L M D 77073 NaroäriL in un'verritetnL kn^irnica PA L /. —^'' !^>Vi'<-r/»>^.^>>i> "H, ?«"PLk - ' ^>>.^!^ ..^'>^7^' , "7, ,> 2> ' <. ' ^>? '« .. ^WMAMG E^MZMWM LMOOFWäL 'V,-^--^.7^,7?"^^^' >.'' U^/ 77'^°^ <>7^ -»H UÄW^x^s^ . <^» ^E?1 Aus eigner ^jrH. Eine preisgekrönte Erzählung für die Jugend von Aals Nsrsih mit einer Vorrede von B. Planer, Communallehrer und Redacteur der „Neuen Jllustrirten Kinder-Zeitung." Motto: Jeder ist seines Glückes Schmied. Wien, 1878. Druck und Verlag von M- Waizner, I, Giselastraße 11. 77073 Indem wir die vorliegende Erzählung, welche von der Redaction der „Neuen Jllustrirteu Kinder-Zeitung" mit einem Preise ausgezeichnet wurde, in dieser Form der Oeffentlichkeit übergeben, fühlen wir uns gedrängt, einige Worte über die Jugendlectüre zu sagen. Jugendschriften sollen Kopf und Herz bilden und der Fassung?- und Ausdrucksweife des bezüglichen Alters angemesfen fein. Gute Jugendschriften sind eines der besten Mittel, den Geist des Kindes anzuregen, das Herz desselben zu bilden und seinem Willen eine gute Richtung zu geben. Sie müssen daher den Sinn für Wahrheit und Recht, das Gefühl für Sittlichkeit und Schönheit beleben, nähren und vervollkommnen. Sie müssen kindlich, aber nicht kindisch sein; sie dürfen auch nicht blos geistigen Genuß gewähren, dieser soll vielmehr nie als Selbstzweck hervor¬ treten. Daß die vorliegende Erzählung diesen Bedingungen entspricht, beweist das Urtheil der Preisrichter, welche im Verein mit dem Unterzeichneten unter neunzehn Erzählungen auf Grundlage obiger Erwägungen diese als des Preises würdig erklärten. Die Erzählung bringt, wie die Pädagogen von dieser Art der Jugendschriften verlangen, eine sittliche Idee zur Anschauung, führt dem jungen L-esor nachahmungswerthe Charactere, die aus dem Leben gegriffen sind, vor, und kämpft gegen ein noch vielfach — leider auch noch in Jugendkreisen — vorhandenes Vorurtheil erfolgreich an. IV Wir können der Erzählung keinen besseren Geleit¬ brief geben, als die Bitte an die Eltern und Erzieher der Jugend, die Erzählung zu lesen, was doch vor Uebergabe einer Jngendschrift in die Hand des Kindes in der Regel der Fall sein soll — und wir sind überzeugt: Sie werden das Büchlein, welches der Verleger nett aus¬ gestattet hat, ihren Kindern mit Vergnügen in die Hand geben. Und Ihr, meine jungen Freunde, die Ihr dieses Buch in die Hand nehmet, um in Eurer freien Zeit nützlich beschäftigt zu sein, leset dasselbe nicht flüchtig durch, um nur zu erfahren, wie das Ende ist; beobachtet das Thun und Lassen Gottlieb's, das manchen von Euch in seinen guten Vorsätzen bestärken soll, nehmet Euch O sk a r's Schicksale zu Herzen; seien sie Euch ein warnendes Büspiel auf dem Wege zum Bösen den ersten Schritt zu vermeiden. Und so gehe, kleines Büchlein, hinaus zu Deinen jungen Freunden und sei ihnen in ihren Mußestunden ein guter Gesellschafter! B. Armer, Communallehrer und Redacteur der „Neuen Jllustrirten Kinder-Zeitung." I. Kapitel. Die guten Nachbarn. In einem kleinen Marktflecken Schlesiens lebte die Witwe eines armen Flickschneiders nnd nährte sich schleckt und recht von ihrer Hände Arbeit; so schlecht, daß der Erwerb kaum hinreichte, das Allernothwendigste herbei zu schaffen. Gottlieb, ihr einziges Kind, war erst 10 Jahre alt nnd konnte noch nichts verdienen, denn der Knabe mußte fleißig zur Schule, um, wie, Vater selig, sagte, ein tüchtiger Mensch zu werden. Er trennte nnd bürstete wohl die alten Kleider, welche die Mutter flickte, aber dadurch kam eben an Verdienst nicht mehr ein. Seit einem guten Jahr schon ruhte Meister Leberecht in kühler Erde. Er Halle seinem Sohne nichts hinterlassen, als einen Schatz guter, alter Sprichwörter, nach denen er gelebt hatte. „In ihnen liegt die Religion des Herzens," Pflegte er oft zu sagen, „und sie geben uns mehr an Gemiitb nnd biederem Sinn, als es alle Bücherweisheit vermag." Wäre nur Frau Lebe recht eine starke, kräftige Fran gewesen, sie hätte die Flicklappen längst an den Nagel ge¬ hängt und wäre in den Tagelohn gegangen, denn auf dem Lande, wenn alles blüht und treibt, gibt es ja Arbeit genug. Allein die arme Frau war just keine Riesin, sondern eine schwache, kranke Frau, welche Kummer und eine un¬ heilbare Krankheit gar sehr darnieder drückten. 1 2 Der alte Doktor Edelmuth, der sie oft besuchte, ohne je nach Bezahlung zu fragen, pflegte zn sagen: „Schonet Euch, Frau Leberecht, Eure Brust ist krank und wenn Ihr einmal ins Bett kommet, kann ich Euch sobald nicht wieder auf die Beine bringen und was fängt dann Euer Gottliebchen an?" Da drückte die arme Frau dem guten Doktor wohl die Hand und sprach: „Nu, nn, der alte Gott lebt ja noch," sagte mein Leberecht immer, „und der verläßt keinen, der sich nicht selbst verläßt." Der Doktor aber war auch so einer vom alten Schrot und Korn und erwiderte: „Ihr habt recht, Meisterin und wem Gott 's Häschen gibt, dem gibt er auch 's Gräschen." Dann brachte er schmunzelnd Zucker und Kaffee und was sonst der armen Frau gut that, und legte es unbemerkt in irgend eine Ecke. Doktor Edelmuth hatte in den langen Jahren seiner ärztlichen Laufbahn gar viel Elend und Armuth gesehen und sich einen scharfen Blick für die Leiden der Menschen erworben. Mit einem Blicke erkannte er, wo die Krankheit saß, welche gar oft im Gemüthe ihren Platz hatte, nnd den Körper darnieder drückte und sein edles Herz war dann der Arzt, welcher das Gemnth heilte, damit auch der Körper gesunde. So wußte er auch ganz genau, wo bei Frau Leberecht das größere Uebel saß; es war die schwere Sorge um das täg¬ liche Brod und der gute Doktor schmuggelte unter allen Vor wänden Verschiedenes in's Haus, um ihr nur ja durch Almosen nicht wehe zu thun und sie nicht zu demüthigen, denn es ist traurig, Almosen annehmen zu müssen, wenn man so gerne arbeiten möchte. Auf dem Lande, wo die Verhältnisse und die An¬ sprüche an das Leben viel bescheidener sind, als in großen Städten, wo die Lente auf einen engeren Raum beschränkt sind; da rücken auch die Menschen einander naher, sie sind beinahe Alle mit einander verwandt. Die Jungen wachsen unter den Augen der Alten heran, und der Eine kennt den Andern, 3 ist er doch zur Schule mit ihm gegangen, oder hat ihm Pathe gestanden, oder ihn als kleinen Rangen auf dem Schooße gewiegt. Sie freuen sich mit einander, so recht vom Herzen und weinen mit dem Nächsten in seinem Leide. Oft ist die ganze Einwohnerschaft eines Ortes mit einander verwandt, kein Wunder, wenn ihre Geschicke mit einander verwachten sind und gar rührende Geschichten ließen sich erzählen aus dem Familien- und Nachbarleben auf dem Lande. So erleichterten auch die guten Nachbärn das Leben der armen Witwe, so viel sie konnten. Fran Leberecht hatte heute einen gar schlimmen Tag. Die arme Frau litt mehr als sonst und ihr Aechzen gieng einem ordentlich durch die Seele. Auch war kein Groschen im Hause und was noch weil, weit schlimmer ist, auch keine Arbeit und kein Brod. Trübe saß die Fran auf ihrem Bette und grämte sich und hustete oft so hohl .und schmerzlich, daß ihr der Helle Schweiß auf die Stirne trat. Da öffnete sich die Thür rind eine Helle Stimme rief: „Ei, guten Morgen, Frau Leberecht"! Es war Pächters Hanne, die Nachbarin, welche mit diesem freundlichen Gruße den Kopf zur Thüre hereinsteckte und sie machte gar große Augen, als sie Frau Leberecht so in sich zusammengebrochen dasitzeu sah, die eben wieder mit einem neuen Hustcnanfalle rang. Mit einem Sprunge war Frau Hanne au ihrer Seite, stützte sie, wischte ihr den Schweiß von der Stirne, holte kaltes Wasser, und sprach grollend immer dazwischen: „Dazu also hat man Nachbarn, damit mau so alleine dasitze mit seinem Jammer! Ich meine, dazu wäre Pächters Hanne doch noch gut, daß Ihr sie rufen könntet. So steht's nnn wieder mit Euch? Na, ist das ein Jammer mit so einem Menschenkind! Hat sich wieder gegrämt und gearbeitet, und keinen rechtschaffenen Bissen in den Magen bekommen! Ist mir eine schöne Geschichte das! Könnte hier zu Grunde gehen, ohne daß ein ehrliches Herz darum wüßte. Wolltet wieder nicht sagen, wo Euch der Schuh drückt, nicht wahr? Schüttelt nur mit dem Kopfe, so viel Ihr wollt, Frau 1* 4 Leberecht, ich weiß ja doch, was ich weiß und Ihr wisset ja, die Hanne ist nun mal die Hanne, und was die einmal weiß, darauf könnet Ihr schworen tote auf's heil. Evan¬ gelium. Und ich sagte es Euch oft geuug und der gute Doctor sagt es auch, „Frau Lebe recht, Ihr habet noch den Tod davon!" Aber Euer Mann, selig, sagte ja immer: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr", und bei Euch ist nun vollends Hopfen nud Malz verloren!" Bei den letzten Worten bückte sie sich rasch, nm die Augen unbemerkt zu trocknen. Frau Leberecht aber sagte mit matter Stimme: „Ich weiß, Hanne, Ihr meint es nicht bös mit mir, aber laßt es nur gut sein, nach dem Regen kommt ja doch alleweile der Sonnenschein und erblicke ich die liebe Sonne nicht mehr da, nun so wird sie mir wohl dort aufgehen, wo sie nicht mehr untergeht, an der Seite meines guten L e b e rechi." Fran Hanne rückte zornig die weiße Nachtmütze zurecht, stemmte die Hände in die mächtigen Hüften, ereiferte und sprach : „Ja laßt es nur gut fein, und das sagt Ihr so ge¬ lassen, als wie ein Mensch einen Trunk Wasser nimmt? Gut sein soll ich es lassen? Ich soll also ruhig zusehen, wie ein Menschenkind zu Grunde geht? Ich, Pächters Hanne? Als ob man kein Herz im Leibe Hütte! Gut, machet um¬ so fort, grämt Euch und arbeitet und esset nicht, und Jhe werdet Eure liebe Sonne bald sehen, die, welche nicht mehr untergeht, ja bald! !" Sie hatte die letzten Worte in weinerlichem Tone gesprochen und die Lippen zuckten gewaltig, um die Thräncn hinabzudrncken. Frau Lebe recht aber sagte ruhig: „So setzet mich in eine prächtige Stube und stellet unr¬ einen Säckel Dukaten daneben, und ich werde mich nicht mehr grämen und nicht arbeiten. Meine kranke Brust wird vielleicht noch gesund und Gottlieb ein tüchtiger Mensch, wie es sein Vater sehnlich wünschte." „Das werd' ich auch ohne Dukaten, Mutterle," sagte der Knabe, der, die Bücher unter'm Arm, so eben ans der Schule heimkam, und Vater, selig, sagte ja immer: .,Was man ordentlich will, das kann man auch!" 5 Frau Leberecht blickte freudig auf, als sie ihren Gottliep sah und so sprechen hörte, und sagte: „Nu, gebet Euch zufrieden, Frau H a u n e, ich werde nicht mehr arbeiten, weil ich keine Arbeit habe und dann — — " Sie griff nach ihrer kranken Brust, wo sie eben wieder einen heftigen Schmerz empfand und schwieg. Der freudige Zug, der einen Augenblick in ihren Zügen ruhte, schwand und mit einem trostlos schmerzlichen Blicke sah sie aus den Knaben, mit einem Blicke, in dem finstere Todcsbot- schaft lag, Frau Hanne verstand diesen Blick sehr wohl und eilte zur Thur hinaus, nm ihren Thränen freien Lauf zu lassen, bald aber nahm sie energisch den Zipfel ihrer großen, blauen Leinenschürze, trocknete die Angen und sprach zu sich selbst: „Hanne, Hanne, weinen hilft nichts, man mnß die Hände rühren, wie Meister Leber echt sagte, Nu freilich, Leben kann ich der Armen da drüben nicht geben," fuhr sie in ihrem Selbstgespräch fort, „aber erleichtern kann ich ihr's, ja das kann ich, nnd das will ich!" Nnd schon stand sie am Feuer nnd sprudelte und blies, daß nur so die Funken stoben, und kochte eine nahrhafte Suppe für die arme Fran, Dann gieng sie an den alten Schnbladkastcn, an dem die Messingschlösser reinlich glänzten, suchte dort ihre kleinen Ersparnisse zusammen, kaufte Brod und Fleisch und eilte dann mit Allem zu Frau Lederecht zurück. „Nu, nichts für ungut, Meisterin", sagte sie, die Thüre sachte öffnend, nm die Suppe nicht zu verschütten, nicht wahr, kaum ist die Hanne fort, ist sie auch schon wie¬ der da, die leibhaftige Plage, und wenn Jemand au die Thüre pocht, wahrlich, Ihr dürfet nicht erst fragen, es ist die Hanne. Nu, wie gesagt, nichts für ungut, aber seht", — sie setzte den kleinen Topf nnd Brod und Fleisch ans die Ofenbank — „da bringt mir das närrische Ding da, Schulzen's Magd eine Eiersuppe, weil ich ihr letzthin sagte, es wäre nicht Alles richtig in meinem Magen. Da dacht ich: Hui! das wäre was für die gute Frau Leberecht, denn das ist was für die Brust und nicht für den Magen. Ei, wehret doch nicht ab, 's ist ja eine wahre Lächerlichkeit, ich, 6 eine Eiersuppe! Hat man das seine Lebetage gehört? Seht mich mal an" — sie richtete ihre ganze robuste Gestalt in die Höhe — da nehmet sic nur geschwinde, die Hanne muß sich ja schämen mit solcher Puppenkvst! Euch kann so was gut thnn, aber mir? Ja, wär's eine Kernsuppe, bei Leibe! Ihr solltet kein Tröpfchen davon bekommen und denket Euch, Mei steriu, bringet noch dazu zwei Riesenlaibe Brod und diesen mächtigen Klumpen Fleisch da. S'ist eine wahre Schande, als ob mau so 'n Riesen wagen hätte. Da hilft schon nichts, mein Gottliebchen, Du mußt schon mal mitthun, daß wir das Essen fertig kriegen!" Indem sie den Armen auf diese Weise das Nehmen erleichterte, rührte sie geschäftig die Suppe, damit sie ver¬ kühle, schnitt dem Knaben ein Stück Brod, das er schon mit den Augen verschlang, und fuhr fort: „Und morgen koche ich Euch ein kräftiges Mal. Schüttelt nicht mit dem Kopfe, Ihr werdet mir's ja zurück- zahlen, freilich, und auch nicht ein Krümchen soll Euch geschenkt bleiben!" Das ehrliche Gesicht der guten Alten wurde ordent¬ lich noch breiter, als sie sah, mit welchem Behagen die Kranke die Suppe schlürfte, und welche herzhaften Bissen Gottliebchen in das Brod machte. Sie hatte das Herz eben auf dem rechten Flecke, und obwohl sie nur mit Mühe lesen und schreiben konnte und nicht wußte, was in den Büchern geschrieben stand, hatte sie einen heitern Geist, und ihr Mitgefühl für die Leiden ihrer Nächsten ließ sie mit Zartsinn auf eine edle Weise wohlthun. Sie hatte eine Art, dies zu thun, wodurch sie der Wohlthat den Stachel nahm, der ihr oft anhaflet, und in ihrer derb-gntmüthigen Weise nahm sie ihr alles Deiuü- thigeude; ja sie kam, wie es stets sein sollte, den Bedürf¬ nissen zuvor, und so stand die ungebildete Frau ans einer Höhe mit dem gebildeten Doctor EHelmuth. 