134632 3sb, 'J/l. % WIENER ARCHIV FtjR GESCHICHTE DES SLAWENTUMS UND OSTEUROPAS Veroffentlichungen des Instituts fiir osteuropaische Geschichte und Siidostforschung der Universitat Wien Herausgegeben von Heinrich Felix Schmid und Giinther Stoki - BAND II - STUDIEN ZUR ALTEREN GESCHICHTE OSTEUROPAS 1. Teil Festschrift fiir Heinrich Felix Schmid Redigiert von GtTNTHER STOKL Sonderdruck 1956 VERLAG HERMANN BOHLAUS NACHF. / GRAZ-KOLN J m Buchhandel einzeln nicht kuuflich ZUR PROBLEMATIK DER RECHTSARCHAOLOGIE REI DEN VOLKERN JUGOSLAWIENS Von Josef Žontar (Ljubljana) Der verehrte Jubilar, dem dieser bescheidene Beitrag gewidmet ist, hat vor einigen Jahren in einer tiefschiirfenden Studie liber ,,Dalmatinische Stadt- biicher" auch die Bekraftigung von Liegenschaftsverkaufen in Trogir (Traii) und Split (Spalato) durch Intauschgabe einer minimalen Flache Sumpflandes bzw. eines winzigen Landstiicks nachgewiesen, ferner fiir Split die Schenkung von ein Paar Schuhen als Draufgabe erwahnt. So trug er auch zur Erforschung des dalmatinischen Volksrechts und des bedeutsamen Grenzgebiets zwischen der Rechtswissenschaft und der Volkskunde bei 1 ). Daher sei mir gestattet, iiber die Leistungen in diesem Wissenschaftszweig bei den Siidslawen zu berichten und zu einigen Fragen der Rechtsarchaologie Stellung zu nehmen. Wie bekannt sein diirfte, bildete die erste Grundlage fiir ein Studium der Rechtsgewohnheiten bei den Siidslawen das Sammelwerk von Balthasar Bogišic (1834—1908) 2 ) „Collectio consuetudinum juriš apud Slavos meridio- nales etiamnun vigentium“ (1874) 3 ). Unter den Slowenen war nur Kaspar Križnik bestrebt, aus dem heimatlichen Gebiete Material fiir das erwahnte Werk beizusteuern, doch kamen seine Antworten auf die Fragen in der ,,An- leitung“ (Naputak) 4 * ) erst im Jahre 1882 in die Hande von Bogišic. Dieser kam leider nicht mehr dazu, seine Sammeltatigkeit fortzusetzen und auch diesen AbriB lebenden Gewohnheitsrechts zu verarbeiten. Erst im Jahre 1945 veroffentlichte Joh. Polec (Ljubljana/Laibach) das Material von Križnik in den Publikationen der Slowenischen Akademie der Wissenschaften 6 ). In der Folgezeit nahm die Forschung mehr eine allgemein volkskundliche Richtung ein. Dabei trat die Sammlung von Rechtsgewohnheiten starker in den Hintergrund. Dies auBert sich bei den Kroaten in den ,,Grundlagen zur Sammlung und Erforschung des Materials vom Volksleben“ von Anton Radie !) Heinrich Felix Schmid, Dalmatinische Stadtbiieher. ZČ 6—7 (1953) S. 346—350, Anm. 143. 2 ) Enciklopedija Jugoslavije. 1, Zagreb 1955, S. 635 f.; St. Borowski, Baltazar Antoni Bogišic. Roczniki prač naukowych. 1 (1936), Separ. Warszawa 1936, 24 S. Nur auf Grund eines falsohen Berichtes aus Polen brachte die Revue historique de droit frangais et itranger 4. Serie, 33 (1955) S. 139—140 die Nachricht, Bogišic sei im Jahre 1954 im Alter von 120 Jahren gestorben. 3 ) Zbornik sadašnjih pravnih običaja u Južnih Slovena. 1, Zagreb 1874, LXXII +714 S. 4 ) B. Bogišic, Naputak za šahiranje pravnih običaja Slovena, osobito južnih. Zagreb 1867. 6 ) J. Polec, Križnikovi odgovori na vprašanja v Bogišidevem ,,Naputku“. Razprave pravnega razreda Akademije znanosti in umetnosti, Ljubljana 1945, S. 151—225. 170 Josef Žontar (1897) * 2 * * * 6 ). Dahcr bcmiihte sich Johann Strohal, der im Jahre 1909 einen um- fassenden Fragebogen liber das im Volk lebende Recht herausgab 7 ), die von Bogisic begonnenen Arbeiten fortzusetzen. Mit besonderer Riicksicht auf Bosnien und die Herzegowina suchte Aleks. Mitrovič die Rechtsgewohnheiten zu erfassen (1912—1913) 8 ). In etwas anderer Richtung ging die Forschung in Serbien. Dort hatte zu- nachst (1871) A. Čumic Vorschlage zur Erforschung der Hausgemeinschaften und Gemeinden gemacht 9 ); im Jahre 1900 gab der Juristenverein an der Belgrader Hochschule eine ,,Anleitung zur Sammlung von Rechtsbrauchen des serbischen Volkes“ heraus 10 ). Doch war die Tatigkeit des bekannten Forschers Joh. Cvijič (f 1927) viel erfolgreicher. Ihm gelang es, eine bedeutende Schulerzahl um sich zu vereinigen. Daher bildeten seine Anleitungen 11 ) den Ausgangspunkt einer regen siedlungs- und volkskundlichen Forschung, die ■vvenigstens teilweise auch die Rechtsgewohnheiten, vor allem beziiglich des Familien- und Erbrechts, beriicksichtigte. Die in den Banden des „Srpski etno¬ grafski zbornik 1 * (Serbisches ethnographisches Sammehverk) veroffentlichten Studien zeigen, welche Landesteile von Serbien, Montenegro, Makedonien und der Vojvodina bereits bearbeitet wurden 12 ). Sie enthalten auch rechts- geschichtlich bedeutsames Material, das bisher noch nicht zu einer Synthese verarbeitet wurde. Erst in letzter Zeit befaBte man sich bei den Serben auch starker mit den Problemen der rechtlichen Volkskunde. Ljubiša Protič (f 1945) 13 ) versandte in den Jahren 1936—1937 Fragebogen und sammelte «) A. Radič, Osnova za šahiranje in proučavanje gradje o narodnom životu. ZbNŽO 2 (1897) S. 1—88, bes. S. 50, 54; 2. Aufl. Zagreb 1929, 112 S. Lj. Brgič, Rukovodj za šahiranje i proučavanje gradje o narodnom životu (etnografiji) prema „Osnovi“ dra Ante Radiča. Zagreb 1944, 426 S. ■) /. Strohal, Osnova za šahiranje gradje o pravu, koje u narodu živi. ZbNZO 14 (1909) g. 134 _160, 285—326; ders., Ustanovljivanje prava, koje u narodu živi. Ebenda S. 1 — 54 . Als Romanist stellte er allerdings auch Fragen liber Rechtsverhaltnisse, die bei den Siidslawen gar nicht bestanden. 8 ) Al. Mitrovič, Pravni običaji u našem narodu. GZM 24 (1912) S. 525 543, 25 (1913) S. 105—128. 9 ) Predlog odseku istorijskom i državničkom srpskog učenog društva za izučavanje života naroda srpskog. Beograd 1871, 54 S. 10 ) Upustva za prikupljanje pravnih običaja srpskoga naroda. Beograd 1900, 41 S. 1! - 1 J. Cvijič, Uputstva za proučavanje sela u Srbiji i ostalim srpskim zemljama. Beograd 1896, 1898, 1901, 1911, Novi Sad 1922; ders., Upustva za ispitivanje porekla stanov- ništva i psihičkih osobina. Novi Sad 1922, 15 S.; J. Erdeljanovič, Upustva za ispiti¬ vanje naroda i narodnog života. Beograd 1907, 27 S., SEZb 16 (1910) 44 S.; ders., Upustva za ispitivanje naselja i porekla stanovnistva. Beograd 1928; ders., Upustva za ispitivanje narodnog života i običaja u Vojvodini. Novi Sad 1925; T. R. Djordjevič, Srpski narodni običaji. SEZb 14 (1909) S. XV—XXX. 12 ) Die Studien wurden veroffentlicht in der Sammlung Srpski etnografski zbornik, die in zwei Serien zerfallt: 1. Naselja i poreklo stanovnistva (Siedlungen und Herkunft der Bevolkerung) mit mehr geographischem Charakter, bisher 34 Bande, II. Život i običaji narodni (Volksleben und Volksbrauche) mit reichem ethnographischem Material, bisher 33 Bande. 13 ) Laut Mitteilung des Univ.-Prof. Dr. B. M. Drobnjakovič, ehemaligen Direktors des Ethnographischen Museums in Belgrad. Rechtsarchaologie bei den Volkern Jugoslawiens 171 zunachst Material uber die Rechtsbrauche beim Kauf, Verkauf und Tausch 11 ). Durch Heranziehung historischer Quellen beabsichtigte er, eine systematische vergleichende Studie uber den Kauf- und Tauschvertrag bei den Siidslawen zu schaffen. Das Wertvollste in seinen veroffentlichten Studien ist die Zu- sammenstellung der verschiedenen Bezeichnungen fiir die Bcwirtung beim AbschluB eines Kaufvertrags (likof, likovo, aldumaš, alvaluk, krčma). Mit Verwendung der rechtskartographischen Methode 15 ) hatte Protic sein Material besser veranschaulichen und die Resultate klarer darstellen konnen. Die auf Grund seiner Angaben gezeichnete Wortkarte vviirde jene von Eb. v. Kiinss- berg 16 ) iiber den Leitkauf vervollstandigen und den raumlichen Geltungs- bereich der erwahnten Ausdriicke zeigen: des likof (Leitkauf), der vomWesten herkam, des aldomas, der von Norden (Ungarn) eindrang, des alvaluk, der sich unter der tiirkiscben Herrschaft verbreitete und dessen Geltungsbereich sich teilweise mit jenem der krčma kreuzte; diese reicht namlich aus Bulgarien nach Makedonien. Protic interessierten auch die Rechtsbrauche, die mit dem Grenzrecht in Verbindung standen. Um die junge Generation der Geometer, die daran gingen, in Makedonien Katastralkarten aufzunehmen, zu Mitarbeitern zu gewinnen, machte er sie auf die grofie Bedeutung aufmerksam, die diesen Operaten fiir die rechtskundliche Volkskunde zukomme 17 ). Unter den Pro- blemen bei der Grenzziehung von Grundstiicken stieB Protic auf den alten Rechtsbrauch des Grenzeides mit dem Rasenstiick, doch kam er nicht mehr dazu, ihn erschopfend darzustellen 18 ). Die Bedeutung der rechtlichen Volkskunde als Hilfsvvissenschaft der Rechts- geschichte schatzte auch M. Dolenc und schrieb eine seiner besten Studien iiber ,,die symbolischen Rechtshandlungen und -auBerungen bei den Slo- wenen“ 19 ). Mehr vom rechtsarchaologischen Standpunkt verschickte ich auf Anregung von Prof. Eb. v. Kiinssberg im Jahre 1939 Fragebogen und ver- offentlichte die Ergebnisse iiber Rechtsaltertiimer in Slowenien zunachst in kleineren Berichten 20 ). Auch Sergij Vilfan, der 1944 im Rahmen einer Gesamt- 14 ) Lj. Protic, Neki običaji oko kupovine, prodaje i trampe. OEM 11 (1936) S. 17—31, 12 (1937) S. 40—60. 15 ) Eb. v. Kiinssberg, Rechtssprachgeographie. Sb. der Heidelberger Akad. d. Wiss., philos,- histor. KI., Heidelberg 1926; Walther Meric,, Wege und Ziele der geschichtlichen Rechtsgeographie (Sonderdruok a. d. Festschrift f. Prof. P. Traeger) Berlin 1926; K. Frohlich, Probleme der Rechtskartographie. VSWO 27 (1934) S. 40—64. u ) Eb. v. Kiinssberg, Rechtssprachgeographie S. 35 und Karte 7. 17 ) Lj. Protic, Značaj katastarskog operata za istorisku i etnološku nauku. Oeometerski i geodetski Glasnik 18 (1937) S. 20 f. 18 ) Ders., Razgraničavanje imanja. OEM 12 (1937) S. 61—70. 19 ) M. Dolenc, Simbolična pravna dejanja in izražanja med Slovenci. SP 52 (1938) S. 241—258, 323—336 und Sonderausgabe Knjižnica Slov. Pravnika 1, Ljub¬ ljana 1938. 8 ") J. Žontar, Slovenske pravne starine. Ml 21 (1940) S. 136—138; ders., Sodne lipe in mejna znamenja. Ebenda S. 175—177; ders., Sramotilni stebri. Ebd. S. 214—216; ders., Morišča in krvava znamenja. Ebd. S. 249—250; ders., Tržna in obrtniška znamenja. Ebd. S. 281—282; ders., Rovaši. Ebd. S. 310—311; ders., Knežji kamen in vojvodski stol. Ebd. S. 349—350. 172 Josef Ž o n t a r darstellung der „Volkskunde der Slowenen“ einen gediegenen AbriB der recht- lichen Volkskunde gab 21 ), war von der Kiinssbergschen Einteilung dieses Wissenschaftszweiges stark beeinfluBt, hatte aber einzelne Abschnitte, be- sonders jenen iiber das Volksreeht und die Rechtsbrauche, mehr systematisch ausgearbeitet. Vor kurzem befaBte sich S. Vilfan prinzipiell mit den Fragen dieses Grenzgebiets zwischen Rechtswissenschaft und Volkskunde 22 ) und trat fiir eine scharfere Scheidung der rechtlichen Volkskunde von der Rechts¬ archaologie ein 23 ). Beide Wissenschaftszweige diirften nicht vermengt werden, wie es bisher sehon geschehen sei. Es geniige nicht, daB sich jeder das Gebiet, in dem sich Rechtswissenschaft und Volkskunde beriihren, nach eigenem Gut- diinken begrenze 24 ). Auch die rechtliche Volkskunde als ein Zweig der Volks¬ kunde miisse sich an die Rechtssystematik halten. Nach dem Muster des Fo lkl ore juridique“ der Franzosen 25 ) miisse ihre Aufgabe sein, das Volksreeht im weiteren Sinne, d. h. jene Rechtsregeln zu erforschen, die das Volkpraeter oder contra legem gebildet hat. Dankenswert ware es, auf Grund der Volks- iiberlieferung den rechtlichen Partikularismus bei den Slowenen zu schildern. Als besondere Aufgaben stellte Vilfan der rechtlichen Volkskunde, zu ergriinden, ob das Volk bestimmte Elemente alterer gesellschaftlicher Ordnungen auch in wesentlich veranderten sozialen Verhaltnissen bewahrte (etwa als ,,ge- sunkenes Rechtsgut“ im Sinne von K. S. Bader 26 ), welche Rechtsbrauche das Volk in Verbindung mit neuen Rechtsregeln einfiihrte, welche Stellung das Volk in seinen Gedichten, Sprichwortern, Erzahlungen usw. zu einzelnen rechtlichen Erscheinungen in der Gesellschaft einnahm u. a. Im Gegensatz zur rechtlichen Volkskunde ist die Rechtsarchaologie ein Teil der rechtsgeschichtlichen Forschung, die sich fiir jene technischen Hilfs- mittel (Gegenstande und Handlungen) interessiert, die „das altere Recht zur Verdeutlichung und zum Vollzug seiner Vorschriften besaB und die in der Rechtsordnung und im VolksbetvuBtsein eine festumsehriebene Bedeutung hatten“ 27 ). Im jugoslawischen Raum bestand einst eine Fiille soleher Gegen- 21 ) S. Vilfan , Oorl slovenskega pravnega narodopisja. Narodopisje Slovencev 1, Ljubljana 1944, S. 217—262. 22 ) Ders ., Slovenska pravna zgodovina in njene zveze s prakso. Pravnik 9 (1954) S. 15—29. 23 ) Vgl. dazu Cl. v. Schiverin , Einfiihrung in die Rechtsarchaologie — K. v. Amira, Cl. v. Schiverin, Rechtsarchaologie 1, Berlin 1943, S. 3 f., 129 f. 24 ) So Eb. v. Kiinssberg, Etwas von rechtlicher Volkskunde. Vom Jura zum Schivarzivald 14 (1939) S. 3. Ebenso gab auch R. Horna keine genaue Begrenzung, vgl. Folklore juridique. hud 39 (1952), Krak6w-Poznan, S. 133 147. 25 ) Rene Maunier, Introduction au folklore juridique. Pariš 1938, S. 5: Cl. v. Schiverin, Volksrechtskunde und rechtliche Volkskunde. Studi di storia e diritto in onore di E. Besta. Milano 11/1939, S. 520 f. 26 ) K. S. Bader, Gesunkenes Rechtsgut. Zur Begriffsbildung und Terminologie in der rechtlichen Volkskunde. Arbeiten zur Rechtssoziologie und Rechtsgeschichte. 