Ortsgeschichtliche Etymologie. V. Berlin. Einen ungewöhnlich reinen Beleg für die Slaviziiät der ältesten Bewohner Brandenburgs bietet der Stadtname „Berlin“. — Die Lokalgeschichte sagt im allgemeinen, dass hier die günstigen Übergänge über die Spree an sich für eine Ansiedlung einladend waren, und dass dieses Gebiet in den ältesten Zeiten von den Wenden bewohnt war. 3ene Lokalität aber, die für den Uferwechsel günstig beschaffen ist, fördert einerseits wohl das Gedeihen der Ansiedlung, aber sie isl andererseits zugleich für den feindlich gesinnten Nachbar anlockend, daher die vorsehende Klugheit auch entsprechende Gegenmassregeln schaffen muss. Dies ist hier tatsächlich auch zugetroffen, denn das Gebiet war wohl seit der historischen Zeit stets befestigt und für jene Zeit, die im Vordunkel liegt, bezeugt dies die Etymologie des Ortsnamens selbst. Der Begriff „berlin“ deutet in seiner slavischen Urform auf eine Umwallung, eine Verschanzung oder eine Umfassungsmauer, welche den Bowohnern bei feindlichen Bedrohungen als Alarmplatz, Zufluchtsstätte oder als Verteidigungsplatz diente. Wie überraschend konsequent sich einzelne Begriffe beim * Übergange des Altslavischen in das Deutsche erhalten haben, hiefür bietet gerade das Wort „berlin“ einen glänzenden Beleg der innigen Sprachverwandtschaft, denn genau dasselbe, was dem Wenden „berlin“ bedeutete, bezeichnet heute dem Deutschen etwa die „Wehrlinie", d. i. jene Stelle, wo er sich zur Verteidigung versammelt, ansonst auch als Formierungsl inie, Alarmplatz im modern militärischen Sinne bekannt. Die wortgetreue Auslegung des Begriffes „berlin“ ist nämlich „Sammellinie“, denn „ber" heisst im Slavischen: das Sammeln, die Sammlung, und „lim“ hat die allgemeine Bedeutung: Umgrenzung, Umfassung, Grenzlinie, Rand. „Lim“ kennt als „limes“ (= Grenzlinie) und „limbus“ (= Gürtel, Saum) auch die lateinische Sprache; im Slavischen bedeutet „lim, limec, lern, le- 13 miii, podlem, podlemiti“ u. a. immer den Saum, den Randbesatz, das Passepoile selbst oder eine diesen Zweck verfolgende Tätigkeit. Der Deutsche, Slave, Lateiner gebraucht aber auch die Form „Linie, linija, Iinea“, welche doch auch dasselbe bedeuten, obschon hier das „m“ durch das „n" verdrängt wurde. Man beobachtet, dass der Wurzelbegriff „lim“ meist lautgetreu ausgesprochen wird, wenn er selbst den Hauptton hat, wie z. B. im: Lim (Grenzfluss), Limbach, Limburg, Limbarska gora, Olimje, Olymp u. ä., hingegen Köslin, Lublin, Oberlin, Semlin, Veltlin (= grosse Linie, die lange Grenzzone zwischen Italien und der Schweiz), Wendelin usw., wenn der Ton der letzten Silbe zuneigt. Dener Alarm- oder Verteidigungsplatz war in Berlin zweifellos auf der von der Spree gebildeten Insel, die man heute als „Alt-Kölln“ bezeichnet, wo sich auch noch dermalen, getreu der geschichtlichen Tradition, das Residenzschloss befindet, weil sich auch seinerzeit hier der Chef jener Sicherungsstätte aufgehalten haben muss. Die alten Wenden nannten jenes Inselgebiet, da es Hügel halte, aus diesem Grunde wohl als Hügel („kolin, kolni“), aber die vorbereitete Stelle für den Schutz der Bewohner oder die Verteidigung selbst hiess lediglich „berlin“, war daher ursprünglich kein Eigen-, sondern ausschliesslich ein Gattungsname, ln späterer Folge nahm der Begriff „berlin" im Slavischen mehr die Bedeutung von Gerichtsstätte, Richtplatz an, was weiter nicht verwunderlich ist, denn die öffentlichen Gerichtsakte fanden einstens doch auch auf jenen abgeschlossenen Plätzen statt, wo man sich gewohnheitsmässig bei wichtigen Anlässen versammelte. So ordnet z. B. Zäboj (Königinhofer Handschrift) auch die Vorbesprechung zum Aufstande im „uval“ (= Umwallung) an. — Im Kroatischen nahm der Begriff „berlin“ schliesslich sogar die untergeordnete Bedeutung Pranger an, der aber bekanntlich auch immer eine entsprechende Umfriedung hatte. Man hat z. B. auch versucht den Namen „Berlin“ von Bär abzuleiten. Diese falsche Etymologie scheint auch schon die Wahl des Stadtwappens beeinflusst zu haben. Andere fanden das wendische Wort „bralin“ (= Fischgitter) als namengebend, weil an der Spree Fische gefangen wurden, obschon man wissen müsste, dass eine solche Unauffälligkeit und Selbstverständlichkeit bei den Bewohnern höchst unbeachtet bleibt. — Auffallend und unsere Etymologie bestätigend ist aber das besonders betonte Masculinum des Wortes „berlin“, denn man sagte: der berlin a. d. Elbe (bei Magdeburg), der berlin bei Frankfurt a. d. Oder, der berlin in Böhmen u. ä., ein Beweis, dass das Wort auch im deutschen Gebrauche ebenso männlichen Geschlechtes war wie im Slavischen. Es tritt demnach im kleinen nicht so häufig und so klar die Synglosse, die Gemeinsamkeit des Ursprunges der Sprachen, an den Tag, wie an diesem Beispiele, denn sie zeigt am nachdrücklichsten die organischen Fehler der bisherigen Sprachforschung. Naturgemäss kann man die lebenden Sprachen nur aus den nächstverwandten älteren oder ältesten erklären, ln der Wirklichkeit geschieht es aber meist umgekehrt, trotzdem es eine handgreiflich widersinnige Ver-grösserung der dabei zu besiegenden Schwierigkeiten ist, wenn man von zwei Sprachen jene, die man für die jüngere, daher unreinere halten muss, zum Objekte des Studiums machen will, um auf dieser Fährte die Grundlage zur Erklärung der älteren, reineren und einfacheren zu gewinnen. — Das Verständnis für diesen Forschungsmodus wird sich freilich noch lange nicht einstellen, weil es einmal unsympathisch ist bei derlei mit Slavischem zu kommen und mitzuoperieren; aber die Zukunft wird sich damit nolens-volens schliesslich doch befreunden müssen. Hiemit sind die sprachgeschichtlichen Metamorphosen des Begriffes „berlin“ von ihrer primären slavischen Auffassung bis heute in genetischer Kontinuität festgelegt. Dieser topische Name selbst muss nach allem einst derart allgemein und prägnant gewesen sein, dass es bis heute noch niemandem einfiel die Urform desselben irgendwie zu ändern. — Überhaupt kann die Tatsache nicht unerwähnt gelassen werden, dass man in Deutschland für die Konservierung der Vorgefundenen slavischen Originalnamen weit mehr Verständnis hatte, wie etwa in Österreich-Ungarn, wo man selbst in jenen Gebieten, wo die slavischen Bewohner weiter autochthon geblieben sind, nicht davon ablassen konnte, die überkommenen historischen Namen tunlichst als originalslavisch unkenntlich zu machen. Allerdings besteht da ein organischer Unterschied: in Deutschland ging die bodenständige slavische Bewohnerschaft langsam und unfühlbar in die deutsche über; ein Bedürfnis, zugleich auch die topischen Namen zu wechseln, stellte sich nicht ein, da man an diese seit jeher gewohnt war. Anders war es in Österreich-Ungarn, wo die Deutschen und Magyaren sozusagen als Usurpatoren auftraten, daher die ihrer Sprache nicht zusprechenden Ortsnamen durch Übersetzung, Anpassung oder Neubenennung änderten. — M. Zunkovic. * VI. Phanagora. „Phanagora“, auch „Phanagoria“, heisst schon im grauen Alter-iume die asiatische Grenzstadt am kimmerischen Chersones, welcher 13" bekanntlich auch die Grenze zwischen Europa und Asien bildete (Strasse von Kerc und CJenikale) und wo sich später auch die russische Festung „Phanagori“ befand. — Die Volkssagen wollen, wie Strabo erzählt, wissen, dass der Name von einem Griechen, namens Phanagoras, herrühre, der sich vor dem persischen Übermute flüchten musste, und sodann hier die Stadt „Phanagora“ gründete, ln Wirklichkeit bedeutet der Name lediglich: Grenzberg (nach Zunkovic altslav. „van“ = Grenze, Wand; „gora“ = Berg, Höhe) und ist der Ortsname daher zweifellos rein-slavischen Ursprungs. Erwähnenswert ist es auch, dass der südlich davon gelegene Punkt in Asien, an der Einfahrt in den Mäotischen See, „Indike'' hiess, wie eben die Griechen den Namen ihrer Sprach-eigenart nach schrieben, der aber in Wirklichkeit nur „Vindike“ gelautet haben mag, und im Slavischen wieder nur einen Grenzort („vin, ven" = Grenze) sprachlich kennzeichnet. Die auf europäischer Seite gegenüberliegende Stadt hiess im Altertume „Pantikapäum“,. worunter sich wahrscheinlich auch ein verballhornter slavischer Ortsname birgt. Es war dies das berühmte Emporium der europäischen Bosporanen, das auch als Residenz des Mithridates, des Königs im Pontus, geschichtlich bekannt ist, und scheint hier der Stapelplatz für den im Dnjepr reichlich gefundenen Bernstein gewesen zu sein. (Vrgl. auch „Staroslovan“, 1913, S. 205—207). „Phanagora“ hiess ursprünglich wohl nur ein Berg daselbst, der sich zunächst des Meeresufers befand und von dem auch ein Teil in die See abrutschie. Auf der Kuppe stand einst ein Denkmal, welches beim Einsturze herabkollerte und dabei in Trümmer ging. Doch haben sich davon ein grosser Sockel mit einer Inschrift, und zwei Sandsteinstatuen erhalten, denen jedoch der Kopf fehlt. Die Inschrift soll in altgriechischem Lapidarstil und in griechischer Sprache verfasst gewesen sein. Es sei dies keineswegs im Prinzipe bestritten, doch berechtigt dabei das einleitende Hauptwort „Komocarya“ zu einer begründeten Skepsis, denn dieses Wort sagt im Slavischen das, was der Berg wahrscheinlich auch war: Carengrab, denn bedeutet im Griechischen allerdings Hügel, Grab, aber im Slavischen hat „kam, kom, gomila, hum“ doch die gleiche Bedeutung. Viel klarer spricht aber dafür noch der Begriff „carja“, d. i. der Genetiv von „car“, daher jenes Wort weit eher als „Grab des Garen“ etymologisch anzusehen ist, als ein Eigenname, wie man bisher allgemein annahm. V. T. Ugorskij. Slavische Geschichtsquellen I. Berichte muselmännischer Schriftsteller über die Slaven bis zum Ende des X. Jahrhun- dertes. Mitgefeilt von 3. v. Meduna. (Fortsetzung.) Ibn-Jahtibs Reisebericht über die Slaven aus dem Jahre 965. Während die Nachrichten der vorgenannten arabischen Schriftsteller manches Skizzenhafte enthalten und vielfach auch der Sage Raum gewähren, verdienen weit mehr Beachtung die hinterlassenen Schriften des spanischen Arabers Abu Obejd Abdullah Al-Bekri, kurz Al-Bekri genannt. Aus angesehener Familie stammend, genoss er in Cordova eine ausgezeichnete Erziehung und wurde, seines vielseitigen Wissens wegen, berühmt. Einige Zeit lebte er am Hofe von Sevilla; Spanien verliess er nie und starb im Jahre 10% im hohen Alter, zahlreiche Abhandlungen aus der Sprachforschung, Medizin und Geographie hinterlassend. Hochgeschätzt ist sein „Buch der Wege und Länder“, in welchem fast alle Teile der damals bekannten Welf geschildert werden. Da Al-Bekri ausser in Spanien nirgends reiste, so verfasste er sein Buch auf Grund der Berichte von Augenzeugen, sowie älterer und zeitgenössischer Mitteilungen. Die Berichte über die slavischen Völker zeichnen sich durch wertvollen Inhalt und zusammenhängende Darstellung aus und sind eine so ergiebige Quelle für die Kenntnis der damaligen slavischen Kultur, dass bis heute keine anderen Geschichtsquellen sich mit seinen Aufzeichnungen vergleichen lassen. Al-Bekri verwertete vor allem die Mitteilungen des Duden Ibn-Üakub, welcher in der zweiten Hälfte des X. Jahrhundertes Böhmen, Polen und die Länder der Elbeslaven bereiste, ferner erhielt er von anderen Reisenden wieder vertrauenswürdige Auskünfte über die Bulgaren, Preussen, die normannischen Russen und andere nordische Völker. Auf die Berichte, welche Al-Bekris „Buch der Wege und Länder“ enthält, wurde der russische Gelehrte Kunik von dem um die Ent- deckung bisher unbekannter orientalischer Geschichtsquellen hochverdienten Professor de Goeje in Leyden aufmerksam gemacht. Behufs Übersetzung derselben wandte sich Kunik an den Akademiker Baron Rosen, der sich dieser Arbeit unterzog und sie in russischer Sprache veröffentlichte. Professor de Goeje hat später den arabischen Text nochmals einer genauen Prüfung unterzogen und gab das Resultat seiner Forschungen unter dem Titel „Een belangriik arabisch bericht over de Slawiche volken omstreeks 965 n. Chr.“ heraus. Das rege Interesse, welches dieser Geschichtsquelle entgegengebracht wurde, gab Anlass zu weiteren Forschungen und Aufklärungen, unter welchen die ausführliche und gründliche Abhandlung des Realschulprofessors in Riga, Friedrich Westberg, hervorgehoben werden muss. Derselbe hatte seine eingehende Studie der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg vorgelegt. Im „Casopis musea Krä-lovstvi Ceskeho“, pag. 293—300 des Jahrganges 1880, referiert Josef Jirecek über die Abhandlung des Leydener Professors de Goeje, indem er zugleich die böhmische Übersetzung der Nachrichten des Ibrahim Ibn-Jakub aus dem Holländischen veröffentlicht. Solch eingehende Bearbeitungen von berufener Seite haben Al-Bekris Wiedergabe des Ibn-Jakubschen Reiseberichtes der Allgemeinheit zugänglich und verständlich gemacht; wenn aber heutzutage einige dunkle oder zweifelhafte Stellen des arabischen Textes noch der Aufklärung harren, so lässt sich hoffen, dass im Laufe der Zeit durch weitere Forschung deren richtige Bedeutung geoffenbart wird. Was die Persönlichkeit desjenigen betrifft, der diesen Reisebericht über die slavischen Länder erstattet hat, nämlich den Israeliten Ibrahim Ibn-Jakub, so war er entweder in Südspanien oder im westlichen Nordafrika geboren, und zweifelsohne ein Handelsmann, als welcher er sich an vielen Stellen seines Berichtes — der fast ohne politische Färbung ist — verrät, und wohl vornehmlich, wie viele seiner Glaubensgenossen, Sklavenhändler war; auch scheint er seine Aufzeichnungen hauptsächlich für Sklavenhändler verfasst zu haben. Während seiner Reisen in den slavischen Ländern war Prag sein Hauptaufenthaltsort. Er, der Vielgereiste, bezeichnete Prag als die „reichste Handelsstadt“. Hier, wo Kaufleute und Waren aus allen Weltteilen zusammenströmten, hatte er Gelegenheit, mit Angehörigen der verschiedensten Völker, hauptsächlich Slaven, in persönlichen Verkehr zu treten, daher anzunehmen ist, dass Ibn-Jakub neben anderen Idiomen auch der damals sehr verbreiteten slavischen Sprache mächtig war. Schon auf seiner Reiseroute, die ihn durch das Adriatische Meer über Friaul, ferner über die gegenwärtig innerösterrei- chischen Länder, also durch damals vollkommen slavische Gebiete nach Böhmen führte, musste er sich der slavischen Sprache bedienen. Von Prag reiste Ibn-Jakub nach Magdeburg — in jener Zeit ein Hauptstapelplatz für den Handel mit dem slavischen Norden — erschien dort vor dem deutschen Kaiser Otto dem Grossen, der in dieser Stadt eben eine bulgarische Gesandtschaft empfing, und begab sich dann in die weiten Gebiete der Slaven zwischen der Elbe und der Ostsee. Nachdem er noch Polen besucht hatte, wählte er für den Rückweg in die Heimat dieselbe Route, nämlich den Weg über Prag und das Adriatische Meer. Im Folgenden ist der Bericht Ibn-Oakubs mit jenem Inhalte wiedergegeben, wie ihn de Goeje im Oahre 1880 in holländischer Sprache veröffentlicht hatte, mit Hinzufügung von Änderungen und Erläuterungen, wie sie die Ergebnisse der seitherigen Forschungen notwendig machten.1) Ibrahim Ibn-Oakub sagt: I. Die Slaven (Sakalib) stammen von den Nachkommen Madajs, des Sohnes üaphets, ab; ihre Wohnungen erstrecken sich vom Norden bis dass sie zum Westen gelangen.2) Die Länder der Slaven ziehen sich vom Syrischen Meere bis zum umringenden Meere nach Norden.3) Nördliche Völker bemächtigten sich eines Teiles derselben und wohnen bis heute dort. Die Slaven bestehen aus mehreren Stämmen. In früheren Zeiten waren sie geeinigt unter einem König, welcher den Namen Macha führte und jenem Volksstamme angehörle, welcher Wjebaba4) hiess und grosses Ansehen unter ihnen genoss. Sie veruneinigten sich dann, das gemeinsame Band wurde gelöst und in jedem Stamme regierte ein Fürst. II. Ihrer Fürsten sind gegenwärtig vier: Fürst al-Bekarin,6) Bujslav, Fürst von Fraga, Bujma und Krakva,6) Meška, Fürst des Nordens,7) und Nakun im äussersten Westen.8) 1) Die Erläuterungen sind hauptsächlich dem Rigaer Professor Friedrich Westberg zu verdanken. 