STfiROSLOVflN Heft 3. Kremsier, am 15. September 1913. I. Jahrgang. A. Barlos: Franko Vifazoslav Sasinek. Ein Gedenkblatt zum 50jährigen Schriftstellerjubiläum des Nestors der Slavo-Autochthonisten. (Mit dem Bildnisse des Jubilars.) Von der alten Garde der Gläubigen und Überzeugten, die im XIX. Jahrhunderte in den schrillen Missklang der historischen Wissenschaft, betreffend den Autochthonismus der Slaven, eine harmonische Stimmung brachten, ruhen Kollar, Safarik wie Fallmereyer längst in der kühlen Erde; nur Sasinek gönnte ein gütiges Schicksal die Freude, seine Saal, den goldigen Ähren entgegenreifend, noch anblicken zu können. Sasinek stellt die Verkörperung der Grundidee dar, dass die Slaven keine Einwanderer sondern Urbewohner in ihren heutigen Sitzen sind, und seine Persönlichkeit ist es, die jene wichtige Brücke baute, welche die Verbindung zwischen der unterbrochenen Kontinuität der Wirklichkeit sowie reellen Wahrheit einerseits, und dem Irrgarten einer verblendeten Wissenschaft andererseits glücklich herstellte. Je tiefer wir aber den Effekt dieser Arbeit ergründen, umso höher quillt das wirkliche Verdienst Sasineks hervor und umso dankbarer wünschen wir unserem Nestor, er möge sich der Früchte seiner so herrlich keimfähig gewesenen Grundideen noch viele Jahre ungetrübt erfreuen, denn nicht vielen ist es gegönnt ihren Lebensabend durch die wachsende Zunahme des Glanzes ihrer schöpferischen Tätigkeit so verklärt zu sehen. — Franz Viktor Sasinek wurde am 11. Dezember 1830 in Skalice als Sohn slovakischer Eltern geboren. Er studierte in Skalice und Solnok das Gymnasium; im 16. Lebensjahre trat er in den Orden der Kapuziner, vollendete die Theologiestudien teils in Pressburg, teils in Prag, und fungierte dann als Lektor für Philosophie und allgemeine Geschichte; im Jahre 18SA wurde er Professor in Banja-Bistrica. Ein Jahr darauf berief ihn die „Matica Slovenska“ daselbsf als Kustos ihrer Sammlungen; im Jahre 1869 ernannte sie ihn zum io Sekretär, welche Funklion nun Sasinek bis zur offiziellen Aufhebung der „Matica“ im Jahre 1875 bekleidete. — Er ist auch der Gründer des Vereines des hl. Adalbert in Trnava, der „Matica Slovenska“ in Turcansky Sv. Martin, sowie des slovakischen Gymnasiums in Kláster. — Bis zum Jahre 1882 lebte er in Skalice, übersiedelte dann nach Prag, wo er die Redakteurstelle bei einem böhmischen Tagblatle annahm. Die zehn Jahre seines Aufenthaltes in Prag waren von entscheidendem Einflüsse für seine Überzeugung vom Autochthonismus der Sla-ven und die literarische Betätigung für den Durchbruch dieser Erkenntnis. Im Jahre 1901 übersiedelte er in das Kloster der Barmherzigen Brüder in Algersdorf bei Graz und versieht seither daselbst die geistliche Führung des Konvents. Sasinek beherrscht sechs Sprachen in Wort und Schrift, was er auch durch seine verschiedensprachlichen Werke bewies. Einen Teil seiner Haupttätigkeit widmete er auch der Durchforschung der Geschichte Ungarns, nachdem er bald erkannt, dass der magyarische Chauvinismus einer verlässlichen Geschichtsschreibung überall im Wege stehe. — Seine wichtigsten Werke historischer Richtung sind: „Dejiny drievnych národov na üzemi terajsieho Uhorska.“ — („Geschichte der alten Völker auf dem Gebiete des jetzigen Ungarn.“) — Skalice 1868. (2. Auflage erschien in Turcansky Sv. Martin.) „Dejiny pociatkov terajsieho Uhorska.“ („Geschichte des heutigen Ungarn.“) — Skalice 1868. „Dejiny král'ovstva Uhorského.“ — („Geschichte des Königreiches Ungarn.“) — I. Teil 1870, II. Teil 1871. „Archiv starych cesko-slovenskych listín, pisemnosti a dejepisnych pövodin pre dejepis a liieratúru Slovdkov.“ — („Archiv alter böhmisch-slovakischer Urkunden, der Literatur und geschichtlichen Belege für die Geschichte und Literatur der Slovaken.“) — 1. u. II. Teil 1872. „Dejepis král'ovstva Uhorského pre pociatocné skoly.“ — („Geschichte des Königreiches Ungarn für die Elementarschulen.“) — Skalice 1871. (Dieses Buch wurde später durch einen Ministerialerlass für den Schulgebrauch verboten.) „Slovensky Letopis pre historiu, iopografiu, archaeologiu a ethno-grafiu.“ — („Slovakisches Jahrbuch für die Geschichte, Topographie, Archäologie und Ethnographie.“) — Jahrgang 1—VI. — Skalice 1876 bis 1882. „Sv. Method a Uhorsko.“ — („Der hl. Method und Ungarn.“) — Turcansky Sv. Martin 1884. „Arpäd a Uhorsko.“ — („Arpäd und Ungarn.“) — Turcansky Sv. Martin 1884; 2. Aufl. 1885. „Život sv. Cyrilla a Methoda.“ — („Das Leben des hl. Cyrill und Method.“) — Trnava 1885. „Jako povstala slovanska bohoslužba?“ — („Wie entstand die slavische Lithurgie ?“) — Pittsburg 1892. „Obrana sv. Methoda.“ — („Die Verteidigung des hl. Method.“) — Turcansky Sv. Martin 1907. „Zähady dejepisne.“ — („Geschichtliche Probleme.“) — 1—IV. — Prag 1886-1888. „Cechy v X. stoleti.“ — („Böhmen im X. Jahrhunderte.“) — Prag 1886. „Založeni biskupstvi latinskeho.“ — („Gründung des lateinischen Bistums.“) — Prag 1886. „O krtu Jagello Vladislava.“ — („Über die Taufe des Jagello Vladislav.“) — Prag 1886. „O cirkevnim dejepise Slovanü.“ — („Zur slavischen Kirchengeschichte.“) — Prag 1887. „Ulfilas a glagolicke pismo.“ — („Ulfilas und die glagolitische Schrift.“) — Prag 1887. „Die Slovaken.“ — Eine ethnographische Skizze. — Turocz Szt.-Marton 1875; 2. Aufl. in Prag 1876. — Wenn auch aus allen den angeführten Schriften Sasineks Streben nach der Aufklärung der Geschichte der Altslaven klar hervorgeht, so ist dessen organisatorische Tätigkeit in dieser Richtung doch in der deutschen Zeitschrift ,,Der Parlamentär“ (Wien), dessen (Jahrgänge 1887—1891 zahlreiche, kritisch durchgeistigte Artikel aufweisen, verstreut niedergelegt, denn sein hervorragendstes Verdienst ist es, dass er gerade in der kritischesten Zeit seinen Geist, seine Feder und seine Persönlichkeit voll einsetzte. Es war dies in jener unseligen Ära, die wohl für immer die dunkelsten Blätter der wissenschaftlichen Bewegung in Böhmen bilden wird, als im Jahre 1886 einige Hochschulprofessoren den ganzen Patriotismus für eine Chimäre und den Glauben an eine grosse slavische Vergangenheit für eine Phantasterei erklärten, was das Selbstbewusstsein und Vertrauen der Slaven auf sich mächtig erschütterte. Von Prag wurden fortgesetzt neue alarmierende Nachrichten in die Welt geschickt, dass sich alle Belege einer altböhmischen Kultur als Fälschungen erwiesen haben. Der damaligen Regierung sprach dies zu und die Jugend glaubte ischliesslich resigniert daran, weil es die Alten sagten. Auch Sasineks Gesinnungs- 10* genösse, Sembera, war indessen gestorben. Es bedurfte daher eines eisernen Willens, einer tiefen Überzeugung und eines unerschrockenen Charakters, in dieser bedrohten Situation die Fahne der Wahrheit nicht sinken zu lassen. Und ein Mann mit solchen Eigenschaften war Sasinek; er trat trotzdem gegen alle diese Feinde auf, — Sasinek allein gegen Alle —, denn sein einziger Bundesgenosse war das Bewusstsein, dass er im Rechte sei, und dass die Wahrheit ein ewiges Leben habe. — Wissenschaftlich war Sasinek überhaupt nicht beizukommen. Wie weit erhob sich dieser als Geschichtskundiger über alle die Zunfthistoriker jener Zeit! Die beliebte Phrase der Gegner, die Verteidiger der Sesshaftigkeit der Slaven seien keine Fachleute, prallte hier sichtlich ab. Sasinek kämpfte immer homöopathisch, d. h. er benützte dieselbe Waffe, die gegen ihn geworfen wurde, zum Gegenangriffe. So wurde z. B. gegen seine autochthonistischen Grundsätze Theophylakt, ein byzantinischer Schrifterklärer, angeführt; Sasinek bewies aber den Gegnern, die überhaupt mehr durch ihre Masse und Rücksichtslosigkeit in der Wahl der Kampfmittel imponierten als durch Geistesschärfe, dass jene Stelle gerade den Autochthonismus bestätige und dass man dieselbe völlig unrichtig erfasst habe. Für seine Unerschrockenheit im offenen Kampfe und seine glühende Begeisterung für den Fortschritt der Slaven in ihrer Kultur, gibt folgendes Begebnis eine klassische Bestätigung. Sasinek vertrat als Sekretär die „Matica Slovenska“ bei der Eröffnung der kroatischen Universität in Agram, bei welcher Gelegenheit er unter anderem in seinem Trinkspruche beim Festbankette sagte: „Konstantin Porphyro-genetes erwähnt, dass die Slovaken das Königreich Kroatien gegründet haben. Nun ist die Zeit gekommen, dass die Kroaten dies den Slovaken rückzahlen. Date nobis de oleo nostro, quia lampades nostrae extinguntur!“ — („Gebt uns von unserem Öle, denn unsere Lampen beginnen zu erlöschen!“) — Diese Worte wurden begeistert aufgenommen; dass Sasinek deshalb verfolgt werde, weil er die Wahrheit allzu unverhüllt ausgesprochen, darüber war er sich nicht im Unklaren. Im kommenden Oktober feiert Sasinek das diamantene Jubiläum seines Priesterberufes, aber zugleich auch das goldene seiner fruchtbaren schriftstellerischen Tätigkeit, nachdem er im Jahre 1863 als Mitredakteur der in diesem Jahre in Skalice gegründeten Zeitschrift „Slovesnost“ seinen Geist und seine Feder das erstemal für die alt-slavische Geschichtsforschung in den Dienst stellte. Wir sind ansonst gewohnt, einen Mann von 83 Jahren nur als gebrechlichen Greis zu sehen; das ist aber bei Sasinek nicht der Fall. Ein gütiges Geschick, eine kerngesunde Natur, eine vernünftige Lebensweise und ein Lebensgang, erfüllt mit idealer, durchgeistigter Kampfarbeit, Hessen es nicht zu, dass die hohe Zahl der Tahre dem Körper fühlbare Wunden schlage und noch weniger dem Geiste. Unser beneidenswerter CJubilar hat daher volle Aussicht noch die Schlussszene in unserem wissenschaftlichen Waffengange, den er selbst so mutig und erfolgreich eingeleitet, zu sehen. Zugleich möge ihm aber auch die vollendete Tatsache den glücklichen Lebensabend erhellen, wie jeder Platz der altgewordenen Waffengefährten sofort und doppelt durch neue, jugendfrische Kräfte besetzt wird. Die Tugend, sie beginnt bereits ernstlich zu unterscheiden zwischen den echten Propheten und falschen; sie beginnt zu erkennen, dass ein Volk ohne Patriotismus und Hochachtung der Traditionen keine Zukunft habe; die Tugend, sie ist es, die nun die Arbeit des Alters übernimmt und fortführt; und so lebt und erneut sich unser alter Stamm und unsere glänzende Tradition in der eigenen Tugend ewig weiter fort.*) — M. Zunkovic: Die Wahrheit über die Völkerwanderung. Die beliebten Hypothesen von der Völkerwanderung, die be-kanntermassen immer in jenem Augenblicke der Wissenschaft als eine Hilfstruppe beispringen, wenn der traditionelle, geschichtliche Faden abreisst, sollen hier einmal ihrer Genesis und Berechtigung nach überprüft werden, und sei das Resultat dieser Nachkontrolle gleich hier offen ausgesprochen: sie sind haltlose Phantastereien, d. h. lediglich die Resultate des unlogischen Denkens und Schliessens. Vor allem ist es nötig hervorzuheben, dass kein alter Schriftsteller noch etwas von einer Völkerwanderung weiss. Äneas Silvius (1405 — 1 AGA), der spätere Papst Pius II., war der erste, der die Mut- *) Dem Verfasser dieser kurzen Würdigung der vielseitigen Lebenstätigkeit unseres Jubilars gelang es ihn zu bestimmen, eine übersichtliche Darstellung seiner Gesamtarbeit auf dem slavo-autochthonistischen Gebiete zu verfassen und diese mit seinen Beobachtungen der heute neubelebten Bewegung zu ergänzen, was er auch auszuführen versprach. Wir bedürfen heute bereits einer solchen rückschauenden Orientierung, um der Mitwelt darzulegeri, dass sich der eben vollziehende Zusammenbruch der antiautochthonistischen »Schule«, die ihr morsches Lehrgebäude teils aus Unkenntnis der wirklichen Situation, teils aus persönlichen LUilitätsgründen tollkühn weiter verteidigte, schon durch ihre Unnatürlichkeit allein unabwendbar einstellen musste. — massung aussprach, es müssen im IV.—VI. ¿Jahrhunderte unter den damaligen Völkerschaften Europas grosse Unruhen und Bewegungen geherrscht haben, und nachdem in dieser Zeit neue ethnologische Namen auftauchten, mussten einzelne Völker als solche aus ihren Wohnsitzen aufgebrochen sein und sich in der Welt ein neues Heim gesucht haben. Und mit diesem falschen Universalheilmittel arbeitet die Geschichtsschreibung bis heute fort, ohne zu erwägen, dass ein ganzes Volk gar nicht wandern kann, oder doch den Versuch zu machen, sich solche Situationen natürlich zu erklären, zumal sich ethnographische Veränderungen dieser Art aus Analogien leicht erklären lassen. — Die Naturgesetze bleiben immer dieselben ; alle natürlichen Aktionen in der Welt wiederholen sich konstant unter gleichen Kausalitäten und Begleiterscheinungen. In analoger Weise gehen auch die intellektuellen Bestrebungen des Menschen ständig dahin, sich seine Lage zu verbessern, was zur Folge hat, dass sich das Völkerleben, alternierend wie zwei Brunneneimer, zur Höhe wie zur Tiefe, also heute zum Herrschen, morgen zum Beherrschtsein bewegt, welches Verhältnis sich denn auch in der Wandlung des Volksnamens geltend macht. In dem Auftauchen und Wiederverschwinden eines ethnographischen Namens liegt daher die ausschliessliche Fehlerquelle für alle unsere völkergeschichtlichen Irrtümer, und namentlich für jene der Völkerwanderung. Den überzeugendsten Beweis, wie wir uns eine Völkerwanderung in der Wirklichkeit vorzustellen haben, bietet uns gerade die prosaische Gegenwart. — Auf dem Balkan herrschte bis vor kurzem die Türkei. Die Bewohner dieses Staates Messen demnach Türken oder Osman en, weil die Türken (Osmanen) die Herrschenden waren. Diese Türken sprachen aber zum grossen Teile überhaupt nicht türkisch, sondern slavisch, griechisch oder albanesisch. Diese regierende Macht ist aber heute zertrümmert; in die eroberten Provinzen teilen sich die Bulgaren, Serben und Griechen, was umso leichter ist, da der Länderteilung unter den Eroberern die sprachliche Grundlage der Bewohner zur Leitlinie dienen soll. Die ausschliesslich türkisch Sprechenden dieser Gebiete werden die Sprache des neuen Herrschers annehmen, und schon in zwei Generationen gibt es in den neuen Reichen keine Türken mehr. Es werden auch vielleicht welche Familien, um dieser Wandlung auszuweichen, in die asiatische Türkei auswandern, aber das gibt noch lange keine Völkerwanderung.— Ebenso werden die geographischen Namen : Macédonien, Thracien, Epirus u. a. vielleicht mit der Zeit aus dem modernen Gebrauche verschwinden, wenn die neuen Staaten eine andere politische Einteilung einführen. Die alten topischen Namen, die durch die türkische Verwaltung ihrer Sprache angepasst wurden, erhalten wieder ihre alten Formen oder verschwinden ganz. Nur so ist es erklärlich, dass gewisse Namen immer wieder von neuem auftauchen, und ebenso einmal bekannte Völker verschwinden und wieder zum Vorschein kommen, wie es eben der politische Wellenschlag mit sich bringt. An dieser Stelle sei aber auch noch angeführt, dass der Name Türke mit dem Erscheinen der Osmanen in Europa gar nicht zusammenhängt, sondern der Name war hier schon im Altertume gang und gäbe. Der römische Geograph Mela (lebte um das Jahr 50 n. Ch.), der aber wieder nur ältere Quellen zitiert, schreibt (I, 116), dass jenseits der Budiner die Thyssageten und Türken die weiten Waldgebiete bewohnen („Budini Gelonion urbem ligneam Habitant; iuxta Thyssagetae Turcaeque vastas silvas occupant . . — Die Ge- schichte sagt weiter, dass die ersten Angriffe der Türken von Kleinasien aus gegen Europa im Dahre 1357 erfolgten, und dass die Eroberer zuerst in Gallipoli festen Fuss fassten. Das ist aber nach den gasgbaren ethnographischen Axiomen auch nicht richtig, denn in einer alten Quelle (Vita s. Lucae) heisst es wieder, dass der byzantinische Kaiser Leo der Weise (886—912) die Türken gegen die Bulgaren zu Hilfe rief, die sodann auch weiter bis Attica eindrangen und das Gebiet verwüsteten („ Turcae, quos Leo sapiens quondam contra Bulgaros evocaverat, usque in Atticam provinciam vastitatem tulerunt“). Die alten Volksnamen sind daher sowohl in Zeit und Raum äusserst vage und dehnbare Begriffe, die immer nur eine bedingungsweise Richtigkeit haben und nicht anders zu nehmen sind, wie die modernen, denn wir wissen heute z. B. unter welchem Gesichtspunkte fallweise jemand zu nehmen ist, der da abwechselnd sagt, er ist ein Böhme, ein Ceche, ein Österreicher, ein Slave, ein Deutscher; hingegen fehlen uns aber die subtilen Kenntnisse, welche Auffassung hiebei bei den alten Schriftstellern obwaltete, wenn sie auf demselben Gebiete verschiedene Volksnamen anführen, womit zugleich die Schlüsse auf die Sprache jener Völker auf dieser Grundlage jeder Verlässlichkeit entbehren. In das gleiche Netz des Irrtums verfing sich auch die Archäologie, die gewisse ethnologische Merkmale aus den Brand- und Ske-leltgräbern konstruieren will, und da einen Völkerwechsel herausdeduziert, als ob sich z. B. die verschiedene Begräbnismethode bei demselben Volke nicht gleichzeitig oder schichtenweise hätte ablösen oder die Art derselben vom Wunsche des Verstorbenen hätte abhän- gig gemacht werden können; und da sich in der Welt alles wiederholt, kann sich heute wieder jedermann je nach persönlichem Geschmacke begraben aber auch verbrennen lassen. Dieser Umstand lässt daher nicht einmal den Gedanken für einen Kulturwechsel zu, daher noch viel weniger für eine gründliche sprachliche, religiöse oder nationale Veränderung. Der heute die Osmanen spezialisierende Begriff „Türke“ (früher auch „Tork, Torke“, slav. „Turk, Turek“) ist sonach nicht erst mit ihnen in Europa aufgetaucht. Die Geographie weiss doch auch, dass sich „türkische“ Völker von Ostsibirien und anschliessend an China bis gegen die Balkanhalbinsel ausdehnen. Die Geschichte hingegen erzählt, dass „Türk“ ursprünglich der Name eines grossen Nomaden-reiches war, das sich im V. nachchristlichen Jahrhunderte zwischen dem Iriis und Jenisej erstreckte. In weiterer Folge dehnte sich jenes Reich über alles Gebiet bis zum Kaspischen See aus; durch die Tun-gusen gedrängt, zogen sie dann über Nordpersien nach Kleinasien und nahmen, die Meerengen übersetzend, dann Thrazien ein. — Doch dies alles ist noch immer keine Völkerwanderung, denn der Hauptstamm blieb in Asien und sitzt noch heute dort, sondern lediglich die naturgemässe Populationsexpansion, die neue Quellen und Gebiete für das Pius des Ernährungsmaximums im eigenen Lande auswärts suchen geht, was allerdings einst, bei der grösseren Abgeschlossenheit der Völker, auch nur möglich war, wann man über genügende kriegerische Machtmittel verfügte, um zugleich das in Aussicht genommene Gebiet unterjochen zu können. Der Populationsüberschuss, dem die Heimat keinen gesicherten Lebensunterhalt gewährleistet, gravitiert naturgemäss seit jeher nach auswärts, und spielt sich in der Jetztzeit die grösste Völkerwanderung ab, ohne dass die Geschichte dieselbe verzeichnet, denn die Auswanderungen aus Europa und Asien nach Amerika berechtigen vollkommen zum Gebrauche dieses Begriffes, und gibt es in Amerika bereits geschlossene Provinzen, die von Deutschen, Cechen, Kroaten, Slovenen u. a. bewohnt werden; und auch diese Völkerwanderung geschieht nur einzeln oder familienweise, aber doch nicht nach Art der Heuschreckenschwärme, denn der Stammsitz bleibt bei nlledem doch immer weiter besetzt. — Einen Impuls für eine grosszügigere Auswanderung können auch Missjahre und die daraus resultierende Nahrungsnot bieten, und wissen wir doch sehr gut, dass die statistische Kurve der Auswanderer aus Österreich immer nach einem Missjahre oder bei misslichen Industriekonjunkturen erheblich grösser ist; im umgekehrten Falle stellt sich aber hingegen eine Zurückfluiung ein. Die latente Ursache einer jeden Völkerwanderung ist daher die vitale Not oder das Bestreben, sich seine gegebene Lebenslage zu verbessern. Das Eindringen in ein anderes Gebiet hat allerdings heute andere Formen angenommen, als einst. Während dies heute ein einfacher Auslandspass ermöglicht, konnte es früher, als jeder Mann in erster Linie ein Krieger war, nur durch ein kraftvolles Auftreten mit Waffengewalt geschehen. Und mit Waffengewalt ermöglichten sich auch die Türken den Eintritt in Europa. Sie beuteten dann die eroberten Gebiete gründlich aus und handhabten die politische Macht. Um eine strenge sprachliche Ässimilierung handelte es sich ihnen gar nicht; sie hielten die Annahme der mohammedanischen Religion für einen weit wichtigeren Grundstein zur Festigung ihrer politischen Macht, als die der Sprache. So kam es, dass es jetzt beim Konkurse der Türkei, die nahezu 500 Jahre in Europa bestand, nur ungefähr zwei Millionen Einwohner gibt, die wirklich türkisch sprechen; die bestandene europäische Türkei war sonach der drittgrösste siavische Staat in Europa, und sind im ersten Jahrhunderte der Gründung des os-manischen Reiches von Stambui aus auch diplomatische Urkunden, z. B. den Ragusanern, in slavischer Sprache ausgefertigt worden. Welchen ungeheuren Einfluss auf die Geschicke des osmanischen Reiches übrigens die Slaven hatten, ersieht man aus einer Reihe der glänzendsten Männer der türkischen Geschichte, wie diese Iv. v. Ku-kuljevic in der Zeitschrift „Luna“ (Agram 1844) hervorhebt, die insgesamt slavischer Abstammung waren, und woraus hervorgeht, dass das Csmanenreich den grössten Teil seines Ruhmes der geistigen und kriegerischen Kraft der Slaven verdankt, sowie dass der Niedergang mit jenem Momente ansetzt, als man die slavischen Untertanen zu bedrücken begonnen. Der Kern der vermeintlichen Völkerwanderungen besteht aber absolut nicht in dem mechanischen Wechsel eines Volkes dprch ein anderes zur förmlichen Ablösung eintreffende Volk, sondern lediglich in der Änderung der Herrschaft in sprachlicher oder religiöser Hinsicht; die Stammbewohner bleiben, wie sie waren; sie behalten ihre Sprache, Religion oder Sitten, wenn die neue Regierung darin ihren Vorteil sieht; oder es treten Verhältnisse ein, dass es politisch klug erscheint, sich der neuen Situation anzupassen. Die Osmanen gingen daher, wie erwähnt, nur auf die Anerkennung ihrer Religion bei den neuen Untertanen aus; andere Eroberer legten wieder mehr Gewicht auf die Annahme der Sprache der neuen Regierung. So haben der Kalif Valid 1. und der geisteskranke Hakem mit der griechischen, koplischen und nabatäischen Sprache in Ägypten, Syrien und Babylonien auf die grausamste Weise aufgeräumt. Man weiss doch auch,, dass es brandenburgische Fürsten gegeben, die den Gebrauch der wendischen Sprache in ihrem Staate bei Todesstrafe verboten, daher auch in Norddeutschland die Sprache der slavischen Stammbewohner so rapid erlöschte. Diese Art der Völkerwanderung bestand daher nur im Wechsel der Landes-Umgangssprache. Eine andere beliebte Methode der Konstruktion einer Völkerwanderung ist das Eskamotieren oder Verschicken eines Volkes in ein Gebiet mit grossem Auslauf. So erzählt die Geschichte, Irnak, der jüngste Sohn Attilas, habe gegen das Ende des V. Jahrhundertes die hunnischen Horden nach den Volga-Steppen geführt, wo sie unter anderen Nomaden völkern aufgingen. Wenn dies auch nicht geschichtlich als unlogisch widerlegt wäre, so ist eine solche Verschickung auch praktisch ganz ausgeschlossen, denn ein Volk, das auf seinem Boden doch nur ein bestimmtes Maximum von Individuen ernähren kann, vermag nicht noch ein weiteres Volk in Kost zu übernehmen. Wäre jedoch der Fall eingetreten, dass die Hunnen, nachdem sie kurz zuvor auf den Catalaunischen Feldern angeblich nahezu vernichtet wurden, plötzlich wieder erobernd auftraten, so mussten sie alle Gebiete, die sie passierten, doch zuerst besiegt haben, und dies war einst bei der allgemeinen Kriegsbereitschaft und den allseifigen technisch mehr oder weniger hervorragenden Verteidigungsvorsorgen nicht so einfach. Nebstbei fehlt hiezu jede vernünftige Erklärung, weshalb sie bei solchen günstigen Prämissen den nationalen Selbstmord durchaus in den Volga-Steppen zu begehen anstrebten. Waren überdies hiebei die Hunnen siegreich, so gingen doch eher die Stammbewohner zugrunde, nicht aber die Hunnen; war es umgekehrt, so kamen sie durch die Durchzugsländer überhaupt nicht hinaus und erreichten nie jenes Kanaan, das ihnen gewisse Taschenspieler in der Geschichtsschreibung im Erklärungsdilemma vorgaukeln. Wir kennen aber doch auch heute viele und verschiedene Quellen, die über die Existenz der Hunnen in Mitteleuropa noch in späteren Jahrhunderten Aufschluss geben. Vor allem ist dies der im Jahre 735 verstorbene englische Kirchenschrifisteller Beda, welcher (Hist. Eccl. I.) schreibt, dass die erste Spur von den Slaven im nördlichen Deutschland anzutreffen ist; er nennt sie Hunnen und lässt sie in der Nachbarschaft der Dänen, Sachsen und 'Rugier wohnen. — Dieses ist weit glaubwürdiger und ist die ganze Geschichte über die Hunnen dahin zu präzisieren, — wenn dies überhaupt nicht eine ganz andere Völkergruppe war, wie es ja zugleich viele von einander ganz unabhängige Volksstämme von Wenden, Kroaten, Serben u. a. gab und gibt — dass diese mit bewaffneter Macht lediglich von ihren Sitzen aus Raubzüge gegen Südosten (Byzanz), Süden (Österreich und Italien) sowie gegen Westen (Gallien) unternahmen, ähnlich wie die Osmanen durch Jahrhunderte gegen Westen und Nordwesten zu häufige Einfälle ausführten, wobei es sich im Prinzipe weniger um Ländererwerb als vielmehr um Raub von beweglichem Gute handelte. — Übrigens erfahren wir noch Positiveres durch den Geschichtsschreiber Widukind (X. Jahrh.), welcher erzählt, dass König Heinrich I. an die Unterjochung der Sorben schreiten musste, weil sie ihm als ständige Verbündete der Hunnen gefährlich zu werden begannen. Nachdem er vorher die Unruhen in Deutschland gestillt, schloss er mit den Hunnen einen neunjährigen Waffenstillstand, griff dann die Heveler (an der Havel) an und nahm dann deren Hauptstadt Brannabor (Brandenburg) ein usf. Es gab also im X. Jahrhunderte im nördlichen Europa noch immer „Hunnen", mit denen Bündnisse zu schliessen es deutsche Könige nicht unter ihrer Würde hielten! — Der kärntische Chronist Unrest erzählt unter anderem auch, dass es in Kärnten um das Jahr 820, d. i. nach dem Einfalle der Hewn (Hunnen, worunter er aber heidnische Kroaten versteht) keinen Herrn und keinen Herzog gab, daher sie ,,ainen gemainen man von paurn geschlackt zum hertzoge im lande Quarantano machten“.— Im Igor-Liede wurden die „hinischen“ Pfeile als besonders gefürchtet angeführt, und diese „Hinen“ wohnten demnach, da die Dichtung nur in der Zeit von 1186—1194 entstanden sein kann, damals im Polovzer-Gebiete, also an der unteren Volga und am Don, sind demnach auch seinerzeit nicht spurlos „in den Volga-5teppen unter anderen Nomadenvölkern aufgegangen.“ Alle Erzählungen über Völkerwanderungen sind, wie sie eben heute interpretiert werden, eine völlig kritik- und gedankenlose, einseitige Schilderung von geschichtlichen Vorgängen, die es in Wirklichkeit in dieser Art nie gab noch gegeben haben konnte. Wirft man aber alles Geschwätz, das man aus alten Quellen herausgelesen haben will, weg, so bleibt nur mehr der nachfolgende Kern: die Völkerwanderungen sind lediglich Kriegszüge; solche Kriegs- oder Abenteurerscharen, die sich auch jenem verdingten, der sie entsprechend honorierte, legten mitunter auch weite Strecken zurück; sie führten den Namen jenes Volkes, dem sie entstammten;, sie hatten im Trosse ihre Frauen wie die während des Kriegszuges geborenen Kinder mit, aber deshalb blieb ihr Ursprungsland genau so weiter beseizl und bevölkert, wie vorher, und änderte sich deshalb auch nicht der eigentliche Volks- oder Gebietsname. — Der einzig richtige Weg, wie sonach das Völkerwanderungsrätsel zu lösen sei, ist daher der induktive: die Folgerung von einem konkreten Falle auf den allgemeinen, vom Lebenden auf das Abgestorbene, vom Bekannten auf das Unbekannte. Ein weiterer organischer Fehler in der Geschichtsschreibung ist die kritiklose Verwertung der Quellen, sowie die einseitige Hervorhebung dessen, was der Augenblick heischt; von Objektivität oder Wahrheitsenergie ist da oft gar keine Spur zu finden. Hiefür mögen folgende Beispiele dienen, wie die ungereimtesten Dinge zu geschichtlichen Satzungen werden können, je nachdem man fallweise Licht oder 5chatten bedarf. Der im Jahre 1525 verstorbene Nikolaus Marschalk (Mareschalcus) schrieb eine Geschichte der Heruler und Vandalen. Im 7. Kapitel sagt er betreffs der Heruler: „Sie haben voralters ohne Zweifel dem Teuton viel grössere Ehre erwiesen, als die übrigen Teutschen, da sie ihn mit Menschenblut zu versöhnen pflegten.