7 Frau Hanne war selbst Witwe nnd lebte spärlich von einer kleinen Pension. Doch, was sie entbehren konnte, theilte sie gerne mit Andern, des schönen Sprnches eingedenk: „Wohlthaten, still und rein gegeben, Sind Todte, die im Grabe leben; Sind Blumen, die im Sturm' besteh'n, Und Sterne, die nicht untergeh'n." Zufrieden entfernte sie sich nun und sagte in der Thüre, noch mit dem Finger drohend: „Nur nicht gegrämt nnd nicht gearbeitet, und hübsch ruhig geblieben, und morgen kochen wir ein gutes, kräftiges Mal, denn morgen ist — Feiertag! 2. Kapitel. Verwaist. Und morgen war's Feiertag. Die Sonne sandte ihre hellsten Strahlen hernieder aus die Erde; Alles sproßte und blühte, die Vögel schmetter¬ ten ihre hellsten Töne in die Luft, die Glocken vom nahen Kirchlein klangen feierlich, und die Orgelklänge, welche nach und nach erstorben, verbreiteten eine gewisse Weihe über Feld und Wiese und über die kleinen weißgelünchten Häuser des Dorfes, daß man den Sonntag ihnen ordentlich ansah, der eine friedliche Ruhe über die Landschaft ansgoß. Ja, das war der Tag des Herrn. Aber in dem Stübchen der armen Frau Leberecht sah es lange nicht so goldig aus, denn da lag ein müdes, trostloses Menschenkind in seinem Jammer; ein Mntterherz, das sich mit aller Kraft an das Leben klammert, weil es sein Theuerstes hier znrückläßt — sein Kind. Frau Leberecht lag schwer krank auf ihrem ärm¬ lichen Bette, das ein Muster von Reinlichkeit war. Ihre Wangen waren eingefallener als je, ihre Augen glüh¬ ten fieberhaft, um dieselben lagen graue Schatten, wie Schatten des Todes, und die Brust athmete schwer und hohl. Sie hielt die Hände gefaltet und schien zu beten, während die Thcäueu über die bleichen Wangen herabrvllten. Gottlieb saß au ihrem Bette. Er hatte die Hand auf ihren Arm gelegt und hielt den Blick unabwendbar auf die geliebten Züge gerichtet. s Weinen mochte und konnte er nicht, weil das arme Mntterle sich noch mehr grämen würde, er wußte es genau, seine Thränen hätten ihr mehr wehe gethan, als Alles, und der zurückgehaltene Schmerz schnürte ihm die Brust zusammen. Stille lauschte er ihren Worten, und leise sprach sie zu ihm und mahnte ihn, an Vater, selig, und an alle seine Lehren zu denken und auch die guten alten Sprichwörter recht im Gedächtnisse zu behalten, die doch dem Vater über das Schwerste immer hinweggeholfen. Und wenn sie erschöpft schwieg, dann streichelte sie sein liebes, blondes Haupt mit ihren mageren, fast durchsichti¬ gen Händen und fragte dann nach einer Weile wieder: „Und Du wirst Alles hübsch behalten, was ich jetzt gesprochen, nicht wahr, mein Kinv? und wirst so leben, als ob Dir Vater und Mutter noch lebten ; dann werden wir Dir auch nicht gestorben sein!" „Mein Mntterle, mein liebes Mntterle, Du darfst nicht sterben!" schluchzte der Knabe tief, mehr aber konnte er nichthervocbringen, denn es schwamm Alles vor seinen Augen, und ein furchtbares Gefühl preßte ihm die Kehle zusammen, daß er fast zu ersticken meinte. Die Worte aber, welche die Mutter zu dem Kinde gesprochen, senkten sich wie un¬ zählige leuchtende Punkte in das Herz des Knaben. Sie hatte ihm Alles gesagt, wie sie's auf dem Herzen hatte und sie wußte, daß er es befolgen werde. Mit dieser Zuversicht war jeder Schmerz von ihr ge¬ wichen, und mit fast verklärten Augen blickte sie in das Gesicht des Knaben. Er ahnte wohl, daß sein Mütterchen sterben werde, aber der Anne wußte nicht, wie nahe dieser für ihn so fürchterliche Augenblick sei. Jetzt trat Frau Hanne ein, welche den Doctor Edelmuth hinausbegleitet hatte, um zu erfahren, wie es mit der Meisterin stehe. Der gute Doclor halte der Kran¬ ken die Hand gedrückt und ihr gesagt: „Auf Wiedersehen! Frau Leberecht." Sie hatte ihn Wohl verstanden und still mit dem Kopfe genickt, und draußen sagte er zur Frau Hanne: 2 10 „Meine liebe Frau Hanne, da kann nur der liebe Herr Gott helfen!" D'rum rieb sich Frau Hanne die Augen, als sie in's Zimmer trat, und war bitterböse auf den Rauch, der jahraus, jahrein in Leberecht's Küche sei. Die Kranke aber lächelte und sprach: „Kommet nur her, Fran Hanne und gebet mir Euere Hand. So! Ihr seid ein wackeres H^z und müsset Euch Euerer Thronen nicht schämen und es nicht auf den Ranch schieben, wo Ihr gar kein Feuer in der Küche habet. Ihr müsset Euch auch nicht verstellen, ich kenne Euch ja doch. Ich weiß ja, daß ich sterben muß, und fürchte den Tod nicht. Wisset Ihr nicht, wie mein Mann, selig, sagte: „Wer recht gelebt hat, scheuet nicht den Tod?" Ich fühle, daß ich gehen muß, und wie Einer, der eine große Reise unternimmt, will ich Euch Lebewohl sagen. Ihr habet uns geliebt, mich und meinen Mann, selig, wie eine Mutter, wie eine Schwester." ----— Die Kranke schwieg erschöpft. Frau Hanne, um ihre Rührung zu verbergen, machte sich zu schaffen, strich die Decke auf dem Krankenbette zurecht und schob die Kissen gerade. Frau Lebe recht sah sie bittend an und dann den Knaben und fuhr fort: „Danken kann ich Euch nicht, aber der Gottlieb wird-— Ihr seid ja so gut nnd-." „Ja, ja, ich werde Alles, Alles"—, schluchzte Frau Hanne und legte, wie zur Betheuerung, des Knaben Haupt zärtlich an ihre Brust. Der Zustand der armen Kranken verschlimmerte sich von Stunde zu Stunde, den ganzen Tag war sie stille und erschöpft dagelegen, gegen Abend rief sie den Knaben zu sich, legte die Hand ans sein Haupt, seufzte tief auf uud schloß die müden Augen-für immer. Vom Kirchlein drüben läuteten die Abendglocken zur Ruhe, und wie eine brausende Woge schwoll das Gebet: „Eine feste Burg ist unser Gott", herüber, die Todie zu grüßen, deren Seele sich jetzt aufschwang in jene bessere Welt, wo — die Sonne nicht mehr untergeht. -ft q- 11 So hatte denn der arme Gottlieb keine Mutter mehr. „Vater, selig, hatte immer gesagt: „Einen Vater kannst Du Dir nicht auf dem Markte kaufen/' O, auch eine Mutter nicht!" schluchzte er und stützte den Kopf weinend auf ihren Sarg. Wie war sie doch voll Liebe gegen ihn gewesen, so sanft und geduldig in ihren Leiden! O, sie war viel, viel schöner, als alle die Heiligen auf den großen Bildern in der Kirche, war sie ja doch seine Mutter, die seine Kindheit mit einem goldenen Schimmer übergoß. Und nun hatte er auch sie verloren und stand so mutterseelenallein in der großen, weiten Welt. Die Leute auf dem Lande sind meist noch voll Aber¬ glauben und haben oft eine unerklärliche Furcht vor einem Todten. Sie bekreuzten sich und schlugen die Hände über'm Kopf zusammen, als es schon dunkelte, und der Knabe nicht von dem Sarge weichen wollte, ja auch des Nachts daznbleiben begehrte, und mit heimlichem Schauder ließen sie ihn endlich allein. Gottlieb aber kannte keine Furcht, und wenn cs ihn einen Augenblick wie leises Grauen anwaudelte, da sah er in die sanften lieben Züge des todten Mütterchens, und alle Furcht war verschwunden. Vater, selig, hatte immer gesagt: „Die Furcht kommt nur vom bösen Gewissen und vom Unverstände. Menschen, die Böses gethan haben, fürchten sich, weil sie unwillkür¬ lich die ihnen gebührende Strafe erwarten, und dumme Leute fürchten sich auch, weil sie sich die Dinge, wie sie sind, nicht erklären können. Geister und Gespenster gibt es nicht und hat es nie gegeben, ja es ist eine große Sünde, sich solche zu denken und ihnen eine Allmacht, gleich dem lieben Gotte, zuzutrauen. Wo bleibt denn dann der liebe Gott, wenn Andere das auch können, was er im Stande ist? Es ist auch Niemand auf der Welt, der Geister oder Gespenster oder Hexen gesehen hätte. Die, welche es behaupteten, waren entweder dumm und glaubten an die Bilder ihrer Ein¬ bildungskraft, oder sie waren Betrüger und redeten den Anderen Dieses oder Jenes ein, um aus der Dummheit letzterer Nutzen zu ziehen. 2* 12 Wie könnte es auch Gott in seiner unendlichen Güte zulassen, daß es Geister und Gespenster gäbe, die uns durch ihre Macht schaden könnten? Und doch gibt es Leute, die da glauben, es gehöre mit zur Frömmigkeit, an derlei Dinge zu glauben. O, wie sehr sind sie im Jrrthume, weil sie nur das glauben, was sie von Andern hörten, ohne sich je die Mühe zu nehmen, nachzudenken. Ja, sie sündigen gegen den lieben Gott, denn sie trauen andern Wesen die¬ selbe Kraft, dieselbe Güte, dieselbe Allmacht zu. Wie lächerlich ist nun erst die Furcht vor einem Tobten. Die können ja nicht aufstehen, sonst lägen sie ge¬ wiß nicht so starr und steif in ihren Särgen." Anfangs verstand Gottlieb nicht ganz, was Vater, selig, meinte, aber oft, wenn Frau Hanne oder 's Mütterle ihm Märchen erzählt hatten, sah er Nachts, wenn er erwachte, in irgend einer Zimmerecke ein Unge- thüm mit rother Zunge und feuersprühenden Augen, oder sah kleine Kobolde, die ihn neckten und schreckten und mit ihm ihr Unwesen trieben. Da zog er die Decke weit über den Kopf, drückte die Augen fest zu, aber er mochte sie noch so fest schließen, er sah doch immer die bösen Geister, bis er vor Angst jämmerlich zu schreien ansieng und nach dem Vater rief. Doch Vater, selig, hatte ihn bei der Hand genommen, hatte ihn dann in die schreckliche Ecke geführt, und das Un¬ geheuer — war Vaters Rock und Mütze, die dort am Nagel hiengen. „Nu, meinst Du, Gottliebchen, eines von Deinen Ungeheuern hätte sich vor einem solchen Zwerge, wie ich ihm gegenüber bin, gefürchtet und wäre vor mir da- vongcrannt?" fragte er ihn dann. Wie sollte er sich nun vor seiner Mutter fürchten? Sie, die ihn so sehr geliebt; sie sollte ihm nun, weil sie todt ist, Böses zufügen wollen? Ruhig und ohne Furcht sah er daher in ihre lieben sanften Züge, bis sein Kopf sich müde senkte und ein wohlthätiger Schlummer seine Augen schloß. Da rauschte es leise in den Blüthen, welche die guten Nachbarn auf den Sarg gelegt, langsam hoben sich ihre 13 Kronen und schwebten empor, und bildeten eine herrliche Brücke, auf welcher ein Heller Sonnenstrahl glitzerte, und dann hob sich das Mutterle und schwebte auf dieser Brücke dem Himmel zu. Sie hatte ein schneeweißes, wallendes Ge¬ wand und zwei schneeweiße Flügel an den Schultern und ihr Gesicht war kreideweiß, aber beinahe durchsichtig, und sie hatte keine Furchen in den Wangen und sah ganz so aus, wie die Engel auf den großen Fahnen in der Kirche, wie sie dem Himmel zuschweben. Ihre Lippen schienen sich zu bewegen, und obwohl Gottlieb keinWorthörte, verstander sie doch, undeswar ihm, als spräche sie unendlich lange und liebevoll zu ihm, und als wären es immer nur die Worte: „Liebe mich immer und sei gut, und durch Deine Liebe werde ich stets um Dich sein!" Dann nahm sie eine weiße Rose aus dem Kranze, welcher ihr Haupt zierte, warf sie ihm in den Schooß, lächelte ihm zu, sah ihu noch einmal an und schwebte aufwärts, bis nur noch ihre weißen Gewänder wie Schneewölkchen schimmerten, aus denen er noch ihre lieben Augen, ihn grüßend, zu sehen meinte. Dann öffnete sich der Himmel, es rauschte wie wunderbare Musik, und Gottlieb erwachte. Eine weiße Rose vom Sarge der Mutter War ihm in den Schooß gefallen, draußen standen die Musikanten des Dorfes und spielten ein gar traurig' Lied. Frau Hanne steckte große Kerzen in die Leuchter, und die guten Nach¬ barn umstanden weinend den Sarg. Jeder wußte etwas Gutes zu erzählen von der Verblichenen, Jeder hatte ein Wort, einen Händedruck für den armen Jungen, und dieser legte die Roie vom Sarge der Mutter in sein Gebetbüch¬ lein, und ihm war es, als müsse selbe ihn nun vor allem Bösen bewahren. Noch eine letzte Scholle auf das Grab der Mutter aus der Hand des Kindes und — Frau Hanne führte die jammernde Waise nach Hause. 3. Kapitel. Unverhofft kommt oft. Seit diesen traurigen Ereignissen waren einige Wochen verflossen. Fran Hanne saß in ihrer reinlich gefegten Stube am Fenster und strickte emsig die Maschen von den Nadeln ab, indem sie verstohlen oft hinter den Augen¬ gläsern nach dem Knaben hinübersah, der an dem großen alten Eichentische saß. Er hatte eben seine Schularbeiten fertig gebracht und blätterte in dem alten Gcbetbnchlein seines lieben Mütter¬ leins. Es war ihm so wehe und doch so trostreich dabei zu Muthe, denn auf jedem Blatte fand er irgend ein Zei¬ chen ihrer lieben Hand, ein dürres Blümchen, das sie hin¬ eingelegt, da lag auch die weiße Rose von ihrem Sarge, und daneben ein Vergißmeinnichtchen auf einem sehr abge¬ griffenen Blatte, auf welchem die Worte zu lesen waren: „Gebet einer Mutter für ihr Kind/' Wie oft mag ihr Blick voll Inbrunst auf diesen Zeilen geruht baben? Die Blümchen sahen die arme Waise mit ihren lieb¬ lichen Blumenaugeu so wehmüthig frcundlick: an, als ob sic selbe vom todten Mütterlein grüßten und liebliche Ge¬ schichten von ihr erzählten, so daß der Knabe nicht wußte, wie ihm geschah, aber die Erinnerung an sie legten sich ihm so warm und weich um's Herz, daß er unwillkür¬ lich ausrief: „Nein, nein, mein liebes Mütterle, ich will Dich nie, nie vergessen!" 18 Frau Hanne hatte oft verstohlen nach dem Knaben hinttbergesehen, wobei sie jedesmal tief seufzte. Ach, es lag ihr gewiß irgend etwas sehr schwer auf dem Herzen, und immer emsiger und schneller strickten ihre alten müden Hände die Maschen ab, als wollte sie durch diese Bewegung ihre Angst bemeistern. Gottlieb solle in ein Waisenhaus, meinte der Schulze, da sie ihn, so gerne sie auch wollte, nicht behalten könne. Schon einige Male hatte sie sich heute gerüstet, um mit dem Knaben darüber zu sprechen und ihn vorzu¬ bereiten, doch jedesmal war es ihr, als ob ihr das Wort in der Kehle stecken bliebe. Nun aber mußte es doch geschehen. Sie räusperte sich, besah den Strickstrumpf, zog ihn stramm, als wollte sie prüfen, ob er lang genug sei, putzte die Brille und blickte scheu nach dem Knaben. Un¬ zufrieden mit sich selbst, schüttelte sie dann den Kopf, denn sie fand nicht den Muth zu spreckeu. Endlich aber faßte sie sich ein Herz und rief leise, als fürchtete sie sich selbst vor dem, was sie sagen wollte: „Gottlieb, Gott li e b chen!" Noch hatte der Knabe nicht Zeit, auf ihren Ruf herbeizukommen, als es an die Thüre pochte. Wer mochte das sein? Die Nachbarn giengen so zwanglos aus und ein bei Pächters Hanne, daß sie nicht erst anpochten. Voll Staunen den Blick erwartungsvoll auf die Thüre gerichtet, rief Frau Hanne: „Herein!" Da trat eine hohe, schlanke Frau iu die Stube, die so einfach und so vornehm dabei aussah, daß Frau Hanne aufstand, mit ihren Händen die beiden Enden ihrer Schürze erfaßte, und einen tiefen Knix machte. Die Fremde aber fragte mit einer sanften, wohlklingenden Stimme, die sich einem so recht warm an's Herz legte: „Seid Ihr Pächters Hanne, gute Frau?" „Zu dienen!" sagte diese, wieder einen tiefen Knix machend. „Verzeiht, gute Frau, ist dieser Knabe hier der Gottlieb Leberecht?" „Zu dienen!" 