörden gewen¬ det und habe hiebei alle nötigen Formen eingehal¬ ten! Aber keine einzige kirchliche Behörde habe den Mut gehabt, öffentlich für Lourdes einlzutreten. Interessant sei die verschiedene Art der Beantwor¬ tung seiner Anfrage. Der Vatikan hätte überhaupt nicht geantwortet. Die apostolische Nunziatur in München erklärte, daß sie nicht kompetent sei; denn Lourdes liege nicht im Bereiche ihres Jurisdiktionsgebietes; das erz- bischöfliche Ordinariat München antwortete, daß es auf derlei private Anfragen nicht zu antworten pflege, das Ordinariat Regensburg antwortete: „Nach Durchsehung Ihres Briefes werden Ihre Retourmarken im Anschlüsse zurückgeschickt". Sehr aufklärend hätten mehrere Prozesse gewirkt, die er wegen der Lourdeswunder schon vor verschie¬ denen Gerichten äbgeführt habe. Bisher seien es zwölf und in allen sei er Sieger gewesen. Unter anderem habe er in einem Prozesse in Linz gegen den Pfarrer van der Bom gesiegt, was bei der Zu¬ sammensetzung der Geschworenen in Ling (!!!) ge- - 16 — miß sehr bezeichnend sei. Pfarrer van der Born hätte nämlich 1905 einen Preis von 1000 L für jenen ausgeschrieben, der die Heilung Peter de Rudders in Oostacker (Belgien) auf natürliche Weise erklären oder deren -geschichtliche Wahr¬ heit aus triftigen Gründen- leugnen könne. Im Jahre 1908 habe sich Dr. Aigner um diesen Preis beworben, und von beiden Seiten seien dann je zwei Schiedsrichter gewählt worden. Wer über den Vorsitzenden der Kommission konnte keine Eini¬ gung erzielt werden. Dr. Aigner schlug als Vor¬ sitzenden schließlich einen deutschen Bischof und endlich gar den Vatikan vor, aber van der Born lehnte beide ab!! Im Verlaufe Der Verhandlungen ließ sich Pfarrer van der Boni zu beleidigenden Äußerungen hinreißen, und in der Ehrenbeleidi¬ gungsklage, die dann zu Linz (1911) 'stattfand, wurde van der Bom zur Geldstrafe von 150 X und zur Tragung der Gerichtskosten verurteilt, was zusammen beiläufig die Höhe des ausgeschrie¬ benen Preises von 1000 1< ausmachte. Noch bezeichnender sei ein anderer Prozeß, der im Mai dieses Jahres in München abgeführt wurde. Der Sachverhalt war kurz folgender: Ein Mann, Lorenz Müller aus Schwaben, sei in Lour¬ des angeblich von einem Rückenmarksleiden geheilt worden. Dieser erzählte nun dem Stadtpfarrer Fink von Jsnp, daß er in München bei Dr. Aigner vorgesprochen habe, um von ihm die Heilung kon¬ statieren zu lassen. Dr. Aigner aber hätte ihn ab¬ gewiesen unter dem Vorwande, daß er keine Zeit habe. Stadtpfarrer Fink beleuchtete dies auf einer Versammlung in kräftigen Ausdrücken und kon¬ statierte, daß der Monismus vor Lourdes zurück¬ weichen müsse. Der Bericht darüber erschien im „Jsnyer Tagblatt", das von Otto Frick redigiert sei. Dr. Aigner wandte sich sofort an den Herrn Stadtpfarrer um Aufklärung, erhielt aber keine Antwort. Er strengte deshalb eine Ehrenbeleidi¬ gungsklage gegen Stadtpfarrer Fink und Redak- — 17 — teur Frick an. Hiebei stellte es sich nun heraus, daß Müller überhaupt gar nicht in München war! Tenn als er seine Aussagen beschwören sollte, gab er schließlich 'kleinlaut bei, gar nicht in München gewesen zu sein. Den Mann ließ Dr. Aigner lau¬ sen, Pfarrer Fink aber wurde zu 200 Mark, Frick zu 300 Mark Strafe verurteilt. Und dieser Müller habe 28 Versammlungen im Interesse derLourdesagitation abgchalten, jene aber, die ihm den Weg ins Volk geebnet haben, wären die Priester. Wie kann man dann noch sagen, daß die Ge- richtsprozesse belanglos seien? Dr. Aigner behaup¬ tet, daß im Gegenteil gerade die Prozesse der ein¬ zig mögliche Weg seien, um endlich einmal Licht in die ganze Lourdesangelegenheit zu bringen. Die Skioptikonbilder. Dr. Aigner pflegt bei seinen Vorträgen zirka 36 Skioptikonbilder von Lourdes und den Vor¬ kommnissen dortselbst zu zeigen. Jin folgenden sol¬ len die Bemerkungen, die Dr. Aigner an die Bil¬ der, die in technischer Beziehung übrigens sehr schön sind, knüpft, skizziert werden. Hiebei dürfte viel¬ leicht manchmal die Reihenfolge eine andere sein-, als sie Dr. Aigner einhielt, auch, dürften manche Bilder von geringerer Bedeutung übergangen sein. Im ersten Bilde wird die Ankunft der Kran¬ ken aus dem Bahnhofe gezeigt; die Kranken wer¬ den auswaggoniert, machen teilweise einen ver¬ zweifelten Eindruck in ihrem Elende; sie werden dann aus Tragbahren und in Rollstühle gebracht und in die Spitäler getragen oder gerollt; das seien ganze rollende Spitäler. Ein zweites Bild zeigt eine Szene vor dem Spi¬ tal. Infolge der zahlreichen Kranken sei es unmög¬ lich, im Spitale allseitig für eine gute Unterkunft zu sorgen. — 18 — Ein drittes Bild zeigt die drei Kirchen (die Krypta, die RosenkranMirche und die Basilika), die sich terrassenförmig — eine über der anderen — auf dem Felsen Massabielle erheben. In Hufeisensorm führen von den hochgelege¬ nen Kirchen zwei herrliche Steintreppen zur pracht¬ vollen, weit ausgedehnten Esplanade, auf der sich die Sakramentsprozession zur Zeit der großen Wallfahrten entwickelt. In einem vierten Bilde wird Lourdes in nächt¬ licher Beleuchtung gezeigt; die Türme und Zinnen der Basilika sind elektrisch beleuchtet, und da die Konturen des Bauwerkes im Dünkel nicht zu sehen sind, so sieht man nur die zahllosen Glühlichter. Wenn in Lourdes eine üb e r n a t ürli ch e Kraft wirksam sei, wozu verwende man dann natürliche Hilfsmittel, um den Eindruck zu heben? Ein fünftes Bild zeigt die Sakramentsprozes¬ sion auf der Esplanade; an den beiden Längsseiten sind Hunderte von Rollstühlen und Tragbahren ausgestellt, auf denen die Kranken auf die Ankunft des Allerheiligsten warten. In feierlicher Prozes¬ sion toerde nun das Allerheiligste gebracht; ein französischer Abba stehe in der Mitte des Platzes und rufe mit exaltierter Stimme verschiedene In¬ volutionen aus: „SeiMLur, til8 äe vavlä avox pltle äs nous" — „Lelgneur, kaltes gue ss vole", „Lslzneur, kaltes gue se marolls" usw., („Herr,, Sohn Davids, erbarme dich unser!" — „Herr, mache, daß ich seihe", „Herr, mache, daß ich wandle".) Unten auf der Esplanade und oben auf der Balustrade, auf dem Wege rechts und links wieder¬ hole das zahllose Volk diese Jnvokationen, die Be¬ geisterung steige von Minute zu Minute, das aller¬ heiligste Wtarssakrament werde weitergetragen, fe¬ der einzelne Kranke wird gesegnet, plötzlich geht ein Ruf durch die Menge: Miracle, Miracle! (Wun¬ der!) — Ig — Ein Kranker hat sich erhoben und wird von der Menge unter einem Beifallssturm' von nicht en- denwollenden Zurufen in das Konstatierungs- bureau getragen. In einem weiteren Bilde wird eine Gruppe deutscher Pilgerinnen gezeigt; es sind das einfache Frauen und Mädchen, naive Seelen, welche laut betend einherziehen. An den 'Gesichtern derselben könne man sehen, daß diese leicht, ge — führt werden. Das nächste Bild zeigt eine dichtgedrängte Volksmenge, die sich auf den zur Basilika anstei¬ genden Straßen ausgestellt hat. Ihr Geisteszustand und ihre Aufregung sei an den Gesichtern leicht zu erkennen. Dr. Aigner zeigt mit dem Stabe auf drei Frauen, die ihm besonders verzückt zu fein schei¬ nen. Aus den Mienen und Gesten sehe man, daß sie von einem einzigen Gedanken beherrscht seien und daß alle auf einen Punkt hinstarren und hinzeigen. Ein anderes Bild zeigt eine französische Pilger- grusipe; in der Front sicht man zahlreiche franzö¬ sische Abbes. Der Klerus ist also sehr stark betei¬ ligt. Dr. Aigner zeigt einen französischen Bischof, den Bischof von Digne, mit dem er später im ärzt¬ lichen Konstatierungsbureau zusammentraf. Als nämlich Dr. Aigner im Konstatierungsbureau an der Untersuchung der Kranken sich beteiligte, trat einmal dieser Bischof ein. Und Dr. Boissarie stellte Dr. Aigner dem Bischof mit folgenden Worten vor: C'est un de plus incradules (— dieser ist einer der Ungläubigsten), worauf der Bischof so¬ fort antwortete, er solle ihm eiüe bestimmte Frau zeigen, die eben geheilt worden sei (er nannte den Namen). Da antwortete Dr. Boissarie: „Das ist eine Heilung für die Menge, nicht für Ärzte (pour la foule, Pas pour les mLdicins)". „So also," fährt Dr. Aigner fort, „urteilt ein Bischof in einem Augenblick, wo er jedes Wort auf die Wagschale legen sollte, und Dr. Boissarie 'mußte 2* — 20 — ihm dann öffentlich diese vernichtende Antwort ge¬ ben." Ein weiteres Bild zeigt die Grotte unter dem Massabielle-Felsen, rechts oben in einer Nifche ist die Statue der Madonna. Davor beten Leute in Verzückung mit ausgebreiteten Armen. An diesen Leuten sind klare Anzeichen von.religiösem Über¬ eifer und Suggestion zu bemerken. Hier soll Berna¬ dette Soubirous, ein 14jähriges Mädchen, die Ma¬ donna achtzehnmal gesehen haben, und zwar nur sie, sonst niemand, obwohl Tausende diesen Szenen beigöwohnt haben. Links sind an der Felswand zahllose Krücken aufgehängt, die die Geheilten als Andenken an ihre wunderbare Heilung zurückgelas- sen haben sollen. Der 'Eindruck dieser zahllosen Krücken ist ein ganz außerordentlicher und ein Suggestionsimittel, wie kein zweites. Wer mag wohl diese Krücken aufgehängt haben? Während der Zeit, als Dr. Aigner dort war, sei kein« neue Krücke hinzugekomm-en, es wäre kein Anlaß dazu vorhanden gewesen. Es herrsche hier eine weihevolle Stimmung, die nur durch ein monotones Geräusch unterbrochen werde, nämlich durch das Fallen der Geldstücke in den 'Ostferstock. In der Grotte bren¬ nen zahllose Kerzen. Die Kerzenindustrie sei eine blühende. Millionen von Kerzen werden in Lour¬ des verbrannt. Links von der Grotte sei eine Auf¬ schrift angebracht, die besagt: „Vor Taschendieben wird gewarnt!". Diesbezüglich scheine man keine Wunder zu erwarten/ Ein weiteres Bild zeigt links von der Grotte die Piszinen; durch Röhren werde nämlich das Was¬ ser der Lourdesquelle, welche bei einer Vision der Bernadette plötzlich hervorgesprudelt sein soll, in Reservoirs geleitet und von dort in die Badewan¬ nen. In den Piszinen seien selbstverständlich die hygienischen Maßregeln unzulänglich; denn bei dem großen Massenandrang und bei der verhältnismä¬ ßig schwachen Ergiebigkeit der Quelle sei es nicht — 2l — möglich, das Wasser immer zu wechseln; man könne sich also ausmalen, was für Zustände da herrschen. In dem nächsten Bilde werden wir in das Kon¬ statierungsbureau geführt. Bei Tisch sitzen Doktor Boissarie als Chef des Bureaus, Dr. Koks, Assi¬ stenzarzt, dann der Sekretär des Bischofs von Lourdes, einige fremde Ärzte und Abbes. Das Bureau sei ein kleiner, beengter Raum. Es finde sich kein ärztliches Instrument in demselben vor. An den Wänden hängt eine große Anzahl von Bil¬ dern der Geheilten, unter ihnen auch jene Frau Rouchel aus Metz, die längst nicht mehr hin gehöre. -Dr. Aigner beschreibt einige Svenen im Kdn- statiernngsbUregu. In den kleinen, kaum hundert Personen fassenden- Raum drängen sich zahllose Personen. E i n Kranker kommt nach dem andern. Jeder will untersucht werden. Jeder will ein Attest erlangen, daß er geheilt sei. Es kommt einer, ein zweiter; es kommen fünfzig an einem Tage, aber nichts, keine Heilung wird -konstatiert. Im Konsta¬ tierungsbureau kommt Dr. Aigner mit einem Arzte aus Paris zusammen, Dr. Gourand, dem Bruder des berühmten französischen Generals in Afrika. Mit diesem hat er einige Fälle untersucht. Es kommt ein Vater mit seinem Knaben und ver¬ langt durchaus, es soll die Gesundheit des Knaben konstatiert werden. Aus den ersten Blick gewahrt man jedoch, daß der Fuß nachgibt, daß der Kranke sich stützen muß. Von einer Heilung also gar keine Rede. Dr. Gouraub meint, man müsse die Leute schonen. Er sagte dem Vater, er möge nach einer Stunde wiederkommen. Der Vater kommt ein zweites Mal, ein drittes Mal, er kommt morgen wieder — die 'Krankheit ist noch immer da. Dann allerdings bleibt er begreiflicherweise aus. Eine andere Szene: Durch die vergitterten Fen¬ ster sieht man eine Menschenmenge herbeiwogen. Es erhebt sich ein Beifallsklatschen, das sich allmäh¬ lich zu einem brausenden Sturm verdichtet. Ein dröhnender Ruf erfüllt die Lust: Miracle, miraclc! — 22 — Tas sind Erscheinungen von Massensuggestion und Fanatismus, wie sie Dr. Aigner nur im Oriente, in Indien, Japan und China gesehen hatte. Die Leute wollten absolut ein Wunder. Und was ergibt sich? Das Konstatierungsbureau muß erklären, es sei keine wirkliche Heilung. Nun zeigte Dr. Asgner einige, wie >er meint, nur angeblich Geheilte. Cs kommt das Bild von Peter de Rudder, der in Belgien, in Oostacker, in einer Kapelle, die der Madonna von Lourdes ge¬ widmet ist, geheilt worden sein soll. Es handelt sich uni einen komplizierten Beinbruch. Lächerlich sei es, dckß ihm ein österreichisches Blatt Vorhalte, Peter de RNdder sei nicht in Lourdes, sondern in Belgien geheilt worden; also scheine es auch dort ein Lourdes zu geben. Ein anderes Bild zeigt Madame Rouchel aus Metz, die am 6. September 1903 plötzlich von einem Lupus im Gesichte geheilt worden sein soll. Zunächst bemängelte Dr. Aigner, daß das Bild absichtlich so ausgenommen worden sei, daß die ge¬ heilte Wange beschattet sei. Tann bemerkt er, daß der Prozeß von Metz, zu dem sowohl Dr. Boissarie als auch Frau Rouchel vovgeladen -ivaren, aber nicht erschienen seien, ergeben habe, daß der Lupus nicht geheilt sei. Auch habe er die Frau selbst gesehen, von einer Heilung konnte keine Rede sein, die Frau sei dann auch pünktlich an Lupus gestorben. Und diese Heilung gelte als eine der hervorragend¬ sten und bekanntesten!!! Das Konstatierungsbureau stellte sie fest und das Bild der Frau Rouchel hängt im Bureau. Ein anderes Bild zeigt ein geheiltes Auge. Dr. Aigner behauptet, daß das Bild des geheilten Auges ein anderes sei, als das Bild des kranken Auges. Also in diesem Falle würde direkter Be¬ trug vorUegen. So arbeitet man im Konsta¬ tierungsbureau, schloß Dr. Aigner daraus. Hie und da gelinge es eben, etwas Material .aus diesem Bureau heraustzugichen. — 23 Dorm zeigte er mehrere Bilder von dem angeb¬ lich am 23. August während seiner Anwesenheit geheilten Mädchen, Marie Renault. Dieses Mäd- .chen hatte eine Entzündung am rechten Handgelenk. Dr. Aigner untersuchte selbst das Mädchen und gab eine eigentliche Heilung nicht zu. Ein Arzt, dessen Namen er nicht verraten könne, teilte ihm später mit, daß das Mädchen wieder rückfällig geworden sei. Nun Zeigte Dr. Aigner einige Straßenbilder von Lourdes. Hiebei machte er die Zuschauer auf¬ merksam aus die Geschäftsreklame, die sich heiliger Namen, besonders des Namens der Madonna, dann Aussprüche der Heiligen Schrift, besonders des Wortes „Katholisch", bediene, um möglichst viele Käufer anzulocken. Ein Geschäft trage den Namen „Alliance catholique" in fünffacher Auf¬ schrift; also werde man Wohl überzeugt sein, daß es katholisch ist. Es soll das eine Aktiengesellschaft sein, die jährlich 230.000 Franken Reingewinn mache und 80 Prozent Dividende auszahle. Der 'Hauptaktionär dabei ist ein Jude Weil, wie die „LourdesMosen" selbst schreiben. Dann «zeigte Dr. Aigner eine Frau mit einem Bündel Kerzen, also eine Kerzenverkäuferin, und einige Zeitungsausträger. Schließlich sah man auf einem Bilde seinen Freund, Prof. Chide. Hiebei erzählte er folgenden Vorfall: Durch die Zeitung war unsere Anwesen¬ heit allgemein bekannt geworden und von Geist¬ lichen, Laien und Ärzten wurden wir auf Schritt und Tritt über das Ergebnis unserer Untersuchung befragt. Das geschah oft in einer Form, die die Stellungnahme des Fragestellers außer allem Zweifel ließ. Unser Begleiter, ein Franzose, Pro¬ fessor der Philosophie, wurde von einem Geistlichen zu einer Diskussion veranlaßt. Bald nahm die um¬ stehende Menge gegen unseren Begleiter in unzwei¬ deutiger Weise Partei. Meine Frau und ich zogen uns, nichts Gutes ahnend, in unsere etwa einen — 24 — Kilometer entfernte Wohnung zurück. Bald näherte sich der Lärm einer immer näher kommenden Volks¬ menge von dem Boulevard de la Grotte. Das Pfei¬ fen und Schreien wurde teilweise von einem Ge¬ sang der Menge übertönt: Ave, Aloe Maria! Wer es war nicht der üblich klingende, langgezogene Rhythmus. In das Manscht e m p o -hatten die Heraukommenden die Melodie übertragen, und schon stürmte eine nach Hunderten zählende Volksmenge die Seitenstraßen herauf. A!n ihrer Spitze, von einem Dutzend Brancardiers geführt, unser Beglei¬ ter! Er flüchtete zu uns. „Man hätte mich bald erschlagen!" Mit diesen Worten stürzte er in unser Zimmer. Unten heulte die Menge. „Jl a insultö la vierge" (Er hat die Jungfrau beleidigt), so lauteten die Schlagworte. Unsere Wirtin brach in Tränen aus. Sie erzählte, ein Geistlicher, der den ersten Stock bewohne, 'habe schon erklärt, er könne nicht mähr länger in einem solchen Hause Wahnen, und wir warteten oben eingeschlossen, was die ihrer Leidenschaft in unzweideutiger Weise Ausdruck ge¬ bende Menge tun Würde. Es erschien darnach aller¬ dings der Ches der Polizei in unserer Wohnung und entschuldigte 'sich in der höflichsten Weise, aber wir packten unsere Koffer und verließen schleunigst am näMen Morgen Lourdes. Dann zeigte Dr. Aigner ein Bild des Bischof von Tarbes-Lourdes, Msgr. Schöpfer. Die¬ sen werde schließlich, meint Dr. Aigner, wenn alle Behörden, auch der Vatikan, die Verantwortung für die Vorgänge in Lourdes ablshnen, alle Schuld treffen an den ÜbeWnden und den skaüdalösen Vorgängen in Lourdes. Er habe den Bischof auf manches aufmerksam gemacht, er habe protestiert, daß das Bild der Ma¬ dame Rouchel im Konstatierungsbureau hänge, er habe protestiert gegen den Schwindel, den die Zei¬ tungen mit den Wundern von Lourdes treiben, fer- ners dagegen, daß alle Zeitungsreporter freien Zu¬ tritt ins Konstatierungsbureau erhalten. Der Bi- — 25 - fchof hätte die Verantwortung für diese Vorkomm¬ nisse abgelehnt und gesagt: „C'est le commerce! Das ist Geschäftssache!". Zum Schluss« führte Dr. Aigner das Bild eines zur Abfahrt bereit sichenden Krankenpilg,er- zuges vor! Die Kraniken Lnerden einwaggoniert! „Ein trauriges Bild," ruft Dr. Aigner aus! „Soi- xante dix Kranke find gekommen! Soixante dix Kranke fahren wieder aib! Also kein Geheilter!" (!Soixante dix — 70.) Damit schließt die Bilderserie. Antwort auf Dr. Aigners Vortrag. Alle jene, welche den Vortrag Dr. Aigners nicht angehört hatten, die nicht sein Mienenspiel beobach¬ ten konnten oder nicht Zeugen des Beifalles waren, den ihm das künstlich präparierte Publikum bei so manchen hämischen Bemerkungen zollte, werden, wenn sie dessen Ausführungen gedruckt vor sich se¬ hen, enttäuscht sein. Auf der Rednerbühne wirkte das rhetorische Auftreten Dr. Aigners und ersetzte teilweise das, was der Rede an Sachlichkeit man¬ gelte. Hier liegt die Rede vor, bar jedes rhetori¬ schen Ausputzes, und man muß sich unwillkürlich fragen: Ist das der in den Zeitungen so sehr ge¬ rühmte und vielbesprochene wissenschaft¬ liche Apparat Dr. Aigners gegen Lourdes? Man muß sich unwillkürlich fragen: I st das alles? In der Tat, wir haben mehr erwartet! Es scheint das alles, gar alles zu sein; denn dieselbe Rede wiederholt Dr. Aigner fast überall wörtlich bis auf den I-Punkt. Mit Recht hatte man erwartet, daß Dr. Aigner sich mit der von ihm so ost betonten ruhigen Sach¬ lichkeit auf eine natürliche Erklärung der durch Lourdes aufgeworfenen Probleme verlegen werde! Wir erwarteten ein reiches Material, wir erwarte- — 27 — ten genaue Analysen von -L i n e m w e n i F st L n s ganz kleinen Teil der dort vorgekommenen Heilungen! „Die Wunderheilungen von Lourdes" heißt sein Vortrag! Die MuNderh-ei-lungen nehmen Wohl den kleinsten Teil seiner Ausführungen ein, dagegen führt Dr. Aigner einen wahren Ball -a st von N e b e n 'sä .ch l i ch ketten mit sich-, die mit dem Problem der LoUrdeswunder sehr wenig zu tun haben Gerade dieser Umstand! erweckt einen recht mißlichen Eindruck. Ohne Instrumente, ohne Kranke, ohne -Kontrolle der Augenzeugen, ohne, oder besser gegen die in Lourdes bei den Heilungen anwesenden Ärzte hat es Dr. Aigner versucht, in zwei Stunden mit spie-lender Leichtigkeit Lourdes ab-zufertigen. Die Rede des Dv. Aigner ist gerade kein Mei¬ sterstück der Logik! Es dürften schon logischere Re¬ den. gesprochen und geschrieben worden sein. Soll man auf diese Rede replizieren, so ist man in Ver¬ legenheit, wo man anfangen soll. Regellos hinge¬ worfene Geistesblitze und plötzlich, auftauchende -apodiktische Sprüche waren von jeher zugkräftig für Zuhörer, die weder Lust, noch Zeit haben, sich mit Logik zu Plagen. „Haltet eure Gründe geheim, denn Gründe ma¬ chen das Volk argwöhnisch," so sagte einmal Nietzsche! Dieses Prinzip befolgt Dr. Aigner in seiner Rede. Um eine -Erwiderung zu ermöglichen, werden Wir es versuchen, in ein paar Sätzen Aig¬ ners Ausführungen in logischen Zusammenhang zu bringen. Als Monist, der die Existenz eines persönlichen Gottes leugnet, muß er von vornherein die Mög¬ lichkeit des Wunders leugnen. Es kann also für ihn auch in Lourdes keine übernatürliche Kraft in Betracht kommen. Denn eine solche gibt es nicht. Nach zweifacher Richtung hätte sich- diese Kraft be¬ tätigt: 1. Bei der Entstehung der Wallfahrt durch übernatürliche Erscheinungen. 2. Durch wunder¬ bare Heilungen. Aus der Entstehungsgeschichte sucht — 28 - Dr. Aigner das übernatürliche Element zu entfer¬ nen durch- ein Paar hämische Bemerkungen, ver¬ stärkt durch bezeichnendes Achselzucken; die 7000 Wunderheilungen von 1858 bis 1913 aber sucht Dr. Aigner dadurch zu entkräften, daß er an einige Fälle (Rouchel, Peter de Rudder, Huprelle, R«- naülts das stumpfe Seziermesser seiner unwissen¬ schaftlichen Kritik anlögt und zu beweisen sucht, daß diese Fälle keine Wunder sind. Daraus wird der Schluß gezogen: So sehen die Wunder von Lourdes im Lichte der Wissenschaft aus. Da also in Lourdes keine übernatürlichen Kräfte walten, so muß man einen natürlichen Erklärungsgrund suchen: und das ist die Suggestion. Ms Beweis da¬ für führt Dr. Aigner die ganze Ausmachung in Lourdes ins Treffen: die Prachtentfaktung, die Prozessionen, die Illuminationen usw. Daraus zieht Dr. Aigner den Schluß, das ganze Lourdes sei ein Riesenschwindel, der aufzudecken sei. Das Konstatierungsburoau ist nach! Dr. Aigner ein vom Klerus bestelltes Organ, das den: ganzen Lourdes- schwindel den Schein von Wissenschaftlichkeit ver¬ leihen soll. In demselben herrscht welsches Kur¬ pfuschertum und Scharlatanismus. Er appelliert an die Kirchenbehörden, an die Humanität, an den Staat, verweist auf die wirtschaftliche Schädigung und stellt die Zeitungsrsklame in und außer Lour¬ des als einen Skandal ersten Ranges hin. Das sind die Hauptgedanken der schriftlichen und mündlichen Ausführungen Dr. Aigners, und mit diesen wird sich die Entgegnung auf den folgenden- Seiten zu beschäftigen haben. Var allem muß die Frage aufgeworfen werden: Ist yr. Aigner kompetent für uns Katholiken, um über die Wunder von Lourdes zu Gericht zu sitzen? Doktor Aigner ist materialistischer Monist, das heißt, er gehört jener philosophischen Richtung an, welche einen persönlichen, über der stofflichen Welt — 29 — stehenden Gott nicht anerkennt. Wenn er auch in seinem Vortrage diesen seinen Standpunkt nicht so pointierte, so ist Dr. Aigner aus seiner sonstigen Tätigkeit in München als Monist bekannt; denn in München spielt er beim Monistenbund eine füh¬ rende Rolle, zeichnet Aufrufe, die dieser Bund her¬ ausgibt usw. Als Monist muß er von vornherein die Mög¬ lichkeit des Wunders leugnen; denn ein Gott, der nicht existiert, kann dock) kein Wunder wirken. Wir Katholiken müssen also Dr. Aigner in der Frage der Wunder von Lourdes als befangen ablelch nen; denn auch in einem Prozesse würden wir sicher keinen Advokaten nehmen, der schon von vornherein überzeugt ist, daß unsere Sache verloren ist, und auch gar nicht gesonnen ist, sie in allem Ernste zu ver¬ teidigen; ebenso lehnen wir einen Untersuchstngs- richter öfters als befangen ab, wenn wir wissen, daß er aus irgendeinem Grunde, z. B. aus ver¬ wandtschaftlichen Rücksichten, der Gegenpartei gün¬ stig gestimmt und dabei gleichsam persönlich enga¬ giert ist. Begriff und Möglichkeit -er Wunder. Die katholische Kirche, welche in eminenter Weife der theistischen Weltauffassung huldigt und einen persönlichen Gott anbetet, hält an der Mög¬ lichkeit der Wunder fest. Dabei faßt die Kirche den Begriff des Wunders viel schärfer auf als Doktor Aigner. Sie verlangt von einem Wunder mehr als Dr. Aigner. Nach Dr. Aigner sind Wunderheilun¬ gen solche, die jeder medizinischen Erfahrung zu- widerlaufcn und sich durch die medizinische Wissen¬ schaft nicht erklären lassen. Die Kirche aber ver¬ langt von einem Wunder, daß es die g e s amte Naturkraft übersteigt und direkt von Gott gewirkt wird zu einein bestimmten Zweck, da es keine an¬ dere Macht wirken kann — denn Wunderheilungen im Sinne Aigners könnten ja schließlich auch von - 30 - übermenschlichen Wesen, die die Nuturkraft besser kennen als die Menschen, zustande gebracht werden. Sobald man einmal die Existenz, -eines persön¬ lichen Gottes, eines höchsten Schöpfers und Welt- Laumeisters zugibt, kann man und muß man die Möglichkeit eines Wunders zugeben. Gott ist es, der mit völlig freiem Willen die Geschöpfe in unendlich vielen Abstufungen in das Dasein rief. Gott schuf freiwillig die tote Materie, er schuf die organisch belebte Welt der Pflanzen, der Tiere und der Menschen. Bei dieser Schöpfung konnte er kein anderes Ziel als die Offenbarung seiner Majestät und Herrlichkeit vor Augen haben. Dieses Lob und diese Verherrlichung vollführen die anorganischen und die organischen Wesen durch die Befolgung der Gesetze, die Gott selbst wiederum freiwillig in die Geschöpfe gelegt hat. In die Materie legte er z. Wi. das Gesetz der chemischen Verwandtschaft, der Schwerkraft, der An¬ ziehungskraft usw. Diese Gesetze find der Ausfluß des freien Willens Gottes und- Gott konnte ebenso gut auch, andere Gesetze in die Materie legen. Manch¬ mal kann es nun Vorkommen, daß Gott das, was sonst die Naturkräfte und Naturgesetze bewirken sol¬ len, selbst ausführt. Vor dem brennenden Feuer schützt Z. B. eine feuersichere Wand. Kann nun Gott das, was sonst eine solche Wand oder ein anderer, nicht verbrennbarer Stoff bewirkt, nicht auch! solbst bewirken? Kann Gott das nicht tun, was die ihm dienenden Geschöpfe durch jene Kraft tun, die sie von ihm evlangt !haben? Die Krankheit wird ge¬ heilt durch die Arzneien. Diese erhalten ihre Kraft von den Pflanzen usw. Kann nun Gott das, was eine Arznei, was eine Pflanze vermag, nicht auch direkt selbst bewirken? Hat nicht die Pflanze oder die Prznei ihre heilende Kraft von Gott? Kann nicht der Meister schneller, sicherer, leichter das voll¬ führen, was der Lehrling nur mit Mühe und Not ausführt? Kann nicht der Gelehrte besser, schnel¬ ler und sicherer das lesen und herausfinden, was — 31 — ihm sonst ein Idiot nur langsam vorstottern kann? Kann nicht die Sonne das Feuer im Ofen gründ¬ lich, leicht und ergiebig ersetzen? So also sind Wun- derheilungen möglich, die sonst durch Naturkräfte nicht möglich wären. -Allerdings, die Existenz Gottes ist hier vorausgesetzt. Nur wer nicht an Gott gkaubt, kann die Wunder leugnen. Ist Doktor Aigner ein Monist und leugnet er die Existenz Gottes, dann allerdings können wir uns über die Wunder nicht einigen. Wer da muß vorerst die Frage ausgesochten werden, ob es einen Gott gibt oder ni ch t. Dies e Frage muß- Dr. Aig¬ ner aufiwersen, nicht aber die Frage der Wunder. Dr. Aigner und die Entstehung der Wallfahrt in Lourdes. „Auf die Aussagen eines 1-4jährigen Mädchens hin, das unter Tausenden von Leuten allein- die Madonna gesehen haben will, habe man an die Erscheinungen der Madonna geglaubt!" Mit die¬ sen Worten sucht Dr. Aigner über die Entstehung der Wallfahrt in Lourdes Hi-Nwegzukommen. Damit will er jedenfalls andeuten, Bernadette habe betrogen oder sie sei betrogen worden; sie sei ein Opfer von Halluzinationen ge¬ worden. Wir müssen deshalb einen kurzen Rückblick auf die Entstehung der Wallfahrt von Lourdes werfen. Hiebei hakten wir uns an das beste Buch' über Lourdes, nämlich an die historisch-- kritische Darstellung' der Erscheinungen und Hei¬ lungen von Dr. Bertvin. Am 11. Februar 1868 fand die erste Erscheinung statt. Bernadette beschreibt die Madonna, welche ihr in der kleinen Felsennische vor der Grotte des Massabiellsfslsens erschien, mit folgenden Worten: „Die Frau war jung und schön, so schön, wie ich noch keine gesehen habe. Sie sah mich an, lächelte, winkte mir zu, näher zu kommen". Die Erschei- — 32 — nung dauerte solange, Lis Bernadette den Rosen¬ kranz zu Ende Letele. Nichts Verschwommenes, nichts Unentschiedenes war an der Erscheinung. Dos Mädchen hat alles ost beschrieben. „Die Dame," so sagte sie, „sieht aus wie ein Mädchen voll 16 bis 17 Jähren, sie trägt ein Weißes Kleid mit einem blauen Gürtel, der über den Rock herunterwallt bis zu den Mßen. Aus ihrem Haupt läßt ein weißer Schleier nur einen Teil ihrer Haare sehen. Er fällt hinten hinunter, indem er die Achsel bedeckt und bis an die Hüften reicht. Die Füße sind nackt, wer¬ den aber größtenteils durch Falten des Kleides ver¬ hüllt und aus jedem liegt eine goldene Rose. An ihrem rechten Arm hängt ein Rosenkranz mit wei¬ hen Korallen und goldener Kette." Das Mädchen hatte eine unwiderstehliche Sehnsucht nach der Grotte. Aber die Mutter ließ sie erst drei Tage nach der ersten Erscheinung wieder hingehen. Als sie dort einige Augenblicke aus den Knien im stillen betete, rief sie freudetrunken plötzlich wieder aus: „Sie ist da, sie ist da!". Nach dieser zweiten 'Erscheinung wallte die Mut¬ ter die Tochter mit einer Rute schlagen. Nur durch die Dazwischenkunft von anderen wurde sie daran gehindert. Die Erscheinungen wiederholten sich. So¬ oft Bernadette vor der Grotte auf den Knien lag und die Erscheinung sah, so zitterte sie vor Glück¬ seligkeit. Ihr Anblick machte immer den größten Eindruck auf die Umgebung. Bei der fünften Erscheinung am 20. Februar waren schon mehrere Hunderte aus der ganzen Um¬ gebung Zeugen der wunderbaren Verzückung Ber¬ nadettes. Der Arzt von Lourdes, Dr. Dozous, lächelte und spöttelte über dieses Ereignis, aber für ihn bedeutete es einen außerordentlich pathologischen Fall, den er selbst untersuchen wollte. Bei der sech¬ sten Erscheinung am 29. Februar war er zugegen und beschreibt diese folgendermaßen: „Bernadette sank auf die Knie, ihr Antlitz wurde bald verändert - 33 - und zeigte an, daß sie in Beziehungen zu ihrer Erscheinung getreten war. Ich wollte in diesem Augenblicke wissen, welcher Art der Zustand ihres Mutumlaufes und ihrer Atmung sei. Ich erfaßte einen ihrer Arme und legte meinen Finger auf ihre Pulsader. Der Puls ging ruhig und regelmä¬ ßig. Die Atmung war leicht. Nichts zeigte bei dem jungen Mädchen eine Überreizung der Nerven an". Allmählich begann sich die politische Gewalt um die Angelegenheit zu interessieren. Der Bürgermeister der Stadt, Lacada, der Staatsanwalt Dutour und Polizeikommissär Jaco- met beschlossen, alle Kundgebungen zu verhindern und wollten Bernadette überreden, nicht mehr zur Grotte zurückzukehren. Der Staatsanwalt ver¬ mochte jedoch die Bernadette weder durch Verspre¬ chungen noch durch Drohungen dazu zu bewegen, nicht mehr zur Grotte zu gehen. Der Polizeikom¬ missär drohte ihr, sie ins Gesängnis zu werfen, wenn sie das noch einmal tue. Aber sie antwortete, daß sie es der Dame versprochen habe, zurückzukeh- ven, und am folgenden Dage, den 22. Februar, war sie wieder in der Grotte. Am 23. Februar war auch Estrade, der der poli¬ zeilichen Untersuchung beigewohnt hatte, bei der Erscheinung anwesend und sah Bernadette in ihrer Verzückung, die eine Stunde dauerte. Estrade, der aus dem Wege zur Wunderstätte noch gespottet hatte, war wie umgewandelt. „Ich war wie einer, der von einem Traum aufwachte. Meiner Erre¬ gung konnte ich nicht los werden; wenn die Dame im Felsen sich auch verhüllt hatte, so habe ich doch ihre Gegenwart empfunden." Am 24. Februar scharrte Bernadette aus Be¬ fehl der Erscheinung mit der Hand die Erde aus, und es sprudelte die Quelle hewor, welche setzt 122.000 Liter Wasser täglich gibt. Die Zuschauer riefen, als nämlich Bernadette plötzlich ausstand und ganz wirre bald nach rechts und bald' nach links ging: „Bernadette ist nicht mehr bei sich, das arme 3 - 34 - Kind wird irrsinnig!". Aber sie erzählte folgendes: „Während ich betete, sprach die Dame: „Geh' hin und wasche dich an der Quelle". Da ich aber keine Quelle sah, ging ich dem Gaveflusse zu. Die Dame rief mich zurück und zeigte mir mit dem Finger eine Stelle auf der linken Seite der Grotte. Ich scharrte die Erde auf und das Wasser kam hervor". Dr. Dozous, der das ganze Ereignis in nächster Nähe betrachtet hatte, schreibt in seinem Buche „La grotte de Lourdes": „Ich selbst wollte die Grotte nicht eher verlassen, als bis ich die verschiedenen Stellen des Bodens mit Sorgfalt untersucht hatte. Ich fand ihn überall so trocken, nur da nicht, wo Bernadette ein kleines Loch gegraben hatte, aus dem dann die Quelle sofort hervorbrach". Am 28. Februar waren mehr als 2000 Zuschauer vor der Grotte erschienen. Ain 4. März war die Zahl der Anwesenden nach der geringsten Schätzung 16- bis 20.000. Uber an den nachfolgenden Tagen blieb die Erscheinung aus, um erst am 26. März wiederzukehren. Da frug sie Bernadette, wer sie sei. Erst auf die dritte Frage be¬ kam sie Antwort. Die Dame faltete die Hände, legte sie auf die Brust, erhob die Augen zum Himmel, öffnete langsam die Hände, neigte sich und sprach: „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis". Noch zwei¬ mal, am 7. April und am 16. Juli, wiederholte sich die Erscheinung. Von diesem Tage bis zu ihrem Tode sah sie dieselbe nicht mehr. So ungefähr be¬ richten Augenzeugen über die Vorkommnisse des Jahres 1858. Es entstehen nun zwei Fragen: 1. Sind Berna¬ dettes Worte Wahrheit oder Lüge? 2. War sie viel¬ leicht das Opfer von Halluzinationen? 