- »v-t^ t Nostra maxima culpa! Nostra maxima culpa! Die bedrangte Lage der katho- lischen Kirche, deren Ursachen und Vorschlage zur Besserung. Von ANTON VOGRINEC Pfarrer in Leifling, Karnten. JAVNA ČITALNICA IN KNJIŽNICA MOTTO: f „Wenn ich unreclit geredet habe, so beweise das Unreoht; wenn ich aber recht gesprochen habe, •vvarum schlagst du mich '?” _^ T . Joh. 18. 23. v Ljubu«*"’ ZWEITE AUFLAGE. WIEN und LEIPZIG 1904. o Kaiserliche und konigliche Hof- Buchdruckerei und Hof-Verlags-Buchhandlung CARL FROMME. /o/ S*f 101849 Alle Rechte vorbehalten. Vorwort. Ich dachte anfangs nicht daran, ein Vorwoi’t zu schreiben, da soivohl die Einleitung als auch die SchluBbetrachtung den Leser hinreichend iiber die Ziele dieser Schrift orientiert. Wahrend der Korrektur bin ich jedoch auf den oft sonder- baren Stil meines Buches aufmerksam gemacht worden, welcher Umstand mir zum AnlaB 'vvird, doch einige Bemerkungen zur Orientierung der Leser den eigentlichen Ausfiihrungen voraus- zuschicken. Von der Kritik, die den Inhalt meines Buches zum Gegen- stande hat, verlange ich keine Nachsicht; ich appelliere sogar in den SchluBkapiteln: „An die Laien” und „An den Klerus” an jeden Leser, daB er auf die dort angegebene oder auf eine andere Weise seine Anschauungen iiber meine Untersuchungen und Vorschlage zum Ausdrucke bringe. Nur wiinsche ich nicht jene Kritik, die nicht mit Griinden, sondern mit Gewalt oder Drohung argumentiert und je nach Umstanden am ehesten den Gegner zum Schweigen bringen kann. Ich hoffe, daB ich diese Kritik heutzutage nicht zu fiirchten habe. Ich wurde mir jedenfalls zum Erfolge meiner Schrift gratulieren, wenn ich die Leser dahin bringen wiirde, daB sie sich entweder begeistert den von mir proponierten oder ahn- lichen Anschauungen anschlieBen und mit mir in den Ruf ein- stimmen: „Nostra maxima culpa!”, wir selbst, namlich die VI geistigen Leiter der Glaubigen, sind schuld an der Bedrangnis der Kirche — ja, nicht nur in diesen Ruf einstimmen, sondern den festen EntschluB fassen, an der Realisierung der als richtig erkannten Grundsatze mitzuarbeiten — oder daB sie, von der Falschheit meiner Ausfiihrungen iiberzeugt, in einer sachlich gehaltenen, privaten oder offentlichen Kritik mit Entriistung meine Urteile iiber die kirchlichen Zustande zuriickweisen, sich mit noch groBerer Zahigkeit an die alten, von mir falsch- lich bemangelten Zustande anklammern und mir zu wissen geben, daB nur ieh selbst an die Brust zu klopfen und zu sagen hatte: „Mea maxima eulpa!”, ich bin selbst schuld, dafi ich mich nicht zu einer besseren und richtigeren Auffassung der iiber jeden Tadel erhabenen kirchlichen Institutionen empor- geschwungen habe! Doch beziiglich des Stiles bitte ich um Nachsicht aus folgenden Griinden: 1. Bei der Abfassung der Schrift war moglichste Kurze mein Prinzip, um nicht durch lange, weit ausgreifende Aus- fiihrungen namentlich jene Leser, die mit Berufsgeschaften iiberladen sind, schon von vorneherein abzustoBen. Da jedoch der behandelte Stoff so vielfaltig verzvveigt ist, so konnte es nicht ausbleiben, daB beim Streben nach Kiirze oft Gedanken mehr lose, ohne die iibliehen Satzumschreibungen und Er- klarungen, aneinandergefiigt worden sind. 2. Bin ich in der Schriftstellerei nicht bevvandert, da sich meine Berufstatigkeit mehr auf die Schule und die Kanzel erstreckt. Deshalb wird man hie und da rhetorische Wen- dungen antreffen. „Schreibe wie du sprichst,” war mein Grundsatz — „lies, als ob du mich hortest,” ist meine Bitte an den Leser. Das laute Lesen mancher Stellen wird dem Leser iiber etwaige Schwierigkeiten im Satz- und Wortgefiige hinweghelfen. Ferner denke man sich auch in die Begeisterung, VII ' / yi / 2 o sowie auch in die seelische Stimmung des Verfassers hinein, der als geistlicher und geistiger Fiihrer des Volkes auf dem Wege, den er als den richtigen erkannt hat, vorwarts mar- schieren mochte, jedoch diesen Weg von solchen Hindernissen verrammelt findet, die nicht von ihm allein, sondern nur durch Mithilfe aller hinweggeschafft werden konnen. Er stand auf dem Wege und dachte nach, ob er seine Mitarbeiter behufs Wegraumung der Hindernisse organisieren solite oder ob er mit vielen iibrigen die Hande kreuzen, sich behaglicher Ruhe hingeben und gar nicht kummern solite, ob der Weg zur Wahrheit mit Hindernissen belegt ist oder nicht. Er wahlte das erstere. Nun, „im Stil offenbart sich der Mensch!” 3. Bin ich ein Slave, welcher Umstand es umvillkurlich mit sich bringt, dafi die sprachlichen Eigenheiten der Muttersprache den Stil beeinflussen. Ich schrieb das Buch in deutscher Sprache, weil ich gerade das deutsche Volk infolge der hohen Kultur und des hohen Standes der deutschen Theologie fur das geeignetste halte, um die geistige Fuhrung bei der Anbahnung vernunftiger Reformen in der katholischen Kirche iibernehmen zu konnen, ohne damit zu sagen, dah die kulturverwandten katholischen Slaven nicht die geeignetsten Bundesgenossen und die eifrigsten Forderer einer heilsamen religiosen Erneuerung sein konnten und sollten! — Der riehtig aufgefaCte religiose Gedanke ist von unendlichem Umfange: er soli alle Akte des menschlichen Lebens umfassen; jede Zeit, jeder Ort, jede Institution soli durchdrungen sein vom religiosen Gedanken. Staaten und Nationen sollen von ihm geleitet sein. Deshalb ist der religiose Gedanke so weit erhaben iiber den nationalen, wie weit sich ein unendlich groBer Wert von jedem, noch so groBen endlichen Wert unterscheidet: Der religiose Gedanke wurzej^himd, '\V endet in der Ewigkeit, der nationale begann Au VIII Erde und wird auch hienieden enden. Deshalb \vare es betriibend, wenn sich der Klerus, wie es leider manchenorts geschieht, wegen allzu grofier Betonung des nationalen Ge- dankens im hoheren religiosen Streben gegenseitig behindern wiirde. Leitling, am 1. Marž 1904. Der Verfasser. Inhaltsverzeichnis Seite Einleitung: 1. Zweck des Buches... 1 2. Die Art der Ausfuhrung. 2 3. Die Berechtigung zur Abfassung dieser Schrift. 2 4. Das Objekt meiner Untersuchung. 3 5. Die subjektiven Bevveggriinde zur Verfassung des Bucbes ... 9 Die bedrangte Lage der Kirche und die Dntersucbung der Ursaohen dieser Bedrangnis im allgemeinen. 15 Im speziellen: A. Die Belehrung der Glaubigen und ibre religiose Erziebung in der Scbule, in der Kircbe und aufierhalb derselben ist niobt derart, daB sie binreichend, geschweige dennvorziigliob ware 30 I. Der Religionsunterricht an der Volksschule. 44 II. Der Religionsunterricht an den Mittelschulen.132 III. Die Studien und Erziehung an den theologischen Fakultaten und Diozesanseminarien.163 IV. Die Erziehung in den Diozesanseminarien.178 V. Der religiose Unterricht und die religiose Erziehung auBer- halb der Schule.181 B. Die Verhaltnisse innerhalb der Kirche erfordern in vieler Be- ziehung eine Anderung.189 I. Die kirchliche Liturgie.189 II. Das BuBsakrament.197 III. Das Fasten und das offentliche Gebet. 206 IV. Der Kirchengesang und der religiose Volksgesang .... 211 V. Wurdige Feier des Gottesdienstes.220 VI. Der Zolibat.221 VII. Die materielle Stellung des Klerus.254 VIII. Die Teilnahme der Laien an religiosen und kirchlichen Inter- IX. Das Verhaltnis des Klerus untereinander.269 X Seite X. Die Visitation des Klerus.274 XI. Vorsicht und Mali bei der Verehrung der Heiligen und ihrer Beliquien.278 XII. Einheit und Einigkeit der Kirche.281 C. Die auBere Stellung der katholischen Kirche.282 I. Die Stellung der Kirche in der Menschheit uberhaupt . . . 282 II. Unser Verhaltnis zu Italien.296 III. Verhaltnis der Kirche zur Politik.299 IV. Das Verhalten des Klerus gegentiber der Schule.308 V. Unum est necessarium.315 SchluB.319 I. An die Laien. 319 II. An den Klerus.327 Einleitung. 1. Zweck des Buches. Ich will den Leser nicht durch eine weit ausgreifende Einleitung in meine schriftlichen Abhandlungen einfuhren, sondern gleich den Zweck meines Buches kurz an- geben. In dem vorliegenden Buche will ich namlich a) nachzu- weisen suchen, daB die Schuld an der traurigen Erscheinung, daB die Hochschatzung der katholischen Kirche und ihrer Lehren bei den Menschen immer mehr schwindet, und daB sich die Folgen dieser Geringschatzung im Kulturleben derselben immer mehr zeigen, hauptsachlich diejenigen trifft, die den Befehl Christi: „Gehet hin in die ganze Welt und lehret alle Volker etc.” auszufiihren berufen sind, d. h. den Klerus. Diese Schuld trifft den Klerus nicht in dem Sinne, als ob dieser die durch sein Amt iibernommenen Berufspflichten nicht erfullt hatte, son¬ dern insofern, als er nicht Wege gefunden hat, um sich von einem Systeme loszutrennen, das ihm Mittel diktiert, welche keinen Erfolg bei der Erfiillung seiner Pflichten versprechen, und welches ihm ein Auftreten vorschreibt, das nicht geeignet ist, das Volk fur die Kirche und ihre Wahrheiten zu ge- winnen. b) Es sollen in dem Buche auch in positiver Weise die Mittel angegeben werden, die nach meiner Uberzeugung zu ergreifen waren, um das Licht der Kirche den Menschen wie ehemals wieder leuchten zu lassen. c) Das Buch soli gleich- zeitig ein Programm oder eine Vorarbeit sein, um ein gemein- sames Vorgehen bei Feststellung der Wiinsche des Klerus bei den Pastoralkonferenzen und Diozesansynoden, der bekannten Vogriuec, nostra culpa. \ 2 Weisung des Episkopates anlafilich des osterreichischen Klerus- tages entsprechend, zu erzielen. Dieser Zweck meines Buches wird manche in Staunen setzen, so daB sie vielleicht ausrufen, welch neuer Prophet mufi das sein, der vorgibt, die LSsung so tiefer Fragen geben zu konnen! Diese ersuche ich, ruhig den Verlauf der weiteren Ab- handlung abzuwarten und namentlich zu beachten, daB ich das „nostra culpa” nicht auf die personliche Schuld des einzelnen, etwa der Bischofe oder der Priester beziehe, sondern auf das System, dessen Trager, richtiger gesagt, dessen Sklaven wir sin d. 2. Die Art der Ausfiihrung. Viele sind gewohnt, um ge- lehrt zu erscheinen, alles was sie wissen oder was sie in Biblio- theken aufstobern, mag es zum Gegenstande passen oder nicht, in ihrem Werke zusammenzutragen und es durch Phrasen, ge- lehrte Wendungen oder Spekulationen auszuschmiicken. Dies wird nicht meine Art sein. Ich bin von der Richtigkeit meiner Darstellungen fest iiberzeugt und betrachte sie als Wahrheit. Ich will aber auch andere iiberzeugen; deshalbwerde ich denGegen- stand in schlichter, ungeschmiickter Form, frei und offenherzig, wie es sich fiir einen Mann geziemt, der mit seinen tlberzeugungen nicht zuriickhalt, darstellen. Darum wiinsche ich‘aber auch, daB das Buch von den Lesern auch in diesem Sinne aufgefaBt wird, und mir nicht fernstehende, auch im Traume nicht gehegte Absichten zUgeschrieben werden. 3. Die Berechtigung zur Abfassung dieser Schrift. „Woher deine Berufung?” konnte mancher fragen. „Wer gibt dir das Recht, in deiner geringen Stellung eine Kritik an irgend einer Sache, wenn sie auch nicht wesentlich ist, in der alten, von Gott gestifteten Kirche zu iiben? Wofiir haltst du dich?” Der Priester ist zunachst keine Maschine, die man auf- ziehen oder mit gewissem Material anfiillen mufi, damit sie eine Arbeit leiste; er ist infolge seiner Studien auch kein Mameluck, der nur handeln darf, wenn ihm befohlen wird, sondern er ist, wie jeder Mensch, ein mit inneren, seelischen Kraften ausge- stattetes Wesen, das sich zur Tatigkeit selbst bestimmen soli, 3 ohne immer wie ein lebloses Ding von aufieren Kraften geleitet zu werden. Diese Selbstbestimmung zur Leistung einer Arbeit ist immer erlaubt und auch geboten, wenn sich die Arbeit auf etwas von der Vernunft als gut oder niitzlich Bezeichnetes richtet. Meine Berufung geht somit von meinem Inneren aus, von meiner Vernunft, die mir meine Anschauungen seit Jahren als die richtigen hinstellt — von meinem Willen, der mich zur Veroffentlichung meiner Anschauungen drangt. Wenn jemand will, kann man sagen, daB die Berufung auch von Gott, dem ■obersten Leiter des menschlichen inneren Lebens, ausgegangen ist, sei es zulassend oder inspirierend. Das „Wie” \veiB er .ali ein. Ubrigens was hat uns bewogen zum Eintritt in den Priesterstand? Man glaubt vielfach und auch in unseren Kreisen ist die Meinung stark verbreitet, daB sich viele dem Priester- berufe gewidmet haben, um das tagliche Brot zu haben, was ein franzosischer Minister sogar vom Klerus iiberhaupt be- hauptet hat. Es ist moglich, daB bei einzelnen sehr Willens- und Talentlosen dies der Hauptbeweggrund war, bei anderen war es nur ein nebensachlicher. Denn heutzutage kann man sich nach Absolvierung der Mittelschule Berufe wahlen, die mehr tragen als der Priesterstand. Oder hat es uns vielleicht der Glanz des Papsttums, der Hierarchie oder die auBere GroBe der katho- lischen Kirche angetan? Den meisten gewiB nicht dies in erster Linie, sondern wir werden finden, wenn wir uns bemuhen, in •die Zeit der Berufswahl zuriickzudenken, daB es die durch die Gnade Gottes gewonnene tlberzeugung war, daB wir im Priester- stande zur Ehre Gottes, fur die Sache des Nachsten und auch fur uns selbst am besten wirken \verden, die uns das Los des Priesterstandes zu\vies. Wenn somit dieser Beweggrund bei der Berufswahl ent- ‘Scheidend war, kann man uns „Unberufene” nennen, wenn wir innerhalb erlaubter Grenzen das sagen und fordern, was uns zur Erreichung unseres Lebensideales notwendig erscheint? 4. Das Objekt meiner Untersuchung. Es gehoren zum Klerus oftPersonen, welche die fast krankhafte Eigenschaft haben, •daB sie gleich aus der Fassung geraten, wenn jemand sich §r- l* Si 4 kiihnt, in den kirchlichen Verordnungen oder in nur bloBen religiosen Gebrauchen nicht immer das Vollkommenste zu er* blicken. Da geniigt es, nur ein wenig Mer und dort anzu- klopfen oder ein Staubchen wegzublasen, schon hort man: „Sie untergraben die Grundpfeiler der Kirche.” Es ist uberhaupt eine merkwiirdige Erscheinung: Einerseits beobachtet man oft stoische Ruhe gegenuber allen Schlagen, die der Kirche von auBen, oft vom Staate selbst, zugefugt werden, anderseits kann man sehr energisch sein gegen Untergeordnete, die sich nieht wehren konnen. Freilich die Schlage der hoheren Kraft kann man nicht immer parieren, oder wenn man auch konnte, man traut sich nicht, sogar aus Dankbarkeit, namentlich wenn man manches „Angenehme” von der starkeren Kraft schon be- kommen hat oder noch zu erwarten hat. Der nicht parierte Schlag wird jedoch an die Untergeordneten abgegeben. Es ist nicht immer so, aber leider geschieht es. Es ist auch psycho~ logisch erMarlich. Ich wurde dies nicht beruhren, wenn nicht die Erfahrung bezuglich Dr. Ehrhard solche unliebsame Bemerkungen not* vendig gemacht hatte. Wenn die Kritiker Dr. Ehrhards es fur wert finden \viirden, meine Schrift zu lesen, dann werde ich ihnen wohl wie ein Wolf im Vergleiche zu einem Lamm er* scheinen, was namlich die GroBe und Strenge meiner Forde- rungen gegenuber denen Ehrhards anbelangt. Diesbeziiglich erklare ich, daG sich meine Untersuchungen nicht auf fundamentale Glaubens- und Sittenlehren, auch nicht auf die Grundzuge der Anordnungen bezug¬ lich Kirchenregierung und Yerwaltung erstrecken werden, sondern auf ganz akzidentelle verander- liche Einrichtungen in der Kirche, ja eigentlich nicht auf die Einrichtungen selbst, sondern auf die Mittel, deren man sich innerhalb dieser Einrichtungen bedient. Ist eine Untersuchung liber das Veranderliche, iiber die „mutabilia” in der Kirche erlaubt und sind die Ratschlage zur Verbesserung statthaft? Ja, die ganze Kirchengeschichte be- weist es. Die Kirche tritt nach auBen in ihren Einrichtungen undZeremoniennichtimmer gleichgestaltig auf, sondern hatdie- selben gewaltig geandert. Das „depositum fidei”, der Kleinodien- schatz des Glaubens, ist immer derselbe, laBt aber im Laufe der Zeit je nach der Fassung oder der Hiilse, in der sich der Glaubens- schatz befindet, sehr verschieden sein Lieht iiber die Welt ausstrahlen. Ich will keine Parallele ziehen zwischen der Kirche jetzt und der Kirche in den ersten drei Jahrhunderten, als sie sich in die Katakomben und in die Verstecke fluchten muBte, als der erste Papst als „armer Reisender”, seines Zeichens ein Fischer, mit einem Wanderstab und einem Biindel alttestament- licher Schriften, barfufi und hungernd durch die staubigen StraBen in die ewige Stadt einzog, sondern zwischen der Kirche jetzt und der Kirche nach Konstantin dem GroBen. Wiirde ein Priester aus jener Zeit wieder zum Leben er- weckt werden und uns Priestern und unseren Kirchen einen Besuch abstatten, er wurde die katholische Religion nimmer erkennen. Machen wir doch eine Ausnahme von der gewohnten Darstellung und schildern wir in dramatischer Weise, um die Gefiihle iiber stattgefundene Anderungen leichter geben zu konnen, etwa den Besuch eines altchristlichen Priesters mit dem fingierten Namen Eusebius, „Pax tecum” tont uns eine liebliche Stimme entgegen. „Laudetur Jesus Christus” wurden wir antworten, wenn wir zu den Frommen zahlten, sonst aber „Guten Abend”. Eus.: „Wie geht es dir, Bruder?” Der moderne Priester: fl Hochwurden, sagt man, und wenn Sie zum Bischof kommen, miissen Sie ihn eventuell mit Exzellenz titulieren oder vvenigstens die Pradikate Celsissimus und Reverendissimus gebrauchen.” Eus.: „0, wie sich die Zeiten andern. Sogar zu meiner Zeit betrachtete sich jeder Priester als Frater, als Bruder des geringsten Mitmenschen. — Wie ich sehe, Ihr rasiert euch ja. Christus und die Apostel trugen ja Barte wie die Juden iiber- liaupt V’ Der moderne Priester: „Gliicklich sind Sie wohl, daB Sie die Macht der Mode nicht kennen. Diese Madame ist auch bei uns hoch in Ehren. Sie ist in Frankreich geboren, woher sie •uns auch den Rasierzwang gebracht hat. Noch glucklicher sind 6 Sie aber deshalb, \veil Sie die Mode in der Kirche nichtr kennen, oft an Althergebrachtem bis zur Lacherlichkeit festzu- halten.” Eus.: „Ich sehe, Sie haben bier ein Gebetbuch und schioken sich an, jetzt zu beten. Da haben Sie „Pars verna” und Sie wollen jetzt „jam lucis orto sidere” beten? Das ist ja ein Morgengebet. Werden Sie es jetzt abends beten? Wie ich noch Priester \var, da wuJ3ten wir, die Priester und das Volk die meisten Psalmen auswendig. Doch soviel brauchten wir nicht zu beten. Um andachtig alle diese Gebete zu verrichten, dazu brauchen Sie ja mehrere Stunden?” Der moderne Priester: „Andere Zeiten, andere Vor- schriften. In den Zeiten nach Ihrem Lebensende weihten viele Manner ihr Leben Gott allein, zogen sich in sogenannte Kloster zuriick und hier sannen sie danach, um einen genugenden Komplex von Gebeten zusammenzustellen, die sie zu verschie- denen Tageszeiten, beim Tagesgrauen, beim Sonnenaufgang u. s. w. verrichteten. Auch die Priester der ersten christlichen Jahrhunderte lebten mehr klosterlich, d. i. in Gemeinschaft, in der sie nach Art der Monche zu verschiedenen Zeiten die obigen Gebete verrichten mufiten. Heutzutage ist das gemein- schaftliche Leben der Priester unmoglich, doch das Gebet, das eigentlich ein Chorgebet ist, ist geblieben, und so leiern wir,. soviel uns freie Zeit iibrig bleibt, auf Befehl der Kirche die sonst herrlichen Gebete und Psalmen herunter. Die Einhaltung der bestimmten Tageszeit ist infolge Indulgenzen nicht mehr not- \vendig und so kann es geschehen, daB wir uns abends in der „Prim” einen segensreichen Tag erflehen oder daB wir gleich nach dem Mittagessen schon unsere Seelen fur die folgende Nacht in die Hande Gottes empfehlen.” Eus.: „Habt Ihr eine wirkliche Andacht dabei oder einen Nutzen davon?” Der Priester: ,,Darum fragen Sie nicht, lieber Eusebius!’"' Eus.: „Morgen will ich das heil. MeBopfer bei euch feiern. Doch, Hochwiirden, seien Sie so giitig und lassen Sie mir vor der heil. Messe durch Ihre Frau einen warmen Tee ser- vieren.” 7 Priester: „Wo denken Sie hin? Wir sind ja Zolibatare. AuBerdem muB man vor der Zelebration der heil. Messe niich- tern sein.” Eus.: „Entschuldigen Sie. Weil Ihr so elegant eingerichtet seid und den weltlichen Luxus nicht verschmahet, namentlich weil ich so kostbare Spiegel an den Wanden mancher Priester- wohnungen sah, glaubte ich, Ihr habt auch Frauen, was zu un- serer Zeit nichts Seltenes war; denn nur die wahrhaft Idealen lebten damals ehelos. Niichternheit vor der Zelebration der heil. Messe war zu meiner Zeit auch nicht geboten. Also bitte noch- mals um Entschuldigung. Der Friede sei mit euch.” Am nachsten Morgen sah ich Eusebius wahrend des Sonnenaufganges gegen mein Kirchlein, das auf dem Hiigel steht, hinaufschreiten. Der Turm und das Glockengelaute schien ihm neu zu sein. Plotzlich blieb er stehen, faltete nicht wie wir die Hande zum Gebete, sondern breitete sie aus und betete laut und andachtig die Psalmen. Nachdem er fertig ge- betet hatte, kam ich ihm nach. Wir naherten uns der Kirche. Er fing an zu forschen nach der Vorhalle, wo einst die BiiBer standen und die Voriibergehenden um Verzeihung baten. Ich machte ihn aufmerksam, daB die BuBdisziplin in der Kirche nicht mehr iiblich ist, daB der BuBgeist verschwunden ist, und zeigte ihm noch die Spuren von der alten holzernen Vorhalle, in der die BiiBer standen. Die Spuren waren noch deutlich am Profil der Kirche erkennbar. Er wollte anfangs gar nicht glauben und meinte, daB vielleicht die Burschen und Madchen, die draufien vor dem Kirchentor standen und sich gegenseitig musterten, die altchristlichen BiiBer seien. Doch der kiihne Hut auf dem Kopfe der Burschen und die buntgenahten Schiirzen der Madchen machten dies unwahrscheinlich. Wir kamen zum Kirchentor. Eusebius suchte seine San- dalen abzulegen, um barfuB und stili das Gotteshaus zu be- treten. Ich machte ihn aufmerksam, daB das nicht mehr ge- brauchlich ist. Er folgte, doch schien er unliebsam beruhrt zu sein, als er sah, welches Gerausch die Besucher, namentlich der Mesner mit seinem starken Dahinlaufen iiber das Kirchen- pflaster machte. Er sclieint an die feierliche Stille seiner Zeit 8 im Gotteshause gedacht zu haben. „Wo ist das Presbyterium und das Sakramentshauschen?” Er konnte sich vor Staunen gar nicht fassen, als er sah, daB der damals streng vorge- sehriebene Vorhang, der das Presbyterium vom Schiffe der Kirche trennte, nicht mehr da und das Hochwiirdigste jetzt ober dem Altar im sogenannten Tabernakel aufbewahrt ist. Der Altar, zuvor ein groBer Tisch, war ihm so fremd, daB er den EntschluB aufgab, zu zelebrieren, namentlich da er sah, wie die Zeremonie des heil. MeBopfers, das eben ein Mitbruder feierte, sich von den Zeremonien der friiheren Zeit fast ganz unterscheide. Dem Priester antwortete friiher die ganze Glau- bigenversammlung, sogar die Konsekrationsworte sprach die Gemeinde mit. Das heil. MeBopfer wird gefeiert von einem Priester allein, ohne Diakone, ohne Subdiakone. Wahrend des heil. MeBopfers keine Belehrung des Volkes wie ehedem. Statt zwei Akolyten ministrieren zwei Knaben! Niemand brachte beim Offertorium Brot oder Wein, sondern der Priester nahm nur ein kleines Weizenbrotstiickchen und eine geringe Menge Wein. Nach der Messe keine Agapen, keine Liebesmahle! Die Kom- munion nur unter einer Gestalt! Vergebens wartete er, daB beim Absingen des „Ite, missa est” die BiiBer die Kirche ver- lassen wiirden. Vor dem Verlassen der Kirche fragte er nach dem Diakon, um ihm eine Spende zur Verteilung unter die Armen zu iibergeben; leider muBte ihm auch da bedeutet werden, daB das Diakonat nicht mehr besteht. „Woher alle diese Veranderungen sogar beim Zentrum des Gottesdienstes, bei der heil. Messe?” „Lieber Eusebius, der Zeit- geist verlangt, daB man sich ihm akkommodiert; und schon zu Ihrer Zeit waren die Einrichtungen der Kirche nicht gleich jenen zur Zeit derApostel. Die Glaubenslehren und Sittenlehren, iiberhaupt die fundamentalen Anordnungen Christi bleiben gleich, in den unwesentlichen Dingen haben wir uns geandert. Einzelnen gefiel dieses oder jenes besser, sie fiihrten es aus und der Kirche gefiel es auch und sie nahm es an. Uberhaupt gab es Zeiten, wo die Kirche Einrichtungen annahm, deren Ein- fuhrung auch von Geringeren, als es die Bischofe sind, aus- gegangen war. Wir haben in der ganzen Kirche eingefiihrt, 9 was zuerst nur an einzelnen Orten eingefiihrt war, z. B. Aller- seelentag, die Bittprozessionen, Quatemberfasten etc. Sogar Kaiser und Konige hatten EinfluB auf die Einfuhrung oder Abschaffung gar so mancher Einrichtungen in der Kirche.” „Die Zeit, in der Ihr lebet, verstehe ich nicht, die alte Kirche ist in ihrem AuBeren fast nicht mehr zu erkennen,” sagte Eusebius und verschivand. — Ich wahlte die Form eines Gespraches, um angesichts der geivaltigen Veranderungen in der Kirche leichter meine Gefiihle zum Ausdrucke zu bringen. Brauche ich somit noch weiters den Beweis zu liefern, daB mein Vorgehen erlaubt ist, indem es sogar in der Ge- schichte der Kirche begrundet ist? Wenn es Laien erlaubt war, auf die Gestaltung der kirchlichen Dinge EinfluB zu nehmen, so kann es dem Priester nicht verubelt werden, wenn er dies- beziiglich seine Anschauungen kundgibt. Gelehrte haben ohne- hin sclion ganze Bande iiber die kirchlichen Verhaltnisse ge- schrieben, wiihrend gerade diejenigen, die diese Verhaltnisse „ausprobieren”, schweigen und sich nicht ruhren. Kein anderer kennt das Menschenherz so griindlich und genau als der prak- tische, denkende und forschende Seelsorger. Vor ihm tun sich alle Falten des Menschenherzens auf, er kennt es nach allen seinen Strebungen und Wallungen. Und dieses Menschenherz, das den Keim der Religion schon vom Schopfer aus erhalt, ist wohl das erste und vornehmste Gebiet fiir religiose Forsclier! 5. Die subjektiven Beiveggriinde zur Verfassung des Buches. Gerade in den Fallen, wo man sich in religiose Erorterungen einlaBt, die manchen Kreisen unangenehm sind, sucht man nach personlichen Verstimmungen gegen die kirch¬ lichen Vorgesetzten. Ich erklare hiermit, daB micli nicht die ge- ringste Verstimmung gegen meine Vorgesetzten leitet und auch nicht leiten kann. Im Gegenteile, ich bin immer zuvorkommend behandelt worden. Es hat nicht die geringste Disharmonie zwischen mir und meinen Vorgesetzten stattgefunden. Ich habe seit einem Jahre einen Posten, mit dem ich zufrieden sein kann. Meinem Oberhirten gehorche ich nicht nur als meinem Vorgesetzten, sondern ich bewundere ihn auch personlich. Die 10 ganze Didzese wiirde mich verurteilen, wenn ich ihm nur im geringsten nahetreten wollte. Doch der Gegenstand verlangt es, daB ich hie und da auch manche MaBnahmen der Vor- gesetzten beruhre, aber nicht um Vorwiirfe zu machen, sondern um das System zu charakterisieren, welches auch den Bischdfen den Modus ihrer Handlungen angibt und auf viele Bischofe einen Zwang ausubt, so dafi sie ohne ihr Amt, durch das sie dem System unterworfen sind, ganz anders handeln wurden. Ich bin mir dessen wohl bewuBt, daB man trotz der vor- hergehenden Ausfiihrung mir doch vielleicht bitter, vielleicht auch entscheidend fiir meine Zukunft mein Vorgehen nach- tragen wird. Das ist aber eben das Traurige in unserer Kirche, der Hemmschuh jedes religiosen Fortschrittes. Die Unter- suchungen nach meiner Art werden oft als Auflehnung, als Yerweigerung des Gehorsams aufgefaBt. Mich erfiillt immer mit Wehmut, wenn ich lese, wie die Juristen, Arzte, Gelehrte, Stiinde aller Art zusammenkommen, und Schaffung neuer, ihren Beruf betreffender Gesetze ver- langen, Ministerentscheidungen, Entscheidungen vom obersten Gerichtshof bekritteln und dabei von der Regierung unterstiitzt werden. Die Teilnehmer solcher Yersammlungen \verden von den Ministern selbst begriiBt. Diese arbeiten oft selbst mit. Keinem Menschen fallt es deshalb ein, zu behaupten, daB diese Leute an den Grandpfeilern des Staates rutteln, oder daB sie sich gegen die staatlichen Einrichtungen auflehnen. Ich bin ein Mitglied des Priesterstandes und will immer die bestehenden Einrichtungen hochachten, die daran sich knupfenden Pflichten erfiillen, weil eben die Einrichtungen noch bestehen und weil die Erfiillung der Pflichten verlangt wird. Ich will aber auch in erlaubter Weise dahinwirken, daB die nach meiner innersten tlberzeugung notwendigen Reformen eingefiihrt werden. Darin will ich mich von anderen unterscheiden und nicht ein Bj r - zantiner sein, der im sklavischen Gehorsam alles gutheifien wiirde, was von oben kommt. Allerdings sagt Dr. Aichner in seinem „Jus canonicum”, \vir diirfen nicht die Rechte der Staatsburger mit denen der Glaubigen in der Kirche vergleichen. Ich weiB recht wohl, was 11 jeder Diskussion, jeder Reform entzogen ist, ich weifi aber auch, was Veranderliches, vielfach niclit von Gott direkt Ge- wolltes in der Kirche ist, sondern nur Menschemverk. Darauf hat sich die Kritik aller Zeiten, und zwar auch die Kritik der Laien gerichtet. Und die Geschichte hat ihnen Recht gegeben.. Darauf erstrecken sich auch meine Untersuchungen. Ich weise auch zuriick, dafi etwa die Ideen der bekannten Manner, die eine der Zeit entsprechende Reform anstreben, mich so stark ergriffen haben, dafi ich das Biichlein schreibe.. Was hat mich also bewogen? Ich konnte kurz sagen: Die Religion, der ich diene, und da ich die Religion hauptsaehlich in der Gottes-, Nachsten- und Selbstliebe betatigt wissen will, kann ich auch antworten, dafi mich diese dreifache Liebe dazu bewogen hat. Im nachsten Kapitel werde ich skizzieren, wie das Reich Gottes immer mehr in den Herzen der Menschen abnimmt, \vie die Menschen durch falsche religiose Erziehung immer mehr die Achtung vor Religion und ihren Gesetzen verlieren und sich des Verhaltnisses zum unendlichen Wesen weniger bewufit werden und in Versuch geraten, auf religiosem Gebiete sich anarchische Anschauungen zurecht zu m|chen. Also war die Gottesliebe wenigstens in dem Mafie, als ich sie Gott zu verdanken habe, der Beweggrund. Wie wir selbst predigen, besteht das Gluck des Menschen im Besitze Gottes. Auch ich bin davon uberzeugt, dafi dort, wo Gottesfurcht und richtige Frommigkeit herrschen, auch Gluck und Zufriedenheit wohnen. Wenn ich nun sehe, wie das Volk eben an mangelhaftem religiosen Fiihlen, das fiir ihn die Trieb- feder guter Werke sein solite, leidet, da rufe ich ofters aus: „Es erbarmt mich des armen Volkes.” Es will religios sein, es hat Verlangen nach Gott, aber niemand ist es, der ihm bequeme, zum Ziele nicht verfehlende Wege zeigt, wo es bessere Friichte fiir das Leben pfliicken konnte. Ich zogerte lange mit der Veroffentlichung meiner An¬ schauungen mit Riicksicht auf meine sehr sch\vache Gesund- heit, und mit Rucksicht darauf, dafi ich mir bewuBt \var und auch noch bin, dafi mir die Veroffentlichung manche Konflikte 12 hier und dort einbringen konnte. Doch ich erlebte immer Falle, die mich dazu fbrmlich trieben. Wie ich 1903 zu Ostern die Schulkinder beichtete und diese unschuldigen, fur alles Gute empfanglichen Herzen kennen lernte und ich mir bewufit war, daB diese Kinder durch einen Religionsunterricht, der nicht so trocken ware wie heutzutage, zu viel gliieklicheren und charakter- volleren Menschen heranwachsen und der von Gott gesetzten Bestimmung naher gebracht werden konnten, da war ich wieder angespornt und konnte ausrufen: „Mir erbarmt das arme Volk. Es verlangt nach geistiger Nahrung, aber es wird ihm der tote Buchstabe als solche geboten.” Ich werde spater auch zeigen, wie es mit der Religion bei der Intelligenz besteht, welche doch auch einer Religion bedarf, deren jetzige auBere Form jedoch ein Hindernis ist, daB sie sich ihr nicht nahern kann. Ich ging gern zu Kollegen, mit denen ich allgemein kirchliche Fragen besprach. Ich traf sie oft klagend und depri- miert. Sie lesen und horen, wie ein Schlag nach dem anderen in verschiedenen Teilen der Welt der Kirche versetzt wird, jener Kirche, fur die sie ihr Leben zu opfern bereit sind. Ent- scheidungen, durch welche die katholischen Uberzeugungen ver- letzt werden, werden von Gerichtshofen gefallt. Der Priester wird beschimpft und der Beschimpfer triumphiert. Auch in ihrer eigenen Pfarre sind bedauernswerte Falle vorgekommen. Sie \vollten die Sache vorwartsbringen, sie ging aber zuriick. Mir erbarmen auch diese. Sie wissen oft selbst nicht, wo die Schuld ist. Sie suchen sie bei den Kirchenfeinden, wahrend sie in der Kirche selbst zu finden ist, aus den Griinden, die ich spater erortern werde. Mich trieb jedoch auch die Selbstliebe zur Veroffentlichung dieser Schidft. Aus den armlichsten Verhaltnissen durch nur mir bekannte Schwierigkeiten habe ich mich emporgearbeitet zu meinem Stande; hierbei bemiihte ich mich redlich, der Wahr- heit naher zu kommen und nun soli ich seelisch erdruckt werden angesichts der Tatsache, daB ich einer Sozietiit diene, die zwar grofi und herrlich in ihren Fundamenten, in ihrem auBeren Auftreten jedoch oft an chinesische Zustande erinnert! 13 Ich soli zum Denken gezwungen werden, das einem richtigen Denken widerspricht und soli von den an der Kultur arbei- tenden Menschen verachtet werden als Riickstandiger, und z\var in gewisser Beziehung mit Recht! Jeder ehrlich denkende Mensch wird mein Vorgehen als ehrlich und korrekt finden auch fiir den Fali, daB er meine Anschauungen objektiv ge- nommen falsch findet. Mich trieb aber auch eine weniger edle Selbstliebe dazu. Ich traue mich fast nicht mehr in manche Priesterkreise, wo Politik als einziges Rettungsmittel der Kirche angesehen wird und wo man manche bittere Pille wegen seines Verhaltens verschlucken muB. Ich habe mich stets bemiiht, als Priester zu handeln und zu leben, aber trotzdem wird man selbst von solchen, die am wenigsten das Recht hatten, als Verrater der sogenannten klerikalen Sache hingestellt. „Er tut nichts,” lautet die Note. Auch bei Pastoralkonferenzen bekommt man Fragen, die sich mit allgemeinen kirchlichen Verhaltnissen beschaftigen. Weh, wenn man aus gevvohnlichem Geleise herausgekommen ist! Predigt, Katechese etc. sollen eifrig gepflegt iverden, gute Zeitungen verbreitet, Bruderschaften und Ver eine gegriindet \verden, der Geistliche soli nach kanonischen Vorschriften leben. So lauten die gew5hnlichen LSsungen. „Ich hatte mich doch liber die Fragen, die ich behandle, besser unterrichten lassen, ich hatte doch die Berufenen um Aufklarung bitten sollen, um das Gleichgewicht meiner Seele wieder herzustellen.” So wird mir mancher vorhalten. Nun ich kenne ja die diesbeziiglichen Biicher und auch die Herren. Schon wahrend der Studienzeit studierte ich nicht bloB ihre Werke und ihre Lehren, sondern auch sie selbst, so daB ich ihr Denken und Empfinden wohl kenne. Wenn ich mich an sie gewendet hatte, ware ich vielleicht um die Erfahrung reicher geworden, dafi es Leute gibt, die etwas fest glauben, ohne auf die letzten Griinde die Sache zu priifen. Auflerdem hat auch schon mancher erfahren, daB die ge- sellschaftlich und auch materiell besser Gestellten eo ipso das Recht und die Wahrheit beanspruchen, wahrend der Unter- 14 geordnete schon von vorneherein Unrecht hat. Est miseria humana! Ich ziehe es darum vor, gleich offentlich meine An- schauungen den Kollegen vorzulegen. In der Einleitung habe ich bereits Sachen beriihrt, iiber die man sehr ausfiihrlich schreiben konnte. Ich will mich jedoch jeder Weitschweifigkeit enthalten und mache den werten Leser aiamentlich auf die SchluBbetrachtung aufmerksam, wo ich naher ausfiihre, was ich mit der Schrift erreichen will. Die bedrangte Lage der Kirche und die Unter- suchung der Ursachen dieser Bedrangnis. 1. Darstellung der bedrangten Lage der Kirche. Zu zeigen, dah die Lage der Kirche wirklich eine bedrangte ist, ware eigentlich fiir die Einsichtigen nicht notwendig. Doch es gibt viele, die nur optimistische Zeitungen lesen und iiber die Lage der Kirche nicht richtig orientiert sind. Auch tauschen sich manche selbst, indem sie das nicht glauben wollen, was ihnen unangenehm ist. Viele befinden sich auch in glanzender Stel- lung, sind von Schmeichlern umgeben, bekommen Besuche von hohen Personen, die solche Biicklinge vor ihnen machen, dafi sie meinen: Schau, schau! Mit der Kirche steht es eigentlich nicht schlecht, wenn solche Personen so devot den kirchlichen Personen entgegenkommen! Sie werden von Staatslenkern ge- ehrt, bekommen hochklingende Titel, verkehren in den hohen Kreisen, wo man ihnen mit feinen Manieren und diplomatischer Hoflichkeit entgegenkommt, kennen aber die groben Massen des Volkes nicht, die offen ihre Meinungen sagen, Meinungen, die nicht immer zugunsten der Kirche lauten. Dazu kommt, dafi unsere Zeitungen, Broschuren etc. von der Konversion irgend eines anglikanischen Adeligen weit und breit erzahlen, was manche Priester gleich zu besten Hoffnungen stimmt. Sie merken aber nicht den inneren Abfall in der Kirche, namentlich den Abfall von tausenden und tausenden der In- telligenz. Da erinnere ich mich, was ein gewesener Hofmeister des allmachtigen osterreichischen Kanzlers Metternich erzahlt. Der Hofmeister, ein Mann aus dem Volke, kannte die erbitterte 16 Stimmung des Volkes in Wien und machte den Minister darauf aufmerksam. Da lachelte dieser unglaubig und lieB den Polizei- prafekten — Sedlnicky hiefi er, wenn ich nicht irre — rufen und fragte ihn in Gegenwart des Hofmeisters nach der Stim¬ mung in der Stadt. „Exzellenz, alles ruhig,” antwortete der Polizeiprafekt. „Sehen Sie, Herr N. N., nur nicht zu furchtsam sein,” sagte lachelnd der Minister zum jungen Mann. Doch am nachsten Tage muBte er fliehen aus der Residenzstadt. Eine solche Tauschung finden wir auch bei vielen aus unserer Mitte. Wie es ivirklich mit der Kirche steht, wissen wohl die meisten von uns Priestern. Man sehe sich doch in den Kirchen der Stadte um und zahle nach, wie wenig Manner dem Gottes- dienste beiwohnen. Man rechne nach, wieviele von den vielen tausenden Beamten, Offizieren, Lehrern, Gendarmen etc. an Sonntagen die Kirche besuchen. Manche Stadte haben ihre Bewohner fiinffach bis zehnfach vermehrt. Doch die alten Kirchen sind noch immer grofi genug. Die Wirtshauser nehmen immer mehr zu und sind gerade Sonntags wahrend des Gottes- dienstes iiberfiillt, die Kirchen sind leer, namentlich wahrend der Predigt. Man tauscht sich gewaltig, weil eine oder mehrere Kirchen oft gefullt sind und berechnet nicht, wieviele eigentlich im ungiinstigsten Falle dem Gottesdienste beiwohnen sollten. Oft geschieht es, dafi ein und dieselben Besucher mehrere Kirchen besuchen. In den kleinen Stadten fiillen sich die Kirchen mit den Besuchern aus der Umgebung der Stadt. Auch die leitenden kirchlichen Kreise sehen das Umsich- greifen des Indifferentismus ein. Unser Oberhirt spricht na¬ mentlich in der letzten Zeit in seinen Hirtenbriefen davon, wie die Gleichgiltigkeit im Glauben, sogar der Unglaube auch die niederen Schichten der Bevoikerung ansteckt. Die Ordi- nariatskurrende vom 30. Oktober 1902, Z. 5015, durch die man sich nach den katholischen Vereinen erkundigen wollte, beginnt mit den Worten: „Die derzeit iiberaus grofie Bedrangnis der katholischen Kirche fordert gebieterisch zum Zusammenschlusse und zielbeivuBter Arbeit aller Katholiken . . . .” Da lese ich in einem Zeitungsblatt von 20. Mai 1903 einen Bericht liber die Sitzung der franzosischen Kammer. Der 17 Sozialist Allard verlangte die Kiindigung des Konkordates und die Aufhebung des Kultusbudgets. Der Ministerprasident Combes erklart, er sei ein Anhanger der Trennung der Kirche vom Staat, aber er halte diese Trennung fur untunlich, da sie der Republik ernste Schwierigkeiten verursachen wiirde. Die Regie- rung verlange die Aufrechterlialtung des Konkordates; denn sie halte die religiosen Ideen fur gegenwartig notwendig. Deputierter Sembat griff den Ministerprasidenten an und er- klarte, er gebe nicht zu, daB man sage, die religiose Idee sei notwendig. Ministerprasident Combes erwiderte, er halte die religiose Idee fur einen der machtigsten Hebel der Humanitat. Deputierter Sembat erklart, dies sei die Sprache eines Priesters, nicht eines Ministerprasidenten. Wir haben in der Regierung Freunde, die niemals solche Grundsatze zugeben werden. 328 Stimmen waren fur die Regierung, 201 Stimmen dagegen. — Also melir als ein Drittel der Volksvertreter will von der Reli- gion nichts wissen. Das Volk, das sie vertreten, riihrt sich nicht. Die Regierung halt das Konkordat fur gegenwartig notwendig! Solche Berichte kann man Tag fiir Tag lesen. DaB dieser Abfall auch im Inneren sich vollzogen hat oder sich zu vollziehen begonnen hat, wird niemand bezweifeln, der ernstliche Studien macht. Die Didzese, in der ich wirke, ist ein sehr deutliches Beispiel dafiir. Keine Pfarre ohne Spal- tung der Gemiiter beziiglich der Religion. In Krain hat sich ebenfalls diese Spaltung vollzogen, ebenso in Steiermark, auch in der Diozese Lavant, wo die religiose geistige Trennung in den Stadten schon langst eingetreten ist, aber auch auf dem Lande sich zu vollziehen begonnen hat. Begeisterte Redner sprechen oft iiber Triumphe der Kirche in ihren Vortragen, doch forscht man der Wahrheit nach, so merkt man, daB diese Triumphe wohl rein auBerliche sin d, wenn sie iiberhaupt solche sind. Am meisten triumphiert die Kirche gerade dort, wo sie sich in Minder- heit gegeniiber den protestantischen Majoritaten befindet. Eine eigentiimliche Erscheinung, als ob es notwendig ware, daB die Kirche zu ihrer besseren Entfaltung der liberalen Schutz- fittiche des Protestantismus bediirfte! — In den romanischen Landern Amerikas, in den Ablagerungsgebieten der Madchen- v Vogrinec, nostra culpa. 9 18 handler, dort, wo das Leben fast nur den Schein der Religion behalten hat, oder in Spanien, dem Lande der inneren Zerkliiftung und des Volkselendes, kann sich die Kirche wohl keiner Triumphe riihmen, da ich eben unter kirchlichem Triumph eher den Triumph iiber Schleclitigkeit und Sittenlosigkeit verstehe, nicht den, der darin besteht, dafi hohe kirchliche Funktionare von Staats- grofien mit Geschenken bedacht oder ausgezeichnet werden. Am allerwenigsten kann die katholische Kirche auf Triumphe in Italien himveisen, in dem Lande, wo sich die Maffia und Briganten straflos herumbewegen kSnnen, so daB der Fremde nicht ein- mal seines Lebens sicher ist. Dort ist auch die Heimatstatte der Anarchisten. Beim Tode Zolas schickten die Lehrer Italiens eine Beileidsadresse an die Hinterbliebenen des Inhaltes, dafi Zola der Welt gezeigt habe, wie die Erziehung der Kinder ohne ubernatiudiche Religion, durch das natiirliche Licht der Vernunft allein erfolgreich sein konne! Auch in Osterreich kann man von einem Triumphe nicht reden. Die Geschichte der „Los von Rom- bewegung” hat dies genugsam bewiesen, welche Bewegung mehr durch die religiose Gleichgiltigkeit der Osterreicher als durch die Kirche selbst iiberwunden wurde. In Klagenfurt hat man dieMitglieder der Leo-Gesellschaft blutig geschlagen, in Bohmen demonstriert sogar das Militar, wenn der Priester den Namen Hus nur in den Mund nimmt. Man beachte die Stromungen in der Lehrerschaft in Osterreich und in Deutschland, die Ent- scheidungen der Gerichte in Osterreich und in Deutschland und dann rede man noch von Triumphen. Doch sehet! Selbst Kaiser und Konige pilgern nach Rom und bezeugen ihre Hochachtung der katholischen Kirche! Mit der bloBen Hochachtung ist ubrigens nicht viel geholfen. Aufier- dem ist mehr ein eigener Nutzen im Spiele; denn man weifi, dafi die orthodoxen Katholiken treue Anhanger der Herrscher sind. Ferner ist es immer etwas Interessantes, den Papst zu sehen. Selbst Zola bat um Audienz, gewiB nicht aus Religiositat. Wollte doch sogar Alexander der Grofie den Einsiedler im Fasse, den Diogenes sehen! Dafi aus derlei Besuchen oder Kund- gebungen der Monarchen nicht auf eine glanzende Stellung der Kirche zu schliefien ist, ist einleuchtend. „Mein Reich ist nicht 19 von dieser Welt,” sprach Christus, also werden die wahren Triumphe ganz anderswo zu suchen sein. Bevor ich aus dieser Betrachtung den SchluB ziehe, steli e ich noch den Erfahrungssatz anf, dei' die kirchlichen Kreise doch zum Nachdenken zwingen mu6, namlich, daB sich zumal die Intelligenz im weitaus groBten Teile der Kirche entfremdet hat und dafi proportional mit fort- schreitender Bildung des Volkes auch die Anhanglich- keit zur Kirche abnimmt. Der Satz ist nicht allgemein zu nehmen, und im letzten Teil das Wort Bildung mehr relativ zu verstehen, so daB hier vielleicht die besser Gebildeten als die besser Unterrich- teten zu verstehen sind. Ich kenne den groBten Teil Karntens, und da finde ich hauptsachlich die Intelligenteren im kirchen- feindlichen Lager. Anderswo ist es nicht besser. Man sehe sich die Besucher in der Kirche an, welchem Stande sie angehoren, namentlich aber betrachte die Teilnehmer an solchen Obungen, die einen spezifisch katholischen Charakter haben, z. B. am , Empfange der BuBsakramente, an den kirchlichen Prozessionen (die Teilnahme an der prunkvollen Fronleichnahmsprozession ist mehr eine Modesache) oder frage, welchem Stande jene angehoren, die sich liber das Fastengebot hinaussetzen. In den Stadten ist nichts Traurigeres als eine Prozession in der Bitt- woche, an der sich Zoglinge von verschiedenen geistlichen Anstalten, einige bekannnterweise fromme Manner und Frauen aus dem niederen Volke beteiligen. Ein guter Nachbar er- zahlte mir, wie religios seine Pfarrkinder sind. Sogar Freitags kommen sie in die Kirche! Dann rief er nach gespendetem Lobe seiner Pfarrinsassen aus: „Wie lange werden wir noch die Bauern haben!” „Solange, lieber Freund, als nicht auch unter sie der Geist der intelligenten Kreise kommt, jener Geist, der die heutige Kirche nicht mehr als seine Begluckerin anerkennen will, weil sie ihm in fremdem Gewande entgegentritt,” ant- wortete ich. Interessant ist auch die Beobachtung, wie man den Klerus fiir weniger intelligent lialt als die iibrigen Stande. Derjenige, •der nur wochentlich einmal eine religionsfeindliche Zeitung 2 * 20 liest, meint turmhoch liber dem Bildungsniveau des Geistlichen zu stehen. In den Klerusorganen war oft zu lesen, wie sich in den Stadten manche scheuen, mit den Geistlichen auf der StraBe zu gehen. Wenn er ein angenehmer Gesellschafter ist, wird er in der Gesellschaft noch gerne gesehen. Aber auf der StraBe mit dem „Schwarzrock” freundlich zu verkehren, was wurde die Welt iiber seinen Bildungsgrad denken? Wir landliche Studenten muBten manchem am Gymnasium nachhelfen, spater haben wir auch fleiBig, wenn auch unpadagogisch studiert, jedoch jetzt: „Wie riickstandig sind wir!” Sogar Bessere aus einer Dorfpfarre haben sich ihres Priesters in der Stadt geschamt, weichen ihm aus. Postillone, Hausmeister, Soldaten diirfen in der Stadt den Pfarrer der Heimat gar nicht kennen. Noch eigentiimlicher ist aber die Be- obachtung, wie sich Priester oft auf freundschaftlichen Ver- kehr mit hoher Gestellten etwas „einbilden” und durch ihn ge- schmeichelt fiihlen. Ein Amtsbruder ist ihnen dann gar nicht der Berucksichtigung wert. — Ich habe diese Wahrnehmungen angefuhrt, um zu zeigen, wie es Mode wird, sich von der Religion immer mehr fern- zuhalten und auch mit den Vertretern der Religion nicht in allzunahe Beriihung zu kommen. Wenigstens unter den ersten Postulaten, daB jemand zu den Gebildeten zahlt, pflegt stets die feindliche Stellung gegeniiber der Religion, wenn auch nicht im geheimen, doch nach auBen hin zu figurieren. In Karaten haben viele Geistliche Bruder, die von ihnen wahrend der Studien- oder Lehrzeit ganz ausgehalten wurden und die weit weniger Wissen besitzen; doch diese haben sich nach Erreichung ihrer Stellung von ihren Briidern geistlichen Standes getrennt und gehen andere Wege, um ja nicht klerikal zu erscheinen. 2. Der Kulturfortschritt und der religiose Fort- schritt. Im Vorwort habe ich gesagt, dafimichauch dieNachsten- liebe zur Veroffentlichung dieser Schrift veranlaBt hat, und so hebe ich auch hier hei’vor, daB mich der religiose Abfall haupt- sachlich deshalb schmerzt, weil die Menschen dadurch nicht be- gliickt, sondern in den Zustand der Unzufriedenheit und Ge- hassigkeit versetzt werden, indem der Mensch sehr leicht nicht 21 blofi der Kirche, sondern hinterher auch Gott, seinem Schopfer untreuwird. Tatsachlich konnen wir bemerken, wie die Menschen im Laufe des letzten Jahrhunderts riesige Fortschritte auf dem Gebiete der Technik und des Verkehrs, der staatlieben Ein- richtungen, uberhaupt auf dem Gebiete der theoretischen und praktischen Wissenschaften gemacht haben, wahrend das Gebiet der Religion, die Sittlichkeit und Gerechtigkeit keinen merk- baren Fortschritt aufzuweisen hat. Ich trenne namlich die christliche Sittlichkeit und die christliche Gerechtigkeit nicht v o n der weltlichen, in dem ja die christlichen und weltlichen Tugenden identisch, auf gott- lichem Willen fuBen miissen. Ich will nicht die alte Zeit loben, als ob diese gerechter und sittlicher gewesen ware, sondern ich bedaure nur, daB bei dem allgemeinen Aufschwung Gottesfurcht, Sittlichkeit und Gerechtigkeit zuriickgeblieben sind. Haben diese ihre Quelle in der Religion, so finde ich, daB auch die Religion die gewiinschten Friichte nicht gebracht hat, daB der Same, den Christus gesaet, wohl zu einem groBen Baume emporgeschossen ist, der einige Zeit sehr viel, spater jedoch nur sparliche Friichte brachte und dafi groBe und starke Zweige dieses Baumes abgebrochen sind, um selbst einen Stamm zu bilden, daB aber auch an dem alten Baume mancher Zweig verdorrt und mancher Teil morsch geworden ist. 3. Die Ursachen der bedrangten Lage der Kirche. Welche Ursachen haben die zuvor geschilderten Verhaltnisse her- beigefiihrt? Es ist traurig, daB man in katholischen Kreisen diese Frage so wenig studiert oder nicht geniigend studiert, und sich nur mit oberflachliehen Andeutungen und Beschuldigungen begniigt. Man beschuldigt die Reformation, dann Autoritiits- mangel, Liberalismus, Freimaurerei, weiterhin die Schulen, die Regierung u. s. w. Mancher blickt sogar nicht weiter wie bis zu seinem Nachbarpfarrer, und wenn er dort sieht, daB sein Kollega nicht ganz sittenstark ist, sucht er dort Grunde, d. h. in der Lauheit des Klerus Grunde fiir die heutige Misere. Die Philosophischen und gleichzeitig Hochkirchlichen durch- schauen mit weitem Blick die Welt und meinen: Am kliigsten ist es doch, wir halten uns an die Worte der Heil. Schrift, und 22 da lesen wir beim heil. Johannes: daB Hoffart, Augenlust und Fleischeslust die Triebfeder des weltliehen Gebarens seiem Christus habe auch von den Verfolgungen der Kirche ge- sprochen: „Hat man mich verfolgt, so wird man auch euch ver- folgen.” Jetzt sind sie beruhigt. Ich werde nieht irren, \venn ich sage, dah diese an ein anhaltendes Durchdenken einer Tatsache nicht gewohnt sind; namentlich in dem kritischen Streite mit Dr. Ehrhard hat man solche Thesen aufgestellt. Die Kritiker Dr. Ehrhards bestatigen vollkommen meine Behaup- tung. Die christliche Lehre hat tatsachlich mit Hoffart, Augen¬ lust und Fleischeslust zu kampfen. Das sind aber nur Hinder- nisse, die ihre idealen Erfolge verhindern. Diesen Kampf mit Hoffart und ihren Genossinnen fiihren aber auch wir, die wir die Kirche lieben und uns bemuhen, ihren Vorschriften zu entsprechen, vom Papst bis herab zum letzten Diener. Diesen Kampf fuhrte der heil. Paulus, fuhrten die Heiligen, und zwar hatten sie vielleicht einen heftigeren Kampf zu bestehen, als ihn viele sogenannte Kirchenfeinde auszufechten haben. Wenn man sagt, die Welt lasse sich aber allzuhaufig von Hoffart, Augenlust und Fleischeslust besiegen, so muB man \vieder nach dem „warum” fragen? Wer ist Schuld an dieser Schvvache der Welt, daB sie sich besiegen lafit? Es wird somit niemand im Ernste naeh genauem Durch¬ denken der Sache behaupten, der intellektuelle Abfall habe in Hof¬ fart etc. seine letzten und tiefsten Wurzeln. In den Predigten wird sehr oft die heutige MiBstimmung gegen die Kirche durch die zu- vor angefuhrte Prophezeiung Christi von der Verfolgung er- klarlich gemacht. Jedoch mit Unrecht! Die prophezeite Verfolgung bezieht sich auf die Lehre Christi — propter Christum, -vvelche Verfolgung zur Zeit der Bekehrung der heidnischen Volker fast iiberall stattgefunden hat und noch heutzutage in den Missions- landern stattfindet. Findet heutzutage in den Kulturlandern eine- solche Verfolgung, eine Verfolgung wegen Christus statt? Es ist vielmehr ein innerer Abfall, eine Abwendung von der katholischen Kirche, nicht insoferne sie die Tragerin der Lehre Christi ist, sondern insoferne die Vertreter der Kirche das Volk nicht ge- niigend unterrichten und Ideen vertreten, die nicht streng zur 23 christlichen Lehre gehoren, wenigstens nach dem Urteile der Kirchenfeinde. Ich werde manches vorbringen, was naeh meiner Ansehauung der Kirche nachteilig ist, ebenso wie es manche Laien freilich in wenig liebenswiirdiger Form tun, doeh wird mich auch der Fanatischeste nicht zu den Verfolgern der Kirche propter Christum rechnen, da ich sogar fiir die achte Klasse der Mittelschule „die Nachfolge Christi” von Thom. von Kempen vorschlagen werde. Und wenn es auch wahr umre, daB die Kirche wegen Christus verfolgt wird, dann tritt doch an die kirchlichen Vertreter die Pflicht heran, zu untersuchen, ob nicht sie diese Verfolgung verschuldet haben, und alle Krafte aufzubieten, daB die Sache der Kirche nicht riickwarts schreite, sondern vorvvnrts und daB sie wie in den ersten christlichen Jahrhunderten den geistigen Sieg davontragt. Somit konnen uns die vorhergehenden Berufungen an die Heil. Schrift nicht geniigen, um die Lage der Kirche zu er- klaren, sondern es mufi griindlicher untersucht werden. Die ein- zige Schrift, die mir diesbeziiglich bekannt ist und die von philosophisch-geschichtlichem Standpunkte griindlicher die Frage behandelt, ist die bekannte Schrift Dr. Ehrhards: „Die katholische Kirche im XX. Jahrhundert.” Einer der Kritiker hat gesagt, daB das Buch Ehrhards nichts Neues biete. Ich rechne mich nicht zu den Historikern; doch war immer mein Bestreben mich in einzelne Geschichts- epochen zu vertiefen und so finde ich auch, daB das Buch ge- schichtlich nichts Neues biete. Doch die philosophisch betrach- tende Darstellung der geschichtlichen Tatsachen ist neu. Wir sehen, wie sich die aufiere Gestaltung der Kirche geformt hat und wie gleichzeitig, sich langsam trennend von der Kirche. die heu- tige moderne, glaubensarme WeltanschauuDg entstanden ist. In dieser Beziehung ist das Buch sehr lehrreich. Die Kritiker konnten ihm mehr mit Verdachtigungen und Verdrehungen entgegen- treten als mit philosophisch-geschichtlichen Argumenten. Die Aufforderung an beide Teile, an die Kirche und die moderne Welt, zur Aussohnung mahnend, ist mehr theoretisch und allgemein. Um auf die anfangs gestellte Frage zuruckzukommen, miissen wir, wenn wir nach den Griinden der Entfremdung der Kirche und 24 der modernen Welt forschen, uns die Kirche durch ilire lehrenden Vertreter, die moderne Menschheit durch ihre geistigen Fiihrer vorstellen. Haben wir uns diese zwei Gegner im Geiste vergegen- wartigt, dann miissen wir weiter das Verhaltnis zwischen beiden untersuchen und da finden wir, daB die moderne kultur- tragende Menschheit einst mit der Kirche innig verwachsen war; ihr Denken war nicht ein anderes als das der Kirche; was auch nicht anders sein konnte, da ja die Kirche die alleinige Erzieherin der Menschheit war, und zwar eine miitter- liche Erzieherin, die nicht blofi fur den Unterricht gewisser Gegenstande, z. B. Religion, sondern auch fur das leibliche Wohl der Zoglinge sorgte. Die Kirche hat die antike Kultur mit christlichen Lehren veredelt und aus wilden Volkern Kultur- volker geschaffen. Kirche und Staat war eine Person, der Staat sorgte fur das materielle, aber auch religiose Wohl der Volker, die Kirche aber nicht nur fiir das religiose Wohl, sondern auch das materielle Wohl derselben. Der .Staat war die exekutive Ge- \valt bei der Erziehungstatigkeit der Kirche. Schon im 15. Jahr- hundert bemerken wir, wie sich die Menschen ihrer Mutter, der Kirche nicht mehr recht fugen wollten, da ihnen manche MaBnahme derselben nicht gefiel; sie suchten selbstandig zu werden. Sie waren jedoch noch nicht alt genug dafiir, bis sie durch die franzosische Revolution auf blutige Weise sowohl vom Staate als auch von der Kirche die GroBjahrigkeitserklarung ertrotzten. Die miitterliche Gewalt war der Kirche genommen, der Staat zog seinen Arm, mit dem er die Kirche unterstiitzte, zuriick. Die Situation der Kirche ist nun eine ganz andere ge- worden. Jetzt galt es ihre Tatigkeit und ihr Auftreten derart einzurichten, daB sie durch diese allein die Menschen gewinne, wie es in der vorkonstantinischen Zeit gewesen ist. Nicht mehr Mutter, sondern Lehrerin ist die Kirche geblieben. Um jedoch auch diese Stellung zu behaupten, ist es notwendig, daB sie ihre ganze moralische und geistige Macht strahlen laBt, um die Menschen zu ihrem Lehrstuhl hinzuziehen und deren Leben mit ihren Prinzipien zu durchdringen. Dieses Moment, daB die Kirche die Erzieherin der Menschen war und noch ist 25 und auch als Lehrerin der moralischen Prinzipe aufgefaBt werden will, wozu sie iibrigens von Christus auch berufen wurde, ist fiir meine Untersuchung grundlegend und wir sind der Beantwortung der Frage naher gekommen. Wenn zwischen zwei Personen ein Zwist besteht, dann ist es moglich, dafi einer von beiden die Schuld hat oder beide zugleich, in gleichem oder ungleichem Mafie. Fassen wir den iibergeordneten oder den ansehnlicheren Partner in das Auge den Lehrer, in unserem Falle die Kirche, und fragen wiruns, ob diese ihre Lehr- und Erziehungspflichten zur Zufriedenheit erfullt hat; dann, wenn sie diese Pflichten erfullt hat, ob sie bei der Erfullung dieser Pflichten auch padagogisch richtig vor- gegangen ist, da man sehr eifrig unterrichten, jedoch wegen padagogischer Fehler keinen Erfolg erzielen kann. Moglich ist es, daB auch das Auftreten derartig war, dafi die Zoglinge kein Vertrauen zur Kirche faBten. Dieses „Nosce te ipsum” ist unbedingt notwendig. Sogar bei uns beginnt jeder geistige Fortschritt mit Selbsterkenntnis. Wenn bei einem Landmann die Wirtschaft schlecht steht, wird man zunachst nicht fragen, ob viel- leicht die Steuern die miBliche Lage versehuldet haben, son- dern ob nicht er selbst daran schuld ist. Auch wenn es mit den Finanzen in einem Staate schlecht steht, wird man nicht zuerst die hohen Durchfuhrzolle etc. beschuldigen, sondern zunachst den Gang der eigenen Staatswirtschaft untersuchen. Da wir die Kirche als Lehrerin der Volker betrachten, ist diese Frage noch natiirlicher und naheliegender. Die MiBstande in einer Pfarre kommen violfach auf das Konto der Seelsorger. „Sicut rex, itagrex” so hat man uns gelehrt. Sogar die Lehrer bekommen von Vorgesetzten bittere Lektionen zu horen, wenn Sittlich- keitsdelikte bei den Schulkindern auch auBerhalb der Schule vorkommen. Bei den Verbrechern fragt man auch nach der Erziehung. Die Sprichworter: ,.Der Apfel fallt nicht weit vom Baum”, „An ihren Friichten werdet Ihr sie erkennen”, kenn- zeichnen die Richtigkeit meiner Annahme. Zu untersuchen, ob nicht die Menschheit selbst fall von der Kirche versehuldet hat, ist zunachst eine der Fiihrer der modernen Menschheit selbst, an uns tr 26 Aufgabe erst dann als notwendig heran, wenn festgestellt worden ist, dafi die Kirche in jeder Beziehung ihrer Pflicht nachgekommen ist. Bei dieser Untersuchung, namlich ob nicht die moderne Menschheit selbst den Abfall von der Kirche verschuldet hat, kame man wieder in Verlegenheit, da man nicht wiifite, welche stichhaltigen Griinde man fur die Schuld anfuhren konnte. Vielleicht wiirde man den Fursten der Finsternis beschuldigen, dafi er solchen Einflufi auf die Menschen ausiibe, dafi er alle Bemiihungen der Kirche zunichte und die Menschen fur das Licht der Wahrheit — und wir behaupten ja die Wahrheit zu besitzen — blind mache. Doch das reimt sich nicht mit dem Worte Christi, dafi der Furst dieser Welt entthront ist, was nicht der Fali ware, wenn sich dieWahrheit nicht Bahnbrechen konnte. Auch eine so starke Anhaufung von Augenlust und Fleisches- lust kann nicht als Grund angenommen werden, da ja vorausge- setzt wurde, dafi die Kirche ihre Pflicht ganz getan hat, also ge- wifi eine solche Kumulation von Lastern nicht stattfinden konnte! Meine ferneren Ausfiihrungen werden vielmehr darlegen, dafi ich die Schuld, und zwar die hauptsachlichste an dem Niedergang der katholischen Religion, wobei ich nicht die Zalil der Katholiken uberhaupt, sondern die Zahl der prakti- tischen Katholiken im Auge habe, in der Kirche selbst finde, und zwar aus folgenden Griinden: A. Die Kirche fiihrt das Mandat Christi: „Gehet hin in die ganze Welt und lehret alle Volker und taufet sie . . . ungeniigend aus, so dafi der Verstand der Menschen von der Wahrheit nicht hinreichend er- leuchtet, das Herz aber zu wenig zu christlichen Tugenden angeeifert wird, d. h. die Belehrung der Glaubigen und ihre religiose Erziehung ist in der Schule und Kirche und aufierhalb derselben nicht derart, dafi sie hinreichend, geschweige denn vor- ziiglich vare. B. Es bestehen in der Kirche unwesentliche, ab- iinderliche A nor d nun gen, die ihrer Bestimmung in der jetzigen Zeit nicht mehr entsprechen. 27 C. Das Auftreten der Kirche nach aufien ist nicht immer ihrer hohen Bestimmung entsprechend, oft auch ihr selbst nicht niitzlich. Der erste Punkt ist der wichtigste und diesen Punkt will ich hauptsachlich verteidigen, und er diirfte mir aueh am ivenigsten Unannehmlichkeiten bereiten. Ich wollte anfangs nur diesen Gegenstand, namlich den mangelhaften Religions- unterricht besprechen, weil ich iiberzeugt bin, wenn dies- beziiglich eine Anderung geschehen wiirde, sich auch in an- deren Dingen die richtige Einsicht Bahn brechen wiirde. Ich ■\vei8 jedoch, daB die meisten Kollegen gerade diesen bedeu- tendsten Bbelstand nicht sehen, sondern andere fur bedeutender- halten, z, B. das Staatskirchentum oder den Zolibat etc. Auch mit diesen will ich rechnen und zeigen, daB in allen Gebieten des kirchlichen Lebens sich bedeutende MiBstande befinden,, waš auch natiirlieh und erklarlich ist. Es herrscht ja iiberall der eine und derselbe Geist, der die Trager der kirchlichen Ideen beherrscht, der Geist des religiosen Stillstandes, konnte man vielleicht richtig sagen. Und venn nur an einem Gebiete einmal eine Reform stattfinden solite, dann wird der Panzer auch von den iibrigen religiosen Institutionen herabfallen. Ich gebe auch zu, daB manche beziiglich des „depositum fidei”, der kirchlichen Dogmen geheime Bedenken haben. Da ich doch von den katholischen Grundwahrheiten iiberzeugt bin und auch meine, dafi durch Zerstorung oder Beschadigung derselben den Menschen das groBte Ungliick zustoBen wiirde,. so habe ich schon von vorneherein beteuert, sie nicht anzu- tasten. Ich bin auch nicht dazu berufen. Ich werde jedoch in den SchluBkapiteln auch diesbeziiglich mich naher aus- sprechen. Vor weiterer Ausfiihrung der oben angegebenen Griinde muB ich noch Riicksicht nehmen auf den etwaigen Einwurf: Die Kirche tut ja alles, was ihr moglich ist, um auch beim Unterrichte und in ihrem Auftreten den Anforderungen der Neuzeit zu entsprechen. Tatsachlich kommt in unseren Pastoral- konferenzen und auch in periodischen theologischen Schriften immer wieder die Frage in dem Sinne vor, wie der Seelsorger 28 sich in moderner Zeit zu benehmen hat, um dem Christentum die alte Position zu behaupten, z. B. ,,Welche Mittel soli der Seelsorger gegen die Los von Rom-Bewegung anwenden” oder „Wie konnen die Manner in der modernen Zeit fiir die christ- lichen Grundsatze gewonnen werden etc.”. Die Beantwortung bewegt sich jedoch immer im alten Fahrvvasser, in dem Rahmen des alten. Systems. Es ist meistens eine Wiederholung der pastorellen Vorlesungen im Seminar, indem nacheinander die Mittel aufmarschiert kommen wie Gebet, eifrige Predigten und Katechesen, erbauendes Leben des Klerus, Bruderschaften, uber- haupt die gewohnlichen Obliegenheiten eines Priesters. Als neues Moment diirfte in allerneuester Zeit nur noch die Presse, die Vereine und die soziale Tatigkeit des Priesters hinzu- kommen. Es liegt mir das Protokoli liber die Versammlung der hochwiirdigen Dechante unserer Diozese in der fiirstbischof- lichen Residenz am 27 . Mai 1902 vor. In der ersten Nummer beriet man iiber die Mittel zur Abwehr gegen die „Los von Rom-Bewegung”, die auch in Karnten stark aufgetreten ist. Man wiirde glauben, daB ein so auBerordentlicher Angriff auf die Kirche auch aufierordentliche MaBnahmen notwendig machen werde. Keineswegs. Es werden Mittel beschlossen, die ohnehin jeder Seelsorger anwendet und auch amvenden muB. Wiirde ich den ganzen Wortlaut des Protokolles hier anfiihren, so \viirde ich die Leser aus geistlichem Stande nur mit bekannten Dingen belastigen. Deshalb bezmhre ich nur die erste Nummer. Die Referenten wollen immer mitihrer reinkirchlichen Gesinnung Eindruck machen und deshalb wurde auf iliren Vortrag auch als erstes Mittel „einstimmig beschlossen”: „das Gebet, be- sonders die Anrufung des heil. Geistes, eucharistische Vereine, Forderung des ofteren Empfanges der heil. Sakramente, Ver- ehrung der seligsten Jungfrau, ganz besonders aber die Ein- fiihrung des lebendigen Rosenkranzes werden als ganz beson- dere Mittel der Abwehr gegen die Los von Rom-Bewegung fiir die Jetztzeit empfohlen”. Ein interessanter BeschluB! Auch das Gebet wird empfohlen, wahrend uns Christus aufge- tragen hat zu beten. Man beachte das „ganz besonders”! Ob unter diesen Mitteln die Einfuhrung des lebendigen Rosen- 29 kranzes so die anderen Mittel, z. B. die Forderung des Sfteren Empfanges der heil. Sakramente iiberragt, daJ3 es ganz be- sonders aufgefafit werden muB! Und mufi dieses alles erst als empfehlenswert beschlossen werden?! Was denkt man von den Priestern? Doch ich habe auch sachliche Bedenken gegen die Art des Gebrauches dieses Mittels namentlich gegen die eucharistisehen Vereine und gegen das Gebetsapostolat, vielleicht auch gegen den lebendigen Rosenkranz, wenn diese Andachten nur ein Resultat der priesterlichen Agitation sind, nicht aber Akte freiwilliger EntschlieBung. Mir widerstrebt es immer, das Gebet, die Erhebung des Herzens zu Gott, dasGesprach mit Gott an Statuten zu binden und zu einer Vereinsangelegen- heit zu machen. Ich werde vielleicht viele beleidigen, jedoch fiir manche Gebetsvereine •— nicht fiir alle, namentlich dort nicht, wo sich Menschen wirklich aus reinstem Antriebe zu einem Vereine zusammengeschlossen haben •— wird der Aus- druck richtig sein, wenn ich sage: sie bilden eine nicht auf- genommene Claque fiir den lieben Herrgott, die auch dann „Hosanna” rufen, wenn ihr Herz auch nicht bei Gott ist. Solche Mitglieder kiimmern sich oft mehr um den Verein, um die Gebetsstunden, um die Mitglieder etc. als um den Geber alles Guten. Das Gebet hat nur dann einen Wert, wenn das Herz selbst ergriffen und zu Gott hingezogen wird. Hatte man bei der Konferenz beschlossen, dahin zu wirken, daB innig und mit Verstandnis gebetet wird, so daB der Beter in seinem Denken und Leben gebessert werde, ferner, daB z. B. gute, der Zeit ent- sprechende Gabetbucher unter das Volk kommen, hatte man auch Gebetbiichervereine beschlossen, dann hatte die erste Nummer einen ganz anderen praktischen Wert. Der gottliche Heiland lobt wohl das gemeinschaftliche Gebet derer, die sich freiwillig zusammenfinden, um ihre Ge- danken zu Gott zu erheben; ob er aber auch Vereine mit Ob- mann, Kassier etc. gemeint hat, wer wird das bebaupten? Solches Statutenwerk war ja der Talmud. Glaubt man iibrigens im Ernste, daB — abgerechnet der Einwirkung der gottlichen Gnade, welche Einwirkung wohl geglaubt und angefleht werden musse, die aber nie als ein Kalkul angesehen \verden kann, 30 mit dem wir bei unseren rein menschliehen Fragen liber unsere Pflichten rechnen diirfen, da das ganze Sein dieser Gnade, die Art und GroBe ihrer Eimvirkungen nur Gott allein bekannt ist — diese Gebetsvereine auf die Ab- triinnigen einen Eindruck machen werden? DaB die iibrigen angewandten Mittel nicht hinreichen, will ich in weiterer Ausfiihrung der Resultate meiner Unter- suchungen darzulegen suchen. A. Die Belehrung der Gliiubigen und ihre religiose Erziehung in der Schule, in der Kirche und aufier- halb derselben ist nicht derart, dafi sie hinreichend, geschvveige denn vorziiglich ware. Das Fundament zu dieser meiner Untersuchung lege ich zunachst durch Fixierung meiner Anschauung a) uber den Be- griff der Religion, b) uber die Art, wie die religiose Anlage des Menschen weiter entivickelt und vervollkommnet, oder wie man religios wird. a) Begriff der Religion. Um zu finden, \vas die Religion ist, werden wir nicht die Philosophen fragen, weil wir nicht wissen, welchem wir folgen sollen, da einer die Religion als blofie Phantasie betrachtet, der andere sie im Verstande oder im Gemiite oder in einer auBeren Einwirkung begriindet glaubt. Wir werden auch die theologischen Definitionen nicht zu Rate ziehen, die in der Regel nachgeschrieben werden, ohne dafi sie auf ihre Richtigkeit gepriift wiirden. Die Wahrheit werden wir finden, wenn wir den Religionsbegriff in unserem eigenen Denken untersuchen und namentlich mit der Denk- und Sprech- weise der uns umgebenden Menschen vergleichen. Es ist klar, daB wir unter Religion das verstehen, was zugrunde liegt, wenn wir jemanden religios nennen. Wann nennen wir je- manden religios? Es ist natiirlich von wahrer Religiositat die Rede. Wurden wir einen Menschen finden, der von Jugend an 31 gewohnt ist, zu Gott zu beten und ihm zu dienen und wiirde man bei ihm sonst nichts voraussetzen als dieses, wiirden wir ihn sehlechthin religios bezeichnen? Durchaus nicht, wir wiirden sagen, er ist gottesfiirchtig oder vielleicht auch, er ist bigott. Ebenso wiirden wir einen Menschen, der blofi ,,human” ist, der nach dem Begriffe der modernen Welt die Liebe gegen die Nachsten und andere Geschopfe betatigt, ohne daB er ein oberstes Wesen anerkennt, durchaus nicht als religios be¬ zeichnen. Ebensowenig konnten wir von wahrer Religiositat bei einem Menschen reden, der zwar Gott anbetet und gegen den Nachsten zuvorkommend ist, jedoch sich selbst vernach- lassigt, um die Ablegung mancher schlechter Gewohnheiten sich nicht kiimmert. Es ist vielmehr notwendig, um jemand religios nennen zu konnen, daB er 1. Gott anbetet, d. h. ein •hochstes Wesen anei’kennt und sich zu ihm hingezogen fuhlt, 2. daB er gegen seine Nachsten und zum Teile auch gegen andere Geschopfe (zumal Tiere) Liebe empfindet und auch er- weist, 3. daB er sich selbst liebt. Die Religion werden wir so- mit als das bezeichnen, was in der Menschenseele der drei- fachen Liebe, namlich gegen Gott, gegen sich selbst und gegen seine Geschopfe zugrunde liegt oder noch deutlicher als die in der Menschenseele vorhandene Anlage, die durch Einwir- kung von innen und auBen ausgebildet, diese dreifache Liebe harmonisch und riehtig durch Denken und Wollen betatigt. Dafi diese Anlage oder der Keim zur Religion uns angeboren ist, lehrt der Apostel in dem bekannten Wort, dafi die Men¬ schen schon von Natur aus Gott erkennen konnen. Tertullian sagt: „Die Seele ist von Natur aus christlich.” Rousseau sagt, der Jiingling, der niemals von Gott horte oder šahe, wiirde spontan ein Verlangen nach Gott empfinden, indem er etwa vor der Sonne niederknien wiirde, um sie anzubeten, was bedeutet, daB die religiose Anlage sich zu entwickeln anfangt, und zwar auch in der Richtung zu Gott, wahrend sie friiher schon in der Richtung zu sich selbst und zu den Nachsten eine gewisse Vollkommenheit erreicht haben konnte. Die religi¬ ose Anlage und ihre Entwicklung im Anfange ist noch keine Re¬ ligion, sondern erst dann, wenn sie soweit gediehen ist, daB man 32 deutlich jene dreifache Liebe erkennen kann, wie auch der Grundstein samt den Grundmauern noch kein Haus genannt werden kann, sondern diese Bezeichnung erst dem Bau zu- kommt, in dem man drinnen wohnen kann, wenn auch die nicht wesentlichen Bestandteile wie der Bewurf, AusweiBen etc. noch nicht angebracht sind. Diese Ausfiihrung iiber die Religion stimmt auch mit der Lehre Christi iiberein. „Meister, welches ist das erste und groBte Gebot?” fragte ihn ein Zuhorer. „Liebe Gott aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele und aus allen deinen Kraften”, dieses ist das erste und groflte Gebot. Das zweite ist aber diesem gleich: „Liebe deinen Nachsten wie dich selbst,” antwortete der Meister. Dies ist notwendig, um selig zu werden und die Bestimmung hier auf Erden zu erfiillen. „Herr, was soli ich tun, um das ewige Leben zu erlangen,” fragte den Heiland der Jiingling. „Halte die Gebote,” ant- \vortete der Meister. Also zur Seligkeit ist notwendig die Beob- achtung der Gebote und diese sind die zwei zuvor angefiihrten Hauptgebote. Wiirde man uns fragen, was notwendig zur Seligkeit sei, so wiirden wir vielleicht in moderner Weise ant- \vorten: „Sei religios.” Religios hat somit denselben Inhalt wie die Antwort des Heilandes, namlich die Gottes-, Selbst- und Nachstenliebe; in dieser dreifachen Liebe wird folglich auch die Religion bestehen. Die Religion ist nicht identisch mit dem christlichen Glauben, ja nicht einmal mit dem Glauben uberhaupt; denn die Religion hat friiher bestanden als das Christentum, friiher als irgend eine richtige oder falsche Offenbarung. Es gab auch gewi!3 zu¬ vor religiose Menschen. Die Patriarchen, die Propheten, der heil. Josef, sie waren gewiB religios. Auch die Naturreligionen zahlen religiose Mitglieder. Der gottliche Lehrmeister zeigte der Religion nur den richtigen Weg, auf dem sie wandeln soli, und gab durch das Einsetzen des heil. MeBopfers und der Sa- kramente, durch die Stiftung seiner Kirche, der Religion feste Pfeiler und Stutzen, damit sie nicht abirre oder erlahme. Der Heiland sagte nie, daB er eine neue Religion lehre, sondern er „ware gekommen, nicht um das Gesetz abzuschaffen, sondern 33 es zu vervollkommnen”. In seinen Parabeln berief er sich auch auf die natiirliche religiose Erkenntnis, z. B. in der Parabel vom barmherzigen Samaritan, in der er die Nachstenliebe so schon erklart. Als er wegen der Ehe interpelliert wurde, berief er sich sogar auf die religiosen Zustande vor dem Gesetze: „Vom Anfange war es nicht so.” Sehr zu beobachten ist auch, daB Christus zu seinen Aposteln religiose Manner erwahlt hat, also nicht solche, denen man eine Religion erst beibringen mulite. Der gottliche Heiland hat durch seine Lehren die Religion auf den richtigen Weg: ego sum via, und somit zur bestimmten Wahrheit: ego sum veritas. Den Menschen, die die via und veritas aufgenommen haben, gab er auch durch seinen Opfer- tod und seine Sakramente das wahre iiberirdische Leben in Gott: ego sum vita. Meine Begriffsentwicklung der Religion stiitzt sich somit sowohl auf das Denken und Begreifen der Menschen als auch auf die Worte unseres Lehrmeistei^s, dessen Lehrsatze doch eher die Form der Sprechweise des Volkes haben als die der hoch- trabenden, oft nichtssagenden Definitionen der Gelehrten. Andere Definitionen lassen sich auf meine Definition teil- weise zuruckfiihren. Wenn jemand statt „Liebe zu Gott” Ver- langen oder Begehren nach Gott sagt, so ist im Grunde beides gleich. Spirago definiert die Religion in seinem Werke: „Die spezielle Methodik des katholischen Religionsunterrichtes” als die Gotteserkenntnis und einen dieser Erkenntnis entsprechenden Lebenswandel und Gottesdienst. In dieser Definition ist das Wort Gotteserkenntnis nicht so gut, wie Gottesliebe, da die Erkenntnis allerdings die Bedingung der Liebe zu Gott ist, insoferne sie ein Durchgangspunkt zu derselben ist, wahrend ge- rade die Liebe die Krone, das Ziel und das Resuitat des religiosen Strebens ist. Auch der Lebenswandel und der Gottesdienst ist viel richtiger oder viel religioser, wenn er mehr der Liebe, dem Begehren nach Gott entspringt als der blofien Erkenntnis. Nicht derjenige ist religios, der Gott erkennt und sagt „Herr, Herr”, sondern „wer seine Gebote halt”. Es ware schon aus diesem Grunde besser, dafi man nicht so sehr die Eri Vogrinec, nostra culpa. 34 betont, die oft eine sehr grobe ist, jedoch wenig Religion bedingt, als vielmehr die Liebe oder das Verlangen nach Gott. Diese oder ahnliche Definitionen, wie wir solche oft auch in den Dogmatikbuchern vorfinden, sind aber auch aus einem noch wichtigeren Grunde nicht richtig. Zur Religion gehort auch die Liebe zu den Geschopfen und zu sich selbst. Diese Liebe ist nicht nur in der Gottesliebe begriindet, sondern auch gleichmaBig, koordiniert mit der Gottesliebe und vom Anfang an erschaffen, in der angeborenen religiosen Anlage der Seele selbst. Es bleibt nicht ausgeschlossen, daB sich die religiose Anlage in der Richtung zu Gott nicht entwickelt hat, wahrend sie sich in der Richtung zu sich selbst und den Nachsten stark entwickelt hat. Wenn die Nachstenliebe nur in der Gottesliebe oder in der Erkenntnis, daB Gott der Schopfer aller Dinge sei, begriindet ware, so miiBte daraus gefolgert werden, daB je kleiner die Gottesliebe, desto kleiner die Nachsten¬ liebe ist, was die Erfahrung wohl in den meisten Fallen, aber nicht in allen bestatigt. Es gibt groBe humane Wohlfahrts- einrichtungen, die auf bloBer Nachstenliebe basieren. Die blofie Nachstenliebe ist somit auch ein Zweig der religiosen Anlage des Menschen, sie ist aber noch nicht Religion, weil eben der wichtigste Zweig, die Gottesliebe fehlt, wie eben die Grund- steine mit Grundmauern oder bloBes Dach noch nicht ein Haus vorstellen. Die iiblichen Definitionen sind somit nicht ganz richtig, weil sie die Religion namentlich in ihrer Wurzel nicht voll- standig klarstellen. Die Definition der Religion als die in der Menschenseele von Natur aus vorfindliche Anlage, die durch Einwirkungen von innen und auBen ausgebildet, die Liebe zu Gott, zu sich und den Geschopfen im Menschen erzeugt, halte ich sowohl fiir die Ausfiihrung des folgenden Kapitels wie iiberhaupt fiir eine richtige Anschauung namentlich bei Erteilung des Reli- gionsunterrichtes fiir sehr wichtig. b) Die Art, wie die religiose Anlage des Menschen weiter- entwickelt oder vervollkommnet oder wie man religios wird. Schon friiher liabe ich erwahnt, daB die Kinder mit der 35 religiosen Anlage schon auf die Welt kommen. Wie man sich diese vorstellt, ist gleiehgiltig. Wir sagen einfach, sie ist in dem unerschopflichen Brunnen unserer Seele vorfindlich. Die Kinder befinden sich zunachst in der Familie. Ist diese religios, oder wenigstens die Erzieherin des Kindes, so beginnt die religiose Anlage, sobald das Kind die Umgebung zu beobachten angefangen hat, bestimmtere Formen anzunehmen und sich zu entwickeln. Das Kind sieht, wie die Erzieherin die Hande faltet, wie ihr Antlitz, ihre Sprache und ihre Geberden sich verandern, es bemachtigt sich des Kindes auch im Kleinen dieselbe reli¬ giose Stimmung, namentlich weil diese seiner Seele entspricht. Ist das Kind groBer, so zeigt die Mutter dem Kinde den ge- stirnten Himmel, die Wohnung des „Himmelvaters”, wohin die braven Kinder kommen, nimmt es in die Kirche mit, wo das Kind die stili und andachtig betende Menge, den frommen Gesang, die Bilder etc. betrachtet. Beim Kinde bildet sich auf diese Weise aus der stili schlummernden religiosen Anlage die religiose Verfassung oder religiose Disposition. Ich mochte wohl einen geeigneteren Namen fur die Bezeichnung dieses Zu- standes finden, alleinesistmirkeinbesserergelaufig. Solche reli¬ giose Verfassung der Kinder kann man leicht in religiosen Gegen- den beobachten, wenn Neulinge das erstemal zum Religionslehrer in die Schule kommen. Sie halten die Handchen gefaltet, sitzen ruhig und andachtig in den Banken; denn jetzt sehen sie den- jenigen vor sich, den sie schon in der Kirche im heiligen Dienste beobachtet haben. Sie befinden sich in religioser Verfassung oder Stimmung. Heuer im Winter habe ich Christenlehren ge- halten fur diejenigen Kinder, die wegen weiter Entfernung die Schule nicht besuchen. Ich bemerkte, daB mich die meisten sehr wenig verstanden, da ich mich als neu Angekommener liber ihre Denk- und Sprechweise nicht geniigend orientieren konnte. Doch ich habe mich erbaut an ihrer Frommigkeit und Andacht, mit der sie meinen Worten lauschten, wiewohl sie wie gesagt, wenig verstanden haben. Wenn diese immer auf ihren Bergen bleiben, werden sie, beeinflufit durch ihre Umgebung, stets religios bleiben, obwohl sie von den Grimden der Wahr- heiten des Christentums nicht viel mehr wissen diirften, wie etwa 3 * 36 ein Turke. Diese befinden sich eben in der religiosen Verfassung, die jede Lehre der Kirche ohne weiteres aufnimmt. Auch dort, wo die Kinder vom lieben Gott nie etwas h or en, sondern wo man sie nur belehrt: „Das ist artig, das aber unartig”, bringen die Kinder sehon ein schwaches MaB religioser Verfassung mit sich in die Schule, indem sich der andere Teil der religiosen Verfassung, namlich die Liebe zu den Geschbpfen und zu sich selbst, freilich ohne den vorzugliclieren, die Liebe zu Gott, nur kummerlich ausgebildet hat, insoferne das Sittengesetz hauptsachlich das Verhaltnis zu unserem Ich und zu den Ge- schopfen ordnet. Wird in der Schule jetzt auch die Gottesliebe gelehrt, dann entwickelt sich dieser noch schlummernde Teil in raschem Tempo. Solite es Falle geben, daG die Kinder in die Schule auch ohne jedes sittliche Empfinden kommen, dann hat man allerdings mit der religiosen Anlage allein zu rechnen. Diese religiose Verfassung, die das Kind in der Familie namentlich durch die Mutter erlangt, ist wohl die festeste und naehhaltigste. Das wird wohl jeder aus seinem eigenen Leben entnehmen konnen. Mehr als alle gelehrten Beweise und Be- trachtungen bis hinauf zur Theologie hat das Wort und das Beispiel der Mutter ausgegeben. Ein Alumnus des Augustineums in Wien meinte nach Erlangung des Doktorgrades: Es ist wohl gut, daG mir meine Mutter genug Glauben beigebracht hat, die theologische Wissenschaft hatte das nicht tun konnen. Auf die religiose Erziehung im Elternhause konnen wir Geistliche durch die Eltern oder Erzieher wirken, und zwar durch die Tatigkeit in der Kirche und durch EinfluGnahme mancher Art. Wir arbeiten aber bereits in der Schule fiir spatere Gene- rationen, indem die Kinder, zu Eltern geworden, ihre Kinder auch in der Richtung erziehen werden, wie sie selbst erzogen worden sind. Nach der Erziehung im elterlichen Hause kommen die Kinder in die Schule. Wir in Osterreich und in Deutschland sind noch so gliicklich, daG wir den Religionsunterricht in der Schule erteilen durfen. Nach Gbergabe der Kinder an die Schule treten die Eltern meistenteils von der Haupterziehung zuriick 37 und wirken, wenn sie verniinftig sind, mit der Schule an der Erziehung mit. An den Priester tritt nun die Aufgabe heran, das Kind religios zu erziehen. Bevor ieh im Besonderen zeige, wie dies geschehen soli, will ich einige fundamentale Betrach- tungen hier anstellen, indem ich behaupte: Die religiose Ver- fassung der Schiller ist unbedingt notwendig, soli der Unter- richt einen Erfolg erzielen. Auf diese religiose Verfassung soli beim Beibringen jeder Wahrheit Riicksicht genommen werden. Ein Unterrichten ohne religiose Verfassung des Herzens des Kindes ist ein Aussaen des Samens auf felsigen Boden. Einige Zeit bleibt der Same liogen, bis die Vogel des Himmels kommen und den Samen wegtragen. Wenn der Unterricht im bloBen Mitteilen und Begriinden von Lehrsatzen besteht und moge dies in noch so schoner Form, noch so kunstvoll und mit noch so vielem Eifer geschehen, ist es trotzdem nur ein Aussaen auf felsigen Boden. Bei den weltlichen Fachern vird der- jenige Lehrer am meisten erreichen, der die Schiiler wiBbegierig zu machen versteht. Wenn z. B. ein Gymnasialschiiler noch so gut entspricht und vielleicht infolge seines Gedachtnisses und in- folge seiner Redegewandtheit die besten Klassifikationsnoten erzielt, hat er aber nicht studiert, um seine WiBbegierde zu stillen, dann wird die Frucht eines solchen Lernens minimal. Das Eingepragte entschwindet bald und hat fur die Bildung des Schulers geringen Wert gehabt. Der Religion kommt auch die WiBbegierde zustatten, noch mehr aber die religiose Verfassung, in der sich der Schiller befindet. Es ist eine nicht seltene Er- scheinung, dafi gerade diejenigen, die die besten Noten sowohl am Gymnasium als auch in der Theologie erzielen, nicht immer die frommsten sind. Von denen wir glauben, daB sie in der Religion oder in der Theologie gut beschlagen sind, sind oft sehr wenig religios. Das kommt daher, weil der Unterricht auf die Erlangung der religiosen Verfassung keinen Bedacht nimmt. Von unseren christlichen Wahrheiten sind namlich nicht alle derart, daB sie nur ausgesprochen und begriindet zuwerdenbrauchen,umgeglaubtundbefolgt zu werden, wie z. B. dieLehre vom Gott, von der Unsterblichkeit der Seele, sondern es gibt auch solche Wahrheiten, wie z. B. 38 die Lehre von den Sakramenten, vom heil. MeBopfer etc., die eine gewisse Vorbereitung des Herzens oder schon eine bestimmte „Zuber eitung” der religiosen Anlage des Menschen oder — sit venia verbo — eine Diingung des Bodens erheischen, in dem MaBe, daB der Same aufgenommen werden und Friichte bringen kann. Ich lege Wert auf den letzten Vergleich, um verstanden zu werden. Wie der Landwirt nicht ohne weiteres den Samen aussaet, son- dern dafiir sorgt, daB der Boden auch ertraglich ist, d. h. daB er gut gediingt ist, so ist es auch notwendig, daB der Boden des Herzens friiher empfanglich gemacht \vird fiir die Aufnahme der christlichen Wahrheiten. Wie machen es wir gewohnlich?! Die meisten kummern sich zunachst nicht, ob der Boden auch empfanglich ist, sondern sie kommen gleich mit dem Samen ihrer Lehren und werfen ihn auf den Boden, bewerfen ihn eventuell mit dimnem Erdreich, d. i. mit Beweisen und Griinden. Jetzt soli der Same gedeihen! Andere begieBen noch hinterher die Saat oder diingen den Boden nur oberhalb der Aussaat. Das sind diejenigen, die nach Mitteilen der Lehrsatze und Be- \veise noch das Gemiit beeinflussen. Die Erfahrung lehrt, daB dort, wo religios vorbe- reiteter Boden schon beim Eintritte in die Schule vorhanden ist, das Eindringen der Wahrheiten beim Schiller sehr leicht ist. Gelehrte von Weltruf halten fest an ihrem Glauben, weil sie eben eine fromme Mutter gehabt haben. Auch der gottliche Lehrmeister hat bei seinem Unter- richte die religiose Verfassung vorausgesetzt. Es muB fest- gehalten werden, daB Jesus auBer seiner Erlbsungs- mission auch als Erzieher und Lehrer zu den Juden ge- kommen ist, um diese wahrhaft religios zu machen und durch sie die ganze Welt. Er erschien gerade bei den Juden, weil bei diesen bereits Voraussetzungen vorhanden waren, daB sie \venigstens teilweise seine Lehren aufnehmen werden. Den Sokrates hat das hochintelligente Griechenvolk durch das Gift sterben lassen, weil er unter anderem auch den Glauben an einen Gott lehrte. Ware Christus unter diesem Volk erschienen, er hatte kaum 12 Manner und 72 Schiller gefunden, die bereit 39 gewesen waren, fur die Lehre ihres Meisters selbst das Leben zu opfern, weil eben bei den Griechen die religiosen Voraus- setzungen, der Glaube an einen Gott, die VerheiBung des Messias etc. fehlten. Die 12, die er zu seinen Aposteln wahlte, \varen besonders religios. Als er zu Johannes an den Jordan hinausging, da folgten ibm zwei seiner kiinftigen Apostel spontan nach, bewogen durch die anbetende BegriiBung des Taufers und das erhabene Auftreten des Rabbi. Einem anderen stellte Jesus selbst das Zeugnis seiner Rechtschaffenheit aus, als er ihn unter die Seinen einreihte: „Hic est vere Israelita.” Nur Judas macht eine Ausnahme. Er war nicht religios, quia fur erat, weil er ein Dieb war. Auf ihn hatte das Wort Gottes keine Wirkung. Er begriff nicht die Barmherzigkeit Gottes, deshalb erhangte er sich, bevor das Erlosungswerk vollbracht war. Warum wir ihn unter den Zwolfen finden, weiB Gott allein. Vielleicht rechnete er schon von allem Anfang an, als Kassier in der Gefolgschaft des Meisters Geschafte zu machen und bat zudringlich, aufgenommen zu werden. Der gottliche Herzens- kenner wollte ihn nicht friiher bloBstellen, bevor er nicht selbst sein boses Herz entdeckt hatte. Bei den Pharisaern fand die Lehre Christi keinen Anklang, obwohl dieselben in der heil. Schrift sehr bewandert waren, namentlich die Klasse der Schriftgelehrten, die im Tempel jedermann iiber die Bedeutung verschiedener Schriftstellen Aufklarung geben muBten. Sie kannten nur ihren Katechismus, den Talmud, \vahrend ihr Herz ohne religiose Verfassung war. Zu ihnen sprach der Herr: „Wer aus Gott ist, hort das Wort Gottes, vver aber nicht aus Gott ist, hort es nicht.” Wo fanden somit seine Leliren Ein- laB? Bei denjenigen, die vom Geiste Gottes erfiillt waren, deren Herz religios war. Von frommen, guten Eltern erzogen, horten sie gern das Wort Gottes. Die Pharisaer waren schon von ihren Eltern nur auBerlich erzogen. Ihr Herz blieb steinig und voli sundhaften Gestriippes. Man vergleiche auch die Worte des Evangelisten: „Quotquot autem receperunt eum, dedit eis potestatem filios Dei fieri, his, qui credunt in nomine eius, qui non ex sanguinibus, neque ex voluntate viri, nec ex volun- tate carnis sed ex Deo nati sunt.” Also diejenigen fanden nicht 40 EinlaB in das Reich Christi, deren Herz voli Kriimmungen und Leidenschaften ohne den religiosen Zug war, sondern nur diejenigen, die aus Gott geboren waren und die sich zu ihrem Schopfer hingezogen fuhlten. Wie gingen die ersten Christen beim christlich religiosen Unterrichte der Volker vor?! Sie wandten sich nicht an die Herrscher, die meistenteils Epicuraer oder Stoiker waren, auch nicht an die Einflufireichen, bei denen kein religidser Zug vor- handen war, sondern gerade an jene Volksklassen, die zahe an religiosen Traditionen hielten und auch ein Verlangen nach religioser Wahrheit hatten; und deren gab es verhaltnismafiig mehr wie heutzutage. Das ganze kulturelle Altertum hat den Oharakter eines religiosen Zuges. — Die Lehrer oder Kate- cheten der ersten Christen wollten ihre Lehren nicht auf ungedungte, irreligiose Herzen aussaen, sondern auf solche, die „aus Gott geboren sind”. Deshalb ging eine strenge Prufung der Aufnahme zum Katechumenenunterrichte voraus. Nach dem sittlichen Verhalten des Petenten wurde eifrig geforscht. Den bereits aufgenommenen Katechumenen \vurden die christlichen Wahrheiten, die eine religiose Ver- tiefung voraussetzen, nicht sogleieh mitgeteilt, sondern erst dann, wenn Garantie vorhanden war, daB sie der Auffassung derselben fahig waren. Uberhaupt kann uns das Studium des religiosen Unterrichtes bei den Katechumenen der ersten christ¬ lichen Jahrhunderte manchen AufschluB iiber die richtige Art des religiosen Unterrichtes geben. Das Voranstehende wird somit iiberall beachtet werden miissen, wo es sich darum handelt, den Menschen christlich religios zu machen. Man wird immer auf die religiose Ver- fassung Riicksicht nehmen miissen, dort wo sie vorhanden ist, sie zu erhalten und zu vertiefen suchen, dort, wo sie nicht vor¬ handen ist, schaffen oder klarer und innerlicher gestalten. Den Menschen wird man soweit praparieren, und zwar nicht nur allgemein beim Religionsunterrichte, sondern auch vor der Lehre jeder schwierigen Wahrheit, daB er mit dem kleinen Samuel ausruft: „Herr, sprich, dein Diener hort.” Dann wird das Einpflanzen der Wahrheit sehr leicht sein, wahrend 41 sich gerade die Schaffung des religiosen Bodens oder der religiosen Anlage schwieriger gestalten diirfte. Die richtige Auffassung des Vorhergehenden wird sich erst nach praktischer Durchfiihrung der Lehrarten an den verschiedenen Schulen zeigen. Um doch den Leser in meinen Gedankenkreis einzu- fuhren, fiihre ich Beispiele an: Bevor ich die Einsetzung des heil. Abendmahles und die Bedeutung desselben erzahle und nachweise, werde ich von der Liebe des Heilandes sprechen. Wie gut er gegen die Menschen war! Wie er da und dort sein liebendes Herz enthiillt hat, z. B. Sattigung der fiinf Tausend! Er wuBte, daB er am nachsten Tage sterben werde und da \vollte er uns ein Andenken an seine Liebe zuriicklassen. Er minschte, daB man immer an ihn und seine Lehre denkt, und so setzte er das heil. Abendmahl ein etc. Das Herz der Kinder wird dadurch religios gestimmt, es betrachtet die Liebe des gottlichen Heilandes und von selbst nimmt es dauernd das Pflanzchen von der Lehre des Altarsakramentes auf. Fiir die Mittelschuljugend werde ich die Biographien der Heiligen verlangen, namentlich der ersten Martyrer etwa als Auszug der „Fabiola”. Das Bei- spiel dieser Glaubensmartyrer wird die jungen Herzen religios stimmen, daB die christlichen Wahrheiten viel tiefer und fester in das Menschenherz eindringen. Fur das christliche Gesetz werde ich den Studenten durch das Lesen „der Nachfolge Christi” von „Thomas v. Kempen” empfanglich machen. Allerdings schwebt manchem Lehrer der Katechetik un- bewufit die Notwendigkeit einer religiosen Verfassung vor, in- dem er betont, der Religionsunterricht miisse auch das Gemiit ergreifen, er zeigt aber nie, wie dies geschehen soli, hochstens glaubt er am Schlusse eines Lehrstuckes durch Nutzanwen- dungen auf das Gemiit wirken zu miissen. Am meisten hat Professor Spirago in seinem „Volkskatechismus” auf die reli- giose Disposition Riicksicht genommen, jedoch nicht uberall und auch nicht nach einheitlichen Gesichtspunkten. Doch dem Umstande, daB er es getan hat, ist es zu verdanken, daB sein Buch soviel berechtigtes Aufsehen erregt hat. Nicht nur die štete Beriicksichtigung der religiosen Ver¬ fassung ist fur den ersprieBlichen Religionsunterricht notwendig, 42 sondern auch andere Faktoren, deren Untersuchung ich eben- falls als grundlegend fiir die Aufstellung der Grundsatze des Religionsunterrichtes betrachte. Diejenigen, die noch vom Mittel- alter traumen, beriicksichtigen viel zu wenig, daB die Religion dem Menschen heutzutage nicht mehr alles ist, um das sich sein ganzes Denken und Wollen drehen wiirde. Sogar tief in die neue Zeit hinein war die Religion dem Menschen das Zentrum des ganzen Lebens. Es gab keine Zeitungen, keine Vereine, keine bedeutenden Verkehrsmittel, die den Menschen mit der groben Welt in Beriihrung brachten. Heutzutage gibt es zahllose, sehr ausgebildete Wissenschaftszweige, die groBes Interesse beanspruchen, technische Errungenschaften, mit denen sich der Geist bewundernd und gerne beschaftigt. In den fruheren Zeiten konzentrierte der Mensch seine Gedanken nur auf die Kirche und ihre Einrichtungen. Es schien ihm das hochste Ideal, weil es eben das einzige war, fur die Kirche etwas zu tun oder ihr zu dienen. Die zahlreichen Kunstdenkmaler beweisen, wie das Mittelalter sein ganzes Wissen und Konnen der Kirche widmete. Alles dieses beweist aber noch nicht, daB besonders tiefe, religiose Uberzeugung im Durchschnitte herrschte, sondern nur, daB der Mensch schon durch seine ganze Umgebung, durch die ihn umgebende Atmosphare, sich \vie ein Kind in einer religiosen Familie, in einer religiosen Verfassung befand, die ihm ermoglichte, die christlichen Lehren in der trockensten Form aufzunehmen und zu befolgen. In der Jetztzeit sind die Voraussetzungen fur die Forderung der religiosen Ver¬ fassung durch die Umgebung verschwunden, es sind im Gegen- teile Zustande, die den religiosen Sinn des Menschen nicht fordern konnen. Weiters ist auch ein psychologisches Gesetz, daB der Mensch nur eine bestimmte Menge oder Summe des Ei'kennens und Wollens vertragen und nicht gleichzeitig mehreren Er- kenntnisgebieten die intensivste Aufmerksamkeit schenken kann. Wir empfinden das selbst. Wenn wir uns durch langere Zeit intensiver mit einem Wissenschaftszweige beschaftigen, z. B. Mathematik, \verden \vir bald fiir andere Wissenschafts- zweige weniger empfanglich. Beim modernen Menschen haben 43 den groBten Teil von dem Platze, den friiher die Religion in seinem Denk- und Willensgebiete eingenommen hat, die modernen Erkenntniszweige okkupiert und fiir die Religion nur einen kleinen Teil, wenn auch den vorziiglicheren, dank der in der Seele befindliehen religiosen Anlage, iiberlassen. Diese Okkupation durch andere Wissenszweige beginnt sehon in der Familie, wenn das Kind fremde Sprachen lernen mufi, in der Schule, wenn es sich die weitaus groBte Stundenzahl mit den anderen Gegenstanden beschaftigt. Eine fernere ganz natiirliche Erscheinung ist es, dali diese modernen Erkenntnis- zweige, stolz auf ihr Vordringen, gegen die alte Burg der Religion den Kampf eroffnen, der um so aussichtsvoller wird, je schlechter die Burg verteidigt wird, oder je mehr die Abwehr mit alten verrosteten Waffen geschieht. Heutzutage haben wir keinen Luther ab anno 1517 zu fiirchten, der sich auf die Macht der Fiirsten stiitzen und samt den Herrschern auch das Volk fiir seine Sache gewinnen wiirde; jedes Dorf hat dafiir genug Luther im Kleinen, die in der Presse, in den Gast- hausern, in den Vereinen und auch sonst bei vielen Anlassen das kirchliche Gebiet bedrangen. Bei dieser geanderten Lage wird auch die Art des religiosen Unterrichtes eine ganze andere. Wir miissen das restliche, der Religion reservierte Platzchen, das vor allen anderen Erkenntnisgebieten diesen Vorzug hat, daB es uniiberwindlich ist, wenigstens in seinem Grunde, nam- lich in der angeborenen religiosen Anlage, gut ausnutzen. Auf diesem Platzchen miissen wir mit christlichen Wahrheiten einen uniiberwindliehen Leuchtturm errichten, dessen Licht alle ubrigen Erkenntnisgebiete beleuchten und der durch bloBes Ausstrahlen des Lichtes diesen Erkenntnissgebieten die gegen die Kirche gerichteten Waffen entwinden wird. Das Resultat der vorhergehenden Untersuchungen wird somit sein: 1. Zur Beibringung der christlichen Wahrheiten ist die religiose Verfassung notwendig. 