16 Frau Hanne hatte vor Staunen noch nicht Zeit ge¬ funden, der fremden Frau einen Stuhl anzubieten. Diese aber schob sich einen der altmodischen, schweren Eichenstühlc heran, setzte sich anmuthig nieder und sprach: „Nun nehmt Euch einen Sessel an meiner Seite, gute Frau, ich habe mit Euch wegen dieses Knaben zu reden." Gotilieb's Wangen färbten sich, er horchte hoch auf, und Fran Hanne setzte sich auf das äußerste Ende eines Sessels verlegen nieder, während die Frau also sprach: „Wisset, gute Frau! Die Sache ist die. Ich habe einen kleinen Jungen, der ungefähr so alt sein mag, wie der Gottlieb da. Mein-" Sie wollte etwas sagen, was ihr schwer ankvmmen mußte, und darum stockte sie. Sie seufzte und sagte dann, indem ihr liebes Gesichtchen ganz roth wurde vor Verlegenheit: „Mein Oskar ist ein wilder Junge und - nun ich muß es doch einmal sagen, - — er ist nicht so, wie er sein sollte. Unser Hofmeister meinte, wenn er einen lieben, fleißigen Knaben an seiner Seite hätte, der durch Sanftmuth, Geduld und verständiges Betragen ihm ein gutes Beispiel gäbe, so wäre das auf seinen launenhaften, trägen Charakter von gutem Einflüsse. Da nannte mir letzthin der Lehrer an Ihrer Schule den Gottlieb Lebe¬ recht als einen fleißigen, braven Knaben, der nun ganz verwaist dastehe. Ich habe nichts auf dieser Welt, als mein Kind," fuhr sie mit zitternder Stimme fort, „und wein einziger Wunsch ist, ihn zu einem ordentlichen Menschen zu erziehen D'rum gebet mir den Knaben und erhöret die Bitte eines besorgten Mutterherzens. Ich werde ihn lieben, wie einen Sohn und für ihn sorgen!" Als Frau Hanne sie erstaunt ausah, faßte sie mit ihren kleinen, zarten, duftigen Händen liebevoll die robuste, von der Arbeit schwielige Hand der Frau Hanne und sprach: „Fasset doch Vertrauen zn mir, ich bin die neue Herrin vom Schlosse da drüben, dessen Zinnen Ihr da aus Euerem Fenster sehen könnet, gebet mir den Knaben mit!" 17 Sie hielt inne und sah Frau Hanne so bittend an, daß diese von einer tiefen Rührung erfaßt wurde. Ehrfurchts¬ voll stand sie auf, allein ihre Füße zitterten vor Erregung, und sie mußte sich wieder niedersetzen. „Unverhofft kommt oft", hatte Meister Leberecht immer gesagt. Ja, unverhofft kommt oft. So¬ eben war sie dagesefsen und hatte sich abgehärmt darüber, was aus dem armen Jungen werden sollte, und nun führte der liebe Gott einen Engel daher in Gestalt dieser lieben, sanften, vornehmen Frau, einen Engel, der ihn unter seine Flügel nehmen wollte. Sie faltete die Hände wie zum Gebete und sprach bewegt: „Ich geb' Euch den Knaben mit Freude, denn Euere Worte können nicht lügen, nein, sie können nicht lügen, so wenig wie Euere sanften, guten Augen. Nun aber fraget den Knaben selbst, ob er mit Euch kommen mag!" Gottlieb war während dieses kurzen Gespräches leise herangeschlichen, legte jetzt seine beiden Arme schmeichelnd um den Hals seiner alten Freundin und fragte bittend: „Frau Hanne, warum wollt Ihr, daß ich sort- gehe, hab' ich Euch nicht recht gethan in Allem und Je¬ dem? Ich habe mir doch so viel Mühe genommen, lasset mich bei Euch!" Da nahm ihn die fremde Frau zutraulich bei der Hand und erzählte ihm, wie sie selbst früh verwaist ge¬ wesen, wie sie ihn schon darum lieben wolle, wie er recht viel lernen solle mit ihrem Sohne zusammen. Als sie so sprach mit ihrer lieben, sanften Stimme, da schmiegte sich der Knabe immer fester an sie, sie streichelte ganz wie Mutter, selig, mit der kleinen zarten Hand über sein blon¬ des Haupt, und sie war ihm nicht mehr fremd, er verlor alle Scheu vor ihrer Vornehmheit, und nach einer Weile saß er im Wagen, der mittlerweile langsam herangefahren kam an Frau Hanne's Thüre. 3 18 Die Nachbarn standen mit offenem Munde und starr¬ ten ihm kopfschüttelnd nach, die Straßenjungen hatten sich hinten aufgesetzt, und einige waren eine Weile dem Wagen nachgerannt. Fran Hanne aber sah um sich und meinte, sie habe geschlafen und geträumt, allein der Platz, wo Gottlieb gesessen, war leer, und auf den Wangen fühlte sie noch die Spur der Thronen, welche der Knabe dort zurückgelassen. Wieder strickte sie emsig und murmelte: „Ja, ja, Meister Lebe recht, Ihr habet Recht gehabt: „Unver¬ hofft kommt oft!" 4 Capitcl. Im neuen Heim. Es war ein Heller Juni-Nachmittag. Die Spring¬ brunnen im Schloßgarten der Frau von E lf e n h e im warfen ihre Strahlen in breiten Regenbogenfarben hoch hinauf in die klare, reine Luft und fielen glitzernd und fchimmernd mit melodischem Geräusche zurück auf den Rücken einer steinernen Meerjungfrau oder eines Delfins, während ein kleiner bausbackiger Triton mit menschlichem Oberkörper und geringeltem Fischschwanze durch eine Muscheltrompete den Strahl mächtig wieder aus vollen Backen in die Höhe blies. Die Blumenbeete prangten in herrlicher Fülle; dort in kunstvoll gefügter Grotte plätscherte eine kühle Quelle; in Nischen, aus Jasmin und Flieder gebildet, winkte eine marmorglänzende Terpsichore, die Göttin des Tanzes, oder ein Apoll, der Gott des Gesanges, die Lyra in der Hand, das goldene Stirnband durch'» Haar gewunden. Eine lächelnde Blumengöttin streute Blüthen aus goldenem Füll¬ horn auf die Erde, die Fenster des Schlosses schimmerten, wie eitel Gold, im Abeudsounenglanze, und wenn man das zarte Fraueuautlitz sah, das sich aus einem der Fenster neigte und lächelnd auf das Spiel zweier Knaben herabsah, war man versucht, das ganze schöne Bild für ein Feen¬ märchen und die holde Fran dort oben, mit dem zarten, weißen Gesichtchen für eine Zauber-Prinzessin zu hal¬ ten. Es war Frau von Elfenheim und die beiden Kna¬ ben waren Gottlieb und ihr Sohn Oskar. 3* 20 Ja es ist unser Gottliebchen, und doch ist eres wieder nicht Er ist groß geworden, seitdem wir ihn nicht ge¬ sehen, aber er sieht gedrückt aus uud blickt so still-traurig vor sich hin, als ob er sich hier gar nicht heimisch fühlte, seine Wangen sind bleich; nicht so lebensfreudig und kindlich froh blickt er in die Welt wie einst, sondern müde und traurig steht er da, und wer ihn ansieht, der fühlt es gleich heraus, daß er in dem schönen Schlosse, in dieser Blüthenpracht des Gartens, gar nicht glücklich sei. Jetzt warf Oskar den Ball hin, mit dem sie spielten und sagte trotzig : „Nun aber mag ich nicht mehr, hörst Du, ich mag nicht mehr!" Dabei stampfte er zornig mit dem Fuße. „Ich mag nicht mehr, weil Du den Ball immer fängst und ich ihn niemals fangen kann!" „Ich kann doch nicht dafür," sagte Gottlieb sanft, „Du bist zu ungestüm, und darum verfehlst Du den Ball stets. Ich habe ihn schon einige Male absichtlich nicht gefan¬ gen, um Dir Freude zu machen, und das war Dir auch nicht recht." Diese zarte Aufmerksamkeit Gvttlieb's ärgerte Oskar noch mehr und er erwiderte stolz: „Ich brauche von Dir keine Gnade. Aber Du thust mir nichts recht und benimmst Dich mir gegenüber, als ob Du ein König wärest. Du bist aber nur ein dummer, dummer -- Betteljunge." Er stieß das letzte Wort ungestüm hervor, als ob er sich selbst davor fürchtete, Gottlieb aber ließ den Ball sin¬ ken und wurde blutroth im Gesichte bis an die Schläfen, während er die heißen Thränen zurückzudrängeu suchte, die ihm in's Auge traten. Wie oft hatte er das entsetzliche Wort hören müssen! Immer klang cs ihm in den Ohren, in den Blicken der Dienerschaft stand es deutlich geschrieben, überall tönte es ihm entgegen und ängstlich blickte er jetzt um sich, als müßten es die Vögel auf den Bäumen zwitschern, bald aber besann er sich wieder und hob stolz den Kopf in die Höhe, denn, Vater, selig, sagte ja immer: „Armuth sei keine 21 Schande," aber er sagte auch „Geduld überwinde jedes Ungemach" und dieses Bewußtsein stärkte den armen Gott¬ lieb, der gar viel Geduld haben mußte, denn Oskar war in der That nicht, wie er sein sollte, er war ein verwöhnter, trotziger, launenhafter Junge, den ein in Voruriheilen aus¬ gewachsener Vater in blinder Liebe verzog, und dem man Alles nachgeben mußte, wollte man es nicht mit dem Herrn und Gebieter verderben. Dieser aber, der große Reichthümer geerbt hatte, war stolz und herrschsüchtig und in dem Wahne befangen, daß Rang und Reichthum dem Mensche» einen Werth verleihen. Er konnte es darum nicht fassen, wie der rechtschaffene Manu, der Kenntnisse und einen ehrlichen Charakter besitzt, in seinem Arbeiterkittel mehr werth sei als Rang und Reich¬ thum, die wie bunte Lappen an dem Menschen herabhän¬ gen, wenn er nicht einen klaren Verstand und das Herz auf dem rechten Flecke hat. Meister Le bere ch t hatte oft gesagt: „Nimmt mau solchen Menschen die bunten Anhängsel, was bleibt dann übrig? Nichts!" Rang und Reichthum waren bei Herrn v. Elfen heim nur bunte Anhängsel. Er behandelte seine Untergebenen lieblos und ungerecht, und sie fürchteten ihn, ohne ihn zu lieben. Gottlieb war ihm bei seinem hochfahrenden Sinn nun vollends ein Dorn im Auge und warum? ' Der Knabe lernte brav und das ärgerte ihn. Aber Vater, selig, sagte: „Man lerne, was man kann, man trägt nicht schwer daran," während Oskar der Meinung war, er brauche nicht zu lernen, denn sein Vater sei reich, und er werde nie arbeiten müssen. Der Hofmeister, der den Gottlieb sehr lieb hatte, hätte ihn wohl vernachlässigen können, um dem Grafen zu gefallen, allein er war ein rechtschaffener Mann, der sich nie zu einer Lüge erniedrigen mochte, um Jemandem zu gefallen. Er schaute also tüchtig auf den armen, verlassenen Jungen, und dieser lernte weit über seine Jahre hinaus. Was aber den Herrn von Elfenh ei in zumeist ärgerte, war, daß Gottlieb bei Allem und Jedem eine Würde zur Schau trug, als wäre er ein Prinz; so sehr vermögen 22 ein edles Herz und edle Gesinnungen den Menschen zu adeln, und im Zvrne nannte der Graf diese edle Geradheit und Unerschrockenheit des Knaben eine „bettelhafle Anmaßung." Ach, wie war es so ganz anders geworden, als die Gräfin versprochen hatte; allein sie war unschuldig daran, sie konnte auch den armen Gottlieb nie schützen, ohne sich selbst der Ungerechtigkeit ihres Mannes auszusetzen, und es war in ihrem ganzen Wesen etwas so wehmuthig-trauriges, daß man, ohne recht zu wissen, warum, Mitleid fühlte, wenn man sie ansah; waren ja auch ihre Hoffnungen nicht erfüllt, denn unter solchen Umständen konnte Gottlieb nicht auf das Gemüth des Knaben wirken, sondern er war nur eine Zielscheibe mehr seiner Launen. Ach, wie sehnte sich der arme Knabe nach dem lieben, trauten Stübchen der Frau Hanne, und mit welcher Liebe dachte er an den stillen Frieden im Elternhanse! Doch Vater, selig, hatte ja immer gesagt: „Verzeihen ist die schönste Rache." Darum verscheuchte er allen Groll und wollte sich dem Oskar nähern, nm ihm, obwohl er ihm sehr wehe gethan, die Hand zu bieten, als sich ein Zufall ereig¬ nete, der für sein Leben entscheidend sein sollte. Vom Eingänge des Gartens her näherte sich schüch¬ tern und unter vielen Bücklingen ein Mann mit langem Rock und langem Barte; es war ein jüdischer Krämer mit ehrlichem, freundlichem Gesichte, der mit den großen, schwarzen Angen gar gutmüthig hinter den buschigen Brauen hervorblickte. Leopold Braun war ein grundgescheidter Kopf, wie seine Freunde behaupteten; auf seinen Wande¬ rungen Haire er sich feine Manieren und eine schöne Sprache angeeignet, so daß die Leute behaupteten, er könnte auch mit dem Kaiser sprechen, ohne sich schämen zu müssen. Er hatte ein Ange für alles Schöne und Gute, strebte immer nach Besserem und machte sich Alles, was er sah, zu Nutze. Vor Sem Schloßthore stand sein Wägelchen mit grauer Leinwand überdeckt, wie man sie oft auf dem Lande sieht, und aus dem zwei schwarzäugige, krause Kinderköpfchen neugierig hervorsaheu, während die Frau, die in ihren jüngeren Jahren schön wie eine Judith ausgeseheu haben mag, den magern Gaul am Zügel hielt. 28 Der Jude näherte sich also unter vielen Bücklingen den beiden Knaben, welche ihn einen Augenblick erstaunt anstarrten. „Wo kommet Ihr her?" herrschte ihn endlich Oskar au. „Wer erlaubte Euch in den Garten hier einzudringen'?" „Verzeihen unterthänigst, mein gnädiger, junger Herr, aber ich bin ein armer Handelsmann und fahre zu den hohen Herrschaften herum, die so gnädig sind, mir meine Maaren abznkanfen. Ich bin zu der alten Herrschast, die früher da gewohnt bat, auch gekommen, die hat den Leopold Braun sehr freundlich behandelt, weil sie gesehen hat, daß er ein rechtschaffener Mann ist. Gott segne die gute Herrschast, sie ließ mir, armen Manne, manches Profitchen zukommen, und da hab' ich gedacht, ich werde mit der neuen Herrschaft auch ein Geschäft machen können. Seien Sie nun nicht böse, mein junger, gnädiger Herr, und haben Sie die Gnade, der Fran Mutter zu melden, daß"- „Ich bin nicht Euer Diener, machet, daß Ihr fort¬ kommet!" fiel ihm Oskar zornig ins Wort, der froh war, seinem Grolle wegen des Ballspiels Luft machen zu können. „Aber gnädiger Herr, ich"-- „Macht, daß Ihr fortkommet, sonst Hetze ich die Hunde auf Euch!" Der Zorn Oskars war nun auf's Höchste gereizt und er machte Miene, feine Drohung auszuführen. Gottlieb aber legte besänftigend die Hand auf seinen Arm und sprach: „Laß doch den armen Mann seiner Beschäftigung nachgehen oder ruhig ziehen!" „Was? Du nimmst Dich eines Juden an?" brauste Oskar ans. „Papa sagt, alle Juden seien Betrüger und schlechte Menschen, denn letzhin hat ihm einer ein krankes Pferd statt eines gesunden verkauft, und man muß sie alle von der Thüre jagen." „Und mein Vater, selig, sagte immer: Juden sind Menschen wie andere Menschen, und Betrüger und schlechte Menschen gäbe es überall," antwortete Gottlieb rubig. „Was geht mich an, was Dein Vater, selig, sagte"! schrie Oskar, denn der Widerspruch reizte ihn, „ich mag einmal die Juden nicht leiden und —" 24 Er pfiff den Hunden zu. Gvttlieb aber erfaßte den Inden am Arm und zvg ihn rasch dem Ausgange zu; denn waren einmal die Hunde frei, so konnte er ihn nicht mehr schützen. Das brachte nun den zornigen Knaben ganz außer Rand und Band. Er stürzte den Beiden nach und fiel so unglücklich zu Boden, daß ihm das Blut aus Mund und Nase strömte. Der gehetzte Jude bestieg mit einem: „Gelobt sei