^ Illustrierte Mibtiothek der WderuWölferkunde. Der Amazons. Von ' D> van Hchütz. H. Der Amazonas. Von DlNlnan Frnhcrrn von Schuh-HohlMseu. W>»« Volldildtln. IreiVurg im Meisgan. Herderschc Vcrlags haud luug. 1883. Zweignicdcrlassungcn in Ztrnßliurg, München und Zt. Louis, Mo. Das Recht der Übersetzung in fremde Sprachen wird vorbehalten. Entered according to Act of Congress, in the year 1883, by Joseph Gummers- bach of the firm of B. Herder, St. Louis, Mo., in the Office of the Librarian of Congress at Washington, D. C. Buchdruckern der tzcrbcrschcn Verlagshandlung m Freiburg. Vorwort. Neunzehn Jahre habe ich in Amerika zugebracht, zwölf davon in Pern und vierzehn Jahre im spanischen Amerika überhaupt. Ich hatte demnach Zeit und Gelegenheit genug, um Land und Leute keimen zu lernen, wohl mehr als bloße Touristen, welche oft ohne Kenntnis der Landessprache die Länder durchstiegen und dann über deren Verhältnisse absprechende Urteile veröffentlichen. Manchem Leser werden vielleicht einige meiner Aussprüche zu hart dünken; doch kann ich mich auf das Zeugnis von Personen berufen, welche auch lange Jahre in jenen Landern, znmal im Innern und nicht bloß in den mehr oder weniger europäisch geschmiukten Hafen uud Handelsstädten gelebt haben. Stets habe ich mich bemüht, die Zustände so unparteiisch als möglich zu schildern, habe aber auch nie Rücksichten genommen, wo ich glaubte eincu Tadel aussprechen zu müssen. Die Korruption im größten Teile des spanischen Amerika ist derart, daß nur wenig Hoffnung auf eme gründliche Heilung ohue gewaltfame Mittel übrig bleibt, uud gewiß verdienen die meisten dieser Republiken weit mehr noch als die Türkei den Namen „des kranken Mannes". Das Schicksal, welches ihnen wahrscheinlich bevorsteht, ist ihre Unterwerfung durch Fremde und die Vernichtung ihrer Eigentümlichkeiten. Aus dem jetzigen Chaos werden die Eingeborenen — weiße Kreolen und Farbige — durch eigene Thätigkeit und Energie, mit der einzigen Ansnahme vielleicht von Chile und Argentinien, niemals lebenskräftige Staaten bilden können: eine andere Nasse wird diese Arbeit übernehmen müssen. Nach und nach werden die Nordamerikaner Mejico nnd Ccntralamerika sich aneignen, wenn auch die Union als solche nicht allzulange mehr dauern dürfte; deun die entgegengesetzten Interessen des Nordostens, Südens und Vorwort. äußersten Westens, die Auswüchse des Kapitalismus und die auch dort immerwährend zunehmende Korruption in Regierung nnd Volt stellen große Revolutionen und Trennungen in nicht sehr ferne Aussicht. Unterdessen nimmt die europäische Auswanderung nach den La Plata-Staaten und Südbrasilien etwas mehr zu, und ihr ist es vielleicht vorbehalten, sich von dort aus über ganz Südamerika zu verbreiten und jene so überreichen Länder in Besitz zu nehmen. Wenn ich lange Jahre in jenen Ländern gelebt habe, so habe ich sk auch schon lange wieder verlassen; daher mußte ich, wenngleich ich noch immer in Korrespondenz mit Freunden drüben stehe, zur Abfassung dieser Schrift verschiedene Werke benutzen, wie die von Ulloa, Velaseo, Rai-mondi, Herndon, Markham, Mathews, Bates, Wallace, Agassiz, Castelnau, Wiener, Marcon, v. Tschudi, Abendroth, Keller-Lmzinger, Kolberg, Avö-Lallemant, Nuge, Peschel, u. Hellwald u. a. Einige Teile dieser Schrift habe ich schon früher in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht. Möge das Werk dazu beitragen, daß in Deutschland das Interesse mehr als bisher nach Südamerika gelenkt werde; denn dort ist noch ein sehr reiches Feld für deutsche Thätigkeit vorhanden. Der Verfasser. Der Verfasser ist am 23. Juni 1883, nicht lange nach Vollendung dieser Schrift, gestorben. Eine knrzc Schilderung seines vielbewcgten Bebens wird den Lesern nicht unwillkommen sein. Wir benutzten dabei außer den unten angeführten gedruckten Aufsätzen und Broschüren Notizen und Briefe, welche nns von der Familie des Verstorbenen freundlichst zur Verfügung gestellt wurden. Kuno Damian Freiherr von Schütz zu Holzhausen wnrdc am 15. Februar 1825 zu Camberg, einem Städtchen des früheru Herzogtums Nassau, geboren. Er studierte auf den Universitäten Heidelberg und Gießen Forstwissenschaft. Nach vorzüglich bestandenem Staatsexamen kam er bchnfs praktischer Ausbildung zu eiuem Oberförster. Schou von früher Jugend an hatte der Wuusch in ihm gelebt, fremde Väuder kennen zu lernen. Dieseln Dränge folgend, verließ cr fchon 1846 Europa uud giug zuerst nach Teras, um sich ciueu ausgedehuteren Wirkungskreis zu verschaffen. Er beschäftigte sich dort mit der Kolonisationsfrage, fand aber damals die Verhältnisse so ungünstig, daß er nach drei Jahren das Vand verließ, um nach Kalifornien zu gehen. Im Mai 1849 brach er von Ncn-Braunsels (Texas) auf, durchwanderte die nördlichen Provinzen Mejleos und das Küstengebiet von Kalifornien und verweilte ein Jahr in den Goldminen von Marivosa. Von Kalifornien begab er sich nach dein südlichen Mcsico, wo cr bis zum Jahre 1852 blieb. Im Sommer dieses Jahres schiffte er sich nach Eallao ein, wurde unterwegs nach den Marquesas und der Oster-Insel verschlagen uud landete erst im September in Eallao an der Küste vou Peru. Hier schloß er sich auf Wunsch des damaligen Premierministers einer Expedition an, welche im Jahre 1853 von der pernanischen Negierung uusgesaudt wnrdc, um im Gebiete des obern Maraüon, an der Grenze Brasiliens, Niederlassungen zu grüudcu. Der Weg, den die Erpedition nahm, ging von Tnijillo über Eajamarca, Ehnchapovas, Moyobamba zum Huallaga; dann gelangte mail nnf Flößen in den Maraüon. In Eaballococha trennte sich Freiherr von Schütz von der Erpedition uud befuhr im Kanoc deu Amazonenstrom bis Manaos, uon wo er bis zur Mündung bcs Flusses einen Dampfer benutzte. Auf dicfer beschwerlichen Reise quer durch Südamerika gewanu der unermüdliche Pionier die Überzeugung, daß die Gegen-den des obern Marnilon und seiner Nebenflüsse für europäische Kolouisten geeignet seien und günstige Aussichten böten. Daher schloß cr mit der peruanischen Ne-gieruug einen Kontrakt, nach welchem unter vorteilhaften Bedingungen 10 0l)0 Dcntsche im Gebiete des obern Marnnon angesiedelt werden sollten. Freiherr uon Schütz kehrte 1854 nach Dentschland znrück, nm die ersten Vorbereitungen zu treffen. Er verweilte meist bei seinem Vetter, dem Freiherrn Friedrich Wilhelm von Schlitz, und suchte Bekanntschaften zu gewinnen, die für seine Pläne nützlich sein tonnten, indem sie ihm besonders die Kenntnis der ihm l). Schütz, Amazonas. ^ d** Kuno Damian Freiherr von Schütz. fremdgewordeuen europäischen Verhältnisse vermittelten. Inzwischen brach in Peru eine Militärrcvoltc aus, die den General Eastilla ans Nnder brachte. Deswegen inußtc von Schütz nach Pern zurückkehren, nm mit dem Präsidenten den Kontrakt zu erneuern. Für die Kolonie wurde jetzt eiu sehr günstiges Terrain am Pozuzo, einem Zuflüsse des Ucayali, bestimmt; den Kolonisten wurden seitens der Regierung frcie Reise von Europa bis zur Kolouie, Ländercien und Lcbensmittel bis, zur ersten Ernte zugesichert. Ailßerdcm versprach die Regierung, vor Ankunft der Expedition einen Weg von Cerro dc Pasco bis zum Pozuzo herstellen zu lassen. Daraus kehrte von Schütz 1856 nach Deutschland zurück. Trotz aller Au-feindungen. welche hier dein Unternehmen bereitet wurden, war in kurzer Zeit eine Expedition von .W0 Mann bereit, sämtlich aus Tirol und der Moselgegend. Zwei katholische Priester hatten sich angeschlossen, um der nencn Gemeinde als Seelsorger zn dienen, von denen der eine, Pfarrer Egg, dein Unternehmen eine treue Stütze war und in allen Schwierigkeiten dem Führer der Kolonisten zur Seite stand. Am 8. Angust 1857 laudetc die Erpeditiou im Hafen von Enllao und wurde von ihrem Führer sofort über die Kordilleren nach Ecrro dc Pasco geleitet. Obgleich die peruanische Regierung wiederholt versichert hatte, daß alles, bereit sei, fand Freiherr von Schütz zu seinem Schrecken nur ein Drittel des Weges fertig, den die Regierung von Eerro znm Pozuzo-Flussc anzulegen versprochen hatte. So kam es, daß die Kolonisten erst am Ende des Jahres 1857 in Santa Eruz (10 Meileu vom Poznzo^ eintrafen, wo sie wegen der Unmöglichkeit, weiterzukommen, vorlänfig bleiben muhten. Während eines 18monatlichen Aufcuthaltes an diesem Orte zeigte sich ihnen ihr neues Heimatland zwar in keinem rosigen dichte; doch hielt die Hoffnung ans bessere Zeiten den Mut der kleincu Schaar aufrecht. Erst im Juli 1859 trat die neue Ansiedlung, mit einem Bestände von 170 Deutscheu mit günstigem Erfolge ins ^cbcn. Wo sonst die Bäume des Urwaldes ihre Kronen gen Himmel streckten, zeigte sich bald eine Anzahl friedlicher Hütten, umgeben vou grünenden Feldern und bewohnt von einem biedern, fleißigen Volte, dem die schöne, fruchtbare Gegeud und das herrliche Klima wenigstens teilweise Ersatz für die heimatlichen Verge Tirols und den vaterländischen Rhein boten'. Bald befand sich die Kolonie in einem blühenden Zustande und die Kolonisten segneten das Andenken dessen, der in rastlosem, uneigennützigem Wirken ihnen eine neue, schöue Heimat und eine gesicherte Existenz verschafft hatte. Freiherr von Schütz, der wegen seines Koloni-sationsunternehmcns namentlich in Dcutschlaud so vielfach angefeindet worden war, hatte die Genugthuung, daß seine Bestrebungen in Südamerika wie in Deutschland schließlich Anerkennung fanden. Zuerst war es Hofrat Karl von Scherzer, Mitglied der Novara-Ervc-dition 1857—1859, der in seiner „Neise der österreichischen Fregatte Novara um die Erde" auf die Kolonie am Pozuzo aufmerksam machte. Darauf besuchte Friedrich Gerst acker, der bekannte Schriftsteller, auf feiner Reise nach Süd- t Dr. Robert Ab end roth, Die Kolonie am Pozuzo m ihren physischen, ökonomischen und politischen Verhältnissen. 1370. Nachtrag zum VI. und VII. Jahresbericht des Vereins für Erdkunde zu Dresden. x Kuno DllMllln Freiherr von Schütz amerika I860—186l die Kolonie und erstattete über dieselbe interessante Berichte, in denen er den Frcihcrrn von Schütz gegen die Verleumdungen seiner Feinde in Schich nahm nnd ihn als einen Ehrenmann bezeichnete, der stets in der uneigennützigsten Weise im Interesse seiner Kolonisten thätig gewesen sei'. Dr. Abend-roth endlich, der 14 Monate in der Kolonie weilte nnd darüber eine sehr eingehende Arbeit veröffentlichte, beginnt seine Geschichte der Kolonie mit den Worten: „Die dentsche Ansiedlung am Pozuzo ist erst nach einer Reihe von Schwierigkeiten zustande geko m m cn, n> c l ch c n n r dnrch die cnc r-gische, umsichtige nnd selbst aufopfernde Thätigkeit ihres G r ü n-ders, des von den Kolonisten als Ehrenmann anerkannten Herrn Baron Damian von Schütz, überwnnden wnrden."^ Es ist wahr, daß die ersten Ansiedler hauptsächlich durch die Nachlässigkeit der peruanischen Regierung viele Entbehrungen zu ertragen hatten: wer aber am meisten bei der (Gründung der Kolonie zu leiden hatte, war ihr Gründer selbst. „Alles, was ich persönlich dabei gewonnen," so schreibt er im Jahre 1870, „war der Verlust meiner Habe, der Berlnst von fünf Jahren meines Bebens, die ich der Unternehmung widmete, nnd der meiner Gesundheit; allein der große Trost ist mir geblieben, daft die Kolonie jetzt fchr profperiert." I^ie weitere Geschichte der Kolonie, ihre wechselnden Schicksale nnd ihr jetziger Zustand sind in mehreren Broschüren und Zeitschriften ausführlich geschildert worden^. Freiherr von Schütz verweilte noch bis zum Jahre 1865 in Südamerika, machte während dieser Zeit verschiedene Neisen in ^ern nnd Bolivia nnd kehrte endlich nach Europa zurück, nachdem er nut geringen Nnlerbrechnngen 19 Jahre in Amerika zngebracht hatte. Bald nach seiner Rückkehr vermählte er stch mit Paula Freiin Raitz von Frentz, mit welcher er sich bereits vor seiner letzten Reise verlobt hatte. , Doch die ungeheuern Strapazen der langen und beschwerlichen Reisen hatten die Gesundheit des Freiherrn erschüttert. Schon in Amerika hatten schwere Krankheiten ihn mehrmals niedergeworfen, und so mußte er die vier ersten Jahre nach seiner Heimkehr ganz ruhig verleben, um die Folgen aller Anstrengungen und Krankheiten zu verwischen und seine geschwächte Gesnndheit wiederherznstcllcn. Alsdann widmete er seine Zeit litcrarischen Arbeiten nnd Stndicn. Er schrieb viele Anfsntze meist geographischen und nanirwissenschastlichcn Inhalts für verschiedene Zeitschriften, wie: „Ansland", „Aus alleil Weltteilen", „Natur und Offenbarung", „Historisch-politische Blätter", „Katholische Bewegung", „Alte und neue Welt", „Kölnische Bolkszeitnng" n. a. Seine Abhandlungen waren geschöpft aus der reichen Fülle der Erfahrungen lind Kenntnifse, die er auf seinen langjährigen Reisen gesammelt hatte. Im Jahre 1870 veröffentlichte er: „Die deutsche Kolonie in Peru. Schilderung einer Reife dorthin. Natnr, Klima, 1 Vgl. «Köln. Ztg." Nr. 362, 18U1. 2 vi-. Ab end roth, Die Kolonie am Pozuzo, 30. ' Ebenbas. 40—54. „Ausland" 1867, Nr. 33. „Köln. Ztg." 22. März 1868. Damian von Schütz, Die deutsche Kolonie in Peru, Wcinhcim 1870. „Deutsche geographische Blätter" 1878, Nr. 1. „Aus allen Weltteilen", VI. Jahrg. 321 ff. Damian u o n Schütz, Amazonas, 1883, 138 ff. XI Klino Damian Freiherr von Schütz. Produkte u. s. w." Wcinheim; 1878 „Das eratte Wifsen der Nnturforfchcr", Mainz. Sein letztes Werk ist das vorliegende, das er nicht lange uor seinem Tode noch einer Durchsicht unterzog. Er starb zn Bensheim an der Bergstrafte nach längeren beiden, die wohl Folge seines angestrengten, wechselvollen Lebens sein mochten, im Alter von 58 Jahren, am 23. Juni 1883'. Freiherr von Schütz war ein energischer, offener und gerader Ehnratter, eiu treuer Sohn feiner Kirche lind ein Edelmann in des Wortes bester Bedeutung. Zugleich zierte ihn eine bei seiner Begabnng, seinen Kenntnissen und seinen Erfahrungen seltene Bescheidenheit. Unaufgefordert sprach er fclten von sich und seineil Erlebnissen, aber wo es sich natürlich ergab, erzählte er gern uud höchst interessant. Es ist ;u bedaneru, daß er über seine ersten Reisen in Teras, Mejico und Kalifornien, die ihn durch zum Teil noch unerforschte Gegenden führten, leine Aufzcichuungen hinterlassen hat. Was ihn besonders befähigte, die Verhältnisse nnd Sitten der von ihm bereisten Länder kennen zu lernen, war seine umfassende Kenntnis der Landessprachen, die er gewandt und sicher handhabte. Die fremdländischen Idiome, deren er sich bei seiner fast zwanzigjährigen Anwesenheit in den verschiedensten Teilen Amerikas bedienen mußte, blieben nicht ohne Einfluß auf seine Muttersprache und gaben derselben ein etwas fremdes Kolorit, das auch im vorliegenden Werke bisweilen hervortritt. Eine ausführliche Karte über seine vielfachen Reisen in Peru, Bolivia uud Nordbrasilien hat Freiherr uon Schütz nicht hinterlassen. Eine gute Übersichtskarte ist die von Ki evert, „Mittleres Südamerika" (Kieperts Handatlas, Bl. 40 a, 1874). Die beste ist die l>-Vlatt-Karte von Südamerika, welche H. Habenicht und O. Koffmahn in der Geographischen Anstalt von Justus Perches auf Grund alles neuern Materials bearbeiteten (Sticlcrs Handatlas Nro. 90, 91, 92, '.'3. 1881, revidiert 1883). ! Vgl. Nekrolog: Natur und Offenbarung, Bd. 29, 1882. S. 574-575. xu Inhalt. I. Die peruanische Seeküjte. Vorbereitung zur Reise. — Trujillo. — Ruinen von Chimu. — Peruanische Eisenbahnen. — Sandwüsten. — Zuckerplantagen. — Chinesen, Neger, Weiße, Kreolen. — Thal uon Magdalena. Die Cordillera. S. 1—36. II. Cajamarca. Kultur der alten Peruaner. — Vernichtung derselben dnrch die Spanier. — Die peruanischen Indianer der Gegenwart. S. 3?—73. III. Cliachapoyas. Die Puna-Region. — Das Nicniia. -^ Der Maranon. — Die Stadt Chacha-poyas. — Der Ackerbau in der Sierra. — Die Kreolen im Innern. — Justiz und Verwaltung. — Der Klerus. — Don Pedro Ruiz. — Abentener eines Goldsuchers. — Gesundes Klima. S. 74—102. IV. Loreto. Die peruanische Montana. — Chinarinde. —^ Moyooamba. — Pauama-Hüte. — Tarapoto. — Produkte. — Tauschhandel. — Schauderhafte Wege. — Flußreisc. — Prachtvolle Urwälder. — Tierleben. — Der Huallaga. — Missionen der Jesuiten. S. 103—133. V. Der Ucayali. Reichtum des AmazonengebieteZ. — Der Ucayali. ^ Die deutsche Kolonie am Pozuzo. — Die Missionen der Franziskaner am Ucayali. ^ Getaufte Indianer. ^ Die wilden Stämme. S. 134—1L4. Xlll Inhalt. VI. Der Zolimocs. Kanoereise. — Gesundes Klima. — Eigentümlichkeiten dieses Stromes. — Waldvegetation. — Tabatinga. — Die wilden Mcsayas und Mirauhas. — Ega. — Der Purus. S. 165—179. VII. Der Kio Negro und der Madeira. ManaoZ. — Tabuuos. — Wilde Indianer. —.Der Rio Negro. — Fluß-uerbindungen im Amazonengebiete. — Der Madeira. — Bolivia. — Madeira-Eisenbahn. S. 180-218. VIII. Der Amazonas. Obidos. — Kakao-Pflanzungen. — Santarem. — Campos. — Labyrinth von Inseln. — Der TocantinZ. — Parä. — Kolonisation. 219—238. IX. Litteratur. S. 239—243. XIV UrMW der MWmM. Seite Vicuna, Pinna und Kondor (Titelbild). Muster von Wnnüentnchcrn....... U> Gtseubahn in dcn Vordillercu (Vollbild) . . 12 Nitt durch die Wüste......... 14 Peruanischer Pflanzer......... 25 Peruanerin, Frau aus dem Volte..... 27 Vornehme peruanische Dame ...... 28 Schlucht in Peru (Vollbild)....... 30 Riesenlaktus............. «2 Kirche von Belen zu Cajamarca (Vollbild) . 87 Indianer von ssajamarca (Wasserträger) . . 38 Peruanische Thona,cfas;c.......42. 43 (juipn (Knotenschrift)......... 44 Monolithportal bei Tiahuanaeo, (Restauriert.) 48 Der Inca (Vollbild).......... 48 Weinende Gottheit.......... 4!» itopf von Granit an einer Mauer .... 50 Urwald (Vollbild)........... 104 Zweig des Kaffeebanmes........ 112 Zweig der Noca-Staube........ 113 Ein Lastträger mit seiner Silleta..... 11U Seite (slfcnbcinvalme........... 122 Pccari............... 124 Ameisenbär............. 125 Vine Dame aus Nauta......... 18«i Das Thor von Timtiii! (Vollbild) .... 138 Ananas.............. 142 Aauti............... 144 Indian ertyven (Vollbild)........ 148 Indianer, mit de« Blasrohre schießend . . 154 Wald nnter Wasser.......... 1?« Der Amazonenstram bciTabatinga, Ginschiffnnn von Kautschnlsammlern (Vollbild) . . . 172 Miraichas-Indianer.......... 174 Brasilianische Mestizen......... 177 Mojos-Indianer. (Nach Keller-Leuzinger) . 107 Der Illimani............ 209 Bolivier.............. 21N Kakao-Zweig nebst Frucht........ 222 Eine Indianer-Familie am Amazonas (Vollbild) 228 Ansicht von Pnrü. Platz vor dem RegienmgZ- - acbändc............. 22!' xv I. Zie peruanische Seeküste. Vorbereitung )nr Keise. — Trnjillo. — Ruinen von Chimu. — Perua- lnschc Ciscnlllllinen. — Sand wüsten. — Zuckcrplautaglu. — Chinesen, Neger, Weiße, Kreolen. ^ Tlial von Magdaleua. — Die Cordillera. Oroße Veränderungen sind in den letzten drei oder vier Decennien mit dem Reisen vorgegangen: der Dampfer hat das Segelschiff, die Eisenbahn die Postkutsche nnd das Reitpferd ersetzt, und Touren, die ehedem viele Monate in Anspruch nahmen, legt man heute in cbeusouiclcn Tagen znrück. Jedoch im Innern vieler überseeischen Länder herrschen noch immer dieselben Verhältnisse wie früher, so z. V. im Innern von Südamerika, in den vom Amazonenstrome und seinen Zuflüssen dnrch-strömten Nrwald-Regionen, wo es heute noch — abgesehen vom Hauptstrome, der uou Dampfschiffen befahren wird — gerade so aussieht, wie es vor Tausenden von Jahren ausgesehen haben mag. Ebenso wie in den fünfziger Jahren, als ich diese wilden Länder durchstreifte, ist dort auch jetzt uoch auf den Bergpfaden das Maultier — wenn die Nnwegsamkeit des Terrains den Reisenden nicht zwingt, zu Fuße zu wandern — nud auf den Missen das von Indianern geruderte Kanoe das einzige Verkehrsmittel. Sonst ist aber in Amerika vieles anders geworden. Im Jahre 1846 dauerte meine Seereise von London nach Galveston in einem Segelschiffe vieruudfünfzig Tage, wozu man heutzutage im Dampfer uur sechzehn Tage braucht, und im Jahre 1849 hatte ich unter den größten Beschwerden und Gefahren sieben Monate lang zu wandern, um von Texas nach den Goldminm Kaliforniens zu gelangen, eine Reife, die man jetzt anf der Eisenbahn in sieben Tagen abmachen kann. Damals mußte man zu Pferde reiseu, vorausgesetzt, daß die Indianer uicht uuterwegs die Pferde raubten, wie es mir erging, der ich daranf genötigt war, die schauerliche, wasserlosc Colorado-Wüste zu Fuß zu passieren und dabei nur mit geuauer Not dem Verdursten entkam. Im Mai jenes Jahres war ich voll Neu-Brauufets (Teras) aufgebrochen nud durch Gegenden, die außer einigen Pelzjägern nie zuvor der Fuß eiues Weißen betreten hatte, v. Schütz, Anilizonlls. ^----- 1 I. Die peruanische Seeküste. nach dem Rio Grande, der Grenze von Äiejico, gegangen. Von dort reiste ich dnrch die mejikanischen Provinzen Ehihnahua und Sonora und dnrch das Küstengebiet von Kalifornien nach Monterey. Hier am Stillen Ocean kam ich nm Weihnachten an nnd konnte mich endlich von meinen großen Strapazen, nachdem ich diese sieben Monate fast immer, jeder Witterung ansgesetzt, unter freiem Himmel geschlafen hatte, etwas erholen. Im März ging es wieder nenen großen Mühseligkeiten entgegen, nach den nenentdcckten Mariposa-Minen. Ein ganzes Jahr lang hielt ich es in den Goldgruben Kaliforniens ans, die ich trotz angestrengtester Arbeit nicht reicher verließ, als ich sie betreten, nnd wandte mm meine Schritte nach wenigen Monaten, die ich in S. Francisco verbrachte, nach dem südlichen Mejico. Anch dort fand ich nicht, was ich suchte, nnd schiffte wich im Sommer 1852 im mejikamschen Hafen Acapnlco ein, nm Peru, das Land, wohin ich mich schon als Knabe gesehnt, zu besnchen. Das Schiff war ein altes englisches Kohlenschiff, das, wenn es den Wind nicht von hinten bekam, nicht vorwärts wollte, nnd so kam es, daß die Reise, welche heute der Dampfer in vierzehn Tagen zurücklegt, hnndertundfieben Tage dauerte. Hierbei kamen wir weit nach Südwesten und Süden, nach den Marquesas und der Ostcrinsel, nm dann in nordöstlicher Richtung nach unserem Ziele Call ao steuern zn tonnen, wo wir endlich im September das Land wieder betraten. Bald nach meiner Auknnft in Peru ward ich mit Herrn Tirado näher bekannt, dem damaligen Premierminister, dem das Wohl seines Landes ernstlich am Herzen lag, was man leider von nur wenigen peruanischen Staatsbeamten, die fast alle nichts weiter als ihr persönliches Interesse nnd mühelosen Gelderwerb im Ange haben, sagen kann. Ich hatte damals die Absicht, von Lima ans zn Land durch Bolivia und Paraguay nach Buenos Aircs zn reisen, nm die La-Plata-Gegenden znm Behnfe einer spätern Kolonisation kennen zn lernen. Herr Tirado stellte mir vor, daß ich solche Pläne weit leichter in Peru würde ausführen können, wo im Osten ebenso reiche Ländereien nnd ebenso schone Klimate als sonstwo in der Welt zu finden wären. Die Regierung sei entschlossen, durch alle möglichen Vorteile und Begünstigungen die europäische freie Einwanderung anznziehen; sie sei im Begriffe, mit Brasilien einen Schiffahrtsvertrag über die Befahrung des Amazonenstromes mit Dampfschiffen abzuschließen, und werde nächstens ein Dekret erlassen, wonach jeder, der von der Küste Perus nach dem Amazonenstrome auswandern wolle, freie Reise, Land, Lebensmittel bis zur ersten Ernte nnd Werkzeuge erhalten solle. Ich änderte also meinen Plan nnd machte mich bereit, nach dem Amazonenstrome nnd seinen Zuflüssen zu reisen, um jene wenig bekauuteu Gegenden zu besuchen. Infolge des obm erwähnten Dekretes hatten sich Abentenrer ans allen Gegenden der Welt gemeldet, znm großen Teile Zweck bcv Expedition. alte Kaliforuier, die ain obercu Amazouenstrome, über dessen Goldreichtum 5ie fabelhaftesten Gerüchte kursierten, Gold snchen wollten. Ich stellte Herrn Tirado vor, daß mau mit solchen Elementen keine Kolonie bilden tonue; denn wenu diese Leute kein Gold fänden, was höchst wahrscheinlich in den uon allen Gebirgen so weit entfernten Alluvialgegenden des Amazonas der Fall sein müßte, so würden sie sich bald nach allen Windrichtungen zerstreuen, und das viele Geld, welches die Erpeditiou gekostet, sei dann rein weggeworfen. Der Minister erwiderte, er wisse dies wohl, allein immerhin würde wohl ein Dritteil ausharren, uud wenn dies der ^all wäre, so hätte man schon viel erreicht. Es läge der Negieruug sehr viel daran, au der Grenze oou Brasilien, wo jetzt uur wilde oder höchstens halbwilde Iudiauer lebteu, Niederlassungen von Meißen zu grüudcn, die, wenn sie prosverierteu, bald neue Ausiedlcr auzieheu nud rasch zu Ve^ deutung gelangcu würdeu. Da ich das Amazoucuthal doch zu berciseu wünschte, so möchte ich die Erpedition bis zum Maranou begleiten uud dann meine Neise weiter fortsetzen; durch meiue Keuutuis mehrerer sprachen töuue ich mich ja mit allen jcueu Veuten verständigen — es waren Amerikaner, Engläuoer, Franzosen, Italiener, Spanier, Peruaner und Deutsche, im gauzen mehr als huudert Köpfe — und fo de:n Chef der Grpedition, Herrn Ijurra, der nur Spanisch uud sehr wcuig Englisch spräche, große Hilfe gewähren. Ich nahm also das Anerbieten au. Es ward beschlossen, die Erpedition solle ihren Weg über ^rniillo, Cajamarca, Ehachapoyas und Moyobamba nehmen - deu dortigen Bebördcn wurden sofort die nötigen Befehle zugesandt, die Karawane mit Lebens-und Transportmitteln zu verschen. Ans diesen: Wege über Trnjillo und Moyobamba nach dem Amazonenstrome teilen sich die Andes in verschiedene Zweige, uon denen keiner die Grenze des ewigen Schnees — in Peru ge-niöhulich zwischeu 4500 und 5000 Meter — erreicht. Das Klima und die Produkte jeuer Gegenden wechselu oft ab und sind sehr verschieden, da man auf keiuem Wege iu Peru so häufig bedeuteudc Höheu erklimmt, um gleich darauf wieder iu tiefe Thäler hinabzusteigen; hier kommt es oft vor, daß der Neiseude, welcher auf der Höhe iu ciuem Kartoffel- oder Gerstenacker steht, im tiefen Thale wogende ^uckerrohrfcldcr mit ihren gelbgrünen Blättern unterscheiden tauu. Mitte Mai 1853 war alles für die Expedition bereit und am 20. Mai schifften wir uus iu Eallao in einem Segelschiffe nach Huan-chaco, dem Hafen von Trujillo, eiu, wo wir schon nach zwei Tagen landeten. Au Bord sah ich zum erstenmal die Mitglieder der Expedition, die im ganzen keinen sehr gnten Eindruck auf mich machten. Sie bestand aus Leuteu, die aus alleu Wcltgegeudcn zusammengekommen waren, von denen vielleicht schon mancher nähere Vctanmschaft mit dem Zuchthause gemacht hatte; auch unter mciucn Laudslcuteu sah ich nur wenige, die I. Die peruanische Sectüste. dem Anscheine nach nur im Notfalle eine Stütze sein würden. Die meisten derselben waren ehemalige schleswig-holsteinische Freiwillige, die schon auf dem Schiffe dnrch ihr keckes Benehmen Anfsehen machten. Einen tröstlichen Rat gab mir anch der italienische Kapitän des Schiffes, der mir im Vertranm sagte, nnter seinen Landslenten bemerke er zwei Burscheu, vor denen ich mich sehr in acht nehmen solle. Doch ging schließlich alles besser, als ich gedacht hatte. Wohl über dreißig Deutsche mochten sich in der Gesellschaft befinden. Daß das deutsche Element so stark vertreten war, hatte in folgendem seinen Grund: Kurz vor meiner Ankunft hatte eine zahlreiche deutsche Einwanderung in Peru stattgefunden, die ein peruanischer Spekulant, Namens Nodulfo, hergeführt hatte. Die Leute hatten ill Deutschland unklnger-wcise Kontrakte abgeschlossen, worin sie sich verpflichteten, sechs Jahre lang für einen Monatslohn von acht Dollars nebst freier Kost und Wohnung zu dienen. Die Kontrakte enthielten aber die verdächtige Klausel, daß sie an beliebige andere Personen übertragen werden könnten. Diese Dokumente wurden nun in Peru au solche, die Arbeiter oder Bedienstete branchten, vertauft; es war dies also geradeso ein Sklavenhandel wie der, welcher bis in die neueste Zeit mit den chinesischen Kulis getrieben wird. Gin großer Teil dieser Deutschen kümmerte sich aber bei seiner Ankunft in Peru nichts um die Kontrakte — in Peru wird es so streng iu dieser Hinsicht nicht genommen —, sie blieben einfach in Callao oder Lima, wo fie Arbeit suchten und bald fanden und in kurzer Zeit oft zu Wohlstand gelangten. Von den andereil Hingegel!, die ihre Kontrakte nicht brechen wollten, erlagen viele auf deu Plantagen den Klimakrankheiten und auch der schlechten Behandlung. Bald war jedoch die Lage der deutscheu Kolonisten ans den Plantagen in Lima bekannt geworden, in der Presse ward viel darüber veröffentlicht, und selbst die Geschäftsträger von Frankreich und England wurden bewogen, Vorstellungen bei der Regierung zn machen, die sich anfangs entschuldigte, sie habe mit der ganzen Sache nichts zu thun, es sei ein reines Privatunternehmen. Die deutschen Konsuln konnten auch bei dem besten Willen nicht viel thun; nnter deutschen Privatpersonen hingegen waren einige, die den Mnt nicht verloren nnd nicht müde wurden, sich ihrer betrogenen Landsleute anzunehmen. Namentlich zeichnete sich hierin ein alter Lübecker aus, Hermann W., der im Jahre 1826 nach Peru ge-kounmn, als Dolmetscher der Negierung in Callao fungierte nnd mit vielen einflnßreichen Personen bekannt war. Er war eine höchst komische Persönlichkeit, immer in Aufregung; in Callao kannte jeder Negerjunge den „Ton German", der immer wie verrückt durch die Straßen rannte, was ihm bei den englischen und amerikanischen Matrosen den Beinamen ,tk6 j^wF Dutokinan" zugezogen hatte. Seine größte Freude war es, 4 Deutsche in Peru. sich „Vater der Deutschen" nennen zn hören, und er gab sich anch wirtlich nm dieselben viele Mühe. So war ein deutsches Mädchen, welches von einer Plantage desertiert war, von ihrem Herrn in Ketten gelegt, aber von mehreren jungen Dentschen mit Gewalt befreit worden, die sie zu Pferde nach Lima brachten. Vor dem Stadtthore wurden sie von der Polizei überrascht, die ihnen das Mädchen wieder abnahm und es nach dem Gefängnisse abführte. Der alte N. bekam gleich Wind davon, eilte zn den deutschen Kcmsnln, die ihm mit Achselzucken antworteten, nnd unmittelbar daranf, ohne den Mut zu verlieren, zu dein französischen Geschäftsträger. Dies war damals der Graf von Natti-Menton, ein fehr energischer und leicht erregbarer Mann. Sofort ging er mit Herrn W. znm Polizeiamte, wo er dem Intendanten erklärte, er verlange, daß das Mädchen auf der Stelle aus dein Gefängnisse entlassen werde. Der Intendant erwiderte, er besitze dazu kein Recht, nnd frug, auf welchen Befehl hin er dies thnn könne. Der Graf, dem das Blut zn Kopf gestiegen war, schlug mit seinem Stocke anf den Tisch und rief: „Auf meinen Befehl, im Namen der Hnmanität!" Der Intendant bekam einen Schrecken und gab das Mädchen sogleich frei, das auch später nie wieder belästigt ward. ^ Eine drollige Geschichte mnß tch noch erzählen, wobei Don German wieder die Hanptrolle spielt. Im Jahre 1852 kam Garibaldi nach Peru. Die Italieuer bereiteten ihm in Eallao einen festlichen Empfang, nnd auch der alte W. glanbtr, ihm mit den Deutschen eine Ovation bringen zn müssen. Er versammelte also in Callao alle dortigen dentschen Einwanderer, die sich bereits frei gemacht hatten. Mit Musik und schwarzrotgoldener Fahne zogen sie alle, der alte Lübecker an der Spitze, Garibaldi entgegen. W. hielt mm eine lange Rede nnd stellte daranf verschiedene der Lente Garibaldi vor, darunter anch einen fchwäbischen Bauer, Namens Dell, den W. ohne weiteres als einen Nachkommen von Wilhelm Tell präsentierte. Garibaldi glanbte den Unsinn oder stellte sich weuigsteus, als ob er es glaube, nnd sagte, es frene ihn, den Enkel eines so berühmten Vorkämpfers der Freiheit kennen zn lernen, nnd wenn er ihm irgendwie dienen könne, sei er gerne dazu bereit. Nachdem dies Don German dem biedern Dell verdolmetscht, erwiderte dieser im schönsten schwäbischen Dialekte: „Ja, da ist mir gestern mein Esel gestohlen worden, und die Lumpen anf der Polizei wollen mir nicht helfen; wenn der Herr General mir ihn wieder verschaffen könnte, wäre er ein recht braver Mann." Don German übersetzte dies übrigens nicht, sondern sagte irgend etwas anderes. Zwei Stnnden später, als Garibaldi, von den Italienern eingeladen, beim Gastmahle saß, kam der Alte wieder angezogen mit seinem ganzen Janhagel von Männern, Weibern nnd Kindern, deutschen Musikanten, schwarz-rot-goldenen Fahnen, Raketen n. s. w. Wohl oder übel, b I. Die peruanische SectMe. die Italiener mußten die gauze Bande einladen. Die Musik spielte deutsche Weisen, es ward getanzt — Garibaldi selbst, walzte mit einer baumlangen Mccklenbnrgerin — lind schließlich füllten Weiber und Kinder ihre Taschen mit den guten Sachen, die sich auf der Tafel vorfanden. Lange blieben übrigens die Deutschen nicht auf den Plantagen, wohin man sie uerkanft hatte. Die peruanische Regierung gab bald den Vorstellungen der Gesandten nach, und namentlich Herr Tirado, der damals gerade Premierminister geworden war, nahm sich der Sache mit großer Wärme au. Die Einwanderer erhielten alle ihre Freiheit, die Plantagen-besitzcr wnrden von der Negiernng entschädigt, nnd der alte Don German erhielt noch den speciellen Auftrag, die letzten, die auf einer Pflauzuug bei CllQiua sich befanden nnd von denen die Fieber fchou viele himveggerafft hatten, nach Lima zurückzubringen. Im Fcbrnar 1853 brachte er sie nach Lima. Doch kehren wir wieder zu unserer Expedition znrüct, die wir im Hafen von Hnanchaco gelassen haben. Huauchaco, der damalige Hafen der Stadt Trnji'llo, ist einer der schlechtesten Ankerplätze ^ an der Küste von Pern und vielleicht anch der gefährlichste wegen der furchtbareu Braudung, die dort herrscht. Die Schiffe müsfeu beinahe eine Meile vom Lande entfernt Anker werfen, uud Paffagierc uud Waren werden ans Flöße verladen, die von Indianern geführt werden. Diese Indianer von Huanchaeo sind die kräftigsten und bestgebauten Menschen ihrer Nasse, die ich in Pern gesehen; wahre Athleten findet man nnter ihnen, die es vorzüglich verstehen, Flöße und Kanoes mit großer Sicherheit zn handhaben. Wenn man sie ihre Flöße oder Kähne durch diese tosende Brandung leiten sieht, glaubt man jeden Augenblick, Menschen und Ladung seien verloren, nnd doch passiert nnr höchst selten ein Unglück. Huanchaco ist von Trnjillo zwei Leguas (drei Wegstnnden) entfernt; eine gnte, teilweise mit Bäumen bepflanzte Fahrstraße führt dorthin. Die Spanier haben nämlich überall an der Westküste Südamerikas ihre Städte nicht hart am Meere, sondern immer einige Stunden davou entfernt erbaut, wegen der im sechzehnten nnd fiebeuzehuten Iahrhnndcrt so häusig, im Stillen Meere streifenden französischen und englischen Piraten, welche die Küsten verwüsteten, sich aber nie in das Innere hineinwagten. Tru-jillo ward von Pizarro im Jahre 1535 gegründet nnd nach seiner Geburtsstadt iu Spanien benannt. Die Stadt ist von einem grünen Kranze von Chaearas umgeben und sieht ans wie alle spanischen Städte der Küste — hat man eine derselben gesehen, so weiß man, wie die andern alle aus- l Der Hafen Huanchaco wird heute nicht mehr benutzt, alle Schiffe laufen in dem nicht weit dauon entfernten Hafen Salaverry ein, der jetzt durch eine Eisenbahn mit Trujilla verbunden ist. 6 Bevölkerung dcr Küstcnstädte. sehen. In der Äc'itte befindet sich der große Marktplatz unt der Kathedrale, von welchem die in rechten Winkeln sich durchschneidenden Straßen alle ausgehen. Die Hänscr sind alle von Adobes (Luftziegeln) gebaut und haben flache Dächer, die, mit Schilf gedeckt und mit einer dünnen Lehmkruste überzogen, natürlich keinem ordentlichen Regengüsse standhalten können. Ncanet es aber wirklich, was an der peruanischen Küste kaum alle zwanzig ^ahre einmal passiert, so tropft der aufgelöste Lebm ^nm Verguügcu der Iu-wohner auf die Möbel nieder uud sucht sich an dcu Tapeten hinab seine schmmzigc Bahn. Doch sehen iu Trujillo ebensmveuig wie in Lima, dem die Stadt sehr ähnlich ist, die Straßeu mouotou aus; dagegen sichern schon die vielen verschieden geformten und bemalten Balköne, die alle bedeckt und mit hölzernen Ialounecu versehen sind. Trujillo ist der Sitz eines Bischofes uud hat außer der Kathedrale uoch drei Pfarrkirchen — über derm äußere uud innere Erscheinung mau am besten schweigt — und zwei Nonnenklöster. In Trujillo ist die Bevölkerung, jetzt 7500 Einwohner, ans denselben Elementen zusammengesetzt wie in allen Küstenstädteu Perus. Die Aristokratie bildeu die Abkömmlinge der Spanier, die iu einigen angcseheucu Familien sich ganz rein erhalten haben nnd deren Fraucu sich durch Schönheit auszeichnen; die Mittelklasse besteht aus Mestizen (Mischlingen von Weißen mit Indianern) nnd einigen wenigen italienischen uud baskischeu Handwerkern uud Krämeru; die Plebs endlich bilden Neger uud Zambos (Mischlinge von Negern nnd Indianern). Vollblutncgern und Mulatten begegnet man seltener, dagegen Mischlingen derselben in uneMicheu Abstufungen überall, so daß es bei der großeu Masse des Volten schwer ist, die Abstammung richtig zu definieren und manches Iudividuum wohl vierfach gemischtes Blut iu deu Adern tragen mag. Neuerdings kommt dazu als neues Element der Sohn des himmlischen Reiches, der die ohnehin schon so korrumpierte Nasse nicht sehr verbessern wird. Hat er sich aus seinem Sklaveuoieuste freigearbeitet, so zieht er nach der Stadt, wo er Handel nud Gewerbe treibt uud an Pfiffigkeit uud Schlauheit jedeu Iudeu uud Italiener weit hiuter sich läßt. Fast sämtliche Garküchen für die niederen Klassen gehören Chinesen, wie solche überhaupt als Köche sehr anstellig sind nud in dieser Eigenschaft auch vielfach iu Priuathäuscrn fnugicren. Mancher unter ihnen hat aber auch als Hausierer und Viktualieubäuoler sich ein bedeutendes Vermögen erworbeu. Bisher waren in alleil peruanischen Städten die Pulperias (Viktualieuläden) ein Mouopol der Italiener gewesen-, bei ihrer Genügsamkeit, die mit der kärglichsten Nahrung vorlieb nimmt, verstanden sie es, großen Nntzen aus diesem Geschäfte zu zichcu. Mt ist ihum aber an deu Chinesen eine Konkurrenz geworden, der sie kaum gewachsen sind. Der Chinese ist im Handel noch schlauer, in seiuem Lebcu noch sparsamer — ? I. Die peruanische Seeküstc. er begnügt sich mit einer Handvoll Neis, dem unverkäuflich gewordenen Brote und verdorbenen Fischen — und treibt nebenbei noch allerhand unsaubere Geschäfte, die aber viel Geld einbringet:, wie Hehlerei, Wucher u. dgl., und weiß fich dabei stets mit der Polizei gut zu stellen. In allen Landstädten von Peru existiert eine Art von Aristokratie, die aus Pflanzern, Vergwerksbesitzern, Beamten, Offizieren und Kaufleuten besteht und streng eine komische Etikette befolgt. Der französische Reisende Wiener schildert dieselbe bei seiner Beschreibung von Cuzco sehr treffend. Weun z. V. eine Dame eiuer ihrer Freundinnen einen Besuch macht, so umarmen sie sich zuerst uud darauf frägt die Vesuchcrin die Dame des Hauses: „Wie geht es dem Don Juan Mariauo Paucho Coucepciou, deinem Gemahl?" — „Tausend Dank, sehr gut." — „Und der Manon-guita, der Pepita, der sshepita, deinen Töchtern?" Nach jedem Namen dieselben Danksagungen, dieselben Versicherungen, uud so geht es weiter, ohne selbst die Hauskatze zu ucrgesseu. Nachdem die Liste erschöpft ist, erhebt mau sich, umarmt sich wieder zärtlich und die Hausfrau begleitet ihre Freundin bis zur Treppe. „Hasta, og.äa moinonto" sauf Wieder-seheu iedeu Augeublick), sagt die eine, und die andere erwidert dieselben Worte, die beim Abschied wenigstens fünf- oder sechsmal wiederholt werden. Ist etwas zu bestellen, so ruft die Dame des Hauses ihre iudianische Dienerin und sagt ihr z. B.: „Dn gehst jetzt zur Donna Nosario Melendez u Zegarra de Zuldiuar y Martinez'; du weißt, was ich sagen will; es ist die Gemahlin von Don Pablo Antonio Zaldivar r> Martinez, meine Cousiue, die im Hause ihres Vaters wohnt, bei dem alten Don Anastasio Melendez y ^egarra, meinem Onkel, dem Bruder meines Vaters. Du gehst also zu ihr und sagst ihr, du seiest von mir geschickt, ihrer Cousine, der Donna Gertrudis Isabel Valle u Martiuez de Itureno; du sagst ihr feruer, daß ich sie liebe wie meinen Augapfel, daß mir auf der Welt uichts teurer ist als ihre Gesundheit, daß ich vou ihr höreu möchte, daß ich ihren Gemahl, meiuen Vetter, sehr hochschätze, der eiu aller Hochachtung würdiger Herr ist, und daß ich sie bitte, dies ihm zu sagen, und daß ich ihr alw) Glück wünsche, und daß ich sie frage, warum sie heute morgeu uicht nach Sauta Maria de Belen zur Messe gekommen sei, und daß ich sie bitte, mir sagen zu lassen, ob die Csel, welche Klee und Mais aus ihrer Pflanzung bringen sollen, schou angekommen sind, und weuu sie bereits angekommen sind, so hoffe ich, daß sie dir einige Choclos (unreife Maiskolben, abgekocht ein Lieblingsgericht der Peruaner) geben wird, wie sie es mir versprochen hat." — Der ganze Wortschwall wird also nnr gebraucht, um einige Maiskolben zn bekommen, oft für eiue noch geringere Sache. t Vei verheirateten Frauen wird stets der Familienname mit einem „de" dem Familiennamen des satten vorgesetzt. 8 Ruinen von (5hmm. Höchst interessant sind die in der Nähe von Trujillo gelegenen Ruineu von Chimu, deren Erbaner nicht die Imas waren. Nach der Ansicht des amerikanischen Gelehrten Squier, der Pern zum Zwecke archäologischer Durchforschung bereiste, gab es in der weiten Region, welche das spätere Incareich umfaßte, mehrere Mittelpunkte der Civilisation, die beinahe ebenso sehr vorgeschritten waren als jene der Incas selbst. Diese Knlturcentrcn mochten mehrere kleine Staaten oder Königreiche gebildet haben, die jedoch nnr schwache Verbindung untereinander unterhielten und jedenfalls nur sehr geringen politischen Ginfluß besaßen. Einer der merkwürdigsten dieser Staaten ist sicherlich das Ncich des Gran Ehimu gewesen, dessen Hauptstadt in der Nahe von Trujillo in Trümmern liegt. Die Großartigkeit dieser Rninm giebt uns einen hohen Vegriff von den Kulturverhältnissen diefes Voltes, von dem wir wissen, daß es dem eroberungssüchtigen Inca-geschlechtc drei Generationen hindurch heldenmütigen Widerstand leistete, ehe sein Land dem wachsenden Reiche der Sonne einverleibt werden konnte. Diese Stadt erhielt ihr Wasser dnrch Azeqnias < Bewässerungsgräben), welche sehr regelmäßig angelegt waren nnd vom Flusse Moche mit Wasser versorgt wurden; hente noch kann man dieselben dentlich verfolgen. Anch die großen Monnds oder l^rdhügel sind noch sichtbar,,von denen der größte, U5 Meter hoch, eine Fläche von acht Morgen nmfaßtc und aus großen Adobes konstruiert war. Wahrscheinlich standen anf diesem Hügel Tempel für religiöse Zwecke. Der große Palast von Chimu hatte gleichfalls eiuc bedeutende Ausdehnung nnd enthielt große Säle, Korridore und viele kleine Gemächer. Der größte Saal war 33 in lang und 7 m breit, seiue Wäude waren mit vielfach verschlungenen Arabesken geschmückt, die auf Stuck in erhabener Arbeit angebracht waren. Von diesem Saale führt ein langer Korridor nach einigen Verstecken, wo man goldene und silberne Gefäße aufgefnuden hat. Die anderen Gemächer — vermutlich Schlafkammern — halten nnr 2 m im Quadrat. Ungefähr hnn, dert Schritte westlich von diefem Palaste befand sich ein Gratchügcl, in dem viele Altertümer und Mumien gefunden wurden; die letzteren waren m Tücher eingehüllt, in welche vielfarbige Verzierungen nnd Figuren verschiedener Tiere eingewebt waren. Auf einigen dieser Tücher waren fisch-förmige Silberplatten angeheftet, deren Ränder mit bunteu Federn geschmückt waren. Nicht weit von Chimn ist anch die berühmte „Huaca de Toledo", ein Grabgewölbe, iu welchem gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts ein ungeheurer Schatz gefnnden ward. Er bestand aus lauter goldenen Figuren vou fischen nnd anderen Tieren im Gesamtwerte von sicherlich weit mehr als 700 000 Dukaten; denn der spauischeu Regierung, welche das Recht anf den fünften Teil aller entdeckten Schütze beanspruchte, wurden 132 567 Dukaten abgeliefert, die gewiß nicht den fünften Teil des ganzen Wertes angemacht haben werden. Jedenfalls sind diese Ruinen 9 I. Die peruanische Sceküste. von Chimu das Werk eines in der Civilisation schon weit vorgeschrittenen Volkes. Dies kann man scholl an dm bewnndernswcrten Wasserbauten, an dem eine große Sorgfalt zeigenden Charakter der inneren Ginrichtnngcn Fiss. !. Mistcr uo» Müinicntiichern, der Gebäude, an der großen Ausdehnung dieser letzteren uud dcu geschmackvollen Mustern sehen, nach denen die Arabesken an den Wänden, sowie auch die verschiedenen Gefäsie und Gewebe entworfen waren. Das bedm- 10 Pcruaulschc Eisenbahnen. tcndstc abcr, was sie geleistet habeil, sind ihre Wasserbauten. Mächtige Dämme hatten sie an verschiedenen Höhen der Vergströme gebaut, um das Wasser abzuleiten, das sie in kunstvoll gebauten Kanälen, znm Teil hoch ails dell Bergen, nach der dürren, wasserloseu Küste führten. Große Reservoirs dienten dann zur Ansammlung des Wassers. Eines derselben, im Thale von Neuena gelegen, ist 1200 in laug und 800 in breit; es wird alis einem massiven Steindamme gebildet, der au feiuer Basis 27 in Mächtigkeit besitzt nnd zwischen zwei steilen Felsen eine tiefe Schlucht abschließt. Sein Wasser erhielt dieses Reservoir aus zwei Kanälen, von denen eiuer mehr als 20 Km lang war. Jetzt fährt eine Eisenbahn, die aber unzweckmäßig angelegt sein soll und sich schwerlich rentieren wird, von TruMo nach dem benachbarten Hafenorte Salaverry. Diese Bahn bildet eitlen Zweig des für Peru auf 2740 km projektierten Eisenbahnnetzes, voll welchem bis setzt 1852 km im Betriebe und. Zum Balte dieser Strecken hatte mau iu London zwei Aulehen im Betrage voll mehr als 90s) Millionen Mart aufgenommen i eine sechsvrozentige von über 11 Millionen und eine fünfprozentige uou mehr als 34 Millionen Pfund Sterling. Man hatte gehofft, daß die Verwendung dieser großen Summen, von denen freilich sehr viel an den Händen der cnroväischen Finanzmänner und der peruanischen Machthaber klebeil blieb, eineil höchst günstigen Einflnß alls die Entwicklung der Landwirtschaft, der Viehzncht und des Bergbaues änßern würde. Man hatte gcglanbt, daß die neuen Bahnen eine zahlreiche, betriebsamere lind fleißigere Bevölkerung heranziehen und dazn beitragen würden, die Produktiou auf eitle wunderbare Weise zu erhöhen und selbst dem Lande eine bessere Regierung, deren es so sehr bedarf, zn verschaffen. Alle diese schöllen Hoffnuugcu siud jetzt verschwuudcu. Mit wenigen Ausnahmen bringen selbst die ganz fertiggestellten Bahnen kanm die Ver-wnltlmgs-, Betriebs- uud Erhaltnngskosteu eiu, und die meisten anderen,-von deuen einige wohl bald wieder verfalleil dürften, anch dieses nicht einmal. Wahrscheinlich wären diese Bahnen schwerlich je iu Angriff genommen worden, wenn die Gewalthaber nicht die gegrüudcte Hoffnung gehegt hätten, daß dabei viel für sie nnd ihre Freunde abfallen würde. Und gehörig haben sie sich ihre Taschen gefüllt; jedoch ließ die Nemesis nicht lange anf sich warteil — die nilgerecht erworbenen Reichtümer sind längst wieder verflogen, imglückliche Spekulatiouen, Hazardspiel, der Krieg mit Chile und der Staatsbankerott haben sie wieder verschlungen. Es wäre jammerschade um diese Bahnen, von denen einige zu den großartigsten Werken der Art in der Welt gehören, wenn sie — wie es den Anschein hat — wieder verkommen sollten. Natürlich wurden diese Bahnen nicht von Peruanern gebaut, sondern von einem sehr tüchtigen ilordanierikanischen Unternehmer, Namens Meiggs, ii I. Die peruanische Eeeküste. der früher schon große Ciscnbahnbauten in Chile ausgeführt hatte und, da die pernanische Negierung ihn nicht pünktlich bezahlte, zn Grunde ging. Auch die Ingenieure waren mit wenigen Ausnahmen Nordamerikaner oder Engländer, die Arbeiter aber teils eingeborene Indianer — nnr diese sind in den höchsten (legenden, wo bei den Fremden Atmungsbeschwerden eintreten, zu brauchen —, teils Chilenen nnd Chinesen. Die Bahn Are-qnipa-Pnno geht über einen Past der Cordilleras, der 4580 ni über dem Meere liegt, während der höchste Pnntt der Gotthardbahn nnr 1154 in, der Brennerbahn 1367 ni und der Pacificbahn 252l in über dem Nwean des Meeres gelegen ist. Welche Schwierigkeiten gab es hier, sowie auch bei der nicht fertig gewordenen Oroyabahn zn überwinden! Man mnß diese engen Schluchten, himmelhohen, steilen Felsen uud fnrchtbaren Abgründe gesehen haben, um sich einen Begriff von diesen Wnndern der modernen Technik bilden zn tonnen. Wahrend die Oroyabahn, deren höchster Punkt 476!) m beträgt, uielc und lange Tunnels nötig hatte, hat die Pnnobahn nnr einen einzigen knrzen Tunnel nnd neben verschiedenen kleinen Brücken über Gebirgsbäche acht große Brücken, von denen die über den Rio Chili 515 in lang nnd die über den Rio Snmbay 76 in lang nnd 52 «i hoch ist. Alle Brücke» wnrden in di,'n Vereinigten Staaten konstruiert und mit außerordentlichen Schwierigkeiten an ihre Bestimmungsorte transportiert. Groß waren anch die beiden der 4—5000 Arbeiter wegen der Schwierigkeit, Proviant und Brennmaterial — anf der Westseite der peruanischen Cordilleras uud auf den Hochebenen giebt es keine Wälder — herbciznschaffen, wegen der großen Kälte nnd der schlimme Atmungs-beschwcrden verursachenden dünnen Luft. Auf mehreren Strecken war meilenweit kein Waffer aufzutreiben und mußte dasselbe durch Maultiere herbeigeschleppt werden. Nach drei Jahren mühseliger Arbeit kam am Ncnjahrstage 1874 die erste Lokomotiuc der Pnnobahn an ihrem Endziele, am Titicaca-See an. Bald fand ein ziemlicher Verkehr statt und ein großer Teil des bolivianischen Handels nahm seinen Weg über diese Bahn; jeht haben durch den Krieg Handel und Wandel wieder aufgehört, und Jahre werden vergehen, ehe diese Bahn nur die Betriebskosten wieder einbringen wird. In anderen Ländern heilen die durch einen Krieg geschlagenen Wunden viel schneller als in Pern, wo die unuütze Bevölkerung träge die Hände in den Schoß legt. In Hnanchaeo war alles für die Expedition bereit; der Präfekt von Trujillo, General Iturrcgni, war selbst gekommen, um uns zu empfangen, sowie auch in seiner Begleituug einige Damen, die dieses sonderbare Schauspiel mitanfehen wollten. Über 200 Maultiere, teils zum Neiten, teils zum Lasttragcn bestimmt, erwarteten die Erpedition, um sie bis Cajamarca s45 Legnay oder 190 kn>) zu bringen, wo die Tiere gewechselt werden sollten. Allc Leute wurden beritten gemacht. Da ihnen besonders an- '31 2?!?Z! »ll Aufbnich bcr E^pcdition. befohlen war, keine großen und schweren Koffcr und Kisten ulitzlmehmen, ging das Aufladen der Maultiere peinlich leicht von statten. Auf jede Seite des Tieres kam eine Kiste, wobei die Arrieros (Maultiertreiber) Sorge trugen, immer zwei gleich fchwcre auszusuchen, und oben darauf kamen kleinere Gegenstände, so daß die ganze Last im Durchschnitte 125 Ic^ betrug. Die meiste Schererei verursachten die Kochkessel nnd Pfannen, deren Geklirre oft die jüngeren Tiere scheu machte. Das erste Aufsatteln und Aufpacken vor einer Reise in das Innere jener Länder ist immer sehr lästig, und die Jesuiten befolgten dort in vergangenen Zeiten einen sehr guten Plan. Sie sattelten und packten ihre Tiere schon des Abends, ritten dann ein paarmal im Hofe ihres Klosters umher, um zu sehen, ob alles gut paßte, sattelten wieder ab und traten erst am folgenden Morgen ihre Reise an. Gute Reitsättel waren allerdings nicht für alle vorhanden und manche mußteu sich mit hölzernen Packsättelu begnügen, auf deneu sie sich mit wollenen Decken einen bequemen Sitz bereiteten. Höchst komisch war das erste Aufsteigen; wie lachten die Peruaner, und besonders die Damen, bei diesem Anblicke! Viele, namentlich unter den Deutschen, hatten nie iu ihrem Leben zuvor ein Pferd bestiegen, und obgleich man für sie nur ganz zahme Tiere ausgewählt hatte, fielen doch einige, nachdem sie mühsam auf der einen Seite hinanfgetlettert waren, gleich auf der andern Seite wieder herunter. Doch Übung macht den Meister, nnd als wir Cajaiuarea hinter uns hatten, waren schon alle an das Reiteu gewohnt. Endlich war die lange Karawane in Bewegung, und unsere erste Tage-rcisc, die nur ein paar Stunden Weges betrug, ging beständig durch Flug-saud, der so viele Gegeudeu der peruanischen Küste bedeckt und dieselbe mit einem Gürtel vou .'i—15 Lcguas (die Legua beträgt anderthalb dentsche Wegstunden) Breite umzieht. Aber diese Küste, die dem Reisenden, der zum ersteumal den Boden Perus betritt, einen so trostlosen Allblick gc--währt, ist nicht so unfruchtbar, als sie anf den ersten Anblick erscheint. Jener dürre Sand, in welchem dem Anscheine nach keine Vegetation je auf-kommeu kann, bringt die reichsten Ernten hervor, sobald man ihm uur Wasser zuführen kann; ohne Bewässerung produziert er allerdings nichts in dem völlig regeulosen, aber anch weder von Kalte noch von übermäßiger Sonnenhitze heimgesuchten Lande. Wo immer ein Fluß oder Bach sich aus dm Gebirgen herabwiudct und die Bewässerung des Landes möglich macht, finden sich denn auch stets Oaseu, die oft mehrere Meilen breit mit einer reichen Vegetation bedeckt sind. Die Reisen durch diese Sandwüsten, wo kanm eine Spur von Vegetation zu sehen und oft mehr als 4l» Ivni weit tcin Wasser zu sinden ist, werden manchmal sehr gefährlich. Verirrt sich hier der Reisende oder kann sein Pferd uor Ermüdung nicht weiter, fo ist er verloren. Häusig ist der Weg, wenn 13 I. Die peruanische Ceeküste. von Flugsand bedeckt, nur geübten Pfadfindern sichtbar; die Gerippe von gefallenen Pferden oder Maultieren, deren Knochen die Geier rein abgelesen nno die Sonne gebleicht hat, sind dann die Hanutwegweiser. Das Maultier, welches Hunger und Durst weit besser erträgt aw das Pferd, ist das Kamel dieser Wüsten nnd anch anf den steilen Gcbirgspfaden der Andes seines sichern Trittes wegen dein Pferde weit vor^^iehen. Ein 14 '.'ÜNW ?>,.