2. Es mufi beriicksichtigt werden, daB die mensch- licheSeele in der Neuzeit mit so vielen Wissensgebieten beschaftigt ist, daB sie sich nicht mehr wie in fruheren 44 Zeiten dem religiosen Wissen und Streben allein hin- geben kann, und daB die modernen Wissensgebiete das religidse Fiihlen vielfach bekampfen und schwachen, so daB es unsere Pflicht ist, die christlichen Wahr- heiten so fest und so geschickt in den gut vorbereiteten Boden der Menschenseele einzupflanzen, daB diese Wahrheiten sich in der Menschenseele nicht nur selbst behaupten werden, sondern auch wie Sauerteig oder \vie Salz alle anderen Erkenntnisgebiete, das ganze Denken und Handeln des Menscben durchsauern und durchsalzen werden. Die Frage, wie der Mensch religios wird, habe ich im vorhergehenden geldst in bezug auf die Erziehung in der Familie. Die folgende Abhandlung wird sich jetzt beschranken auf die Erziehung in den verschiedenen Schulen, in der Kirche etc., bei welchen Ausfiihrungen uns die beiden vorher zitierten Untersuchungsresultate leiten werden. Wir beginnen mit der Volksschule. I. Der Religionsunterricht an der Volksschule. 1. Das Ziel des Religionsunterrichtes an der Volks¬ schule. -Das Ziel des Religionsunterrichtes an der Volksschule ist offenbar, die Kinder religios zu machen, soweit es mit Riick- sicht auf die Verhaltnisse moglich ist, oder — wenn wir zugleich andeuten, was wir unter „religios” verstehen — den Kindern die Liebe zu Gott, zu sich und den Geschopfen auf den von Christus vorgezeigten Wegen moglichst vollkommen und dauernd beizubringen und sie auch zum Empfange der Gnadenmittel als Stiitzmittel zur Erreichung dieses Zweckes anzueifern. Dr. Katschner gibt in seinem Buche „Katechetik” (Ulr. Moser, Graz 1899) als Ziel des Religionsunterrichtes an, die Kinder zu Jesus zu fiihren oder die Vereinigung der Kinder mit Christus durch Glaube, Hoffnung und Liebe. Dies klingt sehr fromm, ist aber ganz unrichtig; die Kinder sind schon durch die Taufe mit Christus vereinigt und in der Schule ist nicht mehr auf 45 die Vereinigung mit Christus hinzuarbeiten, da ja die Kinder, die in die Schule kommen, doch fast ausnahmslos unschuldig sind, als vielmehr dafur zu sorgen, dali die Kinder von Christus nicht getrennt werden. Wie kann da das schone Wort des Heilandes „Lasset die Kleinen zu mir kommen” einen aufs Eis fiihren! Ich habe gesagt, wir miissen die Kinder religios machen, soweit es moglich ist. Es ist einzusehen, da8 wir in den Volksscliulen den Kindern nicht alles beibringen konnen, was wir wiinschen, da sowohl die entsprechende Passungskraft der Schiller als auch die notwendige Unterrichtszeit fehlt. Ander- seits stelle ich aber den Satz auf, dafi bei richtigem und verniinftigem, mit mittelmafiigem Eifer erteilten Unter- richte das von mir angegebene Ziel, die dauernde Liebe zu Gott, zu sich und den Geschopfen in den Kinderherzen zu schaffen, auch bei jetzigen Schulverhaltnissen moglich ist, sobald die Kirche spater den Erwachsenen ebenso richtig und vernunftig beeinfluBt und ihn nicht abstoflt. Ich halte den Erfolg fiir moglich, weil die christlichen Wahrheiten doch nicht so zahlreich und so schwierig sind, daB sie nicht mit Leichtig- keit in das richtig vorbereitete Herz des Menschen eindringen wiirden, namentlich in der Zeit der Kindheit, wo das Herz des Kindes noch rein, die Wohnung Gottes ist. Die Sklaven der altchristlichen Zeit tranken formlich in einem Zuge die christ¬ lichen Wahrheiten, weil ihnen diese padagogisch vorgetragen wurden und diese Wahrheiten nicht mit allem moglichen fiir das praktische Christentum wertlosen Ballast belastet waren. Allerdings gibt es mit dem Verstande unfaBbare Wahrheiten, aber die geschichtliche Tatsache ihrer Offenbarung ist gerade so begreiflich wie jede geschichtliche Tatsache, z. B. aus der Zeit des Kaisers Augustus. Es ist eigentiimlich, wenn hie und da der Religionsunter- richt als besonders schwer bezeichnet wird. Ich will einen Vergleich machen. In meiner Pfarre sind viele Schneider. Die konnen immerhin einen annehmbaren gutstehenden Rock machen. Diese Kunst des Schneiderhandwerkes zu erlernen, ist nicht so schwer. Durch die praktische tlbung im Zuschneiden 46 erlangen sie bald eine gewisse Geschicklichkeit. Wurde man bei den Lehrlingen jedoch mit Schnittzeichnen kommen, wo geometrisch mit Zirkel und Lineal und mit MeBapparaten der Unterricht erteilt wird, und wiirde man sogar anatomische Kenntnisse liber den Korperbau fordern, bald wird die Erler- nung des ehrsamen Handwerkes sebr schwierig. So ist auch die Erteilung des Religionsunterrichtes leicht, wenn sie einfach und praktiseh geschieht, schiver, wenn man sich unnatiirlicher Lehriveise bedient. Professor Spirago sagt in seiner Methodik, „dafi nach dem Urteile der Fachmanner die Erteilung des Religionsunter- richtes schwieriger ist als der Unterricht in den iibrigen Gegen- standen der Volksschule. Dies kommt daher, weil bei den weltlichen Gegenstanden sichtbare Dinge besprochen oder be- nutzt werden, so Tiere, Pflanzen, Steine, Buchstaben, Zahlen, Modelle u. dgl., beim Religionsunterrichte aber solche Dinge zur Besprechung kommen, die man mit den Sinnen nicht wahr- nehmen oder sogar oft mit dem Verstande nicht begreifen kann”. In diesem Sinne kann ich den Religionsunterricht weder sclnvieriger noch leichter bezeichnen als die iibrigen Gegen- stande, da der Religionsunterricht sich auch bei der trans- zendentalsten Wahrheit auf Sinneswahrnehmungen stiitzen mufi. Ein Unterricht, der sich darauf nicht stiitzt, ist ein imaginarer, iiberhaupt kein Unterricht. Bei den iibernatiirlichen Wahrheiten muB wenigstens die geschichtliche Tatsache ihrer Offenbarung aufgefaBt und begriffen \verden. Die geschichtliche Tatsache von der Einfiihrung des allerheiligsten Altarssakramentes muB ebenso begriffen werden, wie die geschichtliche Tatsache von der Beschaffenheit irgend einer altheidnischen Religion. Es hat an einem Gymnasium einen Quintaner gegeben, der sich jetzt in hoher Stellung befindet, der behauptete, einen Livius oder Homer haben nur die Professoren verfafit, um die Schiiler in der lateinischen und griechischen Sprache zu iiben. So kann es auch einen geben, der die geschichtliche Tatsache der Ein- setzung des Altarssakramentes leugnet, weil er eben nicht ge- niigend geschichtlich informiert ist. Das Wesen der Wahrheit 47 begreifen \vir allerdings nicht; es ist jedoch hinreichend, wenn die geschichtliche Tatsache derselben feststeht. Wir begreifen aber auch das Wesen der Naturkrafte, z. B. Elektrizitat, Magnetismus etc. nicht; wir kennen aber die Tat¬ sache ihrer Wirkungen, und kein Verniinftiger wird ihr Dasein leugnen. Dies zu beherzigen, ist von groGem Werte, und zwar erstens, um nicht zu behaupten, daG wir bei diesen Wahrheiten nicht auf Sinneswahrnehmung zu reflektieren haben, zweitens, daB wir uns beim Unterrichte befleiBen werden, namentlicli auf die Klarstellung der geschichtlichen Tatsache Nachdruck zu legen. Man kann somit nicht von der Schwierigkeit des Reli- gionsunterrichtes bezuglich seiner Transzendenz reden, sondern eher von der Schwierigkeit, die darin besteht, alle Schiller bei verhaltnismafiig geringer Stundenzahl religios zu erziehen, zumal sehr viel daran gelegen ist, daB der Schiller wirklich etwas kann und sich der Katechet nicht mit bloBer Verschreibung der Klassifikations- note begniige. Schwierig ist aber der Religionsunterricht hauptsachlich deshalb, weil er den Katechismus zur Grund- lage hat, ein Buch, in welchem man die einfachsten Wahrheiten in ein unpsychologisches System von Definitionen und Determinationen gebracht hat, die von den Kindern auswendig erlernt werden miissen, um den Visitator zufrieden zu stellen, schwierig inso- ferne, als es kaum moglich ist, auf diese Weise einen Erfolg von dauerndem Werte zu erzielen. \f 2. Was soli der Religionsunterricht an der Volks- schule noch berucksichtigen? Meine allgemeinen Grund- satze habe ich angegeben, namlich: Die Schaffung der religiosen Verfassung, auf deren Grund die transzendentalen Lehren aus- gesaet werden sollen, wobei man darauf Riicksicht nehmen miisse, daB der Erfolg des Religionsunterrichtes stark genug sei, um in der menschlichen Seele mit den iibrigen Erkenntnisgebieten konkurrieren, respektive sie mit seinem Gehalte erfiillen zu konnen. Doch wie soli die religiose Verfassung hervorgerufen und die Wahrheiten auf Grund derselben gelehrt werden? Ich 48 will liier nicht theoretische Regeln aus der Padagogik auf- stellen; dies ist eine Aufgabe der speziellen Katechetik. Ich will hier nur den Satz betonen, daB sich der Vorgang beim Unterrichte ganz genau dem Denken und Fiihlen des zu unter- richtenden Kindes anschlieBen muB und soli der Erfolg ein allgemeiner sein, soweit, daB durchschnittlich alle Kinder, auch die schwacheren (worunter jedoch geistig zuriickgebliebene nicht gemeint sein konnen) ihr religioses Ziel in der Volksschule erreichen. Der Leser wird schon daraus schlieBen, daB ich eiuen Unterricht in einfachen und schlichten Ausdriicken ver- lange, und daB ich alles abweise, was ein Kind in den beziig- lichen Jahren nur schwer versteht. Unser Unterricht perhorres- ziert jede Neubildung von Begriffen, die das Kind nicht schon aus dem iibrigen Wissensgebiete besitzt, weil eben fiir derlei Er- klarungen uns keine Zeit zu Gebote steht. Nur die allernot- wendigsten Begriffe wird man in den Religionsunterricht neu einfiihren. Gab es bessere Religionslehrer als Christus und die Apostel? Und nun bitte ich, auf einer Tabelle alle Begriffe zu- sammenzustellen, die sich in den Evangelien und in den aposto- lischen Schriften finden und die dem Volke nicht bekannt ge- wesen waren und dann mit zahllosen Begriffen vergleichen, von denen unsere Dogmatikbiicher und Religionsbiicher strotzen! Um das Denken und Fiihlen der Kinder richtig zu be- greifen und den Unterricht danach einzurichten, wird es not- wendig sein, die Psychologie zu studieren, und zwar ebenso aus den Buchern als auch mit mehr Eifer und Nutzen durch eigene Beobachtungen an den Kindern. In den Buchern sind die Erfahrungen anderer niedergeschrieben, welche Erfahrungen aber unverstanden bleiben und fiir den praktischen Unterricht wertlos werden, wenn man diese Erfahrungen durch die Beob- achtung der psychologischen Vorgange des Kindes und des Um- fanges seiner Begriffswelt nicht selbst erlebt. — Es ist ferner eine ganz willkiirliche Annahme, als ob die Grundzuge der Erziehungs- art und der Methodik im Unterrichte wesentlich andere seien als bei den anderen Erkenntnisgebieten. Die Erziehung fallt anders bei der Religion aus, weil sie eben ein anderes Ziel hat, wie sich eine geschichtliche Erziehung anders gestalten wird, als eine rein 49 philosophische. Doch die Art und Weise, wie der Mensch zu diesem Ziel kommt, mufi notwendigerweise die gleiche sein, da es ja unmoglich ist, dafi die Vernunft in ihren Grundsatzen bei Erwerbung verschiedener Erkenntnisse variieren wiirde. Und die Vernunft ist doch die Grundlage auch bei religiosen Er- kenntnissen! Etwas zu glauben, das uns die Vernunft nicht in irgend einer Weise garantieren wurde, ist das Charakteristikon eines Verruckten. Damit der Satz, herausgerissen aus dem Zu- sammenhange, nicht falsch verstanden werde, stelle ich hier folgende Betrachtung an: Bekannt ist, wie der gottliche Heiland dem Thomas zugerufen hat: „Du glaubst, weil du gesehen hast. Doch selig, die glauben und nicht sehen.” Ist etwa damit gemeint, dafi die Offenbarungswahrheiten ohne weiteres geglaubt werden miissen? Durchaus nicht! Gesetzt den Fali, der heil. Paulus wiirde plotzlich in ein Haus kommen, wo noch kein Mensch irgend eine Silbe weder von Christus, noch von Paulus, noch von ihren Lehren gehort hatte. Der heil. Paulus wiirde durch etwa eine halbe Stunde reden, hierbei die wichtigsten iibernaturlichen Wahrheiten vortragen und hierauf von seinen Zuliorern den Glauben an den Gekreuzigten verlangen. Wenn nicht aufierordentliche Gnadenwunder vorausgesetzt wiirden, wiire es wohl, um mich milde auszudrucken, sehr ubereilt, einem Fremden den Glauben zu schenken, ohne dafi die Vernunft irgend eine Garantie fur die Wahrheit seiner Predigt leisten wiirde. Es ware aber ebenso unverniinftig, wenn z. B. das Haus, in das der heil. Paulus kommen wiirde, nicht glauben und seine Worte zuriickweisen wiirde, wenn es schon oft von Christus gehort hatte und wenn es an der Redlichkeit des Apostels nicht zweifeln wiirde. Der heil. Thomas hat jedenfalls unverniinftig geliandelt, dafi er nicht geglaubt hat. Das Zeug- nis seiner zehn Kameraden, der beiden Jiinger von Emmaus, der Frauen, die zum Grabe hinausgingen, die speziellen Be- teuerungen des heil. Petrus waren ihm ungenugend. „Selig, die auf geniigende Griinde hin glauben, wenn sie es auch nicht sehen!” Wenn schon der verniinftige Glaube doch wenigstens in einer Hinsicht die Garantie der Vernunft voraussetzt, so \vird noch mehr die Methode, die zu diesem verniinftigen Glauben Vogrinec, nostra culpa. 50 fiihrt, sich der Grundsatze der Vernunft bedienen, die bei jedem Erwerb der Erkenntnisse doch gleiche sein miissen. Diese Auseinandersetzung ware nicht notwendig, wenn nicht gerade diesbezuglich eine beklagenswerte Yerwirrung herrschen wiirde, verursacht von denjenigen, die stets „Kirche” und „kirchlich” im Munde fiihren und in jede Disputation hineinbringen tvollen, um gleichsam einen Talisman gegen die Kritiker zu besitzen. Vergleichen wir zu unserer Orientierung Seite 70 und Fortsetzung der „Katechetik” von Dr. Katschner: .p) Die Quellen, aus denen der Katechet die richtige Methode schopfen kann: a) .. b) .. c) .. d) endlich die Sehriften beruhmter Pada- gogen, welche aus Wissenschaft und Erfahrung die Grundsatze der richtigen Methode geschopft und aufgestellt haben. Die wissenschaftliche neuere Padagogik schopft hauptsachlich aus der Psychologie und Logik und hat den Unterricht sehr ge- fbrdert. Fiir die katholische Erziehung jedoch haben ihre Grund¬ satze zumeist nicht forderlich gewirkt, da manche Padagogen auf rationalistischem, der katholischen Religion sogar feind- lichem Boden stehen. Katholische Kinder konnen und diirfen nur nach den Grundsatzen und Lehren der katholischen Religion erzogen werden.” — Das Buch ist auch fiir die Lehramtskandi- daten geschrieben. Der Umstand, dah die Grundsatze der katho¬ lischen Religion gegeniibergestellt werden den Grundsatzen aus Wissenschaft und Erfahrung, die „den Unterriqht sehr ge- fordert haben”, laht fast darauf schliefien, als ob der Verfasser der Anschauung ware, daB das Schopfen der Grundsatze aus Psychologie und Logik der katholischen Erziehung nicht for¬ derlich sein konne. Beim ersten Lesen und Analysieren der konfusen Stelle wird jedermann dies so auffassen. Ich war ver- sucht, zugunsten des Dr. Katschner die Stelle so aufzufassen, wiesie richtig ware:.... „Fiir die katholische Erziehung jedoch haben ihre Grundsatze” beziiglich des Erziehungszieles (nicht methodische Grundsatze!) B nicht forderlich gewirkt, da manche Padagogen auf rationalistischem, der katholischen Religion so¬ gar feindlichem Boden stehend” zumal aus der Psychologie (z. B. Leugnung der Freiheit des Willens) falsche Schlusse 51 zogen und ihre eigenen religiosen Anschauungen bei Aufstel- lung der Grundsatze geltend machten. Die katholischen Kinder sind zwar methodisch nach den Grundsatzen der richtigen wissenschaftlichen Padagogik zu erziehen, jedoch was das Er- ziehungsziel und die Lehre selbst anbelangt, nach denen der katholischen Kirche. So ware man geneigt anzunehmen, wehn nicht der Verfasser des Buches als „Quellen, aus denen der Katechet die richtige Methode sehopfen kann”, an derselben Seite angegeben hatte: a) Die Vorschriften und Anordnungen der Kirche in Synoden, oberhirtliche Verordnungen und Weisungen; b) das Beispiel der katholischen Kirche in der Ausiibung ihrer katechetischen Tatigkeit, welches uns in der Geschichte der Katechese entgegentritt; c) das Beispiel der katechetischen Tatigkeit und die An- weisungen jener Manner der Kirche, welche sich um den Reli- gionsunterricht besondere Verdienste erworben haben” und erst sub d) folgt die friiher zitierte Quelle, namlich „endlich die Schriften beruhmter Padagogen etc.”. Da er alle anderen drei Quellen zuerst anfiihrt und bei der vierten Quelle noch die oben erwahnte Einschrankung macht, so hat es doch den Anschein, dab die methodischen Grundsatze der Quellen a),b), c) andere sein mussen als die der Quelle d). Man ware jetzt neugierig, die Grundsatze der richtigen Methode, geschopft aus den drei ersten Quellen zu erfahren. Lesen wir weiter auf Seite 70, Nr. 5 seines Buches: „Die katechetische Methodik handelt: a) von den Grundsatzen des Unterrichtes; b) vom Lehr- gange; c) von der Lehrform; d) von der Lehrsprache und Lehrton; e) von den Lehrmitteln; f) vom Lehrverfahren.” Dann behandelt er die einzelnen Teile a), b), c), d), e), f), und zwar: „§ 19 Allgemeine Grundsatze des Unterrichtes. I. . . . II. Unter der groben Anzahl der Unterrichtsgrund- satze sind fiir den Religionsunterricht vier von besonderer Bedeutung: 1. Der Unterricht mub naturgemab sein, . . den psycho- logischen Gesetzen entsprechend. 4 * 52 2. Der Unterricht mufi harmonisch sein. 3. Der Unterricht mufi anziehend sein. 4. Der Unterricht mufi konzentrisch sein.” Kein einziger Grundsatz stutzt sich auf die Verord- nungen der Synoden, der Bischofe, iiberhaupt auf die drei ersten Quellen, sondern alle auf die „endliche” Quelle d). Auch wenn er weiter vom Lehrgange, von der Lehrform, von der Lehrsprache, von den Lehrmitteln, vom Lehrverfahren spricht, finden wir nirgends eine kirchliche Verordnung oder einen Hinweis auf das Beispiel der Kirche, sondern er stutzt sich stets auf wissenschaftliche Padagogik und Erfahrung. Er ver- langt, dafi der Katechet von den fruher erwahnten drei Quellen die richtige Methode schopft, er selbst beruft sich nirgends bei der Abwicklung der Frage auf jene drei Quellen! Cbrigens kenne ich auch keine allgemein geltendenmethodischen Grundssatze der Kirche. Wird die Methodik des Altertums oder des Mittelalters oder der Neuzeit mafigebend sein? Nach Seite 3 des zitierten Buches „hat die Kirche ihre padagogischen Grundsatze im Laufe der Zeit durch kirchliche Gesetze und Verordnungen —• er nennt sie nicht! — erganzt und bestatigt und in ein System gebracht und in der Katechetik zusammenge- stellt’’. Soli etwa die Katechetik von Dr. S. Katschner diese Zusammenstellung der kirchlichen padagogischen Grundsatze sein? Oder existiert irgendwo nocheineauthentische Katechetik? Die allzu grofie Kirchlichkeit des Herrn Dr. Katschner be- reitet ihm selbst manehe Unannehmlichkeit. Wir kommen noch auf ihn zuriick. Bei der Erteilung des Religionsunterrichtes miissen noch andere Momente beriicksichtigt werden, die bei der Aufstellung der Grundsatze der Katechetik ebenfalls von grofier Bedeutung sind. Die Katechetik darf nicht mit idealen Katecheten und auch nicht mit idealen Schiilern rechnen, sondern ihre Grund¬ satze so aufstellen, dafi auch schwachere Katecheten bei schwa- cheren Schulkindern einen Erfolg erzielen. Wenn man selbst ein Pastoralprofessor ist, oder ein alterer Religionslehrer, oder eine besondere Befahigung zum Katecheten- amte hat und \venn man noch dazu an einer Klosterschule oder 53 einer tibungsschule unterrichtet, \vo sich die Kinder aus den besseren Standen einfinden, da kann man bald auf grobe Er- folge hinweisen oder bald etwas vorschreiben, was von schwache- ren Katecheten bei schwacheren Schiilern nieht erreicht werden kann. Betrachten wir dies naher! a) In jedem Stande, in jedem Beamtenkorper werden solehe Anforderungen gestellt, dalj auch die Schwacheren sie erfiillen konnen. Das muB auch beim Katechetenstande ge- schehen, nicht so sehr, daB man geringeren religiosen Erfolg bei den Kindern von ihnen verlangt, als vielmehr, daB man ihnen solehe Mittel an die Hand gibt und so erzieht und so beauf- sichtigt, daB ein Erfolg garantiert wird. Heutzutage ist jeder Seelsorger gezwungen, Katechetendienste zu leisten. Darunter gibt es sehr viele, die fur das Amt ungeeignet sind, die schwer- fallig reden, die, wenngleich vielleicht gelehrt, sich jedoch in das Denken und Reden der Kinder nicht hineinfinden konnen, nervose Herren, die von Berufspflichten iiberladen sind, oft auch weit in die Schule gehen miissen, wo sie ermiidet an- kommen. Es gibt auch solehe, die iiberhaupt an den Kindern keine Freude haben, oft auch zu bequem sind, um stunden- lang zu reden und sich stundenlang anzustrengen. Beim heutigen Priestermangel kann eine Auswahl nicht stattfinden. Es stellt sich somit die Notwendigkeit heraus, den Katecheten solehe Mittel an die Hand zu geben, daB ein hinreichender Erfolg gesichert sei. Man wird demnach den Katecheten schon im Seminar praktisch ausbilden, ihm bestimmte Instruktionen an die Hand geben und ihn durch eine padagogische Inspektion zur Beobachtung derselben anhalten. Die Fixierung der Mittel und Weisungen muB von den Katecheten selbst ausgehen, freilich mit Genehmigung der kirchlichen Behorde. b) Das Schiilermaterial an verschiedenen Orten ist sehr verschieden, ganz anders in den Stadten, anders auf dem Lande, anders wieder in den Fabriksorten. Da kommen oft Kinder in die Schule, die kaum einen Satz vollstandig sprechen konnen, ungeniigend genahrt sind und krankeln und von Haus aus ver- wahrlost sind. Es ist somit nicht die Aufgabe des Katecheten, nur mit den besten Kindern vorwarts zu schreiten, wahrend 64 die anderen zuriickbleiben. Ich glaube, fiir den Religionsunter- richt ist es viel besser gesorgt, wenn der Unterricht auf Grund geeigneter Unterrichtsmittel so erteilt wird, daB auch die Schwachen nachkommen. Die Besseren werden in ihrem Ver- standnis befestigt, die Schwacheren bleiben nicht zuruck. Einige Katecheten heiBen sogar bei einer Schulvisitation die Schwacheren zuhause bleiben, um sich mit den besseren Schiilern allein zu produzieren. Ein Katechet, der seinen Beruf versteht, wird namentlich den schwacheren Kindern seine besondere Fursorge zuwenden. Manche Katecheten glauben auch, mit den besseren Schiilern Gott weiB was GroBes erreicht zu haben, wenn sie die Lehrsatze und sogar auch die Erklarung nachsagen konnen. Diese geben sich oft eitlem Wahne hin. Die Kinder haben ein enormes Gedachtnis und hangen an dem Worte, so daB sie oft den ganzen Vortrag nachsagen konnen, ohne in das Wesen der Sache eingedrungen zu sein. Nach den vorstehenden Ausfiihrungen wird es somit notwendig sein, daB der Unterricht so eingerichtet ist, um den Erfolg auch bei den schwacheren Kindern zu sichern, daB man solche Mittel und auch solche Form des Vortrages wahlt, daB nicht nur eine geringe Zahl dem Unterrichte folgen kann, sondern auch von allen die notwendigen, religiosen Resultate erzielt werden. Diesen Ausfiihrungen lege ich groBen Wert bei, da ich sie spater bei Besprechung des Lehrbuches voraussetzen werde. 3. Die praktische Erteilung des Religionsunter- richtes in den zwei ersten Schuljahren der Volks- schule. Schon aus dem Vorhergesagten geht hervor, daB zur Schaffung der religiosen Verfassung, die zur Aufnahme der religiosen Wahrheiten notwendig ist, die Beobachtung der psycho- logischen Gesetze gefordert wird, welche auch vom modernen Unterricht beriicksichtigt werden oder wenigstens beriicksichtigt werden sollten. Wir werden somit mit den Kindern Freundschaft schlieBen, mit ihnen reden, sich um ihre Verhaltnisse kummern und dann bei unserem Unterrichte an bereits Vorhandenes an- kniipfen und die fundamentalen Lehren ihnen beibringen. Nament¬ lich werden Erzahlungen gewahlt, soweit diese fur sie fafibar sind, 55 ihr Herz gewinnen und ihre Phantasie beschaftigen. Dieser Unterricht mufi stufenweise geschehen, so daB ein religioses Unterrichtsresultat auf dem anderen aufgebaut wird, das erste religiose Unterrichtresultat wieder zur reli- giosen Verfassung oder Vorbereitung fur ein anderes religioses Resultat wird. Gehen wir nun in die Schule, in der eben Neulinge sich eingefunden haben. Der Beginn des Unterrichtes wird mit der Versicherung eingeleitet, daB man die Kinder gerne hat, daB sie sich nicht zu fiirchten haben, namentlich wenn sie gut sind. Dort, wo die Kinder schon von Haus aus eine religiose Disposition mitgebracht haben, wird der Katechet sie das Kreuz maehen lehren, ohne barsch auf die geraden Ziige der schuchternen kleinen Hand zu dringen, er wird sie iiber das GriiBen und Benehmen beim Vorbeigehen an einer Kirche oder bei Versehgangen belehren etc. Dort, wo die Kinder von Haus aus keine religiose Erziehung besitzen, ware es unpsychologisch und unklug, den Kindern gleich das Kreuz maehen, das GriiBen beim Vorbeigehen an der Kirche o. dgl. an das Herz zu legen, weil die Kinder hierin nur eine Aufierlich- keit sehen und gleich von Anfang an der Religion kein inniges Interesse entgegenbringen werden. Hier wird der Katechet gleich auf die Erzielung des ersten und wichtigsten religiosen Resultates ausgehen, namlich: I, Von den umgebenden Ge- schopfen wird er hintiberleiten zum Schopfer, der auch uns er- schaffen hat und der uns einmal in den Himmel aufnehmen wird. Er ist nur einer in drei Personen. II. religioses Resultat, dem das erste als religiose Verfassung schon zugrunde liegt, wird sein: Erschaffung aus nichts und Erklarung der Allmacht Gottes, kraft derer er uns alles geben kann, wenn wir darum bitten. III. Erschaffung der Menschen: Wir waren einmal nicht da und einmal werden wir wiederum nicht mehr da sein, da wir in unser Vaterhaus zuruckgehen miissen. Unsere Bestim- mung. Durch die Beschreibung des Todes gelangen wir IV. zu den vier letzten Dingen. DaB diese vier letzten Dinge fur uns glucklich sind, ist V. notwendig ein frommes Leben. Wie dieses beschaffen sein soli, lehren uns die zehn Gebote Gottes. I. bis V. bilden die religiose Verfassung fur die weitere Aufgabe, 56 den Inhalt der zehn Gebote Gottes den Kindern ins Herz zu versenken. Es ist nicht notwendig, daB die Kinder die zehn Gebote schon kennen, sondern vielmehr, daB sie sich angezogen fiihlen, Gott anzubeten, Tor seinem Namen Ehrfurcht zu haben, dem Beispiel der frommen Leute zu folgen und in die Kirche zu gehen, ihren lieben Eltern zu folgen ete. Dies werde ich da- durch erreichen, daB ich jedes Gebot in den einfachsten Worten, mit bereits bekanntenBegriffen erklare. Dann \vird fiir den posi- tiven und negativen Inhalt des Gebotes je eine bestimmte Er- zahlung vorgetragen. Der Lehrpunkt jeder dieser Erzahlung wird durch ein grofieres Bild auf einem Blatte oder auf zwei verschiedenen Blattern illustriert. Diese Erzahlungen werden nur insoweit der biblischen Gesehichte entnommen, als diese in ihren Tatsachen von den Kindern leicht fafibar ist, sonst aber aus dem gewohnliehen Leben, z. B. fiir das sechste Gebot die Kindheit des heil. Aloisius. Fiir samtliche Gebote gibt es riihrende Erzahlungen, auch aus dem Kinderleben. Es werden somit achtzehn Erzahlungen notwendig sein und ebenso viele Bilder. Diese Erzahlungen und natiirlich auch die Bilder diirfen nicht willkiirlich gewahlt sein, sondern fiir alle Schulen gleich; weshalb dahin gearbeitet werden muB, daB diese Erzahlungen auch beziiglich des Inhaltes und der Form wahre Kunstwerke seien. Es ware sehmahlich, wenn nicht durch gesamte Tatig- keit des Klerus, z. B. durch Konkurrenzausschreibungen, oder durch Entwiirfe samtlicher Diozesen ein solches Werk zustande kame. Ich bewundere oft die Lesestiicke in den Lesebiichern der Volksschule, wie einfach und schlicht, zum Kindesherzen sprechend, manche, allerdings nur wenige sind! Das Buch mit den Erzahlungen und die Bilder sollen sich natiirlich nur in den Handen der Katecheten befinden. Um zu verstehen, warum ich dieses verlange, beherzige man, was ich beziiglich der Katecheten gesagt habe. Ich will ihnen bestimmte Mittel in die Hand geben. — Warum ich nicht gleich mit den biblischen Geschichten beginne, erinnere man sich an das, was ich beziiglich der Kinder bemerkt habe. Den Kindern, die noch immer glauben, daB, wenn sie auf den nachsten Berg steigen, 57 - mit den Handen den Himmel angreifen konnten, die noch keine Vorstellung von fernen Landern, Stadten und auch nicht von manchen Handlungen haben, Geschichten zu erzahlen, die aufierlialb ihrer Erfahrungssphare liegen, ware verfehlt und eine Unnotwendige, mit Anstrengung verbundene Zeitversch\ven- dung. Wozu denn friiher mit groben Schwierigkeiten vortragen, was spater leicht geschieht?! Was ich bis da als Unterrichtsstoff bezeichnet babe, kanu leicht in einem Semester bewaltigt werden. Durch die ver- schiedenen Gegenstande in der Schule haben die Kinder groBere Denkfertigkeit erlangt, sie konnen leichter Begriffe verbinden, geschichtliche Handlungen etc. auffassen. Hier setzt die bib- lische Geschichte ein. Der friihere Unterricht ist fur die Kinder gleichsam zur religiosen Verfassung geworden, kraft derer sie jetzt leichter das Gute in den biblischen Handlungen erkennen, das Bose verabscheuen und mit groBerem Verstandnis sehen, wie Gott ein Belohner des Guten und Bestrafer des Bosen ist. Zunachst wird die biblische Geschichte des alten Testamentes, jedoch nicht mit allen Einzeln- heiten, die nur Konfusion erzeugen konnen, sondern in den wichtigsten Momenten bis zum Siindenfall vorgenommen, von wo aus man leicht zu Christus hinuberleiten kann. Dann kommen die neutestamentliehen Geschichten, und zwar zunachst wieder in Hauptziigen an die Reihe. Erst dann, wenn man gesehen hat, daB die Kinder diese Hauptziige einzelner Ge¬ schichten begriffen haben, kann man sich auf Einzelnheiten einlassen. Soli man eine kunstvoll verzierte Zeichnung nach- zeichnen, so geht es oft schwer. Man kennt sich nicht aus. Leichter geschieht es aber, wenn uns jemand vorzeichnet und zunachst die Grundrisse, dann erst die Verzierungen anbringt. An verschiedenen Schulen wird man auch verschiedene Erfolge erzielen, groBere Erfolge an mehrklassigen als einklassigen, in allen sollten aber wenigstens diese Geschichten vorgenommen werden: Verkiindigung der Geburt Jesu, Geburt Jesu, die Weisen aus dem Morgenlande, die Opferung im Tempel, der zwolfjahrige Jesusknabe, die Taufe Jesu, die Wahl seiner Aposteln und ganz kurz sein Tod. Die Kenntnis dieser Ge- 58 schichten soli von allen Kindern verlangt \verden. Sp ir a go zahlt in seiner „Methodik” 48 Geschichten auf, darunter z. B. Petrus empfangt die Leitung der Lammer und Schafe, die Ein- setzung des Altarssakramentes. Das muBten wohl Wunderkinder sein, die in das siebente Lebensjahr gehend, alle diese Ge- scliickten in ihrem richtigen Zusammenhange wiiBten. Das auBerordentliche Gedachtnis der Kinder merkt sich gewisse Wendungen und Tatsachen, die das Kind mit Nachhilfe des Katecheten nacherzahlen kann. Hat das Kind aber wirklich den geschichtlichen Zusammenhang erfal.it ? Man tauscht sich ge- waltig. Der verdiente Herr Professor verlangt noch dazu Seite 42: „Aus jeder biblischen Geschichte werden die darin enthaltenen Glaubens- und Sittenlehren herausgehoben, ganz kurz erklart und mit Rucksicht auf den Katechismustext in feste Worte gekleidet und eingepragt. Auf diese Weise wird in der ersten Klasse ein Hauptstiick des Katechismus, die Glaubenslehre, in den wesentlichen Grundziigen durchgemacht. Selbstverstand- lich sind in der ersten Klasse die wichtigsten Gebete einzupragen.” Bedenkt man, daB man im Jahre 70 bis 75, in der Regel nicht einmal soviele Religionsstunden hat, so wird wohl niemand behaupten wollen, daB man das alles leistet, auch vorausgesetzt, daB die Kinder auch fleiBig die Schule besuchen. Und dann, wie vergeBlich sind doch die Kinder! Namentlich bei ihnen gilt: repetitio est mater studiorum. Dr. Katschner verlangt sogar fiir die erste Klasse die symbolische Erklarung des heil. MeB- opfers. Ich wei8 sie nicht. Wenn man solche Forderungen stellt, ist es kein Wunder, daB die Katecheten das Studium der Kate- chetik perhorreszieren! In Osterreich ist mehr als die Halfte der Schulen ein- klassig. In diesen soli nach Professor Spirago in zwei Ab- teilungen unterrichtet werden. Fiir jede Abteilung sollten zwei halbe Stunden oder eine Stunde wochentlich verwendet werden. In die untere Abteilung zahlt er Schiller von 6 bis 9 Jahren. Dagegen bemerke ich, daB an solchen Schulen der Katechet die meiste Zeit der reiferen Jugend zuwenden \vird, narnentlich im Winter, vielleicht zu drei Viertel denjenigen Kindern, die sommer- befreit sind. Diese geringe Zeit wird jeder doch dort ausnutzeu, 59 wo der Erfolg lohnender und notwendiger ist; und der ist namentlich bei den reiferen Kindern lohnender und notwendiger. Ich wiirde froh sein, wenn ich auf die zweite Religionsstunde in der unteren Klasse verzichten konnte, um dafur eine dritte Stunde in der oberen Klasse zu gewinnen. Es ware von grofiem Nutzen, wenn die Kirche diese Anderung in den Schulgesetzen erzielen konnte. Dies ware wohl bei den Landsckulen, wo die Kinder spater reif werden, von grofiem Werte. Es ware auch leicht zu erzielen. Dafi auf Glaubens- und Sittenlehren auch nach Mog- lichkeit Bedacht genommen werden mufi, ist selbstverstandlich Diese biblischen Erzahlungen gehoren beziiglich der Form und des Inhaltes ebenfalls in jenes Handbuch, das der Katechet benutzen soli. Hie und da sollen gute Verslein angeschlossen werden. Fiir jede biblische Erzahlung mufi ein Bild vor- handen sein. Im zweiten Schuljahr, sei es, dafi der Unterricht gemein- schaftlich mit den Kindern des ersten Schuljahres, sei es, dafi er in eigener Klasse erteilt wird, wird das in der ersten Klasse Erlernte wiederholt. Die religiose Verfassung wird vergrofiert durch die Erklarung 1. der Eigenschaften Gottes, 2. der sieben Hauptsiinden, 3. der Werke der Barmherzigkeit. Fiir jede Haupt- siinde und fiir jedes Werk der Barmherzigkeit wird wieder eine bestimmte Erzahlung und ein bestimmtes Bild verlangt, und zwar mit positivem und negativem Inhalte. Die Erzahlungen werden der Bibel oder dem gewohnlichen Leben entnommeD. Dann ist auch die biblische Geschiehte des alten und noch griindlicher die des neuen Testamentes fortzusetzen; und zwar soli eine ganz bestimmte Zahl fixiert werden, so dafi auch schwachere Schiller sie behalten und erfassen konnen. Glaubens- und Sittenlehren werden in bescheidenstem Umfange und in der einfachsten Form vorgenommen. Je einfacher sie dargestellt werden, desto tiefer werden sie eindringen. Das Resultat der vorausgehenden Untersuchungen liber den Religionsunterricht im ersten und zweiten Schuljahr ist folgendes: Man schaffe dem Katecheten ein bestimmtes Handbuch, welches von den Katecheten nach padagogischen Grundsatzen verfafit, folgendes enthalten wird: 60 a) Erklarungen liber Gott als Schopfer und Voll- ender. Bestimmung des Menschen; ^Erklarungen der zehn Gebote Gottes mit daran sich anschlieBenden Er¬ zahlungen mit positivem und negativem Lekrziel; c) biblische Erzahlungen einfach, dem Kindesherzen zu- ganglich erzahlt, und zwar die Anfangsgeschichten des alten und etwa zehn dem Christentume zugrunde- liegende Geschichten des neuen Testamentes mit Bil- dern und mit daran sich knupfenden Belehrungen dog- matischen und sittlichen Inhaltes; d) dieEigenschaften Gottes; e) sieben Hauptsiinden und sieben Werke der Barmherzigkeit mit Erzahlungen wie bei b); f) Fort- setzung des alten und neuen Testamentes wie c)-, g) es sollen auch am Schlusse einige religiose Lieder, die der Katechet einzuiiben hat, angeschlossen werden. Zu b), c), e) und/1 miissen geeigneteBilder beschafft werden, da die jetzigen nicht entsprechen. 4. DerUnterricht in den hoherenKlassen der Volks- schule. Meine zuvor aufgestelltenGrundsatze werdenklarer, wenn ich sie fiir den Religionsunterricht nach dem zweiten Schuljahr, wenn die Kinder schon lesen konnen, geltend mache. Verhaltnis- miiliig ist der Unterrichtserfolg heutzutage in den ersten zwei Schuljahren groBer als in den iibrigen; dies aber hauptsachlich aus dem Grunde, \veil der Katechet in hSheren Abteilungen zum Gebrauche des Katechismus gezwungen ist, dessen Erkla- rung und Ausfragung dem Katecheten den groBten Teil der kostbaren Unterrichtszeit hinwegnimmt, ohne einen bedeutenden Erfolg zu bringen, wie spater gezeigt wird; es entsteht nun die Frage: a) Soli man nicht auf Grundlage eines Buches unter- richten? b) wie soli dieses Buch beschaffen sein? c) wodurch wird der Unterricht noch gefordert? d) warum ist der jetzige Katechismus fiir die Schulen un- geeignet? a) Man soli auf Grundlage eines Buches unterrichten. Der bereits genannte Dr. S. Katschner schreibt in seiner Katechetik, 61 Seite 23: „Seiner Stellung nach ist der Katechet fur die christ- lichen Schiller dasjenige, was die Apostel und Glaubensboten waren und sind, der Gesandte Gottes und der Kirche. Er ist der Lehrer des Glaubens, nicht das Buch. Wie in der Ver- kiindigung des Evangeliums die miindliche Predigt das eigent- liche Mittel der Wahrheit und des Glaubens ist, so auch in der Katechese, der Glaube kommt vomAnhoren des „Wortes Gottes”. (Rom. 10, 17.) Wenn man das liest, wird man durch die Sicher- heit der Diktion so eingenommen, daB man es glaubt, wenn es auch ohne Beweise behauptet wird. Sogar die heilige Schrift wird zur Bestdtigung zitiert. Trotzdem ist dies nur eine so- phistische Prunkrede. Zunachst sagt er, daB die Stellung der Katecheten die der Apostel und Glaubensboten sei, doch Seite 143, II, schreibt er: „Die Katechese im Zeitalter der Apostel war wesentlich Vorbereitung auf die Taufe und bestand in der Missionspredigt und Taufkatechese.” Die Katechese ist heutzutage natiirlich eine andere und auch die Stellung der Katecheten eine andere. Die Katecheten erfreuen sich nicht auBerordentlicher Gnaden, wie die Apostel und die ersten Glaubensboten, z. B. der Sprachengabe oder der Wundergabe. „Er ist der Lehrer des Glaubens, nicht das Buch”, das ist inso- ferne richtig, als das Buch allein in den meisten Fallen nicht auf den Lehrer verzichten kann, unrichtig aber, als ob das Buch nicht den Glauben lehren konnte und als ob der Katechet ohne groBen Schaden das Buch entbehren konnte. Seite 143 sagt Dr. Katschner selbst: „Den weiteren Unterricht erhielten die durch die Taufe in die Kirche Aufgenommenen durch »„Wort und Brief”” der Apostel und durch die von denselben eingesetzten Bischofe, Priester und Diakone.” Also doch auch durch Brief?! Die Fortsetzung: „Wie in der Verkundigung des Evangeliums die miindliche Predigt das eigentliche Mittel” ist, ist unrichtig, wenn man der Schrift nicht einen fast gleich groBen Anteil namentlich in der modernen Zeit an der Ver¬ kundigung des Evangeliums gibt. Die Kirchengeschichte erzahlt von einer groBen Zahl von Konvertiten, die nicht durch miind- liche Predigten eines Priesters, sondern durch gute Biicher zum Glauben gekommen sind. Das gesprochene Wort verhallt, wird 62 oft wegen schlechter Aussprache, falscher Akzentuierung, wegen Unbeholfenheit des Predigers gar nicht verstanden. Das ge- schriebene Wort bleibt, man kann es langer betrachten und studieren. FaBt man es heute nicht auf, so kann es doch morgen geschehen. Einmal sah ich einen alten Pensionisten, wie er oft untertags in die Kirche kam und dort vor dem Allerheiligsten aus einem Buche las. Ich staunte iiber diese auf dem Lande so seltene Erscheinung und fragte ihn einst, wie er so innige An- dacht sich angeeignet hat. Er zeigte mir ein Buch, das vom allerheiligsten Altarssakramente handelte und das ihm Yer- standnis fiir die Verehrung des allerheiligsten Sakramentes vermittelte. Das Buch war somit sein Prediger und sein Lehrer. Uber die Frommigkeit der Buren wurde in der letzten Zeit viel geschrieben. Sie hatten wenig Kirchen und auBerdem muBten sie sehr weit in dieselben gehen, dafiir lasen sie aber fleiBig in der Bibel. Wenn die bloBe Predigt einen solchen Erfolg hatte, dann miiBten unsere Mesner die frommsten Glaubigen sein; denn sie sind Horer samtlicher Predigten und Christen- lehren. Leider sind sie nicht die frommsten. Wenn der Glaube allein vom Hdren kame, dann ware das Evangelium iiberhaupt nicht geschrieben. Aber in der heiligen Schrift steht es ja: „Der Glaube kommt vom Horen”! Es ist natiirlich, daB dieser Satz nur fiir die Zeit Geltung hatte, wo das Buch nur ein Bildungsmittel der Bevorzugteren und Reichen war, da es zu teuer und zu umstandlich war, und hat iiberhaupt die Bedeu- tung: der Glaube komme vom Kennen des Wortes Gottes. Es ist somit nicht das sinnliche Horen gemeint; denn dann hatten die Taubstummen keinen Glauben, wahrend ich scbon manche tiefglaubige taubstumme Konfitenten gehabt habe. Ich glaube, die Saehe braucht ja nicht weiter nachgewiesen werden. Wohin wiirden wir in der Jetztzeit kommen, wenn wir keine Biicher hatten! Wie viel hatten wir, wie viel die Menschheit iiberhaupt erreicht ohne die Biicher! Wir horten in der Schule die Vor- trage, hockten jedoch spater oft zweimal solange iiber den Biichern, um sich die Sache einzupragen. Gerade die beriihm- testen Manner haben ihre Erfolge nicht etwa dem „Horen zu verdanken”, sondern dem Biicherstudium. Manche haben iiber- 63 haupt die Biicher allein zum Lehrer gehabt. Oft wird in unseren Zeitungen sogar der Ausspruch getan: Der groBe Volkerapostel Paulus wurde heute nicht als Prediger auftreten, sondern er ware Publizist geworden. Papst Leo XIII. zog bei der Audienz eines Journalisten sogar gute Zeitungsartikel der Predigt vor — namlich nicht allgemein, sondern in gewissen Fallen. Was folgt aus allem dem? Es folgt, daB wir in Riick- sicht darauf, als wir nicht auf ideale Katecheten rechnen konnen, diesen wenigstens ein Buch, das mit vereinten Kraften verfaBt sich doch dem relativen Ideal nahern kann, als Lehrbuch in die Hande geben, nach dem sie sotvohl beziiglich der Form als auch beziiglich des Inhaltes unterrichten und sohon \vegen des idealen Mittels einen Erfolg erzielen konnen. Unser Satz wird lauten: »Der Katechet ist der Lehrer des Glaubens, das Buch sein unentbehrliches Lehrmittel.” Doch auch mit Riicksicht auf die Schiller ist ein richtiges, padagogisches Buch sehr wiinschenswert, besser gesagt not- wendig, gesetzt den Fali, daB sie auch den idealsten Katecheten hatten. Die Griinde hierfiir sind folgende; Beim miindlichen Vortrage fiihrt der Gehorsinn demVer- stande das Vorgetragene zu, und angenommen, es ware alles richtig verstanden, so verzeichnet die menschliche Seele einen gewissen religiosen Erfolg von bestimmter Grofie. Dieser Er¬ folg oder dieses Resultat kann vermehrt werden durch aufiere Einfliisse oder auch verringert werden. Wird nun das in der Schule Gehorte in allen Haupt- momenten, wozu nicht eine wortliche Wiedergabe notvvendig ist, zu Hause von dem Schiller abermals ebenso sorgfaltig, als es in der Schule angehort wurde, aus dem Buche nachgelesen, dann wird das in der Schule Gehorte abermals reproduziert, beim lauten Nachlesen fiihren es der Gehor- und der Gesichts- sinn abermals dem Verstande zu: das Resultat wird vermehrt oder befestigt; wenn der Schiller es auch einstudiert und iiber die eventuellen Fragen, die in der Schule gestellt werden konnten, nachdenkt, dann wird das Resultat des Unterrichtes in der Schule nicht nur verdoppelt, sondern vielleicht ver- vielfacht. Je ofter \vir iiber eine Sache nachdenken, desto 64 klarer wird sie uns erscheinen und desto mehr machen wir uns sie zu eigen. Fur den idealsten Erfolg beim Religionsunteimichte waren zunachst folgendevier Momente mafigebend: a) idealer Katechet, p) ideale Schiiler, die in der Schule alles anfmerksam anhoren und es verstehen, y) sorgfaltiges Lesen des Religionsbuches zu Hause, 8) sorgfaltiges Studieren des Buches zu Hause. Wir Menschen konnen jedoch, vom kleinsten bis zum altesten nicht immer ideal sein und deshalb werden diese Momente nie ganz zusammentreffen. Wenn nun der Erfolg auf ideale Katecheten nicht rechnen kann, so kann er doch vom zweiten Momente abhangen, und zwar in dem MaBe, als es aufmerksame und eifrige Schiller gibt, die auch iiber das in der Schule schlecht Vorgetragene Betrachtungen anstellen. Doch auch dies trifft nicht immer zu. Die Kinder sind ermudet \vegen des weiten Weges, matt wegen der in der Schule herrschenden Warme, ihre Gedanken sind bei ihren Spielgefahrten oder beim Essen, das sie zu Hause ervvartet; sie werden auch gestort durch ihre Mitschuler. Der Erfolg kann somit doch noch einigermaden abhangen vom Studium des Buches zu Hause. Hier ist das Kind allein, gesattigt, wird angezogen von den Bildern des Buches, bereitet sich vor, um in der Schule zu entsprechen. Sind alle diese Bedingungen nicht vorhanden, was fast nie zutreffen kann, dann versagt nicht bloh der Religionsunterricht, sondern uberhaupt jeder Unterricht. Es sind noch andere Griinde, warum ich fur ein pada- gogisches Buch pladiere. Viele Kinder besuchen gar nicht die Schule wegen zu weiter Entfernung wie in meiner Pfarre, oder wegen schwachlicher Gesundheit, wahrend sie trotzdem von ihren Angehorigen das Lesen erlernen. Diesen kommt das Buch sehr zustatten. Zu einem guten Erfolg, wenn er allein auf den mundlichen Vortrag angevviesen ist, gehdrt auch ein un- unterbrochener Schulbesuch. Nun aber studieren viele Kinder privat. Fur alle diese ist ein gutes padagogisches Lehrbuch eine Notvvendigkeit. Wenn ein solches Buch vorhanden ist, konnen altere Geschwister den jiingeren im Verstandnisse nach- helfen, wahrend diese Nachhilfe jetzt, wenn sie uberhaupt noch 65 besteht, im bloBen gedankenlosen Abfragen der Katechismus- nummern zu bestehen pflegt. Auch die kleineren Geschwister werden sieh interessieren fiir das mit Bildern geschmiickte, mit religiosen Bildern ausgestattete, in der einfachen, dem Kindesherzen verstandlichen Sprache gesehriebene Buch. Ieh glaube hiermit genug bewiesen zu liaben, dalj ein Religionslehr- buch fiir die Volksschulen notwendig sei, allerdings nicht in Form eines Katechismus, sondern ein solches, \velches alle vor- her angefiihrten als auch die nachfolgenden padagogischen An- forderungen erfiillen wird. Das Verhaltnis zwischen dem Katecheten und dem Reli- gionslehrbuch ist ganz gleich dem Verhaltnisse, welches besteht zwischen Lehrer und Lehrbuch bei allen ubrigen weltlichen Fachern. Gemeint ist naturlich auch fiir die Religion ein gutes, padagogisch richtiges Buch. Das Buch ist im allgemeinen viel vollkommener als der Unterricht des Katecheten, wie schon friiher gesagt worden ist, was aber nicht bedeutet, dafi der Katechet uberfliissig ist. Das Lehrbuch, durch Mitwirkung samt- licher Katecheten verfafit, wird dem Lehrer ein Wegweiser sein zunachst dafiir, 1. welche Wahrheiten er vorzutragen habe, 2. wie er sie vorzutragen hat. Daraus ist nicht zu folgern, daB der Katechet nur den Wortlaut des Buches nachzusagen hat, son¬ dern er wird sich nur sachlich, wie auch beziiglich der Form der Begriindung an das Buch halten. Sonst wird er aber man- ches umschreiben, durch andere als im Buche gegebene Vor- stellungen vervollstandigen, manches Wort, das ihm zu un- deutlich erscheint, erklaren. Zum Schlusse wird er den ganzen Lehrstoff \viederholen, und diese Wiederholung mehr an das Lehrbuch anpassen und in zusammenhangendem Vortrag vor- bringen. Fiir den Schiiler wird das Buch eine Art Protokoli liber den Vortrag des Lehrers sein, jedoch nicht das allereinfachste Protokoli, das nur das Resultat des Unterrichtes anfiihrt, son¬ dern ein Protokoli, aus dem die ganze Arbeit, die zum Unter- richte notwendig war, ersiehtlich sein wird. Es wird ein Grammo- phon sein, in dem der Schiller namentlich die am Schlusse ge¬ gebene Zusammenfassung des Lehrstiickes wieder hort und das Vogrin ec, nostra culpa. 5 66 er beliebige Male aufspielen laBt, bis ihm die Arie in das Herz gedrungen ist und er sich dieselbe gemerkt hat. Dem talentierten Kinde wirddas Merken und Verstehen leicbter sein, um so mehr wenn es in der Schule aufmerksam war. Bei anderen wird das Verstandnis erst herbeigefiihrt bei der Wiederholung in der Schule, oder in spatei*en Jahren in der Kirche. b) Wie soli das Religionsbuch fiir die Volksschulen be- schaffen sein? Da das von mir vorgeschlagene Religionsbuch mit dem heutigen Katechismus sonst nichts gemeinschaftlich haben solite, als dafi in demselben die gleichen Wahrheiten, wie im Katechismus behandelt werden, so meide ich in dieser Abhandlung den Ausdruck „Katechismus”, obwohl wir spater auch dem padagogischen Lehrbuch den Namen Katechismus geben konnen. Das Religionsbuch wird sich nicht nur zum Ziele setzen, die Kenntnis der religiosen Wahrheiten zu ver- mitteln, sondern wird die Erreichung des Zieles des Religions- unterrichtes iiberhaupt zum Zwecke haben; es wird somit den Schiller zur Gottesliebe, zur Liebe zu sich und den Geschopfen anleiten. Beziiglich der Art der Ausfuhrung wird es samt- liche vorhin untersuchten Grundsatze beriicksichtigen. Zur Er- leichterung der Vorstellung und zur Starkung der religiosen Verfassung will ich ferner im Buche das Bild und das Lied verwendet wissen. Es ist eine betriibende Erscheinung, dafi fast jedes Buch, oft auch das religiose, fiir das Volk geschriebene Buch mit sehr schonen Bildern geschmiickt erscheint, dafi aber gerade denjenigen, denen die richtige Vorstellung am meisten abgeht und die nach Bildern das grofite Verlangen haben, diese vor- enthalten werden. Dem Kinde bereitet man eine grofiere Freude, wenn man ihm ein Bild gibt, als wenn man ihm sonst noch so Kostbares reichen wiirde. Ich war beilaufig fiinf Jahre alt, als ein Krieg gefiihrt wurde. In den Zeitungen betrachtete ich oft stundenlang Illustrationen aus dem Kriegsschauplatze und noch jetzt kann ich mich zum Teile an diese Bilder erinnern, die mich spater wahrend der Studienzeit im Verstandnis der Ereignisse aus dem Kriege stark unterstiitzten. Manche Kinder haben die Gewohnheit, dafi sie jedes Bildchen aufbewahren. Sie 67 gehen das Bild immer wieder anschauen, und es macht ihnen eine groBe Freude, wenn sie jemandem ihre Kunstsammlung zeigen konnen. Bei uns in Karaten ist die Fibel illustriert und iiir jeden zu erlernenden Buchstaben steht neben demselben ein Bildchen, darstellend die Sache, deren Anfangsbuchstabe dem zu erlernenden Buchstaben gleich ist. Da konnte ich oft bemerken, wie die Kinder sich versucht fiihlen, auch wahrend eines anderen als des Leseunterrichtes ihr A-B-C-Buch auf- zumachen, ihr Fingerchen nach diesen Bildern auszustrecken und am Bilde die Betrachtungen anzustellen. Auch die biblische Geschichte wird oft zu einer Allotriabeschaftigung, weil sie eben einigermaBen illustriert ist. Wie viel wurde das Bild zum Verstandnis beitragen! Oft halt man ganze Vortrage liber etwas und meint, dafi die Kinder es verstanden haben, obwohl sie keine Ahnung von der Sache haben. Ich unterrichtete die langste Zeit iiber die Firmung, wuBte es aber nicht, daB das Volk einen anderen Ausdruck da- fiir gebraueht. DaB ich eigentumliche Wahrnehmungen darauf- hin machte, laBt sich denken. Wir unterrichten auch oft liber das Sakrament der Ehe, wahrend die Kinder zwar sehr haufig von Hochzeiten und Heiraten horen, ohne das Wort Ehe je- mals gehort zu haben. Wir erklaren es wohl, aber hat man uns gerade in dem betreffenden Momente zugehort oder hat man uns verstanden? Bevor ich Priester geworden bin, war ich nie bei einer Taufe oder bei der Erteilung der letzten Olung zugegen, und ich war dem erfahrenen Mesner dankbar, daB er mich auf manches aufmerksam machte. Wie erbaut wiirde das Kind sein, wenn es das Bild mit der Taufzeremonie •oder mit der Erteilung der letzten Olung vor sich hatte?! Wie schon konnte man noch die iibrigen sieben Sakramente veranschaulichen oder die Feier der heil. Messe! Die weltlichen Facher erfreuen sich herrlicher groBer Wandbiider. Wir sollten auch solche besitzen mit der Abbildung der Stadt Jerusalem, Betlehem, Grabeskirche, Landschaften aus Palastina, Peters- kirche etc. Das Leiden Christi wird mit den Kindern an den 14 Stations- tafeln in der Kirche betrachtet. 5 * 68 Sehr schone Bilder bekommt man bei Benziger in Ein- siedeln, viele geeignete konnten noch envorben werden. Die Verkleinerung des „Vater unser in sieben Teilen” von J. De Mencina Krzesz bei Dr. Edm. Boheim in Miinchen wiirde viel zum tieferen Verstandnis des Vaterunser beitragen. Man- ches ist in den Bildern zwar iibertrieben, doch fiir das phan- tasiereiche Kind geeignet. Ich verlange somit nicht blofi Bilder zur biblischen Ge- schichte, sondern auch Illustrationen, und zwar polychromierte fiir das Religionslehrbuch selbst. Die einzelnen Bildchen sollten sich mitten im Texte befinden. Ferner muB dasLiedin das Religionslehrbuch aufgenommen werden. Es wurde schon oft der Wert des religiosen Gesanges hervorgehoben, es wurden aber nie von Berufenen Schritte getan, um dem religiosen Liede seine Rechte auch im prakti- schen religiosen Leben zu sichern. Hier und da werden Kirchen- lieder fiir die Jugend herausgegeben, aber im allgemeinen bleibt es nur bei der Herausgabe und Approbation oder hoch- stens bei der Anschaffung solcher Gesangsbiicher, ohne daB die Lieder in hinreichendem MaBe den Kindern beigebracht wiirden. Der ErlaB des Kultusministers vom 8. Juli 1883 be- fiehlt zwar, daB beim Gesangsunterrichte auBer den patrioti- schen und Volksliedern auch der Gesang von Kirchenliedern zu pflegen ist. Man beachte das „neben den patriotischen und Volksliedern”! AuBerdem ist die Schule interkonfessionell, an manchen Orten zur Halfte konfessionell gemischt. Deshalb ist dem Lehrerstande und auch der Aufsichtsbehorde desselben nicht zu verargen, wenn der Kirchengesang vernachlassigt wird. Soli der uberbiirdete Lehrer nach der Schulzeit unter- richten? Wenn der Katechet mit ihm gut auskommt, so wird er es tun, verpflichtet ist er nicht. Da die Katecheten sich meistenteils um den Gesang nicht kiimmern, so wird der Lehrer auch nicht wissen, was er einzuiiben hat. Ein bestimmtes Ge- sangbuch fiir die Volksschule ist nirgends vorgeschrieben und wenn es vorgeschrieben ware, wird es nicht angekauft oder dessen Inhalt nicht eingeiibt, da die Sache zu wenig urgiert wird. Bei unseren Visitationen oder Religionspriifungen wird 69 das religiose Lied gar nicht beriicksichtigt. Im Protokoli iiber die katechetische Leistung in der Schule findet man nirgends eine Rubrik, wo der Fortschritt im religiosen Gesange ange- merkt ware. Es wird nicht schwer zu beweisen sein, dah das religiose Lied in zwei Drittel der Schulen in Karaten, aber auch in anderen Diozesen fast keine, in den iibrigen eine un- geniigende Pflege findet. Ich war einige Jahre an einer paritatischen Station, und da merkte ich, wie unsere Kinder so gerne zu den Leichen- wachen in die protestantischen Hauser gingen und oft tief in die Nacht dort verweilten. Wenn man sie deshalb zur Rechen- schaft gezogen hatte, meinten sie: „Weil dort so schon ge- sungen wird.” Das religiose Lied ging ihnen so zu Herzen! Es hat mir oft wehe getan, wenn ich sah, wie protestantische Kin¬ der mit dicken Gesangbiichern in die Schule gingen und wie sich der Pastor daselbst fast die Halfte der Schulzeit mit Einiibung religiSser Lieder abmiihte, wahrend bei uns dies- beziiglich so wenig geschah. Wenn es von Dr. Martin Luther heifit, er hatte die meisten seiner Anhanger hiniibergesungen, so beweist das nur, dati er den richtigen Weg gefunden hat, um das Menschenherz zu gewinnen. Welche Stellung gebe ich nun dem Liede beim Religions- unterrichte? Natiirlich jene, die das Lied iiberhaupt verdient. Es hat den Zweck, den Stimmungen und Empfindungen in dichterischer Sprache und im melodischen Vortrage, somit in schonerer und wirksamerer Form, als es die gewohnliche Sprechweise tut, Ausdruck zu geben. Der Liebende singt sein Liebeslied, der Soldat sein Soldaten- oder Kriegslied, der Patriot sein patriotisches Lied, der Arbeiter sein Arbeiterlied, um ihren Gefuhlen einen erhohten Ausdruck zu geben. Sollten nun diejenigen, deren Herz in Liebe zu Gott schlagt, nicht auch ihr Herz in bezaubernden Tonen des Gesanges ausschiitten und die Mitmenschen fur ihre Ideale ebenfalls hinreiBen? Es ist ja bekannt, welche Bedeutung die „Marsellaise”, das „Gott erhalte”, „Die Wacht am Rhein”, „Hej Slovani” etc. habeD, wie sie die Zuhorer zu Taten hinreiBen konnen. Wir zverden somit auch in der Schule unsere Gefuhle in schonerer Form offen- 70 baren, und zwar immer anschlieBend an den behandelten reli- gidsen Gegenstand. Auch der Trinker singt bei seinem Getrank, der Liebende bei seiner Braut, der Soldat bei seinem Marscb in den Krieg, so soli auch der Schiller gerade dann singen, wann ihm der Lehrgegenstand die Gelegenheit gibt, das Herz zu Gott zu erheben. Und so werden wir z. B. nach der Lehre von Gott , Grofier Gott” singen lassen. Es darf kein Kind in der Schule geben, das wenigstens die ersten Strophen des Liedes nicht auswendig wiiBte. Beim Unterrichte iiber das heil. Mefiopfer werde ich irgend ein MeBlied singen lassen. Das „Wir werfen uns darnieder” wird noch immer das beste sein. Nach der Wandlung sollten die Kinder singen „Jesus dir lebe ich” oder „0 Christ hie merk”. Spater werde ich in der Aus- fuhrung eines Lehrstiickes iiber das heil. Mefiopfer genauer darstellen, wie dies geschehen soli. In das Lehrstiick werde ich auch das „Ordinarium missae” aufnehmen, namlich das Kyrie, Gloria, Čredo, Sanktus, Benediktus Agnus, und zwar so, daB auf derselben Seite halbbriichig der lateinische und deutsche Text steht. Durch diese Ausfiihrungen habe ich vielleicht bei manchen ein Laeheln hervorgerufen. Ich werde aber beim Kapitel liber den Kirchengesang zeigen, daB die Aufnahme und das Erlernen des „Ordinarium” notwendig ist, falls wir am lateini- schen Ritus der heil. Messe festhalten wollen. Ich setze aber auch die Forderung voraus, daB der Katechet wenigstens die elementarsten Kenntnisse des Kirchengesanges auch im Prak- tischen besitze. Die Messe wird in Choralmelodie nach einem fiir die ganzeDiozese maBgebenden Modus einstudiert. Diese Choral¬ melodie wird auch ofters in der Kirche gesungen, z. B. an allen Quatembersonntagen. Die meisten Kinder haben dann den Gang der Choralmelodie im Gehore. In der Schule wird man anfangs auf Schwierigkeiten stofien, die aber nicht so grofi sind, als sich die meisten vorstellen. Es gehort nur ein mittel- maBiger Fleifi dazu. AuBerhalb der Schule wird man einigen befahigten Kindern den Choral beibringen, in der Schule werden die iibrigen Kinder nach diesen sich richten und bei ihrem starken Gedachtnis bald die Messe auswendig konnen. Bedenkt 71 man, daB die Sehulzeit acht Jahre dauert, so kann man auch erwarten, daB die jungen Schiiler von den alteren lernen werden. Diese eigentiimliche Forderung der Kenntnis einer Choralmesse wird aber erst verstanden, wenn das Kapitel iiber die Liturgie und Kirchengesang gelesen wird. Die Zakl der Lieder und Ge- sange, die in das Religionslehrbuch aufgenommen werden, muB eine maBige sein, damit dem Lehrer die Gelegenheit geboten wird, noch andere Lieder einzuiiben. Von den Liedern, die in das Lehrbuch aufgenommen werden, miissen am Schlusse des Buches Noten fiir zweistimmigen Gesang — der Gesang soli jedoch fiir gewohnlich nur einstimmig sein — aufgenommen werden, und z\var aus dem Grunde, daB der Lehrer oder der Katechet nicht erst die Noten zusammen- suchen muB, sondern sie gleich zur Hand hat. Dadurch werden wir erzielen, daB das Kind vom Lied machtig ergriffen wird, so daB, wenn auch der ganze Glaubens- inhalt in spateren Jahren vergessen wiirde, doch noch mancher Vers und manche religiSse Arie den Menschen an das Gliick im frommen Kindesalter erinnern und vielleicht auch die Sehn- sucht nach diesem Gliick erwecken wird. Ich konnte sehr leicht an der Hand der Volkergeschichte den Beweis liefern, daB das Lied und der Volkscharakter im Zusammenhange stehen. Die spontane personliche Tapferkeit, nicht die durch auBere Umstande, wie beim Militar, erzwungene ist gleichzeitig mit dem Heldenliede verschwunden. Soeben wird viel geschrieben iiber den mazedonischen Aufstand. Wenn man auch die be- gangenen Greueltaten verabscheuen muB, so muB man doch die personliche Tapferkeit der Aufstandischen bewundern. Mancher weiB, daB der Tod ihn erwartet, er weiB aber auch, daB mancher blinde Sanger ihn einstens als nationalen Helden in seinem Liede feiern werde. Das Volk, welches fromme Lieder hat, ist sittsam und religios; das Volk, das ausgelassene Lieder hat, hat vor der Sittlichkeit nicht viel Achtung. Das i’eligiose Lied ist in manchen Gegenden verschwunden, aber auch gleichzeitig die innige werktatige Religion. Um das Lied wieder in den Dienst der Religion zu stellen, miissen wir schon in der Schule anfangen, und zwar durch die Aufnahme des- 72 selben in das Religionslehrbuch. Das Lied ist aber aucb eines der \vichtigsten Mittel, um die religiose Verfassung zu ver- tiefen. Das religiose Lied ist fiir die eingepflanzte Wahrheit das, was der Tau oder der Regen fiir die Pflanze. Das Religionsbueh nach meinen Anschauuungen wird sich somit 1. durch eine Darstellung auszeichnen, die auf pada- gogische Grundsatze sich aufbaut und zur Beibehaltung der christlichen Wahrheiten neben anderen von mir beriihrten Ge- siehtspunkten namentlich die Schaffung der religiosen Ver¬ fassung beriicksiehtigt; 2 . durch die Aufnahme von Bildern und Liedern. Die Nutzanwendung am Schlusse einer erkannten Wahrheit soli in einfache und wenige Worte zusammengefaBt werden. Es ist ja bekannt, dafi kurze, zum Herzen gehende Worte eines Beichtvaters mehr erreichen als lange Belehrungen. Nach der Lehre vom Menschen ware die Nutzanwendung: „Wir haben eine Seele. Ist diese verloren, so ist alles verloren!” — „Was hilft es mir, wenn ich die ganze Welt gewinne, an meiner Seele aber Schaden leide!” Nach der Lehre von den vier letzten Dingen: „Auch ich werde einmal sterben. Wie wird es etwa mit meiner Seele werden ?” Nach der Abhandlung iiber die Reue, kommt das Reuegebet. Bei anderen Abschnitten kommt das Lied als Nutzanwendung. Nach der Erklarung des ersten Gebotes wird die Nutz- amvendung etwa sein: „0 Herr, ich will dich anbeten, denn du allein bist die Wahrheit! Zu wem solite ich gehen, wenn nicht zu dir, dem Schdpfer Himmels und der Erde! Herr starke meinen Glauben.” Durch derlei Nutzanwendungen werden wir das Volk auch im „Geist und in der Wahrheit” beten lebren und das gedankenlose Lippengebet beseitigen. Was den Umfang der Wahrheiten anbetrifft, die das Buch behandeln soli, so sollen alle Wahrheiten behandelt sein, die der mittlere Katechismus behandelt, um dem Wunsche des Episkopates nachzukommen. Alle unnotigen Aufzahlungen und Einteilungen, ebenso die zwecklosen Definitionen haben \vegzu- bleiben, hingegen soli die Darstellung des Lehrstuckes so ge- geben werden, dafi sich das Kind genau iiber den Inhalt der erkannten Wahrheit Rechenschaft geben kanu. 73 Mancher konnte noch den Eimvurf machen, es ist ja nicht notwendig, daB z. B. die Lieder und Bilder in das Religions- lehrbuch kommen, es kann ja eigene Gesangsbiicher und eigene Bilder geben. Von Seite des Katecheten wiirden diese Behelfe allerdings denselben Zweck erfiillen, jedoch nur fiir den Fali, daB man sich vergewissert, daB er sie wirklich benutzt, von Seite des Schiilers aber niemals, da sie sich zunachst nicht in den Handen jedes Schiilei’s befinden wiirden und weil der innige Zusammenhang des Liedes und Bildes mit dem behan- delten Gegenstande durch die Aufnahme in ein einziges Buch viel deutlicher hervortritt. Es ist schon, wenn ein Buch auch gut eingeteilt ist. Je¬ doch kann diese Einteilung je nach verschiedenen Gesichts- punkten eine verschiedene sein. Schon beziiglich des Katechis- mus waren und sind noch verschiedene Gesichtspunkte ins Auge gefaBt worden. DaB fiir die praktische Religiositat der Glau- bigen die Kenntnis der Anordnung verschiedener Lehrstiicke nicht vom Belang ist, zeigt eben der Umstand, daB die Heraus- geber der Katechismen selbst verschieden eingeteilt haben und daB sie keineswegs den Anspruch erheben konnen, absolut richtige Einteilungen gegeben zu haben, und doch haben sie des- halb nicht weniger Erfolg gehabt. Wir werden somit beziiglich der Einteilung nicht viel streiten. Freilich, das miissen wir ver- langen, daB nicht allzugrobe Fehler begangen werden, daB man nicht etwa mit der Frage: „Was heiBt christlich-katholisch glauben” oder mit der heil. Schrift anfangt, sondern vom Gott, den ja die Schrift und die Kirche zum Ursprunge haben. ); Zuerst muB man glauben, daB es einen Gott gibt und daB er der Belohner oder der Bestrafer aller ist.” Die Einteilung, die mir logisch vorkommt, ware folgende: I. Von Gott. a) Sein Dasein, b) seine Werke, c) seine Eigenschaften. II. Von den Geschopfen Gottes. a) Die Engel, b) die Menschen, c) die unverniinftigen Ge- schopfe. 74 1. Ihre Erschaffung; 2. ihr Fali; 3. ihre Bestimmung auf der Erde; 4. ihre letzten Dinge. III. Fursorge Gottes fiir die Geschopfe. a) Die natiirliche Fursorge (Leben, Nahrung etc.), h) die Offenbarung namentlich bei den Juden. Die heil. Schrift, c) die Sendung des Sohnes Gottes. 1. Seine VerheiBung; 2. sein Leben; 3. seine Lehren; 4. sein Erlosungstod; 5. die Einsetzung der Gnadenmittel; 6. Stiftung der ICirche (die Sendung des heil. Geistes); 7. die Schrift und die miindliche Uberlieferung. IV. Pflichten der Menschen gegen Gott und seine Geschopfe: Glaube, Hoffnung und Liebe. a) Gottesdienst (Messe etc.), Anbetung (Vater unser etc.); b) die Erfiillung des Willens Gottes: 1. die zebn Gebote Gottes, 2. die fiinf Gebote der Kirche, 3. sieben Hauptsiinden, 4. sieben Werke der Barmherzigkeit, 5. die Meidung der Slin de; c) Amvendung der Gnadenmittel. V. Der Besitz Gottes. Zu dieser Einteilung gebe ich folgende Erklarung: Sub II. soli auch die Erschaffung, der Fali, die Bestim- mung und das Endziel auch der ubrigen Geschopfe, Tiere, Pflanzen betont werden. Auch die unverniinftige Kreatur leidet unter dem Sundenfall! Sub III. muh die Fursorge Gottes, die wir uberall in der Natur beobachten, hervorgehoben werden. Sub III. ist namentlich die Christologie gut und klar vorzutragen, die christliche Ara von der vorchristlichen genau 75 zu trennen. Der Erlosungstod und dessen Versinnbildliehung in der heil. Messe sowie die Gnadenmittel konnen sub III. oder IV. behandelt werden, besser jedoch sub IV,, weil dieser Teil spater vorgenommen wird, wo das Verstandnis der Kinder ent- wickelter ist. Sub IV. enthalt die genaue Darstellung der Pflichten der Menschen, auf welche Pflichten schon von I. bis IV. kurz ver- wiesen werden soli. Sub V. wird Gott als unser Vollender, als das Ende un- seres Strebens hingestellt und der Heimgang des Gerechten in sein wahres Vaterland geschildert. Das Religionsbuch soli von den Katecheten Oster- reichs verfaBt und von den Bischofen genehmigt werden. Statt der oft unniitzen Dissertationen bei den Pastoral- konferenzen sollen verschiedene Diozesen irgend einen Teil des Buches ausarbeiten, die besten Arbeiten, etwa fiinf an der Zahl mit Hinzufiigung gelungener Lehrstiicke aus anderen Ar¬ beiten sollen einem Komitee, bestehend aus tiichtigen Padagogen, zur Auswahl und etwaiger Vervollkommnung iibergeben werden. Es ist nicht zu zweifeln, daB Tausende von Katecheten in ein- trachtiger Arbeit ein Kunstwerk zustande bringen werden, welches anfangs vielleicht nicht allen Anforderungen entsprechen wiirde, nach und nach aber durch die gemachten Erfahrungen sich vervollkommnen wiirde. Wo Millionen Exemplare gebraucht werden, wird ein solches Buch auch nicht zu teuer zu stehen kommen. Auch die Beschaffung der Bilder kame nicht zu kostspielig, da fiir viele Illustrationen bereits Vorbilder bestehen, fur die iibrigen noch notwendigen sich leicht Kunstler gewinnen lassen. Die Bilder miiBten jedenfalls polychromiert sein. Auch die Ausstattung solite eine schonere sein. Die Sache, die das Buch behandelt, ist einer schoneren Ausstattung wert! Bei der grofien Auflage des Buches wird sich dieses nicht verteuern. Ein Kreuzel an der AuBenseite und ein schoner Einband wurden dem Kinde Freude bereiten. Die beilaufige Seitenzahl mulite schon vorher fiir jedes Kapitel bestimmt sein. Das dritte Lese- buch fiir die dreiklassigen Volksschulen zahlt zirka 400 Seiten und kostet 1 K 60 h. Ich beantrage fiir die Volksschule nur 76 ein einziges Religionslehrbuch, das jedoch etwa zvveimal wah- i’end fiinf Jahre ununterbrochenen Schulbesuches gewissen- haft und genau behandelt werden solite. Timeo lectorem unius libri, gilt auch hier. Die einmalige Ausgabe von etwa 1 K 20 h bis 1 K 60 h wiirde nicht zu empfindlich kommen, da alle drei Teile des heutigen Katechismus obnebin 1 K 74 h kosten. Icb bemerke schon bier, daB ich fiir den Religionsunter- richt auch schriftliche Arbeiten f or dere; jedoch bevor ich diese Forderung begriinde, will ich dem Leser einige Probelehrstiicke, die das Religionslehrbuch enthalten soli, vorfiihren. Ich gebe mich jedoch nicht dem Wahne hin, etwa der Befahigteste zur Abfassung des Lehrbuches zu sein; im Gegenteile glaube ich, daB viele erfahrene, in der Feder gewandte Katecheten, die oft als Schriftsteller sehr geriihmt werden, nach meinen Grund- satzen die Lehrstiicke viel besser verfassen konnten als ich. Wenn ich trotzdem hier manche Lehrstiicke ausarbeite, so tue ich es, nicht so sehr, um meine Tiichtigkeit in der Verfassung katechetischer Lehrstiicke zu bekunden, sondern um anschaulich zu machen, wie das Religionslehrbuch beschaffen sein soli. Ich werde wahlen z. B. die Erklarung des heil. Mefiopfers, ein auBerst wichtiges und sehwieriges Thema, so daB jeder Leser berechtigt ist zu glauben, daB nach Mitwirkung samtlicher Katecheten die Behandlung dieses Stoffes eben ein Kunstwerk sein wird, wahrend mein Entwurf nur den Namen einer Studie beanspruchen kann. Zunachst, wie soli das Buch anfangen? I. Von Gott. , a) Sein Dasein. Die Menschen konnen auf der Welt vieles machen. Sie konnen ein schones Haus bauen, aber auch niederreifien, wenn es ihnen nicht gefallt. Sie konnen eine sehone Uhr zusammen- stellen, nach Belieben aufziehen und richten, ihnen ist es moglich, den Eisenbahnzug auf bestimmten Wegen zu fiihren — die Menschen konnen iiberhaupt sehr vieles. Es gibt aber noch mehr Dinge, die die Menschen nicht machen konnen. 77 Wenn es langere Zeit regnet, wird niemand etwas damit er- reichen, wenn er sagt: „Sonne scheine, damit mein Kora reift”, oder wenn zu lange kein Regen kommt: ,, Regen, jetzt komm’, ich brauche dich fiir meine Felder.” Wenn jemand in dunkler Nacht, wo kein Mond und keine Sterne zu sehen sind, eine Reise macht, so wird es ihm nichts nutzen, wenn er befiehlt: „Mond und Sternlein, jetzt scheint, ich brauche euer Licht, damit ich den richtigen Weg finde.” Warum konnen wir Men- schen der Sonne, dem Regen, dem Monde und den Sternlein, sowie auch vielen anderen Dingen nicht gebieten? Natiirlich deshalb, weil wir sie nicht gemacht haben, wie z. B. das Haus oder die Uhr. Sie hat jemand anderer gemacht, der ihnen auch befehlen kann. Auch von den vielen Millionen Tieren und Pflanzen kann kein Mensch sagen: „Ich habe euch gemacht.” Und wir Menschen, woher sind wir? Kann jemand sagen: „Ich habe dein Auge so eingerichtet, daB du leicht sehen kannst, deine Zunge so angebracht, daB du leicht reden, dein Ohr, daB du leicht alles horen kannst?” Und schaust du, liebes Kind, in die ganze Welt und betrachtest alles, was um dich ist, Berge, Taler und Wiesen, iiberall wirst du finden, daB nicht wir Men¬ schen, sondern jemand anderer das gemacht hat. Und diesen so machtigen Meister, der Himmel und Erde und alles was da ist, erschaffen hat, nennen wir Gott. Wenn du ein biBchen nach- denkst, sagt dir auch deine Seele, daB es einen Gott gibt, den du furchtest, wenn du Schlechtes tust und den du gerne hast, wenn du brav bist. Er ist nur ein einziger. Wenn wir in ein Haus kommen, in dem groBe Ordnung und nie ein Streit herrscht, dann sagen wir, hier gibt es einen Hausherrn, der alles so schon ange- ordnet, und zwar nur einen einzigen; wenn es mehrere gabe, dann wurde hie und da ein Streit und eine Unordnung entstehen. Auf der Welt ist aber alles in Ordnung, auf die Nacht kommt der Tag, auf den Regen die Sonne, auf den Winter das Friihjahr. Deshalb muB es auch einen einzigen Gott geben. Auch wenn wir beten, so beten wir nur zu einem Gott, indem wir sagen: „Vater unser, der du bist in dem Himmel.” 78 b) Seine Werke. Gott hat alles erschaffen, was Mer auf Erden und \vas im Himmel ist. Er hat die Erde und den Himmel selbst erschaffen. Die Engel im Himmel, die Menschen auf der Erde, die Sonne, Mond und Sterne, alle die grofien Weltkorper, die oft tausend- mal grofier als unsere Erde sind, sind das Werk seiner Hande. Auf der Erde sind wir Menschen, dann die tausend und wieder tausend Arten der Tiere, Pflanzen und Steine und alles, was da ist, von ihm erschaffen worden. Dieses alles hat aber der liebe Gott nicht so gemacht, wie wir Menschen etwas zu machen pflegen. Er hat dies nicht so gemacht, wie etwa der Tischler eine Schulbank macht: daB er sich zuerst Holz verschafft, dann abmiBt, wie grofi die Bank sein rniisse, sondern er hat bloB gedacht und auf seinen bloBen Gedanken hin ist alles geworden. Er dachte oder sagte: „Es werde Licht” und es ist Licht ge- worden. Er dachte: „Es werde das schone blaue Firmament” und es ist das Firmament geworden. Deshalb sagen wir von Gott nicht, daB er etvvas macht, sondern dafi er schafft oder erschafft. „Gott hat alles erschaffen”, so pflegen wir zu sagen und seine Werke nennen wir Geschopfe, ihn selbst aber Schopfer. Auch wir sind seine Geschopfe: deshalb beten wir dich an, o Gott, als unseren Vater und Schdpfer, der du uns erschaffen hast und der du auch die Haustiere und die Pflan¬ zen erschaffen hast, dafi sie uns nutzen und nahren! — c) Seine Eigenschaften. Wir Menschen konnen eigentlich nicht begreifen, was Gott ist und welche Eigenschaften er hat; denn wir sehen ihn selbst nicht, sondern nur seine Werke. Doch wie man aus einer schon geschriebenen, fehlerlosen Ausarbeitung einer Aufgabe schiieBen kann, dafi der Schiller fleifiig ist und gut lernt, so kann man auch aus den Werken Gottes auf ihn selbst und seine Eigenschaften schiieBen, indem wir sagen, wenn schon die Werke Gottes, namentlich aber der Mensch, so viele Voll- kommenheiten haben, wie vollkommen mufi erst der Schopfer dieser Werke sein?!; und so nennen wir Gott hochst voli- 79 kommen, weil er alle guten Eigenschaften, die seine Werke be- sitzen, im hochsten Grade besitzt. Betrachten wir aufmerksam die vorziiglichsten seiner Eigenschaften: 1. Gott ist der reinste Geist. Wir sehen den lieben Gott, so lange wir auf dieser Welt sind, nicht. Erst wenn wir sterben werden, w er d en wir, wenn wir fromm gelebt haben, ihn sehen. Jetzt sehen wir ihn nicht, weil er keinen Leib hat, wie wir Menschen, sondern ein Geist ist, das ist ein Wesen, das denkt und handelt, jedoch keinen Leib hat. Auch unsere Seele ist ein Geist, weil sie wohl denkt und handelt und empfindet, jedoch nicht gesehen und ange- griffen werden kann. Sie wohnt in dem Leibe; deshalb ist sie nicht ein reiner Geist, wie Gott, der keinen Kdrper braucht. Auch die Engel, von denen wir spater lesen werden, sind reine Geister, da sie ja keinen Leib haben; aber ihr Verstand und ihr Wiile ist bei weitem nicht so vollkommen, \vie der Verstand und der Wille Gottes, den wir deshalb den reinsten Geist nennen. 2. Gott ist ewig und unveranderlich. Gott hat niemand erschaffen, sonst gabe es noch einen anderen Gott und er selbst ware auch ein Geschopf; deshalb ist er immer gewesen, wird auch immer sein. Alle Dinge waren einmal nicht da, nur er ist immer dagewesen. Auch alle Dinge aufier den Engeln und unserer Seele werden einmal ver- gehen, nur er wird, angebetet von den Engeln und frommen Seelen, immer da sein. Wir sagen: Gott ist ewig. Gott andert sich auch nicht. Wir verandern uns. Jetzt sind wir noch Kinder, bald werden wir ervvachsen sein und wenn wir nicht friiher sterben, auch alt werden. Wir werden dann anders ausschauen als jetzt. Bei Gott geschieht dies nicht: Wie er vor vielen Zeiten gewesen ist, so wird er auch immer sein. Wurde ein Fels bis zum Himmel reichen und ein Voglein alle tausend Jahre ein Sandkornchen davon abbrockeln und hin- vegtragen, so miiBte der Fels einmal verschvvinden, doch Gott wird noch immer gleich sein und gleich bleiben. Nun ver- 80 stehen wir auoh, warum wir andachtig beten sollen: „Ehre sei Gott dem Vater, dem Sohne und dem heil. Geiste, wie im Anfange, so jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit. Amen.” 3. Gott ist allgegenwartig. Wir sehen iiberall die Werke Gottes: blicken wir auf die Erde, so sehen wir die Pflanzen, Tiere u. s. w., fiir die der liebe Gott sorgt, blicken wir gegen den Himmei, da bemerken wir, wie Gott die Sonne, den Mond und die Sterne so weise leitet. Uberall sehen wir sein Wirken, deshalb schlieben wir richtig, wenn wir sagen: Gott ist uberall, im Himmei und auf der Erde oder Gott ist allgegenwartig. Woran du denkst und tvohin du dich begibst, uberall ist er. Wir sprechen tvohl da- von, dab er im Himmei ist oder dort seine Wohnung hat, dies aber nur deshalb, weil wir ihn dort, wenn wir wiirdig werden, in seiner ganzen Grobe und Schonheit sehen und an- beten werden. Wir sollen deshalb in jedem Augenblicke unseres Lebens daran denken, dab Gott bei uns ist. Wir diirfen nie so etwas tun, daB Gott mit uns unzufrieden ware, auch dann nicht, wenn wir allein sind. „Wo ich bin und was ich tu’, sieht mir Gott mein Vater zu.” 4. Gott ist allmachtig, Der Mensch wiirde einige Jahre brauchen, um zu Fub um die Erdkugel zu kommen. Diejenigen, welche die Sternenwelt stu- dieren, sagen, dab viele Sterne, ja sogar die Sonne, millionen- mal grober sind als unsere Erde. Alle diese Sterne sind Welt- korper, die sich auf genau bestimmten Bahnen nach genau be- stimmten Gesetzen bewegen. Samtliche hat Gott aus nichts er- schaffen! Bild des Universums wie im Atlas! Wie machtig mub er sein, da er so ungeheuer grobe Welten, so schon und richtig regiert! Doch auch jedes Tierchen, 81 jedes Pflanzchen verkiindet die grofje Macht Gottes. Aus einem Samen macht er einen machtigen Baum. Alles kann der liebe Gott machen und so sagen wir von ihm: Er ist allmachtig. Weil er allmachtig ist, so kann er uns auch helfen in allen Noten unseres Lebens, nur miissen wir mitVertrauen und reinem Herzen ihn anrufen. Es ist kein Ding so grofi und schwer, das Gottes Allmacht unmoglich war’! 5. Gott ist allwissend und hochst weise, Ausfiihrung! 6, Gott ist g&tig, barmherzig und langmutig. Ausfiihrung! 7 . Gott ist hochst heilig und gerecht. Ausfiihrung! 8. Gott ist hSchst wahrhaft und getreu. Ausfiihrung! Diese Kapitel werden in ahnlicher Weise ausgefiihrt. Als 9. Kapitel kommt: Gott ist dreieinig. Unser Heiland Jesus Christus hat gelehrt, dafi es zwar einen Gott gibt, jedoch in drei Personen. Weitere Ausfiihrung in Gleichnissen! Anschliefiend an diese Lehrstucke kommt das herrliche „Grofier Gott, wir loben dieti”. Hierauf kommen die weiteren Lehrstucke auf Grund meiner oder einer anderen Einteilung zur Abhandlung. Im Vorhergehenden wird man leicht bemerken, dafi die Darstellung nicht nur den Verstand, sondern auch das Gemiit berucksichtigte und beide in religiose Verfassung, d. i. in den Zustand eines gewissen Suchens und Verlangens nach dem gottlichen Wesen versetzte. Zum Schlusse kommt immer eine kleine Anbetung oder Huldigung vor Gott. Auf die heil. Schrift habe ich mich nicht berufen, da die Kinder in diesen Jahren wohl die biblischen Geschichten, die aber fiir sie noch dieselbe 6 Vogrinec, n ostra culpa. 