69619 max GRAF BHRBO W«s mir mein Pater erzflhlte Gemcssn 6raz 1907 csrcsb im Selbifperlage des Verfaiiers Der gBWBihfE Bninnen (Zegnani stiidenec) S!*:! / 0 . 00 01 4 Ftffl <5MZ 190? IH SELISTWERL*ME MS VERF^SSEIS V k//0 69619 1 1, Vlil. 1943 K. k. Universitats-Buchdruckerei „Styria“ Ulimdliche flberlieferung. So will ich die folgenden Seiten nennen und mit Becht, denn ich glaube nicbt, daB nur eine Zeile vordem nieder- geschrieben wurde. Ich wenigstens habe alles, Wort fur Wort, aus dem Munde meines Vaters ubernommen. An den langen Abenden nach dem Nachtmahle war es ihm ein Vergniigen, in Gegenwart der an der Wand hangenden Familien-Portrate uns mit den Erlebnissen der- selben vertrant zu machen. Sechzig Jahre diirften wohl seither verflossen sein, doch meinem Gedachtnis blieben sie griin. So nehmt diese Zeilen hin als eine vielleicht ver- blaBte Erinnerung aus meiner Jugend. Der geweihfe Bruim« v^av^n Ein triiber Novembertag war es, als zwei Eeiter auf der StraBe, welclie von Laibacli nach Unterkrain fuhrt, in friiher Morgenstunde dahinzogen. Damals war dieser Weg noch lange keine Chaussee; selbe ist erst znr Zeit der Franzosenherrschaft erbaut worden und unsere Geschichte ereignete sicb gegen Ende des XVII. Jahrhunderts. Ein junger Herr und ein alter Diener waren es. Beide gut beritten auf sfcarkknochigen Karstpferden, durch Berberblut veredelt, wie solcbe schon hundert Jakre friiker der Eegent Erzherzog Karl in seinem Hofgestiit Lipiza einfuhrte; ein Scklag, der sicb bis beute, also durcb 320 Jahre, rein erhalten hat. Machtiges Sattelzeug mit auf- geschnalltem Mantelsack, StoBdegen en bandelier, in der Pistolenhalfter das Faustrolir. Diese EadschloBpistolen katten eine Lange von gut 80 Zentimetern, sckossen andertkalb Deka schweres Blei und kieBen: die Kleine. Es gab namlich nock viel groBere. Welck Unterscliied der Dimensionen gegen unsere keutigen Tasckenrevolver! Holie Stiefel, so- genannte Pappenkeimer, lederne Hosen, ein Koller von Elenkaut neb st einem breitrandigen Hut — der Herr auck Stulpenhandschuhe —, dies war das auBere Bild. Sckweigsam setzten sie ikren Weg fort. Schwerer Nebel walzte sich vom naken Moor ker, grau, alles grau, 10 die ganze Gegend grau und auch die Gedanken grau in grau. Graf Bernardin war zn dieser Stimmnng wohl be- rechtigt und sein Diener Fritz teilte ja seit jeher Freud und Leid seiner Herrschaft. Das Gliick der Familie war aucb sein Gltick, ihr Ungemacb empfand er ebenso schwer und des Hauses Ehre war aucb seine Ebre. Ganz besonders liebte er den jungen Grafen, den er als Kind auf den Armen getragen, i Vim den ersten B-eitunterricbt erteilt, aucb in die Geheim- nisse der Jagd, Fiscberei und des Vogelfanges eingeweiht batte. — Wenn der junge Graf auf seinem Pony einen breiten Graben, eine Hecke nabm oder in stolzer Haltung in den SchloBbof sprengte, da lacbte ibm das Herz und schmunzelnd sagte er: „Ja, das wird ein Rechter!“ Solcb treue Dienerseelen gibt es beute kaum mehr, docb aucb die Herrscbaften sind nicbt mebr wie friiher ibren Dienern gegeniiber. Diesmal hatte er ibn nacb Laibacb begleitet, a!lwo Graf Bernardin sein Gliick versucben wollte. Ein Offiziers- Patent strebte er an, denn die Werbetrommel schlug man im Bande. Ein Regiment fiir die Niederlande galt es anzu- werben. Fritz \var iiberzeugt, daB seinem Herrn zum mindesten eine Hauptmanns-Cbarge gebiibre. Nur Bernardin ware mit einer Fahnricbstelle zufrieden gewesen; docb viele Bewerber gab es; namentlich einige Spanier, die der Gou- verneur, selbst von spaniscber Abkunft, protegierte. Wenig Aussicht also, trotz der unbestreitbaren Ver- dienste seiner Familie. Zwei seiner Onkel waren vor Ofen gefallen. — Sein Vater hatte aucb gegen die Turk en gefochten, es bis zum Reiterobersten gebracht und war zudem mit den ersten Familien des Landes verschwagert oder eng befreundet. Wabrscbeinlicb war dies der Grund, daB man sein Ge- 11 such nickt rnndweg abscklug, sondern ihn hinzukalten suckte. In Laiback ging es damals lustig genug zu. Die Soldner liatten reiches Handgeld erhalten und trachteten — nach Soldatenart — selbes so bald als moglick durckzu- bringen. In allen Kneipen war taglick Mnsik und Tanz, Wurfel- und Saufgelage. Den Angeworbenen mufite man scbon so mancbes durck die Finger seken. Dock auok fur den Adel gab es nun oft Feste. — Der Gouverneur auf dem SckloBberg fiikrte offenes Haus. Unserem Bernardin, der bei seinen Eltern einfack und in