1. Kunst und Recht. Karlsruhe 1948 S. 12 f. 27 ) H. Balti, Rechtsarchaologie — ein junges Forschungsgebiet. Bericht liber den 3. osterr. Historikertag in Oraz (26. — 29. Mai 1953). Wien 1954, S. 193—196, bes. 193; ders., Sicherung der Rechtsaltertumer. Bericht uber die Hauptversammlung des Verbandes osterr. Oeschichtsvereine (27. — 29. Sept. 1954). Wien 1955, S. 85—87. Rechtsarchaologie bei den Volkern Jugoslawiens 173 stande und Handlungen, deren Erforschung deshalb sehr bedeutsam erscheint, weil sich hier so verschiedene Kulturspharen kreuzten. Die rechtsarchaologische Arbeit muB also auf der Kenntnis der erwahnten Gebrauchsgegenstande und der rechtsarchaologisch verwertbaren Darstellungen und Nachrichten auf- bauen. Bisher bestand dariiber noch keine zusammenfassende und verglei- chende Studie fiir die Volker Jugoslawiens. Mogen die folgenden Zeilen die wissenschaftliche Erfassung und Bearbeitung der rechtsarchaologischen Objekte Jugoslawiens veranlassen! I. Von den Forschungsgegenstanden der Rechtsarchaologie kommen zunachst die Ortlichkeiten in Betracht, an denen ihrer Bestimmung gemafi rechtliche Handlungen vorgenommen wurden'). Unter den allgemeinen V ersammlungsorten erwahnt Schwerin auch das Zollfeld bei Karn- burg (Karnten). Auch ich muB es hervorheben, da das Interesse der sloweni- schen Historiker fiir die Karntner Herzogseinsetzung am Eiirstenstein unver- mindert fortdauert * 2 ). Als Versammlungsorte stadtischer Gemeinschaften kommen in Slowenien und Kroatien neben den Platzen die offenen Lauben (Loggien), Ratsstuben und Rathaussale in Betracht 3 ). In der Stadt Kranj (Krainburg, Slowenien) wurde das ,,offen panteiding" in der ,,offen Camawn“, d. h. in der offenen Laube des Rathauses vor den ringsum stehenden Biirgern, Bauern und anderen Zuschauern abgehalten. Als am 22. Februar 1519 mit Urteilspruch entschieden wurde, wegen strenger Kalte und starken Windes den Bannteiding in die warm geheizte Ratsstube zu verlegen, solite dies geschehen, ohne jemand in seinen Rechten zu beeintrachtigen 4 ). In Koper (Capodistria), dem Hauptort des einstigen Venetianisch-Istrien, wurden im Friihmittelalter Versammlungen in einem antiken Tempel, spater im Hof des bischoflichen Palastes abgehalten. Die im gotischen Stil gehaltene Laube neben der Domkirche dadiert wenigstens teilweise aus der Zeit um 1400. Im 16. Jahr- hundert hatte die Stadt zwei Loggien. Alte Lauben findet man in den Stadten Izola (Isola), Piran (Pirano), Buje, Umag (Umago), Rovinj (Rovigno; es hatte eine Zeitlang 5 Loggien, darunter eine ,,Lodia carcerum “) und Pula (Pola). Dort diente einige Jahrhunderte der Augustustempel als Versammlungsort. Jungeren Datums sind die Loggien in Grožnjan (Grisignana), Motovun (Mon- tona), Oprtalj (Portole), Sv. Lovreč Pazenatički (San Lorenzo del Pasenatico), Gračišče (Gallignana) und Barban (Barbana) 5 ). In dem einst zu Krain ge- !) 8chwerin, Einfiihrung S. 13. Ich folge in meiner Studie der Einteilung von Scbverin. a ) Unter den letzten Abhandlungen vgl. B. Grafenauer, Ustoličenje koroških vojvod in država karantanskih Slovencev. Slov. akademija znanosti in umetnosti, razred za zgodovinske in družbene vede, Dela 7, Ljubljana 1952, 623 S.; L. Hauptmann, Staro¬ slovenska družba in obred na knežjem kamnu. Ebd. Dela 10, Ljubljana 1954, 162 S. 3 ) Vgl. dazu Sdmerin, Einfiihrung S. 15. 4 ) Vgl. das alteste erhaltene Gerichtsbuch der Stadt Kranj (1517—1520) im Diozesan- archiv in Ljubljana, S. 193. 5 ) Gius. Caprin, L’Istria nobilissima. Trieste 1905, Bd. 1, S. 235, 254, 255 Anm. 1, Bd. 2, S. 12; Jos. GrašiS, O rovaših in sramotilnih stebrih v Istri. Ml 21 (1940) S. 419. 174 Josef Ž o n t a r horenden Nordistrien ware die offene Laube von Pazin (Mitterburg, Pisino) mit dem Steintische zu ertvahnen (1732) 6 ). An der Ostkiiste Istriens am Quar- nero liegen die durcb altes Statutarrecht in kroatischer Sprache bekannten Stadte Kastav (Castua), Veprinac und Moščenice 7 ). In Veprinac steht die Loža komunska vor der Annenkirche 8 ). In Moščenice befindet sich in der Nahe der kleinen Laube ein Lindenbaum mit einem Steintisch, auf dessen Platte der Spruch: „Diligite iustitiam“ eingemeiBelt ist. Der Tisch diirfte urspriinglich in der Loggia gestanden sein. In Trogir (Trau, Dalmatien) wurde die Gerichts- laube auf dem Platz vor der Kathedrale zu Beginn des 14. Jahrhunderts erbaut. Sie besitzt seit 1470 an der Wand ein Relief, das eine Allegorie der Gerechtig- keit darstellt. Der steinerne Richtersitz besteht noch. Die Loggia von Split (Spalato) hat charakteristische Aufsehriften: „Nosce te ipsum“ und „Respice finem“ , die wohl mit der richterlichen Tatigkeit in Beziehung zu bringen sind. Der Rektorenpalast in Dubrovnik (Ragusa) hat neben Ratsstuben eine Arkadenvorhalle mit Steinsitzen, welche die Senatoren bei Versammlungen innehatten. Im Rektorenpalast ist noch eine Reihe von Denkwiirdigkeiten erhalten, welche die hier geiibte Gerichtstatigkeit kennzeichnen: eine allego- rische Statue der Justitia aus dem 15. Jahrhundert und zwei Saulenkapitale, deren eines die Personifikation der Gerechtigkeit zeigt, deren anderes das Staatsoberhaupt und den Kanzler am Pulte bei einer Gerichtsabhandlung darstellt 9 ). Auf dem Lande gab es fiir kleinere Gemeinschaften Versammlungsorte anderer Art. Besonderes Interesse erwecken jene unter Lindenbaumen, die mit steinernen Tischen und Banken versehen sind 10 ). Dank einer ausgedehnten Selbstverwaltung, welche die Slowenen im Gebirgsland nordostlich von Civi- dale seit den Zeiten der Republik Venedig genossen hatten, erhielten sich hier alte Rechtsgewohnheiten bis ins 19. Jahrhundert. Die 36 JSTachbarschaften des Gebiets hielten ihre Versammlungen (sog. sosednja ) mehrmals im Jahr ab. Die Vertreter der beiden Distrikte, in welche die erwahnten Nachbarschaften zusammengeschlossen waren, versammelten sich in Biacis (spater in Tarcetta) bzw. in Unter Merso bei altehrwiirdigen Lindenbaumen an steinernen Banken und Tischen (sog. dvanajstije). Wenigstens einmal im Jahre trafen sich die 6 ) M. Premrou, Monimenta Sclavenica. Ljubljana 1919, S. 65. 7 ) Jos. Žontar, Kastavščina in njeni statuti do konca 16. stoletja. ZZB 21 (1946) S. 153 bis 219, bes. S. 166. 8 ) B. Strohal, Odluke veprinačkog suda od god. 1581—1591. VjZA 16 (1914) S. 117 f.; Jos. Mal, K poglavju starejše zgodovine Slovencev. Čas 10 (1916) S. 90. •) Fiir Dalmatien gaben mir Auskunft: der ehemalige Direktor des Archaologischen Museums in Split Dr. M. Abramic, der Staatsarchivdirektor in Dubrovnik Dr. V. Foretic, der ehemalige Leiter des Denkmalamtes in Zagreb Dr. Lj. Karaman und Dr. L. Katic aus Solin (Salona) bei Split. Vgl. auch H. Folnesics, Studien zur Ent- wicklungsgeschichte der Architektur und Plastik des XV. Jahrhunderts in Dalmatien. Jahrbuch des kunsihistorischen Instituts der k. k. Zentralkommission fiir Denkmalpflege, 8 (1914) S. 97—99, 103—104. 10 ) Zum Beispiel im Dorfe Klanec siidl. vom Knotenpunkt Herpelje-Kozina am Karst (Mitteilung von Dr. Em. Cevc, Ljubljana). Rechtsarchaologie bei den Volkern Jugoslawiens 175 Vertreter der drei Taler des Gebiets (parlamento della Schiavonia) beim groben Steintisch neben dem Kirchlein des hi. Quirinus in der Nahe von S. Pietro al Natisone, um gemeinsame Angelegenheiten zu beraten und liber sie zu ent- scheiden. Es ist zu bedauern, daB diese rechtsarchaologischen Objekte, die vor etwa 30 Jahren noch an Ort und Stelle standen, nicht unter Denkmalsehutz gestellt, sondern entfernt und teilweise schon zerstort wurden xl ). Die Nachrichten uber Versammlungsorte landlicher Gemeinschaften in Slowenien sind noch nicht systematisch und erschopfend gesammelt. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts betonte L. Toman, daB fast in jedem Dorfe Linden- baume stiinden, unter denen sich die Vorfahren liber alle wichtigen Angelegen¬ heiten beraten hatten. Da und dort kame es noch zu solchen Versammlungen, die in Oberkrain šare srenje genannt wiirden 12 ). Je starker der grundherrschaft- liche Druck wurde, desto geringer wurde der Tatigkeitsbereich landlicher Gemeinschaften. In vielen Fallen konnten sich solche Versammlungen iiber- haupt nicht halten. Die Grundherren und landesfiirstlichen Kommissare \varen besonders seit den groben Bauernaufstanden des 16. Jahrhunderts bestrebt, die Dorftaidinge unter den Linden abzuschaffen und ihre Tatigkeit in die Schlosser oder deren unmittelbare Umgebung zu verlegen. Damit kamen diese Versammlungen unter die Aufsicht der Grundherren oder von deren Herrschaftsverwaltern und bekamen einen ausgesprochen herrschaftlichen Charakter, z. B. bei den Schlossern Auersperg, Gallenberg, Stattenberg u. a. 13 ). Einen besonderen Typ bilden Dorflinden mit Bauernsteinen z. B. in Vrba (Felbern) und Smokuč in Oberkrain und in Nemški Rut (Deutschruth) im Gorzischen. In Vrba bestanden urspriinglich 16 Bauernguter. Ebenso viele groBe Steine dienten unter der Linde als Sitze fur die Hausvater, die hier vor allem uber die Verwaltung der Allmende (etwa 90 ha Viehweiden) berieten. Die Hohe der Steine schwankt zwischen 30 und 50 cm, ihre Breite zwischen 50 cm und 1,10 m 14 ). Auch fur Kroatien besteht noch kein systematisches Verzeichnis der Ver¬ sammlungsorte landlicher Gemeinschaften. Der zahlreiche, bauerlich lebende Kleinadel hielt in seinen Adelsgemeinden, z. B. Turopolje, Cvetkoviči, Dra- ganič u. a., besonders zah an seinen alten Rechtsgewohnheiten fest und fand sich an bestimmten Orten zu periodischen Versammlungen ein. In Kampfen mit machtigen Grundherren, z. B. den Zrinjski, Frankopane, Erdody, ist ein bedeutender Teil dieses Kleinadels zu abhangigen bauerlichen Hintersassen n ) C. Podrecca, Slavia Italiana. Cividale 1884, bes. S. 83, 94, 96, 102, 192. H. Tuma, Avtonomna uprava Beneške Slovenije. SP 47 (1933) S. 234 ff., 239. Uber die rechts¬ archaologischen Gegenstande gab mir der im Jahre 1954 verstorbene Dr. J. Trinko aus Trfimun (Tercimonte), ehemaliger Theologieprofessor in Udine, Auskunft. 12 ) Novice 1858, S. 12. 13 ) J. W. Valvasor, Ehre des Herzogthum Crain. 1689 .Bd. 8, S. 748, 763; A. Kaspret, O vežah .ČZN 4 (1907) S. 216, 221; der s., Tiranstvo graščaka Frana Taha in njegovega sina Gabriela. ČZN 6 (1909) S: 92, 106 f. “) Alj. Gspan, Vrba od Prešernovih časov do danes. ČJKZ 6 (1927) S. 256 f.; S. Vilfan, Očrt S. 242 f. 176 Josef Ž o n t a r herabgesunken 15 ). Trotzdem hielten z. B. die Bauern von Vivodina zweimal monatlich Taidinge in den Banken der Kirche des hi. Laurentius 16 ), die Be- wohner der ehemals freien Gemeinde Kupčina im Eichenhain bei der Kirche der hi. Margarete ab 17 ). Der Versammlungsort der einstigen Adelsgemeinde Krašic war unter einer riesigen Linde auf dem Markt neben der Kirche der HI. Dreifaltigkeit. Hier befanden sich die Banke, wo man zu bestimmten Zeiten beriet, hier schwuren sie gegenseitig Treue, als sie 1830 darangingen, durch Gewalt die alten Freiheiten zu erneuern. Der Aufstand wurde aber durch eine Militarabteilung blutig niedergeschlagen. Die Verwaltungsbehorde beschloB darauf „ut tilia in foro Krassichensi existens, quam pro simbolo libertatis per dementatam hanc plebem servari relatum exstitit, succindatur et annihiletur“. In Budapest bestatigte man diese Entscheidung mit der Be- griindung ,,quod saepefati renitentes sub tilia quapiam, in qua praecipuum somniatorum privilegiorum presidium locant, convenire, ibidemque consul- tationes suas fovere soliti fuerunt, eandem hanc tiliam radicitus succidi et simpliciter annihilari procuret“. So fiel Ende Januar 1831 die riesige Linde mit den Banken zur Strafe des Aufstandes 18 ). Auch im Bezirk von Karlovac (Karlstadt) hielt der Richter mit seinem Rat monatlich bei der Pfarrkirche in den dazu bestimmten Banken Versamm- lungen ab, um verschiedene privatrechtliche Fragen und Streitigkeiten zu regeln 19 ). In der autonomen Gemeinde Poljica (Dalmatien) fand alljahrlich am Georgstage die GroBversammlung beim Dorf Gata unterhalb der Kirche des hi. Georg in der Nahe von Omiš statt. Hier besteht noch der in Felsen ausgehauene Sitz des Veliki knez, des Oberhauptes der Poljica, der gleichzeitig auch oberster Richter war 20 ). Im Kiistengebiet zwisehen Trogir (Trau) und Split/Kaštela wurden die Versammlungsorte in den Dorfern Brce genannt. Dort stehen steinerne Sitze auf dem kleinen Platz vor der Kirche oder vor dem Kastell 21 ). In der dalmatinischen Zagora im Dorfe Čaporice bei Trilj im Tale der Cetina kam man unter dem groBen Eichenbaum neben der Kirche zu- sammen. Im Dorf Hrvatce stieg der Ortsvorsteher bei der Versammlung auf 16 ) V j. Klaič, Hrvatsko pleme Kreščič ili Kriščič. VjDA 1 (1925) S. 46—96; E. Laszoivski, Hrvatska plemenska opčina Cvetkoviči. VjDA 2 (1926) S. 13—81, 3 (1928) S. 71—111, 4 (1929) S. 1—73; J os. Žontar, Hauptprobleme der jugoslavischen Sozial- und Wirt- schaftsgeschichte. V8W0 27 (1934) S. 357; A. Solov jev, Szlaehta zašciankowa u Slowian poludniowych. Przeivodnik historycznopravmy 5 (1937) S. 5; Drag. Tončič, Plemieke zadruge. MjPD 49 (1923) S. 26—32, 49—70. 16 ) R. Strohal, Vivodinske isprave. VjDA 6 (1934) S. 125; ders., Vivodina. ZbNŽO 30, 1 (1935) S. 220. 17 ) J. čuk, Krašicka seljačka buna godine 1830. Zagreb 1954, 8. 76. • 9 ) Ders., ebd. S. 54 f., 59, 73 f. ”) R. Strohal, Karlovački kotar od XV. do XIX vijeka. ZbNŽO 30, 2 (1936) S. 92, 99. 20 ) Alf. Pavich, Prinosi povjesti Poljice. GZM 15 (1903) S. 38; ders., Beitrage zur Ge- schichte der Republik Poljica bei Spalato. WM 10 (1907) S. 191; A. Solovjev, Szlaehta S. 8 Anm. 2. 21 ) M. Barada, O našem običaju „biranja kralja". Starohrvatska Prosveta N. F. 1 (1927) S. 202. Dorflinde mit Bauernsteinen von Vrba (Photo M. Maleš) Reste des Galgens von Gornj i grad (Photo Dr. E. Cevc) ril Rechtsarchaologie bei den Volkern Jugoslawiens 177 einen groBen S tein 22 ). Beim Stamm der Paštroviči (Siiddalmatien), zwischen den Stadten Budva und Bar (Antivari), tagte die Volksversammlung in der Nahe des orthodoxen Klosters Reževici in der Umgebung von Petrovac 23 ). In vielen Dorfern Mittelbosniens, besonders solehen mit mohammedanischer Bevolkerung, hielten die Bewohner iiber gemeinsame Angelegenheiten Rat auf einem freien Platz im Dorf, dem sogenannten trzan, an dem sich oft auch die Dorfmoschee oder der Brunnen befindet 24 ). In Serbien und Makedonien war es iiblich, Dorfversammlungen bei Kirchen, Klostern, Moscheen oder in deren unmittelbaren Umgebung einzuberufen. Im Becken von Skopje (Make¬ donien) durften daran nur die Vorsteher der Hausgemeinschaften teilnehmen, doch muBten sie ohne Waffen erscheinen 25 ). Nur in einigen Fallen sind besonders fiir die altere Zeit auch die Kirchen selbst als Versammlungsorte bezeugt. Dies gilt in Slowenien fiir die Stadt Metlika (Mottling, Unterkrain), wo man wenigstens bis zum Ende des 16. Jahr- hunderts alljahrlich den Richter und starešina (Altesten) in der Pfarrkirche wahlte 26 ). Ebenso versammelten sich die Župane nach altem Herkommen mehr- mals im Jahr zu Beratungen in der Klosterkirche zu Kostanjevica (Land- straB) 27 ). Ahnlich war es in der Gemeinde Topalj bei Hercegnovi in Dalmatien Brauch, Versammlungen in der Kirche abzuhalten 28 ). Die behandelten Versammlungsorte dienten meist zugleich auch als Gerichtsorte. Eine Sondergruppe bilden die Gerichtsstiihle. Doch muB man Berichte liber dieselben auBerst kritisch beurteilen. Einen Grafenstuhl der Edlinger bei Zagorje (Sagor) an der Save (Slowenien) gab es nicht 29 ). Wohl aber besteht auf dem Boden des einstigen Zahumlje (der spateren Herzego- wina) eine Reihe von Steinstiihlen, die vom rechtsarchaologischen Standpunkt aus groBte Beachtung verdienen. Der steinerne Stuhl von Bukovica (im Bezirk Konjic an der Neretva) stand urspriinglich an einem Ort, der noch heute den Namen ,,K6nigsstuhl“ (Kraljevi stolac) tragt. Da er nach Form und plastischer Dekoration in der mittelalterlichen Kunst Bosniens einzig dasteht, liegt es nahe, an einen bosnischen Konigsstuhl zu denken. Es ist nicht ganz sicher, ob sich die spater angebrachte Inschrift auf Ivan, den Sohn des Radoslav Pavlovič, einen bosnischen GroBvojvoden aus der ersten Halfte des 15. Jahr- hunderts, bezieht. Auf dem Bišcepolje bei Mostar, an der Buna bei Kosor, stand ein Gerichtsstuhl, den angeblich der Vojvode Stefan Vukčič (1435—1466) 22 ) Diese Einzelheiten auf Grund der Mitteilungen von Dr. L. Katic aus Solin. 