ZUM VORLATEINISCHEN ALPHABET DER NORIKER RUDOLF EGGER W ien Es h an d elt sich um zwei Inschriften in einem A lphabet, fü r das ich die B ezeichnung norisch vorgeschlagen habe, und zw ar um den vollständig erh alten en Nam en einer F ra u und den lü ckenhaften eines M annes. Die E rstpublikation erfolgte im B ericht »Die A usgrabungen auf dem M agdalens­ berg 1956 und 1957« S. 135 ff. Nr. 65 und 66 m it Abb. 110 und 111.1 Die beiden N am en sind auf dem Boden eines S igillatatellers von 30 cm D urch­ m esser eingeritzt, also auf einem grossen. Fünf S tücke des Bodens passten aneinander. G efunden w u rd en sie im Schutt des R aum es Q, an d er W estseite des M arktplatzes. W as m itgefunden w urde, gehört d er spätaugusteischen Zeit an, in diese Z eit auch d er T eller (Abb. 1). D er erste Leseversuch lautete, von rechts nach links siptu zevh (Frauennam e) und k v io .. . b e ­ ziehungsw eise kaio . . . (der M ännernam e). Indessen ist ein Dezennium v e r­ gangen, unser V orrat an vorlateinischen Schritzeichen h a t sich sowohl auf dem M agdalensberg verm eh rt, als auch in der südlichen und w estlichen N achbarschaft Noricum s ist eine Fülle von M aterial hinzugekom m en. J. W hatm ough’s Tafel in P rae-Italic D ialects of Ita ly (PID) nach S. 502 h a t eine schöne Ergänzung gefunden in der von G. B. P ellegrini und B. F o rlati- Tam aro, A spetti della civiltà paleoveneta.1 2 Was im B ericht 1956 und 1957 zu den zwei Inschriften v o rg eb rach t w orden ist, m uss k o rrig iert w erden. Da es G raffiti sind, kom m t uns auch die reiche E rfah ru n g zugute, w elche die K aufm annsnotizen uns gebracht haben — eine vorzügliche neue Q uelle fü r lateinische K ursive. M ag d er erste Leseversuch h eute kindlich anm uten,3 so soll d er zw eite Zeugnis ablegen vom allgem einen F o rtsch ritt seither und vom besonderen d er b eh arrlich en M agdalensberg Forschung. Bei den G raf­ fiti soll nicht vergessen sein, dass sie B esonderheiten haben dürfen, v e r­ schiedenes Mass von Übung aufw eisen und jedenfalls etw as G elegentliches sind. Einiges erk lärt sich auch aus der glasharten Schreibfläche. Die A rbeit an einem G raffito v erlan g t G eduld, die B esonderheiten erschliessen sich n ich t au f einem Schlag. Die folgende kleine U ntersuchung möge ih ren A nfang haben m it dem vollständigen Frauennam en. D er S igillatateller geh ö rt nicht in die Vorge- 1 Der Bericht ist ein Teil der C arinthia I Jg. 149, erschienen 1959. 2 Paleoveneti di Vicenza 1963. 3 A ber auch, w as K. P in k m it Zustim mung P. K retschm ers bei der Legende eines Silberstückes aus dem Funde von R ibnjačka geboten hat, ist nicht viel besser; vgl. Bericht 1958 und 1959, Sasthieni = Sosthenis. Abb. 1. M agdalensberg, K lagenfurt. Sigillatateli er, Boden m it Inschriften. Photo und Zusam m ensetzung G. K hevenhüller SI. 1. M agdalenska gora (Stalenski vrh), Celovec. Sigilatni krožnik, dno z napisi. Sestavil in fotografiral G. K hevenhüller schichte, sondern in eine hochentw ickelte G eschichtsperiode, in die A nfänge des ersten nachchristlichen Jah rh u n d erts. Die In sch rift zählt zu den S p ät­ zeugnissen vorlateinischer S chrift, die noch im selben Ja h rh u n d e rt ausser G ebrauch kom m t. Die überw iegende M ehrzahl derer, die auf Sigillata ihren N am en eingeritzt haben, ta te n dies in lateinischer K ursive, umso w ertvoller ist ein N achzügler aus dem K reise der Einheim ischen. Die S chrift verläu ft von rechts nach links, die B uchstaben sind verschieden hoch, fü r sie sind ja keine Zeilen vorgezogen w ie bei Inschriften auf Stein oder M etall. Etw as besonderes sind die »Füsschen« bei einzelnen B uchstaben, und auch das sei verm erkt, dass die B uchstaben nicht dem nahen Zierkreis folgen, sondern eine gerade Zeile bilden. Diese besteht aus acht Buchstaben, jed er davon b ed arf einer kurzen E rläu teru n g . 