“ — Im darauffolgenden 8. Kapitel sagt er hingegen: „Zu Kriegszeiten droschen die Heruler das Korn aus und vergruben es in die Erde; das sonstige Hausgerät versteckten sie in den Wäldern, Gruben und Seen, was alle Vandalen vorzeiten in ähnlicher Weise taten.“ — Westphalen, der die Annalen Marschalks im Jahre 1739 veröffentlicht, schreib! hier statt „Vandalen" bereits „Wenden“; demnach sind die Heruler bei demselben Schriftsteller einmal „Teutsche“, einmal „Wenden", denn die Vandalen galten auch Marschalk als Slaven — Wenden. — Letzterer schreibt im 8. Kapitel auch noch folgendes in einem Atem: „Mit Unrecht glaubten die Heruler an viele Götter. Sie kamen an Festtagen über Befehl des Priesters mit Weibern und Kindern zusammen. Dort befand sich ein grosser Altar, worauf ein jeder seinen Gott,*) so gut er vermochte, mit Ochsen, Schafen und Federvieh versöhnte. Bei diesen Opfern musste auch immer Christenblut herhalten, denn ihrer Gewohnheit gemäss schlachteten sie Männer und Weiber für den Altar ab, rissen ihnen das Eingeweide heraus und hängten es auf die Pfähle. Nach diesem Götzendienste schmausten sie, tranken lustig herum und beendeten den Tag mit Spielen und Tänzen. Einen guten Freund Hessen sie nicht gar zu alt werden, da sie sich einbildeten, es wäre besser zu sterben, als den Lebensrest träge zuzubringen; sie hielten es daher für *) Diese Erwähnung, wonach jeder seinem Gott opfert, klärt auch den Umstand näher auf, weshalb sich in den alten Gräbern Mecklenburgs immer Grabbeigaben vorfinden, die den verschiedensten Gottheiten gewidmet sind. gut Alte zu töten, und als eine besondere Qunstbezeugung die abgelebten, arbeitsunfähigen Eltern in kleine Stücke zu .zerhacken, zu Speisen vorzubereiten, was auch Prokopius in der Geschichte der Goten von den auswärtigen (Herulern) erzählt. Gegen einander waren sie gastfrei und gottesfürchtig, ehrten und liebten die Eltern gar hoch; den Fremden, welche sie gerne beherbergten, erwiesen sie Liebes und Gutes, und wer solchen sein Haus versagte, dem wurde dieses niedergebrannt. Sie unterhielten mit dem gemeinsamen Gelde Hospitäler, Waisen- und Armenhäuser, und kamen so den Notleidenden und Gebrechlichen zu Hilfe.“ — Was ist da nun wahr ? Wer seine Eltern hoch ehrt, den Gebrechlichen Kranken- und Versorgungshäuser erbaut, tötet und verzehrt sonach nicht seine Eltern „aus besonderer Gunstbezeugung“! — Der subjektive Geschichtsschreiber macht es nun folgend: will er die Heruler herausstreichen, so hebt er ihren Humanismus hervor; will er sie herabsetzen, so macht er sie, sich auf die Beweise alter Schriftsteller stützend, zu Menschenfressern; der objektive Kritizismus, der da sagen müsste, dass da eitel Widersprüche sind, kommt dabei gar nicht zu Worte. Von der national gefärbten Wissenschaft, welche die Heruler zu Slaven macht, wenn man sie als Anthropophagen, und zu Deutschen, wenn man sie als ein Volk von hoher Kultur hinstellt, — und natürlich umgekehrt —, sei aber hier überhaupt weiter nicht gesprochen. Und so etwas nennt man dann: Völkergeschichte! Es handelt sich aber hier nicht nur um falsche Vorstellungskünste, um eine Völkerwanderung glaubhaft zu machen, sondern überhaupt um ein Gebäude, das auf einem Moorgrunde aufgeführt wurde, ln dieser Hinsicht rechnete die Geschichtsschreibung lediglich mit ungeprüften Suggestionen. Sehen wir davon ganz ab, dass man z. B. die Hunnen als die ärgsten Barbaren ansieht, die sich ihr Genussfleisch auf dem Sattel mürbe ritten — möge es jemand versuchen, ein Stück Fleisch, vielleicht auch mit unausgelöstem Knochen, auf dem Sattel mürbe zu reiten, oder lasse sich erzählen, was dem Reiter geschieht, wenn sich nur die geringste Falte im Sitze bildet -, die klein von Gestalt, hässlich u. dgl. waren, die Deutschen aber als Hünen oder Riesen, was doch synonyme Begriffe sind, bezeichnet wurden, so widerlegt die Geschichte auch die Hauptpunkte selbst. Es fällt schon auf, dass unsere Geschichtslehrbücher ihre Daten über die Hunnen lediglich jenen schriftstellernden Zeitgenossen entnehmen, die über dieselben das Gräulichste zu erzählen wissen, während andere, wie Priscus, der die wirklichen Verhältnisse wesentlich lichtvoller schildert, unbeachtet bleiben. Aber auch die anderen schildern da Vorgänge, die sich weder mit der Kritik noch Logik vereinbaren lassen. Wie ist es z. B. erklärlich, dass ein solcher Barbar par excellence, wie Attila, die Burgunderfürstin Kriemhilde zur Gattin erhält, dass das Hochzeitsfest in Wien durch 17 Tage gefeiert wird, dass die Burgunder den Hof Attilas besuchen, dessen Residenz grosse Paläste bildeten, dass er um Honoria, die byzantinische Kaisertochter werben lässt, trotzdem die Geschichte erzählt, Attila habe wenig Kriegsglück gehabt, sei aus Italien unverrichteter Dinge zurückgekehrt, sei im CJahre 451 auf den Catalaunischen Feldern fast vernichtet worden, indess er allgemein gefürchtet war, ihm der Kaiser von Byzanz den jährlichen Geldtribut namhaft erhöhen musste u. a. — alles ein Beweis, dass man es hier mit einem Geschichtsirrtum oder einer Geschichtsfälschung plumpster Art zu tun hat. Überdies hat es stets Standesunterschiede gegeben, und doch kann sich niemand bei den modernen sozialen Ansichten etwa eine ernste Brautwerbung eines besiegten Indianerhäuptlings bei einer europäischen Herrscherfamilie vorstellen. War aber Attila ein solcher Wüstling, wie ihn die Geschichte hinstellt, so hätte er sich eine ausgewählte Braut wohl mit Gewalt geholt oder hätte selbe rauben lassen; etikettmässige Brautwerbungen sind aber in diesem Milieu ganz undenkbar. Solcher Art sind also die Quellen, aus denen wir unsere Geschichtsdogmen schöpfen und konstruieren; solche Kannegiessereien und gehässige Willkürlichkeiten werden dann zum Evangelium, zu Marksteinen der Wissenschaft und zu den wichtigsten Wendepunkten der Weltgeschichte. Erlernt oder begreift aber ein Schüler diese verworrenen Geschichtslügen nicht, so erhält er sein „nichtgenügend“ und kann dafür repetieren oder im Studium verunglücken, denn es wird doch bis heute niemanden geben, der zustimmen könnte, dass er die Schul-Völkerwanderung je verstanden habe. Logisch noch trostloser wirkt hiebei die geschichtliche Randbemerkung, es hätten die Hunnen ihr Dienstvolk, die Slaven, so als eine Art Kofferträger, auf ihrem Heereszuge aus Asien nach Mitteleuropa mitgenommen, aber dann hier zurückgelassen, als sie sich selbst in die Volga-Steppen, sozusagen zum geschichtlichen Ausleben, in den Ruhestand zurückzogen. Dieser blühende Unsinn ist in deutschen, aber ebenso auch in slavischen Lehrbüchern zu lesen; es gibt Universitätsprofessoren, die nur über die Völkerwanderung lesen, aber niemandem fällt es ein, da berichtigend aufzutreten. Will man dieses vertrackte Kapitel der Geschichte noch in satirisch-logischer Weise fortsetzen, so wären die Slaven demnach eigentlich mit einem Ehrenkonvoi der Hunnen nach Westeuropa gebracht und hier, nachdem ihnen die geographische Situation behagte, nach entsprechender Einführung zurückgelassen worden. — Difficile est satiram non scribere! Betrachten wir aber noch einige Völkerschaften, die ihre Existenz oder ihren Heimfall der Völkerwanderung zuschreiben, und seien hiezu die Vandalen, Longobarden, Rhätier und Kelten erwählt. Die Geschichte sagt, die Vandalen waren ein ostgermanisches Volk, das dann verschiedenste Kriegszüge unternahm, und sich schliesslich um das Dahr 53^ in Afrika verlor. Wie reimt sich dies aber, da wir wissen, dass der hl. Ruppert noch im Dahre 705 den „Vandalen“ predigte, denn es heisst: „transcenosque monte altissimo, mons Durus (= slav. Turi) appelato, praedicavii Wandalis“ („nach Passieren — vom Norden her — der Hohen Tauern predigte er den Vandalen“), worunter man die heutigen Slovenen, als die Bewohner südwärts jenes Gebirges, verstehen muss, was auch richtig ist, den in einer böhmischen Glosse in Mater verborum aus dem XII. Dahrhunderte werden die Slovenen („Zlouenin“) auch „Vandalus“ (und „Wint“) genannt. — Helmold erzählt in der „Chronica Slavorum“ (1172), dass an der Grenze Polens ein ausgedehntes slavisches Land liegt; die Bewohner desselben nannte man voralters „Vandalen“, jetzt aber „Winithen“ oder „Winuler“. — Der bereits erwähnte Nikolaus Marschalk schrieb eine Geschichte der Heruler und Vandalen, und widmete das Werk dem Herzog Heinrich von Mecklenburg, dem Fürsten der Vandalen („princeps Vandalorum“). — Welche Geschichte sagt uns nun heute, dass es im XVI. Dahrhunderte in Europa noch Vandalen gab, und welches sind nun jene Vandalen, die man als Paradigma der Zerstörungswut in der heutigen Redensart zu verstehen hat? Ähnlich steht es mit den Longobarden. Sie waren etwa ein westgermanisches Volk, das zu Beginn unserer Zeitrechnung an der Niederelbe wohnte, nachdem die Namen „Bardengau“ wie „Bardowiek“ ihnen zugeschrieben werden (!). Später gelangten sie elbeauf-wärts bis ins Waagtal, wo ihr Hauptort „Langricio“ (jetzt Trencin) war. Sie machten sich nun durch Zertrümmerung des Heruler- und Gepidenreiches zu Herren Pannoniens. Ihr König Alboin zog 568 gegen Italien, und seine Scharen überfluteten bald den nördlichen Teil davon, der nun nach ihnen „Lombardei“ benannt wurde. Später gehen sie ganz in den Romanen auf. — Es ist nun selbstredend, dass es sich hier nicht um ein und dieselbe Völkerschaft, und noch weniger um den Zug eines ganzes Volkes, sondern nur um Kriegszüge handelt. Die Etymologie „lombarda“, d. i. „lomvarda", bedeutet: Grenzwache; „lombardi“ Wessen demnach im Slavischen die Grenzwächter („lom“ = Grenze, „varda“ = Wache, Schutzpunkt), und mag sich dieser Name an der Unierelbe, in der heutigen Slovakei, in Ungarn wie in Oberitalien, analog wie sich andere Völkernamen fortgesetzt wiederholen, gleichfalls wiederholt haben. Es sind dies daher auch nicht dieselben Volksstämme, sondern nur so benannte Kriegsscharen verschiedener Zeit und verschiedenen Ursprungs, analog wie man vielerlei Kazakenvölker kennt, d. h. es waren dies die Krieger einer „kaza“, eines Stammes oder Bezirkes (böhm. „chasa“), welche Organisation auf dem Balkan zum Teile noch heute fortbesteht. - - Die heutige Schreibweise „Langobarden“ und die Etymologie „Langbärte“ kann demnach auch ruhig und schadlos in Vergessenheit geraten, denn die Begriffe „lumbati“ (kroat. Schutzdämme machen), „lumbarda“ (Schutzdamm, auch: schweres Geschütz, Geschützposition) u. ä., sowie topische Namen heben diese unnatürliche Erklärung von selbst auf. — Man sucht eben dort seine Ahnen, wo gleiche Namen auftrelen; dass aber diese eine völlig getrennte, von einander unabhängige Entstehung haben können, daran wird hingegen gar nicht gedacht, und dabei auch zumeist vergessen, dass man von einem Volke für sich immer erst dann sprechen kann, wenn es eben ein Volk für sich selbst ist, was erst mit der Geschichte, d. i. mit dem Erwachen des Bewusstseins eines Volkes von sich selbst, eintritt. Der Ursitz der Longobarden zur Völkerwanderungszeit ist zweifellos die heutige Lombardei; der Name hat sich daher ebensowenig verloren, wie jener des alten Volkes der Rhätier, bei denen man im Zweifel ist, ob sie Illyrer, Kelten oder Veneter waren, obschon sie noch heute als „Rezijani“ existieren. Sie wohnen noch immer an den Südhängen der Alpen und sind identisch mit den slovenischen,. allerdings heule schon bis auf etwa 30.000 Seelen völlig romanisier-ten Bewohnern der italienischen Provinz Venetien. Man sagt auch, die Rhätier bildeten geographisch und sprachlich den Übergang zu den Etruskern oder Tosken ; auch das ist richtig, denn die etrurischen Sprachreste, wie sie in den zahlreichen Inschriften Vorkommen, sind eben ein schon ziemlich romanisiertes Slavisch. Es haben daher alle streitenden Parteien im Prinzipe recht: die Rhätier sind Veneter, weil sie in der Provinz Venetien wohnten; sie sind Illyrer, weil dieses Gebiet im geographisch-politischen Sinne zu einer Zeit zu Illyrien gehörte; sie sind .auch Kelten, weil sie militärisch-sozial, wie dies nachstehend erörtert wird, im „celedi“ organisiert waren; die langwierigen Gelehrten - Katzbalgereien in dieser Richtung haben daher nicht den geringsten Beweiseffekt, da eben jede Behauptung oder Ansicht diskutabel ist. Eine besondere Rolle spielen die „Celli", — „Kelten“ ist schon die präzisierte Form — in der Völkerwanderung. Man nimmt an,. dass sie sich zum mindesten schon im ersten Jahrtausend vor der christlichen Zeitrechnung von Österreich und Süddeutschtand aus über den Rhein, dann Frankreich bis England ausdehnten. Gegen Ende des VI. Jahrhundertes v. Chr. besetzten sie Spanien (Keltoiberer); zu Anfang des IV. Jahrhundertes v. Chr. verbreiteten sie sich auch schon über das etruskische Norditalien; in den Jahren 28^—278 zogen sie als „Galater“ nach der Balkanhalbinsel, und dehnten sich dann noch bis zur Mitte von Kleinasien aus. Wer war nun dieses grosse und rätselhafte Volk? Die Erkläiung liegt in dessen nationalem Namen, denn „celed“ bedeutet im Slavischen noch heute eine Sippe oder einen Volksstamm, und verstand man darunter vor allem die militärische Organisation eines Stammes; jene Völker oder Stämme, die sich in „celedi“ gruppierten, und wo der kampffähige Mann „celedin“ (althochdeutsch „heled, cheled“ = Mann) hiess, waren die „Celli“, analog wie dies bei den Bojern war, die ihre militärische Stammeskraft als „boj“ oder „voj“, oder die Franken als „bran", die Spanier als „span“ (Kameradschaft, Gespanschaft), die Kazaken als „kaza", die Böhmen als „chasa“ benannten, und gilt die militärisch-soziale Benennung einer Volksgruppe nahezu ausnahmslos als die Grundlage der ethnographischen Namen. Da aber diese Grundbegriffe eben im Slavischen noch heute die zutreffende Bedeutung haben, muss die Sprache der Vandalen, Longobarden, Rhätier, Etrusker und Celten eben eine solche gewesen sein, die von den heutigen slavischen Sprachen noch nicht wesentlich verschieden war. Aus alledem geht überzeugend folgende Erkenntnis über die sprachliche Zugehörigkeit jener alten Völker hervor: die slavischen Sprachen haben die Originalität der Ursprache am reinsten erhalten; die anderen Sprachgruppen sind davon schon weiter entfernt; alle Sprachen haben daher dieselbe Grundsprache zur Basis; diejenige aber, welche die Kontinuität mit dieser Grund- oder Ursprache noch am wenigsten verloren hat, mu^s die ältere, d. h. der Ursprache die nähere sein, und dies sind, in moderner Benennung ausgedrückt, ebendie slavischen Sprachen. — Diese Erkenntnis auszusprechen diktiert die wissenschaftliche Ehrlichkeit, und zu diesem Schlüsse kommt jeder, der den Mut besitzt, seine Erfahrungen frei und offen zu bekennen. Behaupten nun z. B. die Franzosen heute, dass sie keine Romanen, sondern Nachkommen der Celten sind, so ist dies organisch vollkommen zutreffend, denn die Sezession ihrer Sprache entwickelte 11 sich auf jenem Boden, auf dem sie heule sitzen, und nicht etwa auf Umwegen über Italien, daher auch deren Sprache umso „keltischer“ erscheint, je weiter man sie bis zur fühlbaren Abschwenkung verfolgt. Die Slavizität jener Grundsprache ist aber auch leicht zu begründen, denn jede Sprache durchläuft einen Lebenskreis, dessen Stationen immer durch äussere wie innere Veränderungen gekennzeichnet sind. Hiebei begegnen wir aber der sonderbaren Erscheinung, dass die Fortentwicklung einer Sprache zugleich ihre Originalität, d. i. deren Formen und Flexion immer weiter verkümmert; dabei erhalten sich jedoch die Sprachen im Gebirge viel origineller, als in der Ebene, wo der Verkehr und der Einfluss des grösseren Verkehres einen in dieser Hinsicht schädlichen Einfluss üben. Und diesen konservierenden Einfluss merken wir doch vielen slavischen Sprachen, die sich noch den reinsten Formenschatz erhalten haben, leicht an. Und wenn wir noch erwähnen, dass dies auch die topischen Namen bestätigen, die sich doch am konservativsten erhalten, so ist der Beweis vom sprachlichen Standpunkte aus erbracht, dass die Völkerwanderungshypothese unhaltbar ist und weiterhin bestenfalls in ein Märchenbuch gehört, denn es kann unbedingt niemand dort Terrainteile zu einer Zeit nach seiner Sprache benannt haben, zu welcher er dort gar nicht war. Sollte übrigens je eine so grossartige Umwälzung wirklich stattgefunden haben, dass plötzlich Millionen bodenständiger Menschen durch ebensoviel zugewanderte Slaven abgelöst worden wären, so konnte sich, abgesehen davon, dass dadurch ein halber Weltteil irgendwo menschenleer geworden wäre, der Wechsel doch nicht so unbemerkt abwickeln, dass ihn die römischen, griechischen, byzantinischen und arabischen Schriftsteller, die doch sonst ganz belanglose Vorgänge verzeichneten, gar nicht wahrgenommen hätten, denn unter den Völkern, welche da als ablösende genannt werden, findet man, wie die dermalige Geschichte behauptet, noch immer sehr wenig Slaven. Trotzdem hören wir aber andererseits immer wieder, dass die Römer überall auf ihren Eroberungszügen auf Bewohner stiessen, die starke Burgen, Ringwälle oder Grenzschutzvorsorgen hatten, und die ihnen sehr energisch, und vielfach auch mit grossem Erfolge, mit den Waffen entgegentraten. Ein Volk aber, das sich Festungen baut, beteiligt sich an keiner Völkerwanderung, sondern es siegt oder unterliegt. — Der Kern dieses geschichtlichen Irrtums liegt überdies in der gewohnten Annahme, dass ein Volk immer erst dann auf der Weltbühne gesichtet wird, sobald dessen erste Erwähnung in der geschrie- benen Geschichte wahrgenommen wird, ein Denkfehler, vergleichbar mit dem, wie wir auch alle einst im naiven Kindersinne glaubten, dass die Sonne unmittelbar hinter dem nächsten Gebirge unseres Horizontes aus dem Ozean steige. In der Entwicklung eines Volkes, welches plötzlich unter einem bestimmten Namen geschichtlich inventarisiert auftritt, ist aber doch eine, nicht einmal approximativ in Zahlen ausdrückbare Werdezeit vorangegangen, worauf man eben fast ausnahmslos vergisst. Die heute landläufigen Erzählungen über die Vergangenheit der Slaven kann daher einer logisch geführten Nachprüfung unmöglich weiter standhalten, und gehört die Negation desAutoch-thonismus der Slaven wohl zu den grössten Irrtümern oder wissenschaftlichen Fälschungen aller Zeiten. Diese falschen Fundamente der wissenschaftlichen Ordnung müssen daher endlich der Auswechslung teilhaftig werden, was freilich tiefeinschneidende Konsequenzen haben wird, denn nur mit bangem Schrecken wird man endlich zur Revision der Ur- und Kulturgeschichte schreiten müssen, da das Räderwerk dieser Maschinerie nicht mehr funktioniert; die Archäologie wird endlich erkennen und zugeben müssen, dass die Kulturresidien der alten europäischen Stammvölker auch einen gemeinsamen Grundzug haben; die Rassenlehre mit ihrer Dezentralisierungstendenz verliert immer weiter ihren realen Halt; die Sprachwissenschaft, die sich eine Unzahl von isolierten Sprachen zurechtlegte, büsst eine Position um die andere ein, und nimmt immer mehr die monistische Richtung an; die Götter- und Geisterwelt unserer Mythologien nähert sich wieder mehr und mehr der irdischen Welt, von welcher eben erst deren Transsubstantiation ausging usw., was die sozialen, kulturellen wie auch politischen Ansichten gewiss mächtig beeinflussen muss. Wir leben daher heute am Abende, dem ein Tag mit der Umwertung oder Berichtigung eines grossen Teiles des menschengeschichtlichen Wissens folgen wird, denn fällt nur einmal die Barrikade der Völkerwanderungshypothese, die sich die Wissenschaft selbst über den Weg erbaut hat, dann erst wird die Bahn frei für alle weitere Forschung nach unseren Ursprungs- und Entwicklungsfragen; unter den bisherigen Prämissen war dies schon mechanisch ausgeschlossen. Zum Schlüsse sei noch eines nicht unwichtigen Umstandes Erwähnung getan, der bisher ganz unbeachtet blieb und doch eine sehr fühlbare Rolle im Völkerleben spielt. Die irrtümliche Konstruktion einer Völkerwanderung ist es nämlich, die zu dem tiefen, nationalen 11- Unfrieden, namentlich zwischen den Slaven und Deutschen, den verderblichen Keim legte, denn ohne gegenseitige Achtung und billige Anerkennung der gegebenen gleichen Imponderabilien kann es keinen Völkerfrieden geben, weil der Mangel der Parität das Neben-und Mitwohnen der Völker vielfach unleidlich macht, und nichts wirkt verletzender, als eine unberechtigte sowie den Hass absichtlich nährende Zurücksetzung. Will man daher ehrlich Frieden haben, so setze sich vor allem die Wissenschaft ein und mache ihre handgreiflichen Fehler der künstlichen Verhetzung gut; eine einseitige Herrenmoral aber, die sich auf gewalttätige Geschichtsfälschungen und Verschwindenlassen von Gegenbeweisen stützt, ist ein weit verderblicherer Bazillus für das Fortbestehen der geschichtlichen, kulturellen wie sozialen Völkerdisharmonie, als jedes andere der vielen wurmstichigen Motive, die da als Hindernisse phrasenmässig angeführt werden. Nichts kränkt mehr den Einzelnen wie eine ganze Nation, als das ewige Hänseln mit der Minderwertigkeit, namentlich wenn hiezu nicht die geringste Begründung vorgebracht werden, oder der Anteil an der allgemeinen Kultur nicht überzeugend klargelegt werden kann, denn das, was man heute darüber zu wissen vermeint, vei schiebt sich durch die fortschreitende Forschung sogar immer sichtlicher zur Negierung der heutigen Voraussetzungen. — Slavische Geschichtsquellen. III. Das Roland-Lied. Mitgeteilt von 3. Kuffner. Im Vorjahre erschien eine interessante Studie des Professors F. E. Mann über „Das Roland-Lied als Geschichtsquelle und die Entstehung der Roland-Säulen" (Dieterichs Verlag, Leipzig), welche nicht nur literaturgeschichtlich von grösserem Interesse ist, sondern für die altslavische Geschichte geradezu eine hervorragende Enthüllung und eine neue Quelle bedeutet. Von der Geschichte des Mittelalters, wie man sie in der Schule zu hören und in der Literatur zu lesen bekommt, kann man füglich sagen, sie bedeute eine Erzählung von Ereignissen, die niemals stattgefunden oder zum mindesten nicht derart vor sich gegangen sind, wie und was darüber berichtet wird. Mit der grossen Phantasmagorie der sogenannten Völkerwanderung verzieht ein grosser Nebelvorhang das Proscenium und der Hokuspokus dahinter nimmt seinen Anfang. Eine Flucht von Erscheinungen wunderbarster Gestalt und Form drängt sich da in- und übereinander; Vorkommnisse und Taten werden gemeldet, die jedem Zusammenhang mit Naturgesetz und Vernunft hohnsprechen, Aktionen und Variationen, die alle Beziehung zum Grund und Boden des wirklichen Lebens verloren haben. Die gestrenge Wissenschaft versucht zwar aus allen Kräften an dem unentwirrbaren Knäuel zu zerren und zu schlichten, doch scheint der Liebe Müh’, mag sie noch so sehr in Widerspruch mit dem gesunden Menschenverstand sich befinden, vergeblich. Nebel bleibt Nebel; die Überlieferung im Grossen und Ganzen, gebunden an den Buchstaben der ehrwürdigen Quellen, ist nicht zu verscheuchen; was geschrieben steht, ist geschrieben. De mehr in allen Zweigen des menschlichen Wissens das Prinzip der exakten Auffassung platzgreift, desto fühlbarer wird das Bedürfnis auch für den Blick in längst vergangene Zeiten eine verlässlichere Basis zu finden, als es jene ist, die in den Berichten unwissender Chronisten und treuherziger Wiedergeber von Gehörtem als gegeben zu betrachten hat. In erfreulicher Weise mehren sich in neuester Zeit Versuche, diesem Bedürfnisse nahezutreten, um möglichst Licht zu bringen in das Dunkel der überlieferten Materie. Zu diesen Aufklärungsarbeiten gehört auch die oben angeführte Studie. Das Roland-Lied wird bekanntlich mit einer Legende in Zusammenhang gebracht, die über einen Kriegszug Karls d. Gr. nach Spanien gegen die Sarazenen zu berichten weiss. Karls Heer soll dabei auf dem Rückzuge über die Pyrenäen eine Schlappe erlitten haben. So erzählt unter Anderen auch Eginhard, der Biograph des grossen Kaisers. Seit langem wird nun schon um die Frage gestritten, wie viel an der Erzählung wahr sei? Aus den Darlegungen des Verfassers kommt nun mit ziemlicher Evidenz zum Vorschein, dass es mit der Heldengeschichte vom Tale Roncevals seine guten Wege hat. Auf Grund einer sehr eingehenden Untersuchung des Tatbestandes und aller einschlagenden Dokumente, stellt der Autor fest, dass die im Roland-Liede besungenen Helden und Taten mit Spanien eigentlich gar nichts zu tun haben, sondern dass im Gegenteile Karl zu jener Zeit gar nicht über das grosse Gebirge gezogen ist, dass sein Kriegszug zwar den Sarazenen gegolten, mit diesen „Sarazenen“ jedoch nicht die Araber in Spanien, sondern ein ganz anderes Volk im Norden des Reiches gemeint ist, u. zw. jenes slavische Volk, das zwischen der Oder und Elbe längs der Meeresküste angesiedelt war, und das der Verfasser als den Stamm der „Stettiner" bezeichnet. Unter Roland (Hruotlandus, Rutland, Rudlan u. ä.) ist nach seiner Darstellung „das Vorbild aller späteren Heidenbekämpfer im Osten“ zu verstehen, ein Markgraf des wendischen Grenzlandes, ein Grosser aus dem Gefolge Karls, der sich auf dem eben nicht glücklich verlaufenen Kriegszuge für seinen Herrn im Kampfe aufgeopfert und dabei den Heldentod gefunden hat. Es bleibt daher nur zu berichtigen, dass sich die Geschichte nicht bei Roncevals in den Pyrenäen, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach bei P r e n z 1 a u, unweit Stettin, in der Uckermark, zugetragen hat. Der Verfasser sagt: „Prenzlau ist slavisch Premi-slav (ältere Formen: Prinslauw 1253, Prenslauve u.a.m.) Der Schlachtort heisst nach der Oxforder Handschrift „Rencesvals“, das wie ein Kompromiss erscheint zwischen dem überlieferten Namen „Prenslav“ oder „Prenseslav“ und dem später herangeholten „Roncevals“. Die Ortschaft Prenzlau ist uralt, wir kennen ihren Ursprung nicht, und sie k a n n sehr wohl schon im VIII. Jahrhunderte bestanden haben ..." Damit hat der Verfasser nicht nur vollkommen recht, sondern ist obendrauf anzunehmen, dass der Ursprung des Ortes noch viel, sehr viel weiter zurück liegt. Der Name „Prenzlau" ist seinem Ursprünge nach identisch mit jenen von: Breslau, Breclava, Bretislava, Vratislava, Bratislava, Brjaslava, Perejaslava, Zbraslava und noch einer Unzahl von Variationen desselben Namens, die in slavischen oder ehemals slavischen Gegenden sich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meere hinziehen und sämtlich zu Lokalitäten gehören, die ihrer Lage nach ziemlich übereinstimmen. Sie liegen nämlich an grösseren oder kleineren Gewässern, meist an Mündungen, die eine starke Verwässerung des Terrains zur Folge haben, und zu ihrer Zeit sicherlich eine besondere Rolle im Lande gespielt haben, daher auch durchwegs befestigt waren. Zu welcher Zeit nun mögen wichtige Punkte im Terrain in dieser Weise gleichmässig, sozusagen gattungsweise benannt worden sein? Zu welcher Zeit gab es eine derart in die Augen springende, in den entlegensten Gegenden miteinander übereinstimmende technische Terminologie für topographische Vorstellungen? Welche Zeit war es, über die alle, auch die ältesten Quellen — schweigen? Die Details der sehr komplizierten Beweisführung sind freilich im Buche selbst nachzulesen. Die Lektüre ist überaus dankbar und anregend, so mühselig sie auch erscheint gegenüber der Unmasse von gelehrtem Krimskrams das aus dem Wege zu räumen ist, und der unterschiedlichsten kleinen Fragen und Zweifel, die.ihre Klarstellung erheischen. Der Beweis ist im grossen und ganzen als erbracht anzusehen; direkt erbracht durch fleissig dokumentierte Aus- legung und überzeugende Placierung der vielen im Texte des Liedes vorkommenden Namen, sowohl Namen topographischen Charakters, als auch Namen von Völkern, Stämmen und Scharen, nicht nur von einzelnen lebenden und handelnden Personen sondern auch von blossen Gegenständen und Requisiten. Das ganze ausführliche Verzeichnis von Namen und Umständen wird recht überzeugend auf seine nördliche Abkunft zurückgeführt und mit viel Glück in das Gebiet zwischen der Elbe und Oder zurückorientiert. Indirekt war ein starker Zweifel über die Legende einer spanischen Heerfahrt