82 Autoritat haben, wie die profanen Erzahlungen, kennen, jedoch nicht die heil. Sehrift als solche, insoferne sie das Buch der Offenbarungen Gottes ist. Die Lehren des Katecheten haben allerdings die Offenbarung zur Voraussetzung, damit sie richtig sind, doch bei den Kindern mufi man psychologisch vorgehen und sich nicht auf etwas stiitzen, was fiir sie noch keine Stiitz- kraft abgeben kann. Die allgemeine Lehre liber Gott und seine Werke solite uberhaupt genauer vorgenommen werden, da ja diese Lehren das Fundament der Religion bilden. Das Kind soli nicht nur durch den oft logisch sehr zerrissenen Vortrag des Katecheten zur Betrachtung Gottes bewogen werden, sondern es soli ihm das Buch die Gelegenheit bieten, dfters und solange es das Kind freut, das Sein und Wirken Gottes zu bewundern und es an jedem Ort und in jedem Wesen zu erblicken. Die Abhand- lung liber Gott und seine Eigenschaften bilden die religiose Verfassung fiir samtliche iibrigen Wahrheiten. Diese religiose Verfassung wird noch vermehrt durch das schone Lied: „Grofier Gott”, welches jedes Kind auswendig wissen und singen konnen miifite, wenigstens die ersten drei Strophen. Mitten in das Lehrstiick iiber die Allmacht Gottes kommt ein Doppelbild, darstellend die beiden Halften des Universums, wie es die Atlanten und die popularen astronomischen Schriften oft bringen. Die Astronomie hat Gelehrte fromm gemacht, die Betrachtung der Unermefilichkeit Gottes im Weltall wird auch das weiche Kinderherz zur Frommigkeit stimmen. Ich will nun ein anderes Beispiel anfiihren, wie das Reli- gionslehrbuch die religiosen Wahrheiten behandeln soli. Ich wahle eines der schwierigsten, aber wichtigsten Kapitel der Religionslehre, namlich die Lehre vom heil. Mefiopfer. Die heu- tigen Katholiken haben uberhaupt gar keine klare Auffassung iiber das heil. Mefiopfer und leider mufi man gestehen, dafi selbst der Klerus in einzelnen Fallen nicht von der Grofie und dem Werte des heil. Mefiopfers durchdrungen ist, wahrend doch das heil. Mefiopfer der Mittelpunkt des gesamten katholi- schen Gottesdienstes ist. Die Zeremonien der heil. Messe sind so schon, dafi, wenn die heil. Messe auch kein dogmatisches 83 Fundament hatte, sondern nur ein Opfer aquivalent etwa den jiidischen Opfern ware, jeder denkende Mensch die heil. Messe als ein Kunstwerk des religiosen menschlichen Geistes auffassen muB, wenn er nur den Schliissel zu ihrer Bedeutung findet. Jetzt ist aber das heil. MeBopfer infolge mangelhafter Katechese fiir die weniger Intelligenten in ein geheimnisvolles Dunkel gehiillt, was keineswegs zur Erbauung beitragt. Fiir die Intelli¬ genten ist es ein Theaterspiel ohne religiosen Hintergrund. Sie sehen oft das unfromme unverstandliche Benehmen des Priesters am Altare, horen die in fremder Sprache schleuder- haft und oft Ohr verletzend vorgetragenen Gebete, am Chore oft Saclien, die man nicht einmal im Theatei' gerne hort, sondern welehe nur fiir den Tanzboden geeignet sind. Kein Wunder, dalj es ihnen scheint, als ob es sich nur um ein prunkvolles Schau- spiel handeln wiirde. Wer noch zweifelt an der Richtigkeit der vorangehenden Worte, der moge die Auffassung der verschie- denen Stande iiber das heil. MeBopfer recht eifrig untersuchen, oder sich etwa zuriickerinnern an seine Gymnasialzeit und sich fragen, wie tief etwa das Verstiindnis fiir das heil. MeBopfer bei ihm und seinen Kollegen gewesen sein mag. Ich will mich versuchen in der Darstellung einer Katechese iiber das heil. MeBopfer, wie etwa das Lehrbuch sie enthalten soli, nicht aber in dem Umfange, in dem sie der Katechet vortragen soli. IV. a. Vom heiligen MeBopfer. l. Vom Opfer iiberhaupt. Gott ist unser Schopfer und unser Vater. Von ihm haben wir alles, er ist unser Herr. Wir miissen aber auch nach auBen anerkennen, dafi er unser Herr und Vater ist. Auch sonst braucken wir vom lieben Gott vieles, bald Gesundheit, bald tagliches Brot, bald sonst etwas anderes, meistenteils aber die Verzeihung unserer Siinden, durch die wir ihn oft beleidigen. Wenn wir wieder Gnaden von ihm bekommen, so geziemt es sich, daB wir uns fiir dieselben bedanken. Wie erkennen wir nun den lieben Gott als unsern Herrn an, wie pflegen wir ihn zu bitten, namentlich um die Verzei- 6 * 84 hung unserer Siinden, wie bedanken wir uns bei ihm fiir die empfangenen Wohltaten? Doch zunachst, indem wir beten, noch ausgiebiger und gottgefalliger aber, indem wir opfern. Wir opfern oft etwas von unserem Gelde, damit zu Gottes Ehre eine Kirche gebaut wird. Wir geben oft Almosen den Armen, die ja Briider Jesu Christi sind, um uns z. B. die Gesundheit oder die Verzeihung unserer Siinden zu erbitten. Wir opfern oft eine Kerze fiir den Altar, um Gott Dank zu sagen fiir eine erhaltene Gabe, vor allem aber lassen wir das heil. MeBopfer in diesen Fallen feiern. Das Opfer ist somit die freiwillige Hingabe von etwas, was uns gehort, zur Ehre Gottes oder zu einem gott- gefalligen Zwecke. Bei allen Volkern, sogar bei solehen, die den lieben Gott nicht genau gekannt haben, finden wir Opfer, die auf verschie- dene Weise dargebracht wurden. Wahre Opfer hatten nur die Juden, da ihre Opfer von Gott vorgeschrieben waren. Sie haben meistenteils Lammer und Wein geopfert. Die jiidischen Opfer hatten nicht den Wert wie bei uns das heil. MeBopfer. Das Bild der Opfer bei den Griechen und Juden. Wie eine papierene Banknote, insoferne sie aus Papier be- steht, keinen Wert hat, sondern nur deshalb einen Wert vorstellt, weil sie anzeigt, dalo man fiir sie eine bestimmte Menge Goldes oder Silbers bekommen kann, dort wo die Bank¬ note herausgegeben wurde, so hatten die jiidischen Opfer auch keinen inneren Wert, sondern hatten nur insoferne als sie auf das wahre und einzige Opfer am Kreuze hindeuteten, einen Wert. 2. Das Kreuzopfer am Kalvarienberge. Durch Adam und Eva haben die Menschen das paradie- sische Gliick verloren, sie tragen alle die Erbsiinde an sich, die ihnen den Eintritt in den Himmel verwehrt und sie in einen Zustand der Hilflosigkeit versetzt, derzufolge auch unsere Seele schwach ist und sich auch fast taglich zu Beleidigungen 85 Gottes durch die Siinde verleiten laBt. Doch hat sich Gott der Menschen erbarmt und ihnen die Moglichkeit geboten, wenig- stens nach diesem Leben das Gliick des Paradieses wieder zu finden, Kinder Gottes und Bewohner des Himmels zu werden. Wie hat er dieses Erbarmen gezeigt? In der heiligen Schrift heifit es: „So hat Gott die Welt geliebt, daB er seinen einge- borenen Sohn fiir sie hingab.” (Joh. 3, 16.) Der Sohn Gottes kam, und er, der Hochstheilige und Unschuldige fiihrte ein Leben voli Leiden und gab das Beste was er hatte, sein Leben fiir die Menschen hin, indem er am Kreuze starb. Freiwillig ging er in den Tod; denn er, der groBe Wundertater, der Tote zum Leben erweckt hatte, hatte wohl sich fliichten konnen vor seinen Verfolgern. Durch den Tod Jesu sind alle Opfer des alten Bundes iiberfliissig geworden. Jesus war das Opferlamm, das fiir alle Menschen aller Zeiten geopfert wurde; deshalb hat ihn Johannes der Taufer am Jordan begriiBt: „Sehet das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Siinden der Welt.” Nicht nur die Moglichkeit, die Vergebung der Sunden zu erlangen und in den Himmel zu kommen, hat uns der Kreuzestod Christi gebracht, sondern wir konnen auch durch die Verdienste desselben viele Gnaden vom lieben Gott erlangen. — „Was kann dafiir ich Staub dir geben? Nur danken kann ich, mehr doch nicht! Wohl mir! Du willst fiir deine Liebe ja nichts als wieder Lieb’ allein; — und Liebe, Dankerfullten Liebe — soli meines Lebens Wonne sein.” 3. Das heil. Mefiopfer auf dem Altare. Nur wenige Menschen konnten beim Kreuzesopfer am Kal- varienberge zugegen sein. Da ware es leicht moglich, daB Millionen von Menschen, die spater auf der Welt leben, gar keine Kenntnis von diesem Kreuzesopfer erhalten und sich die Gnaden der- selben nicht zunutze machen. DaB dies nicht geschehe, hat Jesus die heil. Messe eingesetzt, damit diese immer wieder und wieder, zu allen Zeiten und an allen Orten das Kreuzesopfer erneuere und versinnbilde. Taglich solite der Mensch durch die heil. Messe sich an den Kalvarienberg erinnern, wo der Sohn Gottes 86 sein Blut vergossen hatte, jeden Tag solite er bei der heil. Messe derselben Gnaden teilhaftig werden, die durch das Kreuzes- opfer verdient wurden. Wie hat er das heil. MeBopfer ein- gesetzt? Er versammelte am Abende vor seiner Kreuzigung seiue Apostel in einem Saale in der Stadt Jerusalem. Er wusch ihnen die FiiBe, um durch sein Beispiel sie zur Nachstenliebe anzu- eifern, lehrte auch, wie sie das Gebot der Liebe erfiillen sollten. Bei dieser feierlichen Gelegenheit nahm er das Brot in seine heil. Hande, segnete es und verwandelte es in seinen heil. Leib, indem er sprach: „Dies ist mein Leib.” Ebenso nahm er den Kelch mit dem Weine in seine Hande, segnete ihn und ver- wandelte den Wein in sein heiligstes Blut, indem er sprach: „Dies ist der Kelch meines Blutes, das fiir euch und fiir viele wird vergossen werden zur Vergebung der Siinden.” Dann gab er sowohl den Leib als auch das Blut unter den Gestalten des Brotes und Weines seinen Aposteln zum Genusse. Er befahl ihnen auch, sie sollten stets zum Andenken an ihn dieses Abend- mahl erneuern, indem er sagte: So oft ihr dieses tun werdet, werdet ihr das Andenken an meinen Kreuzestod feiern. Das Bild des letzten Abendmahles. Beim heil. MeBopfer ist derselbe Jesus Christus, wie er am Kreuze gewesen ist, denn der Priester handelt bei der heil. Messe entsprechend dem Auftrage des Herrn, dah der Priester das tun solle, was er beim letzten Abendmahle getan hat, nam- lich sprechen: „Dies ist mein Leib” und „dies ist mein Blut”, also wird der Leib und das Blut Jesu Christi auch bei der heil. Messe gegenwartig. Das Opfer und der Opfernde sind die gleichen, wie am Kalvarienberge, namlich Christus selbst. Der Priester und das Volk vertreten nur die Stelle Christi, sind aber diejenigen, fiir die das Opfer dargebracht wird. Wenn nun derselbe Christus sich bei der heil. Messe opfert wie am Kalvarienberge, so spendet 87 er auch dieselben Gnaden wie damals. Das heil. MeBopfer werden wir somit das unblutige Opfer des Erlosers nennen, welehes uns dessen Kreuzesopfer am Kalvarienberge erneuert und versinnbildet. 4. Die Feier der heil. Messe. Das heil. MeBopfer ist von unserem Heilande beim letzten Abendmahle eingesetzt worden. Um dieses Opfer zu feiern, mufi somit alles das getan werden, was Christus beim letzten Abendmahle getan hat. Die heil. Schrift erzahlt uns, daB der Herr vor der Einsetzung des heil. MeBopfers den Aposteln die Gebote der Liebe erklart hat und durch die FuBwaschung ihnen auch gezeigt hat, wie sie sich gegen die Nachsten liebevoll erweisen sollten. Nachdem die Apostel den Leib und das Blut Jesu Christi unter den Gestalten des Brotes und Weines ge- nossen hatten, wurden fromme Psalmen gesungen. Somit gingen schon beim letzten Abendmahle dem eigentlichen Opfer Beleh- rungen der Apostel voraus, wahrendPsalmengebete nachfolgten. So besteht auch bei uns das heil. MeBopfer nicht nur aus der wesentlichen Handlung, namlich der Verwandlung des Brotes und des Weines in den Leib und das Blut Jesu Christi, son- dern auch aus vielen Gebeten und Zeremonien. Die Gebete sind an verschiedenen Festtagen verschieden. In denselben beten wir zu Gott, er moge uns in mannigfachen Anliegen un- seresLebens, namentlich durch dieFurbitte derHeiligen gnadige Hilfe erweisen. Durch die verschiedenen Zeremonien wird an- gedeutet, daB wir auch nach auBen unsere innere fromme Ge- sinnung zeigen und mit allen unseren Sinnen Gott dienen wollen. Die Zeremonien des heil. MeBopfers stammen aus der altesten Zeit des Christentums, aus jener Zeit, wo noch die Apostel lehrten; deshalb sind diese Zeremonien schon wegen des Alters ehrwiirdig. Heute unterscheiden wir beim heil. MeBopfer vier Teile, und zwar a) die Vorbei’eitung, b) die Opferung, c ) die Wand- lung, als den wesentlichen Teil des heil. MeBopfers, d) die Kommunion. 88 a) Die Vorbereitung. Zu einer so wichtigen und heiligen Handlung, wie der wesentliche Teil des heil. MeBopfers ist, darf man nicht ohne Vorbereitung schreiten. Deshalb bereiten sich sowohl der Priester als auch das Volk auf dieselbe vor. Der Priester tritt mit den Ministranten, die die Vertreter des glaubigen Volkes sind, hin vor den Altar, denkt an seine Siindhaftigkeit und bittet Gott um Verzeibung der Siinden. Das Gebet beginnt mit dem Wort Confiteor, d. h. icb bekenne; deshalb heifit auch das Gebet das Confiteor. Die Ministranten beten gleiehfalls im Namen der Versammelten das Reuegebet. Dementsprechend bittet auch der Gesangschor um Erbarmen, indem er singt: Kyrie eleison (dreimal) Christe eleison „ Kyrie eleison „ Herr, erbarme dich unser! Christus, erbarme dich unser! Herr, erbarme dich unser! Das Bild, wie der Priester das Confiteor betet. Bald darauf beginnt die Verherrlichung und Lobpreisung Gottes, indem der Priester den Gesang der Engel in der Ge- burtsnacht des Heilandes anstimmt mit den Worten: „Gloria in excelsis Deo”, d. i. Ehre sei fahren fort: et in terra pax hominibus bonae voluntatis. Laudamus te etc. (Ist ganz auszufiihren!) Gott in den Hohen. Die Sanger und Friede auf Erden den Menschen, die eines guten Willens sind. Dich lob en wir etc. (Der deutsche Text soli auch in der Zeile dem lateini- scheu entsprechen.) Wie sehon und begeistert wird Gott hier angebetet! Dann folgen Gebete, die an versehiedenen Festtagen verschieden sind. Man betet zu Gott um die notwendigen Gnaden, die er uns auf die Fiirbitte der Heiligen, welche an dem Festtage gefeiert werden, geben moge. 89 Vor diesen Gebeten und auch mehreremale wahrend der heil. Messe kiifit der Priester den Altar in der Mitte, dort \vo sich die Reliquien oder die Uberreste der Heiligen befinden, ■vvendet sich gegen das Volk und spricht: „Dominus vobiscum”, d. i. der Herr sei mit euch. Er kufit den Altar an der ge- nannten Steli e, um den Heiligen die Verehrung zu bezeugen und sie gleichsam zur Teilnahme am heil. MeBopfer einzuladen. Dem Volke wiinscht er mit „der Herr sei mit euch”, daB der Geist Gottes in den Herzen der Andachtigen wohnen moge, damit diese mit andachtigem Sinne einer so wichtigen Handlung bei- wohnen. Nach den Gebeten wird ein Stiick aus der heiligen Sehrift, namentlich aus den Episteln oder Briefen der Apostel, welche diese an die Christengemeinden geschrieben haben, vorge- lesen; weshalb man diese vorgelesenen Stucke Epistel nennt. Nach der Epistel wird in feierlicher Weise das Evangelium ge- sungen. Es ist dasselbe Evangelium, welches auf der Kanzel deutsch vorgelesen wird oder ein anderes, aus den vier Evan- gelienbiichern genommenes. Nach dem „Dominus vobiscum” kiindigt der Priester an, daB das Wort Gottes verkundet wird, indem er singt: • Sequentia sancti evangelii secundum Matthaeum, d. h. Es wird nun das heil. Evangelium verkundet, wie dasselbe der Evangelist Matthaus geschrieben hat. Ist das Evangelium aus den anderen drei Evangelisten genommen, so wird statt Matthaus einer von diesen genannt. Im Evangelium spricht Christus selbst, deshalb wird er auf die Ankiindigung des Priesters hin, mit „Gloria tibi, Domine” d. h.: „Ehre sei dir, o Herr!” begruBt. Beim Evangelium stehen die Glaubigen, um anzudeuten, sie seien bereit, das Wort Gottes zu horen und zu befolgen. Auch die Offiziere horen stehend die Befehle des Feldherrn. Bei der heil. Messe wird das Evangelium verkundet, weil wir erst durch die Lehre Christi belehrt wurden, auf richtige Weise Gott zu opfern. Das Evangelium ist das Wort Gottes. Es geziemt sich, daB \vir nach dem Anhoren desselben offen bekennen, daB wir alles glauben wollen, was Christus gelehrt hat, d. h. daB wir das Glaubensbekenntnis feierlich beten. Der Priester stimmt nun 90 die Anfangsworte des Glaubensbekenntnisses an: B Čredo in unum Deum” — „Ich glaube an einen Gott.” Die Sanger singen das Folgende: Patrem omnipotentem, facto- rem coeli et terrae, visibilum etc. den allmachtigen Vater, Scho- pfer Himmels und der Erde, etc. (Ganz, — der lateinische Text stets in gleicher Zeile mit dem Deutschen.) Dieses Glaubensbekenntnis ist etwas langer als dasselbe, das wir zu beten pflegen. Es sind die einzelnen Glaubenslehren genauer ausgefiihrt. bj Die Opferung, Zum heil. MeBopfer ist Brot und Wein notwendig. Dieses wird nun vorbereitet. In der friiheren Zeit haben die Glaubigen Brot und Wein in die Kirche gebracht und auf dem Altare geopfert. Deshalb heiBt dieser Teil der heil. Messe noch heut- zutage Opferung oder Offertorium. Auch geschieht es noch jetzt an manchen Orten, daB die Glaubigen um den Altar gehen und meistens Geld, hie und da aber auch andere Sachen opfern. In der friiheren Zeit wurde nur ein Teil vom mitge- brachten Brot und mitgebrachten Weine geopfert, das iibrige wurde fur andere gute Zwecke verwendet. Heute wird das Opferbrot aus ungesauertem Weizenmehl in run der Form be- reitet und man nennt es Hostie, d. i. Opfergegenstand. Zum Wein in dem Kelche werden einige Tropfen Wasser gegossen, um anzudeuten, daB Jesus Christus als Gottmensch sich fur uns aufopferte, d. h. in sich vereinigend die gottliche Natur, versinnbildet durch den Wein, und die menschliche Natur, ver- sinnbildet durch das Wasser. In stillen Gebeten betet der Priester zu Gott, daB er das Opfer der Glaubigen wohlgefallig aufnehmen und diesen die notwendigen Gnaden geben moge. Nicht nur bitten sollen wir bei der heil. Messe, sondern wir sollen auch Gott preisen und verherrlichen. Deshalb wird nach den vorhergehenden stillen Bittgebeten ein herrliches Loblied zur Ehre Gottes angestimmt. Es wird Prafation genannt. Zu- — 91 nachst fordert der Priester die Glaubig'en zur Bekriiftigung seiner Stillgebete auf, indem er die Schlufiworte der Gebete: n Per omnia saecula saeculorum”, d. i. „von Ewigkeit zu Ewig- keit” laut singt, worauf die Glaubigen, vertreten durch die Ministranten und die Sanger antworten: Amen, d. h. So soli es geschehen. Sie wollen sagen, ja, wie du (Priester) gebetet hast, so soli es sein. Der weitere Wechselgesang lautet: Pr. Dominus vobiscum M. Et cum špiritu tuo Pr. Sursum corda! D. Habemus ad Dominum. Pr. Gratias aganus Domino Deo nostro! M. Dignum et justum est. Der Herr sei mit euch. Und mit deinem Geiste. Erhebet eure Herzen! Wir haben sie beim Herrn. Lasset uns danksagen dem Herrn, unserem Gott! Das gebiihrt sich in jeder Weise. Der Priester singt allein: Vere dignum et justum est etc. (Ganz die Prafatio communis.) Sanctus, sanctus, sanctus Dominus Deus Sabaot! etc. Ja, wahrhaft gebiihrend und recht ist es etc. Heilig, heilig, heilig bist du, Herr Gott Sabaot! etc. Das Bild, wie der Priester Wein zum Opfer vorbereitet. Bei der Opferung mussen wir alle unsere Gedanken zu Gott richten, voli Demut die eigene Siindhaftigkeit betrachten und die Giite und Liebe Gottes preisen. e) Die Wandlung. Der heil. Augenblick der eigentlichen Opferhandlung naht. Der Priester betet die innigsten Gebete zu Gott, ruft die Hei- ligen an, um auf ihre Fiirbitte wiirdiger das Opfer zu feiern. Es wird im Gotteshause alles stili. Der Priester vertritt die Stelle Christi und spricht die Worte, die Christus beim letzten Abendmahle gesprochen hat, iiber die Hostie: „Dies ist mein Leib”, iiber dem Kelche mit dem Weine: „Dies ist der Kelch 92 meines Blutes u. s. w.” Er zeigt beide Gestalten den Glaubigen zur Anbetung. Bild: Elevation der Hostie. Jesus Christus ist auf dem Altare! Voli Demut soli man mit den Glaubigen auf die Brust klopfen und den Herrn be- griiBen. Man betet: „Jesus dir lebe ich, Jesus dir sterbe ich, Jesus dein bin ich im Leben und im Tode”, oder ein anderes Gebet. Er wird von den Sangern begriiBt, wie damals beim Einzuge nach Jerusalem: „Benedictus, qui venit in nomine Domini! Hosanna in excelsis! Hochgelobt, der da kommt im Namen des Herrn! Ehre und Ruhm ihm in der Hohe.” In- briinstige Gebete werden jetzt stili an den lieben Heiland ge- richtet. Fiir die Lebenden und Verstorbenen, fiir Gereehte und Siinder wird gebetet. Kein Gebet ist wirksamer als das Gebet unseres Herrn, das Vater unser; deshalb wird dieses in feier- licher Weise gesungen. Eine auffordernde Einleitung geht dem- selben voran: Oremus. Praeceptis salu- Lasset uns beten. Durch taribus moniti et divina insti- heilsame Vorschriften ermun- tutione formati etc. (Ganz.) tert und durch gottliche Unter- weisung angeleitet etc. Wie gewohnlich wird der SchluB der Gebete wieder mit „per omnia saecula saeculorum” angedeutet. Durch denOpfertod Jesu ist der seelische Friede, die Vergebung der Siinden, der Welt zugekommen; auch bei der heil. Messe erlangen wir Frieden fiir unsere Seelen, deshalb verkiindigt dies der Priester den Glaubigen mit den Worten: „Pax Domini sit semper vobis- cum”, d. h. der „Friede des Herrn sei mit euch”. Er bittet mit den Sangern zugleich das auf dem Altare befindliche Lamm Gottes um Erbarmen und um Erteilung des Friedens mit den Worten: Agnus Dei qui tollis peccata mundi, miserere nobis etc. Lamm Gottes, welches du hinwegnimmst die Siinden der Welt, erbarme dich unser etc. 93 Bei diesem Teile der heil. Messe sollen wir besonders an- dachtig sein. Denke dir, du stehst am Kalvarienberge unter dem Kreuze, auf dem der gottliche Heiland den Opfertod er- leidet, sein Blut traufelte auf dich! — Wenn du Siinder bist, so bete mit dem rechten Schacher: Herr, gedenke meiner und ver- urteile mich nicht! Bist du gerecht, so bitte den Heiland, dafi die Seele, die er durch sein Blut erlost hat, nicht der Siinde anheimfalle. 5. Die Kommunion. Auch beim letzten Abendmahle haben die Apostel vom Leibe und Blute Jesu Christi genossen. Er hat sie selbst auf- gefordert: ,,Nehmet hin und esset” — ..nehmet hin und trinket alle davon.” Dieser Genufi des Leibes und Blutes Jesu Christi findet auch bei der heil. Messe statt. Der Priester geniefit jedesmal, so oft er die heil. Messe feiert, den Leib und das Blut unseres Herrn; von den Glaubigen ist es gewiinscht, daJ3 sie dies auch tun, wenigstens geistiger Weise, indem sie den Wunsch erwecken, den Leib des Heilandes zu empfangen. Den GenuB des Leibes und Blutes Jesu Christi unter den Gestalten des Brotes und Weines nennt man Kommunion. Der Priester betet vor derselben namentlich fiir seine Seele, damit sie nicht un- wiirdig die heil. Kommunion empfange, klopft an die Brust und spricht: Domine, non sum dignus Herr, ich bin nicht wiirdig etc. etc. Er kommuniziert unter beiden Gestalten, die Glaubigen nur unter einer, weil die Kommunion unter einer Gestalt einer- seits geniigt, anderseits die Kommunion unter beiden Gestalten fiir die Glaubigen nicht angezeigt ist. (Vgl. die Lehre vom heil. Altarsakramente.) Das Bild: Der Priester an die Brust klopfend „Domine etc.” Wenn du nicht bei der heil. Messe die Kommunion em¬ pfangen kannst, so erwecke wenigstens das Verlangen nach 94 derselben, indem du mit dem heidnischen Hauptmann sprichst: „Herr, meine siindhafte Seele ist nicht wiirdig, dich aufzu- nehmen. Doch du bist machtig und barmherzig genug, um durch einen bloBen Gnadenstrahl meine Seele zu kraftigen und zu dir hinzuziehen. Herr, ich glaube, Herr ich hoffe, Herr vom Herzen liebe ich dich.” Schlufi. Der Priester betet in feierlichem Tone singend einige Ge- bete, in denen er auch der Tagesheiligen gedenkt. Nach den Gebeten wendet er sich von der Mitte des Altares gegen das Volk und singt: „Ite missa est”, d. h. Gehet, das Opfer ist zu Ende. Diese Aufforderung entstammt der alten Zeit, in welcher diejenigen, die in den christlichen Lehren noch nicht ganz unterrichtet waren, bei diesem Zurufe die Kirche verlassen muBten. Darauf fanden die Liebesmahle statt, an denen nur glaubenskraftige Christen teilnehmen durften und bei denen namentlich der Teil von den mitgebrachten Opfern verzehrt \vurde, der bei der heil. Messe nicht verwendet \vorden ist. Auf „Ite missa est”, oder zu manchen Zeiten auf „Benedicamus Do¬ mino”, d. h. „Preisen wir den Herrn”, wird von den Sangern und Ministranten geantvvortet: „Deo gratias”, d. i. „Gott sei Dank”, namlich fiir die Gnade des heil. MeBopfers. Zum Schlusse wird in der Regel der Anfang vom Johannesevangelium stili vom Priester gelesen, weil gerade der Anfangsabschnitt dieses Evangeliums, die Menschwerdung des Sohnes Gottes, erzahlt. Wenn die heil. Messe feierlich vom Priester gesungen wird, heiBt sie Amt, bei dem die Sanger lateinisch singen miissen, da der Priester auch lateinisch singt. Wenn der Priester nicht singt, spricht man von stiller heil. Messe, bei der auch die Sanger in der deutschen Sprache fromme Lieder singen diirfen. Fiir die Verstorbenen wird oft „Requiemamt oder schwarze Messe” gehalten. Das Reqiuemamt wird so genannt, weil das Anfangswort der heil. Messe „Requiem” lautet. Es unter- scheidet sich nur darin von der gewohnlichen heil. Messe, daB einige Gebete namentlich am Anfange derselben sich auf die 95 Verstorbenen beziehen und das Opfer in schwarzer Kleidung verrichtet wird. Oft wird auch die Monstranze mit dem Allerheiligsten ausgesetzt und vor und nach der heil. Messe der Segen erteilt; dann spricht man von Segenmessen. Da nun das heil. MeBopfer die Erneuerung des Kreuzes- opfers selbst ist und bei der heil. Messe der liebe Heiland selbst zugegen ist, welche Andacht solite wohl da herrschen! Welche Sehnsucht soli uns erfiillen, an diesem Opfer teilzu- nehmen! Allerdings! Wir sind schwache Menschen und konnen nicht tun, was fiir die GroBe und Wurde eines solchen Opfers geziemend ware. Doch wir sollen uns bemiihen, recht oft und recht andachtig an dem heil. MeBopfer teilzunehmen. Hier spendet Gott die Gnaden, hier ruft er uns: „Kommt zu mir alle, die ihr miihselig und beladen seid, ich will euch er- quicken !” MeBlieder. 1. Wir werfen uns darnieder etc. 2. 0 Christ, hie merk, den Glauben stark’ ete. Bemerkungen des Verfassers zur vorhergehenden Abhand- lung. a.) Durch gemeinsame Arbeiten konnte ein Lehrstiick liber das heil. MeBopfer verfaBt werden, das viel treffender den Gegenstand behandelt als meine Ausfiihrungen. Bei einem so schwierigen Kapitel ist sogar fiir die reifere Jugend eine griind- liche Erklarung notwendig. Das im Buche Enthaltene ist nur ein Wegweiser fiir den Katecheten, fiir den Schiller Stoff, iiber den er beim Lernen zu Hause nachdenken soli. Dieses Kapitel muB iiberhaupt in reiferen Jahren vorgenommen und nach allen Gesichtspunkten behandelt und gepriift werden. Ich habe schon gesagt, dafi die Schiller ein ausgezeichnetes Gedachtnis haben, so daB sie oft wiederholte, jedoch unverstandene Worte naehsagen, ohne irgendwie in das Wesen der Sache einzu- dringen. Die Schiller werden deshalb iiber diesen Gegenstand schriftliche Hausarbeiten liefern, z. B. die Erklarung des Lie- des: O Christ, hie merk etc. Man wird die Schiller iiberhaupt 96 anleiten, mit eigenen Worten sich auszudriicken, damit wir auf diese Weise eine Probe halten, wie weit das Verstandnis ge- diehen ist. §) Fiir alle vier Teile der heil. Messe sollen auch Bilder in dem Buche vorhanden sein, wenn sich auch Wandbilder dafiir finden, aus dem Grunde, weil die Bilder im Buche ofters gesehen werden und sich dem Gedachtnis stark einpragen und auch die Sache selbst wieder ins Gedachtnis zuriickrufen. Es istzu lesen, daB wir ausgezeichnete liturgische Bilder bekommen. Diese werden sehr viel nutzen, nur miissen sie allgemein ein- gefiihrt werden und nicht zu teuer sein. Man wird die Kinder in die Kirche fiihren und ihnen dort liturgische Gerate, z. B. Kelche, Paramente, den Altarstein etc. zeigen. Dies ist eine Pflicht jedes Katecheten. Unsere Verhaltnisse im Religions- unterrichte sind leider so zerfahren, daB auch die Besten der- artige Pflichten auBer acht lassen. Es ist jedoch nicht zu billigen, daB ein Priester auf der Kanzel die heil. Messe erklart, wahrend z. B. ein anderer Priester die heil. Messe liest, wie es leider schon geschehen ist. Die GroBe des heil. MeBopfers verlangt, daB der Glaubige mit An- dacht demselben beiwohnt, nicht aber seine Wi6begierde be- friedigt. Die erste Pflicht des Priesters und der Glaubigen ist die, daB sie beim Gottesdienst auf alles vergessen und ihre Gedanken einzig und allein bei Gott haben. Wo das andachtige Benehmen des Priesters und der Glaubigen bei der heil. Messe fehlt, dort hat die Religion weniger tiefe Wurzel gefafit als bei den Heiden, die zu Tausenden voli Ehrfurcht ihren Opfern bei- vrohnten. y) DaB ich die Aufnahme der lateinischen Texte z. B. Kyrie, Gloria, Čredo, Sanctus etc. verlange, habe ich schon beriihrt, ich werde aber noch naher begriinden, wenn ich iiber die Liturgie und den Kirchengesang spreche. 8) Man soli nicht zu ausfuhrlich die Zeremonien der heil. Messe erklaren, z. B. alle Gesten oder wie oft man an die Epistel- seite geht etc. Das sieht das Kind ohnehin in der Kirche. AuBerdem wiirde das Verstandnis fiir das Wesentliche ver- flachen, wenn das Gedachtnis mit verschieden Namen z. B. 97 Kollekte, Sekrete, Introitus u. dgl. belastet wiirde. Auch die Gebetbiicher sollten nicht diese Ausdriicke enthalten. Auch die symbolische Erklarung ist nicht zu billigen. Bald wird man die ganze heil. Messe als etwas Symbolisches betrachten und in ihr nicht mehr das finden, was sie ist. Zu einem Konglomerat von altertiimlichen, der modernen Zeit fremden mystischen Gebrauchen wird sie herabsinken. c) Was ist fiir den Religionsunterricht an der Volksschule noch erforderlich ? 1. Die Gnade Gottes. Allein die ist eine unverdiente Gabe Gottes, unabhangig von den Menschen. Es ist Sache des Priesters und des Katecheten, die Menschen anzueifern, um diese den lieben Gott zu bitten. Wenn wir jedoch wie hier iiber die kate- chetischen Grundsatze schreiben, dann sind ja unsere Pflichten gemeint, nicht die Gnade Gottes. Diese gehort in den Wirkungs- kreis des allmachtigen Gottes, dessen Tatigkeit fiir uns ein unberechenbarer Faktor ist. Wir miissen arbeiten auch im Religionsunterrichte, als ob alles von uns abhinge, jedoch denken, unsere Arbeit ist umsonst, wenn nicht Gott seine Gnade gibt. Auch fiir uns gilt: „Von der Štirne heiC, rinnen mufi der SchweiB — Soli das Werk den Meister loben, doch der Segen kommt von oben.” Es ist gar nicht christliche Anschauung, wenn wir manches MiMngen dem gSttlichen Ratschlusse zu- schreiben, anstatt in unserer Arbeit selbst die Drsache des Mifilingens, z. B. des Religionsunterrichtes zu suchen. Wozu erwahne ich das? Weil es dem Dr. Katschner Seite 26 seines genannten Buches gefiel, plotzlich auch an die gottliche Gnade zu appellieren. Er schreibt: „Man darf aber aufierdem nicht auBer acht lassen die Tugend des Glaubens, welche darin be- steht, daB eine Offenbarungslehre auf Grund der gottlichen Offenbarung, nicht aber auf Grund der menschlichen Einsicht angenommen wird. Und diese Tugend des Glaubens ist den Kindern in der heil. Taufe eingegossen worden als gottliche Gnade. Sie sind also sovrohl fahig als geneigt fiir die Aufnahme der Glaubenslehren und werden hierbei durch die gottliche Gnade unterstiitzt.” Nun da begreife ich nicht, warum die ersten Christen die Katechumenen solange friiher unterrichteten, be- Vogrinec, nostra culpa. 7 98 vor sie sie tauften und warum noch heutzutage z. B. die Israe- liten schon vor der Taufe sich in der christlichen Religion unter- weisen lassen. Hatte man sie doch gleich getauft! Sie waren „fahig und geneigt” fiir die Aufnahme der Glaubenslehren! Somit empfehlen wir dem lieben Gotte unsere Schulkinder, dafi er sie nach seiner unermeBlichen Giite mit Gnaden be- schenke, und ervvagen wir, was unsere Pflicht ist, damit die Kinder in der Religon genug unterrichtet werden; deshalb setze ich als fernere Forderung fiir den Religionsunterricht 2 . eine gut illustrierte biblische Geschichte. Soeben lese ich, dafi die biblische Geschichte von Ponholzer einzufiihren ist. Ich kenne sie noch nicht. Vielleicht wird sie allen Anfor- derungen entsprechen. Meine Grundsatze sind folgende: Was den Text anbelangt, so kann er wortlich oder nur in um- schriebener Form der heil. Schrift entnommen werden, je nach- dem es die padagogischen Prinzipien erheischen. Wo der Text leicht zu verstehen ist, wird er wortlich aus der heil. Schrift herubergenommen. Aber was verlangt werden mufi, ist, dali der biblischen Geschichte eine schone Form gegeben wird. Wenn ich die weltlichen Biicher mit der biblischen Geschichte Schusters vergleiche, da bemerke ich, dafi es aussieht, als ob die biblische Geschichte beziiglich der Illustration verurteilt ware, immer um ein halbes Jahrhundert zuriickzubleiben. Wie weit ist heutzutage die Kunst der Illustrierung vorgeschritten! Man sehe sich doch verschiedene illustrierte Journale an! Die oft undeutlichen Umrisse in der biblischen Geschichte inter- essieren wohl das Kind, ohne es zu befriedigen. Man beachte doch, was das Kind tut, wenn es so gliicklich war, in den Be- sitz eines Rotblaustiftes zu kommen? Bald fangt es lustig zu malen an. Es ist somit zu verlangen eine biblische Geschichte in schoner Ausstattung mit chromierten Bildern. Welchen In- halt das Buch haben solite, habe ich nicht untersucht. Jeden- falls solite den Psalmen, gut und in Versen iibersetzt, sowie den Spriehw5rtern mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. 3. Nun kommt die Forderung von schriftlichen Arbeiten. Wir haben wochentlich nur zwei Religionsstunden und da heiBt es, die Zeit ausnutzen namentlich an ein- oder zwei- 99 klassigen Schulen. Das Schulkind mufi zur Beschaftigung mit der Religion auch zu Hause angeleitet werden. Die schriftlichen Arbeiten kommen uns da sehr zuhilfe, nicht nur an den Volks- schulen, sondern auch an den Mittelschulen. Diese schriftlichen Arbeiten haben nicht nur diesen zufalligen Zweck, namlich um die geringe Stundenzahl auszugleichen, sondern sie haben iiberhaupt den Wert, den jede schriftliche Arbeit hat. Sogar der erwachsene intelligente Mensch soli immer mit dem Štifte in der Hand studieren, Excerpte aus den Biichern machen, falls er sich einen dauernden Gedankenschatz aneignen will. Durch das Niederschreiben werden die Gedanken aus dem Chaos, in dem sie sich in unserer Seele befanden, in ein logi- sches System gebracht. Dadurch, dali uns das Niederschreiben die Gelegenheit gibt, genauer nachzudenken, lassen wir man- ches, was wir fiir richtig gehalten haben, fallen, manche Vor- stellung andert sich wieder, so dafi iiberhaupt ein klares Ge- dankensystem entsteht. Es ist gerade so wie bei einem Meister, der glaubt, eine genaue Vorstellung von einem Werke zu be- sitzen, das er neu ausfiihren živili, wahrend er erst bei der wirklichen Ausfiihrung auf manche Schwierigkeit stofit und erst nach Uberwindung dieser das Werk ausfiihren kann. Durch die schriftlichen Arbeiten wird der Geist des Schiilers sozusagen an den Gegenstand angekettet. Er wird zur Selbst- tatigkeit angeeifert, sucht seine religiosen Anschauungen in einen bestimmten logischen Zusammenhang zu bringen. Diese schriftlichen Arbeiten werden dem Lehrer die Ge¬ legenheit bieten, in das Innere seiner Schiiler zu schauen und sich zu uberzeugen, wie weit die religiose Er- ziehung gediehen ist und d ort, wo sich eine Liicke im reli¬ giosen Denken und Empfinden herausgestellt hat, belehrend einzugreifen. Was die Schiiler namentlich an den Mittelschulen aufsagen, ist etwas in der Eile Zusammenstudiertes ohne innere Vertiefung. Die schriftlichen Arbeiten iverden den Schiiler zwingen, sich mit dem Gegenstande langer und intensiver zu beschaftigen. Der kluge Lehrer wird auch leich^er die Gelegen¬ heit wahrnehmen, ob der Schiiler etwa nicht seine religiose .Uberzeugung heuchelt, um nur eine gute Note zu erzielen. Von iy* 100 diesem Standpunkte ist an und fur sich der Nutzen der schrift- lichen Arbeiten einleuchtend. Doch in der Volksschule bezwecken die schriftlichen Arbeiten nicht so sehr eine Selbstbetati- gung, ein Suchen nach tiefer Einsieht in die religiosen Erkenntnisse, ein Bringen der Vorstellungen in einen logi- schen Zusammenhang, der stets als Eigentum des Schulers bleibt, was die schriftlichen Arbeiten an den Mittelschulen zum Ziele haben, sondern sie haben mehr den Wert, dah sich der Schiller das in der Schule Vorgetragene genauer aneignet, durch die abermalige selbsttatige Vorfiih- rung des in der Schule Gehorten oder im Buche Ge- lesenen die Wahrheit tiefer in seinen Verstand und sein Gemiit einpflanzt. Daherwird der Religionslehrer nur dort die nahere Ausfuhrung des schriftlichen Themas in der Schule vorher unterlassen, wo dieses der Anschauung des Kindes ent- nommen ist, z. B. iiber die Einrichtung der Pfarrkirche oder des Altars. Oft wird in den katechetischen Lehrbiichern ver- langt, dah man in jeder Stunde jedes Kind abfragen solite. Im Durchschnitte ist die Schiilerzahl groBer als fiinfzig. Soli man in einer Stunde jeden abfragen, das in friiherer Stunde Vorgetragene wiederholen und schlieBlich noch vortragen? Es ist einleuchtend, daB dieses nicht allgemein durchgefiihrt werden kann. Die schriftlichen Arbeiten werden uns hier zugute kommen. Die Begriffe vrerden auch leichter eingepragt. Auf diese Weise wird sich der Erfolg des Religionsunterrichtes abermals um einen Faktor vermehren. Die drei Faktoren, die nach Um- standen verschieden sein kbnnen und den Erfolg des Religions¬ unterrichtes hauptsachlich bedingen, sind also: Das beim mundlichen Unterrichte Erworbene, durch das Lesen des Buches Befestigte und durch die schriftlichen Arbeiten Vertiefte. Diese schriftlichen Arbeiten werden naturlicli in den rei- feren Jahren des Kindes gegeben, im 12. bis 14. Lebensjahre. Fur die einklassigen Schulen, deren es in Osterreich die Halfte der gesamten gibt, werden die schriftlichen Arbeiten auch in der Schule gegeben. Dies kann auch an zweiklassigen Schulen geschehen, falls in der zweiten Klasse in zwei Abtei- 101 lungen unterrichtet wird. Sobald der Katechet in die Schule kommen wird, wird er eine biblische Geschichte deutlich er¬ zahlen, einzelne Namen, die in der Geschichte vorkommen, auch auf der Tafel aufschreiben, dann wird er die reiferen Kinder das Erzahlte auf der Schiefertafel nachschreiben lassen, wah- rend er der ersten Abteilung den miindlichen Unterricht er- teilen wft’d. Auf diese Weise werden die biblischen Geschich- ten selir leicht eingepragt. Von einzelnen Schulern kann er sich in jeder Stunde die Ausarbeitung vorlesen oder zeigen lassen. Manchem diirfte die Einfuhrung der schriftlichen Arbeiten unausfuhrbar vorkommen. Allerdings wenn man glaubt, es miisse von den Kindern etwas Originelles, Vollkommenes ge- leistet werden. Fiir uns bedeutet es einen groben Erfolg, wenn nur irgend eine Ausarbeitung des Themas gegeben wird, mag sie auch orthographisch und kalligraphisch unrichtig und un- beholfen aussehen. Der Themata gibt es wohl genug. Der Lehrer wird das Thema an die Schultafel aufschreiben lassen und einige Schlag- worte beifiigen. Dies tragen die Kinder sofort in ihre Aufsatz- hefte ein, um die Arbeit zu Hause auszufiihren. Es ist klar, dafl man den Katecheten eine Beispielsammlung der Themata in die Hand geben muB. Ich fiihre hier einige Aufgaben an, die gegeben werden konnten: 1. Wozu bin ich auf der Welt? a) Etwa zum Essen, Trinken, Lustigsein?; b) ich bin dazu da, um Gott zu dienen. Warum denn? 2. Gott ist hochst weise. Betrachte die Pflanzen, Tiere, den Menschen, die Erde, die Himmelskorper etc. 3. Wie haben wir uns im Leiden zu benehmen? 4. Das Leben des Patrons der Pfarrkirche: a) Geburt, b) Leben, c) Werke, d) Wunder. 5. Das Leben anderer Heiligen in der Kirche. 6. Was erzahlen uns die drei ersten Stationstafeln etc.? 7. Erzahlung des Evangeliums vom vergangenen Sonntag. 8. Welche Begebenheiten erzahlen die zwei letzten Geheim- nisse des freudenreichen Rosenkranzes etc.? 102 9. Aufgaben iiber die Pfarrkirehe. Wie sieht der Altar aus etc.? 10. Wie feiern \vir den Sonntag in der Kirche und zu Hause? 11. Was gescbieht in der Kirche in der Christnacht r Ostern etc.? 12. Wie oft pflegt man bei uns wahrend des Tages zu lauten? Was bedeutet das Lauten, was soli man tun beim Lauten der Glocken? 13. Das Begrabnis (Memento homo, qnod pulvis es etc.). Und so konnte man noch eine endlose Reihe geeigneter Themata anfiihren. 4. Weiters ist fiir einen gedeihlichen Unterricht an der Volksschule eine geniigende Inspektion notwendig. In allen Kategorien des menschlichen Lebens ist eine ausreichende In¬ spektion notwendig, nicht am wenigsten auch im Religions- unterrichte. Diese Inspektion mufi sicb erstrecken 1. auf die punktliche Einhaltung der Religionsstunden, 2. auf die eifrige und methodisch richtige Religionserteilung. Was die punktliche Einhaltung der Religionsstunden an- belangt, so ist es notwendig, dafi sich in jeder Schule ein Katalog vorfindet, wo der Katechet die Unterrichtsstunden ein- tragt und sich unterschreibt. Wenn es die Gymnasiallehrer tun miissen, warum sollten es nicht die Religionslehrer tun? Es ist auch nicht beschamend fiir den Katecheten, wenn der Schulleiter in den Katolog Einsicht nehmen kann und vielleicht auch die angegebene Stundenzahl bestatigt. Mufi ja hie und da ein einfacher Kaplan manchem hochgestellten Pensionisten die Quittung bestatigen. Wie aber der Religionsunterricht heutzutage inspiziert \vird, grenzt an das Lacherliche. Jedes Jahr kommt der Visi- tator, schon friiher angekiindigt. Die Kinder versammeln sich dort, wo sie nicht unterrichtet werden und wo sie sonst stili sein miissen, namlich in der Kirche. Hier werden oft mehrere Klassen in einer Stunde abgefragt. Der Katechet unterrichtet nicht vor dem Dechant, um den Beweis seiner katechetischen Tatigkeit zu liefern, er stellt gar nicht eigene Fragen, sondern 103 er bedient sich wie ein Automat der Katechismusfragen. Das gut eingedrillte Kind antwortet auch wie ein Automat, und zwar die kiihneren Kinder viel mutiger als die schiicliternen, die sich gar nicht trauen, den Mund aufzumachen. Bleibt die Maschinerie des Lehrerautomaten stehen, so versagt auch das Kind oder es stottert auf verschiedenes Zunicken ja oder nein heraus. Oft erzahlt das Kind eine Geschichte mit staunenswerter Ge- laufigkeit. Forscht man nach, ob auch die Einsicht in den Gang der Geschichte vorhanden ist, so wird man abermals staunen iiber das Gedachtnis des Kindes, das sich eine Geschichte merkt, ohne sie zu verstehen. Der Katechismus gut gedrillt, geht wie ,,Wasser”. Die Erledigung lautet: Der Erfolg sehr gut, die Methode sehr gut, wahrend der Katechet vielleicht in der Schule Zeitungen las und die armen Kinder bis zum Verzweifeln die Katechismusdefinitionen auswendig lernen lieB. Oft miissen auch jene Kleinen, deren Kopfchen fiir derlei Sachen zu hart sind, zu Hause bleiben. Bei den bischoflichen Visitationen, die immer in der Kirche stattfinden und bei denen die Kinder schon beim Anblick der ihnen fremden Erscheinung des Oberhirten mit Štab und violettem Talar aufier Band und Band geraten, ist der Vorgang noch eigentumlicher. Es ist zu traurig, um sich bei diesem Punkte langer aufzuhalten. Die Inspektion durch Dechante ist aber schon deshalb nicht angezeigt, weil der untergeordnete Klerus in der Nachbar- schaft in der Regel zu seinem Freundenkreise zahlt, bei denen der Erfolg natiirlich groBer sein muB. Wird er streng, dann wird er gemieden. AuBerdem wird bei der Kreierung der Dechante nicht auf dessen katechetische Eignung Riicksicht ge- nommen, da die Prasentierung von Privatpatronen abhangig ist, denen die katechetische Eignung des Petenten am aller- wenigsten am Herzen liegt. AuBerdem besteht die Religions- prufung von alters her im Abfragen der Katechismusnummern. Soli es nun ein Dechant andern? Ich gestehe es offen, daB es die unfruchtbarste Unterrichtszeit fur mich in der Schule ist, wenn ich paar Monate vor derPrufung die Kinder auf diese vorbereite. Ich will mich doch nicht in der Kirche blamieren, wenn der Visi- tator plotzlich mit den iiblichen Katechismusfragen ausriickt. 104 Es ist somit klar, dafi eigene Inspektoren zu bestellen sind, die zu beliebigen Zeiten die Schulen visitieren konnen. Uberall muB ihnen am Anfange des Schuljahres der Zeitpunkt der Abhaltung des Religionsunterrichtes in den einzelnen Schulen bekannt gemacht werden. Diese Inspektoren konnen auch andere Stellen bekleiden, z. B. Biirgerschulkatecheten, Gymnasialpro- fessoren oder auch schlichte Pfarrer sein, vor allem aber miissen sie erprobte Katecheten sein, die sich in der Katechetik theoretisch und praktisch ausgebildet haben. Die Inspektion muB sich nicht nur auf den Umfang, sondern auch auf die Qualitat des Unterrichtes erstrecken. Den Inspektoren kommen die von der Kirche zu zahlenden Visitationsgebiihren zu. Mehrere Dechanate unterstehen einem Inšpektor. Dem Bischof steht es frei, eine Religionspriifung zu veranstalten oder nicht. Den gesamten Unterricht iiberwacht ein Diozesanreligions- inspektor. 5. Von Bedeutung, wenn auch nicht von absoluter Not- wendigkeit fiir einen guten Erfolg ist auch langere Tatig- keit des Katecheten an einem Orte. ! Diesbeziiglich ist es namentlich in Karnten schlecht bestellt. Ofthat einKind wahrend seines Schulbesuches acht bis neun Katecheten. Dieser Ubel- stand ist wohl aus dem Priestermangel erklarlich, doch auch vielfach verschuldet. Den Beweis fur den Tatbestand namentlich an Orten, wo sich Kaplane oder provisorische Seelsorger be- finden, zu erbringen, wiirde mir nicht schwer fallen. Durch die štete Bbersetzung des Seelsorgers gewohnt sich dieser an eine gewisse Flatterhaftigkeit und Planlosigkeit beim Unterrichte. Der richtige Katechet wird nicht darauf schauen, daB er schon bei der ersten Visitation den Beifall des Visitators erringe, sondern er wird wenigstens drei Jahre langsam in den Kindes- herzen bauen, Steinchen auf Steinchen zusammentragen, um einen herrlichen religiosen Bau zu erzielen. Unbedingt not- wendig ist es, daB der Katechet die Kinder kennt, iiber ihre Lebensverhaltnisse unterrichtet ist, namentlich aber sich der- jenigen annimmt, die vom Haus aus religios verwahrlost sind. Kann er dies in einigen Monaten oder in einem Jahre er- reichen? Kommt der Katechet an einen anderen Posten, so 105 findet er wieder andere Verhaltnisse vor, die ihn zwingen, seinen Plan zu andern. Und so wird er selbst nie ein halb- wegs annehmbarer Katechet. Und was wird aus den Kindern, die verschiedene Katecheten besessen haben? Ich und einige meiner Kollegen haben die Gelegenheit gehabt, wenigstens einander mitzuteilen, was wir unterrichtet haben, wenn wir unsere Posten gewechselt haben. Allerdings wurden die Nach- teile, die durch den Wechsel der Katecheten verursacht werden, sehr gering durch die Einfuhrung meines sehr bestimmten Lehrplanes unter allen von mir gegebenen Voraussetzungen. Ich habe bis jetzt meistenteils positive Untersuchungen iiber den Religionsunterricht an der Volksschule angestellt, nun will ich zeigen, daB der Katechismusunterricht ein ganz zielloser ist. d) Warum ist der jetzige Katechismus fiir die Schulen ungeeignet? Dr. Katschner sagt in seiner Katechetik Seite 20: „Die erste und wichtigste Quelle, welcher der katechetische Lehr- stoff zu entnehmen ist, bietet sich im Katechismus dar, dessen Begriff. Nutzen und Bestimmung im folgenden klargelegt werden soli.” Auch ich will den „Begriff, Nutzen und Bestim¬ mung” des Katechismus klarlegen, und zwar in einzelnen Be- trachtungen. I. Betrachtung. „An ihren Friichten werdet ihr sie erkennen.” Es ist das Wort des Heilandes. Man kann auch den Katechismus und die Katecheten an ihren Friichten erkennen. Man betrachte einmal die Kinder an jenen Schulen, die am meisten Religionsunter¬ richt genieBen, etwa an mehrklassigen Stadtschulen. Welches unandachtige, oft herausfordernde Benehmen in der Kirche! Beim Empfange der Sakramente! Welche Gleichgiltigkeit! Man tausche sich nicht und komme einmal als ein heimlicher Be- obachter, z. B. zu den Kinderbeichten. Da wird man schauen! Schon in der Schule kann man die Friichte des Unterrichtes beobachten. In der Stadt kommen die Kinder, nachdem sie aus der Schule ausgetreten sind, in die Lehre. KSnnen wir mit der 106 Religiositat der Lehrjungen namentlich in der Stadt zufrieden sein? Was sehen wir selbst, was berichten die Zeitungen? Ist das die Frucht des Religionsunterrichtes? DaB die Katecheten nicht eifrig waren, ist nicht anzunehmen. Man sieht es ihrer politi- schen und sozialen und sonstigen Tatigkeit an, daB sie fiir die Sache Gottes eifern, deshalb auch die Katechetenpflicht doch nicht so groblich verletzen, daB so wenig Friichte erzielt werden. Da erzahlt, wenn ich nicht irre, Dr. Scheicher im „Korrespondenz- Blatt”, daB einUniversitatsprofessor sein Staunen"dariiber auBerte, daB der Katechismus, den er in den Handen seines Kindes ge- funden, die Lehre von der Gegenwart Christi im Altarsakra- mente enthalte. Ein Professor, der das Gymnasium absolvierte, wird dessen erst gewahr, als er das Buch seines Kindes nach- las! Unde ignorantia ista? Selbst in den Kreisen, die sich noch zur Kirche rechnen, findet man sowenig klare Vorstellung iiber die katholischen Lehren. „Hat sich der „alte Canisi” bewahrt”, \vie jemand in der Linzer Quartalschrift glaubt? II. Betrachtung. Ursprung des Katechismus. Spirago schreibt in seiner Methodik Seite 133 , Nr. 523 : „Luther gab im Jahre 1529 einen gedruckten kleinen Katechismus fiir die Jugend heraus, trug durch diesen zur raschen Ausbreitung seiner Lehre wesentlich bei. Durch die Erfolge des Lutherischen Katechismus bewogen, sah sich die katholische Kirche desgleichen zur Herausgabe katholischer Katechismen fiir die Jugend genotigt. Er war auch der erste, der dem Buche den Namen Katechismus gab.” Es ist merkwiirdig, daB man dort, wo man auf den Kate¬ chismus so viel halt, ganz auf den Bruder Martin vergiBt, wah- rend man die Verdienste des seligen Peter Canisius, der nur nachahmte, und erst im Jahre 1555 seinen Katechismus heraus- gab, so hoch anschlagt. Der Vater des Katechismus, Dr. Martin Luther, sagt in dem Vorwort zum Katechismus: Das Kind miisse zuerst die Fragen mechanisch auswendig lernen, dann soli erst die katechetische Erklarung eingreifen. Dieser seiner Anordnung entsprechend, ist auch der Katechismus abgefaBt, 107 nicht blofi der seine, sondern noch mehr der Canisische. Deshalb wird der Katechet durch die Einrichtung des Katechismus un- willkiirlich gezwungen, den vom Vater des Katechismus ange- gebenen Weg einzuschlagen. — Ubrigens ist die analytische An- lage des Katechismus auch dem Zeitgeist entsprechend, fur den der Katechismus verfafit \vurde. Zur Zeit der Reformation stand alles noch unter dem Zeichen des Glaubens und niemandem fiel es ein, an den Grundfesten des Christentums zu riitteln, wahrend nur um einzelne Glaubenssatze gestritten wurde, und zwar nicht bloB von den Priestern, sondern auch von den Laien. Es war alles noch immer umflossen von der Atmosphare des Glaubens, man konnte fast sagen fanatischen Glaubens, sowohl auf katholischer wie protestantischer Seite. Die breiten Massen des Volkes ivaren noch nicht reif, selbst zu urteilen und sich selbst Rechenschaft zu geben liber ihren Glauben, sondern verlieBen sich sowohl beziiglich weltlicher als auch religioser Anschauungen auf die Autoritat, die ohne Beweise und Begriindung dem Volke ihre Anschauung diktierte. Es geniigte somit den Glaubigen sowohl im Mittelalter als auch in den ersten Jahrhunderten der Neuzeit, wenn ihnen ein- fach so autoritativ und mit solcher Sicherheit die Glaubenswahrheiten vorgestellt wurden, wie es im Katechismus geschieht. Selbst die medizinischen und natur- \vissenschaftlichen Biicher aus der angegebenen Zeit setzen bei den Lesern keine Kritik, sondern blinden Glauben voraus. Ganz anders ist die Situation namentlich seit dem Beginne des XIX. Jahrhunderts beschaffen. Da kam das „Warum\ Man untersuchte, man wollte alles verstehen, man drang in die Geheimnisse der Natur, suchte den Gang der Geschichte auf- zuklaren und manches zu losen, nach dessen Losung fruher nie- mand fragte. So will man sich heutzutage auch iiber die Reli- gion, vom gelehrtesten bis zum schlichtesten Mann, klar sein. Schon aus diesem Grunde wird in jedem Denkenden der be- rechtigte Zweifel auftauchen, ob ein und dasselbe Buch fur diese ganz verschiedene Zeitrichtungen matlgebend sein konne. Fruher geniigte ein einfaches Darlegen der Wahrheiten, heute wird 108 auch das Begriinden derselben verlangt. Friiher bekampfte nie- mand die Fundamente des Glaubens. Heutzutage wird der Kampf hauptsachlich gegen diese eroffnet, und da diese eben durch die heutigen Unterrichtsmittel nicht geniigend oder gar nicht geschiitzt und befestigt \verden, stiirzt der ganze Bau, der iiber diesem unsicheren Fundament aufgebaut wird, zu- sammen. Aufgabe des heutigen Unterrichtes ist nicht, einfach positive Glaubenssatze hinzustellen und diese zu analysieren, wie es der Katechismus tut, sondern da legt man Steinchen zum Steinchen, von einer befestigten Wahrheit zur andern schreitend, d. h. man geht synthetisch genetisch vor. Alle Lehrer der modernen Katechetik verwerfen zwar das Analy- sieren in der oben angedeuteten Weise, namlich zuerst den Giaubenssatz oder das sittliche Prinzip aufstellen und dann auf die einzelnen Merkmale eingehen, sie verteidigen aber, ich will nicht sagen in unbegreiflicher Weise, sondern in begreiflicher Weise, namlich in „kirchlicher Kriecherei” ein Buch, welches so vorgeht, wie sie es selbst nicht haben wollen und welches die Katecheten fast zwingt, in methodisch falscher Weise vorzu- gehen. Sie wollen, dati mit veralteten Werkzeugen nach neuer Methode und in neuer Zeit gearbeitet werde, jenen vergleichbar die mit Bogen und Pfeil oder mit alten Schie6waffen versehen, gleiche Resultate erzielen wollten, wie der modern ausgeriistete Feind. Hat der Katechismus somit in šeiner jetzigen Verfas- sung irgend welche Berechtigung fur die Neuzeit? Wird sich die Neuzeit der Form des Katechismus anpassen oder die Form des Katechismus der Neuzeit? III. Betrachtung. Psychologische Erklarung der Wertschatzung des Kate¬ chismus. Dem einfachen Volk, mit dessen Religiositat wir noch zu rechnen haben, ist alles heilig, was iiber heilige Sachen handelt. Ein Gebet oder eine Schrift kann oft den unsinnig- sten Inhalt haben, doch sie wird heilig, wenn nur sehr oft die Worte Gott, Jesus, die allerheiligste Dreifaltigkeit etc. vor- kommen. Ich bin heuer den Kindern darauf gekommen, wie sie 109 eifrig ein unsinniges Zaubergebet abschrieben, das von heiligen Namen und Kreuzen wimmelte. Auch der Katechismus ist ein Buch, das iiber heilige Sachen handelt. AuBerdem ist es das einzige Religionslehrbuch, das die Katholiken kennen, aus dem sie und ihre Kinder unter- richtet wurden. Deshalb hat das Buch bei der urteilslosen Bevolke- rung Achtung und Ansehen, obwohl man sagen muB, daB diese Achtung mit rapider Schnelligkeit abnimmt, bei der jungeren Ge- neration uberhaupt Nuli ist. Das Buch ruft mehr traurige Erinne- rungen aus der Schulzeit als frohliche in das Gedachtnis zuriick. Der Katechismus hatte in der friiheren Zeit eine andere Bedeutung. Damals wurden auch die Erwachsenen aus der Religion ausgefragt. In Steiermark besteht an einzelnen Orten noch jetzt die Sitte, daB an einem Orte ein eigener Laien- katechet aufgestellt ist, der die jungeren Dorfinsassen zu kate- chetischen Abenden einladet, bei welchen nicht etwa die christ- lichen Wahrheiten erklart oder betrachtet werden, sondern man sich im harmonischen Aufsagen der Katechismusfragen ein- iibt, um sie dann in der Kirche aufsagen zu konnen, sobald der Pfarrer die bestimmte Nachmittagszeit kuudgibt. In friiherer Zeit war namentlich wahrend der Fastenzeit dieser Gebrauch allgemein. Fiir dieses Abfragen hatte natiirlich der Katechismus einen gewissen relativen Wert. Auch die Priester kennen den Katechismus nur insofern als er das Buch war, nach dem sie selbst unterrichtet wurden. Ein- zelne von hochgestellten Geistlichen, falls sie Katecheten ge- wesen sind, haben auch nur den Katechismus benutzt. Deshalb ist dem allzu konservativen Teil der Katholiken der Katechis¬ mus das, was dem Tiirken der Koran, an dessen Inhalt und Form nicht geriittelt werden darf. Kann sich der denkende Teil der Katholiken so sehr von dem antiquierten Werte des Buches hin- reiBen lassen, daB er den Katechismus als das beste Religions¬ lehrbuch betrachtet? IV. Betrachtung. Was ist der Katechismus? Ich will keine Definition geben. Am Schlusse meiner Betrachtungen kann sich jeder den Be- 110 griff des Katechismus selbst bilden. Wir wollen lieber den Dr. Katschner horen, was der Katechismus ist. Seite 20, § 11, 1 schreibt er: „Unter Katechismus versteht man in der Neuzeit jenes Buch, in welchem die katholische Lehre fiir den Reli- gionsunterricht der Schiller vollstandig und rein, in bestimmter Form und iibersichtlicher, systematischer Darstellung enthalten ist. a) Der Katechismus enthalt in materialen Hinsicht die katholische Lehre vollstandig, d. h. es sind in ihm alle jene Offenbarungslehren enthalten, welche ein katholischer Christ ausdriicklich wissen und glauben mufi. Im katholischen Glauben gibt es keinen Unterschied zvrischen wesentlichen und un- wesentlichen Glaubenslehren .... Wohl aber gibt es einen TJnterschied zwisehen solchen Lehren, welche der katholische Christ ausdriicklich wissen und solchen, welche er nicht ausdriicklich wissen muB, um selig zu werden. . . . Im Katechis¬ mus sind nun alle jene Offenbarungslehren enthalten, welche man wissen und glauben mufi.” Es sind somit alle jene Wahr- heiten darin enthalten, die man »ausdriicklich wissen mufi”. . . „um selig zu werden”. Das klingt so, als ob es wo hiefie: Wahrlich, wahrlich sage ich euch, wenn ihr nicht den Katechis¬ mus ausdriicklich wissen und glauben werdet, so werdet ihr nicht selig! Und dann weiB man erst nicht, ob man den kleinen Katechismus oder den mittleren oder vielleicht die 877 Fragen des groBen Katechismus ausdriicklich wissen muB. Aus diesem Grunde allein diirften gewiB 99 von 100 meiner Pfarre nicht selig werden. Vielleicht noch mancher Priester dazu! Ist wohl gut, daB ich weiB, daB es beim lieben Gott nicht so viel auf das ausdriickliche Wissen ankommt als auf etwas ganz anderes. AuBerdem sind im groBen Katechismus auch die Fragen ent¬ halten wie: Was ist der Rosenkranz? Was ist der Kreuzweg? etc. Dann sind die ersten Christen zu bedauern, dafi sie dieses nicht auBdrucklich wuBten, da ja Rosenkranz, Kreuzwegandacht viel spater eingefiihrt \vurden. Ob diese Christen auch Katho- liken waren?! Jeder 'Unvoreingenommene wird beim Lesen der Stelle die angefiihrte Definition und Erklarung so auffassen, wie ich. Es ist aber auch sehr leicht moglich, daB die Vollstandigkeit des 111 Katechismus so aufzufassen ist, daB der Katechismus auBer den vielen anderen religiosen Lehrstiicken und Glaubenswahrheiten auch jene Wahrheiten behandelt, die der katholische Christ ausdriicklich wissen und glauben muB. Welche Wahrheiten sind das? Nr. 29 des vom Episkopate herausgegebenen Katechismus gibt uns darauf die Antwort. Die Frage lautet: Welche Wahr- heiten miissen wir vor allen ausdriicklich wissen und glauben? Als Antwort werden die sechs Grundwahrheiten aufgezahlt. Bei der Frage steht der Zusatz „um selig zu iverden” nicht da- bei. Ist auch richtig. Viele \vissen und glauben nicht aus- driicklich, daB die Gnade Gottes zur Seligkeit notwendig ist. Sie wissen wohl, dafi vom lieben Gott alles abhangig ist, aber das ausdriickliche Wissen von der Notwendigkeit der Gnade haben sie nicht, sondern das implizite Wissen. Der Katechismus ware somit deshalb in materieller Hinsicht vollstandig, weil er die sechs Grundwahrheiten enthalt. Dann werden wir aber ent- sprechend der Definition des Dr. Katschner auch den Namen Katechismus einem Papierstiick, aufgezogen auf Pappendeckel, geben, auf dem die sechs Grundwahrheiten aufgeschrieben sind; auch die iibrigen Merkmale „rein, in bestimmter, syste- matischer Darstellung” passen fur den erwahnten Pappendeckel. Durch diese Betrachtung bekampfe ich die hyperbolische, irre- elle Definition des Katechismus. Keinem Buche der Welt, am wenigsten dem Katechismus, kommen die in der Definition an- gegebenen Merkmale zu. Auf die Sondierung der iibrigen Merk¬ male lasse ich mich nicht ein. Wozu diese grund- und gedanken- losen tlbertreibungen? V. Betrachtung. Ist die Methode des Katechismus dem Lehrziele des Reli- gionsunterrichtes an der Volksschule entsprechend? „Ex ore tuo te judico, werden wir dem Verteidiger des Katechismus, z. B. dem Dr. Katschner zurufen. Der Herr Doktor sitzt iiber- haupt zwischen zwei Sesseln; einerseits will er an dem Kate¬ chismus festhalten und in ihm laut friiheren Kapitels alles Vollkommene sehen, anderseits laBt er wieder seine Vernunft sprechen, die ihm richtige padagogische und didaktische Grund- 112 satze diktiert. Seite 76 deš benannten Buches schreibt er: „a) der synthetische Lehrgang nimmt in der Erklarung des Katechismus die erste Stelle ein; er ist anzuwenden, wann immer es moglich ist. Dieser Vorzug ist ihm deshalb einzuraumen, iveil er mehr geeignet ist, den Schiilern neue Begriffe und Wahrheiten zu vermitteln als der analytische. Das synthetische Verfahren laBt die Begriffe gleichsam vor den Augen der Schiiler entstehen, es erleichtert das Auffassen durch die wohl- geordnete logische Zusammenstellung der Merkmale des Be- griffes und der Vorstellung sowie der Teile des Lehrganzen und erweckt dadurch das Interesse und damit die Lernfreude der Schiller. . . .Nicht der Katechismus ist das Leitende und Fuhrende, sondern das Wort des Katecheten. Ist dann das Lehrganze, z. B. der Glaubensartikel, synthetisch schon erklart, so folgt die Erweiterung und Vertiefung der Kenntnis seiner einzelnen Teile nach dem analytischen Vorgehen des Katechis¬ mus. Die Synthese ist ferner am Schlusse eines Lehrganzen, z. B. eines Sakramentes als Zusammenfassung anzuwenden. Da namlich der Katechismus groBtenteils analytisch vorgeht, das Ganze durch eine Reihe von Fragen in Teile aufldst, so miissen diese Teile am Schlusse wieder verbunden werden, um den Schulern eine einheitliche Vorstellung der Lehre zu geben. . . . Der analytische Lehrgang dient also zur Vertiefung und Erweite- rungder Kenntnis.” Aus den Ausfiihrungen des Dr. Katschner, die ausgezeichnet und bis auf einige Stellen richtig sind, folgt: L DaB der synthetische Lehrgang, welcher die erste Stelle einnimmt, mehr geeignet ist, neue Wahrheiten zu vermitteln als der analytische; 2. erweckt er das Interesse und die Lernfreude der Schiller; 3. daB das Wort des Katecheten das Leitende und Fuhrende ist, nicht der Katechismus; 4. daB die Erweiterung und Vertiefung der Kenntnis nach dem analytischen Vorgehen des Katechismus geschieht; 5. der Katechismus ist groBtenteils analytisch; 6. am Schlusse ist die Synthese als Zusammenfassung an- zuwenden — um den Schulern eine einheitliche Vorstellung der Lehre zu geben. 113 Meine Bemerkungen dazu: A d 1 und 2. Wenn also der synthetische Lehrgang so sehr dem analytischen iiberlegen ist, warum ist das Religions- lehrbuch nicht nach synthetischer Methode verfafit, damit es mehr „geeignet ware, neue Wahrheiten zu vermitteln” und damit es auch „mehr Interesse und Lernfreude” bewirken konnte, was bei den Schiilern sehr wichtig ist? Ad 3. Bei dem gesamten iibrigen Unterrichte leiten und fiihren sowohl das Buch als auch der Lehrer zum Lehr- ziele. Hier soli nur das Wort des Katecheten das Leitende und Fiihrende sein? Es ist merkwlirdig, dafi es moglich ist, der- artigen Unsinn aufzustellen. Ad 4 und 5. Daraus geht auch liervor, dad der Katechis- mus eine Vertiefung und Erweiterung der Kenntnis anstrebt, da ja der analytische Lehrgang die Vertiefung und Erweiterung anstrebt; somit hat der Schiller fiir die Zufiihrung des Stoffes, der notwendig ist, um zur Kenntnis der Religionswahi*heiten zu gelangen, iiberhaupt keinen Lernbehelf, kein Buch. Der Kate- chismus dient ja zur Vertiefung und Erweiterung der Kenntnis. Da ist aber vorausgesetzt, dafi der miindliche Vortrag hin- reichend ist, um eine solche Kenntnis der Religionswahrheiten zu bewirken, dafi man durch den Katechismus bereits auf eine Erweiterung und Vertiefung Bedacht nehmen kann. Wo ist nun der Wunderkatechet, der jedesmal so vortragen kann und wo die Wunderschiiler, bei denen dieser Erfolg immer garantiert ist? Damit rechnet Dr. Katschner selbst nicht; denn Seite 140 sagt er, dafi die Wiederholung sich nicht blofi auf den Wort- laut der Katechismusantworten und auf den Inhalt der biblischen Geschichten beschranken soli, sondern sie mufi sich auch auf die Erklarung und Nutzanwendung erstrecken, also auch auf den synthetischen Unterricht. Wie kann aber das zustande gebracht werden, wenn der Schiller zu Hause gar keine Stiitzpunkte findet, um den synthetischen miindlichen Unterricht sich ins Gedachtnis zu rufen ? Wir miissen vielmehr annehmen, dafi der Schiller im Durchschnitt durch den bloden miindlichen Vortrag nicht zur dauernden Kenntnis wie der weltlichen Wissenschaft, Vogrinec, nostra culpa. 8 114 — so auch nicht der Religionswissenschaft gelangt, und dafi der Katechismus das, was nicht vollstandig gekannt oder vielleicht auch gar nicht verstanden wird, iiberhaupt nicht erweitern und vertiefen kann; denn erweitert und vertieft werden kann nur etwas bereits in seinem Wesen Erkanntes. Ad 6. Dr. Katschner verwickelt sich in einen eklatanten Widerspruch. Seite 23 des angegebenen Werkes oben und Ab- satz III behauptet Dr. Katschner: Der Katechismus habe die Bestimmung, eine kurze Formulierung und Zusammenfassung deS vorausgegangenen Unterrichtes zu sein.” Nun an der friiheren zitierten Stelle Seite 76 sagt er, dali die Synthese als Zusammenfassung des ganzen Unterrichtes am Schlusse anzu- wenden ist. Nach Seite 23 ist somit der groBtenteils analy- sierende Katechismus eine Zusammenfassung des miindlichen Unterrichtes, nach Seite 76 soli die Zusammenfassung syn j thetisch geschehen! Das letzte ist sogar gesperrt gedruckt. Ist das nicht eine Konfusion? Wenn nach eigenen Worten des Dr. Katschner die Syn- these am Schlusse eine einheitliche Vorstellung bewirkt, so wird man sich doch bemuhen, daB den Schulern diese einheit¬ liche Vorstellung als Eigentum bleibt, wozu es notwendig ist, daB sie zu Hause iiber den ganzen Hergang, auf Grund dessen sie zur Vorstellung gelangt sin d, nachdenken, und nicht bloB die Merkmale, die zur Vorstellung notwendig sind, sondern auch das Bindungsmittel dieser Merkmale samt dem ganzen Auf- bau sich vergegenwartigen, d. h.: man wird ein Protokoli des synthetischen Vortrages den Schulern an die Hand geben, nicht aber den Katechismus, der gerade verkehrt, analytisch vorgeht. Wenn fur den analytischen Vortrag, der Erweiterung und Vertiefung der Kenntnis bezweckt, der Katechismus da ist, da konnen wir den Liebhabern desselben diese Freude gonnen, wir verlangen aber fiir den weit wichtigeren und iiber- wiegenderen synthetischen Unterricht auch ein der Methode entsprechendes Buch, ein Religionslehrbuch nach meinen Grundsatzen. 115 Aus den Ausfuhrungen des Dr. Katschner ist somit er- sichtlich, dafi der Katechismus, falls er als einziges Buch in Anwendung steht, ein unpadagogisches, weniger geeignetes Buch ist. Ich konnte wohl dies auf andere Weise noch beweisen, doch es geniigt das Zeugnis des Lobredners des Katechismus. VI. Betrachtung. Niitzlichkeit des Katechismus. Dr. S. Katschner sagt Seite 22: „Der Katechismus ist fur einen gedeihlichen Religions- unterricht sehr niitzlich: a) „Er bewirkt Einheit im Unterrichte.” Ein anderes, pada- gogisch und didaktisch richtig verfaBtes Religionslehrbuch, das auch die Kenntnis der Religionswahrheiten vermitteln wiirde, wiirde in ungleicher Weise noch mehr die Einheit im Unter¬ richte bewirken, da es auch dem Lehrenden einen bestimmten Weg zum Ziele angeben wiirde. b) „Der Katechismus gibt dem Katecheten die Gevviflheit, daB keine wesentliehe Lehre iibergangen wird.” Als ob ein anderes Buch dies nicht auch tun konnte! Dem denkenden Katecheten bringt der Katechismus aber auch die Uberzeugung bei, daB das Buch wie das Reglement beim Militar zum Qualbuch fiir die Schiller wird, ohne entsprechende Friichte zu tragen. c) „Er erleichtert das Einpragen.” Freilich, als ob die Unzahl von Definitionen und Aufzahlungen, die sich im Katechis¬ mus vorfinden, nurso in dasKopfchen der Kinder hineingegossen \verden konnte und als ob vom Einpragen dieser Definitionen und Einteilungen das praktische Christentum abhangen wiirde! d) „Er ermoglicht die Mithilfe der Eltern beim Memorieren.” Als ob ein padagogisches Buch dies nicht viel b.esser ermog- lichen wiirde und als ob es eine ausgemachte Tatsache ware, daB sich die Eltern zu dieser Mithilfe vordrangen! e) „Er erleichtert die Wiederholung.” Natiirlich, wenn der Katechismus in seiner analytischen Anlage die Vertiefung und Ervreiterung dessen bezweckt, was fast gar nicht vor- handen ist! f) „Er ermoglicht die Uberwachung des Religionsunter- riclites durch die vorgesetzte Behorde.” DaB der Katechismus 8 * 116 die t)berwachung ermoglichen solite, ist doch zu arg! Besser ware es, wenn es hieJ3e: er erleichtert die Uberwachung und kommt jenen Visitatoren und Katecheten, die eine Anstrengung scheuen, sehr zustatten, indem der Visitator der Unterrichts- sprache gar nicht machtig zu sein braucbt, da er aus dem Kate- chismus die Fragen herauslesen kann und sich naeh demselben wieder iiberzeugen kann, ob die Fragen auch richtig beant- wortet wurden. Wie viel diese Erleichterung wert ist, versteht wohl der Leser. g) „Er beseitigt oder vermindert wenigstens den nach- teiligen EinfluB des Wechsels in der Person des Katecheten.” Das ist der Vorteil jedes Buches. Damit ist aber nicht gesagt, daB der Katechismus ohne Nutzen ware: Fiir die Zeit des kritiklosen Denkens war er ein sehr brauehbares Buch, auch dort, wo es noch Laienkatecheten gibt, hat er einen Wert, allerdings einen minimalen. Auch fiir die Erwachsenen ist er „eine Volksdogmatik”, wie er oft genannt wird, indem es demjenigen, der sich dafiir interessiert AufschluB gibt, z. B. wie et\va die fiinfte Bitte des Vater unser zum Unterschiede von der sechsten lautet, oder wie der neunte Glaubensartikel lautet oder welche Siinden sich z. B. gegen den Glauben richten. Der Katechismus ent- halt ferner im Anhange einige Gebete, den Beichtspiegel, hie und da kleine Nutzanwendungen mit Zitaten aus der heil. Schrift. Somit ist auch fiir die Schule der Katechismus doch noch immer besser wie nichts, wenn man auch oft daran zweifeln mufi, da die Kinder durch das Auswendiglernen erbittert, bald an der Religion iiberhaupt keine Freude haben und oft traurige Erinnerungen an ihren Religionsunterricht in das Leben mitnehmen. Einen Wert hat der Katechismus auch aus dem Grande, weil er von den Bischdfen approbiert ist und der Katechet weiB, welche Wahrheiten er zu unterrichten hat. VII. Betrachtung. Ist ein piidagogisches Religionslehrbuch not- wendig? Spirago sagt in seiner Methodik Seite 127 u. ff.: „1. Das Religionshandbuch ist kein Lehrbuch, da es nicht die 117 Bestimmung hat, das freie Wort des Katecheten zu ersetzen. Nicht das Buch, sondern der Katechet ist der Lehrer. Denn der Glaube kommt vomHoren, nicht aber vom Lesen desBuches. Die Art und Weise, wie der Heiland und nach seinem Vorgange die heiligen Apostel gelehrt haben, soli fiir den Katecheten mafigebend sein. 2. Die Religionsbiicher sind nichts anderes als Lern- oder Memorierbucher, da sie den Zweck haben, die Kinder bei der "VViederholung und beim Memorieren des in der Schule durch- genommenen Lehrstoffes zu unterstiitzen.” Ich habe dariiber schon fruher gesprochen, als ich von der Notwendigkeit eines Lehrbuches fur den Religionsunterricht redend die fast gleichlautenden Satze des Dr. Katschner be- leuchtet habe. Doch der Umstand, dah diese Satze von einem so gewichtigen Autor, wie es Spirago ist, aufgestellt werden, zwingt mich, hier abermals darauf einzugehen, damit nicht die Verteidiger des Katechismus sicli ausreden und sagen: Auf das Buch komme es nicht an. Spirago sagt: Das Religionsbuch ist kein Lehrbuch, da es nicht die Bestimmung hat, den Lehrer zu ersetzen. Sind des- halb z. B. die Gymnasiallehrbucher keine Lehrbiicher, da sie doch auch nicht die Bestimmung haben, den Lehrer zu er¬ setzen? „Der Glaube kommt nicht vom Lesen des Buches” l Was erzahlt uns die Geschichte der Konvertiten? Auch das Buch ist Lehrer, wenn auch per literas! Wenigstens ist es ein auBerst notvrendiges Lehrmittel, nicht blofi Lernmittel, in der Hand des Katecheten. Ein und derselbe Schiller kann auch zwei Lehrer haben; nur miissen sie eintrachtig lehren. Das Buch ist hie und da ein viel besserer Lehrer; es tragt schon und flieBend den Gegenstand vor, ist auch am eifrigsten, indem es immer bereit ist zu lehren, wahrend der Katechet nicht immer diese guten Eigenschaften besitzt. Wie das Bibelwort „Der Glaube kommt vom Koren” auf- zufassen ist, habe ich schon dargetan. Die Art und Weise, wie der Heiland und die Apostel lehrten, soli fur den Katecheten mafigebend sein. Es tut mir leid, diesen Satz auf gleiche Stufe zu stellen mit dem Satze Dr. Katschners Seite 23: „Die kirch- 118 liche Praxis zeigt, wie aus der Geschichte erhellt, dafi der ge- samte katechetische Unterricht wesentlich ein miindlicher ist, welcher durch Jahrhunderte ohne katechetisches Schulbuch er- teilt wurde.” Also weg mit dem Katechismus! Wozu denn die Kinder plagen mit der Erfindung Dr. Martin Luthers?! Wir wollen nun den Heiland und die Apostel nachahmen! Da werden wir keine Post, keine Eisenbahn benutzen, ferner Wunder \virken, iiber die Beschimpfungen in den ZeitUngen werden wir uns nicht aufregen, sondern geduldig alles er- tragen, wenn man uns auch an das Kreuz schlagt! .. Doch die Komik beiseite. Freilich brauchte man in der ersten Zeit des Christentumes kein Schulbuch, weil es keine Schule im heutigen Sinne gab, eine Schule, zu der Knirpse mit sechs Jahren sogar in dem letzten Erdenwinkel pilgern. Aufierdem — hatten die Apostel die heutigen Druck- und Verkehrsmittel zur Verfiigung gehabt — welche feurige Biicher wiirden sie geschrieben haben, namentlich wenn sie nicht auf soviele Analphabeten, wie es solche zu ihrer Zeit gab, hatten Riicksicht nehmen miissen! Das ist aber richtig, daB die heutigen Religionsbiicheiy namlich die Katechismen, Memorierbucher sind; dali sie es auch fernerhin bleiben sollten, ist aber unrichtig. Sie sollen auch gute Lehrbucher sein, sowohl ein Behelf fiir den Lehrer als auch fiir den Schiller. YHI. Betrachtung. Definitions- und Einteilungssucht des Katechis¬ mus. Schon in der V. Betrachtung wurde ausgefiihrt, dafi der Katechismus analytisch vorgeht. Nur der analytische Lehrgang ist nach der richtigen BehauptungDr. Katschners zur Erweiterung und Vertiefung der Kenntnis geeignet; daraus folgt, dafi der Katechismus auch die Erweiterung und Vertiefung der bereits er- worbenen Kenntnisse bezweckt und weiters, dafi die Kenntnis der Religionswahrheiten vorhanden sein mufi, da doch etwas, was nicht vorhanden ist, nicht vertieft oder erweitert werden kann. Das Vorhandensein oder die Erwerbung der Kenntnisse, die fiir die Erweiterung und Vertiefung die Grundlage bilden, 119 mufi somit auf andere Weise, durch andere Mittel bewirkt ■vverden und der Katechismus hat nicht den Zweck, die Erwer- bung der religiosen Vorstellungen und Kenntnisse zu vermit- teln. Wer ist nun dieser Vermittler der Kenntnisse? Bei den beutigen Verhaltnissen nur der Lehrer. Dafi aber der Lehrer wirklich diese Kenntnisse soweit beibringt, dafi auf Grund des Katechismus bereits auf Vertiefung und Ervveiterung gedacht werden kann, wird, wie ich hier nochmals kurz andeute, die ideale Eignung des Katecheten und ideale Schiller mit dem idealen Schulbesuch, gefordert. Ein idealer Katechet wird ver- langt, der alles so vortragt, dafi er leicht verstanden wird, ideale Schiller, welche auch so auffassen, wie es der Katechet iviinscht, ferner idealer Schulbesuch, so dafi die Schiller auch bei jedem Vortrage zugegen sind. Dann wird auch eine solche Auffassung verlangt, dafi die Schiller durch das blofie ein- oder zweimalige Anhdren sich die Kenntnisse dauernd aneignen, so dafi sie die- selben nicht vergessen werden. Sie konnen sich jedoch nur durch das blofie Anhoren des Vortrages diese Kenntnisse aneignen, da ihnen auch zu Hause kein Mittel, keinBuchzurReproduktion des Gehorten, zur irgend einer Wiederholung zu Gebote steht. Der Katechismus ist ja dazu da, um bei der Vertiefung und Er- weiterung der Kenntnisse, nicht aber bei der Erwerbung nach- zuhelfen. Wiirde nun jemand behaupten, dafi die Erwerbung der Kenntnisse unter den oben angefiihrten Bedingungen mog- lich ist oder etwa schon geschieht, so wiirde ihn die Praxis der ganzen iibrigen Welt, die sich bei ihrem Unterrichte nie auf derlei Faktoren ausschliefilich stiitzt, Liigen strafen. Und doch miissen diese Bedingungen gestellt werden, wenn wir eine wirk- liche Eriverbung der Kenntnisse voraussetzen wollen; es miifite denn sein, dafi wir, wie es richtig ist, uns auch zum Zwecke der Erwerbung der Kenntnisse eines Buches bedienen, das fur den Lehrer und Schiller ein guter Behelf sein wird. Der Katechismus kann immerhin noch die Bestimmung haben, das mit Hilfe des padagogischen Religionsbuches und des miindlichen Vortrages Erworbene zu vertiefen und erweitern. Der Erfolg ist heutzutage auch ganz genau meinen voran- gehenden Ausfuhrungen entsprechend. Die Katecheten und 120 Schiller haben kein Lehrbuch, das sie leiten und unterstiitzen wiirde zur Erwerbung der Kenntnisse, deshalb tragen jene oft ganz willkiirlich vor und die Kinder konnen nicht einmal das Vorgetragene sich dauernd aneignen; deshalb ist die Kenntnis fast Nuli. Die soli nun vertieft und erweitert werden auf Grund des Katechismus, zumal ja bei den Visitationen die Kate- chismusnummern abgefragt werden, woraus die Erscheinung zu erklaren ist, dah die Kinder etwas gedankenlos ableiern, was sie nicht verstehen und was ihnen nicht in das Herz gedrungen ist. Es ist ihnen allerdings erklart worden; jedoch um sich die Kenntnisse zu erwerben, waren die Voraussetzungen nicht vor- handen; um diese Kenntnisse zu vertiefen, waren eben diese, die Kenntnisse, nicht vorhanden. DaB der Katechismus nur die Vertiefung und Erweite- rung der Kenntnisse natiirlich mit Hilfe des Lehrers bezwecken kann, belehrt uns ein Blick in denselben. Da wimmelt es von: „Was ist”, „Was versteht man unter”, WasheiBt”, „welche sind”, „wie viele Tede”, d. h. die Hauptwahrheiten sind grbfitenteils gegeben in Definitionen, die in ihrer Analyse eine groBe Zahl von Einteilungen zur Folge haben. Die Kenntnis der Definiti¬ onen und Einteilungen schafft aber nicht von selbst die Vor- stellung und den Begriff einer Sache, sondern vertieft und er- weitert dieselben, deshalb zielt auch der Katechismus auf diese Vertiefung und Erweiterung. Ich habe friiher eine Konzession gemacht, indem ich sagte, daB der Katechismus iiberhaupt zur Vertiefung und Erweiterung der Kenntnisse benutzt werden konne, wenn nur ein entsprechender Behelf auch fiir die Erwer- bung derselben beschaffen ist. Nun werfe ich die Frage auf: Ist die Vertiefung der Religions\vahrheiten durch Definitionen, Ein¬ teilungen, iiberhaupt durch analytische Sondierungen fiir den Religionsunterricht notwendig, auch von den tatsachlichen Ver- haltnissen gefordert? Da ist natiirlich die Vertiefung des Ver- standes auf die im Katechismus gegebene Weise durch Defi¬ nitionen etc. gemeint, denn auch ich bin fiir eine Vertiefung des religiosen Denkens, jedoch nicht in dieser Weise. Auf diese Frage antworte ich: Es ist gut, wenn man von einer Sache die Definition weiB und sie auch einteilen kann; so ist es auch 121 fiir den Religionsunterricht gut und sehr zu empfehlen, wenn man die einzelnen religiosen Begriffe definieren und einteilen kann, sobald man die Garantie hat, daJ3 sie in der Vor- stellung geniigend eingepragt sind, aber absolut notwendig ist es nicht und auch nicht von den heuti- gen Verhaltnissen gefordert, da die geringe Unterrichtszeit das Abgeben mit Definitionen, Aufzahlungen, Begriffsentwick- lungen etc. nicht gestattet. Warum ist es nicht notwendig? Wir kennen tausende von Dingen, fiir die wir keine Defi- nition und keine Einteilung wissen. Fragt man einen Schneider- meister: „Was ist der Rock? Aus wie vielen Teilen besteht er?” Da wird er sich verwundern! Tausende von Rocken hat er gemacht, jetzt weih er nicht einmal, was der Rock ist! Ebenso \venig wird eine annehmbare Definition der Schuhmacher iiber seinen Schuh, die Kochin iiber die chemische Zusammensetzung ihres Mehlkuchens geben konnen. Und fragen wir selbst einen Priester, der schon lange sich mit dem Kateehismus nicht be- schaftigte, er soli uns schnell die dogmatisch richtige Definition von der Gnade, oder von irgend einem Sakramente, von der Tugend etc. sagen. Er wird sie in den seltensten Fallen zustande bringen. Oder frage man ihn um die Aufzahlung der Siinden wider den heil. Geist. Da wird er noch seltener Auskunft geben konnen! Ist er deshalb weniger fromm oder ist deshalb die Vor- stellung von der Tugend, von der Gnade nicht vorhanden? Man frage ihn einmal, was ist der Rosenkranz, was die Litanei etc. Tausendmal hat er schon die Andacht verrichtet, aber die De¬ finition wird er nicht geben. Auch die heil. Schrift gibt uns keine Aufzahlungen. Zu wissen, welcher der sechste oder siebente Glaubensartikel oder die dritte oder fiinfte Bitte ist, hat den- selben Wert, wie zu wissen, der wievielte Buchstabe m oder q im Alphabete ist oder welches das fiinfte oder sechste Dorf von Leifling nach Klagenfurt ist. Ich wei6, man wird sagen: der Zweck der genau in der Definition fixierten Wahrheiten ist der, dah das Kind sich die Wahrheit im Namen der kirchlichen Autoritat tief einprage, fiir das ganze Leben im Gedachtnisse behalte und sie als Richtschnur des Lebens beobachte. 122 So handeln auch die Mohammedaner, die es als die erste Aufgabe betrachten, die Verse des Koran den Kindern ordentlich einzudrillen. Fiir den Mohammedaner hat dies in Beziehung zu seiner Kultur einen Wert, da derselbe gewohnt ist, von oben Gesetze anzunehmen, ohne sich weiters um ihren inneren Ge- halt zu kiimmern. Es ist auch das religiose Leben bei ihnen danach. Doch bei uns ist die Zeit der Annahme einer Doktrin auf bloBe Autoritat hin schon langst verschwunden. Nicht nur was die Kirche lehre, sondern warum die Kirche etwas lehre, \vill man erforsehen und wissen. Will man dem Irrtum vorbeugen, dann wird man dies nicht tun durch Einpragen der Defi- nitionen, sondern den Stoff so zufiihren, daB eine richtige Vor- stellung entsteht. Es ergibt sich somit, daB die Vertiefung durch Definition, Aufzahlungen etc. nach dem Vorgange des Katechismus fiir den Religionsunterricht nicht absolut notwendig ist, und daB wir in dem Katechismus ein Buch haben, das das nicht absolut Notvvendige bezweckt, wahrend wir ein Buch, das richtige Vor- stellung von religiosen Wahrheiten vermitteln soil, nicht be- sitzen. Auf diese Betrachtung lege ich ganz besonderen Wert und bitte die Katecheten, ihr die entsprechende Zeit zum Studium derselben zu widmen. IX. Betrachtung. Die Didaktik des Katechismus. Man miiflte ein ganzes Buch schreiben, um den Katechismus auf didaktische Richtigkeit zu priifen. Wir wollen nur ganz kurz darliber betrachten. Die erste Frage des groBen Katechismus fiillt gleich mit der Tiir ins Haus: „ 1. Welches ist der notvvendigste Unterricht?” Wie eine Preisfrage oder wie ein Ratsel steht die Frage da. Die zweite Frage klart uns erst auf, warum der Unterricht in der katholiscben Religion so wichtig ist. Was die katholische Reli- gion ist, was die Religion uberhaupt ist, weiB das Kind noch nicht. In der ersten Klasse haben wir natiirlich mit Gott an- gefangen, in der dritten Klasse stellen wir zunachst philo- sophische Betrachtungen an, welcher Unterricht der notvvendigste ist, um lange spater vom lieben Gott etwas zu lernen. HeiBt — 123 das, von den bereits vorhandenen Anschauungen des Kindes ausgehen? Fiir unseren Gegenstand ist es natiirlich auch wichtig zu wissen, was der Katechismus ist, und in wie viele Teile oder Hauptstucke er zerfallt! Diese Fragen sind geeignet, um das Gemiit des Kindes zu gewinnen, daB es sich gleichsam lech- zend nach den weiteren Lehren des Katechismus sehnt!- Die erste Abteilung beginnt mit der Frage: „Was heifit christkatholisch glauben?” Die Antwort lautet: „Dafi wir alles fiir wahr halten, was Gott geoffenbart hat und durch die katholische Kirche zu glauben vorstellt.” Diese Frage ist z. B. fiir einen Nichtkatholiken geeignet, der sich dafiir interessiert, was bei den Katholiken glauben heifit. Diese Frage wissen die meisten Kinder fliefiend auswendig, verstanden wurde sie viel- leicht bis zu den theologischen Studien nicht. Sogar der Ausdruck: „zu glauben vorstellt” ist nicht deutsch, sondern ein Latinismus. Wir befinden uns oft in einer intellektuellen Tauschung, indem wir meinen, dafi das, was fiir uns selbstverstandlich ist, von den Kindern ohne weiteres verstanden wird. Denken wir doch an unsere eigene Kindheit zuriick. Was haben wir uns wohl bei den Worten: „durch die katholische Kirche zu glauben vorstellt” selbst vorgestellt? Dann behandelt man die schwierigen Kapitel vom Glauben, heil. Schrift, Tradition u. s. w., um erst spater auf Gott zu kommen. Um die Offenbarung zu verstehen, mufi ich doch ge- nauer iiber den Urheber der Offenbarung nachdenken. Aus seinen Eigenschaften, namentlich aus seiner Weisheit und Giite wird mir die Tatsache der Offenbarung erklarlicher. Nr. 33 ant- wortet, daB die katholischen Christen ihren Glauben durch das Zeichen des heil. Kreuzes bekennen. Dies erweckt den Schein, als ob das Bekenntnis des Glaubens notwendig von der \virk- lichen Ausfiihrung des heil. Kreuzzeichens abhange. Die Ge- pflogenheit, Kreuz zu machen, ist erst spater aufgekommen. Nr. 42 antwortet auf die Frage „Was ist Gott?”: „Gott ist ein Wesen, welches von sich selbst und unendlich vollkommen ist.” Seit den altesten Zeiten stellen sich die Menschen Gott als ihren Schopfer und als den Regierer der Welt vor. Und wenn wir an Gott denken, so denken wir nicht an ein Wesen, 124 ivelches von sich selbst und unendlich vollkommen ist, sondern an unseren Vater im Himmel, an den Schopfer und Regierer der ganzen Welt. Das „von sich selbst und unendlich voll¬ kommen” ist erst durch Spekulation gefunden worden, indem man nachdachte, wie muB er denn sein, da seine Werke schon soviele Vollkommenheiten haben. Professor Spirago hat das gefiihlt, da er in seinem Katechismus Nr. 61 sagt: „Gott ist unser Vater im Himmel, der von sich selbst und unendlich vollkommen und der Herr des Himmels und der Erde ist.” Ich hatte koordiniert und einfach gesagt: Gott ist unser Vater im Himmel, der Herr des Himmels und der Erde. Wie natiirlich beteten die Apostel: „Ich glaube an Gott, den allmachtigen Vater, den Schopfer Himmels und der Erde”, nicht aber an „ein Wesen, welches von sich selbst und unendlich vollkommen ist.” Von Nr. 43 beginnen die „Was heiBt?” Wir miissen uns klar werden, dafi alle diese Antworten nur Erklarungen der Begriffe „von sich selbst”, „ewig”, „unveranderlich” u. s. w. sind. Diese Nummern haben nicht den Zweck, dem Kinde die Griinde anzugeben, warum Gott ewig, unveranderlich u. s. w. ist, sondern sie sagen einfach, was z. B. hoehst gerecht etc. bedeutet. Welchen religiosen Wert diese Begriffserklarungen haben, ist klar. Ein Beispiel: „Der Vater des N. ist sehr giitig” heiBt: „Der Vater des N. ist voli Liebe gegen seine Kinder und Mitmenschen; er vergonnt ihnen nur Gutes.” Wir konnen das glauben oder nicht. Besondere Achtung werden wir deshalb gegen den Vater des N. nicht haben. Ganz anders wiirden wir empfinden, wenn uns jemand vom Vater des N. erzahlt, \vie er sich vom friihen Morgen bis zum Abende fiir die Seinigen abmiiht, wie er diesem oder jenem in der Not beispringt. Deshalb hatte es auch beim Katechismus mehr Sinn, wenn statt nach „Was heiBt” nach „Warum ist Gott hoehst gutig, gerecht etc.” gefragt \viirde. Doch genug. Wir unterlassen die weitere Untersuchung iiber den jetzigen Katechismus. Jeder Leser soli selbst den Kate¬ chismus in die Hand nehmen, seinen eigenen Verstand zurate ziehen und namentlich sich in die Lage der Kinder hineindenken, da wird er Unpadagogisches und Undidaktisches in Menge finden, um nicht einen starkeren Ausdruck zu gebrauchen. 125 X. Betrachtung. An dere Katechismen. Wir haben in Osterreich einen ein- heitlichen Kateehismus. Doch haben viele, namentlicb in Deutsch- land versucht, ein Religionsbuch in der Form des Kateehismus zu verfassen. Die Klippe, an der ihre Bemiihungen seheiterten, war eben die Katechismusform, von der sie sich nieht trennen konnten, vielleicht auch sich zu trennen nicht wagten. Der Kate- chismus ist eben ein Buch, das fur seine Zeit paBt und die vom Erfinder selbst vorgezeichnete Methode verlangt; dann modle man, wie man wolle, befriedigen wird ein Buch in der Katechismusform nie. Vielleicht der beste moderne Kateehismus ist: „Katholischer Kateehismus fur die Jugend von Fr. Spirago.” Diese Arbeit, namentlich aber sein Volkskatechismus wird auch eine sehr ergiebige Fundgrube bei der Verfassung eines allge- meinen, ungekiinstelten Religionsbuches bilden. Der Kateehismus Spiragos verstoBt auch hie und da gegen seine eigenen Lehr- satze, die er in seiner Padagogik angefiihrt bat. Schon mit der erstenFrage: „Was ist der Kateehismus?” hat Spirago seinem Buche eine Wunde zugefugt, weil er die Frageform wahlte. Er gibt selbst im Vorworte zu, daB er auf Verlangen vieler diese Form wahlte, obwohl er selbst nicht dafiir war. Nun da hatte er eben auf diejenigen, die aus den alten Stiefeln nicht heraus- kriechen konnen, keine Riicksicht nehmen sollen! Ganz entschieden hat aber Spirago padagogisch geirrt dadurch, daB er in einem Buche bei der Behandlung ein und derselben Lehre auf verschiedene Altersstufen Riicksicht nimmt und durch dreifach verschiedenen Druck bunt durch- einander andeutet. Seite II sagt er: „2. die fettgedruckten Satze des GroBdruckes enthalten das Wichtigere und sind fur An- fanger (vom dritten Schuljahr an, wo das Buch erst Verwen- dung findet), 3. die nicht fettgedruckten Satze des GroBdruckes sind schon fur vorgeschrittene Schiller, 4. der Kleindruck ist fur die Schiller der obersten Klasse.” Dagegen ist hervorzu- heben: Nie soli \veder im miindlichen Vortrage noch im Buche bei der Behandlung ein und derselben Lehre etwas gebot 126 werden, was zum Teile fiir die reiferen, zum Teile fiir die weniger fahigen Kinder bestimmt ware. Wenn man bei einer Lehre eine bestimmte Schulerzahl unterrichtet, dann muB man die Lehre so einrichten, daB nicht nur einige sie verstehen, die anderen aber nicht; ein und dasselbe Buch muB so verfaBt sein bei der Behandlung eines Lehrstiickes, daB alle das ganze Lehrstiick verstehen konnen. Nur die Lehrstiicke konnen im Buche so geordnet sein, daB die ersteren von allen leicht, die letzteren von den Fortgeschrittenen verstanden werden. Diesen Grundsatz befolgen alle Biieher, nicht bloB die Schulbiicher. Bei Spirago wechselt oft auf einer und der- selben Zeile die Art des Druckes, z. B. Seite 63: „1. Sie (die Kirche) mufi einig sein” — ist grofi gedruckt, die Fortsetznng: d. h. „sie muB zu allen Zeiten dieselbe Lehre haben” ist klein gedruckt. Das Kind hat keine Freude an einem Lehrstiick, von dem es einen Teil nicht versteht und wo ihm eine andere Art des Druckes sagt: „Schau, das ist nicht fiir dich, dein Kopf faBt es nicht.” Aufierdem bewirkt der štete Wechsel im Druck die Vorstellung von etwas Zerrissenem, Unvollkommenem. Es ist ein aus vielen Stiicken zusammengeflickter Rock! Doch fiir die Ablehnung eines solchen Vorganges existieren noch andere geivichtigere Griinde. Der zweitgroBte Druck und der kleine Druck enthalten namlich meistenteils Erklarungen und Begrundungen und Nutzanwendungen fiir den groBen fetten Druck, den die Anfanger zu lernen hatten. Nun gibt es aber folgende Moglichkeiten: 1. Die Anfanger verstehen nicht das, was im grofien fetten Druck enthalten ist; dann ware es toricht, daB sie etwas ganz oder halbwegs Unverstandenes zu lernen hatten. Es ist schade um die kostbare Zeit. 2. Die Anfanger verstehen das Fettgedruckte, und dann \verden sie um so leichter die Erklarung und Begriindung und Nutzamvendung verstehen, d. h. das Kleingedruckte. Wenn die Anfanger das Fettgedruckte lernen sollten, da besteht kein Grund, warum sie die Erklarungen und Begriin- dungen im kleinen Drucke nicht lernen sollten, da sich die Wiederholung auch auf dieses erstrecken miiBte. Somit ist die 127 Verteilung ein und desselben Lehrstiickes auf verschiedene Altersstufen aus rein didaktischen Griinden unzutreffend. Wenn man sagt, die Erklarung und Begriindung ersetzt bei den Anfangern der miindliche Unterricht; dann mussen die Kinder die Erklarung und Begriindung auch kennen; die Kenntnis der nackten Lehre ist ja nicht geniigend. Dann kann ich aber nicht begreifen, warum die Gr oljen die Erklarungen und Begriindungen durch das Gedruckte lernen sollten, da schon bei den Anfangern der miindliche Unterricht hinreicht, um die Begriindung der Lehren zu vermitteln. Im Katechismus Spiragos sind auch Sachen enthalten, die in ein Schulbuch nicht gehoren, wie Empfehlung, Vorwort, die Angabe der Grundlage, allerdings Mangel, die leicht beseitigt werden konnen. Auch die von Spirago in seiner Methodik selbst geriigten Einteilungen finden sich vor. Seite 18, Nr. 57, werden ohne Not gleich elf Dinge fettgedruckt aufgezahlt. Wenn man den Katechismus Spiragos studiert, dann wird man sagen, er ist nicht nur ein Lern- und Memorierbuch, wie der Verfasser von den Religionsbuchern verlangt, sondern auch ein Lehr- buch! Unter den bischoflichen Empfehlungen Seite III finden wir, daB auch der Bischof Lukas von Solecki von Przemysl den Katechismus Spiragos als „vortreffliches Lehrbuch” bezeichnet. Dem Katechismus Spiragos fehlen auch Bilder und Lieder. Der Herr Professor sagt, daB er seinen Katechismus selbst „ausprobiert habe”. „Denn bei der Herstellung eines Katechismus mufi so vorgegangen werden, wie bei der Her¬ stellung eines Gewehres oder einer Kanone. Diese werden zuerst in der Fabrik ausprobiert.” Nun, die Ausprobierung ist dann wohl vom Professor Spirago, vom Erfinder des Gewehres, selbst geschehen, ohne daB andere dabei waren. Da ist es allerdings moglich, daB der Erfinder leicht das Ge\vehr hand- haben konnte, wahrend es in den Handen anderer seine Wir- kung versagen konnte. Da der Erfinder das Gewehr selbst ausprobiert und wahrscheinlich niemand ihn grundlich kontrol- liert hat, so ist es fraglich, ob er die Zielscheibe getroffen hat; vielleicht hat er sich in der Treffsicherheit getauscht, oder waren die Zielobjekte derart, daB sie leicht zu treffen waren. 