strenger Zuekt aufwucks, war das neu. Mit jugend- lickem Feuer gab er sick den Vergnligungen kin, sprack auch, nack damaliger Sitte, dem Pokal fleiBig zu. Bei solcker G-elegenheit bekam er mit einem Spanier, den wir Rodriguez nennen wollen, Streit. Hockfahrend, zankisch und alle anderen Nationen ver- acktend, wie er war, sprack er geringsckatzend iiber den krainiscken Adel. Bernardin erwiderte sckarf; das Ende war eine Herausforderung. Sckon katte man die Duellbedingungen festgesetzt, als der ganze Handel dem Gouverneur bekannt wurde und er, dem solck Vorkommen nickt paBte, die beiden zitierte und den Zweikampf verbot. Rodrigu ez und Bernardin muBten ikm in die Hand geloben, Urfekde zu kalten. — Letzterer tat es aufricktig, ersterer nur ungern und murrisok. Seitker katte Bernardin mekr als einmal Gelegenkeit, zu beobackten, daB er ausspioniert, ja aucli verfolgt wurde. So kam es vor, daB er einigen sckeinbar trunkenen Soldnern gegenuber, die ikm den Weg verlegten, von seiner Waffe Gebrauck machen muBte. Offenbar hatten Rodriguez und seine Kameraden bei ali dem die Hand im Spiel. Seine Freunde legten ikm deskalb auck nake, vorder- kand Laiback zu verlassen. 12 So zog er denn an jenem Morgen znm Stadttor hinaus. — Fr uh waren sie aufgebrochen, um zu Mittag sich und den Rossen zu Weixelburg Kast gonnen zu konnen. Noch waren sie nicbt viel uber eine Stunde geritten, als sie hinter sicb scharfen Hufsohlag vernahmen. Die Zeiten waren unsicber; iiberall streifende Marodeure. Bernardin rekognoszierte das Terrain. Eine kleine Ebene, ganz geeignet, um als guter Keiter und Eecbter auch einem an Kopfzabl uberlegenen Feinde die Štirn bieten zu konnen. Er parierte sein Pferd, lockerte seinen Degen, setzte die RadschloBpistole in Stand und erwartete die Ankommenden. Fritz hinter ikm tat das gleiche. So stand er auch seinerzeit, hinter seinem Herrn Obersten am Tage der Schlacht von St. Gotthard, als Monte- cuccoli kommandierte und der alte Keiterfiihrer Spork das bewuBte Gebet sprach. Wie oft hatte seither Fritz dasselbe zum besten ge- geben: „Vor der ganzen Front“, pflegte er zu sagen, „ist Vater Spork vom Pferde gestiegen, auf der bloBen Erde niedergekniet und hat so laut gesprochen, daB wir es alle koren konnten: ,Allmachtiger Generalissimus dort oben, hilf uns heute, oder wenn du uns schon nicht helfen willst, so bleibe wenigstens neutral und du solist deine Freude haben, zu sehen, wie wir diese Turkenhunde klopfen werden.“ £ „Wir haben sie dann auch tiichtig geklopft“, lautete jedesmal sein SchluBrefrain. In jener Stunde aber dachte er weder an Spork noch an die Tlirken. Seine ganze Aufmerksamkeit galt seinem jungen Herrn und dem Abenteuer, das ihnen bevorstand. Drei Keiter tauchten aus dem Nebel auf und Bernar¬ din erkannte sofort, daB es Rodriguez mit zweien seiner Freunde war. „Da finden wir den AusreiBer! 11 rief Kodriguez. „Pflegen die Caballeros dieses Landes so ikre Ehrenange- legenheiten auszutragen?‘ £ 13 Bernardin machte geltend, daB sie ja vor dem Gou- verneur sich Urfehde gelobten; doch Bodriguez erwiderte, das binde ihn nur innerhalb des Burgfriedens von Laibach; im freien Felde balte er sich nicbt an soleh Versprechen. „Ich aber“, erwiderte Bernardin, „halte mein ge- gebenes Wort nicht bloB im Burgfrieden, sondern uberall und ohne Einschrankung. Ubrigens, wenn die Herren Caballeros die Ansicht des Herrn Bodriguez teilen, beuge ich mich vor der gereifteren Ansicht in Ehrensachen und bin auf der Stelle bereit, Genugtuung zu geben. — Moge einer der Herren mir sekundieren.“ Darauf bestimmte man die Distanz, lud die mitge- brachten Pistolen, vereinbarte zweimaligen Kugelwechsel; das Los habe zu entscheiden, wem der erste SchuB zustehe. Der Zufall entschied zu G-unsten Bodriguez’. Er schoB und fehlte. Bernardin schoB in die Luft. Beim zweiten Losen war wieder dem Spanier der erste SehuB zugefallen. "VVieder fehlte er und wieder schoB Bernardin in die Luft. Als er dann zu seinem Gegner ritt, um selbem die Hand zur Versohnung zu reichen, hatte Bodriguez’ Sekun¬ dant diesem eine zweite Pištole in die Hand gegeben, so daB ersterer seinen Gegner aus allernachster Hahe niederschieBen konnte; doch letzterer schlug mit starkem Faustschlag die SchuB\vaife aus der Hand Bodriguez’, machte eine Volt, sprengte auf seinen friiher inne- gehabten Platz, zog sein eigenes Pištol aus der Halfter, ein SchuB krachte und Bodriguez stiirzte entseelt vom Pferde. Nun aber zog auch Fritz vom Leder. Mit dem Bufe: „Meuchelmorder, "VVegelagerer!