Karls ohnehin schon durch den auffallenden Umstand bekräftigt, dass die zeitgenössischen arabischen Quellen von einer solchen gar nichts wissen, und es sehr einleuchtend ist, dass sie einen über den Erzfeind errungenen Vorteil ihrerseits gewiss nicht verschwiegen hätten. Der heimliche Szeneriewechsel, den im Laufe von Dahrhunderien die Ereignisse der Legende erfahren haben, ist auf ein simples qui pro quo in der Namensdeutung zurückzuführen. In ethnographischen sowie in den anders verwandten Benennungen waren die Alten niemals besonders skrupulös. Geographie und Topographie gaben damals noch keine Wissenschaft ab. Die Begriffe waren weder geklärt noch feststehend, und so kam es, dass man ein und dasselbe Volk mit den unterschiedlichsten Namen belegt hat und umgekehrt wieder andere vollkommen fremde Völker und Stämme ohne viel Umstände unter demselben Namen notiert hat. Daher das jämmerliche Drunter und Drüber von Namen und Ereignissen, das für die Periode des Überganges vom Altertum ins Mittelalter so bezeichnend ist. So wurde zu Karls Zeit unter „Sarazenen“ überhaupt ein fremdes, feindliches Volk, von welcher Provenienz immer, verstanden. Einmal sind es die Araber, ein andermal die Slaven, ebenso wie es „Sarazenen“ auch in den Tälern der Schweiz wie Südfrankreichs gab, weil sich dieser topische Name daselbst oft wiederholt. — Über die etymologische Auslegung einiger slavischer Orts- und Personennamen Hesse sich mit dem Verfasser wohl streiten, doch fallen dergleichen kleine Beweissplitter nicht in die Wagschale gegenüber der grossen leitenden Hauptidee der Arbeit, die klar zu Tage tritt. Auch darf man es dem Autor nicht verübeln, dass er als Vorkämpfer und Aufräumer in einer Partie des derart verworrenen und ins Dunkel gehüllten Stoffes, in anderen parallelen Fragen fast gänzlich den landläufig überlieferten Begriffen huldigt, über die wir schon geläutertere Meinungen haben. Den grossen Vandalenzug quer über Mitteleuropa hält er vollkommen im Sinne der üblichen Lehrbücheranschauung für den „Raubzug eines wilden Barbarenvolkes“ usw. Freilich sind für derlei Urteile sichere Ouellenzitate zur Verfügung, doch wird die Ge- schichte dadurch noch nicht glaubwürdiger. Seit Menschengedenken werden feindliche Scharen im Lande von den Einwohnern nicht anders als „Räuber“ und „Barbaren“ benamset, und werden ihnen die ärgsten Schändlichkeiten zugeschrieben. Nach französischen Zeitungsstimmen wäre auch der deutsche Feldzug 1870-71 von den Nackommen für nichts anderes, als für einen schändlichen Einfall eines räuberischen Barbarenvolkes zu halten. Die alten Chronisten sind aber die Zeitungsschreiber ihrer Zeit. In ihren Schriften spiegelt sich lediglich die momentane Anschauung ihrer Umgebung wieder, und das Urteil des Augenblicks ist immer von Nebenumständen beeinflusst, daher natur-gemäss und notwendig parteiisch. Erst die ferne, nachkommende Zeit soll und kann aufklärend wirken und ein objektives Urteil fällen, d. h. die Aussage beider Teile anhören und prüfen. Krieg ist Krieg. Warum soll das feindliche Unternehmen des römischen Kaisers ein „Kriegszug“, das seines Gegners aber ein „Raubzug“ genannt werden? Höchstens vielleicht vom patriotischen Standpunkte. Ein solcher müsste aber dann eine allseitige Geltung haben! Doch da setzen erst die Schwierigkeiten voll ein. Die „Barbaren“ des Altertums wie des Mittelalters haben nichts Schriftliches hinterlassen, daher die Berichterstattung immer durchwegs einseitig, somit gefärbt oder gefälscht ist. Die Aufgabe der ernsten Forschung liegt nun darin, Mittel und Wege zu suchen, trotz der einseitigen Beleuchtung den wahren Sachverhalt ans Licht zu bringen. Wie da beiläufig vorzugehen ist, hiefür bietet uns der Autor in der vorliegenden Arbeit eine vorbildliche Probe. Dass dabei links und rechts noch eine Menge anderer Fragen und Zweifel noch ungelöst bleiben, ist natürlich; man kann eben nicht an allen Punkten zugleich Vor- und Mitkämpfer sein. — IV. Die Evangelienhandschrift zu Cividale (Gedad, Italien). Mitgeteilt von F. V. Sasinek. C. L. Bethmann beschrieb im „Neuen Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde“ (1876, II. 113 ff) eine hochwichtige lateinische Evangelienhandschrift, die gegenwärtig im Archiv des Kapitels von Cividale verwahrt wird. Dieser Pergamentkodex wurde im V. oder VI. ¿Jahrhunderte irgendwo in Oberitalien geschrieben, kam bald nach dem Tode des Patriarchen Paulinus (f 804) nach Aqui-leja und blieb in einem dortigen Kloster bis ins XVI. ¿Jahrhundert, wo die Kanoniker von Aquileja ihre Schätze wegen der beständigen Kriegsgefahr der Stadl Cividale zur Aufbewahrung übergaben.1) Der Glaube, die sieben Ouaternionen des Evangeliums Marci seien des Evangelisten Autograph, war Ursache, dass zwei derselben 1354 dem Kaiser Carl IV., der Rest 1420 der Republik Venedig geschenkt wurden; die ersteren befinden sich noch jetzt in gutem Zustande im Prager Metropolitanarchiv, die letzteren aber wurden im Schatz von San Marco durch den Einfluss von Feuchtigkeit zu einem unförmlichen Pergamentklumpen. Den Hauptwert der Handschrift bilden zahlreiche longobardische und slavische Namen, welche von verschiedenen Händen am Rande eingeschrieben sind. Es sind Namen von Pilgern und Reisenden, „qui venerunt in isto monasterio“ und auch anderer Personen, welche teils von den Pilgern selbst, teils auf deren Wunsch von den Mönchen aufgezeichnet wurden. Bethmann bemerkt, der Schrift nach sei kein Name älter als das Ende des VIII. Dahrhundertes, keiner jünger als das Ende des X. Dahrhundertes. Historische Personen fand er darunter nur wenige; so Kaiser Ludwig II. und lngelberga (nach 850), Bischof Dominik von Olivolo (um 866), Kaiser Carl den Dicken (880—888), und den Bulgarenfürsten Michael (f 8%). Unter den slavischen Namen, für deren vollständige Publizierung die slavische Geschichtsforschung Herrn Bethmann zu grossem Danke verpflichtet ist, lässt sich aber ausser dem Bulgarenfürsten Michael (Boris) eine viel bedeutendere Anzahl von historischen Personen sicherstellen. Wir wollen auf die wichtigsten derselben aufmerksam machen. Sehr wertvoll ist die Notiz /, 3 und 4: „De Bolgaria, qui primus venit in isto monasterio, nomen eius Sondoke et uxor eius Anna, et pater Johannes et mater eius Maria, et filius . . Mihael et alius filius eius Uuelecneo (wohl Velegnev), et filia eius Bogomilla et alia Kalla et tercia Mar(tha et quarta) Elena et quinta Maria. Et alia uxor eius Sogesclaua (Sobeslava ?). Et alius homo bonus Petrus ... et Georius . „Petrus et uxor eius Sofia.“ „Hic sunt nomina de Bolgaria. Inprimus rex illorum Michahel et frater eius Dox et alius frater eius Gabriel, et uxor eius Maria et jilius eius Rasäte (Chrisata ?) et alius Gabriel et tercius filius Simeon et quar-tus /Mas Jacob, et filia eius dei ancella Praxi (Eupraxia ?) ei alia Jilia eius Anna.“ „Zergobula f. . . ias.“ ') Cuf. Migne: Patrol. lat. tomo 99. pag. 537, Cividale, Civitas Austriac, Forumjulii. Dass in dem Evangelium von Cividale der Name eines Bulgarenkönigs verzeichnet ist, wusste man schon aus della Torres Beschreibung dieses Kodex (Bianchini, Evangelium quadruplex 1749), aber della Torre las denselben Georg, wodurch man in grosse Schwierigkeiten geriet, da die altbulgarische Geschichte einen König dieses Namens nicht kennt. Bethmann klärte diesen Widerspruch auf: „der Name Georg,“ bemerkte er, „stand schon früher da, und der diese Notiz und die auf der folgenden Seite aufzeichnete, schrieb um diesen Namen herum.“ Der Name Michael steht tiefer unten und ein Zeichen deutet an, wohin er gehört. Auf den hohen Wert dieser Notiz für die Genealogie der ältesten bulgarischen Dynastie hat bereits Professor Jagic in seinem Archiv für slavische Philologie II. 1. Berlin 187S, S. 171 u. 172 aufmerksam gemacht. Bemerkenswert ist der Umstand, dass unter den Söhnen Michaels wohl der nachmalige Cesar Simeon (f 927), aber keineswegs dessen Bruder, Fürst Vladimir genannt wird. Die ganze Aufzeichnung möchte ich in das Jahr 869 versetzen. In diesem Jahre nämlich reiste der Boljare Peter als Gesandter des Fürsten Michael zum Papste nach Rom. Die Notiz im Evangelium nennt nicht nur Peter selbst, sondern auch noch die Namen Sondoke und Zergobula. Nach Bulgarien zurückgekehrt, wurde Peter mit den beiden genannten Boljaren sogleich nach Kontantinopel zum Konzil gesandt, welches daselbst am 3. März 870 zusammentrat. Einige Dahre später (879) schrieb Papst Johannes VIII. an Petrus und die mächtigen Boljaren Cerbula und 5undicus, um dieselben für die Vereinigung Bulgariens mit Rom geneigt zu machen.2) Bisher war bekannt, dass die beiden im Briefe des Papstes Johannes VIII. genannten Vornehmen mit jenen identisch seien, die Peter nach Konstantinopel begleiteten. Die Marginalnote des Evangeliums von Cividale zeigt nun, dass sie auch an der Gesandtschaftsreise Peters nach Rom teilgenommen haben. Wir kennen nun die ständigen Diplomaten des Fürsten Michael: Petrus, Sondoke, Zergobula. Wahrscheinlich Hess Sondoke sich und die übrigen einzeichnen, da die Notiz über seine Familie die ausgiebigste ist. F. 4‘ liest man: „szuentiepulc. szuentezizna. predezlaus.“ Es ist dies der bekannte Fürst von Grossmähren, Svatopluk oder Sveteplk. Den Namen seiner Gemahlin kannten wir bisher nur aus einer schadhaften Stelle des Salzburger Verbrüderungsbuches (uu . . uizna Cf. Dr. 2) Cuf. Assemani Calendaria eccl. univ. II., 270. Slovensky Letopis V., 32. Herrn. Oirecek, Slovanske prävo I. 58 nach Karajans Edition.) In der Cividaler Handschrift tritt derselbe in seiner vollständigen Gestalt an den Tag: Svetezizna.3) Der mit gleicher Hand verzeichnete Predeslav lässt sich nicht näher sicherstellen. Die Bemerkung, welche Direcek über den Predeslav macht, ist zwar korrekt, allein in einer dunklen Geschichte, wo keinesfalls feste Wahrheit erreicht werden kann, ist eine weitere Kombination gestattet, um wenigstens Wahrscheinlichkeit aufzustellen. Es scheint ganz analogisch und natürlich zu sein, dass nach dem Namen des Vaters und der Mutter der Name des Sohnes folge: ist es daher nicht möglich, dass wir hier im Predeslav den Sohn des Svatopluk 1. haben? Da Kaiser Konstantinos Porphyrogenetes so deutlich von dessen drei Söhnen spricht, und wir bis jetzt nur dessen zwei Söhne, Mojmir II. und Svatopluk II. kennen, so ist es ganz wahrscheinlich, dass Predeslav sein dritter, ohne Zweifel der älteste Sohn Svatopluks I. war. Die Annales Fuldenses erwähnen zwar nur die zwei Söhne Mojmir II. und Svatopluk, sagen aber nirgends, dass er nur diese zwei Söhne hatte; sie nennen diese zwei Söhne nur gelegentlich, indem sie die Zwistigkeiten zwischen diesen zweien beschreiben: ist es nicht möglich zu denken, dass gerade der Tod des ältesten Sohnes den Zankapfel unter die jüngeren Söhne geworfen hat ? Svatopluk hat, wie uns Kaiser Konstantinos Porph. versichert, sein Reich unter seine drei Söhne verteilt, den ältesten zum Grossfürsten ernannt, so dass ihm die zwei jüngeren gehorchen sollten. Nach dem Tode des Vaters (8%) herrschte einjährige Eintracht unter ihnen, es muss folglich im CJahre 835 der älteste Sohn noch am Leben gewesen sein. Die Zwietracht zwischen Mojmir II. und Svatopluk II. brach im folgenden dahre (896) aus; folglich starb der älteste Sohn in diesem nun angegebenen dahre, so dass die am Leben gebliebenen jüngeren Brüder, Mojmir II. und Svatopluk II. von seiner Oberherrschaft befreit wurden. War Mojmir II. älter als Svatopluk II., so meinte er ganz recht, dass nach dem Tode des ältesten Bruders (Predeslav) ihm die Oberherrschaft zukomme; aber Svatopluk II. wollte sich dazu nicht verstehen. Die zweite Ursache des Zwistes kann das posthume Teilfürstentum Predeslavs gewesen sein. Svatopluk II. dachte, dass das posthume Teilfürstentum zwischen ihm und Mojmir II. geteilt werde; aber dieser behauptete, dass nach dem Tode des Grossherzogs (Predeslav) ihm sein Teilfürstentum samt der Oberherrschaft zugefallen ist, Svatopluk aber mit seinem Teilfürstentum zufrieden sein solle. 3) »Svetozizna« kann aber auch »frommlebend« bedeuten .und ein Attribut im Accusativ zu »szventiepulc« sein. Wo das Teilfürstentum des Grossfürsien (Predeslav) gelegen war, das ist schwer zu ahnen. Meiner Meinung nach war es die Siovakei, um welche zwischen Mojmir II. (in Pannonien) und Svaiopluk II. (in Mähren und Schlesien) gestritten wurde: aber inter duos litigantes ter-tius gaudet. Die Polen rissen die Siovakei an sich.4 5) In derselben Meinung werde ich bekräfiigt, da ich in einem ungarischen Diplome des XIII. dahrhundertes statt Pressburg Porozlo finde. Wer die magyarische Verunglimpfung der Eigennamen kenn!, wird wohl wissen, dass das Poroslo oder Poroszlö aus Pereslava oder Predslava entstanden sei. Kann also nicht angenommen werden, dass Pressburg oder Preslava und Predslava ihre Entstehung und Benennung dem Predslav, der hier seinen oberfürstlichen Sitz hatte, zu verdanken habe? Die zweite Bemerkung auf die oben angeführte Marginalnote drängt uns zu der Frage: Ob Svatopluk mit seiner Gemahlin und seinem Sohne Predeslav in Aquileja gewesen? Ist es der Fall, so entsteht daraus die weitere Frage: Wann ? und die dritte: Ob Svatopluk auf der Durchreise nach Rom die Stadt Aquileja besuchte? Die erste Frage ist leicht zu bejahen, da es in dem genannten Kodex steht, dass die dort angegebenen Namen derjenigen sind, qui venerunt in isto monasterio. Schwieriger ist die Beantwortung der zweiten Frage. Die Reise Svatopluks I. nach Aquileja muss dem ¡Jahre 885 nachgesetzt werden, in welchem er Pannonien eroberte, und so in die Nachbarschaft des Aquileja-Patriarchates kam. Es muss dies jedoch vor dem ¡Jahre 893 geschehen sein, da Wiching in diesem ¡Jahre schon Kanzler Arnulfs geworden ist. Fragt man mich: Wie komme hier Wiching in eine Kombination? Darauf antworte ich, dass man die Geschichte jener Zeit ohne kirchliche Geschichte nicht lösen, und sich diese ohne Wiching kaum denken kann. Als Svatopluk Pannonien erobert hatte, wollte er die ¡Jurisdiktion des Salzburger Erzbischofes und des Passauer Bischofes, sowie auch ihre Klerisei daselbst nicht dulden; die von denselben verfolgte glagolitische Liturgie lebte wieder auf und Wiching gab dem König Svatopluk I. den Rat, ein Erzbistum im Slavenland, d. i. in Pannonien,6) zu errichten,6) eigentlich das ehemalige glagolitische Erzbistum Lorch zu 4) Cuius regnum filii eius parvo tempore, sed minus feliciter tenuerunt, partim Ungaris illud diripientibus, partim Teutonicis orientalibus, partim Polo-niensibus solotenus hostiliter depopulantibus. Cosmas ad an. 894. 5) In den damaligen Quellen wird Pannonien auch Sclavia und Magna Mo-ravia genannt. 6) Hic (Wichingus) Laureacensem Ecclesiam pressit, volens provinciam divi-dere et auxilio Suentibaldi Regis Moravarum in Sclavia metropolim suscitare. Catalogus Cremitan. erneuern. Es ist also ganz wahrscheinlich, dass Svatopluk I. nicht nur eine Reise nach Aquileja, sondern auch nach Rom, von Wiching begleitet, unternommen hat. Warum hätte er nach Aquileja reisen müssen? Die untere Pan-nonia gehörte vormals zum aquilejischen Patriarchate und wurde dann vom Kaiser Karl von demselben getrennt und dem neuerrichteten Salzburger lateinischen Erzbistume unterstellt. Papst Adrian II. hat sie dann vom Salzburger Erzbistume getrennt, für dieselbe ein Erzbistum zu Gran (?) errichtet und dieses dem hl. Methodios übergeben. Nach dem Tode Kocels (87^) wurde der Graner erzbischöfliche Stuhl des hl. Methodios nach Velehrad verlegt. Als Svatopluk I. Pannonien eroberte und in demselben die slavische (glagolitische) Liturgie und Hierarchie beleben wollte, da stand zu erwarten, dass der Patriarch zu Aquileja sein ursprüngliches Recht auf das untere Pannonien beanspruchen könnte,7) darum reiste Svatopluk I. zuerst nach Aquileja, um dessen Zustimmung zur Erneuerung des pannonischen Erzbistums zu gewinnen und sich mit demselben über die beiderseitigen Grenzen zu besprechen ; dann nach Rom, um vom Papste die Errichtung eines pannonischen Erzbistums oder die Erneuerung der zwei glagolitischen Erzbistümer, Lorch und Gran, zu erbitten. Wann Svatopluk I. in Aquileja gewesen sei, lässt sich vermuten, dass es im dahre 888 gewesen ist, denn eben die Verhandlung mit dem aquilejischen Patriarchen gab dem Salzburger Erzbischof die Veranlassung, den König Arnulf zu bitten, dass er ihm die Besitzungen im unteren Pannonien privilegialisch bestätige,8) um gegen Schmälerung seiner Diözese protestieren zu können. Ob Svatopluk I. von Aquileja eine Reise nach Rom unternommen, kann nicht festgestellt werden, obwohl die Ruhe, die er in seinem Reiche während dieser Zeit genossen, dazu günstig, und die Wichtigkeit der kirchlichen Angelegenheit, die in Rom entschieden werden sollte, dazu ralsam gewesen ist. War er jedoch persönlich nicht in Rom, so hatte er seine Vertreter dorthin abgeschickt, um die Erneuerung der slavischen Hierarchie durchzuführen. Haben die Verhandlungen unter dem Papste Stephan V. (f 889) keinen günstigen Erfolg erzielt, so haben sie gewiss bei seinem Nachfolger Formosus Gehör gefunden ; denn es heisst : eine Hand wäscht die andere. Formosus bat Svatopluk I., dass er den König Arnulf zum Einmärsche nach 7) Das aquilejische Patriarchat hatte eine nichtrömische (glagolische) Liturgie. Migne: Patrol. lat. tomo 99, pag. 679—682. 8) Slovenskÿ Letopis, V., 290. Rom berede; und eben dieses deutet genug an, dass Svatopluk I. bei dem Papste in Gunst stand. Italienische Unruhen und dann der Tod Svatopiuks I. (8%) verhinderten die Ausführung der Verhandlungen. Erst unter Mojmir 11., und das nur in Ober-Pannonien, wurde die slavische (glagolitische) Hierarchie erneuert. V. Eine kroatische Ghronik aus dem XI. Jahrhunderte. Mitgeteilt von Dr. Fr. Prikryl. Der Richter (knez) Papalič von Poljice fand um die Wende des XV. dahrhundertes im Dorfe Markovič, das man in die Umgebung von Bar (Antivari) verlegt, eine alte kroatische Chronik, und fertigte für den damals berühmten Schriftsteller Marko Marulič Splitjanin (von Spalaio) eine Abschrift an; dieser hingegen übertrug die Chronik im dahre 1510 in die lateinische Sprache, die im dahre 1666 in Frankfurt a/M. abgedruckt wurde. Später schrieb den kroatischen Originaltext auch noch derolim Kaletič — augenscheinlich ein Priester — ab. Wir erfahren dies aus dem von ihm der Chronik beigefügten Schlusspassus, wo er sagt: „Herr Papalič fand diese Schrift im Gebiete von Markovič in einem alten, mit kroatischen Buchstaben geschriebenen Buche, welche der genannte Herr Wort für Wort abschrieb. Ich, derolim Kaletič, habe dies auch aus dem erwähnten Buche am 7. Oktober 1546 in Omis (Almissa) abgeschrieben. Gott sei Dank!“ — Kaletič übergab nun diese Abschrift dem Ivan Lučič, dem wir es zu danken haben, dass dieses wertvolle Zeugnis der altkroatischen Sprache überhaupt erhalten blieb, denn er nahm diese Kopie zugleich mit einer lateinischen Übersetzung sowie anderen alten historischen Schriften anlässlich einer Reise nach Rom mit, wo er auch später starb. Die Chronik befindet sich nämlich seither in der vatikanischen Bibliothek (unter Nr. 7019); wie sie dahin gelangte, ist unbekannt, vermutlich aber als Lučič’ Vermächtnis. Die Criginalchronik, die also in kroatischer (illyrischer), daher glagolitischer, nicht aber etwa in serbischer also cyrillischer Schrift verfasst war, denn diesen Unterschied wird Kaletič (um die Mitte des XVI. dahrhundertes) wohl gekannt haben, wird allgemein dem Popen Dukljanin (Presbyter Diokleas aus Dioklea, d. i. Duklja bei Podgorica, Montenegro) zugeschrieben, der daselbsl in der Zeit von 1150—1200 im Kloster lebte. Von ihm stammt nämlich eine Chronik, die bis auf Kleinigkeiten dem Inhalte der unseren ähnlich ist, und die Dukljanin selbst über Anregung einiger geistlicher Würdenträger und Bürger aus der kroatischen Sprache („ex sclavonica littero) übertragen haben soll. Wahrscheinlich ist es daher, dass die Originalchronik gar nicht von Dukljanin herrührt, sondern dass auch ihm schon eine ältere Chronik vorlag. Diese Annahme lässt sich damit begründen, dass die alte Chronik schon mit dem Könige Zvonimir (f 1095) abschliesst, während die Übersetzung oder die lateinische Chronik Dukljanins noch weitere Könige bis zum CJahre 1180 anführt; derselbe Verfasser wird daher kaum solche Inhalts-, differenzen schaffen. Dass aber die lateinische Chronik in Kleinigkeiten vielfach abweicht, rührt daher, weil Dukljanin eben bei der Transkription hinzu gab, was er abweichend erzählen hörte, denn er fügt dies auch mit dem Zusatze bei : „quae a Patribus nostris ei antiquis senioribus veridica narratione referre audivi.“ Die Altersechtheit dieser Chronik wurde bisher von niemandem angezweifelt. Sie stammt zweifellos aus jener Zeit, mit der sie historisch abschliesst, also kurz nach dem Tode des Königs Zvonimir (1095), welches Ereignis der Chronist sogar schon in das Dahr 1079 verlegt. Wäre diese Chronik jünger, so hätte sie der Verfasser, wie es allgemein Gebrauch war, auch mit der Anführung der weiteren Regenten abgeschlossen; etwas anderes wäre es freilich, wenn der Chronist durch eine vis major unterbrochen worden wäre, was aber aus allem nicht hervorgeht. Die Handschrift wurde erst wieder von Palackÿ (1836) in Rom entdeckt und in der Abschrift nach Prag gebracht ; Stanko Vraz vermittelte hingegen wieder eine Kopie hievon von Prag nach Agram. Vor dem ersten Abdrucke im „Arkiv za povjestnicu jugoslavensku“ („Archiv für südslavische Geschichte“), Agram 1851, wurde sie nochmals verglichen, so dass diese erste kroatische Veröffentlichung als mit dem Urtexte, aus dem Dukljanin auch die lateinische Übersetzung schuf, identisch angesehen werden kann. Man hat nun allgemein dieser Chronik eine sehr oberflächliche geschichtliche Akribie, viele Fehler und Verwechslungen von Namen, Begebnissen und Zeitangaben, lächerliche Anachronismen u. ä. vorgeworfen. Wer sie nicht cum grano salis nimmt, kommt allerdings leicht zu solchem Urteile; wer sich aber in die Situation und Tendenz des Verfassers hineinzudenken vermag und für modifizierende Umstände aufnahmsfähig ist, wird sie wohl höher bewerten, denn unsere voreiligen Urieile über die Oberflächlichkeit und Unverlässlichkeit des Inhaltes der alten Chroniken werden in demselben Verhältnisse unhaltbarer, je tiefer sie durchforscht werden, denn ihr Wert ruht oft mehr zwischen, als in der Zeile. Der Ausgangspunkt der Chronik ist hier das Jahr 357 n. Chr., die Zeit des Erscheinens der Goten auf dem Balkan. Dass nun der Chronist nach Aufzählung einiger Könige und nebelhafter Ereignisse gleich auf den Slavenapostel „Kostanc“ (Cyrill) kommt, ist doch naheliegend, denn er wusste einmal über dieses Zeitinterkalare Weiteres nicht zu erzählen, und seine Tendenz war doch vor allem, die damaligen kirchlichen Verhältnisse zu schildern; und diese Details sind sicher aufrichtig erzählt und geschichtlich unanfechtbar; ja man erfährt darin so manches, was bisher noch nicht bekannt war. Für uns sind aber gerade jene Details besonders wertvoll, die der Chronist unbewusst hineinlegte, denn die allgemeine Geschichte jener Zeit ist uns tatsächlich aus anderen Quellen weit verlässlicher bekannt. Hiezu gehört, nebst den vielen sprachlichen Bereicherungen, die Schilderung der Völkerwanderung, d. h. er fasst diese genau so auf, wie sie natürlich aufzufassen ist, wonach es sich dabei tatsächlich nur um Kräegszüge mit einem grossen Tross handelt, und niemals um den vollen Domizilwechsel eines ganzen Volkes. Diese stets so stiefmütterlich behandelte und wissenschaftlich als belanglos angesehene Chronik verdiente es daher längst gründlich durchsiudiert zu werden, und sei hiemit von dem Versäumten etwas nachgeholt. — Viele bisher unverstandene Stellen erhalten hier eine auf die neue Sprachforschung aufgebaute Deutung; etliche Punkte bleiben jedoch noch weiterhin unklar oder zweifelhaft. — Eine Übertragung dieser Chronik ins Deutsche ist unseres Wissens bisher überhaupt nicht erfolgt. Anschliessend wird eine kurze Textprobe geboten, welche zeigt, wie die kroatische Sprache vor etwa 700—800 Jahren aussah, und darlegt, dass sich da noch fast gar keine fremdsprachigen Einflüsse geltend machten. — Die Chronik beginnt folgend: „Vime boga sfemaguchiega tvorca neba i zemglie Chragliuiuchi cesar vgradi basiligi Cesarstva vurime v chose bihu prosfitlilij btaxeni muxi1) jerman Biskup: j pristoglia chapitulschoga: i pristoglia chamixie scilii bischup i tolikogie poctuanj i blaženi mux benedijch Blixu gore cicilian-sche pribivasse Na lit gospodignich trist a i pedeset i sedam.“ — *) *) Das »x« (muži) bedeutet schon im Oskischen ein »ž« (mitunter »č«) und hat in lateinischen, dem Slavischen entstammenden Begriffen auch immer diese Bewertung. Verdeutschung der Chronik. „Im Namen des allmächtigen Golles, des Schöpfers des Himmels und der Erde! Als in der Sladl Basilea2) ein Kaiser regierte, zur Zeit des Kaisertums, da erglänzten die seligen Männer German, Bischof, Kapitelbeisitzer und Thronassistent in Kamizija auf Sizilien, und der hochverehrte selige Mann Benedik, welcher unweit des sizilianischen Berges3) lebte. Es war im Gahre des Herrn 357. Damals erschien irgendein Volk, das sich „Goti“ nannte, mit einer Menge von Leuten von Osten her, hart und furchtbar, ohne Gesetze, beinahe wild. Diesen Leuten standen drei Brüder als Herren vor, die Söhne des Königs Sviholad waren. Diese Brüder hiessen: der erste Bris,4) der zweite Totila, der dritte Stroil. Als deren Vater starb, nahm Bris als der älteste den Thron und des Vaters Stelle ein und begann zu regieren. Totila und Stroil beratschlagten daraufhin folgendes: denken wir daran, wie wir mit des Bruders Hilfe, des Königs Bris, auch zur Herrschaft und hohem Namen gelangen könnten. Und so sammelten sie mit Rat und Willen ihres königlichen Bruders Bris ein grosses Heer und zogen aus ihrer Heimat aus.5) Sie gelangten vorerst in das Königreich Ugarsko,6) schlugen den König und übernahmen das Königreich. Hierauf zogen sie weiter und gelangten mit einer grossen Heeresmacht in das Gebiet Tarnovina.7) 2) Der Schreiber stand wohl unter dem griechisch-religiösen Einflüsse, als er für Konstantinopel »Basilea« also Königsstadt (»basileus«) schrieb, denn später schreibt er wieder »Cesargrad«, also Kaiserstadt. 3) Kloster Monte Cassino (Unteritalien) auf einem 519 m hohen, steilen Berge. 4) Im lat. Texte: Brus; der eine las das »y« glagolitisch, also als »i«, der andere Translator cyrillisch, daher als »u«. 5) Aus dieser Stelle geht klar hervor, dass es sich um keine Wanderung der Goten als Volk handelt, sondern nur um die Krieger mit ihrem üblichen Tross. Wäre das Volk ausgewandert, so blieb Bris ohne Untertanen; die Brüder wollten aber in ihrem Ehrgeize eben auch irgendwo zu einer Herrscherwürde kommen. — Der aufmerksame Leser wird in der Folge konsequent finden, dass1 von einer »Völkerwanderung« hier keine Rede sein kann. Überdies erwähnt »Igors Lied« die Goten noch immer als die Bewohner am Schwarzen Meere zu Ende des 12. Jahrhundertes. °) »Ugarsko« = Ungarn. 7) »Tarnovina« (in der lat. Handschrift »Templana«) dürfte in Kroatien oder im heutigen slovenischen Gebiete (»Trnowaner Wald«?) zu suchen sein. Im modernen Sinne gesprochen zogen die Goten daher vom Schwarzen Meere längs der Donau durch das südliche Ungarn, dann Kroatien gegen Istrien oder Dalmatien. — Dass diese »Goten« übrigens Slaven waren, bemerkt schon Dukljanin, denn in der lateinischen Chronik sagt er ausdrücklich: »libellus Gotorum, id est S 1 a v o-r u m.