1. Was den e r st e n Punkt betrifft, so ist es vor allem auffallend, daß ein Mädchen einen so herr¬ lichen Typus der Madonna neu geschaffen hat, der sonst einem Künstler Ehre gemacht hätte. Uber die Wahrheitsliebe der Bernadette kann wohl kaum ein Zweifel obwalten. Das Mädchen war schlicht und - 35 - naiv und sprach nur den DialÄt ihres Dorfes. Welches Motiv konnte sie haben, die Welt zu be¬ trügen? Sie nahm nie Geschenke an, die man ihr anbot. Die Familie Sonbirous war arm. Es schaute ihr fast der Hunger bei den Augen heraus. Aber durch- keine Bitte konnte man Bernadette zur An¬ nahme irgend einer Gabe bewegen. Ganze Wagen von Lebensmitteln, die bei ihrem Elternhau.se Vor¬ fahren, mußten wieder Mziehen. Bauern mußten ihre vollen Körbe, die mit Früchten beladen waren, wiederum nach Hause tragen. Eines Tages wollte eine hohe Dame eine Geldrolle in die Schürze des Mädchens gleiten lassen. Herr Estrade war Zeuge, wie das Mädchen mit einem Satze beiseite sprang und die Geldrolle zu Boden fallen ließ. Der Pfarrer von Lourdes, Peyramale, schreibt an den Bischof Laurence: „Es ist höchst merkwür¬ dig, daß dieses arme Mädchen aus dem Volke, dem ost das tägliche Brot f-chlte, mit vieler Würde alle angebotenen Geschenke zurückweist". Dr. Dozous schreibt in seinem Buche: „Hät¬ test du deine Hände öffnen wollen, so wärst du in unserer Mitte reich und mächtig geworden, aber der Glanz des Goldes hat dich nicht geblendet". Der Staatsanwalt Dutour sagte von sich selbst in der dritten Person: „Wenn auch der kai¬ serliche Staatsanwalt nicht ohne schwerwiegende Gründe sein Vorurteil gefaßt hatte, so mußte er doch nach seiner persönlichen Unterredung mit Ber- nadette am 21. Februar sich zur allgemeinen An¬ sicht über ihre Aufrichtigkeit bekennen". Mr ihre Aufrichtigkeit gibt auch die Kommis¬ sion des Bischofs von Tarbes, welche fünf Monate nach ihrer letzten Erscheinung zusammentrat, ein glänzendes Zeugnis ab. Vor dem Verhör wurde in der Pfarrkirche eine heilige Messe zu Ehren des Heiligen Geistes gesungen. Alle Fragen der Kom¬ mission beantwortete das Mädchen mit peinlicher Genauigkeit und schlichter Einfachheit. Als man 3* — Z6 — sie schließlich fragte, .ob sie ihre Aussagen beschwö¬ ren könnte, sagte sie ruhig und entschieden nut er¬ hobener Hand: „Ich schwöre es". Acht Jahre blieb sie noch in Lourdes und in dieser Zeit wurde sie von Tausenden und Abertau¬ senden über die Erscheinung ausgefragt, oft mehr¬ mals an einen: Tage. Oft suchte man sie durch die raffiniertesten Einwürfe zu verwirren. Doch nie verwickelte sie sich in einen Widerspruch. Als sie auf ihrem Totenbette lag, wurde sie durch die Bi¬ schöfe von Tarbes und Nevers nochmals feierlich ge¬ fragt, ob die Erscheinungen wirklich stattgefunden haben. Sie legte freudigst Zeugnis ab mit den War¬ ten: „Ich habe sie gesehen, ja, ich Hube sie gesehen". 2. Die zweite Frage lautet: Ist vielleicht Bernadette 'das Opfer einer Täuschung geworden, vielleicht das Spielzeug ihrer überreizten Nerven, so daß die behaupteten Erscheinungen nur Halluzi¬ nationen waren? Diese Annahme klingt den meisten Gegnern von Lourdes wahrscheinlich, und deshalb müssen wir dieselbe etwas näher betrachten. Die Bedingung der Halluzination ist ein ner¬ vöses Temperament. Wir wissen zwar Wohl, daß Bernadette an Asthma litt, aber nie war an ihr ein Anzeichen von Nervosität konstatiert worden. Sie war heiter, kindlich, ruhig und naiv. Als Kind spielte sie gerne und hatte keinen Hang zur Me¬ lancholie. Es ist ganz unmöglich, bei Bernadette religiöse Überspannung anzunehmen, aus der die Erscheinungen erklärlich wären; denn ihre Pflege¬ mutter, Frau Dravant, die sie das Jahr vor den Erscheinungen in den Anfangsgründen der Reli¬ gion unterrichtete, berichtete von ihr: „Sie hatte einen harten Kopf". Oft fertigte sie die Bernadette mit den Worten ab: „Geh', du bist und bleibst dumm und unwissend". Nur mit großer Schwie¬ rigkeit lernte sie den Katechismus. Von einem my¬ stischen Hange war bei Bernadette keine Rede. Sie — 37 — war ein einfaches, schlichtes Hirtenmädchen. Übri¬ gens sind Halluzinationen im kindlichen Alter eine große Seltenheit. Die Visionen Bernadettes tragen in kei¬ ner Weise die Merkmale der Halluzinationen an sich). Am 18. Februar 1858 sagte Bernadette aus, daß sic von einer wundervollen Gestalt aufgefordert wurde, v i e r z e h n Tage laug zur Grotte zu kom¬ men. Die Halluzinanten wissen nie voraus, ob und wie viele Halluzinationsanfälle sie noch erleben wer¬ den. Bei Bernadette blieben ferners die Erscheinun¬ gen zuweilen aus,, trotz derselben Umstände. Die Halluzinationen treten aber mit mechanischer Ge¬ nauigkeit ein, sobald die zur Halluzination ge¬ neigte Person an einem bestimmten Orte und in einer bestimmten Lage ist. Für Bernadette da¬ gegen war die Umgebung völlig gleichgültig. Ein¬ mal zeigte sich ihr die Erscheinung, als sie ganz allein war. -Ein andermal wieder in Anwesenheit von Tausenden von Menschen. Übrigens sah Bernadette seit dem 16. Juli 1858 bis an ihr Lebensende die Erscheinung nicht mehr, obwohl sie immer und immer wieder zur Grotte hinging, um dort zu beten. So konnten denn auch die drei Ärzte, welche der Präsekt Massy ersuchte, die geistige Anlage Berna¬ dettes zu untersuchen, um sie eventuell in ein AM zu geben, keine Sstur von Halluzinationen bei ihr entdecken. Dr. Valencie, einer der drei Ärzte, schrieb im Jahre 1878: „Wir konnten deshalb nicht auf Halluzinationen schließen, weil die Visionen in ihren äußeren Kundgebungen und Umständen so mannig¬ faltig und doch wieder so vollständig einheitlich waren. Die Halluzinationen sind nur Kombinatio¬ nen aus verschiedenen schon gehabten Vorstellun¬ gen. Eigentlich Neues kann die Halluzination nicht bringen. Bernadette dagegen erfährt in der Vision etwas Neues, das ihr völlig unbekannt war. - 38 - Sie hörte von der Erscheinung die Worte: „Ich bin -die Unbefleckte Empfängnis". Diese Worte wa¬ ren ihr vollständig unklar und! noch mehr des in die¬ sen Worten enthaltene Dogma. Um die Worte nicht zu vergessen, wiederholte sie dieselben bei der Rück¬ kehr von der Grotte immer und immer wieder, bis sie zum Pfarrer von Lourdes, Peyramale, kam. Ferners beschrieb Bernadette einen neuen Ma- donnentypus, van dem sie früher keine Ahnung hatte. Die Madonna der Bernadette ist so schon, daß sie kein Künstler nachmachen kann. Als der Bild¬ hauer Fabisch nach den Angaben des Mädchens ein Madonnenbild gemeißelt hatte und Bernadette das Kunstwerk sah, rief sie aus: „Es ist schön, aber sie ist es nicht, der Unterschied ist so groß wie der zwischen 'Himmel und Erde". Es war auch eine ganz neue Idee, die Berna¬ dette durch die Visionen gewann — eine Tatsache, die bei Halluzinationen völlig ausgeschlossen ist. Die Halluzination ist ferner ein pathologischer Zustand. Der Verstand wird in Mitleidenschaft ge¬ zogen und die Gehirnstörungen arten allmählich in Verrücktheit aus. Deshalb behauptet auch Dr. Voi- sin, Irrenarzt des Hospitals Salpötritzre in Paris, Bernadette fei verrückt geworden, so daß man sie in einem Kloster unterbringen mußte. Der Bischof von Nevers, in dessen Diözese Bernadette sich aufhielt, richtete sofort im „L'univers" die Aufforderung an Gr. Woisin, nach Nevers zu kommen und in der Gegenwart des Staatsanwaltes die Identität Bernadettes festzustellen, um dann Bernadette auf ihren geistigen Zustand zu prüfen. Ein Katholik, namens Artus, bot dem Dr. Woisin wiederholt 10.000 Franken an, wenn letzterer den Beweis er¬ bringe, daß Bernadette irrsinnig sei. Doch Voisin kam weder nach Nevers, noch bewarb er sich um den ausgesetzten Preis. Der Präsident des ärztlichen Vereines von Nevers, Dr. Saint-Cyr, bezeugte im Jahre 1872, daß von emer geistigen Störung Ber¬ nadettes keine Rede sein könne. . - 39 - Wir können .demnach ruhig behaupten: Berna¬ dette hat nicht getäuscht und sie war auch selbst nicht das Ochser einer Täuschung geworden. Sehr bezeichnend war übrigens auch das Ver¬ halten der Zeitgenossen. Die gebildeten Leute von Lourdes trennten sich in zwei Gruppen. Die Geg¬ ner bestanden aus solchen, welche die Tatsache nicht prüfen wollten, alle andern, welche Berna¬ dette bei den Visionen mit eigenen Augen gese¬ hen hatten, glaubten an die Erscheinungen. So z. B. Militärtierarzt Germani, Rechtsanwalt Duso, Festungskommandant Pongut; Dr. Dozous, der Arzt und Freidenker, spottete anfangs, dann er¬ klärte er sich für besiegt und schrieb ein Büchlein „La grotte de Lourdes", das er mit dem Motta überschrieb: „Credidi, quia vidi" (Ich glaubte, weil ich gesehen habe). Herr Rentamtmann Estrade schrieb ebenfalls ein Buch, „Les apparitions de Lourdes" (1899), in welchen: er sagte: „Auch ich mußte die Waffen strecken, und wenn ich in meinem greisen Alter dies niederschreibe, so geschieht dies aus dankbarer An¬ erkennung für die besondere Gnade, die mir an je¬ nem hcchgepriesenen Tage meiner Niederlage zu¬ teil geworden ist". Dr. Valencie von Lourdes, ein Mitglied der von der Regierung ernannten Untersuchungskom¬ mission, behauptete zuerst, Bernadette leide an Halluzinationen, später wurde er ganz anderer Meinung. Durch zwanzig Jahre unterzeichnete er Atteste über wunderbare Heilungen, die bei der Grotte stattsanden. Dutour, der Staatsanwalt, wollte Bernadette überreden, nicht mehr zur Grotte zu gehen und suchte die Kundgebungen an der Grotte zu verhin¬ dern. Schließlich gestand er einein Verteidiger Ber¬ nadettes gegenüber: „Wir kämpften für die Ehre der Religion und nach menschlicher Berechnung — 40 — mußten wir siegen. Wenn es uns nicht gelungen ist, so war die Tatsache daran schuld, daß die 'heilige Jungfrau mit euch gegen uns stand". Der Präfekt Massy, der Bürgermeister Lacadö, der Polizeikommissär Jacomet, alle ergaben sich schließlich und gestanden die Wahrheit der Visio¬ nen ein. Der heftigste Feind von Lourdes war der Arzt Tiday von Lyon. Er schrieb ein Pamphlet, in wel¬ chem er nachzuweisen suchte, daß Bernadette an Halluzinationen litt, und daß die Heilungen bei der Grotte auf natürliche Weise erklärt werden können. Er hat sich mit Eifer und Scharfsinn auf das Stu¬ dium von Lourdes verlegt, aber alZ ehrlicher For¬ scher ließ er sich schließlich von der Macht der Tat¬ sache überzeugen. Er gestand offen seine Niederlage ein und starb unter Anrufung der unbefleckten Jungfrau. Diese Zeugnisse mögen genügen, um Dr. Aig¬ ners deutsche Gründlichkeit, mit der er in einigen Worten über die Visionen Bernadettes Hinwegzu¬ kommen suchte, in das richtige Licht zu setzen. Lourdes wird plötzlich zum Wellwallfahrksorl. Seit den Tagen der Erscheinung ist mit Lour¬ des eine merkwürdige Wandlung vor sich gegan¬ gen. Das weltentlegene, verlassene Städtchen wird das Ziel, wohin ein wahrer Menschenstrom seine Schritte lenkt. Lourdes wird zum ersten Wallfahrts¬ ort der katholischen Kirche; einige Zahlen mögen dies beweisen. Vom Jahre 1867 bis 1903 kamen nach Lourdes 4271 größere Pilgerzüge, die 3,817.000 Pilger nach Lourdes brachten. Im Jahre 1907 kamen 253 Pilgerzüge, 1908: 602 (50jähri- ges Jubiläum), 1909: 306 und 1910: 324 Pil¬ gerzüge. Die Zahl der einzelnen Pilger, die nicht mit dem Pilgerzuge kommen, ist selbstverständlich eine dementsprechend enorme, so daß die Eisenbahnver¬ waltung Südfrankreichs feststellen konnte, daß auf der Station Lourdes jährlich mehr als eine Million Pilger absteigt. Im Jahre 1908 waren es etwa 1,600.000. Im Monat August desselben Jahres ka¬ men allein etwa 250.000 Pilger nach Lourdes. Be¬ greiflicherweise stellt Frankreich das größte Kon¬ tingent; doch sind auch andere Nationen sehr stark vertreten. So kamen beispielsweise im Jahre 1907 — 42 - 52, im Jahre 1908: 147 und im Jahre 1910: 99 nichtfranzösische Pilgerzüge nach! Lourdes. Im Jahre 1910 kamen Pilgerzüge aus Belgien, Hol¬ land, Deutschland, Italien, Kroatien, Lothringen, Elsaß, Luxemburg, Österreich, Portugal, der Schweiz und Spanien. Im Jahre 1908 kamen Erzbischöfe und Bischöfe aus Italien, Spanien, Österreich, England, Belgien, Portugal, Rußland, Bulgarien, Syrien, Ostindien, China, Birma, Ma¬ rokko, Korea, Kanada, aus dem Kongostaat, den Vereinigten Staaten von Nordamerika, Brasilien, Argentinien, Chile, Neuseeland, Mexiko, Kolum¬ bien, Haiti, Kuba, Peru, Paraguay und von den Philippinen. In Lourdes wurden Kommunionen ausgeteilt: 1907: 415.000, 1908: 1,066.400, 1909: 560.000 und 1910: 626.000. Diese großartige religiöse Be¬ wegung nimmt aber von Jahr zu Jahr noch zu! Verpflegte Kranke wurden in Lourdes gezählt: 1897: 2823, 1902: 4392, 1908: 9290,' 1909: 8593. Krankenträger und Pfleger waren: Im Jahre 1902: 177 ständige, 81 Aushelfer und 1368 frei¬ willige; im Jahre 1908: 260 ständige, 229 Aus- Helfer und 3975 freiwillige; im Jahre 1909: 243 ständige, 217 Aushelfer und 2652 freiwillige. Was führt nun die zahllosen Massen nach Lour¬ des? In Lourdes tritt Gott den Menschen gleich¬ sam in greifbare Nähe! Diese G o t t e s nä h e ist es, welche die Menschen nut geheimer Kraft an sich zieht! Gott sprächt hier inniger zum Menschen- herzon, gibt ihm mehr Gnaden! Gott spricht hier aber auch sichtbar, Gott wirkt Wunder, viele und große Wunder, und zwar zur Linderung des menschlichen Leidens! Die mächtigste Apologie des Katholizismus wird heutzutage an der Grotte von Massabielle gepredigt und die staunende Mensch-- heit steht urplötzlich vor dem übernatürli¬ chen. Gis zum Jahre 1912 wurden in Lourdes etwa 4270 Heilungen und Besserungen registriert; - 43 — Wollte man alle berücksichtigen, welche die Grotten¬ verwaltung nicht erfahren hatte, welche aber sonst- irgendwie ärztlich festgestellt worden sind, so dürf¬ ten es 7000 sein. vr. Mgnerr Bekämpfung der Wunder. Mir Dr. Aigner ist es ausgemachte Sache, daß Lourdes ein großartig angelegter Schwindel ist, ein Volksbetrug in großem Maßstabe. Er behauptet: Kein einziges Wunder ist in Lourdes geschehen, die Feststellungen des Ärztebursans in Lourdes sind welsches Kurpfuschertum-, das Buch des Dr. Bois- sarie, „Die großen Heilungen von Lourdes", ent¬ hält nach Dr. Aigner keinen einzigen Heilungsbe¬ richt, der wissenschaftlich einwandfrei wäre. Even¬ tuelle Heilungen sind auf Suggestion zurückzufüh? ren. Schon Wir uns nun den ganzen wissenschaft¬ lichen Apparat an, den Dr. Aigner gegen Lourdes spielen läßt. Die deutschen Gelehrten, und in erster Linie - Dr. Aigner, berufen sich auf die wissenschaftliche Erfahrung, auf die Naturgesetze! Mer in Lourdes handelt es sich u m T a t s a ch e n, von denen viele Fachleute behaupteten, daß sie über die bisherige wissenschaftliche Erfahrung hinausgehen. -Da mußte nun Dr. Aigner hingehen und sich diese Tatsachen ansehen oder aus .beglaubigten Originalberichten sich darüber Kenntnis verschaffen. Tw. Aigner scheint die Ansicht zu haben, daß das Wunder gleich¬ sam zu ihm kommen mnß, daß er nur dort näher auf dasselbe eiitzngchen braucht, wo es ihm gleichsam ausgedrängt Wird. So wie der Arzt seine Patienten zum großen Teil aufsuchen muß, so muß Dr. Aigner freiwillig den einzelnen Fällen nachgehen, will er nämlich in dieser Angelegenheit einen Richterspruch fällen. Dabei würde schon ein einziger Fall, der mit aller wünschenswerten Lückenlosigkeit als Wunderheilung beglaubigt wäre, genügen, um alle Behauptungen M. Aigners umzustoßen. — 44 Wenn Dr. Specht. Privatdozent in München, in seinem Gutachten, das er im Münchener Lour- desprozeß (20. bis 22. November 1909) abgege¬ ben hatte, sagt: „Es müssen Wunderte von Fällen beigebracht werden, bevor die wissenschaftliche Er¬ fahrung umgestoßen werden kann", so ist dazu zu bemerken, daß das Wohl für die Aufstellung eines Naturgesetzes gilt, nicht aber für eine ohnedies voll¬ ständig klare Ausnahme. Muß der Blitz hundert¬ mal einschlagen, damit man von seiner Existenz überzeugt ist? Das Wunder ist eine Ausnahme, und das We¬ sen der Ausnahme ist eben darin, daß sie selten ge¬ schieht. Nicht durch die Häufigkeit, sondern durch andere unzweifelhafte Umstände muß die Existenz dieser Ausnahme bewiesen werden. Um so auffallender klingt die antnaßende Be¬ hauptung Dr. Aigners, in Lourdes sei alles Schwin¬ del und die Wissenschaft wisse, was sie von Lourdes zu halten habe, da Fachleute auf dem Gebiete der Medizin bereits zu einem ganz anderen Resultate gekommen sind. So z. B. sagte Zeuge und Sachverständiger Dr. Rehm im Münchener Prozesse (1909) folgen¬ des: „Ich komme zum Schluß, daß die Heilungen in Lourdes vorgekommen sind und, soweit sie als solche bekannt und beglaubigt sind, entweder für uns völlig erklärlich sind, oder daß dabei Dinge mitspielen, die wir überhaupt nicht kennen oder nicht genügend kennen, Dinge, die wir im Augen¬ blicke noch nicht übersehen können". Bei demselben Prozeß sagte der erste Zeuge und Sachverständige Dr. v. Westphalen: „Ich rede auf Grund persönlicher Beobachtung. Ich war drei¬ mal in Lourdes. Die Frage des Wunders geht mich nichts an. Ich habe nur Meinungen auszusprechen, ob Heilungen, natürlich erklärt werden können. Dr. Aigner behauptet, daß Ärzte der Meinung seien, nur nervöse Krankheiten würden in Lourdes ge¬ heilt. Ich selbst habe konstatieren können, wie Ner- — 45 — vöse in Lourdes geheilt wurden und nicht geheilt wurden. Es werden aber auch organische Krankhei¬ ten geheilt. Es ist mir auch bekannt, daß auch Ärzte selbst nach Lourdes kommen, um geheilt zu werden, und daß Ärzte selbst ihre Frauen und Kinder und Verwandten nach Lourdes schicken und sie dorthin begleiten, nicht mit der Absicht, daß diese von Ner¬ venkrankheiten, sondern von organischen Erkran¬ kungen geheilt werden. So ist mir bekannt, daß Dr. Aumaitre aus Nantes selbst sein Kind nack Lourdes brachte, das dort auch geheilt wurde. Die¬ ses Kind war zur Zeit dieser Heilung 23 Monate alt, hatte von Geburt aus Doppelklumpfüße und dazu SchlottergÄenke. Ein Laie kommt hier nicht in Betracht, da der Vater selbst Abzt ist. Man ver¬ suchte alles mögliche. Es wurden am Fuße, an der Ferse, Operationen ausgesührt. Das Kind wurde von verschiedenen Ärzten in Nantes behandelt. Man steckte es in Apparate, es wurde massiert und elektrisiert, alles ohne Erfolg. Das Kind konnte nicht gehen. Da ging Dr. Aumaitre mit Frau und Knrd irach Lourdes. Dort wurde das Kind von Dr. Boissarie und von noch drei Ärzten untersucht und dieser Befund bestätigt. Das Kind nahm dann Bäder in der »Grottenquelle. Nach dem vierten Bade konnte das Kind langsam gehen. Man konstatierte, daß die Klumpfüße verschwun¬ den und die Schlottergelenke beseitigt waren, wäh¬ rend es vordem nicht gehen konnte. Dieser Fall kann doch! nicht der Suggestion oder Hysterie zuge- s-chrieben werden, da das Kind 23 Monate alt war. Das Kind ist heute noch völlig geheilt. Dr. Aumai¬ tre hat selbst in einem Briefe an mich folgendes geschrieben: „Ich »hatte alle ärztliche Behandlung erschöpft; auch war genügend nachgewiesen, daß es sich nicht um nervöse Erkrankungen meines Kindes Uvonne handeln könne; ich» habe nachgewiesen, daß mein Kind von mehreren Ärzten in Nantes un¬ tersucht wurde; auch in Lourdes ist mein Kind vor der Heilung in Behandlung mehrerer Ärzte geftan- - 46 — den. Außer Botssarie haben noch zwei Ärzte das Kind unterlucht; die Heilung ist also in Lourdes geschehen und nicht zu leugnen; darin liegt Wohl das übernatürliche — das Wunder. Ich füge noch hinzu, daß mein Kind jetzt 15 Jahre alt und ganz gesund ist". Dieses Zeugnis des Dr. v. Westphalen ist wich^ tig, weil Dr. Aigner u. a. auch die Behauptung aufstellte, daß deutsche Ärzte ihre Kranken nach Lourdes schicken, dort aber eine natürliche Heilung erwarten. Aus dem erwähnten Zeugnis des Dok¬ tors v. Westphalen geht viel eher hervor, daß die Ärzte in Lourdes Wohl mit einem übernatürlichen Faktor rechnen. Dri v. Westphalen bekennt übri¬ gens offen, selbst einige Kranke nach Lourdes ge¬ sandt zu haben. Dr. Mgner wählt sich aus 4000 Wunder¬ heilungen drei bis vier Zölle aus. Nachdem Dr. Aigner von vornherein erklärt hatte, die Wissenschaft lasse kein Wunder zu, macht er sich die Sache sch-r leicht. Er wählt sich einige Fälle aus, sucht darzutun, daß bei diesen Fällen das Wunder nicht evident nachweisbar sei, und macht dann den kühnen Schluß, alle die Tausende von Heilungen sind ent¬ weder natürlich zu erklären oder purer Schwindel. Es muß vor allem bemerkt werden, daß der Nach¬ weis für einige Fälle absolut nicht genügt, um gleich 4000 bis 5000 Fälle als Schwindel oder Täuschung hinzustellen. Soviel verstehen wir auch' noch von der Logik! Dr. Aigner wendet hier die Induktion an. Aus einigen Fällen wird ein allgemeiner Grund¬ satz gefolgert. Das kann man bei physikalischen Ge¬ setzen, bei mathematischen Regeln, nicht aber auf einem Gebiet, wo jeder einzelne Fall vom andern Verschieden ist! Der Schluß Dr. Aigners gleicht aufs Haar folgendem Schluß: Einige Patienten - 47 — des Dr. Aigner sind gestorben, deshalb sind alle gestorben, also ist er ein schlechter Arzt! Oder: Einige Österreicher sind Verbrecher, also sind es alle! Wir würden übrigens nicht einmal eine kom¬ plette Induktion verlangeir; Dr. Aigner braucht nicht jeden einzelnen Fall zu behandeln, aber eine ziemliche Anzahl, einige Hunderte vor: Fällen, die in Lourdes offiziell als Wunder konstatiert worden sind, muß er unbedingt widerlegen. Dann erst könnte er mit einiger, wenn auch nicht völliger Wahrscheinlichkeit schließen: Also sind alle Wun¬ derberichte falsch. Von dieser Untersuchung kann sich Dr. Aigner auf keinen Fall dispensieren, wenn er vor die Welt hintritt mit der Behauptung: es sei wissenschaftlich nachgewiesen, daß in Lourdes keine Wunder geschchen! Sonst trifft ihn mit vol¬ ler Berechtigung der Vorwurf Dr. Boifsaries, der am 16. Jänner 1909 an Baustert schrieb: „Seit zwanzig Jahren bekam ich keinen 'ernsten Protest und die deutschen Gelehrten, welche Lourdes nur unter dem Gesichtswinkel ihrer Vorurteile kennen, möchten uns maßregeln'; statt Beweise zu bringen, überhäufen sie uns mit Schmähungen". Wie steht es übrigens mit dem Nachwei s, den Dr. Aigner geführt hat, um we¬ nigstens einige wenige Heilungsberichte als W un- d e rberichte zu entlarven. Eingehend hat sich Doktor Aigner mit den Fällen „Rouchel", „Huprelle" und „Peter de Rudder" in der Öffentlichkeit beschäftigt. Diese drei Fälle sollen nun besprochen werden. Der Hall Rouchel? Frau Therese Rouchdl erkrankte im Jahre 1887 und ihre Krankheit dauerte bis zum Jahre 1903. Sie konsultierte über ein halbes Dutzend Stadt- und Landärzte, und als diese ihr nicht helfen konn- ') Baustert (I. L. 84). — 48 — ten, wandte sie sich an den Armenarzt Dr. Ernst, der sie über, da seine Behandlung erfolglos blieb, einem Spezialarzt für Hautkrankheiten, Dr. Ben¬ der, überwies. Die Frau hatte nämlich! einen Aus¬ schlag auf der rechten Wange, der allmählich! in Ge¬ schwüre ausartete. Auch der Spezialist, der ihr die Geschwürflächen auskratzte, hatte keinen Erfolg. Und schließlich hatte Frau Rouchel im Jahre 1901 ein Loch in der rechten Wange, das bis in das Mundinnere ging, und zwei Durchlöcherungen am Gaumen. Am Gesicht, an der Nase und an der Oberlippe hatte sie eiternde Wundflächen. Die Oberlippe war derart angeschwollen, daß sie bis an die Nasenlöcher reichte. Beim Schlucken kam die zu genießende Flüssigkeit teilweise aus der Nase und dem Wangenloch hervor, weshalb das Loch immer mit einem Gummipfropfen verschlossen sein mußte. Schließlich faßte sie den Entschluß, nach Lourdes zu gehen, und wandte sich zu dem Zwecke an Dr. Ernst um Ausstellung eines Krankheits¬ zeugnisses. Nach langen: Bitten und Weinen — Dr. Ernst suchte sie nämlich von einer Lourdesreise abzuhal- ten — gab er ihr ein Zeugnis, das folgenden Wort¬ laut hatte: „Frau Rouchel leidet seit Jahren an Lupus des Gesichtes, der Nase und der Oberlippe. Alle bisher angewandten Mittel haben der Krank¬ heit keinen Einhalt bieten können. Das Leiden ist unheilbar. Metz, am 27. Juli 1903. Dr. Ernst". Am 18. Awgust 1903 wurde die Kranke wie¬ der untersucht; Dr. Ernst überzeugte sich noch ein¬ mal von dem Zustände der Frau, und am 25. August konstatierte er auss neue, daß die Durch¬ löcherungen noch bestehen. Am 31. August fuhr Frau Rouchel mit dem Metzer Pilgerzug nach Lour¬ des. Eine altbewährte Krankenschwester von Metz, Sophie mit Namen, äußerte sich über den Zustand der Frau folgendermaßen: „Vom 31. August bis 5. September war das Geisicht gräßlich. Auf der rechten Wange, zwei Finger breit vom Munde, be- - 4V fond sich ein fingerdickes Loch, aus weichem die kalte Flüssigkeit, die einzige Nahrung, die die Frau nehmen konnte, herausfloß. Am Gaumen befand sich ein Loch, das wenigstens anderthalb Zentimeter lang und einen Zentimeter breit war. Die aus die¬ ser Wunde fließende Absonderung zwang mich, den Verband fünf- bis sechsmal täglich zu erneuern. Während der .Fahrt von Metz nach Lourdes habe ich nicht die geringste Besserung im Zustande der Kran¬ ken festgestellt". Die Schwester mußte ferner einen Wattetampon für das Loch in der Wange Herstel¬ len, da der Gummipsropfen unterwegs verloren ging. Am 5. September, gegen 8 Uhr morgens, wurde sie von der Schwester Sophie das letztemal verbunden. Der Zustand war derselbe. Beim Mittagessen im Spital konstatierte die "Lchwester Mechtitde dieselbe Wunde, da ein Teil des Getränkes aus dem Wangenloch hevvorkäm. Uni halb 2 Uhr nachmittags mußte sie das Loch mit Watte schließen. Frau Rouchiel genierte sich, an der Sakramentspro,Zession teilzunehmen, da ihre Wunden einen unausstehlichen Geruch verbreiteten. Sie ging deshalb in die Rvsenkranzkirche und war¬ tete, bis das Allerheiligste in die Kirche zurückge¬ tragen werde. Da fiel ihr plötzlich der Verband, den sie um den Mund hatte, auf das geöffnete Ge¬ betbuch. Trotzdem sie ihn wiederholt befestigen wollte, hielt er nicht mehr. Als sie in das Spital zurückging, konstatierte man., daß die äußere Wunde vollständig vernarbt und geschlossen war. Much am Gaumen war die Wunde geheilt; jede Spur von Eiterung war verschwunden., Am Vormittag des 6. September wurde Frau Rauchet im Konstatierungsbureau von mehreren Ärzten untersucht, und es wurde ein Protokoll ver¬ faßt, in ^dem es heißt: „Das in den Mund hinein¬ dringende Loch ist ganz geschlossen, die Vernarbung ist vollständig. Die Munden am Gesichte und an der Nase sind gegenwärtig trocken und eitern nicht Mehr, aber die Haut hat noch eine gewisse Röte bei- 4 — 50 — behalten; auch besteht noch eine beichte Eiterung an der Innenseite der Lippe". Fron Roucheb wurde fünf Tage nach ihrer Rück¬ kehr von Lourdes von Dr. Ernst untersucht, und dieser sagte in einem Gutachten darüber folgendes: „In ihrem Zustande hatte sich eine vollständige Umwandlung vollzogen. Die Röte war beinahe ver¬ schwunden, die Durchlöcherungen des Gaumens und der Wange waren geschlossen ... Diese wun¬ derbare Besserung, man könnte fast sagen H ei- 'l u n g, dauert fort bis zum heutigen Tage, und unmöglich läßt sich die in so kurzer Zeit erfolgte Veränderung auf natürliche Weise erklären". Gelegentlich der Gerichtsverhandlung in Mün¬ chen am 20. November 1909 erklärte Dr. Ernst unter Eid: „Der Zustand der Frau vor ihrer Reise, Mitte August, war lamentabel, das Lupusfeld hatte sich über die ganze Wange ausgedehnt bis zum Auge. Die Nase war aufgetrisben, die Nasenflügel verdickt, die Schleimhaut des Mundes angegriffen, ebenso waren Durchlöcherungen an der Wiange und am Gaumen. Die !Frau ging nach Lourdes und durch Zeitungen' hörte ich, daß sie geheilt, bezie¬ hungsweise gebessert war. Ich war sehr überrascht und' habe sie mir bald vorstellen lassen und mußte sagen, daß sich die 'Verhältnisse gegen die Abreise ungeheuer 'gebessert hatten. Die Perforationen wa¬ ren geheilt, der Lupus gebessert. Jedenfalls war die Besserung eine ganz außerordentliche". Auf die Frage des Vorsitzenden, ob die Besse¬ rung angehalten habe, erwiderte Dr. Ernst: „Je¬ denfalls sind die Fisteln geheilt und- der Lupus ist seither nicht mehr behandelt worden, wie sie be¬ hauptet (die Frau nämlich), und ist auch' nicht mehr weitergegangen. Der Zustand ist für die Frau selbst 'gewissermaßen ein idealer, wenn man ihren Zustand vor der Wallfahrt nach Lourdes in Vergleich zieht". Was sagt denn nun Dr. Aigner über diesen Fall? In der „Frankfur- - 51 - ter Zeitung" vom 21. Dezember 1'908 schrieb er: „Der Fall Rouchel in Metz hat sich als eine Täuschung sowohl bezüglich der Diagnose als auch bezüglich! der Heilung erwiesen". Ähn¬ lich äußerte sich Dr. Aigner auch in den Ver¬ sammlungen ; er sagte, er habe die Frau Rouchel selbst besucht, von einer Heilung kann keine Rede sein, und sie sei auch pünktlich an Lupus gestorben. Auch zeigte Dr. Aigner ein Bild der Frau Rouchel und behauptete, die kranke Mange sei absichtlich von der Schattenseite ausgenommen, damit man sie nicht scheu könne. Er tadelt das Konstatierungs- bureau, daß es das Bild der Frau Rouchel noch immer als das einer wunderbar Geheilten im Bu¬ reau hängen lasse und er hatte, nach seiner Aus¬ sage, darüber auch dem Bischof von Tavbes, Msgr. Schöpfer, Vorstellungen gemacht. Besonders rühmte er sich auch der Zustimmung des Metzer Ärztever¬ eines, der in den Sitzungen des Jahres 1904 über diesen Fall folgende Aussage machte: „1. Eine Hei¬ lung liegt nicht vor. 2. Die Besserung ist auf natürlichem Wege -erklärbar". Dr. Aigner rühmt sich, daß er von seinem Schreibtisch aus durch! wissenschaftliche Kritik eine solche Mesche in die Wunder von Lourdes geschos¬ sen habe; denn der Fall Rouchel sei ja immer ein Paradefall der Lourdeswunder gewesen. W a s i st n u n d a z u z u s a g e n? Der Ärzte- verein von Metz und auch Dr. Aigner behaupten, daß vom 25. August bis zum 6. September die Frau von keinem Arzte untersucht wurde, und ein solcher Zeitraum von zwölf Tagen genüge Dr die natür¬ liche Heilung von zwei Fisteln. Die Aussage der Krankenschwester, der anderen Pilger, überhaupt von medizinischen Laien hätte für die wissenschaft¬ liche Feststellung von Tatsachen keinen Wert. Betrachten wir nun diesen Fall ohne Voreinge- Uomm-enheit! Das Protokoll des Konstatierungs¬ bureaus sagt, daß Das in den Mund hineindrin- gende Loch am 6. September vollständig geschlossen 4* 52 - war. Die Vernarbung war vollständig. Für uns kann es völlig gleichgültig sein, ob diese Krankheit Lupus oder Lues (Syphilis) war. Ausschlaggebend ist das eine, daß die 'Heilung Plötzlich geschah. „Der Fall Rouchel," so schreibt Dr. Le Bec vom Josef- Spital in Paris, „ist interessant, und wie auch die Natur des Mels sei, die Heilung ist eine augen¬ blickliche gewesen. Das ist der 'Hauptpunkt und ist naturwidrig (also ein Wunder)". Daß die Heilung eine plötzliche war, beweist der Umstand, daß am 6. September vormittags die Arzte im Konstatierungsbureau konstatierten, daß das in den Mund hinein dringende Loch ganz ge¬ schlossen war. Am Abend des 6. September konsta¬ tierte Schwester Romana (vom Metzer Spital), daß die äußere Wunde vollständig vernarbt