23 ) A. Solov jev, Szlachta S. 8 Anm. 5. 24 ) Vlad. Skarič, Trzan. GZM 40 (1928) S. 127 f. 25 ) M. S. Filipovič, Običaji i verovanja u Skopskoj kotlini. SEZb 54 (1939) S. 316 f.; iiber Dorfversammlungen in Serbien im 19. Jh. vgl. T. E. Djordjevii Selo kao društvena zajednioa za vreme prve vlade kneza Miloša. Pril. 2 (1922) S. 129 f.; ders., Selo kao sud u našem narodnom običajnom pravu. Zb. filozof, fakulteta 1 (1948) Beograd, S. 267 f. 26 ) A. Svetina, Metlika. Ljubljana 1944, S. 9 f. 27 ) S. Vilfan, Očrt. S. 243. 28 ) P. S. Šerovic, Iz arhive stare topoljske opštine kod Heroegnovoga 1718—1797. GE M 8 (1933) S. 29—38. 29 ) M. Kos, Vojvoda in knez v krajevnih imenih. GMDS 24 (1943) S. 83. 12 Wr. Archiv, Bd. II. 178 Josef Ž o n t a r beniitzte. Jetzt befindet er sich im Museum in Sarajevo. In der SchloBruine von Ključ, siidlich von Gacko, befand sich der Stuhl des Vojvoden Sandalj Hranič (f 1435). Auch er wurde den Sammlungen des Landesmuseums ein- verleibt. In der Nahe der Kirche von Ošanic bei Stolac stehen zwei Gerichts- stiihle, der erste des Stefan Miloradovič-Hrabreni, der zweite seines Sohnes, des Vojvoden Peter. Nicht weit davon befindet sich die bekannte Nekropole von Radimlja, der Familienfriedhof der Miloradoviči, der wohl die schonste Gruppe altbosnischer Grabsteine (stečci) birgt 30 ). Die bosnische Adelsfamilie der Miloradoviči-Hrabreni hatte in der Herzegowina bedeutenden grund- herrschaftlichen Besitz. Als machtige Vasallen der Pavloviči spielten sie eine bedeutsame Rolle im 15. Jahrhundert, was auch durch die Verleihung der Patrizierwiirde durch die Republik Dubrovnik (Ragusa) zum Ausdruck kam 31 ). In einigen Dorfern der Gemeinde Ston (Stagno, Dalmatien) auf dem Boden der einstigen Republik Dubrovnik (Ragusa) gab es ein altertiimliches Volks- gericht fiir Diebe. Es versammelte sich im Dorfe Ošljem vor der Kirche auf steinernen Sitzen, in Smokovljani aber bei den drei Grabsteinen (stečci) in der Nahe der Dorfkirche 32 ). Unter den Strafvollzugsorten kommen vor allem die Richt- statten in Betracht. Das sind jene Orte, wo die Todesstrafe durch Hangen, Enthaupten oder ErschieBen vollzogen wurde. In Slowenien galt der Galgen nicht bloB als Strafgerat, sondern auch als Herrschaftssymbol, als Zeichen der Blutgerichtsbarkeit. Soweit bisher bekannt, sind in Slowenien nur an zwei Stellen bedeutende Reste von Galgen erhalten (Gornji grad/Oberburg, Bela peč/WeiBenfels) 33 ). In einigen Fallen sind die ehemaligen Richtplatze noch an Erdaufschiittungen und Spuren im Geliinde erkennbar. Sonst kann man nur aus historischen Quellen oder auf Grund von Flurnamen feststellen, ob und wo einst Galgen von Fali zu Fali errichtet oder standig erhalten 30 ) Vgl. dariiber die Publikation Srednjevjekovni nadgrobni spomenici Bosne i Hercegovine. I.A. Benac, Radimlja. Sarajevo 1950 ; 2. Ders., Olovo. 1951; 3. Ders., Široki Brijeg. 1952; 4. D. Sergejevski, Ludmer. 1952; 5. Š. Beš lagic, Kupres. 1954. 31 ) K. Hormann, Ošanic kod Stoca. GZM 4 (1892) S. 47; ders., u. IV. Radimsky, Die Alterthiimer von Ošanic bei Stolac. WM 2 (1894) S. 35 f., 41; W. Radimsky, Bišcepolje bei Mostar. Ebd. S. 25—27; č. Truhelka, Starobosanski pismeni spomenici. GZM 6 (1894) S. 771 L; Argo 8 (1900) S. 10—12; 6. Truhelka, Das mittelalterliche Staats- und Gerichtswesen in Bosnien. WM 10 (1907) S. 112; V ejsil ČurSič, Kamene stolice. Napredak 8 (1933) Sarajevo, S. 27—30; Dj. Mazalič, Borač — bosanski dvor srednjeg veka. GZM 53 (1941) S. 45 f; Poviest Bosne i Hercegovine 1. Sarajevo 1942, S. 401, 485; Jos. K. Jireček u. Jov. Radonič, Istorija Srba. 2. Aufl. Beograd 1952, S. 118 Anm. 6; Vojislav Bogičevič, Vlasteoska porodica Miloradoviča-Hrabrenih u Hercegovini. GZM N. F. 7 (1952) S. 142, 149 f., 156, 159; A. Kučan u. Dj. Mazalič, Kameni stolac iz Bukovica. GZM N. F. 10 (1955) S. 41—48. n ) M. Milac, Starinski narodni sud zalupeže u nekijem selima opčine stonske (Dalmacije). GZM 9 (1897) S. 327—328; ders., Ein alterthiimliches Volksgericht fiir Diebe in einigen Dorfern der Gemeinde Stagno (Dalmatien). WM 6 (1899) S. 661—662. 33 ) H. Pirchegger, Steirische Galgen. Bldtter zur Geschichte und Heimatkunde der Alpen- Idnder (Beilage zur Grazer Tagespost) 4 (1913) S. 406; Jos. žontar, Morišča in krvava znamenja. Ml. 21 (1940) S. 249. Reohtsarohaologie bei den Volkern Jugoslawiens 179 Avurden 34 ). In Dalmatien gibt es nirgends Reste von Galgen 35 ). Aus Kroatien, Bosnien und Serbien, wo die Todesstrafe des Erhangens haufig war, sind mir bisher keine Nachrichten iiber Reste von Steingalgen zugegangen 36 ). In Cetinje (Montenegro) war der Ort, wo man die zum Tode verurteilten Manner erschoB, bei der sogenannten Wallachenkirche (vlaška crkva). Daneben stand ein Birnbaum, auf dem man die verurteilten Weiber hangte 37 ). Der Birnbaum des Fursten Miloš Obrenovic in Kragujevac (Serbien), der an der Stelle des heutigen Stadtparks stand, hatte ebenfalls historische Bedeutung. Hier wurde die Todesstrafe durch Erhangen vollzogen 38 ). Vom Westen her war die Institution der Pranger in die Alpenlander und die westlichen Teile Kroatiens eingedrungen. In Bosnien, der Herzegowina, Serbien und Makedonien sind sie nicht bekannt. Wohl aber findet man sie in groBer Zahl im ehemaligen Venetianisch-Istrien und in Dalmatien. Es kommen folgende Hauptformen vor: 1. Das einfache Halseisen, das an einem Gebaude, z. B. der Loggia oder der Kirche, in seltenen Fallen an einem Baum (einer Gerichtslinde) ange- bracht ist. 2. Die zu ebener Erde stehende Schandsaule aus Stein, die mit einem Hals¬ eisen versehen ist. 3. Der eigentliche Pranger, der einen stufenformigen oder sonst erhohten Auftritt hat. tjber diesem sind in entsprechender Hohe ein Halseisen oder andere Fesseln angebracht. Dieser Auftritt kann an ein Gebaude angelehnt sein oder mit einer freistehenden Schandsaule in Verbindung stehen 39 ). 4. Eine Besonderheit bildet der Pranger von Ptuj (Pettau), wo man zu diesem Zwecke einen romischen Votivgrabstein aus Poetovio verwendet hat 40 ). Auf unserem Gebiet haben wir es mit Prangern der Stadte, Markte und Grundherrschaften zu tun. Sie standen bzw. stehen teilweise noch auf Platzen, in der Nahe von Rathausern und Kirchen, jedenfalls an Orten, wo groBere Menschenmengen sich versammelten oder vorbeigingen. In Slowenien sind Pranger erhalten in Krško (Gurkfeld), Rajhenburg (Reichenburg, 1672), Pilštanj (Peilenstein), Podsreda (Horberg, 1667), Ptujska gora (Maria Neustift), Ptuj (Pettau), Rečica ob Savinji (Retschitz a. d. Sann), Lemberg und Motnik =") S. Vilfan, Očrt, S. 249—250; ČZN 7 (1910) S. 113 35 ) Laut Mitteilung von Dr. M. Abramič. In Dubrovnik wird der Galgen erwahnt Rad 114 (1893) S. 201 M ) B. Bogišič, Zbornik sadašnjih pravnih običaja u Južnih Slovena. Zagreb 1874, S. 583 f. 37 ) Ebenda S. 573. 3S ) A. S. Jovanovič, Dokazna sredstva u našem starom kaznenom zakonarstvu. Beograd 1898, S. 5. 3S ) Zur Einteilung vgl. K. Frohlich, Statten mittelalterlioher Rechtspflege auf siidwest- deutschem Boden. Tiibingen 1938, S. 40 f. 50 ) K. Tragan, Der Pranger von Pettau. Orazer Tagespost 6. 3. 1909; V. Skrabar, Der Pranger von Pettau. Pettauer"Zeitung 9. 5. 1914; Eb. v. Kiinssberg, Vergleichende Reohtsarohaologie = Arbeiten zur Rechtssoziologie und Rechtsgesehichte Bd. 1. Karlruhe 1948, S. 139. 12 * 180 Josef Žontar (Mottnig, 1793) 41 ). Mitte des 19. Jahrhunderts stand noch der Pranger in Ruše (Maria Rast) bei Maribor (Marburg) 42 ). Historische Quellen erwahnen diese markanten Rechtsaltertiimer in Ljubljana (Laibach) auf dem stadtischen Boden beim Rathaus und auf dem Besitz des deutschen Ritterordens in der Vorstadt Krakovo, ferner in Kranj (Krainburg), Metlika (Mottling), Vače (Watsch), Celje (Cilli) und Apače (Amtmannsdorf) 43 ). In Zagreb (Agram, Kroatien) befand sich eine Eisenkette an der Wand der Marienkirche. Die Schandsaule stand aber auf dem Markusplatz in der Nahe des Haupttores der Pfarrkirche 44 ). Im nordlichen Teil Kroatiens ist nur noch in Vinica (Zagorje) ein Pranger erhalten 45 ). In Istrien standen einst die Pranger in Koper (Capo- distria) auf dem Brolo-Platze, in Piran (Pirano) am Stein, der die Standarte der Republik Venedig hielt, in Rovinj (Rovigno), Labin (Albona) und Gračišče (Galhgnana) 46 ). Dort hangt an der Innenseite der Loggia ein Halseisen, auf dem Boden ist ein stufenformiger Auftritt. In historischen Quellen wird der Pranger auf der Insel Krk (Veglia, und zwar in Vrbnik-Verbenico) erwahnt 47 ). Zu Zadar (Žara, Dalmatien) steht am Strandplatz eine romische Saule mit einer Steinplatte, die mit charakteristischer Flechtbandornamentik versehen ist. Dariiber hangt das Halseisen. In Šibenik (Sebenico) stand die ,,colonna d’infamia“ schon im 15. Jahrhundert vor der alten Kathedrale. In Trogir (Trau) befindet sich das Halseisen am Eckpfeiler der Loggia. Auch in Kaštel Stari (Castelvecchio) ist eine Saule mit Ketten 48 ). In Dubrovnik (Ragusa) stand der Pranger nach Ansicht von M. Medini vielleicht schon im 10. Jahr¬ hundert in der Nahe der alten Kirche des hi. Blasius beim Pile-Tor. Spater diente demselben Zweck die Rolandsaule, die bei der alten Loggia aufgerichtet 41 ) Jos. Žontar, Sramotilni stebri. Ml. 21 (1940) S. 214—216; R. Horna, Pranyr = Kni- hovna sborniku ved pravnich a statnich, n. r. 20, Praha 1941. XLIII (dazu die Rezension von V. Vaneček, Sbornik pro hospodafske a socialni d£jiny 1 (1946) S. 106 f.); P. Urankar, Zgodovina trga Motnika in okraja. Ljubljana 1940, S. 22, 68; P. Strnšek, Lemberg in Sladka gora. Celje 1937, S. 9; V. Skrabar, Votivna slika s Ptujske gore. ČZN 23 (1928) S. 268 f.; S. Vilfan, Očrt, S. 251; Al. Zorenč, Šempetrani in Srejani v boju za trške pravice (die Bewohner von Sv. Peter pod sv. Gorami fiihrten den Pranger von Podsreda im Jahre 1882 gewaltsam in ihr Dorf, mu Ote n ihn aber schon nach einigen Tagen zu- riickstellen). E 17 (1944) S. 111—113. 42 ) R. O. Puff, Marburg in Steiermark. Gratz 1847, S. 180. 43 ) Jos. Žontar, a. a. O.; A. Svetina, Metlika. Ljubljana 1944, S. 77, 79 f., 88 f.; I. Vrhov¬ nik, Trnovska župnija. Ljubljana 1933, S. 39 f. Die Reparatur und Erneuerung des stadtischen Prangers in Ljubljana (Laibach) durch Baumeister Bombassi im Jahre 1720 erwahnt Cod. XIII 137, fol. 57, Stadtarchiv Ljubljana. 41 ) MHCZ 1 (1889) S. LXIX. Nahere Mitteilungen von Dr. Lj. Karaman, der mich auf die Reihe von Zeitungsartikeln von F. Kučinič in Nova Hrvatska 1943, Nr. 115, 117—138 aufmerksam machte. 45 ) Oj. Szabo, Kroz Hrvatsko Zagorje. Zagreb 1940, S. 118. 40 ) Oius. Caprin, LTstria, Bd. 1, S. 261, Bd. 2, S. 152 f., 162; Jos. Grašič, O rovaših in sramotilnih stebrih v Istri. Ml. 21 (1940) S. 419. 47 ) VI. Mažuranic, Prinosi za hrvatski pravno-povjestni rježnik, Zagreb 1908—1922, S. 158 Nr. 40. 48 ) P. Kolendič, Šibenska katedrala pre dolazka Orsinijeva (1430—1441). NSt. 8 (1924) S. 158; č. M. Ivekovič, Dalmatiens Architektur und Plastik, Bd. 2, S. 4; Bd. 4, S. 17, 33; Bd. 6, S. 53 b, Wien 1927. Rechtsarchaologie bei den Volkern Jugoslawiens 181 wurde. Erst im Jahre 1418 stellte man die noch bestehende Steinsaule mit der ritterlichen Rolandfigur vor der St. Blasiuskirche auf. Wie Philipp de Diversis im 15. Jahrhundert betonte, ,,ad illam ligantur et fustigantur . . . scelesti homines“ 49 ). Eine kafigartige Abart des Prangers bildet das sogenannte Narrenhausel, das aus historischen Quellen fiir Ljubljana (Laibach) und Celje (Cilli) festgestellt werden kann 50 ). Zu dieser Gattung diirfte auch jene Ein- richtung zahlen, die im 19. Jahrhundert aus dem kroatischen Zagorje erwahnt wird. Dort band man den Delinquenten zwischen vier Holzpfeiler und setzte ihn offentlich Schmahungen aus 51 ). AuBerhalb des Bereichs der geschilderten Pranger und auch neben ihnen diente denselben Zwecken der bei allen Slawen bekannte Block oder Stock. Es war ein Holzblock mit Lochern, in denen die FiiBe festgehalten wurden, oder bestand aus mehreren schweren Balken, die Offnungen fiir die FiiBe, eventuell auch fiir die Hande und den Kopf besaBen und mit einer Sperr- vorrichtung versehen waren. Dieser Gegenstand befand sich dort, wo in anderen Orten und Gebieten der Pranger stand, gewohnlich auf dem Platz in der Nahe der Kirche. Er wird sowohl bei den Slowenen Venetiens als auch in Istrien, z. B. in Moščenice, erwahnt, ersetzte den Pranger im Ubermurgebiet und war besonders iiblich in den Dorfgemeinden Kroatiens und Slawoniens bis 1861 52 ). Auch das regulamentum domaniale von 1774 fiir Slavronien drohte Ungehor- samen mit der Blockstrafe 53 ). Im Bezirk Sisak (Sisek) lieB der Ortsrichter noch im 19. Jahrhundert auf Anzeige des Vorstandes der „Zadruga“ (Haus- gemeinschaft) deren Mitglieder in den Block sperren 64 ). Gefangnisse (Kerker) gab es vor allem in Schlossern und stadtischen Sied- lungen. Da die Burgenkunde in Jugoslawien noch wenig entwickelt ist, fehlt jedoch die Literatur iiber Gefangnisse fast vollkommen. Einiges brachten Jos. Gelcich und M. Rešetar iiber die Kerker im ErdgesehoB des Rektoren- palastes in Dubrovnik (Ragusa) 55 ). 4 ”) M. Medini, Starine dubrovačke. Dubrovnik 1935, S. 257 £. tjber die Verwendung der Rolandsaule in Dubrovnik als Pranger vgl. Dr. Roller, Dubrovački zanati u XV. i XVI. stoljecu. Zagreb 1951, S. 29, 54, 68. 