2) Diese Einleitung ist von AI-Bekri in den Bericht Ibn-Jakubs eingeschoben und entspricht der Tradition von der Abstammung der Slaven bei den Arabern. 3) Das umringende Meer ist die arabische Bezeichnung für den Ozean, hier die Ostsee, 4) Wljnbaba, Walinane, Wolgaanwohner, In pag. 23. Heft 1 v. J. 1914 des »Staroslovan« ist ersichtlich, dass Al-Masudi deren Herrscher Madschak nannte, was mit Macha übereinstimmt. 5) Car der Bulgaren, Peter, der Sohn Simeons. e) Boleslav, Herzog von Böhmen, zu dessen Reiche neben Mähren und der Slovakei noch das südliche Schlesien, dann Kleinpolen mit Krakau gehörte. 7) Meška (Mscislav), Herzog von Polen. s) Nakun, der Fürst der Obodriten. III. Das Land Nakuns grenzl im Westen an Sachsen und an einen Teil vom Lande Marman.9) In Nakuns Land sind niedrige Kornpreise, es ist reich an Pferden, welche von dort in andere Länder ausgeführt werden. Seine Leute sind gut ausgerüstet, mit Harnischen, Helmen und Schwertern. Von Burg bis Majalih10 11) sind 10 Meilen,11) von da bis zur Brücke 50 Meilen und das ist eine Brücke von Holz,12) eine Meile lang. Von der Brücke bis zur Festung (oder Burg) des Nakun sind etwa *tO Meilen; sie heisst Azzan13) und bedeutet die „grosse Burg“. Südlich von Azzan liegt eine Burg,14) gebaut in einem Süsswassersee. IV. Und auf diese Weise legen die Slaven den grössten Te’il ihrer Festungen an; sie begeben sich auf sumpfiges Land, reich an Wasser und Gestrüpp, und bezeichnen dort eine runde oder viereckige Fläche, je nach Form und Grösse, welche sie der Festung geben wollen. An der Umfassungslinie wird ein Graben ausgehoben, die Erde zu einer Brustwehr angehäuft, die mit Planken und Pfählen bekleidet und festgestampft wird, bis der Wall die gewünschte Höhe erreicht hat. An der fürgewählten Seite wird hierauf ein Tor abgemessen und vor demselben eine hölzerne Brücke errichtet.15) Von der Festung Azzan bis zum Ozean sind 11 Meilen. Die Heere können in das Reich des Nakun nur mit Schwierigkeiten eindringen, weil das ganze Land nur aus sumpfigen Wiesen, Gestrüppe und Morästen besteht. V. Was das Reich Bujslavs betrifft, so umfasst seine Länge von der Stadt Fraga bis zur Stadt Krakva eine dreiwöchentliche Reise. Dieses Reich grenzt im Süden an das Land der Türken.16) Die Stadt Prag ist erbaut aus Stein und Kalk und ist die reichste Handelsstadt. 9) Die Westslaven bezeichneten mit Marman das Land der ihnen angrenzenden Normannen, hier der Dänen (Dänemark), 10) Burg, ein Ort unweit Magdeburg. Majalih bedeutet: bis zu dem, »was angrenzt«, d. i. hier die Grenze des Slavenlandes. 11) Die dort übliche Meile hatte eine Länge von 3 bis 4 Kilometer. 12) Bollbrück bei Perleberg, also keine Elbebrücke. 13) Westberg zeigt nach sehr gründlicher Beweisführung, dass unter Azzan das heutige Schwerin zu verstehen ist. 14) Diese Burg befand sich auf der gegenwärtigen Schlossinsel im Schweriner See. a 15) Diese Darstellung des westslavischen Burgenbaues ist vom militärischen Standpunkte aus vollkommen korrekt. In dem vorhandenen Terrain konnten Befestigungen nur aus Erde aufgeführt werden; die Bekleidung mit Planken und Pfählen machte sie nicht nur widerstandsfähiger, sondern gewissermassen auch sturmfrei; die Gräben waren wahrscheinlich mit Wasser gefüllt. le) hinter Türken sind die Magyaren gemeint; diese Bezeichnung war damals allgemein üblich. Es kommen dorthin aus der Sladt Krakva Russen17) und Slaven mit Waren; aus dem Lande der Türken kommen Muselmänner, Duden und Türken ebenfalls mit Waren und gangbaren Münzen und führen von ihnen Sklaven, Zinn und verschiedene Sorten Blei aus. Dieses Land (Böhmen) ist das beste von den Ländern des Nordens und das reichste an Lebensmitteln. Für einen „penze“18) verkauft man so viel Getreide, dass es einem Menschen für einen Monat genügt, und Gerste verkauft man für dieselbe Münze so viel, als ein Lasttier für 40 Tage braucht. Man verkauft bei ihnen 100 Hühner ebenfalls für einen „penze“.19) In der Stadt Prag werden Sättel, Zäume und Lederschilde verfertigt, welche in ihren Ländern gebraucht werden. Im Lande Böhmen macht man leichte Tüchelchen sehr dünnen Gewebes, Netzen ähnlich, welche zu nichts taugen, die aber bei ihnen einen festen Preis haben, nämlich 10 Tüchelchen für einen „penze“. Mit ihnen berechnen und handeln sie, sie haben ihrer ganze Kisten voll; sie gelten bei ihnen als Reichtum; kostbare Sachen kann man dafür kaufen, wie: Sklaven, Weizen, Pferde, Gold, Silber usw. Bemerkenswert ist, dass die Bewohner von Böhmen brünett und schwarzhaarig sind; der blonde Typ findet sich selten bei ihnen.20) VI. Der Weg von Magdeburg21) in das Land des Boleslav ist lr) Russen war die Bezeichnung für Normannen. ls) Penize, böhm. Geld im allgemeinen; »penze« muss aber dennoch einst auch eine Münzeinheit gewesen sein, u. zw. wahrscheinlich eine Silbermünze. 19) de Goeje las dieses Wort im arabischen Texte für »knsar«, Professor Josef Karabacek, welcher Konjektur auch Baron Rosen zustimmte, für »penze«. Westberg hielt es für verstümmelt aus »denar«. Wir entschieden uns selbstverständlich für die Lesart »penze«. Wenn hervorragende Gelehrte einem und demselben Worte des Manuskriptes ganz verschiedene Auslegungen gaben, so ist auch hier erwiesen, dass die Philologie in einem Handschriftenstreite keine Entscheidung fällen kann; diese liegt auf anderen Gebieten. Etwas ähnliches geschah bei der Grünberger Handschrift, welche als Fälschung erklärt und Hanka als Falsifi-kator bezeichnet wurde. Das Wort »tetva« fand die verschiedenartigste Auslegung und auch Hanka wusste sich damit keinen Rat (wodurch wohl jeder Gedanke an eine Fälschung seinerseits ausgeschlossen ist); erst Zunkovic erklärte i. J. 1911 dieses Wort als ein altpolnisches mit der Bedeutung Dynastie; er fand es in Lindes polnischem Wörterbuch, als einen bereits um das Jahr 1800 aus dem Gebrauche getretenen Begriff. 2J) Diese Mitteilung kann Ibn-Jakub nur im Gegensatz zu den übrigen Slaven gemacht haben; sie lässt sich nach Westberg sehr wohl erklären, wenn das zum Reiche Boleslavs gehörige Mähren gemeint ist, als Folge einer starken Vermischung mit fremden Steppenvölkern, welche von jeher nach der pannonischen Tiefebene strömten, die einen Teil von Grossmähren gebildet hatte. 21) In dem arabischen Texte wurde dieses Wort mit Meznbrg übersetzt und für das heutige Merseburg genommen. Westberg liest jedoch im Texte Madibrg und das kann nur Magdeburg sein. Dieses wird schon i. J. 805 als einer von den folgender: Von Magdeburg nach Kaliva22) 10 Meilen, und von da bis Nienburg 2 Meilen. Dies ist eine Festung, erbaut aus Stein und Mörtel; sie liegt gleichfalls am Flusse Saale, in welchen die Bode mündet. Von der Festung Nienburg bis zur Salzsiederei der Duden,23) welche gleichfalls am Flusse Saale liegt, sind 30 Meilen. Von da bis zur Festung Nurnchjn,24) welche am Flusse Mulde liegt . . . .26) und von da bis zum Rande des Waldes sind 25 Meilen. Dieser Wald ist bis zum anderen Rande 40 Meilen lang; der Weg führt über Berge und Wildnisse.26) Vom Walde bis zur hölzernen Brücke27) durch einen Sumpf ungefähr 2 Meilen. Vom Ende des Waldes und über diese Brücke kommt man nach Prag. VII. Was das Reich Meškas betrifft, so ist es das grösste der Slavenländer; es ist reich an Getreide, Fleisch, Honig und Fischen. Die Abgaben werden mit Münzen erlegt und damit bezahlt er (Meško) den Unterhalt seines Fussvolkes; jeder bekommt monatlich einen bestimmten Teil. Er hat 3000 Geharnischte, das sind aber Krieger, von denen ein Hundert gleichkommt zehn Hunderten anderer. Und er (Meško) gibt ihnen Kleider, Waffen und alles, was sie brauchen. Wenn jemandem von ihnen ein Kind geboren wird, so wird ihm ein Gehalt zugewiesen gleich nach der Geburt des Kindes, sei es männlichen oder weiblichen Geschlechtes. Und wenn es die Volljährigkeit erreicht, so verschafft er ihm ein Weib, falls es männlichen Geschlechtes ist, und er (Meško) zahlt auch das Hochzeitsgeschenk dem Vater des Mädchens. Falls das Kind weiblichen Geschlechtes ist, so verschafft er ihm einen Mann und zahlt dem Vater des Mädchens das Hochzeitsgeschenk. VIII. Das Hochzeitsgeschenk bei den Slaven ist sehr bedeutend, und sind ihre Gebräuche in dieser Beziehung ähnlich den Gebräuchen der Berber. Wenn jemandem zwei oder drei Töchter geboren werden, so sind sie Ursache seiner Bereicherung ; wenn ihm aber zwei oder drei Söhne geboren werden, so sind sie Ursache seiner Verarmung. Und die Verheiratung geschieht nach Gutdünken ihres Fürsten, nicht nach ihrer Wahl; der Fürst übernimmt die Sorge für ihre Handelsplätzen genannt, in denen die nach den Slavenländern handelnden Kaufleute mit Vertretern jener zusammentrafen, und Ibn-Jakub war ein Handelsmann, welcher Magdeburg der Geschäfte wegen aufsuchte. 22) Kalbe an der Saale. 2>) Wahrscheinlich Dürrenberg an der Saale. 24) Dürfte Nerchau an der Mulde sein. 25) Hier ist augenscheinlich die Meilenzahl ausgelassen. **) Das Erzgebirge. 27) Die Stadt Brüx (Mcsty) an der Biela. Ausgaben und die Kosten für,die Hochzeit lasten auf ihm. Und er ist wie ein zärtlicher Vater für seine Leute.2 * * 28) IX. An Meškos Reich grenzen im Osten die Länder der Rus, im Norden die Länder der Prus. Die Prus wohnen am umringenden Meere (Ostsee); sie haben eine besondere Sprache und verstehen nicht die Sprache der ihnen benachbarten Völker. Sie sind durch ihre Tapferkeit berühmt; wenn Feinde in ihr Land einfallen, wartet niemand, bis sich seine Kameraden mit ihm vereinigen, sondern er geht allein vor, ohne sich um jemand zu kümmern und kämpft mit seinem Schwerte so lange, bis er fällt. Und auf sie führen die Russen, von Westen kommend, Überfälle aus29) und berauben sie; die Russen kommen auf Schiffen. X. Im Westen von den Rus30) ist die Stadt der Weiber,31) sie besitzen Ländereien und Sklaven. Sie werden von ihren Sklaven schwanger und wenn eines einen Sohn gebärt, so wird er getötet. Sie reiten auf Pferden, ziehen in den Krieg und besitzen Kühnheit und Tapferkeit. Es sagt Ibrahim, der Sohn Oakubs der Israeliten: „Die Nachricht über diese Stadt ist wahr; erzählt hat sie mir Huta, der König der Rum."32) XI. Und westlich von der Stadt der Weiber siedelt der slavische Stamm der Wolinane.33 34) Er wohnt in sumpfigen Gegenden, nordwestlich vom Lande des Meško. Die Wolinane haben eine grosse Stadt am Weltmeere (Ostsee),31) welche zwölf Tore und einen Hafen hat, für welchen sie ausgezeichnete Hafenordnungen haben. Sie führen 2S) Dieser Passus bezieht sich offenbar nur auf seine, Meškos, Gefolgschaft, welche oben als Fussvolk bezeichnet wurde und der er den ganzen Lebensunter- halt besorgte. 28) Auch unter diesen Russen sind wieder die Normannen gemeint, welche ■von ihren Stammsitzen in Schweden, also von Westen kommend, die Ueberfälle auf die Küstengebiete der Preussen ausführten. 30) Darunter sind die östlichen Russen, d. h. die in Russland zu Schiff eingefallenen und dort ansässig gewordenen Normannen zu verstehen, welche vornehmlich die Küstengebiete besetzten. 31) Wenn westlich von den östlichen Russen die Stadt der Weiber (eigentlich Staat, denn sie besassen Ländereien) gelegen ist und wieder westlich von diesen (wie in XI angeführt) das slavische Volk der Wolinane seine Sitze hatte, so kann es nach diesen geographischen Angaben keinem Zweifel unterliegen, dass der WeibeiStaat im Gebiete der litauischen Stämme zu suchen ist, wenn es sich da überhaupt nicht um das Märchen von einem Amazonenstaate handelt, das Ibn-Jakub ernst nahm. 32) Otto I. der Grosse, Kaiser der Deutschen, gekrönt vom Papste in Rom i. J. 962. 33j Deren Gebiete machten einen Teil von Pommern aus. 34) Wolin, die berühmteste Seehandelsstadt der Westslaven. Krieg mit Meško, ihre Macht ist gross.35) Sie haben keinen König und sind Niemandem untertan; ihre Ältesten sind ihre Oberen. XII. Was den König al-Bekarin (Car der Bulgaren) betrifft, so sagt Ibn-Jakub: Ich habe sein Land nicht betreten, aber ich habe seine Gesandten in Magdeburg gesehen, als sie zu König Huta32) kamen. Sie trugen enge Kleider, waren mit langen Gürteln umgürtet, welche mit goldenen und silbernen Knöpfen geschmückt waren. Ihr König ist hohen Ranges, trägt eine Krone am Haupte, hat Beamte, Sekretäre und Verwalter; seine Anordnungen und Verbote erfolgen nach festgesetzten Regeln und Zeremonien, wie es bei Königen und Fürsten üblich ist.36) Die Bulgaren verstehen fremde Sprachen, das Evangelium übersetzen sie in die slavische Sprache; sie sind Christen. Ibn-Jakub sagt: Es nahmen an das Christentum der Car der Bulgaren, als er die Stadt Konstantinopel belagerte, bis es dessen Könige gelang, ihn mit guten Worten und grossen Geschenken zu besänftigen. Dazu gehörte auch, dass er ihm seine Tochter zur Gattin gab, sie aber bewog ihn (den Car der Bulgaren) das Christentum anzunehmen.37) Und sie sind bis heute Christen geblieben. XIII. Ibn-Jakub sagt weiter: Konstantinopel liegt im Süden von Bulgarien und an dieses grenzt im Nordosten das Volk der Petsche-negen; im Westen aber (von Byzanz) ist das Meer von Venedig (Bnadschia, Benätky). Das ist ein Meerbusen, welcher vom Syrischen (Mittelländischen) Meer ausgeht, zwischen dem grossen Lande (Italien) und Konstantinopel (Byzanz); er endigt bei Al Frlana (Friaul). Es bildet sich so eine Halbinsel, an der Südseite umgeben vom Syrischen Meer, an der Ost- und Nordseite vom Meerbusen von Venedig, im S5) Von den Kämpfen der Wolinane mit Meško gibt der mittelalterliche Geschichtsschreiber Widukind Auskunft. Im hartnäckigen Kampfe mit ihnen hatte Meško den Kürzeren gezogen, daher Ibn-Jakubs Ausspruch erklärlich ist: »Ihre Macht ist gross«. 3— Derselbe schreibt 1456 (¡Juli) in derselben Sache an die gleichen Personen. [Cod. ragus. fol. 118 b.) Nr. 389. — Derselbe schreibt 1461 in gleicher Sache. (Cod. ragus. fol. 119 b.) Nr. 435. — Ali Beg und Hamza Beg stellen dem gewählten Herzog Vlatko von Ragusa 1470 eine Urkunde aus. (Eine Transkrip-iion in türkischer Sprache im Staatsarchive zu Wien.) Nr. 436. — Die Sultanin Mara bestätigt (1470) den Ragusanern die Überbringung der ihr zugewiesenen jährlichen Einkünfte von Stagno für die Erzengelkirche in ¡Jerusalem. (Original im Staatsarchive zu Wien.) Nr. 437. — Sultan Mohammed 11. bestätigt von Vize aus (1471) den Ragusanern die Abfuhr der gesetzlichen CJahressteuer von 9000 venet. Dukaten. (Original im Staatsarchive zu Wien.) Nr. 438. — Derselbe beauftragt (1471) den Hamza Beg ein angeblich von den Ragusanern an der Narenta erbautes hölzernes Schloss zu zerstören. (Abschrift im Staatsarchive zu Wien.) Nr. 439. — Hamza Beg verzichtet (1472) im Namen des Sultans Mohammed II. auf den bei Herzog Vlatko von Ragusa erliegenden Nachlass des Herzogs Stefan, nachdem er den Berechtigten ausgefolgt wurde. (Abschrift im Staatsarchive zu Wien.) Nr. 440. — Die Sultanin Mara versichert (1473) die Herren von Ragusa und ihren Fürsten ihrer Freundschaft und Unterstützung. (Original im Staatsarchive zu Wien.) Nr. 445. — Dieselbe stellt, (1497) in ¡Jezovo eine Stiftungs-urkunde aus, wonach die Ragusaner von deren ¡Jahreseinkünften in *) Die vorangesetzten Zahlen sind mit der Nummer der betreffenden Urkunde im genannten Werke identisch. — Die Jahresdaten dürften nicht immer vollkommen genau sein, da bei der Anrechnung der Aera Hidzra in die christliche Zeitrechnung einmal Sonnen-, einmal Mondjahre zugrundegelegt worden sein dürften. 14* Stagno jene 1000 Perperas, die sie bisher für das Erzengelkloster in Jerusalem abzuführen hatten, nunmehr dem Kloster Hilandar am Berge Athos zu übergeben haben. (Original im letztgenannten Kloster.) Nr. 447. — Sultan Mohammed II. bestätigt (1480) von Konstantinopel aus den Ragusanern gewisse Privilegien und legt ihnen die Zahlung von 15.000 Goldmünzen auf. (Original im Staatsarchive zu Wien.) Nr. 448. — Derselbe bestätigt (1481) den Ragusanern abermals welche Privilegien. (Cod. ragus. fol. 115b.) Nr. 449. — Sultan Bajazit II.