“ warf er sich auf die beiden Spanier. Diese hielten jedoch nicht stand, wendeten ihre Bosse und verschwanden bald im dichten Nebel. „So! a meinte Fritz, „dies ware besorgt, doch nach gutem Soldatenbrauch muB man den gefallenen Gegner auch begrabenV 14 Er stieg vom Pferde, durclisuchte des Spaniers Ta- sclien, — auch dies sei, meinte er, Soldatenbranch. — „Nichts, gar niclits, nur den Degen, echter Toledaner Stahl, den rvollen wir behalten, sowie die im Grase liegende Pištole. — Wo aber hin mit ihm ? “ Einen Brunnen am Wegrande er- spahte er, dies soli sein Grab sein. Was er an Sternen erreichen konnte, steckte er dem Gefallenen in die Sacke, Stiefel etc. und warf ilin in den Brunnen. Nun aber so schneU als moglich nach Hause und dem Herrn Papa, \vill sagen: Seiner Hochgeboren dem Herrn Obersten, die gehorsamste Meldung gemacht. Der alte Herr tiberlegte lange. Wie man es immer erwog, die Tat war zu entschul- digen, docb ganz korrekt war sie nicbt. Aucb meinte er, die beiden Spanier, die einzigen Zeugen, \viirden schwerlich zu Gunsten seines Sobnes aussagen. Er beschloB also, Bernardin so bald als moglich auBer Lan d zu senden. Alte Kriegskameraden hatte er ja mehr als einen im Deutschen Reiche, gute Ereunde, die mit Freuden bereit waren, seinem Sohne Schutz zu verleihen. Ein schvverer Abschied war es. Heutzutage langt in solchem Ealle nach 24 Stunden das erste Telegramm an, nach zwei. bis drei Tagen auch eine illustrierte Korrespondenzkarte. Anders damals. Abgesehen davon, dafi der zu Pferde Reisende selbst fiir seine Sicherheit sorgen muBte, langten Nachrichten, wenn uberhaupt, kaum vor Monaten an die Riickgebliebenen. Auch war solche Trennung nur zu oft auf immerwahrende Zeiten. So auch in diesem Falle. Bernardin hat seine Eltern nie mehr gesehen. Er ist lange im Reiche geblieben, kommandierte als Oberst ein Reiterregiment der Kurpfalz, war auch Oberst-Silberkammerer zu Kur-Koln und heiratete eine Tochter des Kommandanten von Heidelberg, eine geborene v. Strupius. Die beiden Spanier hiiteten sich, ihr Abenteuer zu 15 envabnen, baben aucb bald darauf Laibacb verlassen. Bo- driguez galt als verschollen. Das Friihjabr kam, der Warentransport batte wieder begonnen; da ist es aufgefallen, dati die Saumrosse das Wasser des bewuBten Brunnens nicbt trinken wollten. Kaum die Schnute eingetauckt, bliesen sie die Nustern auf und versagten den Trunk. Bei den Amvobnern, welcbe ihren Wasserbedarf von dort holten, sind ab und zu schwere Erkrankungen erfolgt. Endlick ereignete es sieh, daB eine Magd, welclie bald nach Sonnenaufgang, als der Brunnen durcli die beli einfallenden scbragen Sonnenstrablen beleucbtet wurde, Wasser scbopfte, mit einem bysterischen Aufscbrei in Ohnmacht fiel. Zu sicb gebracbt, bebauptete sie, im Brunnen den Teufel ge- seben zu baben. Der Brunnen mulite verbext sein. Eine Bitte an das Konsistorium zu Laibacb wurde genebmigt. Se. Gnaden der Herr Filrstbiscbof in eigener Person in Begleitung des Konvents der PP. Kapuziner und unter Vorantragung des apostoliscben Kreuzes begab sicb an Ort und Stelle und weibte den verbexten Brunnen ein. Dieser boben Gtnade wegen bescblofi die Bevolkerung, den Brunnen auszumauern und mit einem Kruzifix zu scbmiieken. Gelegentlicb dieser Arbeiten fand man den sclion stark in Verwesung tibergegangenen Leichnam des Spaniers. — Seitdem beifit der Ort „Zum geweihten Brunn“ (Bahnstation Skofelka). Diese Oescbicbte babe icb von meinem Vater, der es aucb von seinem Vater und dieser ebenfalls von dem seinen uberkommen batte. — Miindlicbe Uberlieferung. 2 Cin SimcmdL In meiner Erzahlung „Zum geweihten Brunn“ habe icb erwahnt, daB Graf Bernardin nach seinem Abenteuer mit dem Spanier Osterreich verlassen hat nnd in Deutsch- land Karriere maohte. Spater ist er docb wieder in sein Vaterland zuriick- gekehrt. Wie der Zugvogel sicb nach der Stelle sehnt, wo sein Nest gestanden, und oft bessere Existenzbedingungen verlaBt, um den Ort aufzusuchen, wo ihm seine Alten die ersten Lieder vorsangen, so auch der Menscb. Graf Bernardin kam zuriick und begniigte sich mit einer Oberstleutnants-(StelIe)Charge, — er, der im Reiche als Oberst ein Regiment kommandierte und hohe Staatswiirden bekleidete. Sein sanguinisch-cholerisohes, aufbrausendes Tempera¬ ment hat er behalten. So erklart es sich, daJ3, als er mit seinem Obersten Streit bekam, er sich so weit vergaB, diesen mit seinem Rohr (damals trug man auch zu Pferd den Rohrstock) vor der Fronte durchzuprugeln, ein Subordinationsverbrechen, worauf die Todesstrafe stand. Das Kriegsgericht verurteilte ihn zur Degradation und zum Verlust des Adels. 