60 ) S. Vilfan, Očrt, S. 251 f. 51 ) B. BogiSič, Zbornik ... S. 631. “) MHJ 5 (1894) S. 134 und Anm. 4; B. Bogišič, Zbornik ... S. 519, 572 f., 575; C. Po- drecca, Slavia Italiana, S. 133; H. Tuma, Avtonomna uprava ... S. 239; R. Strohal, Moščenice. ZbNŽO 29 (1934) S. 151; ders., Karlovački kotar od XV. do XIX. vijeka. ZbNŽO 30/2 (1936) S. 101. M ) Jos. Bosendorfer, Agrarni odnosi u Slavoniji. Zagreb 1950, S. 206, 213. 54 ) Ivo Franic, Obnovljena porodična zajednica (zadruga) Filipa Kraljičkovica u selu Palanjek, sreza Sisak. VjEM 1, S. 55. 56 ) Oius. Oelcich, Le prigioni della Republica di Ragusa. Žara 1905; M. Rešetar, Dubro- vačke tamnice. ODUD 1 (1929) S. 39—44; S. Vilfan, Očrt S. 251. Nach Mitteilung von Dr. V. Foretic sind einzelne Behauptungen beider Autoren nicht stichhaltig. Auoh eine Folterkammer bestand in D., doch weiB man nicht mehr, wo sie war. Foltenverkzeuge sind nicht erhalten. Vgl. noch P. Popovič, Tortura u Dubrovniku. ŠiMčev zbornik, Zagreb 1929, S. 347—350. 182 Josef Žontar II. Unter den Gebrauchsgegenstanden im engeren Sinu (Geraten) stehen an erster Stelle die Gegenstande des Strafvollzuges. Die Priigelstrafe wird iiberall in Jugoslawien erwahnt. Priigelbanke scbeinen jedoch eine Besonderheit jener Teile gewesen zu sein, die lange unter tiirkischer Herrschaft standen. In Mostar (Herzegowina) hatten nicht nur die Handwerksziinfte, sondern auch einzelne Meister bis ins 19. Jahrhundert eigene Priigelbanke zur Bestrafung widerspenstiger Lehrlinge 1 ). Yon den Gegenstanden, die zum Vollzug von Ehrenstrafen dienten, mochte ich nur den holzernen Schandesel von Ljubljana (Laibach) erwahnen. Im Jahre 1719 beschloB die Stadt, ihn anzuschaffen. Nach Disposition des Stadtrichters sollten ihn jene Scharwachter bereiten, die den Stadtwachtmeister bei nachtlichen Handeln im Stich lieBen 2 ). Das Tragen des Schand- oder Lastersteins als Strafe kann auf Grund historischer Quellen fiir Slowenien, Kroatien, Dalmatien und Bosnien belegt werden, doch besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen zwei Gebieten. In Slowenien handelt es sich um eine besondere Strafe fiir scheltende und streitende Frauen. Im altesten erhaltenen Gerichtsbuch der Stadt Kranj (Krainburg) (1517—1520) werden ziemlich haufig Vergehen der Frauen gegen die Ehre vermerkt. Waren diese schwer, so verurteilte das Gericht die tj bel- taterin dazu, den flaschenformigen Schandstein an den Hals zu hangen und in schimpflichem Aufzug vom Frohnboten begleitet den Weg durch die ganze Stadt zuriickzulegen, dabei an den Ecken stehen zu bleiben und eine Geld- summe als BuBe zu zahlen 3 ). Ebenso verfuhr man mit den verleumderischen Frauen in Zagreb (Agram, Kroatien). Hier wurde der Lasterstein am Pranger befestigt aufbewahrt 4 ). Aus verschiedenen Teilen Bosniens, der Herzegowina und Dalmatiens ist das Tragen des Schandsteines aus dem 18. und 19. Jahr¬ hundert bekannt, doch handelt es sich hier um eine kirchliche Strafe, welche die Geistlichen, besonders die Franziskaner, fiir Manner vor allem in Fallen von Madchenraub vorschrieben. Der Missetater muBte mit dem Stein am Hals wahrend der ganzen Messe vor der Kirche stehen. M. S. Filipovič 5 ) stellte fest, daB diese Strafe auch bei der orthodoxen Bevolkerung Bosniens, z. B. in Gla- sinac, verhangt wurde. Angeblich verurteilten auch die Tiirken in Bosnien zu dieser Strafe fiir ein halbes bzw. ganzes Jahr. Von diesem Gesichtspunkt aus war es naheliegend, ebenso auch einen sonderbaren und, wie es scheint, nicht oft geiibten Rechtsbrauch zu erklaren, der durch den Art. 65 des am St. Georgstag (23. 4.) 1855 erlassenen Gesetz- buches des Fiirsten Danilo von Montenegro strengstens verboten wurde. Von nun an durfte kein Landesbevohner melir als Beschwerdefiihrer vor dem ') H. Kreševljalcovic, Esnafi i obrti u Bosni i Hercegovini 1463—1878. ZbNŽO 35, S. 84. a ) Cod. I. 65 (1719), fol. 57', Stadtarchiv Ljubljana. 3 ) Vgl. das Gerichtsbuch der Stadt Kranj (Krainburg) (1517—1520) im Diozesanarchiv Ljubljana, S. 42. ‘) MHCZ 2 (1894) S. LXVI, 5 (1898) S. VIII; VI. Mažuranič, Prinosi S. 160 Nr. 63 (der Schandstein wurde im Jahre 1384 angeschafft), S. 161 Nr. 73 (1472). 5 ) GSkND 11 (1931) S. 277, 12 (1932) S. 307 f. Rechtsarchaologie bei den Volkern Jugoslawiens 183 Gericht, d. h. vor dem Fiirsten oder dem Obersten Gerichtshof in Cetinje, mit einem an den Hals gehangten Stein erscheinen. Das Ubertreten wurde mit der fiir die Montenegriner besonders entehrenden Priigelstrafe geahndet. Die s geschah angeblich das letztemal im Jahre 1870, als ein Beschwerdefiihrer beim Fiirsten Nikola mit dem Stein vorsprach. Dieser Rechtsbrauch ist deshalb schwer zu erklaren, weil im Gedachtnis des Volkes nur geringe Erinnerungen daran haften geblieben sind und aueh die zahlreiehen Aufzeichnungen iiber Sitten und Gebrauche der Montenegriner aus dem 19. Jahrhundert denselben nirgends erwahnen. Erst im Jahre 1926 wurde die Frage, was dieser Stein bedeute, zur Diskussion gestellt. Man stellte fest, daB der Stein bei Beschwerden (nicht aber beim Vorbringen von Klagen), ferner nicht nur vor Gericht, sondern auch bei anderen Behorden getragen wurde. Man hangte sich einen Stein um den Hals, um sich liber ein groBes Unrecht zu beschweren, das man durch das Verfahren und die Entscheidung eines niederen Organs oder einzelner Gewalthaber (Stammesversammlungen, Stammeshauptlinge u. a.) erlitten hatte. Eine Gruppe von Forschern (vor allem M. S. Filipovič, aber auch Cl. Schwe- rin) erblickte in dem erwahnten Stein den Schandstein und war der Ansicht, daB dieser Rechtsbrauch in Montenegro unter dem EinfluB der Strafe des Steintragens, die durch Jahrhunderte in den westlichen Nachbar- gebieten bestanden hatte, entstanden sei. Dagegen sprechen aber folgende Bedenken. In Montenegro und Serbien ist das Tragen von Lastersteinen un- bekannt. Der Lasterstein wurde dem zu dieser Strafe Verurteilten nach be- endetem Rechtsverfahren, in dem seine Schuld erwiesen worden war, um- gehangt. Der Beschwerdefiihrer dagegen hangte sich den Stein an den Hals, bevor der Rechtsstreit beendet war. Spater trug er ihn nicht mehr. Das Tragen des Lastersteins war eine Ehrenstrafe. Der ProzeBfiihrer aber trug den Stein nur der Behorde wegen, vor der er erscheinen wollte, ohne daB dieses Stein- tragen fiir ihn schimpfliche Folgen gehabt hatte. Wahrend der Lasterstein zwangsweise angehangt wurde, nahm ihn der Beschwerdefiihrer freiwillig und ohne Mitivirkung einer Behorde. Daher kann dieser Stein im montenegrinischen Gewohnheitsrecht kein Schandstein als Strafgerat sein. Im Gegensatz dazu sahen andere in diesem Stein ein S y m b o 1. Er be¬ deute die Last auf der Seele des Beschwerdefiihrers, der sich unschuldig fiihlt. Das erlittene Unrecht werde als so groB empfunden, daB kein anderer Weg freistehe, als mit dem Stein am Hals den Tod in den Fluten zu suchen (R. Petro- vič-Radojičič). Um die seltene Amvendung dieses Rechtsbrauchs zu erklaren, behauptete I. Jelič, er sei nur bei Verbrechen angewendet worden, welche die Todesstrafe zur Folge hatten. Indem der Beschwerdefiihrer sich einen Stein an den Hals hangte, vollzog er symbolisch die Todesstrafe an der eigenen Person. Er erschien vor dem Gericht und forderte, man solle ihm den Stein abnehmen, d. h. das Urteil der untergeordneten Behorde aufheben und ihm Genugtuung verschaffen. Gleichzeitig entband er dadurch das Gericht von der Verantwortung fiir den Fali, daB man ihn zum Tode verurteilen wiirde (wegen der bestehenden Pflicht der Blutrache). 184 Josef Žontar Von M. Mijuškovic wurde die Ansieht vertreten: Man hangte den Stein um den Hals, um der Beschwerde Nachdruck zu verleihen und beim Fiirsten bzw. Gerichtshof Mitleid zu erwecken. Dafiir sprach etwa der Umstand, daB der Beschwerdefiihrer seine Angelegenheit kniefallig und auf dem Boden kriechend vorbrachte. Ein soleher Rechtsbrauch konnte nur in Verhaltnissen entstehen, wie sie im tiirkischen Reich bestanden bzw. zu der Zeit, als sich in Montenegro die Stamme der Weideplatze oder der Blutrache wegen bekampf- ten. Vertreter starker Sippenverbande beschwerten sich wohl nicht mit dem Stein am Hals liber Entscheidungen niederer Behorden, dagegen suchten Angehorige schwacher Sippen durch die erwahnte demiitige Haltung eine giinstige Entscheidung zu erreichen. Fiirst Danilo suchte diesem Zustande ein Ende zu bereiten, da von nun an fiir alle gleiches Recht gelten solite, er stellte aber auch diese sklavische Erniedrigung der Beschwerdefiihrer unter Strafe. Da Steine, wie wir noch sehen werden, in Verbindung mit dem Rasenstiick im Beweisverfahren bei Grenzstreitigkeiten in Bosnien und der Herzegowina eine Rolle spielten, hielt es N. Djonovic fiir moglich, daB der montenegrinische Rechtsbrauch daraus hervorgegangen sein konnte. Dagegen spricht aber ent- schieden der Umstand, daB es sich dort um ein Gottesurteil handelt. In letzter Zeit betonte R. Marič, daB dieser Rechtsbrauch nicht im engen Rahmen der montenegrinischen Verhaltnisse erklart vverden konne. Nach seiner Meinung wiinschte der Beschwerdefiihrer durch das Anhangen eines Steines dessen magische Kraft fiir sich zu gewinnen und so eine fiir ihn giinstige Entscheidung zu erreichen. Den Stein befestigte man am Hals, wie dies auch mit anderen magischen Mitteln geschah 6 ). An zweiter Stelle kommen Gegenstande des Rechtsverkehrs in Betracht. Einst gab es eine Vielheit verschiedener offentlicher M a Be. Jede Herrschaft bestimmte und bewahrte die GrundmaBe, nach denen sich ihre Untertanen zu richten hatten. In den Stadten und Markten wurden die MarktmaBe moglichst offentlich zuganglich gemacht. So bestimmte man anlaBlich der Verleihung von Marktrechten fiir Ljubno (Laufen, Steiermark) im Jahre 1464, daB dort das steinerne GetreidemaB und eine eiserne Marktelle fiir Leinwand und Loden nach dem Muster von Celje (Cilli) aufgestellt werden solite 7 ). In Laško (Tiiffer, Steiermark) waren bis 1840 die GetreidepriifmaBe 6 ) Cl. v. Schioerin, Einfiihrung ... S. 26; Tih. R. Djordjevič, Šta znati kamen o vratu? OSkND 1 (1926) S. 528—530; N. Djonovic, Iz starog ornogorskog prava i pravnih običaja. Pravda, Beograd 1930, Nr. 106; R. Petrovič, Kamen o vratu. Policija 17 (1930) S. 423—427; Ilija M. Jelič, Šta znači kamen o vratu. Beograd 1931; M. 8. Fili¬ povič, Šta znači ,,kamen o vratu' 1 . OSkND 11 (1931) S. 277—279; R. Petrovič- Radojičič, Značenje kamena o vratu po ispitivanjima J. Jeliča. Zagreb 1931; M. S. Filipovič, Nošenje kamena o vratu, novi podaci. OSkND 12 (1932) S. 307—308; ders.,Novi podaci o nošenju kamena o vratu. Ebenda 13 (1933) S. 237—239; M. Mijuš- lcovič, Kamen o vratu. Život i rad 17 (1933) S. 1422—1448; R. Marič, Kamen o vratu, jedan antički ostatak u pravnim običajima. Istoriskopravni zbornik 1 (1949) S. 141 bis 145. In Montenegro war es auch Brauoh, die eidliche Aussage in der Kirche vor dem Reliquienschrein dadureh zu bekraftigen, daB man einen Stein auf dem Kopfe hielt; vgl. B. Bogišič, Zbornik ... S. 557 f. ’) Fr. Baš, Doneski k zgodovini Gornjegrajskega. ČZN 33 (1938) S. 67. Rechtsarchaologie bei den Vdlkern Jugoslawieii3 185 an der auBeren Eriedhofsmauer angebracht. Auch in Ljubljana (Laibach) konnten die Hohl- und LangenmaBe am Magistrat eingesehen werden * * 8 ). Auf dem Platz von Izola (Isola, Istrien) befanden sich die NormalmaBe bei dem dortigen Gasthaus 9 ). Mit Vorliebe wurden aber die offentlichen MaBe an Kirchen, Rathausern, Loggien und Stadttoren in Stein eingelassen. So befinden sich die LangenmaBe in Koper (Capodistria, Istrien) am Haupttor des Domes. In Labin (Albona) lagen die HohlmaBe vor der Marienkirche. In Pula (Pola) sind die LangenmaBe an der rechten auBeren Ecke des Rathauses eingelassen, in Piran (Pirano) befinden sich die HohlmaBe im Rathaus. Zu Rovinj (Rovigno) und Buje findet man die PriifmaBe in der Loggia, in Poreč (Parenzo) aber am linken Tiirpfosten des Stadttores, das zum Meer fiihrt. In Piran (Pirano) waren fiinf LangenmaBe (Rute, Schritt, Elle, Štab und Klafter) auf der linken Seite des Steinsockels fiir die Standarte des hi. Georg eingemeiBelt 10 ). Am Unterarm der ritterlichen Rolandfigur in Dubrovnik (Ragusa) ist das MaB der dortigen Elle verzeichnet 11 ). Selbst der Pranger von Vinica (Kroatien) diente als Auf- bewahrungsort von MaBen. Hier ist ein HohlmaB (46 cm breit, 25 cm tief) in Stein eingelassen 12 ). Um Messerstechereien einzudammen, wurde am Tor des Glockenturmes zu Poreč (Parenzo, Istrien) das HochstmaB der Dolche offent- lich kundgemaeht 13 ). In Kotor (Cattaro) wurde am Rathaus ein Stein auf- bewahrt, dessen Gewicht dem des stadtischen Star entsprach 14 * ). Neben diesen offentlichen MaBen waren noch KorpermaBe zu erwahnen. Als BuBe fiir die Totung eines Haushundes wird aus Bosnien, Serbien und Makedonien das Uberschutten des Korpers des getoteten Tieres mit Hirse berichtet. Dabei wurde der Haushund aufgehangt und muBte bis zur vollen Hohe mit Getreide zugeschiittet werden 1B ). Der Gebrauch von Kerbholzern war vielseitig 16 ). Der alteste Bericht aus dem 16. Jahrhundert bezieht sich auf Abstimmungsstocke bei 8 ) S. Vilfan, Prispevki k zgodovini mer na Slovenskem s posebnim ozirom na ljubljansko mero (XVI.—XIX. stoletje). ZČ 8 (1954) S. 32. 8 ) Oius. Caprin, LTstria . . . Bd. 1, S. 259. 10 ) Ebenda 1, S. 259—260, 2, S. 34; Archeografo Triestino N. S. I (1870), Supplem. 55, Statuto municipale della eitta di Albona deli’ a. 1341, lib. II. cap. 50. u ) P. Puntschart, Der Roland von Ragusa. ZRO 30 (1909) German. Abt. S. 299 f. 12 ) Oj. Szabo, Kroz Hrvatsko Zagorje S. 118. 13 ) Oius. Caprin, LTstria . . . Bd. 1, S. 260. 14 ) 1. Stjepčevič, Kotor i Grbalj. Prilog [zu] V j AH 52 (1941) S. 54 und Anm. 224. Auch in Makedonien wurden unter tiirkiseher Herrschaft die offentlichen MaBe bei der Ge- meinde aufbewahrt und bei Marktkontrollen mitgetragen, vgl. S. Tanovič Selo kao socijalna zajednica i upravna jedinioa u Djevdjelijskoj kazi u zadnje tursko doba. ZbRSAN 4 (1950) Etnografski institut 1, S. 90. IE ) B. Bogišič, Zbornik ... S. 624; St. Tanovič, Presipanje belim prosom. OEM 3 (1928) S. 102; M. S. Filipovič, Presipanje belim prosom. OEM 4 (1929) 8. 122 f.; ders., Običaji i verovanje u Skopskoj kotlini S. 328; ders., Beleške o narodnom životu i običajima na Glasincu. OZM N. S. 10 (1955) S. 131. “) S. Vilfan, Očrt S. 245—247; ders., Naše lesene listine. Slovenčev koledar 1945, S. 106 f.; VI. Maiuranič, Prinosi S. 1264—1266 s. v. rovaš; V. Jagič, Grafika u Slavjan = Enci¬ klopedija slavjanskoj filologiji 3, Sanktpeterburg 1911, S. 26 f.; B. Drobnjakovič, Raboši i drveni kalendari. Politika, Beograd 1933, 15.