Gott!" sein Wägelchen und fuhr, Gottlieb segnend, rasch von dannen, während dieser bestürzt auf Oskar zueilen wollte. Allein der Graf, der von ungefähr durch den Garten kommend den Fall Oskar's gesehen hatte, trat zornig auf Gottlieb zu und fragte ihn strenge: „Was hast Du gethan?" Gottlieb blickte ihm unerschrocken in's Gesicht und sagte mit fester Stimnie und einer Ruhe, welche nur das gute Gewissen verleiht: „Ich habe Oskar verhindert, Unrecht zu thun!" Bei diesen Worten sah er so vornehm aus, wie ein hochgebor- ner Prinz, was den Grafen bei dem „Betteljungen" beson¬ ders ärgerte. „Kecker Junge! Du wagst es, mir so zu antworten?!" rief er, dann sauste die Reitgerte, die er in der Hand hielt, durch die Luft; Gott lieb zuckte zusammen, und ein brennend rother Streifen im Gesichte des armen Knaben bezeichnete die Stelle, wo sie sausend niederfiel. Armer Gottlieb! Nur jäh war er zusammengezuckt, doch kein Schmerzens laut kam über seine Lippen, die er fest zusammen Preßte, während die Todteubläste in seinem Gesichte sich noch greller gegen den brennend rothen Streifen äbhob. Herr von Elfenheim schlug den Blick nieder, wie Jemand, der ein Verbrechen begangen hat und gieng mür¬ risch dem Wohngebäude zu, Oskar nach sich ziehend. Dort fanden sie die arme Frau in Thränen gebadet. Hatte sie 25 doch dem Auftritte vom Fenster aus zugesehen ohne zu wagen, dem armen Got tli ebzu Hilfe zu eilen. Sie war eine arme, gequälte Frau und hatte in ihrer Ohnmacht nur Thrünen. Gottlieb saß am Abend in seinem Stübchen und schaute traurig vor sich hin, denn der brennende Streifen im Gesichte schmerzte sehr, doch was ihn noch viel, viel mehr schmerzte, war der Gedanke, geschlagen worden zu sein. Schon als Kind, wenn Vater, selig, den Arm dro¬ hend erhob, flehte er: „Nicht schlagen, Vater!" und der Vater ließ den Arm sinken und sagte: „Du hast Recht, Kinder haben doch in der Unverdorbenheit ihres Gemüthes für Alles das richtige Gefühl. Menschen soll man nicht schlagen, sonst erniedrigt man sich selbst mit jedem Streich, den man nach ihnen führt." Und wie er so daran dachte und an sein gutes Mutterle, da fühlte er sich unendlich einsam und verlassen und da er allein war, brauchte er seine Thrünen nicht zurückzuhalten und er ließ ihnen freien Lauf. Sie erleichterten sein Herz und als er genug geweint und gedacht hatte, sagte er zu sich selbst: „Ich werde Alles geduldig ertragen und werde doch einmal ein tüchtiger Mensch wie Vater, selig, wünschte." Aber wie eine Zentnerlast fiel ihm der Gedanke auf's Herz, daß er es hier nimmer würde, denn hier war er nur ein Diener fremder Willkür und fremder Launen, woran ihn die schmerzende Wunde immer auf's Neue mahnte. Und während er so dachte, da regte sich leise, ganz leise, der Wunsch in ihm, ein Vögelein zu sein, und weit fortfliegen zu können in die große, schöne Well hinaus, in die herrlichen Länder, die auf seiner Landkarte verzeichnet standen, und über das große, gewaltige Meer, non dem der Hofmeister so schön und großartig zu erzählen wußte. Immer deutlicher trat der Wunsch vor seine Seele und der Wunsch wurde eine heiße, glühende Sehnsucht, die ihm seine Lage hier im Schlosse stets unerträglicher er¬ scheinen ließ. „Nur da draußen kann man ein tüchtiger 4 Mann werden!" rief es in ihm, und Vater, selig, sagte immer: „Unwürdige Fesseln müsse man mit aller Kraft zerreißen, nnd ans sich selbst müsse der Mensch etwas werden, ans eigner Kraft." Wie lange der Knabe in stiller Nacht sa dagesessen? Ich weiß es nicht. Aber am Morgen war seine Stube leer, sein Bett zeigte keine Spur, daß er darauf geruht, die Speise stand unberührt auf dem Tische, und weder im Garten noch im Hause war eine Spur von Gottlieb zu finden. 5. Kapitel. Aus der Flucht. Als in stiller Nacht der Entschluß, das Schloß zu verlassen, immer deutlicher vor Gottlieb hintrat, über¬ dachte er noch Alles genau, was Vater und Mutter ihm gesagt; er entschloß sich, Arbeit zu suchen und sich auf diese Weise fortzubriugen, und als der Morgen dämmerte, nahm er noch einen wärmeren Rock um und verließ geräuschlos die Stube und das Schloß, durchschritt den großen Hof, ohne daß die Hunde, die ihn kannten, anschlugen, und trat durch die kleine Pforte des Parkes in's Freie. Tief athmete er auf, als ob eine schwere Last von ihm genommen worden wäre, blickte wehmüthrg und feuch¬ ten Auges nach den Fenstern der guten Gräfin zurück, gedachte dankbar des braven Hofmeisters und lief, was er konnte, in den Wald hinaus, denn es überkam ihn die Angst, daß man ihm nachsetzen und ihn in's Schloß zurück¬ bringen könnte. Wie lange er so gelaufen sein mochte, er wußte cs nicht. Die Sonne brannte so voll und heiß hernieder, wie um die Mittagszeit. Ermattet und vom Schweiß übergossen, lehnte Gottlieb an einem Baum, dessen Schatten ihm wvhlthat, um auszuruhen. Da nahte ihm ein mächtiger Herr und machte seine Herrschaft über ihn geltend — es war der Hunger mit all seiner grimmigen Qual, der immer stärker in seinem 28 Innern wühlte und ihm zeigte, daß der Mensch nicht nur Entschlüsse, sondern auch einen Magen habe, dem er unter- than sei, und mit Sehnsucht dachte er des Nachtmahles, das in seiner Stube unberührt auf dem Tische stand. Was hätte er nicht darum gegeben! Nachdem er ein wenig ausgeruht, gieng er den be¬ waldeten Hügel langsam hinab, überall hinspähend, ob er nicht eine Quelle erblicke, denn noch mehr als der Hunger quälte ihn der Durst. Nach langem Suchen sah er, wie sich eine Quelle, einem Silberbande gleich, durch das satte Grün des Rasens schlängelte, und wandte seine Schritte nun nach jener Rich¬ tung. Je länger er aber gieng, desto mehr entfernte er sich von dem tröstenden Anblicke, dem er sich bald näherte, ihn balo wieder aus dem Gesichte verlor, bis er endlich merkte, daß er stets um dieselbe Stelle herumgegangen sei, ohne sich nur um einen Schritt jener Quelle zu nähern. Nun gieng er gerade nach abwärts und verlor sie, wie das in hügeli¬ gen Gegenden oft der Fall ist, ganz aus dem Gesichte. Nun konnte er auch nimmer weiter, die Füße trugen ihn nicht mehr , die Zunge klebte ihm am Gaumen und der Hunger that ihm sehr wehe. Müde setzte er sich in's hohe Gras und blickte trost¬ los um sich her. Plötzlich jubelte er freudig auf, denn dort aus dem Gebüsche lachten ihm glänzend-schwarze herr¬ liche Beeren entgegen. So rasch es seine Müdigkeit erlaubte, eilte er auf sie zu und — ließ die schon ausgestreckte Hand entmuthigt sinken, denn jene Beeren waren die Früchte der Tollkirsche, eine der stärkstwirkenden Giftpflanzen, von deren Genüsse er den Tod hätte haben können. Wie dankte er jetzt aus vollem Herzen dem guten Hofmeister für all das Gelehrte, das ihn in diesem Augenblicke vor einer so schreck¬ lichen Gefahr behütet! Wie gut ist es aber auch, wenn Kinder lernen und das Gelernte behalten! Ganz entmuthigt setzte er sich wieder in's Gras und fing bitterlich zu weinen an, denn schon senkte sich die Nacht hernieder und des armen Knaben bemächtigte sich eine namenlose Angst, hier jämmerlich zu Grunde gehen zu müssen. 29 Doch Vater, selig, hatte gesagt: „Man müsse auch in der höchsten Noth nicht verzagen, denn „wenn die Noth am größten, ist ja stets die Hilfe am nächsten," und naht keine Hilfe, so ist nur der Mensch selbst daran schuld, der sie nicht erwarten konnte, weil er den Kopf verlor und der Hilfe davon rannte, ehe sie ihn erreichte. Durch solche Gedanken faßte er wieder Muth. Furcht kannte er nicht, denn der liebe Gott ist ja überall, so streckte er sich denn in's Gras nieder und Hunger und Müdigkeit schlossen ihm bald die Augen. So lag er da, allein, in der herrlichen, schönen Natur- unter Gottes allmächtigem Schutze. Wunderbar rauschte es über ihm in den mächtigen Wipfeln der Bäume, als sängen sie ihn zur Ruh', Leuchtkäferchen flogen lautlos um ihn, wie um den müden Schläfer zu grüßen, der Mond blickte ihn: freundlich stille in das bleiche Gesichtchen, um das der Nachtwind mit seinen blonden Locken ein neckisches Spiel trieb, und süße, erquickende Traumbilder zogen au seiner Seele vorüber. Bald beugte sich die holde Frau vom Schlosse über ihn und flüsterte ihm leise Muth zu und legte, wie einst in der Stube der Frau Hanne, sein Haupt an ihre Brust, bald sah er sich aut weitem, großen Meere zwischen Himmel und Erde, bald wieder im Elternhau.se, er hörte die gutmüthig zankende Stimme der Frau Han n e, die Mutter gieng aufrecht umher und um sie war ein herrlicher Blumen¬ garten, in welchem sich Gottlieb heiter ergieng. Da fußte ihn die Mutter mit einem gellenden Aufschrei am Arme, denn überdeckt von Blumen gähnte ein tiefer Abgrund, in welchen er leicht stürzen konnte. Bei dem entsetzlichen Schrei erwachte G o tt lieb und bticktc in das gutmüthige, ehrliche Gesicht dcs Leopold Braun. 6. Kapitel. Ein Zoll der Dankbarkeit. Leopold Braun war ein weit und breit berühmter Mann. Er hatte zwar keine Heldenthaten ausgeführt, auch keine Schlachten gewonnen und keine lehrreichen Bücher geschrieben, sondern er war ein einfacher, schlichter Mensch mit einem grundehrlichen Character. Den Sommer über fuhr er mit seinem Wägelchen von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, bis hinunter an die Militärgreuze Oesterreich's, und bot seine Maaren aus. Mittlerweile ward sein Wägel¬ chen leer und er nahm von der Grenze wieder fremdlän¬ dische Maaren mit nach Hanse. Er hatte sich durch seine Ehrlichkeit, wie durch seine mäßigen Preise, einen großen Ruf erworben, und nicht nur die Leute auf den Dörfern, durch die er kam, warteten mit ihren Einkäufen, bis der Leopold Braun kam, um Kisten und Kasten wieder zu füllen, sondern auch die Herrschaften auf den Schlössern kauften gerne von ihm, wenn er aus dem Süden golddurch- wirkte und buntgeftickte Stoffe und Gefäße aller Art mitbrachtc. So wurde Leopold Braun ein berühmter Mann, den man weit und breit kannte und bei ihm bewährte sich gewiß Meister Leb er e ch t's Sprüchwort, „daß es in aller Herren Länder gute und böse Menschen gebe." Als Leopold Brann vor dem Schloßthore aus sein Wägelchen gesprungen und in den Wald hineingefahren war, that es seiner ehrlichen Seele sehr wehe, daß er dem guten, jungen Herrn nicht einmal danken konnte. Er ahnte nicht, wie bald ihm dazu Gelegenheit geboten werden würde. Abends 3! langte er in dem nächsten Dorfe an und wollte zeitlich morgens wieder fort, allein er besann sich, und blieb den Tag über, um daselbst Geschäfte zu machen; des andern Mor¬ gens aber brach er zeitlich auf. Als er so wohlgemuth durch den Wald fuhr, schreckte er plötzlich in die Höhe, stutzte, faßte seine Frau am Arme, die neben ihm auf dem Bocke saß, und sprach: „Leah, mein Kind, sieh doch, dort liegt ein Mensch im Grase, vielleicht ein Unglücklicher; laß' uns rasch Nach¬ sehen!" Im Augenblicke waren beide vom Wagen, traten hinzu, und sahen einen Knaben, der mit dem Gesichte gegen die Erde lag. Leopold Braun legte sein Ohr an den Körper des vermeintlichen Todten, und da er ihn athmen hörte, so rüttelte er ihn solange, bis der Knabe sich regte und aus seinem Traume auffuhr. Ueberrascht blickten sich Beide an. „Wo kommt Ihr daher?" fragte erstaunt der Jude. „Ich bin gestern da drüben davongerannt und irrte den ganzen Tag im Walde umher, ohne Nahrung zu finden." „Gott der Gerechte!" schrie der Jude auf, und wehrte sich, mit den Händen heftig gesticulirend, daß Gottlieb weiter erzähle, bevor er nicht Speise und Trank zu sich genommen. Die Frau aber eilte zu dem Wägelchen, hob die beiden Kinder heraus, kramte aus dessen Tiefe Brod, Fleisch und Wein, und forderte den Erschöpften auf, nur tapfer zuzusprechen. Gottlieb ließ sich das nicht zweimal sagen, und während er mit einem wahren Heißhunger die Speisen ver¬ schlang, ruhten die dunklen Augen L e ah's voll inniger Theil- nahme auf ihm. Noch konnte sie nicht den Zusammenhang der Sache errathen, doch schauderte sie unwillkürlich vor dem Ge¬ danken, ihre Kiuder eben so allein mitten im Walde zu wissen, und murmelte: „Arme Mutter!" Dabei drückte sie ihre Kleinen, die sich ganz verdutzt herbeigeschlichcn hatten, fester an sich. 32 Als Gottlieb sich durch Speise und Trunk gestärkt hatte, suhlte er sich wie neugeboren und sieng an, zu erzählen, wie Alles gekommen, während die Andern sich zu ihm in's Gras setzten. Mit wahrer Herzensfreude erzählte er nnu von seinem Vater und von seiner Mutter, und von dem Traume an ihrem Sarge und von Frau Hanne, wobei der guten Frau Leah die Thräneu über die Wangen liefen und Leopold Braun immer wohlgefällig mit dem Kopfe nickte. Er erzählte, wie Frau von Elfe n h eim ihn geholt, wie er dann im Schloße lebte, und endlich nach dem gestrigen Auftritte die goldenen Fesseln ab¬ streifte und entlief, und wie er nun gesonnen sei, durch Arbeit sein Brod zu suchen, denn Vater, selig, erzählte immer, wie ein großer Dichter, der F r i e dr ich Schill er hieß, und dessen Buch im Gläserkasten bei dem Feiertags¬ geschirr anfbewahrt war, geschrieben: „Ehrt den König seine Würde, Ehret uns der Hände Fleiß." Als er geendet hatte, strich sich Leopold Braun bedächtig den langen Bart, sah dann seine Frau an, die ihm verständnißinnig zunickte, und sprach: „Mein lieber Gottlieb, Du bist also armer Leute Kind und erlaubst, daß ich Dir „Du" sage, denn die armen Leute sind ja Alle mit einander verwandt. Also, mein lieber Gottlieb, nun bin ich doch eigentlich schuld, daß Du ärmer und verwaister dastehst, als vor zwei Jahren, und darum ist es nun meine Pflicht, für Dich zu sorgen. Ohne Deine Hilfe läge ich jetzt vielleicht von den Bissen der Hunde getroffen darnieder. Du bist zwar ein christlich'Kind, aber vor dem lieben Gotte da oben sind wir alle gleich. Nur die Menschen in ihrer Bosheit und Einfalt machen einen Unterschied. Gott ist immer derselbe, die Religion ist nur das Kleid, das ihm die Menschen anziehen. Sollen nun die Menschen einander hassen, weil der gütige Gott dem Einen in dem, dem Andern in einem andern Kleide besser gefällt? 