*) erlässt (1481) von Adrianopel aus den Ragusanern einen Teil des Tributes und bestätigt ihre Privilegien. (Original im Staatsarchive zu Wien.) Nr. 450. — Derselbe schreibt (1483) dem Dazdar von Novi (Ca-stelnuovo) in Angelegenheit des Salzregales in Ragusa. (Cod. ragus. fol. 118 a.) Nr. 451. — Derselbe schreibt (1483) dem Kadi von Hoci (Foca) und dem Dazdar von Novi in gleicher Sache. « Nr. 452. — Derselbe scheibt (1484) dem Sandzak Beg der Herzegowina, Mustafa Beg und den Kadis in gleicher Sache. (Cod. ragus. fol. 188.) Nr. 454. — Derselbe schreibt von „Na Bane“ (1435) den rume-lischen Kadis, dass die in Ragusa regelrecht ausgestellten Schuldscheine auch in seinen Ländern gültig sind. (Original im Staatsarchive zu Wien.) Nr. 455. — Die Sultanin Mara antwortet (1487) gnädigst den Ragusanern auf ihre Entschuldigung, dass ihre Gesandten gelegentlich des Erscheinens bei der Pforte nicht auch bei ihr erschienen sind. (Original im Staatsarchive zu Wien.) Nr. 456. — Dieselbe stellt (1487) ein Beglaubigungsschreiben den bei ihr erschienenen Gesandten von Ragusa aus. (Original im Staatsarchive zu Wien.) Nr. 467. — Achmet Pasa schreibt (1501) im Aufträge des Sultans Bajazit II. den Ragusanern und gibt ihnen den freundlichen Rat die seit einigen Jahren eingestellten Zahlungen an das Kloster Hilandar und St. Paul endlich zu leisten. (Original im Staatsarchive zu Wien.) Nr. 472. — Sultan Bajazit II. bestätigt (1512) von Konstantinopel aus, dass die Gesandten von Ragusa den Tribut voll erlegt haben. (Aus einer lat. Abschrift des Ivannis Danilo.) *) Er nennt sich selbst in der Urkunde: »Sultan Bajazit Chan«. Nr. 473. — Sultan Selim 1. bestätigt (1530) von Brussa den Ra-gusanern den richtigen Erhalt des Harac (Steuer, Tribut.) (Original im Staatsarchive zu Wien.) Nr. 476. — Derselbe bestätigt (1570) den Ragusanern ihre Handelsprivilegien. — (Aus dem „Glasnik“, IV., 1852.) Nr. 477. — Sultan Soliman II. bestätigt (um 1520) den Ragusanern, dass der Harac mit 2500 venet. Dukaten auf der Pforte richtig erlegt wurde. Nr. 478. — Der Donaukapitän Mustafa schreibt (1536) von Pest aus dem Kapitän von Gran, dass er den kgl. Legaten durch einen verlässlichen Mann wird nach Konstantinopel begleiten lassen. Nr. 484. — (Aus dem XVI. Jahrh.) — Ali Beg Pavlovic stellt den Ragusanern eine Vollmacht aus. (Originale im Staatsarchive zu Wien.) — Nicht uninteressant ist es, dass Johann Zapolya — der Gegenkönig in Ungarn — gleichfalls slavisch (in cyrillischer Schrift) schrieb und haben sich hievon drei Schreiben erhalten, die Miklosich auch in die „Monumenta Serbica“ aufgenommen hat. Nr. 479. — Zapolya bestätigt (1537) von Grossvardein dem Meh-med Beg, dem Herrn von Serbien (Jahiapasic), dass er von ihm ein sehr gnädiges Schreiben erhalten habe. — Nr. 480. — Derselbe schreibt (1537) an die gleiche Adresse, sendet und empfiehlt ihm den Legaten Fekete Janos. — Nr. 481. — Derselbe schreibt (1537) nochmals an die gleiche Adresse, und empfiehlt ihm abermals seinen Legaten Fekete Janos. — Alle drei Schreiben sind gefertigt: Joannes Rex manu propria. — Es fällt hiebei wohl auf, dass sich da vor allem so zahlreiche diplomatische Urkunden erhalten haben, die lediglich zwischen Konstantinopel und Ragusa ausgetauscht wurden, denn die Zahl derjenigen, die andere slavische Balkanstaaten betreffen, ist relativ recht gering. Doch ist dies sehr einleuchtend. Ragusa hatte ein geordnetes Staatswesen und war eine Handelsrepublik, legte daher, wie jeder ordnungsliebende Geschäftsmann, auch eine besondere Fürsorge für die Verwahrung der Verträge und sonstiger Urkunden an den Tag. Die Stadt Ragusa wurde auch nie gründlich zerstört, eingeäschert oder geplündert. In den übrigen Ländern, die unter der türkischen Herrschaft sianden, war aber der Vandalismus jeder Art an der Tagesordnung. Es erhielt sich daher von den verfassten oder gewechselten Urkunden nur sehr Spärliches; nebstbei scheint es, dass man da mehr mit dem Schwerte als mit der Feder geschrieben hat, daher nur in den unvermeidlichsten Fällen zur Tinte griff. Als Beispiel, wie so eine Urkunde aussah und welchen Wortlaut sie hatte, wird nachstehend jene unter Nr. 436 erwähnte bildlich wie textlich wiedergegeben. Im Originaltexte, der cyrillisch geschrieben ist, lautet sie in lateinischer Transkription: -f- Ja gospogja carica Maara primih od dohodka dubrovackoga pet set perper dubrovackih sto dava Dubrovnik dohodk od Stona na Jerusalim crkve svetomy arhandjelu na godiste; i sto je bio dohod ovoga godista, to donesose pocteni vlastele dubrovacki: Joko Bunte i Paladin Lukarevic, i predadose u teh pet set perper dinar dubrovackih, sto cetiri deset i sedm dukat; a tedan bjese dukat u Dubrov-niku po 41 dinar, itomu i svedoci vlastele gospogje carice: vrac Bjeli i Kraimir i iBranko, pisan v Ijet 6.979 noebra 4., a pak kako se latinski razumie, od rozdesiva Hristova 1470 Ijet noebra; 4. a pisa Simom jeklisiarh gospogje carice. Verdeutschung: ,,+ Ich Frau Kaiserin Mara empfing 500 Ragusaner Perper*), welche Ragusa vom Einkommen von Stagno, der Jerusalemer Kirche „Zum hl. Erzengel“ als jährliches Einkommen zu geben hat; und das auf dieses Jahr entfallende Einkommen brachten die ehrbaren Ragusaner Edlen: Joko Bunic und Paladin Lukarevic und übergaben diese 500 Perper Ragusaner Währung, (d. i.) 147 *) »Perper« ist ira allgemeinen als ein Sammelbegriff für eine bestimmte Münzsumme bei den Südslaven im Mittelalter anzusehen und ist etwa mit der Bezeichnung: ein Pfund Sterling, ein Schock guter böhmischer Groschen, ein Goldbeutel zu vergleichen, war daher anscheinend nie eine Münzeinheit im konkreten Sinne, d, h, ein Geldstück, »perper« genannt, existierte nicht für sich. Der »perper« enthielt jederzeit 12 Silber-Denare, wie sehr auch der Wert des Dinars sich jeweilig verändern mochte. Aber auch der Begriff »dinar« galt mitunter als blosse Benennung für einen Geld- oder Rechenwert, analog wie heute der Slovene Geld im allgemeinen, sei dies nun ein Dukaten oder Heller, als »denar« kennzeichnet. Der südslavische »denar« galt wohl als ein festgesetztes Silbe rgeldstück, dessen Gewicht und Feinheit jedoch zeitweise wechselte. Und tatsächlich findet man die Ausdrücke »perper« und »dinar« am häufigsten in Berechnungen angewendet; so sagte man z. B., es sollen soundsoviel »perper« in »dinars« gezahlt werden. Nachdem aber ein »perper« stets 12 »dinar« enthielt, es aber genau bekannt war, wie viele »perper« eine gewisse Gewichtseinheit ausmachten, so war dadurch doch auch die Summe angegeben. Diese Gewichtseinheit des Geldes nannte man »litra«, die ungefähr 288 gr gleichkam. Je nach dem Wechsel des Silberwertes wechselte auch der Inhalt der »litra« an »perper« u. zw. stieg derselbe von 12 zu Anfang des XIII. Jahrhundertes auf 22 um die Mitte des XV. Jahrhundertes, d. h. der Feingehalt des Silbers sank fortgesetzt. Um das Jahr 1350, also wenige Jahre nach der Annahme des Kaisertitels durch Dusan, gingen 16 »perper« auf eine »litra«. In Venedig sowie in den dalmatinischen Küstenstädten war der Münzfuss, wonach 20 »perper« auf eine »litra« kamen, im Gebrauche. Zwei solcher »perper« gaben hier auch einen vene-tianischen Dukaten, während die Ragusaner Dukaten demnach nahezu 3¡4 »perper« gleichkamen. Dukalen; zur Zeit stand der Dukaten in Ragusa zu 41 Dinar. Dies bestätigen als Zeugen der Frau Kaiserin: der Arzt Bjeli und Krajmir und Branko. Geschrieben im Jahre 6.979 den 4. November, oder wie es lateinisch verstanden wird, von der Geburt Christi des 1470. Jahres, den 4. November, und schrieb das Simeon, der Ekklesiarch (Kirchenvorsteher) der Frau Kaiserin.“ — Als Siegel verwendet die Kaiserin jenes ihres Vaters Georg Brankovic mit dem Texte: »gn despot gjorgje« d. i. Herr (gospodin) Despot Georg. 'rit e i «t* ai yi H,,yf ^ A •'-S rU r*> * f ^ r;Im Jahre 6576 in der 6. Indiktion mass der Fürst Gljeb das Meer auf dem Eise von Tmutorokan bis Kerc 14.000 Klafter.« Die Entfernung betrug sonach damals 29 Vjorst (an 30 km), was auch mit den Angaben Strabos, der jenes Gebiet persönlich genau kannte, im allgemeinen stimmt. An dieser Stelle der Meerenge, welche zugleich auch als Grenze zwischen Europa und Asien gilt, überzieht sich das Meer in der Zeit von Ende September bis März vollkommen mit einer Eisdecke, was auch schon Herodot wie Strabo bestätigen, sc dass man in dieser Zeit mit Lastwagen von Europa nach Asien verkehren kann. Diese Stelle war es nun, die der russische Fürst Gljeb i, J. 1068 oder zu Anfang des Jahres 1069*) bei Ausnützung der festen Eisfläche ausmessen und das Resultat sodapn verewigen liess. Der Zweck kann anscheinend nur der gewesen sein, um festzulegen, wie breit damals die Meerenge war, damit man später wisse, ob dieselbe zu- oder abnehme, ist daher wohl nur als ein statistischer Behelf anzusehen. Gar so kulturlos waren demnach die Russen *) Sehr bemerkenswert ist die genaue Uebereinstimmung, wenn man die pMVfcTO>5-^0IM IS rASß&KNA&UEPnASAl nSb&ATOfOKAHAAOtiZP f £ B A /)i> A £ A *(£ damals nicht, wie man ihnen doch den Gebrauch von Münzen, die Kenntnis der Schrift, den Mangel verbuchter Gesetze u, ä. absprechen wollte, sobald sie sich auch schon mit Distanzmessungen befassten, denn ein gewichtiger Zweck war hiemit auf jeden Fall ver bunden, da man sonst keinen solchen Denkstein gesetzt hätte; konnte doch schliesslich auch jeder Bauer, der über die Eisdecke fuhr, ungefähr angeben, wie breit die Meeresstrasse ist; nebstbei ist auch auf dem Steine das Längenmass nur in die Tausende abgerundet. Dieses Gebiet wurde durch den russischen Fürsten Svjatoslav i. J, 966 erobert und durch Vladimir d, Gr, (988) zu dem Fürstentum 1 mutorokan erhoben; zu den Nachfolgern des lezteren gehört auch Gljeb, der Stifter des beschriebenen Denkmales, Es ist auch geschichtlich festgestellt, dass er bis zum Jahre 1069 in Tmutorokan tatsächlich gewesen sein konnte, denn erst in diesem Jahre wurde er zum Fürsten von Novgorod erwählt. Der Denkstein wurde später nach Petersburg geschafft, wo er sich noch heute im Eremitage-Museum befindet, O. Cerveny (Kiev.) IX, Schriftzeichen auf der Marienkirche in Trebic, Dr, Fr. Dvorsky teilt im »Časopis musejniho spolku olomuc-keho«, 1885, S. 175 etliche Schriftzeichen mit, die er in den Mauersteinen der Marienkirche in Trebic (Mähren) vorgefunden. Die Gründung dieser Kirche fällt in das Jahr 1109, da der böhmische Fürst Oldrich in dieser Zeit auf dem felsigen Ufer der Iglava auch ein Benediktinerkloster erstehen liess. Die Schriftzeichen stellen zumeist einzelne lateinische Buchstaben dar, die wahrscheinlich von Wallfahrern, also »Kyselak’s« älterer Zeit herrühren, da sie ganz ungeordnet angebracht sind. Diese Annahme erhärtet auch der Umstand, dass solche Zeichen nur auf den weichen Steinarten anzutreffen sind, die sich demnach mit Messern leicht bearbeiten Hessen; die granitnen Bausteine tragen Jahreszahl 6576 dieser Inschrift mit dem Jahre 6979 der auf Seite 198 beschriebenen Urkunde der Sultanin Mara vergleicht. Die Zeitdifferenz beträgt 402 Jahre, somit ist der Zeitpunkt der Vermessung der Meerenge in das Jahr 1069 zu setzen, u. z, in die Monate Jänner oder Februar, was auch am natürlichsten erscheint, denn namentlich im Monate Jänner ist die Eisdecke am stärksten, daher auch am verlässlichsten. — Da das Jahr früher nicht mit dem 1. Jänner begonnen, müssen sich nach der alten Zeitrechnung naturgemäss Differenzen um ein Jahr ergeben. Dies trifft auch bei einem Siegel des serbischen Cars Lazar zu. Dort steht die Jahreszahl 6882, die dem Jahre 1374 n. Chr. entspricht und auch richtig ist. — Die altslavische Aera beginnt sonach mit dem Jahre 5507 (oder 55G8). Anm. d. Red. jedoch keine solchen Skulpturen. — Die vorherrschende Ansicht, dass dies Steinmetzzeichen seien, hat — wenigstens in diesem Falle — nicht die geringste Wahrscheinlichkeit, Derselbe Verfasser erwähnt, dass sich ähnliche Schriftzeichen auch auf der Burg Zvikov (S. S. 61), dann auf dem Turme der »Prasnä bräna«, der Altstadt und Kleinseite in Prag, auf einem Joche der Karlsbrücke, auf dem Chore des St. Veits-Domes und auf dem ältesten Teile des Hradcin selbst befinden. — Der Zweck aller dieser letzterwähnten Inschriften war wohl ausschliesslich Zeit und Umstände des Baues im Gedächtnisse zu erhalten. Betreffs der sogenannten Steinmetzzeichen, die man grundsätzlich überall vorschiebt und namentlich bei der Burg Zvikov annimmt, schreibt Fr. Egerle (Wildenschwert), dass diese Annahme gerade hier am wenigsten überzeugend ist. Er gibt folgendes zu erwägen. Wie kommt es, dass die Erbauer des grossen Wartturmes — auch »Mar-kommannenturm« genannt — gerade nur bei den untersten 16 Schichten überall Steinmetzzeichen anbrachten, bei den weiteren 28 Schichten aber kein einziges mehr? — Es geht daraus logisch hervor, dass man in jener Höhe, wo man die Schrift noch gut lesen kann, Inschriften in bezug auf den Bauherrn, die Bauzeit oder sonstige Umstände anbrachte, in weiterer Höhe aber nicht mehr. Augenscheinlich stammen aber diese Inschriften auch erst aus der Zeit n a c h der Fertigstellung jenes Turmes her. Dass wir aber einstweilen diese Schriftzeichen noch nicht entziffern können, ist leider wahr; wird aber alles vorhandene Schriftenmaterial dieser Art, wie es nun in jüngster Zeit so energisch geschieht, auch weiterhin fleissig gesammelt, so wird sich schliesslich doch die Möglichkeit herbeiführen lassen, den Text solcher Inschriften auch lesbar und verständlich zu machen. (Fortsetzung folgt.) J. Sloväk. Sammelstelle für altslavisches Sprachgut. »Kazimir«. — Man glaubt allgemein, dieser zweifellos slavische Eigenname bedeute etymologisch etwa: Friedensstörer (»kaziti« = stören, »mir« = Friede). Dies ist aber sowohl sprachlich wie logisch unrichtig, denn es wird einmal schon niemand seinem Kinde einen nachteiligen, zum Spotte reizenden Vornamen geben. Hier liegt eben eine grundfalsche Etymologie vor, denn der Begriff besteht richtig aus »mir« (= Oberhaupt, Chef, Befehlshaber) und »kaza« (= Kriegerschar), bedeutet demnach wörtlich: Kommandant einer Kriegerschar. — Der Begriff »mir« bedeutet im Russischen: G e-irieinde. Im Slovenischen ist »mirje« = Einfriedung, Mauerwerk; der Platz, wo das römische Lager in Laibach stand, heisst noch heute »Mirje«. — Das Oberhaupt hiess nun wohl auch im Sla-vischen »mir«, obschon sich diese Form nicht mehr originell im Gebrauche erhalten hat; am Balkan wurde es zu »mirdit«, mirdac«, im Deutschen zu »Meier«. — »Kaza« bedeutet noch heute auf dem Balkan: die Kriegerschar, das Aufgebot eines Stammes, einer Sippe. Der einzelne hievon hiess »kazak, kazar«; im Böhmischen hat »chasa« die gleiche Bedeutung. In der Königinhofer Handschrift hat der Begriff noch einen vornehmen militärischen Charakter; heute besitzt er allerdings nicht mehr das streng militärische Gepräge, denn man bezeichnet damit nebst: Gesinde, Jugend, auch eine undisziplinierte Horde. — Alle mit »mir« zusammengesetzten Vor- oder Eigennamen, wie: Bojmir, Vojmir, Branimir, Velemir, Ostromir, Vukmir, Zvonimir (richtig: Zvanimir), Zitomir u. a. m. haben eine ganz analoge Entstehung wie Bedeutung, denn auf dem Umwege als Funktionsname wurden dann dieselben zu ehrenden und an hohe Personen erinnernde Vornamen. 2. Leca. — Darunter versteht der Slovene heute die Kanzel; »lecati« = sich vorstrecken, auch: Schlingen legen. — Das Wort kommt aber auch schon in Eschenbachs »Parcival« (VII. G.) in militärtechnischem Gebrauche in der Bedeutung: Vorposten, vorgeschobene Schutzwehr vor. Im allgemeinen handelt es sich hier immer um etwas V o r r a g e n d e s, sei es nun die Kan- zel in der Kirche, die aus einer Seitenmauer hervorragt, oder um eine Truppe, die zur Sicherung einen kleinen Teil v o r s c h i e b t. Z. »Milica«. — Das Wurzelwort »mil, mili« kennzeichnet in fast allen slavischen Sprachen: das Liebliche im allgemeinen, Im Russischen heisst »milis« = ein lieber Mensch, im Böhmischen »milovati« = lieben, im Südslavischen »milica« “ Liebchen. Letzterer Begriff kommt aber nicht nur in älteren slavischen Schriften vor, sondern derselbe ist auch schon Herodot bekannt. Es geht dies aus einer Stelle (I., 199) hervor, wo er »den hässlichsten Brauch der Babylonier« schildert. Jedes Weib des Landes muss sich nämlich einmal in ihrem Leben bei dem Tempel der Aphrodite niedersetzen und sich von einem Fremden beschlafen lassen. Die Weiber sitzen da im heiligen Hain. Die fremden Männer gehen vorbei und suchen sich nach ihrem Geschmacke eine heraus. Als Zeichen wird ihr ein Geld in den Schoss geworfen, das sie annehmen muss, da es als geweihtes Geld gilt, und muss auch mit dem ersten Besten, der ihr ein Geld zuwirft, gehen, darf ihn also unter keinen Umständen abweisen. Der unbekannte Mann spricht nur: »Im Namen der Göttin Mylitta!