1. B uchstabe. G elesen 1956 als S griechischer Form , wie sie in der Z eit um C risti G eburt üblich w ar, linksläufig ]. Doch seitdem die Legende A ga 0 ; Eyi, auf Silberstücken des Fundes von R ibnjačka bekannt gew orden ist, wo ein Rho m it Fuss begegnet,4 darf der A nfangsbuchstabe unseres N am ens als P m it Fuss v erstan d en w erden. Dieses P ohne Bogen sah ich auf einem einheim ischen Schw arzhafnergefäss der Sam m lung Conte M arcello 1 1 Vgl. Anm. 3. in A itino, nördlich M estre, auch in d er Liste von P elleg rin i ist es m ehrfach vorhanden. 2. B uchstabe. G elesen als L ig atu r I + Z Z , ist v ielm eh r ein um 90° nach rechts gedrehtes E. P ellegrini h a t u n ter Bologna ein um 90° nach links gedrehtes; ein schräg gestelltes, n u r um 45° gedrehtes, h a t die Liste von W hatm ough. 3. Buchstabe. Sicher T. D ie senkrechte H asta ist eine V erletzung. 4. Buchstabe, ist das V d er lateinischen K ursive des M agdalensberges.5 5. B uchstabe, frü h e r m it zw ei Füsschen kopiert, doch ist das linke eine V erletzung. K onnte das Zeichen frü h er als das Z d er italischen A lpha­ bete angesehen w erden, d arf ich nunm ehr den B uchstaben als linksläufiges S m it v erlän g erter oberer H asta erklären; vgl. die G rundform en im rä ti- schen B ereich PID u n ter M agrè.6 Solange die u n te re Q uerhaste als ge­ knicktes Füsschen angenom m en w urde, bestand die M öglichkeit, dass ein I vorläge als als zw eite V ariante neben Z. Abb. 2. M agdalensberg, K lagenfurt. Sigillatateller m it Inschrift der F rau Sl. 2. M agdalenska gora (Stalenski vrh), Celovec. Sigilatni krožnik z imenom žene 6. Buchstabe. A uch dieser w eist E igentüm lichkeiten auf, zunächst das bisher nich t beobachtete Füsschen unten, an Höhe gleicht er dem v o ran ­ gehenden V. Wie bei diesem feh lt oben ein kleines Stück. Doch die F orm ist k lar, ein K m it p arallel gerichteten Q uerhasten. Zu vergleichen sind die K in W hatm ough’s L iste u n te r Lepontic, E ast Italic und Gallic, des­ gleichen das V orkom m en in d er lateinischen K ursive, etw a R. Cagnat, C ours d ’épigraphie L atine,4 S. 3 und 7. A uf festem Boden stehen w ir beim letzten B uchstabenpaar. 7. Buchstabe. E r ist an das vorangehende K angesetzt. Die V erlänge­ ru n g d er Senkrechten nach u n te n ist n u r eine scheinbare, in W irklichkeit lieg t ein K ratzer vor. Echt dagegen und zugehörig ist ein längeres Füsschen u n ten und von der oberen S chräghaste das noch sichtbare Ende. K ein Z w ei­ fel, w ir haben es m it einem D igam m a zu tun. 8. Buchstabe. Es ist das fünfstrichige H, ein E rbe des altetruskischen M utteralphabetes, das in E ste I und in den A lpen (Bozen, Lothen, Valcam o- 6 Die Stadt auf dem M agdalensberg, ein Grosshandelsplatz. S. 39 Nr. 46. B e­ richt 1953, S. 71, Abb. 52 Nr. 14. • Auch Journal of Rom an Studies XI 1921, S. 243 ff. nica) w eiterlebt. B ekannt ist, dass durch vh der F -L au t ausgedrückt w urde.7 Der v ierte B uchstabe ist un terstrich en und anschliessend der fünfte und sechste auch. V e rtritt dieser S trich den Schnörkel einer U nterschrift, w ie ihn eine spätere Zeit endlos übte, oder zeigt er eine K ürzung an? Die la ­ teinische E pigraphik ken n t K ürzungsstriche ü b er den Buchstaben, w as ins M ittelalter übergeht. Das