128 Das Gewehr des Katechismus hatten somit mehrere Fach- leute, namlich Katecheten ausprobieren und sich vergewissern sollen, ob es braucbbar ist fiir alle Zielobjekte, nicht etwa bloB fiir die Schuler an den Burger- und 'Dbungsschulen, wo sich die Kinder von den besseren Standen einzufinden pflegen, sondern ob das Gewehr auch die oft verwahrlosten Rangen der Vorstadte und Gewerkschaften erreichen kann. Hiermit soli aber durchaus nicht der Wert des verhaltnis- mafiig ausgezeichneten Buches herabgemindert werden und der verdiente Herr Professor wird in diesen Ausfuhrungen gewiB auch keine Herabminderung erblicken. Sicher ist es aber, dafi das Buch bei eventueller Einfiihrung ungleich groBere Dienste leisten wiirde als der jetzige Katechismus, daB es aber den Anforderungen, die man an ein Religionsbuch stellen mufi, doch nicht entspricht. XI. Betrachtung. Das Urteil des Herrn Erzherzog Ferdinand. Diese Betrachtung empfehle ich namentlich jenen Kreisen, die daraus den ersprieBlichsten Nutzen ziehen konnten. Ich gebe sie ohne Kommentar. Seite V des „Katholischen Volkskatechismus” von Spirago steht geschrieben (mit notwendiger Abkiirzung): „Kammer Sr. k. u. k. Hoheit des Durchlauchtigsten Herrn Erz- herzogs Franz Ferdinand. Sr. Hochwiirden Herrn Franz Spirago, k. k. Religions- professor in Trautenau. Seine kais. u. konigl. Hoheit der Durchlauchtigste Herr Erzherzog Franz Ferdinand geruhte die von Euer Hochwiirden Hochstdemselben unterbreiteten Werke: Katholischer Volks-Katechismus etc. (samtliche Werke Spirago s) huldvollst anzunehmen. Der durchlauchtigste Herr Erzherzog geruhte zugleich in die oben erwahnten Werke Ew. Hochwiirden griindliche Ein- sicht zu nehmen, und Hochstderselbe fand diese Biicher fiir wahrhaft geniale, zeitgemaBe, praktische Werke, fiir wahrhaft reformatorische Leistungen auf dem Gebiete der Katechetik. Sehr lobenswert fand Seine kais. u. konigl. 129 Hoheit das Bestreben Ew. Hochwiirden, die Fortschritte der modernen Padagogik fiir den Religionsunterricht zu verwerten, was ja schon so dringend notwendig war. Fiir besonders lobenswert aber fand der Durchlauchtigste Herr Erzherzog, daB Ew. Hochwiirden in Ihren Werken, namentlicb in der Beispielsammlung auf die Pflege des Patriotismus und der dynastischen Gesinnung so groBes Ge- wicht legen. Seine kais. u. konigl. Hoheit \viinschen den Werken Ew. Hochwhrden die groBte Verbreitung nieht nur im engen Kreise der Geistlichkeit, die in denselben uniibertroffene Hilfs- biicher findet, sondern auch in den weitesten Kreisen der christlichen Bevolkerung. Dr. Josef von Lanyi, papstl. Kammerer, im hochsten Auftrage.” XII. Betrachtung. a) Der Katechismus entbehrt auch wichtigerer Anschau- ungsmittel, der Bilder sowie auch des religidsen Liedes. Wenn in den Anhang die gebrauchlichsten Gebete aufgenommen sind, warum sind nicht die noch wirksam eren Gebete in Form eines Liedes aufgenommen? b) Die Anhanger des Katechismus scheinen selbst nicht zu wissen, was der Katechismus ist. Einigen ist er eine popu- lare „Yolksdogmatik”, um die sich aber niemand kummert, anderen wieder ein Lehr- und Memorierbuch, fiir andere hat er wieder wenig Bedeutung; denn der Lehrer, nicht das Buch, ist der Leitende und Fuhrende. Ebrigens die meisten von diesen Verteidigern des Katechismus sind in einer solchen Stellung, daB sie uberhaupt nicht die Gelegenheit gehabt haben, langere Zeit den Katechismus und seine Fruchte zu stu- dieren. Wenn man die Anschauungen des Dr. Katschner und zum Teile Spiragos iiber den Katechismus liest, da lachelt njan, wenn man im Vorworte zum Kolner Katechismus ( 1894 ) die Stelle findet: „Der Katechismus ist nicht lediglich ein Memorierbuch fiir die Schiller, sondern er bildet in Vogrinec, nostra culpa. 9 130 erster Reihe ein kurz gefaBtes und soweit es die Natur des Lehrstoffes zulafit, populares Handbuch, das dem Religions- unterrichte in Schule und Kirche zugrunde liegt.” Dr. A. Hartl schreibt in seiner Schrift „Zur Verbesserung des Religionsunterrichtes an den Gymnasien” 1891, Seite 11: „Denn diese drei Dinge gehoren zusammen wie eine unzer- trennliche Dreifaltigkeit: der Lehrplan, das Lehrbuch und der Lehrer; diese drei bilden zusammen den Unterricht. Und wenn unseren Schiilern in der gegenwartigen Zeit Heil werden soli, so ist der Retter in dem Lehrbuch zu erblicken, das uns mit dem Lehrplane wieder versohnt, von dem wir abgewichen sind.” Bemerke dazu, dah ich nicht weiB, wie Dr. Hartl iiber den Katechismus denkt, doch es ist interessant, daB er dieses Gutachten auf die Aufforderung des Linzer Ordinariates ab- gab, allerdings mit Riicksicht auf die Gymnasien; man sieht aber, daB der Herr Professor diese Stelle wohl auch allgemein auffassen diirfte, da die padagogischen Grundsatze des Gymna- siums doch auch mit denen der Volksschule im groBen iiber- einstimmen miissen. Nachtrag. Manchem, der gewohnt ist, in dem Auswendiglernen der Katechismusantvvorten das Heil zu erblicken, diirfte es viel- leicht unmoglich erscheinen, die Lehrstueke, die in dem Buche behandelt werden, so beizubringen, daB deren Gehalt zum dauernden Eigentum der Schuler wird. Ich gestehe offen, daB jetzt \vohl mehr Anforderungen an den Katecheten im allgemeinen gestellt werden miissen wie friiher in Wirklichkeit gestellt wurden. Die Anforderung, die heute idealiter ohne Urgenz an den Katecheten gestellt wird, namlich mit heutigen Mitteln zum Lehrziele zu gelangen, ist eine iibermenschliche und unerfiillbare. Mit Pfeil und Bogen kann man nicht gegen einen Gegner ausriicken, der die modernste Bewaffnung hat. Deshalb bemiiht man sich heutzu- tage im Ernste iiberhaupt nicht, diesen Anforderungen nach- zukommen. Den Anforderungen jedoch, die der Religions- unterricht nach meinen Grundsatzen fordert, muB entsprochen 131 werden, um so mehr als sie derart sind, daB sie auch von schivacher begabten Priestern erfiillt werden konnen, deshalb miissen die Priester wenigstens die Grundziige der modernen Padagogik kennen und sich in ihrem Unterrichte danach richten, wofiir die Inspektion zu sorgen hat. Um somit den Inhalt eines Lehrstiickes den Schiilern bei- zubringen, wird der Priester alles das tun, was ein weltlicher Lehrer tut, um den Kindern den Inhalt des Lehrstiickes zu ver- mitteln. Er wird solange den Verstand und das Gemiit des Schiilers bearbeiten und behauen, bis er seine eigene Erkenntnis und sein eigenes Empfinden in dem Schiller zustande gebracht hat, einem Steinmetz vergleichbar, der so lange den Marmor bearbeitet und glattet, bis er sich in demselben wie in einem Spiegel sieht. Nach geniigender Erklarung eines Lehrstiickes, z. B. vom Dasein Gottes, wird er Fragen stellen, nicht immer in gleichen Worten, sondern in verschiedenen Wendungen, um die Wahrheit von verschiedenen Seiten zu beleuchten und den Kindern die Gelegenheit zu geben, mit eigenen Worten ihre Vorstellungen auszusprechen. Die Fragen werden lauten zum genannten ersten Lehrstiick liber Gott: Was sehen wir alles auf Erden? Konnen die Menschen das alles machen? Wie schlieBen wir daraus, daB es ein anderes Wesen gibt? Was sagt uns noch, daB es einen Gott gibt? Was ist somit Gott? Warum kann es nur einen einzigen Gott geben? Was wiirde geschehen, wenn es zwei Gotter gabe? Die Frage- stellung kann auch anders beginnen. Manche Fragen werden auch zur schriftlichen Ausfiihrung zu Hanse, sei es auf der Schreibtafel oder auf dem Papiere gegeben. In der zweiten Stunde wird immer anschlieBend an das Lehrstiick im Buch die Wiederholung stattfinden, natiirlich in kleinen Fragen; da- durch werden die Kinder gezwungen, auch zu Hause zu lernen, damit sie antworten konnen. Wichtigere Kapitel, z. B. iiber Jesus Christus oder das heil. MeBopfer wird man auch aus- wendig lernen lassen, jedoch so, daB man der Wiederholung mit eigenen Worten immer den Vorzug lassen wird. Der Katechet wird nicht bloB den Inhalt eines Lehrstiickes so erklaren, wie ein Lehrer bei der Behandlung eines weltlichen 9 * 132 Stoffes zu tun pflegt, wiewohl der gediegene Lehrer auch stets die Eimvirkung auf das Gemiit im Auge hat, sondern ihm wird als Seelsorger stets das seelsorgerliche Ziel vorschweben, wor- auf iibrigens auch das Buch verweisen wird. SchluB. Der Religionsunterricht an der Volksschule ist der wich- tigste und pflegt auch der erfolgreichste zu sein, da das Herz der Kinder in der Regel rein und zur Aufnahme des gottlichen Samens sehr empfanglich ist. Ich habe die feste Uberzeugung, daB durch einen guten Religionsunterricht in der Volksschule ein ganz neues vertieftes religioses Leben und dementsprechend auch mit der hohen modernen Kultur kongruentes sittliches Leben unter den Volkern zu pulsieren anfangen miiBte. Den Leser bitte ich aber, daB er bei der Beurteilung meiner Grund- satze nicht nur einzelnen Faktoren, wie z. B. dem Lehrbuche seine Aufmerksamkeit schenke, sondern samtlichen Fak¬ toren, die dem Religionsunterrichte neue Erfolge zusichern sollten, als Ganzem aufgefaBt, damit er sich ein klares Bild iiber meine Anschauungen verschaffe. II. Der Religionsunterricht an den Mittelschulen. Allgemeines. Unter den Mittelschulen verstehe ich nament- lich die zahlreichsten Mittelschulen, die Gymnasien. An den librigen Mittelschulen wird der Religionsunterricht mehr oder weniger nach den gleichen Gesichtspunkten zu erteilen sein. Hier will ich jmich sehr kurz fassen, da ich voraussetze und auch fiir das richtige Verstandnis dieser Ausfiihrung fordere, dafi das, was ich iiber den Religionsunterricht an der Volks¬ schule geschrieben habe, gelesen und erwogen wurde. Es ist iiberhaupt kein wesentlicher Unterschied zwischen den Arten des Religionsunterrichtes an der Volks- und Mittelschule. An der Mittelschule wird der Unterricht Rucksicht nehmen auf den weiteren geistigen Horizont, der dem Mittelschiiler eigen wird. — Audi der Absolvent der Volksschule kann eine 133 gewisse Bildung erreiohen; jedoch wird er es sehwerlich soweit bringen, um Interesse und Verstandnis fiir wissenschaftliche Werke zu besitzen, wahrend Zeitungen und Broschiiren in ihm einen willkommenen Leser finden. Der Absolvent des Gymna- siums findet in den Tagesblattern und Broschiiren keine Zugkraft von entscheidender Bedeutung, sondern er wird, um seine An- schauungen zu klaren, zu wissenschaftlichen Produkten greifen. Wahrend sich somit der Unterricht an der Volksschule zum Ziele setzen wird, die religiose Uberzeugung so tief in das Herz zu versenken, dafi die Angriffe auf die Religion durch die Presse, Vortrage etc. nichts anhaben kdnnen, wird die religidse Erziehung wahrend des achtjahrigen Besuches des Gymnasiums so befestigt, dafi auch die Angriffe, die unter der Pahne der Wissenschaft vollfiihrt werden, den Jiingling zum Aufgeben seiner Religion nicht umstimmen konnen. Die Reli¬ gion wird am Gymnasium in moglichst vollkommener Weise unterrichtet, d. h. so, dafi die in der Seele des Jiinglings vor- handene religiose Anlage zur moglichst vollkommenen Liebe zu Gott, zu sich und den Geschopfen ausgebildet wird. Der Gymnasiast, der auf Kosten des Volkes seine Studien macht und berufen ist, einstens dem Volke als Fiihrer zu dienen, mufi auch in religioser Beziehung sich hervortun; seine Reli- giositat mufi eine viel feinere und intelligentere sein; bei ihm mufi sich zeigen, dafi er Gott in špiritu et veritate dient. Der Religionsunterricht am Gymnasium ist sehr wichtig, da sich aus den Schulern des Gymnasiums die gesamte hohe Intelligenz rekrutiert; deshalb ist man vollstandig berechtigt, die Untersuchung iiber den religiosen Indifferentismus auch auf das Gymnasium, die Erziehungsstatte der Intelligenz, zu erstrecken. t)ber den Religionsunterricht an unseren Gymnasien schrieb der leider im Jahre 1903 zu friih verstorbene Uni- versitatsprofessor in Prag, Dr. Virgil Grimmich, ein Werk, betitelt: „Der Religionsunterricht an unseren Gymnasien’’, Ver- lag Fromme, Wien 1903. Nach meiner Meinung diirfte es in Osterreich keinen Religionsprofessor geben, der nicht nur das Buch gelesen, sondern auch mit Nutzen studiert hat. Fiir den 134 Religionsunterrieht am Gymnasium soli sich auch der ganze iibrige Klerus interessieren. Ein guter Unterricht am Gym- nasium wiirde fiir die Kirche ungleich mehr bedeuten, wie etwa eine katholische Universitat oder irgend eine andere Er- rungenschaft. Leider hat der Herr Professor etwas zu umfang- reich das Buch angelegt, was viele vom vollstandigen Durch- lesen des Buches absclireckt. Kleineren Umfang hatte er durch Auslassen mancher Zitate erreicht. Ich will gleicb hier jene Punkte in dem Bache hervorheben, mit denen ich nicht ein- verstanden sein kann, allerdings sind dies Punkte von Be- deutung. In diesem Kritikversuch des ausgezeichneten Werkes werden dem Leser bereits manche meiner Leitsatze des Reli- gionsunterrichtes klar werden. a) Seite 60 seines Buches gibt uns Professor Dr. Grim- mich als Aufgabe des Religionsunterrichtes an den Mittel- schulen an: „Dem Schiller die Ansatze und Grundlagen einer einheitlichen christlichen Welt- und Lebensanschauung zu ver- mitteln, ihm Anregungen zu geben und Sinn fiir ein selbst- tatiges Mitarbeiten an der Konsolidierung seiner religiosen Anschauungen beizubringen, ihm Verstandnis fiir religiose Probleme und ein ruhiges, besonnenes Urteil in Fragen solcher Art zu verschaffen, dazu soli sich der Religionsunterrieht des Gymnasiums vor allem berufen fiihlen. Er soli den Schiller wiederholt aufmerksam machen, wie die Menschheit sich immer wieder dieselben metaphysischen und ethischen Probleme stellt und auf die verschiedenste Weise zu losen sucht, wie aber der Inhalt der christlichen Offenbarung die erhabenste und den Menschen am meisten begliickende Losung dieser Probleme bietet.” Seite 6 3 sagt er, nachdem er den einseitigen Intellektua- lismus verurteilt hat: „Religiose Bildung, das Endziel des Religionsunterrichtes am Gymnasium, deckt sich also nicht mit religiosem Wissen. Letzteres ist als solehes nicht jener feste und unverlierbare Bestandteil der Personlichkeit, welcher der- selben innere Festigkeit, spontanes Leben und zielbewufites Streben verleiht. . . . Anderseits ist aber die religiose Durch- bildung des Gemutes- und Willenslebens die beste Biirgschaft 135 dafur, dafi der Mensch sich von ihnen angetrieben fiihlt, seine religiose Weltanschauung immer vollstandiger auszubauen, seine religiosen Kenntnisse zu klaren, zu festigen, zu erweitern: „ moreš primum, mox sapientiam disce, quae sine moribus male dis- citur”, war ein Grundsatz der Stoa.” Ich fiige gleich hier hinzu auch ein Grundsatz der Handlungsweise Christi, der Apostel und der ersten Christen. Die Darstellung Seite 63 kommt viel naher der richtigen Aufgabe des Gymnasialunterrichtes und ist durchaus nicht identisch mit der ersten Seite 60 gegebenen Dar¬ stellung: „Dem Schiller die Ansatze und Grundlagen einer einheitlichen christlichen Weltanschauung.zu vermitteln.” Nach meinem Dafiirhalten ist diese Darstellung der Aufgabe des Gymnasialunterrichtes zum Teile sogar falsch. Wir werden doch die Schiiler nicht als Zweifler und religiose Forseher aus dem Gymnasium entlassen, die am Gymnasium nur „Ansatze zur christlichen Welt- und Lebensanschauung, Anregungen zum Mit* arbeiten an der Konsolidierung der religiosen Anschauungen, Fahigkeit zur Losung religioser Probleme” erhalten sollten! Nein, wir diirfen nicht damit rechnen, dafi nach dem Gymnasium die Konsolidierung der religiosen Anschauungen erst statt- finden soli, sondern die religiose Erziehung mufi relativ voll- endet sein, die religiosen Anschauungen miissen konsolidiert, das religiose Problem fiir den Abiturienten schon gelost sein, wir miissen aus dem Gymnasium einen jungen religiosen Mann entlassen, der vom religiosen Standpunkte aus das Weltleben samt allen einzelnen Phasen desselben betrachtet. Im Kampfe um das tagliche Brot und bei dem iiblichen Weltgetriebe findet er auch in der Regel keine Gelegenheit, um religiose Probleme zu losen. Wennich Gelegenheit hatte, mitwievielenDingen wiirde ich mich abgeben?! Wie die Durchschnittsbildung durch Vollen- dung der Gjmmasialstudien abgeschlossen werden mufi, namlich was die erziehlicheMitwirkung der staatlichenErzieher anbelangt, so mufi auch die religiose Erziehung, was die Tatigkeit der Religionslehrer anbelangt, eine abgeschlossene, fertige sein, die wohl hoffen, nicht aber rechnen darf auf die eventuelle Vervollkommnung im Leben. Die Universitat ist nicht dazu da, im allgemeinen zu bilden, sondern um den einzelnen in be- 136 sondere Wissenschaftszweige einzufiihren. Die Theologie ist nicht zunachst dazu da, um religios zu erziehen, sondern um den Studierenden tiefere, kritische Kenntnis der Religionswahr- heiten zu vermitteln. Auch die Theologie setzt im allgemeinen bereits religios erzogene Kandidaten voraus oder solite sie ivenigstens voraussetzen, \vas ihr aber mit Riicksicht auf die tristen Erziehungsresultate an der Volksschule und am Gym- nasium nicht angeraten werden kann; dies ist auch der Grund, warum man nicht zugeben darf, daB unter den jetzigen Ver- haltnissen den Theologiestudierenden iiberhaupt keine religiose Erziehung in Seminarien zugute kommen solite, sondern daB sie gleich anderen Studierenden volle Freiheit geniefien sollten. Besser ist die Darstellung der Aufgabe auf Seite 63, die ich schon friiher zitiert habe. DaB „die religiose Durch- bildung des Gemiits- und Willenslebens die beste Biirgschaft dafiir ist, daB der Mensch sich von ihnen angetrieben fiihlt, seine religiose Weltanschauung immer vollstandiger auszu- bauen etc.” ist gleichbedeutend mit dem, was ich iiber den Wert der religiosen Terfassung in den Kapiteln iiber die Yolks- schule geschrieben habe. Nur ist die praktische Ausfuhrung der Durchbildung des Gemiits- und Willenslebens nach meinen Prinzipien eine viel intensivere und allgemeinere; das durch- bildete Gemiit und der durchbildete Wille ist fiir mich die Bedingung zu einer erfolgreichen Aufnahme der Wahr- heit. Allerdings gehen der Gemiits- und Willensbewegung Er- kenntnisse voraus, jedoch diese Erkenntnisse sind entnommen dem natiirlichen oder bereits verstandenen Erkenntnisgebiete. Dr. Grimmich gibt in riihmlicher Weise auch die Mittel an, wie das Gemiits- und Willensleben durchbildet vverden soli. Seite 65 sagt er, daB der Religionsunterricht die Schop- fungen der Dichtkunst, der Tonkunst und der darstellenden Kunste, soweit es nur moglich ist, in den Dienst der religiosen Gemiitsbildung stellen soli. Die heutigen Religionslehrer emp- finden ebenfalls die Notwendigkeit, mehr auf das Gemiits- und Willensleben zu wirken, jedoch sie kennen nicht die Wege, wie dies geschehen soli. Professor Grimmich nahert sich dem 1 37 richtigen Wege, indem er fiir den katholischen Religionsunter- richt am Obergymnasium ein Lesebuch in drei Abteilungen vorschlagt, und zwar nach Seite 247: I. Abteilung fiir die dritte Religionsstunde der achten Klasse: „Sorgsam ausgewahlte Texte aus der heil. Schrift, teils in guter tlbersetzung, teils mit lateinischem oder griechischem Text, und zwar aus den Psalmen, Job, den Propheten und didaktischen Biichern des alten Testamentes und nach oben aufgestellten Gesichtspunkten ausgewahlte Abschnitte aus den Evangelien und Stellen aus den apostolischen Briefen”; II. Abteilung fiir die fiinfte Klasse: „Eine nach padagogi- scben, nicht theologischen Gesichtspunkten getroffene Auswahl von Texten aus der Apostelgeschichte, aus den apostolischen Vatern, aus den Apologeten und Kirchenvatern im Original- texte oder in guter Ubersetzung, eine sorgsam ausgearbeite Anthologie von kirchlichen Hymnen und zum mindesten den Kanon der heil. Messe im lateinischen Texte mit kurzen Notizen”; III. Abteilung: „Eine Auswahl von Texten oder Zitaten (sittlich-religiosen Inhaltes) aus der altklassischen und christ- lichen Literatur aller Jahrhunderte, geordnet etwa nach den Hauptteilen des Lehrbuches der Religionslehre fiir die siebente oder achte Klasse.” Tatsachlich wiire dies ein grofier Belielf fiir die Gym- nasiallehrer des Religionsunterrichtes, ein bestimmter Weg- "vveiser jedoch nicht. Ubrigens verfiigen die heutigen Biicher oft iiber iiberfliissige Zitate aus allen oben genannten Quellen und doch kommt der Unterricht nicht weiter, da eben die fundamentale Anschauung, wie auf das Gemiit eingewirkt werden soli, fehlt und auch nicht von Dr. Grimmich hinreichend illustriert wurde. b) Die Stellung des Professors Grimmich zum Lehrbuch. Fiir die sechste, siebente und achte Klasse will er ein Lehr¬ buch in drei Abteilungen, deren jede 70 bis 100 Seiten fassen und die Glaubens- und Sittenlehre und Apologetik behandeln soli. Das Lehrbuch soli nach ihm ein kurzgefafites Protokoli sein iiber den miindlichen Unterricht. Es ist richtig, das Lehrbuch soli 138 fiir den Schiller ein Protokoli des miindlichen Unterrichtes, jedoch fiir den Lehrer gleichzeitigein Wegweiser, fiigen wir hinzu, vielleicht auch ein Protokoli sein, verfafit von der gesamten Religionslehrerschaft nach padagogischen Prinzipien. Mit Riicksicht auf den Schiller mufi das Buch ein Protokoli sein, das nicht nur Schlagvvorter und Unterrichtsresultate, sondern den ganzen psychologischen Zusammenhang des idealen (nicht des wirklichen!) miindlichen Vortrages enthalt und in geivandter, zu Herzen dringender Sprache geschrieben ist. Fiir das Gymnasium, wie iiberhaupt fiir die Schule, eignet sich nicht ein totes Buch. Dafi es nicht zu umfangreich werde, kann da- durch vorgesorgt werden, dafi das Unwesentliche nur kurz, pauschaliter behandelt wird. Fiir das Untergymnasium will der Herr Professor den Katechismus, allerdings mit Erklarungen und Notizen versehen, eingefiihrt ivissen. Meine Ansicht iiber den Katechismus ist aus dem friiher Gesagten bekannt. c) Konzentration des Unterrichtes. Von Seite 10 an ver- langt Dr. Grimmich auch von anderen Fachlehrern des Gym- nasiums, dafi sie in ihrem Unterrichte dem Religionsunterrichte an die Hand gehen sollten. Sonst ware es kein Wunder, wenn christliche charakterfeste Manner mit christlicher Uberzeugung und christlichen Lebensmaximen unter den Gebildeten immer seltener mirden! Er verlangt fiir den Religionsunterricht die zentrale Stellung und zitiert Seite 24 Wolf: „Der Religions¬ unterricht wiirde einen schweren Standpunkt haben, wenn in den iibrigen Stunden so gut wie keine religiosen Anklange er- tonen, wenn selbst in solchen Fallen, wo der Unterrichtsstoff gebieterisch die Beziehung auf christliche Religion verlangt, die Gelegenheit zu dieser Beziehung nicht bemerkt oder ab- sichtlich nicht benutzt wird.” Der Verfasser selbst aber spricht Seite 48: „Entweder — oder: entweder eine Religionslehre, welche durch Konzentration in das Ganze des Gymnasialunter- richtes eingegliedert ist, oder gar keine Religionslehre als Unterrichtsgegenstand an einer Anstalt, deren Lehrplan sie nur insoferne kennt, als sie \vie eine Etikette zur Tauschung vieler, jedenfalls aber zum sittlichen Nachteile der Jugend selbst in 139 den Zeugnissen an der Spitze aller Unterrichtsgegenstande genannt wird.” Die Folgerung ist doch eine hyperbolische und zu wenig iiberlegte. Hangt alles von der Konzentration, d. h. von der innigen Verbindung der weltlichen Facher mit der Religion ab? Dazu waren religiose, sogar konfessionelle Gym- nasien notwendig. Nicht einmal an geistlichen Gymnasien pflegt diese Konzentration zu geschehen, die iibrigens glaubige Pro- fessoren voraussetzt. Um solche zu finden, ist aber wieder ein erspriefilicher Religionsunterricht an den Gymnasien not- wendig. Heutzutage geschehen sogar unzweideutige, der Reli¬ gion nicht gewogene Anspielungen auf den Religionsunterricht. Werden auch \vir folgern „entweder — oder”? Hatte sich der Herr Professor die Frage gestellt, wie wird der Mensch reli¬ gios oder wie erlangt der Gymnasiast eine tiefe und moglichst vollkommene Religiositat, die eben das Endziel des Religions- unterrichtes am Gymnasium ist, so hatte er nicht so vieles von der Konzentration abhangig gemacht. Doch gesetzt den Fali, es wurden die Professoren in ihren Fachern stets auch auf religiose Tatsachen hinweisen, so wird fiir diese Konzentration auch gefordert, dali die Schiller religios sind, dali sie das vom Lehrer Hervorgehobene auch religios verwerten konnen. Nicht die Wissenschaft macht den Menschen religios, son- dern ein religioser Mensch durchschaut die Wissen- schaften vom religiosen Standpunkte. Die Wissenschaft kann nur den religiosen Sinn vertiefen, indem durch sie gleichsam der Vorhang hinvveggezogen wird, um das religiose Auge auch unbekannte Gebiete schauen zu Iassen. Deshalb ist die Konzentration wohl sehr wiinschenswert, je- doch nicht so allgemein erforderlich. d) Der Religionslehrer. Seite 250 zitiert das Buch Grim- michs eigentumlicherweise: „Aller Erfolg des Religionsunter- richtes liegt in der Person des Lehrers, und wenn diese auch fiir die anderen Gegenstande von Wichtigkeit ist, so ist sie fur unseren Unterricht geradezu die Haupt-, wenn nicht die einzige Bedingung des Gelingens.” Er behandelt dann, was der Lehrer alles im Auge zu behalten hat: die individuelle Eigenart des Schiilers mit ihren Fahigkeiten und Bediirfnissen, das 140 Leben im Eltern- oder Kosthause und id der Sciiule, den Lehr- korper der Anstalt, die Gesellschaft und die Zeit mit ihren eigentiimlichen Richtungen intellektuellen, asthetischen, ethi- schen und sozialen Lebens, die Lekture, die Betatigung des katholischen Glaubenslebens in der Teilnahme am Gottesdienste und im Gebrauche der Gnadenmittel. Dies ist sehr richtig, man soli danach streben, dafi man tiichtige, in jeder Beziehung fahige Religionslehrer anstelle. DaB die Personlichkeit des Lebrers jedoch die „Haupt-, wenn nicht die einzige Bedingung des Gelingens” ware, das konnen wir fiir die jetzige Einrichtung des Religionsunterrichtswesens an den Gymnasien in jenen Fallen, wo der Erfolg teilweise gelungen ist, gelten lassen, im allgemeinen aber nicht. Wo gelingt ubrigens die religiose Erziehung? Es gibt ja Reli¬ gionslehrer, die wirklich die Fahigkeiten besitzen, die der Beruf fordert, doch sie konnen sich eines sicheren allgemeinen Erfolges nicht riihmen. Somit wird es doch nicht so sehr an der Personliclikeit des Lehrers liegen! tlbrigens konnen wir etwa nur zur Halfte rechnen auf ideale Religionslehrer?! Grimmich zitiert selbst Seite 112 den Professor Dr. A. Hartl: ,,Diese drei Dinge gehoren zusammen wie eine unzertrennliche Drei- faltigkeit: der Lehrplan, das Lehrbuch und der Lehrer. . . . Wenn unseren Schiilern in der gegenwartigen Zeit Heil werden soli, so ist der Retter in dem Lehrbuch zu erblicken, das uns mit dem Lehrplane wieder versohnt, von dem wir abgewichen sind.” Somit kommt viel, jedoch nicht alles auf den Lehrer an! Nachdem ich hier kurz zur Orientierung des Lesers jene Punkte hervorgehoben habe, in denen ich mit dem ausge- zeichneten Werke Dr. Grimmichs nicht flbereinstimme, will ich gleich hier meine Grundsatze aufstellen, die zum ge- wiinschten Unterrichtsziel am Gymnasium fiihren konnten: 1. Der Religionsunterricht baue nicht auf irgend welche aufiere Nachhilfe, sondern miisse sich in sich selbst angesichts der dargebotenen Wahrheiten genug starkfiihlen, dieJiinglingefurdieSacheGottesdauernd zu gewinnen. 141 2. Man bedenke die geringe Stundenzahl und den schon bei den Volksschulen erwahnten Umstand, daB der Verstand der Schiiler durch einen weit grofieren Zeitraum von anderen Gegenstanden okkupiert ist, darum nur schwer die Zeit und auch die Neigung fin- det, sich in den religiosen Unterricht zu vertiefen. Man wird deshalb solche Mittel anwenden, dafi der Schuler gezwungen wird, sich mit den religiosen Fragen zu beschaftigen. 3. Man rechne auf eine mittelmaBige Tiichtigkeit des Lehrers und mache nicht den ganzen Erfolg vom Lehrer abhangig. Man sorge fiir einen verniinftigen Lehrplan und gute Lehrbiicher; unterrichte nament- lich auf Grund der heil. Schrift, wirke auf das Ge- miit und Willensleben durch religiose Lekture ein. 4. Sorge dafur, dafi das auBere Auftreten der Kirche dem wahren Fortschritt der Neuzeit entspreche und der Schuler nicht eine gewisse Furcht empfinde, die zwar wahren Lehren einer in ihrem auBeren Auf¬ treten jedoch riickstandigen Kirche anzunehmen und zu bekennen. 5. Beachte beim Unterrichte alle padagogischen Grundsatze und verlange auch vom Lehrer, daB er die notwendige Eignung besitze. 6. Man uberzeuge sich, daB eine fachmannische Inspektion notwendig ist. 7. Sorge dafiir, daB den Schulern gute christliche Lekture zu Gebote stehe — durch Griindung von Biblio- theken — und daB gute Gebetbiicher in den Handen der Schuler sich befinden und armere diese Gebetbiicher gratis bekommen. 8. Sorge fiir Behelfe fiir den Anschauungsunter- richt und pflege den religiosen Gesang. Ad 1. Wir sind ganz allein auf uns selbst angewiesen; dies zeigt die ganze Konstellation der Zeit. Wir diirfen uns nicht auf die Forderung des konzentrischen Unterrichtes verlegen, weil eine solche Forderung unerfiillbar ist. Wir miissen trachten, 142 namentlich die Grundpfeiler der Religion tief in das Herz des Jiinglings zu versenken und auf diesen Grundpfeilern das librige Religionsgebaude aufzubauen. Die Grundpfeiler sind: a) Gott, ji) Jesus Christus, y) die Kirche, d) das Sitten- gesetz. Wir werden uns bemiihen, dem Jiinglinge die Lehre von Gott in seiner ganzen Grofie und Liebe, von Jesus Christus in seiner Erscheinung und in seinem Wirken, von der Kirche als der weiteren Exekutive der Mission Christi, vom Sitten- gesetz als dem AusfluB des gottlichen Willens., geoffenbart durch das natiirliehe Licht der Seele und das iibernatiirliche der christlichen Offenbarung, beizubringen. Bis zur achten Klasse werden wir immer bauen, ohne die Angriffe abzuwehren, so dah nach der Vollendung des Baues die feindlichen Angriffe von selbst zuriickgewiesen werden. Das Gegenteil der Wahrheit mufi als Verirrung des Verstandes, entsprungen der Bosheit des Willens oder verschuldeter oder unverschuldeter Un- kenntnis, von selbst erscheinen. Nicht Sucher der Wahr- heit, sondern Besitzer der Wahrheit, der jeden Ubergriff auf sein Besitztum zuriickweist, mufi der Schiller sein, der das Gymnasium verlafit. Ad 2. In der Woche sind nur zwei Stunden fiir den Religionsunterricht bestimmt. Die Folge davon ist, dafi der Schiller 12- bis 15mal mehi* von anderen Fachern in Anspruch genommen wird, und dafi die religiosen Eindriicke von anderen Erkenntnissen fast erdriickt werden. Aufierdem halte man sich vor Augen, dafi der Schiller nicht immer ein zur Aufnahme der vorgetragenen Lehren willfahriges Geschopf ist. Gerade wahrend der feierlichen Religionsstunde meditiert er vielleicht ilber den Gegenstand, aus dem er in der nachsten Stunde gepriift wird. Oft treibt er auch offenkundig Allotria. Wir miissen somit jene Mittel anwenden, die auch andere Facher amvenden, namlieh schriftliche Arbeiten und religiose Vortrage. t ber den Wert der schriftlichen Arbeit habe ich schon friiher geschrieben. Schriftliche Arbeiten verlange ich fiir das ganze Gymnasium, allerdings nicht schriftliche Arbeiten, wie sie hie und da wohl gegeben werden, namlieh solehe, welche die miind- liche Priifung ersetzen, vielleicht im Semester einmal gegeben 143 werden und sich auf gewisse Kapitel des Lehrbuches erstrecken. Die haben einen minimalen Wert. Ich fordere schriftliche Ar- beiten fiir zu Hause, daB namlich Themata gegeben werden, liber die der Schiller nachzudenken hat. Diese schriftlichen Arbeiten werden den Wert haben: 1. DaB der Schiller sich zu Hause mit religiosen Stoffen befafit, tiefer iiber sie nachdenkt und sich besser dieselben einpragt; 2. daB der Lehrer sich ein klares Bild entwerfen kann iiber den religiosen Stand seines Schiilers; 3. daB der Schiller die Gelegenheit bekommt, sich iiber religiose Themata praziser auszudriicken und zu schreiben, was von eminentem Werte ist; 4. daB die Klassifikationsnote leichter zu eruieren sein wird. Aus der schriftlichen Arbeit wird auch der FleiB des Schiilers zu entnehmen sein. Es gibt eine Unzahl von Themata, die von den Schiilern leicht und mit Freude ausgefiihrt werden. Fiir die achte Klasse mochte ich Themata stellen, wie z. B.: 1. Erkenntnis Gottes in der Natur, 2. welche Bedeutung hat die Religion fiir das Volk, 3. wie unterscheidet sich die altklassische Religion von der christlichen, 4. wie die alttesta- mentliche von der christlichen Religion, 5. das Leben des Men- schen mit Religion, 6. ohne Religion, 7. praktische Ausarbeitung der in den Kapiteln x, y der „Nachfolge Ohristi von Th. v. Kempen” enthaltenen theoretischen Lehren, 8. warum sind in der Kirche auch MiBstande vorgekommen, 9. meine religiosen Vorsatze fiir das Leben, 10. das Lebensende, wie ich mir es wiinsche, 11. was hat man in Versuchungen zu tun, 12. der Priester, der Troster am Krankenbette, 13. die Nachstenliebe bei den heidnischen, bei den christlichen Volkern, 14. wie hat sich die moderne „Humanitat” entwickelt, 15. Schaden des Alkohols fiir das religios - sittliche Leben, 16. Homilien, 17. etc. etc. Der miindliche Vortrag soli fiir die siebente und achte Klasse bestimmt sein. Er hat zunachst jene Bedeutung wie die schriftlichen Arbeiten, da er ja zunachst schriftlich verfaBt und 144 dem Religionslehrer zur Korrektur iibergeben werden mufi; weiters soli er bezivecken, dafi sich der Schiller gewohne, seine religiose Uberzeugung auch vor seinen Kommilitonen zu bekennen. Ich wiirde auch statt der sonntaglichen Exhorten einen Schiiler selbsfc vortragen lassen, etwa eine Viertelstunde hindurch, worauf ich noch meine eigenen Zuspriiche und Er- klarungen hinzufiigen wiirde. Der štete Wechsel der dazu noch aus der Mitte der Schiller gewahlten Vortragenden wiirde grofies Interesse erwecken und auch gegenseitige Erbauung befordern. Ad 3. Wir werden auch nicht rechnen auf ideale Religions¬ lehrer am Gjmnasium, weil dies eine unerfullbare Forderung ist, wiewohl wir durchaus verlangen miissen, dafi die Religions¬ lehrer die Priifung nicht nur theoretisch ablegen, sondern dafi sie auch praktisch dazu herangezogen werden, etwa nach den Vorschlagen des Professors Dr. Grimmich. Doch auch hier miissen wir die Bemerkung beifiigen, dafi es nicht immer richtig ist, dafi diejenigen, die ein katechetisches Seminar be- sucht haben, oder uberhaupt dazu praktisch angeleitet wurden, gerade die fahigsten Lehrer sein miifiten. Es ist mehr notwendig, daB der Lehrer von den Aufgaben des Religionsunterrichtes durchdrungen ist und auch genug Willen hat, diese Aufgaben zu erfiillen. Doch von tuchtigen Lehrern verlieren viele im Alter entweder durch Krankheit oder durch andere Umstande ihre Ener- gie, so dafi ihre Personlichkeit wenig zur Erziehung der religiosen Charaktere beitragt. Sie zu entfernen, ist nicht immer angezeigt. Alle diese Umstande pladieren dafiir, daB ein gutes Lehr- buch notwendig ist. Dieses darf nicht katechismusartig verfaBt sein, sondern nach didaktischen Grundsatzen. Beziiglich der Volksschule habe ich gefordert, daB das Religionslehrbuch durch Mitwirkung samtlicher Katecheten in der dortselbst ange- deuteten Weise verfaBt sein soli. Das ist dort notwendig, weil wir kein einziges Buch haben, das uns als Muster dienen konnte. AuBerdem verlangt die Verfassung des Lehrbuches fiir die Volksschulen eine viel grofiere Erfahrung und eine viel groBere Meisterschaft, um in die Herzen der Kleinen Eingang zu finden. Ferner ist das Schiilermaterial an der Volksschule 145 sehr versehieden, so dafi ein Buch von einem Einzelnen, der eine beschrankte Erfahrung liber die Schiller hat, nicht alle zu- friedenstellen kann. Das Gymnasium hat mehr oder weniger auf gleicher geistiger Stufe stehendes Schiilermaterial, da der Anfnahme eine Priifung vorangeht; deshalb kann hier ein Buch von einem Einzelnen verfafit leichter entsprechen als an der Volksschule. Fiir die Glaubens- und Sittenlehre haben wir ein Meisterwerk, namlich Spiragos Volkskatechismus, ein geniales Werk, dem man von allen Seiten groBe Beachtung entgegen- gebracht hat. Es ist nicht notwendig, liber die Bedeutung des Buches weitere Worte zu verlieren. Allerdings ist das Buch in dem jetzigen Umfange nur zu gebrauchen fiir den Fali, daO der Lehrer selbst manches auslaBt, was aber wieder Anlafi zu mancher Willkiirlichkeit geben wiirde. Am besten ware es, wenn der Verfasser oder sonst ein bevollmachtigter Religions- lehrer den „Volkskatechismus” nicht beziiglieh der Anlage oder des Haupttextes umandern wiirde, sondern von der Vielheit der oft psychologisch unverbundenen Gedankenschatze die un- bedeutenderen weglassen, die Erklarungen und Begriindungen in einen systematischen Zusammenhang bringen wiirde. Ich wtirde mich gliicklich schatzen, wenn ich alle diese im Volks¬ katechismus angesammelten Gedanken im Gedachtnisse hatte. Verlangen wir somit auch von den Gymnasiasten nicht zuviel. Es ist auch nicht ganz richtig, zur Illustrierung ein und der- selben Sache allzu viele Beispiele anzuwenden. In Spiragos Volkskatechismus haben wir ein Meisterwerk, das die ganze Welt, auch sehr viele Bischofe als solches anerkannt haben. Warum soli man dieses Meisterwerk nach Anpassung der Form den Schiilern vorenthalten ? Sobald von einem an- deren ein besseres Buch geschrieben wird, dann werden wir dieses einfuhren. Der Volkskatechismus hat mit dem Katechis- mus in der heutigen Volksschule den Namen gemein, sonst nichts Wesentliches. Die Apologetik ist erst in der achten Klasse einzufiihren. nachdem in den friiheren Klassen der religiose Bau bereits vollendet worden ist. Ist die Festung fertig, fiirchtet man nicht so sehr den Feind, wie wahrend des Baues. Vogrinec, nostra culpa. 10 146 — Fiir die Apologetik haben wir kein vorbildliches Buch, obwohl wir fiir dieselbe Quellen von musterhafter Beschaffen- heit besitzen. Der franzosische Priester Segur hat ein herr- liches, moglichst populares apologetisches Werkchen verfaBt, in sehr anziehender Form. Fiir die deutschen Verhaltnisse ist es bearbeitet von Miiller und fiihrt den Titel: „Antworten auf die Einwiirfe gegen die Religion”. Der Franzose versteht, auf den Verstand und das Gerniit gleichzeitig einzuwirken; deshalb hat das Biichlein die Wande- rung durch die ganze Welt gemacht. Fiir die kurze Unter- richtszeit in der achten Klasse ist es sehr geeignet und wird ungleieh mehr nutzen, als die gelehrten Biicher des Ober- gymnasiums. Fiir die Offenbarungsgeschichte soli man kein eigenes Lehrbuch einfiihren, sondern diese soli auf Grund der Heil. Schrift gelehrt werden; der Lehrer wird nur zu einzelnen Kapiteln notwendige Bemerkungen dik- tieren. Die Umrisse des heil. Landes werden auf die Tafel gezeichnet. Die Schiiler miissen sie nachzeichnen. Beim Lesen der heil. Schrift wird die Einleitung zu einem Buch z. B. iiber Ursprung, Sprache etc., sowie der pragmatische Zusammenhang kurz skizziert und von den Schiilern notiert. Der Lehrer wird sich bemiihen, dem Schiiler das Verstandnis fiir die Zeitverhalt- nisse beizubringen, in denen sich z. B. ein biblisches Kapitel abspielt. Wissenschaftliche Abhandlungen mitZahlen und Namen verfehlen den Zweck. Man sei nicht zu angstlich, um zu glauben, der Schiiler werde Argernis nehmen an manchen Stellen der Heil. Schrift. Ich hatte nichts dagegen, wenn solche Kapitel einfach ausge- lassen wiirden. Meine Anschauung ist es aber, man soli dem Schiiler die Heil. Schrift ganz bieten, er soli nicht spater hdren oder selbst erproben, dali er nur Teile der Heil. Schrift studiert habe. Warum hat man ihm etwa den iibrigen Teil vorenthalten, wird er sich denken! Deshalb soli die Heil. Schrift wohl ganz geboten werden, jedoch richtig erklart werden. Die Heil. Schrift ist nicht ein heil. Buch in dem Sinne, als ob alle Handlungen und Gebrauche des jiidischen Volkes und ihrer Fiihrer 147 gottgefallige Handlungen gewesen waren. Nur das, was ausdriicklich als Ausflufi des Willens Gottes erkennbar ist, ist als soleh er zu betrachten. Es ist darauf hinzuweisen, dafi das Bueh vor vielen tausend Jahren verfafit wurde und dafi es die Geschichte eines zwar begnadigten, jedoch noch sehr rohen, in den Kinderschuhen steckenden Volkes enthalt. Man wird z. B. das Gebaren des agyptischen Josef, wie er den Brudern goldene Gefafie in die Sacke gab, nicht als ideale, nachahmens- werte Tat hinstellen. Wahrend der Burenkriege hat man sich sehr erbaut an der Frommigkeit der Buren. Ihr Gottesdienst bestand vielfach in der Lesung der Heil. Schrift. Sie empfanden grofie Freude, als durch Intervention der Regierung viele ge- raubte Bibeln zuruckgegeben wurden. Auch der Englander und Amerikaner schatzt die Bibel hoch. Er kann oft ganze Kapitel von derselben auswendig. Dies beweist die Tatsache, dafi je mehr man die Bibel kennt, sie um so mehr achtet. Es ist unverantwortlich, dafi wir denjenigen, die einstens die hoehste Intelligenz bilden werden, die Bibel vorenthalten. Die Leser, die das Gymnasium absolviert haben, sollen sich selbst fragen, ob sie nach Absolvierung der Gymnasialstudien eine klare Vorstellung von der Bibel hatten; es miifite denn sein, dafi sie zufallig zu Hause eine hatten. Die Heil. Schrift wird aber nicht nur dazu im Ori¬ ginale am Gymnasium benutzt werden miissen, um die Offen- barungsgeschichte zu studieren, sondern sie ist stets das wirk- samste Mittel gewesen, um auf den Verstand und das Gemiit gleichzeitig einzuwirken. Durch die heil. Schrift wird die reli- gibse Verfassung der Schiller im grofien geschaffen. Sie schildert uns in dramatischer Weise das Heilvvirken Gottes. Grofiartige Wirkungen erzielt Schillers „Wilhelm Tell”. Ichmeine, in dem Schweizer mufi das Drama eine gliihende Liebe zu seinem Vaterlande und seinem Helden, dem Wilhelm Tell, her- vorrufen, mehr als ganze Bande von Geschichtschreibern. Ein grofiartiges Drama ist auch die Befreiung der Menschheit von der Herrschaft der Finsternis. Dieses grofiartige Drama, dessen Held Jesus Christus ist, berichten uns die Evangelisten. Das Gemiit und der Verstand wird hingerissen, wenn das Drama 10* 148 sich dem Ende, dem Kreuzestode, nahert. Der Verstand spricht. Hic est vere filius Dei, das ist wahrhaft der Sohn Gottes, das Herz ruft: Herr sprieh! Dein Diener hort. Die Heil. Schrift mufi im Originale gelesen werden. Wir vergessen alles, wovon wir nur den Inhalt horten, z. B. von einem Drama; was wir selbst gelesen und studiert haben, das bleibt uns im Gedachtnis und hat auch einen Wert fur unsere Bildung. Wenn man mir noch soviel Schones von fremden Klassikern erzahlt, wenn ich sie nicht kenne, so messe ich ihnen keine oder nur geringe Autoritat bei. Die Heil. Schrift ist nun aber auf eine hohere Stufe zu stellen als die Klassiker. Ich mufi an den gottlichen Ursprung derselben glauben; schon dieser Umstand allein zwingt mich, daB ich sie kennen lerne im Originale. Man mag mir erzahlen was man will von ihr, wenn ich nicht selbst in sie Einsicht genommen, wird meine Hochschatzung der¬ selben nur eine geringe sein. Die heutige Zeit kennt eine der wichtigsten Glaubensquellen nicht und deshalb glaubt sie auch nicht an die Echtheit dessen, was als aus der betreffenden Quelle kommend angegeben wird. In der Volksschule ist die Kenntnis des ganzen Originales nicht notwendig, da iiberhaupt jeder Unterricht an der Volks¬ schule auf Autoritat beruht. Fiir die Erwachsenen wšire es aber ersprieBlich, wenn sie auch mit der ganzen Heil. Schrift be- kannt wiirden, freilich nachdem durch die Schule eine ge- niigend klare Auffassung der Heil. Schrift erreicht und garan- tiert sein wird. Aus allem dem ergibt sich, wie notwendig die Einfiihrung der Heil. Schrift am Gymnasium ist. Wenn der Schiller ge- zvvungen ist, sich teuere Atlanten und Worterbiicher anzu- schaffen, so wird der Zwang zur Anschaffung des „goldenen Buches”, des „einzigen Buches”, das er im Leben ofter auf- schlagen soli, noch begreiflicher. DaB die Kirche verlangt, daB die Heil. Schrift mit Kom- mentar versehen sein soli, ist nur zu begriiBen. Ichhabe fruher Professor Dr. Grimmich zitiert, welcher der Personlichkeit des Lehrers eine groBe Rolle im Religionsunter- 149 richte beimifit. Das ist sehr richtig; jedoch sind ideale Reli- gionslehrer selten, namentlich solche, deren Lehren mit ihrem Handeln iibereinstimmen. Trotzdem will aueh ich, dafi der Schil¬ ler religios ideale Gestalten reden hort und handeln sieht und sich an ihren Lehren erbaut. Dies werde ich erreichen durch Vorfiihrung von schwunghaft geschriebenen, von Kiinstlern verfaBten Biographien der Heiligen. Namentlich aber will ich vor den geistigen Augen des Schiilers die Martyrer der ersten Zeit handeln lassen durch Darbietung der „Fabiola” oder des .Lebens in den Katakomben”. Das Werk wurde sehon vielfach bearbeitet und auch wissenschaftlieh korrigiert. Wie wird dem Jiingling das Herz brennen, wie grofi wird ihm jener christ- liche Glaube erscheinen, fiir den tausende mit Freude in den Tod gingen! Die religiose Verfassung wird genahrt, der Verstand und das Gemiit beeinflufit. Bei weitem mehr wird das Lesen des Bucb.es mit der Nachhilfe des Lehrers nutzen als die weit- laufigen, trockenen Darstellungen von der Ausbreitung des Christentums und von den Christenverfolgungen. Ich will aber auch, daB der Schiller zum Nutzen seiner Verstandes- und Gemiitsbildung in den Glaubens- und Sitten- lehren in einer vollendeten, kiinstlerisch gegebenen Form unterrichtet werde. Freilich \vird selten ein Lehrer diese Form treffen; jedoch diese Forderung \vird hinlanglich ersetzt, wenn wir den Schiller die herrliche Sammlung von religiosen Perlen, von zum Herzen gehenden Predigten und Betracktungen des P. Doss, S. J., sowohl in der Schule als auch zu Hause unter der Leitung des Lehrers lesen und betrachten lassen. Das Werk ist betitelt: »Gedanken und Ratschlage gebildeten Jiinglingen zur Beherzigung.” Von P. Adolph von Doss, S. J., Herder- sche Verlagshandlung, Freiburg i. B. Wer das Buch nicht kennt, dem rufe ich zu: „Nimm und lies” und wenn du Religions- lehrer bist, sorge dafiir, daB moglichst viele Schiller das Buch besitzen. Die ethischen Bliiten des Christentums, den feinsten Ex- trakt der christlichen Sittenlehre enthalt die „Nachfolge Christi’ von Thomas von Kempen. Ich habe gehort, daB die Jesuiten ihren Zoglingen zuniichst dieses einzige Betrachtungsbuch in 150 die Hand geben. Sie haben auch recht. Nur die vom Haus aus frommen Laien werden von selbst Verstandnis fiir das Buch haben; und doch haben wir in dem Buche einen herrlichen Schatz der katholischen Kirche; und es trifft uns die Schuld, wenn wir diesen Schatz nicht iveiteren Kreisen eroffnen. Dies wird geschehen, wenn die „Nachfolge Christi” in der achten Klasse unter der Leitung des Lehrers gelesen und studiert wird. Manches Kapitel patit allerdings mehr fur Klosterinsassen, doch soli nichtsdestoweniger dem Schiller die Tugend hoherer Vollkommenheit klar gemacht werden. Die Apologetik wird mehr den Glauben verteidigen, Thomas von Kempen aber in positiver Weise die christliche Sittenlehre vor Augen fiihren. Ich zweifle durchaus nicht, dah die meisten Schiller das Biichlein lieb gewinnen und in das Leben mitnehmen werden; und haben wir das erreicht, dann haben wir genug erreicht. Um den Schiller zum offenen Glaubensbekenntnis zu be- wegen, ihm Sinn fur das Schone und Gute beizugeben, ihm Vaterlandsliebe einzuflofien, wird kein vernilnftiger Padagoge gelehrte, schivungvolle, wissenschaftliche Vortrage ilber den Glauben, ilber die Asthetik und Ethik, ilber die Vaterlandsliebe halten, sondern er wird meistenteils durch Vorfiihrung von Beispielen und Mustercharakteren, durch gute Lektiire und Schilderung asthetischer und ethischer Gegenstande, durch Be- schreibung der Vorzilge des Vaterlandes und Biographien be- kannter Patrioten zumZiele gelangen. Aus dem Vorhergehenden wird auch klar, was ich unter religioser Verfassung verstehe und welche Bedeutung ich ihr in der Schule beimesse. Die Kirche, bestimmt, das von Christus geschaffene Werk zu erhalten und die Segnungen desselben der ganzen Welt und zu allen Zeiten zukommen zu lassen, besteht bereits 19 Jahr- hunderte. Es geziemt sich, dah der Intelligente die Entivicklung der Sozietat, der er angehort, kennt. AuBerdem ist auch die Entfaltung der Kirche in vielfacher Beziehung die Apologie des Christentums. Wie sehr es auch \vunschenswert ware, dah die Kirchengeschichte in ihrer ganzen Aufeinanderfolge ohne Riick- sicht auf die von Laien vorgetragene Weltgeschichte am 151 Gymnasium vorgetragen wurde, so ist dies doch nicht durch- ftihrbar, weil die notwendige Zeit fehlt. In der achten Klasse ist die Apologetik unbedingt notwendig. Aufierdem ist durch den Vortrag der Kirchengeschichte in einem Jahre durch etwa 70 bis 80 Stunden auch nicht viel geholfen. Wir miissen uns in anderer Weise helfen, um doch zu erreichen, dah der Schiller ein genaues Bild von ihrer Entwicklung hat und namentlich ihre Kulturarbeit kennen lernt. Deshalb werden wir unser Augenmerk auf den Umstand richten, dafi die Weltgeschichte am Obergymnasium durch drei Jahre, auBerdem noch die Vater- landsgeschichte durch ein Jahr in wochentlich drei Stunden ver h altni s m a Big intensiv behandelt wird. Die Geschichte der Kirche ist aber auf das innigste mit der Profangeschichte verbunden; die Geschichte des Mittelalters ist auch die Ge¬ schichte der Kirche, wahrend erst in der allerneuesten Zeit die Weltgeschichte ihre eigenen Wege geht. Wir diirfen damit nicht rechnen, wenn es auch ofter geschieht, dah der Lehrer der Weltgeschichte die Stellung der Kirche richtig markieren und ihre Tatigkeit in geziemender Weise hervorheben solle. Es wird vielmehr die Aufgabe des Religionsprofessors sein, anschlieBend an die Weltgeschichte der Kirche den richtigen Wert und die gebiihrende Stellung in derselben zuzuweisen. Wie wird dieses geschehen? In der funften Klasse wird die profane Geschichte bis zum Untergange des romisehen Reiches vorgetragen. Das Christentum arbeitet mehr im stillen, um die Welt zu bekehren; in der Geschichte macht es sich namentlich durch seine Verfolgungen bemerkbar. Die profane Geschichte gibt uns in ausgezeichneter Weise die Konstellation der Zeit. Da wird nun der iibrige Religionsunterricht etwa einen Monat vor SchulschluB abgeschlossen und der Religionslehrer wird sich durch acht Stunden einzig und allein mit der Kirche in dieser Periode beschaftigen, indem er alle wichtigen, zum Verstandnis der Entfaltung der Kirche notwendigen Momente hervorheben, deutlicher erklaren, hie und da, ohne gegen den Fachprofessor der profanen Weltgeschichte zu arbeiten, rektifizieren wird. Im Mittelalter zeigt sich die ganze Kraft der Kirche, und die Geschichte muB sich Schritt an Sehritt mit der Kirche beschaf- 152 tigen. Die Tatigkeit der Kirche ist eine vielfaltige; deshalb wird der iibrige Religionsunterricht zwei Monate vor Jahres- schluB abschlieBen. Hier wird die Kulturarbeit der Kirche nach allen Richtungen hervorgehoben und namentlicli werden jene Ab- schnitte behandelt, die zum Gegenstande der Vorwiirfe der Gegner werden. In der siebenten Klasse behandelt die profane Geschichte die Neuzeit; der Religionslehrer wird in gleicher Weise in einem Monate die wichtigsten Ziige der Kirchenge- schichte hervorheben. Hierwird die Reformation besprochen, die Wiederbelebung des kirchlichen Geistes seit dem Tridentinum; der geistige Abfall der Intelligenz voni positiven Glauben in den letzten zwei Jahrhunderten wird besonders hervorgehoben. Doch auch die Bemilhung der Kirche, sich gegen die Angriffe zu wappnen, \vird nicht aufieracht gelassen. Es wird aber ab- solut not\vendig sein, daB man die freiheitlichen Bewegungen der Neuzeit nicht samt und sonders verurteilt, sondern auch das Gute derselben hervorhebt. Auch wird man MiBstande, die hie und da eingerissen sind, nicht versch\veigen; iiberhaupt nicht alles als fehlerlos und ideal hinstellen, was es nicht ist. Wenn der Schiller spater gewahr wird, daB es doch in der Kirche nicht immer so ideal zugegangen ist, wie der Reli¬ gionslehrer es vorgebracht hat, daB er somit getauscht worden ist, wird er auch gegen das Wahre, das der Lehrer vorgetragen hat, miBtrauisch oder sogar von HaB erfiillt. Es ist dies ein Fehler, der nicht genug getadelt werden kann, da er sehr viel Unheil anrichtet. Die wichtigsten Kapitel der Kirchengeschichte sollen in ein Buch vereinigt werden, welches sich an ein gewohnlich eingefuhrtes Lehrbuch der Profangeschichte anschlieBen soli, z. B. an das Lehrbuch von Gindely. Die Verfassung eines solchen Buches begegnet keiner Sclrvvierigkeit. DaB die Kirchengeschichte nicht in die fiinfte Klasse ge- hort, \vie Professor Grimmich verlangt, ist einleuchtend, da der Schiller noch keinen geniigenden Uberblick iiber die ge- samte Weltgeschichte besitzt; deshalb hat der bischofliche Lehrplan die Kirchengeschichte fiir die achte Klasse bestimmt, wodurch die Apologetik nicht eigens vorgenommen \verden, 153 sondern sich nur nebenbei bei den einzelnen Lehrsatzen durch das Gymnasium als Anhangsel fortfristen konnte. Durch meine den Verhaltnissen entsprechenden Vorschlage kommt sowohl die Apologetik als auch die Kirchengeschichte auf ihre Rechnung, diese letztere, indem sie sich an den Gegenstand der Weltgeschichte anschlieBt und dadurch auch mehr bei den Schiilern erzielt; die erstere, weil sie ihren Platz in der achten Klasse findet, wo der Schiller dem Bildungs- ziele nahe ist und bereits im Besitze des ganzen religiosen Baues ist. Ad 4. Es mufi auch dafiir Sorge getragen werden, daB in den Einrichtungen der Kirche nichts zu finden ist, was bei den Intelligenten AnstoB erregt oder weshalb sie als „ruck- standig” bezeichnet ivird. Die Menschen sind einmal so, daB sie nach dem auBeren Auftreten oder nach der iiufleren Er- scheinung ihr Urteil fallen. Nun soli man bedenken, daB sich der Mittelschuler immer mehr der Intelligenz nahert und daB er sich bemiiht, bereits iiber vieles sich sein eigenes Urteil zu bilden. Wenn er nun zur Einsicht kommt, daB manche Einrich- tung in der Kirche nicht ganz zutreffend ist und wenn er sieht, daB sich auch die Hochgebildeten unzufrieden erklaren mit manchen Sachen, wenn diese auch unbedeutend sind, so wird er auch miBtrauisch gegen die Lehren der Kirche; er ■ttdrft auch das religios Gute iveg und ivird das, was heute der Hochschulstudent ist. Die Kirche besitzt die idealsten Lehren und verlangt von ihren Angehorigen, daB sie auch nach den von ihr proponierten Idealen streben; deshalb ist es auch ihre dieser Tatsache entsprechende Pflicht, dafiir Sorge zu tragen, daB ihre Diener und ihre Einrichtungen iiber das gewohnliche Niveau hinausragen und sich durch eine gewisse relative Vollkommenheit auszeichnen. Dieser Umstand verdient, daB sich die kirchlichen Kreise denselben stets vor Augen halten, so oft sie irgend einen erziehlichen EinfluB auf die Intelligenz ausiiben wollen. Ad 5. Sehr viele finden von selbst den richtigen Er- ziehungsmodus, jedoch nicht alle. Deshalb sollen diejenigen, die auf eine Religionslehrerstelle aspirieren, einen eigens einge- 154 fiihrten Kurs besuchen oder wenigstens eine Zeitlang bei aner- kannten Padagogen zuhoren. Das Priesterseminar hat auch die Aufgabe, wie ich spater ausfiihren werde, die Kandidaten zu tiichtigen Volksschulkatecheten heranzuziehen. Ich habe die Uberzeugung, daB in der Hegel ein tiichtiger Katechet der Volksschule auch ein tiichtiger Religionslehrer sein wird, voraus- gesetzt, daB er das notwendige Wissen besitzt. Zur Vorsicht soli der Aspirant jedoch friiher den Beweis von seiner Eignung liefern. Ad 6. Jedermann wird eine Inspektion fiir notwendig halten, und zwar eine fachmannische. Sonst kann der Fali ein- treten, daB sich der eine bemiiht, der andere jedoch der Sache gleichgiltig zuschaut, der eine baut, der andere niederreiBt. Als Inšpektor \vird nicht der nachstbeste ernannt, etwa ein Domherr, der nicht die notwendige Eignung besitzt, sondern Fachleute, die durch ihre Leistungen gezeigt haben, dafi sie die Aufgaben und Ziele des Religionsunterrichtes verstehen und sie auch erreichen konnen. Wahrend meiner Studienzeit \vurde der Religionsunterricht nie inspiziert. Zum Gliick haben wir einen Professor gehabt, der soviel geleistet hat, als eben von ihm abhangen konnte. Ad 7. Es soli auch fiir passende religiose Lekture gesorgt werden und fiir Gebetbiicher, die demBildungs- grad der Jugend entsprechen. Der Klerus baut alle mog- lichen Wohlfahrtseinrichtungen, die nicht immer der Religion die gewiinschten Erfolge bringen. DaB man mit minimalen! Gelde nicht Bibliotheken errichtet, in denen etwa nur die aus- erlesensten christlichen Werke heimischer und auslandischer Provenienz enthalten waren, was jahrlich eine Kleinigkeit kosten wiirde, ist unerklarlich. Allerdings haben nicht alle Schiiler Zeit zum Lesen, doch die begabteren finden noch immer Zeit dafiir. Der Gymnasialjugend wird oft ein minderwertiges Zeug zum Lesen dargeboten; wie wiirde sich die Begeisterung fiir christliche Ideale steigern, wenn die christlichen Kunstwerke, wie Weber, Dante, Sienkiewicz etc. der Jugend erschlossen wiirden?! Auch gute Gebetbiicher sind von unschatzbarem Werte. Es geniigt nicht nur, daB der Študent Gebetbiicher hat, sondern 155 es ist auch notwendig, dafi er gute Gebetbiicher besitzt. Hier ware eben die christliche Charitas am Platze. An manchen Anstalten bekommen die Schiller die meisten Biicher umsonst. Durch kleine Geldspenden konnten den Armeren auch umsonst die Gebetbiicher verschafft werden. Von den Religionslehrern zu verlangen, dafi sie die minimale Summe opfern, ware eine Unhofliehkeit, wenn sie auch namentlich beziiglich der Pension zwei- bis dreimal besser situiert sind als die iibrige clericale „plebs”. Das Gebetbuch enthalt natiirlich Gebete, und die Gebete sind Gesprache mit Gott, sie sind Herzensergiisse der nach Gott verlangenden Seelen. Aus allen meinen Grundsatzen wird auch zu ersehen sein, was von den Verfassern lateinischer und griechischer Gebetbiicher und auch von denen zu halten ist, \velche die Einfiihrung solcher fremdsprachiger Gebetbiicher gutheiBen. Die haben einen Begriff von der religiosen Bildung am Gymnasium! Jeder, der schon jahrzehntelang unterfremden Volkern lebt, wird noch immer am liebsten in seiner Mutter- sprache zu Gott beten. Dem Gymnasiasten, der mit Ach und Weh den Tacitus oder Demosthenes entratselt, gibt man ein lateinisches oder griechisches Gebetbuch in die Hand, damit er wahrend des Gottesdienstes Satzkonstruktionen macht und sich iiber die kirchlichen technischen Ausdriicke den Kopf zerbricht! Freilich dem Studenten schmeichelt es, sich von dem iibrigen Volke zu unterscheiden und in ein lateinisches oder griechisches Gebetbuch hineinzuschauen. Vielleicht will man in dem Studenten Interesse fiir das Gebetbuch erwecken; nun da bleibt es beim Interessieren und es kommt nicht zum Beten. Ob dieses Interessieren auch zur andachtigen Teilnahme am Gottesdienste gehort?! Auch in unserem Lande ist ein solches Gebetbuch erschienen. Scheinen auch die Erfolge danach zu sein! Traurig! Ad 8. Die weltlichen Facher haben in ihren Lehrbiichern herrliche Illustrationen. Ich sah vor nicht langer Zeit ein herrlich illustriertes Speziabvorterbuch zu Casars Schrift: „De bello gallico” und dachte mir, wie viel leichter wareuns das Ver- standnis seines Buches gekommen, wenn wir im Besitze des be- 156 ziiglichen Spezialwbrterbuches gewesen waren. Auch die Ge- schiehte verfiigt uber schone Illustrationen, die noch durch grofi e Wandbilder vervollstandigt werden. Heutzutage wird iiberhaupt fast jedes Buch illustriert, sogar die Kochbiicher und sehlichte Erzahlungen aus dem Volke. Ist nun die religiose Sache nieht einer gemigenden, kiinstlerischen Illustration wert? Deshalb stelle ich das Verlangen, dafi namentlich archaologische Bilder zum Verstandnis der heil. Schrift, z. B. Bilder von Palastina, den historischen Stadten des Landes, vom Tempel, Zelt u. s. w., ferner zum Verstandnis der Kirchengeschichte Bilder von ge- schiclitliclien Kunstdenkmalern, zum Verstandnis des Ritus liturgische Bilder beschaffen werden und daB sich auch an jeder Anstalt eine bestimmte Anzahl solcher Bilder befinden miiBten. Da fiir die erste und zweite Gymnasialklasse dasselbe Lehrbuch gebraucht werden miifite wie in der Volksschule und da in diesem Lehrbuche passende Lieder samt Noten enthalten sind, so sollen hauptsachlich in diesen Klassen diese Lieder ofters gesungen werden, sei es wahrend des Religionsunter- richtes, sei es wahrend des Gottesdienstes. Sonst soli aber der Religionslehrer dafiir verantwortlich gemacht werden, daB das religiose Lied durch samtliche Klassen Pflege findet, und zwar nicht nur bei den Sangern, sondern bei allen Schiilern. Alle Schiller miissen imstande sein, jeder nach seiner Art, ihren Gefiihlen in Form eines Liedes Ausdruck geben zu kSnnen. Bei der Kneipe singen alle; sie sollten auch singen konnen, wenn sie fromm gestimmt sind. Manches \verden sie vergessen, jedoch Avenn einmal eine fromme oder auch frohliche Stimmung sie erfaBt, wird ihnen die Arie in das Gedachtnis zuriickkommen und mit der Arie der Sinn. Die Liturgik ist anschliefiend an das Kirchenjahr nur miindlich zu erklaren und durch die Bilder zu verdeutlichen. Ubrigens was soli der Intelligente von der Liturgie wissen? Wenn es die Zeit erlauben wiirde, so ware allerdings eine vollstandige Erklarung der Liturgie wiinschenswert, jedoch am wenigsten in der zweiten und dritten Klasse. Unsere Liturgie ist nicht eine jdotzlich eingefiihrte, auch nicht so leicht ver- 157 standliche, daB das bloBe auBere Zeichen oder die auBere Hand- lung den Sinn derselben anzeigen wiirden, sondern sie hat sich im Laufe der Jahrhunderte herausgebildet und entsprieht oft einer sehr tiefen Auffassung der religiosen Handlungen. Um diese Liturgie zu erfassen, dazu gehort ein angehend geschicht- lich und bereits religios gebildeter Mann. Deshalb messe ich dem Unterricbte der Liturgie in den unteren Klassen einen sehr geringen Wert bei und schatze den Vorschlag des Professors Dr. Grimm ich hoch, in allen Klassen bei gegebenen Fallen, dem Fassungsvermogen der Schiller entsprechend, auf diekirch- liche Liturgie hinzuweisen. Die Behandlung der Liturgie als eines besonderen Gegenstandes in den unteren Klassen ist ein Zeichen dafiir, dafi man sich in das Verstandnisgebiet und in das Gemiitsleben eines 13- bis lijahrigen Knaben nicht hineindenken kann, den alles eher interessiert als die Zeremonien der Glocken- oder der Kirchenweihe. Nach dieser Diskussion will ich die Frage beantworten: Was soli der Intelligente von der Liturgie angesichts der obwaltenden Verhaltnisse wissen? Vor allem das, woran er teilzunehmen verpflichtet ist und woran er auch teilzunehmen pflegt, namlich die Zeremonien der heil. Messe und der Sakramente. An den Zeremonien der Osterwoche be- teiligt er sich nicht und ist auch nicht dazu verpflichtet. Die Zeremonien der heil. Messe und der Sakramente kennt er sclion in den Hauptziigen von der Volksschule, respektive den unteren Gymnasialklassen her; deshalb wird der Unterricht aus der 'Liturgik diese Zeremonien geschichtlich und popular-philo- sophisch begriinden, indem er in denselben einerseits gottliche Institution, anderseits das Bemuhen des menschlichen Geistes nachweisen wird, dem inneren frommen Sinne durch auBere Zeichen und Handlungen Ausdruck zu geben. Die ohnehin ver- standlichen Gebrauche zu Weihnachten, zu Ostern, uberhaupt das Kirchenjahr laBt sich in einzelnen Minuten jedes Schuljahr behandeln. Niemals wird man in den Zeremonien unbegriindete, von frommen Mannern erdichtete Symbolik suchen, auch wird man sich nicht bemuhen, jede Kleinigkeit, uber die man sich selbst nicht klar ist, zu begriinden, sondern wird derlei Zere¬ monien als altehrwurdig hinstellen. Ich will nun den meinen 158 oben angefiihrten Grundsatzen entsprechenden Lehrplan fiir den Religionsunterricht an den Gymnasien entwerfen: Der Lehrplan des Religionsunterrichtes an den Gymnasien: I. und II, Klasse: Das Religionslehrbuch und die biblische Geschichte \vie in der Volksschule. Schriftliche Hausarbeiten. Besondere Pflege des religiosen Liedes. Begrundung: Auch die ubrigen Gegenstande schlieBen sich an den Volksschulunterricht an. In das Gymnasium kommen Schiller zwischen 10 bis 12 Jahren, die somit kaum zwei bis vier Jahre das Religionslehrbuch benutzt haben. Es ist klar, daB diese das Ziel des Religionsunterrichtes an der Volksschule nicht erreicht haben. Am Gymnasium findet somit die Fort- setzung des Religionsunterrichtes der Volksschule statt. Na- mentlich liber den Inhalt der Heil. Schrift werden die Schiller schriftliche Aufsatze liefern. Das Herz der Schiller ist in diesen Jahren sehr empfanglich; deshalb wird das Lied durch den Religions- oder Gesangslehrer wie an der Volksschule s ganz besonders gepflegt. Der Erfolg wird sein, daB der Schiller seine Religion kennt und sie auch im Gemiit und Willensleben als Triebfeder seiner Handlungen empfindet. III. und IV. Klasse: Die Heil. Schrift des Alten und Neuen Testamentes im Original, kommentiert und illustriert. Einige Kapitel werden unter der Leitung des Lehrers gelesen und erklart, andere zu Hanse schriftlich paraphrasiert. Archaologisch und religios wichtige Notizen zur Heil. Schrift, auch zu ein- zelnen Abschnitten derselben werden diktiert und vom Schiller behufs Einpragung in das Mitschreibeheft notiert. .Unter der Leitung des Lehrers werden die Biographien groBer Heiliger gelesen und erklart, namentlich solcher, die Mitbegrunder der christlichen Kultur waren, und auch solcher, die der Jugend als Muster eines frommen Lebens vor- leuchten sollen. Das Leben des heil. Benedikt, Franz von Sales, des heil. Bonifazius, des Thomas von Aquin, des heil. Aloisius, der Elisabeth von Thiiringen etc. soli in einem einzigen Buche von einer geschichtskundigen Kunstlerhand beschrieben werden. Auf die Heil. Schrift, auf die Lekture der Biographien der Ilei- 159 ligen, auf das Kirchenjahr werden sich die schriftlichen Ar- beiten beziehen. V. Klasse: Der Volkskatecbismus des Professors Spirago, I. Teil, Glaubenslehre, bearbeitet fiir das Gymnasium mit Illu- strationen. Deu letzten Monat die Geschichte der Kirche bis zu Konstantin dem GroBen. Lekture: Jede dritte Stunde in der Schule, sonst zu Hause: Wisemann: „Fabiola” oder das Leben in den Katakomben, verkiirzt und wissenschaftlich richtig- gestellt, wie etwa das Buch, herausgegeben von der St. Josef- biicherbruderschaft in Klagenfurt. Schriftliche Arbeiten. VI. Klasse: Katecbismus von Spirago, III. Teil, die Gnadenlehre, ebenfalls bearbeitet und illustriert. In die zwei letzten Monate gehort die Kirchengeschichte. Lekture zu Hause und in der Schule: P. Doss, S. J., Gedanken und Ratsehlage zur Beherzigung fiir einen gebildeten Jiingling (Herder). Das Buch wird manchen Jiingling von der Siinde abhalten, die sich in diesem Stadium einzunisten sucht. VII. Klasse: Volkskatechismus Spiragos, II. Teil, die Sittenlehre, bedeutend verkiirzt und umgearbeitet. Griindlich erklart und gelesen muB das Johannesevangelium werden. Hauslektiire: „P. Doss, Gedanken etc.” Schriftliche Arbeiten. Miindliche Vortrage, eventuell Schiiler- exhorten mit anschlieBender Rede des Religionslehrers. In den letzten Monat oder wenn die Zeit nicht ausreicht, in den ersten Monat der VIII. Klasse gehort die Geschichte der Kirche in der Neuzeit. VIII. Klasse: Apologetik. Solange wir kein eigenes Buch haben, konnte mit Segurs „Antworten auf die Einwurfe gegen die Religion” (Missionsdruckerei in Steil) mit Rucksicht auf die Kurze der Zeit gedient werden. Lekture: Hauptsachlich in der Schule: „Die Nachfolge Christi” von Thomas von Kempen. Mehr zu Hause: P. Doss, S. J., Gedanken. Liturgik wird in jeder Klasse, namentlich im An- schlusse an das Kirchenjahr, vorgenommen, das religiose Lied, gute Gebetbiicher, christlicbe Klassiker nicht auBer- acht gelassen. Schriftliche Arbeiten und Vortrage wie in der VII. Klasse. 160 Was ist vom heutigen Religionsunterrichte am Gymnasium zu halten? DaB er fast erfolglos ist. Nur sehr gute Religionslehrer erreichen etwas, jedoch nicht geniigend wegen der herrschenden falschen Auffassung sowohl uber die Ziele, als auch iiber die Methoden des Religionsunterrichtes nieht nur von ihrer Seite, sondern vielleicht mehr von Seite derjenigen, die den Lehrplan vorschreiben. Wenn der Religionsunterrieht ivirklich erfolgreich ware, so miiBte man irgendwo Friichte sehen. Doch die sieht man nirgends. Die wirklich kathoiischen Studenten an den Uni- versitaten sind in so geringer Zahl, daB sie gegenuber Tausenden, die vor Monaten noch mit vorziiglichen Religionsnoten das Gymnasium verlassen haben und nunmehr nicht nur im Herzen der Religion Adieu gesagt haben, sondern auch mit Stocken auf ihre kathoiischen Kameraden dreinhauen, vollends ver- schivinden. Die Optimisten sollen einmal beilaufig nachzahlen, wie viele Mediziner, Juristen, Philosophen etc. auch in ihrer Praxis noch gut katholisch genannt werden konnten. Wir Geistliche sind gewohnt, jedem Laien, wenn er geistig noch so inferior ist, aber wenn er noch in unserem Sinne religios ist, alle moglichen Ehren zu bezeugen, weil dies eben etwas Seltenes ist. Unde hoc? An der Volksschule wird Religion unterrichtet, am Gymnasium wird durch acht Jahre strenge die Religion vorgetragen, und dann diese Friichte! An den Lehrerbildungs- anstalten ist es noch arger. Man betrachte die Resolutionen von osterreichischen, bayerischen Lehrern u. s. w. und mache sich die notwendigen Gedankenschliisse! Ich glaube, man wird mich von der weiteren Ausfiihrung entheben. Die Sache ist klar. Warum ist der heutige Religionsunterrieht erfolglos? Meine Antwort geht dahin, dafi der Unterricht wohl scheinbar \veise und wissenschaftlich vorgeht und baut, jedoch auf sehr schwachem Fundament steht, d. h. er baut, ohne stets auf die naturliche religifise Anlage des Menschen und ohne auf die Heil. Schrift, die ja den meisten Abiturienten in ihrer wirklichen Be- schaffenheit unbekannt ist, gebiihrende Riicksicht zu nehmen. Ferner baut er ohne oder nur mit sehr schwachem Bindemittel indem er lose Ziegel auf Ziegel legt, bis der ganze Bau nach 161 dem Abschlusse der Vlil. Klasse und — ich konnte mich auf das Zeugnis Erfahrener stiitzen — oft schon friiher zusammen- fallt. Das Bindemittel ist die Durchbildung des Gemutes und Willensiebens, welche zwar immer betont, jedoch nicht aus- gefiihrt wird, da man die Methode des Ausfiihrens nicht kennt. Betrachten wir ganz kurz den Lehrplan des osterreichischen Episkopates. 1. und. II. Klasse: Kateehismus. Welchen Wert er hat, habe ich bei der Behandlung des Volksschulunterriehtes aus- gefiihrt. III. Klasse: 1. Semester. Liturgik. Hier werden die Riten mechanisch in ihrer Bedeutung erklart, ohne daB die Sache, auf die sich die Zeremonien beziehen, selbst geniigend vor- gestellt worden ware. Dazu kommt noch, dafi zum Verstandnis der Zeremonien eine geniigende historische und religiose Vor- bildung fehlt. 2. Semester. Die Offenbarungsgeschichte des Alten Testa- mentes. IV. Klasse: Die Offenbarungsgeschichte des Neuen Testa- mentes. Man behandelt hier den Inhalt eines Buches, das man nur dem Namen nach kennt. Ohne Illustration! Es wird einfach nacherzahlt. Auf diese Weise wird die heil. Schrift nie als Quelle gottlicher Offenbarungen erscheinen, sondern hochstens als ein sehr altes Buch, das viele fromme Erzahlungen enthalt. Nur dann hat die Offenbarungsgeschichte eine Bedeutung, wenn die heil. Schrift als bekannt vorausgesetzt wiirde als jenes Buch, aus dem die Eltern des Schulers oder dieser selbst jeden Sonntag nachlesen. Nun ist aber bekannt, dafi in den seltensten Fallen die heil. Schrift beim Volke eingefuhrt ist. Zu bemerken ist, dafi Professor Grimmich fiir die I. und II. Klasse die biblische Geschichte verlangt. Er hat nicht beriick- sichtigt, dafi sich der Unterricht in den zwei ersten Klassen des Gymnasiums mehr an die Volksschule anschliefit, aus- genommen natiirlieh die klassischen Sprachen, ferner dafi der Geschichtsunterricht, und zwar die Geschichte des Altertums erst in der II. Klasse beginnt. Fiir die biblische Geschichte in ihrer historischen Entwicklung hat der Schiller noch kein Ver- Vogrinec, nostra culpa. it 162 standnis. In den wenigen Religionsstunden wird ihm auch der Lehrer dieses Verstandnis nicht beibringen. Auch ist der Schiller nicht fahig, die heil. Schrift als die Quelle gottlicher Offen- barungen geniigend aufzufassen; deshalb ware der Unterricht in der biblischen Geschichte nur eine intensivere Behandlung des biblischen Stoffes, den schon die Volksschule behandelt. hat, ohne eigenen Unterrichtswert. Fur die V., VI. und VII. Klasse verlangt der bischofliche Lehrplan die Glaubens- und Sittenlehre. Man sehe sich die Biicher an! Christus wird durch diesen wissenschaftlichen Apparat nicht in das Herz des jungen Studenten versenkt. Es ist viel Lehren und Lernen um nichts! Der Jungling verlangt nach den Lehren Christi, die ihm das Gemiit erwarmen wurden; er bekommt jedoch statt derselben ein theologisches System von Definitionen, fremd klingenden Begriffen, hochwissenschaft- lichen Begrundungen zu verschlucken. Die Zeit zum Verdauen gebricht ihm; deshalb ezdischt oft das brennende religiose Licht in seiner Seele. VIII. Klasse: Kirchengeschichte. Hier finden wir eine Snmme vom Gedachtniskram und von Zahlen in den meisten Biichern. Ubrigens in 70 bis 80 Stunden die ganze Kirchen¬ geschichte vorzunehmen, heiBt die ganze Weltgeschichte in dieser Zeit repetieren, was natiirlich nicht viel Nutzen bringen diirfte. Deshalb mufi sich die Kirchengeschichte infolge Kurze der ihr zuGebote stehenden Zeit der Profangeschichte anschliefien. Wo ist die Apologetik? Ist es verniinftig, friiher die christliche Wahrheit zu verteidigen, etwa anschlieBend an die einzelnen Lehren in der V. bis VI. Klasse, bevor nicht die ganze Wahr- heit des Christentums in die Seele des Jiinglings versenkt wird? Der Religionsunterricht an den Lehrerbildungs- anstalten und Biirgerschulen. Noch erfolgloser als an den Gymnasien ist der Religions¬ unterricht an den Lehrerbildungsanstalten. Die bekannten Er- scheinungen in Osterreich und auch im Auslande beweisen dies zur Genuge. Man trachtet an der Lehrerbildungsanstalt auch im Reli- gionsunterrichte wie in den iibrigen Fachern mehr danach, 163 den Kandidaten fiir seinen Beruf vorzubereiten. Man unter- richtet somit in der Religion zum Teile auch so, als ob die Lehrer berufen waren, nach katechetischen Lehrsatzen die Kinder zu unterrichten, anstatt daB jede Minute dafiir ver- wendet wiirde, daB die Kandidaten selbst religios wiirden. Die religiose Erziehung wird sich ahnlich der religiosen Erziehung am Obergymnasium gestalten, die religiose Erziehung an den Biirgerschulen aber ahnlich der religiosen Erziehung am Untergymnasium. Es werden somit fiir den religiosen Unter- richt an diesen Anstalten meine eben vorher bezeichneten Grundsatze mafigebend sein. SchluBbetrachtung. Beziiglich der Ausfiihrungen iiber die Volksschule bin ich iiberzeugt, daB sie bei vielen Katecheten Anklang finden werden. Beziiglich der Ausfiihrungen iiber die Mittelschule kann ich mir dieses nicht versprechen. Manche diirften entriistet sein, daB ein Laie in ihrem Fache und dazu noch ein Landpfarrer sich erkiihnt, von den jetzigen Normen des Religionsunterrichtes so verschiedene Normen vorzuschreiben. Sie diirfen vielleicht mit Mitleid auf meine Propositionen herabblicken. Nun sie kbnnen iiberzeugt sein, daB ich in begrundeter Weise von ihren Erfolgen, die nicht so sehr infolge Mangels an Eifer als vielmehr infolge des Systems, gegen das sie sich nicht riihren, ausbleiben, auch nicht erbaut bin, und daB ich klagend iiber den Verlust an kostbarer Zeit, die sie mit nutzlosem Unter- richte vertrodeln, als auch klagend iiber die Religionslosigkeit der Intelligenz, die durch ihre Hande gegangen ist, mit dem- selben Mitleid zu ihnen hinaufblicke. III. Die Studien und Erziehung an den theologischen Fakultaten und Diozesanseminarien. Wenn sich in irgend einer Institution einer Sozietat infolge einer gewissen Geistesrichtung derselben Mangel vorfinden, so konnen wir iiberzeugt sein, daB sich in samtlichen anderen 11* 164 Institutionen die dieser Geistesrichtung entsprechenden Mangel nachiveisen lassen werden; und so entsprechen auch die heu- tigen theologischen Lehranstalten nicht den Anforderungen, die an diese heutzutage gestellt werden miissen. Ich lasse mich nicht in die Untersnchung ein, ob die einzelnen theologischen Wissenszweige verniinftig vorgetragen werden oder nicht, sondern will nur Erwagung anstellen, ob die Gesamtbildung der Theologen eine richtige ist. Die Aufgabe der theologischen Lehranstalten ist wohl die, die Kandidaten zu reli- giosen Fiihrern des Volkes und zu Aposteln Christi in unter- geordneter Stellung heranzuziehen, und zwar dadurch, daB ihnen ein tieferes, allseits begriindetes Verstandnis des religios-christ- lichen Wissens, sowie eine den gewohnlichen Stand iiberragende religios-sittliche Erziehung beigebracht wird. Eine religiose Er- ziehung muB der Kandidat schon von der Volksschule und dem Gymnasium mitbringen. Im Seminar miiBte diese er- halten und, wenn notwendig, auch vervollkommnet werden. Da beim Eintritt in das Seminar eine religidse Erziehung stets vorauszusetzen ist, wenn auch spater an ihrer Erhaltung und eventueller Vervollkommnung weiter gearbeitet werden muB, so ist das erste und vorherrschendste Ziel — freilich heutzutage nicht, wo auch bei Kandidaten des Priesterstandes nicht immer auf religiose Erziehung zu rechnen ist — die wissenschaftliche Vertiefung der theologischen Facher. Die Wissensehaftlichkeit ist auch die Forderung der iibrigen Fakultaten. Der Volks- schiiler begniigt sich mit Kenntnis der Zahlen, der Gymnasiast glaubt, es gibt nichts iiber Algebra, und staunt, wenn er die hohere Mathematik studiert, daB so viele herrliche Unter- suchungen iiber die Zahlentheorie und die Algebra angestellt werden konnen. Hier findet er erst die wissenschaftlichen Untersuchungen. Und so ist die Wissenschaftlichkeit in der Behandlung der verschiedenen Facher auch eine Forderung fiir die theologischen Hochschulstudien. Wird diese nicht ge- fordert, dann kann sich die Theologie wenigstens in dieser Be- ziehung mit den heutigen weltlichen Fakultaten nicht auf die gleiche Stufe stellen, sondern sie ist dann mehr eine hohere Fachschule. Die Dogmatik wird somit nicht wissenschaftlich 1G5 — vorgetragen, Avenn sie sich damit begniigt, nur Thesen zu er- klaren, ohne Untersuchungen nach allen Seiten anzustellen und ohne namentlich die Philosophie (Logik, Noetik, Kosmologie) zur Grundlage zu haben. Ebenso Avird die Moral nicht wissen- schaftlich behandelt, wenn sie sich nicht auf der Ethik und Asthetik aufbaut, gleicherweise kann man bei den iibrigen Fachern nicht von Wissenschaftlichkeit reden, wenn nicht kritische, auf Quellen sich stiitzende Forschungen angestellt Averden. Die Hochschulen werden mit den Steuern des Volkes er- halten; daraus folgt die Pflicht der Studierenden, nicht aus Privat- vergniigen zu studieren, sondern zu lernen, um mit dem Erlernten sich spater auch in den Dienst des Volkes zustellen. Deshalbwird auch verlangt, daB sich der Studierende jene praktische Befahi- gung aneignet, die er fiir seinen Beruf notwendig hat. Darum mufi der Mediziner sich auch praktisch in den Krankensalen be- tatigen, der Jurist mufi neben den wissenschaftlichen Rigorosen auch Staatspriifungen ablegen, der Philosoph sich auch fiir seinen Lehrberuf vorbereiten; und sotrifft auch den Theologen die Auf- gabe, sich auch fiir die praktische Seelsorge auszubilden. Dochbei allen Fakultaten bemerken wir, daB die wissenschaftliche Aus- bildung die erste und vorvviegendste Aufgabe derselben sei; die praktische Ausbildung ist mehr eine unbedeutendere, šchon aus dem Grunde, weil die wirklich zufriedenstellende praktische Ausbildung erst im praktischen Wirken, und zwar viel leichter erreicht werden kann. Halten wir uns das eben Angefiihrte vor Augen, so Avird sich ergeben: Es ist unmoglich, daB der Theologe nur annahernd wissenschaftlich in alle Facher, die heute an den theologischen Lehranstalten gelehrt werden, eingefiihrt wird, Avie es anderseits Avieder unmoglich ist, daB der Theologie- professor den ganzen Gegenstand in der knapp bemessenen Zeit Avirklich Avdssenschaftlich vortragt. Kein einziger Theologe kann sich riihmen, alle theologischen Facher im notwendigen Avissen- schaftlichen Umfange gehort zu haben, noch Aveniger aber dort, avo der Versuch zu Avissenschaftlichen Vorlesungen gemacht wird, ordentlich studiert zu haben. Wenn dies geschehen Aviirde, dann Avare er eben ein Wunder oder er hatte etAva 1G6 durch zwolf Jahre Theologie studiert. Auch diejenigen, die den Doktorgrad erreichen wollen, brauehen oft vier Jahre in eigenen Anstalten, wiewohl sich die Rigorosen nur auf Wiederholung keineswegs wissenschaftlich gehaltener Vorlesungen erstrecken. Wir Geistliche wissen selbst am besten, wie es uns ergangen ist, wenn wir es mit den Studien Ernst nahmen. Wollte man sich mit der Philosophie beschaftigen, da ware es gut gewesen, wenn man durch zwei Jahre sich nur ihr hatte widmen konnen; wenn mit der Bibel, zu deren Verstandnis umfangreiche archaolo- gische Kenntnisse und Sprachkenntnisse notwendig sind, da reichten auch zwei dem steten Studium derselben gewidmete Jahre nicht aus. So geht es auch mit den iibrigen Fachern. Jedermann wird mir zugeben, daB das wissenschaftliche Durchschauen eines Faches bei weitem besser ist als ober- flachliches Konnen mehrerer Facher. Wer vieles kann, kann von einem Fache wenig. Der ganze heutige Fortschritt griindet sich darauf, daB sich einzelne in nur einen Wissenszweig vertieften. Wir Theologen, wenn wir Ernst hatten, muBten wohl im Durch- schnitt viel mehr lernen als Studierende anderer Fakultaten, und doch horte ich sogar von FleiBigen am Schlusse der Studien ldagen, daB der Geist so wenig tief in das religiose Wissen eingedrungen ist. Die Vielheit der Facher ist auch Schuld. daB so wenige wissenschaftliche Produkte von den Theologen geliefert werden. Die Fehler der heutigen theologischen Lehranstalten sind, so\veit es auf den bloBen Studiengang ankommt: 1. DaB der Theologe in vier Jahren wissenschaftlich folgende Facher studieren soli: Philosophie, Dogmatik, die stark verzweigte biblische Wissenschaft (Hermeneutik, Intro- duktion, Archaologie, die Sprachen: Hebraisch, Aramaisch, Syrisch, Arabisch), die Moral, Kirchengeschichte, Patristik, Kirchenrecht, Pastoral, Padagogik, Katechetik, Kirchenbaukunst, Kirchengesang, Liturgie, Pastoralmedizin, Kanzleiwesen und an manchen Orten auch die Soziologie. Die Folge davon ist, daB diejenigen Studierenden, denen das -\vissenschaftliche Ziel ihrer Studien vorschwebt, mit allem Eifer den Anlauf machen, um sich in die Studien 167 zu vertiefen, jedoch angesichts der unerfiillbaren Leistung bald erlahmen, oft erkranken oder sich dem groBeren Teile der Studierenden anschlieGen, die sich nach Art der Volksschiiler iiber derlei Dinge einfach hinwegsetzen und die mit einigen auswendig erlernten Satzen kiihn sich der Priifungskommission stellen, wohl wissend, daB diese das Unmogliche nicht fordern wird. Auf diese Weise bekommen wir den Klerus, wie er eben ist. Man meine ja nicht, daB dies et\va nur von den Diozesan- seminarien gelte; es ist auf der Universitat auch nicht besser, ich meine im allgemeinen vielleicht noch schlechter. Ich besitze ein unaufgeschnittenes Dogmatikbuch, das ein Horer in den ersten zwei Semestern an einer Universitat benutzt hat. Er lernte einfach im Index die angegebenen Thesen auswendig, das tibrige wiederholte er aus den Gymnasiallehrbuchern. 2. Ein guter Teil des MiBerfolges des heutigen theo- logischen Unterrichtes ist auch der Anwendung der lateinischen Sprache zuzuschreiben. Diese hat einst eine Bedeutung ge- habt, weil sie die Sprache der Gelehrten war. Jeder Unterricht an den hoheren Schulen, sogar noch am Anfange des ver- gangenen Jahrhunderts wurde in der lateinischen Sprache er- teilt. Ich habe noch einen Pfarrer gekannt, der in Kroatien noch lateinischen Mathematikunterricht genossen hat. Sogar in Parlamenten sprach man lateinisch. Wie unbeholfen war man, wenn man in modernen Sprachen iiberwissenschaftlicheThemata schrieb! Gedichte in lateinischen Versen zu verfassen, gehorte zu Schulaufgaben. Heutzutage ist die lateinische Sprache nur Kirchensprache, aber nicht in dem Sinne, wie etwa die deutsche Sprache eine Armeesprache ist, sondern einzig und allein, weil der Ritus in der lateinischen Sprache, aber auch nicht uberall, stattfindet. Die Geistlichen konversieren weder untereinander noch mit ihren Oberen lateinisch; nicht einmal bei den romani- schen Volkern bedient sich der Klerus der lateinischen Sprache zur Austragung seiner Angelegenheiten. Heutzutage lernt man am Gymnasium lateinisch, nicht um reden zu konnen, sondern mehr, um in den Geist des Volkes zu dringen, das einstens die lateinische Sprache gesprochen hat. Dies geschieht aber am 168 ersprieBlichsten durch das Lesen der Klassiker im Original. Der Gymnasiast ist gewohnt nur in der Mutter-, respektive Umgangssprache zu denken und zu reden. Seine ganze Bildung, seine ganze Erziehung kniipft sich an die Muttersprache. Plotz- lich ertonen in der Theologie vom Katheder, oft kolperig und schlecht akzentuiert, lateinische Vortrage. Es ist notwendig, um sich richtige Vorstellungen zu bilden, daB der Theologiestudie- rende mit doppelter Beschleunigung sich einzelne Satze ubersetzt. Ubersetzt er gut, versteht er, ubersetzt er gar nicht oder schlecht, versteht er nicht. Gerade so ist es, wenn er selbst lateinisch reden mufi. Entweder hat er den Vortrag mechanisch auswendig gelernt; nun dann ist damit nicht viel geholfen, auBerdem kann sich das Auswendigiernen nur auf sehr Ge- ringes erstrecken; oder er hat es nicht auswendig gelernt, dann horen wir, wie er stottert und sich bemiiht, sich halbwegs verniinftig auszudriicken, wie ein Schulkind, das noch nicht recht weiB, die Satze zu verbinden. Er denkt namlich deutsch und braucht eine gewisse Zeit, um seine deutschen Gedanken zu iibersetzen. Beim Professor sehen wir dieselbe Sclnvierig- keit. Durch seine Umgebung ist er an die Umgangssprache gewohnt. Sogar die Jesuiten, die mehr \vissenschaftliche Unter- haltungen zu fiihren gewohnt sind, haben in der Praxis einen gewissen Horror vor der lateinischen Sprache. Der Theologie- professor verfiigt nur iiber den lateinischen Wortschatz seines Faches. Kommt die Diskussion auf Gegenstande, die erst die Neuzeit kennt und deren Namen erst die Neuzeit geschaffen hat, dann versagt die latpinische Sprache, wenigstens beim Professor, da er selbst diese Gegenstande nur in modernen Sprachen kennen gelernt hat. Ubrigens wer die Herren Professoren beobachtet, wenn sie versuchen, frei und ohne Skripta vorzutragen, wird bald bemerken, wie schwer sie es tun. Man merkt ihnen die Muhe an, ihre Gedanken halbwegs in guter Form zum Ausdrucke zu bringen. Wenn es nicht mehr gut geht, fallen sie in die Umgangssprache hinein. Oft trauen sie sich gar nicht die Augen von einem fixierten Punkt \veg- zuwenden, um nicht aus dem Kontext zu geraten. Die Zuhorer empfinden dabei Langeweile. Wie herrliche Vergleiche aus der 169 Natur oder aus verschiedenen Wissenschaften kdnnte so man- cher Professor vortragen! Allein wie wiirde die Sprache aus- schauen, wenn er sich in das Labyrinth neuer Begriffe und Bilder verirren wiirde! Es ist eigentumlich, man konnte fast sagen lacherlich: in die zahlreichen theologisehen Zeitschriften schreiben die Professoren ihre Artikel nicht in der lateinischen Sprache, obwohl sie nur Priester als Leser voraussetzen, also solche, die doch besser die lateiniscke Sprache beherrschen als die Horer des ersten Semesters, wahrend sie vor diesen in der lateinischen Sprache ihre Vorlesungen halten. Unsere Predigten und Christenlehren wurden eine ganz andere Form erhalten; wir wiirden viel beredter und gewandter werden, wenn wir uns schon in der Theologie wahrend der Zeit der Aussaat angewohnt hatten, in der Sprache des Volkes zu studieren und vorzutragen. Alles was zur Beibehaltung der lateinischen Sprache gesagt wird, fallt so wenig in die Wagschale, dah es nicht zu zahlen ist. Vielleicht schiitzt jemand die Vergangenheit der Sprache so hoch, daB er sie als Unterrichtssprache eingefuhrt wissen will. Allerdings ist der Vergangenheit Hochschatzung entgegen- zubringen, jedoch nicht in der Weise, daB dar aus Nachteile entstehen, sonst miiBte man immer das Altehrwiirdige behalten, ohne das Praktischere zu ergreifen. DaB die Sprache wohltonend und schon ist, ist richtig; daB eine moderne Sprache es nicht ware, ist aber unrichtig. DaB man sich in der klassisch-lateinischen Sprache praziser ausdriicken kann wie in einer modernen, ist eine durch nichts bewiesene Annahme. Die lateinische Sprache neigt uberhaupt zur Umschreibung der Substantivbegriffe durch Nebensatze. AuBerdem haben samtliche modernen Sprachen die lateinischen ^termini technici” aus Nutzlichkeitsgrunden angenommen, ohne auf den Gedanken zu kommen, deshalb die lateinische Sprache zu einer Sprache der Gelehrten zu machen. Die Behauptung, daB man sich in der lateinischen Sprache praziser ausdriicken konnte, konnte ich gerade durch den Beweis aus den lateini¬ schen theologisehen Werken umstiirzen. Wie verschieden werden manche Stellen der lateinischen Werke des heil. Augustinus oder des heil. Thomas von Aquin aufgefaBt! 