« — Hier fügt Herodot bei, dass man die Göttin Aphrodite bei den Babyloniern »Mylitta« nannte. Es kann diese Bezeichnung nur »milica« sein, umsomehr als im Griechischen von den Zahnlauten gerade > t« mit Vorliebe angewendet wird. Ob dies tatsächlich für alle Frauen galt, wissen wir nicht, denn Herodot erzählt auch so manches Gehörte ganz kritiklos nach. Wahrscheinlich handelte es sich aber dabei nur um eine Ueberprüfung bei kinderlosen Ehen, welcher Teil der unfruchtbare sei. Etwas Analoges scheint es noch heute zu geben. Wohlhabende kinderlose Frauen besuchen gewisse Badeorte und kehren mitunter dann in Gravidität heim. Die bäuerliche Bevölkerung begibt sich hingegen zu einem entlegenen Wallfahrtsorte, vor allem zu einer der hl. Anna, als der Patronin des Kindersegens, geweihten Kirche, da man dort dem Volksglauben nach mit Erfolg den Kindersegen erbitten könne. Geht eine solche Bitte dann plötzlich, oft nach langjähriger kinderloser Ehe in Erfüllung, so pflegt man in gewissen Gegenden heimlich zu bemerken: »die hat das Kind von der hl. Anna«. — Es liegt da offenkundig eine pia fraus vor, und das Unerwartete oder Unerklärliche erhält durch die Vorschiebung der Möglichkeit eines Wunders die soziale Abolition, d. h. die Prämisse des Mysteriums ist da, es hat daher niemand das Recht daran zu zweifeln oder offene Bedenken auszusprechen. — C. Mjesec, mjesjac, mesic, mesec. — Für die Bezeichnung des Mondes bezw. eines Monates haben alle Slaven das Grundwort »mes, mjes«, das im allgemeinen das W echselndc bedeutet und sich im slovenischen Begriffe »misiti«, der heute nur mehr: mausern, Haare wechseln bedeutet, im organisch verwandten Sinne erhalten hat. Der Mond wie der Monat enthält daher etymologisch das in sich, was dessen besondere Eigenschaft ist: den Wechsel der Phas e n. — Die südslavische (auch lateinische) Bezeichnung »luna« wird hingegen heute nur für den Mond als G e-stirn angewendet, obschon die altslavischen Wurzeln »lun, Ion, loun« auch auf einen Wechsel sprachlich andeuten. Hc, »Mrk«. -— Bezeichnet im Slovenischen heute die V erfinste-r u n g, die (astronomische) Finsternis, kommt aber adjektivisch auch schon in der Heliand- Dichtung (IX. Jahrh.) als »mirki« (= finster) vor. H. »Nedoperne«. — Dies war einst der juristische Ausdruck für die Strafe des Zerstörens von jenen Vogelnestern, in welchen die Jungen noch nicht ausgebrütet oder nicht flügge waren. Sprachlich heisst »nedoperny« — noch nicht gefiedert, d. i. nicht flügge. — Der Begriff kommt schon in der i. J, 1057 vom böhmischen Herzog Spitignev ausgefertigten Stiftungsurkunde für das Kollegiatstift Leit-meritz vor. Diese die Vögel beschützende Verfügung ist ein Beweis, wie weit man damals vorsorgte, damit namentlich der Obsthau durch das Ungeziefer keinen empfindlichen Schaden erleide. K. »Qbryzon, obryzum«. — In einer Schrift über den »Denar in der Lex Salica« (Wien, 1910) erwähnt Prof. Dr. v. Luschin (Wien) wieder den sprachlich rätselhaften Begriff »obryzon, obryzum«, der seit Va-lentinian I. (364—375) als fachtechnische Bezeichnung für das Feingold und die nicht legierten Goldmünzen gebräuchlich war. Dieser exotische Ausdruck scheint aber slavischen Ursprungs zu sein, und entweder »obrezati« (= beschneiden) oder »obrisati« (= genau, kreisförmig abgrenzen) zur Grundlage zu haben. Vermutlich wollte man damit jene unlegierten Münzen (oder Goldbarren) bezeichnen, die keine unregelmäßigen Ränder mehr hatten oder geometrisch genau kreisförmig geprägt waren, daher auch nicht mehr »beschnitten« werden konnten, ohne daß man dies sofort bemerkt hätte. — Das »Beschneiden« der Goldmünzen war ehedem ziemlich allgemein. — Vielleicht läßt sich durch dieses Aufmerksammachen eine genauere Klärung in diesen »lateinischen« Begriff bringen. 2. »Ozinek«, — So nannten die alten Preussen das Ende der Ernte, das Erntefest, das Herbstfest. Es fand gegen Ende Oktober statt. Nachdem im Russischen »ozim« die Wintersaat, die nach der Ernte im Herbste bestellt wird, und »osenj« = Herbst selbst bedeutet, ist diese Etymologie auch geklärt. — Bei den alten Polen hiess das Fest »sasinek« (»zazinek), aus dem Begriffe ž a č = sicheln, ernten). »Pir«. — Dieser in altslavischen Handschriften wiederholt vorkommende Begriff bezeichnete ursprünglich wohl das T otenmahl, später aber Hochzeit, dann jedes F e s t g e 1 a g e. In S. Meisterleins »Nürnberger Chronik« (1488) heißt es: »Als er (Drusus) wider gen Meintz kam, da starb er an der Pestilentz, und ward auf sein Grab gemacht ein pir, das ist ein Form als ein Scheiterhauf von gepachen zusammengeschmelzten Steinen, als man das noch sieht außerhalb der stat Meintz«. — »Pir« bedeutete sonach auch: Scheiterhaufen, Grabdenkmal. Jener Bau ist noch heute erhalten und lautet »Eigelstein«; die sprachliche Lösung dieses Namens wurde vielfach versucht, brachte aber keine glaubwürdige Lösung, Augenscheinlich ist das Grundwort das slavische »igla« (= Nadel), umsomehr als die Chronisten des XV. Jahrhundertes das Denkmal (Pyramide) als »groisse seul bei sent Jacobsberge« anführen. Uebri-gens befindet sich in Rheinhessen ein ähnliches Denkmal bei »Hiegell«, Ž, Pogača, — Darunter verstehen die Slovenen das Aschenbrot, den Kuchen, ein niederes Weissbrot, auch das Patenbrot. Dieser Begriff, wie überhaupt sehr viele slavische Originalbezeichnungen für Mehlspeisen, sind dann in andere Sprachen, und namentlich in die deutsche nahezu unverändert übergegangen, Unter den Abgaben an das Kloster Göss in Obersteiermark hatten die Bauern, wie dies vom XV. Jahrhunderte urkundlich belegt ist, als Küchendeputat »pogače« abzuführen. Der Ausdruck ist jedenfalls noch aus jener Zeit übernommen worden, als noch sloVeni-» sehe Bauern Untertanen jenes Klosters waren. V. »Preje«, — So nennen die Slovenen in Venetien, die »Rezijani«, von altersher: die Schnalle. Der Begriff ist richtig aus »prijeti« = anfassen, erfassen, zusammenfügen gebildet. Es ist dies sprachlich eine äusserst subtile Unterscheidung, denn hier bewerkstelligen ein oder mehrere Dorne das Zusammenfassen zweier Endstücke, während es sich bei »spona« (= Spange) lediglich um die Herstellung der Verbindung mit einem Haken in eine Oese, Nut oder ein entsprechend angepasstes Lager handelt. — Die Böhmen gebrauchen hiefür den Begriff »prezka«, der sonach mit x-preje« die gleiche Wurzel hat. K. »Prestol«, — Dies ist wohl die älteste und auch sprachlich am richtigsten konstruierte Wertform für die Bezeichnung Thron, eigentlich Ueberstuhl im Slavischen, Der Begriff findet sich auch in der Umschrift des Muttergottesbildes von Donauwörth vor. Z. »2vajga«, — So benennt der untersteierische Slovene eine Herde, d. i. Tiere verschiedenster Gattung, wie z. B. Ochsen, Kühe, Kälber, Schafe, Ziegen vereinigt. Auch Hühner verschiedenster Art, wie: Gänse, Enten, Haus- und Truthühner werden, wenn sie zusammen sind, als »zvajga« bezeichnet. Derselbe Ausdruck kommt auch im Deutschen vor; »Swaig, Schwaig« ist eine Alpenwiese oder ein Alpenweideplatz, »Schwaiger« ~ der Senner, der Besitzer einer Viehherde auf der Alpe, wo tatsächlich der gesamte" Pferch zusammenweidet. — Der Begriff ist schon in den ältesten Urbarien zu finden. In Pletersniks slovenisch-deutsches Wörterbuch wurde er nicht aufgenommen, weil er jedenfalls als ein Germanismus angesehen wurde. 2, (Fortsetzung folgt.) Wissenschaftliches Allerlei. Zur Etymologie: Wien. Auf Seite 8 wurde ausgesprochen, dass der Name »Wieden«, der sich im Namen des IV. Bezirkes in Wien erhalten hat, mit dem Namen »Wien« nicht identifiziert werden dürfe, da er den Begriff »videm« zur Grundlage habe. Für diese Behauptung spricht auch ein Bild des Wiener Stadt-Museums, das den Vizeleutnant der Wiener Bürgergarde des »Widemviertels« darstellt, und aus dem J. 1661 stammt. Die Entstellung des Originalnamens »Videm« in »Wieden« ist sonach noch recht jungen Datums. V. S. »V erlassen, verlassen bin i.« Von allen Kompositionen des unlängst verstorbenen Thomas Koschat wurde bei den Deutschen das Lied: »Verlassen, verlassen bin i« am bekanntesten und beliebtesten. Die Lieblichkeit und Weichheit der slovenischen Volksmelodien herrscht in allen Liedern Koschats vor und fand in diesem Liede einen besonders charakteristi- sehen Ausdruck. Da aber die Deutschen gerade dieses Lied für eines ihrer schönsten Melodien halten, folge nachstehend eine kurze Berichtigung, denn dieses Lied, das von Koschat lediglich ohne weiteren Kommentar in die deutsche Welt eingeführt wurde, stammt offenkundig aus dem reichen slovenischen Volksliederschatze. Koschat wurde als Sohn slovenischer Eltern in Vetrinje (Vik-tring) in Kärnten geboren, entfremdete sich aber durch die Volksschule seiner Muttersprache vollkommen, fühlte sich daher auch niemals als Slovene. In seiner Jugend hörte er nun die schönen slovenischen Volkslieder, welche er dann in verschiedenen Formen der Oeffentlichkeit übermittelte. — Die Melodie zu unserem Liede muss schon uralt sein. Die Tradition weiss nur mehr, dass das Lied um das Jahr 1850 noch im Rosentale von den Slovenen allgemein gesungen wurde, und habe zu jener Zeit der Pfarrer Franz Treiber in St. Jakob im Rosentale den Text zur Melodie gedichtet. Die erste Strophe lautet: „ »Zapuscen, zapuscen sem jaz Kakor kamen na potu, Vse zogne se me.«*) Es scheint aber eher, dass der genannte Priester hier nur einen älteren Text umdichtete, um den erotischen Zug des Originales aus-zuschliessen und doch die herrliche Melodie verwerten zu können. Von Koschat ist aber die Melodie selbst sicherlich nicht, da er damals noch ein Kind war (geb. 1845). Vielleicht finden die Sammler und Interessenten des slovenischen Volksliedes in Kärnten noch ältere und bestimmtere Daten hiezu, denn dass die slovenischen Volkslieder schon vielfach eine fremde Fabriksmarke tragen, ist den Slovenen durchaus nicht unbekannt. Möglicherweise findet sich im enormen Sammelmateriale für die grosse Ausgabe der slovenischen Volkslieder, die schon i. J. 1895 begonnen und in etwa 5 Jahren beendet sein wird, etwas Weiteres aus älterer Zeit darüber vor. M. K. Die Schicksale slavischer Altertümer. Ueber den Vandalismus mit slavischen Altertümern hört man von Zeit zu Zeit gar wunderliche Dinge. — Da fand man vor wenigen Jahren in Oberitalien prähistorische Gräber, die jedoch nur Urnen ohne welche Beigaben enthielten. Der archäologische »Fachmann«, *) Verlassen, verlassen bin ich, wie der Stein auf dem Wege, Alles weicht mir aus. der sich die Fundobjekte angesehen, bemerkte wohl, dass »die Urnen ringsherum ein Band mit Kratzereien aufweisen, die einer Runeninschrift sehr ähnlich sehen«; da sich aber diese Urnen von den sonstigen Vorgefundenen in nichts wesentlich unterschieden, wurden sie alle zertrümmert und weggeworfen. Dass aber gerade die Runen-kratzereien für die Wissenschaft in diesem Falle den Hauptwert haben, daran dachte der Mann gar nicht. War es aber wirklich eine Runeninschrift, was doch vorerst festzustellen war, so enthielt sie mit grosser Wahrscheinlichkeit einen slavischen Text, wie alle älteren in Italien gefundenen und bisher als »etrurisch« oder »rhätisch« bezeichneten Inschriften. Noch krasser ist folgendes Vorkommnis: Am Ufer des Flusses' Luga des Gouvernements St. Petersburg gruben im Vorjahre Arbeiter eine steinerne Statur aus. Dieselbe war ungewöhnlich gut erhalten, nur die Nase war etwas beschädigt und ein Arm war abgebrochen. Im rechten Auge war ein goldener Ring zu sehen. Die Arbeiter verwahrten einstweilen diesen Fund bei einem Bauer des Dorfes Kuzemkino. Dieser führte jedoch die Statue heimlich in der folgenden Nacht wieder zum Flusse und warf sie dort ins Wasser mit der Begründung, es könne im Hause eines Christen doch kein solches heidnisches Götzenbild geduldet werden. — Hoffentlich wird jetzt nach dem Bekanntwerden dieses Vorfalles von wissenschaftlicher Seite etwas weiteres in dieser Sache geschehen, denn die Statue kann doch nahezu mit voller Sicherheit als eine solche russischen Ursprungs angesehen werden. O. C. Zusatz d. Red, Es ist durchaus nicht verwunderlich, wenn sich ein Mindergebildeter derlei Vandalismen schuldig macht, nachdem sich auch Gebildete bei ähnlichen Anlässen oft nicht würdiger verhalten, Unsere Redaktion hat sich im Laufe des Bestehens unserer Revue wiederholt an Museen mit der Bitte um eine Photographie oder eine einfache Skizze irgendeiner alten Inschrift — gegen vollen Kostenersatz — gewendet, aber meist ohne Erfolg, denn schon die Ahnung, es könnte da ein glaubwürdiger slavischer Text herausgelesen werden, scheint eine gewisse Zurückhaltung oder Aengstlich-keit verursacht zu haben. — So wurde z. B. i. J. 1913 nächst Aosta (Oberitalien) ein männliches Skelett aus der Bronzezeit gefunden, dem mehrere Bronzeringe mit verschiedenen eingravierten Inschriften beigegeben waren. Der Fund kam sodann in das Museum nach Turin. Obschon es nun vom allgemeinen wissenschaftlichen Interesse sein muss, den Inhalt der Schrift zu entziffern und die Lösung tun- liehst vielseitig anzustreben, blieb unsere Bitte um eine Kopie der Inschriften zu Lösungsversuchen kurzweg unbeantwortet. Der neue Kurs, wonach nämlich die prähistorischen Inschriften und Runen-denkmäler zum grossen Teile slavischen Ursprungs sind, hat die allgemeinen Anschauungen über die Freiheit der Forschung und die Internationalität der Wissenschaft bereits bedenklich irritiert. Prinzip: lieber keine Lösung als eine — slavische. Ein altslavischer Grabfund in Bayern. In Girnitz, Gemeinde Uckersdorf in der östlichen Oberpfalz, wurde vor kurzem bei der Erweiterung der Hofeinfahrt des dortigen Mühlenbesitzers ein frühgeschichtliches Grab entdeckt. Das am oberen Rande des Talhanges gelegene Grab war fast 1 }4 m in die Ver witterungsschichte des anstehenden Felsens eingeschnitten und mit überkopfgrossen Bruchsteinen eines ortsfremden Materials umstellt und bedeckt. Es enthielt bei einem menschlichen Skelette ein gut erhaltenes Eisenschwert mit den noch anhaftenden Resten der Holzscheide und einige unbestimmbare Eisenstücke, vielleicht dem Griffe eines Messers angehörend. Der Fund wurde dem Bezirksmuseum Neunburg übergeben. Von besonderem Interesse ist nun die Klassifikation dieses Fundes in archäologischer Hinsicht, denn sie zeigt in erfreulicher Weise, dass sich die Wissenschaft in Deutschland im grossen ihre Objektivität nicht unter den Füssen wegziehen liess. Die München-Augsburger Abendzeitung vom 25. Juni 1. J. schreibt in dieser Sache: »Der Fachreferent des kgl. Generalkonservatoriums der Kunstdenkmale und Altertümer Bayerns in München bestimmte das Schwert als eine Waffe aus frühromanischer Zeit, Das Grab ist danach etwa in das zehnte nachchristliche Jahrhundert zu verweisen und als slavisch anzusprechen. Man hat es also hier mit einer Bestattung des Friedhofes der altslavischen Siedelung zu tun, von der der heutige Ortsname Girnitz ein redendes Zeugnis ist. Bei einer Augenscheinnahme wurde noch erfragt, dass etwa 50 m vom Grabe entfernt früher schon menschliche Skeletteile gefunden wurden. Offenbar handelt es sich hier um die Reste eines anderen Grabes des nämlichen Friedhofes. So unansehnlich der Fund von Girnitz auch erscheinen mag, so grosse Bedeutung beansprucht er für die Vorgeschichte der östlichen Oberpfalz, denn er ist der erste seiner Art, der nun wenigstens die aus den slavischen Ortsnamen gesicherte slavische Besiedlung dieses Teiles der Oberpfalz im Zeitalter Karls des Grossen und seiner Nachfolger archäologisch bestätigt.