^ Regcnlose Sandwiisten. gutes Maiütier legt auf längeren Neiseil ün Durchschuitte 10 Leguas (43 Ivin) am Tage zurück, und mehr als einmal habe ich die Reise von Lima nach Eerro de Paseo — 212 kni, wobei die hier über 5000 m hohe Cordillera zu passieren ist — in vier Tagen gemacht. . Ohne Maultiere würden diese beschwerlichen Reisen durch Sandwüsten und über hohe Gebirge kaun: möglich sein, denn nur wenige Pferde halten dieselben auf größere Entfernungen aus. Die größten Gefahren bei Reisen dnrch die Sandwüsten der peruanischen Küste verursachen die „Medanos". Diese sind Sandhügel von sehr veränderlicher Gestalt, die bei starkein Winde rasch die Ebenen bedecken. Die Winde erheben oft ungeheure Staub- und Sandwolkcn, dencu der Reisende nur durch schnelles Reiten entgehen kann. Oft bedecken auch diese Medanos die niederen Hügelketten, welche die Ebenen durchschueideu, und geben den einzelnen Hügeln eine kegelförmige Gestalt. Namentlich in den Sommermonaten, von November bis April, sind diese Sandwüstcn fürchterlich. Die Sonnenstrahlen brechen sich auf der hellen Sandflächc und werden, alles versengend, zurückgeworfen. Keine Pflanze ist dann auf dem verbrannten Boden zn sehen, kein Tier findet Nahrung; nur am Strande des Meeres schwärmen gierige Aasgeier, herangelockt'durch die toten Seetiere, die das Meer auswirft, und Tausende von Secvögeln machen Jagd auf die unzähligen Fische, die der Ocean hier birgt. An der Küste uon Pern fällt bekanntlich nie ein eigentlicher Regen. Dieses hat seinen Grund in der nahe bei und parallel mit der Küste vorbeiziehenden Südströmling und den dieselbe begleitenden Südwinden, sowie in der Nähe der hohen Cordillera, wo der vom Atlantischen Meere herkommende, fenchte Sndost-Passatwind, nachdem er in den Urwaldregioncn des Amazonenthales den grüßten Teil seiner Wasscrdämpfe zurückgelassen, den letzten Rest seiner Feuchtigkeit verliert. Die vom Südpole kommende Sndstromung entfernt fich an der Küste von Chile mehr vom Lande, weshalb dort nicht immer die Südwinde herrschen und starke Regen eintreten; ebenso dreht sich in der Nähe des Kap Blanco, am dritten Grad südlicher Breite, die Strömung nach Westen — nördlich von dort regnet es wieder. Ferner ist der größte Teil der pernanischen Küste, wie schon oben bemerkt, mit Sand bedeckt. Dieser Flugsand ist ein gnter Wärmeleiter, der sich im Sommer unter dun Einflüsse der heißen Sonnenstrahlen sehr erhitzt und eine aufsteigeude Luftströmung hervorbringt, deren hohe Temperatur jede Kondensation der Wasserdämpfe verhindert. Diese verbreiten sich in den hohen Schichten der Atmosphäre und werden nach den Cordilleras getrieben, wo sie sich wegen der niedern Temperatur verdichten uud in der Form von Negen, Hagel nnd Schnee herabfallen, die Bildnng von Bachen uud Flüssen im Gebirge verursachend. Wenn deshalb an der Küste heißer Sommer herrscht, regnet es im Hochlande von Pern. Im Winter ist die Atmo- '15 I. Die peniamsche Seeküste. sphäre kälter an der Küste, und dann zeigen sich andere Phänomene. Da der Flugsand ein besserer Wärmeleiter ist als das Seewafser, so erkältet er sich auch schneller als das letztere, und die Wasserdämpfe, die von der Oberfläche des. Meeres aufsteigen, verdichten sich wegen der uiedern Temperatur des Sandes ganz in der Nähe desselben und verursachen jene dichten Nebel, die während der Wintermouate die Küste von Peru bedecken. Zur selben Zeit und aus derselben Nrsache, weil der Sand dann kälter ist als das Meerwasser, entsteht oft eine Luftströmung vom Lande nach dem Meere zu, welche die Ansammlung neuer Wasserdämpfe, die durch die herrschenden südlichen Seewinde herbeigeführt werden, verhindert, und deshalb regnet es auch nicht im Winter au der Küste von Peru. Von November bis April herrscht also an der Küste beständige Trockenheit mit klarem Himmel und bedeutender, obgleich nicht übermäßiger Hitze im Schatten; in der Sonne ist allerdings die Hitze, zumal in den Sandwüsten, oft furchtbar. Von Juni bis September hingegen wird der Himmel oft wochenlang durch einen dichten Nebel ^ wie in singland — Verdunkelt, der zuweilen als ganz feiner Sprühregen herabfällt. An einem solchen uebeligen Morgen fühlt man oft die Kälte mehr als in Deutschland im März, obgleich das Thermometer selten unter 12 (hrad (Maumur) fällt. (Eigentliche Stürme kommen im ganzen Jahre nicht vor. Das Maximum der Temperatur beträgt in Lima im Februar, dem heißesten Monate, fast nie mehr als 24 Grad im Schatten nnd das Minimum nie weniger als 10 Grad im Juli. Übrigens wird das Klima in verschiedenen Teilen der Küste noch durch Lokalverhältuisse modifiziert, so daß es nicht überall gleichartig zu nenuen ist. Dem Anscheine nach sind die Saudwüsten ohne jede Vegetation. Soweit das Auge reicht, sieht man nichts als eine trostlose Öde, und doch finden sich dort drei Arten von Kräutern, deren Wurzeln tief iu den Boden dringen und die langen Perioden vollständiger Trockenheit überleben. Eiuige der kleineren Medanos sind oben mit schneeweißen Flecken übersäet, die dem oberflächlichen Beobachter wie sehr weißer Sand erscheinen. Diese weiße Farbe kömmt von unzähligen kleineu Uhren einer amnrantartigen Pflanze, deren über den Boden kriechende Stengel sich über den Medano verzweigen und so weiterwachsen, wobei sie ihre Spitzen über den Sand erheben. Die zwei anderen Pflanzen der peruanischen Wüste sind eine Martynie und eine Aniseia-Art, beide mit eßbaren Wurzeln. Beide Pflanzen bewahren viele Jahre lang eine unterirdische Existenz und treiben nur dann, wenn genügende Feuchtigkeit bis zu den Wurzeln dringen kann, was nur in seltenen Jahren der Fall ist, Blätter aus ihren Stengeln. In einigen Höhlungen, wo sich etwas Feuchtigkeit im Winter ansammeln kann, findet man auch höchst kümmerliches Zwerghol^ — eine Prosopis, Colico-dendrnm, eine Capparis nnd eine Apocvnea. Die beiden letzteren sind 16 Vegetation. magere Sträucher und die Prosopis ein niederer, verkrüppelter Baum. In einiger Entfernung vom Meere, wo dcr Boden schon höher wird, sieht man anch Kakteen, von denen einige sehr hoch und verzweigt sind. Wenn im Winter die Nebel zu fallen beginnen, dann verändert sich der Anblick der sonst so dürren Hügel nnd Küsteuberge wie durch Zauber. Bunte Blumen, unter denen sich namentlich eine prächtige gelbe Lilie und eine purpurrote Solanee auszeichnen, wilder Tabak, mehrere Kompositen, Kruziferen, eine Oralis, Amarant, eine Saluie und verschiedene Gräser bedecken auf kurze Zeit die Höhen. Dann wird das Vieh auf diese Hügel — Lomas, wie sie in Peru genannt werden — getrieben, wo es während des ganzen Winters bei Tag nnd bei Nacht im Freien bleibt. Dieser liebliche Blumen teppich dauert aber leider uicht lange, und ist der Winter zu Eude, daun bietet die ganze Landschaft wieder ihren öden, traurigen Anblick, ohne eine Spur von Vegetation. Zuweilen sieht man hoch oben den Kondor in majestätischem Fluge schwebend, oder eine Eidechse, die über den Weg huscht; sonst ist alles tot, sobald man sich vom Meeresstrande entfernt und in die Sandwnste eindringt. Hat der Reisende aber nach vielen Stunden mühsamen Marsches die trostlose Einöde durchritten, so ändert sich wieder auf einmal die ganze Scenerie nud er erblickt uom Gipfel der mit vieler Beschwerde erklommenen Höhe tief unten vor sich ein breites, liebliches Thal mit lachendem Grün und üppigem Pflanzenwuchs. Die Wälder bestehen freilich fast nur aus Dickichten von feiublätterigen Algarobeu, einer Mimoscuart, aber dcr Lauf des Flusses wird durch schöne alte Weidenbäume (8alix IImn-lwiätilmii), durch Gruppen von Palmen, Obstgärten und Felder uou Lu-Mne, Mais und Baumwolle bezeichnet. In einigen Thälern sind große Pflanzungen von Zuckerrohr, in anderen widmet man sich mehr dem Anbau der Nebe und der Olive; die wichtigsten Produkte dieser Küstmthäler sind Zucker, Neis, Mais, Baumwolle, Wein und Traubmbramttwein. Die Algarobmwäldcr dieueu als Weide für Niudvieh, Pferde und Ziegm, von denen nicht nur die Blatter, sondern namentlich anch die Fruchtschoten, die sehr nahrhaft sein sollen, mit Gier verzehrt werden. In den ersten Tagen passierten wir verschiedene große Zuckerplantagen, von denen einige wegm bösartiger Wechselfieber berüchtigt sind. Die Leute scheineu hier kein anderes Heilmittel dagegen zu gebrauchen als Num, den sie unmittelbar ehe der Schüttelfrost anfängt, in starken Dosen einnehmen; während dcr Hitze trinken sie ein kühlendes Getränk, bereitet ans bitterem Orangensaft, Zucker und Wasser. Wird der Fall sehr gefährlich, so schicken die, welche es bezahlen können, nach Trujillo, um ärztlichen Nat oder um irgend ein Laxiermittel und Chinin zu erhalten. Mit diesem lchtern, das ste oft iu übertriebenen Quantitäten einnehmen, zerstören sie dann gewöhnlich ihre Konstitntion auf Lebenszeit. Man kennt übrigens viele Vorsichts- v. Schütz, Amazonas. —---— 2 I. Die peruanische Seeküste. maßregeln, um in tropischen Ländern mit nicht allzu schlimmen! Klima seine Gesundheit zu bewahren. Dem nicht acelimatisierten Enropäer ist häufiges Waschen und Baden, mäßiger Genuß tropischer Früchte, aber nie des Abends, sowie Vermeiden berauschender Getränke anzuraten, ferner große Sorgfalt, daß nie eine Leibcsvcrstopfung eintritt, ein Schirm gegen die glühende Mittagssonne nnd vor allen: eine rationelle Diät. Wegen der größern Rentabilität des Zuckerrohrbaues hat an der peruanischen Küste in neuerer Zeit die Kultur der Baumwolle abgenommen, trotzdem die peruanische Baumwolle zu der feinsten gehört und im Preise gleich nach der „Sea Island" kommt. Neis wird mehr gebaut, besonders in den nördlichen Provinzen, nnd findet in Chile und Kalifornien einen guten Markt. Wcinban wird namentlich im Süden stark betrieben; der peruanische Wein ist sehr kräftig, dem Sherry ähnlich; anch der dort aus der Traube bereitete Branntwein, der berühmte Piseo, wird sehr geschätzt und viel ausgeführt. Namentlich hat aber die Zuckerindustric, die freilich in neuester Zeit durch den Krieg sehr geschädigt wurde, in den letzten Jahren einen Aufschwung genommen, den man früher nicht für möglich gehalten hätte. Es giebt Plantagen, zumal im Norden, welche bis zn A) 000 1^ täglich erzeugen. In der einem Deutschen, Namens Solf, zugehörenden Hacienda uon Patapo bei Chiclayo wnrden täglich 25 000IcA hergestellt; ein anderer Deutfcher, Albrecht, hat auf seiner großen Haeienda im Thale von Chicama eine mit Dampf betriebene Maschinerie aufgestellt, die iu ganz Südamerika ihresgleichen sucht und täglich 40 000 kß liefern kann. Herr Albrecht, eingeborener Bambergcr, wird für den reichsten Mann in Peru gehalten; man schätzt sein Vermögen auf mehr als 40 Millionen Mark. Als Handlungs-commis war er im Jahre 1854 nach Peru gekommen, heiratete zwei Jahre darauf die Tochter eines wohlhabenden Pflanzers, nnd von nun an begann er, feinen großen Unternehmungssinn zu entfalten. Bei einer Reise ins Innere entdcckte er Spuren einer frühern Kultur, und begierig, zu erfahren, wie dieselbe möglich war, da doch jetzt dort kein Wasser weit nnd breit zu finden ist, suchte er den Vewäfserungs-Kanal zu entdecken, der früher existiert haben mußte. Er fand anch seine Spnreu und verfolgte sie bis zur Qnelle. Dann kaufte er dort für einen Spottpreis ungeheure Lün-dereien, die ohne Bewässerung wertlos waren, nnd ließ den alten Kanal aus der Ineazeit wiederherstellen, was er für die verhältnismäßig geringe Summe von «000 Dollars ausführte. Albrecht legte uuu zwölf große Plantagen an, von denen er jetzt noch vier enorm große selbst bebaut. Seine ausgedehnten Ländereien steigen immer mehr an Wert, wenn auch der unglückliche Krieg zwischen Peru und Chile augenblicklich eine Stockung alles Handels und Verkehrs hervorgerufen hat. Vor dem Kriege hatte er ungefähr 1500 Chinesen auf seinen Plantagen, seine großartigen Maschi- ''i8 ' Kulihandel. nerieen zur Znckerbereitung repräsentieren einen Wert von drei Millionen Mark und sein Zuckerrohr wohl ebensoviel. Da in der letzten Zeit, seit Einführung der unseligen Papierwirtschaft, das Silbergeld in Peru immer seltener geworden ist, und das Papiergeld in den Händen schmutziger Neger und Indianer bald zu nnkenntlichen Fetzen wird, so ließ Herr Albrecht, der viel Scheidemünze braucht, nm seine vielen Arbeiter zu bezahlen, in Nordamerika aus Guttapercha verschiedenartige Marken fabrizieren, die einen konventionellen Wert uon 2 und 4 Realen, der darauf bezeichnet ist, repräsentieren. Diese Marken, deren Zahlung Herr Albrecht garantiert, haben anßeroem je nach ihrem Wert verschiedene Farben, mn sie von einander leichter unterscheiden zn tonnen. Da der Kredit Albrechts weit besser ist, als der der bankerotten peruanischen Regierung, so werden seine Marken überall viel lieber genommen, als das schlechte peruanische Papiergeld, und weit nnd breit, in Trnjillo, Cajamarea nnd noch weiter hinans kann man dasselbe jetzt finden. Albrecht soll von diesen Marken bereits für 4 Millionen Mark im Umlanfe haben, wofür er keine Zinsen zu zahlen hat und von denen auch noch manches Stück verloren geht, also nicht wieder zur Einlösung präsentiert werden kann. Kurz, mit seinen Gnttapercha-Marken macht er wieder ein recht gutes Geschäft, wenn der nun jahrelang danernde Krieg es in der neuesten Zeit nicht gestört hat, worüber mir nichts bekannt ist. Da seit Aushebung der Sklaverei (1^54) die Herren Neger das Ar--beiten meist nnter ihrer Würde halten, und da anch seit jener Zeit die Negerbcvülkerung nm weit mehr als die, Hälfte abgenommen hat, so war man genötigt, Chinesen einznführcn, die fich schon in China dnrch Unterzeichnnng eines Scheinkontraktcs verpflichten, für geringen Lohn (15 Mark monatlich) und die Kost acht Jahre lang im Dienste eines beliebigen Herrn zn arbeiten. Diese Kontrakte nnn wnrden in Peru je nach der Körperstärkc des Chinesen zn L00—1200 Mark verkauft, wodnrch sich ein sehr schwunghafter Sklavenhandel entwickelte, der jedoch in neuerer Zeit durch einen Zwischen Peru und Chiua abgeschlosseneu Vertrag viel von seiner früheren Härte verloren haben soll. Auch soll seither, dank diesem Vertrage, die Behandlung der chinesischen Arbeiter eine bessere geworden sein; früher war sie auf manchen Haeicndas eine wahrhaft barbarische — nicht auf allen Haciendas, nicht einmal anf den meisten, denn auch in Pern gibt es 'viele humane Lente —, jedenfalls aber eine weit schlimmere, als ehedem die Behandinng der Negersklaven. Leider mnß ich hier erwähnen, daß auch cin deutscher Plantagenbesitzer seine Chinesen grausam behandelte. Nm dem Selbstmorde der Chinesen, der wegen der grausamen Behandlung bedenklich zugenommen hatte, zu steuern, ließ dieser „ausgeklärte" Mann die Leichname der Selbstmörder verbrennen, worauf kein Chinese mehr Selbstmord beging — denn die Chinesen lieben es, ihre Gebeine in ihrem Vatcr-lande begraben zu lassen. 19 ^ I. Die peruanische Seeküste. Auf vielen Plantagen erhielten die Kulis, wie mir ein glaubwürdiger Augenzeuge mitteilte, jeden Sonntag ihre Rationen von Reis und gesalzenem Fisch — nie etwas anderes; übrigens sind sie auch in ihrer Heimat an keine andere Kost gewohnt —, die sie sich selbst zu kochen hatten. Jeden Abend wurden sie in einem langen, dunkeln, einstöckigen Gebäude ohne Ventilation eingeschlossen, Kranke und Gesunde zusammen. Darin, mußten sie kochen, ihre ''Kotdurft verrichten u. s. w.; man kann sich denken, welche Atmosphäre in einem solchen Stalle herrschte. Morgens um 4 Uhr ertönte die Glocke, die Leute bereiteten ihr Frühstück, das sie hastig verzehrten. Um 5 Uhr ging es an die Arbeit, die bis 12 Uhr danerte. Die Anfseher, rohe Neger oder Zambos, gehen mit der Peitsche umher und züchtigen damit die Saumseligen. Diejenigen, welche sich irgend ein Vergehen, wie z. V. Widersetzlichkeit, haben zu schnlden kommen lassen, arbeiten in Ketten, worin sie auch schlafen müssen. Um 12 Uhr kehren sie ans eine Stunde nach ihrem Stalle zurück; da aber dieser von einigen Feldern ziemlich weit entfernt ist, so verlieren die Leute viel Heit nut Hin- und Hergehen. Um 1 Uhr geht es wieder an die Arbeit, viele haben dann ihr Essen kanm bereit und müssen es auf dem Rückmärsche im Gehen verzehren. So verläuft jeder Tag im ganzen Jahre, einerlei ob Sonn- oder Werktag; nur am Neujahrstage, dem Hauptfeste der Chineseu, erhalteu sie drei Tage frei. Ihr Monatslohn betrng etwa 13 Mark, der großenteils zum Ankauf von Opium verweudet ward; doch sparten auch einige sich oauon etwas. In Bezug auf Kost und Prügel sind die Kulis auf den meisten peruanischen Plantagen nicht viel besser daran als auf der eben erwähnten; doch haben sie gewöhnlich etwas bessere Wohnuug uud können an Sonntagen für sich selber arbeiten, so daß viele sich ein hübsches Stück Geld zurücklegen. Leider wird der arme Chinese überdies noch von einigen elenden Pflanzern um seine Arbeitszeit betrogen und gezwungen, länger als seine ausbednngenen acht Jahre auf der Pflanzuug zu bleiben; nirgends bekommt der Unglückliche Recht und niemanden hat er, an den er sich um Hilfe wenden könnte! Die Mehrzahl derselben spart sich aber in den acht Jahren etwas zusammen, und mit diesem Kapitälchen wird dann eine Pul^ peria, eine Garküche oder Kneipe eingerichtet und so der Grund zu späterem Wohlstaud gelegt, denn fast nie hört man, daß ein Chinese schlechte Geschäfte macht und bankerott wird. Nie denkt aber ein Chinese daran, sich in Peru oder sonstwo in Amerika eine dauernde Heimat zu gründen. China, das „Blumenreich der Mitte",, ist sein Paradies, außer demselben ist alles Hölle. Stirbt er im fremden Lande, so schließt er die Augen mit der festen Überzeugung, sie sofort in China wieder zu öffnen, und mancher begeht Selbstmord, wenn das Heimweh ihn plagt. Die Seelenverkäufer, welche in den chiuesischeu Häfen 2» Sitten der chinesischen Arbeiter. Kulis verkaufen, müssen daher dort versprechen, jeden Sohn des himmlischen Neiches wieder zn rüekzn liefer n, wenn e,r während der Dauer des Kontraktes stirbt, was freilich in Peru selten gehalten wird; in Kalifornien aber, wo das Kuli-Geschäft in den Händen mächtiger chinesischer Kom-panieen ist, wird es in der Negcl befolgt. Von dort führen die Dampfer und Segelschiffe regelmäßig eine beträchtliche Zahl gefüllter Särge nach China, von denen mancher über endlose Kanäle, über Berge und über Thäler bis in sein Heimatsdörfchen gebracht wird, das vielleicht an der (Grenze von Tibet oder Sibirien liegt. Man kann tausend Chinesen fragen, wie es ihnen in Kalifornien oder Peru, iu Australien oder auf den Sandwichsinseln gefallen habe, niemals wird auch nnr ein Einziger gesteheu, daß das Leben dort zn ertragen sei. Das Geldmachen behagt ihm freilich, und hat er genug zusammengerafft, so schüttelt er voll Verachtung den Staub von seinen Füßen und kehrt als eingefleischter Chinese nach Hause zurück. Dort, wo oft eine ganze Familie von zwei Thalern den Monat leben mnß, kann er mit Nuhc der Zukuuft entgegensehen; denn fast jeder heimkehrende Chinese bringt mindestens ein paar tausend Thaler znrück, maucher sogar 20—80 000 Thaler. Der Chinese ist unverbesserlich. Iu Lima wie iu San Francisco giebt cs viele wohlhabende Leute, die eine besondere Vorliebe für chinesische Dienstboten haben und oft jahrelang dieselben Diener um fich sehen. In manchen Läden nnd Restaurationen hält man sie, und die Burschen müssen notgedrungen sauber, rein gewascheu und uett aussehen, und sie begreifen das auch sehr schucll. Bald lerneu sie Gabel und Messer, Teller und Serviette nebst hundert anderen Sachen haudhabeu wie die Weißen. Sobald sie aber nach langen Jahren genng Geld erübrigt haben, um uach dem Blumeureiche zurückzukehren, so wird zuvor alles, was irgendwie an Amerika erinnert, vor der Abreise verschachert nnd der etwaige Nest noch vor der Anknnft in China über Bord geworfen, so daß sie womöglich noch nnsanbercr erscheinen als diejenigen, welche anf den Plantagen nur nnter ihresgleichen ihre Tage verbrachten. Keiner will dann Gabel und Löffel mehr kennen nnd alle schanfeln wieder mit ihren Stäbchen deu Neis in deu Muud. Wohl kann man an den Chinesen Mäßigkeit im C'ssen nnd Trinken rühmen, uic sieht mau unter ihnen einen Betrunkenen oder jemanden, dem die Schuapsflasche aus der Tasche hervorschaut. Desto größer ist ihre Leidenschaft für das Opiumrauchm, und ein vollständiges Verbot desselben würde die Raucher zu größerer Verzweifluug briugeu, als wcnu einem Haufen der unverbesserlichsten Schnapsbrüder anf einmal jeder Tropfen von Branntwein versagt werden sollte. Ebenso versesseil sind sie anf das Hazardspiel, wobei ihre Leidenschaftlichkeit oft den höchsten Grad erreicht, und so sparsam auch die Chinesen svust sind, so spielen fast alle, und wen dabei das 21 I, Die peruanische Secküstc. Glück vorläßt, ssogeli den hört uon feiten seiner Genossen sofort jede Nück-sicht auf; denn Mitleid kennt kein Chinese. Wer dann noch das Geringste zn versetzen hat, wagt stets uon neuem, mit Fortuna zu ringen; ist aber das letzte verloren, so macht der unglückliche Spieler gleich wieder einen Kontrakt, acht weitere Jahre als Kuli zn dienen. Anch lässt sich mancher Chinese in Peru taufen, wenn er einen reichen Paten bekommen und große Vorteile dadnrch erHaschen kann; er besucht regelmäßig die Kirche, wenn es ihm Nntzen bringt; hat er aber das Schiff, das ihn heimwärts bringen soll, betreten, so lacht und spottet er über das Christentum und ist wieder ein ärgerer Heide, als er se znvor gewesen. Besser als die chinesischen Kulis wurden in Peru, als die Sklaverei dort noch cristierte, die Negersklaven behandelt. Der Neger war Eigentum uud es lag im Interesse seines Herrn, ihn gnt zn nähren und zu verpflegen, damit sein Eigentum nicht rasch an Wert verlor; der Chinese dagegen ist nur anf acht Jahre gebnnden, daher sncht man in dieser Frist alles, was nur immer möglich, ans ihm herauszuprügcln. Im allgemeinen kann man sagen, daß der Negersklave in Peru vielleicht milder behandelt ward als in den meisten anderen Sklavenländern. Anf den meisten Plantagen herrschte folgende Ordnnna/ Um 5 Uhr des Morgens mußten die Neger aufstehen, um gegen 6 Uhr an ihre Arbeit zu gehen. Um 9 Uhr ward ihnen das fertige Frühstück anss Feld gebracht; um 1,2 Uhr gingen sie wieder nach Hanse, wo sie bis 2 Uhr blieben, um ansprühen uud ihr Mittagsmahl einzunehmen, welches für die Unverheirateten eigens gekocht ward; für die Verheirateten hatten deren Frauen die Zubereitung zu besorgen. Um 6 Uhr war die Arbeit zn Ende. Täglich bekamen sie getrocknetes Fleisch (Charqni), Bataten oder ^ncas sEassavcwurzeln), Bohnen oder Erbsen und Reis, sowie auch etwas Schweineschmalz und Salz, bei sehr harter Arbeit statt des getrockneten frisches Rindfleisch. Die unverheirateten Männer schliefen alle zusammen im „Galpon", einem großen für die Neger (jetzt für die Kulis) bestimmtcn Gebäude, wo sie des Nachts eingeschlossen wnrden; die verheirateten hatten ihre eigenen Gemacher. Jeden Sonntag erhielt der Neger einen Real — etwa vierzig Pfennige — für Tabak, mußte dafür aber am Sonntage ^vei Ctnnden vor dem Gottesdienste arbeiten, den Nest der Sonn- und Feiertage hatte er frei. Jeder bekam ein kleines Stück Land für seinen eigenen Gebrauch, um es an den Sonntagen zn bearbeiten, oder er konnte auch für eigene Rechnung Holz schlagen und Kohlen brennen; sein Herr lieh ihm dann die Esel, um das Holz oder die Kohlen znm'Markte zu bringen. Jedes Jahr erhielt der Neger zwei vollständige Anzüge. Im allgemeinen wurden sie selten gepeitscht, obgleich Ausnahmen vorkamen. So ließ einmal der Administrator der Plantage von Caucato, ein europäischer Spanier, zwei Negerinneu, die Zuckerrohr gestohlen hatten, zur Strafe zwei Zähne ausbrechcn; 22 Die Ncgcr iu Peru. den ausgepeitschten Negern ließ er jedesmal die Wnndcn mit Essig aus-wascheu — später starb dieser Unmensch im größten Elende. Ein fleißiger Neger konnte sich anf den meisten Plantagen, nnd namentlich wenn er zu den Hanssklaven gehörte, die sehr milde behandelt wurden, in wenigen Iahreu soviel verdienen, um seine Freiheit zu erkaufen, und es gab häufige Beispiele, daß Neger, die hierfür das uötigc Geld schou erspart hatten, es doch nicht zum Frcikaufen verwandten, weil sie es für vorteilhafter hielten, Sklaven zu bleiben. In Peru hatten die Sklaven ihre eigenen Nichter, deren Pflicht es war, sie gegen üble Behandlung zu schützeu — leider warm hieriu, wie es in Pern immer geht, die besehe besser als die Ausführung. Feruer hatten die Neger das Recht, sich entweder freizulaufen oder bei Mißhandlungen sich au eineu milderu Herrn zu verkaufen. Verlangte dauu der Eigentümer eineu zu hohen Preis, so hatte der Nichter darüber zu entscheiden und diesen festzusetzen. Im Jahre 1^54 ward die Sklaverei in Pern aufgehoben und die Eigentümer wurden vom Staate cutschädigt. Seit dieser Zeit hat sich die Ncgerbevölkcrung in Peru ungemein vermindert. Sobald die Neger einmal frei waren, wurdeu sie, wie in allen anderen Ländern Amerikas, wo sie plötzlich nnd ohne jede Vorbereitung ihre Freiheit erhielten, eine Pest für die Gesellschaft. Die meisten zogen vom Lande weg nach den Städten, wo sie gewöhnlich zwei Tage in der Woche arbeiten nnd den Nest in Trunkenheit nnd Liederlichkeit verbringen. Fast alle Straßenränder an der Küste vou Peru sind Neger, Mülattcu oder Zambos, während man im Innern, wo es des kälteren Klimas wegen nie Neger gegeben hat, mit aller Sicherheit ohne Waffen reisen kann. Bald kamen Epidemieen, die Folge ihrer Laster, nnter die Neger nud haocu in den wenigen Jahren, seitdem sie die Freiheit genießen, ihre Anzahl um weit mehr als die Hälfte reduziert. Ähnliche Nesultate hat man überall gehabt, wo die Sklaverei unvorbereitet aufgehoben wurde. Vou Jamaica kann mau gewiß nicht sagen, daß dort wie in Pern oder ill Colombia eine schlechte Ncgienmg die traurigeu Zustäude unter der farbigen Bevölkeruug hervorgerufeu hat — doch iu Jamaica schien mir, wie nnch in anderen westindischen Koloniecn Englands, der Neger nnd Mulatte moralisch ebenso verkommen und verdorben zu sciu, wie iu Peru. Man wird hier einwenden, dies seien die Nachwchen der Sklaverei; allein diese ist im eugüscheu Westiudien schon seit langen Jahren abgeschafft nnd die meisten Neger dort sind frei geboren. Die Hanptnrsache dieser Erscheinung mag wohl die sein, daß der Neger im Dnrchschnittc geringere geistige Fähigkeiten besitzt als der Weiße. Man wird mir manche Ausnahmen anführen, allein diese sind eben uur Ausnahmen, und die meisten, die lange unter Negern gelebt und Gelegenheit gehabt haben, ihren Charakter länger zu beobachten, werden mir bei- 23 I. Die pcrullnischc ^eeküste. pflichten. Doch will ich durchaus nicht leugnen, daß durch cine in meh-reren Generationen fortgesetzte befsere Erziehung der Neger anf das geistige Niveau des Weißen erhoben werden könne. Die Oberin des Klosters Sacr6 Coeur in Lima, eine Dame, die sich jahrelang mit der Erziehung farbiger und auch weißer Kinder beschäftigte, sagte mir, die Auffassungsgabe der Negerkiuder sei so gnt wie die der weißen, nur müsse man sie — wenn sie gute Fortschritte machen sollten — von ihren Familien fernhalten, damit sie deren Beispiele nicht sähen. Was bei der Betrachtung des Negers am meisten Anlaß zn Täuschungen giebt, das ist seine große Nachahmungsgabe nnd die Leichtigkeit, womit er mechanische Fertigkeiten erwirbt; allein der Hauptimpnls, der alle seine Gedanken nnd Hand-lnngen bedingt, ist die Sinnlichkeit. Ich bin weit davon entfernt, die Sklaverei in der Form, wie sie im Süden der Vereinigten Staaten bestand nnd iil Brasilien nnd Cuba noch besteht, zn verteidigen; allein ich bin ebensoweit davon entfernt, für den Neger, der — wenigstens heute noch — seiner geringeren Fähigkeiten wegen nnmöglich dieselben Pflichten gegen den Staat wie der Weiße erfüllen kann, dieselben politischen Ncchte zn beanspruchen. Er mnß jetzt noch als Unmündiger behandelt, durch den Staat gegen die Tyrannei der weißen Privaten geschützt und mit Strenge zur Arbeit angehalten werden, sonst wird er immer seinein natürlichen Hange zur Trägheit uud zn Ausschweifungen nachgeben uud als eiu ganz unnützes Glied der Gesellschaft verkommen. Jedenfalls gehört große Naivität dazn, zu glauben, in Nordamerika sei aus reiner Humanität dem Neger das Stimmrecht gewährt worden; die republikanische Partei, welche die Anfhclmng der Sklaverei dnrchgefetzt, wußte, daß sie stets über die Stimmeu der Neger verfügen und sich dadurch sowohl im Besitze der Herrschaft wie auch der Amter und Negiernngskontrakte erhalten könne. Noch eine andere Ursache trägt in Peru dazu bei, die Negerrasse uach und nach verschwinden zu machen, und dies ist die Vorliebe, welche die Negerinnen für die heller Gefärbten zeigen; schon jetzt sieht man selten mehr ganz schwarze Ehepaare. Je mehr die Anzahl der Schwarzen abnimmt, desto rascher vermehren sich die Mischlinge, wozu sich das Land auch gerade uicht Glück wünschen kaun; denn diese Mischlinge, bei denen das Neger-Element vorherrscht, erben im allgemeinen wohl die Laster, aber nicht die Tngenden ihrer weißen, braunen und schwarzen Vorfahren. Besser sind die Mestizen, die Nachkommen uon Weißen und Indianern, die namentlich im Innern sehr zahlreich vertreten sind. Immer aber halten sich die Mischlinge für weit vornehmer als ihre schwarzen Verwandten. Der Mulatte hält sich für besser als der Neger, obgleich der Neger meist ei»: besserer Meusch ist als der Mulatte; der letztere besitzt eine lächerliche Eitelkeit) große Abneigung gegen jede anstrengende Arbeit nnd eilte ausge- 24 Mulatten. Zcnnbos, Kreolcn. prägte Sinnlichtcit; doch hat er einen ziemlichell Geschmack, der dem Neger fast ganz abgeht, und viel Sinn für Al'nsik. Noch schlechter als der Mulatte ist der Zambo (in Peru meist „M)ino" genannt), der Abkömmling von Negern und Indianern; die meisten Räuber und gerade die grausamsten gehören dieser Rasse an. Je mehr aber der Mischling dein Weißen sich nähert, desto sanfter, aber auch indolenter wird er- seitdem aber die meisten Handarbeiten au der Küste uon Chinesen verrichtet werden, ist auch der Neger eiue Stufe weiter auf der soeialen Leiter vorgerückt. Jetzt ist der Chinese der eigentliche Paria, der jedoch, wenn die (nnwanderuug der Chinesen zunehmen sollte, dereinst zur Herrschaft in diesem Lande gelaugen dürfte. Unter den weißen Mischlingen dritten oder vierten Grades giebt es einige, die kaum noch von den Weißen zu unterscheiden sind; die weißen Kreolinnen entdecken indes eine solche Abstammung anf den ersten Blick. Giust richtete in Lima eine Dame folgende ,^rage an mich: „Nicht wahr, Ihre Mulatten in Deutschland sind die Juden?" — „Wie kann es in Deutschlcind Mulatten geben, da keine Neger vorhanden sind?" — „Dies glaube ich Ihnen nie nnd nimmermehr, ich sage Ihnen, die dentschcn Juden stammen von Negern ab; ich entdecke jeden, der Negerbllit hat, anf hundert Schritte, uud ich sage Ihneu, die deutscheu Juden sind Mulatten." Was nuu die weißeu Kreolen, die Nachkömmlinge der Spanier, betrifft, so fehlt es ihneu durchaus nicht an Talent, allein sie. sind denkfaul nnd lieben überhaupt keine Austrengnug, weder geistige noch körperliche. Deshalb wollen alle diejeuigen, die kein Vermögen besitzen, irgend eine Anstellung erHaschen, die viel Geld ohne 'Arbeit einbringt. Dabei wird weniger nach der Höhe der Besoldung gefragt, als nach den „dnseas", nach dem, was an den Fingern hangen bleibt. Deshalb giebt es eine so große Menge von höheren Offizieren im peruanischen Heere, auf ein Dntzend Soldaten kommt sicher ein Oberst. Wenn man die Kreolen sprechen hört, so sollte man meinen, sie alle seien direkte Nachkommen von spanischen Herzogen oder Marquis: sehr voruehm ist jedenfalls ihre Abneigung gegen jede produktive Arbeit; denn so leicht wird keiner durch seiner Hände Arbeit sein Brot zu verdienen suchen, dies wäre für ihn eine große Schaude. Icdoch beschäftigt er sich mit dem Bergbau oder auch der Landwirtschaft, wcun er eine größere Pflanzung geerbt lmt, aber wieder nur als Graud Fig. 3. Peruanischer Pflanzer. I. Die peruanische Teeküste. Seigneur, der seinem Verwalter die Hauptsorge überläßt. Seine oberflächliche und mangelhafte Bildung ersetzt er durch gute Manieren und durch eine nie zu verblüffende Suade; er spricht über alles, über das, was er weiß und nicht weiß, über Philosophie, Geschichte, Jurisprudenz, Theologie, Naturwissenschaften, Bergbau, Landwirtschaft, Politik, und wird nnan-genehm, wenn ihm jemand ;u widerspreche» wagt. Iu seiner heimischen Politik kennt er kein anderes Princip als das, seinem Vetter oder Gevatter zu Einfluß zu verhelfen, damit dieser ihm wieder einen guten Posten verschaffe. Seine Hauptlcideuschaft ist das Hazardspiel, dem sie alle, vom Präsidenten bis herab zum letzten Beamten, fröhnen. In der Gesellschaft liebt er es, sich als Freidenker aufzuspielen, versäumt aber keine Prozession und geht fleißig zur Kirche. Auf der auderen Seite muß man aber auch dem weißen Kreolen manche gute Eigenschaften zugestehen. Trunkenheit kömmt unter ihnen selten vor, d. h. nicht unter den weißen Bewohnern der Küste; desto häufiger aber im Innern, wo sie freilich sehr stark mit Indianern gemischt sind. Der weiße Kreole ist gutherzig und hilft gerne seinen Nebcumeuschen, vorausgesetzt, daß es ihm keine Mühe verursacht. Ausgezeichnet ist auch seine Gastfreundschaft nnd groß seine Kinderliebe. Im ganzen liebt er die fremden nicht, obgleich seine angeborene Höflichkeit ihm nicht erlaubt, es merken zu lassen; er sagt: „Der Gringo (Kauderwelsche) stiehlt meinen Kindern das Brot ans dem Mnnde." Kommt man aber in einen Ort, wo kein Tambo (Absteigequartier > eristicrt, und hat man auch an niemanden einen Empfehlungsbrief, so gebt man ohne Umstände zum Pfarrer, wo man gewöhnlich gute Aufnahme findet. Besitzt man hingegen einen Empfehluugsbrief an irgend jemanden, so reitet man einfach nach dessen Haufe, sattelt ohne (Zeremonie ab und übergiebt seinen Brief; es versteht sich dann von selbst, daß man dort ganz wie zn Hause ist, sein Bett erhält und am Tische des Hausherrn seine Mahlzeiten einnimmt. Nur an den freqnentiertcsten Straßen, wie auf dem Wege- von Lima nach Ecrro de Paseo, hat die Gastfreundschaft schon sehr abgenommen. Weit den Männern überlegen, sowohl was ihre äußere Erscheinnng als ihre Begabnng betrifft, sind die Kreolinnen von spanischer Abstammung. Schöne Angen, schönes Haar und kleine Hände nnd /Me haben sie fast alle, meist auch schönen Wuchs und gute Zähne. Ihre natürlichen Anlagen find gut, wenngleich wenig durch Erziehung ausgebildet; sie besitzen ein klares Urteil und im allgemeinen ganz gesunde Ansichten über die gewöhnlichen Vorkommnisse des Lebens. Unähnlich den Männern, haben sie meist einen entschiedenen, energischen Eharakter und dominieren im Hause; dabei haben sie gefällige Maniereil und verstehen es, sich taktvoll zn benehmen. Sie kleiden sich nach der neuesten Pariser Mode, wissen aber recht wohl, daß ihnen ihre Nationaltracht, die Manta, die den ganzen 2« Kreolinnen. Körper umrahmt, am besten steht, weshalb sie dieselbe nicht anfgebeu. Alle, von der Fran des Präsidenten herab bis zur (^emüseverkäuferin, tragen diese kleidsame Tracht, besonders wenn sie znr Kirche gehen, wo auch die Damen nie einen Hut anfscyen. Sehr gnte Hausfrauen sind sie zwar nicht, sie brauchen gar zu viele Diener. In einem halbwegs anständigen Haushalt finden sich ein Koch, ein Kindermädchen, ein oder zwei Stubenmädchen, eine Näherin, ein männlicher Diener und ein kleiner Neger oder Indianer, der nichts zu thun hat, als seiner Herrin den Teppich nachzutragen , wenn sie znr Kirche geht — denn Kirchenstnhle und Bänke Vn, 4, Peruanerin! Frau lliis dem Volke. giebt es in den Kirchen nicht. Alle diese Diener thnn nun, was sie wollen, nnd Anfsicht oder Disciplin ist so ant wie gar nicht vorhanden; weiße Diener kennt man nicht, alle anderen Farben nnd Schattierungen, Neger, Mulatteu, Zambos, Chinesen nnd Indianer sind aber vertreten. Da die Damen spät aufstehen und dem Koche daher das Marktgcld am Abend znvor übergeben, so passiert es zuweilcu, dasi dieser am selben Abcud es vertrinkt und nicht mehr nach Hause zurückkehrt; dann ist große Not im Hause und das Frühstück muß aus der uächsten Garküche geholt werden. In einer jener Plantagen sah ich viele große Windhunde, die hier 2? I. Die peruanische Seekiiste. zur Nehjagd, welche zu Pferde abgehalten wird, gebraucht werden. Es ist ein tolles, gefährliches Jagen, mit der Meute über Stock und Stein den Nehm nachzusetzen, durch Gestrüpp, Kaktus und doruigc Mimosenbüsche, womit die Flußthälcr teilweise überwachsen siud. Im ganzen ist Fig. 5. Vornehme peruanische Tcunc, mil ihrem Tcppichtrcigcr zur Kirche gehend. die Jagd an der Küste von Peru unergiebig. Häufig siud in einigen Gegenden die Nehe. Das peruanische Reh ist ungefähr so groß als das deutsche, hat aber, wie alles Wild in Amerika, keinen Wildbretgeschmack. Füchse giebt es viele, zum Nachteile der Hühuer und jungen Lämmer. Weit 25 Jagd, Landbau und Viehzucht. seltener sind der Kuguar und die Unze. Letztcrc erreicht zmveileu eine enorme Größe, zerreißt Pferde und Maultiere und wird selbst den Menschen gefährlich. Die Jagd auf dieselbe kostet hänfig ihre <7pftr. Von Vögeln ist nur die Jagd auf Tauben ergiebig, von denen niedrere Arten, große und kleine, in bedeutenden Schwärinen in die Maisfelder einfallen und oft großen Schaden anrichten. Um noch einmal auf den Landbau der Küste zurückzukommen, so konnte derselbe durch vermehrte Bewäfseruugsanlagen noch sehr vergrößert werden; denn wo man Wasser hinlcitet, da entwickelt sich rasch eine üppige Vegetation. Wo dies aber immöglich ist, wächst absolnt nichts, denn wie bereits erwähnt, fällt an der peruanischen Küste nie ein eigentlicher Ncgcn. Dafür hat man überall, wo man bewässern tann, seine Erntcn in dcr Hand nnd kann dieselben genan vorausberechnen; denn in einem Lande, wo weder übermäßige Hitze noch Kälte, weder Stürme noch verderbliche Negcngüssc vorkommen, sind Mißernten unbekannt. Für den Anbau des Zuckerrohrs giebt es kein Land in der Welt, das sich mit Peru messen kann; in Nordamerika wenigstens giebt es nicht den halben Ertrag von dem, was es in Peru liefert. Was uun die Viehzucht betrifft, so wirb nur die der Schweine in einigelt Plantagen der Küste im großen betrieben, nnd nirgends in der Nelt habe ich so wahre Monstra von fetten Schweinen gesehen wie dort ^. ^ Von darwinistischer ^cite ward behauptet, dic spanischen Schwäne hätten sich üu tropischen Amerika in der kurzcu Zeit von drei Jahrhunderten bedeutend ueräudcrt, sie seieu sämtlich schwarz geworden nnd sogar ihr Skelett habe Umbildungen erlitten, und die Nichtigkeit dieser Behauptung wurde von Naturforschern bestätigt, welche das tropische Amerika flüchtig durchreisten uud vermutlich der Landessprache uicht genügend mächtig waren, was sie verhinderte, näher nachzuforschen. Die ganze Sache beruht aber auf einen: Irrtum. Schon bald nach der Entdeckung von Amerika brachten die Spanier spanische Schweine nach dem tropischen Amerika, die aber in den heifteu Küstenstrichen kränkelten und dereu ^unge bald krepierten. Im kühlern Hochlande hingegen kaineu sie gut fort und vermehrten sich rasch, wo man hente noch ihre verschieden gefärbten Nachkommen, die wenig von den spanischen Schweinen abweichen, vorfindet. Da nun die Schweinezucht an der warmen Küste nicht gedeihen wollte, so brachten die Spanier später aus Manila schwarze, uacktc, chinesische Schweine, die sich schnell vermehrten nnd deren Nachkummen jetzt ausschließlich in den Küstengegenden Süd. amerikas zu finden find. Ich traf sie im südlichen Mejico, iu Colombia, Ccuador, Peru und Nordbrastlien, und erfuhr, daß diese Rasse überall dort im Tieflande vor. herrscht; auch werden sie von den Eingeborenen „«Iiancilin« ^nwZ" (chinesische, Schweine) genannt. Diese schwarzen, nackten Schweine, welche besonders in Peru oft ein enormes Gewicht erlangen, sind also chinesischer nnd nicht spanischer Abkunft und nur wenig von ihren Verwandten in China verschieden. Cine hierauf bezügliche Beobachtung machte ich in der deutschen Kolonie am Pozuzoflnsse. Diese liegt ain Ost-abhange der Andes ungefähr 100N m über dem Meere uud hak uach eine durchaus tropische Vegetation — Bananen und Kaffee gedeihen vollkommen, wenn anch der 29 I. Die peruanische ^ccknste. Überall, wo Schweine sich aufhalten, ist der Reisende in Peru den lästigen Angriffen der Sandflühe (Piques) anogesetzt, auch mehrere Leute uuserer Expedition hatten daran zu leiden. Diese Insekten bohren ein Loch in die Haut, meist unter den Nägeln der Fußzehen, wo sie die Eier depo-uicren. Im Anfange empfindet inan ein angenehmes Kiheln; wenu man dies aber nicht beachtet und die Vrut ungestört läßt, so entwickelt sich diese und dringt tiefer in das Fleisch. Vald daranf zeigt sich die Entzündung, die oft sehr gefährlich wird, und namentlich dann, wenn man im Seewasser badet. In solche» Fällen wird zuweilen die Amputation des Fußes notwendig. Ich selbst bekam im Jahre 1861 auf den Galapago-Infeln, wo viele verwilderte Schweine vorkommen, beide Füße voll von Sandflöhen. Auf der Seereise, welche acht Tage dauerte, empfand ich im Anfange dasselbe angenehme Jucken, das ich, da es mir unbekannt war, nicht weiter beachtete. Bald stellte sich aber eine heftige Entzündung ein, die zuleyt so schlimm ward, daß ich, in (Guayaquil angekommen, mich nach dem Wirwhause tragen lassen mußte, wo ich, nachdem die Tiere herausgenommen waren, noch einige Tage im Bett zn verbringen hatte. Am besten verstehen es die Negerinnen, die Eier zu entfernen. Mit einer Nadel offnen sie die Haut rings um den die Eier enthaltenden Sack und ziehen ihn unversehrt heraus. Darauf streichen sie Ol und Cigarrenasche auf die Wunde, nm, fälln noch Eier oder Laruen darin sein sollten, dieselben zu vernichten. Nachdem wir die dürre Küste mit ihren Sandwüsten verlassen hatten, folgten wir beständig steilen Gebirgspfaden, die noch ebenso aussahen wie zur Zeit, wo Humboldt denselben Weg passierte, nnd die nnr für Maultiere und Lamas gangbar find. Alle Wege, welche von der peruauischen Küste nach den Gebirgen führen, haben einen ähnlichen Eharakter. Sie folgen fast immer dem Laufe der Flüsse, die sich von den Kordilleren herabstürzen. Je höher man steigt, um so enger werden die Flnßthüler, um so steiler die Pfade. Der Reisende, der zum erstenmal diese Gebirgswege im Innern von Peru betritt, schaudert bei ihrem Anblicke. Oft wird die Schlucht so eng und die Felsen uähern sich so sehr dem tosenden Flusse, daß kein Raun: für den Pfad übrig bleibt, der dann ans den über ihm hängenden Felsen gebrocheil ist. Oft bilden die Felsblöcke Treppen anf diesen schauderhaften Wegen; bergauf nnd bergab führen sie, wie es gerade .Uakao nicht mehr gut fortkommt. Die deutschen Kolonisten tauften im Anfange Schweine spanischer Nasse in den benachbarten Dörfern an der Westseite des Gebirges, die etwa 24«U^30UU m über dem Meere gelegen sind. Diese Schweine krau-telten am Pozuzo nnb ihre Jungen krepierten. Darauf wurden chinesische Schweine hingebracht, welche sich dort sehr wohl befanden und vermehrten. Die ersteren werden von den Kolonisten „deutsche" (wegen ihrer Ähnlichkeit nut deutschen Schweinen), die letzteren „amerikanische Schweine" genannt. ^30 08 'D »3 -nnlt U! chnslpx Am westlichen Abhang dcr Andcn, die Natur des Terrains erheischt, ohne die Kunst zu Hilfe zu nehuien. Die Forination an unserem Wege war nieist ein roter Porphyr, dessen Stelle höher obeu ein sehr grobkörniger Trachytporphyr einnahm. Oft drehen diese Pfade plötzlich in spitzen Winkeln, so daß man znweilen auf einmal, ohne ausweichen zu können, anderen Reisenden oder gar Truppen von Maultieren, die rasch getrieben werden, begegnet, wodurch schon manche Unglücksfälle verursacht wurden. Hat man die Bananengärten und Znckerrohrfclder ^' Küste verlassen und steigt man den westlichen Abhang der Kordilleren hinauf, so bemerkt man an der allmählichen Abnahme der Temperatnr und am Wechsel der Vegctatiou auch den Wechsel der Klimate, die hier sozusagen gürtel-förmig übereinandergelagert sind. Bei 1600 in Höhe sehen wir noch Bäume und Sträucher uon Laubholz, und es gedeihen noch alle Plan-tllgengewächse der warmen Zone bei einer dnrchschnittlichen Temperatnr von -^18" 15. (im Schatten); gedeiht doch der beste peruanische Kaffee, der uon Ambo und Huanuco, anf einer Meereshöhe von 2000 in. Wieder 1600 in höher, d. h. bei W00 m, ist ungefähr die (Grenze für die verschiedenen Kakteen, welche hier wie iu Mejico ganze Waldungen bilden. Der holzige Schaft des Nicscnkaktus, welcher oft eine Höhe von 7 in und darüber erreicht, dient als Bau- und Brennholz; die Opuntien liefern die wertvolle Cochenille, die leider in Peru nicht kultiviert wird, und die wohlschmeckenden indischen Feigen, hier Tunas genanut. Bis zu dieser Höhe gedeihen auch noch Gerste, Weizen, Kartoffeln, die europäischen Gemüse und die Alfalfa (Luzerne), welche als Hauptfutter für Pferde, Maultiere und Rindvieh mit künstlicher Bewässerung viel gebaut wird. Hier gefriert das Wafser in kalten Nächten (von Mai bis August) schon zu halbzolldickent Eise, während mittags im Schatten eine durchschnittliche Wärme uon -s-10" (in der übrigen Zeit von -^- 14 " K.), in der Sonne dagegen von >85 ° und zuweileu selbst noch mehr beobachtet wird. Als wir im Juni durch diese Gegenden kamen, waren die benachbarten Berge, selbst in der Nähe der Küste, mit frischem Grün überzogen. Iil den Sommermonaten hingegeil bieten diese nackten, verbrannten Berge den ödesten und traurigstell Anblick. Sobald aber mit dem Eintreten oeI Winters im Mai die Nebel herabfallen, bedecken sich in wenigen Tagen Hügel und Berge mit Gras und Blumen; Herdell von Nindvich nnd Schafen weiden dann auf den grüueu Matten und fiudeu monatelang hin längliches Futter. Obgleich sie auf den Höhen kein Wasser finden, leiden sie doch keinen Dnrst, indem die oom Nebel nassen Gräser das fließende Wasser ersetzen. Prächtige Aussichten eröffneil sich oft von den Bergen nach den Thälern. Die Abwechslung von Gebüschen, Wiesen, Obstgärten und Feldern, das verschiedene Grün des Mais, des Weizens uud der Luzerne, die schän- I. Die peruanisch« Secküste. Fiss. L. Niescnfntt,is. mmdcn Gießbäche, dk kleinen Indianerdörfer, die sich in ciner Tieft ron tausend Metcvn weit besser ausnehmen als ganz in der Nähe, die zahl- 62 Reisen im Innern; die TamboZ. reichen Viehherden auf dcn Höhen, alles dieses bildet zuweileu anmntige Landschaftsbilder. Wegen der schlechten Wege, die den Transport mit Wagen unmöglich machen, müssen alle Produkte auf dem Rücken von Maultieren fortgeschafft werden, deren große Menge dcn so starten Anbau der Luzerne, der Hauptnahrung der peruanischen Pferde und Maultiere, notig macht. Man tmm annehmen, daß im Innern von Peru die Hälfte der spärlichen Bevölkerung entweder als Maultier- und Lamatreiber oder mit dem Anbau des für die Lasttiere nötigcu Futters beschäftigt ist. Daraus kann mau abnehmen, welch unendlichen Nutzen die Anlage guter Wege — nicht Eisenbahnen, die sich noch lange nicht rcnticreu werden — dem Lande gewähren würde. Aber auch bessere Brücken hätte man nötig, als die, welche man oft in schwindelnder Höhe über die schäumeuden und brülleudeu Bergwasser gespannt sieht. Diese Brücken bestehen aus Baumstämmen, die au hervorspringenden Felsen oder zuweilen auch an Mauerwerk befestigt siud. Darüber liegen kreuzweise 6—8 oin dicke Stöcke, welche mit kleingehauencn Steinen, Aloeblätteru und Erde bedeckt sind und dem Reisenden arges Bedenken einflößen, wenn er sie hinter einer großen Truppe von Packmaultiereu zu Pferde passieren mnß. Im Innern von Peru darf der Ncisende keine großen Ansprüche auf Komfort inachen. Sein Bettzeug muß er mit sich führen, teils nntcr, teils über seinem Sattel, und ist er ein Neuling, der noch an alle möglichen Bequemlichkeiten gewöhnt ist, so hat er seine Bettstelle und Matratze auf einem Packmaultiere nachzuschleppen. Mir waren diese Übcrflüssigkeiten schon längst auf meinen Fahrten durch Texas, Kalifornien und Mejico abgewöhnt worden. Der Neisende wird immer wohl daran thun, in seinen Satteltaschcn Schokolade, Cognae und einige Lebensmiticl mitzunehmen, denn häufig kommt er in Orte, wo auch rein gar nichts zu haben ist. Namentlich sind die Indiaucrdorfer in dieser Beziehung sehr schlimm. , Die Indianer wollen nichts verkaufen. Auf alle Aufragen antworten fie: „Ukinin cllnoliu" — „es ist nichts da", und manchmal sah ich mich auf meinen Touren im Innern genötigt, ein Ferkel oder Hnhn ohne Umstände totzuschießen, um uur etwas zum Essen zu haben. Wenn dann hernach der Indianer sein Geld für das getötete Tier erhielt, war er ganz zufriedeu und ließ es mit großer Bereitwilligkeit durch seine Frau kochen, allem freiwillig wollten viele nichts hergeben. Ob hieran Abneigung gegen die Weißen, oder — wie andere bchanvtcn — ihre große Anhänglichkeit au ihre Haustiere die Schuld trägt, wage ich uicht zu entscheiden. An dcn besuchteren Straßen sind in gewissen Entfernungen sogenanute „Tambos" oder Absteigequartiere errichtet, die aber selbst in dcn größeren Städten nicht sehr einladend aussehen. Meist sind sie von ungebrannten Backsteinen erbaut und mit Hohlziegeln oder Stroh gedeckt und haben, mit Ausnahme der Städte, wo sie viele kleine Zimmer ohne Fenster und d. Schütz, Amazonas. —^— 2 I. Dn' peruanische Seeküste. Möbel enthalten, mcisi nur einen einzigen großen Naum, worin alle Gäste untergebracht werden. Ein gemauerter, drei Fuß breiter Norspruug geht längs der Wand um den ganzen Saal und dient als Bettstelle, was auch geuügt, dn jeder Reisende seine eigene Matratze und Bettdecken mitbringt. Konnneu mehr Gäste, als auf dem Vorsprung Platz finden, sü breiteu die letzten ihre Decken auf dem Fußboden aus. Oft ist der Naum vollgepfropft mit Weißen, Negern, Indianern, Koffern, Kisten, Sätteln, Pferdezeug, Kampfhähncn u. s. w. Dazwifchen laufeu Hnnde, Meerschweinchen und Indianerkinder — kurz, es ist ein höchst sonderbarer und konnscher Anblick, nur nicht für den, der sich selbst dazwischen befindet. Ich für meinen Teil zog immer vor, wenn das Wetter nicht gar zn fchlecht war, im Freien zu, kampieren. In diesen Tambos ist stets Chicha (Maisbier) oder Branntwein zu haben; oft kann aber der hungernde Reisende kaum eine Kartoffel oder etwas Mais erhalten und kann Gott danken, wenn die Tambera sich herabläßt, für ihn eine Kartoffelsnppe zu kochen. Eine Sache vergißt aber der Peruaner nie mitzunehmen, wenn er auf Reisen geht, nämlich sein Nachtgeschirr, das überhaupt in Pern eine bedeutende Rolle spielt und oft auch als Lavoir gebraucht wird. Keine Serrana — Frau ans dem Innern — steigt an Bord eines Dampfers ohne ein solches Instrument in der einen Hand und ein oder zwei Kinder auf dein andern Arme zn tragen. Früher waren sie hänfig von schweren: Silbcr, in nenerer Zeit aber haben unternehmende deutsche Juden sehr mit diesem Luxusgegcnstande aufgeräumt, indem sie als Hausierer viele (Geschäftsreisen in das Innere unternahmen und es verstanden, ihre geringwertigen Pforzheimer Goldwarm den biederen Serranos aufzuhängen uud dieselben gegen schwere Silbergeräte zu vertauschen. Dadurch sollen jetzt die deutschen Goldwaren in Peru sehr in Mißkredit gekommen sein, uud das erste, wonach bei einem solchen Handel der Käufer jetzt fragt, ist, ob es deutsches oder französisches Fabrikat sei. Mir selbst ist es einmal ans einer Reise in das Innere passiert, daß in einer Hacienda, wo meine beiden Begleiter und ich gastliche Aufnahme fanden, bei Tisch für uns drei znsammm nur ein einziges Trinkglas hingestellt ward; beim Schlafengehen fand aber jeder ein schweres silbernes Nachtgeschirr vor. Das Thal von Magdalena befindet sich am Fuße der Kordillcra uud wird nicht mehr zur Küstengegend, sondern zur Sierra, dem Gebirge, gerechnet. Die Gebirgsbewohner oder Serranos stehen in Peru im Rufe, mißtrauisch und weniger gastlich und freundlich gegen Fremde zu seiu, als die heiteren, leichtlebigen Kreolen der Küste, und mag dies vielleicht daher rühren, daß die sogenannten Weißen im Innern fast alle mehr oder weniger Beimischung von indianischem Blute zeigen; überall aber, in Nordamerika sowohl als in Südamerika, hat der Indianer einen verschlossenen Charakter. Mir fiel schon damals dieser Unterschied zuerst im Thale von 34 Die Vüta. Magdlllena auf, und in neuester Zeit erwähnt ihn wieder der französische Reisende Wiener, der auch bei den Bewohnern uon Magdalena keine gastliche Aufnahme fand, sundern genötigt wurde, mit seineu müden Tieren noch zwei Legnas (drei Wegstunden) weiter auf schauderhaften Gebirgswegen nach Niamas zu steigen. Wenige Stunden hinter Niamas, auf eiucr Höhe von etwa 4000 m über dem Meere, wo zuweilen schon ziemlich hoher Schnee liegt, fängt man an, die Wirkungen des verminderten Luftdruckes zu spüren. Menschen und Tiere bekommen zuweilen schon hier oft die „Veta", eine Art Seekrankheit, die von furchtbaren Kopfschmerzen und großer Ermattung begleitet ist. Die davon befallenen Pferde und Maultiere stürzen plötzlich nieder, und wenn mau sie uach einiger Zeit wieder in die Höhe bringt, so zittern sie au allen Gliedern und können sich vor Mattigkeit kaum selber von der Stelle schleppen, viel weniger noch einen Neiter tragen. Die Arrieros pflegen dann den Pferden die Nasenlöcher aufzuschlitzen, um ihnen das Atmen zu erleichtern; auch soll das Einreiben der Nasenlöcher mit Knoblauch ciu gutes Präservativ gegen die Veta seiu. Im ganzen sind die Maultiere dem Übel weniger ausgesetzt als die Pferde; am meisten leideu dic in der Küstcugegend gezogeneu Pferde, währeud die in der Sierra gezüchteten nichts davon merken lassen. Bei den Menschen bestehen die ersten Symptome der Veta in Kopfweh, Übelkeit und Schwindel, doch bekommt sie nicht jeder; ich selbst z. B. habe in den hochgelegenen Gegenden nie etwas anderes davon verspürt, als Appetitlosigkeit; korpuleute Personen bekommen gewöhnlich stärkere Anfälle als magere. Die Spanier nennen die Krankheit „Veta" (Crzgang), weil sie glauben, daß dieselbe von der Ausdünstung gewisser Erze herrührt; diese Ausicht entstand wohl dadurch, daß das Übel zuweilen in niedriger gelegenen Gegenden, wo viele Erzgänge vorkommen, heftiger auftritt als in höhergclegenen. Ein gutes Mittel dagegen ist der Genuß uou Cocathcc. Wegen seiner Ähnlichkeit mit der Seekrankheit (luareo) wird das Übel von den Spaniern anch „Mareo" genannt; doch fühlt man bei der Seekrankheit nicht die Atmnngs-beschwerdcu wie bei der Veta, die manchmal sogar einen tödlichen Ans-gang uimmt. Leute, die gerade uon der Küste kommen, leiden darunter am meisten; nachdem man aber einige Zeit im Hochlande zugebracht, gewöhnt man sich au die düunere Atmosphäre und verspürt nichts mehr von der Veta. Merkwürdig ist es, daß einige Hanstierc sich gar nicht an diese Luftveränderung gewöhnen können. In einer Höhe von mehr als 4000 m über dem Meere krepieren fast alle Katzen uuter furchtbaren Konvulsionen, weshalb man in den Städten nnd Dörfern der Puna (kalte Hochebene) keine Katzen antrifft; auch Hunde werdcu zuweilen von der Krankheit befallen, doch nie so stark wie die Katzen; anch erholen sie sich meist rasch wieder. 3" 35 I. Die peruanische Seeküste. Die Hochebene oder Puna, welche das große Thal von Cajamarca beherrscht, ist wenig breiter als eine Wegstunde, und uom Nande derselben sieht man tief unten im Hintergründe des schönen, weiten Thales, von verschiedenen Türmen überragt, die alte Residenz des unglücklichen Atahnalpa, des letzten Inca von Peru. Das Hinabsteigen ist nicht leicht, das Terrain ist felsig und schlüpfrig, und man braucht gut anderthalb Stuudeu, bis Ulan zu den ersten Häusern vou ssajamarca gelangt. 