170 Will man deshalb die lateinische Sprache als Unterrichts- sprache beibehalten, weil sie Kirchensprache ist und als solche auch die Einheitlichkeit der katholischen Kirche fordert, da bedanke ich mich fiir die Einheitlichkeit und die Kirchlichkeit, die uns hindert, tief genug in die Wahrheiten des Christen- tums einzudringen und mit beredtem Munde dem Volke das Evangelium zu verkiinden. Wenn man die Prediger lateinisch unterrichtet, dann sollen sie auch lateinisch predigen! DaB ge- rade die lateinische Sprache es ware, die das Verstandnis der Geistlichen untereinander vermitteln wiirde, ist auch nicht richtig. In Osterreich sind verschiedene Nationen und als der Klerus dieser Nationen die bekannten Klerustage abgehalten hat, ist niemandem eingefallen, die lateinische Sprache als KongreBsprache zu bestimmen. Ferner kommen gerade die Geistlichen am wenigsten durch die Welt. Wenn die Kaufleute, die viel mehr reisen als die Priester, ohne die lateinische Sprache auskommen, so werden es auch die Priester konnen. Aufler- dem ist der Verkehr unter dem Klerus verschiedener Nationen so gut wie keiner. Erscheint irgendwo ein epochales wissenschaft- liches Buch, so wird es ohnehin iibersetzt. Dafiir sorgt schon der Autor. DaB die Bischofe bei den Konzilien lateinisch reden konnen, dafiir sollen sie selbst sorgen, da der gesamte katho- lische Klerus doch mit dieser Eventualitat nicht rechnen kann. tJbrigens \ver durchaus mit dem auslandischen Klerus latei¬ nisch konversieren will, der kaufe sich um 1 oder 2 Kronen ein Biichlein: „Wie spreche ich schnell lateinisch?” Das Buch wird ihm fiir die Konversation mehr niitzen, als alle wissenschaft- liclien Vortrage, wo ihm nur wissenschaftlicher Sprachschatz geboten wird. DaB der lateinische Ritus verstanden wird, ist doch vom Theologen, der den Tacitus und Horaz gelesen hat, anzu- nehmen, namentlich da ja der Ritus auch erklart werden muB. Die SchluBfolgerung ist somit die: Es ist eine berechtigte Forderung, dafi die Unterrichtssprache in den theologischen Lenranstalten nicht die lateinische, sondern die geivohnliche Volkssprache ist. 171 Es konnte jedoch hie und da in der Woche eine Stunde eriibrigt werden, wo lateinische Sprachiibungen z. B. beim Lesen der lateinischen Vater stattfinden konnten. Den Studierenden und oft auch dem Klerus schmeiclielt es, wenn sie sagen, sie haben die Vortrage lateinisch gehort, doch es ist fiir sie durchaus nieht schmeichelhaft, daB es oft nur beim Horen geblieben ist. 3. Ein weiterer Eehler unserer theologischen Lehranstalten ist der, daB sie abgeschlossen sind. An den Universitaten haben allerdings auch Laien Zutritt, doch die Erziehung am Gym- nasium und gleichgestellten Instituten ist derart, daB niemand ein Bediirfnis hat nach religios-wissenschaftlicher Ausbildung. Namentlich ist aber hier die lateinische Sprache das Gespenst, das die Laien vom Besuch der theologischen Horsale ferne halt. In die Diozesanlehranstalten kommt der Laie ohnehin nur bis zur engen Pforte des Pfortners. Die Folge davon ist, a) daB der Laie denkt, die theologische Bildung bestehe nur im Ein- iiben von Predigten und Messelesen, im Lesen von Heiligen- legenden, in Andachten u. dgl., (5) daB die Professoren nament- lich in den Priesterseminarien sich als Herren der Situation fiihlen. Sie haben nicht zu fiirchten, daB hoher Gebildete Zeugen ihrer Tatigkeit sein konnen. Deshalb werden sie oft gleich- giltig in der Vorbereitung und im Vortrage. Der Studierende muB schweigen, sonst ,fliegt er hinaus”. Auf alle Menschen mufi erzieherisch eingewirkt werden, und so auch auf Profes¬ soren. Der Mensch, sich selbst ganz iiberlassen, wird sehr leicht versucht, seine Pflichten zu vernachlassigen. Es ergibt sich somit, dafi auch die gebildeten Laien Zu- tritt zu den Vorlesungen bekommen, namentlich durch Be- seitigung der lateinischen Unterrichtssprache und durch Schaf- fung der Mittel, die auch sonst den Besuch der Vorlesungen ermoglichen. Ich fuge gleich hier hinzu, um manchen Leser in Erstaunen zu versetzen, daB auch die Frauen, die hohere Bildung genossen haben, namentlich die Lehrerinnen Zutritt bekommen sollten. Diesbezuglich spater mehr! Mancher Herr, der friihzeitig in die Pension getreten ist, wurde es freudig begriiBen, wenn er hie und da religiose Vortrage zu horen be- 172 kame. Auch manche Lehrerund Beamte konnten auf dieseWeise in einer Provinzstadt ihr Bildungsbedurfnis erfiillen. Die Vor- lesungen mtiBten immer in einem eigenen Programm oder am schwarzen Brett ersichtlich gemacht werden. Die Professoren werden sich gut vorbereiten und auch eleganter vortragen, wenn sie wissen werden, daB sie nicht nur „sub potestate con- stitutos”, sondern auch freie Burger zu ZuhSrern haben. 4. Oft werden Dozenten berufen, die nicht die geniigende Befahigung fiir ihren Beruf besitzen, nicht selten nach der Anstellung keinen Eifer zur weiteren Ausbildung an den Tag legen. Zu einem Professor an den Hochschulen geniigt nicht das trockene viele Wissen oder das viele Lesen von Biichern, sondern ernste selbstandige Verstandesarbeit, allerdings auf Grund der erworbenen Wissensmaterien, es gehort hierzu das Geschick, einen Wissensgehalt nach allen Seiten erschopfend aufzufassen und zu priifen und dariiber auch ein wissenschaft- lich begrundetes Urteil abzugeben. Ferner mufi er auch ein padagogisch gebildeter Lehrer sein. DaB nicht geeignete Krafte fiir die Lehrkanzel der Theologie gefunden werden, liegt in den friiher geschilderten Verhaltnissen der Lehranstalten. Denn auch kiinftige Professoren miissen schon in der Theo¬ logie den Grund zum spateren Beruf legen. Wie ist es moglich, daB heute jemand nur halbwegs ein theologisches Fach ubersieht angesichts so vieler vorgetragener Facher?! Manchesmal weiB der Absolvent nicht einmal die Wege, die ihn zur wissenschaftlichen Ausbildung in einem Fache fiihren konnten. Viele verden auf die Lehrkanzel berufen, die den Doktortitel fiihren oder die zwei Jahre in Rom oder in Pala- stina die toten Gebaude angestaunt haben. DaB der Doktor¬ titel bei unserem Studiengange eine wissenschaftliche Ausbil¬ dung nicht garantiert, ist aus friiheren Ausfuhrungen klar. Es besteht dasselbe Verhaltnis zwischen einem Promovierten und nicht Promovierten, in ahnlicher Weise wie wir es zwischen einem Kinde beobachten, das den Inhalt des Katechismus wohl kennt, jedoch nicht wortlich kennt, und einem Kinde, das den Katechismus auch auswendig kann. Auf \vie lange Zeit?! Viel Zeit geht den Studierenden verloren, \venn sie unfahige Pro- 173 fessoren besitzen. Wie viel Gutes konnte geleistet werden, wenn ein Mann, der seine hohe Aufgabe voli auffaBt, als Lebrer der nach Klarheit sich sehnenden jungen Herzen fungieren wiirde?! Nach diesen Erwagungen will ich den Unterrichtsgang an den theologischen Lehranstalten formulieren: Der ganze theologische Unterricht ist in drei Gruppen zu zerteilen und von einem Studierenden nur eine Gruppe als Fachstudium zu wahlen. Erste Gruppe umfaBt die Dogmatik und Moral. Die Philo- sophie (Logik, Noetik, Kosmologie, Religionsphilosophie) soli a u c h als Grundlage und Hilfswissenschaft der Dogmatik, wie auch als grundlegende Hilfswissenschaft der Moral in ihren Teilen: Psychologie, Ethik, Asthetik, gelehrt werden. Diese Gruppe miisse von wenigstens fiinf Professoren vorgetragen werden und die alleinige Materie des wissenschaft- liclien Studiums durch drei Jahre sein. Es sind sogar drei Jahre fiir eine halbwegs nutzliche Be- arbeitung dieser Gruppe zu wenig; doch es ist zu bedenken, daB in der Moral nicht jede geringfiigige Einzelheit behandelt werden soli, z. B. wie viel Unzen man abends an einem Fast- tage zu genieBen hat. Die Moralisten diirfen keine Pharma- zeuten sein, die alles kleinlich abwagen. Durch die Moral soli nicht in der Kirche ein neuer Talmud mit tausend Bestim- mungen geschaffen werden. Solche kleinliche Moralbestim- mungen konnen die Glaubigen nur skrupulos oder vollstandig gleichgiltig gegen die Anordnungen der Kirche machen. Wissen- schaftlicher sollen dafiir die Moralprinzipien behandelt und namentlich in ihrer Beziehung zur Psychologie hervorgehoben werden. Die Verbindung der Dogmatik mit der Moral ist eine natiirliche, die dazu noch die oftere Wiederholung von gleichen Materien wie des heil. MeBopfers, Sakramente entbehrlich macht. Diese Gruppe stellt an das Denken die meisten Anforde- rungen; deshalb sollen fiir sie auch die meisten Lehrstuhle geschaffen werden. Die zweite Gruppe soli die biblischen Wissenschaften um- fassen und die Patristik. Die biblischen Wissenschaften miissen griindlich studiert werden, namentlich aber die hebraische 174 Sprache, in der es soweit gebracht werden muB, daB der Študent die Bibel aus dem Urtexte lesen konne. Ohne Kenntnis des hebraischen Idioms wird der Priester die MeBgebete kaum richtig verstehen, nieht einmal den Psalm Judica. Die Patristik ist nieht so zu lehren wie jetzt, daB der Studierende die Biographien einzelner Vater und die Namen ihrer Werke kennt, was wohl auch einen gewissen Wert hat, sondern so, daB er die Werke auch im Originale liest und stu- diert. DaB ich die Patristik nieht in die Gruppe der Kirchen¬ geschichte nehme, wird jeder einsehen, der den Wert der Bibel und der Kirchenvater, in denen ja im gewissen Sinne derselbe Geist Gottes wie in der Bibel waltet, fur die dogmatisehen Begrundungen kennt. Die dritte Gruppe umfaBt die Kirchengeschichte als Haupt- fach. Mit der Kirchengeschichte ist aber das Kirchenrecht, die kirchlicheKunst und derKirchengesang auf das engste verbunden. Das Kirchenrecht ist durch die Geschichte der Kirche be- griindet und erst durch diese vollstandig begreiflich. An und fur sich, ohne die Geschichte der Kirche ist das Kirchenrecht nur auf das Fundamentalste der kirchlichen Organisation be- schrankt. — Ebenso hat sich die kirchliche Kunst erst allmahlich entvvdckelt. Der Kirchengesang gehort auch zu den kirchlichen Kunsten und soli bei weitem besser und umfangreicher gelehrt werden als die ubrigen Kunste. Selten wird ein Geistlicher in den Stand kommen, eine Kirche zu bauen u. dgl., wahrend er oft taglich dem Kirchengesang die Aufmerksamkeit schenken muB. Er entwirft zu den Bauten keine Plane, sondern dazu sind sehr erfahrene Techniker berufen. Ganz anders ist es mit dem Gesange. Der Gesang ist nieht wie ein Monumentalbau, der von einem Meister gebaut, in hunderten von Jahren immer noch entziickt und seiner Aufgabe entspricht, sondern der Kirchen¬ gesang bedarf einer hochgebildeten Stiitze von Tag zu Tag, und diese Stiitze kann bei heutigen Verhaltnissen nur der Geistliche sein. Der Kirchengesang ist heutzutage auch eine notwendige Kunst in der Kirche. Da es aber nieht zu verlangen ist, daB ein tiichtiger Kirchenhistoriker gleichzeitig ein Kenner der kirchlichen Ton- 175 — kunst ist, so kann der Kirchengesang auch von einem anderen sehr befahigten Geistlichen oderLaien, welche notwendige Studien gemacht haben, vorgetragen werden. Diese Vortrage mlissen jedoch der hoheren Bildung der Studierenden angemessen sein und sich Dicht auf dem Niveau der Volksschule halten. Jeder Mensch hat eine gewisse musikalische Anlage. Der Mensch ohne musikalische Anlage konnte iiberhaupt nicht reden, denn auch fur die Rede gehSrt eingewisses Mafi von „Gehor”. Deshalbhalte ich dafiir, dali alle Zuhorer dieser Gruppe die theoretischen Vortrage liber den Gesang als auch (allerdings verschieden nach ihrer musikalischen Anlage) die praktischen Vorfiihrungen, die unbedingt notwendig sind, sich nutzbar machen -sollen. Ubrigens sollen sich diese Gruppe namentlich diejenigen wahlen, die besser musikalisch veranlagt sind. Wie wird der Kirchengesang bliihen, wenn eine Reihe von der edlen Kunst kundigen Priestern in die Seelsorge hinaus kommt! Fur die zweite und dritte Gruppe geniigen je drei Pro- fessoren, da hier die Vorbereitung auf die Vorlesungen eine viel leichtere, die Vorlesungen selbst nicht so geistig an- strengend sind. Die erste Gruppe miiBten fast die Halfte samtlicher Theologiekandidaten wahlen, die iibrige Halfte kame auf die beiden letzten Gruppen. Da natiirlich nicht die Nachstbesten auf die Lehrkanzel berufen werden, sondern Gelehrte von Ruf, wenn auch aus dem Auslande, so soli ihre Stellung und ihre Bezahlung gleich der der Universitatsprofessoren sein. Da auf das wissenschaft- liche Studium der gewahlten Gruppen von Einzelnen im all- gemeinen drei Jahre verwendet werden, so wird das vierte Jahr eine mehr praktische Bestimmung haben. Die Theologen werden in diesem Jahre pastoralen Studien obliegen, und zwar nicht in dem Sinne wie heute, sondern sie werden in diesem Jahre populare Vortrage ohne wissenschaftliches Geprage iiber jene Gruppen horen, die nicht zu ihrem Fache gehorten, also die Horer der ersten Gruppe — Dogmatik und Moral — werden liber die biblischen Wissenschaften und die Kirchenge- schichte samt den dazu gehorigen Fachern orientiert werden. Vorgetragen werden somit von befahigten Priestern der Diozese, t . 176 z. B. vom Bischof oder von den Domherren samtliche Facher • der drei Gruppen in popularer, kurz abgeschlossener Weise, nur wird derjenige, der eine Gruppe schon wissenschaftlich gehdrt hat, nicht verpflichtet werden, die Vortrage aus seinem Fache anzuhoren. Die Pastoral, wie sie heute aufgefaBt wird, entnimmt ihren Stoff vielfach der Moral, und ist eigentlich kein wissenschaft- licher Zweig der Theologie, sondern nur eine praktische Er- ziehung (nicht wissenschaftliche Ausbildung) der Theologie- kandidaten zu tiichtigen Seelsorgern. In diesem Sinne ist es hinreichend, daJB sie zwei bis drei Stunden wochentlich ein- nimmt. Die Padagogik soli im vierten Jahre theoretisch vorge- tragen werden, praktisch aber als sogenannte Katechese schon vom dritten Jahre durch Hospitieren bei tiichtigen Katecheten der Universitatsstadt erlernt werden. Jeder Priesterkandidat muB es wenigstens so weit bringen, daB er auf der Violine die einfachen Lieder des Religionslehr- buches der Volksschulen spielen kann. Eine Violine kann sich jeder verschaffen und diese wenigen religiosen Lieder an- eignen. Schon vom ersten Jahre an soli der Kandidat gleich- sam zur Erholung mit gelegentlichen Einiibungen anfangen. Diese praktische Einiibung des religiosen Volksgesanges ist nicht zu verwechseln mit dem Kirchengesang, den die Studie- renden der dritten Gruppe studieren miissen. Kann man sogar den Baren und Affen beibringen, nach dem Rhythmus der Mu sik ihre Bewegungen zu machen, um so mehr wird es einem Intelli- genten gelingen, die wenigen Melodien wenigstens einstimmig auf der Violine zustande zu bringen. Oft bemerkte ich, wie protestantische Pfarrer, die selbst zugaben, keine musikalische Fahigkeiten zu besitzen, fast jede Stunde den Kindern religiose Lieder vorspielten. Eine sehr wichtige Frage bleibt noch zu losen. Es werden fiir die drei Gruppen wenigstens elf Professoren, die im Rufe der Gelehrsamkeit stehen, verlangt. Diese Professoren sollen gleiche Bezuge beziehen wie die Universitatsprofessoren. Sollten nun die Diozesanseminarien aufgehoben werden? Wird sich jede 177 Diozese eine so groBe ZahlProfessoren erwerben konnen? Wird sie auch der Staat bezahlen? DieseFragen konnten so gelost werden: In den Diozesen, wo sich Universitaten befinden, unter- liegt die Realisierung meiner Vorschlage keiner Schwierigkeit. In der Regel sind noch mehr Professoren angestellt. Die iibrigen Diozesen sollen entweder in eine Universitatsstadt ihre Semi- narien verlegen, wo der Theologiekandidat seinen wissenschaft- lichen Studi e n nachzugehen bat, wahrend er das vierte Jahr, das Pastoraljahr, in seiner Bischofsstadt auf die friiher ange- deutete Weise zuzubringen haben wird oder die Diozesen sollen sich zu zwei bis vier vereinigen in einer Weise, dah z. B. die erste Gruppe der theologischen Facher in Salzburg, die zweite Gruppe in Klagenfurt, die dritte Gruppe in Marburg vorgetragen wiirde, worauf sich die Absolventen der drei Gruppen wieder im vierten Jahre in ihrer Bischofsstadt zu- sammenfinden. Bei den immensen Verkehrsmitteln ist es heutzu- tage ganz gleich, ob einer ein paar Stunden mehr oder weniger mit der Bahn zu seiner Studienstadt zu fahren hat. Der letztere Vorschlag ist der realisierbarste, da der Staat durch die ange- deutete Zusammenziehung beziiglich hoherer Besoldung der Professoren keine Mehrausgabe vorzuschiitzen haben wird. Ich halte die Reform jeglichen Unterrichtes in der Kirche fiir dringend, wollen wir nicht vollstandigen Bankerott machen; deshalb jede einseitige Hervorhebung unserer Rechte gegen- iiber der Regierung fiir unsere Sachlage verschleppend. Die Professoren der drei Gruppen brauchen nicht aus ein- zelnen Diozesen genommen werden, sondern iiberhaupt von dort, wo sich geeignete Manner finden. Das Pastoraljahr besorgt der Diozesanklerus, und ich halte die Herbeiziehung eines Priesters, der die DiSzesanverhaltnisse nicht kennt, wenigstens fiir hochst unangebracht. Zur Realisierung meiner Vorschlage ist keine Ubenvindung von sonstigen Schwierigkeiten notwendig als dieUberwindung der Einbildung, daB die heutigen Unterrichtsverhaltnisse an den theologischen Lehranstalten nur annahernd den modernen An- forderungen entsprechen, zu welcher Uberwindung nur ein guter Wille vorhanden sein mufi. Vogrinec, nostra culpa. 12 178 Jeder, der unbefangen urteilt, wird einsehen, daB uns die vorher besprochene, oder dieser ahnliche Gestaltung des Unter- richtes ungleich groBeren Erfolg sichern wiirde, als die heu- tige Unterrichtsart. Heute haben wir Priester, die sich mit dem Studium samtlicher Faeher gemartert oder auch nicht gemartert haben und die kein Fach nur halbwegs beherrschen, Priester, denen ihre Studien nur geringen Stoff fiir ihre Predigten lieferten. Nach der Reform \verden wir in den Diozesen ganze Manner haben, die in einem Fache geniigende wissenschaftliche Ausbil- dung genossen haben, in den iibrigen Fachern aber infolge des Pastoraljahres keine Ignoranten sind. Sie haben sich in ein Fach vertieft; mit Freude werden sie noch im spateren Leben ihre Fachstudien fortsetzen; sie werden sich interessieren fur ihreFachliteratur; durch die Beschaftigung mit der Wissenschaft wird auch der sittliche Wert des Klerus ein hoherer werden. Wie einst, wird Gelehrsamkeit auch jetzt ein Vorzug des Klerus werden. Aus der ersten Gruppe werden sich Philosophen ent- wickeln, die auch von der iibrigen Wissenschaft respektiert werden, aus der zweiten Gruppe Sprachforscher, und die dritte Gruppe wird manchen Historiker und Kenner der Kunste von Ruf hervorbringen. Auch bei derBesetzung der Seelsorgeposten wird man darauf Riicksicht nehmen, daB dorthin, wo der Pfarrer ein Dogmatiker ist, als Kaplan ein Historiker oder Biblist ge- schickt wird. Die Predigten werden viel klarer, sie werden mit vielmehr Uberzeugung vorgetragen werden; auch das Volk wird angenehm beriihrt, wenn es bald einen Dogmatiker, bald einen Biblisten, bald wieder einen Historiker predigen hort. Die Pro- fessoren pflegen namlich immer nfachmannisch* zu predigen. Ich konnte selbst bei meinen Professoren diese Beobachtung machen. Als Historiker horte ich z. B. P. Abel predigen. Nun, er war auch langere Zeit Gesehichtsprofessor. IV. Die Erziehung in den Diozesanseminarien. Ich bin nicht fur die volle Freiheit der Seminaristen, \vie solche der Universitatsstudent hat. Nicht einmal das Gericht betrachtet den jungen Mann als groBjahrig, d. h. als jemanden, 179 der frei uber sich selbst und seine Sache disponieren kann. Wir Geistliche diirfen dem Priesterkandidaten auch nicht das volle Verfiigungsrecht liber seinen noch nicht gestahlten Willen iiberlassen, sondern nur soweit es seinem Entwicklungs- stadium und der Berufsbestimmung entspricht. Jedoch in medio est virtus! Es sind meistenteils junge Manner, iiber 20 Jahre alt; deshalb ist es nicht angezeigt, wenn man sie wie die Locke- rin ihre drei- bis fiinfjahrigen Kinder behandelt, die sie nicht aus dem Auge lassen darf, damit ihnen nicht etwa ein Unfall zustoBt. Das Zeichen, unter dem die heutigen Seminarien stehen, ist strenge Absperrung und kleinliche Aufsicht. Wir hatten zweimal in der Woche Spaziergang, und zwar an ganz be- stimmten Tagen, in ganz bestimmten Stunden, in ganz be- stimmter Richtung, einen bestimmten Dux, der ganz bestimmte Weisungen iiber die zulassige Auffiihrung wahrend des Spazier- ganges erhielt. Rauchen konnte man in ganz bestimmter Zeit. Alles war fixiert und bestimmt. Nun denke man sich ein alter- tiimliches, rings abgeschlossenes,, feuchtes Gebaude, einen Stu- diersaal, wo zu 22 in einem Saale beim Licht der ruBigen Lampen iiber ihren Pulten hockten. Der eine lief hinaus, der andere kam, der eine rasselte mit den Schliisseln, der Neben- mann kochte eben seinen Tee oder knackte an einer NuB. Im ganzen Hause nur schivarze, in lange Talare gehiillte Gestalten, die sogar beim Spaziergang den Staub ihrer FiiBe dem Hinter- mann zu schnupfen geben! In den schweizerischen und italieni- schen Arresten ware etwa das ewige Einerlei der Farben das Furchtbarste. Nun der Theolog sieht nur schwarze Gestalten. Kein Wunder, daB der Jiingling, der mit starken Nerven in das Seminar gekommen ist, bald krank und nervos wird und seine ganze Energie verliert! Ich weise immer zuriick, daB ein halbwegs brauchbarer Abiturient nur wegen des lieben Brotes den Priesterstand wahle, sondern behaupte, daB er stets mehr oder iveniger hohere Ideale bei seinem Eintritt in das Seminar habe. Schon wahrend meiner Studien konnte ich die Beobachtung machen, daB ideale Jiinglinge allmahlich gegen alles abge- stumpft, gegen das vierte Jahr zu immer energieloser wurden. 12 * 180 Die meisten jungeren Geistliehen sind krank. Den Keim der Krankheit haben sie sich in der Theologie geholt. Ieh will das Bild nicbt weiter ausfiihren. Verlangt muB somit werden, daB dem Jiinglinge innerhalb gewisser Grenzen Freiheit geboten wird. Es ist notwendig, daB er abends punktlich zu Hause ist, daB er gewisse Zeit mit den Studien hinbringt, es ist auch notwendig, daB er ein de- zentes Auftreten naeh auBen bekundet, nicht notwendig ist es aber, daB seine Erholungszeit ihm dureh alle moglichen Statuten verbittert wird. Er soli sich in Gesellschaft eines Kollegen einen Spaziergang wahlen. Man wird ihn nie verurteilen, wenn er sich beim Spaziergang eine Zigarre anzundet oder irgendwo ein Glas Bier vergonnt. Es soli ihm auch gestattet sein, sich wahrend der Erholungszeit an bestimmten, selbst gewahlten Tagen in eine seiner Bildung angemessene Gesellschaft zu begeben. In der freien Natur, freien Gedanken folgend, wird der Jiingling seine Zukunftsplane schmieden, er wird mit klarem Verstande und gesteigerter Lust zu seinen Buchern zuriick- kehren. — Nie sollen mehr wie vier Kandidaten in einem Zimmer wohnen. Dieses Kapitel lieBe wohl eine weitlaufige Ausfiihrung zu; jedoch um sich der vorgenommenen Kurze zu bedienen, schlieBe ich das Kapitel mit dem SchluBsatze, daB neben der Reform des Unterrichtes auch eine Reform des Erziehungsmodus statt- finden muB, dahingehend, daB die richtige Mitte zwischen der Ab- sperrung und volligen Freiheit gefunden wird. Man sei nicht zu angstlich! Besser ist es, daB der Kandidat jetzt seineschwache Seite zeigt, so lange er noch nicht ausgeweiht ist, als spater. AuBerdem muB er mit einem festen Charakter in das Leben hinaustreten, und an dieser Befestigung des Charakters kann er nicht arbeiten, wenn ihm keine vollends freie Willens- betatigung gelassen wird. Gesunde, nervenkraftige und energische Seelsorger werden in der Schule, in der Kirche, iiberhaupt in der Seelsorge ganz andere Leistungen aufweisen, als kriinkliche, unzufriedene, ganz gedemiitigte. 181 V. Der religiose Unterricht und die religiose Erziehung auBer- halb der Schule. Der religiose Unterricht und die religiose Erziehung auBer- halb der Schule geschieht in der Kirche durch die Predigt und Christenlehre, in der Familie durch die religiose Presse. Der Unterricht, den der Geistliche in der Familie selbst erteilt, ist minimal. Es ist wahr, hieunddakann ein vera iinftiges Wortgute Friichte bringen, doch im allgemeinen kann der personliche Verkehr des Priesters nicht als religioses Unterrichts- und Er- ziehungsmittel gelten, schon deshalb nicht, weil der Geistliche nicht immer Zeit hat, sich mit den Leuten wegen eines sehr problematischen Erfolges abzugeben und weil die Leute, mit Ausnahme einiger oft lastiger Personen, auch nicht mehr die Gewohnheit haben, sich in ihren religiosen Angelegenheiten an den Geistlichen zu wenden. Gut ware es allerdings. Doch manches ware gut, was nicht geschieht und auch nicht geschehen wird. — Tatsachlich ist das Leben, Reden und Handeln des Seelsorgers ein indirekter Unterricht fiir das Volk; doch wie dies geschehen solle, gehort in die Pastorallehre. Ich will nur beziiglich der Predigt, Christenlehre und der religiosen Presse meinen An- schauungen entsprechende Grundsatze stipulieren. Die Predigten miissen den modernen Bediirfnissen sowohl beziiglich des Inhaltes als auch beziiglich der Form entsprechen. Die heutigen Predigten bewegen sich noch immer im alten Geleise. Viele Predigtwerke sind nur Abschreibungen von Predigten, die ein Bossuet oder Faber gehalten haben. Erscheint einmal etwas Originelles, dann wird es ordentlich ausgeschrotet, wie z. B. die Predigten P. Abels. Sehr viele begniigen sich jedoch mit irgend einem Predigtblatt, das ihnen die Predigt fiir den nachsten Sonntag bringt. Es ist dem Priester nicht zu ver- argen, wenn er sich beim jetzigen Studiengange mit der nachst- besten Predigt zufrieden gibt. Der Priester, erzogen nach meinen friiher angefiihrten Grundsatzen, wird jedoch nach Hoherem und Besserem verlangen; seine Predigten, hervorquellend aus glaubigem, tief fiihlendem Herzen, und voi^getragen in schoner 182 Spraehe und in flieBendem Tempo, werden Wurzel fassen in den Herzen der ZuhSrer. Die gediegene Ausbildung auf Grund der Muttersprache im Seminar wird ihn dazu befahigen. Es ist gar nicht zu glauben, welche Leistungen oft auf der Kanzel geschehen, Produktionen, die eher fiir einen Zirkus taugen als fiir die geheiligte Statte der Kanzel. Kein Wunder, daB sich die Intelligenz von solchen Predigten zuriiekzieht! Man hort oft Predigten, daB man sich skandalisiert. Auch in- haltlich sind sie nicht immer richtig. Manches wird ubertrieben, kjeinere Siinden werden so dargestellt, als ob sie das Hollen- feuer verdienten! Dies alles beruht auf mangelhafter Vorbil- dung im Seminar. Es ist somit zu fordern, daB die moderne Predigtliteratur einer genauen Kritik unterzogen wird, ferner daB die Predigten nach einem gewissen System verfaBt und vorgetragen werden, in den Predigten auch nie etwas ubertrieben, das Unwesent- liche nicht zum Wesentlichen gemacht wird, ferner, daB wie beim Unterrichte so auch bei der Predigt auf die gleichzeitige Bildung des Verstandes und des Gemiites Riicksicht genommen wird. Fur geeignete Predigtliteratur ist Sorge zu tragen etwa durch Einsetzung eines Komites von bekannten Predigern, die den ubrigen mit Rat an die Hand gehen sollten. — Schon bei den gew5hnlichen Vortragen in den Seminarien ist dar auf Bedacht zu nebmen, daB die Vortrage flieBend, in schoner rhe- torischer Form gehalten werden. Die Abhaltung der Christenlehren hat an Sonntagnach- mittagen eine verhaltnismaBig sehr geringe Bedeutung, da heute nicht mehr wie ehedem die Kirche das alleinige Zentrum des geistigen Lebens ist. In den Stadten gab es ehemals kein so hastiges Geschaftstreiben, auf dem Lande keine so ange- strengte Wochenarbeit, wie heutzutage. Von der weitumher zer- streuten Bevolkerung kann man nicht verlangen, vormittags und nachmittags den weiten Kirchweg zuriickzulegen Der Sonntagnachmittag ist auf dem Lande und in der Stadt die Zeit der geistigen und korperlichen Erholung. Ferner ist es auch fur den Geistlichen anstrengend, nach dem vormittagigen Gottesdienste und einer oft durch viele Stunden dauernden 183 Sakramentserteilung noch von der Kanzel herunter Christen- lehren zu halten. In der Regel findet man stets die gleichen Personen, meistenteils Frauenspersonen als Teilnehmerinnen am Nachmittagsgottesdienste. Und doch soli dafur gesorgt werden, dali der religiose Unterricht nicht mit dem Austritte aus der Schule fiir immer abgeschlossen wird! Wir miissen somit andere Wege einschlagen. In groJBeren Orten, sogar auf dem Lande bestehen ge- werbliche Fortbildungsschulen; bei uns in Karaten will man in jedem geschlossenen Orte landwirtschaftliche Fortbildungs- kurse einfiihren. In diesen Schulen fehlt meistenteils der wich- tigste Gegenstand, die Religion. Die kirchlichen Kreise nehmen davon auch nicht viel Notiz. Ich bin iiberzeugt, wenn ein Geist- licher den Religionsunterricht dem iibrigen Unterrichte an- schlieBen wiirde, was allerdings gratis geschehen miiBte, wiirde niemand dagegen etwas haben. Es solite so vorgegangen werden: Der Geistliche liest unter Teilnahme der Gewerbeschiiler nnd der Besucher der landwirtschaftlichen Kurse die heil. Messe in einer Kirche in der Nahe der Schule, worauf er sieh in die Schule begibt, wo der religiose Unterricht mit Absingung eines reli- giosen Liedes beginnen soli. Der Gewerbeunterricht pflegt Sonn- tag vormittags stattzufinden; deshalb soli der Priester den Gottesdienst und den Unterricht so einrichten, daB um die fest- gesetzte Stunde der ubrige Unterricht einsetzen kann. Der Unter¬ richt muB auf den Verstand und das Gemut einwirken, der Seelsorger muB guter Freund, Kamerad und Ratgeber der Schil¬ ler sein. Ein langweiliger, iiber jede Kleinigkeit sich aufhalten- der Seelsorger paBt am wenigsten fiir diesen Unterricht. Im Lehrlingsheim, sowie an manchen Fachschulen wird auch heutzutage der Religionsunterricht erteilt, doch wie? Der nachstbeste Kaplan wird einfach hineingeschickt und dort waltet und schaltet er nach seiner Willkur. Man wirft den Pudel ins Wasser, damit er dort schwimmen lernt. Ich meine jedoch, wenn einer in dieses Wasser geworfen wird, da solite er schon gut schwimmen konnen. Ich war einstens in einem katholischen Lehr¬ lingsheim Zeuge einer Christenlehre, die ein hochgebildeter Ordensmann gehalten hat. Ich war noch Theolog. Der Herr saB 184 beim Tisch, schaute ofter in sein Buch hinein als zu den unauf- merksamen Jungen hiniiber. Er trug vor, als ob er gebildete Theo- logen vor sich hatte. Ich babe mich vor Lehrlingen und einigen groBeren Gesellen geschamt wegen des ganz unpadagogischen Vortrages meines vorgesetzten|Begleiters. Nebenbei erwahne ich, daB ich bei der Konkurspriifung einige Kandidaten Katechesen ausfiihren horte, die ganz \vie eine Predigt und auch im iiblichen Predigttone vorgetragen wurden. Mit dieser Leier vor die Kinder treten! Erbekam „sehr gut” fiir die miindliche Katechese. Ich war konsterniert. Der andere, der natiirlich und gemiitlich gesprochen hatte, entsprach nur „gut”. Die Madchen im Alter von 14 bis 16 Jahren, die keine hohere Volksschule besuchen, sollen in den Stadten be- sonders und zwar vor dem Nachmittagsgottesdienste in den Christenlehren ahnlich wie die Gewerbeschiiler unterrichtet werden. Auf dem Lande sollen Knaben und Madchen im Alter von 14 bis 16 Jahren, wenn mehrere Geistliche da sind, abge- sondert, wenn einer, zusammen und zwar in allen Fallen in der Schule den religiosen Unterricht genieBen. In der Schule bewegen sie sich viel freier und gehen lieber dorthin zum Unterriehte wie in die Kirche. Die Jugend in diesen Jahren ist von taglichen Sorgen noch nicht geplagt, von der Arbeit nicht ermiidet; deshalb wird sie im religiosen Unterriehte einegeistige Erholung finden. Dieser sonntagliche religiose Unterricht soli jeden Sonntag vom 1. November bis 1. Mai stattfinden, spater soli auch die Jugend den Sonntagsnaehmittag frei haben. Der Leser wird sehen, daB da nichts unmSgliches verlangt wird, sondern etwas, was s‘ich sehr leicht erreichen laBt. Nur muB es allgemein eingefiihrt sein, damit nicht ein Nachbar den anderen, der so etwas einfiihrt, wegen seiner Extravaganzen auslacht. Anfangs \vird man in einigen Orten allerdings ge- ringere Teilnahme finden, doch bei allgemeiner Einfiihrung und bei ununterbrochener Ausdauer wird die Teilnahme als christ- liche Pflicht empfunden werden. Ich schreibe dies, wiewohl ich weiB, daB man trotzdem vorziehen \vird, vor den leeren Biinken nur einigen schwer- horigen Wei'blein das kostbare Wort Gottes zu erklaren. Es 185 scheint, als ob es uns „verwunschen” ware, dem alten Gehause nicht entschliipfen zu konnen! Unsere religiose Presse, nicht im Sinne der christ- lichenPresse genommen, bezieht sich nicht so sehrauf dieReli- gion iiberhaupt, als vielmehr auf die verschiedenen separitisti- schen Andachten. Es gibt Orden und auch Priesterparteien, die auf die Propagation irgend einer Andacht alles Gewicht legen. Sie miissen ihre Andachtsparteiblatter haben. Da haben wir nun eucharistische Blatter, Marien blatter, Antoniusblatter, Kongre- gationsblatter u. s. w. Was ich iiber die Andachten denke, werde ich spater sagen. Manche Menschen haben iiberhaupt keinen Sinn fiir spe- zielle Andachten. Kein Mensch darf ihnen dies iibel nehmen. Sie sind trotzdem gut katholisch und religios. Fiir diese mufi auch eine religidse Presse geschaffen werden, die die Reli- giositat iiberhaupt auf Grund der fundamentalen katholischen Lehren befordert, ohne sich auf irgend welche Privatandachten zu beschranken. Uber den Unterrichtswert der Presse brauche ich wohl kein Wort zu verlieren. Die religiose Presse soli vollkommen unpolitisch sein. Zum Muster konnte man sich etwa die „Hausblatter” nehmen die als Beilage des „Landboten” von A. Opitz herausgegeben werden; nur miiBte der Leitartikel sich an die Sonntagsevan- gelien anschlieBen und religiose Erbauung bezwecken. Jedes Pfarramt soli eine bestimmte Menge dieser religiosen Schriften empfangen und sie durch eine geeignete Person drauBen vor der Kirche feilbieten. Bei jeder Pfarrkirche, auch die Stadt- kirchen nicht ausg:enommen, sollen sich eigene Schaukasten oder eigens konstruierte, zusammenlegbare Tische befinden, an denen sofort nach dem Gottesdienste die Andachtsblatter, und zwar nur diese feilgeboten wiirden. Im Laufe der Zeit lassen sich vielleicht auch Automaten aufstellen. Bei den Kirchen auf dem Lande verkaufen oft Backer ihr Brot vor der Kirchentiir. Warum sollten auch \vir den Menschen keine geistige, reli¬ giose Nahrung fiir die Sonntagsnachmittage bieten? Sogar die Bahn sorgt fiir die Unterhaltung der Reisenden durch Auf- stellung der ZeitungsverschleiBe! Fiihren auch wir den Glau- 186 bigen seelenerfrischende Nahrung fur die langvveiligen Winter- nachmittage zu. Es ist zu erwarten, dafi die freie Kolportage freigegeben wird. Beniitzen wir sofort die giinstige Gelegenheit, um nicht hinterher das Nachschauen zu haben, wie es leider gerade bei der Presse geschehen ist. Auch jetzt ist die Lizenz zum derartigen VerschleiB leicht nur gegen Bezahlung der Stempelgebiihren zu erlangen. Ausgezeichnet geschieht die religiose Schulung durch Biichervereine wie z. B. die St. Josefsvereins-Bucherbruderschaft in Klagenfurt. Doch man soli ihr nicht Konkurrenz machen durch andere Biichervereine! Kaum hat man ihren Erfolg ge- sehen, so gehen auch andere Diozesen daran, ahnliche Insti- tutionen in das Leben zu rufen, anstatt durch gemeinsame Arbeit aller katholischen Deutschen an einem Werke zu ar- beiten, damit sich dieses durch gediegene und billige Biicher iiberall Eingang verschaffe. Zur Religiositat tragen auch viel gute Gebetbiicher bei. Gebetbiicher werden wohl geschrieben und gedruckt und auch genehmigt. DaB nicht alle gut sind, ist bekannt, da namentlich die Kritik sich nicht geniigend mit einem so wichtigen Gegen- stande, wie es die Andachtsbiicher sind, befaBt. Der Geistliche weiB selbst nicht, wo man echte Perlen bekommt, noch weniger das Volk. Auf die Anpreisungen ist nicht viel zu halten. Die Gebetbiicher, die fur das gew6hnliche Volk bestimmt sind, miissen verschieden von den Gebetbiichern sein, welche die Intelligenz bedarf. An letzteren fehlt es uns iibrigens fast ganz. Jeder Geistliche soli iiber gute Gebetbiicher orientiert sein. Sie sollten in den Verordriungsblattern ofters und naher an- gegeben werden. Die christliche Charitas hatte ein sehr edles Feld, wenn sie einen Fond gegriindet hatte, um arme Dienstboten, nament¬ lich an paritatischen Stationen, mit guten Gebetbiichern zu be- schenken. Die Protestanten haben eine Bibelgesellschaft, wir haben nichts ahnliches. Fast jedes protestantische Haus verfiigt auch iiber ein populares Hausandachtsbuch. Diejenigen, die nicht in die Kirche gehen konnten, kommen Sonntags zusammen und verrichten 187 ihre Andacht, wahrend einer aus dem Buche vorliest. Hatte dies nicht auch bei uns Katholiken einen immensen Wert? Tau- sende und Tausende konnen nicht in die Kirche gehen, sind oft zu ermiidet wegen der Wochenarbeit, es fallt ihnen schwer, dort eine bis zwei Stunden zu stehen: sie bleiben zu Hause. Die Katholiken in der Diaspora hatten in dem Andachtsbuch ihren Seelsorger. Welcher Trost ware fiir sie ein Andachtsbuch. Ein ganz geeignetes Andachtsbuch haben wir nicht, oder wenn es jemand kennt, dann ist es im allgemeinen nicht eingefiihrt. P. Cochemsche Biicher sind zu wenig allgemein gehalten; das Andachtsbuch mufi sich an die Sonntagsevangelien anschlieBen. Der „Goffine” ist zu viel katechisierend. Das Buch muB wie ein beliebter Prediger sein, der alle Kunste anwendet, um das Herz des Menschen zu gewinnen. Der Besitz eines Hausandachts- buches mufi eine katholische Gepflogenheit werden; wie ein religioses Bild an der Wand, so mufi sich auch das Andachtsbuch samt der heil. Schrift im Kasten des Familienzimmers befinden. Die Gebet- und Andachtsbiicher sollen gleichzeitig mit den Andachtsblattern auf die friiher gezeichnete Weise mit den schon aufierhalb ersichtlichen Preisen an Sonntagen feilgeboten werden. Das Lesen wird zum allgemeinen Bediirfnis. Wird den Leuten nicht Gutes geboten, so lesen sie Schlechtes. Kargen \vir doch nicht mit der religiosen Nahrung fiir das Volk und ziehen wir die Schlafmiitze herunter und schauen wir, wo etwas fiir unsere heilige Sache zu gewinnen ist! „Die Seele ist willig, doch das Fleisch ist schwach”, weil es sich in seiner gewohnten Ruhe nicht storen lassen will!- Zur religiosen Erziehung des Volkes gehort auch ein verstandlicher und geziemender Gottesdienst samt einer er- bauenden Liturgie. Jedoch diesen Gegenstand will ich im folgenden Abschnitte behandeln. Nicht zu iibersehen ist es, dafi bei der religiosen Er¬ ziehung auch die christlichen Kunste ein grofie Rolle spielen. Auch diesbezuglich mufi Klarheit geschaffen werden. Wir horen in der Jetztzeit klagen, als ob wir Katholiken uns allzu wenig an Schaffung moderner Kunstwerke beteiligen wiirden, dafi unsere Literatur riickstandig ist u. s. w. Auch Dr. Ehr- 188 hard erweckt den Scheiu, als ob er meinen wiirde, daB durch eine regere Beteiligung der Katholiken an wissenschaftlichen und ktinstlerischen Taten der Neuzeit wenigstens ein wichtiger Faktor zur Aussohnung der Kirche mit der modernen Mensch- heit gesetzt wiirde. Nun setzen wir den Fali, 'daB in der Neuzeit zufallig die groBten Gelehrten und die besten Literaten katholischer Gesinnung waren, wiirde eine solche Annaherung stattfinden? Durehaus nicht. Das Volk wiirde zum Teile ihre Werke hochschatzen, sieh um ihre katholische Gesinnung je- doch gar nicht kiimmern, zum Teile wiirde man sie einfach ignorieren und als minderwertig bezeichnen, wie es sehr oft ge- schieht. Ob Webers „Dreizehnlinden”, in welcher Dichtung der Verfasser so schon das Sachsenvolk besingt, an den sachsischen Schulen gelesen wird?! Dafiir gibt man der Jugend anderes Zeug. AuBerdem betrachte man, wie z. B. die italienische Re- gierung mit dem beriihmten Jesuiten Secchi vorgegangen ist. So- eben las ich von den Verfolgungen des beriihmten Astronomen, dem man deswegen nachstellte, gerade weil er Jesuit war. Deshalb kann nur die fundamentale religiose Er- ziehung der Welt einzig und allein die Aussohnung der Kirche mit der Welt zustande bringen, die christlich ange- hauchte Wissenschaft und Kunst kann sie nur befestigen. Es ist ferner auf Grund der Geschichte aller Zeiten festzuhalten, daB ein religioses Volk religiose Kunst produziert und die Wissenschaft mit religiosem Geist auffaBt, nicht aber umgekehrt, daB christ- liche Wissenschaft und christliche Kunst das Volk ohneweiters re- ligios mache. Wer somit nach christlichen Kunstwerken verlangt und christliche Wissenschaft verlangt, setze die erste Bedingung dafiir: die Religiositat des Volkes. Es bliiht noch teilweise die christliche Baukunst, weil ihre Werke Abnehmer finden, die christliche Literatur kann nicht gedeihen, weil sie eben keine Abnehmer fin det. Jede Klage liber die Riickstandigkeit der Kirche in der Jetzzeit bezuglich der Kiinste und Wissen- schaften reduziert sich auf die berechtigte Klage iiber den Mangel an Religiositat des Volkes, weiches religiose Kunstler und Gelehrte hervorbringen, respektive unterstiitzen solite. Wir sehen somit, wo der Anfang zu machen ist. 189 B. Die Verhaltnisse innerhalb der Kirche erfordern in vieler Beziehung eine Anderung. I. Die kirchliche Liturgie. Wir Katholiken haben einen herrlichen Gottesdienst, so daB ihn auch Andersglaubige bewundern. Trotzdem machen wir die Erfahrung, daB gerade die Katholiken vom Gottes- dienste ferne bleiben, weil sie die Bedeutung desselben nicht kennen. Der einzige obligate, gemeinsame und offentliche Gottes¬ dienst ist bei uns das heil. MeBopfer; denn bloB von der heil. Messe bestimmt die Kirche strenge: Du solist an Sonn- und Feiertagen die heil. Messe mit gebiihrender Andacht horen. Die meisten Menschen nehmen nur, wenn sie eben iiberhaupt an re- ligiosen Ubungen teilnehmen, an diesem Gottesdienste teil. Die verschiedenen Zeremonien bei den Prozessionen, in der Karwoche sind im Vergleiche zur heil. Messe nur nebensachlich. Weder wir Priester noch die Glaubigen sind verpflichtet, an denselben teil- zunehmen. Die Zeremonien der Sakramentserteilungen sind mehr privater Natur, so wie auch die iibrigen Zeremonien, wie Be- erdigung, Segnungen etc. Diejenigen, die glauben, in der Kirche ware nichts Unwesentliches, konnen sich in die geschicht- liche Entwicldung der Kirche gar nicht hineindenken. Mit Riicksicht auf den Umstand, daB die heil. Messe gewisser- maBen der einzige Gottesdienst ist, habe ich fiir das Religions- lehrbuch der Volksschule eine griindliche Erklarung des heil. MeBopfers verlangt. Ich fordere auch, daB sowohl der latei- nische Gesang auf dem Chore als auch der laute Gesang des Priesters von allen Glaubigen verstanden und der Gottesdienst nicht zu einem unverstandenen Schauspiel werde. Die lateinische Sprache ist nur fiir die Feier der heil. Messe beizubehalten, wahrend die iibrige Liturgie in der Landessprache stattfinden miiBte. Die Griinde fiir die Beibehaltung der lateinischen Sprache bei der heil. Messe sind folgende: 190 1. Da das zweite Kirchengebot alle iiberall obligiert, wo eine katholische Kirche ist, so konnen alle Nationen ihrer Pflicht nachkommen, ohne daB sie Grund zur Klage iiber die Bevorzugung eines anderen Idioms haben, was bei heutiger nationaler Verhetzung sehr wichtig ist. 2. Der offentliche, alle obligierende Gottesdienst wird uberall sprachlich gleich gefeiert, so daB sich jeder in jeder katholiscben Kirche heimisch fiihlt. 3. Haben die meisten Volker keine autoritative Uber- setzung der MeBgebete und auch keinen Kirchengesang, der nur annahernd mit den monumentalen Leistungen auf dem Gebiete der lateinischen Kirchenmusik zu vergleichen ware. Die MeBliturgie in der Volkssprache hat auch seine Grunde, jedoch hinsichtlich des Gemisches der Nationalitaten ist der Ge- brauch der Volkssprache nicht angezeigt. Wo aber der latei- nische Chorgesang und der Gesang des Priesters nicht verstanden wird, weil er nicht erklart wird, dort hat die Volkssprache in der Liturgie der heil. Messe den V orzug. Was fiir die Beibehaltung der lateinischen Sprache bei den iibrigen Zeremonien auBer der heil. Messe vorgebracht wird, ist sehr hinfallig. Die Einheitlichkeit auf das Unwesent- liche zu erstrecken, wird nie gelingen, es ware gleich, wenn jemand eine groBe Fabrik errichten wollte, um fiir alle Men- schen gleich groBe Ročke zu fabrizieren. — Was gewinnt man durch die lateinische Sprache und was nicht? Gewonnen wird eine Einheitlichkeit in unbedeutenden Dingen, nicht gewonnen wird aber die Erbauung der Glaubigen und das Verlangen der Verstandigen, daB die Kirche zu ihrem Volke in dessen Sprache rede. Was die Zeremonien bei der Ausspendung der heil. Sakra- mente anbelangt, so sind dieselben allerdings notwendig, haben aber einen mehr privaten Charakter und richten sich an den Empfanger der Sakramente. Es wird gesagt: Ego te baptizo, ego te absolvo. Im letzeren Falle wird ein Urteil in einer fremden Sprache dem Beichtenden bekannt gemacht. Eine soweit ge- triebene Einheitlichkeit wird niemandem imponieren, sondern 191 jeder wird es merkwurdig finden, dafi etwas in einer unbe- kannten Sprache gesagt wird, was ohne Verletzung irgend jemandes in der Muttersprache gesagt werden konnte. Der Einwurf, fremde Nationen werden sich daruber aufhalten, wenn der Ritus in der Sprache eines Volksstammes, mit dem sie nicht harmonieren, stattfinden wiirde, ist klaglich. Kein Mensch halt sich daruber auf, wenn bei den Beerdigungen die gewohn- lichen „Vater unser” am Schlusse in der Landessprache ge- betet werden. Auch beim Gottesdienste wird in einer bestimmten Sprache gepredigt. Bei den meisten Sakramenten kommt die Sprache der Empfanger der Sakramente wenigstens teihveise zur Geltung. Niemand halt sich daruber auf. Es schmerzt mich, wenn am Karfreitage und liberhaupt die ganze Karwoche hin- durch die herrlichen Gebete, die im Namen der Versammelten verrichtet werden, in einer unverstandenen Sprache gesprochen werden. Schiich sagt in seiner Pastoral, VIII. Auf]., Seite 440: „Durch die Einfiihrung der Landessprache in den Gottesdienst wiirde die Einheit desselben und damit auch die Einheit der Kirche bald ihr Ende erreichen.” Das ware wohl traurig, wenn die Einheit der Kirche schon deshalb zugrunde ginge. Dbrigens, dann laBt das Ende der Kirche lange auf sich warten, denn schon Jahrhunderte gebrauchen einzelne Slavenvolker, die Griechen, Armenier etc. nicht die lateinische Sprache beim Gottesdienste. In der Kirche gilt ferner der Grundsatz: Unitas in necesariis. Die Latinitat der Zeremonien ist aber gewiB nicht eine der Notwendigkeiten. „Schon die Vielheit der lebenden Sprachen in der Welt,” fahrt Schiich fort, „ . . . . wurde eine strenge Aufsicht uber samtliche Liturgien und die Erhaltung der Einheit derselben sehr schwierig machen.” Nun die wichtigste Einheit bezieht sich doch auf die Glaubens- und Sittenlehren, die nicht in der lateinischen Sprache, sondern in der Sprache jedes einzelnen Volkes verkiindet werden. Die Aufrechterhaltung der Einheit der Glaubens- und der Sittenlehren ist viel schwie- riger, als die der Liturgie, die sichtbar und horbar fiir jeder- mann ist. Wenn trotzdem diese Aufsicht uber die Einheit 192 des Glaubens, welche Aufsicht sich nicht auf die lateinische Sprache stiitzt, gelingt, kann jemand noch im Ernste die Be- hauptung Schuchs aufrecht erhalten, daB die Aufsicht iiber nicht lateinische Liturgien nicht gelingen wiirde? Schiich und Kerschbaumer, der erste Seite 440, der ztveite Seite 145 (II. Aufl.) ihrer Pastor albucher, bezeichnen es als der menschlichen Natur entsprechend, daB die Feier des Hei- ligen und Geheimnisvollen in einer geheiligten Sprache statt- findet. „Durch das ahnungsvolle Helldunkel (!) einer solchen fremden und geheiligten Sprache wird um den Gottesdienst ein ge- wisser geheimnisvoller Schleier gelegt, der das Mysteriose des katholischen Kultus ganz zutreffend symbolisiert und dem religi- osen Gefuhle ebenso entspricht als dasselbe fordert.” Es wider- strebt mir, auf diese okkultivistischen Gedanken naher einzugehen. Man will somit eine unverstandene Sprache, damit der Gottes¬ dienst mysterioser werde! — Heute will man unseren Gottesdienst, der in špiritu und veritate gefeiert werden soli, so geheimnis- voll gestalten, wie es die alten Auguren und Haruspizes getan haben, die ebenfalls altertiimliche Ausdriicke liebten, oder wie die Wahrsager und Zauberer, die absichtlich alle mdglichen Fremdworter zusammentragen, um ihre Prophezeiungen geheim- nisvoll zu gestalten! — DaB Christus und die Apostel diese Seite der menschlichen Natur nicht kannten! — Die Geheim- haltung der Sakramentslehre in den christlichen Zeiten hatte in Anbetracht der Zeitverhaltnisse ganz andere Bedeu- tung und einen ganz anderen Ztveck. DaB die lebenden Sprachen fortwahrenden Veranderungen unterworfen sind, schadigt 'nicht, wenn nur die Sache bleibt. t)brigens ist die Fassung der Sprachen durch die heutige Wissenschaft fixiert und kann kein Grund angefiihrt werden, daB die modernen Sprachen nach Jahrhunderten sich soweit andern wiirden, daB sie nicht verstanden werden. Heute ist ja die Sprache an das Buch gebunden, nicht wie friiher an den Dialekt. DaB der Gottesdienst in den modernen Sprachen unzahligen Entweihungen ausgesetzt wiirde, ist bei einer unverstandenen Sprache noch viel mehr moglich. Ich kann mit einer Reihe 193 von Volkswitzen gerade liber die lateinisehe Liturgie dienen. Nirgends kommen soviele Religionsverletzungen vor, als gerade in der katholiscben Kirche; man hort auch nichts von derartigen Entweihungen bei den Volkern, die nicht die lateinisehe Liturgie haben. Wie kann man nur solehe Behauptungen aufstellen, wie es die beiden Verfasser der Pastoralbiicher tun! Das Konzil von Trient sess. XXII. de sacrific. missae c. 8 sagt nur iiber das heil. MeBopfer ,,non expedire, ut vulgari passim lingua celebraretur”. Das Konzil sagt auch nur: „non expedire”. In derselben Session tritt es gegen diejenigen auf, die in der heil. Messe eine Belehrung haben ivollten und sagt unter an- derem: sacrificii oblatio magis in re, quam in verbis consistit... quare impertinens est, utrum missa dicatur lingua vulgari vel non vulgari! Somit verlangt das Konzil nicht einmal fiir die heil. Messe strikte die lateinisehe Sprache, wie ich sie aus Griinden der Zweckma6igkeit gefordert habe. Auch die Stelle des Apostels im I. Corinth. 14, 18: „Ich will doch lieber vor der Gemeinde fiinf Worte sagen, die ver- standlich und belehrend sind, als zehn Tausend in einer frem- den Sprache” wird willkurlich erklart. Das Zitat spricht klar fiir mich! Dr. Kerschbaumer bietet -vvenigstens im Kleingedruckten die ganze Wahrheit, dafi namlich verschiedenen orientalischen Volkerschaften der Gottesdienst in ihrer Sprache erlaubt ivorden ist und zitiert den Ausspruch des Papstes Benedikt XIV.: „Ut omnes Catholici sint, non ut omnes Latini fiant, estnecessarium.” Jetzt vergleiche man die friihere Behauptung des Dr. Kersch¬ baumer mit dieser letzteren Stelle und bilde sich das Urteil! Wie tief das Verlangen des Klerus nach teilweiser Liturgie in der Volkssprache ist, wird die Anfiihrung und Betrachtung des Protokolles der Konferenz der Dechante am 27. Mai 1902 in Klagenfurt lehren. Ich will die zum Gegenstande gehorigen Stellen zunachst wortlich anfuhren. „111. Kurze Erlauterungen iiber das neue Rituale. Die Frage iiber das neue Rituale ivird damit erledigt, dafi die Be- sprechungen, wie sie bei der Konferenz stattgefunden, schriftlich in Erinnerung gebracht werden. Vogrinec, nostra culpa. 13 194 liber das Rituale im allgemeinen bemerkt P. T. Fiirst- bischof: Das Rituale ist eigentlich vergriffen gewesen; darauf wurde nach Salzburg die Anfrage gestellt, ob Salzburg in kiirzerer Zeit eine Neuauflage fiir die ganze Erzdiozese zu machen gedenke, da die Ritualien in vielen Diozesen vergriffen \varen. Salzburg dachte aber an eine Neuauflage nicht; andere Bistiimer hatten sich unmittelbar nach Rom gewendet, so Linz, Lavant, Brixen, wie auch Wien und St. Polten. Die haben alle den Ritus fiir Singularia aufgenommen, die in ihren Dio¬ zesen bestanden. Rom hat aber nicht zugestimmt; es sollen die singularen Riten, die einzeln genehmigt wurden, nicht einmal mit dem romischen Rituale zusammengebunden werden. Die besonderen Riten hat das Konzil von Trient ja beschiitzt als altehrwiirdige Gebrauche, aber die Pr a x is in Rom ist jetzt diese, wie sie in dem neuen Rituale zur Darstel- lung kommt. Es wird nicht mehr lange dauern, dah das grofle Rituale aufgelegt wird.Im besonderen wurden folgende Vorschriften und Wiinsche vorgebracht. a) Nach der Austeilung der heil. Kommunion darf nicht mehr der Segen mit dem Allerheiligsten gegeben werden. Man weist dagegen auf Indulte von Rom fiir andere Diozesen hin. Fiirstbischof entgegnet: Die Kirche ist auf der ganzen Welt die gleiche, das soli auch im Ritus erkenntlich sein. Auf Rei- sende macht es einen grofien Eindruck, wenn sie iiberall den gleichen Ritus finden. Das Volk \vird sich bald an den neuen Ritus gewohnt haben. Ferner ist die Pietat gegen die romische Kirche doch mehr als das Singulare. Jetzt ist auch schon das Rituale bestimmt. Man miiBte um eigene Indulte ansuchen. b) Bei der Kommunionspendung miissen die Worte: „0 Herr, ich bin nicht wurdig” lateinisch gesprochen werden. Es \vurde unter anderem ersucht, diese Worte deutsch sprechen zu diirfen. Fiirstbischof erwidert: Ich habe auf allen meinen Visitationen diese Worte lateinisch gesagt. Diese Worte gehoren zur forma sacramenti, zum Kommunionritus, sowie die lateinische Formel beim Taufritus. Darum nicht viel riitteln daran! Das romische Rituale ist das einfachste, das sicherste, das bedeu- tendste und das verbreitetste.Eine weitere Entgegnung 195 war: das gesamte Gebet der Glaubigen, welche alle mitgebetet haben, hat viel zur Andacht gestimmt. Der Fiirstbischof: Indieser Diozese wird auch meistenteils nur leise mitgesprochen, nicht laut. So haben mir auf Anfragen vor kurzem erfahrene Herren mitgeteilt. In der Seckauer Diozese wird iiberhaupt nur leise mitgesprochen. Von Obervellach kamen 1887 Klagen, daO diese Worte laut mitgesprochen werden, denn Rom gestattet nicht, dah diese Worte in der Muttersprache gesprochen werden, weil sie schon zur forma der Spendung des Sakramentes ge- horen. Fiirstbischof von Marburg hat mit vollem Ernst die Bitte, „Domine non sum dignus” in der Muttersprache sprechen zu diirfen, abgewiesen, weil er iiber die rdmische Anschauung wohl informiert war. Eine weitere Bitte ging dahin, diese Worte wenigstens einmal in der Muttersprache sprechen zu diirfen, wenn sie schon di’eimal lateinisch gesprochen worden sind. Fiirstbischof: Das hangt leider nicht von mir ab. In Rom bei der Congregatio fafit man die Sache anders auf. Es ware eine Interruptio der von der Kirche vorgescnriebenen forma sacra- menti. Es ware gut, wenn Gebetbiicher herausgegeben wiirden, in denen beide Formulare lateinisch und deutsch gegeben werden. Keine Diozese wird sich der anderen fiigen, aber alle werden sich Rom fiigen. In Frankreich hat es iiber die zwei- hundert Jahre gedauert, bis ein einheitlicher Ritus ange- nommen war. c) ... d) ... e) Ein anderer Wunsch in einer Separat- angabe enthalt die Bitte, daB bei Beerdigungen zuerst die latei- nischen Gebete und sodann dieselben deutsch gebracht werden diirfen. Darauf wird hier erwidert, daB dieser Gebrauch vor 30 bis 40 Jahren nirgends in der Diozese bestanden hat und auch in anderen Diozesen, soweit bekannt, iiberhaupt nicht be- steht, nur an einzelnen Orten illicite in tlbung gekommen ist. Wenn einzelne PfaiTer nach ihrem Belieben bei rituellen Hand- lungen vorgehen, wie stehen dann die anderen Pfarrer, die sich genau nach dem Rituale halten, bei etvvaigen neuen Ein- fiihrungen da, und wer wird die Grenzen bestimmen? • . . Meine Notizen: In der Gurker Diozese haben wir ein kleines Rituale bekommen, das nur den Ritus der ivichtigsten 13 * 196 kirchlichen Funktionen enthalt. Dariiber sollten sich dieDechante auBern! „Salzburgdachte an eine neueAuflage nicht.” Fiirchtete es sich etwa, daB die neue nicht bestatigt wurde! Fur Linz, Lavant, Wien etc. wurden einzelne Riten genehmigt, nur sollten sie nicht mit romischen zusammengebunden werden. Die Riten sind zu stark eingebiirgert, deshalb will man eben auf geeignete Gelegenheit warten, um sie zuentfernen! In der friiheren Zeit durften die Bischofe sogar Feiertage einfiihren, jetzt „hangt es leider von einemBischofe nicht ab”, das einmalige Sprechen derWorte „Domine non sum dignus” in der Volkssprache einzu- fuhren. Die Bischofe sind Nachfolger der Apostel. Der Papst ist nur primus inter pares. Sie haben das Recht, sogar bei Glaubensentscheidungen mitzuberaten. Besteht die Gewalt der Bischofe nur darin, Priester zu kreieren und zu regieren? — Jetzt kommt das Interessante: „Das Konzil von Trient hat die besonderen Riten beschiitzt, die Praxis in Rom ist jetzt eine andere.” Da werde ich irre, ich glaube, die Dogmatiker und die Kanonisten auch. Steht die Congregatio rituum iiber dem Konzil? Ad a) „Die Kirche ist auf der ganzen Erde die gleiche.” DaB sich die Kirche dessen nicht friiher be\vuBt war, als sie sogar in einzelnen Teilen eigene Riten einfiihrte! Warum geht die Vertretung der Kirche heute nicht iiberall gleich vor? Wenn ein Indult den Linzern gegeben wurde, so konnte dasselbe auch den Karatnem gegeben werden. Es ist eben dies das Bittere, daB man nicht geniigend begriindete Entscheidungen fallt; denn gleiche Griinde miiBten ja gleiche Entscheidungen zur Folge haben. Auf „Reisende macht es allerdings einen groBen Ein- druck, wenn sie iiberall den gleichen Ritus” finden, noch mehr Eindruck macht es aber auf das gute, in seinem Glauben schon ohnehin irre gemachte Volk, \venn ein alter Brauch plotzlich abgeschafft oder latinisiert wird! Pietat sollen wir allerdings gegen die romische Kirche besitzen, doch diese Pietat soli nicht jene Pietat hindern, die wir dem glaubigen Volke schuldig sind. Gebet Rom, was Rom gehort und dem Volke, was ihm gebiihrt! Ad b) Den Punkt iiberlasse ich den Dogmatikern zur Be- trachtung, indem ich sie auf den Vergleich mit der Taufformel 197 aufmerksam mache, da ja an dieser nicht geriittelt werden diirfe und sie auch forma sacramenti sei! Der Fiirstbischof von Lavant hat mit vollem Ernst die Bitte abgewiesen, bloB weil er iiber die romische Anschauung informiert war. Diese „romi- schen Anschauungen” sind aber machtig! Interessant! Ad c) Man sieht, wie der Klerus sich bemiiht, dem Volke dieergreifende Zeremonie der Beerdigung begreiflich zu machen. Das Vorhergehende wolle man meht als Auflehnung gegen die kircblichen Obrigkeiten auffassen. Es ist nur eine theoretische Kritik. Es ist doch besser, daB wir Priester offen unsere An- schauungen kundgeben, als im Geheimen ziirnen und oft auch den Laien gegeniiber unserem Unmut Ausdruck geben. In der Praxis ist es aber unsere Pflicht, uns den Anordnungen der Oberen zu fiigen und diese auch auszufiihren. Jeder ehrliche Burger iibertritt nicht ein unverniinftiges Gesetz, sondern er erfiillt es, bis das Gesetz beseitigt wird. Ich glaube in dem Vorhergehenden Griinde genug ange- fiihrt zu haben, daB die Forderung der Einfuhrung der Volks- sprache in die gesamte Liturgie mit Ausnahme des Zentrums des ganzen Kultus, dem Kultus per excellentiam, dem heil. MeB- opfer eine berechtigte ist, nicht ein „deutschtumliches Ge- schrei” von unkirchlichen Geistlichen, wie Kerschbaumer sich in seinem Lehrbuch der Pastoral ausdriickt. Es wird sich zeigen, wer kirchlicher ist, diejenigen, die ohne das Wesentliche aufzugeben, in unwesentlichen Dingen den Anforderungen der Zeit Rechnung tragen wollen, oder diejenigen, die sich lieber totschlagen lieBen, als daB sie den altertiimlichen Rock ablegen wurden. II. Das Bufisakrament. Es fallt mir natiirlich nicht im entferntesten ein, irgend- wie die Lehre iiber die heil. Sakramente zu bekritteln. Ich will jedoch zwei Sachen hervorheben, die in der Praxis einer Korrektur bedurfen. 1. Das kirchliche Gebot iiber den Empfang der heil. Sakra¬ mente wird in der Praxis dem Volke nicht immer ganz richtig 198 und klar vorgestellt. — Wir Katholiken sind noch so glueklich, daB wir das BuBsakrament haben. Wir sollten doch vorsichtiger und der Wahrheit entsprechender bei der Erklarung der Pflicht zum Empfange dieses Sakramentes vorgehen. Wir miissen ja stets vor Augen haben, daB wir nicht mehr mit einer urteils- losen Masse des Volkes zu tun haben, sondern daB die Urteils- losigkeit immer mehr schwindet und jeder nach Aufklarung strebt. Zunachst waren die Gebote liber den Empfang des BuB- sakramentes und des allerheiligsten Altarsakramentes getrennt erlassen worden, wie auch der Empfang des einen durchaus nicht den Empfang des anderen voraussetzt, wie heutzutage sich die Praxis herausgebildet hat. Was den Empfang des BuBsakramentes betrifft, so bestimmte das Konzil. Lat. IV. can. 21: Omnis utriusque sexus fidelis — omnia sua peccata saltem semel in anno fideliter confiteatur. Jeder Glaubiger soli wenigstens einmal im Jahre seine Sunden seinem Seelsorger beichten. Fiir das Altarsakrament bestimmt das concil. Trid. sess. 13, can. 9: Si quis negaverit, omnes fideles teneri singulis annis saltem in paschate ad communicandum juxta praeceptum s. matris Ecclesiae, A. S. Daraus folgt, a) daB jeder verpflichtet ist, einmal im Jahre zu beichten, und zwar wie an anderen Orten wieder die Moral lehrt, nur dann, wenn er schwere Sunden hat, sonst ist es nur ratsam, auch zur Beicht zu gehen, wenn man sich nur leichter Sunden bewuBt ist, /3 ) daB man zu osterlicher Zeit die Kommunion empfangen mufi, y) daB Beicht und Kommunion nicht notwendigerweise aufeinander zu folgen haben. Warum sagen wir das nicht dem Volke in der Praxis? Warum sind wir strenger als die Kirche selbst? Durch diese Vorenthaltung schaden wir unserer Religion ungemein. Dem Volke wird etwas als Pflicht auferlegt, \vas nur guter Rat ist. Die Verbindung der Kommunion mit der Beicht zur Osterzeit kann nicht einmal iiberall ein guter Rat sein, da beim groBen Zudrang zu den Beichtstuhlen gerade in den Stunden vor der Erteilung der heil. Kommunion eine gewissenhafte Verrichtung der Beicht sowohl von Seite des Priesters als von Seite des Beichtenden 199 auf Schwierigkeiten stofit. — Oft las ich in den Verkiindbiichern, wo die „Osterbeicht” angekiindigt wird, daB alle Glaubigen unter sclnverer Siinde verpflichtet seien, die heil. Sakra- mente zur Osterzeit zu empfangen. Wir sprechen von der Osterbeicht, verteilen „Beichtzettel”, die wir itn Beiclitstuhl abnehmen, respektive wieder als Bestatigung der Beicht an die Beichtenden abgeben. Wir betonen auch zu wenig, daB die- jenigen, die sich keiner schweren Siinde bewuBt sind, eigentlich nicht verpflichtet sind, zur Beicht zu kommen, dafi sie aber ohne weiteres die heil. Kommunion empfangen konnen, zu oster- licher Zeit auch empfangeu miissen. Die Befiirchtung, daB man nicht weiB, ob man nicht eine schwere Siinde habe, als Grund der kirchlichen Praxis anzu- geben, ist ein Zeichen eines angstlichen, nicht konsequenten Moralisten. Eine schwere Siinde wird iiberhaupt nur dann be- gangen, wenn eine freiwillige und iiberlegte Abtvendung von Gott und seinen Satzungen stattfindet. Die Siinde muB vom Gewissen als schwer bezeichnet werden. Der Seelsorger kann wohl helfen bei der Gewissenserforschung, doch ein bestimmtes Urteil kann er nicht abgeben, weil er keine Garantie hat, daB er vom Konfitenten alle erschwerenden und mildernden Um- stande erfahren hat. Der Konfitent wird selbst noch immer besser urteilen, da er den Grad der Willensfreiheit und der Starke der Leidenschaft empfunden hat. Bei intelligenten Kon¬ fitenten tvird dies immer der Fali sein, namentlich wenn fiir einen klaren Religionsunterricht und lichtere Predigten Sorge getragen und nicht mehr in den Predigten peroriert wird, wie z. B.: „Du sagst, Du hast keine Siinde! Du brauchst also nicht zur Beicht zu gehen! Nun zornig, ungeduldig, et\vas hof- fartig bist Du gewiB gewesen. Deine Gedanken und Worte waren auch nicht immer in Ordnung u. s. w.” Die Verantwortung fiir einen unwurdigen Empfang der Kommunion tragt ja der Kommunizierende. Wenn er so ge- wissenlos vvar, zur Kommunion mit unbereuter schwerer Siinde zu gehen, dann wird er auch die Beicht nur pro forma ab- legen. Hat aber jemand die aufrichtige Uberzeugung gehabt, daB er ohne sclnvere Siinde sei, dann tritt er ohnehin wiirdig 200 zum Tische des Herrn und hat das Bekenntnis an der Giltigkeit der Beichte in diesem Sinne nichts geandert, da der Konfitent die Siinde nicht als schwere beichtet und der Priester die Schvvere der Siinde n ur in eklatanten Fallen als schwere konstatieren kann, wo ein normaler Mensch sie ebenfalls als schwer empfindet. Es kann somit manche geben, die, streng genommen, jahrelang nicht verpflichtet sind, zur Beicht zu kommen, wah- rend sie die heil. Kommunion zu Ostern empfangen konnen. Tat- sachlich kann ich sagen, daB namentlich unter den Verhei- rateten in gut christlichen Landern drei Viertel ohne schwere Siinde sind: Fluchworte im Zorne bei den Mannern, Klatsch- sucht bei den Frauen sind die gew6hnlichen Fehler. In der Stadt gibt es auch sehr viele Familien, namentlich aus intelli- genten Kreisen, bei denen keine besonderen Ubertretungen vorkommen. Manche gehen auch deshalb nicht zur Beicht, weil sie sehen, dah doch immer das Gleiehe zum Beichten kommt. Die Leser wissen aus eigener Erfahrung, daB man meistenteils aus verschiedenen Aufregungen und Versuchungen nicht heraus- kommen kann, oder besser gesagt, herauszukommen pflegt. Wir Priester empfangen jedesmal bei der heil. Messe die Kommunion und haben dort, wo mehrere Geistliche sind, viel mehr Gelegenheit, jedesmal vor der heil. Messe zur Beicht ’zu gehen. Warum gehen wir nicht jedesmal vor der heil. [Messe zur Beichte, sondern nur alle acht oder vierzehn Tage, die vvir ja bei den Glaubigen so stark darauf dringen, daB auch sie jedesmal vor der Kommunion zur Beicht gehen? Es ist somit eine Unehrlichkeit nicht nur gegen das Volk, sondern auch gegen die Kirche, wenn wir in der Praxis anders handeln, als es die Theorie verlangt. Ganz anders wiirde sich die Intelligenz dem Kirchengebote gegeniiberstellen, wenn das Gebot richtig beleuchtet wiirde. Die Erfiillung der Oster- pflicht wurde mit keinen Schwierigkeiten verbunden sein, die Beicht an frei gewahlten Tagen des Jahres, wo man gerade disponiert ist, \viirde eine viel gewissenhaftere sein. Man brauchte nicht solange, oft an kalten Tagen, nuchtern warten, bis man an die Reihe gelangt. GroBe Erbauung wurde es 201 hervorrufen, wenn z. B. in der Ivarwoche alle Glaubigen eines Pfarrortes die Seelennahrung empfangen und vor der Kommunion laut die Reue erwecken wiirden. Es ist somit nur ratsam, dafi diejenigen, die lafiliche Siinden haben, zur Beicht kommen, nicht aber notvvendig; diese Tatsache mufi als der VVahrheit entsprechend dem Volke klargelegt werden, ebenso dafi es nirgends vorgeschrieben ist, dafi die jahrliche Beicht der schweren Siinden zu Ostern geschehen miisse. Dafi sogar Moralisten diese Praxis wohl nicht aus moralischen Griinden, sondern aus unbegriindeter, oft fiir das Volk nach- teiliger Angstlichkeit, befurvvorten, dafiir zeugt die Moral- theologie Dr. Mullers Lib. ITI., 5. Aufl., Seite 273. „Hinc com- muniter cum s. Alphonso docent, eum qui mortaliter per annum non peccavit, stricte non teneri ad confessionem. Etenim Ecclesia suo praecepto determinavit solum quoad tempus confessionis peragendae praeceptum divinum, quod non obligat ad confes¬ sionem venialium. Ita in theoria, cujus nec in catechesibus neque in concionibus mentio fiat, si quidem in praxi omnes omnino fideles urgendisunt, ut saltem singulis annis peragant confessionem sacramentalem. Wie herrlich ware die kirchliche Wahrheit, wenn nicht Allzuangst- liche sie mit zentnerschweren Lasten behangen wiirden! „Et quid de iis censeres, qui licet non mortaliter peccasse puta- verint, tamen ad ss. Eucharistiae sacramentum suscipiendum ommissa per annum vel amplius confessione sacramentali acce- dere auderent?” fragt Dr. Miiller weiter. Und was solite man iiber die Moralisten sagen, die einen solchen Unfug mit der Lehre der Kirche treiben? frage ich. — — 2. Was die Achtung vor dem heil. Bufisakrament bei den intelligenteren Glaubigen ganz besonders schmalert, ist die Art des Beichthorens in den Beichtstiihlen. Diese Art pafit in jene Zeit, wo der Burger selbst in den grofiten Stadten draufien vor seinem Hause auf einer holzernen Bank safi und die Pfeife rauchend das Getriebe der Stadt beobachtete. Jetzt ist es anders. Zunachst weifi a) der Konfitent nicht, ob er iiberhaupt einen Beichtvater findet. Er verschiebt die Beicht, weil er nicht 202 mit voller Bestimmtheit weifi, dafi er an einem bestimmten, ihm zur Verfiigung stehenden Tage seine Beicht ablegen kann. fi) Mufi er herumschauen, wo ein Beichtstuhl besetzt ist. Da ware es gut, hineinzugucken, ob nicht ein ihm bekannter Priester darin sitze, zu dem er kein Vertrauen hat. y) Wenn man zum Beichtstuhle hingeht, setzt man sich dem Anblicke samtlicher Kirchenbesucher aus. Da ist es eine bekannte Tatsache, dafi namentlich der Intelligente, der es mit der Beicht ernst nimmt und nicht aus blofier Gewohnheit oder um seine Frommigkeit zu zeigen, wie es oft auf dem Lande geschieht, sondern aus wahrer Frommigkeit zur Beicht geht, sich scheut, im Angesichte vieler Menschen sein Herz zu eroffnen. Die Beicht ist eine Vertrauenssache und liebt die Stille und Einsamkeit, was uberhaupt bei jeder Offenbarung des Herzens notwendig ist. Ich habe noch nie gesehen, einen Geistlichen offentlich zur Beicht zu gehen, so dafi ich sogar sehr alte Leute getroffen habe, die geglaubt haben, der Geistliche gehe iiber- haupt nicht zur Beicht. Wir suchen meistenteils das Zimmer- chen manches gutmiitigen Beichtvaters auf. Es stehen uns auch die Zeit und die Mittel zu Gebote, dafi wir auch in die Ferne zu ihm gehen. Bei dem Laien ist das nicht immer moglich, er bringt es nicht iiber sich, sich in die Gange irgend eines weiten Klosters zu verirren, um die Zelle eines geeigneten Beichtvaters ausfindig zu machen. Wer weifi es ferner, ob der Beichtvater Zeit hat oder uberhaupt zu Hause ist?! d) Die Kirchen sind oft kalt, und die Beichtenden drangen sich vor dem Beichtstuhle zusammen, so dafi man das Knistern der Beichtstuhle hort. Da soli sich' ein besser Gebildeter hinein- wagen! s) Die Art des Beichthorens entspricht nicht der Heilig- keit der Handlung. Wie gerne mochte man ruhig, nicht lispelnd sein Herz ausschiitten, um dieses oder jenes fragen! Doch man ist nicht an den Piuester gewohnt und versteht ihn schwer. Der Priester konnte sich fast das Genick brechen, um den Kopf genugend in die Nahe des Konfitenten zu bringen, damit er ihn halbwegs versteht. Gefahr ist immerhin vorhanden, dafi ein Herumstehender die Beicht belauscht. Oft 203 sprechen auch Priester, ohne dafl sie es \vissen, laut. Ich kenne Priester, von denen ich in einem anderen Beichtstuhle alles gehort habe, was sie gesagt haben. Ist der Konfitent schwer- horig oder auch der Priester, da ereignen sich oft komische Szenen. t) Die Beschaffenheit des Beichtstuhles ist derart, dah er eher allem anderen ahnlich ist, als dem, was er sein soli. Der Priester und der Konfitent befinden sich in einer Zwangsstel- lung, wie in einem Selchkasten, in dem oft von Priestern, noch mehr aber von Konfitenten alle mdglichen Geruche vorkommen, aus denen man oft auf die genossenen Speisen oder Getranke des Priesters und auch der Glaubigen schlieBen kann. Die Gitter selbst sind geschwarzt von verschiedeneii Ausatmungen, die ansteckend wirken konnen. Wie komisch nimmt sich oft der ganze Beichtakt aus, wenn der Konfitent eine ungeschickte Stellung einnimmt und die Nase durch das Gitter hineinsteckt! Ist das alles modern? Ist das der Platz, um sich seinem Herzensfreunde zu offenbaren? 3. Wie werden wir nun das Beichtinstitut gestalten, damit es den Anforderungen entspricht? In jeder grofieren Pfarre haben wir kleine ICirchen und Kapellen, die nur selten im Jahre benutzt werden. Auch in der Stadt gibt es eine grofi e Zahl wenig frequentierter Kirchen. Diese Kirchen und Kapellen werden wir zu Beichthausern oder Konfessionarien umwandeln. Auch fiir weltliche Gerichte gibt es eigene Lokale, warum solite fiir das Beichtgericht kein eigener Platz gefunden werden? Dort \vo es keine derartigen Kirchen geben \vurde, sollten eigene gebaut werden. Auf dem Lande wird es geniigen, wenn zwei oder drei Pfarren oder auch mehrere iiber ein Beichthaus verfiigen! Die Seitenkapellen sowie das Presbyterium einer Kirche konnen etwa durch Holz- verschalungen abgeschlossen und als Beichtlokalitaten benutzt werden. In den grofieren Kirchen sind auch Seitenschiffe leicht in eigene Abteilungen einzuteilen. Nur das Mittelschiff oder iiber- haupt ein Raum soli gleichsam als Warteraum dienen. Der Eingang zur Beichtzelle besteht aus einer Glastiir mit einem Vorhange an der AuBenseite, so daB der Forderung der Kirche nach 204 einem „locus apertus”, einem allen sichtbaren Platz, Geniige geleistet wird. Im Inneren befindet sich ein Sessel fiir den Beichtvater und ein Betschemel oder Knieschemel fiir den Konfitenten. Der Beichtvater soli durch einen Vorhang, der ofters gewaschen werden kann, und bis zu seinem Haupte reicht, von dem Konfitenten getrennt werden. Der Konfitent spricht nicht in das Ohr des Beichtvaters, sondern geradeaus neben dem Ohre desselben, in ungezwungener Stellung. Auberhalb des Beichtzimmers mufi stets die Tafel mit dem Namen des Beichtvaters angebracht werden. Es miissen die Tage bestimmt sein, an denen Beicht ge- hort wird, wie auch die Stunde, z. B. zweimal in der Woche von 6 bis 8 Ufir friih und 6 bis 8 Uhr abends, in der Oster- zeit jeden Tag. Dies gilt fiir die Stadte. Auf dem Lande sollen an bestimmten Tagen des Jahres Beichtvater, denen auch die Pfarrer der Umgebung behilflich sein werden, in den Beicht- hausern Beicht horen. Die Glaubigen haben dabei eine grobe Auswahl der Beichtvater. Hie und da werden auch von den Pfarrern, angesichts der leichten heutigen Verkehrs- mittel, eigene Wallfahrten zu Beichtkapellen veranstaltet werden. Als Beichtvater sind standige Priester fiir zwei oder mehrere Jahre zu bestimmen. Sie sollen sich mehr im vorge- schrittenen Alter befinden und aus den Reihen jener genommen werden, denen die Seelsorge aus irgend einem Grunde zu be- schwerlich ist und die friihzeitig in Pension getreten sind. Die Ordensgeistlichkeit hatte hier ihren schonsten und geeig- netsten Wirkungskreis. Die Ordensgeistlichen, die im Streben nach Vollkommenheit sich den Ordensberuf erwahlt haben, sind am meisten berufen, Seelenarzte zu sein. Die Erhaltung der Beichtvater geschieht auf Kosten des Religionsfonds, da in der Seelsorge weniger Priester benotigt werden, oder wird aus milden Gaben oder aus Stiftungs- und Pensionsertragnissen bestritten. Es ist seibstverstandlich, dafi es jedem freisteht, auch auf die heutige Art zu eigenen Seelsorgern zur Beicht zu gehen. 205 Die Vorteile eben erwahnter Einrichtungen \verden sein, daB die oben geschilderten Nachteile beseitigt werden. Ins- besondere wird folgendes erreicht: a) Jedermann wird wissen, wo und zu welcher Stunde er beichten kann. Er wird sich auch den Beichtvater frei wahlen. (1) Der Konfitent, weil in einer ungezwungenen Stellung, kann ungestort reden und sich mit dem Beichtvater verstandigen. y) Es entfallt das unangenehme Hin- und Herlispeln durch das Gitter. Auch der unzierliche Beichtstuhl wird allmahlich verschwinden. d) Man wird nicht von Umstehenden beobachtet und in seiner Herzensstimmung gestort. s) Das Gedrange zur Osterzeit, welches jede Andacht stort, wird aufhoren. %) Die Bestimmung eigener Beichtvater zumeist aus dem Ordensklerus wird auch die Skrupel derjenigen beseitigen, die bei eventueller Aufhebung des Zolibates nachteilige Folgen bezuglich des BuBsakramentes befiirchten. Es ist noch zu bemerken, daB ein anderer Erziehungs- geist in den theologischen Anstalten auch viel tuchtigere Beicht¬ vater hervorbringen wird, die nicht bloB wie die Automaten die Lossprechungsformel sprechen werden, sondern die auch als Seelenarzte, als liebe Freunde und Troster den Beichtenden entgegenkommen werden. Meine Vorschlage werden allerdings manchem phantastisch erscheinen. Nun wenn ich richtig denke, ohne Vorurteil und mit ungetriibtem Auge, dann ist die heutige Art des Beichthorens noch phantastischer und horrender als meine Vorschlage. Allerdings ziehen noch ganze Massen zum Beichtstuhle, doch leider werden diese Massen desto kleiner, je mehr sie sich der Intelligenz nahern. Man sehe sich die Konfitenten in den Stadten und auf dem Lande an, man zahle sie namentlich in den Stadten und iibertreibe nicht die Zahl der Konfitenten, um sich selbst zu beschonigen, mache eine ernste Betrachtung iiber alle jene Punkte, die ich getadelt habe und nehme die Menschen wie sie sind, nicht wie sie sein sollten, dann schelte man mich einen Phantasten! — — — 206 III. Das Fasten und das offentliche Gebet. Das Fastengebot ist ein kirchliches Gebot. Als solches hatte es einstens eine sehr groBe erziehliche Bedeutung. Die Volkerschaften, welche die Kirche zur Erziehung iibernommen, \varen groblich sinnlich, nur auf die Geniisse bedacht, sie konnten auch eine geistige Macht nicht leicht als solche auf- fassen. Da hat die Kirche das schon bei den Juden iibliche Fasten urgiert, um die Menschen zur Enthaltsamkeit zu er- ziehen, sie fiir das Hohere zu gewinnen und zur Erweisung des Gehorsames gegen die Kirche anzuleiten. Mag die heutige Zeit auch grobe sinnliche Verirrungen zutage fordern, im Durchschnitte ist sie doch vom geistigen Streben nach richtigen oder falschen kulturellen Lebenszielen beseelt. Auch die Re- ligion will heute mehr im Inneren des Herzens geubt, in gei- stiger Weise, in špiritu et veritate, betatigt vverden, wenn auch dieses Streben nicht zum richtigen Erfolge fiihren kann wegen allzu geringer Mithilfe der Diener alier Religionen. Die Kirche hat auch mit diesem Zuge der Zeit gerechnet und hat das im Laufe der Zeit oft geanderte Fastengebot bedeutend be- schrankt und das Fasten erleichtert. Doch gerade durch die Unzahl von Dispensen wurde die Verpflichtung zum Fasten bedeutend erschiittert. Wie eine Regel mit allzuvielen Aus- nahmen fast keine Regel wird, so wird auch das Fastengebot im praktischen Leben der Katholiken fast zu keinem Gebot. Die heutige, mehr oder iveniger intelligente Gesellschaft, die iiber alles mit Recht Rechenschaft verlangt, sieht die Zweck- maBigkeit des Fastens nicht mehr ein. Den Grund, daB ge- fastet \vird, um den Gehorsam gegen die Kirche zu bezeugen, will sie nicht mehr annehmen. Das Gebot kommt ihr vor als der Vogteihut, vor dem die Schweizer die Hiite liiften muBten. Etwas zu tun, was noch hie und da in Klostern geschieht, um bloBen Gehorsam zu beweisen, kann die heutige Zeit mit Recht nicht mehr zulassen. Es ware auch eine ganz falsche pada- gogische Erziehung, wenn ein mameluckischer Gehorsam maB- 207 gebend ware. Solche Erziehung ohne Angabe der Griinde er- zeugt Verachtung und Erbitterung gegen die Erzieher. DaB das Fasten innere Abtotung versinnbilden und aucli erreichen soli, kann fiir die weitaus grofiere Zahl der Glau- bigen nicht als zweckentsprechend bezeiohnet werden, da die heutigen sozialen Verhaltnisse ihnen ein viel strengeres Fasten diktieren als es das štren ge Fastengebot der friiheren Zeiten tat. Man denke an die Entbehrungen der meisten Arbeiter- klassen, oder der Kleinbauern, die sich Tag fiir Tag mit ihrer ganzen Familie manches entziehen miissen, um ein Fortkommen zu finden. Die wohlhabenden Klassen haben keine, oder ihre eigene Religion und kiimmern sich nicht viel um das Fasten¬ gebot und so trifft dieses hauptsachlich diejenigen, die ohnehin das ganze Leben fasten miissen. Die Verpflichtung zum Fasten ist hauptsachlich durch den immensen Verkehr aus dem Gewissen verschwunden. Dieser Verkehr hat so manche alte Einrichtungen und Anschauungen iiber den Haufen geworfen. Tag fiir Tag kommen Menschen verschiedener Anschauungen und verschiedener Konfessionen zusammen, so dali das Besondere in den einzelnen Kon¬ fessionen verschwindet und der Katholik sich nicht durch Beobachtung des Fastengebotes von den iibrigen unterscheiden will. Auch stumpft sich das Pflichtgefuhl durch die Tatsache immer mehr ab, dafi man nicht immer das Fastengebot erfiillen kann. Es ist aber weiters eine bekannte pastorelle Erfahrung: Hat man sich einmal iiber ein Kirchengebot ofters himveg- gesetzt, dann faBt man bald auch die iibrigen Anordnungen der Kirche gleichgiltig auf; so dafi die Folgerung ganz richtig ist, daB die Hbertretung des Fastengebotes — durch die sozialen Verhaltnisse verschuldet — auch einen groBen Schaden fiir die Religion iiberhaupt mit sich bringt. Die heutige Intelligenz setzt sich meistenteils iiber das Fastengebot hin- weg. Es ist auch erklarlich. Man fiihrt eine sitzende Lebens- weise infolge der Berufsstellung und verlangt eine leicht verdauliche zutragliche Nahrung, was bekanntlich die F asten- speisen nicht sind. Selbst Geistliche fiirchten denFreitag. AuBer- 208 dem ist die gewohnliche Fleischnahrung viel billiger als die schwer zu beschaffenden Fastenspeisen. Die Landbevolkerung kommt in die Stadt und sieht wie sich die Stadter um das Fastengebot nieht kiimmern; viele kommen auch zum Militar, \vo zu ihrer Verwunderung kein Freitag respektiert wird und so werden auch diese indifferent. Die Dispens wird einfach nicht verstanden. Ich habe noch nie einen Laien getroffen, der richtig liber das Fastengebot aufgeklart ware. In Karnten und in Siidsteiermark besteht in noch christlichen Hausern die Gewohnheit, dah etwa bis 11 Uhr vormittags an Fast- tagen nichts gegessen wird. Ich kannte Dienstboten, die von 4 Uhr in der Friih bis zum Mittag niichtern arbeiten mufi- ten und die deshalb den Erfinder des Fastengebotes ver- wunschten. Freilich diejenigen, die das Fastengebot auslegen, kennen die tatsachlichen Verhaltnisse nicht und sie empfinden auch nicht die ganze Strenge des Fastengebotes. Neunzig von Hundert wiirden Gott danken, wenn sie solche Kost an allen Tagen des Jahres hatten, wie es die kirchlichen Kreise an Fasttagen haben. Deshalb nehmen wir Riicksicht auf das Volk, belasten wir dessen Gewissen nicht mit unnotigen Ubertretungen, namentlich wenn es sich um etwas Un\vesentliches handelt, um etwas, das doch die Religion nicht im geringsten ausmacht und heutzutage auch keinen besonderen religios erziehlichen Wert mehr wie in den fruheren Zeiten hat. Wir mtissen darum dahin wirken, dafi das strikte Fasten¬ gebot sich nur auf die drei letzten Tage in der Kar- woche und auf den Aschermittwoch erstrecke, mit Be- ziehung auf andere Fasttage aber nicht mehr als Gebot, son- dern als Rat zur Verrichtung eines guten Werkes auf- gefaBt wird. Unter dem offentlichen Gebet verstehe ich hier nicht das Gebet in der Kirche, auch nicht im Privatleben, sonderndas Gebet, welches der Katholik an offentlichen Platzen oder in offentlichen Lokalen, oder in einer groBeren Gesellschaft vor und nach dem Essen, bei Lauten der Glocken etc. nach der Forderung der Kirche verrichten soli. 209 Der Katechismus sagt uns ausdrucklich, daB wir in diesen Fallenbeten sollen und wir Katecheten miissen auch die Schiller dazu anleiten. Doch vir bringen die Erklarung dieser Ver- pflichtung sehr oft so heraus, als ob wir durch das Nicht- beten den Glauben verleugnet hatten, und zitieren die Worte Christi: „Wer mich vor der Welt bekennt, den werde ich auch vor meinem Vater bekennen, der im Himmel ist.” Man vergleiche nur die verschiedenen katechetischen und Predigt- ausfiihrungen! Diese Auslegung ist ganz unrichtig; sie ist ein Zeichen dafiir, wie gedankenlos wir uns in manche Anschauungen hineinverannt haben. Weder das Gebetvor dem Essen noch beim Glockengelaute hat die Bedeutung eines Glaubensbekenntnisses, ven n allerdings aucb indirekt nach auBen die Glaubigkeit sicht- bar wird. Das Gebet ist eine Erhebung des Geistes zu Gott, ein Gesprach mit Gott, kann a] so auch ohne auBere Zeichen verrichtet werden. Zum Gebete, als einer so wichtigen Handlung, die gleich- sam eine Audienz beim lieben Gott darstellt, ist eine bestimmte Fassung und auch eine Umgebung, welche die Andacht nicht stort, notwendig. Es ist klar, daB in einer Gesellschaft, in der sich Leute verschiedener Anschauungen und Konfessionen be- finden, oder auf dem Marktplatze und auf der Gasse, wo ein ununterbrochener larmender Verkehr stattfindet, keine Samm- lung moglich ist, so daB ein Lippengebet, oft nicht einmal das, dem Munde des Betenden entstromt. Was ist damit ge- holfen? Auch Christus betete nicht gerne vor dem Volke, das iibrigens gleiche Konfession hatte wie er, sondern zog sich zuriick in die Einsamkeit; in das Innere des Gartens am 01- berge nahm er nicht einmal seine Lieblingsapostel mit. Es gehort auch zur modernen Hoflichkeit, daB man unter- laBt, was nicht unbedingt notwendig ist und wodurch man andere provoziert. — Das Gebet vor dem Essen und beim Glockengelaute, erst spater eingefubrt, gehort ebenfalls nicht zu den speziellen Geboten der Kirche, sondern zum frommen Brauch der Glaubigen, \velcher Brauch sehr erbauend war, so- lange noch alle eines Sinnes waren. Solange wir in der Schule noch die allgemeine Praxis befolgen und das Gebet bei genannten Anlassen einscharfen Vogrinec, nostra culpa. 