« — Als dies der dalmatinische König, der im glänzenden und grossen Solin8) sass, vernommen, sandte er Boten und Schreiben an den König von Istrien, er möge rasch alle seine Macht sammeln, damit sie gemeinsam gegen die oben Erwähnten ziehen und sie mit ihren Streitkräften vereinigt zurückweisen. Die beiden zogen nun grosse Heeresmassen zusammen. Schon standen beide zusammen mit ihren Heeren und rückten gegen die zahlreichen Streitkräfte der Goten vor, nächst und ihnen gegenüberstehend. Durch acht Tage scharmützelten9) sie täglich untereinander im Grossen auf der einen, und nur mit einem kleinen Teile der Ritter und tapfersten Männer auf der anderen Seite; sie schlugen sich jedoch sehr grimmig und unbarmherzig, weil sie zunächst der beiderseitigen Lager standen. — Erst am achten Tage griffen die Christen wie die Heiden zu den Waffen, machten sich auf zum Kampfe und begannen an diesem achten Tage die (eigentliche) Schlacht untereinander. Seit dem Morgenanbruche dauerte der Kampf und noch über den Abend hinaus; man schlug sich im grimmigen und rücksichtslosen Streite in gleichem Kampfe unter sich, mit einer Menge von Gefallenen auf beiden Seiten, ohne bis zu diesem Augenblicke zu erkennen, wer erfolgreicher kämpft; niemand wich mehr von seiner Seite, und es war wahrzunehmen, dass der Hauptkampf begonnen, nachdem auf der einen wie anderen Seite die Stellen der Toten stets Lebende ersetzten. — Doch zu einer Zeit, die niemand ahnte, wurde nach dem Willen desjenigen, dem niemand seine Handlungsweise Vorhalten kann, u. zw. einer Sünde wegen, die damals auf den Christen lastete, ohne Ausnahme die christliche Partei geschlagen; der König von Istrien fiel; viele Tausende von Christen wurden nach der Gefangennahme durch das Schwert hingerichtet; viele Kroaten10) wurden erschlagen; nur der König von Dalmatien, mit etlichen Rittern tötlich verwundet, wurde in die berühmte und prächtige Stadt Solin gebracht, in welcher durch viele Tage allgemeine Klage und unaussprechlicher Kummer war. Daraufhin wuchs die Macht und das Heer Totilas sowie dessen Bruders Stroil mit jedem Tage; mit jedem Tage wuchs infolge ihrer wunderbaren Gesetze die Macht und das Heer. Als sie sahen, dass 8) »Solin«, heute eine Marktgemeinde nächst Spalato, ist der slavische Name für S a 1 o n a. 9) Wir erfahren hier zum erstenmale, dass das deutsche Wort »Scharmützeln« ein slavisches ist, das in der Chronik »skaramucati« lautet; die richtige Etymologie ist wohl »skoramucati«, aus »skorati« und »mucati« d. h. bedrängen und quälen, welche militärische Handlung doch darin besteht, den Gegner durch fortgesetztes Beunruhigen zu quälen, müde oder apathisch zu machen. 10) Die Unterscheidung zwischen Christen und Kroaten fällt hier auf; es werden da ethnographische Begriffe mit den Religionsbekenntnissen vermengt. durch die Ordnung die Heeresmacht zunimmt, riefen sie die Anführer11) und Vorsteher zusammen, hielten eine Beratung und einigten sich zu dem Entschlüsse, die beiden Heere zu teilen. Sie vereinbarten darauf alles, was die Heiden einnehmen sollten, um es zu zerstören und zu verbrennen, damit die Leute keine Ursache hatten, zu den ihrigen heimzukehren. Totila nahm nun sein Heer, ging und zerstörte Istrien und Äqui-leja, zog wie ein Blitz, die Städte sengend und vernichtend, und erreichte Italien im Oahre des Herrn 378, sich in schwere und harte Kämpfe mit den Latinern einlassend. Niemand und nirgends stellte sich jemand entgegen, da es einmal Gottes Wille war. Er wandte sich nun nach Sizilien, nachdem er in Italien viele Städte eingenommen, niedergebrannt und verwüstet hatte, und zog auf die Insel Sizilien. Von da an lebte er nur mehr eine kurze Zeit und fand dort sein Ende, wie es ihm der Diener Gottes, Benedik, voraussagte.12) u) »Baruni«, richtiger »varuni« sind die Führer, Beschützer des Volkes; im Mittellateinischen »baro«, im Deutschen »Baron«, — Der Originaltext hat viel unnütze Wiederholungen, die jedoch in der Übersetzung beibehalten werden mußten. 12) Hier ergeben sich im Vergleiche zur gangbaren Geschichte bedeutende Widersprüche, denn die Hauptperson heißt hier »Totila« statt »Alaric«, und die Zeitdifferenz weicht um 32 Jahre ab, da letzterer nicht i. J. 378 sondern 410 gestorben sein soll. — Dies läßt sich folgend aufklären: Kann Alaric nicht unter anderem Gesichtspunkte auch »Totila« geheißen haben? Lasen wir doch (S. 65), daß König S t j e p a n auch Miroslav, und Kresimir auch M i h a j 1 o hieß, je nachdem man den Familien- oder aber den Regentennamen anwendete, — Hier muss auch die Aussprache Alarich statt Alaric berichtigt werden, und gilt dasselbe für alle älteren Namen auf —ch, da dies die Analogien in der Schreibweise der alten Chroniken bestätigen; überdies war Alaric ein Skythe, also Slave. — Der bekannte Slavist Miklosic änderte dementsprechend später seinen Namen auch in »Miklosich«, vermutlich um ihm eine größere Altersehrwürdigkeit beizulegen. — Überdies hieß ein Nachfolger Alaric's in der Lombardei auch: Totila. — Was die Jahreszahl betrifft, führt Dukljanin in der lateinischen Handschrift das Jahr 378 überhaupt nicht an; der Grund ist unbekannt. Hat aber erst Papalic dieses Jahr berechnet, so machte er denselben Fehler — falls das Jahr 410 absolut richtig ist, was auch noch nicht feststeht, weil der Beginn der nachchristlichen Ära kein einheitlicher ist —, wie er sich später bei Zvonimir wiederholt, dessen Tod in das Jahr 1079 (statt 1095) verlegt wird. Es wurden nämlich früher die Kalenderjahre nach den Regierungsjahren und mitunter auch Monaten berechnet. So kommt es, daß dem einen Herrscher das Jahr seines Todes (z. B. im Juni) nicht mehr zugerechnet wird, dem Nachfolger aber auch nicht, auf welche Art die allgemeine Zeitrechnung gleich um ein ganzes Jahr im Rückstände bleibt. Dasselbe gilt für die Monatsberechnung, was bei stetigem Ausfälle durch Jahrhunderte auch eine grössere Zahl von Jahren ergeben kann. Die Begebenheiten sind also in beiden Fällen historisch richtig, nur die Methode der absoluten Zeitfixierung ist eine verschiedene. Indessen nahm dessen Bruder Stroil mil seinem Heere da's Königreich lllyrien, d. i. das ganze Gebiet von Valdamia*8) bis Polo-nia ein* 14 15); unier harten Gefechten und rücksichtslosen Kämpfen besiegte er alles, so dass sich auch niemand mehr entgegenstellen konnte. Er kam dann nach Bosnien, zog nach Dalmatien und zerstörte die Küstenstädte: Dalma,16) Narun,16) das reiche und schöne Solin, sowie die Stadt Skardun.17) Auch viele andere berühmte Städte machte er dem Erdboden gleich; und da ihm dies noch nicht genügte, sandte er seinen Sohn, den er früher hatte, damit er unter ihm auch ein Heer habe, um das Unterland18) und Zagorsko19) einzunehmen. Dieser Sohn hiess: Sviolad.20) Er fertigte diesen mit einem starken Heere ab. Der Kaiser in der Hauptstadt legte sich aber dies dahin aus, dass Stroil seinen Sohn mit einem starken Heere in das Unter- und Oberland19) sandte, er selbst aber auf bosnischem Gebiete in Prilinit21) bleibt. Da zog der Kaiser Erkundigungen ein, worauf Stroil sein Heer zu teilen aufgab. Als man nämlich die Tatsache erfuhr, erzählte man dies dem Kaiser. Dieser sammelte sein Heer und zog gegen Stroil. Als letzterer dies wahrnahm, zog er die Seinigen zusammen und setzte zum Kampfe an, da er mutigen Herzens, harten Nackens und ein feuriger Held war, der sich wie ein gereizter Löwe benahm. Er trug schon mehrere Wunden, bis er verblutend und von den Wunden erschöpft, vom Pferde fiel, daher zur Flucht nicht mehr fähig war. Als die Seinigen dies bemerkten, wandten sie sich zur Flucht, doch viele von ihnen vereinigten sich, begannen sich zu verschanzen und retteten sich auf diese Weise. Doch das Heer des Kaisers plünderte das Land und kehrte reichbeladen nach Cesargrad,22) stolz auf den grossen Ruhm. ls) V a 1 d a m i a, das Gebiet an der Una. 14) P o 1 o n i a, vermutlich das Save-Gebiet. 15) Dalma, grosse Ruinen an der Cetina in Dalmatien. 16) Narun, Ruinen an der Narenta nächst Metkovič (Dalmatien). 17) Skardun, heute Š k r a d i n (Scardona) bei Šibenik (Sebenico). 1S) Unterland (Donja zemlja), d. i. vermutlich das ebene Gebiet bei Skadar (Skutari). 19) Zagorsko, vermutlich Altserbien. 20) In der lat. Handschrift: Senudilaus, 21) Prilinit, in der lat. Handschrift »Praevalitana regio«, d. i. das Gebiet von der Narenta bis Albanien. »Praevalitana urbs« war D u k 1 j a (bei Podgorica). 22) Konstantinopel nannten sonach die Westslaven, die »cesar« (statt »car«) sagen: Cesargrad, die Ostslaven: Carigrad. Der türkische Name »Stambul« ist augenscheinlich nur eine Kontraktion des Namens »Konstantinopol«. Als dies Sviolad, der Sohn Stroils, erfuhr, machte er sich mit seinem Heere so rasch als möglich auf, um den Tod seines Vaters zu rächen, obschon dies der Kaiser, wie er es war, veranlasste, und zog weiter. Als er aber einsah, dass er das Geschehene nicht mehr gutmachen könne, besetzte er sein Land und begann an Vaters Statt zu herrschen. Dieser Regent hatte einen Sohn, dem er den Namen Silimir gab. Sein Königreich bestand aus Bosnien, Valdemia bis Polonia, dann dem Küstenlande, wie auch das Königreich Zagorje.23) Der hier Regierende beging an den Christen grosse Verbrechen, Ärgernisse und Ungerechtigkeiten, namentlich an jenen im Küstenlande. Im zwölften Dahre seiner Regierung starb er und an dessen Stelle begann sein Sohn Silimir zu regieren, der, obschon Heide,24 25) mit allen in Frieden und Eintracht lebte und gleiches Recht übte. Er achtete auch die Christen hoch, liess sie nicht verfolgen und vereinbarte mit ihnen die Abgaben. So wurde das Land Kroatien wieder bedeutend; unter ihm ruhte das Land aus und unter seiner Regierung lebten auch die Christen in Ruhe. — Er hatte einen Sohn namens Bladin.26) Silimir starb nach einer Regierung von 21 üahren. Sein Sohn Bladin übernahm die Regierung und begann an Vaters Stelle so in Ordnung und in der Weise, wie sein Vater Silimir, zu regieren. Bladin hatte auch einen Sohn namens Ratimir. Dieser zeigte sich, wie es schon aus seinem Gesichte zu entnehmen war, bald als hochmütig und ungewöhnlich rauh gegen jedermann. Noch als dessen Vater regierte, tauchte irgendein Volk in einer Menge ohne Zahl auf, wälzte sich über einen grossen Fluss, den man Velija26) nennt. Dieses Volk führte auch Frauen und Kinder mit wie auch die Kriegsscharen; sie führten auch alle ihre Habe mit und standen unter wunderlichen Gesetzen. Diese besetzten das Königreich Senobuja,27) aber sie umgingen allen Kampf. Ihr Oberhaupt war ein hochbetagter Mann, den sie ihrer Sprache nach „bare“28) nannten, was nach unsrigem „cesar“ (Kaiser) gleichkommt. Unter ihm standen neun 23) Zagorje heisst auch West-Kroatien, doch dürfte dieses hier nicht gemeint sein, 24) Heide, d. i. Anhänger der Arianischen Sekte, die später den Namen »Bogumilen« führte. 25) B 1 a d i n, richtiger: V 1 a d i n. 20) V e 1 j a, identisch mit V o 1 g a (nach der lat, Handschrift). 27) Senobuja, Gebiete in den Volga-Steppen; in der lat. Handschrift: provincia »Sylloduxia«, also am Flusse Sula (linker Nebenfluss des Dnjepr). 28) Im Russischen »barin«, d. i. Herr, Gebieter. „duzi“,29) welche die ungeheuren Volksmassen leitelen und im Zaume hielten. Sie besefzlen dann Sledusia30 31) und zogen gegen Macedonien, nahmen es ein, sowie das ganze laiinische Land, da sich dori die Römer aufhiellen, die man jelzt „schwarze Laliner"81) nennl, mit denen der Kaiser grosse Streitigkeiten hat, daher mit ihnen, als er sah, dass er gegen sie nicht sein könne, Frieden schloss. Jenes Volk hält treu an dem Gelöbnis, und so beliessen sie die Latiner in Frieden. Als König Bladin das Bewunderungswürdige dieses Volkes und dessen grosse Menge sah, wie auch fesstellte, dass es die gleiche Sprache spreche, freute er sich darüber sehr; er suchte eine Gesandtschaft heraus und sandte sie zu ihnen. Diese empfingen die fremde Mission sehr gnädig und achtungsvoll. Es blieb beim Frieden, da ihnen Bladin Abgaben versprach, wie es auch der Kaiser getan hätte, und fügte sich freiwillig zur Steuerleistung. Sie lebten nun freundlich zusammen, und dies umsomehr, als sie gleichen Glauben und gleiche Sprache hatten.32) Sie lehrten nicht zerstören, sondern begannen Dörfer und Wohnsitze zu bauen und das Zerstörte herzustellen, sowie sie das Land festzuhalten lehrten, das sie besetzt hatten. Indessen starb der König Bladin; an seine Stelle trat sein Sohn Ratimir und begann zu regieren. Er war ein grosser Feind der 29) »Duz«, d, i. Führer, Befehlshaber eines Kreises, Kreisvorsteher. Wir erfahren hier zum erstenmale, daß die Begriffe »dux, doge, duc, duca« slavischen Ursprungs sind, denn das russische »dugä« ist eben die Bezeichnung für einen Kreis, eine Umkreisung. 30) Nach Herodot ein Volk Großskythiens im Raume des Trajan-Walles und Cerna voda gegen Constanza am Schwarzen Meere. 31) Die Römerreste, also die Rumänen, obschon diese der sprachlichen Morphologie auch nur latinisierte Slaven sein können. Ob »carni« hier schwarz bedeutet, ist unklar; es kann ursprünglich auch »Nachbar, nachbarlich« bedeutet haben, — 32) Man wäre hier geneigt an eine buchstäbliche Völkerwanderung zu denken, so lange man nicht erwägt, dass es eine mächtige kleinrussische Kriegertruppe war, die derart imponierend auftrat, dass es weder der Kaiser in Konstantinopel, noch Bladin wagte, ihnen entgegenzutreten und sich sofort auch zur Tributleistung bereit erklärten. Es fiel ihnen auch die treffliche Organisation auf; ein Volk, das sich voll auf der Wanderung befindet, hätten sie schon, da es sich obendrauf zwischen die beiden Herrscher einkeilte, gewiss und mit voraussichtlichem Erfolge angegriffen. Dukljanin nennt sie in der lat. Handschrift: Gotbi qui et Sclavi et Vulgari. — Da diese »Bulgaren« von den Kroaten gut verstanden wurden, d. h. die gleiche Sprache sprachen, ist sonach die noch nicht ganz geschwundene Hypothese, sie seien finnischen Ursprungs, völlig haltlos. Die ganze Operation besteht in diesem Falle darin, dass die Bulgaren nördlich der Donau lediglich auf Eroberung von Gebieten südlich der Donau auszogen; ob sie Ländergicr oder Überpopulation dazu zwang, entzieht sich der heutigen Beurteilung. Christen; er begann ungewöhnlich gegen die Chrislen zu arbeiten und suchte in seinem ganzen Königreiche den christlichen Namen zu unterdrücken. Desgleichen zerstörte er viele christliche Städte und Ansiedlungen und machte die Christen zu Knechten. Ebenso liess er die oben erwähnten küslenländischen Städte, in denen sich die Land-und Stadtbewohner unter dessen Vater, dem König Bladin, gehoben haben, zerstören und in die Knechtschaft zu verkehren. Damals begannen die Christen, sich in solcher Not und Bedrängnis sehend, auf den Höhen und Schutzpunkten, die fern von Höhen lagen, Asyle herzurichten, um sich auf diese Art zu erhalten, bis Gott verzeiht, die heidnische Peitsche aufhebt und so vielem Ungemache gnädig ein Ende macht. Da starb Ratimir ohne einen Sohn zu hinterlassen. An dessen Stelle wurde jemand aus seiner Verwandtschaft gesetzt. Auch dieser starb, und seither gab es keine Könige mehr aus dieser Familie, welche beide unbarmherzig die Christen verfolgten. Nach diesen zweien regierten nacheinander zwei andere, doch sie lebten nicht lange nach dem Willen desjenigen, der alles vermag. Alle vier waren sehr ungerecht, den Christen feindlich gesinnt und hartherzig gegen sie. Sie setzten mit Verfolgungen ein, über die man nicht sprechen kann; sie drangsalierten die Christen, die im Küstenlande wie in Zagorje wohnten; und da viele Christen dies nicht aus-halten konnten und viele vom Ungemach gedrückt waren, traten sie zum Heidentume über und nahmen dessen Satzungen an; jene aber, die in Asylen und befestigten Punkten weilten und jenes Elend und Ungemach wählten, nahmen die Verfolgungen auf sich, wie es die Zeit bringt, statt auf ewig die Seele zu verlieren. Aber auch diese erwähnten ungerechten Könige endeten. Es blieb zuletzt nur ein Sohn, namens Satimir,33 *) zurück. Als dieser die Regierung antrat, begann er die Christen zu achten; er liess sie nicht verfolgen, und unter ihm begann der Glaube aufzublühen, die Christen traten wieder öffentlich auf und verbargen die fremde Furcht. ln jener Zeit lebte in der Stadt, namens Tesalonika, ein sehr gelehrtei Mann, der Philosoph des Namens Kostanc.3*) Dieser Mann war durchaus edel und von gottesfürchtigem Leben; er galt in jener Stadt als ein grosser Meister und als sehr klug; schon von Kindheit an war der Mann heilig und durchdrungen vom Geiste der Welt. Er 33) Dukljanin nennt ihn in der lat. Handschrift fälschlich: Zvanimirus. 3ä) In der lat. Handschrift: philosophus Constantinus nomine, »Konstanc« oder noch richtiger »Kostac«, wie ihn die Chronik benennt, ist sonach die primäre Form, denn erst aus dem südslavischen Vornamen »Kosta« wurde »Konstantin«. Auch die Stadt Konstanz hiess ursprünglich »Kostnica«, verliess Tesalonika und ging nach Kazarika,35) wo er den Christenglauben predigte und jene, die sich bekehrten, im Namen des Vaters, des Sohnes und des hl. Geistes taufte. So bekehrte er ganz Bulgarien zum christlichen Glauben. Da starb König Satamir.36) Das Königreich übernahm und begann zu regieren ein guter, gerechter Mann, namens Budimir,37) den unter anderen der genannte heilige Diener und Mann auch bekehrte. Dieser König war sehr gebildet; er disputierte so manchen Tag mit Philosophen, mit deren Kenntnissen er die seinigen vermehrte. Später ging er selbst nach Kazarika, wo man ihn freundlich empfing und wo man sich seiner Herrschaft freute. Dort wohnte das herrschende heilige Volk, das Kostanc bekehrte. Der damalige Papst Stipan38) sandte nun mehrere Schreiben an den heiligen Mann Kostanc, rief ihn zu sich, um zu hören, wie er den Glauben Christi -predige, wie er so viel Volk zum Glauben Christi bekehre, und ihn deshalb zu sehen wünschte. — Dann sorgte der heilige Mann Kostanc für Priester und kroatische39) Bücher; er verdolmetschte aus dem Griechischen die kroatischen Bücher; er verdolmetschte kroatisch die Evangelien sowie alle Kirchenepisteln sowohl des alten wie des neuen Testaments. Mit päpstlicher Approbation verfasste er Bücher, regelte die Messe und befestigte das Land im Glauben Desu Christi. Nun befolgt er die Bitte und begibt sich nach Rom, wohin er unter heiligem Gehorsam berufen wurde. Der Reisende kehrte dann in das Reich des heiligen Volkes, das er zum Glauben bekehrt und das der von Kostanc40) im Glauben belehrte weise und gute König Budimir regierte, zurück. Als der König von der Rückkehr Kostanc’ erfuhr, war er sehr erfreut und empfing ihn ehrenvoll. Darauf begann Kostanc das Leben und die Wunder Christi zu predigen, und überzeugte und festigte den König in der Einheit des Glaubens und der göttlichen Dreifaltigkeit. Der König glaubte alles, und liess sich mit allen im Königreiche noch nicht Getauften taufen. Als der Papst um den seligen Mann Kostanc schickte und als 35) In der lat. Handschrift: venit in Caesaream provinciam. Gemeint ist wohl ein Caesarea in Bulgarien, denn Städte dieses Namens gab es mehrere. 36) In der lat. Handschrift: Saramirus. 37) ln der lat. Handschrift steht fälschlich »Svetopolcus« statt »Budimir« ; es scheint sich hier wieder um einen Doppelnamen zu handeln. 3S) D. i. Stephan. 39) In der lat. Handschrift: lingua Sclavonica. 40) In der lat. Handschrift fügt Dukljanin hier bei: Constantinus, cui nomen postea K y r i 11 u s. derselbe mil päpsllicher Genehmigung zu ihm kam, weihte er ihn zum Priester.41) Der selige Mann brachte nun mit dem Könige, der nun im Glauben und in den Geboten Christi genügend befestigt war, etliche Tage zu, nahm dann vom königlichen Antlitz und jenem heiligen Volke Abschied und zog nach Rom.42) In dieser Zeit wurde den Christen eine grosse Freude zu teil. Alle jene die in Wallburgen und Schlupfwinkeln im Gebirge wohnten, sich verleugneten und verborgen hielten, oder sich nicht als Christen bekannten, traten öffentlich auf, die Furcht abwerfend; alle, die verfolgt waren, kehrten zurück, und begannen den Namen des gekreuzigten desus zu rühmen. Auch der König des heiligen Volkes befahl nun allen, die lateinisch43) sprachen, es mögen alle zurückkehren, um wieder die Städte instandzusetzen, die von den Heiden zerstört oder eingeäschert wurden. Budimir, der König des heiligen Volkes, sann nun darüber nach, wie er die zerstörten Städte aufbauen und bevölkern könnte, und beschäftigte sich auch mit dem Gedanken, wie er in seiner Regierungszeit das Land in die frühere Verfassung bringen könnte. Er hatte wohl eine Menge Leute, aber alles war zerstreut; er befahl daher das Land zu verteilen, die Leute wieder unter richtige Gesetze zu stellen und forschte nach, wie dies am besten durchführbar wäre. Er versammelte daher alle Ältesten und Weisen seines Reiches, teilte ihnen seine Absicht und seine Entschlüsse mit, und bat sie über eine bessere Organisation nachzudenken, wie auch darüber, wie der Wille und die Absicht des Königs realisiert werden könnten. So standen sie etliche Tage, ohne dass jemand in der Lage war einen Vorschlag zu finden, noch dem Könige einen Weg zeigen konnte für seine Bestrebungen. Doch er war erfüllt von der Weisheit Gottes, daher ihm der Gedanke kam, zum heil. Vater, dem Papste Stipan, und zum Kaiser Konstantin44 *) zu senden, damit ihm diese in 41) Im Originale »koludar«, heute »kaludjer«, bedeutet dermalen: Mönch, Kooperator, muss aber zu jener Zeit einen höheren geistlichen Rang gehabt haben. 42) Es handelt sich da wohl immer um dieselbe eine Reise nach Rom. 43j Also die Gebildeten; vermutlich die Geistlichkeit. 44) Hier liegt wieder ein bedeutender Anachronismus vor. Cyrill soll schon 869 gestorben sein; Papst Stephan V. regierte von 885—891; einen anderen Papst dieses Namens gab es in der Zeit von 817—885 nicht; Konstantin iPorphyrogenetes) regierte von 912—953; von 797—912 kennt die Geschichte keinen byzantinischen Kaiser dieses Namens; doch befasste sich dieser tatsächlich mit der Ethnographie und der Staatsverwaltungsgeschichte; wann und wie lange Budimir regierte, weiss man auch nicht. Der Chronist war da gewiss stark desorientiert und er irrt gröblich; irrt er aber in jeder Hinsicht? Sind alle die obigen Jahreszahlen schon wirklich als absolut verlässlich zu nehmen? Diese Fragen müssten auch noch beantwortet werden. seiner Angelegenheit beistehen und ihm alte Behelfe,46) in denen Königreiche und Länder beschrieben sind, zusenden. Der erwähnte König bat zugleich den hl. Vater, den Papst, dass er ihm mit diesen einige Gelehrte mitsenden möge. Als die Gesandten des Königs und heiligen Volkes zum Papste Stipan kamen, war der hl. Vater höchst erfreut und entgegenkommend betreffs dieser neuartigen Frage eines hochgestellten Christen, der den hl. Vater, den Papst, durch Gesandte bitten lässt, ihn mit der Himmelskost zu sättigen, und ihn mit dem Worte Gottes zu erfreuen, worüber er Herzenslust empfand. Der hl. Vater stimmte dem wohlwollend zu und sandte einen gelehrten Mann, seinen Vikar im Namen seiner und der heiligen christlichen Kirche, u. zw. einen Kardinal,46) dem er alle seine Gewalt übertrug, wonach er geben und nehmen, binden und lösen könne. Überdies sandte er einen zweiten Kardinal und mit ihm zwei Bischöfe, welche das begnadete Volk stärken und im Glauben belehren sollen; sie müssen sich der guten Taten derselben freuen, sie müssen Pfarrkirchen errichten, Kirchen weihen und alles sonst für die Christen Notwendige schaffen. Als die genannten Kardinäle und Bischöfe kamen, trafen sie den König auf der Höhe,47) die man Hlivaj48 49) nennt. — Ihnen entgegen kam der König mit einer Menge Volkes, weil er sie erwartete, und von dieser Stelle aus deren Ankunft beobachtete. Er versammelte nun von allen Gegenden jene,4S'j die unter ihm standen, worauf die Christen von überall herkamen. So empfing sie der König mit einer grossen Volksmenge um ihn, unter grossen Ehren; auch befahl der König, dass sich das ganze Volk des ihm untergebenen Landes auf dieser Ebene versammle.50) fSchluss folgt.) 4ä) Im Originale heisst es »barvoleze«; die Etymologie dieses Wortes ist einstweilen unbekannt (Farbenpläne?). Später heisst es wieder »privileze«; ein Schreibfehler dürfte es nicht sein, da der erstgenannte Begriff zweimal vorkommt. ,0) Es war dies Honorius, der spätere Papst Stephan V. (885—891). Daraus geht hervor, dass jeher Papst, der Honorius entsandte, nicht Stephan der V. gewesen sein konnte, sondern wahrscheinlich Nikolaus I. (858—867). 47) »Planina« bedeutet im Südslavischen nicht Ebene, sondern Höhe, Alpe. 4S) Hlivaj muss eine Höhe im Gebiete von Solin gewesen sein, von der es gut möglich war, auf eine weite Strecke das Ankommen der Mission aus Rom, die jedenfalls den Landweg nahm, zu beobachten. 49) Im Originale »rusag«. In dieser Form ist das Wort nicht mehr im Gebrauche; hingegen bedeutet »rusa«: Rasen, dann Grenze, Grenzgegend. 50) Dass der König die Aussichtshöhe (planina) nach dem Sichten der Gesandtschaft verliess, und diese in der Ebene (polje) erwartete, ist wohl selbstverständlich. — Nachdem es sich um die Höhe »Hlivaj« handelt, muss in der Nähe auch das »polje« sein; man nimmt allgemein an, dass dieses Volksmeeting am »Livanjsko polje« (bei Livno) in Bosnien stattfand. M. Zunkovic: Beiträge zur altslavischen Kriegskunst. Uber die Kriegskunst der Altslaven war bisher überhaupt nichts zu vernehmen, da die Herkunft der Slaven sowie deren Autochtho-nismus in Europa noch nicht beglaubigt war; überdies lag dieses Gebiet den meisten Forschern beruflich ferne. Wir erfahren daher eigentlich bis zur Hussitenzeit (1420—1427), welche sich in bezug auf die Kriegstechnik und Kampfform vielfach neue und eigene Anschauungen zugrunde legte, umsomehr als die alte Geschichtsschreibung den Namen „Slave“ nicht ausdrücklich hervorhebt, darüber gar nichts. Doch bieten uns die erhaltenen altslavischen Dichtungen gelegentlich und nahezu unbewusst sehr willkommene kriegswissenschaftliche Details, womit dargelegt erscheint, dass die Altslaven auch in dieser Hinsicht den sonstigen Völkern nicht nachstanden, nur wurden diese Quellen bisher nicht beachtet, weil man sie eben als echt anzweifelte; nebstbei vergass man auch, dass die Geschichte der alten Völker ohnehin nichts weiter ist, als eine ununterbrochene Reihe von Kriegsbegebenheiten. Da fällt es vor allem auf, dass im russischen Igor-Liede die fahrbaren Mauerbrecher („vozzni strikusi“) erwähnt werden, mit denen der bis zum Jahre 1101 herrschende Fürst von Polock, Vseslav, die Tore von Novgorod einrennt. — Diese flüchtige Erwähnung bietet jedoch in mehrfacher Hinsicht eine sehr reelle Orientierung über die damaligen Kulturverhältnisse, denn war es zu jener Zeit möglich mit der geschilderten Raschheit von Kiev nach Novgorod mit solchen schweren und breiten Kriegsmaschinen zu fahren, so musste zum mindesten zwischen diesen beiden Städten, deren Luftlinienentfernung über Bjelgorod allein über 1300 km beträgt, eine breite Strasse mit festem Unterbau vorhanden gewesen sein. Desgleichen ist die Fahrbarkeit solcher Behelfe für den Festungskrieg auf so langen Strecken ein bedeutender Fortschritt im Vergleiche zu den griechischen und römischen Sturmböcken („krios, aries“), die zerlegt und mitgeführt, an Ort und Stelle zusammengestellt und nur auf sehr kurze Strecken mit Windenkraft an jene Stelle geschoben wurden, wo man eben eine Bresche legen wollte. Ein solcher Mauerbrecher, Widder oder Sturmbock bestand aus einem starken, am dickeren Ende massiv mit Eisen beschlagenen Mastbaume von 20—30 m Länge. Dieser Baum wurde nun am Dach- walm einer festen Schutzhülle auf Ketten wagrecht aufgehängt und im Gebrauchsfalle von 20—50 Mann fortgesetzt mit grosser Schwungkraft gegen die Mauer gestossen. Der Effekt dieser Maschine bestand darin, dass man die Mauer sukzessive abnahm oder abscherle, d. h. man begann von der Krete aus jede Ziegelschichte oder Steinlage für sich abzustossen, und „rasierte“ auf diese Art die Mauer ganz ab oder aber doch bis zur Übersteigbarkeit. Der Begriff „stri-kus" ist daher sehr typisch gewählt, denn das Zeitwort „strici, stri-gati“ bedeutet eben im Slavischen: scheren, abnehmen; aber auch im deutschen abstreichen, strichweise abnehmen ist dieselbe Wurzel vorhanden. — Ansonst war dieser Belagerungsbehelf schon seit den ältesten Zeiten nahezu allen Völkern bekannt. Etwas in der Kriegsgeschichte bisher nicht Analoges findet Erwähnung in der Königinhofer Handschrift, u. zw. im epischen Gedichte: Kriegszug der Böhmen gegen Vlaslav. — Diese Begebenheit spielt sich um die Mitte des IX. Jahrhundertes ab; die Episode der Erstürmung der Burg Kruvojs wird nachstehend geschildert: „Da befiehlt Cmir von rückwärts die Veste zu stürmen, und befiehlt von vorne die Ringmauer zu überspringen. Da beugen sie die hochgewachsnen Bäume des Dickichts unterm Felsen zur starken Ringmauer, damit auf den Stämmen hinabrollen die Balken ober den Köpfen der Krieger. Doch darunter stellte sich nach vorne ein starker Mann zum andern; sie berühren einander mit den breiten Schultern. Bäume legen sie nun auf die Achseln, befestigen sie kreuz und quer mit Wieden und pflanzen neben sich ihre Lanzen auf. Nun springen Männer auf diese Hölzer, legen Lanzen auf die Achseln und verbinden sie mit Wieden. Da springt eine dritte Reihe auf die zweite, die vierte auf die dritte, und die fünfte erreicht schon die Mauerkrone, von wo die Schwerter zucken, von wo es Pfeile regnet, von wo Balken donnernd herabrollen. Sieh, da springt ein Strom von Pragern ungestüm über die Mauer und setzt sich mit aller Kraft in der starken Burg fest.