3« '/L 21,»Z "3 oilNMvlvV ni U?1?F noa 3jamc>icll (Wasseitraacr). Bäder des Inca; alte Kunststraßeu. Stadt befinden sich die sogcnaunten Bäder des Inca, die noch wohl erhalten sind. Warmes, schwefelhaltiges Wasser sickert hier aus dem Boden und bildet einen kleinen Bach, dcr sich in Wiesen verliert. Das Hauptreservoir, ungefähr 10 m im Quadrat haltcud, ist von Mauerwerk em-gcfaßt, mit einer Granittreppe «ersehen und sieht noch so aus, wie es im sechzehnten Iahrhnndert ausgesehen haben mag. Nm Allerseeleutagc werden hier große Feste gefeiert, zn denen die Indianer aus großen Entfernungen hinströmen. Sie glanben, der Tenfel habe die Bäder geschaffen, und sie gießen an diesem Tage große Quantitäten Weihwasser in die Quelle. Gin merkwürdiges, buntes Leben entfaltet sich dauu auf diesen blnmigcn Wiesen. Indianerinueu kommen angeritten, wie Münuer zu Pferde sitzeud, andere treiben zu Fnß ihre mit Ehicha und Eßwarcn bepackten Eselein vor sich her; hier wird gekocht, dort wird getrunken nnd zum Klänge einer Nohr-vfeife getanzt, eine Art Jahrmarkt wird zugleich abgehalten, wobei auch die weißen Honoratioren der Stadt und selbst Mönche nicht fehlen. Nicht sehr weit von Eajamarea sind auch die Neste der berühmten Incastraße noch sichtbar, welche so sehr die Bewunderung der spanischen Eroberer erregte, indem damals in Europa nichts der Art zu finden war. Die Straße führte von Euzco nach Quito 2000 kin weit über die schwierigsten Vergpässe der Welt; sie war 6 in breit, eben nnd gepflastert. Felsen waren durchbrochen und Schluchten ausgefüllt, während Scilbrücken über die Flüsse führten. In knrzen Unterbrechungen waren Vertiefungen angebracht, um die großen Wassermassen der häufig wiederkehrenden wolken-bruchartigen Negen abzuleiten, uud die Nuiuen der Statioushäuser für die Läuser des Inca kann man heute uoch stcllmweise sehen. Diese Gebäude waren je nach der ebenen oder steilen Beschaffenheit der Straße in größeren oder kleineren Entfernuugen voneinander erbaut. Nach einer Überlieferung der hentigen Indianer soll auf dieser Straße eine nngemcin schnelle Beförderung stattgefunden haben. So wird erzählt, daß der Iuca in Cajamarea täglich frische Fische verspeiste, die alls der Gegend von Huauchaco — über 200 Icin cutfernt — bezogeu wurdeu. Bedenkt man, daß au jedem Stntionshause ein frischer Läufer bereit staud, der im vollsteil Laufe zum uächften Posten eilen konnte, so ist es nicht geradezu als unmöglich zu bezcichucu, daß die nm srüheu Morgen gefangenen Fische am Abend in den Händen des Inca-Koches waren. Unzweifelhaft diente dieser Kurierdienst anch politischen Zwecken; durch denselben wurden die Incas Meister dcr Entfernung und übten so den nachhaltigsten Einfluß auf die zahlreichen unterworfenen Nolksstämme. Nicht weniger bewuudcrnswert als diese Straßenbauten waren die Bewässerungsanlagen der alten Indianer. Im Thale uon Nasca z. B. befindet sich ein kleiner Bach, der die Hälfte des Jahres trocken liegt. Schon die Vorgänger der Incas — denn die Incas waren nicht die ersten Grün- 39 II, Cajllmcirca. der der altperuanischen Kultur — hatten tiefe Gräben im Thale und weit hinauf im Gebirge graben lassen, und wo dieselben ihren Anfang nahmen, wissen die heutigen Bewohner gar nicht mehr zu sagen. Diese Grüben sind über 1 in tief, ausgemauert und mit Steinplatten bedeckt. Weiter unten im Thale teilen sie sich in kleinere unterirdische Kanüle, die sich in verschiedenen Richtungen verzweigen und mehreren großen Pflanzungen das zur Bewässerung notige Wasser heute noch gewähren. Gin anderer großer Kanal war zur Bewässerung ausgedehnter Ländereien mehr als 200 1 Siehe „Ausland" 1871, „Veiträge zur peiuan. Ethnologie" von F. v. Hcllivald. '<»f ?1I3Z N^ 'VIUj^ I?lZ Neligiöse Mythen; Vandmkimiler. Capac zllrückgefübrt, der im 1l. Jahrhundert II. ^lu'. gelebt haben soll und eine ebenso mlnhische Person zll sein scheint, wie sein Itamensvcttcr Manco^'apac l. nnd die übrigen von Montcsinos angeführteil Könige der Urzeit. Allgemeili läßt nian den (Gründer der Inca^Dynastie querst in der Nähe des Titicaca-Sees erscheinen, und soll er uach Besicgnng der Amazonen Cnzco cvobert, oder nach anderen erst gegründet haben. So viel geht alls allcu diesen Sagen heruor, dasi vor Grüuduug des Iilca-Neiches seit den ältesten Zeiten, wovon eine Erinnerung im Volke bewahrt ward, zahlreiche Einwanderungen in die heutigeil Gebiete vou Ecuador, Peru nnd Bolivia, und zwar meistens in der Richtung von Nord nach Süd, stattgefunden haben. Kaum minder dunkel und verworren sind die religiösen Mythen der Peruaner. Wie überhaupt die Naturvölker die (Gegenstände der sinnlichen Wahrnehmnngen beseelt zu denken pflegen, nnd selbst Steinen nnd Felseil oft Willenshandlungen nud menschliche Empfiudungsfähigkeit zutrauen, so glanbten die alten Pernaner, alle Dinge in der Natur hätten ein Ideal oder eine Seele, welche dieselben regiere nnd leite und zn der man um Hilfe flehen könne. Dies war der klaube des Volkes, der heilte bei ihm noch nicht ganz ausgerottet ist. Alis diesem Glauben hat sich vermutlich später der Souncnt'ultus der Herrscher entwickelt; gleichzeitig bestand aber auch unter den cioilisierten Küstcnuölkcru der Glanbe an einen Schöpfer der Welt, Pacchacamac — nach Tschudi bedeutet das Wort: „Er, welcher die Welt aus nichts erschuf", und ist zusammengefegt ans I^iooin^ die Erde, und oama«, das Participium Präscntis uo» caiman, etwas anc, nichts hervorbringen. Die Küstenstamme scheinen auch ihre Krakel gehabt und au Wahrsagungen und Zauberei geglaubt zu haben. Die Inea-Dynastie selbst leitete ihren Ursprung uon der göttlich verehrten Sonne her, nnd ihr mythischer Stammhalter Manco-Capac galt' für einen Sohn der Sonne. Trotz aller Mühe jedoch, die früheren reli-ssiüscn Slistemc zu unterdrücken, konnten die Incas die Verchrnng anderer, älterer Gottheiten nicht völlig verlnudern und mnsitcn sich begnügen, dieselben meist in ein gewisses Nbhängigkeitsverhältnis zu ihrem Sonnengottc zu bringen. Die wichtigste dieser älteren Göttergestaltcn ist der nach einer Sündflnt dem Titicaca-See cntstiegene Viraeocha, der die Sonne, den Mond nnd die übrigen Gestirne geschaffen, nnd uach Garcilazo de la Vega dieselbe Gottheit war wie Pacchacamac, der Schöpfer der Erde, welcher besonders in den Küstengegenden lieben dem Sonnengottc, ia trotz der Anstrengungen der Incas dort mehr als dieser letztere verehrt ward. Höchst wichtig zur Beurteilung der Kulturvcrhältuisse und des Ursprunges der alten Peruaner sind ihre Baudenkmäler, von denen noch viele vorhanden sind und von namhafteil Archäologen nntersncht wurden. Diese Ruinen sind über Peru, Bolivia und Ecuador zerstreut und lassen er- 47 II. Eaimnarca. kennen, daß sie zu verschiedenen Zeitepochcn crbant worden sind, da verschiedene Baustile vorkommen. Jedoch trifft man wieder denselben Stil in sehr weit voneinander entfernten Gegenden, worans hervorzngchen scheint, daß diese Monnmente wohl zu verschiedenen Zeiten, aber nicht von verschiedenen VolkZrassen erbaut wurden. Die ältesten derselben stammen wohl aus sehr früher Zeit, uud im ganzen lassen sich — nach der Ansicht Markhams — fünf bestimmte Banstilc nachweisen, von denen jeder einen langen Zeitraum repräsentiert. Der älteste besteht ans Wällen von nnbehauenm Steinen und Lehm auf Terrassen oder Plattformen, und die noch vorhandenen Neste ans dieser sehr entfernten Periode hatten wahr- Fig. 11. Mllnolithportal bei Tiahnanaco. (Restauriert.) scheinlich als Festnngcn znr Verteidigung gedient. Der dem Alter nach zweite Stil wird durch die cyklopischen Nuincn repräsentiert, die erst zn einer Zeit entstanden sein können, als die peruanischen Herrscher große, dichtbevölkerte Lander erobert hatten, so daß sie, absolute Despoten wie sie waren, über zahllose Arbeitermassen nach Belieben verfügen konnten. Der cyklopische Baustil wird durch ungeheure Steinblöcke charakterisiert, welche nur da, wo sie an den nächsten stoßen, dort aber haarscharf beHauen sind; ferner dnrch große Steinplatten uud Steinbalken, durch das Bestreben, rohe Figuren an diesen Platten ansznhaucn, dnrch kolossale, aber sehr rohe Figuren, und durch Sitze und Treppen, die ganz genan aus riesigen Mono- 49 Fünf verschiedene Baustile. lithen oder auch ans dein stehenden Felsen gehauen sind. In Peru finden sich noch sechs Ruinen dieser Art uor, sowohl im Norden bei Huaraz als im Süden am Titieaea-See; die letzteren liegen jenseits der Grenze in Voliuia und sind die merkwürdigsten von allen, die berühmten Ruinen von Tiahuanaco. Über die Erbaner derselben sind die Gelehrten durchaus uicht einig. Prescott, der sie natürlich auch für die Werke eines civilisicrten Fig. 12. Weinende Gottheit. (In Stein gehauene Flssur vom Mo»olithpaital bei Tiahuanaco.) Geschlechtes hält, sagt ganz richtig: „Wer eigentlich dieses Volk war, von wo cs kam, bietet ein interessantes Feld zur spekulativen Untersuchung." Einige Forscher schreiben sie den Aymara zn, die von den Incas unterworfen wurden und heute noch in derselben Gegend, in der Nähe des ^iticaca-Secs wohnen. Andere, wie Squicr, Mark ham uud Vol laert, halten sie für älter, da sie mit den Überbleibseln aus der Aymara-Zeit, von denen noch viele vorhanden, keine Ähnlichkeit zeigen. Merkwür- v. 2chütz, Anwzomis. 49 ^ II. Cajamarca. dig dabei ist, daß sie sich auf einer kalten nnd öden Hochebene, wo nichts mehr gedeiht, 4000 ni über dcm Meere befinden. Der dritte peruanische Banstil, der viel junger als der vorhergehende zu sein scheint, zeigt schon einen großen fortschritt in der Kultur. Vernünftigere Herrscher sahen bereits ein, welch unnütze Vcrschwcndnng von Arbeitskraft darin lag, riesige Steinblocke, die viele Hunderte von Zentnern wogen, abzusprengen nnd manchmal auf große Entfernungen weiter-zuschlepven. Doch ward dasselbe Muster beibehalten; noch immer wnrden Manern aus polugonförmigeu Steinen, die zwar rauhe Außenflächen hatten, aber genau aufeinander paßten, errichtet; iedoch war dic (^röße der Steine Fiss. U< Kiopf von «vanit an micr Mai,«. schon sehr reduziert, so daß sie leicht weitergeschafft und emporgehoben werden konnten. In den Mauern finden sich Neihen von Thorwegen und Vertiefungen mit steinernen Thürstürzen, die schief nach innen sich wenden. Der vierte Stil wird durch regelmäßigere Lagen der Steine charakterisiert, wobei jedoch nicht alle Steine Parallelogramme sind und zuweilen die oberen und unteren Steine schwnlbeuschwanzartig ineinandergefügt sind. Diese Maueru haben gewöhnlich eil. Karnies unter der obersten Steinlage. Schließlich finden wir die neuesten Gebäude mit vollkommen Horizontalm Lagen und glatt behaucnen Steinen. Hier sieht man rechtwinkelige Thor. wcgc, Fenster und Mauervertiesungen, zuweilen auch Schlangen und an 50 Kultm'cmtrm; Staatcnbildlnig. "dere Figuren in erhabener Arbeit an den Mauern ansgehancu. Die Paläste in Cnzco, dor Hanptstadt der Incas, die östliche Seite des dortigen Sonnentempels und die Gebäude ans den Inseln des Titicaca-Sccs gehören diesem Baustile an. In Cnzco sind die Steine ein duutler Trachut, dessen grobes Korn eine größere Adhäsion zwischen den Blöcken bewirkte. Die Arbeit ist uuübertreffbar, und was das Behanen nnd Einfügen der Steine betrifft, so findet man in der ganzen Welt nichts so Kunstvolles, wie in den Ruinen der Inca-Paläste zu Cnzco. Kein Cement ward angewendet und die grössten Steine befinden sich in der untersten Reihe, wobei jede höhere Lage immer schmäler wird, was sich sehr gut ansnimmt. Der Sonnentempel war gänzlich mit Goldplatten belegt, von denen noch mehrere, so dünn wie Papier, in einigen Privathäusern zu Cuzco aufbewahrt werden. In Cuzeo sind überhaupt noch viele Neste von Palästen nnd Tempeln vorhanden; im allgemeinen sind ihre Maliern glatt, doch trifft man auch daran Schlangen, die an den Steinen in erhabener Arbeit angebracht sind, und es ist wahrscheinlich, dan die Inca-Paläste mit vielen Skulpturen, die später zerstört wnrdeu, geschmückt waren. Noch kann man dort zwei große Steinfiguren, ein unbekanntes Tier vorstellend, scheu, die aus den Gärten des Sonnentempcls stammen sollen. Nnr das Gewölbe scheint die Peruaner nicht angesprochen zu haben, wenigstens kennt man nur eiu eiuziges Beispiel eines solchen in den Ruinen von Tiahuanaco; auch der Rundbogen gehört zu den ganz besonderen Seltenheiten, doch fand sich dieser, und zwar in sehr schöner Form, oben an dem Sonncntempel zu Cuzco, vou welchem Dr. v. Tschudi in seinem großen Werke „^nti^uo den polynefischen oder malayischen nnd selbst an den Hindu-Typus erinnert. Oft trifft man ganz nahe znsammen solche in ihrem Aussehen ganz verschiedene Stämme; so z. V. am Ausflüsse des Huallaga ill den Maranon die Cocamas nnd am Ucayali die Combos mit mongolenartigen breiten Gesichtern und Stnmpf-nasen, während die nicht weit von ihnen am Maraiwn wohnenden Mguas hübsche ovale Gesichtsformen und gebogene Nasen haben. Ich kann daher jener weit verbreiteten Ansicht nicht beipflichten, daß alle Ureinwohner Amerikas sich nntercinander so gleichen „wie Vollblntjnden", und daß die einzige Nasse, zn der sie in nähere Verbindung gefetzt werden können, die mongolische sei. Or. v. Tschndi ist infolge vieler Schädelmessnngen, die er vorgenommen, zn der Ansicht gelangt, daß drei ganz scharf zu unterscheidende Nassen vor Gründnng des Inca-Neiches auf diesem Gebiete wohnten: die Küstcnstämme, dann die Bewohner der kalten Hochebenen, die in ihrem Schädelban eine große Ähnlichkeit mit den Guanchen, den alten Bewohnern der Canarischen Inseln, zeigen, nnd endlich die Hnancas, die gleichfalls im Hochlande, aber nur zwischen 9—14" sndl. Breite, zwischen der Küstcn-^ordillera und der ssentralkette der Andes, wohnten. Der französifche forscher Marcoy, der gleichfalls sehr viele Gräber untersncht hat, sagt, man könne auf den ersten Blick erkennen, welchem Volke die in den Gräbern gefundenen Mumien angehören. Bei den Aymaras, den Bewohnern der südlichen Hochlande, sitzt der Tote im Grabe, bei den Huancas liegt er auf dem Nückeu, und bei den Qnichnas, dein Volke, dem die IncaZ entstammten, hat die Leiche die Kniee bis znm Kinn- hinaufgebogen. Dein soi nnn wie ihm wolle, soviel ist sicher, daß jedenfalls im Gebiete des alten Inca-Neiches — ftcnador, Pern, Bolivia — sich zum wenigsten 58 II. Cajamarca. zwei sehr dämlich voneinander geschiedene Klllturstufen nachweisen lassen — jene der vor-incasischen und die der incasischen Epoche. Was nun die sogenannte väterliche Negiernng der Inca5 betrifft, so war ihr socialistisch-theokratisches System der vollendetste Staatsabsolutis-mus, den man sich denken kann; es herrschte darin eine Vielregiererei, wie sie der strammste dentsche Bureaukrat nicht schöner wünschen kann; nichts war der Initiative des Einzelnen überlassen, das Individuum ging völlig un Staate unter, und dieses ist anch der Grund, weshalb en den Spaniern, nachdem sie einmal des Inea sich bemächtigt hatten, so leicht ward, das große, mächtige Neich zu erobern. Ebenso war znr Inca-Zeit in Peru kein Eigentnm denkbar, denn es herrschte dort eine strenge Gütergemeinschaft, oder vielmehr, es gab nnr einen einzigen Eigentümer, den Inca, der durch seine Beamten den Unterthanen Frondienste auferlegte und alle Erzeugnisse der Arbeit wieder nntcr sie verteilen ließ. Das Negiernngssystem der Incas liefert auch wieder einen Beweis, daß ohne Staatsabsolutismns kein Socialismus oder Kommnnismns möglich und daß dieselben mit der Persönlichen Freiheit unverträglich sind. Für das Wohl des Volkes war indes auf das beste gesorgt, nur war jedes Detail desselben, sogar des häuslichen Lebens, aus das genaueste reguliert nnd beaufsichtigt. Das ganze Neich war in vier große Provinzen eingeteilt, deren jeder ein Viee-könig vorstand. Unter diesen standen die Beamten, welche über tausend Familien zu regieren hatten, unter diesen wieder in regelmäßiger Ordnung die, welche für fünfhundert, hundert, fünfzig uud zehn Familien zn sorgen hatten. Des Decurio Pflicht war es, Saatkorn für die Felder und Wolle zum Weben herbeizuschaffen und über die Bedürfnisse seiner Pflegebefoh-leneu zu berichten, sowie Vergehen zu bestrafen und statistische Aufzeichnungen über Geburteu, Krankheiten, Sterbefälle, Ernten u. s. w. anzufertigen. Armnt war unbekannt, uud der Tyrannei nnd Willkür der Nnterbeamten ward dnrch die das Land stets bereisenden Inspektoren gesteuert. Die höheren Beamten sammelten zn bestimmten feiten alle Berichte und alle Einnahmen nnd übergaben alles dem Enraea oder Gou-vernenr. Die spanische Eroberung machte nun dieser komplizierten Staatsmaschinerie ein jähes Ende. Pizarro ward ermächtigt, au seine Gefährten Encomiendns oder große Lehensgüter zn verteilen. Diese Lehenträger bekamen anßcr den Ländereicn, die oft Hunderte von Quadratmeilen um-faßteu uud auf zwei Lebeu ansgedehnt wnrden, auch noch das Necht auf die persönlichen Dienste der darauf wohnenden Eingeborenen, waren aber verantwortlich für das richtige Eingehen des Tributes an die Krone, und hatten die Verpflichtung, die Eingeborenen gerecht zu behandeln und zu beschützen, sowie in jedem Distrikte einen Seelsorger für dieselben zn bestellen. Allein hier hatte man den Bock zum Gärtner gemacht. Die 54 Ncgicrimgssystcm dcr spanischen Erobcrer. rohen, habgierigen Abelitcurer begingcu solche Ereefse und Grausamkeiten, daß Bischof Las Casas uud andere wohlmeinende Männer den Kaiser Karl V. bewogen, im Jahre 1542 die sogen, „nenen Gesetze" zu erlassen, nach welchen die Encomiendas gleich nach dem Tode des Lehenträgers an die Krone zurückfielen, die Indianer eine feste Kopfsteuer als Tribut zu zahlen hatten nnd die Zwangsarbeit derselben verboten ward. Diese „ueueu Gesetze" erregten einen wahren Sturm unter den Abenteurern; Gonzalo Pizarro, Bruder des d'roberers,. zettelte einc 'Revolution an, nnd obgleich dieselbe unterdrückt ward, war man in Madrid doch schwach genug, die neuen Gesetze, gegen welche die Abemeurer noch immer protestierten, im Jahre 1545 wieder aufzuhebeu. Im Jahre 162l» wnrdm die Gn-comicndas sogar auf drei Leben verlängert. Im Jahre 1568 ward ein sehr strenger Vieeköuig, Don Francisco dc Toledo, nach Pern geschickt, welcher das harte Regierungs-system entwarf, unter dem die eingeborene Bevölkerung von Peru zwei Jahrhunderte lang zu leiden hatte, ^u seinem „^ibro de Tasas" (Taxenbuch) war der Tribut, deu die Indianer zu zahlen hatten, genau festgesetzt und alle Männer über fünfzig und nnter achtzehn Jahren waren davon befreit. Übrigens war er ein tüchtiger Administrator und sah bald ein, daß das System der Encomiendas bedcntend geändert werden nnd daß man bis zu ciuem gewissen Grade wieder znm alten Systeme der Iucas seine Zuflucht nehmen muffe. Die Indianer follten wieder uon ihren eigenen Häuptlingen regiert werden, welche wie in der Inca-Zeit den Tribut einzutreiben, denselben an die spanischen Corregidores (Pra-fckten eines Departements) abznlieferu nnd gewisse richterliche Funktionen auszuüben hatten. Diese Häuptlinge oder Curaeas hatten Nnterbcamte unter sich, die über 500 Familicu gesetzt waren, nntcr denen wieder andere standen, die nur hundert Familien regierten. Viele Curacas waren Abkömmlinge der ^ncas oder von Adeligen ans der Inca-Zeit. Anßer dem Tribute aber, an den die Indianer uon früher her gewohnt waren, führte Toledo noch zwei Institutionen ein, die zn den schändlichsten Mißbräuchen und furchtbarsten Erpressungen Anlaß gaben, nämlich die Mita und die Nepartimieutos. Die Mita war Zwangsarbeit in den Bergwerken, Plantagen nnd Fabriken. Toledo bestimmte, daß der siebente Teil der männlichen Bevölkerung jedes Indiancrdorfes zu diesen: Dienste heranzuziehen wäre, dafür aber Bczahlnug erhalten sollte; auch durften sie nicht weit von ihrer Heimat weggeführt werden. Jeder Spanier nun, der solche Arbeiter nötig hatte, tonnte fie vom Corregidor augewiesen erhalten unter der Bcdinguug, dem Indianer Vg Dollar täglich für Arbeit in den Bergwerken uud V^ Dollar für Feldarbeit zn zahleu, sowie jährlich der 3iegieruug eine Tare von 3 Dollars (statt des Tributes, von dein der Iudianer befreit ward) zn entrichten. Dann gab es unter den Indianern 55 II, Cajamana. noch eine Klasse, die schon zur Inea-Zcit aus Kriegsgefangenen gebildet worden war, welche 3)anaeonas genannt und zu häuslichen Arbeiten verwendet wurden. Toledo, dessen einzige Absicht bei der Gründnng der Mita gewesen war, das Land zn heben und seinen Reichtum zu vermehren, hatte wohl die schrecklichen Folgen derselben nicht vorhergesehen. Aber schon im Jahre 1620 berichtete der Vicekömg Prinz von Esqnil ache nach Madrid, „der Arm des Vicckönigs sei nicht mächtig genug gegen die Nachlässigkeit und die schlechte Verwalmug der Eorregidoren". Im Jahre UM? klagte der Vieekönig Herzog von Palata über die Entvölkerung der Indianerdörfer, die davon herrühre, daß man die Indianer in den Plantagen, Bergwerken und Fabriken übermäßig lange Zeit mit Gewalt zurückhalte. Ebeuso erklärten noch andere Vieekönige, dieser Ursache sei die rasche Entvölkerung des Landes zuzuschreiben. Eine ausführliche Schilderung der Mißbrauche, die mit der Mita getrieben wurden, lieferte Antonio de Ulloa, der von der spanischen Negierung den Anftrag erhalten, die in Peru herrschenden Zustände genau zu untersuchen, in seinem im Jahre 1740 geschriebenen Berichte, aus dem wir hier einiges mitteilen wollen. Die Indianer sollten eigentlich, wie Ulloa bemerkt, mir für den Zeitraum eines Jahres die Mita leisten und nach Verlauf dieser Zeit nach ihren Dörfern zurückkehren. Andere hätten fie dann abznlösen, sie selbst aber sollten frei bleiben, bis die Reihe sie wieder treffe. Allein diese Formalität, obgleich dnrch das Gesetz vorgeschrieben, werde selten mehr beachtet, und für die armen Indianer bleibe es auch ganz dasselbe, ob sie für einen Pflanzer oder Vergwerksbesitzer Mita leisten, oder als sogenannte freie Leute für den Corregidor arbeiten — die Qual bleibe immer dieselbe. Auf den Plantagen erhielt nach Ulloa der zur Mita verpflichtete Indianer 18 Dollars Lohn im Jahre und ein Stück Feld, ea. 30 m im Quadrat, um feine Lebensmittcl darauf zu ziehen. Dafür mnßte er .800 volle Tage im Jahre arbeiten, die übrigen 65 verblieben ihm für Sonn-und Festtage, seinen eigenen Feldbau, Krankheiten n. dgl. Von diesen 18 Dollars wurden nun vorweg die 8 Dollars Tribut abgezogen, welche ' sein Herr für ihn jährlich an die Regierung zu entrichten hatte, es blieben ihm also nur 10 Dollars übrig. Hiervon gingen 2 Dollars ab für 2 m Zeug zu seiner Kleidnng, und mit dem Neste von 8 Dollars sollte er seine Familie, wenn er eine solche besaß, ernähren und kleiden. Da das ihm überlassene Feld zu klein war, um darauf den für ihn und seine Familie nötigen,Mais zu ziehen, so mnßte er von dem Gutsherrn uoch Mais kaufen, der ihm natürlich doppelt angerechnet wurde, so daß er dadurch wieder in Schulden geriet, die er im nächsten Jahre abzuarbeiten hatte. Dies war aber noch nicht alles. Häufig krepierte auf der Weide irgend ein Stück Vieh, und nm feinen Wert nicht zu verlieren, ließ der Gntsherr Harte Behandlung der Indianer. es dann nach Hause schaffen nnd das Fleisch, das oft kaum für Hunde gut genng war, an die Indianer pfundweise verkaufen. Noch ein anderer grausamer Mißbrauch ward mit den armen In-dianern getrieben. In schlechten Jahren stieg nicht nur der Preis des Vrotkorns, des Mais, zu enormer Höhe, sondern im Verhältnis anch der Preis aller andern Bedürfnisse, nur nicht der Lohn der zur Mita verpflichteten Indianer. Dieser zog in seinem kleineu Gärtchen, das ihm der Gutsherr zur Benutzung überließ, etwas Mais und Kartoffeln, womit er in guteu Jahren sich und seine Familie teilweise ernährte, in schlechten Iahreu reichte es kaum für einen Monat hin. Fleisch bekam er, wie bemerkt, nur zu kosten, wenn ein Stück Vieh krepierte. In schlechten Jahren geriet also der unglückliche Mann tief in Schulden, der Gntsherr hatte aber als Gläubiger dann dao Necht auf seiue Person erlangt und nötigte ihn, im Dienste zn verbleiben, bis die Echnld abbezahlt war. Oft war ihm dies unmöglich nnd dann blieb er zeitlebens cm Sklave; sogar seine Kinder waren gegen alles Necht verpflichtet, mit ihrer Arbeit für d.ic Schnld des Vaters ,^u haften, lind so fonderbar es auch kliugen mag — in manchen Teilen der „freien Republiken" von Pern nnd Bolivia ist dieses schändliche System den Indianern gegenüber noch heute im Gebrauche. Obschon ungesetzlich, zwiugen die Gutsherren dort noch oft die Indianer, für die Schulden ihrer Väter einzustehen und dieselben abzuarbeiten, wodurch die Indianer in ewiger Knechtschaft gehalten werden. Noch fchlcchter als anf den Plantagen und selbst schlechter als in oen Bergwerken, wo sie wenigstens höhcrn ^ohn erhielten, erging es den Indianern in den Tnch- nnd Banmwollfabrikcu. Die Arbeit begaun hier vor Tagesanbruch, jedem Iudianer ward das Tagewerk, das er verrichten mu^te, aufgegeben und dann die Thüre verschlossen. Gegen Mittag ward sie wieder geöffnet, damit die Weiber ihren Männern das kärgliche Mahl bringen konnten; dieses mnßtc rasch verzehrt werden und dann ward die Thüre wieder verschlossen. Nach Dunkelwerden erschien der Aufseher, nm die Arbeiten einzusammeln; diejenigen Iudianer, welche ihre Arbeit nicht beendigt hatten, wurden, ohne daß man ihre (>ntschnldignngen anhörte, nuf die grausamste Weise bestraft. Peitschenhiebe regneten förmlich anf dieselben; daranf wnrden sie entweder in demselben Saale wieder eingesperrt, nm die Arbeit zu vollenden, oder sie wurden in das Voch geworfen nud iu deu Stock gesteckt, wobei es wieder Hiebe absetzte. Jedes andere Vergehen oder Versehen ward gleichfalls stets mit Auspeitfchung bestraft und jeden Tag wurden sie in den Fabriken anf dieselbe Weise behandelt — ein nm so infamerer Gebrauch, als dem Indianer ohnehin schon jeder Fehler in seiner Arbeit angerechnet ward nnd er nach dem (5ndc dcs Jahres alles Versäumte ertra nachholen mußte. So wuchs anch in dm Fabriken oft die Schuld dieser unglücklichen ^eme von Jahr ;u Jahr ^57 II. Cajcnnarca. und zuletzt ward der Indianer mit seinen bindern der Sklave des Fabrikbesitzers. Die Folge dieser schrecklichen Behandlnng war nur zu oft, daß die Indianer bald nach ihrer Ankunft in der Fabrik erkrankten. Der Hunger, die schlechten Lebensmittel, die so oft wiederholten grausamen Strafen, Krankheiten u. s. w. rieben die Indianer rafch auf, und oft starben dieselben, ehe sie durch ihre Arbeit den Tribut bezahlen konnten. Dies war eine der Ursachen der so raschen Abnahme der indianischen Bevölkerung in Pern. Der Gebranch, die Indianer znr Strafe nach den Fabriken zu bringen, war so allgemein geworden, daß dies schon wegen geringer Vergehen ge-schah, ja selbst für kleine Privatschulden wurden sie oft dorthin geschickt. Allgemein war in Peru die Ansicht verbreitet, daß ohne die Mita die Indianer einem vollständigen Müßiggange fröhnen und dann Ackerbau, Bergban und Industrie unmöglich sein würden; allein diese Annahme, meinte Ulloa, sei grnndfalsch. C's sei wohl wahr, daß die Indianer gleichgültig seien nnd es viele Mühe toste, sie znr Arbeit zu bewegen; doch komme dies großenteils daher, daß diese Unglücklichen so niedergedrückt und durch die üble Behandlung, welche sie vou den Spauiern erfahren, so mutlos geworden seien, daß es nicht zn verwundern sei, wenn sie alles mit Widerwillen verrichten. Man könne allerdings nicht leugueu, daß die Indianer wenig Liebe znr Arbeit zeigten, denn sie schienen anch von Natur langsam, phlegmatisch nnd fahrlässig zn sein; allein ebenso gewiß sei es, daß ihre Trägheit sie nicht am Arbeiten hindere, wenn sie irgend einen Vorteil für sich selber davon zn erwarten hätten. Die ökonomischen Grundsätze, welche in jenen Ländern herrschten, seien in Vezng auf die Indianer so unsinnig, daß es für die letzteren vollkommen gleichgültig sei, zu arbeiten oder nichts zu thuu, und deshalb könne man sich nicht wundern, wenn sie mehr znr Trägheit als zur Thätigkeit hinneigten. Für den Indianer sei es ganz dasselbe, Geld zu verdienen oder nicht, er könne sich doch keinen Genuß dafür verschaffeil; denn je mehr er arbeite, desto rascher gehe das Geld ans seinem Besitze in den der Gutsbesitzer, Beamteu nnd Pfarrer über. Mit weit mehr Necht könne man die Spanier gottlofe Tyrannen als die Indianer träge Fanttenzer nennen. Ulloa weist dann anf die großartigen Werke hin, die zur Inca-Zeit ausgeführt wurdeu, Bewässerungen, Brücken, Wege u. s. w., welche die Spanier aus Nachlässigkeit zum Teile wieder verfallen ließen, und bemerkt daun weiter, daß die freieu Indianer auch zu feiner Zeit noch ihre Län-dcrcicn mit Sorgfalt bebauten. Nur seien ihre Actergüter viel zu klein, weil man ihnen nicht mehr Laud übrig gelassen habe. Die Kaziten, denen man größere Besitztümer gelassen habe, bebauten große Felder, znch-teteu viele Herden und benutzten alles Mögliche, ohne dazu gezwungen zu werden und ohne ihre Diener mit Grausamkeit znr Arbeit anznhalten. RepllNimientos, Auch die anderen Indianer benutzten, wenn sie nicht gerade Frondienste leisteten, jede Stunde Zeit, nm für sich selbst zn arbeiten. Wenn aber den Indianern die Mita als Strase für ihren Hang znr Trägheit auferlegt werden müßte, so würden eine solche Strafe noch weit mehr alle Kreolen und Mestizen verdienen, welche es für eine Schande hielten, zn arbeiten, und zn gar nichts gnt seien. Dem könnte man noch hinzufügen, daß sich in dieser Beziehung — d. h. was die weißen Kreolen nnd Viestizen betrifft — seit Ulloas Zeit bis heute wenig geändert hat, sowie man überhaupt einen großen Teil seines Werkes mit der nötigen Abändcrnng von Namen, Jahreszahlen n. s. w. nnr abschreiben brauchte, nin ein getreneo Bild der heute noch in jenen rändern herrschenden Zustände zn liefern. Eine andere unsinnige Maßregel, welche die „väterliche" spanische Ncgicrnng zum Wohle der Indianer erfand, waren die Nepartimientos. EZ ward nämlich verordnet, die Corregidoren sollten für ihren Distrikt die nötigsten Waren anschaffen nnd dieselben zn mäßigen Preisen nnter die Indianer «erteilen, damit diese etwas hätten, womiz sie arbeiten könnten, ihre angeborene Trägheit ablegten nnd das zu ihrem Lebensnntechalte nnd znr Bezahlung des Tribnts kotige erwürben. Wie Ulloa berichtet, bestanden die Nepartimicntos in Maultieren, einheimischen nnd europäischen Fabrikaten nnd in Getreide. Die (''orregidorcn nahmen nnn sämtlich ihre Waren in Lima auf Kredit, da sie bei ihrem Amtsantritte fast nie Geld besaßen nnd nichts bar bezahlen konnten' natürlich mußten sie alles nehmen, was der Kanfmann ihnen anfhängen wollte, nnd außerdem hohe Zinsen für dac» Geld entrichten, welches ihnen der Kaufmann znr Anschaffnng der Transportmittel vorfchoß. War der Corrcgidor in feinem Distrikte angekommen, so begann er seine ^nnktionen damit, daß er die Indianer jedes Dorfes zählte und mit der grüßten Willkür für jeden die Onantität, Qualität und Preise der Waren festsetzte, die er zn empfangen hatte, ohne daß die Leute selbst er fnhren, was ihnen zngewiesen ward. Daranf übergab er dem Kaziken die Waren znr Verteilung nebst einer Liste sämtlicher Steuerpflichtigen, und begab sich sofort nach einem andern Orte, um dort dieselbe Arbeit fortzusetzen. Nachdem der Kazike uud die Indianer die Waren lind Preise angesehen hatten, so begann ihr Jammer; vergeblich waren alle ihre Vorstellungen nnd Klagen: sie mochten noch so sehr beteuern, daß ihre Kräfte nicht ansreichlen, nm so hohe Tnmmen zn zahlen, oder daß diese oder jene Waren für sie uüllig nnnütz oder dic Preise übertrieben seien, -— es half ihucu alles nichts. Nach anderthalb Jahren war die Schuld fällig nnd dann ward wieder zu einem nencn Ncpartimiento geschritten. Den Indianern war es nlcht freigestellt, an anderen Orten Waren zn kanfen, sie mnßten sie vom Corregidor entnehmen, der in den indianischen Dörfern anßcr seinein Kramladm keinen andern erlanbte. Nnch II. (illjamarca. Ward den Leuten kein Rabatt bewilligt, wenn sie die aufgedrungenen Waren gleich bar bezahlen wollten, der festgesetzte Preis mnßte entrichtet wcrdeu. Unter allen Repartimientos war der schlimmste der der Maultiere. Der Corregidor kaufte dieselben zu je 15 bis 18 Dollars und verkaufte sie dem Indianer zu 40 bis 50 Dollars, wobei er nach Gutdünken für jedeu vier oder sechs gute oder schlechte Tiere bestimmte. Die Leute konnten aber ihre Maultiere uicht benutzen wie sie wollten, sondern durften nur für solche Kaufleute Fracht annehmen, welche der Corregidor ihnen zn-wies, um so, wie cs hieß, den Schmuggelhandel zu verhindern. Kam nun ein Reisender nach einem dieser Orte, so hatte er sich wegen Beschaffung der nötigen Transportmittel an den Corregidor zn wenden (noch heute muß man sich im Innern von Pcrn meistens an die Behörden wenden, nm Pferde oder Maultiere znr Reise zu erhalten), der ihm einen indianischen Maultiertreiber zuschickte. Der Corregidor empfing den Betrag des Frachtpreises, wovon er die Hälfte auf Rechnung der Schuld für sich zurückhielt. War fo nach nnd nach die Schuld getilgt, so wies der Corregidor dem Indianer keine Reisenden mehr zu uud seine Maultiere konnten nnn zwecklos auf der Weide mnherlanfen, oder der Corregidor zwang ihn, wieder neue Tiere von ihm zu kaufcu. Durch diefe Ncpartimientos wurden auch den Indianern oft die unnützesten Sachen aufgehängt, wie Samt, feidene Strümpfe, Rasiermesser — obgleich sie keinen Vart haben —, Spiegel, Papier, Schreibfeocrn — nur die wenigsten können schreiben —, kurz, alle Ladenhüter, welche der Kaufmann dem Corregidor auf langen Kredit mitgab. Ebenfo mnßten sie Wein annehmen, Speiseöl, Oliven — lauter Sachen, die der Indianer nie anrührt und die er daher zu Spottpreisen wieder an die Kreolen vcr-kanfcn mnßte. Konnte aber der Indianer nach Ablauf des Termins nicht zahlen, so ward er in die Fabriken oder Bergwerke geschickt. Ein so furchtbarer Unfug ward mit diefen Nepartimientos getrieben, daß jeder Corrc-gidor -^ wie Ulloa berichtet — in seinein Distrikte jährlich für 100- bis 150000 Dollars Waren durchschnittlich verteilte. Im Jahre 1750 hielten die Corrcgidoren von Chayanta nnd Tinta drei Nepartimientos ans so skandalöse Weise, daß sich die Indianer unter der Führung des Kaziken Tupac Amaru, eines Nachkömmlings der IncaZ, erhoben und beinahe alle Corregidoren, sowie überhaupt alle Spanier, die ihnen in die Hände fielen, ermordeten. Sämtliches Militär von Lima, Santiago und Buenos Aires ward nach dem Innern von Peru geschickt und das ganze Land verwüstet und ausgemordct, bis endlich nach einem dreijährigen Vertilguugskricge, nachdem Tupac Amaru in Gefangenschaft geraten war, die Indianer nnter das spanische Joch zurückgebracht werden konnten. Der unglückliche Kazike ward zum Tode verurteilt und nach dem Richtvlatzc geschleppt, wo vor seinen Angen seine Gattin, Kinder Aufstand dcs Tupac Amaru; Wegnahme des Grundbesitzes, und nächsten Verwandten erdrosselt wurden, Dann ward ihm vom Henker die Zunge ausgerisscu, worauf man ihn durch vier uach verschiedenen Richtungen angetriebene Pferde vierteilen ließ. Nachher wurden alle noch leben-den Nachkommen der IncaZ nach Spanien geschleppt, wo sie — 250 Jahre nach der Zerstörung des Iuca-Reiches dnrch Pizarro — in verschiedenen Kerkern umkamen. So groh war aber damals noch die Verehrung der Indianer für die Iuca-Familic, daß, als Tupac Amaru vor seiner Hinrichtung durch die Stadt geführt wurde, sämtliche Indianer trotz aller Drohungen der Spanier vor ihm ans die Kniee sielen. Die Nepartimicntos waren auch die Ursache der großeu Indianer-Revolution vom Jahre 1742, wo alle Missionen der Franziskaner durch die wilden Ehuuchos zerstört wurden. Noch über eiue audere Ari, die Indiauer zu berauben, berichtet Ulloa. Kurz uach der Eroberuug wurden nämlich jedem Kaziken zur Verteilung unter die ihm nntergebenm Indianer gewisse Läudcreieu zugewiesen, welche aber nach und uach so beschnitten wnrden, das? sich zu Ulloas Zeit mir noch geringe Strecken im Besitze der Indianer befanden und die Mehrzahl der Eingeborenen gar kein Grundeigentum mehr besäst. Einigen ward ihr Land abgeschwindelt oder auch mit Gewalt abgenommen, andere wurdeu durch die benachbarten Gutsbesitzer genötigt, ihnen ihr Gütchcu für dan, was die Blutsauger geben wollten, zu verkaufen, uud wieder andere wurden durch falsche Vorspiegelungen überredet, ihr Land freiwillig abzuireteu. Viele Gutsbesitzer ließcu durch ihre Verwalter die armen Indianer so lange quälen, bis sie, der schlimmen Nachbarschaft müde, ihre Ländereicu zu Spottpreisen verkauften nnd nach anderen Gegenden wegzogen. Selbst der Klerus, welcher doch die armcu Indianer gegen die Bedrückungen der Beamten in Schutz nehmen sollte, handelte zum Teil, wie Ulloa berichtet, mit letzteren im Einverständnisse: wieder eiue der verderblichen folgen dcs Staatskirchentums, das in den spanischen Besitzungen vorzugsweise florierte. Ulloa verurteilt in dieser Bcziehnug ebensosehr die spamsch-amcrika-uisclM Ordensgeistlichen, wie die Weltgeistlichen; nur von deu Jesuiten macht er eine Ausnahme, vou dencu er folgendes sagt: „Die Jesuiten siud von großem Nutzen in den Städten, indem sie die Jugend unterrichten, au bestimmten Tagen der Woche den Indianern predigen und ihnen nützlichen Unterricht erteilen; ferner halten sie Misswnspredigten in Städten nnd Dörfern uud lassen nicht nach in ihren Bemühnngeu, den Lastern zn steuern. Zu jcder Stnude der Nacht sind sie bereit, Beichte zu hören oder entfernt wohnenden Kranken den Trost der Religion zu spenden, während sich die audercu Orden um alle diese Sachcu nicht kümmern uud uur auf die Wahrung ihrer weltlichen Intcrcsfeu bedacht sind." Dadurch machten sich die Jesuiten bald die übrige Geistlichkeit zu 61 II. Cajamarca. Feinden — wie sie auch hente noch dort ihre Hauptgegner in den Reihen des verweltlichten Klerus finden — und zugleich erweckte der Umstand, daß sie die Indianer zu heben und sie beständig gegen alle Unterdrückungen in Schulz zn nehmen suchten, den Haß der spanischen Beamten und großen Landbesitzer. Der große Kontrast, der zwischen den Indianern der Jesuiten-Missionen und denen ihrer eigenen Städte und Plantagen herrschte, mußte diese Ränber immer mehr erbittern und vermehrte ihr Geschrei gegen den Orden- stets wuchs die Anzahl ihrer Feinde, mit immer mehr An-tlagen wurden die Kabinette von Madrid uud Lissabon gegen die Iesnitcn bestürmt, bis dieselben, eifersüchtig auf die große Macht des Ordens nnd bereits unter dem Einflnfse der Freimaurer stehend, dir Austreibung beschlossen — zn ihrem eigenen Schaden! Denn die Vertreibung dcr Jesuiten hat viel dazu beigetragen, das Ende der spanischen und portugiesischen Herrschaft in Südamerika zn beschleunigen. Nach ihrer Entfernung, nachdem ihr Einfluß auf die Eingeborenen verschwunden war, blieb dem Staate nnd der Kirche keine andere Macht über die Bevölkernng mehr in der Hand, als die, welche eine Klasse von Beamten lind >osephinischen Geistlichen bewahren konnte, deren Leben beständig Grund zum Ärgernis gab, deren Unwissenheit sie verächtlich und deren Habsncht sie verhaßt machte. Auf das niedere Volk aber wirtt ein gutes Beispiel weit mehr, als die schönsten Reden, nnd wie konnte es von denen Gehorsam lernen, die ihren eigenen Vorgesetzten nicht gehorchten? Wenn es, unterdrückt durch Beamte und Gerichte, Trost bei seinen Pfarrern snchte, fand es dieselben im Bnnde mit den Unterdrückern; nnd konnten die Ärmsten die Erpressnngen ihrer Pfarrer nicht mehr ertragen, so wurden sie noch obendrein bestraft, wenn sie Klage bei den Behörden erhoben. Diese Mißhandlnng der Indianer zerstörte rasch die jenem Volte so eigene und ihm von den Ineas anerzogene Unterwürfigkeit, und sicher wäre die Revolution der spanischen Kolonieen verhindert oder wenigstens noch anf lange Zeit hinansgeschoben worden, wenn die Jesuiten dort geblieben wären, denn der Einftnß dieses Ordenü auf die Iudiauer war ganz außerordentlich. Die Indianer gehorchten ihnen blindlings und betrachteten sie als höhere Wesen. Wenig Mühe würde es den Iesniten gekostet haben, die Indianer allenthalben zn bewaffnen und sie zu bewegen, für den König nnd gegen die Nevolntion zn kämpfen, während sie so anf die Dauer des Unabhängigkeitskrieges uuthätig blieben und weder für die Royalistcn noch für die Republikaner Partei ergriffen. Die Kreolen wären dann verloren und der Ausgang des Krieges nicht zweifelhaft gewesen. Mit der Vertreibimg der Jesuiten gaben die spanischen Bonrbons ihrer Herrschaft in Amerika den Todesstoß. Allein, wenn auch die Bedrückungen und Grenel der Spanier gegeil die unglücklichen Indianer, von denen wir lesen, znm großen Teile wahr sind, so standen ihnen doch königliche Befehle entgegen, daß man wenigstens 62 NiicksslNig und P^tmnmcnlng der indiaiuscheii Nasse. die Dienstleistungen der Indianer bezahlen sollte' leider wurden diese humanen Befehle nicht befolgt. Indes lag das gan;e Verfahren im Geiste der ^eit, und aildere Nationen baben es nicht besser gemacht. Die Geschichte der spanischen Kolonieen kennt kei,ien ,vall, der sich an Verworfenheit — wie Peschel bemerkt — mit dem messen könnte, daß Portugiesen in Brasilien die .^leider von Scharlach- oder Blütlernkranken ans die Reviere der (Angeborenen ablegten, um die Pest künstlich unter ihnen zu verbreiten, oder daß die Brunnen in den Wüsten Utahs, welche von den Rothäuten besncht zu werden pflegten, von Nordamerikanern mit Strychnin vergiftet wurden, oder daß, wie in Australien, zn Hnngcr^^citeu die grauen von Ansiedlern Arsenik unter das Melü mischten, mit dem sie die bettelnden Eingeborenen beschenkten, oder daß, wie in Tasmanien, die englischen Ansiedler die Gingeborenen niederschössen, wenn sie kein besseres Futter für ihre Hunde fanden. Solche Schändlichkeiten habe» die Spanier nie begangen, auch haben sie nicht wie dir Nordamerikaner ganze Völkerschaften mit Vorsatz ausgerottet, die Indianer wie wilde Tiere niedergeschossen oder sie um das Land, das ihnen in feierlichen Friedensverträgen uon der Negiernng garantiert worden war, auf die niedrigste Weise beschwindelt. Immerhin mnß man den Spaniern lassen: sie waren besser als ihr Nuf. Betrachten wir nun die großartigen Banten, welche aus der Iuca-Zeit noch übrig sind, und werfen wir einen Blick auf die heutigen Indianer von Peru, Bolivia und Geuador, auf die Nachkommen iener, welche diese Werke errichtet hallen, so erscheint e5 fast nnglanbliäi, daß beide zu derselben Nasse gehört haben können, so sehr sind diese Indianer sevt verkommen! Allein den Nachkommen der Azteken nnd ^olteken ist es nicht besser ergangen. Gs giebt wohl keinen mehr degenerierten Volthstamm, als die Diggers in der Sierra Nevada von Kalifornien, nnd doch sind diese nahe Verwandte der mntigcn Schoschonen nnd stammen mit diesen nnd mit den wilden (''omanches von den Azteken ab, ihre Sprache wenigstens ist nach Bnschmann mit dem Nahuatl oder Altmcrikanischcn nabe verwandt. Die heutigen peruanischen Indianer sind nnn ein Beispiel ienes bodenlosen Stnmpfsinnes, wo;u eine starre soeialistische Theokratic, ein vollendeter Staatsabsolutismus, der für keine individuelle Freiheit Raum laßt — wenn er auch sonst noch so wohlwollend fnr alle Bedürfnisse des Volkes sorgt — und eine daranffolgendc, jahrhundertelang dauernde Unterdrückung fremder Eroberer ein Volk herabwürdigen können. Reichtum, Ehre nnd selbst Furcht haben auf die Mehrzahl keinen Ginflnß mehr — „ich habe keinen Hunger", ist die Antwort, welche man oft hört, wenn man einen indianischen Arbeiter mitten will. Charakteristisch ist sür den pernanischen Indianer seine unendliche Gleich-Mtigkeit ^ Glück oder Unglück, Neichtum oder Armnt, gntr oder schlechte II. CllMnarca, Kost, ist alles dasselbe; wenn er sich nur den Bauch füllen und Eoea kauen kann, ist cr zufrieden. Selbst seine natürlichen Fähigkeiten, die, den vorhandenen Altertümern nach zn schließen, früher nicht unbedeutend gewesen sein tonnen, erscheinen hellte noch geringer als die des Negers. Großen Lastern ist er nicht ergeben, ausgenommen dein allgemeinen indianischen Fehler: der Trunksucht uud kleinen Diebereien; im ganzen aber sind die peruanischen Indianer ein ziemlich harmloses Geschlecht; nur in den großen Städten, wie Lima, La Paz, Arcquipa und Eerro de Pasco, wo sie in beständige Berührung mit den Weißen und Mestizen kommen, sind sie sehr verdorben, und einige der grausamsten Banditen dort waren Indianer. Im allgemeinen ist der peruanische Indianer nachlässig und langsam nnd braucht für alles, was er anfängt, lange Zeit. Daher kommt das peruanische Sprüchwort für alle Arbeiten, welche Zeit und Geduld erfordern: „Dies ist Indianerarbeit." Zu dieser Langsamkeit gesellt sich noch ihre Trägheit, die jetzt so tief eingewurzelt zu sein scheint, daß selbst ihr eigenes Interesse sie nur schwer dazu bringt, dieselbe abzuschütteln. Die Kreolen pflegen zu sagen: „Nur durch Gewalt nnd Schnaps bringt man den Indianer zur Arbeit und nichts ist ihm heilsamer als Prügel." Diese Ansicht teile ich mm nicht unbedingt, da verschiedene Fälle gerade das Gegenteil beweisen. Auch fängt bereits der Indianer bei der sich mehrenden Niederlassung von Europäern im Innern von Peru an zu begreifen, daß er bei den Fremden besser ausgehoben ist, als bei den Kreolen. Schon gehen häufig Iu-dianer aus den kalten Hochebenen herunter nach der deutschen Kolonie am Pozuzo-Fluß, um Arbeit zu suchen, weil sie dort genügende und gute Kost und ihren Lohn regelmäßig ausgezahlt erhalten. Auch in Huauca-oamba sowie im Chanchamayo-Thale (ebenso wie die deutsche Kolonie östlich von der zweiten Andcskette und auf derselben Meereshöhe gelegen), wo mehrere größere deutsche Pflanzer sich niedergelassen haben, finden diese wenig Schwierigkeit mehr, sich indianische Arbeiter zu verschaffeu. Ein Herr Morner aus Preußeu hatte zuweilen 40—50 Indianer auf. seiner Pflanzung beschäftigt. Von ihren in der Hochebene gelegenen Dörfern kommen die Indianer, um Verdienst zu suchen, oft 150—220 km weit nach dein Ehanchamayo, wie mir Herr Mörner erzählte. Selten bleiben sie aber länger als einen Mouat und ziehen dann mit dem Ersparten nach ihrer kalten Heimat zurück. Ob uun dieses Ersparte der Arbeitszeit uud auch der Zeit entspricht, die sie zur Hin- und Rückreise bedürfen, etwa 8—10 Tage, ist ihnen ganz gleichgültig; der Wert der Zeit, die Mühen der Reise sind ihnen ganz unbekannt. Der indianische Arbeiter trägt 50 und mehr Kilogramm in Lebensmitteln auf den, Rücken, die er aus seiner Heimat mitbringt, damit sie ihm da, wo er zu arbeiten gedenkt und sich selbst zu beköstigen hat, zum Lebensunterhalte 64^ Indianer als Arbeiter. dienen; oft bringt er Frau nnd Kinder mit, gleichfalls schwer bepackt. Sind die Lcbensmittel zu Ende, dann fordert er seinen Lohn nnd zieht frisch und froh heimwärts. An Orten, wo der Arbeitslohn hoch war, pflegte der Mann etwa 15 Dollars Silber im Monate zu verdienen — wie er fich bei der jetzigen Papierwirtschaft feit dem Kriege mit Ehilc steht, ist mir nicht bekannt — Frau nnd Kinder, die bei leichterer Arbeit, wie bei der Kaffee-, Baumwoll- und Coca-Ernte beschäftigt werden, verdienen die Hälfte. Der Indianer ist Feind aller Verändernng, er ist der Q)pns der Stabilität und thut nur gerue, wie sein Vater und Großvater gethan. Wahrend der Mestize, weniger stabil als der Indianer, die warme Klei-duug nach Umständen mit einer leichtern vertauscht, benntzt der letztere in fedenl Klima — in seiner kalten Pnna sowohl wie in den warmen Nald-thalern — dasselbe dicke/ wollene Hemd, dieselben weiten, nnr bis über das Knie reichenden, baumwollenen Beinkleider. Wollene lange Strümpfe und aus roher Kuhhaut geschnittene Sandalen, die mit Riemen am Fnße befestigt werden, uud eiu um den Leib geschlungenes wollenes Tnch vollenden den Anzug. Und so arbeitet dieser Mann von on 4500 in über dem Meere, wo wir wieder die Puna-Negion mit ihren düsteren, monotonen Hochebenen nnd unfreundlichem Klima betraten. Hier friert es Sommer und Winter fast jede Nacht; manchmal fällt sogar das Thermometer bis —5° It., während es im Sommer um die Mittagszeit oft bis zu -j-18 Grad, aber nur auf weuige Stuuden, steigt. Die kalten Winde, Hagel- uud Schneestürmc und furchtbare Gewitter machen diese Puna-Region zu einer der unangenehmsten der Welt — es ist das Sibirien nnter den Tropen. Mit kurzem, bräuulich-grünem Grase sind die Punas bedeckt, ihr Boden ist im allgemeinen feucht und enthält ebenso wie die ihnen ähnlichen sibirischen Tnndras viele Torfmoore, die dem Reisenden, wenn er den Weg verfehlt, gefährlich werden; denn schon manchmal sind Roß und Reiter in diesen trügerischen, mit grünem Nasen überzogenen Sümpfen versunken. Hier, wo kein Holz vorkommt, dient der Torf sowie trockener Kuhdünger als Brennmaterial. Und doch könnten wohl Lärchen, Fohren nnd Birken in den geschützteren Schluchten dieser hohen Regionen gezogen werden, um dem Bewohner Feuerung und das für den Vergwerksbetrieb so notwendige Bauholz zu gewähren. Allein an solche Dinge denkt keine veruauische Regierung. Auf den ungeschützten, allen Winden ausgesetzten Hochflächen abcr ist kein Anbau möglich. Nnr Gerste, die aber nicht in Ähren schießt, wird als Vlehfntter noch bis zu 4000 m Höhe gezogen, ebenso die Maca, eine rübenartige Wurzel von nichr unangenehmem Geschmacke. Man kann sie ein ganzes Jahr lang aufbewahren, wenn man sie ein paar Tage in die Sonne zum Trocknen legt uud des Nachts gefriereu lässt. Die Indianer machen von diesen Macas eine Art Sirnp vou unangenehm süßlichen: Gerüche uud Geschmacke, den, sie große Heilkräfte nachrühmen. Da die Bewohner dieser Hochebenen ihre Hauvtnahruugsmittel ans oeu oft weitent-legenen wärmeren Thälern holen müssen, so gebrauchen sie verschiedene Mittel, um ihren Nahrungobedarf, wie z. B. die Kartoffeln, auf läugere Zeit zu erhalten. Diese Mittel sind gewöhnlich Trocknen und frieren, und namentlich die Kartoffeln präparieren sie auf sehr verschiedene Weise. Die gewöhnlichsten Speisen hier sind der Chuuo uud die >H hoch oca. Ersterer wird bereitet, indem man die rohe Kartoffel einige Tage in Wasser legt, daun sie vollkommen trocken auspreßt und hernach gefrieren läßt. Bei der Chochoca-Bereitung wird die Kartoffel gekocht, dann geschält und zuletzt läßt man sie gefrieren. Beide Arten geben sehr gesunde nnd nahrhafte, leicht verdauliche Speisen, welche die Arrow-Noot völlig ersetzen, und würdm auf langen Seereifen vortreffliche Dienste thun. Auf diesen Hochebenen wird viel Rindvieh- und Schafzucht betrieben: 78 Viehzucht auf dm Hochcbmcn. auf manchm Gütern werden über 20 000 Schafe und 500 Kühe gehalten Viele Stiere gehen hier monatelang ganz allein und werden dann sehr wild und gefährlich; der Indianer scheut es sehr, allein sich ihnen zn nähern. Die Schüfer wohnen in kleinen runden Hütten, deren etwa 1 ni hohe Mauer von Stemm aufgebaut ist, auf deueu ein spitzes Dach von dick anfeinandergelegten Binsen rnht. In dieser Hütte haben sie aus Lehm roh zusammengeklebte und von ihnen selbst anfgestellte Ofen, die so gut geformt find, daß sie tüchtig zieheu nud die Hütte gehörig durchwärmen. Nings im Innern länft eine Bank von au der Sonne getrockneten Rasen-stückeu, die — zuweilen auch zur Feuerung bcnntzt — über Tag als Sitz und des Nachts als warme Lagerstätte dient. Der Rauch zieht natürlich durch das Dach oder wo er eben sonst einen Answeg findet -- Schornsteine kennt man nicht. Die Schafe weiden an den Berghäugeu und trockeneren Stelleil der Puuas, die Lamas hingegen halten sich lieber in den tief gelegenen und fumpfigcn Stellen auf, die das Schaf vermeidet.. Das Lama hat aber auch breitere Hufe, mit denen es uicht fo tief in den weicheu Boden ein-,sinkt, kann vielleicht auch eher das saure Gras vertragen als das Schaf. Diese Puuas find die eigentliche Heimat des Lamas, das aber nicht mehr wild hier angetroffen wird, sondern überall in zahmeu Herdcu beisammen lebt. Das Lama findet sich von allen Farben, schwarz, weiß, hellbrann, gefleckt, und eine Herde Lamas gewährt einen hübscheu Anblick, wenn diese netten, langhalsigm, zottigen Tiere nicht scheu, aber doch erstaunt den zierlichen Kopf emporwerfen, sobald ein einzelner Reiter die stille Öde ihrer kalten Weiden unterbricht. Huweilm kommen sie bis zur Küste herunter, aber man treibt sie stets wieder so rasch als möglich in ihre kältere Bergheimat zurück, da sie das warme Klima durchaus nicht ertragen können. Zum Lasttragen sind sie übrigens nicht so besonders wertvoll, denn 40 bis 50 Ic^ ist das größte Gewicht, das sie tragen, und bürdet man ihnen mehr auf, fo legen sie sich eiufach uieder und gehen eben nicht weiter. Verlangten sie soviel Futter wie Pferde oder Maultiere, fo würden sie nie die Unterhaltungskosten einbringen; so aber kostet ihre Unterhaltung uicht das Mindeste, da sie mit dem dürftigsten uud geringsten Futter zu-N'iedeu siud; vielmehr ist jede Arbeit, die sie dabei leisten, reiner Gewinn. Von den Verwandten des Lama kommt uur noch das Vicuüa, eine kleinere Art, in Nord- und Mittelpern vor, und zwar nur wild; die Alpacas und Gnanacos sind nach Sndperu, Bolivia, Chile und Argeutinien zurückgedrängt. Ausnehmend scheue Tiere siud die Vicunas. Bei aller Scheu sind sie aber sehr neugierig. Begegnet man einem einzelnen Tiere oder einem klemm Trupp, so stehen sie bewegungslos, spitzen die Ohreu und stiereu den Meuscheu au; dies dauert aber uur einen Augenblick, worauf fie schnell wie der Wiud davoneilen. Ihre Neugierde macht sich III. Chachapoycis, ber Jäger aber doch zu nutze, indem er sic auf verschiedene Weise au-locken kaun. In Spanien sowohl als in Peru wurden schon verschiedene Versuche gemacht, dieses Tier zu zähinen uud in Herdeu zn vereinigen. Ferdinand VI. machte iu der Mitte des vorigen Jahrhunderts einen Versuch auf den Hochebenen von Andalusien, aber mit uuglücklichem Erfolge, denu alle Tiere starben nach kurzer Zeit. Später wurden auch in auderen Teilen von Europa Versuche gemacht, aber wieder mit demselben Resultate, außer daft einige zoologische Gärten mit Eremplaren der Anchenia-Familie bereichert wurden. Im Jahre 182») hielt mau in der peruauischeu Stadt Puuo einige zahme Vicnnas^ nnd vielleicht hätte man mit diesem Versuche im großen fortgefahren, wenn die republikanische Regierung die Nichtigkeit desselben eingesehen und Belohnungen ausgesetzt hätte. Später vereinigte ber Pfarrer