« — Man beginnt sich sonach auch in nichtslavischen Kreisen schon mit jener Tatsache zu befreunden, dass es zwischen dem Ortsnamen und demjenigen, der ihn gegeben, unbedingt eine sprachcrganische Relation geben müsse. Ist aber der Name slavisch, so müssen jene, die ihn gegeben, Slaven gewesen sein oder doch slavisch gesprochen haben. Dass aber Slaven sogar schon weit früher in Bayern konstatiert sind, als es dieser undatierte Fund beglaubigt, wissen wir doch auch schon aus bestimmteren Quellen. Gibt doch Paulus Diakonus bereits i. J. 613 die Grenze zwischen den Slaven und Germanen an. Ein Diplom Ludwig d. Deutschen vom 5. Juli 846 spricht von Slaven am Main und an der Regnitz in Bayern (»in terra Slavorum, qui vocan-tur Moinvindi et Radanzvinidi«); i. J. 911 wird Dörfleins erwähnt als »juxta ripam Moni in regione Slavoru m« und ebenso der Ort V i e r e t h »Fihuriod cum ceteris slavienis oppidis«; nach einer Chronik aus den Jahren 1319—1364 diente in der Mark Brandenburg das »aus Slaven und Sachsen gemischte Volk« noch i. J. 817 dem heidnischen Kultus u. a. Quellen. — Es naht sonach auf allen Linien die Morgenröte der Erkenntnis, dass der topische Name doch das verlässlichste Leitfossil für die ethnographischen Rückschlüsse und die Ermittlung der Sprache je ner Bewohner, die diesen Namen gegeben haben, ist und bleibt, daher die toponomische Etymologie auf dieser Grundlage absolut keine Luftspiegelung sein kann. A. A. Hat der »Barbar« Attila Münzen geprägt? In dem einst mitten durch die Stadt Passau führenden Walle (mit Graben), genannt »Römerwehr«, wurde eine vergoldete Silbermünze gefunden. Sie zeigt auf der Vorderseite das Bild Attilas mit der Umschrift »Attila rex« (= König Attila), auf der Rückseite eine Stadt mit der Beischrift »Aquileja«. Dass dies eine an die Eroberung der Stadt Aquileja durch Attila i. J, 452 n. Chr. geprägte Denkmünze ist, kann nahezu als selbstverständlich angenommen werden, denn die besiegten Aquilejer oder die verdrängten Römer haben auf diesen Waffenmisserfolg hin gewiss keine Erinnerungsmedaillen mit dem Bilde Attilas prägen lassen. Mit dem Barbarentum Attilas steht es also nicht so schlimm, wie die Geschichte wissen will, denn wer Denkmünzen an bestimmte Grosstaten prägen lässt, sie sogar mit lateinischer Schrift versieht, den Prozess der Vergoldung u. drgl. kennt, muss folgerichtig auch schon darüber hinaus gewesen sein zu wissen, dass es besser ist das rohe Genussfleisch zu kochen, als es auf dem Sattel mürbe zu reiten u. ä. — Dessen etikettemässige Werbung um die byzantinische Kaisertochter Honoria, die ihm übrigens zuvor heimlich einen Ring sandte und sich ihm als Gattin antrug, ist auch kein Zeichen, dass es da gar so »barbarisch« zuging. Er heiratete schliesslich die Burgunderfürstin Kriemhilde, und wurde die Hochzeit in Wien durch 17 Tage gefeiert. Die deutsche Geschichtsschreibung, die sich da besonders um die Minderbewertung Attilas, der zweifellos ein Slave war oder doch Slaven befehligte, bemüht, setzt damit viel eher die eigene Häuslichkeit in ein kulturtrübes Licht. — In der Völkergeschichte wird daher beim Kapitel: Attila, Hunnen, Slaven eine sehr eingehende Revision platzgreifen müssen,*) M. Büchner. D a s »h eilige Feuer« bei den Südslaven, Im Artikel »Kulturbilder aus altslavischer Zeit« spricht der Verfasser J. Ruzicka (s. »Staroslovan«, S. 129—131) auch von der Heiligkeit des Feuers bei den Altslaven. Dieses Thema behandelte Prof. Vlad, Titelbach (Belgrad) im »Internationalen Archiv für Ethnographie« (Bd. XIII, 1900) unter dem Titel: »Das »heilige Feuer« bei den Balkanslaven« noch eingehender, und sei hier das Wichtigste hievon wiedergegeben. Allen slavischen Stämmen, ohne Unterschied der Kulturstufe, ist das Feuer am Herde des Hauses heilig. Es darf nie mit dem Munde angefacht werden. Die Braut wird beim Eintreten in das neue Heim vom Brautführer dreimal um den Herd geführt; sie muss mit dem Schürhacken das Feuer schüren und dabei sprechen: »So viel Funken sprühen, so viel Hausvieh, so viel männliche Nachkommen sollen das neue Heim betreten!« Der Feuerbock hat in den Bauernhäusern eine seit uralter Zeit gleichgebliebene Form: die eine Hälfte die einer Schlange, die andere die eines Hahnenkopfes oder eines anderen Haustieres. Das Feuer am Herde darf nie ausgehen; es ist das ewige-heilige-Feuer im ganzen Bauernhöfe. Geht das Feuer selbst'aus, so bedeutet dies ein Unglück oder es ist ein Vorzeichen, dass ein Glied der Familie sterben werde. Um das Feuer versammelt sich das Hausgesinde und verbringt unter lebhaften Gesprächen die langen Herbst- und Winterabende, *) Erwähnt ist diese Münze vor allem in Andreas Büchners Werke »Reise auf der Teufelsmauer«, Regensburg 1818, S, 4/III A. — Unser Bestreben zu erfahren, wo sich diese Münze heute befindet, um eine Illustration zu bringen, da doch Attilas Portrait und Darstellung auf der Denkmünze allgemeine Neugier erwecken müsse, blieb erfolglos. Vielleicht weiss jemand aus unserem Leserkreis« etwas Näheres darüber. Am Weihnachtsabende wird das heilige Holzscheit, »badujak--benannt, angezündet, das der Hausvater zuvor mit Wein, Olivenöl und Honig begiesst. Am Tage des hl. Ivan (Johann) werden die Ivansfeuer angefacht und die ganze Nacht unterhalten. Die Dorfjugend versammelt sich hier, tanzt das »kolo« und singt alte Volkslieder dazu. Besonders hochgeachtet ist das »lebendige Feuer«, da es nach dem Volksglauben der Slaven, namentlich jener auf dem Balkan und in den Karpathen, besondere Heilkraft habe. Dasselbe wird auf verschiedene Art erzeugt. Im Šar-Gebirge, dann in Altserbien müssen ein Knabe und ein Mädchen im Alter von 11—14 Jahren das »lebendige Feuer« erzeugen. Sie werden hiezu in eine vollkommen finstere Kammer geführt, wo sie sich aller Kleider entledigen müssen, ohne ein Wort zu sprechen. Nun gibt man ihnen zwei trockene walzenförmige Lindenhölzer, welche sie abwechselnd schnell aneinander reiben, bis sie sich entzünden; an dem so entstandenen Feuer wird nun ein Zündschwamm angebrannt und sodann zu Heilzwecken verwendet. Dies ist die älteste Art des Erzeugens des »lebendigen Feuers« und heute anscheinend schon ganz aus dem Gebrauche, Die Serben im westlichen Mecedonien wenden eine andere Methode an. Man rammt zwei Eichenscheite fest in die Erde und macht am oberen Ende zwei runde Löcher, um in diese ein rundes Lindenholz so einzulagern, dass es leicht in rotierende Bewegung versetzt werden kann. Um den unteren Teil der zwei aufrechten Hölzer wird ein starker Strick gebunden, um das Auseinanderspringen zu verhindern. Nun wird eine primitiv verfertigte Fiedel gebracht, deren Strick um das Lindenholz gewunden wird; durch das Hin- und Herbewegen der Fiedel wird das Rundholz in schnelle Drehungen versetzt, worauf sich der anliegende Zündschwamm beim Zapfenlager entzündet, Prof. Titelbach sah i. J. 1899 im Kosmaj-Hügelland noch eine andere Art der Erzeugung des »lebendigen Feuers«. Zwei Bauern schlugen zwei halbwalzenförmige Hölzer in die Erde und umbanden sie mit einem Stricke. Das Lindenholzstück stemmten sie so dazwischen, dass es mit einem umwickelten Seile durch Hin- und Herziehen in drehende Bewegung gebracht wurde und sich bald an beiden Enden entzündete. In Bulgarien sah er die Hirten das »lebendige Feuer« (»živa vatra«) in der Weise anmachen, dass sie auf einem abgehauenen Baumstamm im Walde ein prismatisch zugeschnittenes Lindenholz, befestigten und quer darüber ein zweites so lange hin und her zogen, bis es Feuer fing. Auf einer Forschungsreise durch Serbien hatte Prof. Titeibach auch Gelegenheit die Prozedur zu sehen, wie man das »heilige« oder »lebendige Feuer« zu Heilzwecken anwendet, — In einem Dorfe grassierte eine allgemeine Epidemie unter den Kindern, welche aber die Landleute aus Vorurteil vor der Behörde verheimlichten, Wir wollen jedoch hier nicht den ganzen äusserlichen Hokuspokus dabei schildern, sondern nur hervorheben, dass hiezu ganz gegen den Gebrauch das Herdfeuer in jedem Hause ausgelöscht wird. Diesmal machen ein alter Mann und ein altes Weib unter gleichen Vorbedingungen, wie dies schon beim jungen Paare geschildert wurde, das »lebendige Feuer« an, an welchem jeder Hausbesitzer dann ein Stück Kohle entzündet und dann damit nach Hause eilt, um das, Herdfeuer von neuem anzufachen. Es scheint sich demnach hier darum zu handeln, dass das »heilige« Feuer am Hausherde aus irgendeinem Grunde minderwertig geworden ist, weil es nicht mehr vor bösen Krankheiten schützt, daher feierlich erneuert werden muss. Es sei noch erwähnt, dass es auf dem Balkan eigene Feuerfabrikanten gibt, die das »heilige Feuer« gewerbemässig erzeugen und Teile desselben um 20 Para (20 Heller) verkaufen, — J. A. Babič. Nachträge zum Artikel: »Untersteiermark, die Urheimat der Gralsage«. Zu dem unter obigem Titel im 2. Hefte verlautbarten Artikel können wir bereits einige Ergänzungen bringen, welche die früheren Behauptungen nur noch weiter bestärken. Es hat sich vor allem herausgestellt, dass ein Priester, namens Johannes, der bei Eschenbach auch eine besondere Rolle spielt, bei der Gründung des Nonnenklosters in Studenice gleichfalls viel genannt wird. Ob sich der Name tatsächlich auf ein und dieselbe Person bezieht, wird sich aber urkundlich wohl schwerlich mehr erweisen lassen. Ferner erfahren alinea 1 und 2 der Seite 119 eine weitere Klärung der dort geschilderten lokalen Verhältnisse durch nachstehenden Text: »Aber auch weitere Lokalitäten am »Salvatsch« stimmen mit den Angaben im Epos »Parcival« (IX Buch) überein. Parcival stösst hier auf einen Klausner, der in einer Höhle (»gruft«) wohnte. Am »Boč« befindet sich tatsächlich die sogenannte »Spelka«-Höhle, doch kann diese hiemit wohl nicht gemeint sein, denn sie ist schon nahe der Kuppe gelegen und dabei so kalt und vom Abtropfen des Gewölbes derart nass, dass jedes höhere Lebewesen darin nicht lange ohne schwere Krankheitserscheinungen verbleiben könnte. Abgesehen vom beschwerlichen Zugang wird daher auch niemand sein Reitpferd in einem so hochgelegenen und nasskalten Raume unterbringen. Weit wahrscheinlicher und natürlicher ist es, dass der Klausner in der Nähe oder gleichzeitig in jener Grotte wohnte, wo auch Parcivals Pferd untergebracht wurde, und durch >— eigentlich neben oder über — welche ein Wasserfall brauste, von dem Eschenbach sagt (IX., 779—780): »das was ein wilder marstal; da durch gienc eins brunnen val«. — Diese Grotte, die sich überraschenderweise wieder an jener Stelle befindet, welche noch heute im Deutschen die Bezeichnung »Steingruft« trägt, liegt tatsächlich dort, wo in einer wildromantischen Waldpartie ein imponierender, aber unbeständiger Wasserfall zu sehen ist. Man beobachtete auch schon wiederholt, dass mit diesem, unmittelbar aus dem »Salvatsch« hervortretenden Wasser Grottenolme ähnlicher Art, wie in der Adelsberger Grotte, zum Vorschein kommen, wenn sie vom Ueberfalls-wasser mitgerissen werden, ein schlagender Beweis, dass das Volk berechtigt ist, im Inneren des imponierenden Gebirgsstockes einen grossen See zu vermuten, daher die reale Bedingung für die Bildung der Lohengrin-Sage hier auch gegeben war, Ueberdies stellt sich die primäre Grundtendenz der Gral- bezw. Parcival-Sage immer weiter als eine anders gefasste Parallele der paradiesischen Legende: das Weib als Verführerin des Mannes heraus, dem gerade der Einfältige hier nicht unterliegt, nur wurde dieser didaktische Satz in der Folge durch die vielen Troubadoure wie Kommentatoren immer weiter vom Hauptwege abgezogen und auf diese Art aus dem Gesichtskreise verloren. M, Z. Zur Sitte des Bartflechten s. Man glaubt allgemein, dass die Sitte des Bartflechtens aus dem alten Oriente erst nach Europa gelangte, und dass sich hiefür nur in französischen oder unter dem französischen Einflüsse stehenden Dichtungen Belege finden. Dieses stimmt jedoch nicht, denn der Araber Ibn-Haukal (X. Jahrh.) erzählt, dass sich die Russen entweder rasieren, oder sie flechten den Bart. Aber auch bei den österreichischen Slaven musste diese »barbarische« Sitte in den besten Kreisen in Gebrauch gewesen sein, denn es hat sich doch das Bild eines Mitgliedes der bekannten krainischen Heldenfamilie, des Hofkriegsrates des Kaisers Maximilian II. Andreas Ravbar (Räuber) erhalten, welches zeigt, dass das Bartflechten auch bei den Slovenen gebräuchlich war, wenn dies eben ein besonders üppiger Bartwuchs erforderte. Mit dem beigegebenen Bilde ist auch die bisherige Annahme, dass man den Bart immer in einen Zopf flocht, zerstört, denn Ravbar hat denselben in z w e i Zöpfe geteilt. Um in der Bewegung nicht behindert zu sein, trug er die Spitzen am Gürtel befestigt. Andreas Ravbar (Räuber). Das Geschlecht der Ravbar zeichnete sich in auffallender Weise durch eine abnorme Körpergrösse und eine ganz ungewöhnliche Körperkraft aus. Andreas war angeblich noch drei Ellen höher, als sonstige normale Männer; er riss ein Hufeisen mit Leichtigkeit auseinander, und erschlug einst einen jüdischen Riesen, der ihn zum Kampfe herausforderte, mit einem einzigen Faustschlage. A, P. Das Klar a-K loster zu Ribnitz in Mecklenburg, Eine Nonne des St, Klara-Ordens verfasste (1912) eine Monographie des ältesten Nonnenklosters zu Ribnitz im Mecklenburgischen, Scheidet man vom Inhalte jene Stellen aus, die als rein geistliche oder fromme Betrachtungen zahlreich eingeschaltet sind, so bleibt immerhin für die Religionsgeschichte des alten wendischen Volkes daselbst ein anschauliches und beachtcnswei tes historisches Bild übrig, das einen Wert hat, da es sich fast durchwegs auf archi-valische Quellen, wörtliche Zitate sowie ältere Schriftsteller stützt. Dass die Verfasserin im Nonnenhabit dabei vieles unkritisch wiedergibt, ja, sich mitunter in gewagte Exkurse zur slavischen Etymologie begibt, entwertet nichts an der Hauptsache. Sehr wissenswert, da frei und vorbehaltlos erzählt, ist für die slavischen Leser schon das Kapitel über die gewaltsame Einführung des Christentums im Lande der Obotriten, das wir nachstehend, textlich gekürzt, zur weiteren Kenntnis bringen. Es war zur Zeit der Kreuzzüge. Kaiser Konrads III, (1138—1152) Heerzug ins gelobte Land verlief resultatlos und brachte Deutschland nichts als Verluste; jedoch zur gleichen Zeit rüsteten die norddeutschen Fürsten auch zum Slaven-Kreuzzug, der sogenannten Wendenfahrt (1147—1149). Auf Betreiben des hl. Bernhard und unter Zustimmung des Papstes Eugen III. sollte sich am 29, Juni 1147 zu Magdeburg das Kreuzheer sammeln, um das wendische Land zwischen der Eider, Elbe und Ostsee zu erobern, von dem Helmold (XII. Jahrh.) darlegt, dass es ehemals ein wüstes, mit Wäldern und Sümpfen bedecktes Land, voll von Schrecknissen, gewesen sei. Ein Feldzug gegen die Wenden war daher mit grossen Schwierigkeiten verbunden, da sich die aller Zivilisation baren Heiden in ihren dichten Wäldern, gedeckt durch Gewässer und Sümpfe, vorteilhaft verschanzen konnten. Zu jener Zeit herrschte Niklot über die Wenden, und diesen heidnischen Herrscher, der als tapferer und schlauer Kriegsheld bekannt war, galt es vor allem unschädlich zu machen. Um dessen Land zu erobern und für das Christentum zu gewinnen, verbanden sich die Sachsen mit den Dänen, umsomehr als die Obotriten ständige Verheerungszüge unternahmen, Niklot die Stadt Lübeck niederbrannte und Einfälle in das Gebiet Heinrichs des Löwen, des Herzogs von Sachsen und Bayern, machte. Ein Heer von 40.000 Mann zog nun gegen Niklot, richtete aber diesmal nichts aus, da er sich in der verschanzten Stellung von Dobin (am Schweriner-See) tapfer hielt, und obendrauf i. J. 1148 mit dem Dänenkönig Sven einen Frieden schloss. Ein zweites Kreuzheer von 60.000 Mann brach endlich i. J. 1160 den Widerstand. Niklot fiel hiebei, und über seinen Sohn Pribislav, den letzten eigenen König der Obotriten, siegte vier Jahre später Heinrich der Löwe. Pribislav Hess sich sodann i. J. 1166 mit vielen seiner Getreuen taufen, Jene Wenden jedoch, die sich weigerten das Christentum anzunehmen, wurden ausgewiesen, oder sie flohen schon früher, begaben sich in die Knechtschaft nach Pommern, oder wurden als Sklaven von den Böhmen und Polen angekauft. An der Stelle, wo Pribislav getauft wurde, Hess dessen Gemahlin Vojcislava ein Kloster erbauen, das nun die erste slavisc.h-christliche Missionsstation am mecklenburgischen Boden war. Nach dem Tode Pribislavs (1178) wurde ein Teil der Wenden dem neuen Glauben abtrünnig, überfiel das Kloster, tötete alle Mönche und brannte das Kloster nieder.1) Aber schon i. J. 1186 zogen neue Mönche ins Land und bauten das Kloster Doberan auf, das etwas näher an dem Meeresgestade lag.