—18. aprila. 186 Josef Ž o n t a r den Volksgerichten in Mittel- und Nordistrien. Dem Gericht saB gevrohnlich der vom Volk gewahlte Župan vor. Er leitete die Verhandlung und stellte sodann den Beisitzern zwei Moglichkeiten der Entscheidung dar. Darauf folgte die Abstimmung, wobei der Vorsitzende die Stimmen mit einem Messer in ein Kerbholz einschnitt, Daher nannte Valvasor (17. Jahrhundert) diese Kerbholzer ,,holzerne Protokolle“, die in Teilen Istriens bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in Gebraueh standen 17 ). Ahnlich schnitt man bei den bereits geschilderten Versammlungen der Slowenen Venetiens die entgegengesetzten vota an den beiden Enden eines Stockes ein. In Makedonien entschied das Dorfgericht noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, indem der Gemeinde- obmann (kmet), der oft nicht schreiben konnte, auf einem Stoek Aufzeich- nungen machte 18 ). Zu Valvasors Zeiten standen in den autonomen Volks- gemeinden Mittelistriens die W a h 1 s t 6 c k e in Gebraueh. Bei der Wahl des Župan versammelten sich in Pazin (Mitterburg, Pisino) die Burger und die zur Gemeinde gehorenden Bauern in der Laube und deren Umgebung. Ein Ratsmitglied nahm einen Stoek und ein Messer, ging von einem Wahlberechtigten zum andern und fragte ihn, welchen von den zwolf Kandidaten er zum Župan vorschlage. Dabei machte er fiir jeden Kandidaten ein besonderes Zeichen in den Stoek und trug daneben die abgegebenen Stimmen ein. Ebenso wahlte man in Pazin den Gerichtsdiener und den Gemeindeschmied 19 ). Auf ahnliche Weise bediente man sich des Kerbholzes bei den Wahlen in Moščenice und Veprinac (Ostkuste Istriens). Auch bei den Wahlen des Dorfvorstehers (kmet) in der Gegend von Smederevo (Semendria, Serbien) schnitt man die Zahl der abgegebenen Stimmen in einen Štab 20 ). Am bekanntesten sind die Rechnungsholzer. Erwahnt werden sie in den Gerichtsprotokollen vergangener Jahrhunderte in Slowenien, besonders in denen der Bergtaidinge, aber auch z. B. des Stadtgerichts von Metlika (Mottling, Unterkrain) 21 ). Dabei handelte es sich um zweiteilige Kerbholzer. Die Eintragungen wurden so vorgenommen, daC man dabei beide Teile an- einander hielt. Jede Partei bekam ein Stiick. So gewann der Glaubiger eine tjbersicht iiber die geschuldeten Betrage, der Schuldner aber konnte die Richtigkeit der Forderung des Glaubigers kontrollieren. Diese Form von Rechnungsholzern war bei Gastwirten verschiedener Teile Jugoslawiens durch Jahrhunderte in Gebraueh. Bei groCerem Verkehr band der Wirt seine Kerbholzer mit Draht zu einem Biischel zusammen. Wer seine Schuld begleichen wollte, muBte seinen Teil des Kerbholzes mitbringen, um ihn mit dem Hauptteil des Wirtes zu vergleichen 22 ). Ebenso verzeichneten in WeiBkrain die Kirchenprobste, welche die Weinkeller der Nachbarschaften leiteten, den Geschaftsverkehr auf Kerbholzern. Die Bauern entnahmen im 17 ) S. Vilfan, Valvasorjevo poročilo o županskih sodiščih. OMDS 24 (1943) S. 84—89. 1S ) Atan. Petrovič, Narodni život i običaji u Skopskij Crnoj Gori. SEZb 7 (1907) S. 428. 19 ) M. Premrou, Monimenta Sclavenica S. 65; Valvasor, Ehre . .. Bd. 11, S. 376, 380. 20 ) M. Boškovič, Kolekcija štapova Etnografskog muzeja u Beogradu. ZbEM 1953, S. 124. 21 ) A. Svetina, Metlika, S. 98. 22 ) A. Hudovernik, Pravni običaji slovenski. SP 3 (1883) S. 5. Rechtsarchaologie bei den Volkern Jugoslawiens 187 Laufe des Jahres Wein aus diesen Kellern, verpflichteten sich aber, bei der nachsten Weinlese dem Keller 50% mehr Wein zuriickzustellen. Der Mehr- ertrag diente kirchlichen Bediirfnissen 23 ). In Slawonien wurde im Jahre 1774 festgesetzt, daB jeder Dienstbote ein besonderes Kerbliolz fiir seinen Ver- brauch an Wein haben solite; Ende des Jahres solite dann vom Offizial abge- rechnet werden 24 ). Unter Zuhilfenahme von Kerbholzern ging anch in Dal- matien der Weinverkauf vor sich 25 ). Ebenso machten es einige andere Gewerbe- treibende, vor allem Backer und Fleischer in Serbien, Makedonien und Dalmatien. In Serbien verkaufte man sehr haufig das Brot auf rabiš. Dies waren viereckige, 20—30 cm lange Stabchen, die bis zu zwei Drittel der Lange auseinandergeschnitten wurden. Fiir j eden abgegebenen Laib Brot machte man einen Einschnitt und gab den kiirzeren Teil des Kerbholzes dem Kaufer. Bei der Abrechnung dieser Kleinschulden zabite der Backer die Zeichen und multiplizierte die Summe mit dem Preis des Laibes. Sobald der Betrag be- glichen war, entfernte man die Einschnitte und die Verrechnung konnte von neuem beginnen 26 ). tJber den Gebrauch des Kerbholzes bei den Farbern stehen Nachrichten aus Bosnien, Serbien und Makedonien zur Verfiigung. Man beniitzte zwei- teilige Kerbholzer. Bei Ubernahme der Wolle oder des Garns machte der Farber auf dem Kerbholz zunachst ein Zeichen fiir die Partei, schnitt dann die geschuldete Summe ein und spaltete einen Teil des Holzes ab. Diesen gab er dem Eigentiimer der Wolle als Bestatigung. Seinen Hauptteil aber band er an die Wolle an. Besonders lange waren solche Kerbholzer bei den Farbern in Skopje (Makedonien) in Gebrauch 27 ). Dieselbe Form von Rechnungsholzern beniitzten die Walker in Kroatien, Dalmatien und Serbien. In den Walkereien am FluB Jošanica (Serbien) 28 ) erhielt den abgespaltenen Teil der Eigentiimer des Stoffes, den Hauptteil steckte der Walker an das Tuch. Auf ihm hatte man mit verschiedenen Zeichen noch die Menge (Lange des Tuches) einge- schnitten. Ebenso war der Brauch in den Walkereien an der Drina und ihren Nebenfliissen, in Dihovo und am Mali Izvor, am rechten Ufer des Timok. Bei den Walkem an der Zlotska Reka, einem ZufluB des Črni Timok (Serbien) diente das Kerbholz nur noch zum Erkennen des Stoffes. Hier fuhren die Walker durch die Naeb bardbrfer und sammelten bei den Bauern das Material zum Walken. Bei der Ubernahme schnitten sie vom Stabchen ein Stiick ab und nahten es am Ende des Tuches ein. Das Hauptstiick erhielt hier der Eigen- tiimer des Tuchs. Gleichzeitig schrieben sie die Anzahl der Meter in ihre Notiz- biicher und gaben dem Eigentiimer eine Kopie als Bestatigung. Hier var also 23 ) S. Vilfan, Očrt, S. 246. M ) Jos. Bosendorfer, Agrarni odnosi S. 225. 25 ) Fr. Škarpa, Raboš u Dalmaciji. ZbNŽO 29 (1934) 2, S. 173. 28 ) B. Drobnjakovič, Raboši . . . 27 ) M. S. Filipovič, Običaji i verovanja u Skopskoj kotlini. SEZb 54 (1939) S. 319; Stevan R. Delič, Raboš u okolici čajničkoj. GZM 4 (1892) S. 89—90; S. Trojanovič, Psihofi- zičko izražavanje srpskog naroda poglavito bez reči. SEZb 51 (1935) S. 125—128, 243—244. 2S ) Milorad Jel. Miloševič, O valjalicama na reci Jošanici. GEM 12 (1937) S. 201. 188 Josef Žontar der Gebrauch der Kerbholzer schon im Absterben 29 ). Den geschilderten Gebrauch der Kerbholzer bei den Gewerbetreibenden muBte auch die neuere serbische Gesetzgebung beriicksichtigen, doch beschrankte sie im § 25 und 26 der ZivilprozeBordnung vom Jahre 1887 die Beweiskraft der Kerbholzer auf 60 Tage vom Zeitpunkt der Warenlieferung an und auf eine bestimmte Hochst- summe. Einfaehe Zahlstocke dienten dazu, um z. B. in Weingegenden den Ernteertrag festzustellen. Dies geschah bis vor kurzem noch in den Wein- garten Untersteiermarks (Prlekija, Bizeljsko/Wisell) und im Bezirk Krško (Gurkfeld, Unterkrain), wo man die Zahl der Biitten verzeichnete, die in die Presse gebraeht wurden 30 ). Ebenso geschah es in Dalmatien bei der Wein- und Olivenlese, aber auch beim Verfracbten auf Fuhrwerke und Schiffe 31 ). In Bosnien ubernahm unter tiirkischer Herrschaft der Soldat (askar) sein Brot und Geld mit einem solchen einfachen Kerbholz 32 ). Besonders lange behielten die Hirten und Senner in allen Teile Jugoslawiens diese Form der Verrechnung bei. Man vermerkte so die Anzahl des Viehs, das der gemeinsame Hirt auf die Gebirgsweide trieb 33 ). In den Gebieten Norddalmatiens, Nord- und Ostserbiens (Zvižd, Pirot, Dorfer am Timok), im Banat und in Makedonien (Umgebung von Djevdjelija und Maleševo), wo man sich zu gemeinschaft- licher Milchwirtschaft zusammenschloB, sind diese Einrichtungen teilweise noch erhalten. Jeder Teilnehmer sorgt fiir die Evidenz iiber seinen Viehbestand, der Hirte fiir die liber das Ganze. Er hat einen Zahlstock mit so vielen Seiten- flachen, als es Mitglieder dieses viehwirtschaftlichen Betriebs gibt. Fiir die Herde jedes Bauern ist eine Flache bestimmt. Am Ende erhalt das Kerbholz ein Loch und kann mit einer Schnur am Giirtel befestigt werden. Unter diesem Loch beginnen die Eintragungen. Zuerst steht die Zahl der Schafe jedes Bauern, dann folgen die Zeichen fiir die Menge von Milch und Milchprodukten 34 ). Eine Abart einfacher Zahlstocke bilden wohl jene, die in manchen Orten Serbiens und Makedoniens die orthodoxe Geistlichkeit verwendete, um Geburten und Sterbefalle einzutragen 35 ). Mehrteilige Kerbholzer waren besonders dazu geeignet, sich wiederholende Leistungen zu verzeichnen. Der Lieferant behielt das Hauptstiick, der Emp- fanger bekam den Abschnitt. Er bestatigte die Leistung, indem er liber beide 2B ) B. Drobnjakovič, Vodenice na Drini i njenim pritokama. OEM 8 (1933) S. 9, 12, 13; B. Dj. Busič, Dihovske valjanice. OEM 10 (1935) S. 83; Milorad Jel. Miloševič, O valjalicama na Zlotskoj Reci, OEM 15 (1940) S. 172; ders., Valjalice na vrelima u Malom Izvoru. Ebenda S. 173—174. 3 °) L. Stanek, Še o rovaših. Ml 21 (1940) S. 353. 31 ) Fr. Škarpa, Raboš ... S. 170. 32 ) Stevan R. Delič, Raboš . .. 33 ) S. Vilfan, Naše lesene listine S. 109. 34 ) Fr. Nimac, Čobanovanje. Život i tradicije pastira dalmatinske Zagore na bosanskim planinama. ElOr 2 (1940) S. 128; Iv. Perišič, Priloži o čobanovanju na Šator planina. Ebenda S. 142; Milorad Jel. Miloševič, Bačijanje u Zviždu. OEM 14 (1939) S. 114; Milica Boškovič, Kolekcija ... S. 119; F. Novak, Ovčarstvo pod Stolom in v Planici. E 15 (1942) S. 93. **) S. Trojanovič, Psihofizičko izražavanje ... S. 128. Rechtsarchaologie bei den Volkom Jugoslawiens 189 Teile des Kerbholzes einen Einschnitt machte. Noch vor kurzem war es bei manchen Bauunternehmen in Slowenien Brauch, die Zahl der Fuhren von Material in dieser Form zu bestatigen. Die Kerbholzer hatten die Form von Brettchen, die bis zum Griff durchsagt wurden. Es gab aber auch dreiteilige ,,Robasche“ der Fuhrleute. Sie bestanden aus einem mittleren Teil mit dem Griff und z\vei Abschnitten. Von den letzteren erhielt der Lieferant einen, der Fuhrmann behielt das Mittelstiick, den zweiten aber bekam der Polier am Bauplatz. So konnte der Bauunternehmer mit dem Fuhrmann und Material- lieferanten abrechnen 36 ). Sicher gab es ahnliche Kerbholzer auch in anderen Teilen Jugoslawiens. Fiir Bosnien (Čajnica) werden sie fiir Fuhrleute envahnt 37 ). Bei den Filialkirchen Istriens war es bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Brauch, daB die Ortsinsassen nach bestimmter Reihenfolge das Lauten der Kirchenglocken zu besorgen hatten. In Nugla (Pfarre Roč/Rozzo) war diese Reihenfolge auf einem Štab (Pflichtholz) zu ersehen, auf dem die Haus- marken der Verpflichteten eingeschnitten waren. Dieser Stock \vanderte von Haus zu Haus, wie die Lautepflicht sich reihte 38 ). Die Grundherrschaften mancher Gebiete Jugoslawiens verzeichneten durch Jahrhunderte auf Kerbholzern (Abgabenstocken) die Abgaben ihrer Untertanen. Dies gilt sowohl fiir Teile Sloweniens als auch fiir Kvoatien, z. B. Draganič, und Bosnien. Nach dem ersten slawonischen Urbar Karl VI. von 1737 waren die Grundherren verpflichtet, fiir die geleistete Fron den Untertanen ein Kerbholz als Bestatigung zu geben 39 ). Genauer bestimmte das Regulamentum domaniale von 1774 die Venvendung von Kerbholzern. An jedem Wochenende solite dem Untertanen die geleistete Fron auf einem Kerbholzabschnitt bestatigt werden. Am Jahresende solite dann der Froner sein Kerbholz beim grundherrschaftlichen Wirtschaftsamt vorlegen, wo die Abrechnung erfolgte. Kam der Untertan seinen Verpflichtungen nicht zur Ganze nach, so wurde der Rest als Verpflichtung auf das nachste Jahr iiber- tragen 40 ). Auch die offentlichen Abgaben vvurden in derselben Weise auf Steuerstocken verzeichnet. Sehr lange fiihrten die des Schreibens unkundigen Župane des Ubermurgebietes (Slowenien) fiir jeden Steuerzahler ein Kerbholz und trugen darauf seine Leistungen ein 41 ). Im Neretvatale (Dalmatien) forderten die Gemeinden auf gleiche Weise die Weidegebiihr (travarina) ein 42 ). Besonders verbreitet war der Gebrauch von Steuerstocken in Bosnien, Nordserbien und Makedonien in der Zeit der Tiirkenherrschaft. Diese Stocke waren vierkantig und hatten so viele Felder, als es Hauser im Dorf gab. Die einzelnen Felder wurden voneinander durch Einschnitte getrennt, die um den Štab herumliefen. Was das einzelne Haus zu geben hatte, wurde in den Feldern durch Zeichen eingeschnitten. Die Dorfvorsteher gingen von Haus zu Haus und trugen die eingeforderten Steuern und Abgaben (harac, “) S. Vilfan, Naše lesene listine S. 108. 37 ) Stevan R. Delič, Raboš ... 38 ) Jos. Grašič, O rovaših ... S. 419. S9 ) Rad. M. Grujič, Gradja za kulturnu istoriju Slavonije. Starine 34 (1913) S. 193. 40 ) Jos. Bosendorfer, Agrarni odnosi, S. 149. 41 ) S. Vilfan, Naše lesene listine S. 110. 42 ) Fr. Škarpa, Raboš ... S. 171—172. 190 Josef Žontar mirija, vergija, Zehent) auf dem Steuerstock ein. Diese Leute waren so geiibt im Ablesen der Betrage, daB sie vor den Behorden auf Grund der Steuerstocke so Bericht erstatten konnten, als ob sie schriftliche Aufzeichnungen hatten 43 ). In neuerer Zeit gab es aueh zweiteilige Kerbholzer, wobei der Steuerzahler einen Abschnitt zur Bestatigung erhielt. Damit wuchs bei den Dorfvorstehern die Zahl der Kerbholzer, die in Biischeln oder Sacken aufbewahrt vvurden. In den 1878 an Serbien angeschlossenen Kreisen Pirot und Vranja ver- zeichnete man die Steuern noch bis 1887 auf Kerbholzern. Da gab es bei groBeren Gemeinden Hunderte von Kerbholzern, z. B. in G. Matejevac bei Niš 450; doch fiel es angeblich den Vorstehern nicht schwer, das gewiinschte Kerbholz zu finden. In die Dorfer Makedoniens kam zur Zeit der Tiirkenherr- schaft jedes Jahr ein Beamter, um den Abkaufspreis fiir Rohtabak zu be- stimmen. Die Bauern versammelten sich, trugen ihre Wiinsche vor, der Beamte entsehied und schnitt eigenhandig den Richtpreis mit Zeichen in einen Holz- pflock, der auf dem Dorfplatz stand 44 ). Eigenartig war der Gebrauch von Botschafts- bzw. Warnungs- holzern in Makedonien. In der Gegend von Kičevo und im Becken von Skopje wurden als Kerbholzer auch jene Stabchen bezeichnet (rabuš, četele), welche die tiirkischen, albanischen und serbischen Komitadschis reichen Besitzern zuschickten, um ihnen durch eingeschnittene Zeichen mitzuteilen, wieviel Geld sie von ihnen verlangten. Um der Porderung Nachdruck zu ver- leihen und die Leute einzuschuchtern, hangte man an das Kerbholz eine Patrone; das solite andeuten, daB man sie toten wiirde, falls sie nicht Folge leisteten 45 ). Die Zunftaltertiimer von Slowenien und Kroatien (z. B. Zunft- truhen, Kannen, Fahnen, Schilder u. a.) zeigen keine Besonderheiten gegen- iiber jenen Osterreichs und Siiddeutschlands. Die einst hier bestehenden Ziinfte hatten namlich denselben Ursprung und waren durch lebhafte Beziehungen mit den Nachbarlandern im Norden und Nordwesten verbunden 46 ). Anderen Charakter hatten die Handwerksbruderschaften (Korporationen) im Siiden, besonders in den Stadten Istriens und Dalmatiens 47 ). Gerade Prof. H. F. 43 ) M. S. Filipovič, Običaji... S. 316; B. Drobnjakovič, Vodenice. 