in W ien nächste Beispiel b ietet der aus Sieben­ bürgen ins Stiegenhaus d er N ationalbibliothek ü bertragene A ltar CIL III 1081 I . O • M beginnend. Ü ber die Lesung d er Inschrift später, vorw eg­ genom m en sei ih r A nfang, d er keltische F rauennam e Petu, der in F lavia Solva nachzuw eisen ist. CIL III 5370 M asculus D eusi [f(üius)] v(ivus) j(ecit) sibi et Pettun[i] Secundi [f(iliae)] an(norum) L X ; vgl. A. Holder, A ltcelti- scher Sprachschatz II Sp. 981. A uch beim zw eiten G raffito setzt K o rrek tu r u n d F o rtschritt gleich beim ersten B uchstaben ein. Es schreibt eine andere H and. Die zwei sich k re u ­ zenden H asten sollten gerade sein und gerieten krum m , aber die vier Teile der H asten gehen richtig in ein an d er über, was ein K ausschliesst, wohl ab er fü r ein T passt. W ie der 2. Buchstabe, ein A (und zw ar eines m it schrägem M ittelstrich) anzeigt, sollte die S chrift schräg nach links aufw ärts gehen, es w urde d ann die R ichtung m it dem d ritten B uchstaben, einem I, geändert dh. die B uchstaben gehen p arallel zum nahen Z ierkreis. D er 4. B uchstabe gleicht der O dalrune. Dieses O m it Füsschen ist d er lateinischen K ursive des M ag- dalensberges v ertrau t, auch in d er gestürzten Form , m it den Füsschen oben.8 * * I I Nach O fehlen vier B uchstaben, die Reste eines fü n ften lassen sich unschw er zu einem fünfstrichigen H ergänzen. D am it haben w ir neben dem F rau en n a­ men P e tu einen m ännlichen: Taio, vielleicht auch Taio[s]. Die in latein i- Abb. 3. M agdalensberg, K lagenfurt. Sigillatateller m it Inschrift des M annes Sl. 3. M agdalenska gora (Štalenski vrh), Celovec. Sigilatni krožnik z imenom moža 7 Jüngst hat sich m it D igam m a + H M. Lejeune in seiner Studie Les ad ap ­ tations de l’alphabet étrusque au x langues d’Italie in der Revue des études L ati­ nes X X XV 1957 beschäftigt, S. 90 f. und Taf. C. 8 B ericht 1954 und 1955, S. 153 Nr. 51. Die S tadt auf dem M agdalensberg S. 46 Taf. X V II—XVIII, Nr. 245. 249. 257. 276. 279. B ericht 1960 und 1961, S. 104 Abb. 56 Nr. 1—6. 9. Aus älterer Zeit ist die Bilinguis aus Pesaro anzuführen CIL XI 6362 und nach einer persönlichen K ontrolle der Stein vom Monte Pore PID II Nr. 346. schem A lphabet geschriebene E ntsprechung ist erh alten CIL V 4670 L(ucius) Petronius Tai f(ilius) und auch die zugehörige F em ininform CIL V 6766 Taiae Casticiae.9 Ob im N om inativ Taios das Schluss-S geschrieben w a r oder fehlte, kann nicht ausgem acht w erden. F ü r abgestossenes -s gibt es in den M agdalensberginschriften Beispiele: auf einem R ingsteine (Karneol) lau tet d er Nam e des G raveurs Corpilo(s), entsprechend einem Corpil(l)us.1 6 Auf einer Lam pe ist der B enützernam e O xsu geschrieben d. i. Oxsu(s).1 1 A nzuführen ist aber auch d er jüngst gefundene G rabstein aus W ieting im G örtschitztal.9 1 0 1 1 1 2 An d er Lesung des in der form vollendeten A rt des 1. n ach ­ christlichen Ja h rh u n d e rts geschriebenen Textes b esteh t kein Zweifel. Sae- tubolo(s) I D iastulli f(ilius) \ [e]t Talsae E rem i \ [rigjis f(iliae) uxsori testa 1 [men]to jieri ius(s)it. Von den zw ei M öglichkeiten, dass der Steinm etz Z. 2 Ende ein sibi der V orlage w eggelassen h a t oder dass Saetubolo D ativ ist und d er Nam e des T estators feh lt,1 3 1 4 ist u n streitig die erste vorzuziehen. Saetubolos ist ein seltener K eltennam e, als Saetibolus begegnet er auf einer n ich t ganz verlässlich abgeschriebenen In sch rift u n ter den Incerta P annoniae inferioris CIL III 3695 Saetibolus | an(norum ) X III et Qui ] n