* 2) — Schon i. J, 1171 Hess der Lehnsherr Gunzelin I. zu Dobin einen Dom erbauen, »einen Ziegelbau im wendischen Verband nach polnischer Art«. Nebst anderen Mönchsklöstern, wie z. B. das i. J. 1226 vom. Herzog Borvin II. gestiftete Güstrov3), entstanden auch 6 Frauen-Abteien; aber speziell zu einem St. Klara-Kloster kam es erst in Rib-nitz i. J. 1323. Ribnitz, urkundlich »Ribbenizze« geschrieben, Hegt am Ausflusse der Recknitz in die Ribnitzer-Strandseen und war schon im XIII. Jahrhunderte ein Burgflecken. Burg und Ort waren mit Mauer und Wallgraben umgeben. Die Burg selbst, »Curia« genannt, war oft, wenigstens auf kurze Zeit, Residenz der obotritischen Fürsten.4) — *) Im »Mecklenburgischen Urkundenbuch« heisst es in der Urkunde Nr. 152: »per insultem Slavorum«. ä) Die Verfasserin meint, der Name »Doberan« rührt vom slavischen »dobra matka« gute Mutter). Tatsächlich bedeutet es, gewöhnlich in der Form »Do-bran, Dcbran«, einen befestigten Punkt, eine Schutzstätte. — In einem Verzeichnisse des Klosters Ebrach heisst es: »Abbatia de Doberan in Sla-via prope Rodeslock . . .«. 3) Die geistliche Verfasserin meint der Ortsname habe »gusteru« (= Eidechse) zur Grundlage, bedeute sonach: Eidechsenort. Die vergleichende topische Etymologie weist auf »kost«, d. i. ein befestigter Ort, denn schliesslich waren alle älteren Klöster befestigt, also eine Art Burgen. 4) Die Verfasserin meint, der Ort »Ribnitz, Ribnica« habe den Namen von »riba« (“ Fisch), weil man hier Fischerei betrieb. Derselbe Ortsname wiederholt sich aber oft in Gebieten ohne diese Vorbedingungen. Der Etymologie nach bedeutet der Name etwa: Grenzort (riv, riva = Ufer, Grenze; der Reif, d. i, Umgrenzung, daher die deutschen Formen oft: Reifnitz, Reifnigg u. ä. lauten. Die ferneren Schicksale dieses Klosters bieten über die Lokalgeschichte hinaus kein weiteres Interesse mehr, — Ob dieses Kloster noch slavisch war, ist nirgends ersichtlich; augenscheinlich war es aber schon deutsch, da das erste Frauen-Konvent von Weissenfeld in Thüringen berufen wurde. Ein sichtlicher Widerspruch ergibt sich zwischen der Schilderung der »aller Zivilisation baren Heiden in ihren dichten Wäldern und Sümpfen u. s, w.«, denn zur Zivilisation in jener Zeit gehört bereits eine selbstbewusste militärische Organisation eines Volkes, die hier unbedingt vorliegt, wenn ein gut bewaffnetes Kreuzheer von 40.000, später sogar 60.000 Mann gegen dasselbe so schwer welche Erfolge erzielt. Sie hatten auch Festungen, wo sie sich vereinigt dem Feinde entgegenstellten. Wer aber dies noch nicht als ein Kriterium der Zivilisation ansieht, betrachte sich noch die Funde in den altwendischen Gräbern daselbst, welche Bronzeidole mit prächtigen Reliefarbeiten, Dolche mit reich verzierten Goldgriffen, schön modellierte Teller mit allerlei Figuren, Münzen, alles reich mit Inschriften versehen u, a. m. enthalten. Unter solchen Voraussetzungen kann man wohl nicht mehr mit Berechtigung von einer Kulturlosigkeit jener Völker sprechen. Desgleichen enthält die Tendenz dem Andersgläubigen die Segnungen der christlichen Religion zuteil werden zu lassen, eine wenig vorsichtige Verschleierung eines offenen Eroberungszuges, wenn die Glaubenssendung sozusagen »aus Versehen« von 60.000 Mann begleitet wird. Ueberdies ist es bekannt, dass zu jener »Wendenfahrt« schon i. J. 1108 der Aufruf erlassen wurde, doch kam es erst 39 Jahre später zur Realisierung, da man sich militärisch noch viel zu schwach fühlte. — Solche Christianisierungs-Kriegszüge, denen die Religion lediglich zur Folie diente, um den Teilnehmern einen gewissen Siegeslohn und Beuteanteil durch Eroberung und Wegnahme des fruchtbarsten Grundes und Bodens in dem neuen Gebiete zu sichern, waren damals nichts Seltenes; und was auf diese Weise noch nicht erreicht wurde, das besorgte später noch der deutsche Ritterorden. Der eigentliche Zweck und die Ausführung stehen aber da überall im argen Widerspruche, denn, dass das Obotritenvolk bei dieser Christianisierungsmethode nicht nur die persönliche und politische Freiheit, dann Hab und Gut sowie zugleich auch die Muttersprache verlor, sieht recht wenig einem »frommen, gottgefälligen Werke« ähnlich. K. Vanek. Wissenschaftliche Fragen und Antworten. Hier werden ausschliesslich solche einlaufende Fragen veröffentlicht und fallweise beantwortet, die das Gepräge eines breiteren wissenschaftlichen Interesses tragen. Frage 6. — »Prasnä bräna«, — Von mehreren Seiten wurde die Eventualität erwogen, ob die Bezeichnung »Prasnä bräna« (S. VÜ) nicht etwa als >,Pulvertor« (st. »Grenztor«) aufzufassen sei, Antwort. — Eine apodiktische Entscheidung, ob dieser oder jener Umstand bei der Namenbildung massgebend war, ist heute allerdings schwer zu treffen, doch deuten alle Nebenumstände dahin, dass der erste Ausleger recht zu haben scheint, Hiefür spricht Folgendes: wir wissen einmal nicht, seit wann dieses Tor schon besteht; es kann ja auch bereits älter sein, als unsere Annahme der Einführung des Schiesspulvers für Kriegs- oder Sprengzwecke (Ende des XIV. Jahr-hundertes). Weiters ist es ausgeschlossen, dass jemand den Pulverbedarf für eine Festung in einem Torturme aufbewahren wird, denn dies wäre das militärisch Ungeschickteste, was man in dieser Hinsicht tun kann. Geht nämlich ein Pulverdepot, das nicht einmal irgendwo in der Umfassungsmauer untergebracht werden darf, im Falle einer Explosion in die Lufl, so entsteht eine Bresche, die bei einem Tore, wo ohnehin schon die notwendige Oeffnung die Verteidigung schwächt, umso gefährlicher ist. — Der Name müsste allerdings richtig »Praznä bräna« geschrieben werden. — Die Lokalhistoriker finden vielleicht über die Anfänge dieses Tores welche weitere Daten; möglicherweise war dies auch jenes Tor, bei welchem Herzog Oldrich i. J. 1004 durch eine Kriegslist Prag überrumpelte. Frage 7. — Offizielle Richtigstellungder Ortsnamen. — Von mehreren Seiten liefen Ermunterungen ein, wir sollen im Sinne der auf Seite 165 gegebenen Vorschläge weiter wirken.' Antwort. — Für die Richtigstellung der Ortsnamen im sprachlich-historischen Sinne wird unentwegt gearbeitet; wenn aber all dies Bestreben in der Praxis unwirksam bleibt, so ist dies nicht unsere Schuld; das weitere ist Pflicht der Gemeindevorstehungen und politischen Faktoren; wir geben lediglich die Aufklärung an die Hand; unsere Arbeit hört aber bereits in jener Zone auf, wo die Wissenschaft das Gebiet zum Politikum streift. Wir glauben daher damit, dass wir mehrweniger drastisch auf die Inkonsequenz und Gedankenlosigkeit bei Schaffung von topischen Doppelnamen aufmerksam machen, unsere Mission bereits erfüllt zu haben. — Es möge hier vor allem der Unterschied beachtet werden, weshalb in Galizien, Bosnien, Dalmatien doch nahezu überall ein einziger Ortsname genügt, und weshalb nicht in den böhmischen, slovakischen, oder sloveni-schen Gebieten, wo so oft von der Gemischtsprachigkeit der Bewohner gleichfalls keine Rede ist? — Versuchen wir es da mit überzeugenden Beweisen zu wirken. Der Böhme fährt z, B, von Wien nach »Hulin«, der Deutsche jedoch nach »Hullein«; ein Deutscher und ein Böhme fahren von Wien nach »Berlin«^ aber keiner nach »Berlein«; weshalb nun dieser Unterschied? — Wir wissen doch sehr gut, dass »Hulin« ein alter, zweifellos slavischer Begriff ist; wir wissen aber dies von »Berlin« auch, denn der Name hat sein Aeusseres seit der Zeit, als er noch einer altwendischen Ansiedlung beigelegt war, noch in keiner Weise geändert. Die Hauptstadt des Deutschen Reiches kann also ohne jede sichtbare Einbusse des nationeilen Ansehens noch heute unverändert den altwendischen Namen »Berlin« führen, das reinböhmische Landstädtchen »Hulin« aber nicht!? — Von »Hullein« fährt der Deutsche dann nach »Kojetein«, der Böhme nach »Kojetin«, aber beide nach »Vsetin«! — Und was hat der Deutsche damit profitiert? Nichts, denn »tin, tyn« heisst im Slavischen: U m-friedung, abgeschlossener Raum; im Althochdeutschen bedeutet es als »ting« auch noch im Prinzipe dasselbe; die deutsche Ortsnamenbildung hat demnach weder eine geschichtliche noch eine sprachliche Berechtigung, — Von demselben »Hulin« fährt der Böhme nach »Kotojed, Postoupek, Zdounek«; der Deutsche auch. Aber nun kommt der Gallimathias: der Deutsche gebraucht diese sprachlichen Akkusativa gleichzeitig auch für den Nominativ, der in der Wirklichkeit jedoch »Kotojedy, Postoupky, Zdounky« lautet; die S t a t i o n s a u f s c h r i f t e n sind also hier böhmisch im Nominativ, deutsch im Akkusativ angebracht. Was dieser Stumpfsinn bezwecken soll, bleibt wohl für jedermann ein Rätsel. —- Würde da endlich und allen Ernstes die so natürliche Vereinfachung der Ortsnamenformen angestrebt werden, so kann man wohl schon heute sagen, dass es da keine seriöse Behörde auf der Welt gibt, die nicht selbst einer solchen reellen Vereinfachung alle Hindernisse hinwegräumen würde, und auf diese Art könnte dann die Arbeit systematisch auch von leichteren zu schwieriger erkennbaren Fällen übergehen. Freilich muss man aber hiezu auch die ältesten Namensformen zuvor verlässlich kennen, was in jenem Falle als erwiesen anzusehen ist, wenn auch die Etymologie des Ortsnamens der Lokalität entspricht, denn der Name selbst birgt nahezu immer auch die Entstehungsgeschichte der betreffenden Lokalität in sich. Weshalb soll aber nun diese lokale Urgeschichte durch eine sinnlose Verballhornung des topischen Namens verderbt oder verdunkelt werden, und noch dazu von demjenigen, dem das sprachliche Verständnis hie-für überhaupt fehlt! Bibliographie. Alle einlangenden Werke werden grundsätzlich mit Titel, Verlag und Preis angeführt; jene, welche altslavische Themata berühren, auch kurz besprochen, eventuell noch später eingehender gewürdigt. — Unaufgefordert zugesendete Werke werden nicht zurückgestellt. Rechet Carl, Völker, Vaterländer und {¡Fürsten. Ein Beitrag zur Entwicklung Europas. — Lothar Joachims Verlag, München, 1913. — Lex., VII 479 mit 6 Kartenskizzen, einer Bildertafel und 19 Textfiguren. — Preis geh. 12 K, geh. 14'40 K. Die Beziehungen zwischen den natürlichen, kulturellen, sprachlichen und politischen Grundlagen unserer Völkergemeinschaften sind heute ein Hauptthema des Denkens aller Gebildeten, die durch wissenschaftliche Betrachtung der vergangenen wie gegenwärtigen auf kommende Bildungen zu schliessen sich bestreben, und in diesem Sinne übernimmt der Autor dieses Werkes objektiv die Führung. — Im IX. Abschnitte (S. 200—221) widmet der Verfasser seine Betrachtungen im besonderen den Slaven, und man muss es vorweg sagen, auch in einwandfrei vornehmer Weise. Er befindet sich zwar auch noch im Schlepptau der Völkerwanderungstheorie im allgemeinen, aber es scheint, dass ihm dies auch schon logisch nicht mehr recht in das grosse Gefüge passte, denn auch ihm fällt es auf, dass kein äterer Schriftsteller etwas Diesbezügliches auch nur andeutet, und weist überdies auf jene Quellen hin, welche die Slaven für einen uralten europäischen Völkerzweig ansehen. —Wir führen hier nur eine Stelle (S. 107) wörtlich an, welche über das slavische Renegatentum in historisch-sozialer Hinsicht so spricht, wie eben nur ein ehrlich denkender Deutsche, der den Mut besitzt, die nackte Wahrheit auszusprechen, seine Ueberzeugung zu Papier bringen kann. Nachdem er zuvor kurz dargelegt, was der Slave, sein Blut und sein Wesen für den Aufbau der deutschen Nation bedeuten, wodurch sein Stamm allein schon zu einer »Grundlage unserer modernen Gesellschaft« (Gobineau) wurde, sagt er: »Die Ungunst der politischen Lage lässt es kaum erhoffen, dass das ehemalige Verhältnis zwischen beiden Rassen (der slavischen und deutschen) unbefangen betrachtet und untersucht werde. Niemand hasst den Slaven heute bitterer als der germanisierte Slave, der Deutsche, in dessen Blut der slavische Anteil vielleicht jeden anderen überwiegt. Man könnte fast die Regel aufstellen, dass dieser kalte, instinktive Hass, den die Gegenseite mit gleicher Kraft erwidert, in den deutschen Stämmen so ziemlich in dem Masse zunimmt, als ihnen selbst slavisches Blut beigemischt ist, ein Verhalten, das übrigens den Mischling überall auszeichnet, der, um seine »Reinheit« darzutun, stets die Rasse des einen Elternteiles verleugnet oder desselben doch nur ungern gedenkt.« In allen seinen Darlegungen tritt das Bestreben des Verfassers nach geordnetem, ruhigen Schauen und Erfassen sichtlich hervor. Er hält konsequent jenen Weg ein, den Jeder gehen kann, der das Leben nicht zwecklos dahinfliessen sieht, und dessen Liebe zu seinem Lande und seinem Volke nicht zugleich den Hass, die Herabsetzung und nimmerendende Feindschaft gegen andere Länder und Völker unseres Kulturgebietes zur Voraussetzung hat. Das Werk wird Viele zu neuem Nachdenken anregen, denn es räumt mit manch altem, tief eingewurzeltem Irrtume auf und sucht manches zu beseitigen, was uns bisher als Dogma gegolten. Der echte wie der falsche Slave, sie beide finden in dem Werke so manche kräftig unterstrichene und beherzigungswerte Stelle, aber der Slave wie der Deutsche müssen sich endlich einmal dazu entschliessen, auch unangenehme Wahrheiten anhören und ertragen zu lernen. — Werke solcher ethischer Bedeutung benötigen wir bereits auf vielen Gebieten. Dr. 0, Jahn. 