44 ) S. Trojanovič, Psihofizičko izražavanje ... S. 128. 4 ") M. 8. Filipovič, Običaji... S. 329; 8. Trojanovič, Psihofizičko izražavanje ... S. 248 f. 40 ) Jos. Žontar, Tržna in obrtniška znamenja. Ml 21 (1940) S. 281—282; P. Blaznik, O cehih na Slovenskem. Sonderdruck aus dem (nicht erschienenen) Zbornik slovens¬ kega obrta 1918—1938, Ljubljana 1940; Fritz Popelka, Schriftdenkmaler des steiri- schen Gewerbes. Bd. 1, Graz 1950, S. 52, 123, 130, 176, 183, 187, 197, 227; F. Hofjiler, Prilog poznavanju obrtničkih cehova grada Zagreba u srednjem vijeku. VjAD N.S.10 (1908/09) S. 107—119; Jos. Matasovič, Kulturnohistorijska izložba grada Zagreba g. 1925. NSt 10 (1925) S. 171 f. 47 ) K. Vojnovič, Dubrovačke obrtne korporacije (cehovi) od XIII do XVI vijeka. MHJ VII/2, Zagreb 1900; I. Strohal, Bratstva (bratovštine) u starom Trogiru. Rad 201 (1914) S. 47—66; V. Foretič, Dubrovačke bratovštine. Časopis za hrvatsku poviest 1 (1943), S. 18—30 (Fahnen, Bruderschaftshauser und Trachten der einzelnen Bruderschaften); Dr. Roller, Dubrovački zanati u XV. i XVI. stolječu = Gradja za gospodarsku povijest Hrvatske 2, Zagreb 1951, S. 52, 65, 70 f. (Zunftfahnen), 74 (Zunftladen). Rechtsarchaologie bei den Volkern Jugoslawiens 19] Schmid war es, der wiederholt auf die groBe Bedeutung des Brudersehafts- wesens in den dalmatinischen Stadten hingewiesen hat 48 ). Erst seit dem Jahre 1913, als Tih. R. Djordjevič (f 1944) entsprechende Anleitungen herausgab 49 ), begann man Material zur Geschichte der Ziinfte in den serbischen Landern zu sammeln. Doch fehlt bisher ein zusammenfassendes Werk iiber die Ziinfte in Serbien und Makedonien 50 ), wie es vor kurzem H. Kreševl jako vic fiir das bosnische Zunftwesen zur Tiirkenzeit (1463—1878) geschaffen hat 51 ). Die bosnischen Ziinfte besaBen im allgemeinen als Abzeichen nur Zunftfahnen. Nur in Mostar (Herzegowina) stellte Kreše vij ako vic noch je zwei Zunftstabe aus Silber in der Form von Szeptern fest 52 ). III. Unter den S y m b o 1 e n ist der Roland (Orlando) von Dubrovnik (Ragusa, Dalmatien) an erster Stelle zu envahnen. M. Medini suchte seine Geschichte vom 10. Jahrhundert an, vom alten „Carrum“ und der „berlina“ bis zum Steinpfeiler mit der Rolandfigur in der Form, wie er seit der Restau- ration im Jahre 1878 besteht, zu verfolgen. Er ist ein einzigartiges Freiheits- zeichen einer Stadt in Jugoslawien. Sieben Tage vor dem Blasiusfeste wurde auf dem zur Rolandsaule gehorenden Flaggenmaste das Banner des hi. Blasius, des Patrons der Stadt und Republik, aufgezogen. Dort verblieb es 15 Tage. Fiir diese Zeit war der Festfriede fiir jedermann gesichert. Die fliichtigen Schuldner konnten ungehindert zuriickkehren und vvahrend dieser Zeit setzte die Tatigkeit der Gerichte aus 1 ). In verschiedenen Formen treten die D i e n s t- und Gerichtsstabe als Amtszeichen von Behorden und Geivalt- habern bei den Volkern Jugoslaiviens auf. In Slowenien und Kroatien treffen 18 ) H. F. Schmid, Die Burgbezirksverfassung bei den slawischen Volkern. JbKOSl N. F. 2 (1926) S. 89; ders., Die Grundziige und Grundlagen der Entwicklung des kirchlichen Zehntrechts auf kroatischem Boden wahrend des Mittelalters. Šisičev zbornik, Zagreb 1929, S. 447. 4S ) T. R. Djordjevič, Upustvo za prikupljanje gradiva o zanatima i esnafima u srpskim zemljama. Beograd 1913. 50 ) B. Bogišii, Zbornik ... S. 501; T. R. Djordjevič, Arhivska gradja za zanate i esnafe u Srbiji od drugog ustanka do esnafske uredbe 1847 god. SEZb 33 (1925); ders., Seoske zanatske organizacije. GSkND 2 (1927) S. 358—360; St. M. Mijatovič, Zanati i esnafi u Rasini. SEZb 42 (1928); S. Trojanovič, Psihofizičko izražavanje ... S. 256 f.; M. S. Filipovič, Stari zanati i esnafi u Velesu. GE M 9 (1934) S. 53, 56 (Zunftladen und Fahnen). 51 ) Hamdija Kreševljakovič, Esnafi i obrti u Bosni i Hercegovini 1463—1878. ZbNŽO 30, S. 55—178, 35, S. 61—138; ders., Sarajevska čaršija, njeni esnafi i obrti za osmanlijske uprave. NSt. 14 (1929) S. 15—58, bes. S. 34; nach Kreševljakovič stellte F. Taeschner, Das bosnische Zunftvvesen zur Tiirkenzeit 1463—1878. Byzantinische Zeitschrift 44 (1951) S. 551—559, dar. 52 ) ZbNŽO 30, S. 88 f., 35, S. 83 f. b Rad 105 (1891) S. 36; P. Puntschart, Der Roland von Ragusa. ZRG 30 (1909) German. Abt., S. 299—304; Vid Vuletič, Stari običaji Dubrovnika. GDUD 1 (1929) S. 154; Milorad Medini, Starine dubrovačke. Dubrovnik 1935, S. 257—259; Eb. v. Kunssberg, Rechtliche Volkskunde. Halle 1936, S. 114. 192 Josef Žontar vir Stadt- und Marktrichterstabe (z. B. Ljubljana/Laibach, Radovljica/ Radmannsdorf, Metlika/Mottling, Žužemberk/Seisenberg, Varaždin u. a.) 2 ). In vielen geschichtlichen Quellen wird der Gerichtsstab der Landschranne in Ljubljana (Laibach) erwahnt. Er spielte bei den Verhandlungen nach der Schrannenordnung eine bedeutende Rolle 3 ). Der Štab der Gerichtsherren bei den Bergtaidingen vvar Symbol ihrer niederen Gerichtsbarkeit. Auch die Župane, welche die bereits behandelten Volksgerichte leiteten, hielten einen Gerichtsstab in der Hand 4 ). Unter der Herrschaft der Tiirken und des Fiirsten Miloš Obrenovič war der Amtsstab ein standiges Zeichen der Wiirde von Orts- und Gemeindevorstehern (Kmeten) 5 ). Im Dorfgericht konnte die Verhandlung nicht friiher beginnen, als bis der Vorsteher (kmet, knez) seinen Amtsstab auf den Tisch gelegt hatte. Wenn die Bewohner einen neuen Dorfvorsteher wahlten, handigten sie ihm auch den Štab als Amtzeichen ein. In Jasenica iibergab der abtretende kmet den Štab dem neugewahlten. In der Umgebung von Smede¬ revo (Semendria) stach der alte kmet in Gegenwart der Dorfbewohner seinen Štab in die Erde und verabschiedete sich von ihnen. Darauf trat der neu- gewahlte heran, zog den Štab heraus und iibernahm ihn. In Marijovo (Make- donien) bekam der Dorfvorsteher jedes Jahr einen neuen Amtsstab, so daB die Zahl der Štabe der Zeit seiner Amtstatigkeit entsprach. In Makedonien fiihrte auch der Gehilfe des Vorstehers (birov, protoger) einen Štab als Amts- zeichen 6 ). Einen Dienststab hatte auch der Gemeindekapetan in der Gegend von Kotor (Cattaro, Dalmatien), der Dorfknez der Militargrenze Slawoniens, aber auch die Feldhiiter mancher Dorfer und Gemeinden, z. B. in der Um¬ gebung von Belgrad, Jajce (Bosnien) und im Banat 7 ). Sonderbar war das Schicksal der Amtsinsignien des Oberhaupts der autonomen Gemeinde Poljica (Dalmatien). Im Jahre 1807 hatten die Franzosen die Autonomie aufgehoben. Dabei spielte auch der Umstand eine Rolle, daB es die Bevolkerung mit den Russen hielt, die damals eine Flotte unter Admiral Senjavin ins Adriatische Meer gesandt hatten. Nach dem Abkommen zwischen Napoleon und dem Žaren zogen sich bald darauf die Russen aus der Adria zuriick; mit ihnen verlieB das letzte Oberhaupt der Poljica seine Heimat und nahm die Insignien, darunter auch den Amtsstab der freien Gemeinde mit 8 ). Auf einigen bosnischen Grabsteinen (stecci), unter denen die hohere Geistlichkeit der Bogomilen (Patarenen)kirche ruht, z. B. in Gorani bei Ostrožac (Bezirk Konjic) oder in Humsko (Bezirk Foča) findet man den charakteristischen Štab des ,,ded“ (Bischof der bosnischen Kirche) dargestellt. Es ist ein gerader Štab mit einem 2 ) MHK 1853, S. 24; Jos. PeSnak, Local-Chronik der Edlinge von Tiichern. Cilli 1894, S. 24; B. Horvat, Črtice iz hrvatske pravne povijesti. MjPD 43 (1917) S. 380; S. Vilfan, Očrt, S. 243. 3 ) A. Dimitz, Geschichte Krains, 4. Laibach 1876, S. 75—76. 4 ) 8. Vilfan, a. a. O. 5 ) Milica Bošlcovic, Kolekcija štapova . . . S. 117—127. e ) S. Trofanovič, Psihofizičko izražavanje ... S. 254; M. 8. Filipovič, Običaji... S. 319. 7 ) M. S. Filipovič, Običaji... S. 320; Jos. Bosendorfer, Agrarni odnosi... S. 76; P. Šerovič, Iz arhiva stare topaljske opštine kod Hercegnovoga. OEM 8 (1953) S. 30 f. 8 ) A. Solovjev, Szlachta zašciankowa ... S. 8. Der Roland von Dubrovnik (Ragusa) (Photo Dr. V. Foretič) Feierlicher AbschluB des Siihne- vertrags in Montenegro (nacli Vialla de Sommieres, 1820) Rechtsarchaologie bei den Volkern Jugoslawiens 193 Querholz in der Form des groBen Buchstaben T. Dies entspricht der Form des Bischofsstabs, wie er in der christlichen Kirche des Westens bis zum 12. Jahrhundert in Gebrauch stand. Die bosnische Bogomilenkirche hatte diese altere Form bis zu ihrem Erloschen im 16. Jahrhundert bewahrt 9 ). IV. Aus der Gruppe von Z e i c h e n mochte ich nur auf einige naher eingehen. Die beweglichen Sachen werden allenthalben mit Zeichen versehen, die ihre Zugehorigkeit zu einem bestimmten Haus dartun. Zu den altesten Besitz- zeichen gehoren die Viehzeichen, die besonders fiir Schafe verwendet werden, um vor Verwechslungen und Diebstahl zu sichern * 1 ). Viehzeichen wurden im 18. Jahrhundert in Slawonien auch den Schweinen in die Ohren eingeschnitten, um das grundherrschaftliche Vieh von dem iibrigen zu unterscheiden 2 ). Be- stimmte Marken wurden besonders in Serbien und Slawonien an Bitumen angebracht, in denen sich wilde Bienenschwarme niedergelassen hatten. Der Finder machte z. B. ein Kreuzzeichen auf die Baumrinde, was bedeutete, da£S er sich das Recht auf die Ausbeute der Waben vorbehalten hatte 3 ). Den Bestand und Verlauf einer Grenze kennzeichnen naturliche und kiinst- liche Grenzzeichen 4 ). In historischen Quellen unseres Gebiets werden als Grenzen auffallende Baume und Steine erwahnt. Interessanter sind jedoch jene Zeichen, die in Felsen und Steine eingegraben wurden und sich durch Jahrhunderte, einige sogar bis heute erhalten haben. Im Jahre 1134 hat man fiir den Besitz des Klosters des hi. Chrysogonus in Zadar (Žara) den Buch¬ staben G in die Grenzsteine einmeiBeln lassen, im Jahre 1191 fiir den Besitz der Kirche des hi. Domnius in Split (Spalato) den Buchstaben D 5 ). In Segeto am Meere nw. von Trogir (Trau) ist die eingemeiBelte Mitra als Besitzzeichen des einstigen Bistums von Trogir (Trau), ebenso in Sitno (Poljica) ein Buch als Besitzzeichen des Erzbistums von Split (Spalato) noch sichtbar 6 ). Eine •) A. Solovjev, Jesu li bogomili poštovali krst. GZM N. S. 3 (1948) S. 89—95; ders., Les Bogomiles veneraient-ils la Croix ? Bulletin de la Classe des lettres et des Sciences morales et politiques, Academie Royale de Belgique, 5 e serie, XXXV. Bruxelles 1949. Abbil- dungen der erwahnten Grabsteine auch in Poviest Bosne i Hercegovine I, Sarajevo 1942, S. 767, 778. 1 ) 8. Trojanovii, Glavni srpski žrtveni običaji. SEZb 17 (1911) S. 174, 179, 181, 191—193; St. Dude u. J. Erdeljanovič, Život i običaji plemena Kuča. SEZb 48 (1931) S. 14; S. Trojanovic, Psihofizičko izražavanje. SEZb 52 (1935) S. 129; Miloš Dj. Šlcarič, Život i običaji „planinara“ pod Fruškom gorom. SEZb 54 (1939) S. 127; F. Novak, Ovčarstvo pod Stolom in v Planici. E 15 (1942) S. 91; S. Vilfan, Očrt S. 249. 2 ) Jos. Bosendorfer, Agrarni odnosi.. . S. 212. 3 ) N. Cvar, Narodno pčelarenje u selima oko Siska. EIGr 4 (1943) S. 15, 17, Bild auf S. 33; S. Trojanovii, Psihofizičko izražavanje S. 124; B. Bogišič, Zbornik ... S. 399. 4 ) tlber Grenzzeichen im allgemeinen vgl. Eb. v. Kiinssberg, Rechtliche Volkskunde. Halle 1936, S. 130 f. 5 ) CD 2, S. 45, Nr. 43 (1134), S. 250 f. Nr. 236 (1191); M. Klarič, Obrovac sredovječnih isprava. VjAD N. S. 16 (1935) S. 37. 6 ) Nach Mitteilungen von Dr. Lovre Katic, Solin; vgl. auch dessen Studie: Topografske bilješke solinskoga polja. VjAH 52 (1950) bes. S. 82. 13 a Wr. Archiv, Bd. II. 194 Josef Ž o n t a r Besonderheit ist die antike Grenzinschrift auf dem Felsen im Dorf Vaganj (Bezirk Jajce, Bosnien), welche die Grenzziehung zwischen dem Stammes- gebiet der Sapuates und Aematini in der Provinz Illyricum (zwischen 37 und 41 n. Chr.) betrifft. Mehrere Inschriften im archaologischen Museum in Split (Spalato) zeigen, daB es einige Male notwendig war, durch Verwaltungs- behorden die Grenzen zwischen den streitsiichtigen illyrischen Stammen und dalmatinischen Gemeinden festzulegen * * * 7 ). Als kiinstliche Grenzzeichen verwendete man in den Boden eingelassene rohe und behauene Steine, aufgeworfene Erdhiigel u. a. Im Mittelalter stand auf der Insel čiovo (Bua) eine Steinsaule, welche die Grenze zwischen den Gemeinden Trogir (Trau) und Split (Spalato) kennzeichnete 8 ). Ahnliche Grenz- saulen bestanden im 10. Jahrhundert in Makedonien an der bulgarisch- byzantinischen Grenze 9 ). In die Grenzhiigel, die im 18. Jahrhundert in Slawo- nien ,,Onken“ genannt wurden, schlug man Holzpfahle ein 10 ). Zur groBeren Sicherheit grub man unter die Grenzsteine verschiedene unverwesliche Zeichen ein oder legte unter den Grenzstein noch einen anderen groBeren Stein. t)ber diese geheimen Unterlagen und Beigaben, die bei den Volkern Jugoslawiens sehr haufig verwendet wurden und hie und da noch verwendet werden 11 ), berichtete E. v. Kiinssberg 12 ). Ein zusammenfassendes Werk liber die Grenz¬ zeichen und das Grenzrecht auf dem Boden Jugoslawiens ware sehr erwiinscht. M. R. Barjaktarevič 13 ) befaBte sich in seiner Studie iiber Besitzgrenzen bei den Serben nur kurz mit den Hauptformen, erbrachte aber nicht den Beweis, daB die Grenzzeichen aus Totems entstanden seien. Nicht zu den Grenzzeichen gehort die 'potka. Sie war immer nur ein Verbotzeichen, das auf Saatfeldern in der Form eines kleinen Erdhiigels mit eingesteckten Baumasten aufgerichtet wurde. Derselbe Ausdruck bedeutete im Gesetzbuch des serbischen Žaren Dušan aus dem 14. Jahrhundert die BuBe fiir das Weiden auf verbotenem Boden 14 ). 