“ — Mit Mauerbrechern war da nichts anzufangen, da die Burg auf einem Naturfelsen stand, man musste daher zu einer anderen Methode der Erstürmung schreiten. — Der Bau einer solchen Menschenpyramide scheint für den ersten Augenblick nicht möglich, doch ist dies bei dem Umstande, dass die Männer der nächsthöheren Etage doch die inneren Äste der gefällten Bäume zum Hinaufklettern benützten, wie zugleich durch das Anhalten an den Ästen die Stabilität der Pyramide selbst erhöhen konnten, natürlich erklärbar. Die Unterlassung der rechtzeitigen Entfernung der Bäume im Sturmbereiche der Burg seitens des Verteidigers wurde daher hier von den Belagerern vorteilhaft ausgenüzt. Eine eigenartige und in diesem Falle einzig richtige Kampfformation wird auch im Gedichte: Einfall der Tataren in Mähren i. 3. 1241 der Königinhofer Handschrift in folgender Weise beschrieben: „Alles ermannt sich, alles erstarkt gegen die Tataren. In einen kräftigen Klumpen zusammengedrängt brachen sie hervor wie Feuer aus der Erde zur Höhe hin gegen die Unzahl der Tataren, rücklings schreitend zur Höhe hinan. Am Berghang beziehen sie eine breite Stellung, die sie gegen abwärts zu einem spitzen Keile verengten, rechts und links mit Schilden sich bedeckend; legen auf die Schultern scharfe Speere, der zweite dem ersten, der dritte dem zweiten, wie ein Pfeilgewölk von der Höhe bis zu den Tataren.“ Diese keilförmige Verteidigungsstellung (der „taktische Keil“), welche schon die Römer anwendeten und als „cuneus“ (= Keil) be-zeichneten, konnte allerdings durch den „hohlen Keil“ (lat. „forfex“), also eine gabel- oder V-förmige Gegenstellung in der Ebene vorteilhaft paralisiert werden, hier jedoch nicht, da die Konfiguration des Kampfplatzes am steilen und gebogenen Abhange des Berges Hostyn die beiden Flügel immer weit unter dem Niveau des Keiles belassen hätte. Als weiteres Hilfsmittel behufs Herbeiführung des Sieges wurde auch von den Slaven die Kriegslist in ihren verschiedenartigsten Formen angewendet, denn seit den ältesten Zeiten gilt es als eine hervorragende Feldherrnklugheit den Sieg tunlichst ohne Kampf und ohne empfindliche Verluste zu gewinnen, daher die Tapferkeit mit Klugheit zu vereinigen. Die altslavischen Dichtungen bieten uns auch hiefür einige Belege. Im „Igor-Liede“ spielt sich alles mehr oder weniger im offenen Kampfe ab; überdies werden darin keine Kampfdetails geschildert; anders ist es jedoch in der Königinhofer Handschrift. Schon im ersten Gedichte („Vertreibung der Polen aus Prag“), das den nächtlichen Überfall des Fürsten Oldrich vom „Cern les“ aus gegen Prag schildert, spielt die Kriegslist die entscheidende Rolle. Einer der Führer täuschte die Brückenwache dadurch, dass er als Hirte verkleidet die Öffnung des Moldautores begehrte, um seine Herde auf die Weide treiben zu können; der Wachkommandant entsprach vertrauensselig diesem Wunsche; die betreffende Stelle sagt darüber: „Im stillen Prag bergen sie mit Vorsicht sich, die Waffen in Mänteln verhüllen sie. — Nach des Morgens Grauen kommt ein Hirte und ruft hinauf zu öffnen ihm das Tor. Die Wache vernimmt den Ruf des Hirten und öffnet ihm das Moldautor. Auf die Brücke tretend, laut bläst der Hirte. Auf die Brücke sprengt der Fürst mit sieben Vladikas, jeder drängt mit allen seinen Kriegern nach. Und dröhnend schlagen die Trommeln ein, und die Trompeten schmettern drein; aufpflanzt die Fahne auf der Brücke jede Schar; die Brücke bebt unterm hastigen Gedränge. — Schrecken fährt in die Polen alle. Ei, die Polen greifen zu den Waffen, ei, die Vladikas führen scharfe Hiebe. Die Polen sprengen her und hin, rennen in Haufen zum Tore, zum Graben, weiter, weiter vor den grimmigen Hieben." Eine eigenartige, wenn auch überaus plumpe List wendet auch der schon erwähnte Cmir im Kriegszuge gegen Vlaslav an. Um seinen nummerisch weit stärkeren Gegner über die eigenen inferioren Kräfteverhältnisse zu täuschen, nützte er im Anmarsche eine Höhe derart aus, dass dieselben Truppenteile wiederholt dieselbe Stelle passierten; die Dichtung sagt diesbezüglich: „Schwer wirds mit diesem Feinde zu kämpfen, selten widersteht der Stock der Keule!“ So spricht Vojmir. Darauf erwiderte Cmir: „„Klug isfs hier leise zu sprechen, klug isfs gefasst zu sein auf alles! Wozu mit der Stirne an den Felsen rennen ? Überlistet doch der Fuchs den hartköpfigen Ur! Hier vom Berge kann uns Vlaslav sehen; rasch hinab um diesen Berg herum, damit rückwärts sei, was bisher vorne war; wiederhole so den Zug vom Tale zum Berge!““ Also tat es Vojmir, tat es Cmir. Und so zieht das Heer ringsum um den Berg, und so zieht neunmal das Heer. So vermehrten sie ihre Zahl gegenüber den Feinden, so vermehrten sie die Furcht bei den Feinden. Sie traten in die Bi eite im niedern Eichenjorste, doch so, dass ihre Waffen in des Feindes Augen blinken; den ganzen Berg bedeckt dieser Glanz. Plötzlich bricht Cmir hervor mit seiner Macht; doch diese Macht zählte nur vier Haufen. Mit diesen erweckt er Schrecken aus dem Waldesdunkel; Schrecken befällt die vielen Scharen der Feinde. „Zurück, zurück!“ Furcht kam über sie aus dem ganzen Walde; dahin, dorthin zerstreuen sich ihre Reihen.“ Wieder in anderer Weise täuschl Zaboj im Gedichte: „Befreiung Böhmens von der Fremdherrschaft“ seinen Gegner über die Wahl des Kampfplatzes dadurch, dass er sich in kleinen Gruppen und auf Umwegen, wobei nur Waldzonen benützt werden, schon an der Grenze des feindlichen Gebietes sammelt und den Gegner überraschend von zwei Seiten zugleich überfällt. Diese Beispiele gehören alle ungefähr der Zeit des IX. bis XIII. CJahrhundertes an. Es gibt aber für die slavische Kriegskunst auch weit ältere Belege. So führt Polyänus, der macedonischer Abstammung war, und um die Mitte des II. Dahrhundertes n. Chr. lebte, in seinem Werke über „Kriegslisten“ einige Beispiele an, in denen ■zweifellos Slaven eine Rolle spielen. Diese Begebenheiten werden aber noch dadurch besonders wertvoll, dass sie zum Teile alten Schriften entnommen sind, die in der Folge verloren gingen, und können seine Beispiele zum Teile auch alten slavischen Quellen entnommen sein, von deren Existenz wir sonst keine Belege mehr haben. Polyänus erzählt z. B. von den Autariaten (Kotaraci, Cattarer?), einem illyrischen Volke in Dalmatien, folgendes Begebnis. Die Kelten führten gegen diese Krieg, jedoch lange ohne Erfolg. Da versuchten sie folgende List. Sie ergriffen eines Nachts scheinbar die Flucht, mischten aber zuvor schädliche Kräutersäfte in die zurückgelassenen Getränke. Die Autariaten glaubten, die Gegner seien abgezogen und Hessen sich nun die Vorgefundenen Lebensmittel gut schmecken. Doch sie alle wurden von einem heftigen Durchfalle ergriffen und während sie krank darniederlagen, kehrten die Kelten zurück und machten sie nieder. — Hiebei wurde zweifellos ein drastisches Purgiermittel dem Weine beigemischt. Wahrscheinlich bediente man sich hiezu des in Dalmatien bekannten Heilmittels gegen den Bandwurm, eines Absudes der Wurzelrinde des Granatapfels, der schon in geringer Quantität genossen, einen starken Durchfall mit schmerzlichen Krämpfen verursacht. — Eine solche ungewollte Bandwurmkur wäre noch heute bei kleineren Heeresabteilungen, die lange an Entbehrungen litten, recht gut und mit Erfolg durchführbar. Eine Täuschung anderer Art erzählt Polyänus von den Tribal-lern, den Bewohnern des heutigen Serbien und Bulgarien.*) Diese wurden dadurch von den Skythen in die Flucht geschlagen, dass letztere beim Beginne der Schlacht von allen Seiten eine Menge von Pferden und Weidevieh unter grossen Staubwolken und Geschrei konzentrisch zusammentreiben Hessen. Die Triballer glaubten, dass noch weitere skythische Reiterei heranrücke und ergriffen die Flucht. Diese wenigen Beispiele zeigen, dass die Beweise für die alt-slavische Kriegstüchtigkeit sehr zahlreich sind und sein müssen, nur sind oder waren die bezüglichen Quellen bisher noch nicht geistig erschlossen und logisch verarbeitet, ja, im Gegenteile, es wurde den Slaven bisher immer die kriegerische Eignung abgesprochen. So erzählt Universitätsprofessor 3. Peisker (Graz) in dem Vorberichte zum Werke „Neue Grundlagen der slavischen Altertumskunde“ (1910) allen Ernstes die groteske Neuigkeit: „DerSumpf bildet keinen Kriegsschauplatz, daher die slavische Kriegsuntüchtigkeit und keine Schlachtordnung!“ Zu diesem Schlüsse, in dem er obendrauf den Slaven zu einem „elenden Amphibium“ stempelt, kommt Peisker offenkundig durch jene Stelle des Pseudo-Marikios, eine Art arabischen Münchhausens, welcher berichtet, dass bei den entsetzlichen ¡Jagden auf die Slaven diese schliesslich auf die Idee kamen, sich bei urplötzlichen Überfällen ins Wasser zu stürzen, und viele Stunden lang, aus Schilfrohren atmend, die Räuber zu täuschen. — Mit solchen Unkenntnissen in der Zoologie tritt also hier ein Universitätsprofessor auf, wofür ein Sekundaner einwandfrei die schlechteste Klassifikationsnote erhalten müsste. Allerdings darf nicht übersehen werden, dass es sich dem genannten Professor hier mehr darum handelt, für die Herabsetzung der Kultur der Altslaven neue Motive der Gehässigkeit in Aktion zu bringen, *) Dass die Triballer Slaven waren, ersieht man auch aus der Stelle Seite 182, wo es heisst, dass die eindringenden Bulgaren dieselbe Sprache sprechen als die Stammbewohner südlich der Donau. Die Slavizität dieser Bewohner erhält also von allen Seiten ihre natürliche Bestätigung. Anm. d. Red. was man freilich umso sicherer wagen kann, weil der Verbreiter solcher „Beweise" leider in der slavischen Gelehrtenwelt nicht die gebührende „Belehrung“, ja eher noch eine gedankenlose Billigung findet. — Kann sich aber Universitätsprofessor Peisker die Situation vorstellen, dass ein Mann viele Stunden lang unter Wasser liegt und nur aus Schilfrohren atmet? Der Amphibien-Slave wird urplötzlich überfallen, wirft sich platt auf den Rücken in den Sumpf, schneidet oder bricht sich ein Schilfrohr ab, bohrt sich das Diaphragma an den Knotenpunkten sauber aus, — natürlich alles unter Wasser! — sucht sich beim Überfalle nur jene Sumpfstelle aus, die eine bestimmte Tiefe hat, sinkt im Sumpfe nicht weiter ein, als das Schilfrohr lang ist und atmet so — stundenlang! Bei alledem sind aber die Räuber so einfältig, dass sie nicht wissen, wo er liegt, zumal das Schilfrohr heraussteckt, oder sind plötzlich so human, ihn weiter nicht in seinem Elemente zu belästigen. — Oeder, der etwas gelesen oder mit offenen Augen durch die Welt gegangen ist, weiss aber im Gegenteile, dass gerade Sümpfe die wichtigsten Annäherungshindernisse für eine Festungsanlage bilden, und Ibrahim ibn dakub (965) schreibt gerade umgekehrt,- dassdie Slaven zurVerstärkung von Festungsanlagen tunlichst Sümpfe ausnützen, was eben sehr klug ist, denn fliessende Gewässer kann man nötigenfalls ableiten, hingegen ist es ziemlich aussichtslos Sümpfe in entsprechender Zeit zu enttrocknen, da man über das Grundwasser nicht Herr wird. Der Vorwurf würde sonach gerade im entgegengesetzten Falle berechtigt sein, daher: ne sutor super crepidam judicaret! Die Hauptmission des Mannes ist seit der ältesten Zeit jene des Kriegers und diese Behauptung ist inbezug auf die Slaven am allerwenigsten eine dilatorische, denn der Beweis, dass bei den Slaven dieselben Verhältnisse herrschten, wie sie Tacitus bei den damaligen Völkern Germaniens schildert, ist bei ihnen umso handgreiflicher zu erbringen, weil sie noch heute bei den Balkanslaven obwalten. Überdies ist es selbstverständlich, dass derjenige, welcher stets im Frieden auch unter Waffen steht, sich auch in der Führung derselben für den ernsten Kampf vorüben muss, denn eine übungslose Kriegskunst ist das Grab der Kriegstüchtigkeit. Wenn es daher in der Grünberger Handschrift heisst: muzie pazti, zeny ruby strojä, d. i. „die Männer stählen sich, die Frauen besorgen die Wirtschaft", so entspricht dies der wirklichen Situation jener Zeit in Böhmen genau so, wie jener von heute in Albanien und Montenegro, und wäre die Handschrift gerade dann falsch und anachronistisch, wenn darin das Gegenteil behauptet würde. Dasselbe bestätigt auch die Königinhofer Handschrift, wo im „Kampfspiele“ der Fürst Zälabsky 13 seine Edlen offen in der Kampfiüchtigkeit prüft, um zu wissen, wer ihm im Ernstfälle der „Nützlichste" sei, denn er fügt bei: „Weise ists im Frieden des Kriegs gewärtig zu sein, Denn ringsum sind die Nachbarn uns feindlich gesinnt.“ Wann sich aber dieser Vorfall abspielte, hiefür steht das weiteste Gebiet der Phantasie offen. — Von einer slavischen Inferiorität in der Kriegskunst oder Kriegstüchtigkeit zu sprechen, ist daher in keiner Weise begründet; ja man weiss vielmehr allgemein, dass die Slaven noch heute in jeder Armee als die besten Repräsentanten soldatischer Tugenden gelten, weil ihnen noch ein besonderer kriegerischer Geist hereditär wie traditionell innewohnt. S. Gruden: Das südslavische Volkslied bei Beethoven und Haydn. „Die Musik der Südslaven ist unbedingt dazu prädestiniert den vielleicht etwas erschöpften Born europäischer Melodik aufzufrischen.“ Diesen Ausspruch tat Professor 3. Major in einem als „Die Volksmusik der Südslaven“ benannten Artikel im „Merker“ (2. 3uni-heft 1912), dem wir, bis auf den als tröstende Konzession eingeschalteten Begriff „vielleicht“, auch voll beipflichten. Wer mit der südslavischen Volkspoesie und Volksmusik einiger-massen vertraut ist, aber auch die internationale Musik tiefer kennt, muss jedoch billig zugeben, dass der Einfluss der südslavischen Volkslieder auf die Musik anderer Nationen nicht erst eine Zukunftshoffnung bedeutet, sondern dass er schon heute und seit langem auf sie wirkt, nur kommt erst gelegentlich jemand mit der nackten Wahrheit heraus. Überdies hat der Diebstahl des geistigen Eigentums in keiner Kunstrichtung eine solche Abolition des Odiums erfahren, wie gerade in der Musik, denn man sieht es gar nicht der Mühe wert, ein Liederthema oder gar nur ein Liedmotiv von etlichen Takten als solches einer fremden Provenienz ersichtlich zu machen, mag sich darauf auch ein grösseres Tonstück aufbauen. Wir wollen hier durchaus nicht die Lebenden einer solchen Revision unterziehen, hingegen aber zeigen, dass von diesem überreichen Melodienquell auch die alten Besten der Besten gelegentlich zu schöpfen pflegten, ohne dies weiter offen zu bekennen. Professor Major scheint aber im Gegenteile einen Augenblick zu glauben, dass die südslavische Volksmusik manche Melodien aus klassischen Werken unsterblicher Komponisten unverändert übernommen hat. So fand er das Hauptthema aus Beethovens VI. Symphonie (1808) in dem serbischen Liede „Sirvonja do sirvonja“ und in dem kroatischen „Kisa pada, trava raste“ ; des weiteren die Hauptthemen von Haydns E-dur- und D-tfer-Symphonien in den Liedern „Divojcica potok gazi“ und „Daleki putevi“. Alle diese Themen finden sich in den genannten Liedern in ihrer ganzen Ausdehnung von acht Takten vor. — Major sagt weiter : „Diese Lieder werden in Kroatien und in Serbien mit von einander abweichenden Texten gesungen. Spätere Forschungen sollten es einmal aufklären, wieso diese Themen in die Volkslieder gelangten. Oder hätten diese die Themen vielleicht der südslavischen Musik entlehnt? Das lässt sich kaum annehmen, denn es ist nichts darüber bekannt, dass Beethoven oder Haydn je die Südslavenländer bereist — oder sich dem Studium ihrer Musik gewidmet hätten.“ Nun, wir können auf diese, im Grunde genommen recht naiven Zweifel, schon jetzt eine entschiedene Antwort geben, denn vor allem ist es geradezu grotesk auch nur einen Augenblick daran zu glauben, dass sich ein südslavischer Bauernbursche seine Liedermotive etwa aus Symphoniekonzerten holt. Man weiss auch nicht, wo er diese gehört haben könnte, denn Symphonien spielt man im Dorfe nicht und in der Sladt besucht er derartige Musikproduktionen auch gewiss nicht ; desgleichen wird in seinem Verkehrskreise in der Stadt kaum Kammermusik betrieben. Sagen wir es daher direkte und frei heraus : Beethoven und Haydn haben diese Motive den alten südslavischen Volksliedern entnommenund durchaus nicht umgekehrt. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass dieser Beweis noch chronologisch erbracht werden kann, denn die Südslaven besitzen noch massenhaft handschriftliche Liederbücher, die weit älter sind als die Entstehungszeit jener Symphonien; vielleicht findet sich eines dieser Lieder auch darunter. Im besonderen lässt sich aber der Beweis beim Liede „Sirvonja“ erbringen. Der Text lautet: „Sirvonja do sirvonja, bozurja, Bozur ti, bozurica skojla, Lepa Jula, lepa Jula, Bozurica skojla, Lepa Jula iz kola.“ — Dieser Text ist derart alt, dass ihn der Südslave überhaupt nicht mehr versteht, denn die Begriffe „sirvonja, bozura, bozurica, skojla“ sind 13* auch der Volkssprache unbekannt; man vermutet nur noch, dass es Blumennamen seien. -— Vielleicht ist aber der eine oder andere Begriff doch noch irgendwo im Dialekte oder als seltenes Gebrauchswort bekannt. Einige glauben, dass mit „bozurica“ einst die Pfingstrose (paeonia officinalis, Gichtrose) bezeichnet wurde; im Sloveni-schen heisst sie tatsächlich „bozur“; für „širvonja“ und „skojla“ ist jedoch einstweilen kein sprachlicher Beleg zu finden. Dieses Volkslied gehört unter die sogenannten „sigre“ {= Zusammenspiele, Tanzspiele der erwachsenen Jugend), welche in zahlreichen Formen vertreten sind; ein Fremder kann jedoch solche ihres internen Charakters wegen, da es sich dabei vornehmlich um Liebeserklärungen, Schäkereien oder Brautwerbungen handelt, schwer beobachten; sind nämlich unberufene Zuschauer da, so werden die „sigre“ eben nicht ausgeführt oder aber unterbrochen. — Desgleichen kann das Lied auch kein Spiel-Auszählvers sein, da der Text selbst aus mehreren Strophen besteht. — Alle Lieder dieser Art sind aber ausserordentlich alt, denn sie zeigen fast durchwegs auch noch Spuren von heidnischen Gebräuchen; dass aber gerade dieses, wie man annimmt, älteste Lied solcher Art erst nach Beethoven entstanden wäre, ist daher absolut ausgeschlossen. Beethoven hat zur VI. Symphonie (Symphonia pastorale) ausser dieser sowie anderer kroatischer Volksweisen auch z. B. die Melodie des Volksliedes „Kad sam v Šopron v solu hodil“ verwendet, das in Veliki Borištof (Komitat Ödenburg) seit undenklichen Zeiten bekannt war, wie dies der Lehrer Michael Nakovič schon vor etwa 40 Jahren feststellte. Ebenso leicht ist die Bemerkung Majors zurückzuweisen, dass die beiden Meister der Töne nie die Südslavenländer bereisten. Ist aber dies überhaupt notwendig, um eine südslavische Melodie zu erfahren ? Kann man eine kroatische Volksweise nicht ebensogut gelegentlich oder zufällig in Wien, Berlin oder Paris hören und sie dann verwerten ? Namentlich ist dies bei Kroaten und Slovenen leicht der Fall, die doch überall gleich singen, sobald 3—4 Mann bei einem Glase Weines beisammen sind. Oder sind geschriebene Liedertexte mit beigesetzter Melodie so schwer zu finden, wenn man selbst, wie es bei Beethoven in späteren Jahren zutrifft, schwerhörig ist? Wer aber die Biographie Beethovens von Ludwig Nohl („Beethovens Leben“) liest, erfährt darin, dass dieser doch den Kroaten Župančič („Schuppanzigh“), einen hervorragenden Musiker und Violinisten, zum Musiklehrer hatte, sowie dass sich zwischen Lehrer und Schüler im späteren Leben sogar ein sehr intimes Freundschaftsver- hältnis herausbildete. — Auch hielt sich Beethoven längere Zeit in Eisenstadt auf, welche Gegend doch Kroaten bewohnen. Dass Beethoven sonach reichlich Gelegenheit hatte in die Sphäre der südslavi-schen Volksmusik einzudringen, ist hiemit dargelegt, und fällt dieser Einfluss noch besonders dadurch auf, dass Beethovens erstes Opus, nachdem er selbständig wurde, eben jene Symphonie war, welcher er die meisten kroatischen Liedermotive unterlegte. — Noch klarer liegen die Lebensverhältnisse bei Haydn, der doch in Rohrau (bei Bruck a/L.) geboren war, wo sich anschliessend eine lange Reihe von kroatischen Dörfern gegen südwärts zieht, und der überdies an 30 Oahre als Kapellmeister beim Fürsten Esterhazy im Ödenburger Komitate lebte, in dem sich noch heute vorwiegend kroatische Dörfer befinden, die aber vor mehr als 100 dahren noch ausgesprochener kroatisch waren. Eines der verwendeten Lieder („Djevojcica potok gazi“) wurde aber im genannten Komitate aufgezeichnet, d. h. es wurde dort vorwiegend gesungen. Aus derselben Umgebung stammt auch das Lied „Oj Jelena, jabuka zelena“, das meist unter dem Titel „Daleki putevi“ bekannt ist, welches Haydn im Finale der D-i/ür-Symphonie verwertete. Südslavische Volksliedermotive haben übrigens die meisten bekannten Musikgrössen gelegentlich thematisch verwendet; am weitgehendsten benützte aber dieselben gerade Haydn, was den Südslaven seit langem bekannt ist. (Vergl. z. B. 0. Kuhac’ Artikel „Josip Haydn i hrvatske narodne popievke“ in „Vienac“ 1880.) Nicht unbekannt ist es auch, dass der österreichischen Volkshymne, die von Haydn stammt, das kroatische Volkslied, benannt als „Die traurige Verlobte“ („V jutro rano se ja vstanem malo pred zorom“), das auch prosodisch mit dem Rhytmus des Hymnentextes harmoniert, zum Hauptthema diente. Dies alles kann nun wohl kein blinder Zufall sein, obschon es im Prinzipe eine vollkommen richtige Auffassung zeigt, wenn die Volkshymne eines Staates, in welchem die Slaven die überwiegende Majorität als Bewohner bilden, gerade auf slavische Volksliedermotive aufgebaut ist, was möglicherweise auch Haydn vorgeschwebt haben mag. — Dass er aber diese Anleihe nicht öffentlich einbekannte, ist verzeihlich und naheliegend, denn man wollte vor allem etwas Schönes, Melodiöses haben, und solches findet sich in erster Linie nur in Volksliedern; hätte man jedoch gewusst, dass diese Weisen sla-vischer Provenienz seien, so wäre wahrscheinlich bei unserem krankhaften nationalen Antagonismus damit doch die reine Freude an der musikalisch hochwertigen Hymne so manchem Engherzigen empfindlich getrübt worden. Wir wollen jedoch hiemit den beiden unsterblichen Grössen der Töne durchaus vom verdienten Lorbeer kein einzig Blatt entreissen; im Gegenteile, wir freuen uns des reinen Besitzes so herrlicher und edler Lieder unseres einfachen Volkes, welche Motive und Inspirationen zu vielen unvergänglichen Musikschöpfungen geboten haben, womit freilich auch alle geistigen Anleihen dieser Art noch lange nicht hervorgehoben erscheinen; einem so lieder- und melodienreichen Volke, wie es die Südslaven sind, kann aber dies auch nicht die geringste Einbusse tun, da es den Abgang solcher nicht so leicht wahrnimmt. Betrübend hingegen ist es, dass gerade die Slaven diesen unerschöpflichen Reichtum wahrhaftig einzig dastehender Erfindungen, wie die breite und tiefe Entwicklung ihrer Schöpferkraft in bezug auf die Originalität der Form und des Inhaltes ihrer Volkslieder, viel zu wenig kennen und hochachten, so dass ihnen oft erst der Fremde zeigen muss, welche klangvollen Schätze in dieser altslavischen Volkskunst verborgen liegen. — Möge daher dieser wohlgemeinte Vorwurf in der Zukunft eine ernstere Beachtung finden, nachdem einmal in dieser Richtung die schweren Versäumnisse nicht mehr nachzuholen sind. Die traditionelle Minderbewertung der slavischen Geistes- und Kulturarbeiten seitens der Slaven selbst muss doch endlich auch eine sichtbare, entschiedene Grenze finden. — Wissenschaftliches Allerlei. Zur Ethnologie der Ortsnamen in Tirol. In Tirol hat sich zwischen mehreren Etymologen ein Streit ent-sponnen, ob die Ortsnamen daselbst von Kelten, Rhätern, Illyrern oder Venetern stammen. — Diese Meinungsdivergenz wäre schliesslich beachtenswert, wenn man vor allem wüsste, welcher Sprache sich die genannten Völker bedienten, bezw. welche generelle Unterschiede in der genannten Sprache obwalteten, doch diese Voraussetzung fehlt noch, daher der Streit auch keine Aussicht auf eine seriöse Beilegung hat. Um aber doch zu zeigen, um welche Rückständigkeit es sich hier noch handelt, sei nachstehend die Erklärung des Ortsnamens „Imst“, wie sie Prof. 0. Zösmair bietet, gegeben. Diese lautet: „I m s l. Die ältesten Formen dieser heutigen Stadt lauten urkundlich: 763 oppidum Humiste, 1112 oder 1120 Uemeste, 1182Umste, 1201 Umerste, wobei ich zwischen U und V nicht unterscheide, 1167 Umst, 127^ Unst, 1282 Uemst, 1289Ümbst, 1296Umbst, im XIV. ¡Jahrhunderte Umste, Uembst usw., endlich Imst. Die Anhänger illyrischer Abstammung stellen Humiste mit den für illyrisch gehaltenen Ortsnamen Ateste, heute Este im Venetiani-schen, mit Tergeste, heute Triest und anderen Namen mit der Nachsilbe oder dem Suffix —este, — ste und —st zusammen. Allein diese Zusammenstellung ist ganz unberechtigt, und zwar erstens, weil dieses Suffix auch weit ausserhalb der Wohnsitze der Illyrer vorkommt, zweitens weil es in verschiedenen anderen Sprachen, besonders germanischen, ebenfalls vorhanden, und drittens weil die Betonung in letzteren eine ganz andere ist, was man sehr zu beachten hat. Die erwähnten illyrischen Namen haben den Hauptton auf der vorletzten oder letzten, die germanischen oder deutschen aber auf der ersten, der Wurzel- oder Stammsilbe. Es ist Humiste zu sprechen, weil aus dem dreisilbigen Worte das einsilbige Umst-Imst wurde. Sowohl das H, welches abgefallen, das u, welches in ü und i umlautete, wie der Einschub von b (Umbst), sind unwesentlich und eine häufige Erscheinung. Dass ursprünglich Humiste betont worden und der Ton erst durch den Einfluss des Deutschen verlegt worden sei, was anderwärts vorkommt, ist hier nicht anzunehmen. Im Alt- und Neudeutschen haben wir die Nachsilbe —ist, —ste, —st nicht nur beim dritten Grade der Steigerung: Oberiste-Obrist, Niederiste-Niedrist usw., die auch zu Familiennamen geworden sind, sondern besonders in alten Personennamen, wie: Ariovist, Ernest, —ost und —ust, heute Ernst, Godesti aus Gotesdiu, Herisi und Heristi; sondern ebenso in Ortsnamen, wie: Casteilum Trebista, heute Dreb-nitz im Königreich Sachsen, urbs Grodisti, jetzt Graditz in Sachsen, und Cierwisti-Gau oder der Zerbstgau im Herzogtume Anhalt. Aus diesen Beispielen ist auch ersichtlich, dass s zu st, st zu tz—z, —sdie zu —esli usw. werden kann. Alle diese Namen haben wie „Humiste“ als deutsche den Ton auf der ersten Silbe. Es bleibt noch der Stamm Hum— oder Humi zu erörtern übrig. Im ¡Jahre 1013 kommt ein Dorf Humi im Hessengau vor, heute Hümme, im preussischen Regierungsbezirk Kassel. Hier ist u also auch zu ü geworden. 983 heisst ein Grenzpunkt der Grafschaft Kempten im Allgäu die Huminfurt. 1266 begegnen wir in einer Urkunde des Kl. Frauen-Chiemsee einen Zeugen Dietrich Hum me. Allen dreien liegt wohl der altdeutsche Personenname Hummoj (Hymmo, Himmo, Ummo, Umi usw.) zugrunde, von welchem schon seil dem VIII. ¿Jahrhunderte die Kose- und Verkleinerungsformen Humezo, Umizi und Imizo sich bildeten. Da tz oder z = st sein kann, so kann sich für Humezo-Umizi auch Humesto-Umisti gebildet haben. Der Name Imst stammt daher von einer urdeutschen, wahrscheinlich gotischen Persönlichkeit aus der Zeit des Königs Theo-dorich d. Gr. (493—526), welcher an den nördlichen Alpenpässen befestigte Plätze, oppida, gegen Bajuwaren und Alamanen anlegte.