33 Ich will Dich daher halten, wie mein eigen Fleisch nud Blut, bleibe bei mir; wo zwei Kinder essen, wird Gott auch für das dritte geben, und wenn Du einmal größer bist, und Dich selbst fortbringen kannst, dann magst Du gehen, wohin Du willst, sollte es Dir dann nicht mehr bei uns gefallen. Hab' ich nicht recht, Leah, mein Kind?" Die Frau, welche durch die Erzählung G o ttlieb's denselben schon lieb gewonnen hatte, bückte sich statt aller Antwort zu den beiden schwarzgelockten Mädchen herab und fragte schmeichelnd: „Nicht wahr, Ihr werdet den neuen Bruder recht lieb haben?" Die Kinder hüpften au die Mutter heran, die kleinere, ein allerliebstes Kind mit vollen braunen Wangen, steckte ihr schelmisches Gesichtchen in die Falten von Fran L e a h's Kleid und schaute manchmal verstohlen schüchtern nach dem neuen Bruder daraus hervor, als wollte sie ihn prüfen, ob er auch mit ihr spielen werde. Was konnte Gottlieb unter solchen Umständen Besseres thun, als den edlen Antrag des braven Mannes annehmen, und so bestieg denn die kleine, um ein Glied bereicherte Familie wieder das kleine Wägelchen, und fuhr getrost weiter, während Leopold Braun, im Bewußtsein einer guten That, auf Gott vertrauend, sorglos in die Zukunft sah. s 7. Kapitel. Abwärts. Seit jenem Morgen, als Gottlieb aus dem Schlosse verschwunden war, sah es in demselben ganz trostlos aus. Der Hofmeister, der seinen braven Schüler verloren hatte, und seine Zeit bei Oskar nicht vergeuden wollte, machte Anstalten, das Schloß zu verlassen und hätte es längst gethan, wenn ihn die arme Frau nicht gedauert Hütte. Diese grämte sich sehr über die Flucht Gottlieb's. Sie hatte in ihrem Hause wenig Freude und Glück und es hatte ihr einen wohlthätigen Trost gewährt, an dem armen Knaben Mutterstelle zu vertreten. Sie machte sich die bittersten Vorwürfe, daß sie die Waise zu wenig geschützt und sie dadurch hilflos hinausgestoßen habe in die Fremde. Und doch hatte sie versprochen, für den Knaben zu sorgen. Der Hofmeister, der das Gemüth des Knaben kannte, hatte sie getröstet, denn er wußte, daß derselbe geflohen sei, weil sein gerader, offener Sinn den Zwang nicht ertragen konnte, und sich gegen eine unwürdige Behand¬ lung sträubte, und er mußte sich sagen, daß er auch nicht anders gehandelt hätte. Er sprach der trostlosen Frau seine Ueberzeugung aus, daß Gottlieb sich durch¬ bringen und durchringen werde, denn er besitze eine mora¬ lische Kraft, die ihm sein Vater in frühester Kindheit eingeimpft, und wenn er auch kämpfen müsse. Der Kampf stähle nur die Kraft und es sei besser, sich ein würdiges Dasein selbst durch Entbehrungen zu erringen, als umgeben vom Reichthum kümmerlich zu Grunde zu gehen. 35 Still nickte bei solchen Gesprächen die edle Frau mit dem Kopfe, nur als der Hofmeister vom Reichthum sprach, hatte sie tief aufgeseufzt. Ach! dieser Reichthum und dieser Glanz sollten gar bald ein trübes Ende nehmen. Herr von Elfenheim hatte ein großes Vermögen geerbt, allein bei seinem üppigen, trägen, genußreichen Leben schmolz es bald bedenklich zusammen. Er war nie gewohnt zu arbeiten, ja die Arbeit war in seinen Augen eine Schande und paßte nur für die Armen und für das sogenannte Volk. In seiner langen Weile jagte er denn von einem Vergnügen zum andern, und als sein Vermögen dadurch bedeutend abnähm, kaufte er mit dem letzten Reste desselben dieses Gut, welches mau ihm als sehr erträglich geschildert hatte, hoffte dadurch wieder hinauf zu kommen, und die verpraßten Güter zu ersetzen. Aber wer viele Leute in seinen Diensten hat, der muß ein wachsames Auge haben und überall selbst dazu¬ schauen, da unter vielen Dienern gewöhnlich nicht Alle gewissenhaft und ehrlich sind. Der Graf aber brachte seine Zeit meist in der «Stadt zu, in Gesellschaft lustiger Freunde und überließ sein Hab und Gut einem gewissenlosen Verwandten, der mit ehrlosen Pächtern gemeine Sache machte, und so erfuhr er eines Tages zu seinem Entsetzen, daß nicht nur Nichts da sei, sondern daß das Gut mit Schulden weit über seinen Werth belastet sei. Meister Lebe recht pflegte zu sagen: „Ein Unglück kommt nie allein, und warum? Weil die Menschen im Unglücke gewöhnlich den Kopf verlieren, und statt vernünf¬ tig zu handeln und sich heranszuarbeiten, in ihrer Kopf¬ losigkeit manchen Unsinn begehen, oder die Hände müßig und rathlos in den Schovß sinken und das Unglück seinen verheerenden Weg ungehindert weiter gehen lassen." Meister Leberecht hatte wieder recht gehabt, das sehen wir au dem Grafen, denn statt seine ganze Kraft zu¬ sammenzuraffen, statt nun ein thätiges Leben zu beginnen, die betrügerischen Leute fortzujagen und mit starker, fleißiger Hand die Wirthschaft selbst zu führen, jammerte er und ließ die Hände müßig im Schovße ruhen, und 5* 36 eines Tages kamen viele Leute in's Schloß, darunter der Gerichtsdiener und der Schreiber und schickten sich an, Alles zu verkaufen, was da stand und lag, um die Schuldner zu befriedigen. Das war nun ein harter Schlag für die arme Frau und während die Leute kaltblütig um die schönsten Sachen feilschten, lag sie in Thränen aufgelöst auf ihrem Bette. Was hatte sie noch zu hoffen in dieser Welt? Ihr Mann, an ein müßiges Wohlleben gewohnt, wird zu arbeiten nicht im Stande fein. Ihr Kind, das in diesem Leide ihr einziger Trost sein sollte, machte ihr den größte» Kummer, und ihr Körper war durch Kränkungen und Leiden aller Art so erschöpft, daß sie das Aergste fürchtete. O, wie freudig hätte sie Alles hingegeben, hätte sie sich sagen können, in ihrem Sohne einst eine Stütze zu finden, hätte sie sich sagen können, daß er brau und gut sei, allein er glich leider nur zu sehr seinem Vater. So lag sie also in ihrer Verzweiflung und weinte schmerzlich vor sich hin. Der Graf stand mürrisch am Fenster und sah mit grimmigen Blicken zu, wie seine schönsten Sachen sortgeschleppt wurden, während Oskar sich scheu in eine Ecke drückte. Es durchzuckte den Knaben doch schmerzlich, als er die Mutter weinen sah, denn eine innere Stimme sagte ihm, daß er die meiste Schuld an ihren Thränen habe. Leise schlich er an ihr Bett beugte sich über sie und flüsterte schüchtern zärtlich: „Mutter!" Wie von einem Zauberwort berührt, sah die arme Frau auf, Oskar aber sprach tröstend: „Mutter, weine nicht, es soll Alles anders werden!" Da drückte die Mutter ihr Kind an sich und fuhr mit der zitternden Hand über seinen Scheitel, ihre Lippen bewegten sich leise, als ob sie betete, dann trocknete sie die Thränen, und richtete sich auf, um angesichts dieses Versprechens ihres Kindes alles andere zu vergessen. 37 Eine solche Kraft besitzt das Mutterherz. Es ist das Heiligtyum, in welchem sich der Mensch über alles Leid zu erheben im Stande ist. Ein inniger Blick, ein verheißendes Wort des verloren geglaubten Kindes, und alle seine Fehler sind vergessen und verziehen. O, meine kleinen Freunde! Möget Ihr diese Wahrheit beherzigen und daF Mutterherz als den Altar ansehen, an dem Ihr ein begangenes Unrecht sühnen könnet. Auch Oskar's Mutter sah bei deu Versprechungen ihres Kindes voll Hoffnung in die Zukunft. Was war ihr auch der Verlust von irdischen Gütern? Sie glaubte das geistige Leben ihres Kindes gerettet, sie fühlte, daß es unter all seinen Verirrungen doch ein liebendes Herz bewahrte, denn es sprach: „Mutter! weine nicht, es soll Alles anders werden!" Schloß und Garten lagen bald verödet und harrten eines neuen Besitzers. Herr von Elfenheim gieng zu fernen Verwandten, während die Frau, die sich muthig vornahm, zu arbeiten, in eine ferne Stadt zog, wo Oskar studieren sollte. Dort lebte sie nun bei Kummer und Arbeit. Ach es war ihr nicht an der Wiege gesungen worden, und doch fühlte sie sich gleich einer Königin, denn sie fühlte, daß sie die Arbeit nicht erniedrige, sondern erhebe, sie fühlte sich belohnt in dem Gedanken, zu arbeiten für ihr Kind. Mit Oskar gab cs eine rechte Mühe, er war im Lernen zu weit hinter seinem Alter zurückgeblieben und daun mußte er erst lernen, wie man lernt. Allein der armen Frau mangelte die Geduld nicht und sie scheute keine Mühe, um das Einzige, was sie noch auf dieser Welt besaß, ihr Kind, zu einem tüchtigen Menschen zu machen. 8. Kapitel. J» der weite» Welt. Ein ganzes Jahr lang war Gottlieb schon mit Leopold Braun herumgekommen, er war mit ihm bis an der Donau gewesen und kehrte wieder mit ihm in seine Heimat zurück. Er war den kleinen Mädchen, die er unterrichtete, ein liebender Bruder geworden. Die Frau hatte an ihm einen treuen Gehilfen in ihren häuslichen, durch die Reisen oft sehr erschwerten Verrichtungen, und Alle hatten sich an einander so gewöhnt, daß sie an eine Trennung nicht mehr dachten. Gottlieb war trotz seiner Jugend beinahe der Freund des alten Mannes geworden, denn er konnte so vernünftig sprechen und hatte so eine Art sich zu geben, als wären ihm Verstand und Vornehmheit angeboren. Den Winter brachte die kleine Familie in der Heimat zu, in der Leopold Braun ein kleines Häuschen bewohnte, und während dieser Zeit besuchte Gottlieb die Schule, lernte aber noch mehr zu Hause. Leopold Braun sparte sein schwer verdientesGeld nicht, umdemKnaben dienöth'gen Bücher zu kaufen, und man sah oft noch spät in der Nacht den Schein eines Lichtes durch die kleinen Fenster des unscheinbaren Stüb¬ chens schimmern. Gottlieb saß gewiß hinter seinen Büchern, oder stützte seinen Kopf in die Hand und sein Geist schweifte hinaus in die Ferne, hinunter nach dem schönen Süden an den mächtigen Donaustrom, wo im Hafen die reich beflaggten Schiffe standen, und wieder wünschte er 39 ein Vögelchen zu sein, um fortfliegen zu können, weit über die Länder und sich auf den Mast eines Schiffes zu setzen und so zu schweben zwischen Himmel und Erde, bis irgend ein neues Wunderland ihn aufnähme- Da reifte denn bei solchen Gedanken wieder ein Ent¬ schluß in seiner Seele, den wir aber nun nicht verratheu dürfen, damit die guten Pflegeelteru sich nicht grämen. Auch die alte Hanne hatte Gottlieb nicht ver¬ gessen, er hatte ihr einmal einen langen Brief geschrieben und ihr Alles erzählt und sie um Verzeihung gebeten, daß er nicht zu ihr zurückgekommen, denn in dem kleinen Dörfchen könne er ja nimmer ein großer Mann werden und Frau Hanne hat ihm durch den Schulzen schreiben lassen, daß sie immer an ihn denke und für ihn bete, er möge denn auch brav bleiben, die Hände rühren und der liebe Gott werde ihm schon weiter helfen. Den Brief hatte Gottlieb in sein Gebetbüchlein, das er als Andenken seiner Mutter stets bei sich trug, zur wei¬ ßen Rose und zu dem Vergißmeinnicht gelegt, und denselben so oft wiedergelesen, daß er schon ganz zerrissen war, denn die lieben Worte der guten Frau Hanne wehten ihn so heimlich an, als grüßten ihn die Felder und die Bäume und das Kirchlein und das Grab der Eltern aus der lieben trauten, unvergeßlichen Heimat. Der Schnee war geschmolzen und die Vögel san¬ gen wieder in dem jungen Grün der Bäume, da stand vor dem Hause Braun's das bekannte Wägelchen, und Frau Leah schloß noch die kleinen Fensterläden, legte ein großes Schloß an die massive Eichenthüre, G ottli e b machte einen bequemen Sitz für die lieben kleinen Mädchen zurecht, und dann gieng es wieder hinaus in die Fremde über Feld und Wiese und Dorf und Stadt bis an die schöne, herrliche, blaue Donau. Je weiter man aber kam, je näher dem jedesmaligen Reiseziel, desto stiller wurde Gottlieb und oft ruh'ten seine Augen mit tiefer Weh- muth auf denjenigen, die ihm so lieb geworden, die, obgleich ihren Gott in einer andern Weise verehrend, mit 40 christlicher Liebe ihn pflegten und hegten, und es dadurch bewiesen, daß es weder ein jüdisches, noch ein christliches, sondern nur ein menschliches Herz gebe, und daß alle Menschen vor Gott gleich seien, wie Leopold Brann mit Recht behauptete. Es drückte den Knaben offenbar etwas, welches er sich nicht zu sagen getraute. Waren es etwa jene geheimen Wünsche, die in stiller Winternacht in seiner Seele gereift? Doch Vater, selig, sagte: „Was Du vor Gott verantworten kannst, brauchst Du vor Menschen nicht zu verhehlen", und vor Gott konnte er ja seine Wünsche verantworten; er wollte ja nur in die Welt hinaus und etwas Großes, Tüchtiges werden, und das war ja nicht nur keine Sünde, sondern sogar Pflicht, wie es jedes Menschen Streben sein sollte. So trat denn Gottlieb eines Tages, beherzt, vor seinen Pflegevater hin und sagte: „Verzeiht mir, Vater, ich kann nicht länger bei Euch bleiben!" Die Frau sah überrascht den Knaben an, den sie ihren ältesten Sohn nannte, die Kinder hiengen sich an seinen Arm, als müßten sie ihn festhalten, Leopold Braun aber sagte gefaßt: „Was Du mir da sagst, meiu Kind, habe ich fast täglich erwartet, denn nun bist Du bald 14 Jahre alt, ich sehe das Streben Deines Geistes, ich habe Dich kennen gelernt und lasse Dich ohne Sorge ziehen, so schwer ich auch Deine liebe Gesellschaft entbehren werde. Wenn Du einer Hilfe bedarfst, so denke an Leopold Braun, und wenn Du einmal was geworden bist, nun — dann denke auch an Leopold Brau u!" Allein die Stimme des braven Mannes zitterte doch, als er so sprach, wie sehr er sich auch bemühte, dies zu verbergen. Er brach daher kurz ab und fragte: „Wohin soll ich Dich bringen?" „Ich mochte zu Schiffe", antwortete Gottlieb, und Vater Braun nickte zustimmend. Weiter wurde von der Trennung nichts gesprochen, denn Jeder 41 vermied sorgfältig, den wunden Punkt zu berühren und löste sich in stiller Zärtlichkeit gegen den Anderen auf, um ihm die kurze Zeit des Beisammenseins noch zu verschönern. Wie glücklich sind doch wahrhaft gute Menschen im Verkehr mit einander, denn sie trachten sich selbst die trüben Seiten des Lebens gegenseitig zu erheitern. So kam man an's Ziel der Reise, nach Orsowa, woher die Schiffe nach Constantinopel abgehen. Leopold Braun hatte bald einen Kapitän gefun¬ den, der seinen Gottlieb als Schiffsjungen aufnahm. Noch ein kurzer, herzlicher Abschied, wobei es dem Knaben war, als hätte er abermals seine Eltern verloren, und — er schaukelte wie ein Vögelein zwischen Himmel und Erde, in die weite, weite Welt hinaus, einem neuen Leben zu. Als er so in die Helle Fluth hinaussegelte und nichts sah als Wasser und Himmel und die zurückweichenden grü¬ nen Ufer, da ward es ihm so wohl und leicht um's Herz, ihm war es, als schwebe lieb' Mütterlein, in schneeige Wol¬ ken gehüllt, vor ihm her, wie in jenem Traume, und als müsse er so schwebend zwischen Himmel und Wasser in der wunderschönen Natur dem lieben Gotte viel, viel näher sein, als wenn Menschen und Häuser dazwischen wären. Seine junge Brust hob sich gewaltig, kühne und schöne Gedanken flogen