Cabrera eine Herde von 50 Stück uud kreuzte sie mit Alpacas, deren Nachkommen sich aber als unfruchtbar erwieseu. Znr spanu schen Zeit wnrde die Wolle dieser Tiere häufig nach Spanien geschickt, und in Segovia ward feines Tnch aus dieser Wolle bereitet. Noch hcnle werden die aus der Vicuna-Wolle verfertigten Strümpfe, Handschuhe, Decken, und Hüte in Peru teuer befahlt. In Bolivia fangen die Indianer die Vicunas im sogenannten (ihacn. Dieser wird in kreisrunder Form in einer freien Ebene, nahe den Weideplätzen der Tiere angelegt. Pflöcke werden in knrzen Entfernnngen in den Boden getrieben uud durch Seile verbuudeu, an welchen Fetzen farbigen Tuches hängen, die die Tiere erschrecken. Die Indianer treiben zn Pferde die Vicunas vor sich her uud zwiugen sie, durch eine große Offnnng in den Chacu zu gehen. Darauf wird die Öffnnng gefchlossen nud die Tiere werden mit dem Laffo eingefangen, getütet oder anch nur geschoren und dann wieder freigelassen. Wird aber zufälligerweise auch eiu Guauaco mit deu Vicunas eingetrieben, so bricht ersteres gewöhnlich dnrch den Ehacn und führt dann auch die Vicunas mit sich fort. Der Geschichtschreiber Augustiu Zar ate erzählt, daß diese Chacus schon zur Zeit der Incas mit Tansenden von Indianern als Treiber veranstaltet wnrden und sich auf eine Ausdehnuug vou mehreren Meilen erstreckten, wobei auch Kaninchen und Rebhühner in die Hände der Jäger fielen. Prescott sagt, daß, wenn der Inca selber bei der Jagd zugegen war, zuweilen bis 100 0l)0 Mann versammelt wurdcu, welche alles Wild und selbst Raubtiere in diesen großen Kreis eintrieb eil. Anch das Alpaca-Schaf hat man in Europa der feineu Wolle wegen zu acclimatisieren versucht. Seine Heimat siud die kalten Regionen dcr Andes von Südperu uud Bolivia, für deren Klima die Natur dieses lier bestimmt zu haben scheint; denn iu anderen Ländern will ee> nicht heimisch werden noch sich fortpflanzen, lrotz aller Anftrengnngen, dic man in Eng- 7» Das Alpaca-Echaf; der Kondor, land, Frankreich, Deutschland und Holland gemacht hat. Der Köuig uou Holland machte damit die ersten Versuche; er kaufte eine ziemlich bedeutende Anzahl dieser Tiere, trat sie aber bald, da er kein Glück damit hatte, au die französische Acclimatisations - Gesellschaft ab. Beinahe zur selbeu Zeit wurdeu in England und Schottland uou dem Herzog uou Moutrosc, dem Marquis von Breadalbauc uud anderen großen Landbesitzern Versuche angestellt; die Wolle fiel aber weit schlechter aus als die peruauische uud das Landvolk iu England kounte sich au den Geschmack des Alpaca-Fleisches nicht gewöhnen. Ähnlich ging es iu Belgien uud Frankreich. Bisher ist es also iu Europa uicht gelungen, Alpacas zu zicheu, welche dieselbe feine Wolle geben, wie ihre Verwandten iu deu Audcs, uoch pflanzten sie sich so leicht fort, wie iu ihrer Heimat. Die Ursachen sind noch nicht hinreichend bekannt; sei es die große Erhöhung der dortigen Regionen über dem Meere, die verschiedene Qualität der pern-auischcu Alpengräscr, die tropische Sonue in Verbindung mit der dünueu Luft der audinischen Schneeregion — soviel ist gewiß, daß die peruanische Alpaca-Wolle immer viel feiner bleibell wird, als die der in Europa gezüchteten Tiere. Nur das Fleisch uud die Wolle der Alpacas wird in Peru benutzt, als Lasttiere können sie nicht gebraucht werden. Zuweilen wird eine Kreuzung zwischen Alpacas und Lamas vorgenommen; allein die daraus hervorgehenden Bastarde sind nicht fruchtbar, taugeu nicht zu Lasttieren, nnd ihre Wolle, obgleich uiel feiner als die Lama-Wolle und reichlicher als die der Alpacas, dient nnr zur Verfertigung von groben Zeugeu. Wo es Vicunas gibt, da kommt auch der Kondor und der Puma vor. Der gewöhnliche Aufenthalt des Kondors begreift Luftschichten oon 3000—6000 in Meereshöhc. Die Nacht verbringt er in jenen öden, wilden Negionen, auf kahler Felsenspitze ruheud; nach Sonueuaufgaug erhebt er sich noch mehrere tauseud Meter, um ohne Flügelschlag schwebend auf viele Meilen weit das Laud zu überschauen. Wcun irgendwo ein gefallenes Tier liegt, oder ein Puma seine Beute uerschliugt, da finden sich mit wnu-dcrbarer Schnelle die Kondors zusammen. Wie scharf muß ihr Auge sein, das ans so großer Ferne deu Fraß zu erspähen vermag! Nur um der Beute willen kommt der Kondor auch zur Küste herab; doch lebt er nicht ausschließlich vom Nase, souderu greift auch weidende Schafe, Vicunas uud selbst Minder au. Seine Gefräßigkeit ist eine ungeheure; hat er sich recht vollgefressen, so fliegt er, weuu ihu die Last des Geuossencu uicht vorerst zu ungeschickt Mlicht. wieder auf iu seiue Höhen; hauptsächlich auf des Übersättigten Ungeschick im Auffliegen gründet sich die Kondorjagd. Mau legt eiu gefallenes Stück Vieh iu eiue Umzäumuug, überrascht die Gie-ngen beim Fressen, fängt sie mit den: Lasso und schlägt sie tot. Der Puma oder Kuguar ist uicht auf die Punas allem beschränkt, ^79 III. Chcichapoyas. sondern hat cine so ausgedehnte Verbreitungssphäre, wie wenig andere Tiere. Er kommt in den tropischen Wäldern am Ostabhange der Andes vor, m den kalten, vegetationsarmen Punas noch 500l) m über dem Meere, m Chile, iil den Pampas von Argentinien, in dem naßkalten Klima am Fenerlande und der Magalha^s-Straßc, in Mejieo nnd Nordamerika bis nach Canada hin. In der Puna nnd den ihr benachbarten Regionen lebt er von Vicunas, Hirschen, Lamas, Schafen, Füllen nnd Kälbern nnd ist, ähnlich wie der Kondor, ein sehr gefräßiger Geselle. Darwin sagt von ihm — wozu ich aber drei Fragezeichen setze, wie Darwin auch uon den Galapago-Inseln, wo ich acht Monate lang gelebt habe, manches erzählte, was ich nicht unterschreibe!! kann —, der Pnma fresse sich satt an seiner Beute; was übrig bleibe, bedecke er mit Zweigen, womöglich in einem Busche, und bewache es. Dann aber kommen die Kondors aus der Höhe, um teil am Fraße zn nehmen, nnd dadurch erfahre der Jäger, wo der Puma liegt. Dieser springe nämlich auf, um die Kondors zu vertreiben. Das Fleisch des Puma soll namentlich gekocht sehr gnt schmecken, bei den Gauchos gilt es als ein Leckerbissen. Dieser sogenannte Löwe — von den spanischen Kreolen wird er vermutlich wegen seiner Farbe „Löwe" genannt — ist von allen Kahentierm, wie Musters richtig bemerkt, das katzcn-ähnlichste. Seine großen braune», prachtvoll glänzenden Augen erregen Bewunderung; es spricht aber aus ihnen ein solcher Grinnn, daß die Behauptung, der Puma habe Teufclsaugen, leicht erklärlich ist. Er wird znweilcn bis 1,4 ni lang ohne den Schweif, der im allgemeinen halb so lang ist wie der Körper. Der Pnma ist feige, er läuft stets vor einem Reiter, vor einem Fnßgänger wenigstens bei hellen: Tage fort. Allerdings greift er, namentlich zur Paarungszeit oder wenn er sehr hungrig ist, dann und wann einen Fnßgänger an; mau ist aber allemal sicher vor ihm, wenn man ein Feuer anzündet, denn einem solchen kommt er nicht nahe. C'in verwnndeter Pnma kann übrigens sehr gefährlich werden und die Hunde werden von ihm znweilen ganz erbärmlich zugerichtet. Die argentinischen Gauchos wissen am sichersten seiner habhaft zu werden, indem sie ihn mit dem Lasso fangm und diesen anziehen; dann bleibt er wie iot liegen und kann in aller Bequemlichkeit abgeschlachtet werden. Nur wenige Leguas hatten wir hier durch die öde Pnna zn reisen, dann ging es wieder bergab in liebliche 'Thäler. Schon nach wenigen Stunden befand man sich in einein verhältnismäßig milden Klima, denn hier wuchsen die ersten Kartoffeln, hier begann fchon etwas Gerstenbau — diese Gerste bringt aber noch keine Körner, sondern wird als Fntter für die Maultiere abgemäht —, hier war fchon freundlich grünes Gras an den Berghängen, nnd dicht an dem Bergbach standen wieder Sträucher, die ihre überhängenden Zweige in die rasch vorbeischießende Flnt tauchten. Noch weiter unten fand sich Mais nnd verschiedene Gartengemnse, und «0 Das Thal dcs obern Mamuon. dann öffnete sich daö Thal etwas mehr llnd zeigte breitere grüne Flächen, in denen ganze Scharen uon Maultieren und Rindern grasten. Diese Gebirgsthäler (die eigentliche Sierra, wie sie iu Peru genannt wird) zwischen den verschiedenen Ketten und Ausläufern der Cordilleras sind selten so heiß, daß tropische Gewächse in ihnen gedeihen. Die angrenzenden Hügel und Berge gewähreu noch immer einen dürftigen Allblick und sind noch uicht mit jenen prachtvollen Urwäldern bekleidet, welche dic ^orbergc und Ebenen im Osten der letzten Andcskette bedecken. Nur Agaven und Kaktus sieht mau an den Abhängen, sowie an den Ufern der Bergströme und Bäche Weiden, Erlen und Quinoa-Bäume (Iwääisia Inomm) mit ihreu dunkeln, düster aussehenden Blättern und rauher Rinde, die man ja nicht mit den Cinchonen verwechseln darf, denen sie übrigens auch gar nicht ähnlich sehen und die nur in den Urwäldern im Osten der zweiten Andes-lctte vorkommen. Fast alle europäischen Feldfrüchte gedeihen hier: Weizen, Gerste, Kartoffeln, Mais, Hülsenfrüchte uud Luzerne. Von Gemüsen sieht mau nur Kohl, Salat, Radieschen, Zwiebeln und Knoblauch, obgleich alle europäischen Gemüse gut fortkommeu. Äpfel uud Birnen sind schlecht, da nicht die geringste Sorgfalt ans ihre Kultur verwendet wird- hingegen findet mau zuweilen recht gute Pfirsiche uud Aprikosen, und herrliche Trauben könnten in einigen besonders günstig gelegenen Thälern gezogen werden. Nochmals passierten wir eine andere hohe Gebirgskette uud saheu dann von ihrem Rücken tief unten zu uusereu Füßen das enge Thal des Marauon oder Amazonenstromes. Später sah ich seinen Ursprung im See von Lauricocha zwischen den hohen Schneebergen nordwestlich uou Cerro de Pasco, und viele Hunderte von Stunden Weges habe ich diesen Riesenstrom befahren auf schwankem Kauoe durch die unendlichen Wild-uisse, welche sich längs seiner Ufer uud der seiner Nebenflüsse erstrcckeu. Ich habe gesehen, wie auf ihm das erste Dampfboot bis zur Grenze Perus hinauffuhr und die wilden Indianer erschreckte, die bei dein schrillen Pfeifcu und dem Brausen des Dampfers von Entsetzen ergriffen in die Wälder flohen. Als ich dauu nach langer Kanoefahrt, zusammcugebrochen uon den Strapazen, in Para an seiner Münduug aukam, hatte ich nur den einen Wunsch, den mächtigsten Stromriesen der Welt dereinst wiederzusehen durchfurcht vou Dampfern uud seiue Ufer bedeckt vou wogeudeu Feldern, freundlichen Dörfern nud reicheu Städten! doch selbst heilte noch dienen die tiefen Einöden des Amazonenstromes lind seiner Zuflüsse — des reichsten Flußgebietes der Welt — fast nur dem uugezähmten Indianer und den wilden Tieren des Waldes als Zuflucht. Als Quellflnß gilt jetzt der im See vou Lauricocha entspringende Tungnragua oder Maraüon. Zwar hat der mächtige Nebenfluß Ucayali einen bedeuteud längeren Lauf, doch hat man seit 1707, als der deutsche v. Schütz, Amazouas, ^ ii III. Chachapoyaü. Jesuit Samuel Fritz eine Karte von: obern Gebiet entwarf, seinem Vorschlage zugestimmt und den Maraiwu als den oberu Lauf des Amazonas betrachtet. Dieser Fluß geht im Ansauge iu sehr gewundenem Laufe uuter beständigen Stromschnellen und Wasserfüllen zwischen den beiden Hauptketteu der Andes in einem wilden Felsenthale über vier Breitengrade nordwärts und ist nirgends schiffbar, bis man Tomevenda in der Provinz Iaen erreicht, von wo aus mau mit großer Gefahr und Schwierigkeit anf Flößen und Kanoes den Fluß hinabgehen kann. Von hier aus sind immer noch siebenuudzwauzig „Pongos" oder Felsenthorc zu passieren, durch die der Strom mit furchtbarer Schnelligkeit seine Gewässer drängt-nach einer Fahrt von vier Tagen erreicht mau eudlich die letzte Strom-schnelle, den berüchtigten Pongo dc Manseriche, wo der Fluß dnrch einen wenig mehr als 100 in breiten Engpaß in die Ebenen tritt und die uu-gehemmte Schiffahrt beginnt. Auf unserem Wege nuu, wo wir den Maraüon zum erstenmal sahen, ist das Thal ganz eng, keine Luft erhebt sich bei der drückenden Hitze, von allen Seiten ist die Schlucht eiugeschlossm vou hohen Bergen, die sich in die Wolken verlieren und mehr als 20W in über den Spiegel des Flusses sich erheben. In einem Floße fährt mau über den Strom, dcr hier etwa die Breite der unteru Kahn hat und noch weit von Tome-penda entfernt ist. Wegen der fehleudm Ventilation ist das Thal drückend heiß und sehr ungesund. Berüchtigt sind die Terciauas (intermittierende Fieber) von Balsas, dem Indianerdorfe am rechten Nfer, durch welches wir kamen. Zum erstenmal in Peru sahen wir hier eine echt tropische Vegetation — dichten, wildverwachscnen Wald im Thale mit riesigen Bämneu, Palmen, Schlingpflanzen, baumartigen Farnen und Orchideen; die Hütten lagen versteckt in Bananengärten nnd Zuckerrohr. Ebenso tief, als wir herunterstiegen, hatten wir auf der andern Seite wieder bergauf zu kletteru, ohne jedoch bis zur Puna-Negion zu gelangen. Nach eiuem Nitte von 25 Leguas, auf einem Wege, der im Innern von Peru als gut, in Deutschlaud aber als halsbrechendcr Alpenpfad gelten würde, kamen wir nach Ehachapoyas, einer Stadt von 4—'»()<)<) Gin-wohnern, Sitz eines Bischofs und höhern Gerichts uud Hauptstadt des Departements Amazonas. Die Stadt liegt noch 2323 w über dem Meeresspiegel. Die Häuser vou Chachapoyaö sind, wie überall in dcr Sierra, von Adobes oder ungebrannten Backsteinen gebaut, mit Hohlziegeln gedeckt und haben große Gärten im Hintergründe, voll von Obstbäumen, deren Schatten während der warmen Mittagsstunden einen angenehmen Aufenthalt gewährt. Wie in allen spanischen Städten sind auch hier die Straßen in geraden, parallelen Reihen angelegt und durchschneiden sich in rechten Winkeln. Ein Häuserblock (Quadra) gleicht an Größe dem andern. Die Straßen habcn - wie es mit Ausnahme der größten Städte überall im 82 ' DaZ Innere der Stadt; Bewohner. spanische» Amerika der Fall ist — leinen Namen, die Hänser keine Nummern. Es ist in diesen Städten oft eine förmliche Entdeckungsreise notwendig, um dic Wohnung einer bestimmten Persönlichkeit ausfindig zu machen. Man muß dazu den Stammbanm der Familie und sämtliche Taufnameu kennen, denn im spanischen Amerika sind .bekanntlich die Taufuamen die wichtigsten und gebräuchlichsten. Da aber hier unter sechs Menschen mindestens ein Ios6 Maria, ein Manuel, ein Francisco nnd ein Juan sich befinden,, so bringt dieses Ehaos den Europäer zuweilen in Verzweiflung. Die meisten Häuser haben keine Glasfenstcr, die, weil es hierzulande keine Glasfabriten giebt und der Transport aller Waren per Maultier geschehen muß, sehr teuer zu stehen kommen. Der Fnßbodcn besteht aus Backsteinen, der nur bei den reicheren Lcuteu mit Matten bedeckt ist. Das Menblemcnt ist höchst einfach, Sophas sind keine häufigen Erscheinungen, dagegen stehen Reihen von Stühlen an den Wänden, dem Zimmer einen unheimlich öden Anstrich gebend. Spiegel, meist sehr kleinen Formates, stehen ans den Schränken nnd Simsen- selten befestigt man dieselben an der Wand, an der sich außer einigen schrecklich geklecksten Heiligenbildern keine Gemälde befinden. Kurz, hier ist noch alles sehr primitiv und noch wenig von der Kultur beleckt. Ili den paar HauptsN'aßeu ist fast jedes Haus ciue Tienda (Kram-ladeu), iudem hier wie in allen Städten des Innern die wohlhabenderen Bewohner verschiedene Geschäfte zusammen treiben, Ackerban, Handel nnd Bergbau. In der Mehrzahl dieser Kramläden ist nichts vorhanden als ein paar Botijas (große thöuerue Gefäße) mit Schnaps, Ehancaea (Rohzucker) , Brot, Tabak und Eoca. In den größeren Buden finden sich Ea-licos, Wollcuzeuge, Tuche, ordinäre Seidenwaren nud Bänder, Leder Seife, englisches Bier, katalonischer Wein, schlechte Cigarren, Wachs, ^n-digo und Giseuwaren. Indigo ist ein bedeutender Handelsartikel, die Indianer gebrauchen ihn viel, nm damit ihre selbstgewebten Baumwollen-oder Wollenzeuge blau zu färben — blau ist nämlich ihre Vieblingsfarbe. Wachs wird sehr viel bei den vielen Kirchcnfestlichteiten verbrannt; das Mund gilt in Ehachapoyas 10 Real Silber (4 Mark). Die meisten Krämer sowie die Besitzer von kleinen Landgütern (große Plantagen wie an der Küste kommen hier nicht vor) sind.Mestizen, die sich selbst Weiße oder l>snts III. Chachapoyas. derm Fällen eintreten. Immerhin kann ein reicher Mann thun, was er .will, nie wird er bestraft; zumal dic groben Landbeswer im Innern sind völlig nnabhäugig, denn leine Behörde würde es wagen, sie wegen begangener Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen. Auch arme Leute, wenn sie „6mp(.'no«" (Verwendungen) mächtiger Personen erlangen können, kommen straflos dnrch. Im gangen kann man annehmen, daß ein Verbrecher straflos bleibt, wenn nicht mächtige freunde seines Opfers ihn verfolgen. Wird ein Fremder mißhandelt oder ermordet, der keine einflußreichen Freunde besitzt, oder nicht einer Nation augehört, welche ihre Ansprüche mit Kanonen unterstützen kann, so wird dein Verbrechen gar nicht nachgeforscht. Ganz anders aber gestaltet sich die Sache, wenn den Unterthanen einer starken Nation cm Nnrccht geschehen ist. Überhaupt gehen einige Konsuln der Seemächte schlimm mit den Negierungen der schwachen spanischen Ne-publikm um, und besonders zeichneten sich hierin von jeher die Vertreter Frankreichs aus. Im Jahre 1851 ward i» Lima eine Französin unter empörenden Umstanden ermordet. Der französische Gesandte, ein sehr energischer Mann, vor dem die peruanische Negicrung zitterte, verlangte kategorisch die Bestrafung der Mörder und wollte keine Entschuldigungen anhören. Unterdessen hatte man sechs indianische Maultiertreiber aufgegriffen, anf denen ein leichter Verdacht ruhte, und um den Gesandten zufriedenzustellen, wurden zwei derselben erschossen. Später stellte es sich hcranQ, daß sie unschuldig waren; die wahren Mörder aber, schwarze Banditen, wurden nie bestraft. Im Jahre 1858 ward in Eallno ein Franzose, Durhin, ein notorisch schlechtes Subjekt, wegen Prügelei durch die Polizei festgenommen. Sofort ging der französische Geschäftsträger zum peruanischen Minister des Äußern, um seine Freilassung zu bewirken. Der Minister ließ sich von dem betreffenden Nichter die Akten ausliefern, was dieser nie hätte gewähren dürfen, und ließ dieselben ans Nachlässigkeit in seinem Pulte liegen. Hierdurch eutstaud eiue Verzögerung von zwei Monaten, während welcher Durhin im Gesängnisse verblieb, wofür er 2000 Dollars Entschädigung erhielt. Ein noch besseres Geschäft machte ein anderer französischer Vagabnnd, Znderell, der im Jahre 1854 in Lima schmutzige Schmähschriften über den Präsidenten unter das Volk verteilt hatte, weshalb er festgenommen ward uud vier Tage lang gefangen saß. Die Peruaner mnßtcn diesem Burscheu 1000 Dollars Entschädigung für jeden Tag seiner Gefangenschaft bezahlen! An der Straflosigkeit der meisten Verbrechen trägt außer den schlechten Gerichten uud dem Kongresse die Polizei die meiste Schuld; denn die wenigsten Verbrechen werden entdeckt. So überfielen einmal in Lima fünfzehn Banditen des Abends um 6 Uhr, als es uoch ziemlich hell war, einen !)0 Ohnmacht der Polizei; ein energischer Intcndente. Laden, ranbtcu ihn rein aus, ermordeten einen Diener nnd verwundeten ben Eigentümer schiuer am Kopfc. Sic nahmen sich cine Stnnde Zeit ;n ihrem (Geschäfte, wobei einer der Näubcr, ein riesiger Neger, ausrief: „Eilet cnch nicht, wir haben nichts yl fürchten." Nachdem die Banditen abgezogen, erschien die edle Polizei, fenertc mehrere Stuudeu lang ganz gewaltig, als ob sie in beständigem Kampfe wäre, nnd zog erst de5 Morgens wieder nach Hanse, deiner der Banditen ward entdeckt. Einer meiner ^reuude brachte einst einen Dieb, welcher seit längerer Zeit täglich Obst ans seinem Garten gestohlen hatte, zum Polizeidirektor von Lima. „Was wollen Sie, das; ich in der Sache thue?" fragte der Beamte, „hier wird ja nicht einmal Raub und Mord von den Gerichten bestraft." In demselben Augenblicke kam ein Mann zur Thüre herein, klagend, in seinem Hause sei eingebrochen worden. „Haben Sie den Dieb?" fragte der Direktor. — „Nein." — „Va5 soll ich also hierin thun?" Hierbei mnß ich einer ehrenvollen Ansnahme erwähnen. Im Jahre 1648 war der Oberst Suarez Polizcidircttor (Intendente) von Lima. Er war vielleicht der einzige energische Intendcnte, den ^iima je besessen. Damals hatten die Intendenten uon Lima noch mehr Macht als heutzutage und standen direkt unter dein Ministerium, nicht wie jetzt uuter der Prä-ftttur. Suarcz hob die schreiendsten Mißbrauche, die sich noch aus der spanischen Zeit her in Lima erhalten hatten, alle auf. Der Geistlichkeit ward das ewige Läuteu untersagt (in Lima werden die Glocken nicht durch Seile geschwungen, sondern mit eisernen Klöppeln geschlagen, was einen Höllenlärm verursacht), nnd nur eiue gewisse Anzahl Glockenschläge blieb erlaubt. Die unebenen Straßen wnrdcn geebnet nnd ihre Reinlichkeit, sowie die Straßenbeleuchtung verbessert. Arbeiter wußte Suarez sich immer zu verschaffen: alle Vagabunden wurden aufgegriffen und zu öffeutlichcu Arbeiten verwendet — was man anch in Deutschland nachahmen sollte —, die öffentlichen Dirnen mußten die Straßen fegen oder in den Hospitälern Dienste leisten. Die unzüchtigen Negertänze wurden verboten nnd mit Peitschenhieben bestraft. Ans den Spielhäuscrn ließ er die vornehmsten Leute, Generale und Obersten anshcbcn und ohue Guade eine Nacht im Mieiuen Gefängnis neben Dieben und betrunkenen Negern verbringen, schlimm ging es allen denen, welche glaubten, durch ^ciin^uno»" (Vcr-wcndnngen einflußreicher Personen) freizukommen, ^in Mann, welcher cine Schwindelei begangen, brachte einen Empfehlungsbrief des Präfidcnten dcs obersten Gerichtshofes. Sofort ließ ihn Suarez zwei Tage laug eiu-stcckcu. Darauf erst ward der Mauu verhört und erhielt acht Tage Gefängnis. Nachdem cr seine Strafe abgesessen, gab ihm Suarez eiueu Brief an deu Herrn Präsidenten mit, worin cr sagte, cr habe seine Empfehlung nach Gebühr berücksichtigt, fleißige Handwerker, wenn sie sich einmal betrunken oder geprügelt hatten, behandelte Snarcz glimpflich, desto strenger 81 III. Chachapoylls. aber alle Fanllenzer, wenn sie auch den höheren Ständen angehörten. Gefängnis war während seiner Verwaltung innner :nit Zivangsarbeit verbunden und Vornehme oder Geringe hatten zn arbeiten, Er beging allerdings manche eigenmächtige Handlung, aber stets war er gerecht und machte aus Lima eine ganz andere Stadt. Nur solche Behörden können in einein Lande, wo die Gerichte so korrumpiert und das Volt so vcrkom-men ist, etwas ausrichten. Damals war der mächtige General instill a Präsident von Pern, der das energische Benehmen des Intendenten gerne sah nnd ihn immer beschütte. Leider hat Lima nie wieder einen so tüchtigen Polizeidirettor nnd Peru nie wieder einen so tüchtigen Präsidenten besessen. Ein Segen wäre es wohl für das spanische Amerika, wenn in einer seiner Republiken ein unerbittlicher Despot, wie Rosas einer war, aber ein Mann von reinerem Charakter nnd mehr patriotischein Eifer znr Macht gelangte, entschlossen, diese Länder von der Unterdrückung gieriger Demagogen zu befreien, der herrschenden Korruption zn steuern nnd Ordnnng nnd Ruhe ihnen zu geben. Allein ein solcher hat sich noch nicht gezeigt, Diktatoren sind schon zn Dutzenden dagewesen, aber einer habsüchtiger, verworfener und unfähiger als der andere; ein Monarch würde sich anch nicht lange halten können, weil alle Elemente fehlen, auf die er sich stützen könnte, und er nirgends sicher gegen Verrai wäre. Anch würden die Nord-amerikancr, die in Wirklichkeit allein den Kaiser Marimilian stürzten, schwerlich einen Monarchen lange regieren lassen, weil sie selbst ans eine spätere Annexion dieser Länder spekulieren uud es daher in ihrem Interesse liegt, sie nicht znr Nnhc kommen zu lassen. Ebenso verkommen wie alles andere ist auch in den meisten Ländern des spanischen Amerika der Klerns. Schon Ulloa gab als Gruud dieser Verkommenheit an die allgemeine Sittenlosigkeit, die in jenen Ländern sich vorfand; ferner den Reichtum der Klöster und Pfarreien nnd namentlich die üble Gewohnheit,» die in den Orden Spaniens herrschte, ihre Kloster dadurch zu säubern, daß sie stets ihre schlechten Subjekte nach Amerika schickten. Kein Wunder, daß der Klerus dort so verdorben war uud es großenteils heilte noch ist; allein ein Hanptgrund seiner Entsittlichung, der allerdings znr Zeit Ulloas noch nicht so zn Tage getreten war wie hentc, ist das von der Krone Spaniens nnd Ponngalo übertommene Staatskirch entnm. In jenen Ländern herrschten bekanntlich die Freimaurer unnmschränkt, nnd die beiden Hauptparteien dort, die sich auch „Konservative" und „Liberale" uennen, werden von zwei rivalisierenden Freimanrer-Eliquen geleitet. Me Prineipicn haben diese Parteien keine: es handelt sich bei ihnen hauptsächlich nm den Besitz der Ämter, nnd dies ist anch der Grund der ewigen Revolutionen, die freilich nicht so gefährlich sind wie die Rc- 92 Pm'ttiwesen; Staatslirchcntum. volntionen in Europa, da es fast nur Militäranfstänoe sind, an denen das Volk wenig teilnimmt. Wird nun cm Bischofssitz vakant, so ernennt die gerade am Nuder sich befindende Partei einen ihrer Genossen zum Bischöfe, der seinerseits wieder gebnnden ist, jede erledigte Pfarrei an einen Parteigenossen zu uergcbcn. Unter solchen Umständen ist es wirtlich noch zu verwundern, daß der dortige Klerus und das Volk, das er znm Guten führen soll, nicht noch schlechter gewordeil, als sie es bereits sind. Alle Schritte, die von Rom aus gegen diese heillose Wirtschaft versucht wurden, haben bis jetzt wenig ausgerichtet. Vor einigen Jahren uerfuchte der päpstliche Nuntius die Reform der Kloster in Vima durchzuführen, wobei ihn auch der damalige Präsident Valta trotz des Lärmens der Freimaurer-Presse, die ohne Ausnahme die Partei der schlechten Mönche nahm, kräftig unterstützte. Der Nuntius hatte bereits begonnen, die Klöster der Dominikaner, Augustiner, Mercedarier uud beschuhten Franziskaner uon den schlimmsten Subjekten zu säubern, da ward plötzlich Präsident Valta ermordet uud die Reform war zn Ende. In Ecuadvr that Präsident Garcia Moreno dasselbe. Ich war mit ihm persönlich bekannt, noch ehe, er Präsident war, und damals sagte er nur, als einmal unsere Konversation sich nm die spauisch^amerKanischen Znständc drehte, diese Länder könnten um- gebessert werden, wenn eine gründliche Reform des Klerus vorhergegangen wäre. Nachdem er Präsident geworden, jagte er — uuter Mitwirkung der höheren geistlichen BeHorde — alle Mönche, welche sich weigerten, sich den Reformen zn unterwerfen, ans den Klöstern heraus, und bald zeigte sich die gute Wirkung dieser strengen Maßregel. Ein besserer Geist zog in die Klöster und überhaupt in die größeren Städte Ecuadors, und der sittliche Zustand begann sich zn heben. Wie es nach Garcia Morenos Ermordung in Ecuador geworden, ob die ansgestoßeuen Mönche unter dem Schutze der Freimaurer wieder iu die Klöster gezogen find, weiß ich nicht. Überall in Südamerika kann man dasselbe beobachten: stets ist die schlechte Presse mit dem schlechten Klerus im Bunde, uud alle Anstrengungen, die der bessere Teil der Geistlichen uud namentlich die Jesuiten — die übrigens mit Ausnahme einiger weniger Staaten überall dort vertrieben sind und gerade den verdorbenen Klerus zum Hauptgegner haben — gegen die Korruption machen, werden von der sogenannten „freisinnigen" Presse als „ultramontancr Fanatismus", „jesuitische ,^crrsch-gclnste" n. dgl. verdächtigt. So sehr man aber anch die vielen und großeu Fehler der spanischen Kreolen verurteilen mag, die Gerechtigkeit erfordert es, daß man anch wieder ihre gntcn Seiten betont, ihre Gutmütigkeit und Gastfreundschaft, ^c anch in Chachapoyas nud der Umgegend von Weißen und Mestizen — nicht von Indianern -^ vielfach geübt wird. Man kann wirklich sagen, daß bei den Pflanzern dieser Regionen die Gastfrcnndschaft die vorhcrr- U3 III. ChachllpoyaZ. schende Tugend ist. Sie ist so vollständig, so naiu und so uninteressiert, daß man sich bei uns zulande kaum einen Begriff davon machen kann. Kommt man im Hofe eiuer Pflanzung an, so wird man vom Eigentümer empfangen, der sich uach unserm Befinden erkundigt uud uns auffordert, abzusteigen. Von diesen: Augenblicke an ist man wie zu Hause, man sagt seinen Namen nnd wird den verschiedenen Mitgliedern der Familie vorgestellt. Niemand findet etwas dabei, wenn man seinen Aufenthalt anf einen ganzen Monat verlängert, stets wird man mit dem Tanfnamcn mit vorgesetztem „Don" angeredet, wie überhaupt im spanischen Amenta die Zunamen selten gebraucht werden. Man erhält sein Schlafzimmer, das ebenfo gut ausgestattet ist, wie das des Besitzers, nimmt seinen Sitz an dem Speisetische der Familie und hat den guten Renten keine andere Vergütung zu geben, als daß man ihnen die neuesten Nachrichten aus Lima mitteilt oder von den Wundern Europas erzählt, wobei nicht nur die Familie, sondern auch die ganze indianische Dienerschaft mit offenen Augen und Ohren zuhört, obgleich die letztere meist kein Wort Spanifch und folglich auch die Konvcrfatwn nicht versteht; sie will sich aber den Anschein geben, als verstehe sie alles nnd nehme an allen Frenden der Familie den regsten Anteil. Erklärt man fchließlich seinen.Entschluß, abzureisen, so bitten alle Familienglieder, Männer und Frauen, so dringend und in Ausdrücken fo warmer Freundschaft, man möge noch bleiben, das; man nicht umhin kann, noch etwas länger zu verweilen, und muß man endlich anf-brechen, so wird man von dem Besitzer uud dessen Söhnen oder Brüdern noch eine Legua weit zu Pferde begleitet — uoch ein Händedrnck und man sieht sich wahrscheinlich nie mehr wieder. Die nächste Nacht hat man vermutlich im Freien zn kampieren, nnd wie angenehm überrascht ist man dann, wenn man beim Anspacken seiner Reise-Utensilien einen Sack mit allerhand Lebensmitteln und Leckerbissen findet, den die vortrefflichen Lente beim Aufladen unter das (Gepäck gefchoben hatten. Diefc Art von ^astfrcnndschaft ist in vielen Regionen des Innern von Peru und Bolivia ganz allgemein, und wenn es auch Ausnahmen giebt, so bestätigen diese doch nur die Regel. Zur Zeit, als wir nach Ehachapoya^ kamen, war der ehrwüröige Don Pedro Nuiz Bischof dieser Stadt; derselbe behandelte unsere Expedition mit der größten Freundlichkeit, befuchte die Leute häufig und gab ihnen viel Schocolade und eingemachte Sachen für die Reise mit. Er war überhaupt ein Freund der Fremden. Enthusiastisch war er eingenommen für die Kolomsiernng der das Amazonenthal begrenzenden Hochlande, für die Enichtnng von Verbindungswegen zwischen den Städten des Innern und den schiffbaren Zuflüssen des Amazonenstromes, und besonders lag ihm am Herzen die Bekehrung und Eivili-sierunq der dort hansenden wilden, zum Teil noch mcnschenfressenden Indianerstämme. Ich selbst verdanke dem frommen Bifchofe mein Leben. 94 Gin ausgezeichneter Bischof. Im Jahre 1855 grassierte das gelbe Fieber und' auch ich ward davon befallen. Mein deutscher Arzt hatte mich bereits ausgegeben, als der Bischof, der von meiner Krankheit gehört, mich besnchte. Oleich sagte er, es sei unrecht, alle Hoffnung schon aufzugeben, ohne weitere Versuche zu machen; er eilte sofort weg und kam bald zurück mit einem spanischen Arzte, der mich wieder herstellte. Als ich, zum Skelette abgemagert, znm erstenmal wieder ausging, sah ich beim Vorbeigehen in einer Obstbude wuuderschöne Pfirsiche, deren Anblick ich nicht widerstehen konnte. Die Händlerin, eine alte Negerin, sah mich groß an, schüttelte den Kopf nnd sagte: „Ihnen verkaufe ich keine Pfirfiche, es wäre Ihr Tod." Cs giebt also auch unter Negern ebensogut wie unter Weißen Veute, die das Herz auf dem rechten Flecke haben. Bischof Nuiz war der Hanptpionier des obern Amazonenthales; er besuchte die wilden Stämme am Maranon, Ucayali, Pastaza und Morona und entdeckte zuletzt, nachdem er verschiedenemal vergebeus iu die Wildnis eingedrungen, einen bequemen Verbindungsweg- zwischen seiner Vaterstadt Chachaponas und den: schiffbaren Nicva, der in den Maranon mundet. Die furchtbarsten Strapazen hatte er anf dieser letzten Reise ausgestanden, fast war er uor Hunger dabei nmgekommen, und fein nicht sehr starker Körper erlag am Eude alleu diesen Mühseligkeiten. Auf der Rückreise bekam er eine heftige Dysenterie, so daß er uach Chachapoyas getragen werden mußte, wo er ein paar Tage nachher starb (1862). Nur ein Manu, welcher selbst Entdeckungsreisen in den Urwäldern des tropischen Amerika gemacht hat, ist imstande, die Arbeiten dieses frommen und aufopfcrudeu Apostels gehörig zu würdigen. Die steilen Ge-birgspfade, welche zwifcheu fürchterlichen Abgründen sich hiuwmdm, die tiefen Moräste, die dichten und wilduerwachsenen Forste, die Gefahren vor wilden Indianern, Naubtiereu uud giftigeu Schlangen, die schlechteu und spärlichen Nahrungsmittel, die oft fündflutartigeu Ncgeugüffe uud schrecklichen Gewitterstürme, die tosenden uud schüumcudeu Gebirgsströme, wo das schwache Kauoe jeden Augenblick in Gefahr ist, an den Felsen zu zerschellen — alles dies sind Hindernisse, vor denen die meisten Männer erzittern. Hier treibt den kühnen Pfadfinder nicht das Bewußtsein, welches den Krieger erregt, daß er sich mit Nuhm bedeckt, wenn er die feindliche Batterie nimmt, nnd daß so viele Angen iu der Schlacht auf ihn gerichtet sind — allein oder nur in Begleitung von wenigen Indianern dringt er w den finstern Urwald, uud erliegt er endlich den Strapazen, fo stirbt n einsän: und verlassen, den wilden Tieren eine Bente und anf ewig verschollen! Im Jahre 1854 ging eine Expedition, meist aus Kalifornien: bestehend, lauter abgehärtete uud erfahrene Hinterwäldler, von ChachaponaZ ab uach den Goldwäschereien, welche sich an: Maralwn oberhalb seiner 95 III. Chachapoyas. letzten Wasserfälle befinden sollten. Sie nahm eine ähnliche Richtung, wie sie Bischof Ruiz auf seiner letzten Neisc genommen hatte, doch die wenigsten dieser Lente kamen wieder znrnck! Die übrigen waren in den Wasserfallen oder durch Fieber nnd Hunger umgekommen. Einer der Nberleben-den, ein junger Holsteiner von 20 Jahren, der schon uusere Expedition mitgemacht, dein das Leben am Amazoncnstrome aber nicht behagt hatte, schilderte mir später seine Abenteuer auf dieser Reise, die ich hier kurz wiedergeben will ^. Als der Holsteiucr auf seiner Rückreise vom Amazonenstrome wieder nach Chachapoyas kam, traf er dort die Mnkees, mit denen er sich, da er kein Englisch sprach, nicht verständigen konnte. Bald stellte es sich aber heraus, daß auch ein Berliner sich bei der Baude befand, der, als er merkte, daß unser Holsteiner Spanisch sprach nnd gerade vom Amazoucu-stromc kam, ihn gleich seineu Kameraden vorstellte, die uuu freundlicher gegen ihn wnrden, da ihnen ein solcher Maun, der manchen Aufschluß gebeu konnte, sehr erwünscht kam. Sie erzählten, sie hätten in kalifornischen Zeitungen gelesen, dic- rcichstcn Goldminen befänden sich am obern Amazonenstrome oder Marcmon, oberhalb des Pongo de Manseriche, was ihnen in Lima von Leuten, die auch das Innere kannten, bestätigt worden sei. Des Holsteiners Einwnrf, er selbst hätte kein Gold am Amazonen-strome gesehen, verlachten sic — „nur ein Dutchman", meinten sie, „könne dort unten Gold sucheu, am untern Sacramento gäbe es anch keines, in den Bergen werde es schon anders aussehen". Sie luden ihu daun ein, mit ihnen zu trinken, und als der gute Holsteiner halb betrunken war, überredeten sie ihn, ihre Tonr nach dem Eldorado mitzntnachen. Er nnterschrieb denn auch seinen Namen nnd zahlte gleich 20 Pfund Sterling als seinen Beitrag für die Kosten eiu. Die Kalifornier führten teilweise viel Gold mit sich, uuser Holsteiner hielt es aber für geratener, ihnen zn verheimlichen, daß er anch noch welches besäße, nnd nähte am folgenden Tage seme ganze Barschaft — etwa 100 Pfund Sterlinge — in semen Überrock ein. Die Expedition bestand aus 30 Yankees, dem Holsteiner, dem Berliner und einem Pernaner, der sich noch in Ehachapouas ihnen anschloß. Der Nischof von Ehachapouas besorgte ihnen noch zwei indianische Wegweiser, und schon nach zwei Tagen ward nach den Goldminen des Maranon aufgebrochen. Schon in den ersten Tagen merkte nnscr Frenno, in welche Bande er geraten war. Es war der rohcste Auswnrf von bestialischen Yankees, wie uur Kalifornien ihn zu jener Zeit anfweisen konnte. Er wollte gleich zurückkehren, aber der Berliner bestimmte ihn zuletzt doch, weiter mitzugehen. „Haben wir Gold genug gefunden," sagte er, „so brechen wir des ! Im „Ausland" von 1871 habe ich dieselben eingehend beschrieben. !»« Goldsucher am Amazonensttom. , Nachts mit dm beiden Indianern anf und überlassen jene Bestien ihrem Schicksale. Viele uon ihnen haben schon dreimal in Kalifornien ein Vermögen geinacht nnd es wieder durchgebracht, einige Spieler sind unter ihnen, die sich nicht mehr Gewissen daraus machen, unser Geld wegzunehmen und uns eine Kugel durch den Kopf zu jageu, als einen Hund totzuschicßeu; aber die Burschcu habeu im Goldsuchcu viel Erfahrung — ist Gold vorhanden, die finden es gewiß." Die meisten dieser Abenteurer betrngen sich auf die brutalste Weise gegeu jeden, der nicht Nordamerikaner war. Die beiden indianischen Wegweiser wnrden oft auf das unmenschlichste mißhandelt; des Nachts banden Nc dieselben immer fest, damit sie nicht entfliehen konnten. Den armen Peruaner, der kein Wort englisch sprach, traten und stießen sie, wenn er ihnen in den Weg tan», ebenso die Indianer, wenn diese nicht verstanden, was die Vaukees wollten. Konnten die letzteren kein Vieh erhandeln, so trieben sie es ohne U'mstä'nde weg. Natürlich ward dies bald uuter den Indianern bekannt, die stets alle ihre Habseligkeiten, ehe die Expedition stch sehen ließ, in Sicherheit brachten uud versteckten. Doch erlangte der Holsteiner, der Spanisch und auch etwas Quichna sprach, manches, was die Amerikaner sich nie verschaffen konnten. Bald hörten alle Wege uud Ansiedelungen auf und man mußte sich einen Weg dnrch den dichtuerwachsenen Urwald hauen. Die Amerikaner arbeiteten wie die Bären, ohne je den Mut zu verlieren, ließen aber ihre indianischen Wegweiser nie aus den Augen, so daß diese nie Gelegenheit fanden, zu entschlüpfen. Manchmal kamen sie zu kleinen Savannen, wo sie einen Tag lang rasteten, um Maultiere und Schlachtvieh stch erholen zu lasseu. Ermüdete ein Maultier, so ward es zurückgelassen. ' Immer vorwärts, hieß es, obgleich es beständig regnete — die Regenzeit war bereits eingetreten — einige bekamen Fieber — einerlei, immer vorwärts. Der arme Pernaner konnte zuletzt nicht mehr weiter — ohne Mitleid ward er zurückgelassen, um im Urwalde zu verschmachten. Nie mehr ward etwas von ihm gehört, wahrscheinlich habe:' ihn die Tiger zerrissen! Trotz all dieser Eile dauerte es zwei Monate, ehe sie am Nieoas-Flusse ankamen. Hier wurden nun acht Flöße gezimmert, das sämtliche Vieh geschlachtet uud trockenes fleisch bereitet — den Pferden uud Maultieren, die uon nun an unnütz wurden, schenkte man die Freiheit. Nachdem alles Gepäck auf die Flöße geladen war, schiffte mau fich ein und überließ fich der Strö'mnng. Unser Held hatte sich, wie uiele andere, durch die beständige Nässe das Fieber zugezogen — doch darauf achtete niemand; wer znrückblieb, war verloren. In den ersten sechs Stundeu ämg alles gut, der Fluß floß ruhig, und schon glaubten die Reisenden alle Gefahr überstanden. Aber nach und nach ward die Strömung stärker, der Strom schoß nun durch Felsen und war mit Klippen besäet; das v. Schütz, Amnzoiins. —iff— ? III. (Lhllchapoyas. Brüllen des Wassers ward immer fürchterlicher — an einen Widerstand war nicht mehr zn denken. Mit Stnrmesschnellc wurden sie fortgerissen einen li ni hohen Wasserfall hinab in den schnnmenden Wirbel. Drei von den acht Flößen verschwanden nnd nenn Mann ertranken; fast all ihr Gepäck war verloren. Der Holsteiner, der sich an sein Floß geklammert hatte, rettete nur sein nacktes Leben; selbst sein Rock, den er ausgezogen und in welchen er alles Geld eingenäht hatte, war vom Wasser weggespült worden. Nnr einen einzigen Sack Reis hatten sie bei dem Schiffbrnche gerettet, sowie etwas Pulver, das sie wieder trockneten, acht Schießgewehre, mehrere Revolver, Äxte, Schaufeln und Pfannen. Der Holsteiner hatte beständig das Fieber nnd konnte sich kaum regen. Hauptsächlich den beiden Indianern dankte er sein Leben; da er der einzige war, mit dein sie sprechen konnten, so hatten sie ihn liebgewonnen und pflegten ihn in seiner Krankheit. Mit ihren Blasrohren schössen sie oft Federwild, sammelten Wald-früchtc, welche die Amerikaner nicht kannten, Palmcnkohl, wilde Kartoffeln n. dgl., was sie immer mit dem armen Kranken teilten und fnr ihn zubereiteten. Endlich hörten sie ein entferntes dnmpfes Tosen, nnd schon glaubteu sie, daß wieder nene Schrecknisse, Wasserfalle und Schiffbruch auf sie warteten, da mündete der Nievas in einen andern viel größern Fluß, mit dem sich auf der andern Seite noch ein anderer Strom verband. Nun war kein Zweifel mehr, sie hatten ihr Ziel erreicht! Der Znsammcn-ftuß von drei Strömen, es paßte ganz zn der Beschreibung, die sie durch den Bischof in (shachapoyas erhalten hatten — der Nievas, Santiago und Marailon vereinigen sich kurz vor dein Pongo de Manscriche, den letzten Stromschnellen des Maraüon. Hier mußten die Goldminen sein. Gleich liefen nnn alle, auch die Fieberkranken und Todmüden, mit Schanfeln und Pfannen nach dein Flusse, fanden aber nur an einer einzigen Stelle wenig und zwar sehr feines Gold. Der Fluß war noch viel zu hoch, nm gehörig arbeiten zu können. Jetzt ward also beschlossen, zn warten, bis das Wasser gefallen sei. Hütten wnrden gebaut, aber man wartete vergebens; Wochen und Wochen vergingen nnd das Wasser wollte nicht niedriger werden. Dabei hatten die Leute mit dem größten Hunger zu kämpfeu; schon ans dem Nievas-Flnsse war ihr kärglicher >Ncisvorrat zu Onde gegangen und fetzt lebten sie nnr von Affenfleisch und Palmenkohl. Immer seltener wnrden die Affen, und nur wenige der Goldsucher waren noch imstande, ans die Jagd zn gehen; wohl die Hälfte litt an Fieber und Dysenterie. Schon mehrten sich die Stimmen zu gunsten der Abreise, jede Woche ward hierüber abgestimmt, und zuletzt waren es fast nnr noch die Kranken, welche nicht weiter konnten, die für ein längeres Bleiben stimmten. 98^ Goldsucher mn Amazonenstrom. Acht uon diesen waren bereits in den letzten Tagen gestorben, nnd wie es sich später als fast sicher erwies, der Arzt hatte sie vergiftet! Dieser, ein früherer Barbier ans San Francisco, war nämlich einer der Eifrigsten für das Abreisen, nnd nm hierfür die Mehrheit zu gewinnen, schaffte er die Kranken beiseite! Auch dem armen Holsteiner gab er ein Pulver, worauf Gaumen, Zahnfleisch und Mund bald anschwollen nnd der Leib weit aufgetrieben ward; in ein paar Tagen verlor der Patient die Hälfte seiner Zähne. Da zwang der Berliner den Barbier, dem Kranken ein Gegenmittel zu geben, indem er schwor, ihn zu erschießeu, wenn jener sich nicht binnen zwei Tagen besser befände. Einige Brech- und Abführmittel besserten bald seinen Zustand. Drei fürchterliche Monate vergingen auf diese Weise, bis sich endlich die Mehrzahl zur Abreise entschloß. Es war im Mouat April — hüttcu sie noch ein paar Wochen warten können, so wäre der Fluß jedenfalls gefallen; aber sie glaubten, er würde nie mehr niedriger werden, nnd der Hunger zwang sie zum Aufbruche. Sie wären schon früher aufgebrochen, wenn nicht das Brüllen des „Pougo de Mauseriche", das sie beständig hö'ren konnten, einen Teil der Lente eingeschüchtert hätte. Endlich bestiegeu sie wieder ihre Flöße uud überließen sich resigniert der Strömung. Krauk wie der Holsteiner war, konnte er nur wenig durch das Palmendach des Floßes blicken und mir daher nnr eine spärliche Beschreibung der letzten Kaskaden des Amazouenstromes später geben. Kurz vor deu Fallen ist der Strom etwa 800 Schritte breit, worauf er sich plötzlich verengt uud durch ein Felsenthor schießt. An einigen Stellen schien der Fluß kaum 50 Schritte breit zu sein, und durch solche flog das Floß mit der Schuellig-keit eines Pfeiles. Die Strömung war so stark und die Leute so ausgehungert und schwach, daß au ein Arbeiten nicht zu denken war' sie mußten sich ruhig der Strömung überlassen. Ein Floß ward an einem Felsen zerschellt, wobei zwei Mann ertranken; die übrigen kamen glücklich durch. Nach unseres Freundes Schätzung mochte diese Fahrt durch den Pongo de Manseriche etwas über eine halbe Stunde gedauert habeu, doch nicht überall flogen sie mit derselben Schnelligkeit durch. Am Aus-gauge des Felsenthores breitete sich der Amazoneustrom aus wie ein ruhiger See in einer unermeßlichen Ebene, und alle fühlten, jetzt wären sic gerettet. Bald trafen sie ein Kanoe mit wilden Indianern, die viel getrocknetes Wildschweinefleisch bei sich hatten. Sofort ward es ihnen abgenommen und ein Teil gleich roh verzehrt. Nach zwei Tagen tamen sie in ein kleines Indianerdorf, wo aber außer etwas Fisch und Banauen keine anderen Lebensmittel aufzutreibcu waren. Hier erhandelten sie sich ein paar Kanoes, gingen damit eine kurze Strecke den nahen Huallaga-Flnß hinanf und befnhren dann dm ---------, 7« III. ChachopoyaZ. Aipena bis in die Nähe von Ieveros. Hier fand unser Frennd die gastfreundlichste Aufnahme und liebevollste Pflege im Hause des Pfarrers. Die Yankees hingegen machten sich bald durch ihre Roheit und beständigen Mißhandlungen der harmlosen Einwohner des Ortes auf das tiefste verhaßt und zogen glücklicherweise nach wenigen Tagen schon weiter. Die beiden Dentschen blieben noch einen Monat länger bei dem Pfarrer, der ihnen vier Indianer mitgab, die den Kranken abwechselnd bis Valsa-puerto tragen mußten. Nun war der Holsteiner wieder in ihm wohlbekannter Gegend; der Berliner trennte sich hier von ihm und ging mit brasilianischen Händlern den Fluß hinab nach Brasilien. Da das Fieber wiedergekehrt war, blieb nnser Held noch 14 Tage in Balsapuerto, im Hause des Alkalden, wo die Vampnre von seinem wenigen Blnte noch einen Teil abzapften. Er ward dadurch so geschwächt, daß er zur Reise nach Moyobamba, die man sonst in sechs Tagen zurücklegt, 14 Tage brauchte. Der Alkalde hatte ihm zwei Indianer und hinreichende Lebensmittel mitgegeben. Die Amerikaner waren in kleinen Partieen und trotz aller Warnungen ohne Führer weitergezogen. Anf dein Wege von Valsapnerto nach Moyobamba verirrten sich drei uud kamen dnrch Hunger nm. Neste von ihnen wnrden noch gefunden, das übrige hatten die Tiger verzehrt. Im ganzen kamen nur acht Mann der Expedition nach Moyobamba; mit dem Berliner nnd den beiden indianischen Wegweisern hatten sich also nur elf Mann von den 34, die zusammen von Chachapoyas aufbrachen, gerettet! Zwei Amerikaner nnd ein amerikanisierter Irländer zogen znsammen aus Moyobamba, um wieder nach Lima und von da nach Kalifornien zurückzukehren. Der Irländer hatte 3000 Dollars in Gold in seinem Rocke eingenäht, was er bisher streng verheimlicht hatte. In Moyobamba aber, in seiner Frende, sich gerettet zn sehen, hatte er seine Kameraden gehörig traktiert und ein paarmal über den Durst getrunken, wobei ihm sein Geheimnis entschlüpfte. Auf der Neise schleppten ihn seine Begleiter mit Gewalt abseits, banden ihn an einen Banm und überließen ihn, nachdem sie das Gold genommen, seinem Schicksale, hier in der Wildnis elendiglich zu verschmachteil. Zufälligerweise passierte ein Indianer mit seinen Hunden am Abende desselben Tages diesen Weg. Plötzlich fingen die Hunde ganz wütend an zu bellen und ließen mit ihrem Gehenle nicht nach, bis der Indianer sich entschloß, in den Wald zu dringen und nachzusehen, und so den schon halbtoten Irländer entdeckte, den er nach dem nahm Nioja brachte. Von hier ans wurden gleich Boten nach Chachapoyas geschickt, wo auch die beiden Yankees festgenommen wnrden. Allein schon am nächsten Tage waren sie durch das Dach aus dem Gefängnisse entwichen, und nie mehr hat man etwas von ihnen noch von dem Golde Die letzten Schicksale dcr Goldsucher. gehört. Der Irländer ging nach Callao und von dort nach Kaliformen zurück. Unser Holsteiner blieb in Moyobamba einen Monat im Hause eines Franzosen, wo er sich, obgleich das Fieber öfters wiederkehrte, ziemlich wieder erholte. Zu Fuß ging er von dort in Begleitung eines Indianers nach Chachapoyas, wo er in einem ganz elenden Znstande ankam. Die Füße waren geschwollen, noch von den Vampyrbissen von Balsapnerto her in Eiterung, alle Nägel von den Zehen gelöst nnd dabei hatte er wieder das Fieber. In dem herrlichen Klima von Chachapouns, wo er ein paar Wochen blieb, ward er bald soweit hergestellt, daß er seine Reise nach Callao fortsetzen konnte, wo er nach mancherlei Beschwerden, in Lumpen gehüllt und halbnackt, anlangte, eher einem dem Grabe entstiegenen Leichnam als einem lebenden Menschen ähnlich. In Lima hat er sich später ganz erholt und durch seinen Untcrnehmuugssinn nnd große Thätigkeit ein hübsches Vermögen erworben. Nnr dem so überaus gesuuden Klima in der Sierra nnd der gnten Pflege, die er an mehreren Orten erhalten, hatte der arme Mann sein Leben zn verdanken. Es giebt wohl wenige Gegenden in der Welt, die ein besseres Klima aufzuweisen haben, als die hochgelegenen Negionen des Inneren von Pern. Dnrch die von der französischen Akademie der Wissenschaften gekrönten Werke ^ des Or. Ionrdanet, welcher selbst mehrere Jahre lang an Ort nnd Stelle den Einfluß der dünnen Lnft in den Andes anf die Lnngenkrantheiten beobachtet hat, kennt man jetzt besser die Wirkungen dieser Lnft anf die Gefundheit des Menschen. Nach der Ansicht dieses gelehrten Arztes, der ganz auffallende Kuren, die dort in Fällen von Lungenschwindsucht zweiten nnd dritten Grades erzielt wurden, mitteilt, kann jene Krankheit sich nicht mehr jenseits der Mittellinie zwischen dem Niveau des Meeres und der Schneegrenze entwickeln, so daß in einem Orte wie Chachapovas, bei einer Breite, wo die Schneegrenze sich nngefähr 45W,n über dem Meere befindet, die Lungenschwindsucht bei 2259 in Meereshöhe aufhüreu würde. In den meisten dieser Hochthäler kommen auch noch andere Ursachen hinzu, welche die Annehmlichkeit des Klimas noch erhöhen. Die Kette der Cordilleras schließt sie ab, schützt sie gegen alle Stürme nnd mildert ihre Temperatnr. Zndcm ist 5ne Sonncnwärme dort ziemlich bedeutend, was zn der dort herrschenden Milde und Beständigkeit des Klimas beiträgt. Als solche Lnftknrorte sind namentlich die Städte Tarma nnd I an ja berühmt, die beide, auf einer Meereshöhe von nngefähr W()0 m gelegen, nicht fehr weit von Lima entfernt uud durch die bis in ihre Nähe führende Eisenbahn nicht mehr fo 1 Les Altitudes de l'Amerique tropicale, comparees au niveau des mers, au point de vue de la constitution medicale. — L'air rar<'>ne dans ses rapports aVec l'homme sain et avec l'homme malade. — L'influence Oc la pression de 1 air sur la vie de l'homme. 101 III. EhachllpoyaZ. schwer zu erreichen sind wie früher, wo manche Lungenkranke auf dem fchauderhafteu Wege zwischen Lima und Iauja gestorben siud. Um einen Fall von Lungenschwindsucht vollkommen zu Heileu, so daß die durch diese furchtbare Krankheit an der Lunge erzeugten Wunden vernarben können, dazu gehört freilich ein Aufeuthalt von zwei bis drei Jahren in einem diefer eutlegeuen Hochthäler, der in Bezug auf Komfort uud Geselligkeit gar weuig Annehmlichkeiten bietet. 102 IV. ^L o r e t o. Dir peruanische Montana. — Chinarinde. — Moiioliamua. ^ Panama- Hüte. — Tarapoto. — Produkte. — Tauschhandel. — Schanderhafte Wege. — Flußreise. — Prachtvolle Urwälder. — Tierlclieu. ^ Ver Huallaa.a. — Mislioucu der Jesuiten. An vierzehn Tage hatten wir in Chachapoyas gerastet und mußten uns endlich zum Aufbruch entschließen. Ich glaube, die guten Bewohner von Chachavoyas waren herzlich froh, als sie die wilden „Gringos" (Fremden) endlich los wnrden, welche sie immer mit Zittern und Zagen betrachtet hatten; denn im Innern von Peru ist eine wohlbcwaffnete Baude von hnndert Europäern oder Nordnmerikanern überall Herr, wo sie hinkommt: keine dort befindliche Macht könnte ihr widerstehen. Bis hierher war verhältnismäßig die ganze Reise ein Kinderspiel gewesen, uon nun an aber fingen die Strapazen an. In (>hachap0l>as Hatten wir nene Maultiere bekommen, welche uns bis Moyobamba (210 Ion) bringen sollten, auf einem so schauderhaften Wege, wie ich znvor weder in Mejico noch m Kalifornien eitlen schlimmern gesehen. Die ersten 30 kin bis znm Indianerdorfe Taulia waren erträglich: man kann fie bequem zu Pferde zurücklegen. Von Taulia ab steigt der Weg beständig bis znr kalten Pnna von Piscohuanuni (im Qnichua: Ort, wo die Vogel sterben) auf der östlichen Andestettc, welche hier die Gewässer des Maranon von denen dco Huallaga scheidet. Einige Stellen dieses Weges können nicht wohl schlechter sein, namentlich die Höhe von Doval in der Nähe von Taulia. Um einen Begriff uon dieser Stelle zu bekommen, denke mau ^ch eine Treppe, die von vielen rundlichen Holzstöckeu gebaut ist, welche (anstatt Stufen von Stein) quer auf einer ^age von fchlüpfrigem Thone nchcn. Wenn die Tiere auf diese stets fenchten Hölzer treten — denn auf diesen Höhen regnet es beinahe jeden Tag —, so rutschen sie fast bei jedem Schritt aus und können kaum das fallen vermeiden. So stürzte hier ein Packmanltier, welches gerade vor mir ging, in den 10l)0 m tiefen Abgrnnd, wo es zerschellt als eine unkenntliche Masse anlangte. 