“ — Dieser Auslegung sei gleich ergänzend angefügt: a) die Ortsnamen Humista, Trebista, Drebnitz, Cierviste, Grodisti, Graditz waren nie „urdeutsch“ oder „gotisch“, sondern slavisch im heutigen Sinne, nachdem wir deren natürliche Etymologie noch kennen bezw. erkennen; sind aber dem Ausleger die Begriffe „urdeutsch“ oder „gotisch“ mit „slavisch“ synonym für die Zeit der Entstehung dieser Namen, so war dies der Erklärung beizufügen; b) ist bei jeder toponomischen Etymologie das Suffix wertlos oder doch inferior, da es immer eine spätere Zutat ist, die leicht den Forscher von der Hauptsache bringt. Der Begriff „Hum“ kommt aber als topischer Name oft in einem kleinen Umkreise, wie z. B. am Balkan, in allen erdenklichen Formen vor, wie: Hum, Humi, Humac, Humno, Humic, Humisce, Um, Umac u. ä. vor; auch sie haben alle, wie „als deutsche“, den Ton auf der ersten Silbe. Aber das Suffix bildet dabei gar keinen ethnologischen Regulator, sondern kennzeichnet in derselben Sprache nur gewisse Relationen; so gilt z. B. „Hum“ als ein relativ hoher Berg; „Humac, Humic" deutet nur auf eine mässige Bodenerhebung ; „Humisce“ (also „Humiste“) bezeichnet einen „Hum“ samt der nächsten Umgebung oder Ansiedlung auf, an oder am Fusse desselben, welchen Unterschied der Slave sofort erkennt, weil er diese Suffixe auch sonst analog anwendet. — Gene alten Namensformen können daher zu gleicher Zeit als keltisch, rhätisch, illyrisch oder venetisch angesehen werden, aber niemals als „deutsch" im modernen Sinne. Die einzige Konzession, die man den streitenden Parteien einräumen muss, ist die, dass die heutige, auf „Imst“ verballhornte Namensform tatsächlich eine deutsche ist, falls jemandem die Verunstaltung eines Namens bis zur Unkenntlichkeit seiner Originalität ein kulturelles Verdienst bedeutet. M. Z. Zur Schreibweise der Ortsnamen. In der deutschen Schreibweise der Ortsnamen haben sich gewisse, schon stereotype Kontradiktionen derart eingebürgert, dass sie bereits niemandem mehr besonders abnorm erscheinen; ja, man muss zugeben, dass wir im Mittelalter in dieser Hinsicht noch weit besser daran waren. Allerdings ist es richtig, dass der Deutsche wenig Sinn und Verständnis für das Slavische hat, was namentlich in Österreich, wo man nahezu überall nachbarlich oder doch gemischt mit den Slaven verbunden ist, höchst sonderbar klingt, aber daran ist einstweilen bei dem geringen Anpassungsvermögen für kosmopolitischere Anschauungen nichts zu ändern. Doch besteht dabei auch keine Logik, denn der Deutsche schreibt französische, englische, italienische, ja selbst türkische Namen und Wörter durchwegs so, wie sie in der Originalsprache dargestellt werden, die slavischen aber sonderbarerweise nicht. Er schreibt das slavische „Straža" schon als „Slrascha“, und sagt, er habe keinen „ž“-Laut; weshalb hat er aber bei „Dijon“ einen solchen, ohne dabei „Dischon“ zu schreiben! Weshalb schreibt er statt „Shakespeare" nicht „Schäcksbier“ ? — Schreibt er „Slrascha“ (oder gar „Strass"), so ändert er aber damit zugleich die Etymologie des Namens, denn „stražiti“ bedeutet: bewachen, „strašiti“ hingegen: erschrecken, geistern.— Der Ortsname „Makow“ wurde im Jahre 1233 in dieser Form geschrieben; heute schreibt ihn der Deutsche als „Mackow“; der uneingeweihte Slave muss aber daraufhin den Namen „Mazkow“ lesen. Wozu wird „Gorica", der urslavische Begriff für Anhöhe, im Deutschen zu „Görz", im Italienischen zu „Gorizia“ ? Weshalb dieser Luxus von etymologisch verdorbenen Namensformen! — Trotzdem herrscht aber dabei doch keine Konsequenz, denn andererseits schreibt man wieder „Caslau“ (nicht „Tschaslau") sowie „2ötkiew“ und durchaus nicht etwa „Scholkieff“ usw.; wozu also zweierlei Mass ä conto der Originalität!? Vorbildlich gehen in dieser Hinsicht die Italiener vor, trotzdem sie einen sprachlich nahezu homogenen Staat bilden, ln ihrer Militärkarte wird jeder Name so geschrieben, wie er lokal lautet; um jedoch zu wissen, welcher Sprache er angehört, erhält er vorne einen konventionellen Weiser, damit dessen Etymologie und Aussprache nicht getrübt werde. In Österreich hingegen wird der falsche Name als Hauptname hingestellt; bestenfalls erfolgt in der Klammer erst die Verbuchung des wirklichen; ja, in rein slavischen Gegenden wird fast jeder Name irgendwie deutsch montiert, obschon ihn so niemand gebraucht, wie z. B. „Borovec" wird regelmässig zu einem „Boro- wetz", „Laznik“ zu „Lassnigg“, „Toplice“ zu „Töplitz“ u. a. m. — Der sprach- und kulturgeschichtlicheWert eines Ortsnamens ruht aber immer in dessen primärer Form, daher diese bis zur äussersten Akribie gehegt werden soll. — Hauptmann A. 0. Ein Fall slavischer Kontrafälschung eines Ortsnamens. Man beschuldigt in neuerer Zeit sehr gerne die Slaven, dass sie Ortsnamen fälschen, wenn sie die alturkundlichen topischen Namen wieder in der Urform im praktischen Sprachgebrauche auferstehen lassen. Dieses ist jedoch in der Hauptsache unrichtig. Es ist doch vollkommen korrekt, wenn man z. B. den Ortsnamen „Krondorf“ (Cberösterreich) heute im slavischen Verkehre so benennt, wie er zur Zeit der slavischen Bewohner daselbst wirklich lautete. Der Name hiess aber im Jahre 834 noch „Granesdori“ und lag an der Enns „in parte Sclavanorum“ ( = im Gebiete der Slovenen). Nun haben die Slo-venen den Gattungsbegriff „Dorf“ gewiss nicht zugefügt, der Originalname kann sonach nur „Gran“ (oder „Granec“), d. i. Grenzdorf gelautet haben, was umso einleuchtender ist, da er an der die Landesgrenze bildenden Enns liegt. Würden die Slaven den Ort heute als „Krona“ benennen, so wäre dies sprachgeschichtlich falsch, weil dieser Name demnach nicht mehr auf die Urform, sondern auf die deutsche Anpassung aufgebaut wäre. Leider kommen aber in neuester Zeit auch solche Missgriffe vereinzelt vor, denn es wird in dem Bestreben, den Ortsnamen eine slavische Form zu geben, nicht immer der Weg zum Originalnamen betreten. So befindet sich auf einer Kartenskizze in Prof. Niederles Werke „Slovanske starozitnosti“ („Slavische Altertümer“), T. II, Heft 2, der Name „Velky zvon“ für den Grossglockner, was von einer bedauerlichen Oberflächlichkeit oder Eigenmächtigkeit eines Schriftstellers zeugt, und damit zugleich auch einen bedenklichen Schluss auf die Verlässlichkeit der sonstigen Daten im Werke suggeriert. Die bekannte Grenzhöhe zwischen Kärnten und Tirol heisst bei den Slovenen seit jeher „ Veliki Kiek“; die Deutschen schrieben es früher „Kleck, Grosskleckner, Klöck“, und daraus wurde mit der Zeit ein „Grossglockner“. Aus dieser neueren, also sprachlich schon verdorbenen deutschen Form konstruierte nun Niederle, — oder wurde er selbst durch jemand bewusst irregeführt —, da Gl ocke im Slavischen „zvon“ lautet, einen nicht existierenden und nirgends bekannten neuen Namen, wobei ihm noch der Fehlgriff passierte, dass er den Begriff „Glockner“-nicht als „zvonar, zvonikar“ übersetzte. („Velky zvon“ heisst doch erst „Grosse Glocke“!) Der eigentliche sprachgeschichtliche Name lautet jedoch „Kiek“, d. i. Felsklippe (im Slovenischen), hat daher mit der Glocke weder etymologisch noch auch figürlich etwas gemein. Wenn sich daher die Deutschen gelegentlich über unsere Wiedererweckung der alten topischen Namen sehr mit Unrecht belustigen wollen, so haben sie in diesem Falle einmal recht, denn hier wurde tatsächlich ein neuer Name einem falschen sekundären Namen n a ch g e b i ld e t.*) Es ist wohl gar kein Zweifel, dass die Wissenschaft mit der Zeit den meisten Ortsnamen die alte, sprachgeschichtlich zukommende Form wiedergeben wird, aber solche Willkürlichkeiten und nebelhafte Neubildungen müssen auf das Entschiedenste zurückgewiesen werden, denn sie erhöhen nur noch den ohnehin bestehenden heillosen Wirrwar in der Toponomie. Wer über slavische Altertümer schreibt, halte sich an die alten Quellen oder schütze uns wenigstens vor Vorwürfen, die nach einem Einzelfalle leicht zum Generalisieren führen. — M. Ž. \ Bedeutung des Begriffes „sip“ in alten Urkunden. ln Sachsen heisst der vierte Teil eines Scheffels das Sippmass (10 Mass = 14 Liter), welcher Ausdruck aber sprachlich daselbst schon unverständlich ist; in Deutschland muss aber der Begriff „sip, zip“ einst in vollem Gebrauche gewesen sein, da er sich in ungezählten alten Urkunden wiederholt. Unter „sip“ verstand man früher die Abgabe von Getreide an die Gutsherrschaftim allgemeinen. Bei den Slovenen war es bis zum Jahre 1848, der endgültigen Aufhebung der Leibeigenschaft, allgemein im Gebrauche, von „sip“ und „sipati" zu sprechen. Der Verfasser hörte in seinen Knabenjahren oft noch, dass die Leute im Gespräche bemerkten: „ko smo imeli sip“, d. h.. der Tag der Getreideabgabe an die Gutsherrschaft, oder: „koliko je vaša hiša sipala,“ d. h. wieviel hatte Ihr Haus (an Getreide) geschüttet? Ältere Leute werden darüber vielleicht noch Ausführlicheres wissen. — Der Begriff „Getreide“ wurde dabei gar nicht erwähnt, denn im Worte „sip, sipati“ (= schütten) war dieser schon inbegriffen; ja noch mehr: das „Sippmass“ setzte immer die „gegupfte“ Messung *) Niederle schreibt an derselben Stelle auch fälschlich »Belak« statt »Beljak« (für »Villach«), denn das Grundwort ist nicht »bei« (= weiss) sondern »vel« (= gross, fest). — In letzterer Zeit ist vielfach beachtet worden, dass böhmischer-seits südslavische Ortsnamen der böhmischen Sprache angepasst werden; wozu ein »Lublan« für »Ljubljana«, oder gar ein »Zahfeb« für »Zagreb«! — Diese zwei Beispiele mögen weiterhin als Warnung dienen, denn für die Konfusion in dieser Richtung wird doch schon von anderer Seite reichlich vorgesorgt. voraus, d. h. es wurde solange gemessen, bis sich das Korn nichl mehr auf der Schüttung hielt. Jenes Dominium, bei dem „sip“ eingeführt war, war sonach besser daran, als jenes, wo man von „mira, mera“ sprach, denn hier wurde das Aufgeschültete mit einem Brettchen, dem „Strichmasse“ (slav. „strig, strigati“ = abnehmen, stutzen) über dem Rande des Getreidehohlmasses abgestreiff. Dieses Mass war aber eben auch ein Scheffel oder Metzen, schon vierSipp-masse enthaltend. In den Begriffen „sipati“ und „meriti" war daher schon die Art, wie das Deputat zu messen sei, organisch enthalten, ln einer jüngeren Urkunde vom Jahre 1282 heisst es aber z. B. schon: „et tres modios tritici et avenae, quae vocatur cipkorn“, d. i. „und drei Mass Weizen und Hafer, die man „Sip“-Korn nennt“; es muss daher zu dieser Zeit der Begriff „sip“ schon nicht mehr so verständlich gewesen sein, weil man noch „Korn" zufügen musste. — Die sprachliche wie kulturelle Kongruenz dieses altslavischen Wortes in Sachsen, Steiermark, Krain usw. zeigt daher, dass es einst allgemein im Gange war, und dass sich die Deutschen in der Zeit der Unterbrechung des slavischen Spracheinflusses noch immer weiter der allgemeinen und tief eingelebten Gebrauchsbegriffe aus älterer Zeit im praktischen Leben bedienten, weil diese wohl zugleich die prägnantesten waren. Zugefügt sei hier noch, dass der Begriff „gegupft" auch das sla-vische „kup“ (= Haufen) zur Grundlage hat. — Die Sichtung und Sammlung der technischen Begriffe in der alten Volkswirtschaft, im Volksrechte, im Geld- und Handelswesen u. dgl. verspricht daher noch sehr lohnende Erfolge für die Klärung der latsächlichen Kulturverhältnisse der Altslaven. Dr. A. K. Falsche Auslegung einer altslavischen Glosse. Die Handschrift: „Wiklefi tractatus metaphisici per manus Mag.Joh. Hus de anno 1389“, die sich seit dem Jahre 1648 in Stockholm befindet, enthält unter anderen böhmischen Glossen auch folgende: „prdnu druzy v roh“. — Allgemein staunte man bisher, wie Hus das Wort „prdniti“ gebrauchen oder sonst jemand in ein solches seriöse Werk einfügen konnte, da es doch in gebildeten Kreisen gebrauchsverpönt ist. Doch gerade dieser Umstand musste zur Umschau anregen, ob der Ausdruck nicht doch eine andere, salonfähigere Bedeutung habe, und trotzdem nahm sich niemand diese Mühe. Im Slove-nischen heisst nämlich „prda“ die Schalmei, „prdniti“ blasen; die Stelle lautet daher: die Kameraden bliesen ins Horn. Ich hörte daheim (Untersteiermark) wiederholt die Aufforderung an den Gemeindehirten, der immer mit einem Horne ausgerüstet sein musste: „cas je, prdni v rog!“, d. h. „es ist Zeit, das Hornsignal zu geben“, denn auf dieses hin liess man aus jedem Hofe das Weidevieh gleichzeitig auf die Ortsgasse hinaus, und der Hirte trieb nun alles vereinigt auf die Weide. — Man darf daher, wie dieses Beispiel zeigt, nicht gleich die Forschung abschliessen und ein positives Schluss-urleil abgeben, wenn sich im Dorfe des Auslegers selbst noch keine Lösung findet, da jeder Begriff lokal gewisse Bedeutungs- und Auffassungsmetamorphosen annehmen kann. — M. Z. Slavische Handschriften in Venedig. 3. Kukuljevic, Landesarchivar in Agram, suchte in den Dahren 1851 und 1853 die Archive in Venedig auf, da er damals Materialien für die Geschichte der Südslaven sammelte. Ausser den verschiedenen anderen öffentlichen wie privaten Sammlungen schildert er als die imponierendste jene des gewesenen Klosters „dei Frari“, die in mehr als 300 Zimmern ungefähr 13 Millionen alter Handschriften enthält. Es gibt darunter eine Unzahl von Originalhandschriften der russischen, böhmischen, polnischen, südslavischen wie ungarischen Könige, der Republik Ragusa, Berichte über Dalmatien, Istrien, die Uskoken u. a. m. Man vermag sich da gar keine Vorstellung zu machen, wie viel Quellen und Belege es da noch für die slavische Geschichtsschreibung gibt, die noch heute ungekannt oder doch unverwertet erliegen, denn eine wirklich wissenschaftliche oder gewissenhafte Durchforschung eines so riesenhaften Archivs könnte auch in einer Richtung allein, d. i. in diesem Falle der historischen, erst in Dezennien absolviert werden ; wie viel Anhaltspunkte bieten sie aber noch dem Sprachforscher, Kulturhistoriker, Paläographen u. ä. — Es wäre daher wohl an der Zeit auch hier endlich einmal einen Anfang zu machen, womit sich auch das ewige Wittern von Fälschungen altslavischer Handschriften von selbst legen würde. — Prof. 3. H. Woher hatten die alten Völker den Bernstein? Die Geschichte sagt konsequent, dass der Bernstein nur im Gebiete der Ostsee und deren Küstenprovinzen zu finden sei, und von dort holten sich ihren Bedarf auch die Phönizier, Semiten, Etrusker, Römer u. a. — Ob aber dies in allen Teilen richtig ist, muss sehr bezweifelt werden, u. zw. nicht deshalb, weil die prähistorischen Gräber Südeuropas viel reicher an Bernsteinbeigaben sind, als die des Nordens, sondern weil man um das 3ahr 18W neuerlich am Dnjepr sowie am Ufer des Schwarzen Meeres bedeutende Lager von Bernstein gefunden. Sonderbarer Weise blieb aber diese Entdeckung in der wissenschaftlichen Welt nahezu unbeachtet, obschon sich daraus neue Fragepunkte und äusserst wichtige Folgerungen ergeben, denn hiedurch ist nicht nur die Hypothese der speziellen Bernsteinbildung im Ostseegebiete erschüttert, sondern der Zweifel wachgerufen, ob die Phönizier, Philister, Semiten, Etrusker u. a. ihren Bernstein überhaupt von der Ostsee holten; von den Römern fehlt aber ohnehin jede Spur, dass sie je bis zur Ostsee gelangten. Am Schwarzen Meere hingegen hatten die Phönizier Kolonien; ist es da nicht naheliegender, dass sie ihren Bernsteinbedarf viel müheloser hier erhalten konnten, als im Kurischen Haff, dem rätselhaften Lande der noch rätselhafteren Hyperboräer? — Vielleicht wird sich auf dieses hin über die Völker Herodots in Skythien auch eine ganz andere Lösung finden lassen; wer weiss ob diese hohen Gebirge, des Namens „Hripai“ und „Hyperborei“ nicht im Kaukasus zu suchen sind, da es im Norden Russlands doch keine hohen Gebirge gibt, und sind die „Hripai“ eben die slavischen „hribi“ (= Gebirge), welcher Name sich auch als Gebirgsbezeichnung anderswo oft wiederholt. Auch sonst muss Herodot die russischen Namen gut verstanden haben, da er sie zum Teile wörtlich übersetzte, wie „Melanchleni“ (vermutlich die Bewohner des Gebietes der Schwarzen Erde („Cernozjom“), „An-drophagi“ (für Samojeden), „musos“ (=muzi), worunter er jene Soldaten im Heere des Xerxes versteht, die vom Schwarzen Meere stammten u. a. Ein besonderes Interesse hat aber die Tatsache, dass sich alle diese Bernsteinlager seit der ältesten Zeit auf slavischem Gebiete befanden, daher wohl auch die slavische Bezeichnung „jantar“ oder „jandar“ für den Bernstein die ursprünglichste ist, und aus dieser Etymologie entwickelten sich erst alle weiteren Begriffsvariationen. „Oantar“ ist gleichbedeutend mit Grenz- oderUferstein („jan“ = Grenzscheide, Grenzfurche). Die Art der Auffindung des Bernsteines rechtfertigt dies, denn er wird nach jedem Nordsturme gegen die Küste geschwemmt, dort ausgeworfen und aufgelesen. — Dieselbe Etymologie hat aber auch der „brisingamen“ (= brizni kamen, d. i. „brig, breg"=Ufer, Strand, „kamen“ = Stein), mit dem sich, wie dies die Edda erzählt, Freya zu schmücken pflegte. Hat nun der Kompilator der Edda den Begriff nicht mehr verstanden, so beweist dies klar, dass er dabei slavische Volkspoesie zusammengerafft haben muss; hat er ihn verstanden, so ist es umso verwunderlicher, dass er ihn nicht übersetzt hat, denn schliesslich ist „Bernstein“ (als „Bergenstein“, Berg-breg = Ufer) doch nur eine Übersetzung des Begriffes „jantar“ und „brisingamen“, daher beide Worlformen bewusst oder unbewusst verunstaltet wurden. Diese Begriffsspaltung setzt sich aber sprachorganisch noch weiter fort. Als im XII. Jahrhunderte der Deutsche Ritterorden die Ostseeprovinzen eroberte, nahm er den besiegten pommerschen Herzogen auch das Bernsteinregal ab. Von nun an hiess der Bernstein „Strandsegen“, wobei jedoch offenkundig der Begriff „jantar“ als „jan-dar“ („dar“ = Gabe, Spende) mechanisch übersetzt wurde, falls er je im Originale ein zusammengesetztes Wort war, denn in jener Zeit wurde üie Umformung alles Vorgefundenen Slavischen ins Deutsche geradezu mit Hochdruck betrieben. Man kommt nun auf diese Weise zu immer kurioseren Entdeckungen über die alten Kulturverhältnisse, die Bildung von Stoffund Gattungsnamen, die wahre Provenienz der Edda, die Unhaltbarkeit so vieler wissenschaftlicher Hypothesen u. dgl., d. h. die gangbare Behauptung, dass die Slaven alle Kultur von den Deutschen haben, stellt sich immer mehr als eine hohle, windige Phrase heraus, trotzdem wir uns heute doch erst im Anfangsstadium dieser wissenschaftlichen Nachkontrolle befinden. Dr. K. H. Zur Erfindung der Palimpsest-Photographie. In der Zeit vom VII.—XII. Jahrhunderte herrschte allgemein die Sitte — eigentlich Unsitte — beschriebene Pergamente zu reskribieren, d. h. von neuem zu beschreiben, was wohl durch die Seltenheit und Kostbarkeit des Materiales bedingt war. Namentlich war dies in jenen Zeiten der Fall, als noch vorwiegend das feine, graue Pergament angewendet wurde, das vielfach von Schafen (oder Ziegen) stammte, die man kurz vor dem Wurfe dem Mutterleibe entnahm; später jedoch, als man auch Kalb-, Ziegen- oder Eselsfelle dazu verwendete, hörte dieses kulturwidrige Sparsystem auf. Mangelte es nun an Pergament, so wurde ein schon beschriebenes, dessen Text man entbehrlich fand, hiezu gewählt. Man kratzte die Schrift mit einem Schabmesser ab, glättete die nun rauhe Fläche mit einem Bimssteine und legte überdies meist das Pergament um, damit die neue Schrift die alte nur kreuze und auf diese Art deuh licher erscheine. Catullus (gest. um d. J. 54 v. Chr.) beschreibt schon diese Prozedur in ganz gleicher Weise, und hiess eine solche Schrift bei den Römern „codex rescriptus“, bei den Griechen „Palimpsest". — Vereinzelt hat man auch Palimpseste gefunden, die schon zweimal reskribiert waren. Da aber die Schriften fast durchgehends mit eisenhaltiger Tinte geschrieben waren, drang der Schreibstoff tief in die tierische Faser ein, konnte daher nicht mehr spurlos entfernt werden. So kommt es nun, dass man die erste Schrift bisweilen noch mit unbewaffnetem Auge wahrnimmt, zumeist aber erst nach Anwendung von optischen oder chemischen Hilfsmitteln. So wurde z. B. Ciceros Schrift „De república“ erst um das Dahr 1820 als Palimpsest unter einem biblischen Texte in der Vatikanischen Bibliothek entdeckt. Begreiflicherweise können aber die meisten Palimpseste auf diese Art noch nicht gelesen werden. Doch hat nun der Benediktiner P. Raphael Kögel des Klosters Wessobrunn im Dahre 1912 ein chemisches Mittel gefunden, durch welches man solche Handschriften derart photographieren kann, dass das Palimpsest in einer bisher nicht bekannten Stärke wieder erweckt wird, wodurch die Entzifferung dem Forscher oft verhältnismässig sehr leicht gemacht, zum mindesten aber doch dem Erkennen näher gebracht wird. Die jüngere Schrift kann dabei ganz zurückgedrängt oder aber derart geschwächt werden, dass sie wenigstens das Lesen an den sich deckenden Stellen nicht stört. Auf diese bedeutungsvolle Erfindung hin errichtete die Erzabtei Beuron (Deutschland) das Palimpsest-Institut, welches nun von derlei Schriften jeglicher Literaturrichtung die Photographie des Palimpsestes erzeugt, wodurch nicht nur verlorene Literaturdenkmäler wieder zum Vorscheine kommen, sondern dieses ist besonders in paläographi-scher Hinsicht von hervorragendem Werte, denn wir wissen dadurch sicher, wenn z. B. die Zeit der jüngeren Schrift irgendwie fixiert ist, dass die untere unbedingt noch älter ist. Es lässt sich vielleicht auf diese Weise auch mit der Zeit eine systematische Klassifikation der Handschriften nach ihrer geographischen Provenienz aufstellen, sowie nach den charakteristischesten Merkmalen mitunter auch die Schriftzeit annähernd bestimmen. Für Besitzer von Palimpsesten ist die neue Erfindung von mehrfachem Vorteile, denn jede solche Handschrift kann hiemit einen vielfach erhöhten Wert erhalten, da die verborgene Schrift eine wichtige Bereicherung der Literatur, oder doch eine überraschende Ergänzung zu unserer Geschichte, Sprache oder Kultur bringen kann. Es werden nun auch von der ganzen Welt die Palimpseste nach Beuron zur Feststellung der primären Schrift zugesendet. Die meisten, ältesten und wertvollsten Palimpseste (an 700) wurden im Benediktinerkloster zu Bobbio (Lombardei), das im Dahre 612 vom Irländer Columban gegründet wurde, gefunden, und befinden sich jetzt in der Vatikanischen Bibliothek. Von den slavischen Handschriften sind einstweilen die Brünberger Handschrifi, das Vysehrad-Lied und das sogenannte „Minnelied“, alle im Landesmuseum zu Prag, als Palimpseste bekannt. Von allen dreien, die bekanntermassen früher als unecht verdächtigt wurden, bietet das meiste Interesse die erstgenannte. Ihre obere Schrift kann schon dem VI. Oahrhunderte angehören, da sie der Bibelschrift Ulfilas (V. Jahrh.) stark ähnelt. Es muss nun die höchste Neugierde hervor-rufen zu erfahren, welchen Inhalt wohl die untere Schrift hat, und welcher Zeit diese angehören mag. Dass aber Hanka, der doch bekannt ein unermüdlicher Sammler und gewissenhafter Konservator war, eine so alte Schrift abkratzen würde, nur um sich Pergamentmaterial zu Fälschungen zu verschaffen, ist eine derart boshafte Vermutung, dass darüber wohl für alle Zeiten wortlos hinweggegangen werden kann. Wieder in anderer Hinsicht ist das „Minnelied“ erwähnenswert. Dieses wird nur deshalb als gefälscht angesehen, weil es als echt dem XIII. Jahrhunderte angehören würde, aber im Palimpseste will man eine Schrift des XV. Jahrhundertes entdeckt haben, was selbstredend nur ein kräftiger Ausweg war, die Handschrift, weil sie slavisch ist, zu kompromittieren. — Ähnlich steht es mit dem „Vysehrad-Liede“. Die Verwaltung des Böhmischen Landesmuseums wurde angeblich von mehreren Seiten aufgefordert, diese Zweifel durch die Einholung von Palimpsest-Photographien aufzuheben. Dieser Beseitigung des Zankapfels, um welche sich schon die wüstesten und unwürdigsten nationalen wie wissenschaftlichen Streitigkeiten abspielten, weicht sie aber aus, um ihre passive Mitschuld an dieser slavischen Kultur^ schände noch so lange, als nur möglich, verdeckt zu halten. Da jedoch keineswegs ausgeschlossen ist, dass diese Handschriften einmal spurlos verschwinden, ehe deren Palimpseste festgestellt sind, wäre es ein dringendes Postulat, schon aus Vorsichtsgründen, die Palimpsestierung derselben zu bewirken, denn es ist ja wahrscheinlich, dass sich darunter auch weitere slavische oder sonst hochwichtige Texte befinden, die uns neue Literatur- oder Kulturdenkmäler erschliessen; namentlich ist dies bei der Brünberger Handschrift bestimmt der Fall, die doch das weitälteste Schriftdenkmal aller Slaven repräsentiert, daher die Kenntnis ihres radierten Textes eine besondere Neugierde der Selehrtenwelt hervorrufen muss.