durch seine Seele, er kam sich besser und edler vor, und all' seine festen Vorsätze faßten festere Wurzeln in sei¬ nem Herzen. Er wollte vor Allem ein edler Menjch, ein braver, tüchtiger Fähnrich, und dann ein umsichtiger im Sturm ge¬ reifter Kapitän werden, ja ich glaube, er dachte an Colum¬ bus und an Amerika, und entdeckte in seiner Phantasie neue Welttheile. Wie mächtig wirkt doch die Natur auf das Gemüth des Menschen. Ich weiß, meine lieben, kleinen Freunde, wenn Ihr so durch Wald und Wiese schweifet, so wird es Euch ganz anders zu Muthe sein, als zu Hause in der engen Stube, und ich glaube, es fiele Euch den ganzen Tag nichts Böses ein, nichts als Blumen zu pflücken, Sträußchen zu binden, den Käfern und Schmetterlingen zu lauschen, den hüpfenden 6 42 singenden Vögeln zuzujubeln und Euch immer und immer zu freuen. Selbst die kleinen Neckereien zwischen Brüderchen und Schwesterchen, die Euch in der dumpfen, Stube oft entzweien, vergäßet Ihr da draußen im Freien und hüpftet singend neben einander, und riefet Euch lachend aus grünem, duftigem Verstecke zu. In der freien Natur kann das Herz des Menschen aufjubeln und allen Gram vergessen. In der freien Natur reifen gute Menschen; darum sind die Landleute, die in immerwährendem Verkehre mir der freien Natur stehen, Von einfacher kindlicher Gemüthsart, welche wir mit Unrecht Ein¬ falt und Dummheit nennen. Ihr Denken kennt keinen Hin¬ terhalt, und sie tragen das Herz auf der Zunge, d. h. sie sprechen, wie sie denken. Darum sind auch die Schiffsleute im Verkehre mit den großen gewaltigen Elementen, Luft und Wasser, und gehärtet durch den Sturm, dem sie unerschrocken die Brust bieten, stramme, meist grundehrliche Menschen. Gottlieb hatte durch die Lehren seines Vaters, durch die Sanftmuth seiner Mutter, durch den Verkehr mit den einfachen, guten Menschen ebenfalls die Art sich angewöhnt, offen und stramm zu sein, und daher gewann ihn der Kapitän des Schiffes, ein biederer Holländer, sehr lieb, wozu seine Dienst¬ fertigkeit und die Schnelligkeit, mit der er alle Eigenthüm- lichkeiten des Lebens auf dem Schiffe erfaßte, nicht wenig beitrugen. Der kleine Held unserer Geschichte hatte sich durch die Reisen mit Leopold Braun die ungarische Sprache zu eigen gemacht. Französisch hatte er so ziemlich auf dem Schlosse gelernt, und so konnte er sich mit den Passagieren aus dem Schiffe, von denen die wenigsten deutsch sprachen, gut verständigen. Es war eine finstere, sternenlose Nacht. Der Steuer¬ mann machte ein besorgtes Gesicht und verkündete Sturm. Der Kapitän saß mit einigem Passagieren in der Kajüte, Gottlieb stand auf dem Deck und starrte in Gedanken verloren in die Nacht hinaus. Schon brauste der Sturm so mächtig daher, daß die Funken ans dem großen Kamine 43 stoben und wie versinkende Sterne in die Finsterniß hinausflogcu. Mit einem Male verbreitete sich eine rothe Gluth um Gottlieb, so daß er entsetzt in die Höhe fuhr. Die Funken hatten die Leinwand, die über dem Deck zum Schutze gegen die Sonne gespannt war, entzündet, wie der Blitz leckten die Flammen an dem von der Hitze ausgetrockneten Gerüste; der Steuermann stieß ein Noth- signal aus, doch die Schiffsjungen und der Fähnrich, welche die Wache hatten, lagen schnarchend umher. Der Augenblick war entsetzlich. Der Steuermann konnte seinen Platz nicht verlassen, weil er gegen den Sturm ankämpfen mußte. Da kletterte Gottlieb wie ein Eichhörnchen das Gerüst, worüber die Leinwand gespannt war, hinan, riß sie mit Riesenanstrengung herab und schleuderte sie in die Fluth. Dies war das Werk eines Augenblickes und fast hätte ihn der Sturm selbst in die Fluth hinabgerissen, wenn ihn nicht eine kräftige Hand erfaßt hätte. Es war die des Kapitäns, der auf das Nothsignal des Steuermannes auf's Deck geeilt war. „Brav! mein Junge, brav!" rief er dem Gottlieb zu, der erschöpft auf eine Bank niedergesuuken war. Seine Hände waren mit Brandwunden bedeckt und obwohl sie sehr schmerzten, so klagte er doch nicht, denn er hatte das edle Bewußtsein, eine große Gefahr abgewendet zu haben, und sah die Augen Aller dankend und bewundernd auf sich gerichtet. Des andern Tages wurde Gericht gehalten und die Nachlässigen wurden bestraft, während Gottlieb von Allen die innigsten Daukesworte erhielt. Das erregte den Zorn und den Neid der Gestraften und sie warteten nur auf eine Gelegenheit, den Kameraden, der sie zu überflügeln drohte, unschädlich zu machen. Bald sah man die Kuppeln der Türkenstadt im Abendgolde schimmern; man warf Anker und stieg an's Land, die Passagiere zerstreuten sich, Gepäck wurde fortge¬ schleppt, ein- und ausgeladen, Kaufleute feilschten um Maaren, k* 44 endlich wurde es stiller und stiller am Landungsplätze und Gottlieb stand auf dem Decke und schaute sehnsüchtig hinüber auf die goldig schimmernden Minarets der Moscheen. „Möchtest wohl ansehen, wie's da drinnen thut?" Es war der biedere Holländer, der Kapitän, der diese Frage an seinen Liebling richtete und als hätte er keine andere als eine bejahende Antwort erwartet, rief er zwei andere Schiffsjungen, denen die Stadt genugsam bekannt war, herbei und befahl ihnen, dieselbe dem Gottlieb ein wenig zu zeigen, doch rechtzeitig zurückzukehren, da sie heute noch die Rückfahrt antreten müßten. Die Beiden nahmen den hocherfreuten Gottlieb in ihre Mitte und führten ihn durch einige Straßen, wo er sich an all dem Fremdartigen nicht sattfehen konnte, das sich daselbst seinen erstaunten Blicken bot. Da trug man verschleierte Damen in zierlichen Sänften, geschäftig eilte mit langen Schritten der Muselman vorüber, indem die weiten Gewän¬ der um seine Beine schlotterten, Frauen in sonderbare Kleider gehüllt, aus denen nur die Augen hervorsahen, dann wieder Deutsche in ihrer Kleidung und Sprache, da eilte ein dürftig gekleideter Derwisch vorüber, von den Minarets rief es zum Gebete,kurz, das wirklich bunteBild fesselte Gottlieb derart, daß er es nicht bemerkte, wie seine Kameraden leise mit einander sprachen, und sich verständnißinnige Blicke zu¬ warfen. Als er endlich über Müdigkeit klagte, beschlossen sie, in einer Kaffeeschänke auszuruhen. Die beiden Schiffsjungen, denen das nüchterne Leben auf dem Schiffe nicht zu gefallen schien, ließen sich allerlei Getränke vorsetzen und wollten Gottlieb wacker zusetzen. Sie nahmen auch Karten zur Hand, die der Eine in seiner Rocktasche mitgebracht hatte, und begannen ein wüstes Spiel um die wenigen Kreuzer, die ein jeder bei sich hatte. Sie ver¬ lachten den Gottlieb, daß er nicht mittrinken und mit¬ spielenwollte, dieser aber dachte: „Vater, selig, sagte immer: „Wenn Dich böse Buben locken, so folge ihnen nicht, denn die Sünde lauert auf Dich und thust Du nur den ersten Schritt, so hat sie Dich auch schon beim Schopfe und läßt Dich nicht mehr los!" 45 Auch machte er den beiden Kameraden Vorstellungen und mahnte sie nun, zum Schiffe zurückzukehren, und als diese ihn nur verhöhnten und ihn eine Landratte schalten, die noch kein Salzwasser gesoffen, da gieng er vor das Haus und beschloß, hier ruhig zu warten, bis es den beiden übermüthigen Gesellen gefallen würde, umzukehren, da er doch den Weg nicht wußte. Allein der Scherz dauerte ihm zu lange, und er gieng zurück in die Gaststube, um die Pflichtvergessenen zu mahnen. Wer beschreibt aber sein Entsetzen, als er ihre Plätze leer fand? Suchend durchschritt er die kleinen Gastzimmer, ängstlich rief er ihre Namen, doch sie blieben verschwunden und wie in die Erde gesunken. 9. Kapitel. Bo» Stnfe zu Stufe. Seitdem waren einige Jahre verflossen. Mitten in einer engen, finstern Gasse der belebten Stadt Hamburg stand ein altes, baufälliges Wirthshaus, das gerade nicht den besten Ruf genoß. Die Gasse war öde und menschenleer, und um so greller tönte der wüste Lärm aus dem kleinen Gasthause in die Nacht hinaus. D'rinnen aber saß in einem fürchterlichen Qualm und Dunst eine Menge Menschen singend und lärmend beisammen, welche die Gesellschaft ausgkstoßen zu haben schien. Hamburg ist eine Hafenstadt, von der aus man sich nach Amerika einschifft. Was Wunder, daß man hier allerlei Menschen zusammengewürfelt findet, von denen die Meisten, da sie arm sind, sich in den armseligsten Gasthäusern zusammenfinden. Der Europa Müde, der hier umsonst gegen ein trübes Geschick ankämpfte und drüben auf ein sicheres Glück hofft, sitzt träumerisch in eine Ecke gedrückt; der Flüchtling, der wegen irgend eines Verbrechens ans der Heimat floh, blickt scheu umher und fährt jedes Mal entsetzt zusammen, wenn ein neuer Gast die Thüre öffnet; Matrosen gehen ein und aus, und benutzen die wenigen Stunden vor der Abfahrt, um ihr Geld an Mann zu bringen. Dort in einer Ecke sitzt ein Paar verwahrloster junger Leute, mit wahren Galgengesichtern, singend und schreiend beim Kartenspiel, um auf heimatlichem Boden ein letztes Mal ihr Glück zu versuchen. 47 „Wieder verspielt!" ruft ein junger Mann, und schlägt mit der Faust so mächtig auf den Tisch, daß die Gläser klirren. Er hat zerlumpte Kleider aus dem Leibe, die Haare hängen ihm wild in die Stirne und in den Augen brennt ein unheimliches Feuer. Wo haben wir doch nur diese Züge gesehen? Nur schwer, als ob jeder Buchstabe uns schmerze, ringt sich das Wort von unfern Lippen: Oskar! Ja, Oskar ist's, den wir hier in Gesellschaft von Dieben und andern schlechten Leuten wieder finden. O, hätte ihn doch sein Vater jetzt sehen können, und er Hütte einsehen gelernt, wie wenig ein Wappenschild vor dem Falle zu schützen vermag, wenn der Adel nicht im Herzen sitzt. Jetzt würde er begreifen, daß nicht Rang und Reichthum den Menschen machen, sondern eine gute Erzie¬ hung, Wissen und ein edles Herz. Mög't Ihr, meine kleinen Freunde, Euch an dem Schreckbilde „Oskar" ein Beispiel nehmen und die Worte Euerer Eltern und Lehrer bei kleinen Ursachen beherzigen, die oft für Euer ganzes Leben von großen Wirkungen find. Oskar hatte sich wohl vorgenommen anders zu werden, und eine kurze Zeit gieng es auch. Allein bald wurde er des Lernens, das er nicht gewohnt war und das ihm viel Mühe machte, überdrüssig und statt zur Schule zu gehen und das Versäumte nachzuholen, lungerte er tagelang in den Straßen. „Müssiggang ist aller Laster Anfang", hatte Meister Leberecht gesagt, und so gerieth O s k a r in schlechte Gesellschaft, die ihn zu allerlei schlimmen Streichen verführte, während seine arme Mutter Nachts bei spärlichem Lampen¬ lichte für ihr Kind arbeitete. Wie oft sie ihn auch beschwor und sich seinetwegen grämte, er hatte nur schöne Worte und Versprechungen und wenn er ihre sanfte, flehende Stimme nicht mehr hörte, ihre thronen nicht mehr sah, so waren auch alle guten Vorsätze in den Wind geflogen. Während nun Gottlieb, getragen von der Liebe und Ehrfurcht zu seinen Eltern, aus jedem Ungemach sich um eme Stufe höher aufschwang, sank Oskar immer tiefer, 48 bis der Gram seine Mutter aus's Krankenlager wars. Da sie nicht mehr arbeiten konnte, da erst zog ein tiefes unverdientes Elend in die armselige Wohnung ein, doch selbst dieses Elend konnte Os kar nicht zur Umkehr bewegen, denn es fehlte ihm die sittliche Kraft dazu, die ihm nicht anerzogen worden war. Ihr Hab und Gut konnte die schwergeprüfte Frau verschmerzen, doch den Verlust ihres Kindes konnte sie nicht ertragen. O weit, weit lieber hätte sie es unter der Erde gewußt, und es als gutes Kind betrauert, als daß sie es so verlieren mußte. Und sie fühlte nur zu sehr, daß Oskar verloren sei. So stand der ungerathene Sohn bald am Sterbebette seiner Mutter. Es war eine trübe, regenfeuchte Nacht. Kein Stern leuchtete am Himmel, in dem engen Stübchen flackerte ein kleines Lämpchen auf, als wollte es bald erlöschen. Nock rannen Thränen der Mutter, noch beschwor sie ihn, von seinem müßigen, leichtsinnigen Lebenswandel umzukehren, sie hielt seine Hand in der ihren; sprachlos und in sich zusammen- gesunken, wie ein Verbrecher, stand Oskar vor ihr. Er wagte nicht in dieses vom Schmerz gefurchte Antlitz zu sehen, hatte er doch jede dieser Furchen selbst mit roher Hand in diese bleichen, todesmatten Züge gegraben. Mit einem markerschütternden Seufzer hauchte die unglückliche Mutter ihre Seele aus. Entsetzt floh Oskar von ihrem Lager ans der trostlosen Oede der armseligen Stube und rannte wie sinnlos durch die Straßen. Ach, er hatte nicht die friedliche Ruhe G o ttlie b's, ihm war, als müsse das brechende Auge der Mutter sich öffnen, als müsse diese sich mit jedem Augenblicke erheben, die Hand drohend nach ihm ausstrecken und ihm zurufen: „Was hast Du gethan?" Stille, ohne Sang und Klang, trug man sie zur Ruhe. Noch drückte Oskar ein unendlich schmerzliches Gefühl zu Boden. Er konnte sich nicht ermannen und jetzt, da er die Mutter nicht mehr hörte, nicht mehr sah, jetzt, wo sie unter'», grünen schmucklosen Rasen schlum¬ merte, jetzt fehlte ihm überall — die Mutter. 49 Was sollte er nun beginnen? Er machte Pläne und verwarf sie wieder, und so schritt er in Gedanken verloren durch die Straßen. Fast wäre er mit dem Kopfe an einen jungen Menschen ange¬ rannt, wenn ihn dieser nicht beim Arme gefaßt hätte, indem er ihm zurief: „Oskar, wie siehst Du aus? He da! Die Todten machen wir nicht lebendig. Kopf hoch, alter Bursche!" „Kopf hoch, alter Bursche!" riefen noch einige Andere, die hinzukamcn. Es waren seine alten, liederlichen Freunde. Er wollte sich losmachen und seine Wege gehen, allein sie neckten ihn und sprachen: „Sei klug, Oskar, wovon willst Du denn leben? An dem alten Wappen, das Dir Deine Mutter hinterließ, magst Du Dir die Zähne stumpf beißen, satt wirst Du wahrlich nicht davon!" Als Oskar seine Mutter von solchen Lippen nennen hörte, zog sich ihm dennoch das Herz zusammen und die Zorn- röthe stieg ihm in die bleichen Wangen, allein er schämte sich seiner Armutb und die bleichen Züge seiner Mutter, ihr gebrochenes Auge, das er immer vor sich sah, traten weit in den Hintergrund. „Komm mit, komm mit!" riefen die lockeren Gesellen, sie umschlossen ihn, sie zogen ihn sort, und er gieng. Er schloß sich den Kameraden an, während seiner Mut¬ ter rührendes Bild immer mehr und mehr verblaßte. Die Burschen lebten von Betrug und Diebstahl, er wurde ihr Hehler, dann ihr Aufpasser, ihr Genosse. So sank er von Stufe zu Stufe, bis wir ihn endlich wieder mitten unter arbeitsscheuen, nach Gold und Geld lechzenden Individuen finden. Er setzte alle seine Hoffnung auf das reiche Kalifornien in Amerika, wohin er sich einzuschiffen im Begriffe stand. 