und geschlossen sei, ebenso die Wunde a.m Gaumen. Um h alb 5 U h r nachmittags desselben Tages sah noch Generalvikar Gauts von TarbeZ die Wunde au der Mange! Frau Rouchel zeigte ihm dieselbe vor der Pforte der Krypta, als sie au ihm vorüber¬ ging. Zu Mittag wurde dieselbe Wunde von der Schwester Mechtilde 'konstatiert und sie legte ihr um halb 2 Uhr den letzten Verband an. Eine ganze Anzahl anderer Personen hatte in den letzten Tagen vor der Heilung dieselbe Durchlöcherung an der Wange bemerkt. Die Lourdesgegner, unter ihnen Dr. Aigner, behaupten nun: „Auf das Zeugnis von medizini¬ schen Laien, selbst von Krankenpflegern oder -fchwe- stern, ist zur wissenschaftlichen Feststellung von Tat¬ sachen nichts zu geben". Sehr richtig bemerkt dazu der Dermatologe (Arzt für Hautkrankheiten) Dv. Tenneson von Paris unterm 25. April 1905 (Vourdes-Ghrvnik vom 13. März 1910): „Man braucht nicht Schnei¬ der zu sein, um zu sehen, daß ein Rock Löcher hat". Oder braucht man ein Astronom zu sein, um zu konstatieren, daß die Sonne aufgsgangen ist? - 53 — Ein Witzblatt berichtete einmal folgendes Stücklein: Ein Mann wurde im Leichenzuge zu Grabe getragen und hinter dem Sarge schritt die trauernde Witwe. Da begann sich plötzlich der «Sarg¬ deckel zu heben und zum Schrecken aller richtete sich! der Mann im Sarge auf. Ms man die Witwe, die ganz in ihre Trauer versunken war, darauf aufmerksam machte, antwortete sie: Das ist ganz unmöglich, denn der Arzt hat konstatiert, daß der Mann tot sei, also ist er tot. Eben! Man darf nicht einmal behaupten, daß einer lebendig ist, außer der Arzt erlaubt es; um so weniger, daß einer ein Loch in der Wange hat. Übrigens muß bemerkt «werden, daß sich jeder Arzt bei jeder Krankheit auf Aussagen von Laien stützt. Mit solchen Argumenten kann natürlich Dr. Aigner Sonne und Mond herunterdisputieren. Sehr richtig bemerkte dazu der Rechtsvertreter Dr. Rumpf im Münchener Prozeß (20. bis 2«2. November 1909): „Da mochte ich! darauf Hinwei¬ sen, daß es sich in zahlreichen Fällen um solche handelt, die schon seit sechs, acht und zehn Jahren als unheilbar bekannt sind. Was hat im Verhält¬ nis zu dieser Zeit eine Frist von acht oder zehn Tagen zu bedeuten, wenn selbst für diese paar Tage kein ärztlicher Befund borliegt; deshalb wird man doch das ärztliche Urteil nicht anfechten wollen, auch wenn ergänzende Laienurteile und Beobachtungen vorliegen? Der Fall Rouchel ist äußerst bezeich¬ nend. Der kranke Zustand der Frau war der scheu߬ lichste, den man sich denken kaun, sie war ein Ab¬ bild des Jammers. Und das alles konnte von den Ungehörigen und Bekannten acht Jähre wahrge¬ nommen wenden. Die Aussagen hierüber darf man also nicht ganz verwerfen". Steht es nun einmal fest, daß es sich hier um eine plötzliche Heilung der Perforation handelt, dann läßt sich! das Wohl kaum mehr wissenschaftlich erklären. Gerade über den Fall Rouchel äußert sich diesbezügliche der schon zitierte Db. Denneson unter — 54 — dem 25. April 1905 (Lourdes-Chromk, 13. März 1910): „Die energischeste, am besten angewandte spezielle 'Behandlung hat -Wirklichie Erfolge nur ge¬ gen Ende der ersten Woche aufzuweisen. Die Ver¬ narbung der Geschwüre verlangt mindestens meh¬ rere Wochen. Hat der geschwürige Vorgang eine Fistel erzeugt, so handelt es- sich- nicht mehr um Vernarbung, sondern um -Obliteration, und diese dauert länger. Und wenn- das Loch die- Breite eines Fingers hat, dann zweifle ich, ob Obliteration mög>- lich ist". Wenn Er. Aigner ferners sich darauf beruft, die Frau Rouchel selbst -gesehen, ihre Krankheit als Lupus konstatiert zu haben, wenn er damit para¬ diert, daß sie schließlich an Lupus gestorben sei, so entgegnen wir ihm daraus: In Lourdes ist sa hauptsächlich nur die Vernarbung und Heilung der äußeren Wunde an der Wange konstatiert worden, von einer vollständigen Heilung war Mr nicht die Rede. Frau Rouchel ist übrigens erst lange Zeit nach dieser Heilung (neun Jahre) gestorben, und wenn s i e D r. A i g n e r auch! kurz vor dem Tode sah, so sagen wir: Wenn die Ärzte schon den Zeit¬ raum von zehn bis zwölf Tagen als- -genügend an¬ sehen, nur die Wunde zu heilen, so ist in neun Jah¬ ren überhaupt alles möglich!!! Mus dem, was -nach Jahren konstatiert wird, läßt sich wohl kaum ein Schluß ziehen auf den früheren Zustand. Was das von der Schattenseite -aufgenommene Bild der Frau Rouchel betrifft, so erklärte diesbe¬ züglich im Münchener Prozeß Dr. v. Westphalen: „Die Photographie der Frau Rouchel ist zufällig so ausgefallen; sie hatte sich photographieren lassen und der Photograph war -bestrebt, das Bild von der gefälligeren Seite aufzunehmen. -Das war nicht absichtlich, auch ist das Bild nicht als Beweisstück in der Broschüre". Das Bild wurde nämlich nicht aus¬ genommen, um als Belveis für die Wunderheilung zu dienen. Jedenfalls meinte er damit seine eigene — 55 — Broschüre: „Die Wahrheit über eine Lourdeshei- lung", Metz, 1909. Der Prozeß in München. Der Fall Rouchel hatte eine erregte Polemik zur Folge. Dr. Aigner schrieb über diesen Fall in der „Frankfurter Zeitung" und in der Zeitschrift »Das 20. Jahrhundert". Es antworteten die ka¬ tholischen Zeitungen, und eine von diesen, die „Lo¬ thringer Volkssttmme", ließ sich zu beleidigenden Äußerungen gegen Dr. Aigner hinreißen, weshalb Dr. Aigner klagte. — Dr. Aigner verweist in sei¬ nen Versammlungen mit Vorliebe auf diese Pro¬ zesse und erweckt unwillkürlich den Anschein, als ob vor Gericht die Wunderfrage entschieden worden wäre. Was hat es also mit diesem Prozeß für eine Bewandtnis? Der „Illustrierten Lourdes-Chromk" vom 5. De¬ zember 1909 und den folgenden Nummern ent¬ nehmen wir darüber: In München hat sich vom 20. bis 22. Novem¬ ber 1909 ein Ehrenbeleidigungsprozeß zwischen Dr. Aigner und der „Lothringer Volksstimme" ab¬ gespielt. Cs handelt sich um die von der „Lothringer Volksstimme" gebrauchten verächtlichen Ausdrücke gegen Dr. Aigner, den Obmann des Monisten¬ bundes. Der Redakteur Fiege wurde verurteilt, weil in dem beklagten Artikel abträgliche Äußerun¬ gen gegen Dr. Aigner enthalten waren. Zwei Tage lang wurde iu München von dem Schöffengericht in der Au dieser Prozeß ^verhandelt. -Dr. Aigner hat seit Jahren seine Tätigkeit nach München ver¬ legt, wo er in die Kreise der Monisten gelangte. Er führt den Kampf gegen Lourdes in der Zeit¬ schrift „Das 20. Jahrhundert". Am 11. August 1908 erschien in derselben ein Artikel, der in die »Metzer Zeitung" übergegangen ist. Darin sagt Dr. Aigner, die Wunder von Lourdes sind natür- — 56 - liche Heilungen; ferner sind es ausnahmslos Ner¬ venkranke und ferner schicken deutsche Ärzte Kranke nach Lourdes, um sie dort, aber nur durch natür¬ liche Gründe, durch Suggestion, Veränderung des Klimas usw., zu heilen. Der Unwille auf katholi¬ scher Seite hatte eine Preßfehde zur Folge, worin die „Lothringer Volksstimme" einen Artikel unter der Überschrift: „An die Adresse der „Metzer Zei¬ tung" folgendermaßen veröffentlichte: „Andern¬ falls sind wir bereit, auch das Neueste der Metzer Kollegin unter die Lupe zu nehmen und nachzuwei¬ sen, daß Herr Dr. Aigner nach bekanntem Muster sich darin gefallt, in einer Meise, die zu bezeichnen jeder anständige Ausdruck fehlt, Behauptungen auf¬ zustellen, die objektiv unwahr sind, und zur Be¬ gründung in wenig ritterlicher Weise Dokumente verstümmelt, respektive unvollständig zitiert, um, mag es kosten, was es will, das Wunder von Lour¬ des aus der Welt zu schaffen". Ein anderer Passus des Artikels lautet: „Und nun, Herr Doktor, soll es Ihnen unbenommen sein, weiter den Mond anzubellen, und wenn es Ihnen gelingen könnte, ihn zu ergreifen. Wir rufen Ihnen ein kräftiges Prosit! zu. Ihren giftig-heuchlerischen Appell an den Episkopat wollen Sie sich in Zu¬ kunft ersparen. Aus solchem Munde klingt so et¬ was, wie auch der Mißbrauch der unbefleckten Empfängnis wie der reinste Hohn. Ihr unqualifi¬ zierbares Vorgehen wird man, wie bisher, mit verdienter Verachtung strafen". Der Verteidiger des 'Beklagten erklärte: Die Frage des Wunders, speziell des Wunders in der katholischen Kirche, u n d g a n z s P e z i e l l d i e F r a g e d erW u n- d er in Lourdes, könne vor dem Schöf¬ fengerichte nicht aus getragen wer¬ den. Dazu fehlt es an a lI e m M atc- r i a l. Es handle sich hier nur um den ethischen Standpunkt: liegt eine Beleidigung vor oder nicht. — 57 — Der Verteidiger führte weiter aus: „Fer¬ ner, unwahr sei es, -daß nur Nervenkranke in Lourdes geheilt wenden, wie Dr. Aigner behauptet; unwahr, daß im Falle de Rudder erst in 10 bis 12 Jahren eine Heilung konstatiert wurde und erst nach, dein Tode wissenschaftlich untersucht wurde; unwahr, daß deutsche Ärzte Kranke nur zur natürlichen Heilung nach Lourdes schicken". Dr. Aigner hatte -auch einen Artikel in der „Frankfurter Zeitung" (Nr. 355, 1908) mit der Überschrift „Der Kampf in Lourdes" -geschrieben, inhaltlich gleich-dem Artikel im „20. Jahrhundert". Es -wurden mehrere Ärzte als Sachverständige zum Prozesse geladen. Von diesen nahmen die einen Stellung für Lourdes, -die anderen -gegen Lourdes. Der Vorsitzende betonte folgendes: Wir sind in der angenehmen Lage, nicht sagen zu m ü s s e n: Geschehe n Wunder in Lour- d e s o d e rnicht usw.? Eins o l ch e s Urteil w ü r d e a n ch g a r n i ch t s z u b e -d e u t e n h a - ben; denn es fiele schon am Nachmittage zusam¬ men und die Weltgeschichte ginge einfach über ein solches Urteil hinweg. Das Urteil lautete: Redakteur Fiege, der nämlich die Verantwor¬ tung für den Artikel übernommen hat, ist schuldig eines Vergehens der Beleidigung und wird zu einer Geldstrafe von 300 Mark, eventuell 30 Ta¬ gen Gefängnis verurteilt. Das Gericht konnte sich aber nicht mit der Feststellung befassen, ob dec Vorwurf des beklagten Artikels, Dr. Aigner habe Unwahrheiten aufgestellt, richtig sei. Wenn das Ge¬ richt hierüber eine Feststellung hätte treffen wollen, hätte es die Patienten selbst und ihre behandelnden Arzte usw. zur Verhandlung zuziehen müssen. Das alles ist nicht Ausgabe des Gerichtes. Die Beweis¬ erhebung hat nun zwei Richtungen in der Medizinischen Welt ergeben: auf der einen Seite wurde -die Ansicht des Ange- - 58 - klagten vertreten, auf ^der anderen Seite stan¬ den ebensoviele Gewährsmänner, die auf Eid die medizinischen Deduktionen Aigners als richtig er¬ klärten. Besonders der letzte Vorwurf, daß Dr. Aigner der Verachtung preiszugeben sei, wurde vom Ge¬ richte als besonders beleidigend betrachtet, die übri¬ gen Ausdrücke — mit Ausnahme des „giftheuchle¬ rischen Appells" — konnten als solche nicht erach,- tet werden, die beleidigend find', namentlich! nicht der Vorwurf des Mißbrauches der Unbefleckten Empfängnis, der d e rr e i n ft e H o h n sei, weil es Dr. Aigner die Vorsicht geboten hätte, in einem medizinischen Aufsatz nicht von der unbefleckten Empfängnis zu sprechen, weil dadurch das religiöse Empfinden anderer schswer verletzt und gereizt wer¬ den konnte. Aus dem Urteil geht klar hervor, baß die Frage der 'Wunder in Lourdes durch dasselbe in keiner Weise berührt wurde. Der Hall huprelle. Im Münchener Prozeß kam auch der Fall Hu¬ prelle zur Sprache. Betreffs dieses Falles warfen ärztliche Sachverständige Dr. Aigner vor, daß er es an einem wirklich intensiven Eingehen auf die¬ ser: Fall mangeln ließ, trotzdem aber darüber ein apodiktisches Urteil fällte, dem zufolge in diesem Fall eine Heilung von einer tuberkulösen Krank¬ heit ausgeschlossen sei. Wie steht es mit diesem Falle? Dr. Boissarie berichtet in seinem Buche: „Die großen Heilungen von Louvdes" (2. Ausgabe 1902, S. 80) darüber folgendes: Am 21. August 1895 kam Aurelia Huprelle von Beauvais nach Lourdes. Sie war im höchsten Grade lungensüch¬ tig. Dr. Hardivilliers von Beauvais behandelte sie und erklärte, das sunge Mädchen habe eine Lun¬ genschwindsucht mit akutem Verlauf. Weite Ka- — 59 vernen hatten sich in den Lungen gebildet. Tas Fie¬ ber war beständig und hochgradig. Won: 20. April a-n gibt der Arzt die Daten aller seiner Besuche an und auch die angewandten Heilmittel. Ter Arzt, der Woche sür Woche das Woranschreiten der Krankheit konstatierte, sah die Kranke zum letz¬ tenmal am 19. August in dem Augenblick, wo sie den Zug nach Lourdes bestieg. „Ich drückte der Mutter," so sagte der Arzt, „alle meine Befürchtun¬ gen über den Ausgang, dieser Reise an. Diese waren vollständig begründet, denn die Reise wurde unter den schmerzlichsten und gefährlichsten Umständen ausgeführt." Kaum war die Kranke im Wagen, als das Schüttelin der Staub und die Hitze ihr ent¬ setzliche Schmerzen verursachten. Sie lag direkt im Todeskampfe während der Fahrt. Vom Bahnhof in Lourdes wurde sie sofort zur Grotte getragen, aber man erwartete, daß die Kranke in wenigen Stunden sterben werde. Bei der Grotte erlangte sie erst wieder dje Gesinnung. Am nächsten Tage, am 22. UprÄ,-wurde sie um 7 Uhr früh ins Bav gesenkt und in wenigen »Sekunden war sie nun ge¬ heilt ohne Übergang und ohne Zaudern. Sofort geht sie ins Spital und ißt dort mit Appetit, was sie schon seit acht Monaten nicht getan hatte. Die Ärzte im Konstatierungsbureau mußten konstatie¬ ren, daß die Lunge gesund sei. Professor Sonlier von Lyon konnte kein Zeichen von Schwindsucht entdecken, die Lunge war unversehrt. Dr. Hardi- villiers schrieb alsdann nach der Rückkehr der Kranken am 31. August ein Attest, in dem es heißt: „Ich stelle mit Überraschung fest, daß alle Symp¬ tome von Tuberkulose vollständig verschwunden sind", und an den Pfarrer von St. Martin schrieb derselbe Arzt: „Nur ein Wunder konnte die Symp¬ tome von Lungentuberkulose Wegnehmen". W a s h a t n u n D r. A i g n e r a u,s d i e s e m Fall gemacht? Der ärztliche Sachverständige Dr. Lochbrunner sagte im Münchener Prozeß dar¬ über folgendes: „Dr. Aigner sagt: Wir suchen ver- — no — gebens nach einem Beweise für 'die tuberkulöse Krankheit. Keine Erwähnung vom Husten, Shu- tum usw.". Dr. Aigner hat diesen Fall in seiner Schrift als nervöse Erkrankung nusgegeben. Dem Dr. Aigner hat etwas gemangelt: «das wirkliche, intensive Einge¬ hen, um den Fall ganz klarzustellen. Er durfte tich nicht zufrieden geben mit dem einen Buch (des Boissarie), das nur für gebildete Laien geschrieben ist. Er mußte zurückgehen auf die Annalen. Min¬ destens liegt hier eine Fahrlässigkeit Var, nachdem Dr. Aigner nicht alle Bemühungen gemacht hat, um den Fall ganz richtigzustellen, um der Wahr¬ heit zum Siege zu verhelfen". Ferner sagt Dr. Lachbrunner: „Ich habe keinen Grund, anzunehmen, daß das ärztliche Zeugnis arrs irgendeinem Grunde gefärbt ist: Dämpfnn gen, kavernöses Atmen, Schweiß, Sputum und Fieber: da wird jeder Arzt in Deutschland die kli¬ nischen Symptome für eine organische Lungen- krankheit feststcllen; speziell das kavernöse Atmen ist so charakteristisch, daß Wohl kein Arzt dies mi߬ deuten könnte. Deshalb erkläre ich, daß im vorlie¬ genden Falle eine organische Krankheit unzweifel¬ haft ist und daß eine hysterische Vormacherei aus¬ geschlossen ist". Zum Schluß resümierte Dr. Lachbrunner: „Auf Grund der mir vorliegenden Krankheitsgeschichte muß ich konstatieren, daß 1. eine organische Krank¬ heit vorgelegen ist; 2. die Heilung ist eine außer¬ gewöhnlich rasche, „eine wunderschnelle" gewesen". Mit Recht bemerkte daher der Sachverständige Dr. v. Westphalen gegenüber >de.m Sachverständigen Dr. Markuše, der sich zugunsten Dr. Aigners aus¬ sprach: „Wenn angesehene Arzte, gewissenhafte Kollegen, Atteste bringen, so haben S i e zu bewei¬ sen, daß diese Atteste nicht richtig sind. Sind Sie dazu nicht imstande, so muß dem Ärzte geglaubt werden". Ebenso bezeichnend ist, was Dr. Schrohe, Arzt in Köln, in demselben Prozeß als Sachverständiger — 61 sagte: „Der Fall Huprelle stellt wirtlich eine orga¬ nische Heilung dar. Über den Fall Huprelle gibt es ausführliche Darstellungen in der Literatur, die aller von Dr. Aigner nicht 'benützt wurden". Der Hall Mer -e Rudder. Der Anlaß, daß sich Dr. Aigner mit diesem Fall beschäftigte, war folgender: Der Pfarrer von Ollerhollabrunn in Niederösterreich, van der Boni, hatte 190'5 in einer Broschüre, „Ein wirt¬ liches Wunder aus neuester Zeit", einen Preis von 1000 L für denjenigen ausgesetzt, der dieses Wun¬ der auf natürliche Weise erklären oder dessen ge¬ schichtliche Wahrheit leugnen könne. Dr. Aigner be¬ warb sich 1908 um diesen Preis und versuchte die Widerlegung. Im folgenden soll ein Bericht des Wunders und die Widerlegung des Dr. Aigner wiedergege¬ ben werden. Wir halten uns hiebei an den- Bericht der „Stimmen aus Maria-Laach" (Bd. 58, 1900, Seite 113): „Eine plötzliche Heilung aus neuester Zeit" von ?. Wasmann 8. <1. Wasmann und van der Bom benützen dieselben Quellen. Zu Jabbeke, einer Ortschaft in Westflandern (Belgien), gleich weit von Brügge und Ostende entfernt, lebte bis vor etwa drei Jahren ein länd¬ licher Arbeiter, namens Peter de Rudder. Er war beim Grafen Mlleric du Bus de Ghisignies in Dienst. Peter de Rudder war 44 Jahre alt, als er das Opfer eines schrecklichen Unglückes wurde. Am 16. Februar 1867 waren in der Nähe des gräflichen Schlosses zwei Holzhacker mit dem Fällen von Bäu¬ men beschäftigt. Ein umgchauener Baum war in ein Gesträuch gefallen und die Holzhacker strengten sich gerade an, ihn daraus zu entfernen, als Peter de Rudder vorübergiug. Sogleich war er bereit, Hilfe zu leisten. Mittels Hebebäumen zogen sie den Wfallenen Baum in die Hohe und stießen ihn vor¬ wärts. Durch einen unvorhergesehenen Umstand - 62 - aber rollt der Stamm zurück, schleudert de Rudder zu Boden und stürzt mit seiner ganzen Schwere auf dessen linkes Bein, das völlig zerquetscht wurde. Sofort wurde auf Befehl des Grafen der Arzt von Qudenberg, Dr. Afsenaer, geholt. Der Doktor kon¬ statierte einen schweren Doppelbruch. Unterhalb des Knies waren dos Schienbein und das Waden¬ bein völlig abgebrochen. Dr. Afsenaer legte den er¬ sten Verband an. Ms er einige Wochen später auf die Gitte Peter de Rudders den Verband entfernte, hatte sich auf dem Fußrücken eine breite, eiternde Wunde gebildet. Überdies war an der Bruchstelle des Beines eine große, bereits krebsartig gewordene Wunde entstanden. Die Enden der Bruchstücke, ihrer Knochenhaut beraubt, schwammen in Eiter rind hatten noch keinen Heilungsprozeß eingeleitet. Trotz der sorgfältigsten Pflege konnte Dr. Affe- naer während mehrerer Monate nicht den gering¬ sten Erfolg erzielen. Dr. Aiffenaer, der nichts ge¬ gen den Eiterungsprozeß vermochte, der mehr und mehr in der Wunde sich ausbreitete, verzweifelte an der Heilung des Unglücklichen. Die Ärzte aus Varssenaere, Brügge und Brüssel erklärten ihn als unheilbar. Amputation sei das einzige Rettungs¬ mittel! De Rudder duldete schreckliche Schmerzen, verbrachte mehr als ein Jähr im Bette und als er aufstand, konnte er nur mit Hilfe von zwei Krücken gehen. Von den Ärzten aufgegsben, begnügte sich der arme Peter, seine eiternden Wunden zwei- oder dreimal täglich zu reinigen und Leinwand¬ wickel um das gebrochene Bein zu legen. Alle, die von 1867 bis 1875 das '>Bein Peter de Rudders gesehen haben, beschreiben auf dieselbe Weise die abnormale Beweglichkeit dieses Gliedes, welche ein sicheres Zeichen für die „schlotternden Pseudo¬ arthrosen" bildet. Die gebrochenen Knochenstücke ivaren gänzlich voneinander getrennt, ja, es gab sogar zwischen den oberen und unteren Enden der Bruchstücke einen merklichen Zwischenraum, da Dr. Afsenaer ein ziemlich umfangreiches Sequester — 63 — (abgestorbenes Knochenstück) herausgenonrnreu hatte. Dr. v. Hoestenberghe, Armenarzt von Ja- bekke, besuchte ihn oft, aber ohne auch nur die ge¬ ringste Besserung seiner Wunde konstatieren zu können. >Jm Frühling des Jahres 1874 war Peter de Rudder vor der Tür seines Müschens gesessen, als der Arzt Dr. v. Hoestenberghe vorüberging. Peter de Rudder bat ihn, sein Bein wieder einmal zu untersuchen. Ws nun das Bein entblößt war, kon¬ statierte der Arzt am oberen Drittel des Schien¬ beines eine sehr breite Wunde von der Größe eines Hühnereies. Aus der Wunde floß eine eiternde, braune, sehr übelriechende Flüssigkeit. So gut als möglich reinigte der Arzt die Wunde mit einem lei¬ nenen Tuche. Alles, was man von dem Knochen se¬ hen konnte, war von der Knochenhaut entblößt. Die Oberfläche der Bruchstellen zeigte mehrere Uneben¬ heiten. Darauf ergriff der Arzt mit seiner linken Hand den oberen Teil des linken Beines und nahm die Ferse in seine rechte Hand; er konnte nun sehr bequem die Ferse nach! vorne drehen, und zwar über einen Halbkreis hinaus. Diese Drehbewegung hatte keine andere Grenze als jene, die durch den Zugwiderstand der Weichen umhüllenden Gewebe gebildet wurde. De Rudder selbst ließ sein Bein, während er das linke Knie mit den Händen fest¬ hielt, hin- und herpendeln wie den Pendel einer Uhr, und auf jade dieser Bewegungen folgte ein neuer Eitererguß aus der Wunde. Aus der zweiten großen Wunde, die auf dem Fußrücken- sich befand, floß dieselbe eiternde Flüssigkeit, wie aus jener. Mehrere Ärzte hatten ihn bereits untersucht und alle erklärten, das einzige Rettungsmittel sei, das Bein abnehmen zu lassen. Düs bestätigte auch jetzt Wicker der Arzt. Aber Peter de Rüdd-er wollte davon nichts hö¬ ren. Er hoffte auf Dr. Verriest von Brügge, der die Heilung versuchen wollte. Der Arzt legte das Bein in einen unbeweglichen Stärkekleisterverband und - - 84 — verordnete die Wiaschung der Wunde mit einem Absud von Eichenrinde. Mitte Jänner 1875 ge¬ stand Dr. Verriest die völlige Erfolglosigkeit seiner Behandlung dem Dr. v. Hoestenberghe ein und die¬ ser konstatierte, daß der Zustand des Fußes ebenso hoffnungslos sei wie vor der Behandlung durch Dr. Verwiest. Peter de Rudder entschloß sich zu einer Wall¬ fahrt nach dem nahen Oostacker, wo eine Kapelle der lieben Frau von Lourdes geweiht war. Dort sollte nun Peter d-e Rudder auf wunderbare Weise geheilt ^werden. Am Vorabend seiner Genesung, am 6. April 1875, besuchten Eduard von Hooren und sein Sohn Jules ihren Nachbar Peter de Rudder. Der Ver¬ band des kranken Beines wurde in Gegenwart dieser zwei Herren und einer Nachbarin, namens Marie Wittezaele, die auch am vorigen Tage beim Verbinden zugegen war, erneuert. In einer schrift¬ lichen Urkunde vom 27. April desselben Jahres er¬ klären diese drei Augenzeugen: „Den 6. April ha¬ ben wir das gebrochene Bein Peter de Rudders gesehen. Die Enden der gebrochenen Knochen tra¬ ten durch die Haut hervor und waren durch eine eiternde Wunde von ungefähr drei Zentimetern Länge voneinander entfernt, getrennt". Am 7. April machte sich Peter de Rudder auf die Wallfahrt. Begleitet von seiner Frau, stolperte er mühsam auf seinen Krücken nach der 2 Kilo¬ meter entfernten Bahnstation. Drei Personen balfen Peter de Rudder den Zug besteigen. Jean Duclos, Schuster in Jabbeke, fuhr nut Peter de Rudder bis Brügge mit. Er sagte später aus, daß er, dem Patienten gegentibersitzend, sich wäh¬ rend der Fahrt klar davon überzeugt habe, daß das linke Bein de Rudders unterhalb des Knies beweg¬ lich war, daß der Kranke den unteren Teil dessel¬ ben umdrehen konnte und daß übelriechender Eiter aus dem Leinwandverbande floß. Gerade auf die Einförmigkeit dieser Zeugnisse müssen wir um — 65 — so nachdrücklicher Hinweisen, da es von der größten Wichtigkeit ist, zweifellos festzustellen, in welchem Zustande das gebrochene 'Bein noch am Vorabende des Tages und am Tage selbst war, an dem seine plötzliche Heilung erfolgte. Unter vielen Schmerzen kam de Rudder in iGent an. Mit Mühe wurde er auf die Tramway getragen und von dort in den Stellwagen, der ihn nach Oostacker führte. Dort befindet sich eine Grotte mit einer Statue der un¬ befleckten Jungfrau Maria, wohin alljährlich viele Andächtige strömen, um die Fürbitte der Mutter Gottes anzuflehen. Erschöpft setzte sich Peter de Rudder auf eine der ersten Bänke, die vor der klei¬ nen Kapelle der Grotte stehen. Seine Frau gab ihm von dem Wasser der Quelle zu trinken. „Ich 'war," so erzählte er später selbst, „aus einer der ersten Bänke gesessen; mein Bein, das mir entsetzliche Schmerzen verursachte, ruhte aus meinen Krücken. Darauf ergriff ich meine Krücken und machte, gestützt von meiner Frau, zweimal die Runde um die Grotte. Bei der dritten Runde lie¬ ßen meine Kräfte so sehr nach, daß meine Frau mich unter der rechten Schulter fassen mußte, wäh¬ rend eine andere, mir unbekannte Frau mich unter der linken Schulter stützte. Aus diese'Weise schlepp¬ ten diese mich zu den Bänken. Ich ersuchte sie, mich auf Die zweite Bank niederzusetzen, um zu verhü¬ ten, daß die Pilger aufs neue mein Bein berühr¬ ten. Ich betete und flehte um Verzeihung aller metz uer Sünden seit meiner Jugendzeit und bat um Meine Heilung, damit ich meine Familie ernäh¬ ren könne." Plötzlich fühlte sich ve Rudder innerlich tief er¬ griffen; er ist wie außer sich. Er steht auf, denkt nicht mehr au seine Krücken, ohne die er seit acht Jahren keinen Schritt halte tun können, entfernt sich- von feinem Platze, dringt durch die Reihen der Pilger und wirft sich vor der Statue der Mutter Gottes auf die Knie. Nach etlichen Augenblicken der Ergriffenheit kommt er zu sich. Mit Erstaunen — 66 - bemerkt er, daß er ohne Krücken ist und daß er auf den Knien liegt. Darnach steht er auf, geht auf sei¬ nen Platz zurück, nimmt seine Krücken und legt sie vor der Grotte nieder. Seine Frau, Zeuge die¬ ses Wunders, fiel in Ohnmacht und die Um¬ stehenden weinten. Peter de Rudder selbst aber sieht und hört nichts um sich. Ganz in seine Gebete und seine Dankesgefühle vertieft, geht er noch drei¬ mal um die Grotte herum. Er war geheilt. Nachdem er einigermaßen zu sich gekommen war und ein inniges Dankgebet verrichtet hatte, führte man ihn, von seiner Frau und zahllosen Pilgern begleitet, zum Schlosse der Frau Marquise Alphonse Eourtebourne. Dort fand die erste Unter¬ suchung des geheilten Beines statt. Das Bein und der Fuß, welche noch einige Augenblicke vorher stark geschwol¬ len waren, hatten ihren normalen Umfang erhalte n. Das P fla st er und die Binden, die das Bein umgaben, waren von selbst abgefallen. Die zwei Wunden waren vernarbt. Die gebrochenen K nochen waren plötzlich z u s a m m e n- g ew a ch s e n. Am selben Tage (7. April) kehrte Peter de Rudder nach Jabbeke zurück, und als er ausstieg, bemerkte ihn der Bahnwärter Peter Momme, der höchst erstaunt war, de Rudder ohne Krücken gehen zu sehen. Am Morgen hatte er ihm vor der Ab¬ fahrt gesagt: „Was wollt Ihr denn in Oostacker? Bleibt doch lieber zu Hause!". Nun bekannte er: „Ihr habt dach gut daran getan, nicht auf mich zu hören". In Jabbeke, einem Städtchen von 2000 Einwohnern, war eine große Aufregung darüber. Alle kannten nämlich de Rudder und hatten ihn seit acht Jahren nie mehr ohne Krücken gesehen! Ein Augenzeuge der Rückkehr de Rüdders, Herr Houtsaeger, rief, als man ihm von der Hei¬ lung erzählte, aus: „Was! Peter de Rudder ge- — 67 — heilt? Ich habe ja noch in der letzten Woche sein gebrochenes Bein gesehen!". Da sah er auch schon Peter von der Station kommen, wie er völlig nor^ mal und ohne Krücken marschierte. Auf derselben Bank, wo er so lange, schmerz¬ liche Jahre.Angebracht hatte, erzählte er jenen, die früher und noch am Vorabend der Heilung die En¬ den der gebrochenen Knochen aus der Wunde hat¬ ten hervorragen gesehen, alle Umstände btzr Hei¬ lung. Am 27. April gaben diese Augenzeugen folgende schriftliche Erklärung!: „De Rudder ist am 7. April von seiner Pilgerfahrt in Oostacker vollkommen ge¬ heilt zurückgekommen. Der Knochen war zusam¬ mengewachsen, die Wunde war verschwunden. De Rudder konnte gehen, sich aufrecht hätten und ar¬ beiten so wie vor dem Unglücksfäll". Schon am folgenden Morgen war Dr. Uffenaer bei de Rudder. Er traf ihn nicht zu Hause, begeg¬ nete ihm aber in der Wohnung des Herrn Charles Rossel, wo de Rudder auf seinem Heimweg von der Kirche eingekehrt war. Der Arzt untersuchte das Bein mit der größten Sorgfalt und war sehr er¬ staunt, als er die innere Seite des Schienbeines an der Bruchstelle völlig glatt fand. Er sagte dar¬ auf in Gegenwart von mehreren Personen: „Jbr seid völlig geheilt. Euer Bein ist fest und solid zu¬ gewachsen. Es ist wie das Bein eines Kindes und nicht wie dasjenige eines Mannes, dessen Bein ge¬ brochen war. Menschliche Mittel waren nicht im¬ stande, Euch Heilung zu verschaffen; doch was die Ärzte nicht können, das kann Maria. Beim An¬ blicke eines solchen Wunders fühlt man sich aus einem Ungläubigen wieder gläubig werden". Dok¬ tor v. Hoestenberghe konnte anfangs den Gerüch¬ ten betreffs dieser wunderbaren Heilung keinen Glauben schenken. Als über die Nachrichten immer bestimmter wurden, entschloß er sich am 9. April, zwei Tage nach der Heilung, selbst zu Peter de Rudder zu gehen. Er traf Peter im Garten mit 5^ — 6r> Dein Spaten und- dein Rechen beschäftigt. Ins Haus gekommen, fing der noch vor drei Teigen krüppel- hafte Mann zu tanzen und zu springen an, um zu zeigen, wie vollkommen er genesen sei. Dr. v. Hoe- stenb-erghe untersuchte darauf das Bein: „Keine Verkürzung; eine Narbe unter dem Knie; eine an¬ dere, größere auf dem Fußrücken". Als er auf¬ merksam die Finger längs der inneren Fläche des Schienbeines entlang führte, konnte der Arzt fest¬ stellen, ebenso wie vorher sein Kollege, daß die Oberfläche des Knochens an der ehemaligen Bruch¬ stelle völlig glatt war. Peter de Rudder war völlig genesen: er zeigte keine Spur von Hinken. Nach seiner Genesung lebte er noch- 23 Jahre. Peter de Rudder starb am 22. März 1898 im Alter von 7-'» Jahren infolge einer Lungenentzündung und wurde auf den: Friedhöfe zu Ja obere begraben. Sehr auffallend war der Umstand, daß Peter de Rudder aufrecht ging, ohne zu hinken, obwohl nämlich Dr. Affenaer ein umfangreiches Knocheu- seguester herausgenommen hatte. Unter dein 15. April 1875 stellte die Gemeinde Jabbeke ein Dokument aus, das bestätigt, daß Pe¬ ter de Rudder vom 10. Februar 1867 bis 7. April 1875 an einem unheilbaren Beinbruche litt und plötzlich in Oostacker geheilt wurde. Gezeichnet ist dieses Dokument von Pfarrer Stock, Vikar Rom¬ me laere, vom Bürgermeister ü'Hoedt und mehreren Ge meindea usschüssen (Schöffen). Wie schon erwähnt, veröffentlichte der Pfarrer von Oberhollabrunn in Niederösterreich, van der Boni, ein geborener Vlamländer, im August des Jahres 1905 eine Broschüre über diese Wunderhei- lung unter dem Titel: „Ein wirkliches Wunder aus neuester Zeit". Dr. Aigner bewarb sich um den in dieser Bro¬ schüre ausgeschriebenen Preis von 1000 I< am 16. Juni 1908 mtd erklärte sich bereit, nachzuwei- scu, öaß die Zeugnisse, die für die plötzliche wun¬ derbare Heilung sprechen, nicht verläßlich seien. - 69 - Van ber Bom teilte 'dem Dr. Aigner mit, daß jeder von ihnen zwei Schiedsrichter wählen möge, die dann gemeinsam einen Vorsitzenden wählen sollten. Ersterer ernannte sofort seine zwei Vertre¬ ter, Dr. Aigner erst nach einein halben Jahre. Be¬ treffs der Wahl des Vorsitzenden konnte man je¬ doch zu keiner Einigung kommen. Schließlich sollte das Landesgericht in München entscheiden, und als auch das nicht angenommen wurde, schrieb Doktor Aigner: Man frage bei einem deutschen Bischof oder beim Vatikan an und van der Bom antwor¬ tete: „Lasten Sie den Bischof und den Vatikan aus dem Spiel, wir sind hier auf rein wissenschaft¬ lichem Gebiete". Die Sache wurde dann in die Zei¬ tungen getragen und im Verlaufe dieses Streites veröffentlichte van der Bom einen Artikel in der Illustrierten Lourdes-Chronik, in dem er Redewen¬ dungen gebrauchte, durch die sich Dr. Aigner in sei¬ ner Ehre beleidigt fühlte. Letzterer klagte den Pfar¬ rer wegen Ehrenbeleidigung. Die Verhandlung über diese Klage sand am 13. September vor dem Schwurgerichte in Linz statt. Van der Bom gab zu, daß er der Verfasser des inkriminierten Arti¬ kels sei, und trat den Wahrheitsbeweis an. Zuvor gab der Vorsitzende die Erklärung ab: „...daß in der heutigen Verhandlung nicht über die Tatsache 'des W u n 'd e r s selbst, sondern nur darüber entschieden werbe, ob die in der An¬ klage enthaltenen Stellen des Artikels eine Ehrenbeleidigung involvieren oder nicht". Was war nun das Urteil? Dr. Aigner brachte durch einen Vertreter etwa zehn Äußerungen die¬ ses Artikels -als beleidigend vor, doch in neun Punkten wurde van der Bom freigesprochen und nur wegen des Ausdruckes „Sie erfrechen sich" verurteilte ihn der Gerichtshof wegen Verspot¬ tung zu einer Geldstrafe von 150 Ü und zur Tragung der Gerichtskosten, soweit sie diesen Punkt betreffen! Da ist wirklich die Frage berechtigt: Wer ist der Verurteilte? Moralisch gewiß nicht van der Bom. - 70 - Materiell ist unbedingt van der Born Sieger, denn die großen Kosten des Prozesses trafen zum Gro߬ teil den Privatkläger Dr. Aigner! Diese Berichte haben wir der „Lourd-es-Chronik" vom 24. Sep¬ tember, 8. und 22. Oktober 1911 entnommen. Wenn man nun den Verlauf des Prozesses be¬ trachtet, so kann man gar nicht ersehen, warum Dr. Aigner gar so stolz ist auf diesen Prozeß. Hat denn dieser Prozeß die Falschheit der Wunder von Lourdes bewiesen? vr. Kigners Widerlegung. Noch mehr als der Prozeß muß uns die Wioer- legung interessieren, durch die Dr. Aigner den Preis von 1000 Iv zu gewinnen hoffte. Seine Aus¬ führungen sind folgende („Lourdes-Chronik" vom 8. Oktober 1911): Die Beweiskraft der für die Wund-erh-eülung angeführten Zeugen ist ungenügend-, da gar nicht feststeht, ob deren Aussagen in der zitierten Weise gemacht wurden. Es fehlt entweder jedes Protokoll über die Aussagen oder der Hinweis aus die Stelle, wo das Original zu finden ist. Setzen wir aber dennoch den Fall, daß die von Herrn van der Bom zitierten Zeugenauss-qgen und- Aktenstücke echt sind, so ist folgendes zu entgegnen: 1. Den Zeugen Jacques von Eschen, de Fraehe, Jan Houtsaeger und- Ludwig Knockeart, Eduard van Hoor-en, dessen Sohn Jules, sowie der Marie von Wittezaele, welche das kranke Bein mehr oder weniger unmit¬ telbar vor der Wünd-erheilun-g in dem kranken Zu¬ stande gesehen haben wollen, muß jedes Sachver¬ ständnis abgesprochen werden. 