tus an(norum ) V II f h(ic) s(itus) e(st)u | Magissaes f. parens | t(itulum ) p(osuit) m(emoriae). Z. 5 ist w ohl d er V atersnam e zu M agissa näm lich Es(si) f(ilius) herzustellen.1 5 E in m ännlicher und ein w eiblicher Name auf einem Speiseteller be­ ziehen sich auf ein E hepaar, das in die V erpflegsgem einschaft des M arktes auf dem M agdalensberg aufgenom m en ist. Einen P arallelfall stellt die Sigil- lataschale dar, auf deren B oden A tta, d er M ännernam e, und auf deren A ussenw and Pam eta, der F rau en n am e eingeritzt ist.1 6 M eist sind die Be- nützernam en auf Ess- und T rinkgeschirr abgekürzt: Ate(ius) B ericht 1958 und 1959, S. 184 Nr. 79 Abb. 101; Ox(us) B ericht 1949, S. 489 f. Nr. 17 Abb. 36, 4; Pam (eta) B ericht 1960 und 1961, S. 107 Nr. 10 und Abb. 59 usw. A uch die B esitzernam en auf D reifussschallen, in einheim ischem A lphabet geschrie­ ben, w erden abgekürzt, so B erich t 1960 und 1961, S. 100, Nr. 66 Abb. 53 . . . ik( ). In unserem Falle liegen V ollnam en vor, w ie sie auf G rabsteinen, in V ereinslisten, beim M ilitär im B rauch sind. E in B eispiel fü r einen Sol­ d aten B ericht 1954 und 1955, S. 154 Nr. 36 . . . Curen(us) (centuria) Magi. A uf einen V ollnam en fü h rt bei d er Inschrift der P e tu das B uchstabenpaar vh = f und beim N am en des Taios das h am Ende, dem analog ein Digam m a vorausging. Also die beiden haben bereits »römisch« gedacht, w as inm itten einer L atein sprechenden und schreibenden K aufm annschaft und nach zw anzigjähriger Z ugehörigkeit zum Reich kein W under ist. D er F rau en nam e ist zu lesen P etu S k ( )f(ilia), der M ännernam e Taio(s). . . j(ilius). In beiden Fällen ist d er V atersnam e gekürzt wie in röm ischem B rauch des 9 Vgl. Holder II Sp. 176. 1 0 B ericht 1960 und 1961, S. 59 Abb. 38 und S. 102 Nr. 80. 1 1 Daselbst S. 101 Nr. 67 m it Kopie Abb. 53, 67. 1 2 H. Vetters in der F estschrift für G otbert Moro, Beigabe zu C arinthia I 1962, S. 35 ff. m it Photo und Umschrift. 1 3 Beide von V etters in Erw ägung gezogen. 1 4 S tatt s(iti) s(unt). 1 5 Vgl. Holder I Sp. 1474 f. Essibnus, Essius, Essus. 1 6 B ericht 1952, S. 60 f. Nr. 20 m it Kopie auf Abb. 36. Über die G em ein­ schaftsverpflegung vgl. B ericht 1956 und 1957, S. 139 f. V aters Praenom en im N am en des Sohnes, Sc(iti) etw a, oder w enn das u nterstrichene V einm al fü r zw eim al steht, Usc(i). Vollausgeschrieben ist in den G raffiti der K aufleute A dgonetus V indunis filius.1 7 M anchem mögen diese A usführungen als zu lang oder auf unsicherer Basis noch als v erfrü h t erscheinen, aber er k an n den Trost haben, dass m it dem F ortschreiten der G rabungen auf dem M agdalensberg fü r S pätere die Inschriften im norischen A lphabet viel w eniger Problem e stellen w erden POVZETEK K predlatinski abecedi Noričanov Na dnu kasno-avgustejskega sigilatnega krožnika z M agdalenske gore pri Celovcu (Stalenskega vrha) sta dva kratka, delno poškodovana, vpraskana napisa. Črke, ki si sledijo z desne n a levo, spadajo — kot noriška varianta — v skupino predlatinskih veneto-alpskih abeced, ki v avgustejskem obdobju nekako do­ končno zam rejo. A vtor jih je prvič poskusil analizirati že v poročilu o izkopa­ vanjih za leti 1956—1957 (str. 135 št. 65 in 66). Neenakom erno velike in neenotno oblikovane črke ponovno detajlno analizira, pri čem er upošteva pozneje od­ krito prim erjalno gradivo in pokaže, da gre za lastniški napis, prejkone moža in žene. Zensko ime se glasi P etu Sk() f(ilia), moško pa Taio(s) [... ] f(ilius). 1 7 Die Stadt auf dem M agdalensberg S. 38 Nr. 25.