7 50 Er glaubte, man müsse sich dort nur bücken, um das Gold vou der Erde auszuheben, man müsse nur den Mund offnen, damit die gebratenen Tauben hiueinflögen. Dort wollte er ein Leben voll Saus und Braus beginnen, und sich für alle ausgestandenen Entbehrungen entschädigen. O, hätte er doch nur einen Augenblick an seine Mutter gedacht, hätte er sich doch nur einmal zu ihrem heiligen Andenken geflüchtet, es Wäre vielleicht doch anders gekommen! Würdet Ihr doch, meine kleinen Freunde, bei allem, was Jhr thuet, an das Heiligste denken, das Ihr besitzet, an das Mutterherz und mancher Schritt bliebe ungethan! 10. Kapitel. Stürmische Wagen. Als Gottlieb so dastand und vergebens nach seinen verschwundenen Kameraden aussah, trat der Wirth mürrisch an ihn heran und bedeutete ihm in gebrochenem Französisch, er solle für die Anderen bezahlen, die da durch das Hin¬ terpförtchen davongegangen. Gerade und offen erklärte Gottlieb, daß er doch nichts genossen, als ein Glas Wasser, und daß er keinen Heller bei sich habe. Der Wirth aber, der ihm nicht glaubte, packte ihn unsanft beim Rocke, stieß ihn in ein kleines Stübchen, schlug die Thüre hinter sich zu und verriegelte sie. Gottlieb war ein Gefangener und abermals hinaus¬ gestoßen in die stürmischen Wogen des Lebens. Der Arme! Da saß er nun in dem finstern Stübchen und weinte bitterlich, er sah im Geiste das Schiss der Heimat zusegeln, er sah alle seine schönen Pläne in's Wasser fallen und sah sich rath- und hilflos in einem fremden Lande, dessen Sprache und Sitten er nicht kannte, er sah sich der Willkühr eines rohen, um sein Gut betrogenen Menschen preisgegeben, und das war eigentlich das Mer- schlimmste nicht, denn mehr als Alles drückte ihn der Gedanke, was wohl der brave Kapitän von ihm denken werde. 7* -'»2 Stets aber legte er sich aus's Neue die Frage vor: Warum die Kameraden ihn allein gelassen? Doch so sehr er auch sann und sich darüber, wie man so zu sagen pflegt, den Kopf zerbrach, es fiel ihm nichts ein, denn mit seinem reinen Gewissen konnte er nicht begreifen, warum sie ihm Böses zufügen sollten, da er ihnen doch nichts zn leide gethan. Und wie stets in den schlimmsten Tagen seines jungen Lebens, kehrte er im Geiste nach der lieben Heimat zurück; er dachte an Vater und Mutter, und ein süßer Trost kam über ihn. „Die Mutter ist ja um dich," sagte er sich „unv das Schlimme wird sich schon wieder zum Guten wenden, denn Vater, selig, sagte ja immer: „Es ist nichts so schlimm, daß es sich nicht bessern würde"; dann nahm er der Mutter Gebet¬ büchlein heraus; zwar war es stockfinster um ihn her nnd er konnte nicht sehen, aber die weiße Rose fand er und drückte sie an seine Lippen, und das that ihm wohl, ja wohler, als ob er 40 Seiten herabgebetet hätte, und der Gedanke an sein liebes, gutes Mntterle schloß ein heißes Gebet in sich. Vater, selig, hatte auch immer gemeint: „Man solle beim Beten nicht viel Worte machen, denn der liebe Gott wisse ja ohnehin, wie wir's meinen und was wir wollen, und darum müsse man das Gebet nicht ans den Lippen, sondern im Herzen haben." Beruhigt nnd getröstet durch das Andenken an seine guten Eltern ließ sich Gottlieb auf dem kahlen Erd¬ boden nieder und schlief endlich so fest ein, als ob er auf Eiderdunen läge. Einen solchen Schatz schließt nur ein reines, unver¬ dorbenes Herz in sich. Leise, noch mit den Schatten der Nacht kämpfend, stieg die Sonne herauf; da sprang Gottlieb, ans seinem Schlafe erwachend, in die Höhe. Er hatte vom Meere, von Fran Hanne, von Leopold Braun, von Oskar im bunten Durcheinander geträumt. Verschlafen blickte er in das graue Dämmerlicht nnd rieb sich die Angen, denn er konnte sich nur mit Mühe besinnen, wo er sei. Dann gierig er an's kleine Gitterfenster, das nach dem Hafen hinaussah, und genoß bald einen herrlichen Anblick. 53 Von den Minarets rief es wieder zum Gebet, noch einen Augenblick und die Sonne vergoldete die stille Flut, auf der sich bunt beflaggte Schiffe sanft schaukelten; aus Nebelschleiern tauchte das Häusermeer allmählig hervor und lag schimmernd und frisch im Sonnenglanze leuchtend da, wie der farbenschillernde Schmetterling, der eben die Hülle abgestreift und noch wie im Traume befangen an dem Blüthenstiele hängt. Es war ein herrlicher Anblick, von keinem mensch¬ lichen Schritt noch entweihr. Da knarrte die Thüre und Gottlieb blickte in das finstere Gesicht des Wirthes. Offen und ruhig sah er ihn an und sein Blick hatte etwas so Sanftes, Vertrauensvolles, daß er dadurch sofort den finstern Mann zu gewinnen schien, der ihm freundlicher bedeutete, ihm zu folgen. In der Wirthsstnbe fand er einen Dolmetsch, durch welchen ihn der Türke fragen ließ, ob er bezahlen wolle. Offen erzählte nun Gottlieb, wie Alles gekommen und daß er keinen Heller besitze. Der Türke ließ ihn fragen, was er nun beginnen wolle. „Ich werde arbeiten, denn wer arbeitet, hungert nicht", sagte Vater, selig, immer", antwortete Gottlieb. Die Entschlossenheit des Knaben gefiel dem Türken, und während er ihm mit einer gewissen Achtung ein Früh¬ stück vorsetzte, ließ er ihn durch den Dolmetsch fragen, ob er die Schuld bei ihm abdienen wolle. „Das will ich nicht", antwortete Gottlieb, „weilich ihm nichts schuldig bin, aber für einen Lohn, wenn auch anfangs für einen geringen, mag ich dableiben." Dec Wirth war's zufrieden und so war denn Gottlieb vorläufig geborgen." Lange aber konnte es nicht währen, denn wie kann auch ein Mensch, der manches gelernt hat, ein Mensch, der nach etwas Höherem strebt, lange Zeit die geringsten Arbeiten verrichten? Und daß er dies wirklich thun mußte, das drückte den armen Gottlieb gar sehr darnieder. Wieder fiel ihm ein, wie Vater, selig, sagte: „Der Mensch muß sich aus Allem durchzuringen wissen, aber nicht kriechen soll er, sondern aufrechten Hauptes durch alle Unfälle geh'n." k>4 Hätte Gottlieb kriechen und schmeicheln können, so hätte er leichtere und weniger niedrige Arbeit verrichten dürfen, allein das wollte und konnte er nicht, und so dachte er eines Tages: ,,Jch bin schon alt genug, habe ein kleines Sümmchen erspart, ich werde mich auf meine eigenen Beine stellen und zusehen, ob ich da nicht hinauf komme!" Das that er nun auch. Er gieug für den Anfang täglich zu Schiffe, half den Leuten ihr Gepäck nach Hause tragen und hoffte immer, eines Tages den Kapitän zu sehen, auf dessen Schiff er gewesen, sich dann ihm gegenüber zu recht¬ fertigen und vielleicht wieder Aufnahme bei ihm zu finden. Doch die Hoffnung trog. Das Schiff kam, aber es war ein anderer Kapitän darauf, auch kam der Winter heran und mit ihm eine sehr schlimme Zeit für den armen Gottlieb, denn der Verkehr auf dem Wasser nahm ab und wurde endlich ganz eingestellt, und der Arme fror und hungerte gar oft. Er ließ nichts unversucht, um sein trübes Geschick zu bezwingen, er war Schneider, Kellner und Bäckerjunge nach einander, er gieng mit Zündhölzchen hau- siren. Doch so sehr er sich auch abmühte, es half doch we¬ nig, und er wurde von den stürmischen Wogen des Lebens so unbarmherzig umhergeworfen, daß er eines Tages fast zu Tode erschöpft am Ufer liegen geblieben Ware. Der belebende Frühling kam und mit ihm ein Hoffnungsschim¬ mer, denn eines Tages erblickte er das Schiff ans der Heimat wieder und — auf dem Decke stand auch wieder der holländische Kapitän mit seinem gutmüthigen, breiten Gesichte und lachte und winkte dem Gottlieb, der am Ufer stand, zu; wußte er doch längst von dem Bubenstreich der beiden Schiffsjungen, und war er doch gekommen, um den armen Verlassenen aufznsuchen. Dieser flog nun voller Freude in die Arme seines Beschützers, welcher ihn an sein Herz drückte und sagte: „Nun mußt Du doch wieder zu Wasser, Du kleine Ratte, he!" 11. Kapitel. Bon Stnfc zn Stufe. Im Hafen von Tunis, an der Nordküste Afrikas, herrschte ein buntes reges Leben. Es war hier ein Gewühl und ein Menschengedrünge, wie es in Hafenstädten zumeist vorkommt, am meisten aber in jenen Ländern, an deren Endpunkten durch die Aus- und Einfuhr überseeischer Maaren sich eine ganze Welt zusammendrängt. Hier sah man Menschen aller Länder und in allen Trachten im bunten Gewühls durcheinander wogen. Den Neger neben dem Frauken, den Beduinen mit dunklen Glutaugen und sonnverbrannten Zügen, in lange, weite Gewänder gehüllt, neben dem Kreolen, dessen gelbbraune Gesichtsfarbe den interessanten Zügen einen eigenen Reiz verleiht. Negerinnen ziehen mit Mauleseln umher, aus deren Rücken bohe Wassercaraffe festgeschnallt sind, aus welchen eine Erfri¬ schung den Vorübergehenden geboten wird; man meint, man müsse nur das Auge schließen, damit zu dem bunten Bilde aus dem Schoß des Meeres auch eine Zauberwelt empvrtauche mit üppigen Gärten, in welchen silberne Quellen springen, und die Bäume goldene Früchte tragen und redende Vögel ihr wundervolles Gefieder in riesigen Zauberspiegeln besehen: ein sinnberückender Anblick aus tausend und einer Nacht. Mitten in all dem Getriebe steht ein jung« Mann an einen riesigen Waarenballen gelehnt und blickt staunend in diese bunte Welt. Volles, reiches, blondes Haar wallt aus seiner goldbetreßten Schiffsmntze hervor, die zarten 56 Züge sind vom Wetter gebräunt und erhalten dadurch eine gewisse Festigkeit, das Kinn ist von einem schönen blonden Barte umrahmt, der nur zum Theil den milden, weichen Zug, der um die Lippen gelagert ist, verdeckt. Nicht weit von ihm, gerade ihm gegenüber, steht die gebeugte Gestalt eines Mannes, dessen grauer Bart tief auf die Brust hinabreicht und der den jungen Mann, welcher die Kapitänsuniform trägt, unablässig betrachtet. Endlich aber stürzt er mit dem Rufe: „Er ist es!" auf ihn zu, und Gottlieb und Leopold Braun halten sich nach langer Trennung fest umschlungen. Denkt Euch, meine Freunde, wenn Ihr so nach langem Kampf und überstandener Mühsal dastehet und hinausblicket in die offene See, der Ihr so oft mit Eurem ganzen Muthe getrotzet und Ihr überdenket, wie Ihr als kleiner verwaister Knabe vom Haufe weg, in die Welt hinausgestoßen wurdet, wie Ihr durch alle Leiden hindurch von Stufe zu Stufe emporgeklomiueu seid, aus eign er Kr aft zu einer sorg¬ losen Stellung, und Ihr stehet nun da auf fernem Wclttheile und staunet hinaus in die fremde Welt und es stürzt Euch eiu alter Freund, ein Wohlthäter, ein Vater aus der lieben Heimat in die Arme, was müßtet Ihr da wohl empfinden? Nur wenn Ihr im Stande seid, Euch in diese Lage zu versetzen, könnet Ihr begreifen, wie es dem Gottlieb zu Muthe war, als er in dem wildfremden Lande seinen Beschützer aus der Heimat wiedersah, der ihm im Arme lag, und vor Freude lachte und weinte. Beide entfernten sich nun aus dem wirren Gedränge und ließen sich in einer stillen Gasse unter einer schattigen Palme nieder, um sich hier ihre Erlebnisse gegenseitig mitzutheileu. Als nun Gottlieb den Blick fragend aus seinen Wohlthäter richtete, bemerkte er erst, was ihm im Augen¬ blicke der Ueberraschung entgangen, wie verstört der Arme aussah, und der Schreck darüber bannte ihm die Frage auf seiner Lippe. 87 Leopold Braun aber verstand den Blick. Er schüttelte mit dem Kopse, strich bedächtig den langen Bart mit seinen dürren Händen, ließ das noch tiefer auf die Brust sinken und sprach mit gedämpfter Stimme: „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt!" Lange schwieg er daun und blickte starr auf den Boden, als schweiften seine Gedanken weitab in die Ferne. Auch Gottlieb schwieg. Er traute sich das Wort nicht auszusprecheu, aber er hatte das Bewußtsein, daß Leah und ihre Kinder nicht mehr unter den Lebenden weilten. Und so war es auch. Eine ansteckende Krankheit hatte sie dahingerafft und ihr Verlust trieb den armen Mann ruhe¬ los in die Welt hinaus. Jetzt rang sich ein schwerer Seufzer aus seiner Brust, er hob das Haupt, zwei große Thränen rannen in den Bart hinab. Sein ganzes trauriges Geschick perlte sich in diesen beiden großen Thränen ab. Gottlieb drückte ihm stumm die Hand und erzählte nun, wie es ihm seit ihrer Trennung ergangen, bis zu jenem Punkte, wo er seinen Kapitän wiedergefundeu, der ihn nicht mehr von sich ließ. Er stieg von Stufe zu Stufe durch seinen Fleiß, seinen biedern Character und seine Ausdauer, und als der wackere Holländer seine Augen schloß, übergab er ihm sein Schiff und seine Würde. So manchem Sturme hatte er getrotzt, so mancher drohenden Gefahr kalt in's Auge geblickt, Land und Leute hatte er kennen gelernt und sich tüchtige geografische Kennt¬ nisse erworben, die er in Büchern veröffentlichte. Nun schiffte er sich nach dem Cap der guten Hoffnung ein, um Gold und Diamanten, an denen das Land überreich ist, auszuführen und fein Wissen durch Studien zu bereichern. Jetzt waren es Helle Freudenthränen, die der ehrliche, alte Jude weinte, und er konnte dem Gott seiner Väter nicht genug danken, daß er ihn in seinem Jammer wenig¬ stens diese Freude erleben ließ. 8 k>8 „Das ist es, was mich über Bord gehalten und mich im Sturme nicht untergeheu ließ", sagte nun Gottlieb, „das Erbe meines Vaters, die guten, alten Sprich¬ wörter und dann das Andenken an eine Heilige, au meine Mutter." Dabei zog er das alle Gebetbuch hervor, das unter der reichbetreßten Kapitünsuniform seinen Platz ge¬ funden, wie unter der ärmlichen Jacke des Knaben. „Der Traum an ihrem Sarge hat sich erfüllt, und im Gedanken war sie mir immer gegenwärtig und auch das Erbtheil meines Vaters, die guten, alten Sprichwörter. Jetzt erst verstehe ich die Worte: „Liebe mich und ehre mein Andenken, und ich werde stets um Dich sein." „Und nun vergesse auch den Traum im Walde nicht, wo sie Dich vom Abgrund, der zwischen Blumen gähnte, zurückriß. Du bist sehr hoch gestiegen, mein Sohn, Du wandelst jetzt auf den Blumen des Lebens, hinter denen mancher Abgrund lauert. O, vergiß auch da die Mutter nicht!" antwortete der schwergeprüfte Alte. Gottlieb drückte die welke Rose, die noch an ihrer Stelle lag, an seine Lippen und schwieg. Leopold Braun verstand diese Sprache. „Bleibt bei mir," bat Gottlieb. „Ihr habt einst für mich gesorgt, ich will nun für Euch sorgen!" Doch der Arme schüttelte mit dem Kopfe und sprach: „Unsere Wege gehen weit auseinander. Vor Dir steht das Leben offen mit all seiner Pracht und mit all seinem Ruhme, mein Weg dagegen geht abwärts in die kühle Erde. Laß' mich zieh'n und wandle auch Du in Frieden Deiner Wege!" Leopold Brann war ansgestanden. Er erhob das Haupt, richtete sich einen Augenblick hoch auf, seine Gestalt schien zu wachsen und seine schmerzliche Ergebung hatte etwas so Erhabenes und Großes, daß Gottlieb davor verstummte und seine Bitte nicht mehr wiederholte. So schieden sie denn von einander. Der Eine schritt nun in frischer Lebensfülle auf der Bahn des Glückes, das er sich selbst errungen, weiter fort. Der Andere — wankte gebrochen dem Grabe zu. 12. Kapitel. Wie die Saat, so die Ernte. Gottlieb's Unternehmungen nach dem Cap waren alle von den glänzendsten Erfolgen begleitet. So oft er eine solche Reise unternahm, stets hatte er eine reiche Aus¬ beute an Gold und Diamanten, und stets machte er neue Entdeckungen auf dem Gebiete der Wissenschaft. Manche Auszeichnung als Lohn seines Mnthes und seiner Forschungen prangte wohlverdient an seiner Brust. Ja, der Bey von Tunis hatte ihn mit hohen Ehren überhänst und ihm mit eigenen Händen ein Ehrenzeichen an gold'ner Kette nm den Hals gehängt. So stand er eines Tages am Deck seines Schiffes, welches am Cap vor Anker lag, um bald die Reise wieder zurück nach der Nordküste anzutreten, und blickte träumend in die Wellen hinaus Seine Gedanken flogen weit über das große Meer, über Berge und Thäler, in ein kleines Städtchen auf deutscher Erde, und verweilten bei den An¬ denken seiner Lieben, und er dachte der Zeit und des großen Raumes, die zwischen ihm und den lieben beiden Grabhügeln lagen, welche sein Theuerstes, seine Eltern, umschlossen. Wie hatte ihn doch die Erinnerung an sie geschützt, wie hat ihn doch die Liebe an sie über die stürmischen Wogen des Lebens hinweggetragen, und wie ist doch Alles so wunderbar geworden. Er sah sich geliebt und geehrt von Allen, die ihn kannte», er sah sich ausgezeichnet von den Beherrschern fremder Länder, er hatte sich große Reichthümer und einen Schatz von Wissenschaften erworben und dieß Alles: „Aus eigner Kraft". 