103 IV. Lorcto. Glücklich ist der Reisende, wenn sein Pferd nicht den Fuß in ein Loch zwischen den verschiedenen Hölzern setzt, denn dann sind oft Reiter und Tier verloren. Vom Gipfel der Andes an geht es beständig bergab über einen morastigen Weg, eingefaßt zu beiden Seiten vou undurchdringlichem Urwalde, dessen Anblick, je tiefer man kommt, immer großartiger wird. Die ganze waldige Berglandfchaft belegt der Peruaner mit dem Rainen Montana, deren oberste, äußerste Greuze la (ÜoM äe ^ Nonwim (Braue des Waldes) heißt. Pöppig schildert die Vegetation der Ceja sehr treffend, indem er sagt, sie zeichne sich auf den ersten Blick schon durch unbeschreibliche Dichtigkeit der Masseu, durch völlige Undurchdringlichkeit weiter Flächen aus, welche mehr durch die sehr eigentümliche Art des Wachsens der Pflanzen jener Flora, als durch die große Unebenheit deü Bodens hervorgebracht wird. Da die Schneiden und Gipfel der Felfen den Bäumen selten Nah-ruug in hinreichender Menge zu geben vermögen, so beginnen diese in verkehrter Richtung zu wachsen; der dicke, knotige Stamm wird kaum 4 ni hoch und breitet sich iu vielfach gedrehte Äste aus; allein er sendet entweder eine Menge Luftwurzeln über die Felsenwand hinab und sncht wie mit Fühlern nach seiner Nahrung umher, oder er verlängert geradezu seinen Stamm nach nnten und erscheint dann wie ein hoher Banm, der nahe an seiner Krone eiuige dicke Wurzeln emportrieb. Alle höhereu Gewächse der Ceja haben die besondere Eigenschaft, fich bis au den Boden mit Asten zu bekleiden, die sich untereinander tausendfältig verwirren und dadnrch einer Menge von Parasiten die besten Standorte bieten. Größere Stämme, vom Stnrme umgeworfen, stürzen über dieses Gewebe hin, allein, dnrch Luftwurzeln ernährt, wachsen sie fort. Eine ncne Kolonie von Schmarotzern, sogar große Sträucher, siedeln sich da au, und so liegt immer eine Schicht von Pflanzen auf der audern, und nur die alleruutersten ersterben nach langem Kampfe, erdrückt und der Sonne beraubt. Die dichte Vegetation ist dnrch die reichlichen Niederschläge bedingt, welche die ganze Region vom Kamme der Andes an bis zum Amazonas befeuchten. Dichte Nebel bedecken alle Morgen die Landschaft. Die Ceja selbst ist darum nur äußerst spärlich bevölkert, die Entfernuug der sseja vou der eigeutlichen, tiefergelegenen Montana — „Nonwna roul", königlichen Wald, nennen sie die Peruaner — ist sehr verschieden; bald braucht man <>^-tt Tage, bald reitet man in einem Tage dnrch alle Klimate und Pstanzcnzouen, vom Kamme des Gebirges bis in die warmen Thäler hinab. Anf unserm Wege konnte man dies in ." Tagen abmachen. Der letzte Abhang — „w V«uw:m", das Fenster, genannt —, von wo alts man eine prachtvolle Anssicht nach den Ebenen nnd letzten Vorbergen des Amazonenstromes und des Hnallaga genießt, ist die gefährlichste von allen Stellen dieses halsbrecherischen Weges. Stufen, oder vielmehr 'l0I "!'Z nß 'Ilvma^ Gefährliche Wege; Rio Negro; Urwald. große Steine, meist 60 om hoch, bilden anf eine Strecke von nahe an hundert Schritt den ganzen Pfad, und hier müssen die Tiere von Stufe zu Stufe hcrabspringen. Nur ein Maultier bringt dies fertig, kein Pferd ist dazu imstande. Die Worte: „ßi piö cls 1a mula 68 un olavo, der Fuß des Maultiers ist eiu Nagel", ist buchstäblich wahr. Oft führt nämlich dieser Weg ganz launenhaft abwärts. In tausend Rinnsalen kommt das Wasser den steilen und au vielen Stellen lehmigen Weg hinab, und hier beginnt das Manltier zu zeigen, was es leisten kann und will. Das Tier setzt die vier Füße zusammen und gleitet, ohne zu zögern, dreißig nud mehr Schritte hinab, und selbst wenn die schlimmste Stelle eine Kurve macht, kommt es doch glücklich da au, wo ein falscher Schritt es samt dem Neiter zerschmettert in den unten toscuden Strom werfen würde. Zudem ist der Weg au maucheu Stellen so schmal, daß die Maultiere einander uicht ausweicheu können. Die Maultiertreiber lassen dann vorher eiueu lauten Warnruf ertönen, um die etwa entgegenkommenden Züge zu veranlassen, an breiteren Stellen zu halteu, bis sie vorübergegangen sind. Ist der .Ruf überhört und treffen sich zwei Tiere an uuausweichbaren Stellen, so mnß entweder das eine entlastet und zurückgeführt oder, wenn auch dazu der Raum uicht ansreicht, unbarmherzig hinabgestürzt werden, um der größeru Schar Platz zu machen. Stellenweise muß mau auch durch ganz schmale Klüfte reiten, die hier und da kaum breiter sind als das Reittier selbst; der Neiter ist dann gezwungen, seine Beine über dm Hals des Tieres zu legen und die großen, ulumveu, mit Metall beschlagenen Steigbügel abznschuallen, damit das Tier nicht verletzt werde. Von I^aulia bis zum ersteu bewohnten Orte, Rio Negro, führt der Weg 15s) Ivin weit durch eiue mumterbrocheue Wilduis. Sechs von Nohr gebaute und mit Palmblättern gedeckte „Tambos" sind auf Entfernungen von je sechs LeguaZ (9 Wegstunden) errichtet, um dcu Reisenden Schutz gegen die hier im größlen Teile des Jahres herrschenden Regen zu gewähren. Nio Negro ist, wie gesagt, der erste bewohnte Punkt, uach-dem man Taulia verlassen hat. Es ist eine kleine Zuckerrohr-Pflanzung, auf der im ganzen etwa 20 Personen wohnen. Sie erhielt ihreu Namen vom Rio Negro, einem Flusse, der in großen Massen krystallhellen Wassers aus einem großen Felsen springt. Der Weg folgt diesem Flusse auf eine große Strecke hin, dann verschwindet der Fluß plötzlich, um einige Stunden weit unterirdisch zu fließen. Rio Negro liegt schon in der eigeutlicheu „Moutaüa Real", den: echten tropischen Urwalde. Hier ist das Pflanzenlebcn so überaus üppig, daß man nicht begreifen kann, wie eiue so kleine Bodmflächc eine solche Masse Pflanzen hervorzubringen und zu ernähren vermag, und in der That genügt anch oft der Raum auf dem Boom uicht für alle seine Kinder; die Baumstämme müssen die verschiedenartigsten Schlingpflanzen tragen, 105 IV. Larctü. die sic wie mit einem mit Blumen überfäetcu Teppiche umgeben. Durch diese seltsameu Gruppierungen erweitern die Wälder wie die Kankeu der Berge uud Felsen das Gebiet der organischen Natur; die nämlichen Lianen, welche auf der Erde kriechen, erklimmen auch die Gipfel der Bäume uud schicken ihre Ranken, bis 30 in hoch, von einem Baumriesen zum andern hinüber. Diese Gebirgsnrwnlder übertreffen an Pracht uud Üppigkeit der Vegetation noch die Urwälder der Ebenen des Amazonenthales, die mir wenigstens lange nicht so großartig erschieuen wie jene. Wildromantisch uud düster sieht es iu der Montana aus. Große, graue, bemooste Felsblöcke liegen zerstreut im dichten Walde umher, umgeben vou ungeheuren Stämmen, die bald schlank an 30 in kerzengerade emporsteigen, bald bauchig angeschwollen, teils auf hohen Stelzenwurzeln, teils auf brettartigen Wnr-zclu, die erst bei 12 m Höhe über dem Boden mit dem Stamme sich ver-einen, teils auf vom Stamme nach allen Richtuugeu hinauslaufenden Wur-zeln ruhen. Alle diese Baumriesen bilden ein dermaßen dichtes, ungeheures Laubdach, daß kaum eiu Sonnenstrahl es zu durchdringeu vermag und unter ihnen ein stetes Halbduntel herrscht, das noch mehr verstärkt wird, wenn bei ungünstiger Witterung dichte Nebelwolken in dieser Wildnis lagern. An den Stämmen und Asten herab und um dieselben her, in allen Windungen und Richtungen, laufeu Tausende von Schlingpflanzen von Manuesstärke bis zu Vindfadendicke, deren Gewirr so dicht ist, daß man durch sie mit dem Waldmesser sich Bahn hauen muß, was bei der bedeutenden Zähigkeit ihrer Stämme nnd Stengel seine Schwierigkeiten hat. Das Unterholz in diesem Nalddome bilden oft dichte Gebüsche palmenähnlicher Karludoviceen, prächtig blühender Melastomeeu und pisangblättriger Helikonien, die von den zartgefiederten Wedeln hoher, braun- uud schwarz-stämmiger Baumfarue überragt werden, wie auch von den majestätischen Kronen herrlicher Palmen auf Mauten, weißgraueu Stämmen und hoheu Stelzeuwurzeln. In diesen Gebirgswäldcrn am östlichen Abhänge der Andes ist auch die Heimat der Ciuchonen, der Chinarinden-Bäume, die aber leider dort auf die mutwilligste Weise ausgerottet werden, indem die armseligen Regierungen von Peru, Colombia, Ecuador uud Bolivia nicht das Geringste thnn, nm dieser nnsinnigen Zerstörung des Nationalreichtnms irgendwie entgegenzutreten. Die Ausbeute der Chinarinde geschieht auf folgcude Weise: Haben die Eascarilleros (Nindensammler) Wälder mit vielen Einchonen gefunden, so machen sie eine Strecke urbar und säen iu die Asche des verbrannten Unterholzes — die größten Bäume läßt mau stehen — Mais, Bohnen, Piment, Kürbisse u. dgl. und halten davon eine Ernte, weil sie fünf und sechs Mouate am Platze bleiben, um die Rinde völlig trocknen zu können. Der Cascarillero nimmt seine Axt auf die Schulter, an der Seite hat er das Machete, das unentbehrliche Waldmesser, auf dem 10« Cmchonen-Wälder; Moyobamba. Rücken trägt er eiueu Sack mit Lebensmittelu für eine Woche, und so dringt er in den dichten Wald, nm allein oder mit mehreren die Arbeit zn verrichten. Nachdem der Baum umgehauen, geht es an das Abrinden des Stammes und der Zweige; daranf wird die Ausbeute uach dem Lager getragen, wo die Rinde aufgestapelt und getrocknet wird. Ist sie völlig trocken, so wird sie in grobes Wollenzcng verpackt und auf Maultieren oder — wo kein Maultier mehr fortkommen kann — auf dein Rückm von Indianern nach der nächsten Niederlassung und uon dort nach dem Nächstliegenden Handelsplätze geschafft. Da die Einchonen-Wälder, wie gesagt, in Südamerika immer mehr verschwinden, so haben Engländer und Holländer große Versuche mit deren Anpflanzung in den Gebirgsgegenden uon Indien, Jamaica nnd Java gemacht, die vollständig gelungen sind und sich als eine glänzende Spekulation erwiesen haben. Die erbärmlichen Regierungen der südamcrikanischcn Republiken haben es sich also jetzt selbst .Anschreiben, wenn ihrem Vaterlande eine Hanptquelle des Wohlstandes verloren geht. Hätten sie ihre Einchoncn-Wälder beschützt nud neue angepflanzt, so wäre die Rinde nicht so unerschwinglich teuer geworden, und die englische und holländische Regierung hätten sich nicht veranlaßt gesehen, in ihren Kolonieen Einchonen-Pflanzungcn anzulegen und dadurch den Südamerikanern eine vernichtende Konkurrenz zu bereiten. Nachdem man Rio 'Negro passiert, kommt mau nach einem Ritte uon drei Stunden über Ebenen, die abwechselnd mit Wald nnd wilden Wiesen bedeckt sind, nach Rioja, einer kleinen Stadt von 20l)<) Einwohnern, welche sich meist mit der Verfertigung von Strohhüten (Panama-Hüten j beschäftigen, uud dann noch neun Stunden weiter uach Mo nob am ba, einer Stadt von 7100 Einwohnern und Sitz eines Präfektcn, dessen Departement (Loreto) sich mehr als N00 Stunden weit bis znr Grenze uon Brasilien erstreckt. Moyobamba nimmt fast fo viel Raum eiu als Lima (mit mehr als 10l»0W Einwohnern), da jedes Hans einen großen Garteil voll Va-nanen hat, deren große, breite Blätter die Hütten dem Auge entziehen. Die Stadt liegt 847 in über dem Meere nnd 9? in über dem Spiegel des Mauo-Flusses, welcher am '^uße der Hochebeue, auf der Moyobamba erbaut ist, vorbeifließt. Die Stadt gewährt trotz der Armseligkeit ihrer Hütten, welche sämtlich von Rohr gebaut, mit Lehm verschmiert nnd mit Palmblättern gedeckt sind, einen ganz angenehmen Anblick. Die sonderbar gesonnten tropischen Bäume uud Gewächse in den Gärten, deren üppig volles Laubwerk die Hüttcu versteckt, die hohen Berge und prachtvollen Wälder, welche die Ebene rings umschließen, der klare, sanft sich schlangelnde Mayo-Flnß, alles dies Wammen bildet cme liebliche Landschaft. Das Trintiuasscr wird aus einer Quelle nahe bei der Stadt geschöpft, ist aber nicht sehr gut und soll Dysenterie verursachen. Ich glaube, daß diese Kraukhcit mehr in der fast 107 IV, Loreto, ausschließlich uegetabilischen Nahrung der Bewohner ihren Grund findet, dic außer von etwas Salzfisch nur von Bananen und Kassauc-Wnrzeln silicas) leben. Überall in der Waldregion östlich der Andes habe ich bemerkt, daß Leute, die mehr Fleisch als vegetabilische Nahrung zu sich nahmen, einer kräftigen Gesundheit sich erfreuten, während die andern häufig au Anschwellungen der Glieder, Hautwassersucht uud Dysenterie litten. Die Vegetariancr werden mir freilich dieses nicht zugeben; allein selbst bei den wilden Indianern kann man wahrnehmen, daß die Iägerstämme gesunder und kräftiger sind als diejenigen, welche fast nnr von Bauanen, nnd ?jueas leben, unter denen eine Art Aussah und Dysenterie häufig vorkommen. Doch rede ich hier nur vou dem Tropenklima der Waldregion i in den kalten Gegenden der Kordilleren leben viele Indianer fast nur von Mais und Kartoffeln und werden dabei sehr alt. Für unsere Expedition trieben wir Schlachtvieh mit, das wir in Chachapoyas gekauft hatten; täglich ließ ich dm Leuten Fleisch geben und in den 14 Tagen unseres Aufenthaltes in Moyobamba bekam kein einziger die Dysenterie. Die einzige Industrie der Bewohner Moyobambas ist die Fabrikation von Strohhüten, die ebenso wie die in Guayaquil verfertigten, welche nnter dem Namen „Panama-Hüte" in den Handel kommen, von den Blattfibern einer palmenartigen Pflanze (^arluäliviLa ^ainiatld) bereitet werden. Das Rohmaterial wird meistens in Nioja zubereitet und wird in Moyobamba zu 4(1 Pfennig das Pfund verkauft. Je nach der Feinheit des Hntes erfordert seine Fabrikation mehr oder weniger Zeit; ein ordinärer Hnt wird in zwei Tagen fertig, während die ganz feinen, welche in Moyobamba selbst mit zwei Goldunzen (140 Mark) bezahlt werden, über zwei Monate Zeit erfordern. Ein solcher Hut ist freilich unzerstörbar. Mit diesen Hntarbeiten beschäftigen sich die Einwohner Moyobambas während des Tages, gegen Abend bieten sie ihre Hüte in den verschiedenen Kaufladen feil. Der Durchschnittspreis für die ordinären .hüte ist ill Moyobamba ungefähr 60 Mark pro Dutzend. Die Kaufleute verpacken die Hüte in Ballen uon uugefähr 25—^0 Dutzend und ungefähr 40 KZ' Gewicht. Diese werden auf dem Rücken von Indianern dreißig Stunden weit auf einem höllischen Wege bis Balsapuerto, dem Einschiffungsorte, gebracht, von wo sie anf dein Cachiyacu, Hnallaga und Amazonenstrome nach Brasilien erportiert werden; nnr wenige gehen nach Enropa, wo man so enorme Preise, wie sie in Amerika für solche Hüte bezahlt werden, nicht geben will. In diesem Huthandel sind schon Vermögen erworben worden. Ein deutscher Schneider, der damals mit seiner Frau in unserer Erpedition nach dem Amazonenstrome ohne einen Pfennig in der Tasche gekommen war, erwarb dort im ersten Jahre etwas mit seinen: Handwerke und verlegte sich dann auf die Hütesvekulation. Jetzt foll er ein bedeutendes Vermögen be- 10« Huthandel; Tarapoio. sitzen und ist der erste Kaufmann am obern Amazonenstrome. Er lebt in Nanta, das zu jener Zeit ein erbärmliches Indianernest war, jetzt aber, seitdem die Dampfer den Flnß hinaufgehen, ein nicht unbedeutender Handelsplatz geworden ist. Mit dem Huthandel beschäftigte sich auch damals in Moyobamba ein alter Franzose, der schon 25 Jahre dort lebte und seine Muttersprache halb vergessen, das Spanische aber nicht ordentlich gelernt hatte. Es war zu komisch, ihn sprechen zu höreu, wie er beide Sprachen untereinander mischte, ähnlich wie es viele unserer nn-gebildeten Landslente in Nordamerika mit der englischen nnd deutschen Sprache thun. Der Huthandel, wenn er auch einige Händler bereichert, hat dem Lande mehr geschadet als genützt; denn die Bewohner Moyobambas zwingen ihre Kinder jetzt schon im zarten Alter, an den Hüten zu arbeiten, nnd fast alle Hände dort sind mit dieser Fabrikation beschäftigt, während der wahre Reichtum des Landes, sein Ackerban, vernachlässigt, wird und, wenn auch jetzt mehr bares Geld zirkuliert, die LebenZmittcl immer tenrer und kärglicher werden. Weit besser würden die Bewohner Moyobambas sich auf die Kultnr von Eerealien sowohl als auch auf die von Kakao, Kaffee, Tabak n. f. w. verlegen: Produkte, welche nicht wie die Strohhüte der Mode unterworfen sind. Wenige Orte in der Welt würden dem Acker-baner so viele Vorteile bieten, als diese frnchtbaren Gegenden — das beste Land ist umsonst von der Regiernng zu haben, mnß aber gerodet werden. Dafür giebt dieser hnmnsreiche Waldboden, der hier keiner Bewässerung bedarf wie an der trockenen Küste, drei Ernten Mais im Jahre, und alle andern tropischen Produkte gedeihen bei geringer Arbeit. Anch sind hier leichter als in den meisten andern Gegenden von Pern indianische Arbeiter für den geringen Preis von etwa 15 Mark monatlich voll den benachbarten, stark bevölkerten Ortschaften zu haben. Abfatz für Lebens-mittel wäre genug vorhanden, da dieselben, wie bereits bemerkt, in Moyobamba sehr teuer, nicht viel billiger als in Lima sind. 106 Kilometer von Moyobamba entfernt, ans einer frnchtbaren großen Hochebene mit vielen natürlicheu Weideil und sehr gesundem Klima, liegt Tarapoto, eine Stadt von 3500 Einwohnern. Der Weg von Moyo-bamba dorthin geht großenteils durch dichten Urwald und ist schauderhast, kann: für Maultiere passierbar, weshalb von Tarapoto, wo alles sehr billig ist, keine Lebensmittel nach Moyobamba gebracht werden können. Allein mit Leichtigkeit wäre ein gnter Weg von Tarapoto nach dein Huallaga-Flusse hcrzustclleu, bis wohiu Dampfer von 1,5 in Tiefgang zu jeder Zeit des Jahres, zur Regenzeit uoch weit größere, vom atlantischen Hafen Para am Ausflüsse des Amazonenstromcs gelangen können. Der nordamerikanische Marine-Offizier Herndon, der im Auftrage seiner Regierung das Amazonenthal durchforschte, sagt von Tarapoto: i") ab. Da diese Lager und Felsen von verschiedener Härte siud, so I,at das Wasser die Thoulager an vielen Stellen zerstört und nur der Sandstein ist unversehrt geblieben. Dieser nun bildet herlaufende Kämme, mit Wasser bedeckt und durch tiefe Schluchten von-Mlauder getrennt, und da die Strömnng sehr stark ist, so entstehen nnter ^n Kämmen geneigte Flächen von Sandstein, über die das Wasser mit sürchterlichcr Schnelligkeit stürzt. Die Fnrt des Pnmauaai nun ist der ^rat eines dieser Kämme von Sandstein, welcher einen weniger als drei ^uß breiten Pfad unter dem Wasser bildet. Thut hier der Neisende nur kMen einzigen Fehltritt, so ist er verloren. Anf der einen Seite würde n in eine jener tiefen Höhlen fallen, wo ihn die Gewalt der Strömung unter der geneigten Fläche der Sandsteinfclscn wie eingeschlossen hält; auf ^'v anderen Seite wird er von dem Falle herabgerissen, nm am Fuße IV. Loreto. desselben in einem wilden Wirbel zu verschwinden. Die Indianer, welche-diese Furt passieren, halten sich gegenseitig an den Hündell fest und bilden so eine Kette, um der Gewalt der Strömung größeren Widerstand ent^ gegenzusetzen. Dasselbe Verfahren ahmten auch wir nach uud kamen ohne irgend einen Unfall glücklich hinüber. Auf diesem Wege sind sechs Tambos, Nohrhütten zur Aufnahme von Reisenden, in ziemlich gleichen Entfernungen voneinander angelegt, und wir brauchten anch gerade sechs Tage, um diese 60 km zurückzulegen. Der Pfad ist manchmal schwer zu finden, nnd der Reisende, welcher ihn zum erstenmal betritt, sollte nie die lasttragenden Indianer, auch uicht einen Augenblick, aus dem Gesichte verlieren. Wehe ihm, wenn er sich in diesen schanerlichen Einöden verirrt: dort ist er unrettbar verloren. So fand man im Jahre 185>4 drei Nordamcrikaner, welche gewähnt hatteNs die Begleitung der Indianer uicht nötig zn haben, in nnr geringer Entfernung vom Wege abseits von den Tigern zerrissen. Wahrscheinlich hatten sie den Pfad verloren nnd waren vor Hnnger und Entkräftung niedergesunken, um fich uie wieder zu erheben. Endlich kamen wir in Balsapnerto an, und hier waren die Hauptstrapazen überwunden; denn von dort ab ging die Expedition auf flößen den Eachiyncn hinab bis nach 3)urimaguas am Huallaga, und von dort aus auf größeren Flößeu den Huallaga und Mar an on hinunter bis zu ihrem Bestimmungsorte; mir aber stand noch mancher harte Tag und Monat bevor, den ich auf dem Amazonenstrome und seinen Nebenflüssen im einsamen Knnoe, nnr von indianischen Nnderern begleitet, zu verbringen hatte. Auf den großen Flüsfen, wie Maraüon uud Huallaga, kann man auf den Flößen, auf deueu man kocht und schläft, bei Tag und bei Nacht ohne Gefahr reisen; man läßt des Nachts immer zwei Indianer Wache halten, um nicht an Baumstämme zu stoßen, und überläßt sich der Strömung. Der die Ufer an vielen Stelleu wolkeuähulich bedeckenden Mos-titoschwärme wegen bleibt man soviel als möglich in der Mitte' des Stromes, ohne sich dem Ufer^ zu nähern. Wir ließen in Balsapuerto eine Anzahl von Flößen bauen, die aus Stämmen eines sehr leichten Holzes, deshalb Palo de Balsa, Floßholz (l)ow'oina piscatoi-ia) genannt, zusammengesetzt werden. Daranf wird ein etwa zwei Fuß hoher Fußboden gelegt, auf dein eine mit Palmblätteru gedeckte Rohrhütte sich be-fiudet. Das Reisen anf diesen Flößen ist im Vergleiche zur Landreise höchst bequem und angenehm, nnd wie gesagt, von hier an hatte die Expedition keine Strapazen mehr zn bestehen. Verschieden aber ist die Schiffahrt in Kanoes, namentlich flußaufwärts und am oberen Laufe der Nebenflüsse, dort, wo sie noch zwischen Gebirgen fließen und von vielen Stromschnelleu unterbrochen sind. Oft be- Kanoefahrten. wunderte ich die kaltblütige Geschicklichkeit, mit welcher die Indianer das Kanoe durch diese gefährlichen Stellen führen. Znwcilen fliegt das Kanoe, uon der Strömung fortgerissen, mit Pfeilesschmlle durch die hohen Wogen des durch Felsen eingeengten Flusses, welche es jeden Angenblick zu verschlingen drohen. Der gewandteste der Indianer steht am Steuer und erwartet mit blitzenden Angen atemlos die Gefahr; schon scheint der Kahn an den Felsen zerschellen zu sollen, aber der Indianer sieht die Gefahr voraus, und mit einer geschickten Wendung des Ruders fliegt das Kauoe mit Blitzesschnelle dnrch das enge Felscnthor. Nicht immer aber geht alles so glücklich ab, zumal wenn die indianischen Ruderer, wie es oft passiert, betrunken sind, und schon mancher Reisende ist bei solchen Gelegenheiten ertrunken. So erzählt der Graf von Castelnan eine Episode aus seiner Flnßfahrt anf dem Santana, einem der Quellflüssc des Ueayali ^. „Wir brachen um- acht Uhr anf nnd brauchten anderthalb Stunden, um die Fälle zu passieren, die aus zwei furchtboren Stromschnellen bestanden. Unmittelbar darauf hinderten zwei andere Stromschnellen nnserc Fahrt. Wir passierten die erste am linken Ufer; aber da es unmöglich war, unsere Nonte auf dieser Seite fortzusetzen (bei sehr schlimmen Stellen wird nämlich ansgeladcn nnd das Gepäck anf dem Rücken der Indianer eine Strecke weit transportiert, während das leere Kanoe an Stricken herabgezogen wird), so fchifftcn wir nns wieder ein, um uach dem rechteu Ufer überzusetzen. Die Strömung war von einer außerordentlichen Gewalt, nnd der zweite Wasserfall brüllte nud schanmte nur etwa hundert Meter weiter unten. Jeden Angenblick warfen die Indianer unruhige Blicke auf die kurze Entfernnng, die sie uon der Gefahr trennte. Einmal leistete augenscheinlich unser schwaches Kanoe keinen Widerstand mehr, aber die Indianer verdoppelten ihre Anstrengungen und wir schössen aus der stärksten Strömling heraus. „In diesem Augenblicke hörten wir hinter nns schreien, nnd ein In dianer dentetc mit seinem Finger nach dem Kanoc des Herrn Marasco, das nur wenige Schritte von uns entfernt war. Es kämpfte verzweifelt nnt der Gewalt der Strömuug; eiumal glaubten wir schon, es sei gerettet, aber im nächsten Augenblicke sahen wir, daß alle Hoffnung verloren war und daß es mit der Schnelligkeit eines Pfeiles nach dem Abgrnnde flog. Die Peruaner und die Indianer sprangen ins Wasser, nur der alte Priester blieb allein im Kanoe, und wir konnten dcntlich hören, wie er das Sterbe-gebct sprach, bis seine Stimme im Brüllen des Falles erlosch. Wir waren starr vor Entsetzen uud eilten nach dem Ufer, wo wir unfere Gefährten i Im Jahre 1869 erschien in Paris nitter dem Pseudonym „Paul Mar coy" eine Travestie dieser Reise, die neben sehr hübschen Illnstrationen manche Übertreibungen enthält. Der Graf Castelnan hatte seine Reise im Jahre 1849 veröffentlicht. 119" IV. Loreto. trafen, die sich durch Schwimmen gerettet hatten. , 3er arme, kleine Pan-chito, der Diener des Geistlichen, weinte bitterlich nnd bat nns, ihn den Leichnam seines Wohlthäters snchen zu lassen; aber wir hatten bereits eine Stunde verloren, und der absolute Mangel an ,^ebensmitteln.verbot nns, seiner traurigen Bitte zu willfahren. Wir beklagten auf das tiefste den Verlnst unseres Reisegefährten, dessen Tod so heiligmäßig wie sein Leben gewesen war." Das Wundervollste in diesem reichen Departement Loreto, das sich über 300 Stunden weit biV znr Grenze von Brasilien erstreckt, sind seine prachtvollen Urwälder. Die Vegetation findet am Boden keinen Naum mehr zum Wachsen, sie bildet Wälder auf den Wälderu. In einigen derselben ist der Boden rein von Unterholz, in anderen ist der Grnnd bedeckt mit Sträuchern nnd Pflanzen, über die wieder im Wiude sich wiegende Palmen hinausragen. Anf diese Weise lassen sich im dichtmrschlungenen Hochwalde drei Vegetationsschichten unterscheiden: Kränter und Sträucher bedecken den Grund, dann kommen die höheren Bamnformen, über denen zahlreiche Palmen ihre ragenden Kronen wiegen, wie „ein Wald über dem Walde". Bei den ersteren inachen sich die schönen Helikonien mit ihren trauben-förmigen, prachtvoll gefärbten Vlnmen, die zwischen großen Blättern versteckt sind, besonders bemerkbar. Zwischen ihnen sieht man viele andere Blnmen, deren jede nnserm Gärten und Gewächshäuseru zur Zierde dienen würde; namentlich ist die artenreiche Familie der Orchideen sehr stark vertreten, und wie in allen tropischen Wäldern verwirrt die Zahl der Baum mit Banm verkettenden Schlingpflanzen das sicherste Auge nnd zwingt den Neisenden, mit deni Waldmesser in der Hand sich einen Weg zu bahnen. Einige der wertvollsten Medizinalp stanzen kann man hier antreffen, wie die Ipecacuanha, die dornige Sarsaparille am Flußufcr, den Hnaco iMouiiin, Z-iiaoo), jenes berühmte Gegenmittel gegen den Schlangenbiß, dessen Abart, der Hnaco aguado, den Biß toller Hnnde heilen soll; ferner findet man hier den Barbasco (.Il^uima, urimlllu-i»), womit der Indianer die Fische in kleinen Flüssen betäubt nnd so ihren Fang erleichtert. Im dunkelsten Teile des Waldes gedeihen die wohlriechende Vanille und die kletternde I^vilto^ 1i(!<1(N'i,(^l>,, aus deren großem, flachem Samen ein gntes Brennöl bereitet wird; dort bergen sich mehrere giftige Gewächse, (iocculus- und Strychnosarten, die zum Teil als Stammvflanzen des tödlichen Pfeilgiftes dienen. Sticht vergessen sei hier die berühmte riesige Victoria i-oxia mit ihrcu weißen rosigen Blüten und enormen uieren-förmigeu, runden Blättern, die namentlich in den mit dem unteren Ucauali in Verbindung stehenden Seen sehr häufig ist. Blätter vou zwei Meter Durchmesser und ? 1^ Gewicht, sowie Blüten von 40 ein Durchmesser und I V2 ^3 Gewicht sind hier keine Seltenheit. Die Bäume des Urwaldes sind, da ihre verhältnismäßig oft kleinen 12a Bämm im Nnvald, Kronen sich meist in gewaltiger Höhe befinden, schwer zu bestimmen. (Malpinien, Vieliaeern. (»drelecn und Avtofarpecn walten besondere vor, deren dichtes ^aubdach mittels des Fernrohres wieder eine reiche Vegetation von Promelien. Passifloreu und Bignonien erkennen läßt. Wie viele Produkte gehen hier nutzlos verloren, welche in der Industrie und Medizin hohen Wert haben würden! Unter den Waldbäumen ist zu erwähnen die ^uina-quiua s^Ivroxvlou pcruifcruin), der Baum, welcher den berühmten Peru-Balsam liefert- der Pucheri (^c«wuäi'a puoliurv), dessen aromatischer ^ame von den (^ingebore>u'u gegen Dysenterie gebraucht wird' die hochanstrebcnde (^opaiua (^o^^it^ru oM^iuaii»), n'ährelld auf größercu Höheu die fieberbannende (^asearilla (^inHouii), der bllttstillendc Viatico s^rrantn(> <>l0n^litn,) uud die wachsgebende >lvriot», ^oi^ellrjm gefunden werden. Technische Verwertung finden die Ceder ((^oclrola oia ^pci'u), inehrere ^instbainn-arten, schöne rot- und gelbgefärbte d'äsalpinien, der wuchtige Kautschuk, Kopal und Storar. (s>im' sehr gerbstoffhaltige Ninde liefert Hlvrsiue ^mvn'IIu. ivcgen der ^orin seiner Blätter auch der Petersilienbanm genannt, und eine große Anzahl anderer trefflicher Möbel- und '.Nutzhölzer ist bmanifch noch völlig unbekannt. Die kolossalen Musarteii »tit ihren Stämmen von H,:"i in Durchmesser und weit anügebreitetem ^aubdach darf ich jedoch nicht vergessen. Am Ufer der Flüsse, wo das Wasser den Boden unterhöhlt, sieht man oft jene Waldricsen mit donnerähnlichem Oekrache herabstürzen. Die zahlreichen Schlingpflanzen halten zuvor den Koloß eine Zeitlang wie in der Luft schwebend, dann neigt er sich langsam immer mehr, verliert sein Gleichgewicht, zerreißt mit lantem Krachen die Bande, welche ihn festhielten, bewegt stöhnend sein Hanpt und stürmt mit einem fürchterlichen Getöse in das Wasser. Aus der herrlichen Familie der Palmen sollen nur die uachfolgeudcu hervorgehoben werden. Auf den kühleren Gebirgskämmcn wächst die Wachspalme (Oo!-ox)'I'>'ran5) und die zierliche, auf 2—3 m hohem Wurzelkegcl wie in der ^uft stehende Huaera-pona (IriÄrt68, äoltoiäoa). Zu derselben Gattung gehört Iriartea vou-tlios)8li mit bauchförmig aufgetriebenem Stamme, die ein vielfach beim Hausbau verwendetes Material liefert. Aus den Blättern der stacheligen Ehambira (^.»trooar^um) werden die gleichnamigen festen Schnüre gedreht, die das Material zu Hängematten bilden. Die Palina real (s^<.><^ dvtt^. 121 IV. Loreto. lÄ«63,) enthält in ihrer Frncht eine buttcrartige Masse, dic bei dcr Bereitung der Speisen benutzt wird, während der junge Sproß uon (^c»«08 olsracea als Gemüse genossen wird. Als Repräsentanten dcr uerwandten Pandanen sind hervorznhcben die Elfenbeinpalme (?Ii/tol6pIiÄ8 macro-elu^a,), deren frucht das „vegetabilische Elfenbein" liefert, nnd dic wichtige Bümbonajc (d'lirluHovlOa ^almaw), aus der die Panama-Hüte fabriziert werden. Inmitten einer so üppigen Vegetation ist natürlich auch das Tierreich mannigfaltig vertreten; doch gewinnt man dort bald die Überzeugung, daß die drastischen Schilderungen, mit denen manche Reisende Effekt machen wollen, eine falsche Vorstcllnng uon der Wirklichkeit geben, och nicht hinter jedem Busche ein Tiger versteckt liegt nnd nicht jeden Augenblick Giftschlangen den Flch des Jägers bedrohen. Mit dem anbrechenden Morgen regt es sich im Walde, und wie auch bei uns, sind es die Vögel, welche sich dnrch ihre vielerlei Stimmen zunächst ankündigen; nur fehlt ihnen, mit 122 Vögcl mi Urwald. wenig Ausnahmen, der melodische Gesang, dnrch welchen nns die europäischen Singvögel entzücken. Man darf indessen nicht glauben, daß nun gleich alle Bäume voll von den buntgefiederten Tropenvögeln seien. Es kommt sehr ans die örtlichkeit nnd anf das Vorhandensein frucht- und blütentragendcr Pflanzen an, nnd es gehört lange Zeit dazu, kennen zn lernen, welche Bänme uon gewisseil Vogelarten aufgesucht werden. Eine klare, melodische Stimme hat nur der Orgclvogcl (^vpliorninu« c^n-tlms), der dieselbe namentlich bei herannahendem Stnrmc ertönen läßt. Nur ist das Ende seines Gesanges nicht angenehm; er beginnt langsam mit klaren, flötenden Tönen, die wie der Anfang einer Melodie anfeiu-anderfolgen nnd an Nohlklang die unserer Nachtigall übertreffen - plötzlich aber bricht er ab nnd der besang endet mit einer Nnzabl von tickenden, nnmnsikalischen Vanten, die sich anhören wie eine verstimmte Drehorgel, welcher der Wind ansgegangcn ist. Ein rosenroter Knckuck, der sich im dichtesten Dickicht verbirgt; der sonderbare, lauggeschnäbelte Dios te dö (Gott gebe es dir), welche Worte dieser Pfcfferfrcsser mit komischen Geberden ausruft; der Ochsenvogcl mit seiner bellenden Stimme; der Tunqui, ein rotes Felsenhuhn mit schwarzen Flügeln und orangefarbenen! Schnabel, das wie ein Schwein grnnzt; der originelle gehörnte Cainnngo, der wie ein Esel schreit ^- alle diese Vögel vereinigen mit verschiedenen Papagei-Arten ihre unmelodischen Stimmen im sonderbarsten Konzerte. Geschäftige Spechte klopfen den ganzen Tag an den Nindcn alter Bäume, liul die darnnter verborgenen Infekten ans ihren Verstecken zu holen. Fliegenfänger und Nenntöter erspähen die vorbeifliegenden Mücken nnd Käfer; allerhand Finken schnurren dnrch die Büsche, uon denen sich einer durch prachtvolles Metallblan nnd rote Brnst auszeichnet. Noch schönere Vögel giebt es unter den Tanagras (Prachtmeisen); der siebcnfarbigc namentlich zeichnet sich durch seine Farbenpracht aus, dann auch der Bartvögel mit grünem, goldglänzendem Rücken und hochrotem Bauch; die obern Schwauzdeckfedern sind ebenfalls vom fchönstcn metallisch goldglänzenden Grün. Die Juwelen nnter den Vögeln sind aber die Kolibris; Schöneres läßt sich nicht denken, als diese lebenden Brillanten ihr reizendes Spiel treiben zn sehen. Neckend verfolgen sie sich gegenseitig uud schießen blitzschnell durch das Laubwerk; dann spielen sie wieder über dem Wasser, scheinbar in der ^nfi stillstehend, so schnell sind die Bcweguugeu der Flügel. Keine Zusammenstellung der prachtvollsten Farben kann die des Gefieders des goldgcschwänzten Kolibri übertreffen, nnd es giebt keinen niedlicheren Vogel als den käfergroßen ^ooliiw» p^maöus. Der Jäger findet reiche Beute an Hocco-Hühnern und Fasanen-arten, sämtlich den Gattnngen Oax nnd Ilrax angehörend, sowie an Rebhühnern und wilden Tauben. An den Ufern der Flüsse sieht man Schwärme uon Kranichen, Ibissen, Reihern, Schnepfen, Stör- ^23 IV. Loreto. chen, Acöwen, Gänsen und Enten, darnnter dcn Pato real, die schwarz Ente, und die Mareea, eine braune Ente, welche die berühmte nordnmerikanische „Eanuas-Bact" noch an Wohlgeschmack übertreffen. Unter den Raubvögeln ist der gefährlichste dieHarpyie, welche mit ihren gewaltigen Fängen selbst ans die großen Tiere des Waldes stößt; wenig steht ihr nach der grimme, weißküpfige Adler; mehrere Falken, Habicht-und Sperberarten, sonne Uhns und andere Eulen machen Jagd auf die kleineren !iere. Unter den uierfnßigen Tieren ist das größte der Tapir, der fast die Größe eines Rindeo erreicht, dessen Fleisch auch dem seimgen ähnelt. Bedeutend kleiner ist der Anden-Tapir, der in den höheren und kälteren Fig. 18. Pecnri. Wäldern vorkommt. Er ist ein schüchternes und harmloses Tier, das während der Tagcshitze im Schatten der feuchten Wälder oder anf sumpfigem Grunde sich ausruht; des Nachts schweift der Tapir umher, um eßbare Wurzeln zu suchen, oft in größeren Herden breite Pfade durch die Forste bahnend und die kleinen Pflanzungen der Indianer besnchend, wo dann alles zertreten wirb. Am besten schießt man ihn in mondhellen Nächten auf dein Anstand; leicht läßt sich auch das dumme Tier durch das Mt einer kleineu Laterne anlocken. Der Tapir wäre leicht zu zähmen und könnte dann bei seiner großen Stärke al5 ^ngticr beuntzt werden. Große Herden wilder Schweine streifen durch die Wälder; manchmal greift die ganze Schar den Jäger an, der einen ihrer Genossen ver- l24 Tierwelt. mundet, und nötigt ihn, sein Heil auf einem Baume zn sltchen. Das Fleisch dieser Nabelschweinc oder Pecaris ist schmackhaft, ebenso das der Flußschweine, welche sich soviel im Wasser als auf dem Lande anf-haltcn und gleichfalls leicht zu zähmen sind. Dieses Flnßfchwcin oder Capubara (Il^äwoiwsru« ^ap)I,mu) ist ein Nager und sieht ans wie ein gewöhnliches Schwein mit einem Rattenkopf. Es ist dunkelbraun von Farbe und hat auch die Größe eines Schweines, dabei aber ans dem Nasenrücken eine Drüse mit übelriechendem Anhalte — ähnlich wie das Nabelschwein eine solche mitten auf dem Rücken besitzt -^, die ausgeschnit-tcu werden muß, damit sich der üble Geruch nicht dem Flrische mitteilt. Dieses ist zart und eriuuert etwas an Kalbfleisch, das Fett aber hat eiuen Fig. 19. Ameisenbär. Fischgeschmack und ist ungenießbar. Kin ausgewachsenes Flußschwein giebt oft mehr als 5N 1^- Fleisch. Drei Arteu des Hirschgeschlechtes finden sich vor, sowie zwei Arten von Bären, von denen der eine zuweileu selbst Rinder zerreißt und der andere den Maisfclderu oft bedeutenden Schaden znfügt, iudem er ganze Bündel vou Maistolbeu zusammenstiehlt uud nach seiner Höhle schleppt. Der Ameisenbär, das Faultier, das Arm ad ill, die schlauen Agutis oder Pak as, welchen der Indianer weuiger ihres gutm Fleisches wegeu, als weil sie so gerne an den ?)ucas nascheu, eifrig nachstellt, ferner das Stinktier, sind alle der peruanischen wie der brasilianischen Fanna gemeinsam. Der Fiälfraß, mehrere Marder- nnd Wicselartcu, sowie die Veutelratte stellen den Hühnern nach, die sich in diesen Gegenden sehr stark vermehren. Noch gefährlicher sind den 125 IV. Loreto. Hühnern die Tigerkaizen und der ,^nchs, der anch das Schweinefleisch nicht verschmäht. Sehr zahlreich sind die Nager vertreten; außer den bereits erwähnten Agutis und dein Eavybara ziehen oft gan;c Schwärme von Eichhörnchen dnrch die Wälder, und die Feldmänse thun hier zuweilen ebenso großen Schaden wie in Europa. Von den großen Katzenarten lebt der Puma oder amerikanische Löwe nur in den tatteren Waldregionen und streift die Gebirge heranf über die andere Seite der Andes nach den Dörfern der Puna. Er steht an Mut, Wildheit und Blntdurst der schöngefleckten Unze nach, die in Peru Tiger genannt wird, und namentlich der schwarzen Abart, die aber nur von ferne schwarz erscheint, da der Grund ihres Felles dunkelbraun, mit vielen schwarzen Flecken übersäet ist. Das Verbreitungsgebiet der Unze oder des Jaguars ist bekanntlich sehr groß; denn er findet sich von Vueuos-Aires an bis zum nördlichen Teil von Mejico; selbst in Texas soll er noch, wenn anch selten, vorkommen. Seiner Nahrung geht er in der Morgcn-nnd Abenddämmerung nach; sie besteht aus allerhand Tieren, vom Pferd, .Nind und Tapir bis herab zum Paka und zur Beutelratte; selbst Alligatoren stellt er nach, und Schildkröten sind für ihn ein Leckerbissen. Das Fleisch der letzteren weiß er sehr geschickt aus der Schale zu holen. Nicht einmal die Fische sind vor ihm sicher; er fängt sie ähnlich wie unsere Hanskatze, indem er mit der Pfote nach dem ihm nahekommenden Fisch schlägt nud ihn ans dein Wasser schleudert. Kleinere Tiere frißt der Jaguar sofort mit Haut und Knochen auf; die größeren pflegt er in zwei Mahlzeiten zu genießen und sie dann den Geiern zu überlassen. Dem Menschen weicht der Iagnar in der Wildnis schell aus, nud es ist höchst selten — und dann anch nnr, wenn großer Hunger ihn dazu treibt —, daß er in den unbewohnten Urwäldern einen Menschen zerreißt. Gefährlich wird er hingegen in dichter bewohnten Gegenden, und hat er einmal Menschenfleisch gekostet, so sucht er den Menschen sogar auf und stellt ihm nach. Auch zeigt er nicht immer große Furcht vor dem Fener, pflegt aber den Weißen mehr zu respektieren als die Farbigen, und meistens sind es Indianer, die ihm zum Opfer fallen. Im Jahre 1860 zerriß ein Tiger in den Wäldern von Santa Ana bei Euzco über 60 Perfonen. Er war zu fchlan, um iu die Mlc zu gehen, und die dortigen Indianer hatten nicht dm Mut, ihu offeu anzugreifen. Einmal brach er des Nachts in eine Nohrhütte nnd zerriß eine Frau nebst zwei Kindern. Da beschloß eilt tühner Argentincr. ihn zu töten. Mit größter Mühe überredete er einen Indianer, ihn anf seiner gefährlichen Jagd zu begleiten. Eine Stunde ungefähr hatten sie auf dem Anstande gewartet, als das Raubtier erschien. Sogleich flüchtete der indianische Held anf einen Baum; der Argentincr fchoß dreimal, und dreimal versagte sein Gewehr, woranf der Jaguar mit einem gewaltigen Satze 126 " Der Jaguar. sich auf ihn stürzte und ihn zn Boden vis;, ehe er nnr Zeit hatte, sein Messer zn ziehen. In einem Augenblicke hatte er ihn zerfleischt. Zuletzt ward die Bestie durch einen Selbstschnß getötet, den ein Portugiese mit vier Flinten zurechtgelegt nnd ans dein Leichname einer Indianerin angc-bracht hatte, die der Tiger den Tag ^nvor halb zerrissen hatte. Darauf, als ihr Feind tot war, bekamen die Indianer wieder Mut, und uuter Musik uud Raketenfeuer ward die Unze nach Santa Ana gebracht. Pfarrer Egg, der Seelsorger der deutschen Kolonie am Pozn^-Flnsie, schreibt über den Jaguar folgendem „Vor einigen Monaten beehrte uns eine ganze Tigrrfamilie, bestehend aus deu beiden Alten und einem Iuugeu, mit einem längeren Besuche. Sie entgingen lange allen Nachstellnngcn, endlich aber, nachdem sie 111 Hnndc nnd ein Schwein aufgezehrt hatten, kamen sie auch zu meinein Nachbar, begingen aber dort die Unvorsichtigkeit, den Hund aus dem Korridor des Hauses zu holen, bevor die Lentc sich schlafen gelegt hatten. Auf den Notschrei des armen Hnndes öffnete im nächsten Augenblicke die Tochter die Thüre und machte Lärm, souiel sie tonnte, woranf die Bestien es vorzogen, den schon erwürgten Hnnd auf dem Wege liegen zn lassen. Ich ward auch herbeigerufen nnd machte ihnen dann den Braten zurecht. In das Genick nnd in den Schenkel des Hnndcs legte ich eine gute Portion Strychnin, ohne den Hnnd von seiner Stelle zn verrücken, uud dann gingen wir rnhig schlafen. Am anderen Morgen fand sich der Huud, uur Hals nnd Nacken verzehrt, einige hundert Schritte weiter oben an der Grenze des Waldes, nnd etwa hundert Schritte weiter lag die Fran Iagnarin in ihrem herrlichen Kleidcrschmncke. Es war eines der schönsten Felle, die ich je gesehen habe. Was aber das Merkwürdigste war — nach etwa fünf Tagen kam man zufällig noch einmal ^nm Hunde, der liegen geblieben war, nnd in dessen nächster Nähe lagen nun auch dcw Männchen nnd das Junge, beide schon zu sehr verwest, als daft die Felle noch hätten gebraucht werden können. Da die Erscheinung eines Tigers hier wegen seiner Seltenheit schon großes Aufsehen macht, denn in den 17 Jahren, die wir hier sind (1875), ist dies der vierte Fall, so war der Lärm desto größer, als eine ganze Familie ans einmal erschien und anch die ganze Familie hier ihr Grab fand. Daß diese Raubtiere für den Menschen so gefährlich sein sollen, wie es heißt, möchte ich fast bezweifeln, da sie, wie ans dem Obengesagten hervorgeht, vor dem Menschen fliehen. In früheren Jahren kam es anch vor, daß einmal ein Mädchen nnd einmal eine Frau einem Iagnar anf dem Wege dnrch den Wald begegneten-das Tier blieb stehen, schante sie an nnd ging seitwärts in den Wald." Um nun wieder von harmloseren Geschöpfen ;n reden, mnß ich verschiedenartiger Asfcngeschlechter erwähnen, welche die Wälder einzeln, paarweise und in Trupps durchziehen, die, wenn ihre vier Extremitäten in ihrer unbegreiflichen Beweglichkeit beim Klettern nnd Springen nicht ans- IV. Loreto. reichen, noch ihren Wickelschwanz zu Hilfe nehmen. In der That ist der Wickelschwanz der meisten Affen im Amazoncngebiet — wie Dr. Ave-Lallemant bemerkt — ein ganz nndefinierbares Etwas, Er greift links und rechts, nach nnten nnd nach oben, als hätte er Augen! Er packt fest, als hätte er mindestens zwei Hände. Er wirft seinen Inhaber von einem Ast zum anderen, als wäre er eine Schleuder, — kurz, in der ganzen Natur hat er nicht seinesgleichen. Die größten nnter den Assen von Loreto sind die granen Varrigndos (Dickbäuche, I^otlirix), oft über 79 cm hoch, welche die kühleren Bergwälder bewohnen; der größte dieser Familie jedoch, nut rosenrotem Gesichte und sehr kurzem Schweife, lebt in den heißesten Ebenen. Zu den größten Affen dieser Urwaldregion — wobei ich bemerken muß, daß dieselben Affenarten sich im ganzen Amazonen-gebiete, anch unten im brasilianischen Teile desselben vorfinden — gehören anch die Gnaribas oder Brüllaffen (N^osw»), besonders eine schwarze und eine rote Species, welche den Neuling in diesen Urwäldern oft des Nachts mit ihrem Geheule erschrecken, das schon mancher für Tigergebrüll gehalten hat. Wie Teufel scheu die dichtbehaarten nnd langhaarigen Bestien ans, weswegen anch eine Art Beelzebub benannt worden ist. Merkwürdige Exemplare finden sich nuter den traurigen Ateles-arteu, hicrCoaitas genannt, namentlich der große schwarze Eoaita, dessen Gesicht sehr dem eines alten Negers gleicht, hauptsächlich weuu es, wie dies bei einer Varietät der Fall ist, mit weißen Haaren eingefaßt ist. Ferner verdient der schläfrige Nachtaffe, „Satanas" genannt, erwähnt zu werden, eiu großer Bursche, welcher während des Tages schläft, nm des Nachts seine Späße zu treiben; er zeichnet sich durch eine dicke Perrücke aus, die oben ans dem Scheitel kaminartig emporsieht. Nnd mm noch die verschiedenen kleinen Uistiti-Arten, die kleinsten in der Assenwelt, bekannt unter dem Namen der Löwenäffchcn, Pincheeitos und Pinchecillos. Sie sind so zart, daß mir ein kleiner Pinchecillo, kaum so groß als eine Ratte, auf meiuer Kanoereise anf dem Amazonenstrome in einer kalten, regnerischen Nacht vor Kälte starb. Die indianischen Mädchen und selbst weiße Fraueu tragen diese Tierchen nicht selten vorn im Kleide, uud es macht sich gar seltsam, wenn plötzlich, sowie die Herrin mit jemandem spricht, der kleine, zierliche Affenkopf oben am Kleiderrand hervorfchaut. Die Fische, Schildkröten nnd Alligatoren werden wir näher betrachten, wenn wir zum Maranon uud Ueayali gelangen; von den Schlangen will ich zunächst die riesige Anaconda erwähnen, von den Indianern „Y acu-niama", die Mntter des Wassers, genannt, weil sie viel im Wasser sich aufhält nnd sehr behende schwimmt. Sie wird bis 7 ni lang und 27 oni dick, ist aber nicht sehr gefährlich, da sie nur höchst selten Menschen angreift. Mehr zu fürchten sind die Giftschlangen, besonders zwei Schlangen; ^chineturlingc; Salzlagcr ani Huallaga, Lachcsis-Artcn, derIergoil ilnd der Flam on, welcher letztere bis 2 ni lang wird. Die gefährlichste Giftschlange ist einc grane, nur 25 cm lange Viper, deren Biß fchr rasch tötet, die aber glücklicherweise nur selten vorkommt. Übrigens darf man, wie gesagt, sich nicht vorstellen, als ob im Amazoncnthale hinter jedem Bnsche ein Tiger oder cine Giftschlange lauerten; die durch Schlangen verursachten Nnglückssälle kommen dort nicht häufiger vor, als in Deutschland die durch wütende Hunde. Von den 21 Schlaugenarten der peruanischen Fauna z. B. sind nur sechs giftig. Vou diesen letzteren werden, einige sogar als Leckerbissen verzehrt. Mehr als die Schlangen habe ich stets die Moskitos gefürchtet, welche im Tieflande an den Flnßufcrn eine, wahre Landplage sind. Desto größern Genuß gewährt der Anblick der prachtvollen Schmetterlinge; von diesen ist der Rhetenor so glänzend blau, daß er, wenn er beim Fluge durch einen Banmgang von einem Sonnenstrahl getroffen wird, hell aufleuchtet, wie ein blauer Blitzstrahl. Wunderschön ist auch einc SatUrnia mit vier GlaZ-fcnstcrn anf den Flügeln; ferner giebt es hier eine Enlenärt (Agripvina), die 30 oni Durchmesser hat und wohl der größte aller Schmetterlinge sein wird. Dazu ein zahlloses Heer von Cikaden, Libellen, Wespen, Bienen, Käfern, Ameisen, einc ganze Nngczicferwelt, die sich alle, hier unter der Tropensonnc ihres knrzcn Daseins freuen. Von Balsapnerto ans gingen nnserc Flöße in drei Tagen den Cachiyaen hinab, ein Fluß von der Große der Lahn, nnd kämm dann in denHnatlaga, der hier ungefähr so breit wie der Rhein bei Kehl uud au dieser Stelle bei mittlerem Wasserstande ^ m tief ist. Nicht weit vom Ausflüsse des Cachiyaen ist das Indiaucrdorf f)urimaguas, hart am Flusse auf einer Anhöhe gelegen. Bis hierher gehen die brasilianischen Dampfboote vom Amazonenstrome aus und tonnten noch bis zu den Pongos hinaufgehen, dnrch die der Flnß ans den: Gebirge hervorbricht. Von dort aus ist der Fluß, der bei Gerro de Pa5co, nur 75 Stunden weit von Lima, entspringt, noch eine große Strecke bis Tin go Maria für Kanoes nnd wohl auch für kleine Dampfer schiffbar, doch machen auf dieser Strecke häufige Stromschuelleu die Schiffahrt beschwerlich. Nahe bei l>hasuta sind die berühmten Salzlager von Pilluana, die hart am Huallaga liegen, sich weit in das Innere erstrecken nnd gan; Amerika mit Salz versehen könnten. Die Salzhügel, in denen, sich das Salz in großen Bänken zwischen rotem Thone vorfindet, sind l<)0 m hoch. Wo der Regen an der Seite der Hügel die rote Erde abgewafchcn hat, sieht man kegelförmige Türine reinen Salzes sich erheben, uud da wo die Arbeiter Höhlcu iu den Berg gegraben haben, hangelt prächtige Stalaktiten in den verschiedensten Formen herab. Volt sehr weit her, von den Urwäldern des Ueaynll und anderen Nebenflüssen des Amazonenstromes kommen dic Wilden hierher, um sich ihren Salzbedar^ zu holen. Sie gewinnen es auf eine höchst beschwerliche v. Schliß, Auicizoiuis. ^7>ahl um 40 000, und kurz vorher gingen 30 000 in der Indianerreoolution am Ucayali verloren, (^egen die Mitte des vorigen Jahrhunderts nahmen die Missionen wieder zn, aber im Jahre 1762 tötete eine fnrchtbare Pocken-cpidemie den grüßten Teil der Indianer, von denen nnr 18 000 übrig blieben, welche nach der Angabe des Pater Ncigcl in 3 Missionen und 41 Niederlassungen verteilt waren. Der berühmteste aller Jesuiten-Missionäre war der dcntschc Pater Samuel Fritz, ein Mann von großer Gelehrsamkeit nnd unermüdlicher Thätigkeit. Er war der Apostel des damals sehr mächtigen Stammes der Omaguas, welche teilweise schon Pater Eujia bekehrt hatte und die heute vielleicht nnr noch 800 Seelen zählen. Pater Fritz fand die Omaguas zerstreut lebend auf den Inseln des Amazonas und im waldigen Hügellande der Nebenflüsse. In zwei Jahren hatte cr ihre Vckelming beendet und siedelte alle seine Zöglinge an den Ufern des Amazonas an. Auf einer Strecke von 550 Stunden Länge, von der Mündung des Napo bis zu der des Rio Negro, gründete er 40 Niedcrlassnngen mit 40 000 Einwohnern. In allen diesen Ansiedluugen herrschte die größte Ordnung. Die Indianer wurden nicht nur iu der Religion, sondern auch im Ackerbau und iu dm Haudwerkeu unterrichtet; alle hatten nette und reinlich 9 5 131 IV. Loreto. gehaltene Häuser; ihr Lebenswandel war musterhaft, weit sittlicher als der der Spanier und Portugiesen in Peru und Brasilien, und überall herrschten Überfluß und Zufriedenheit. Sechs Städte, in welchen je ein Missionär und zugleich meist die Handwerker wohnten, waren in passenden Ent-fernnngen angelegt nnd zwischen ihnen die kleineren, Ackerbau treibenden Niederlassungen. Pater Fritz ward im Jahre 1689 gefährlich krank und mußte nach Par«, reisen, mn sich dort kurieren zu lassen nnd verschiedenes Notwendige einzukaufen. Auf dieser Reise den Amazonenstrom hinab nahm er den ganzen Fluß anf, um eine Karte deosclbcn zu vollenden. In Para ward seiuc Gesundheit bald wiederhergestellt; allein der portugiesische Gon-verueur gestattete ihm die Rückkehr nicht, sondern behielt ihn als Gefangenen zurück. Erst nach einem Jahre kam aus Lissabon, wohin sich Pater Fritz mit einem Gesuche an den König gewandt hatte, die Antwort mit dem Befehle an den Gouuerueur, den Pater zurückzusenden, jedoch in Begleitung einer Kompagnie Soldaten, die ihn bis zur Mi'mdnng des Napo bringen und auf der Reise alle Niederlassuugcu der Jesuiten untersuchen sollten. Pater Fritz durchschaute gleich die böse Absicht und teilte es dem spanischen Vieckönig in Lima mit, der sich aber unbegreislicher-weise nicht darum kümmerte nnd gar keine Maßregeln traf, um die Miffioneu zu retten, welche bald darauf auf immer für die spanische Krone verloren gingen. Pater Fritz starb, 80 Jahre alt, im Jahre 1730 und mußte den Verlust der Missionen nnd seiner langiührigen Mühen erleben. Schon lange Jahre zuvor hatten nämlich die Portugiesen ihre Raud-züge gegen die spanischen Missionen begonnen, wobei ihr Hauptzweck war, Indianer zu stehlen n»d sie in den Pflanzungen als Sklaven zu verkansen. Im Jahre 1710, während des spanischen Sueeessiouskriegeö, brach wieder eine große Expedition von Parä anf, während Pater Fritz von neuem nach Lima gereist war, um Unterstützung zu erbitteu. Die Feinde hatten alle Vorkehrungen so wohl getroffen, daß sie in ganz kurzer Zeit alle Niederlassungen — die sämtlich mn Flusse lagen, was ihre Eroberung sehr erleichterte — einnahmen, alles, was einigen Wert hatte, daraus raubteu, ohne selbst die Kirchen zu respektieren, und die Hälfte der Einwohner (20 000) in die Sklaverei fortführten. Die andere Hälfte war in die Wälder entflohen. Pater Fritz, der, wie gesagt, sich gerade in Lima befand, um bewaffnete Hilfe für seine Missionen zu verlangen, hörte hier das schrecklich Unglück, das seine Schöpfung befallen. Er ließ nicht nach mit seinen flehentlichen Bitten bei jedem, der nur Eiufluß bei dem Vice-könig hatte, aber dieser rührte keinen Finger. Auf diese Weise verlor Spanien ein Territorinm von mehr als 400 Stunden Länge, von der Mündung des Iavari bis zu der des Rio Negro, das heute noch Brasilien im Besitze hat; die Missions-Indiancr kehrten fast alle in ihren ursprünglichen wilden Zustand zurück. Nachher hatten die Icsniten ihre Zerstörung der Missionen. sämtlichen Missionen am oberen Amazonenstrome oder Maraüon, zwischen dem Pongo dc Manseriche nnd der Mündung des Ucayali, sowie am Huallaga und 3tapo konzentriert. Im Jahre 1732 machten die Portugiesen eine neue Invasion, allein Pater Schiugler, ein mntiger und resoluter Bayer, bewaffnete die Indianer nnd trieb die Feinde mit großem Verluste zurück. Gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts waren die Missionen wieder im schönsten Aufblühen begriffen, und auch nach der furchtbaren Pockencpidcmie von 17(»2, die ihre Seelenzahl auf 18l)0ft reduzierte, nahmen fic wieder bedeutend zu, befonders durch die geschickte Verwaltung der deutschen Patres Weigrl und Wicdmann, bis die Verbannnng der Jesuiten im Jahre 176? den gänzlichen Nuin der Missionen zur Folge hatte. Ieveros, ,^aguna und Omaguas find die einzigen heute noch bestehenden Orte im obern Amazonenthale, die von den Iesniten gegründet wurden. Doch fast alle Dörfer am Maraüon (dem pernanischm Teile des Amazonas) wurden später von Bewohnern dieser drei Orte angesiedelt, sowie von Flüchtlingen des gleichfalls von den Jesuiten gegründeten nnd im Jahre 1841 von den wilden Iibaro-Indianern zerstörten Borja. I>»g>,'. meist peruanische Händler aus Ncoyobamba und Chachapoyas, die mit Panamahnten nach Parü gehen uild dort schwerere europäische Fabrikate, wie Eisen- und Glaswaren, portugiesischen Wein u. dgl. cinkanfen. Leichtere Ätannfakturwaren hingegen, wie Wollen-, Baumiuollen- und Leinenzcnge, werden von der Küste des Stilleu Meeres her bis zum Marcmon gebracht. Man sollte es kaum für möglich halten, daß Waren, auf halsbrecherischen Wegen vom Meere über die Andes, zum Teil auf dein Rücken von India-nern, nach Loreto transportiert, die Konkurrenz mit Waren ertragen könnten, welche in Dampfschiffen den Fluß heranfkommen, — in eiuem Lande, das die schönsten Wasscrvrrbindnngcn mit dem Atlantischen Meere besitzt. Allein die Ursache lag bisher in der absurden Handelspolitik Brasiliens, welches die für Peru bestimmten und auf brasilianischen Dampfern weiterbeförderten Güter mit so hohen Zöllen belastete, daß dieselben die Konkurrenz der vom Stillen Meere kommenden tanm in den hart am Flusse gelegenen Plätzen aushalten konnten. Du? Ansfuhr der Naturprodukte aber geht natürlich stets flußabwärts nach Pan'l. Nicht weit vor Nauta mündet in den Maraüon eiuer feiner beden-tendstcn Nebenflüsse, der Ueayali (2U4 Meilen), der an Länge und Wasserreichtum den Maraüon selbst (l8l Meileu) weit übertrifft. Seine beidcu Hauptzuflüsse, der Sauta Ana sowohl als der Apurimac, entspringen in deu Andes, iu der Nähe vou Cnzco; ihre Duellen liegen hoch oben in den Schueebergen. Weite (ns- und Schnrcfelder lagern auf deu breiten Bergrücken, einzelne Pib) ragen noch über dieselben hervor; weite, öde Pnnas mit kümmerlicher Vegetation breiten sich zwischen ibuen aus; zahlreiche Seen sind anf deufclbeu zerstreut, mit süßem oder salzigem Wasser, und so kalt ist es dort oben auf deu rauheu Hochebenen, daß selbst die Viehzucht hier uicht mehr recht gedeihen will. Tiefer schueideu nun die Flüsse in die Hochebene ein und