7 ) F. Bulic, Prinosak k poviesti uredjenja graniea medju raznim plemenima u Dalmaciji za rimsko doba. OZM 2 (1890) S. 406—413; M. Abramič, Untersuchungen in Nord- dalmatien. Jahreshefte des osterr. archaologischen Instituts 12 (1909), Beiblatt S. 30, 32 f. 8 ) D. Farlati, Illyricum sacrum 3, S. 345, Nr. LXIII. 8 ) L. Hauptmann, Uloga Velikomoravske države u slavensko-njemačkoj borbi za Podunavje. Rad 243 (1932) S. 203. 10 ) O. Bodenstein, Povijest naselja u Posavini god. 1718—1739. OZM 19 (1907) S. 607; S. Trojanovič, Psihofizičko izražavanje S. 120. n ) T. A. Bratič, Odlomei iz narodnih pravnih običaja u Hercegovini. GZM 16 (1904) S. 296; St. Dučič u. J. Erdeljanovič, Život i običaji plemena Kuča S. 125; M. S. Filipovič, Običaji... S. 342, 478. 12 ) Geheime Grenzzeugen. Das Rechtswahrzeiehen 2. Grenzrecht und Grenzzeichen, 1940, bes. S. 70. 13 ) M. R. Barjaktarovič 0 zemljišnim medjama u Srba. = Posebna izdanja SAN 203, Etnografski institut 4. Beograd 1952; vgl. auch die Besprechungen von S. Vilfan, SE 6—7 (1954) S. 337—339, und M. S. Filipovič, ZbMS, Serija društ. nauka 6, Novi Sad 1953, S. 201—206. 14 ) M. R. Barjaktarovič, „Potka“ Dušanova zakonika i našega doba. ZbEM 1953, S. 232 bis 233; S. Trojanovič, Psihofizičko izražavanje... S. 118—120; VI. Mažuranič, Prinosi... S. 1051. Rechtsarchaologie bei den Volkern Jugoslarviens 195 Burgfriedszeichen kenne ich bisher nur aus Slowenien, z. B. aus Ptuj (Pettau) und Umgebung, und aus dem Hammergewerkenort Kropa (Kropp, Oberkrain) 15 ). Das letztere wurde im Jahre 1728 anlaBlich der Ankunft Kaiser Karls VI. in Krain errichtet. V. Zu der Gruppe von Formhandlungen (rechtsrituellen Tatbestanden) darf der bis ins 17. Jahrhundert zuriick belegte, einst stark verbreitete Brauch der „K 6 n i g s w a h 1“ in dalmatinischen Stadten und Landgemeinden nicht gezahlt werden. Er kann nicht etwa mit der Karntner Herzogseinsetzung ver- glichen werden und stellt keine Reminiszenz an die Wahl kroatischer Fiirsten, Konige oder Stammeshauptlinge dar. Es war ein Weihnachts- bzw. Neujahrs- brauch, der wohl auf den romischen Saturnalienkonig zuriickgeht, wobei man fur einige Tage einen „Konig“ wahlte, ihm zum Scherz Herrscherinsignien iibergab und ihn in einigen Ortscbaften, z. B. in Grohote auf der Insel Šolta (Solta), auf einen Steintisch erhob 1 ). Von den prozessualen Formen mochte ich aus der Gruppe der Eide den Grenzeid mit dem R a s e n s t u c k (oder der Erdscholle) auf dem Kopf hervorheben. Auf dem Boden Jugoslawiens laBt er sich in zwei Formen fest- stellen. Die erste ist aus historischen Quellen fiir Nordkroatien, Slatvonien und die Vojvodina vom 14. bis zum 16. Jahrhundert bekannt. Sie kam in Kreisen des Adels und der Burger in Verwendung. Der Grenzeid bildete eine Phase des B e wei svcrf ah rens im ProzeB um Grund und Boden. Er wurde auf dem strittigen Boden in Anwesenheit eines Delegierten des glaubwiirdigen Ortes abgelegt. Wahrend aus dem genannten Gebiet seit dem 17. Jahrhundert keine weiteren Angaben bekannt sind, war im Siiden, in Bosnien, in der Herzegowina, in Serbien und Makedonien beim Bauernvolk der Grenzeid mit dem Rasenstiick, das ofters noch mit einem Stein und Dorn besehwert ivurde, durch Jahrhunderte bis vor etwa 20 Jahren ein lebender Rechtsbrauch. In Makedonien trug man an Stelle des Rasenstiicks einen Ranzen voli Erde, der auf dem Nacken befestigt vvurde. In Slowenien und Dalmatien besteht keine Špur von einem ahnlichen Beweisverfahren. Beziiglich des Verfahrens bestand aber einiger Unterschied zwischen der Beweisfiihrung im Norden und Siiden. Dort zeigte die ProzeBpartei zunachst 15 ) ČZN 22 (1927) S. 102, 24 (1929) S. 227; A. Mullner, Gesehichte des Eisens in Krain, Gorz und Istrien. Wien 1909, S. 297—298. J ) Dariiber besteht eine umfassende Literatur: Edm. 8chne.ewe.is, GrundriB des Volks- glaubens und Volksbrauchs der Serbokroaten. Celje 1935, S. 164; M. Barada, O našem običaju ,,hiranja kralja". Starohrvatska Prosvjeta N. S. I (1927) S. 197—209, bes. S. 199, 209; Jos. Matasovič, O izboru kralja na Molatu, N St 7, S. 84—90; ders., Još o svečanostima ,,biranih kraljeva" u mletačkoj Dalmaciji. NSt 9, S. 209—211; P. Bačič, Izbor seoskog kralja u Dalmaciji. ZbNŽO 26 (1928) S. 319; V. Car Emin, Krunitba pučkoga kralja na Molatu. Jadranska Straža 1940, S. 409—410; VI. Cvitano- vič, Dva priloga o ,,hiranju kraljeva" u Dalmaciji. ZbNŽO 35 (1951) S. 29—59; Jos. Mal,VL starejši zgodovini Slovencev, čas 10 (1916) S. 89. Laut Bericht des Denk- malamts in Zagreb besteht der Steintisch in Grohote nicht mehr. 196 Josef Žontar die strittige Grenze an, erneuerte die Grenzzeichen und schwor erst dann feierlich den Grenzeid. Hier aber beteuerte die ProzeBpartei zunachst, den richtigen Grenzverlauf zu kennen, ivorauf sie aufgefordert ivurde, das Rasen¬ stiick zu nehmen und mit dem Rasenstiick auf dem Kopf die Grenzlinie von einem Ende zum anderen abzugehen. Dieser Grenzeid mit dem Rasenstiick bzw. der Erde ist nur ein Glied aus dem gesamten Geltungsbereich eines Rechtsbrauchs, der von Bohmen liber Mahren und Oberschlesien nach Ungarn, Siebenbiirgen, Jugoslawien, ja bis in die Moldau und Wallachei (Rumanien) und sogar nach RuBland reieht. Dabei entspricht die geschilderte nordliche Form (von Nordkroatien, Slaivonien und der Vojvodina) vollkommen der Form, die in Ungarn ausgeiibt ivurde. Es liegt nahe zu denken, daB infolge der Jahrhunderte andauernden politischen und ivirtschaftlichen Beziehungen dieser Rechtsbrauch von Norden eingefiihrt ivurde. Dabei ivurde der Schivur auf dem strittigen Boden mit bloBen FiiBen, ohne Kopfbedeckung, mit gelostem Giirtel (in einigen Fallen sogar nur mit Hemd und Hose angetan), einen Rasen vom strittigen Boden auf dem Kopf haltend, geleistet. Geivohnlich muBte die ProzeBpartei, welche die Grenze begangen hatte, eine groBere Zahl von Eideshelfern beiziehen (12, 17, 31), die ebenfalls ein Rasenstiick auf dem Kopf halten und den Schivur an einem Grenzzeichen mitsprechen muBten. Darin beteuerten sie, daB die ausgezeigten Grenzen und gesetzten Grenzzeichen richtig seien und der strittige Grund und Boden seit jeher der prozeBfiihrenden Partei gehort habe. Das Ablegen des Grenzeides ivurde vom Herrscher, dem Banus oder dem Stadtgericht vor- geschrieben und in Anwesenheit von Vertretern dieser Stellen und eines glaub- wiirdigen Orts abgelegt. Auch die Zagreber (Agramer) Chorherren muBten 1391 im Streit des Kapitels mit dem Bischof Johannes mit gelostem Giirtel, barfuB und ein Rasenstiick auf dem Kopf haltend den Grenzeid ablegen. In einigen Fallen, z. B. 1427 fiir einen Angehorigen der Adelsgemeinde von Turo- polje bei Zagreb (Agram) bzw. 1455 fiir einen Biirger von Zagreb, ivurde noch vorgeschrieben, daB die Schworenden in einer knietiefen ausgeivorfenen Grube stehend mit Rasenstiicken auf dem Kopf den Eid leisten sollten. Die Grube muBte so groB gemacht werden, daB in obigem Falle (1427) 18 Personen darin stehen konnten. Hier treffen wir das zweite Element, den Grabeneid. Im territorialen Wirkungskreis des Kapitels von Arad als glaubwiirdigen Ortes ivurde die Grenzeidformel meist in einer ausgehobenen Grube gesprochen. Den Grenzeid im Graben finden wir auch in bohmisch-mahrisch-ober- schlesischen Quellen. In Bohmen und Mahren ivird der Grenzeid vom 15. bis zum 17. Jahrhundert erivahnt, doch entfallt im 17. Jahrhundert schon der Gebrauch des Rasens; im 18. Jahrhundert kennen ivir keine Falle des Graben- eides mehr. Dabei legten den Eid im Graben nur Bauern kniend ab, die Adeligen aber auBerhalb des Grabens stehend. In Oberschlesien galt dieser Grenzeid nur fiir Bauern. Diese schivoren in der Grube kniend mit einem Rasenstiick auf dem Haupt. Nach Pappenheim ist die Grube erst nachtraglich dem Rasen - eid hinzugefiigt. Dadurch solite ivohl der schon im Raseneid zum Ausdruck kommendeGedanke verstarkt iverden, ivelches Schicksal dem Meineidigen drohe. Rechtsarchaologie bei den Volkem Jugoslawiens 197 Bei der siidlichen Form des Grenzeides (Bosnien, Herzegowina, Serbien, Makedonien) war dieser Rechtsbrauch das auBerste Beweismittel zur Fest- setzung der Grenze, wenn es durch Zeugen, alte Leute aus der Nachbarschaft, nicht moglich war, den Streit zu entscheiden und die ProzeBparteien zu keinem Ausgleich bereit waren. Voraussetzung war ferner, dali der Grenz- verlauf zwischen zwei Grundstiicken bzw. die Grenze zwischen den Territorien zweier Dorfer strittig war und es nicht gelungen war, den Streit friedlich zu schlichten. Auch kam es zu der Grenzbegehung mit dem Rasenstuck in dem Fali, wenn eine Partei behauptete, ein Grenzstein sei verschoben worden. Im Laufe des Beweisverfahrens vor dem Dorfgericht fiel die Entscheidung, wer den Rasen ausschneiden und tragen solite. Der Klager forderte etwa den Beklagten dazu auf oder der Klager erbot sich selbst dazu. Bei einem Streit zwischen zwei Dorfern konnte etwa der tiirkische Richter einen Greis auf- fordern, das Rasenstuck auf den Kopf zu heben und die Grenzlinie zu begehen. Es konnten aber auch die Vertreter beider Dorfer iibereinkommen, wer die Erde auf dem Nacken tragen und die nach seiner Uberzeugung richtige Grenze auszeigen solite. Bevor aber die dazu bestimmte Person in Gegenwart der Nachbarn die Grenze beging, leistete sie einen feierlichen Eid, mit dem sie beteuerte, die richtige Grenze zeigen zu wollen. In Bosnien und der Herzego- wina, wo dieser Rechtsbrauch bis 1878 allgemein verbreitet war, glaubte man, diese Person werde sogleich unter der Last zusammenstiirzen, sobald sie eine falsche Richtung einschlagen und von der richtigen Grenze abiveichen solite. Falls aber der Meineidige nicht sogleich bestraft wurde, so war man doch uberzeugt, daB die bosen Folgen in Kiirze eintreten wurden, und zwar nicht nur fiir den Schworenden, sondern auch fiir seine Nachkommen. Ahnlich wie z. B. in Bosnien ein Rasenstuck getragen wurde, in Makedonien aber ein Sackchen mit Erde, so bestand derselbe Unterschied zwischen der Moldau und der Wallachei. Dort wurde der Grenzeid vor allem zur Bestarkung der Zeugen- aussagen verwendet. tJberall ist der Rechtsbrauch aus der tfberzeugung von der Allmacht der Erde zu erklaren 2 ). 2 ) CD 15, S. 276—278, Nr. 199 (1377 Požega); MHCZ 1, S. 328 Nr. 352 (8. 11. 1391), S. 333 Nr. 359 (18. 2. 1392), 7, S. 91 (2. 5. 1455); MHCT 1, S. 206 f. (20. 5., 2. 8., 22. 8. 1427), 3, S. 430. Jakob Grimm, Deutsche Rechtsaltertiimer 4. Aufl. 1 (1922) S. 166; Ed. Schneeweis, GrundriB ... S. 246; Franz Eckhart, Die glaubwurdigen Orte Ungarns im Mittelalter. MlOO 9. Erganzungsband, Innsbruck 1915, S. 533 (Die Meinung E.s, daB man Erde auf den Kopf streute, entspricht nicht den Quellen); Max Pappenheim, Rasengang und FuBspurzauber. ZRO 40 (1919) German. Abt, S. 81—82; Handivdrterbuch des deutschen Aberglaubens, 9. Nachtrag S. 106; K. Juhdsz, Das Kapitel von Arad als glaubwiirdiger Ort. MIČO 42 (1954) S. 416; E. Lilek, Božji sudovi (ordalia) i porotnici (conjuratores) u Bosni i Hercegovini. CZM 4 (1892) S. 133; ders., Gottesurteile und Eideshelfer in Bosnien und der Hercegovina. WM 2 (1894) S. 65; Aleksa Jovanovič, Prinosi za istoriju starog srpskog prava 2. Beograd 1900, S. 35 f.; T. A. Bratič, Odlomci iz narodnih pravnih običaja u Hercegovini. GZM 16 (1904) S. 296 f.; S. Trojanovic, Glavni srpski žrtveni običaji. SEZb 17, S. 66 f.; ders., Psiho- fizičko izražavanje ... S. 254 f.; S. Petrovič, Skopska Črna Gora S. 433; M. 8. Filipo¬ vič, Običaji... S. 343; ders., Etnološke beležke iz severnih veleških sela. OEM 7 (1932) S. 74; ders., Beleške o narodnom životu i običajima na Glasincu. OZM N. S. 10 (1955) 13 b* 198 Josef Žontar Es iiberrascht einigermaCen, daB keine Nachrichten liber den Raseneid aus Montenegro bekannt sind. Zur Erklarung genligt nicht der Umstand, daB es in diesem felsigen Lande wohl wenig Ackerflachen gab; daflir gab es oft genug wegen der “VVeideplatze blutige Streitigkeiten zwischen Sippen- und Stammesgemeinschaften. P. Rovinskij erwahnt Falle, wo zur Bestimmung der Grenze die beiden ProzeBparteien von verschiedenen Stellen aus gleich- zeitig liefen. An ihrem Treffpunkt wurde dann die Grenze gezogen. Nach albanischem Gewohnheitsrecht, das lange auch in Teilen von Montenegro und Makedonien Geltung hatte, wurden die Grenzen zwischen entzweiten Stammen so festgesetzt, daB jede Partei ihrem Vertreter einen groBen Stein auf den Riicken band. Dann gingen die beiden vor, soweit sie die Last schleppen konnten. Wer am weitesten trug, dessen Stammesgrenze wurde dort gezogen * * 3 ). Unter den Gottesurteilen im engeren Sinne mochte ich nur den Beweis mit heiBem Wasser (judicium aquae ferventis), der sich im jugoslawi- schen Raum am langsten hielt, behandeln. Im Statut der Stadt Labin (Albona, Istrien) von 1341 wird unter dem Namen „lex Caldaria“ dieses Gottesurteil vorgeschrieben. Erst unter venetianiscber Herrschaft \vurde im lateinischen Kodex des Statuts das 33. Kapitel des I. Buches iiber die Verwendung dieses Gottesurteils gestrichen und damit auBer Kraft gesetzt. Aus demselben geht hervor, daB man diesen Beweis an einem Freitag Morgen vornehmen solite. Ein groBer Kochkessel mir de mit Wasser gefiillt und das Wasser auf dem Eeuer bis zum Kochen erhitzt. Darauf lieB man einen Stein ins Wasser gleiten, wusch dem Beschuldigten die Hande und forderte ihn auf, mit bloBen Handen den Stein aus dem Kessel zu holen. Sobald dies geschehen war, zog man dem Beschuldigten liber die Hande Handschuhe und versiegelte sie. Am nachsten Sonntag wurden vor der Loggia die Siegel entfernt und die Handflachen unter - sucht. Fand man Verbrennungszeichen, so wurde der Beschuldigte verurteilt, andernfalls wurde er freigesprochen. Dasselbe alte Gottesurteil war auch im mittelalterlichen Serbien unter dem Namen ,,Kessel" (kotao) in Gebrauch. An Stelle eines Steines mirde oft ein gliihendes Stiick Eisen ins heiBe Wasser geworfen. Unter dem Žaren Dušan wurde die bisher sehr haufige Verwendung dieses Ordals auf die niederen Bevolkerungsklassen (sebri) eingeschrankt, Klosteruntertanen und Proniare aber davon ausgenommen. Seit dem 15. Jahr- hundert fehlen weitere Angaben iiber dieses Verfahren. Wahrscheinlich ging aus dem ma. serbischen Gottesurteil des „Kessels“ das montenegrinisch- bosnische Ordal der ,,mazija“ hervor. Obwohl ,,mazija“ Eisen bedeutet, S. 131; Stan. Boroivski, Sredniowieczny sg,d senjorow miasta Gradcu kolo Zagrzebia. Warszawa 1932, S. 47 f.; J■ Kapras, Mezni prisaha v češkem pravu. Sbornlk ved pravnich a statnich 15 (1915) S. 286—297; ders., Der altbohmische Grenzeid im Graben unter dem Rasen. ZvglJR 34 (1916) S. 283 — 332; Dimitru D. Mototolescu, Der Grenzeid mit der Erdscholle auf dem Kopfe im alten rumanischen Recht. ZvglB. 