2 * 20 Damit war es mit seiner Karriere zu Ende. Den Adel bekam er zwar wieder, d o eh keinen militarischen Rang. Er zog sich dann auf sein Gut „Galhof“ in Unter- krain zuriick, alhvo er im Jahre 1734 das Zeitliche segnete. Sein Sohn Josef Wilhelm erwahlte sich die Staats- karriere. MuB ein vorziiglicher Beamter gewesen sein; viel ver- wendet, brachte er es schliefllich zum Prasidenten des Verordnetenamtes. Tiichtig im Amte, tiichtig als Staatsmann, war er im Hause ein Simandl. Drei Erauen hat er besessen. Zuerst eine Grafi n Ratt- kay, dann eine Grafin Auersperg und schlieBlich eine Freifrau von Mordax. Diese fiihrte den Taufnamen Julia; nannte sich mit Vorliebe Juliana Barabina. Ob ihn alle drei Frauen unter dem Pantoffel hatten? Letztere ganz gewiB. Wie sie mit ihrer mangelhaften Bil- dung ihm so imponieren konnte, bleibt ein psychologisches Ratsel. „Ah was“, pflegte sie zu sagen, „ich halte nichts von der klassischen Bildung; habe nie lesen und schreiben gelernt und doch drei Exzellenzherren zu Mannem ge- habt.“ Freilich wuBte sie nicht, daB diese Unkenntnis ihre Erben um ein schones Gut bringen solite. Letzteres wollte sie einem Neffen auf die Zeit ihres Lebens verpachten und der Schlaumeier unterbreitete ihr anstatt eines Pachtvertrages eine Schenkungsurkunde. Ohne den Betrug zu ahnen, setzte sie ihr muhsam erlerntes Manupropria: Juliana Barabina darunter. Die Frauen beurteilte sie im allgemeinen sehr strenge und hatte, um ihre Verachtung auszudriicken, drei Stufen. Erste Stufe: Das ist eine Madame! — Zweiter starkerer Ausdruck: Das ist eine Figur! — Und endlich die starkste Verachtung: Das ist ein Mistviecherl! 21 Die Geldkasse hatte sie in der Hand. Der Gemahl bekam nur ab und zu kleinere Betrage. In seinem Wiener Hause empfing er viele Gaste. Kam einmal ein Bekannter und sagte: „Exzellenz, icb erlaube mir, Sie aufmerksam zu machen, dafi aus dem Sckreibzimmer eben jetzt ein mir sehr verdachtig aus- sehendes Individuum sich entfernte, und wie ioh bemerkte, steht der Sckreibtisch offen.“ Das Gesicht des alten Herrn entfarbte sieb. „Um Gottes willen! Ich kann mich vor Sehreok gar nicht fassen; eben in diesem Schreibtisck kabe ich meine ganze Bar- schaft, — alles in der oberen kleinen Schublade. Ich bitte Sie, sehen Sie nach, ob er mich beraubt hat!“ Der Herr ging und kam mit der Meldung zuriick: er kabe nur 36 Kreuzer vorgefunden. Eine Zentnerlast schien Seiner Exzellenz vom Herzen gefallen zu sein und er sagte: „Gottlob, es ist alles.“ Ein Feinschmecker war er, und wenn er auf seinem Gute in Unterkrain residierte, erfreute er sich an dem kostlichen Wildstand, besonders aber an den edlen Fiscken, die den nahen GurkfluB bevolkerten. Ein schoner Huchen wurde gefangen. Er leckte sich schon den Mund, doch Juliana Barabina dekretierte: „Der kommt in den Fischbehalter! Ich reise morgen nach Lai- bach, komme in vierzehn Tagen zuriick, dann haben wir Feiertage und dann wird er verspeist.“ Taglich spazierte dann der Strohwitwer zur Miihle, zum Fischbehalter und erkundigte sich nach dem Huchen. Der Miiller meinte, Exzellenz solle sich selben zube- reiten und wohl schmecken lassen. Auf die Gegenrede, dafi die Exzellenzfrau ihn dann gehorig abkanzeln wiirde, meinte ersterer: der gnadige Ilerr solle sich auf ihn ausreden und sagen, er habe ihn gestohlen. „Dann wird sie dich priigeln lassen.“ 22 „Ach was, wir werden das schon arrangieren, viel- leicht hat sie inzwischen auf den Fisch ganz vergessen.“ Dies war jedoch nicht der Fali; kaum aus Laibach zuriickgekehrt, wollte sie ihn zubereiten lasaen. D ar ob verlegene Gesichter. Endlick kam es beraus: Der Fisch existiert nicht mehr, der Miiller hat ihn gestohlen. „Josef, den muBt du gehorig priigeln lassen A „ Ja, der muB gepriigelt werden u , ervviderte er. — „Ins SchloB mit ihm!“ Man schleppte ihn in den Hof unter die Arkaden. Dorthin hatte aber der Pfiffikus schon in aller Frlihe einen Sack mit Kleie getragen. Die Arkaden lagen so, daB Juliana Barabina vom Fenster ihres Zimmers aus nicht sehen konnte, was dort vorging. Exzellenz lieB nun statt des Mullers den Sack auf die Bank legen und selbem durch den Exekutor eine regel- reohte Bastonnade geben. — Der Miiller daneben besorgte die Musik; schrie und jammerte aus Leibeskraften. Endlich riihrte sich in der Brust der Grafin das Mit- leid und sie meinte: „Nun ist es aber genug!