14 210 und solange auch der Katechismus dies verlangt, ist es aller- dings unsere Pflicht, auch selbst diese Praxis zu befolgen und sich nicht etwa mit unserer Lehre in Widerspruch zu setzen. Da hat einstens ein Schulinspektor sehr konsequent padagogisch gehandelt. Bei einer groBeren Jagd, an der sehr viele illustre Gaste, darunter auch der Schulinspektor, teilnahmen, wurden Schulknaben als Treiber verwendet. Als Jager und Treiber das Mittagmahl erhielten, betete der Schulinspektor allenHerren vor, wodurch er die Kinder sehr erbaute. Doch gerade dadurch, dah der Schiller in der Schule zu etwas angeleitet wird, was er im wirklichen Leben nicht aus- gefiihrt und befolgt sieht, wird der Zwiespalt in sein Herz getragen; er verwirft bald auch die iibrigen religiosen Grundsatze. Kein verniinftiger Mensch kann aber anderseits sagen, dah es der Kirche in Anbetracht der heutigen Stromungen gelingen wird, die Menschen dazu zu bringen, dah sie auf der Gasse, in der Gesellschaft etc. beten werden. Sie kann es so- weit bringen, dah die Mehrzahl der Menschen wieder die eigent- lichen Kirchengebote erfiillt, doch nicht, daB sie alte Brauche, die ihnen aus mehr als einem Grunde unzweckmaBig erscheinen, wieder annehmen. Es ergibt sich hieraus die Folgerung, daB \vir anstreben miissen, die schone Sitte des gemeinsamen Ge- betes oder auch des Gebetes fiir sich in der Familie und in gleichgesinnten Kreisen beizubehalten, daB wir aber auf offent- lichen Platzen, in der Gesellschaft vieler das Gebet unterlassen kbnnen. Es ware auch durchaus nicht pietatlos, wenn in den Stadten das feierliche Versehengehenaufgegebenwiirde. Dadurch verkennen wir keineswegs unseren Glauben, sondern wir ver- hindern viele Unehrerbietigkeiten und Argernisse. Wie sorg- faltig die ersten Christen jede Profanation verhiiteten! Es dauerte lange, bis man die Katechumenen erst in die Geheim- nisse des Altarssakramentes einweihte. Sie betrachteten das Sakrament als einen kostbaren Schatz, den sie in einem eigenen Hauschen verborgen hielten und auBerst selten den Glaubigen zeigten! Der gottliche Heiland hat sich auch iiberall zuriick- gezogen und aufgetragen, man solle seine Wunderwerke nicht 211 zu viel ausposaunen. Heutzutage mehren sich Klagen wegen Religionsstorung in erschreckender Weise. Aus meiner Nach- barschaft kamen gleich zwei vor das Landesgericht. Von der Zukunft haben wir nichts besseres zu erwarten, da ja den priesterlichen Lesern die Entscheidungen des obersten Gerichts- hofes beziiglich der Reverenz gegeniiber dem Altarssakramente bekannt sind. IV. Der Kirchengesang und der religiose Volksgesang. Die Wichtiglceit des Kirchengesanges wird zwar in der Theorie hervorgehoben, und derselbe wird auch dureh Cacilien- vereine halbwegs gefordert. DaB aber ein wirklieh wixrdiger Gesang eingefiihrt wiirde, dafiir werden die notwendigen Be- dingungen nicht gestellt. Deshalb bemerken wir die Erscheinung, daB manche Ciicilienvereine dureh drei Jahrzehnte arbeiten und doch verschwindend wenig erreichen. Es geht zwar weiter, jedoch so langsam, daB ein Riickfall in die alte Lethargie stets zu befiirchten ist. Man gehe doch dureh Karaten, Steier- mark und andere katholische Lander und erkundige sich nach dem Chorgesang: ein schreckliches Resultat wird sich da er- geben. Man wird herrliche Altare finden, die tausende von Gulden gekostet haben, herrliche Paramente und kostbare Kelche, doch auf dem Chore eine unbeschreibliche Vernachlassigung des Gesanges. Es ist zwar viel leichter, um das bloBe Geld derlei Gegenstande anzuschaffen, als die groBe Miihe der Einfuhrung eines wurdigen Kirchengesanges anzuwenden. Und doch ist ein guter Gesang bei einfacher Kircheneinrichtung bei weitem zur Erbauung wertvoller, als ein schlechter Gesang bei schoner Kircheneinrichtung. Der Gesang ist ein Bestandteil des Gottesdienstes, und zwar ein lebendiger Bestandteil, indem er wie z. B. bei den Hochamtern einen leil der MeBgebete im Namen des Volkes in melodischer Form vortragt. Ein frommer Gesang ist auch besser als ein Gebet, weil er in intensiverer Form die religiosen Gefiihle ver- dolmetscht. Will der Mensch irgendwelche Gefiihle auf beson- dere Weise zum Ausdruck bringen, so kleidet er sie, wenn er 11* 212 eine hohere Befahigung besitzt, nicht in einfache Worte, sondern in die Gedichtform und tragt sie im Gesange vor. Deshalb lege ich bei allen Unterrichtsanstalten auf religiosen Gesang so viel Wert. Wenn man in eine Kirche kommt, dann weiB man auch beilaufig, was man vom Seelsorger zu halten hat. Ist die Kirche unrein und herabgekommen, dann ist der Seelsorger samt der Pfarrgemeinde sehr nachlassig. Ist sie herrlich eingerichtet und rein gehalten, dann kann man sagen, der Pfarrer und die Gemeinde haben Freude an ihrer Kirche. Ist der Gesang schlecht, dann kann man immer auf geringe Bildung des Seel- sorgers schlieBen. Es ist nicht notwendig, daB Gott wei6 ivelche schwierige Messen aufgefiihrt werden. Das schlichteste Lied ist geniigend zur Erbauung fiir jedermann, wenn es gut und fromm vorgetragen wird. Doch was pflegt man bei uns zu finden? Da sitzt ein Seelsorger 20 bis 30 Jahre in einer Pfarre, iiberlaBt den Gesang durch alle diese Jahre der Leitung des Orga- nisten, der jahraus jahrein dasselbe herableiert, manchmal nicht einmal liber irgendwelche Noten verfugt. Alle Achtung vor einem Tischler, Schneider oder dergleichen, doch daB man ihm die ganze Sorge fiir den Kirchengesang iiberlaBt, ist gleichbedeutend mit dem, wenn ich einem schlichten Maurer den Bau einer Kirche anvertrauen wiirde. In unserer Diozese und auch in der Nach- barschaft besorgen den Organistendienst meistenteils Professio- nisten, die irgendwo ein paar Akkorde anzuschlagen erlernten. Es dominieren auf dem Chore durch Jahrzehnte die gleichen Sangerinnen, die nicht immer in bestem Rufe stehen. Kommt ein junger Kaplan, dem ein wiirdiger Gesang am Herzen liegt, und sucht dem Organisten naehzuhelfen, so kann er vom selbst- bewuBten Organisten bald mit den Worten zuriickgewiesen werden: „Der Chor geht nur mich an, kiimmern Sie sich um Ihre Sachen.” Kein Wunder, daB die Intelligenz keine Freude an dem Gottesdienste findet, wo alles — sit venia verbo — hand- iverksmaBig geschieht. Sogar manche Markte machen dies- bezuglich keine Ausnahme. In Tirol ist der Kirchengesang besser, wenn auch hier fast ausschlieBlich der lateinische domi- niert. Der Gesang ist hier besser, weil ihn eben der Lehrer 213 uberall leiten muB. Trotzdem werden hie und da lustige Messen, die in der Zeit, als noch das Verstandnis fiir echt kirchlichen Gesang fehlte, entstanden sind, und die sich auf die Nachfolger vererbt haben, aufgefiihrt und mit Trompeten- geschmetter begleitet, als ob eine Zirkusvorstellung stattfinden wiirde. Hier in meiner Umgebung ist es Sitte, daB der Organist wahrend des heiligen Mefiopfers Piecen aus verschiedenen Marschen und Tanzstiicken, und zwar gerade die prickelndsten, aufspielt. Beliebt sind aber namentlich die Melodien der Karntner Gstanzln. „Wie der Auerhahn balzt” kann man in der Kirche horen. Der Geistliche kiimmert sich nicht um den Ge¬ sang und so geschehen unglaubliche Dinge. Ich predigte in einer Wallfahrtskirche, \vorauf bei der Messe der elendeste Gesang mit einem Potpourri der Karntnerlieder als Zvvischen- spiel aufgefiihrt wurde. Welche desolatio in templo Domini! Ich weiB nicht, ob der gottliche Heiland, wenn er in Menschengestalt erschiene, zuerst den Geistlichen oder den Gesangschor aus der Kirche hinausjagen \viirde. Es ist wahr, daB in dem groBten Teile, z. B. unserer Diozese, sich das nicht mehr vorfindet, es ist aber ein Škandal, daB so etwas auch nur in einzelnen Fallen noch immer geschieht. Geschehen grobliche Verletzungen des Anstandes irgendwo in der Welt, dann ist die ganze Welt dariiber aufgebracht; unsere Kirchen- vertreter stehen gleichgiltig derartigen Profanationen gegen- iiber. Bei den Slovenen war fast bis in die jungste Zeit nur das Orgelbuch von Tribnik eingefiihrt und die mir voz’liegende Ausgabe datiert ab 1885, also nicht aus einer langst vergangenen Zeit. In sehr vielen Liedern erkennen wir Melodien weltlicher, meistenteils erotischer Lieder. Ich bin in der Lage ganz ge- nauen Beweis dafiir zu liefern, verzichte aber auf die Beweis- fiihrung in dieser Schrift, um nicht weitlaufig zu zverden. Die meisten Lieder, sogar das Tantum ergo erinnern an verschie- dene Tanzstiicke. Dieses Buch ist oft das einzige, in den Handen des Organisten befindliche Buch, das von Kirche zu Kirche wandert. Diese Lieder sollen schon sein! Sie gehen ins Gehor! Die neuen, mehr im kirchlichen Geiste gehaltenen 214 Lieder, wie solche in allerneuester Zeit bei den Slovenen immer mehr herausgegeben werden, sind zu langweilig. Der Organist wird desto mehr geriihmt, je mehr er die Ohren kitzeln kann. Diese \veltlichen Lieder gehen auch zu Herzen, wo sie aber nicht fromme, sondern erotische Ge- fiihle erwecken, die nach der Messe auf dem Tanzboden zum Ausdrucke kommen. Bei den Spartanern durfte die Lyra nicht zu viele Saiten haben, um nicht durch eine zu iippige Musik das Volk zu entnerven und ihnen die Tapferkeit zu benehmen. Und bei uns ist eine solche desolatio in templo Domini mog- lich! Die \venigsten Seelsorger kummern sich um den Gesang. Einige bemiihen sich wohl, opfern vieles, aber sie verlassen die Pfarre und der Nachfolger nimmt sich nicht die Muhe. weiter den Gesang zu pflegen. In dem Visitationsbogen wird nur gefragt, \vie der Gesang beschaffen ist, wahrend sich der Visitator \veiter gar nicht kummert, wie und was gesungen wird. Das Gutachten des Pfarrers geniigt, der sich natiirlich selbst kein nachteiliges Zeugnis ausstellen wird! Ubrigens werden bei der Visitation Sanger aus der Umgebung zusammen- getrommelt, die das wahre Bild verdecken. Und so wursteln wir fort in den meisten Diozesen! Wenn die kirchlichen Behorden es nicht bloB beim guten Rat belassen \vollen, sondern auch einen tatsachlich wiirdigen Gesang in allen Kirchen ohne Ausnahme, und zwar je nach Leistungsfahigkeit der einzelnen Pfarren, einen mit mehr oder weniger Kunst vorgetragenen Gesang erreichen wollen, dann miissen nach meiner Meinung folgende Bedingungen erfiillt \verden : 1. DaB der Kirchengesang von einem Teile der Theologen, namlich denjenigen, die die Kirchengeschichte mit den Neben- fachern wahlen werden, wissenschaftlich und bis zur relativen Erschopfung gepflegt wird, wodurch sehr viele Priester in die Seelsorge kommen werden, die mit groBem Verstandnis an der Restauration des Gesanges arbeiten und auch den Nachbarn mit Rat und Tat an die Hand gehen werden. Jeder Seel¬ sorger ohne Ausnahme mufi soviel vom Gesang verstehen, daB er die einfachen Lieder des Religionslehrbuches fur die 215 Volksschulen auf der Violine spielen kann. Den Theologen miissen auch gute, leichte, im kirohlichen Geiste ge- schriebene Messen vorgefiihrt und erklart werden, so daB sie ahnliche Messen auch in der Seelsorge auffiihren konnen. 2. DaB der Seelsorger auch fiir Noten sorge und auf die schwachen Landorganisten, denen ein Verstandnis fiir guten kirchlichen Gesang infolge Mangels an Intelligenz abgeht, er- ziehend einwirke, sie von Jahr zu Jahr, von Quartal zu Quar- tal zur Einiibung neuer Lieder und Messen ansporne. Wenn nur jedes Jahr eine einstimmige Messe einstudiert \viirde, so ware hinreichend viel gewonnen. Und dies kann doch der sclrvvachste Organist zustande bringen, namentlich wenn der Geistliche bei der Einiibung der Sanger behilflich ist. Der Einwurf, die Organisten sind zu schlecht besoldet, um besseres zu leisten, ist nichtig. Denn jeder Seelsorger wird auf Grund der Gesetze die Gemeinde soweit bringen, daB der Organist in armeren kleinen Pfarren auf dem Lande 160 bis 200išTfixen Gehalt bezieht. Dies ist geniigend, da doch von dem Land¬ organisten keine Kunstfertigkeit verlangt wird, deshalb das Orgelspiel keinen eigenen Beruf erfordermkann. Bei ihm ist es genugend, daB er sich von Fali zu Fali im Begleiten leichter Gesangsstiicke einiibt. Die hohere Leitung steht aber laut Voraussetzung ohnehin dem Geistlichen zu. Es ist nur zu begriiBen, wenn der Lehrer Chorregent ist und wenn er Freude am Kirchengesange hat. DaB sich aber die Lehrer heutzutage vom Organistendienste immer mehr zuriickziehen, sowohl aus anderen als auch aus diesem Grunde, weil sie sich in der kurzen Studienzeit keine Eignung enverben konnen, ist Tatsache. Diejenigen, die meinen, daB in der nachsten Zeit wieder der Lehrer fiir den Chorgesang ge\vonnen wird, und zwar auf gesetzlichem Wege, die kennen die Ver- hiiltnisse nicht. Sie tauschen sich! Das Notensehreiben kann dureh einen Vervielfiiltigungs- apparat besorgt werden. Ich benutze das „Non plus ultra Papier, zu bekommen bei Schilbers, Wien, I. WallnerstraBe 1, ein Dutzend Quartbogen zu 6 K. Die Noten sind nur einmal 216 zu schreiben und die Notenlinien auszuziehen und so kann jede Seite des Papieres bis 80 Exemplare liefern. 3. DaG der Gesang genau visitiert wird, wobei man sich ausdriicklich um das Repertoire etc. erkundige, und daG von Jahr zu Jahr die Fortschritte verzeichnet werden. 4. DaG in den Diozesanverlagsbuchhandlungen die vom Cacilienvereine vorgeschlagenen Musikalien aufliegen. Die armeren Kirehen sollen aus eigenem Fonde ihre Musikalien beziehen. Der Gesang ist iibrigens so \vichtig, daG jede Kirchengemeinde gerne das Wenige beisteuern soli. 5. MuG einmal festgestellt werden, daG bei Hochamtern nur das Ordinarium Missae zu singen ist. Ich habe fiir den Gottesdienst verlangt, daG er verstanden wird, um nieht als ein Schauspiel ohne Gehalt zu erscheinen. Das Volk so- weit zu bringen, daG es den auf jedes Fest fallenden Introitus etc. verstehe, wird uns auch nicht gelingen. Das Ordinarium Missae, das Kyrie, Gloria, Čredo, Sanctus, Benedictus und Agnus kann aber sehr leicht zum Verstandnis der Glaubigen gebracht werden, da die kiirzeren Teile, wie Kyrie, Sanctus, Benedictus und Agnus, zum Teile auch Gloria und Čredo, schon ohnehin bekannt sind und da ich ja fiir die Volksschule die Forderung gestellt habe, daG daselbst der lateinische Text des Ordinariums erklart und ein Choralmodus der lateinischen Messe gesungen werde, damit so der lateinische Gesang in Fleisch und Blut der Glaubigen iibergehe. Diese Choralmesse soli ofters, etwa an Quatembersonntagen von allen, die sie bereits kennen, gesungen werden. - Man wird zu diesem Vor- schlag lacheln! Doch wer das leichtfafiliche Gedachtnis der Jugend kennt und beriicksichtigt, daG in der Mehrzahl einer den anderen unterstiitzt, wird es nicht unausfiihrbar finden, daG die Kinder der oberen Klassen flieBend die beziigliche Choralmesse singen werden. Je mehr sich dieser Brauch in das Volk einleben \vird, desto gelaufigei’, wird der Gesang. DaG Introitus, Graduale etc., wie es z. B. unser Direktorium verlangt, gesungen werden soli, ist ein Zeichen, daG man die Ver- haltnisse nicht kennt, oder daG man so sehr in den Romanis- mus, worunter ich die Sucht verstehe, jede noch so sehr den 217 Verhaltnissen nicht entsprechende romische Einfiihrung anzu- nehmen, eingebohrt ist, daB man fiir die wirklichen Verhalt- nisse ganz blind ist. Dreifiig Jahre arbeitet schon der Cacilienverein in Karnten und keine einzige Kirche in Karnten, auBer etwa der Domkircbe kann sagen, sie habe das ganze Jahr liturgisch ge- sungen. Hie und da geschieht es wohl, daB an manchen Fest- tagen die liturgischen Regeln, allerdings nicht beziiglich der Qualitat des Gesanges, sondern der Quantitat genau be- achtet werden. Doch das kommt schon so seltsam und selten vor, daB man in den Zeitungen publiziert, daB wieder einmal kirchlich gesungen wurde. DaB dies an allen Festtagen, bei allen Requiemamtern etc. geschehen ware, dessen kann sich kein Chor riihmen. Anderswo diirfte auch das gleiche stattfinden. An manchen Orten wird Introitus, Graduale etc. gesungen, dafiir aber das Gloria und das Čredo fleiBig gekiirzt. Da haben wir’s! Die Einwendung, daB auch der Gesang in der Landes- sprache nicht verstanden werde, daB zum lateinischen Gesang somit das Verstandnis nicht ganz notwendig sei, ist hinfallig. Wenn auch nicht beim deutschen Gesang der ganze Kontext verstanden wird, so versteht man doch manche Satze und Worte, auBerdem bewegt sich der Gesang in bekannt klingen- den Lauten. Es stort uns namlich, wenn in einer Gesellschaft oder z. B. in einem Coupe der Eisenbahn jemand eine Sprache spricht, die wir nicht verstehen. Wie fremd klingen uns die Worte! Freudig sind wir wiederum gestimmt, wenn wir die Laute unserer Muttersprache vernehmen. Werden Opern in den Theatern in einer fremden Sprache aufgefiihrt, so gibt man den Besuchern wenigstens die beziigliche Ubersetzung in die Hande, auBerdem sind den Besuchern die Laute der fremden Sprache mehr oder weniger bekannt. Gesetzt den Fali, daB die Forderung nach einem voll- standigen Gesange, wie ihn Rom verlangt, auch iiberall durch- fiihrbar ware, dann stoBen wir auf andere Schwierigkeiten. Der Gottesdienst dauert dann zu lang, zwei bis drei Stunden! Die Leute auf dem Lande haben weit in die Kirche, die in 218 der Stadt sind mit Geschaften uberladen und miissen nament- lich Sonntags mit der Zeit kargen. Die Erfahrung bestatigt es. Als ein Gebirgspfarrer in seiner Pfarre einen quantitativ ganz liturgiscben Gesang eingefiihrt hat, da war die Folge, daB seine Pfarrinsassen in die Nachbarpfarre in die Kirche gingen, weil sie auf diese Weise trotzdem eine halbe Stunde gewannen, ferner brauchten sie nicht mitten im Winter durch fast drei Stunden die Kalte der Kirche auszuhalten. Bekannt- licb ist auch in der Stadt wahrend des Hochamtes, wenn der liturgische Gesang anfgefiihrt wird, die Kirche leer. Man sei doch nicht 'blind und verlange nicht das, was sich durch die tagliche Erfahrung als unpraktisch herausgestellt hat! Ich glaube hiermit genug die Notwendigkeit der Be- schrankung des lateinischen Gesanges auf das blofie Ordinarium Missae bewiesen zu haben. Warum ich den lateinischen Gesang und unter welcher Bedingung fordere, habe ich schon bei Be- sprechung der Liturgie hervorgehoben. Es ware lacherlich, wenn der Priester das Lobgebet mit „Gloria in excelsis” oder den Glauben mit „Gredo in unum Deum” anstimmen, und der Chor etwas ganz anderes und in einer anderen Sprache fort- fahren wiirde. Dies widerspricht jeder Asthetik, welche die Liturgie unbedingt beobachten mufi. Wie notwendig und erklarlich der lateinische Gesang bei den Hochamtern ist, in denen der Priester singt, so not- wendig und naturlich ist der religiose Volksgesang bei allen ubrigen Verrichtungen, bei denen man zu singen pflegt, somit auch bei den sogenannten Segenmessen. Das Volk denkt und fiihlt in seiner Sprache, deshalb soli ihm auch die Gelegenheit geboten werden, in seiner Sprache auf eine erhabenere Art Gott die Ehre zu geben, d. h. in seiner Sprache zu singen. Uber den Wert des religiosen Ge¬ sanges habe ich mich ausgesprochen, als ich uber die Pflege desselben in den Volksschulen sprach. Der Volksgesang in der Kirche hat einen grofien erziehlichen Wert. Das Lied wird aus der Kirche in das gewohnliche Leben hinausgetragen, reinigt die Herzen der Menschen und erhebt sie zu Gott. In Freud und Leid erfiillt es seinen Zweck. Wo 219 das religiose Lied bliiht, dort steht es noch gut mit dem Volk, wo dieses Lied verschwunden ist, ist auch manches andere verschwunden. In heiteren Tagen bemiiht sich jedermann irgend eine Melodie zu singen; fallt einem die Melodie des religiosen Liedes ein, da werden auch die religiosen Gefiihle, vermittelt durch den Inhalt des Liedes, wach. Wie erbauend ist ein religioser Volksgesang! Ich erinnere mich noch, wie ich als Knabe einen alten Herrn am Sylvesterabend begeistert das „Grofier Gott” singen horte. Der Mann ist gestorben; ich aber sehe ihn noch in seiner Begeisterung! Es ist bezeichnend genug, daB vor einigen Jahren der angesehenste Mann einer Partei, ein Laie, die Theologen in Tirol auf den Wert des religiosen Gesanges, namentlich der herrlichen Marienlieder etc. aufmerksam machte. Er erzahlte, \vie sich oft Kinder Andersdenkender zu den Maiandachten vordrangten, um mitsingen zu konnen. Seine Worte scheinen gewirkt zu haben; denn man gab daselbst bereits ein Gesangs- buch heraus. Man bilde sich nun sein Urteil iiber die immer groBeren Bemiihungen der kirchlichen Kreise, sogar Litaneien, diese Bittgebete der Glaubigen, sowie das „GroGer Gott” und die Segenlieder lateinisch singen zu lassen! Sonst betet man die Litaneien in der Landessprache: gesungen werden sie lateinisch. Im Mittelalter lernte man sogar den Katechismus durch eine Zeit lateinisch und die Laienbriider und Klosterfrauen beten die vollkommene Reue noch jetzt lateinisch, um darauf deutsch zu beichten. Zeigt dies von irgend welcher Einsicht, wie reli¬ gioser Sinn nnd Frommigkeit gefordert sein sollten! Das Resultat meiner vorhergehenden Ausfiihrungen soli somit sein: 1. Der Vortrag des ,,0rdinarium Missae ge- schehe wahrend des Hochamtes in der lateinischen Sprache, 2. In allen iibrigen Fallen miisse der reli¬ giose Volksgesang gepflegt werden. 220 V. Wurdige Feier des Gottesdienstes. Wenn unser Gottesdienst nicht das ware, was der Glaube uns lehrt, sondern gleichen Motiven entspringen wurde, wie etwa der heidnische Gottesdienst, so mutSte der Gottesdienst trotzdem mit der moglichsten Wiirde gefeiert werden. Von den heidnischen Priestern wird erzahlt, dafi sie samt dem Volk eine so feierliche Wiirde beobachteten, so stili sich verhielten, daB man glaubte, niemand sei anwesend. Bei uns fehlt es leider an sehr vielen Orten, namentlich in mehr abgelegenen Orten, aber auch in der Stadt an der notigen Wurde. Viele Priester setzen sich liber die einfachsten asthetischen Regeln hinweg. Es ware noch nicht so arg, wenn sie sich wie eine gut funktionierende Maschine benehmen wiirden. Wir Priester sind zwar auch Menschen, bei denen nicht alles glatt abgehen kann, doch es sind gewisse Grenzen, die man nicht iiber- schreiten darf. Da singt einer die Messe nachlassig und ohne Vorbereitung, als handelte es sich um die Orgien des Bacchus. Der andere macht mit den Planden die sonderbarsten Gesten, \vieder ein anderer zelebriert „stramm”, um in den Ruf 'des schnellen Messelesens zu gelangen. Die Worte flieBen oft da- hin, ivie ein Steingerolle, um am Schlufl mit plbtzlichen Ge- polterlauten in den FluB zu stiirzen, wo sich die Gebete lispelnd weiterbewegen. Bald fangt man sich zu schneuzen an oder seitwarts zu spucken, fhdert die Ministranten, dann wieder die Versammelten oder die Sanger auf dem Chore. Man betrachtet sich in der Kirche nicht als Diener des Allmachtigen, sondern als ob alles seinetwegen da ware. Ich will das traurige Bild nicht weiter ausfiihren, namentlich nicht beziiglich der Predigt, mit der die lacherlichsten Posituren verbunden werden. Der zu wenig vertiefte Glaube und der Mangel der Kenntnis der hohen Be- deutung des Gottesdienstes, sowie die mangelhafte Inspektion, welche den Priester auf die Ungebuhrlichkeiten aufmerksam machen wiirde, verschulden derartige Zustande. 221 Die Gleichgiltigkeit des Priesters geht auch auf die Mesner iiber. Weh’ dem Priester, der mit einem Mesner zu tun bekommt, der Jahrzehnte lang unter dem Vorganger desselben nach seiner Willkiir in der Kirche gewirtschaftet hat! Der Priester soli stets erziehend auf den Mesner einwirken und ihm namentlich kein indezentes Benehmen in der Kirche er- lauben. Der Visitator wird sich nicht begnugen, daB der Pfarrer allgemein den Mesner qualifiziert, sondern er wird' sich bei unvorhergesehenem Eintreffen selbst uberzeugen, ob er den Anforderungen entspricht. Auch soli nicht der Nachstbeste als Mesner angestellt werden, sondern wirklich geeignete Personen, denen man ganz genaue Vorschriften in die Hand gibt, welche die Mesner auch ivissen miissen. Der Gerichtsdiener, der Totenbeschauer, der Bahnwachter mufi seine PriifUng ablegen, so soli auch der Mesner vor dem Dechant eine kleine Befahigungspriifung ab¬ legen. Die wiirdige Feier des Gottesdienstes erbaut, die nach- lassige erregt Argernis und HaB gegen die Priesterschaft. VI. Der Zolibat. Ich will nun das unangenehmste Kapitel des Buches be- handeln, namlich den Zolibat. Es ist ein unangenehmes Kapitel, weil man wegen der Behandlung desselben auf Anrempelungen von allen Seiten gefaGt sein muB und weil es den Anschein erwecken kann, man wolle sich den Schmahern des ohnehin bedauernswerten Klerus anschlieBen und nicht vielmehr das kirchliche Gebot des Zolibates selbst einer Besprechung unter- ziehen. Die daraus entstehenden Verdachtigungen werden mich nicht so sehr betriiben, wie mich gerade rnanche Ubertretungen des Zolibates in den Priesterkreisen betriibt gemacht haben, indem sie meinen Stand dem Gespotte des Volkes auslieferten. Wer meine friiheren Kapitel liest, wird auch den Geist ver- stehen, in welchem ich dieses Kapitel schreibe. Der Zolibat besteht darin, daB in der lateinischen Kirche die Priester ehelos und natiirlich auch enthaltsam leben miissen. 222 Ein Priester hat zum allgemeinen Staunen in einer Gesellschaft behauptet, die Kirche dringe nur auf die Ehelosigkeit, nicht aber auf die Enthaltsamkeit der Priester. Gott bewahre, dafi ich an- nehmen wiirde, daB es noch einen zweiten Priester gebe, der sich getraute eine solche Theorie zu vertreten, obwohl ich nicht leugne, daB es eine bedeutende Anzahl Priester gibt, die in der Offentlich- keit fiir die Ehelosigkeit der Priester sind, jedoch fiir das gele- gentliche Ubertreten des Gebotes namentlich in den jiingeren Jahren gleich die Entschuldigung finden: Homines sumus! Irren ist menschlich. Die haben keinen Begriff von ihrem Beruf! Ge- dankenlos arbeiten sie im Weinberge des Herrn und richten oft mehr Schaden an als sie Nutzen stiften! Auf derlei An- schauungen will ich nicht reflektieren! Der Zolibat ist kein Dogma, das keine Diskussion zulieBe, sondern ein rein kirchliches Gebot. Das Konzil von Trient sagt zwar: S. qu. d., clericos in sacris ordinibus constitutos vel regulares castitatem solemniter professos posse matrimonium contrahere, contractumque validum esse, non obstante lege ecclesiastica vel voto, a. s. sess. 24. can. q. Das Anathem richtet sich gegen die Reformatoren, nicht gegen die Gegner des Zolibates. Die Reformatoren behaupteten die Giltigkeit der Ehe der Kleriker ohne Riicksicht auf das kirch- liche Zolibatsgesetz. Es fallt mir gar nicht ein, so etwas zu behaupten, da sogar unser Staat die Giltigkeit derartiger Ehen nicht anerkennt. Ich will nur die Grunde untersuchen, die den Zolibat als notwendig erweisen und wieder die Grunde, die fiir die Aufhebung desselben plaidieren und abwagen, welche Griinde machtiger sind. 1. Der Zolibat in der lateinischen Kirche kann sich ent- weder bloB auf die Einfiihrung desselben im christlichen Alter- tum oder sowohl auf die Einfiihrung im Altertum als auch auf jetzt noch bestehende Grunde stiitzen. Anderseits kann in der griechischen Kirche die Zulassung der Ehe der Priester sich ebenfalls auf die Zulassung seit jeher oder sowohl auf diesen alten Bi-auch als auch auf noch jetzt bestehende Griinde stiitzen. Bekanntlich hat sich nun die abendlandische Kirche mit der griechischen uniert und wir haben alle den gleichen Glauben. 223 Bei dieser Union hat die abendlandische Kirche dem orienta- lischen Klerus die Ehe konzediert. Welche Griinde haben die abendlandlische Kirche zu dieser Konzession bewogen? Wenn der alte Brauch der griechischen Kirche der Beweggrund der Zulassung war, dann sind die Griinde der abendlandischen Kirche doch nicht so gewichtig und zwingend, dah der Zolibat als ein durchaus notwendiges Postulat der abendlandischen Kirche aufgefaBt wird; denn wo zwingende und gewichtige Griinde vorhanden sind, dort wird man nie einen gegenteiligen Brauch tole- rieren. Wenn andere Griinde in der griechischen Kirche die abendlandische zur Zulassung bewogen haben, so waren die Griinde fiir Zulassung der Ehe wenigstens ebenso ge- wichtigwie fiir dieEinfiihrung respektiveBeibehaltung des Zolibates, woraus wieder folgt, daB die Griinde fiir den Zolibat doch nicht so gewichtig und zwingend sind, dafi sie denselben notwendig erforderten. Dies beweist somit der Vorgang der Kirche bei der Union der lateinischen mit einem Teile der griechischen Kirche. 2. Die Griinde, welche die lateinische Kirche fiir die Beibehaltung des Zolibates anfiihrt, sind durchaus nicht so iiberzeugend, daB sie den Zolibat fiir alle Zeiten motivierten, vielfach auch gar nicht wahr. Zunachst kann man nicht mit voller Bestimmtheit nach- weisen, daB die Forderung des Zolibates von allem Anfange eine wesentliche Forderung der Kirche und nicht vielmehr ein guter Rat war, der angesichts der herrschenden Ver- haltnisse besonders urgiert wurde. Da waren die Verhalt- nisse der Kirche ganz andere. Der Priester st and dem Heiden- tum gegeniiber, war nicht so sehr Hirte bereits getaufter, fiir das Christentum gewonnener Menschen, besaB keine defi- nitive Stellung, sondern war eher Fischer der Menschenseelen, der darauf gefaBt sein muBte, jeden Augenblick in die ver- schiedensten Teile, zu den verschiedensten Volkern auf Fang ausgeschickt zu werden. Er war in der Gefahr, jeden Augen¬ blick seinen Kopf zu verlieren und seine Familie brot- und trostlos zu machen. Wiihrend eines 300jahrigen geistigen und 224 blutigen Krieges zwischen Christentum und Heidentum diirften die christlichen Glaubensoffiziere an keine Heirat denken, wie auch heute wahrend einer Kriegszeit keinem Offizier die Hei¬ rat erlaubt wird. Heute leben wir aber in einer huma- neren, bereits vom Christentum erleuchteten Zeit, wo doch niemand wegen anderer Anschauungen in das Jenseits be- fordert 'vvird. Auch wir Priester geniefien die Vorteile dieser Zeit; somit ist die Forderung des Zolibates in dieser Bezie- hung durchaus nicht so motiviert wie in der alten Zeit. Die Berufung auf Christus und die Apostel, dali sie unvermahlt waren, ist ungeschickt, um nicht zu sagen irreligios. „Wer von euch kann mich einer Sun de zeihen” h at er ausgerufen! Er konnte auch 40 Tage lang fasten. Es sollen die Zolibats- freunde dies einmal probieren! Die Apostel waren nicht alle unvermahlt. Maria war vermahlt, damit sie eine Stiitze im Leben hatte. Auch der Geistliche braucht eine „Gehilfin”! Hauptsachlich beruft man sich jedoch auf denUmstand, dali vollige Enthaltsamkeit, d. i. die Jungfraulichkeit besser ist als der Ehestand, und dali man im zolibataren Stande leichter und besser Gott dienen kann, als im Ehestande. Namentlich der Priester soli diesen Grundsatz befolgen und ehelos bleiben. Man stiitzt sich auf den Apostel Paulus, I. Kor., 7: „Ich wiinsche, dali ihr ohne Sorge waret. Wer kein Weib hat, sorgt fur das, was des Herrn ist, wie er Gott gefallen moge. Wer aber ein Weib hat, sorgt fur das, was der Welt ist, wie er dem Weibe gefallen moge. Er ist geteilt. Ein unverheiratetes Weib und eine Jungfrau ist auf das bedacht., was des Herrn ist, damit sie an Leib und Geist heilig sei; die Verheiratete ist aber auf das bedacht, was der Welt ist, wie sie dem Manne gefallen moge. Also wer eine Jungfrau verheiratet, tut wohl, wer sie aber nicht verheiratet, tut besser.” Spater sagt er wieder I. Kor., 70, 40: „Ich sage den Unverheirateten und Witwen: Es ist ihnen gut, wenn sie so bleiben, wie auch ich bin.” Auf diese zwei Stellen beruft man sich und verschweigt oft die weitere Fortsetzung von I. Kor., 7: „Melius est enim nubere, quam uri”, es ist besser zu heiraten, als von starken, brennen- den Begierden beherrscht zu werden.” 225 Wie herrlich sind die Worte des Apostels! Aus diesen Worten folgt: a) DaB der ehelose Stand tatsachlich fiir diejenigen besser ist, die genug tlberwindungskrafte in sich spiiren, um nicht durch zu grobe Leidenschaften einen Schaden zu erleiden, und die die Ehelosigkeit vorziehen, um Gott leichter zu dienen. DaB diejenigen, die heiraten, nicht ein gottgefalliges Leben fuhren konnten, folgt nicht aus den zitierten Worten; denn der Apostel sagt ja auch, wer heiratet, tut \vohl. Der Satz, „wer ein Weib hat, sorgt fiir das, was der Welt ist”, ist nicht exklusiv zu ver- stehen; denn dann hatte man aus der Reihe der Verheirateten iiberhaupt keine Heiligen. Und doch haben wir eine heil. Monika, eine heil. Elisabeth u. s. w. DaB Simon, Bar Jona, der spatere Petrus vor der Zeit seiner Berufung, als er noch in seiner Familie lebte, allzu weltlich gesinnt gewesen ware, ist auch nicht anzunehmen! Auch umgekehrt ist der Satz nicht so allgemein zu nehmen, als ob die Ledigen wirklich so eifrig dafiir sorgen wurden, \vas des Herrn ist. Es sind die Worte des heil Paulus somit so zu verstehen, dali diejenigen, die sich dem Dienste Gottes weihen und einzig und allein aus dieser Riicksieht, nicht etwa infolge eines Zwanges, sondern kraft eigener EntschlieBung ehelos bleiben, in der Regel besser und leichter ein gottgefalliges Leben fuhren, voraus- gesetzt, daB sie genug Krafte in sich spiiren. Das will nicht ich und wird auch kein anderer leugnen, wenn nur die Be- dingung hervorgehoben \vird, dali die Ehelosigkeit aus dem genannten edlen Motive und in der Erkenntnis der Tragfahig- keit der iibernommenen Last frei gewahlt wird. {3J Ferner folgt aus den Worten des Apostels, daB die Ehe wieder fiir diejenigen besser ist, die nicht die Kraft in sich spiiren, um ehelos zu leben, um ihre Gedanken mit gleichem Nutzen auf Gott allein zu rich te n. Sie dienen auch Gott, obwohl es ihnen auch in der Regel nicht gelingen wird, jene Stufe der Vollkommenheit zu erreichen, welcher die¬ jenigen zustreben, die den stimulus carnis nicht so stark em- pfinden wie sie und die die Ehelosigkeit leicht und mit Nutzen ertragen. Der Apostel sagt „melius est nubere, quam uri”. Es ist Vogrinec, nostra culpa. 15 226 — besser zu heiraten, als von brennenden Begierden gepeinigt und auch vielleicht iiberwaltigt zu werden. Der Apostel sagt nicht, quam peccare, das Heiraten ware besser, als zu siindigen, sondern uri: von brennenden Leidenschaften beherrscht zu werden, von Leidenschaften, die der Seele Schaden zu- fiigen konnen, wie das Feuer oder wie die Sturme an einem Hause. Dieser Schaden braucht sich nicht auf das sinnliche Gebiet zu erstrecken, dah man etwa fleischlich siindigt, sondern darauf hin, dah andere Tatigkeitsgebiete gestort werden, z. B. dafi infolge ubergrofier Leidenschaften die korperliche Energie, die Arbeitsfreudigkeit selrvvindet und dah man der gottlichen Bestimmung nicht nachkommen kann. Der gottliche Heiland sagt diesbeziigiich mit meinen Ausfiihrungen ganz kongruent: „Wer es fassen kann, der fasse es.” y) Dah die Ehelosigkeit somit nur relativ besser ist und daB der Wunsch des Apostels („ich \vunsche”) nur ein guter Rat ist, den zu befolgen nur diejenigen angeeifert werden, die den Brand in der Seele nicht zu befiirchten haben. Wir Priester handeln somit auch ganz verniinftig, wenn wir im Beichtstuhle den Personen, die iiber die Schwierigkeit der Enthaltsamkeit klagen, die Ehe, die nach der Lehre der Moral auch dazu da ist, um die Siinde zu vermeiden, anraten. Auf Grund dieser Worte und auf Grund unserer Ver- nunft werden \vir in folgender Weise argumentieren: 1. Es kann nicht nachgewiesen werden, daB der Priester eine Ausnahmsstellung beziiglich der vorhergehenden Erorte- rungen einnehmen wurde, daB er der einzigeware, der den Rat des Apostels fiir sich als notwe,ndig zu erfiillendes Ge- setz betrachten muBte. Die Priestervveihe gibt \vohl besondere Gnaden; es ist jedoch nirgends verburgt und auch nicht durch Erfahrung bestatigt, daB der Priester unter dem Brande des Geschlechtstriebes nicht gerade so leiden wiirde, \vie die Laien. Es gilt somit auch fiir einen Teil des Klerus das paulinische: ,,melius est nubere quam uri.” Sich auf die Gnaden bei der Priesterweihe zu berufen, ist iiberhaupt ungebiihrend, da von unserer Seite die Gnade Gottes wohl angefleht werden muB. jedoch mit ihr nicht wie mit einem irdischen Faktor ge- 227 — rechnet werden kanu, was ich schon bei einer friiheren Ge- legenheit bemerkt habe. Groben aus irdischem und iiber- irdischem Gebiete lassen sich weder summieren noch multi- plizieren. Man wird sagen: ,.Diejenigen, die sich dem Priester- stande widmen, die kennen ihre Kraft und in Kenntnis derselben verpflichten sie sich zur Tragung der Last und lassen sich gleichsam eine Zvvangsjacke fiir das ganze Leben anlegen, d. h. sie legen ein lebenslangliches Gelubde ab, auf dessen Einhal- tung die Kirche zum Teile sogar mit Hilfe des Staates besteht.” (Ich werde noch spater darauf zuriickkommen). „Es sollen sich nur diejenigen zum Priesterstande melden, die meinen, diese Kraft in sich zu empfinden.” Darauf antworte ich: Jedenfalls uniiberlegt ist es von denjenigen, die ein solches Gelubde ab- legen, durch welches sie sich unter ein Zwangsgesetz begeben, das sie das ganze Leben zu erfiillen haben und nicht richtig ist die Handlungsweise derjenigen, die ein solches Gelubde zu- lassen. Bei den Priesterkandidaten entschuldigt die Jugend und die Unkenntnis der Biirde. — Warum ist die Handlungs- weise beiderseits nicht richtig? Weil doch kein Mensch weiB, ob nicht spater sich venviistende Sturme und verheerende Brande einstellen, die der Seele schaden und sie an ihren Tatigkeiteh. hindern, und ob nicht vielleicht spater der Zustand eintreten kann, wo das apostolische „Melius est nubere quam uri” zur Geltung kommt. Es ist gerade so uniiberlegt, als wenn sich jemand in der Fiille seiner Kraft verpflichten \viirde, das ganze Leben eine Aufgabe zu leisten, die er eben nur zur Zeit des Geliibdes leisten kann. Es ist das Wort der heil. Schrift: „Wer meint zu stehen, sehe zu, dab er nicht falle.” Es ist somit sehr unbillig, wenn ein Gelubde abgelegt wird, das man um jeden Preis erfiillen mub und das in der Grobe der Verpflichtung erst spater erkannt wird und sich nach den Worten des Apostels selbst nachteiliger als das Gegenteil erweisen kann; und ebenso ungerecht ist es, ein solches Ge¬ lubde anzunehmen oder zu verlangen. 2. Mit der weiteren Behauptung, dab etwas, \vas im all- gemeinen nur guter Rat ist und in der Befolgung sich als 15 * 228 Vollkommenheit erweist, nicht Gegenstand eines Zwanges sein kann, wenn §s sich um Sittlichkeitsakte handelt, entfallt die Berechtigung zum Zolibatszwange. Die natiirliche Einsicht der ganzen Welt bestatigt dies. Die Welt gibt sich zufrieden, ivenn die Menschen das leisten, was gut ist, und verlangt nicht, was vollkommen ist. DaB der Zolibat ein Stadium der Vollkommenheit dar- stellen will und bei manchen Personen auch \virklich vorstellt, ist eine Tatsache. Die verniinftige Welt perhorresziert aber jeden Zwang, der fur eine Menschenklasse iiberall und unter jeder Bedingung zu gelten hatte, sobald es sich um voll- kommene Sittlichkeitsakte handelt. Keinem Staate fallt es ein, Ge- setze einzufiihren, wonach sich jeder vom Alkohol enthalten, auf seine Kleider, auf sein e Kost etc. nicht so viel Gewicht legen solite. Es waren dies alles Vollkommenheiten, die viel leichter zu erfiillen waren, als der Zolibat, wo es sich um die Bezahmung eines naturlichen Triebes handelt, nicht aber um die Selbstbeherrschung in einer angewohnten Leidenschaft. Wiirde die Kirche von ihren Dienern das Abstinenzgebot beziiglich alko- holischer Getranke fordern, so wiirde sie vor der Welt glanzen- der dastehen, als jetzt mit der Zolibatsforderung. Dieses Geliibde wiirde auch viel ge\vissenhafter beobachtet werden. Ein richtiger Abstinent kann gar nicht begreifen, daB man ein Verlangen nach Alkohol haben konnte. So leicht fallt ihm die Alkoholabsti- nenz! Ob dem Priester der Zolibat auch so leicht ankommt!? — 3. Die Behauptung, daB dies nur fiir die Laien zu gelten hat, nicht aber auch fur die Priester, ist, hinfallig; denn es laBt sich wieder eine Ausnahmsstellung mit stichhaltigen Griinden nicht nachweisen. Oder doch? Im „Korrespondenz-Blatt fur denkatho- lischen Klerus Osterreichs” des Jahres 1903 ist eine Diskussion iiber den Zolibat eroffnet worden. Es wurden Grunde pro und kontra vorgebracht. Am Schlusse der Diskussion war eine begeistert geschriebene Verteidigung des ZSlibates. Ich habe die betreffenden Nummern dieses Blattes verlegt, doch den Inhalt mir gemerkt, den ich angeben will. Es hieB: Wodurch wir den Menschen noch imponieren, ist der Zolibat! Der Priester soli sich iiber die niederen sinnlichen Regungen in die Hohe 229 schwingen, um als Lehrer und Fiihrer des Volkes dazustehen. Er soli ein Jiinger Christi, ein „alter Christus” sein. — Es ist dies eine feine Sophistik, die anfangs auch einen Denkenden frappieren kann. Ja er soli sich liber die niederen Neigungen des Fleisches in die Hohe schwingen, um iiber die iibrigen Menschen durch seine Enthaltsamkeit hervorzuragen. Diesem Ziele soli er nachstreben, so viel esnurmoglich ist, jedoch dieses Hervorragen liber die anderen Menschen soli nicht Gegen- stand des Zwanges sein. Der Priester ist gleich wie die iibrigen Menschen ein gebrechliches GefaB, mit der miseria humana ebenso bebaftet, wie die iibrigen Menschen. Soli man nunihn z\vingen, ein engelgleiches Leben zu fiihren, da ihm die notwendigen Geistes- und Willenskrafte fehlen? Ist ferner die Ehe ein so absolutes Hindernis, daB sich der Priester in der- selben nicht zu der verlangten Hohe emporschwingen kdnnte und daB man ihn zur Ehelosigkeit zwingen miisse? Durch seine Ehelosigkeit kann er hochstens die Jugend zur Enthaltsamkeit aneifern, den Verheirateten kann er doch nicht durch eine Tugend, die diese nicht zu beobachten brauchen, vorleuchten. Ubrigens kann niemand den Beweis liefern, daB etwa die Ehe¬ losigkeit der Priester eine groBere Sittenreinheit beim Volke zur Folge hatte als die Verehelichung derselben. Bei den unierten Slaven und auch bei den nicht unierten steht die ge- schlechtliche Sittlichkeit des Volkes auf einer Hohe, mit der sich nur wenige katholische Lander messen konnen; und doch ist der Klerus bei denselben verehelicht! Selbst der Vergleich zwischen katholischen und protestantischen Landern liefert keinen vollgiltigen Beweis vom allzugroBen sittlichen Werte des Beispieles der Ehelosigkeit der Priester. Allerdings kommen hier auch andere Umstande in Betracht. Weiters stelle ich die Bitte, wenn wir dem Ideal Christi naher kommen wollen, was auch unsere Pflicht ist, doch beim Leichteren anzufangen, um dann zu dem Schwierigeren, zum Zoli- bate, fortzuschreiten. Der naturi ich e \Veg zur V oliko mm en- heit fiihrt ja zuniichst durch leicht passierbare Stellen, an denen man sich abharten kann, zur tberwindung der groBeren Sch\vierigkeiten. Sind vvir Fiinrer des \olkes 230 und jeneRufer, die das Volk zur Nachfolge einladen, dann fiihren wir doch das Volk durch jene StraBen, wo es uns leicht nach- folgen kann, nicht dort, wo wir auf eine Nachfolge nicht rechnen konnen, d. h. geben wir dem Volke nicht zunachst mit dem Zolibate, sondern in anderen Tugenden ein giites Beispiel! Be- folgen wir die Abstinenz vom Alkohol, diesem „bosen Feind” der Menschheit, verzichten wir auf jedes Vermogen, eingedenk des Wortes des Heilandes: „Willst du vollkommen sein, ver- kaufe alles und folge mir nach.” Handeln wir nicht, wie sogar manche Papste handelten, die ihre Verwandten zu hohen Ehren erhoben und sogar in ihren Geburtsstadten Museen errichteten, die an ihr Leben erinnern sollten, sondern verzichten wir auf alle Verwandtscliaftsbande. Wenn uns jemand auf die linke Wange schlagt, bieten wir ihm auch die rechte dar. Warum solite man so elegant auftreten, mitten durch die Massen, denen Entbehrung ihr tagliches Brot ist, mit Equipage ausfahren und Palaste bewohnen? Also vonvarts! Fangen wir mit demLeichten an, haben \vir dieses iiberwunden, dann biirden wir uns erst die Last des Zolibates auf! 4. Nun will man aber in kirchlichen Kreisen gar nicht hdren, daB es einen Zolibatsz\vang gibt, da sich ja jeder freivvillig dem Priesterstande widmet. Vielleicht ist das Wort Zolibats- zwang nicht ganz geeignet, um den Sachverhalt zu bezeichnen; es ware besser, wenn wir freilich in langeren Ausdriicken von einem lebenslanglichen Zolibatsvertrage, aUf dessen Ein- haltung die Kirche ihre Diener als VertragsschlieBende, sowohl im Gewissen als auch durch moralische Macht- mittel zwingt. Nur in diesem Sinne kann man von einem „Zwingen” sprechen! Wir werden daraufhin so argumentieren: Der Zolibat ist ein lebenslanglicher Vertrag, dessen ICraft mit dem „promitto” bei den Weihen anfangt. Die Vertrag- schlieBenden sind die kirchlichen Vertreter als Exekutoren des kirchlichen Gesetzes und der Priester. Die Vertragssache ist: Die Beherrschung des naturlichen Geschlechtstriebes auf die Lebensdauer. Betrachten wir den Vertragsgegenstand, die Beherrschung des Ti*iebes auf die Lebensdauer. Wir sehen, daB die Ver- 231 tragssache derart ist, daB die ganze Welt einen solchen Vertrag als ungiltig findet. Der Mensch beraubt sich durch den Vertrag eines Teiles seiner selbst, fast als ob er sich ver- pflichten wiirde, das ganze Leben nicht zu reden, oder das ganze Leben wie Simon Stylites einen Platz nicht zu verlassen. Von den alten Germanen liest man, dah sie in ihrer Spielwut ihr Leben dem Gewinner vei - pfandeten und dann die ganze Lebenszeit Sklaven desselben waren. Heute ware ein solches Spiel ungiltig und sogar strafbar, da sogar viele Spiele ums Geld verboten sind. Und doch war die Verpfandung der korper- lichen Freiheit nicht so schwer empfindlich, als es die Ver- pflichtung ist, den natiirlichen Trieb lebenslanglich zu beherr- schen. Heutzutage wird sogar die Ubervorteilung iiber die Halfte als unerlaubt angesehen. Es ist somit schon die Ver- tragssache derart, daB die denkende moderne Welt sie als unmoralisch findet, wenn auch ein guter Zweck damit befolgt wird. Der Priesteramtskandidat ist in den meisten Fallen noch nicht groBjahrig und erkennt nicht die ganze Tragvveite der Vertragspflicht, die zu gewissen Zeiten belastender ist als in anderen. Vielfach in den Knabenseminaren erzogen, treten die Kandi¬ daten in das Priesterseminar, und ihren Studien ganz ergeben, empfinden sie die Schwierigkeit der Einhaltung der Ver- tragstreue nicht, wie sie dieselbe etwa im vorgeschrittenen Alter empfinden. Erst draufien im Leben werden sie gewahr, daB ihnen eine familiare Umgebung abgeht. Nicht der Geschlechtstrieb ist es allein, der ihnen Schwierigkeiten bereitet, sondern auch der Trieb, die Familie zu griinden und in derselben zu leben. Friiher, selbst noch Kinder, haben sie keine Ahnung davon gehabt, daB im GroBjiihrigkeitsalter ein solches Verlangen entstehen konnte. Gesetzt den Fali, schon im vierten Jahre ihres Studiums sehen sie die Schwierigkeit der Vertragspflicht ein. Nun, was jetzt tun? Die schSnsten Jahre des Lebens verlieren?! AuBerdem hat man ja an dem Priester- beruf Freude! Wohin jetzt? Die meisten treten nun unbe- kiimmert um die Folgen in den Priesterstand ein, wo ihnen 232 die Last des Zolibates auferlegt wird, die bei denjenigen, deren Krafte zu schwach sind, oft von selbst hinabrollt nnd erst dann miihsam aufgeladen wird, wenn sich ein strenger Manda¬ tar der anderen Vertragspartei nahert. Der Zolibat wird oft so dargestellt, als ob er eine Spielerei ware und ob nur solche Priester, die das Gebet vernachlassigen oder miiBig sind, denselben iibertreten wiirden. Man lockt das arme Voglein in den Kafig und wenn es klagt und fast unter der iibernommenen Last zusammensinken will, ruft man ihm zu: Bete und arbeite, ohne zu bedenken, daB gerade der Brand ihn am Beten und ArbeiteD hindert!-— Ob die Kirche berechtigt ist, auf die Einhaltung von derlei Vertragen zu bestehen, reduziert sich auf die Frage, ob das Kir- chengesetz fur die Jetztzeit gerecht ist oder nicht. Die Frage ist schon durch das Vorhergehende beantwortet und vrird durch das Weitere naher beleuchtet. Hier werfe ich noch die Frage auf, ob es billig und gerecht ist, diejenigen, die den Priester- beruf in sich fiihlen, von diesem nur deshalb ferne zu halten, weil sie sich nicht getrauen, die Schwierigkeit des Zolibates auf sich zu nehmen?! Der Priesterberuf besteht naturlich nicht darin, daB man die Moglichkeit, ein zolibatares Leben zu fiihren, einsieht und in sich fiihlt; denn dann hatte z. B. die ruthenische katholische Geistlichkeit, die verheiratet ist, keinen Priesterberuf. Aus dem Vorhergehenden geht hervor, daB der sogenannte Zolibatszwang keine Berechtigung hat. Nur diejenigen Priester, die sich geniigend stark fiihlen, sollen, um desto leichter fur die Sache Gottes zu arbeiten, die Ehelosigkeit vorziehen. Doch nie darf man auch bei diesen einen Vertrag zulassen, von dem sie sich nicht zuriickziehen konnten, sobald das apo- stolische: „Melius est nubere, quam uri” bei ihnen zur Geltung kommt. Von einem Biirgermeister einer grofien Stadt erzablt man sich, daB er deshalb unverheiratet bleibe, um desto besser das Wohl der Stadt zu besorgen. Nun, \vas -vviirde geschehen, wenn der Staat alle Biirgermeister ebenfalls zum ehelosen Stande zwingen wollte?- 233 5. DaB der Zolibat wirklich ein Vertrag mit einer Ver- tragsobligation ist, die in ordentlicher Weise nur wenige er- fiillen konnen, zeigt die geschichtliche Erfahrung. Kein Jahr- hundert kann sich riihmen, diese Vertragstreue rein beobachtet zu haben. Heutzutage ist die Disziplin des Klerus beziiglich der Erfullung aller iibrigen Pflichten eine viel gewissenhaftere und strengere gevvorden. DaB der Zolibat in seiner Reinheit dastehen wiirde, kann nicht behauptet werden. Mag auch nach aufien die Beobachtung des Zolibates eine voi’sichtigere sein, so kann man doch nicht zugeben, dafi der Zolibat in seiner ganzen Reinheit beim Klerus tiefe Wurzel gefaBt liatte. DaB dies richtig aufgefaBt wird, ist es notwendig, daB wir uns klar dariiber \verden, wie der Zolibat iibertreten wird. In der Religion erblicke ich die Wurzel jeder Sittlichkeit. Eine andere Sittlichkeit als diejenige, welche uns die Religion lehrt, gibt es nicht und ist die Sittlichkeit, die uns die Religion lehrt, nicht die richtige, dann ist die Religion, respektive die Deu- tung der Religion eine unrichtige. Wenn der Priester Lehrer der Religion ist, so ist er eo ipso auch Prediger der Sittlichkeit. Es ist seine Aufgabe, die in der Seele schlummernden religiosen und gleichzeitig sittlichen Gefiihle des Menschen nach Anleitung Christi zur EntfaltUng zu bringen. Er ist der Fiihrer der Menschen im hoheren sittlichen Streben; deshalb ist die For- derung gerecht, daB wenigstens der Priester sich beziiglich der Sittlichkeit keine BloBen gibt und sich nicht gegen seine eigene Lehre in groblicher Weise vergeht, damit nicht ein Blinder die Blinden fiihre und damit ihm nicht zugerufen wird: „Arzt, heile dich selbst.” Zur christlichen Sittlichkeit gehort es aber auch, daB das sechste Gebot beobachtet wird, \velche Beobachtung fur den Priester noch mehr zur Pflicht gemacht wird, da es ihm nicht erlaubt ist, durch den Ein- tritt in den Ehestand, vvenigstens in einer Beziehung das Gebot fiir sich nicht verpflichtend zu machen. Auf dem Priester lastet die doppelte Verpflichtung, die des Menschen und die des Zolibatars, die Sittlichkeit in diesem Gebote zu beobachten, welche Verpflichtung bei ihm dadurch mehr als verdoppelt wird, daB er Lehrer der 234 Sittlichkeit ist. Deshalb ist die Verletzung der Sittlichkeit bei ihm mehr als doppelt argerniserregender als bei anderen Menschen. Bei einem anderen Stande \vird die Verletzung der Sittlichkeit nicht in jeder Beziehung so iibel genommen, wie beim Priester. Dem politischen Beamten wird namentlich die Un- treue gegen seine Vorgesetzten, den Sparkassebeamten die De- fraudation der Gelder, dem Offizier die Feigheit schlecht an- gerechnet, wahrend sich kein Menseh darum kiimmert, wenn von ihnen das Keusehheitsgesetz — wenn nicht gerade in verbreche- rischer Weise — verletzt wurde. Doch was die Felonie beim politischen Beamten, die Defraudation beim Sparkassebeamten, die Feigheit bei einem Offizier, das ist in noch starkerem Mafie die Verletzung der Keuschheit bei einem Priester. Jeder Stand hat spezifische Tugenden; die spezifische Tugend des Priesters ist Sittenreinheit. Das Volk fafit bewuBt oder unbewufit diese Priesterpflicht ganz richtig so auf und ver- langt, dafi der Priester ihm keinen AnlaB zum Verdachte oder zum Mifitrauen in seine Sittenreinheit gebe. Wenn es aber einen Grund zum Verdachte gegen die Sittenrein¬ heit des Priesters hat, so verliert es gerade so die Achtung vor ihm wie vor einem Offizier, in dessen Tapferkeit man kein Vertrauen hat. Von dieser psychologischen Erscheinung riihren zum Teile die Schmahungen und die Abneigung gegen den Klerus, da man die private Moral desselben anders als seine Lehre zu finden glaubt. Es ist noch immer ein gutes Zeichen, wo man sich noch iiber die Sittlichkeitsverletzungen des Klerus emport, wenn auch diese Verletzungen oft erdichtet sind. Die Zustande in einer Pfarre, Wo das Volk jahrelang das Treiben eines gutmiitigen, jedermann willfahrigen Priesters mit Gleichgiltigkeit belachelt oder sogar entschuldigt hat, pflegen die tristesten zu sein, Jahrzehnte nicht mehr heilbar. Ein Teil des Volkes entschuldigt j e doch in einsichtiger Weise den Klerus, weil es die schwere Last des Zolibates begreift und pflegt zu schweigen, so lange ihm der Priester in anderer Beziehung noch gefallt. Doch in jeder Beziehung leidet die Religion und mit ihr die Sittlichkeit des Volkes. ,Worte bewegen nur das Herz, 235 Beispiele gewinnen es ganz’ gilt auch hier. Das Volk denkt, wenn sich der Priester aus der Ubertretung seiner Lehren nichts mache, warum solite ich so fest an seine Worte glauben und sie befolgen? Aus der Geschichte ware sehr leicht der Bevveis zu bringen, daB die Sittlichkeit des Klerus und des Volkes sich gegenseitig bedingen. In unseren Kreisen zirku- lieren die Sprichworter: „omne malum ex clero” und „sicut rex, ita grex”, d. h. jedes Ubel kommt vom Klerus und wie der Hirte, so die Herde. Nachdem wir die Auffassung des Volkes vom Zolibate und die Folgen dieser Auffassung untersucht haben, wollen wir die Frage, wie der Zolibat verletzt wird, beantworten. Der Zolibat hat nur dann den idealen und intendierten Wert, wenn er von der Priesterschaft in ihrem Denken und Wollen und entsprechendem Handeln in allen Bezie- hungen, die diese Verpflichtung zur Folge hat, beobachtet wird. Der Zolibat fordert nicht nur, daB die Siinde durch die Tat nicht begangen wird, sondern daB iiberhaupt nichts unter- nommen \vird, wodurch das Volk in gevrohnter Weise auf die Tat selbst zu schlieBen pflegt. Gerade die Cbertretung des sechsten Gebotes ist derart, daB nur aus verschiedenen Um- standen auf dieselbe geschlossen werden kann. Ich kann keinem Pfarrinsassen nachweisen, daB er das beziigliche Gebot iibertreten hatte, woraus nicht folgt, daB etwa nie das Gebot iibertreten wird. Wir dringen oft auf die Losung der Konku- binate, \viewohl wir nicht nachweisen konnen, daB siindhafter Verkehr stattfindet, sondern wir begrunden es damit, daB das Zusammenwohnen argerniserregend ist. Schon mancher Geist- liche konnte von einem Konkubinarier die Worte horen: „Wenn Sie Ihre Kochin entlassen, entlasse ich auch meine Wirtschafterin. Sie geben nicht zu, daB bei Ihnen etwas Sund- haftes gescliieht, ich \vill es fur meine Person auch nicht ein- gestehen. Von Fleisch und Blut sind wir ja beide. ’ Wir diirfen es deshalb dem Volke nie verargen, wenn es infolge mancher Umstande und auch infolge oft uniiberlegten Benehmens von unserer Seite an unseren Zolibat nicht recht glauben will. Die Tat selbst laBt sich wohl in den seltensten 236 Fallen nachweisen. Ubrigens ist doch der Priester zu intelli- gent, um in flagranti iiberfiihrt zu werden, wie die Siinderin im Evangelium. Die Nebenumstande, die dem Volke Anlafi zur Verdachtigung geben, pflegen zu sein: Die Beobachtung, dafi der Priester mit einer Person freundlich spricht oder mit ihr geht. In der Stadt kummert man sich nicht so sehr um Privat- angelegenheiten wie auf dem Lande, wo bald die ganze Pfarre auf Grund gewisser aufierer Zeiehen fast samtliche Liebschaften entdeckt. Das Volk beobachtet scharf und schliefit aus dem freundlichen Verkehr ganz richtig, dafi der Priester doch nicht so gegen die Liebe gestahlt ist. Er braucht nur ofters in ein Gasthaus oder sonst in ein Privathaus zu gehen, bald werden Kombinationen gemacht. Namentlich aber kann in den seltensten Fallen das Zusammenwohnen mit einer weib- lichen Person jeden Verdacht beseitigen. Die kirchliche An- ordnung, dafi die Wirtschafterinnen liber 40 Jahre alt sein sollten, ist nicht genugend, da gerade diese Frauen, namentlich wenn sie Witwen \varen, viel unverfrorener dem Priester ent- gegentreten, wahrend eine jiingere, unerfahrene Person noch jede Siinde perhorresziert. Erfahrene Priester werden auch zu- geben, dafi dieses Alter noch nicht den Verdacht beseitigen kann. In dem von einem Jesuiten herausgegebenen Andachts- buche „Der Hausprediger” wird das Verhaltnis zwischen Mann und Weib als das zwischen Feuer und Stroh bezeichnet. Bei den Priestern und ihren Haushalterinnen kann das Verhaltnis keine Ausnahme machen. Wenn auch von Seite des Priesters einBrand verhutet werden kann, so kann man doch keine Garantie beziig- lich des anderen Teiles haben, da die Wirtschafterinnen keinen Begriff von der Bedeutung des Zolibates haben. Von den Ver- wandten kann nur die Schwester den Verdacht ferne halten. Zwischen den Cousinen werden viele Ehen geschlossen, Onkel und Nichte traute ich schon. Alle diese Verhaltnisse konnen den Verdacht bezuglich der Sittenreinheit des Priesters wach- rufen und Argernis erregen. Wir haben nicht den gering- sten Grund, wie es leider geschieht, dieses Argernis als scandalum pharisaicum zu bezeichnen. Es ware nun lacher- lich, behaupten zu wollen, dafi der Priester wirklich eine 237 mit Asbest iiberzogene Eigenschaft besafie, um nicht selbst anzuziinden oder angeziindet werden zu konnen. Das Volk glaubt nicht an diese Eigenschaft. Auch ich erklare hier offen, daB ich zu denjenigen gehore, die an die Ein- haltung des Zolibates in einem betrachtlichen Teile des Klerus nicht glaube, so dati deshalb dem gesamten Klerus ein gerechter Vorwurf gemacht werden kann. Ware dieser Teil nur ein Viertel des Klerus, so ware dies Grund genug, um iiber den Zolibat den Štab zu brechen und iiber den Klerus im allgemeinen ungiinstig zu urteilen. Was ware das fiir eine Beamtenschaft, deren Viertel Felonisten waren, was fiir ein Armeekorps, dessen Viertel Feiglinge sind? Freilich ist ein immenser Unterschied zwischen der Verpflichtung des Klerus, bei der es sich um Beherrschung eines Naturtriebes handelt, und zwischen der Verpflichtung der iibrigen Beamten, was die Sclnvierigkeit der Obligation anbelangt,. Doch die letztere Ver¬ pflichtung ist eine vernunftige, wahrend der Zolibatszwang eben ein in der Natur des Pinesterberufes gar nicht begriindeter Zwang ist. DaB der Zolibat in einem grofien Teile des Klerus nicht be- obachtet \vird, laBt sich nicht erweisen durch Anfiihrung einer Zahl von Verbrechen, die die Geistlichkeit begangen haben soli, vvie man in unserem Abgeordnetenhause es versucht hat; denn gerade die geringeZahl der Verbrechen hat ein glanzendes Zeug- nis fiir die Gewissenhaftigkeit und Ehrenhaftigkeit der Priester abgelegt. Vielmehr lelirt uns die tagliche Erfahrung durch eine groBe Reihe von Umstanden, daB der Zolibat nicht so ge- wissenhaft beobachtet wird, daB man sich bei der Verteidigung desselben auf die Erfiillung der Zolibatsverpfliehtung berufen kSnnte. Jene Priester, die den Zolibat bis an ihr Lebensende bewahrt haben, sind Heiligo, und findet man irgendvvo heilige Priester, dann schlieBt man leicht darauf, daB sie den Zolibat auch beobachten. Es gehort zur Beobachtung des Zolibates eine heroische Leistung. Ich weiB auch, daB viele Priester sich zur Ehre rechnen, diese Last, wenn auch unter grofien Lber- \vindungen, durch das Leben zu tragen. Doch so stark konnen nicht alle sein und so heilig auch nicht. Die Krafte werden er- 238 schopft und manche stolpern imd stiirzen. Deshalb mogen meine Kollegen nicht glauben, daB ich sie etwa verurteile. Ich sah manche Argernisse seitens der Priesterschaft und wollte ofters die Anzeige erstatten. Doch ich zogerte immer und heute wiirde ich es nie tun. Ich will keinen Stein auf den unter der Schwere der Last zusammengefallenen Priester werfen. Wiirde man mich auffordern, meine Behauptungen beziiglich der Verletzung des Zolibates zu beweisen, so wiirde ich es nur vor einem Kon- zile ehrenhafter Priester tun, die keine Vorgesetzten sind und die nur ihr Urteil iiber das Gelingen oder Mi 6 1 in gen meines Beweises abgeben miiBten. Wie wurde ich den Beweis liefern? Ich wiirde nach dem Gebaren der Wirtschafterinnen, nach ihrem Alter etc. nachforschen. Ein angelegter Schematismus der Wirtschafterinnen wurde mir interessantes Material liefern. Ich nehme nicht bald eine Klatschgeschichte als wahr an, sondern halte nur daran fest, dessen Richtigkeit ich selbst erforscht habe. Innerhalb einer Menschengeneration konnte im Durchschnitte jeder Pfarrhof eine pikante Priestergeschichte erzahlen, die sich immer weiter verbreitet und MiBtrauen in die Sittenreinheit der Priester hervorruft. Man meine ja nicht, daB dies etwa nur fur Karnten zu gelten hatte. Keine Diozese kann der anderen etwas diesbeziiglich vorwerfen. In manchen Gegenden ist es moglich, daB die seit altersher iiblichen Grenzen des Verkehres der Priester mit dem Volke eine oftere Gbertretung des Zolibates ver- hindern, jedoch nur weil eben die moralischen oder die natiir- lichen Grenzen, wie z. B. die Klostermauern bestehen, nicht aber als ob dort der Wille des Klerus starker ware als bei uns. In Karnten wurde in der letzten Zeit ein Priesterstand herangezogen, der alles opfert, um die katholische Sache weiter zu bringen; unserem Klerus kann man durchaus nicht Disziplin- losigkeit vorwerfen, die mich zu solchen Urteilen, wie ich sie friiher ausgesprochen habe, bewogen hatte. Bei uns ist das Volk allerdings gutmiitig und aufgeklart, welches vieles an seinem Priester entschuldigt. Auch anderswo argert sich das Volk im geheimen an manchem, was es an seinen Priestern sieht, doch es ist auBerlich noch so religios, daB es sich gar nicht getraut laut zu sagen, was es denkt. 239 Kurz gesagt: Der Zolibat ist eine ideale oder heroische Tugend oder sittliche Verpflichtung und verlangt dement- sprechend auch eine ideale oder heroische Erfullung. Forscht man nach, ob diese Erfullung wirklicli ideal oder heroisch ist. so kommt man zu demselben Resultate, um sich einmal auch hyperbolisch auszudriicken, wie wenn man nachforschen wiirde. ob die Schnecke ihren Vorsatz, eine Reise um die Welt zu machen, ausgefuhrt hal Ich bin nicht der Einzige, der die vorher skizzierten An- schauungen hat, sondern es gibt wohI viele, die meine Mei- nung teilen, nur wahnen, es diirfe die Offentlichkeit nichts erfahren. Wenn wir darauf Rucksicht nehmen, dann kommt, iiberhaupt keine Besserung zustande. Ich fiihre zunachst meinen ehemaligen Seminardirektor an, P. Max Hub er, S. J., der in der Linzer Quartalschrift 1900, II. Heft, Seite 298, in dem Kapitel iiber die Verwertung der Kanzel gegen die Siinde der Iveuschheit wortlich so schreibt: „Wohin die Unterlassung einer solchen Vorbereitung (namlich die Vorbereitung des Priester- amtskandidaten auf die Gefahren der Unkeuschheit schon im Seminar durch geeignete Betrachtungen — A. d. V.) auf die Gefahren der Seelsorgstatigkeit, sowie die Unterlassung ent- sprechender Betrachtungen im spateren priesterlichen Leben fiihren kann, das lehren die uberaus traurigen Verschul- dungen und groBen Argernisse sittlich gesunkener Priester zu allen Zeiten und in grbUerer Zahl als man es denken solite.” Guter Pater! Wenn Sie noch niiher das Priesterleben kennen gelernt hatten, dann hatten Sie wohl einen starkeren Ausdruck gebraucht! Seite 303 in der Behandlung desselben Ivapitels lost der gelehrte Jesuit die Frage, woher es komme, dali mancher Seelenhirt von der Sunde der Keuschheit gar nicht predigt. „Der Grund liegt wohl hie und da in der personlichen Lebensfiihrung des Priesters. Vielleicht pflegt er selbst fiir sich die Tugend der Keuschheit nicht genugend, und fiir eine Tugend, die man selbst nicht besitzt, wird man natiirlich nicht mit Warme eintreten .... Solite aber der Geistliche uberdies annehmen miissen, da(3 die Glaubigen an der Reinheit seines 240 Wandelns zweifeln oder von diesem ungiinstig reden, so \vird er sich selbstverstandlich noch mehr scheuen, uber die Pflicht der Keuschheit zu predigen, namentlich dann nicht, wenn er in seinem Hause eine weibliche Person halt, deren Alter oder sonstige Eigenschaften einen Zweifel uber ilire Beziehungen zu ihm aufkommen lassen. Ein solcher Priester befindet sich in einem mehr als peinlichen Dilemma: predigt er gegen Unkeuschheit, so weckt er von neuem den Verdacht gegen sich, predigt er nicht dagegen, so denken die Leute, das bose Gewissen schlieBe ihm den Mund. In unseren Tagen glaubt das Volk selbst der Benennung „Niehte” nicht mehr iiberall ohne weiteres (warum denn etwa?! A. d. V.) und wenn dann so eine jugendliche Nichte sich unter jungen Kaplanen im Pfarrhause herumbewegt, skandalisiert es sich nicht mit Unrecht.” So schreibt der alte, gelehrte Pater, durchaus nicht ein „Reformkatholik”. Man vergleiche diese Ausfiihrungen mit den meinigen. Ein anderer Jesuit, der jetzt mit der geistlichen Leitung der Jugend betraut ist, war Weltpriester und wahlte den jetzigen Beruf, weil ihm drauBen die Verhaltnisse beziiglich des Zolibates doch zu arg vorgekommen sind. Er ist nicht aus Karnten, sondern aus einer nbrdlichen Provinz. Professor * Dr. Einig sagt in seiner Schrift „Katholische Reformer” gegen Dr. Ehrhard: „Hatte Ehrhard mit gleichem Freimut und gleicher Begeisterung doch ein Buch geschrieben gegen das, was wenigstens in Osterreich nach dem Urteile der Ver- standigen des Ubels Ursache ist, gegen Josefinismus und den auf der Kirche so schwer lastenden staatlichen Bureaukratis- mus sowie die mannigfachen Armseligkeiten des Klerus, die jene Dinge zur Folge haben, ein Buch mit dem Inhalte „Jerusalem sit sancta et libera”, . . alle Guten hatten Ehrhard zugejubelt!” Nun die mannigfachen Armseligkeiten des Klerus, was sind die, daB ein Buch mit dem Inhalte: ,Jerusalem sit sancta ...” notwendig ware?! Bekanntlich war im Jahre 1902 eine Diskussion iiber die Zolibatsfrage im „Korrespondenz-Blatt” eroffnet \vorden. Unter 241 vielen anderen sprach sich auch ein Pfarrer aus Oberosterreich gegen die Aufhebung des Zolibats aus mit der Begriindung, daB beim griecbisch-katholischen Klerus die Unverheirateten ein grbBeres Vertrauen beziiglich des Beichtstuhles besitzen als die Veidieirateten. Eswar eine ganz harmlose Bemerkung. Ich meine, daB auch bei uns, falls es zur Zolibatsaufhebung kiime, die- jenigen, die wirklich aus hdheren Motiven ehelos bleiben, ein groBeres Vertrauen bei der Bevolkerung bei sonst gleich groBer Tuchtigkeit genieBen werden als die Verheirateten, wie auch die Ordensleute jetzt mehr Zudrang zu Beichtstiihlen haben als die Weltpriester, weil sie eben auch einer hoheren Tugend nachstreben. Kein vernunftiger Priester wird die Ordensleute deshalb beneiden. Doch der ruthenische Klerus fiel in voller Wut iiber Dr. Scheicher her, als ob er den Artikel geschrieben hatte. GewiB hat einer, der das „Korre- spondenz-Blatt” gelesen, in seinem Eifer die Unterschrift iiber- sehen, teilte den Inhalt des Artikels seinen Mitbrudern mit, die das Deutsche nicht beherrschen, und daher der geharnischte Artikel! Ich will den ganzen Artikel, den der ruthenische Klerus im „Halyczanin” veroffentlichte, hier drucken lassen, um den Lesern die Gelegenheit zu geben, zu erfahren: a) wie man gegen seinen Mitbruder ohne Grund aufgebracht sein kann, fi) wie der mit uns unierte Klerus sich durch seine Ehe gliicklich und auch im Priesterberufe unterstiitzt fiihlt, y) wie man am Schlusse des Artikels eine arge Verdachtigung gegen den zolibataren Klerus ausgesprochen hat, ohne daB unser Klerus dagegen protestiert hatte. Der ruthenische Klerus droht, er werde sich das Leben und Weben unserer „unbeweibten” Konfratres naher anschauen.Deshalb bringe ich auch den Entrustungs- beschluB an dieser Stelle. „Der am 25. November 1. J. in Sklo zu einer Dekanats- konferenz versammelte griechisch-katholische Kuratklerus des Jaworover Dekanates, Przemisler Diozese in Galizien, hat den Unterzeichneten beauftragt, gegen Dr. Scheicher, anlaBlich seiner fur den genannten Klerus, wie auch fur eine wie das Christentum selbst altehrwiirdige Institution der heiligen orien- talischen Kirche im allerhochsten MaBe ehrenriihrigen, durch 16 Vogrinec, nostra culpa. 242 und durch triigerischen Behauptungen Ausdruck zu geben der hochsten Emporung und Entriistung dieses Klerus, und gleich- zeitig diesen hochgelehrten Herrn entschieden aufzufordern, zur offentlichen Widerlegung seiner den gesamten griechisch- katholischen Klerus tief beleidigenden, aus der Luft gegriffenen Schmahungen — welchen Auftrag im Namen des genannten Klerus ich hiermit erfiille. Wir laden den hochgelehrten Herrn Schmaher zu uns ein, damit er an Ort und Stelle unser segensreiches Wirken im Beichtstuhle, beim Altar, auf der Kanzel, in der Pfarre, iiber- haupt wo immer beobachte, und dann urteile er liber un- seren bis zur Selbstverleugnung und Selbstaufopferung rei- chenden priesterlichen Pflichteifer: — seiner famosen „Null” wird er schon hoffentlich manchen Einser voranstellen, falls er ein nur ein wenig gewissenhafter Mann ist, woriiber wir nicht den mindesten Zweifel haben wollen. Der hochgelehrte Herr bekomme zu wissen, dah bei uns selten im Jahre eine Woche, ja selten ein Tag vergeht, ohne daB wir von Sammlern fiir Kirchenbauten etc. besucht werden und der beweibte griechisch-katholische Priester ist immer der erste in der Gemeinde, der seine Spende in die Sammelbiichse legt. Bei jeder Gelegenheit, wann nur unsere „beweibten” Priester, sei es in minderer, sei es in groBerer Anzahl zu- sammenkommen: sofort veranstalten sie unter sich eine Samm- lung zu frommen oder milden Zwecken, fiir die unbemittelte studierende Jugend etc. Kein Armer ging je Dank sei eben unseren Gemah- linnen — von einem griechisch-katholischen Pfarrhofe weg, ohne nach Kraften beschenkt worden zu sein. Der hochgelehrte Herr bekomme zu wissen, daB unsere Gemahlinnen keineswegs an unseren Handen und FiiBen Fesseln sind, die uns in gottgefalligem Wirken hemmen. Im Gegenteil, unsere tiefreligiosen, frommen, keuschen, beschei- denen, milden, zartliebenden, miihsam arbeitenden Gemah¬ linnen sind wahrhaft unsere Mitarbeiterinnen im Wein- berge Christi, sie tragen Sorge um die Reinheit und Ord- nung in unseren Kirchen, in unseren Pfarren besuchen sie und 243 pflegen die Kranken, sie nahren und bekleiden die Armen, sie versorgen und trosten die Verlassenen und Verwaisten, sie wirken zivilisatorisch und kulturell auf unser Volk ein, wes- halb unsere priesterlichen Gemahlinnen in Wurdigung ihres Wirkens von unserem dankbaren Volke ..nanu-mamka = Frau Mutter” betitelt werden. Der hochgelehrte Herr Schmaher wird doch nicht be- streiten wollen, daB bei der Wahl eines Bischofs der heil. Geist wirkt. Nun als im Jahre 1896 bei uns das bischdfliche Katheder verwaist blieb, trotzdem daB unter uns auch unverehelichte Priester sich befinden, hat der heil. Geist zu dieser hochsten Wiirde in der Kirche Christi doch einen Priester, der „be- weibt” und Familienvater war, erkoren. Mogen die Herren unter sich fiir oder gegen den Zolibat ringen, das ist ihre hausliche Angelegenheit. Jedoch sollen sie sich nicht unterstehen, an unserer, des verehelichten griechisch- katholischen Klerus vollkommenster Priestertreue, und an un¬ serer, dieses verehelichten Priesters vollkommenster Priester- wurde und Priesterehre zu riitteln, damit wir im Eifer nach Vollkommenheit nicht gezwungen werden, uns das Leben und Weben unserer „unbeweibten” Konfratres naher anzu- schauen . Im Namen des griechisch-katholischen Kuratklerus des Jaworover Dekanates Josef Kruschinsky, Pfarrer in Seliska. • Dies ist die wortliche BeschluGfassung des genannten ruthenischen Dekanatsklerus! Fiir uns sehr interessant! Ganz harmlos sind meine Behauptungen bezuglich der Nichteinhaltung des Zolibates bei einem Teile des Klerus, wenn man den Artikel eines hoheren Wiirdentragers im ,Korre- spondenz-Blatt” Nr. 15 vom JO. August 1903 liest. DaB es ein hoherer Wiirdentrager ist, erfahren wir aus der Aussage des Re- dakteurs selbst in der nachsten Nummer, wo sich einzelne doch iiber die zu stark aufgetragene Portion beschwerten. Der Artikel Seite 62 ist betitelt: »Ursachen des religiosen Indifferentismus”. 16 * 244 „ . . . Keiner hat noch gesagt, worin eigentlich der Grund desselben (des religiosen Indifferentismus) zu suchen sei, da doch nach dem Grande gefragt wird. Ich meine, daB die hoch- wiirdigen Herren Mitbruder den Grund desselben sehr gut kennen, aber sich nicht reebt damit heraustrauen, um nicht den einen oder den anderen Mitbruder zu beleidigen. Doch soli ein tibel behoben werden, muB man unbedingt die Ursache desselben kennen. Welehe Schmerzen verursacht der Arzt gar oft dem Kranken bei der Untersuchung der Wunde? Doch mussen diese Schmerzen verursacht werden durch Schneiden oder Brennen oder Nahen, wenn die Wunde geheilt werden soll. Der religiose Indifferentismus ist auch ein Geschwiir; eine Wunde!” Den Grand findet er zunachst im materialisti- schen Zeitgeiste. Dann sagt er weiter: „Wenn man das Leben so vieler geistlicher Herren betrachtet, und ich spreche als Mann von 62 Jahren und 37jahriger Priester, so mufi ich ge- stehen, dafi eine grofie Anzahl derselben sich zu viel den sinnlichen Geniissen im Essen, Trinken, Tanzen und in anderen Unterhaltungen hingibt, viele sogar Vaterfreuden genieBen, die priesterlichen Funktionen aber sehr handwerksmafiig verrichten, in der Stolaforderung gar oft unverschamt, ja herzlos sind.” Die weiteren zwei Satze verdienen nicht den Druck. In der Fortsetzung schreibt er: „Und was das Leben contra Sextum anbelangt, so nimmt es mich gar nicht Wunder, wenn beson- ders die jiingeren Priester in dieser Beziehung leicht sind, wenn dieselben wissen, dafi so manche ihrer hochwiirdigen Professoren an der Lehranstalt selbst Liebesverhaltnisse unter- halten, ja Vaterfreuden geniefien! Es gibt schon so manche Kaplane, welche fiir so kleine Anhangsel zu sorgen haben. Und was sagen denn die betreffenden hochwurdigen Konsistorien dazu? Sie trachten, daB solche Kaplane die Katechetenprufung machen und sich dann um eine Katechetenstelle umscliauen, damit sie fiir Mutter und Kinder leichter sorgen konnen. Sind solche Katecheten auch die entsprechend tauglichen Erzieher der jiingeren Generation?” Ein hoherer Wiirdentrager, dazu 62 Jahre alt, der das Leben vieler Priester kennt, fallt ein solches Urteil! Unsere 245 Diozese ist nicht gemeint, wir haben keine Katechetenpriifung, auch die Konsistorien sind bei uns nicht so — entgegen- kommend! Unsere Priester sind gegeniiber den von diesem hohen Wiirdentrager geschilderten doch noch fastEngel! Es lieBen sich manche Glossen daran kniipfen, ich will nnr im Ernste konsta- tieren, daB dem Verfasser des Artikels, der sich mit „sincerus et verax” unterschreibt die Titel „aufrichtig und wahrhaft” wirk- lich zukommen, doch bin ich der Zustimmung aller Leser ge- wifi, wenn ich dem Artikelschreiber noch den Titel „et sim- plex” („einfaltig”) verleihe. Ich bin somit doch nicht der einzige Schwarzseher be- ziiglich des Zolibates. Wurde man noch die katholische Intelli- genz fragen, was sie beziiglich der Beobachtung des Zolibates beim Klerus denkt, da wiirde man noch ganz andere Antworten bekommen. Man glaube nicht, sie sind Toren oder iibelwollende Menschen, sondern sie kennen alle moglichen Ziige des mensch- lichen Lebens und sehen, wie der zolibatare Priester beziiglich des in Betracht kommenden sittlichen Verhaltens keinen Unter- schied von anderen Personen mache. Die Folge ist, daB selbst diejenigen, die wirklich es iiber sich bringen, unbemakelt dazustehen, stets Gegenstand der Verdachtigungen be- ziiglich der Zolibatstreue werden. Der Zolibat bringt jedoch dem Priester, falls er wirklich beobachtet wiirde, abgesehen von der Schwierigkeit der Be- zahmung des Triebes, noch andere Unannehmlichkeiten. Das kanonische Gesetz schreibt vor, daB die Wirtschat'terin des Priesters wenigstens 40 Jahre alt und iiber jeden Verdacht erhaben sein solite. Zunachst schlieBt das Alter, wie ich friiher ausgefuhrt habe, den Verdacht nicht aus, dann entsteht die Frage, wo findet man heutzutage solche Personen, bei denen jeder Verdacht ausgeschlossen erscheint? Das Leben ist heutzu¬ tage zu viel bewegt, so daB nur schlichte, ungebildete, meistenteils exzentrische Personen sich noch in einem guten sittlichen Rufe befinden. Ist diese Person auch reinlich in der Kiiche, geduldig, sclrvveigsam, nicht klatschsiichtig? Ist sie auch gesundf Die Priester sind meistenteils kranklich und ebenso die Frauen im 246 vorgeschrittenen Alter. Beide infolge des kranklichen Zustandes miirrisch! Passen die zusammen?!! Ich kann mir nicht vorstellen, welchem Berufe geeignete Pfarrerkochinnen vor ihrem 40. Lebensjahre nachgehen sollten. Waren sie zuvor irgendwo Kochinnen, z. B. in Privathausern, Gendarmeriekasernen etc., da ist es nicht sicher, daB sie ein makelloses Vorleben gefiihrt haben, und waren sie fleiBig, dann hatten sie ihren Dienstort nicht verlassen, an welchem sie viel mehr verdienten, als ihnen der Geistliche geben kann. Gute Kochinnen verdienen heute monatlich 40 bis 70 Kronen; der Geistliche kann ihnen kaum ein Viertel davon geben. Oder soli sich der Geistliche mit solchen Wirtschafterinnen begniigen, die man anderswo nicht gut brauchen kann? Oft geheuchelte Frommigkeit macht noch keine Kochin. War die Wirtschafterin friiher Privaten, dann wird sie eben auch im Pfarrhofe die Rolle der Privaten spielen. Ferner gestaltet sich im Pfarrhofe das Leben fiir sie ganz anders. An die Einsiedelei nicht gew5hnt, tritt sie in einen freund- schaftlichen Verkehr entweder mit dem priesterlichen Haus- herrn, wobei das Verhaltnis nicht lange das, welches zwischen Herrn und Dienerin bestehen soli, bleiben kann, sondern sich in das Verhaltnis zwischen Freund und Freundin unrvvandelt, oder sie tritt in einen freundschaftlichen Verkehr mit den Orts- weibern, wobei der Priester nicht immer gut wegkommt. Selbst sehr alte Frauenspersonen pflegen ungemein eifersiichtig zu sein und konnen es auBerst schwer ertragen, wenn sich der Grad der Freundschaftlichkeit gegen eine andere Frauensperson er- hoht oder wenn man iiberhaupt gegen andere freundlich ist. Bekam da ein Priester eine sehr alte Haushalterin und da er sich mit ihr nicht abgeben wollte, fing sie an, ihn im Ge- heimen beim Volke zu verdachtigen. Der Priester ist auch ein ens sociale, welches Gesellschaft haben muB. Auf dem Lande kommen die Kollegen nur sehr selten zusammen. tfber den Priester kommen so viele Miih- seligkeiten, liber die er sich auBer Gott auch seinen Mitmenschen gegeniiber aussprechen mochte. Er hat ein Bediirfnis danach. Da findet er wieder die Haushalterin, der er dieses und jenes mit- 247 teilt, er weiht sie in seine Bekiimmernisse ein. Daraus wird sick erklarlicherweise ein siindhaftes Verhaltnis entspinnen. Wenn er sich der Haushalterin nicht offenbart, so sucht er das Gasthaus auf, wo das Argernis oft noch grofier wird. Hier schuttet er sein Herz aus und wird gleichzeitig durch „sorgentilgende Mittel”, d. i. Alkoholgetranke mit bekannten Folgen geheilt. Zu bemerken ist auch, daB ein Weib groBen EinfluB auf das Denken und Handeln des Priesters ausuben kann, so daB er oft jeden idealen Halt verliert. Dieser EinfluB ist meistenteils kein guter, da der Priester doch auf gut erzogene, hoch ge- bildete Wirtschafterinnen nicht reflektieren kann. Wie viele ausgezeichnete Priester wiirden auf einem anderen Stand- punkte stehen, wenn sie in einer geordneten Familie gelebt hatten! Oft geschieht es, daB sich namentlich alte Haushalterinnen, welche anderswo nicht mehr dienen konnen oder die sich nach Selbstandigkeit sehnen, in die Pfarrhofe vordrangen. Der arme Priester ist dann gez\vungen, von seinem karglichen Ge- halte diesen alteren Frauen gleichsam eine Altersversorgung zuteil werden zu lassen, nachdem sie die schonsten und kraf- tigsten Jahre des Lebens anderswo zugebracht haben. Jede Familie bemiiht sich, frische und kraftige Dienstboten zu be- kommen, nur der Geistliche soli mit Ausgedienten zufrieden sein. Fiir alle schwere Arbeiten, fiir das Reiben, Waschen, fiir die Gartenai-beiten miissen eigene Personen aufgenommen werden. Wie ich selbstandig gevvorden bin, kamen zwei altere Damen des Nachbarschlosses, um mir ihre Kochin, die schon alt und fiir sie nicht mehr tauglich war, anzubieten. „Fiir Sie ware sie gerade recht” meinten sie! Sie kamen zum Richtigen! Ich kochte mir lieber selbst! Viele Priester gehen auch durch die Verschwendungssucht der Haushalterinnen materiell zu grunde. Sie meinen, der Priester hatte ja von allem genug und da sie nicht, wie eine Frau durch das Band der Liebe an ihn gebunden sind, wirt- schaften sie auch lieblos mit seinen Giitern. Die tagliche Er- fahrung lehrt uns dies! Manche Frauen sind so schlau, daB sie sich schon wahrend der Studienzeit bei den Priesterkandidaten einschmeicheln; sie 248 helfen ihnen mit Geld aus, werden ihre geistlichen Mutter u. s. w. Spater bieten sie sich als Haushalterinnen an und bringen den Geistlichen in Abhangigkeit von sich, zumal wenn sie dem pekuniar schlecht situierten Priester mit ferneren Geldmitteln, Mobeln u. s. w. an die Hand gegangen sind. Hier herrscht die Kochin, namentlich aber dann, wenn der unerfahrene Priester zur Siinde verleitet wurde. Weh dem Priester, der in eine solche Lage kommt! Er ge- traut sich nicht in die Offentlichkeit, verliert den letzten Funken Energie. Wo sind seine Ideale, wo sein Streben nach Wissen- schaft, wo die Fruchte, die er als Študent versprach? Von den Gegnern verachtet und verhohnt, von den Vor- gesetzten miBtrauisch beobachtet, gezwungen seiner rohenHaus- halterin alles zu gestatten, beunruhigt im Gewissen, bekommt der Priester jene nervosen Charaktereigenschaften, die wir so oft beobachten konnen. Nicht jeder ist so glucklich, eine Schwester zu besitzen, die zur Leitung des Hauses geeignet ist und die selbst mit dem Bruder das Joch des Zolibates tragen mufi und auch da bleibt der Verdacht nicht aus, da Freundinnen sich zum Be- suche melden, die nicht mehr Schwestern sind.- Es ist eine ganz unrichtige Annahme, als ob der Priester durch seine Frau in den Berufspflichten gehindert wurde. Auch im gewohnlichen Leben hat die Heirat einen grofien EinfluB auf den Charakter des ganzen Menschen. Die Ledigen sind in der Regel nicht die idealsten Menschen. Es fehlt ihnen der Lebensernst und sie wandeln ohne ein bestimmtes Lebens- ziel durch die Welt. Durch die Heirat und das Leben in der Familie wird ihr Sein viel wertvoller. Deshalb andern sich die gleichgiltigsten und nachlassigsten Manner in der Ehe. Natur- lich ist die Ehelosigkeit bei denjenigen fruchtbarer an Taten, die im Besitze genugender Krafte sich hohere Lebensziele ge- setzt haben, wie zuvor erwahnt worden ist. Derer gibt es aber wenige und der ganze Priester- stand hat keine Garantie, dah er zu diesen gehort. Deshalb wiirden sehr viele Priester, unterstiitzt von einer frommen Frau, viel ernster ihren Beruf auffassen, wie es jetzt 249 geschieht. Welche Argernisse konnten verhindert werden, wenn er eine sorgende Frau an seiner Seite hatte, die berechtigt ware, ihn hie und da vom Bosen, z. B. vom Trinken oder heftiger Zornesaufwallung abzuhalten ?! DaB die Frau den Priester hindern wiirde, fiir seine tiber- zeugung einzutreten, oder daB die Sorge fiir die Familie ihm allerlei Riicksicht aufeidegen mochte, ware nur dann richtig, wenn die Erzieher der Priester nicht imstande waren, charakter- feste Manner fiir den heiligen Beruf heranzubilden und wenn es dem Priester freibliebe, die Nachstbeste sich zu seiner Lebensgefahrtin zu erwahlen. Eine verniinftige Frau wird im Gegenteil den Mann ermutigen. Man denke an die Burenfrauen, die fiir die Manner kein Hindernis waren, sondern die sie zur Ausdauer und Tapferkeit aneiferten. Auch die Offiziere diirfen auf ihre Familien keine Riicksicht nehmen, sobald sie ihr Leben auf das Spiel setzen, was von den Geist- lichen heutzutage nicht mehr zu befiirchten ist. Als Missionare sollten allerdings ehelose Priester aus- gesendet werden, die fiir immer Oder zeitweise auf die Ehe verzichtet haben. Missionare sind ohnehin ausschlieBlich jene Manner, die, mit geniigender sittlicher Kraft ausgestattet, hohere Ziele anstreben. Auch die Arzte miissen ihr Leben auf das Spiel setzen, wenn sie ansteckende Krankheiten zu behandeln haben, wie- wohl sie deshalb nicht zolibatar zu sein brauchen. DaB das Beichtinstitut leiden wiirde, ist in gewisser Be- ziehung richtig, indem von Seite der Frauen allerdings ein geringerer Zudrang stattfinden wiirde. Damit ist keine Verdachtigung ausgesprochen, sondern es wird nur die Erseheinung konstatiert, daB neben der Frommigkeit bei den Frauen doch ein natiirlicher, vielleicht nur unbevvuBter Zug zum mannlichen Geschlechte besteht, namentlich wenn der Mann ledig ist. Est miseria humana! Wie anderseits bei den Mannern die Erseheinung zu beobachten ist, daB sie gerne dorthin gehen, wo sie mit Frauen verkehren konnen. Der Zug zum Irdischen lafit sich auch bei heiligen Dingen nicht ohne weiteres abstreifen. Es erwachst kein bedeutender Schaden, wenn manche Frauen bei 250 •der Beicht ausbleiben wiirden. tlbrigens habe ich bei Be- sprechung des BuBsakramentes gefordert, daB an manchen Orten eigene Beichthauser errichtet werden, wo eigene altere Beichtvater Beicht horen sollten, fur die teilweise auch der Zolibat verlangt sein solite! Ich stelle mir unter den Beicht- vatern ohnehin meistens Ordenspersonen vor. DaB das Beichtsiegel gebrochen wiirde, ist ebensowenig zu befurchten \vie jetzt, wo die Haushalterinnen ungebildeter wie die eventuellen Gattinnen sind, ebenso gerne intime Dinge erfahren. Doch kein Geistličher macht nur den Versueh und wird.ihn auch spater nicht machen, irgendwie iiber die Beicht iiberhaupt zu reden. Die Arzte, Offiziere, Diplo- maten sind in viel schwerwiegendere Geheimnisse eingeweiht, ohne dafi man deshalb von ihnen Ehelosigkeit verlangt. DaB die Armen nicht mehr auf die Geistlichkeit rechnen konnten, ist auch nicht richtig. Die Frauen, eines Sinnes mit dem priesterlichen Gatten, wiirden vielleicht manchen Groschen mehr eriibrigen fur die Armen, als die Geistlichen heutzutage. Sie sind in dieser Beziehung viel opfervoller. Eine ganze Reihe von Bauerinnen kann ich aufzahlen, die mehr fur die Armen tun. als im Durchschnitt die Priester. Man studiere nur das Volk! Durch die Frau wird mancher argerniserregender Geiz des Priesters verhindert. tfbrigens man erinnere sich, was der ruthenische Dekanatsklerus von Jaworowo zu diesem Ein- \vurf sagt! Dr. Miiller sagt in seiner Moraltheologie B. II, T. II, § 183, daB „derjenige, der mit dem Brote der Engel zu tun hat, auch nach Sitte der Engel leben musse”. Feine Sophistik, die dem gewohnlichen Priester gleich als Beweis erscheint! Solche Argumente wirken bei Kritiklosen ganz gewaltig. Man ■sage ihm was man wolle, es schwebt ihm diese heilige Phrase vor. Das allerheiligste Altarssakrament wird in symbolischer Weise das Brot der Engel genannt. Auf Grand dieser Symbolik ■wird der obige SchluB gemacht. Wenn wir nach der Sitte der Engel leben wollen, dann mussen wir auch gleich starke Sittlichkeitskrafte und auch 251 Verstandeskrafte besitzen. Man vergesse ja nicht, daB wir noch immer im Kerker des Leibes stecken; nach der Befreiung aus diesem wird es uns erst moglich, mit den Engeln beziiglich der V ollkommenheit wettzueifern. Der gottliche Heiland rechnete, als er das heilige Altarssakrament einsetzte, nicht mit Priestern, die engelgleich sind,sondern mit solchen,die deniibrigen Menschen gleich sind. Dies folgt daraus, daB er sich unter dem gewohnlichen Brote, von dem anderen taglichen Brote gar nicht unterschieden, dem Priester und den Glaubigen auf eine nicht wie bei den Engeln iibliche Weise, sondern auf ganz ge- wohnliche Weise zur Seelennahrung hingab. Die Engel genieBen ja nicht die Brotgestalten wie wir, sondern ihre Nahrung besteht im Anschauen des Lammes Gottes, das Licht und Leben in sie gieBt. Somit hinkt der SchluB an allen Seiten. Durch seine Familie wird der Priester auch leichter mit intelligenten Kreisen in Kontakt kommen. Er steht in der Gesellschaft rein da, ohne Verdachtigung seines Lebens. Sein Leben wird nicht zu einem pikanten Gesprachsstoff werden. Wenn man auf den Niedergang anderer Konfessionen hinweist, bei denen die Priesterehe besteht, so kann diesen Untergang am wenigsten die Priesterehe verschuldet haben, sondern der Mangel an gottlicher Institution und Organisation, der Mangel an jenen Lehren, welche wir noch besitzen. Dieser Niedergang wird in unseren Blattern oft iibertrieben dargestellt und ist vielfach nicht groBer als bei uns selbst. Die zeitlichen Sorgen werden sich nicht vergroBezm. Bei uns hat der Lehrer im Durchschnitt weniger Beziige als der Priester und doch bringt er die Familie ehrenvoll fort, wahrend manche Priester sehr von Schulden gedriickt werden, was nicht in letzter Linie das Gebaren der Haushalterinnen verschuldet hat. Die Beziige der Geistlichkeit werden ohnehin reguliert werden miissen, wie ich spiiter ausfiihren werde. Da vor der Verheiratung ein entsprechendes Vermogen ausgewiesen werden miiBte, wiirde die Gattin in die Ehe auch Vei’mogen mitbringen, was die materielle Stellung des Priesters namentlich beim Antritte seines Dienstes sanieren mochte. 252 Das Volk wird nicht Argernis nehmen, wenn der Priester mit einer Frau spricht oder geht, wie es auch bei den iibrigen Standen kein Argernis nimmt. Er wird viel leichter sowohl die Jugend zur Sittlichkeit als auch die Erwachsenen zur ehe- lichen Treue aneifern, wenn sein Leben frei von jeder Ver- dachtigung ist. Es ist durchaus nicht richtig, daB die Achtung und das Ansehen des Priesters abnehmen wiirde. Ubrigens wie grofi ist diese Achtung heutzutage? Jeder Gerichtsschreiber hat mehr Ansehen als wir. Dort, wo die Priesterschaft verheiratet ist, kann man nicht konstatieren, daB die Achtung und das Ansehen kleiner ware, wie in den katholischen Landern, es muBte denn sein, daB man auf das unwiirdige, ungebiihrliche und unmoderne Handkiissen der armeren, ungebildeten Land- bevolkerung irgendwie Gewicht legen will. Nicht diejenigen sind die wahren Christen, die uns mit allen moglichen Titeln iiberhaufen und Biicklinge vor uns machen, sondern diejenigen, die unsere Lehren nicht unsertwegen, sondern um Gotteswillen befolgen. Das Zolibatsgebot ist jedoch nicht ohne weitere Voraus- setzung undBedingung aufzuheben. Meine Ausfiihrungen sind nicht so zu verstehen, als ob ich dafiir plaidieren wiirde, daB in Rom plotzlich ohne weiters jedem Priester die Verehe- lichung erlaubt wird. Im ersten Augenblicke wurde man unter das Volk, das an zolibatare Priester gevvohnt ist, groBe Ver- wirrung bringen. In manchem Tale Tirols ware der Auflauf, wenn ein Kurat plotzlich in sein Vidum mit seiner „Gnadigen” einziehen wiirde, vielleicht groBer, als einer zur Zeit der Franzosen- kriege. Die Stadte und Markte jedoch moehten in ihrer Vertre- tung die Aufhebung des Zolibates gerecht und verniinftig finden. Die Bedingungen, die bei der Verehelichung eines Priesters erfiillt sein miiBten, waren folgende: 1. Die Bewilligung muBte von der Pfarrgemeinde erteilt werden, wo der betreffende Priester pastoriert oder pastorieren wird. Die einzelnen Pfarrgemeinden werden sich uberhaupt fur verheiratete und zolibatare oder nur fur ehelose Seelsorger 253 erklaren. Wird ein Priester, der sich verehelichen will, von der Gemeinde liebgewonnen, so wird ihm ohnehin gerne die Erlaubnis zur Verehelichung erteilt, namentlich wenn er sich eine Lebensgefahrtin aus der Mitte der Pfarrinsassen gewahlt h at. Die Gemeinde, die nur zolibatare Priester verlangt, wird keinen Grund zu Vorwurfen haben, \venn sich ihr Seel- sorgerhie und dabeziigiich des Zolibates nicht korrekt benimmt. 2. Es mufi auch die Bewilligung von Seite der kirchlichen Behorden nach Priifung der Konduiten und des Vermogens- ausweises der Braut erfolgen. Dadurch wird erreicht, daB der Priester nicht ungeeignete Personen heiraten wird. Dies wird sogar bei der k. k. Gendarmerie gefordert. 3. Der Priester mufi sowohl in den Lehranstalten als auch spater durch wohlwollende Inspektion dazu erzogen werden, dai3 er seinen Beruf nicht so sehr in die Sorge um die Familie, als in die Erfullung der geistlichen Pflichten setzt, was iibrigens meistenteils zusammenzutreffen pflegt. Ein guter Familienvater wird auch ein guter Vater seiner Pfarrgemeinde sein. „In der Familie lerne ich den Mann kennen,” rief einmal P. Abel S. J. aus; ich setze hinzu: auch den Priester. Diejenigen, die den Zolibat verteidigen, sollen immerhin zolibatar leben. Wir gratulieren ihnen, dali sie sich so hohe Ziele gesetzt haben und daB sie eine so groBe Willensstarke besitzen, um die iibernommene Last zu tragen. Wir betrachten den Zolibat noch immer fiir relativ besser, niimlich fiir die¬ jenigen, wie es die Vorgenannten sind. Sie sollen aber deshalb, im Besitze solcher Willenskrafte, nicht diejenigen verurteilen, die die Aufhebung desselben verlangen, da sie bei sich und anderen Mitbriidern die Erfahrung machen, daB der Zolibat sie im Streben nach hoherer Vollkommenheit hindere und hemme! Das Resultat dieser Auseinandersetzungen ist: Kein Priester soli zur Ehelosigkeit, aber auch nicht zur Ehe- schlieBung gezwungen werden. Der Zolibat wird als guter Rat betrachtet fiir diejenigen, die sich hohere Lebensziele gesetzt haben und sich auch geniigender Kriifte bewuBt sind, um den Zolibat in seiner ganzen Reinheit zu beobachten. 