52 (1938) S. 269—289; F. Peretc, Kljatva s zemlej v častutke. Slavia 7 (1928/29) S. 919 f. 3 ) St. Borowski, Mazija. Studium z dziejorv prawa czarnogorskiego. Miscellanea historico- iuridica, Praha 1940, S. 16; M. A. Freiin v. Godin, Das albanische Gewohnheitsrecht. ZvglB 57 (1954) S. 20. Rechtsarchaologie bei den Volkern Jugoslawiens 199 handelt es sich nicht um das eigentliche Eisenordal (judicium ferri candentis), das dem ma. Serbien nicht unbekannt war und darin bestand, dalj der Be- schuldigte ein gliihendes Eisenstiick von einer Stelle zur anderen tragen muBte. Hier muBte dieses Eisenstiick aus dem Kessel gehoben werden. Dieses Ver- fahren wurde in Montenegro nur bei Stammesgerichten verwendet und wurde nur dann vorgeschrieben, wenn ein Beweis mit Eideshelfern oder sonst in anderer Weise nicht gelungen war. Die Falle, in denen man zum Vollzug dieses Gottesurteils schritt, waren allerdings nicht genau festgesetzt. Dariiber ent- schied das Gericht mit einem Beweisurteil. Vorgenommen wurde das Gottes- urteil offentlich unter freiem Himmel in Anwesenheit von Amtspersonen und Stammesgenossen. Man legte ein Feuer an, brachte das Wasser im Kessel zum Sieden, gleichzeitig wurde ein Eisenstiick im Gewicht von etwa 5 kg gliihend heiB gemacht. Der Beweisfiihrer wusch sich die Hande und fettete sie ein. Dann warf man das Eisenstiick ins Wasser. Nun blieb nur der Beschuldigte beim Kessel. Sobald das Wasser im Kessel zu wallen aufhorte, muBte er mit bloBen Armen in den Kessel greifen, das Eisen herausholen und es auf die Erde werfen. Darauf erfolgte sogleich die Beschau der Hande. War an ihnen keine Brand- wunde zu sehen, so wurde er freigesprochen. Dieser Rechtsbrauch war in der 'Uberzeugung begriindet, daB bei der Priifung der Unschuldige als Sieger hervorgehen miisse. In Montenegro hielt sich dieses Beweisverfahren bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, ehe es durch die Bemiihungen des Vladika Peter II. und des Fiirsten Danilo auBer Gebrauch kam. Seit dem Allgemeinen Landes- statut des Fiirsten Danilo von 1855 war fiir diese Gattung von Beweisen kein Platz mehr 4 5 ). Etwas langer hielt sich dieses Gottesurteil in Bosnien und der Herzegowina. Em. Lilek errvahnt als letzte Falle in Nevesinje 1860 und in Bosnisch-Gradiška 1882—1884. Auch hier wurde es nur bei schweren Untaten verwendet, besonders bei entehrenden Handlungen (Diebstahl, uneheliche Vaterschaft) 8 ). SchlieBlich sei noch kurz der Siihne vertrag erwahnt. L. C. Vialla de Sommieres, Gouvemeur der Provinz von Kotor (Cattaro, Dalmatien) in Napoleons Illyrien (1809-—1813) brachte in seinem Buche „Voyage historique et politique au Montenegro", Pariš 1820, die alteste bisher bekannte bildliche Darstellung des feierlichen Zeremoniells beim AbschluB der Totschlagsiihne in 4 ) P. 8. Leicht, Ultime menzioni delle ordalie e del duello giudiziario in Italia. Fest- schrift fiir E. Heymann, 1. Weimar 1940, S. 95 f.; N. Žic, Iz latinskog statuta grada Labina u Istri. MjPD 65 (1939) S. 77; Statuto di Albona 1341. Archeografo Triestino N. S. 1 (1870) suplem. S. 29 f.; G. de Franceschi, Statuta communis Albonae. Archeo¬ grafo Triestino 32 (1908) S. 146—148; Buzet (Pinguente) und Oprtalj (Portole) hatten bis zur venetianischen Herrschaft dieselben statutarischen Bestimmungen wie Labin (Albona), folglich auch die ,,lex Caldariae“, vgl. ib. 175 f.; S. Solovjev, Zakonodavstvo Stefana Dušana, čara Srba i Grka. Skoplje 1928, S. 217 f.; T. Taranovski, Istorija srpskog prava u Nemanjickoj državi 3—4, Beograd 1935, S. 194 f. ; 8t. Borowski, Sredniowieczny s^d . . . S. 16—23; D. Vuksan, Vadjenje mazije krajem 18. vijeka. GEM 6 (1931) S. 110 f.; V. Vešovic, Mazija. Pravni zbornik 2 (1934), Cetinje, S. 56 f.; E. Schneeweis„ GrundriB ... S. 245. 5 ) GZM 4 (1892) S. 128 f.; WM 2 (1894) S. 467 f. 200 Josef Ž o n t a r Montenegro 6 ). Bekanntlich bestand iiberall im jugoslawiscben Raum wahrend des Mittelalters der Brauch der Blutrache. In einigen Teilen hielt er sich langer, z. B. in Dalmatien vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Bei den Montenegrinern und Nordalbanern war aber die Blutrache bis zur neuesten Zeit eine charakte- ristische AuBerung der dortigen Stammesorganisation, gleichzeitig aber auch ein groBes Hindernis fiir jeden wirtschaftlichen und politischen Fortschritt des Landes. Daher ging im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts das gesamte Bestreben der kirchlichen und staatlichen Stellen dahin, die Blutrache einzu- dammen, Siihnevertrage zu vermitteln, schbeBlich die Blutrache zu brechen und zu liquidieren 7 ). Die Versohnung, d. b. der FriedensschluB des Missetaters und seiner Sippe mit der verletzten Partei und deren Sippe konnte urspriinglich nur durch Ver- mittlung von Freunden und Verwandten angebahnt vverden. Diese boten im Namen des Missetaters dem Racher die Siihne an. Zeigte sich dieser geneigt zur Versohnung, so konnte das Gericht (krvni sud) der Dorfaltesten (kmetovi) aufgestellt werden. Dabei schlug oft jede Partei die Halfte der Mitglieder (z. B. je zwolf) vor. Den Vorsitz bei der Versammlung fiihrte eine angesehene Person, oft der Dorfgeistliche. Die Hauptaufgabe des erwahnten Gerichts war es, die naheren Bedingungen fiir den abzuschlieBenden Siihnevertrag zu bestimmen, vor allem die Hohe des Siihngeldes (vražda, krvnina, Totschlag- buBe) festzusetzen. Dabei wurde nach alten Regeln das ,,Blut geschatzt". Nach- dem sich die beiden Parteien mit dem Vorschlag einverstanden erklart hatten, konnte man den Tag fiir den feierlichen AbschluB des Siihnevertrags be¬ stimmen. Am friihen Morgen dieses Tages suchte man zunachst den Racher (Sippengenossen des Getoteten) durch Vermittlung von Sauglingen, welche die Ammen oder Miitter vor sein Haus gebracht hatten, zu riihren und fiir den AbschluB des Siihnevertrags geneigter zu stimmen. Nach dem Gottesdienst spielte sich dann in unmittelbarer Umgebung eines Klosters oder der Kirche des Ortes, in dem der Racher volinte, der feierliche Festakt ab. Es kam der Racher in Begleitung seiner Verwandten, der Dorfaltesten und des Dorfgeist- lichen. Dabei waren auch die Schiedsrichter. Alle diese bildeten einen groBen Halbkreis, der sich von der iibrigen Menge der Zuschauer streng getrennt hielt. Etwas spater erschien der Totschlager, begleitet von seinen nachsten Ver- wandten. Er trug die todliche Waffe umgekehrt um den Hals gehangt. In der Nahe der Versammlung lieB er sich zu Boden nieder und schob sich auf den Handen und Knien langsam bis zur Gruppe der Schiedsrichter und des Rachers nach vorn. Sein Haupt hielt er tief niedergebeugt. Beim Racher angelangt, bat er ihn um Versohnung (1. Phase der Siihne: die Abbitte). Der Racher faBte erst nach einigem Zogern einen EntschluB und nahm die Versohnung formlich an. AuBerlich brachte er dies zum Ausdruclt, indem er seine Hande 6 ) L. G. Vialla de Sommieres, Voyage historique et politique au Montenegro, 1. Pariš 1820, Bild zwisehen S. 338 und 339, Text dazu S. 339—352; liber Vialla vgl. Andrija V. Lni- novič, Tri Francuza o Crnoj Gori. Stranci o Crnoj Gori 1. Cetinje 1949, S. 5—8; Istoriski Glasnik, Beograd 1950, S. 164 f. 7 ) Br. Pavičevič, Povodom jedne študije o Marku Miljanovu. Nova misao 1 (1953) S. 673 f. Rechtsarchaologie bei den Volkem Jugoslawiens 201 ausstreckte und den Totschlager aufrichtete. Gleiehzeitig nahm er oder der Geistliche bzw. ein Sohiedsriehter dem Totschlager die Flinte vom Hals, lieB sie zu den FiiBen gleiten und stieB sie weit weg. Jetzt umarmten sich die Gegner und kuBten sich (2. Phase der Siihne: der FriedenskuB). Nun sehwor der Racher den Friedens- oder Siihneid (3. Phase); dies war der eigenthche AbschluB der Siihne. Der Racher erklarte, die Feindschaft aufzugeben. Es folgte bei den Montenegrinern die Beurkundung des Siihnevertrags. (Bei den Nordalbanern erhielt der Totschlager Gewahrsmanner zum Beweis des Siihne- vertrags). Die Urkunde wurde oft in zwei Ausfertigungen geschrieben. Als Beweismittel hangte man an sie ein Para- (Dinar-)Stiick an, dasbei dert)bergabe entzvreigeschlagen wurde, so daB jede Partei eine Halfte des Geldstiickes erhielt. SchlieBlich pflegte man die Siihne mit einem Schmaus und Trinkgelage zu feiern. Bei dieser Gelegenheit wurde oft auch das Siihnegeld iibergeben. Wie Vialla de Sommiferes zugibt, waren so feierliche Siihnevertrage auf Festver- sammlungen selten. Meist spielten sie sich in einem kleineren Kreis vor dem Haus der Familie, deren Mitglied getotet worden war, ab. Doch hielt man sich dabei ebenso an die erwahnten Hauptphasen des Vertrages. Der Tot¬ schlager muBte in demiitiger Haltung Abbitte leisten. Dabei war es in Siid- dalmatien Brauch, dem Racher die FiiBe und Knie zu kiissen. Gleiehzeitig mit dem Siihnevertrag kam es haufig zum AbschluB von Gevatterschaften, was den Siihnevertrag natiirlich starken muBte 8 ). Nach albanischem Gewohnheits- recht brachte man an der Tiire des Taters ein Kreuzzeichen an zum Zeichen des „versohnten Blutes“ 9 ). Nur ein Bruchteil der rechtsarchaologischen Fragen konnte in dieser Studie beriihrt tverden. Jedenfalls geht daraus klar hervor, daB dieser Forschungs- zweig in Jugoslawien noch im Stadium der Sammlung von Quellen steht. Schon dieser kurze Uberblick zeigt, daB die einzelnen Rechtsdenkmaler in die allgemeine Geschichte der Volker Jugoslawiens eingebettet sind, daB aber auch manehe von Volk zu Volk gewandert sind. Es wird eine dankbare Aufgabe sein, zunachst die rechtsarchaologischen Quellen vollstandig zu sammeln. Dann kame die Bearbeitung, die Vergleichung, die Herausarbeitung der Entwicklungslinien an die Reihe. Alles das wiirde es der rechtsgeschichtlichen Forschung vermutlich ermoglichen, iiber die Entwicklung des Rechts und der Rechtseinrichtungen bedeutende Schliisse zu ziehen 10 ). 8 ) Die Hauptphasen des Siihnevertrages wie bei R. His, Das Strafrecht des deutschen Mittelalters, 1. Leipzig 1920, S. 322, 328, 325, 329. Zum AbschluB des Siihnevertrags vgl. noch V. St. Karadžič, Črna Gora i Boka Kotorska. Beograd 1953, S. 76 f., B. Šaranovič, Originalni tekst ,,praviteljstva“ iz Vukove knjige. Pril 20 (1954) S. 314 f.; 11. M. Jelič, Krvna osveta i umir u Crnoj Gori i Severnoj Albaniji = Biblio¬ teka Arhiva za arbanasku istoriju i etnologiju 3. Beograd 1926, S. 83, 84, 86f., 95 f., 99 f., 108 f.; M. R. Barjaktarovič, Etnološko u Gorškom Vijencu. OEM 15 (1940) S. 138; S. Trojanovič, Psihofizičko izražavanje srpskog naroda. SEZb 52 (1935) S. 63, 91; A. Jovanovič , Dokazna sredstva ... S. 8 ; B. Bogišič, Zbornik sadašnjih pravnih običaja, S. 580 f.; E. Schneeweis, GrundriB ... S. 239, 242. e ) M. A. Freiin v. Godin, Das albanische Gewohnheitsrecht, ZvglR 58 (1956) S. 139. 10 ) Zu diesen Fragen vgl. Gl. v. Schwerin, Einfiihrung in die Rechtsarchaologie. Berlin 1942, S. 129; Eb. v. Kiinssberg, Vergleichende Rechtsarchaologie = Arbeiten zur 202 Josef Žontar Rechtssoziologie und Rechtsgeschichte I. Karlsruhe 1948, S. 137; Mario Fulvio, II metodo comparato nello studio delle tradizioni giuridiche popolari. Archivio giuridico 4. S., 23 (1932) S. 3f.; H. Balti, Sicherung der Rechtsaltertiimer. Bericht liber die Hauptversammlung des Verbandes osterr. Geschichtsvereine (27.—29. 9. 1954) in Wien. Wien 1955, S. 85 f.; Zdenko Vinski, O značenju etnologije za kulturnu historiju slavenskog juga. GEM 14 (1939) S. 80. Abkiirzungen: CD = Codex diplomaticus regni Croatiae, Dalmatiae et Slavoniae, sabrao T. Smičiklas, Bd. II ff., Zagreb 1904 ff.; G J KZ = Časopis m slovenski jezik, književ¬ nost in zgodovino, Ljubljana; ČZN = Časopis za zgodovino in narodopisje, Maribor; E — Etnolog, Ljubljana; EIGr = Etnografska istraživanja i gradja, Zagreb 1935 ff.; GDUD = Glasnik dubrovačkog učenog društva „Sveti Vlaho‘\ Dubrovnik 1929 ff.; GEM = Glasnik etnografskog muzeja u Beogradu, 1926 ff.; GMDS = Glasnik muzejskega društva za Slovenijo, Ljubljana 1919 ff.; GSIcND — Glasnik skopskog naučnog društva, Skopje 1926 ff.; GZM = Glasnik zemaljskog muzeja u Bosni i Hercegovini, 1889 ff., N. F. Glasnik zemaljskog muzeja u Sarajevu, 1946 ff.; Jb. = Jahrbuch; JbKGSl = Jahrbiicher fiir Kultur und Geschichte der Slaven, Breslau 1925 ff.; MHCT = Monumenta historica nob. communitatis Turopolje, ed. E. Laszowski, Bd. I ff. Zagreb 1904 ff.; MHCZ — Monumenta historica liberae regiae civitatis Zagrabiae, ed. J. B. Tkalčič, Bd. I ff. Zagreb 1889 ff.; MHJ = Monumenta historico-juridica Slavorum Meridionalium, Zagreb 1877 ff.; MHK = Mitteilungen des historischen Vereins fur Krain, Laibaeh; M j PD = Mjesečnik pravničkog društva u Zagrebu ; Ml = Mladika, Celje; N St = Narodna Starina, Zagreb; Pril = Priloži za književnost, jezik, istoriju i folklor, Beograd 1921 ff.; SAN = Srpska akademija nauka-, Sb = Sitzungsberichte; SE = Slovenski etnograf, Ljubljana; SEZb = Srpski etnografski zbornik, Beograd; SKGl = Srpski književni glasnik, Novi Sad; SP = Slovenski pravnik, Ljubljana; SbVP = Sbornik vSd pravnich a statnich, Praha; VjAD — Vjesnik hrvatskoga arheološkoga društva, Zagreb N. F. 1899 ff.; V j AH = Vjesnik za arheologija i historiju dalmatinska, Split; VjDA — Vjesnik državnog arhiva u Zagrebu, Zagreb 1925 ff.; VjEM = Vjesnik etnograf skog muzeja u Zagrebu; VSWG = Vierteljahrschrift fiir Sozial- und Wirt- schaftsgeschichte, Stuttgart; VjZA = Vjesnik hrv.slav. zemaljskoga arhiva u Zagrebu, Zagreb 1899 ff.; WM = Wissenschaftliche Mitteilungen aus Bosnien und der Herzegoivina, Sarajevo 1893 ff.; Zb. = Zbornik; ZbE M = Zbornik Etnograf skog Muzeja 1901—1951, Beograd 1953; ZbMS = Zbornik Matice Srpske, Novi Sad; ZbNŽO — Zbornik za narodni život i običaje Južnih Slovena, Zagreb 1896 ff.; ZbRSAN = Zbornik radova Srpske aka¬ demije nauka, Beograd; ZG = Zgodovinski časopis, Ljubljana; ZRG = Zeitschrift der Savigngstiftung fur Rechtsgeschichte, Weimar; ZZR = Zbornik znanstvenih razprav juri- dične fakultete, Ljubljana; ZvglR = Zeitschrift fiir vergleichende Rechtsivissenschaft.