“ Doch Exzellenz erwiderte: „Xein, nein, hat der Kerl den Fisch gegessen, so sollen ihm auch jetzt die Priigel schmecken. Johann, schmier’ ihm nur noch ein paar weiter hinaufA Johann schlug den Sack noch einige Male und der Miiller schrie arger denn je. — Am selben Abend schickte Se. Exzellenz ein FaBchen seines besten Weines in die Miihle. In Gesellschaft des Exekutors trank dann der Miiller das kostliche NaB auf das AVohl seiner geliebten Guts- herrschaft. Schmunzelnd sagte er schlieBlich: „Nun, diesen Fisch habe ich zwar nicht gestohlen, doch wenn ich es getan, so ware es nicht der erste ge- wesen und wiirde hoffentlich nicht der letzte seinA BE^TSCfffiOIF DeuffchdorL Gžži AVie viele Hauser sind zum mindesten erforderlioh, um ein Dorf zu bilden? Vielleicht geniigen drei, vielleicbt gar nur zwei, docb ein Hans, solite man meinen, kann kein Dorf sein — und doch ist es so. In Deutschdorf steht nur ein Hans. Ereilich war das nicht immer so. lob erinnere mich noch, daB es dort deren drei gab. Eines be\vohnte ein Zimmermann, das zweite ein Schuster und im dritten hauste ein Schlosser, zugleich auch Buchsenmacher, ja auch Zahn- reiBer! und letzteres in des Wortes argster Bedeutung. Alle drei sind nun schon lange tot. Des ersteren Haus ist heute eine Arbeiterwohnung, der letzteren zwei Haus- statten aber sind verfallen — verschwunden. Deutschdorf ist also kein Dorf, sondem ein Haus. Doch nein; seither steht dort wieder eine neugebaute Schmiede. Zwei Hauser also. Am Ende doch ein Dorf! Zur Zeit seiner Gfriindung mag es aus zehn bis zwolf Hausstellen bestanden haben. Selbe fallt in die zweite Halfte des XYHI. Jahrhunderts, jener Epoche, wo es in allen aufgeklarten Kopfen garte, einer Bewegung der Geister, die endlich in der groBen franzosischen Bevolution ihren vorlaufigen AbschluB fand. Damals lebte auf seinem Schlosse Kroisenbach Graf Maria Dismas Barbo. 26 Ein richtiges Kind seiner Zeit, beschaftigte' er sich auBer mit Jagen, Reiten, SchieBen u. s. w. auch mit den damals modernen Wissenschaften. War Alchimist, studierte Astro- logie, stellte Horoskope, versuchte sich in Aeronautik, baute eine Elugmaschine und wollte das Perpetuum mobile erfinden. Heute lachelt man iiber derlei Passionen, nennt selbe Schrullen, doch dazumal waren sie berechtigt. Der Wissen- schaft haftete ein gewisser Mystizismus an, der anregend wirkte; zudem ist es ja nicht zu leugnen, daB sich beispiels- weise aus der Alchimie die Chemie, aus der Astrologie aber die Astronomie entwickelte oder wenigstens vervoll- kommnete. Genannter Kavalier experimentierte also mit Vorliebe. Da die Alchimisten behaupteten, Blei sei krankes Silber, dieses aber krankes Gold und es komme nur darauf an ein Rimedium zu finden, mit welchem man die genann- ten Metalle wieder gesund machen konne, so wanderte manche Silberbarre in den Schmelztiegel. Um teures Geld erwarb er alchimistische Biicher, ja machte \veite Reisen um sich solche zu verschaffen. Um jeden Preis wollte er aber den Stein der Weisen entdecken. Bei diesen Passionen blieb er jedoch nicht stehen. Seinen Untertanen widmete er eine sorgsame Pflege, huldigte dem Grundsatze, dati der Herr, der wohlhabende Untertanen hat, selbst ^vohlhabend sei. Er verschenkte manch gutes Stiick Eeld an die Bauern und animierte die Reicheren, wenigstens je einen ihrer Sohne studieren zu lassen. Moglicherweise war dies mit ein Grund, dati eben aus jener Gegend in der Eolge eine Anzahl von vorziig- lichen Juristen, Professoren, Arzten, Beamten und Geist- lichen hervorging. Beim Experimentieren kann es naturlich nicht immer ohne MiBerfolg abgehen. Jetzt noch findet man auf den Feldern ab und zu faustgroBe Steine. Selbe lieB erhintransportieren. 