2. Die ärztlichen Zeugnisse, die Herr van der Bom zitiert, lassen in keiner Weise auf ein Wunder schließen. Dem gegen¬ über muß mit aller Entschiedenheit betont werden, daß von Mitte Jänner 1875 bis nach dem 15. April 1875, also volle drei Monate lang, minde¬ stens elf Wochen vor und eine Woche nach! der „Hei- — 71 lung" kein Arzt Has Bem kontrolliert hat, somit die Bemerkung „kurz vor der Genesung" den Tat¬ sachen widerspricht. Ein Zeitraum von drei Mona¬ ten aber genügt, um eine komplizierte Knochenfrak¬ tur auf natürlichem Wege zur Heilung zu bringen. 3. Die weiter zitierte offizielle Untersuchung durch verschiedene Doktoren, u. a. den 'Dr. van Hoesten- berg'he, erfolgte erst längere Zeit nach dem Wun¬ der, kann somit für den Verlauf der Heilung selbst nicht in Betracht kommen. 4. Das unter-m 13. April 1875 abgegebene Zeugnis, das mit zwölf Unter¬ schriften und mit dem Siegel der Gemeinde „Oost- acre" versehen ist, liegt im Original nicht vor. Das Siegel der Gemeinde bestätigt lediglich die Echtheit der Unterschriften, unbekümmert um den Inhalt des Attestes. An der Spitze der Unterschrif¬ ten stehen L. Stock, Pfarrer, und Aug. Romme- laere, Kaplan, Persönlichkeiten, denen ein Einfluß auf die übrigen Zeugen zugegeben werden muß. Es läßt sich der Gedanke nicht von der Hand wei¬ sen, daß solche Führer, die ein Interesse an der Feststellung des Wunders hatten, ihren Einfluß in diesem Sinne geltend gemacht haben. Auch muß die Tatsache, daß das dem Atteste zugrunde liegende Ereignis bereits acht Tage alt war, schon an und für sich das Attest als nicht unbedingt zuverlässig erscheinen lassen. 5. Die späteren schriftlichen Be¬ richte über das angebliche Wunder,' obenan die schon im Juli 1875 erschienene Schrift des Ka¬ plans von Oostacker, sind an sich gänzlich wertlos, weil sie nur aus dem übrigen Quellenmaterial ab¬ geleitet find. 6. Die späteren Untersuchungen in den 90er Jahren find wertlos. 7. Ms beweiskräftig kann auch nicht die Aussage Rudders selbst aufge¬ faßt werden. Wer weiß, ob er als Patient in der kritischen Zeit seinen Zustand selbst richtig- beurtei¬ len konnte und wie weit nicht spätere Suggestion bei ihm — ebenso wie bei den anderen Zeugen — varlag! 8. Bei all dem ist noch nicht einmal irgendeine Unredlichkeit unterstellt, deren Möglich- — 72 — kett doch mich Nicht bestritten werdeir kann, ivenn man bedenkt, welches Interesse man in Oostacker und Umgebung daran hatte, in eine Konkurrenz mit Lourdes zu treten. 9. Es muß deshalb um so mehr auch daraus hingewiesen werden, daß eine eidliche Aussage über den .Fall Rudder überhaupt noch nicht erfolgt ist. Nach dem Gesagten genügt es, noch daran zu erinnern, daß jeder Volks- und Aberglaube mit ebensolchem Beweismaterial be¬ kräftigt wird und daß auch andere „ Wundert) ei- lung-en" mit gleicher Bestätigung (sFgll Rouchel) bei genauerer Prüfring sich als Täuschung ergeben haben. Soweit die Widerlegung Dr. Aigrrers! Vor allem sei bemerkt, daß -der Bericht van der Boms über den Fall Peter de Rudder einer streng wissenschaftlichen Schrift dreier Ärzte in Belgien entnommen ist, die französisch verfaßt und betitelt ist: „Plötzliche Heilung eines Bruches", von L. van Hoestenber-ghe, E. Roher und A. Descha-mps. Alle drei sind Doktoren der medizinischen Wissen¬ schaft. Der -Jesuit Wasmann, der als ^Gelehrter .einen Weltruf genießt und sich in bezug auf exakte Forschung jedenfalls mit Dr. Aigner messen kann, sagt in den „Stimmen von Maria-Laach (Bd. 58, Seite 113) über diese Schrift: „Die Darlegung des Falles ist so klar und durch so unumstößliche Zeugenaussagen und ärztliche Atteste belegt, daß es unvernünftig wäre, ihr den Glauben zu verwei¬ gern; zugleich ist die wissenschaftliche Untersuchung des betreffenden Falles mit einer -Gründlichkeit und Sorgfalt geführt, welche jeden Zweifel an dem übernatürlichen Charakter jener Heilung ans- zuschliehen scheint". Diese drei Ärzte haben allen möglichen Einwendungen Rechnung getragen. Was¬ mann zollt offene Bewunderung diesen drei Ärz¬ ten, daß sie sich -mit solcher Sorgfalt dieser undank¬ baren Aufgabe unterzogen haben; denn in unserer Zeit haben die Naturforscher und- Ärzte, die meist — 73 - Himmlisch gesinnt sind, für «lies Übernatürliche nur Verachtung und Spott. Wenn nun Dr. Aigner in seiner Widerlegung die Echtheit der Zeugenaussagen und Aktenstücke in Zweifel zieht, wenn er jede Aussage von medizini¬ schen Laien einfach beiseite schiebt mit der Bemer¬ kung, daß sie kein Sachverständnis hüben, wenn das Zeugnis der Gemeinde, die Aussage Peter de Rudders nichts gilt, so muß er jene drei Ärzte für rechte Tölpel halten. Diese Art der Kritik ist ein¬ fach absurd. Die Zeugen, welche am 27. April 1875 eine schriftliche Erklärung abgaben, bezeugen bloß, daß Peter de Rudder am 7. April vollkommen geheilt wurde, daß keine Wunde mehr war, daß de Rudder gehen konnte wie früher. Eduard Hovren, dessen Sohn Jules und Fraü Marie von Wittezaele sahen am 6. April abends die Wunde, sahen, wie sich der ganze Fuß drehte, am nächsten Tag ist das alles verschwunden, und das sollen sie nicht konstatie¬ ren können! Von jetzt an wird man bei den Ärzten um, Erlaubnis fragen müssen, ob man überzeugt sein darf, daß man eine Wunde oder einen Husten hat! Sonst darf man gar nicht daran glauben! Fer¬ ner: Acht Jahre siecht Peter de Rudder dahin. Ganz Jabbeke sieht ihn täglich vor sich, sieht seine Krücken! Plötzlich ist dieser Mann, der acht Jahre, bis auf den 7. April 1875, ein Bild des Jammers ist, geheilt. Er geht! Er hinkt nicht! Wird stark, arbeitet! Selbstverständlich, alle haben sich ge¬ täuscht! Die Bemerkung Dr. Aigners, daß von Mitte Jänner 1875 bis nach dem 15. April 1875, also volle drei Monate lang, mindestens elf Wochen vor und eine Wachs nach der Heilung kein Arzt das Bein kontrolliert hat, ist in dieser Form gar nicht richtig. Mm 8. April wurde das Bein von Doktor Affenaer untersucht unh als vollkommen geheilt be¬ funden.. Am 9. April konstatierte Dr. v. Hoesten- - 74 - Lerghe eine radikale Heilung! Wenn übrigens die Ärzte die letzten Monate das Bein nicht genau untersuchten, so war das nur eine Folge ihrer zahllosen früheren erfolglosen Heilungsver¬ suche! Alle dem Peter de Rudder erreichbaren Ärzte hatten ihre Kunst versucht, alle stimmten darin überein, daß eine Amputation das letzte Mittel sei! Wenn nun, wie Dr. Aigner meint, die Heilung natürlicherweise erfolgt ist, und jetzt ohne Ä r z tß, während früher acht Jähre alle Ärzte vergeblich ihre Wis¬ senschaft anwandten, wenn die Heilung dann er¬ folgt ist, nachdem alle Ärzte die Amputation als das letzte Mittel angeraten hatten und deshalb den Ärmsten ganz einfach im Stiche ließen, als er sich zur Amputation nicht verstand, so muß manvor der medizinischen Wissenschaft jeden Respekt verlieren. Die Ärzte Dr. Asfenaer, Dr. Hoestenberghe von Jabbeke, die Ärzte aus Varfsenaere, Brüs¬ sel, Dr. Werriest aus Brügge, verzweifelten an Ser Heilung ! Sie sind darin einig: das Bein muß am¬ putiert werden! Ja, sie hätten es amputiert!! Und nun zeigt es sich, das Bein war heilbar, und zwar gründlich) und radikal auf natürliche Weise! Was für eine Verantwortung hätten diese auf sich ge¬ laden durch eine Amputation! Wer wird sich über¬ haupt, bei dieser Annahme des Dr. Aigner, noch etwas amputieren lassen, wenn nach achtjäh¬ riger B e h a n d lu n g die Diagnose auf Not¬ wendigkeit der Amputation so gründlich falsch war! Wenn dann Dr. Aigner im Namen der souve¬ ränen Wissenschaft alle Aussagen der medizinischen Laien zurückweist und nur ärztliche -Gutachten gel¬ ten läßt, so antworten wir ihm darauf, daß dann auch Gutachten der Ärzte, die einstimmig einen sol¬ chen Irrtum begehen- konnten, keinen Pfifferling wert sind ! Denn die Laien haben ganz einfach die Wunde und den Beinbruch konstatiert. Die Ärzte aber konstatieren auf ihrem ureigensten Gebiete durch acht Jahre etwas ganz Falsches! - 75 — Sehr eigentümlich ist >auch folgendes: In der Zeit Nom Jänner bis 7. April 1876 hätte die na¬ türliche Heilung vorhich gehen müssen. Jeder Kno- chenbruch braucht mindestens drei Wochen zur Hei¬ lung. Der komplizierte Doppelbruch Peter de Rud- chers brauchte jedenfalls Monate! Der Prozeß mußte ein langsamer sein. In dieser Zwischenzeit sollen nun die Ärzte von der vor sich gehenden Heilung nichts erfahren haben! Jene Ärzte, die sich solange vergeblich um diesen Fall bemüht haben! Ja, das wissenschaftliche Fachinteresse hätte sie zu Peter de Rudder treiben müssen! Und dieser, der alle mög¬ lichen Ärzte aufsuchte, hätte er denn nicht trium¬ phierend den Ärzten das heilende Bein gezeigt! Diese Ausführungen werden bestätigt gerade da¬ durch, daß einstimmig berichtet wird: Dr. A f fe- naer und Dr. Hoestenberghe seien bei der er¬ st e n Nachricht über eine angebliche Heilung sofort zu Peter de Rudder gekommen! Das Interesse also hatten sie! Kamen sie früher längere Zeit nicht, so ist das gerade der beste Beweis dafür, daß Pe¬ ter de Rudders Zustand bis zum 7. April derselbe geblieben ist. Das unter dem 16. April 1876 äbgegebene Zeugnis der Gemeinde Jabbeke mit dem Mmts- siegel gibt dem Dr. Aigner Anlaß zu ebenso ge¬ schmacklosen als unkritischen Bemerkungen. Es läge nicht im Original vor! Was liegt uns in den ein¬ zelnen Wissenschaften überhaupt im Original vor? Von nun an werden die Universitäten — denn die¬ sen Wird doch Dr. Aigner den wissenschaftlichen Charakter nicht absprechen —- ihren Betrieb so ein¬ richten müssen, daß die Professoren mit den Stu¬ denten in der ganzen Welt herumwandern, damit sie überall die Originalurkunden sehen! Denn jeder Student könnte dem Professor sagen: Legen Sie mir das Original vor! Wenn die drei Arzte Dr. van Hoestenberghe, Dr. Deschamps und Dr. Roher in ihrer Schrift das vlämische Original in der französischen Übersetzung bringen, so ist 76 — ihnen MN,') einfach ZU glauben! Denn es ist doch kein Grund da, au ihrer Wahrheitsliebe zu Wei¬ seln ! Sonst hört sich, jede Geschichtswissenschaft auf. Daß, das Gemeindestegel nur die Echtheit der Unterschriften, nicht oder die Wahrheit des Älte¬ stes bezeugen soll, ist eine glatte Erfindung Doktor Aigners. Das Zeugnis lautet wörtlich!: „Wir unterzeichneten Pfarrinsassen von Jab- beke erklären, daß das Schienbein des Peter Ja¬ kob de Rudder, hier geboren und zuständig, 52 Jalche alt, am 16. Feder 1867 so gebrochen wurde durch den 'Kril eines Baumes, daß de Rudder, nach¬ dem alle Mittel der Heilkunde erschöpft waren, von den Ärzten verlassen und als unheilbar erklärt wurde und als solcher von allen, die ihn kannten, befunden wurde. Er hat seine Zuflucht zur N. D. von Lourdes in Oostacker genommen und er kam von dort völlig geheilt und ohne Krücken zurück, so daß er alle Arbeiten, wie vor dem Unglückssalle, verrichten konnte. Wir erklären, daß diese plötzliche und wunderbare Heilung am 7. April 1875 statt- fand." 'Tann kommen die Unterschriften des Pfar¬ rers, des Vikars, des Bürgermeisters, der Schöf¬ fen ustv. Das beigedruckte Gemeindesisge'l kann nun absolut nicht als einfache L e g a li s i e r u n g der Unterschriften aufgefaßt werden, wie man z. B. durch) den Notar oder durch ein Pfarramt oder 'Ge¬ meindeamt sonst eine Unterschrift legalisieren läßt. Denn s o n st h ä t t e sich ja die G e m e i n- d e v a r st e h u n g i h re U n t e r s ch r i s t e n s e l b st legalisier t. In diesein Falle kairn die Unterfertigung und Beisetzung des Amtssiegels nur bedeuten: der Bürgermeister und die Schöffen wollen nicht als Privatpersonen, sondern a l s Vertreter der ganzen G> e m e i n d e das Wunder öffentlich bekennen, sie haben d i e A ut o- r i tät der G e ül e i n d e v e r t r e t u n g ein- gesetzt für Vas Wunder. Tas Siegel bezeugt also d a s W u n D e r, nicht einfach die Echtheit der Un¬ terschriften. Die beleidigende Insinuation Dr. Aigners, raß dieses Zeugnis auf die Suggestion des Pfarrers Stock und seines Kaplans reduziert werden kann, stellt Pfarrer und Kaplan als Betrüger hin und die 'Gemeinderäte von Jäbbeke als Schildbürger, deren Einfalt gerade groß genug ist, um ein Wun¬ der am hellichteu Tage zu konstatieren, wo kein Wunder war. Übrigens rechnet Dr. Aigner sogar mit der Möglichkeit, daß alle diese Zeugnisse ein beabsichtig¬ ter Betrug sind! Tenn es sollte aus begreiflichen Gründen ein Lourdes geschaffen werden. Ta kann mau sich folgenden Gedankens nicht erwehren: Diese Kerle von Jabbeke im vlämischen Belgien, links oder rechts von Brügge, müssen doch Vie wahrsten Tausendsassas sein! Tenn Dr. Aigner läßt nämlich den guten Jabbekern keine andere Wahl: Entweder find es die dümmsten Tröpfe, Vie je Mischen den- Meridianen von Ferro und Green¬ wich auf die Welt gefallen sind, oder es sind das die raffiniertesten Betrüger! Denn die ganze Welt ist von diesem Wunder überzeugt, Ärzte, Gelehrte, bis Dr. Aigner endlich all diesen Blinden den Star gestochen hat. Wiederum muß man sagen: Jene vielen Ärzte, die' de Rudder behandelt haben, find den schlauen Jabbekern gründlich auf den Leim ge¬ gangen und haben sich ein T für ein N vormachen lassen, jene Leute, die wiederum nach, Dr. Aigner einzig berufen sind, Tatsachen für die wissenschaft¬ liche Forschung zu konstatieren, während Laien a la Jabbekers alles Sachverständnis abgesprachen wer¬ den muß. Wir fragen übrigens, warum gründen Venn nicht die Eskimo in Grönland, die Deutschen in München und die Ungarn in Kecsksmet ein solches Lourdes auf Kündigung? 78 — Nach Dr. Aigner ist also in Jabbeke auch Schar- latanismns im Spiel! Zuerst war nur von einein welschen Scharlatanismus die Rede! Jetzt dürfte es bald ein Vlämischer werden! Wo ist eigentlich nur wahre Wissenschaft, frei von allein Scharlata- nismus, zu finden? Jedenfalls im Monistenbund zu München. Würdig daran schließt sich die Bemerkung Dr. Aigners über die Aussagen Peter de Rudders selbst: Wer weiß, ob er als Patient seinen Zustand richtig beurteilen konnte und ob bei ihm nicht Sug¬ gestion vorlag! Eben, dem Dr. Aigner erscheint die ganze Welt abnormal. Ein handfester vlämischer Arbeiter, der acht Jahre Dag und Nacht die Wunden seines Fußes fühlt, sieht, betrachtet, der sich fÄbst verbindet und behandelt, da ihn die Ärzte verlassen, soll nicht konstatieren können, wann und wie es mit ihm besser wurde! Doch, es ist genug! Wir meinen, die Jabbeker und Peter de Rudder waren gute, ein¬ fache Vlämländer, ausgestattet nut richtigem vlä- mis-chem Hausverstand, ohne Auswüchse nach rechts oder nach links. Mer das Wunder ist es, das manche Leute außef Rand und Band bringt und sie veranlaßt, zu glauben, daß alle, die an Wunder glauben, Scharlatane sind oder mindestens seiden gesunden Hausverftand verloren haben. Prozeß Müller. Mit Vorliebe beruft sich Dr. Aigner auf den Prozeß, der erst voriges Jahr in München stattge¬ funden hat. Am 6. Mai 1918 kam in München vor dem Schöffengerichte ein -Ehrenbeleidigungsprozeß zur Verhandlung, den Dr. Aigner gegen den Stadt¬ pfarrer Fink in Jsnh und gegen den Redakteur des Jsnher Tagblattes angestrengt hatte, und der damit endigte, daß Redakteur Frick zu 300 Mark und Pfarrer Fink zu 200 Mark Geldstrafe vcrur- — 79 — teilt wurden. Der Anlaß dazu war ein Zeitungs¬ bericht im Jsnyer Tagblatt, wonach Pfarrer Fink in einer Versammlung behauptete, daß der in Lour¬ des wunderbar geheilte Schlosser Lorenz Müllm bei Dr. Aigner in München gewesen sei, um sich von ihm auf seine Gesundheit untersuchen zu las¬ sen, aber Dr. Aigner hätte keine Zeit gehabt, ja er¬ halte sogar später behauptet, Müller sei gar nicht bei ihm gewesen. Beim Prozesse stellte sich heraus, daß Lorenz Müller dem Pfarrer Fink grobe Un¬ wahrheiten gesagt habe und gar nicht in München gewesen fei! Von den Sachverständigen wurde kon¬ statiert, daß Lorenz Müller an psychopathischer Minderwertigkeit und an nervös-hysterischen Zu¬ ständen leide und daß eine Besserung in Lourdes nur auf Suggestion zurückzuführen sei... Die frei¬ sinnige Presse hat nun diesen Fall in ausgiebigster Weise ausgenützt. Die „München-Augsburger Abendzeitung" (Nr. 125) schreibt z. B.: „Der Lourdesschwindel hat durch den Ausgang einer van Dr. Aigner angestrengten Beleidigungsklage eine eklatante Niederlage erlitten". Nun! Der Prozeß hat allerdings bewiesen, daß Lorenz Müller die Unwahrheit sagte, wenn er be¬ hauptete, in München bei Dr. Aigner gewesen zu sein. Der Prozeß hat uns auch gezeigt, daß es Lüg¬ ner gibt; die Sachverständigen haben ferner die Möglichkeit betont, daß Nervenkranke in Lourdes auch durch Suggestion geheilt oder gebessert werden können. Ist denn dadurch die Falschheit der Wunder von Lourdes nachgewiesen? Ist denn überhaupt Lorenz Müller vom Konstatierungsbureau in de¬ finitiver Form als geheilt proklamiert worden? Hat der Prozeß, mit Ausnahme der Lüge des Mül¬ ler, überhaupt etwas Neues über Lourdes zu Tage gefördert? Dr. Mgner^geht nach Lourdes. Nachdem Dr. Aigner schon einige Jahre zuvor den Kampf gegen Lourdes geführt und die Bchaup- - 80 - tung ausgestellt hatte, in Lourdes geschehen keine Wunder, einzelne eventuelle Teilungen aber seien der Suggestion zuzuschreiben, begab sich Dr. Aig¬ ner, uni allen Forderungen der euakten Wissen- schast nachzukonimen, persönlich nach Lourdes. Was glaubte nun Dr. Aignew in Lourdes kon¬ statieren zu können? Ein Dreifaches! 1. Während seines Aufenthaltes sei keine Hei¬ lung oder auch nur Besserung erfolgt. 2. Die Konstatierung von Heilungen sei in Lourdes eine absolut unzuverlässige, denn dem Konstatierungsbureau, sei jede sachwisseuschaftliche O ualifikation ühzusprechene 3. In Lourdes ist alles auf Auto- und Massen¬ suggestion berechnet, diese erzielt manchmal Heilun¬ gen. Aber Heilungen von organischen Krankheiten kommen nicht vor. Für Dr. Aigner ist es demnach ausgemacht, daß Lourdes ein Schwindel ist. In der „Münchener Abendzeitung" Nr. 13 t schreibt Dr. Aigner folgendes: „Der Ausdruck „Lourdesschwindel" ist zweifellos nicht parla¬ mentarisch, aber vielleicht stehen wir hier einer Angelegenheit gegenüber, wo eben der Parla¬ mentarismus ausgeredet hat, wo endlich einmal ein kerndeutsches Wort am Platze ist, das dem Empfinden breitester Volksmassen entspricht, wo es vielleicht geradezu Pflicht einer g n t e n Presse ist, öffentlich die Wahrheit furchtlos und unverblümt zu sagen, und vielleicht lautet eben diese Wahrheit „Lourdesschwindel". In Mettenbuch l Niederbayern l und Marpingen (Kreis St. Wen¬ del, Preußen) hat sich ganz dasselbe ereignet, was vor über fünfzig Jahren in Lourdes passierte. Da¬ mals sind weltliche unb kirchliche Behörden einge¬ schritten. Wir fragen uns also: Ist es nur eine neue Aufmachung von Mett-enbuch und Marpin¬ gen? Sind hier unsere Landsleute einem auslän¬ dischen Betrüge zum Opfer gefallen, den man im Jnlande unterdrückt? lluterliegen hier unsere — 81. - deutschen Kranken einem welschen Kurpfu¬ schertum?... Ich Warin Lourdes. 800 Deutsche waren mit mir dort. Ich habe den Ein¬ druck mitgenommen: Es ist eine nationale Schmach, daß wir unter Führung deutscher Geist¬ lichen einer solchen W u n d e r m a ch e erliegen. Die Wissenschaft weiß längst, was sie von den Lüurdeswundern zu halten hat". während der Aufenthaltes des Vr. Aigner in Lourdes hören die Wunder auf. Das erste, was Dr. Aigner in Lourdes kon¬ statierte, war die Tatsache, daß während seines Aufenthaltes in Lourdes teure neuen Krücken an der Wundergrotte aufgehängt wurden und daß keine Wunderhetlung stattf-and. Dr. Aigner schreibt in den „Münchener Neuesten Nachrichten" Nr. 448 vom 3. September 1912: „Das Resultat meiner Beobachtung war, daß keine einzige Heilung er¬ folgte". Aus dem Monistentage zu Magdeburg ging Dr. Aigner- noch weiter. Nach der „Kölnischen Volkszeitung" (Nr. 1035, 1912) sagte Dr. Aig¬ ner zu Magdeburg, daß in keinem einzigen Falle der während seiner Anwesenheit verkündeten Hei¬ lungen — auch nach dem Urteile des Bureaus von einer Heilung oder auch nur Besserung gespro¬ chen werden könnte. Es ist gar nicht einzusehen, was das gegen die Wunder von Lourdes beweisen sollte! Dr. Aigner hat während seines Aufenthaltes kein Wunder in Lourdes konstatiert! Gut! Herodes konnte auch kein Wunder Christi sehen! Das Wunder kann man nicht wie ein Diner oder eine Schanvorstellung bestellen. Dr. Aigner wird schon entschuldigen, daß ihm Gott nicht zu Diensten war. Übrigens nimmt sich die Behauptung Dr. Aigners sonderbar aus, wenn man bannt den Protest des Arztes Dr. Gon- raud aus Paris vergleicht, der zu gleicher Zeit in — 82 — Lourdes war und im Bureau gemeinsam -nut Dr. Aigner die Heilungen untersuchte. Dr. Gouraud schreibt zu Dr. Aigners Behaup¬ tungen („Bayrischer Kurier" vom 8. und 9. De¬ zember 1912): „Während der französischen Natio¬ nalpilgerfahrt 1912 habe ich selbst dem Herrn Dr. Aigner zwei Kranke gezeigt, welche eben geheilt worden waren. Die eine von Tuberkulose nm Handgelenke, die andere von Tuberkulose an der ^rtioulatio 8ooroilg.oo. Bei beiden hat er die Wirk¬ lichkeit der Heilung anerkannt. Da die Unter¬ suchung dieser beiden Fälle aber noch nicht abge¬ schlossen ist, spreche ich mich nach nicht aus, wie der Charakter der Heilung zu bewerten ist, und ich kann noch nicht erklären, ob sie wirklich übernatür¬ lich und unerklärlich sind. Aber immerhin sehe ich nicht ein, woraus sich jedoch Dr. Aigner stützt, um jetzt die Heilung in Abrede zu stellen oder um sie der Suggestion zuzuschreiben". (Dr. F. H. 'Gou¬ raud von Paris.) Das Watt fügt hinzu: „In Lourdes also anerkennt D r. A i g n e r d i e W i r k l i ch k e i t d e r H e i l u u g und in Deutschland behauptet er, „e s s e i keine Heilung erfolg t". Ferners schreibt dasselbe Blatt: „Das ärzt¬ liche Konsdatierungsbureau zu Lourdes veröffent¬ licht in Nummer 5 der „Annales de Lourdes" vom 31. August 1912 das offizielle Resum« von 18 Pro¬ tokollen, die sich auf Heilungen und Besserungen beziehen, die während des Aufenthaltes des Dok¬ tors Aigner in Lourdes stattfanden. Im „Journal de la Grotte" vom 1. September 1912 veröffent¬ licht das Bureau zehn Heilungsfälle der National¬ wallfahrt von 1911, welche im Jahre 1912 bestätigt wurden. Dr. Aigner hat die meisten Geheilten im Bureau gesehen, wie die „Annales de Lourdes" vom 31. August 1912 berichten, und in Magdeburg verkündet nach dem Berichte der „Köln. Volkszei¬ tung" Dr. Aigner, daß auch n a ch d e m U r t e i l e des Bureaus keine einzige Heilung - 83 - erfolgt sei. Dr. Aigner selbst legt Zeugnis ge¬ gen sich ab. In Magdeburg sagt er nach der „Köln. Volkszeitung" (Nummer 1035. 1912), daß auch nicht einmal von einer Besserung gesprochen wer¬ den könne. In den „Münchener Neuesten Nachrich¬ ten" dagegen schreibt er über einige Fälle, bei de¬ nen der jetzige ärztliche Befund im Vergleiche zu einem früheren Berichte eine außerordentliche Bes¬ serung annehmen läßt." Mer diesen Dr. Gouraud hat Dr. Aigner selbst das beste Zeugnis abgelegt; denn er schreibt wörtlich folgendes: „Auch lernte ich in einem Dok- tor F. H. Gouraud aus Paris, der seit einigen Wochen im Konstatierungsbureau arbeitet, einen Kollegen kennen, den ich gegen jeden Vorwurf der Oberflächlichkeit oder des Scharlatanismus in Schutz nehmen möchte. Allerdings blieben unsere Erörterungen auf rein medizinisches Gebiet be¬ schränkt und die Frage des Wunders als einer rein klerikalen Angelegenheit blieb ausgeschaltet". So schreibt der Münchener Monistenführer und Lour- desbekämpfer Dr. Eduard Aigner mit Namens¬ unterschrift in den „Münchener Neuesten Nachrich¬ ten" (Nr. 448 vom 3. September). 2. Das Uonstatierungsbureau. Das zweite, was Dr. Aigner in Lourdes kon¬ statierte, ist die Unzuverlässigkeit und der !Scharla- tanismus des Konstatierungsbureaus. Die heftigsten Angriffe Dr. Aigners gelten dem Konstatierungsbureau. Anfänglich tappte Dr. Aig¬ ner in seinem Kampfe gegen Lourdes im Unsiche¬ ren herum, er wußte nicht recht, gegen wen er hauptsächlich käinpfen sollte. Es lag auf der Hand, daß er zuerst jenen Leierkasten aufzog, der in der Geschichte der katholischen Kirche so oft seine alt¬ bekannten, abgedroschenen Weisen zum Besten gab: nämlich Geschäftskatholizismus, ausländische Spe¬ kulation, Ausbeutung, Spekulation auf die Dumm- o* — 84 - heit der einfältigen Wallfahrer! Aber das war nichts Neues! Solches und Ähnliches pfeifen all die kirchenfeindlichen Spatzen von den Dächern jedes Dorfes! In Lourdes machte Dr. Aigner eine peinliche Entdeckung! Ein Ä r z t e b u r' e au i st d a, also Kollegen vom Fach! Diese sinv es, die eigentlich die Wunder konstatieren, nicht der Kle¬ rus! Das war ein peinlicher Angenblick im Leben Dr. Aigners! Auf den Klerus war ja so leicht los¬ donnern! Man kann ja immer sagen: Sie sind nicht vom Fach. Aber Ärzte, viele Ärzt e, sind es, die die Wunder konstatieren! Für den kon¬ sequenten Monisten blieb nichts anderes übrig, als mutig weiterzugehen und zu sagen: Auch dieses Ärztebureau irrt sich! Und da es unmöglich ist, daß sie im guten Glauben sind, so müssen sie Betrüger, Scharlatane sein. Die Ailschuldigungen, mit denen Dr. Aigner Lourdes in verschiedenen Zeitungen und Anspra¬ chen bombardiert, wie „Wunderregisseur", Spiel¬ bank, Spielhöhle, wo mit falschen Karten gespielt wird, Börse, die Papiere auf eine fingierte Bank im Jenseits gibt, System, das die Unwissenheit, aus¬ beutet, gelten ebenso dem Kvnstatierungsbureau wie deni Klerus. Dieses Bureau ist nach Dr. Aig¬ ner ganz einfach vom Klerus bestellt, gekauft, kor- rmmpiert, damit Lourdes mit dem Mantel schein¬ barer Wissenschaftlichkeit umgeben ist; also spreche es allen Begriffen von ärztlicher Pflicht Hohn. In einer Ortsversaininlnng der deutschen Mo¬ nisten hat Aigner nach dem Berichte der „Münche¬ ner Neueste Nachrichten" vom 16. April 190h scharfe Kritik an der wissenschaftlichen Ärztekom¬ mission in Lourdes geübt. Da spricht er von „einem System, das die Unerfahrenheit, die Unwissenheit und Unmündigkeit ausbeute und, vou der Unwahr¬ heit der eigenen Behauptungen überzeugt, den gei¬ stigen Fortschritt hemme und in die Nacht des Aberglaubens zurückschleudere". — 85 Ferner: Das Konstatierungsbureau hat „ja allerdings am Blühen und Gedeihen Des Wall¬ fahrtsortes ein großes Interesse, aber an Gewis¬ senlosigkeit oder Unerfahrenheit spräche es allen Begriffen von ärztlicher Pflicht Hohn". a) Dr. Boissarie. Vor allem findet Dr. Aignerwn dein Chefarzt des Konstatierungsbureaus Verschiedenes auszu¬ sehen. Er sei 80 Jahre alt; sein Buch („Die großen Heilungen von Lourdes", 1002) weise keinen ein¬ zigen wirklich fachwissenschaftlich begründeten Hei- lungslbericht auf. Ferner läßt sich Dr. Aigner von einem französischen Arzt (dessen Namen er nicht nennen will) über Boissarie folgendes schreiben: „Ich habe nicht die Ehre, Boissarie zu kennen, aber wenn er nicht guten Glaubens ist, dann ist er ein Scharlatan, und wenn er guten Glaubens ist, dann ist er ein Tölpel". So schreibt Dr. Aigner in der Zeitschrift „Das 20. Jahrhundert" vom 12. Juli 1'908. Was ist auf diese Anschuldigungen zu sagen? Im Jahre 1883 wurde das Bureau des Con- statations mödicales (der ärztlichen Feststellungen 1 eingerichtet. Die Ärzte jeder Nation und jeder Kon¬ fession, jeder beliebigen philosophischen Anschauung haben freien Zutritt. Seit 1893 ist Dr. Gustav Boissarie Vorsteher dieses Bureaus. Er war zuerst Assistenzarzt in den Spitälern van Paris, 1866 wurde eine seiner wissenschaftlichen. Arbeiten von der medizinischen Fakultät von Bordeaux preis¬ gekrönt. In den Jahren 1886 bis 1893 war er Assistent des Dr. Maclou, der damals Prä¬ sident des Bureaus war. Dr. Boissarie veröffent¬ lichte bisher fünf Bücher über Lourdes. Besonders bekannt ist das Buch „Die großen Heilungen von Lourdes". Ihm zur Seite steht Dr. Koks. Dieser hatte seine Studien in London gemacht und war dort 23 Jahre als Arzt tätig. Als seine Tochter — 86 — in Lourdes geheilt wurde, blieb er im Bureau als Assistenzarzt und ist seit 18 Jahren in dieser Stellung. Dr. Cabann«, dpr Chefredakteur der großen medizinischen Zeitschrift „Chronique modicale" von Paris urteilt in der Nummer vom 16. Dezem¬ ber 1900 über Boissarie: „Dr. Boissarie ist in der wirklichen, wissenschaftlichen Tradition, und wenn wir leider nicht seine Glaubensstärke haben, so machen wir absolut keine Schwierigkeiten, anzuer¬ kennen, daß die Kirche mit Recht stolz ist auf einen solchen Vorkämpfer, der so achtunggebietend ist, weil er so aufrichtig scheint". Dieses Urteil ist aus einem respektablen Munde. Dr. Aigner erzählt gerne bei seinen Vorträgen die Episode, die sich im Konstatierungsbureau beim Eintritte des Bischofs von Digne abgespielt hat, um Dr. Boissarie eines zu versetzen: Als Doktor Boissarie den Dr. Aigner dem Bischof mit der Be¬ merkung vorstellte: „Das ist einer der Ungläubig¬ sten", da hätte Dr. Boissarie, als der Bischof auf ein Wunder hinwies, geantwortet: „Das ist ein Wunder für die Menge, nicht für die Ärzte". Diese Antwort findet Dr. Aigner einfach vernichtend für den Bischof und wahrscheinlich auch für Dr. Boissa¬ rie, als ob damit Dr. Boissarie etwa folgendes sa¬ gen wollte: Wir haben zwei Arten von Wundern: Die einen find gut genug für die Menge als „o b- j e c tu m s o p p abile"! Mit diesen dürfen wir uns in ernsten Kreisen nicht sehen lassen. Die anderen sind für uns Ärzte. Wir fin¬ den die Antwort für Dr. Boissarie gar nicht so vernichtend; man muß sie nur aus den Umständen heraus beurteilen. Dr. Boissarie wollte sagen: Das Volk hat sein Urteil, das Konstatierungs¬ bureau hat aber auch sein Urteil. Dieses ist unabhängig von der Menge, von äußeren Ur¬ teilen! Auch dise Privatmeinung eines Bischofs ändert nichts daran! Das ist geradezu eine glän¬ zende Rechtfertigung der kritischen Methode des Dr. Boissarie! - 87 - d) Aufgabe des Konstatierungsbureaus. Über das KonstatierungAbureiau hat Dr. Aig¬ ner ein vernichtendes Urteil gefällt. Ist das Ur¬ teil begründet? Im Jahre 1883 gründete die kirchliche Verwal¬ tung das ärztliche Konstatierungsbureau, um den tu Lourdes vorkommenden Heilungen eine wissen¬ schaftliche Garantie zu geben. Das Bureau hat nicht etwa eine ärztliche Praxis auszuüben und die Krankheiten zu behandeln, sondern einfach zu kon¬ statieren, ob etwaige in Lourdes vorgekommene Heilungen einen außergewöhnlichen Charakter an sich tragen. Demgemäß hat das Bureau die Auf¬ gabe, zu konstatieren und Material zu sammeln. Nicht alle Kranken, die nach Lourdes kommen, ge¬ hen ins Bureau. Aber jene, welche kommen, müssen zuerst ein ärztliches Attest (Zeugnis) ihrer Krank¬ heit vorweifen. Alle anwesenden Ärzte können die Atteste einsehen und prüfen. Dann werden die Kranken genau untersucht, und zwar von jedem Arzte, der es wünscht. Wenn der untersuchende Arzt erklärt, daß die Heilung wissenschaftlich