bilden gewaltige Felsschluchteu; in mächtigen Fällen stürzen die Scitenbäche herab. Das rasch abfallende Thal des Santa Ana erreicht endlich wieder die Baumvegetatiou, der Wald steigt höher an den Thalseitcn empor, bis er auch die hier fchon niedriger gewordenen Bergrücken überzieht. Nicht lange, so treteu auch schou tropische Pflanzen in dem wärmeru Tbale auf. Iu unendlichen Echlangeuwiuduugcu zieht sich der Strom dahin, Stromschnelle auf Stromschnelle, Wasserfall anf Waffcrfall bildend. Bis icht bestanden die Ufer aus Sandstein; plötzlich wird derselbe durch Vasaltwäude. ersetzt, durch welche, wie durch ciucu eugeu Niß, der zu smnmeugepreßte Santa Ana sich hiudurchdräugt. Mit dichter Vegetation smd die Höhen der Wände besetzt, Lianen wachsen herüber und hinüber und bilden ein undurchdringliches Lanbdach; in zahlreichen kleineu Wasserfällen rieselt rechts und links Wasser an deu senkrechten Wänden heruuter und hat überall die Wände iu phantastischeu Formen ausgewascheu. Lange ^ 137 V. Der Ncayali. Zeit braucht das Auge, um sich an das magische Duukel dieses uatürlichm Tunnels zu gewöhnen. Immer reißender wird die Strömung und pfeilschnell werden die Kauoes aus dem Duukcl in ein Lichtmcer hiuausgerissen, fahren durch das Thor von Tuntini und befinden sich uach dieser letzten Stromschnellc in breiter, ruhiger, mit hohem Urwalde eingesäumter Wasserfläche. Weit breitet der majestätische Strom sich jetzt aus uud ist hier tief genug, um größere Schiffe tragen zu köuucn. Indessen kehren noch einigemal Flußengeu uud Felscudämme wieder, dic uoch manche gefährliche Stromschnelle erzeugen, wahrend aus blauer Ferne die schneebedeckten Ketten der Andes über die grünen Wälder hervorschauen. Unter 10" 58' südl. Br. mündet am linken Ufer in den inselreichen Lauf des Sauta Ana der mächtige Apnrimac, ein gewaltiger Strom, dessen smaragdgrüne klare Gewässer sich mit den gelben Fluten des Santa Ana vermischen. Auch seiu bedeutendster Zufluß entspringt in den Anden von Cuzco, während ein anderer, derMantaro, im Hochlande von Cerro de Pasco seinen Ursprung hat, nicht sehr weit von den Quellen des Hual-laga uud des Maranon. Nach seiuer Verciuiguug mit dem Mantaro heißt der Apurimac Ene, der einen der großartigsten Nasserfälle Amerikas bildet, dcsfen Donner nach der Ansicht des nordamerikauischcu Marine-Offiziers Tncker fast dem des Niagara gleichkommen soll. Der Eue nimmt den Perenö auf uud vereinigt sich dann als Rio Tambo mit dem Santa Ana zum Ucayali. Dieser erhält zwischcu dem 8. und 9. ° südl. Breite den Pachitea, der den nächsten und besten Verbinduugsweg zwischen dem Amazouenstrome und dem Stillen Meere bildet. Er ist für kleine Dampfboote 242 Icni schiffbar bis zur Müudnng des Mairo, welche vou der deutfchcu Kolonie am Pozuzo-Flusse 7 Meileu uud von Cerro de Pasco 17 deutsche Meilen entfernt ist. Diese Kolonie habe ich selbst im Jahre 1857 gcgrüudet, wobei ich deu Fehler beging, an den Bestand uud die Versprechungen eiucr Kreoleu-Negicruug zu glaubeu, welche iudesscu ihre Verpflichtuugeu, namentlich was deu Wegbau betraf, nur höchst mangelhaft erfüllte. (Siehe meine Broschüre: „Die deutsche Kolonie in Peru." Wcinheim, Verlag von F.Ackermann, 1870.) Da ich schon seit laugeu Iahreu vou dort abwesend bin, so werde ich die heutigcu Zustäude dcrselbeu hauptsächlich nach deu Angabeu des Pfarrers Egg schildern, welcher dort vou Anfang an, also seit 25 Jahren, lebt nnd zn ihrem Gedeihen mehr als irgend ein Audercr beigetragcu hat. Die Kolouie liegt unter dem 10. Grade südl. Vr., am Zusammeustnsse des Pozuzo mit dem Huancabamba, uud erstreckt sich auf beiden Scitcu dieser Flüsse in einer Ausdehnung von 5 Kilometer am Pozuzo uud 8 Kilometer am Huaneabamba. Dic Breite der beiden Thäler ist beschränkt; jedoch sind die meisten Berge, von denen einige sich an 1500 in über das Niveau des Flusses erheben, nicht steil, au manchen 188 -WI 3,,,Z NO MMNZ Nllss lahZ cvL Die deutsche Kolonie: Lage, Klima. Orten sogar schr sanft ansteigend, und bei weitem die meisten Abhänge sind geeignet, bis weit hinauf angebaut zu werden. Die Kolonie liegt durchschnittlich 800 ,n über dem Mecrc, und außerhalb der Felder ist alles noch Urwald. Dieser erstreckt sich bis auf die höchsten Spitzen der Berge, die auf der Ostseitc, wo die unermeßlichen Ebenen des Ucayali und Amazonenstromes, die sogen. Pampas del Sacramento, beginnen, im Durchschnitte niedriger siud als die westlichen. Die Temperatur nimmt mit der Höhe rasch ab, und selbst jene Kolonisten, welche vielleicht nur 100 in über der Thalsohle wohnen, haben in ihren luftigen Wohnungen fchon bedeutend kühlere Nächte, als die tiefer unten wohnenden. Südlich uud westlich von der Kolonie, d. h. von dem Winkel, welchen die Thäler bilden, krenzcn sich die Berge und Schluchten anf eine Weise, daft dort selten eiu Fleck zu fiudcu ist, den man anbauen könnte. Aber an der Ostscite beginnen hinter den oben erwähnten Bergen in einer Entfernung von 3—4 deutschen Meilen die Ebenen des Palcazn und Mairo, und nördlich von letztereu die weiten Pampas del Sacramento, welche Tausende von Quadratmeilcn einnehmen und bis zum Amazoneu-stromc reichen. Die ganze Seelenzahl der Deutschen — die hier ansässigen Indianer, welche bei den Dentschm Arbeit nnd guten Verdienst finden, nicht mitgerechnet — beläuft sich anf nngefähr 400. Zwei Dritteile der Kolonisten sind Tiroler und die übrigen Rheinländer; außerdem wohueu uoch einige norddeutsche Familieu dort, die von Lima ans anf eigene Faust gekommcu sind. Das Klima ^ ist ein günstiges. Die gesnndc Gebirgslnft, besonders Lungenkranken znsagend, der völlige Mangel stehender Gewässer, die dnrch Vertrocknen schädliche Miasmen erzeugen, verhindern das Auftreten gefährlicher Epidemieen, welche in den meisten tropischen Tiefländern so mörderisch wüten. Wenn man von einem gesunden Appetit anf Gesundheit des Körpers schließen tanu, so ist diese Gegend besonders bevorzugt, denn selbst bei reichlichem Genusse von Nahrung stellt sich binnen knrzem das Gefühl des Hungers wieder ein. Unter diesen Umständen konnten sich die ersten deutschen Ansiedler — von denen Bürgermeister Gstir jetzt 81 Jahre zählt — rasch acclimatisieren, uud bei ihrem einfachen, thätigen Leben war der Gcfundheitsstand in der Kolonie stets so trefflich, daß oft in mehreren Jahren kein einziger Sterbefall nnter Erwachsenen, sondern nur unter Kindern vorkam, uud daß iu den 25 Jahren des Bestehens der Kolonie die jährliche Sterblichkeit im Dnrchschnitt 2,2 °/„ betrug. Die Zahl der Geburten hingegen beträgt jetzt durchschnittlich über 20 im Jahre; bedingt durch diesen natürlichen Zuwachs, würde die Einwohnerzahl der Kolonie l Vcrgl. „Dic Kolonie am Poznzn" uon Dr. Abendroth. Dresden, Blochmann 6 Sohn. 139 V. Der Ucayali. schon eine bedeutend größere sein, wenn nicht in neuerer Heit einige Familien mehrere Meilen flußaufwärts nnd andere in der Nichtuug nach dem Pachitea, nach dem Rio Seso gezogen wären, wo gleichfalls sehr reiches Land und gesundes Klima zu finden ist. In 25 Jahren kann man wohl ein Urteil über die Gesundheit einer Gegend abgeben, und demnach wäre dnrch das Gedeihen dieser Kolonie der Beweis geliefert, daß die Hochländer nuter den Tropen, selbst bei nicht sehr bedeutender Meereshöhe, der europäischen Konstitution ganz gut zusagen können. Die Kolonie hatte sich im Anfange außer der Knltur ihrer Lebensmittel fast ausschließlich dem Kaffecbau gewidmet, da der Kaffee hier fehr gut gedeiht und ein ganz besonders feines, in Lima sehr geschätztes Produkt liefert und dort hohe Preise erzielt. Die teure Landfracht nimmt freilich den Hauptgennnn wieder weg, aber doch werden immer uoch an Ort und Stelle in der Kolonie 34 Mark pro Centner gewöhnlich bezahlt, was den Anbau lohnt. Später nahm der Kaffeebau iu der Kolonie wieder ab, die Lente verlegten sich mehr auf die Tabakpflanzung und die Cigarreufabritation, da dies mehr eintrug uud die Cigarren auch weniger Fracht kosteten, was hier die Hauptfache ist. Durch einen Hamburger Cigarrenmacher ward dieser Industriezweig uach der Kolonie verpflanzt. Das Tausend Cigarren, dessen Fracht nach der großen Bergwerkstadt Cerro de Paseo verhältnismäßig unbedeutend war, ward dort zuweilen die kleinen mit 120, die großen mit 210 bitz 240 Mart bezahlt. Dies dauerte aber nicht lange, da nnn alle Kolonisten, groß nnd klein, was nur zwei Hände hatte, Cigarren machte — gnt oder schlecht war ihnen gleichgültig. Dadurch verloren die Pozuzo-Cigarren bald ihren früheru guten Nuf, so daß sogar die wirklich guten nur uoch mit Mühe zn verkanfen waren. Dies brachte endlich die Kolonisten zur Vesinnuug uud sie gebeu sich Mühe, wieder ein gutes Fabrikat herzustellen, das auch wieder in Cerro de Paseo Absah findet^. Durch deu unglücklichen Krieg mit Chile stockt jetzt freilich die ganze Ausfuhr; doch haben die Kolonisten in ihrem friedlichen, entlegenen Thale keine andern Nachteile durch den Krieg empfuuden, und die Stockuug der Ausfuhr können sie um so leichter ertragen, als sie fast alle Lebensbedürfnisse selber dort ziehen. Sogar reiche Salzlager haben sie in ihrer Nähe. Anch Coea wird in der Kolonie gebaut, doch mehr vou deu dort wohnenden Indianern, als von den deutschen Kolonisten, obgleich Absatz dafür vorhanden ist; fremde Indianer kommen selbst nach dem Pozuzo, um dort Coca zu kaufen, uud bezahlen den Centner an 57rt und Stelle ' Der Centner Rauchtabak hat in Peru 112 Mark, der Centner Cigarren aber 352 Mark Cinssangszoll zu zahlen, und da der Tabak weder an der Küste uoch im westlichen ^ebirgslande gedeiht, so erllärt es sich, daß die Kolonisten trotz der Fracht gnte Geschäfte machen tonnen, 14» Die deutsche Kolonie: Produkte. mit 50—60 Mart. Ihr Anbau wäre also schon lohnend genug, obgleich er viele Arbeit erfordert und befondcrs das Trocknen der Vlätter viele Mühe inacht. )^'is, der hier auch gu: gedeiht, auszuführen, bezahlt sich nur selten, da cr in dm Städten des Innern meist sehr billig von der Küste, wo cr im großen gebant wird, bezogen werden kann. Baumwolle pflanzen einige Kolonisten für ihren eigenen Bedarf, spinnen dieselbe, nnd da einer von ihnen einen Webstuhl aufgeschlagen hat, lassen sie sich starke Stosse zu Werktagskleidern weben. Zuckerrohr hat wohl seder Kolonist mehr oder weniger auf sciucm Lande; man bereitet damns Sirup oder branncn Zucker, soviel man für5 Hauswesen braucht. Zu Huarapo, d. i. gegorener Zuckerrohrsaft, der dem federweißen Moste ähnelt, wird viel Zuckerrohr verwendet; uiel aber anch leider in Ruin verwandelt, und da dieser nnter Kolonisten und Indianern stets Absatz findet, so haben sich mehrere Kolonisten ganz auf diese Erwerbsqnelle verlegt. Indigo und Kakao geben wenig Er^ trag, beide scheinen ein heißeres Klima zu uerlaugen. Die Temperatur ist hier eine ziemlich gemäßigte uud gleichförmige. Weder die drückende Hitze des tropischen Tieflandes noch der rasche Wärmcwcchsel der Sierra-Region sind bemerklich. Wenn der Stand des Quecksilbern im Juni nnd Juli auch zuweilen nntcr 10" It. sinkt und die Schwüle des Januar ausnahmsweise bis 28" K. steigt, so ist doch die mittlere Temperatur, welche sich ans 15" stellt nnd somit ciuem Sommer in Unteritalicn zn vergleichen ist, ui den einzelnen Mouateu wenig verschieden. Außerdem wird die Luft onrch regelmäßig nachmittags sich erhebende Winde erfrischt nnd gereinigt. Von den Brotfrüchten steht hier die ^)nca-Wnrzcl (süße Cassava) obenan. Alle Kolonisten ziehen sie ihres Wohlgeschmackes uud Mcblreich-tumes wegen der heimischen Kartoffel vor; anch kann ans ihr gntes Mehl ^ das mit Maismehl vernascht ein schmackhaftes Brot giebt — und fciue Stärke gewonnen werden. Uucas vou ö IIlli'tiii6/.ia o^r^otasfolm) nnd Nnßbäume (^on-al, den Iuglandeen angehörend), die als Möbelholz sehr geschätzt sind, obwohl sie natürlich dem selteneren, kostbaren Mahagoni-Holz, das auch hier gefunden wird, nachstehen. Außer der zur Familie der Zygiem gehörenden lu^a, rßtioulaw, welche das schöne Inka-Holz liefert, sind es ! Siehe Dr. Abcndroth, a. a. O., sowie meine Broschüre: „Die deutsche Kolonie in Peru." « Siehe diese Schrift S. 121 f. 142 Fiss. 21. Ananas. Die deutsche Kolonie: Produkte. ferner von Legumwoseu namentlich die Cäsalpineen, welche mit ihren oft blutrot oder gelb gefärbten Hölzern technische Verwertung finden. Leider fürchtet ü)r. Abendrots), dessen Broschüre über die Kolonie iä) obige Angaben entnommen habe, daß diese wertvollen Bäume später ebenso aus der Gegend verschwinden werden, wie es mit den Ciuchonen bereits der Fall ist. Der Qnina-Qnina wird trotz seines köstlichen Valsames ebenso als gewöhnliches Bauholz verwendet wie der Mahagoni. Sah doch I>i'. Abend-roth am Pozuzo eine Zuckcrrohrpresse, deren starke Walken aus Mahagoni-Holz bestanden! Die feste, zähe Rinde der (^Iti» uiiorlmtiiÄ ersetzt die Stelle des Hanfes, das feste Gewebe der Agavenblätter die des Flachses. Die beste gerbstoffhaltigc Ninde — noch besser als unsere Eichenrinde — liefert der Petcrsilienbaum. Von sonstigen wildwachsenden Nutzpslauzcu sind noch zu erwähnen: der Orleans-Baum (13ix^ orollaim), Gummibäume (Siphonien), wilder Kakao, Baumwolle (<3088)piuni ardoremil) und Indigo (Inn); ferner folgende Arzneipflanzen: der M a-tico, eiu geschätztes Tonicnm, dann die Sarsaparille (8iuimx 8)pln-litioa), Vanille und einige jedoch nicht sehr wirksame Cinchona-Arten; die besten derselben sind schon seit langer Zeit ausgerottet. Cine davou ließ ich hier analysieren, die jedoch nur ein halbes Prozent Chinin und ebensoviel Cinchonin enthielt. Der Hnaeo ^1i«l"iüi, ^uao«) wird, zerquetscht oder mit Alkohol ausgezogen, als wirksames Mittel gegen Schlangenbiß äußerlich und innerlich angewandt; die anch am Pozuzo vorkommende I1urpo8w8 ooluln'ma soll noch empfehlenswerter fein. Mit der Jagd ist es nicht mehr weit her, fast alles Wild hat fich aus der Nähe der Ansiedelungen zurückgezogen, ansgcnommen zwei Nager, die 'lgntis und die Pacns, die allerdings beide einen sehr delikaten Braten liefern. Wer sich hiermit nicht begnügen und eine ordentliche Jagd betreiben will, der muß über den Flnß hinüber ein paar Stunden weii gehen, wo sich noch Wildschweine in ganzen Nudeln, Bären, Tapire, Nche, Affen und wildes Geflügel vorfinden. Cin wahres Iägerparadies ist die Mai.ro-Gegcnd und ebcnfo ausgezeichnet ist dort der Fischfang; große Fische von mehr als 50 1c^ Gewicht finden sich im Pachitca nnd Palcazu, ebenso Schildkröten, während in den beiden Flüssen der Kolonie, die noch zu ^ißend stud, nur kleine Fische vorkommen. Aus allem hier über die Kolonie Gesagteu geht nun hervor, daß dieselbe eincu raschen Aufschwung "chmen würde, wenn die Frachten nicht so teuer wären — weshalb nur wertvolle Produkte, wie Kaffee, Tabak, Cigarrcu und Coca, ausgeführt werden können -^, wenn befserc Wege angelegt würden, namentlich nach Mairo, dem Anfangspunkte der Schiffahrt, nnd nach der Bergwerkstadt Cerro de Pasco, von wo aus die Kommunikation mit Lima uud der ^üste leicht ist. Ebmso würde es viel zur Cntwickluug der Kolouie bei- 143 V. Der Ucayali. tragen, wenn in der )tähc Bergwerke cntständeit, wozu einige Aussicht vorhanden ist, indem in dm benachbarten Bergen schon Silber-, Kupfer-und Blei-Erze gefunden morden sind. Von der Mündung des Pachitea in den Ueayali lag 150 Stunden weit flußabwärts, nicht weit vom Ucayali entfernt, die Franziskaner-Mission Sarayacu, die in neuerer Zeit gauz verlassen sein soll, weil man, um den wildesten Stämmen näher zu sein, weiter oben am Flusse mehrere nene Missionen errichtete. Die Franziskaner-Missionen in den östlichen Urwäldern von Pern datieren vom Jahre 1673 an, wo der Pater Manuel Biedma von Iauja in Mittel-Peru ans in die Wälder vordrang und am Paugoa-Flusse, einem Nebenstrome des gewaltigen Ucayali, die Mission Sanla (vruz de Sonomora gründete. Später errichtete Fiss, 22. Nssilti. er noch eine Mission am Ausflüsse des Pachitea in den Ucayali, ward aber auf seiner Rückreise von den wilden Indianern ermordet. Noch mehrere andere Missionen hatten die Franziskaner zu jener Zeit an den Nebenflüssen des Ncayali angelegt, die aber zweimal von den Indianern zerstört wurden, wobei, viele Missionäre ihr Leben verloren. Im Jahre 1712 gründete Pater Francisco de San Ios6 ein Kollegium „äs pro^a^ainlü. tule" im Dorfe Ocopa in den Nudes, wenige Stunden südöstlich von Iauja, das uoä, heute blüht und vou wo gus die heutigen Missionen geleitet werden. Dnrch seinen unermüdlichen Eifer bewog er viele europäischen Franziskaner, nach Ocopa zu ziehen und sich am Missionswerke zu beteiligen, so daß im Jahre 1742 an den Zuflüssen dcs Ucayali schon zehn Missionen mit mehr als 10 (M Missionen der Franziskaner. getauften Indianern bestanden. Allein in demselben Jahre brach der große Indianeraufstand in den östlichen Wäldern ans, den ein angeblicher Nachkomme der Ineas angestiftet hatte, in welchem alle Missionen der Franziskaner ihren Untergang fanden, die spanischen Forts verbrannt nnd alle Weißen, Missionäre, Soldaten nnd Kolonisten ermordet wurden. Die Franziskaner hatten nämlich den großen Fehler begangen, welchen die Jesuiten in ihren Missionen am Amazonmstrome und in Paragnay immer sorgfältig vermieden — sie erlanbten spanischen Kolonisten, sich in ihren Missionen niederzulassen, die mit ihrem Golddurste und ihrer Habsucht stets die Indianer zu bedrucken suchten und sie so zur Empörung reizten. Schon im Jahre 1760 wnrden von den Franziskanern die Missions-arbeiten wieder aufgenommen; doch wählten sie jetzt von Ocopa ans einen mehr nördlichen Weg, um nach dem Ucavali zu gelangen, uud zwar über Huannco und Pozuzo, den sie auch heute noch auf ihren jährlichen Neiscn von Ocopa nach den Missionen benutzen, wobei sie stets in der deutschen Kolonie am Pozuzo, im gastlichen Hause des Pfarrers Joseph Egg, eine mehrtägige Ruhepause machen, ehe sie ihren Weg in die Wildnis antreten. Im Jahre 1765 wurdeu auf diesem Wege mehrere Missionare von den menschenfresseuden Eashibos anf dem Pachitea-Flnsse nmgebracht, nnd l767 machten die Indianer des Ucanali eine nenc allgemeine Revolution gegen die Weißen, ermordeten nenn Franziskaner nnd zerstörten alle ihre Missionen. Der große Eifer und Heldenmut, welchen die Franziskaner bei ihrem Bekehrungswerke bewiesen, muß Ersiannen nnd Bewuudernng errcgeu, sagt der bekaunte Schweizer Naturforscher Dr. v. Tschudi. Nichts tonnte sie abschrecken: weder die fast unglaublichen Strapazen in jenen pfadlofen Urwäldern ohne Nahrnng und Obdach, noch die beständige Gefahr eines grausamen Todes. Mutig und ergeben folgten sie ihrem Berufe, das Evangelium zu predigeu. Kam die Nachricht von dem gewaltsamen Tode eines ihrer Brüder, so boten sich gleich andere an, die Stelle des Gemordeten einzunehmen, nnd die Oberen des Ordens hatten ^e größte Mühe, den heiligen Eifer der frommen Mönche zu mäßigen. In den Missionen von Nord- nnd Mittel-Peru wurden im ganzen seit dem Ende des 17. Jahrhunderts 129 Franziskaner-Priester von den Wilden ermordet, und in dieser Me sind nur die angeführt, deren Todesart bekannt wurde; viele andere verschwanden, ohne die geringste Spnr zu Mterlassen, wo sie geblieben; und die Zahl der Laienbrüder, welche umkamen, ist noch viel größer. Zwanzig Jahre später, im Jahre 178U, versuchte Pater Manuel Sobreviela von Ocopa aus die Missionen am Ucayali wiederherzustellen, und gründete die Missiou Saray acn. Aber nach seiner Rückkehr U- Ichütz, Amazonaö. —^-— 10 V. Der Ucayllli. brachen neue Mißhelligkeiten mit den Indianern aus und wurden so drohend, daß im Jahre 1794 die Missionäre sich genötigt saheu, von Sa-rayacu nach Ocopa zurückzukehren. Die Mission wäre damals verloren gewesen, Hütte nicht ein junger (kaum dreiundzwanzigjähriger) Franzis-kanermönch in Niobamba, Ioso Ä^annel Plaza, jene Not erfahren und sich entschlossen, nach Saravacu zu gehen. Dieser Viann hat über fünfzig Jahre lang der Mission vorgestanden und sie unter den schwierigsten Verhältnissen — oft ganz allein und ohne Unterstützung von außeu — verwaltet. Niemand kannte wie er das große Flußgebiet des Ncayali — jene fabelhaften Regionen, die zum Teile heute noch dem Fuße des Weißen so gut wie verschlossen siud. Welche Gefahren hatte Pater Plaza überwunden, Gefahren, vor denen so mancher enropäische Krieger erzittern würde; wie oft entkam er mit genauer Not einem grausamen Tode! Aber nie verlor er den Mut. Wie die meisten Kreolen, hatte auch er seine großen fehler, und er hat manches gethan, das mit dem priest er lichen Stande schwer zu vereinbaren ist und wozu ein europäischer Ordensmann bedenklich sein Haupt schütteln würde; alleiu er war eine durch und durch zähe, unternehmende und praktische Natur und hat als Missionär vielleicht mehr ausgerichtet, als irgend mi Europäer in diesem Jahrhundert. Bald konnte Plaza von dem günstigen Erfolge seiner Arbeit nach Ocopa berichten; er besaß eben — was ihm als Kreolen, der unter Indianern aufgewachsen war, leichter fallen mußte, als eiuem europäischen Missionär — ein richtiges Verständnis der bald kindlichen, bald kindischen und rohen Natur der Eingeborenen, ein Verständnis, welches seinen Vor-gängern gefehlt hatte. Mit Energie bekämpfte er die Vielweiberei, welche eine Quelle fortwährenden Haders war nnd von welcher sich die Indianer nicht losmachen wollten. Ermahnungen und Verbote fruchteten wenig: Plaza griff — was freilich europäische Missionäre nicht billigeu dürften — mit Energie zur Peitsche, und da er zwar streng, aber nie ungerecht strafte, hatte er bald die volle Gewalt eines Nichters und eines Patriarchen in seiner Person vereinigt ^. Nach eiuigeu Iahreu erhielt Plaza Hilfe durch andere Franziskaner, welche sich in die von Sarayacu aus neugegründeten Missiouen verteilteu, uach Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges im Jahre 1821 aber uach Ocopa zurückkehrten, so daß Pater Plaza von neuem alleiu bei seiueu Iudianern war. Er hielt aber aus und suchte, so gut wie es ging, die nötigen Ausgaben für seine Missions-Indianer durch eigene Thätigkeit zu bestreitcn, da während des Krieges au andere Unterstützungen nicht zu denken war. Den: praktischen Manne fiel dies auch nicht schwer. Er pflanzte mit seinen i „Die spanischen Missionen in den Urwäldern Südamerikas" in „Aus nllen Weltteilen", 1871. IN"" Die Mission des Paters Plaza, Indianern Zuckerrohr, baute rohe Zuckerrohrpressen, fabrizierte Rohzucker und Num, salbte Fische eiu — es giebt uielleicht in der Welt keinen fischreicheren Fluß, als den Ucayali —, sammelte in den Wäldern Sarsaparille, verschiedene Valsain- und Gummi-Arten, Wachs und Kakao, der 5ort in vorzüglicher Qualität wild zu finden ist, und fuhr nut diesen Waren, die er aus große Flöße lud, deu Ucayali uud AnmMenstrom hinab uach Brasilien, wo er sie an die portugiesischen Händler verkaufte oder gegeu allerhand europäische Waren ^ Äxte, Messer, Scheren, Angeln, Glasperlen, Spiegel, Baumwollen^euge u. dgl. — eintauschte. Mit diesen europäischeu Warm bezahlte er seiuc Indianer, die den Gebrauch des Geldes nicht kannten, und gewohute sie so au beständige Arbeit. Lange Jahre nachher ward dnrch Neifeude, die znfällig uach Sarayacu kamen, die Aufmerksamkeit des peruauischen Publikums ans diese gänzlich 'in Vergessenheit geratene Mission wieder gelenkt. , Eine größere Snmme sür Wiederherstellung uud Erhaltung der Missionen am Ucayali wurde von Privatleuteu zusammmgebracht — aber unter den peruanischen Fran-ziskaneru, die sich hieriu uicht im geringsten von anderen kreolischen Ordensleuten unterscheiden, fand sich auch uicht eiu einziger, der die Bequemlichkeit seines Klosters oder seiner Pfarrei mit dem harten Leben in den Urwäldern hätte vertanschen mögen! Enropäischc Franziskaner — Spanier und Italiener — mußten berufeu werden, die zuerst vor allem andern das durch den Krieg verlassene Kollegimn von Ocopa wiederherstellten, von nw ans die Missionen in den östlichen Urwäldern dirigiert werden sollten. Von nnn an übernahmen wieder die Franziskaner — natürlich ohne iede Unterstützung der Regierung — die Erhaltung der Missionen, deren Kosten sie dnrch regelmäßige Sammlungen in den Städten Perus bestreitcn. Auch Pater Plaza erhielt jetzt Hilfe durch jüngere Kräfte uud blieb Vorsteher ber Missioneu am Ucayali bis zum Jahre 1851, wo er zum Bischöfe von Euenca in Ecuador gewählt ward. Er war 78 Jahre alt, als er jetzt Sarayacu verließ, uud unternahm noch ganz rüstig und heitern Gemüts die lange uud höchst beschwerliche Neise zu sciucm Bischofssitze, wo er aber bald nachher starb. Heilte noch sind die Franziskaner von Ocopa nud in den Missionen meist Europäer; dieselbeu haben anch ein Kloster in Lima, wo sie sich durch ihren strengen Lebenswandel, aufopfernde Thätigkeit uud große Wohlthätigkeit — die Mittel dazu müssen sie sich durch Terminieren verschaffen ^ vorteilhaft vor dein peruanischen Ordensklerus auszeichnen. Die cnro-Mischm Franziskaner sind Barfüßer und Bettelmönche nnd wohl von den sogenannten blauen Franziskanern zu unterscheiden, welche in Lima ein prachtvolles Kloster nnd großen Grnndbesch haben, dabei aber — sie sind sämtlich Peruaner — au wenig anderes als au ihr Wohlleben und ihre Vergnügungen denken. Die Barfüßer haben gegenwärtig fünf Miffionen 10" 147 V. Der Ucayali. am Ucayali, die zusammen etwa 2000 Indianer zählen werden — dies sind die einzigen Neste, die uon den großen und früher so berühmten Missionen der Jesuiten und Franziskaner im Flußgebiete des Amazonen-stromes und seiner Nebenflüsse übrig geblieben sind, wiewohl sich noch viele Niederlassungen am Maranon, Huallaga, Beui, Mamorü und Napo befinden, die ursprünglich von den Jesuiten gegründet wurden, jetzt aber, zum Nachteile der Indianer, unter weltlicher Obrigkeit stehen. Diese letzteren Indianer werden zwar — zum Unterschiede von den Wilden oder „Infieles" (Ungläubigen) — Christen genannt, haben aber vom Christentume nur die Taufe erhalten, in allem übrigen sind sie meist noch vollständige Heiden und nicht viel besser als die benachbarten wilden Stämme, von denen sie abstammen; ja in mancher Beziehung sind sie noch viel schlechter als diese, indem sie von den Weißen nur die Laster angenommen nnd Unredlichkeit und Lügen gelernt haben, worin der Wilde weniger bewandert ist. Viele Sitten und namentlich den Aberglauben der Wilden haben sie auch beibehalten, gehen zum Teil uoch fast ganz nackt und malen sich Gesicht und Teile des Körpers blau und rot. Die Hauptlaster dieser „christlichen" Indianer aber sind die Trunkenheit — ihr Hauptgetränke ist der aus Cassava-Wurzel gewonncue Masato, dessen appetitliche Bereitungsart ich bereits erwähnte — und die Trägheit, indem sie nur das Allernotweudigste arbeiten, um sich ihren Lebensunterhalt zu erwerben. Aus ihrer Trägheit werden sie aber oft gar unsanft aufgerüttelt durch die peruanischen, bolivianischen oder ekuadorianischen Behörden, welche sie teils zum Ruderdienste pressen, teils als Lastträger benutzen, um auf ihrem Rücken schwere Warenballen oder auch Reisende für erbärmlichen Lohn ans schauderhaften Wegen fortzuschaffen. Was mm die eigentlichen Wilden betrifft, so bewohnen diese die unermeßlichen Urwälder, welche sich vom AbHange der Andes bis zum Atlnu-tischcn Meere erstrecken; sie sind in zahlreiche Stämme geschieden, von denen fast jeder seine eigene Sprache besitzt und sich von seineu Nachbarn'in seinen Gebräuchen und der Art der Bemalung unterscheidet. Nur wenige dieser Stämme sind bekannt — nur die, wclche an größeren Strömen, die man in Kanoes befahren kann, wohnen —, denn seit dem Eingehen der großen Missionen hat wenig Verkehr mehr mit ihnen stattgefundeu. Die Körpcrbeschaffenheit dieser Indianer ist durchaus nicht so gleichartig, wie man gewöhnlich meint, und möchte ich dieselben ihrer äußern Erscheinung nach in zwei große Rassen abteilen, die freilich der häufigeu Vermischungen wegen selten rein hervortreten, die mir aber auch, wie oben bemerkt, bei nordamerikcmischen und mejikanischeu Indianern auffielen ^ von dcueu die eiue mehr dem mongolischen, die andere mehr dem malayischen Typus (dem der Südsee-Insulaner) entspricht. Die Stammeltern der einen Nasse mögen wohl über die Beringstraße oder die Meuten, die der andern über Poly- Zu Tcitc 148. IllhiinK. Orcjoncs. Mll!)n denselben klein, gießen Wasser hinein, lassen die Souue einwirken nnd dann steigt das Öl auf die Oberfläche. Man schöpft dasselbe ab, reinigt es uud verwendet es wie Putter oder auch zur Beleuchtung. Man nimmt an, daß solchergestalt jahrlich etwa 250 Millionen Schildtrötcneier zerstört werden. Die brasilianische Ne-gieruug sucht indessen dieser Verwüstung Ginhalt zu thun und hat zu diesem Zwecke vor einigen Iahreu geeignete Verordnungen erlassen. Aus den tropischen (bewässern Amerikas kommen bekanntlich viele Schildkröten lebendig nach Europa; die westindischen Dampfer bringen regelmäßig eine Anzahl derselben mit. Unser Vorschlag geht dahin, die Schildkröten gleich iu Amerika gekocht iu Vlechgefäße zu verpacken. Weun Nind- uud Schöpsenfleisch aus Australicu, vom andern Ende der Welt her, zu uns gebracht werden kann, so läßt sich das mit der Schildkröte viel leichter thuu; denn die Dampferfahrt von Para an der Müuduug des Amazonas bis zur Themse beträgt nur 21 bis 23 Tage." Noch eines auderu Reptils muß ich bei dieser Gelegenheit erwähnen, nämlich des Alligators. Derselbe ist im Amazoneustromc uud seiuen Nebenflüssen, sobald sie in die Ebenen treten und ruhiges Wasser habcu, leider nur zu hänsig, während er in den Bergströmen, wie z. B. im Pozuzo, nicht vorkommt. Von demselben giebt es hier drei Arten, von denen die größte, der schwarze Kaiman, über 5 m lang wird. Die Schwänze von jungen, noch nicht I V2'" langen Alligatoren schmecken nicht übel, das Fleisch von großen aber riecht widerlich lind nur ein Indianer kann es genießen. Badenden können die Alligatoren gefährlich werden; die Indianer zeigen jedoch nicht die geringste Angst vor ihnen, obgleich schon manches Kind uud mancher Betrunkene von ihnen verschlungen ward. Ist aber einmal ein solches Unglück wieder vorgekommen, dann werden allgemeine Jagden ans die Alligatoren abgehalten und so viele als möglich gefangen. V. Der Ucayali, Auf der Jagd werden von den wilden Indianern hauptsächlich Bogen und Pfeile benutzt, nnd anßcr diesen im Kriege noch hölzerne Kenlen nnd Schwerter von sehr hartein Holze, anch lange tanzen. Bei vielen Stämmen ist aber die Hanptwaffc das Blasrohr mit vergifteten Bolzen. Dieses Blasrohr, „Pucuna" genannt, ist ein bis :; in langes starkes Rohr, an Fig. 24. Indianer, mit dem Blasrohre schießend. dessen Mundstück zwei Wildschweinhauer befestigt sind, weiter nnten der Vorderzahn eines Nagetieres, der als Visier dient. Die Holzen sind von sehr leichtem Holze oder Nohr gemacht, nnr einige Centimeter lang, sehr dünn und am obern Ende mit einem Bart von sehr feiner, seidenartiger Baumwolle uom Hnimba-Banme (Noindax) versehen, das untere sehr svitze Ende 154 Waffen; religiöse Vorstellungen. aber wird in das wirksame Pfeilgift (Curare) getaucht. Die am Maranon in der Nähe von Loreto und der brasilianischen Grenze hausenden Ti cunas bereiten das beste Gift, das im ganzen Amazoncngebiete als Handelsartikel gilt und teuer — die Unze ungefähr für einen Dollar Wert in Waren — verkanft wird. Seine Bereitnng wird zwar sehr geheim gehalten, doch weiß man, daß es hauptsächlich aus zwei Pflanzen, einer Strychnos- und einer Eoceulus-Art, gewonnen wird. Mit den Bolzen schießen die Indianer zuweilen über 30 Schritte weit. Das getroffene Tier zeigt im Anfange keine Spur vou Schmer;, nach und nach scheint es schläfrig zu werden und zn erstarren und bricht, je nach seiner Größe, in zwei bis vier Minuten tot zusammen. Dem Magen sott dieses Gift ebenso wie das Schlangengift nichts schaden, nnr in Wnndcn wirkt es tötlich. Alles ans diese Weise getötete Wild wird gleichfalls ohne Nachteil gegessen. Als Verteidigungswaffe gebrauchen die Wilden der ami?zonischcn Urwälder einen ungefähr 60 om breiten Schild uon Tapirhaut. Man weiß weuig Geuaues uon den religiösen Anschannngen jener Wilden. Jeder, der viel mit Indianern verkehrt hat, weiß, wie schwer es hält, das bei fast allen Wilden vorkommende Mißtranen gegen die Weißen zu besiegen, und wird es gewiß mit mir lächerlich finden, wenn durchreisende Naturforscher ohne Kenntnis der Sprache nnd ohne irgend welche Mittel, das Leben der Wilden näher beobachten zn können, ein apodiktisches Urteil über deren Fähigkeiten und Anschnnnngen abgeben wollen. Nach den Mitteilungen der Missionäre von Sarayacu, die viele Gelegenheit haben, naher mit den Wilden bekannt zu werden, glauben alle diese Indianer ,an die Existenz gnter nnd böser Geister, deren Einflüssen sie das Eintreten guter oder böser Ereignisse zuschreiben; in den Tieren des Waldes, in Pflanzen, Steinen, in den Gewittern, Sturmwinden, in allem wollen sie das Wirken wohlthätiger oder feindlicher Mächte finden. Die Sonne wird als ein frenndliches Wesen hoch verehrt, worin manche noch Nachklänge der Inca-:)tcligion entdecken wollen' der Mond hingegen gilt für das Gegenteil. Eigentliche Götter scheinen sie jedoch nicht anzubeten, wie über-hanpt keine Art von Knltus bei ihnen vorkommt; allein an ein Fortleben oer Seele nach dem Tode glanben sie alle. Einige glanben an eine Seelen-Wanderung, wobei die Seele einen nenen menschlichen Körper annimmt, weshalb sie mit den Toten Nahrungsmittel, Kruge mit Masato, Kanoes uud Waffen begraben; andere aber meinen, daß die Toten in Tiergcstalt wieder anflcbcn, die Wälder in der Nähe ihrer frühereu Wohnsitze bewohnen nnd alle früher erlittenen Unbilden rächen. Die hanptfächlichsten Stämme der im obern Amazonenthale hausenden Wilden sind die folgenden: In der Nähe des Amazoncnstromes zwischen Huallaga uud Iavari lebeu Zjagnas, Orcjones, Ticunas und Mayornuas. Die ?)aguas sind gnt gebaut und haben angenehme V. Der Ucayali. Gesichtszüge. Sie gehen fast ganz nackt, die Männer tragen kurzes Haar und haben bloß einen Gürtel vdn Baumrinde um die Lenden, von dem vorn und hinten ein Büschel Rindenfasern, etwa 30 ein lang, herabhängt. Kleinere Faserbüschel hangen an Armringen und Halsband. Bei festlichen Gelegenheiten färben sie den ganzen Körper hellbraun und bemalen ihn mit sonderbaren roten nnd blanen Figuren. Lange Schwanzfedern von Nrras stecken in den oberen Armringen nnd überragen die Schultern, während den Kopf ein Diadem von weißen Federn ziert. Einige besonders eitle Stutzer befestigen auch wohl über das ganze Geficht weiße Federn, so daß nur Augeu, Nase und Mnnd frei bleiben. Ihre Hütten haben eine sonderbare Form. Dünne Stangen werden in einem Kreise von 10 m Durchmesser nebeneinander in den Grund gesteckt, am obern Ende zusammengebogen und festgebnnden. Weiter unten befestigen sie das Gerüst durch Querhölzer und bedecken das Ganze mit Palmblättcrn nnd Schilf, nnr zwei oder drei kleine Offnungen als Eingang zurücklassend, fo daß eine solche Hütte aussieht wie ein riesiger Bienenkorb. Inwendig sind kleine Gemächer von Rohr längs den Wänden angebracht, von welchen jedes als Schlafstütte für eine ganze Familie dient. Gewöhnlich wohnen vier oder fünf Familien in einem solchen Gebände nnd besitzen den mittlern Ranm gemeinschaftlich. Die Mannas verfertigen gute Häugemattm aus den Fibern der Herzblätter einer Palmenart. Der Banm hat sehr hartes Holz nnd ist mit scharfen Dornen besetzt. Einen Indianer kostet es einen Tag Arbeit, eine solche Palme zu fällen, die Herzblätter zu spalten nnd die Fibern abzustreifen. Jede Palme giebt nngefähr ein halbes Pfnnd Fibern, und wenn man bedenkt, daß die Fibern gedreht, teilweise gefärbt und in Hängematten von je l V^ss Gewicht geflochten werden muffen, so wird es klar, daß so ein armer Indianer schlecht für seine Mühe befahlt wird, wenn er den gewöhnlichen Preis von nngcfähr 90 Pfennig in Waren dafür erhält. Die Orejones (Langohren) gehen ganz nackt, tragen das Haar lang und verlängern ihre Ohren von Kindheit an so sehr dnrch Gewichte, daß sie die Schultern berühren. Durch die Nase stecken sie ein Holz nnd malen den Körper rot. DieTicnnas gehen fast nackt, tragen das Haar lang an den Seiten und kurz über der Stirne, schmücken den Hals mit einem Halsbande von Tiger- und Affenzähnen, sowie die Arme mit Federn; ihr Gesicht bemalen sie mit verschiedenartigen roten nnd blanen Figuren. Vor nicht langer Zeit waren die Ticnnas noch Menschenfresser, und einer meiner Ruderer, der zu diesem Stamme gehörte, sagte mir, in seiner Kindheit habe er öfters Menschenfleisch nnd zwar sehr gerne gegessen. In der Verfertigung von Töpferwaren sind die Ticunas nicht ungeschickt; sie fabrizieren sehr große Töpfe, worin sie auch ihre Häuptlinge mit zusammengebogenen Die Mayorunas. Knieen, ähnlich den Mumien der alten Peruaner, begraben. Höchst merkwürdig sind die Maskentänze der Ticnnas, die bei keinem andern Volksstamme Südamerikas sich vorfinden, hingegen bei dm Moquis in Nord-mejico nnd im fernen Nordwestcn Nordamerikas bis zur Beringstraße bei den nleisten Stämmen angetroffen werden; eine große Nolle bei diesen Tänzen der Ticnnas spielt stets der Iurnpari oder böse Geist, dem immer die häßlichste Tiermaske zugeteilt wird. Ihre Nachbarn, die M a no run as, sind heute noch Anthropophagen. Der englische Natnrforscher Bates erzählt, daß während seiner Anwesenheit in San Paulo zwei junge Brasilianer von dort nach dem Iavari, der die Grenze zwischen Peru nnd Brasilien bildet, gegangen waren, um mit den Mayorunas, die sich in der lchten Zeit weniger feindlich gezeigt hatten, Handel zn treiben. Die Händler hatten sich aber nnklugerweise Freiheiten mit Mayoruna-Weibern erlaubt, weshalb die Wilden sie mit Pfeilen niederschössen, brieten und auffraßen. Darauf wurde von der Miliz von San Paulo eine Expedition ausgerüstet, um die Wildeu zu züchtigeu, sie fand aber das Dorf leer uud verlassen; nur ein Mädchen, das sich auf der Flucht verspätet hatte, ward gefangen genommen und im Triumphe nach San Paulo gebracht. Sie lernte bald etwas Portugiesisch und Bates unterhielt sich öfters mit ihr. Sie war groß nnd stark, ziemlich hellfarbig, nnd in ihrem Wesen glich sie mehr einer gutmütigen und lustigen englischen Banerndirne als einer menschenfressmdcn Wilden. Bates hörte selbst, wie sie erzählte, sie habe von dein Fleische der beiden Brasilianer gegessen. Bei dieser Erzählung war auch die junge Witwe von einem der beiden Opfer zngegen, die — echt brasilianisch — ihr Interesse daran nur dadurch kundgab, daß fie über das gebrochene Portugiesisch der Wilden lachte! Die Mayonmas gehen vollständig nackt, tragen das Haar lang, bemalen ihr Gesicht rot und blau uud steckeu kleine Hölzer und Federn durch die Lippen. Ginige dersclbeu wurdeu halb gezähmt und haben sich als fleißige Arbeiter erwiesen; das Dorf Eochiqninas am Amazonenstrome ward ganz von solchen Mayorunas bevölkert. Die meisten dieser Indianer aber streifen noch dnrch die zwischen Ucayali und Iauari gelegenen Urwälder, haben keine festen Wohnsitze nnd leben von Jagd nnd Fischfang, in beständiger Fehde mit den Wildm des Ucayali. Alle Handelsleute, welche, "m Sarsaparille, Wachs uud Salzfifch zu erhandeln, den Ncayali hinauf-sahreu, fchtafeu der Mauoruuas wegeu nie auf der rechten Seite des Flusses; deuu schon mehrmals haben diese Wilden Neismoe des Nachts überrascht nnd sie innerhalb ihrer Moskito-Netze mit Lanzen erstochen. Der Neisende Oscnlati erzählt von den Mayorunas, er habe einen kranken, gctanften Indianer dieses Stammes weinend angetroffen, und ^)n um die Ursache seiner Bekümmernis gefragt; jener habe geantwortet: icht würde er bald von den Würmern gefressen werden; wäre er nicht V. Der Ucayali, getauft, so hätten dies seine nächsten Verwandten gethan — letzteres wäre ihm also lieber gewesen. Am obern Marailon, sonne am Santiago, Pastaza und Morona, wohnt der kriegerische Stamm der Iibaros, der besonders im Gebranche der Lanze sehr geschickt ist und bis jetzt alle Ansiedlnngen, die man in seinem Gebiete anzulegen versuchte, zerstört hat. Im Jahre 1599 verheerten sie die Provinzen von Quijos und Macas, die damals wegen ihres Gold-reichtmns sehr bevölkert waren. Die Stadt Sevilla del Oro soll damals 20 000 und Logrono 12 000 Einwohner gezählt haben; beide wurden von den Iibaros verbrannt nnd alle Weißen in den Provinzen Quijos und Macas teils ermordet, teils nach Quito zurückgetriebeu. Den Anlaß zur Empönmg der Iibaros gab die Habsucht des spanischen Gouverneurs von Macas, welcher die Iibaros ebenso zu den harten Minenarbeiten zwingen wollte, wie die stumpfsinnigen Indianer des peruanischen Hochlandes. Bei der Überrumpelung von Logrono ermordeten sie alle Männer, Kinder nnd alten Weiber, die jungen Frauen und Mädchen wurden mitgeschleppt, darunter auch alle jungen Nonnen des Klosters Eoncepcion. Anch den Gouverneur von Macas nahmen sie hier gefangen; sie entkleideten ihn, banden ihm Hände nnd Füße und gössen geschmolzenes Gold in seinen Muud unter beständigem Höhnen und Lachen, bis er starb. Seitdem wurden jene beiden Provinzen nie wieder besiedelt; die Regierung der Republik Ecuador ist zu armselig, um etwas gegen die Iibaros unter-uehmen zu können, obgleich diese hente kaum den zehnten Teil der Krieger hüben, als zur Zeit der Eroberung von Logrono; der ganze Stamm wird jetzt kaum 5000 Seelen zählen. Im Jahre 1841 erschienen die Iibaros am obern Maraüon und zerstörten dort Borja nebst einigen anderen kleinen Dörfern, im Jahre 1843 Santa Teresa, das weiter unten zwischen der Mündung des Pastaza und Morona lag, nnd ermordeten in letzteren: Orte alle Einwohner. Bald daranf bildete mein Freund Ijurra (dcr Ehef unserer Expedition) mit siebzehn jungen Männern ans Moyobamba eine Gesellschaft, um Gold im Sautiago-Flufse zu waschen. Der Präfett lieferte ihnen Flinten und 66 mit Bogen nnd Pfeil bewaffnete Coeamilla-Indianer. Ferner nahm die Gesellschaft 85 Indianer aus Ieveros in ihren Dienst, nnd zuletzt schlössen sich ihnen noch 450 der früheren Bewohner von Borja an, in der Absicht, ihre alten Wohnstütten dort wieder zu erobern nnd Nache an den Wilden zu uehmen. Die Expedition ging von Moyobamba nach dem Maraiwn, wo sie sich in Kanoes einschiffte, um nach dem Santiago zu gelangen. Hier hörte sie die erste Nachricht von dem Vlutbade in Santa Teresa. Ein gieriger Händler aus Monobamba, Namens Acosta, eilte voraus in der Furcht, die Gesellschaft würde alles im Flusse vorhandene Gold allein wegnehmen und ihm nicht soviel übrig lassen, als die Summe betrug, welche die früheren 158 IibaroZ, Omaguaß, Combos, SeteboZ, PirroZ, RemoZ. Bewohner von Smtta Teresa ihm schuldeten. Am Platze, wo Santa Teresa gestanden, traf er eine starke Bande von Iibaros, welche, wie sie sagten, den Santiago-Flnß heruntergekommen waren, nm Tauschhandel zn treiben. Im Lanfe des Gespräches sagte Acosta dem Hänptlingc, eine große Menge bewaffneter Christen sei im Anzüge, um das Land zn erobern und die Iibaros zu Sklaven zu machen. Darauf frug ihn der Häuptling, was er in seinem Gepäcke mit sich führe. Die Antwort war noch dummer als seine erste Prahlerei. In der Absicht, die Iibaros einzuschüchtern und ihnen einen hohen Begriff von seiner Macht beizubringen, sagte Aeosta, er habe darin allerhand Krankheiten eingeschlossen, womit er den ganzen Stamm der IibaroZ ausrotten könne. Dies war sein Todesurteil. Der Häuptling, durchstieß ihn mit seiner Lanze nnd versammelte in einem Augenblicke durch ein schrilles Pfeifen alle seine Krieger. Sie töteten 47 Männer (Lente aus Borja, die mit Acosta vorausgegangen waren) und führten 60 Weiber als Gefangene fort — nur einige wenige Personen entkamen in die Wälder. Die Wilden ließen zwei kleine Knaben am Leben, durch die sie den übrigen Goldsuchern die Votschaft zusandten, ihre Annähcrnng sei ihnen bekannt und sie seien bereit, sie zu empfaugcu. Die letzteren fanden es nnn für klüger, dem Empfange auszuweichen, und kehrten unuerrichteter Dinge nach Moyobamba zurück. Flußabwärts sind die nächsten Nachbarn der Iibaros die fast sämtlich getauften Ieueros und Co cam as. Die letzteren sind ausgezeichnete Ruderer, aber sehr dem Trunke ergeben, die meisten sind groß und kräftig gebaut. Die Männer tragen Hemden uud Hosen, die Weiber aber gehen fast ganz nackt. Nach diesen kommen die Omaguas, deren Voreltern von dem deutschen Icsuitenpater Fritz zum Christentume bekehrt wurden; ste unterscheiden sich fast in nichts uon den Commas. Dieser Stamm war früher einer der mächtigsten am ganzen Amazonenstrome, jetzt ist er auf wenige Hundert Familien zusammengeschmolzen. Am untern und mittlern Ucayali leben die Conibos, Setcbos, Pirros und 3cemos. Diese Stämme sind wahre Vagabunden, die immer umherschweifen, bald hier, bald dort sich zeitweise niederlassen, aber nie lange an einem Orte verweilen. Sie sind geschickte Ruderer und Fischer und werden uon den brasilianischen Händlern gerne engagiert, um Sarsaparille, Schildkröten-Öl, Kopal, Salzfische und Wachs zu sammeln. Viele dieser bilden leben fast beständig in Kanoes, haben zwei oder drei Weiber, während die audcrn wilden Stämme dieser Regionen in Monogamie leben. Sie sind sehr mißtranisch gegen die Weißen, wozu sie freilich allen Grund haben; denn größere Schurken als die brasilianischen Händler, mit denen lie nm meisten verkehren, werden schwer aufzntrcibcn sein. DieConibos verunstalten künstlich die Schädel ihrer Kinder durch Pressen zwischen zwei Frettchen, wic man es bei einigen mexikanischen Stämmen findet nnd 159 V. Der Ucayali. wie dies — nach einigen Mumicu aus der Inca-Zeit zu schließen — auch vielfach bei den alten Peruanern Sitte gewesen sein muß; anch bei den Omaguas sand man früher diese Sitte. Unter den Combos giebt es noch eitlere Stutzer als unter den 3)agnas, und Lieutenant Her no on beschreibt in seinem Werke über das Amazonenthal einen, der noch eleganter war, als die, welche ich gesehen. Ein breiter roter Streifen war unter jedem Auge gemalt und drei schmale blaue Streifen gingen von Ohr zn Ohr über die Oberlippe, zwei derselben waren glatt und der oberste mit Fignren geschmückt. Die ganze Kinngegend war mit blanen, der chinesischen Schrift ähnlichen Figuren verziert. Er trng eine lange braune Cusma, ein sackartiges Gewand von Baumwolle, und um den Hals ein enges Halsband von weißen nnd schwarzen Glasperlen. Das Handgelenk umschloß ein Armband von weißen Glasperlen, und über demselben war ein anderes von Eidechsenhaut angebracht, das mit Affenzähnen eingefaßt war. Ein kleines silbernes Schild hing von seiner Nase herab, und eine dünne, 5 ein. lange Silberplatte, wie ein Ruder geformt, war dnrch ein Loch in der Unterlippe gezogen und hing über das Kinn herab. Die Nemos unterscheiden sich von allen andern Wilden des Ucayali dadurch, daß sie sich nicht bemalen, sondern, wie die Südsee-Insnlaner, tätowieren; die sonderbarsten Fignren kann man anf Gesicht, Brust und Armen dieser Indianer tätowiert sehen. Unter diesen wilden Stämmen eristiert noch die Sklaverei; namentlich sollen die Conibos oft schwächere Stämme überfallen, die Männer ermorden, die Kinder an die brasilianischen Händler verkaufen nnd die Weiber als Sklavinnen behalten. Die Pirros tragen eine schwarze Cusma, während die der Combos braun gefärbt ist; beide Stämme färben sich die .Zähne schwarz. Die Cam pas nnd Chunchos scheinen zn demselben Stamme zn gehören, welcher der zahlreichste in den pernanischm Urwäldern ist. Sie wohnen am obern Ueauali uud einigen seiner Nebenflüsse, von den Urwäldern bei Cuzco bis zu denen bei Tarma, die nur 80 Wegstunden von der Hauptstadt Lima entfernt liegen, wo sie noch hente die Ansiedelnngen unsicher machen. Diese Campas zerstörten gegen Ende des 17. Jahrhunderts einen Teil der Iesuitenmissionen nnd ermordeten den deutschen Pro-vinzial, Pater Nichter. Im Jahre 1742 zerstörten sie nnter Juan Santos At ahn alpa, einem Nachkommen der Incas, der zu ihnen geflohen war, alle Missionen der Franziskaner am Perenü, obern Ucayali und Cerro de la Sal und morden hente noch die meisten Weißen, die sich in ihr Gebiet wagen. Auch sollen sie Menschenfresser sein. Unter allen peruanischen Wilden sind sie die besten BogensclMen; ihre Pfeile, die sie nicht ill gerader Richtung abschießen, sondern eine genau berechnete Knrve in der Luft beschreiben lassen, sind sehr schwer; sogar Fische und Schildkröten erlegen sie mit Pfeilen. Die Campas sind von mittlerer Statnr, einige wenige Die Campas-Indiancr. Fin, 23. ^iigb auf Schildklöcc», aber auch hochgewachsen, ^ie habcu lMschcrc ^cjichts^lissc als die 0'oni-bos, Nemos oder Pnros, doch auch hervorragmdo Backenkuochen; der Kopf ist dolichoccphalisch (Laussschädel), dic Nase gcbogcu, dic Augen sind V. Der Ucayllll.' lebhaft und ausdrucksvoll, wenngleich etwas schief gestellt. Die meisten Campas kleiden sich ill eine gelbgefärbte, oft mit rötlichen Streifen geschmückte Ensma, die von den Frauen gewoben wird. Ihre sehr vokalreiche Sprache, in der fast alle Wörter in i, u oder o endigen, ist gänzlich von der anderer Stämme verschieden. Sie sollen nur bis vier zählen, und wenn sie größere Zahlen ausdrücken wollen, Hände, Füße und Steinftücke emporhalten — was aber vermutlich nur im Verkehre mit Fremden, die ihre Sprache nicht verstehen, geschieht. Was ihre Religion betrifft, so hat man weder Götzenbilder noch religiöse Ceremonien bei ihnen bemerkt, wahrscheinlich deshalb nicht, weil sie so unnahbar sind nnd sich stets feindlich gegen ihre indianischen Nachbarn nnd noch feindlicher gegen die Weißen benehmen; man weiß eben nur sehr wenig von ihreu Sitten und Gebräuchen. Prof. Raimondi fand große Ähnlichkeit zwischen den Schädeln der pampas nnd denen der alten Pernaner, die aus uralten Gräbern an der Küste genommen waren. Es heißt auch, daß nach der spanischen Grobcrnng des Landes durch Pizarro viele Unterthanen derIn-cas in die Urwälder zu den Wilden flohen, wo sie sich wahrscheinlich mit diesen vermischten und ihre alte Kultur vergaßen. Wenigstens ist die sorgfältige Bestattung der Toten, wie sie bei den alten Peruanern üblich war, den Campas gänzlich nnbekannt; diese kümmern sich gar nicht um ein ordentliches Begräbnis, sie binden Steine an den Leichnam und werfen ihn dann in den Fluß. Auch zeigen sie nicht dic Unterwürfigkeit des Benehmens, welche man bei den Indianern der Quichua-Rasse sieht- sie sind männlicher nnd mutiger als diese letzteren. Die menschenfressenden Oashibos sind unter allen Wilden des Amazoncnthales die unbändigsten. Sie wohnen am Pachitea und sind nur mit einer kurzen Cusma bekleidet, die nicht bis zum Knie reicht' sie bemalen Gesicht und Haar mit verschiedenen Farben und tragen Federn im Haar. Sie ahmen sehr geschickt die verschiedenen Tierstiminen nach und locken dadurch die Jäger anderer Stämme tiefer in den Wald, um sie dort zu ermorden. Sie verzehren nie das Fleisch der Weiber, weil es, wie sie sagen, giftig sei. Jedoch verzehren sie —^ ebenso wie die Mayorunas — ihre Alten uud scheinen damit einen religiösen Akt zu verbinden. Sobald dem Greise angezeigt wird, daß sein letzter Tag gekommen sei, giebt er Zeichen von Freude uud sagt, daß er mm bald seine alten Freunde wieder sehen werde. Dann wird ein großes Fest gegeben, wobei der Masato in Strömen fließt. Vom Fleische des Schlachtopfers darf nicht das Geringste verloren gehen, alles mnß aufgezehrt werden, selbst die Knochen werden zerstampft in den Masato gethan und getrunken. Im Jahre 1870 lockten sie den Kapitän uud den ersten Lieutenant eines peruanischen Dampfers, der auf einer Entdeckungsreise den Pnchitca hinaus nach dem Rio Mairo begriffen war, nm den kürzesten Wildheit der CashiboZ. Verbindungsweg zwischen Lima und dem Alnazonenstrontc ausfindig zu machen, durch Zeichen anscheinender Freundschaft ans Land, wo sie dieselben erschlugen uud auffraßen. Übrigens passieren Franziskancrmönche jedes Jahr ans ihren Reisen von den Missionen am Ueayali nach Ocopa in Kanoes dieselbe Stelle am Pachitca, wo die beiden Offiziere ermordet wurden, und nie werden .sie von deu Cashibos belästigt; Pater Cnlvo, der frühere Superior der Missionen, hat sogar schon verschiedene Malc Unterhandlungen mit den Cashibos gepflogen. Wahrscheinlich wisfen diese die Soldaten von harmlosen Mönchen wohl zu unterscheiden, wie anch Pater Calvo glaubt, daß sie mit der Heit nach und nach schon zu, bekehren wären. Da diese Cashibos und andere wilde Stämme des Amazonenthales noch vielfach als wahre Bestien geschildert werden, so wird es hier am Platze sein, ein Urteil Peschcls über die Wilden anzuführen, das den Nagel auf den Kopf trifft. Gr sagt in seiner „Völkerkunde": „Andere Schriftsteller, berauscht von den Darwinschen l^lanbenssähen, nwlleu Be-völkernngen entdecken, die einen ehemaligen tierischen Anstand gleichsam zur Velchruug unserer Zeit noch festgehalten hätten. So sollen nach den Worten einer Schöpfungsgeschichte im Mooegeschmaekc unserer Tage ,in Süd-Asien und Ost-Afrika Menfchen in Horden beisammen leben, größtenteils anf Bäumen kletternd und Früchte verzehrend, die das geller nicht kennen und als Waffen nur Knüttel und Steine gebranchen, wie es anch die höheren Affen zu thnn pflegend Diese Behanptnngcn sind nachweisbar aus der Schrift eines Bonner (^elehrtcn über den Anstand der wilden Völker geschöpft worden und bcrnhen dort anf den Aussagen eines afrikanischen Sklaven von den Doto, einem zwergartigen Volke im Süden von Schoa, oder sie beziehen sich auf Mitteilungen bengalischer Pflanzer, oder Erlebnisse eines Iagdabentmrcrs, daß in Indien einmal Mntter nnd Tochter, ein andercsmal Maun nnd Fran in halb tierischen Zustande angetroffen worden waren. Völkerschaften dagegen oder nnr Horden in affenähnlichm Zuständen ist nirgends ein glaubwürdiger Reisender der Nenzeit begegnet. Es sind vielmehr selbst diejenigen Menschmstämme, welche nach den ersten oberflächlichen Schildernngen tief unter unsere eigene Gcsittnngsstnfc gestellt worden waren, bei genallerer Bekanntschaft den gebildeten Völkern merklich wieder nähergerückt wordm. Noch foll irgend ein Bruchteil des Menschengeschlechtes entdeckt werden, 'bei welchem nicht ein mehr oder weniger reicher Wortschatz mit Sprachgeschen, bei welchen nicht künstlich geschärfte Waffen und mannigfaltige Geräte, sowie endlich die Kenntnis der Feuerbereitung angetroffen worden wäre." Noch eines kleinen Nachbarstamme?, der Cashibos muß ich hier er-wähnen, um zu zeigen, wie ein früher halbcivilifiertes Volk degenerieren und in den Znstand vollkommener Wildheit ^nrückfallen kann. Es find dies 163 11* V. Der Ucayllli. die Lorenzo-Indian er, welche am Mairo-Missc leben. Diese ziemlich harmlosen Wilden wohnen nur etwa zehn Stunden r>on der deutschen Kolonie am Pozuzo, mit der sie indes nicht den geringsten Verkehr unterhalten; sie gebrauchen noch Steinäxte, mit denen sie übrigens ganz große Bänme zu fällen verstehen. Diese Lorenzos sind die Nachkommen von christlichen Indianern, welche während des allgemeinen IndianeraufstandeZ im Jahre 1742 aus deu Pflanzungen bei Huanuco, wo sie von den Spaniern ärger als Sklaven behandelt wurden, entwichen und sich in die Urwälder des Mairo flüchteten. Dort sind sie immer isoliert geblieben, haben keinen Verkehr mit den benachbarten wilden Stämmeu, die sie fürchten, und auch teincn mit den am Pozuzo wohnenden Weißen unterhalten. Vou ihnen kaun man mit Recht sagen, daß sie aus der Eisenzeit in die Steinzeit herabgctommen seien. Die Halbkultur ihrer Voreltcru haben sie uergcsseu, gehen uackt nud sahen sich wieder genötigt, Werkzeuge und Waffen alls Steinen, Holz und Knochen zu verfertigen, da sie wegeu ihrer Angst uor den Weißen keine Gelegenheit haben, Werkzeuge von Eisen zu erhandeln, und sie doch Wald rodm müsseil, um ihren kärglichen Ackerbau — sie pflanzen etwas Bananen und 3)ucas — zu betreiben. Von deutschen Kolonisten, die auf der Jagd sich befanden, wurden sie schon öfters gesehen; nie aber war es möglich, fie zum Stehen zn bringen, obgleich die Deutschen ihnen kein Leid zufügen würden' stets flüchteten sie sich in größter Eile in das Dickicht des Waldes. Übrigens scheint es, wic Pfarrer Egg mitteilt, als ob sie jetzt anfingen, etwas tückischer zu werden. Vor einigen Jahren ging ein am Pozuzo wohnender indianischer Arbeiter mit seiner Frau nach dem Viairo auf die Jagd. Auf dem Rückwege trat er fich auf einmal, da er barfuß ging, deu Dorn eines Stechrochcns, die am Pa-chitea ziemlich häufig vorkommen, in den Fuß, und bald darauf wieder einen, so daß ihm die Sache auffiel. Er untersuchte nun sorgfältig deu Pfad und fand noch tt—N solcher Dornen, die offenbar von deu Lorciuos auf den Weg waren gelegt worden, damit er sich daran verwunden sollte. Der Stich eines solchen Dornes ist sehr schmerzhaft nnd heilt schwer: der Indianer schleppte sich nur mit Mühe nach dem Po^o zurück, wo er noch längere Hcit an seiner Wunde litt. I<54 VI. Per So limües. Kanoe-Ncisc. ^ Gesundes Klima. — Eigeutiimlichkeiteu dieses Stromes. — walduegetation. — Cadatinga. — Vie wilden Mcsanns und Mirauhaö. Eya. ^ 3>er Purns. Nachdem wir Nauta uerlaffeu, passierten wir das Indiauerdorf Omaguas und hielten in Iquitos. Hier hat die peruanische Regierung in neuerer Zeit eine SchiffZwerfte errichtet — die seit dein Ausbruche des Krieges mit Chile uud der darauffolgenden Anarchie wohl auch wieder zu Grunde gegangen sein wird — und englische Arbeiter beschäftigt; zu gleicher Zeit hat sie auch vier Dampfer, zwei große Seedampfer und zwei Flußboote mit flachem Boden zur Vefahrung des Amazouenstrom.es nnd seiner Nebenflüsse in England bauen lassen. Iu der Nähe von Iquitos ist die Münduug d.esNapo, eines großen Stromes, der in den Schluchten des furchtbareu Vulkans Cotovaxi entspringt und bis zum Fuße der Audes mit Dampfbootcn befahren werden kann ^. Sein Sand enthält stellenweise Gold, und zuweilen bringen die Indianer Federkiele voll feiucn Goldstaubcs vom Napo nach Nauta. Sein Wasser ist krystallhell und man kann es noch lange nach der Vereinigung des Flusses mit dem trüben Amazonas erkennen. Wir besuchten noch das Indiauerdorf Pebas, in dessen Nähe sich ausgedehnte Strcckeu hohen Maudes bis zum Putumayo hinziehen, der erst weit uuteu iu Brasilien in den Anlazoneustrom mündet. Dauu kamen wir nach Caballo-cocha, nahe an der brasilianischen Grenze gelegen, dem Ziele der Expedition, welches uou der Regicruug zlim Orte der Niederlassuug für dieselbe bestimmt worden war. Ich hatte also mein dem Minister gegebenes Versprechen erfüllt und die Erpeditiou bis zu ihrem Ziele begleitet; zwei Tage spater ging ich nach Voreto, dem damaligen Sitze des Gcueralgouuerueurs der peruauischen Proviuz Mamas, um uon dort aus meine langwierigen und beschwerlichen Reisen auf dem Amazonenstrom nnd dessen Zuflüsscu fortzufeyeu. Caballococha liegt iu eiuer großeu, teibueise Überschwemmungen ausgesetzten Ebene am Ufer eines Landsces, ivclchcr durch einen kurzeu, ' Wiener berechnet vom Eudpmtttc dcr Schiffahrt auf dcm'Napo bis Quito 4, Stübcl bagegcn 18 Tagereisen. 