27 Es stellte namlich zu jener Zeit ein Gelehrter die Theorie auf, derlei Steine seien geeignet, von der Sonne erwarmt, die Eruchtbarkeit zu erhohen. Auch die Kreierung von Deutschdorf war einer seiner Mibgriffe. Mitten zwischen den Slowenen wollte er eine deutsche Kolonie, mitten zwischen Ackerbauem eine Handwerker- statte erricbten. Burger volite- er ansiedeln. So entstand Deutschdorf. Fiir einen Bader sorgte er. Man nannte ihn Herr Doktor! Er selbst horte zwar diesen Titel nicht gern und dies hatte seinen Grund. Seine Kenntnisse bestanden in: Beinbruche schienen, Ader schlagen, schropfen etc., doch war er auch gelemter Eriseur. Ver st and die Periicken herzurichten, den Zopf zu flechten, mit der Puderbiichse umzugehen, das Schermesser zu fiihren, ja auch jenes Instrument zu handhaben, welch.es einer Sage zufolge die Agypter dem Vogel Ibis nachahmten. Dieser Jiinger Askulaps war noch nie aus seinem engeren Vaterlande gekommen und hatte gar zu gern die grobe "VVelt gesehen. Wien war das Ziel seiner Wunsche. So viel horte er von dieser Wunderstadt, dem Stephansturm, den groben Hausem, dem Hetztheater etc. aus dem Munde des graflichen Kammerdieners, der so gliicklich war, seinen Herrn jedes Jahr dorthin zu begleiten. Warum solite er nicht auch einmal dessen Stelle einnehmen, ihn ersetzen? Gern war er bereit, aile Arbeiten, alle Verrichtungen des letzteren auf sich zu nehmen. Der Graf, dem er seine Bitte vortrug, ging auf seinen Wunsch ein. So sab er denn eines Morgens in jenem Teile des groben Beisewagens, den man die Nase nannte und der ganz vorn war. Der Kutscher lenkte dazumal den "V iererzug vom Sattel 28 aus. Die Mode, vom Bock zu kutschieren, kam erst spater auf. Heute noch nennt man das linksseitige Stangenpferd den Sattlichen, das rechte den Handigen, die Vorderpferde aber das SchmiB und das LeitseilroB (^LadsalroCl -4 ). Am linken Pferde muBte der Sattel angebracht sein, damit der Kutscber die rechte Hand frei hatte. Seine Kunst bestand hauptsachlich in der richtigen Fiihrung der langen Peitsche. Bechts ausweichen, links vor- fahren \var damals im Gebrauche und auch das Eichtige. Heute, wo der Wagenlenker zur rechten Hand sitzt, heiBt es link s ausweichen und rechts vorfahren. In etlichen Pro- vinzen ist man noch immer bei der alten Gepflogenheit geblieben, ein Beweis, wie lange sich uberlebte Gewohn- heiten im Volke erhalten. Das Reisen in jenen Zeiten war langwierig und miih- sam. In jeder Nachtstation hieB es abpacken, den Bettsack abschnallen, alles zur Nachtruhe herrichten, den Wagen griindlich untersuchen, ob sich kein Defekt einstellte, die Beschlage der Pferde nachsehen. Am Morgen aber die Toilette besorgen, einpacken, alles wieder im Gleichgewicht und kunstgerecht aufschnallen u. s. w. Dazu gehorte eine gewisse Ubung. Mein Askulap hatte selbe nicht. Der Graf, ungeduldigen Temperamentes, warf ihm daher manchmal einen Esel an den Kopf. Dies krankte ihn, besonders wenn es vor dem Gast- hofpersonal geschah. Er bat daher eines Tages: ,,Hoch- geborner Herr Graf, unter vier Augen mogen Sie mich einen Esel nennen, so oft es beliebt, doch vor den Leuten mochte ich gehorsamst gebeten haben, mich vorkommenden- falls mit einem andern \veniger infamierenden Schimpfworte zu bedenken.“ „Gut, gut,“ meinte der Graf, „ich werde, so oft Er eine Dummheit macht, Ihn Herr Doktor titulieren.“ So wurde es gehalten. So oft er et\vas versah, machte 29 u'ir Graf einen kleinen Knicks und sagte: „Ak, Herr Doktor ! w Als er darauf von seiner genuBreicken Reise nack Deutschdorf zuriickkehrte, wufite dort schon jung und alt diese Episode und man rief, wo immer er sick zeigte: „Ak, Herr DoktorD Das Publikum gewohnte siek endlick daran, er blieb der Herr Doktor. Der Mode jener Zeit entspreckend, kielt man am Schlosse unter anderen Domestiken auck einen Mokren. Ali, erst kiirzlick nack Europa gekommen, nock blut- jung, eigentlich nock ein kalbes Kind, katte nickt viel mekr zu tun als in seiner kleidsamen Trackt, mit Turban, dem faltenreicken sckneeweiBen Oberkleide, bunten seidenen Pumpkosen, roten Striimpfen und Scknallensckuken zu paradieren, beim Diner kinter seiner Herrsckaft zu steken, beim Tellerweckseln zu kelfen u. s. w. Solck Leben bekagte dem Neger, um so mekr als auck fiir seine Atzung reicklick gesorgt war. Alles tracktete dem sckmucken Jungen Leckerbissen zuzustecken. Ein Spiel- zeug fiir Herrn und Diener. Als Folge dieser Lebensweise stellte sick gar bald Magenindisposition ein. Der Graf sckickte ikn zum Bader nack Deutsckdorf. Ali, der nur gebrocken franzosisck sprack, verstandigte sick dort pantominisck. Zog seine Pumpkose aus und mackte mit seinen Handen die Prozedur nack, die er sick erbat. Der Bader verstand auck sofort und setzte sein In¬ strument in stand. Ali nakm die erforderlicke Positur an; da meinte jener: „Die sckwarze Hirscklederne muB auck kerunter.“ Ali sak ikn groB an. „Die sckwarze Hose muB kerunter, sonst kann mein Instrument nickt funktionieren.“ Ali verstand nock immer nickt. 