nicht erklärt iverden kann, dann gibt man sich noch weiter mit dem Kranken ab. Der Kranke muß sich jeden Tag dorstellen und erst im solgenden Jähre wird die Heilung definitiv anerkannt. „Denn man darf nicht vergessen," sagt Dr. Boissarie, „daß zwischen der Heilung eines Dages und eines Jahres ein Ab¬ grund liegt". of Urteile der Ärzte über das Konstatierungs- burean. Der Arzt Dr. v. Westphalen beschrieb im Mün¬ chener Prozeß 1909 das Vorgehen des Konstütie- rungsbur-eaus also: „Dort wird eine kleine Sitzung abgehalten. Dr. Boissarie fragt jene, die sich als geheilt vorstellen: „Hüben Sie ärztliche Atteste? Das könnte jeder sagen, er sei geheilt". Wenn kein 88 Attest vorgelegt werden kann, wird der Fall von vornherein ausgeschlossen. Jedes Attest des Arztes wird laut vorgelesen. Dann bittet Dr. Boissarie die anwesenden Arzte, den Fall nach Belieben zu un¬ tersuchen. Dr. Boissarie und ein zweiter Arzt sind die ständigen Ärzte. Die übrigen sind solche, die niit Kranken kommen oder als Touristen Lourdes be¬ suchen. Jeder Arzt, ob Katholik oder nicht, kann an diesen Sitzungen teilnehmen. Der Patient wird dann in einen Nebenraum gebracht. Die Ärzte ge¬ hen dann in gewohnter Weise vor; es wird der status xi-aos. untersucht, man sucht nach den Symp¬ tomen usw. Es gibt Fälle, welche ein Wunder sein können. Das Bureau kaun keine Wunder seststel- len, das ist Sache der Kirche und der Theologie. Deshalb spricht Dr. Boissarie nur von großen Hei¬ lungen. Hauptsache ist, daß er sagt: „Können wir, wenn die Sache sich so zngetragen hat, wie die Patienten erzählen und die ärztlichen Atteste an¬ geben, sagen, daß die Sache außergewöhnlich ist?". Ich möchte darauf Hinweisen, daß auch Vertreter der Presse, das Volk usw. dort sind, so daß manches gleich als Wunder dargestellt wird. Die Ärzte küm¬ mern sich um diese Anschauungen nicht, sondern für uns ist Hauptsache, daß wir im Bureau ruhig prüfen können. Mer die Art des Vorgehens in Lourdes ist man erst unterrichtet, wenn man die Dinge länger kennt. Ich selbst habe erst Heuer ge¬ nau kennen gelernt, wie in Lourdes vorgegangen wird; das lernt man nicht in vierzehn Tagen. Nach dieser Untersuchung im Koustatierungs- bureau beginnt erst die eigentliche Arbeit. Die Atteste werden untersucht, die Angaben aus ihre Richtigkeit geprüft, und es wird recherchiert, ob die Heilung anhält. Noch bis Heuer habe ich geglaubt, daß die Kranken nicht vor der Heilung untersucht werden, sondern daß die Atteste der behandelnden Ärzte, die Recherchen und die ärztlichen Befunde nach der Heilung dem Konftatierungsbureau genü¬ gen. Heuer kam mir in Lourdes der Fall vor, daß - 89 - eine eben angekommene tränke Frau ins Bureau kam mit dem Wunsche, sich untersuchen zu lassen. Dr. Boissarie sagte zu. Ich untersuchte selbst und konstatierte einen Krebs/ Jeder Arzt, von jeder Konfession und Nationalität, kann sich an der Un¬ kersuchung beteiligen. Manchmal sind 40 bis 50 2lrzte da, meistens acht bis zehn/ Die heutigen Zustände in Frankreich sind ver¬ nickelt, so daß man nicht weiß, wem Lourdes ge¬ hört. Früher war Lourdes Eigentum des Bischofs, letzt sollen alle Kirchengebäude an die Stadt über¬ gehen. Es sind Protokollbücher vorhanden, viele große Bände, in denen d i e K r a n k e n g e s ch i ch- ken verzeichnet sind. Im Konstatierungs- hureau ist es unmöglich, alle Kranken zu unter¬ suchen, die nach Lourdes kommen, aber Hauptsache sit, daß jeder Arzt uneingeschränkt die Krankheit Untersucht." Aut die Frage des Gerichtsvorsitzenden, ob er Unnatürliches gesehen habe, sagte er: „Ich bin kein chsilnderjäger. Ich kann aber doch nicht Beobachtun¬ gen von Fachleuten als nicht existierend ansehen, kvie z. B. die des Kollegen Universitätsprofessors Dr. Spielmann in Nantes, der eine Kranke, die er sieben Monate an Bauchfell-Tuberkulose erfolglos behandelte, nach einer Wallfahrt nach Lourdes ge¬ geilt fand. Dr. Boissarie untersucht selbst meistens uicht, sondern überläßt es allen Ärzten, zu unter¬ suchen. Ich habe selbst unzählige Ärzte ge¬ sehen, welche im Bureau waren und über Patienten sprachen, die geheilt worden waren. Dr. Boissarie begnügt sich damit, die anwesen¬ den Ärzte zur Untersuchung aufzufordern, die öann ihre Beobachtungen zu Protokoll diktieren. Das Konstatierungsbureau hat nur eine Art Sam¬ meltätigkeit, die Hauptsache ist die. Nachunter¬ suchung. Da werden Ärzte genommen, welche den weiteren Verlauf der Heilung beobachten und un¬ tersuchen können. Es kommen Rückfälle vor. Es wird daher in allen Fällen, wo eine mögliche Hei- — so — lung in Betracht kommt, recherchiert, ob die Krank¬ heit wirklich behoben ist und ob die Heilung an¬ hält". Prof. Dr. Meyer, Pilgsrarzt aus Metz, sagte als Zeuge bei diesem Prozesse aus: „Ich bin seit 1891 17mal in Lourdes gewesen, das letztemal im Jahre 1909. Im Konstatierungsbureau wird ernst gear¬ beitet, soweit ich es beurteilen konnte. Im Jahre 1891 sah ich eine Frauensperson aus der Piscine gehen, die Krücken in der Hand trug. Sie hatte vor¬ her kaum mit den Krücken gehen können; ihr Zu¬ stand hatte wenigstens eine große Besserung er¬ fahren. Die Heilung dauerte an und die Frau kam auch im folgenden Jahre nach Lourdes und stellte sich im Konstatierungsbureau vor. Ich las dann mit großer Verwunderung, daß das Bureau im Protokoll geschrieben hatte: es konnte sich auch um eine nervöse Sache handeln. Im Jahre 1901 war eine Person in Lourdes mitten in der Nacht auf Anraten des Arztes mit den heiligen Sterbesakramenten versehen worden. Am anderen Morgen bei der Sakramentsprozes¬ sion stand die Person plötzlich auf und kniete nie¬ der vor dem allerheiligsten Sakramente... Mer im Bureau wurde das Geschehnis nicht unter die Heilungställe aufgenommen, weil es sich um eine nervöse Krankheit handelte. „Es sei nichts zu machen." Während! ich dort war, kam eine Person auf das- Bureau. Sie war längere Zeit gelähmt ge¬ wesen und in der letzten Zeit auch noch blind ge¬ worden. Bei der Prozession wurde sie plötzlich völlig geheilt; sie konnte sehr gut lesen, gehen... Bei den Erkundigungen war die Rede von Hysterie; ohne weiteres wurde der Fall als nicht beweisfähig ad acta gelegt." Ähnlich äußerte sich Dr. Schrohe, Arzt in Köln, ebenfalls als Sachverständiger in demselben Pro¬ zesse: „Bei der Feststellung, ob eine Heilung im Sinne eines Wunders vor sich gegangen sei, wird ohne Zweifel sehr kritisch Verfahren. Man verfährt - 91 nicht kritiklos, wie das Professor Dubois erklärt". Der Sachverständige bringt dafür mehrere Belege. So ist eine Novizin aus Lothringen, die wegen eines chronischen Magengeschwüres mit der Weisung aus shrem Orden entlassen wurde, sie dürfe erst nach ihrer Heilung zurückkehren, nach Lourdes gekom¬ men. Da nach der Heilung in Lourdes die Diagnose Lines Magengeschwüres nicht absolut sicher nachge- Miesen werden konnte, so eignete sich der Fall nicht Zur Protokollierung. Oder: Eine Frau, die zur Prozession getragen werden mußte, warf plötzlich die Krücken weg und konnte gehen. Aber diese Hei¬ lung wurde nicht protokolliert, also ein Beweis, daß die Kritik scharf ist. An der Prozession dürfen uur solche Kranke teilnehmen, die ärztliche Zeug¬ nisse mitbringen. Solche Zeugnisse werden aber doch von Ärzten ausgestellt, die an Lourdes weiter kein Interesse haben, dann auch von Ärzten, die solche Zeugnisse nur ungern ausstellen." Führen wir auch noch das Urteil einiger fran¬ zösischer Ärzte an. Das „Neue Münchener Tagblatt" vom 23. Mai 1913 schreibt: „Dr. de Backer, Direktor eines phy¬ siologischen Laboratoriums in Paris, schreibt: Ich konnte da sehen, wie skrupulös Dr. Boissarie und sein Haupthelfer Dr. Koks ihre Untersuchungen und Beobachtungen machen. Gewöhnlich beginnen sie Mit der Prüfung der Atteste jener Arzte, welche dorher den Kranken behandelt hatten. Die größte Umsicht und Genauigkeit, eine absolute Diskretion herrschen dort. Ich habe keine Pose, keine Inszenie¬ rung, keinerlei Schauspielerei dort gesehen. Die Ärzte im Konstatierungsbureau stehen auf der Höhe ihrer Aufgabe. Sie sind eher streng in der Zulassung des Übernatürlichen und schieben alles, Mas mit Nervosität und reiner Suggestion zusam- Menhängt, beiseite". Dr. Berillon, Direktor der „Revue des Hypno- lismus", erkennt an, daß hier alles im vollsten, — 92 — guten Glauben geschieht, daß jede Inszenierung fehlt, daß man dem Gange der Ereignisse gar nicht nachhilst. Es dürfte unsere Leser auch interessieren, wie sich dieser Dr. med. Gouraud, den Dr. Aigner ge¬ gen jeden Vorwurf der Oberflächlichkeit oder des Scharlatanismus in Schutz nimmt, zum Konsta¬ tierungsbureau stellt. Dr. med. Gouraud veröffent¬ licht im „Journal de la Grotte" (Nr. 36) un¬ ter dem Titel „Die Ärzte bei der französischen Na¬ tionalpilgerfahrt 1912" und mit Namensunter¬ schrift folgenden Artikel, dem das Journal als Ein¬ leitung beifügt: „Wir find glücklich, unseren Le¬ sern folgende Abhandlung zu unterbreiten, in der Dr. Gouraud aus Paris, ein Bruder des berühm¬ ten Generals Gouraud, des Siegers von Samory, seine Eindrücke am Tage nach dem französischen Nationalpilgerzuge niedergeschrieben hat". „Dank dem überaus freundlichen Entgegen¬ kommen des Dr. Bvissarie (Vorsitzenden des Kon- statierungsbureaus) hatten wir dieses Jahr das Glück, während der französischen Nationalpilger¬ fahrt das Leben und Treiben des Konstatierungs- bureaus genauestens kennen zu lernen. Andere, mehr dazu Berufene haben bereits dargetan, was diese glänzenden Kundgebungen des Glaubens und der Frömmigkeit auf sich haben. Mir scheint es in¬ teressant einiges über die ärztliche Tätigkeit zu berichten und über das wissenschaftliche Leben dieser so merkwürdigen Klinik, deren doppelte Tä¬ tigkeit sich also.zusammenfassen läßt: Die Hei¬ lungen von Lourdes der strengsten Untersuchung zu unterziehen, und der größtmöglichen Anzahl von Ärzten zu erlauben, selbst zu sehen und sich ein persönliches Urteil zu bilden. Die Anteilnahme war in diesem Jahre zahl¬ reicher als je zuvor und gut zusammengesetzt: Mehr als 100 Ärzte haben während der Dauer der Nationalpilgerfahrt ihren Namen eingetragen. Unter ihnen vier Fakultätsprofessoren, drei frühere - S3 - Spitalärzte aus Paris, ein aktiver Pariser Spital- arzt, drei Militärärzte, ein Kolonialarzt, zehn fremde Ärzte aus Deutschland, England, Amerika, Spanien, Portugal, Rumänien ufw., unter ihnen einer der bekanntesten amerikanischen Gelehrten und ein hoher Würdenträger des Gesundheits¬ dienstes aus Rumänien. Wenn man bedenkt, daß von Jahr zu Jahr 500 Ärzte deu Bureauarbeiteu beigewohnt haben, alles sehend, untersuchend, was dort vorgeht, so ist man gezwungen, anzuerkennen, daß man daselbst, was den Ernst der Arbeit betrifft, eine hochwertige G a r a n tie hat. Man mußte sehen, mit welchem Eifer all diese Ärzte sich bestrebten, nichts von all dem zu übersehen, was vor ihren Augen sich ab¬ wickelte, alle Fälle untersuchend, um sie nachher unter sich zu erörtern. Unter den Teilnehmern dieses Jahres gibt es solche, deren Anwesenheit wir besonders hervor- hebcn zu müssen glauben, weil sie eine ebenso in¬ teressante als wünschenswerte Evolution bedeuten. Da ist zuerst die Anwesenheit einer größeren Zahl von Ärzten, welche dazu beitragen, den Konstatie¬ rungen einen immer fachmännischeren Charakter zu geben. So haben zwei Orthopäden aus Paris, welche uns die besten Traditionen der Schule von Calot überliefern, zwei Heilungen von Knochen¬ tuberkulose sune arthrite du poiguet et une sacra- coralgie) mit angewohnt, und sie konnten bei dieser Gelegenheit Bemerkungen machen, wie sie nur einem durch tägliche Beobachtung erfahrenen Spe¬ zialisten möglich sind. Einer von ihnen, der selbst den Gipsverband eines eben von Tuberkulose an der Hand geheilten jungen Mädchens abnahm, machte uns auf die ganz besondere Haltung dieser Kranken aufmerksam, die selbst mithalf, ihren Ver¬ band zu lösen, also gleich ohne Zögern ihre Hand bewegte und Hin- und Herbewegungen vornahm, weit entfernt, solche zu fürchten, lauter Dinge, die mau nicht bei Kranken sieht, welche die Arzneikunde — 94 — langsam geheilt hat, die aber trotz allen: zaghaft bleiben. Fügen wir hinzu, daß diese zwei geach¬ teten Amtsbrüder, deren Zeit bemessen war, nm übernächsten Tage nochmals mehr als hundert Kilometer weit tzerkamen, um die geheilten Kranken wiederzusdhen, die sie so sehr interessiert hatten. Das Konstatierungsbureau erhielt dieses Jahr einen anderen Besuch, den man mit Stillschweigen nicht übergehen darf. Es ist der eines deutschen Amtsbruders aus München, eines ausgesprochenen Gegners von Lourdes, das er öfters in seinen Pu¬ blikationen angriff und der uns noch ganz frische Neuigkeiten von den Prozessen in Metz und Mün¬ chen überbrachte. Dr. Boissarie sah großmütig ab von den Angriffen, sagen wir lieber von all den Insulten, welche bei dieser Gelegenheit gegen das Konstatierungsburoau und dessen Präsidenten ge¬ schleudert wurden; er öffnete ihm Tür und Tor, erleichterte ihm den Zutritt zu den Spitälern, wie auch zur Untersuchung der Kranken und Geheilten. Unser Amtsbruder konnte alles sehen und alles kontrollieren. Er hat übrigens in einem Briefe, den er nach seiner Abreise an Dr. Boissarie richtete, die Liebenswürdigkeit dieses Empfanges aner¬ kannt. Wir machen uns eine Freude, festzustellen, daß er seinerseits einer der Pünktlichsten und Auf¬ merksamsten bei den Sitzungen war und weder Zeit noch Mühe sparte. Es ist das erstemal seit Zola, der nicht Arzt war, daß ein Verkleinerer von Lourdes sich dort während des französischen Nationalpilgerzuges einige Zeit aufhielt. Bis auf den heutigen Tag gingen die Angriffe gegen Lourdes von Autoren aus, die sich damit begnügten, aus der Ferne zu schreiben und nach dem allgemeinen Gerede der Leute, oder die einige Stunden zu irgendwelcher Jahreszeit hieher kamen und alsdann nicht zö¬ gerten, ein ebenso „dokumentiertes als" defini¬ tives" Urteil zu fällen. Es wäre zu wünschen, daß - 95 - das Beispiel unseres Amtsbruders nachgeahmt würde, nicht weil ein Aufenthalt selbst von zwei Wochen von entscheidendem Werte sein könnte. In einem derart kurzen Zeiträume wird man so weit von uns entfernte Geister, die für alle großen Le- bensprobleme eine 'der unserigen entgegengesetzte Meinung haben, nicht zurückbringen können. Was indessen ein persönlicher Besuch modifi¬ zieren kann, das find die Vorurteile, dite vorge¬ faßten Ideen. Unser Amtsbrüder aus München — davon sind wir überzeugt — wird schnell bemerkt haben, daß Lourdes und dessen Konstatierungs- bure.au in Wirklichkeit etwas verschieden sind von dem Bilde, das er sich nach einigen Klatschabdrücken der feindlichen Literatur entworfen hatte. Er wird erkannt haben, daß im Konstatierungsbureau alles vor aller Augen sich zuträgt, daß, wenn manchmal der Andrang und die kleinen Lokalverhältnisse die Untersuchung der Kranken behindern, man doch ehrlich und gewissenhaft arbeitet; daß man nie eilig oder leichtsinnig urteilt, daß Dr. Boissarie alle Kompetenzen bewunderungswürdig benützt, um jeden Heilungsfall klar darzustellen; daß er jede Mitwirkung und jede Kontrolle annimmt. Welche Garantie von Aufrichtigkeit kann dieser gleich¬ kommen? Möge also diese doppelte Strömung von Be¬ suchern zunehmen von Jahr zu Jahr! Mögen die Gelehrten ins Konstatierungsbureau die Autorität ihrer Wissenschaft und ihres Namens bringen! Mögen die Ungläubigen zahlreicher kommen, um mit eigenen Augen zn sehen und sich ein persön¬ liches Urteil zu bilden! Die Angelegenheit unserer liehen Frau von Lourdes kann dadurch nur ge¬ winnen. Die Wunderheilungen von Lourdes haben die wissenschaftliche Analyse, die weitgehendsten und öffentlichsten Erörterungen nicht zu fürchten. Die Werke desjenigen, welcher nur Wahrheit ist, fordern volles Licht." Dr. F. H. Gonraud. — 96 — cl) Die Kontrolle der Ärzte in Lourdes selbst. Die Lourdesheilungen stehen ferner unter der weitgehendsten öffentlichen ärztlichen Kontrolle. Sind diese Heilungen Schwindel? Man denke: Die Krankheiten sind öfters von verschiedenen Ärzten bezeugt, den jetzigen Zustand kann jeder un¬ tersuchen. Im Konstatierungsbureau hat jeder Arzt ohne Rücksicht auf Nation, Konfession und Gesin¬ nung freiesten Zutritt, freiestes Recht, alles nach Belieben zu prüfen u. s. f. Schon 1892 erschienen 120 Ärzte im Untersuchungsbureau in Lourdes, im Jahre 1897 waren es 220. Von 1890 bis 1904 be¬ suchten 2712 Ärzte den Wallfahrtsort, darunter drei Professoren der Pariser und einer der Brüs¬ seler medizinischen Akademie, der Leibarzt des Kö¬ nigs von Schweden, 26 französische, 14 ausländische Professoren der Medizin an Universitäten und acht an anderen medizinischen Hochschulen, 138 leitende Spitalärzte, also lauter Männer, die an Wissen und praktischer Erfahrung Dr. Aigner wohl über¬ legen sein dürften, und alle stellten ihre Beobach¬ tung an. (Aus Historie critique des 'evenements de Lourdes, 'von Dr. G. Bertrin, Paris bei Le- coffre 1906.) Von 1904 bis 1911 kamen ins Bureau neuer¬ dings 3041 Arzte. Im Jahre 1910 waren 477 Arzte im Bureau, darunter 125 Nichtfranzosen, 42 französische Fa- kultätsprofefsoren. Im Jahre 1911 wiederum 534 Ärzte, darunter 40 Professoren und Chefärzte großer Kranken¬ häuser, und 151 Nichtfranzosen. Wir meinen, einen: Bureau, das vor der brei¬ testen Öffentlichkeit arbeitet, Schwindel vorzu¬ werfen, ist ein starkes Stück, umsomehr, als ihn: von vielen hervorragenden Geistern das beste Zeugnis ausgestellt wird. Dr. Aigner selbst fand trotz seiner früheren Angriffe am Lourdes dortselbst die freundlichste Aufnahme. — 97 - Im „Münchener Tagblatt" vom 28. Oktober 1912 lesen wir folgende Mitteilung Dr. Aigners darüber: „Ich kann mitteilen, daß meine Auf¬ nahme ini ärztlichen Konstatierungsbureau in Lourdes außerordentlich höflich war. Man empfing mich mit einer Art Bevorzugung, gab mir das Ab¬ zeichen der Ärzte des Konstatierungsbureaus, das mir ungehinderten Zutritt zu den Spitälern und jede Möglichkeit der Untersuchung der Kranken verschaffte." Aus Carcafsone schrieb ferners Dr. Aigner an Dr. Boissarie folgenden Brief: „Sehr geehrter Herr Doktor.! Nach zweiwöchigem Aufenthalte habe ich Lourdes wieder verlassen. Die Liebens¬ würdigkeit, mit der Sie mir Eingang in das Kon¬ statierungsbureau, Zutritt zu den Spitälern und Gelegenheit zur Untersuchung der Kranken gaben, verpflichtet mich, Ihnen für dieses Entgegenkom¬ men meinen Dank auszusprechen. Meine wieder¬ holten Besprechungen mit Dr. Gouraud führten auch zu einem Einverständnis auf dem Gebiete ärztlicher Beobachtungen. Allerdings blieben unsere Besprechungen auf rein medizinisches Gebiet be¬ schränkt. Hochachtungsvoll Dr. Aigner. Carcafsone, 27. August 1912." a) Keine Instrumente. Was den 'Einwurf Dr. Aigners anbelangt, daß im Bureau kein Mikroskop, kein Röntgenapparat vorhanden sei, so ist darauf zu erwidern, daß wohl täglich die kompetentesten Ärzte ohne Röntgen¬ strahlen und ohne Mikroskop die Diagnose vorneh¬ men und sogar folgenschwere Operationen darnach richten. Wieviel Ärzte untersuchen überhaupt mit einem Röntgenapparat? Das Auge des Arztes, seine Hand, sein Ohr sind jedenfalls die besten wissenschaftlichen Apparate. Tuberkeln zum Bei¬ spiel konstatiert der Arzt sehr oft ohne Apparat. Das Wichtigste haben die Arzte im Bureau jeden¬ falls vor sich, nämlich die Kranken!! 7 — 98 — Fragen wir nun, welchen wissenschaftlichen Ap¬ parat fuhrt denn Dr. Aigner mit sich? Drei Dinge sind es, die er von Versammlung zu Versammlung schleppt: eine Flasche Lourdeswasser (!!!f, ein Pri-esterbrevier und ein Skioptikon! Das sind die Instrumente Dr. Aigners! Mit diesen beweist er, daß Lourdes ein Schwindel ist! Dr. Aigner ist wahrlich ein Wunderdoktor! 3. Zuggestion. Das dritte, was Dr. Aigner in Lourdes konsta¬ tieren zu können glaubte, ist die große suggestive Kraft, die ganz Lourdes auf die leichtgläubige Menge ausübe. Dr. Aigner glaubt, folgende Be¬ weise für die Suggestionstheorie gefunden zu ha¬ ben: In Lourdes wird ein großer kirchlicher Pomp entfaltet, es finden große Manifestationen statt, z. B. die großartigen Sakraments-Prozessionen. Bei diesen Prozessionen werden von exaltierten Kleri¬ kern mit überlauter Stimme aufregende Jnvoka- tionen gerufen; z. B.: Herr, mache, daß ich sehe, daß ich gehe usw. Abends wird die Lichterprozession ar¬ rangiert, an der Tausende von Pilgern mit Kerzen in den Händen teilnehmen. Alles das versetzt die Leute in eine phantastisch-nchstische, schwärmerifche Stimmung. >Es entwickelt sich ein religiöser Fana¬ tismus, der die Massen in beständiger Aufregung erhält. Die Folge davon ist, daß manche Kranke sich eine Besserung oder Heilung Vortäuschen, so¬ lange dieser Fanatismus andau-ert, manche aber, die „nur" eine Nerv-enk-vankheit hatten, wirklich ge¬ heilt oder gebessert werden. Die Kirche leiht Lourdes ihre Autorität, indem Bischöfe im vollsten 'Gepränge an diesen Manifesta¬ tionen teilnehmen. Bei Nacht wird Lourdes herr¬ lich beleuchtet. Bor -der Grotte brennen zahllose Kerzen, eine Menge von Krücken ist als Zeichen — 99 — der Heilungen aufgehängt. Diese Krücken üben eine ganz unglaubliche suggestive Kraft aus. In Lourdes sieht man deutliche Zeichen einer exaltier¬ ten religiösen Stimmung! Die Leute beten nut ausgestreckten Händen! Ihre Gesichter sind fana¬ tisch verzerrt. Sie erwarten unbedingt alle Augen¬ blicke ein Wunder und sind stets bereit, in den Rus einzustimmen: „Miracle, miraclle!". a) Was ist von der Suggestion zu halten. Die Heilungen durch Suggestion würden darin bestehen, daß den Kranken die Überzeugung herge¬ bracht Wick, sie wecken geheilt, und durch diese Überzeugung würden sie auch wirklich geheilt. In Lourdes also würden die Kranken durch die Umge¬ bung in eine' heilsame Erregung versetzt, durch die sie sich in die süße Überzeugung hinein verbohren, sie seien geheilt. Eine solche Erregung ergreift Besitz von dem ganzen Gefühlsleben des Kranken. Die Suggestion wirkt also nur indirekt. Sie wirkt zuerst auf die Nerven und durch- die gesteigerte Ner¬ ventätigkeit auch auf den Stoffwechsel. Gerade bei solchen, deren Einbildungskraft sich- durch die Außenwelt leicht beeinflussen läßt, also z. B. bei nervösen und hysterischen Personen wird die Sug¬ gestion am meisten wirken. Die richtige Vorbedingung für die Heilung durch Suggestion ist: 1. Eine gewisse Empfänglichkeit von selten des Patienten für die Suggestion und 2. muß die Krankheit eine Nervenkrankheit sein, also keine organische Läsion (Verletzung-, Ver¬ wundung). Wer wird nun in Lourdes geheilt? Privat¬ dozent Dr. Guinier an der -Universität von Mont¬ pellier, der 40 Jahre seine Sommerferien in der Nähe von Lourdes Angebracht und mehr äks 7* — 100 — dreißig Jahre sich skeptisch gegen die Heilungen von Lourdes verhalten hatte, ließ sich schließlich von den Wundern in Lourdes überzeugen und sagt folgen¬ des über die Suggestion (nach Baustert, I. c. S. 82): „Jeder Dag beweist es, daß die ,religiöse Sugge¬ stion', die Gemütserregungen der Kranken, wir¬ kungslos sind bei den armen Leidenden, welche die in der Grokte erschienene seligste Jungfrau anru- fen oder ihre flehentlichen Bitten an den eucharisti¬ schen Gott bei den feierlichen Sakramentsprozessio- nen richten. Die Demütigen, die für die Heilung ihres Nachbarn oder anderer selbstlos beten, die Ergebe¬ nen, welche nur um die Gnade eines guten Todes flehen, oder schließlich jene Seltenen, welche be¬ stimmt sind, wie es scheint, als Beispiel zu dienen für die göttliche, sich unverdienterweise an den Menschen offenbarende Barmherzigkeit, werden zu Lourdes geheilt. Jene, welche in Lourdes Heilung finden, zei¬ gen in Wirklichkeit manchmal nur eine etwas außergewöhnliche Gemütserre-gung nach der Heilung..., an die sie anfänglich nicht einmal glaubten. Mir persönlich ist kein Fall von plötz¬ licher Heilung bekannt, von Kranken, die geheilt worden wären bei flehentlichen, ungestümen Rufen oder bei leidenschaftlichen Äußerungen ihres Glau¬ bens. Z e i g t d i e S u g g e st i o n s i ch a n d e r- wärt s w i r k s a m, hier i st s i e b e st ä n d i g i n W i r k u n g s - E i n st e klung; sie i st e i n kindisches Märchen, u n w ü r d i g e i nes denkenden Geistes, uüd macht hier dem E r f i n d u ng s g e i st des in ver- z weif e l t er Lage s i ch b e s i n d e n d e n U n g l a u b e n s keine Ehr e." Die ^Suggestion ^ferner kann nur Nervenkranke heilen! Dr. Aigner behauptet auch, in Lourdes lverden nur Nervenkrankheiten geheilt. - Iv! — d) Welche Krankheiten werden in Lourdes geheilt? Von IDr. Aign-er und anderen LourdespGeg- uern wird behauptet, in Lourdes werden nur Ner¬ venkrankheiten geheilt. Ist das wahr? Bis zum Jahre 1905 wurden in den „Annales de Lourdes" 2602 Heilungen verzeichnet, davon sind nur 181 Fälle von ausgesprochener Neurose; 96 Fälle z. B. "beziehen sich ans Knochenkrankheiten. Universitätsprofessor D r. Duret von Lille konstatierte auf dem Eucharistischen Kongresse in London >910: „Bei der Durchsicht der Statistik in den ersten 50 Jahren bis 1908 ergeben sich fol¬ gende Heilungen!: Aus Tuberkulose entfallen 747 Heilungen (AM Lungentuberkulose), 583 Krank¬ heiten der Verdauungsorgane, 96 Heilungen der Kreislauforgane des Blutes, 55 Heilungen von Herzkrankheiten, 320 Heilungen von nicht tuber¬ kulösen Knochen- und Gelenks krankheiten, 38 Hei¬ lungen von Hautkrankheiten, 111 von Geschwül¬ sten, 45 von Wunden, 25 von Krebs, 168 von rheumatischem Leiden und 481 Heilungen von an¬ deren Erkrankungen. Auf eigentliche Nervenkrank¬ heiten (Hysterie, Epilepsie; Neurasthenie usw.) ent¬ fallen 270 Fälle, das sind 7 Prozent". Professor Eharcot von der SalMritzre zu Paris, der der Gebetsheilung (dem Faith-hcaling) alle Heilungen in Lourdes zuschreiben und sie da¬ durch als Suggestionswirkungen erklären will, ge¬ steht offen zu, daß in Lourdes Heilungen or¬ ganischer Krankheiten Vorkommen. Im Jahre 1893 gab er eine Broschüre heraus (die New-Review von London hatte ihn um ein wissenschaftliches Gutachten über Lourdes ersucht) betitelt: „La foi, gui guärit", in der er auf Seite 23 schreibt: „"Gegen Geschwülste und Wunden richtet sich gegenwärtig das Wasser der Piscine, es heilt Plötzlich die hart¬ näckigsten Geschwüre". Merdings gibt er nicht das Wunder zu, er nimmt vielmehr Zuflucht zur der- -102- gleichenden Religionswissenschaft und- sucht darzu- legeu, daß der Glaube bei allen -Völkern zu ver- schiebenen Zeiten Ähnliche Heilungen bewirkte. Schließlich flüchtet er sich hinter die Geheimnisse der Natur, indem er bekennt: „Ich bin der Erste, um anzuerkennen, däß heute noch das Wort Shakespeares gilt: Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf der Erde, als es Träume gibt in unserer Philosophie". Uns ist es interessant, daß Charcot im Gegen¬ satz zu Dr. Aigner die Heilung von Geschwülsten, Wunden und- Geschwüren in Lourdes zugibt. Kann nun die Suggestion organische Krankhei¬ ten heilen? Professor Durst sagte als Dekan der medizini¬ schen ^Fakultät in seiner Rede bei der Eröffnungs¬ sitzung der Universität von Lille in: Jahre 1900, und zwar gerade in bezug aus Charcots Ansicht über die Heilungen von Lourdes: „Ich darf Wohl behaupten, daß die Wissenschaft mit voller Freiheit die verschiedensten! Erklärungsversuche gemacht hat; die therapeutische Kraft des Wassers, der Hypno¬ tismus, die einfache Suggestion, die hinreißende Massensuggestion, der Einfluß !des Geistes auf den Körper bei Heilungen imaginärer Lähmungen und schließlich in neuester Zeit die /Heilkraft des Glau¬ bens' (.Faith-healing) wurden nacheinander als Erklärungen angerufen. Es sind dies alles reine Hypothesen, welche nicht i in¬ st a n d e s i nd, die m e i st e n beobachteten Tatsachen zu erklären". Im Münchener Prozesse äußerte sich der Sach¬ verständige Dr. Specht, Privatdozent an der Uni¬ versität in München, evangelischer Konfession, fol- gendermlaßen: „Jedenfalls muß zugestanden wer¬ den, daß Suggestion und Autosuggestion auch da wirken, wo nicht nur Nervenerkrankungen, sondern auch organische Störungen in Frage, kommen. Wenn dieser Einfluß auch zugestanden werden muß, - 103 - so ist es doch ganz ausgeschlossen, daß etwa durch die Suggestion oder Autosuggestion solche ortzw nische Krankheiten, wie eine tiefere Wunde, von heute aus morgen, oder in wenigen Stunden, oder gar in wenigen Sekunden ausheilen können". Professor Bernheim von Nancy, einer der Hauptvertreter der Psychotherapie (Heilung durch Psychische Beeinflussung), erklärt (Baustert, 1. a. 94): „Die Suggestion tötet nicht die Mikroben und macht die Tuberkelbazillen nicht verkalken. Sie können die Tuberkelbazillen nicht suggestionieren". An der Medizinischen Fakultät in Paris vertei¬ digte vor einigen Jahren der junge Mediziner Tr. van der Elfi mit großem Erfolge in seiner Doktordissertation den Standpunkt, daß in Lour¬ des unmöglich alle Heilungen der Suggestion zuzu¬ schreiben sind. Im September 1908 hätte er per¬ sönlich in Lourdes Heilungen organischer Leiden konstatiert; „dabei waren solche, die nicht stattfin¬ den konnten ohne Zerstörung oder Wiederherstel¬ lung organischer Substanz. — Man möge diese Tatsachen interpretieren, wie man will, man darf s i e n icht f ü r S n g g o st i o n s Wir¬ kungen a n s e h e n." (Baustert, I. o. S. 98.) Und des weiteren'erklärt Dr. van der E'lst: „Es ist gefährlich, der Suggestion eine Heilkraft für alle Krankheiten zuzuschreiben, tveil anderwärts diese heilende Kraft der Suggestion unbekannt und im Gegensatz ist von allem, was wir von ihr wissen; sie würde nur an Wallfahrtsorten beobachtet werden: sollen nun daraufhin alle Konklusionen revidiert Wecken müssen, welche die Krankenhäuser uns geben?". Bei Geschwüren, eiternden Wunden und Beinbrüchen handelt es sich nämlich um die Neubildung der zerstörten Gewöbe. Dazu sind- cüber Tausende und Tausende von biologischen Prozessen des Zellenwachstums und der Zellenteilung erfor- — 104 — derlich. Diese Prozesse erfordern viel Zeit, da selbst die Teilung der 'kleinsten Zelle ein paar Sekunden erfordert. — Auf natürlichem Wege kann also eine solche Heilung nie plötzlich stattfin- den, auch durch Suggestion nicht! Denn letztere . könnte durch Erhöhung der Nerventätigkeit vis bio¬ logischen Prozesse beschleunigen, nicht aber ersetzen. Einen guten Vergleich bringt diesbezüglich Dr. van der Elst: Eine funktionelle Störung, eine Nervenstörung, sei zu vergleichen mit einer elektri¬ schen Leitung, „die wegen unterbrochenen Kontak¬ tes nicht funktioniert. Man braucht nur den Schal¬ ter zu drehen oder sonst den Kontakt herzustellen, und es funktioniert momentan wieder. Es fehlt kein Bestandteil, es handelt sich nur uni die Be¬ rührung der schon vorhandenen Bestandteile. Im 'Falle einer organischen Verletzung handelt es sich aber um die Herstellung von neuen'Kör¬ pern, Geweben, die durch die Krankheit vernichtet wurden. Dazu aber ist Zeit erforderlich, sowie es Zeit erfordert, Um eine elektrische Leitung zu reparieren, bei der ein leitender Zwischenkörper einfach fehlt, zerstört ist, z. B. ein Element der Batterie, beim elektrischen Licht die Birne, bei der elektrischen Glocke die Klingel". „Suggestion kann nur funktionelle Störungen behöben, und unlogisch ist es, zu sagen, daß sie orga¬ nische Störungen radikal und plötzlich beheben könnte; das wäre gerade so, wie wenn man sagen würde, man brauche nur Wasser iu die Batterie einer elektrischen Klingelanlage zu gießen, damit sie funktioniere, obwohl die Klingel selbst beschädigt ist." (Baustert, 1. de Lourdes, Seite 6-3): „Die Heiter¬ keit der Kranken gefällt mir, ihr Vertrauen und die Ergebung jener, die nicht geheilt wurden, rührt mich. Ich siche nicht au, zu erklären, daß es ein Ver¬ brechen gegen die Humanität wäre, diese so selt¬ samen und harmlosen Manifestationen zu unter¬ sagen". Professor Vincent von Lyon läßt die Kranken zu den Lourdesgegnern sprechen: „Eure Artikel und eure Pamphlete verschaffen mir keine Erleichterung in meinem Leiden, während das Grottenwasser meine Schmerzen besänftigt. Wenn ich auch nicht geheilt zurückkomme, dann komme ich besser und mutiger zurück, dann komme ich zurück mit erneuertem! und unerschütterlichem Glaüben, wodurch ich imstande bin, die Lebensschicksale ohne Murren hinzunehmen. „Ihr Tadler und Spötter," so fügt Prof. Vincent hinzu, „macht einmal solche Veränderungen iu leidenden Seelen!" Dieser Mann, ein Universitätsprofessor, war lange Jahre Chefarzt beim großen CharitL-Spital in Paris und ist seht Oberarzt eines Spitals in Lyon. Ja, wollte man überhaupt die Frage auswer¬ fen, ob mehr Ärzte für oder gegen Lourdes sind, so wäre das Resultat für Dr. Aigner gar nicht so günstig. Im Jahre 1006 veranstaltete ein französischer Gesinnungsgenosse des Dr. Aigner, Jean de Bonnefon, eine Umfrage über Lourdes. In sei¬ ner Schrift „Faut il fermer Lourdes" („Soll man Lourdes schließen"), die in 140.000 Exemplaren verkauft wurde, berichtete nun Jean de Bonnefon (feines Zeichens Schriftsteller und Journalist) — 119 — Wer das Ergebnis seiner Umfrage: Er habe 11.221 Amt-Worten evhalt-en; 18-4 -derselben ver¬ öffentlichte er. Diese waren gegen Lourdes. Darauf antwortete Professor Vincent von Lyon: „Sie behaupten, 11.221 Briefe erhalten zu haben, und Sie veröffentlichen nur 184; -es bleiben somit 1 1.037 Briefe. Weshalb veröffentlichen- Sie diese nicht? 