254 VIL Die materielle Stellung des Klerus. Ich will jedes Breittreten derartiger Ausfiihrungen ver- meiden und deshalb Satz fiir Satz nur die leitenden Gedanken angeben, da die materielle Frage des Klerus ohnehin schon des ofteren erortert wurde. Wie jeder Mensch, so hat auch der Priester seine Bediirf- nisse, und zwar den Verhaltnissen, in denen er sicb befindet, ent- sprechend. Um seinen Beruf zu erreichen, hat er die schonsten Jahre seines Lebens verbraucht, sich durcb Verwendung des vaterlichen Vermogens oder sonst unter groben Entbehrungen zu seinem Berufe emporgeschwungen. Er hat hauptsachlich die geistige Seite seines Seins ausgebildet, zum nicht geringen Schaden der korperlichen Krafte, deren Erhaltung nach Er- reichung des Zieles weit mehr Umsicht und Pflege erfordert, als bei einem anderen Stande. Da sein Beruf fiir die Menschen wenigstens ebenso natiirlich und notvvendig ist, wie die anderen Berufsarten, ist es notwendig, dali auch die materielle Stellung desselben die gleiche ist, wie die der iibrigen Berufsarten, und zwar nicht eine von Zufalligkeiten abhangige materielle Stellung, sondern eine geordnete. Die Erfiillung der Bedurfnisse ver- langt eine gewisse Ordnung und so mufi auch die Quelle der Moglichkeit dieser Erfiillung eine bestimmte, geordnete sein. Man sagt, der Priester soli sich einer gewissen Zuriick- gezogenheit und Entbehrung befleiflen, deshalb soli er nicht gleich entlohnt werden, wie die ubrigen Berufsarten. Sogar aus der Mitte des Klerus hort man derlei Worte. DaB der Priester sich durch Zuriickgezogenheit auszeichnen soli, ist allerdings eine Forderung, die den einzelnen Priester angeht, deren Erfiillung jedoch ganz dem freien Willen desselben an- heimgestellt ist- Diese Forderung von Seite des Staates oder von einem anderen Fremden aufzustellen, ist hochst ungerecht. Kein Lohngeber darf einem Arbeiter mehr geben, weil dieser mehr braucht, dem anderen weniger, weil es bekannt ist, dafi er sich mit weniger begnugt. Die Zuriickgezogenheit ist eine Tugend, und man darf wegen der Tugend des anderen keine 255 Ungerechtigkeit begehen, das hiefie auf die Giite des anderen hira siindigen. Yon wem soli der Priester bezahlt werden? Streng ge- nommen von denjenigen, fur die er arbeitet, von den katho- lischen Glaubigen, und zwar da die Entlohnung der Beamten auch im Staate nach dem Gesetze der Wechselseitigkeit statt- findet, soli die Entlohnung gleichmafiig in samtlichen Diozesen eines Staates erfolgen. Wenn die Kirche ihre Giiter hatte und wenn sie von richtigen Prinzipien geleitet ware, miifite dieser Modus auch durchgefiihrt werden. Nun hat der Staat die fur die Seelsorger bestimmten Guter an sich gerissen und sich durch verschiedene Gesetze verpflichtet, fur den Klerus zu sorgen. Es ist nur zu begriifien, wenn der Staat die materielle- Seite der Kirche vertreten und fiir. die Seelsorger sorgen wilL Die allgemeinen Grundsatze bei der Regelung der Gehalte miifiten sein: 1. Die Entlohnung mufi eine gerechte, anderen Standera entsprechende sein. „ 2. Die materielle Stellung mufi fiir alle Priester unter gleichen Verhaltnissen die gleiche und nicht abhangig von der Willkiir irgend eines Patrons oder Protektors sein. 3. Fiir den gesamten Klerus mufi ein und derselbe Grund- gehalt bestimmt sein. Fiir verschiedene Stellungen sind nur Funktionsgebiihren, fiir verschiedene Dienstzeit Quinquennalien. zu bestimmen. 4. Da der Seelsorgedienst nicht iiberall der gleiche ist,. wie bei den Beamten, bei denen eine bestimmte Arbeit und eine bestimmte Arbeitszeit vorgeschrieben ist, sondern sich je^ nach derGrofie derPfarre und der Schvvierigkeit der Pastoration verschieden stellt, soli ein bestimmterSchliisselgefunden werden v um dem schwierigeren Seelsorgedienst auch die bessere Besol- dung zuzUweisen. Die Faktoren, die dabei zur Sprache kommen wurden, sind: a) Weite Ausdehnung und gebirgige Lage der Pfarre. /3) Mehr als 1000 Seelen, wobei fiir je 500 Seelen ein Beitrag fixiert wird. y) Teuerung der Lebensmittel an Kur- orten und auch an anderen Stationen. 5. Pension und Urlaubsverhiiltnisse sollten geordnet sein_ 256 Ad 1. Dadurch, daB wir nicht gleichgestellt sind mit den iibrigen geistigen Arbeitern, leidet zunachst unsere weitere geistige Ausbildung, indem wir nicht immer iiber geeignete Mittel verfiigen, um uns z. B. Biicher anzuschaffen oder Reisen zu unternehmen, auf denen wir manches Gute lernen konnten. Weiters arbeiten andere Stande vielfach mit Geld, um ihre Ziele zu erreichen, wahrend der Geistliche seine Beziige zum allernotwendigsten Lebensunterhalte verwenden muB. Von uns materielle Genugsamkeit zu verlangen, heiBt vielfach verlangen, dafi wir auf weitere Ausbildung verzichten und nicht so leicht die Ziele unseres Berufes erreichen. Wieviel Gutes mochte mancher wirken, wie sehr fiir die kulturelle Ausbildung seines Volkes Sorge tragen, wenn ihm der nervus rerum zu gebote stunde! Diejenigen, die dazu da sind, um Gbertretungen der Gesetze zu bestrafen, be- ziehen hohe Gehalte, diejenigen, die diese Gber- tretungen durch die Verbreitung des wahren Lichtes und der wahren Volksbildung zu verhuten bestimmt sind, werden wie Kanzleidiener behandelt! Es gibt solche, die sagen, dem Klerus geht es gut. Auch manche Geistliche behaupten dies. Freilich, einer Anzahl des Klerus geht es gut, denen, die Ministergehalte beziehen, allein diese Zahl ist im Verhaltnis zur Zahl der darbenden eine sehr geringe. In den Zeitungen liest man oft vom NachlaB dieses oder jenes Stadtpfarrers und denkt sich, schau, den Geistlichen geht es doch gut! Manchen Geistlichen geht es auch deshalb gut, weil sie wirklich mit dem, was ihnen der Staat bietet auskommen. Es sind meistenteils jene Personen, die kein Be- diirfnis zu weiterer geistiger Ausbildung fiihlen und die seit jeher, in ihrer Arbeit sich maBigend, gesund sind und denen die Kost, an die sie sich in ihrem Elternhause gewohnt ha- ben, Knodel und Kraut, Milch und Sterz, am besten schmeckt. Sie verstehen auch oft ihre Aufgabe nicht, mildtatig zu sein, fiir gute Biicher etc. zu sorgen. Doch alle konnen weder so genug- sam noch so gesund, uberhaupt so disponiert sein, wie diese! In Karnten durften die Geistlichen im Durchschnitte am besten besoldet sein, weil infolge des groBen Priester- 257 mangels ein Seelsorger oft zwei Pfarren zu versorgen hat. Doch gibt es auch Pfarren, wo der Priester nicht die rosigste Stellung hat. Als Provisor bezog ich zuerst vierzig Gulden und hie und da kam mir ein Mefistipendium zugute. Da heiBt es jeden Heller auf die Wagschale legen und nicht viele Wohltaten erweisen. Nicht einmal eine Tageszeitung kann man sich in diesen Verhaltnissen vergonnen. Spater bezog ich in einer protestantischen Gegend monatlich 45 Gul¬ den und 15 Gulden jahrlich an Stiftungsgebiihren. Messen so gut wie keine, Stolgebiihren gleich Nuli, da die Bevolkerung meistenteils arm war. Da ware es aber notig gewesen, den Glaubigen gute Gebetbiicher zu verschaffen und manche andere Auslagen zu machen. In anderen Diozesen ist es mit der Ent- lohnung des Klerus noch arger. Der Geistliche darf sich in einem Badeorte oder in der Stadt nicht einmal in ein besseres Gasthaus wagen, da einige Tage gleich die Halfte seiner monat- lichen Beziige verschlingen konnen. Nach meiner Meinung beziehen manche Staatsbeamten mehr, als es das Volk im allgemeinen zu tragen und zu leisten imstande ist; deshalb werden wir schon allein in Hinsicht dar- auf etwas kleinere, annahernde Forderungen stellen. Wir Pfarrer konnten uns gar nicht fassen vor Freude, wenn wir, wie so manche Staatsbeamte, Aussicht hatten, mit 2000 bis 3000 oder noch mehr Gulden in Pension zu treten; doch nach dem Grundsatze, gleiclies Mali fiir alle, welche gleiche Pflichten er- fiillen, waren wir berechtigt, gleiche Entlohnung wie die Be- amten zu verlangen. Ad 2. Der Klerus ist der Prediger der Gerechtigkeit, die verlangt, daB einer fiir gleiche Pflichtleistung nicht iibermaBig, der andere nicht zu wenig entlohnt wird. Deshalb zeigt — ge- linde gesprochen — die jetzige, von vielen Zufalligkeiten ab- hiingige, ungleiche materielle Stellung des Klerus nicht im ge- ringsten, daB die Lehrer der Gerechtigkeit diese in ihrer eigenen Organisation zur Geltung gebracht hatten. In allen Diozesen ist namlich die Erscheinung zu konsta- tieren, daB einige Geistliche, fast zweimal, hie und da auch drei- Vogrinec, nostra culpa. 17 258 und mehrmal mehr Gehalt beziehen als andere, die gleich eifrig sind und gleiche Dienstjahre haben. Es geschah, dafi z. B. mancher meiner Kollegen, auch solche, die hinter mir waren, fast zweimal mehr Gehalt bezogen und gleich 600 Gulden mehr Einnahmen hatfcen als ich. Sie hatten keinen Grund zu ihrer aufierordentlichen Beforderung. Ich kenne auch altere Priester, die oft 20 Jahre langer pastorieren als ich und doch nicht mehr. viele auch weniger beziehen, als ich an dem jetzigen Posten! Die Pfrunden sind verschieden. Einige tragen kaum 600 Gulden, so dah Kongruaerganzung notwendig ist, andere, die viel leichter zu pastorieren sind, tragen die Halfte mehr. Kleine Pfarren mit 500 bis 800 Seelen haben eine systemisierte Kaplanei, wodurch sich der Gehalt bei der infolge des Priester- mangels regelmafiigen Vakanz gleich um fast 300 Gulden erhoht, wahrend an anderen Posten mit 1500 Seelen der Pfarrer allein mit 600 Gulden auskommen mufi. An einigen Posten sind sehr gute Stiftungen, die oft mehrere hundert Gulden abwerfen und in den Gehalt nicht eingerechnet werden, wahrend anderswo so gut wie keine Stiftungen bestehen. Manche Pfarre zahlt wohl- habende, andere wieder arme Insassen; dort betragen die Stol- gebiihren samt Funktionsgebiihren mehrere Hunderte, hier ware es sogar notig, die Stempel bei verschiedenen Anlassen selbst zu zahlen. Kurz, es besteht ein schreiender Gegensatz z\vischen den Entlohnungen verschiedener Priester, so dafi das Einkommen auch um Tausende differieren kann. Der eine lebt uppig oder kann wenigstens leben, der andere mufi darben. Ich wundere micli noch immer, dafi das jetzige Kongrua- gesetz uns in Anbetracht der eben geschilderten Umstande so giinstig ist. Ware ich Kultusminister und wurde man an mich mit der Bitte um Gehaltserhohung herantreten, so wiirde ich die Forderung stellen, dafi man auch konzediert, dafi wirklich eine gleichmafiige Entlohnung stattfindet, dafi nicht gleichzeitig diejenigen, die ohnehin iibermafiig mit dem Zeitlichen bedacht sind, abermals eine Gehaltserhohung be- kommen, sondern dafi Anstalten getroffen werden, wodurch samtliche Einnahmen des betreffenden Geistliehen revidiert und 259 — eingereehnet werden. Sogar die Zustellungsgebuhren bei den Gerichtsdienern werden genau eingehoben und als Staatsein- nahmen verrechnet. Bei uns sollten alle Einnahmen genau noti- fiziert, der UberschuB iiber einen fixen Gehalt abgeliefert werden, um den schlechter Dotierten die Gehaltserganzung zu zahlen. Ein derartiger Modus zur Ausfindung samtlicher Ein¬ nahmen ware šehr leicht gefunden, und zwar etwa so: Jede kleinste Einnahme, wie MeBstipendien, Stolgebiihren, jede Funktionsgebiihr soli genau in ein Vormerkbuch einge- tragen werden, welches in der Sakristei oder im Pfarrhof auf- liegt. Fur jede Zahlung ist der Partei ein Coupon oder Empfangs- schein auszufolgen, der von den genau numerierten Biattern des Vormerkbuches getrennt wird. Der Vorgang soli wie auf der Post sein. Das Buch selbst soli die Richtigkeit der Einnahmen kontrollieren. Jedes Jahr miiBte die Rechnung den kirch- lichen und staatlichen Behorden vorgelegt werden. Da der Priester hie und da aueh manche Spenden an Arme machen, einzelnen Kindern zu Gebetbuchern verhelfen mufi, ist ihm auch ein entsprechender Betrag zur Disposition zu uberlassen, obwohl die Sorge fur die Armen heute mehr Saehe der Ge- meinde ist. Ist es ja das groBte Almosen des Geistlichen, wenn er dem wiirdigen Armen an die Hand geht, um die gesetzliche Unterstutzung zu erhalten. Auf die uberschiissigen Ertragnisse der Prabenden wird natiirlich verziehtet werden miissen. Diese Verzichtleistung auf die zufalligen Einnahmen, re- spektive die Notifizierung samtlicher Empfiinge behufs Ver- rechnung in die Gehaltsbeziige ist eine Notwendigkeit, falls wir verlangen, daB der Staat der Gesamtheit mit Gerechtigkeit entgegenkommt. Wir machen heutzutage die Erfahrung, daB der Staat und das Volk die Meinung von kolossalen Einnahmen des Klerus hat. Sie lernen aus der Zeitung, wie viel Tausende dieser oder jener Stadt- oder Maidrtpfarrer hinterlassen hat. Sie sehen auch, daB an manchen Orten dem Geistlichen ver- schiedene Volksgebrauche zugute kommen und glauben, der gesamte Klerus erfreue sich derartiger Benefizien. Namentlich bei der Fatierung der Personaleinkommensteuer erleben wir diese traurige Erfahrung. Hie und da fatiert man ohnehin 17 * 260 recht zweifelhafte Einnahmen, um Ruhe vor den Yexationen der Behorden zu haben; doch da kommt noch immer die An- frage: Sind das Ihre wirklichen Einnahmen? Die Behorden haben keinen Begriff von der Volksbewegung und meinen, daB man jeden Tag eine Taufe und jeden Tag ein Begrabnis mit Kondukt hat. Fiir die Taufen bekommt man hie und da eine Krone, an manchen Orten nichts. Weiters wird naeh Vigilmessen gefragt, die an manchen Orten nicht iiblich sind, Beichtgroschen, die auch in seltensten Fallen einkassiert werden, Vorsegnungen, Andachten, Opfern, Geschenken etc. Wenn sie sich wo erinnern, daB gute Leute manche Geschenke, wie Kirschen, Honig, Butter o. dgl., in den Pfarrhof bringen, die iibrigens doppelt vom Pfarrer gezahlt werden, dann meinen sie, was fiir horrende Einnahmen die Geistlichen haben. Dafiir, daB einzelnen wirklich manche Benefizien zugute kommen, muB der arine Klerus groBe Steuern zahlen! Deshalb wollen wir, daB volle Klarheit iiber unsere Einnahmen herrscht. Es ware ungerecht, wenn der Staat gleichzeitig auch den ohnehin gut Situierten ihre Bezuge vermehren wiirde. Der Umstand, daB die Pfriinden so unregelmaBig dotiert sind, sto rt die Pastor ation, indem ein Geistlicher nicht langere Zeit an einem Posten verharren kann, wo er mit materiellen Sorgen zu kampfen hat, und verleitet den Priester sogar zur unmoralischen Stellenjagerei und Schmeichelei vor denen, welche die Macht haben, die Pfriinden zu vergeben. Die Ver- gebung der Pfriinden ist meistenteils von einzelnen Personen abhangig, mogen es nun Privat- oder offentliche oder geistliche Patrone sein. Die Pfriinde wird demjenigen verliehen, der dem Patron oder seiner Gnadigen zu Gesichte steht oder wel- cher vom Protektor empfohlen wird. Weder der Studiengang, noch die pastorelle Befahigung, noch das Dienstalter kann maB- gebend sein, sondern rein zufallige Dinge vermitteln sehr oft, nicht immer, die Verleihung. Das Ordinariat kann allerdings Umviirdige zuriickweisen. Doch welche sind Unwiirdige? Die mit dem Kirchengesetz irgendwie in Konflikt geraten sind, \vas doch selten geschieht. So geschieht es sehr haufig, daB jiingere Priester alteren, verdienten vorgezogen werden. Das Bittere 261 daran ist noch das, daB derjenige, der eine gute Pfriinde er- halten hat, im Gefuhle seiner materiellen Prapotenz bald geistig iiberlegen sein will. Wahrend mancher in der Schule unter den Letzten figurierte, sieht man ihn jetzt plotzlich als Weisheits- autoritat vor sich. Mit einzelnen Stellen sind sogar Decanats- posten verbunden und so wird ein Pfarrer durch die Gnade eines vielleicht andersglaubigen Patrons Dechant, der alle Eigenschaf- ten haben mag, nur die eines Dechants nicht. Wie bitter ist es den nach Idealen ringenden, fiir die GroBe der Kirche und fiir das Seelenheil besorgten Priestern, wenn sie unter die Aufsicht eines unbefahigten Oberen kommen! Sie erwarten von dieser Kirche keine Gerechtigkeit, verlioren die Liebe zu ihr und beschranken sich auf den kleinen Kreis ihrer Wirksamkeit, falls sie nicht jede Willenskraft verlieren und zu gefuhllosen Menschen herab- sinken, die in den Freuden dieses Lebens ihre Erholung suchen. In Bohmen ist es Sitte, daB in einem Patronatsbezirke nur die Priester des Patronates fur die Pfx*iinden prasentiert werd.en, wodurch das Ruckenkriimmen vor den Machtigen noch mehr gefordert wird. Ein Landesschulinspektor hat sogar den Lehrern ver- boten, sich bei Bewerbung um Stellen bei ihm vorzustellen und gleichsam durch ihre Personlichkeit die Stelle zu erringen. Und bei uns, den Lehrern der Sittlichkeit und Gerechtigkeit? Auf simonistische Umtriebe waren und sind noch strenge Kirchenstrafen ausgesetzt. Allerdings finden die heutigen Kano- nisten in der Protektionswirtschaft keine Simonie mehr, weil sie eben die Worte der Gesetze abwagen, nicht aber den Geist, in welchem dieselben verfaBt sind. Zwar nicht um das Geld oder um ein geistliches Gut, sondern um die politische Gesinnung, oder um die Schmeichelworte, oder um die Befurwortung eines Protektors wird eine Prabende verliehen. Eine Verleihung, die ebenso schlecht ist wie eine. Verleihung um Geld! Dadurch, daB die Gehalte der Geistlichen reguliert werden, wird die Stellenjagerei aufhoren, doch wird es notwendig sein, daB jeder Versuch, auf einem anderen als auf dem erlaubten Wege sich irgendwie die Stelle zu ervverben, strenge mit Absetzung von 262 der betreffenden Pfrunde bestraft wird. Durch den Zolibat ver- langt man vom Priester, dafi er sich dem Ideale Christi nahert, hier toleriert man, dali er dem Ideale des Judas nachgeht. Der Fiirsterzbischof von Olmiitz hat in dem dortigen Verordnungsblatt verboten, die Pfarren vor Ablauf von zwei Jahren zu wechseln. Ganz richtig! Docli wo liegt der Grund? Der Geistliche mochte auch einmal im Leben auf einen griinen Zweig kommen und eine bessere Pfriinde erhalten, Ad 3. Die Lehrer in Karnten haben iiberall gleichen Grundgehalt in allen Stellungen. Auch bei den iibrigen Be- amten ist dies der Fali, deshalb darf auch bei uns kein Unter- schied bestehen zwischen dem Grundgehalte eines Kaplans, Pfarrers, Dechants oder Domherrn. Diese Einrichtung ist ver- niinftig und gerecht. Nicht die Stellung soli bezahlt werden, son- dern die Arbeitsleistung in einem bestimmten Berufe. Wer langere Zeit dient, soli deshalb nicht weniger haben, weil er eben noch nicht Pfarrer oder Dechant geworden ist. Die einzelnen Stel¬ lungen oder Wurden, wie Pfarrer-, Dechants- oder Domherren- wiirde sollen nur bestimmte Funktionsgebuhren erhalten und sich beziiglich des Grundgehaltes gar nicht von der Stellung eines Kaplans unterscheiden. Ferner sind auch mit EinschluB der Jahre vor der Kon- kurspriifung, fiir je fiinf Jahre Zulagen zu bestimmen. Die Einteilung in vier Gehaltsklassen, nicht Rangs- klassen wird den Diensteifer des Klerus erhohen, da nur zu- friedenstellende Pastoration die Vorruckung zur Folge haben soli. Die Jahre vor der Konkurspriifung sind als provisorische zu behandeln und mit einem geringeren Gehalte als der Grund¬ gehalt betragt, zu entlohnen. Die oft unwiirdige, entmutende, zur Gleichgiltigkeit und zum Aufgeben der Ideale verleitende Stellung der Kooperatoren wird einer besseren Platz machen. Es ist unnotwendig, die heutige Stellung des Kaplans weiter zu untersuchen und zu bewerten, da sie ohnehin als triste bekannt ist. liber die Stellung der Bischofe will ich keine Notiz machen, wiewohl ich nicht unterlassen kann, einige Mitbriider 263 auf einen wenig beriicksichtigten Umstand aufmerksam zn machen. Bekanntlich haben die Bischofe iiber den Klerus eine absolute Macht. Das Wohl und Wehe, aber auch .die Gesinnung des Klerus hangt vielfach von ihnen ab. Da lafit es sich nicht leugnen, daB gerade die Regierung dies benutzt, um die Bischofe fiir sich zu gewinnen, indem sie dieselben ungewohnlich gut do- tiert, mit hohen Ehren iiberhauft, wahrend der „niedere” Klerus sich der bekannten „Begiinstigung” der Regierung erfreut. Es ist ein feiner diplomatischer Griff, stets den Machtigsten und Einflufireichsten auf seine Seite bringen zu wollen. Ich will damit durchaus nicht behaupten, daB unsere Oberhirten wirklich wegen dieser irdischen Dinge gute Freunde der Regierung waren, sondern daB die Regierung tatsachlich dies im Auge zu haben scheint. Ich sage dies auch nicht von der osterreichi- schen Regierung, im Gegenteil kann ich diese Bemuhungen anderswo noch mehr herausfinden. Die Saehe lieBe noch eine weitere Ausfuhrung zu, ist aber zu heikel. Ad 4. Von samtlichen Pfarren einer Diozese ist sehr leicht ein Verzeichnis anzulegen, in dem die aufgezahlten Schwierig- keitsfaktoren ersichtlich waren, namlich a) die gebirgige Lage oder weite Ausdehnung der Pfarre, (i). eine groBere Seelenzahl, y) oder eine lokale Teuerung. Fiir die gebirgige Lage ware etwa ein Betrag von 100 bis 150 Kronen zu bestimmen. Als Musterpfarre fiir einen Geistlichen solite eine Pfarre mit 1000 Seelen bestimmt sein. Fiir je weitere 500 Seelen ware ein ZusehuB von 300 Kronen notwendig. Betragt die Seelen¬ zahl . mehr als 1500 Seelen, so muB eine Kaplanei systemisiert sein. Ist ein Kaplan angestellt, so bekommt der Pfarrer keinen ZusehuB. Uberhaupt sollen die Verhaltnisse beziiglich der Kaplaneien geordnet sein. Es gibt Pfarren mit 700 bis 1000 Seelen, die eine systemisierte Kaplanei haben, wahrend die zweimal groBeren keine besitzen. Manche Industrie- und Fabriksorte sind riesig angetvachsen, wahrend sie noch immer die gleiche Seelsorgeranzahl haben. Man liest hie und da Klagen von Priestern, dafi 10.000 bis 25.000 Seelen von di^ei Geistlichen pastoriert werden, wahrend hierbei noch der Pfarrer meisten- teils alt und gebrechlich zu sein pflegt. In Tirol wei6 ich, daB 264 in einer Pfarre von 1200, sage zwolfhundert Seelen, gleich drei Geistliche angestellt sind. Wie steht es da mit der „unitas eccle- siae?” Ware es nicht schon, wenn auch eine einheitlichere prak- tische Seelsorge die Welt von dieser unitas uberzeugen wiirde? Ad 5. Die Pensionsverhaltnisse und Urlaubsverhaltnisse sollen geordnet sein, wobei allerdings ein Unterschied zwischen den Yerheii’ateten und Unverheirateten zu machen ware. Den Landgeistliehen soli nur von Fali zu Fali ein Urlaub erteilt werden, der Stadtklerus soli auf bestimmte freie Zeit im Jahre An- spruch haben, um seine Gesundheit auf dem Lande zu kraftigen Die lizitationsweise offentliche Verpachtung der Pfarrhof- grundstiicke ist notwendig, nicht nur, um eine gleiche materielle Stellung des Klerus zu erzielen, sondern auch weil die Beschaf- tigung mit der Okonomie dem geistlichen Beruf abtraglich ist. In der fruheren Zeit war der Klerus gleichzeitig Forderer der Agrikultur und auBerdem hat er in Hinsicht auf bedeutend geringere Anforderungen des Berufes Zeit genug gehabt, sich mit der Agrikultur abzugeben. Die Grunde geben nicht iiberall gleichen Pachterlos. Mir war irgendwo in die Fassion mehr eingerechnet als dem eine Stunde entfernten Nachbar, der aber dafiir gleich einige hundert Gulden mehr Pachtzins erhielt als ich. Zur gleichen materiellen Stellung wird die Verpachtung notwendig sein. Ubrigens kann der Pfarrer, wenn er durchaus will, auch mitlizitieren. Auf den Garten und einen ganz kleinen Grundanteil soli er das Erstehungsvorrecht haben, damit er sich, wenn er dazu Lust hat, eine kleine Wirtschaft einrichten kann. Der dafiir notwendige Komplex soli zusammen feil- geboten werden. Am besten ist es jedoch, wenn der Pfarrer bei seinem Berufe bleibt. Auch manchen anderen Standen ist die Be- schaftigung mit Agrikultur verboten. Der Geistliche hat in seinem Berufe genug zu tun und findet auch Erholung in ihm, wenn er ihn versteht. Unter der Voraussetzung, da!3 in der vorher angedeuteten Weise samtliche Einnahmen des Geistlichen notifiziert und ein¬ gerechnet werden miissen, waren zur Regelung der Gehalte nach meiner Meinung folgende Normen geltend: 265 1. Der Grundgehalt, beziehbar nach der Ablegung der Konkurspriifung, d. i. nach \venigstens dreijahriger Pastoration, betragt 2000 Kronen. Yor der Konkurspriifung beziehen die Geistliehen 1400 Kronen. Mit Einrechnung der Jahre vor der Konkurspriifung sind Quinquennalien zu 200 bis 300 Kronen einzufiihren. Die Geistlichkeit ist in vi er Gehaltsklassen, die sich um je 400 Kronen unterscheiden, einzuteilen. Die vierte Gehalts- klasse miisse bei zufriedenstellender Dienstleistung vor dem 30. Dienstjahr erreicht werden. Pfarrer, Dechante, Domherren beziehen entsprechende Funktions- und Dispositionsbeitrage. Die Geistlichkeit, die sich nicht mit der Seelsorge beschaftigt, hat ohnehin ihre eigenen Gehaltsnormalien. 2. Verschiedene Pfarren, die sich durch Schwierigkeit hervortun, sollen mit entsprechenden Mehrbetragen von 200 bis 300 Kronen dotiert sein, so z. B. die Pfarre N., 1500 Seelen zahlend, ganz im Gebirge, vielbesuchter Alpenkurort, soli dotiert sein: Grundgehalt 2000 Kronen, fiir die schwierige Lage 200 Kronen, fiir 500 Seelen iiber dem Normale (1000 Seelen) 300 Kronen, weil Kurort, 200 Kronen. Durch eine entsprechende Besserung der materiellen Lage wird die Unzufriedenheit des Klerus, die nach Jahren auch zu einer Katastrophe fiir die Kirche fiihren kann, behoben, die Stellung des Klerus eine gerechtere und die Tiitigkeit desselben auch eine bessere. Durch die Ausgleichung der Einnahmen wird der Staaf nicht besonders stark in Anspruch genommen, er wird deshalb eher entgegenkommen, zumal da auch unsere Forderung eine gerechte und verniinftige sein wird. Allerdings wird mit einer blofien „Empfehlung”, wie manche die Kongruaerhohung er- reichen wollen, nichts erreicht werden. Die Minister horen nicht auf Empfehlungen, namentlich aber der Finanzminister nicht, der sich stets in einer bedriingten Lage befindet! Da mufi die Zahlungsaniveisung vom Abgeordnetenhause kommen und dorthin mufi sich der gesamte Klerus wenden, allerdings nicht mit ubertriebenen und ungerechten Forderungen! 266 vin. Die Teilnahme der Laien an religiosen und kirchlichen Interessen. Heute ist der Priester fast ganz allein noch da, der die Kirche verteidigt. Glaubige Laien gibt es wohl viele; jedoch sie nehmen eine reservierte Haltung ein; es miiBte denn sein, dafi sie schon ex professo fiir die Kirche eintreten miissen, z. B. als Redakteure der katholischen Zeitungen oder als Ab- geordnete, die mit Hilfe des Klerus gewahlt wurden. Der Grund hiervon ist in dem Umstande zu suchen, daB wir uns nicht bemiihen, die Laienwelt fiir unsere Interessensphare zu gewinnen. Die erste Bedingung ist allerdings die, dafi das von der Kirche abgestreift wird, \voran sieh die heutige Welt mit voller Berechtigung stofit, insoferne es namlich mit der Wiirde und dem Wohle der Kirche unvereinbar erscheint. Nach der Erfiillung dieser Bedingung miifiten wir aber auch daran denken, welche Wege eingeschlagen werden miissen, um die Liebe zur Kirche in den Herzen der Laien zu entfachen. Die Religion ist ein Gut, welches nicht nur den Priestern gehort, sondern sie ist auch das wertvollste Gut aller Menschen. Die Kirche ist nur die Beschiitzerin der von Gott geoffenbarten Lehren. Sie muB fiir die Unversehrtheit der Lehren garantieren. Deshalb kann jeder Laie die Religion lehren und auslegen innerhalb der von der Kirche gezogenen Grenzen. Gberschreitet er diese Grenzen, dann lehrt er nicht mehr die katholische Religion. Wir Priester I sind so angstlich, daB wir meinen, nur wir konnen die Religion verstehen und sie auslegen und weisen die Laienwelt zuriick. DaB die Laien kein Interesse fiir unsere Religion ge- winnen, dafiir sorgen schon unsere Einrichtungen. Die theo- logische Wissenschaft wird in verschlossenen Seminarien, so daB ja niemand die Vortrage horen, ferner in der lateinischen Sprache vorgetragen, so daB sie niemand leicht verstehen kann. Es erscheinen wohl Broschiiren, in denen die Religion in populširer Weise verteidigt wird, es mangelt aber ganz an Zeit- schriften, welche die Religion popularwissenschaftlich behandeln 267 wurden und in denen eine der modernen Zait entsprechende, nicht scholastische Form geiviihlt wiire. Der ganz modern aus- gebildete Laie kann sich nicht an eine Form gew5hnen, die seiner iiblichen Form des Denkens nicht entspricht. Ein unbebautes Feld, auf dem wir noch den Samen der Religion anbringen und zur Ernte reifen lassen konnten, haben wir noch zur Verfiigung: Es ist dies das tiefreligiose Gefiihl der Frau. Wenn auch hier jede Bedingung zu einer hoffnungs- vollen Aussaat schwindet, dann ist der religiose Indifferentis- mus vollendet. Findet sich noch etwas Religion in manchen Hausem, so ist es der Frau zu verdanken, mag sie Mutter, Gattin oder vielleicht auchTochter sein. Auch die Frauen streben heutzutage nach hoherer Bildung. Da ist es immer traurig zu betrachten, mit welchem Eifer sie sich dem Studium der Philosophie, des Jus, der Medizin etc. hingeben, wahrend man nie hort, dah sie besonderes Interesse fiir die theologischen Wissenschaften zeigten, wiewohl man glauben konnte, dafi sie besondere Neigung fiir religiose Wissenschaft hatten. Wie werden wir das Interesse fiir die Religion bei ihnen wachrufen? Dadurch, dafi wir nicht in kleiniicher Angstlichkeit namentlich den Absolventinnen der Lehrerinnen-Bildungsanstalten und hoherer Institute den Zutritt zu theologischen Vorlesungen, namentlich zu den Vorlesungen des Pastoraljahres verwehren, sie vielmehr dazu einladen. Geniigend grofie Raumlichkeiten lassen sich in jedem Seminar herrichten. Nicht nur Andachts- und Erbauungsbucher werden wir in eigenen Bibliotheken in der Stadt zur Leihe oder zum Ankaufe haben, sondern popular- wissenschaftliche Biicher liber alle theologischen Disziplinen. Allerdings miifite den Laien, auch den Frauen, Gelegenheit geboten werden, in geeigneten theologischen Zeitsehriften ihre Ansichten zum Ausdruck bringen zu konnen. Die Hochschulprofessoren weltiicher Fakultaten haben an manchen Orten Hochschulkurse eingefuhrt. In Berlin konnen sich die verschiedenartigsten Stande an diesen Kursen be- teiligen, bei uns nur die Lehrer. Doch in unseren Kreisen, wo man am meisten apostolischen Eifer voraussetzen solite, da ruht alles. Da regt sich niemand. 268 Eine g ut religios ausgebildete Lehrerin konnte oft an Madchenschulen ganz andere religiose Erfolge bei den Schiile- rinnen erzielen, als wir. Die Lehre, aus dem gefiihlvollen Herzen der Frau kommend, wird ein ganz anderes Echo in den zarten Kinderherzen finden als unsere kuhi, mit reiner Beweis- logik vorgebrachten Lehren. Uberhaupt ist es meine und die Anschauung vieler anderer, daG Madchen nur von Frauen unter- richtet werden sollten. Allerdings sind die Frauen jetzt noch nicht ganz geeignet fiir die hohere Erziehung, allein sie miihten eben dazu er- zogen werden. Die Weichlichkeit und Empfindlichkeit muG in der Erziehung der kiinftigen Frau wegbleiben. Der Religionsunterricht leidet namentlich dort (und das ist vielleicht bei vier Fiinftel der Schulen der Fali), wo es keine standigen Katecheten gibt, weil die Seelsorge oft storend in den TJnterrieht eingreift. Wie schon ware es, wenn eine religios hoher gebildete Lehrerin oder ein Lehrer supplieren konnte! Die jetzige Religionspriifung in den Lehrerbildungs- anstalten ist wohl ungeniigend und nur zur Not konnte der Lehrer irgendwie den Priester ersetzen. DaG hoher gebildete Mann er zum Besuch der Vorlesungen iiber theologische Facher und zum Studium der Theologie an- geleitet werden miissten, versteht sich von selbst. In der friiheren Zeit hatten die Laien auch mehr Recht an kirchlicher Verwaltung und oft auch an der Wahl des Klerus. Selbst Bischofe wurden vom Volke gewahlt. Allerdings durfen wir nie zulassen, daG die kirchliche Verwaltung und auch die Erwahlung der Seelsorger ganz der Laienwelt iiberlassen bliebe. Die Kirche hat uns zu dem Volke gesandt, daG wir es lehren, deshalb hat die Kirche das Recht, diejenigen zu erwahlen, die das Volk unterrichten sollten. Jedoch wie auch bei An- stellung der Lehrer die Ortsbevolkerung durch den Ortsschul- rat mitzureden hat, wiewohl die Schulbehorde die ausschlag- gebende Macht ist, so sollen den Pfarrinsassen gewisse Rechte eingeraumt werden. Heute hat das Volk nicht einmal das Recht, gegen die Anstellung eines Seelsorgers Protest einzu- legen. 269 Es sollten nicht bloB zwei Kirchenkammerer, sondern sechs oder in groBeren Pfarren auch mehr Manner erwahlt sein, die wie ein Rat, mit dem Pfarrer an der Spitze, die kirchlichen Verhaltnisse beraten, Anschaffungen beschlieBen, bei Kompetenzen ihr Gutachten abgeben konnten. Die kirch¬ lichen Erfordernisse werden viel williger gedeckt werden, wenn das Volk die Deckung gleichsam durch ihre Vertreter konze- diert. Dem Ortskirchenrat steht ein Dekanatskirchenrat, be- stehend aus den vom Bischof erwahlten Mitgliedern, vor; diesem Rate steht wieder der Diozesankirchenrat vor. Verschiedene religiose Unternehmungen, respektive die Beaufsichtigung der- selben kame einzelnen Ratsversammlungen zu. Zur Unterstiitzung armer Pfarren, zur Griindung der Pfarrbibliotheken, zur Er- haltung der Diozesandruckerei etc, haben alle Pfarren ent- sprechende Beitrage jahrlich zu leisten. Uber die Verwaltung dieser Fonds wacht der Diozesankirchenrat. Es ist moglich, daB derlei Einrichtungen hie und da zu Streitigkeiten AnlaB geben wurdeu. Jedoch jedes gute Gesetz ist erst nach langwierigem Kampfe zustande gekommen, und des- halb verden Meinungsverschiedenheiten auch bei unserer Ein- richtung nicht immer schlechte Friichte bringen. Ferner werden sie reichlich aufgewogen durch die Erfolge, die das Mitwirken der Laien an der guten Sache erzielen wird. IX. Das Verhaltnis des Klerus untereinander. Zu diesem Kapitel lasse ich einen Gewandteren reden als ich es bin. Es ist Dr. Scheicher, der in seinem Buche „Der Klerustag”, herausgegeben bei C. Fromme in Wien, Seite 234 bis zum Schlusse, herrliche Worte liber das Verhaltnis der Kleriker untereinander geschrieben hat. Wenn das Buch keinen anderen Wert hatte, so verdiente es wegen dieser SchluB- betrachtung allein angekauft und gelesen zu \verden. Ich hebe liier nur einzelne Stellen heraus: „Der heilige Hieronymus hat schon angedeutet, daB eigent- lich der Bischof nur dadurch iiber die priesterliche Wiirde sich erliebe, daB er wieder ordinieren, also Pidester einsetzen 270 konne, was dem Priester nicht moglich ist. Der Bischof hat auBer dieser Weihgewalt das regimen. Dieses kommt hier fiir uns zunachst in Betracht. Es ist das Wort der Schrift: Spiritus s. posuit, regere ecclesiam Dei. Dieses Wort wird allerdings ofter nicht verstanden . . . . Da ist es nun ein oftmals gebrauchter Trick, daB man das Wort auch dann anzieht, wenn es nichts bei einer Sache zn tun hat. Wenn ein einfacher Priester oder ein Laie eine Meinung, eine Ansicht ausgesprochen hat und ein oder der andere Bischof hat sich dagegen geauBert, so fehlt es nie an solchen, welche sagen: A špiritu s. . . d. h. die Meinung des Bischofs ist selbstverstandlieh die weisere, gescheitere, denn der heilige Geist hat den Bischof gesetzt. Das ist aber ein groBer Unsinn nach einer Seite, nach der anderen ein Trick. Die Worte des Apostels wollen sagen, daB die Gewalt der Kirchenregierung von Gott, beziehungs- weise dem heiiigen Geiste sei. Ob eine wissenschaftliche An¬ sicht des Bischofes der anderer Menschen vorzuziehen sei, hangt von den Argumenten der Begriindung ab. Der heilige Geist hat hier nicht zitiert zu werden. Ob der Bischof gut regiert oder nicht, ob er weise verwaltet oder unweise, darf dem heiiigen Geiste absolut nicht in die Schuhe geschoben werden .... Unser Heiland hat die richtige Ordnung selbst gelehrt. Sie wird nicht immer beobachtet. Wurde sie das, dann stunden unsere religiSsen Verhalt- nisse viel besser. Wir konnten uns dann auf die Autoritat Gottes berufen, wir hatten festen Boden unter den Fiifien. So beruft man sich neunmal von zehn Fallen immer nur auf menschliche Anordnungen und Einfiihrungen. . . . Allein viel Unheil, vielleicht das meiste, kommt doch daher, daB man den Erwachsenen zumutet, gar nie eine eigene Meinung zu haben, unter Umstanden sogar Dinge un- kritisiert hinzunehmen, welche selbst von naiven Kindern widersprochen oder bezweifelt werden. Stolzer Sigamber beuge dein Haupt! Vor Gott es zu beugen, bringt es der verniinftige Mensch leicht, oder wenn schon nicht leicht, doch zusammen aber 271 jede menschliche Anschauung gleich als Offenbarung Gottes zu betrachten, weil sie von hoher Obrigkeit kommt, das darf man nicht begehren. Wenn man tiefer blickt (namlich in die Klerusverhaltnisse), dann findet man unter Umstanden auch eine Unmasse von Unzufriedenheit, von MiBtrauen und Erbitterung. Auf mancher Seite glaubt man wahrscheinlich, dafi es geniigend sei, wenn man davon nicht sprechen und schreiben lasse. .... Im Evangelium sind Vorschriften enthalten, welche heute anscheinend nicht als solche betrachtet werden. Wenn wir Markuš aufschlagen, X. 3 5 ff., so finden wir, dafi Jakobus und Johannes sich einst begierig gezeigt haben, hSheren Klerus zu spielen. Sie wollten rechts und links vom Herrn im Reiche der Herrlichkeit sitzen, d. h. die ersten Stellen einnehmen. Der Herr antwortete ihnen: Ihr \visset nicht, um was Ihr bittet! Konnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, d, h. konnt ihr ali die Arbeit leisten etc.? Die beiden Jiinger dachten an Ehren, der Herr an die Arbeit. Schliefilich sprach der Herr: Ihr wisset, dafi die, welche als Herren der Volker angesehen \verden, iiber sie herrschen, und dafi ihre Fiirsten Herrschaft iiber sie ausiiben; unter euch aber ist es nicht so, sondern wer grofier werden will, der sei euer Diener u. s. w. Bei Matth. XX, 21 ist es die Mutter, welche die beiden Jiinger an die Seite rechts und links vom Heilande postieren mochte. Bei Lukas XXII. erfahren wir wieder iiber den Streit des Vorranges. Ein Beweis, dafi Ehrgeiz und Streberei schon sehr alten Datums ist, Da spricht der Heiland die inhaltsreichen Worte: Die Konige der Volker herrschen iiber sie und die iiber sie Gewalt iiben, heifien Gnadige, Ihr aber nicht also!! Die Fiirsten dieser Welt herrschen — vos autem non sic. Non dominantes in clero! Wer der grofiere ist, sei wie der Minister etc. etc. So steht es bei allen Synoptikern. Trotzdem, wenn man sich darauf berufen wollte, ist es nicht ausgeschlossen, dafi die Beschwichtigungshofrate kommen und sauseln: Pst! Pst! Der Celsissimus weifi schon, was er zu tun hat!! . . . 272 Wird die Kirche zum Abbilde eines weltlicben Fiirsten- tumes, dann ist sie Christi Kirche nicht . . . Das Priesterreich ein Bruderreich! So habe ich mir einst vorgestellt, solite es iiberall sein. Weiter, und da komme ich wieder auf den Klerustag, weiter meinte ich immer, sollten wir Geistliche alle, hoch und nieder, Regular und Sakular, einander in Liebe und Aufopferung naher treten. Es solite jeder, der im trockenen Alltagsleben halb eingetrocknet ware, von den Briidern erwarmt und wieder eifrig gemacht werden. Das Band der Liebe und Hochachtung ist jedoch streckenweise nicht sehr stark. Das wissen wir alle. So kalt, so gleichgiltig, wie \vir Priester uns gegenseitig behandeln, wie wir aneinander vor- ubergehen, tun es allenfalls Teichgraber, die einander nicht kennen. Hochschatzung und Achtung fur den Mitbruder und Nachsten bringen wir oftmals wenig auf.” Soweit der Pralat Dr. Scheicher! Dali die Verhaltnisse unter dem Klerus nicht ideal sin d, ist Tatsache, die sich aber vielfach auf historische und psychologische Griinde zuriick- fiihren laf.it. Die absolute Gewalt der Obrigkeiten aus dem Mittelalter hat sich in unserem Kirchenregiment eben noch in den Grenzen, die das Mittelalter gezogen hat, erhalten. Der gewohnliche Priester besaB eine sehr geringe Bildung, so daB sogar strenge Auftrage erfolgten, daB er wenigstens das Pater noster, Dekalog und das Čredo wissen miisse. Hohere Bildung war nur in einem Kloster oder in einer Universitatsstadt zu erreichen. DaB da der Klerus im allgemeinen nichts zu raten oder zu sagen hatte, und daB man ihm auch mit einem ge- wissen Nimbus entgegenkommen muBte, ist erklarlich. AuBer- dem lag eine allzu groBe Kriecherei, die selbst den heutigen Herrschern unvernunftig erscheint, im Zuge der Zeit. Las ich doph vor kurzem in der Zeitung, daB man in einem Orte Nieder- osterreichs ein hiibsches Monument seinerzeit aufgestellt hat, weil sich die Hande einer Kaiserin erniedrigt hatten zum Pfliicken einer Traube. Sogar in neuerer Zeit war so etwas moglich! In der Kirche \veht noch sehr stark dieser Geist. Je gebildeter der Mensch wird, desfo weniger kann er eine mit einem gewissen Nimbus ausgestattete Autoritat er- 273 tragen und einen sklavischen Gehorsam gutheiflen. Der ameri- kanisehe Prasident ist jedem freien Burger zuganglich, mufi dem Armsten die Hand driicken, ohne dafi deshalb sein Ansehen im geringsten leiden wurde. Deshalb werden auch im Klerus die allzu grofien Hoheitsi’echte der Vorgesetzten im nicht rechtmafiigen Gebiete schwer empfunden. Der tiefste Grund der Disharmonie im Priesterstande liegt jedoch anderswo. Nebenbei wird bemerkt, dafi diese Dis¬ harmonie mehr eine stille, im geheimen sich offenbarende ist. Nicht etwa der Episkopat ist infolge personlicher Veranlagung schuld an dieser Disharmonie; denn er leidet ebenso darunter wie wir. Schuld sind die von mir getadelten Zustande der Kirche oder das ganze Kirchensystem, welches die Herzen der Priester unzufrieden macht. Die aufiere Disharmonie ist nur ein Gesamtresultat der Unzufriedenheit in den Herzen der einzelnen Priester. Auf diese Wahrheit lege ich ebenfalls sehr grofien Wert. Der eine sieht in der Kirche diesen Mifistand, der andere jenen, der eine leidet infolge der driickenden materiellen Stellung und argert sich, wenn er sehen mufi, wie der andere iibergenug des Irdischen besitzt. Der eine ist gehindert durch den Lehrplan an der Volksschule, Mittel- schule etc., so dafi er nicht seinen vermeintlichen Erfolg er- langen kann, wahrend der hoher Gestellte zu merken glaubt, dafi man allzu wenig auf kirchliche Vorschriften Riicksiclit nimmt, der eine ist argerlich iiber die rdmischen Rubriken, der andere seufzt unter dem Fehltritte, veranlafit durch den Zolibat, wahrend wieder ein anderer iiber die Ubertreter des Zolibates klagt. Der eine meint, durch die Politik ist alles zu erreichen, wahrend der andere ruft: Was hat der Geistliche mit der Politik zu schaffen! Unzufriedene Geister aber bilden keine Harmonie, sondern immer Disharmonie. Dies ist der Grund! Allen ware geholfen, wenn sie wiifiten, dafi man ungestraft seine Meinung sagen kann und dafi auch gerechten Forderungen Gehor geschenkt wird. Wir Priester haben doch mehr oder weniger alle gleiche Bildung, oft sehr „niedriggestellte” Priester ein viel fundamentaleres Wissen als Hochgestellte. Die Unzufriedenheit mufi aus den Herzen heraus Vogrinec, nostra culpa. 18 274 und das Bruderreich wird allmahlich, soweit es menschliche Schwachen erlauben, erreicht. Dies ist auch der Zweck meines Buches. Ich will nicht ein im Stillen unzufriedenes Mit- glied des Klerus werden, und ich will auch nicht, dah es andere sind, sondern dah wir alle mutig an die Arbeit in den Weinberg des Herrn gehen. Was den Verkehr mit dem Oberhirten und dem Klerus anbelangt, so konnen sich die Priester unserer Diozese wohl nicht beklagen, wenn allerdings oft die nervose Umgebung, vom livrierten Diener angefangen, durch ihr Benehmen einem zum Herzklopfen verhilft, wenn er sich dem milden Oberhirten vorstellen will. Doch anderswo ist das „Hofzeremoniell” em- pfindlicher. „Auf das Nro. gehe ich nimmer,” kann man bei der Pforte nach der Beendigung der Audienz horen. Oft bewunderte ich die Offiziere, wie sie sich gegenseitig gruBten und der Hochste auch den Geringsten freundlich behandelte. Sogar ein Leutnant kann einen hohen Offizier zum Dueli fordern, wenn er ihn beleidigt. Auch jiingere Geist- liche fiihlen sich angeeifert, wenn sie von einem alteren Dechanten liebevoll behandelt wxirden. Dai3 jiingere Priester Achtung gegen altere erweisen sollen, ist selbstverstandlich; wenn dies nicht geschieht, so setzt dies eine mifigluckte Erzie- hung schon seit der Volksschule voraus. Es ist somit dahin zu arbeiten, dafi der Geist Christi, der Geist der Liebe auch in unsere Kreise komme, in viel reich- licherem Mafie, als es bei anderen Standen der Fali ist. An gutem Willen fehlt es nirgends, wenn nur die Hindernisse des Systems beseitigt werden. X. Die Visitation des Klerus. tlber die Inspizierung verschiedener Unterrichtsgattungen habe ich schon friiher meine Bemerkungen gemacht. Die Visitation des Bischofs gestaltet sich heutzutage mehr zu einem Schaustiick als zu einer wirklichen Inspektion. Schon monatelang weifi man voraus, wann die Visitation stattfinden 275 wird. Da wird mit Fiebereile daran gearbeitet, um Potemkinsche Dorfer herzubauen. In den Zeitungen wird dann berichtet, wie glanzend die Visitation ausgefallen ist. Die Kirche wurde ge- reinigt, den Kindern wird der Katechismus eingedrillt. Die Leute stromen zusammen, um das Schauspiel anzuschauen. Niemand will die schone Feier, am allerwenigsten durch eine Klage liber den Pfarrer storen. Zum Schlusse wird ein Diner gegeben. Die eigentliche Seelsorge, Predigt, Messelesen, Kirchen- gesang, Christenlehren, das Aussehen der Kirche zur gewohn- lichen Zeit, die Unterrichtsmethode und der Unterrichtseifer in der Schule werden nicht inspiziert. Ganz anderen Einblick in die pastoralen Verhaltnisse des Seelsorgers wiirde der Visi- tator gewinnen, wenn er unvermerkt sieh unter den ZuhSrern der Predigt und unter den Teilnehmern der heil. Messe ein- finden wiirde. Die Mesner, die Ministranten und der Organist konnten richtig beurteilt \verden. Wenn der Visitator nicht „mit groBer Macht und Herrlichlceit” kame, wiirde er Zutrauen bei der Bevolkerung gewinnen und vielleicht in manches Ge- heimnis der Pfarre eingeweiht werden. Die absolute, fast dem Monarchen ahnliche Stellung und Erscheinung der Bischofe hat zur Folge, dafi sich niemand so recht getraut, wenn der Bischof ad personam noch so leut- selig ist, ihm in vertrauter Weise etwas mitzuteilen, so daB der Bischof tatsachlich den Klerus sehr wenig kennt. Die Rate, die verschmahen es, ihrer Pflicht zu walten, da sie sich zu anderen Lasten des Lebens nicht die Unannehmlichkeit zuziehen wollen, von der Geistlichkeit als Denunzianten betrachtet zu werden; die Dechante wol!en mit ihren Nachbarn auch im Frieden leben; deshalb zogern sie, die pflichtgemaBe Anzeige zu machen. Die notwendige Folge ist, daB die Oberhirten oft in ihrem Urteile sich tauschen und zum Argernis des Klerus Unwurdige mit Vertrauensposten versehen. Es geschehen Falle, wo eifrige Priester ihre Pfarre verlassen, um in einen anderen Dekanats- bezirk zu kommen, da sie doch ungern einen Unfahigen zum Forgesetzten haben. Wahrend andere stili und eifrig ihrem Berufe nachgehen, suchen andere dadurch Karriere zu machen, daB sie bei jeglicher Gelegenheit mit weltmannischer Hof- 18 * 276 lichkeit bei den Personen vorsprechen, von denen ihre Beforde- rung abhangig ist. Beschwerte sich da ein ehrenhafter Priester iiber seinen Nachbar bei einem hochgestellten Geistlichen, dafi der Nachbar in der Fastenzeit zum grofien Argernis der Glaubigen getanzt habe. liber das Tanzen selbst pflegt sich das Volk nicht aufzuhalten, doch dafi der Priester in der Fasten¬ zeit getanzt habe, das war dem Volk zuviel. „Es war nur ein „Ehrentanz”,” war die Zuriickweisung des hohen Geistlichen, der den Geklagten zu beschiitzen pflegte. Wird ein Nachfolger auf diese Pfarre kommen, so wird er, falls er gegen die Aus- schreitungen des Tanzes predigen wird, noch Jahrzehnte lang vom Volke zu horen bekommen: „Ihr Vorganger hat sogar in der Fastenzeit getanzt!” — Wie der Priester beim Volke beliebt und bei den Behorden gut angeschrieben sein kann, wiewohl sein Leben und Ge- baren mehr die guten Sitten niederreifit als fordert, hat die Gerichtsverhandlung gegen P. Thomas Maschek gezeigt, der wegen Mordversuches und Diebstahles zu 15 Jahren sclrsveren Kerkers Mitte Marž des Jahres 1903 zu Klagenfurt verurteilt worden ist. Fiir den Klerus war es aber noch beschamender, dafi er zum Mefiwein Gift gemischt hat, um auf diese Weise den sicheren Tod des Pfarrers, den er beseitigen wollte, zu erreichen. Bei der Verhandlung hat sich laut Zeitungsbericht herausgestellt, dafi er oft liber Mitternacht in den Gasthausern verblieb, dort Zartlichkeiten mit der Wirtin hatte, in St. Veit Pretiosen kaufte und hierbei sogar eine Krone verdienen wollte, dafi er iiber- haupt auf grofiem Fufie (infolge des gestohlenen Geldes) lebte. Nun sein priesterlicher Nachbar sagte aus: Maschek galt in derGemeinde als Muster eines Geistlichen. „Der fiirstbischofliche Sekretar sprach sich iiber Mascheks priesterliches Wirken sehr giinstig aus,” so lautet der Bericht im „Weltblatt”. Wer ist mehr zu bedauern, die Pfarrgemeinde, die sich iiber derlei Armseligkeiten des Klerus nicht mehr argert, oder die Be- horde, die sich mit der Zufriedenheit der Gemeinde begnugte, oder der ungliickliche Priester, auf den eine richtige In- spektion erziehend eingewirkt und vielleicht von seinem Verbrechen zuruckgehalten hatte, oder schliefilich 277 der Klerus, der durch derartige Verhaltnisse die ganze Achtung des Volkes verliert?! Ich meine alle sind auf gleiche Weise zu bedauern!- Viel Verdrufi macht mir ein Bauer meiner Pfarrgemeinde, der vor sieben Jahren einem Geistlichen einer entfernten Pfarre ein RoB um 120 Gulden kreditiert hat. Der arme Bauer kredi- tierte, weil der Kaufer eben Priester war. Er bekam jedoch nichts, muBte durch alle diese Jahre unzahlige Wege machen, klagte, und da der Pfarrer kein Vermogen hatte, muBte er noch 75 Gulden ProzeBkosten zahlen. Ich habe samtliche Gerichtsakten in der Hand. Das Haus des Bauers ist abgebrannt und der Bauer lebt in schwerer Stellung auf dem Gebirge und wird ein ganzes Jahrzehnt arbeiten miissen, um den Verlust von 300 Gulden, die Zinsen und andere Spesen eingerechnet, wieder einzubringen. Der Pfarrer, der voriges Jahr im Friih- jahr starb, war iiber und iiber verschuldet und viele Glaubiger muBten verlieren. Die Kontrahierung der Schulden dauerte durch die ganze Seelsorgezeit. Ich will keinen Stein auf ihn werfen, er war ein guter Mensch, auch sonst vielleicht ein guter Priester, doch fur seine Verhaltnisse ein Verschwender, der sich stets eine Equipage halten muBte. Ich bat auf Ansuchen des Bauers das Ordinariat, es wolle unter dem besser dotierten Klerus eine Sammlung ver- anstalten, um dem Bauer wenigstens die ProzeBkosten zu er- setzen, doch wurde ich abgewiesen. Hatte nun das Ordinariat durch richtige, eventuell strenge Inspektion auf den gutmutigen Pfarrer erziehend eingewirkt, dann ware der Pfarrer von seinem Ruin gerettet gewesen und die Glaubiger waren schadlos geblieben, Seine Verschuldung war den kirchlichen Behorden ganz gut bekannt, ebenso, daB diese Verschuldung aus verschwenderischem Gebaren ent- standen ist. Damit will ich meiner Behorde keine Vorwurfe machen, da sie infolge der Art und Weise der heutigen In¬ spektion nicht anders zu handeln pflegt, vielleicht auch nicht kann, sondern ich will nur diesen Fali vervverten, um zu zeigen, daB wirklich eine gewissenhafte, ernste Inspektion notwendig ist. Ubrigens sobald normale, der Zeit entsprechende 278 Verhaltnisse in der friiher geschilderten Weise eingefiihrt wer- den, \verden derartige Falle seltener. Das Resultat unserer Ausfiihrungen ist: Den Dechanten soli noch immer wie jetzt eine Inspektion iiberlassen werden. Sie sind auch bei groben Ausschreitungen irgend jemandes aus dem Klerus, verursacht dadurch, daB nicht recbtzeitig einge- schritten worden ist, zur Verantwortung zu ziehen, Als Dechant ist stets der wiirdigste Priester des Dekanates zu be- stellen. Diese Dechante sollen jedoch keine bereisende Inspektion ausiiben, sondern dafiir sind eigene Inspektoren im Zen- trnm der Diozese aufzustellen. Die jetzt iiblichen Visi- tationsgebiihren kommen diesen Inspektoren zugute. Die Disziplinarvergehen (nicht etwa Delikte gegen den Glauben) werden vor einem vom gesamten Klerus gewahlten Ebrenrat untersucht und das Urteil dem Bischofe zur Bestatigung, Verscharfung, Milderung oder auch Aufhebung vorgelegt. Diese Forderung ist ubrigens identisch mit der Bestimmung des kano- nischen Rechtes, welches ebenfalls Synodalgerichte verlangt, deren Urteil vom Bischof bestatigt werden mufi. XI. Vorsicht und MaB bei der Verehrung der Heiligen und ihrer Reliquien. Wahrend der Los von Rom-Bewegung ist es geschehen, dali protestantische Pastoren Forschungsreisen durch die katholischen Lander machten und, zuruckgek-ehrt in ihre Hei- mat, namentlich die katholischen Devotionalien zum Gegenstand ihres Spottes machten. Auch die versehiedenen Andachten konnen sie nicht begreifen. Tatsachlich lernte ich erst als Priester die Bestimmung mancher Votivgegenstande an den Wallfahrts- orten kennen. Sie sollten ein Zeichen der tiefglaubigen Gesin- nung des Volkes sein, das nach auBen zum Ausdrucke bringt, \vas es im Innern denkt. Bitten sie um Genesung ihres Fufies, dann opfern sie einen FuB aus Wachs, bitten sie um die Ge¬ nesung des kranken Hausviehes, opfern sie eine Figur aus 279 Waehs, welches irgend ein Haustier vorstellt. Doch das Volk soli daruber aufgeklart werden; es soli nicht glauben, dafi die Wachsfigur alles erreicht. Weiter soli bei der Verehrung der Reliquien auch Vorsicht beobachtet werden. Als die kritischen Untersuchungen mancher Reliquien, wie der Scala saneta, des Colosseum, des mamertinischen Kerkers etc. ergaben, daB ihre Verehrung nicht historisch be- griindet ist, gab es einen Auflauf bei den Italienern, denen dies iibrigens nicht zu verargen ist, da ihre Wissenschaft nicht weit her ist. Man spottelte sogar iiber katholische Forscher, wie P. Grysar, P. Ehrle u. a. Dr. Scheicher schreibt in seiner Schrift „Der Klerustag” Seite 121: „Ich stand ja unmittelbar im Kampfe mit den toll gewordenen Alldeutschen im Reichsrate. Das heilige Pra- putium (bitte, nachschlagen, was das heiht, Anm. d. Verf.), das in einer Monstranze ausgesetzt wird, in einer Pro- zession herumgetragen wird, h at Sturme von Hohn hervor- gerufen. Die in doppelter Auflage vorhandenen Kopfe von Heiligen, welche von den Anhangern mordicitus als echt, \vunderwirkend etc. verteidigt werden, haben mittelmaBige Katholiken dahin gebracht, dah sie ihre eigene Kirche als riick- standig behandelten.” Die verschiedenen Andachten soli die Kirche nicht als wesentliche Bestandteile ihres Kultus betrachten. Namentlich bemuhen sich verschiedene Orden, die von ihnen usurpierten Andachten zu fdrdern und einzufiihren. Verschiedene Menschen haben verschiedene Bediirfnisse. Nun, wenn einige sich an den Andachten erbauen, so ist es recht. Deshalb sollen diese An¬ dachten mehr Gegenstand des privaten Gottesdienstes sein. Der offentliche, allgemeine Gottesdienst soli durch das Unnotwendige nicht uberladen werden. Der Wert der Andachten und die Nichtobligation an ihrer Teilnahme soli dem Volke ohne Uber- treibung erklžirt werden. Niemand ist verpflichtet, an derlei Andachten teilzunehmen, aber auch niemand berechtigt, sie zu verurteilen. Dieselbe Klarheit soli dem Volke auch iiber das Rosenkranzgebet beigebracht werden. Nirgends sollen dogmatisch unzulassige "Obertreibungen stattfinden. 280 Gleiche Vorsicht vervvende man bei der Erzahlung der Anekdoten aus dem Leben der Heiligen. Die Heiligen haben wegen der idealen Intention durch manche Handlungen heroische Tugenden geiibt, wahrend uns diese Handlungen jetzt lacherlich vorkommen. Als ein Narr wiirde uns heutzutage ein Simon Stylites erscheinen. Doch sucht man auch heutzutage manche Handlungen der Heiligen als ideale hinzustellen, wahrend sie nichts weniger als ideale gewesen sind. Wie oft wird zur Demonstrierung der Tugend der Demut auf das Vorgehen des heil. Philippus Neri hingewiesen, der vom Papste bestimmt war, eine in der Nahe Roms lebende Nonne, die im Rufe der Heilig- keit stand, auf ihre Heiligkeit zu priifen. Er ging hin und bot ihr die schmutzigen Stiefel zum Reinigen an. Sie wies ihn zuriick. Er kehrte zuriick und meldete: Sie ist nicht heilig. Subjektiv genommen, war die Handlung des Philippus Neri aus edlen Motiven entsprungen und der Akt eines Heiligen; objektiv genommen, war die Tat des Heiligen, milde gesagt, eine Unverfrorenheit. Die Nonne erscheint mirviel heiligmaBiger, daB sie einem fremden Manne nicht die Stiefel putzte, als der Heilige, welcher der Nonne die Stiefel hinhalten wollte. Ebenso ist es schlecht angebracht, wenn erzahlt wird, daB derselbe Hei¬ lige, um sich zu demutigen, einen Schluck Weines aus einem Kruge, der ihm von einem Burger Roms dargeboten wurde, mitten auf der StraBe, vor den Augen aller zum Gespotte dieser, nahm. Er hatte auch den Anschein ervvecken konnen, daB er seinen Durst nicht bezahmen konne. Die erste Geschichte er¬ zahlt sogar Spirago und sie findet sich auch in den von den Jesuiten revidierten Buchern der St. Josephs-Vereinsbiicher- Bruderschaft. Auch bei Predigten, Christenlehren etc. soli man vor- sichtig sein, damit nicht kritische Personen lacheln. Die Bedeutung der Wallfahrtsorte soli nicht so sehr auf Grund der Legenden, wiewohl diese Bliiten der christlichen Phantasie nicht zu vervverfen sind, als durch Vorfuhrung der im Seelenleben des Menschen liegenden Griinde erklart werden. 281 XII. Einheit und Einigkeit der Kirche. Die Kirche ist einheitlich im Glauben und in Sitten und in der Regierung. Diese Einheit der Kirche tastet kein rechtglau- biger Katholik an. Jedoch die Einigkeit der Kirche in der Praxis ist nicht immer die glanzendste. Ist die Kirche eine voll- kommene Sozietat, so ist es notwendig, daB eine wechselseitige Aushilfe zwischen verschiedenen Teilen der Sozietat besteht. Nun strebt man eine pedantische Einheit der Liturgie an, damit die Kirche dadurch imponiere, allein die Einigkeit in der Tat bleibt un ber iicksichtigt. Wenn in einer Familie alle Knaben gleiches Gewand haben, macht es allerdings einen inter- essanten Eindruck, doch mehr Eindruck macht es, wenn sich die Knaben untereinander lieben. Selbst die einzelnen Nationen be- zeugen ihre Einheit auch in der Tat. Werden Stammesangehoiuge in irgend einem Staate verfolgt, sogleich schreitet der mit denselben verwandte Nationalstaat ein. Bei uns kann in ganz Frankreich der Klerus totgeschlagen werden, ohne daB man sich in Osterreich ruhrt und umgekehrt. Doch selbst innerhalb eines Staates und innerhalb einer Diozese fehlt es an Einigkeit bei der gegenseitigen Hilfeleistung. An manchen Orten wird mit geistlichen Geldern alles Mogliche gebaut, wahrend anderswo nicht einmal genug Gotteshauser den Glaubigen zu Gebote stehen. Da liest man, daB in den Pfarren mit 10.000 bis 25.000 Seelen drei Geistliche pastorieren, wahrend manche Kloster mit Geist¬ lichen uberfiillt sind. Viele Wiirdentrager verfiigen iiber groBe Reichtumer und konnen gleich tausende Gulden fur aufier- ordentliche Zwecke spendieren, wahrend Dr. Kiinzer auf dem „Klerustage” klagte: „Jenseits der Elbe in Ober-Sedlitz wohnen 4000 Katholiken; die sind ohne Kirche. In Thurn mit 10.000 Katholiken ist keine Kirche; die Protestanten bauen dort eine Kirche um D/j Millionen Gulden. Wenn man im katho- lischen Osterreich eine so groBe Gemeinde ohne Kirche laBt, so hort sich alles auf.” Religionsprofessor Dr. Hartl sagte: „Ich glaube, daB es ungemein an Kirchenbauten in solchen Stadten fehlt, welche erst in neuerer Zeit sehr angewachsen 282 sind, nicht genug, daB man Kirchen hat, welche keine Pfarr- kirchen sind.” Auf dem Lande gibt es elende Kirchen dort, wo die Be- volkerung in Armut lebt, wahrend anderswo die Kirchen an Paramenten reich sind, iiber herrliche GefaBe und iiberhaupt iiber manche iiberfliissige Ausstattung verfiigen. Ich glaube, es wiirde von groBem Nutzen sein, wenn unsere Diozesen innerhalb eines Staates, was die gegenseitige Unterstiitzung bei den einzelnen Unternehmungen anbelangt, mehr zentralisiert waren. Sie sollten sich gegenseitig bei ihren Bemiihnngen durch Geldaushilfe, auch durch pastorelle Aushilfe unterstiitzen. Auch innerhalb der Diozese soli das Band der Liebe starker angezogen werden. Wie ich schon einmal andeutete, es soli ein gemeinsamer Fond beschaffen w er d en, gegriindet durch regelmaflige Beitrage, aus dem die schwacheren Institute und Kirchen der Dio¬ zese unterstiitzt werden sollten. Man bedenke doch, was der „evangelische Bund” und der „Gustav Adolf-Verein” leistet. Da hebt man immer die Zerfahrenheit des Protestantismus hervor! Siehe, wie er in der Tat einig ist! C. Die aufiere Stellung der katholischen Kirche. I, Die Stellung der Kirche in der Menschheit iiberhaupt. Frage ich nach dem hochsten Ziele der Menschheit, dann finde ich, daB dasselbe in der Ewigkeit endet, und daB die Menschen von Natur aus im groBen und ganzen diesem Ziele zustreben, in bewuBter oder unbewufiter Weise, mit klarer oder nur ahnender und unbestimmter Erkenntnis. Dieses iiber- irdische Ziel ist den irdischen Zielen ubergeordnet, jedoch nicht so, daB man in Wahrheit einem Ziele nachgehen konnte, ohne das andere gleichzeitig zu verfolgen. Das iiberirdische Ziel ist das ewige Gliick, das irdische Ziel das irdische Gliick, \velches sich einstellt, wenn der Mensch den richtigen Weg 283 zurErreichung des iiberirdischen Gliickes einschlagt, welcher Weg ihm von der Religion gezeigt \vird, die nach meiner Auffassung namentlich in der Betatigung der dreifachen Liebe besteht. Am Ende des Zieles erliseht das Licht der Religion und es beginnt das ungetriibte Leben der Gerechtigkeit. 1. In unseren Schriften wird oft Verwahrung dagegen ein- gelegt, dafi die Religion zur Schaffung des irdischen Gliickes der Menschen bestimmt ware. Dieser Protest ist allerdings richtig, wenn man unter dem irdischen Gliicke bloB das ma¬ terielle Gliick hienieden versteht. Wennman aber unter irdischem Gliick die Zusammenfassung aller jener bei verschiedenen Subjekten verschiedenen Faktoren versteht, welche das wirkliche, dauernde, irdische Herzensgliick des Menschen scliaffen, so ist eswichtig zu betonen, daB die Reli¬ gion auch das irdische Gliick schaffen soli, da ja dies nur in Beziehung zum liberirdischen Gliicke gedacht iverden kann. Zu diesem irdischen Gliicke gehort auch als notwendiger Faktor das materielle Gliick, und zwar nicht als einziger Faktor, wie ich schon oben betont habe. In dem letzten Punkte hat die Kirche nicht immer die richtigen Grundsatze vertreten, indem sie das materielle Gliick nicht immer vom streng religiosen Standpunkte ins Auge faBte. Es ware jedoch eine groBe Verleumdung, wenn man sagen wollte, die Kirche hat iiberhaupt das materielle Gliick der Volker nicht gefordert. Man muB vielmehr sagen, daB gerade die Kirche das allgemeine materielle Wohl, soweit es besteht, erst geschaffen hat, indem sie durch die Beseitigung der Sklaverei, auf Grund der Lehre vom gleichen Wert der Menschen vor Gott allen Menschen die Freiheit gab, an den Giitern der Erde zu partizipieren. Unter dem materiellen Gliick verstehe ich l. daB jeder einzelne so viel zu seinem Lebensunterhalte, zu seiner Kleidung, zur Erhaltung der Gesundheit habe, daB er ohne Entbehrung seinem Berufe nachgehen kann, vorausgesetzt, daB es die Produkte der Erde erlauben, 2 . daB ein anderer nicht seine Freiheit be- hindere, sondern nur soweit iiber ihn herrsche, als es das all¬ gemeine Wohl der Menschheit erfordert. 284 Was den ersten Punkt anbelangt, so ist es klar, daB er sich auch als religiose Forderung darstellen mufi; denn es ver- langt die Liebe zu unserem Schopfer, der allen Menschen gleiche Endbestimmung, gleiche Konstitution gegeben hat, daB einer nicht auf Kosten des anderen leide, auch nicht UberfluB habe zum Nachteile des anderen; weiters verlangt es die Selbstliebe, daB der Mensch, eingedenk seiner hohen Wiirde, sich selbst und seine Familie erhalt und nicht durch Entziehung der Giiter vonseiten anderer an dieser Erhaltung gehindert werde. Ferner erfordert es auch die Nachstenliebe, daB man nicht ruhig zusehe, wenn der Mitmensch leidet. Und in dieser dreifachen Liebe besteht ja die Religion. Wurde man ein heiligmaBiges Leben fiihren und alle Bedingungen erfullen, auBer dieser, daB man in Wort und Tat (die Krafte naturlich vorausgesetzt!) stets dahinstrebte, seinen Mitmenschen auch materiell glucklich zu machen und wurde man ruhig zuschauen, wie der Nachste auf Kosten eines anderen leidet, dann wiirde man die religiose Bestimmung des Menschen zum Teile verkennen und durchaus nicht heilig sein. Ich selbst kann mir etwas vorenthalten, je- doch nur soweit, daB meine Korperkrafte nicht darunter leiden. Was den zweiten Punkt anbelangt, so laBt er sich gerade so begriinden wie der erste, um zu ersehen, daB auch dieser Punkt eine religiose Forderung darstellt. Zur Erhaltung der Gesamtheit einer Sozietat ist allerdings notwendig, daB Gesetze geschaffen werden, die gleichsam das Bindemittel oder den Kitt der Gesamtheit bil den. Auch ist es notwendig, dati man sich diesen Gesetzen, welche den Willen der Gesamtheit offen- baren, unterordnet. Die toten Gesetze werden nur durch Personen ausgefiihrt und bewacht, doch die Personen sind.nur Funktionare im Staate. Ihnen selbst schuldetman personlich keinen Gehorsam, sondern nur den Gesetzen. Jeder Mensch der Gesamtheit ist gleichberechtigt und miisse gleich- geachtet werden, deshalb soli kein Mensch dem andern nur wegen der Person dienen, auch darf es keine Herrschaften, keine Privilegien infolge der Geburt oder des Standes geben, sondern nur Diener der Gesamtheit. Jede Bedienung einer Person, soferne es nicht das Wohl der Gesamtheit ver- 285 langt, erscheint auch vom religiosen Standpunkte un- zulassig, weil der Mensch seine von Gott geschenkten Krafte zu gunsten eines anderen in unwiirdiger Weise verwendet, Religionsverletzend, weil es die Wiirde des Men- schen erniedrigt, ist der Dienst, der darin besteht, einem Men- schen, der keinen Beruf hat, nur z. B. von seinen Zinsen lebt, den Vergniigungen nachgeht, einen Kammerdiener abzugeben. Ganz anders ist der Dienst, der z. B. einem Beamten, einem Offizier oder Geistlichen geleistet wird, weil da der Diener durch Leistung der korperlichen Arbeit die betreffenden Herren zur Leistung der geistigen Arbeit zum Wohle der Gesamtheit unterstiitzt und somit der Gesamtheit dient. Ist es richtig, daB sich der Mensch im SchweiBe seines Angesichtes das tagliche Brot verdienen muB, so ifit derjenige, der nicht arbeitet, eigentlich vom Brote, das ihm ein anderer ver dient; er ist ein Schmarotzer. Der Schmarotzer kann sich auch infolge der Verhaltnisse soviel Geniisse erlauben, daB ein anderer verkurzt wird und vielleicht auch darben muB. DaB dies die Religion, die die Liebe zum Nachsten verlangt, ver- letzen muB, ist einleuchtend. Ich habe immer einen Abscheu, in die Stadte oder in Kurorte zu gehen, wo man soviele Laken, gefiillt mit faulendem Wasser findet, Drohnen, die nicht arbeiten, sondern nur genieBen. Šport, Spiel, Theaterbesuch und Romanlesen ist ihr Beruf, was kein Beruf sein kann, da dies nicht als Arbeit, sondern nur als Erholung aufgefaBt werden muB. Namentlich ist in der Stadt ein Teil der Frauenwelt dazu da, das Drohnengeschaft zu besorgen. Es gibt Frauen, die oft nicht einmal ihre natiirliche Pflicht, die Mutterpflicht erfiillen, wahrend dafur andere Frauen, Arbeiters- gattinnen und Tochter, Frauen von Gewerbetreibenden, die Dienerinnen etc. sowie die Frauen auf dem Lande doppelt biiBen miissen. Man braucht nur die Augen aufzumachen, um diese Verhaltnisse kennen zu lernen. Ob das uns Priestern, den Lehrern der Religion, gleichgiltig sein kann? Ob wir nur entfernt behaupten konnen, daB die heutige Ordnung eine von Gott gewollte ist? Verkennen wir doch nicht das Wort der Heiligen Schrift: 286 Plenitudo legis est charitaš, die Fiille des Gesetzes ist die Liebe, die nicht zulaBt, daB jemand auf Kosten eines anderen einen noblen Herrn und Feinschmecker spielt. 2. „Pauperibus evangelizatur”, den Armen wird das Evan- gelium verkiindet, heiBt es in der Heiligen Schrift. Christus, der Herr, fand auch hauptsachlich Gehor beim armen Volk, bei der groBen Masse des Volkes, wie man zu sagen pflegt, Die Reichen schamten sich, die Lehren des „Zimmermanns- sohnes” zu horen. Auch die Apostel befolgten das Beispiel des Herrn. Sie haben sich nicht an die GroBen und die Machtigen, auch nicht an die Gelehrten dieser Welt gewendet, weil sie wuBten, die Lehre von der gleichen Wurde der Menschen ware ihnen unangenehm. Als Petrus nach Rom kam, suchte er nicht die Professoren verschiedener Akademien auf, ging auch nicht an die Hofe der Machtigen, sondern sammelte das arme, ver 1 achtete Volk, um ihm seine Heilslehre beizubringen. Uberhaupt geht jede heilbringende Bewegung von unten hinauf. Auch die Statistik lehrt, daB sich die wirklichen arbeitenden Faktoren der Stadtbevolkerung, namentlich die der Intelligenz, aus den unteren Klassen, vorziiglich aus den Landbewohnern rekrutieren, \vahrend die sogenannten hoheren Stande, weil sie eben un- natiirliche, wenn auch historisch begriindete Auswiichse der Gesellschaft sind, zugrunde gehen. Von oben her pflegt nur ein iibler EinfluB auf das arme Volk ausgeiibt zu werden! „Von oben kommt der Sturzbach!” rief P. Abel einmal in seiner Pi’edigt aus. Es ist somit ganz natiirlich, daB wir in unserer Tatigkeit uns zunachst an die Armen anschlieBen, d.h. an das einfache-und schlichte Volk und von unten hinauf die menschliche Gesellschaft zu restaurieren suchen. Ganz verfehlt ist somit das Auftreten der Kirche, sobald sie sucht, den Machtigen zu gefallen oder nach auflen so auf zu tre ten, als ob sie zu den hoheren Standen gehorte. Alle Klassen der Bevolkerung gehoren zwar zur Hirtensphare der Kirche, doch der Anfang zur Bekehrung der Welt mufi dort gemacht werden, wo das Wort angreift, nicht dort, wo es zuruckgewiesen wird. Will man von den niederen Klassen gehort werden, dann muB man 287 ihnen auch nach auBen als ihr Freund, nicht mit einem Glanze und einer Autoritat entgegentreten, wie es oft die sie be- driickenden GroBen der Welt tun. Wie hat die Kirche im Laufe der Zeit ihre Mission in diesem Punkte erfiillt? Nur die Weisesten der vorchristliclien Zeit haben die Wiirde des Menschen teilweise anerkannt. Doch muB diese Erkenntnis so schwach gewesen sein, daB sie nicht den Mut fanden, auch fiir die Verwirklichung ihrer Lehren erfolgreich einzutreten. Menschenrechte hatten nur wenige Auserwahlte, wahrend die iibrigen rechtlos waren, oder es galt der Grundsatz, der Schwachere miisse der Diener des Starkeren sein. Das Christentum hat erst dem Menschen die wahre Wiirde zuge- wiesen und betrachtete in jedem Wesen das Ebenbild Gottes, welches der entsprechenden Behandlung wert sei. Es lehrte nicht nur, sondern es handelte auch nach seinenLehren. Einfache, schlichte Missionare arbeiteten an der christ- lichen Restauration der Menschheit. Man hatte das Priestertum liebgewonnen, weil man seine Wohltaten sah und iiberhaufte es mit den Giitern der Erde, namentlich weil die Herrscher erkannten, daB sie in den Priestern die treuesten Vasallen haben werden. Doch auch derPriester laBt sich blenden durch das irdische Gut! Man merkte von da an, sobald die Kirche als Besitzerin auftrat, ein Nachlassen in der Ausfuhrung der traditio- nellen christlichen Mission. Nicht mehr selbstandig, in einfacher schlichter Form trat der Priester an das Volk lieran, um es zur Kultur zu erziehen, sondern an der Seite der Machtigen. Nur einzelne Vertreter, namentlich aus dem Benediktiner-, Franziskaner- und Jesuitenorden, arbeiteten an der Bekehrung und Kultivierung der Volker im altchristlichen Sinne. Man muB es als ein groBes Verdienst unserer Kirche bezeichnen, daB sie, wiewohl an der Seite der Herrschenden stehend, doch nie zulieB, daB das Volk allzu stark bedriickt und bedrangt \viirde, zu welchem Zwecke sie alle ihre geistigen und diplo- matischen Mittel einsetzte. Vielleicht war auch die weltliche Machtstellung der Kirche ehemals notwendig! Ware es nicht mog- lich gewesen, daB ein ziirnender Potentat alle Pflanzungen einer armen und schlichten Kirche vernichtet oder wenigstens wie 288 im Altertum ununterbrochen an der Entfaltung und in der Tatigkeit gehindert hatte? Doch es brach eine neue Zeit an. Das Volk merkte, daB es auch eigenen Willen und eigenen Verstand habe, daB es sich nicht alles von oben kommandieren lassen diirfe. Es strebte, angefiihrt von einzelnen Mannern nach geistiger und staatlicher Freiheit. Dieses freiheitliche Streben der Volker haben die Vertreter-der Kircbe verkannt. Das Volk wollte aueh nicht mehr blofi fiir die oberen Klassen arbeiten, sondern ver- langte auch fur sich ein entsprechendes irdisches Gliick. Da sah man, daB die kirchlichen Vertreter sich ruhig verhielten oder das Volk sogar beschwichtigten. So kam die grofie fran- zosische Revolution! Man schildere nicht die Greuel dieser Revolution, man entsetze sich nicht iiber die sittenlosen, wilden Horden, ohne gleichzeitig dem Klerus die Schuld zu geben, weil er sich nicht getraute, rechtzeitig die warnende Stimme zu erheben und weil er die Erziehung der damaligen Zeit in den Handen hatte! — Er erzog Konige und die GroBen des Reiches. Wie ist es nun moglich, daB trotz der vorwiegend geistlichen Erziehung das Hofleben so entartet war und das Volk, kaum daB der Ruf zur Erhebung erscholl, so bald zu wilden Hyanen werden konnte? Man verurteile nicht nur das Volk, sondern auch seine Erzieher. Wenn man auf die Enzyklopadisten hinweist, daB diese das Volk aufgehetzt hatten, so muB doch der Klerus eine unbeschreibliche Lethargie und Schwache bekundet haben, da er diese Angriffe nicht abwehren konnte. Freilich war es schwer, da das maBlose Elend das Volk gegen jede Lehre skep- tisch machte; doch moglich ist es gewesen. tlbrigens schrie dieses Elend zum Himmel um Rache, allein der Klerus horte nicht das Geschrei; er muBte spater bitter biiBen. Seit dieser groBen Umwalzung bemerken wir iiberall das Streben nach Gleichberechtigung des gewohnlichen Volkes mit den gliicklicheren Standen. Dieses Streben aufiert sich meisten- teils immer rationeller und intensiver und pflegt die Bahnen der bestehenden Gesetze nicht zu verlassen. Es ist zweifellos, daB dieses Streben noch von groBeren Erfolgen gekrSnt sein 289 wird, als es bereits der Fali ist. Es ist aber auch ein berech- tigtes, in der christlichen Religion begriindetes Stre¬ ben, welches leider Me und da auch unerlaubte Mittel, die ihra von der Geschichte her bekannt sind, zu ergreifen sucht. Dieses freiheitliche Streben ist allerdings oft auch auf undurchfuhrbare, auch religionsfeindliche Dinge gerichtet. Diesbeziiglich soli man aber keine Angst haben! Alle Parteien streben in der Theorie oft etwas an, was sie, sobald sie zur Herrschaft gelangen, un- durchfiihrbar finden. Kein Sozialreformer, mag er noch so viel zur Forderung der Reform beigetragen haben, wird je- mals sein ganzes System irgendwo durchgefiihrt finden. Der gesunde Hausverstand der Menschen weist das Utopistische von selbst zuriick. Man mufi es zugeben, dafi unter dem Klerus an manchen Orten auch ein sogenannter demokratischer Zug vveht, dafi die Priester auch bemiiht sind, mit dem Streben des Volkes nach besserer sozialer Stellung zu rechnen. Leider kommen wir mit unserer Mithilfe erst hinterher, wenn sich andere oft in egoistischer Weise bereits zu Fiihrern des Volkes erwahlen liefien, weshalb man unseren Bemiihungen Mifitrauen entgegen bringt. Es wird nicht lange dauern, bis sich andere der dienenden Klassen auf dem Lande bemachtigen werden. Ich sehe es voraus, dafi man sich auch in unseren Kreisen daran machen wird, wenn es schon zu spat ist. — Wir betonen oft uniiberlegterweise Grundsatze, die doch nicht ganz stich- haltig sind. Wir verteidigen ohne Unterschied das Privat- eigentum. Es ist richtig, dafi jeder das Recht auf sein Eigentum bat, wenn es rechtlich erworben ist. Doch schwerlich kann behauptet werden, dafi das ubermafiige Vermogen vieler rechtlich erworben worden ist. Die Ubervorteilung, die Spekulation zum Nachteile anderer kann vom christlichen Gesetze nicht toleriert werden. Bekanntlich hat das Kirchengesetz auch die Einnahme von Zinsen von geliehenen Geldern verboten. Auch die Vererbung eines un- rechtmiifiig erworbenen Gutes diirfte keinen giltigen Rechts- ansprnch auf dasselbe haben. Wenn nun das Volk sieht, wie es von gevvissenlosen Leuten ausgesogen wird, und hort, wie der V o grin c c , nostra culpa. 19 290 Klerus ohne weiteres das Privateigentum verteidigt, da ist es selbstverstandlich, daB es das Vertrauen zum Klerus verliert. 3. Auch das auBere Auftreten des Klerus, namentlich des einfluBreichen Klerus, erhalt das Volk in dem Glauben, dafi er es mehr mit den reichen und machtigen Volksklassen halte. Man sehe sich einmal die zwei Bande des von der Leogesellschaft herausgegebenen Werkes „Die katholische Kirche” an. Es gleicht wirklich einem Modejournal. Wenn einer da den Glanz des Klerus betrachtet, wird er nicht denEindruck gewinnen, daB der Klerus der Freund des armen Mannes ware. Man sehe sich doch die Auffahrt des Papstes Gregor XVI. in dem obengenannten Werke an. Kein Herrscher laBt mehr eine solche orientalische Pracht entfalten. Freilich die Papste tun es in- folge der Verhaltnisse auch nicht mehr, doch es besteht noch viel unniitzer Prunk. Ich getraue mich das Buch den Kindern gar nicht zu zeigen, damit sie lieber vom Papste und den Bischdfen die Vorstellung von hochst heiligen Mannern behalten, als daB sie sich die Vorstellung von ihnen als von ungemein reichen Herrschern aneignen. Ich fuhr einst auf der Bahn mit einem sehr aufgeweckten, etwa zehnjahrigen Knaben langs des Worthersees, dessen Ufer mit vielen lierrlichen Villen besaet sind. Der Knabe, seheinbar einer Arbeiterfamilie gehorend, fing an iiber die reichen Leute, die bei Nichtstun so schone Hauser bewohnen, loszuziehen und wollte die schSnen Hauser gar nicht anschauen. Ich hebe hervor, daB ich keine personlichen Invektiven be- absichtige. Der jeweilige Papst leidet selbst am meisten unter dem lastigen Zeremoniell und unter dem Prunk, der da entfaltet wird. Maneher mochte gerne dieses Geflunker und Katzensilber wegwerfen, um dem gottlichen Lehrmeister auch in seiner Aimiut nachzuahmen, allein welches Aufsehen wurde deshalb entstehen! Das schon genannte Werk „Die katholische Kirche” ent- halt gleich anfangs die Biograpliie des verstorbenen Papstes Leo XIII. Derselbe war wirklich ein gi-ofier Papst. Daraus folgt aber nicht, daB sein Tun und Handeln schon seit seiner 291 Jugend ideal gewesen sei. In dem Werke wird nun haarklein beschrieben, wie der junge Pecci von adeligen Eltern geboren wurde und von Ehrenstelle zu Ehrenstelle emporstieg. Es wird ausdriicklich erwahnt, daB er der Liebling des Kardinals Sala war, der „sein offizieller Beschiitzer” blieb. Er trat in die geist- liche Adelsakademie, wo ihn „neue Studien und neue Erfolge” ervvarteten. Zum Nachdenken iiber Italien zwingt uns auch die Erzahlung, wie er gegen das adelige Brigantentum in Siiditalien, wo er Statthalter war, auftrat. Es wird ersvahnt, daB er die Jagd und namentlich den Virgil und den Horaz liebte. Das alles er- zahlt ein Jesuit! Wie der Papst am Sterbebette lag, da hatte er abermals den Horaz und den Virgil am Tische. Ich las dies selbst in unseren liberalen Zeitungen, die sich daruber ver- wunderten. „Man hatte doch meinen konnen, daB er in den letzten Augenblicken an den Gekreuzigten allein dachte.” So kalkulierten die Zeitungen. Ein franzosischer Gelehrter ver- langte, daB ihm noch vor seinem Sterben das „einzige Buch”, die Heilige Schrift, vorgelesen werde. Alte Leute haben Eigen- heiten, doch hatte man verhindern sollen, daB solche Sachen zum Argernis des Volkes publiziert werden. Gelegentlich des letzten Konklave berichteten die Zei¬ tungen, daB zwei osterreichische Kardinale sich von aus- warts das Essen holen lieBen, und daB der Glanz, mit dem der ungarische Kardinal aufgetreten ist, das Volk entziickte.- Die Eleganzsucht, die an manchen Hofen bevorzugt wird, geht auch auf den iibrigen Klerus zum Teile iiber. Und so sehen wir oft in armen Gegenden, wo bei jedem Fenster das Elend herausschaut, Priester, fein wie Puppen gekleidet, sich an Laken und Diingerhaufen vorbei wie auf einem Parkett- boden bewegen. Das nicht denkende Volk sieht die Eleganz vielleicht gerne, weil ihm eben der Geistliche zum Schaustlick wird. Auch die Titulaturen kennzeichnen den Geistlichen nicht als einen Volksmann. Die Schematismen zahlen bei Angabe der Personalien immer auf, was einer ist und was fur Auszeich- nungen einer hat. Alle Titulaturen aus langst vergangenenZeiten werden zusammengesucht, um einen Priester, der ein Gllicks- 19* 292 kind ist, auszuzeichnen. An manchen Orten scheinen selbst die Klostergeistlichen an der Krankheit der Titelsucht zu laborieren. Sie hab en auf die Eitelkeiten der Welt verzichtet, um dafiir im Kloster andere Eitelkeiten anzunehmen. Ich habe den Katalog der Kapitularen eines Stiftes bei Wien in den Handen. In demselben sind die Vorgesetzten mit den sonderbarsten Superlativen betitelt. Der Name eines verhaltnismaBig jungen Kapitularen zieht im Gegensatze zu anderen titelarmen „Ordens- genossen” gleich eine siebenzeilige Schleppe nach sich, zu- sammengestiickelt aus Titulaturen, die verdiente und unver- diente Manner zu bekommen pflegen. Ist das der Geist des demiitigen heiligen Augustinus, nach dessen Regeln die Herren leben miissen?! Auch die Diozesanschematismen verfiigen iiber exotische Titulaturen. Der eine hat den Titel illustris, der andere doctissimus, ein anderer eximius oder admirabilis. Keinen Titel kann ich je- doch so schwer aussprechen, wie den Titel „der Hochwurdigste”, weil das Altarssakrament oft kurz als „das Hochwurdigste” (Gut) bezeichnet wird. Dann die Titel Euer Gnaden, Celsissimus etc.! Die weltlichen Beamten diirfen untereinander keine Hoflich- keitsformeln in ihrem schriftlichen Amtsverlcehr mehr ge- brauchen. Es heifit nur kurz „an den Minister N. N.”. Nur wir, die Lehrer der Demut und der schlichten Sitte, haben noch diese Chinesereien! Man vergleiche die einfachen Verordnungen der Ministerien mit der Verordnung desFiirsterz- bischofs von Olmiitz im dortigen Verordnungsblatt, beziiglich des \venigstens zweijahrigen Verbleibens an einer Seelsorge- station, wo man sich bei dem steten „Seine Exzellenz” die Zunge brechen konnte! Diese Titulaturen erhohen heutzutage nicht im geringsten die Wertschatzung der Person, sondern geben AnlaB zu ge- heimen oder offenen Spottereien. Die einfachen, schlichten Jesuiten, die keine Ordensauszeichnung und keine Ehren- titel annehmen, haben bei den Gebildeten noch immer mehr Ansehen, als diejenigen, die mit Titeln uberhiiuft sind. Sie kriechen auch nicht vor ihren Oberen, wie es anderswo 293 — geschieht und trotzdem herrscht Ordnung in ihrer Organisation. Wodureh die Jesuiten imponieren, ist Gelehrsamkeit, gepaart mit schlichten Sitten und eine gesunde, nicht iibertriebene Frommigkeit, wahrend das starre Festhalten an einzelnen allzu mittelalterlichen Statuten ihres Ordens, hervorgegangen aus der durch die Absonderung von der Welt entstandenen Un- kenntnis des wirklichen geistigen Lebens und Strebens der Menschen, sowohl ihnen als auch der Kirche nicht zum Vor- teile wird. Ist die Kirche die Lobrednerin der Jesuiten, dann muB sie auch die Nachahmerin ihrer einfachen Sitten und ihres Wissens sein; dann wird ihr Ansehen bei allen Denkenden ein viel hoheres werden. Heute wandern Menschen der ver- schiedensten Provenienz oft aus purer Neugierde nach Rom, um den Papst zu sehen. Sie betrachten ihn mehr als ein ge- schichtliches Monument, als den Troster und Segner der Menschen, als den Nachfolger des heiligen Petrus. Einen ganz anderen Wert vnirden die fremden Volker dem Papsttum bei- legen, wenn der heil. Vater hie und da nicht im Aufzuge eines Machtigen, sondern in einfacher und schlichter Weise, z. B. nor- dische Diozesen bereisen und hier das religiose Streben der Volker kennen lernen wurde! Es ist somit klar, daB das Auftreten der kirchlichen Ver- treter nicht immer danach ist, um vollends die Sympathien des Volkes zu gewinnen. Wenn trotzdem riesige Massen noch dem Christentum treu sind, so ist es der Lehre Jesu Christi zu danken, die das Menschenherz stets noch fiir sich geffonnen hat und auch noch gewinnen \vird. Die unleugbare MiBstimmung des Volkes gegen die Kirche kommt aber sehr viel auf Rechnung des aufieren, oft taktlosen Auftretens der Kirche. Wir Priester entstammen meistenteils den ,,niederen’ Volksschichten, dem Bauern- oder Arbeiterstande. Wir brauchen uns deshalb nicht zu schamen, sondern sollen als Priester Golt danken, daB wir diesem Stande angehoren, indem wir seit unserer Kindheit die wirklichen Miihseligkeiten des Lebens der bei weitem zahlreichsten Menschenklassen kennen gelernt haben. Wir haben uns unsere Stellung durch eisernen FleiB 294 erworben, lernten friihzeitig das Leben auch von der harteren Seite kennen, wahrend die Sohne anderer Stande mit allen moglichen Schmiermitteln zur Erreichung ihrer Stellung form- lich getrieben werden, obne dafi sie sich um die Quelle ihrer Erhaltungskosten zu kiimmern brauchten. Wir Priester sind iiberhaupt die zahlreichste Intelligenz aus der Mitte des armeren Volkes. Deshalb ist es auch unsere Pflicht, dafi wir uns nicht zu den Grofien dieser Erde hindrangen, sondern das Elend des Volkes wahrnehmen und es zu lindern suchen. Auch unser Auftreten sei so beschaffen, daJ3 man in dem- selben nicht eine Verkennung unserer Abstammung erblickt. Das Resultat vorhergehender Besprechungen ist somit, dafi wir 1. auf Grund unserer Religion fiir die moglichste Gleich- stellung des gemeinen Volkes mit den iibrigen Volksklassen hinarbeiten, jedoeh in Anbetrackt der bestehenden Verhalt- nisse etwa in den Predigten die Sache sehr vorsichtig be- handeln. Unrichtig ist es aber, die jetzt bestehenden sozialen Verhaltnisse als von Gott gewollte zu be- zeichnen. 2. Sowohl im Auftreten der ganzen Kirche als auch ein- zeln sollen wir zeigen, dah wir treue Schiiler Christi sind, der einfach und schlicht autrat, einfache und schlichte Leute zu Aposteln wahlte und iiberhaupt „kein Ansehen der Person” kannte. 