30 Da wollte denn der Bader selbst zugreifen. Doch, was war das? Das war ja gar keine Hose, das war ja des Negers schwarze Haut! „Ah, Herr Doktor!“ hatte der Graf gesagt, \venn er anwesend gewesen ware. \ Dcis Blati im Bucfie, I SSSESi? Ich hab’ eine alte Muhme, Die ein altes Btichlein hat. Es liegt in dem alten Buche Ein altes, durres Blatt. So dtirr sind wohl anoh die Hande, Die einst im Lenz ihr’s gepfltlokt. Was muB nur die Alte haben? Sie weint, so oft sie’s erblickt. Diese schone Diclitnng von Anastasius Gr ti n wurde illustriert und zum oftern in Musik gesetzt. Doch wer war die alte Muhme? Die folgende Geschichte konnte allenfalls auf die rechte Špur fiihren. „Tante Babette wtinseht euch zu sehen“, sagte mein Vater. „Ich habe ihr versprochen, euch heute nachmittag zu ihr zu senden. u Diesen Befehl fiihrten wir immer gern aus, denn wir Kinder liebten die Alte, auch war die Aussicht auf eine Schale kostlicher Schokolade nicht ohne. Ich sehe sie noch vor mir, die kleine, hagere G-estalt, stark vorgebeugt, im kattunenen Schlafrock, — der immer 3 34 zierlich gefalteten \veiBen Haube, in den schmalen kleinen Handen die klappernden Stricknadeln. Wenn die Nachmittagssonne ibre Strahlen durchs Fenster sendete, muBte die Dienerin den Lehnstuhl dort- hin roli en. Da saB sie nun und warmte sich gleich einer Eidechse. Das G-emach war so reinlich, so keimlich, dnftete nach Lavendel. Am Arbeitstisch lag ein Gebetbuch und eine Hornbrille. Ihre Dienerin Katra ist seinerzeit mit der alten Frau in die Stadt gezogen; ein Familienmobel, ja Tochter der Milchsclrsvester der alten Dame; also schon die dritte Generation: GroBmutter Amme, Mutter Gespiebn und Stubenmadchen, Tochter aber Madchen fiir alles. Selbe konnte sich nie entschlieBen, ihre gewohnte Bauerntracht gegen stadtische Kleidung zu vertauschen. Mit Liebe und Anhanglichkeit sorgte sie fiir ihre Frau, fiihrte selbe taglich in die Messe und kochte die vom Arzte vorgeschriebenen Speisen. So war Tante Babette durch Katra weit besser bedient, als wenn sie eine geschulte Kammerjungfrau in Dienst gehabt hatte. Buhig, ohne Emotion floB ihr der Lebensabend da- hin und sie wartete geduldig, bis ihre glaubige Seele den schwachen Korper verlassen, mit ihren Lieben, die vor- ausgegangen sind, vereint werde. Die Zukunft war nur darauf von Interesse, Hoffnung aufs Wiedersehen! Die Gegenwart affizierte sie nicht viel, dafur lebte selbe der Erinnerung, der Vergangenheit. Von drei Schwestern, Aglaja, Toni und Babette, war sie die jiingste. Klein war das Landgut ihrer Eltern, klein von Gestalt ihr Vater, klein an Geist und Bildung. Auch roh an Gemut. Gar oft muBte sie die AuBerung horen: Die Babette hatte wohl ausbleiben konnen, unser Vermogen langt knapp fiir zwei Kinder. Die stets krankelnde Mutter hatte auch nicht viel von Zuneigung fiir die Jiingste iibrig. Aglaja war so schon, 35 so brillant, gemaebt, dereinst eine bobe Stellung einzunebmen. Bei Aglajas Erziebung durfte man niclit sparen. Toni war pradestiniert, eine gute Partie zu macben: muBte in Szene gesetzt werden. Nur an Babettens Zukunft dachte niemand. „Wird scbon wo unterscbliipfen, vielleicbt gelingt es uns, sie zur Stiftsdame mit einer Rente von 200 fl. zu macben“, so rechnete die Mutter. DaB Babette ein anscbmiegsames, liebebediirftiges Herz batte, darauf wurde keine Riicksicbt genommen. Aglaja kam zu einer Tante, die bohe Gonner batte, nach Wien. Toni verbeiratete sicb friib an einen Guts- besitzer, dessen Vermogensverbaltnisse viel zu wiinscben ubrig lieBen und der seine Scbwiegereltern immer in Kon- tribution setzte. Babette aber ersetzte den Eltem eine Wir ts chafterin. Da gab es denn viel Arbeit. Vom friiben Morgen bis in die sinkende Nacbt muBte sie die Hande riihren, den Kuhstall und die damit verbundene Milcb\virtscbaft, den Obst- und Gemusegarten uberwacben, die Speisekammer, das Granarium. Ruben- und Eirautkeller verlangten eine genaue Aufsicbt u. s. w. Der Vater entbrannte in beftigem Zorn, \venn es sich mn die allerkleinste Geldausgabe bandelte. Um dem vorzubeugen, erzeugte man am Gut fast alle Gebrauchsartikel selbst. Von der Seife und Kerze an bis zur Hausapotbeke. Steinmude sank unsere Babette abends in ibre Kissen. In dieses einformige, miihsame, poesielose Leben fiel wie ein Sonnenstrabl die Ankunft des Kapitanletitnants Ernst von H . . s. Selber, auf Landesbesobreibung komman- diert, wurde im Scblosse einquartiert. Aucb er war tags- uber bescbaftigt, doch am Abend und des Sonntags nach- mittags batte Babette Zeit, diesen ritterbcben, bocbgebildeten Herrn naber kennen zu lernen und auch auf ibn macbte das stille, selbstlose Wirken des Hausfrauleins einen tiefen Eindruck. Als der Sommer voruber, Ernst die Gegend ver- 3 * 36 lassen muBte, waren die zwei verlobt. Die Aussichten waren freilicb die moglicbst unglinstigsten. „Endlich wird es ja docb einmal dauernder Friede“, sagte er, „dann lasse icli micb pensionieren oder macbe Konvention und du wirst meine kleine Hausfrau. Im Friib- jabr komme ick jedenfalls wieder in die G-egend, um meine Arbeiten fortzusetzen.