'Sie glauben, man würde -annehmen, diese 11.037 Briefe sind- gegen Lourdes. Dos ist falsch. Nicht bloß ein Dutzend, sondern eine -große Zahl Briefe sind Ihnen- zuge-g-amgen, welche Sie, weil Sie Ihnen nicht günstig find, sich Wohl hüten wer¬ den, zu veröffentlichen. Wenn Sie mit aller Muhe bloß 184 -Stimmen gegen Lourdes -aufgebracht 'ha¬ ben, dann müssen Sie zugunsten Lourdes' 11.037 erhalten haben". Nach J-ea-n de B-on-Nefo-n -hielt -nun Universi¬ täts-Professor Vincent eine Umfrage -bei den Ärzten, und beiläufig- 3000 Ärzte, deren Adressen Dr. Vin¬ cent in einer Schrift, „Die Wallfahrten- von- Lour¬ des und die Ärzte" (1908), -angibt, haben sich zu¬ gunsten von Lourdes ausgesprochen-, indem- sie er¬ klärten, vom medizinischem Standpunkte aus ist Lourdes vielmehr -eine universelle -Wohltat, als eine öffentliche «Gefahr. Unter dimen 3000 Ärzten sind Franzosen, Belgier, J-tali-dner, Spanier, Eng¬ länder, Deutsche, Holländer, -Österreicher, Amerika¬ ner und Schweizer. 346 Ärzte gaben folgende -Erklärung ab: „Im Namen der Wahrheit und Humanität protestieren sie gegen jede Maßregel, die die Pilgerfahrten nach Lourdes hindern oder -einschränken würde. Sie er¬ klären, daß sie voll und rückhaltlos- ihre Zustim¬ mung -geben- zu dem -Protest des- Di'. Bo-issarie und der ehrenwerten Ärzte von Lourdes. Die von ihnen v eröf -f -e n tl i ch t e n Beo b a ch t u n- gen haben sämtlich das Gepräge gewissenhaftester Loyalität, ja selbst kritischer« Str-enge. Sie erachten es 'daher für ihre Pflicht, offen und laut zu -erklären und anzuer- — 120 — kennen, Daß in Lourdes unerwartete Heilungen in großer Zahl Vorkommen durch ein eigenartiges Einwirken, dessen Geheimnis der Wissenschaft noch nicht bekannt ist und welches die Wissenschaft durch die bloßen Naturkräfte nicht rationell zu erklären vermag. Die Kranken, welche zu Lourdes Heilung finden, die wir Aerzte ihnen nicht verschaffen können, gehen dahin (nachLourdes», wie andere, die ebenso ansteckende und noch gefährlichere Krankhei¬ ten haben, an berühmte oder durch die Re¬ klame (!!!) angepriesene Luft- und Seekurorte, in Bäder und Sanatorien gehen. Sie erklären demnach, daß Lourdes in ihren Augen eine universelle Wohltat und keineswegs eine öffentliche Gefahr ist Nach ihrer Ansicht wäre es ein Verbrechen gegen die Humanität, eine Stätte zu schließen, wo so viele Leiden gestillt und so viele niedergedrückte Seelen 'emporgehoben wer¬ den". Nun folgen die Unterschriften, welche Bau¬ stert in feinem Buche (Seite 5'2) alle mit Mdresse anführt. Unter diesen 346 Ärzten sind 16 Univer- sitätsprosessoven! Sollen nun das lauter Scharla¬ tane und Kurpfuscher sein? So also lautet das Urteil anderer Ärzte! Es bleibt Dr. Aigner eigentlich nichts übrig, als sich ein Patent auf die Humanität zu nehmen! Denn sonst scheint sich auf dieselbe nie¬ mand zu verstehen als er. Wir können es uns aber nicht versagen, noch folgende Bemerkung zu machen: Von den Luft- und Seekurorten, von zahlreichen Sanatorien kehren ebensoviel« Kranke ungeheilt zurück als von Lour¬ des! Darum betrachten wir sie dennoch als Wohl¬ tat. Werden aber gewisse Kurorte, Seebäder, Was¬ serheilanstalten usw. usw., abgesehen von dem hy¬ gienischen Faktor, mit Lourdes unter der Perspek¬ tive der Moral verglichen, daM, Herr Dr. Aig¬ ner . . .! Teneatis risum amici! (Freunde, lachet nicht!) Vielleicht rufen viele, dte dort um ihre Hoss- — 121 — nungen betrogen wurden, viele, die geknickt und ge¬ brochen zurückkommen, dem Priester zu: „Sprich du! Du bist Seelenarzt!". Der GeschäftZkatholizismus. Der Hauptzweck, den Dr. Aigner angeblich nut seinen Vorträgen verfolgt, ist die Bekämpfung des Geschäftskatholizismus. In feinen Vorträfgen und Aufsätzen kehrt Dr. Aigner immer wieder diese Seite hervor. In einem Flugblatte des Deutschen Monisten¬ bundes, das von Dr. Aigner unterschrieben ist, heißt es, die Dinge in Lourdes hätten sich „unter religiösem Deckmantel zu einem geschäftlichen Un¬ ternehmen ausgewachsen, das aus der Leichtgläu¬ bigkeit, Unerfahrenheit und dem Heilungsbedürf- nffse zahlloser Unglücklichen materiellen Vorteil zieht". Nach Dr. Aigner ist in Lourdes alles Geschäft! — Der Opferstock bei der Grotte! Das Konsta¬ tierungsbureau! Die Kerzenindustrie! Das Lour- deswasser!! — Nicht schade um dieses Geld! Dis Zeitungen machen eine unwürdige Reklame! Brin¬ gen dieselben Berichte immer wiederum, verändern bloß die Aufschriften! Bringen deutsche Artikel, wenn deutsche Wallfahrer da sind! Die Geschäfte tragen durch die salbungsvollen Sprüche und Aufschriften in eindringlicher Weife den katholischen Charakter zur Schau, mit der Be¬ rechnung, je katholischer sie scheinen, desto bessere Geschäfte werden sie machen. In der Alliance catholique ist der Hauptaktiv- när der Jude Weil! Lourdes bedeute eine volkswirtschaftliche Ge¬ fahr für Deutschland, da an 50 Millionen Mark deutsches Geld nach Frankreich wandern! Nieman¬ den aber gebe es, der in Lourdes diesem Unfug ent- gegentrete' denn auch der Bischof von Lourdes hätte dafür nur ein Achselzucken gehabt: Io eommsroa", „Das ist eben das Geschäft". - 122 - Daß mit Lourdes schwindel getrieben tnerden kann van Wichtigtuerin Reklame- und Geschäft- machern durch erfundene Wunder, übertriebene Be¬ richte und falsche Anpreisungen, das geben wir von vornherein zu. W o m i t w i r d d e n n h e u t z u- t a g e kein Schwindel getrieben? Da¬ gegen sind die kirchlichen Behörden genau so ohn¬ mächtig wie Dr. Aigner und feine Kollegen gegen die Kurpfuscherei und gegen den riesenhaften Arzneischwindel gewisser chemischer und anderer .Fabriken, die für teures Geld, durch raffinierte Re¬ klame, vielleicht auch durch gefälschte und ersrlKvin- delte Atteste wertlose oder geringwertige Ware ab¬ setzen und das Volk um Millionen berauben. Will Dr. Aigner unbedingt dem Schwindel und der Kurpfuscherei auf den Leib rücken, so läge hier ein dankbares Feld, in sein ureigenstes Fach einschlägig. Wir können es uns nicht versagen, auf den Neomalthüisianismus, diese modernste aller Krankheiten, hinzuweisen! Der Neomalthusianis- mus, die künstliche Geburtsbeschränkung, ist die Pest des 20. Jahrhunderts! Sie durchseucht ganze Länder und Staaten und entvölkert dieselben. Viele Ärzte sind Anhänger des Neomalthusianismus. — Aber die wissenschaftlichen Revuen der Arzte und ihre Praxis haben Schule gemacht. Ganz unbe¬ rufene Laienelemente haben sich der Sache bemäch¬ tigt. Kurpfuscher, findige Geschäftsleute und Fri¬ seure haben ini Wege einer unverschämten Reklame einen Raubzug durch die Taschen des deutschen Vol¬ kes unternommen! Große Geschäftshäuser beken¬ nen offen, heutzutage auf diesem Felde das größte Geschäft zu machen! Eine Volksvergiftung und Volksaussaugung gemeinster Art wird im großen Stil betrieben! D a s o lI e n d i e Ä r z t e ihre Stimme erheben! Da soll Dr. Aigner cin- greifen, und das deutsche Volk wird ihm ewig dank¬ bar sein! Soll aber der Umstand, daß in Lourdes manche Mißbräuche Vorkommen, ein berechtigter Vorlvurf - 123 gegen Lourdes >als Wallfahrtsort sein und ist es berechtigt, alles der katholischen Kirche in die Schuhe zu schieben und das Kind mit dem Bade auszuschütten? Den Vorwurf des „G eschäfts- k a t h o li z i s w u s" kann man nicht anders als töricht bezeichnen. Cs ist ja doch bekannt, daß auch Juden u n d P r o t e sl a n t e n ebenso in Lourdesartikeln und Wallsahrtsdeovtionalien handeln wie die Katholiken. Auch der Frei- d-enkerhäuptling und sozialdemokratische Abgeord¬ nete von Wien, Wutschet, betrieb früher, wie ihm -dies die christlichen Blätter wiederholt vorwarfen, den Devotionalien h a n d e l. Tie großen Pfälzer Firmen in Pforzheim und Umgebung, die einen schwunghaften Bijouterienhan¬ del speziell nach Lourdes unterhalten, gehören doch nur zum geringeren Teile Katholiken. Das kirchen- feindliche, kultuvkämpferische Frankreich hat es zwar nicht gewagt, den französischen Katholiken ihr Lourdes Wegzunehmen, obwohl dabei Wiederuin gewiß einige Millionen in die Taschen der berüch¬ tigten „Liquidatoren" a la Duez und Konsorten ge¬ flossen wären, über den Combes, Clemenceau und Genossen Katholizismus in irgendwelcher Form vorzuhalten, das sind doch Kindermärchen für Die ganz kleinen Kinder. Gerade die Gesinnungsgenossen Dr. Aigners, die französischen M o n i st e n, die in Frankreich die Macht haben, betreiben Geschästskatholizismns reinsten Wassers! Sie, die sonst alles Katholische bassen, lassen sich ganz gerne das Geschäft mit Lourdes gefallen. Sehr richtig schreibt diesbezüglich das „Mün¬ chener Tagblatt" vom 21. Mai 1913: „In al¬ ler Öffentlichkeit aber protestieren wir dagegen, daß Lourdes eine „Ausbeutung des gläubi¬ gen Volkes durch ausländische Spekulations- Unternehmung" darstellt, gegen die Dr. Aigner den Kultusminister s!) aufrüfen zu müssen glaubt. Deutsche Volksgenossen verspielen jährlich an der -124- französischen Riviera zwölf, an der italienischen sieben Millionen, in Monte Carlo, wo sie als die letztklassige aller Nationen betrachtet werden (!), 30 bis 36 Millionen. Hier wäre ein Wort des Ta¬ dels über ausländische Spekulationsunteruehmun- gen am Platze, und hier, hier schweigt Dr. Aigner! Und warum hat Tw Aigner kein Tadelswort gegen die Vereins- und Schülerreisen ins Ausland, oder gilt es bloß bei diesen: „Das Reisen bildet und macht aufgeklärt"? Ist der geistige und seelische Nutzen der Wallfahrt nicht auch ein hoher Göwinn sowohl für Teilnehmer aks auch für viele Länder? Bleibt jenes 'Wallfahrergeld wirklich ganz im Aus¬ lande? Wieviel profitieren davon deutsche Eisern bahnen und deutsche Geschäfte, z. B. eine der grö߬ ten deutschen Tevotionaliensabriken, die dorthin liefern?". Was übrigens Dr. Aigner von den 50 Millio¬ nen Mark deutschen Nationalvevmögen-s erzählt, das nach Frankreich wandern soll, so gehört das in das Gebiet der Fabeln. Der „Bayrische Kurier" vom 8. und 9. Dezember 1912 schreibt darüber: „Die Gründlichkeit, mit der Herr Monist Dr. Aig¬ ner seine Lourdesstudien betreibt, geht evident aus folgender Behauptung Aigners auf dem Monisten¬ tage in Magdeburg hervor: „Die Lourdespilger tragen in jedem Jähre 60 Millionen Mark nach Frankreich". Nach den „Annales de N. D. de Lour¬ des", Nr. 9 vom 31. Dezember 1911, kamen im Jahre 1911: 6967 deutsche Pilger -nach Frankreich, 1912: 7762. Nehmen wir einen Jahresdurch¬ schnitt von 7500 deutschen Pilgern, so müßte nach Dr. Aigner jöder Lourdespilger im Durchschnitt 8000 Mark nach Frankreich bringen, ivährend im Straßburger Pilgerzug die Reise mit allen notwen¬ digen Auslagen für 125 Mark gemacht werden kann". Die Bemerkungen Dr. Aigners über das klin¬ gende Geld im Opferstack und über die zahllosen Kerzen, die nutzlos verbrennen, finden wir abge- — 125 — schmückt. Man erinnert sich unwillkürlich an jene Szene aus dem Evangelium (Joh. 12), die sich im Hause des Lazarus zu Bethania abspielte: Als nämlich die Schtvester des Lazarus mit letnem Pfund echter, kostbarer Nardensalbe die Füße des Heilandes salbte, war Judas taktlos genug, das als Verschwendung zu bezeichnen! „Das Geld hätte man lieber den Armen geben sol¬ len/' Dieser Jünger erfuhr auch eine gründliche Abfuhr vom Heilande. Gott und der Jung¬ frau zu Ehren brennen jene Kerzen als ein Zei¬ chen der Opsergesinnung, der Andacht und der Liebe der Gläubigen. Der fromme Katholik fühlt, daß es gleichsam unmöglich ist, Gott irgend eine Gabe, ein Geschenk anzubieten; so läßt er die Kerzen ver¬ brennen und sich vernichten an Stelle dessen. Der Opfer stock!! i— Das ist die Steuer der gläubigen Katholiken für den Kultus, die Li¬ turgie, für die Gotteshäuser! — Hat Dr. Aigner nicht Vie herrlichen Kirchen von Lourdes betreten? Hat er dort nicht die Marmoraltäre und die golde¬ nen Tabernakel gesehen? Hot er nicht die herrlichen Liturgien, den großartigen katholischen Gottes¬ dienst gesehen? Hat er überlegt, daß ein zahlrei¬ cher Klerus bei Tag und Nacht im Beichtstuhl, am Altar usw. eine großartige innere Seelenmission entfaltet? Aber Pardon! Das ist es eben, was Dr. Aigner beanständet! Denn wozu solche na¬ tu r l iche Mittel, da ja doch das Wunder da ist? — Wir antworten mit einer Gegenfrage! Wozu wird denn am Hochzeitstage die irdische Braut geschmückt? Wozu denn das f e st l i ch geschmückte Brautgema ch? Sie wäre ja ohne dieses Gepränge auch Braut und 'der Bräutigam könnte sie sann Lumpen und F e tz e n heimführen! Das ist es ja eben: Die Kirche ist die Braut Christi, die in Lourdes in besonderer Weise Hoch- Zeit feiert; allerdings, das wird Dr. Aigner nicht verstehen wollen! 126 — Ter wahre Kathälik verlangt, daß seine Kirche, daß die Liturgie usw. würdevoll auftritt; er will, Laß jene heilige Stätte, an der Gott seine besonde¬ ren Gaben austeilt, auch würdig geschmückt ist. -- Dazu will er unbedingt etwas beisteuern! Und keine Gäbe gibt der Katholik so gerne aus der Hand wie die Gäbe in den Opferstock. Statt Be¬ trachtungen darüber anzustellen, wieviel Geld in den Opferstock gleitet, hätte Dr. Aigner lieber fra¬ gen sollen, wovon Tausende französischer Priester heute leben müssen, da ihnen der freidenkerische Staat alle Subsistenzmittel entzogen hat. Was die Zeitungsreklaime anbelangt, so muß man gestehen, daß dieselbe in marktschreierischer Weise die Vorgänge in Lourdes ausposaunt. Das größte Geschäft macht hiebei die „Voix de Lourdes" („Lourdes-Stimmen"), sie hat auch gelegentlich der Pilgerzüge die größte Auflage. — Zur Zeit der Pilgerzüge rechnen die Redaktionen mit dem stark wechselnden Publikum und- bringen mehrmals denselben Text! Sie wollen eben Geschäft machen! — Das wäre ja schließlich das Schlimmste nicht! — Daß die sonst französischen Zeitungen auch deutsche Texte bringen zur Zeit deutscher Pilgerzüge, nun, das wird Wohl auch kein Hauptverbrechen sein. — Allerdings kann man die lügenhafte Reklame des „Messager" von Lourdes, der wörtlich dieselbe Heilung von einem Engländer und 14 Tage darauf von einem Deutschen berichtet, nicht scharf genug verurteilen. Das ist direkt Betrug. — Aber zum Bedauern Dr. Aigners müssen wir verraten, daß der „M e s s a g e r" eine freisinnige Zeitung ist, der also in freien Stunden auch in Wun¬ dern macht, wenn es ihm in seinen Kram paßt! Allerdings eine Prinzipienlosigkeit, wie man sie im katholischen Lager Wohl nicht trifft!!! In Lourdes gibt es nur zwei katholische Zei¬ tungen, nämlich „La croir de Lourdes" und das „Journal de la Grotte". Auf diese höchstens hat der Bischof von Lourdes Einfluß! — Es ist einfach — 127 — unverfroren, den Bischof von Lourdes für den Un¬ fug verantwortlich zu machen, den Zeitungen in Lourdes, wie die „Boix de Lourdes" und der „Messager", treiben. — Wenn der Bischof zu Dr. Aigner sagte: „O'sst le oomrnaroa", so hat er damit das Richtige getroffen. Er wollte sagen: Auch aus dem Heiligsten suchen gewisse Egoisten Kapital zu schlagen. Dr. Aigner möge sich an die französischen Gewerbebehörden und an die Redak¬ tionen genannter Zeitungen Wenden. Der angebliche Schwindel mit dem Lourder- wasser. Doktor Aigner zeigt dem Publikum eine Flasche Lourdeswasser, die er von Versammlung zu Ver¬ sammlung schleppt und bezeichnet den Handel mit Lourdeswasser als gemeingefährliche Agitation für Lourdes. 1. Stellen wir uns nun zunächst auf den Standpunkt des Dr. Aigner und nehmen wir an, alle Wirkungen des Gebrauches vom Lourdeswasser seien nur eingebildet. Selbst von diesem 'Stand¬ punkte aus darf man von keinem LourdeÄuasser- schwindel rüden. Verordnen die Ärzte nicht auch ost Medizinen, süße Wässerchen und unschuldige Trop¬ fen, obwohl sie genau wissen, daß es gar nichts Hilst! Auch alle, die um den Kranken sind, wissen es, nur der Kranke nicht. Dieser will absolut eine Medizin haben und hofft und hofft. Durch die Meüizin wird sein Gemüt beruhigt und getröstet. Keinem Menschen fiele es ein, diese Praxis der Ärzte als Schwindel zu bezeichnen: Die psychische, beruhi¬ gende Wirkung rechtfertigt sie vollkommen. Warum soll es also auf einmal ein Schwindel sein, wenn dieser Beruhigungstrank zufällig Lonr- deswasser ist? Hat es nicht den beneidenswerten Vorzug, gläubige Kranke ebenso oder oft noch mehr zu trösten, als alle ärztlichen Beruhigungswässer¬ chen? Die Lourdeswafsergeschichte, sagt Dr. Aigner, — 128 — ist abergläubisch! Ist denn nicht Idas Vertrauen der Kranken ans die genannte Beruhigungsmedizin auch falscher Glaube — Aberglaube? Gerade in diesem falschen „Glauben", in der Meinung, die Medizin würde Helsen, besteht ja gerade ihre psy¬ chische Wirkungskraft. Also, Naäioe, oui-a te chsruu. Arzt, heile dich selbst, sagt die Heilige Schrift. 2. Wir jedoch haben einen anderen Standpunkt und können fordern, daß man auch unsere Über¬ zeugung achte. Wir sind überzeugt, daß der fromme Gebrauch «von Lourdeswasser nicht nur eingebil¬ dete, sondern tatsächliche innere und äußere Wir¬ kungen hervorbringt. Diese Wirkungen bringt es hervor, nicht weil es gewöhnliches Wasser ist, son¬ dern weil der liebe Herrgott seinen Segen daranzu- knüpfen beschlossen hat zur Ehre seiiier Mutter. Um diese Worte zu verstehen, dazu braucht es aller¬ dings Glaubem Wir Katholiken glauben an einen allmächtigen, persönlichen Gott, der vollständig frei ist nicht nur in der Wahl der Orte, an denen er seine göttliche Macht ustd Barmherzigkeit besonders zeigen läßt, sondern auch in der Wahl der Natur¬ dinge, an welche er seine Gnade knüpft. Da geht Gatt vor mit souveräner göttlicher Freiheit und gibt uns nicht Rechenschaft über sein göttliches freies Tun. Wir Katholiken glauben, daß der Herr in der heiligen Eucharistie unter dem Schleier von Weizenbrot und Traubenwein wahrhaftig ge¬ genwärtig ist. Wir fragen aber nicht: Herr, warum hast «du gerade die Gestalt von Weizenbrot und Wein gewählt als Hülle -deines hochheiligen Lei¬ bes? Das ist eben seine Sache! Soll er vielleicht bei den Menschen, bei den Ärzten an¬ fragen, ob es gefällig ist? Wir Katholiken wollen nicht in vorwitziger Weise dem lieben Gott schnip¬ pische Fragen vorlegen, sondern wollen in aller Bescheidenheit dem lieben Gott fürs Lourdeswasser danken. Wir denken uns, das Wasser sprudelte auf die Bitte der seligsten Jungfrau hervor und zur Verherrlichung seiner Mutter knüpfte Gott eine be- — 129 — sondere Kraft -an dieses Wasser! Dieser Glaube ist einfach, ist kindlich, er ist ober nicht dumm und nicht kindisch, es fällt uns nicht ein, uns dieses Vertrauens zu schämen, wer sind die Helfershelfer Dr. Mgners? Ein Mitkämpfer Dr. Aigners gegen Lourdes ist Professor Ernst Haeckel. Er schrieb am 8. August 1905: „Die richtigste Darstellung des großartigen Schwindels von Lourdes, die ich kenne, hat Zola in seinem bekannten Roman gegeben. -Von den Ärzten, die für Lourdes eintreten, seien die einen ungebildete, die anderen kritiklose Pfuscher und Be¬ trüger"." Haeckel ist bekannter Monist, also ein Gesin¬ nungsgenosse des Dr. Aigner. Wie ist es denn mit der Wissenschaftlichkeit dieses Haeckel bestellt, der über Lourdes ein kategorisches Urteil fällt? Dieser Haeckel schrieb ein Blich „Die Welträtsel". Paulsen sagt von diesem Buche, daß er es mit brennender Scham gelesen habe. Wundt sagt darüber in seiner systematischen Philosophie (1906): „Diese Philo-. soschie gehört dem poetischen Stadium- der Meta¬ physik an. Sie bewegt sich in einer Reihe will¬ kürlicher Einfälle und unbestimmter Analogien, bei denen man sich trotz moderner Anspielung in die Zeit zurückversetzt fühlt, wo die Kunst des streng- logischen Denkens noch nicht entdeckt war und die positive Wissenschaft sich noch auf der Kinderstufe befand." Protestantische Gelehrte wiesen dem Haeckel nach, daß er wesentliche Retouchierungen an den Klischees und Embrhonenbildern vornahm, um seine willkürlichen Abstammungstheorien (des Menschen vom Affen) zu beweisen. Hier soll Doktor Aigner seine Kritik ansetzen und in diese dunklen Verirrungen monistischer Logik hineinleuchten, das wäre ein dankbares Feld. Ein anderer Mitkämpfer Dr. Aigners ist Du¬ bois, Professor -an der Universität zu Bern. Dieser 9 -130- (Baustert, I. o. 41) hielt sich nur eine oder Kvei Stunden im Ärzte'bureau in Lourdes auf, und er gab das Urteil ab, daß die in Lourdes erzielten Heilungen 1. selten sind, und 2. daß diese Krank¬ heiten alle nervöser Natur sind. Die Ärzte im Kon- statierungsbureau sind nach seiner Aussage voll¬ ständig kritiklos. Wie ist denn diese Aussage dieses Dr. Dubois zu bewerten? Er behauptet, daß er die Lourdesliteratnr und die Annalen von Lour¬ des -gelesen hat. Wie kann er dann sagen, daß es in Lourdes nur Heilungen von Nervenkrankheiten gibt? Im Münchener Prozesse wandte sich Dr. von Westphalen gegen den freidenkerischen Professor Dr. Dubois in Bern. Dieser sei eine Stunde im Kon- statierungsbureau gewesen, und auf Grund dieser „Beobachtungen" gibt er sein Verdikt. Ohne belei¬ digend sein zu wollen, glaubt der Zeuge dieses Ver¬ halten als oberflächlich bezeichnen zu sollen. Eine -dritte Autorität gegen Lourdes, auf die sich Dr. Aigner manchmal beruft, ist der franzö¬ sische Schriftsteller Jean de Bonnefon. Wie ist denn nun die Glaubenswürdigkeit dieses Mannes zu bewerten? Im Jahre 1897 hat das Amtsgericht I von Paris am 8. Dezember ein Urteil erlassen, in dem es heißt: „Es steht fest, daß Bonnefon ge¬ wohnheitsgemäß die Diffamation besonders gegen hochgestellte und ehrenwerte Personen betreibt". Im Jahre 1899 wurde Bonnefon in einer Preß- klage zu 1000 Franken Strafe und 10.000 Fran¬ ken Schadenersatz verurteilt. In der Urteilsbe¬ gründung heißt es: „Wenn es einen Journalisten gibt, dem die Richter gesagt haben: „Du bist ein Verbrecher der Feder, du entehrst die Feder, der du dich bedienst, die Tinte, welche du gebrauchst, das Blatt, auf welches du schreibst; wenn es einen sol¬ chen gibt, so ist das Wohl Jean de Bonnefon". Ms Bonnefon später beim Amtsgerichte IX in Paris eine Klage einbrachte, wurde er mit den War- — 131 - ten abgewiesen: „Sie sind- der einzige französische Bürger, welcher kein Recht hat, als privater Kläger aufzutreten". Genug der Zeugnisse, es gäbe deren noch mehr. Und dieser Bonnefon soll ein Zeuge gegen Lourdes sein? Dieser Bonnefon hat in mehrfacher Weise versucht, Lourdes als puren Schwindel zu entlarven. Von seiner Enquete unter den französischen Ärzten war schon früher die Rede. Dr. Vincent von Lyon hatte ihm darauf die rich¬ tige Antwort gegeben. Bonnefon chatte aber auch versucht, die Erschei¬ nungen der Bernadette auf eine plumpe Mache zu reduzieren. In feinem Buche: „llouräss st sss tsnauolsrs" („Lourdes und seine Pächter") schreibt er: „Am 28. Dezember 1857, 45 Tage vor der ersten Erscheinung, richtete Ober¬ staatsanwalt Falcönnet von Pau an den Staats¬ anwalt beim Bezirksgericht von Lourdes folgende Dienstnote: „Herr Staatsanwalt! Ich wurde in Kenntnis gesetzt, daß gegen Ende des Jahres Manifestationen vorbereitet werden, welche einen übernatürlichen Charakter und einen wunderbaren Anstrich haben sollen. Ich bitte Sie, dafür sorgen zu wollen, daß diese Tatsachen genau überwacht werden." Das „Journal de la Grotte" (vom 12. Jän¬ ner 1908) bemerkt dazu: „Er (Bonnefon) hat ihn (den Brief) nicht aufgefunden, er hat ihn er¬ funden, erdichtet vom Anfang bis zum Ende, er hat zynisch gelogen". Denn 47 Jahre (bis Septem¬ ber 1905) hatte niemand etwas von diesem Brief gewußt. Die Gegner von Lourdes haben alle Ar¬ chive durchstöbert, aber ohne Erfolg. — Es ist das einfach ein plumper Betrug. Noch eines Gegners von Lourdes und Vorläu¬ fers von Dr. Aigner dürfen wir nicht vergessen. Es ist der Romanschriftsteller Emile Zola. Dieser wollte über Lourdes schreiben, und er erklärte in ö* -132- der Presse und in Briefen, er wolle nur die Wahr¬ heit schreiben, die ganze Wahrheit, die ja jeder¬ mann nur nützen kann. Er sei ein Mann der Wahrheit und nicht des Skandals. Er werde ein¬ fach sagen, was er gesehen und empfunden habe. Zola ging wirklich nach Lourdes im Jahre 1892. Er blieb daselbst 14 Tage und war beständig von einem Schwarm von Berichteristattern umgeben, die sür seine Popularität sorgen sollten; er hielt sich nur 2 Stunden im Konstatierungsbureau aus und schrieb dann im Jahre 1894 einen Roman über Lourdes. Dieser Roman hat einen Sturm von Protesten hervorgerufen. Der Gemeinderat von Bartros richtete am 31. Juli 1894 einen Protest an Zola, in dem er konstatierte, daß die Aussagen Zolas über den Aufenthalt Bernadette Soubirous m der Gemeinde Bartros vollständig falsch seien. (Bartros liegt in der Nähe von Lourdes.) Dr. Boissarie protestierte gegen Zola in einer Kvnserenz vom 2. November 1896 zu Paris. Bois¬ sarie konstatierte: „Es steht Zola nicht zu, unter der Maske eines vorgeblichen Romanes die Ge¬ schichte zu fälschen. Zola fälscht nicht bloß bewu߬ terweise die erwiesene Tatsache, sondern zieht auch durch Insinuationen (Verdächtigungen) und ge¬ schmacklose Witze Menschen und Sachen ins Lä¬ cherliche". Zola hatte sich in Lourdes mit drei Fällen be¬ schäftigt, nämlich mit Elise Ronquet, mit der Schwindsüchtigen Grivotte und der Nervenkranken de Guersaint. Charakteristisch für Zola ist dessen Darlegung der ersten zwei Fälle. Die erste Kranke, Marie Aemarchand, die er mit dem Namen Elise Ronquet bezeich¬ net, hatte ein Lupusgeschwür (Hautflechte, Hauttuberkulose) im Gesichte. Sie hatte Geschlvure an der Nase und am Munde. Nach der Waschung an der Fontäne (Brunnen) in Lourdes hatte ein langsamer Heilungsprozeß eingesetzt, so behauptet — 133 - Zola. Dr. Boissarie konstatierte, daß die Heilung plötzlich und vollständig war. Als Dr. Boissarie deni Schriftsteller Zola die Geheilte im Konstatie- rungsbureau zeigte und sagte: „Das ist ein Fall, wie Sie ihn wünschen, Herr Zola, eine Wunde, die sich plötzlich schließt. Schauen Sie sich das Mädchen gut an", da antwortete Zola: „Ich mag sie nicht, anfchauen; sie ist noch zu häßlich". Er hatte also diesen Fall vollständig unrichtig dargestellt. Ws zweiten Fall behandelt Zola die Heilung der Marie Lebranchu, die Zola als Grivotte be¬ zeichnet. Zola sah in Lourdes die Schwindsüchtige Marie Lebranchu und gibt in seinem Roman die Schwindsucht im dritten Stadium zu. Am 20. August 1892 wurde die Schwindsucht plötzlich geheilt und 20 Ärzte konstatierten mit Zola in: Konstatierungsbursau, daß nicht die geringste Spur mehr von Tuberkulose in der Lunge zu ent¬ decken sei. Mer Zola ließ in seinem Roman die Geheilte auf der Heimfahrt rückfällig werden und sterbenskrank ins Spital zurückkehren. Aber diese Grivotte lebt heute noch zu Paris unter dem Namen Witwe Wuiplier ohne die ge¬ ringste Spur eines Rückfalles. Im Jahre 1896 kam Zola einmal zu ihr und erklärte ihr, Dr. Bois¬ sarie würde ihn beständig belästigen, weil er in seinem Roman die Grivotte sterben ließ. Er bot ihr Geld an und versprach, für sie zu sorgen, wenn sie sich mit ihrem Mann nach Belgien auf ein Landgut, das er ihr bezeichnen werde, zurückziehen wolle. Da trat aber ihr Mann zu Zola hin, faßte ihn beim Arme und wies ihn hinaus mit den Worten: „Machen Sie, daß Sie fortkommen". In den letzten Jahren wurde die Grivotte mehrmals mit Röntgenstrahlen untersucht und ihre völlige Gesundung bestätigt. Im Jahre 1908 ließ der Erzbischof von Paris einen kanonischen Prozeß über diesen Fall anstellen, in welchem kon¬ statiert wurde, daß von irgendeinem Rückfall in die alte Krankheit keine Rede sein könne. Mit - 134 - Recht schrieb deshalb die „France Nouvelle": „Zola hat, als er 'sein Buch „Lourdes" schrieb, eine schöne Gelegenheit vorübergehen lassen, um zu schweigen; wenn er Lourdes schildern wollte, „so wie es ist", dann ist es ihm offenbar gelungen, es zu beschrei¬ ben, so wie es nicht ist". So schaut also der historische Roman Zolas aus. Und der „berühmte" Ernst Haeckel wagt zu sa¬ gen: „Die richtigste Darstellung des großartigen Schwindels von Lourdes hat Zola in seinem be¬ kannten Roman gegeben". Eine Geistesverwandt¬ schaft ist nicht zu verkennen; denn die „Welträtsel" von Haeckel sind ja auch eine romanhafte Dichtung! welcher Publikum wählt sich Dr. Mguer für seine Vorträge? Ist das Forum, das Dr. Aigner in seinen etwa 30 Versammlungen angerusen hat, kompetent in der Frage der Wunder von Lourdes? Die Wunder von Lourdes sind eine Frage der Naturwis- f e n s ch a f t, d e r M e d i z i n u n d der Theo¬ logie. Lourdes als Reiseziel, nach dem zahllose Pilgern wandern, interessiert auch den Staat in hygienischer und volkswirtschaftlicher Beziehung. Lourdes als Marien-Wallfahntsort, zu dein die Katholiken aus innigem Herzensbedürfnis pilgern, interessiert des weiteren die katholische Kirche und ihre kompetente Behörde!! Welches Forum hat nun Dr. Aigner in diesen Versammlungen angerufen? Das Auditorium re¬ krutiert sich aus sonst gewiß sehr achtbaren Krei¬ sen! Es erscheinen Beamte verschiedener Branchen, ehrsame Damen aus höheren und niederen Schich¬ ten, Bürger, Kommis, Mittelschüler, . Handwer¬ ker und Arbeiter. Sind nun diese Kreise, die sonst in ihren Berufen äußerst tüchtig sein können, berufen, über diese Frage zu urteilen? Rüst man zur Entscheidung von wissenschaftlichen Fragen ein Zufallspublikum zusammen? — 135 — Übrigens war bei .diesen Versammlungen eigentlich nicht ausschließlich Zufallspublikum an¬ wesend! Die Versammlungen beriefen alldeutsche Vereine ein, wenigstens in Kärnten. Ob nun die¬ ser Verein berufen ist, über solche Fragen in Volksversammlungen abzuurteilen, müßte denn doch in Zweifel gezogen werden. Denn das Publikum .alldeutscher Versammlungen ist ja doch ein künstlich präpariertes! Die Vorbereitung der Lourdesversjammlungen in Klagenfurt und Villach (11. und 12. November 1913) zeigt das zur 'Genüge. Am 14. Oktober war im Organ des deutschen Freisinns, „Freie Stim¬ men", zu lesen: „Der Verein der Alldeutschen in Kärnten veranstaltet Mitte November in Klagen¬ furt und in Villach allgemein zugängliche Ver¬ sammlungen, in denen der bekannte Münchener Arzt Dr. Eduard Aigner über die „Wsunderheilun- gen von Lourdes" sprechen wird. Es werden die Erlebnisse während eines Illtägigen Aufenthaltes in Lourdes geschildert, die beispiellosen Wirkungen der Massensuggestion, die bei der kritiklosen Menge die „Wunderheilungen" Vortäuschen, insbesonders die Tätigkeit des ärztlichen Konstatierungsbureaus in Lourdes vom ärztlichen Standpunkte aus be¬ leuchtet. Selbstgefertigte Lichtbilder bringen diese Erlebnisse und die Art der Krankenheilung zur An¬ schauung. Auf diese Versammlungen, die auch den Gegnern Gelegenheit zu öffentlicher Aussprache bieten werden, werden alle antiklerikal Gesinnten und insbesondere - die Verfechter der „Los-Von- Rom"-Bewegung schon heute aufmerksam gemacht". Man 'hat es zwar für gut befunden, in den fol¬ genden Verlautbarungen und Einladungen auf „die Verfechter der Los-Von-Rom-Bewegung" zu vergessen, doch an der Tendenz der Versammlung als solcher hat das nichts geändert; erschien doch noch unmittelbar vor der Versammlung in der lebten SonntachNummer der „Freie Stimmen" ein „Eingesendet", durch welches der „Deutsch-Man- - 136 — -geliische Bund für die Ostmark, Ortsgruppe Klagen¬ furt" zu zahlreichem Erscheinen bei dem Vortrag des Herrn Dr. Aigner Wer die „Lourdes-Wunder" am Montag den 10. November um 8 Uhr abends im „Sandwirt"-Saale aufforderte. Wir fragen nun: iWjaren Alldeutsche, die in Ates,er Weife präpariert würden, das richtige Fo¬ rum für die Beurteilung der Lourdesfrage? Kreise, für die es schon von vornherein feststeht, daß in Lourdes der kritiklosen Menge Wunder vor- getäüscht