'Galwinkler ‘S’heo, cWunschland. S)es Qrales erste Spiegelung. — Xenien- Verlag, Leipzig, 1914. — 160 S., Preis K 2'40. Obige Arbeit umfasst das bretonische Gralmärchen und verwandte Gedichte. — Während ansonst in der Grallegende P a r c i-v a 1 die Hauptrolle spielt, tritt hier P e r o n n i k als »reiner Tor« an dessen Stelle. Auch hier sehen wir ein sympathisches Dümmlingsmärchen, welches sich in der französisch-keltischen Bretagne herausentwickelt hat, und in deren Brennpunkte die bekannte Leop. v. Schröder’sche Hypothese von den »Wurzeln der Gralsage« steht. Hier erscheint es in deutscher Umdichtung, bleibt aber in seinem neuen poetischen Gewände dem alten (erschienen 1845 in Paris, ist aber in Deutschland noch unbekannt) durchwegs treu, indem es sowohl den naiven Märchenton der bretonischen volkstümlichen Auffassung als auch den mitunter burlesken Charakter der französischen Aufzeichnung Souvestres treffend widergibt, und nur dort eigene Wege geht, wo die Sprache unzureichend ist, irgendeinen urwüchsigen Begriff in gleicher Prägnanz zu formen. Wie der Verfasser schon im Vorworte sagt, führt er den Leser in eine unbekannte Welt vieltausendjähriger Naturmythen ein, denn der Urvorstellung von hl. Grale scheinen schon indische Ritualgesänge, germanische Edda-Lieder und kelto-slavische Märchen zugrunde zu liegen, doch ist es einstweilen schwer, hier über den Anteil der einzelnen Einflüsse auch nur approximativ ein Urteil abzugeben. Auffallen muss jedoch dem Slaven der Name des Märchenhelden »Peronnik« als Sohn »Peruns«, weil »Perun« ein bekannt slavischer Name ist, und »Peronnik« nur ein Patronymikon zu sein scheint. Unter »perjanik« versteht der Kroate heute den Leibgardisten; es scheint daher, dass der Name slavischen Ursprungs ist, — das j ist im Französischen naturgemäss ausgefallen —, und ursprünglich auch: Wächter, Kämpfer, Beschützer (des Grales) bedeutet haben mag. — Alle, welche die Gralsage in der Fassung Chrétiens, Eschenbachs, Wagners u. a. tiefer interessiert, können an diesem anmutigen bre-tonischen Gralmärchen, das hiemit in einer überaus gewählten Form in die deutsche Literatur übertragen erscheint, nicht achtungslos vorübergehen, denn eigentlich enthält dieses erst eine logisch geklärte Erzählung, welche die anderen, mehr oder weniger verworrenen, wesentlich verständlicher zu machen verspricht. Dr. A. Wisinger. Österreichische Monatsschrift für den Orient. — Herausgegeben vom k. k. österr. Handelsmuseum in Wien (IX i. Berggasse 16). Jahresabonnement: 15 K. Mit dem 40. Jahrgange obiger Monatsschrift, die nun in erweiterter wie erneuter Gestalt zur Ausgabe gelangt, ist auch in der Tendenz derselben ein wesentlicher Fortschritt zur Grosszügigkeit eingetreten. Viele derbe Hammerschläge sind gutzumachen, die von einer kurzsichtigen und engherzigen Politik auf unsere alten kommerziellen Verbindungen im Oriente ausgeführt wurden, damit die wirtschaftliche Gesundung unseres Staates wieder einsetze. Hiezu ist es aber erforderlich Land und Leute, Sprache und Sitten, Kultur und Bedürfnisse derjenigen näher kennen zu lernen, von denen man einen wirtschaftlichen Nutzen heischt. Diese Wertungen hat unsere Monatsschrift sichtlich voll und ganz erkannt und trägt ihnen in einer Weise Rechnung, wie wir sie ansonst in unserem Nationalitätenstaate leider selten wahrzunehmen in die erfreuliche Lage kommen. Die Mitarbeiter sind fast durchwegs Wiener Hochschulprofessoren mit Namen, die in der Welt des Wissens durch die Kraft ihres Geistes und ihrer Feder längst als geadelt gelten. Die Artikel eines Jirecek, Musil, Schröder, Strzygowski, Wessely u. a. beweisen, dass wir es mit ernsten Gelehrten zu tun haben, die vorurteilslos denken, schiiessen und schreiben. Der Aufsatz über »Albanien in der Vergangenheit« muss auch jeden Slaven, der sich für das Altslaventum interessiert, fesseln; jener über »Oesterr. Papyrusforschung« auch jeden Ausländer überzeugen, was wir auf dem Gebiete höchster Forschungsarbeit können und vermögen, wenn wir wollen. Zur Bekräftigung dessen sei nachstehend ein ernstes Wort des Prof. Strzygowski (S. 68) hervorgehoben, der sagt: »Während wir in Oesterreich uns immer gemütlicher, beziehungsweise ungemütlicher in der eigenen Heimat einspinnen und allmählich alle Fühler eingezogen haben, die seit dem denkwürdigen Jahre 1873 nach dem Weltverkehr ausgestreckt worden waren, haben die führenden Gross-mächte mit vereinten Kräften ein ungeheuer grosses Forschungsgebiet für die Wissenschaft erschlossen, das bis dahin für kulturlose Wüste galt, Zentralasien. (Vergl. auch unseren Artikel »Reflexe der altsibirischen Kultur«; S. 166—171). Die Museen von Berlin, London und Petersburg eröffneten Abteilungen, die allen nicht gerade einseitig begrenzten Forschern einen unauslöschlichen Eindruck machen und ganz neue Arbeitsrichtungen auslösen. Wenn man bei uns bisher von diesen Dingen nichts sah und hörte, so mag das als weiterer bezeichnender Beweis für unsere Absperrung in zwei geistige Welten, die klassisch-philologische mit ihren Voraussetzungen, und die historische, auf Westeuropa beschränkte, angesehen werden. Den Bann der dadurch heraufbeschworenen Selbstentmündigung Oesterreichs im Weltverkehre mindern zu helfen, ist die Absicht des vorliegenden Artikels [»Zentralasien als Forschungsgebiet«) usw.« — Diese freimütige Enuntiation muss jeder Weitblickende mit voller Ueber-zeugung bestätigen. Möge nun der Same, den die Monatsschrift ausstreut, reiche Früchte tragen, denn jeder Hellsehende muss mit tiefem Seufzer bekennen, dass wir bisher unsere besten Kräfte für lauter häuslichen Zank und Streit vergeudeten, so dass für positive Arbeit nahezu nichts mehr erübrigte. Wir wünschen dieser vornehm schaffenden Revue eine vorurteilslose, allseitige Beachtung und Würdigung, damit auch in Oesterreich, wo die Lehrkanzel der Weltgeschichte, der besten Lehrerin der Völker, bereits seit Jahrzehnten verwaist dasteht, endlich gross-zügigere Weltanschauungen Eingang finden. J. A. Babic. TAFEL III, (zur Seite 87). Etrurisches Runenalphabet. ,5r»”"v m r ^ hi 1 Hi M / na 71 rNinn n c C n Taq<13 r -ob f 1 1? j.lMSUüMddS / g B aoöH / mm tx y Hfl u r y v K K Jf D > 3l C < 7C x + b -r / t v/LUAU f ( MT® J © oov X \ rt z Anmerkung. Einen Unterschied zwischen etrurisch, oskisch und umbrisch zu machen, scheint nicht angezeigt, da sich ja die Uebergänge nicht fühlbar abheben. Desgleichen wurden die Buchstaben nicht konstant gleich bewertet und ausgesprochen. Runenaiphabete wurden in Caere, Siena, Veji, Botnarzo, Clusium und Nola in Italien gefunden. — Dass alle Buchstaben auf beide Seiten konform gedreht Vorkommen, rührt wohl daher, dass auch die Stempel nicht immer als Negativum erzeugt wurden, daher die Buchstaben umgewendet erscheinen. Schon im Altertume hal man diesen eigenariigen Charakter erkannt; römische Schriftsteller bestätigen uns, dass das Etruskische vom Lateinischen vollkommen abwich und für die Römer gänzlich unverständlich war. Dionysius von Halikarnass, ein Geschichtsschreiber, der zur Zeit der Geburt Christi lebte, erklärt bereits das Etruskische für eine ganz eigenartige und sehr alte Sprache, und die Mehrzahl der Forscher in unseren Tagen ist zu der Überzeugung gelangt, dass alle Versuche weiter nichts dartun können, als dass das Etruskische so isoliert ist wie das Baskische. Wie merkwürdig ist es, dass auf dem klassischen Boden Italiens, von wo aus sich das Lateinische über den grössten Teil der alten Welt ausgebreitet hat, eine so fremdartige Sprache bestanden hat usw.“ — So schreibt also jemand noch im Jahre 1908! — Es ist geradezu ein Rätsel, wieso es möglich war, dass aber dabei absolut niemand auf die Slaven verfiel, obschon diese Oberitalien zum Teile noch heute bewohnen und einst wohl die ganze apenninische Halbinsel bewohnt haben mussten, da verschiedene Momente diese Tatsache glaubwürdig erhärten. Erzählen doch arabische Schriftsteller (z. B. Ibn Haukal, X. Jahrhundert), dass Palermo früher eine zahlreiche slavische Bewohnerschaft mit einem eigenen Stadtviertel hatte; in Syracus hiess die Burg im Altertume „Achradina“ (=ohradina, d. i. Umwallung); die alten Rhätier leben noch immer in den slovenischen „Rezijani“ in Oberitalien; in Nordafrika gab es sogar mehrere Ortschaften, die ausschliesslich von Slaven bewohnt waren, wie in Afrika gefundene Handschriften erzählen u. ä. — Ein ähnlicher historischer Lapsus ist es, wenn man immer liest: die Kroatenreste in Kruc (Aquaviva Collecroce) in der italienischen Provinz Campobasso (östlich von Rom) stammen von einer Auswanderung aus Dalmatien zu Beginn des XI. Jahrhundertes her. Ebensowenig besagt der Umstand etwas, dass in der Kirche in Palata die Aufschrift lautet: „Dalmatiner besiedelten zuerst die Stadt und erbauten diese Kirche im Jahre 1531", denn es können ja tatsächlich mehrere Familien aus Dalmatien hieher übersiedelt sein, aber diese hätten inmitten von ausschliesslich italienischen Bewohnern ihre Sprache gewiss nicht durch 400 Jahre so gut erhalten. Alles dies sind fast ausschliesslich vage Ursprungserklärungen, und sind jene slavischen Reste im gebirgigen Teile der Provinz wie: Monte Mateso, Monte Miletto, Monte Sambuco die letzten Elemente der Urbewohner, die sich ihre Sprache und Eigenart ebenso erhalten haben wie die Basken in den Pyrenäen, die auch kein erratisches Volk sind, oder die Slovenen in den Alpen, weil im Gebirge der nivellierende Ein- Zunkovic: „Slavische Runendenkmäler“. " fluss einer anderen Sprache weniger Angriffs- oder Berührungspunkte findet. Die Sprache verliert aber dabei doch an Originalität und wird an jenen Srenzpunkten am empfindlichsten, wo zwei oder mehrere gleich starke Sprachen zusammenstossen. Ein Paradigma hiefür ist die friaulische oder furlanische Sprache, wo sich am Zusammenstoss-punkte der slavischen, italienischen und deutschen Bewohner eine Verkehrssprache bildet, die eigentlich keine der drei Nationen obsiegen liess, dafür aber allen dreien gewisse Konzessionen machte. Hätte nun dieser lokale Dialekt eine grössere Verbreitung genommen, so wäre er auch als selbständige Sprache angesehen worden; die Sprecher desselben wären nun eine eigene Nation und man müsste wieder zur „Völkerwanderung“ greifen, um sich die Entstehung dieser isolierten Sprache erklären zu können. Nun wissen wir aber auch, dass vor den historischen Römern anderssprachige Völker in Italien wohnten, denn Ticinus (ap. Festum) erzählt doch, dass jene obskisch und volskisch redeten, nachdem sie lateinisch nicht kannten („qui Obsce et Volsce Jabulatitur, nam Latine nesciunt“). Tragen aber die zurückgelassenen Kulturresiduen, die noch durch Ausgrabungen immer mehr vermehrt werden, den slavischen Sprachcharakter, so können die verdrängten oder aufgesogenen Völker nur slavisch gesprochen haben, also Slaven (im modernen Sinne) gewesen sein. Die jüngeren Schriften dieser Provenienz, die auch daran erkennbar sind, dass sie sich den Formen der altlateinischen Schrift schon sichtbar nähern, sind mitunter auch schon von links nach rechts zu lesen; alle älteren müssen aber nahezu grundsätzlich von rechts nach links gelesen werden und sind die Buchstaben oft auch in der Vertikalebene umgedreht geschrieben, sie daher schon äusser-lich die Art der Lesung andeuten. Einige Inschriften sind in der Art der Ackerlinien, wissenschaftlich meist als „buslrophedon“ benannt, zu lesen. Über die Zeit, wann die etrurischen Runen in Anwendung standen, lässt sich nur annähernd sagen, dass sie jedenfalls mit dem Ende der römischen Republik auch ihre Aktualität einbüssten, denn in den im Jahre 79 n. Chr. verschütteten Städten Herculanum, Pompeji u. a. finden sicjh bereits wenige Runeninschriften mehr vor, was aber nur besagt, dass sie eben früher daselbst im Gebrauche standen. Wie alt hingegen die ältesten Denkmäler dieser Art sind, kann wohl niemand nicht einmal auf ein Jahrtausend genau bestimmen, denn man fand z. B. auch Mumien in Ägypten mit Wickelbändern, die mit etrurischen Runen beschrieben waren. Die Zahl dieser Denkmäler hat dermalen schon 7000 erreicht, es ist also ein Beweismaterial so verschiedenster Art vorhanden, das unmöglich einer Zufälligkeit oder bewussten Mystifikationen zugeschrieben werden kann, also zweifellos als altersecht angesehen werden muss; allerdings gehört der grösste Teil dieser Denkmäler sprachlich nicht mehr dem Slavischen an, sondern ist schon teilweise lateinisch oder durch die lateinische Sprache korrumpiert; aber an dem alten Alphabete wurde strenge weiter gehalten. Das auf der Tafel III ersichtliche „Etrurische Runenalphabet“ vermittelt die Möglichkeit der Nachprüfung der nachfolgend erläuterten Denkmäler. Dieses Alphabet darf jedoch durchaus nicht als vollständig oder für alle Fälle als vollgültig angesehen werden, denn ein solches lässt sich erst zusammenstellen, bis alle Denkmäler dieser Art lautlich und textlich verlässlich entziffert sind. Der Sarkophag von Perugia. Bei Perugia (alt: Perusia) wurde ein marmorner, etwa 1 m hoher und noch etwas breiterer Sarkophag gefunden, in dem mutmasslich einst eine hohe Persönlichkeit beigesetzt wurde. Auf einer Breitseite befindet sich in Relief eine nackte männliche Figur, welche Fig. 1. von fünf Kriegern römischer Tracht gemartert, d. h. lebend zerstückelt wird. Die sprechende Szene klärt überdies die angebrachte Aufschrift 'jputin a krul“ (= Statthalter und König), „lpat“ wird im Russischen noch heute als Funktionsname für den Statthalter angewendet; 7* „krul“, sonst „kral, kralj“, ist aber allen Slaven noch immer als Bezeichnung König geläufig. — Tatsächlich spielt sich in der Geschichte Perusias eine ähnliche Episode ab, denn im perusinischen Kriege soll Oktavian am 15. März 40 v. Chr. nach der Kapitulation der Stadt 400 vornehme Perusiner und darunter wohl auch den König, haben martervoll hinrichten lassen. Es ist daher möglich, dass unser Relief am Sarkophage (Fig. 1) direkte an jenes Ereignis anspielt, denn die Stammbewohner Perusias können damals noch nicht latinisiert gewesen sein, und dass dies Patroklos wäre, wie man gleichfalls annimmt, ist ausgeschlossen, da er nicht solchen Todes starb. _ Der Grenzstein von Rocchetta. Beim Dorfe Novi nächst Rocchetta (Mittelitalien) wurde ein Grenzstein mit der Aufschrift „mezu ne munjus“, d. h. „versetze nicht die Grenze“ („meza“ = Grenze; „ne“ = nicht; „munjati" =hin- und herbewegen) gefunden (Fig. 2). — Für jeden Fall entspricht diese Lesung auch dem praktischen Zwecke und der Tendenz desjenigen, der ihn herstellen liess, denn wer auf einem Grenzsteine eine Warnung anbringen lässt, kann nur eine solche dieses 5innes hiezu wählen. Eine solche Belehrung, die nur der Slave versteht, kann aber auch nur dem gelten oder gegolten haben, der sie beachten und befolgen soll, und dazu ist es unbedingt notwendig, dass er 1. dort lebt, 2. lesen kann und 3. diese Sprache auch versteht. Dieses Denkmal sagt uns in den drei Worten ausserordentlich viel über die Sprache und Bildung der damaligen Bewohner jener Gegend. — Tatsächlich wurde der Grenzstein an einem Punkte ausgegraben, der noch heute in der Grenzzone zweier Besitzungen liegt. »Muzina« - Spiegel. Auf etrurischem Gebiete wurden mehrere Metallspiegel gefunden, die alle in der Mitte oder am Rande der Spiegelfläche das Wort „muzina“ oder „mutjina“ (von rechls nach links zu lesen) auffallend gross aufgeschrieben haben. Dieses Wort bedeutete einst augenscheinlich so viel als: „Prostituierte" oder doch etwas organisch Ähnliches. — Das Wort kommt in dieser Form im Lateinischen nicht vor, obschon „muto" (= männliches Glied) eine verwandte Bedeutung hat; hingegen haben die meisten slavischen Sprachen, wie die slovenische in „mošnja", die böhmische in „mosna“ und das Russische in „motnja" (= Hoden, Hodensack) noch nahezu Fig. 3. formgleiche Begriffe. — Die Schrift selbst trägt schon mehr den griechisch-cyrillischen Charakter, obschon die Erzeugung dieser Spiegel sicherlich noch in die Zeit der römischen Republik zu verlegen ist. Man schrieb bisher diese Spiegel Mutina, einer gallischen Stadt zu und meinte, die Aufschrift sei nur die Erzeugungsmarke. Dass diese Annahme unlogisch ist, muss schon der Umstand beweisen, dass keine Fabrik ihren Firmadruck in der Mitte eines Gebrauchsspiegels anbringen wird, und noch weniger schafft sich jemand einen Spiegel an, der durch eine Reklameschrift in seiner Bestimmung illusorisch wird. — Es waren dies wohl Sieckschilder einzelner Hetären, wobei die Aufschrift schon deshalb auffälliger war, weil sie einen spiegelnden Untergrund hatte, was ja heute in gleicher Weise bei Reklame- und Firmaschildern vielfach angewendet wird. (S. Fig. 3.) »Muzina«-Figur. Noch sprechender bestätigt diese Auslegung die in Fig. k abgebildete, eine nackte weibliche Gestalt darstellende Statuette, die mit der Rechten sozusagen regelrecht salutiert, in der Linken aber einen Hodensack hält; die Aufschrift „rnuzina“ („mut-jina") ist vorne am Mittelleibe angebracht. Fig. 5. Die alten Etrusker waren in derlei Dingen äusserst realistisch. Sehr häufig war auch an Freudenhäusern ein männliches Glied in Sieinskulpiur an der Hausecke angebracht. Ein solches Reklamezeichen zeigt z. B. Fig. 5, das auch eine Inschrift trägt, doch ist der Text, der nach dem normalen Alphabete als „tut nita phastiv velka reala ule vetru eruk“ nicht voll verständlich ist, obschon er verschiedene slavische Begriffe enthält, zumal man hier nicht sicher ist, in welcher Reihenfolge die Zeilen zu lesen sind. »Losna«. Auf einem Metallspiegel wurde die in Fig. 6 ersichtliche Darstellung einer weiblichen Gestalt mit der Beischrift „losna“ gefunden. „Losna" bedeutet: die Glänzende; slov. „lose“ = Glanz, Glasur; russ. „losnit“ = glänzen, polieren. — Man hat die Figur als die einer Mondgöttin angesehen, da ihr ein Halbmond beigegeben ist, doch ist dies nicht besonders überzeugend. Fig. 7. Fig. 6. Urne mit der Aufschrift »lacnemi«. Die Urne (Fig. 7) trägt die Aufschrift „lacnemi“ d. h. dem Hungernden, wie der