3. Wir Priester sind meistenteils Sohne des armen Volkes, deshalb sollen wir diesem mit Wort und Tat an die Hand gehen und auf diese Weise uns auch dankbar zeigen fiir die Treue, mit der gerade das Volk an seiner Kirche zum Unter- schiede von den Reichen hangt. Zum Schlusse noch eine kleine Bemerkung und kleine Betrachtung. Sobald ich die sozialen Verhaltnisse der mir bekannten Bevolkerung erforsche, finde ich den Reichtum meistenteils als Quelle der Unmoralitat und auch vielleicht der Verbrechen. Derjenige, der melir besitzt, als er fiir sich und seine Familie braucht, kann sich mit dem Gelde alle moglichen, vom 295 christlichen Gesetze verbotenen Geniisse des Lebens ver- schaffen. „Wenn sich der z. B. einen Ehebruch etc. erlaubt, warum solite ich mir es nicht erlauben?” denkt sich der Arme. Kann er die Mittel nicht auftreiben, wahlt er oft verbotene Mittel und wird Verbrecher. Nicht nur durch das Beispiel wirkt der Reiche verderbend, sondern auch dadurch, dah er ehrliche Leute direkt mit dem Geld anlockt und verfubrt. Wenn man findet, daG die Armut Anlafi gibt zum unmoralischen Leben dann wird man auch finden, daG die Armut vielfach durch den Reichtum einzelner herbeigefiihrt wurde. Auch wird es sich zeigen, daG die arme Landbevolkerung sittlich geblieben ware, wenn sie nicht der Reiche auf verschiedene, leicht denkbare Weise zum Falle gebracht hatte. DaG manche Reiche ihren UberfluB nicht auch zu guten Zwecken verwenden wiirden, ist naturlich damit nicht behauptet, sondern nur der Satz aus- gesprochen, daG der Reichtum die Quelle der Unsittlich- keit sein kann und oft auch ist. Wie sich somit unsere Anschauungen diesbeziiglich gestalten werden, kann jeder selbst beurteilen. Bei Gelegenheit will ich dariiber iiberhaupt eine genauere Diskussion einleiten. Gleichsam als Anhangsel fuge ich hier zwei Betrachtungen hinzu. „Quo vadiš?" oder „Quo veheris?" In einem Blatte war zu lesen, daG im vergangenen Jahre ein ungarischer Bischof, dessen Namen ich nicht nennen will, mit einem Viergespann ausfuhr, wobei die Pferde scheu ■svurden und iiber einen Zaun sprangen. Nun zu dieser dispositio loči, und zu diesem Factum die Betrachtung: Wurde der gottliche Heiland in seiner einfachen schlichten Erscheinung, den langen Mantel um seinen Leib geworfen, die Sandalen an den FiiGen, ohne Kopfbedeckung, zufallig des Weges daher- kommen und dem bischoflichen, vierspannigen Gefahrte be- gegnen und lieGe er das langgezogene Gespann halten oder wiirde er vom Wege aus zurufen „Quo vadiš?” Und gesetzt den Fali, der Bischof wiirde an dem Auftreten seinen Meister, dessen 296 Werk er fortsetzen soli, erkennen, was wiirde da geschehen? Entweder \viirde er dem Kutscher in der Aufregung befehlen, ja schnell weiterzufahren, damit die Stadtbevolkerung nicht merke, mit welch’ simplen Menschen sich der bischofliche Graf abgebe oder er wiirde doch, von der Religion iiberwaltigt, wie Petrus auf die Knie fallen und schreien: „Gehe weg von mir, denn ich bin ein sundhafter Mensch, der an derlei prunkvollem Zeug, wie du siehst, Gefallen findet.” — — — Der Ministerialrat. Abermals las ich in der Zeitung von einem ungarischen Bischofe, der einem Gauner anfgesessen ist, welcher sich als Ministerialrat ausgab, der im Auftrage des N. N. im Ministe- rium komme, um fur ihn 6000 Gulden zu borgen, da N. N. sich in augenblicklicher Geldverlegenheit befinde. Der Bischof be- wirtete sogar den Mann durch einige Tage, fuhr mit dem Herrn Ministerialrat aus und gab ihm bereitwillig die verlangte Summe. Wie sind wohl manche Kirchen verwahrlost und wie wiirden sich die Leute freuen, \venn ihnen einige Obolus ge- schenkt oder geliehen \viirden zur Restauration ihrer Kirche, der Wohnstatte Gottes! Wurde bei einer solchen Gelegenheit der Vertreter einer armen Kirche auch so freundlich empfangen werden, wie der Herr Ministerialrat? —- II. Unser Verhaltnis zu Italien. Keinem uberzeugten Katholiken wird es jemals einfallen, in den Ruf „Los von Rom” oder „Los vom Papst” einzu- stimmen. Jeder Katholik muB Gott danken, daB wir ein gemein- sames Oberhaupt haben und auBerdem eine feste Organi- sation zum Schutze unseres katholischen Glaubens haben. Die Konzentration um Rom, von wo aus wir das Licht des Christentums erhielten, ist wohl das Idealste auf der Welt. Doch diese Konzentration geschieht nur wegen des allgemein christlichen Roms, insoferne dort der Sitz des Nachfolgers des 297 heil. Petrus, des Papstes ist. Dieses Scharen der Volker um Rom geschieht nicht wegen des italienischen Volkes. Dieses Volk kann keine Anspriiche erheben, daB es in der katholischen Kirche zu herrschen hatte. Das machtige Rom oder das machitge Papsttum wurden am allerwenigsten von italienischen Volkern begriindet, sondern es waren gallische und germanische Stamme, die es taten. Doch heutzutage hat der italienische Klerus eine allzu groBe Macht in der Kirche, und zwar mit vollem Unrecht. Natiir- lich kann der Papst fast 300 Millionen Katholiken nicht in per- sona leiten, sondern er muB sich zahlreicher Personen bedienen zur Unterstiitzung bei der Regierung. Diese sind aber der Mehr- zahl nach Italiener. Bei der letzten Papstwahl waren 34 Kardinale italienischer Abstammung und 24 auslandische Kardinale stimm- berechtigt, wiewohl Italien kaum soviel Katholiken zahlt vvie Amerika, wo nur ein einziger Kardinal kreiert ist. In den verschiedenen Kongregationen finden wir wiederum Ita¬ liener, die Entscheidungen fallen. Die Kirche \vird vertreten durch Nuntien, oft sehr junge Italiener, von denen man nichts hort, als wenn sie mit den Diplomaten den Hofball besuchen. Sie fallen Entscheidungen, die fiir unsere Verhaltnisse nicht geeignet sind, oder wollen etwas einfuhren, was nur in Italien iiblich ist. Dafiir steht die Bildung des italienischen Klerus weit zuriick hinter der unseres Klerus. Man beachte es auch, daB sie im vatikanischen Archiv oder bei der Indexkongregation der Wissenschaft der Deutschen bedurfen. Die italienische theo- logische Wissenschaft ist gar nicht nennenswert. Nur die friihere Zeit nennt einige hervorragende Dogmatiker und christliche Archaologen. Weder die Volks- noch die Mittelschule kann sich nur annahernd mit unseren Schulen vergleichen. Oft trifft man Geistliche an, die in Hotels herumziehen und Fremde um MeBstipendien angehen. Italien ist uberhanpt ein kulturell zuriickgebliebenes Land, namentlich in jenen Gebieten, die nicht zu Osterreich gehorten. Es ist die Heimat der Maffia und der Anarchisten; wo sich kein Fremder getraut, allein das Weichgebiet der Stadt zu ver- lassen. Soli nun der Klerus dieses Landes, der weder vor der Okkupation Roms, wo er noch die Macht in den Handen hatte, 298 noch jetzt imstande war, geordnetere religiose Verhaltnisse zu schaffen, den iibrigen viel intelligenteren Klerus auBerhalb Ita- liens in jeder Kleinigkeit leiten? Der Religionsunterricht ist aus den Schulen verbannt, die Lehrer gratulieren sich noch zu diesen Verhaltnissen, wahrend noch in Deutschland der Reli- gion die gebuhrende Achtung entgegengebracht wird und noch die guten Sitten respektiert werden, wie sich Papst Leo selbst zum deutschen Kaiser auBerte. Man solle Italien nicht die kirch- lichen Vorrechte, z. B. daB ein Italiener zum Papste gewahlt wird, nehmen, man darf sich aber auch nicht ganz unter das Kommando Italiens stellen. Sogar die Bezirkshauptleute erstatten dem Kaiser verschie- dene Berichte iiber ihre Bezirke und werden oft um Rat ge- fragt. So soli auch der Episkopat, der sogar in Glaubens- und Sittenangelegenheiten mitzureden hat, die von ihm als gerecht befundenen Wunsche dem Papste vortragen, und zwar nicht einzeln, sondern in der Gesamtheit. Jetzt bemerken wir aber, dafi bald der eine Bischof, bald der andere in irgend einer liturgischen Angelegenheit petitioniert, so daB Rom auf allge- meine Notwendigkeit nicht schlieBen kann. Richtig ware es, wenn der gesamte Episkopat einheitlich die Bitte einreichen und sich hierbei auf den erfahrenen Seelsogeklerus stiitzen wiirde. Ich gebe hiermit keine Vorsclmften dem Episkopat, sondern will den Leser nur zum Nachdenken anregen. Wird sich ein Wortlein hiervon als unrichtig herausstellen, werde ich es gern widerrufen. n MaB in allen Dingen” soli unsere Maxime bei allen Handlungen sein; deshalb sollen wir in Rom das sehen, was es ist, nicht aber meinen, daB alles, was von dort kpmmt, von Gott gewollt ist. Somit weder ein imserem Volke schadliches „Zuviel” noch ein „Zuwenig” in der Anhanglichkeit an Rom! Beides ist unrichtig! Jede Anhanglichkeit muB eine Grenze kennen! Zum Schlusse des Kapitels wieder eine kleine Betrachtung.: Hatte die weltliche Herrschaft des Papsttums bis heute noch fortgedauert, welche Affaren hatten wir wohl angesiclits der Anarchistenattentate erlebt, wie \viirde die Kirche dastehen, wenn statt des Konigs Umberto Papst Leo durch den Dolch- 299 stich des Morders gefallen ware ud d welchen Eindruck wiirde es auf die katholische Welt machen, wenn der Papst stets Diit einer grofien Schar Polizisten umgeben sein muBte? Da der jetzige Papst nach Zeitungsberiehten als gewesener Pfarrer fiir die Vereinigung Italiens eingetreten sein soli, so wird es aucb mir erlaubt sein, die zuvor emvahnte Frage zu beruhren. III. Verhaltnis der Kirche zur Politik. Christus selbst hat den PriesternihrenBeruf mit den Worten gegeben: „Gehet hin und lehret alle Volker etc.” Auch die Vernunft sagt uns, dafi der Priester dazu da ist, um die Men- schen Religion zu lehren, d. h. um ihnen die Liebe zu Gott, zu sich und den Mitmenschen beizubringen und sie mit den von Christus eingesetzten Gnadenmitteln zu unterstiitzen. Diese Berufsbestimmung des Priesters ist geniigend, um die Welt ihrem Ziele entgegen zu fiihren. Darnach richtete sich der Herr selbst, richteten sich die Apostel und die ersten Missio- nare des Christentums. Sie suchten nicht politische Stimmung zu machen, drangten sich nicht in die Synedrien und in den Senat vor, iSondern trugen einfaeh die Heilswahrheiten vor und begeisterten das Volk fiir die Betatigung der Religion. Trotzdem haben sie den heidnischen Staat besiegt, weil das religios ge- bildete Volk von selbst die richtige, die Religion nicht be- kampfende Gesinnung fand und einen christlichen Staat ver- langte. Wenn dies nicht geschehen ware. so ware es ein Be- weis dafiir gewesen, dafi der religiose Unterricht unzureichend war. Denn bei einem religios tief gebildeten Volke kann die religionsfeindliche Wissenschaft und Politik nie die Oberhand gewinnen. Wo sich diese zeigt, dort war eben die religiose Erziehung eine mangelhafte. Wenn somit der Priester einen hinreichenden Religions- unterricht erteilt, wird er auch indirekt eine religionsfreund- liche politische Gesinnung beibringen, soweit diese die Re¬ ligion beruhrt. Der Mathematiklehrer, der diese allgemeinen 300 Grundsatze der vi er Rechnungsoperationen den Kindern bei- bringt, h at diese auch in den Stand gesetzt, im spateren Leben praktische Aufgaben zu losen, Rechnungen bei der Mil eh - und IIolzwirtschaft zu vollziehen. Die erste und vorziiglichste Aufgabe des Klerus ist somit, die Menschen religios zu er- ziehen. Wer glaubt, durch politische Machtstellung religiose Friichte zu erzielen, ist ahnlich dem, der von seinen Schulern Losung praktischer Aufgaben verlangt, ohne ihnen die zugrunde liegenden Grupdsatze beigebracht zu haben. Hie und da hilft das Vorrechnen, docb dauernde Kenntnis wird nicbt erworben, so hilft auch hie und da das Vorreden vom Werte der Religion u. s. w., um die Leute fiir eine politische Partei zu gewinnen, doch dauernder Erfolg ist es nicht. — Doch ein idealer Erfolg, der darin bestiinde, dafi der Mensch sich bei jeder Handlung infolge seiner Religiositat objektiv richtig orientieren wurde, kann nur selten erreicht werden. Deshalb ist noch immer. eine gewisse Nachhilfe auch von Seite der Religions- lehrer bei den ineisten Menschen notwendig, d. h. der Priester soli nicht ganz auf die Politik verzichten, nachdem seine erste und wichtigste Pflicht, der religiose Unterricht, erfiillt ist. Diese Nachhilfe mufi sich jedoch auf Dinge beziehen, bei welchen das religios-sittliche Wohl und auch das dieses Wohl manchesmal bedingende, materi- elle Wohl des Volkes gefahrdet erscheint, nicht jedoch auf Dinge, die vom religiosen Standpunkte zweifel- haften Wert haben. Er wird nicht Parteibildungen unter- stutzen, die nur Folge der Meinungsverschiedenheiten und oft auch von Gehassigkeiten sind, sondern er wird stets auch in den kleinsten Dingen die Liebe, „die Fiille des Gesetzes”, beobachten. Die Meinung, dafi es hohere Ideale in der Religion gebe, als es die Liebe ist, ist unrichtig. Deshalb soli der Priester nie agi- tatorisch gegen eine politische Partei auftreten, sondern uberall belehrend, den richtigen Weg beleuchtend. Also weise ich nicht jede Politik zuruck, sondern finde sie inner- halb der den Priestern erlaubten Grenzen sogar gut, wenn sie nach getaner beruf smafiiger Arbeit ge- schieht. 301 Bedenkt man jedoch, was ich iiber die mangelhafte i-eli- giose Bildung in der Sehule und in der Kirche gesagt habe, dann wird man leicht urteilen, was ich von der Politik des Klerus heutzutage halte. Es ist jene Arbeit, die der Rechnungslehrer mit den Zoglingen zur Losung praktischer Aufgaben unter- nimmt, ohne dah ihnen zuvor die Grundsatze des Rechnens bei- gebracht worden waren. So zahlen wir Parteien, auf deren Bildung und Entwicklung der Klerus durch sein Ansehen und durch seine Agitation sehr groben Einflub hatte und noch hat. Die Anhanger rekrutieren sich meistenteils aus weniger ge- bildeten Kreisen, deren religioser Besitz noch unangefochten war, oder aus solchen, die die Religion iiberhaupt noch fiir einen machtigen Kulturfaktor halten. In Riicksicht auf den letzten Umstand diirfen wir durch aus nicht annehmen, dab die AngehSrigen der sogenannten christlichen Parteien auch iiber- zeugte Katholiken sind in der Weise, wie die Kirche sie heutzu¬ tage zu verlangen pflegt; im Gegenteil, gerade die lebens- kraftigen christlichen Parteien empfinden in der katholischen Kirche etwas, was ihnen nicht pabt und keine besondere Liebe fiir die Kirche hervorrufen kann. Sie geben dieser Empfindung mit dem mehr geheimen, angstlichen Rufe nach Reform Aus- druck. Dab solche Parteien, in denen keine tiefe Uberzeugung herrscht und bei denen ein Stand, der geistliche Stand stets als conditio sine qua non zu ihrer Erhaltung not- wendig ist, nicht dauernd bestehen konnen, liegt auf der Hand. Sie verfallen dem religiosen Indifferentismus. Diejenigen Priestei - , die sich heutzutage dem politischen Leben hingeben, gehoren zu den intelligenteren und zu denen, welchen das Wohl der Kirche am Herzen liegt. Bei meiner Aktion will ich ganz besonders auf sie rechnen; deshalb liegt es mir ferne, diese als diejenigen hinzustellen, als welche sie die Gegner hinzustellen pflegen. Diese Priester selien den geistigen Abfall eines groben Teiles des Volkes von der Kirche, sie leiden selbst als Priester unter den Angriffen, die die Gegner gegen die Kirche unternehmen. Da ist es moglich, dab sie auf Grund ihrer Erziehung oder auf Grund der Zeitschriften und apologetischer Werke glauben, dab in der Kirche \virklich 302 alles ideal, gottgewollt sei und daB nur der Weltgeist, der ich weiB nicht aus welcher Quelle entstromt, schuld sei an der Bedrangnis der Kirehe und daB somit dieser Geist mit Macht- mitteln bekampft werden miisse; oder es ist moglich, daB sie die oft nicht idealen Zustande in der Kirehe wohl wahrnehmen, jedoch meinen, daB eine Aktion im Innern ohnehin aussichtslos ist; um doch die herrliche Festung der katholische Kirehe zu retten, ergreifen sie das, was noch einen Erfolg verspricht, namlich die Politik. Auch die Seminarstudien, die infolge der Vortragssprache und der Methode keine besondei’e Anziehungskraft ausiiben, sind schuld, daB das Sinnen und Denken des jungen Theologen mehr um den leicht verstandlichen Inhalt der Zeitungen sieh bewegt. In der Seminarabsperrung vertreiben sie ihm auch die Langweile. Das sind Griinde, wodurch die Neigung zur Beschafti- gung mit Politik gefordert wird. Die Beschaftigung mit Politik hat zweifache Wirkung, eine sammelnde und eine zerstreuende; eine sammelnde, indem sich die katholisch Gesinnten zu Parteien, also zu Machtfaktoren zusammenschlieBen, eine zerstreuende, indem wieder andere falsche Intentionen beim Klerus erblicken und auch fur das auBere Auftreten der Kirehe sich nicht erwarmen konnen, darum abgestoBen werden und sich immer mehr in die feind- lichen Lager begeben. Es entsteht die Frage, ob die sammelnde oder die zerstreuende Wirkung die Oberhand gewinnen wird? Solange die Kirehe die in ihrer Lehre liegenden Krafte durch die Wahl geeigneter Mittel nicht verwertet, ist die sammelnde Wirkung der Politik des Klerus eine relativ vor- teilhafte zu nennen. Dies ist so zu verstehen: Die Gegner haben in der Politik schon einen weiten Vorsprung gehabt, als der Klerus anfing, die noch der Kirehe Treuen zu poli- tischen Parteien zu organisieren, um wenigstens den Riick- zug der Kirehe zu decken und manches Gute zu retten. Dort, wo die Politik unberucksichtigt blieb, hat die Kirehe eine grofiere Niederlage zu verzeichnen, als dort, wo der Klerus auch in die Politik eingriff. Der kirchlich religiose Zu- stand der Katholiken ist doch noch am besten in Deutschland, 303 Osterreich, Belgien, Irland und Spanien, wahrend anderswo die Kirche sogar aus der Heimstatte ihrer Tochter, der Schule, vertrieben wurde. In einer Nummer der Linzer Quartalschrift las ich den Ausruf eines Jesuiten: „Wohin waren wir wohl ge- kommen ohne das Regiment der Zentrumsabgeordneten!” Die sammelnde Wirkung kann naturgemaB jedoch bis zu einem ge- wissen Zeitpunkte die starkere sein, namlich bis zu dem Augen- blicke, wo nichts mehr zu sammeln sein wird, da die der Kirche Treuen bereits gesammelt sind und sich somit zwei Heerlager entgegenstehen. Es muB ferner konstatiert werden, daB die der Kirche Treuen der Mehrzahl nach landliche Be- wohner sind. Wie wird sich nun in diesem Augenblick, wo nichts mehr zu sammeln sein wird, die sammelnde Wir- kung zur zerstreuenden stellen? Wird die Kirche durch die Politik die Sammlung im anderen Lager fortsetzen konnen oder wird das Umgekehrte geschehen, namlich, daB die Gegner An- hanger aus dem katholischen Lager hiniiberziehen werden? Ich meine, es mufi das Letztere eintreten, wenn die Kirche nicht solche Mittel wahlt und ein solches Auftreten einnimmt, daB sich die entfremdeten Kinder ihrer ehemaligen Mutter wieder nahern; denn sonst finde ich nirgends den Grund zu einer An- naherung. Die richtige Folgerung aus dem Gesagten wird somit sein, daB nur fur den jetzigen aufieren Zustand der Kirche und nur zeitweise die Beschaftigung des Klerus mit der Politik vorteilhaft sein kann, indem der Ruckzug der Kirche gedeckt wird und gleichzeitig die Kirche doch noch immer bessere Gelegenheit hat, sich auch vom Inneren aus zu starken, den Ruckzug aufzugeben und wiederzur Offensive uberzugehen — doch daB, wenn die jetzigen Verhaltnisse nicht geandert werden, auch alle Politik erfolglos sein wird. Wollen wir somit vordringen, dann heiBt es, die Giaubigen durch religiosen Unterricht sammeln, sie durch kein fremdes Auftreten abstofien, und ihnen eventuell im politischen Streben innerhalb gewisser Grenzen nachhelfen! Die Politik des Klerus hat neben und gleichzeitig mit der sammelnden Wirkung auch eine zerstreuende, indem ein groBer Teil des Volkes, und zwar gerade der gebildetere in dem Poli- 304 tisieren des Klerus nicht so sehr das Streben erblickt, durch politische Macht die wahre Religiositat zu verbreiten als vielmehr das Bemuhen, iiber das Volk zu herrschen, wes- halb man sich vom Klerus und auch von der Kirche zuriick- zieht und in das feindliche Lager ubergeht. Wir konnen nicht auch von Gebildeteren eine so genaue historische Kenntnis verlangen, um zu verstehen, dah nicht die verhaltnismaflig grofie Macht der Kirche im Mittelalter an den Ubelstanden schuld war, von denen die Geschichte richtig oder auch un- richtig berichtet. Der Laie pflegt namlich diesen falschen SchluB zu machen: „Im Mittelalter ist dies oder jenes geschehen, was die Neuzeit perhorresziert; damals war die Kirche maehtig: also ist die Kirche an den (Ibelstanden schuld; deshalb darf man dem Klerus keine politische Macht einraumen, um nicht reaktionar zu sein und in das finstere Mittelalter zumckzufallen.” Phrasen, wie „ Volksverdummer”, „Reaktionare”, „Finsterlinge” werden unter das Volk geschleudert, das den auf diese Weise geschilderten Feind zu meiden und zu hassen anfangt: Dies ist die zer- streuende Wirkung des Politisierens, welche um so starker wird, je mehr neben der Politik die wahre religiose Bildung vernachlassigt wird. Ich weifi, daB das Endziel der geistlichen Politiker nicht bloBe politische Macht und das Motiv des Politisierens nicht Herrsehsucht ist, sondern daB der Klerus durch die Politik der religiosen Aufgabe der Kirche Rechnung tragen will. Doch wenn ich naher das Ziel der geistlichen Politik untersucbe, so finde ich, dafi die Furcht des Volkes vor einer allzu grofien Macht des Klerus gewissermaBen berechtigt ist. Was wollen wir durch die Politik? Jedenfalls, dafi wir zu einer poli- tischen Macht gelangen, die ihren Willen diktieren kann. Dafi wir nur soviel politisieren wollen, um eine štete Opposition gegen die herrschenden Parteien zu machen, so dafi wir also in der Minoritat bleiben, kann im Ernste nicht behauptet werden. Das nachste Ziel ist somit doch der herrschende Einflufi des Klerus. Nun soli aber kein Stand, weder der Priester-, noch der Lehrer-, noch der juridische, noch sonst ein Stand eine politische Ubermacht haben und seinen Willen dik- 305 tieren. Man denke an Serbien, wo das Militar die Schreckens- herrschaft ausiibt. Wurde man sagen, dafi sich der Klerus nach Durchsetzung seiner Forderung vom politischen Leben in die Sakristeien zuriickziehen werde, so wiirde man sich nur lacherlich machen. Eine Macht zu erlangen, ist nicht so schwer, wie diese zu er- halten! Gerade da muBte er sich besonders auf die Politik ver- legen, damit er seine Macht nicht verliert. Die Kirche besitzt eine absolutistische Klerusorganisation und der Klerus ist abhangig vom Episkopat. Erinnere man sich doch an die Geschichte der osterreichischen Klerustage! Somit ware auch die politische Tatigkeit des Klerus von einzelnen Oberhirten abhangig, die ihren Willen bei ihren Untergebenen durchsetzen kSnnten. Man sage nicht, der Episkopat habe kein Recht, EinfluB auf die politische Tatigkeit des Klerus zu iiben; denn statt des Rechtes gibt es hundert Mittel, durch die die Vorgesetzten ihren Willen bei den Untergebenen durchsetzen konnten. Die tagliche Erfahrung bestatigt es. Ubrigens, ich tausche mich nicht, wenn ich behaupte, dafi der sogenannte „niedere Klerus” fiir den Fali, dafi einmal die Klerusherrschaft durchgesetzt wiirde, zuerst die Hande falten und ausrufen wiirde: ab imperio clericali libera nos Domine! Gberlegen wir doch. griindlich den Wert und das Ziel der politischen Tatigkeit des Klerus! Wir werden dann den grimmigen Hafi gegen alle politischen Bemiihungen des Klerus begreifen. Die zerstreuende Wirkung des Politisierens zeigt sich auch bei unserer speziellen Pastoration. Bei der Politik konnen wir uns nicht im entferntesten auf die Unfehlbarkeit unserer Grundsatze berufen. Da gesehieht es, dafi, wenn ein geistlicher Politiker in eine Pfarre kommt, er sich den Anhangern seiner Partei anschliefit oder diese bevorzugt. Oft haben sich gute, religiose Leute durch Jahrzehnte in eine politische Ge- sinnung hineingelebt. Plotzlich sollen sie diese aufgeben. Von ihren Parteimannern und Parteiblattern werden sie auch falsch instruiert und deshalb halten sie ihre Anschauung fiir richtig. 20 Vogrinec, nostra culpa. 306 Plotzlich kommt der Priester, der doch ein Troster und Freund jedes Mensohen sein soli, und fangt an fiir eine andere politische Riehtung zu agitieren, die Gegner als falsch Unterrichtete etc. hinzustellen, was die Leute empfindlicli beleidigt und der Kirehe entfremdet. DaB hierbei auf die Sanftmut vergessen wird, bringt die Natur der Politik, die Leidenschaften nahrt, mit sich. Die Anhanger der Partei des Seelsorgers sind oft Leute, die aus purer Gewinnsucht sieh dem Geistlichen anschlieBen und nicht immer im Rufe besonderer Religiositat stehen. Die Ver- heerungen, die durch derlei Vorgehen verursacht werden, sind grofi. Der politischen Spaltung in der Gemeinde folgt auch die religiose Spaltung. Der Geistliche, der durch politische Agi- tationen die Gemiiter entzweit hat und nach angerichteter Ver- wirrung seinen Posten verlaBt, gilt als Held; dei’jenige, der mit dem Hirtenstabe jedem verlorenen Schaflein nachgeht, „arbeitet nichts”, „schadet mehr als er niitzt”. Das letzte Urteil fallte iiber meine Pastoration einer meiner Nachfolger auf einem schwierigen Seelsorgeposten. DaB das Zuvorangefiihrte nicht fiir jene Priester gilt, die Tom Volke zu politischen Fiihrern erwahlt werden und die nicht, um einen leider eingerissenen Ausdruck zu gebrauchen, nur fiir klerikale Sachen eintreten, sondern volkswirtschaftliche und nationale Interessen im Auge haben, ist selbstverstandlich. Der Priester ist aus dem Volke hervorgegangen und hat auch das Recht, fiir die Interessen des Volkes einzutreten, wenn ihm dieses das Vertrauen schenkt. Ich dachte, daB unser bekanntester priesterlicher Politiker, Dr. Scheicher, die Politik des Klerus fiir eine Notwendigkeit ohne Rucksicht auf die Zeitverhaltnisse halt; da war ich er- staunt, als er in seiner Schrift „Der osterreichische Klerus- tag”, Seite 244 ff., schrieb : „ Vielleicht ware es besser, wenn \vir Priester alle nur auf geistliehem Gebiete beschaftigt waren, wenn wir uns saecularibus negotiis nicht eingemischt, die Politik ferne gehalten hatten. Leider war es eine Notwendig- keit, schien wenigst^ns eine solche. Jedenfalls ist es aus guten Griinden geschehen und geschieht noch. Der katholische Teil des Volkes hatte einst und hat auch jetzt nicht iiberall jene 307 Laienkrafte zur Verfugung, die sein Interesse genugend selbst- los wahren konnten. Kommt die Zeit, wo man uns nicht mehr braucht, wo wir auch nicht mehr notwendig haben werden, gegen ReligionshaB und Kirchenstiirmerei auf der Wache zu stehen, dann werden wir gewi!3 mit groBerer Freude in die Sakristei eilen, als wir sie verlassen haben. Ich nmchte heute lieber, als morgen es tun, werde es aber, wahrscheinlich nicht erleben. Denn heute und morgen bricht der Augenblick reli- giosen Friedens noch nicht an. Und des Menschen Jahre sind 70, heiBt es in der Heil. Schrift. Der Reformkatholik Scheicher hat also mehr an das Ende zu denken als an Werke, fiir welche viele und lange Arbeit noch notig sein wird. Ich bin nur ein Mitmaurer, gebe meine Gedanken und Anregungen als Steine oder Steinchen zum Baue. Hoffentlich gibt es Maurer Gottes genug, welche fortarbeiten an dem Werke. Nicht unserer Person wegen wiinschen wir Priester alle, dali der Zug, der unver- kennbar groBe Mengen Menschen aus der Kirche hinausfiihrt, endlich zum Stillstande gebracht werde. Ich bin gekommen zu suchen, was verloren war! So lautet nach Christi Wort unsere Aufgabe. Menschen zu Gott zu fiihren muB unser Tage\verk sein, nicht ein Fiirstentum kopieren zu helfen.” Zu den herrlichen Worten nur die Frage: Ware diese Politik in der Weise notwendig, wenn die Kirche durch Ande- rung ihrer bisherigen Taktik und mancher auBerer Einrich- tungen, namentlich aber durch hinlanglichen Unterricht den religiosen Frieden angebahnt hatte? Da sie die Wahrheit beherbergt, warum solite ihr nicht der Erfolg auch ohne Politik gesichert sein? Das Resultat der vorherigen Ausfuhrungen: 1. Gute, religiose Bildung und Leitung der Men¬ schen weisen von selbst auf den richtigen politischen Weg. Ruhige, liebevolle Leitung von Seite des Klerus auf diesem politischen Wege ist am Platze. # 2. Die politische Tatigkeit des Klerus bezweckt heutzutage die Deckung des Riickzuges der Kirche vor Angriffen der Feinde. Auch diese Deckung ist macht- los zu einer gewissen Zeit, wenn nicht im Innern der be- 20 * 308 drangten Kirche selbst fiir hinlangliche Kraftigung Sorge getragen wird; denn 3. die Beschaftigung des Klerus mit der Politik hat unter jetzigen kirchlichen Verhaltnissen denNach- teil, daB sich viele Katholiken abwenden und die Zahl der Gegner der Kirche vergroBern. IY. Das Verhalten des Klerus gegeniiber der Schule. Wer nur halbwegs in der Weltgeschichte bewandert ist, wird die Verdienste der Kirche um die Schule nicht leugnen. DaB es moglich ist, dafi diese Verdienste herabgemindert oder geradezu ignoriert werden, ist ein Zeichen, wie groB die Feind- schaft der modernen Welt gegen die Kirche ist. Es ist eben eine psychologische Erscheinung, daB man demjenigen, den man nicht liebt, gar keinen Vorzug und gar kein Verdienst zuge- stehen will, was bei der Kirche um so auffallender ist, als ja sie die Erzieherin der Menschen nicht bloB in religioser Beziehung, sondern auch in samtlichen kulturellen Gebieten tief bis in die Neuzeit gewesen ist. Doch auch das Verhalten der Kirche war nicht der Zeit- lage entsprechend. Die zur kirchlichen Erziehung iibernommene, minderjahrige Menschheit wuchs heran, strebte nach Selbstandig- keit um so mehr, als sie sich der GroBjahrigkeit naherte. Diese GroBjahrigkeitserklarung wurde durch die Reformation vor- bereitet, durch die zu verschiedenen Zeiten in einzelnen Landern ausgebrochenen Revolutionen aber gewaltsam durchgefiihrt. Mit diesem Streben nach Freiheit hat die Kirche zu wenig ge- rechnet. Sie wollte noch diešelben Mutterrechte ausiiben wie zur Zeit der Minderjahrigkeit und klagte und klagt, daB ihr diese Mutterrechte nicht konzediert wurden und auch jetzt nicht mehr konzediert werden. Hatte sich die Kirche nunmehr mit der Stellung einer miitterlichen Ratgeberin und Lehrerin be- gniigt, so ware kein so beklagenswerter Zwist zwischen der Mutter und ihren Ziehkindern eingetreten. Dieser Zwist hatte zur Folge, daB man jede Beziehung mit der Kirche brechen 309 wollte, ihr die Schule entriB und in manchen Landern sogar den Religionsunterricht aus der Schule eliminierte. Die moderne Schule hat im Verhaltnisse zur alten Schule riesige Erfolge in weltlichen Fachern zu verzeichnen, doch die religios sittliche Erziehung der Menschen ist auf gleicherStufe geblieben oder auchzuriickgegangen, sei es, dah iiberhaupt kein Religionsunterricht erteilt worden, sei es, dali er aus den in den ersten Kapiteln ersichtlichen Griinden erfolglos geblieben ist. Dazu kommt noch, daB die weltliche Lehrerschaft dem religiosen Unter- richtefeindselig gegeniiber steht, weil sie im Klerus dieGegner der modernen Schule erblickt. Die Lehrerschaft, die besser gebildet ist wie in der friiheren Zeit, perhorresziert die alten Schulverhaltnisse und erblickt bei der harmlosesten Kritik des Klerus iiber die jetzigen Schulverhaltnisse einen klerikalen VorstoB gegen die moderne Schule. Hatte die Kirche in friiherer Zeit, wo sie noch die Be- sitzerin der Schule war, mehr auf die padagogische Einrichtung der Schule, auf die Schaffung entsprechender Schulgesetze, auf die bessere Ausbildung der Lehrer Bedacht genommen, dann ware die Trennung nicht eine so plotzliche, die Ab- neigung zwischen Kirche und Schule eine nicht so groBe ge- worden. Nicht bloB in Osterreich, sondern auch in Deutschland, noch mehr aber in anderen Landern, nimmt die Lehrerschaft eine feindselige Haltung gegeniiber der Kirche ein. Dieser Zwist wird genahrt durch Resolutionen in den Versammlungen auf beider Seite, durch die Presse, durch die Politik, durch privates Verhalten beider Streitenden. Die Lehrerschaft meint, sobald der Klerus iiber „die Glaubenslosigkeit” der Schule klagt, man wolle die alten Schulverhaltnisse wieder einfiihren, wo ein Lehrer so schlecht besoldet wurde, wie z. B. noch jetzt im christlichen Tirol. Bei uns in Karaten gibt es keinen ein- zigen Lehrer, der gewillt ware, offen fiir die Kirche einzutreten — wodurch ich nicht der Lehrerschaft etwas Nachteiliges nachsagen, sondern nur die Tatsache der geschilderten Ver¬ haltnisse konstatieren will. 310 Man begeht nocii heutzutage in den christlichen politischen Parteien auf Anregung des Klerus die Ungeschicklichkeit, daB man wenigstens fiir das Land die Verkiirzung der Schuldauer verlangt. Zunachst klagt man iiber zu wenige Religionsstunden, dann will man eine Verkiirzung der Schuldauer, somit gleich- zeitig des Religionsunterrichtes, und zwar gerade bei den Kindern vom 13. bis 14. Lebensjahre, die fiir die Religions- wahrheiten am empfanglichsten sind. Man arbeitet gegen sein eigenes Interesse. Vielleicht erfordert es das soziale Wohl des Volkes, daB 1. die Kinder friiher zur Arbeit angewohnt werden, 2 . nicht allzu gebildet werden und dann sich vor der Arbeit scheuen, 3. dem Bauer infolge Dienstbotenmangels auch materiell nach- helfen?! Ich erklare es offen, daB derlei Anschauungen eines denkenden Menschen, der Liebe zum Volke hat, unwiirdig sind. Im vorigen Kapitel stellte ich den Satz fest, daB auch die Religion fordert, daB eine Verkiirzung der Rechte zugunsten eines andeien nicht geschehen diirfe und daB auf die moglichste Ausgleichung beziiglich des Genusses der Wohltaten dieser Erde hingearbeitet werden miisse. Dies ist aber nur erreichbar, wenn sich auch der jetzt gesel lschaftlich Tiefer- stehende seiner Stellung bewuBt ist und auch sich genii- gende Intelligenz erwirbt, um sich die Gleichberechtigung und Gleichstellung auch wirklich zu verschaffen. Zur Erreichung dieser Intelligenz ist die Schule da, die somit namentlich dem Armen zugute kommen muB. DaB er, des- halb weniger Arbeitslust zeigen wiirde, ist unrichtig. Im Gegenteile, je gebildeter der Arbeiter ist, desto fleiBiger \vird er unter sonst gleichen Verhaltnissen sein. DaB er sich nicht zu einem Sklaven erniedidgen will, wie es leider Arbeitern und Dienstboten an manchen Orten, sowohl in der Stadt als auch namentlich auf dem Lande geschieht, ist auch vom reli- giosen Standpunkte aus erfreulich. Der Mensch soli sich seiner gottlichen Abstammung bewu6t sein, damit er nicht wie ein Tier behandelt werde. DaB die Arbeitsscheu in manchen Fallen auf tri tt, ist mehr eine Folge der hauslichen Erziehung. Wenn 311 die Eltern sehen, dafi ihr Kind etwas inehr kann wie sie, dann meinen sie, es diirfe nicht arbeiten, da es zu Besserem be- stimmt sei. Wenn sie wollten, konnten sie dem Kinde Gelegen- heit genug geben zur Angewohnung an die Arbeit, da doch die Schule nicht die ganze Zeit des Jahres in Anspruch nimmt, sondern nur etwa den acliten Teil. Gute Ausbildung in der Schule und die Angew5h- nung an die Arbeit zu Hause bedingen tiichtige Land- wirte und Handwerker, die nicht nur arbeiten, sondern auch verniinftig mit den Produkten ihres FleiBes um- gehen, ohne denLohn ihrerMiihe den intelligenten Aus- beutern auszuliefern. DaB dieLeute die Arbeit auf demLande meiden, daran sind die mifilichen wirtschaftlichen Verhaltnisse schuld. Der Feldarbeiter hat keine Erholungsstunden, sondern ist stets im Betriebe wie eine Maschine. Er fallt auch in sitt- licher Beziehung, da ihm keine Gelegenheit zur Griindung eines Familienstandes geboten wird. Die Fabriksarbeiter und Stadt- arbeiter sind Familienvater und Herren, der Landarbeiter, der Knecht muB beim Vieh im Stalle wohnen und sinkt im Alter zu einem Bettler herab. Soli man die Armen deshalb nicht so ausbilden lassen, damit sie nicht etwa ihre elende Lage auf dem Lande einsehen, wo ihnen im Alter der Bettlerstab winkt, und sich nach einem besseren Brote sehnen? DaB die landwirt- schaftlichen Verhaltnisse saniert werden, dazu ist bauerliche Selbsthilfe notwendig, die abermals bessere Bildung, somit die Schule zur Voraussetzung hat. Wenn wir meinen, daB durch die Steuerlast, die vielfach auch durch die Schulen verursacht wird, der Bauer erdriickt vvird, so miissen wir bedenken, daB dort, wo MaBigkeit und Be- sonnenheit unter den Bauern herrscht, diese gar nicht so arg empfunden wird und daB die oft verschwenderischen Ausgaben bei Tanzunterhaltungen, Kirchweihfesten, Hochzeiten, Beerdi- gungen u. dgl., iiberhaupt in den Gasthausern, von denen oft eines auf hundert Personen kommt, ungleich bedeutender sind. DaB das Kind dem Bauer in den zwei letzten Schuljahren bei der Arbeit aushelfen kann, ist richtig. Doch diese Arbeit geschieht im Sommer; nun dann sind diese Kinder ohnehin 312 vom Schulbesucbe gesetzlich dispensiert. Es ist eine wahre Wohltat von grofier sittlicher Tragweite, wenn diese Kinder im Winter in die Schule gehen, anstatt zu Hause geistig und korperlich zu verkiimmern. Es ware sogar ratsam, wenn sie noch iiber das vierzehnte Lebensjahr im Winter die Schule besuchten. Ubrigens in der Praxis handeln wir anders. Es bestehen eine Unzahl von klosterlichen Anstalten, in die auch die Bauernbevolkerung ihre Kinder schickt, ohne dafi sie deshalb fiir die Landwirtschaft erzogen wiirden. Nur in Niederoster- reich beabsichtigt man in den Waisenhausern auch gute land- ■vvirtschaftliche Arbeiter heranzuziehen. Wenn wir dem Land- manne helfen wollen, so sorgen wir fiir eine gute religiose und sonstige Ausbildung, veranstalten an verschiedenen Orten durch Klostervereine oder Ordensleute land- wirtschaftli che Kurse. Ebenso sollten Nonnen von Ort zu Ort durch mehrmonatliche Kurse die Madchen zu einer guten Hauswirtschaf t, Milchwirtschaft etc. anleiten. Solche wandernde Kurse wurden gleichsam eine landwirtschaftliche Mission fiir die Landbevolkerung werden. Aus dem Vorhergehenden ist aber nicht zu schliefien, dafi der Klerus schulfeindlich ware, er, der die ersten Schulen gegriindet und tausende von Schulen noch griindet und leitet. Ich wollte nur manchen irrigen Anschauungen des Klerus, die sich von Generation zu Generation fortpflanzen und den An- schein erwecken, als ob der Klerus die alte Schule zuriick- verlange und ein Interesse habe, dafi das Volk nicht eine bessere Bildung bekomme, entgegentreten. Die Schule ist heutzutage zum Teile noch in der Ent- wicklung begriffen, nach meiner Meinung steht sie auch nicht auf der Hohe der Zeit. Es wird auch keinen Einsichtigen geben, der das behaupten wollte. Wir Geistliche miissen aller- dings ein Interesse haben an der Weiterentwicklung der Schule; denn je gebildeter das Volk wird, desto griindlicher und tiefer wird die religiose Erkenntnis. Wir sollen jedoch nicht abfallige Kritik an der Schule iiben, sondern positiv und wissenschaftlich ihre Ziele fordern, wozu wir 313 durch unsere hohe Bildung und namentlich durch die prak- tische Erfahrung, die wir uns als die intimsten Kenner des Volkes angeeignet haben, besonders berufen sind. Man hort oft die Klage iiber zu wenige Religions- stunden. Tatsachlich ist diese Klage fiir ein- und zweiklassige Sehulen. deren es bei weitem die Mehrzahl gibt, berechtigt. Es kdnnte vielleicht erreicht werden, daB hier die Stundenzahl auf drei erhoht wiirde. An den mehrklassigen Sehulen ist bei richtiger Methode, bei richtigem Lehrplane und bei richtigen Lehrmitteln die Stundenzahl hinreichend. Beim herrschenden Priestermangel vverden kaum die heutigen Religionsstunden iiberall ausgenutzt. Geschieht es ja, daB manchmal ein Katechet in Wien iiber dreiBig Stunden Religionsunterricht erteilen mufi. Auf dem Lande ist der Zwist zwischen dem Klerus und der Lehrerschaft von groBem Nachteile fiir das Volk. Fangt der eine Teil mit irgend einer guten Institution an, so arbeitet der andere dagegen und umgekehrt. Die Lehrerschaft huldigt der liberalen Richtung, der Klerus der entgegengesetzten und so wird das Volk in allen Orten in zwei Parteilager gespalten, die sich gegenseitig bekampfen. Nur der Gastwirt hat den Nutzen, der sich stets auf die Seite der Partei stellt, von der er am meisten Gewinn erhofft. Er ist auch der ausdauerndste Agitator der Partei, solange ihm diese ihr erubrigtes Geld zubringt. Als Resultat dieses Kapitels wird somit gefordert: 1. DaB der Klerus der Schule nicht kritisierend und im Vergleiche zur alten Schule die Tatigkeit der Neuschule ver- kleinernd entgegentrete, sondern in positiv-wissenschaftlicher Weise fiir ihre Entwicklung weiterarbeite. 2. Sich namentlich nicht der falschen Anschauung hin- gebe, als ob durch langeren Schulbesuch das Wohl der Land- wirte benachteiligt werde. 3. DaB er durch einen richtigen Religionsunterricht in den Lehrerbildungsanstalten, durch ein seiner hohen Bildung und seinem Priesterberuf entsprechendes Benehmen fiir ein eintrachtiges Wirken zwischen Kirche und Schule sorge. 314 Es ist wahr, daB junge Lehrer, oft mit kaum 19 Jahren, ein unhofliches, provozierendes Benehmen gegeniiber dem Klerus an den Tag legen. Es ist dies jedoch die Folge der allgemeinen, gegen den Klerus gerichteten Zeitstromung. Sobald diese Zeitstromung auf Grund eines besseren Unterrichtes nachlassen wird, wird das Entgegenkommen auch ein anderes, namentlich wenn fiir einen padagogischeren religiosen Unter- richt in den Lehrerbildungsanstalten Sorge getragen wird. Nachtrag. Zum Kapitel uber die Scbule fuge ich gleich- sam als Nachtrag hinzu, daB wir nie fiir Thesen eintreten ■soli ten, die sich nicht ganz aufrecht erbalten lassen. Nament- lich sollen diese Thesen nicht unter der Flagge der katholischen Kirche behauptet werden. Vor Jahren gab bei den Slovenen ein gelehrter Professor eine theologische Zeitschrift heraus, betitelt „Der romische Katholik”. Hier vertrat er mit Zahigkeit den Grundsatz, daB sich das Weib fiir keinen Lehrberuf, iiber- haupt fiir keinen Beruf, fiir den groBere Studien notwendig sind, eigne. Unter den Lehrerinnen erregten seine Ausfiihrungen groBen VerdruB und Arger. Nun, heutzutage haben die Nonnen fast in jedem Lande eine Lehrerinnenbildungsanstalt, in Bulgarien leiten sie sogar ein Madchengymnasium. Von den Bischofen selbst werden derlei Anstalten protegiert. Wozu somit jene hartnackig verteidigten Thesen, die nur Unwillen gegen den Klerus und die Kirche hervorrufen und manche fromme Lehrerin abwendig machen, und dazu noch in einer Zeitschrift, betitelt „Der romische Katholik”?! Die Zeitschrift hat auch einen geistlichen Dichter ver- urteilt, bei dem das, was beanstandet worden ist, viel harm- loser war als manches, was die von den Bischofen protegierten geistlichen Dichter heutzutage in den belletristischen Schriften dichten. Der geistliche Dichter \var der Liebling der Nation, die sich uber die Ausfiihrungen des geistlichen Kritikers be- leidigt fiihlte. Es ist begreiflich, daB die Erbitterung gegen die Kirche auf diese Weise genahrt wird. Also nicht etwas als „katholische” Anschauung aufstellen, was nur per- sonliche Anschauung ist! 315 V. Unum est necessarium. Der Klerus muB sein ganzes Streben darauf richten, daB sowohl die gesamte Menschheit als auch der Einzelne religios werde, und daB die Religiositat alle Handlungen der Men- schen beeinflusse. Die religiose Erziehung muB so eingerichtet werden, daB sie Friichte bringe, daB die Mensehen gute Werke verrichten, Kr a n kenhauser, Waisenhauser und andere charitative Anstalten griinden. Wir Geistliche sollen an uns selbst die Friichte der Religion sehen lassen und den Glaubigen mit gutem Beispiele vorangehen, doch sollen wir nicht alle uns zur Verfiigung stehenden Krafte zunachst darauf verwenden, den Erfolg oder das Resultat selbst zustande zu bringen, statt daB wir diese Krafte dazu verv/enden wurden, um die Mensehen dazu anzuleiten, selbst den Erfolg oder das Resultat der religiosen Erziehung hervorzubringen. Wir sollen nicht mit unseren Mitteln z. B. charitative Anstalten errichten, um gleichsam zu zeigen: Sehet, das sind die Friichte unserer religiosen Erziehung, sondern alle unsere Mittel sollen wir zunachst verwenden, um uns den Erfolg unserer Bemuhungen bei den Glaubigen zu sichern. Wir sollen nicht den Rechnungslehrern ahnlich sein, die selbst die Rechnung vollziehen, anstatt die Schiller zur Losung der Rechnungsaufgabe anzuleiten. Auf Verbreitung und Festigung des Glaubens und christlicher Sitten sollen wir in ersterLinieausgehen; erst wenn nach Erreichung dieses Zweckes iiberschiissige Mittel und Krafte vorhanden sind, konnen ivir charitative An¬ stalten ins Leben rufen. Man wird sagen: Dadurch, daB wir derlei Anstalten griinden, zielen wir ja auf eine griindliche Religi¬ ositat. Dies ist \vohl sehr schon gesagt; ist es jedoch klug, die- selben materiellen und geistigen Mittel, die zum Unterrichte und Erziehung weiter Massen der Bevolkerung ausgereicht liatten, zur Griindung von Anstalten zu verwenden, die nur einem Hundertstel oder Tausendstel der Katholiken zugute 316 kommen? Wir sollen das „eine Notwendige” bei allen Menschen zunachst im Auge haben und zunachst „das Reich Gottes suchen, da uns das iibrige gegeben wird”. Das Folgende wird diesen meinen Gedanken begreiflich machen. Die Gewissens- erforschung, die wir iiber diesen Punkt anstellen sollten, ware folgende: 1. Haben wir dafiir gesorgt, dafi alle Schulkinder iiber geeignete Religionsbiicher verfugen, dah jede Schule gute er- bauende Bilder besitzt? 2. DaG alle Schiller iiber gute Gebet- und Gesangsbiicher verfiigen ? 3. Haben wir an den Mittelschulen fur gute religiose Biblio- theken gesorgt, haben wir den Schiilern die kommentierte Heilige Schrift in die Hand gegeben, haben wir den Armeren gute Gebet- und Gesangsbiicher gratis verschafft? 4. Haben wir auch dafiir gesorgt, daG sich in der armsten Keusche die Heilige Schrift oder ein gutes Andachtsbuch vor- findet, woraus der Arme, wenn er verhindert ist in die Kirche zu gehen, seine Andacht schopfen konnte? 5. Sorgen wir iiberhaupt fiir die Sonntagslektiire der Glaubigen durch Verbreitung von Andachtsschriften in der von mir beschriebenen Weise? 6. Sorgen wir fiir gute religiose Lekture fur die Ge- bildeten ? 7. Bauen wir in den Stadten genug Kirchen, damit die Glaubigen nicht drauBen stehen miissen oder iiberhaupt kein Gotteshaus haben an den Orten, wo die katholische Be- volkerung schnell angewachsen ist? 8. Haben wir die armen Kirchen unterstutzt, damit nicht eine Kirche von Gold und Silber strotzt, die andere verwahr- lost dasteht? 9. Haben wir fiir guten Kirchengesang gesorgt, den armen Kirchen Noten gekauft, Organisten ausgebildet, damit sie einen wiirdigen Gesang auffuhren konnen? 10. Haben wir arme, schlecht besoldete Priester unterstutzt, die viel ersprieGlicher wirken konnten, wenn sie die Mittel besaBen? 317 11. Haben wir fur die Heranbildung guter Katecheten, tuchtiger Mittelschullehrer und Seminarprofessoren gesorgt? 12. Haben wir fur geeignete Wohnung und fur geeigneten Unterhalt der Priesteramtskandidaten Sorge getragen, damit < Sie gesund und munter in die Seelsorge treten? Wenn wir fur das alles gesorgt haben, dann nur Geld her und bauen wir Kloster verschiedenster Gattung! Errichten wir statt des Staates Schulen, statt der Gemeinden Waisen-, Siechen- und Krankenhauser, bauen wir Knabenseminare und namentlich die freie katholische Universitat in Salzburg! Gut ware es, wenn wir verschiedene Sparkassen und Ge- nossenschaften griinden wiirden. Freilich kame die Griindung der letzteren von Seite des Klerus erst dann an die Reihe, wenn es festgestellt ist, daB der'Klerus bereits das Volk zur hinreichenden Intelligenz, zur MaBigkeit und Selbst- beherrschung, zur Betatigung aufrichtiger Nachsten- liebe gebracht hat. Eine Bemerkung zur beabsichtigten Griindung der katho- lischen Universitat! Ich zweifle, daB der gesamte katholische Klerus besondere Hoffnungen auf diese Universitat setzt. Die Salzburger wollen eine Universitat und animieren die katho¬ lische Welt dafiir. Gut wird sie jedenfalls werden; doeh sie wird Millionen verschlingen, die anderswo vielleicht zehn- mal mehr erreichen wurden. Die bestehenden katholischen Universitaten in der Schweiz und Frankreich werden so minimal frequentiert, daB ihre Bedeutung vollends versclrvvindet. Die Phrase von der Riickstandigkeit der Kirche wird gerade die Besten ab- halten, sich dem Studium in einer Provinzstadt zu widmen, wo der Unterhalt viel kostspieliger ist als im Kulturzentrum des Reiches. Auf keine Nebenbeschaftigung, durch die sich die armen talentierten Studenten forthelfen, auch auf keine Sti- pendien hat der Študent Aussicht. Wird der Staat auch die Absolventen dieser Universitat zu besseren Amtern zu- lassen? Wir finden nicht einmal genug Theologiestudierende und auch keine geeigneten Seminar- oder theologische Universitats- 318 professoren. Woher wird man die Professoren bekommen? Sind sie nicht tiichtig, wird sie jemand anhoren? Wie es in anderer Beziehung auf dieser Universitat zu- gehen mag, wird der Denkende ersehen, wenn ich die Appro- bation des bereits genannten Buches „Der Religionsunterricht an unseren Gymnasien” von Dr. Virgil Grimmich ohne Kom- mentar hier anfiihre. Die ganze lcatholische Welt muBte dem verstorbenen Professor fiir die auBerordentlich fleiBige und tiichtige Arbeit dankbar sein. Nun der Wortiaut dieser Appro- bation: „Das Manuskript „Der Religionsunterricht an unseren Gymnasien” von Dr. Virgil Grimmich, Professor in Prag, zum Zwecke der kirchlichen Druckerlaubnis vorgelegt, enthalt nichts, was mit der katholischen Lehre in Widerspruch stehen oder gegen dieselbe gedeutet werden konnte. Nach dieser Richtung hin \vird die Druckerlaubnis ohne Bedenken erteilt. Es kann aber nicht unbemerkt gelassen werden, daB der von dem Ver- fasser in diesem Manuskripte fiir den Religionsunterricht an den osterreichischen Gymnasien empfohlene Lehrplan mit dem von dem hochwurdigsten osterreichischen Episkopate im Jahre 1894 einstimmig beschlossenen Lehrplan nicht iibereinstimmt. Aus diesem Imprimatur kann und darf daher keineswegs eine GutheiBung des von dem Verfasser empfohlenen Lehr- planes abgeleitet werden. Es wird dem Verfasser selbst iiberlassen, bei der Heraus- gabe seines Buches in geeigneter Weise auf diese Erklarung aufmerksam zu machen. Vom f.-e. Ordinariate. Wien, am 27. Marž 1903, Z. 2166. Kornheisl In Vertretung: ICanzleidirektor. Dr. G. Marschall, IVeibbischof.’ 1 Wertlose Broschiiren, die uberschwangliche Lobpreisungen auf veraltete kirchliche Institutionen enthalten, werden dafiir von manchen Ordinariaten warmstens empfohlen. Sapienti sati Schlufi. i. An die Laien. Es ist moglich, daB diese Schrift auch von Laien gelesen wird. Solite dies nicht geschehen, so will icE hier auch fiir den Klerus einige Punkte hervorheben, auf deren Grund sie ein religioses Gesprach mit den Laien ankniipfen konnen. Moglich ist es, daB nachstehende Zeilen auch vielen Priestern, bei denen selbst der Glaubensinhalt nicht mehr fest ist, was bei mangelhafter philosophischer Bildung in den Erziehungs- anstalten sehr leicht eintreten kann, nutzlich sein konnen. Der Mensch braucht lange Zeit, um gerade iiber die Reli- gion ins Reine zu kommen, sobald er einmal zum Skeptiker ge- worden ist. Es ist nicht so leicht, sich bestimmte und feste reli- giose Anschauungen anzueignen. Mir hat es nie leid getan, Theo- logie studiert zu haben, wenn auch die trostlosen Zustande unserer Kirche einem Tag fiir Tag Bitterkeiten bereiten, da ich einer- seits durch das Studium derselben Gelegenheit gehabt habe, zur religiosen Ruhe zu gelangen, anderseits befahigt worden bin, fiir den nach meiner Bberzeugung wichtigsten Faktor des Menschen- gliickes, fiir die Religion arbeiten zu konnen. Wiirde ich nicht iiberzeugt sein, daB die Religion tiefer wie jede andere Regung des menschlichen Seins in der Seele des Menschen von Natur aus festgewurzelt ist, somit etvvas Reelles, Unleugbares ist,. und daB auf der Religion das gesamte richtige ethische Leben aufgebaut ist, somit die Religion von immensem Wert fiir die> 320 Menschheit ist, so wiirde ich nie eine Silbe zugunsten derselben schreiben, sondern ich wiirde mich freuen, wenn einmal diese kiinstlich erzogene religiose Neigung ihr Ende fande. Jeden Schlag auf die Religion wiirde ich als Fortschritt des mensch- lichen Geistes bezeichnen. Meine Verhaltnisse haben mir iiber- haupt Zeit genug erlaubt, um alles, was mir im Laufe der Zeit, «ntweder durch die Lehrer, Biicher oder durch die Umgebung beigebracht worden ist, auf seine Richtigkeit zu priifen. Man- ■ches, was mir ehemals als \vahr vorkam, habe ich weg- geworfen. Ich erklare unumwunden, dah es mir leicht ge- wesen ware, auch jede religiose Gberzeugung aufzugeben, wenn ich hiureichende Griinde dafiir gefunden hatte. Doch es geschah, dah je mehr ich liber die Religion nachforschte, desto mehr sie mir als dasjenige Band vorkam, welches uns in unsichtbarer und geistiger Weise an Gott als un- seren Schopfer b in det. Es ist eine groBe Selbsttauschung und ein Unfug der Wissenschaft, wenn jemand den religiosen Zug der Seele verleugnen oder ivenn die Wissenschaft diesen als imaginar hinstellen wollte. Wiewohl jeder Mensch das Recht hat, iiber die Religion Urteile zu fallen, so ist jede andere weltliche Wissenschaft als solche am wenigsten berufen, endgiltige Urteile iiber die Religion ab- zugeben. Die Philosophie, die neben der Theologie am ehesten berechtigt ist, nach der religiosen Anlage des Menschen zu forschen, hat fast ausschlieBlich die Religion als etwas Reelles konstatiert, freilich verschieden je nach den Gesichtspunkten ihrer philosophischen Theoreme. DaB die religiosen Forschungen nicht immer richtige Resultate erzielen, daran ist am meisten der Umstand schuld, daB man diese Forschungen auf unrichtige Weise und in unzu- langlichem MaBe anstellt. Zu religioser Forschung geniigt es nicht, daB man sein eigenes Innere erforscht, sondern es ist notwendig, daB man das Denken und Fiihlen vieler Hunderte von Menschen, und zwar solcher, die nicht aus Mode, ivie die Stadtleute, ihr Denken und Fiihlen verhehlen, abgeschlossen leben und selten ihr wahres menschliches Empfinden an den Tag legen, erforscht. In den Kreisen, wo der erste des Monates 321 — der Geber alles Guten ist, oder wo man nur Zinsen von ange- legten Kapitalien einstreicht, da hat man nicht Zeit, in sich selbst zu geben und sich iiber seine Bestimmung Rechenschaft zu geben, sondern man sinnt, wie man sich das Leben versiiflen solite. Das Denken und Reden richtet sich nach dem der mo- dernen Sophisten, die glauben, alles zu wissen und zu verstehen und die ihr Scheimvissen in hochtrabende Phrasen kleiden. Ganz anders ist es beim armen Mann, der um das tagliche Brot kampft und mit vielen Unannehmlichkeiten des Eebens zu tun hat. Er wendet oft seinen Blick nach oben, zu seinem Belohner in der Ewigkeit, um nicht iiber das Geld des Reichen herzu- fallen und sich eine bessere Existenz zu verschaffen. Es ist wie bei einem Kranken, der infolge langwieriger Krankheit sich iiber sein inneres Leben informiert, wahrend der Gesunde sich gar nicht kiimmert, wo er seinen Magen oder sein Herz hat. Die Religion ist allen Menschen angeboren. Sogar bei einer materialistischen Weltanschauung miissen religiose Funda- mente zugegeben werden. Diese Anschauung sieht iiberall Natur- krafte, die den Lauf der Welt, das Leben der Menschen, der Tiere, Pflanzen, liberhaupt des Weltalls bestimmen. Man braucht nicht ein Naturforscher zu sein, um die Einheitlichkeit dieser Krafte, ihr harmonisches Wirken auf Grund eines einheitlichen Prinzipes einsehen zu konnen. Wie empfinden diese Krafte? Sind sie sich selbst ihrer bewu6t? Wir wissen nicht, welches Empfin¬ den die Tiere, die Pflanzen etc. haben, wir konnen allein an uns dieses selbstbewuBte Empfinden oder Sichgeivahr- \verden abmessen; und bei diesem Abmessen des Empfindens unserer menschlichen Krafte finden wir, dah es bei allen Men¬ schen ein und dasselbe einheitliche Motiv ist, wodurch wir Achtung vor einer hoheren gemeinsamen Kraft, Freude an Gutem, Abscheu an Bosem haben, uns dem Nachsten nahern, in ihm unseren Lebensgefahrten respektieren etc. Sind das nicht religiose Erscheinungen? Ist nicht das Bemiihen des materialistisch gesinnten Menschen, bei allen Akten dem Zuge der inneren Krafte zu folgen, gleichbedeutend mit unserer Lehre, dafi wir die Stimme des Gewissens, die Stimme Gottes, der hochsten Kraft nicht iiberhoren sollten? Vogrinec, nostra culpa. 21 322 Doch die Wissenschaft negiert die Religion? Welche Wissenschaft denn? Irgend eine kompetente, etwa die Theologie oder die Philosophie? Ist das immer wirkliche Wissenschaft, was die Hochschulprofessoren manchesmal bieten? Nur die Mathe- matik und die elementare Physik dulden keinen Widerspruch, die iibrigen Wissenszweige haben mehr eine n subjektiven hypothe- tischen Wert. Nicht die Professoren sind die groBten Denker, sondern sie beschaftigen sich Adelfach mit den Errungenschaften, die die Nichtprofessoren erreicht haben. Sind die technischen Errungenschaften wie auch die wissenschaftlichen Erfolge wirklich den Hochschulen zu verdanken? — Die einseitige Ausbildung hat zur Folge, daB manche Professoren die Welt auch nur in ihrer Einseitigkeit betrachten; weshalb sie oft zum Gespotte der weltklugen Manner werden. Wer sich jemals fur Prozesse interessiert oder arztliche Diagnosen gebraucht hat, der wird iiber die Exaktheit der beziiglichen Wissenschaften sich ein entsprechendes Urteil gebildet haben. Und da soli ihr Urteil in religioser Beziehung so maBgebend sein, daB man sich darauf berufen solite? Alle Achtung und gebiihrenden Dank der Wissenschaft und ihren Vertretern, die nach Wahrheit und dem den Menschen Nutz- baren forschen, doch einen entschiedenen Protest gegen das Vor- gehen jener Talmiforscher, die ihr Forschungsgebiet verlassend, dem unkundigen Volke hypothetische, unbestimmte Resultate als bestimmte vorstellen und namentlich die Religion, die Jahr- tausende das Leitmotiv der menschlichen Handlungen war und ist und die von einzelnen wohl geleugnet* doch von der weit- aus groBten Zahl nicht verworfen werden kann, als leeren Menschenwahn hinstellen, ohne nur annahernd einen Ersatz fur die Religion angeben zu konnen; denn was mit der Phrase Humanitat bezeichnet wird, ist doch nur ein enger Begriff der Religion! Ich bemerkte auf dem Lande und in der Stadt, dafi diejenigen, die durch ihre Bildung iiber die anderen erhaben zu sein sich dunkten, zunachst iiber die Religion sich hinweg- setzen zu miissen glaubten. Ob nicht auch manche hochgelehrte Herren iiber die gewohnlichen Menschenkinder eben dadurch her- vorragen wollen, daB sie das, was dem Volke das Teuerste ist und 323 vvas aus der innersten tlberzeugung desselben entspringt, namlich die Religion, negieren?! Ubrigens findet man diese Negation nicht bei wirklichen Geistesheroen, sondern bei den- jenigen, die es sein wollen und die durch die Gunst der Ver- haltnisse ihre Stellung erreicht haben, von der aus sie als wissenschaftliche Hochstapler das Volk tauschen. Es ware so- mit sehr unvorsichtig, wenn jemand sich durch die Phrase, die Wissenschaft negiere die Religion, irrefuhren lieBe. Doeh gut! „Religion haben wir schon, doch soli jeder •seine eigene haben. Eine positive Religion brauchen wir nicht,” so konnte mancher sagen. Wenn es wahr ist, daB die Religion einen EinfluB auf die menschlichen Handlungen hat, dann ist es notwendig, daB jene gemeinsamen Satzungen, die die Religion fordert, erforscht werden und daB die Satzungen als fiir die Gesamtheit der Menschen geltend fixiert werden, daB s o mit positive Religionssatzungen existieren. Wie es in einem geordneten Staate eine bestimmte, aufgezeichnete Gesetzgebung geben mufi und wie eine politische Anarchie ein Unding ist, so mufi es auch eine bestimmte auf bestimmter Verfas- sung — in der katholischen Kirche die Dogmenverfassung — ruhende religiose Gesetzgebung geben, die jede religiose Anarchie ausschlieBt. Es lehrt auch die Geschichte aller Zeiten, daB die Menschen die Gleichheit keiner anderen tlber- zeugung so hoch schatzen als die Gleichheit der Religion. Sie ist der Kitt des Menschengeschleehtes, der zur Folge hat, dati sich die Menschen als zusammengehorend fiihlen und dem- entsprechend auch stets nach Einheitlichkeit der religioson Anschauungen streben, was nur moglich ist, wenn es eine positive Religion gibt. Auch die Jugend mufi religios erzogen werden oder, um mit den Materialisten zu reden: die im Kinde ruhenden edlen Krafte miissen gevveckt und zu einem bestimmten harmonischen Ganzen ausgebildet \verden. Verschiedene Ausbildung dieser Krafte, was eintreten ivurde, wenn die Religion eine rein private Angelegenheit ware, wiirde keine Plarmonie erzielen; \veshalb auch die Geschichte bevveist, daB die Religionseinheit Frieden, religioser Zwist aber den Krieg zur Folge hat. 21 * 324 „Wenn es nun eine positive Religion geben mufi, so taugt am allervvenigsten die katholische Religion dazu, andere Reli- gionen sind viel besser.” Gesetzt den Fali, es ware dies richtig, dann ist es die Pflicht des Ehrenmannes, dahin zu wirken, daB jenes in der katholischen Religion, in der er geboren worden und in der er aufgewaehsen ist, was ihm als nachteilig oder schadlich diinkt, beseitigt werde und daB seine Konfession wenigstens ebenso vollkommen werde, wie eine andere, die er fiir besser halt. Was wiirde man von einem Staatsbiirger sagen, der sein Vaterland verlaBt und anderswohin auswandert, einzig und allein nur deshalb, weil dort der Staat besser regiert wird?l Ist es \vahr, dal! andere Religionen, z. B. der Protestan- tismus, unbedingt besser sind, als die katholische Religion? Der Protestantismus war vielfach eine Folge der damaiigen kirch- lichen Zustande und hat fiir die religiose Freiheit, wie auch fiir religidse Neubelebung entschieden grobe Bedeutung. Die katho¬ lische Kirche, angeregt durch den Protestantismus, richtete sich auf dem Konzil zu Trient machtig auf Wer weiB es, ob nicht ohne Protestantismus der religiose Verfall bis heute eine Lage der Kirche herbeigefiihrt hatte und nur noch Namen und Bauten an sie erinnerten, das Volk aber in religioser Anarchie sich be- fande?! Doch der Umstand, dafi der Protestantismus mit unbe- sonnener Eile und mit dem Schwerte eingefiihrt wurde, begiinstigt durch geringen religiosen Gehalt der damaiigen Menschen und durch die Habsucht der Fiirsten, denen mehr der Erwerb der Kirchenguter als religiose Erneuerung am Herzen lag, lafit schlieBen, daB durch derartige Reform nicht eine ideale posi¬ tive Religion geschaffen wurde, so daB man ohne Skrupel zu ihr hinuber marschieren konnte, um das religiose Gliick zu finden. Durch die Eile und die Unbesonnen heit der Reformer hat man das Kind mit dem Bade ausgeschiittet, mit manchem Nebensachlichen vieles Wesentliche weggeworfen. AuBerdem fehlt dem Protestantismus jene feste Organi- sation, die jede positive Gesetzgebung, auch die religiose fordert. Wenn der Katholizismus manches Unwesentliche \veglaBt, der Protestantismus einiges Wesentliche, das aber ihm infolge seiner freieren Auffassung als un- 325 ivesentlich gilt, annimmt, oder vvenigstens toleriert, so werden sich beide machtige Konfessionen wieder zusammen- finden, was zumal bei den Deutschen einmal geschehen muB. Einer oder der andere, der Katholik oder der Protestant, \verden nachgeben miissen, doch wahrscheinlich werden beide zu einem Kulturfaktor verschmelzen. Sobald der obliga- torische Zolibat des Klerus und die lateinische Sprache in den Horsalen aufhoren werden, wird die Annaherung bereits be- ginnen und ich bin uberzeugt, daB die katholische Kirche dabei groBe Aussichten auf den Sieg haben wird. Heutzutage wird der evangelische Pastor, der eine Familie hat und seine Theologie in der Umgangssprache gehSrt hat, sich aus eigenstem Interesse jedem Vordringen der katho- lischen Kirche entgegenstellen, mag er dies zugeben wollen oder nicht. Sogar der unierte Orientale ist am meisten empfindlich, wenn man seine Ehe irgendwie als fiir ihn nachteilig ansehen \vollte. Vergleiche die Entriistung des ruthenischen Klerus in dem beim Kapitel liber den Zolibat genannten Falle. Solite es jemand fiir gut finden, daB der Protestantismus einmal bei uns einmarschiert, so soli er bedenken, ob sich die Millionen des gewohnlichen Volkes demselben ohne weiteres anschlieBen werden! Glaubt jemand, daB der eventuelle Sieg des Protestantismus nicht ohne hundertjahrigen geistigen und blutigen Kampf erreicht wurde ?! Was geschieht mit der katho- lischen Kunst, was mit den herrlichen Baudenkmalern, mit der ivunderbaren, vom religiosen Inhalte durchwehten Liturgie, mit dem kirehlichen Gesange etc., was alles nur in der katholischen Kirche bliihen und vollauf verstanden werden kann ?! Deshalb soli man schon aus vorher angefiihrtem Grunde der Entwicklung seiner eigenen Kirche die notwendige Auf- merksamkeit schenken und fiir deren zeitgemaBes Auftreten Sorge tragen. Viele meinen, daB die katholische Kirche Dogmen enthalte, die sich mit der Vernunft nicht vertragen. Auch andere Konfessionen haben Dogmen, die sich noch iveniger mit der Vernunft vertragen diirften. Doch diese Dogmen 326 sindvielfach nicht derart, daB deshalb ihretwegen das praktische und auch das \vesentliche Christentum fallen miiBte. Sobald das religidse Studium in das richtige Geleise gebracht wird, ist es moglich, daB bezuglich der Fassung als auch Auffassung der Dogmen ohne Verletzung des Inhaltes eine Anderung eintreten diirfte; denn dieses Dogma existiert noch nicht, daB die Fassung der einzelnen Dogmen die beste und klarste ist und daB ihre Erklarung durch die Dogmatiker un- fehlbar ist; also bleibt eine klarere Fassung und eine mildere Auffassung noch immer nicht ausgeschlossen. Deshalb soli man die Dogmen iiberhaupt nicht antasten, sondern sie ruhig den Dogmatikern iiberlassen. Ubrigens ist der von mir getadelte mangelhafte Religionsunterricht meistenteils daran schuld, daB die kirchlichen Dogmen falsch aufgefaBt und dann als vernunft- widrig Ijezeichnet werden. Auch der Klerus ubertreibt oft den Inhalt der Dogmen oder kirchlichen Entscheidungen. Vergleiche meine Ausfuhrung iiber das Beichtinstitut! Bei Einschlagung des richtigen Unterrichts.weges vird sich von selbst die Wahr- heit herausstellen. An die Laien stelle ich somit die Forderung, daB jeder nach seiner Moglichkeit nicht zur Vernichtung unserer alten Mutter, die mit unsaglichen Miihen die Pflanzen der heutigen Kultur gesaet hat, sondern eher zur Neubelebung derselben durch ruhige und sachliche Kritik, durch Unterstutzung der Manner, denen das Wolil der Kirche am Herzen liegt, beitrage. Am allerwenigsten weist es auf einen gebildeten und ehren- haften Mann hin, wenn er Priester beschimpft und verunglimpft, deren Anschauungen manchesmal Produkte vieler zusammen- wirkender Umstande sind, die jedoch meistenteils am empfind- lichsten unter dem herrschenden kirchlichen System leiden miissen. Auch bitte ich, mit Beriicksichtigung des folgenden Ka- pitels, mir ebenfalls auf die gestellten Fragen Antwort zu geben. Anmerkung. Da ich unsere Kreise kenne, so halte ich die Bemerkung hier fiir notwendig, daB ich mich mit den 327 vorhergehenden Ausfiihrungen iiber die kirchlichen Dogmen mehr auf den Standpunkt des skeptischen Laien stellte, indem ich ihm das Denken iiber die Dogmen erleickterte, da ich es docb fiir besser halte, daB er sie, wenn sie ihm nicht ganz klar erscheinen, von einem hoheren Standpunkte aus achte, als dafl er wegen einiger wenigen, fiir ihn nicht ganz begreif- baren Dogmen gleich den Štab iiber die katholische Kirche breche. II. An den Klerus. Die vorliegende Schrift verfaBte ich in erster Linie fiir den Klerus. Die Griinde, die mich zur Verfassung derselben bewogen haben, habe ich in der Einleitung angefiihrt. Mancher wird sagen: „Nichts ist ihm in der Kirche recht, alles mufi er bemangeln!” Schon friiher habe ich darauf verwiesen, dafi sich bei allen menschlichen Einrichtungen in der Kirche ein und derselbe allzu konservative Zug zeige, der allen diesen Ein¬ richtungen ein bestimmtes Geprage gebe. Es ist ein Stillestehen bei Institutionen, die ihre Form in einer weit dunkleren Zeit, als es die heutige ist, angenommen haben. Ein anderer wird wieder finden, daB auch anderswo Reformen notwendig seien, z. B. eine Kiirzung und Durchsichtung des Breviergebetes, eine Revision der liturgischen Biicher und der Statuten mancher Ordensverbindungen etc. Allerdings waren diese Reformen ebenfalls wiinschenswert, doch ihre Durchfiihrung ist bei weitem schwieriger. Sie erstrecken sich auch mehr auf das interne kirchliche Leben, welches nach auBen hin auf die Neubelebung der Religion keinen so groBen EinfluB hat. Ob das Brevier- gebet oder das Missale dieses oder jenes Kapitel enthalt oder nicht enthalt, ist fiir die christliche Welt von keiner so groBen Bedeutung. Ebenso sind dem Volke die Klosterstatuten mehr oder weniger unbekannt. Ferner vermag fast alles, was ich als reformbediirftig bezeichnet habe, der einheimische Episkopat aus eigener Machtvollkommenheit durchzufiihren und papstliche Indulgenzen, z. B. bezuglich des Zolibates und Fastens, \venigstens 328 fiir ihre Provinzen durchzusetzen. Das Hauptgewicht lege ich auf die Reform des Religionsunterrichtes an allen Schulen, da ich die Anschauung habe, dati, sobald im Religionsunterrichte verniinftige Wege eingeschlagen werden, auch anderswo das alte, schadhafte Geleise verlassen wird. Und diese Reform des ReligiOnsunterrichtes hangt ganz vom einheimischen Episkopat ab, ohne damit zu sagen, dafi nicht andere, auch Laien diese Reformen theoretisch vorbereiten, besprechen und kritisieren diirften, Wie der Monarch die Ge- setze sanktioniert und sie die Minister durchfiihren, nachdem sie oft nach langen Debatten von den Volksvertretern beraten worden sind, so sollen auch die Beschliisse des Klerus vom Episkopat genehmigt, respektive mit Begriindung zuriicbgewiesen oder vervollstandigt werden. Die Rechte des Episkopates werden somit nicht verkiirzt, sondern nur der Umstand als unrichtig hingestellt, dafi ohne hinreichende Studien und ohne die Seelsorger um ihre Erfahrung zu befragen, Anordnungen ge- troffen oder alte fiir die Neuzeit ungeeignete Einrichtungen zum Nachteile des Klerus belassen werden. Nicht gegen unsere Kirche ist meine Schrift ge- richtet, sondern fiir dieselbe. Diese soli ihren ganzen Glanz ausstrahlen lassen, frei, nicht verborgen in ein irdisches, altertiimliches, die Menschen abstoBendes Gehause. Nicht Steine werden auf die Kirche geworfen, sondern man will nur sachte den im Laufe der Zeit an- gesammelten Staub wegbringen, um sie in ihrer ganzen Schon- heit erscheinen zu lassen. Wie oft kostbare Malereien vom Unverstand der Zeit iibertiincht wurden, so wurde auch die kunstvoll gebaute katholische Kirche mit allem moglichen Tand behangt und mit einer Tiinche verdeckt. Diese Tiinche muB vorsichtig und ver- standig weggebracht werden, damit der Bau der Kirche selbst nicht irgendwo beschadigt wird. In letzter Zeit wurde von vielen, namentlich von Gelehrten, darunter sogar von amerikanischen Bischofen, der Ruf nach Reform erhoben. Doch alle versuchten mehr oder weniger in philosophisch-theologischer oder historischer Weise, in ele- 329 gantem Stil und mit Aufwand von Gelehrsamkeit die Not- wendigkeit der Reform zu beweisen. Die meisten Priester kiim- merten sich wohl wenig um ein intensives Studium ihrer Werke, sondern griffen nur das Wort „Reform” auf, worunter jeder das verstand, was ihm eben in der Kirche nicht paBte. Da kamen die Gegner dieser Bestrebungen, stellten ihrerseits wiederum Grundsatze auf, die ebenso gierig von nicht denkenden Priestern aufgegriffen wurden, z. B. der torichte Satz von der Unversohnlichkeit der modernen Kultur mit der katholischen Kirche. Man hort bereits vom Katheder und von der Kanzel die Behauptung von dieser Unversohnlichkeit, eine Behauptung, die den Klerus nur in der Meinung bestarkt, in der Kirche herrsche die vollkommenste Ordnung. Im Gegensatze zu diesen mehr rein philosophischen Begrundungen zeigte ich, wie sich bei einzelnen Einrichtungen die Notwendigkeit der Reform fur einen logisch Denkenden ergibt. Alle diejenigen, die, bestarkt durch die Presse und die katholische Literatur, nur Ideales auch in rein akzidentellen Verhaltnissen der Kirche sehen, sollen durch Besprechung spezieller Einrichtungen in concreto von der Unhaltbarkeit derselben iiberzeugt werden. Sie sollen einsehen, dali dem Laien die Kirche nicht in ihrem ganzen idealen Begriffe wie einem Theologen vorschwebt, sondern eher als eine Institution mit bestimmien, in das Auge springenden Einrichtungen und mit den Dienern, wie sie sind. Nach diesen beurteilt der Laie die ganze Kirche, wenn auch falschlich, so doch erklarlich und naturlich. Dafi er kein giinstiges Urteil iiber die Kirche gewinnt, daran ist somit nicht das Wesen der Kirche oder gar ihre Lehre schuld, sondern das Gewand, in welchem die Kirche der Welt gegeniiber auftritt. Schon oft haben einzelne Priester das Wort fiir eine ver- niinftige Reform innerhalb der katholischen Kirche ergriffen, jedoch ihre gutgemeinte Anregung hatte in der Regel keinen Erfolg; dafiir zwangen gewaltsame, schadliche Reformen die Kirche zu mancher niitzlichen Mallnahme. Ich selbstwiirde keinen Buchstaben. fur irgend eine Reform niederschreiben, ohne 330 gleichzeitig auch fur dieselbe arbeiten und agitieren zu \vollen. Und so soli diese Schrift gleichsam das Program m meiner Tatigkeit sein. Wird man das Buch nicht beanstanden, so darf man auch meine Tatigkeit nicht beanstanden, solange der dem Bischof versprochene Gehorsam nicht offenkundig verletzt wird. Ich lese da im Korrespondenzblatt fiir den katholischen Klerus vom 25. Oktober 1903, daB selbst ein Bischof, namlich Monsignore John Lancaster Spalding von Peoria in Nordamerika, entschieden fur Reformen eintritt, die er vielleicht weitlaufiger nimmt als ich. Er wird sich doch auch der gleichen „assistentia spiritus sancti” zu erfreuen haben, wie die iibrigen BischSfe! Es kann somit auch mir mein Vorgehen nicht iibel gedeutet werden, zumal ich dieses Vorgehen auf Grund der Enunziation des Gesamtepiskopates fiir berechtigt finde. Der im November 1901 versammelte osterreichische Episkopat beschaftigte sich namlich in der XI. Sitzung auch mit dem im Monate August 1901 abgehaltenen allgemeinen Klerustage. Das Protokoli dieser Sitzung enthalt unter anderem: „Der Episkopat billigt die allgemeinen Klerustage nicht und werden die einzelnen Bischofe ihrem Klerus wie zuvor, so auch fernerhin auf dem vom Kirchenrechte vorgeschriebenen Wege Gelegenheit bieten, seineWiinsche und Besch\verden kundzugeben. Unter den vom Kirchenrechte vorgeschriebenen Wegen sind die Synoden, die Konferenzen der Dechante, die Pastoralkonferenzen zu verstehen.” Daraus folgt, daB die allgemeinen Klerustage nicht genehm sind; ferner ist hier zugegeben, dafi der Klerus ohne Unter- schied des Ranges Wiinsche und Beschwerden haben diirfe und daB diese Wiinsche und Beschwerden in den Synoden, den Konferenzen der Dechante und in den Pastoralkonferenzen vorgebracht werden diirfen. Was diese Wege anbelangt, so muB konstatiert werden, daB die meisten Priester die Synoden gar nicht kennen, daB an den- selben nicht der ganze Klerus, sondern in der Regel nur die Pfarrer teilzunehmen pflegen, wie sich anderseits an den Kon¬ ferenzen der Dechante nur die Dechante beteiligen. 331 Eine Konferenz, \vo der Klerus ohne Unterschied des Ranges teilnehmen kann, ist nur die Pastoralkonferenz. Hier sind somit Wiinsche und Beschwerden vorzubringen. Ferner mufi hervorgehoben werden, daB die Wiinsche und Bescbvverden allgemeiner Natur sind. Sie sollten auch an einem allgemeinen Klerustage vorgebracht werden. Reform des Religionsunterrichtes, Besserung der materiellen Lage des Klerus sind doch Dinge von allgemeiner Natur. Nun stelle man sich vor: In einer Konferenz, z. B. Karntens, wird bean- tragt eine Reform der theologischen Hochscliulstudien. Die ganze Konferenz stimmt dem Antrage bei. Was hat man damit erreicht?! Der Antrag wandert zur Freude der Motten in irgend ein Archiv oder noch wahrseheinlicher anderswohin! Eine andere Konferenz beschlieBt wieder etwas anderes! Wer wird darauf Riicksicht nehmen? Wir nehmen somit das Anerbieten des Episkopates mit Dankbarkeit an, doch wir beanspruchen hierbei auch das natiir- liche, von der Vernunft konzedierte Recht, daB wir diese Wiinsche und Beschwerden in einer Weise vorbringen, die der Allgemeinheit derselben entspricht, somit nicht einzeln, sondern zu einer groBen Masse vereinigt — ferner in einer Form, daB man erwarten kann, daB diese Wiinsche und Beschwerden fiir den Fali der Be- rechtigung derselben auch vom Erfolg gekront sein konnen. Es soli doch mit der bischbflichen Enunziation nicht gesagt werden: Wiinsche und Beschwerden konnt ihr schon haben, jedoch so vorbringen, daB man von vorneherein sieht, daB ihr nichts erreichen werdet! — — DaB somit diese Wunsche und Beschwerden allgemein und in einer Form, daB sie fiir den Fali der Berechtigung er- folgreich sind, vorgebracht werden, sind ge\visse Mittel zu wahlen, d. h. die Wunsche und Beschwerden des Klerus miissen bekannt werden, dann in einer bestimmten klaren Form vor¬ gebracht und begriindet werden. Es ist somit eine Vorarbeit notwendig, die dies bezweckt, die eine Nachfrage nach den Wiinschen und Beschwerden des Klerus halt und eine Aktion einleitet, daB diese zu gleicher Zeit nach der W 332 Bischofe bei den Pastoralkonferenzen vorgebraeht werden. Weiters sind die Wunsche und Beschwerden samt hinreichen- den Begriindungen so umfangreich, dafi sich die Pastoral¬ konferenzen nur auf Resolutionen iiber bereits nachgedaehte Wiinsche werden beschranken miissen. Diese Vorarbeit bezweckt meine Schrift. Einen anderenAus- weg zur wirksamen Vorbringung unserer Wiinsche und Be- schwerden kenne ich nicht, deshalb balte ich mein Vorgehen auf Grund der bischoflichen Kundgebung fur richtig. Gesetzt den Fali, man erinnere sich des kanonischen Rechtes und halte innerhalb vorgeschriebener Zeitraume die Synoden, so miifite ebenfalls der Klerus zuerst vorarbeiten, um daselbst seine Wiinsche und Beschwerden in begriindeter Weise, somit nach Vorbereitung vorzubringen. Ich finde nichts Lacherlicheres als eine Synode, wo die Pfarrer als blofie Zu- horer erscheinen, die nur das annehmen und anhoren, meisten- teils nicht recht auffassen, was einige Professoren aus verschie- denen Dekreten kompiliert haben! Fur die Zeit, in der der Klerus noch geringe Bildung besafi, war ja dieser Modus ge- rechtfertigt! Es ist somit auch fur eine Synode eine Vorarbeit bis zu dem MaBe erforderlich, dafi sich jeder Priester iiber die vorgelegten Fragen orientieren und dajB auch die ge sam te Priesterschaft in hinreichend begriindeter Form ihre Wiinsche vorbringen kann. Diese Vorarbeit setzt abermals die von mir beabsichtigte Tatigkeit voraus. Eine andere Mog- lichkeit sehe ich nicht ein, da die Klerustage nicht gebilligt worden sind. Ich ware froh, wenn jemand anderer diese Aufgabe uber- nehmen wiirde, da meine Verhaltnisse nicht gerade die giin- stigsten sind, doch ich erklare hiermit feierlich, daB ich mich mit allen Kraften fiir die Ausfiihrung der erwahnten Aufgabe einsetzen werde, falls mir eben nicht auf die be- kannte Weise der Strich durch die Rechnung gemacht wird. Fiir diesen Fali ist schon Sorge getroffen, dafi ein anderer die Arbeit weiterfuhrt. Wie werden wir arbeiten? Me mit Waffen der Emporung gegen die Vorgesetzten, auch nicht mit den Waffen der Ver- 333 dachtigung oder Beschimpfung, sondern mit den Fruchten und Resultaten ruhiger Uberzeugung des Klerus. Das Volk ist schon langst von der Notwendigkeit der Re¬ formen iiberzeugt, nur der Klerus ist noch zu iiberzeugen. Die Geistlichkeit zu uberzeugen und die Uberzeugten zu sammeln, soli die Parole unserer Tatigkeit sein. Die Uber- zeugungsarbeit muB von Mann zu Mann geschehen, nie in Grobheiten ausarten, sondern immer mit Griinden operieren. Diese Arbeit muB von einzelnen Gleichgesinnten geteilt werden und ausdauernd sein. Gleichzeitig mit der Arbeit der Uberzeu- gung miissen wir auch die Uberzeugten zu einem einheitlichen Korper sammeln, um beim Vorbringen der Wiinsche und Be- sclrvverden als Ganzes aufzutreten. Nie soli der Gehorsam gegen die Vorgesetzten verletzt werden, allerdings in Dingen, in denen der beziigliche Gehorsam verlangt werden kann. Der Grundstock unserer kirchlichen Organisation darf nicht angetastet werden. Die erhabene Organisation der Kirche ist unser Stolz und unsere Hoffnung! Deshalb rufe man nicht in nervoser Weise aus: „Wir riitteln an den Grundpfeilern der Kirche!” — Ich kenne die Denkweise des Klerus zu gut, als dali ich mich der falschen Hoffnung hingeben wiirde, daB sich im Nu die meisten Priester meiner Aktion anschlieBen werden. Ich unterscheide verschiedene Gattungen des Klerus, was ihre Denkweise anbelangt: Die einen haben sich in die jetzigen kirchlichen Verhaltnisse so hineingelebt, wie sich ein altes Miitterchen an ein zwar nicht asthetiscb.es, jedoch aus der guten alten Zeit stammendes Kleid angewohnt, so daB es mit Bedauern auf die junge Welt herabblickt, die ein anderes Ge- \vand tragt. Sie traumen noch immer von der groBen Macht der Kirche und halten sich die Augen zu, wenn sie sehen, wie die gute Mutter Schlage auf Schlage bekommt, sie gehen gedankenlos an der Statue des Giordano Bruno vorbei, der zum Vatikan gewendet die Jahre zahlt, die etwa noch der Papst in diesern Palast zubringen diirfte, halten die Verfolgungen der Katholiken fiir voriibergehende Erscheinungen und sind mit fast 300 Mil- 334 lionen Katholiken zufrieden, ohne an fast ebensoviele Millionen Christen zu denken, die sich bereits von der Kirche getrennt haben. Sie fahren im alten Geleise und sind stolz auf ihre Ladung, ohne sich daraus ein Gewissen zu machen, dafi sie die Halfte der Ladung bereits vom Wagen verloren haben. „Die Pforten der Holle werden sie nicht uberwaltigen,” rufen sie, wenn Tausende und Tausende die Kirche feindselig angreifen. Jahrlich fallen Tausende infolge der „Los von Rom-Bewegung” ab, doch man will es nicht recht glauben, gleich einem mir be- kannten Bauer, der von Tag zu Tag armer wird, jedoch sich immer noch als GroBgrundbesitzer geberdet. Bei diesen wird die t)ber- zeugungsarbeit lange dauern, bis sie geheilt werden, wenn sie iiberhaupt geheilt werden. Sie erfordern ein e vorsichtige, mehr pathologische Behandlung. Ich fiirchte, sie sind allzu zahlreich! Andere sind hingegen gegen alles indifferent. Cber kirchliche Dinge sprechen, wie ode, wie langweilig! MaBig den epikuraischen Grundsatzen huldigend, verrichten sie mehr geschaftsmaBig ihr Seelsorgeamt. Vielleicht armlichen Verhaltnissen entstammend und schwach begabt, sind sie froh, im Besitze des taglichen Brotes und von den geistigen Torturen erlost zu sein. Im Seminar wurden sie nicht zum selbstandigen Denken angeleitet, sondern eher zur willigen Annahme des Vor- getragenen. „Gott wird schon helfen,” rufen sie aus und uberlassen alles, wie die Tiirken dem Fatum oder dem lieben Gott, anstatt selbst zuzugreifen und zu schaffen. Hier ist bei der Eber- zeugungsai’beit hinreichende Nachhilfe notwendig. Man suche sie zu interessieren, z. B. daB man ihnen vorhiilt, daB sich die Lage des Klerus bessern werde u. dgl. Es ist moglich, daB ihr Herz fur manches Ideale zu schlagen anfangt und der Kirche wieder zuriickgegeben wird. Eine andere Klasse ist die der MiBtrauischen undZaghaften. Sie sind in ihrem Amte sehr fleiBig, besitzen tiefe Religiositat, doch ihnen erscheint die Lage der Kirche so trist und ihre Entwirrung so schwer, daB sie den Kopf sinken lassen und sagen: „Hilft ohnehin nichts.” Wenn diese sehen, daB wir ernst und mit Ausdauer an die Arbeit gehen, werden sie von ihrer 335 Zaghaftigkeit erlost und wir werden sie unter den ersten unserer geistigen Kampfer fin den. Die vierte Gruppe bilden jene Geistlichen, die von der Wahrheit und hohen Bedeutung der Kirche durchdrungen sind, doch mit Bedauern wahrnehmen, wie das Menschenwerk an der Kirche altertiimlich und hie und da schwachlich, den Anforde- rungen der Neuzeit gar nicht entsprechend ist, die jedoch nicht den Mut sinken lassen, sondern iiberzeugt sind, daB bei einigem guten Willen erreicht werden kann, daB manches in der Kirche geandert werde, worauf sich die Menschen wieder um die Kirche, als um ihre gute Erzieherin und Wohltaterin scharen werden. „Mutig voran!” ist ihr Ruf. Das sind unsere Leute! Die brauche ich! Auf deren Mitarbeit zahle ich in erster Linie. Ein charaktervoller Diener der Kirche sein — und diese in ihrer Bedrangnis sehen und nicht dort zugreifen, wo es fehlt, vertragt sich nicht! Mein Plan ist nun folgender: Jeden, der mein Buch liest und studiert, ersuche ich um Bekanntgabe seiner Anschauungen liber die einzelnen Kapitel desselben. Da die Herren Kollegen sogar Geschaftsfirmen auf ihre Anfragen Auskunft geben, so setze ich voraus, daB sie auch mir mit einigen Zeilen dienen \verden. In jedem Buche befinden sich eigene Kuverte mit einem Fragebogen zur Ausfullung desselben, je naeh dem Ermessen der Kollegen. Die Fragen auf dem Bogen sind folgende: 1. Halten Sie die Lage der Kirche auf Grand der jetzigen Verhaltnisse fiir eine hoffnungsvolle? Wenn ja oder nein, was veranlaBt Sie zu dieser Annahme? 2. Glauben Sie, daB die Kirche bei jetziger Unterrichts- art und bei ihrem jetzigen Auftreten den Sieg iiber die moderne Menschheit feiern werde? Ware dies in jeder Bezie- hung ein Vorteil fiir die Menschheit? 3. Was halten Sie vom religiosen Unterrichte in der Volks- schule? Wie urteilen Sie iiber den Katechismus mit Riicksicht- nahme auf meine Erorterungen ? 4. Konnen Sie sagen, daB der religiose Unterricht an der Mittelschule und die Studien in den theologischen Lehranstalten 336 den gewiinschten Erfolg hatten, sowohl bei Ihnen als auch bei Ihren Kollegen? 5. Was sagen Sie uber die lateinische Sprache in den theo- logischen Anstalten und in der Liturgie? 6. Was sagen Sie zu den Ausfiihrungen in den Kapiteln B, I, II, III, IV, V, VI, VII, VIII, IX, X, XI, XII? 7. Was zu den Ausfiihrungen in den Kapiteln C, I, II, III, IV, V? 8. Konnen Sie sagen, daB der Zolibat in seiner idealen Forderung ohne Argernis von den Geistlichen Ihrer Gegend beobachtet wird? 9. Sind Sie willens, die Geistlichen Ihrer Umgebung in privater Weise fiir diese oder andere gewiinschte Reformen zu interessieren? 10. Genaue Adresse mit Angabe des Dekanates und der Diozese wird gevviinscht. Auf Grund der einlaufenden Antvvorten werde ich ein- zelnen Priestern, die sich sub 9 des Bogens bereit erklart haben, einzelne Distrikte zuweisen, in denen sie sich bei ihren Kollegen uber ihre Anschauungen durch schriftlichen oder miindlichen Verkehr orientieren werden. Diese Priester sollen dafiir sorgen, daB jeder meine Schrift in die Hande bekommt und erst auf Grund derselben sein Gutachten abgibt und nicht gleich unbedachte Urteile fallt. Diese Vertrauenspriester werden die Namen der tJberzeugten nach einem von mir zu- gesendeten Formulare sammeln und mir bekanntgeben. Der ge- nauere, mir in b e s tim m ter Weise vorschwebende Arbeitsplan wird ihnen zur Kenntnis gebracht. Solange sich nicht eine geeignetere oder eine angesehenere Personlich- keit findet, die als Zentralleiter fungieren wiirde, und die von den Mandataren gewahlt wiirde, will ich oder ein anderer von mir den Mandataren bekanntgegebener verlaBlicher Priester den Zentralsammler der An¬ schauungen abgeben. Die Namen der Antwortgebenden werden natiirlich geheim- gehalten. 337 Nicht nur Deutsche, sondern auch andere Nationalitaten sollen ihre Urteile abgeben, da fur die Verdolmetschung der Zuschriften vorgesorgt ist. Ich rechne namentlich auf den bohmischen Klerus, der sich ebenfalls sammeln und mit dem deutschen Klerus in Verbindung treten soli. Es handelt sich um keine Geheimbiindelei! Es \verden keine Statuten und keine Verpflichtungen fixiert, auch keine Gebiihren verlangt. Nur Briefmarken fur Zuschriften werden geopfert. Ich will nur einen gegenseitigen schriftlichen Verkehr einleiten, um unsere Wunsche und Beschwerden kennen zu lernen und sie in eine der Allgemeinheit dieser Wiinsche ent- sprechende Form zu bringen. Es ist durchaus nicht verlangt, dah alle meine Vorschlage in der angegebenen Form ange- nommen werden, sondern wir wollen auf Grund derselben weiterberaten, sie entweder verwerfen oder andern, auch andere annehmen, je nachdem sich die Mehrzahl entscheiden wird. Bei den Reformen soli keine separatistische geistige Tyrannei platzgreifen, sondern auch hier die gut qualifizierte (auf den Ausdruck lege ich Gewicht!) Majoritat den Ausschlag geben. Nun, wie werden wir dann vorgehen, wenn wir geniigend iiber die Art der Wiinsche und Beschwerden des Klerus mehrerer Diozesen informiert sind und wenn wir uns iiber die Zahl der Gleichgesinnten, als auch iiber die Form der wunschenswerten Reformen orientiert haben? Dann werden wir mit diesen „Wunschen und Beschwerden”, der Weisung der Bischofe entsprechend, bei den Pastoral- konferenzen auftreten, und zwar iiberall in ein und demselben Jahre. Wenn wir eifrig arbeiten, konnen wir dies schon das nachste Jahr tun. Fberhaupt befolgt der weitere Verlauf der Aktion den Rat des Herrn: Petite, et dabitur vobis; pulsate et aperietur vobis! Bittet, und Ihr werdet bekommen; klopfet an, und es wird eucli aufgetan werden. Wenn unsere Oberhirten sich nicht deshalb zur Erfiillung be\vegen lassen werden, weil sie unsere Wiinsche und Anschauungen als berechtigt finden, so werden sie doch durch die fortwahren- den, ich will nicht einmal sagen, wie es der gottliche Heiland tut, ungestumen Bitten veranlafit, die berechtigten Wiinsche Vogrinec, nostra culpa. 2 2 338 zu erfiillen. Unmoglich kann ich glauben, dafi man uns Skor- pione und Steine entgegenschickt, ehe wir uns der Ture der- selben nahern. Eine solehe Handlungsweise ware der Intention des gottlichen Heilandes nicht entsprechend. Ich ertrage jede Form der Kritik; nur ersuche ich, dafi der Kritiker dafur sorgt, dafi mir die Schrift, in der sich die Kritik befindet, zugesendet werde und dafi mir erlaubt wird, in derselben Schrift meinen Irrtum ein- zugestehen, oder uberhaupt notigenfalls auf die be- treffende Kritik zu entgegnen. Ich schame mich durchaus nicht, einen Fehler einzu- gestehen; doch bitte ich gleichfalls, auf meine Gedanken ein- zugehen, nicht blofi einzelne, vielleicht unvollkommen konstru- ierte Satze aus dem Zusammenhange herauszureifien, namentlich aber nicht in der Aufregung eine Kritik zu schreiben oder mich zu verurteilen, indem man a priori gewisse sogenannte „kirch- liche” Anschauungen tur richtig halt, ohne liber die gegnerischen Anschauungen ruhig, tiefer und langer nachzudenken. Meine Schrift wendet sich an samtliche Priester, nament¬ lich aber an denkende, praktische Seelsorger, die das Menschenlierz am tiefsten kennen und die wissen, wonach sich das Herz in der Religion sehnt. Derjenige, der vom Katheder oder von der Kanzel oder vielleicht von der Gelehrtenstube, vielleicht auch vom Audienzsaal aus gewohnt war, sich jahre- lang in gewisse Ideen hineinzuleben, der wird allerdings manches Sonderbare in meiner Schrift finden, doch der praktische Seel¬ sorger, dessen religioses Durchblicken sich von Tag zu Tag erweitert und der die kirchlichen Anordnungen und ihre Lehr- mittel ausprobieren mufi, sieht von Tag zu Tag die Unbeholfen- heit undUnzweckmafiigkeit jener Mittel, die wahrend der Studien und in den Biichern so sehr geruhmt wurden, immer mehr ein; ihm wird die Trostlosigkeit der kirchlichen Zustande immer klarer, so dafi er oft „nostra maxima culpa” ausrufen mufi, freilich in mehr geheimer, doch weniger hoflicher Weise, als ich es tat. Ich versichere auch diejenigen, welche sich iiber meine Ausfuhrungen kranken und beim Lesen des Buches in Auf- 339 regung geraten \verden, meiner innigsten Teilnahme und des aufrichtigsten Beileides. Ich bin doch Priester, der weiB, wie es einem wehtut, wenn seine religiosen Anschauungen be- mangelt oder bekrittelt werden, mag auch das Bemangelte noch so nebensachlich mit der Religion zusammenhangen. Fingen doch in einer Gesellschaft, als ein wenig gebildeter Herr iiber den katholischen Glauben loszog, die anwesenden katholischen Frauen zu weinen an! — Doch trotz dieses Umstandes bin ich im Gewissen voll- standig beruhigt. Ich weiJ3 ja, daB meine Gedanken bei manchen geraume Zeit brauchen werden, um von der alten Burg der althergebrachten Anschauungen Besitz zu nehmen. Wochen, Monate, hie und da auch Jahre werden vergehen, bis derlei Lesern meine Gedanken als liebe, traute Freunde erscheinen werden, die ihnen in mancher religioser Depression zuhilfe kommen werden. Wie ich somit diesen kondoliere, so gratuliere ich jenen, denen ich schon gleich anfangs aus dem Herzen gesprochen habe. Ich gratuliere ihnen, weil ich weiB, daB sie es nie zu bereuen haben werden. — Nur diejenigen, die, sei es in wirklicher, sei es in nur eingebildeter Weise, wie Zachaus auf den Baum geklettert sind, um die Massen des Volkes zu iiberschauen, welche sich um den gSttlichen Heiland scharen und seine Kleider zu be- riihren suchen, um von ihm Heilung in verschiedenen Not- lagen des Lebens zu erbitten, werden schwerlich zu bewegen sein, herabzusteigen und sich mit dem einfachen, schlichten Heiland zu Tische zu setzen. Der Sitz im schattigen Wipfel des Baumes ist doch zu behaglich eingerichtet!- Ist es wahr, daB der katholische Klerus von der Wahrheit und dem hohen Wert des christlichen Glau- bens iiberzeugt und durchdrungen ist — und daB er den „christlichen Freimut” hochschatzt — und christ- liche Nachstenliebe auch untereinander betatigt, dann erhoffe ich das Beste fur meine Schrift und fur meine 22* K. und k. Hof-Buchdruekerei und Hof-Verlags- Buehhandlung CARL FROMME, Wien und Leipzig. KoMespondenz-BMt fflp den kathol. Klerus Osteeic&s. Begriindet von BERTHOLD A. EGGER Chorherr von Klosterneuburg, f im Jahre 1892. I Chefredakteur: ROMAN G. HIMMELBAUER Chorherr von Klosterneuburg. Dem »Korrespondenz-Blatt« liegen wechselweise bei: das Literatur- blatt »AUGUSTINUS« und das Pastoralblatt »HIRTENTASCHE«. Jahriich 24 Nummern. jede 2V 2 bis 3 Bogen stark. Abonnement (nur ganzjahrig) per Post K 6,— = M. 6.—. Das zweimal monatlich erscheinende »KORRESPONDENZ- BLATT« mit seinen zwei Beilagen ist durch alle Buchhandlun- gen sowie durch die k. u. k. Hof-Verlags-Buchhandlung zu beziehen. Allgemeine Teilnahme durch literarische Beitrage und Abonne- ments erbitten: Roman G. Himmelbauer, Chorherr von Kloster¬ neuburg, Chefredakteur, und die k. u. k. Hof-Verlags-Buchhandlung. NARODNA IN UNIVERZITETNA KNJIŽNICA 0000044 ^ 3 '