8* 60 Ja wohl! Vater, selig, hatte Recht: „Was man mit ernstem Vorsatze will, das kann man auch!" An ihm hat sich's bewährt. Er hatte mit Geduld und Ausdauer sich aufrechten Hauptes durchgerungen und das böse Geschick, das schon in seiner Jugend sich seiner bemächtigt hatte, lag besiegt von seinem eisernen Willen zu seinen Füßen. Und als er so dachte, da kam es ihm vor, als wäre er noch daheim, als wäre er noch ein Kind und säße am Bette der Mutter, und dann an ihrem Sarge und träume, und Frau Hanne sähe ihn an mit ihrem bitter¬ bösen, guten Gesichte; und wie er so saun und dachte, da regte sich wieder jenes schmerzliche Gefühl in seiner Brust, das dem Durste gleicht, dem ungestillten, und das die Menschen „Sehnsucht" nennen. Wieder wünschte er. er wäre ein Vögelein und könnte weit, weit fvrtfliegen über Berg und Thal und Land und Meer in die liebe, liebe Heimat, und je mehr er dachte, desto deutlicher trat der Wunsch nach ihr vor seine Seele, bis er fest entschlossen ausrief: „Ja ja, zu Dir will ich eilen, Dich will ich sehen, Du liebe traute Heimat, und Euch, ihr stillen Leichenhügel, und Dich, Du bitterböse, gute Hanne"! Lange noch beschäftigten ihn die Bilder der Vergan¬ genheit, bald zog ein Schatten, bald ein Heller Sonnenstrahl über seine Züge; noch tauchte, wie ein mattes verblichenes Bild, Schloß Elfenheim mit seinen Bewohnern vor ihm auf. Was mag wohl aus ihnen geworden sein? Da wurde er mitten in seinen Betrachtungen durch einen ungeheuren Menschenauflauf, der sich vom Ufer her dem Meere näherte, gestört. Es schien, als ob diese Menschenmasse, die brüllend und schreiend daherrannte, Jemanden verfolge, der wie ein gehetztes Wild vor ihr daherfloh. Jetzt waren sie am Strande, der Verfolgte hatte einen Vorsprung, doch er war erschöpft, — jetzt faßten sie ihn am Rocke, — mit letzter Kraft riß er sieb los, die Wellen spritzten auf — ein Schrei des Entsetzens wurde laut, — der Unglückliche suchte in den Wellen den Häschern zu entkommen. 61 Schneller als im Augenblicke hatte Gottlieb einen Kahn losgemacht und ruderte dem Unglücklichen nach, der noch mit den Wellen rang. Schon hatte er ihn erfaßt, da kippte das Boot dadurch, daß Gottlieb sich zu sehr nach einer Seite neigte, um, und Beide verschwanden in den Wellen. Die Menge am Ufer stand sprachlos vor Entsetzen. Da tauchten Beide wieder aus den Fluthen empor. Mit der größten Geistesgegenwart trotzte Gottlieb den Wellen, den Andern immer noch festhaltend. Seine Leute hatten die Gefahr rasch genug erkannt, die Angst nm den geliebten Kapitän beflügelte ihr Rettungswerk, sie kamen mit den Booten gerade in dem Augenblicke, als Gottlieb seine Kraft verließ und er unrettbar verloren gewesen wäre. Noch eine letzte Kcaftanstrengung, und Beide lagen geborgen im Boote. Gottlieb, den die Seefahrten ziemlich abgehärtet hatten, erholte sickr bald von dem unfreiwilligen Bade, ließ sich trockene Kleider bringen und war endlich bemüht, Den¬ jenigen, um den er bald sein Leben gelassen hätte, in's Leben zurückzurufen. Die Menge, die den Verfolgten todt glaubte, hatte sich wieder verlaufen, nachdem Gottlieb noch erfahren hatte, daß Derjenige, der vor ihm dalag, einen Ungeheuern Dieb¬ stahl ausgeführt hatte und dabei ertappt worden war, worauf er, nm den Verfvlgern zu entgehen, in die Wellen gesprungen war. Gottlieb, der noch nicht alle Hoffnung aufgab, den Unglücklichen zu retten, ließ ihn auf fein Schiff bringen, und setzte dort seine Wiederbelebungsversuche fort. Es war, als ob eine geheime Kraft, die er sich nicht enträthseln konnte, ihn zu diesem Menschen hinzöge. Doch vielleicht war es blos das Mitleid mit einem Unglücklichen, der einen trübseligen Anblick bot, denn seine Kleider hiengen in Fetzen, seine Wäsche schien jahrelang am Leibe, die Haare hiengen in wirren Ringeln über die Stirne, und in diesen bleichen fahlen Zügen stand ein Leben voll Jammer und Elend geschrieben. 62 Nach langem Bemühen schlng er endlich die Augen auf, blickte fremd um sich und schloß sie wieder, aber Gottlieb konnte diese Augen nicht mehr vergessen. Sie mahnten ihn an ferne, längstverschwuudene Tage, an eine fast vergessene Gestalt, doch wie eine Sache der Unmöglich¬ keit, wies er diese Gedanken zurück. Durch warme Getränke, und durch immerwährendes Reiben der erstarrten Glieder, durchflog bald wieder die Lebenswärme den Unglücklichen. Als er sich so ziemlich erholt hatte, blickte er in die Züge seines Retters, und je mehr er ihn ansah, desto unruhiger wurde sein Blick, und mit einer von Freude und Trauer furchtbar erregten Stimme rief er: „Gottlie b!" Erstarret blickte Gottlieb in die Züge des jungen Mannes, der Schreck lähmte ihm die Glieder. Neckte ihn nicht ein böser Traum? Nein, nein, ueiu! das waren die Züge Oskar's, er vergaß Zeit und Raum und das Ver¬ brechen des jungen Mannes; nichts lag zwischen ihnen und: „in den Armen lagen sich Beide, und weinten vor Schmerzen und Freude". Es war ein schmerzlich-freudiges Wiedersehen nach langen, laugen Jahren. Wie das doch gekommen? Nun, meine lieben Freunde, wie es kommen mußte. Das Gold lag in Kalifornien nicht auf der Straße, und die Tauben flogen auch nicht gebraten in den Mund. Die Goldbergwerkc gehören Pächtern oder sind von Eigenthümern angekauft, und diejenigen, die es zu Tage fördern, sind eben Taglöhner und müssen arbeiten. Freilich bekommen sie einen Antheil an der Ausbeute und einet: großen Lohn, denn die Arbeit ist schwer. Arbeiten muß man überall, wenn man was erreichen will, denn ohne Arbeit ist kein Lohn, wie ohne Saat keine Ernte. Oskar aber mochte nicht arbeiten, sank auch dort immer tiefer, und da er vom Cap der guten Hoffnung hörte, hatte er neue Hoffnungen auf Reichthümer gebaut und sich da¬ hin eingeschifft. 63 Doch auch da flog ihm das Gold nicht entgegen. So kam es, daß er schon drei Tage nicht gegessen hatte, die Kleider fielen ihm beinahe in Fetzen vom Leibe, er streckte die Hand nach fremdem Gute und wurde ertappt. Das Ändere wissen wir. Er hatte vor Gottlieb ein reuevolles, umfassendes Bekenniuiß seines verfehlten Lebens abgelegt und als er geendet hatte, r>ef er schmerzlich aus: „O meine arme, arme Mutter!" Dann sank er erschöpft voll Scham und Reue auf das Lager zurück, welches Go ttl ieb ihm bereiten ließ, denn er sah, daß der Bedauernswerthe krank, sehr krank sei. Der Hunger, die Angst, der Sturz in die Fluth und die zermalmende Reue, welche gegenüber dem so hoch dastehenden Gottlieb erst recht zum Ausdrucke kam, ließen den Ausbruch einer hitzigen Krankheit befürchten, welche auch nicht lange auf sich warten ließ und der Schiffsarzt meinte: das verderbte Leben habe in dem jungen Manne so sehr alle Kräfte aufgezehrt, daß an eine Rettung nicht zu denken sei. Es war ein Heller glänzender Morgen, und die Natur schien alle Pracht ihrer Schönheit über das Meer ausge¬ gossen zu haben. Das Schiff Gottlieb's schaukelte der Heimat zu. Auf dem Decke standen drei Männer, zwei von ihnen hoben einen, in einen Sack genähten schweren Gegenstand in die Höhe, schwangen ihn über Bord und senkten ihn in's Meer. Der Dritte hielt schluchzend sein Taschentuch vor den Angen, es war Gottlieb. Oskar aber ruhte am Grunde des Meeres und die Sonne, die ihn im Leben geflohen, beschien in strahlender Gluth sein Wellengrab. 13. Kapitel. Daheim. Frau Hanne saß in ihrem kleinen Stübchen und wie sie ine müßig sein konnte, war auch der Strickstrumpf in ihren alten Tagen ihr treuer Begleiter. Sie war sehr alt geworden und ihr Kopf wackelte vor Schwäche wie eine welke Blume auf dürrem Stengel. Endlich sanken die Hände müde in den Schooß, der Kopf fiel auf die Brust herab, und die Gedanken flogen in die Ferne zu dem Lieblinge, der ihrer in der weiten Welt nicht vergessen und ihre alten Tage mit Bequemlichkeit und liebender Sorgfalt ausgestattet hatte. Ein großer, grauer Kater, der mit ihi alt geworden, schnurrte behaglich an ihrer Seite, streckte sich und schmiegte sich dann schmeichelnd an die gute Frau, die das Thier liebevoll streichelte, das nun der einzige Gefährte ihrer Einsamkeit war. Die Matrone nahm die Brille ab, wischte sie sinnend und murmelte: „Ja, ja, mein guter Leberecht, der alte Gott lebt wirklich noch!" Wie gerne würde sie den Gottlieb gesehen haben, ehe sie die alten Augen für immer schloß, ebe sie an der Seite derer zur Ruhe gehen sollte, mit denen sie auf der Schulbank gesessen, und die lange, lange vor ihr der grüne Rasen deckte: Meister Leberecht und seine Frau. Durch ein Geräusch wurde sie aus ihren Betrachtungen aufgeschreckt, sie blickte auf und blieb wie gebannt vor Ueberraschung auf ihrem Platze. In der Thüre stand 65 ein junger Mann, mit goldbetreßten Kleidern, wie sie sie nie gesehen, und schaute ihr mit einem unaussprechlichen Gefühle in die treuen, alten Augen, in denen es freudig aufleuchtete. Nun aber erhob sie sich, zitternd am ganzen Körper vor Freude, mußte sie sich auf den Stock stützen, und den Blick immer auf den jungen Mann gerichtet, gieng sie ihm entgegen und rief unter Lachen und Weinen: „Ja, ja, er ist's doch, mein Kind, mein Gottliebchen!" „Nu freilich bin ich's, Frau Hanne!" rief er, ihr beide Hände entgegenstreckend, und weinend lag sie an seiner Brust. Sie zog ihn zu sich herab, denn das Alter hatte sie ein wenig zusammengeschrumpft, so daß sie an den hochgewachsenen, jungen Mann nicht hinanreichte, sie hielt sein Haupt in ihren zitternden Händen, sie befühlte sein weiches, blondes Haar, sie sah ihm in die treuen, lieben Augen und maß ihn mit stolzem Blicke, der so groß geworden war, Hätten sie ihre alten Beine nur getragen, sie hätte ihn ge¬ faßt und hätte wie ein Kind mit ihm durch die Stube ge¬ tanzt, daß die Dielen gedröhnt hätten. Nun aber trippelte sie geschäftig durch's Zimmer, strich und Plättete überall irgend was zurecht, setzte eine weiße Nachtmütze auf, band die Sonntagsschürze vor, legte Decken auf Tisch und Bett, die sie noch von Großmutter, selig, hatte; dabei blickte sie verstohlen immer nach Gottlieb und murmelte: „Ja, ja, der alte Gott lebt wirklich noch!" Nun sah es recht sonntäglich in der Stube aus, es war aber auch heute ein Festtag, den sie nicht mehr zu erleben gehofft. * * Tage und Wochen vergiengen in ungestörter Freude. Gottlieb hatte den Eltern prachtvolle Denksteine auf's Grab setzen lassen; doch so schön und so kostbar sie auch waren, wurden dieselben weitaus von denen übertroffen, die im Herzen des liebenden Kindes mit pietätvoller Flamme eingeprägt waren. 9 66 Auf dem Platze, wo das Häuschen gestanden, in dem die Eltern Gottlieb's gewohnt, tummelten sich oiele Arbeiter herum, und in wenigen Wochen erhob sich dort ein herrliches Gebäude. Gottlieb hatte den Platz ange¬ kauft, und das Gebäude sollte ein Waisenhaus werden, worin die Verlassenen Aufnahme finden sollten. „Wozu hat mir Gott Reichthümer gegeben?" sprach der junge Mann, „nur dazu, um sie zum Wohle meiner Nebenmenschen zu verwenden und ihr Leid zu mildern. Das tiefste Leid aber auf dieser Welt ist cs wohl, eine Waise zu sein, und weil ich es selbst erfahren, will ich die Waisen schützen und ihnen ein Heim bereiten." Die Anstalt nannte Gottlieb zu Ehren seines Vaters „Leberecht", denn nur dadurch, daß er ihm in frühester Jugend Biedersinn und die guten alten Sprichwörter ein¬ geimpft, hatte er es so weit bringen können, daß dieses schöne Haus seine friedlichen Räume dem größten Unglücke öffnete, und über dem Portale las man in goldenen Lettern die Worte: „Aus eigner Kraft." Nachdem Gottlieb noch der guten Frau Hanne die Augen zugedrückt, segelte er wieder in die Welt hinaus, neuen Unternehmungen, neuem Ruhme und neuen Reich- thümern entgegen, und Alle sind sie ihm zu Theil geworden: „Aus eigner Kraft." Inhalt: Seite Vorrede.m 1. Kapitol: Di« guten Nachbarn. 1 2. Kapitel: Verwaist. 8 3. Kapitel: Unverhofft kommt oft.14 4. Kapitel: In: neuen Heim.>9 5. Kapitel: Nnf der Flucht.26 6. Kapitel: Ein Zoll der Dankbarkeit.30 7. Kapitel: Abwärts.34 8. Kapitel: In der weiten Welt.38 9. Kapitel: Bon Stufe zu Stufe.46 10. Kapitel: Stürmische Wogen.k>1 11. Kapitel: Von Stufe zu Stufe.55 12. Kapitel: Wie die Saat, so die Ernte.59 13. Kapitel: Daheim.- . . 64 BW-