werden, Kreise, die antiklerikal gesinnt sind und Verfechter der „Los-Von-Rom"-Bewegung, sollen also über die Wunder von Lourdes zu Ge¬ richt sitzen!! Brauchte es überhaupt der Ausführungen Dok¬ tor Aigners, um diese Kreise zu überzeugen, daß in Lourdes alles Schwindel ist? Nein! Diese alle wa¬ ren früher ebenso überzeugt, ja vielleicht noch mehr als nach den Ausführungen Dr. Aigners; die De¬ batte konnte höchstens bei dem einen oder dem an¬ deren Zweifel erwecken, daß es mit den Beweisen gegen Lourdes schwach bestellt ist. Einiger, wofür Dr.Mgner keinverständnir hat. u) Lourdes, die Hochburg des Gebetes und des Glaubens. Jeder, der in Lourdes war, bekennt: So wie in Lourdes habe ich noch nie gebetet! — In Lourdes ergreift den Pilger eine solche Rührung und In¬ nigkeit, daß er des Gebetes nicht satt werden kann. Wer in Lourdes abends mit der Lichterprozesfion mitgezogen ist und mit Pilgern aus aller Herren Ländern das „Ave Maria" gesungen hat, wer in Lourdes nachmittags bei der Sakramentsprozession zugegen war und aus tiefstem Herzensgründe ge¬ rufen hat: „Herr, mache, daß ich sehe, Herr, mache, daß ich höre — Herr, mache, daß ich gehe!", der hat eine Vorahnung des himmlischen Jerusalems -137- empfunden! Dort wird nur eine Sprache, die Sprache der Liebe sein, und in Lourdes füh¬ len sich auch alle Nationen völlig eins! Das erhabene Wort des heiligen Apostels Paulus: „E i n G o t t, ein Herr, ein Glaube" pul¬ siert in Lourdes in den ungeheuren Volksmassen, und das nationale Problem ist in Lourdes wun¬ derbar gelöst durch die gegenseitige Liebe. Lourdes ist international, weil es echt katholisch ist. Eben, weil es international ist, kämpfen Gegner mit nationalen Schlagworten gegen Lourdes! Wels ch er E h a rl a t a n i s m us, deut s ch e Gründlichkeit und deutsche Wissenschaft wer¬ den einander gegenübergestellt, um einen nationa¬ len Schlager gegen Lourdes auszuspielen. Es ist etwas Großes um die Wallfahrt über¬ haupt, und es ist etwas Erhabenes um Lourdes. Der Mensch ist ein sozialesWesen, und das ist er auch in der Religion. Die Gegner halten uns allerdings das Wort der Heiligen Schrift entge¬ gen: „In euren Hertzen bauet euch Altäre", oder „Wenn du betest, so schließe dich ein in dein Käm¬ merlein". Darauf bemerken wir: „A lI e s z u s ei- n e r Z e i t". D a 's Ge b e t i m H e r z e n und i m Kämmerlein ist die Regel, ist das All¬ tägliche! Die Wallfahrten sind die Ausnahmen!! Der Mensch braucht manchmal eine Aufrütte¬ lung, eine neue Begeisterung, sowie er manch¬ mal ein Vollbad braucht trotz der täglichen Wa¬ schungen. Diese Aufrüttelung bekommt er in einem Wallfahrtsorte, und in ausgiebigstem Maße in Lourdes! Dort sieht er Tausende anderer, die eines Sinnes sind mit ihm, die ebenso des Lebens L a st u n d B ü r d e Gott aufopfern! Dort wächst die Liebe zu Gott zu einem brausenden Sturm an, der alles mit sich fortreißt! W a r um marschie¬ ren etwa die Soldaten in Kolonnen? Warum läuft denn nicht jeder separat auf der Straße einher? Warum marschieren sie oft im Sturm in den Krieg? Warum erschallt dabei die - 138 — Musik? Das braucht es ja eigentlich doch nicht, denn die Kraft des einzelnen nimmt physisch nicht zu! Und doch ist es notwendig! Warum wurde denn 1913 in Leipzig ein großes Fest gefeiert bei der Enthüllung des Schlachtendenkmats? Warum sam¬ melte sich dort das Volk zu Tausenden? War Na¬ poleon nicht schon besiegt? Und hatte man das nicht ganz genau gewußt? Sollte vielleicht die ge¬ schichtliche Sicherheit dadurch bestärkt werden? Das V o l k braucht eine Aufrüttelung, das Volk muß sich begeistern an den Taten seiner Vorfahren! Das Volk soll gleichsam trinken von dem Heldenblut sei¬ ner Ahnen und soll sich für das Vaterland aufs neue begeistern! Wußten denn die Deutschen nicht, daß sie Deutsche sind? Wozu denn eine solche Feier? Eben, wie solche Feiern nützlich sind, so soll man dem Katholiken feine Wallfahrten und fein Lour¬ des lassen! Sie werden zurückkehren, diese frommen Seelen, mit neuen Entschlüssen, mit neuen Vor¬ sätzen! Jo, sie werden als bessere Menschen zurück¬ kommen! In Lourdes haben sie viel¬ leicht wieder beten und glauben ge¬ lernt! Unsere Zeit ist eine Zeit ohne Gebet und o h n e G l a u b e n. Glauben heißt, für wahr halten, was uns Gott geosfenbart hat und durch die katholische Kirche zu glauben vorstellt. Diesen ersten Satz des Katechismus verachtet unsere Zeit und be¬ tont ausschließlich das Forschen und das Wissen. Durch diese allein kann man eben nie zum Glauben kommen; denn der Glaube ist eine G n a d e, um die man beten muß. Bei ihrer Forschung könnten die Forscher allerdings zur Überzeugung kommen, daß die Offenbarung wirklich geschehen ist; denn für diese Tatsache sind besonders die Wunder ein Be¬ weis. Aber den Wundern, der Vergangenheit gegen¬ über verschließen sie Äug' und Ohr und geben alles als Trug aus. Wie oft haben schon Gegner gefragt: Warum geschehen denn jetzt keine Wunder mehr? Wenn damals Blinde sahen, Taube hörten. Lahme gingen, warum geschieht das jetzt nicht mehr? Die- — 139 — sen vorlauten Einwendungen begegnet nun Gott in seiner Güte in Lourdes durch wirkliche Wun¬ der: denn auch dort sehen die Blinden, hören die Tauben und gehen die Lahmen. Um ja den Un¬ gläubigen keine Ausrede zu lassen, besonders um den aufgeblähten Stolz der freien Forschung und der freien Wissenschaft .zu demütigen, ließ Gott Lourdes entstehen als ein Bollwerk innigsten Ge¬ betes und demütigsten Glaubens. d) Lourdes, die Hochburg der Selbstverleugnung und Nächstenliebe. Kommen die Pilger nach Lourdes und bringen sie ihre Kranken, so denken sie auf der Fährt nut Besorgnis und Kummer, wie sie wohl auf dem Bahnhofe einer wildfremden Stadt, im Gedränge der Leute, mit ihren Kranken zurecht kommen wer¬ den! Was besonders sollen jene 4000 bis 500'0 ar¬ men Kranken tun, die durchschnittlich jährlich nach Lourdes kommen, aber zu arm sind, um in einem Gasthofe zu leben? Doch siehe da! Ihre Sorge war überflüssig! Die Frauen, die am Ostermontag zum Grabe kamen, dachten auf dem Wege: Wer wird uns Wohl den Stein Hinwegwälzen! Und siehe! Ein Engel war da, der den Stein hinweggerollt hatte! — Und Engel in Menschengestalt sind es, die den armen Pilgern und Kranken die Sorge abnehmen! Bei der Ankunft der Züge erscheint plötzlich eins ganze Schar von vornehmen, eleganten Herren, die sich mit einer unnachahmlichen französischen No¬ blesse und mit einer verblüffenden Selbstverständ¬ lichkeit des Kranken annehmen, den Kranken aus dem Waggon heben, ihn auf die Tragbahre bet¬ ten oder in den Rollwagen setzen und dann mit einem Stolz und mit einer liebenswürdigen Vor¬ sicht und Behutsamkeit ihre Bürde fortführen, fort¬ tragen oder fortrollen, als hätten sie den größten Schatz der Welt erobert! Was ist das? fragt sich der Kranke, srägt sich der Pilger? Wo bin ich? Ja, fürwahr! Du bist — 140 — in einem anderen Lande, du atmest eine andere Atmosphäre, es ist die Atmosphäre desjenigen, von dem die Heilige Schrift sagt: „Es erschien die Güte und Menschenfreundlichkeit auf Erden!". Wer sind diese vornehmen Leute? Das sind Herren aus den feinsten ^Familien, aus höheren sozialen Stellungen, das sind reiche Leute, von denen nie¬ mand weiß, woher sie sind! — Sie kommen nach Lourdes zur sieit ihres Urlaubes und ihrer freien Zeit und stellen sich für den Krankendienst zur Verfügung und leben in Lourdes auf eigene Kosten/! Sie sind nicht bezahlt; wir haben hier einen freiwillig eingerichteten Krankendienst vor uns! Sie heißen Brancardiers und haben ein eige¬ nes Handbuch, Manuel des brancardiers, das ihnen bis in die kleinsten Einzelheiten vorschreibt, wie sie weder Mühe noch Last, weder Hitze noch Kälte, weder Hunger noch Durst scheuen sollen, wie sie es versuchen sollen, „ruhig und ohne Aufregung die Wehrufe zu hören, Wunden zu schien, üble Gerüche zu ertragen, die Körper der Kranken zu berühren, zu entkleiden und wiederum anzuklei¬ den". Diesen Brancardiers, welche die Kranken zur Kirche, zur Grotte, zur Piscine, zur Sakraments- Prozession tragen und rollen, stchen würdig zur Seite jene vornehmen Damen und Mädchen, die meist aus reichen und adeligen Familien stam¬ mend, ihre Salons verlassen haben, um hier die Kranken zu bedienen, mit ihren zarten Händen ihre Wunden zu verbinden und lange Nächte am Krankenlager zu durchwachen. Jene, welche diese Helden der christlichen Näch¬ stenliebe nicht würdigen, jene, welche Lourdes nicht im Lichte der christlichen Tugenden betrachten, ver¬ stehen Lourdes nicht und urteilen wie Blinde über das, was sie nicht gesehen. o) Warum gerade Lourdes? Sehr naiv ist Dr. Aigner, wenn er meint, die Deutschen brauchten ja nicht nach Lourdes zu pil- — 141 gern, sie könnten sich ja ganz einfach zu Hanse ein Lourdes schaffen. Ei: denkt sich die Sache jedenfalls ungefähr so: Man soll eine Aktiengesellschaft bil¬ den, eine große Kirche bauen, eine großartige Re¬ klame in den Zeitungen und durch Kinematografih entwickeln, man soll dann großartige Feuerwerke veranstalten, bei Nacht herrlich illuminieren, dann halte man Prozessionen ab, bestelle einige Bran- cardiers, eventuell schreibe man auf Häuser und Hotels alle möglichen Heilssprüche aus der Heili¬ gen Schrift und dann liefere man die Kranken herbei und Lourdes wäre fertig! Die Deutschen würden sich auf diese Weise das Reisegeld ersparen. Wir schlagen noch etwas Einfacheres vor: Preußen soll einfach mit gewohnter Schneidigkeit Erlässe herausgeben, durch welche einige Orte in Deutsch¬ land zu Wallfahrtsorten kommandiert wer¬ den. Doch Scherz beiseite! Wir müssen als Katholiken eine solche Karika¬ tur der Wallfahrtsorte auf das entschiedenste zu¬ rückweisen. Was sind Wallfahrtsorte? Wallfahrts¬ orte sind Gnadenorte und als solche sind sie von der freien Wahl Gottes abhängig, sowie die Gnade selbst eine völlig freie Gabe Gottes ist. W e m und w o Gott seine Gnade austeilt, das ist Sache Gottes! Warum wurde der Heiland in Beth¬ lehem geboren und nicht in München? Warum lebte Christus 33 Jahre in Palästina und warum nicht in Österreich oder Deutschland? Der hl. Pau¬ lus gibt im Römerbriefe (11, 33) die richtige Ant¬ wort, wenn er sagt: „O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gattes! Wie unbe¬ greiflich sind seine Pläne und wie unerforschlich sind seine Wege! Wer erkennt den Sinn des Herrn oder wer war sein Ratgeber?". Hat also Doktor Aigner einen Rat betreffs der Wallfahrtsorte zu geben, so soll er diesen Rat an Gott adressieren! Wir Katholiken wollen uns nicht zu Geheimräten Gottes aufwerfen. — 142 - Warum hat Gott gerade Lourdes gewählt? Weil er wollte! Basta! Diese Antwort ge¬ nügt uns und wir beten seinen unerforschlichen Ratschluß an! Ist Lourdes auch landschaftlich schön und liegt es in reizvoller Umgebung, so kann uns das recht sein! Fließt da ein herrlicher Fluß vor¬ bei und grüßen uns die schneebedeckten Häupter der Pyrenäen aus luftiger Bergeshöhe, so freuen wir uns darüber! Wir finden darin nur die unend¬ liche Weisheit Gottes, wenn er sich der natürlichen Mittel, die er ja selbst ins Dasein gerufen hat, be¬ dient! Gott ist eben ein feiner Psychologe, er kennt die Seele des einzelnen wie die Volksseele! Die ganze Natur ist ein Echo der Herrlichkeit und der Macht Gottes, und wenn Lourdes mit seiner Land¬ schaft das Gemüt des Menschen zu Gott erhebt und Zur Andacht stimmt, so ist das alles recht und schön! Doch gibt es ähnliche und viel schönere Landschaf¬ ten wohl auch anderswo, und so kann die Land¬ schaft Wohl nur ein nebensächlicher Grund für Got¬ tes weisen Ratschluß gewesen sein, gerade Lourdes zu wählen. Ausschlaggebend ist der höchst eigene Wille Gottes, und -damit geben wir uns zufrieden! vr. Mgner will den angesagten „Pagat ultimo" fangen! Ein interessanter Tarok ist im Gange! Doktor Aigner hat mehrere Tarok und einige Figuren. Bei uns ist der Pagat ultimo ungesagt. Dr. Aigner macht einige Stiche! Die kann und will ihm niemand nehmen! Er hat auch manchen Helfershelfer; diese spielen ihm manche Figuren hinein! — So ist es mit seiner Lourdeskampagne! Mit Lourdesvorträgen läßt sich jedenfalls ein Bombengeschäft machen. Da müssen auch wir kleine Taroks dazugeben! Um zu den Versammlungen zu gelangen, müssen wir unsere Kronen oder un¬ sere Nickelmünzen hinlegen! Machert wir eine kleine Rechnung! Dr. Aigner machte bisher zirka 30 Ver- — 148 - sammlungen! Nehmen Mir an, bei jeder Ver¬ sammlung waren 1000 Leute und diese hätten je 50 h gezahlt! Dies wurde 15.000 Kronen ergeben! Man sieht: Lourdes bringt wahre Wunder zu¬ stande!'! Heiter ist es, wenn uns die Broschüre Dröder kontra Aigner" (Verlag Fredebeul u. Koenen, Essen-Ruhr) mitteilt, daß Dr. Aigner in Essen am 18. Jänner 1914 während des Billett- Verkaufes bei dem flotten Andrang den Eintritts¬ preis von 30 und 50 Pfennig schnell geschäftsge¬ wandt auf 1 Mark erhöht hatte. Ob dieses Geschäft dem Dr. Aigner oder dem Monistenbund oder den Alldeutschen zugute kommt, lassen wir dahin¬ gestellt! Diesbezüglich wollen wir D«r. Aigner per¬ sönlich nicht nahetreten. Ja, wir sind fest überzeugt, daß Dr. Aigner die Tarokpartie im Namen ande¬ rer spielt! Denn hinter ihm stehen viele, die in seine Karten „kiebitzen" und ihm beistehen. Seit einigen Jahren schon hat Dr. Aigner seine Tätig¬ keit nach München verlegt und ist dort in Moni- stenkreise geraten! 'Es wird diesen Kreisen schlie߬ lich gaüz angenehm sein, einen kleinen Profit mit der Lourdesaffäre zu machen und ein bißchen „Ge¬ schäftskatholizismus" zu treiben. Wir haben da¬ für sogar ganz unverfängliche Zeugen. Im Münchener Prozeß sagte der Sachverstän¬ dige Dr. Specht, 85 Jahre alt, evangelisch, Privatdozent für Psychiatrie in München, auch folgendes: „Man hat an die Sachverständigen die Frage gerichtet, ob Kläger Dr. Aigner bei seinen Ausführungen sich von irgendwelcher Tendenz habe leiten lassen. Ich glaube, Tendenz hat auf beiden Seiten bestanden ... Was Dr. Aigner im einzelnen Falle für Interesse haben mag, diese Legende zu zerstören, weiß ich nicht, ich weiß von ihm nur, daß er Geschäftsführer des Monistenbundes ist. Ich b e t o n e d a s". Doch dieses ist der Hauptzweck nicht! Auf einen höheren Gewinn wird gerechnet! Es handelt sich bei dieser Partie um Leben und Tod! Der Pagat 144 - soll gefangen werden. — Dr. Aigner sagt im Nach¬ wort seiner Broschüre: „Die Wunderheilungen von Lourdes und ihre Erklärung": „Immer näher rük- ken sich in Deutschland die Schlachtlinien zweier Kämpfer, zwei Weltanschauungen stehen sich unver¬ söhnlich einander gegenüber". Der Rechtsanivalt Rumpf bemerkte im Mün¬ chener Prozeß (November 1909) dazu: „Gerade dieser Kampf zweier Weltanschauungen bildet den Untergrund für den Zwist. Selbstverständlich gibt es für die Anhänger jener ^Weltanschauung (wo¬ nach es keinen von der körperlichen Weit verschie¬ denen Gott gibt) keine Wunder; und wenn es in einem Falle nachgewiesen ist, hier ist die Folge des natürlichen Geschehens in seinem Fortflufse unter¬ brochen, hier hat sich etlvas ereignet, was nach den Gesetzen des natürlichen Geschehens nicht mehr er¬ klärt werden kann, in demselben Augenblicke ist diese Weltanschiauung erschüttert. Deshalb nimmt der Monismus speziell Stellung gegen die Wun¬ der und 'besonders gegen die Lourdeswundec". Dr. Aigner kämpft um feine Welt¬ anschauung, wonach es keinen Gott gibt! Sein Rechtsanwalt, der Israelit Be- nario, sagte offen vor den Gerichtsschranken in München, das; Dr. Aigner und er sich zu jener Weltan¬ schauung bekennen, die keinen Gott anerkennt. Dl'. Aigner ist -d e r W o r s i tz e n d e d e s K a r- teils der freiheitlichen Vereine von ganz München, und dieses Kartell hat in München für den spanischen Freimaurer Ferrer eine Protest¬ versammlung abgehalten, in der er folgendes aus¬ führte: „Er führe den Kampf gegen die unwahre «Basis des Konfessionalismus, gegen den Wunder¬ glauben, gegen den Wallfahrtsschwindel. Es fei dem Kartell gelungen, Lourdes als Spielhöhle, in der mit falschen Karten gespielt wird, zu enthüllen, die Wallfahrtsorte als klerikale Börsen zu kenn¬ zeichnen, deren Papiere auf eine fingierte Bank im Jenseits lauten". - 145- Da rum handelt es sich also bei dieser Partie: Das Wunder ganz aus der Welt zu schaffen, unser Spiel als s-als ches aufzudecken und darzulegen, daß das ganze Jenseits fingiert ist! Wie soll das alles geschehen? Rom, welches diese ganze Komödie arrangiert, muß geworfen werden! Rom ist nämlich der antzesagte P-agat ultimo. Nortao inksri non praovalebnot allvorms oam! Wie Pforten der Hölle werden die Kirche nicht überwältigen! Wer Dr. Aigner hofft es doch! Er will diesen Pagat fangen! Hören wir ihn, wie er in München beim Prozeß in die deutsche Zukupft hineinorakelt. Er endete sein Plädoyer mit folgenden Worten: „Ich habe das Gefühl, daß drei Städtenamen (Paris, Lourdes und Rom) vielleicht noch drei Sterne in der Geschichte des deutschen- Volkes bedeuten. Zurzeit stehen wir unter dem Zeichen von Lourdes, und wenn ein¬ mal die letzte Walstatt, die ich angeführt habe, ge¬ schlagen sein wird, dann wird die deutsche Nation an die Tage von Lourdes zurückdenken, dann wird die deutsche Nation den deutschen Ärzten, die ihr zum Siege verhalfen haben, ein Kränzlein widmen, mit einer Aufschrift, die nicht von verdienter Ver¬ achtung rodet, wie der inkriminiert-e Artikel". Paris wurde gedemütigt 1870/71! Jetzt ist Lour¬ des an der Reihe; aber der Hauptfeind ist Rom! Voila l 'sonorni! Der muß besiegt werden. Be¬ greiflich ist es, wenn Dr. Aigner verspricht, mit einem a l t k a t h -o l i s ch e n Priester nach Öster¬ reich zu kommen! Beide führt dasselbe Ziel, der Haß gegen Rom. Wer direkt lächerlich ist es, wenn dann dieser Mann an katholische, kirchliche Behör¬ den, -an den -deutschen Episkopat usw. appelliert, daß er gegen den Aberglauben von. Lourdes ein¬ schreiten solle. Dr. Aigner wird hie und- da einen Erfolg ha¬ ben, wird öfters applaudiert, sein Name wird- be¬ kannt, er wird die Arzte veranlassen, sich mit Lour- 10 — 146 — des zu beschäftigen- und noch manches andere wivd ihm gelingen. Eines aber wird ihm ganz bestimmt mißlingen: Den Pagat ultimo wird er nicht fan¬ gen. Der Pagat ist angesagt, der Pagat wird heim¬ gebracht : Du bist Petrus, der Fels, und auf diesem Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pfor¬ ten der Hölle werden sie nicht überwältigen! L L L ! >z^ z^ ^zv vz^vz^^ Anhang. Der Bericht der „Närntner Tagblatter" vom 16. November W5 über die Villacher Ver¬ sammlung am N- November W3. Lourdes-Prophet Dr. Aigner. Der g r o ß e T a g s ü r W i l l a ch w a r ge¬ kommen! Es soll eine wissenschaftliche Disputa¬ tion abgehalten und vor der Öffentlichkeit gezeigt werden, in welch mittelalterlicher Finsternis die katholische Kirche steckt! Es lag eine Spannung in der geistigen Atmosphäre von Villach — denn ein hervorragender Monist sollte eines der größten Bollwerke der katholischen Kirche zerstören: L o u r d e s. In Villach drehte sich am Dienstag das Tagesgespräch aus den Straßen und in den Gasthäusern um die Wunder von Lourdes. Man fragte sich: Was ist ein Wunder? Was ist Lourdes? Kurz, es war für Villach eine Sensa¬ tion! Der Vortrag Dr. Aigners war für 8 Uhr abends angesetzt. Die Wissenschaft Dr. Aigners hatte sich seit Klagenfurt verteuert, denn es kosteten Sitze teils 1 U, teils 60 ll. So waren die eigent¬ lichen Volksmafsen ausgeschlossen, und es war der Ohrenschmaus nur der Intelligenz serviert wor¬ den. Der Saal stillte sich bald. Das, was man in io* — 148 — Villach sehnsuchtsvoll erwartete, traf ein: es er¬ schien der Klerus, es erschienen sogar Jesuiten! Der Vortrag in Villach ganz derselbe wie in Klagenfurt. Der Vortrag des Dr. Aigner begann! Man glaubte, direkt eine Grammophonplatte des Vor¬ trages von Klagenfurt zu hören; er sprach wie in Klagenfurt! Er lächelte wie in Klagenfurt! Es ka¬ men derselbe Punkt und derselbe Beistrich ! Er war¬ tete genau bei demselben Worte und bei demselben Satze auf den Beifall der Menge! Aber das Audi¬ torium zeigte gar nicht jene Resonanz, die in Kla¬ genfurt durch einige bestellte Claqueurs auf der Galerie stellenweise eintrat, manchmal allerdings zur unrechten Zeit. Die Einwände gegen Lourdes bewegten sich in den sonderbarsten Querfprüngen, aus dem durch¬ schlagenden Grunde, weil vernünftige, stichhältige Einwände nicht vorzubringen waren. Wenn auch seine Ausführungen so geistreich gewesen wären, wie sie es nicht gewesen sind, wäre Lourdes nichr vernichtet gewesen. Die wenigen Mißbräuche, die in Lourdes hie und da Vorkommen, veranlaßten na¬ türlich Dr. Aigner in den bekannten demagogischen Mißgriff zu verfallen, das Kind samt dem Bade auszuschütten! Deutsche Gelehrsamkeit, deutsche Gründlichkeit, deutsche Forschung, ihr habt aller¬ dings ein ehrendes Denkmal in Villach durch Dr. Aigner nicht erhalten! Die Rede Dr. Aigners haben wir am Beginn der Broschüre genau wiedergegeben. Der Vortrag Dr. Aigners dauerte von 8 bis halb 11 Uhr abends; darauf folgte eine Pause von einer Viertelstunde. Die Gegenredner. Es war ^1-1 Uhr, als sich der erste Gegenred¬ ner, Dr. Lambert Ehrlich, meldete. Seine Aus¬ führungen waren ungefähr folgende: Verehrte Da- > — 149 — men und Herren! Ich halte es für eine angenehme Pflicht, dem Herrn Vorsitzenden und insbesonders Herrn Dr. Aigner für die Liebenswürdigkeit zu danken, die es uns ermöglicht, hier vor einem so erlauchten Publikum das Wort zu ergreifen und zu den Ausführungen des Herrn Referenten Stel¬ lung zu nehmen. In mir scheu Sie den Vertreter einer anderen Weltanschauung. Meine Ausführun¬ gen werden sich in dem Rahmen voller objektiver Sachlichkeit bewegen, wie es schon heute um Mitter¬ nacht in Klagenfurt geschahen ist. Ich werde mir erlauben, die Frage zu beantworten: Ist durch den zweistündigen Vortrag des Dr. Aigner die Lour- desfrage endgültig gelöst oder nicht? Ist sie gelöst für mich, für Sie? Die durch Dr. Aigner gefundene Lösung der Lourdesfrage läßt sich in drei Sätzen wiedergeben: 1. In Lourdes geschehen keine Wunder. 2. Der größte Teil der in Lourdes behaupteten Heilun¬ gen ist nicht wahr, ein kleiner Teil' läßt sich auf Suggestion zurückführen. 3. In Lourdes ist die Hauptsache das Geschäft, und aus diesem Grunde läßt man Lourdes nicht fallen. Was die ersten zwei Fragen anbelangt, so muß ich vor allem die Kompetenzen feststellen, die über diese beiden Fragen zu entscheiden haben. In seinem Vortrage bemerkte Dr. Aigner sehr richtig: Wo es sich um Krankheiten und um Hei¬ lungsprozesse handelt, da hat der Arzt das Wort, und jeder andere, auch der Priester, muß als Laie zurücktreten. Dieser Ansicht des Dr. Aigner pflichte ich völlig bei und ich trete deshalb zurück und lasse einzig und allein die Arzte sprechen. Da ferner die ganze Lourdesfrage eine weltumspannende Bedeu¬ tung erlangt hat, mit der allmählich auch wirt¬ schaftliche und soziale Fragen, große Volksbewe¬ gungen usw. verbünden sind, so hat in der Lour¬ desfrage auch die staatliche Gewalt mitzure'den und ebenfalls auch die Kirche. Diesbezüglich sind wir mit Dr. Aigner eines Sinnes. -150 — In wessen Händen ist die staatliche Macht in Frankreich? Zuerst ein Wort über das Verhalten der staat¬ lichen Macht. Wie hat sich Frankreich zur Lourdes- frage verhalten? Ich hatte Gelegenheit, zu beobach¬ ten, wie es Frankreich vorzüglich versteht, die Kirche zu unterdrücken. Frankreich gilt als das klassische Land des Freisinns und des Atheismus. Was tut nun Frankreich mit Lourdes? Alle Kon¬ gregationen wurden unterdrückt, das Kirchenver¬ mögen wurde geraubt, aber Lourdes blieb bestehen. Gewiß sind da wirtschaftliche Gründe maßgebend. Lourdes bedeutet für Frankreich eine sehr ergiebige Einnähmsgueille. Gestatten Sie, meine Damen und Herren, bei dieser Gelegenheit aufmerksam zu ma¬ chen, daß also der Staat in .Frankreich, und zwar der atheistische und freisinnige Staat, den Ge- 'schäftskatholizismus in "Frankreich großzieht. Gr gibt das prächtigste Beispiel, wie man religiöse Dinge zu wirtschaftlichen Vorteilen ausbeuten will. Es gibt also' einen freisinnigen Geschäftskatholi¬ zismus! Die Geschichte von Lourdes. — Bernadette. Aber Lourdes war nicht immer eine wirtschaft¬ liche Frage für Frankreich. 1858 war Lourdes ein Städtchen mit 4000 Einwohnern, und da geschah nun folgendes: Ein armes Hirtenmädchen, Bernadette Soubi- rous, hat Erscheinungen. Diese wiederholen sich achtzehmnial vom 11. Februar bis 16. Juli 1858. Won solchen Erscheinungen wird wohl öfters be¬ richtet. So z. B. hatte vor einiger Zeit in Griffen in Kärnten ein Mädchen angeblich Erscheinungen der Mutter Gottes und Leute wanderten hinaus in den Wald. Der Vater des Mädchens errichtete einen Opferstock und sammelte im Laufe der Jähre ein Kapital von 13.000 X. Vergeblich protestierte die Kirchenbehörde, vergeblich intervenierte der Be- 151 - zirkshauptmann von Wlkermarkt, nm die Sache ans der Welt zu schaffen. Das Geld ist noch jetzt in der Hand des Besitzers. Soll man darüber noch ein Wort verlieren, daß das Mißbräuche sind? War es vielleicht mit der Bernadette auch so? Anfänglich glaubte ja niemand. Alles spottete, be¬ sonders die Intelligenz von Lourdes. Der Arzt Dr. Soubirous wollte den Trug aufdecken, aber bei der siebenten Vision brach vor seinen Augen jene merkwürdige Quelle hervor, die jetzt 122.000 Liter Wasser täglich liefert. Es versuchten der Bür¬ germeister, der Staatsanwalt, der Polizeikommis¬ sär, das Mädchen einzuschüchtern, es durch Quer¬ fragen zu verwirren; sie sandten Gendarmen zur Grotte; sie sperrten dieselbe ab; doch alles vergeb¬ lich. Am 4. März kniete das Mädchen eine Stunde vor der Grotte in Verzückung, am gegenüberliegen¬ den Ufer war aber eine Menschenmenge von 15- bis 20.000 Personen versammelt. Schließlich kapi¬ tulierten alle vor dem Mädchen, der Arzt und der Staatsanwalt, der Polizeikommissär und alle ga¬ ben Zeugnis für die Wahrheit der Visionen. Selbstverständlich suchten die Gegner diese Er¬ scheinungen auf Hysterie und Suggestion zurückzu- sühren. Wenn Hysterie eine gewisse Suggestibilität und Erregbarkeit bezeichnet, so muß betont werden, daß das bei Bernadette gar nicht der Zull war; denn ihre naive Schlichtheit und Einfachheit wirk¬ ten bezaubernd. Übrigens bezeugen französische Ärzte, daß von Hysterie keine Rede sein kann. Dr. van der E l st schreibt: „Die ganze Beschreibung der Hy¬ sterie, wie sie z. B. Dr. Roubier gab, ist nur eine willkürliche Zusammenstellung. Nus den .Fall von Bernadette paßt sie nicht". Der Behauptung des Arztes an der Pariser Klinik Dr. Voisin, daß Bernadette als Irrsinnige zu Novers eingesperrt war, steht das Zeugnis von Robert Saint C y r gegenüber, welcher der Präsident des ärztlichen Vereines von Nevers war -152- und der die vollständige geistige Fähigkeit und Reife Bernadettes bezeugte. Was 3000 Ärzte sagen. Im Laufe der Zeit wanderten unzählige Mas¬ sen nach Lourdes. Jährlich etwa eine Million. In keinem der letzten zchn Jahre war die Zahl der or¬ ganisierten Pilger geringer als 200.000. Wie verhielten sich denn nun die Arzte zu dieser Frage? Was sagt die Wissenschaft Frankreichs? Wir haben diesbezüglich zwei interessante Enqueten. Die eine van Bonnefon, einem der ärgsten Gegner von Lourdes. Dieser eröffnete eine Enquete im Jahre 1906 unter der Devise: „Faut-il fermer Lourdes?" — Soll Lourdes geschlossen werden? Von 11.221 eingelangten Antworten wagte Bonnefon nur 1-84 zu veröffentlichen. Die zweite Enquete, veranstal¬ tet vom Universttätsprofessor Dr. Vincent, er¬ gab ein äußerst günstiges Resultat für Lourdes. 3000 Ärzte aus Frankreich, Italien, Spanien, Belgien und- Deutschland erklärten: vom medizini¬ schen Standpunkte sei Lourdes vielmehr eine uni¬ verselle Wohltat als sine öffentliche Gefahr. 346 Ärzte, darunter Kapazitäten und 16 Univevsitäts- profesforen, äußerten sich in begeisterten Ausdrük- ken über Lourdes. Prof. Dr. Duret erklärte als Dekan der medizinischen Fakultät von Lille bei der Eröffnung der Vorlesungen für das Schuljahr 1900 folgendes: „Da ich von Wissenschaft rede und man mich angeklagt hat, dieselbe in den Falten meiner Professorentoga zu verbergen, so darf ich Wohl behaupten, daß die Wissenschaft mit voller Freiheit die verschiKensten Erklärungsversuche be¬ treffs Lourdes gemacht hat, so mit der therapeu¬ tischen Kraft des Wassers, mit Hypnotismus, mit der einfachen Suggestion, mit der hinreißenden Mas¬ sensuggestion, mit der heilenden Kraft des Glau¬ bens, dem sogenannten „Faith healing". So also urteilen Ihre Fachkollegen in Frankreich. ISS - Die Wahrheit über das Konstatierungsbureau. Ihr Urteil, Herr Doktor, über das Konstatie- rungsbureau muß jedenfalls zurückgewiesen wer¬ den. Sie werfen dem Konstatierungsbureau Ober¬ flächlichkeit vor, es arbeite ohne Instrumente, und der Chefarzt, Dr. Boissarie, sei 80 Jahre alt. Dem erlaube ich mir folgendes entgegenzuhalten: Das Bureau besteht seit dem Jahre 1883 und sah in seinen Räumen zahllose Ärzte. Von 1890 bis 1911 kamen 5733 Ärzte ins Bureau, viele übrigens auch inkognito. Im Jahre 1907 allein 342, 1910: 477, darunter 125 Nichtfranzosen. Im Jahre 1911 534, darunter 158 Nichtfranzofen. Sollten alle diese, unter welchen Professoren, Leiter von Kran¬ kenhäusern, Chirurgen usw. waren, nicht imstande gewesen fein, Doppelbetwbrüche, Tuberkulose, fres¬ sende Flechten konstatieren zu können? Es wurden bis zum Jahre 1912 von diesem Bureau 4270 Wunderheilungen konstatiert. Boissarie, der seit 1893 dem Bureau vorsteht, konstatierte allein 2662 Heilungen, wovon sich nur 181 auf Neurose be¬ ziehen. Das Urteil über Botssarie ist jckienfalls vorwitzig. Achtzig Jahre sind' für ihn keine Schande, das Alter soll man auch in der Wissenschaft ehren. Dr. Caibanne, Chefredakteur der „Cronique medi- cale", sagte über Boissarie: „Er fei in der wissen¬ schaftlichen Tradition. Wenn wir leider nicht seine Glaubensstärke haben, so machen wir absolut keine Schwierigkeiten, anzuerkennen, daß die Kirche mit Recht stolz auf einen solchen Vorkämpfer ist, der so achtunggebietend ist, weil er so aufrichtig erscheint". 1866 wurde eine feiner wissenschaftlichen Arbei¬ ten von der medizinischen Fakultät in Bordeaux preisgekrönt. Ist das ein Scharlatan? Ihm zur Seite steht der Assistent D r. Koks. Dieser war Anglikaner, machte feine L-tudien in London, seine Tochter wurde in Lourdes gesund, er konvertierte und aus Dankbarkeit gegen die Madonna blieb er als Assistenzarzt im Bureau. Ist das vielleicht auch ein Scharlatan? Wenn wir also die Resultate — 154 — kurz überblicken, so konstatieren wir. folgendes: Die Wunder von Lourdes haben einige Zeugen dagegen und Tausende von Zeugen dafür. Wer hat das Recht, über die Wunderheilungen zu entscheiden? Über die 'Heilungen von Lourdes dürfen wir als Laien nicht aburteilen. Darüber haben in erster Linie die Ärzte das Wort. Wir haben nur zu hö¬ ren. Wir hörten Tausende von Stimmen, eine von diesen vernahmen wir heute; diese ist gegen die Wunder von Lourdes. Wir müssen aber leider be¬ kennen: Wir hören die Botschaft, aber es fehlt uns der Glaube; denn S -ch a r l a t a n i s mu s, Ober¬ fl äch l i chk e i t, L e i chtg l ä ub ng ke i t wäre es von uns, wollten wir nach einem zweistündigen Bortrage dem Dr. Aigner recht geben, da tausende Zeugen gegen ihn sprechen. Lourdes als Ort wun¬ derbarer Heilungen ist Sache der Ärzte. Lourdes als Wallfahrtsort ist Sache der Katholiken. Die katho¬ lische Kirche hat dort die herrlichen Basiliken gebaut, die Ärzte haben das Konstatierungs- bureau errichtet. Die Wunder werden nicht von dem Priester, sondern von den Ärzten in die Welt gesetzt. Cs möge Herr Dr. Aigner die Wunder von Lourdes in die heiligen Hallen der gründlichen deutschen Wissenschaft zurücktragen und sie nicht in zweistündiger Rede vor dem Volke behandeln. Der Geschäftskatholizismus. Was den Geschäftskatholizismus betrifft, so müssen wir betonen, daß in der Alliance Catholi- que von Lourdes kein Jude Aktionär ist. Dr. Aig¬ ner beliebte, heute -dasselbe zu sagen, wie gestern in Klagenfurt. Die Klagen über die Verluste am deutschen Nationalvermögen durch Lourdes sind lächerlich. Wie viel französischer Champagner wan¬ dert nicht nach Deutschland! Wie viel Deutsche ver¬ geuden ihr Geld in Paris! Mögen die Deutschen — 156 — lieber auf anderem Gebiete ihre wirtschaftlichen Vorteile wahren. In Pforzheim in Deutschland blüht die Goldindustrie. Es sollen dort Tausende und Wertausende von Arbeitern beschäftigt sein, aber das beste Absatzgebiet für diese Industrie ist nicht Deutschland, noch weniger Frankreich, son¬ dern Österreich ° Ungarn. Die Deutschen holen sich aber ihre Goldarbeiten von Frankreich, von der französischen Goldindustrie. Die Lourdesgegner. Kämpfer gegen Lourdes hat es mehrere gege¬ ben. Einer der berüchtigsten Vorläufer Dr. Aigners war Dr. Emil Zola. Er schrieb einen Roman, „Lourdes" betitelt. 