“ Es kam anders. Das Regiment muBte ausmarschieren, es gab wieder Krieg. Der Yater fuhr mit Babette in die Stadt, damit sie von ibrem Brautigam sich verabschieden und dem Ausmarscb des Regimentes beiwolinen konne. Da standen nun die Landessohne, den Tsehako mit Feldzeicben aus Eicbenlaub gescbmiickt, und erwarteten den Befehl zum Abmarsch. Ernst eilte noebmals ins Gastbaus, wo Babette am offenen Fenster stand und ibm mit dem Schnupftucb zuwinkte. „Teures Madchen“, sagte er, „sei stark in der Stunde der Trennung, du wirst miob ja wiedersehen! Es kann Jabre \vabren, doch kommen werde icb zu dir.“ Darauf loste er ein Blatt seines Feldzeicbens. „Be- halte dies als Erinnerung an diese Stunde, es ist ein Teil des Ehrenzeicbens, das ieb trage, — und gib mir eine deiner Ringellocken.“ Sie scbnitt sicb das Ge^viinschte ab und er sagte: „Werde selbe immer an meinem Herzen tragen." Nocb so mancb siiBes Wort wollten sie wecbseln, docb dazu war keine Zeit mehr. Die Trommeln wirbelten, die Pfeifer spielten. Einen letzten Handedruck, einen letzten KuB, dann eilte er zu seiner Kompagnie. „Kniet nieder zum Gebet!“ erscholl das Kommando. Das letzte Gebet auf heimatlicher Erde! Wie viele dieser Burscben werden sie nie wieder- seben! Unter welcbem Himmelsstricb werden ibre Gebeine bleiohen? Daran dacbte in dieser Stunde keiner der Krieger. Begeisterung schwellte ibre Brust, als sie bei Janitscbaren- 37 Musik abmarschierten. Babette bielt das Eiobenlaub in den Handen und eine Trane fiel daranf. Es war die erste. Wie viele folgten im Lanfe der Jahre! Mit wechselndem Gliick wurde gekampft; Provinzen, ja ganze Lander erobert nnd wieder verloren. Babette horte nur selten etwas von ihrem Ernst, einen GruB durch diesen oder jenen Offizier, der Rekrut en abholte oder in anderer Kommandierung ins Land kam. Als selbes franzosisch wurde, franzosische Truppen, fran¬ zosische Offiziere die Garnison bildeten, horten auoh diese Nachrichten auf. Endlicb kam die groBe Abrecknung. Es war der 18. Oktober 1813. Babette saB im G-arten und daehte — an wen? Na- ttirliob an ihn! Da sah sie ihren Ernst eiligen Schrittes dem Scblosse zueilen. „Ernst!“ rief sie, „bist du endlich gekommen? 1 ' — DochschonwarerimSchloBtorverschwunden. Sie eilte dorthin; mehrere Arbeiter waren im SohloBhofe bescbaftigt, keiner hatte ihn geseben. Ins Zimmer der kranken Mutter eilte sie, doch auch dort war er niebt. „Mutter, Mntter, was soli das bedeuten? a frug sie in groBer Aufregung. „Bete, mein Kind, bete! u entgegnete diese. Zur selben Stunde ist Hauptmann Ernst von H. auf der Ebene vor Leipzig gefallen. Eine feindlicke Kugel traf ihn genau an der Stelle, wo Babettens Locke rubte. Er bat sterbend sein Wort gebalten. Dies ist die Gescbicbte der guten alten Dame, die wir Tante Babette nannten. Warum Tante? Nun, alle Welt nannte sie so, aucb der Verfasser der „Wiener Spa- ziergange‘ £ Anton Graf Auersperg, als Dicbter Ana- stasius Griin genannt. Sebr wabrsobeinlicb, daB Babette es war, an die er bei Verfassung der oben zitierten Verse dacbte. Der in Rede stehende Jodok Bernardin \var der jiingste Solm des Maximilian, seit dem Jahre 1674 zum Grafen von Waxenstein ernannten Barbo und seiner Frau Maria Christina, Tochter des Franz Freiherrn von Brenner. Jodok war vermahlt zu Heidelberg mit einer Johanna Magdalena Strupius von Gallenhausen, Tochter des Wil- helm Strupius, Kommandanten von Heidelberg. Deren Sohn war Josef Wilhelm, er kaufte 1783 die Herrschaft Lueg nnd war dreimal verheiratet: 1. 1783 mit Regina Grafin Ratkay, verwitwete Grafin Auersperg; 2. Chri- stine Grafin Auersperg, gest. 1750; 3. Juliana Freiin von Mordaxe, genannt Juliana Barabina. Inhcilf, Seite Mtindliohe Uberlieferung. 5 Der geweihte Brunu. 7 Em Simandl.17 Deutschdorf.23 Das Blatt im Buche.31 Schlu6wort.38