*) — Dieses ängstliche Versteckthalten kompromit- *) Diese wertvollste aller bekannten slavischen Handschriften war bereits ganz vergessen und kümmerte man sich seit dem Jahre 1840 nur mehr insoweit darum, dass man sie im Verrüfe des Falsifikates evident hielt. Erst i. J. 1911 fiert selbslredend in erster Linie die böhmische Wissenschaft auf das empfindlichste; es schädigt aber auch in hohem Masse das Vertrauen zum Landesmuseum, denn wer wird einer Anstalt, die eine allgemeine Bildungsstätte sein und bleiben soll, noch weiterhin etwas übergeben oder widmen, wenn sie mit hochbewerteten Spenden derart idolent oder unwissend umgeht. * Dr. 0. P. Zusatz d. Red. Damit die Leser des „Staroslovan“ einen Einblick in das Aussehen der ausserordentlich wertvollen Grünberger Handschrift erhalten, deren Echtheitsverdächtigungen bekanntermassen der Prager Universitätsprofessor Dr. Thomas Masaryk im Oahre 1886 arrangierte, die jedoch mit der Wissenschaft absolut nichts zu schaffen hatten, wird in der Tafel II ein Faksimile der 8. (letzten) Seite geboten. Überdies wird anschliessend eine kleine Probe der Schrift aus Ulfilas Bibel zum Vergleiche der auffallenden Ähnlichkeit beigefügt, was annehmen lässt, dass in der Zeit der Verfassung beider Handschriften keine grosse Spannung sein könne. — TnSMe»SNUSMi|:TW*Yfc'hKN;*h*N inNsNin • n *N*t:t*hi)M'zesiNlSTXN€. e;xh Die Palimpsest-Photographie würde höchstwahrscheinlich alle diese Rätsel klären, doch ist damit bei der heutigen tiefbedauerlichen Verquickung der Wissenschaft in Böhmen durch die Politik, wie die Tatsachen schon bewiesen haben, nicht zu rechnen, es wäre denn, dass die infolge der Suspendierung der Landesautonomie eingesetzte Verwaltungskommission, dieser frivolen Verhetzung und unverdienten Verhöhnung der böhmischen Nation, die hiefür die kräftigsten Verbal- kam ein Slovene, Major M. Zunkovic, gelegentlich von Forschungsarbeiten im Landesmuseum darauf, dass diese Handschrift keine Fälschung sei, sondern dass der Text, der den heutigen Slovenen noch nahezu vollkommen verständlich ist, unrichtig kommentiert werde, sowie dass unterhalb noch eine ältere Schrift sei, die mit unbewaffnetem Auge erkennbar ist, von der aber nur eine Stelle im Wege der modernsten photographischen Reproduktion näher lesbar erscheint. Diese Stelle wurde vom Professor Dolansky als ein Kryptogramm Hankas, lautend »V. Hanka fecit« gelesen; Universitätsprofessor Dr. Ernst Kraus (Prag) las sie als »lump« (!?; soll angeblich gar nicht als banaler Witz aufzufassen sein!) und Zunkovic als »u niei ste«. — Letzterer hat in seinem Werke: »Die Handschriften von Grünberg und Königinhof, dann das Vysehrad-Lied« (»Die irrtümlich als moderne Fälschungen geltenden ältesten böhmischen Dichtungen«. Kremsier 1912) nach allen Seiten hin die Echtheit nachgewiesen sowie auch eine sprachlich richtige deutsche Übersetzung geboten, die nun die bestehenden Differenzen darüber in der Gelehrtenwelt zum Schweigen gebracht hat. — Injurien ruhig hinnehmen musste, ein rasches Ende machen würde. Die rechtliche Handhabe ist hiezu zweifellos vorhanden, da das Landesmuseum vom Staate 35.000, vom Lande sogar 107.000 K jährlich aus Steuergeldern Subvention erhält, und sind die Handschriften auch durchaus kein privates sondern ein öffentliches Gut. Man sagt auch, dass man diese Handschrift des möglichen Verlustes wegen nicht der Post anvertrauen könne. Sonderbar: täglich werden viele Millionen von Wert der Post anvertraut! Übrigens ist die Grünberger Handschrift doch ein „Falsifikat“, also wertlos, oder höchstens ein Objekt für ein Polizeimuseum; überdies wird sie seil Jahrzehnten auch in Prag in keinem diebs- oder feuersicheren Schrank, sondern in der untersten Schublade eines primitiven Holzkastens (!) verwahrt; es steht daher diese plötzliche Fürsorge in keiner Relation zu ihrer dermaligen höchst unsicheren Aufbewahrungsmethode. — Ist jedoch dies das einzige Hindernis, iso werden sich gewiss auch vertrauenswürdige Männer finden, welche auf eigene Kosten damit nach Beuron fahren, und umgekehrt, kann der betreffende Apparat von dort auch nach Prag gebracht werden. Man versuche es nur, es wird schon gehen! — Der Text der Handschrift, wie er sich auf der Tafel II bietet, lautet in getreuer Überschreibung: „zapodobno prevencu dedinu dati pravda. — Vsta Iubusa s otna zlata stola, vece kmete lesi i vladiki: sliseste zde poganenie moje; sudie sami po zakonu pravda, u nebudu vam suditi svadi; volte muza mezi sobu rovna, Ki bi vladl vam po zele, su divcie ruka na vi k vlade slaba. — Vsta ratibor od gor krekonosi, je se tako slovo govoriti: nechvalno nam v nemceh iskati pravdu, u nas pravda po zakonu svatu, juze prinesehu otci nasi v sez . . — Ein vergessenes dalmatinisches Arzneimittel gegen das Hundswutgift. Die heutige ärztliche Wissenschaft spricht es unverhohlen aus, dass alle die Geheimmittel als Massnahmen gegen das Hundswutgifl, wie Abführ-, Brech- oder schweisstreibende Mittel wert- oder in ihrer Wirkung aussichtslos seien. — Nun dem scheint aber folgende Tatsache entgegenzustehen. Der kroatische Lehrer Josef Lalic im Städtchen Vrbovsko (Insel Lesina) war um das Jahr 18W) weit und breit bekannt, dass er eine Arznei zu bereiten wisse, die gegen die nachteiligen Folgen des Bisses eines tollwütigen Hundes sicher schütze. Er wendete hiezu einen Absud der in Dalmatien wachsenden Enzianart, Gentiana cruciaia (kroat. „gorcica“, slov. „gorecica“, böhm. „horec“, poln. „gorycz“, russ. „gorcanka“) an. Der Erkrankte musste von die- 14* ser Flüssigkeil nehmen, worauf er zuersi in starken Schweiss geriel und dann in längeren Schlaf verfiel; nach dem Erwachen war die Gefahr beseiligl. Lalic wurde zu diesem Zwecke wiederholt ins Ausland berufen, und erhielt für die Veröffentlichung des Heilmittels nach der Feststellung, dass seine Kur überall mit positivem Erfolge endete, von der österreichischen Regierung 10.000 fl. als Belohnung und eine Lebensrente von 800 fl. Es ist kein Zweifel, dass dieses Heilmittel geheim bei den Bewohnern des dalmatinischen Küstengebietes längst bekannt war; verwunderlich ist es aber, dass es später wieder in Vergessenheit geriet, denn es ist sicher, dass da viele seriöse Beweise Vorgelegen sein müssen, ehe man das Geheimnis um eine verhältnismässig so hohe Summe erkaufte. Ein ganz ähnliches Schicksal hatte bei den Dalmatinern das Heilmittel gegen den Bandwurm. Dasselbe, aus einem Dekokte der Granatapfelrinde bestehend, kannten die Bewohner seit unkontrollierbaren Zeiten und wendeten es mit vollem Erfolge an. Doch erst ein österreichischer Mediziner, der in Dalmatien im Heeresdienste stand, kam hinter das offene Geheimnis, und führte dieses Volksmittel, da es tatsächlich die wesentlichsten Bestandteile aller der zahlreichen pharmakopöischen wie Geheimmittel vereinigt enthält, zur Abtreibung des Bandwurmes allgemein in die moderne Medizin ein. Es müsste sich daher der Mühe lohnen, wenn man einerseits die bekannten Volksarzneimittel, wie sie in alten slavischen Kräuterbüchern noch enthalten sind, andererseits aber auch die geheime, nur traditionell sich fortpflanzende Volks-Pharmakologie, nochmals in bezug auf ihren wahren Effekt nachprüfen würde, wobei noch manches wertvolle Mittel zum Wohle der leidenden Menschheit seine Rehabilitation erfahren dürfte. Die moderne medizinische Wissenschaft setzt sich zwar gerne souverän über solche Zumutungen hinweg, aber die Umstände, dass der Naturmensch selbst am misstrauischesten gegen Heilmittel ist, die er empirisch nicht als wirksam kennt, dann dass die Natur selbst gegen die eigenen Krankheitserscheinungen Gegenmittel bergen muss und tatsächlich birgt, rechtfertigt diese Anregung, ohne dass man deshalb oder hiemit noch für die alte „Bader"-Kunst eine Lanze brechen will. Dr. R. B. Die Marderfell-Abgaben. Fr. Sasinek (Eggenberg b. Graz) teilt in Ergänzung zum Artikel „Clus primae noclis bei den Slaven“ (Seile 57) mit, wonach die Abgabe von Marderfellen in Kroatien und Slavonien seinerzeit tatsächlich eingeführt war; allerdings hatte diese Steuer mit „Jus primae noctis“ absolut nichts zu tun. Eine Stelle in den „Statuta Capit. Zagrabiensis“ sagt: „Coloni vocantur marturiarii ex eo, quia olim tales singuli ob-tigabantur pellem marturinae annuatim“ (d. h. jene Bauern nannte man die Marderpflichtigen, deren einzelne verpflichtet waren jährlich Marderfelle als Abgabe zu leisten.) Es ist ja natürlich, dass sich der Gutsherr so einrichtete, dass alle seine Jahresbedürfnisse durch die Abgabepflichtigen gedeckt wurden, die wohl auch derart zugewiesen waren, wie es die Örtlichen und gewerblichen Verhältnisse praktisch erscheinen liessen. Der Gutsherr bedurfte selbstredend jährlich auch einiges Pelzwerk, doch sieht man daraus, dass die vorgeschriebene Abgabe nur für Einzelne galt. Wie weitgehend solche „Vorsorgen“ mitunter waren, ersieht man aus den alten, böhmisch geschriebenen Urbarien der Herrschaft Krivoklat (Pürglitz, Böhmen). Da hatte ein Haus, — vermutlich das eines Vogelstellers von Beruf —, sogar die sonderbare Pflicht, Nachtigallen unter das Fenster der Gutsherrin zuzutreiben, so oft diese im Wochenbette lag; die bezügliche Stelle lautet: „kdyz krdlovna v šesti-nedelich s mladym leži, pod v okna mä slaviky honiti k zpivdni.“ — Vandalische Vernichtung von Pergamentschriften. Es kommen gelegentlich neue Daten an den Tag, auf welche vandalische, ja, oft boshafte Art unzählige alte Pergamente mit wertvollen kulturgeschichtlichen und literarischen Texten in den letzten Jahrhunderten vernichtet wurden und für immer verloren gingen; bei 99%> solcher haben sich aber überhaupt keine Daten darüber erhalten. Selbst Palacky erwähnt dessen, wie noch zu seiner Zeit (1798—1876) alte Handschriften, namentlich solche slavischen Inhaltes, teils aus Mutwillen, teils aus nationalem Antagonismus für immer beseitigt wurden. Doch weit mehr als aus politischen Gründen ging von derlei Handschriften aus reiner Unwissenheit zugrunde, wobei, so paradox es auch klingt, die sogenannte Intelligenz selbst die Hauptrolle spielte, und seien hievon nachstehend nur einige Fälle angeführt. — Um das Jahr 1850 bemerkte das französische Kriegsministerium, dass im Arsenale zu Paris seit langem die Hülsen für die Artilleriegeschosse aus beschriebenen Pergamenten unter Leitung von technischen Offizieren erzeugt werden. Dem Verbote der Weitererzeugung folgte die Untersuchung dieser Pergamente durch Gelehrte, wobei es es sich herausstellte, dass darunter bisher ganz unbekannte sehr wertvolle Schriften seien. Durch Demontierung gelang es noch an 300 Urkunden aus der Zeit des XIV. und XV. Jahrhundertes zu retten; welche Mengen aber schon im Laufe der früheren Jahre auf diese Art verloren gingen, darüber fehlt natürlich jeder Anhaltspunkt. — In Böhmen und Mähren, wo sich im Vergleiche zum slavischen Süden, bekanntlich besonders viel Pergamenthandschriften erhalten haben, wurde das meiste vandalisch vernichtet, denn ganz abgesehen von den Verwüstungen der Archive in Klöstern, Burgen und Städten durch die Hussiten und Schweden, dann die gelegentlichen „feierlichen“ Verbrennungen nebst den normalen Elementarbränden, erzählt z. B. der gelehrte Jesuite Baibin (1620—1S88) auch noch folgendes Erlebnis. Er erfuhr, dass sich auf dem Dachboden eines reichen Herrschaftsbesitzers viele Handschriften befinden und bat nun diesen persönlich, ihm einige, die er als besonders wertvoll fand, zu überlassen. Dieser, den gebildeten Kreisen angehörende Aristokrat, sagte ihm darauf ungefähr folgendes: „Wenn Sie dies überhaupt interessiert, so können Sie es ohneweiters haben. Schade, dass Sie nicht vor etwa 30 Jahren gekommen sind; damals lagen noch Schriften da wie die Garben in der Scheune; Sie konnten ganze Wagen wegführen. Seither verbrauchten wir täglich etwas davon in der Wirtschaft. Im Vorjahre konstruierten wir einen grossen Drachen; hiezu verbrauchten wir allein an dreissig Faszikel von diesen Hadern. Und was hätten wir schliesslich damit machen sollen, nachdem das Geschriebene niemand mehr lesen konnte!“*) — Was den erwähnten täglichen Verbrauch in der Wirtschaft betrifft, weiss man allgemein, dass solche Pergamente besonders den Hausfrauen willkommen waren; sie unterlegten damit das Brot im Backofen, damit sich keine Asche einbacke. — Das berühmte Archiv der Burg Pernstein wurde sogar zu Beginn des XIX. Jahrhundertes, also nicht etwa im „finstern“ Mittelalter, von den eigenen Beamten zu Feuerwerkskörpern verbraucht. — Dobrovsky (1753—1829) war Augenzeuge, wie bei den Exzessen gegen die Duden in Prag aus einer Schule ein wertvolles, in schöner hebräischer Schrift verfasstes Altes Testament mutwillig auf die Strasse geworfen wurde; einige Tage darauf konnte man in den Strassen einen Vagabunden sehen, der eine aus diesen Pergamenten erzeugte Hose trug. — Ein Todesurteil wurde auch schon um das Jahr 1835 der Grünberger Handschrift zugedacht. Die damaligen „Gelehrten“ wussten sich mit dieser Handschrift keinen Rat, denn an eine so alte slavische *) Wahrscheinlich waren in der Hauptsache slavische Schriften darunter, denn zum Lesen lateinischer Manuskripte gab es damals mehr und tiefer gebildetere Vertreter wie heute. Kultur glaubte damals noch niemand; nebstbei verstand man einzelne Stellen überhaupt nicht. Man entschloss sich daher, um dieses Streitobjekt aus der Welt zu schaffen, zu der radikalsten Lösung: die Handschrift zu verbrennen! — Der Einfluss Palackys rettete wohl die Handschrift, doch wird sie wie ein Aschenbrödel noch heute versteckt gehalten, statt sie als das wertvollste Literaturdenkmal aller Slaven öffentlich auszustellen. Es muss also da erst die Zeit abgewartet werden, bis die geistige Führung im Böhmischen Landesmuseum wieder in die Hände von wissenschaftlich seriösen Männern kommt, oder bis dies die böhmische Nation oder alle Slaven zusammen selbst gebieterisch fordern. — Im Jahre 1858 wurde in Wien ein kleines Handschriftfragment gefunden und der Akademie der Wissenschaften daselbst vorgelegt. Diese stellte fest, dass der Text ein gefälschtes (?) althochdeutsches Schlummerlied enthalte. Im „Athenäum“ (1886) wurde die Handschrift auch vom Prager Universitätsprofessor Dr. Ernst Kraus, der hiemit einen neuen Beleg bringen wollte, dass man nicht nur böhmische sondern auch deutsche Handschriften fälschte, besprochen und als unterschoben erklärt. Eine Nachprüfung dieses Urteiles ist aber nicht möglich, denn der Text ist nach allem gar nicht deutsch sondern slavisch, da bisher nicht zu erfragen war, wo sich jene Handschrit heute befindet, denn Dr. Kraus musste sie auf jeden Fall noch in Wien studiert und in der Hand gehabt haben, da er doch nicht, ohne dieselbe j^enau zu kennen, sein vernichtendes Urteil abgegeben haben konnte. — Es scheint also, dass der Fortschritt der Wissenschaft auch noch heute nicht über jene Situation ganz hinaus ist, die wir im Titel als „vandalisch“ bezeichneten, nur verleiht der moderne Beisatz „Fälschung“ der Sache den Nimbus der moralischen Berechtigung. —-Noch sonderbarer ist es, dass alle Schriften, die irgendwo in der Erde vergraben oder verschüttet gefunden werden, immer gleich spurlos verschwinden. So wurde z. B. im Vorjahre eine Menge von Schriftrollen in einem verschütteten Hause in Unteritalien gefunden. Als sich betreffs des Textes verschiedene Gerüchte bildeten, beschlagnahmte die Regierung den Fund, und seither trat volles Stillschweigen darüber ein. — Überdies mag noch vieles unbeachtet und unverstanden in Archiven, Bibliotheken und Museen liegen; an den Neustre-litzer Funden zeigten wir bereits, wie so äusserst wichtige Funde gleich über 140 Jahre unbeachtet bleiben können, wenn Unwissenheit, Gehässigkeit oder Apathie daselbst regieren. Vielleicht rütteln wir hiemit wenigstens die solideren Gelehrtenkreise auf, sich solche Objekte doch noch einmal näher zu besehen. M. Z. Wissenschaftliche Fragen und Antworten. Hier werden ausschliesslich solche einlaufende Fragen veröffentlicht und fallweise beantwortet, die das Gepräge eines breiteren wissenschaftlichen Interesses tragen. Frage 12. — M. de Ch. (Paris) fragt an, wie man sich dies erklären soll, dass im Artikel „Die Geschichte von Igors Kriegszuge“ (Seite 123) auch die „Venetier“ („Venedici“) angeführt werden, trotzdem dies weder geschichtlich noch geographisch glaubwürdig erscheint. Antwort. Dieser Zweifel ist berechtigt und hätte der Verfasser dort als Anmerkung beifügen sollen: „Die nordöstlichen Karpathen Messen im Altertume „Venedische Berge“; es handelt sich daher hier nicht etwa um die Bewohner von Venedig oder Venetien (in Italien), sondern um die Slovaken bezw. Russinen, die jene Grenzgebiete bewohnen.“ — Claudius Ptolemäus (lebte im II. CJahr-hunderte n. Chr.) erwähnt in dieser Gegend die „Venedikä Öre“. Es war lange darüber ein Zweifel, welches Gebirge dies sein soll, denn im Raume von den Karpathen bis zur „Venetischen Bucht" (Ostsee) gibt es kein Gebirge. Prof. Niederle bringt unseres Wissens als der erste in seinem grossen Werke „Slovanske starozitnosti“ (I. Teil, 1. Heft S. 184) Klarheit in die Lage dieses Gebirges. — Auch ein sonstiger, wenn auch inferiorer Umstand bestätigt diese Annahme. In Deutschland, namentlich im Altenburgischen, nennt man die Drahtbinder oder Mäusefallenhändler nicht etwa Slovaken, wie sonst allgemein, sondern „Venediger“; und diejenigen, die glauben, es seien dies Italiener, beachten oder kennen eben nicht die Trachtenunterschiede und unterscheiden nicht die Sprache. — Es würde sich daher empfehlen, jene Aufklärung auf Seite 123 des „Staroslovan“ als Anmerkung 39a) zuzufügen. — Diese Entdeckung ist aber auch sehr bedeutungsvoll für die Echtheit jener Handschrift, denn da ist wieder ein Beweis erbracht, dass der Verfasser mit den „Venedikern“ nicht phantasiert hat, sondern dass umgekehrt die Kenntnisse der Feinde des „Igor-Liedes“ für die richtige Auslegung so vieler Stellen eben nicht ausreichten. Frage 13., — „Teutsch" und „Altslavisch“. — E. 0. (Posen) wünscht eine nähere Aufklärung über den Satz: „Die Ursprungsforschung nach allem, was heute als „teutsch“ gilt, dürfte daher auf alt-slavischer Sprachbasis zu einem überzeugenden Resultate führen." (Seite 98, A.) Antwort. — Die neueste Forschung führt zu folgender Erkenntnis: Es gibt nur eine — vorläufig — europäische Ur- oder Grundsprache. Alle heutigen europäischen Sprachen entwickelten sich aus dieser. Oe später sie abschwenkten, desto weniger ähneln sie aber der Ursprache, weil sich diese selbst mit der Zeit im praktischen Gebrauche änderte. Jener Ursprache am ähnlichsten ist aber heute nur noch die slavische, und darunter wieder die slovenische, weil sie die Urformen wie die Urbedeutungen der Grundbegriffe am originellsten erhalten hat. In diesem Sinne ist also „altslavisch“ und „ursprachlich“ bis zu jener Grenze, an welche wir die Ursprache noch verfolgen können, identisch. Trotzdem können wir von „ursprachlich“ da noch nicht sprechen, weil die Ursprache in jenem Momente, als sie noch die Kriterien des „Altslavischen" aufweist, auch nicht mehr die Urformen gehabt haben dürfte. Wenn wir aber trotzdem den Begriff „altslavisch“ für die älteste Form der historischen Allgemeinsprache gebrauchen, so ist dies durchaus als keine Konzession an die Slaven im modernen Sinne anzusehen, sondern als der relativ prägnanteste Terminus. Macht aber dieser Terminus jemanden nervös, so möge er sich gleich des Begriffes „ursprachlich“ bedienen, da er hiemit auch schon über die beiläufige Konsistenz jener Ursprache orientiert ist, aber wissenschaftlich kann die Tautologie aus den oben erwähnten Gründen eben heute noch nicht ausgesprochen werden, da auch die erziehlichen Bedingungen für dieses Verständnis noch mangeln. — Zum demonstrativen Beweise diene nur folgendes. Auf der nordfriesischen Insel Sylt wohnten angeblich immer nordische und deutsche Völker. Nun erzählt aber die Sprache der Sagen, Mythen und Ortsnamen daselbst das reine Gegenteil. Ein gewaltiger Meeresriese, der als Gottheit und namentlich als Rächer altes Unrechtes in hohem Ansehen stand, hiess „Boh“ (slav. = Gott). „Weda“ hiess der oberste Kriegsgott; er brachte den Kämpfern nicht nur das Glück in der Schlacht, sondern verlieh ihren Fahrten auch einen günstigen Wind. Dass das Wort „veda“ und „voda“ in der Etymologie identisch sind („vesti“ und „voditi“ = führen) und Führer bedeuten, weiss jeder Slave; überdies nannte man den ältesten Herrscher Dänemarks „Voda, Vodan“. — Ein Wiesenteil heisst dort „laagh“, im Slavischen „loka, louka“. Floh der Totschläger nach der Tat, so rief man am Grabe des Erschlagenen dreimal laut „wraek“, um ihn der Rache Gottes zu überantworten; und „vrah, vrag“ heisst doch im Slavischen: Mörder, Bösewicht. Im Gotischen und Altsächsischen hiess es auch „vracja“ und „vrage“; das anglo-sächsische „vragk“ oder „vrage“ wollte man auch schon aus dem neuhochdeutschen „Rache“ deduzieren. Bei den Nordfriesen hiess ein solches Malefizgericht: Wrage - Gericht. — Dasselbe gilt für die topischen Namen. Ein verschwundener Wachtturm bei Keitum hiess „Tipka“, d. i. „divka“ = Ausblick; ein Wachihaus des Namens „War-dyn, Wardum“ ist voralters vom Dünensande vernichtet worden; und das slavische „varda, varta“ bezeichnet doch ein Wachthaus, einen Wachtposten. Die künstlich aufgeworfenen Hügel, die man als Schutz- oder Verteidigungspunkte errichtete, heissen noch heute „Boj-ken“- („boj“ = Kampf) oder „Tinghügel“ („tin“ = Umzäumung, Umfassung) usw. — Der Beweis, dass ein Wort oder ein Name einer bestimmten Sprache angehört, muss aber in je-nemMomente aiserbracht angesehen werden, als die Etymologie auch der Eigenschaft des damit belegten Gegenstandes entspricht. Frage 14. — Einheitliches slavisches Alphabet. — Mehrfach wurde angeregt, es möge der „Staroslovan“ auf die Einführung eines gemeinsamen Alphabetes für alle Slaven arbeiten. Antwort. — Das Streben nach einem gemeinsamen Alphabete aller Slaven ist schon etwa 150 Jahre alt, führte aber bisher zu keinem Erfolge. Der erste, der hiezu die Anregung gab, war unseres Wissens der als bedeutendster Slavist des XVIII. Jahrhundertes geltende Slovene Ivan Popovič (1705—1774). Mit der gleichen Idee beschäftigten sich weiter auch die. Böhmen Pölzl und Dobrovsky, dann der Slovene Kopitar. Um das Jahr 1844 arbeiteten im gleichen Sinne auch Jordans „Slavische Jahrbücher“ (Leipzig). Erwähnenswert ist folgende Stelle in einem Briefe Dobrovskys an Kopitar (März 1810): „Es beginne also eine neue slavische Akademie, wie Sie es wünschen. Es versammeln sich in Wien, mit oder ohne Präsidenten, die slavischen Männer und heben ihr Werk gleich damit an, dass sie ein ABC aufstellen. Herr Kopitar besteige die Tribüne und rede von der Notwendigkeit einer gleichförmigen Schreibart. Er schlage die lateinischen Lettern vor. Berühre zugleich, wie der Sache schon Popovič habe abhelfen wollen. Die Russen und Serben eifern für die Beibehaltung der cyrillischen Lettern; die Glago-liten lassen sich eher bereden ihr Alphabet aufzugeben. Endlich werden doch die Cyrillianer überstimmt und die lateinischen Schriftzüge beliebt usw." — Es sei hier nur noch das Ende dieser Akademie angeführt, das bei dem gegenseitigen Mangel an Einsicht und Solidarität, dann dem Misstrauen und der Besorgnis durch die gegenseitige Annäherung an der eigenen Individualität einzubüssen, nur negativ sein konnte. Dobrovsky schreibt im gleichen Briefe darüber: „Die erste Sitzung hat ein Ende und es wird nichts ausgemacht, als dieses: man soll mit lateinischen Lettern schreiben, indes aber behelfe man sich wie man kann. — Zweite Sitzung : Bilz’ Projekt wird vorgelegt. Man lacht, einige zürnen und lassen es gar nicht zu Protokoll bringen. Nach einigen Sitzungen, worin man immer noch nicht einig wird über die nötigen Zeichen zum Schreiben, bleiben mehrere Mitglieder aus und die Akademie wird aufgelöst, d. h. sie hört von selbst auf.“ — Das Streben nach einer einheitlichen Schrift oder doch nach einem gemeinsamen Alphabete für alle Slaven ist daher seit langem ein latentes, und wäre gewiss bei einigem Entgegenkommen und ohne tiefer fühlbare Verkehrs- oder Unterrichtssiörung leicht in offene Tat umzusetzen, denn es ist doch ein bedenkliches Versäumnis, dass wir heute gegenseitig ohne Vorstudien unsere Schriften nicht einmal lesen können. Welchen Zweck hat die komplizierte Schreibweise des Polen, der doch alle seine Begriffe genau.und gerade so einfach darstellen könnte, wie etwa der Slovene, der unter allen Slaven die einfachste Schreibweise besitzt? Weshalb schreibt der Pole ein „6“, das er als „u“ ausspricht? Schreibe er da gleich ein „u“ ! — Die Böhmen haben sich in jüngerer Zeit eine Menge Dehnungszeichen zurechtgelegt; doch auch die anderen Slaven sprechen die Vokale hart oder weich, kurz oder lang aus, bedürfen aber keiner solchen Zeichen, denn jeder fühlt in seiner Muttersprache die Modulation ohnehin automatisch richtig heraus, ein Fremder eignet sidi hingegen trotz aller diakritischen Zeichen hiezu selten das richtige Gehör an. — Der Leidende dabei ist aber der Schüler, denn wie viel unnötige Zeit vertrödelt z. B. der russische, polnische oder böhmische Studierende, ehe er über die richtige Schriftkenntnis hinauskommt! Hoffentlich erreicht das Bewusstsein, dass sich die Slaven untereinander weit besser verstehen würden, wenn Alphabet und Schrift überall dieselben wären und derartige Bretterwände die gegenseitige Annäherung nicht so erschweren würden, in absehbarer Zeit seine Edelreife, doch müsste an der Erziehung dieses Notwendigkeitsverständnisses alle Intelligenz kräftigst mitarbeiten, nicht aber im Gegenteile stets kleinlichen Sonderinleressen selbst unterliegen. 3. T. Frage 15. — Arda — Varda. — A. S. (Breslau) fragt, wie man die Behauptung, dass „Arda" aus „Varda“ (Seite 89) hervorgegangen sei, begründen könne. Antwort. — Aus Analogien. Die am Vardar-Flusse (Macédonien) Wohnenden hiessen z. B. bei Livius noch „Vardaei“. Strabo hingegen nennt sie schon, da das Griechische kein „v“ hat, als Arda eer; ihm folgt der Lateiner Appianus (Mitte des II. Darhundertes n. Chr.), der sie demnach auch schon nur mehr „Ardaei" nennt. — Es ist dies ein deutlicher Fingerzeig, dass der heutige slavische Name „Vardar“ auch schon bei den illyrischen Slaven der vorrömischen Zeit so lautete, und nur bei der Übernahme in andere Sprachen verstümmelt wurde. Bekanntermassen wurde das anlautende „v“ auch sonst vielfach zu „u“, oder schliff sich überhaupt im Gebrauche ganz ab. Frage 16. — Der Dubelpriester Ivan Žan (Laibach), der im Dahre 1851 die Vorlesungen Dan Kollars auf der Universität Wien besuchte, sandte uns seine Notizen aus jener Zeit zu. Darunter befindet sich auch die Erklärung des Begriffes „misisla“. Dieses Wort steht nämlich auf einer Statuette der wendisch - heidnischen Devotionalien, die aber im Werke „Slavische Runendenkmäler“ deshalb nicht aufgenommen wurde, weil dem Verfasse^ die Inschrift sprachlich nicht verständlich war. „Misisla“ soll aber (nach Kollar) eine altslavische Bezeichnung für den Dudelsackpfeifer sein; das Grundwort ist „meh, meh, miech“ = windische Pfeife, Dudelsack, Bockpfeife. — Dene Bronzefigur ist tatsächlich in wendischer Kleidung (kurzer Rock, Ärmelaufschlag, pelzverbrämte Mütze) dargestellt, die eine Sackpfeife bläst. — Ist der Begriff „misišla, misislja“, oder doch in ähnlicher Form, noch irgendwo im Gebrauche, kommt er wo in der slavischen Literatur vor oder ist er etwa nur als eine auf die Bronzefigur von Kollar selbst festgelegte sprachliche Erklärung anzusehen? — Bibliographie. Alle einlangenden Werke werden grundsätzlich mit Titel, Verlag und Preis angeführt; jene, welche altslavische Themata berühren, auch kurz besprochen, eventuell noch später eingehender gewürdigt. — Unaufgefordert zugesendete Werke werden nicht zurückgestellt. i'Mann ¿¡F. <$., ¿Das ¿Roland - ¿Eied als Qeschichtsquelle und die Entstehung der ¿Roland- Säulen. — Leipzig 1912. — Verlag Dieterich. (8°, 173 S.) — Preis 4 M 50 Pf. (5 K 40 h). Eine allgemeine Besprechung dieser interessanten neuerschlossenen altslavischen Geschichtsquelle erfolgte bereits auf Seite 164— 168. ¿Rziha CG. ¿B., Sozidanie Skadra. Srbskaja bilina. („Die Erbauung Skutaris“. — Eine serbische Sage.) — Niznij-Novgorod 1913. — 15 S. — Bibliothek „Slavjanskoe ctenie“. — Preis 25 h (10 kop.). Ein in der Idee und Wahl allgemein zu begrüssender Anfang, die Kenntnisse schöner alislavischer Volksdichtungen den Russen einzeln und billig zugänglich zu machen. — 3. H. 2)oll 3oh. 3)r., Seeon, ein bayerisches Inselkloster. — München 1912. — Verlag Herder. — Preis 2 K 40 h. Unsere Leser dürfte in dieser Monographie besonders die Erwähnung interessieren, dass der Einfluss Böhmens im späteren Mittelalter auf die Literatur des Klosters eine auffallende Erscheinung bildete, die wohl auf die im Jahre 1348 gegründete Universität Prag zurückzuführen ist. Schon im XIV. Jahrhunderte wird der Mönch Friedrich Holzner aus Prag (f 1393) als „scriptor optimus“ gerühmt; desgleichen ist ein Algorithmus, ein Lehrbuch der Rechenkunst, aus derselben Zeit zum grössten Teile böhmischen Ursprungs, wie auch das Buch des Neumarkter Malers Hans „Beemsch“ in dessen Muttersprache verfasst. Bei der Visitation vom Jahre 1600 wird ein Andreas Löhner als „artium magister Bohemus“ erwähnt. Dr. E. W. ‘Witte <5. de, 2)jejstvitelnost. („Die Wirklichkeit“.) Teil XV.— Selbstverlag. Podborki (Kazan-Gouvernemenl) 1913. — (8°, 152 S.) — Die auf slavisch - kulturgeschichtlichem Gebiete rühmlichst bekannte Schriftstellerin de Witte behandelt in diesem Hefte die nationalen Hegemonie-Kämpfe der Deutschen und Böhmen, nachdem sie früher auch schon alle sonstigen Gebiete der Slaven Österreich-Ungarns bereist, die Verhältnisse an Ort und Stelle unvoreingenommen angesehen und dann ihre Eindrücke niedergeschrieben hat. — Diese umfassenden ethnographischen Aufklärungen sollen vor allem die Russen über die wirklichen Verhältnisse der österr.-ungarischen Slaven näher orientieren. J. H. c\)idensky 3ranz ¿B., Svaty 3Costyn, ve svem püvodu a svych osudech. („Der hl. Hostein, dessen Gründung und Schicksale“.) — Prag 1913, 8°, 160 S. — Verlag der „Nachfolge des heil. Johannes Nep.“ Der Verfasser trug hier mühevoll und sachlich erschöpfend alles zusammen, was seit den ältesten Zeiten über diese denkwürdige Lokalität bekannt ist, und schuf so einen mustergültigen Weiser für jede Kategorie der Besucher des Hostyn. Von unserem rein wissenschaftlichen Standpunkte würden wir jedoch wünschen, wenn bei einer Neuauflage die militärgeschichtliche Würdigung des Hostyn noch eine Weiterung erfahren würde, denn der reale Ursprung dieses nun so berühmt gewordenen Wallfahrtsortes ist derselbe wie überall: der Hostyn war eine durch die Natur wie Kunst gut vorbereitete Zufluchtsstätte der Bewohner der nordöstlichen Hana bei feindlicher Gefahr schon in der prähistorischen Zeit. Nachdem bei solchen Anlässen viele Bewohner im Kampfe fielen und an Ort und Stelle begraben wurden, feierte man das Andenken derselben an gewissen Jahres- und Gedächtnistagen durch Besuch dieser Stätten, was sich sodann weitervererbte und schliesslich allgemein wurde. Es war also eine Art Gräberbesuch, wie er jetzt am 1. November im kleinen stattfindet, im grossen Stile, weil es sich da um verdiente Personen handelte, die im Kampfe für die Freiheit, das Vaterland, die Religion u. dgl. daselbst als Opfer fielen. — Es kann hier auch nicht unerwähnt gelassen werden, dass alle bedeutenden Wallfahrtsorte Europas toponomische oder historische Reminiszenzen slavischer Provenienz aufweisen, also samt und sonders einer Zeit entstammen, als noch die Slaven das Hauptkontingent der Bewohner in Europa bildeten. — So hielten sich z. B. die Slovenen im XV. Jahrh. in Aachen noch einen ständigen slovenischen Prediger und unternahmen jährlich dahin Wallfahrten, weil dieser Ort jedenfalls durch ununterbrochene Traditionen seit der Zeit, als sie noch dort wohnten, einen besonderen Pietätscharakter behielt. Ein wertvolles Bild des Werkes ist jenes auf Seite 33, das wir hier auch wiedergeben. Dasselbe ist mit der Jahreszahl 1723 signiert, was jedoch eine Berichtigung erfordert, denn dieses Datum kann jenes der Kopie sein, niemals aber das des Originales. Im Vordergründe sieht man nämlich noch die Burg „Chum“ (heute „Chlum“). Diese wurde jedoch bereits um das Jahr 1425 von den Hussiten zerstört und ist auch später nicht mehr aufgebaut worden. Das Originalbild muss also schon vor der Zerstörung dieser Burg entstanden sein, denn im Jahre 1723 hätte kaum jemand eine Burg auf das Bild aufgenommen, deren Äusseres schon seit 300 Jahren aus dem Volksgedächtnisse entschwunden ist, oder hätte sie im Geiste derart richtig rekonstruiert, wie dies die heutigen Umwallungsreste noch rechtfertigen. Für das höhere Alter des Bildes spricht auch die Örtlichkeit des Tatarenlagers. Die Volkstradition verlegt dasselbe überallhin, nur nicht hierher, und doch konnte dasselbe nicht allein der Wasserfrage wegen, sondern vor allem aus taktischen Gründen nur hier gewesen sein, denn den Hostyn wird niemand von einer anderen Seife angreifen, als von der westlichen (über das Dorf Slavkov), weil diese die schwächste in der Stellung des Verteidigers ist, da sie dem Gegner knapp bis an den Wall tote Räume bietet. Die übrigen drei Seiten sind hingegen auch für einen Teilerfolg eines Angriffes aussichtslos, und paralysierte man die Versuche hier vorzudringen, die lediglich die Absicht haben konnten, den Verteidiger zu zersplittern, durch das auch in der Königinhofer Handschrift erwähnte Herabkollern-lassen der 20 gefällten Bäume. Der Berghang muss demnach damals sehr spärlich bewaldet gewesen sein, was auch das Bild bestätigt, indes spätere Bilder schon ringsherum den Wald andeuten. — Die vorliegende Illustration muss daher bereits aus den Jahren 1241—1A25 stammen, ist daher schon deshalb wertvoll, weil sie das sonst äusserst seltene Bild einer slavischen Burg aus dem XIII.