1892 machte er eine Pil¬ gerfahrt nach Lourdes und versicherte feierlichst, er wolle nur die Wahrheit schreiben. In Privatbrie¬ fen dankte .er herzlichst verschiedenen Katholiken für ihre Zuvorkommenheit und versicherte sie, daß er nur ein' Mann der Wahrheit, aber nicht des Skandalös sei, und Laß er schreiben wolle, was er gesehen und empfunden hätte. Kaum ist sein Buch erschienen, wandte sich der 'Gemeinderat von Bar- tre in der Nähe von Lourdes mit einem feierlichen Proteste gegen seine groben Entstellungen, die er in der Entstehungsgeschichte gemacht hat. Zola war nämlich ein Märchenerzähler. Er blieb 13 bis 14 Tage in Lourdes. Im Konstatierungsbureau war er nur zwei Stunden und verfolgte keine ein¬ zige der wunderbaren Heilungen, deren Zeuge er war. In feinem Buche beihandelt er nur drei Heilungsfälle. Alle drei ent¬ stellte er. Der zweite Fall ist besonders charakteri¬ stisch Eine gewisse Marie L e br a nchu war als Schwindsüchtige im höchsten Grade, nachdem sie schon fünf Jahre in verschiedenen Spitälern gele¬ gen war, nach Lourdes gekommen. Dort verschwand die Schwindsucht plötzlich Zola beschreibt die Krank¬ heit genau, auch die Heilung. Mer bei der Heim¬ fahrt läßt er sie rückfällig werden und sterbens- — 156 — krank noch Hause kommen. Er nennt sie mit dem Pseudonym „Gryvotte".Die Frau jedoch war völlig gesund und heiratete, weshalb Dr. Boifsarie Zola zur Rede stellte. Zola kam in seiner Verlegenheit zur Frau und wollte sie bewegen, einen einsamen Lebensaufenthalt in Belgien zu wählen und ver¬ sprach! ihr reichliche Mldunt-erstützungen, damit sie so gleichsam aus der Welt Werschwinde. Doch der Mann dieser Frau warf Zola höchst eigenhändig bei der Haustür hinaus. Auf diesen Zola berufen sich nun die „Freie St." in einem Feuilleton der letzten Woche, und glauben, damit Lourdes ab¬ getan zu haben. So sehen die Kronzeugen des Frei¬ sinns aus. Herr Dr. Aigner möge daher gestatten, daß wir seiner Meinung nicht beipflichten und zuminde¬ stens noch im Zweifel sind, ob in Lourdes natür¬ liche oder wunderbare Heilungen Vorkommen. Sein Vortrag war jedenfalls kein Beweis deutscher Gründlichkeit und Wissenschaft. Nach der mit Beifall aufgenommenen Rede des Prof. Dr. Ehrlich ersuchte Dr. Aigner nur, später entgegnen zu dürfen, was bereitwilligst ge¬ währt wurde. Professor Dr. Gatterer 8. -I. -als nächster Red¬ ner drückte zunächst seine Befriedigung aus, dem redegewandten Referenten wiederum entgegenzu¬ treten, und fuhr dann fort: Herr Doktor! Ich bin aus Ihren Ausführungen nicht klar geworden, was Sie eigentlich von der kirchlichen Behörde verlan¬ gen. Sagen Sie uns, Herr Doktor, zunächst, welche kirchliche Behörde Sie meinen. Dr. Aigner: Es hat doch jeder Geistliche eine gewisse Autorität, also kommt doch jeder Geistliche irgendwie in Betracht; dann die Bischöfe, und schließlich, sagte er: Nun, sagen wir den Vatikan. Dr. Gatterer: Nun, Herr Doktor, was verste¬ hen Sie unter dem Vatikan? Dr. Aigner erwiderte nach einigem Zaudern: Den Papst. — 157 - Dr. Gatterer: Was soll also der Papst tun? Dr. Aigner: Er soll eine bestimmte Entschei¬ dung geben, ob Wunder in Lourdes vorgekommen sind oder nicht. Dr. Gatterer: Sie fordern eine solche Entschei¬ dung. Wenn nun aber diese wirklich gefällt würde, welcher Entrüstungssturm würde durch den deut¬ schen Männer- und Blätterwald gehen über die rö¬ mische „Geistesknechtung"! Dr. Aigner: Der Papst hat aber bereits ent¬ schieden, daß dort Wunder Vorkommen. Dr. Gatterer: Warum fordern Sie dann noch eine Entscheidung? (Dr. Aigner wird verwirrt.) Was halten Sie also jetzt aufrecht? Hat der Papst schon entschieden oder hat er noch nicht entschieden? Dr. Aigner: Beides. Dr. Gatterer: Ist es denn möglich, Herr Dok¬ tor, daß Rom schon entschieden hat und doch nicht entschieden hat? Ist es denn möglich, zu sagen: Ja und nein! ich existiere und existiere nicht! Entwe¬ der j a oder nein. Dr. Aigner: Rom hat früher für die Wun¬ der entschieden. Jetzt würde es dagegen entscheiden. Dr. Gatterer: Herr Doktor, ich staune über Ihre Weisheit. Wir gewöhnlichen Menschenkinder wissen, was geschieht und was geschehen ist. Was Rom getan h a t. Wir kennen die vollendete Tat¬ sache. Sie wissen sogar, was geschehen würd e, was Rom tunwürde. Dr. Aigner: Es ist das meine persönliche Über¬ zeugung. Dr. Gatterer: Gut, es mag Ihre persönliche Überzeugung sein, die ist aber für uns nicht ma߬ gebend. Uns imponieren nur Beweise. Dr. Aigner: Aber für diese (auf das Publi¬ kum hinweisend) ist meine Überzeugung maßge¬ bend. Dr. Gatterer: Ich kann das nicht glauben, daß die verehrten Damen und Herren ohne Be- - 158- weise sich einfach der Überzeugung des Referen¬ ten anschließen. Vorsitzender: Ich bitte, abzustimmeri. Dr. Gatterer (sich an das Publikum wendend) : Beidenken Sie, verehrte Damen und Herren, was man von Ihnen verlangt. Sie sollen ohne jeden Beweis einfach die Überzeugung eines anderen zu der Ihrigen machen. Das wäre eine mir unbegreif¬ liche Selbstverleugnung von Ihnen. Der Vorsitzende läßt abstimmen. Merkwürdi¬ gerweise erklärt sich eine Anzahl bereit, dieses Opfer der Intelligenz Dr. Aigner zuliebe zu brin¬ gen. Dr. Gatterer: Ich staune über diesen Opfer¬ mut. Sie glauben Ihrem Dr. Aigner mehr, als wir Katholiken dem Papste glauben müssen. Der Vorsitzende verlangt die Gegenprobe. Eine Anzahl hatte den Mut, durch Händeaufheben zu erklären, daß sie n ur a nf Beweise hin glaube. Dr. Gatterer: Ich freue mich über Ihr Zeug¬ nis für den gesunden Menschenverstand. Übri¬ gens gehen wir zurück zur Überzeugung des Dr. Aigner. Herr Doktor, Sie haben gestern auch eine „persönliche Überzeugung" ausgesprochen, die uns schwer beleidigt hat. Sie haben in Ihrer Replik auf meine Ausführungen unseren H^rrn und Hei¬ land austreten lassen und gesagt, was er „nach Ihrer Überzeugung" reden und tun würde. Ich habe ein Wort zitiert, das der Herr wirklich gespro¬ chen hat, aber Sie haben wieder gewußt, was er sagen und sogar tun würde! Sind Sie vielleicht des Herrn Geheimsekretär? Doch Scherz beiseite. Die Sache ist zu ernst. Sie haben uns damit schwer beleidigt. Sie sagten, er würde sagen: Ich kenne jetzt meine Kirche nicht, und einen Strick drehen und uns Priester hinaustreiben. Dr. Aigner: Ich sagte, „aus Lourdes". Dr. Gatterer: Nein, nein, Herr Doktor, Sie haben ganz allgemein gesprochen. Das ist eine — 159 — schwere Beleidigung für uns. Wenn ich mit der¬ gleichen Münze zahlen wollte — aber ich tue es nicht, aber ich könnte es mit demselben Rechte tun —, dann würde ich sagen: Wenn der Heiland jetzt hieher käme, würde er sich vor Sie hinstellen, Herr Doktor, und Ihnen ins Gesicht sagen: „Heuchler! Ziehe zuerst den Balken aus deinem eigenen Auge heraus und dann sieh zu, wie du den Splitter aus dem Auge deines Bruders ziehst". Übrigens, gehen wir zu unserer Frage zurück: Was soll also Rom jetzt tun? Dr. Aigner: Es soll entscheiden, ob in Lour¬ des Wunder geschehen sind oder nicht. Mehr als 50 Jahre sind bereits verstrichen. Da hat man Zeit genug gehabt. Dr. Gatterer: Rom kann gar nicht entscheiden, ob die Heilungen in Lourdes die Naturkräfte über¬ steigen oder nicht. Die kompetente Instanz, die Fachleute hiezu sind die Ärzte. Erst wenn die Arzte konstatiert haben, daß die Tatsachen nicht natürlich zu erklären sind, kann Rom in dieser Sache spre¬ chen. Dr. Aigner: Leo XIII. hat aber in einer Al- lokution (?) gesagt: „In Lourdes ist die heilige Jungfrau erschienen und hat viele Wunder ge¬ wirkt". Und auch im Brevier steht dasselbe. Und doch hat man früher die Ärzte nicht gefragt. Dr. Gatterer: Was Sie von den Ärzten sagen, ist nicht richtig. Man hat die Ärzte gefragt. Von mehreren Bischöfen sind einzelne Wunder untersucht worden, und in diesen UntersuchungskoMmissionen sind eben Ärzte ge¬ sessen. Erst nach den ärztlichen Gutachten, daß die Tatsachen die Naturkräfte übersteigen, sind bi¬ schöfliche Entscheidungen erflossen. Übrigens geben uns alle diese Entscheidungen, wie auch die Erzäh¬ lung ^des Breviers und die von Ihnen vovgebrachte Äußerung Leos XIII., die ich im Augenblick nicht kontrollieren kann, keine absolute Sicherheit, sie haben nur folgenden Sinn (ich habe es Ihnen schon -160- gestern gesagt) : „Diese Wunder sind mehr oder we¬ niger wahrscheinlich, sie haben einen größeren oder geringeren Grad von Gewißheit, je nach den Be¬ weisen, die dafür erbracht worden sind". Von un¬ fehlbarer Sicherheit, von einer Glaubens- Pflicht diesen Erklärungen der kirchlichen Be¬ hörde gegenüber ist gar keine Rede. Wir Katholiken sind da in einer beneidenswert freien Lage. Was wir glauben müssen, mit unfehlbarer Sicherheit f e st h a l - t e n in ü s s e n, d a s ist l e d i g I i ch d i e Mog¬ li ch k e i t der Wunder, daß Wunder geschehen können! —- — daß Wunder also auch in Lourdes möglich sind!!-Dieser Glaube wird uns nicht schwer. Freudig und überzeugt betrachten wir Gott als den souveränen Herrn der Schöpfung, dessen göttlicher Gewalt die ganze Natur untersteht, der daher auch eine Ausnahme machen kann von einem Naturgesetze; gern und freudig sprechen wir daher die Überzeugung aus, daß der göttliche Meister in einem Augenblick eine Heilung wirken kann. O b aber in Lourdes wirklich Wunder vorgekommen sind, das zu glauben, ist kein Katholik verpflichtet. Die Kirche läßt uns da volle Freiheit! Ich habe schon gestern in Klagenfurt zur Erhärtung meiner Behauptung hingewiesen auf die Modernisten-Enzyklika. Wer von Ihnen hätte gedacht, daß sich in dem Wauwau dieser Enzyklika solch freiheitliche Sätze finden! Der Papst führt dort den Ausspruch einer römisch-kirchlichen Be¬ hörde (S. R. C. im Mai 1877) über die Erschei¬ nungen der Gottesmutter in Lourdes an und er¬ klärt dann ganz allgemein: Durch kirchliche Aus¬ sprüche über solch wunderbare Tatsachen soll nicht die Wahrheit der Tatsachen garantiert werden, son¬ dern „d i e K i r ch e e r l a ub t nur, daran zu glauben, wenn dafür genügende na¬ türliche Beweise vorliege n". Mer Sie, die Herren Ä r z t e, sollten uns einmal Klarheit geben. Sie sind die Fachleute, zu — 161 — entscheiden, ob sich eine Tatsache natürlich erklären läßt oder nicht. Konstatieren Sie doch einmal: In Lourdes geschehen unerklärliche Tatsachen, Hei¬ lungen, welche die Natur unmöglich wirken kann, oder in Lourdes geschehen keine solchen Tatsachen. Was Sie immer entscheiden, aber entscheiden Sie einmal! Dr. Aigner: Wir Haden das bereits konstatiert. Dr. Gatterer: Was haben Sie konstatiert? Dr. Aigner: Daß sich in Lourdes alles natür¬ lich erklären läßt. Dr. Gatterer: Sie haben soeben vom Vorred¬ ner gehört, daß Tausende von Ärzten der entgegen¬ gesetzten Meinung sind. Dr. Aigner: Mer wir deutsche Ärzte sind dar¬ über einig. Dr. Gatterer: Wenn dem auch so wäre -— aber es ist nicht so. Sehen Sie, Herr Doktor, ich bin auch ein Deutscher und liebe meine Nation, aber zur Behauptung, daß die Deutschen allein die Wahrheit gepachtet haben, dazu kann ich mich nicht versteigen. Übrigens ist ja Lourdes ein Welt- Problem, ein Weltphänomen, da müssen auch Ärzte anderer Nationen gehört werden. Solange Sie, die Herren Ärzte, selbst noch nicht einig sind, unter¬ lassen Sie es, nach einer Entscheidung der Kirche zu rufen. Übrigens hat mich gestern Ihre Bereit¬ willigkeit frappiert, einer eventuellen Entscheidung des Vatikans sich zu unterwerfen; Sie haben heute dasselbe gesagt. Ich staune über Ihren „Mut", einer Entscheidung des Papstes sich zu unterwer¬ fen, und zwar in einer Sache, in der die höchste kirchliche Stelle sich nicht einmal die Kompetenz für die Katholiken zuschreibt. Lassen Sie mich noch ein Wort über Ihr soeben entworfenes Lourdesbild sagen. In zwei Stunden ist es gewiß nicht möglich, ein vollständiges Bild von Lourdes zu zeichnen. Uber richtig sollte das Bild sein. Das war Ihr Bild aber nicht! Sie haben viel zuviel Schatten gezeichnet und viel 11 — 162 — zu wenig Licht. Es gibt mehr Lichtseiten in Lour¬ des, viel Schönes, Erhebendes und Erbauendes, ja geradezu glänzende Lichtseiten. Durch Ihre Zeich¬ nung führen Sie die Zuhörer irre. Denken Sie nur, Sie hätten heute in Villach einen echten Kla¬ genfurter Nebeltag erlebt: alles grau und bleiern, die reizende Umgebung für den Blick vollständig verschleiert, große Wasserlachen auf den Straßen. Zufällig wären auch, ein paar Morde vorgekommen, auch von ein paar Skandälchen hätten Sie heute gehört, und als Sie vom Bahnhof hereingingen, wären Ihnen ein Paar Kretins begegnet. Wenn Sie nun hingingen nach Ostpreußen und dort einen Vortrag hielten und dabei im Eingänge Villach schilderten: Ein häßliches Nest. Zu Häupten, links und rechts alles grau. Jeder Ausblick gesperrt. Riesiger Strahenkot. Dumme Menschen begegneten mir usw. — Herr Doktor! Wenn Sie dann viel¬ leicht auch noch hinzufügten: Die Stadt hat einen schönen Pfarrkirchturm und ich traf gemütliche Leute — hätten Sie dann ein richtiges Bild von Villach gezeichnet? Sehen Sie, so sind Sie vorge¬ gangen. Das war nicht recht von Ihnen. Mir hat es geradezu wehe getan. Ein Zerrbild von Lourdes haben Sie uns gegeben. Herr Doktor! Sie haben auch gesagt —- ganz allgemein, wie Sie überhaupt allgemeine Behaup¬ tungen lieben —, die Pilger kehrten unzufrieden oder gar unglücklich von Lourdes wieder zurück. Das ist nicht richtig. Ich schlage Ihnen vor, machen wir eine Rundfrage- ich wette, W Prozent oller Pilger — ich greise niedrig, nach, meiner Überzeu¬ gung könnte ich mehr Prozent ansetzen — kehren getröstet und freudig nach Hause zurück. (Zuruf aus dem Publikum: Aber nicht geheilt!) Dr. Gatterer: Die meisten kommen nicht, um geheilt zu werden, nach Lourdes; weitaus die mei¬ sten sind gesunde Leute, die sich das Reisegeld mit¬ unter mühsam zusammensparen, und nach der Rück¬ kehr beginnen sie wieder mit dem Sparen, um - 168 - ein zweites Mal nutz ein drittes Mal Lourdes se¬ hen zu können. Ja nicht einmal die ungeheilten Kranken sind unglücklich! Wir hatten in unserem 'Pilgerzuge etwa zehn Kranke bei uns, keiner wurde geheilt, aber alle waren in freudiger Stimmung und trugen getrost ihr Leid; auch sie, nicht nur wir Gesunde, hielten es für eine große Wohltat, daß wir in Lourdes zu Füßen des Grottenbildes beten durften. Aber d i e M i ß b r ä u ch e, die vielen! Nun sehen Sie, Verehrte! Alles Gute, auch das Beste, kann man mißbrauchen. Man kann das Geld mi߬ brauchen, man kann die Schönheit mißbrauchen, man kann den Alkohol mißbrauchen, man kann den besten Stand mißbrauchen. Sie Wersen uns vor, daß mancher Priester seinen Stand mi߬ braucht; wir sind die letzten, die das beschönigen. Jeder derartige Mißbrauch ist eine Beleidigung für alle braven Priester. Aber es soll auch Ärzte geben, welche ihren Stand mißbrauchen; man kann die Rednergabe mißbrauchen... Was folgt denn daraus? Doch nicht: daß man das Geld wegwerfe, Wein und Bier in die Drau gieße, sein schönes Gd- sicht verunstalte, den priesterlichen und ärztlichen Stand Mchaffe, auf die schöne Rednergabe ver¬ zichte ... Dem M iß b r a u ch w e h r en, aber das Gute erhalten! So ist es auch hier. Sie können uns da Helsen, Herr Doktor! Schade, daß Sie den Vorsitz der Ärzte-Kommissian, die sich in München im September dieses Jahres zur Un¬ tersuchung der Wunder bildete, nicht angenommen haben. Da hätten Sie so schön Gelegenheit gehabt, Mißbräuche zu überwachen, die falschen Wunder von den wahren, wenn es deren vielleicht gibt, zu sondern. Wir könnten Ihren Entscheidungen ganz kühl' entgegensehen. Für uns steht nicht die Welt¬ anschauung auf dem Spiel. Wir freuen uns aller¬ dings über die auffallenden Tatsachen in Lourdes, aber wir bleiben ohne diese Wunder ebenso über¬ zeugte Katholiken wie m i t ihnen. Aber für Sie, 11* — 164 — Herr Doktor, und Ihre Getsinnungsgenossen sind diese Erscheinungen harte Nüsse. Wenn auch nur eine dieser Tatsachen nicht natürlich erklärt wer¬ den könnte, dann, Herr Doktor, müßten Sie Ihre Überzeugung revidieren und müßten „Ja" sagen, wo Sie bisher mit dem Brusttöne der Überzeugung „Nein" gesagt haben. Nochmals der Geschäftskatholizismus. Als dritter Gegenredner erhielt das Wort Theologieprofessor Dr. Franz Sommeregger aus Klagenfurt. -Einleitend betonte derselbe, daß er wegen der schon sehr vorgerückten Stunde sich nur mit einigen kurzen Richtigstellungen befassen werde. Er hatte die Aufgabe, Stellung- zu nehmen zu den volks¬ wirtschaftlichen Seiten der Lourdesfrage und zu den so ungemein zugkräftigen und in Kla¬ genfurt soviel beklatschten Ausführungen Dr. Aig¬ ners über den G e s ch ä f t s k a t h o l i z i s m u s, der angeblich, mit Lourdes untrennbar verbunden sei. Gerade diese Partien aus den Vorträgen .brachten dem rhetorischen Münchener Arzte so reich¬ lichen Beifall, weil er daran so ganz besonders sei¬ nen Witz und seine verletzende, boshafte Satyre üben konnte. In Klagenfurt konnte sich Dr. Som¬ meregger um Mitternacht doch nicht mehr gut zum Worte melden, deswegen suchte er Dr. Aigner in Villach! auf. Dr. Sommeregger knüpfte an an die Lourdes Wasserflasche, die Dr. Aigner triumphierend von Versammlung zu Versammlung schleppt, um den „Geschäftskatholizismus" zu illu¬ strieren. In 30 Versammlungen habe Dr. Aigner dieses Fläschchen geschwungen, er fragte ironisch, ob es nicht doch Zeit sei, das Wasser einmal auszuwech¬ seln. Oder sei es aus einer so vorzüglichen Quelle? „Ich kann mir den Herrn Dr. Aigner ohne seine Lourdeswasserflasche gar nicht mehr denken, und immer fällt mir dabei das alte Liedchen ein: „I ch — 165 — n n d m e i n F l ä s ch ch e n sind immer bei¬ sammen"!" Herr Dri Sommeregger apostro¬ phierte dann denselben: „Herr Dr. Aigner, mit solchen demagogischen Mätzchen sollten Sie doch ein¬ mal aushören und solche Mittel des Vortrages vor ernsten Leuten beiseite lassen. Wer mir scheint, Sie kennen eben Ihr Publikum!" Der letzte Satz erregte den lauten Unwillen des Publikums, das denselben aus sich bezog. Dr. Sommeregger erklärte sich unter Bedauern zur sofortigen Zurücknahme bereit, da er ihn auf das Villacher Publikum nicht bezogen wissen wollte, das die Gegenredner mit aller Rühe und angenehmer Gastlichkeit anhörte. Damit war der -vom Redner am meisten bedauerte Zwischenfall evlcki'gt. Dann fuhr der Redner fort: „Es ist ein Haupt- vo-rwurs des Herrn Dr. Aigner, daß mit Lourdes ein widerlicher Geschäftskatholizis¬ mus untrennbar verknüpft sei. 'Er macht also die katholische Kirche und den Klerus da¬ für verantwortlich. Mit Unrecht! Wir geben es ruhig zu, daß an den WallfahrtÄrten, auch in Kärnten, recht unangenehme -Erscheinungen teil¬ weise auftreten, die Dr. Aigner mit „Geschäfts-ka- tholizismus" betitelt. Die Kirche selbst leidet dar¬ unter, aber sie kann wenig oder gar nichts unter¬ nehmen, um diesen Welständen abzuhelfen. Hat die Kirche den Vorteil von diesem Handel mit Lour- deswasser? Kann die Kirche die Geschmacklosig¬ keiten des Geschäftsbetriebes in Lourdes, die Dr. Aigner in mehreren Bildern zum großen Gau¬ dium des Publikums vorführte, verbieten? Herr D r. A i g n e r, S i e v e rw e ch f e l n w o h l d i e kirchlichen -Behörden mit der Ge¬ werbe p o l i z e i, die doch alleinig auf Grund der Gewerbeordnung dagegen einschreiten könnte! An diese Instanzen richten Sie, bitte, fürderhin Ihre Vorwürfe, wenn Sie objektiv und wissen¬ schaftlich vorgehen wollen, wie Sie es zu tun vör- geben!" — 166 — „Ferner wollen wir doch bedenken, daß solche Handelsgeschäfte gar nichts spezifisch Ka¬ tholisches an sich haben, vielleicht in noch grö¬ ßerem Maßstabe versenden amerikanische Firmen von Jerusalem aus J o r d a n w a s s e r in alle Welt. Wenn Sie den Katholiken darüber Vorwürfe machen, warum nicht auch den Protestanten? Denn gerade im protestantischen Deutschland ist das Jordanwasser Wohl begehrt!" Weiter bemerkte Dr. Sommeregger: „Immer und immer wieder haben Sie heute den Vorwurf gehört, die Lourdes-Wallfahrten und der Lourdes- handel seien ein schwerer volkswirtschaft¬ licher Schaden für unsere Länder; denn Mil¬ lionen gehen so ins Ausland, das den Deut¬ schen so feindselig gesinnt ist. Herr Dr. Mgner, was sind doch dies für kleine Summen gegenüber den vielen Millio¬ nen, die die guten Deutschen in ebendasselbe feindselig gesinnte Ausland tragen, nach Paris, an die französische Riviera, für französische Weine usw. Der jüdisch-freisinnige „Berliner Lokalanzei¬ ger" berechnet alleinig die S p i e I v e r l n st e der Deutschen im Auslände auf jährliche 43 Millio¬ nen Mark. Das sind Verschleuderungen deutschen Nationalvermögens, wogegen man mit aller Energie auftreten müßte!" „Ich wüßte eine viel wichtigere volkswirtschaft¬ liche Tätigkeit für Herrn Dr. Aigner. Denken Sie, meine Damen und Herren, an den schweren Unfug, den chemische Unternehmungen und Tausende von K u r p fu s ch e r n mit -Gummiartikeln, chemi¬ schen Präparaten usw. treiben. Dabei werden Mil¬ lionen durch eine gewissenlose Reklame dem Volke aus dem Sacke herausgestohlen, dabei stehen volks¬ wirtschaftliche und gesundheitliche Fragen aller¬ ersten Ranges auf dem Spiele. Und unter jeder Reklame für solche Schundartikel finden wir die Unterschriften von Ärzten (meistens ja Juden), die sich dazu hergeben. Es wäre eine Gemeinheit, — 167 — dafür den ganzen Är z t e st a n d verantwortlich zu machen. Aber Sie, Herr Dr. Aigner, sprechen im¬ mer von d e m katholischen Klerus, von der katho¬ lischen Presse, als ob dieselben einverstanden wären mit den Entgleisungen und Geschmacklosigkeiten einzelner geistlichen und einzelner ka¬ tholischer Blätter. Dieser Kampf gegen Aus¬ beutung und Volksbetrug, wie ich ihn kurz ange- deutet habe, wäre ein viel, viel dankbareres Feld für die Betätigung Ihrer hervorragenden Rede¬ kunst! Ich möchte Sie doch dringend ersuchen, bei Ihren zuWnftigen Versammlungen solche ganz un¬ berechtigte Schlager und Phrasen sich zu er¬ sparen. Der Redner führt schließlich noch folgendes aus: „Mit großer Emphase hat Herr Dr. Aigner in Klagenfurt und auch hier in den Ver¬ sammlungen die Anklage erhoben, die Passivi¬ tät der st a a tlich e n Behörden gegenüber der Lourdes-Agitation und dem Handel mit Lour- desartikeln lasse sich nur erklären dadurch, daß eben der k l e r i k a l e M a n t e l, der klerikale Einfluß es ist, der diese Sachen deckt und die Behörden vom Eingreifen abhält. Herr Dr. Aigner, haben Sie wirÜich den Mut, so etwas zu behaupten? Wir dürfen von Kärnten ja wohl absehen, von hier ist noch niemals ein Pilgerzug nach Lourdes, gegan¬ gen. Aber nehmen wir die Länder her, wo die Lourdes-Agitation und -Wallfahrten eine größere Rolle spielen, z. V. die Rheinlande und Süddeutsch¬ land. Können Sie, meine Damen und Herren, es sich verständlich machen, wieso im zu zwei Dritteln protestantischen Preußen mit seinem fast rein protestantischen Ministerium der „k l e r i- kale Einfluß" imstande sein sollte, die Pro¬ testantischen Behörden vom Einschreiten gegen Lourdes abzuhalten? Oder ist es in Baben, in Württemberg, wo wir nirgends des „Kleri- kalismus" verdächtige Ministerien hüben, möglich? Doch ganz undenkbar!" — 168 — Dr. Aiguer ruft: „In Bayern haben wir ein Zentrumsministerium! Hertling!" „Ja, aber Herr Dr. Aigner, dieses angebliche Aen- trumsministerium (es enthält auch zwei Prote¬ stanten) besteht erst seit 2 Jahren." „Wie war es denn früher unter den lib e r a - l e n Ministerien? Sie find ebensowenig einge¬ schritten, wohl "deswegen, weil ihnen die Gesetze keinen Anhalt dazu gaben! Wenn S i e, H e r r Doktor, nochmals mit so ganz unge¬ rechtfertigten Vorwürfen in Ver- s a m m lu n g e n operieren, so ist das ein¬ fach unwissenschaftlich inr höchsten Grade!" Zum Schlüsse dankte Dr. Sommeregger der Leitung der Versammlung und den Anwesen¬ den für die noble Gastfreundschaft und die völlige Redefreiheit, die er und 'seine Kollegen hier gefun¬ den, und schloß feine Rede mit der nachdrücklichen Feststellung: „Wir sind hier in Villach zur Gegen¬ rede erschienen, um zu zeigen, daß wir die Diskus¬ sion mit Herrn Dr. Aigner nicht fürchten und, wie Sie gehört, und gesehen haben, auch nicht zu fürchten haben! Wenn sich ähnliche Anlässe ergeben, werden Sie uns wiedersdhen!" Deutsche Ärzte für Lourdes. Stavtpfarrkaplan Leuchter: Wegen vorgerück¬ ter Zeit möchte ich der Versammlung nur einiges aus den Darlegungen des Herrn Dr. Aigner be¬ richtigen. Dr. Aigner prunkt urid paukt auf deutsche Wissenschaft. Ich selbst bin ein geborener Reichsdeutscher, in Deutschland ausgebildet und habe zwölf Jahre unter Deutschen gewirkt, rede also nicht als Unkundiger in deutschen Sachen zu 'Ihnen. Herr Doktor! Sie kennen ja das herrliche Land, wo nicht bloß Wissenschaft und Kunst, son¬ dern auch Wohlstand und großer Reichtum zu Hause ist. Bekanntlich zahlt ja das Rheinland dem — 169- Staate mehr Steuern als alle anderen Provinzen Preußens zusammengenommen. Es ist das Land, wie Sie wissen, das den an¬ deren Provinzen und Ländern Deutschlands auf allen Gebieten des Wissens und der Kultur die 'Direktiven gibt. Sie wissen- ja, Herr Doktor, wie . gebildet und wohlhabend dort die Leute sind. Auch wird Ihnen nicht fremd sein, welch hohe Bildung dort der katholische Klerus aufweist. Nun wähl, in Ihren Ausführungen tun Sie hier, als ob nur Ungebildete, Arme und Drotteln an die Wunder von Lourdes glaubten. Köln, die Me¬ tropole des Rheinlandes, hat ein eigenes Lour¬ des-Komitee, das sich nur aus Gebilde¬ ten und Wohlhabenden zusammensetzt, und alljährlich ziehen Hunderte gerade aus dem R h ei n land -und Westfalen, darunter viele G e b i l d e t e und manche Ä r z t e, nach! Lourdes und kommen von dort erbaut zurück. Und jedes Jahr wiederholt- sich dasselbe Schauspiel. Sie behaupten dann ferner, k e i n d e u t s ch e r Arzt glaube an die Wunder von Lourdes. Aber gerade in den hochgebildeten Rheinlanden gibt es eine Reihe von Ärzten, die an Ort und Stelle von wunderbaren Vorgängen in Lourdes, die sich auf natürliche Weise nicht erklären lassen, sich über¬ zeugt und öffentlich zugunsten der Wunder von Lourdes ausgesprochen haben. Freilich ist da¬ mit nicht alles gemeint, was in Lourdes passiert, sondern nur das, was tatsächliche Wunder sind. So stehen z. B. an der Spitze des Kölner Lour'des- Komitees drei Ärzte, und zwar drei im Rheinland berühmte und tüchtige Ätzte. Ihre Behauptung also, kein deutscher Arzt glaube an die Wünder von Lourdes, ist unrichtig. Es sind deren schon im Rheinland eine Reihe. Ich nenne Ihnen für heute nur die Herren Dr. Winands, Dr. Schmitz und Dr. Schrohe, welche drei an der Spitze des Kölner Lourdes-Komitees stehen, wie Ihnen bekannt ist. -170- Mber nicht bloß gebildete Rheinländer, sondern auch sonst wissenschaftlich gebildete Laien -aus allen Ländern glauben an die wissenschaftlich be¬ stätigten Wunder von Lourdes. Der Kürze der Zeit halber hier nur e i n Beispiel. Der bekannte dä¬ nische Literat und Reiseschriftsteller Johannes Jürgensen in Kopenhagen, früherer Atheist, der mir während meiner Tätigkeit als Missions¬ pfarrer in Südfchwedeu wochl bekannt geworden ist und -auch ein eigenes Buch- über Lourdes ge¬ schrieben hat, ist auf Grund verschiedener Wun¬ der, die er mit vielen anderen Zeugen (Notabene darunter auch Protestanten) in Lourdes' gesehen haben will, vom -Protestantismus zum positiven Christentume, zum Katholizismus übergetreten. Falls Sie dänisch oder schwedisch verstehen, will ich Ihnen dieses Buch gerne verehren. Daß übrigens in Lourdes Wunder vorgekom¬ men sind, ist eine Tatsache, die Sie, Herr Dr. Aig¬ ner, mit tendenziösen Redensarten nun einmal nicht aus der Welt schaffen können. Sie sagen dann ferners, Sie würde'? demnächst auch im Rheinland und in Westfalen (Bochum, Hannover usw.) über, bezw. gegen Lourdes Vor¬ träge halten. -Danr. rüsten Sie sich aber nur tüch¬ tig, denn mit dem Material, das Sie hier uns vor¬ geführt, kommen Sie in den gebildeten Rhcinlan den nicht durch. Der gebildete Laie -dort -verlangt in dieser Frage objektive Wissenschaft und keine bloße Tendenzrede. Ich komme zum Schlüsse. Nach Lourdes pil¬ gern seit 52 Jahren ungefähr alljährlich tausende und abertausende Menschen, darunter -viele Gebil- 'dete und nicht zuletzt Ärzte, und nun frage ich Sie, Herr Dr. Aigner, angesichts dieses immer wieder sich wiederholenden Schauspieles: Sind denn die Menschen da alle verrückt, die die weite Reise nach Lourdes unternehmen und dort nichts anderes finden und mit nach- -Häufe bringen, wie Sie, Herr Doktor, das tun, als ein Fläschchen Lourdeswas- — 171 — ser: (Dr, Aigner erhebt sich: Nicht verrückt, son¬ dern vollständig hypnotisiert sind -die Leute«) Ich wiederhole nochmals: Sind die Hunderttausende alle verrückt, die nach Lourdes reisen und dort seit 52 Jahren nichts anderes gefunden haben, als ein Fläschchen Lourdeswasser? Das wird doch wohl lein logisch denkender Mensch annehmen können. In kurzen Schlußworten verabschiedete sich Dr. Aigner vom Publikum, er hübe Villach in ange¬ nehmster Erinnerung, er schließe deshalb seine österreichische Versammlungstour mit dem Satze: „Ende gut, alles gut!". Dieses „Ende" war freilich ein trauriger Trost; denn Villach war kein Ehren¬ tag für ihn! Das rethorische Feuerwerk, das er in brillanter Weise vor den Augen der Zu¬ hörer zu entzünden weiß, brennt ab, und man fragt sich hinterher erstaunt: Ja, was war's denn eigent¬ lich? Glänzende Rhetorik das Äußerliche, Phrasen und- logische Purzelbäume der Inhalt. Deshalb kam so rasch die Ernüchterung! Wir danken dem Herrn Dr. Aigner, er hat uns will¬ kommene Gelegenheit gegeben, einen Wust von Vorurteilen bei vielen Gegnern auszuräumen! Das eine Gute haben zweifellos die Vorträge Dr. Aigners, daß man sich mit der Frage von Lour¬ des auch in Kreisen beschäftigen wird-,.die -bis heute davon nichts wußten oder wissen wollten. Inhalt. Seite Einleitung. 3 Rede der Vr. Aigner über die Wunder von Lourder . 9 Die Skioptikonbilder ..17 Antwort auf Vr. Aigners Vortrag. 26 Ist vr. Aigner kompetent für uns Aatholiken, um über die Wunder von Lourder zu Gericht zu sitzen? ... 28 Begriff und Möglichkeit der Wunder.29 Dr. Aigner und die Entstehung der Wallfahrt in Lourdes 31 Lourdes wird plötzlich zum Weltwallfahrtsort .... 41 Dr. Aigners Bekämpfung der Wunder.43 Dr. Aigner wählt sich aus 4000 Wunderheilungen drei bis vier Fälle aus.46 Der Fall Rouchel.47 Der Prozeß in München. 55 Der Fall Huprelle.58 Der Fall Peter de Rudder.61 Dr. Aigners Widerlegung.70 Prozeß Müller.78 vr. Aigner geht nach Lourdes. 79 1. Während des Aufenthaltes des Dr. Aigner in Lourdes hören die Wunder auf.81 2. Das KvnstatierungSbureau.83 a) Dr. Boissarie.85 b) Aufgabe des Konstatierungsbureaus.87 e) Urteile der Aerzte über das Konstatierungsbureau 87 ä) Die Kontrolle der Aerzte in Lourdes selbst . . 96 s) Instrumente . . . ..98 3. Suggestion.98 Was ist von der Suggestion zu halten?.99 Welche Krankheiten werden in Lourdes geheilt? . . 101 Dr. Aigner soll in Lourdes seine Wissenschaft leuchten lassen.105 Vr. Aigner fordert die katholische Airche auf, Stellung zu Lourdes zu nehmen! . . . 106 -178- Stellungnahme der katholischen Kirche zur Entstehung von Lourdes. 107 Was sagen die Päpste und Bischöfe über Lourdes? . 110 Kirche und Wunder.111 Warum feiert die Kirche das Fest der Erscheinung der Jungfrau in Lourdes?.114 vr. Aigner appelliert an die Humanität. 116 Ser Seschäftskatholizirmur ... -. 121 Der angebliche Schwindel mit dem Lourdeswasser . . 127 wer sind die Helfershelfer Vr. Aigners?. 1/S Welches Publikum wählt sich Dr. Aigner für seine Vorträge?.134 Einiger, wofür vr. Aigner kein Verständnis hat: s) Lourdes, die Hochburg des Gebetes und des Glaubens.186 d) Lourdes, die Hochburg der Selbstverleugnung und Nächstenliebe.139 o) Warum gerade Lourdes?.140 Vr. Aigner will den angesagten „Pagat ultimo" sangen 142 Anhang: Der Bericht des „Kärntner Tagblattes" vom 16. November 1913 über die Villacher Ver¬ sammlung am 11. November 1913 14.7 UM UM SSS8S484SSS SL. Josef-Vereins-Buchdruckerei, Klagenfurt, L--L