1U5 VI. Der Soliittücs. schiffbaren Kanal mit dem Amazonas in Verbindung steht. Der Vodcn ist leicht und sehr fruchtbar, auch soll der Ort gesund sein, so daß Ijurra der peruanischen Regierung gerade keinen schlechten Platz angeraten hatte; nur wäre es besser gewesen, er hätte am Flusse selbst einen hochgelegenen Punkt zur Niederlassung erwählt. Ich frug meine bisherigen Reisegefährten, wie ihnen der Platz gefiele; sie meinten aber: „Zum Bänmefällen haben wir die lange Neise nicht gemacht, wir dachten hier in der Nahe Gold zu fiuden, was leider nicht der Fall zu fein scheint." Es blieb mich kein einziger in Eaballoeocha, ein Teil der Veute giug den Fluß hiuab nach Brasilien — ein Italiener und ein Irländer gingen sogar nach den: Nio Negro, diesen Fluß hiuanf nach dem Easiqniari nnd auf diesem nach dem Orinoco, nnd kamen endlich glücklich nach Caracas. — Einige andere kehrten anf demselben Wege, den wir gekommen, nach Vima zurück. Nur wenige blieben in Mainas; diese hatten gerade den vernünftigsten Teil erwählt, denn sie alle sind wohlhabende Lente geworden, Ein deutscher Schneider siedelte sich in Moyobamba an, wo er bald einen Kleinhandel anfing nnd sich damit ein Vermögen erwarb. Seine Frau, gleichfalls Deutsche, ein großes starkes Mannweib, machte jedes Jahr allein auf dem schanderhaften Wege, den ich oben geschildert, die Reise nach Vima, um dort Waren einznkansen. Ein anderer deutscher Schneider, mit einer Schwäbin verheiratet, blieb in Nauta, wo er später eines der bedeutendsten Handelsgeschäfte befaß. Zuerst bekam er von portugiesischen Kaufleuteu, die von Paru nach Nanta gekommen waren, um sich oben am Strome die Verhältnisse anzusehen, Waren anf Kredit; diese bemahlte er nachher in Laudesprodukten, mit deren Ausfnhr er fortfnhr, bis er schließlich zum reichen Manne ward. Am Amazonenstrome ist es für solide Europäer überhaupt nicht schwer, Kredit zu erhalten und vorwärts zu kommen. Nur haben sie im Anfange ein gar hartes ^eben durchzumachen, das auch ich zur Genüge, zn kosten bekam. Meist beginnen sie mit dem Tauschhandel bei den Indianern und gehen in Kanoes die Nebenflüsse hinauf. Ihre Waren entnehmen sie in Parn anf Kredit, müssen sie aber natürlich desto tenrer bezahlen. Als Rückfracht bringen sie Sarsaparille, Kautschuk, Wachs, Eopaiua-Balsam, Salzfisch, Schildkrötenol, auch feine Strohhütc aus Moyo-bamba u. dergl. In diesem abenteuerlichen ^eben eines „Habilitado" (Händler, der von größeren Kanfleuten mit Waren ausgestattet wird) liegt für manche junge Leute viel Anziehendes. Es ist allerdings mit großen Strapazen uud vieleu Gefahren verknüpft — hin nnd wieder wird einer von den Wilden ,ermordet - , aber es liegt ein gewisser Reiz in diesem wilden Leben mit seiner Unabhängigkeit uud Freiheit von allen langweiligen Ceremonien und jeder Etikette. Vorcto, das letzte peruanische Dorf, hat wenige Hundert Einwohnnv Kanocfcchrt durch dir Wildnis. meist Brasilianer, Mulatten, Neger nnd einige Ticnna-Inoianer. Es liegt auf einer Anhöhe am Amazonas, dcr hier etwas mehr als eine Viertelstunde breit ist und in der Mitte bei gewöhnlichem Wasserstande cine Tiefe von über 35 in besitzt. Hier schiffte ich mich in einem großen, auk einem einzigen Baumstamme gezimmerten Kanoe ein; dasselbe hatte 20 ni Länge und I V2 ni Breite, sein Hinterteil war mit einem Dache aus Palmblüttern versehen und vorn war eine Vorrichtnng zum Kochen angebracht, so daß wir nicht so oft zu'landen brauchten und in der Mitte des Stromes bleiben konnten, wo die Moskitos, die an den niedrigen Ufern in ganzen Wolken vorhanden sind, uns nicht belästigten. Mein Begleiter war Don Baltazar Melendez, ein vernanischer Kaufmann aus Chachapouas, der in Moyobamba eine große Partie Strohhüte eingekauft hatte, um sie iu Parn zu verlaufen. Als Nndcrer hatten wir nenn Ticnna-Indianer engagiert, die uns bis Barra do Rio Negro, der Hauptstadt der brasiliauischeu Provinz Amazonas, bringen sollten. Dieselben verstanden keine andere Sprache als ihre eigene, nur der Steuermann sprach etwas Ouichua, dessen Don Baltazar vollständig mächtig war, das ich aber nnr sehr mangelhaft verstand. So geschah es oft, wenn ich die Tieunas etwas fragen wollte, daß ich es znerst dem Don Baltazar ans Spanisch sagen mußte, der es dem Steuermann in Qnichna und dieser wieder den Nn-derern iu Ticuna verdolmetschte. Zwischen Lorcto und Tabatinga, dem ersten brasilianischen Dorfe, liegt eine mehrere Stnnden lange Strecke nentralen Territoriums, das aber, da es bei Hochwasser vom Flnsse überschwemmt wird, schwerlich bald besiedelt werden dürfte. Der Marcmon, der schon unterhalb Nanta von den Peruanern „Amazonas" genannt wird, heißt bei den Brasilianern „Solim<»es" bis zur Mündung des Rio Negro, von wo au er auch bei ihnen Amazonas genannt wird. Vom Stillen bis zum Atlantischen Ocean, im ganzen Flußgebiete des Ainazonenstromes sind wohl die Regionen des Solimnes die unwirtlichsten nnd am wenigsten bewohnten, namentlich aber die Gegend zwischen Tabatinga und Gga. Je mehr man sich oberhalb Tabatinga dem Stillen Meere nähert, desto zahlreicher werden die Zeichen dcr Civilisation — natürlich spreche ich hier nur von dem Hauptstromc uud dem Hauptwege nach dem Stillen Meere, nicht von den Urwaldregioneu der Nebenflüsse ^-, und ebenso merkt man nntcrlialb, je näher man zum At-lantischeu Meere kommt, immer mehr die Einflüsse dcr europäischen Knltnr. Das ganze Land am Soliuwes aber ist noch eine ununterbrochene, jedoch prachtvolle Wildnis, wo der ciuilisierte Mensch kaum festen Fuß gefaßt hat; denn ich glanbe nicht, daß man an den Ufern des ganzen Stromes, von der Mündung oeo Nio Negro an bis zum Fuße dcr Andes, in einer Entfernung von mehr als 600 Wegstunden im ganzen mehr Land im An-ban hat, als die Morgenzahl der- Felder eincr mittelmäßigen dcntschen Geiß? VI. Der SolimüeZ. markung beträgt. Auch das Klima wird trockener, je näher mau zum Atlantischen Ocean kommt, während es immer feuchter wird, je mehr man sich den Andes' nähert; hat mau aber einmal die westliche Kette der Audes überschritten, so hört jeder Stegen auf und man befindet sich in einer der trockensteu Negiouen der Welt. Das Gegeuteil ist wieder der Fall, sobald man die östlichste Kette der Andes passiert hat und in die großen Ebenen gelangt. Hier, wie auch noch am Solimües, ist das ^tlima ungemcin feucht, so daß man sich gleichsam in einem beständigen Dampfbade befindet und Mühe hat, Salz oder Gucker vor dem Flnssigwerden zu bewahren. Man sollte mm denken, ein so feuchtes Klima unter einer tropischen Sonne, in einem äquatorialen Tieflande voll von stehenden Gewässern, das monatelang zu beiden Seiten des Ctromes meilenweit überschwemmt ist, müßte die gefährlichsten Krankheiten erzeugen und namentlich ans den Enro-päer mörderisch wirken. Allein dies ist dnrchans nicht der Fall. Die hier lebenden Europäer erfreuen sich guter Gesundheit nnd namentlich eines sehr gesuudeu Appetites, und selbst diejenigen, welche, wie z. V. der englische Naturforscher Bates, lange Iahrc hindnrch anf ihren Forschungsreisen allen Nnbilden der Witterung nnd allen möglichen Entbehrungen nnd Strapazen ausgesetzt waren, sind dabei immer gesund geblieben. Dasselbe kann ich von mir sagen: das Tropenklima des Amazonenthales bekam mir stets viel besser als das wechselvolle Klima von Deutschland. Kurz, diese Regionen liefern den Beweis, das; anch für Europäer das Äqnatorialklima zuträglich fein kann, und zwar nicht nur iu den hochgelegenen und daher kühleren Gegenden, wie in der deutschen Kolonie am Pozuzo, sondern auch in den heißen Tiefebenen des Solimoes. Auffallend ist es jedoch, daß an einigen Nebenflüssen, welche klares dnntles Wasser nnd nur eine geringe Strömnng haben, zuweilen schlimme Fieber vorkommen, während die Ufergegenden derjenigen, welche, wie der Hauvtstrom, fchmutziges, gelbes Wasser nnd eine starke Strömung brsilzcn, stets vollkommen gesnnd sind, wenn sie auch noch so weit zur Regen^il überschwemmt werden. Die Klimascheide zwischen deu feuchteren nnd trockeneren Gegenden des Amazonas ist wieder an der Mündnng des Rio Negro, wo anch die Windverhältnisse sich ändern, was auf die Besiedelung der Ufergegenden einen wesentlichen Einfluß geäußert hat. Am untern Laufe des Amazonas, vom Atlantischen Ocean bis znm Rio Negro, herrscht wenigstens sechs Monate des Jahres mit wenigen Pansen der Osiwind, so daß Segelschiffe mit Leichtigkeit die Strömnng überwinden können. Dieser Ostpassal weht auf dem obern Strome nicht; hier, in der mit größerer Feuchtigkeit er-füllteu Luft, sind die Winde unregelmäßig und vou nicht langer Dauer. Deshalb war der Verkehr zu Schiff mühsamer und geringer, weil die Bergfahrten zu schwierig sind; infolgedessen sind die Ansiedelungen und die gesamte Knltnr spärlicher. Die Dampfschiffahrt hat mm freilich für diese Fig. 25. Wald unter Wasser, VI. Dcr SolnnücZ. weiten Regionen cm ncnc'ö ^cben geschaffen, und es wird nicht viele Jahre mehr dancrn, bis alle am Flusse gelegenen und der Überschwemmung nicht ausgesetzten Punkte beseht sein werden. Jetzt indes wälzt sich dcr ungeheure Strom noch dnrch die Waldeinsamkeit dahin mit stolzem Gange; ernst nnd düster sehen seine Gewässer aus, deren ungcbändigte Macht hier die Ufer mitsamt den Niesen des Waldes abreißt und dort wieder Inseln und Dämme aus ihnen aufbaut. Man kaun sich eine Vorstellung von dcr enormen Wasscnnasse bilden, wenn man mit Wallace annimmt, daß eine Fläche von 10W,n Breite ihre Nasser jährlich zur .^eit der Hochfluten nm Ul in hebt. Die Ufcr-ränder werden dann stellenweise unterwaschen, die Nrwaldbäume neigen sich nnd stürzen mit donnerähnlichem Getöse ins Wasser, wobei durch die nicdcrbrechenden Bäume lind Erdmassen zuweilen ganze Schiffe verschüttet werden, wenn sie bei dcr Bergfahrt nahe am Nfcr hinfahren. Aus der Ferne klingen diese Erdstürze mit ihrem lauten Krachen nnd fortgesetzten dumpfen Rollen wie ^awinenbrüche. Die Erdmasscn sinken bald zn Boden, aber die gewaltigen Stämme werden mit der vollen Schnelligkeit der Strömnng abwärts geführt, so daß die stromaufwärts fahrenden Schiffer sich sehr in acht nehmen müssen, um nicht mit diesem Treibholze zusammenzustoßen. X)ft bleibt anch zwischen den Nnrzeln dcr Vänme das Erdreich haften, und so bilden sich schwimmende Inseln, ans denen sich allerlei Pflanzen ansiedeln, oder anch zeitweilig Störche, Enten, Alligatoren nebst Assen nnd Tigerkatzen, die beim Sturze des Waldes sein Schicksal geteilt haben, stromabwärts treiben. „Das giebt," sagt Martins, „ein Bild von der Herrschaft des Stromes. Bänme entwurzelnd nnd Tiere wider Sitte und Neignng znr Geselligkeit zwingend, bewältigt er gleichsam die ganze Natur um sich her." Eine große Eigentümlichkeit dieses Flnßgebietes siud die vielfach verschlungenen Kanäle, welche in den Tiefebenen einen Nebenfluß mit dem andern verbinden und die, unermeßlichen Ebenen mit einem Netze schiffbarer Gewäsfcr durchziehen. Auch am obern Teile den Stromes, am Solim^es nnd Maraiwn, ist dao vand noch von geringer Bodenerhöhung, jedoch wellenförmig; seine Vertiefungen erscheinen hier in den trockenen Monaten als enge Schluchten, in der nassen Jahreszeit als tiefe, schiffbare Kanäle. Die Stämme der hohen Bäume stehen dann oft einige Meter im Wasser, nnd man kann Tagereisen weit unter dem Banmschatten hinfahren. Bates schildert einen solchen Kanal sehr treffend: „Eine schmale und ziemlich gerade Allee streckte sich vor nns ans; zn beiden Seiten bildeten die Spitzen von Sträucheru und jnngen Bäumen eine Art Einfassuug des Pfades, nnd die Stämme dcr hohen Naldbänme stiegen in unregelmäßigen ^wischenrämnen aus dem Wasser auf, ihre Kronen hoch über unsern Köpfen znsammcn-ncigend. Büschel von dünncu ^uftwnrzeln nnd ineinander uerschlnugencn Nankcugcwächscn und Schlingpflanzen hingen von den niedrigen Ästen Unuäldcr am ^.ülimücs. , herab; Massen vou Gras, wilden Bananen und Farnkräutern wuchfen an den stärkern Zweigen, nnd rings nm die Stämme, nahe am Wasser, hingen Massen von vertrockneten Süßwasserschwämmeu. Eine Strömung war nicht bemerkbar, nnd das Wasser hatte eine oliucubranne Farbe, die nnter Wasser gesetzten Stämme waren aber bis zu einer großen Tiefe fichtbar." Drei bis vier' Monate im Jahre find diese Kanäle nnter Wasser, wie anch das ganze ^and an jeder Seite des Flnsses — von Santarcm am nntern Teile des Ainazouas bis hinauf zll den Strom-schnellen des Pongo de Nianserichc in Pern - in einer Breite von 2-^4 deutschen Meilen, mit Ausnahme weniger Stellen hohen Terrains, dann überschwemmt ist. Der Indianer findet sich in diesem Wasserwalde, dein Igap<'>, wie er in Brasilien heißt, in welchem die trüben, schmutzigen Nassermasscn keine Svnr eines Pfades mehr sehen lassen, leicht znrecht. Nach Abschluß der Regcnperiode tritt das Wafser znrück, der Boden trocknet schnell ab nnd ist mit einer dünnen Lehmschicht oder mit welkem Laube bedeckt. Unterhol; fehlt, die Stämme find mit Schlamm überwogen; so erscheinen die Igapüs sehr kahl nnd machen einen unangenehmen, tran-rigen Eindruck. Das einzige frische Grün, welches in der trockenen Jahreszeit sich am Boden entwickelt, ist ein in Büscheln stehende» scharfes Gras ^. In den gewaltigen Urwäldern, welche am einem Nanme von gewiß 60 000 Quadratmeilen das Amazonentiefland bedecken, tritt nie Nnhe in: Pflanzcnleben, keine Panse in der Entwickelung ein. Die Wälder behalten das ganze Jahr dasselbe Ansehen, man findet in allen Monaten Blüten, Knospen nnd Früchte, die Vegetation ist immer thätig, wenn anch nicht bei alleil Arten. Doch bestehen diese Wälder nicht vorwiegend ans Niesen-bäumen i die dicken Stämme finden fich höchstens alle 200 Schritte, aber von fast allen Bänmen steigen die glatten Stämme mehr als 30 in ohne Astbildnng empor. Der Wald ist düster nnd unheimlich nnd lange nicht so schön wie die prachtvollen Bergwälder nm ^nßc der Andes: in dem dunkeln Schatten der dicht zusammenstehenden Bänme ist es finster und kalt. Die Tiere meiden ihn, die Vögel fnchen das Licht der freieren Stellen, die dort hänfiger crfcheinen, wo die Überfchwcmmnng nicht mehr hinkommt, weshalb im höhcrn ^ande das Tierleben fich auch großartiger entfaltet. Das Vand am Amazoucnstromc ist reicher an Palmen als jedes andere, anch reicher als an den Nebenflüssen; am Hanptstrome, wo sie in vielen Arten ans-treten, haben sie entschieden das Übergewicht. Von der Vegetation am ^olimues sagt Batesi „Am Hauvtstrome besteht der Wald außer ans Palmen, Leguminosen nnd Bombaceen ans kolossalen Nnßbänmen nnd Cekropieu, den charakteristischen Bänmen des überschwemmten Vaudes, des Igaun. Das niedrige Gehölz uud der Pflanzensaum am Wafferraude > '^rgl, „Dcr Amassouas" uon Nr. -. Nugc: „Aus cülcu ^cUttilm", 1871. VI. Dcr Eoliuwcs. bestehen aus hellgrünen Musaceen und Gräsern." Dcr berühmte Naturforscher Wallace tritt der so oft wiederholten irrigen Ansicht, daß im Amazonengebiete die Vegetation die Anstrengungen des Menschen überbiete, ganz entschieden entgegen nnd behauptet, der Urwald lasse sich hier bei mäßiger Arbeit in reiche Weiden, Wiesen nnd Felder, in Pflanzen- nnd Obstgärten verwandeln. Alle Arten von Frnchtbänmm, die man anpflanzt, erreichen in 5 — 6 Jahren eine beträchtliche Höhe und tragen oft schon im zweiten oder dritten Jahre Frucht. Kaffee, Kakao, Baumwolle, Tabak, Zuckerrohr, Reis, Mandioca, Orangen, Ananas: alles das läßt sich mit verhältnismäßig geringer Mühe gewinnen und bei den bequemeu Wasserwegen gut verwerten. Allein auch Wallace giebt zu, daß alle Pläne von Ver-bessernng an der starren Indolenz der heutigen Bewohner scheitern; solange keine andere Rasse in das ^and kommt, werden die großen Reichtümer jener weiten Regionen nie ausgebeutet werdeu. Das erste brasilianische Dorf, das man, von Peru herunterkommend, erreicht, ist Tabatiuga, ein kleiner Ort von mehreren Huudcrt, meist indianischer Bewohner, dcr ein halbverfallenes Fort und eine kleine Garnison armseliger brauuer uud schwarzer Soldaten besitzt. Im Vergleiche zu den peruanischeu Ortschaften am Strome, die fast alle im Walde versteckt liegen, hat Tabatinga schon ein ciuilisicrtes Aussehen; wenigstens ist nach dem Flusse zu, der hier eine Viertelstunde breit ist, dcr Wald ausgerodet, und etwa 50 oder 60 Morgen sind mit Gras bewachsen, in deren Mitte ein kleiner Orangenhain sich befindet. Hänser sind freilich nicht viele zn sehen, uud die Hütten, die man sehen kann, zeichnen sich in nichts vor den pernanischen aus, die meisten gehören Ticuna-Iudiauern nnd sind gleichfalls im Walde verborgen. Nicht weit von Tabatinga mündet in den Solinwes der Iavari, welcher die Grenze zwifchen Peril und Brasilien gegen Südosten bildet. Eine Grenzkommission erforschte 1866 diesen Flnß, wurde aber von den Mayornnas angegriffen nnd zwischen dem 6. und 7." südl, Vr. zur Umkehr gezwungen. Etwa vierzig Stuuden unterhalb Tabatinga liegt auf einer wohl 80 m hohen Auhöhe San Paulo, der höchstgclcgcuc Ort am mittlern Strome. Dieses Plateau erstreckt sich auf der eiuen Seite über eine halbe Stunde weit in den Wald, auf der andern fällt es nahe bei den letzten Hütten steil ab nach einer von Wald umgebenen fenchten Wiefe, von nw aus ein alter Indiauervfad viele Tagereifen weit nach den Urwäldern des Putumano führen soll. Dieser mächtige Strom, auch I<.'a genannt, mündet in den Solinwes etwa dreißig Stuuden unterhalb San Panlo und ist hier an seiner Mündung über eine Viertelstunde breit und bei niederem Wasserstande in der Mitte 43 m tief. Vr cntfpringt in den Andes der Republik Colombia uud ist uach Reyes bis etwa 4 Tagereisen vou Pasto schiffbar; er wird oft vou flüchtigen Negersklaven benutzt, um auf diesem Wege nach Colombia, wo keine Sttaverei existiert, zu entkommen. Noch mehrere 172 Zu S. 172. Der ÄinaMcujwm l>ci ^ "^ ""n Rantschiikfamlülcril). Fig. 26. Mirlluhlls-Indicinei, VI. Der EolimöcZ, andere riesige Nebenflüsse, wie den Intav und Iuruä auf der rechten, den Iapurä auf der linken Seite, deren Ufer nur von wilden, zum Teil menschenfressenden Indianern bewohnt sind, passiert man, ehe man Ega, die Hauptstadt des Solinwcs, erreicht. Die zahlreichsten dicser wilden Stämme sind die Umana-Mesaya und die Mir an has. Die M es ay as stehen in sehr üblem Nufe als Anthrovophagen, sollen es aber nach Mareoy erst später nnd zwar aus Nachsucht geworden sein. (Eigentümlich sind ibre religiösen Vorstellungen. Nie Mareoy erzählt, tcnueu sie eiu höchstes Wesen, von welchem alles geschaffen worden ist nnd dao Himmel nnd <^rde in Bewegung erhält. Sie wagen nicht, demselben einen Namen zu geben. Sichtbarer Repräsentant ihres Gottes ist der Vogel Buequö (iruFou ^ui'uc'lii), der sich durch reizendes Gefieder auszeichnet. Es giebt zwei Sphären: die obere ist durchsichtig, die uutcre dunkel. In der ersten wohnt die Gottheit, in der zweiten entstehen nud sterben die Menschen, welche nach ihrem Tode belohnt oder bestraft werden. Auch die Sage von einer großen Flnt hat sich bei ihnen erhalten. Als die ganze (5rde mit Wasser bedeckt war, entrannen die Mesavas, welche damals so groß warm wie die höchsten Bäume, der Vernichtung dadurch, daß sie sich in ein um-gestülptcs Kauoe flüchteten. Die Mesayas können nur bis drei zählen, darüber hinaus nur dnrch Verdoppelung. In der Vereitung des Urari-Giftes sind sie sehr erfahren; sie haben, wie auch andere südamerikauischc Stämme, mancherlei Sitten und Gebräuche mit nordamerikanischen Indianern gemein. Zwischen Solinwes und Iavura wohnt noch dcr ziemlich zahlreiche Stamm der Mir an has ^, bei welchen früher die Portugiesen hauptsächlich ihreu Menschenraub trieben, weil sie eher zn bändigen waren als die übrigen Indianer nnd deshalb zur Sklaverei besser geeignet zn sein schienen. Die meisten gefangenen Mirauhas starben ckber in der Sklaverei an einer Art von Heimweh oder an schleichendem Fieber, oder anch infolge von Verstopfungen, welche durch den ihnen ungewohnten, Oe-nnß von Maniokmehl und gesalzeuem Fische verursacht wurden. Dagegen haben sich die Kinder leicht eingewöhnt uud siud „Tapuyos", getaufte In-dianer, geworden. Schon feit 200 Jahren haben die Miranhas uuablässig Verfolgungeu ausgestanden nnd sind dennoch ziemlich zahlreich geblieben. Man sagt, der hohe Landrücken, den sie bewohnen, sei arm, nnd die Mi-rauhas befänden sich mauchmal in so arger Hungersnot, daß sie ihre Alten und Kranken auffräßen. Thatfachc ist, daß sie ihre Kinder oft gegen Äxte, Messer, Angeln n. dgl. vertauschen. Dein Ackerban sind sie durchaus abgeueigt; sie macheu Jagd auf Vögel, Schlangen nnd selbst Insekten, versperren mit Netzen den Ansgang irgend eines Igarap<> oder kleinen Sees und verschaffen sich solchergestalt fische. Seit langer Zeit 5 Eichc „Fahrten auf dem Amazoncnftrom': F'lobns" XIII. Vand, In (5'ga- Tklaucittlun 5cr Indianer. giebt es in ihrem Gebiete weder Tapire noch Wildschweine, weder Affen noch große Nagetiere, selbst der Jaguar tommt nicht mehr vor, weil er leine Beute findet. Die Mirauhas wären schon längst ans ihrem wildarmen ^andc ausgewandert, wenn sie nicht unverbesserliche Menschenfresser und deshalb bei allen andern Stämmen so verhaßt wären. Wollten sie anderswo eine neue Heimat suchen, so würden sofort die andern Indianer über sie herfallen und sie wieder zurückjagen. Nicht am Solinwes selbst, sondern au einer sceartigen Erweiterung deo Teffu, nicht weit von dessen Mündung in den Hanplstrom, liegt Eg a, eine Stadt von nur 1200 Eiuwohneru, die mir aber damals nach meiner langen Neise durch ewige Wildnisse wie ein Neines Paris erschien. Enthielt sie doch einige wcißaugcstrichenc Häuser mit roten Ziegeldächern, wenn auch die Mehrzahl der Gebäude aus Erdhütten^ die mit Palmblättern gedeckt waren, bestand. Jede Hütte war von einem Garten mit drangen, Simonen, Bananen nud Guajaven umgeben, überragt von den ^ederkroucn schlanker Palmeu. Rindvieh weidete in den Straßen, gleichfalls für mich, der ich aus Perun Urwäldern lam, eiu lauge entbehrter Anblick! Eiueu großeu Vorzug besint Ega darin, daß es wie alle an Flüssen von duuttem Wasser ^ wozu auch der Teffä gehört - gelegenen Orlschasteu vou der furchtbaren Plage der Moskitos befreit ist. Auch Ega ward, wie so viele andere Orte am Amazoncnstroine, von dem deutschell Icsniten-pater ^rih im Jahre 1088 gegründet; denn damals gehörte noch die ganze Negion dc5 Maraüon und Soliuwrs bis zur Mündung des Nio ^»('cgro zu Spanien. Unter den 1200 Einwohnern von Ega sind kaum l',0 Weiße, die übrigeu sind Mischlinge und Iildiauer aus ver-schiedeueu Stäunnen. Dao Gesetz verbietet zwar, einen Indianer zum Sklaven zn macheu; allein in Vrasilicu geht e^ hieriu geradeso wie in Peru: in der Praxis besteht eine Sklaverei, bei welcher der braune Mann so unbedingt Mäugig ist, als ob man ihn gekanft hätte. Der Verlauf ist folgeuder: Eiu Weißer nimmt einen Indianer gegen eine vereinbarte Löhnung als Arbeiter an; er verpflichtet sich dabei, ihm Kleider nnd Nahrung zu geben, bis jener imstande sei, für sich selber zn sorgen. Beides kostet dem Weißen nur wenig, nnd wenn der Indianer seinen Arbeitslohn haben will, sagt man ihm, daß er so und so viel schuldig sei, der Weiße sei bedeutend im Borschuß uud die Schuld müsse abgearbeitet werden. Auch die in den Stadien lebenden Indianer befinden sich in einer unbegreiflichen Unwissenheit über den wahren Wert einer Cache, lassen sich schmachvoll bctrügcu uud uicht selten bleibt ein Tapuuo sein ganzes Leben lang Sklave; cr wird als Schulducr behandelt, während er in der That der Glänbiger ist- Neben dieser Art von Sklaverei findet auch Menschentauf statt; eiuige wilde Stämme, wie die Mirauhas, verkaufen ihre eigenen .Müder, audere Stämme ihre Kriegsgefangenen an die Brasilianer, 5ie hübschesten In- VI. Der Solimucs. dianer, die in der Nähe von Ega lebeu, sind die Juris und Passes, die leider dem Ausstcrbeu nahe sind; die Berührung um den Weißen scheint ihnen tödlich zu sein. sobald in einem ihrer Dörfer der Verkehr mit den Weißen beginnt, fangen die Krankheiten an, hanptsächlich ein langsam schleichendes Fieber, das mit Auszehruug endet. Nicht nur unter den Otomakcn am Orinoco, wie man bisher glaubte, sondern anch am obern Amazoncnstrome, nnd zwar hier unter Indianern sowohl als unter Weißen, Mischlingen nnd Negern, findet sich die krankhafte Gewohnheit des Erde-Essens, die gewöhnlich mit Anssatz nnd in einigen Fälleil sogar mit Elephantiasis endigt. Die Ursache scheint in der fast ausschließlichen Pflanzen- und Fischkost zu liegen; wenigstens zeigt sich dieses unnatürliche Verlangen hier nicht bei Genien, welche häufig Fleisch genießen. Im übrigen ist Ega ein ganz gesunder Anfenthalt. Trotz des vermehrten Handelsverkehrs, den Cga den jetzt häufig hierher kommenden Dampfschiffen zu verdauten hat, soll der Ort sich wenig verändert haben uud noch immer ein halbes Indiancrnest sein, wie es auch zu der Zeit war, wo ich es besuchte. Nur haben sich seine weißen Bewohner und die Mischlinge mehr „ciuilisiert", d. h. sie beginnen sich nach Pariser Moden zu kleiden, gehen nicht mehr barfnß oder in Hcmdsärmcln aus, teilen sich in Parteien und suchen Ämter zu crhascheu, um dem süßcu Nichtsthun frohueu 176 Fig. 27. Vrm'iliauijchc Mestizen, Der PuruZ; anwohnende Stämme. zu können, knrz, die frühere Einfachheit der Sitten soll jetzt großenteils verschwnndm fein. Der nächste Niesenstrom, den man nnterhalb Ega erreicht, isi der ails der rechten Seite in den Solimües uiündendr Pnrus, der selbst während der trockenen Jahreszeit mehr als 400 Stnnden weit mit Dampfern befahren werden kaun. An seiner Mnndnng ist der Purus, dessen Wasser kanm von dem des Solimöes zu unterscheiden ist, über eine Viertelstunde breit, der Solinwes selber aber das dreifache, beinahe eine Stunde. An Wasfcrfülle erreicht der Pnrns weder den Nio Negro, noch den Madeira, auch wohl nicht ganz den Ucayali; indes kommt er dem Tapajoz nnd Tocantins an Mächtigkeit gleich lind übertrifft alle anderen Nebenflüsse. Früher glanbte man, sein Ursprung sei der schiffbare Madre de Dios, der in der Nähe von Euzeo entspringt. In letzterem Stadt schwärmte man völlig für diese Idee und erwartete davon glänzende Resultate für den Aufschwung von Euzeo — schrieb doch ein Pfarrer ein Werkchen hierüber, betitelt: „N ^iiil-mto pm-v^nii- <^I s^co", die glänzende Zukunft uon Cuzco! Verschiedene Expeditionen, die sämtlich einen unglücklichen Ausgang hatten, wurden in Euzco ausgerüstet, um den Znsammenhang des Madre de Dios mit dem Purus festzustellen. An einer derselben wollte ich mich selber in den sechziger Jahren beteiligen, ward aber glücklicherweise durch andere Arbeiten daran gehindert; dcuu sämtliche Mitglieder dieser Erpcditiou wnrdeu vou deu wilden Ehuuchos ermordet. Bald darauf lieferten die Forschungsreisen des Engländers Ehandleß den Beweis, daß das (^anze ein Traum gewesen war, daß der Madre de Dios nicht in den Pnrns, sondern in den Bcni, einen Ncbenflnß de^ Madeira, mündet. Der Bcni aber fließt in dcu Madeira noch oberhalb einiger der größten Wasserfalle des letztern, so daß also die Nähe des Madre de Dios schwerlich eine Hauptbediugung für die „glänzende Zukunft" Cuzeos sein wird. Der Pur us fließt wie der lleayali in beständigen Krümmungen und nnterfcheidet sich von anderen Nebenflüssen des Amazonas darin, daß er fast keine Inseln hat, deren Ehandleß im ganzen Laufe nur siebell vorfand. Wegen seiner südlichen Lage sind die Jahreszeiten des Purus deueu des Solinwcs ein wenig voraus, so daß dort schon im Januar Fruchte reifen, die am Solinwes erst in: Februar oder Anfang März gepflückt werden. Wie ein großer Teil des letztern, ist auch der Purus mit Höllcu-geistern ans der Insektenwelt bevölkert. In der Nacht sind es die Moskitos, welche den Schlaf rauben, am Tage analen den Wanderer die Sand-fliegen. Der unterste Lauf des Flusfes wird uon trägeil uud trunksüchtigen Muras bewohnt, oberhalb ihres (Gebietes sitzen die Pammaris und Iuberis, Flnßindianer, die nur uou Fischen und Schildkröten lebeu, zu Lande dagegen sehr schlechte Jäger sind. Die Mäuner tragen nur eine u. Schüft, Amazonas. ^7 l^ VI. Der SolmK-'cs, Schürze, die Frauen cm Stück Baumwolle um die Hüften; Spuren uon Anthropophagie sind bei ihnen nicht wahrnehmbar, vermutlich weil der PuruZ sehr reich au Fischen und Schildkröten ist und sie daher nie Nahrungsmangel leiden. Ihre nächsten Nachbarn sind die Iipurinas, deren Gebiet sich vom siebenten Breitengrade an 65 deutsche Meilen (ungerechnet die Krümmungen) den Fluß aufwärts erstreckt. Sie sind der zahlreichste und streitbarste Indianerstamm am ganzen Pnrus und sind Landindiancr, die mehr von Jagd als von Fischfang leben, obgleich sie auch den Purns zuweilen in Kähnen befahren. Ihre Wohnungen aber liegen nicht am Strome, sondern selten weniger als einen halben Tagemarsch von demselben entfernt. Den Krieg betrachten sie wie eine Liebhaberei, denn sie liegen meist mit anderen Wilden in Fehde, zu der sie durch Kriegserklärung herausfordern. Ihre Pfeile sind vergiftet, mit Widerhaken versehen nnd so eingerichtet, daß sie in der Wnnde abbrechen. In ihrer Bekleidnng gleichen sie denPammaris; sie bemalen sich die Haut meist schwarz, sind aber sonst reinlich, wie überhanpt (ihandleß eine gute Meinung von ihnen gewann. Nie mehrere andere Amazonenstämme, namentlich die Muras, siud sie leidenschaftliche Schimpfer und bedienen sich der Schucckenhänser als Tabaksdosen. Auch ist das Kanen der Coea bei ihnen im Gebranche, ein interessanter Unistand, da man die Verbreitung dieses narkotischen Genußmittels von Peru so weit gegen Osten früher, ehe (5handleß hierherkam, nicht kannte. Die Sache wird indes dadurch aufgeklärt, daß der Oberlauf des PuruZ uicht weit vom obern Ncayali entfernt ist. Chandleß traf einen alten Maneteneri-Indianer, der ihm die Zahl der Tage angab, wie lange die Kanoes den Purns (von der Miindnng des Tarauaeä, an, nnter 9" 10' südl. Vr.) hinaufgehen müssen bis zu der Stelle, wo sie über Land in zwei Tagen nach dem Neayali getragen werden, den fie dann 10 Tage abwärts fahren bis znr Miffiou Sarayacn. Daß der Alte dort gewesen war, läßt sich nicht bezweifeln, denn er tcmnte den Namen des dortigen Missionärs Padre Antonio, sowie die peruanische Stadt Moyobamba. Die Maneteneri, zu deren Stamme der Alte gehörte nnd die ans Fnrcht vor den Iipurinas noch weiter den Flnß hinaufgezogen waren, müssen überhaupt schon mehr mit Weißen in Verührnug gekommen fein, denn sie kannten, wie (^handleß erzählt, einige spanische Worte. Nach indianischen Begriffen sind sie „gebildete Lente", denn nachdem Chandleß monatelang nur zwischen nackter Menschheit sich bewegt hatte, war er angenehm überrascht, auf Stämme zu stoßen, die Baumwolle bauen, spinnen, weben nnd m Gewänder sich hüllen, auch beim Anblicke der Weißen nicht sogleich nach den Geschossen greifen, sondern Tabak, Baumwolle nnd Garn eifrig znm Tausche gegen Messer und Angelhaken anbieten. Ihr Vaumwollcnzeug ist zwar grob, sonst aber recht dauerhaft nnd für Hängematten sehr brauchbar. Sie selbst verfertigen daraus ihre 17« Der PuniZ; anwohnende Stämme. Ponchos für die Männer und die sackartigen Nöcke nnd Überwürfe für die Frauen. Das zarte Geschlecht hat sich bereits im Hanse Autorität erworben, denn nicht selten hört man Weiber tapfer ihre Männer schelten. Außer diesen Vorzügen der Civilisation haben sie auch einige ihrer Nachteile erworben, sie sind leider Diebe nnd Bettler. Sie gehören nnter die Flußindiauer, denn beständig bewegen sie sich in ihren langen, vortrefflich gearbeiteten und dauerhaften Kanocs im Wasser auf und ab. Die nächsten Nachbarn der Manetcneris sind die Canamaris, welche fast in gleichem Grade civilisiert sind, wie die ersteren. Dann aber begegnete Ehandleß flußaufwärts viele Tage lang keinen Bewohnern mehr. Die Zahmheit und die Fülle des Wildes bewies deutlich, daß dort selten Indianer streifen. Tapire waren nngemein zahlreich und schienen über die Ankunft der Menschen mehr betroffen als erschreckt. An Zahl wnrden sie noch von den Eapybaras, den Wasserschweincn, übertroffen, und auch sie, wie die Affen, zeigten nicht die mindeste Furcht. Endlich gewahrte man eines Tages eine Indianerhütte, neben der ein Affe festgebunden war nnd in deren Nähe fich eine Bananenpflanznng befand. Der Bewohner der Hütte war nicht bemalt nnd gänzlich nnbedcckt bis anf einen komplizierten Kopfputz; feine Frau trug nur eine Schürze. Vergebens snchte man fich mit ihnen durch Worte zu verständigen. Den Gebranch des Eisens schienen sie nicht zn kennen, denn das Geschenk einer Axt hinterließ keinen Eindruck auf deu Indianer, nnd der Gebrauch der Fischhaken mnßte ihm erst verständlich geinacht werden. Die weitere Bergfahrt auf dem Purus beendigte ein Wasserfall an einer Stelle, wo der Fluß nnr noch 24 in breit war, nnter 1l° südl. Br. Augenscheinlich cutspringt er nicht in den Kordilleren, sondern in den niederen Gebirgen, welche iich östlich vom Ileayali nach Nordeil ziehen. In der ncnesten Zeit beginnt das Flußgebiet des Purns sich lebhaft zu entwickeln. Namentlich der Kantschnkhandel zieht viele dorthin, und die vorzügliche Schiffbarkeit des Flusses begünstigt den Verkehr außerordentlich. Bald wird das reiche Uferland auch Zncker, Reis, Kakao, Tabak nnd Kaffee produzieren. Von den am Pnrus wol), nenden Indianern wären noch die Eat an ix is zn erwähnen, die, wie auch andere Indianer des Amazonenthales, in sehr großen Nohrhütten, „Ma-locas" genannt, oft zu zehn bi5 fünfzehn Familien znsammenwohnen. Sie baueil etwas Mais, Bananen und Manioc, gehen ganz nackt, bemalen aber sich nnd ihre Waffen rot. Merkwürdig ist bei ihnen, daß fic ihrc Toten ebenso, wie die alten Peruaner, und zwar nnter dem Fußboden der Maloea begraben. Der Leiche werden die Kniee und Ellbogen zusammm-gebnnden, und so wird sie in kauernder Stellung in ein großes irdenes Gefäß — die Eatauixis find nämlich geschickte Töpfer ^ gezwängt. 17U 12" VII. Zer Mo Uegro und der Madeira. Manaos. — TapUM'. — Wilde Indianer. — Vcr Uio Negru. Flnkverbiudnngcn im ^mazonrngebirte. — Vcr Madeira. — Bolivia. ^ Madeira-Eisrndahn. Endlich gelangten wir zur Mündung des Nio Negro, eines Nieseustromes, dessen dunkle Fluten man noch weithin nach der Vereinigung von dem schmutzigen Wasser des Amazonas unterscheiden kaun. Der Nio Negro ist hier bei seinem Ausflüsse wohl eine Wegstunde breit und zeigte damals, im Monate December, als ich dort verweilte, eine Tiefe von 60 m. Eine knrze Strecke flußaufwärts liegt am Nio Negro die Stadt Manaos, anch Barra do Rio Negro genannt, die Hauptstadt der brasilianischen Provinz Amazonas und nächst Parü. der bedeutendste Ort im gauzeu Amazonengebiet. Wegen seiner Lage könnte mau Manaos das St. Louis des Nmazonenstromes nennen. Es liegt ungefähr 200 deutsche Meilen vou der Mündnng des Amazonas entfernt nnd 300 Meilen von der Mnndnng des Orinoeo, wohin eine schiffbare Verbindung von Manaos aus vermittelst des Casiquiare eristiert. Die Stadt ist ziemlich uuregelmäßig anf sehr unebenem Terrain, das noch von drei Flußarmeu durchschnitten wird, gebaut. Eine lange Straße, teilweise mit Palmbäumen eingefaßt, teilt die Stadt von Süden »ach Norden in zwei Hälften; in dieselbe müuden verschiedene Gassen, die in wüste Grasplätze auslaufeu. Diese Straßeu wer^ den des Nachts durch Petroleumlampen erleuchtet und dnrch die häufigen Negeugüsse und die Aasgeier reingehalten, die Hauptstraße ist sogar zum Teil gepflastert und wird im Osten durch die Kathedrale, eiu zwar großes, aber stilloses, grcllweiß angestrichenes, steinernes Gebäude begrenzt. Von ewiger Entfernung aus gesehen, bietet die anf sanft ansteigenden, Grunde gebaute Stadt einen ganz hübschen Anblick und erscheiut weit bedeutender, als sie der Zahl ihrer Einwohner nach wirklich ist, da jedes Haus in einem mit Bäumen, Sträucheru uud sehr viel Unkraut erfüllten Garten liegt. Im Jahre 1853 sagte mir der Präsident der Provinz, die Stadt habe eine Bevölkerung von 3600 freien Einwohnern und 250 Negersklaven, während der amerikanische Kapitän Sel fridge dieselbe im Jahre 1875 18ll Manaos: Stadt und ^wohncr. auf etwas über 3W0 schätzte. Wenn die letztere Angabe, was ich übrigens bezweifle, richtig wäre, dann hätte die Einwohnerzahl abgenommen, wofür ich, da das Klima hier sowohl wie im größten Teile des Amazonenthales ziemlich gesund ist, keinen Grund anzugeben wüßte. Die Flußarme, welche man auf hölzernen Brücken passiert, dienen als Docks für die Handelsflotte der Stadt: große, mit Palmblättern gedeckte Kanoes oder blau, gelb oder grün angestrichene Goeletten, die sämtlich den Namen von Heiligen führen und hier Ladungen einnehmen oder ausladen. Die meisten Häuser von Manaos sind einstöckig, uon Holz nnd Adobes gebant, weiß angestrichen nnd mit roten Ziegeln gedeckt. Die Fußböden sind der Wärme des Klimas wegen gleichfalls mit Ziegeln belegt, die Zimmer sind geränmig, luftig und fast ganz ohne Möbel; in jedem Zimmer sind mehrere Haken an den Wänden angebracht, nm das Hnnptmöbel des Landes, die Hängematte, daran zn befestigen. Moskito-Netze sind glücklicherweise hier ziemlich überflüssig, da wenig Moskitos vorhanden sind — im Amazonenthale hat mau nämlich die Erfahrung gemacht, daß die Insekten das schwarze Wasser vermeiden, während sie am Hauptstrome nnd an allen Nebenflüssen eine fürchterliche Plage sind. Manaos hat verschiedene Läden, in denen alles Mögliche, Salzfifche nnd Farinha, europäische Kurz- und Ellenwaren, Lnrnsartikel, Schnaps nnd portugiesischer Wein zu haben ist. Sein Hauptstolz ist aber eine Kneipe mit einem Villardzimmer, wo sich die „,Miil688l; äor<^" von Manaos zn versammeln pflegt. Es giebt weder Theater noch Konzerte noch Bibliotheken, nichts der Art; so wenig verwöhnt sind die guten Leute, daß sie der amerikanischen Erpedition nnter Kapitän Selfridge noch im Jahre 1878 — wie sie es vor 25 Jahren schon mir gethan hatten -^ von den Wundern einer amerikanischen Knnstreitergesellschaft erzählten, die im Jahre 1850 die Neise von Lima über die Andes und dcu Hnallaga-Fluß nach dem Amazonenstrom und Pari'», gemacht hatte. Seit jener Zeit haben die biederen Bürger von Manaos nichts Ähnliches mehr gesehen. Aber sie amüsieren sich doch, vielleicht mehr alö die blasierten Bewohuer unserer europäischen Hanptstädtr. Die Lente sind nämlich — wie überhaupt die portugiesischen und spanischen Kreolen — nngemein gastfrei. Jeden Abend finden abwechselnd bei verschiedenen Familien „Tertnlias" statt, wo freilich nicht Trüffclpastetc und Ehampagner, sondern nur Thee und Maniokknchen nnd allenfalls etwas Num oder Wein herumgereicht wird. Nach dem Thee kommt der Tanz; hier tanzt ein strammer Neger mit einer gelben Kreolin, dort ein dürrer Brasilianer mit einer runden Tapuya-Indianerin. Die Aristokratie der Haut kennt man im Thale des Amazonas nicht; dort werden sich bald die drei Hauptrassen, die weiße, schwarze uud die amerikanische, in eine einzige rostbraune vermischt haben. Doch ein solcher Ball verdient eine nähere Beschreibung. Nachdem ^181"' VII. Der ^tio Negro und der Madeira. die Mahlzeit vorüber und die bische fortgeschafft find, wird die Musik, bestehend aus einer (Guitarre, einer Geige und allenfalls eiuer Flöte, hcrcin-gcrufcn und der Ball eröffnet. Anfangs sind die Schönen, wenn Fremde zugegen sind, etwas scheu; bald aber werden sie wärmer und fangen lustiger zu tanzen an. Insgesamt sind sie in Calico- und Musselinröcke gekleidet, mit losen weißen Banmwollleibchcn und tragen um den Hals eine Art Spitzen, die sie selbst mitunter ganz fein und kunstvoll verfertigen. Vielfach haben die Mädchen ihr Haar mit Jasmin und Rosen durchflochten nud diese mit ihren runden Kämmen befestigt- andere tragen goldene Perlen und Ohrringe. Einzelne der indianischen Tänze, die hier getanzt werden, find ganz hübsch; bemerkenswert ist dabei, daß der Mann mit allen Bewegungen vorangeht, während das Mädchen die Sittsame und Znrückgezogene spielt, indem ihre Bewegungen sehr matt sind. Ihr Tänzer wirft sich ihr zu Füßen, entlockt ihr aber weder ein Lächeln noch einen sonstigen Gefühlsausdruck; er bückt sich und thut, als ob er fische, indem er Bewegungen macht, als wolle er sie mit einer Angelschnur an sich ziehen; er tanzt um sie herum, schnalzt mit seinen Fingern, als ob er auf den Castagnetten spiele, nnd umschlingt sie halb mit seinen Armen; alles umsonst, sie bleibt zurückhaltend und kalt. Bisweilen nmfasfcn sie sich und tanzen eine Art Walzer; doch kommt das nnr hin nnd wieder und für einen Augenblick vor. Wie verschieden sind doch diese Indianertänzc von denen der Neger in Peru oder ans den Antillen! Vei diesen giebt hauptsächlich die Tänzerin den Ton an nud oft trageu sie uichts weniger als einen anständigen Charakter. Ein Hauptvergnügen der Bewohner von Mauaos ist das Bad, das täglich iu eiuem klaren See, der eine halbe Stunde von der Stadt entfernt dnrch eine Crweiteruug des Flußarmes gebildet wird, genommen wird. Von prachtvoll tropischem Walde ist dieser See eingefaßt, wo riesige Bäume sich aus eiuem Gewirrc von Buschwerk und Schlingpflanzen erheben, die teils die Bäume umhüllen, teils in Blumengewinden von ihnen herabfallen. Kaum ist der Fluß wieder ans dem See getreten, so verengt er sich in einen schmalen, von Bäumen nnd Schlingpflanzen ganz umwo'lbten Bach, der sich bald in mehrere Arme teilt, sich dann wieder in einen etwa 10 m breiten lärmenden Fluß vereinigt und über eine 2 in hohe Felswand in ein dunkles rnhiges Becken hinabstürzt. Diese vielfach gekrümmten schmalen Igarap^s (buchstäblich: Bootvfadc) oder Flußarme, deren grüne Waldwände die Kanoefahrten in diesem Lande so reizend machen ^ wenn nnr nicht hin und wieder ein riesiger Alligator seinen Kopf über dem Wasser geigte —, sind wirklich charakteristisch für diese wunderbare Gegend; die von den niederen Ästen der Bäume herabhängenden verwelkten Grasfetzen zeigen die Höhe des letzten Hochwassers an — sechs nnd mehr Meter über dem mittlern Wasserspiegel. Alles was 182 Sitios dcr Indian^'. man über die Wassermassen und die Ausdehnung dcs Amazonas nnd seiner Nebenflüsse hört nnd liest, gibt keine Idee von seiner Nnermeßlichkcit. Sein Wasserlabyrinth ist nicht sowohl ein Netzwerk von Flüssen, als vielmehr — d. h. znr Zeit der Hochwasser — ein uon Land durchschnittener und abgeteilter Oeean süßen Wassers, indem das Land oft nichts mehr ist als ein Archipelagus von Inseln in der Mitte desselben. In der Nähe uon Manaos, auf der westlichen Seite des Nio Negro, liegt der Hyannaru-See, an dessen Ufer sich ein Dorf christlicher Indianer befindet. Diefcs hübsche indianische Dorf läßt fich anf den ersten Blick kanm als ein solches erkennen, denn es besteht aus einer Anzahl durch den Wald zerstreuter Sitios (Häuser mit Palmstrohdächern); vom Landungsplatz aus ist nur ein Sitio zu sehen. Dieser liegt anf einem vom See-Ufer sanft ansteigenden Hügel und ist ein Lehmhans, dessen rohes Fachwerk mit Lehm ausgefüllt nnd übertüncht ist nnd das zwei Zimmer enthält, wenn man derartige Näume Zimmer nennen taun; außerdem sind noch mehrere große, mit Palmstrohdächern versehene Hütten vorhanden. Das Wort Hütte gibt indes keinen ganz richtigen Begriff von dieser Art Ban, die in den Niederlassungen christlicher Indianer hierzulande allgemein ist nnd auch bei den Weißen vorkommt. Der nmschlossene Nanm ist gewöhnlich groß, das abhängige Dach ist sehr hoch, Wände sind gewöhnlich gar keine vorhanden. Eigentlich sind diese Gcoände offene Veranden. Einer diefer Nänme wird für die verschiedenen Verfahrnngs-arten benützt, dnrch welche die Mnndioca-Wnrzcl in Farinha, Tapioea oder in Tncnpi (Masato), eine Art berauschenden Getränkes, umgewandelt wird. Er ist mit großen Thonöfen versehen, über denen sich mächtige, flache Kupferpfanneu befinden znm Trocknen derFarinha; man fieht Tröge zum Kneten dcs Teiges, lange Strohröhren zum Auspressen dcs giftigen Saftes nnd Siebe zum Ausdrücken der Tapioca. Dieser Mandioca-Naum ist ein wichtiger Teil jedes indianifchen Sitio; denn die Eingeborenen hängen nicht nur in bedeutendem Grade von dem ans diefer Wurzel für ihre eigene Nahrnng verfertigten Mehle ab, fondern oiefes bildet auch einen wesentlichen Handelsartikel am Amazonenstrome. Ein anderer dieser offenen Näume ist eine Küche, während ein dritter an Festtagen und gelegentlich an Sonntagen als Kapelle gebrancht wird. Er nntcr-scheioet sich von den übrigen dadurch, daß das obere Ende mit einer hübschen Mauer, die ein Strohdach trägt, nmschlossen ist; an diefer Maner steht, wenn erforderlich, der Altartisch mit Kerzen und rohen Bildern der Mutter Gottes und verschiedener Heiligen. Gruppen von Bäumen erheben sich nnmittelbar ans dem See, ihre Wurzeln sind nnter der Oberfläche verborgen, während zahlreiche geschwärzte oder verfaulte Stämme in allen Arten malerifcher und phantastischer Formen aus dem Waffer hervorragen. Visweilen haben die Vänme ans ihren "183 VII. Der Rio Negro und der Mndcn'a. Zweigen jene eigentümlichen Luftwurzeln uiedcrgetricbeu, die hier so gewöhnlich sind, m»d scheinen auf Stelzen zu stehen. Hier und da kann man, wenn man dem Ufer entlang wandert, einen flüchtigen Blick in den Wald werfen, mit seiner Draperie von Lianen nnd verschiedenen Schling-vcben , seinen parasitischen Sipos, die sich eng nm die Stämme schlingen oder sich wie loses Tauwerk von Ast zu Ast schwingen, Gewöhnlich aber ist der Rand des Sees ein sanft abhängiges Ufer, das fich nach der Regenzeit mit dem lebhaftesten Grün bedeckt. Da und dort erhebt eine Palme ihreu Gipfel über den Sanm des Waldes, besonders die leichte, anmntige Assai-Palmc mit ihrem hohen, schlanken, glatten Stamme und ihrer von jedem Winde hin nnd her bewegten Krone federartiger Blätter. Uteist stehen die Sitios am Flußufer, steinwurfsweit vom Gestade, der Bequemlichkeit des Fischens, Badens u. dergl. halber. Hier aber befinden sich die meisten im Walde, dnrch den gut unterhaltene, malerische Fußwege führen. Einer der Sitios steht auf dem Gipfel eines Hügels, welcher auf der audern Seite sich in eine weite und tiefe Schlncht hinabsenkt. Durch diese Schlucht flicht ein Flußarm oder Igarap^, jenseits dessen sich das Land wieder in einer wellenförmigen Linie hügeligen Grundes erhebt, höchst wohlthucud für das Auge uach dem stachen Charakter der Landschaft an, oberu Amazonenstrome. Der Umstand, daß dieser Siüo, der jetzt auf einem das Thal und den Flnß überschauenden Hügel steht, das Wasfer beinahe an seinem Fnße haben wird, wenn der Igarap6 bei Hochwasser angeschwollen ist, giebt einen Begriff von dem Wechsel des Anblicks in der trockenen und der nassen Jahreszeit. Das ansehnlichste der Gebände hier war ein großer, offener Naum, der als Empfangszimmer dient, wenn, wie es häufig zu geschehen pflegt, die „Brancos" (Weißen) von Manaos in größeren Gesellschaften hierher kommen und Tanzvergnügen veranstalten. Das Leben des indianischen Weibes scheint beneidenswert im Vergleich mit dein der brasilianischen Dame in den Städten am Amazonen-strome. Die erstere hat ein gesundes Leben in offener, freier Luft; sie hat ihr Kanoe anf dem See oder Fluß und ihre Pfade durch deu Wald, mit vollkommener Freiheit, zu kommen und zu gehen; sie hat ihre bestimmten täglichen Beschäftigungen, indem sie sich nicht uur emsig mit der Sorge für ihr Haus uud ihre Kinder befaßt, sondern Farinha oder Tapioea bereitet oder Tabak trocknet und rollt, während die Männer dem Fischfänge oder der Schildkrötcujagd nachgehen; sie hat endlich ihre hänfigcn Festtage, um für ihr Arbeitslcben ucue Kräfte zu snmmeln. Dagcgeu kann man sich unmöglich etwas Traurigeres nnd Eintönigeres denken, als das Leben der brasilianischen Senhora in irgend einer der kleineren Städte am Ama-zoncnstrome. Hier herrscht noch die alte portugiesische Gewohnheit, die Frauen wie in einem Nonnenkloster eines strengen beschaulichen Ordens ' 184^ Tapuyos; Mura; dcr Rio 9lcgvo. abzuschließen, ohne ihnen durch das Element religiöser Begeisterung einen Ersatz dafür zu geben. Manche brasilianische Dame briugt Tag um Tag hin, ohne auch nur mim Blick über ihre vier Mauern zu werfen, indem sie sich kaum an der Thüre oder dem Fenster zeigt; denn sie ist stets, wofern sie nicht Besuch erwartet, in nachlässigem, nicht immer reinlichem Hauskleidc. Obgleich die in der Nähe der Städte lebenden Tapuvos — wie hier die christlichen Indianer genannt werden — zu viel von den Sitten civili-sicrter Menschen gesehen haben, unr den Gebrauch eines Messers uud einer Gabel nicht zu kennen, so wird doch kein Tapuyo, wenn er es vermeiden kann, mit einein dieser Tischgeräte essen. Ja, es giebt sonderbarerweise in den Niederlassungen am obern Amazonenstrome selbst viele Weiße, welche die Gewohnheiten der Indianer angenommen haben. Dort kommt es vor, daß weiße Senhoras, obgleich sie ihre Gäste mit feinem Tafelgeschirr bedienen, selbst bei Tische nur die Werkzeuge gebrancheu, mit denen die Natur sie ansgestattet hat. In der Nähe von Manaos lebt auch ein noch ziemlich wilder Indianerstamm, die Mura, die sich durch Jagd nnd Fischfang ernähren. Einige kommen zuweilen in die Stadt, um durch kleine Dienstleistungen etwas zu verdienen, oder ihre Kinder taufen zu lassen, wobei es ihnen aber nur nm ein Patengeschenk, eine Flasche Branntwein für den Vater und ein paar Men Calico für die Mutter zu thun ist. Die natürliche Iutelligenz dieser Wilden wird augenscheinlich, wenn man ihnen Zeichnungen zeigt, wobei ihre Vertrautheit mit den Naturgegensiändcn um sie her — mit Pflanzen, Vögeln, Insekten und Fischen — an den Tag tritt. Als Agassiz sich hier aushielt, stellten sie oft die Bitte an ihn, die Zeichnungen von Tieren sehen zu dürfen, nnd begingen, wenn man einen Haufen von mchreren Hundert kolorierten Fischzeichnungcn untereinander warf, kaum ciuen Irrtum; selbst die Kinder nannten augenblicklich deu Namen und fügten oft bei: „Dies ist das Junge von diesem oder jenem", indem sie so die jungen von den ausgewachsenen Fischen unterschieden nnd die Verwandtschaft andentetcn. Der Nio Negro ist 200 Stunden weit für die größten Schiffe fahrbar, bis zur Mündung des Nio Maraua, wo die Stroinschnellcn beginnen, die übrigens eiu gut gebauter, uicht tief gehender Dampfer überwinden kann. Anch andere Schiffe, die zwar stromaufwärts die Stromschnellen nicht passieren können, gehen dieselben mit großer Leichtigkeit hinunter. Die meisten Segelschiffe, die auf dein Nio Negro nnd Orinoco fahren, sind in Sa» Carlos, einem am Rio Negro oberhalb der Strom-schnellen gelegenen veneznelischen Grenzposten, gebant; darnnter sind ganz gut gebaute Schiffe von 2—3000 Zentner Tragfähigkeit. Sie gehen auch häufig den Easiquiare hinauf nnd den Orinoco bis Angostura hinunter, 185 VII. Der Rio Ncgro und dcr Madeira. wobei sie die beiden Stromfchnellen von Aturcs und Maypures zu passieren haben, dort wo der Orinoco seinen westlichen Lauf verläßt und sich plötzlich gegen Norden wendet. Die Entfernung uon Manaos bis zur "))cülldnng des l^asiqniare beträgt mehr als 300 Stunden, die ein guter Dampfer stromanfwärts in acht Tagen zurücklegen kann. Den Casiquiarc, dessen Länge beinahe 100 Stunden beträgt, kann er in zwei Tagen befahren, und von da, wo der Casiqniarc sich vom Orinoco trennt, bis Angostura, über 350 Stunden, braucht er stromabwärts fünf Tage, von Angostura bis ;um Meere (über 100 Ctnndcn) zwei Tage. Die ganze Ontfcrnnng uon Manaos bis zum Karibischen Meere beträgt demnach auf dem Wasserwege über 850 Stunden (3100 I<) Stunden weit, für große Dampfer schiffbar. Dann folgt eine Neihc von Stromschnellen, die aber, lange nicht so schlimm, wie die des Madeira, durch Sprengung zu beseitigen wären, so daß kleinere Dampfer den Arinos, der den Oberlauf des Tapajoz bildet, hinanfgehen und einen Punkt erreicheu könnten, der von dein dort schon schiffbaren Cuyabü-Flusse (oberhalb der Stadt Cuyabn,), eiuem Nebcnstrome des Paraguay, nur acht Stunden entfernt ist. Auch scheiut diese Strecke über ziemlich ebenes Land ;u geben, da sie für Ochsenwagen passierbar ist. Diese Hochebene, welche die Gewässer des Amazonas von denen des Paraguay trennt, ist die Gold- und Diamantenrcgion Brasiliens; die Stadt Diamantino liegt in geringer Entfernung sowohl vom Arinos, als auch vom Paraguay und Euyabä. Die ganze Strecke vom Aufange der Schiffahrt des Arinos bis zur "18?