—XIV. Jahrhunderte bietet. (Die Richtung der Pfeile zeigt die Burg an.) M. Z. Ergänzungen und Berichtigungen. I. In der Tafel I. (zur Seite 81) sind die Schriften einiger Münzabbildungen nicht genügend hervorgeireten, da sich die Druckerschwärze mit der Bronzefarbe ungern bindet. Die Figuren la), b) und c), dann 3, 5 und 8, welche die Schriftprägungen schwer nachprüfen lassen, werden daher nachstehend noch in schwarzer Manier beigefügi. Fig. 3 Fig. 5 Fig. 8 II. „h'una“ bedeutet in Dalmatien auch Mädchen, namentlich jenes, das sich beim Kolo-Tanze in der Mitte befindet. Jenes Kolo heisst daher auch „Kuna“-Kolo. Das auf Seite 61 erwähnte „kunigovanje“ ist sonach auch sprachlich nichts weiter, als der Abend vor der Trauung, also Mädchen- oder Jungfrauabend. — Überdies gebrauchte man im Lateinischen auch denselben Begriff als „jus cunni, jus cunnagii, connagium“. III. Im Aufsatze „Die Geschichte von Igors Kriegszuge“ handelt es sich doch um den Eigennamen der heutigen Stadt „Bjelgorod“ (am Donec) und nicht um einen Gattungsnamen. Es ist daher auf Seite 116, Zeile 14 von unten statt „bjela grada“ — „Bjelagrada“, und demnach auf Seite 127, Zeile 18 von unten auch statt „aus der weissen Burg“ — „aus Bjelagrad“ zu lesen. TAFEL II. (zur Seite 210). Die Handschrift von Grünberg. (Das älteste bisher bekannte slavische Schriftdenkmal.) Faksimile der 8. (letzten) Seite in Originalgrösse. es also durchaus nicht notwendig isi, den so ungemein umständlicheren und aussichtsloseren Weg des Fälschens zu betreten. Archäologen, die sich nur kurze Zeit mit Ausgrabungen beschäftigen, bringen auf diese Art bekanntermassen sehr bald ein kleines Museum zusammen. ad b) Nun soll Sponholtz noch einen zweiten Mitwisser und Helfer in dem Goldarbeitergehilfen gehabt haben, der dessen Mentor im Runenfache war. Man hat aber bei diesem Verleumdungsfeldzuge ganz übersehen, dass Maschs Werk dazu bei weitem nicht genügte, denn diese Bronzen haben zum Teile wohl die gleichen Buchstaben und bieten gleiche oder sehr ähnliche Namen, zum Teile aber auch ganz verschiedene Alphabete und bisher unbekannte Texte. Diese Behauptung schliesst daher eine aufgelegte Unwahrheit in sich, und wurde wohl nur unter der optimistischen Voraussetzung aufgestellt, dass daraufhin niemand mehr eine Nachkontrolle üben wird, was auch beinahe zugetroffen wäre. Da aber schon seinerzeit festgestellt wurde, dass der erwähnte Gehilfe weder die Runenschrift kannte noch etwas vom Slavischen, — vom Altslavischen ist ja schon gar keine Rede —, verstand, so müsste er demnach mehrere Vorlagen gehabt haben. Hiemit kommen aber die Fälschungsenthusiasten in ein noch peinlicheres Gedränge: woher kamen nun diese Vorlagen?! Und waren auch diese gefälscht, so müssen wir zum Schlüsse doch zur echten Vorlage kommen, daher der Streit in dem Momente endet, als man das Vorhandensein einer echten Vorlage zugeben muss. Und solche waren einmal bestimmt da, und können nur von jemandem stammen, der die altslavische Sprache vollkommen beherrschte sowie die slavische Runenschrift in allen ihren Varianten kannte. Hingegen ist es für unsere Kulturbeweise ganz gleichgültig, ob die vorliegenden Bronzen noch Originale oder aber schon Duplikate sind; wir können daraus lediglich folgern, dass die Erzeugniszeit der Originale umso älter ist, je zahlreicher die Vervielfältigungen an den Tag treten. Was aber auf diese, nach Ablauf von kO Dahren nach dem Funde und 30 Oahre nach dem Tode Sponholtz’ geführte Nachforschung überhaupt zu geben ist, in der nahezu eine ganze Generation abstirbt, und die ausschweifendsten Märchenbildungen, vage Vermutungen und die geschwätzige Fama die Wahrheit leicht überwuchern, ersieht man am besten daraus, dass die nüchterne Aussage des bei 5ponholtz durch sieben Oahre bediensteten archäologischen Gräbers Daniel Boye dabei ganz überhört, hingegen alles Sonstige ernst auf- Zunkovic : „Slavische Runendenkmäler“. 4 genommen wutde, weil man es eben so haben wollte und brauchle. Zum mindesten ist es wahr, dass Sponholtz jahrelang und sehr fleissig Nachgrabungen vornahm, da er sich einen eigenen archäologischen Gräber hielt; gegraben wurde somit auf jeden Fall, denn sonst hätte man Sponholtz auch nicht bei Lebzeiten den Namen „Schatzgräber“ beigelegt, und dass dabei interessante Funde gemacht worden sein müssen, kann man schon daraus folgern, dass eben viele Jahre hindurch fortgegraben wurde. — Nebstbei war es bekannt, dass der Herzog Adolf von Mecklenburg die unumschränkte Erlaubnis gegeben, Sponholtz dürfe auf den Staats- und Hofdomänen nachgraben, wo es ihm beliebt, und wurden ihm sogar die Arbeitskräfte unentgeltlich Karte der Umgebung von Prillwitz. — Maßstab: 1 cm = 1 km. beigeslellt. Die Motive der Verdächtigung bezw. Fälschungserklärung beruhen daher, wie bei allen analogen Fällen, entweder auf historischen Wissensmängeln oder krankhafter Sucht, altslavische Kulturbeweise nicht aufkommen zu lassen. Nun haben aber die Verleumder noch etwas sehr Wichtiges übersehen ; es gibt nämlich in keiner Gegend Deutschlands so viel Hünen-Gräber, wie gerade hier an der Landesgrenze um den Tollense-See. Die beigegebene Militärkarte weist in dem verhältnismässig kleinen Territorium allein schon vier Lokalitäten als „Hünen-Gräber“ auf, trotzdem solche Terrainobjekte, da sie militärisch keine besondere Bedeutung haben, nur dann aufgenommen werden, wenn sie beson- ders auffallen. — Es isf daher durchaus kein Zufall, dass hier so lange gegraben und so viel gefunden wurde, und wäre wohl noch heule eine Menge Gleiches oder Ähnliches zu finden, wenn man die Nachgrabungen rationell forfsefzen würde, was wohl den schlagendsten Beweis bringen müsste, dass es sich hier absolut um keine Schwindeleien handle. Diese Bronzen, die alle als Beigaben in allen Gräbern gefunden wurden, daher hier auch als „Grab-Amulette“ gekennzeichnet werden, machen den Eindruck eines höheren Alters als die Devotionalien und stützen die Schrifttexte mit ihren originellen Sprachformen sowie die im allgemeinen weniger kunstvolle Ausführung diese Annahme. Als Beispiele, wie die Bronzen dieser Sammlung aussehen, werden nachfolgend nur acht derselben dargestellt, umsomehr als die Zeichnungen Potockis nur einen flüchtigen Charakter haben, sonach nicht in allen Teilen als unbedingt getreu angesehen werden können. Diese Objekte könnten daher erst dann einer genauen wissenschaftlichen Behandlung unterzogen werden, bis sie an Ort und Stelle studiert oder doch photographisch reproduziert werden können, was einstweilen unmöglich ist, weil die dermalige Leitung des Grossherzoglichen Museums in Neustrelitz diese Nachkontrolle der fixen und traditionellen Idee wegen, diese Objekte seien gefälscht, verweigert, d. h. in die Wirklichkeit umgesetzt, der beschämenden wissenschaftlichen Entgleisung in dieser Sache die Mauer macht, denn wäre 4* man überzeugt, dass es Fälschungen sind, so würde es gewiss niemandem einfallen, einer Überprüfung hinderlich zu sein; nur die Falschmünzer arbeiten bei verschlossenen Läden und stemmen sich gegen die Türe, wenn die Polizei Einlass heischt; eine ehrliche Sache verträgt hingegen jede Kontrolle. Fig. 1. — Bronzestatuette mit der Inschrift „rjeira" auf der Vorder- und „romavo“ und „eljei . . n“ auf der Rückseite; zwischen dem „i“ und „n“ scheinen 2—3 Laute durch die Oxidierung verschwunden zu sein. Der Laut „v“ ist hier wesentlich anders als in (Vorderseite.) Fig. 2. (Rückseite.) Masch dargestellt, ist aber auch keine Erfindung ad hoc, denn dieselbe Darstellungsweise hat auch ihre Analogien bei den Steinen von Mikorzyn, die später besprochen werden. Fig. 2. — Bronzestatuette; hat auf der Rückseite die Inschriften: „bjelbog, svantevitj, remtra“, wobei namentlich das „b" und „v“ wieder von jenen des Masch stark differieren. Fig. 3. — Bronzestatuette mit der bisher noch unbekannten Inschrift „balduri“. Die Vorderseite zeigt zwei Köpfe, deren unterer sich später bei den Urnensteinen in ähnlichen Konturen vorfindet. Fig. 3 a. Fig. 3b. (Dürfte die Rückseite sein.) Fig. k. —, Bronzestatuette vorne mit der Inschrift „rag.it“, rückwärts mit „rjetra“ und „kare-vjit“, also zwei Namen, die sonst nicht Vorkommen. Fig. 5. — Bronzestatuette; zeigt auf der Rückseite eine verzierte und von jener des Masch stark abweichende Schrift; das Alphabet scheint jünger zu sein ; das Lesen ist unsicher, weil die Buchstaben vielfach verzerrt sind und nicht in einer Linie liegen. (Vorderseite.) Fig. 4. (Rückseite.) Fig. 5. (Rückseite.) Fig. 6. — Bronzestatuette mit der Inschrift „rjetra“ und „voda“ auf der Vorder-, und „kodebu“ auf der Rückseite. Fig. 7. — Bronzestatuette mit der Inschrift „tsiba“ und „rjetra“ („rjeetra“). — Dass die „Göttin“ Živa sonach eine schöne Mädchen- gestalt oder überhaupt ein weibliches Wesen bezeichnen müsste, geht daraus wohl nicht hervor, denn hier zeigt die Figur einen Hundekopf; Fig. 6 a. Fig. 6 b. dass aber derselbe Fälscher eine Personifikation derart variieren würde, ist geradezu ausgeschlossen, sofern er hie-mit wirklich die Göttin der Liebe oder Ehe darstellen wollte. Fig. 8. — Kleines, mondsichelartiges Bronzeamulett. Die Rückseite (rechte) zeigt in sonst abweichender Schrift einen Text, dessen Lesung unverlässlich ist, da man nicht weiss, wohin der isolierte Buchstabe einzureihen ist; die Vorderseite (linke) stellt jedoch das Profil eines (Vorderseite-> Fi§- 7- Rückseite.) Kopfes mit ehrwürdigem Aussehen dar; die Umschrift „bogotec“ oder „bogotce“ (= Gottvater) klärt aber die beigegebene Figur näher auf. Dieser Begriff wird bei den Slaven noch heute als „bog oče“ oder „bog otec" allgemein gebraucht. Welche Lesung die richtigere ist, das ist noch nicht klar, da man in der Schlussligatur sowohl das „c“ als in das „e“ eingelegt, wie auch umgekehrt, lesen kann; wie erwähnt, sind aber beide Formen zugleich noch heute sprachgebräuchiich. — Es scheint, dass dieses Stück bezw. die Darstellung der obersten Gottheit in dieser Art uralt ist, denn nicht nur die christliche, sondern auch die heidnischen Religionen stellten den „Gottvater“ stets mit einem ernsten und ehrwürdigen Gesichte dar, wie z. B. die Griechen den Zeus, die Römer den Dupi-ter, die Ägypter den Serapis, die Wenden den Perun u. a. Fig. 8. c) Die Urnensteine von Mecklenburg. (Sammlung Sponholtz.) Auf den Dorffluren von Prillwitz, Neubrandenburg, Berenstorf, und Trollenhag (Mecklenburg - Strelitz) fand der Altertumsforscher Gideon Sponholtz, der kurz nach dem Dahre 17% gestorben sein muss, verschiedene mit Runen und primitiven Figuren gezeichnete Steine. Er nannte sie Familien steine, in der Meinung, dass die Mitglieder einer Familie stets an derselben Stelle beigesetzt wurden, wo ihr Runenstein lag. Dies scheint jedoch nicht zuzutreffen, denn die Steine lagen entweder auf den Urnen selbst, vermutlich zu dem Zwecke, um das Eindringen von Erde zu verhindern, oder aber daneben, wenn die Urne schon zusammengebrochen war. Die Sleine sind dem Gerolle, wie es um den Tollense-See allgemein vorkommt, entnommen und gehören Urgesteinsgattungen an. Der grösste Stein wiegt fast 10 kg, der kleinste nur 1/i kg. Sie haben alte ihre natürliche rohe Gestalt behalten; nur einige sind an jener Stelle geebnet, welche nun die Schrift oder Figur aufweist. Die Runenschriften weichen bis auf einen Fall von den normalen nicht ab; die Texte sind jedoch, — ausgenommen die Namen „Mitra“ und „Sieba“ —, nur als Initialen oder höchstens Anfangs- Silben ausgeführt. Die Figuren sind ausschliesslich in Silhouettemanier dargestellt; wahrscheinlich war die Härte des Gesteins ein Hindernis für ausführlichere Darstellungen. Ansonst stehen diese Inschriften und Figuren mit jenen der Bronzefunde im innigen mythologischen Zusammenhänge, da sich hier dieselben Namen (bis auf „Mitra“) und figürlich auch dieselben Attribute wiederholen; die sprachliche wie religiöse Provenienz ist daher bei allen drei Sammlungen dieselbe oder doch eine organisch verwandte. Masch, der die Rjetra-Statuetten beschrieb, kannte diesen Fund noch nicht, da er eben nach ihm, etwa in der Zeit von 1785—1793 gemacht wurde. Der erste, welcher diese Steine eingehend beschrieb, war Friedrich v. Hagenow,*) dem es auch gelang, da auch diese Steine sofort als Fälschungen erklärt wurden, jenen archäologischen Gräber Boye ausfindig zu machen, der bei Sponholtz durch 7 Dahre in diesem Dienste stand, zu gerichtlichen Aussagen zu bringen. Boye hat nun ungefähr 30 Dahre später glaubwürdig die natürliche Herkunft dieser Runensteine aufgeklärt und konnte sich bei den interessanteren noch erinnern, auf welcher Flur sie gefunden wurden. Er erzählte weiter, dass sie am Wasser nächst Prillwitz 10 Bronzefiguren ausgegraben haben, die wie kleine Vögel (vgl. Fig. 6 Seite 52) aussahen. Ausserdem wurden sonstige verschieden geformte Erzstücke sowie auch etliche alte Münzen in Urnen gefunden; er besass auch selbst einiges hievon, verlor aber bei einem feindlichen Überfall (180S—1807) alle seine Habe und darunter auch diese Altertümer. Einige Erzstücke, die seinerzeit als wertlos zurückgelassen, wurden, holte Boye noch und übergab sie Hagenow im Dahre 1826 als Beweis, dass er wahr gesprochen. Ebenso seien damals kleine und grosse Dolche mit Griffen aus feinem Dukatengold sowie auch andere Metallgegenstände gefunden worden, wie: Ärmgeschmeide, Ringe, Sporen, mehrere Ochsenfiguren, Tränentöpfe u. ä. Herzog Adolf von Mecklenburg, der von der Sammlung wusste, erwarb sie später von Sponholtz um eine Dahresrente von 300 Talern und 6 Faden Holz. — Es sollen sich auch weit mehr Urnensteine in der Sammlung befunden haben, doch gingen später im Museum zu Neustrelitz, wo sie frei umherlagen, ja bis heute unbewacht liegen, bis auf 14 alle verloren. Fig. 1 stellt den „Radegast“ dar, was nicht nur das typische Attribut — die Gans — auf dem Kopfe, sondern auch die beigesetz- *) Hagenow F. v., Beschreibung der auf der grossherzoglichen Bibliothek zu Neu-Strelitz befindlichen Runensteine usw. — Loitz 1826. len Runen RAD bestätigen. Bei diesem Urnensteine fehlt augenscheinlich ein Stück, da die Zeichnung wie die Schiift bis an den Rand geht. und diese Runenformen sonst nicht Vorkommen. Fig. 3. Hier findet sich wieder dieselbe Mitlelfigur und ober derselben eine Tierfigur. Am unteren Rande steht wieder „RAD“ (Radegast); obenjist unter einem horizontalen Striche ein 5 (oder / und A), in der Mitte ein M, Fig. 4. und links ein / und N, deren Bedeutung einzeln wie zusammenhängend unbekannt ist, oder nicht verlässlich gedeutet werden kann. Fig. k stellt augenscheinlich eine Schlange (oder Fisch?) dar; um die Figur sind k Buchstaben angebracht, von denen nur A und M sicher lesbar sind. Bei diesem Steine ist auch die Rückseite beschrieben; um einen Kreis in der Mitte, stehen die Buchstaben: R, G, L, A, E (N?) und M, die jedoch, wie und wo man sie zu lesen beginnt, keinen orientierenden Text bieten. Fig. 5 trägt die klare Inschrift „cirn“, deutet also auf den „cirnbog“. Fig. 6. Die Figur mit einem Strahlenkranzkopfe und einem Stabe in der linken Hand, trägt die Aufschrift „mitra“. Der Name .ist schon aus anderen Mythologien bekannt und deutet auf einen hohen Würdenträger oder eine besondere Gottheit, denn die „mitra“ ist noch heute das Symbol hoher kirchlicher Würde. — An der Seite hat dieser Stein auch noch 2 Zeichnungen und den Buchstaben A eingraviert. Fig. 7. — Zwei Gesichtsmasken mit den Buchstaben M, Iund A. Fig. 8 zeigt eine derbe Figur, welcher der schon bekannte Name „Sieba“ beigesetzt ist. Sollte dies wirklich Živa heissen, so ist dies ein Rätsel, weshalb der Name nicht entsprechend geschrieben ist. Das A am Schlüsse ist auch nicht so dargestellt wie sonst. <*( \V\ Fig. 9 stellt nur einen Kreis dar, der die Schrift AIM (oder umgedreht ZIK) einschliessf. Fig. 10 zeigt dieselbe Aufschrift „AIM“ (oder ZIA), wie Fig. 9. Die Schrift ist an der Schmalseite des Steines angebracht. Fig. 8. Fig. 9. Fig. 11. Hier ist der Stein ebenfalls nur an der Schmalseite be- schrieben und trägt die deutliche Schrift „BIL“, also vermutlich „Bilbog“. Fig. 12 zeigt ein grosses mit 5 Strahlen versehenes R, und überdies die Schrift G(K) und R; in der Mitte zwischen beiden ist eine Ligatur, deren Grundbuchstaben man gewöhnlich als fliest; der hineingelegte Laut ist /. Fig. 13 zeigt wiederein/?; für die übrigen Striche fehlt jeder Anhaltspunkt für eine Erklärung. Fig. 14 zeigt zwei gekreuzte Vogelköpfe ; vermutlich sind es Tauben, und gab man dieses Symbol wohl einem verstorbenen Liebes- oder jungem 12. Fig 11. Ehepaare ins Grab. — Man behauptet allgemein, dass dies Falkenoder Sperberköpfe seien, doch ist dies schon deshalb abzuweisen, weil der Runenschneider da wohl auch leicht den Typus der Falkenschnäbel zum Ausdrucke gebracht hätte, was aber hier nicht zutrifft. Betreffs aller dieser drei Sammlungen kann zum Schlüsse die sprachgeschichtlich gestützte Vermutung ausgesprochen werden, dass die Urnensteine wahrscheinlich die ältesten, die Devotionalien hingegen als die jüngsten unter diesen Runendenkmälern anzusehen sind. Die Handhabe für diese Ansicht bieten namentlich die Namensformen mancher Gottheiten, die z. B. bei Masch schon „belbog, cernbog“ lauten, also schon von der primären Etymologie sichtbar abweichen, während sie auf den Runensteinen noch als „bil, cirn“ verzeichnet sind; „belbog“ konnte sonach nur mehr jemand schreiben, der „bei“ schon für weiss hielt und nicht mehr für hoch („vel, vil“). — Noch weniger lässt sich eine konkrete Altersangabe ansetzen, denn man weiss nur, wie bereits erwähnt, dass schon zu Thietmars Zeit (f 1018) über den Götterkult, die Götzennamen und die altwen-dischen Begräbnisgebräuche die Traditionen sehr verworren waren; überdies hingen die Wenden zu jener Zeit nur mehr geheim am Heidentume und ist es offenkundig, dass die wendische Sprache damals auch schon nicht mehr so rein war, wie sie sich hier darbietet. Chronologisch approximativ kann man daher kaum viel fehlen, wenn man die älteren Funde vor, die jüngeren nach dem Beginne der christlichen Zeitrechnung einreiht. Desgleichen bildet die Qualität der Grabbeigaben keinerlei Orientierungsmittel, denn solche waren bei den Reichen wie bei den Armen Fig. 13. Fig. 14. jederzeit verschieden, wobei stets die Vermögensverhältnisse des Begrabenen entscheidend sind. Der Reiche erhielt daher z. B. eine Radegast-Figur aus Bronze oder gar Gold ins Grab mit, der Arme nur einen Stein, der einen derben Umriss oder nur das Monogramm desselben Gottes aufwies. Ansonst weichen aber jene vorgeschichtlichen Begräbnisgebräuche doch von den heutigen in nichts ab. Auch heute wird dem Verstorbenen ein Bild, ein Kreuz, ein Paternoster, eine Devotionalie mitgegeben; auf dem Sarge werden Kreuze, Engelsköpfe, Allegorien angebracht; auf dem Grabe werden Gedenksteine mit Figuren aufgestellt, wie jene des Christus, Marias, eines Engels, eines Genius, eines Totenkopfes oder überhaupt Darstellungen, die der persönlichen Verehrungsrichtung des Toten am nächsten standen. Wie aber nun der Serbe, Bulgare seinen Hauspatron verehrt, so war es wohl auch hier in Mecklenburg; der eine verehrte den Radegast, der andere den Bilbog, der dritte den Cernbog usw.; er erhielt daher nach dem Tode auch ein dementsprechendes Andenken mit ins Grab. Sehr wahrscheinlich ist es auch, dass die alten Gräber der weiteren Umgebung ähnliche Beigaben enthalten, nur sind die Stellen noch nicht aufgegraben, oder fehlte aber den Umgräbern die Aufmerksamkeit sowie das Verständnis hiefür, wozu eben, wie bei Spon-hollz, die Vorbedingung einer gewissen Erfahrung sowie des wissenschaftlichen Interesses gehört. Ein praktischer und ernster Archäologe wird diese Funde daher auch nie als Fälschungen erklären, ganz abgesehen davon, dass z. B. ähnliche Urnensteine auch in Schweden, England usw. gefunden wurden, ohne dass sie bisher jemand als verdächtig oder gefälscht angesehen hätte. Dass sich aber gerade hier um den Tollense-See und an der Landesgrenze von Mecklenburg - Strelitz und Schwerin eine solche Menge von altslavischen Gräbern mit derart reichen Beigaben findet, kann auch dahin erklärt werden, dass hier aus irgendeinem Grunde ein bedeutender Wallfahrls- oder Gnadenort, ja vielleicht oder wahrscheinlich hier eine wichtige, entscheidende Schlacht ausgekämpft wurde, daher hier zugleich ein bedeutender Begräbnisplatz war, den man auch später bevorzugte. Es herrschen doch ähnliche Verhältnisse vielfach noch heute bei den asiatischen Völkern, wenn man schon davon absieht, dass es auch in Europa vieler Menschen letzter Wunsch ist, an einer besonderen Stelle bestattet zu werden. Vielleicht bringt uns die Geschichtsforschung oder der Zufall eines Tages noch darauf, welche tieferen Motive für die Bevorzugung dieses Gebietes für den altwendischen Kultus massgebend waren. Ein ganz besonderes Heiligtum muss sich aber hier befunden haben, da auch Adam v. Bremen „Rhetre" als „sedes ydolatriae“, also als den Silz des Götierdiensles oder der Götzenanbetung besonders hervorhebt. Wie sich aber an Wallfahrts- oder sonst vielfach besuchten Gnadenorten oft eine eigene Industrie bildet, welche den Besuchern gewisse Erinnerungsgegenstände feilbietet, so mag es auch hier mit den Grabbeigaben gewesen sein, denn die Bronzeobjekte erforderten, nebst der Rohmaterialbeschaffung doch alle einen Künstler im Formen, Erzgiessen und Schreiben, ja, selbst der primitivst gezeichnete und beschriebene Feldstein, zumeist Granit oder Syenit, kann ohne scharfe Stahlwerkzeuge und Kenntnis der Runenschrift zu keiner Devotionalie werden. — Der logische Beweis, dass diese wendischen Altertümer echt sind und nur echt sein können, ist hiemit zweifellos erbracht. Überdies Hesse sich auch der direkte Beweis hiefür leicht herbeiführen, wenn man die noch intakten „Hünengräber“, die namentlich im benachbarten Mecklenburg-Schwerin zum grossen Teile noch nicht geöffnet zu sein scheinen, rationell durchforschen würde. — Die Wegweiser von Mikorzyn. Im Gemeindegebiete von Mikorzyn in Posen wurden in den üahren 1855 und 1856 nachstehend abgebildete zwei Steine ausgegraben. Im Einzelnen ist darüber bekannt: Der Stein mit der Menschenfigur wurde im Herbste 1855 auf einem kleinen Hügel des Dominialgrundes von Mikorzyn bei einer Grabung gefunden. Er ist 72 cm hoch, 48 cm breit und 8 cm stark. Derselbe lag elwa 60cm tief; unter ihm befand sich angeblich eine Urne mit Ascheresten und einigen Silber- und Bronzeringen. — Eine zweite Schilderung sagt, dass er in der Grenzfurche gefunden wurde, was richtiger sein dürfte, da es auch die Aufschrift rechtfertigt. — Es machten sich nun Runenschriftkundige an die Lösung und fanden zunächst, dass es sich hier um den altslavischen Gott des Rechtes „Prove“ handle, und besage die Inschrift etwa: „prove, sbir, kbel“. — Universitätsprofessor Dr. doh. Leciejewski legt in seiner Schrift „Runy i runiczne pomniki stowianskie“ („Die slavischen Runen und Runendenkmäler“, Lemberg 1906) den Text als „Smir ziretvan ledzit“ aus, d. i. „Smir liegt da als Opfer.“ Die Bestimmung sowie der Schrifttext sind jedoch wesentlich andere. Der Stein diente ursprünglich wohl als Wegweiser, daher er auch an der Grenze oder Weggabelung gefunden wurde; lag er aber auf einer Grabsielle, so mag an jener Stelle eben auch ein Grab gewesen sein, da man seinerzeit doch die Toten mit Vorliebe längs der Weglinien begrub. — Die Schrift zeigt schon eine Vermengung von wendischen und slovakischen Runenformen, und wendet auch einige Ligaturen an; sie sagt: „smir priavki alle t . : d. i. dem Sinne nach: „Wegweiser- Richtung Halicz." — „Smir“ —sonst „smer, smjer“ (= Richtung) — ist im Slavischen allgemein bekannt, dürfte aber hier in der Bedeutung Wegweiser aufzufassen sein, da das folgende „pravka“ wieder Richtung, Direktion bedeutet.*) Die nicht aspirierte Form „alic“ deutet auf Halicz, Galicz, also Galizien. Ob „t“ zu „c“ gehört, oder ob es eine Abkürzung für ein W e g m a s s, also ein Zahlwort ist, kann ohne Analogien nicht näher ausgesprochen werden; die vier Punkte geben anscheinend eine Orientierung über die Entfernung bis zum Ziele, d. i. Galizien (Krakau) an, und mag dies k Tagereisen bedeuten, was einem täglichen Marsche von 32—35 km entsprechen würde.**) Es kann daher nahezu kein Zweifel mehr darüber obwallen, dass es sich hier um einen Wegweiser, eine Strassenhand *) In Prag steht z. B. auf jedem Wegweiser der Strassenbahn als erstes Schlagwort: »smer«. **) Solche Angaben in Punkten sind z. B. in den Alpengegenden, dann in Frankreich sehr häufig längs alter Gebirgs pfade auf Natursteinblöcken zu finden, und benennt sie die Wissenschaft fäl schlich als Rinnen-, Schalen-, O p f e r-, hingegen richtig als Zeichensteine. oder um eine Orientierung im allgemeinen handelt, nur war die Entzifferung bisher dadurch erschwert, dass man die slovakischen Runen, deren Denkmäler man gleich vorweg als Fälschungen bezeichnete, nicht kannte oder beachtete, sowie dass man die verschiedenen Ligaturen für einfache Laute hielt. Der Stein mit der Pferdefigur wurde im Oahre 1856 gleichfalls an der Gemeindegrenze, etwa 200 Schritte vom erstbeschriebenen entfernt, gefunden. Er ist 62 cm hoch, 56 cm breit und 16 cm stark; das Material ist in beiden Fällen Syenit. — Die Schrift las man als: „sbir, voin, bog-dan, inawoi s“; sie besagt jedoch etwa: „smir bojvan voin lutvi s“. — Der Begriff „smir“ ist bereits erklärt; die weiteren zwei Ausdrücke deuten vielleicht Örtlichkeiten an, welche die Kommunikation berührt; „lutvi“ ist gleichbedeutend mit „Lotwa“, d. i. Litauen, es war dies sonach der Wegweiser nachLitauen, denn Mikorzyn liegt heute knapp an der deutschrussischen Grenze, und begann doch dort das litauische Gebiet. Das vereinzelt stehende „s“ kann eine Zahlenangabe sein, nachdem die Buchstaben einst zugleich bestimmte Zahlenwerte hatten. — Es wäre erwünscht nachzuforschen, ob sich nicht unter den ältesten urkundlich bekannten Ortsnamen solche befinden, wie sie hier genannt sind, da man demnach die nähere Trace der Strasse nach Litauen feststellen könnte. Wie nicht anders zu erwarten war, wurden auch diese zwei Steine gleichfalls als Falsifikate verdächtigt; da sie aber weder der vermutliche Mistifikator noch die Wissenschaft bisher glaubwürdig deuten konnten, ist jeder weitere Verdacht kurzweg abzuweisen und dies umso berechtigter, wenn man weiss, dass Steine mit ähnlichen