Slovene, Böhme und andere Slaven das Wort noch heute gebrauchen. Man sieht daraus, dass die Urnen sonach nicht nur zur Aufnahme von Asche, sondern auch zur Verwahrung der Wegzehrung dienten, sowie oft auch weitere Gefässe für Getränke, Salben und die Grablampe beigegeben waren. Metallschalen mit Inschriften. ln Italien sind zahlreiche Metallschalen mit Gravierungen und Reliefs gefunden worden, die man allgemein als Trink- oder Opfer- schalen, lat. als „patera“ bezeichnet. Auf der Innenfläche sind meist allklassische Mythologiemotive zu sehen, denen Aufschriften beigegeben sind, die sowohl lateinische wie griechische Götternamen, als auch reinslavische Begriffe enthalten. Fig. 8 zeigt z. B. vier Personen (drei männliche und eine weibliche], die als: L a r a n, Turan, Menrva und A p u 1 in etrurischen Runen beschrieben sind. Die Namen „Menrva“ (Minerva) und „Apul“ (Apollo) sind leicht erkennbar; Laran ist jedoch im Slavischen gleichbedeutend mit Beschützer, wird aber heute nur mehr für einen solchen von wertvollen Schriften, also in der Bedeutung Archivar gebraucht. Im Lateinischen galten die „lares“ auch als Schutzgeister; im Baltischen ist „lar“ gleichbedeutend mit Burg, und galt auch im Griechischen als identisch mit Akropolis (z. B. „Larissa“); im Etruskischen hatte „lar“ die Bedeutung: Herr, Fürst, Herrscher. — „Turan“ ist ein Hoheitsbegriff, der etwa: Kämpfer, Verteidiger, der Starke, der Mächtige bedeutet. Im Keltischen verstand man unter „tur“ noch: Berg, verteidigungsfähig gemachte Höhe; der Befehlshaber eines solchen festen Platzes hiess demnach „turan“, im Griechischen „Tyrannos“, in der deutschen Mythologie „Tyr, Thor." Fig. 9 zeigt gleichfalls drei männliche und eine weibliche Person, die mit „Apulu" und „Zemla“ beschrieben sind; ein weiterer Name, der sich noch sonst wiederholt vorfindet, ist nicht lesbar, d. h. nicht verständlich (vuvluis?); der vierten, sitzenden Gestalt ist kein Name zugefügt. — Neu ist hier der Begriff „Zemla“ (slav. Erde) für die Frauengestalt; es scheint jedoch, dass dies die ursprüngliche Form der mythologischen „Semele" — die zu Staub Gewordene — war, wobei der Slave eine überraschende etymologische Übereinstimmung wahrnimmt, denn „zmeljem“ (= ich mache zu Staube) „semleti“, Fig. 8. rechtfertigt laisächlich den mythologischen Untergang Semeles, denn sie wurde von Zeus Blitze zu Staub verzehrt. — Man muss daraus schliessen, dass die griechische Mythe bereits ein posthumer etymologischer Erklärungsversuch des Namens „Zemla“ ist, denn dieser selbst war im Anbeginne nur der weibliche Hoheitsname des „Sem, Zern". Es scheint also, dass die griechischen Theogenetiker aus den Vorgefundenen Hoheitsnamen der Urbevölkerung unter Mitwirkung der unverstandenen sprachlichen Basis ihren Olymp konstruierten, ebenso wie sich der gleiche Vorgang später bei den Germanen nachweisen lässt. — Fig. 10 zeigt den „Herme“ und die „Menerva", die Fig. II wieder die „Menrka" und einen Genius oder Engel mit der Beischrift „lazaveku". Letzterer Begriff ist wieder ausgesprochen slavisch und bedeutet „laza“, welcher auch in vielen anderen Verbindungen vorkommt, Verkünder, Überbringer, Spion, „vijek" Rat, Beschluss, Entscheidung, sonach ist „lazaveku" = Überbringer einer Botschaft, Verkünder eines Beschlusses o. ä. und ist in allen bekannten Darstellungen als eine Ougendgestalt mit Flügeln zu sehen. (Ver. Hermes = Götterbote.) Fig. 12 stellt Gestalten dar, die — von links nach rechts — als: Eris, Menrka, Herkul, Eris beschrieben sind. — Hier fällt besonders der Name „Herkul“ auf, der etymologisch nur: Held, Führer, Grenzverteidiger bezeichnen kann, wobei “ger“ (oder „her“) die Wurzel bildet, und diese war im Keltischen gleichbedeutend mit Grenze. Die Begriffe: Heros, Herr, Herzog, Kerl, Geront, herec (böhm.), gero (lat.), g erob (slav.) u. a. m. bestätigen dies; desgleichen sind die Namen: Hera, Hermes, Hermas, Hermann, Hermine, Eris, Erka (Herche), Erinnyen u. a. des gleichen Ursprungs. Auch die römische Schwurformel „me Herde“ („mehercle") enthält daher nur die Anrufung eines Mächtigen oder Schützenden. Die Schale (Fig. 13) trägt die Inschriften „turan“ und „akun“. Was letzterer Begriff bedeutete, ist dermalen noch nicht klargestellt; jedenfalls stand er aber einst auch als Hoheitsname in Verwendung, denn in Norwegen hat sich von altersher der Name „Hakon“ als Eigenname für die Könige daselbst traditionell erhalten. Augenscheinlich besteht hier eine sprachliche Verwandtschaft mit den griechischen „hägios“, d. i. der Geheiligte, der Geweihte. — Da die slavischen Sprachen die Vokale „a" und „e“ im Anlaute eines Wortes meiden, dürfte die Originalform wohl „okun“ gelautet haben.. Fig. 13. Schalen dieser Art, die bereits in den Museen und auch bei Privaten der ganzen Welt zerstreut sind, gibt es eine ziemliche Menge. Die erwähnten mythologischen Namen lassen aber den Rückschluss zu, dass sie nicht ganz zufällig mit dem Slavischen Zusammenhängen können, d. h. sie deuten unbedingt dahin, dass sie älter sind, als die Zeit der Kultusblüte der Griechen und Römer, denn in letzterem Falle hätte man doch auch die griechische oder lateinische Schrift angewendet, und sicherlich nicht die Runen. Sind demnach diese Schalen etrurischen Ursprungs, so wohnten schon weit früher, als die Römer mächtig geworden sind, Slaven in Etrurien, die Gottheiten oder hohe Standespersonen dieses Namens verehrten, und da die bildlichen Darstellungen eine hohe Kunstfertigkeit erkennen lassen, müssen diese Bewohner zugleich eine hohe Kultur besessen haben; andernfalls ist es völlig unerklärlich, wie reinslavische, d. h. einzig. nur dem heutigen Slaven verständliche Wörter hier eingraviert worden sein konnten, denn alles Unverständliche kann und darf man doch nicht konstant, so bald es ein slavisches Gepräge annimt, als Fälschung brandmarken. So haben wir bis jetzt ausschliesslich nur den griechischen „Apoll" gekannt, sehen aber jetzt, dass es schon vor der Bildung der griechischen Theogonie bei den Slaven einen „Apul“ in menschlicher Fassung gab, daher er in erstere bereits als fertiger Gott aufgenommen worden sein musste. Wir wissen auch, dass „keltische“ Völkerschaften in vorrömischer Zeit apolloähnliche Darstellungen kannten, denen sie jedoch einen „barbarischen" Namen, wie: Belenus, Grannus u. a. beilegten, wobei sich aber wieder der „Zufall“ einstellt, dass der Slave als der einzige das klärende Verständnis auch für alle diese Götternamen in seinem Sprachschätze besitzt und dass diese Etymologie zugleich organisch und logisch damit im Einklänge steht. — Bemerkenswert ist es überdies, dass alle diese Schriften noch von rechts nach links zu lesen sind, ein weiterer Beweis, dass die Fundobjekte noch nicht unter römischem oder griechischem Kultureinflusse standen, aber ebensowenig von den „eingewanderten" Slaven herrühren können, denn diese werden sich bei ihrem vermeintlichen Barbarentum, da man sie doch nur als Hilfsvölker und Gepäckträger der Hunnen anerkennt, nicht sofort eine eigene Schrift zurechtgelegt und gleich ohne Vorentwicklung eine derartige kulturelle Selbständigkeit geschaffen haben, dass sie alle Vorgefundenen Bildungsmittel unbeachtet gelassen hätten. Übrigens rühren viele dieser Funde aus jenen etrurischen Städten her, die von den Römern zerstört wurden, also sicherlich bis zu ihrer Auffindung ohne Unterbrechung vergraben lagen, sonach Fälschungen ausgeschlossen erscheinen. — Auffallen mag auch der, wenn zwar nebensächliche Umstand, dass hier in den Darstellungen des menschlichen Körpers zumeist die männlichen Personen nackt dargestellt erscheinen, die weiblichen jedoch mehr oder weniger reichlich bekleidet. Dies ist aber auch vollkommen richtig, denn auch die Studien der ägyptischen und altgriechischen Skulpturen zeigen, dass einst als das Ideal körperlicher Schönheit und Vollkommenheit gerade der männliche Körper angesehen wurde. Es scheint daher, dass auch schon die Etrurier den weiblichen Körper für allzu weich in seinen Linien ansahen, und dass es sich ihnen dabei durchaus nicht um den Kult der Nacktheit handelte, sondern überhaupt um die Darstellung eines Körpers von Kraft und Ebenmass im allgemeinen. Kameen. Im Etrurischen wurden auch zahlreiche Kameen mit Aufschriften gefunden. („Kamee" ist ein Slavismus, enislanden aus „kamen“ = Sfein.j Die Fig. 14 zeigf Herakles, der sowohl durch die Inschrift „herkle“ sowie das umgehängfe Fell des Kyiharronischen Löwen erkennbar ist; er schlägi hier mif der Keule den „kukne", d. i. den berüchtigten Wegelagerer Kykno nieder, was die Herakles-Mythe auch richtig bestätigt. Die Fig. 15 trägt eine Schrift zur Schau, die schon der griechischen ähnlich ist, die Inschrift ist als „sihan, cihan, cikan“ zu lesen; die Gestalt daneben stellt augenscheinlich einen Bettler dar. — Die Slaven verstehen unter „cigati, cihati" auf etwas warten, lauern, also hier: auf Almosen. Der besonders aufdringliche Bettelcharakter verschaffte sonach den Zigeunern, welche von den Slaven ja als „cigan, cikan" bezeichnet werden, diesen berechtigten Namen, der sich seine vermutliche Urform sonach im Slavischen bis heute rein erhalten hat. — Ebenso ist es aber möglich, dass hier „sigan" vorliegt, wie der Slovene den schwer Atmenden, den Asthmatiker nennt, und wofür auch der Deutsche den Begriff „siech“ hat, denn zu betteln pflegt nur jener, der nicht arbeitsfähig ist. Der so gravierte Stein kann sonach einst auch irgendeinem Wohltäter der leidenden Menschheit gewidmet worden sein. Bei diesen Kameen geht die Schrift schon von links nach rechts, was dazu berechtigt, sie für ein jüngeres Kulturdokument anzusehen., Der Grenzstein von Monte Pore. Im dahre 1866 wurde auf dem Monte Pore, dem 2405 m hohen Gebirgsmassiv an der österreichisch-italienischen Grenze eine quadratische Säule aus dolomitischem Sandstein gefunden, die auf zwei gegenüberliegenden Seiten der Länge nach mit Inschriften versehen ist. Der Stein wurde von einem Bauern etwa 80x von der höchsten Spitze entfernt gefunden und war es augenscheinlich, dass er vom Scheitel einmal herabgekollert sein muss. Fig. 16 (Vorderseite). Die Inschriften wurden sogleich als rhäto-etruskische bezeichnet, deren Inhalt konnte jedoch nicht entziffert werden. Die auf der Vorderseite der Illustration ersichtliche Inschrift ist etwa als: „nos chine mezne i vovaikos nizica dikoi“ zu lesen; einzelne Zeichen hievon sind allerdings nicht verlässlich zu nehmen, da deren lautliche Bewertung Fig. 16 (Rückseite). nicht genau festgestellt ist. Die Slavizität der Inschrift lässt sich jedoch aus den drei ersten Worten ziemlich sicher annehmen, denn „nos eine mezne“ versteht jeder Südslave als: die Nase bildet die Grenze. Tatsache ist, dass der Monte Pore noch heute einen nasenartigen Aussprung des österreichischen Gebietes in das italienische macht, d. h. die Grenze zieht sich hier südlich um den Ge-birgsstock herum. Die Inschrift auf der Rückseite ist dermalen gleichfalls unverständlich. Auf beiden Steinen muss es aber auffallen, dass sie am Schlüsse-Zahlen beigegeben zu haben scheinen; z. B. auf der Rückseite : XVII. Es ist daher möglich, dass der Stein selbst hier einen wichtigen Grenzscheidepunkt kennzeichnete und zugleich über das Wegmass nach zwei Richtungen orientierte. Auch die Etymologie bestätigt dies, denn Monte Pore heisst etwa: Gebirgspfad (griech. „Ttogog“). Die alten Talbewohner wissen noch zu erzählen, dass über diese Höhe seinerzeit der Weg ins Ampezzo-Tal führte. — Ein weiterer Name des Monte Pore ist „Fri-solett", was wohl nur ein slavisches „Brezole“ in romanisierter Form sein dürfte, umsomehr als alle slavischen Ortsnamen dieses Gebietes als solche trotz der Verballhornung laicht erkennbar sind, wie z. B.: „Cernadoi, Livina, Brenta, Glevazza, Lagosello, Posalz, Costa u. a. — Der Stein kam nach der Auffindung in den Besitz des Gymnasiums in Bozen und befindet sich heute daselbst im Stadtmuseum. Das Mumienband in Zagreb. Ein ungewöhnlich wertvolles Denkmal der altslavischen Sprache enthält das mit etrurischen Runen beschriebene Mumienband im kroatischen Landesmuseum zu Zagreb. Als Denkmal der altslavischen Sprache kann es deshalb bezeichnet werden, obschon die Schrift zum Teile schwer lesbar, zum Teile inhaltlich noch nicht gelöst ist, weil das Land so viel prägnante slavische Begriffe enthält, dass die Slavizität des Textes be-gründetermassen nicht angezweifelt werden kann. Überdies haben wir schon etliche slavisch-etrurische Schriftlösungen vorausgesendet, um zu beweisen, dass es solche gibt und dass es sehr erfolgversprechend dünkt dem etrurischen Sprachrätsel von jener Seite näherzutreten, die trotz ihres einladenden Naheliegens noch niemals berührt wurde, d. i. von der slavischen. Um das Oahr 1865 brachte ein kroatischer Priester von seiner Reise aus Ägypten eine dort erworbene Mumie mit, die er sodann dem heimatlichen Museum spendete. Diese Mumie, eine jugendliche weibliche Person darstellend, hatte eine Anzahl von Leinwand-Bandagen, die mit etrurischen Schriftzügen versehen waren, was man allerdings anfänglich gar nicht bemerkte, als man diese vom Körper loslöste, weil sie durch die Verwendung des Asphaltes beim Einbalsamieren geschwärzt waren. Man nimmt nun allgemein an, dies sei eine Binde, deren Text mit der Person der Mumie im organischen Zusammenhänge steht, was auch kaum anzuzweifeln ist. Bei den Ägyptern war es eine Sepulkralsitte, dem Toten Schriftrollen beizugeben, die eine mehrweniger ausführliche Biographie des Verstorbenen enthielten. Ansonst hat man adhoc solche Daten auch auf die Leichentücher geschrieben, und wurde vielleicht schon eine Menge von solchen Schriften bei der Blosslegung von Mumien gefunden, aber bisher nicht beachtet. Die Einwendung, dass hier die Schrift im Verhältnis zu einem Totenleintuche zu klein gehalten sei, hat nichts zu sagen, denn wir wissen ja auch nicht, ob nicht das ganze Leintuch so beschrieben war, weil man über die Verstorbene, die wohl einer vornehmen Familie angehört haben mag, viel zu sagen hatte. Weshalb dieses beschriebene Leichentuch nun sozusagen zeilenweise in Streifen zerrissen wurde, ist schliesslich auch erklärlich, wenn man erwägt, dass dem Texte keine Einbusse geschieht, wenn die Streifen, ihrem Texte weiter folgend, um den Leib von oben bis unten gewickelt wurden, dann dass es sonst überhaupt nicht möglich ist mit einem ganzen Leintuch eine dichte Bandage um ein so unregelmässiges Objekt, wie es der menschliche Körper ist, anzulegen. Für alle Einwendungen dieser Art gibt es demnach immer irgendeine natürliche Erklärung. Wir kennen aber etwas Ähnliches noch heute bei den Slaven selbst. In Mähren hielt man seit jeher, namentlich in der Hana, dann bei den Slovaken und Walachen viel auf die sogenannten „uvodnice". Es waren dies normal 21/2 m lange und 2 m breite Leintücher, die in der Mitte mit verschiedenfarbiger Seide kunstvoll gestickt waren und zur Aussteuer jeder Tochter des Hauses gehörten. Man bewertete sie als Hochzeit s- oder auch als T a u f 1 e i n t ü c h e r. Die Braut trug dieses Tuch zusammengelegt bei der Trauung; darin trug sie auch ihre Kinder zur Taufe, und darin wurde sie auch — namentlich bei den Waiachen bis in die jüngste Zeit — begraben. Die Leintücher hatten aber auch Schriften und Zeichen, die wir heute gar nicht mehr lesen können, d. h. es wurden da jedenfalls immer weiter uralte Muster kopiert, bis mit der Zeit die Kenntnis des Originaltextes selbst in Vergessenheit geriet; trotzdem handelt es sich da nicht etwa um gleiche Schriften. — Dass demnach bei den Slaven tatsächlich und soweit bisher bekannt, bei dem weiblichen Geschlechte die Sitte herrschte, die Leichen in Leintücher mit Inschriften zu wickeln, steht hiemit zweifellos fest. Mit der Entzifferung unseres Mumienbandes beschäftigten sich bisher hervorragend 3. Krall („Die etruskischen Mumienbinden des Agramer Nationalmuseums,“ Wien 1892) und 6. Herbig („Die etruskische Leinwandrolle", München 1911) und waren die beiden schon