^ VII. Der Rio Negro und d«' Madcira. Mündung des Tapajoz in dm Amazouenstrom beträgt 243 geographische Meilen. ' Auch der ^anf des Xiugu wird schou nahe au der Äcündnng (34 Stunden) durch Stromschuellen, die aber uach glaubwürdigen Berichten nicht gefährlich sind, unterbrochen. Die schlimmen, menschenfressenden Indianer, die an den Ufern des Tingn wohnen, sind die Ursache, daß sich bisher keine Händler den Fluß herauf gewagt haben. Was endlich den To can tins betrifft, fo teilt sich dieser uugefähr 1.70 Stunden oberhalb seiner Mündung in zwei Hanvtzweige, den eigentlichen To can tins und den Nragnay, welch letzterer der bedeutendere ist. Der Tocantins selbst ist seiner vielen Wasserfälle und Stromschncllen halber für die Schiffahrt uicht zu braucheu, während der Araguay bis ganz hinauf mit weuig Mühe schiffbar gemacht werden kaun; die Entfernung von dem oberu Ende der schiffbaren Strecke bis zum Taquari, der fich in den Paraguay ergießt, ist nur gering, uud zur Regenzeit kaun mau, einem Nebenflusse des Araguay, dem Rio Elaro, folgend, bis ganz in die Nähe von Goyaz kommen. Schon Humboldt hatte die Nichtigkeit dieser Flußverbindungen für den Welthaudel eingesehen. „Der Weizen von Neu-Granada," sagt er, „wird dann nach den Ufern des Rio Negro gebracht werden; von den Quellen des Napo und Ucayali, von den Anden Quitos und Oberpcrus werdeu Boote uach der Mündung des Orinoco, eine Entfernung wie die von Marfeille nach Timbuktu, herabgehen. Ein Land, neunmal größer als Spanien und reich an den uerschiedeuartigsten Produkten, kann nach allen Richtungen befahren werden, dank dein natürlichen Kanal des Eassi-qniarc nud der Zweiteilung der Flüsse." Zur Zeit, als Humboldt seine Reisen in Südamerika machte, kannte man noch nicht die Verbindungen zwischen dem Amazonenstrome und dem Paraguay. Wenn man ferner bedenkt, daß in den Quellgebietcn der Nebenflüsse Hochländer mit dem herrlichsten Klima anzutreffen sind, und daß sogar ein Teil der Ebenen des Amazonengebietes ein wenn auch nicht für europäische Ackerbauer, doch für europäifche Pflanzer zuträgliches Klima besitzt, welche allerdings Kulis, Neger oder Indianer als Feldarbeiter verwenden müßten, so wird man zugeben müssen, daß die Besiedelung des Amazoncnthales für Europa und dessen Handel von der größten Wichtigkeit werden dürfte. In Manaos wnrden unsere guten Ticnna-Indianer ausgelohnt nnd verabschiedet, um sich anf einein stromaufwärts gehenden Boote eines brasilianischen Händlers wieder als Ruderer zu verdingen nnd so, reich an Äxten, Messern, Tocuyo, Angeln u. dergl., in ihre Heimat znrüäzukehren; wir aber bestiegen den Dampfer, um unfere Reife nach Parä fortzusetzen. Die Dampfer der Amazonas-Dampffchiffahrts-Oesellschäft haben 500—60tt Tonnen Tragfähigkeit mit Maschinen von 200 Pferdekräfteu und sind gut 18» Vou Manlws zum Madeira. ausgestattet; das Hinterdeck ist durch ein festes Dach gegen Sonne nnd Regen geschützt und bietet den Passagieren einen angenehmen Aufenthalt. Dort werden.die Mahlzeiten eingenommen, nnd abends die Hängematten, welche natürlich jedermann den heißen Betten in den Kajüten nuten uor-zieht, um die dünnen, eisernen Säulen geschlungen, welche das Dach tragen. Die Fahrt bis zur Mündung des Madeira ist ebenso langweilig wie die weiter oben; die Landschaft trägt jenen Charakter der Einförmigfeit, welcher den großen Flnßthälern, deren Ufer anf Hunderte von Meilen aus Alluvium bestehen, eigentümlich ist. Die Vegetation hat, da im allgemeinen die Ufer jedes Jahr überschwemmt werden, nur selten die gewaltigen Formen des Urwaldes auszuweisen, obgleich sich hie und da der dicke Stamm einer Bombacee über die schlanken, weißrindigen Cecropias erhebt. Wäre der Madeira bis nach Bolivia hin schiffbar, so könnten die Erzeugnisse der bolivianischen Wälder, Pflänzlingen und Bergwerke auf Dampfern nach dem Atlantischen Ocean nnd den großen Weltmärkten gebracht werden. Aber der Weg ist nicht offen, gegen 870 1on Schildkrötenflcisch, Fischen und Farinha gelebt hat! Iu der Umgegend von Santarem ist das Land nicht mit dichten Urwäldern bedeckt,' wie man es sonst fast überall in Amazonien findet. Es ist ciu Sauannenland, mäßig hoch uud wellenförmig; mit kleinen Wäldern oder einzelnstehenden Bäumen sind nur wenige Stellen bewachsen, die von den Brasilianern „Ilhas de Mato" lWaldiuscln) genannt werden. Sie werden von sehr verschiedenartigen Bäumen gebildet, die wie in den großen Wäldern mit Schlingpflanzen überwachsen sind; nur parallel mit dem Flusfe und dicht bis an das Ufer herantretend zieht sich eiu schmaler Streifen dichten Waldes hin. Auch bei Santarcm sieht man vou den Eampos aus 224 Die Campos oder Savannen. verschiedene Hügelketten; einige derselben sind langgestreckte, nackte Bergrücken, an anderen Orten erheben sich isolierte, kegelförmige Hügel, die aber kaum die Höhe von 350 in zu erreichen scheinen, unvermittelt aus der Ebene, in der eine malerische Abwechslung von Wald und Prairie erscheint. Eine vollständige Einsamkeit herrscht in diesem schönen, von des Menschen Fuß nur selten betretenen Lande. Die Einwohner von Santarem wissen gar keine Auskunft über das Innere zu geben und scheinen sich auch gar nicht darum zu bekümmern. Einige Pfade führen aus der Stadt über die Savanne nach mehreren kleinen Pflanzungen, die ungefähr zwei bis drei Stnnden entfernt liegen und armen Lcutm gehören; sonst aber giebt es bei Santarem weder Wege noch andere Anzeichen der Nähe einer civilisierten Niederlassnng. Das Aussehen dieser Savannen oder Campos wechselt je nach der Jahreszeit; sie bieten nicht, wie die tropischen Urwälder, das ganze Jahr hindurch denselben Anblick. In diesen: Teile der Amazonenregion sind die Jahreszeiten scharf getrennt, aber die Verschiedenheit ist nicht so groß, wie in manchen andereu tropischen rändern, wo während des trockenen Monsuns Insekten und Reptilien ihren Sommerschlaf halten und zu gleicher Zeit die Bäume ihre Blätter abwerfen. Hier verdorrt das Gras auf den Campos, sowie die trockene Jahreszeit vorrückt (Angust, September); jedoch, ist diese Periode keine vollständige Nuhezeit für das Pflanzen- und Tier-lcbeu. Man sieht zwar nicht so viele Vögel wie znr Regenzeit, doch brüten jetzt einige Arten, nntcr anderen die Erdtauben (0Iia,N«,«p«1lÄ), wie Bates mitteilt. Die Bänme behalten ihr Laub und einige derselben blühen sogar in den trockensten Monaten. Die Eidechsen erstarren nicht und Insekten sieht man im Larvcnznstande sowohl als voll entwickelt; einige Schmetterlinge, deren Ranpen auf Bäumen sich nähren, erscheinen sogar erst, wenn die trockene Jahreszeit schon ihren Höhepunkt erreicht hat. Die Negen treten oft plötzlich gegen Anfang Februar eiu, zugleich mit heftigen Stürmen ans Westen, also an5 der entgegengesetzten Richtung, von woher der Passatwind hier weht. Gewöhnlich sind diese Stürme von furchtbaren Gewittern begleitet, von blendenden Blitzen nnd schrecklichen Donnerschlägen. Gleich beim Allsbruche des Gewitters fällt der Negen in wolkenbruchartigeu Strömen, die allmählich nachlassen nnd zuletzt in einen feinen Landregen übergehen, der auch den ganzen nächsten Tag oft noch anhält. Nach einer oder zwei Wochen Negenwctter erhält das Land ein total verschiedenes Anssehen. Der ausgedörrte Boden bekleidet sich wie durch Zauber mit einem saftigen Grün; die Welten staubigen Bäume legeu, ohne daß sie alle ihre alten Blätter abgeworfen haben, ein neues Kleid von zartgrünen! Laube an; verschiedene Arten schnellwachsender Leguminose» erscheinen überall und blattveiche Kletterpflanzen überdecken den Boden, die Büsche und Banmstämme. Man wird an das plötzliche Eintreten des Frühlings erinnert, das zuweilen in unserer nor- v, Schuh, Amazonas. , — 15 VIII. Der Amazonas. bischen Heimat nach einigen warmen Regengüssen stattfindet; namentlich fällt es denjenigen auf, welche jahrelang in den feuchten Nrwaldregionen des obern Amazonenstromes nnd des ostlichen Abhanges der Anden zugebracht haben. Auf den Campos ist nun neues Gras, und viele Savannenbäume, besonders die Myrten, beginnen dnrch den Duft ihrer Blüten allerlei Insekten anzuziehen, weshalb dann manche Vögel, die sonst nur iu den Wäldern leben, die Savannen besuchen. Nach einem oder zwei Mouateu Negen-wetter treten gewöhnlich im März einige Wochen trockenen Wetters ein — ebenso wie in den Montanas von Peru die Regenzeit, die hier im Oktober beginnt, um Weihnachten durch schöne Witterung, die zwei oder drei Wochen anhält, nnterbrochen wird. Die stärksten Regen fallen im April, Mai und Inni, wo es aber anch nicht beständig regnet, sondern hin uud wieder hübsche, sonnige Tage vorkommen. Im Iuui und Juli ist in den Campos die Üppigkeit der Vegetation auf ihrer Höhe, die meisten Vögel haben dann auch ihre Mauser vollendet und prangen in glänzendem Federschmucke, viele Gebüsche sind mit Blüten bedeckt. Diese Jahreszeit entspricht dem Sommer der gemäßigten Klimate, wie das Aufbrechen des Laubes im Februar den Frühling repräsentiert; doch herrscht uuter dem Äquator — wie Bates, der genaueste Kenner der Flora uud Fauna der Amazonenregion, bemerkt — nicht jeuer gleichzeitige Fortgang im jährlichen Wechsel des Pflanzen- und Tierlebens, den man in höheren Breiten beobachtet; einige Arten sind allerdings in ihren periodischen Lebensverrichtnngen von anderen abhängig nnd gehen mit ihnen Hand in Hand, aber sie werden nicht zur selben Zeit und anf dieselbe Weise durch den Wechsel der Jahreszeiten affiziert. Nachdem mau Santarem verlassen und wieder den Hauptstrom erreicht hat, taun man noch lange Zeit das klare, grüne Wasser des Tapajoz wahrnehmen, das sich am südlichen Ufer hinzieht/während die trübe Strömung des Amazonas sich deutlich davon abhebt und fast das ganze Flußbett einnimmt. Der erste Ort, den mannunerreicht, ist Monte Alegre, ein kleines Städtchen, defsen Bewohner sich mit Kakaobau, Viehzucht und Töpferei beschäftigen. Zwischen Monte Alegre und der Mündung des Xingu ist das nördliche Ufer des Flusses sehr hoch, und einige der Hügel, die man hier sieht, verdienen fast den Namen von Bergen; namentlich bei dem Dorfe Almevrim sind einige, die sich 250 m über den Spiegel des Flusses erheben und bis zum Gipfel dicht bewaldet sind. Die Form dieser Hügel ist verschieden: einige gleichen mit ihren flachen Gipfeln abgestumpften Kegeln, andere sehen mehr wie hohe Landrücken aus und erinnerten mich an den Donnersberg in der Rheinpfalz. Näher bei Monte Alegre sind wieder Hügelketten, die nicht bewaldet, aber mit kurzen: Grase überwachsen sind. Bei der Mündung des Xingu ist der Amazonenstrom mehr als vier Stunden breit; der Xingu hat eine Länge von 500 Stunden und entspringt auch, wie der Tapajoz, in dm Gebirgen von Cuyabä, der Diamantenregion Brasiliens. Die Vni dcr tausend Inseln, Bald nachdem nmn die Mündung des Xingn und das Dorf Gurupa passiert hat, beginnt das große Süßwassermeer des Ainazonas. Der Fluß erweitert sich plötzlich zu cincr ungeheuren Bai, die an ihrer breitesten Stelle nngcfähr 70 Stunden breit sein wird. Man tonnte sie ganz gnt die Bai der tansend Inseln nennen, zwischen denen ein Gewirre von unzähligen großen nnd kleinen Kanälen sich befindet. Die grosse Insel Ma-rajo, die n»eit größer ist, als das Königreich Württemberg, nimmt ungefähr die Mitte dieser Bai ein nnd teilt den Flnß in zwei Hauptarme: der Hanptstront ergießt sich nördlich von Marajo in das Atlantische Meer; der kleinere südliche Arm, der noch den mächtigen Tocantins aufnimmt, heißt der Parä-Fluß. Das Mündnngsgcbict des Amazonas ist keine Deltabildung. Denn die Wischen feine Mündungen gelagerten Inseln sind kcmc vom Flußschlamme gebildeten Anschwemmungen, sondern bestehen ans festen Vchm- nnd Sandsteinbänken nnd müssen als Trümmer der ehemals viel weiter reichenden Küste angesehen werden. Die tausend Inseln, die alle flach und mit einer ungemein üppigen Vegetation bedeckt sind, liefern den meisten Kautschuk, der nach Pan,, auf den Markt kommt; manchmal erblickt man, wenn man durch die viel-gewnndcnen, oft ungemein schmalen Kanäle fährt, auf diesen Inseln in kleinen Lichtungen eine Hütte, umgeben von Kakaobäumm, Kokospalmen nnd anderen Palmenarten, nnter denen sich namentlich die schlanke Miriti dnrch ihre Schönheit auszeichnet. Plötzlich tritt man aus einem dieser engen Kanäle in die fünf Stunden breite Vncht von Limociro, in die der mächtige Tocantins mündet. Man sieht einen weiten Wasscrhorizont vor sich, ein Sühwassermeer liegt vor dem Reisenden; ja so sehr gleicht dieses Meer dem großen Ocean, daß es, vom Winde oder von der ein-lanfenden Flut erregt, nicht Wellen, fondern hohe Wogen auswirft und die großen Dampfer anf- nnd absteigen läßt, wie ans offener See. Der Tocantins bildet bei seiner Mündung ein vollkommenes Delta, breite Arme nach verschiedenen Richtungen ausstreckend. Im Anfange glaubt mau gar nicht, daß man es mit einem der riefigsten Ströme des Amazoncngebietes, einem Strome von 2500 Icin Länge, zu thun hat. Am linken Ufer dieses gigantischen Flusses, etwa 15 Stunden oberhalb der Mündnng, liegt (5 a met-',, cine ziemlich bedeutende Stadt, rings nm-gebeu von einer prachtvollen Tropenvegetation, mit wunderschöner Aussicht auf den unten vorbeiströmcndcn grünen Flnß, der hier immer uoch zwei Stunden breit ist. In der großen und blutigen Revolution der Farbigen der Provinz von Parü. im Jahre 1835, die zwei Jahre lang dauerte uuo nur mit großer Mühe bewältigt wurde, war Cametu die einzige Stadt in der ganzen Provinz, welche den Anarchisten erfolgreichen Widerstand leistete. Parü, war ganz in der Gewalt der Revolutionäre, nachdem der Präsident und der Militärkommandant ermordet worden waren und das Militär sich 227 " VIII. Dcr Amazonas. der Revolution angeschlossen hatte; nicht nur in Parü, sonderu auch in den auderen Orten der Provinz wurden viele Weiße, besonders aber Portugiesen, die am meisten verhaßt waren, ssetötet. Die Bewohner von Cameta aber, meist Mestizen und nur sehr wenig mit Negern gemischt, sammelten sich unter der Führung eines energischeu, entschlossenen Priesters, Namenß Prudencio, befestigten den Platz uud warfen die Bande, welche von Paru aus angerückt kam, mit großem Verluste zurück. Cametu, ward uun der Zufluchtsort für alle Weißen der Provinz und das Hauptquartier der loyal gebliebenen Bürger, die von hier aus verschiedene Expeditionen gegen die Anarchisten absandten, bis es endlich der Negieruug gelang, den Aufruhr zu ersticken. Die Ufer des Parü-Flufses, der stellenweise über 30 km, bet der Stadt Para aber, wo er durch Inseln eingeengt wird, nur 20 Icin breit ist, sind ungemein schlammig. Einen eigentümlichen Anblick gewähren, je mehr mau sich der Stadt nähert, die vieleu mit einem Stroh-dache bedeckten und mit Kajüten versehenen Kanoes, sowie die kleinen Fluß-barken mit ihren hohen Spindelmasten und dünnen Baumwollsegeln, welche einige Ähnlichkeit mit chinesischen Dschunken haben. Der Hauvttransport auf dem Flusse wird — trotz der Dampfschiffe — noch immer mit diesen Kanoes betrieben, die beständig ankommen uud absegelu, und vou denen die Küste in der Nähe der Stadt buchstäblich wimmelt. Sie bringeu die Landeserzeugnisse von überall her und kommen zuweilm aus Entfernungen von mehr als dreihundert Stunden den Fluß herab. Bei dieser Schiffahrt sind namentlich Indianer beteiligt, von denen man ganze Familien in den Kanoes erblickt. Auf den größeren Kauoes sind Hängematten angebracht, und in diesen kann man im Hafen von Parä, die Kanoe-Männer liegen und sich schaukeln und den ganzen Tag raucheil und schmausen sehen. Die Stadt Paru liegt immer noch über 100 kni von der Mün-duug des Flusses entfernt; sie ward im Jahre 1615 von den Jesuiten gegründet und soll heute ungefähr 35 000 Einwohner enthalten. Obgleich so nahe am Äquator gelegen (1° 28^ südl. Breite), hat.die Stadt doch kein übermäßig heißes Klima. Die größte Hitze des Tages — nach 2 Uhr nachmittags — schwankt zwischen 24 und 27« N.; dabei ist aber die Luft auch nie kühler als 17", so daß im ganzen eine ziemlich warme Temperatur herrscht. die sich im Jahresdurchschnitt auf 21 ° stellen wird. Parü hat früher den Nuf eiuer besonders gesunden Stadt besessen, und mit Ausnahme einer Pockenepidcmie, die im Jahre 1819 uuter den Indianern auftrat, waren bis zum Jahre 1850 Epidemieeu ganz unbekannt. Da brach plötzlich das gelbe Fieber zum erstenmal aus und raffte in wenigen Wochen mehr als vier Prozent der Bevölkerung dahin. Im Jahre darauf brachen wieder die Pocken alls und wüteten unter den Farbigen, weniger aber unter den Weißen, und seitdem ward Parä noch mehreremal vom gelben Fieber Z» S. 228. Me India«"" '»., ^^^^ Fig. 31. Ansicht von Par». Platz vor dem Regierungsgebäude. 229 VIII. Dcr Amazonas. heimgesucht. Indes haben die Bewohner von Parä nicht jenes ungesunde Aussehen, das z. B. den Weißen in New-Orleaus anhaftet; anch die weißen Frauen tonservieren sich hier viel länger, als es die Nordameri-kanerinnen thuu, die bekanntlich sehr rasch altern. ' Im ganzen ist Para ein etwas langweiliger Aufenthalt; die eigentliche Stadt wacht einen ziemlich düstern Eindruck. Die Straßen sind in rechten Winkeln zu einander angelegt, aber sehr eng. Keine derselben ist gepflastert, einige wenige etwa ausgenommen, auf welchen mau eine gewisse Menge roher Kieselsteine sieht. Natürlich werden die Straßen weder beleuchtet noch gereinigt, und nach dem Flusse zu sind sie besonders schmutzig. Die Häuser, gemeiniglich zwei Stockwerke hoch und von mäßiger Größe, haben statt der Fenster vergitterte Blenden, welche die düstere Wirkung des Ganzeu uoch erhöhen. Doch ist die Stadt Parä nicht ohne öffentliche Gebäude, unter welchen die Kathedrale den Vorrang einnimmt; ihr folgen acht Kirchen, ein Palast, ein Zollhans n. s. w. Die Kathedrale ist in der Form eines lateinischen Kreuzes gebaut, und ihre Struktur sowie ihre Verzierungen, weder zu prnnkend noch zn einfach, sind ganz hübsch. Der Palast des Bischofs steht auf dem Kathedral-Platze, der Kirche gegeu-über, und ist ebenfalls ein stattliches Gebäude. Auf demselbm Platze ist ein bequemes Hospital, nno der übrige Teil desselben ist mit einigen Häu-seru ausgefüllt. Der Palast, die Wohnnng des Präsidenten der Provinz, ist ein hübsches Gebäude; er liegt an einem offenen, großen Platze am Südwestende der Stadt, Läden und Magazine sind zahlreich und ziemlich gut mit Waren versorgt, lassen fich aber, was Geschmack und Eleganz betrifft, nicht entfernt mit denen von Lima oder Hauanna vergleichen. Das Schönste von Paru sind die schattigen Spaziergänge in seiner Umgebung, die eineu^ angenehmen Erholungsort für die Einwohner bilden. Es giebt indes auch in der Stadt selber, m der Nähe des Palastes, eine öffentliche Anlage, die in den kühlen Abendstunden start besucht wird; die andern Spazierwege sind hauptsächlich mit Neihen hoher Bombaceen bepflanzt, die einige Ähnlichkeit mit unsern Roßkastanien haben. Der Mangobanm mit feiner hängenden Frucht uud die gemischt untcreinandcrstehenden Orangen- und Limonen-bäume bilden die Seiten der Promenaden nnd bieten köstlichen Duft und angenehmen Schatten. Die Landschaft in der unmittelbaren Nähe der Stadt ist schön uud echt tropisch; Wege dahiu giebt es in Menge. In den Vorstädten befinden sich mehrere elegante Villen mit ausgedehnten Gärten, die reich sind an allen Arten tropischer Erzengnisse. Die Wege sind mit großen, weit sich ausbreitenden Bäumen besetzt, unter denen man da und dort eine kleine Hütte oder ein ganz in immergrünes Laubwerk gehülltes Häuöcheu, oder auch eine hübsche Villa in abgeschlossener Einsamkeit, die Laudwohnnng eines fremden Kaufmannes, sehen kann. Hier ist Die Bevölkerung von Pani. die Luft mit balsamischen Düften geschwängert; anmutige Palmen, die so sehr von den übrigen Waldbäumcn abweichen, verleihen der Scenerie Großartigkeit und Erhabenheit. Was nun die Bewohner von Parä anbelangt, so ist wohl in wenigen Städten Brasiliens die farbige Bcvölkernng so träge und nichtsnutzig, aber auch die eingeborenen Weißen sind nicht sehr zu loben. Wenigstens zu der Zeit, als ich in Para war, lebten fast alle Weißen mehr oder weniger kümmerlich von Regiernngsämtern: sie waren zum Arbeiten zu faul, in einem Lande, das mehr natürliche Reichtümer besitzt als irgend ein anderes in der Welt, und wo jeder- fleißige, unternehmende Mann mit Leichtigkeit vorwärts kommt. Damals befanden sich nnr wenige eingeborene Weiße in Parä, die im Handel oder Handwerk beschäftigt gewesen wären; alle Geschäfte waren in den Händen von Europäern oder Nordamerikanrrn, wie dies anch heute noch der Fall ist. Viele weiße Kreolen treten hier — wie überhaupt in Brasilien nnd in den spanischen Republiken — in die Gcheimbüude, um dadurch Anstellungen zn erHaschen nnd so dem süßen Nichtsthun sröhncn zu können. In neuerer Zeit haben die dortigen Geheimbündler auch den Humbug des „Kulturkampfes" begonnen, wohl in der Hoffnung, die Kirchengüter annektieren uud dadurch gute Geschäfte inachen zu können. Dabei hetzen fie beständig den farbigen Pöbel gegen den bessern Teil der Geistlichkeit, ohne zu bedenken, welche gefährliche Lage sie fich selbst bereiten, wenn sie dein Volke den letzten Nest von Christentum rauben. Die Revolution vom Jahre 1835 scheinen fie ganz vergessen zu haben; diese war, wie bereits bemerkt, eiue Erhebung der Farbigen gegen die Weißen, namentlich gegen die Portugiesen, welche letztere in Pan», fast alle ermordet wnrden. Nber auch viele Kreolen wurden damals, und zwar oft mit ausgesuchter Grausamkeit, getötet; im ganzen kostete diese Revolution der Provinz 12000 Menschenleben bei einer Veuölkeruug von 150 000; außerdem wurden viele Pflanzungen von Grnnd aus zerstört. In Parä. nun treiben die Gcheimbüudc eine Heuchelei, wie sie schamloser kaum gedacht werden kann: sie haben dort ein ganz eigentümliches Mittel ersonnen, nm die Menge zu gewinnen und gegen den Bischof anfzuhetzen. Dieser Bischof, Antonio Maeedo Costa, wird nämlich von den Frei-manrern mehr gehaßt als irgend ein anderer Bischof Brasiliens, insbesondere wegen des energischen Widerstandes, den er den in die Hände der Loge geratenen kirchlichen Bruderschaften geleistet hat, was ihm langen Kerker nnd Verbannung eintrug. 1878 behaupteten plötzlich einige Maurer von Paru, Mitglieder einer längst erloschenen Brnderschaft zn sein, der in vergangenen Zeiten eine Kirche gehörte, worin ein wnnderthütiges Muttergottcsbild, Gegenstand der größten Verehrung beim Volke von Parii, sich befindet; fie reklamierten ganz unverfroren den Besitz der Kirche und des Bildes. Der Bischof wollte natürlich eine solche Prätension nicht anerkennen nnd verklagte einige ' VIII. Der Amazonas. der Rädelsführer, die sich mittlerweile mit Gewalt in den Besitz des Bildes gesetzt hatten, vor Gericht. Die Freimaurer aber wandten sich an den Präsidenten von Para, den höchsten Verwaltungsbeamten der Provinz. Dieser, selbst Freimaurer, gewährte seinen Brüdern vollen Schutz gegen den Bischof und überließ ihnen eine andere neue Kirche, welche die Negierung kurz zuvor hatte erbanen lassen, trotzdem ein Beschlnß der Legislatur vorlag, welcher diese Kirche dem Bischof überweist. Durch den Schutz des Präsidenten kühner geworden, snchten die Manrer dem Volke einzureden, daß sie die Verehrung der Mutter Gottes gegen den Bischof verteidigen müßten. Da sie das Bild in ihrem Besitze hatten, veranstalteten fie eine Prozession -^ natürlich ohne Priester, da der Bischof allen die Beteiligung untersagt hatte; das Mnttergottesbild wurde von offenen Karossen begleitet, welche mit Janhagel jeder Art gefüllt waren. Im folgenden Jahre, 1879, wurde der Skandal noch ärger. Nach einer Korrespondenz der Tnriner „Uuitä, Cattolka" ans Parä. wurden alle Straßen, dnrch welche die Prozession sich bewegen sollte, mit Bändern und Triumphbogen geschmückt. In der Nacht vom 11. Oktober veranstalteten die Maurer die Übertragung des Madonnenbildes nach dem Palaste des Präsidenten, wobei sie einen nenen Nitus beobachteten. Wne Weibsperson trng das Bild, welches kaum zwei Spannen groß ist, in ihren Armen nnd ging unter einem Baldachine, der von den Vorstehern der Loge getragen wnrde. Das Gefolge bestand ans Männern und Weibern in bnnter Mischung: die einen trugen Wachskerzen, die andern Pechfackeln. Unter dem Lärm der Militärmusik, unter dem Donner der Kanonen wurde das Bild so zum Negierungspalaste gebracht. Am folgenden Morgen fand die eigentliche Prozession statt, die sich auf folgende Weise vollzog: Zuerst kam ein Wagen mit Raketen, die nach allen Seiten hin losgelassen wnr-, den, dann weiter mit Fahnen nnd Standarten. Daranf folgten offene Kntfchen, voll von Dirnen und Burschen jeder Farbe und jeden Alters bunt durcheinander, kurz, ein wahrer Fastnachtszug der ansgelassensten Art. Dann kam das Mnttergottesbild, das in einein Wagen aufgestellt war, der wieder vom Pöbel beider Geschlechter gezogen ward. Den Schluß bildeten die Militär- nnd Civilbehörden in offenen Kutschcu nnd Truppen von Infanterie nnd Kavallerie. Alles dies kann keinen großen Begriff von der Nespektabilität der brasilianischen Behörden gewähren, wie denn anch das ganze brasilianische Staatswesen — ebenso wie in den meisten spanischen Nepubliteu ganz in den Händen der Geheimbünde — durch und durch faul ist. Der berühmte Naturforscher Agassiz, der Brasilien bereiste, fällt darüber das ungünstigste Urteil; vieles in den brasilianischen Einrichtungen nud im Staats-wesen überhaupt hat ihm nicht gefallen; man könne, sagt er, darüber alle Fremden, welche im Lande längere oder kürzere Zeit leben, klagen ""232 " Verfassung und Wirklichkeit; Schädlichkeit ber Nasscmmschung. hören. „Die Verfassung ist ungemeiu freisinnig, zum großen Teile der nordamerikanischen nachgeahmt und könnte an nnd für sich der größten freiheitlichen Bewegung praktischen Spielraum gewähren. Bis zu einem gewifsen Grade ist ein solcher auch vorhanden, aber in der Ausführung nnd Handhabung der Gesetze waltet vielfach Willkür ob: man findet «ine kleinliche Polizeityrannei, gegen welche keine Abhilfe zu erlangen ist. Um die Sache in aller Kürze zu bezeichnen: es ist gar keine Harmonie vorhanden zwischen den Staatseinrichtnngen nnd den wirklichen Zuständen und Verhältnissen des Volkes. Liegt der Grnnd nicht darin, daß eine erborgte Staatsverfassung, die durchaus nicht in naturwüchsiger Weise dein Boden Don Land und Volk entsprossen ist, einem Kleidnngsstücke vergleichbar erscheint, welches dem, der es trägt, nicht paßt, sondern lose an ihm herum-schlottert? Das Gesetz allein rnft noch keine Freiheit ins Leben." Sehr wahr sind die Bemerkungen von Agassiz über das anthropologische Chaos in Brasilien, das selbst in Pern, Ecuador und Colombia nicht schlimmer erscheint. Er fand die Menschen, besonders in den nördlichen Teilen, schlaff und schwach in Bezug auf ihr ganzes Wesen. Man sieht hier Kinder von allen möglichen Farbenschattierungen nnd oft in demselben Hanse nebeneinander. Es ist, als ob alle Klarheit des Typus verwischt und versudelt wäre; als Ergebnis tritt ein unbestimmter Mischmasch hervor, dem Ausdruck und Charakter mangeln. Solch eine Mischlingsklasse, in welcher das Blut von Weißen, Negern nnd Indianern durcheinander gemengt ist, bildet einen sehr zahlreichen Teil der Bevölkerung sowohl in den Städten wie auf den großen Plantagen. „Wer die nachteiligen Einflüsse nnd Wirkungen dieser Nasfcnmischnng bezweifelt und aus -mißverstandener Philanthropie alle Schranken zwischen den verschiedenen Nassen entfernen möchte, der mag nur nach Brasilien kommen. Er kann hier gar nicht in Abrede stellen, daß die Vermifchnng der Raffen eine Verschlechterung herbeigeführt hat. Sie verwischt sehr schnell die besten Eigenschaften, welche jede der einzelnen drei Nassen (Weiße, Neger, Indianer) besitzt, und es bleibt nur ein buntscheckiger, verschwommener Typus, dem alle physische und geistige Energie mangelt." Das schlimmste bei diesen ÄiischlingsbeuölK'rnngen ist, daß ihnen jedes Ehrgefühl nnd alle Wahrheitsliebe mangelt, und daß sie ganz unfähig scheinen, geordnete Staatswesen zu bilden. Deshalb sind auch im spanischen Amerika die Regierungen jener Republiken die besten, in denen die Rassenmischnug nicht so allgemein ist nud wo namentlich, wie in Chile nnd Argentinien, das Negerelement fehlt. Agassiz meint, am Amazonas thäte uor allem zweierlei not: einmal eitle stärkere Beuülternng und dann eine bessere Klasse weißer Lente. Ohne das eine wie das andere kann eine Entwicklung der so reichen Hilfsqncllen nicht stattfinden. Die Zahl der Weißen erscheint viel zu gering für die u. Schüv, Amazonas. ^233 15** VIII. Der Amazonas. große Aufgabe, die hier zu lösen ist, und obendrein fehlen ihr die erforderlichen Eigenschaften. Hier bietet sich das eigentümliche Schauspiel dar, daß eine höhere Nasse Einflüsse von einer niedrigeren empfängt, daß eine Klasse, welche Unterricht und Erziehung erhalten hat, die Gewohnheiten der Wilden annimmt und auf die niedrige Stufe derfelben herabsinkt. Am SolinmcZ wird der Indianer ausgebeutet, übervorteilt und betrogen von den Leuten, welche für die vornehme weiße Klasse gelten; aber diese Sorte von „Weißen" hat vieles von den Indianern sich angeeignet, sie sitzen z. B. nicht auf Stühlen, sondern auf der platten Erde, sie bedienen sich nicht etwa der Gabel, sondern der Finger, und so haben sie noch viele andere Gewohnheiten der Indianer angenommen. Frau Agassiz, die ihren Gemahl nach dem Amazonenstrome begleitete, findet auch das Leben einer Indianerin beneidenswert im Vergleich zu jenem einer „brasilianischen Lady"; denn die Lebensweise derselben sei über alle Begriffe langweilig und einförmig. „Es ist traurig, diese steifen, erstarrten Wesen zu betrachten. Sie bleiben ohne Berührung mit der Außenwelt; das häusliche Leben bietet ihnen weder Reiz noch Anmut oder Abwechslung; sie haben keine Bücher und bleiben ohne alle höhere Bildung. Sie leben in den Tag hinein ohne Hiel und Zweck, und wenn die eine oder andere auch die Trostlosigkeit eines solchen Daseins fühlt nnd in ihren Ketten knirscht, so bleibt sie eben doch nur ein mißmutiges nnd unnützes Wesen." Agassiz hat recht: diesen Ländern thut nichts so not, als eine andere herrschende Rasse; denn die jetzige wird nie etwas daraus machen. Nehmen wir z. B. die Provinz Parä, welche von einigen Bewunderern — wohl etwas übertrieben — das Paradies Brasiliens und Amerikas genannt wird. Diese Provinz allein ist geräumig genng, um die ganze überflüssige Ne-' völkerung Europas aufzunehmen und sie aufs reichlichste zu ernähren; es ist ein Himmelsstrich von endloser Fruchtbarkeit, wo fast jeder Morgen Land seinen Mann ernähren könnte. Allein die Amazonenregion war stets das Stiefkind der brasilianischen wie früher der portugiesischen Regierung. Schon der Marquis von Pombal — ein echter Absolutist der Zopfzeit — befolgte die Politik, nicht nur die fremden, sondern selbst die Portugiesen von dem Werte dieser Länder in Unkenntnis zu halten. Er that alles, was in seiner Mncht stand, um sie herabzuwürdigen und in den Hintergrund zu stellen; so schlimm werden die beiden Provinzen am Amazonenstrome nun heute nicht mehr behandelt, die heutigen Machthaber fehlen sicherlich mehr aus Unfähigkeit nnd Gleichgültigkeit; sie sind überhaupt wohl kaum imstande, praktische Ideen zu erfassen. Allein wie ich schon mehrmals betont habe, deutschen Feldarbeitern möchte ich diese Provinzen, wie überhaupt die Tiefebenen der Amazonengegenden, nicht zur Besicdelung anraten; Handwerker aber, die mcht Deutsche Kolonisation. beständig in dcr Sonne arbeiten müssen, Kaufleute oder Pflanzer, welche mit Kulis, Negern oder Indianern Plautagcnbau treiben wollen, dürften dort ein reiches Feld für ihre Thätigkeit finden. Der eigentliche deutsche Kolonist würde hingegen ein ihm weit mehr Ansagendes Klima und unendlich viele zur Ansiedlung passende Landstriche — abgesehen von den südlichen Provinzen Brasiliens, wo fruchtbares Land im Überflusse vorhanden und das Klima gesnnd ist — an den Abhängen der Andes von Pern, Bolivia, Genador und Colombia antreffen, wenn diese Bänder nur nicht gar so erbärmliche Regierungen hätten, wenn die Reise dahin leichter wäre und genügende Kommunikanonsmittcl für den Absatz der Produkte zu (Mote ständen. ^ Passende Länder für die deutsche Kolonisation anBznfmden ist überhaupt eine höchst wichtige Frage geworden. Um die Auswanderung für Dentschland, semen Handel und seine Industrie nutzbar zu machen, muß man suchen, sie nach solchen Gegenden zu lenken, die nicht dieselben Pro-dnktc erzengen wie die nnsrigen, die auch voraussichtlich unserer Landwirtschaft und unserer Industrie später keine erhebliche Konkurrenz bereiten werden, sondern beständige Abnehmer für nnfere Fabrikate zu werden versprechen. Von diesem Gesichtspunkte ans war es ein schwerer fehler, der nnsere Interessen sehr geschädigt hat, die Auswanderung nach Nordamerika so zu begünstigen, wie dies früher vou feiten einiger Regierungen und vieler Gemeinden geschah; wir schickten nnscrc Arbeitskräfte nnd unsere Kapitalien nach einem Lande, das jetzt unser gefährlichster Konknrrcnt geworden ist. Dadnrch haben wir nur einen Rivalen großziehen helfen, der jetzt nnsere Industrie und namentlich unsere Landwirtschaft zu ruinieren droht. Daher ist für Deutschland die Auswanderuug uach Nordamerika als eine wirtschaftliche Kalamität zu betrachten, als eine Folge nnd zugleich auch eiu Faktor unserer Notstände. Von einem Verbote dieser Auswanderung — denn es ist nicht zu leugnen, daß ein großer Teil dcr Answandcrcr in Nordamerika prospcriert — oder von hemmenden Polizci-Chknnen kann und darf keine Ncde sein. Das einzige, was wir dagegen thnn könnten, wäre, die Auswandcrnng nach andern, für deutsche Interessen nützlichern Gegenden zu leiten, und zu bewirken, das; diese ^olonieen recht prosvcrieren, mn so die Auswanderung von Nordamerika abzulenken. Denn die Auswanderung aus einem teilweise übervölkerten Lande wie Deutschland ist an und für sich kein Nachteil für nns; nur muß man sie für nuscrn Handel und nnserc Industrie nutzbar zu machen verstehen. Als ein Ziel für die dcutfche Answandernng follte man befonders Südamerika mehr berücksichtigen. Der größte Teil besfclbcn ist freilich in den Tropen gelegen, gegen deren Klima noch so viele Vorurteile in Deutschland Herrfcheu. Die Küstenstriche im tropischen Amerika sind allerdings großenteils nngesnnd, wenngleich noch lange nicht überall; die Hoch- VIII. Der Amazonas. lander hingegen, d. h. die wenigstens 500 in über dem Meere gelegenen Gegenden, haben vielfach ein dem Europäer zusagendes Klima. Einen Beweis hierfür liefert — außer verschiedenen hochgelegenen dentschcn An-siedlungen in Costarica nud Brasilien — die obeli beschriebene deutsche Kolonie in Pern, welche günstigere Gesundheitsuerhältnisse zeigt, als dies in den meisten Gegenden Deutschlands der Fall ist. E i n Umstand spricht besonders zu gunsten der Answandernng nach Südamerika: von dorther hat unsere Landwirtschaft nnd Industrie keine große Konkurrenz zu erwarten — dort werden andere Produkte gezogen nnd schwerlich werden dort je viele Fabriken entstehen — ; im Gegenteil Hütte die deutsche Industrie auf gute Märkte zu hoffen, wenn viele deutsche Kolonieen dort augelegt würden. Denn der dentsche Kolonist zieht gewöhnlich seine heimischen Waren den andern vor, und durch ihn lernt auch sein Nachbar, der Eingeborene^ sie kennen, gewöhnt sich daran und wird schließlich ein beständiger Abnehmer. Auch könnte dort die Ncichsregiernng, wie sie neulich in Nicaragua zeigte, ihren Augehörigen wirtsamen Schutz gewähren, wenn die südamerikanischen Negierungen ihre Verpflichtungen nicht erfüllen wollten. Ferner wäre die Auswanderung nach Central- und Südamerika auch schon deshalb der nach Nordamerika oder nach englischen Kolonieen vorzuziehen, weil in Südamerika die deutschen Einwanderer ihre Nationalität mehr bewahren. Dieselben fühleu sich den spanischen nnd portugiesischen .Kreolen, den Mischlingen, Indianern uud Negern weit überlegen, und selbst der gemeine Deutsche merkt in jenen Ländern, wo die Aristokratie der Haut noch viel gilt, recht bald, daß er der bevorzugten Nasse angehört, während er sich in Nordamerika den energischeren Yankees unterordnet; viele Dentsche äffen dort in allem die Nordameritnner nach, welche diesen Bedientensinn natürlich mit der gebührenden Verachtung bestrafen. Viele wollen -schon nach zehn oder fünfzehn Jahren nicht mehr als Deutsche gelten, und ihre .Kinder werden erst recht echte ^lankecs. Namentlich unsere dentschen Juden-Jünglinge schämen sich als echte Kosmopoliten schon nach ein paar Jahren der deutschen Sprache und mauscheln das komischste englische Kauderwelsch, das den Amerikaner nur zum Spotte reizt. Eine Hauptfrage ist uun: Wie soll kolonisiert werden? So unangenehm diese Frage auch den Negierungen sein wird, früher oder später werden sie sich doch damit befassen müssen; denn man mag sagen, was man will — eine Hauptursache unserer Notstände ist und bleibt doch die Übervölkerung an vielen Orten und die übermäßige Konkurrenz auf allen Gebieten. Direkt darf allerdings die Kolonisation von der Neichsregiernng nicht ansgehen; es würde dies nur die Eifersucht anderer Nationen nnd Mißtrauen bei denjenigen amerikanischen Negierungen erwecken, welche deutsche Kolonisten haben wollen und die Einwanderung pekuniär unterstützen würden. Auch würde es die Kolonisten nach solchen bureankratisch 286 Art und Ncise dcr Kolonisation. verwalteten Koloniem nicht sehr hinziehen; in der lieben Heimat, wo die Vielregiererei — dank dem riesig anwachsenden Beamtenheere — nnd der Staatsabsolntismus immer mehr znnehmen nnd dem socialistischen Staate die Wege ebnen, haben sie genng von diesem Vergnügen gekostet. Die Kolonisation .darf also nnr von Privatgesellschaften ausgehen, nnd die Thätigkeit der Neichsregiernng hätte sich dabei nur daranf zn beschränken, jene scharf zn überwachen, die zu kolonisierenden Landstriche znvor durch kompetente Personen — nicht aber dnrch unpraktische, pedantische Bureaulraten — nntersnchen zn lassen, und im Notfalle die fremden Negiernngen anschalten, ihre Verpflichtungen den Kolonisten gegenüber zu erfüllen. Dell Priuatgesellschafteu aber muß man vor allem anraten: Geht' nicht zu rasch vor, sondern nur nach nnd nach, und besonders, kolonisiert nicht eher, als bis das Land gehörig durchforscht und die erforderlichen Vorbereitungen getroffen sind. Gerade ml diesem Fehler sind die meisten verunglückteil Kolonial-Projekte zu Grnnde gegangen, daß man das Land nicht genng kannte, welches man kolonisieren wollte. Ich glanbe, es dürfte solchen Gesellschaften nicht schwer werden, uou südamerikanischen Negierungen große Landbewillignngen —' hierin sind sie fast alle sehr freigebig — zu erlangen, sowie auch Snb-vemioneu zu den Reisekosten der Auswanderer, und Kontrakte für Wcgbau, wodurch den ärmern Kolonisten gleich für den Anfang Verdienst gesichert winde.- Anßer letztcrem Vorteile ivird dadnrch noch der weitere große Nutzen erzielt, daß die Koloniem Wege erhalten nnd ihnen der Absatz ihrer Prodnkte erleichtert wird, auch steigt dann der Wert der benachbarten Landereien ungeinein. Ferner müßten solche Gesellschaften sich hüten vor einem zn großeil nnd kostspieligen Beamten-Apparate nnd uor Vorschüsseu all die Kolonisten — es ist hundert gegeil eins zu wetten, daß sie dieselben in Amerika nie zurückbezahlt erhalten werden. Je leichter sie den Kolonisten die Ansiedlnng machen und je größere Vorschüsse sie denselben gewähreil, desto mehr arbeitsschencs Gesindel werden sie anziehen; mit Vagabnnden kann man aber nie lebensfähige Koloniem gründen. Deshalb ist bei der Auswahl der Kolonisten, namentlich der ersten, die größte Vorsicht geboten. Man verspreche den Kolonisten nnr nicht eine GratiZliefernng von LebenZmitteln bis znr erstell Ernte, gebe aber den Mittellosen hinreichende Gelegenheit zmli Verdienste durch Wegebauten, Anlage von Musterpflanzungen u. dgl.; mail zahle ihnen gnten Lohn 'pnnktlich aus und verkaufe ihnen die nötigen Lebensmittel zu billigen Preisen. Der fleißige Mann wird dann rasch vorwärts kommen und der Faulenzer die Kolonie bald wieder verlassen. Sonst verschaffe man den Kolonisten eine billige Reise nnd gebe ihnen genügendes Land nnd zwar als freies Eigentum, lasse ihnen vollkommene Freiheit nnd regiere nnr nicht zn viel; wegen der unglücklichen Vielregiererei kränkelten die französischen Ansiedlnngen, VIII. Der Amazonas. während die englischen und nordamerikanischen bei genügender Freiheit der Vewegnng stets prospericrten. Zu wünschen wäre unr, daß, wenn die dentsche Kolonisation in Central- nnd Südamerika mit mehr Energie als bisher betrieben werden soll, dann auch die weiten und fruchtbaren Regionen des Amazonmstromcs und seiner vielen Nebenflüsse die ihnen gebührende Berücksichtigung fänden; denn reichere Länder giebt es in der Welt nicht, nnd die Besiedelung des Amazonenthales wird unzweifelhaft für den Welthandel früher oder später von der allergrößten Wichtigkeit werden. Leider ist zu fürchten, daß, wie immer, die Engländer nnd die Nordamerikaner den Löwenanteil wegnehmen nnd den Deutschen das Nachsehen lassen werden; denn Unternehmungssinn trifst man nnr bei verhältnismäßig wenigen Dentschen. Das in Deutschland herrschende VeoormnndungZ- und Erziehnngs-System thnt redlich das Seinige, daß im Volte jeder Unternehmungs- und Unabhängigkeitssinn von Jugend an erstickt werde. Im übrigen wird man wohl zngeben müssen, daß viel znr Lösung der soeialen Frage beigetragen werden könnte, wenn man die überschüssige Beuölkerung Deutschlands, die ill der Heimat keinen lohnenden Verdienst mehr haben kann, nach Ländern leitete, wo sie bessere Existcnzmittel finden, wo sie der heimischen Landwirtschaft keine Konkurrenz bereiten, fondern im Gegenteil viel zur Hebung unseres Handels nnd unserer Industrie mitwirken würde. Jedenfalls wäre es vernünftiger nnd heilsamer, wenn die europäischen Nationen ihre Eifersüchteleien und Anncxionsgelüste anfgeben nnd die Streitaxt danernd begraben wollten; wenn fie große Kolonisationen unternähmen, nm die Schätze der Natur so vieler wilden Länder, die jelzt unbenutzt verkommen, auszubeuten, statt zu Hause alle Manneskraft in Waffen millionenweise aufzustellen, um sich gegenseitig zu zerfleischen-nnd das Mark der Völker zu verzehren. 238 IX. Litteratur. 1529 Pizarro, Pedro, Descuhrimiento y conquista de los reinos del Peru, in Documentos ineditos torn. V. Madrid 1844. (^fbro ^ijavro, ein SSer^ toanbtcr beS (Sro6ever§, fam 1529 uadj Spmt.) 1535 Xercs, Fr. dc, Relacion do la conquista del Pen'i. Sevilla. 1553 Cieza de Leon, Cronica, del Peru. 1554 Gomara, Cronica de la Nueva Eapaiia. Medina. 1555 (parate, Aug.. Historia del Peru. Antwerpen. 1561 Ontlcgardo, Relaciones. 1561, 1571. 1562 Epistolae Indicae Patr. S. J. Venetiis. 1563 Ramusio, Navigazioni e viaggi. 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,8te1nlli,,) I^r. ooint,« ä«, I^xi^äitian äilug lug Mi'tie» ^Li,^Hi^>g ^^> l'^Vmä- riclny än 8uü, cl« .lailLlro i>, I^imll Lt 6a. ?»rig. ^240 IX. ßittevtttuv. 1863 Sßßappäus, 3. ie ftiiltiiulimber beg aUeu Slmerita. 3 ©be. ©evliu. Brown, C. B., and Lidstone, W., Fifteen thousand miles on the Amazon and its Tributaries. London. Gaffarel, Ch., Histoire du Bresil frane,ais au XVIe siecle. Paria. Henry, V., Le Quichua est-il une langue aryenne ? (@egen 2ope$.) Nancy. Leclerc, Ch., Bibliotheca americana: histoire, geographie, voyages, archeo- logie et linguistique des deux Ameriques etc. Paris. (SSiBItogr., 2638 Serfe aufgeführt.) Martinet, J. B. H., 1'Agriculture an Perou. Paris, Chaix & Cie. Paz Soldan, Diccionario geografico estadistico del Pern:. Lima. 1870 Platzman, J., Vocabulario de la lengua Aymara compuesto por il P. Ber- tonio. Leipzig. Dag Original crfdjien 1612. Wallace, A. R., Tropical nature and other essays. 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Zahlreiche Aufsätze und Notizen über die im vorliegenden Werte behandelten Gegenden finden sich in den geographischen Zeitschriften und Publikationen der Geographischen Gesellschaften, namentlich in „Petermanns Mitteilungen", 1855—1883, „Ausland" seit 1828, „Globns" seit 1862, „Aus allen Weltteilen" seit 1869, „Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik" seit 1878, „1^« I'our ün monüe" seit 1860, „I^'knnuL ^6u-8r»iinihne" seit 1862, „Oosan Illssl^v»,^«" seit 1873, „Hen^i-k^Ii leal ^la^/in«" 1874—1878,' „1^'Ngziloratore" seit 1877 u. s. w. Von Publikationen der Gesellschaften nennen wir: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin seit 1840, mit Verhandlungen der Gesellsch. f. Erbkunde, seit 1874; Deutsche geograph. Blätter, Organ der Bremer Geogr. Gesellschaft, seit 1877; Jahresberichte des Vereins für Erdkunde zu Dresden u. s. w.; Lullotin ä« ln, snciüt,« cio Oünßrapkl« >nllliuo3, I^nn, seit 1868; Die katholischen Missionen, seit 1873; die I^ttreg t'",älK">ndigung untcr dcin 'iitcl! Illustrierte Bibliothek der Wnder- «nd Völkerkunde cine Sammluua illustrierter Schrifteu zur Länder- und MöMerliundc. die sich durch zeitgemäßen iiltercssauteu und nedica.c»eu Iuhalt, sscuiciu- verstäudliche Darstclluuss, timstlerische Echüuhcit Ulid sittliche Neiuheit der Illustrativ», sowie durch elegautc Ausstattuug auszcichueu sollcu. In den letzten Decennien hat die geographische Wissenschaft einen ungewöhnlichen Anfschwung genommen. Zahlreiche nnd tnhnc, meistens wissenschaftlich gebildete Reisende ans fast allen Kultnruöltern der Gcgenn'art snchten die bisher noch nnbekanntm Ncqionen des Ordballs zn erforschen. Von allen Hilfsmitteln der modernen Erfindnngen nnterstntzt^ erweiterten sie nnscre ränmliche Kenntnis der Erdoberfläche nnd bereicherten die C'rdknnde mit einer ^nlle interessanten Materials. Gewann so die geographische Wissenschaft eine größere Ansdehmmg ihres Gebietes, so wnrde sie nicht minder von bedeutenden Forschern nach innen vertieft nnd einheitlicher gestaltet. Nicht mehr als ein bloßes Konglomerat von allerlei Notizen nnd nicht mehr als ein bloßer Anhang znr Geschichte, sondern als selbständige Disciplin nimmt jetzt die Geographie eine Stelle nnter den Wissenschaften ein. Wie Deutschland durch die großartige!, Leistungen Humboldts nnd Ritters allen andern Bändern vorangegangen ist, so behanptet auch gegenwärtig noch die dentsche ^.itteratnr wissenschaftlicher Erdkunde unbestritten den ersten Mang. An den dentschen Hochschulen werden immer neue Lehrstühle der Geographie errichtet; iu den Mittelschulen (Gymnasien nnd Realschulen) fängt man an, ihr besondere Aufmerksamkeit zu schenken, nnd in immer weitern Kreisen ist cm lebendiges Interesse für Länder- und Völtertnnde wach geworden. Wie nun bei den gewaltigen Fortschritten, welche, die Naturwissenschaften in nnserem Iahrhnnderte machten, die Forderung eintrat, die angestellten Untersuchungen, die nencntdccklen Thatsachen, die gefnxdenen Gesetze und deren Anwendung in den technischen Fächern zu popnlarisieren nnd ihre Kenntnis znm Allgemeingut zn machen, so ist ans dem Gebiete der b'rdbeschreibnng ans gleichem Grunde ein ähnliches Bedürfnis hervorgetreten. Sowohl die großartigen Erfolge der kühnen Forschnng5reiscnden und Entdecker, als die Bereicherung, welche dadurch Geophysil und Geologie, Botanik nnd Zoologie, Anthropologie, nnd Ethnographie, Meteorologie und Klimatologie, Geschichte nnd Statistik erfuhren, werden von einer außerordentlichen Teilnahme in den weitesten Kreisen begleitet. Illustrierte Bibliothek der Oimker- und Völkerkunde. Demnach erscheint es als ein zeitgemäßes Unternehmen, die wissenschaftlichen Ergebnisse der Forschnngsexpeditionen, die Nc-snltate der geographischen Tcilwisfcnschaften ohne streng systematische Anordnung in gemeinverständlicher, lebendiger Sch ildernng darzlistellen. Dic VutdcckMlgsl^cschichtc dcr Erde, insbesondere die großartigen Forschungsreisen der nenern Zeit in Afrika, Asien, Australien nnd in den polarifchen Zonen; Die Physische Gco.qraphic mit ihren gegenwärtig so hoch entwickelten Teilwissenschaften; endlich Die spezielle Mldcr- mid Völterkundc werden in geeigneten Bearbeitungen vertreten sein. Zahlreiche' Illustrationen erläutern del, Text: charakteristische ^and. schafts- und Vegetatioilsbildrr, hervorstechende' Typen und Trachten der Bewohner, Scenen ans dein Neise- und Volksleben, Waffen und Gerätschaften, Tiere nnd Pstauzcu, Städte und Bauten, Porträts berühmter läntdcckcr, Forscher und Missionäre. Wo es znm bessern Verständnis nützlich erscheint, sind Übersichtskarten beigegebcn. So hoffen wir eine Reihe geograuhifcher Werke zu schaffen, die fnr jeden Gebildctcu höchst interessant nnd lehrreich sein werden, die den Lehrern der (5rdkünde znr Belebung und Vertiefung des Unterrichtes dienen können, die endlich bei der studierenden Jugend Frende nnd Lnst an der geographischen Wissenschaft wecken sollen. Zeder Sand öcsleyi für sich als ein fewständisses, in jlch al><,cschl«,ssene5 Werk und ist einzeln KünsNch. Bis jchl sind folgend? Vcmde erschienen nnd dnrch alle Vnchhandlnilgen zu beziehen: Assyrien und Mabyl'onien nach den uouestcu Gntdcckuugen. Von Dr. Fr. Klmlen, Professur dcr Thcolciqic .;„ Äoilii. Zwoite, erweiterte Ans läge. Mit 4!1 Illilstratioxril, eiucr Iuschrifttafel nnd zwei Kartrn. gv. 8". (VIII n, 222 S.) M. 4. In eleganleu, Original Umband, Leinwand nut reicher Deckcnpressnng /^, «. Der rühmlich bekannte Versasser hat seine frühere, für l'kinere Kreise bestimmte Schrift nber denselben ^egensland n!Nssestaltet und bedeutend erweitert. Die epuche, machenden ^ntdectnngen nnd Ä,i^gradnnssen i,l AsMim nnd ^abnlonien sind der ("egensiand des Vncheü, das bereits bei seinen, ersien Erscheinen so großen Beifall gefnnden. Ohne Ziveifel wird es in seiner nenen (Gestalt »och uiele ^rellilde zn den alten gewinnen. Illustrierte Bibliothek der Läudcr- uud Völkerkunde. Per Sargons-^alaft, rekonstruiert. (Probe der Illustration aus Kaulen, Assyrien und Babylomeu,) Illustrierte Mliothek der Mndcr- ulld Völkerkunde. I« ewige» ßife. (Probe der Illustration aus Jakob, Umere Erde,) Illustrierte Mliothek der Mldcr- uud Völkerkunde. Unsere Cröe. Astronomische und physische Geographie. Eine DnUlle zur Mder- uud Völkerliuntie. Von A. Jakov, k. Reals ch nlrelto r. Mit N»l» in dcil Tctt «ztdnlckien Hnlzschniltcu, 2li VoÜI'Udrrl! und rwcr Sptlllrnltnftl in Fnrl'tndrnck. gr. N", (XI u, 485) S.) ^1/, «. In cl^a>üc>n Original Embnnd, Leinwand nut reicher Deckenpressnug ^. 10. Ocstiitzt ans die ben'lhmlcsk'n Vertreter der wissenschaftlichen l^rdlnnde, entwickelt der Versasser, nicht in ^ouu eines trockenen Lehrbnches, sundern ix anschattlicher, lebendiger Darsiellnng, die wichtigsten kehren der astru noun scheu und physischen (Geographic. Das interessante, mit zahlreichen .Illustrationen geschmückte Buch zerfällt in snnf Abschnitte: 1. Die <5rdc, ein Stern unter Sternen. 2. Die Lufthülle der (5rde. A. Da« Meer'und sein organische« ^'eben, 4. Die Kontinente und ihr organisches Veben, 5. Der Mensch. Unter sorgsamer Berücksichtigung der ucnesten Ergebnisse der Forschung hat der Verfasser e6 verstanden, ein farbenreiches Bild der unlürücheu Verhälluisse unserer (^rde zu entwerfen, die Fülle uon Naturerscheinungen an der mannigfaltig gestalteten Oberfläche in geordneter, faßlicher Weife zu schildern, so daß das Wert' cin geogra^ phisches Haus- und Lesebuch im besten Sinne des Wortes ist. Illustrierte Bibliothek der Länder- und Völkerkunde. Zer Amazonas. Wandcrbildcr aus Peru, Vollvia und Noldlrasilicn von Damiau Freiherrn oou Schütz Holzhausen. Pralle dl'r Il!„str>iNü»: Ol»niÜ«,i!.Z,nl»!a!l«r unk O« 10 Vollluldern. gr. 8". (XV u. 243 S,) ^ 4. In eleganten: Original Einband, Leinioand init rcicher Deckenpressnng ^/. <>. Dor Verfasser hn! ncnnzchn Iahr^ in Anicrika, vi>,'r,zohn Jahre dnuo» in Pn!,, /'aliuia und Novdbrasilien ^nssclnacht. <'> ,^»!n Allanlischrn ^can, von de,^ Anetten de^ Amazonas I'is ^n seiner Vciindnnq Hai er grofte ^^anderunsscn nnler nonunen, bnld al^ thätiger Kolonisator nnd Pionier der Knllnr, bald al6 anfnierlsaincr Forschnngsreisendn' Nnßerdein hat er die beslen Arbeiten iiber jwe Länder zn Rate gezogen, wie die uon Ulloa. Veia^co, Martha,», Pates, Wallace. Agassis Wiener, Marcoy, Au<^Lalln»anl ». a., so daß sein Werl eine wirtliche Versicherung der geographischen Litteratilr ist. Illustrierte Bibliothek der Länder- und Völkerkunde. Mcnssa, Juma unt» O«nl»«r. Orissiimlzeichmmg von F. Specht. (Probe der Illustiation n»s l>. Schü^-tzolzhauscn, Tci AmazoilaZ.)